Está en la página 1de 14

Leiter: Ao.Univ.-Prof. Dr.

Otmar Höll
Institut für Polwiss. der Univ. Wien
Universitätsstraße 7
A-1010 Wien
e-mail: otmar.hoell@univie.ac.at

M4: SpezialVO Internationale Politik und Entwicklung

„Transformationsprozesse internationaler
Entwicklung“

1.“Internationale Politik – Entwicklung –


Wandel“

Wien, im WiSe 2017


„Transformation“& Wandel
im internationalen System
• Unter „Transformation“ versteht man in der Powi im
Allgemeinen: Prozesse tief greifenden Wandels
oder Veränderung des politischen, gesellschaftl.
oder wirtschaftl. Systems eines Staates. Meist ist
damit der Prozess der Demokratisierung gemeint.
• „Transformation(en)“ im internationalen System be-
trifft das Verhältnis der Staaten zueinander, deren
Beziehungen und zum internationalen System,
• aber auch Veränderungsprozesse des IS als sol-
ches, wie etwa durch „power shift“, Konfliktforma-
tionen, Allianzenbildung, strukturellen Wandel, etc.
„Transformation“& Wandel
im internationalen System
• Wir werden uns in der VO mit „Transformation“ in
verschiedenen Formen beschäftigen:
• „Transformation(en)“ als Systemwechsel von
einem in ein gänzlich „anderes“ System, aber auch
• als Systemwandel, wobei „nur“ eine adaptive An-
passung politischer oder wirtschaftl. Systeme an
geänderte Umweltverhältnisse passiert, oder als
• Systemzusammenbruch, bei dem ein System
seine Existenz als Einheit/Ganzes („Identität“) voll-
ständig verliert, und eventuell in eine andere trans-
formiert wird  „demise“ of Communism/USSR .
„Transformation“& Wandel
im internationalen System
• Wir unterscheiden fünf Ebenen (s. auch Merkel 2013; Woyke/Var-
wick 2015, u.a.) auf denen sich „Transformation“ abspielt:

- nationalstaatlich (tief greifende Umgestaltung d. polit./wirtschaftl. Systems


mit Auswirkungen auf das Int. System als Ganzes)
- institutionell (regional oder global: IOs, Allianzen, Integration,…)
- repräsentativ (Vertretung von Interessen durch verschiedene Akteure)
- verhaltensformativ („mental setting“, Überzeugungen, Weltbild, Narrativ)
- materiell oder ideell innovativ (technolog./soziale Innovationen)
- strukturell (zwischenstaatliche Beziehungen; IS-Wechsel: polarity oder non-pol.)
• „Transformationsforschung“ wurde v.a. in den 1990er Jahren in Bezug auf Nationalstaaten
in Ost- und Zentraleuropa betrieben, die nicht zuletzt durch „Transformation“ im IS möglich
gemacht wurden (Ende der Bipolarität, „demise“ of communism, beruhend auf der Über-
zeugung der UdSSR-Führung, den Westen nicht „überholen“ oder besiegen zu können.
Systemtransf. in Staaten ist oft Auslöser für Systemtransformation im IS – und vice versa!
Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen
Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen
• Wissenschaft soll „begründetes“ Wissen schaffen  neue Erkenntnisse,
Wissen, aber wozu? Zur praktischen Problembewältigung („Theorie-Praxis“)!

• Unterschied zu (religiösem) Glauben oder dem Glauben an Naturgewalten re-


präsentierende Götter: Falsifizierbarkeit! Es gibt keine „ewigen“, metaphysi-
schen „Wahrheit(en)“, sondern Veränderung im Verlauf der „Human-Geschichte“.

• „Leben“ erfordert Steuerungsleistung sowohl in der materiellen, wie auch in


der Akteurs-/Beziehungs-Realität:
- Materie/Natur: feste Gesetzmäßigkeiten („Naturwissenschaft“)
- Individuum/Gesellschaft: erweiterter Möglichkeitshorizont, fähig zu (freiem)
Handeln – damit auch Fehler zu machen, zu scheitern!  Lernbereitschaft
wichtig! („Sozialwissenschaft“)

• „Wissen“ ist nicht immer gleich „Macht“; es herrscht immer unvollkommene Info.

• „Macht“, „Stärke“ und „Interesse“ spielen in den IR eine besondere Rolle.


Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen: histor.-genetisch
• Unterschiedliche Formen von Verhalten/Wissen/
Handeln:
- fixiertes/instinktives Verhalten: Tiere; Urmenschen 
- evolutives, ge-/erlerntes Alltags-/Routinewissen 
- Wissen aufgrund von langer, auch Generationen übergreifender
Übung, Lernen und Erfahrung (Tradition, Mythos, Ritual, Narrativ,….)
- systematisch, durch fortlaufende und vermittelte Lernerfahrun-
gen begründetes (kritisch-reflektiertes) Wissen 
- „Wissenschaftlich“ erworbenes Wissen („Erkenntnis“) ist
eine (besondere) Form des Erwerbs von Wissen, neben dem
auch andere Formen der Erkenntnisgewinnung existieren!
- Wissenschaftliches Wissen soll nachvollziehbar und intersub-
jektiv sein, keine ewigen „Wahrheiten“ wie religiöser Glauben.
Mensch: Fähig zu Reflexivität „zweiter Ordnung“.
Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen: Fortsetzung
• Evolutionsgeschichte der Menschheit:
Lange, v.a. in Auseinandersetzung mit der Natur: Erfolg des
individuellen und sozialen Lernens. Zunahme von Entscheidungs-
spielräumen (Individualität, Eigenständigkeit von Sozialstrukturen)
Prozess der Zivilisation (Norbert Elias), ein selbst-eskalativer,
aber umkehrbarer Entwicklungsprozess – siehe: Holocaust,
Genozide, „man-made desasters“, Kriege, Menschenrechtsverlet-
zungen,…Prozess der “Triebkontrolle“, der Individualisierung, ZA
der Aufklärung=Beschränkung auf einige zentrale (demokrati-
sche) Werte in der öffentlichen Sphäre! Trennung Staat-Religion!
“Kulturgeschichte“ ist die „Fortsetzung“ der Naturgeschichte
• Auch („moderne“) Theorien/Paradigmen „evolvieren“, entwickeln
sich, werden – durch Erfahrungen, Erkenntnisse, Innovationen
(nicht zwingend immer) „verbessert“! (Vgl.: Antike  MA)
Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen: Fortsetzung

• Evolutionsgeschichte der Menschheit:


Menschlich-gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und die jeweili-
gen Kommunikationsmittel zwischen Herrschern und Beherrsch-
ten sind besonders wichtig wegen „Sinnstiftung“ und Kontrolle!
Ohne Sinnstiftung und Macht/Kontrolle (Kirche und Monarch; Medi-
en und Politik) gibt es keine „Gesellschaft“! Erst gesellschaftlicher
Wandel ermöglicht es, Veränderungen/Entwicklg. zu interpretieren!
• Auch („moderne“) technologische Innovationen sind zentral an
zivilisatorischem Wandel (neutral: Veränderung) beteiligt: (Reiten-
de) Boten, Buchdruck, Telegraph, Telefon und heute: digitale/sozi-
ale Medien halten den Prozess „in Bewegung“! Und führen so zum
Wandel individueller/kollektiver Identität(en) im Sinne von kriti-
schem Selbstverständnis und –bewusstsein. Damit (s. Elias Canetti,
1960): Ende der „Vergewaltigung des Einzelnen durch die Gruppe“.
• „Geschichte“=Geschichte sich verändernder Spielräume f. Individ.!
Wissenschaftstheoretische
Vorbemerkungen: Fortsetzung

• Evolutionsgeschichte „der Menschheit“ nach Norbert Elias wird


heute aus Sicht der „multiple modernities“-, post-kolonialer- und
globaler Systemtheorien-, etc. Perspektive indirekt kritisiert :
Ein eurozentristischer bzw. westlicher Ansatz, der andere zivili-
satorische Entwicklungspfade ausgrenzt. Solche sind etwa im
chinesisch-asiatischen Kulturraum, in den meisten kolonisierten,
durch Imperialismus und Formen westl. Gewalt geprägten Gesell-
schaften Afrikas, des Nahen Ostens, Lateinamerikas und Asiens
(etc.) vorzufinden. Seit etwa einem halben Jahrhundert kommen
wissenschaftliche Beiträge aus diesen alternativen Perspektiven.
• Vgl. dazu z.B. Sebastian Conrad: Globalgeschichte - Eine Einführung, München
2013, mit zahlreichen Publikationen und Beispielen nicht-westlicher Ansätze.
• Gegeneinwand: Dennoch ist aus Sicht der Disziplin IP festzustel-
len, dass – ein durchaus erklärungswürdiges Faktum – die europä-
isch-westliche Zivilisation im gegenw. IS (bislang!) dominant war/ist.
Wissenschaftstheoretische Vor-
bemerkungen zu IR/IP-Theorie

• Spezifische Charakteristika der Theorie- und Wissensentwicklung in der


Disziplin „Intern. Politik/Beziehungen“:
- in der real-IP bestimmen vorrangig „Macht“/„Interesse“/„Existenz“ das
außenpolit. Handeln/Verhalten der Akteure. Wissenschaftliche Analysen
sind immer mit unvollständiger Information/Ungewissheit konfrontiert!
- Theorie der IR will die Welt/Politik darstellen und analysieren, wie sie
„ist“, nicht wie sie „sein soll“ (Realitäts-, nicht normativer Zugang – wie
etwa Me-/Völkerrecht. „Realität“ erschließt sich nicht „als solche“-konstr.)
• Intern. Politik/Systeme haben mit hochkomplexen Strukturen, Interaktio-
nen & Subsystemen zu tun, die sich nicht linear entwickeln, so auch das
IS(!) – nicht lineare Trends – sondern in Brüchen, bzw. Sprüngen. Unge-
wissheit (über Zukunft) ist ein wichtiger „Constraint“! (erleichtert die Analyse)
• Zugänge über Akteure, System, Struktur und/oder Beziehung
• Gewalt ist immer eine mögliche (meist nicht-legitime) Option im IS! 
UN-Charta Art. 2/4.
Wissenschaftstheoretische Vor-
bemerkungen zu IR-Theorie

• Theorie und Theorie-affines methodisch-analytisches Vorgehen


soll unterstützen bei:
- Ereignisse (kausal) in Beziehung zu bringen („Pfadabhängig-
keit“ von Prozessen, Dynamiken),
- (komplexe) Konstellationen, Prozesse und ggfs. Trends zu
erklären bzw. zu verstehen („begreifen“ als Metapher);
- „Erklärung“ benötigt (logische) Schlussfolgerungen unter
bestimmten Annahmen („Constraints“) und Einbeziehung ande-
rer wissenschaftlicher Disziplinen, Interdisziplinarität!
- „Verstehen“ will zudem wiederkehrende „Muster“, Strukturen
oder „Gestalten“ im außenpolitischen Handeln erkennen und soll
so „tiefere“ Erkenntnis „prägnanter“/“robusterer“ für Trendvoraus-
sagen ermöglichen; „Rationalität“ im Handeln aber auch bei
voller Erkenntnis nicht gesichert! (Handeln entgegen von Überzeugungen)
- Mainstream-Int.Politik: „Macht-Fixierung“ im Denken.
Vorbemerkungen zur Disziplin
Intern. Politik/Intern. Relations

• Internat. Relations/Int. Politik als Disziplin hat als Forschungs-/Er-


kenntnisgegenstand (das „Internationale System“-IS) ein vielschichti-
ges, polyzentrisches und dynamisches Interaktionssystem zum
Gegenstand („IS“). Es existiert weder ein zentrales Entscheidungs-
noch Vollzugsorgan, noch ein effektiv durchsetzbares Rechtssystem.
V.a. Staaten bzw. deren Organe - aber auch andere transnational
agierende Akteure - setzen für das Gesamtsystem und seine Teile
wirksame Handlungen und Nichthandlungen. Kein Gewaltmonopol!
• Durch technologische Innovationen (v.a. im kommunikationstechno-
logischen Bereich) der letzten Jahrzehnte ist der Grad der wechsel-
seitigen Abhängigkeiten („Interdependenz“) global enorm gestiegen.
• Zwischen den menschl. & polit. Fähigkeiten (zur friedlichen
Regulierung) und den naturwissenschaftlich-technologischen
Kapazitäten besteht heute ein gefährlicher Gap!!!
Vorbemerkungen zur Disziplin
Intern. Politik/Intern. Relations

• Die Disziplin International Relations (IR) hat einen anglo-amerikani-


sch-westlichen und einen Großstaaten-Bias! Das sollte in Zusam-
menhang mit „Kleinstaatlichkeit“ nicht vergessen werden! (Dynamik!)
• Potentiell hat IR immer auch mit existentiellen Fragen der (globa-
len) Menschheit zu tun: u.a. Krieg und Frieden, Armut, Gewalt und
Reichtum (Verteilungsfragen), Krisen, Konflikten, Werten, Identitäten,
men and nature-made disasters, Narrativen, Gerechtigkeit u.a.
• Gewaltkonflikte und Kriege (Tendenz zur „Entgrenzung“ von Ge-
waltgeschehen) sind seit der möglichen Verwendung von Nuklear-
und anderen Massenvernichtungswaffen nicht nur mit räumlich
begrenzten Devastierungen denkbar, sondern haben globale Kon-
sequenzen! Vgl. N. Elias: „Die Geschichte führt Kriege gegen Individuen“
• Jahrhunderte lange „westliche“ Dominanz nicht länger gesichert!
“Power Shift“ wahrscheinlich, unterschiedliche Perspektiven!