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W. VISCHER KLEINE SCHEIFTEN.

KLEINE SCHRIFTEN

VON

WILHELM VISCHER

WEILAND PROFESSOR DER GRIECHISCHEN SPRACHE UND LITTERATUR

AN DER UNIVERSITÄT ZU BASEL.

ERSTER BAND

HISTORISCHE SCHRIFTEN

HERAUSGEGEBEN

Dß. HEINRICH GELZER

PROFESSOR IN HEIDELBERG.

MIT EINER LITHOGRAPHIBTEN TAFEL.

LEIPZIG

VERLAG VON S. HIRZEL.

^^m* »»

VORREDE.

In den letzten Jahren seines Lebens trug W. Vischer, wie er

dem Unterzeichneten mündlich mittheilte, sich mit dem Gedan-

ken, die Heransgabe seiner kleinen gesammelten Schriften vor- zubereiten. An der Ausführung dieses Vorhabens hinderten ihn

seine angestrengte Thätigkeit als Leiter des Baslerischen Er- ziehungswesens, später seine langwierige Krankheit und der Tod.

Der Aufiforderung des Sohnes, des Professors W. Vischer,

gern entsprechend, haben nun zwei ehemalige Schüler die Ar-

beit übernommen.

Sie theilten sich

in

die Aufgabe

in

der

Weise, dass der Unterzeichnete im ersten Bande die histori-

schen Schriften sammelte, während Dr. Achilles Burckhardt,

Lehrer am Pädagogium zu Basel, im zweiten Bande die archäo-

logischen und epigraphischen Schriften zusammenstellt.

Aehnlich , wie in der Sammlung von W. Wackernagels

hinterlassenen Schriften, sind auch hier die Aufsätze nicht nach

der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens, sondern nach

der Innern Zusammengehörigkeit geordnet. So enthält dieser

Band zuerst die Abhandlungen über attische Geschichte (1

5),

dann zwei andre aus der Geschichte des übrigen Griechenlands (6 u. 7). Die drei folgenden gehören dem Gebiete der Ver- fassungsgeschichte und der Staatsalterthümer an (810). Den

Schluss der Abhandlungen bilden zwei litterarhistorische Unter-

suchungen über den geschichtlichen Werth unsrer zeitgenössi-

schen Hauptquellen für die Epoche des peloponnesischen Krie-

ges

(11

u.

12) und zwei längere historische Excurse über ein-

zelne Stellen

(13

u.

14).

Auf die Abhandlungen folgen die

Recensionen geschichtlichen Inhalts (15 18).

Nicht aufgenommen in die Sammlung sind zwei kurze

Miscellen

Die pseudoxenophontische Schrift über den Staat der Athener.

Neues Schweiz. Mus. E. 1862, S. 145—147.

Zu den der Schlacht bei Chäronea vorhergegangenen Käm-

pfen. Neues Schweiz. Mus. IIL 1863, S. 113—114. Ferner zwei Recensionen über:

VI

VOEKEDE.

W. Röscher: Leben, Wirken und Zeitalter desThukydides.

Zeitschr. für Alterthumsw. 1 843, n. 97— 101 , S. 769— 804, und über

B. G. Niebuh r:

Vorträge über alte Geschichte an der

Universität zu Bonn. Zeitschr. f. Alterthumsw. ISoO, n. 4447,

S. 349—373. Für eine Reihe dieser Abhandlungen, so für »Ki-

mon«, «Alkibiades und Lysandros«, «die oligarchische Partei und

die Hetairien in Athen« lagen Handexemplare mit reichen Nach-

trägen und Berichtigungen vor. Von ganz besonderm Werthe sind aber die Zusätze zu der Schrift »über die Bildung von Staa-

ten und Bünden«, indem hier der Verfasser das ausgedehnte

seither erschienene epigraphische Material ausgiebig benutzt hat.

Wie vresentlich diese Umgestaltungen sind, zeigen beispielsweise

die Schilderungen des phokischen, des lokrischen, des arka-

dischen, des aitolischen und des achaiischen Bundes. In den

wenigsten Fällen Hessen sich diese Zusätze, ohne den Zusammen- hang zu stören, dem Texte einverleiben ; daher empfahl es sich,

sie einfach als Anmerkungen unterzubringen. Alles neu hinzuge-

kommene ist durch eckige Klammern ' ] bemerkbar gemacht.

Ganz neu ist der Vortrag über Epameinondas. Andre un-

gedruckte Arbeiten wird der zweite Band bringen. Eine gewiss

willkommene Zugabe wird der Stadtplan von Kerinthos sein,

welchen nach einer Skizze Vischer's sein Sohn, Herr Archi-

tect E. Vischer-Sarasin, gefertigt hat. In der Rechtschreibung der griechischen Eigennamen hat Vischer selbst geschwankt, indem er in einigen Schriften die

griechischen Formen ausschliesslich bevorzugte, in andern da-

neben die lateinischen gebrauchte. Für die Sammlung war eine

durchgehende Orthographie geboten, und so sind jetzt überall

die griechischen Formen hergestellt.

Mit Ausnahme einiger weniger Citate aus altern Gelegen-

heitsschriften, welche nicht mehr aufzutreiben waren , sind die

Belegstellen durchgeheuds nachgeschlagen worden. An Stelle der

frühern Ausgaben sind der Bequemlichkeit halber die jetzt ge- bräuchlichen gesetzt worden.

Eine kurze Lebensbeschreibung wird dem zweiten Bande

E. Perino

beigegeben werden.

Das Register hat stud.

phil.

aus Mannheim angefertigt.

Heidelberg, September 1877.

TT

r

1

INHALTS-YERZEICHNISS.

A. Abliaudliingen.

Kimon

Das Kriegssystem der Athener von dem Tode des Perikles bis

zur Schlacht bei Delion , und Demosthenes , der Sohn des

Seite

1 52

Alkisthenes

53

86

Alkibiades und Lysandros

87152

Die oligarchische Partei und die Hetairien in Athen von Klei-

sthenes bis ans Ende des peloponnesischen Krieges

153204

Untersuchungen über die Verfassung von Athen in den letzten

Jahren des peloponnesischen Krieges

205238

Perdikkas II König von Makedonien

239271

Epameinondas

272307

Ueber die Bildung von Staaten und Bünden oder Centralisation

und Föderation im alten Griechenland

308381

Ueber die

Athen

Stellung des Geschlechts

der Alkmaioniden in

382—401

Sitzen oder Stehen in den griechischen Volksversammlungen

402414

Ueber das Historische in den Reden des Thukydides

415 458

Ueber die Benutzung der alten Komödie als geschichtlicher

Quelle

Zu Isokrates Panegyricus § 106

Zu Polyb V, 94 .

.

459—485

486491

492—496

Vin

Inhalts-Verzeichn'iss.

B. Eeceusionen.

€. Scheibe ; die oligarchische Umwälzung zu Athen am Ende des

peloponnesischen Krieges und das Archontat des Eukleides . 49751

Ueber die neueren Bearbeitungen der griechischen

E. A. Freeman : history of federal government from the founda- tion of the Achaian League to the disruption of the United States

A. Baumeister : TopogTaphische Skizze der Insel Euboia

511533

534—587

588604

K I M

N.

[Eine Rede yehalten iini Juhresfeste der Unimrsäät zu Basel, de^i

20. Nocember 1S4G.

Basel 1846.]

Wenn ich bereits voriges Jalir nicht ohne Schüchternheit

vor Ihnen anfgetreten bin, so sehe ich mich heute noch mehr

veranlasst, Sie um gütige Nachsicht zu bitten ; denn zum ersten-

mal spricht der nämliche Redner bei derselben Gelegenheit

zweimal nach einander, und begiebt sich somit des Vortheils,

den der Reiz der Abwechslung hat. Noch mehr aber als dieser

Umstand erscheint der gegenwärtige Augenblick aufmerksamer

Theilnahme an einem wissenschaftHchen Vortrage ungünstig.

Die Gemüther sind von anderen Interessen bewegt, und mir

selber hat die nöthige Sammhing gefehlt, um dein Gegenstand,

über den ich zu sprechen gedenke, die Vollendung und Ab- rundung zu geben, die ich gewünscht hätte. Nichts desto

weniger mag es Manchem angenehm sein, den Blick einen

Augenblick von den Tagesfragen, die uns alle erfüllen, abzu-

wenden und auf einen andern Gegenstand zu richten. Und so habe ich es gCAvagt, auch heute Ihre Aufmerksamkeit in

Anspruch zu nehmen.

Reissen wir uns also los von der Gegenwart und folgen

Sie mir noch einmal in jene Zeiten, welche dadurch auch für

uns alle einen eigenthümhchen Reiz haben, dass sie, trotz der grössten Verschiedenheiten, doch eine Menge unverkennbarer

Analogien mit unsem vaterländischen Zuständen darbieten, in die Zeiten der griechischen Geschichte, und zwar erlaube

ich mir Sie um ein halbes Jahrhundert weiter zurück zu füh-

ren, waltige Persönhchkeiten als Vertreter ihrer in der Auflösung begriffenen Vaterstädte vor Augen zu stellen gesucht , welche

mit allem Andern von der Natur ausgestattet, nur der sitt-

als das letztemal.

Habe

ich Ihnen

damals zwei ge-

V i s c U e r , Scbriften I.

I

2

KiMON.

Hellen Kraft und Besonnenheit ermangelten ^ ) ,

so

will ich

hente das ruhigere Bild zu entwerten versuchen von einem

Manne , der zwar an Genialität jenen beiden nachsteht , der aber sein ganzes Leben der Grösse und Ehre seiner Vaterstadt und der Eintracht des weitern Vaterlandes weihte, eines Mannes, der zwar auch die SVandelbarkeit der ^'olksgunst erfahren

musste, aber nichts desto Aveniger unwandelbar treu blieb, der

zuletzt wieder Anerkennung i'and und, was so wenigen unter

den athenischen Helden zu Theil ward, in solcher Stellung

vom Tode betroffen wurde, dass eine fast mythische Glorie ihn

umstrahlt und sein Andenken mit Dankbarkeit und Bewunde-

rung genannt wurde. Dieser Mann ist Kimon der .Sohn des

Miltiades , zwar oft besprochen , doch nicht so ,

dass die ür-

theile über ihn einstimmig wären. Denn während seine Lob-

redner bereits im Alterthume ihn bisweilen übertrieben erhoben,

hat er auch das Schicksal gehabt, von Anekdotenkrämern

misshandelt zu werden, welche sich einen Namen dadurch zu

machen suchten, dass sie an grossen Männern eine Schwäche

entdeckten und der bösen Welt preisgaben; in neuerer Zeit

hat man oft nur den Feldherrnruhm anerkannt, dagegen als

Staatsmann ihm keine Geltung gelassen ,

ja

ihn

selbst als

Feind der Freiheit Athens dargestellt und ihn eitler Selbst-

verblendung bezüchtigt 2) . Betrachten wir den Mann nach

seinen Thaten.

1) Vgl. Alkibiades und Lysandros. Eine Rede, gehalten am Jahre.?-

feste der Universität zu Basel den 6. November 1S45 von Wilhelm Vischer.

Basel 1845. 2) Dies ist namentlich geschehen von Dr. Herman Büttner in seiner

geistreichen Geschichte der politischen Hetairien in Athen , dessen Urtheil

Er sucht zu zeigen, dass

über Kimon mir ungerecht und einseitig scheint.

die Art und Weise , wie Kimon den Staat geleitet , keine wahre Volks-

führung gewesen sei , und spricht unter ande.-m folgendermassen S. 30

"In sofern aber auch Kimon von seiner Faktion sich wesentlich unterschied,

haben wir ihn richtiger als einen einzeln stehenden Herrschsüchtigen zu

betrachten , jedoch in dem Sinne , dass er weniger seine Person als seine

Ideen zur Herrschaft zu bringen trachtete.« S. 32. »Sehen wir überdiess,

anderer Vorwürfe , die man ihm machte , nicht zu gedenken , dass Kimon

nicht bloss die politischen Bestrebungen als etwas so Persönliches betrach-

tete und die Feindseligkeit gegen seine politischen Widersacher so weit trieb , dass er nach dem Zeugnisse seines Zeitgenossen Stesimbrotos die Hinrichtung des Epikrates bewirkte, weil derselbe dem Themistokles Weib

.

KiMON

3

Kimon geliörte einem der edelsten Enpatriden^eschlecliter

von Athen an, den Philaiden, so genannt nach Phihiios, dem Sohn oder Enkel des Telamonischen Aias ^j ; dnrch ihn führte

also auch diese Familie, gleich der des Alkihiades , ihren Ur-

In die Geschichte tritt dieses Ge-

schlecht aber, trotz der langen Ahnenreihe, eigentlich erst im

sechsten Jahrhundert 2 . Wie jener Hippokieides, welcher un-

ter den Freiern der Fürstentochter Agariste in Sikyon zuerst der Bevorzugte war, dann aber durch einen unschicklichen

Tanz sein Glück verscherzte, ihm angehörte, lassen wir dahin-

sprung auf Zeus zurück.

und Kind nachgefülirt hatte , sondern dass er in seinem eigenen persön-

lichen Wandel die alte gute Sitte, zu deren Wiederhersteller er sich auf-

warf,

er durch das Verhältniss zu seine;-

selbst so mit Füssen trat,

dass

Schwester dem Volke M'enigstens einen ostensiblen Vorwand lieh , um ihn

zu verbannen, so wird es nach alle diesem nicht zu hart erscheinen, wenn wir

eine eitle und leidenschaftliche auf handgreiflicher Selbst-

täuschung beruhende Einbildung klüger und besser als sein Volk zu sein, für den G r u n d z u g in K i ni o n s Charakter er-

klären. Eine wirkliche Bedeutung hat dieser Staatsmann

nur durch seine ausgezeichnete Feldhcrrn t ü ch tigkei t sicli

erworben, ein Vorzug, welcher hauptsächlich dasEigenthum

aristokratischer Männer zu sein scheint. Dagegen ist sein politischer Einfluss nur ein äusserlicher und vorübergehen-

der gewesen und zwar darum, weil er dem sittlichen Geiste

seines Volks sich entfremdet hat.« Auf die einzelnen Punkte werde

ich im Verlauf der Darstellung eintreten und zeigen, dass eine unbefangene

Prüfung die meisten dieser Anklagen als nichtig erscheinen lässt.

Mit

meiner Beurtheilung des Mannes trifft im Ganzen zusammen der »Versuch

einer Charakteristik Kimons« nach den Quellen dargestellt von Th. Lucas.

Hirschberg 1835. Ausserdem vergl. neben den grössern Geschichtswerken

den Artikel »Kimon« von Kraft in der Realencyclopädie von Pauly, und

die neuste Ausgabe von Plutarchs Biographie des Kimon von Arnold Ekker,

Utrecht 1843 mit einer ausführlichen Einleitung.

1) Pausan. I, 35, 2.

II,

29, 4.

cellinus Leben

des Thucyd. §. 3.

Herod. VI, 35.

Pherecydes bei Mar-

Plutarch Solon. 10.

Steph.

Byz. s. v.

«PtXaioat.

M. H. E. Meier de gentilitate attica p. 51.

»Einige Bemerkungen

über die ältesten Bewohner Attika's, besonders das Geschlecht der Philaiden«

in der Zeitschrift f. A. W. 1843. Nr. 75 flg. von Hs.

-) Damit soll indessen keineswegs gesagt sein, dass nicht bereits früher die Philaiden, als eines der vornehmsten Eupatridengeschlechter in Athen

in hohen Ehren und Würden standen. So finden wir Ol. XXX, 2. oder 659 V. Chr. einen Archon Miltiades, nach Pausan. VIII, 39, 3. Vgl. Pätter Didymi Chalcenterl opuscula p. 125.

1*

4

KiMON.

gestellt.' Aber bald darauf finden A\ir die Philaiden, wie es ibi'e adeliche Abstammung natürlich machte, nächst den

Alkmaioniden als die entschiedensten Gegner der aus der De-

magogie hervorgegangenen HeiTschaft des Peisistratos und

seiner Söhne. Durch Pferdezucht und einen olympischen Sieg

bereits hochberühmt, wiaxle Miltiades, der Zeitgenosse des

Peisistratos, besonders dadurch der Begründer der hohen Stel-

lung seiner Familie, dass er in Folge eines Orakelspruches

das Fürstenthum über den Thrakischen Chersones auf fried-

lichem Wege gewaim. In diesem folgten ihm die Söhne sei-

nes von den Peisistratiden gemordeten Ilalbbriulers K i m o n ,

zuerst der ältere Stesagoras und dann Miltiades. Dieser

durch Thatkraft, FeldheiTugabe und kühne oft rücksichtslose ^J

Entschlossenheit ausgezeichnete Mann heiTschte im Chersones bis zum Abfall der lonier von den Persern. l>ei ihrer Wieder-

untei"v\'ei'fung musste er, der bereits früher zur Abschüttelung

des persischen Joches gerathen hatte, ilui verlassen. Mit Mühe entkam er der verfolgenden phönizischen Flotte, wäh-

rend sein älterer Sohn Metiochos dem Feinde in die Hände

fiel. Die Schlacht bei Marathon gab ihm Gelegenheit, glän- zende Rache zu nehmen und seinen Namen durch die schönste

^^ aff"enthat mit dem Ruhme Athens zu verbinden.

So war er

der erste Mann seiner Vaterstadt. Aber sein Glück war nicht

') Herodot. VI, 127. Marceil.

vita Thucyd. §. 3.

Uass Hippokieides

ein Philaide war, ist nicht zu bezweifeln, hingegen bei der Verderbniss der

Worte des Pherekydes in Markellinos Leben des Thukydides über Ver-

muthungen niclit hinauszukommen. Man vergleiche die Ausleger zu Herod.

a. a. O. Schultz appar. ad annal. rer. Grsecar. spec. I. p. S. squ. Pherecyd. fragm. 20 in den fragmenta historicorum griEcorum von Car. et Theod. Mueller. I pg. 73. Fr. Ritter, Didymi Chalcenteri opuscula p. 12-5 und den

Mit

der Chronologie würde am besten die Annalime Vömels stimmen, dass Hippo-

kleides und Kypselos , der Vater des ot7.i3--r,; X£p;ovT,3o'j Brüder gewesen.

von ihm citirten Yömel exercitat. chronol. de setate Solonis et Croesi.

Doch ist Ritters Bedenken dagegen, dass in dem ganzen Stammbaume nur

die direkte Linie genannt werde, nicht unbegründet.

-; Miltiades, den wir gewohnt sind wegen seines Sieges bei ^larathon

nur als einen Freiheitshelden zu betrachten, hatte etwas TjTannisches in

seinem ganzen Charakter, wie es das gegenüber den angesehensten Männern des Chersones geübte Verfahren, das Herodot VI, 39 erzählt, zur Genüge

beweist.

von Dauer.

KiMON.

Eine raisslungene Unternehnumg ^eg;en Faros '

5

,

bei der er von Unbesonnenheit und Willkür schwerlich wird

ganz freigesprochen werden können, zog ihm A'crnrtheilung zu

einer nnerschwinglichen Geldb\isse und als Folge eines liein-

bruches baldigen Tod im Gefängniss zu.

»Sein Ilauptgegner,

der auf Todesstrafe angetragen hatte, w'ar Xanthippos ge-

Avesen, der später die Athener bei Mykale zum Siege führte,

der ^'ater des grossen Perikles.

Der lluhm des Hauses sollte aber nicht untergehen. Der Sieger von Marathon hatte neben jenem Metiochos, der in per-

sische Gefangenschaft gerathen A^ar und vom grossen Könige

hochgeehrt, aber seinem Yaterlande nicht mehr zurückgegeben

wurde, noch einen zweiten Sohn hinterlassen, den ihm Hege-

sipyle, die Tochter des thrakischen Fürsten Oloros, geboren

hattet).

Dieser, nach dem väterlichen Grossvater Kimon

') lieber die Unternehmung gegen Faros vergl. ausser Herodot VI,

Cornel. Nep. Miltiad. 7.

i:32 i;i6.

Ephorus bei Steph. Byz. s. v. Ilapo;.

Schob zu Aristid. ed. Dindorf 111, S. 572 u. 6!)1.

-; Lucas nimmt das Jahr 5U4 als Geburtsjahr Kimons an, und Arnold

Ekker (Plutarchi Cimon. Commentariis suis illustravit et de vitae hujus fontibus disseruit Arnoldus Ekker. Trajecti ad Khenum 'mdcccxlhi) folgt

ihm. Indessen gewähren die dafür angeführten Gründe keine vollkommene

Sicherheit. Vielmehr möchte eine frühere Geburt des Kimon mehr AVahr- scheinlichkeit für sich haben, da Miltiades bereits Ol. ih). 4 oder OB. 1,

.il6 oder 515 nach dem Chersones kam und Kimon sonst in einem für jene

Zeiten gar zu jugendlichen Alter bereits in Aeratern und Ehre gestanden

hätte. Denn bereits beim Ausbruch des Perserkriegs erscheint er als sehr einflussreich, da sein Beispiel wesentlich für Themistokle.s Kriegsplan wirkte,

vor der Schlacht bei Plataia ist er unter den Gesandten nach Sparta, bald

nachher Mitfeldherr des Aristeides. Andrerseits nennt ihn freilich Plutarch

c. 4 bei des Vaters Tode

rcz-vj lAetpav.iov und wenn auch bekanntlich der

Ausdruck (j.£ipä7.iov in ziemlich weitem Sinne gebraucht wird, so spricht

doch diese

Stelle in Verbindung mit Aristid. de quatuorv. II p. 203 ed.

Dindorf dafür, dass Kimon bei des Vaters Tode noch nicht mündig ge-

wesen sei,

also noch nicht

18 Jahre.

Wenn Aristides aber erzählt, die

Vormünder hätten ihm wegen seiner Lebensweise das väterliche Vermögen

xä -axpiV/ nicht herausgegeben, so möchte man fragen, was für rc/.-pipa

denn dagewesen sein können, da Miltiades die Mulct von 50 Talenten nicht

zahlen konnte und also das vorhandene Vermögen conüscirt wurde , und

wenn gar der Scholiast zu der Stelle beifügt (Arist. ed. Dind. III p. 517), er sei bis zum vierzigsten Lebensjahr unter Tutel gestanden, so leuchtet

das Verkehrte der Nachricht von selbst ein. Nehmen wir an, Kimon sej

bei des Vaters Tode im Jahre 489 oder 490,

17 Jahre alt gewesen, was

ß

KiMON.

genannt, hatte in seiner Jugend sich weniger der Anshildnng

seiner Geisteskräfte, als den A'ergnügnngen gewidmet, welche

bei den jungen Athenern von Adel in r)ranch waren. Er soll sehr leichtsinnig gelebt haben , dem Wein nnd den Franen

über Gebühr ergeben gcAvesen sein , nnd seinen

\ ormündeni

viel

zn

schaffen gemacht haben ') .

Die Knnst der

Kede,

welche damals in Athen überhaupt noch wenig ansgebildet

war, das Witzige nnd Scharfsinnige nnd oft Spitzfindige,

welches später den Athener nicht immer zn seinem A cntheile

auszeichnete, waren dem Jünglinge ziemlich fremd. Doch

w^eiss er später mit Gewandtheit und Erfolg das Wort in der

Volksversammlung zu führen. Auch in der Musik soll er sich

nicht sonderlich liervorgethan haben, wenn er auch keineswegs

dieser Bildung entbehrte. Eine derbe, gutmüthige, oft etwas

wohl nicht zu viel ist, so würden wir für das Geburtsjahr 506 oder -507 setzen müssen. Ich habe oben das achtzehnte Altersjahr als die Grenze der Vormundschaft angenommen, weil in diesem Jahre sie wenigstens auf- hören konnte. Doch glaube ich mit Schömann de comit. Athen, p. 78,

dass die*'lbe auch habe bis zum zwanzigsten dauern können. Ausser den

von Schömann angeführten Stellen vergleiche man noch Xenoph. Memorab.

I, 2,

4U :

'/.i'jzzo.i fari "AÄy.'.ßtdoTjV -piv

[xev ovTi ea'jToü

Toiaos otaXs/ilfjVa!.

stxostv d-rtüv tl-zon riep'.y./.jT stt'.too-o)

Nehmen wir das bei Kimon an,

so könnte er also auch, wenn er bei des Vaters Tode noch unter Vor- mundschaft stand , noch um zMei Jahre älter gewesen sein , als ich oben

vermuthete.

') Hauptstelle Plutarch Cim. 4, wo aber der unzuverlässige Stesim-

brotos aus Thasos Gewährsmann ist : S-TjaifißpoToc V 6 Baiio; zspi tov ctü-6v

öaoö -'. ypovov

zw Kificuvi

•je-fO'^jöiz

ciTjOtv aÜTOv o'jts

ao'j!ji7.T|V o'jte aXXo ti

[AdyTyp.« Töjv sÄc'j&epiojv y.ai Tot; 'EA).Tjaiv e-iyojpta^ov-ojv iv-oioa/^f^vai o£ivoTr,T6;

y.ctt arojtA'jJ.ia? 'ATTr/.f,;

o/.uj; ä-T,>.).dy>)o(» y.at xü) Tpo-w -oXü tö -^z^-^awi

ToO ävopoj,

«P'/OXov, a'y.oa'iiov, za [xifii^z^ arjOL^rj-K

/.aza Tov E'jpi-iociov Hpcty.AEa.

Dass 6'^ ihm an einer natürlichen kräftigen Beredsamkeit nicht gefehlt,

beweist Plutarch c. 16,

Bildung besessen, berichtet sehr bestimmt der in dieser Hinsicht sehr

dass er musikalische

vergl.

Corn. Nep. Cim. 2,

competente Ion von Chios bei Plut. c. 9 :

a'jv&et-vTjaat 0£ xw KtfAwvi ctTjctv

ö

l(uv T.avzd-'x'ji [Actpdy.tov r^y-ojv sie, 'A9Y)\a; ix Xto-j -ctpd Aaojiloovxi, xai

xöjv a-ovoÖ3v -^f/op-i^m-/ zao a-itÄTjösvxo: aaat xai acavxo? o'jx aTjOtü; l-aivciv

-O'j; rapövxa; (u;

0£^ti6x£po>^ 0£ijlicxoxX£O'jc, IxeTvov ytip 'aSeiv [asv oO cpävai

|xaÖ£rv, o'joe y.i&apiC£iv, tioXiv Tiorrjsai [.tEYdXTjv y.at -Xoucfav e-taTaa&ott.

.

KiMox

7

plumpe Art machte . dass man ihn seinem Giossvater Kimon

verglich, der den Spottnamen Koalemos, Dummkopf, getragen

hatte. Allein unter dieser unscheinbaren Hülle lag eine kräf- tige, unverdorbene Natur verborgen, welche früh mit dem Un-

glück vertraut, sich bald in glänzender AVeise l^ahn brach.

Nach der Strenge der athenischen Gesetze gegen Staatsschuld-

ner, war Kimon, dessen A'ater die Busse, zu der er verurtheilt

war. nicht zu zahlen vermocht hatte, der bürgerlichen Ehre

er die Schuld des N'aters bezahlt

verlustig ,

ein Atime ,

bis

hatte.

Ja eine keineswegs verächtliche Nachricht sagt sogar,

es sei das Gefängniss. Avelches zahlungsunfähige Schuldner des

Staates betraf, auf ihn übergegangen ') .

Aus dieser traurigen

') Diodor.

X,

29,

1:

8ti rt'j Mt"/.Tiäoou u'io; 6 Kiixcuv, TeXe'j-rfjaavTO?

Toü TTaTOÖ; ocjToO £v TT) OT,[jLoa(a

ci'j/.axTy oia (jltj iay'jaai

dy.TiJoit to fj'Si.r^fj.a,

Iva ^vOt^Tj

aü)|ji,a toü -aTpö; eU

ttctjv eocjtöv

ei?

tT|V

cfu).7.-/.?,v

napeoiuy.e

/ai oiEOE^aTo öcpXirjfjLa.

Unbestimmter Cornel. Nepos Cim. 1 : cum jniter

eins Ufern aestimatani populo solvere non potuisset ob eamque causam in rmculis publicis clecessisset, Cimon eudem custodia tenebatur, neque legibus Atheniensium emitti poterat nisi pecuniam qua pater niultatus erat so'visset.

Valer. Maxim. V, 3 Ext. 6. Justin. II, !•=>, H). Senec. Contr. VIII, 24. Quintil. Decl. 302. Rinck und Freudenberg Quaestiones historicae in

Cornel. Nepotis vitas excell. imper. part. II,

p. 2 sq. haben diese ganze

Erzählung als Khetorenerfindung unbedingt ^ erworfen und letzterer nament-

lich zu zeigen gesucht, dass in den attischen Gesetzen sich nichts nach-

weisen lasse, was auf ein solches Verfahren gegen die Kinder eines Staats-

schuldners hinweise. Allein es ist einestheils zu bedenken, dass wir die Gesetze nur sehr mangelhaft vmd meist aus späterer Zeit kennen, andern- theils aber zeigen doch die von Freudenberg selbst angeführten Stellen des

Demosth. adv. Androt. p. 603. 604.

Atimie und die Schuld sich vererbten. Wenn aber die Schuld auf die Kinder überging, so führt die Consequenz darauf, dass auch das gegen

adv. Theocrin.

1320. 1327,

dass die

Staatsschuldner übliche Verfahren sie treffen konnte.

Daher denn auch

Böckh athen. Staatshaush. I, p. 514 sagt: »so pflanzt sich also, wenn nicht gerade, ausser einzelnen Fällen, die Gefängnissstrafe, doch die Ehrlosigkeit

auf die Kinder fort , bis sie bezahlt haben , was der Vater schuldig war,

wie unter andern Kimons Beispiel zeigt.«

Suidas s.