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TIROLER REGIONALPOLITISCHE STUDIEN Nr.

Der Geburtenrückgang
in Tirol

Konsequenzen des
demographischen Umbruchs
für Wirtschaft und Politik

Norbert Beyer, Walter Hämmerle,


Stefan Garbislander

Innsbruck, April 2002


Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 2

Inhaltsverzeichnis

1. Der Geburtenrückgang in Tirol:


Die unterschätzte Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft?........................ 3

2. Österreich und Tirol in der „Altersfalle“: Zahlen und Fakten...................... 4

2.1. Jugend ist Zukunft! ................................................................................ 5

2.2. Auf dem Weg in die Seniorengesellschaft ........................................... 11

2.3. Beschäftigtenperspektive: knapper, älter........................................... 13

3. Der demographische Preis des wirtschaftlichen Wohlstands ................... 15

4. Läßt sich durch steigende Produktivität der Wirtschaft ein


zukünftiger Arbeitskräftemangel verhindern?.......................................... 17

5. Die Gefahr fehlender Humanressourcen für die Tiroler Betriebe .............. 18

6. Schwächung des „Konjunkturmotors“ Konsum und Auswirkungen


auf den Tourismus ..................................................................................... 18

7. Sind die Tiroler Unternehmer gefordert? .................................................. 19

8. Vorschläge für die Eigeninitiative der Tiroler Unternehmer ...................... 20

9. Ansätze für die Serviceleistung und Interessenvertretung


durch die Wirtschaftskammer Tirol ........................................................... 24

10. Erforderliche Unterstützung durch die Tiroler Gemeinden,


das Land Tirol und den Bund................................................................... 25

11. Ein neues Modell der Einkommensbesteuerung als


ergänzende Maßnahme? ........................................................................ 26

12. Literatur .................................................................................................. 30


Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 3

1. Der Geburtenrückgang in Tirol: Die unterschätzte Gefahr für


Wirtschaft und Gesellschaft?

Im Rahmen dieses Beitrages der Tiroler Regionalpolitischen Studien soll der sich
vollziehende tiefgreifende demographische Umbruch unseres Landes dokumentiert
und wesentliche wirtschaftliche Konsequenzen sowohl für Tirols Unternehmen als
auch für die Landespolitik aufgezeigt werden.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts durchlebt Tirol einen massiven Wandel seiner
Bevölkerungsstruktur, die Periode eines - auch historisch - überdurchschnittlichen
Bevölkerungswachstums ist verebbt. Neben den strukturellen Veränderungen in
Richtung technologieintensives Wirtschaften stellen die tiefgreifenden de-
mographischen Veränderungen eine weitere - in seiner Bedeutung mindestens
ebenso zentrale – Herausforderung für die Wirtschaft und die Politik unseres Landes
dar.1 Die zunehmende Alterung und der dramatische Rückgang an Geburten werden
längerfristig nicht ohne Folgen für Wirtschaft und Wohlstand unseres Landes bleiben.
Die eine Seite des Problems, nämlich die zunehmende demografische Überalterung
der Bevölkerung und damit die Gefahren für das Pensionssystem ist inzwischen ins
Bewusstsein der Politik und der Gesellschaft gerückt. Die zweite, zeitlich eher
näherliegende Seite bleibt weiterhin kaum beachtet:

Schon in wenigen Jahren wird echte Arbeitslosigkeit kein Thema mehr sein.
Vielmehr zeichnet sich - demografisch klar belegbar - ein anhaltender
struktureller Mangel an einheimischen Arbeitskräften ab!

Ohne das Potential junger Menschen und ohne ein Mindestwachstum der
Beschäftigung wird es kaum möglich sein, das wirtschaftliche Wachstum - so
wie wir es in den vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren – längerfristig
aufrecht zu erhalten.

Die Annahme, dass eine laufende Produktivitätszunahme allein den Rückgang


an Erwerbstätigen ausgleichen würde, könnte sich nur zu bald als
leichtgläubig erweisen.

Der demographische Umbruch ist weder ein spezifisches Tirol-Problem, noch ist unser
Land von dieser Entwicklung am stärksten betroffen. Die noch wesentlich
akzentuierteren demografischen Umbrüche in unseren wichtigen Nachbarmärkten
Deutschland und Italien werden - jedenfalls mittel- und längerfristig auch erhebliche
Auswirkungen auf die Wirtschaft Tirols (man denke beispielsweise an den Tourismus)
und Österreichs haben. Obwohl die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Konsequenzen des Geburtenrückgangs und der Alterung unserer Gesellschaft erst in
zwei bis drei Jahrzehnten in voller Schärfe „akut“ werden, sei davor gewarnt diese
Entwicklungen als weit entferntes Zukunftsszenario aus dem öffentlichen
Bewusstsein zu verdrängen. Demographische Veränderungen sind von ihrer
Zeitabfolge in vielerlei Hinsicht mit den klassischen Umweltproblemen vergleichbar:
Beide kündigen sich frühzeitig an, doch sind die Entwicklungen einmal „schlagend“, ist
eine Umkehr kurz- und mittelfristig nicht mehr möglich!

1 Vgl. hierzu: Hämmerle, Walter / Beyer, Norbert: „Die gewerbliche Wirtschaft Tirols. Ihr Wandel in Zahl
und Struktur unter besonderer Berücksichtigung von Gewerbe und Handwerk, in: Tirols Wirtschaft auf
dem Weg ins 21. Jahrhundert – 150 Jahre Wirtschaftskammer Tirol“, Innsbruck 2001.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 4

Aber noch wäre Zeit für die Politik und die Gesellschaft die Rahmenbedingungen für
die demographische Entwicklung unseres Landes zumindest in Teilbereichen zu
ändern bzw. zu verbessern.

Die zentralen Herausforderungen für Politik und Wirtschaft in den


kommenden Jahren und Jahrzehnten werden sein:
Ø die Vereinbarkeit von „Beruf und Elternschaft“,
Ø die Schaffung eines nachhaltigen Kosten-Ausgleichs der Kindererziehung
im Einkommensteuersystem,
Ø die Entwicklung neuer Arbeits- und Beschäftigungsformen,
Ø die Bewältigung des Problems der „Alten“,
Ø sowie eine völlig neue Zuwanderungs- und Integrationspolitik.

Der vorliegende Beitrag will vor allem Handlungsmöglichkeiten auf der Landesebene
thematisieren. Aus diesem Grunde steht der Lösungsansatz „Mehr berufstätige
Frauen und Mütter“ im Vordergrund dieser Studie.

2. Österreich und Tirol in der „Altersfalle“: Zahlen und Fakten

Mit 427.465 Einwohnern zum Zeitpunkt der Volkszählung 1951 entfielen knapp 6,2%
der österreichischen Gesamtbevölkerung auf Tirol. Bis zum Jahr 2001 stieg die
Wohnbevölkerung österreichweit von rund 6,93 auf 8,065 Millionen, also um etwa
1,14 Mio. Köpfe oder 16,5% an. Mit einer Wohnbevölkerung von 675.063 Personen
(Volkszählung 2001) stellt Tirol mit 8,37% rund ein Zwölftel der österreichischen
Gesamtbevölkerung. 1951 waren es knapp 6,2% und um 1900 gar nur 4,4%.

Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung Tirol - Österreich 1951 = 100

180
Tirol
160
Österreich
140

120

100

80

60

40

20

0
1890 1910 1934 1961 1981 2001
1900 1923 1951 1971 1991 2010
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 5

Die starke Zunahme der Tiroler Bevölkerung ab 1951 ging in erster Linie auf das
natürliche Bevölkerungswachstum, also den positiven Saldo aus Geburten und
Sterbefällen (Geburtenbilanz) zurück. Zwischen 1951 und 1961 war der Wande-
rungssaldo sogar negativ. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist auch von
1961 bis heute nur gut ein Viertel des Bevölkerungswachstums in Tirol auf Zu-
wanderungen zurückzuführen.

Dieses starke, natürliche Wachstum der Bevölkerung und damit auch der Ein-
wohner im erwerbsfähigen Alter haben zusammen mit einer prosperierenden
Wirtschaft zum wirtschaftlichen Aufstieg Tirols seit der Nachkriegszeit
geführt.

Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in Tirol 1951-2000

Geburten- Wander - Einwohner - %-Anteil


Zeitraum
bilanz bilanz zunahme Migration
1951-1961*) 42.200 -6.766 35.434 -19,1%
1961-1971 60.733 20.851 81.584 25,6%
1971-1981 32.880 9.300 42.180 22,0%
1981-1991 30.145 14.602 44.747 32,6%
1991-2000 29.780 12.154 41.934 29,0%
1951-2000 199.854 50.141 245.879 20,4%
*)nur gerundete Werte verfügbar

Seit den 70er Jahren geht die Bevölkerungszunahme auch in Tirol nicht nur relativ,
sondern auch absolut zurück.

Ø Hauptursache dafür ist der Geburtenrückgang, die Tiroler Bevölkerung altert.


Ø Bereits derzeit sinkt die Zahl der Kinder und Jugendlichen (bis 14 Jahre).
Ø In wenigen Jahren wird auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15-60
Jahre) stagnieren und danach deutlich sinken.
Ø Damit erschöpft sich auch - unter gleichen Bedingungen wie bisher - das heimische
Potential für zusätzliche Beschäftigung und wirtschaftliches Wachstum!
Ø Nur die Zahl der Senioren wird zunehmen und zwar drastisch!

2.1. Jugend ist Zukunft!

Die aktuellen Ergebnisse von Statistik Austria weisen aus, dass in Tirol die Zahl der
Geburten im Jahre 2001 um 5,1 Prozent auf 6.742 zurückging. Der Gebur-
tenrückgang lag damit im vergangenen Jahr deutlich über dem Österreich-
Durchschnitt von 3,8 Prozent (bei insgesamt 74.630 Geburten gegenüber 77.558 im
Jahre 2000). Das ist aber nur die akzentuierte Fortsetzung eines Abwärtstrends, der
bereits in den späten 60er Jahren begann:

Ø Mit den genannten 6.742 Geburten im Jahr 2001 gab es in Tirol um über 1.900
junge Erdenbürger weniger als vor 10 Jahren und um fast 4.000 weniger als noch
1961.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 6

Ø Das natürliche Bevölkerungswachstum sank damit von rund 6.500 pro Jahr
zwischen 1960-1965 auf etwa 3.500 an der Wende zu den 90er Jahren und liegt
aktuell bei gerade noch etwa 2.000.

Abbildung 2: Natürliche Bevölkerungsbewegung in Tirol ab 1961

natürliche Bevölkerungsbewegung in Tirol ab 1961


12.000
Geburten
10.000 Sterbefälle
)Geburtenbilanz

8.000

)
6.000 ) ) )
)
)
4.000 )
) ) ) ) ) )
) ) ) ) )
) ) ) ) )
2.000 ) )

0
1961 1965 1969 1973 1977 1981 1985 1989 1992 1994 1996 1998 2000
1963 1967 1971 1975 1979 1983 1987 1991 1993 1995 1997 1999 2001

Die bisherige Entwicklung zeigt drei wesentliche Fakten: Trotz eines Bevölke-
rungswachstums in Tirol weit über dem österreichischen Durchschnitt
1) hat die Zahl der Geburten (Lebendgeborene) drastisch abgenommen;
2) ist die Zahl der Sterbefälle seit über 30 Jahren praktisch konstant (höhere
Lebenserwartung);
3) geht nahezu parallel mit der Geburtenentwicklung auch das natürliche
Wachstum der Bevölkerung (Geburtenbilanz) zurück.

Der „Pillenknick“ erweist sich als nachhaltig. Die Verfügbarkeit der „Pille“ als neue,
sichere und bequeme Art der Verhütung von Nachkommenschaft ist bestenfalls
vordergründig die Ursache für den Geburtenrückgang. Näher betrachtet, sind dafür
Verhaltensänderungen verantwortlich, die im gesellschaftlichen Struktur- und
Wertewandel ihre tieferen Ursachen haben:

Ø Beinahe die Hälfte der Geburtenabnahme ging auf das Konto von Frauen aus den
Post-Babyboom-Jahrgängen die kinderlos blieben.
Ø Die andere Hälfte ergibt sich aus der mehr oder weniger bewussten Entscheidung
weniger Kinder zu haben.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 7

• In Tirol betrug die Geburtenzahl pro Frau im Jahre 1961 noch 3,25, im Jahre
2001 waren es nur mehr rund 1,34 Geburten pro Frau.
• In Tirol rutschte die Geburtenrate erstmals im Jahre 1975 unter die „2,1 Ge-
burten-Marke“ und blieb seither dauernd unter diesem kritischen Wert. 2
• Die Geburtenrate sowohl für Österreich als auch für Tirol liegt damit deutlich unter
den für die natürliche Bestandserhaltung (ohne Zuwanderungen) erforderlichen
2,1 Geburten pro Frau.
• Dies bedeutet, dass – ohne Zuwanderungen - seit 27 Jahren die Kindergeneration
zahlenmäßig geringer ist als die Elterngeneration.
• Bei einer gegenwärtigen Geburtenrate von 1,34 Kinder steht die Größe der
Kindergeneration zur Elterngeneration im Verhältnis von 67 zu 100, d.h. die
Bevölkerung wird ohne Zuwanderung von Generation zu Generation - also rund
alle 28 Jahre – um 33 Prozent schrumpfen.

Diese Entwicklung wird als „demographischer Echoeffekt“ bezeichnet: Immer weniger


Kinder haben immer weniger Kinder und können damit nicht die demographischen
Lücken ausgleichen, welche ihre Elterngenerationen hinterlassen. Die
Bevölkerungsbasis wird immer kleiner und die Geburtenraten müssten immer höher
werden, um die ursprüngliche Größenstruktur wieder herzustellen. Dies bedeutet,
dass der gegenwärtige Entwicklungstrend - auch wenn sich unmittelbar und anhaltend
eine deutliche Zunahme der Geburten einstellen sollte - weder kurz- noch mittelfristig
sondern erst langfristig (d.h. nach zumindest zwei Generationen bzw. jenseits von
3
2050) möglich ist.

Abbildung 3: Natürliche Bevölkerungsbewegung in Tirol 1951-2000


(bezogen auf jeweils 1000 Einwohner)

pro 1000 Einwohner


25,0
23,1
Geburtenrate
Sterberate
20,0
17,6
Geburtenbilanz
17,5

14,7
15,0 13,7
13,1

10,9 10,6
10,1
10,0 9,4 9,0
8,1 8,1
7,6
6,7
5,7 5,6
5,0
3,0

0,0
1951 1961 1971 1981 1991 2000

2 Mitte der 70er Jahre sank die „Nettoreproduktionsrate“ in Tirol erstmals in der Nachkriegszeit unter 1
und ist seither weiter sinkend. Das heißt, die Bevölkerung reproduziert sich durch Nachwuchs nicht mehr
zur Gänze selbst. (siehe auch ATLR, Landesstatistik Tirol „Demografische Daten Tirol 2000“, Innsbruck
2001)
3 Vgl. hierzu: Tichy, Roland / Tichy, Andrea: „Die Pyramide steht Kopf – Die Wirtschaft in der Altersfalle
und wie sie ihr entkommt“, München 2001, S. 64.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 8

Weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene sind klare Entwicklungen er-
kennbar, die eine signifikante und anhaltende Änderung des „Geburtenverhaltens"
erwarten ließen. Die jüngste Bevölkerungsprognose von Statistik Austria 4 geht in
ihrer mittleren (Haupt-)Variante für Tirol mit 1,54 sogar von einer höheren
Geburtenrate als derzeit (1,34) aus.
Die folgende Abbildung zeigt, dass gerade im vergangenen Jahrzehnt in Tirol der
Anteil der Frauen ohne Nachwuchs stark gestiegen ist: Waren im Jahre 1981 noch
rund 87.000 Frauen ohne Kinder sind es gegenwärtig rund 120.000 Frauen; das
bedeutet eine Zunahmen um fast 38 Prozent.

Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenraten müssten somit primär darauf


abzielen, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich der Anteil der
lebenslang kinderlosen Frauen wieder verringert.

Abbildung 4: Anzahl der Frauen in Tirol nach der Kinderzahl (weibliche


Wohnbevölkerung - 15 Jahre und älter)

Tirol 1991 Tirol 2000

119.965
87.881
42,4%
33,1%
48.339
18,2%

67.086
34.286
23,7%
12,1%
60.564 68.332
22,8% 25,8% 61.514
21,7%

kinderlos 1 Kind 2 Kinder 3 u.m. Kinder

Jahr kinderlos 1 Kind 2 Kinder 3 Kinder 4 u.m. Kinder gesamt


1981 86.950 39.760 47.214 29.201 34.865 237.990
1991 87.881 48.339 60.564 34.295 34.037 265.116
1994 106.041 64.671 64.950 24.215 13.493 273.370
1996 110.925 64.851 59.428 28.562 12.442 276.208
1998 115.088 62.696 63.810 24.696 12.636 278.926
2000 119.965 67.086 61.514 23.769 10.517 282.851
Quelle: Statistik Austria

4 Statistik Austria: „Vorausberechnete Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungsstruktur der


Bundesländer 2000 - 2050 laut mittlerer Variante“, Wien 2001.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 9

Dazu kommt noch ein weiterer, bisher kaum beachteter Aspekt der weiteren
Bevölkerungs- und Geburtenentwicklung in Tirol. Bereits heute werden die ersten
5
Spätfolgen des „Pillenknicks“ ab den frühen 70er Jahren spürbar :

Ø Nicht nur die Zahl der Kinder und Jugendlichen (bis 14 Jahre), sondern
auch die Altersklasse der 15 bis 39-Jährigen, also der „Jungen“ im
erwerbsfähigen Alter schrumpft bereits derzeit.
Ø 1996 waren es noch rund 263.300, im Vorjahr (2001) etwas über
254.200, also um rund 9.000 weniger als noch vor 5 Jahren.
Ø Der Schrumpfungsprozess dieser Altersgruppe wird sich in den nächsten
5-10 Jahren deutlich verstärkt fortsetzen, und zwar um über 17.000 allein
bis 2006 und um weitere 15.000 bis 2011.
Ø Bereits 2006 wird also die Altersgruppe der 15 bis 39-Jährigen in Tirol mit
rund 236.800 Personen um 26.500 Köpfe bzw. 10% geringer sein als
1996.

Bei den Frauen umreißt diese Altersklasse (15-39 Jahre) etwa auch das gebärfähige
Alter. Neben dem hohen Anteil von Frauen, die kinderlos bleiben und der gesunkenen
Zahl von Kindern bei Frauen mit Mutterschaft (siehe oben) wird sich in den nächsten
10-15 Jahren in der Geburtenentwicklung verstärkt bemerkbar machen, dass zudem
auch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter deutlich zurückgeht:

Abbildung 5: Anzahl der Frauen in Tirol im gebärfähigen Alter (15-39 Jahre)

1000 Frauen
130
Frauen: 15-39 Jahre alt

120

110

100
1996 2000 2004 2008 2012 2016 2020
1998 2002 2006 2010 2014 2018

5 Ergebnisse aus der Prognose der Erwerbspersonen 1996-2050, Statistik Austria und WIFO
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 10

Ø Zwischen 1996 und 2002 ist die Zahl der Frauen im Alter zwischen 15 und
39 Jahren in Tirol bereits um rund 5.700 auf knapp 124.000 gesunken.
Ø Nach der Prognoserechnung wird ihre Zahl bis 2006 um weitere knapp
7.000 abnehmen und bis 2011 nochmals um 7.500 sinken.
Ø Erst danach verflacht sich dieser Rückgang bis etwa 2020 um sich wenige
Jahre darauf neuerlich zu verstärken.

Tabelle 2: Vorausberechnete Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungsstruktur für Tirol 2000 -


2050 laut mittlerer Variante

Geburten- progn. Wan- Gesamtver- Einwohner-


im Jahr Geburten Sterbefälle
bilanz derungssaldo änderung stand
2001 7.007 5.133 1.874 2.257 4.131 674.275
2005 6.909 5.412 1.497 1.790 3.287 689.103
2010 7.013 5.760 1.253 1.199 2.452 703.252
2015 7.244 6.187 1.057 700 1.757 713.711
2030 6.384 7.122 -738 750 12 725.602
2050 6.141 9.288 -3.147 1.270 -1.877 705.596
Quelle: Statistik Austria

Die weitere Entwicklung der natürlichen Bevölkerungsbewegung verheißt also


wenig Gutes, denn schon derzeit (2001) werden die erst kürzlich
prognostizierten Geburtenzahlen bei weitem nicht erreicht. Es wird damit
zunehmend fraglich, ob die in der Prognose unterstellte Geburtenrate von
1,54 tatsächlich mittelfristig erreicht wird.

Ø Frauen vor der Wahl: Beruf oder Familie ?

Bei der Diskussion der Ursachen und Auswirkungen einer geringeren Kinderzahl pro
Mutter bzw. der steigenden Zahl von Frauen, die kinderlos bleiben (wollen), darf eine
- für die aktuelle Arbeitsmarktsituation durchaus erfreuliche „Nebenwirkung“ nicht
übersehen werden. Insbesondere ab dem Beginn der 90er Jahre hat die
Frauenbeschäftigung in Tirol (und nicht nur hier) weit überproportional
zugenommen. Der Anteil von Frauen an den gesamten standardversicherten
unselbständig Beschäftigten hat - jeweils im Jahresdurchschnitt - von 40,1% im
Jahre 1991 über 41,8% für 1996 bis 2001 auf 43,7% zugenommen. Konkret ist die
Zahl der Arbeitnehmerinnen in Tirol von 97.333 für 1991 auf 116.478 im Jahr 2001
geklettert. Vom gesamten Beschäftigungszuwachs in Tirol in diesen 10 Jahren,
insgesamt + 23.900 bzw. 9,8% entfallen 19.145, also 80%(!) auf Frauen. Die Zahl
der von Frauen besetzten Stellen stieg somit um 19,7% gegenüber +4.758 (= +
3,3%) bei den Männern.

Nicht ganz nebenbei sei noch erwähnt, das die Frauen satte drei Viertel der insgesamt
20.298 geringfügig Beschäftigten (Jahresmittel 2001) in Tirol stellen und
hauptsächlich zum überproportionalen Zuwachs dieser Beschäftigungsform
beigetragen haben.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 11

Es ist sicher richtig, dass gut ein Viertel (mit steigender Tendenz) der
standardversichert beschäftigten Frauen in Tirol „nur“ in Teilzeit tätig ist, was übrigens
bei Einkommensvergleichen zwischen Männern und Frauen nur zu gerne übersehen
wird. Wahrscheinlich ist es aber gerade diese flexible Beschäftigungsform, die Müttern
jedenfalls ein Mindestmaß an Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht bzw.
eröffnet hat.

Hält man sich jedenfalls die Geburten- und die Beschäftigungsentwicklung etwa der
vergangenen zehn Jahre vor Augen, dann ist der Schluß klar:

Unter den gegebenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rah-


6
menbedingungen scheinen Tirols junge Frauen - zumindest vorerst – ihre
Entscheidung zugunsten des Berufs getroffen zu haben.

2.2. Auf dem Weg in die Seniorengesellschaft

In Tirol sollte die Bevölkerungszahl langfristig noch um rund 6 Prozent wachsen und
zwar von gegenwärtig rund 675.000 Personen auf rund 725.000 im Jahre 2030.
Den größten Unsicherheitsfaktor dabei bilden mittel- und längerfristig (etwa ab 2025)
die alternativen Annahmen über die Migrationsentwicklung. Ab dem Jahre 2030 wird
dann die Bevölkerungsentwicklung „kippen“ sodass bis zum Jahre 2050 mit einem
Rückgang auf rund 705.000 Personen zu rechnen ist.

Abbildung 6: Bevölkerungsentwicklung und Prognosen bis 2050

1000 Einwohner
800
niedr. Migr. Volkszhlgn mittl. Migr.

700

600

500

400

300
1951 1971 1991 2005 2015 2025 2040
1961 1981 2001 2010 2020 2030 2050

6 wie z.B. Transfers und steuerliche Behandlung von Familien, Kinderbetreungseinrichtungen (inkl. deren
Kosten), von gesellschaftlicher Anerkennung bis hin zu starren arbeitsrechtlichen Bestimmungen.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 12

Diese eher langsame und zeitlich gestreckte Wachstumsverflachung sowie


der ab 2030 zu erwartende Bevölkerungsrückgang wird jedoch von einer
massiven Veränderung in der Altersstruktur begleitet, deren gravierende
ökonomische und soziale Folgewirkungen aus den Veränderungen der
Gesamtzahl der Bevölkerung auch nicht annähernd erkennbar sind!

Ø Die Altersfalle schnappt zu !

Die folgenden Tabellen und Abbildungen7 zeigen die prognostizierte Bevölke-


rungsentwicklung für Tirol im Falle mittlerer und im Falle geringer Zuwanderung bis
zum Jahre 2050.
Ο In beiden Fällen steigt die Zahl der im erwerbsfähigen Alter stehenden
Personen (15 bis 60 Jahre) noch bis zu den Jahren 2010-2015 leicht an
und sinkt danach deutlich ab.

Ο Etwa bis 2020-2025 wird die Zahl der Tiroler Bevölkerung im Er-
werbsalter auf den heutigen Stand zurückgehen und danach weiter kräftig
sinken!

Erhebliche Unterschiede der beiden Varianten zeigen sich erst ab etwa 2020: Bei
geringer Zuwanderung ist mit einem Rückgang bis zum Jahre 2050 um rund 100.000
(!) Personen zu rechnen; aber auch bei der mittleren Zuwanderungsvariante sinkt die
Anzahl der im erwerbsfähigen Alter stehenden Personen um rund 80.000 Personen
ab dem Jahre 2010.

Tabelle 3: Bevölkerungsentwicklung in Tirol bis 2050 bei Annahme mittlerer Geburtenrate


(1,54 ab dem Jahre 2015) und mittlerer Zuwanderung (ab 2020)

unter 15 bis unter 60 und unter 15 15 bis unter 60 u. m.


Jahr Insgesamt
15 Jahre 60 Jahre mehr Jahre Jahre in % 60 J. in % Jahre in %
2000 669.710 122.673 424.777 122.260 18,3% 63,4% 18,3%
2005 689.103 116.449 434.596 138.058 16,9% 63,1% 20,0%
2010 703.252 108.897 441.825 152.530 15,5% 62,8% 21,7%
2015 713.711 106.447 441.882 165.382 14,9% 61,9% 23,2%
2020 720.419 107.330 430.506 182.583 14,9% 59,8% 25,3%
2025 724.234 107.167 411.347 205.720 14,8% 56,8% 28,4%
2030 725.602 104.401 393.358 227.843 14,4% 54,2% 31,4%
2040 719.903 96.752 378.121 245.030 13,4% 52,5% 34,0%
2050 705.596 94.693 362.584 248.319 13,4% 51,4% 35,2%

Man braucht nicht 20-30 Jahre vorauszublicken. Bereits in unmittelbarer


Zukunft, also bis 2005 bzw. 2010 werden die Veränderungen der Alters-
struktur in Tirol bereits massiv spürbar werden:

Ø Bis 2005 wird die Tiroler Bevölkerung im Erwerbsalter noch um knapp 2.000
Personen jährlich steigen, von 2005 bis 2010 nur noch um knapp 1.500, dann hat
sich das Wachstum demografisch erschöpft!

7 Quellen: Statistik Austria; eigene Berechnungen


Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 13

Ø Das ist sehr wenig, denn in den vergangenen 5 Jahren (1996-2001) hat allein die
Zahl der unselbständig Erwerbstätigen (Arbeitnehmer) in Tirol um jährlich knapp
3.200 zugenommen.
Ø Ausreichend Nachwuchs ist nicht in Sicht, denn die Zahl der Kinder und
Jugendlichen (unter 15 Jahren) wird bis 2005 um ca. 6.200 geringer sein als 2000
und bis 2010 steigt das „Defizit“ gegenüber 2000 auf 13.700 an.
Ø Im Jahr 2000 hielten sich die Zahl der Senioren (60 und mehr Jahre) und der
Nachwuchs (unter 15 ) zahlenmäßig noch die Waage.
Ø Bereits 2005 wird der Kreis der Senioren um etwa 15.800 oder 12,9% höher sein
als 2000 und zahlenmässig bereits knapp 32% der Einwohner im Erwerbsalter
erreichen.
Ø Bis 2010 kommen nochmals rund 14.500 Senioren dazu, also für den Zeitraum
2000-2010 ein Plus von rund 30.000 bzw. einem Viertel bei den „Älteren“.
Ø Danach verschärft sich die Überalterung drastisch: 2005 werden in Tirol die über
60-Jährigen rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung stellen, 2020 bereits über ein
Viertel und nicht einmal 10 Jahre später über 30%.

Die offensichtliche Überalterung und deren diverse Folgen ist ebenso wenig Thema
dieser Studie wie die damit unmittelbar zusammenhängende Pensions-problematik.

Ein Hinweis auf eine der Konsequenzen für die Beschäftigung und den Tiroler
Arbeitsmarkt darf hier jedoch nicht unterbleiben: ein Plus von rund 30.000
Senioren zwischen 2000 und 2010 - es werden dann über 152.000 sein -
wird bei den Tiroler Gesundheits- und Altenpflegediensten mindestens
proportional ein Viertel mehr an Personal erfordern bzw. binden. Dies nicht
nur wegen der steigenden Zahl, sondern auch wegen der bis dahin auch
weiter steigenden Lebenserwartung.

2.3. Beschäftigtenperspektive: knapper, älter

Die heute ins Berufsleben Eintretenden sind die Geburtsjahrgänge aus den frühen
80er Jahren. Zur Pensionierung stehen bei den Männern die relativ schwachen
Geburtenjahrgänge der Kriegsjahre und die ersten Nachkriegsjahrgänge bei den
Frauen an. Das heißt, derzeit übersteigt noch - mit sinkender Tendenz - etwa bis
gegen 2010 der natürliche Nachwuchs der Bevölkerung im Erwerbsalter die in den
Ruhestand abgehenden Jahrgänge - bei etwa konstanten bzw. leicht steigenden
alters- und branchenspezifischen Erwerbsquoten.

Ø Dieser Zuwachs – bis vor wenigen Jahren Stärke und Wachstumspotential der
Tiroler Wirtschaft und Gesellschaft - wird aber schon jetzt zunehmend dünner.
Das wird bei weiterhin günstiger Wirtschaftsentwicklung wahrscheinlich noch vor
2005 allein nicht mehr ausreichen, einen Beschäftigungszuwachs aufrecht zu
erhalten, wie er in den vergangenen 5-10 Jahren zu verzeichnen war.
Ø Das jährliche „Potential“ an Zuwachs der Erwerbsbevölkerung dürfte bis etwa
2010 noch bei etwa 500-1.000 liegen.
Ø Trotz dieser Zuwächse altert auch die Erwerbsbevölkerung. 2001 stellten die über
40-Jährigen unselbständig Beschäftigten in Tirol 37,7 % der Gesamtbeschäftigten,
im Vergleich zu 34 % vor 5 Jahren und 32,6 % im Jahre 1991.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 14

Ø Zwischen 2005 und 2010 werden die 40 bis 59-Jährigen in Tirol erstmals und
dann auf Dauer die Gruppe der 20 bis 39-Jährigen zahlenmässig übertreffen.

Die Schlussfolgerungen sind klar:

Ø Das Problem der Arbeitslosigkeit wird in Tirol aufgrund der demogra-


phischen Entwicklung wahrscheinlich schon in den nächsten Jahren nicht
nur deutlich entschärft werden, sondern bei einem weiterhin zufrieden-
stellenden wirtschaftlichen Wachstum (und damit entsprechendem Bedarf
an Arbeitskräften) ins Gegenteil umschlagen.
Ø Ein genereller und struktureller Mangel an Arbeitskräften und nicht nur -
wie derzeit - an qualifizierten Facharbeitern wird sich ohne Gegenmaß-
nahmen 8 zumindestens mittelfristig einstellen.
Ø Damit dürften sich auch die Chancen der über 40-Jährigen auf dem
Arbeitsmarkt gegenüber heute wieder deutlich verbessern.
Ø Nur eine vorübergehende Entlastung könnte eine Erhöhung des tatsäch-
lichen Pensionseintrittsalters von derzeit 60,5 bei Männern bzw. 58,0 bei
Frauen bringen.
Ø Aufgrund der demografischen Entwicklung scheint jedenfalls etwa um
2015 der Punkt erreicht, ab dem die Tiroler Bevölkerung im erwerbs-
fähigen Alter mit wachsendem Tempo zu sinken beginnt.

Abbildung 7: Bevölkerungspyramiden Tirol 2000 - 2010 (Fünfjahreskohorten)

Altersstruktur im Jahr 2000 Altersstruktur im Jahr 2010


85 u.m. J. 3.094 7.680 85 u.m. J. 3.850 9.830
80 - 84 Jahre männl. 2000 3.171 6.706 80 - 84 Jahre männl. 2010 6.160 10.073
75 - 79 Jahre weibl. 2000 6.863 12.939 75 - 79 Jahre weibl. 2010 9.089 11.856
70 - 74 Jahre 10.266 13.431 70 - 74 Jahre 13.118 15.320
65 - 69 Jahre 12.216 13.762 65 - 69 Jahre 16.655 18.520
60 - 64 Jahre 15.524 16.608 60 - 64 Jahre 18.558 19.392

55 - 59 Jahre 18.628 19.530 55 - 59 Jahre 19.318 20.550


50 - 54 Jahre 19.918 19.932 50 - 54 Jahre 23.666 24.231
45 - 49 Jahre 20.140 20.709 45 - 49 Jahre 28.992 29.207
40 - 44 Jahre 24.803 24.444 40 - 44 Jahre 30.441 30.777
35 - 39 Jahre 30.423 29.526 35 - 39 Jahre 26.050 26.663
30 - 34 Jahre 31.011 30.739 30 - 34 Jahre 23.216 23.183
25 - 29 Jahre 25.085 25.386 25 - 29 Jahre 23.542 23.569
20 - 24 Jahre 21.194 20.562 20 - 24 Jahre 22.203 21.758
15 - 19 Jahre 21.848 20.899 15 - 19 Jahre 22.105 21.326

10 - 14 Jahre 21.349 20.182 10 - 14 Jahre 19.776 18.998


5 - 9 Jahre 21.817 20.913 5 - 9 Jahre 18.024 17.138
bis 4 Jahre 19.632 18.780 bis 4 Jahre 17.813 16.914

40.000 20.000 0 20.000 40.000 40.000 20.000 0 20.000 40.000

Quelle: Statistik Austria

8 Neben griffigen Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie - wie hier im weiteren
Verlauf der Studie vorgeschlagen, wäre an vermehrte Akquisition von Saisonniers und die heiß diskutierte
Liberalisierung von Zuwanderungen zu denken.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 15

3. Der demographische Preis des wirtschaftlichen Wohlstands

Der starke wirtschaftliche Aufschwung Tirols in den letzten 40 Jahren mit einer
durchschnittlichen realen Wachstumsrate von 3,9 Prozent, war begleitet von einem
ständigen Rückgang der Geburtenraten. Auch Tirol entspricht daher in seiner
Entwicklung dem sogenannten „demographisch-ökonomischen Paradoxon“: Damit
wird der Sachverhalt ausgedrückt, dass bei laufend zunehmendem Realeinkommen
die Menschen sich aufgrund des größeren finanziellen Spielraumes zwar (scheinbar)
mehr Kinder „leisten“ könnten, dass aber tatsächlich die Geburtenrate deutlich
abnimmt.

Was könnten nun die Ursachen dieses demographisch-ökonomischen Paradoxon


sein?

Es scheint vermessen, die Ursachen dieser Entwicklung rein wirtschaftlichen


Gesichtspunkten zuzuordnen, tatsächlich dürften mehrere soziale und ökonomische
Rahmenbedingungen für den Geburtenrückgang verantwortlich sein.

Das Land Tirol führt in seiner aktuellen Ausgabe „Demographische Daten Tirol“ u.a.
folgende Gründe an: 9

Ø Die durchschnittliche Kinderzahl je Familie sinkt, weil einerseits die Zahl der
Familien mit vier, fünf oder mehr Kindern seit Jahrzehnten rückläufig ist,
andererseits die Zahl der Frauen und Männer, die kinderlos bleiben, rapide
ansteigt.
Ø Längere Ausbildungszeiten und steigende Erwerbsquoten der Frauen bedingen eine
Erhöhung des durchschnittlichen Fruchtbarkeitsalters in den kommenden 15
Jahren von derzeit 28,7 Jahre auf 30,4 Jahre. Wer eine höhere Ausbildung
abgeschlossen hat, möchte zunächst einige Jahre arbeiten und verschiebt damit
den Kinderwunsch „auf später“. Des öfteren führt dies jedoch auch dazu, dass auf
eigene Kinder zur Gänze verzichtet wird.
Ø Kinder zu bekommen bedeutet einen radikalen Einschnitt in die Lebensplanung
junger Menschen, schafft Abhängigkeiten und bedeutet für viele Einschnitte und
Erschwernisse u.a. im Bildungsbereich, bei der Wohnsitzwahl und am
Arbeitsmarkt.

Betrachtet man diese verschiedenen Gründe in ihrer ursächlichen Wirkung, so lässt


sich festhalten, dass zwar die Realeinkommen der Menschen in Tirol ständig
gestiegen sind, dass aber auch die sogenannten „Opportunitätskosten von Kindern“
für die Erwachsenen heute deutlich höher sind, als noch vor einigen Jahrzehnten!

Was ist mit dem sehr technisch klingenden Begriff „Opportunitätskosten“ von Kindern
gemeint?

9 Vgl. hierzu: Amt der Tiroler Landesregierung: „Demographische Daten Tirol 2000“, Innsbruck 2001,
S. 39 –43.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 16

Die Preise und Kosten für die Erziehung, Ausbildung und Aufsicht von Kindern sind
heute zwar deutlich höher als dies für frühere Generationen der Fall war (allerdings ist
– wie schon erwähnt - auch das verfügbare Realeinkommen höher), doch wird bei
ausschließlicher Betrachtung dieser monetären Ausgaben der wohl wichtigste
Kostenfaktor der Kinder vernachlässigt: das entgangene (Familien-)Einkommen, mit
dem zu rechnen wäre, wenn eine Frau, statt durch Erwerbsarbeit Einkommen zu
erzielen, unbezahlte Familienarbeit leisten und Kinder großziehen würde!

Man mag den Begriff „Opportunitätskosten“ in Zusammenhang mit Kindern als zu


„technisch“ und daher rein sprachlich betrachtet ablehnen, doch bedeutet ein
Kindersegen im gegenwärtigen gesellschaftlichen Umfeld bei allgemein steigendem
Realeinkommen einen laufend zunehmenden Einkommensverzicht. Die heutige
Generation im Alter von 20 bis 40 ist jedoch weder willens noch fähig diesen
Einkommensverzicht hinzunehmen. Neben den rein gesellschaftspolitischen
Überlegungen (z.B. Recht auf berufliche Freiheit und persönliche Selbstverwirklichung)
die gegen diesen freiwilligen Einkommensverzicht sprechen, sei auch betont, dass
dies auch aus gesamtwirtschaftlichen Überlegungen gar nicht rational wäre:
geringeres (Familien-)einkommen bewirkt auch immer einen Nachfrageausfall und in
letzter Konsequenz einen Beschäftigungsrückgang. Die Folge ist jedoch, dass Kinder
gemessen an den Opportunitätskosten immer unerschwinglicher werden, so dass die
Geburtenraten in Tirol genauso wie in Österreich und in allen EU-Ländern stetig sinkt.

Neben dem Einkommensausfall gibt es noch eine weitere Facette dieser


„Opportunitätskosten der Kinder“: die zum Teil starke Einschränkung an persönlichen
(insbesondere beruflichen) Entwicklungsalternativen, welche mit einer Entscheidung
zum Kind verbunden sind! Der Übergang aus der Phase der Kinderlosigkeit zur
Elternschaft ist irreversibel und damit sowohl entwicklungspsychologisch als auch
wirtschaftlich eine der einschneidendsten Festlegungen im Leben eines Menschen.
Dieser Schritt bewirkt eine wesentlich größere Einschränkung der persönlichen
Lebenslaufalternativen als die Entscheidung für das zweite oder dritte Kind. Wie die
Untersuchung von Herwig Birg am Beispiel Deutschlands nahe legt, liegt gerade in
dieser Einschränkung der persönlichen Lebenslaufalternativen eine wichtige Ursache
für den hohen Teil kinderloser Frauen (rund 1/3) und damit für die abnehmende
Geburtenrate.10

Obwohl die hohen Opportunitätskosten der Kinder für die Frauen zweifellos
zur abnehmenden Geburtenrate führen, bleibt fraglich ob das entgangene
Einkommen wirklich die Ursache dieser Entwicklung ist, oder ob es sich dabei
nicht nur um ein weiteres Erscheinungsbild einer viel tieferliegenden Ursache
handelt. Es bestehen nämlich berechtigte Zweifel daran, ob sich die nach wie
vor unflexiblen Arbeitsformen und Arbeitszeiten sowie die praktizierten
Beschäftigungsmodelle mit den Bedürfnissen und Ansprüchen von „Familien
mit Kindern“ decken.

10 Vgl. hierzu: Birg, Herwig: „Die demographische Zeitenwende – Der Bevölkerungsrückgang in


Deutschland und Europa“, München 2001, S. 64 – 82.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 17

4. Läßt sich durch steigende Produktivität der Wirtschaft ein


zukünftiger Arbeitskräftemangel verhindern?

Gegenwärtig befindet sich Tirols Wirtschaft und Arbeitsmarkt in einer historisch


einmaligen Situation:
Ø Noch nie in der Geschichte unseres Landes gab es eine derart hohe Zahl
erwerbstätiger Menschen: über 300.000 Personen im Jahre 2002
Ø Noch nie zuvor drängten so viele gut ausgebildete und hochqualifizierte Menschen
auf den Tiroler Arbeitsmarkt wie in den vergangenen 10 Jahren!
Ø Noch nie zuvor in den vergangenen 50 Jahren gab es so viele
Unternehmensneugründungen wie im Jahr 2001: 2.119 (gegenüber 1.164 noch
im Jahre 1993)

Die Ursache für diese in der Entwicklung unseres Landes einmalige Situation ist im
Wesentlichen auf das Zusammentreffen einer historisch ebenso einzigartigen demo-
graphischen Situation und dem zunehmenden strukturellen Wandel unserer Wirtschaft
in Richtung „neue Technologien“ (insbesondere die Verbreitung der Informations- und
Kommunikationstechnologien) zu sehen.11 Sowohl die (fast) kontinuierliche
wirtschaftliche Prosperität der letzten Jahrzehnte als auch die derzeitige Gründerwelle
sind in der zunehmenden Anzahl qualifizierter Fachkräfte und der laufenden
Produktivitätsverbesserung unserer Wirtschaft begründet. So konnte die Tiroler
Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten eine steigende Anzahl gut ausgebildeter
Arbeitskräfte rekrutieren, da die erwerbstätige Bevölkerung von rund 200.000
Menschen Anfang der 60er Jahre auf über 300.000 im Jahre 2002 anstieg.

Ein Rückgang der Tiroler Bevölkerung reduziert quantitativ den Produktionsfaktor


Arbeit. Dieser Rückgang könnte zumindest teilweise durch eine qualitative
Verbesserung des Produktionsfaktors Arbeit, gesteigerte Maßnahmen in der Tiroler
Bildungs- und Berufsqualifizierungspolitik kompensiert werden. Die Qualifizierungs-
offensive 2002 der Wirtschaftskammer Tirol ist beispielsweise ein entsprechender
Ansatz.

Für die Tiroler Wirtschaft entscheidend ist das Arbeitsvolumen als Produkt aus der
Anzahl der Erwerbstätigen und der durchschnittlich geleisteten Zahl an Arbeits-
stunden. Das Arbeitsvolumen hängt von der Anzahl der inländischen Erwerbstätigen,
den Gastarbeitern und der Entwicklung der durchschnittlichen Arbeitszeit ab. Der
Geburtenrückgang in Tirol führt zu einem Rückgang des regionalen Arbeitsvolumens,
sofern er nicht durch eine Erhöhung der Zahl der Gastarbeiter und einer Verlängerung
der durchschnittlichen (Lebens-)Arbeitszeit wettgemacht wird. Eine aktive
Bevölkerungspolitik könnte erst langfristig eine Wirkung zeigen.

Gegen die oft verbreitete Hypothese, dass eine kontinuierliche Produktivitäts-


zunahme den Rückgang an Erwerbstätigen kompensieren würde und daher keine
negativen Konsequenzen für das Wirtschaftswachstum aus dem demographischen
Umbruch unseres Landes resultieren könnten, spricht die Tatsache, dass schon
derzeit bei einer historischen Höchstzahl an Erwerbstätigen in vielen Branchen
qualifizierte Facharbeiter fehlen. So werden in der Industrie und Gewerbe dringend
Arbeitskräfte

11 Vgl. hierzu: Garbislander, Stefan: „Tirol und die New Economy“ (Tiroler Regionalpolitische Studien
Nr. 3), Innsbruck 2001.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 18

im ingenieurwissenschaftlichen und informationstechnischen Bereich gesucht. Laut


einer Erhebung der Wirtschaftskammer Tirol vom Dezember 2000/Jänner 2001
fehlten im Jahre 2001 rund 1250 IT-Fachkräfte12 in Tirol. Besonders prekär ist auch
die Situation im Tourismus, wo sich die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften
durch den strukturellen Wandel in Richtung Wellness- und Gesundheitsurlaube noch
verstärken dürfte. Man darf nicht übersehen, dass in der heutigen Wissens- und
Informationsgesellschaft nicht die Losgrößen der Massenproduktion, sondern das
Know-how der Mitarbeiter die Quelle der Produktivität ist. Ohne ausreichende Anzahl
hochqualifizierter Fachkräfte wird es auch keine weitere Zunahme der Produktivität
geben!

Der Produktionsfaktor Arbeit lässt sich in Tirol - zumindest teilweise - durch


eine zunehmende Kapitalintensivierung der Produktion und Dienstleistung
(z.B. Homebanking, e-commerce, etc.) ersetzen. Zur Erhaltung des
Lebensstandards in Tirol braucht es aber eine Stützung des Produktions-
faktors Arbeit und damit verbunden des Arbeitsvolumens durch eine
Anhebung des Rentenalters, mehr berufstätige Frauen und Mütter, sowie
durch eine neue Zuwanderungs- und Integrationspolitik.

5. Die Gefahr fehlender Humanressourcen für die Tiroler Betriebe

Für die Verwirklichung der strategischen Ziele der Tiroler Betriebe bedarf es der lang-
fristigen Sicherstellung der notwendigen Human-Ressourcen in quantitativer, quali-
tativer, räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Die personellen Voraussetzungen in Tirol
bestimmen maßgeblich die unternehmensspolitischen Entscheidungen hinsichtlich
einer Betriebsgründung und Betriebserweiterung in Tirol, Erhaltungsinvestitionen in
bestehende Tiroler Betriebe und ihrer Produktionspolitik.

Der Geburtenrückgang in Tirol birgt somit die Gefahr einer abnehmenden


Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Tirol für die Ansiedlung neuer
Betriebe, der Abwanderung bestehender Betriebe und der Überalterung des
Tiroler Produktionskapitals. Die Folge wäre der Rückgang der Produktivität
und Rentabilität der Tiroler Betriebe.

6. Schwächung des „Konjunkturmotors“ Konsum und


Auswirkungen auf den Tourismus

Staat, Unternehmen, Konsumenten und das Ausland beeinflussen entscheidend die


Tiroler Konjunktur. Die Konsumnachfrage durch die Tiroler Haushalte spielt dabei eine
besondere Rolle. Der private Konsum ist das größte Nachfrageelement in der Tiroler
Wirtschaft und entscheidend für die Konjunktur im Handel, im Gewerbe, in der
Gastronomie, der Freizeitwirtschaft und bestimmter Industriezweige.

12 Hämmerle, Walter: „Fachkräftebedarf in Tirol: IT- und Technikfachkräfte 2000 – 2002“, Innsbruck,
2001 .
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 19

Der Geburtenrückgang in Tirol und in seinen Nachbarregionen führt langfristig


zu einer Schwächung des Konsumverhaltens. In den nächsten 30 Jahren wird
die zahlenmäßig starke Generation der heute 35 bis 50-Jährigen den
Konjunkturmotor „Konsum“ allerdings noch im Laufen halten.

Besonders betroffen hiervon könnte die Tourismus- und Freizeitwirtschaft sein. In


unseren wichtigsten touristischen Zielmärkten droht in den nächsten 50 Jahren ein
zum Teil massiver Bevölkerungsrückgang: So könnte Deutschland ohne massiver
Zuwanderung in den nächsten 50 Jahren rund 20 (!) Millionen Menschen verlieren und
im Jahre 2050 nur mehr rund 60 Millionen Einwohner zählen; noch massiver könnte
der Einbruch ohne Zuwanderung in Italien sein: Aufgrund der extrem niedrigen
Geburtenrate von 1,2 droht hier gar ein Bevölkerungsrückgang von derzeit 57,6
Millionen auf nur mehr 37,2 Millionen. Entscheidend für den zukünftigen Erfolg des
Tiroler Tourismus wird daher sein:
Ø Erschließung neuer Zielmärkte: Insbesondere in den bevölkerungsreichen
Schwellenländern Nord- und Südamerikas und im asiatischen Raum; aber auch
noch verstärkte Markterschließung der USA
Ø Inhaltliche Neupositionierung des Tourismus in Richtung Wellness und Gesundheit
(inkl. Rehabilitation) - denn dem „Alpen-Ballermann“ wird die junge Kundschaft
ausgehen!

7. Sind die Tiroler Unternehmer gefordert?

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor dem Hintergrund des
drastischen Geburtenrückgangs in Tirol ist eine zunehmende Herausforderung für die
Tiroler Unternehmer. Moderne Familien sind auf Flexibilität am Arbeitsplatz
angewiesen, damit Mütter - aber auch zunehmend Väter - nicht aus familiären
Gründen einen angebotenen Arbeitsplatz ablehnen müssen oder sich gezwungen
sehen, ein bestehendes Dienstverhältnis aufzulösen.

Die Handlungsfelder eines familienfreundlichen Unternehmens sind


Arbeitszeit, Arbeitsabläufe und Arbeitsinhalte, Personalführung,
Personalentwicklung sowie flankierender Service für Familien. Zu den
familienfreundlichen Highlights zählen beispielsweise Teilzeitmodelle für
Mütter, Weiterbildung in der Karenz, Telearbeit bei Krankheit des Kindes,
erweiterter Pflegefreistellungsanspruch, Betriebskindergarten auch während
des Sommers, Kindergartenzuschuss, Jobsharing, spezielles Karenz-
Wiedereinstiegsprogramm, Kontakt während der Karenz, im Notfall können
Kinder in den Betrieb mitgenommen werden, Kinderhort-, Krabbelstuben-
und Tagesmütterplätze.

Die Vorteile für familienfreundliche Unternehmen sind, abgesehen von der


erleichterten Personalbeschaffung, weniger Krankenstandstage, eine geringere
Fluktuation, eine höhere Produktivität durch gesteigerte Motivation, bedingungslose
Loyalität, besseres Firmenimage.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 20

Manfred Auer, Dozent am Institut für Organisation und Lernen der Universität
13
Innsbruck, spricht in seiner Habilitationsschrift „Vereinbarungskarrieren“ von fol-
gendem Nutzen für entsprechende organisatorische Vereinbarungsmaßnahmen:

Ø Gewinnen von qualifizierten Arbeitskräften am externen Arbeitsmarkt aufgrund


einer Verbesserung des Arbeitsmarktimages, Halten von qualifizierten und
unternehmensstrategisch wichtigen Beschäftigten

Ø Verringerung von intrapersonellen Konflikten zwischen Elternschaft und


Erwerbsarbeit und dadurch Erhöhung der Effizienz der Arbeit erziehender
Berufstätiger

Ø Verminderung von interpersonellen Konflikten zwischen MitarbeiterInnen wegen


vermeintlicher Bevorzugung von erziehenden MitarbeiterInnen

Ø Nutzung der sozialen Qualifikationen der erziehenden MitarbeiterInnen

Ø Anregung und Beschleunigung von organisatorischen Wandel, wenn die Gestaltung


der Problematik von Erwerbsarbeit und Elternschaft sich nicht in
familienorientierten Pragrammen erschöpft, sondern eine grundsätzliche Analyse
der Arbeitspraxis einer Organisation beinhaltet.

Dem unternehmerischen Nutzen stehen die Entwicklungskosten der Maßnahmen und


die Personal- und Betriebskosten ihrer Umsetzung, der höhere Organisations- und
Koordinationsaufwand, Konflikte zwischen den ArbeitnehmerInnen mit und solchen
ohne Verantwortung für Kinder sowie geringere zeitliche Flexibilität und
eingeschränkte örtliche Mobilität von erziehenden MitarbeiterInnen gegenüber.

8. Vorschläge für die Eigeninitiative der Tiroler Unternehmer

Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips werden die Tiroler Unternehmer zuerst selbst


Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihrer Mitarbeiterinnen und
zunehmend auch ihrer Mitarbeiter setzen müssen.14

Im Handlungsfeld „Arbeitszeit“ bieten sich an:

Ø Abgestufte Teilzeit nach der Karenz, bei der durch eine stufenweise Erhöhung
der Arbeitszeit der berufliche Wiedereinstieg ermöglicht wird. Dadurch bleibt
vorhandenes Betriebswissen an das Unternehmen gebunden und die
Personalbeschaffungskosten werden minimiert.

Ø Arbeitszeiterfassungssystem zur Dokumentation und Kontrolle vereinbarter


Arbeitszeiten und zur klaren Trennung von Arbeits- und Familienzeit sowie zur
Reduzierung von Überstunden.

13 Auer, Manfred: „Vereinbarungskarrieren - Eine karrieretheoretische Analyse des Verhältnisses von


Erwerbsarbeit und Elternschaft“, München 2000, S. 77 - 79.
14 Vgl. hierzu: http.//www.beruf-und-familie.de
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 21

Ø Familienbedingte Teilzeitarbeit, um sich während besonders


betreuungsintensiven Phasen auf Familienaufgaben konzentrieren zu können.

Ø Erweiterter Pflegefreistellungsanspruch, wobei keine zusätzlichen Kosten


anfallen und auch ein Missbrauch weitgehend ausgeschlossen ist, wenn dieser
Sonderurlaub unbezahlt ist.

Ø Gleitzeit mittels der die Mitarbeiterinnen den Arbeitsbeginn und/oder das


Arbeitsende - unter Einhaltung der Kernarbeitszeiten - den Bedürfnissen der
Kinderbetreuung anpassen können.

Ø Job-Sharing mit der Aufteilung eines Arbeitsplatzes auf zwei oder mehr
Beschäftigte, um Beschäftigten mit Kindern individuelle Arbeitszeiten zu
ermöglichen.

Ø Freie Pausenregelungen in Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen, um die


Erledigung der alltäglichen familiären Verpflichtungen zu erleichtern (z.B.: Kind vom
Kindergarten abholen und zur Tagesmutter bringen).

Ø Bevorzugte Schichteinteilung von Beschäftigten mit Kindern zur Erleichterung


der Kinderbetreuung.

Ø Urlaubsregelung unter besonderer Berücksichtigung der Schulferien der Kinder


und Ferienzeit des Partners.

Im Handlungsfeld „Arbeitsabläufe und Arbeitsinhalte“ wird vorgeschlagen:

Ø Festlegung von Besprechungsterminen und Zeiten für konzentriertes und


ungestörtes Arbeiten unter Berücksichtigung der familiären Verpflichtungen
(insbesondere von teilzeitarbeitenden Beschäftigten).

Ø Teambildung unter Berücksichtigung von Familienpflichten

Ø Überprüfung von Arbeitsabläufen unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von


Beruf und Familie.

Im Handlungsfeld „Arbeitsort“ bestehen die Möglichkeiten:

Ø Alternierende Telearbeit, bei der die Beschäftigten im Wechsel im Betrieb und


zu Hause arbeiten, in zwei nahezu identisch ausgestatteten Arbeitsbereichen, die
je nach Betriebs- und/oder Familienbelangen gewählt werden.

Ø Arbeit von zu Hause für Beschäftigte mit Kindern (Arbeiten, die weder an den
eigentlichen Arbeitsplatz noch an die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen
gebunden sind).

Ø Mobile Telearbeit (z.B. in der Kundenbetreuung), bei der Beschäftigte mit


Kindern ihre familiären Verpflichtungen flexibel zwischen festen beruflichen
Terminen erfüllen können.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 22

Ø Tele-Heimarbeit bei der Arbeitsaufträge oder Arbeitsergebnisse per


Datenfernübertragung, per Postversand oder per Kurier übermittelt werden und
Anwesenheitszeiten im Betrieb ausschließlich dem persönlichen Austausch dienen,
mit der Verbindung von Kinderbetreuung und Teleheimarbeit am privaten
Wohnort.

Im Handlungsfeld „Informations- und Kommunikationspolitik“ wird angeregt:

Ø Informationsblatt und/oder Intranet-Information über die familienorientierten


Maßnahmen, die im Unternehmen angeboten werden.

Ø Mitarbeitergespräch, bei dem Maßnahmen zur Erleichterung der Vereinbarkeit


von Beruf und Familie besprochen werden.

Ø Projektgruppe, die sich im Auftrag der Unternehmensleitung mit Fragen an der


Schnittstelle von Berufs- und Privatleben beschäftigt.

Ø Tag der offenen Tür, an dem das Unternehmen Angehörige der Beschäftigten
einlädt um sich und seine familienorientierten Maßnahmen vorzustellen.

Im Handlungsfeld „Führung“ könnten folgende Maßnahmen ergriffen werden:

Ø Coaching als individuelle Betreuung der Beschäftigten in Fragen der Vereinbarkeit


von Beruf und Familie

Ø Führungskräfteseminare, in denen Fragen zur Schnittstelle Beruf und


Familienleben thematisiert werden.

Ø Promotoren, die als Repräsentanten des Unternehmens die praktizierten


familienpolitischen Maßnahmen in der Öffentlichkeit darstellen und damit sowohl
für eine familienbewusste Personalpolitik als auch für das Unternehmen werben.

Ø Unternehmensleitsätze, die eine Familienorientierung aufnehmen.

Im Handlungsfeld „Personalentwicklung“ wären mögliche Maßnahmen:

Ø Abstimmung bei Fortbildungsmaßnahmen, damit Ort, Dauer und Termin der


Fortbildungsveranstaltung mit den familiären Verpflichtungen der betreffenden
Mitarbeiter vereinbar sind.

Ø Kontakte während des Mutterschutzes und der Karenz, (persönlich,


Betriebszeitung, Intranet etc.) mit aktuellen Informationen über das
Unternehmen, um den beruflichen Wiedereinstieg zu erleichtern.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 23

Ø Maßnahmen zur Wiedereingliederung nach Mutterschutz und Karenz , z.B.


Trainee - Programme zur Anpassung der Kenntnisse und Fähigkeiten an die
beruflichen Anforderungen.

Ø Patenkonzept, bei dem betriebsinterne Paten längerfristig freigestellte Mitarbeiter


über Offizielles aus dem Betrieb sowie Neuigkeiten aus dem Kollegenkreis
informieren, um den Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Familienphase zu
erleichtern.

Ø Personalentwicklungsplan, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie


berücksichtigt.

Ø Weiterbildungsveranstaltungen für „Erziehungsurlauberinnen“.

Im Handlungsfeld „Entgeltbestandteile und geldwerte Leistungen“ käme in


Frage:

Ø Anrechnung von Erziehungszeiten als Anwartschaftszeiten für betriebliche


Sozialleistungen

Ø Zinsgünstige Darlehen an Mitarbeiter zum Erwerb einer familiengerechten


Wohnung

Im Handlungsfeld „Flankierender Service für Familien“ finden sich:

Ø Belegplätze, die vom Unternehmen in Kinderbetreuungseinrichtungen reserviert


werden

Ø Betriebseigene Kinderbetreuungseinrichtung

Ø Eltern-Kind-Arbeitszimmer, das sowohl mit Bürotechnik als auch mit einer


kindgerechten Spielecke ausgestattet ist und in Notfällen den Beschäftigten als
eigenes Arbeitszimmer zur Verfügung steht

Ø Ferienangebote für Mitarbeiterkinder während der Schulferien

Ø Haushaltsservice des Betriebes, der die Beschäftigten von zeitintensiven


häuslichen Pflichten entlastet (z.B. betriebseigener Bügelservice, Bestellservice und
Lieferservice für Lebensmittel des täglichen Bedarfs, Essen von der
Betriebskantine für zu Hause)

Ø Hortbetreuung für schulpflichtige Kinder von Mitarbeitern, durch ein


Betreuungsarrangement mit bestehenden Horteinrichtungen
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 24

Ø Kinderbetreuungseinrichtung in Kooperation mit anderen Betrieben, wobei ein


Verein die Trägerschaft übernimmt und die benachbarten Unternehmen
gemeinsam die Finanzierung übernehmen oder Kinderbetreuungseinrichtung in
Kooperation mit einem bereits bestehenden öffentlichen oder privaten Träger (ev.
mit einer Verlängerung der Öffnungszeiten gegen Vergütung)

Ø Vermittlung einer Kinderfrau / Tagesmutter, z.B. in Kooperation mit einem


Tagesmütterverein

Ø Kinder-Mittagessen in der betriebseigenen Kantine

Ø Notdienste /Notmütter, die vom Betrieb über einen Familienservice vermittelt


werden, wenn unvorhergesehene Betreuungsengpässe auftreten

Ø Spielbereich auf dem Betriebsgelände oder in einzelnen (größeren) Büroräumen,


die von Kindern genutzt werden können, die ausnahmsweise, regelmäßig oder
häufig ihre Eltern in den Betrieb begleiten

9. Ansätze für die Serviceleistung und Interessenvertretung durch


die Wirtschaftskammer Tirol

Die Wirtschaftskammer Tirol ist als Servicestelle und Interessenvertretung der Tiroler
Wirtschaftstreibenden gefordert, die Tiroler Unternehmer bei ihren Bemühungen die
Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihrer Mitarbeiterinnen - aber auch der
Unternehmerinnen selbst - zu unterstützen.

Der Aufgabenkatalog der Wirtschaftskammer könnte dabei mannigfaltig sein:


Konzeptio nelle Entwicklung, Motivation der Betriebe, Verstärkung bestehender
Projekte, Andenken und in Gang bringen neuer Initiativen, Themenführerschaft bei der
Interessenvertretung der Tiroler Unternehmer, Gestaltung der wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie Profilierung als erster Ansprechpartner
bei Beratungs-, Weiterbildungs- und Informationsleistungen im Bereich der
Vereinbarkeit von Beruf und Familie der Mitarbeiterinnen der Tiroler Unternehmer aber
auch der in ihrer Anzahl stark zunehmenden Tiroler Unternehmerinnen selbst.

Ein wirksames Engagement der Wirtschaftskammer Tirol in diesem Bereich brächte


ihren Mitgliedern einen hohen Nutzen, würde eine positive Außenwirkung erzeugen
und wäre ohne eine besondere zusätzliche finanzielle Belastung der
Wirtschaftskammer realisierbar.

Als konkrete Maßnahmen der Wirtschaftskammer Tirol kämen zum Beispiel in


Betracht:

Ø Information der Tiroler Unternehmer über die betrieblichen Vorteile einer


familienfreundlichen Unternehmensführung
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 25

Ø Information der Öffentlichkeit über familienorientierte Tiroler Betriebe und


deren Maßnahmen

Ø Schulungsmaßnahmen für Führungskräfte, in denen Fragen zur Schnittstelle


Beruf und Privatleben thematisiert , über mögliche Maßnahmen informiert sowie
Vor- und Nachteile organisiert werden

Ø Trainee-Programme zur Anpassung der Kenntnisse und Fähigkeiten von


Wiedereinsteigerinnen an die branchenspezifischen beruflichen Anforderungen

Ø Branchenspezifische Weiterbildungsveranstaltungen für


„ErziehungsurlauberInnen“ bzw. Frauen in Karenz

Ø Lobbying zur Unterstützung der Unternehmer bei ihrer Reservierung von


Belegplätzen in Kinderbetreuungseinrichtungen

Ø Informations- und eventuell auch Vermittlungsstelle für Ferienangebote


für Mitarbeiterkinder der Tiroler Unternehmer

Ø Organisatorische Unterstützung bei der Kooperation von Betrieben mit


dem Ziel einer gemeinsamen Kinderbetreuungseinrichtung

Ø Bemühen um den Aufbau eines Familienservice, der Notdienste/Notmütter


vermittelt, wenn unvorhergesehene Betreuungsengpässe auftreten

10. Erforderliche Unterstützung durch die Tiroler Gemeinden, das


Land Tirol und den Bund

Um Arbeit und Kindererziehung besser vereinbar zu machen, bedarf es neben der


Selbsthilfe der Tiroler Unternehmer und ihrer Unterstützung durch die
Wirtschaftskammer Tirol auch der Hilfe durch die Tiroler Gemeinden, das Land Tirol
und den Bund. Diese Institutionen sind insbesondere für eine flächendeckende
Ausstattung mit Kinderkrippen, Halb- und Ganztageskindergarten, Vor- und
Ganztagsschulen und Horten gefordert. Der Ausbau der Kinderbetreuung wird zu
einer zentralen Aufgabe der öffentlichen Hand, die gemeinsam von Bund, Land Tirol
und Tiroler Gemeinden anzugehen ist.

Finanzielle Anreize durch das Land Tirol könnten das Angebot von familien-
freundlichen Arbeitsmodellen in der Tiroler Wirtschaft erhöhen. Unter
anderem könnte der „Pakt für Arbeit und Wirtschaft Tirol“ als Instrument für
die Förderung familienfreundlicher Betriebe und familienfreundlicher
Gestaltung der Arbeitswelt eingesetzt werden.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 26

Ein wichtiger Ansatzpunkt für die finanziellen Anreize durch das Land Tirol
wären die oben vorgeschlagenen betrieblichen Maßnahmen in den
Handlungsfeldern Arbeitszeit, Arbeitsabläufe und Arbeitsinhalte, Arbeitsort,
Informations- und Kommunikationspolitik, Führung, Personalentwicklung,
Entgeltbestandteile und geldwerte Leistungen sowie flankierender Service für
Familien.

Entscheidend wird sein, dass Bund und Land die Gemeinden bei der
Einrichtung von flächendeckenden Kinderkrippen und Kindertagesplätzen
ausreichend finanziell unterstützen. Denkbar wäre, dass Eltern Gutscheine für
einen Betreuungsplatz erhalten. Über diese Nachfragesubvention könnten
dann genau die Kinderbetreuungseinrichtrungen entstehen, die Eltern
brauchen, um beides zu haben – Kinder und Karriere!15

Der Individualisierungsprozess und das Umverteilungsprinzip des modernen


Sozialstaates lösten in Europa und damit auch in Tirol die Familie als Wirtschafts-,
Unterhalts- und Schutzgemeinschaft weitgehend auf. Familien fühlen sich zunehmend
rechtlich und ökonomisch benachteiligt. „Armutsfalle Kinder“, „Kinder als Karrierekiller“
verbreiten sich rasant als abschreckende Schlagworte bei den gut verdienenden
Singles und „Dinks“ (douple income - no kids). "Wozu noch Familie?" fragen sich
immer mehr junge Menschen. Die Antwort ist eine stark sinkende Heiratsquote und
Geburtenrückgang.
Eine moderne Familienpolitik hat sich nicht nur auf die „Vereinbarkeit von Beruf und
Familie" zu konzentrieren. Die Leistungen der Eltern in Form der Kindererziehung als
öffentliche Aufgabe für ein funktionierendes Sozialstaatswesen müssten auch im
Steuer- und Sozialversicherungsrecht stärker berücksichtigt werden. Wie im Kapitel 3
ausgeführt, dürfte eine wesentliche Ursache für den Geburtenrückgang in dem mit
dem Kindersegen verbundenen zum Teil beträchtlichen Einkommens- und
Konsumausfall für die Erwachsenen liegen.

11. Ein neues Modell der Einkommensbesteuerung als


ergänzende Maßnahme?

Trotz Kindergeld und Familienbeihilfe - die Kosten der Kindererziehung tragen die
Eltern weitgehend alleine; vom Nutzen des Nachwuchses, sei es als künftige
Pensionszahler, als Arbeitnehmer oder Innovatoren in der Wirtschaft profitiert
hingegen die Gesellschaft als Ganzes.16

Das im Wesentlichen auf Transfers und Absetzbeträgen beruhende Unter-


stützungssystem für Familien und Paare mit Kindern ist nicht in der Lage,
auch nur annähernd einen Ausgleich für die mit der Kindererziehung
verbundenen Kosten und den Einkommensausfall zumindest eines Partners
zu gewährleisten.

15 Vgl. hierzu das Kommentar von Margaret Heckle „Kinder, Karriere, Kanzler“ in der Financial Times
Deutschland vom 26.03.2002 auf Seite 35.
16 Vgl. Tichy, Roland / Tichy, Andrea, S. 249 (2001).
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 27

Die gegenwärtige Kinder- und Familienunterstützung in Österreich ist im Wesentlichen


politisch dadurch begründet, dass für den Staat alle Kinder „gleich viel wert sind“ und
es zu keiner Bevorzugung einkommensstarker Eltern kommen soll. Tatsächlich führt
die ausschließliche Fokussierung des Systems auf Transfers und Absetzbeträge dazu,
dass sich Eltern und kinderreiche Familien als Almosenempfänger von der Gesellschaft
behandelt fühlen. Es gibt keinen einzigen wirklich nachhaltigen Ausgleich, den die
Gesellschaft an Paaren mit Kindern übt.

Auf diese Weise werden Kinder immer mehr zum „Luxus“ und zwar zu einem Luxus,
den sich immer weniger Menschen leisten können (aufgrund des
Einkommensausfalls) und wollen (aufgrund des Konsumausfalls).

Welche finanzpolitischen Voraussetzungen müsste unsere Gesellschaft also zusätzlich


zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie schaffen, damit Paare mit Kindern einen
nachhaltigen Ausgleich für die mit der Kindererziehung verbundenen Kosten
bekommen? Abschließend zu diesem Beitrag der Regionalpolitischen Studien sei
hierzu als Denk- und Diskussionsanstoß ein – zugegeben provokanter – Vorschlag
formuliert:

Der Ansatzpunkt für diesen nachhaltigen Ausgleich sollte im Einkommen-


steuersystem gefunden werden.

Das österreichische Einkommensteuersystem ist aus gut begründeten


sozialpolitischen Überlegungen mit einem progressiven Steuertarif versehen. Auf
diese Weise wird eine gewisse Umverteilung zwischen „Arm“ und „Reich“
gewährleistet. Neben dieser Umverteilung zwischen „Arm“ und „Reich“ könnte das
Steuersystem jedoch um die Umverteilung zwischen „Paare mit Kinder“ und „Paare
ohne Kinder“ ergänzt werden.

Die bisherige Struktur des Einkommensteuersystems hat für alle Personen den
gleichen Verlauf:

für die ersten 3.640 € 0%


für die nächsten 3.630 € 21%
für die nächsten 14.530 € 31%
für die nächsten 14.530 € 41%
für alle weiteren Beträge 50%

Um nun einen nachhaltigen Ausgleich für die mit den Kindern verbundenen
Kosten und für den der Gesellschaft erwachsenden Nutzen zu generieren,
könnte das bisherige Einkommensteuersystem in drei Klassen „gesplittet“
werden:

Ø Klasse A: Personen ohne Kinder


Ø Klasse B: Personen mit einem Kind
Ø Klasse C: Personen mit 2 oder mehr Kinder
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 28

Die Klasse B (Personen mit 1 Kind) könnte dabei in etwa dem derzeitigen Verlauf des
Steuertarifs entsprechen. Die Tarifstufen in Klasse A (Personen ohne Kinder) könnten
- unter Aufrechterhaltung der progressiven Struktur - jeweils entsprechend höher als
in Klasse B angesetzt werden. Wobei aus sozialpolitischen Gründen die niedrigsten
Tarifstufen (derzeit 0 und 21 Prozent) bei Klasse A unverändert bleiben sollten und
die oberen Tarifstufen entsprechend erhöht werden könnten (d.h. die Progression
würde verschärft werden). Die Tarifstufen in Klasse C (Personen mit 2 oder mehr
Kindern) sollten hingegen durchgehend niedriger angesetzt werden als in Klasse A und
Klasse B. Die Festlegung der Tarifstufen in den drei Klassen müssten natürlich so
erfolgen, dass das Steueraufkommen zumindest mittelfristig konstant bleibt. 17

Die Vorteile dieses neuen Einkommensteuersystems wären:

Ø Es ist vollkommen unabhängig vom Familienstand der betroffenen


Personen. Es behandelt also Familien, Lebenspartnerschaften und
Alleinerzieher mit Kinder vollkommen gleich; das neue System wäre daher
mit dem Prinzip der Individualbesteuerung voll vereinbar!

Ø Personen mit Kinder (natürlich auch Adoptiveltern) würden einen


nachhaltigen Ausgleich für die Kindererziehung erhalten, da die Einstufung
in die jeweilige Steuerklasse (A, B oder C) auf Dauer und unabhängig vom
Alter der Kinder erfolgen sollte.

Ø Besonders Frauen hätten nach der Karenz einen Anreiz wieder ins
Berufsleben zurückzukehren, da sie nun den Vorteil einer günstigeren
Steuerklasse haben und somit das verfügbare Einkommen ansteigt.
Zielsetzung wäre den hohen Anteil jener Frauen zu verringern, die
lebenslang kinderlos bleiben.

Eine der wichtigsten steuerpolitischen Grundsätze lautet: Besteure Gleiches gleich


und Ungleiches ungleich: Das eben dargestellte System berücksichtigt den positiven
Beitrag, die Paare und Alleinerzieher mit Kindern für die Gesellschaft leisten und
verschafft einen nachhaltigen und dauerhaften Ausgleich für die Kosten der
Kindererziehung!

Wichtig ist, dass dieses System aufkommensneutral sein sollte und zusätzlich zum
bisherigen Transfersystem implementiert werden müsste, das hieße, dass alle
bisherigen kinder- und familienpolitischen Unterstützungsmaßnahmen voll aufrecht
18
blieben.

17 Einen detaillierten Vorschlag wie der Tarifverlauf der Steuer-Klassen A, B, C auszusehen hätte ist im
Rahmen dieses Beitrages nicht sinnvoll. Das vorgestellte Steuermodell soll vor allem einen Denkanstoss
geben; natürlich müssten die Auswirkungen auf das Steueraufkommen und damit das genaue Design
des Tarifverlaufs exakt berechnet werden.
18 Ein Problem eines lenkungspolitisch motivierten Steuersystems soll hier nicht unerwähnt bleiben:
Falls der gewünschte Lenkungseffekt tatsächlich eintrifft, also die Zahl der Paare bzw. Alleinerzieher mit
Kinder deutlich zunimmt, werden sich immer weniger Personen in der Steuerklasse A befinden, so dass
das gesamte Steueraufkommen abnehmen wird. In diesem Falle müssten dann nach einer gewissen Zeit
die Steuersätze natürlich angepasst werden, wobei die Differenzierung in die drei Klassen aufrecht
erhalten bleiben muss.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 29

Damit keine Zweifel aufkommen: Dieses neue System wäre - wenn es greift - kein
Allheilmittel, sondern könnte nur als Ergänzung zu den dringend erforderlichen
Maßnahmen zur Vereinbarkeit von „Beruf und Familie“ gesehen werden. Zudem
würden sich erst mittel- und längerfristig positive Effekte auf die Geburtenrate zeigen.
Aber wenn es gelänge, aus der Kombination aller Maßnahmen mittelfristig die
Geburtenrate von derzeit 1,34 in Tirol (bzw. 1,31 in Österreich) auf 1,7 oder gar 1,8
zu heben, würde sich die Situation doch etwas entschärfen und die Notwendigkeit
einer massiveren Zuwanderung - mit all ihren sozialen und integrationspolitischen
Problemen - würde weitgehend entfallen.
Der Geburtenrückgang in Tirol Seite 30

12. Literatur

Amt der Tiroler Landesregierung: „Demographische Daten Tirol 2000“, Innsbruck 2001,
S. 39 – 43.

Auer, Manfred: „Vereinbarungskarrieren - Eine karrieretheoretische Analyse des Verhältnisses


von Erwerbsarbeit und Elternschaft“, München 2000, S. 77 - 79.

Birg, Herwig: „Die demographische Zeitenwende – Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland


und Europa“, München 2001, S. 64 – 82.

Garbislander, Stefan: „Tirol und die New Economy“ (Tiroler Regionalpolitische Studien Nr. 3),
Innsbruck 2001.

Hämmerle, Walter / Beyer, Norbert: „Die gewerbliche Wirtschaft Tirols. Ihr Wandel in Zahl und
Struktur unter besonderer Berücksichtigung von Gewerbe und Handwerk, in: Tirols Wirtschaft
auf dem Weg ins 21. Jahrhundert – 150 Jahre Wirtschaftskammer Tirol“, Innsbruck 2001.

Hämmerle, Walter: „Fachkräftebedarf in Tirol: IT- und Technikfachkräfte 2000 – 2002“,


Innsbruck 2001.

Statistik Austria: „Vorausberechnete Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungsstruktur der


Bundesländer 2000 - 2050 laut mittlerer Variante“, Wien 2001.

Tichy, Roland / Tichy, Andrea: „Die Pyramide steht Kopf – Die Wirtschaft in der Altersfalle und
wie sie ihr entkommt“, München 2001, S. 64. u. S. 249.