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Michael D. Eschner Marcus M.

Jungkurth

Aleister Crowley
DAS GROSSE TIER 666

INHALTSVERZEICHNIS

Der verruchteste Mann des Jahrhunderts .......................................... 2


Der schwarze Magier ...................................................................... 2
Der Antichrist................................................................................... 4
Der Prophet..................................................................................... 7
Der Weg durch die Jahrhunderte ..................................................... 11
Was ist Magie?.............................................................................. 11
Die Quellen des Nil ....................................................................... 13
Von Baphomet zu Baphomet ........................................................ 15
Das lange Leben des Phönix............................................................ 17
Der unsterbliche Crowley.............................................................. 17
Die Wiedergeburt des Phönix........................................................... 19
Ich werde durchhalten - .................................................................... 21
denn am Ende gab es nichts durchzuhalten .................................... 21
Parzifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral ............................... 27
Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji ......................................... 33
Der widerwillige Priester -................................................................. 39
Bergsteiger, Poet und Magier........................................................... 43
Durch die Macht der Wahrheit habe ich ........................................... 51
während des Lebens das Universum erobert .................................. 51
Das Große Tier ................................................................................. 62
Ipsissimus - das Ich in höchster Vollkommenheit ............................ 75
Die Vertreibung aus dem Paradies .................................................. 87
Magick in Theorie und Praxis ........................................................... 98
Die Geburtswehen des Äons.......................................................... 110
Eine kritische Rück- und Vorschau............................................. 110
Register .......................................................................................... 116

1
Der verruchteste Mann des
Jahrhunderts
Der schwarze Magier

Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Wiedergeburt des Magischen ist


hauptsächlich mit dem Namen Aleister Crowley und der antichristlichen
Formel des Tieres 666 verbunden.
Es sind viele Versuche unternommen worden, Crowley, einen der
umstrittensten Menschen der letzten hundert Jahre, zu charakterisieren.
Seine bizarre Persönlichkeit provoziert Verehrung oder Abscheu. Neutralität
zu wahren scheint unmöglich.
So bezeichnen die einen ihn als Mystiker, großen Adepten des Yoga, der
Magie und der Alchimie und als Propheten des neuen Zeitalters. Die
anderen nennen ihn einen Schwarzmagier und Teufelsanbeter, einen
Kindermörder, Scharlatan, Satanisten, den verruchtesten Mann des
Jahrhunderts, einen heroinsüchtigen Spinner, bisexuellen Hippiepionier,
sadistischen Possenreißer, Nazispion und Propagandisten und einen sexuell
Degenerierten fürchterlichen Ausmaßes.
Ihm wird nachgesagt, daß er Menschen in Kamele verwandelte,
Gegenstände durch die bloße Kraft seines Blickes zum Fliegen bringen
konnte, daß er ein Süchtiger sei, der an einem Tag soviel Heroin schnupfte,
daß man damit einen ganzen Saal voller Menschen umbringen könnte und
daß er ein mörderischer Satanist sei, der 150 mal pro Jahr ein männliches
Kind von absolut vollkommener Unschuld und hoher Intelligenz opferte.
Crowley wurde ,,der Picasso des Occulten" genannt und ihm wurde
nachgesagt, daß er im Laufe seines 72jährigen Lebens mehr Menschen in den
Wahnsinn oder Tod trieb als die meisten inkarnierten Teufel.
In der Presse wurde Aleister Crowley als ,,der verderbteste Mann der
Welt" bezeichnet. Er selbst bezeichnete sich als TO MEGA THERION, das
große Tier 666, wie es in der Offenbarung des heiligen Johannes verkündet
wurde.
Irgendwo in diesen Widersprüchen verbirgt sich die Persönlichkeit
Aleister Crowleys.
Er selbst betrachtete Magie als sein Lebenswerk und seinen
Lebenszweck. Jede Biographie, die Aleister Crowley gerecht werden will,
wird ihn deshalb an diesem Anspruch messen und seine Handlungen in
diesem
Kontext betrachten müssen.
Aber auch in diesem Zusammenhang ist Crowleys Name, selbst heute,
fast ein viertel Jahrhundert nach seinem Tode, noch immer mit ,schwarzer
Magie, Teufelsanbetung und unheilvoller Zauberei' verbunden.

2
Crowley selbst äußerte sich zu diesem Thema in einem Artikel für eine
Tageszeitung wie folgt:

„Um schwarze Magie zu praktizieren mußt du jedes Prinzip


von Wissenschaft, Anstand und Intelligenz vergewaltigen. Du
mußt besessen sein von einer krankhaften Überzeugung, von
der Wichtigkeit der unbedeutenden Objekte deiner
jämmerlichen und egoistischen Wünsche.
Ich wurde beschuldigt, ein ,,schwarzer Magier" zu sein.
Keine närrischere Feststellung wurde jemals über mich
gemacht. Ich verabscheue diese Sache in solch einem Ausmaß,
daß ich nur schwer an die Existenz von Leuten glauben kann,
die so verrottet und idiotisch sind, sie zu praktizieren.
...,Schwarze Messe' ist eine völlig andere Sache. Selbst wenn
ich sie zelebrieren wollte, ich könnte es nicht, da ich kein
geweihter Priester der christlichen Kirche bin.“

Damit antwortete er all denen, und diese Antwort gilt noch heute, die
ihn beschuldigten, ein ,,schwarzer Magier" zu sein und Teufelsanbetung,
schwarze Messen und perverse Rituale durchzuführen.
Aber diese Verleumdungen sind trotz Crowleys eigener Äußerungen
nicht leicht auszuräumen. Die Gründe dafür liegen in der massiven
Unwissenheit über Magie - eine direkte Folge des historischen
Christentums - welche die falsche Beurteilungsgrundlage schuf, die zu den
bestehenden Vorurteilen führte.
Den meisten Menschen heutzutage ist dieses Netz aus Unwissenheit und
Vorurteilen gar nicht mehr bewußt, da es selbstverständlich und normal
geworden ist. Crowley hinterfragte vom Christentum überlieferte Werte,
welche seit 2000 Jahren als selbstverständlich gelten. Und allein aufgrund
dieser Tatsache wurde er denunziert. Wer der Meinung ist, daß allein das
Hinterfragen dieser Werte ein fluchwürdiges Verbrechen ist, muß ihn
deshalb notgedrungen als ,,den verderbtesten Mann des Jahrhunderts"
bezeichnen. Wer aber bereit ist, darüber nachzudenken, muß die
wissenschaftliche Methode der unvoreingenommenen Untersuchung
anwenden.
Crowleys Gedankengänge wurzeln historisch in Zeiten, die denen der
Christenheit weit vorausgingen. Eine der Aufgaben einer Crowley-
Biographie muß es deshalb sein, die verwendeten Begriffe in ihren
ursprünglichen Inhalten verständlich zu machen und sie von den
Bedeutungen, die sie in ihrer Dekadenz und in der Folgezeit durch die
zielgerichteten Fehlinterpretationen des historischen Christentums
erhielten, zu befreien. Eine Aufgabe, die sicherlich ein eigenes
umfangreiches Werk erfordert und in dieser Biographie nicht vollständig
geleistet werden kann. Wir werden deshalb in den nun folgenden Kapiteln
weniger darauf eingehen, ob Crowley ein schwarzer Magier und
Teufelsanbeter war oder nicht, sondern wir werden sein Gedankengebäude
3
kurz skizzieren und die Begriffe, in den ihnen angemessenen
Zusammenhängen, zu erläutern versuchen.

Der Antichrist

Eines der umstrittensten Bücher des Neuen Testamentes ist die


Offenbarung des heiligen Johannes.
In dieser visionären Schrift steht in 13, 16-18 geschrieben:

,,Alle, groß und klein, reich und arm, frei und unfrei, brachte es
dazu, auf ihrer rechten Hand oder an ihrer Stirn ein Zeichen zu
tragen. Keiner sollte kaufen oder verkaufen dürfen, der nicht das
Zeichen trug: den Namen des Tieres oder den Zahlenwert seines
Namens. Hier braucht es Weisheit. Wer Verstand hat, berechne
den Zahlwert des Tieres; es ist die Zahl für einen Menschen. Die
Zahl ist 666."

Diese Stelle bezieht sich auf den Antichristen und das Tier 666, mit
welchem sich Aleister Crowley identifizierte. An einer anderen Stelle der
Offenbarung wird dieses Tier 666 mit ,,der alten Schlange, die Teufel und
Satan heißt und die die ganze Welt verführt" identifiziert. Von daher ist es
für jeden Rechtgläubigen eindeutig klar, daß Aleister Crowley ein
Teufelsanbeter war. Dieser jedoch fängt schon an dieser Stelle an,
unbequeme Fragen zu stellen.
Was bedeutet der Begriff ,Antichrist'? Was bedeutet ,Teufel' und was
sagte die Offenbarung denn nun eigentlich voraus? Crowley führt an dieser
Stelle in das statische Weltbild des Christentums wieder die Evolution des
Menschen ein. Diese Evolution ist offensichtlich nur möglich, wenn der
starre Kodex des Christentums aufgebrochen wird. Wer diesen
christlichen Kodex zerbricht, ist notgedrungen der Antichrist. Und so wird
der Antichrist bei Crowley zum Propheten des Neuen Äons. Die
Horrorvorstellungen, welche in der Offenbarung über den Antichristen und
sein Reich verkündet werden, erklärt Crowley als logische Folge eines
Unverständnisses für evolutionäre Strukturen, die 2000 Jahre in der Zukunft
liegen. Für einen Menschen, der zur Zeit Christi lebte, kann eine Vision
unserer heutigen modernen Welt nur ein Schreckensbild voller Teufelswerk
sein, da er keine Möglichkeit hat, irgendein Ereignis in den angemessenen
Relationen zu verstehen. Insbesondere mußte für die ersten Christen jede
Vision, die ein Ende des christlichen Reiches implizierte, einen Angriff des
Teufels bedeuten. Und auch diesen Begriff des Teufels lehrte uns Crowley in
einem anderen Licht zu sehen. Aus der Geschichte ist bekannt, daß jede neue
Religion die alten Götter zu Teufeln erklärte, da sie nur so ihren eigenen
Alleinvertretungsanspruch aufrecht erhalten konnte. Aber diese Tatsache
sagt nichts darüber aus, wer oder was der Teufel denn eigentlich ist
beziehungsweise, was dieser Begriff bedeutet.

4
Crowley schreibt in Buch 4 zu diesem Thema:

„Der ,Teufel' existiert nicht. Er ist ein erdichteter Name, von den
schwarzen Brüdern erfunden, um in ihrer unwissenden Wirrnis
von Zerstreuung eine Einheit anzudeuten. Ein Teufel, der die
Einheit besäße, wäre ein Gott.
(Der ,Teufel' ist - historisch aufgefaßt - der Gott eines jeden
Volkes, das man persönlich nicht leiden kann. Das hat zu so
großer Gedankenverwirrung geführt, daß das Tier 666 es
vorgezogen hat, die Namen so stehen zu lassen wie sie sind und
einfach zu verkünden, daß AIWAZ - der Sonnen-phallisch-
hermetische ,,Luzifer", sein eigener heiliger Schutzengel und ,,der
Teufel" SATAN oder HADIT von unserer besonderen Einheit des
Sternenuniversums ist. Diese Schlange SATAN ist nicht der Feind
des Menschen, sondern er, der unsere Rasse zu Göttern gemacht
hat, die Gut und Böse kennen. Er befahl: ,,Erkenne dich selbst!“
und lehrte die Initiation.)“
,,Dieser ,,Teufel" wird Satan oder Shaitan genannt und von
jenen Leuten mit Horror betrachtet, welche seine Formeln nicht
kennen und sich selbst als Böse betrachtend, die Natur selbst
wegen ihrer eigenen phantastischen Verbrechen verfluchen. Satan
ist Saturn, Seth, Abraxas, Adath, Adonis, Attis, Adam, Adonai
etc. Die ernsthafteste Anklage gegen ihn ist nur, daß er die Sonne
im Süden ist. Die alten Initiierten, welche in Ländern wohnten,
deren Blut das Wasser des Nils oder des Euphrat war, verbanden
den Süden mit das Leben verdorrender Hitze und verfluchten
diese Himmelsrichtung, wo die Strahlen der Sonne am tödlichsten
waren. Sogar in der Legende von Hiram (Hiram Abiff, der
höchste Baumeister der maurerischen Tradition d.Ü.) geschieht es
zur Mittagsstunde, daß er niedergestreckt und erschlagen wird.
Capricornus ist darüber hinaus das Zeichen, welches die Sonne
betritt, wenn sie ihre äußerste südliche Deklination zum
Wintersolstitium erreicht, der Jahreszeit des Todes der
Vegetation für das Volk der nördlichen Hemisphäre. Dies gab
ihnen einen zweiten Grund, den Süden zu verfluchen. Ein dritter,
die Tyrannei der heißen, trockenen, giftigen Winde, die Drohung
der Wüsten und Ozeane, fürchterlich, weil mysteriös und
unpassierbar. Auch diese waren in ihren Geistern mit dem
Süden verbunden. Aber für uns, die wir der astronomischen
Tatsachen bewußt sind, ist dieser Antagonismus gegen den Süden
ein dummer Aberglaube, welchen die Zufälligkeiten ihrer lokalen
Umgebung unseren animistischen Vorfahren suggerierten.
Wir sehen keine Feindschaft zwischen rechts und links, oben und
unten und ähnlichen Paaren von Gegensätzen. Diese Antithesen
sind nur als Feststellung einer Beziehung real. Sie sind die

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Konventionen einer willkürlichen Entscheidung zur Darstellung
unserer Ideen in einem pluralistischen Symbolismus, welcher
auf Dualität basiert. ,,Gut" muß in Ausdrücken menschlicher
Ideale und Instinkte definiert sein. ,,Osten" hat keine Bedeutung,
außer in Bezug auf die internen Affären der Erde. Als absolute
Richtung im Raum wechselt es alle 4 Minuten um einen Grad...
Wir haben daher keine Skrupel, die ,,Teufelsanbetung" solcher
Ideen zu restaurieren wie jene, welche die Gesetze des Klanges
und die Phänomene von Sprache und Gehör uns zwingen mit
der Gruppe von ,,Göttern" zu verbinden, deren Namen auf ShT
oder D basieren und die durch den freien Atem A vokalisiert sind.
Denn diese Namen implizieren die Qualitäten von Mut, Freiheit,
Energie, Stolz, Macht und Triumph... So ist ,,der Teufel"
Capricornus, der Bock, welcher auf den höchsten Bergen
springt, die Gottheit, welche, wenn sie im Menschen manifest
wird, ihn zu Aegipan, dem All, macht.“

Crowley restauriert den Teufel zu seinen vorchristlichen


Begriffsinhalten, die sich in Satan, Shaitan oder Seth ausdrücken. Ein anderer
Aspekt, den er hier anspricht, ist der des Gegensatzes. Veränderung ist nur
möglich, wenn Bestehendes zerstört wird. Diese Veränderung mag schnell
oder langsam geschehen. Sie bleibt dennoch immer der Gegenpol zur Statik
oder zum Bestehenden, denn etwas Neues kann nur aus dem Alten
geschaffen werden. Das Alte muß deshalb verändert, d.h. in seine
Bestandteile aufgelöst oder zerstört werden, um das Rohmaterial für das
Neue zu erhalten. Deshalb ist Shiva, der Gott des Todes und der Zerstörung,
auch der Schöpfer. Und hier finden wir auch bei Crowley die Identität von
Satan und Antichrist. Der Zerstörer des Alten Äons ist der Schöpfer des
Neuen.

6
Der Prophet

Die Basis von Aleister Crowleys ,Kult von Thelema' ist das Liber Al vel Legis
oder Buch des Gesetzes. Details darüber, wie Crowley dieses Buch erhielt,
sind an der entsprechenden Stelle dieser Biographie zu finden.
Das Liber Al wurde Crowley zu einem Zeitpunkt - am 8., 9. und 10. April
1904 - übermittelt, der mit einem Wechsel des Equinox, technisch als ein
Equinox der Götter bekannt, übereinstimmt. Der Ausdruck ,Equinox der
Götter' bedeutet, daß die Sonne, deren Einfluß in den vergangenen 2000
Jahren durch die Konstellation Fische bestimmt war, nun durch das als
Aquarius bekannte Sternbild scheint. D.h., daß die Sonne zum Eintritt des
Frühlingsequinox im Tierkreis der Anfang des Tierkreiszeichens Widder in
den vergangenen 2000 Jahren in der Sternkonstellation Pisces stand, jetzt
aber in der Sternkonstellation Aquarius steht und die solaren Strahlen daher
durch den Einfluß von Aquarius, welche Sternkonstellation jetzt hinter dem
Zodiakalzeichen Aries in der Ekliptik der Erde steht, besonders beeinflußt
wird. Dieser Einfluß besteht wiederum für die nächsten 2000 Jahre, wonach
der nächste Wechsel stattfindet.
Mit dem Eintritt des Frühlingsequinox im Jahre 1904 konnte Crowley
daher beanspruchen, daß das Neue Äon, er nannte es das Äon des Horus,
untrennbar mit der Offenbarung des Liber Al, welche er in Kairo zu dieser
Zeit erhielt, verbunden war. Dies wird durch gewisse Passagen des Liber Al
bestätigt. Das vergangene Äon war das des Osiris und das davor das Äon
der Isis.
Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wann das Neue Äon, das
Wassermannzeitalter, tatsächlich begann. Gurdjeff gab z. B. das Jahr 1940
an, eine einfache Umkehrung von 1904, aber alle angegebenen Zahlen liegen
etwa innerhalb von 50 Jahren auf dieser oder jener Seite der
Jahrhundertwende.
Heutzutage erfahren wir, wie Crowley sagt, ,die Todeszuckungen des
Alten und die Geburtswehen des Neuen Äons'. Der typische Kult für das
Äon des Osiris ist die historische Christenheit. Diese Kulte des vergangenen
Äons sind jetzt veraltet. Ihre Rituale sind schwarz und sie selbst falsch. All
diese alten Kulte sind Kulte des ,,sterbenden Gottes" wie Christus, Adonis
usw.
Um Crowleys Kult zu verstehen ist es notwendig, die okkulten
Implikationen der Äonen zu verstehen. Das Äon der Isis kann mit der
vorchristlichen Ära der heidnischen Kulte, in welchem die Menschen eine
Vielzahl von Göttern anbeteten, verglichen werden. Der Mensch nahm sich
erst undeutlich als Individuum wahr. Es war eine Periode von Menschen
und Göttinnen, die matriarchalische Erbfolge herrschte in den primitiven

7
Gesellschaften vor und die Göttin war die Ernährerin. Wie der Name Isis
schon zeigt, ist es das Äon der Muttergöttinnen, der Verehrung des Mondes.
Danach folgte das Äon des Osiris, in welchem hauptsächlich die
judäischen Kulte, von welchen die Christenheit die Endform war,
vorherrschte. Der Mensch nahm sich als Individuum wahr und betete seinen
Gott über das Ritual des Selbstopfers an. Er sühnte seine ,,Sünden" durch das
Vergießen von Blut. Es war die Ära der patriarchalischen Systeme, eine
Periode, in welcher Religion als mystische Erfahrung, die Gott durch seine
Gnade dem Menschen zukommen ließ, verstanden wurde. Dieses Äon war
insofern ein Fortschritt zum vorhergehenden Äon, als das religiöse
Bewußtsein nicht eine Vielheit von Göttern beinhaltete, sondern der Mensch
betete einen Gott an. Es war daher eine Religion der Dualität, der Dualität
von Gott und dem Anbeter, von Subjekt und Objekt.
Das Äon des Horus ist die logische Fortentwicklung. Während Gott
zuerst viele Götter war, dann ein Gott war, wird er jetzt zu Null, Zero, Gott.
Gott wird durch die Abschaffung Gottes und die Etablierung der Einheit
transzendiert. Der Mensch betet Gott nicht länger als externen Faktor wie im
Heidentum oder als internen Zustand des Bewußtsein, wie in der
Christenheit, an, sondern realisiert seine Identität mit Gott. Deshalb, es gibt
keinen Gott, außer dem Menschen.
Die magische Formel und die Lehren des Äons des Osiris sind von Blut
und Agonie gekennzeichnet. Das Christentum hält den Menschen in ewiger
Sklaverei. Die Formel des Neuen Äons umfaßt den magischen Gebrauch von
Samen statt Blut und von Ekstase, die in der Verherrlichung der Materie,
welche als mit dem Geist eins wahrgenommen wird, kulminiert. Der Mensch
kann nicht länger körperlich sterben, um danach im Himmel oder in der
Hölle ewig zu leben, sondern er realisiert, daß er niemals der Körper war,
und indem er dies erkennt, erkennt er auch, daß er niemals geboren wurde
und daher niemals sterben kann, daß der Körper ein reines Spiel des Geistes
ist, welcher ewig wechsellos, dennoch immer neu, dauert. Subjekt und
Objekt werden als eins realisiert. Der Begriff des Todes, wie er von allen
vorhergehenden Kulten verstanden oder eher mißverstanden wurde,
wird endgültig und durch Erfahrung transzendiert und abgeschafft.
Das klassische Beispiel eines Meisters, welcher einen neuen Weg für die
Menschheit eröffnete, ist Jesus Christus. Christus erfüllte für das Äon des
Osiris die gleiche Aufgabe, welche Crowley für das Äon des Horus erfüllte.
Christus machte die religiöse Erleuchtung durch die Doktrin eines
stellvertretenden Sühneopfers, er starb für die Menschen, zu einem für die
Masse realisierbaren Ideal. In diesem Äon betrachtete der Mensch sich als
grundlegend von der Gottheit getrennt und die Lehre war, daß er sich nur
durch Selbstopfer oder Leugnung seiner natürlichen Impulse der Gottheit
nähern könnte. Im Neuen Äon erfährt diese Konzeption einen
fundamentalen Wechsel. Denn diese natürlichen Impulse sind der Schlüssel
zum Verständnis des wahren Willens.

8
Mit dem Begriff des ,,wahren Willens" sind wir bei einem der wichtigsten
Begriffe des Crowleyschen Kultes. Crowley definierte den wahren Willen
und seine Funktion in einem Brief an einen Aspiranten wie folgt:

„Wir denken von dir und von jedem anderen bewußten Ego als
Sterne. Jeder hat seine eigene Laufbahn. Das Gesetz jedes Sterns
ist daher die Gleichung seiner Bewegung. Wenn du alle Kräfte,
welche auf die Bestimmung seiner Richtung wirken,
berücksichtigst, verbleibt ein Vektor und nur ein Vektor, in
welchem er sich bewegen wird. Analog sollte der wahre Wille
jedes Menschen der Ausdruck einer einzigen bestimmten
Wirkungsrichtung, welche durch seine eigenen Charakteristiken
und durch die Summe der Kräfte, welche auf ihn wirken,
bestimmt ist, sein. Wenn ich sage ,tu was du willst' meine ich, daß
du, um intelligent und harmonisch mit dir selbst leben zu können,
entdecken solltest, was dein wahrer Wille ist, indem du die
Resultante all deiner Reaktionen mit allen anderen Individuen
und Umständen kalkulierst, und wenn du dies getan hast, dich
diesem Willen widmest, anstatt dir zu erlauben, durch die
tausend unbedeutenden Launen, welche ständig auftauchen,
gestört zu werden. Denn diese Launen sind partielle Ausdrücke
untergeordneter Faktoren und sollten
kontrolliert und dazu gebraucht werden, den Hauptgrund deines
Lebens zu erhalten, anstatt dich zu hindern und irre zu führen.“

Daraus folgt logisch eine relativistische Ethik, welche Crowley wie folgt
beschreibt:

„Keine Handlung ist in sich selbst gerechtfertigt, sondern


nur in Beziehung zum wahren Willen der Person, welche
beabsichtigt, sie vorzunehmen. Dies ist die Doktrin der Relativität
auf die moralische Sphäre angewandt.“

Tu was du willst heißt also nicht, handle wie es dir gefällt, sondern es ist
die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, d.h. den
Punkt, in dem sein Handeln mit seinem Selbst deckungsgleich ist oder, wie
Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt, die Vereinigung mit dem
heiligen Schutzengel. Der wahre Wille ist eine Bewußtseinsstufe, in der der
Mensch seine Handlungen nicht, wie es gerade kommt, beliebig und ohne
Reflexion aneinanderreiht, sondern es ist die bewußte Handlung eines
ganzheitlichen Menschen.
Das Komplement zu der Formel ,tu was du willst' ist ,Liebe ist das
Gesetz, Liebe unter Willen'. Dieses Prinzip der Liebe ist der zweite Teil
dieser magischen Formel, deren erster Teil der Wille ist. Liebe unter der
Kontrolle des Willens oder bewußte Liebe und das heißt, Liebe ohne

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Unterschiede, Liebe als Vereinigung betrachtet, Liebe als Vereinigung von
Gegensätzen. In erster Linie der Gegensätze von Mann und Frau, Materie
und Geist, Subjekt und Objekt. Der ,Stein der Weisen' ist so ein Prozeß, der
nichts Geringeres als die Unsterblichkeit des Menschen zum Ziel hat, seine
Erkenntnis, daß er der einzige, wahre, höchste Gott ist.

Die Kosmologie des Liber Al vel Legis stellt sich als Personifikation von 3
Elementen dar.

NUIT, die ägyptische Himmelsgöttin, welche den allgegenwärtigen


Raum symbolisiert, die Summe aller Möglichkeiten, die Totalität aller
Ereignisse.
HADIT symbolisiert den Bewußtseinspunkt, der diese Möglichkeiten
erfährt. Hadit ist der Wahrnehmende, Nuit das Wahrgenommene.
RA-HOOR-KHUIT oder HORUS, das Kind, symbolisiert das
objektive Universum. Ra-Hoor-Khuit ist der äußere, manifestierte Teil einer
Zwillingsgottheit, deren innerer unmanifestierter Teil Harpokrates, der
ägyptische Kindgott des Schweigens ist. Harpokrat ist das schweigende,
innere Selbst.

Jedem dieser 3 Götter ist im Liber AI ein Teil zugeordnet.

Die Darstellung von Crowleys Lehren kann hier nur rudimentär


geschehen, da sie ein vollständiges philosophisch-religiös-magisches
System bilden. Der Interessierte sei insbesondere auf die Kommentare zum
Liber AI vel Legis verwiesen. Besonders erwähnenswert ist die
Übereinstimmung der Erkenntnisse der modernen Atomphysik mit der im
Liber Al vel Legis gegebenen Kosmologie, ein Thema, welches zu
umfangreich ist, um es hier zu erörtern, das aber im 2. Band der
Kommentare zum Liber Al vel Legis eingehend behandelt ist.

10
Der Weg durch die Jahrhunderte
Was ist Magie?

Crowley adaptierte die alte englische Aussprache für Magie ,Magick', ,um
die Wissenschaft der ,,Magi" von all ihren Nachahmern zu unterscheiden.' Er
zielte damit auch darauf ab, die besondere Natur der Lehren des Liber Al,
der 11, darzustellen.
K, der letzte Buchstabe von Magick, ist in vielen Alphabeten, auch im
deutschen und hebräischen, der 11. Buchstabe. Er ist Kaf, der Tarotkarte X.,
Glücksrad und dem Jupiter zugeordnet, dessen Vehikel der Adler ist, der für
die magische Kraft in ihrem weiblichen Aspekt symbolisch ist. K ist auch der
1. Buchstabe von Kteis, der Vagina, die im alten Ägypten als Quelle der
magischen Kraft verehrt wurde.
Crowleys ,,Magick" unterscheidet sich wesentlich von dem, was bisher
unter Magie verstanden wurde. Crowley bezeichnete Magick als die Kunst
des Lebens, und er definierte Magick als ,die Wissenschaft und Kunst,
Wechsel in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken'.
Crowley betrachtete Magie nicht nur als die Kunst, Geister zu
beschwören, sondern er zielte auf den ganzen Menschen ab, auf den
Menschen, der all seine Möglichkeiten und Fähigkeiten verwirklicht. Und so
sah er auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen normalen
Handlungen des täglichen Lebens und denen einer magischen Beschwörung.
In Magick beschreibt er zum Beispiel die Herausgabe eines Buches wie
folgt:

„Es ist mein Wille, die Welt über gewisse Tatsachen, die
ich erkannt habe, zu informieren. Ich nehme daher die
,magischen Waffen' Feder, Tinte und Papier. Ich schreibe
,Beschwörungen' - diese Sätze - in der ,magischen
Sprache', d.h. der, welche von den Leuten, welche ich
instruieren möchte, verstanden wird. Ich rufe die ,Geister'
hervor, solche wie Drucker, Publizisten, Buchverkäufer
usw. und zwinge sie, meine Botschaft an jene Leute zu
übertragen. Die Komposition und Vertreibung dieses
Buches ist so ein Akt der Magie, durch welchen ich
Wechsel in Übereinstimmung mit meinem Willen
erzwinge.“

11
Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, daß, wer die eben genannte Art der
Magie nicht beherrscht, kaum fähig sein wird, Magie mit wirklichen Geistern
oder auf anderen Ebenen zu betreiben. Denn diese, unsere materielle Ebene
ist jedem bekannt und vertraut, während alle anderen Ebenen und
Bewußtseinszustände fremd sind und wir wenig über sie wissen. Weiterhin
ist der Verkehr mit anderen, feinstofflicheren Ebenen nur möglich, wenn
man die Grenzen unserer materiellen Ebene überwindet. Aber diese
Grenzen unserer materiellen Ebene können nur von dem überwunden
werden, der diese Ebene beherrscht, denn beherrscht er sie nicht, so
unterliegt er ihren Begrenzungen und ist deshalb unfähig, andere Ebenen zu
erreichen.
Das Crowleysche System der Magick ist kein rosarotes Traumland für
jene, welche mit ihren Problemen nicht fertig werden und zu irgendwelchen
Systemen der Magie, Religion oder Mystik flüchten möchten, um sich ihren
Problemen nicht stellen zu müssen. Crowley fängt konkret bei dem
Menschen, wie er mit all seinen Problemen ist, an, gibt ihm praktische
Übungen wie z.B. die in Liber E beschriebenen und führt ihn dazu, diese
materielle Ebene, sowohl die Umwelt als auch den eigenen Körper und das
eigene Bewußtsein, zu meistern. Denn erst danach ist er bereit, andere
Ebenen oder Bewußtsseinsstufen zu betreten oder zu erlangen.
An diesem Punkt setzt der 2. Teil dieses Systems ein. Um den Verkehr
mit Wesenheiten anderer Ebenen herbeizuführen, um Beschwörungen oder
Anrufungen durchzuführen, Talismane zu laden oder Astralreisen zu
unternehmen, arbeitete Crowley mit wissenschaftlicher Genauigkeit
unfehlbare Methoden aus. In seinem Liber 777 findet man in einer endlosen
Reihe von Tabellen genaue Angaben über Zubehör, Bewußtseinszustände,
Tätigkeiten, Götter, Geister der einzelnen Ebenen usw., um diese zu
erlangen. Die geistigen Fähigkeiten das zu
tun, werden nach genauen Vorschriften, wie sie z.B. im Liber 0 enthalten
sind, vermittelt und danach abgeprüft. Jeder Strebende muß z.B. eine
Prüfung im Beschwören eines Geistes ablegen, bei der er den Geist
mindestens bis zur Konsistenz dichter Dämpfe materialisieren muß. Die
Fähigkeit zu Astralreisen wird dadurch geprüft, daß der Kandidat ein ihm
unbekanntes Symbol erhält, welches er nach der gelernten Technik als Tür
benutzt, um in diese Ebene einzutreten. Nachdem er zurückgekommen
ist, muß er einen genauen Bericht anfertigen über seine Erlebnisse und
anhand dieses Berichtes kann genau geprüft werden, ob der Kandidat
wirklich in der Ebene war, wo er hin wollte. Die Entscheidung ist hier
genauso einfach als würde man jemand zum Nordpol schicken und ihn
darüber einen Bericht anfertigen lassen. Wenn der Bericht genau genug ist,
kann mit großer Sicherheit entschieden werden, ob er tatsächlich am
Nordpol war.
Was Crowley unter Magick verstand, zeigt sich sehr klar in dem Motto,
welches auf der Titelseite der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ,,The
Equinox" aufgedruckt war: ,Die Methode Wissenschaft, das Ziel Religion'.

12
Die Quellen des Nil

Crowley identifizierte, wie wir im Kapitel ,,der Antichrist" gesehen haben,


seinen heiligen Schutzengel mit Satan oder Shaitan. Er schreibt:

„Aiwaz ist nicht nur eine Formel, wie viele Engelsnamen, sondern
es ist der wahre älteste Name des Gottes der Yezidi und er kehrt
so zum höchsten Altertum zurück. Unsere Arbeit ist daher
historisch authentisch, die Wiederentdeckung der sumerischen
Tradition.“

Diese Überlegung wird bei der Beschäftigung mit Crowleys System nicht
sofort verständlich, denn es enthält offensichtlich überwiegend Inhalte,
welche sich auf die alte ägyptische Tradition gründen. Auch die Stele der
Offenbarung stammt aus der 25. Dynastie des alten Ägypten.
Dennoch sind diese historischen Bezüge für das Verständnis Crowleys
von äußerster Wichtigkeit. Kenneth Grant hat in seinen Werken genaue
Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen der ägyptischen,
tantrischen, afrikanischen und sumerischen Mythologie angestellt. An
diesem Ort wollen wir uns nur der wichtigsten Interpretation kurz
zuwenden.
In der ägyptischen Mythologie ist Seth die Parallele zu dem, was bei den
Yezidi Shaitan ist. Da sich Crowleys Kult offensichtlich aus der ägyptischen
Mythologie herleitet, ist der Hinweis zum einen auf Seth gerichtet, zum
anderen aber auf eine ursprünglichere Tradition von Seth oder Typhon, als
sie in der ägyptischen Mythologie gefunden wird, und das ist der Shaitan
der Yezidi oder früher der Sumerer. Seth erscheint im Liber Al unter dem
Namen Had oder Hadit, der chaldäischen Form von Seth, welche sich
wiederum von älteren afrikanischen Quellen, den Gottheiten Od oder Ad,
Gottheiten wie Odudua und Ol-i-orun oder Oludumare, Namen, welche
direkt an die henochische Sprache erinnern, ableitet. Im Liber Samekh,
Crowleys Anrufung an den heiligen Schutzengel, ist eine Stelle zu finden,
die zu zeigen scheint, daß auch Crowley diese Zusammenhänge sah. Einer
der barbarischen Namen lautet Ar-O-Go-Go. Crowley übersetzt diese Stelle
mit ,du spirituelle Sonne! Satan...' und in der vorher erwähnten Reihe
afrikanischer oder Voodoo-Gottheiten gibt es einen namens Oga-ogo. Diese
Gottheiten gehen bis in matriarchalische Zeiten zurück, welche sich in
Crowleys Kult in der scharlachroten Frau, welcher alle Macht gegeben ist,
widerspiegeln. In einigen der älteren ägyptischen Mythen erscheint Seth
auch als Sohn von Nuit oder Isis, der ohne männliche Mithilfe gezeugt

13
wurde. Diese Mythen haben ihr besser bekanntes Gegenstück in den
griechischen, in welcher Uranos, der Sohn von Gaia ist, welche ihn ohne
männliche Einwirkung zeugte. In diesen Rückgriffen auf das
matriarchalische Zeitalter ist einer der Gründe darin zu finden, warum
Crowley an solch uralte Mythologien anknüpfte. Die Frau spielt im Kult von
Thelema eine zentrale Rolle und ihre Befreiung aus den Fesseln der
christlichen Sklaverei ist eine Bedingung des Neuen Äons. Eine
Voraussetzung für die Befreiung des Menschen ist eine matriarchalische
Sozialstruktur, welche ein Gegengewicht zum herrschenden Patriarchat
bilden könnte, und diese ist nur in den urältesten Zeiten zu finden. Soziale
Umstrukturierungen geschehen nicht aus dem Kopf heraus und deshalb
knüpft Crowley an archetypische Bereiche des Psychischen an, welche sich
in diesen vorzeitlichen Mythen ausdrücken.

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Von Baphomet zu Baphomet

Die älteste und für die Kirche gefährlichste Ketzerei der ersten
Jahrhunderte nach Christi war die Gnosis. Sie vertrat im Wesentlichen
diejenigen ,,heidnischen" Glaubensinhalte, welche sich aus den vorher
erwähnten vorzeitlichen Mythen ableiteten und sich heute im thelemitischen
Kult fortsetzen. Nachdem die frühchristliche Kirche diese ,,Ketzer" mit
,,Feuer und Schwert" ausgerottet hatte, lebte die Gnosis im Geheimen in der
feindseligen Umwelt eines unwissenden Zeitalters weiter.
Die neuere Geschichte, welche in der Folge zu Aleister Crowley führte,
begann mit dem Templer- oder Tempelherrenorden, besser bekannt unter
dem Namen Tempelritter, der, wie Crowley schrieb ,,die Renaissance
durch Vereinigung der Mysterien des Ostens und des Westens vorbereitete".
Die Templer wurden u.a. bezichtigt, Baphomet unter dem Bild eines
gehörnten ziegenköpfigen Teufels zu verehren. Crowley nahm als
Oberhaupt des Ordo Templi Orientis den Ordensnamen Baphomet an. Der
letzte Großmeister des Templerordens war Jakob Bernhard von Molay,
welcher am 13.10.1307 zusammen mit allen anderen in Frankreich
lebenden Rittern des Ordens verhaftet, vor ein gedungenes Gericht gestellt
und nach jahrelangen Leiden im Kerker und grausamsten Folterungen am
18.3.1313 in Paris lebendig verbrannt wurde. Dies war eine der typischen
Begegnungen zwischen der christlichen Kirche und der Gnosis.
In der Nachfolge tauchten im 18. Jahrhundert die Illuminaten auf. Ihr
Führer Jean Adam Weishaupt gründete den Orden am 1.5.1776. Das Symbol
des Illuminatenordens war der Punkt im Kreis, ein Symbol, welches bei
Crowley wiedererscheint. Auch die Ausdrücke, in denen Weishaupt die
grundlegenden Prinzipien des Ordens formulierte, sind denen, welche
Crowley im Liber Oz gebraucht, sehr ähnlich.
Zwischen den damaligen Illuminaten und den heutigen Thelemiten
bestehen sehr viele Ähnlichkeiten.
Im Illuminatenorden gab es ein ,,verlorenes Wort", das Wort ,,Mensch".
Das Wiederfinden dieses Wortes geschieht dadurch, daß der Mensch sich
selbst wiederfindet, d.h. daß die Erlösung der Menschheit nur vom
Menschen bewirkt werden kann und daraus folgt, daß der Mensch sich
selbst beherrschen und sich von den Fesseln fremder Kräfte und Einflüsse
befreien soll. Er soll ein König in seinem eigenen Recht kraft seiner
ursprünglichen Erbschaft werden. Diese Idee ist in Crowleys System auch
enthalten. Eins seiner Leitwörter ist Thelema (griechisch Wille) und ein
Thelemit ist einer, der seinen ,,wahren Willen" im Gegensatz zu
eingebildeten Wünschen tut. Der wesentliche Unterschied liegt wohl
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darin, daß die Illuminaten die fremden Kräfte und Einflüsse mehr außerhalb
ihrer Selbst sahen während das Liber AI vel Legis klar stellt, daß jeder sich
sein eigenes Gefängnis schafft, daß die Schranken und Begrenzungen mehr
psychischer als physischer Art sind.
Weishaupt gründete die Illuminaten - wie später Blavatsky die
Theosophische Gesellschaft - mit dem Hauptziel, die unheilvollen
Wirkungen des historischen Christentums zu zerstören. Der Orden wurde
1786 verboten und Weishaupt und sein innerer Zirkel von Adepten
arbeiteten im Geheimen unter dem Schleier der Freimaurerei weiter.
Die nächste Stufe in der Entwicklung fand 1880 statt, als der Orden in
Dresden von Leopold Engel wiederbelebt wurde. Mit dieser Neugründung
waren auch Rudolf Steiner und Franz Hartmann verbunden. 1895 wurde
Engels Bruderschaft des Lichtes, die bis dahin sehr locker organisiert war,
von Karl Kellner weitergeführt und in 10 Einweihungsgrade unterteilt. Der
Österreicher Kellner enthüllte den wahren Namen der Bruderschaft als Ordo
Templi Orientis, den Orden des Tempels des Ostens. Osten ist die Richtung
des Sonnenaufgangs, die Quelle der Erleuchtung. Die Initialen O.T.O. deuten
für Eingeweihte durch ihre Form die sexualmagischen Lehren des Ordens
an. Sie symbolisieren die solar-phallische Energie des Tieres 666, welches
später durch Crowley verkörpert wurde.
Im Jahre 1886 wurde in England der hermetische Orden Golden Dawn
(Goldene Morgendämmerung) gegründet, in welchem Crowley später seine
ersten magischen Erfahrungen sammelte. Damit war das Szenario für das
Auftreten Aleister Crowleys vorbereitet.

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Das lange Leben des Phönix
Der unsterbliche Crowley
Phönix war Crowleys geheimer Name im O.T.O. Diesen Namen nahm er
aber nicht offiziell an, weil die Ereignisse den Phönix, magisch gesprochen,
noch nicht zur Geburt gebracht hatten.
Der Phönix ist der Vogel der Wiedergeburt, im alten Ägypten der
Bennu-Vogel. Die Sage wird im Wesentlichen von Herodot in seinen
Aufzeichnungen über seinen Besuch in Ägypten wiedergegeben. Der Phönix
ist der Vogel, der verbrennt und sich sodann aus seiner eigenen Asche zu
neuem Leben erhebt. Die Beziehung zu Crowleys Interpretation der Formel
des Antichristen ist offensichtlich. Aber der Phönix ist außerdem durch seine
Eigenschaft, sich aus seiner Asche zu neuem Leben zu erheben, auch der
Vogel, der die Reinkarnation, also das erneute Menschwerden nach dem
Tode, verkörpert. Diese Reinkarnationstheorie beruht im Wesentlichen
darauf, daß der Mensch sich solange wiederverkörpern muß, bis er eine
bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, die es ihm erlaubt, sein weiteres
Leben auf höheren Ebenen zu führen.
Crowleys früheste bekannte Inkarnation ist die als Ankh-af-na-Khonsu
(Leben des Mondes), einem ägyptischen Priester der 25. Dynastie, ca. 600
vor Christi. In seiner letzten Inkarnation vor seiner Wiedergeburt als
Aleister Crowley war er Eliphas Levi. Dazwischen liegen diverse Leben in
sehr unterschiedlichen Ländern und Lebensumständen. Die wichtigsten sind
Kho Hsuan, Heinrich van Dorn, Pater Ivan, Astarte, Papst Alexander VI,
Edward Kelly und Cagliostro.
Neben diesen Inkarnationen führte er eine kontinuierliche Existenz als
einer der verborgenen Meister auf einer der höheren Ebenen. Davon
berichtet er u.a. in einer Beschreibung einer Versammlung der Meister, kurz
vor der Zeit Mohammeds. Der Treffpunkt war irgendwo in einer wilden
Bergeinsamkeit Europas und die Frage, um die es ging, war zu der Zeit dem
Beginn der dunklen Zeitalter, dem Beginn des Mittelalters, wie der
Menschheit bei ihrem weiteren Weg zu helfen ist. Er schrieb:

„Eine kleine Minderheit einschließlich mir selbst war für positive


Handlung. Bestimmte Züge waren auszuführen. Im Besonderen
hatten die Mysterien enthüllt zu werden. Die Mehrheit, speziell
die asiatischen Meister, weigerten sich, diese Anregung auch nur
zu diskutieren. Sie hielten sich bei der Abstimmung
geringschätzig zurück, als wenn sie sagen wollten ,,laß die
Burschen ihre Lektion lernen". Meine Partei trug daher den Sieg
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davon und verschiedene Meister wurden angewiesen
unterschiedliche Abenteuer zu unternehmen".

Crowleys Aufgabe war es, die orientalische Weisheit nach Europa zu


bringen und das Heidentum in reinerer Form wiederherzustellen. Eine
Aufgabe, welche er in seinem letzten Leben sicherlich intensiv betrieben hat
und in seinem Leben als Eliphas Levi kann möglicherweise eine subtilere
Art der Vorbereitung gesehen werden.
Die meisten Informationen über Crowleys vergangene Leben haben wir
durch seine Erfahrungen auf Oesopus Island, wo er sich in einer Serie von
Trancen verschiedener seiner vorhergehenden Leben erinnerte.
Von Papst Alexander VI ist es historisch bekannt, daß er einen recht
üblen Ruf genoß. Crowley schreibt, daß er in dieser Inkarnation in seiner
Aufgabe ,,die Renaissance zu krönen" dadurch versagte, daß er in seinem
persönlichen Charakter noch nicht vollständig gereinigt war.
Kho Hsuan war eine chinesische Inkarnation, ein Schüler von Laotse und
der Autor des Khing Kang King, welches Crowley in Reime faßte.
Eliphas Levi und Graf Cagliostro sind bekannt genug als daß hier
näheres über sie gesagt werden müßte. Vor Cagliostro lebte Crowley ein
kurzes Leben als Melancholiker, welcher sich im Alter von 26 oder 28
Jahren erhängte. Zweifellos hatte er in diesem Leben die Folgen eines
magischen Fehlers zu tragen. Heinrich van Dorn führte nach Crowleys
Aussage ein ziemlich nutzloses und sehr schwarzmagisches Leben, welches
von Pakten mit dem Satan und unwürdigen Verbrechen bestimmt war. Vater
Ivan war ein russischer Mönch, magisch gesehen etwa im Range eines
Adeptus Major, der intensiv in alle möglichen Skandale und politischen
Intrigen verwickelt war. Edward Kelly ist das bekannte Medium von Doktor
John Dee. Über beide ist in anderen Werken genug Information zu finden.
Eine andere interessante Inkarnation Crowleys war die einer Tempelhure,
welche sich in einen Priester verliebte, mit diesem entfloh und sodann ein
unrühmliches Ende nahm.
Es kann angenommen werden, daß insbesondere die letzten
Inkarnationen als Sir Edward Kelly, Cagliostro und Eliphas Levi Aleister
Crowley auf seine Rolle als Logos des Neuen Äons gut vorbereiteten.

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Die Wiedergeburt des Phönix
Edward Alexander Crowley erblickte am zwölften Oktober 1875 in
Leamington Spa, Warwickshire, das Licht der Welt. Aleister nannte er sich
erst mit zwanzig Jahren, als er sich einen Schriftstellernamen suchte und ihm
seiner zu holprig erschien. Sein Vater Edward und seine Mutter Emily
Bertha gehörten den Plymouth-Brüdern an, einer christlichen irischen Sekte,
die um 1830 gegründet worden war. Edward Crowley, der ursprünglich als
Brauer sein Geld verdiente, zog als Wanderprediger umher, die ,,Einzige
Lehre der Brüder" verkündend. Bereits im Alter von vier Jahren nahm
Crowley an Bibellesungen teil, lernte dabei von der Natur der Sünde, dem
herannahenden Ende der Welt und von der Erlösung durch die Plymouth-
Brüder. In der frühesten Jugend identifizierte sich Crowley noch mit diesen
Lehren, bald jedoch war er mehr von der Offenbarung des Hl. Johannes
fasziniert.
Ihn interessierten besonders das Tier 666 und die scharlachrote Frau, und
als Revolution gegen die Eltern favorisierte er so die Gegenspieler des
Himmels. Crowleys Mutter Emily Bertha, die ständig versuchte ,ihn zu
einem religiösen Tugendbold zu erziehen, erntete nur noch Spott. Sie nannte
ihn in der Folge daher ,das Tier', den Antichristen symbolisierend. Aber statt
Crowley damit abzuschrecken, freute sich dieser und identifizierte sich
sogleich damit. Ohnehin hielt er nicht sehr viel von seiner Mutter:

„Eine hirnlose Frömmlerin vom höchst engstirnigen,


logistischen und unmenschlichen Typ.“

Sein Verhältnis zu ihr schwankte zwischen Haß, Zurückweisung und


Lobpreisung.
Als Crowley elf Jahre alt war, im Jahre 1886, starb sein Vater an
Zungenkrebs. Für ihn empfand er wenig Liebe, sondern nur Respekt.
Sein erster Schulbesuch fand auf einer Schule der Plymouth-Brüder statt,
die er jedoch wegen des Verdachtes, einen Jungen ,verdorben' zu haben,
verlassen mußte. Er wechselte über nach Malvern und von da nach
Tonbridge, beides Schulen, die er haßte, und ihn seiner Meinung nach
,krank' machten. Er hatte lange Zeit Privatunterricht bei einem Tutor, was
Crowley wesentlich mehr zusagte, zumal dieser ihn auch in der Kunst des
Billards, Kartenspiels und des Umgangs mit Frauen unterrichtete.
Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte er vierzehnjährig mit
einem neuen Dienstmädchen auf dem Bette der Mutter. Er beschuldigte sie
darauf der Arglist und des Versuches der Erpressung, worauf sie natürlich
ihren Job verlor. Crowley deutete vage in seinen ,Confessions' an, daß sein

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,erster Akt der Unzucht' mit einem Mädchen vom Lande unter freiem
Himmel gewesen sei, führte es aber nicht näher aus.
1895, mittlerweile zwanzig Jahre alt, wurde Crowley im Trinity Collage
in Cambridge aufgenommen. Sein Abschlußexamen wollte er ursprünglich
in Ethik ablegen, verbrachte dann aber doch die meiste Zeit damit, zu lesen
und Poesie zu schreiben. Seinen ursprünglichen Plan, ein Diplomatendasein
zu führen, war bald schon vergessen.
Ein Jahr später entdeckte Crowley seine magischen Fähigkeiten, ihm
wurde bewußt, daß die Kontrolle über die Realität durch magisches Denken
erlernt werden kann. Zu dieser Zeit las er viele Bücher über Magie, Alchimie
und Mystik. 1898 folgte die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes
,Aceldama' unter dem Pseudonym ,ein Gentleman von der Universität von
Cambridge'. Es enthielt satanische Ideen, nicht unähnlich denen
Baudelaires. Für sein Studium gearbeitet hatte er in dieser Zeit wenig, aber
er entdeckte, daß er ein Adept in den geheimen Künsten werden wollte, ein
Magier. Er fand den zentralen Begriff, der ihn ein Leben lang beschäftigen
sollte und zum Leitsatz der thelemitischen Lehre werden sollte:
Der wahre Wille.

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Ich werde durchhalten -
denn am Ende gab es nichts
durchzuhalten

Er verließ Cambridge und reiste in die Schweiz nach Zermatt, wo er die


,Kabbalah Denudata' von Knorr von Rosenroth studierte. Dort machte er die
Bekanntschaft von Julian Baker, Frater C.S. (Causa scientiae, um der
Wissenschaft willen). Baker war ein bekannter Alchimist und war
Crowleys erster Lehrer. Crowley, der auf der Suche nach einem Meister war,
diskutierte viel mit Baker, und als dieser von seiner Ernsthaftigkeit
überzeugt war, stellte er ihn George Cecil Jones vor, einem Mitglied des
Golden Dawn. Jones brachte Crowley in Kontakt mit Samuel Liddell
Mathers, dem Oberhaupt des Ordens. Mathers hatte jahrelang in den
Museen von Paris und London alte Manuskripte studiert und restaurierte
aus sehr alten Schriften den ,Key of Solomon', dessen Übersetzung 1889
veröffentlicht wurde.
Der hermetische Orden der Goldenen Dämmerung war zu der Zeit mehr
ein Club, wo man Freunde treffen konnte. Der Ursprung des Ordens ist nicht
genau geklärt. Man sagt, die Gründung ginge auf Reverend Alphonsus
Woodford, einen Freimaurer-Schriftsteller, zurück. Dieser war in den Besitz
eines handgeschriebenen, chiffrierten Manuskriptes gelangt, welches er von
seinem Freund Dr. William Wynn Westcott, einem prominenten Freimaurer,
dechiffrieren ließ. Es wurden fragmentarische magische Rituale der
Alchimisten des 16ten Jahrhunderts enthüllt, mit einer Anmerkung, mehr
Informationen könnten von Fräulein Anna Sprengel aus Nürnberg erhalten
werden. Westcott war neugierig und nahm mit ihr Kontakt auf. Fräulein
Sprengel war das Oberhaupt eines Rosenkreuzertempels und erteilte
Westcott nach längerer Kommunikation eine Charta mit der Berechtigung,
einen ähnlichen Orden zu gründen. So wurde der Isis-Urania-Tempel der
hermetischen Studenten der Goldenen Dämmerung im Herbst 1887
gegründet, mit Westcott, Mathers und Dr. William Robert Woodman als
Führer.
Als Anna Sprengel 1891 verstarb, weigerten sich die Chefs der deutschen
Logen, weitere Informationen zu geben, mit dem Hinweis, daß die drei
neuen Führer in England ausreichend Wissen besäßen, um selbst an weitere
Informationen zu gelangen. Dies hieß, sie mußten ihre eigene Verbindung
mit den geheimen Chefs herstellen. Diese waren auch als die ,verborgenen

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Meister' bekannt und saßen im Zentrum der Doktrin. Wer sie waren, ist
allerdings nie enthüllt worden.
Der Orden der Goldenen Dämmerung arbeitete mit einem streng
durchstrukturierten Gradsystem. Die verschiedenen Grade wurden
verliehen, nachdem der Kandidat, in einer Reihe von Wissenslektionen und
verschiedenen Ritualen geprüft, durch ein auf den jeweiligen Grad
abgestimmtes Initiationsritual gegangen war.
Die Grade entsprachen den Sephiroth am Baum des Lebens, der Neophyt 0°
=0 und der Zelator 1° =10
entsprachen Malkuth und dem Element Erde, der Theoricus 2° = 9 Yesod
und dem Element Luft, der Practicus 3° =8 Hod und dem Element Wasser,
der Philosophus 4° =7 Netzach und dem Element Feuer.
Diese Grade umfaßten den ersten, äußeren Orden, dessen Mitglieder zwar
eine Anhäufung von Wissen, nicht aber Verständnis von ihren Graden
besaßen.
Die Wissenslektionen bestanden aus einer Reihe von einführenden
Lektionen über Kabbalah, Tarot, Alchimie und Astrologie, die Crowleys
Meinung nach nur ein wirres Durcheinander im Kopfe erzeugten. Woran es
mangelte, war die Vermittlung des inneren Zusammenhangs zwischen
den verschiedenen Wissensbereichen und deren Anwendung.
In den Initiationsritualen durchschritten die Kandidaten symbolisch
die den Sephiroth entsprechenden Pfade, der Tempel war jeweils wie die
entsprechende Sephirah eingerichtet. Der Kandidat wurde von
verschiedenen Offizieren, die höheren Graden entsprachen, initiiert, indem
ihm die Mysterien des Grades geoffenbart wurden. Dies geschah jedoch auf
eine sehr unzusammenhängende und hochsymbolische Weise, so daß das
innere Verständnis für das, was passierte, fehlte. So war es für die
Kandidaten nach Crowley nicht möglich, dieses neue Wissen zu
integrieren:

„Die Rituale waren, obschon scholastisch genug, zu einem


wortreichen und anmaßenden Unsinn ausgearbeitet: Das Wissen
erwies sich als wertlos, sogar wenn es richtig war: Denn es ist
nutzlos, daß Perlen, seien sie auch noch so klar und wertvoll, den
Säuen vorgeworfen werden... In Kürze, der Orden versagte zu
initiieren.“

Crowleys erste Begegnung mit den Mitgliedern des äußeren Ordens war
darum für ihn sehr enttäuschend da seine Erwartungen höher waren.
Trotzdem akzeptierte er im November 1898 alle Bedingungen und wurde als
Frater Perdurabo (Ich werde durchhalten) Neophyt des hermetischen
Ordens der Goldenen Dämmerung.
Das Neophytenritual, neben dem des Adeptus Minor das wichtigste, war
das einzige, welches Crowley für sich selbst akzeptierte, da es einen

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wichtigen Einfluß auf seine spirituelle Entwicklung hatte und zu ziemlich
außergewöhnlichen Visionen führte.
Im Dezember des selben Jahres nahm er den Zelatorgrad an, den des
Theoricus und Practicus zwei Monate später. Nach der obligatorischen
Wartezeit von drei Monaten wurde er Philosophus, gelangte somit an die
Schwelle des Wissens und der Konversation mit dem Heiligen Schutzengel.
Der Philosophus hatte hierzu die fünf Prüfungen symbolisch für die fünf
Elemente und die fünf Pfade, die vom ersten Orden zum zweiten führen, zu
bestehen und benötigte weiters eine Verfügung von den Chefs des zweiten
Ordens. Auch die anderen Gradwechsel waren von lnitiationsritualen
begleitet, von deren Wichtigkeit Crowley jedoch nicht so recht überzeugt
war. Er schrieb hierzu:
,Sogar für den Gelegenheitsstudenten muß es augenscheinlich
sein, hat er einmal diese Rituale zu Ende gelesen, daß, obwohl sie
viel wissenschaftliches und gelehrtes enthalten, außerdem sehr
viel, das essentiell und wahr ist, sie jedoch aufgeblasen und
geschwollen mit viel Unsinn und Pedanterie sind, affektiert und
falsch am Platz, in etwa so, daß eine eigensinnige Obskurität
die Stelle von einleuchtender Einfachheit einnimmt, der
Pilger, unwissend wie er in den meisten Fällen sein wird, wird
spontan in ein wogendes Mühlgerinne von klassischen
Gottheiten und Helden hineingestoßen, von denen viele sich
ungestüm ohne Reim und Metrum auf ihn stürzen. Sozusagen in
eine Gerichtshalle hineingeworfen, in welchem das Gesetz,
welches ihm dargelegt wird, ihm nicht gänzlich unbekannt ist,
aber in einer Sprache geschrieben ist, die er nicht einmal lesen
kann, wird er in einer fremden Sprache ins Kreuzverhör
genommen und in Worten gerichtet, welche zu dem jeweiligen
Zeitpunkt nicht ein Funken von Sinn für ihn ergeben.
Wie die Rituale fortschreiten, könnte man erwarten, daß diese
Schwierigkeiten sich gradweise verringern würden, aber dies ist
nicht im mindesten der Fall; denn, wie wir gesehen haben,
werden die Komplexitäten, die schon bereits bei der Einführung
der altägyptischen Gottheiten beinhaltet waren, für den, der
wahrscheinlich nur ein Kandidat mit wenig Wissen ist, noch
weiter ausgedehnt durch eine allgemeine Aufdringlichkeit des
Teiles von hebräischen, christlichen, macedonischen und
phrygischen Göttern, Engeln und Dämonen, und einer
reichhaltigen Verwirrung von Symbolen, welche vereinigt
entweder geeignet sind, den Kandidaten irre zu machen, so daß
er den Tempel mit einem Eindruck verläßt, daß das ganze Ritual
ein großer Witz ist, eine Art possenreißerischer Karneval der
Götter, welche im geistig gesunden nur Gelächter hervorrufen
kann; oder daß als Folge der völligen Unverständlichkeit sein
Unwissen ihn fühlen macht, daß dies soweit jenseits und über

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seinem einfachen Standard des Wissens liegt, daß alles, was er
tun kann, sich vor jenen zu beugen ist, die eine solch erhöhte
Sprache besitzen, sogar was die Worte und das Alphabet
anbetrifft, von dem er ohnehin kein Maß besitzt.
Das Resultat dieser Dunkelheit ist natürlich in beiden Fällen, daß
die Rituale versagen zu initiieren; im ersten Fall werden sie gar
nicht verstanden, verhöhnt; im zweiten, obschon gleichermaßen
unverständlich, werden sie jedoch verehrt. Es gibt Zeit und Ort
für alles, und es gibt eine richtige Verwendung für die Vorliebe
von Wissen, so wie es auch eine falsche gibt. Wenn ein Kind die
einfachen Regeln von Addition, Subtraktion, Multiplikation
und Division gelernt hat; dann ist angemessen, es zu bitten, ein
einfaches kleines Problem zu lösen; aber es ist völlige
Zeitverschwendung es zu fragen: 'Wenn 24 Sprotten einen
Shilling kosten, und 1 Sprotte ein Mal für zwei Kinder ergibt,
wieviele Kinder kannst du für zwei Pence und einen half Penny
ernähren?' Denn es weiß nur, daß eins und eins zwei ergibt. Die
Vorliebe für Wissen und das Anhäufen von Symbolen ist nur
angemessen für den Unwissenden, wenn der Zweck ist, ihn
durch ein blitzendes Bild irre zu machen und nicht zu
instruieren. In diesem Fall wird der Suchende nach der Wahrheit
das Kind der Erde und der Dunkelheit genannt, und statt daß
man ihm den schönen Kranz des Lichtes zeigt, den er eines Tages
tragen wird, wird er sofort in einen Haufen von flitterhaften
Faltenwürfen gerollt, in eine Mumie von Einfaltungen,
ausgewachsenen Togas und abgelegten Unterkleidungen von
Olympus und Sinai, mit dem Resultat (es sei denn, sein
Verständnis ist so klar wie diese Rituale dunkel sind), daß alles
was er erhält, ein theatralischer Eindruck von Aufmachung und
Glaubenmachen ist. Die Worte besitzen ihn; er kann nicht sehen,
daß Typhon genauso notwendig in dem ägyptischen System
ist wie Osiris; im christlichen, daß Satan nur der
Zwillingsbruder von Christus ist. Glücklicherweise war das
Ergebnis im Falle von Perdurabo etwas anders; bereits Meister
einer riesigen Lagerhalle von Wissen und von Gelerntem war es
weniger wahrscheinlich, daß er ,meine Güte!' ausrufen würde bei
der Zurschaustellung ägyptischen Feuerwerkes wie viele andere.
Jedes Ritual, sei es ein Brief, ein Wort, ein Satz, sollte eine
Lektion enthalten, klar und präzise, es sollte ein so klares und
leuchtendes Bild hinterlassen, daß der bloße Gedanke daran
sofort die Kraft heraufbeschwören wird, die in seinen einfachen
aber leuchtenden Symbolen enthalten sind. In dem
Neophytenritual ist dieses wesentlich klarer ausgeführt als in den
folgenden vier. Der Kandidat, der werdende Neophyt, wird zum
Portal des ersten Grades geführt, des Neophytengrades, und ihm

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wird für einen Moment eine blitzende Vision von Adonai
geoffenbart, als wäre es eine Zunge von einer blendenden
Flamme aus den Tiefen der Dunkelheit, um ihm zu zeigen, daß
es ein Licht gibt sogar in jener schrecklichen Nacht, durch welche
er reisen muß. Er lernt, daß obwohl Adonai in Kether ist, Kether
auch in Malkuth ist; aber die Rituale, die dem Neophytenritual
folgen, abgesehen von dem des Portals, die mehr aus Symbolen
und ihren Erklärungen bestehen als aus Ritualen und
Zeremoniellen, sind mehr geeignet, zu Besessenheit zu führen, als
zu erleuchten.“

Die eigentliche magische Arbeit wurde jedoch erst im zweiten, im


Rosenkreuzerorden, verrichtet. Dieser bestand in der Anfangsphase des
Ordens noch nicht, da er erst durch den Kontakt zu den geheimen Chefs
errichtet werden konnte. Er umfaßte die Grade des Adeptus Minor 5° =6 ,
Adeptus Major 6° =5 und Adeptus Exemptus 7° = 4 , welchen letzteren
Mathers inne hatte. Mathers hatte diesen Kontakt zu dreien der geheimen
Chefs erst 1891 in Bois de Boulogne durch die Hilfe einer hellseherischen
Frau erhalten. Diese hatten ihm das Amt der höchsten und einzigen
Autorität als äußeres Oberhaupt des Ordens verliehen.
Crowley und Mathers ähnelten sich sowohl äußerlich als auch in der
Suche nach der verborgenen Wahrheit. Für Crowley war Mathers der Magier
schlechthin, und er verehrte ihn in der Anfangszeit sehr, was sich allerdings
später noch ändern sollte.
Als Philosophus begann Crowley sodann mit der Magie des Abramelin
zu arbeiten, wofür Zurückgezogenheit erforderlich war. Da er ohnehin von
seinen Eltern weg wollte, stellte dies für Crowley kein großes Problem dar.
Er mietete sich eine Wohnung in Cancery Lane, um ungestört arbeiten zu
können. Zwei der Zimmer richtete er sich als Tempel ein, eines für
Operationen mit Dämonen und das andere für Arbeiten mit anderen
Kräften.
Bei einer der Zeremonien im Isis-Urania-Tempel lernte er Allen Bennett,
Frater Iehi Aour (laß da Licht sein) kennen, der bereits über große magische
Kraft verfügte. Als Crowley bei einem Besuch bei Bennett über dessen
äußere Verhältnisse schockiert war, bot er ihm an, er könnte bei ihm
einziehen, aber unter der Voraussetzung, er solle Perdurabos Lehrer werden.
Iehi Aour akzeptierte, und so hatte Crowley seinen lang ersehnten
Meister gefunden. Zusammen praktizierten sie die magischen Rituale des
Ordens der Goldenen Dämmerung und experimentierten mit
verschiedenen Drogen wie Opium, Kokain und Haschisch. Die Gefahr,
süchtig zu werden, war die geringere, dafür kam es aber zu magischen
Unfällen.
Als die beiden eines Abends von einem Abendessen zurückkehrten, war
der Tempel verwüstet, der Altar umgeworfen, und die Möbel lagen verstreut
umher. Crowley schrieb:

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„Und dann begann der Spaß. Die Teufel stampften die ganze
Nacht um die große Bibliothek herum, eine endlose Prozession;
316 von ihnen wurden gezählt, beschrieben, benannt und in
einem Buche aufgezeichnet. Es war bis jetzt die fürchterlichste
und widerlichste Erfahrung für mich.“

Da Iehi Aour an Asthma litt, verließ er 1900 England und reiste nach Ceylon
wegen des günstigeren Klimas. Dort wurde er unter dem Namen Bikkhu
Ananda Metteya zu einem buddhistischen Mönch.

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Parzifal auf der Suche nach dem
Heiligen Gral
Das magische System, mit dem Crowley anfangs arbeitete, gründet sich
auf den ägyptischen Magier Abramelin. Das Wissen um dieses System war
im Mittelalter durch Abraham dem Juden nach Europa gekommen. Mathers
hatte die alten Originalmanuskripte, von Abraham seinem Sohn Lamech
vererbt, aus dem französischen übersetzt, und daraus sein Buch ,The Sacred
Magic of Abramelin the Mage' geschrieben. Dieses Buch gibt die Anleitung,
wie auf der Basis der Kabbalah die ganze Hierarchie der
Abramelindämonen beschworen werden kann, welche Vorbereitungen
hierzu nötig sind, wie der Tempel ausgestattet sein muß und wozu diese
Geister verpflichtet werden können. Vor der Beschwörung dieser Dämonen
empfiehlt Abramelin, den Kontakt zu dem Heiligen Schutzengel
herzustellen. Diese Arbeit zieht sich über sechs Monate hin, die letzten
davon müssen in völliger Zurückgezogenheit und Hingabe an das Große
Werk verbracht werden.
Crowley arbeitete 1921 auf Cefalu noch ein eigenes Ritual für die
Beschwörung des Heiligen Schutzengels aus, das ,Liber Samech', welches
kommentiert in ,Magick' zu finden ist.
Die Basis des Rituals bilden die magischen Formeln und barbarischen
Namen, die auch Abramelin verwendet hatte. Die Umarbeitung bestand im
Übernehmen der Lehre des Liber Al vel Legis, um das Ritual den
Verhältnissen des neuen Äons von Horus, dem gekrönten und erobernden
Kind, anzupassen. Liber Samech ist so aufgebaut, daß der Wille des
Aspiranten so konzentriert und einpunktig wird, daß es sein einziges
Streben ist, das Große Werk zu vollenden. Die Methoden hierzu sind
mannigfaltig und führen zu einem egoüberwältigenden Enthusiasmus. Der
Aspirant muß vorher schon einen hohen Initiationsgrad erlangt haben, denn
er muß in der Lage sein, alle individuellen Gemütszustände und Neigungen
zu kontrollieren und sie bewußt abzurufen oder schweigen zu lassen.
Crowley
schreibt weiter:

„Wenn dies so ist, wird der Adept frei sein, sein tiefstes Selbst zu
konzentrieren, jener Teil von ihm, der unbewußt seinen wahren
Willen auf die Realisierung seines Heiligen Schutzengels
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ausrichtet... Dieses beinhaltet... Freiheit von Vorurteil und den
Begrenzungen der sogenannten Rationalität. Der Adept muß
bereit für die gänzliche Zerstörung seines Standpunktes zu jedem
Thema sein, und sogar dessen seiner innersten Konzeption der
Formen und Gesetze des Denkens."

Der Grundsatz aller Magie ist die Erweiterung des Bewußtseins, wofür
Crowley unter anderem auch Drogen und Alkohol verwendete. Zu Anfang
benutzte Crowley Drogen ausschließlich für seine magische
Weiterentwicklung, später als Heilmittel für sein Asthma, welches er sich
1905 bei der Besteigung des Kanchenjunga zuzog.
Die Meisterung von Drogen wie Haschisch, Opium und Kokain kann
zum Erwerb neuer Bewußtseinszustände, zu einer Vertiefung der
Charakteranalyse und Introspektion führen, was ansonsten nur mit
schwierigen speziellen Yogatechniken zu erreichen ist.
Crowley experimentierte mit fast allen Drogen, die er kriegen konnte
und führte darüber genaue Aufzeichnungen, in denen er Vor- und
Nachteile, Effekte und Suchtgefahr gegeneinander stellte. Weiter schuf er
sich Zuordnungen der Drogen zu Elementen und Planeten, um die
magischen Arbeiten wirkungsvoller gestalten zu können. Haschisch hielt er
für die Charakteranalyse geeignet, da es die Imagination stärkt und das
Unbewußte aufhebt. Weiter ermöglicht Haschisch, wie auch Aether oder
Anhalonium Lewinii, hinter oberflächliche Ideen zu schauen und Gedanken
auf ihren Ursprung zu führen. Eine Schwierigkeit liegt im Aufrechterhalten
der Konzentration.
Morphium hilft dagegen der Konzentration, lindert den Druck von
Angst und unterstützt wie Opium kreative Imagination.
Kokain verhindert Müdigkeit, und man kann lange Zeiträume fast ohne
Pausen oder Schlaf hart arbeiten. Außerdem stärkt es den Willen und hilft,
das Objekt einer Operation beständig im Gemüt zu fixieren.
Heroin wirkt ähnlich wie Opium und Kokain zusammen, stärkt also
Imagination, Konzentration und Durchhaltevermögen. Ein Vers des zweiten
Kapitels des Liber Al weist direkt auf den Gebrauch von Drogen oder
Alkohol hin:

„Zu meiner Verehrung nehmet Wein und seltene Drogen, wovon


ich meinem Propheten sprechen werde, und berauscht euch
daran. Sie sollen euch überhaupt kein Leid zufügen. Sie ist eine
Lüge, diese Narrheit gegen das Selbst... Sei stark, 0 Mensch!
Genieße und erfreue dich an allen Dingen der Sinne und Wonne.
Fürchte nicht, daß ein Gott dich dafür abweisen wird.“

Crowley kommentierte:

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„Wein und Drogen schaden Leuten nicht, die ihren Willen tun; sie
vergiften nur Leute, die den Krebs der Ursünde haben (d.h., daß
sie sich begrenzen). Wenn man wahrhaft frei ist, kann man
Kokain so einfach wie Salzwasserschmus nehmen. Es gibt keinen
besseren Test für eine Seele als ihre Einstellung zu Drogen... Jene,
die dazu neigen, sie zu mißbrauchen, wären besser tot.“

Fast alle wichtigen magischen Operationen, die in der Folge beschrieben


werden, beinhalteten den Gebrauch irgendeiner dieser Drogen, die zu einem
schnelleren Gelingen verhalfen.
Nachdem Iehi Aour nach Ceylon abgereist war, brach Crowley ebenfalls
seine Zelte ab und ging nach Schottland. Er war auf der Suche nach einer
geeigneten Umgebung für das Arbeiten mit der Magie des Abramelin. Er
benötigte eine Art Kapelle oder Tempel mit einer freien Nordterrasse, die
mit Sand bedeckt werden mußte, und vielen Fenstern.
Nach einer Zeit der Suche fand er direkt am Loch Ness das, was er
suchte, ein ziemlich großes Steinhaus namens Boleskine. Er richtete sich
häuslich ein, nannte sich ,Laird of Boleskine' (Gutsherr von Boleskine) und
ging erst einmal fischen.
Er bereitete sich sodann für die Beschwörung der Dämonen vor und
hatte darauf Erfolg und Mißerfolg in der Operation zugleich. Das Häuschen
und die Terrasse waren bald von schattenhaften Formen bevölkert. Die vier
Subprinzen Oriens, Paimon , Ariton, Amaimon und ihre einhundertundelf
Diener drangen in das Haus ein und brachten ein heilloses Durcheinander,
bei dem sein Kutscher in Delirium Tremens fiel und sein Haushälter spurlos
verschwand.
Ansonsten beschäftigte er sich mit der Erkundung der Astralebene,
Invokationen und verschiedenen Visionstechniken, bisweilen auch mit einer
Kristallkugel. Er sah Christus mit der Frau von Samaria, sich mit einer
zwölfstrahligen Krone im göttlichen Licht stehend, und Drachen, die ihn
anzuspringen versuchten.
Er verließ Boleskine, um die Zulassung zum Adeptus Minor Grad im
zweiten Orden zu beantragen. Zu seiner Überraschung wurde er jedoch
zurückgewiesen. So entschloß sich Crowley kurzerhand am 13ten Januar
1900, nach Paris aufzubrechen, um dort die Initiation von Mathers selbst zu
erhalten. Dieser hatte dort 1898 einen ägyptischen Tempel errichtet und
zelebrierte seitdem ägyptische Mysterien zusammen mit seiner Frau Moina
als Priesterin. Crowley war beeindruckt von Mathers und vertraute sich ihm
völlig an. Nachdem Crowley die entsprechenden feierlichen Eide des
Gehorsams und der Geheimhaltung geleistet hatte, erhielt er von Mathers
die Initiation zum Grad des Adeptus Minor. Er nahm das Motto Parzival an.
Crowleys Anmerkungen dazu:

„Nachdem er so durch das Ritual 5° = 6 des Adeptus Minor ging,


entschleierte Perdurabo, zumindest zum Teil, jenes Wissen,

29
welches er sich im 0° = 0 Ritual vorgenommen hatte zu
entdecken. Denn wie der erste Grad des ersten Ordens den
Neophyten mit einem unvergeßlichen kurzen Anblick jenes
höheren Selbstes versieht, Augoeides, Genius, Heiligen
Schutzengels oder Adonai; so bringt der erste Grad des zweiten
Ordens in ihm diesen göttlichen Funken hervor, indem er auf
dem Aspiranten den Genius in Pfingstflammen herabzieht; bis er
ihn nicht länger in den entfernten Wänden des sternigen Abyss
einschließt, sondern in ihm brennt, und durch die Kanäle seiner
Sinne einen endlosen Sturzbach der Herrlichkeit ergießt, von jener
größeren Herrlichkeit, die nur von einem verstanden werden
kann, der ein Adept ist... Hier geschieht es, wenn der Aspirant
eine Sonne für sich selbst wird, in Trance versetzt durch die
Schönheit seiner Kinder, seiner augenscheinlich ausgewogenen
Gedanken, der wandernden Planeten und Kometen, die seinem
Willen gehorchen, daß er möglicherweise vergißt, daß, obwohl er
eine Sonne für sich selbst ist, er dennoch nur ein Atom der
himmlischen Herrlichkeit ist, nur ein Sonnenstäubchen, im
Strahle des göttlichen Auges tanzend... Daher muß er mit seinen
eigenen Kräften seine Zufriedenheit mit einer Selbstexplosion von
Unzufriedenheit zerstören, so schrecklich, daß das geordnete
Universum, welches durch den Geist beherrscht wird, nicht in das
Chaos, die Qliphoth, geschleudert wird, sondern aus dem Chaos,
aus dem Kosmos selbst, in eine neue Welt, in ein höheres
Equilibrium, ein Universum von kolossaler Stärke, und Macht.
Erzittert er, so ist er verloren; er muß jeden Nerv stärken, jeden
Muskel, bis seine ganze Gestalt die magische Stärke der Sephirah
Geburah vibriert und hervorblitzt. So wird der Magier durch die
Hingabe an das Große Werk erzeugt, und Werk als Werk allein
kann für den Aspiranten diesen erhöhten Grad hervorbringen. Er
muß jenseits der Hoffnung auf Erfolg streben; Erfolg ist
Fehlschlag; er muß jenseits der Hoffnung nach Sieg streben; Sieg
ist Verlust; er muß jenseits der Hoffnung nach Belohnung streben;
Belohnung ist Bestrafung; er muß in der Tat jenseits aller Dinge
streben; er muß das Gegengewicht der Dinge aufbrechen...
Gerechtigkeit oder Gnade sind nichts für ihn; er, wie Horus das
Kind, muß eines durch das andere auslöschen, so wie sein Vater
Osiris die Wasser von Hod mit den Feuern von Netzach löschte.
Gut und Böse sind seine Werkzeuge, denn sein Werk liegt immer
noch im Königreich des Ruach. Und solange wie seine
Strebungen erzeugen, empfangen und die Früchte eines größeren
und edleren Werkes tragen, gibt es keinen Kelch der Bitterkeit,
der zurückgewiesen werden darf, und kein Kreuz des Leidens,
dessen Nägel ihn nicht durchbohren. Als Osiris lernte er sich zu
bezwingen; als Horus wiederauferstanden soll er die Welt

30
bezwingen - ja! Und wer soll mir nein sagen? Die ultimaten
Fasern des Haares von Nu.“

Er kehrte sofort nach London zurück, um dort die diesem Grad


entsprechenden Rituale zu fordern. Seine Initiation wurde jedoch nicht
akzeptiert, da die Körperschaft in London gegen Mathers revoltierte. Sie
behaupteten, Mathers habe niemals Kontakt zu den geheimen Chefs gehabt
und hegten Zweifel an der Existenz von Anna Sprengel. Sie bildeten ein
Komitee gegen Mathers, der darauf mit heftigem Zorn reagierte.
Crowley entwickelte den Plan, in das Anwesen des Ordens
einzudringen, überall neue Schlösser zu montieren und dann die
Mitglieder zu sich zu zitieren. Mit einer Maske bekleidet wollte er von ihnen
einen Fragenkatalog beantwortet haben, ob sie an dem Gehalt der Wahrheit
der Lehre ihrer Grade glaubten, und ob sie Mathers als legitimes Oberhaupt
des Ordens als einziger Adept Exempt anerkennen wollten. Ansonsten
würde Perdurabo sie degradieren oder sogar aus dem Orden ausschließen.
Weiter wollte Perdurabo das Gewölbe der Adepten zurückerlangen, da
es Mathers Eigentum war. Es handelte sich um die siebenseitige
symbolische Grabstätte von Christian Rosenkreutz, des Gründers des
Ordens der Roten Rose und des Goldenen Kreuzes. Es war maßstabgenau
nachgebildet worden und wurde zu mehreren Ritualzwecken verwendet,
unter anderem auch für die Initiation in den Adeptus Minor Grad.
Perdurabo machte sich mit seiner geliebten Soror Fidelis, Elaine
Simpson, sogleich nach London auf den Weg. Fidelis war ein paar Jahre älter
als er und hatte schon seit längerem den Adeptus Minor Grad inne. Am
17ten April drangen die beiden kurzerhand in das Ordensgebäude ein,
kaperten das Gewölbe und brachten überall neue Schlösser an. Die Polizei
wurde gerufen, Perdurabo mußte erst einmal das Feld räumen. Ein paar
Tage später drang er mit Mathers Vollmacht nochmals ein, aber wieder ohne
Erfolg. Perdurabo ging sogar vor Gericht, der Prozeß wurde jedoch wegen
Geringfügigkeit niedergeschlagen.
Im Mai 1900 kehrte Crowley unverrichteter Dinge nach Paris zurück, um
Mathers Bericht zu erstatten. Dort traf er zwei Mitglieder, die gerade aus
Mexiko zurückgekehrt waren. Perdurabos Neugier wurde geweckt, und
schon war er wieder unterwegs.
In Alameda, einem kleinem mexikanischen Städtchen, mietete er sich ein
Haus, dazu ein indianisches Mädchen für den Haushalt um das leibliche
Wohlergehen. Er begann, den Gott des Schweigens, Harpokrates, zu
beschwören, um zur Unsichtbarkeit zu gelangen.

„Sammelt euch um mich: Kleidet diese Astralform mit einer


Wolke von Dunkelheit. Umhöht, umhöht meine Gestalt mit eurer
wahrhaften Nacht:
Kleidet mich und verbergt mich in der Kontrolle meines Zaubers;
verdunkelt die Augen des Menschen und blendet ihn, seine Seele!

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Sammelt euch, O sammelt euch an meinem göttlichen Worte, ihr
seid die Wächter und meine Seele der Schrein!
(Formuliere die Idee, unsichtbar zu werden: Stelle dir das
Ergebnis des Erfolgs vor: Dann sage:)
Lasset die Hülle der Verborgenheit um meinen physischen
Körper in einen Abstand von 25 cm sein.
Die Sphäre soll mit Wasser und mit Feuer geweiht sein.“

Nach einigen Wochen schon hatte er Erfolg und lief unbeachtet mit einer
Krone aus Gold und Juwelen und einem scharlachroten Mantel in Mexiko
City umher.
Eines Tages lernte er eine Frau kennen, die ihn faszinierte:

„Die unersättliche Kraft der Leidenschaft, die von ihren


bösen, unergründlichen Augen entsprang und ihr Gesicht in
einen Strudel verführerischer Sünde marterte.“

In den Slums verbrachte er mit ihr etliche orgiastische Stunden. Danach


setzte er sich sogleich nieder, sein Drama Tannhäuser zu schreiben,
fasziniert von der Oper, die er im Covent Garden gesehen hatte.
Typisch für Crowley ist der energetisierte Enthusiasmus nach einem
ausschweifenden sexuellen Erlebnis:
„Beispielsweise schrieb ich Tannhäuser vom Konzept bis zum
Schlußstrich hintereinander weg in 67 Stunden. Den Wechsel von
Tag und Nacht bemerkte ich nicht, auch nicht am Ende; auch
spürte ich keinerlei Ermüdung. Dieses Werk wurde geschrieben,
als ich 24 Jahre alt war, direkt nach einer Orgie, die mich
normalerweise hätte erschöpfen müssen.“

Zwischenzeitlich war Crowley wieder vom Fieber des Bergsteigens


ergriffen worden und wartete auf Oscar Eckenstein, einen bekannten
englischen Bergsteiger, den Crowley schon länger kannte. Sie wollten
zusammen den Popocatepetl und den Ixtaccihuatl besteigen, welcher
Ausdruck hier besonders passend ist, denn Ixtaccihuatl bedeutet ,die
schlafende Frau'. Damit wollten sie dann auch sogleich beginnen.
Als Eckenstein am Ende des Jahres ankam, machten sich die beiden nach
Amecameca auf, zum gemeinsamen Fuß der beiden Berge. Von ihrem
Basislager aus bestiegen sie die Berge drei Wochen lang von allen Seiten.
Nach einigen anderen Expeditionen hatten sie erst einmal genug,
beschlossen aber, sobald als möglich die Besteigung des K 2 im Himalaja,
der der zweithöchste Berg überhaupt ist, in Angriff zu nehmen. Crowley
plante, zunächst Allen Bennett in Ceylon zu besuchen, um diesem ein paar
Fragen über Mathers zu stellen, darauf den K 2 zu besteigen und dann erst
nach England zurückzukehren.

32
Mahatma Guru Sri Paramahansa
Shivaji
Auf dem Weg nach Ceylon legte er in Hawaii einen Aufenthalt ein. Auf
dem Waikiki-Strand traf er eine zehn Jahre ältere amerikanische Frau, die
mit einem Rechtsanwalt in den USA verheiratet war, und dazu noch die
Mutter eines Teenagers. Schnell verliebte er sich in sie und widmete ihr eine
langes Gedicht: "Alice: Ein Ehebruch.“ Er war nur fünfzig Tage mit ihr
zusammen, und jedem dieser Tage war ein Gedicht seiner Leidenschaft
gewidmet.
Warum die Affäre schließlich beendet war, sagte Crowley nicht, aber sie
hinterließ in ihm ein Gefühl der Trauer und des Unmuts. Denn Alice war die
erste und die letzte einer langen Reihe von Frauen, die ihm mitteilte, daß er
für die Liebe nicht geschaffen sei.
Aus diesem Grunde zog es ihn nach Hongkong, wo Elaine Simpson,
Soror Fidelis, mittlerweile verheiratet lebte. Er erinnerte sich ihrer
Furchtlosigkeit und Loyalität in ihrem Kampf, das Gewölbe zu kapern und
McGregor Mathers Autorität wiederherzustellen. Aber enttäuscht mußte er
entdecken, daß von Elaines Fähigkeiten nur noch eines übrig geblieben war,
nämlich die Roben und Abzeichen ihres Grades, mit denen sie den ersten
Preis auf einem Maskenball gewonnen hatte.
Von Hongkong aus reiste er weiter nach Ceylon. In Colombo fand er
schließlich Allen Bennett, der sich bei einem heiligen Guru aufhielt. Die zwei
Freunde reisten nach Kandy und mieteten sich einen Bungalow. Zunächst
arbeitete Crowley weiter an seiner Poesie, fand jedoch schnell ein Interesse
an der Yogameditation. Bennett fungierte in der Folgezeit als sein Lehrer,
und in völliger Zurückgezogenheit begann Crowley seine Studien.
Da Yoga eine wichtige Rolle in Crowleys magischer Entwicklung spielt,
sind hier ein paar grundsätzliche Worte darüber angebracht:
Wie es im Westen verschiedene magische Systeme gibt, gibt es im Osten
verschiedene Yoga. Alle haben ein Ziel, den Strebenden von Maya, der
Illusion oder Täuschung, zum Samadhi, der Wahrheit, zu führen.
Der eigentliche Yoga wird erreicht, wenn das Gemüt, verwirrt von den
Heiligen Schriften, unbeweglich still steht, fest auf Kontemplation gerichtet
(Samadhi). Diese Ruhe hatte Crowley in seiner magischen Entwicklung
noch nicht erfahren, und als ihm der Schlüssel zum Yoga angeboten wurde,

33
beschloß er, die Türe der Handlung zu schließen, um die der Entsagung zu
öffnen.
Für diese Zeit legte er seine Methoden der westlichen Magie und damit
seine Erfolge ab, was das erste große Opfer für ihn bedeutete.
Das Ziel von Yoga ist die direkte Erfahrung, die durch Konzentration
und durch Willen erlangt wird. Alles muß aufgegeben werden, bis auf
eine Idee. Durch ausschließliche Beschäftigung damit, als Inhalt des Lebens,
der Träume, jeder Nervenfaser im ganzen Körper, entwickelt sich ein
unbeugsamer Wille.
Dieser wird beschrieben als unzerstörbar und keine Enttäuschung und
Unzufriedenheit kennend. Die Außenfixierungen und die dadurch
entstehende Dualität werden gelöst, es findet eine Wendung zu den feinen
inneren Vibrationen statt. Die Aufgabe der Meisterung der Kräfte des
Universums kann vollendet werden. Yoga an sich bedeutet Vereinigung,
ähnlich wie die Reaktion bei der ekstatischen Vereinigung von Atomen,
woraus Licht, Strom und Hitze entstehen kann. Yoga ist somit die
Vereinigung von Subjekt und Objekt des Bewußtseins. Durch diese
Erfahrung gelangt man zum Charakteristikum der zusammengesetzten
Dinge, oder nennt es die fortwährende Veränderung und das Nichtssein
eines dauerhaften Prinzips.
Somit muß jedes Element des Wesens beherrscht werden, es muß gegen
jeden inneren oder äußeren Widerstreit geschützt und jede Fähigkeit aufs
Äußerste gesteigert werden. Die Vereinigung findet auf verschiedenen
Ebenen statt:

1. Inana-Yoga = Vereinigung durch Wissen


2. Raja-Yoga = Vereinigung durch Willen
3. Bhakti-Yoga = Vereinigung durch Liebe
4. Hatha-Yoga = Vereinigung durch Mut
5. Mantra-Yoga = Vereinigung durch das Wort
6. Karma-Yoga = Vereinigung durch Handeln

Durch den Aspekt der Beherrschung hat der Yoga acht Glieder, ausgerichtet
auf die mystische Vereinigung:

1. Yama - Beherrschung: Crowley empfiehlt, sich seine eigenen


Regeln zu suchen, was man tut oder läßt, und diese auch peinlich
genau einzuhalten. Jede allgemeine Regel mag für den einen
richtig sein, für den anderen aber grundverkehrt und sinnlos.
Yama ist das Finden und Tun des wahren Willens.
2. Niyama - Tugend: Alle Störquellen müssen wegen der
auftretenden Übersensibilität beseitigt werden. Die Niyamas sind
latente positive Kräfte, und es gibt so viele von ihnen, wie man
dem Körper mit Hilfe des Baumes des Lebens zuordnen kann. Es
entsteht das Gefühl, daß ein gegebener Ort oder eine gegebene

34
Methode richtig sind, der ,eigene Sinn' genannt. Sowohl Yama als
auch Niyama müssen in dem Lande gemeistert werden, in dem
man geboren worden ist, da man seinem Karma nicht entgehen
kann.
3. Asana - ,Sitze still! Höre auf zu denken! Schweige! Gehe
hinaus!' Diese Anweisungen gelten nicht nur für das Asana,
sondern für die gesamte Yoga. Alle äußeren und inneren Reize
müssen eingeschränkt und bekämpft werden. Dazu wird alles
verwendet, was der Selbstbeherrschung und der Konzentration
dient, um dem Handeln ein Ende zu bereiten. Asana verhilft zur
Beherrschung der statischen Komponente des Körpers.
4. Pranayama - Beherrschung der Kraft und der dynamischen
Komponente des Körpers. Das Anhalten des Atems kommt der
Ruhigstellung des Körpers am nächsten. Bei Asana und
Pranayama treten kurz Phänomene auf, in denen der eigentliche
Yoga versucht werden kann.
5. Pratyahara - Mentale Selbstbetrachtung:
Pratyahara bedeutet aber auch einen bestimmten Grad
psychologischer Erfahrung. Man konzentriert sich beispielsweise
auf einen Körperteil, kommt dann vielleicht zu dem
unmittelbaren Gefühl, man habe diesen nicht.
6. Dharana - Die eigentliche Meditation, die Beschränkung
des Bewußtseins auf einen Gegenstand.
7. Dhyana - Aufhebung der Dualität, keine Unterscheidung
zwischen Ego und Nichtego. Dies ist die Vorstufe zum Samadhi.
8. Samadhi - ,Zusammen mit dem Herrn'. In dem Worte
Samadhi läßt sich dieselbe Wurzel wie bei dem
hebräischen Adonai erkennen, denn Adonai wird in der
hebräischen Sprache ,Adni' geschrieben und entspricht der
Sanskrit-Wurzel ,Adhi'. Im Samadhi entsteht ein völliges
Einssein mit allen Dingen auf einmal. Um Samadhi zu
erreichen, reicht es, das Gemüt für „nur“ 12 Sekunden
völlig anzuhalten.

Crowley faßte die verschiedenen Yogaarten auf das Wesentliche


zusammen. Er ging mit dem Gedanken der Anwendbarkeit auf den
westlichen Menschen vor, denn da Yoga ursprünglich auf eine
Ackerbaukultur ausgerichtet war, ist nicht alles wegen verschiedener
Körper- und Symbolstrukturen anwendbar. Ein im Westen aufgewachsener
Mensch hat völlig andere Körperverspannungen als einer, der im Osten
geboren wurde und dort lebt.
Da Allen Bennett sich mit dem Gedanken auseinandersetzte, ein
buddhistischer Mönch zu werden, kam Crowley auch mit dem Gedankengut
Buddhas in Berührung. Ihn faszinierte die logische Struktur dieser Religion,

35
ausgehend von dem Gedanken, daß der Pfad der Befreiung über das Gemüt
(Ruach) und nicht über die Sinne (Nephesh) verlaufen müsse.
Die Kraft, einen Akt der Wahrheit zu vollbringen, entsteht nur durch
Konzentration. Auch begeisterte Crowley Buddhas Einstellung zu Gott:

„Es gibt keinen Gott, und ich weigere mich, über etwas zu
diskutieren, was es nicht gibt! Aber es gibt Trauer, und diese
beabsichtige ich zu zerstören.“

Der Grund für diese Trauer ist das Karma oder die Handlung, die eine
gute oder schlechte Reaktion hervorrufen kann. Diese Dualität gilt es zu
zerbrechen, man muß erneut in das Equilibrium eintreten, aus dem man
entstanden ist, und dieses dann mit dem Wechsel vereinen. Ist diese Trauer
zerstört, ist wie im Samadhi des Yoga das absolute Einssein erreicht. Jegliche
Dualität ist in sich absurd, es bleibt nur ,Tue was du willst'.
Daraus ergab sich für Crowley die Erkenntnis, sich nur auf das Werk
alleine zu verlassen, nicht auf Moralisieren, Philosophieren oder
Rationalisieren. Je weiter er sich in dieses Gedankenkonzept einfühlte, desto
mehr konnte er sich von den Außenfixierungen lösen. Er sah immer mehr,
daß der Schlüssel das persönliche Streben ist und nicht in Schriften gefunden
werden kann, die nur einen Weg andeuten können. Die Erlösung beruht auf
dem Werk, nicht aber auf dem Glauben. Crowley schaffte für den
Buddhismus eine Übertragung auf den Baum des Lebens und integrierte
bestimmte Ausschnitte der Lehre in sein System.
In seiner Zurückgezogenheit mit Allen Bennett übte er sich in den
Techniken des Yoga und erreichte ziemlich bald den Zustand des Dhyana,
und er übte sich ebenso in verschiedenen buddhistischen
Meditationstechniken.
Die Vervollkommnung der höchsten Zustände erreicht er aber erst sehr
viel später im Zusammenhang mit verschiedenen anderen magischen
Arbeiten. Er stellte aber fest, daß die Ergebnisse des östlichen Yogas und die
der westlichen Mystik genau übereinstimmen, daß aber viele Praktiken des
Yoga den Prozeß der magischen Entwicklung erheblich beschleunigen.
Nach Abschluß der Lernzeit entschloß sich Bennett, die gelbe Robe zu
tragen und endgültig buddhistischer Mönch zu werden. Er machte sich auf
den Weg nach Burma. Crowley bereiste indessen am Ende des Jahres 1901
für knapp zwei Jahre Indien. Er reiste nach Madura, um dort den großen, für
Europäer verbotenen Tempel zu besichtigen. Durch seine Yogakünste
beeindruckte er die Einheimischen derart, daß er Zugang zu einigen heiligen
Schreinen erhielt.
Von da reiste er nach Kalkutta, wo er wegen eines Fiebers für einen
Monat bleiben mußte. Für ein paar weitere Monate erforschte er danach den
Norden Indiens und verbrachte viel Zeit mit Meditation und mystischen
Übungen. Weiter beschäftigte er sich intensiv mit der Analyse seiner
lebhaften Träume.

36
Nach einer problematischen Reiseroute suchte er im Februar 1902 Allen
Bennett in Akyab. Er fand ihn in dem Mönchskloster von Lamma Sayadaw
Kyoung. In der Zwischenzeit war Bennett bereits Mönch geworden und hieß
Bikkhu Ananda Metteya. Während seines kurzen Aufenthaltes arbeitete
Crowley an einem neuen Gedicht namens ,Ahab'.
In der Zwischenzeit hatte Crowley mit Eckenstein eine lebhafte
Korrespondenz über die Planung der K2-Besteigung geführt. Eckenstein
hatte von London aus die Expedition organisiert und war auch der Führer
der Expedition, Crowley sollte der zweite Führer sein. Außer den beiden
nahm Guy Knowles, ein junger Mann aus Cambridge, J. Jacot Guillarmod,
ein Schweizer Doktor und Bergsteiger und H. Pfannl und V. Wesseley, zwei
erfahrene australische Bergsteiger, teil. Im März des Jahres 1902 traf Crowley
in Delhi auf das Team.
Der K2, auch Chogo Ri genannt, war zu der Zeit der höchste für
Europäer besteigbare Berg. Er erstreckt sich zu einer Höhe von 8611 m und
ist von einer Reihe von Satelliten-Bergen umgeben. Das Gebiet um den
Chogo Ri herum war schon vorher von Europäern erkundet worden, unser
Team jedoch war das erste, das die Besteigung des K2 selbst wagen wollte.
Mit 50 Ponywagen und drei Tonnen Ladung machten sie sich von
Rawalpindi aus auf den Weg. Am 28ten April tauschten sie die Ponywagen
gegen 170 Träger ein und gelangten an den Fuß des Berges. In Askoley, dem
letzten Verbindungsglied mit der Zivilisation, hatte Crowley Streit mit
Eckenstein, da Crowley auf seine poetischen Werke nicht verzichten wollte
und diese trotz etlicher Pfunde an Ausrüstung mitnehmen wollte. Crowley
setzte seine Einstellung ,lieber drei Tage nichts zu essen, als einen ohne
Poesie' jedoch durch.
Am l6ten Juni gelangte das Team zum Einstieg des Chogo Ri. Sie waren
derart fasziniert von dem gewaltigen Anblick, daß sie dem gar keinen
Ausdruck verleihen konnten. Sie begannen den Aufstieg über mehrere
Zwischenstationen. Auf der Höhe von etwa 500 bis 600m begannen die
Schwierigkeiten, das Team wurde von schweren Eisstürmen bedrängt,
Eckenstein und Knowles erkrankten an einer Grippe. Als das Wetter
schließlich aufklarte, wollten sie den Aufstieg fortsetzen, was aber durch
einen eisigen Höhenwind vereitelt wurde.
Crowley erkrankte an Schneeblindheit. Das Lager wurde verlegt, um
einen günstigeren Einstieg zu finden, aber das Wetter verschlechterte sich
trotz der vorherigen Anzeichen weiter zusehends. Crowley litt an Malaria,
Pfannl spuckte Blut und hatte Visionen. Anfang August gaben sie dann das
Unternehmen auf und begannen den Abstieg. Zwar hatten sie den Berg nicht
bezwungen, aber sie waren die Menschen, die es bis dahin am längsten in
einer solchen Höhe von 6100m ausgehalten hatten.
Im Oktober des Jahres 1902 schiffte Crowley sich in Bombay nach
Frankreich ein. Er befand sich seit seiner Abreise in ständiger
Korrespondenz mit einem jungen englischen Maler namens Gerald Kelly,
der Crowley aus Begeisterung über dessen erstes Buch kontaktiert hatte. Da

37
dieser in Paris lebte, Crowley wegen Mathers aber genau dahin wollte, lud
sich Perdurabo bei Kelly ein. Da Mathers nur an Untergebenen interessiert
war, Crowley aber auf eigenen Füßen stehen wollte, kam es zu einer
Auseinandersetzung zwischen den beiden. Es gibt keine genauen
Aufzeichnungen darüber, aber es ging einerseits wohl darum, daß Mathers
statt seines Heiligen Schutzengels nur einen übelwollenden Dämon
hervorgebracht hatte und somit ein Schwarzmagier war. Andererseits hatte
Mathers eine Kleiderkiste und Geld von Crowley in Verwahrung, bestritt
dieses aber. Mathers versuchte Crowley mit Hilfe eines weiblichen Vampirs,
Mrs. M., zu vernichten. Crowley beschrieb sie als ,eine Frau mittleren Alters
mit seltsamen Gelüsten', die eine Sphinx modellierte, um diese zum Leben
zu erwecken. Sie versetzte Perdurabo bei einer Einladung zum Tee in
Trance.

„Sofort schien ein seltsames, traumhaftes Gefühl über mich zu


kommen, und etwas samtweiches und beruhigendes und überaus
wollüstiges bewegte sich über meine Hand. Als ich plötzlich hoch
schaute, sah ich, daß Mrs. M. geräuschlos ihren Sessel verlassen
hatte, und sich über mich beugte; ihr Haar hing offen als eine
Lockenmasse über ihre Schulter, und ihre Fingerspitzen berührten
meinen Handrücken. Statt einer unattraktiven Frau mittleren
Alters war sie nun ein junges Mädchen von bezaubernder
Schönheit.“

Da Perdurabo aber bemerkte, was vorging, versuchte er Mrs. M. durch


höfliche Konversation abzulenken und sprach über magische Dinge, von
denen er wußte, daß sie darunter leiden würde. Darauf zog sie sich zurück,
um nochmals um so schöner zu erscheinen. Sie sprang ihn an, um ihre
scharlachroten Lippen auf die seinen zu pressen.
„Als sie dieses tat, ergriff ich und hielt sie in Armeslänge, und
dann vernichtete ich die Hexe in ihrer eigenen Strömung des
Bösen. Ein blaugrünes Licht schien um den Kopf des Vampirs zu
spielen, und dann verwandelte sich das flachsfarbene Haar in
eine Farbe von schmutzigem Schnee, und die schöne Haut wurde
faltig, und ihre Augen wurden stumpf und wurden wie Zinn,
gescheckt mit dem Bodensatz von Wein. Das Mädchen von
zwanzig war verschwunden, vor mir stand eine alte Hexe von
sechzig. Mit geifernden Flüchen hinkte sie aus dem Raum.“

Perdurabo dachte sich, daß hinter Mrs. M. größere Mächte als sie selbst
stehen müßten. Herauszufinden welche, wäre für ihn ein langwieriges
Unternehmen gewesen. So konsultierte er eine Hellseherin, von der er eine
aufschlußreiche Vision erhielt. Er ging in seinem Astralkörper zum Hause
von Mathers. Aber in den Körpern von Mathers und seiner Frau waren
andere Wesen, vielleicht entseelte Vampire oder Abramelindämonen. Er

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überlegte, was er tun sollte, aber es wurde ihm eingegeben, die Sache erst
einmal auf sich beruhen zu lassen. Der Kelch war noch nicht voll.
Crowley blieb noch eine Weile in Paris und lernte Auguste Rodin,
William Somerset Maugham und andere Leute aus dem Künstlermilieu
kennen. Bald jedoch wurde es ihm zu langweilig, und er kehrte nach
Boleskine zurück.

Der widerwillige Priester -


das neue Aeon und das Buch des
Gesetzes
Nachdem Crowley in Boleskine mit Kelly, den er dorthin eingeladen hatte,
eine kurze Zeit verbracht hatte, reisten die beiden zum Kurort von Kellys
Mutter, Strathpeffer. Kelly war gebeten worden, wegen einiger
Schwierigkeiten mit seiner Schwester Rose dort hinzukommen. Diese war
jung verwitwet und hatte nun zwei geltende Heiratsversprechen auf
einmal angenommen.
Dieses wäre zur heutigen Zeit sicherlich kein großes Problem, aber damals
löste ein solcher Sachverhalt höchstes Entsetzen aus. Crowley dachte sich,
daß eine Heirat für ihn eine neue Erfahrung wäre und bot sich Rose kurz
entschlossen an:" Heirate mich!" Damit wäre sie ihrem Dilemma entronnen,
könne dann frei tun, was sie wolle, denn Crowley sei ohnehin nicht an ihr
persönlich interessiert und würde auch sofort verschwinden.
So wurden unsere beiden bei Nacht und Nebel im Schnellverfahren von
einem Notar vermählt, was von dem aufgebrachten Gerald Kelly nicht
rechtzeitig verhindert werden konnte. Crowley reiste auch tatsächlich ab,
mußte aber etwas später wegen einer Formalität noch einmal mit Rose vor
dem Notar erscheinen. In der Nacht desselben Tages fanden sie sich
plötzlich in einem Hotel wieder, und Crowley bemerkte, daß er sich doch in
sie verliebt hatte, was er aber wegen seiner Gedanken an das Große Werk
zunächst nicht zugelassen hatte. Zusammen kehrten sie nach Boleskine
zurück. Nach ein paar höchst leidenschaftlichen Wochen fuhren unsere
beiden zunächst einmal nach Paris, wo sie Moina Mathers trafen. Er erfuhr,
daß Mathers sie gezwungen hatte, in den Sexshows am Montmatre für die
ignoranten Touristen zu posieren.
Von Marseille aus schiffte sich das Paar nach Kairo ein. Dort verbrachten
sie eine Nacht in der Königskammer der Großen Pyramide, und Crowley
beschwor mit Roses Hilfe den ägyptischen Götterboten Thoth. Danach
reisten sie weiter nach Ceylon, wo Crowley seiner Vorliebe, der
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Großwildjagd, frönte und seine Hymne in Gedichtform auf Rose ,Rosa
Mundi' (Rose der Welt) verfaßte. Rose wurde schwanger. Zwar hatte
Crowley in der letzten Zeit ein durchaus annehmbares Leben geführt, in
magischer und mystischer Hinsicht jedoch tat sich außerordentlich wenig,
worüber er selbst auch reichlich unzufrieden war.
Im Januar 1904 wollten die beiden ursprünglich nach Europa zurückkehren.
Eine bestimmte Vorahnung jedoch veranlaßte Crowley, davon erst einmal
abzusehen und nach Ägypten zurückzukehren. In Kairo nannten sich unsere
beiden Prinz und Prinzessin Chioa Khan, und man sah den Prinzen mit
einem Turban, einer silbernen Robe und einem goldenen Umhang mit seiner
Prinzessin durch die Straßen wandeln. Sie mieteten sich eine Wohnung in
der Nähe des Boulak-Museums, ein Raum davon in Richtung Norden
wurde sogleich als Tempel eingerichtet. Rose verfiel in einen seltsamen,
tranceartigen Gemütszustand, den Crowley erst einmal auf die
Schwangerschaft oder auf den Gebrauch von Alkohol zurückführte. Sie teilte
ihm mehrmals mit, ,sie' würden auf ihn warten. Am 18ten März erklärte sie:"
Der auf dich wartete, ist Horus."
Crowley war erstaunt, da Rose eigentlich nichts über Ägyptologie wissen
konnte und fragte sie aus. Rose konnte Horus bis ins Detail beschreiben. Sie
schleppte Crowley sofort in das Museum und führte ihn an einigen
Horusstatuen vorbei direkt zum Ausstellungsstück Nr. 666, die Stele der
Offenbarung. Crowley war schließlich doch überzeugt.
In seinem Tempel beschwor Perdurabo sodann den ägyptischen Gott
Horus. Die Anweisungen hierfür hatte er von Rose erhalten, die er nun
Ouarda (arabisch: Rose) nannte.

„Gekröntes Kind und erobernder Herr!


Horus, Rächer!
Daher sage ich zu dir: Komme du hervor und wohne in mir; so
daß jedes Geistwesen, ob vom
Firmament oder vom Aether oder auf der Erde oder unter der
Erde oder in der wirbelnden Luft oder im tosenden Feuer und
jeder Zauberspruch und Geißel von Gott, dem Unermeßlichen DU
sein mögest. Abrahadabra!“

Ouarda teilte ihm nach der Anrufung mit, der Equinox der Götter sei
gekommen. Das bedeutete, daß ein neues Zeitalter begonnen hatte, und
Perdurabo ausersehen war, es zu initiieren. Eine Wesenheit erschien Ouarda,
die Perdurabo über sie anwies, Horus direkt zu beschwören und dann
niederzuschreiben, was er hörte. Diese Wesenheit nannte sich Aiwass und
war einer der geheimen Chefs vom Grade eines lpsissimus. Perdurabo tat,
wie ihm geheißen und saß am 8ten April 1904 bereit in seinem Tempel.
Plötzlich hörte er eine Stimme wie er meinte, über seine linke Schulter
aus der am ,weitesten entfernten Ecke des Tempels sprechen. Diese Stimme
selbst beschrieb er als tiefgründig, musikalisch und ausdrucksstark, der

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Tonfall feierlich, sinnlich, zärtlich und kraftvoll je nach Stimmungslage und
Aussage. Aiwass diktierte ihm an diesem Tag den ersten Teil des Liber Al
vel Legis oder Buches des Gesetzes, die Offenbarung der Nuit. Am nächsten
und auch am übernächsten Tag folgten die Teile zwei und drei Hadit und
Ra-Hoor-Khuit.

Dieses Buch wird heute vielfach als das ,Tantra des, Westens' oder ,I Ging
des Wassermannzeitalters’ bezeichnet. Der Inhalt ist magisch, kabbalistisch
und prophetisch. Crowley bezeichnete es als seine Aufgabe, die Menschheit
zum solarem Bewußtsein zu führen, d.h., zur vollständigen Befreiung der
menschlichen Rasse:

„Das Männliche und das Weibliche ewig jung, schamlos und


unschuldig. Sie tanzen im Licht und dennoch leben sie auf der
Erde.“
Allein durch das Lesen werden archetypische Seelenschichten
angesprochen und erste Initiationsvorgänge in Kraft gesetzt. Dennoch
schützt sich wahre Initiation immer selbst, so wird es dem
‘Ungeeigneten' verschlossen bleiben, er wird es auf ganz trivialer Ebene
falsch verstehen. Im Liber Al vel Legis ist ein umfassendes System von
Aussagen, Gegenaussagen, Widersprüchen, Symbolen und Poesie enthalten,
um Dinge über intuitives Erfassen zu übermitteln, die in normaler Sprache
nicht mitteilbar sind.
Das Wort des Gesetzes ist Thelema, das griechische Wort für Wille. Es
drückt sich in der trügerisch einfachen Formel ,Tue, was du willst!' und
ihrem Komplement ,Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!' aus. Ersteres
ist die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, den
Punkt, indem sein Handeln deckungsgleich ist mit seinem Selbst, oder - wie
Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt - der Kontakt und die
Konversation mit dem Heiligen Schutzengel. Jede Handlung ist sodann die
bewußte Handlung eines ganzheitlichen Menschen. Es ist eine dynamische
Formel, die die unendliche Bewegung des Bewußtseins symbolisiert.
Das Prinzip der Liebe ist der zweite Teil dieser magischen Formel, deren
erster Teil der Wille ist. Liebe unter der Kontrolle des Willens oder bewußte
Liebe ist hier gemeint. Liebe ist die älteste Urkraft der Welt, die Vereinigung
der Gegensätze von Mann und Frau. Der Hexenkessel ist der menschliche
Körper selbst, nicht mehr ein Gegenstand im Laboratorium, wie es früher bei
Alchimisten der Fall war. Der ,Stein der Weisen' entsteht keineswegs aus
dem Zusammenmischen materieller Substanzen. Liebe unter Willen
verlangt die Vereinigung der Dualitäten. Einerseits die Aufhebung des
Widerspruchs von Körper und Geist, andererseits die Aufhebung des
Widerspruchs von Mann und Frau. Diese Form der Erleuchtung setzt im
Menschen eine Kraft frei, der nichts auf dieser und nichts jenseits dieser Welt
einen Widerstand entgegensetzen kann. Aber um diese Kraft zu lenken,
braucht er einen Willen, sonst zerstört sich der Mensch selbst.

41
Ist dieses verwirklicht, ist der Mensch der enthüllte Gott, Deus est Homo.
Das Getrenntsein ist überwunden, alles ist ein Teil von ihm, und er ist ein
Teil von allem. Wie es die ägyptischen Mysterien ausdrücken:
"Es ist kein Teil an mir, der nicht von den Göttern ist." oder
,,Der Mensch ist Gott."
Das Liber AI vel Legis verkündet ein neues Äon oder Zeitalter. Dieses ist
ein Prozeß, innerhalb dessen das universale Bewußtsein die bisherige Stufe
seiner Ausprägung, welche durch die letzten 2000 Jahre bestimmt ist,
zerstört, um eine neue schaffen zu können. Dem alten, abendländischen
Dogma des ,Sterbenden Gottes Jesus Christus' setzt das Liber Al die Formel
des ,Verborgenen Gottes' des Menschen - entgegen. Der Weg, den dieses
Buch lehrt, umfaßt die Ablehnung aller überkommenen Gesetze und
Moralvorstellungen des alten Äons. Dies mißfällt natürlich der Gesellschaft,
die alle übertretenen Gesetze verfolgt, deshalb wurde Crowley auch
folgerichtig als ,der verderbteste Mensch dieses Jahrhunderts' bezeichnet
(Nach M.D. Eschner, Liber Al vel Legis und Kommentare im gleichen
Verlag).
1904 aber war Crowley die Bedeutung des Liber Al vel Legis und die
darin enthaltenen Aufgaben, die seine Person als Prophet des neuen Äons
anbetrafen, noch überhaupt nicht bewußt. Er schrieb nur:

„Das erste wichtige Ergebnis der neuen Offenbarung war die


Mitteilung von den geheimen Chefs, daß das neue Äon das
Aufbrechen der zu dieser Zeit existierenden Zivilisation
bedeutete. Das Wesen von Horus, ,Gewalt und Feuer',
bedeutete, daß sein Aeon vom Kollaps der falschen
Menschenfreundlichkeit gezeichnet sein sollte.“
Crowley nahm nach der Offenbarung von Aiwass den Grad des Adeptus
Major 6°= 5 mit dem Motto O.S. V. (Ol Sonuf Vaoresagi, ich werde
herrschen) an. Er ließ sich noch in Kairo die Inschrift der Stele übersetzen
und ein Faksimile davon anfertigen. Darauf kehrten Prinz und Prinzessin
Chioa Khan nach Europa zurück. Crowley schrieb noch einen formalen Brief
an Mathers, in dem er ihm mitteilte, daß er von den geheimen Chefs zum
Oberhaupt des Ordens ernannt sei, und verkündete Mathers das Wort des
Gesetzes ,Thelema'.
Das griechische Wort Thelema bedeutet Wille und symbolisiert somit die
Formel ,Tue, was du willst!'. Zwar erwartete Crowley keine Antwort, aber er
erklärte dennoch Mathers offen den Krieg. Das Manuskript des Liber Al vel
Legis verschwand zunächst für ein paar Jahre unbeachtet in der
Versenkung.

42
Bergsteiger, Poet und Magier
Außer dem Magier gibt es auch noch den Bergsteiger Aleister Crowley, der
es auch auf diesem Gebiete zu einer gewissen Meisterschaft brachte. Die
Leidenschaft der alpinen Kletterei ließ ihn während seines ganzen Lebens
niemals los.
Bereits 1894, 19jährig, kletterte Crowley auf den Kliffs bei Beachy Head.
Zwischen 1894 und 1898 war er jedes Jahr in den Alpen zu finden. 1895 war
von diesen Jahren sein aktivstes, was ihm T. S. Blakeney im Alpin-Journal
1952 attestierte. Er bestieg den Eiger, das Eiger-Joch, das Jungfrau-Joch, den
Mönch, die Jungfrau vom Rottal-Sattel aus, die Wetterlücke, das Mönchs-
Joch und etliche andere. Blakeney bezeichnete ihn als vielversprechenden
Kletterer, wenngleich etwas waghalsig.
Eckenstein, H. V. Read, Maylard, Norman Collie und Larden bestätigten ihn
als Kapazität auf dem Gebiete des Bergsteigens, besonders im Fels. Nur
Larden hielt ihn nach Crowleys eigenen Aussagen für leichtsinnig.
1899 traf ihn Tom Georg Longstaff, Präsident des Alpin-Clubs von 1947-
1949 in den Schweizer Bergen: „..Er war ein guter Kletterer, obschon ein
unkonventioneller. Ich sah ihn die gefährliche und schwierige rechte (wahre)
Seite des großen Eishangs des Mer de Glace unterhalb des Geant alleine
besteigen, als einen Spaziergang. Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß
diese verrückte, gefährliche Route genommen wurde."
Crowleys nächste größere Tour war die Besteigung des Chogo Ri oder K2
mit Eckenstein, Knowles, Pfannl und Wesseley im Jahre 1902. Erst im Jahre
1905 schrieb er über diese Besteigung in der ,Pioneer Mail' zwei Artikel
darüber, in denen er auch den Alpin-Club attackierte. Einige der Leser
reagierten mit Empörung.
Crowleys größtes Unternehmen jedoch war die Expedition zum
Kanchenjunga im Jahre 1905 mit Dr. Guillarmod, Reymond, Pache und de
Righi. Nach dem bekannten englischen Bergsteiger Frank Smythe gibt es
keinen Berg in der Welt, der den Kletterer größeren Gefahren aussetzt.

43
Nach den Kairoer Erlebnissen jedoch kehrten Crowley und seine Gattin
erst einmal nach Boleskine zur Niederkunft des Kindes zurück. Rose brachte
eine Tochter zur Welt, und Crowley war innerhalb kurzer Zeit hocherfreut,
was er vorher nicht von sich behaupten konnte. Er nannte seine Tochter Nuit
Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith. Crowley führte für eine Zeit das
geruhsame Leben eines Edelmannes und hatte viel Besuch auf Boleskine.
Eckenstein besuchte ihn, und im Frühjahr 1905 tauchte D. Jacot Guillarmod
mit einem Buch über die Expedition zum K2 auf.
Er hatte vor, wieder im Himalaja zu klettern, diesmal aber ging es um
den Kanchenjunga. Crowley war sofort begeistert und bestand sogleich
darauf, auch der Führer der Expedition zu sein. Darauf zog sich Eckenstein
zurück, er hielt dieses Risiko für zu groß. Guillarmod fuhr in die Schweiz
zurück, um zwei weitere, finanzkräftige Bergsteiger zu suchen. Am 6ten
Mai verließ Crowley Boleskine und fuhr mit einem Zwischenaufenthalt
in Kairo über Kalkutta nach Darjeeling, von wo aus er den Kanchenjunga
bereits sehen konnte.
Dieser liegt direkt an der Grenze zwischen Nepal und Sikkim. Ende Juli
kam auch Guillarmod mit zwei Offizieren der Schweizer Armee, Alexis
Pache und Charles Reymond, an. Beide hatten langjährige
Klettererfahrung. In Crowleys Hotel bot sich noch ein junger Mann an,
Alcesti C. Rigo de Righi, der zwar noch keinerlei Erfahrung im Klettern
besaß, dafür Hindustani und Tibetisch sprechen konnte.
Am 8ten August machten sich unsere fünf im strömenden Regen mit
sieben Tonnen Ausrüstung, 230 Trägern und drei persönlichen Dienern aus
Kashmir auf den Weg. Wieder war es der Versuch einer Erstbesteigung,
erst 1955 wagte sich eine weitere Truppe an den Kanchenjunga heran. Die
Besteigung ist deshalb so problematisch, weil der Berg ziemlich isoliert steht
und dadurch ständig riesige Schnee- und Eislawinen zu Tal brechen. Nach
einem zweiwöchigen Anmarsch gelangte das Team zum geplanten Einstieg
im Südwesten des Berges. Nachdem der Aufstieg bis zu einer Höhe
fortgediehen war, die ungefähr dem Gipfel des Montblanc entspricht,
weigerten sich die Träger, weiter zu gehen. Sie fürchteten den Gott der fünf
großen Gipfel, was auch die wörtliche Übersetzung von Kanchenjunga ist.
So stiegen die Träger wieder ab.
Crowley blieb dennoch optimistisch, im Gegensatz zu Guillarmod, der beim
Anblick des Gletschers, der diabolische Gletscherspalten und Moränen
zeigte, den Mut fast gänzlich verlor. Zwischen ihm und Crowley brach Streit
aus, Guillarmod begann, sich eigene Camps zu suchen. Auch kritisierte er
Crowley wegen der angeblich brutalen Behandlung der Träger, die
Guillarmods Meinung nach der Hauptgrund für den späteren
Zusammenbruch der Expedition war. Beim nächsten Abschnitt begann die
Route durch das Eis zu verlaufen, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Die
Träger aber waren barfuß und hatten keine Schuhe erhalten. Guillarmod
verfluchte Crowley als sorgloses und skrupelloses Subjekt. Die
Schwierigkeiten nahmen beständig zu, die Lawinengefahr wurde größer. Ein

44
Träger stürzte ab, Krankheit und Schneeblindheit gingen um. Auch
Crowleys Stimmung wurde schlechter, eine allgemeine Meuterei fing an
sich auszubreiten, Guillarmod und de Righi begehrten auf und wollten
mehr Ruhe. Als eine Lawine auf dem Marsch niederging, brach allgemeine
Panik aus, die Träger fürchteten den Dämon des Berges. Die ersten Träger
flohen. Die Organisation begann auseinanderzubrechen, Guillarmod
ernannte sich selbst zum Führer, war aber so hysterisch, daß er kaum eine
Frage beantworten konnte.
Guillarmod, de Righi und Pache stiegen mit ihren Trägern trotz
Crowleys Warnungen zum unteren Lager ab. Unterwegs rutschten zwei der
Träger auf dem Eis ab, rissen Pache und den Träger am Schluß mit.
Guillarmod und de Righi konnten sich nicht halten, stürzten selbst hinterher.
Durch den Fall hatte sich eine Lawine gelöst, die über die sechs Männer
niederging. Als Guillarmod und de Righi wieder zu Bewußtsein kamen,
riefen sie erst einmal um Hilfe. Die anderen waren unter Schneemassen
begraben und konnten nicht freigeschaufelt werden - Pache und die drei
Träger waren tot. Crowley hatte den Unfall vorausgesehen, und beschloß am
nächsten Morgen, es war der 2. September, das Unternehmen abzubrechen
und abzusteigen. Beim Abstieg durch den Schnee begann Crowley Stimmen
zu hören:

„Ich hätte schwören können, daß ich Stimmen hörte. Wieder rief
ich und wieder fiel totes Schweigen. Ich dachte schon, ich sei die
Beute einer Halluzination geworden.“

Dieses Erlebnis hatte ihn so stark beeinflußt, daß er noch vierzig Jahre
später über die ,Kanchenjungaphobie' schrieb. Die anderen Männer hörten
nichts mehr von ihm, bis sie wieder in Darjeeling ankamen. Sie warfen ihm
unterlassene Hilfeleistung vor, ein Streit über verschiedene Zeitungsartikel
hinweg begann. Reymond war von Crowleys Lager aus abgestiegen, um
nachzusehen, und hatte mit Crowley vereinbart, daß er ihn rufen würde,
falls etwas besonderes geschehen sei. Reymond hatte aber weder gerufen,
noch war er zurückgekehrt, so hatte sich Crowley schlafen gelegt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt in Crowleys Leben ist seine poetische
Tätigkeit. Seine Erstveröffentlichung war ,Aceldama' 1898, ein Gedichtband
unter dem Pseudonym ,Ein Gentleman von der Universität von Cambridge',
das auch hier schon erwähnt wurde. Andere lyrische Werke folgten in
schneller Aufeinanderfolge.
Ein gutes Beispiel hierfür ist ,White Stains', Weiße Flecken, eine Sammlung
pornographischer Verse, die zum Teil an Baudelaire erinnern. In Gedichten
wie ,Necrophilia' oder ,Mit Dame und Hund' beschreibt er das, was in der
Gesellschaft allgemein als sexuelle Perversion bezeichnet wird, für Crowley
aber Akte der Sexualmagie waren. Auch die Erfahrungen seiner Affären
arbeitete er oft poetisch auf. Als Beispiele seien hier das schon vorher

45
erwähnte ,Alice: Ein Ehebruch' oder der seiner Frau Rose gewidmete
Gedichtszyklus ,Rosa Mundi', Rose der Welt, genannt.
Charles Richard nannte ,Rosa Mundi' eines der großen Liebesgedichte der
Sprache und bat alle Kenner der Poesie, keine dummen Vorurteile gegen den
Autor zu hegen. Zwischen 1889 und 1907 veröffentlichte Crowley insgesamt
17 Werke im Privatdruck, die aber in der Öffentlichkeit wenig Beachtung
fanden. Zwischen 1905 und 1907 wurden ,Gesammelte Werke' in drei
Bänden veröffentlicht, die alles bis dahin geschriebene enthielten. Sie
wurden von Ivor Black verlegt, einem Freund Crowleys aus der Collegezeit.
1909 wurden besser gebundene Werke verlegt, ,Amphora', ,Die Tragödie
der Welt', ,Der geflügelte Käfer', ,Ambergris' und andere. Vom selben Jahr an
bis 1913 wurden die ersten zehn Bände des ,Equinox Vol. 1' veröffentlicht.
Der Equinox erschien zweimal pro Jahr und war der erste ernsthafte
Versuch, die Erkenntnisse der okkulten Wissenschaft der Öffentlichkeit zu
vermitteln. Durch die zehn Bände zieht sich ein Bericht über Crowleys
magische Tätigkeit, in dem auch die geheimen Rituale des Golden Dawn
enthalten sind.
Im Sommer 1913 reiste er mit Leila Waddell nach Moskau, wo er eine
leidenschaftliche Affäre mit einer jungen ungarischen Frau mit
masochistischer Veranlagung hatte. Diese neue Erfahrung inspirierte ihn zu
seiner ,Gnostischen Messe' und zu seinem bekanntesten Gedicht ,Hymne
an Pan'. In diesem Jahr wird auch sein ,Buch der Lügen', ,The Book of Lies',
veröffentlicht.
1918 beendete er sein ,Liber Al aber erst 1961 veröffentlicht wurde, und
er schrieb im selben Jahr seine Version des ,Tao Te King'. In Amerika wurde
die erste Ausgabe des ,Blue Equinox' herausgegeben, der erste neue Equinox
nach der ersten Serie. Er beginnt mit der vorher erwähnten Hymne an Pan:

„Erhebe dich in gleißender Lust des Lichts!


O Mensch! Mein Mensch!
Stürme heran aus dem Dunkel der Nacht
von Pan! Io Pan!
Io Pan! Io Pan! Ziehe über die See
von Sizilien und von Arkadien! Komm als
Bacchus, mit faunischem Gelächter
und Nymphen und Satyrn als deine Wächter.
Auf einem milchig weißen Esel über die See komm herbei
zu mir - zu mir! Komm mit Apollo im
Brautgeschmeid
(als Priesterin oder im Hirtenkleid)
komm auf seidenen Schuhen der Artemis,
und wasch deinen Schenkel, du schöner Gott und
dies
im Monde der Wälder, auf marmornem Fels,
die dämmrige Höhlung des bernsteinfarbenen Quells!

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Wilden Gebetes Purpur tauche ein
in die scharlachrote Schlange, den
Scharlachschrein,
der Seele unschuldiges Auge erschrickt,
wenn es deine quellende Wonne erblickt,
durchsickernd den Busch, den lebenden Baum
und Leib und Gehirn - komm über die See,
(Io Pan! Io Pan!)
Teufel oder Gott, zu mir, zu mir,
mein Mensch! Mein Mensch!
Komm mit schrillem Trompetenklang
über den Bergeshang!
Komm mit dumpfem Trommelschall
von dem Wasserfall!
Komm mit Flötenblasen und Gepfeif!
Bin ich nicht reif?
Ich, der wartend und werkend sich windet
vergebens Leere nur umarmt, die schwindet
vor meinem Körper, der sehnenden Brunst,
meines Leibes Stärke wie ein Löwe und
Schlangenkunst -
komm, O komm!
Mach mich frei
von der einsamen Lust der Teufelei.
Bohre das Schwert durch das, was mich bezwingt,
du, der alles erschafft und verschlingt;
das Zeichen des offenen Auges gib du mir,
des dornigen Schenkels steilen Rapier,
Wahnsinns und Mysteriums geheimes Panier,
Pan! Io Pan!
Io Pan! Io Pan Pan! Pan Pan! Pan,
ich bin ein Mann:
tu was du willst, wie ein großer Gott nur kann
Pan! Io Pan!
Io Pan! Io Pan Pan! Wie lange
bin ich erwacht im Griff der Schlange.
Der Adler hackt, seine Krallen fassen;
die Götter verblassen
deine großen Tiere kommen!
Io Pan! Auf seinem Horn
trägt mich zum Tode das Einhorn.
Ich bin Pan! Io Pan! Io Pan Pan! Pan!
Ich bin dein Weib, ich bin dein Mann,
dein Bock, dem man Gold und Göttlichkeit gab,
Fleisch zu deinem Knochen, Blüte zu deinem

47
Stab.
Es klirrt mein Huf von Sonnenwende bis Equinox
auf der Härte des rasend Felsenblocks
und ich reiße und ich rase und hüte durch die
Weiten
ewig und immer, bis ans Ende der Zeiten,
Männlein, Mägdlein, Mänade, Mann,
in der Macht von Pan!
Io Pan! Io Pan Pan! Pan! Io Pan!"

Crowley beschäftigte sich hauptsächlich periodenweise mit Poesie. Meist


während oder nach leidenschaftlichen Beziehungen zu Frauen arbeitete er
oft ohne zu schlafen wie ein Berserker an seinen Werken. Mit der
Veröffentlichung und dem Verkauf hatte er stets Probleme, da er nur wenig
Beachtung fand und auch wegen der Vorurteile gegenüber seiner Person oft
nicht als Dichter anerkannt wurde. Crowleys eigene Meinung über seine
schriftstellerische Fähigkeit lautete jedoch etwas anders:

„Es gibt zwei große englische Dichter - außer mir darf man
schließlich Shakespeare nicht vergessen.“

Nun zurück zu den Ereignissen. Crowley war von Darjeeling aus nach
Kalkutta gereist, wo er ein interessantes Erlebnis mit Pratyahara, einer Yoga,
bei der man für andere unsichtbar werden kann, hatte. Drei Männer
überfielen Perdurabo des Nachts im Culinga-Bazar, er mußte sich zur Wehr
setzen und erschoß dabei zwei von ihnen. Sofort suchten ganze Massen ,mit
Schreien des Hasses nach dem Schützen. Perdurabo berichtet:
„Ich erlebte es bei einer Gelegenheit, daß eine sehr
große aufgeregte Menschenmenge mit nicht gerade freundlicher
Absicht nach mir suchte; aber ich hatte ein Gefühl von Leichtsinn,
von Geisterhaftigkeit, als wäre ich ein Schatten, der sich
geräuschlos in der Straße bewegte; und tatsächlich war keinem
der Leute, die mich suchten, auch nur im geringsten anzumerken,
daß sie meine Gegenwart wahrnahmen.“

Am nächsten Morgen kamen Rose und Lilith per Schiff an, und da das
Pflaster etwas zu heiß war, reisten sie auch sogleich weiter nach China. Sie
begaben sich über Burma in die Provinz Yunnan. Bald jedoch wurde für
Crowley die Situation problematisch:

„Ich fand mich mitten in China mit Frau und Kind wieder. Ich
war nicht länger von der Liebe zu ihnen beeinflußt, nicht länger
daran interessiert, sie zu beschützen, wie es vorher der Fall war.“

48
Perdurabo war indessen beschäftigt mit Trancen, in denen er mit den
Alten der Antike, darunter Pythagoras und Plotinus, Konversation trieb, um
so das Große Werk vollenden zu können. Er begann, an seiner eigenen
Existenz zu zweifeln:
„In der Tat bin ich gesandt, irgend etwas zu tun.
Für wen? Für das Universum? Was soll ich den Menschen lehren?
Und wie ein Blitz vom Himmel fielen mir diese Worte zu: 'Die
Kenntnis und Konversation mit dem Heiligen Schutzengel’.''

So beschloß er unter dem Einfluß etlicher Opiumpfeifen, alles


aufzugeben und nur noch Aiwass nachzufolgen. Nachdem sie ungefähr 300
km weit auf ihrem Marsch gekommen waren, erhielt Perdurabo eine
Mitteilung von den geheimen Chefs: Sein Diener hatte geträumt, wie
Perdurabo von zwei Frauen in einem Boot ein edelsteinbesetztes Schwert
erhalten hatte. Perdurabo hatte Zweifel an Echtheit und Aussage des
Traumes. Dennoch zog er sich zurück und begann, Augoeides zu
beschwören, was für Perdurabo die Beendigung der Abramelin-Operation
und den Gang durch den Abyss bedeuten sollte. Augoeides ist ähnlich wie
Adonai eine Bezeichnung für den Heiligen Schutzengel.
Crowley wiederholte die schwierige magische Operation täglich,
obschon er jeweils zehn Stunden am Tag weiter marschierte. Seinen Grad als
,Kind des Abyss' fürchtete er zu verlieren, da die Visionen nicht im
mindesten den gewünschten Erfolg zeigten. Aber er beschloß,
,dabeizubleiben', kämpfte mit seinem Bewußtsein und verlor dabei zur
Gänze seinen Intellekt. Er setzte sich mit den Resten seiner Neigungen und
seinem moralischen Ego auseinander. Nach vier Monaten verließ Perdurabo
China wieder, setzte jedoch die Operation, die insgesamt über 25 Wochen
hinweg andauerte, beständig fort. Er war zwar durch den Abyss gegangen,
weigerte sich jedoch für drei Jahre, den Grad des Meisters des Tempels
anzunehmen. Er erlebte die höchstmögliche Trance, Shivadarshana selbst,
die aus drei Teilen besteht. Der erste Teil ist die Vision des universellen
Pfaus, dann die des Universums als einzelnes und einfaches Wesen, ohne
Quantität, Qualität oder Bedingungen. Darin ist das ,Ich' immanent,
dennoch hat das ,Ich' es geschaffen und ist gleichzeitig völlig getrennt
davon. Diese Dreiheit wird schließlich durch eine unpersonifizierte
Einheit transzendiert. Dies alles wird zerstört, indem Shiva sein drittes Auge
öffnet. Tagelang war Perdurabo trunken in Samadhi, stieg in die Hölle
hinab, wo er Todesqualen erlitt, um wiederum in den Himmel aufzusteigen.
Doch nun zurück zu den Ereignissen in China. In Nord-Vietnam
verabschiedete er sich von Rose und dem Kind und reiste nach Shanghai,
um Soror Fidelis, Elaine Simpson, zu treffen. Er hatte mit ihr die ganze Zeit
über in astraler Kommunikation gestanden. Mit ihr als Seherin führte er
mehrere Invokationen (Anrufungen) aus. Perdurabo war immer noch in
seiner buddhistischen Phase, ,alles Dasein ist Leid', und stand dem Liber Al
nach wie vor skeptisch gegenüber. Nicht so Fidelis, und so beschworen sie

49
Aiwass. Dieser teilte Perdurabo mit, er sollte Fidelis zurücklassen und sofort
nach Ägypten reisen:

„Dennoch wünsche ich, dich physisch zu lieben,


um den Kreis deiner Vereinigung zu vervollständigen.“

Crowley verließ auch sogleich Fidelis und begab sich über New York erst
einmal nach Liverpool. Dort erfuhr er vom Tode seiner Tochter Lilith.
Crowley machte Rose dafür verantwortlich:

„Sie hatte es verabsäumt, den Nuckel der Flasche


zu säubern, und setzte das Kind damit Typhuserregern aus.“

Um den Verkauf seiner gesammelten Werke anzuregen, hatte


Crowley zu der Zeit, als die erste Ausgabe erscheinen sollte, einen Preis von
100 Pfund für das beste kritische Essay über seine Werke ausgesetzt. Nach
zwei Jahren endlich schrieb ein Captain John Frederick Charles Fuller der
First Oxfordshire Light Infantry sein Essay ,Ein Stern im Westen', ,A Star in
the West'. In diesem Essay schwärmte er:
„Es brauchte 100000 Jahre, um Aleister Crowley hervorzubringen. Die
Welt hat wahrlich gelitten und hat schließlich einen Menschen geboren."
Obwohl Fuller das Liber Al nicht bekannt war, verkündete er das Zeitalter
der ,Crowleyanity':
,,Crowleyanity hat uns durch mehr Wunder geführt als Dante jemals als
Augenzeuge gesehen hatte."
Nach ein paar Jahren zerstritten sich die beiden jedoch, Fuller schrieb dann
als Generalmajor Bücher über Militärgeschichte und wandte seine
Bewunderung Hitler zu.

50
Durch die Macht der Wahrheit habe
ich
während des Lebens das
Universum erobert

In den Jahren 1907 bis 1909 fanden für Perdurabo wichtige Ereignisse statt.
1907 stellte er sein kabbalistisches Werk ,777' zusammen, das er früher
schon in Zusammenarbeit mit Mathers und Allen Bennett begonnen hatte.
Das Liber 777 ist eine ausgedehnte tabellarische Anordnung von
Korrespondenzen aller magischen Systeme. Es enthält Zuordnungen der
verschiedenen mystischen Systeme, Planeten, kabbalistische Welten, Gottes-
und Engelsnamen, Tarot und vieles andere. Für den magischen Gebrauch
können darin beispielsweise für eine bestimmte Planetarsphäre die
entsprechenden Götter, Engel, Herrscher, Dämonen, Farben, Formen,
Mineralien, Düfte und Zahlenwerte nachgeschlagen werden, so daß man
sich ganz mit allen Sinnen und den entsprechenden Informationen auf die
Arbeit einstellen kann.
Weiters ist im Liber 777 auch das ,Sepher Sephiroth' zu finden, in dem viele
Korrespondenzen zu den Zahlenwerten von 1 bis über 1 000 aufgeführt sind.
Obwohl Liber 777 nicht einmal einen sehr großen Umfang hat, ist es auch
heute noch das umfangreichste und am besten verständliche Werk dieser
Art. 777 wird 1909 zum erstenmal veröffentlicht, Crowley erweiterte es
jedoch später auf Cefalu noch mit einem ausführlichen Kommentar. Im
selben Jahr wird Crowleys zweite Tochter Lola Zaza geboren.
Seit Perdurabo mit Mathers gebrochen hatte, war es sein Bestreben, einen
eigenen Orden zu gründen. Mathers Golden Dawn bestand aus drei Teilen,

51
dem äußeren Orden, der die Grade des Neophyten bis Philosophus umfaßte.
Der zweite Teil, der Orden der Roten Rose und des Goldenen Kreuzes,
umfaßte die oberen Grade bis zum Adeptus Exemptus 7° = 4 . Der dritte
Orden des Silbernen Sterns, Argentum Astrum oder A... A... enthielt die
Grade des Magister Templi 8°=3, Magus 9° = 2 und Ipsissimus 10° = 1 die
jedoch so erhöht waren, daß sie bis dato nur von den geheimen Chefs
erreicht wurden. Bei der Augoeides-Arbeit hatten die Götter Perdurabo
angeboten, den Magister Templi-Grad anzunehmen. Er akzeptierte diesen
Grad jedoch formal bis 1909 nicht, war jedoch ab 1906 zu einem der
geheimen Chefs geworden. Damit gründete er auch den A... A... als
mystischen Orden. Und diesen Orden verkündete Perdurabo der Welt in der
ersten Nummer des Equinox im Jahre 1909.
Durch die Equinoxe verläuft neben vielen lyrischen, prosaischen und
philosophischen Abhandlungen und Berichten über verschiedene magische
Operationen auch ein Bericht über Crowleys magische Biographie, der von
Captain Fuller geschrieben ist. Wegen den hierin enthaltenen geheimen
Ritualen des Golden Dawn erhob Mathers auch sogleich Klage gegen
Crowley, um die Veröffentlichung zu verhindern. Diese wurde jedoch
niedergeschlagen. Dies war auch die letzte Auseinandersetzung mit
Mathers, der im Jahre 1918 an einer schweren Grippe starb. Einige Leute
munkelten sogar, Crowley hätte ihn getötet.
Im A...A... wurden unter anderem die Lehren und Rituale des Golden
Dawn verwendet, die Weihung magischer Waffen und Talismane und die
Pentagramm- und Hexagrammrituale zum Anrufen und Bannen
bestimmter Kräfte der Elementar- und Planetarebenen wurden direkt
übernommen.
Bereits 1913 hatte der A...A... 88 Mitgliedern gewonnen. Das Jahr 1909
brachte auch die Wiederentdeckung des Liber Al vel Legis mit sich. Als
Crowley auf dem Boden seines Gutes Boleskine nach ein paar Skiern suchte,
fand er ein flaches, in braunes Papier gewickeltes Päckchen, das sich als das
verloren geglaubte Manuskript des Liber AI herausstellte.
Dieses Ereignis bedeutete für Crowley auch die Wiederaufnahme des
Kontaktes zu Aiwass, mit dem er seitdem in ständiger Verbindung blieb. In
diesem Jahr wurde er auch von Rose geschieden. Der Bruch zwischen den
beiden hatte schon 1907 begonnen, als Rose anfing zu trinken und zur
Alkoholikerin wurde. Eine finanzielle Übereinkunft betreffs Lola Zaza
wurde getroffen, und Crowley war froh, die Sache hinter sich zu haben. Rose
trank weiter und wurde schließlich 1911 in ein Asyl für Alkoholkranke
eingeliefert.
Schließlich brachte das Jahr 1909 für Crowley die nochmalige
Überquerung des Abyss mit sich, nach welcher er den Grad des Magister
Templi 8°=3 mit dem Motto V.V.V.V.V. (Vi Ven Vniversum Vivus Vici,
durch die Macht der Wahrheit habe ich während des Lebens das Universum
erobert) annahm.

52
Die magische Operation war die Anrufung der 30 Aethyre, die Crowley
in seinem Werk ,Die Vision und die Stimme, Liber 418', niederlegte. Die
Engel dieser Aethyre oder Schleier werden mit Hilfe der 19 henochischen
Schlüssel beschworen, ein magisches System in der sogenannten
henochischen oder Engelssprache, das Dr. John Dee und Sir Edward Kelly
im 16ten Jahrhundert von einem Engel übermittelt bekommen hatten.
Crowley hatte diese henochischen Schlüssel bereits im Golden Dawn
studiert und später die Originalmanuskripte im britischen Museum
eingesehen. Als Crowley 1900 in Mexiko war, hatte er bereits die ersten
beiden Aethyre beschworen, sein Grad erlaubte ihm damals jedoch nicht,
fortzufahren. Jetzt, 1909, beschwor Perdurabo die 28 anderen zusammen mit
einem seiner Schüler, Victor Neuburg, Frater Omnia Vincam (ich werde alles
besiegen). Die Operation selbst fand in der nordafrikanischen Wüste statt
und war mit einem Marsch von Algiers über Aumale, Sidi Aissa bis nach
Am el Hajel verbunden. Dabei beschworen die beiden jeden Tag einen der
Aethyre.
Perdurabo hielt, nachdem er den jeweiligen Ruf rezitiert hatte, einen
Schaustein in der Hand, den er ähnlich wie eine Kristallkugel zum astralen
Sehen benutzte. War er sich sicher, daß die beschworenen Kräfte anwesend
waren, benutzte er den Schaustein als astrale Tür und begab sich auf die
Astralebene der jeweiligen Aethyre. Diese 30 Aethyre bilden eine
fortlaufende Serie. Die ersten 20 brachten für Perdurabo die Initiationen, die
er brauchte, um durch den Abyss zu gehen. Weiter zeigten sie das
Zerbrechen der Struktur des alten Äons, das Kommen des neuen Äons
wurde angezeigt, Prophezeiungen über Crowleys Amt als Logos des Äons
waren enthalten, was er jedoch erst bei einer späteren genaueren Analyse
der Aethyre bemerkte. Auch gab sich Aiwass im 8ten Aethyr als sein
Heiliger Schutzengel zu erkennen.
Der 10te Aethyr ZAX, der von dem schrecklichen Teufel Choronzon
bewacht wird, stellt den Abyss selbst dar. Beim Überqueren des Abyss gab
der Seher sein ,Selbst' oder Ego auf, transzendierte die Dualität von Ego und
Nichtego und erhob sich somit über das Stadium des Menschseins.
Choronzon zu beschwören, ist eine der gefährlichsten Operationen
schlechthin, da die Gefahr der Besessenheit sehr groß ist. Da Perdurabo in
den anderen Aethyren bereits vorgewarnt worden war, hatten er und Omnia
Vincam vor der Beschwörung viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
Choronzon selbst ist keine selbständige astrale Wesenheit, sondern
eher die Personifikation von zersetzender und zerstreuender Energie, die
sich durch die Schwingungen der Anrufung kurzzeitig manifestieren kann.
Er hat auch keine feste Form, sondern wechselt diese je nach Zweck oder
Laune. Er verwandelte sich in mehrere Gestalten, auch in den Seher selbst,
und versuchte dem Dreieck, in welches er beschworen worden war, zu
entkommen. Einmal gelang ihm dieses auch, er sprang Omnia Vincam an,
um ihn zu zerreißen. Choronzon wurde gerade noch rechtzeitig zurück in
das Dreieck gezwungen. Choronzon sagte darauf zu Perdurabo:

53
,,Weißt du nicht, wie nahe du der Zerstörung bist? Denn du, der
du der Schreiber bist, hast nicht das Verständnis, das alleine
gegen Choronzon hilft. Und wärest du nicht geschützt durch die
Heiligen Namen von Gott und durch den Kreis, würde ich mich
auf dich stürzen und dich zerreißen. Denn als ich mich selbst zu
einer schönen Frau machte, wenn du da zu mir gekommen wärst,
hätte ich deinen Körper mit den Pocken und deine Leber mit
Krebs zersetzt. Und hätte ich dich bei deinem Stolz verführt, und
hättest du mich gebeten in den Kreis zu kommen, hätte ich dich
unter meinen Füßen zertreten, und für 1000 Jahre wärest du nur
einer der Bandwürmer in mir gewesen. Und hätte ich dich bei
deinem Mitleid verführt, und hättest du auch nur einen Tropfen
von Wasser außerhalb des Kreises geschüttet, dann hätte ich dich
mit einer Flamme zerstört. Aber ich war nicht in der Lage, gegen
dich zu bestehen."

Perdurabos Gang durch den Abyss endete so erfolgreich, und er wurde im


nächsten Aethyr in die Weiße Bruderschaft des A...A... aufgenommen. In den
nächsten Aethyren erhielt er die weiteren Initiationen zum Grade des
Magister Templi und eine Vorausschau zum Grade des Magus. Er vereinigte
sich körperlich mit seinem Heiligen Schutzengel Aiwass, der in seiner
weiblichen Form erschien, und beschwor am Schluß im ersten Aethyr LIL,
Horus, das gekrönte und erobernde Kind, den Herrn des Äons.
Der Bericht darüber, ,Die Vision und die Stimme' ist eines der bekanntesten
Werke Crowleys dieser Art und wird hoch geschätzt, da es den Gang dieser
Initiation genau schildert. Fast alle religiösen und philosophischen Systeme
verschiedenster Kulturen und aus verschiedensten Zeitaltern sind hierin
vereint, ohne Widerspruch oder gegenseitige Beeinflussung. Es erschien
zuerst 1911 in einem der Equinoxe.
Als Crowley mit seiner Scarlet Woman Leila Waddell im Frühjahr 1910 bei
Commander Marston den marsischen Geist Bartzabel beschwor, kam
letzterer auf die Idee, daraus ein öffentliches Schauspiel zu machen. Bei
einem anderen Ritual unter dem Einfluß von Anhalonium, ein
Peyotlprodukt, als Leila ihre Geige spielte und Crowley Poesie rezitierte,
wurde die Idee entwickelt.
Crowley schrieb sieben Riten, eines für jeden Planeten, die an sieben
aufeinanderfolgenden Wochen jeweils Mittwochs in der Laxton Hall,
Westminster, aufgeführt wurden. Das Publikum sollte in einen Zustand
religiöser Ekstase versetzt werden. Crowley nannte sein Spektakel ,Die
Eleusischen Mysterien' und hatte als Basis den griechischen Mythos, wo
Persephone, Tochter von Demeter, von Pluto entführt wird. Crowley
wandelte die Legende ab, und stellte Pan, den Gott der Fruchtbarkeit und
Lust, in den Vordergrund. Es lief auf den Punkt hinaus, daß es keinen Gott

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gibt, und daß es das Ziel des Menschen ist, Freude unter den Lebenden zu
empfinden.
Die Charaktere waren mit den Prachtroben des Golden Dawn bekleidet,
die Bühne war als Tempel eingerichtet und die Luft geschwängert von
Weihrauch. Crowley rezitierte sodann lyrische Verse und magische Formeln,
Leila Waddell spielte ekstatisch die Violine und Victor Neuburg tanzte den
Tanz von Pan ,zu Ehren unserer Herrin Artemis'.
Eine Zeitschrift, der ,Looking Glass', zerriß die Aufführung und
forschte in Crowleys Leben herum. Bei einem Bericht wurden etliche Golden
Dawn Mitglieder deformiert, George Cecil Jones erhob Klage, da er
verheiratet war und Konsequenzen für seine Familie befürchtete. Crowley
selbst hatte kein Interesse daran Klage zu erheben, ebensowenig Allen
Bennett, der zu dieser Zeit ja in Ceylon war, und gar nichts von dieser
Angelegenheit wußte. Da Crowleys Aktivitäten und sexuelle Vorlieben vor
Gericht nicht gerade den besten Eindruck machten, verlor Jones auch
prompt diesen Fall. Crowley verlor bei dieser Gelegenheit auch die
Freundschaft Captain Fullers, der mit einer so ,abscheulichen und
ekelhaften Kreatur' wohl nichts mehr zu schaffen haben wollte.
Im Oktober 1911 lernte Crowley Mary D' Este Sturges, eine Gefährtin von
Isadora Duncan, im Savoy-Hotel, London, kennen. Crowley war fasziniert
von ihr und besuchte sie bald in ihrer Wohnung in Paris, wo sie, verheiratet,
mit ihrem Sohn lebte.
Crowley beschrieb sie als ,eine großartige Spezies' von gemixtem irischem
und italienischem Blut, und sagte von ihr, daß sie eine höchst starke
Persönlichkeitstruktur und einen stark ausgeprägten Magnetismus besäße.
Ansonsten teilte Crowley sehr wenig über Mary mit.
Von Paris aus entführte Crowley Mary, die jetzt den magischen Namen
Virakam (dieses Wort stammt wahrscheinlich von dem Sanskrit-Stamm
rak, ich konstruiere, führe aus) annahm, sogleich in die Schweiz. Ihre erste
gemeinsame Nacht verbrachten sie im National-Hotel in Zürich.
Virakam hatte unter dem Exzeß von Drogen, Alkohol und Sex einen
hysterischen Ausbruch und erste Visionen. Schon in der Nacht zuvor hatte
Virakam ,das Oberhaupt der fünf Weißen Brüder', gesehen, ein alter Mann
mit einem langen weißen Bart, der einen Stab trug und eine Klaue auf der
Brust hatte. Crowley war zunächst einmal skeptisch, horchte jedoch auf, als
der alte Mann ihn mit Perdurabo ansprechen ließ, Crowleys Motto, das
Virakam bis dahin noch nicht kannte. Ein Buch sollte ihm gegeben werden,
und es sollte den Namen ,,Aba" mit dem Zahlwert 4 haben. Crowley
überprüfte die Person des alten Mannes, der seinen Namen mit Ab-ul-Diz
angab. Crowley war nicht so recht überzeugt, aber dieser Ab-ul-Diz
versprach, innerhalb einer Woche mit einer Mitteilung wiederzukommen.
Die beiden fuhren nach St. Moritz und dort richteten sie sich ihre
Hotelsuite als Tempel ein. Fünf Stühle für die fünf Weißen Brüder wurden
aufgestellt, auf einem achteckigen Tisch in der Mitte des Tempels lagen die
magischen Waffen, Bücher der Anrufungen, Weihrauch und anderes. Weiter

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versahen sie den Salon ihrer Hotelsuite mit einem sehr großen Spiegel, der
genau in ausgewogener Position symbolisch für den Osten angeordnet
wurde.
Pünktlich zur angegebenen Zeit betraten Perdurabo und Virakam in
entsprechenden Roben, die auch im Liber AI vel Legis beschrieben sind, den
Tempel und vollzogen das Ritual ,Of the Bornless One', was soviel bedeutet
wie ,ohne Grenzen', wie Ab-ul-Diz es Perdurabo aufgetragen hatte. Nach
der erfolgreichen Ausführung des Rituals erschien Ab-ul-Diz. In der sehr
verwirrenden Kommunikation bekam Crowley den Auftrag, sich nach
London zu begeben, und dort das Buch 4 zu finden und dieses den Brüdern
zurückzugeben. Ab-ul-Diz wollte noch ein drittes mal am 4ten Dezember
erscheinen. Dieses war auch der Fall, diesmal saßen zusätzlich ,sie',
wahrscheinlich also die fünf Weißen Brüder, um den Tisch herum. Crowley
erhielt eine vorausschauende Initiation in den OTO, die in den nächsten
Jahren folgen sollte. Es fanden noch mehrere weitere Treffen mit Ab-ul-Diz
statt, wobei aber jedesmal das Problem auftrat, daß Virakam, die keine sehr
gute Seherin war, in einen Zustand nahe der Hysterie fiel. Jedoch erhielt
Crowley schließlich den klaren Auftrag von Ab-ul-Diz, der sich auch als
einer der geheimen Chefs zu erkennen gab, ein ,Buch 4' über Magie zu
verfassen. Crowley konsultierte das Yi King, das ihm als geeigneten Ort
Neapel angab.
Nach einigen Abenteuern mieteten sich die beiden schließlich eine Villa in
der Nähe von Neapel, wo Crowley Virakam sein Buch 4 diktierte. Hier
verwendete Crowley auch zum ersten mal den Ausdruck ,Magick', die
Endung ,k' steht unter anderem für das griechische Wort Kteis, die
weiblichen Genitalien, als Symbol für die Magie des neuen Äons, in der die
Sexualmagie eine sehr wichtige Rolle spielt. Dieses Buch 4 wurde von
Crowley weitergeführt und wurde zu einem Teil seines Meisterwerkes
,Magick in Theory and Praxis'.
Nach Abschluß des Buches zerstritten sich Virakam und Crowley.
Mary D' Este Sturges kehrte nach Paris zurück, Crowley indessen verweilte
wieder bei Leila Waddell. Mit ihr zusammen führte er im Sommer 1913 eine
Truppe von Chormädchen nach Moskau. Die Aktivitäten dieses Chors
interessierten ihn nicht im mindesten, so setzte sich Crowley ab und ging
seine eigenen Wege. Nach und während einer außergewöhnlichen sexuellen
Beziehung zu einem ungarischen Mädchen schrieb er seine ,Hymne an
Pan', die ,Gnostische Messe' und sein ,Book of Lies' ,das Buch der Lügen. Es
trägt die Zahl 333, den Zahlwert von Choronzon, und zeigt, daß ,ein
Gedanke in sich selbst unwahr ist' und daher seine Falsifikationen relativ
wahr sind. Crowley gab diesem Buch 93 Kapitel, auch die Zahl von Thelema.
Der Inhalt jedes Kapitels hängt jeweils mit der kabbalistischen Interpretation
seiner Zahl zusammen. Oberflächlich gesehen, scheint in diesem Buch lauter
Nonsens enthalten zu sein, erst nach langer Beschäftigung und Intuition
zeigt sich, daß hierin Crowleys Gedankenwelt auf jeder Ebene enthalten und

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ausführlich erklärt ist. ,The Book of Lies' wurde zuerst 1913 veröffentlicht
und 1921 noch mit diesem vorher erwähnten Kommentar versehen.
Im Jahre 1912 klopfte Theodor Reuss, das Oberhaupt des Ordo
Templi Orientis, O.T.O., an Crowleys Tür. Der O.T.O. war 1902 von
Großmeistern der Freimaurer gegründet worden, nachdem einer von ihnen,
Karl Kellner, bei einer ausgedehnten Tour durch den Orient in östliche
sexualmagische Praktiken eingeweiht worden war. Der Orden enthielt
ebenfalls die Riten der orientalischen Templer, Baphomet sei hier genannt,
und so gründete ein innerer Kreis von Adepten diesen Orden im Lichte des
neuen Wissens.
Zur gleichen Zeit wie Kellner war aber auch Crowley in Indien in die
Mysterien der östlichen Weisheit eingeweiht worden, Anspielungen und
Ausführungen darüber sind schließlich in fast allen Werken Crowleys zu
finden.
Nun, Reuss klagte Crowley kurzerhand an, er habe das innerste
Geheimnis des IX° O.T.O. verraten und zeigte zum Beweis eine Stelle aus
dem ,Book of Lies'. Dieses wurde jedoch erst ein Jahr später veröffentlicht,
Reuss konnte dieses also gar nicht kennen. Crowley vermutete, daß sich die
beiden in einer Art Raum-Zeit-Verschiebung kontaktierten, sozusagen in der
Zukunft.
Crowley machte Reuss jedoch auch sehr schnell klar, daß er vom
O.T.O. und seinen Mysterien gar nichts wußte, daß es hätte genauso gut
umgekehrt sein können, nämlich daß der O.T.O. seine Mysterien verraten
hatte. Reuss war von Crowley sehr angetan und machte ihn sogleich den
Vorschlag, dem Orden beizutreten und bot ihm den Posten des Oberhauptes
für England an. Crowley nahm dieses Angebot an und erhielt dieses Amt
unter dem Motto ,Baphomet'.
Crowley und Reuss tauschten ihr Wissen aus, und Crowley schrieb
ziemlich bald die fragmentarischen Rituale des O.T.O. in eine neue
poetischere Form um. Crowley verwob darin auch die thelemitische Lehre
und Grundzüge des Liber Al, welches von den Mitgliedern aber abgelehnt
wurde. Es kam in der Folge zu Auseinandersetzungen deswegen, aber da
der Orden zu dieser Zeit fast nur auf dem Papier bestand und auch der erste
Weltkrieg vor der Tür stand, passierte im Endeffekt nicht viel.
Der nächste wichtige Abschnitt in Crowleys magischer
Entwicklung waren die Pariser Beschwörungen, ,The Paris Working', mit
Victor Neuburg, der jetzt Zelator 2°=9 mit dem Namen Lampada Tradam
(ich werde die Fackel tragen) war. Diese Arbeit war eine des XI° O.T.O., also
eine mit homosexuellen Praktiken. Crowley schrieb hierzu in den
,Confessions', seiner Hagiographie:

„Am Ende des Jahres 1913 befand ich mich in Paris mit einem
Zelator des Ordens, Frater L. T. Ich hatte die Theorie der
magischen Methodik des O.T.O. bearbeitet, und wir beschlossen,

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meine Schlußfolgerungen durch eine Serie von Invokationen zu
überprüfen.
Wir begannen am ersten Tag des Jahres zu arbeiten und fuhren
ohne Unterbrechung sechs Wochen lang fort. Wir beschworen die
Götter Merkur und Jupiter; und erhielten viele erstaunliche
Resultate vieler verschiedener Arten, die von spiritueller
Erleuchtung bis hin zu physischen Phänomenen reichten.“

Die Aufzeichnungen darüber nannte er ,The Book of High Magick Art - The
Paris Working' , die Arbeit selbst war seine erste systematische auf dem
Gebiete der Sexualmagie. Jupiter und Merkur hatte er mit
Zeremonialmagie in seiner Golden-Dawn-Zeit bereits beschworen, jedoch
jetzt wollte er sehen, ob und in wie weit sich die Ergebnisse durch die neue
Praktik änderten. Wichtig war auch, daß ‘eine gelegentliche Beschwörung
von Pan' durch diese Brüder ein großes Wunder bewirkt hatte. Obwohl Pan
der eigentliche Meister dieser Operation war, brauchte 0. S. V. Inspiration
und Weisheit. O.S. V. war Crowleys Name als Adeptus Major, der Grad, der
den praktischen magischen Arbeiten entspricht und welchem diese Arbeit
zugeordnet war.

Die beiden begannen der Inspiration und Weisheit willen mit der
Beschwörung von Merkur, der auch Hermes oder Thoth entspricht. Sie
begannen mit dem Ritual 671, das die Beschwörung Thoths darstellt. Danach
- die beiden vereinigten sich, wobei Crowley die Rolle der Frau übernahm -
wurde die Heilige Hymne an Hermes rezitiert. Hermes manifestierte sich
in Neuburg, Crowley sah astral blitzende Caducei von Gold und Gelb, die
Schlangen darin lebend: " Aber so jung und so mutwillig war er, daß das
Opfer unmöglich war." Die Operation mußte erst einmal unterbrochen
werden.
Für die zweite Arbeit hatte O. S. V. eine Hermesstatue in der Form
eines Phallus aus Wachs geformt. Die beiden hatten vorher Anhalonium
Lewinii eingenommen, welches gut für die Verstärkung von Visionen ist. In
dem Ritual selbst verwendete Crowley auch Teile seiner Riten von Eleusis.
Nach weiteren Anrufungen und der Ausführung des Sexualaktes
beantwortete Hermes einige Fragen. Er teilte mit, daß der Zeitpunkt der
Anrufung falsch war und daß O.S. V. als nächstes Thoth beschwören sollte.
Thoth sei ein anderer Aspekt von Hermes, der erscheinen sollte, während
Hermes selbst erst beim nächsten Vollmond wiederkommen wollte.
Weiter gab Hermes Hinweise auf bessere Beschwörungstechniken.
Crowley sollte ein goldenes Pentagramm verwenden und dieses in einer
auffälligen Position plazieren. Außerdem sollten die beiden Weißwein
trinken und Fisch vor der Zeremonie essen. Diese Instruktionen, durch den
Mund von Neuburg gegeben, waren nicht in seinem gewöhnlichen Stil, noch
waren sie Bestandteil seines Wissens. Obwohl er schon eine lange Zeit

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Schüler Crowleys war, war er dennoch ein unsicherer und furchtsamer
Jugendlicher geblieben. Crowley schrieb einmal über ihn:

„Frater L. T. hat einen Mangel, nämlich Introspektion. Der Punkt


ist, daß er ein Mann des Denkens ist, statt einer der Handlung.“

Für die dritte Beschwörung rezitierte Crowley vor dem eigentlichen


Akt das ,Quia Patris' aus seinem mystischen Schauspiel ,The Ship'. Hermes
erschien als „im Grunde genommen phallisch“ und hielt in seiner Hand ein
,Buch 2' mit dem Untertitel BIA, ,Kraft', welches 106 Seiten hatte. Crowley
untersuchte:

„Jeder Samentropfen, den Hermes vergießt, ist eine Welt. Der


technische Ausdruck für seinen Samen ist KRATOS (Macht).
Diese Welten werden in Ketten gehalten, aber unsichtbar. Die
Leute in den Welten sind wie Maden in einem Apfel - alle
Formen des Lebens erzeugt durch die Welten sind der Natur
nach Parasiten. Reine Welten sind Flammenkugeln, jede ein
Wesen mit Bewußtsein. Die Zahl der ausgestoßenen Welten
beträgt 7 482 135 = Venus.
Der Name dieses Phallus ist Thoth, Hermes oder Ma. Ma ist der
Gott, der den Phallus von der Yoni abbrachte; von daher das
physikalische Universum. Alle Welten sind Ausscheidungen; sie
repräsentieren verschwendeten Samen. Daher ist alles
Blasphemie. Dieses erklärt, warum der Mensch Gott in seinem
eigenen Bilde erschuf.“

Crowley fuhr fort und erklärte, daß solche Arbeiten in gleicher Weise
auch heterosexuell ausgeführt werden könnten. Gegen Schluß dieser dritten
Arbeit verlor sich Crowley schweigend in der Kontemplation von Hermes,
in seinem Aspekt als Vehikel der Energie des Höchsten.

„Er ist es, der den lichttragenden Aether befruchtet, die


Spannung darin produziert das, was Materie genannt wird.“

Nach der dritten Arbeit erkrankten Crowley und Neuburg, was


ersterer darauf zurückführte, daß ein von Hermes vorher angesprochenes
Opfer hätte gegeben werden müssen. In der nach der Genesung
vorgenommenen vierten Arbeit sah Crowley Hermes in seinem Aspekt als
Botschafter, jung, den Caduceus tragend. Verschiedene Fragen wurden
gestellt, auch solche wissenschaftlicher Art, und Hermes kündigte für beide
Magier gute Neuigkeiten für den nächsten Tag an. Crowley sollte die
Weisheit der Schlange erhalten, aber er bräuchte die Hingabe von vier
Männern und vier Frauen. Erstere seien deformiert und die Frauen kämen
aus den vier Ecken der Welt. Crowley stellte sich sofort eine Liste von vieren

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seiner Schüler auf, die deformiert waren, und die mit Frater L. T. begann, der
eine extreme Rückgratverkrümmung hatte. Später fügte er den einäugigen
Norman Mudd hinzu. Die Frauen suchte er sich aus seiner langen Liste von
Affären zusammen und fand auch schnell vier, die aus verschiedenen
Kontinenten stammten. Nach diesen Mitteilungen erhielt O.S. V. folgende
Visionen:

„Ich sehe nun den achtstrahligen Stern von Merkur plötzlich


herausblitzen; er ist aus vier Fleurs-de-lys gebildet mit
Staubbeutel-ähnlichen Strahlen, der Form nach wie große Binsen,
zwischen ihnen. Der zentrale Kern trägt das geheime Zeichen
des Großmeisters, aber nicht das, was man kennt. Auf dem Kreuz
sind die Taube, der Falke, die Schlange und der Löwe. Auch noch
ein anderes Symbol, jedoch noch geheimer.
Nun sehe ich feurige Lichtschwerter. All dies ist auf einer
kosmischen Waagschale. All die Entfernungen sind astronomisch.
Wenn ich sage ,Schwert', habe ich ein bestimmtes Bewußtsein
einer Waffe, die viele Millionen von Meilen lang ist.“

Crowley erwähnte noch, daß er noch nie zuvor derart schöne


Himmelslandschaften gesehen hätte; die rosafarbenen Wolken waren wie
der Flug von Vögeln, dann wie der Flug von Schlangen, ihre Farben
vermischten sich mit dem Hintergrund von Purpur und Grün. Nachdem
diese fliegenden Schlangen in den Wolken verschwunden waren, erwachte
Crowley aus seiner Trance und erklärte, daß es alles vorüber sei.
Der Tempel wurde geschlossen, zwischen Crowley und Neuburg
brach eine Diskussion aus, da Neuburg fürchtete, daß durch diese Arbeit zu
viel Energie frei werden könnte, er hatte nämlich Angst vor
Komplikationen und Besessenheit. Crowley lenkte die Diskussion einfach in
eine andere Richtung und erwähnte nebenbei, daß das höchste Ritual eines
sei, bei dem ein Mädchen zuerst vergewaltigt und dann auf dem Höhepunkt
getötet werde. Der Körper dieses Mädchen würde sodann in neun Teile
geteilt, diese aber nicht gegessen, sondern zu Ehren der entsprechenden
Götter verbrannt. Das Mädchen müßte aber einverstanden sein, damit keine
feindlichen Einflüsse in das Ritual eindringen könnten. Die Diskussion
endete dann jedoch damit, daß beide darin übereinstimmten, daß diese
Instruktionen doch den Anflug von Schwarzer, oder zumindest Grauer
Magie trügen.
Bei der fünften Arbeit wurde Jupiter und nicht Hermes angerufen,
das Ritual wurde ,ut ordinatur', wie angeordnet, ausgeführt. Jupiter sagte
erfolgbringende Reisen an, die Aussagen erwiesen sich jedoch nicht als
zuverlässig. O.S.V. legte neue Instruktionen nieder, in denen festgelegt
wurde, daß L. T. der Priester und O.S.V. der Seher sein sollte, das hieß, L. T.
sollte den sexuell aktiven Teil ausschließlich übernehmen. Die Farbskalen
der Götter nach den kabbalistischen Korrespondenzen wurden festgelegt.

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Die sechste Arbeit, ebenso eine Invokation von Jupiter, war ein
Fehlschlag, da L. T. den richtigen Grad an Enthusiasmus nicht produzieren
konnte, er bekam nämlich keine richtige Erektion.
Die siebte Arbeit wiederum war von Erfolg gekennzeichnet.
Während des Höhepunktes sahen die beiden ,,ein Universum im
leuchtensten Purpur mit goldenen Sternen, und Jupiter auf seinem Thron
umgeben von den vier Tieren auf dicken Wolken, getragen auf einer Phalanx
von Adlern." Diese vier Tiere entsprachen denen der Vision von Ezekiel,
somit war dies eine Vision von Jupiter als dem Lichtbringer.
Weiter erschien ein gekrönter Pfau, ein Symbol der Jugend und des
Frühlings. Auf der anderen Seite ist der Pfau aber auch ein Symbol für die
universelle Dummheit.
Über das Ergebnis der achten Arbeit hüllte O.S. V. sich ziemlich in
Schweigen, er schrieb nur auf, daß er 'eine höchst bemerkenswerte
Erfüllung der Prophezeiung von Hermes sah', aber er gab nicht an, worum
es sich handelte. In der Folge dieser Arbeit kam er allerdings zu Geld.
Neuburg wurde krank, was genau er hatte, ist nicht bekannt. Vermutlich
war er überlastet durch die ziemlich schwierigen magischen Operationen.
Die nächsten drei Arbeiten beschworen die ägyptische Form von
Jupiter Amoun-Ra. Neben einigen Visionen erhielten O.S. V. und LT. auch
den Hinweis, daß sie das Geld, um welches sie gebeten hatten, erhalten
würden. In der elften Arbeit erhielt 0. S.V. noch eine Vision von seiner
Inkarnation als Astarte, einer geweihten Tempelhure in Griechenland um
400 v. Chr.
Neuburg blieb lange danach in einer Trance, starrte nur noch vor sich
hin, konnte weder lesen noch schreiben.

Die ab nun folgenden Arbeiten beschworen ausschließlich wieder


Jupiter. In der dreizehnten erhielten beide eine Vision von einer
gemeinsamen Inkarnation auf Kreta, eine unglückliche Liebesgeschichte
zwischen Aia (Crowley) und Mardodes (Neuburg). Aia war eine
Tempeltänzerin, die Neuankömmlinge in dem Tempel initiieren sollte.
Mardodes erschien und verliebte sich bei dem sexualmagischen Ritual in
Aia, und als Ergebnis tanzten beide sehr schlecht. So wurden beide aus dem
Tempel ausgestoßen.
Die vierzehnte und fünfzehnte Arbeit brachte jeweils keine neuen
nennenswerten Ergebnisse. Während der sechzehnten erhielt O.S. V. in
Trance die Nachricht, er solle seinen Wachsphallus, den er als Bildnis des
Gottes geformt hatte, in eine Vesica oder in einen yoniförmigen Teller
plazieren. Weiter sollte er eine geweihte Taube opfern und verbrennen.
Diese Mitteilungen hatte O.S. V. erhalten, nachdem er L. T. eine 4, die Zahl
von Jupiter, auf die Brust geschnitten und das Blut geopfert hatte.
Man muß aber sehen , daß diese Riten nicht aus Blutgier oder wegen
des sexuellen Vergnügens ausgeführt wurden, sondern um
Zusammenkünfte mit den Göttern zu erreichen und priesterliche Macht zu

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erhalten. Das Blutopfer ist ein heiliges Weihungsritual, das für das getötete
Tier eine größere Freiheit als alles andere bedeutet, denn sein Karma wird im
geweihten Kreis oder Dreieck zur Gänze in einen höheren Organismus
absorbiert.
Dieses verschafft ihm so den Zugang zu einer höheren Inkarnation.
Nach den Juden ist Blut das erste Vehikel der Lebenskraft, die Energie des
Universums.
Während der siebzehnten Arbeit wurde Crowleys Leidenschaft so
groß, daß er in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit fiel, in welchem er
großartige, nicht näher bezeichnete Erlebnisse hatte. Ähnlich verlief auch die
achtzehnte, ,die Kräfte vollständig absorbiert'.
Die nächste Arbeit brachte die Vision des Sarkophags von Ankh-af-
na-Khonsu, Crowleys Inkarnation als ägyptischer Priester. Als Ankh-af-na-
Khonsu erhielt er auch das Liber Al vel Legis. Die nächsten Arbeiten waren
von einer Grippe überschattet, die O.S. V. mit Opium zu bekämpfen
versuchte. Die letzte, 24. Zeremonie schließlich war auch ruhig und tief mit
dem besonderen Aroma der Erde im Frühling.
Die Ergebnisse der Pariser Arbeit auf der einen Seite waren, daß O.S.
V. und L. T. sowohl finanzielle Zuwendungen als auch einen Zuwachs an
magischer Energie zu verzeichnen hatten. Auf der anderen Seite war
Crowley zu der Überzeugung gelangt, daß über die Sexualmagie tatsächlich
schnellere und bessere Ergebnisse erzielt werden konnten, als mit den
langschweifigen Ritualen der zeremoniellen Magie, die im Golden Dawn
gelehrt worden waren. Er arbeitete in der Folgezeit fast ausschließlich auf
diese Art.

Das Große Tier


Nach Abschluß der Pariser Arbeit begann für Crowley ein neuer Abschnitt
seiner Entwicklung. Seine magischen Aufzeichnungen beginnen mit ,Rex
de Arte Regia', was so viel bedeutet wie König der königlichen Kunst. Dieses
Tagebuch ist kein gewöhnliches, sondern es zeigt Crowleys Versuche, die
Techniken der Sexualmagie auf wissenschaftlicher Basis zu vervollständigen.
Diese waren ihm, wie schon gesagt, zwei Jahre zuvor 1912 von Theodor
Reuss, X° und damaliges Oberhaupt des O.T.O. mitgeteilt worden.
Im November des Jahres 1914 reiste Crowley im Alter von 39 Jahren
nach New York, um den Kriegswirren in Europa zu entgehen. Sein
Aufenthalt in den USA dauerte insgesamt bis 1919.

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An dieser Stelle ein paar Worte über das Wesen der Sexualmagie:
Allgemein kann die Sexualmagie zu Zwecken der Weihung, Entweihung,
zur Belebung und Materialisation, zur Erzeugung von Visionen, Trancen
und Orakeln und zu vielem anderen verwendet werden. Sex ist für den
Adepten die kosmische Vereinigung entgegengesetzter Pole, wodurch die
ursprüngliche Energie, aus der alles geschaffen wurde, freigesetzt wird.
Das betreffende Paar kann so zu einem Leiter für die kosmische
Kraft werden, welche durch sie mit ungeheurer Energie in den irdischem
Bereich fließt und hier eine magische oder irdische Wirkung erzielt. Die
Vereinigung muß auf geeignete Art erfolgen, die Durchführenden müssen
geschult und entsprechend vorbereitet sein.
Die Wirkungen können von jedem leicht erzielt werden, wurde aber
vorher nicht die richtige Vorbereitung erlangt, sind sie zerstörerischer Art.
Die phallische Kraft muß beherrscht werden und von allen
Sublimierungsvorgängen und Zwangsmechanismen befreit sein. Der Phallus
als eine solare Kraft stellt das Vehikel des Willens des Magus dar. Der
Ausführende muß einerseits ein gesundes, freies Verhältnis zur Sexualität
haben, da sonst die Energien nicht frei fließen können. Das Fließen von
starker Energie durch den Körper alleine reicht aber nicht aus, sie muß auch
kontrolliert werden können. Dies verlangt Willen oder Selbstbeherrschung,
Konzentration und Imagination.
Vor dem geistigen Auge muß ein Bild erzeugt werden (Imagination),
welches nicht verschwimmen darf (Konzentration) und bis in die
Einzelheiten scharf konturiert sein muß. Im Moment des Orgasmus darf man
sich nicht von der ursprünglichen Tendenz zur Lust überwältigen lassen
(Wille), sondern man darf nur dieses Bild sehen, man muß dieses Bild sein,
und die Energien hineinleiten, so daß es zur Verwirklichung oder
Materialisation der Imagination kommt.
Als nächsten vorbereitenden Schritt müssen die eigenen
Energieleiter, die ,Nadis', gereinigt und verstärkt werden. Schließlich muß
der Körper eine neue stärkere ,Sicherung' erhalten, damit er das Fließen der
neuen, verstärkten Energien nicht verhindert, damit er den Fluß nicht
unterbricht, indem er den ,Stecker’ herauszieht.
Die hier angegebene Reihenfolge muß eingehalten werden, sonst
entsteht Mißerfolg, Wahnsinn, Invalidität oder Tod, wenn die
Körperfunktionen gleich einem überlasteten Stromnetz zusammenbrechen.
Unkontrollierte psychische Inhalte oder Imaginationen
werden belebt, es kann beispielsweise zu einer ,Inflation des Unbewußten'
kommen. Die Hemmung der ,Tendenz zur Lust' dient zur Kontrolle der
Elementarkraft der Libido. Ein Lustgewinn findet trotzdem statt, nur wird
er von der körperlichen auf die geistige Seite verlagert. Ein magisch
kontrollierter Orgasmus erzeugt ein subtiles oder astrales Bild der Idee,
welche beim Klimax des Koitus im Geiste vorherrscht. Durch Wiederholung
werden diese Bilder verstärkt, der Wille wird darauf gerichtet, daß sie sich
in einer speziell für sie vorbereiteten Form (Imagination) inkarnieren.

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Der magisch kontrollierte Orgasmus evoziert oder fixiert also
spezifische Bilder des unbewußten Geistes,
sie werden, je nach der verfügbaren Energie, augenblicklich vital und
lebendig. Dies ist auch die Bedeutung der Metapher eines ,zur Geburt
gebrachten Kindes' ( Nach M. D. Eschner, Die geheimen sexualmagischen
Unterweisungen des O.T.O ).
Crowley hatte sich in Indien auch mit der tantrischen Konzeption
des Orgasmus beschäftigt, die eine umfassende parasexuelle Bedeutung
beinhaltet. Hier ist die Kundalini-Shakti (Kraft) eingeschlossen, von welcher
der sexuelle Aspekt die materiellste Form ist. Die tatsächliche Produktion
von Samen ist das Endprodukt, wenn nicht gar vergeudetes Produkt,
übriggelassen von einem unrichtig und unvollständig absorbierten Strom
des Bewußtseins.
Ein weiteres wichtiges Konzept ist das der ,Umkehrung der
Sinne'. Normalerweise findet der Liebende keine Freude mehr in der
Vereinigung mit seiner Frau, sobald die ursprüngliche Anziehung
zwischen ihnen durch wiederholte Vereinigung befriedigt ist, und keine
Energie fließt mehr. Um das Wechselspiel zwischen Anziehung und
Abstoßung, also den Energiefluß, aufrecht zu erhalten, muß man immer
solche Dinge suchen, welche einem verhaßt oder ekelhaft sind und diese
zum höchsten Ausmaß durch Liebe zu seinen eigenen machen, sie der
Ganzheit assimilieren. Der Liebende muß begreifen, daß es unnötig ist,
nach ungewöhnlichen Frauen zu suchen (und das gleiche gilt für Frauen
umgekehrt auch).
Für die praktische Arbeit werden im wesentlichen drei Grade
unterschieden, die Bezeichnungen entsprechen dem Gradsystem des
O.T.O. Hierbei gibt es noch Unterabteilungen, die von der Geschicklichkeit
und von den Neigungen der Teilnehmer abhängen. Der VIII° beinhaltet
Operationen, die der Priester oder die Priesterin allein vornehmen. Dies sind
im wesentlichen Weihungsrituale von Talismanen oder ähnlichem und
solche zur Materialisation neuer Partner. Weiters sind dies orale
Operationen, die einseitig ausgeführt werden, und via Mund oder Zunge
Trancen und Visionen erzeugen. Sie dienen auch zur magischen Ernährung
und können zum Erhalt von Orakeln führen.
Der IX° besteht aus Operationen der Sonne - Ra und Keph-Ra.
Die natürliche Vereinigung ist für Arbeiten der Schöpfung, Intuition
und Inspiration geeignet, die unnatürliche oder infernale für
Todesstellung, Traumkontrolle und Arbeiten der Nacht.
XI° Arbeiten sind Operationen des Mondes und werden
entsprechend während des abnehmenden Mondes oder der Mondfinsternis
vorgenommen und dienen der Materialisation und der Belebung von
Träumen, Bildern oder ähnlichem.
In den ersten Monaten von Crowleys Aufenthalt in den USA
praktizierte er sehr viel VIII° Arbeiten. Hauptsächlich ging es ihm dabei
um die Visualisierung und tatsächliche Erscheinung von Babalon, der Scarlet
Woman. Auch war für Crowley damit die Absicht verbunden, eine
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tatsächliche Scarlet Woman zu finden, die für ihn dieses Amt einnehmen
sollte. Crowley notierte alle Ergebnisse genau in seinem Tagebuch ,Rex de
Arte Regia':
28ster November 1.45 Uhr a.m. Babalon manibus plenis (mit
vollen Händen; d.h. Masturbation)
Objekt: 156 carnem factam (zu Fleisch gemacht). Die Idee war
eine reine Hingabe an die Heilige, aber sekundär einen
Stellvertreter von Ihr als Partner zu schaffen...
Ergebnis: Ein Brief von einer Frau in Stamford am nächsten
Morgen. ,Die Frau hat Sagittarius ansteigend und ist vom
Merkur-Mars Typ. Haar aschfahl und ergrauend. Sie wird, denke
ich, meine Sekretärin werden. Nicht im geringsten das, was ich
als 156 brauche...'
Für seine IX° Arbeiten nahm er ,respektable verheiratete Frauen',
seine Scarlet Woman oder Aspiranten zu diesem Amte, Prostituierte oder
auch Chormädchen. Es ging ihm meistens um Geld, Preisen der Götter,
Beziehungen zu bestimmten Leuten, schriftstellerischen Erfolg, sexuelle
Anziehungskraft, Weisheit, allgemein magische Energie, physische Stärke
und darum, die Mysterien des IX° kennen zu lernen. Neben den Zielen und
jeweiligen Ergebnissen der Arbeiten beschrieb Crowley auch die Personen
und was er von ihnen hielt:
Marie Maddingley - respektable verheiratete Frau das Mädchen
war schwach feminin, leicht zu erregen und sehr scharf, es war
ihr erster Ehebruch.
Christine Rosalie Pyrne (,Peggy Marchmont'), piccadilly -
Prostituierte: Das Mädchen ist eine kräftige Hündin von 26 oder
so.
Margeret Pitcher. Eine junge, ziemlich blöde breitmaulige,
flachgesichtige Hure mit dürrem Körper. Schönes Haar. Feine
fette saftige Yoni.
Anna Gray, Prostituierte. Große dicke Negerin, sehr
leidenschaftlich.
Lea Dewey. Holländische Prostituierte, Aquarius aufsteigend.
Groß und stark, aber nicht fett; der muskulöse Wolfstyp.
Helen Marshall. Irisch-amerikanische Prostituierte. Taurus
aufsteigend. Hübscher fauler Typ. Nicht wirklich leidenschaftlich
oder pervers. Aber ein erfreuliches und bequemes Mädchen.
Was genau zwischen ihnen ablief, oder was geredet wurde, ist von
Crowley leider nicht aufgezeichnet worden. Er deutete jeweils an, was ablief
- ,Operation dreimal ausgeführt, Elixier wurde gebildet, aber von der
scharfen und aromatischen Sorte' - und der Erfolg, der sich in jeweils
folgenden Ereignissen zeigte oder auch nicht zeigte.
Eine interessante Episode brachte Crowley in den Ruf, ,ein Verräter' zu
sein. An einem Tage im Jahr 1915 sprach ihn ein Mr. O'Brien in einem

65
Omnibus an, ob er nicht zufällig Interesse an einem direkten Handel für
Deutschland und Österreich hätte.
Crowley war nicht gegen einen Handel abgeneigt, hatte gegen ein
Abenteuer ohnehin nie etwas einzuwenden und traf sich so ein paar Tage
später mit einem George Sylvester Viereck, einem deutsch-amerikanischen
Poeten. Letzterer war sehr erstaunt, Crowley hier zu sehen, da er ihn bereits
1911 in London kennengelernt hatte. Viereck hatte seine Poesie gegen
Propaganda eingetauscht - Crowley war so im Hauptquartier für deutsche
Propaganda in Amerika gelandet.
Er gab sich einfach als Ire aus, der für die Befreiung seines Landes
kämpfen wollte. Gesagt, getan - Crowley baute sich mit seiner damaligen
Scarlet Woman Leila Waddell, die ihm in die USA nachgereist war, und
noch vier anderen ,Wüstlingen' vor der Freiheitsstatue in New York auf und
hielt eine flammende Rede:

„Ich entsage für immer jedem fremden Tyrannen das


Bürgerrecht; ich schwöre, bis zum letzten Tropfen meines Blutes
zu kämpfen, um die Männer und Frauen von Irland zu befreien;
und ich ersuche die freien Leute dieses Landes, in deren
gastfreundlichen Schuhen ich im Exil stehe, mir ihre
Unterstützung und Unterschrift zu geben, um diese Bande zu
zerbrechen, die sie für sich selbst bei 138 Jahren zerbrochen
haben.
Ich verkünde hiermit die irische Republik. Ich hisse die irische
Flagge. Irin go Bragh. Gott schütze Irland.“

Einer der ,Wüstlinge' schwenkte dabei die irische Flagge und Leila
spielte auf ihrer Violine dazu. Sogar die New York Times berichtete über
dieses Spektakel, Crowley schmückte alles noch aus, indem er Briefe an die
verschiedenen Herausgeber schrieb. Schließlich bot ihm Viereck an, für seine
Zeitung ,The Fatherland’, die den Untertitel ,Fair Play for Germany and
Austria-Hungary' trug, zu schreiben. Und Crowley schrieb - die heftigste
Propaganda gegen Großbritannien für Deutschland.
Da gab es auch noch das Wochenblatt ,The International', das Crowley
ohne große Probleme mit anti-britischem Geschreibsel und Artikeln über
Magick als Aleister Crowley, Baphomet oder Meister Therion füllte.
War Crowley nun ein simpler Verräter, der Deutschland zum Sieg
verhelfen wollte? Nicht die Spur. Dies war seine Art, den Alliierten helfen zu
wollen. Er versuchte, ,die deutsche Propaganda zunichte zu machen auf dem
Dach von Reductio ad Absurdum (in das Absurdum führen)'. Der englische
Außensekretär Sir Edward Grey sah dieses jedoch nicht so, er war alarmiert
über den Schaden, den Crowley damit für die Alliierten anrichtete.
Crowley wußte auch, daß er sich damit zumindest zeitweise von seinen
Freunden abschneiden würde, genauso von allen Quellen des Einkommens.
Die britischen Behörden betrachteten ihn auch tatsächlich als Verräter, als

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Folge seiner Tätigkeit für den ,International' unternahmen sie eine Razzia
im Londoner Hauptquartier des O.T.O. Crowley war darüber erzürnt:

„Die Idioten müssen meine Absicht völlig mißverstanden


haben und machen Schwierigkeiten. Ich werde direkt nach
Washington fahren, um dieses zu klären...“

Bald jedoch vergaß Crowley seine Absicht, und ließ seinen


ursprünglichen Plan der Klärung fallen. An diesem Punkte ist es wichtig,
Crowleys Beziehung zu seinen sexualmagischen Partnerinnen dieser Zeit
darzustellen. Bei einer Dinnerparty hatte er Jane Foster, die er die Katze
nannte, und Helen Hollis, die ,Schlange', kennengelernt. Jane Foster, deren
magischer Name ,Hilarion' war, war für ihn der ideale Typ der Scarlet
Woman. Er schrieb über beide:

„Die Katze war ideal schön jenseits meiner höchsten Träume,


und ihre Rede war sternenhaft vor Spiritualität. Die Schlange
glitzerte in der Lieblichkeit der Lust; aber sie war verbraucht
und abgenutzt in der Enttäuschung von unersättlichem
Begehren... Ein magnetischer Kraftfluß wurde sofort zwischen
uns dreien errichtet. In der Katze sah ich meine ideale
Verkörperung, und sogar während jenes ersten Essens gaben wir
uns selbst einander hin, und zwar durch jene Körpersprache,
deren Beredsamkeit der Neugierde der anderen Gäste entgeht.
Dies war um so auffallender, da wir uns beide bewußt waren, daß
die Schlange sich vorgenommen hatte, mich mit den Windungen
ihrer bösen Intelligenz zu umschlingen.“

Crowleys Beziehung zur Schlange blieb indessen erfolglos, fünf oder


sechs Jahre später beschrieb er sie als ,Schauspielerin und Straßendirne'. Die
Katze war sozusagen die ,Mutter' von Frater Achad, Charles Stanfeld Jones,
von dem Crowley zeitweilig annahm, er wäre der magische Sohn, der ihm
im Liber Al prophezeit worden war. Genau nach Ablauf von neun Monaten
nach Akten der Sexualmagie mit Hilarion, die diesen magischen Sohn zur
Welt bringen sollte, leistete Achad zur Sommersonnenwende 1916 den Eid
des Magister Templi. Dies hatte er auf Anraten der geheimen Chefs hin
getan, was in sofern ziemlich einzigartig war, denn 1913 war Frater Achad
noch Neophyt gewesen, also ganz am Anfang seiner magischen
Entwicklung. Achad teilte Crowley in einem Telegramm mit, er habe den
Abyss überquert und sei nun ein ,Neugeborener' Meister des Tempels.
Achad hatte nichts von Crowleys Operationen gewußt, war sich aber
bewußt, daß er als ,das Kind' geboren würde, welches im Liber Al vel
Legis angekündigt war. Achad entdeckte schließlich auch im Jahre 1917, daß
AI mit dem Zahlenwert 31 der Schlüssel im Buch des Gesetzes ist.

67
Weiters waren da auch noch die Eule und der Affe, Gerda von
Kothek und Alice Ethel Coomaraswamy. Über sie schreibt Crowley:

„Zu Beginn des achten Tages erschien ein Affe und eine Eule.
Wieder einmal war ich konfrontiert mit der Notwendigkeit,
zwischen zwei Ideen zu entscheiden. Der Affe hatte all die
dumme Leidenschaft, Zungenfertigkeit und Nichtigkeit der
weniger entwickelten Primaten. Sie war eine große Künstlerin
und eine großartige Liebhaberin; aber in all diesen Funktionen
zeigte sie die allergrößte Nichtigkeit der Selbstgefälligkeit. Die
Eule auf der anderen Seite war unfähig zur Feinfühligkeit und zur
selben Zeit frei von Affektierung. Sie war so angenehm und
sensibel, wie der Affe peinigend und absurd war.“

Schließlich war da noch Anne Catherin Miller, die Crowley der


‘Hund' nannte, ein holländisches Mädchen und ,das einzige Mitglied ihrer
Familie, die noch nicht verrückt ist'. Der Titel weist auf Crowleys Vorliebe,
Per vas nefandum, hin. Dieser technische Ausdruck aus der Sexualmagie
bezeichnet den analen Verkehr. Der Scorpion, ,Olun' oder Marie Lavrov,
geborene Röhling, brachte Crowley den ersten Kontakt zu Amalantrah, dem
Zauberer vom Wald.
Nachdem er sich von dem Hund getrennt hatte, kam noch Roddie
Minor, ,Eve' oder das ,Kamel'. Die Katze, die Schlange, die Eule und der Affe
spielten die Rolle der weiblichen ,Offiziere', die Crowley zur Initiation zum
Magus 9° = 2 verhalfen, die über mehrere Wochen hinweg andauerte.
Während den Initiationen fand die Umkehrung der Formula des
Tieres und der Scarlet Woman statt, die als Tierwesen verstandenen Frauen
waren Projektionen oder veräußerlichte Facetten von Crowleys magischer
Persönlichkeit, die sich in den psychischen Auras der betreffenden Frauen
manifestierten. Sie waren sozusagen die ,magischen Spiegel', in deren
Tiefen Crowley die unbewußten Atavismen einer ganzen Serie von
vergangenen Selbsten projizierte.
Diese Formel wurde schon von den Adepten des alten Ägypten
verwendet, das bekannteste Monument hierfür ist die Sphinx, welche die
Frau und das Tier in einer einzigen Form verbindet.
Ein Zeichen von den geheimen Chefs, den Grad des Magus formal
anzunehmen, war im Jahre 1916 während einer magischen
Zurückgezogenheit in New Hampshire gegeben worden. Bei einem
Spaziergang schlug ein Blitz in Form einer Kugel direkt vor seinen Füßen
ein, ein Funke davon sprang direkt zum Mittelfinger seiner linken Hand.
Crowley hatte sich mit einem Vater, einer Mutter und einem Kind bei Beginn
des Sturmes untergestellt, diese Personen vervollständigten das Omen.
Erstaunlicherweise war weder bei dem Gebäude, bei dem sie sich alle
untergestellt hatten, noch bei den Personen irgendein Schaden entstanden.

68
Das Ritual, mit dem Crowley den Grad symbolisch annahm, war das,
den ,Sterbenden Gott' des alten Äons zu bannen. Hierbei stellt der Offizier,
in diesem Fall Crowley, eine Schlange dar, ein Frosch symbolisiert den
sterbenden Gott Jesus von Nazareth. Dieser Frosch wird sodann in einem
länger dauernden Ritual geweiht und hoch gepriesen. Dann wird er der
Blasphemie und des Aufruhrs angeklagt:

„Tu was du willst, soll sein das ganze von dem Gesetz. Siehe,
Jesus von Nazareth, wie du in meiner Falle gefangen bist. Mein
ganzes Leben lang hast du mich geplagt und beleidigt. In deinem
Namen - mit allen anderen freien Seelen im Christentum - bin ich
in meiner Jugend gequält worden; alle Freuden sind mir verboten
worden; alles, was ich hatte, ist mir weggenommen worden,
und das, was sie mir schulden, zahlen sie mir nicht - in deinem
Namen. Nun schließlich habe ich dich; der Sklavengott ist in der
Macht des Herren der Freiheit. Deine Stunde ist gekommen; wie
ich dich von der Erde auslösche, so wird die Dunkelheit sicher
vergehen; und Licht, Leben, Liebe und Freiheit werden einmal
mehr auf der Erde sein. Mache du mir Platz, O Jesus, dein Aeon
ist vergangen; das Zeitalter von Horus ist durch die Magick des
Meisters des Tieres, das der Mensch ist, erstanden; und seine Zahl
ist sechshundert und drei Punkt und sechs. Liebe ist das Gesetz,
Liebe unter Willen.
(Eine Pause.)
Ich, To Mega Therion, verurteile dich daher, Jesus den
Sklavengott, daß du verspottet werdest und daß man dich
anspucke, und daß du gegeißelt werdest und dann gekreuzigt.
Dieser Satz wird sodann ausgeführt. Nach der Verspottung auf
dem Kreuze, sage so: Tu was du willst, soll sein das Ganze von
dem Gesetz. Ich, das große Tier, indem ich dich, Jesus von
Nazareth, den Sklavengott in Gestalt dieser Kreatur eines Frosches
erschlage, preise diese Kreatur im Namen des + Vaters und des +
Sohnes und des + Heiligen Geistes. Ich ergreife und stelle in
meinen Dienst den Elementargeist dieses Frosches, daß er um mich
herum als ein lügender Geist sei, daß er fort von der Erde gehe als
ein Wächter für mich in meinem Werk für den Menschen; auf daß
die Menschen von meiner Heiligkeit und meiner Milde und von
allen meinen Tugenden sprechen mögen, und mir Liebe und
Dienst und alle materiellen Dinge gewähren mögen, welche immer
ich benötige. Und dies soll die Belohnung sein, neben mir zu
stehen und die Wahrheit zu hören, die ich verkünde, und deren
Falschheit die Menschen täuschen soll. Liebe ist das Gesetz, Liebe
unter Willen.

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Dann sollst du den Frosch mit dem Dolch der Kunst in das Herz
stoßen, und dabei sagen: In meine Hände empfange ich deinen
Geist.
Sogleich sollst du den Frosch vom Kreuze nehmen und in zwei
Teile teilen; die Beine sollst du kochen und essen als ein
Sakrament, dein Übereinkommen mit dem Frosch zu bestärken;
und den Rest sollst du gänzlich mit Feuer verbrennen, um
schließlich das Aeon des Verfluchten zu verzehren. Sei es so!“

So stieg Crowley zum Grade des Magus des A...A... auf und nahm
das magische Motto ,To Mega Therion', das große Tier, an. Das Ende des
Christentums war hiermit offiziell besiegelt worden. Dieses Ritual war
sozusagen die Ratifizierung des Grades, den er am l2ten Oktober 1915 genau
an seinem 40ten Geburtstag als Kulmination seiner Initiation bereits
beansprucht hatte.
Ein weiterer wichtiger Punkt der amerikanischen Periode ist der Tod von
Crowleys Mutter Emily Bertha am 6ten Mai 1917. Diesen hatte er, wie auch
den Tod seines Vaters, zwei Tage zuvor im Traum vorausgesehen.
Seine Arbeit mit Roddie Minor während des Jahres 1918 brachte Crowley
den Kontakt zum Zauberer Amalantrah. Er hatte Roddie, die er das ,Kamel'
nannte, bereits 1917 kennengelernt. Er beschrieb sie als ,großen, muskulösen,
sinnlichen Typ', sie entsprach somit Crowleys Ideal an weiblicher Schönheit.
Mit ihr lebte er in New York zusammen.
Eines Tages teilte sie ihm bei einer Opiumpfeife mit, sie habe die Vision
eines Eies gehabt. Crowley horchte auf, dies erinnerte ihn an Ab-ul-Diz,
den er zwischenzeitlich völlig vergessen hatte. Vielleicht bedeutete dies,
daß Ab-ul-Diz versuchte, wieder mit ihm in Kontakt zu kommen; denn Ab-
ul-Diz letzte Instruktion für ihn und Soror Virakam war, daß sie in die
Wüste gehen und dort nach einem Ei unter einer Palme suchen sollten.
In dieser ersten Vision sah sich Roddie als Kerzenleuchter, bestückt
mit dreizehn Kerzen, der sich zu einer Krone wandelte. Darauf vereinigte
sich dieser Kerzenleuchter mit einem vom Himmel herabsteigenden
Strahlenkranz. Zum anderen sah sich Roddie als dreizehn nackte Frauen, die
alle auf einmal gestreichelt wurden. Crowley riet ihr darauf, zu sehen, ob sie
eine Botschaft empfangen könnte und erklärte ihr, wie man astrale
Wesenheiten und deren Botschaften auf ihren Wahrheitsgehalt
untersuchen kann. Darauf hatte Roddie, die den magischen Namen ,Eve'
trug, die erste Vision mit dem Zauberer Amalantrah. Hierzu Roddies Eintrag
in ihrem Tagebuch:

,,Ich begann, nach einer Vision zu fragen, die eine Botschaft


enthalten sollte. Zuerst hörte ich gurgelndes Wasser und sah
ein dunkles Bauernhaus in der Mitte von Bäumen und grünen
Feldern. Das Haus und andere Dinge verschwanden und eine
dunkle Yoni erschien gerade da, wo das Haus gestanden hatte.

70
Ich fragte dann:' Wo wird eine Botschaft herkommen?' Sofort
erschienen Soldaten mit Gewehren, die an dem Orte
herumlungerten, und ein König auf einem Thron, wo das Haus
gestanden hatte. Ich bat wieder um eine Botschaft und sah ein Ei,
in welchem viele kleine Windungen von einer fleischähnlichen
Substanz waren. Das Ei war in einem Rahmen plaziert. Um es
herum waren Wolken, Bäume, Berge und Wasser, genannt ,vier
Elemente'. Ein Kamel erschien vor dem ganzen Bild. Als
nächstes versuchte ich herauszufinden, wo der König war. Er sah
mehr wie Professor Shotwell als irgend etwas anderes aus. Das
heißt, er war ‘einfach, demokratisch', sehr belehrt und anständig.
Er war sicherlich kein König, der zu irgendeinem Königreich
gehörte, sondern ein König der Menschen. Ich fragte nach seinem
Namen, und das Wort Ham erschien zwischen dem Ei in dem
Rahmen und den Soldaten um den König herum. Der König ging
zur einen Seite und ein Zauberer hakte sich bei ihm ein, als sie
verschwanden. Der Zauberer schaute mich bedeutend an, als
wollte er mir einen Hinweis geben. Er war ein alter Mann mit
einem grauen Bart, gekleidet in einem langen, schwarzen
Gewand. Er war grenzenlos weise. Sie gingen zu einem Grab am
Fuße eines niedrigen Berges an der selben Küste... Eine Quelle
von funkelndem kühlen Wasser blubberte nahe des Eingangs
dieser Höhle. Ich ging in die Höhle und sah sie etwas mysteriöses
mit einem Revolver tun. Der Zauberer hatte den Revolver in der
Hand. Was sie sich anschickten zu tun, war irgendeine Art von
Witz, aber der Zauberer schaute grimmig. Auf Therions
Anweisung ging ich zu ihnen und sagte: 'Ich bin Eve'. Dies schien
alles anhalten zu lassen. Sie beide verschwanden, die Höhle auch.
Sehr bald sah ich den König in einer Nische unter einem
Baldachin sitzen, aber an der Seite des Berges. An einem völlig
anderen Platz saß der Zauberer unter einem Baum und fächerte
sich an. Auf Therions Anweisung hin ging ich zu ihm und fragte
ihn nach seinem Namen. Ich fürchtete mich und hatte dieselbe
Sinneswahrnehmung wie die, als ich ihn in der Höhle
angesprochen hatte; es war eine Art von Scheuheit und Ehrfurcht.
Er lächelte mich nur an und wollte nicht sprechen. Es schien, daß
ich nicht genug für ihn wüßte, daß er mit mir spräche. Damit er
etwas zu mir sagen würde, mußte ich ein Feuer aus Hölzern
bauen, er zeigte mir, wie ich dieses tun sollte. In irgendeiner
Weise war ein Kind mit dem Akt des Feuerbaues verbunden; es
war wie ein Ritual. Dann stand ein sehr schöner Löwe neben dem
Feuer. Der Zauberer hielt immer noch ein oder zwei von den
Hölzern. Er lächelte und sagte: 'Kind'. Dann sah ich einen
wunderschönen nackten Jungen von fünf oder sechs Jahren, der
in den Wäldern vor uns spielte und tanzte. Therion fragte, wie er

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bekleidet aussähe, und dann sah ich ihn in seinen gewöhnlichen
Kleidern, er sah sehr unbequem und gedrückt aus, als würde er
eine Tigerhaut tragen. Auf der einen Seite, nahe dem Platz, wo
ich das Feuer gemacht hatte, war eine große Schildkröte, die
aufrecht stand wie ein Pinguin. Der Zauberer war sehr glücklich
und zufrieden. Er setzte sich nieder und streckte seine Hände zu
mir aus, und ließ mich neben ihm sitzen. Als wir dem Jungen
zuschauten, legte er seinen linken Arm zärtlich um mich und
legte meinen Kopf auf die linke Seite seiner Brust. Er sagte: 'Es ist
alles in dem Ei'."

In der zweiten Vision, wieder unter dem Einfluß von Opium, sah sie als
Botschaft ein großes, rotes A und einen Adler hindurchfliegen. Crowley kam
darauf zu ihr auf die Astralebene. Durch die Decke flogen sie hoch in die
Luft zu einem Platz, wo ein Gebäude auf einer Plattform stand. Dort wurde
ihnen gesagt, sie sollten zum Zauberer gehen. So stiegen sie wieder hinab
und gelangten in die Wälder, wo sie den Zauberer und den kleinen Jungen
wieder sahen. Eve fragte ihn nach seinem Namen, den er mit Amalantrah
angab. Sein Wesen klärte er als ,Teil des Tao'. Auf Crowleys Veranlassung
fragte Eve nach der Schreibweise von Baphomet, die Amalantrah als B-a-
f-o-m-e-th angab. Crowley sah mental, daß der Name durch Anfügung eines
Ram Ende 729 ergeben würde, was auch der Zahlwert des Namens
Amalantrah ist. Crowley schrieb hierzu:

„Dann sah ich die Rechtfertigung, daß Baphomet aus der


mithraischen Tradition stammt. Der Name bedeutet daher
ziemlich einfach Vater Mithras. Das R ist als eine Blende
unterdrückt worden - es machte mich blind, genau! - Und zwar
weil die Sonne verborgen worden ist (im Aeon des Osiris)...“

R steht hier für den hebräischen Buchstaben Resh, der der Sonne
zugeordnet ist. Crowley fand noch heraus, daß nach dem Sepher Sephiroth
729 ,Der Fluch von Satan' ist, und identifizierte Baphomet mit dem Teufel
des Tarot. Crowley setzte die Arbeit mit Amalantrah während des ganzen
Frühlings und auch während des Sommers regelmäßig fort. Wie lange
genau, ist nicht bekannt, da das Manuskript der Aufzeichnung nicht
vollständig erhalten ist.
Die Arbeit wurde jeweils mit einem sexualmagischen Ritual für die
Anrufung der entsprechenden Kräfte begonnen. Eve stand meistens unter
dem Einfluß von Drogen - Opium, Anhalonium oder Haschisch - um einen
visionären Zustand zu erreichen. Crowley fragte Amalantrah über Eve
nach vielen Themenbereichen, die ihn interessierten. Die Antworten
erschienen entweder als Zahlen oder Hebräische Buchstaben, und diese
konnte Crowley mit Hilfe seines Sepher Sephiroth entschlüsseln. Oder es
waren römische Zahlen bis 22, bezeichneten so einen der Tarottrümpfe oder

72
Pfade am Baum des Lebens. Die Erscheinung von planetaren oder
zodiakalen Zeichen wurde nach der entsprechenden Bedeutung
interpretiert. Schließlich erschienen auch kurze oder lange Linien,
kombiniert zu jeweils sechs Stück - Amalantrah antwortete mit einem der 64
I-Ging-Hexagramme.
Fragen wurden verbal oder mental, d.h. ohne Worte, manchmal auch nur
in Anfangs- oder Endbuchstaben der jeweiligen Worte gestellt.
Eve sah in einer der Visionen, wie der Zauberer ihr ihre eigene
Geschichte erzählen wollte, aber Therion wies sie an, ihr Ego zu
unterdrücken. Amalantrah teilte Eve mit, daß er von Therion erwarte, daß
dieser sich umgehend nach Ägypten begebe, um das Ei, ein Symbol für das
Große Werk, zu erhalten. Eve sah für dieses Große Werk Therion als
Hohepriester, Frater Achad als König und als Hohepriesterin ,eine große,
ziemlich schöne Frau, d.h. ihr Gesicht hat einen schönen Ausdruck'.
Im März nahm Marie Lavroff, ,Olun', zusätzlich an der Amalantrah-Arbeit
teil. Therion war es überdrüssig geworden, mit Eve zu arbeiten, da sie die
vielen Drogen nicht vertrug und die Vision zum Teil wegen hysterischer
Ausbrüche unterbrochen werden mußten. Er wollte sie durch Olun ersetzen
und hielt diese auch für das Große Werk geeignet, jedoch mußte er ihr zuerst
helfen, ihren ,Sündenkomplex' zu überwinden.
Olun war in der Vorstellung ‘pseudo-romantischer Liebe altmodischer
Art' gefangen. Das Problem erledigte sich jedoch von selbst, da Olun recht
bald floh, da sie die Situation nicht ertragen konnte.
Im August 1918 ging Crowley ohne Eve in eine große magische
Zurückgezogenheit auf die Oesopus-Insel im Hudson. Dort erhielt er in
tiefen Trancen Visionen von seinen vergangenen Inkarnationen. Mit Eve, die
ihn dort mit Essen versorgte, behielt er jedoch ein freundschaftliches
Verhältnis.
Im Jahre 1918 lernte Crowley eine Frau kennen, die für die folgenden
sechs Jahre eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen sollte: Leah Hirsig,
Alostrael oder der ,Affe von Thoth'. Ihre Schwester Alma Hirsig, die eine
Priesterin in einem tantrischen Kult war, hatte Crowley nach einer
Vorlesung über Magick in New York kennengelernt. Eine Weile danach
besuchten die beiden Schwestern Crowley, da sie einen ,Ratschlag für eine
Wohnung in Greenwich Village oder so' einholen wollten. Therion sah Leah,
und ,ohne Worte zu verschwenden, begann ich sie zu küssen. Es war reiner
Instinkt'. Crowley beschrieb sie indirekt in seinem Bericht über Astarte, die
,höchst eigenartig wie Alostrael' war:

„Sie war ein schmächtiges, mageres, nervöses Mädchen mit


einem langen Gesicht, einer römischen Nase, ziemlich vollen
Lippen, ziemlich stark von ständiger Übung, einer
Angewohnheit, sich zu winden, als ob sie von innerer Krätze
verzehrt würde, reichliches und gekräuseltes schwarzes Haar,
welches sie manchmal färbte, starke, sehr scharfe, regelmäßige

73
Zähne, tiefviolette Augen, sehr weit auseinanderstehend, und
schräg wie chinesische Augen. Ihre Wangenknochen waren hoch,
und ihr Gesichtsausdruck streng. Ihre Brüste waren ziemlich
unentwickelt, und ihr Körper wie der eines Mannes oder eher wie
der eines Jungen. Ihre Vulva war mager und muskulös, die
Schamlippen fast überhaupt nicht entwickelt.“

Von ihrer Persönlichkeit teilte Crowley wenig mit, außer daß er ihr ,eine
ergreifende Traurigkeit und eine sublime Einfachheit’ zuschrieb. Erst ein
paar Monate nach ihrer ersten Begegnung sahen sich die beiden wieder, aber
diesmal in Crowleys wohleingerichtetem Studio nahe der New Yorker
Universität.
Da Crowley zu der Zeit intensiv malte, behielt er Leah gleich da, zog sie
aus und malte sie. Sogleich am nächsten Tag weihte er sie durch einen
sexualmagischen Akt zu seiner Scarlet Woman und zeichnete ihr das
,Zeichen des Tieres', das Kreuz in einem Kreis, auf die Brust. Da das Studio
für beide zu klein war, nahmen sie sich eine größere Wohnung, die sehr
luxuriös eingerichtet war.
Mit Alostraels Hilfe veröffentlichte Crowley 1919 den ,Blue Equinox Vol.
III'. Vol.II hatte es nicht gegeben, Crowley bezeichnete dies als eine
,Ausgabe des Schweigens'. In dem blauen Equinox ist unter anderem das
Liber CI enthalten, ein offener Brief an alle, die dem Orden des O.T.O.
beitreten wollten. Im Frühjahr 1919 wurde der blaue Equinox veröffentlicht.
Den größten Teil des Sommers dieses Jahres verbrachte Crowley alleine in
einer magischen Zurückgezogenheit auf Long Island, wo er hauptsächlich
mit Aiwass kommunizierte. Danach kam er zu folgender Ansicht:

„Ich hatte mein Werk in Amerika beendet und begann, meine


Flucht vorzubereiten.“

Nachdem er noch Ferien mit Freunden gemacht hatte, der Krieg ohnehin
vorbei war, kehrte er zunächst alleine nach England zurück.

74
Ipsissimus - das Ich in höchster
Vollkommenheit

In England suchte er erst einmal erfolglos nach seinem alten Schüler Victor
Neuburg. Aber bald machte ihm sein Asthma und seine Bronchitis wieder
zu schaffen, daher schien es Crowley günstiger, sich nach einem wärmeren
Klima umzuschauen. So bestellte er Alostrael, die mit einer ihrer
Schwestern in die Schweiz gereist war, aus einem ihm selbst unerklärlichen
Grunde nach Paris. Dort sah er sie zum ersten Mal nach einem Jahr im Jahre
1920 wieder. Sie hatte ihren mittlerweile zweijährigen Sohn Hansi bei sich,
war aber schon wieder schwanger, was Crowley ziemlich beunruhigte.
Leah hatte auf ihrer Rückreise auf dem Schiff ein Mädchen aus der Provence,
Ninette Shumway, geborene Fraux, kennengelernt. Sie hatte ebenfalls einen
kleinen Sohn, der Vater war bei einem Unfall ums Leben gekommen. Als
Crowley von Ninette hörte, hatte er sogleich die ,ausgezeichnete Idee',
Ninette zu den beiden zu holen. Nachdem er Alostrael davon überzeugt
hatte, besuchte Crowley Ninette erst einmal in Paris.
Als er sie sah, war er erst einmal schockiert: Ninette welkte vor sich hin, ihr
,Balg’ erinnerte ihn an einen Lumpensack. Die drei mieteten sich in einem
Haus in Fontainebleau ein, um sich in Ruhe eine dauernde Stätte für die
Verwirklichung des Großen Werkes der Magick suchen zu können.
Ninette nahm den magischen Namen ,Cypris' an, ihr Sohn wurde ,Hermes'
genannt. Leahs Hansi nannte Crowley ,Dionysos'. Zu dieser Zeit erhielt er
ein weiteres Zeichen von den Göttern.
Als er einmal in Paris Besorgungen machte, wollte er bei dieser Gelegenheit
seine alte Bekannte Jane Cheron besuchen. Dafür hatte er mehrere Gründe:

„Ich wollte den Mann sehen, mit dem sie lebte, der aber noch
nicht aus Rußland zurückgekehrt war; ich wollte sie lieben; ich
wollte ein paar Opiumpfeifen mit ihr rauchen, sie war nämlich ein
Anhänger dieses großen und schrecklichen Gottes.“

Jane zeigte ihm eine Abbildung der Stele der Offenbarung, auf ein großes
Stück Pappe gemalt. Diese hatte sie 1917 während eines Opium-Entzugs, der
oft mit schlafwandlerischen Aktivitäten verbunden ist, ohne es zu merken
im Schlafe gemalt. Dieses war einerseits von den Umständen her
ungewöhnlich, andererseits hatte sich Jane vorher weder mit Magie noch mit
Malen beschäftigt. Außerdem wartete Crowley ohnehin gerade auf ein
Zeichen, wie und wo er die Aufgabe eines Magus vollführen sollte. Diese
war, das Gesetz von Thelema zu errichten und zu verkünden. Das Yi King,
Crowleys Bezeichnung für das I Ging, zuvor befragt, hatte das Hexagramm
75
36 ergeben, das er auch als Symbol der Kteis, unserer Herrin Nuit,
interpretiert hatte. Und Nuit ist in ihrer weiblichen Gestalt gebeugt stehend
auf der Stele abgebildet.
Zurück in Fontainebleau verliebte sich Cypris schnell in Therion, es kam
prompt zu Eifersuchtsszenen, die von Cypris inszeniert wurden. Therion
erklärte ihr, daß er kein Interesse hätte, Alostrael wegen ihr aufzugeben.
Ende Februar brachte Alostrael ihre Tochter Anna Leah zur Welt, die Poupee
genannt wurde. Cypris wurde genau zu dieser Zeit ebenfalls schwanger.
Crowley hatte von seinen persönlichen Querelen abgesehen die Idee, eine
Gemeinschaft zu gründen, deren Hauptgrundsatz in dem Gesetz von ,Tue
was du willst' bestehen sollte. Diese Gemeinschaft sollte das Große Werk der
universellen Annahme des Gesetzes von Thelema als einzige Möglichkeit
zur Befreiung der Welt vollbringen.
Hierzu befragte er täglich, manchmal sogar öfter als einmal, das Yi King und
erhielt am 1. März 1920 einen Hinweis, daß Cefalu der geeignete Ort hierfür
sei. Zwanzig Tage später flogen Alostrael und das Baby nach London,
Crowley machte sich mit Cypris und den zwei Jungs auf den Weg eben
dorthin.
Auf Cefalu angekommen, fand er sogleich eine passende leere Villa am
Hang, eine Meile von dem Fischerstädtchen Cefalu entfernt. Später
unterschrieb er als ,Sir Alastor De Kerval' und Leah als ,Contessa Lea
Harcourt' den Mietvertrag.
Um zu dieser Villa zu gelangen, mußte man zuerst einen langen Marsch
über einen engen, felsigen Pfad auf sich nehmen. Eigentlich hätte Crowley
lieber einen runden Tempel gehabt, acht Säulen sollten ein gläsernes
Gewölbedach tragen, Außenhöfe und Gebäude für verschiedenste magische
Zwecke sollten drumherum angeordnet sein. Diesen Tempel sah Crowley
auf der Spitze der Hügel gebaut, und er versuchte, in der Folgezeit hierfür
eine Anleihe von der italienischen Bank zu erhalten. Für das erste genügte
jedoch die Villa.
Diese Villa war ein einstöckiges Steingebäude mit sehr dicken Wänden, das
Dach mit Ziegeln gedeckt. Von der Zentralhalle führten fünf Räume. Diese
Halle stellte den Tempel, das Sanctum Sanctuorum der thelemitischen
Mysterien dar. Ein Pentagramm war im magischen Kreis auf den
rotgeziegelten Boden gemalt, im Zentrum stand ein sechsseitiger Altar mit
einer Kopie der Stele der Offenbarung, sechs Kerzen auf jeder Seite und den
magischen Waffen.
Der Thron des Tieres 666 stand im Osten, der der Scarlet Woman im Westen.
Die Wände hatte Crowley mit Bildern des IX° und anderen Themen der
Magick bemalt.
Fest in den Tagesablauf eingebunden waren morgens das kleine bannende
Pentagrammritual, um den Tempel von fremden Einflüssen zu reinigen.
Morgens, mittags, abends und nachts wurde das Liber Resh zelebriert, die
Anbetung der Sonne in ihren verschiedenen Phasen im Tageslauf.

76
Am 14ten April 1920 kamen auch Alostrael, ,die erste Konkubine des Tieres'
,und Poupee auf Cefalu an. Poupee war ziemlich krank, keiner wußte aber,
um welche Krankheit es sich handelte. Therion erkundete während des
Frühjahrs mit seinem Hund Satan erst einmal die Umgebung, malte und
schrieb und experimentierte viel mit Drogen wie Kokain, Opium, Haschisch,
Laudanum, Veronal und Anhalonium. Über seine magische Arbeit war er
sich indessen im Unklaren.
Kleinere Zwischenfälle passierten. Einmal war das Tier an einer lesbischen
Einlage interessiert, Leah wollte darauf Cypris vergewaltigen. Diese floh
jedoch hinaus in den Regen und wurde erst eine Stunde später
wiedergefunden.
Alostrael, die auch auf Cypris eifersüchtig war, hatte sich in der
Zwischenzeit betrunken und äußerte Flüche. Das Tier reagierte mit
Verärgerung, sah es als Zeitverschwendung an, mit einer eifersüchtigen Frau
zu arbeiten.
So kam er auf die Idee, daß vier Frauen besser sind als zwei. Bei Zweien ist
immer eine auf die andere eifersüchtig. Bei dreien solidarisieren sich immer
zwei. Erst vier Frauen ergeben eine Menge, und mit einer Menge schließlich
kann man arbeiten.
Poupees Zustand verschlechterte sich zusehends, sie konnte keine Nahrung
mehr zu sich nehmen, worüber Crowley sehr beunruhigt war. Das Yi King
befragt, ergab eine Antwort, die Befreiung von der Erde bedeuten konnte.
Therion und Alostrael hörten einmal über lange Zeit hinweg laute Schritte,
Klopfen und andere Geräusche in den Nebenräumen. Therion war sich nicht
sicher, ob es sich um Halluzinationen handelte, die durch die Drogen
angeregt sein konnten, aber er fühlte die Anwesenheit einer ,fremden
Macht'. Alostrael hatte Visionen von Therion, sie sah ihn außerhalb des
Hauses oder auch in der Küche, während er in seinem Bett schlief.
Therion arbeitete Pläne für die Tagesabläufe der Abtei aus:

„Ich möchte ein Minimum an Dingen, die stören, und zur selben
Zeit genug, den Orden groß zu ziehen...
Für Neuankömmlinge:
Erste Woche: Drei Tage Gastlichkeit. Einen Tag Schweigen. Der
magische Eid, gefolgt von vier Wochen Schweigen und Arbeit.
Sechste Woche: Einen Tag Instruktion.
Siebte bis neunte Woche: Drei Wochen Schweigen und
Arbeit.
Zehnte Woche: Eine Woche Instruktion und Ruhe.
Elfte bis zur dreizehnten Woche: Drei Wochen Schweigen und
Arbeit.“

Im Juni wurde die Routine jäh unterbrochen: Jane Wolfe, eine


Filmschauspielerin aus den USA, von der er seit geraumer Zeit geträumt
hatte, hatte seine Einladung in die Abtei angenommen. Jane war schon lange

77
Zeit an Okkultismus interessiert und hatte schon 1917 von Crowley gehört.
Sie studierte seit der Zeit seine Bücher und entschied, daß er der richtige
Meister für sie sei.
Nachdem sie eine Vision von ihm gehabt hatte, kontaktierte sie ihn über den
,International'. Crowley war damals sehr angetan von ihr, sah sie astral vor
sich. Als sie ihm ihr Horoskop schickte, allerdings ohne das Geburtsjahr
anzugeben, sah er, daß sie extrem lunar im Gegensatz zu seinen anderen
Frauen war und erwog, ob sie vielleicht für das Amt der Scarlet Woman
geeignet sei.
Zu dieser Zeit war er bereits mit Alostrael liiert. An Jane Wolfe dachte er
trotzdem fast ständig:

„Jane Wolfe jagt mich - ein Geist aus der Zukunft! In der Tat
geisterhaft, ihr Bild und ihre Briefe sagen mir jedoch wenig.“

Crowley analysierte seine Gefühle für sie:

„Mir gefällt ziemlich der Glanz, daß sie ein ,Movie - Star' ist; es
fügt einer Dame Vielfalt hinzu! Ich bewundere sie sehr für den
Mut, von so weither zu kommen, um mich zu finden. Ich verehre
ihren Namen. Ich hoffe, sie ist hungrig und grausam wie ein
Wolf.“

Crowley verabredete sich mit Jane am 21ten Juni in Tunis, konnte sie dort
jedoch nicht finden. Enttäuscht kehrte er erst einmal nach Cefalu zurück. Das
Yi King teilte ihm mit, daß Jane jedoch unterwegs sei. Drei Wochen später
hörte er, daß sie in Palermo angekommen war und vorher lange in Bou
Saada auf ihn gewartet hatte.
Auf Cefalu war sie erst einmal unangenehm überrascht:

„Es war physisch schmutzig; und als der Tag verging, wurde ich
mir der fauligen Ausdünstungen bewußt, die den Ort
umgaben..."

Ein paar Tage später wurde sie trotzdem Mitglied des Ordens, nahm den
Namen ,Metonith' an und begann sogleich mit der regulären Ausbildung.
Daß sie als Konkubine drei arbeitete, ist in Crowleys Tagebuch nicht
erwähnt. Die Eifersuchtsprobleme zwischen Alostrael und Cypris wurden
jedoch drastischer, Alostrael war mittlerweile eifersüchtig auf jede Frau, die
Crowley anschaute.
Poupee mußte in ein Krankenhaus eingeliefert werden, da ihr Zustand
immer schlechter wurde. Crowley schrieb:
„Ich denke, daß es ihr Wille sein mag zu sterben, denn immer
wenn ich daran dachte, Magick für sie machen zu wollen, konnte
ich nicht.“

78
Den nächsten Tag, den 12ten Oktober, beschrieb Crowley als seinen
traurigsten Geburtstag. Er war 45 Jahre alt geworden und litt die ganze Zeit
über ohnehin an schweren Depressionen. Zwei Tage später kehrte Alostrael
mit der Nachricht aus dem Palermoer Krankenhaus zurück, daß Poupee
gestorben war, Crowley trauerte sehr um sie.
Alostrael, die in der Zwischenzeit wieder schwanger geworden war, verlor
sechs Tage später auch ihr zweites Kind und erkrankte, war dem Wahnsinn
nahe. Ihre Eifersucht und ihr Mißtrauen gegenüber Cypris brachen stärker
denn je hervor, zumal diese ihr Kind, sie war inzwischen im achten Monat
schwanger, noch hatte.
Alostrael versuchte Therion zwei Wochen lang davon zu überzeugen, daß
Cypris Hexenkraft gegen sie eingesetzt hätte. Therion las darauf in Cypris
Tagebuch und war schließlich überzeugt. Im Tempel exorzierte er die
feindlichen Kräfte und schloß Ninette für eine unbestimmte Zeit aus dem
Orden aus. Sie sollte alleine leben, ihr Tagebuch weiter führen, und nach
einiger Zeit wollte Therion die Dinge erneut überdenken.
Am 21ten November kam Cecil Frederick Russel, Frater Genesthai, auf
Cefalu an. Russel hatte Crowley 1918 in New York kennengelernt und hatte
dort ein paar Erfahrungen gesammelt, weitere Zusammenarbeit war jedoch
zu der Zeit nicht möglich gewesen.
Jetzt jedoch, ein paar Tage nach seiner Ankunft, wurde er in den A...A...
initiiert. Crowley hatte viel mit ihm im Sinn, unter anderem erhoffte er
sich erfolgversprechende XI° Arbeiten.
Äußerlich gesehen war Genesthai ziemlich vulgär, das Tier unterrichtete ihn
so erst einmal in Kunst, Literatur und Benehmen. Die ersten Rituale blieben
erfolglos, da Genesthai kein großes Interesse an Therions ,ano meo' zeigte.
Mit Alostraels Hilfe wurde dann doch noch ein Ritual vollzogen, ,das Gesetz
von Thelema zu errichten'.
Im neuen Jahr wurden die finanziellen Mittel knapp. Crowley entschloß sich,
erst einmal am 1ten Februar nach Paris zu reisen. Das Yi King nämlich
prophezeite ihm, daß er auf der Reise eine wohlhabende Frau kennenlernen
würde, die es ihm durch eine Heirat ermöglichen werde, sein Werk auf
sicherer finanzieller Grundlage zu errichten.
Das Leben auf Cefalu war ohnehin zur Routine erstarrt, Crowley war
deshalb gereizt. Seine Tagebucheintragungen waren auch immer weniger
geworden. Cypris und ihr inzwischen geborenes Kind waren wieder in der
Abtei, vorsichtshalber ließ Therion sie, Alostrael und die anderen einen Eid
des Schweigens ablegen und reiste ab.
In Paris lernte er Mary Butts, eine englische Schriftstellerin, ihren Freund
Cecil Maitland und Ninettes ältere Schwester Helen kennen, alle drei sagten
sich für Cefalu an.
Über Nina Hammett lernte er J. W. N. Sullivan und dessen Frau Silvya
kennen. Nach einem Schachspiel diskutierte Crowley mit Sullivan die ganze
Nacht über das Liber AI, mit dem Effekt, daß Sullivan schwor, seinen
wahren Willen zu finden.

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Crowley sandte ihn darauf sogleich südwärts und vollführte einen Akt der
Sexualmagie mit Silvya. Am 6ten April, nach weiteren, aber fruchtlosen
Bekanntschaften, kehrte Crowley unbefriedigt und mit leeren Händen nach
Cefalu zurück.
Die nächsten Wochen verbrachte er ausschließlich mit dem Konsum von
Heroin, unfähig zur Arbeit:

„Es wird immer schwieriger, mich zu zwingen, irgend etwas zu


tun. Um meine Gedanken aufzuschreiben, ist es genug, ,ach!' zu
sagen und zu schweigen.“

Therion schlief nicht mehr, aß nicht mehr, hatte kein Geld mehr. Durch
ständiges Malen an seinen Bildern hielt er sich gerade noch aufrecht. Er
identifizierte sich dabei sehr stark mit Gauguin, den er für einen hohen
Initiierten hielt, und setzte sich mit dessen Kunstverständnis
auseinander.
Zwar verbesserte sich Crowleys Gesundheitszustand langsam wieder, er
experimentierte jetzt mit seiner Heroinsucht, aber Cefalu war inzwischen
von Indifferenz statt Disziplin gezeichnet, jeder arbeitete fast nur nach Lust
und Laune. Das Geld reichte nicht einmal mehr aus, die Abtei zu
unterhalten, und von den Anwesenden war keiner willens oder in der Lage,
für Geld zu arbeiten.
Es war bereits das Jahr 1921, und ein neuer Wechsel bahnte sich an. Therion
entschied sich, den Eid eines Ipsissimus auf sich zu nehmen, ganz wohl war
ihm zu Anfang doch nicht bei diesem Gedanken. Er bereitete sich vor, im
rechten Winkel vor dem Phantom seines eigenen herausfordernden und
spottenden Selbstes zu stehen und zu verkünden, daß er durch Einsicht und
Inspiration der Ipsissimus (das Ich in höchster Vollkommenheit) sei:

„Ich werde den Wahnsinn beschwören; aber indem ich die


Wahrheit gedacht habe, werde ich nicht zurückschrecken, sie in
Wort und Tat zu festigen, was immer daraus entstehen mag.“

Nachdem Therion den Eid abgelegt hatte, war er im Zustande der höchsten,
reinsten Freude, in Samadhi. Er erlebte das Dasein der namenlosen Natur,
enthielt in sich selbst das Absolute, das ,Reine Sein'.
Ende Juni kamen auch Mary Butts und Cecil Maitland auf Cefalu an.
Crowley hielt nicht viel von ihr, er sah sie als ,eine fette, dreiste, rotköpfige
Schlampe... eine weiße Made.' Von Cecil hielt er nicht viel mehr, verglich ihn
mit Victor Neuburg.
Solche Männer wie diese bestärkten ihn in der Ansicht, daß das Fehlen von
Willenskraft auch die besten Tugenden und Talente zunichte machen würde.
Dennoch leisteten beide in einer zweistündigen Zeremonie den
Aufnahmeeid des Ordens. Einen Monat später ersuchte auch Sir Frank
Bennett, VII° O.T.O., um Aufnahme.

80
Dieser hatte Crowley einmal 1909 in England um Rat wegen der Praxis der
Abramelin-Magie gefragt, Bennett hörte nämlich mystische Stimmen in
seinem Kopf und litt ständig an starken Kopfschmerzen. Von Australien aus,
wohin er in der Zwischenzeit emigriert war, hatte er Crowley geschrieben.
So wurde Bennett 55jährig als Frater Progradior (ich werde fortschreiten)
Mitglied des A...A....
Das Problem nur lag in der Unterbringung, die Räumlichkeiten waren
erschöpft. Therion beschloß kurzerhand, das Genesthai seinen Raum für ihn
opfern sollte. Dieser jedoch wurde bockig und schaltete auf stur. Therion
erklärte ihm kurz und bündig, was er davon hielt und stellte ihm ein
Ultimatum.
Schließlich, nichts war passiert, entschied 666, daß es für Genesthai besser
sei, wenn er sich eine Weile von der Abtei erholen würde, denn er hatte hart
gearbeitet, und seine Gesundheit war ohnehin nicht die beste. Genesthai
interpretierte dies als Rausschmiß und drehte durch.
Das Ende der Geschichte war, daß Genesthai nach einer Weile wieder
auftauchte, seinen Rucksack vor Crowleys Füße warf und ,Aleister Crowley!'
röhrte. Sein Tagebuch beschrieb Crowley als ein ,Tagebuch des Hasses
gegen das Tier und seine Hure, die Scharlachfrau'. Am Ende des Jahres
verschwand Genesthai endgültig, und zwar nach Australien, angeblich,
um Progradior dort bei der Errichtung des Gesetzes von Thelema zu helfen.
Bald jedoch ging er nach San Francisco und begründete seinen eigenen
magischen Orden.
Crowley war über Genesthais Ausspruch ziemlich betrübt, denn er hatte sich
viel von ihm erhofft, sogar daß er einmal als Crowleys magischer Sohn das
Große Werk weiterführen sollte.
Glücklicher verlief es jedoch mit Progradior, Crowley beschäftigte sich mit
dessen tief verwurzelten Psychosen. Er verwendete hierzu eine Technik, in
der das Bewußte ausgeschaltet wird, damit das Unbewußte die entstandene
Lücke ausfüllen und selbst die Heilung in die Wege leiten kann. Eines Tages
bei einem Spaziergang traf Crowley ohne es zu wissen ins Schwarze. Er ließ
irgendeine Bemerkung fallen, die der Schlüssel zu Bennetts Leiden war.
Nach einer Diskussion fiel Bennett in eine dreitägige Trance, aus der er wie
,eine Inkarnation reiner Freude' zurückkehrte. Crowleys Instruktionen und
Erklärungen über den Zusammenhang zwischen dem Bewußten und
Unbewußten, die Belehrungen über das Wesen des Selbstes und des
Heiligen Schutzengels und schließlich die Eröffnung, wie normal und vor
allem wie wichtig die Sexualität ist, hatten Bennett in eine Art
Verwirrungszustand gesetzt, in welchem er sein ganzes Leben reflektierte
und anfing zu verstehen, was das Gesetz ,Tue was du willst' bedeutet: "Es ist
ein so großes Wissen, daß mein Kopf sich anfühlt, als müßte er zerbersten."
Er erkannte, daß das Unbewußte hinter dem Schleier der Sinne die Realität
schafft und daß hier der Schlüssel zum Selbst liegt. Durch den Erfolg seiner
Heilung angestachelt, schrieb Crowley im August sein Liber Samekh, ein
Ritual für die Erlangung der Kenntnis und Konversation mit dem Heiligen

81
Schutzengel, und widmete es Frater Progradior. Dieser studierte mit einigen
Rückschlägen die Kabbalah, hielt auch eine erfolgreiche Vorlesung darüber.
Progradior fand, daß es sein wahrer Wille war, Crowleys Lehren mit aller
Kraft weiter zu verbreiten. Vor Ablauf des Jahres verließ er die Abtei und
segelte heimwärts. Von Australien aus vollführte er auch seine Aufgabe und
korrespondierte weiter regelmäßig mit dem Tier und seiner Scharlachfrau
Gefängnis.
Gegen Ende des Sommers kehrten auch Mary Butts und Cecil Maitland nach
Paris zurück. Cypris ältere Schwester Helen kam, aber floh auch gleich
wieder, da sie sich mit der thelemitischen Lebensweise nicht so recht
anfreunden konnte.
Crowley entschloß sich, wieder einmal nach Fontainebleau, Paris, zu
reisen, aber dieses Mal, um Mittel gegen den durch permanent konsumierte
Drogen verursachten Verfall zu ersinnen. Seine Aktivitäten waren
mittlerweile auf dem Nullpunkt gesunken, sein Tagesablauf bestand nur
noch aus dem Nehmen von Drogen und ein paar Akten der Sexualmagie
hier und da.
Ganz aufhören mit dem Drogengebrauch wollte Crowley jedoch nicht, denn
ohne sie wären seine asthmatischen Anfälle unerträglich geworden.
Außerdem ist, wie vorher schon gesagt, fast die Verwendung von Drogen in
der Magick eine sehr nützliche Hilfe. Hier sei noch einmal das Liber AI
zitiert:

„Mich zu verehren nehmt Wein und seltene Drogen, die ich


meinem Propheten nennen werde, und berauscht euch daran! Sie
werden euch nicht im geringsten schaden... Sei stark, O Mensch!
Begehre, genieße alle Dinge der Sinne und fürchte nicht, daß ein
Gott euch darum verleugne."

Crowley hatte jedoch übertrieben:

„Er bittet uns auch, an Zartheit zu übertreffen, und zu trinken


nach den achtundneunzig Regeln der Kunst; aber ich habe durch
Verderbtheit übertroffen und nach den
dreihundertunddreiunddreißig Regeln des Zechers getrunken.“

Crowley hatte täglich regelmäßig hohe Dosen von Heroin, Kokain und
Alkohol konsumiert. Aber dabei war er gleichgültig und gelangweilt
geworden, schlief kaum noch, verlotterte innerlich wie äußerlich. Sein
Gedächtnis ließ nach und sein kreatives Leben stoppte. Sein Körper war zu
einem hohen Grad vergiftet, und schließlich trieb ihn eine immer stärker
werdende Rastlosigkeit dazu, irgend etwas zu tun.
Sein Plan nun war es, mit einem schrittweisen kontrollierten Entzug zu
experimentieren. Er hatte für jeden Tag einen offenen und einen
geschlossenen Zeitraum, im letzteren war jegliches Einnehmen von Drogen

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strickt untersagt. Die einzige Ausnahme war ein starker Asthmaanfall.
Außerdem wollte er als Gegenmittel gegen Entzugserscheinungen IX°
Arbeiten, täglich harte physische Übungen, heiße Bäder mit Zusätzen
(Hydrotherapie), geringe Mengen Alkohol vor dem Schlafengehen und
Schlafmittel für den Fall, daß er nach einer halben Stunde nicht schlafen
konnte, einsetzen. Die ersten Tage aber brachten es mit sich, daß Crowley
natürlich doch auch in den geschlossenen Zeiträumen Drogen zu sich nahm,
was ihn selbst im nachhinein sehr verärgerte. Er hatte stark mit
Unmotiviertheit und Mutlosigkeit zu kämpfen:

„Ich möchte rauchen, essen, lesen, schreiben, trinken und


schlafen - alles auf einmal... Aber ich bin unfähig, mich um irgend
etwas zu kümmern, meine Affären, Leah, alte Erinnerungen,
nichts scheint wichtig zu sein. Ich will in der Lage sein, einen
positiven Gemütszustand zu erreichen, egal, bei welcher Sache;
und ich kann nicht. Nur Kokain könnte mir helfen, und ich werde
es nicht nehmen.“

Häufige Rückfälle kennzeichneten den Prozeß, Crowley empfand, daß das


Leben ohne Heroin die reine Hölle war. Als er den offenen Zeitraum noch
weiter einschränkte, Crowley versuchte sogar, Eau-De-Cologne zu
schnüffeln, um Abhilfe zu schaffen. Die Phasen seines Bewußtseins
schwankten zwischen Euphorie und totaler Depression, manchmal
befürchtete er sogar, er wäre am nächsten Morgen tot.
Crowley hatte gehofft, die Sucht in einer Woche in den Griff zu bekommen,
nahm jedoch nach einem Monat immer noch Extradosen zu sich. Und er
vermißte Alostrael und er beschloß, sie in Paris zu treffen. Insgesamt war
Crowley über seine Aktionen unbefriedigt:

„Dieser ganze Zeitraum seit meiner Rückkehr nach Paris kann


als ,vom Schlechten zum noch Schlechteren' zusammengefaßt
werden. Leah ist heftiges, spirituelles Gift für mich. Wir lieben
uns tief und wahrhaft; wir fühlen miteinander; wir tun alles, was
wir können, aber wir reagieren aufeinander wie Krebs.“

Crowleys Heroinkur war also gescheitert, etwas anderes mußte getan


werden. In ein Sanatorium zu gehen, schien ihm nicht passend, aber er
konsultierte Dr. Edmund Gros. Nach dem Gespräch fühlte er sich besser und
beschloß, ohne Sanatorium alleine weiter zu machen.
Da Leah ebenfalls an der Nachwirkung der Drogen litt und zudem noch eine
Lungentuberkulose fürchtete, war zu ihrer Kur ein Ortswechsel angesagt.
Nach einer Befragung des Yi King reisten die beiden mit zehn Pfund in der
Tasche nach London.
In der ersten Maiwoche dort angekommen, bestand erst einmal das Problem,
eine Wohnung zu finden. Etwas ratlos auf der Suche am Wellington Square

83
trieb es Crowley intuitiv zur Hausnummer 31, die Zahl von Al im Buche des
Gesetzes. Und dort erhielt er auch eine gerade eben freigewordene
Wohnung. Seine ersten Aktivitäten in London bestanden in der
Veröffentlichung mehrerer Artikel im ,English Review', dessen Herausgeber
Austin Harrison er bereits kannte. Ein Artikel, ,der große Drogenwahn',
erzählte seine eigene, etwas geschminkte Geschichte der Drogenwelt.
Unter verschiedenen Synonymen erfolgten andere Artikel der Themen der
Magick. Mit der Bezahlung dieser Artikel allerdings gab es Schwierigkeiten.
Als nächstes kam Crowley auf die Idee, eine Autobiogaphie zu verfassen.
Hierzu wendetete er sich an den Verleger Grant Richards, welcher der
Literatur verfallen war. Dieser jedoch fand die Idee zu riskant, so disponierte
Crowley schnell um und schlug Richards eine Novelle über den
Drogenhandel vor. Richards hatte dann doch wohl kein Interesse, dafür
bekam Crowley einen Kontrakt von Wiliam Collins durch die Vermittlung
von J. D. Beresford, ein Crowley bekannter Novellist. Dies schien endlich die
Wende zu bedeuten, Crowley war wieder oben auf. Er ließ sogleich Alostrael
kommen, die wieder nach Paris zurückgereist war, und begann die Novelle
zu diktieren. ,The Diary of the Drug-Fiend', ,das Tagebuch eines
Drogenteufels', zeigt die Geschichte von Sir Peter und Lady Pendragon, die
bei dem Versuch, ihre Lebensfreude durch Heroin zu vergrößern, ihre
körperliche und geistige Gesundheit verlieren. Gerettet werden sie
schließlich von König Lamus, einem Mann von ungewöhnlicher Stärke
und Faszination. Er führte sie in seine Abtei von Telepylus, wo sie prompt
geheilt werden.
Die Charaktere sind alle real und beziehen sich auf die Thelemiten in Cefalu,
wie Crowley im Vorwort auch bemerkt. Das Buch wurde in Crowleys
typisch schneller Arbeitsweise verfaßt; er brauchte 27 Tage a 12 3/4 Stunden,
um alles druckreif zu verfassen. Als Crowley Collins das fertige Manuskript
ablieferte, akzeptierte dieser auch gleich Crowleys Übersicht über seine
Autohagiographie ,Confessions', die Autobiographie eines Heiligen.
Da Crowley einen Vorausscheck erhalten hatte, konnte die Hagiographie
noch erst einmal warten, denn da Alostraels Gesundheit schlechter wurde,
schickte er sie erst einmal nach Cefalu zurück. Als ,das Tagebuch eines
Drogenteufels' im November veröffentlicht wurde, fand es in der Presse
eine positive Resonanz, die Times lobte Crowleys ,erstaunliche Ausbeute
an Rhetorik'.
Mary Butts allerdings, in der Novelle als ,absolut hoffnungsloser
Schweinehund' bezeichnet, der morgens und abends je eine halbe Seite
Quatsch verbricht, gab im ,Sunday Express' ein Interview. Sie erzählte die
Geschichte der bestialischen Orgien, von Aleister Crowley in Sizilien
dirigiert.
Nach einer zweiten Attacke wurde es Collins jedoch zu mulmig, und er
beschloß, die Novelle erst einmal auslaufen zu lassen.
In diesem Sommer lernte Crowley auch Raoul Loveday kennen, einen
Oxford-Studenten, der mit dem bekannten Künstlermodell Betty May

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verheiratet war. Als Raoul und Betty eines Tages in einem Café
zusammensaßen, trafen sie Betty Bickers, bei der Crowley gerade wohnte.
Als sie davon erzählte, war Raoul hellauf begeistert, seit zwei Jahren hatte er
Crowleys Bücher gewälzt und war nun begierig darauf, ihn kennenzulernen.
Betty May jedoch war davon nicht sonderlich angetan, da sie Crowley
schon 1914 kennengelernt hatte und von ihm unangenehm beeindruckt
war.
Trotzdem ging Raoul mit Mrs. Bickers mit und ward für drei Tage nicht
mehr gesehen. Crowley hielt viel von ihm, schrieb ihm ein wesentlich
größeres magisches Potential zu als Neuburg, G. S. Jones oder Russell. Er sah
in ihm ,den Stoff, aus dem die Götter gemacht sind':

„Sein Charakter war außerordentlich. Er besaß jede


Qualifikation, ein Magus des ersten Ranges zu werden. Ich sah
ihn beim ersten Gespräch schon als meinen magischen Erben an.“

Crowleys Werk in London war getan, das Geld nach wie vor knapp, also
reiste er nach Cefalu. Von Rom aus, wo er einen Zwischenaufenthalt
einlegte, schrieb er Raoul, sobald als möglich zur Abtei zu kommen.
Crowley wieder zu Hause angelangt, begann sogleich Leah und Ninette, die
den neuen Namen ,Estai' angenommen hatte, die Geschichte seines Lebens
zu diktieren. Am 26ten November kamen dann auch Raoul und Betty an.
Raoul wurde sofort Probationer und nahm den Namen ,Aud' (magisches
Licht) an. Er war von der thelemitischen Lebensweise sofort hellauf
begeistert. Niemand wurde gezwungen, irgend etwas zu tun, jeder suchte
seinen eigenen Weg, den wahren Willen zu finden.
Ebenso die Kinder, die tun und lassen konnten, was sie wollten, die sogar
bei den sexualmagischen Ritualen zuschauen konnten. Daß diese Kinder sich
allerdings in einer ,normalen' Gesellschaft nicht zurecht finden würden, war
kein Gegenstand des Interesses.
Raoul erhielt den Posten des Hohepriesters, den vorher Genesthai
innegehabt hatte. Im Gegensatz zu Betty stieg er auch sofort auf alle
Übungen ein, begann auch mit Liber III, eine Übung zur Kontrolle von Rede,
Handlung und Gedanken, bei der man sich jedes Mal beim Gebrauche eines
Wortes, beim Tun einer bestimmten Handlung oder bei einem bestimmten
Gedanken in den Arm schneidet.
Betty schloß sich davon aus, meinte, man würde seine Gesundheit durch
unsinnigen Blutverlust gefährden. Äußerlich bestand der thelemitische Stil
bei den Männern in einer Glatze mit einer übrig gelassenen phallischen
Locke auf der Stirn, bei den Frauen in Rot oder Gold gefärbten Haaren. Die
phallische Locke stand symbolisch für die magische solare Energie von
Horus oder auch für die Hörner von Pan.
Nach kurzer Zeit erkrankten Therion und Aud. Therion hielt es für
Mittelmeerfieber, der Arzt am Orte dachte eher an eine Infektion der Leber
und der Milz. Da Betty aber schwer beunruhigt war, konsultierte Therion

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Auds Horoskop. Er entdeckte, daß Aud möglicherweise am 16ten Februar
sterben müßte. Zwischen Betty und den anderen Ordensmitgliedern und vor
allem Crowley traten heftige Dispute auf.
Als sich die Situation zuspitzte, Betty an Raouls Krankenbett mit Gläsern um
sich warf, war ein Höhepunkt erreicht. Betty packte, verschwand, kehrte
aber auf Raouls Bitte hin nach ein paar Tagen wieder zurück. Sie hatte
zwischenzeitlich eine Beschwerde über Crowley und seine Abtei an den
britischen Konsul geschrieben, diese danach aber widerrufen.
Raouls Zustand verschlimmerte sich zusehends. Der Arzt diagnostizierte
akuten Darmkatarrh. Crowley schrieb an Raouls Eltern, um sie von Raouls
kritischem Zustand zu informieren. Zwei Tage später, am 16ten Februar
1923, starb Raoul. Er wurde in einer festlichen, thelemitischen Zeremonie zu
Grabe getragen, Crowley rezitierte aus dem Liber AI und von seinem
mystischen Stück ,The Ship'. Nach der Zeremonie fiel Crowley auf sein Bett,
von dem er einen Monat lang nicht mehr aufstand. Er fühlte sich dem Tode
nahe und hatte hohes Fieber. Zu dem litt er noch an Depressionen.
Die Abtei bestand jetzt im Frühjahr wieder nur aus den drei
Gründungsmitgliedern, Jane Wolf war in London, um neue Schüler zu
suchen und neue Finanzquellen aufzutun. Auch Betty May war wieder in
London und startete in dem ,Sunday Express' eine Kampagne gegen Aleister
Crowley, der angeblich Schuld an Raouls Tod war. Crowley hatte jedoch
kein großes Interesse, etwas dagegen zu unternehmen, da er mit sich selbst
reichlich beschäftigt war.
Am 22ten April tauchten neue Gesichter auf Cefalu auf: Norman Mudd,
Professor für Mathematik an einer Universität in Südafrika und zwei
Studenten, die Raoul gekannt hatten, John Pinney und Claud Bosanquelluet.
Letztere beiden waren aber nur daran interessiert, herumzuschnüffeIn und
herauszufinden, was geschehen war.
Crowley kannte Mudd seit 1907 vom Trinity College her, wo er seinerzeit
auch Victor Neuburg kennengelernt hatte. Der damals 18jährige Mudd war
fasziniert und korrespondierte nach dem persönlichen Treffen noch über
drei Jahre mit ihm. Crowley hatte am College Vorlesungen über Magick
gehalten, und wegen seiner ‘untragbaren sexuellen Ethik' hatte es auch
gleich Probleme mit der Universitätsleitung gegeben. Mudd hatte sich für
Crowley eingesetzt, verleugnete ihn aber unter dem Druck der Autoritäten
schließlich doch. Seine Furcht-Hoffnung-Faszination blieb jedoch bestehen.
Da Mudd über seine magischen Studien sein eigentliches Studium
vernachlässigt hatte, nahm er schließlich dankbar eine Stelle in Südafrika an
und erhoffte sich, Crowley dadurch vergessen zu können. Doch auch dort
fand er nicht das was er suchte, und verlor zu allem Überfluß auch noch ein
Auge. Schließlich reiste er zurück nach London und suchte, Crowley in
verschiedensten Cafés zu finden. Doch vergaß er seine ursprüngliche
Absicht, die ihm erst wieder bewußt wurde, als er in einem Buchladen ein
Exemplar des Buches 4 erblickte. Über Captain Fuller und um zehn Ecken

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bekam er schließlich doch wieder Kontakt zu Crowley, der ihn auch sogleich
nach Cefalu einlud.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Auf Cefalu war in der Zwischenzeit eine schlimme Wende eingetreten.


Crowley wurde zum Polizeirevier bestellt, wo ihm ohne Grund oder
Anklage mitgeteilt wurde, sie alle müßten das italienische Staatsgebiet
verlassen. Diesbezüglich lag eine Anordnung vom Innenminister vor, der
ohne Zweifel Mary Butts Bericht im ,Sunday Express' gelesen hatte.
Mussolini hatte mittlerweile die Macht ergriffen und räumte mit allen
Leuten auf, die mit Magie in Verbindung gebracht wurden. Nach einer
Überprüfung fand Crowley heraus, daß in der Anklage nur von ihm die
Rede war, was der Polizeioffizier auch zugeben mußte. Crowley bat um eine
Woche Aufschub, um seine Angelegenheiten noch erledigen zu können. Dies
wurde ihm gewährt. Crowley zweifelte, fürchtete schon, daß sein
Lebenswerk ruiniert sei. Was sollte er nun tun? Wohin würden ihn die
,Geheimen Chefs' schicken? Crowley konsultierte das Yi King. Er erhielt
dabei das Hexagramm 47, das Zwang bedeutet. Und was sollte er nun tun?
Sich vorbereiten, zu reisen und standfest zu sein. Weiter riet ihm das Yi
King, sich erst einmal zurückzuziehen, aber beim Innenminister einen
direkten Protest einzulegen und auch einen Appell an die nationalen
Botschafter in Rom zu richten. Viel erwarten dürfe er sich allerdings nicht.
Weiter wäre es gut, wenn Crowley ,das Wasser überqueren' würde, Afrika
wäre sehr gut geeignet. Er sollte sich einen Ort suchen, der an der Küste
liegen sollte oder zumindest mit viel Wasser versehen sei, aber isoliert und
wenig von öffentlichen Angelegenheiten betroffen. So verließen am 1ten Mai
1923 das Tier und seine Scharlachfrau Italien und reisten, von einem
Detektiv begleitet, per Schiff nach Tunis. Norman Mudd, jetzt im A... A...
Frater Omnia Pro Veritate, ,Alles für die Wahrheit', wurde beauftragt, die
Abtei alleine zu leiten und das Große Werk weiterzuführen.
In Tunis angelangt, mieteten sich die Beiden in einem kleinen Hotel ein,
welches in der Vorstadt von Tunis lag - ,man konnte nichts Billigeres finden'.

87
Crowley hoffte, daß er die Ausweisung aus Italien rückgängig machen
könnte, erhielt aber keine Termine bei den Behörden.
Für die nächste Zeit hatte er geplant, den Kommentar zum Liber AI zu
verfassen und ,Confessions' zu Ende zu schreiben. Beim Kommentar sollte
Norman Mudd den mathematischen Teil zu entschlüsseln helfen, z. B. die
Bedeutung des Satzes:

„Jede Zahl ist unendlich; es gibt keinen Unterschied."

Nach wie vor bestand allerdings ein großes Fragezeichen wegen des
Finanzproblems, zumal Crowley ja zu der Zeit zwei Unterkünfte finanzieren
mußte. Am 19ten Mai kam Ninettes zweites Kind zur Welt. Das Tier
gratulierte ihr und suchte folgenden Namen für das Kind aus: Isabella, Isis,
Selene, Hecate, Artemis, Iana, Hera, Jane. Auch untersuchte er das Horoskop
des Babys:

„...Mars, der über Luna aufsteigt, wirkt ziemlich bedrohlich, aber


es gibt keine nahen schlechten Aspekte, weder zur Sonne noch
zum Mond, so gibt es wahrscheinlich keinen Grund zur Sorge. Da
ist kein großer Komplex, der das Kind auszeichnen würde, sie
wird sich wahrscheinlich zu einer ziemlich gewöhnlichen Hure
entwickeln.“

Der Gesundheitszustand von Crowley und von Leah verschlechterte sich


und sie mußten sich in die Behandlung eines Arztes am Orte begeben.
Crowley schrieb nur:

„Zur Hölle mit meinem persönlichen Stolz.“

Crowley machte sich Gedanken darüber, was er als Logos des Äons für
weitere Aufgaben zu vollbringen hätte:

„Ich habe gezweifelt, ob ich überhaupt ein so großer Magier bin,


sogar während ich über die Zweifel von Leuten lächeln mußte,
die anscheinend von mir erwarteten, Vieh zu verhexen. Ich habe
gerade die vollständige Antwort für uns beide gefunden. Ich
besitze die Macht, spirituelle Krisen hervorzurufen. Das ist
natürlich das einzige, was immer passierte. Schaffe deine Krise in
einem Menschen und der Rest wird folgen... Die Leute
erkennen instinktiv die Macht in mir und fürchten sich...
Vielleicht bin ich ein Schwarzmagier, aber dann ein verdammt
guter.“

Heroin nahm er immer noch zu sich, wenngleich in kleineren Dosen und in


größeren Intervallen. Um dem Entzug Abhilfe zu schaffen, nahm er Aether,

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den er auch gerne dazu benutzte, seine Stimmung während des Diktierens
zu heben. Crowley schickte Mudd ein Telegramm, er solle sofort nach Tunis
kommen. Crowley überlegte sich, nachdem die italienische Regierung immer
noch nicht anders entschieden hatte, ob er nicht eine neue Abtei errichten
sollte. Die Fehler der alten sollten hierin vermieden werden, verschiedene
Voraussetzungen für die Aufnahme sollten gegeben sein: Schönheit,
Intelligenz, Liebe - Geschäftsfähigkeit, große Wendigkeit - Reichtum oder
zumindest physische Stärke - seltene magische Gaben.
Die Leitung der Gemeinschaft sollte autokratisch sein, Crowley wollte das
äußere Oberhaupt des Ordens sein, aber er wollte allen Mitgliedern
unbekannt bleiben, abgesehen von seinen engeren Freunden und Offizieren.
Für zwei Wochen zog sich Crowley erst einmal ganz zurück und mietete sich
im Tunisia-Palace ein. Leah ließ er in dem kleinen Hotel zurück, aber er hatte
Mohammed Ben Brahim mit sich, einen Negerjungen, der als sein
persönlicher und magischer Diener fungieren sollte. Dort besserte sich sein
gesundheitlicher Zustand relativ schnell, auch sein Gefühl des
Wahnsinnigseins ließ nach.
Seinen Drogenkonsum setzte er dennoch beständig fort, fand sogar, daß er
ohne Drogen nicht länger existieren konnte. Die Besserung seines Zustandes
schrieb er seiner Trennung von Alostrael zu. Er überlegte sich, daß er
oberflächlich gesehen ziemlich normal war, indem was er tat; er könnte auch
ein sich erholender englischer Tourist sein. Norman Mudd war inzwischen
angekommen und mietete sich in dem selben Hotel ein wie Leah. Kurz nach
Mudds Ankunft beschloß Crowley, diese zweiwöchige Zurückgezogenheit
abzubrechen, und er bezeichnete sie als ,kleinere magische
Zurückgezogenheit'.
Wegen seines Drogenkonsums konnte er kaum mehr schlafen, es spielte
kaum eine Rolle, wann er ins Bett ging oder aufstand. Aber er entwickelte
dennoch eine Art Routine, Crowleys neuer Tagesablauf bestand nämlich
darin, nachmittags um 2.00 Uhr aufzustehen, etwa bis 5.00 Uhr Alostrael zu
diktieren und dann erst einmal essen zu gehen. Dann diktierte er entweder
weiter, las, spielte Schach, oder diskutierte mit Mudd über Kabbalah. Sehr
selten meditierte er, und wenn ,in einer ziemlich halbherzigen und
unformellen Weise'.
Während Therions zweiwöchiger Zurückgezogenheit hatten Norman und
Leah Gelegenheit, sich näher kennen zu lernen. Dieses führte gleich dazu,
daß Norman sich in Leah verliebte. Da jemand, der ,verliebt' ist, für
magische Arbeit kaum brauchbar ist, schwor er seiner Liebe ab:
,,Ich rufe Sie (die geheimen Chefs) in der Macht des Aktes der
Wahrheit an, welcher von mir kurz nach der Wintersonnenwende
des 18ten Jahres des Äons (1922) vollbracht wurde, als ich meine
Karriere und meine materiellen Besitztümer ohne
Einschränkung widerrief, daß ich meine ganzen Energien völlig
dem Großen Werk widmen würde, das heißt, der Errichtung des
Gesetzes von Thelema, wie gegeben von Aiwass durch das Tier

89
666 (der Mensch Aleister Crowley) im Buche des Gesetzes (Liber
AI sub figura XXXI) wie in dem Manuskript, welches ich gesehen
habe, und welches ich hier als Leitung meiner Treue erkläre, in
loyaler Kooperation mit dem Tier, seinem Propheten. Worin,
wenn ich fehle, das Licht meines Körpers verdunkelt werden mag
und die Tugend des Menschseins nicht mehr verbleiben mag.
Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen."
Norman Mudd
Nachdem Mudd diesen Eid abgelegt hatte, zog er sich für acht Tage zurück
und meditierte über die Sachlage, wobei er die ,Confessions' studierte.
Hierbei kam er zu einem sehr wundersamen Schluß, betreffend die Frau, die
er liebte. Ein Teil des Eides der Scarlet Woman war nämlich, daß sie laut und
ehebrecherisch sein sollte. Mudd überlegte, wie sie ehebrecherisch sein
sollte, wenn sie gar nicht verheiratet war. Um diese Unvollständigkeit zu
ändern, mußte sie also jemand heiraten. Das Tier kam natürlich nicht in
Frage, denn man kann schließlich nicht mit seinem eigenen Ehemann
Ehebruch betreiben.
Mudd schloß kurzerhand daraus, daß eigentlich nur er selbst hierfür in
Frage käme. Crowley war hiervon nicht eben begeistert, mußte jedoch
zugeben, daß ein Stückchen Wahrheit in Mudds Gedanken enthalten war.
Die Götter wurden konsultiert. Diese jedoch reagierten in einer Zeremonie,
in welche auch Heroin konsumiert wurde, mit Ablehnung. Crowley
kommentierte dies:

„Ehebruch schließt ebenso wenig Heirat ein, wie Hurerei


Kommerzielles beinhaltet.“

Im Oktober beschloß Crowley, sein Schicksal gänzlich in die Hände der


geheimen Chefs des A... A... zu legen. Er und Alostrael reisten nach Nefta,
wo sie sich ein Kamel mieteten und von da in die Wüste begaben.
Dort verrichteten sie einige sexualmagische Arbeiten für ,physische Energie
für vollständige Freiheit', von einigen Haschischpfeifen begleitet. Geplant
war, diese magische Zurückgezogenheit etwa einen Monat lang
auszudehnen, aber da Alostraels Gesundheitszustand schlecht war, kehrten
sie nach drei Tagen nach Nefta zurück.
Dort vollführte Crowley noch einige Akte mit seinem Diener Mohammed
ben Brahim, die zu einem sehr seltsamen Ergebnis führten. Er sah in der
Dunkelheit einen glühenden Punkt, den er zuerst für eine Zigarettenglut
hielt. Das Licht erschien ,verschwand wieder. Weder Alostrael noch
Mohammed konnten es sehen. Das Licht wuchs an und wurde wieder
kleiner, kam und ging, bewegte sich in kleinem Umfang. Crowley schrieb:
„Wenn es nicht im gewöhnlichen physikalischen Sinne hier ist,
bin ich das erste Mal Opfer einer Halluzination.“

90
Dieses Phänomen quälte Crowley, war es nun ein Elemental, von dem Akt
mit Mohammed geschaffen, ,oder ein besonderes Zeichen der Anwesenheit
eines der geheimen Chefs?'
Kurz danach kam die Reise nach Nefta zu einem unerwünschten Ende, da
Crowley krank wurde und nicht mehr in der Lage war, die Rituale der
Sexualmagie auszuführen. Mohammed fuhr noch eine Weile mit Alostrael
fort, dann wurde er auch krank.

„15ter November 1.00 Uhr a.m. Mohammed ben Brahim ist


schlimm erkrankt: Genauer gesagt, er ist auf einem Ohr taub. Er
wurde gewarnt, nicht meine Magick-Glocke zu berühren;
(natürlich) tat er es doch und bekam entsprechend einen Schlag
ins Genick.“

Enttäuscht kehrten die drei nach Tunis zurück. Dort noch zu verweilen,
hielt Crowley für reine Zeitverschwendung, so machte er sich kurzerhand
auf den Weg nach Paris. Norman und Leah blieben in Tunis zurück, sie
hatten gerade noch genug Geld für eine Woche.
Crowley landete am 2ten Januar 1924 in Nizza, wo er sich von dem
Schriftsteller Frank Harris 500 Francs leihen mußte, um überhaupt nach
Paris weiterreisen zu können. Dort fiel er zum erstem Mal in einen Zustand
absoluter Hoffnungslosigkeit, zweifelte am Sinn seiner Existenz:

„Habe ich jemals etwas von Wert getan, oder bin ich nur ein
oberflächlicherer Mensch, der durch eine Reihe von Notbehelfen
der einen oder anderen Art besteht? Ein Taugenichts, Feigling, ein
Strohmann? Ich kann absolut keine Antwort finden, das
augenscheinliche Urteil lautet jedes Mal ,schuldig'.“

Die Ankunft eines Freundes, der ihm ein paar hundert Francs zukommen
ließ, gab ihm neue Hoffnung und er rief Aiwass an:

„Aiwass! Dich rufe ich an. Erneuere meine Stärke, meine


Gesundheit, meine Energie, meinen Mut! Lasse meinen Genius -
der Du bist! - über die Welt Deine ewige Lobpreisung und deine
Herrlichkeit fliegen! Aiwass! Dich, Dich rufe ich an!“

O. P. V. und Alostrael hatten in der Zwischenzeit ihr letztes Geld


ausgegeben und hungerten buchstäblich in Tunis. Sie warteten verzweifelt
auf eine Nachricht von Crowley. Sie hatten sogar schon alles Versetzbare
versetzt, abgesehen von den heiligen Schriften des Tieres und seinem
Magick-Ring.
Crowley selbst hatte weder Kraft noch Möglichkeit, neue Dinge in Angriff zu
nehmen, und brütete über den alten. Wenn er nur Geld und Energie hätte,

91
nach Fontainebleau zu gelangen, dann könnte er zumindest seine
Drogenprobleme in ,48 Stunden oder so' lösen.
Er mußte fast seine gesamte magische Ausrüstung versetzen. Er war auf der
Suche nach neuen Aufgaben, aber da er schon fast alles ausprobiert hatte,
suchte er nach irgendeiner genialen Arbeit, die eine Art Schlußfolgerung zu
den anderen Dingen darstellen sollte:

„Ich bin bereits oft genug gestorben; gestorben an jugendlicher


Liebe, am Briefmarken sammeln, Karten spielen, Erstausgaben
horten, die Gesellschaft verwirren, im Schachspiel hervorragend
sein, Tiger jagen, Heringe fischen, beim Golfspiel herumtreiben,
Frauen unter den Nagel reißen, auf Berge krabbeln, durch
Eislabyrinthe winden, Sehenswürdigkeiten anschauen, Macht
ergreifen. Ich habe das Haschischleben versucht, das Opiumleben,
das Alkoholleben, das Aetherleben, das Heroinleben; keines von
ihnen hat sich mit einem anderen dieser Leben vermischt...“

Auch Leah und Norman, die es inzwischen geschafft hatten auch nach Paris
zu kommen, wußten nicht, was man tun könnte. Crowleys einzige Hoffnung
lag in Frank Harris. Dieser hatte ihm schon in Nizza von seinem Plan
erzählt, die Pariser Zeitung ,Evening Telegramm' zu übernehmen und wollte
Crowley als Mitherausgeber haben. Ein unabhängiger Geschäftsmann
hatte ausgerechnet, daß diese Zeitung einen Profit von 120000 Francs im Jahr
abwerfen könnte. Dies wäre für Crowley die Lösung aller seiner Probleme
gewesen. Allerdings lag das Problem in der notwendigen Beschaffung von
300 000 Francs, um das Projekt finanzieren zu können.
Harns legte seine Hände in den Schoß und setzte alle seine Hoffnungen auf
Crowley. Crowley und Leah wurden jetzt auch noch aus ihrer Unterkunft
geworfen, nach dem die Vermieter gewechselt hatten. Das Yi King hatte
einen großen Wechsel prophezeit, und Crowley interpretierte den
Rausschmiß einfach als neue Geburt.
Unerwartet trafen Crowleys Freunde George Cecil Jones und J. W. N.
Sullivan in Begleitung von Alexander Xul Zolar, einem Argentinier ein. Geld
für die längst überfällige Miete auf Cefalu hatten die drei aber auch nicht
parat. Mudd war der Meinung, daß die Notlage daher kam, daß Crowley
sich nicht entsprechend an die Anweisungen des Liber Al gehalten hatte.
Der Kommentar zum Liber Al war immer noch nicht fertiggestellt, auch die
Stele der Offenbarung war immer noch nicht in Crowleys Besitz gelangt.
Crowley wurde wütend und projizierte auf Mudd: Er sei weniger als ein
Weichtier, denn ein solches hätte wenigstens eine organische Form.
Er trug Mudd auf, gefälligst gemäß seinem in Tunis geleisteten Eid zu
handeln, denn in Leah war er trotzdem immer noch verliebt. Er schrieb
Crowley, daß es sein magisches Schicksal sei, Alostrael zu heiraten. Crowley
antwortete darauf, daß es Mudds passende magische Geste wäre, sich einen
Job erster Klasse zu angeln, etwas Geld zu sparen, sich dann hoch zu

92
versichern und Selbstmord zu begehen, ,so daß die Prophezeiungen erfüllt
werden mögen'..
Eine etwas praktischere Idee war, etwas gegen die verleumderischen
Aktivitäten des ,Sunday Express zu tun, der für den Fall der Abtei auf Cefalu
durch seine Berichterstattung zumindest mitverantwortlich war. Mudd
verfaßte einen ,offenen Brief an Lord Beaverbrook', den Herausgeber
dieser Zeitung, in der Hoffnung auf eine Wiedergutmachung.
Sie druckten 3000 15seitige Exemplare, die schließlich an alle englische
Zeitungen und an bekannte Persönlichkeiten verschickt werden sollten, aber
es fehlte am Ende doch das Geld für die 3 000 Briefmarken. Mudd ging
schließlich sogar persönlich nach England, um die Pamphlete zu verteilen
und mußte dort im Obdachlosenasyl übernachten.
Crowley und Leah wurden im Sommer 1924 von Alexander Xul Zolar nach
Chelles-sur-Marne eingeladen. Dort stieß eine weitere Sucherin nach der
Wahrheit zu ihnen, die 30jährige Amerikanerin Dorothy Olsen. Sie war auf
einer Rundreise in Europa und gelangte nach Chelles-sur-Marne, einen
Meister suchend. Sie lebte in dem Bewußtsein des ständig nahenden Todes.
Kaum war Dorothy unter dem Namen ,Astrid' Probationer geworden,
entthronte Crowley Alostrael und verschwand mit Astrid als neuer Scarlet
Woman.
Crowley war fasziniert von ihr, sie hatte den Todesmagnetismus derart
gewandelt, daß der Himmel über ihr seine Farbe in bemerkenswertes
Blau transformierte. Solch eine Farbe am Himmel hatte Crowley noch
niemals zuvor in Frankreich gesehen, und selten in exotischeren Teilen der
Welt. Er fragte die geheimen Chefs nach weiteren Instruktionen, sie wiesen
ihn darauf an, fortzufahren als ihr ,Kriegsherr'.
Wieder in Paris zurück, teilte Crowley Alostrael mit, daß er und Astrid auf
Anweisung der geheimen Chefs hin den Winter an der nordafrikanischen
Küste verbringen würden. Alostraels Auftrag war es, die ,Confessions' mit
Schreibmaschine zu tippen. So blieb sie einfach allein, ohne Geld und in den
Klauen des Drogenteufels. Sie verfiel in einen dumpfen Zustand, ihres
Amtes als Scarlet Woman beraubt. Sie dachte zurück an die Zeit der Abtei,
wo sie den Eid der Scarlet Woman feierlich geleistet hatte:

,,Ich widme mich völlig ohne Ausnahme dem Großen Werk.


Ich werde mich selbst in Stolz erhöhen. Ich werde Ra-Hoor-
Khuit auf seine Weise folgen:
Ich werde das Werk der Verruchtheit vollbringen:
Ich werde mein Herz abtöten:
Ich werde laut und ehebrecherisch sein:
Ich werde mit Juwelen und reichem Schmuck bedeckt sein:
Ich werde schamlos vor allen Menschen sein:
Ich, als Zeichen dafür, werde frei meinen Körper den Gelüsten
von jedem und jeder lebenden Kreatur, die ihn begehrt,
prostituieren.

93
Ich beanspruche den Titel Mysterium der Mysterien, die große
Babalon und die Zahl 156, und die Robe der Frau des
Hurendaseins und den Kelch des Greuels:
Mit meiner eigenen Hand unterschrieben,
Alostrael"

Nach einer längeren, depressiven Zeit, entdeckte Alostrael, daß sie aber doch
noch einen Willen zum Leben besaß. Aber sie hing nach wie vor an der
Person Aleister Crowleys, liebte ihn und konnte sich mit ihrem Schicksal
nicht abfinden. Wieder verzweifelte sie, verfaßte ihr letztes magisches
Testament und wollte Selbstmord begehen. Aber da kehrte Norman Mudd,
mittlerweile völlig zerlumpt, von seiner erfolglos gebliebenen Kampagne aus
England zurück.
Er und Leah, immer noch Mitglieder des A... A..., beschlossen, zusammen zu
arbeiten und schmiedeten Pläne, wie man die Abtei erneut errichten könnte.
Mudd aber zweifelte mittlerweile an der Integrität Crowleys und war der
Meinung, daß dieser dem Liber AI zuwider handle. Leah entwickelte die
Idee, mit Norman eine magische Zeremonie auszuführen, und zwar eine
,magische Hochzeit'. Trotz der in Tunis erfolgten Ablehnung durch die
geheimen Chefs wurde die Hochzeit zeremoniell ausgeführt. Alostrael sah
sich als die große Mutter, Crowley war die Sonne. Mudd war der Sohn der
Sonne, von Crowley geboren.
Mudd personifizierte in der Zeremonie Parzifal, und er instruierte ihn im
Gebrauch seiner Lanze. Sie betrachtete sich selbst als neu geboren; die
Mythen bildeten den Schlüssel zu ihrem neuen Leben. Sie würde alle ihre
kreative Kraft darauf verwenden, Parzifal ihren Sohn zu belehren, wie er
durch den richtigen Gebrauch seiner Lanze den edlen Kampf gewinnen
könnte. Das neue Paar vollführte für die nächsten Wochen täglich Akte der
Sexualmagie für die Errichtung der thelemitischen Gesellschaft:

„Opus 1. Für die Errichtung der neuen Zivilisation. Mit einem


Mann, der nicht weiß, wer er ist, aber der allgemein als Norman
Mudd bekannt ist."

Crowley und Dorothy Olsen waren von Marseille nach Tunis gesegelt.
Noch im Mittelmeer hatte das Tier ein Manifesto (an den Menschen) verfaßt.
Dieses Manifesto war gegen die Theosophen gerichtet, die gerade die
Erscheinung eines Weltlehrers ankündigen wollten, den ,kommenden
Buddha', genannt Maitreya oder ,der Liebende', der von Kindesbeinen an für
diese Rolle trainiert worden war. In Tunis begab sich Crowley sogleich zu
einem Juwelier, der seinen Magick-Ring in eine Juwele für die Stirne seiner
neuen Scarlet Woman umarbeitete. Von Tunis aus reisten sie weiter nach
Sidi bou Said, wo das Manifesto ,an den Menschen' gedruckt und verlegt
wurde.
Tue was du willst, soll sein das ganze von dem Gesetz.

94
„Als meine Amtszeit auf der Erde im Jahre der Gründung der
Theosophischen Gesellschaft gekommen war, nahm ich
meinerseits die Sünde der ganzen Welt auf mich, so daß die
Prophezeiungen erfüllt werden könnten, so daß die Menschheit
den nächsten Schritt von der magischen Formula des Osiris zu
der von Horus tun mag.
Und indem meine Stunde nun auf mich gekommen ist,
verkünde ich das Gesetz.
Und das Wort des Gesetzes ist Thelema...
Wer immer dies versteht, mag danach suchen durch
D. Olsen
Sidi bou Said (Tunesien)"

Dieses war nicht von Crowley unterzeichnet worden, in diesem Fall blieb er
erst einmal verborgen im Hintergrund und unterzeichnete sein Manifesto
erst später selbst. Crowley und Dorothy reisten jetzt drei Monate lang durch
Nordafrika, ritten durch die Sahara, reisten danach mit dem Zug nach
Biskra. Währenddessen mußte er einmal einen Brief an Norman Mudd
schreiben:

„Leah schreibt, daß du an Egoinflation leidest. Ich hoffe nicht;


dies ist die einzige Sache, die dich aus den Gleisen werfen könnte.
Ah! Könntest du nur die Sterne sehen, wie man sie von hier sieht
und die Unermeßlichkeit der Dinge erkennen, dann gäbe es keine
Gefahr für dich. Dein Werk ist nur so wichtig, wie auch das eines
anderen Staubkörnchens wichtig ist: Aber ein Irrtum und die
ganze Maschinerie gerät außer Kontrolle.“

Die magische Reise mußte zu einem Ende kommen, denn Geldmangel und
die Tatsache, daß Dorothy krank war, verdarb alles. Dennoch hatte die
Begeisterung Crowleys über seine neue Scarlet Woman bewirkt, daß er für
eine Zeit seinen Drogenkonsum drastisch einschränken konnte.
Während des Aufenthaltes in Nordafrika passierten einige Dinge, die zu
einem von Crowley lang ersehnten Ereignis führen sollten: Die Erscheinung
des ,reichen Mannes vom Westen', die im Liber AI vel Legis vorhergesagt ist.

„Da kommet ein reicher Mann vom Westen, der sein Gold auf dich
ausschütten wird.“

Heinrich Traenker, Frater Recnartus, seit 1924 Oberhaupt des deutschen


O.T.O., hatte eine Vision, in der er Crowley als den Führer einer Gruppe von
Meistern sah. Das bisherige internationale Oberhaupt des O.T.O., Theodor
Reuss, Frater Merlin, war verstorben und der Posten also frei. Traenker sah
in Frater Baphomet, Crowleys Ordensname im O.T.O., den geeigneten Mann

95
dafür und lud Crowley, der mittlerweile nach Paris zurückgekehrt war, für
den Sommer 1925 zu einer Konferenz nach Deutschland ein. Karl Germer
sollte die Finanzierung der Reise übernehmen.
Im Frühjahr 1925 reisten Crowley und Dorothy zum zweiten Mal nach
Tunis. Dort fiel Crowley in eine tiefe Trance, die zu seinem Werk ,Das Herz
des Meisters' führte. Hier ein kleiner Auszug daraus:
„Ich erwache vor Grauen. Jeder Nerv ist erstarrt, jeder Muskel
gelähmt, jeder Knochen ein Schmerz, Gift pulst durch mein Blut.
Doch das Schlachtfeld wird nun dämmerhaft sichtbar.
Wie? Sollte die Stimme doch die Wahrheit gesprochen haben? Ist
denn dieser Stern eine Sonne, deren Licht endlich die faulen
Nebel des Blutbades durchbricht, deren Hitze dieses erstarrte
Miasma als Dunst himmelwärts zwingt, empor zu jenen
düster grauen Wolkenbänken?
Horch! Ja, die paar Überlebenden sahen, was sie bewegte, ihre
Krüppelarme aufzuheben, mit blutunterlaufenen Augen
herumzustieren und mit zerbrochenem Kiefer und zerfetzter
Zunge zu lallen.
,Um Christi Willen', kreischt ein entmanntes Stück Fleisch,
,schaut nicht nach jenem verdammten Stern!'. ,Wir sind verloren',
wimmert ein anderer.
,Das Tier!' Schreit gellend ein Dritter: Besessener.
Auch ich bin nicht wenig entsetzt. Denn auf den Rauchschwaden
kriechen monströse und scheußliche Gebilde umher -
schreckliche Gestalten mit abscheulichen Gebärden. Alle über jede
Vorstellung ekelhaft: Sie erfüllen meinen sterblichen Geist mit
wahnsinniger Furcht. Wenn die Verwundeten sie erblicken,
winden sie sich in Todesangst. Ein paar greifen irre in den Unrat,
in dem sie schon halb versunken sind, und schmeißen ihn nach
den Gespenstern, wobei sie ihre eigenen Gesichter nur um so
schlimmer beschmieren. Ihre hilflose Bosheit bringt sie so außer
sich, daß ich einen Augenblick versucht bin, zu lachen. Dadurch
wird - wie auf eines Meisters Zauberbefehl - der Bann gebrochen:
Ich schwinge mich auf zur Gesundheit.
Ich muß wirklich töricht sein! Wie konnte ich nur
einen Augenblick verkennen, daß jene Schreckgespenster
Schatten eines Sterns sein mußten, einer Sonne, auf
sonnenwärts schwebende Wolken geworfen - daß alle diese
verschiedenen Gestalten des Wahns nur Zerrgebilde einer
einzigen Form dort auf dem Bergkamm sind, eines einzelnen
Schattens - dem Schatten eines Menschen!“

Da das Geld in der Zwischenzeit schon wieder knapp war, versuchte


Dorothy von einem Freund in den Vereinigten Staaten Geld zu bekommen,
auch finden sich in Crowleys Tagebuch etliche Einträge ,Geld zu bekommen

96
für Astrid' als Objekt ihrer Sexualmagie. Astrid war schwanger geworden
und erwartete ihr Baby. Alostrael hatte sich auf Crowleys Anweisung hin
von Marseille aus auf den Weg nach Tunis gemacht, um Astrid zu helfen.
Dorothy aber hatte mittlerweile große Probleme, wie aus Crowleys
Tagebuch zu ersehen ist:

„Ein einzelnes Glas Rum (als Höhepunkt einer guten Menge an


geistiger Sorge während des Tages) war genug, in Dorothy Olsen
eine Attacke von akuter Besessenheit auszulösen. Wir lagen im
Bett, aneinander geschmiegt, ich schlief schon fast, als sie
plötzlich begann, mein Gesicht ohne die geringste Warnung zu
zerkratzen, mit einem Wortschwall von schmutzigen
unzusammenhängenden Beschimpfungen, die mich und jeden
mit mir verbundenen betrafen...“

Durch die ganze Aufregung verlor Dorothy ihr Baby, und Alostraels Hilfe
wurde nicht mehr benötigt. Anfang Mai verließen Crowley und Dorothy
Tunis und kehrten nach Frankreich zurück. Leah blieb in Tunis zurück, was
ihr aber nicht viel ausmachte, da sie sich zumindest teilweise vom Tier gelöst
hatte.
Zurück in Paris, versammelten sich im Sommer das Tier, O. P. V., Alostrael
und Astrid und fuhren gemeinsam nach Thüringen, um Traenker und Karl
Germer zu treffen. Letzterer hatte die Fahrt und noch ein paar offene
Rechnungen Crowleys aus Paris bezahlt. Über das Buch des Gesetzes war
Traenker zunächst höchst entsetzt und fand es dämonisch. Dies betraf
besonders das dritte Kapitel:

Vers 50 ,Fluch ihnen! Fluch ihnen! Fluch ihnen!'


Vers 51 ,Mit einem Falkenkopf pick ich nach den Augen von
Jesus, da er am Kreuze hängt.'
Vers 52 ,Ich schlage meine Flügel in das Gesicht von Mohammed
und blende ihn.'
Vers 53 ,Mit meinen Klauen reiß ich das Fleisch des Inders, des
Buddhisten, Mongolen und Din heraus.'
Vers 54 ,Bahlasti! Ompehda! Ich speie auf eure jämmerlichen
Glaubensbekenntnisse.'
Vers 55 ‘Auf dem Rade werde die unbefleckte Maria zerrissen, um
ihretwillen sollen alle keuschen Frauen unter euch vollständig
verachtet sein!'

Traenkers Einstellung wandelte sich glücklicherweise nach ein paar Tagen,


als er in einer Vision diese dunkleren und verborgeneren Teile des Buches
klar und nicht länger abstoßend fand.
Crowley war nach Paris zurückgekehrt, von Dorothy Olsen hatte er sich
mittlerweile getrennt, und mietete sich dort eine möblierte Wohnung. Neue

97
Frauen kamen und gingen, aber es war keine darunter, die für das Amt der
Scarlet Woman geeignet gewesen wäre. In der zweiten Hälfte des Jahres
1928 standen zwei Frauen zur engeren Auswahl. Es handelte sich um eine
polnische Dame, Kasimira Bass, zum anderen um Maria Teresa Ferrari de
Miramar, welche allgemein als die ,Hohepriesterin des Voodoo' bekannt
war. Maria stammte aus Nicaragua. Mit Kasimira zerstritt sich Crowley,
obschon er viel von ihr hielt, sehr schnell und sie trennten sich bald wieder.
Maria dagegen verliebte sich bald in den Mann und Magier Aleister
Crowley.

Magick in Theorie und Praxis


Dasselbe Jahr brachte noch einen neuen Schüler für Crowley, Gerald York,
Frater Volo Intellegere (ich will verstehen). So bestand zu dieser Zeit die
Reihe von Crowleys Mitarbeitern und Schülern aus Maria Teresa, Gerald
York, Karl Germer und seinem Sekretär Israel Regardie, den er die ,Schlange'
nannte. Crowley beschäftigte sich ausschließlich mit der Veröffentlichung
eines seiner wichtigsten Werke:" Magick in Theorie and Praxis", Material
hierfür hatte er schon seit langer Zeit gesammelt.
Der erste wichtige Bestandteil des Werkes ist das Buch 4, das er bereits 1911
zusammen mit Virakam geschrieben hatte. Das Buch beginnt mit einer
Erklärung, was unter Magick zu verstehen ist. Crowley definiert Magick als
eine Technik, mit der man sich durch den eigenen Willen die Natur untertan
machen und somit hinter den Schleier der Materie schauen kann. Dazu
notwendig sind entsprechende Handlungen im richtigen
Bewußtseinszustand. In Magick sind auch erweiterte Basisrituale
aufgezeichnet, wie sie im Golden Dawn gelehrt worden waren, wie z. B. die
Erkundung der Astralebene, die anrufenden und bannenden Rituale des
Pentagramms und Hexagramms, die kabbalistische Methode, mit
bestimmten Intelligenzen, Geistern und Dämonen zu kommunizieren und
sie zu prüfen.

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Zusätzlich gibt Crowley seine eigene Technik an, wie man die Kundalini-
Kraft erwecken kann, um diese Kraft mit dem kosmischen Bewußtsein zu
vereinen. In alle Rituale sind die Lehren des Buches des Gesetzes, soweit
Änderungen durch das neue Aeon notwendig waren, mit eingearbeitet.
Zwar waren Volo Intellegere und Saturnus bereit, die Kosten der
Veröffentlichung zu übernehmen, aber kein englischer Verleger war bereit,
dieses Werk anzunehmen. Schließlich fand sich die ,Lecram Press', eine
kleine Firma in Paris, dazu bereit. Crowley erhoffte sich durch ,Magick'
seiner finanziellen Misere zu entrinnen. Um Werbung hierfür zu machen,
stellte Crowley de Vidal Hunt, einen Journalisten, ein. Mit diesem zerstritt
sich Crowley allerdings wegen irgendeiner Familienangelegenheit, worauf
de Vidal Hunt Crowley bei der Sureté Generale denunzierte.
Als Folge davon erschien ein Inspektor der Polizei bei Crowley und fragte
ihn über Drogen aus und warum er ,Der König der Verderbtheit' genannt
werde. Schließlich zeigte der Inspektor mißtrauisch auf eine Maschine von
ungewöhnlichem, wenn nicht gar höllischem Design auf dem Tisch, und
fragte, worum es sich denn dabei handle, und Crowley antwortete: ,,Eine
Kaffee - Maschine".
Später kommentierte Crowley, daß der Inspektor wohl dachte, es handle
sich entweder um eine Bombe, oder um einen Höllenapparat für die
Destillation von Kokain.
Die beiden führten noch ein längeres Gespräch über Kabbalah, was den
Inspektor anscheinend sehr interessierte. Dennoch flatterte vier Wochen
später Crowley ein Ausweisungsbefehl vom Innenminister für ihn, Maria
Teresa und die Schlange ins Haus. Zwei weitere Wochen später sollten alle
drei auf der Polizeipräfektur erscheinen.
Crowley legte sich jedoch ins Bett und ließ die anderen beiden alleine
hingehen. Dort wurde ihnen mitgeteilt, daß sie in Frankreich nicht länger
erwünscht waren und daß sie das Land innerhalb von 24 Stunden zu
verlassen hätten. Maria Teresa richtete umgehend einen Appell an den
nicaraguanischen Konsul, der sie aber höflich abwies. Hier Crowleys Parodie
auf Marias Bericht über dieses Gespräch:

„Natürlich, meine liebe junge Dame, haben wir nichts auch immer
gegen sie. Wir tun dies in ihrem eigenen Interesse, denn sie sind
in der Begleitung des verruchten Aleister Crowley, der entweder
all die Frauen tötet, die er kennt, oder sie aber in den Wahnsinn
treibt.“

Die Schlange und Maria Teresa beantragten Visa für England und verließen
auch sogleich Frankreich. Crowley blieb einfach im Bett, geschützt durch ein
ärztliches Attest, um die Druckfahnen von Magick noch korrigieren zu
können.
Am l2ten April 1929 war es dann soweit, Crowley hielt das erste gedruckte
Exemplar in seinen Händen. Die Ausweisung hielt Crowley zum einen für

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das Ergebnis der Verleumdungen de Vidal Hunts und dachte auf der
anderen Seite an den Inspektor, der ja seine Kaffeemaschine für eine
Höllenmaschine gehalten hatte, um Kokain zu destillieren.
Zwischenzeitlich waren die Hohepriesterin des Voodoo und die Schlange
in Belgien gelandet, da Maria Teresa nicht nach England einreisen durfte.
Als sie Belgien auch verlassen mußte, reiste Crowley umgehend dorthin, um
sie dort zu treffen. Sie reisten sodann zusammen nach Leipzig, wo Karl
Germer sie bei Martha Künzel unterbrachte.
Crowley beschreibt Martha Künzel als ältliche Dame, die ihr Leben lang
nach einem Meister gesucht hatte und schließlich beim A... A... gelandet war.
Sie übersetzte später auch Crowleys Buch 4 ins Deutsche. Das einzig
Unangenehme an ihr war ihre intensive Verehrung Adolf Hitlers, die
Crowley auch schließlich zu viel wurde. Crowley war erbost darüber, daß
seine Scarlet Woman von England abgeschnitten war, und entschloß sich, sie
einfach zu heiraten. Er konsultierte das Yi King, das ihm mitteilte, daß die
Heirat eine ,rasche Handlung' wäre. Aber Crowley war nicht in der
Stimmung, auf die Stimme des Yi King zu hören.
So wurden die beiden am 16ten August 1929 in Anwesenheit des britischen
Konsuls in Leipzig getraut und reisten am selben Tage als Mr. und Mrs.
Crowley nach London. Dort, wo sein allgemeines Image das des
,verruchtesten Mannes der Welt' war, kümmerte sich Crowley um die
Veröffentlichung seiner Hagiographie ,Confessions'. Nach vielen
Bemühungen unterzeichnete er schließlich einen Vertrag mit der Mandrake-
Press, einer kleinen Firma, die von dem Buchhändler Edward Goldston
gegründet worden war.
Geplant waren sechs Auflagen, die ersten beiden erschienen auch, kostbar
gebunden, im Jahre 1930. Die Mandrake-Press hatte jedoch keine großen
Überlebenschancen, da das Publikum zu der Zeit kein großes Interesse an
ihren kleinen und kostbar gebundenen Auflagen hatte. Dennoch wurden
dort noch Crowleys Novelle ,Moonchild' und ein paar Kurzgeschichten
veröffentlicht. Mit dem Absatz der ,Confessions’ gab es aber Probleme, da
die Buchhändler zu keinem Preis der Welt bereit waren, sie in ihren
Lagerbestand aufzunehmen.
Dies hing sicherlich mit Crowleys recht ungewöhnlichem Porträt und
seiner Unterschrift mit dem phallischen A zusammen. Auf der anderen Seite
war Crowley der Meinung, daß seine Frauen am besten mit der Vagina
identifiziert werden konnten. Leah Hirsig war so ,reine Yoni, dekoriert mit
dem Rest von ihr, in der selben Art, wie ich reiner Lingam mit Schnörkeln
bin'. Leah wiederum redete ihn in Briefen mit ,Lieber alter Schwanz' an.
Im neuen Jahr erhielt das Tier eine Einladung, an der Oxford-University-
Poetry-Society eine Vorlesung zu geben. Das Thema war eine Arbeit über
Gilles de Rais, der eine Art Aleister Crowley im mittelalterlichen Frankreich
war. Crowley selbst hielt ihn für einen wahrhaftigen Schwarzmagier. Das
Thema war sehr interessant, zumal der Ruf des Dozenten das seinige dazu
tat.

100
Als der katholische Kaplan der Universität davon hörte, schrieb er sogleich
an den Sekretär des Poetry-Club. Die Reaktion war, das die Vorlesung
einfach abgesetzt wurde und Crowley wurde von Oxford verbannt, ebenso
wie 20 Jahre zuvor von Cambridge. Crowley sagte hierzu in einem Interview
mit der ,Oxford Mail':

„Vielleicht ist die Weigerung, mich die Vorlesung halten zu


lassen, deswegen gekommen, weil Gilles de Rais angeblich 800
Kinder in einem Ritualmord getötet hat, und dies wird in
irgendeiner Art mit mir in Verbindung gebracht, zumal es die
Anklage gibt, daß ich nicht nur Kinder getötet, sondern sie auch
aufgegessen habe, was eine der vielen falschen Behauptungen ist,
die über mich zirkuliert haben.“

Die Mandrake-Press veröffentlichte die Vorlesung schnell als Pamphlet, und


so kamen die Studenten zwar an die Vorlesung selbst, aber der eigentliche
Spaß fehlte, da sie von Crowley ja nicht gehalten werden konnte.
Im Frühjahr desselben Jahres reisten Crowley und Maria nach Deutschland.
Ihre Beziehung bestand mittlerweile hauptsächlich aus Streitereien. In Berlin
lernte Crowley bei einem Maler namens Steiner Hanni Jaeger, eine 19jährige
Künstlerin, kennen. Er nannte sie ,Monster'. Maria hatte in der Zwischenzeit
angefangen zu trinken. Crowley indessen machte mit Karl Germers Geld in
der Tasche und Hanni Jaeger im Arm die Gegend unsicher. Crowley war
fasziniert von ihr und hegte neue Hoffnungen und Pläne. Nach kurzer Zeit
reiste Crowley mit Hanni Jaeger nach England zurück und ließ Maria
betrunken in Leipzig zurück. In London wollte er sein Gemälde ausstellen,
fand jedoch keine Galerie, die dazu bereit war. Crowleys Ruf in Deutschland
war wesentlich besser, als in seiner Heimat, und so transferierte er 160 von
seinen Bildern und Zeichnungen nach Deutschland, um sie in Berlin
auszustellen. Ende August beschloß Crowley dann, sich erneut in eine große
magische Zurückgezogenheit zu begeben.
Sie reisten zurück nach England und von dort weiter nach Lissabon.
Darüber, daß sie fast nichts außer den Tickets hatten, machte sich Crowley
wenig Sorgen. Im Notfall war immer noch Karl Germer da, um ihn zu retten.
In Lissabon hatte Crowley den ausgezeichneten Dichter Fernando Pessoa,
der wie Crowley vom Mythos des Gottes Pan fasziniert war. Dieser hatte
Crowley nach etwa einjähriger Korrespondenz eingeladen, ihn doch einmal
in Lissabon zu besuchen. Crowley und Hanni mieteten sich, per Schiff am
2ten September in Lissabon angekommen, im Hotel de L'Europe ein. Den
Tag verbrachten sie zumeist mit Baden, Malen und
Erkunden der Gegend. Nachts führten sie einige sexualmagische Arbeiten
aus, Crowleys Meinung nach mit großem Erfolg. Hanni hatte zwar gute
Anlagen, aber schlechte Nerven und brach schließlich zusammen. Crowley
schrieb über sie:

101
„Ihre melancholischen Anfälle sind normalerweise mit dem
Wunsch verbunden, ein Mysterium aus irgend etwas nichts-
speziellem zu machen. Sie sind so launisch wie Nebel auf dem
Meer, und genau so dicht. Es ist fast so hart wie bei einem
wahrhaftigen Melancholiker, zu ihr durchzudringen. Bemerke
ihre pathologische Furcht und ihr Lügen... Ihre Art, ihren Koffer
ein Dutzend mal in ein paar Stunden zu verschließen, obwohl sie
den Raum überhaupt nicht verläßt und nichts von Wert darin ist.“

Nach einem längeren Krach verschwand Hanni und segelte, Crowleys


Überredungskünsten zum Trotz, nach Deutschland zurück. Crowley war
überhaupt nicht begeistert und bei einem Spaziergang in der Nähe des
,Höllenmauls', einem Grabmal auf den Klippen, beschloß er, einen
Selbstmordversuch vorzutäuschen, um Hanni zu ärgern.
Er hinterließ an der Küste einen Zettel mit der Nachricht, er könne nicht
mehr ohne sie leben und arrangierte die weiteren Details mit Pessoa. Zurück
im Hotel zelebrierte Crowley erst einmal in Ruhe das Ritual des
Herbstequinox, das prompt zu einem Telegramm von Hanni führte:" Liebe
ist das Gesetz, Liebe unter Willen." Crowley machte sich sogleich zwei Tage
später auf den Weg nach Deutschland.
Pessoa hatte in der Zwischenzeit aber schon zwei große Zeitungen
informiert, die Gerüchte über Crowleys Tod nahmen über ganz Europa ihren
Lauf: Was steckt hinter dem mysteriösen Verschwinden von Sir Aleister
Crowley, dem berühmten Poeten und Mystiker?
Mysteriöserweise gaben die portugiesischen Behörden auch noch bekannt,
daß ein Aleister Crowley das Land regulär verlassen habe. Sogar Scotland
Yard schaltete sich ein, und schickte einen Detektiv nach Portugal, um
diese dunkle Affäre zu untersuchen. In der britischen Zeitung ,The Empire
News' stand folgender Bericht:

BERÜHMTER MYSTIKER ODER SEIN DOUBLE?


,,Botschaft am Höhleneingang befestigt: Verschwundenes Paar.
Eine mysteriöse Notiz am Eingang einer Höhle befestigt, die als
Höllenmaul bekannt ist, 20 Meilen von Lissabon entfernt, und
das Verschwinden eines hübschen jungen Mädchens im
mysteriösen Falle eines Mannes, den man für Aleister Crowley
hält, den berüchtigten Mystiker, der in London und Paris sehr
bekannt ist."

Das Geheimnis gipfelte bis in die Vermutung, Crowley sei ermordet worden.
Aber schließlich tauchte das verschollene Tier unvermutet zu der Eröffnung
seiner Bilderausstellung in den Porza-Galerien wieder auf.
Das Geld für seine Reise und seinen Lebensunterhalt hatte er jeweils von
Karl Germer, dem ,reichen Mann vom Westen' , erhalten. Germers Ehefrau,
die Crowley zu Anfang noch ,amüsant' fand, fing jedoch jetzt an, ihn und

102
seine Lebensweise als ,anmaßend und egoistisch' zu kritisieren. Sie fürchtete
und haßte Crowley, und war der Meinung, daß er sie in den Tod treiben
wollte. Sie schrieb ihm einen langen Brief, was sie von ihm halte, und
Crowley nannte sie nur eine ,gemeine Hexe'.
Auch Germer zweifelte manchmal an Crowley und schrieb ihm
Protestbriefe, ob er nicht sein seltsames Verhalten erklären könnte. Was
Germer und seine Ehefrau aber nicht verstanden, war, daß Crowley mit
menschlichen Maßstäben zu messen, ein völlig unsinniges Unterfangen ist.
Das Monster bekleidete inzwischen offiziell das Amt der Scarlet Woman,
arbeitete als Crowleys Seherin und assistierte bei den Ritualen. Sie litt
allerdings immer wieder zeitweise an ihren melancholischen Anfällen, was
die Arbeit mit ihr erheblich erschwerte.
Maria Teresa indessen, von der sich Crowley unbedingt scheiden lassen
wollte, trug sich mit Selbstmordgedanken. Sie war hypernervös, trank zuviel
und hungerte. Crowley war etwas besorgt wegen der Scheidung, da erstens
Hanni schwanger geworden war, und da er zweitens für Maria Teresa kein
Geld zahlen wollte.
Maria wurde dann aber mit akuter Schizophrenie in ein Nervenkrankenhaus
eingeliefert. Sie hielt sich für die Tochter der Königin und des Königs und
war der Meinung, daß sie ihren Bruder, den Prince of Wales, geheiratet
hatte. Dies erinnerte Crowley daran, daß genau zu der Zeit, als Rose in ein
Asyl für Alkoholkranke gebracht wurde, seine neue Scarlet Woman Virakam
auftauchte. Bedeutete auch dieser Fall das Erscheinen einer neuen Scarlet
Woman? Dies konnte gut sein, zumal Hanni ihn nach einer Menge
Aufregung gerade verlassen hatte.
Irgendwo bei einem Spaziergang unter den Linden traf Crowley die
36jährige Bertha Busch, die er Bill oder Billy nannte. Sie fühlten sich sofort
stark von einander angezogen, und nachdem Crowley auch noch von ihren
sexuellen Fähigkeiten hochbegeistert war, weihte er sie ohne Umstände zu
seiner Scarlet Woman.
Die beiden nahmen sich eine Wohnung. Crowleys Gefühle für sie waren sehr
ambivalent, ihre Beziehung schwankte ständig zwischen Liebe,
sexueller Ausschweifung und Streit und Aggression. Dies ging schließlich
so weit, daß Billy einmal mit dem Küchenmesser auf Crowley losging.
Nervenzusammenbrüche folgten, Billy mußte schließlich mehrere Male mit
Narkotika zur Ruhe gezwungen werden.
Eine Episode schildert ihr Verhältnis ziemlich gut: Eines Nachts kam
Hamilton, ein Freund Crowleys, zurück in die Wohnung und fand Billy
nackt auf dem Boden liegend. Es war Winter, das Feuer war völlig
ausgebrannt. Er schüttelte das dösende Tier und fragte ihn, ob Billy krank
sei. Crowley war erstaunt: ‘Was, ist denn die Hündin noch nicht zu Bett
gegangen?’
Crowley rappelte sich von seinem Divan halb bekleidet auf, die Schuhe hatte
er noch an, und gab ihr den größten Tritt in den Hintern, den Hamilton je
gesehen hatte. Billys Reaktion war eindeutig, bald war das ganze Zimmer

103
mit zerbrochenen Tellern und umgeworfenen Möbeln besät. Crowley suchte
nach irgendeiner Schnur, um Billy festbinden zu können. Auf Crowleys
röhrende Zurufe, ihm doch gefälligst zu helfen, reagierte Hamilton mit
höflichem Rückzug. Er rief noch einen Arzt, und Billy wurde einmal mehr
mit Narkotika in einen Beruhigungsschlaf versetzt.
Bertha Busch ging zwar noch mit Crowley nach England zurück, ihre
Beziehung endete jedoch ziemlich bald in einer Serie von Aggressionen und
Streit.
Das Jahr 1933 brachte für Crowley eine Reihe von Prozessen. Der Einstieg
war eine Klage gegen den Besitzer eines Buchladens, der im Schaufenster
einen Zettel an ,Moonchild' befestigt hatte, daß sein ,Diary of a Drug Fiend'
wegen einer Attacke der Sensationspresse aus dem Verkehr gezogen sei. Das
Gericht urteilte, daß es keinen Grund gäbe, eines von Crowleys Büchern als
,unanständig' zu bezeichnen und daß der Buchhändler so unzulässige
Werbung betrieben habe.
Crowley erhielt 50 Pfund Schadensersatz. Seinen nächsten Schlag wollte er
gegen Nina Hamnett landen, die in ihren Memoiren ‘Laughing Torso'
geschrieben hatte, Crowley hätte auf Cefalu Schwarze Magie betrieben,
dabei sei unter mysteriösen Umständen ein kleines Kind verschwunden.
Crowley versuchte auf Anraten seines Anwalts hin Leute zu finden, die
bereit sein sollten, vor Gericht zu bestätigen, daß Crowley - ,der verruchteste
Mann der Welt' - ein ehrenwerter Gentleman, unglücklicherweise verwickelt
in eine Serie von übelwollenden Verleumdungen, sei.
Abgesehen von Frater Saturnus weigerten sich jedoch alle von Crowleys
früheren Freunden, Schülern und Mitstreitern. Am 10ten April 1934 kam der
Fall dann vor Gericht. Crowley wurde am ersten Tag ins Kreuzverhör
genommen und ein Abriß seines Lebens gegeben.
Crowley sah alles von der humorvollen Seite. Der
Staatsanwalt fragte ihn:
„Gaben Sie sich selbst die Bezeichnung des ,Tieres 666'?"
„Ja."
,,Nennen sie sich selbst ,den Meister Therion’?" „Ja."
,,Was bedeutet ,Therion'?" ,,Das große wilde Tier."
,,Enthalten diese Titel einen passenden Ausdruck ihrer
Handlung und ihrer Lebensphilosophie?"
,,,Das Tier 666' bedeutet nur ,Sonnenlicht'. Sie können mich
,kleiner Sonnenschein' nennen."

Der Gerichtssaal dröhnte vor Lachen. Daß am 2ten Tag etliche seiner
Gedichte untersucht wurden, führte am dritten dazu, daß der Fall zu einem
gegen Aleister Crowley wurde, da er sozusagen ein ,unmoralisches Leben'
geführt hatte. Auch Betty May wurde gehört und gab ihre Schilderung der
Aktivitäten auf Cefalu. Am vierten und letzten Tag konnte es der Richter
nicht mehr ertragen:

104
,, Ich habe in diesem Fall gelernt, daß wir immer
noch dazu lernen können, wenn wir nur lange genug leben. Ich
habe noch nie derart erschreckende, fürchterliche, lästerliche
und abscheuliche Dinge gehört wie die, die von einem Mann
hervorgebracht wurden, der sich vor ihnen als der größte lebende
Poet beschreibt..."

Die Jury schlug schließlich nach längerer Beratung Crowleys Klage nieder.
Dennoch war dieser Fehlschlag für Crowley ein Erfolg, da die Presse überall
über ihn berichtete und seine Fotos zeigte.
Dadurch wurden allerdings auch Crowleys Gläubiger auf den Plan gerufen,
die runde 5 000 Pfund von ihm eintreiben wollten. Da Crowley aber ohnehin
nichts besaß, meldete er einfach den Bankrott an.
Drei Monate später stand Crowley wieder vor Gericht, diesmal wurde er
wegen Diebstahls angeklagt. Es handelte sich um ein paar Briefe, die er sich
über einen Mittelsmann von Betty May ,organisiert' hatte und als
Beweismittel in dem Fall gegen Nina Hamnett verwenden wollte. Nach
einer zweitägigen Verhandlung befand ihn das Gericht für schuldig, ließ
aber Milde walten.
Die nächste Zeit verlief ohne größere Ereignisse, neue Schüler und Frauen
kamen und gingen. Hanni Jaeger hatte kurz nach ihrer Trennung Selbstmord
begangen, Dorothy Olsen hatte sich zielbewußt zu Tode getrunken.
Crowley probierte alles mögliche aus, um an Geld zu kommen. Seine Idee
eines ,Black Magick-Restaurantes' konnte nicht verwirklicht werden, dafür
hatte er ganz guten Erfolg mit seinen ,Elixier-des-Lebens-Pillen', die zum
Teil aus Crowleys eigenem Samen bestanden. Er nannte sein Produkt
,Amrita', und es versprach körperliche und sexuelle Verjüngung.
1935 verboten die Nazis den A...A... den O.T.O. und andere okkulte
Vereinigungen. Frater Saturnus kam in ein Konzentrationslager, aus dem er
nach zehn Monaten aber wieder frei kam. Sein Heiliger Schutzengel hatte
ihm geholfen, auszuhalten.
Er wanderte nach Belgien aus, von wo aus er weiter seinem Meister, dem
Tier, Geld zukommen ließ und neue Instruktionen die mystischen
Angelegenheiten des Ordens betreffend erhielt. 1940 wurde er wegen seiner
deutschen Staatsangehörigkeit von den belgischen Behörden verhaftet und
nach Frankreich deportiert.
Dort verbrachte er zehn Monate in einem französischen Konzentrationslager,
wurde 1941 wieder freigelassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten.
1937 veröffentlichte Crowley ,The Equinox of the Gods', ein Werk, indem das
ganze Liber Al vel Legis und ein kurzer Abriß von Crowleys magischer
Laufbahn enthalten ist.
Neue Nachrichten kamen aus den USA. In Kalifornien war die ,Agape-Loge'
gegründet worden, die die sogenannte ,Kirche von Thelema in
Kalifornien' konstituierte. 1942 übernahm Frater 210, Dr. John Whiteside
Parsons, die Führung dieser Loge.

105
Frater 210 war schon längere Zeit ein Schüler von Crowley gewesen. Frater
Saturnus war das äußere Oberhaupt des amerikanischen Ordens und
kümmerte sich unter anderem um die finanziellen Angelegenheiten. Frater
210, der stets Pech mit Frauen gehabt hatte - zwei davon waren ihm mit
einem anderen Mann durchgebrannt - wollte ein Elemental inkarnieren, um
dieses zu seiner Scarlet Woman zu machen.
1945 nahm er dieses Vorhaben mit Ron Hubbard, einem weiteren
Aspiranten, in Angriff. Er arbeitete vornehmlich mit Ritualen des VIII°
O.T.O. und den henochischen Schlüsseln, aus denen er sich mit Hubbards
Hilfe eigene Zeremoniale kreierte. Parsons informierte Crowley jeweils
schriftlich:

,,In den letzten drei Tagen habe ich eine Operation


der Geburt ausgeführt, und dabei verwendete ich die Lufttafel,
den Kelch und eine weibliche Gestalt, ordnungsgemäß durch den
Stab beschworen, dann im Altar versiegelt. Letzte Nacht führte
ich eine Operation der symbolischen Geburt und Niederkunft
aus."

Das einzig greifbare Resultat dieser Operation war ein ziemlich gewaltiger
unnatürlicher Windsturm, den Parsons zwar ziemlich interessant fand. Aber
dies hatte doch nichts mit dem eigentlichen Ziel der Operation zu tun. Im
Februar des Jahres 1946 hatte Frater 210 Erfolg:

,,Ich habe mein Elemental! Eine Nacht tauchte sie


nach der Schließung der Operation auf und war seitdem bei mir,
obwohl sie in der nächsten Woche nach New York zurückkehrt.
Sie hat rotes Haar und schräg gestellte grüne Augen, wie ich es
haben wollte. Wenn sie zurückkehrt, wird sie geweiht, so wie ich
geweiht bin!“

Ihr Name war Marjorie Cameron. Crowley erwiderte auf diese Mitteilung:

,,Ich bin ziemlich daran interessiert, was du mir über


das Elemental geschrieben hast, denn vor kurzer Zeit war ich
bemüht, in deinem eigenen Interesse persönlich in dieser
Angelegenheit einzuschreiten. Dennoch bitte ich dich, dir Levis
Aphorismus ins Gedächtnis zu rufen:' Die Liebe des Magus für
diese Dinge ist unvernünftig und kann ihn zerstören."'

Parsons war mit seinem Ergebnis noch nicht zufrieden, er wollte noch eine
höhere Wesenheit inkarnieren, wozu er mit seiner Scarlet Woman IX°
Magick praktizierte. Crowley schrieb seine Meinung dazu Frater Saturnus:

106
„Anscheinend produzieren Parsons oder Hubbard oder irgend
jemand ein Mondkind. Ich könnte wahnsinnig werden, wenn ich
über diese Idiotie dieser Tölpel nachdenke.“
Parsons und Hubbard zerstritten sich kurz darauf, Hubbard floh mit Betty,
Parsons Gattin, für die er schon länger ein großes Interesse hegte, in dessen
Yacht. Frater 210 reagierte prompt, ging in seinen Tempel, führte das
bannende Pentagrammritual aus, welches vor jeglicher magischer Arbeit
auszuführen ist, und dann folgte eine Invokation von Bartzabel, dem Geist
von Mars, dessen Hilfe er beanspruchen wollte.
Das Ergebnis davon war, daß die Yacht auf den Felsen zerschellte und
Parsons Hubbard so in der Hand hatte:
,,Ich habe sie an mich gebunden; sie können sich nicht bewegen,
ohne in den Knast zu wandern.,"
Crowley entließ Parsons als einen Fehlschlag, so wie er auch Fuller,
Neuburg, Mudd, Achad und weitere entlassen hatte; die letzten Worte, die
Crowley für Parsons übrig hatte, lauteten:

„Er hat eine wundersame Erleuchtung erhalten, die sich auf


nichts reimt, und er hat augenscheinlich seine persönliche
Unabhängigkeit verloren.“

Crowley schrieb zu dieser Zeit an seinem ,Buch Thoth', ein Werk über die
Interpretation des Tarot auf kabbalistischer Grundlage in welches die durch
den Wechsel der Äonen entstandenen notwendigen Korrekturen
eingearbeitet sind.
Hierbei mußte die Stellung von zwei Trümpfen am Baum des Lebens
ausgetauscht werden. Die Bedeutungen vieler weiterer Karten arbeitete
Crowley auf der Basis der thelemitischen Lehre des Liber AI vel Legis um.
Weiter schuf er auch Korrespondenzen zwischen dem Tarot und dem I Ging.
Lady Frieda Harris malte die Karten nach Crowleys Anweisung dazu.
Crowley hatte Lady Harris schon 1937 kennengelernt und als Soror Tzaba
(Heere) in den Orden eingeführt. Tzaba addiert sich zu 93, der mystischen
Zahl von Thelema und Agape.
Die Erstauflage des ,Buch Thoth' wurde in einer kleinen Ausgabe von 200
Stück im Jahre 1944 veröffentlicht.
Ebenfalls im Jahre 1944 wurde Crowley durch die Bombardierung von
London nach Aston Clinton, Buckinghamshire, verschlagen. Dort mietete
er sich im Bell Inn ein:

„Ein höchst gemütliches, wirklich altes Lokal, großes offenes


Feuer, das Essen unglaublich gut. Aber nichts zu tun, und
niemand, mit dem man sprechen kann. Ich muß zur Arbeit
gezwungen werden - und das sofort.“

107
Am 17ten Januar 1945 zog Crowley dann ein letztes Mal um, er
bewohnte jetzt in der Nähe von Hastings ein großes herrschaftliches
Wohnhaus aus dem 19ten Jahrhundert, welches abseits von der Straße,
geschützt von große Bäumen, lag. An der Wand des Eßzimmers waren die
,Hausregeln' angebracht.

„Gäste werden gebeten, die Geister nicht zu berühren.


Frühstück wird für die Überlebenden der Nacht um 9.00 Uhr
morgens serviert.
Der Hastings-Borough-Friedhof ist fünf Minuten zu Fuß
entfernt (zehn Minuten, wenn man den Körper trägt), aber nur
eine Minute, wenn der Geist fliegt.
Gäste werden gebeten, die Leichen nicht von den Bäumen zu
schneiden.
Im Büro wird eine bestimmte Menge von gebrauchter
Kleidung zum Verkauf angeboten, das Besitztum von
Gästen, die irdische Gewänder nicht länger für notwendig
befanden.“

Die Hausregeln waren wahrscheinlich dem exzentrischen Verwalter


zuzuschreiben, ein kleiner Mann mit einem Bart, der Crowley sicherlich sehr
sympathisch war.
Crowleys letzte zwei Lebensjahre verliefen ohne größere Geschehnisse, und
am 1ten Dezember 1947 starb Aleister Crowley an chronischer Bronchitis im
Alter von 72 Jahren. Bei ihm war nur Soror Tzaba, die seine letzten Worte
wie folgt wiedergab:

„Ich bin bestürzt...“

Vier Tage später wurde er in Brighton verbrannt und beigesetzt.


Zu Lebzeiten hatte Crowley seine Verbrennung als phantastische Ereignisse
vorausgeplant. Eine Idee war, sich in Westminster Abbey bestatten zu
lassen, oder sich in altägyptischer Weise wie Christian Rosenkreutz
einbalsamieren zu lassen oder seine Urne auf den Küstenklippen hinter
Boleskine plazieren zu lassen, oder auf der Spitze des Berges auf Cefalu.
Eine letzte Version beschrieb Crowley im ,Konx Om Pax':

„Begrabt im namenlosen Grabe mich


von Gott gesandt, die Welt errette ich.
Ich brachte Weisheit von hoch oben
Verehrung, Freiheit und der Liebe Omen.
Sie erschlugen mich denn ich verspotte
deshalb Religion, Gesetz und Liebesgrotte
so sei mein Grab ohne Namen wahr
Daß Erd mag mich verschlingen ganz und gar.“

108
Bei der Grabeszeremonie in einer kleinen Kapelle waren alte Freunde
und Schüler Crowleys anwesend. Auf seinen Wunsch hin wurden die
,Hymne an Pan', Verse aus dem Liber Al und das ‘Gnostische Requiem'
rezitiert:
„Du, der du ich bist, jenseits von allem das ich
bin,
der du nicht hast Namen und in Natur ein Sinn.

Der du bist, wenn alle außer dir gegangen


du, der Sonne Zentrum und geheim' verlangen ,
du, verborgener Quell von allen Dingen, die
genannt
und entfernt, die allein und unbekannt
du, das wahre Feuer in dem Röhricht schnell
brütend, gebärend, Same und Quell
von Licht, Leben, Lust und Licht
du jenseits Rede und jenseits von Sicht
mein mattes frisches Feuer, dich rufe ich an,
als meines Strebens Sinn entzünd' ich dann.
O Bleibender, dich ich rufe an in Wonne
Dich, Zentrum und Geheimnis in der Sonne
und das heiligste Mysterium
wovon der Träger bin ich darum
höchst schrecklich und höchst mild erscheine
geschwind
wie es ist im Gesetz, in deinem Kind!“

Dieses Requiem verursachte wegen etlicher pornographisch


angehauchter Stellen ein letztes Mal Aufruhr wegen des ‘verruchtesten
Mannes der Welt' , der Vorsitzende des Krematoriums kündigte
,entsprechende Schritte' an, er wollte verhindern, daß so etwas noch einmal
passierte.
So zeigte Aleister Crowley noch einmal im Tode seine Fähigkeit, wie
leicht es ist, die an überworfenen Vorstellungen des alten Äons klebenden
Bürger zu schockieren und ihr Weltbild ins Wanken zu bringen.

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen

109
Die Geburtswehen des Äons
Eine kritische Rück- und Vorschau

Was hinterließ Aleister Crowley? Der Mann, der sich selbst den Antichristen,
das große Tier 666 nannte, der mit dem Anspruch auftrat, ein Neues Äon zu
begründen, der sich selbst als den Logos dieses Neuen Äons, als den
Propheten eines neuen Zeitalters bezeichnete?
Die meisten seiner Schüler hatten sich von ihm abgewandt, waren tot oder -
meist psychisch - krank. Norman Mudd hatte schon in den frühen dreißiger
Jahren auf der Insel Guernsey Selbstmord durch Ertrinken begangen, wie es
ihm von Crowley vorausgesagt war.
Leah Hirsig oder Alostrael, die Frau, welche Crowley am nächsten
gestanden hatte und die am intensivsten danach gestrebt hatte, die Bürde
der Scarlet Woman zu erfüllen, hatte sich von ihm abgewandt und es gibt

110
Informationen, die besagen, daß sie ihren Frieden später in den Armen der
römisch-katholischen Kirche fand. Sie starb 1951.
Hanni Jäger hatte Selbstmord begangen, Dorothy Olsen sich zielgerichtet zu
Tode getrunken, Theresa de Miramar und seine erste Frau Rose Kelly waren
in Heilanstalten für Trinker oder psychisch Gestörte gelandet. Frater Achad,
auf den Crowley so große Hoffnungen gesetzt hatte, hatte sich gegen ihn
gewandt und litt zumindest zeitweilig unter geistigen Störungen. Pearson
verbrannte bei einem Laboratoriumsunfall usw. usw.
In den USA wurde Karl Johannes Germer nach dem Tode Crowleys
Generalgroßmeister des O.T.O., in Deutschland Friedrich Lekve. Eugen
Grosche, der Gründer und Großmeister der Fraternitas Saturni führte diesen
Orden unter dem Pseudonym Gregor A. Gregorius noch bis zu seinem Tode
1964.
Der Ordenszweig unter Karl Germer führte zu der heute in Brasilien
ansässigen A... A... unter Marcello Motta. Der deutsche Abzweig residiert
jetzt in der Schweiz und ist mehr oder weniger auf die Abtei Thelema
zusammengeschrumpft, die Fraternitas Saturni wurde nach Grosches Tod
von internen Machtkämpfen zerrissen.
Der Berliner Orden Thelema arbeitete - wie auch schon vor der 1930
erfolgten Annahme des Gesetzes von Thelema im Verborgenen und im
kleinen Kreis weiter und ist erst in den letzten Jahren dazu übergegangen,
eine größere Anzahl Mitglieder aufzunehmen.
In England hat Kenneth Grant nach seinem von Karl Germer
ausgesprochenen Ausschluß aus dem O.T.O. eine neue O.T.O. Organisation
gegründet. Damit sind in etwa die wichtigsten der heute bestehenden
thelemitischen Organisationen genannt.
Bis auf den Berliner Orden Thelema und den O.T.O. unter Kenneth Grant ist
es ein Hauptbestandteil der Arbeit dieser Orden, sich gegenseitig die
Legitimität abzusprechen und irgendwelche obskuren Beweise für die
eigene Authentizität anzuführen. Aleister Crowley sagte einmal in bezug auf
den Tarot:

„Der Ursprung des Tarot ist völlig unwichtig, sogar wenn er


gewiß wäre. Er muß stehen oder fallen als ein System mit
seinem eigenen Wert.“

Für diese Orden gilt genau das gleiche. Die hysterischen Tiraden darüber,
daß nur die eigene Abstammung die richtige und die aller anderen falsch ist,
soll nur den modrigen Verwesungsgeruch der eigenen inneren Fäule
überdecken.
In Mottas A... A... Organisation gibt es sogenannte Adepten des 7° , welche
einfache Astralreisen, die nach Crowleys Vorschriften schon im 3° geprüft
werden, nicht beherrschen. Und von daher ist die Inflation von Hochgraden
in dieser Organisation begreiflich. Die Fraternitas Saturni hatte seit jeher ein

111
eigenes Gradsystem, deren Grade nach theoretischem Wissen und
Wohlverhalten verliehen wurden.
Im englischsprachigen Raum war Kenneth Grant der einzige, der die
thelemitische Lehre weiterentwickelt hat. Seine Bücher können sicherlich zu
Recht als etwas spekulativ bezeichnet werden, aber das darf nicht über den
hohen Wert, den sie haben, hinwegtäuschen.
Im deutschsprachigen Raum sind in der letzten Zeit einige von der A... A...
Thelema initiierte Bücher erschienen, in welchen auch Ansätze für eine
Vertiefung und Weiterentwicklung der thelemitischen Lehre erkennbar
sind.
Der wertvollste Teil von Crowleys Erbe ist sicherlich in seiner riesigen
literarischen Hinterlassenschaft zu sehen. Nachdem seinen Büchern zu
seinen Lebzeiten nur geringer Erfolg beschieden war, erleben sie in den
letzten Jahren in den englischsprachigen Ländern eine ungeahnte Blüte.
Von Einzelausgaben bis zu gesammelten Werken ist alles mehrfach
vertreten, einschließlich Crowleys Monumentalwerk ,The Equinox' mit ca.
4000 Seiten.
In Deutschland erreichen das Liber AI vel Legis sowie das Buch Thoth nach
den mir vorliegenden Informationen zur Zeit Verkaufszahlen von 2000 -
3000 im Jahr. Die anderen Titel liegen noch darunter, aber eine ähnliche
Entwicklung wie in den englischsprachigen Ländern scheint absehbar. Das
Interesse an Aleister Crowley wächst.
Aleister Crowley hat ein beispielloses literarisches Werk hinterlassen, aber
keine Thelemiten. In jedem Artikel oder Buch über Aleister Crowley
kann nachgelesen werden, daß der Grund dafür in der Person des Tieres, in
seiner zerrütteten Persönlichkeitsstruktur begründet läge. Aber diese
Ansicht ist oberflächlich. Wenn wir uns das Drama dieses Lebens vor Augen
führen, so fällt auf, daß die Handlungsstrukturen der Darsteller sich auf
verblüffende Weise ähneln. Allen ist das Fehlen jeglicher Kontinuität
gemeinsam.
Die engeren Schüler Crowleys gaben alles auf und stürzten sich mit Leib
und Seele in das Abenteuer Thelema. Sodann erleben sie Höhen und Tiefen,
Ekstasen und Leiden einer Intensität, deren normales menschliches
Dasein unfähig ist. In der dritten Phase wenden sie sich, körperlich und
seelisch zerrüttet, von Aleister Crowley ab, um den Rest ihres Lebens
dahinzusiechen. Von diesem Schema gibt es kaum eine Ausnahme.
Aber noch auffälliger wird die Handlungsstruktur, wenn wir diesen groben
Rahmen außer Acht lassen und das Einzelverhalten betrachten. Und hier
fällt auf, daß sich Aleister Crowley nicht anders verhält als seine Schüler.
Nicht nur die gleichen Ekstasen und die gleichen Tiefen, nein, auch die
Art der Auseinandersetzungen, die Art, mit Problemen umzugehen, die
Art mit anderen Menschen umzugehen. Sowohl im Genie als auch im
Wahnsinn, erwecken diese Leben den Eindruck einer griechischen Tragödie,
bei der unter den wechselnden Masken immer der gleiche Schauspieler
agiert.

112
Wenn wir imstande sind, das Muster in diesen Irrungen und Wirrungen zu
erkennen, so sehen wir ein gigantisches Psychodrama, ein Initiationsdrama.
Menschen, die versuchen, das Neue Äon zu leben, aber noch nicht imstande
waren, die Fesseln des Alten zu brechen. Im Liber Al 111,43 steht
geschrieben:

,,Wenn Mitleid, Bedauern und Sanftmut ihr Herz versuchen,


wenn sie mein Werk verläßt, um mit der alten Süße zu
spielen, dann wird meine Rache offenbar. Ich werde mir ihr
Kind erschlagen, ihr Herz werde ich entfremden, ich werde
sie aus dem Kreis der Menschen verstoßen, als scheue und
verachtete Dirne soll sie durch dunkle nasse Straßen
schleichen und Kälte und Hungers sterben."

Einer meiner Gesprächspartner bei der A... A... Thelema brachte es mit
einem gehörigen Schuß Galgenhumor auf einen Nenner mit dem alten
Wildwestspruch: „Sie wußten zuviel!“ Im Kommentar Crowley/Eschner
steht zu diesem Vers:

„Der Vers beschreibt einen bekannten Mechanismus. Schon die


ersten Anfänge der Initiationsarbeit zeigen dem Strebenden, daß
alles, was er bisher von sich dachte, reine Illusionen waren.
Sobald er anfängt, nicht mehr stumpfsinnig seinen Programmen,
seinen Vorlieben und Abneigungen zu folgen, gerät er in die
größten Schwierigkeiten und stellt fest, daß seine Annahme, er
hätte einen freien Willen, mit dem er seine Handlungen
bestimmen könnte, wie eine Seifenblase zerplatzt. Er stellt fest,
daß er wie ein Roboter von diesen Programmen beherrscht wird.
...Wenn ein Strebender nun an irgendeinem Punkt dieser
Entwicklung aussteigt, um ,mit der alten Süße zu spielen', zu den
alten Programmen zurückzukehren, so bleibt ihm doch für den
Rest seines Lebens die Erkenntnis, die er in seiner
Ausbildungszeit gesammelt und erfahren hat. Unter anderem die
Erkenntnis, daß er nur ein domestizierter Primat und noch
lange kein freies Wesen ist. Jetzt ist er aber trotzdem wieder den
Gesetzen des objektiven Universums der ,Rache', Ra-Hoor-Khuits,
unterworfen. Der weitere Vers beschreibt nur die gesetzmäßigen
Folgen wie sie schon jeder Psychologe voraussagen könnte.
Die Intelligenz verwirrt sich, man wird sich selbst fremd, von sich
selbst angewidert, ist unfähig, seinen Lebensunterhalt zu
bestreiten und schließt sich fast selbst aus dem Kreis der
Menschen aus, denn von den Initiierten hat man sich selbst
getrennt und von den anderen ist man durch die eigene
angefangene Entwicklung getrennt.“

113
Dieser Mechanismus wird auch von Timothy Leary in ‘Exo-Psychologie’
beschrieben. Er nennt die normalen Menschen Primaten und verwendet das
Bild von der Raupe und dem Schmetterling. Die Primaten sind die Raupen,
die Initiierten die Schmetterlinge. Und dazwischen gibt es die Form der
flügellosen Schmetterlinge, die sich teilweise aus dem bisherigen
Verhaltensmustern gelöst haben, die Initiation aber nicht zu Ende führen
konnten. Es ist leicht vorauszusagen, daß die Entwicklung des Neuen Äons
durch eine Phase laufen wird, in der die Mehrheit der Menschen flügellose
Schmetterlinge sind.
Dieser Entwicklungsgang konnte auch von Aleister Crowley nicht geändert
werden. Denn auch der Logos eines Äons kann nicht die Gesetzmäßigkeiten
der Evolution verändern. Genauso wie von Jesus gesagt wurde, kam auch er
nicht, ,um das Gesetz zu brechen, sondern um es zu erfüllen'. Und deshalb
war auch er selbst den Gesetzmäßigkeiten des Umschwungs der Äonen
unterworfen. Am Beginn eines neuen Äons kann nicht sein Endprodukt
stehen.
Heute, im Jahre 78 des Neuen Äons, 1982 Era Vulgata, sind wir dennoch
schon in eine fortgeschrittenere Phase eingetreten. Fingen Crowleys Schüler
noch als ,Raupen' an und scheiterten als ,flügellose Schmetterlinge', so
fangen heute viele Ordensschüler als ,flügellose Schmetterlinge' an. Die
Phase, in welcher Crowleys Schüler endeten, machen viele heutige
Thelemiten in ihrer Anfangsphase durch. Das Endprodukt ist
entsprechend weiterentwickelt.
Fast alle der Hauptprotagonisten dieser Biographie sind inzwischen
wiedergeboren worden. Aleister Crowley erblickte am 16.2.1949 in Berlin
neuerlich das Licht dieses Äons und setzt seine Arbeit fort. Mit den meisten
seiner ehemaligen Schüler und Scarlet Women hat er heute wieder Kontakt.
Einige davon bleiben noch in panischer Angst der thelemitischen Arbeit
fern. Andere sind auf dem besten Wege, ihr Dasein als ,flügellose
Schmetterlinge' hinter sich zu lassen.
Die Arbeit Aleister Crowleys war hauptsächlich die, das Neue Äon
theoretisch in seinen Schriften vorzubereiten und praktisch bei allen
Menschen, die sich ihm anschlossen, die Fesseln des Alten Äons zu
zerschmettern. Seine jetzige Inkarnation ist auch im praktischen mehr
aufbauender Art, da die Voraussetzungen dazu nun vorhanden sind.
Wer sich näher dafür interessiert, sei auf die oben erwähnten Kommentare
zum Liber AI vel Legis verwiesen.
Ein vielleicht für Reinkarnationsforscher und Astrologen interessanter
Hinweis ist die Tatsache, daß Aleister Crowleys neue Inkarnation in
seinem Geburtshoroskop den gleichen Aszendenten und Meridian hat,
wie Aleister Crowley selbst.
Der Logos eines Äons kann immer nur (s)ein Narr sein. Für die Uninitiierten
erscheint sein Handeln als das eines törichten Narren, für die Initiierten ist er
der mystische Narr des Tarot. Und so gab Aleister Crowley in seiner

114
Beschreibung des Narren des Tarot eine Beschreibung seines eigenen
Wirkens:

,,Wisse nichts!
Der Unschuld sind alle Wege gesetzlich. Reine Narrheit ist der
Schlüssel zur Initiation. Schweigen bricht in Verzückung ein.
Sei weder Mann noch Frau sondern beides in einem. Sei
schweigend, kleines Kind im blauen Ei, auf das du wachsen mögest,
um die Lanze und den Gral zu tragen!
Wandere allein und singe! Im Palast des Königs erwartet dich seine
Tochter.“

115
Register
A...A... 52; 54; 70; 79; 81; 106 Aiwass 40; 42; 48; 49; 52; 53; 54; 74; 90; 92
Abramelin 9; 25; 27; 29; 38; 41; 49; 81 Akyab 36
Abraxas 5 Alameda 31
Ab-ul-Diz 55; 70 Alcesti C. Rigo de Righi Siehe de Righi
Abyss 30; 49; 52; 53; 54; 68 Alchimie 2
Aceldama 20; 45 Alexander Xul Zolar 93
Adam 5; 15 Alexis Pache Siehe Pache
Adath 5 Alice 33; 45; 68
Adeptus Exemptus 25; 51 Alice Ethel Coomaraswamy 68
Adeptus Major 18; 25; 42; 57 Allen Bennett 25; 32; 33; 36; 51; 54
Adeptus Minor 22; 25; 29; 31 Alostrael 73; 74; 75; 76; 77; 78; 79; 83; 84;
Adonai 5; 24; 29; 35; 49 90; 91; 92; 93; 94; 95; 97; 98; 111
Aethyr 52; 53; 54 Alphonsus Woodford Siehe Woodford
Affe 68; 73 Alpin-Club 43
Agape-Loge 106 Amaimon 29
Ahab 36 Amalantrah 68; 70; 71; 72; 73
Aia 61 Ambergris 45

116
Amecameca 32 das große Tier 2; 69; 70; 111
Amoun-Ra 61 de Righi 43; 44
Amphora 45 de Vidal Hunt 99; 100
Anhalonium 28; 54; 58; 73; 77 Der geflügelte Käfer 45
Ankh-af-na-Khonsu 17 der große Drogenwahn 84
Anna Gray 66 Dharana 35
Anna Sprengel 21; 31 Siehe Sprengel Die Eleusischen Mysterien 54
Anne Catherin Miller 68 Die Tragödie der Welt 45
Antichrist 4; 6; 13; 17; 19; 111 Die Vision und die Stimme 52; 54
Argentum Astrum 51 Dorothy 94; 95; 96; 97; 98; 106; 111
Ariton 29 Dorothy Olsen 94
Ar-O-Go-Go 13 Dr. John Dee 52
Asana 34; 35 Dr. John Whiteside Parsons 106
Askoley 37 Dr. William Robert Woodman Siehe
Astarte 17; 61; 74 Woodman
Astrid 94; 97; 98 Dr. William Wynn Westcott Siehe Westcott
Astrologie 22 Siehe Westcott
Attis 5 Duncan 55
Augoeides 29; 49; 51 Eckenstein 32; 36; 37; 43
Auguste Rodin 38 Edward Goldston Siehe Goldston
Austin Harrison Siehe Harrison Edward Kelly 17; 18; 52
Babalon 65; 94 ein Gentleman von der Universität von
Baker 21 Cambridge 20
Baphomet 15; 56; 57; 67; 72; 96 Elaine 31; 33; 49
Bartzabel 54; 107 Eliphas Levi 17; 18
Bass 98 Emily Bertha 19; 70
Bennett 25; 32; 33; 35; 36; 51; 54; 80; 81 Engel 13; 16; 23; 51; 52
Beresford 84 Equinox 12; 40; 45; 46; 47; 51; 54; 74; 106;
Bertha Busch 104 112
Betty Bickers Siehe Bickers Estai 85
Betty May 85; 86; 105 Eugen Grosche 111
Bhakti-Yoga 34 Eule 68
Bickers 85 Eve 68; 71; 72; 73; 93
Bikkhu Ananda Metteya 26; 36 Exemptus 25; 51
Billy 104 Fernando Pessoa Siehe Pessoa
Black 45; 106 Foster 67
Blakeney 43 Frank Harris 92; 93
Blavatsky 16 Frank Smythe Siehe Smythe
Blue Equinox 46; 74 Franz Hartmann Siehe Hartmann
Boleskine 29; 38; 39; 43; 44; 52; 109 Frater 210 106; 107
Boulak-Museum 39 Frater Achad 67; 73; 111
Buch der Lügen 46; 56 Frater C.S. 21
Buch Thoth 108; 112 Frater Genesthai 79
Butts 79; 80; 82; 84; 88 Frater Iehi Aour 25
Cagliostro 17; 18 Frater L. T. 57; 58; 59
Cameron 107 Frater Merlin 96
Cancery Lane 25 Frater Omnia Pro Veritate 88
Captain John Frederick Charles Fuller 50 Frater Omnia Vincam 52
Cecil Frederick Russel 79 Frater Progradior 81; 82
Cecil Maitland 79; 80; 82 Frater Recnartus 96 Siehe Traenker
Cefalu 27; 51; 76; 77; 78; 79; 80; 84; 85; 86; Frater Saturnus 105; 106; 107
87; 88; 93; 104; 105; 109 Frater Volo Intellegere 99
Charles Reymond Siehe Reymond Fraternitas Saturni 111; 112
Charles Richard 45 Friedrich Lekve 111
Charles Stanfeld Jones 67 Fuller 50; 51; 54; 87; 107
Cheron 75 Gaia 13
Chioa Khan 39; 42 Genesthai 79; 81; 85
Chogo Ri 37; 43 George Cecil Jones 21; 54; 93
Choronzon 53; 56 Gerald Kelly 37; 39 Siehe Kelly
Christian Rosenkreutz 31 Gerald York 99
Christine Rosalie Pyrne 65 Siehe Pyrne Gerda von Kothek 68
Christus 7; 8; 24; 29; 41 Germer 96; 98; 99; 100; 101; 102; 103; 111
Claud Bosanquelluet 86 Gnostische Messe 56
Collie 43 Golden Dawn 21; 46; 51; 52; 54; 57; 62; 99
Collins 84 Goldene Morgendämmerung 16
Commander Marston 54 Goldston 101
Confessions 19; 57; 84; 88; 90; 94; 100; 101 Grade 21; 22; 24; 25; 31; 33; 40; 51; 54; 64;
Cypris 75; 76; 77; 78; 79; 82 70; 112
Dämmerung 21; 22; 25 Grant 13; 84; 111; 112

117
Grant Richards 84 Kellner 16; 56
Gregor A. Gregorius 111 Kelly 17; 18; 37; 39; 52; 111
Grosche 111 Kenneth Grant 111; 112
Guillarmod 37; 43; 44 Keph-Ra 65
Guy Knowles Siehe Knowles Kether 24
H. V. Read 43 Key of Solomon 21
Had 10; 13; 40 Khing Kang King 18
Hadit 13 Kho Hsuan 17; 18
Hamilton 104 Knorr von Rosenroth 21
Hammett 79 Knowles 37; 43
Hanni 101; 102; 103; 104; 106; 111 Kokain 25; 28; 77; 82; 83; 99; 100
Hanni Jaeger 101 Kundalini 64; 99
Harpokrates 10; 31 Künzel 100
Harris 84; 92; 93; 108 Lady Frieda Harris 108
Hartmann 16 Lamma Sayadaw Kyoung 36
Haschisch 25; 28; 73; 77; 91; 92 Lampada Tradam 57
Hastings 108 Larden 43
Hatha-Yoga 34 Lavrov 68
Heinrich Traenker Siehe Traenker Laxton Hall 54
Heinrich van Dorn 17; 18 Lea Dewey 66
Helen 66; 67; 79; 82 Leah 73; 74; 75; 76; 77; 83; 85; 89; 90; 92;
Helen Hollis 67 93; 95; 96; 98; 101; 111
henochisch 13; 52; 106 Leary 114
Hermes 58; 59; 60; 75 Leila Waddell 46; 54; 56; 66
Heroin 2; 28; 80; 82; 83; 84; 89; 91; 93 Leopold Engel 16
Hexagramm 52; 73; 75; 88; 99 Levi 17; 18; 107
Hilarion 67; 68 Liber 418 52
Hiram Abiff 5 Liber 777 12; 51
Hirsig 73; 101; 111 Liber Al 7; 10; 11; 13; 27; 28; 40; 41; 42; 49;
Hitler 50; 100 50; 52; 57; 61; 68; 93; 106; 109; 113
Hod 22 Liber Al vel Legis Siehe Liber Al
Hollis 67 Liber Oz 15
Horus 7; 8; 27; 30; 40; 42; 54; 69; 85; 95 Liber Samech 27
Hubbard 106; 107 Liber Samekh 13; 81
Hund 45; 68; 77 Lilith 43; 48; 49
Hymne an Pan 46; 56; 109 Lola Zaza 51; 52
I Ging 40; 75; 108 Longstaff 43
Iehi Aour 25; 26; 29 Loveday 85
Illuminaten 15; 16 Maddingley 65
Inana-Yoga 34 Madura 36
Ipsissimus 51; 75; 80 Magick 11; 12; 27; 56; 57; 67; 69; 73; 75; 76;
Isabella, Isis, Selene, Hecate, Artemis, Iana, 78; 82; 84; 86; 91; 92; 95; 99; 100; 106;
Hera, Jane 89 107
Isadora Duncan 55 Magick in Theory and Praxis 56
Israel Regardie 99 Siehe Regardie Magister Templi 51; 52; 54; 68
Ivor Black Siehe Black Magus 51; 54; 63; 68; 69; 70; 75; 85; 107
Ixtaccihuatl 32 Maitland 79; 80; 82
J. Jacot Guillarmod Siehe Guillarmod Malkuth 22; 24
J. W. N. Sullivan Siehe Sullivan Mandrake 100; 101
Jaeger 101; 106 Mantra-Yoga 34
Jakob Bernhard von Molay Siehe von Molay Marcello Motta 111
Jane 67; 75; 77; 78; 86; 89 Mardodes 61
Jane Cheron Siehe Cheron Margeret Pitcher 65 Siehe Pitcher
Jane Wolfe 77 Maria 98; 99; 100; 101; 103
Jean Adam Weishaupt Siehe Weishaupt Maria Teresa Ferrari de Miramar 98
John Pinney 86 Siehe Pinney Marie Lavrov 68
Jones 21; 54; 67; 85; 93 Marie Maddingley 65
Julian Baker 21 Marjorie Cameron 107
Jupiter 11; 57; 60; 61 Mars 39; 44; 48; 52; 54; 65; 66; 76; 89; 95;
K 2 32 97; 107
Kabbalah 21; 22; 27; 82; 90; 99 Marshall 66
Kabbalah Denudata 21 Marston 54
Kamel 2; 68; 70; 71; 91 Martha Künzel 100
Kanchenjunga 28; 43; 44; 45 Mary 55; 56; 79; 80; 82; 84; 88
Karl Kellner 16; 56 Mary Butts 80 Siehe Butts Siehe Butts
Karma-Yoga 34 Mary D' Este Sturges 55; 56
Kasimira 98 Mathers 21; 25; 27; 29; 30; 31; 32; 33; 37;
Kasimira Bass 98 38; 39; 42; 51
Katze 67; 68 McGregor Mathers 33

118
Merkur 57; 58; 59; 65 Pinney 86
Metonith 78 Pitcher 65
Minor 22; 25; 29; 31; 68; 70 Plymouth-Brüder 19
Miramar 98; 111 Popocatepetl 32
Mit Dame und Hund 45 Poupee 76; 77; 78; 79
Mohammed Ben Brahim 90 Practicus 22
Moina 29; 39 Pranayama 35
Moina Mathers 39 Pratyahara 35; 48
Molay Siehe von Molay Progradior 81; 82
Moonchild 101; 104 Pyrne 65
Morphium 28 Qliphoth 30
Motta 111; 112 Ra 65
Mrs. M. 38 Ra-Hoor-Khuit 10; 40; 94; 114
Mudd 59; 86; 88; 89; 90; 91; 93; 94; 95; 96; Raoul 85; 86
107; 111 Raoul Loveday 85
Necrophilia 45 Rawalpindi 37
Neophyt 22; 24; 29; 51; 68 Read 43
Nephesh 35 Regardie 99
Netzach 22; 30 Reuss 56; 57; 63; 96
Neuburg 52; 54; 57; 58; 59; 60; 61; 75; 80; Rex de Arte Regia 63; 65
85; 86; 107 Reymond 43; 44; 45
Nina Hammett 79 Richards 84
Ninette 75; 79; 85; 88 Roddie Minor Siehe Minor
Ninette Shumway 75 Ron Hubbard 106
Niyama 34 Rosa Mundi 39; 45
Norman 43; 59; 86; 88; 90; 92; 93; 94; 95; Rose 21; 25; 31; 39; 40; 43; 45; 48; 49; 51;
96; 111 52; 103; 109; 111
Norman Mudd 59; 86; 88; 90; 94; 95; 96; Rose Kelly 111
111 Rosenkreuzerorden 25
Nuit 10; 13; 40; 43; 75 Rosenroth 21
Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Ruach 30; 35
Lilith 43 Rudolf Steiner Siehe Steiner
O.S.V. 60 Russell 85
O.T.O. 16; 17; 56; 57; 63; 64; 67; 74; 80; 96; Samadhi 33; 35; 36; 49; 80
106; 111; 112 Samuel Liddell Mathers 21
O'Brien 66 Satan 2; 4; 5; 6; 13; 18; 24; 72; 77
Odudua 13 Saturn 5; 99; 105; 106; 107; 111; 112
Oesopus 18; 73 Scarlet Woman 54; 65; 66; 67; 68; 74; 76;
Oga-ogo 13 78; 90; 94; 95; 96; 98; 100; 103; 104; 106;
Ol-i-orun 13 107; 111
Oludumare 13 Scharlachfrau 81; 82; 88
Olun 68; 73 Schlange 4; 5; 46; 47; 58; 59; 60; 67; 68; 69;
Omnia Vincam 52; 53 99; 100
Opium 25; 28; 48; 61; 70; 72; 73; 75; 77; 92 Schutzengel 5; 9; 13; 22; 27; 29; 37; 41; 48;
Orden 15; 16; 21; 22; 23; 25; 29; 31; 42; 51; 49; 53; 54; 81; 82; 106
56; 57; 74; 77; 78; 79; 80; 81; 86; 89; 96; Scorpion 68
106; 108; 111; 112; 114 Sepher Sephiroth 51; 72
Orden der Goldenen Dämmerung 21 Sephiroth 22; 51; 72; 73
Ordo Templi Orientis 15; 16; 56 Seth 5; 6; 13
Oriens 29 Shaitan 5; 6; 13
Oscar Eckenstein 32 Siehe Eckenstein Shumway 75
Osiris 7; 8; 24; 30; 72; 95 Silvya 79; 80
Ouarda 40 Sir Frank Bennett 80
Pache 43; 44 Smythe 43
Paimon 29 Soror Fidelis 31; 33; 49
Pan 44; 46; 47; 54; 56; 57; 85; 102; 109 Soror Tzaba 108; 109
Papst Alexander VI 17; 18 Sphinx 38; 69
Parsons 106; 107 Sprengel 21; 31
Parzival 29 Steiner 16; 101
Pater Ivan 17 Stele der Offenbarung 13; 40; 75; 76; 93
Peggy Marchmont Siehe Pyrne Strathpeffer 39
Pentagramm 52; 58; 76; 99; 107 Sturges 55; 56
Perdurabo 22; 24; 25; 29; 31; 37; 38; 40; 48; Sullivan 79; 93
49; 51; 52; 53; 54; 55 T. S. Blakeney Siehe Blakeney
Pessoa 102 Tao Te King 46
Peyotl 54 Tarot 11; 22; 51; 72; 73; 108; 112; 115
Pfannl 37; 43 Templerorden 15
Philosophus 22; 23; 25; 51 The Book of High Magick Art - The Paris
Phönix 17; 19 Working 57

119
The Book of Lies 46; 56 Virakam 55; 56; 70; 99; 103
The Diary of the Drug-Fiend 84 von Molay 15
The Equinox of the Gods 106 Wassermannzeitalter 7; 40
The Ship 58; 86 Weishaupt 15; 16
Thelema 7; 14; 15; 41; 42; 56; 75; 76; 79; 81; Wesseley 37; 43
90; 95; 106; 108; 111; 112; 113 Westcott 21
Thelemit 15; 84; 112; 114 White Stains 45
Theodor Reuss Siehe Reuss William Somerset Maugham 38
Theoricus 22 Wolfe 77; 78
Therion 67; 69; 70; 71; 73; 76; 77; 79; 80; Woodford 21
81; 86; 90; 105 Woodman 21
Thoth 39; 58; 59; 73; 108; 112 Yama 34
Timothy Leary Siehe Leary Yesod 22
To Mega Therion 69; 70 Yezidi 13
Traenker 96; 98 Yi King 56; 75; 76; 77; 78; 79; 83; 88; 93;
Trinity Collage 20 100
Typhon 13; 24 Yoga 2; 28; 33; 34; 35; 36
Uranos 13 ZAX 53
V.V.V.V.V. 52 Zelator 22; 57
Victor Neuburg 52; 54; 57; 75; 80; 86

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