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Michael D. Eschner

Marcus M. Jungkurth

Aleister Crowley

DAS GROSSE TIER 666

INHALTSVERZEICHNIS

Der verruchteste Mann des Jahrhunderts

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Der schwarze Magier

2

Der Antichrist

4

Der Prophet

7

Der Weg durch die Jahrhunderte

11

Was ist Magie?

11

Die Quellen des Nil

13

Von Baphomet zu Baphomet

15

Das lange Leben des Phönix

17

Der unsterbliche Crowley

17

Die Wiedergeburt des Phönix

19

Ich werde durchhalten -

21

denn am Ende gab es nichts durchzuhalten

21

Parzifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral

27

Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji

33

Der widerwillige Priester -

39

Bergsteiger, Poet und Magier

43

Durch die Macht der Wahrheit habe ich

51

während des Lebens das Universum erobert

51

Das Große Tier

62

Ipsissimus - das Ich in höchster Vollkommenheit

75

Die Vertreibung aus dem Paradies

87

Magick in Theorie und Praxis

98

Die Geburtswehen des Äons

110

Eine kritische Rück- und Vorschau

110

Register

116

1

Der verruchteste Mann des Jahrhunderts

Der schwarze Magier

Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Wiedergeburt des Magischen ist hauptsächlich mit dem Namen Aleister Crowley und der antichristlichen Formel des Tieres 666 verbunden. Es sind viele Versuche unternommen worden, Crowley, einen der umstrittensten Menschen der letzten hundert Jahre, zu charakterisieren. Seine bizarre Persönlichkeit provoziert Verehrung oder Abscheu. Neutralität zu wahren scheint unmöglich. So bezeichnen die einen ihn als Mystiker, großen Adepten des Yoga, der Magie und der Alchimie und als Propheten des neuen Zeitalters. Die anderen nennen ihn einen Schwarzmagier und Teufelsanbeter, einen Kindermörder, Scharlatan, Satanisten, den verruchtesten Mann des Jahrhunderts, einen heroinsüchtigen Spinner, bisexuellen Hippiepionier, sadistischen Possenreißer, Nazispion und Propagandisten und einen sexuell Degenerierten fürchterlichen Ausmaßes. Ihm wird nachgesagt, daß er Menschen in Kamele verwandelte, Gegenstände durch die bloße Kraft seines Blickes zum Fliegen bringen konnte, daß er ein Süchtiger sei, der an einem Tag soviel Heroin schnupfte, daß man damit einen ganzen Saal voller Menschen umbringen könnte und daß er ein mörderischer Satanist sei, der 150 mal pro Jahr ein männliches Kind von absolut vollkommener Unschuld und hoher Intelligenz opferte. Crowley wurde ,,der Picasso des Occulten" genannt und ihm wurde nachgesagt, daß er im Laufe seines 72jährigen Lebens mehr Menschen in den Wahnsinn oder Tod trieb als die meisten inkarnierten Teufel. In der Presse wurde Aleister Crowley als ,,der verderbteste Mann der Welt" bezeichnet. Er selbst bezeichnete sich als TO MEGA THERION, das große Tier 666, wie es in der Offenbarung des heiligen Johannes verkündet wurde. Irgendwo in diesen Widersprüchen verbirgt sich die Persönlichkeit Aleister Crowleys. Er selbst betrachtete Magie als sein Lebenswerk und seinen Lebenszweck. Jede Biographie, die Aleister Crowley gerecht werden will, wird ihn deshalb an diesem Anspruch messen und seine Handlungen in diesem Kontext betrachten müssen. Aber auch in diesem Zusammenhang ist Crowleys Name, selbst heute, fast ein viertel Jahrhundert nach seinem Tode, noch immer mit ,schwarzer Magie, Teufelsanbetung und unheilvoller Zauberei' verbunden.

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Crowley selbst äußerte sich zu diesem Thema in einem Artikel für eine Tageszeitung wie folgt:

„Um schwarze Magie zu praktizieren mußt du jedes Prinzip

von Wissenschaft, Anstand und Intelligenz vergewaltigen. Du mußt besessen sein von einer krankhaften Überzeugung, von der Wichtigkeit der unbedeutenden Objekte deiner jämmerlichen und egoistischen Wünsche. Ich wurde beschuldigt, ein ,,schwarzer Magier" zu sein. Keine närrischere Feststellung wurde jemals über mich gemacht. Ich verabscheue diese Sache in solch einem Ausmaß, daß ich nur schwer an die Existenz von Leuten glauben kann, die so verrottet und idiotisch sind, sie zu praktizieren.

Messe' ist eine völlig andere Sache. Selbst wenn

ich sie zelebrieren wollte, ich könnte es nicht, da ich kein

geweihter Priester der christlichen Kirche bin.“

,Schwarze

Damit antwortete er all denen, und diese Antwort gilt noch heute, die ihn beschuldigten, ein ,,schwarzer Magier" zu sein und Teufelsanbetung, schwarze Messen und perverse Rituale durchzuführen. Aber diese Verleumdungen sind trotz Crowleys eigener Äußerungen nicht leicht auszuräumen. Die Gründe dafür liegen in der massiven Unwissenheit über Magie - eine direkte Folge des historischen Christentums - welche die falsche Beurteilungsgrundlage schuf, die zu den bestehenden Vorurteilen führte. Den meisten Menschen heutzutage ist dieses Netz aus Unwissenheit und Vorurteilen gar nicht mehr bewußt, da es selbstverständlich und normal geworden ist. Crowley hinterfragte vom Christentum überlieferte Werte, welche seit 2000 Jahren als selbstverständlich gelten. Und allein aufgrund dieser Tatsache wurde er denunziert. Wer der Meinung ist, daß allein das Hinterfragen dieser Werte ein fluchwürdiges Verbrechen ist, muß ihn deshalb notgedrungen als ,,den verderbtesten Mann des Jahrhunderts" bezeichnen. Wer aber bereit ist, darüber nachzudenken, muß die wissenschaftliche Methode der unvoreingenommenen Untersuchung anwenden. Crowleys Gedankengänge wurzeln historisch in Zeiten, die denen der Christenheit weit vorausgingen. Eine der Aufgaben einer Crowley- Biographie muß es deshalb sein, die verwendeten Begriffe in ihren ursprünglichen Inhalten verständlich zu machen und sie von den Bedeutungen, die sie in ihrer Dekadenz und in der Folgezeit durch die zielgerichteten Fehlinterpretationen des historischen Christentums erhielten, zu befreien. Eine Aufgabe, die sicherlich ein eigenes umfangreiches Werk erfordert und in dieser Biographie nicht vollständig geleistet werden kann. Wir werden deshalb in den nun folgenden Kapiteln weniger darauf eingehen, ob Crowley ein schwarzer Magier und Teufelsanbeter war oder nicht, sondern wir werden sein Gedankengebäude

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kurz skizzieren und die Begriffe, in den ihnen angemessenen Zusammenhängen, zu erläutern versuchen.

Der Antichrist

Eines der umstrittensten Bücher des Neuen Testamentes ist die Offenbarung des heiligen Johannes. In dieser visionären Schrift steht in 13, 16-18 geschrieben:

,,Alle, groß und klein, reich und arm, frei und unfrei, brachte es dazu, auf ihrer rechten Hand oder an ihrer Stirn ein Zeichen zu tragen. Keiner sollte kaufen oder verkaufen dürfen, der nicht das Zeichen trug: den Namen des Tieres oder den Zahlenwert seines Namens. Hier braucht es Weisheit. Wer Verstand hat, berechne den Zahlwert des Tieres; es ist die Zahl für einen Menschen. Die Zahl ist 666."

Diese Stelle bezieht sich auf den Antichristen und das Tier 666, mit welchem sich Aleister Crowley identifizierte. An einer anderen Stelle der Offenbarung wird dieses Tier 666 mit ,,der alten Schlange, die Teufel und Satan heißt und die die ganze Welt verführt" identifiziert. Von daher ist es für jeden Rechtgläubigen eindeutig klar, daß Aleister Crowley ein Teufelsanbeter war. Dieser jedoch fängt schon an dieser Stelle an, unbequeme Fragen zu stellen. Was bedeutet der Begriff ,Antichrist'? Was bedeutet ,Teufel' und was sagte die Offenbarung denn nun eigentlich voraus? Crowley führt an dieser Stelle in das statische Weltbild des Christentums wieder die Evolution des Menschen ein. Diese Evolution ist offensichtlich nur möglich, wenn der starre Kodex des Christentums aufgebrochen wird. Wer diesen christlichen Kodex zerbricht, ist notgedrungen der Antichrist. Und so wird der Antichrist bei Crowley zum Propheten des Neuen Äons. Die Horrorvorstellungen, welche in der Offenbarung über den Antichristen und sein Reich verkündet werden, erklärt Crowley als logische Folge eines Unverständnisses für evolutionäre Strukturen, die 2000 Jahre in der Zukunft liegen. Für einen Menschen, der zur Zeit Christi lebte, kann eine Vision unserer heutigen modernen Welt nur ein Schreckensbild voller Teufelswerk sein, da er keine Möglichkeit hat, irgendein Ereignis in den angemessenen Relationen zu verstehen. Insbesondere mußte für die ersten Christen jede Vision, die ein Ende des christlichen Reiches implizierte, einen Angriff des Teufels bedeuten. Und auch diesen Begriff des Teufels lehrte uns Crowley in einem anderen Licht zu sehen. Aus der Geschichte ist bekannt, daß jede neue Religion die alten Götter zu Teufeln erklärte, da sie nur so ihren eigenen Alleinvertretungsanspruch aufrecht erhalten konnte. Aber diese Tatsache sagt nichts darüber aus, wer oder was der Teufel denn eigentlich ist beziehungsweise, was dieser Begriff bedeutet.

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Crowley schreibt in Buch 4 zu diesem Thema:

„Der ,Teufel' existiert nicht. Er ist ein erdichteter Name, von den schwarzen Brüdern erfunden, um in ihrer unwissenden Wirrnis von Zerstreuung eine Einheit anzudeuten. Ein Teufel, der die Einheit besäße, wäre ein Gott. (Der ,Teufel' ist - historisch aufgefaßt - der Gott eines jeden Volkes, das man persönlich nicht leiden kann. Das hat zu so großer Gedankenverwirrung geführt, daß das Tier 666 es vorgezogen hat, die Namen so stehen zu lassen wie sie sind und einfach zu verkünden, daß AIWAZ - der Sonnen-phallisch- hermetische ,,Luzifer", sein eigener heiliger Schutzengel und ,,der Teufel" SATAN oder HADIT von unserer besonderen Einheit des Sternenuniversums ist. Diese Schlange SATAN ist nicht der Feind des Menschen, sondern er, der unsere Rasse zu Göttern gemacht hat, die Gut und Böse kennen. Er befahl: ,,Erkenne dich selbst!“ und lehrte die Initiation.)“ ,,Dieser ,,Teufel" wird Satan oder Shaitan genannt und von jenen Leuten mit Horror betrachtet, welche seine Formeln nicht kennen und sich selbst als Böse betrachtend, die Natur selbst wegen ihrer eigenen phantastischen Verbrechen verfluchen. Satan ist Saturn, Seth, Abraxas, Adath, Adonis, Attis, Adam, Adonai etc. Die ernsthafteste Anklage gegen ihn ist nur, daß er die Sonne im Süden ist. Die alten Initiierten, welche in Ländern wohnten, deren Blut das Wasser des Nils oder des Euphrat war, verbanden den Süden mit das Leben verdorrender Hitze und verfluchten diese Himmelsrichtung, wo die Strahlen der Sonne am tödlichsten waren. Sogar in der Legende von Hiram (Hiram Abiff, der höchste Baumeister der maurerischen Tradition d.Ü.) geschieht es zur Mittagsstunde, daß er niedergestreckt und erschlagen wird. Capricornus ist darüber hinaus das Zeichen, welches die Sonne betritt, wenn sie ihre äußerste südliche Deklination zum Wintersolstitium erreicht, der Jahreszeit des Todes der Vegetation für das Volk der nördlichen Hemisphäre. Dies gab ihnen einen zweiten Grund, den Süden zu verfluchen. Ein dritter, die Tyrannei der heißen, trockenen, giftigen Winde, die Drohung der Wüsten und Ozeane, fürchterlich, weil mysteriös und unpassierbar. Auch diese waren in ihren Geistern mit dem Süden verbunden. Aber für uns, die wir der astronomischen Tatsachen bewußt sind, ist dieser Antagonismus gegen den Süden ein dummer Aberglaube, welchen die Zufälligkeiten ihrer lokalen Umgebung unseren animistischen Vorfahren suggerierten. Wir sehen keine Feindschaft zwischen rechts und links, oben und unten und ähnlichen Paaren von Gegensätzen. Diese Antithesen sind nur als Feststellung einer Beziehung real. Sie sind die

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Konventionen einer willkürlichen Entscheidung zur Darstellung

unserer Ideen in einem pluralistischen Symbolismus, welcher auf Dualität basiert. ,,Gut" muß in Ausdrücken menschlicher Ideale und Instinkte definiert sein. ,,Osten" hat keine Bedeutung, außer in Bezug auf die internen Affären der Erde. Als absolute Richtung im Raum wechselt es alle 4 Minuten um einen Grad Wir haben daher keine Skrupel, die ,,Teufelsanbetung" solcher Ideen zu restaurieren wie jene, welche die Gesetze des Klanges und die Phänomene von Sprache und Gehör uns zwingen mit der Gruppe von ,,Göttern" zu verbinden, deren Namen auf ShT oder D basieren und die durch den freien Atem A vokalisiert sind. Denn diese Namen implizieren die Qualitäten von Mut, Freiheit,

Energie, Stolz, Macht und Triumph

So ist ,,der Teufel"

Capricornus, der Bock, welcher auf den höchsten Bergen springt, die Gottheit, welche, wenn sie im Menschen manifest wird, ihn zu Aegipan, dem All, macht.“

Crowley restauriert den Teufel zu seinen vorchristlichen Begriffsinhalten, die sich in Satan, Shaitan oder Seth ausdrücken. Ein anderer Aspekt, den er hier anspricht, ist der des Gegensatzes. Veränderung ist nur möglich, wenn Bestehendes zerstört wird. Diese Veränderung mag schnell oder langsam geschehen. Sie bleibt dennoch immer der Gegenpol zur Statik oder zum Bestehenden, denn etwas Neues kann nur aus dem Alten geschaffen werden. Das Alte muß deshalb verändert, d.h. in seine Bestandteile aufgelöst oder zerstört werden, um das Rohmaterial für das Neue zu erhalten. Deshalb ist Shiva, der Gott des Todes und der Zerstörung, auch der Schöpfer. Und hier finden wir auch bei Crowley die Identität von Satan und Antichrist. Der Zerstörer des Alten Äons ist der Schöpfer des Neuen.

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Der Prophet

Die Basis von Aleister Crowleys ,Kult von Thelema' ist das Liber Al vel Legis oder Buch des Gesetzes. Details darüber, wie Crowley dieses Buch erhielt, sind an der entsprechenden Stelle dieser Biographie zu finden. Das Liber Al wurde Crowley zu einem Zeitpunkt - am 8., 9. und 10. April 1904 - übermittelt, der mit einem Wechsel des Equinox, technisch als ein Equinox der Götter bekannt, übereinstimmt. Der Ausdruck ,Equinox der Götter' bedeutet, daß die Sonne, deren Einfluß in den vergangenen 2000 Jahren durch die Konstellation Fische bestimmt war, nun durch das als Aquarius bekannte Sternbild scheint. D.h., daß die Sonne zum Eintritt des Frühlingsequinox im Tierkreis der Anfang des Tierkreiszeichens Widder in den vergangenen 2000 Jahren in der Sternkonstellation Pisces stand, jetzt aber in der Sternkonstellation Aquarius steht und die solaren Strahlen daher durch den Einfluß von Aquarius, welche Sternkonstellation jetzt hinter dem Zodiakalzeichen Aries in der Ekliptik der Erde steht, besonders beeinflußt wird. Dieser Einfluß besteht wiederum für die nächsten 2000 Jahre, wonach der nächste Wechsel stattfindet. Mit dem Eintritt des Frühlingsequinox im Jahre 1904 konnte Crowley daher beanspruchen, daß das Neue Äon, er nannte es das Äon des Horus, untrennbar mit der Offenbarung des Liber Al, welche er in Kairo zu dieser Zeit erhielt, verbunden war. Dies wird durch gewisse Passagen des Liber Al bestätigt. Das vergangene Äon war das des Osiris und das davor das Äon der Isis. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wann das Neue Äon, das Wassermannzeitalter, tatsächlich begann. Gurdjeff gab z. B. das Jahr 1940 an, eine einfache Umkehrung von 1904, aber alle angegebenen Zahlen liegen etwa innerhalb von 50 Jahren auf dieser oder jener Seite der Jahrhundertwende. Heutzutage erfahren wir, wie Crowley sagt, ,die Todeszuckungen des Alten und die Geburtswehen des Neuen Äons'. Der typische Kult für das Äon des Osiris ist die historische Christenheit. Diese Kulte des vergangenen Äons sind jetzt veraltet. Ihre Rituale sind schwarz und sie selbst falsch. All diese alten Kulte sind Kulte des ,,sterbenden Gottes" wie Christus, Adonis usw. Um Crowleys Kult zu verstehen ist es notwendig, die okkulten Implikationen der Äonen zu verstehen. Das Äon der Isis kann mit der vorchristlichen Ära der heidnischen Kulte, in welchem die Menschen eine Vielzahl von Göttern anbeteten, verglichen werden. Der Mensch nahm sich erst undeutlich als Individuum wahr. Es war eine Periode von Menschen und Göttinnen, die matriarchalische Erbfolge herrschte in den primitiven

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Gesellschaften vor und die Göttin war die Ernährerin. Wie der Name Isis schon zeigt, ist es das Äon der Muttergöttinnen, der Verehrung des Mondes. Danach folgte das Äon des Osiris, in welchem hauptsächlich die judäischen Kulte, von welchen die Christenheit die Endform war, vorherrschte. Der Mensch nahm sich als Individuum wahr und betete seinen Gott über das Ritual des Selbstopfers an. Er sühnte seine ,,Sünden" durch das Vergießen von Blut. Es war die Ära der patriarchalischen Systeme, eine Periode, in welcher Religion als mystische Erfahrung, die Gott durch seine Gnade dem Menschen zukommen ließ, verstanden wurde. Dieses Äon war insofern ein Fortschritt zum vorhergehenden Äon, als das religiöse Bewußtsein nicht eine Vielheit von Göttern beinhaltete, sondern der Mensch betete einen Gott an. Es war daher eine Religion der Dualität, der Dualität von Gott und dem Anbeter, von Subjekt und Objekt. Das Äon des Horus ist die logische Fortentwicklung. Während Gott zuerst viele Götter war, dann ein Gott war, wird er jetzt zu Null, Zero, Gott. Gott wird durch die Abschaffung Gottes und die Etablierung der Einheit transzendiert. Der Mensch betet Gott nicht länger als externen Faktor wie im Heidentum oder als internen Zustand des Bewußtsein, wie in der Christenheit, an, sondern realisiert seine Identität mit Gott. Deshalb, es gibt keinen Gott, außer dem Menschen. Die magische Formel und die Lehren des Äons des Osiris sind von Blut und Agonie gekennzeichnet. Das Christentum hält den Menschen in ewiger Sklaverei. Die Formel des Neuen Äons umfaßt den magischen Gebrauch von Samen statt Blut und von Ekstase, die in der Verherrlichung der Materie, welche als mit dem Geist eins wahrgenommen wird, kulminiert. Der Mensch kann nicht länger körperlich sterben, um danach im Himmel oder in der Hölle ewig zu leben, sondern er realisiert, daß er niemals der Körper war, und indem er dies erkennt, erkennt er auch, daß er niemals geboren wurde und daher niemals sterben kann, daß der Körper ein reines Spiel des Geistes ist, welcher ewig wechsellos, dennoch immer neu, dauert. Subjekt und Objekt werden als eins realisiert. Der Begriff des Todes, wie er von allen vorhergehenden Kulten verstanden oder eher mißverstanden wurde, wird endgültig und durch Erfahrung transzendiert und abgeschafft. Das klassische Beispiel eines Meisters, welcher einen neuen Weg für die Menschheit eröffnete, ist Jesus Christus. Christus erfüllte für das Äon des Osiris die gleiche Aufgabe, welche Crowley für das Äon des Horus erfüllte. Christus machte die religiöse Erleuchtung durch die Doktrin eines stellvertretenden Sühneopfers, er starb für die Menschen, zu einem für die Masse realisierbaren Ideal. In diesem Äon betrachtete der Mensch sich als grundlegend von der Gottheit getrennt und die Lehre war, daß er sich nur durch Selbstopfer oder Leugnung seiner natürlichen Impulse der Gottheit nähern könnte. Im Neuen Äon erfährt diese Konzeption einen fundamentalen Wechsel. Denn diese natürlichen Impulse sind der Schlüssel zum Verständnis des wahren Willens.

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Mit dem Begriff des ,,wahren Willens" sind wir bei einem der wichtigsten Begriffe des Crowleyschen Kultes. Crowley definierte den wahren Willen und seine Funktion in einem Brief an einen Aspiranten wie folgt:

„Wir denken von dir und von jedem anderen bewußten Ego als Sterne. Jeder hat seine eigene Laufbahn. Das Gesetz jedes Sterns ist daher die Gleichung seiner Bewegung. Wenn du alle Kräfte, welche auf die Bestimmung seiner Richtung wirken, berücksichtigst, verbleibt ein Vektor und nur ein Vektor, in welchem er sich bewegen wird. Analog sollte der wahre Wille jedes Menschen der Ausdruck einer einzigen bestimmten Wirkungsrichtung, welche durch seine eigenen Charakteristiken und durch die Summe der Kräfte, welche auf ihn wirken, bestimmt ist, sein. Wenn ich sage ,tu was du willst' meine ich, daß du, um intelligent und harmonisch mit dir selbst leben zu können, entdecken solltest, was dein wahrer Wille ist, indem du die Resultante all deiner Reaktionen mit allen anderen Individuen und Umständen kalkulierst, und wenn du dies getan hast, dich diesem Willen widmest, anstatt dir zu erlauben, durch die tausend unbedeutenden Launen, welche ständig auftauchen, gestört zu werden. Denn diese Launen sind partielle Ausdrücke untergeordneter Faktoren und sollten kontrolliert und dazu gebraucht werden, den Hauptgrund deines Lebens zu erhalten, anstatt dich zu hindern und irre zu führen.“

Daraus folgt logisch eine relativistische Ethik, welche Crowley wie folgt beschreibt:

„Keine Handlung ist in sich selbst gerechtfertigt, sondern nur in Beziehung zum wahren Willen der Person, welche beabsichtigt, sie vorzunehmen. Dies ist die Doktrin der Relativität auf die moralische Sphäre angewandt.“

Tu was du willst heißt also nicht, handle wie es dir gefällt, sondern es ist die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, d.h. den Punkt, in dem sein Handeln mit seinem Selbst deckungsgleich ist oder, wie Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt, die Vereinigung mit dem heiligen Schutzengel. Der wahre Wille ist eine Bewußtseinsstufe, in der der Mensch seine Handlungen nicht, wie es gerade kommt, beliebig und ohne Reflexion aneinanderreiht, sondern es ist die bewußte Handlung eines ganzheitlichen Menschen. Das Komplement zu der Formel ,tu was du willst' ist ,Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen'. Dieses Prinzip der Liebe ist der zweite Teil dieser magischen Formel, deren erster Teil der Wille ist. Liebe unter der Kontrolle des Willens oder bewußte Liebe und das heißt, Liebe ohne

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Unterschiede, Liebe als Vereinigung betrachtet, Liebe als Vereinigung von Gegensätzen. In erster Linie der Gegensätze von Mann und Frau, Materie und Geist, Subjekt und Objekt. Der ,Stein der Weisen' ist so ein Prozeß, der nichts Geringeres als die Unsterblichkeit des Menschen zum Ziel hat, seine Erkenntnis, daß er der einzige, wahre, höchste Gott ist.

Die Kosmologie des Liber Al vel Legis stellt sich als Personifikation von 3 Elementen dar.

NUIT, die ägyptische Himmelsgöttin, welche den allgegenwärtigen Raum symbolisiert, die Summe aller Möglichkeiten, die Totalität aller Ereignisse. HADIT symbolisiert den Bewußtseinspunkt, der diese Möglichkeiten erfährt. Hadit ist der Wahrnehmende, Nuit das Wahrgenommene. RA-HOOR-KHUIT oder HORUS, das Kind, symbolisiert das objektive Universum. Ra-Hoor-Khuit ist der äußere, manifestierte Teil einer Zwillingsgottheit, deren innerer unmanifestierter Teil Harpokrates, der ägyptische Kindgott des Schweigens ist. Harpokrat ist das schweigende, innere Selbst.

Jedem dieser 3 Götter ist im Liber AI ein Teil zugeordnet.

Die Darstellung von Crowleys Lehren kann hier nur rudimentär geschehen, da sie ein vollständiges philosophisch-religiös-magisches System bilden. Der Interessierte sei insbesondere auf die Kommentare zum Liber AI vel Legis verwiesen. Besonders erwähnenswert ist die Übereinstimmung der Erkenntnisse der modernen Atomphysik mit der im Liber Al vel Legis gegebenen Kosmologie, ein Thema, welches zu umfangreich ist, um es hier zu erörtern, das aber im 2. Band der Kommentare zum Liber Al vel Legis eingehend behandelt ist.

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Der Weg durch die Jahrhunderte

Was ist Magie?

Crowley adaptierte die alte englische Aussprache für Magie ,Magick', ,um die Wissenschaft der ,,Magi" von all ihren Nachahmern zu unterscheiden.' Er zielte damit auch darauf ab, die besondere Natur der Lehren des Liber Al, der 11, darzustellen. K, der letzte Buchstabe von Magick, ist in vielen Alphabeten, auch im deutschen und hebräischen, der 11. Buchstabe. Er ist Kaf, der Tarotkarte X., Glücksrad und dem Jupiter zugeordnet, dessen Vehikel der Adler ist, der für die magische Kraft in ihrem weiblichen Aspekt symbolisch ist. K ist auch der 1. Buchstabe von Kteis, der Vagina, die im alten Ägypten als Quelle der magischen Kraft verehrt wurde. Crowleys ,,Magick" unterscheidet sich wesentlich von dem, was bisher unter Magie verstanden wurde. Crowley bezeichnete Magick als die Kunst des Lebens, und er definierte Magick als ,die Wissenschaft und Kunst, Wechsel in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken'. Crowley betrachtete Magie nicht nur als die Kunst, Geister zu beschwören, sondern er zielte auf den ganzen Menschen ab, auf den Menschen, der all seine Möglichkeiten und Fähigkeiten verwirklicht. Und so sah er auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen normalen Handlungen des täglichen Lebens und denen einer magischen Beschwörung. In Magick beschreibt er zum Beispiel die Herausgabe eines Buches wie folgt:

„Es ist mein Wille, die Welt über gewisse Tatsachen, die ich erkannt habe, zu informieren. Ich nehme daher die ,magischen Waffen' Feder, Tinte und Papier. Ich schreibe ,Beschwörungen' - diese Sätze - in der ,magischen Sprache', d.h. der, welche von den Leuten, welche ich instruieren möchte, verstanden wird. Ich rufe die ,Geister' hervor, solche wie Drucker, Publizisten, Buchverkäufer usw. und zwinge sie, meine Botschaft an jene Leute zu übertragen. Die Komposition und Vertreibung dieses Buches ist so ein Akt der Magie, durch welchen ich Wechsel in Übereinstimmung mit meinem Willen erzwinge.“

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Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, daß, wer die eben genannte Art der Magie nicht beherrscht, kaum fähig sein wird, Magie mit wirklichen Geistern oder auf anderen Ebenen zu betreiben. Denn diese, unsere materielle Ebene ist jedem bekannt und vertraut, während alle anderen Ebenen und Bewußtseinszustände fremd sind und wir wenig über sie wissen. Weiterhin ist der Verkehr mit anderen, feinstofflicheren Ebenen nur möglich, wenn man die Grenzen unserer materiellen Ebene überwindet. Aber diese Grenzen unserer materiellen Ebene können nur von dem überwunden werden, der diese Ebene beherrscht, denn beherrscht er sie nicht, so unterliegt er ihren Begrenzungen und ist deshalb unfähig, andere Ebenen zu erreichen. Das Crowleysche System der Magick ist kein rosarotes Traumland für jene, welche mit ihren Problemen nicht fertig werden und zu irgendwelchen Systemen der Magie, Religion oder Mystik flüchten möchten, um sich ihren Problemen nicht stellen zu müssen. Crowley fängt konkret bei dem Menschen, wie er mit all seinen Problemen ist, an, gibt ihm praktische Übungen wie z.B. die in Liber E beschriebenen und führt ihn dazu, diese materielle Ebene, sowohl die Umwelt als auch den eigenen Körper und das eigene Bewußtsein, zu meistern. Denn erst danach ist er bereit, andere Ebenen oder Bewußtsseinsstufen zu betreten oder zu erlangen. An diesem Punkt setzt der 2. Teil dieses Systems ein. Um den Verkehr mit Wesenheiten anderer Ebenen herbeizuführen, um Beschwörungen oder Anrufungen durchzuführen, Talismane zu laden oder Astralreisen zu unternehmen, arbeitete Crowley mit wissenschaftlicher Genauigkeit unfehlbare Methoden aus. In seinem Liber 777 findet man in einer endlosen Reihe von Tabellen genaue Angaben über Zubehör, Bewußtseinszustände, Tätigkeiten, Götter, Geister der einzelnen Ebenen usw., um diese zu erlangen. Die geistigen Fähigkeiten das zu tun, werden nach genauen Vorschriften, wie sie z.B. im Liber 0 enthalten sind, vermittelt und danach abgeprüft. Jeder Strebende muß z.B. eine Prüfung im Beschwören eines Geistes ablegen, bei der er den Geist mindestens bis zur Konsistenz dichter Dämpfe materialisieren muß. Die Fähigkeit zu Astralreisen wird dadurch geprüft, daß der Kandidat ein ihm unbekanntes Symbol erhält, welches er nach der gelernten Technik als Tür benutzt, um in diese Ebene einzutreten. Nachdem er zurückgekommen ist, muß er einen genauen Bericht anfertigen über seine Erlebnisse und anhand dieses Berichtes kann genau geprüft werden, ob der Kandidat wirklich in der Ebene war, wo er hin wollte. Die Entscheidung ist hier genauso einfach als würde man jemand zum Nordpol schicken und ihn darüber einen Bericht anfertigen lassen. Wenn der Bericht genau genug ist, kann mit großer Sicherheit entschieden werden, ob er tatsächlich am Nordpol war. Was Crowley unter Magick verstand, zeigt sich sehr klar in dem Motto, welches auf der Titelseite der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ,,The Equinox" aufgedruckt war: ,Die Methode Wissenschaft, das Ziel Religion'.

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Die Quellen des Nil

Crowley identifizierte, wie wir im Kapitel ,,der Antichrist" gesehen haben, seinen heiligen Schutzengel mit Satan oder Shaitan. Er schreibt:

„Aiwaz ist nicht nur eine Formel, wie viele Engelsnamen, sondern es ist der wahre älteste Name des Gottes der Yezidi und er kehrt so zum höchsten Altertum zurück. Unsere Arbeit ist daher historisch authentisch, die Wiederentdeckung der sumerischen Tradition.“

Diese Überlegung wird bei der Beschäftigung mit Crowleys System nicht sofort verständlich, denn es enthält offensichtlich überwiegend Inhalte, welche sich auf die alte ägyptische Tradition gründen. Auch die Stele der Offenbarung stammt aus der 25. Dynastie des alten Ägypten. Dennoch sind diese historischen Bezüge für das Verständnis Crowleys von äußerster Wichtigkeit. Kenneth Grant hat in seinen Werken genaue Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen der ägyptischen, tantrischen, afrikanischen und sumerischen Mythologie angestellt. An diesem Ort wollen wir uns nur der wichtigsten Interpretation kurz zuwenden. In der ägyptischen Mythologie ist Seth die Parallele zu dem, was bei den

Yezidi Shaitan ist. Da sich Crowleys Kult offensichtlich aus der ägyptischen Mythologie herleitet, ist der Hinweis zum einen auf Seth gerichtet, zum anderen aber auf eine ursprünglichere Tradition von Seth oder Typhon, als sie in der ägyptischen Mythologie gefunden wird, und das ist der Shaitan der Yezidi oder früher der Sumerer. Seth erscheint im Liber Al unter dem Namen Had oder Hadit, der chaldäischen Form von Seth, welche sich wiederum von älteren afrikanischen Quellen, den Gottheiten Od oder Ad, Gottheiten wie Odudua und Ol-i-orun oder Oludumare, Namen, welche direkt an die henochische Sprache erinnern, ableitet. Im Liber Samekh, Crowleys Anrufung an den heiligen Schutzengel, ist eine Stelle zu finden, die zu zeigen scheint, daß auch Crowley diese Zusammenhänge sah. Einer der barbarischen Namen lautet Ar-O-Go-Go. Crowley übersetzt diese Stelle '

und in der vorher erwähnten Reihe

mit ,du spirituelle Sonne! Satan

afrikanischer oder Voodoo-Gottheiten gibt es einen namens Oga-ogo. Diese Gottheiten gehen bis in matriarchalische Zeiten zurück, welche sich in Crowleys Kult in der scharlachroten Frau, welcher alle Macht gegeben ist, widerspiegeln. In einigen der älteren ägyptischen Mythen erscheint Seth auch als Sohn von Nuit oder Isis, der ohne männliche Mithilfe gezeugt

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wurde. Diese Mythen haben ihr besser bekanntes Gegenstück in den griechischen, in welcher Uranos, der Sohn von Gaia ist, welche ihn ohne männliche Einwirkung zeugte. In diesen Rückgriffen auf das matriarchalische Zeitalter ist einer der Gründe darin zu finden, warum Crowley an solch uralte Mythologien anknüpfte. Die Frau spielt im Kult von Thelema eine zentrale Rolle und ihre Befreiung aus den Fesseln der christlichen Sklaverei ist eine Bedingung des Neuen Äons. Eine Voraussetzung für die Befreiung des Menschen ist eine matriarchalische Sozialstruktur, welche ein Gegengewicht zum herrschenden Patriarchat bilden könnte, und diese ist nur in den urältesten Zeiten zu finden. Soziale Umstrukturierungen geschehen nicht aus dem Kopf heraus und deshalb knüpft Crowley an archetypische Bereiche des Psychischen an, welche sich in diesen vorzeitlichen Mythen ausdrücken.

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Von Baphomet zu Baphomet

Die älteste und für die Kirche gefährlichste Ketzerei der ersten Jahrhunderte nach Christi war die Gnosis. Sie vertrat im Wesentlichen diejenigen ,,heidnischen" Glaubensinhalte, welche sich aus den vorher erwähnten vorzeitlichen Mythen ableiteten und sich heute im thelemitischen Kult fortsetzen. Nachdem die frühchristliche Kirche diese ,,Ketzer" mit ,,Feuer und Schwert" ausgerottet hatte, lebte die Gnosis im Geheimen in der feindseligen Umwelt eines unwissenden Zeitalters weiter. Die neuere Geschichte, welche in der Folge zu Aleister Crowley führte, begann mit dem Templer- oder Tempelherrenorden, besser bekannt unter dem Namen Tempelritter, der, wie Crowley schrieb ,,die Renaissance durch Vereinigung der Mysterien des Ostens und des Westens vorbereitete". Die Templer wurden u.a. bezichtigt, Baphomet unter dem Bild eines gehörnten ziegenköpfigen Teufels zu verehren. Crowley nahm als Oberhaupt des Ordo Templi Orientis den Ordensnamen Baphomet an. Der letzte Großmeister des Templerordens war Jakob Bernhard von Molay, welcher am 13.10.1307 zusammen mit allen anderen in Frankreich lebenden Rittern des Ordens verhaftet, vor ein gedungenes Gericht gestellt und nach jahrelangen Leiden im Kerker und grausamsten Folterungen am 18.3.1313 in Paris lebendig verbrannt wurde. Dies war eine der typischen Begegnungen zwischen der christlichen Kirche und der Gnosis. In der Nachfolge tauchten im 18. Jahrhundert die Illuminaten auf. Ihr Führer Jean Adam Weishaupt gründete den Orden am 1.5.1776. Das Symbol des Illuminatenordens war der Punkt im Kreis, ein Symbol, welches bei Crowley wiedererscheint. Auch die Ausdrücke, in denen Weishaupt die grundlegenden Prinzipien des Ordens formulierte, sind denen, welche Crowley im Liber Oz gebraucht, sehr ähnlich. Zwischen den damaligen Illuminaten und den heutigen Thelemiten bestehen sehr viele Ähnlichkeiten. Im Illuminatenorden gab es ein ,,verlorenes Wort", das Wort ,,Mensch". Das Wiederfinden dieses Wortes geschieht dadurch, daß der Mensch sich selbst wiederfindet, d.h. daß die Erlösung der Menschheit nur vom Menschen bewirkt werden kann und daraus folgt, daß der Mensch sich selbst beherrschen und sich von den Fesseln fremder Kräfte und Einflüsse befreien soll. Er soll ein König in seinem eigenen Recht kraft seiner ursprünglichen Erbschaft werden. Diese Idee ist in Crowleys System auch enthalten. Eins seiner Leitwörter ist Thelema (griechisch Wille) und ein Thelemit ist einer, der seinen ,,wahren Willen" im Gegensatz zu eingebildeten Wünschen tut. Der wesentliche Unterschied liegt wohl

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darin, daß die Illuminaten die fremden Kräfte und Einflüsse mehr außerhalb ihrer Selbst sahen während das Liber AI vel Legis klar stellt, daß jeder sich sein eigenes Gefängnis schafft, daß die Schranken und Begrenzungen mehr psychischer als physischer Art sind. Weishaupt gründete die Illuminaten - wie später Blavatsky die Theosophische Gesellschaft - mit dem Hauptziel, die unheilvollen Wirkungen des historischen Christentums zu zerstören. Der Orden wurde 1786 verboten und Weishaupt und sein innerer Zirkel von Adepten arbeiteten im Geheimen unter dem Schleier der Freimaurerei weiter. Die nächste Stufe in der Entwicklung fand 1880 statt, als der Orden in Dresden von Leopold Engel wiederbelebt wurde. Mit dieser Neugründung waren auch Rudolf Steiner und Franz Hartmann verbunden. 1895 wurde Engels Bruderschaft des Lichtes, die bis dahin sehr locker organisiert war, von Karl Kellner weitergeführt und in 10 Einweihungsgrade unterteilt. Der Österreicher Kellner enthüllte den wahren Namen der Bruderschaft als Ordo Templi Orientis, den Orden des Tempels des Ostens. Osten ist die Richtung des Sonnenaufgangs, die Quelle der Erleuchtung. Die Initialen O.T.O. deuten für Eingeweihte durch ihre Form die sexualmagischen Lehren des Ordens an. Sie symbolisieren die solar-phallische Energie des Tieres 666, welches später durch Crowley verkörpert wurde. Im Jahre 1886 wurde in England der hermetische Orden Golden Dawn (Goldene Morgendämmerung) gegründet, in welchem Crowley später seine ersten magischen Erfahrungen sammelte. Damit war das Szenario für das Auftreten Aleister Crowleys vorbereitet.

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Das lange Leben des Phönix

Der unsterbliche Crowley

Phönix war Crowleys geheimer Name im O.T.O. Diesen Namen nahm er aber nicht offiziell an, weil die Ereignisse den Phönix, magisch gesprochen, noch nicht zur Geburt gebracht hatten. Der Phönix ist der Vogel der Wiedergeburt, im alten Ägypten der Bennu-Vogel. Die Sage wird im Wesentlichen von Herodot in seinen Aufzeichnungen über seinen Besuch in Ägypten wiedergegeben. Der Phönix ist der Vogel, der verbrennt und sich sodann aus seiner eigenen Asche zu neuem Leben erhebt. Die Beziehung zu Crowleys Interpretation der Formel des Antichristen ist offensichtlich. Aber der Phönix ist außerdem durch seine Eigenschaft, sich aus seiner Asche zu neuem Leben zu erheben, auch der Vogel, der die Reinkarnation, also das erneute Menschwerden nach dem Tode, verkörpert. Diese Reinkarnationstheorie beruht im Wesentlichen darauf, daß der Mensch sich solange wiederverkörpern muß, bis er eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, die es ihm erlaubt, sein weiteres Leben auf höheren Ebenen zu führen. Crowleys früheste bekannte Inkarnation ist die als Ankh-af-na-Khonsu (Leben des Mondes), einem ägyptischen Priester der 25. Dynastie, ca. 600 vor Christi. In seiner letzten Inkarnation vor seiner Wiedergeburt als Aleister Crowley war er Eliphas Levi. Dazwischen liegen diverse Leben in sehr unterschiedlichen Ländern und Lebensumständen. Die wichtigsten sind Kho Hsuan, Heinrich van Dorn, Pater Ivan, Astarte, Papst Alexander VI, Edward Kelly und Cagliostro. Neben diesen Inkarnationen führte er eine kontinuierliche Existenz als einer der verborgenen Meister auf einer der höheren Ebenen. Davon berichtet er u.a. in einer Beschreibung einer Versammlung der Meister, kurz vor der Zeit Mohammeds. Der Treffpunkt war irgendwo in einer wilden Bergeinsamkeit Europas und die Frage, um die es ging, war zu der Zeit dem Beginn der dunklen Zeitalter, dem Beginn des Mittelalters, wie der Menschheit bei ihrem weiteren Weg zu helfen ist. Er schrieb:

„Eine kleine Minderheit einschließlich mir selbst war für positive Handlung. Bestimmte Züge waren auszuführen. Im Besonderen hatten die Mysterien enthüllt zu werden. Die Mehrheit, speziell die asiatischen Meister, weigerten sich, diese Anregung auch nur zu diskutieren. Sie hielten sich bei der Abstimmung geringschätzig zurück, als wenn sie sagen wollten ,,laß die Burschen ihre Lektion lernen". Meine Partei trug daher den Sieg

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davon und verschiedene Meister wurden angewiesen unterschiedliche Abenteuer zu unternehmen".

Crowleys Aufgabe war es, die orientalische Weisheit nach Europa zu bringen und das Heidentum in reinerer Form wiederherzustellen. Eine Aufgabe, welche er in seinem letzten Leben sicherlich intensiv betrieben hat und in seinem Leben als Eliphas Levi kann möglicherweise eine subtilere Art der Vorbereitung gesehen werden. Die meisten Informationen über Crowleys vergangene Leben haben wir durch seine Erfahrungen auf Oesopus Island, wo er sich in einer Serie von Trancen verschiedener seiner vorhergehenden Leben erinnerte. Von Papst Alexander VI ist es historisch bekannt, daß er einen recht üblen Ruf genoß. Crowley schreibt, daß er in dieser Inkarnation in seiner Aufgabe ,,die Renaissance zu krönen" dadurch versagte, daß er in seinem persönlichen Charakter noch nicht vollständig gereinigt war. Kho Hsuan war eine chinesische Inkarnation, ein Schüler von Laotse und der Autor des Khing Kang King, welches Crowley in Reime faßte. Eliphas Levi und Graf Cagliostro sind bekannt genug als daß hier näheres über sie gesagt werden müßte. Vor Cagliostro lebte Crowley ein kurzes Leben als Melancholiker, welcher sich im Alter von 26 oder 28 Jahren erhängte. Zweifellos hatte er in diesem Leben die Folgen eines magischen Fehlers zu tragen. Heinrich van Dorn führte nach Crowleys Aussage ein ziemlich nutzloses und sehr schwarzmagisches Leben, welches von Pakten mit dem Satan und unwürdigen Verbrechen bestimmt war. Vater Ivan war ein russischer Mönch, magisch gesehen etwa im Range eines Adeptus Major, der intensiv in alle möglichen Skandale und politischen Intrigen verwickelt war. Edward Kelly ist das bekannte Medium von Doktor John Dee. Über beide ist in anderen Werken genug Information zu finden. Eine andere interessante Inkarnation Crowleys war die einer Tempelhure, welche sich in einen Priester verliebte, mit diesem entfloh und sodann ein unrühmliches Ende nahm. Es kann angenommen werden, daß insbesondere die letzten Inkarnationen als Sir Edward Kelly, Cagliostro und Eliphas Levi Aleister Crowley auf seine Rolle als Logos des Neuen Äons gut vorbereiteten.

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Die Wiedergeburt des Phönix

Edward Alexander Crowley erblickte am zwölften Oktober 1875 in Leamington Spa, Warwickshire, das Licht der Welt. Aleister nannte er sich erst mit zwanzig Jahren, als er sich einen Schriftstellernamen suchte und ihm seiner zu holprig erschien. Sein Vater Edward und seine Mutter Emily Bertha gehörten den Plymouth-Brüdern an, einer christlichen irischen Sekte, die um 1830 gegründet worden war. Edward Crowley, der ursprünglich als Brauer sein Geld verdiente, zog als Wanderprediger umher, die ,,Einzige Lehre der Brüder" verkündend. Bereits im Alter von vier Jahren nahm Crowley an Bibellesungen teil, lernte dabei von der Natur der Sünde, dem herannahenden Ende der Welt und von der Erlösung durch die Plymouth- Brüder. In der frühesten Jugend identifizierte sich Crowley noch mit diesen Lehren, bald jedoch war er mehr von der Offenbarung des Hl. Johannes fasziniert. Ihn interessierten besonders das Tier 666 und die scharlachrote Frau, und als Revolution gegen die Eltern favorisierte er so die Gegenspieler des Himmels. Crowleys Mutter Emily Bertha, die ständig versuchte ,ihn zu einem religiösen Tugendbold zu erziehen, erntete nur noch Spott. Sie nannte ihn in der Folge daher ,das Tier', den Antichristen symbolisierend. Aber statt Crowley damit abzuschrecken, freute sich dieser und identifizierte sich sogleich damit. Ohnehin hielt er nicht sehr viel von seiner Mutter:

„Eine

hirnlose

Frömmlerin

vom

höchst engstirnigen,

logistischen und unmenschlichen Typ.“

Sein Verhältnis zu ihr schwankte zwischen Haß, Zurückweisung und Lobpreisung. Als Crowley elf Jahre alt war, im Jahre 1886, starb sein Vater an Zungenkrebs. Für ihn empfand er wenig Liebe, sondern nur Respekt. Sein erster Schulbesuch fand auf einer Schule der Plymouth-Brüder statt, die er jedoch wegen des Verdachtes, einen Jungen ,verdorben' zu haben, verlassen mußte. Er wechselte über nach Malvern und von da nach Tonbridge, beides Schulen, die er haßte, und ihn seiner Meinung nach ,krank' machten. Er hatte lange Zeit Privatunterricht bei einem Tutor, was Crowley wesentlich mehr zusagte, zumal dieser ihn auch in der Kunst des Billards, Kartenspiels und des Umgangs mit Frauen unterrichtete. Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte er vierzehnjährig mit einem neuen Dienstmädchen auf dem Bette der Mutter. Er beschuldigte sie darauf der Arglist und des Versuches der Erpressung, worauf sie natürlich ihren Job verlor. Crowley deutete vage in seinen ,Confessions' an, daß sein

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,erster Akt der Unzucht' mit einem Mädchen vom Lande unter freiem Himmel gewesen sei, führte es aber nicht näher aus. 1895, mittlerweile zwanzig Jahre alt, wurde Crowley im Trinity Collage in Cambridge aufgenommen. Sein Abschlußexamen wollte er ursprünglich in Ethik ablegen, verbrachte dann aber doch die meiste Zeit damit, zu lesen und Poesie zu schreiben. Seinen ursprünglichen Plan, ein Diplomatendasein zu führen, war bald schon vergessen. Ein Jahr später entdeckte Crowley seine magischen Fähigkeiten, ihm wurde bewußt, daß die Kontrolle über die Realität durch magisches Denken erlernt werden kann. Zu dieser Zeit las er viele Bücher über Magie, Alchimie und Mystik. 1898 folgte die Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes ,Aceldama' unter dem Pseudonym ,ein Gentleman von der Universität von Cambridge'. Es enthielt satanische Ideen, nicht unähnlich denen Baudelaires. Für sein Studium gearbeitet hatte er in dieser Zeit wenig, aber er entdeckte, daß er ein Adept in den geheimen Künsten werden wollte, ein Magier. Er fand den zentralen Begriff, der ihn ein Leben lang beschäftigen sollte und zum Leitsatz der thelemitischen Lehre werden sollte:

Der wahre Wille.

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Ich werde durchhalten -

denn am Ende gab es nichts durchzuhalten

Er verließ Cambridge und reiste in die Schweiz nach Zermatt, wo er die ,Kabbalah Denudata' von Knorr von Rosenroth studierte. Dort machte er die Bekanntschaft von Julian Baker, Frater C.S. (Causa scientiae, um der Wissenschaft willen). Baker war ein bekannter Alchimist und war Crowleys erster Lehrer. Crowley, der auf der Suche nach einem Meister war, diskutierte viel mit Baker, und als dieser von seiner Ernsthaftigkeit überzeugt war, stellte er ihn George Cecil Jones vor, einem Mitglied des Golden Dawn. Jones brachte Crowley in Kontakt mit Samuel Liddell Mathers, dem Oberhaupt des Ordens. Mathers hatte jahrelang in den Museen von Paris und London alte Manuskripte studiert und restaurierte aus sehr alten Schriften den ,Key of Solomon', dessen Übersetzung 1889 veröffentlicht wurde. Der hermetische Orden der Goldenen Dämmerung war zu der Zeit mehr ein Club, wo man Freunde treffen konnte. Der Ursprung des Ordens ist nicht genau geklärt. Man sagt, die Gründung ginge auf Reverend Alphonsus Woodford, einen Freimaurer-Schriftsteller, zurück. Dieser war in den Besitz eines handgeschriebenen, chiffrierten Manuskriptes gelangt, welches er von seinem Freund Dr. William Wynn Westcott, einem prominenten Freimaurer, dechiffrieren ließ. Es wurden fragmentarische magische Rituale der Alchimisten des 16ten Jahrhunderts enthüllt, mit einer Anmerkung, mehr Informationen könnten von Fräulein Anna Sprengel aus Nürnberg erhalten werden. Westcott war neugierig und nahm mit ihr Kontakt auf. Fräulein Sprengel war das Oberhaupt eines Rosenkreuzertempels und erteilte Westcott nach längerer Kommunikation eine Charta mit der Berechtigung, einen ähnlichen Orden zu gründen. So wurde der Isis-Urania-Tempel der hermetischen Studenten der Goldenen Dämmerung im Herbst 1887 gegründet, mit Westcott, Mathers und Dr. William Robert Woodman als Führer. Als Anna Sprengel 1891 verstarb, weigerten sich die Chefs der deutschen Logen, weitere Informationen zu geben, mit dem Hinweis, daß die drei neuen Führer in England ausreichend Wissen besäßen, um selbst an weitere Informationen zu gelangen. Dies hieß, sie mußten ihre eigene Verbindung mit den geheimen Chefs herstellen. Diese waren auch als die ,verborgenen

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Meister' bekannt und saßen im Zentrum der Doktrin. Wer sie waren, ist allerdings nie enthüllt worden. Der Orden der Goldenen Dämmerung arbeitete mit einem streng durchstrukturierten Gradsystem. Die verschiedenen Grade wurden verliehen, nachdem der Kandidat, in einer Reihe von Wissenslektionen und verschiedenen Ritualen geprüft, durch ein auf den jeweiligen Grad abgestimmtes Initiationsritual gegangen war. Die Grade entsprachen den Sephiroth am Baum des Lebens, der Neophyt 0° =0 und der Zelator 1° =10 entsprachen Malkuth und dem Element Erde, der Theoricus 2° = 9 Yesod und dem Element Luft, der Practicus 3° =8 Hod und dem Element Wasser, der Philosophus 4° =7 Netzach und dem Element Feuer. Diese Grade umfaßten den ersten, äußeren Orden, dessen Mitglieder zwar eine Anhäufung von Wissen, nicht aber Verständnis von ihren Graden besaßen. Die Wissenslektionen bestanden aus einer Reihe von einführenden Lektionen über Kabbalah, Tarot, Alchimie und Astrologie, die Crowleys Meinung nach nur ein wirres Durcheinander im Kopfe erzeugten. Woran es mangelte, war die Vermittlung des inneren Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Wissensbereichen und deren Anwendung. In den Initiationsritualen durchschritten die Kandidaten symbolisch die den Sephiroth entsprechenden Pfade, der Tempel war jeweils wie die entsprechende Sephirah eingerichtet. Der Kandidat wurde von verschiedenen Offizieren, die höheren Graden entsprachen, initiiert, indem ihm die Mysterien des Grades geoffenbart wurden. Dies geschah jedoch auf eine sehr unzusammenhängende und hochsymbolische Weise, so daß das innere Verständnis für das, was passierte, fehlte. So war es für die Kandidaten nach Crowley nicht möglich, dieses neue Wissen zu integrieren:

„Die Rituale waren, obschon scholastisch genug, zu einem wortreichen und anmaßenden Unsinn ausgearbeitet: Das Wissen erwies sich als wertlos, sogar wenn es richtig war: Denn es ist

nutzlos, daß Perlen, seien sie auch noch so klar und wertvoll, den

In Kürze, der Orden versagte zu

Säuen vorgeworfen werden initiieren.“

Crowleys erste Begegnung mit den Mitgliedern des äußeren Ordens war darum für ihn sehr enttäuschend da seine Erwartungen höher waren. Trotzdem akzeptierte er im November 1898 alle Bedingungen und wurde als Frater Perdurabo (Ich werde durchhalten) Neophyt des hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung. Das Neophytenritual, neben dem des Adeptus Minor das wichtigste, war das einzige, welches Crowley für sich selbst akzeptierte, da es einen

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wichtigen Einfluß auf seine spirituelle Entwicklung hatte und zu ziemlich außergewöhnlichen Visionen führte. Im Dezember des selben Jahres nahm er den Zelatorgrad an, den des Theoricus und Practicus zwei Monate später. Nach der obligatorischen Wartezeit von drei Monaten wurde er Philosophus, gelangte somit an die Schwelle des Wissens und der Konversation mit dem Heiligen Schutzengel. Der Philosophus hatte hierzu die fünf Prüfungen symbolisch für die fünf Elemente und die fünf Pfade, die vom ersten Orden zum zweiten führen, zu bestehen und benötigte weiters eine Verfügung von den Chefs des zweiten Ordens. Auch die anderen Gradwechsel waren von lnitiationsritualen begleitet, von deren Wichtigkeit Crowley jedoch nicht so recht überzeugt war. Er schrieb hierzu:

,Sogar für den Gelegenheitsstudenten muß es augenscheinlich sein, hat er einmal diese Rituale zu Ende gelesen, daß, obwohl sie viel wissenschaftliches und gelehrtes enthalten, außerdem sehr viel, das essentiell und wahr ist, sie jedoch aufgeblasen und geschwollen mit viel Unsinn und Pedanterie sind, affektiert und falsch am Platz, in etwa so, daß eine eigensinnige Obskurität die Stelle von einleuchtender Einfachheit einnimmt, der Pilger, unwissend wie er in den meisten Fällen sein wird, wird spontan in ein wogendes Mühlgerinne von klassischen Gottheiten und Helden hineingestoßen, von denen viele sich ungestüm ohne Reim und Metrum auf ihn stürzen. Sozusagen in eine Gerichtshalle hineingeworfen, in welchem das Gesetz, welches ihm dargelegt wird, ihm nicht gänzlich unbekannt ist, aber in einer Sprache geschrieben ist, die er nicht einmal lesen kann, wird er in einer fremden Sprache ins Kreuzverhör genommen und in Worten gerichtet, welche zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht ein Funken von Sinn für ihn ergeben. Wie die Rituale fortschreiten, könnte man erwarten, daß diese Schwierigkeiten sich gradweise verringern würden, aber dies ist nicht im mindesten der Fall; denn, wie wir gesehen haben, werden die Komplexitäten, die schon bereits bei der Einführung der altägyptischen Gottheiten beinhaltet waren, für den, der wahrscheinlich nur ein Kandidat mit wenig Wissen ist, noch weiter ausgedehnt durch eine allgemeine Aufdringlichkeit des Teiles von hebräischen, christlichen, macedonischen und phrygischen Göttern, Engeln und Dämonen, und einer reichhaltigen Verwirrung von Symbolen, welche vereinigt entweder geeignet sind, den Kandidaten irre zu machen, so daß er den Tempel mit einem Eindruck verläßt, daß das ganze Ritual ein großer Witz ist, eine Art possenreißerischer Karneval der Götter, welche im geistig gesunden nur Gelächter hervorrufen kann; oder daß als Folge der völligen Unverständlichkeit sein Unwissen ihn fühlen macht, daß dies soweit jenseits und über

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seinem einfachen Standard des Wissens liegt, daß alles, was er tun kann, sich vor jenen zu beugen ist, die eine solch erhöhte Sprache besitzen, sogar was die Worte und das Alphabet anbetrifft, von dem er ohnehin kein Maß besitzt. Das Resultat dieser Dunkelheit ist natürlich in beiden Fällen, daß die Rituale versagen zu initiieren; im ersten Fall werden sie gar nicht verstanden, verhöhnt; im zweiten, obschon gleichermaßen unverständlich, werden sie jedoch verehrt. Es gibt Zeit und Ort für alles, und es gibt eine richtige Verwendung für die Vorliebe von Wissen, so wie es auch eine falsche gibt. Wenn ein Kind die einfachen Regeln von Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division gelernt hat; dann ist angemessen, es zu bitten, ein einfaches kleines Problem zu lösen; aber es ist völlige Zeitverschwendung es zu fragen: 'Wenn 24 Sprotten einen Shilling kosten, und 1 Sprotte ein Mal für zwei Kinder ergibt, wieviele Kinder kannst du für zwei Pence und einen half Penny ernähren?' Denn es weiß nur, daß eins und eins zwei ergibt. Die Vorliebe für Wissen und das Anhäufen von Symbolen ist nur angemessen für den Unwissenden, wenn der Zweck ist, ihn durch ein blitzendes Bild irre zu machen und nicht zu instruieren. In diesem Fall wird der Suchende nach der Wahrheit das Kind der Erde und der Dunkelheit genannt, und statt daß man ihm den schönen Kranz des Lichtes zeigt, den er eines Tages tragen wird, wird er sofort in einen Haufen von flitterhaften Faltenwürfen gerollt, in eine Mumie von Einfaltungen, ausgewachsenen Togas und abgelegten Unterkleidungen von Olympus und Sinai, mit dem Resultat (es sei denn, sein Verständnis ist so klar wie diese Rituale dunkel sind), daß alles was er erhält, ein theatralischer Eindruck von Aufmachung und Glaubenmachen ist. Die Worte besitzen ihn; er kann nicht sehen, daß Typhon genauso notwendig in dem ägyptischen System ist wie Osiris; im christlichen, daß Satan nur der Zwillingsbruder von Christus ist. Glücklicherweise war das Ergebnis im Falle von Perdurabo etwas anders; bereits Meister einer riesigen Lagerhalle von Wissen und von Gelerntem war es weniger wahrscheinlich, daß er ,meine Güte!' ausrufen würde bei der Zurschaustellung ägyptischen Feuerwerkes wie viele andere. Jedes Ritual, sei es ein Brief, ein Wort, ein Satz, sollte eine Lektion enthalten, klar und präzise, es sollte ein so klares und leuchtendes Bild hinterlassen, daß der bloße Gedanke daran sofort die Kraft heraufbeschwören wird, die in seinen einfachen aber leuchtenden Symbolen enthalten sind. In dem Neophytenritual ist dieses wesentlich klarer ausgeführt als in den folgenden vier. Der Kandidat, der werdende Neophyt, wird zum Portal des ersten Grades geführt, des Neophytengrades, und ihm

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wird für einen Moment eine blitzende Vision von Adonai geoffenbart, als wäre es eine Zunge von einer blendenden Flamme aus den Tiefen der Dunkelheit, um ihm zu zeigen, daß es ein Licht gibt sogar in jener schrecklichen Nacht, durch welche er reisen muß. Er lernt, daß obwohl Adonai in Kether ist, Kether auch in Malkuth ist; aber die Rituale, die dem Neophytenritual folgen, abgesehen von dem des Portals, die mehr aus Symbolen und ihren Erklärungen bestehen als aus Ritualen und Zeremoniellen, sind mehr geeignet, zu Besessenheit zu führen, als zu erleuchten.“

Die eigentliche magische Arbeit wurde jedoch erst im zweiten, im Rosenkreuzerorden, verrichtet. Dieser bestand in der Anfangsphase des Ordens noch nicht, da er erst durch den Kontakt zu den geheimen Chefs errichtet werden konnte. Er umfaßte die Grade des Adeptus Minor 5° =6 , Adeptus Major 6° =5 und Adeptus Exemptus 7° = 4 , welchen letzteren Mathers inne hatte. Mathers hatte diesen Kontakt zu dreien der geheimen Chefs erst 1891 in Bois de Boulogne durch die Hilfe einer hellseherischen Frau erhalten. Diese hatten ihm das Amt der höchsten und einzigen Autorität als äußeres Oberhaupt des Ordens verliehen. Crowley und Mathers ähnelten sich sowohl äußerlich als auch in der Suche nach der verborgenen Wahrheit. Für Crowley war Mathers der Magier schlechthin, und er verehrte ihn in der Anfangszeit sehr, was sich allerdings später noch ändern sollte. Als Philosophus begann Crowley sodann mit der Magie des Abramelin zu arbeiten, wofür Zurückgezogenheit erforderlich war. Da er ohnehin von seinen Eltern weg wollte, stellte dies für Crowley kein großes Problem dar. Er mietete sich eine Wohnung in Cancery Lane, um ungestört arbeiten zu können. Zwei der Zimmer richtete er sich als Tempel ein, eines für Operationen mit Dämonen und das andere für Arbeiten mit anderen Kräften. Bei einer der Zeremonien im Isis-Urania-Tempel lernte er Allen Bennett, Frater Iehi Aour (laß da Licht sein) kennen, der bereits über große magische Kraft verfügte. Als Crowley bei einem Besuch bei Bennett über dessen äußere Verhältnisse schockiert war, bot er ihm an, er könnte bei ihm einziehen, aber unter der Voraussetzung, er solle Perdurabos Lehrer werden. Iehi Aour akzeptierte, und so hatte Crowley seinen lang ersehnten Meister gefunden. Zusammen praktizierten sie die magischen Rituale des Ordens der Goldenen Dämmerung und experimentierten mit verschiedenen Drogen wie Opium, Kokain und Haschisch. Die Gefahr, süchtig zu werden, war die geringere, dafür kam es aber zu magischen Unfällen. Als die beiden eines Abends von einem Abendessen zurückkehrten, war der Tempel verwüstet, der Altar umgeworfen, und die Möbel lagen verstreut umher. Crowley schrieb:

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„Und dann begann der Spaß. Die Teufel stampften die ganze Nacht um die große Bibliothek herum, eine endlose Prozession; 316 von ihnen wurden gezählt, beschrieben, benannt und in einem Buche aufgezeichnet. Es war bis jetzt die fürchterlichste und widerlichste Erfahrung für mich.“

Da Iehi Aour an Asthma litt, verließ er 1900 England und reiste nach Ceylon wegen des günstigeren Klimas. Dort wurde er unter dem Namen Bikkhu Ananda Metteya zu einem buddhistischen Mönch.

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Parzifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral

Das magische System, mit dem Crowley anfangs arbeitete, gründet sich auf den ägyptischen Magier Abramelin. Das Wissen um dieses System war im Mittelalter durch Abraham dem Juden nach Europa gekommen. Mathers hatte die alten Originalmanuskripte, von Abraham seinem Sohn Lamech vererbt, aus dem französischen übersetzt, und daraus sein Buch ,The Sacred Magic of Abramelin the Mage' geschrieben. Dieses Buch gibt die Anleitung, wie auf der Basis der Kabbalah die ganze Hierarchie der Abramelindämonen beschworen werden kann, welche Vorbereitungen hierzu nötig sind, wie der Tempel ausgestattet sein muß und wozu diese Geister verpflichtet werden können. Vor der Beschwörung dieser Dämonen empfiehlt Abramelin, den Kontakt zu dem Heiligen Schutzengel herzustellen. Diese Arbeit zieht sich über sechs Monate hin, die letzten davon müssen in völliger Zurückgezogenheit und Hingabe an das Große Werk verbracht werden. Crowley arbeitete 1921 auf Cefalu noch ein eigenes Ritual für die Beschwörung des Heiligen Schutzengels aus, das ,Liber Samech', welches kommentiert in ,Magick' zu finden ist. Die Basis des Rituals bilden die magischen Formeln und barbarischen Namen, die auch Abramelin verwendet hatte. Die Umarbeitung bestand im Übernehmen der Lehre des Liber Al vel Legis, um das Ritual den Verhältnissen des neuen Äons von Horus, dem gekrönten und erobernden Kind, anzupassen. Liber Samech ist so aufgebaut, daß der Wille des Aspiranten so konzentriert und einpunktig wird, daß es sein einziges Streben ist, das Große Werk zu vollenden. Die Methoden hierzu sind mannigfaltig und führen zu einem egoüberwältigenden Enthusiasmus. Der Aspirant muß vorher schon einen hohen Initiationsgrad erlangt haben, denn er muß in der Lage sein, alle individuellen Gemütszustände und Neigungen zu kontrollieren und sie bewußt abzurufen oder schweigen zu lassen. Crowley schreibt weiter:

„Wenn dies so ist, wird der Adept frei sein, sein tiefstes Selbst zu konzentrieren, jener Teil von ihm, der unbewußt seinen wahren Willen auf die Realisierung seines Heiligen Schutzengels

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Freiheit von Vorurteil und den

Begrenzungen der sogenannten Rationalität. Der Adept muß bereit für die gänzliche Zerstörung seines Standpunktes zu jedem Thema sein, und sogar dessen seiner innersten Konzeption der Formen und Gesetze des Denkens."

ausrichtet

Dieses beinhaltet

Der Grundsatz aller Magie ist die Erweiterung des Bewußtseins, wofür Crowley unter anderem auch Drogen und Alkohol verwendete. Zu Anfang benutzte Crowley Drogen ausschließlich für seine magische Weiterentwicklung, später als Heilmittel für sein Asthma, welches er sich 1905 bei der Besteigung des Kanchenjunga zuzog. Die Meisterung von Drogen wie Haschisch, Opium und Kokain kann zum Erwerb neuer Bewußtseinszustände, zu einer Vertiefung der Charakteranalyse und Introspektion führen, was ansonsten nur mit schwierigen speziellen Yogatechniken zu erreichen ist. Crowley experimentierte mit fast allen Drogen, die er kriegen konnte und führte darüber genaue Aufzeichnungen, in denen er Vor- und Nachteile, Effekte und Suchtgefahr gegeneinander stellte. Weiter schuf er sich Zuordnungen der Drogen zu Elementen und Planeten, um die magischen Arbeiten wirkungsvoller gestalten zu können. Haschisch hielt er für die Charakteranalyse geeignet, da es die Imagination stärkt und das Unbewußte aufhebt. Weiter ermöglicht Haschisch, wie auch Aether oder Anhalonium Lewinii, hinter oberflächliche Ideen zu schauen und Gedanken auf ihren Ursprung zu führen. Eine Schwierigkeit liegt im Aufrechterhalten der Konzentration. Morphium hilft dagegen der Konzentration, lindert den Druck von Angst und unterstützt wie Opium kreative Imagination. Kokain verhindert Müdigkeit, und man kann lange Zeiträume fast ohne Pausen oder Schlaf hart arbeiten. Außerdem stärkt es den Willen und hilft, das Objekt einer Operation beständig im Gemüt zu fixieren. Heroin wirkt ähnlich wie Opium und Kokain zusammen, stärkt also Imagination, Konzentration und Durchhaltevermögen. Ein Vers des zweiten Kapitels des Liber Al weist direkt auf den Gebrauch von Drogen oder Alkohol hin:

„Zu meiner Verehrung nehmet Wein und seltene Drogen, wovon ich meinem Propheten sprechen werde, und berauscht euch

daran. Sie sollen euch überhaupt kein Leid zufügen. Sie ist eine

Lüge, diese Narrheit gegen das Selbst

Genieße und erfreue dich an allen Dingen der Sinne und Wonne. Fürchte nicht, daß ein Gott dich dafür abweisen wird.“

Sei stark, 0 Mensch!

Crowley kommentierte:

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„Wein und Drogen schaden Leuten nicht, die ihren Willen tun; sie vergiften nur Leute, die den Krebs der Ursünde haben (d.h., daß sie sich begrenzen). Wenn man wahrhaft frei ist, kann man Kokain so einfach wie Salzwasserschmus nehmen. Es gibt keinen

Jene,

besseren Test für eine Seele als ihre Einstellung zu Drogen die dazu neigen, sie zu mißbrauchen, wären besser tot.“

Fast alle wichtigen magischen Operationen, die in der Folge beschrieben werden, beinhalteten den Gebrauch irgendeiner dieser Drogen, die zu einem schnelleren Gelingen verhalfen. Nachdem Iehi Aour nach Ceylon abgereist war, brach Crowley ebenfalls seine Zelte ab und ging nach Schottland. Er war auf der Suche nach einer geeigneten Umgebung für das Arbeiten mit der Magie des Abramelin. Er benötigte eine Art Kapelle oder Tempel mit einer freien Nordterrasse, die mit Sand bedeckt werden mußte, und vielen Fenstern. Nach einer Zeit der Suche fand er direkt am Loch Ness das, was er suchte, ein ziemlich großes Steinhaus namens Boleskine. Er richtete sich häuslich ein, nannte sich ,Laird of Boleskine' (Gutsherr von Boleskine) und ging erst einmal fischen. Er bereitete sich sodann für die Beschwörung der Dämonen vor und hatte darauf Erfolg und Mißerfolg in der Operation zugleich. Das Häuschen und die Terrasse waren bald von schattenhaften Formen bevölkert. Die vier Subprinzen Oriens, Paimon , Ariton, Amaimon und ihre einhundertundelf Diener drangen in das Haus ein und brachten ein heilloses Durcheinander, bei dem sein Kutscher in Delirium Tremens fiel und sein Haushälter spurlos verschwand. Ansonsten beschäftigte er sich mit der Erkundung der Astralebene, Invokationen und verschiedenen Visionstechniken, bisweilen auch mit einer Kristallkugel. Er sah Christus mit der Frau von Samaria, sich mit einer zwölfstrahligen Krone im göttlichen Licht stehend, und Drachen, die ihn anzuspringen versuchten. Er verließ Boleskine, um die Zulassung zum Adeptus Minor Grad im zweiten Orden zu beantragen. Zu seiner Überraschung wurde er jedoch zurückgewiesen. So entschloß sich Crowley kurzerhand am 13ten Januar 1900, nach Paris aufzubrechen, um dort die Initiation von Mathers selbst zu erhalten. Dieser hatte dort 1898 einen ägyptischen Tempel errichtet und zelebrierte seitdem ägyptische Mysterien zusammen mit seiner Frau Moina als Priesterin. Crowley war beeindruckt von Mathers und vertraute sich ihm völlig an. Nachdem Crowley die entsprechenden feierlichen Eide des Gehorsams und der Geheimhaltung geleistet hatte, erhielt er von Mathers die Initiation zum Grad des Adeptus Minor. Er nahm das Motto Parzival an. Crowleys Anmerkungen dazu:

„Nachdem er so durch das Ritual 5° = 6 des Adeptus Minor ging, entschleierte Perdurabo, zumindest zum Teil, jenes Wissen,

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welches er sich im 0° = 0 Ritual vorgenommen hatte zu entdecken. Denn wie der erste Grad des ersten Ordens den Neophyten mit einem unvergeßlichen kurzen Anblick jenes höheren Selbstes versieht, Augoeides, Genius, Heiligen Schutzengels oder Adonai; so bringt der erste Grad des zweiten Ordens in ihm diesen göttlichen Funken hervor, indem er auf dem Aspiranten den Genius in Pfingstflammen herabzieht; bis er ihn nicht länger in den entfernten Wänden des sternigen Abyss einschließt, sondern in ihm brennt, und durch die Kanäle seiner

Sinne einen endlosen Sturzbach der Herrlichkeit ergießt, von jener größeren Herrlichkeit, die nur von einem verstanden werden

Hier geschieht es, wenn der Aspirant

eine Sonne für sich selbst wird, in Trance versetzt durch die

Schönheit seiner Kinder, seiner augenscheinlich ausgewogenen Gedanken, der wandernden Planeten und Kometen, die seinem Willen gehorchen, daß er möglicherweise vergißt, daß, obwohl er eine Sonne für sich selbst ist, er dennoch nur ein Atom der himmlischen Herrlichkeit ist, nur ein Sonnenstäubchen, im

Strahle des göttlichen Auges tanzend

eigenen Kräften seine Zufriedenheit mit einer Selbstexplosion von Unzufriedenheit zerstören, so schrecklich, daß das geordnete Universum, welches durch den Geist beherrscht wird, nicht in das Chaos, die Qliphoth, geschleudert wird, sondern aus dem Chaos, aus dem Kosmos selbst, in eine neue Welt, in ein höheres Equilibrium, ein Universum von kolossaler Stärke, und Macht. Erzittert er, so ist er verloren; er muß jeden Nerv stärken, jeden Muskel, bis seine ganze Gestalt die magische Stärke der Sephirah Geburah vibriert und hervorblitzt. So wird der Magier durch die Hingabe an das Große Werk erzeugt, und Werk als Werk allein kann für den Aspiranten diesen erhöhten Grad hervorbringen. Er muß jenseits der Hoffnung auf Erfolg streben; Erfolg ist Fehlschlag; er muß jenseits der Hoffnung nach Sieg streben; Sieg ist Verlust; er muß jenseits der Hoffnung nach Belohnung streben; Belohnung ist Bestrafung; er muß in der Tat jenseits aller Dinge streben; er muß das Gegengewicht der Dinge aufbrechen Gerechtigkeit oder Gnade sind nichts für ihn; er, wie Horus das Kind, muß eines durch das andere auslöschen, so wie sein Vater Osiris die Wasser von Hod mit den Feuern von Netzach löschte. Gut und Böse sind seine Werkzeuge, denn sein Werk liegt immer noch im Königreich des Ruach. Und solange wie seine Strebungen erzeugen, empfangen und die Früchte eines größeren und edleren Werkes tragen, gibt es keinen Kelch der Bitterkeit, der zurückgewiesen werden darf, und kein Kreuz des Leidens, dessen Nägel ihn nicht durchbohren. Als Osiris lernte er sich zu bezwingen; als Horus wiederauferstanden soll er die Welt

Daher muß er mit seinen

kann, der ein Adept ist

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bezwingen - ja! Und wer soll mir nein sagen? Die ultimaten Fasern des Haares von Nu.“

Er kehrte sofort nach London zurück, um dort die diesem Grad entsprechenden Rituale zu fordern. Seine Initiation wurde jedoch nicht akzeptiert, da die Körperschaft in London gegen Mathers revoltierte. Sie behaupteten, Mathers habe niemals Kontakt zu den geheimen Chefs gehabt und hegten Zweifel an der Existenz von Anna Sprengel. Sie bildeten ein Komitee gegen Mathers, der darauf mit heftigem Zorn reagierte. Crowley entwickelte den Plan, in das Anwesen des Ordens einzudringen, überall neue Schlösser zu montieren und dann die Mitglieder zu sich zu zitieren. Mit einer Maske bekleidet wollte er von ihnen einen Fragenkatalog beantwortet haben, ob sie an dem Gehalt der Wahrheit der Lehre ihrer Grade glaubten, und ob sie Mathers als legitimes Oberhaupt des Ordens als einziger Adept Exempt anerkennen wollten. Ansonsten würde Perdurabo sie degradieren oder sogar aus dem Orden ausschließen. Weiter wollte Perdurabo das Gewölbe der Adepten zurückerlangen, da es Mathers Eigentum war. Es handelte sich um die siebenseitige symbolische Grabstätte von Christian Rosenkreutz, des Gründers des Ordens der Roten Rose und des Goldenen Kreuzes. Es war maßstabgenau nachgebildet worden und wurde zu mehreren Ritualzwecken verwendet, unter anderem auch für die Initiation in den Adeptus Minor Grad. Perdurabo machte sich mit seiner geliebten Soror Fidelis, Elaine Simpson, sogleich nach London auf den Weg. Fidelis war ein paar Jahre älter als er und hatte schon seit längerem den Adeptus Minor Grad inne. Am 17ten April drangen die beiden kurzerhand in das Ordensgebäude ein, kaperten das Gewölbe und brachten überall neue Schlösser an. Die Polizei wurde gerufen, Perdurabo mußte erst einmal das Feld räumen. Ein paar Tage später drang er mit Mathers Vollmacht nochmals ein, aber wieder ohne Erfolg. Perdurabo ging sogar vor Gericht, der Prozeß wurde jedoch wegen Geringfügigkeit niedergeschlagen. Im Mai 1900 kehrte Crowley unverrichteter Dinge nach Paris zurück, um Mathers Bericht zu erstatten. Dort traf er zwei Mitglieder, die gerade aus Mexiko zurückgekehrt waren. Perdurabos Neugier wurde geweckt, und schon war er wieder unterwegs. In Alameda, einem kleinem mexikanischen Städtchen, mietete er sich ein Haus, dazu ein indianisches Mädchen für den Haushalt um das leibliche Wohlergehen. Er begann, den Gott des Schweigens, Harpokrates, zu beschwören, um zur Unsichtbarkeit zu gelangen.

„Sammelt euch um mich: Kleidet diese Astralform mit einer Wolke von Dunkelheit. Umhöht, umhöht meine Gestalt mit eurer wahrhaften Nacht:

Kleidet mich und verbergt mich in der Kontrolle meines Zaubers; verdunkelt die Augen des Menschen und blendet ihn, seine Seele!

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Sammelt euch, O sammelt euch an meinem göttlichen Worte, ihr seid die Wächter und meine Seele der Schrein! (Formuliere die Idee, unsichtbar zu werden: Stelle dir das Ergebnis des Erfolgs vor: Dann sage:) Lasset die Hülle der Verborgenheit um meinen physischen Körper in einen Abstand von 25 cm sein. Die Sphäre soll mit Wasser und mit Feuer geweiht sein.“

Nach einigen Wochen schon hatte er Erfolg und lief unbeachtet mit einer Krone aus Gold und Juwelen und einem scharlachroten Mantel in Mexiko City umher. Eines Tages lernte er eine Frau kennen, die ihn faszinierte:

„Die unersättliche Kraft der Leidenschaft, die von ihren bösen, unergründlichen Augen entsprang und ihr Gesicht in einen Strudel verführerischer Sünde marterte.“

In den Slums verbrachte er mit ihr etliche orgiastische Stunden. Danach setzte er sich sogleich nieder, sein Drama Tannhäuser zu schreiben, fasziniert von der Oper, die er im Covent Garden gesehen hatte. Typisch für Crowley ist der energetisierte Enthusiasmus nach einem ausschweifenden sexuellen Erlebnis:

„Beispielsweise schrieb ich Tannhäuser vom Konzept bis zum Schlußstrich hintereinander weg in 67 Stunden. Den Wechsel von Tag und Nacht bemerkte ich nicht, auch nicht am Ende; auch spürte ich keinerlei Ermüdung. Dieses Werk wurde geschrieben, als ich 24 Jahre alt war, direkt nach einer Orgie, die mich normalerweise hätte erschöpfen müssen.“

Zwischenzeitlich war Crowley wieder vom Fieber des Bergsteigens ergriffen worden und wartete auf Oscar Eckenstein, einen bekannten englischen Bergsteiger, den Crowley schon länger kannte. Sie wollten zusammen den Popocatepetl und den Ixtaccihuatl besteigen, welcher Ausdruck hier besonders passend ist, denn Ixtaccihuatl bedeutet ,die schlafende Frau'. Damit wollten sie dann auch sogleich beginnen. Als Eckenstein am Ende des Jahres ankam, machten sich die beiden nach Amecameca auf, zum gemeinsamen Fuß der beiden Berge. Von ihrem Basislager aus bestiegen sie die Berge drei Wochen lang von allen Seiten. Nach einigen anderen Expeditionen hatten sie erst einmal genug, beschlossen aber, sobald als möglich die Besteigung des K 2 im Himalaja, der der zweithöchste Berg überhaupt ist, in Angriff zu nehmen. Crowley plante, zunächst Allen Bennett in Ceylon zu besuchen, um diesem ein paar Fragen über Mathers zu stellen, darauf den K 2 zu besteigen und dann erst nach England zurückzukehren.

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Mahatma Guru Sri Paramahansa Shivaji

Auf dem Weg nach Ceylon legte er in Hawaii einen Aufenthalt ein. Auf dem Waikiki-Strand traf er eine zehn Jahre ältere amerikanische Frau, die mit einem Rechtsanwalt in den USA verheiratet war, und dazu noch die Mutter eines Teenagers. Schnell verliebte er sich in sie und widmete ihr eine langes Gedicht: "Alice: Ein Ehebruch. Er war nur fünfzig Tage mit ihr zusammen, und jedem dieser Tage war ein Gedicht seiner Leidenschaft gewidmet. Warum die Affäre schließlich beendet war, sagte Crowley nicht, aber sie hinterließ in ihm ein Gefühl der Trauer und des Unmuts. Denn Alice war die erste und die letzte einer langen Reihe von Frauen, die ihm mitteilte, daß er für die Liebe nicht geschaffen sei. Aus diesem Grunde zog es ihn nach Hongkong, wo Elaine Simpson, Soror Fidelis, mittlerweile verheiratet lebte. Er erinnerte sich ihrer Furchtlosigkeit und Loyalität in ihrem Kampf, das Gewölbe zu kapern und McGregor Mathers Autorität wiederherzustellen. Aber enttäuscht mußte er entdecken, daß von Elaines Fähigkeiten nur noch eines übrig geblieben war, nämlich die Roben und Abzeichen ihres Grades, mit denen sie den ersten Preis auf einem Maskenball gewonnen hatte. Von Hongkong aus reiste er weiter nach Ceylon. In Colombo fand er schließlich Allen Bennett, der sich bei einem heiligen Guru aufhielt. Die zwei Freunde reisten nach Kandy und mieteten sich einen Bungalow. Zunächst arbeitete Crowley weiter an seiner Poesie, fand jedoch schnell ein Interesse an der Yogameditation. Bennett fungierte in der Folgezeit als sein Lehrer, und in völliger Zurückgezogenheit begann Crowley seine Studien. Da Yoga eine wichtige Rolle in Crowleys magischer Entwicklung spielt, sind hier ein paar grundsätzliche Worte darüber angebracht:

Wie es im Westen verschiedene magische Systeme gibt, gibt es im Osten verschiedene Yoga. Alle haben ein Ziel, den Strebenden von Maya, der Illusion oder Täuschung, zum Samadhi, der Wahrheit, zu führen. Der eigentliche Yoga wird erreicht, wenn das Gemüt, verwirrt von den Heiligen Schriften, unbeweglich still steht, fest auf Kontemplation gerichtet (Samadhi). Diese Ruhe hatte Crowley in seiner magischen Entwicklung noch nicht erfahren, und als ihm der Schlüssel zum Yoga angeboten wurde,

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beschloß er, die Türe der Handlung zu schließen, um die der Entsagung zu öffnen. Für diese Zeit legte er seine Methoden der westlichen Magie und damit seine Erfolge ab, was das erste große Opfer für ihn bedeutete. Das Ziel von Yoga ist die direkte Erfahrung, die durch Konzentration und durch Willen erlangt wird. Alles muß aufgegeben werden, bis auf eine Idee. Durch ausschließliche Beschäftigung damit, als Inhalt des Lebens, der Träume, jeder Nervenfaser im ganzen Körper, entwickelt sich ein unbeugsamer Wille. Dieser wird beschrieben als unzerstörbar und keine Enttäuschung und Unzufriedenheit kennend. Die Außenfixierungen und die dadurch entstehende Dualität werden gelöst, es findet eine Wendung zu den feinen inneren Vibrationen statt. Die Aufgabe der Meisterung der Kräfte des Universums kann vollendet werden. Yoga an sich bedeutet Vereinigung, ähnlich wie die Reaktion bei der ekstatischen Vereinigung von Atomen, woraus Licht, Strom und Hitze entstehen kann. Yoga ist somit die Vereinigung von Subjekt und Objekt des Bewußtseins. Durch diese Erfahrung gelangt man zum Charakteristikum der zusammengesetzten Dinge, oder nennt es die fortwährende Veränderung und das Nichtssein eines dauerhaften Prinzips. Somit muß jedes Element des Wesens beherrscht werden, es muß gegen jeden inneren oder äußeren Widerstreit geschützt und jede Fähigkeit aufs Äußerste gesteigert werden. Die Vereinigung findet auf verschiedenen Ebenen statt:

1.

Inana-Yoga

= Vereinigung durch Wissen

2.

Raja-Yoga

= Vereinigung durch Willen

3.

Bhakti-Yoga

= Vereinigung durch Liebe

4.

Hatha-Yoga

= Vereinigung durch Mut

5.

Mantra-Yoga

= Vereinigung durch das Wort

6.

Karma-Yoga

= Vereinigung durch Handeln

Durch den Aspekt der Beherrschung hat der Yoga acht Glieder, ausgerichtet auf die mystische Vereinigung:

1. Yama - Beherrschung: Crowley empfiehlt, sich seine eigenen Regeln zu suchen, was man tut oder läßt, und diese auch peinlich genau einzuhalten. Jede allgemeine Regel mag für den einen richtig sein, für den anderen aber grundverkehrt und sinnlos. Yama ist das Finden und Tun des wahren Willens. 2. Niyama - Tugend: Alle Störquellen müssen wegen der auftretenden Übersensibilität beseitigt werden. Die Niyamas sind latente positive Kräfte, und es gibt so viele von ihnen, wie man dem Körper mit Hilfe des Baumes des Lebens zuordnen kann. Es entsteht das Gefühl, daß ein gegebener Ort oder eine gegebene

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Methode richtig sind, der ,eigene Sinn' genannt. Sowohl Yama als auch Niyama müssen in dem Lande gemeistert werden, in dem man geboren worden ist, da man seinem Karma nicht entgehen kann.

3. Asana - ,Sitze still! Höre auf zu denken! Schweige! Gehe

hinaus!' Diese Anweisungen gelten nicht nur für das Asana, sondern für die gesamte Yoga. Alle äußeren und inneren Reize müssen eingeschränkt und bekämpft werden. Dazu wird alles verwendet, was der Selbstbeherrschung und der Konzentration

dient, um dem Handeln ein Ende zu bereiten. Asana verhilft zur Beherrschung der statischen Komponente des Körpers.

4. Pranayama - Beherrschung der Kraft und der dynamischen

Komponente des Körpers. Das Anhalten des Atems kommt der

Ruhigstellung des Körpers am nächsten. Bei Asana und Pranayama treten kurz Phänomene auf, in denen der eigentliche Yoga versucht werden kann.

5. Pratyahara - Mentale Selbstbetrachtung:

Pratyahara bedeutet aber auch einen bestimmten Grad psychologischer Erfahrung. Man konzentriert sich beispielsweise

auf einen Körperteil, kommt dann vielleicht zu dem unmittelbaren Gefühl, man habe diesen nicht.

6. Dharana - Die eigentliche Meditation, die Beschränkung

des Bewußtseins auf einen Gegenstand.

7. Dhyana - Aufhebung der Dualität, keine Unterscheidung

zwischen Ego und Nichtego. Dies ist die Vorstufe zum Samadhi.

8. Samadhi - ,Zusammen mit dem Herrn'. In dem Worte Samadhi läßt sich dieselbe Wurzel wie bei dem hebräischen Adonai erkennen, denn Adonai wird in der hebräischen Sprache ,Adni' geschrieben und entspricht der Sanskrit-Wurzel ,Adhi'. Im Samadhi entsteht ein völliges Einssein mit allen Dingen auf einmal. Um Samadhi zu erreichen, reicht es, das Gemüt für „nur“ 12 Sekunden völlig anzuhalten.

Crowley faßte die verschiedenen Yogaarten auf das Wesentliche zusammen. Er ging mit dem Gedanken der Anwendbarkeit auf den westlichen Menschen vor, denn da Yoga ursprünglich auf eine Ackerbaukultur ausgerichtet war, ist nicht alles wegen verschiedener Körper- und Symbolstrukturen anwendbar. Ein im Westen aufgewachsener Mensch hat völlig andere Körperverspannungen als einer, der im Osten geboren wurde und dort lebt. Da Allen Bennett sich mit dem Gedanken auseinandersetzte, ein buddhistischer Mönch zu werden, kam Crowley auch mit dem Gedankengut Buddhas in Berührung. Ihn faszinierte die logische Struktur dieser Religion,

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ausgehend von dem Gedanken, daß der Pfad der Befreiung über das Gemüt (Ruach) und nicht über die Sinne (Nephesh) verlaufen müsse. Die Kraft, einen Akt der Wahrheit zu vollbringen, entsteht nur durch Konzentration. Auch begeisterte Crowley Buddhas Einstellung zu Gott:

„Es gibt keinen Gott, und ich weigere mich, über etwas zu diskutieren, was es nicht gibt! Aber es gibt Trauer, und diese beabsichtige ich zu zerstören.“

Der Grund für diese Trauer ist das Karma oder die Handlung, die eine gute oder schlechte Reaktion hervorrufen kann. Diese Dualität gilt es zu zerbrechen, man muß erneut in das Equilibrium eintreten, aus dem man entstanden ist, und dieses dann mit dem Wechsel vereinen. Ist diese Trauer zerstört, ist wie im Samadhi des Yoga das absolute Einssein erreicht. Jegliche Dualität ist in sich absurd, es bleibt nur ,Tue was du willst'. Daraus ergab sich für Crowley die Erkenntnis, sich nur auf das Werk alleine zu verlassen, nicht auf Moralisieren, Philosophieren oder Rationalisieren. Je weiter er sich in dieses Gedankenkonzept einfühlte, desto mehr konnte er sich von den Außenfixierungen lösen. Er sah immer mehr, daß der Schlüssel das persönliche Streben ist und nicht in Schriften gefunden werden kann, die nur einen Weg andeuten können. Die Erlösung beruht auf dem Werk, nicht aber auf dem Glauben. Crowley schaffte für den Buddhismus eine Übertragung auf den Baum des Lebens und integrierte bestimmte Ausschnitte der Lehre in sein System. In seiner Zurückgezogenheit mit Allen Bennett übte er sich in den Techniken des Yoga und erreichte ziemlich bald den Zustand des Dhyana, und er übte sich ebenso in verschiedenen buddhistischen Meditationstechniken. Die Vervollkommnung der höchsten Zustände erreicht er aber erst sehr viel später im Zusammenhang mit verschiedenen anderen magischen Arbeiten. Er stellte aber fest, daß die Ergebnisse des östlichen Yogas und die der westlichen Mystik genau übereinstimmen, daß aber viele Praktiken des Yoga den Prozeß der magischen Entwicklung erheblich beschleunigen. Nach Abschluß der Lernzeit entschloß sich Bennett, die gelbe Robe zu tragen und endgültig buddhistischer Mönch zu werden. Er machte sich auf den Weg nach Burma. Crowley bereiste indessen am Ende des Jahres 1901 für knapp zwei Jahre Indien. Er reiste nach Madura, um dort den großen, für Europäer verbotenen Tempel zu besichtigen. Durch seine Yogakünste beeindruckte er die Einheimischen derart, daß er Zugang zu einigen heiligen Schreinen erhielt. Von da reiste er nach Kalkutta, wo er wegen eines Fiebers für einen Monat bleiben mußte. Für ein paar weitere Monate erforschte er danach den Norden Indiens und verbrachte viel Zeit mit Meditation und mystischen Übungen. Weiter beschäftigte er sich intensiv mit der Analyse seiner lebhaften Träume.

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Nach einer problematischen Reiseroute suchte er im Februar 1902 Allen Bennett in Akyab. Er fand ihn in dem Mönchskloster von Lamma Sayadaw Kyoung. In der Zwischenzeit war Bennett bereits Mönch geworden und hieß Bikkhu Ananda Metteya. Während seines kurzen Aufenthaltes arbeitete Crowley an einem neuen Gedicht namens ,Ahab'. In der Zwischenzeit hatte Crowley mit Eckenstein eine lebhafte Korrespondenz über die Planung der K2-Besteigung geführt. Eckenstein hatte von London aus die Expedition organisiert und war auch der Führer der Expedition, Crowley sollte der zweite Führer sein. Außer den beiden nahm Guy Knowles, ein junger Mann aus Cambridge, J. Jacot Guillarmod, ein Schweizer Doktor und Bergsteiger und H. Pfannl und V. Wesseley, zwei erfahrene australische Bergsteiger, teil. Im März des Jahres 1902 traf Crowley in Delhi auf das Team. Der K2, auch Chogo Ri genannt, war zu der Zeit der höchste für Europäer besteigbare Berg. Er erstreckt sich zu einer Höhe von 8611 m und ist von einer Reihe von Satelliten-Bergen umgeben. Das Gebiet um den Chogo Ri herum war schon vorher von Europäern erkundet worden, unser Team jedoch war das erste, das die Besteigung des K2 selbst wagen wollte. Mit 50 Ponywagen und drei Tonnen Ladung machten sie sich von Rawalpindi aus auf den Weg. Am 28ten April tauschten sie die Ponywagen gegen 170 Träger ein und gelangten an den Fuß des Berges. In Askoley, dem letzten Verbindungsglied mit der Zivilisation, hatte Crowley Streit mit Eckenstein, da Crowley auf seine poetischen Werke nicht verzichten wollte und diese trotz etlicher Pfunde an Ausrüstung mitnehmen wollte. Crowley setzte seine Einstellung ,lieber drei Tage nichts zu essen, als einen ohne Poesie' jedoch durch. Am l6ten Juni gelangte das Team zum Einstieg des Chogo Ri. Sie waren derart fasziniert von dem gewaltigen Anblick, daß sie dem gar keinen Ausdruck verleihen konnten. Sie begannen den Aufstieg über mehrere Zwischenstationen. Auf der Höhe von etwa 500 bis 600m begannen die Schwierigkeiten, das Team wurde von schweren Eisstürmen bedrängt, Eckenstein und Knowles erkrankten an einer Grippe. Als das Wetter schließlich aufklarte, wollten sie den Aufstieg fortsetzen, was aber durch einen eisigen Höhenwind vereitelt wurde. Crowley erkrankte an Schneeblindheit. Das Lager wurde verlegt, um einen günstigeren Einstieg zu finden, aber das Wetter verschlechterte sich trotz der vorherigen Anzeichen weiter zusehends. Crowley litt an Malaria, Pfannl spuckte Blut und hatte Visionen. Anfang August gaben sie dann das Unternehmen auf und begannen den Abstieg. Zwar hatten sie den Berg nicht bezwungen, aber sie waren die Menschen, die es bis dahin am längsten in einer solchen Höhe von 6100m ausgehalten hatten. Im Oktober des Jahres 1902 schiffte Crowley sich in Bombay nach Frankreich ein. Er befand sich seit seiner Abreise in ständiger Korrespondenz mit einem jungen englischen Maler namens Gerald Kelly, der Crowley aus Begeisterung über dessen erstes Buch kontaktiert hatte. Da

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dieser in Paris lebte, Crowley wegen Mathers aber genau dahin wollte, lud sich Perdurabo bei Kelly ein. Da Mathers nur an Untergebenen interessiert war, Crowley aber auf eigenen Füßen stehen wollte, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen darüber, aber es ging einerseits wohl darum, daß Mathers statt seines Heiligen Schutzengels nur einen übelwollenden Dämon hervorgebracht hatte und somit ein Schwarzmagier war. Andererseits hatte Mathers eine Kleiderkiste und Geld von Crowley in Verwahrung, bestritt dieses aber. Mathers versuchte Crowley mit Hilfe eines weiblichen Vampirs, Mrs. M., zu vernichten. Crowley beschrieb sie als ,eine Frau mittleren Alters mit seltsamen Gelüsten', die eine Sphinx modellierte, um diese zum Leben zu erwecken. Sie versetzte Perdurabo bei einer Einladung zum Tee in Trance.

„Sofort schien ein seltsames, traumhaftes Gefühl über mich zu kommen, und etwas samtweiches und beruhigendes und überaus wollüstiges bewegte sich über meine Hand. Als ich plötzlich hoch schaute, sah ich, daß Mrs. M. geräuschlos ihren Sessel verlassen hatte, und sich über mich beugte; ihr Haar hing offen als eine Lockenmasse über ihre Schulter, und ihre Fingerspitzen berührten meinen Handrücken. Statt einer unattraktiven Frau mittleren Alters war sie nun ein junges Mädchen von bezaubernder Schönheit.“

Da Perdurabo aber bemerkte, was vorging, versuchte er Mrs. M. durch höfliche Konversation abzulenken und sprach über magische Dinge, von denen er wußte, daß sie darunter leiden würde. Darauf zog sie sich zurück, um nochmals um so schöner zu erscheinen. Sie sprang ihn an, um ihre scharlachroten Lippen auf die seinen zu pressen. „Als sie dieses tat, ergriff ich und hielt sie in Armeslänge, und dann vernichtete ich die Hexe in ihrer eigenen Strömung des Bösen. Ein blaugrünes Licht schien um den Kopf des Vampirs zu spielen, und dann verwandelte sich das flachsfarbene Haar in eine Farbe von schmutzigem Schnee, und die schöne Haut wurde faltig, und ihre Augen wurden stumpf und wurden wie Zinn, gescheckt mit dem Bodensatz von Wein. Das Mädchen von zwanzig war verschwunden, vor mir stand eine alte Hexe von sechzig. Mit geifernden Flüchen hinkte sie aus dem Raum.“

Perdurabo dachte sich, daß hinter Mrs. M. größere Mächte als sie selbst stehen müßten. Herauszufinden welche, wäre für ihn ein langwieriges Unternehmen gewesen. So konsultierte er eine Hellseherin, von der er eine aufschlußreiche Vision erhielt. Er ging in seinem Astralkörper zum Hause von Mathers. Aber in den Körpern von Mathers und seiner Frau waren andere Wesen, vielleicht entseelte Vampire oder Abramelindämonen. Er

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überlegte, was er tun sollte, aber es wurde ihm eingegeben, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Der Kelch war noch nicht voll. Crowley blieb noch eine Weile in Paris und lernte Auguste Rodin, William Somerset Maugham und andere Leute aus dem Künstlermilieu kennen. Bald jedoch wurde es ihm zu langweilig, und er kehrte nach Boleskine zurück.

Der widerwillige Priester - das neue Aeon und das Buch des Gesetzes

Nachdem Crowley in Boleskine mit Kelly, den er dorthin eingeladen hatte, eine kurze Zeit verbracht hatte, reisten die beiden zum Kurort von Kellys Mutter, Strathpeffer. Kelly war gebeten worden, wegen einiger Schwierigkeiten mit seiner Schwester Rose dort hinzukommen. Diese war jung verwitwet und hatte nun zwei geltende Heiratsversprechen auf einmal angenommen. Dieses wäre zur heutigen Zeit sicherlich kein großes Problem, aber damals löste ein solcher Sachverhalt höchstes Entsetzen aus. Crowley dachte sich, daß eine Heirat für ihn eine neue Erfahrung wäre und bot sich Rose kurz entschlossen an:" Heirate mich!" Damit wäre sie ihrem Dilemma entronnen, könne dann frei tun, was sie wolle, denn Crowley sei ohnehin nicht an ihr persönlich interessiert und würde auch sofort verschwinden. So wurden unsere beiden bei Nacht und Nebel im Schnellverfahren von einem Notar vermählt, was von dem aufgebrachten Gerald Kelly nicht rechtzeitig verhindert werden konnte. Crowley reiste auch tatsächlich ab, mußte aber etwas später wegen einer Formalität noch einmal mit Rose vor dem Notar erscheinen. In der Nacht desselben Tages fanden sie sich plötzlich in einem Hotel wieder, und Crowley bemerkte, daß er sich doch in sie verliebt hatte, was er aber wegen seiner Gedanken an das Große Werk zunächst nicht zugelassen hatte. Zusammen kehrten sie nach Boleskine zurück. Nach ein paar höchst leidenschaftlichen Wochen fuhren unsere beiden zunächst einmal nach Paris, wo sie Moina Mathers trafen. Er erfuhr, daß Mathers sie gezwungen hatte, in den Sexshows am Montmatre für die ignoranten Touristen zu posieren. Von Marseille aus schiffte sich das Paar nach Kairo ein. Dort verbrachten sie eine Nacht in der Königskammer der Großen Pyramide, und Crowley beschwor mit Roses Hilfe den ägyptischen Götterboten Thoth. Danach reisten sie weiter nach Ceylon, wo Crowley seiner Vorliebe, der

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Großwildjagd, frönte und seine Hymne in Gedichtform auf Rose ,Rosa Mundi' (Rose der Welt) verfaßte. Rose wurde schwanger. Zwar hatte Crowley in der letzten Zeit ein durchaus annehmbares Leben geführt, in magischer und mystischer Hinsicht jedoch tat sich außerordentlich wenig, worüber er selbst auch reichlich unzufrieden war. Im Januar 1904 wollten die beiden ursprünglich nach Europa zurückkehren. Eine bestimmte Vorahnung jedoch veranlaßte Crowley, davon erst einmal abzusehen und nach Ägypten zurückzukehren. In Kairo nannten sich unsere beiden Prinz und Prinzessin Chioa Khan, und man sah den Prinzen mit einem Turban, einer silbernen Robe und einem goldenen Umhang mit seiner Prinzessin durch die Straßen wandeln. Sie mieteten sich eine Wohnung in der Nähe des Boulak-Museums, ein Raum davon in Richtung Norden wurde sogleich als Tempel eingerichtet. Rose verfiel in einen seltsamen, tranceartigen Gemütszustand, den Crowley erst einmal auf die Schwangerschaft oder auf den Gebrauch von Alkohol zurückführte. Sie teilte ihm mehrmals mit, ,sie' würden auf ihn warten. Am 18ten März erklärte sie:" Der auf dich wartete, ist Horus." Crowley war erstaunt, da Rose eigentlich nichts über Ägyptologie wissen konnte und fragte sie aus. Rose konnte Horus bis ins Detail beschreiben. Sie schleppte Crowley sofort in das Museum und führte ihn an einigen Horusstatuen vorbei direkt zum Ausstellungsstück Nr. 666, die Stele der Offenbarung. Crowley war schließlich doch überzeugt. In seinem Tempel beschwor Perdurabo sodann den ägyptischen Gott Horus. Die Anweisungen hierfür hatte er von Rose erhalten, die er nun Ouarda (arabisch: Rose) nannte.

„Gekröntes Kind und erobernder Herr! Horus, Rächer! Daher sage ich zu dir: Komme du hervor und wohne in mir; so daß jedes Geistwesen, ob vom Firmament oder vom Aether oder auf der Erde oder unter der Erde oder in der wirbelnden Luft oder im tosenden Feuer und jeder Zauberspruch und Geißel von Gott, dem Unermeßlichen DU sein mögest. Abrahadabra!“

Ouarda teilte ihm nach der Anrufung mit, der Equinox der Götter sei gekommen. Das bedeutete, daß ein neues Zeitalter begonnen hatte, und Perdurabo ausersehen war, es zu initiieren. Eine Wesenheit erschien Ouarda, die Perdurabo über sie anwies, Horus direkt zu beschwören und dann niederzuschreiben, was er hörte. Diese Wesenheit nannte sich Aiwass und war einer der geheimen Chefs vom Grade eines lpsissimus. Perdurabo tat, wie ihm geheißen und saß am 8ten April 1904 bereit in seinem Tempel. Plötzlich hörte er eine Stimme wie er meinte, über seine linke Schulter aus der am ,weitesten entfernten Ecke des Tempels sprechen. Diese Stimme selbst beschrieb er als tiefgründig, musikalisch und ausdrucksstark, der

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Tonfall feierlich, sinnlich, zärtlich und kraftvoll je nach Stimmungslage und Aussage. Aiwass diktierte ihm an diesem Tag den ersten Teil des Liber Al vel Legis oder Buches des Gesetzes, die Offenbarung der Nuit. Am nächsten und auch am übernächsten Tag folgten die Teile zwei und drei Hadit und Ra-Hoor-Khuit.

Dieses Buch wird heute vielfach als das ,Tantra des, Westens' oder ,I Ging des Wassermannzeitalters’ bezeichnet. Der Inhalt ist magisch, kabbalistisch und prophetisch. Crowley bezeichnete es als seine Aufgabe, die Menschheit zum solarem Bewußtsein zu führen, d.h., zur vollständigen Befreiung der menschlichen Rasse:

„Das Männliche und das Weibliche ewig jung, schamlos und unschuldig. Sie tanzen im Licht und dennoch leben sie auf der Erde.“ Allein durch das Lesen werden archetypische Seelenschichten angesprochen und erste Initiationsvorgänge in Kraft gesetzt. Dennoch schützt sich wahre Initiation immer selbst, so wird es dem ‘Ungeeigneten' verschlossen bleiben, er wird es auf ganz trivialer Ebene falsch verstehen. Im Liber Al vel Legis ist ein umfassendes System von Aussagen, Gegenaussagen, Widersprüchen, Symbolen und Poesie enthalten, um Dinge über intuitives Erfassen zu übermitteln, die in normaler Sprache nicht mitteilbar sind. Das Wort des Gesetzes ist Thelema, das griechische Wort für Wille. Es drückt sich in der trügerisch einfachen Formel ,Tue, was du willst!' und ihrem Komplement ,Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!' aus. Ersteres ist die Anweisung an den Menschen, seinen wahren Willen zu suchen, den Punkt, indem sein Handeln deckungsgleich ist mit seinem Selbst, oder - wie Crowley es in Anlehnung an Abramelin nennt - der Kontakt und die Konversation mit dem Heiligen Schutzengel. Jede Handlung ist sodann die bewußte Handlung eines ganzheitlichen Menschen. Es ist eine dynamische Formel, die die unendliche Bewegung des Bewußtseins symbolisiert. Das Prinzip der Liebe ist der zweite Teil dieser magischen Formel, deren erster Teil der Wille ist. Liebe unter der Kontrolle des Willens oder bewußte Liebe ist hier gemeint. Liebe ist die älteste Urkraft der Welt, die Vereinigung der Gegensätze von Mann und Frau. Der Hexenkessel ist der menschliche Körper selbst, nicht mehr ein Gegenstand im Laboratorium, wie es früher bei Alchimisten der Fall war. Der ,Stein der Weisen' entsteht keineswegs aus dem Zusammenmischen materieller Substanzen. Liebe unter Willen verlangt die Vereinigung der Dualitäten. Einerseits die Aufhebung des Widerspruchs von Körper und Geist, andererseits die Aufhebung des Widerspruchs von Mann und Frau. Diese Form der Erleuchtung setzt im Menschen eine Kraft frei, der nichts auf dieser und nichts jenseits dieser Welt einen Widerstand entgegensetzen kann. Aber um diese Kraft zu lenken, braucht er einen Willen, sonst zerstört sich der Mensch selbst.

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Ist dieses verwirklicht, ist der Mensch der enthüllte Gott, Deus est Homo. Das Getrenntsein ist überwunden, alles ist ein Teil von ihm, und er ist ein Teil von allem. Wie es die ägyptischen Mysterien ausdrücken:

"Es ist kein Teil an mir, der nicht von den Göttern ist." oder ,,Der Mensch ist Gott." Das Liber AI vel Legis verkündet ein neues Äon oder Zeitalter. Dieses ist ein Prozeß, innerhalb dessen das universale Bewußtsein die bisherige Stufe seiner Ausprägung, welche durch die letzten 2000 Jahre bestimmt ist, zerstört, um eine neue schaffen zu können. Dem alten, abendländischen Dogma des ,Sterbenden Gottes Jesus Christus' setzt das Liber Al die Formel des ,Verborgenen Gottes' des Menschen - entgegen. Der Weg, den dieses Buch lehrt, umfaßt die Ablehnung aller überkommenen Gesetze und Moralvorstellungen des alten Äons. Dies mißfällt natürlich der Gesellschaft, die alle übertretenen Gesetze verfolgt, deshalb wurde Crowley auch folgerichtig als ,der verderbteste Mensch dieses Jahrhunderts' bezeichnet (Nach M.D. Eschner, Liber Al vel Legis und Kommentare im gleichen Verlag). 1904 aber war Crowley die Bedeutung des Liber Al vel Legis und die darin enthaltenen Aufgaben, die seine Person als Prophet des neuen Äons anbetrafen, noch überhaupt nicht bewußt. Er schrieb nur:

„Das erste wichtige Ergebnis der neuen Offenbarung war die Mitteilung von den geheimen Chefs, daß das neue Äon das Aufbrechen der zu dieser Zeit existierenden Zivilisation bedeutete. Das Wesen von Horus, ,Gewalt und Feuer', bedeutete, daß sein Aeon vom Kollaps der falschen Menschenfreundlichkeit gezeichnet sein sollte.“ Crowley nahm nach der Offenbarung von Aiwass den Grad des Adeptus Major 6°= 5 mit dem Motto O.S. V. (Ol Sonuf Vaoresagi, ich werde herrschen) an. Er ließ sich noch in Kairo die Inschrift der Stele übersetzen und ein Faksimile davon anfertigen. Darauf kehrten Prinz und Prinzessin Chioa Khan nach Europa zurück. Crowley schrieb noch einen formalen Brief an Mathers, in dem er ihm mitteilte, daß er von den geheimen Chefs zum Oberhaupt des Ordens ernannt sei, und verkündete Mathers das Wort des Gesetzes ,Thelema'. Das griechische Wort Thelema bedeutet Wille und symbolisiert somit die Formel ,Tue, was du willst!'. Zwar erwartete Crowley keine Antwort, aber er erklärte dennoch Mathers offen den Krieg. Das Manuskript des Liber Al vel Legis verschwand zunächst für ein paar Jahre unbeachtet in der Versenkung.

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Bergsteiger, Poet und Magier

Außer dem Magier gibt es auch noch den Bergsteiger Aleister Crowley, der es auch auf diesem Gebiete zu einer gewissen Meisterschaft brachte. Die Leidenschaft der alpinen Kletterei ließ ihn während seines ganzen Lebens niemals los.

Bereits 1894, 19jährig, kletterte Crowley auf den Kliffs bei Beachy Head. Zwischen 1894 und 1898 war er jedes Jahr in den Alpen zu finden. 1895 war von diesen Jahren sein aktivstes, was ihm T. S. Blakeney im Alpin-Journal

1952 attestierte. Er bestieg den Eiger, das Eiger-Joch, das Jungfrau-Joch, den

Mönch, die Jungfrau vom Rottal-Sattel aus, die Wetterlücke, das Mönchs- Joch und etliche andere. Blakeney bezeichnete ihn als vielversprechenden Kletterer, wenngleich etwas waghalsig.

Eckenstein, H. V. Read, Maylard, Norman Collie und Larden bestätigten ihn als Kapazität auf dem Gebiete des Bergsteigens, besonders im Fels. Nur Larden hielt ihn nach Crowleys eigenen Aussagen für leichtsinnig.

1899 traf ihn Tom Georg Longstaff, Präsident des Alpin-Clubs von 1947-

war ein guter Kletterer, obschon ein

unkonventioneller. Ich sah ihn die gefährliche und schwierige rechte (wahre)

Seite des großen Eishangs des Mer de Glace unterhalb des Geant alleine

besteigen, als einen Spaziergang. Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß diese verrückte, gefährliche Route genommen wurde." Crowleys nächste größere Tour war die Besteigung des Chogo Ri oder K2 mit Eckenstein, Knowles, Pfannl und Wesseley im Jahre 1902. Erst im Jahre

1905 schrieb er über diese Besteigung in der ,Pioneer Mail' zwei Artikel

darüber, in denen er auch den Alpin-Club attackierte. Einige der Leser reagierten mit Empörung. Crowleys größtes Unternehmen jedoch war die Expedition zum Kanchenjunga im Jahre 1905 mit Dr. Guillarmod, Reymond, Pache und de Righi. Nach dem bekannten englischen Bergsteiger Frank Smythe gibt es keinen Berg in der Welt, der den Kletterer größeren Gefahren aussetzt.

1949 in den Schweizer Bergen: „

Er

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Nach den Kairoer Erlebnissen jedoch kehrten Crowley und seine Gattin erst einmal nach Boleskine zur Niederkunft des Kindes zurück. Rose brachte eine Tochter zur Welt, und Crowley war innerhalb kurzer Zeit hocherfreut, was er vorher nicht von sich behaupten konnte. Er nannte seine Tochter Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith. Crowley führte für eine Zeit das geruhsame Leben eines Edelmannes und hatte viel Besuch auf Boleskine. Eckenstein besuchte ihn, und im Frühjahr 1905 tauchte D. Jacot Guillarmod mit einem Buch über die Expedition zum K2 auf. Er hatte vor, wieder im Himalaja zu klettern, diesmal aber ging es um den Kanchenjunga. Crowley war sofort begeistert und bestand sogleich darauf, auch der Führer der Expedition zu sein. Darauf zog sich Eckenstein zurück, er hielt dieses Risiko für zu groß. Guillarmod fuhr in die Schweiz zurück, um zwei weitere, finanzkräftige Bergsteiger zu suchen. Am 6ten Mai verließ Crowley Boleskine und fuhr mit einem Zwischenaufenthalt in Kairo über Kalkutta nach Darjeeling, von wo aus er den Kanchenjunga bereits sehen konnte. Dieser liegt direkt an der Grenze zwischen Nepal und Sikkim. Ende Juli kam auch Guillarmod mit zwei Offizieren der Schweizer Armee, Alexis Pache und Charles Reymond, an. Beide hatten langjährige Klettererfahrung. In Crowleys Hotel bot sich noch ein junger Mann an, Alcesti C. Rigo de Righi, der zwar noch keinerlei Erfahrung im Klettern besaß, dafür Hindustani und Tibetisch sprechen konnte. Am 8ten August machten sich unsere fünf im strömenden Regen mit sieben Tonnen Ausrüstung, 230 Trägern und drei persönlichen Dienern aus Kashmir auf den Weg. Wieder war es der Versuch einer Erstbesteigung, erst 1955 wagte sich eine weitere Truppe an den Kanchenjunga heran. Die Besteigung ist deshalb so problematisch, weil der Berg ziemlich isoliert steht und dadurch ständig riesige Schnee- und Eislawinen zu Tal brechen. Nach einem zweiwöchigen Anmarsch gelangte das Team zum geplanten Einstieg im Südwesten des Berges. Nachdem der Aufstieg bis zu einer Höhe fortgediehen war, die ungefähr dem Gipfel des Montblanc entspricht, weigerten sich die Träger, weiter zu gehen. Sie fürchteten den Gott der fünf großen Gipfel, was auch die wörtliche Übersetzung von Kanchenjunga ist. So stiegen die Träger wieder ab. Crowley blieb dennoch optimistisch, im Gegensatz zu Guillarmod, der beim Anblick des Gletschers, der diabolische Gletscherspalten und Moränen zeigte, den Mut fast gänzlich verlor. Zwischen ihm und Crowley brach Streit aus, Guillarmod begann, sich eigene Camps zu suchen. Auch kritisierte er Crowley wegen der angeblich brutalen Behandlung der Träger, die Guillarmods Meinung nach der Hauptgrund für den späteren Zusammenbruch der Expedition war. Beim nächsten Abschnitt begann die Route durch das Eis zu verlaufen, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Die Träger aber waren barfuß und hatten keine Schuhe erhalten. Guillarmod verfluchte Crowley als sorgloses und skrupelloses Subjekt. Die Schwierigkeiten nahmen beständig zu, die Lawinengefahr wurde größer. Ein

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Träger stürzte ab, Krankheit und Schneeblindheit gingen um. Auch Crowleys Stimmung wurde schlechter, eine allgemeine Meuterei fing an sich auszubreiten, Guillarmod und de Righi begehrten auf und wollten mehr Ruhe. Als eine Lawine auf dem Marsch niederging, brach allgemeine Panik aus, die Träger fürchteten den Dämon des Berges. Die ersten Träger flohen. Die Organisation begann auseinanderzubrechen, Guillarmod ernannte sich selbst zum Führer, war aber so hysterisch, daß er kaum eine Frage beantworten konnte. Guillarmod, de Righi und Pache stiegen mit ihren Trägern trotz Crowleys Warnungen zum unteren Lager ab. Unterwegs rutschten zwei der Träger auf dem Eis ab, rissen Pache und den Träger am Schluß mit. Guillarmod und de Righi konnten sich nicht halten, stürzten selbst hinterher. Durch den Fall hatte sich eine Lawine gelöst, die über die sechs Männer niederging. Als Guillarmod und de Righi wieder zu Bewußtsein kamen, riefen sie erst einmal um Hilfe. Die anderen waren unter Schneemassen begraben und konnten nicht freigeschaufelt werden - Pache und die drei Träger waren tot. Crowley hatte den Unfall vorausgesehen, und beschloß am nächsten Morgen, es war der 2. September, das Unternehmen abzubrechen und abzusteigen. Beim Abstieg durch den Schnee begann Crowley Stimmen zu hören:

„Ich hätte schwören können, daß ich Stimmen hörte. Wieder rief ich und wieder fiel totes Schweigen. Ich dachte schon, ich sei die Beute einer Halluzination geworden.“

Dieses Erlebnis hatte ihn so stark beeinflußt, daß er noch vierzig Jahre später über die ,Kanchenjungaphobie' schrieb. Die anderen Männer hörten nichts mehr von ihm, bis sie wieder in Darjeeling ankamen. Sie warfen ihm unterlassene Hilfeleistung vor, ein Streit über verschiedene Zeitungsartikel hinweg begann. Reymond war von Crowleys Lager aus abgestiegen, um nachzusehen, und hatte mit Crowley vereinbart, daß er ihn rufen würde, falls etwas besonderes geschehen sei. Reymond hatte aber weder gerufen, noch war er zurückgekehrt, so hatte sich Crowley schlafen gelegt. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Crowleys Leben ist seine poetische Tätigkeit. Seine Erstveröffentlichung war ,Aceldama' 1898, ein Gedichtband unter dem Pseudonym ,Ein Gentleman von der Universität von Cambridge', das auch hier schon erwähnt wurde. Andere lyrische Werke folgten in schneller Aufeinanderfolge. Ein gutes Beispiel hierfür ist ,White Stains', Weiße Flecken, eine Sammlung pornographischer Verse, die zum Teil an Baudelaire erinnern. In Gedichten wie ,Necrophilia' oder ,Mit Dame und Hund' beschreibt er das, was in der Gesellschaft allgemein als sexuelle Perversion bezeichnet wird, für Crowley aber Akte der Sexualmagie waren. Auch die Erfahrungen seiner Affären arbeitete er oft poetisch auf. Als Beispiele seien hier das schon vorher

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erwähnte ,Alice: Ein Ehebruch' oder der seiner Frau Rose gewidmete Gedichtszyklus ,Rosa Mundi', Rose der Welt, genannt. Charles Richard nannte ,Rosa Mundi' eines der großen Liebesgedichte der Sprache und bat alle Kenner der Poesie, keine dummen Vorurteile gegen den Autor zu hegen. Zwischen 1889 und 1907 veröffentlichte Crowley insgesamt 17 Werke im Privatdruck, die aber in der Öffentlichkeit wenig Beachtung fanden. Zwischen 1905 und 1907 wurden ,Gesammelte Werke' in drei Bänden veröffentlicht, die alles bis dahin geschriebene enthielten. Sie

wurden von Ivor Black verlegt, einem Freund Crowleys aus der Collegezeit.

1909 wurden besser gebundene Werke verlegt, ,Amphora', ,Die Tragödie

der Welt', ,Der geflügelte Käfer', ,Ambergris' und andere. Vom selben Jahr an bis 1913 wurden die ersten zehn Bände des ,Equinox Vol. 1' veröffentlicht.

Der Equinox erschien zweimal pro Jahr und war der erste ernsthafte Versuch, die Erkenntnisse der okkulten Wissenschaft der Öffentlichkeit zu vermitteln. Durch die zehn Bände zieht sich ein Bericht über Crowleys magische Tätigkeit, in dem auch die geheimen Rituale des Golden Dawn enthalten sind. Im Sommer 1913 reiste er mit Leila Waddell nach Moskau, wo er eine leidenschaftliche Affäre mit einer jungen ungarischen Frau mit masochistischer Veranlagung hatte. Diese neue Erfahrung inspirierte ihn zu seiner ,Gnostischen Messe' und zu seinem bekanntesten Gedicht ,Hymne an Pan'. In diesem Jahr wird auch sein ,Buch der Lügen', ,The Book of Lies', veröffentlicht. 1918 beendete er sein ,Liber Al aber erst 1961 veröffentlicht wurde, und er schrieb im selben Jahr seine Version des ,Tao Te King'. In Amerika wurde die erste Ausgabe des ,Blue Equinox' herausgegeben, der erste neue Equinox nach der ersten Serie. Er beginnt mit der vorher erwähnten Hymne an Pan:

„Erhebe dich in gleißender Lust des Lichts!

O Mensch! Mein Mensch!

Stürme heran aus dem Dunkel der Nacht von Pan! Io Pan! Io Pan! Io Pan! Ziehe über die See von Sizilien und von Arkadien! Komm als Bacchus, mit faunischem Gelächter

und Nymphen und Satyrn als deine Wächter. Auf einem milchig weißen Esel über die See komm herbei

zu mir - zu mir! Komm mit Apollo im

Brautgeschmeid (als Priesterin oder im Hirtenkleid) komm auf seidenen Schuhen der Artemis,

und wasch deinen Schenkel, du schöner Gott und dies

im

Monde der Wälder, auf marmornem Fels,

die

dämmrige Höhlung des bernsteinfarbenen Quells!

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Wilden Gebetes Purpur tauche ein in die scharlachrote Schlange, den Scharlachschrein, der Seele unschuldiges Auge erschrickt, wenn es deine quellende Wonne erblickt, durchsickernd den Busch, den lebenden Baum und Leib und Gehirn - komm über die See, (Io Pan! Io Pan!) Teufel oder Gott, zu mir, zu mir, mein Mensch! Mein Mensch! Komm mit schrillem Trompetenklang über den Bergeshang! Komm mit dumpfem Trommelschall von dem Wasserfall! Komm mit Flötenblasen und Gepfeif! Bin ich nicht reif? Ich, der wartend und werkend sich windet vergebens Leere nur umarmt, die schwindet vor meinem Körper, der sehnenden Brunst, meines Leibes Stärke wie ein Löwe und Schlangenkunst - komm, O komm! Mach mich frei von der einsamen Lust der Teufelei. Bohre das Schwert durch das, was mich bezwingt, du, der alles erschafft und verschlingt; das Zeichen des offenen Auges gib du mir, des dornigen Schenkels steilen Rapier, Wahnsinns und Mysteriums geheimes Panier, Pan! Io Pan! Io Pan! Io Pan Pan! Pan Pan! Pan, ich bin ein Mann:

tu was du willst, wie ein großer Gott nur kann Pan! Io Pan! Io Pan! Io Pan Pan! Wie lange bin ich erwacht im Griff der Schlange. Der Adler hackt, seine Krallen fassen; die Götter verblassen deine großen Tiere kommen! Io Pan! Auf seinem Horn trägt mich zum Tode das Einhorn. Ich bin Pan! Io Pan! Io Pan Pan! Pan! Ich bin dein Weib, ich bin dein Mann, dein Bock, dem man Gold und Göttlichkeit gab, Fleisch zu deinem Knochen, Blüte zu deinem

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Stab. Es klirrt mein Huf von Sonnenwende bis Equinox auf der Härte des rasend Felsenblocks und ich reiße und ich rase und hüte durch die Weiten ewig und immer, bis ans Ende der Zeiten, Männlein, Mägdlein, Mänade, Mann, in der Macht von Pan! Io Pan! Io Pan Pan! Pan! Io Pan!"

Crowley beschäftigte sich hauptsächlich periodenweise mit Poesie. Meist während oder nach leidenschaftlichen Beziehungen zu Frauen arbeitete er oft ohne zu schlafen wie ein Berserker an seinen Werken. Mit der Veröffentlichung und dem Verkauf hatte er stets Probleme, da er nur wenig Beachtung fand und auch wegen der Vorurteile gegenüber seiner Person oft nicht als Dichter anerkannt wurde. Crowleys eigene Meinung über seine schriftstellerische Fähigkeit lautete jedoch etwas anders:

„Es gibt zwei große englische Dichter - außer mir darf man schließlich Shakespeare nicht vergessen.“

Nun zurück zu den Ereignissen. Crowley war von Darjeeling aus nach Kalkutta gereist, wo er ein interessantes Erlebnis mit Pratyahara, einer Yoga, bei der man für andere unsichtbar werden kann, hatte. Drei Männer überfielen Perdurabo des Nachts im Culinga-Bazar, er mußte sich zur Wehr setzen und erschoß dabei zwei von ihnen. Sofort suchten ganze Massen ,mit Schreien des Hasses nach dem Schützen. Perdurabo berichtet:

„Ich erlebte es bei einer Gelegenheit, daß eine sehr große aufgeregte Menschenmenge mit nicht gerade freundlicher Absicht nach mir suchte; aber ich hatte ein Gefühl von Leichtsinn, von Geisterhaftigkeit, als wäre ich ein Schatten, der sich geräuschlos in der Straße bewegte; und tatsächlich war keinem der Leute, die mich suchten, auch nur im geringsten anzumerken, daß sie meine Gegenwart wahrnahmen.“

Am nächsten Morgen kamen Rose und Lilith per Schiff an, und da das Pflaster etwas zu heiß war, reisten sie auch sogleich weiter nach China. Sie begaben sich über Burma in die Provinz Yunnan. Bald jedoch wurde für Crowley die Situation problematisch:

„Ich fand mich mitten in China mit Frau und Kind wieder. Ich war nicht länger von der Liebe zu ihnen beeinflußt, nicht länger daran interessiert, sie zu beschützen, wie es vorher der Fall war.“

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Perdurabo war indessen beschäftigt mit Trancen, in denen er mit den Alten der Antike, darunter Pythagoras und Plotinus, Konversation trieb, um so das Große Werk vollenden zu können. Er begann, an seiner eigenen Existenz zu zweifeln:

„In der Tat bin ich gesandt, irgend etwas zu tun. Für wen? Für das Universum? Was soll ich den Menschen lehren? Und wie ein Blitz vom Himmel fielen mir diese Worte zu: 'Die Kenntnis und Konversation mit dem Heiligen Schutzengel’.''

So beschloß er unter dem Einfluß etlicher Opiumpfeifen, alles aufzugeben und nur noch Aiwass nachzufolgen. Nachdem sie ungefähr 300 km weit auf ihrem Marsch gekommen waren, erhielt Perdurabo eine Mitteilung von den geheimen Chefs: Sein Diener hatte geträumt, wie Perdurabo von zwei Frauen in einem Boot ein edelsteinbesetztes Schwert erhalten hatte. Perdurabo hatte Zweifel an Echtheit und Aussage des Traumes. Dennoch zog er sich zurück und begann, Augoeides zu beschwören, was für Perdurabo die Beendigung der Abramelin-Operation und den Gang durch den Abyss bedeuten sollte. Augoeides ist ähnlich wie Adonai eine Bezeichnung für den Heiligen Schutzengel. Crowley wiederholte die schwierige magische Operation täglich, obschon er jeweils zehn Stunden am Tag weiter marschierte. Seinen Grad als ,Kind des Abyss' fürchtete er zu verlieren, da die Visionen nicht im mindesten den gewünschten Erfolg zeigten. Aber er beschloß, ,dabeizubleiben', kämpfte mit seinem Bewußtsein und verlor dabei zur Gänze seinen Intellekt. Er setzte sich mit den Resten seiner Neigungen und seinem moralischen Ego auseinander. Nach vier Monaten verließ Perdurabo China wieder, setzte jedoch die Operation, die insgesamt über 25 Wochen hinweg andauerte, beständig fort. Er war zwar durch den Abyss gegangen, weigerte sich jedoch für drei Jahre, den Grad des Meisters des Tempels anzunehmen. Er erlebte die höchstmögliche Trance, Shivadarshana selbst, die aus drei Teilen besteht. Der erste Teil ist die Vision des universellen Pfaus, dann die des Universums als einzelnes und einfaches Wesen, ohne Quantität, Qualität oder Bedingungen. Darin ist das ,Ich' immanent, dennoch hat das ,Ich' es geschaffen und ist gleichzeitig völlig getrennt davon. Diese Dreiheit wird schließlich durch eine unpersonifizierte Einheit transzendiert. Dies alles wird zerstört, indem Shiva sein drittes Auge öffnet. Tagelang war Perdurabo trunken in Samadhi, stieg in die Hölle hinab, wo er Todesqualen erlitt, um wiederum in den Himmel aufzusteigen. Doch nun zurück zu den Ereignissen in China. In Nord-Vietnam verabschiedete er sich von Rose und dem Kind und reiste nach Shanghai, um Soror Fidelis, Elaine Simpson, zu treffen. Er hatte mit ihr die ganze Zeit über in astraler Kommunikation gestanden. Mit ihr als Seherin führte er mehrere Invokationen (Anrufungen) aus. Perdurabo war immer noch in seiner buddhistischen Phase, ,alles Dasein ist Leid', und stand dem Liber Al nach wie vor skeptisch gegenüber. Nicht so Fidelis, und so beschworen sie

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Aiwass. Dieser teilte Perdurabo mit, er sollte Fidelis zurücklassen und sofort nach Ägypten reisen:

„Dennoch wünsche ich, dich physisch zu lieben, um den Kreis deiner Vereinigung zu vervollständigen.“

Crowley verließ auch sogleich Fidelis und begab sich über New York erst einmal nach Liverpool. Dort erfuhr er vom Tode seiner Tochter Lilith. Crowley machte Rose dafür verantwortlich:

„Sie hatte es verabsäumt, den Nuckel der Flasche zu säubern, und setzte das Kind damit Typhuserregern aus.“

Um den Verkauf seiner gesammelten Werke anzuregen, hatte Crowley zu der Zeit, als die erste Ausgabe erscheinen sollte, einen Preis von 100 Pfund für das beste kritische Essay über seine Werke ausgesetzt. Nach zwei Jahren endlich schrieb ein Captain John Frederick Charles Fuller der First Oxfordshire Light Infantry sein Essay ,Ein Stern im Westen', ,A Star in the West'. In diesem Essay schwärmte er:

„Es brauchte 100000 Jahre, um Aleister Crowley hervorzubringen. Die Welt hat wahrlich gelitten und hat schließlich einen Menschen geboren." Obwohl Fuller das Liber Al nicht bekannt war, verkündete er das Zeitalter der ,Crowleyanity':

,,Crowleyanity hat uns durch mehr Wunder geführt als Dante jemals als Augenzeuge gesehen hatte." Nach ein paar Jahren zerstritten sich die beiden jedoch, Fuller schrieb dann als Generalmajor Bücher über Militärgeschichte und wandte seine Bewunderung Hitler zu.

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Durch die Macht der Wahrheit habe ich

während des Lebens das Universum erobert

In den Jahren 1907 bis 1909 fanden für Perdurabo wichtige Ereignisse statt.

1907 stellte er sein kabbalistisches Werk ,777' zusammen, das er früher

schon in Zusammenarbeit mit Mathers und Allen Bennett begonnen hatte. Das Liber 777 ist eine ausgedehnte tabellarische Anordnung von Korrespondenzen aller magischen Systeme. Es enthält Zuordnungen der verschiedenen mystischen Systeme, Planeten, kabbalistische Welten, Gottes- und Engelsnamen, Tarot und vieles andere. Für den magischen Gebrauch können darin beispielsweise für eine bestimmte Planetarsphäre die entsprechenden Götter, Engel, Herrscher, Dämonen, Farben, Formen, Mineralien, Düfte und Zahlenwerte nachgeschlagen werden, so daß man sich ganz mit allen Sinnen und den entsprechenden Informationen auf die Arbeit einstellen kann. Weiters ist im Liber 777 auch das ,Sepher Sephiroth' zu finden, in dem viele Korrespondenzen zu den Zahlenwerten von 1 bis über 1 000 aufgeführt sind. Obwohl Liber 777 nicht einmal einen sehr großen Umfang hat, ist es auch heute noch das umfangreichste und am besten verständliche Werk dieser

Art. 777 wird 1909 zum erstenmal veröffentlicht, Crowley erweiterte es jedoch später auf Cefalu noch mit einem ausführlichen Kommentar. Im selben Jahr wird Crowleys zweite Tochter Lola Zaza geboren. Seit Perdurabo mit Mathers gebrochen hatte, war es sein Bestreben, einen eigenen Orden zu gründen. Mathers Golden Dawn bestand aus drei Teilen,

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dem äußeren Orden, der die Grade des Neophyten bis Philosophus umfaßte. Der zweite Teil, der Orden der Roten Rose und des Goldenen Kreuzes, umfaßte die oberen Grade bis zum Adeptus Exemptus 7° = 4 . Der dritte

Orden des Silbernen Sterns, Argentum Astrum oder

enthielt die

Grade des Magister Templi 8°=3, Magus 9° = 2 und Ipsissimus 10° = 1 die

jedoch so erhöht waren, daß sie bis dato nur von den geheimen Chefs

erreicht wurden. Bei der Augoeides-Arbeit hatten die Götter Perdurabo angeboten, den Magister Templi-Grad anzunehmen. Er akzeptierte diesen Grad jedoch formal bis 1909 nicht, war jedoch ab 1906 zu einem der

geheimen Chefs geworden. Damit gründete er auch den

mystischen Orden. Und diesen Orden verkündete Perdurabo der Welt in der ersten Nummer des Equinox im Jahre 1909. Durch die Equinoxe verläuft neben vielen lyrischen, prosaischen und philosophischen Abhandlungen und Berichten über verschiedene magische Operationen auch ein Bericht über Crowleys magische Biographie, der von Captain Fuller geschrieben ist. Wegen den hierin enthaltenen geheimen Ritualen des Golden Dawn erhob Mathers auch sogleich Klage gegen Crowley, um die Veröffentlichung zu verhindern. Diese wurde jedoch niedergeschlagen. Dies war auch die letzte Auseinandersetzung mit Mathers, der im Jahre 1918 an einer schweren Grippe starb. Einige Leute munkelten sogar, Crowley hätte ihn getötet.

wurden unter anderem die Lehren und Rituale des Golden

Dawn verwendet, die Weihung magischer Waffen und Talismane und die Pentagramm- und Hexagrammrituale zum Anrufen und Bannen bestimmter Kräfte der Elementar- und Planetarebenen wurden direkt übernommen.

88 Mitgliedern gewonnen. Das Jahr 1909

brachte auch die Wiederentdeckung des Liber Al vel Legis mit sich. Als Crowley auf dem Boden seines Gutes Boleskine nach ein paar Skiern suchte, fand er ein flaches, in braunes Papier gewickeltes Päckchen, das sich als das verloren geglaubte Manuskript des Liber AI herausstellte. Dieses Ereignis bedeutete für Crowley auch die Wiederaufnahme des Kontaktes zu Aiwass, mit dem er seitdem in ständiger Verbindung blieb. In diesem Jahr wurde er auch von Rose geschieden. Der Bruch zwischen den beiden hatte schon 1907 begonnen, als Rose anfing zu trinken und zur Alkoholikerin wurde. Eine finanzielle Übereinkunft betreffs Lola Zaza wurde getroffen, und Crowley war froh, die Sache hinter sich zu haben. Rose trank weiter und wurde schließlich 1911 in ein Asyl für Alkoholkranke eingeliefert. Schließlich brachte das Jahr 1909 für Crowley die nochmalige Überquerung des Abyss mit sich, nach welcher er den Grad des Magister Templi 8°=3 mit dem Motto V.V.V.V.V. (Vi Ven Vniversum Vivus Vici,

durch die Macht der Wahrheit habe ich während des Lebens das Universum erobert) annahm.

als

Im

Bereits 1913 hatte der

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Die magische Operation war die Anrufung der 30 Aethyre, die Crowley in seinem Werk ,Die Vision und die Stimme, Liber 418', niederlegte. Die Engel dieser Aethyre oder Schleier werden mit Hilfe der 19 henochischen Schlüssel beschworen, ein magisches System in der sogenannten henochischen oder Engelssprache, das Dr. John Dee und Sir Edward Kelly im 16ten Jahrhundert von einem Engel übermittelt bekommen hatten. Crowley hatte diese henochischen Schlüssel bereits im Golden Dawn studiert und später die Originalmanuskripte im britischen Museum eingesehen. Als Crowley 1900 in Mexiko war, hatte er bereits die ersten beiden Aethyre beschworen, sein Grad erlaubte ihm damals jedoch nicht, fortzufahren. Jetzt, 1909, beschwor Perdurabo die 28 anderen zusammen mit einem seiner Schüler, Victor Neuburg, Frater Omnia Vincam (ich werde alles besiegen). Die Operation selbst fand in der nordafrikanischen Wüste statt und war mit einem Marsch von Algiers über Aumale, Sidi Aissa bis nach Am el Hajel verbunden. Dabei beschworen die beiden jeden Tag einen der Aethyre. Perdurabo hielt, nachdem er den jeweiligen Ruf rezitiert hatte, einen Schaustein in der Hand, den er ähnlich wie eine Kristallkugel zum astralen Sehen benutzte. War er sich sicher, daß die beschworenen Kräfte anwesend waren, benutzte er den Schaustein als astrale Tür und begab sich auf die Astralebene der jeweiligen Aethyre. Diese 30 Aethyre bilden eine fortlaufende Serie. Die ersten 20 brachten für Perdurabo die Initiationen, die er brauchte, um durch den Abyss zu gehen. Weiter zeigten sie das Zerbrechen der Struktur des alten Äons, das Kommen des neuen Äons wurde angezeigt, Prophezeiungen über Crowleys Amt als Logos des Äons waren enthalten, was er jedoch erst bei einer späteren genaueren Analyse der Aethyre bemerkte. Auch gab sich Aiwass im 8ten Aethyr als sein Heiliger Schutzengel zu erkennen. Der 10te Aethyr ZAX, der von dem schrecklichen Teufel Choronzon bewacht wird, stellt den Abyss selbst dar. Beim Überqueren des Abyss gab der Seher sein ,Selbst' oder Ego auf, transzendierte die Dualität von Ego und Nichtego und erhob sich somit über das Stadium des Menschseins. Choronzon zu beschwören, ist eine der gefährlichsten Operationen schlechthin, da die Gefahr der Besessenheit sehr groß ist. Da Perdurabo in den anderen Aethyren bereits vorgewarnt worden war, hatten er und Omnia Vincam vor der Beschwörung viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Choronzon selbst ist keine selbständige astrale Wesenheit, sondern eher die Personifikation von zersetzender und zerstreuender Energie, die sich durch die Schwingungen der Anrufung kurzzeitig manifestieren kann. Er hat auch keine feste Form, sondern wechselt diese je nach Zweck oder Laune. Er verwandelte sich in mehrere Gestalten, auch in den Seher selbst, und versuchte dem Dreieck, in welches er beschworen worden war, zu entkommen. Einmal gelang ihm dieses auch, er sprang Omnia Vincam an, um ihn zu zerreißen. Choronzon wurde gerade noch rechtzeitig zurück in das Dreieck gezwungen. Choronzon sagte darauf zu Perdurabo:

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,,Weißt du nicht, wie nahe du der Zerstörung bist? Denn du, der du der Schreiber bist, hast nicht das Verständnis, das alleine gegen Choronzon hilft. Und wärest du nicht geschützt durch die Heiligen Namen von Gott und durch den Kreis, würde ich mich auf dich stürzen und dich zerreißen. Denn als ich mich selbst zu einer schönen Frau machte, wenn du da zu mir gekommen wärst, hätte ich deinen Körper mit den Pocken und deine Leber mit Krebs zersetzt. Und hätte ich dich bei deinem Stolz verführt, und hättest du mich gebeten in den Kreis zu kommen, hätte ich dich unter meinen Füßen zertreten, und für 1000 Jahre wärest du nur einer der Bandwürmer in mir gewesen. Und hätte ich dich bei deinem Mitleid verführt, und hättest du auch nur einen Tropfen von Wasser außerhalb des Kreises geschüttet, dann hätte ich dich mit einer Flamme zerstört. Aber ich war nicht in der Lage, gegen dich zu bestehen."

Perdurabos Gang durch den Abyss endete so erfolgreich, und er wurde im

nächsten Aethyr in die Weiße Bruderschaft des

nächsten Aethyren erhielt er die weiteren Initiationen zum Grade des Magister Templi und eine Vorausschau zum Grade des Magus. Er vereinigte sich körperlich mit seinem Heiligen Schutzengel Aiwass, der in seiner weiblichen Form erschien, und beschwor am Schluß im ersten Aethyr LIL, Horus, das gekrönte und erobernde Kind, den Herrn des Äons. Der Bericht darüber, ,Die Vision und die Stimme' ist eines der bekanntesten Werke Crowleys dieser Art und wird hoch geschätzt, da es den Gang dieser Initiation genau schildert. Fast alle religiösen und philosophischen Systeme verschiedenster Kulturen und aus verschiedensten Zeitaltern sind hierin vereint, ohne Widerspruch oder gegenseitige Beeinflussung. Es erschien zuerst 1911 in einem der Equinoxe. Als Crowley mit seiner Scarlet Woman Leila Waddell im Frühjahr 1910 bei Commander Marston den marsischen Geist Bartzabel beschwor, kam letzterer auf die Idee, daraus ein öffentliches Schauspiel zu machen. Bei einem anderen Ritual unter dem Einfluß von Anhalonium, ein Peyotlprodukt, als Leila ihre Geige spielte und Crowley Poesie rezitierte, wurde die Idee entwickelt. Crowley schrieb sieben Riten, eines für jeden Planeten, die an sieben aufeinanderfolgenden Wochen jeweils Mittwochs in der Laxton Hall, Westminster, aufgeführt wurden. Das Publikum sollte in einen Zustand religiöser Ekstase versetzt werden. Crowley nannte sein Spektakel ,Die Eleusischen Mysterien' und hatte als Basis den griechischen Mythos, wo Persephone, Tochter von Demeter, von Pluto entführt wird. Crowley wandelte die Legende ab, und stellte Pan, den Gott der Fruchtbarkeit und Lust, in den Vordergrund. Es lief auf den Punkt hinaus, daß es keinen Gott

aufgenommen. In den

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gibt, und daß es das Ziel des Menschen ist, Freude unter den Lebenden zu empfinden. Die Charaktere waren mit den Prachtroben des Golden Dawn bekleidet, die Bühne war als Tempel eingerichtet und die Luft geschwängert von Weihrauch. Crowley rezitierte sodann lyrische Verse und magische Formeln, Leila Waddell spielte ekstatisch die Violine und Victor Neuburg tanzte den Tanz von Pan ,zu Ehren unserer Herrin Artemis'. Eine Zeitschrift, der ,Looking Glass', zerriß die Aufführung und forschte in Crowleys Leben herum. Bei einem Bericht wurden etliche Golden Dawn Mitglieder deformiert, George Cecil Jones erhob Klage, da er verheiratet war und Konsequenzen für seine Familie befürchtete. Crowley selbst hatte kein Interesse daran Klage zu erheben, ebensowenig Allen Bennett, der zu dieser Zeit ja in Ceylon war, und gar nichts von dieser Angelegenheit wußte. Da Crowleys Aktivitäten und sexuelle Vorlieben vor Gericht nicht gerade den besten Eindruck machten, verlor Jones auch prompt diesen Fall. Crowley verlor bei dieser Gelegenheit auch die Freundschaft Captain Fullers, der mit einer so ,abscheulichen und ekelhaften Kreatur' wohl nichts mehr zu schaffen haben wollte. Im Oktober 1911 lernte Crowley Mary D' Este Sturges, eine Gefährtin von Isadora Duncan, im Savoy-Hotel, London, kennen. Crowley war fasziniert von ihr und besuchte sie bald in ihrer Wohnung in Paris, wo sie, verheiratet, mit ihrem Sohn lebte. Crowley beschrieb sie als ,eine großartige Spezies' von gemixtem irischem und italienischem Blut, und sagte von ihr, daß sie eine höchst starke Persönlichkeitstruktur und einen stark ausgeprägten Magnetismus besäße. Ansonsten teilte Crowley sehr wenig über Mary mit. Von Paris aus entführte Crowley Mary, die jetzt den magischen Namen Virakam (dieses Wort stammt wahrscheinlich von dem Sanskrit-Stamm rak, ich konstruiere, führe aus) annahm, sogleich in die Schweiz. Ihre erste gemeinsame Nacht verbrachten sie im National-Hotel in Zürich. Virakam hatte unter dem Exzeß von Drogen, Alkohol und Sex einen hysterischen Ausbruch und erste Visionen. Schon in der Nacht zuvor hatte Virakam ,das Oberhaupt der fünf Weißen Brüder', gesehen, ein alter Mann mit einem langen weißen Bart, der einen Stab trug und eine Klaue auf der Brust hatte. Crowley war zunächst einmal skeptisch, horchte jedoch auf, als der alte Mann ihn mit Perdurabo ansprechen ließ, Crowleys Motto, das Virakam bis dahin noch nicht kannte. Ein Buch sollte ihm gegeben werden, und es sollte den Namen ,,Aba" mit dem Zahlwert 4 haben. Crowley überprüfte die Person des alten Mannes, der seinen Namen mit Ab-ul-Diz angab. Crowley war nicht so recht überzeugt, aber dieser Ab-ul-Diz versprach, innerhalb einer Woche mit einer Mitteilung wiederzukommen. Die beiden fuhren nach St. Moritz und dort richteten sie sich ihre Hotelsuite als Tempel ein. Fünf Stühle für die fünf Weißen Brüder wurden aufgestellt, auf einem achteckigen Tisch in der Mitte des Tempels lagen die magischen Waffen, Bücher der Anrufungen, Weihrauch und anderes. Weiter

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versahen sie den Salon ihrer Hotelsuite mit einem sehr großen Spiegel, der genau in ausgewogener Position symbolisch für den Osten angeordnet wurde. Pünktlich zur angegebenen Zeit betraten Perdurabo und Virakam in entsprechenden Roben, die auch im Liber AI vel Legis beschrieben sind, den Tempel und vollzogen das Ritual ,Of the Bornless One', was soviel bedeutet wie ,ohne Grenzen', wie Ab-ul-Diz es Perdurabo aufgetragen hatte. Nach der erfolgreichen Ausführung des Rituals erschien Ab-ul-Diz. In der sehr verwirrenden Kommunikation bekam Crowley den Auftrag, sich nach London zu begeben, und dort das Buch 4 zu finden und dieses den Brüdern zurückzugeben. Ab-ul-Diz wollte noch ein drittes mal am 4ten Dezember erscheinen. Dieses war auch der Fall, diesmal saßen zusätzlich ,sie', wahrscheinlich also die fünf Weißen Brüder, um den Tisch herum. Crowley erhielt eine vorausschauende Initiation in den OTO, die in den nächsten Jahren folgen sollte. Es fanden noch mehrere weitere Treffen mit Ab-ul-Diz statt, wobei aber jedesmal das Problem auftrat, daß Virakam, die keine sehr gute Seherin war, in einen Zustand nahe der Hysterie fiel. Jedoch erhielt Crowley schließlich den klaren Auftrag von Ab-ul-Diz, der sich auch als einer der geheimen Chefs zu erkennen gab, ein ,Buch 4' über Magie zu verfassen. Crowley konsultierte das Yi King, das ihm als geeigneten Ort Neapel angab. Nach einigen Abenteuern mieteten sich die beiden schließlich eine Villa in der Nähe von Neapel, wo Crowley Virakam sein Buch 4 diktierte. Hier verwendete Crowley auch zum ersten mal den Ausdruck ,Magick', die Endung ,k' steht unter anderem für das griechische Wort Kteis, die weiblichen Genitalien, als Symbol für die Magie des neuen Äons, in der die Sexualmagie eine sehr wichtige Rolle spielt. Dieses Buch 4 wurde von Crowley weitergeführt und wurde zu einem Teil seines Meisterwerkes ,Magick in Theory and Praxis'. Nach Abschluß des Buches zerstritten sich Virakam und Crowley. Mary D' Este Sturges kehrte nach Paris zurück, Crowley indessen verweilte wieder bei Leila Waddell. Mit ihr zusammen führte er im Sommer 1913 eine Truppe von Chormädchen nach Moskau. Die Aktivitäten dieses Chors interessierten ihn nicht im mindesten, so setzte sich Crowley ab und ging seine eigenen Wege. Nach und während einer außergewöhnlichen sexuellen Beziehung zu einem ungarischen Mädchen schrieb er seine ,Hymne an Pan', die ,Gnostische Messe' und sein ,Book of Lies' ,das Buch der Lügen. Es trägt die Zahl 333, den Zahlwert von Choronzon, und zeigt, daß ,ein Gedanke in sich selbst unwahr ist' und daher seine Falsifikationen relativ wahr sind. Crowley gab diesem Buch 93 Kapitel, auch die Zahl von Thelema. Der Inhalt jedes Kapitels hängt jeweils mit der kabbalistischen Interpretation seiner Zahl zusammen. Oberflächlich gesehen, scheint in diesem Buch lauter Nonsens enthalten zu sein, erst nach langer Beschäftigung und Intuition zeigt sich, daß hierin Crowleys Gedankenwelt auf jeder Ebene enthalten und

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ausführlich erklärt ist. ,The Book of Lies' wurde zuerst 1913 veröffentlicht und 1921 noch mit diesem vorher erwähnten Kommentar versehen. Im Jahre 1912 klopfte Theodor Reuss, das Oberhaupt des Ordo Templi Orientis, O.T.O., an Crowleys Tür. Der O.T.O. war 1902 von Großmeistern der Freimaurer gegründet worden, nachdem einer von ihnen, Karl Kellner, bei einer ausgedehnten Tour durch den Orient in östliche sexualmagische Praktiken eingeweiht worden war. Der Orden enthielt ebenfalls die Riten der orientalischen Templer, Baphomet sei hier genannt, und so gründete ein innerer Kreis von Adepten diesen Orden im Lichte des neuen Wissens. Zur gleichen Zeit wie Kellner war aber auch Crowley in Indien in die Mysterien der östlichen Weisheit eingeweiht worden, Anspielungen und Ausführungen darüber sind schließlich in fast allen Werken Crowleys zu finden.

Nun, Reuss klagte Crowley kurzerhand an, er habe das innerste Geheimnis des IX° O.T.O. verraten und zeigte zum Beweis eine Stelle aus dem ,Book of Lies'. Dieses wurde jedoch erst ein Jahr später veröffentlicht, Reuss konnte dieses also gar nicht kennen. Crowley vermutete, daß sich die beiden in einer Art Raum-Zeit-Verschiebung kontaktierten, sozusagen in der Zukunft. Crowley machte Reuss jedoch auch sehr schnell klar, daß er vom O.T.O. und seinen Mysterien gar nichts wußte, daß es hätte genauso gut umgekehrt sein können, nämlich daß der O.T.O. seine Mysterien verraten hatte. Reuss war von Crowley sehr angetan und machte ihn sogleich den Vorschlag, dem Orden beizutreten und bot ihm den Posten des Oberhauptes für England an. Crowley nahm dieses Angebot an und erhielt dieses Amt unter dem Motto ,Baphomet'. Crowley und Reuss tauschten ihr Wissen aus, und Crowley schrieb ziemlich bald die fragmentarischen Rituale des O.T.O. in eine neue poetischere Form um. Crowley verwob darin auch die thelemitische Lehre und Grundzüge des Liber Al, welches von den Mitgliedern aber abgelehnt wurde. Es kam in der Folge zu Auseinandersetzungen deswegen, aber da der Orden zu dieser Zeit fast nur auf dem Papier bestand und auch der erste Weltkrieg vor der Tür stand, passierte im Endeffekt nicht viel. Der nächste wichtige Abschnitt in Crowleys magischer Entwicklung waren die Pariser Beschwörungen, ,The Paris Working', mit Victor Neuburg, der jetzt Zelator 2°=9 mit dem Namen Lampada Tradam (ich werde die Fackel tragen) war. Diese Arbeit war eine des XI° O.T.O., also eine mit homosexuellen Praktiken. Crowley schrieb hierzu in den ,Confessions', seiner Hagiographie:

„Am Ende des Jahres 1913 befand ich mich in Paris mit einem Zelator des Ordens, Frater L. T. Ich hatte die Theorie der magischen Methodik des O.T.O. bearbeitet, und wir beschlossen,

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meine Schlußfolgerungen durch eine Serie von Invokationen zu überprüfen. Wir begannen am ersten Tag des Jahres zu arbeiten und fuhren ohne Unterbrechung sechs Wochen lang fort. Wir beschworen die Götter Merkur und Jupiter; und erhielten viele erstaunliche Resultate vieler verschiedener Arten, die von spiritueller Erleuchtung bis hin zu physischen Phänomenen reichten.“

Die Aufzeichnungen darüber nannte er ,The Book of High Magick Art - The Paris Working' , die Arbeit selbst war seine erste systematische auf dem Gebiete der Sexualmagie. Jupiter und Merkur hatte er mit Zeremonialmagie in seiner Golden-Dawn-Zeit bereits beschworen, jedoch jetzt wollte er sehen, ob und in wie weit sich die Ergebnisse durch die neue Praktik änderten. Wichtig war auch, daß ‘eine gelegentliche Beschwörung von Pan' durch diese Brüder ein großes Wunder bewirkt hatte. Obwohl Pan der eigentliche Meister dieser Operation war, brauchte 0. S. V. Inspiration und Weisheit. O.S. V. war Crowleys Name als Adeptus Major, der Grad, der den praktischen magischen Arbeiten entspricht und welchem diese Arbeit zugeordnet war.

Die beiden begannen der Inspiration und Weisheit willen mit der Beschwörung von Merkur, der auch Hermes oder Thoth entspricht. Sie begannen mit dem Ritual 671, das die Beschwörung Thoths darstellt. Danach - die beiden vereinigten sich, wobei Crowley die Rolle der Frau übernahm - wurde die Heilige Hymne an Hermes rezitiert. Hermes manifestierte sich in Neuburg, Crowley sah astral blitzende Caducei von Gold und Gelb, die Schlangen darin lebend: " Aber so jung und so mutwillig war er, daß das Opfer unmöglich war." Die Operation mußte erst einmal unterbrochen werden. Für die zweite Arbeit hatte O. S. V. eine Hermesstatue in der Form eines Phallus aus Wachs geformt. Die beiden hatten vorher Anhalonium Lewinii eingenommen, welches gut für die Verstärkung von Visionen ist. In dem Ritual selbst verwendete Crowley auch Teile seiner Riten von Eleusis. Nach weiteren Anrufungen und der Ausführung des Sexualaktes beantwortete Hermes einige Fragen. Er teilte mit, daß der Zeitpunkt der Anrufung falsch war und daß O.S. V. als nächstes Thoth beschwören sollte. Thoth sei ein anderer Aspekt von Hermes, der erscheinen sollte, während Hermes selbst erst beim nächsten Vollmond wiederkommen wollte. Weiter gab Hermes Hinweise auf bessere Beschwörungstechniken. Crowley sollte ein goldenes Pentagramm verwenden und dieses in einer auffälligen Position plazieren. Außerdem sollten die beiden Weißwein trinken und Fisch vor der Zeremonie essen. Diese Instruktionen, durch den Mund von Neuburg gegeben, waren nicht in seinem gewöhnlichen Stil, noch waren sie Bestandteil seines Wissens. Obwohl er schon eine lange Zeit

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Schüler Crowleys war, war er dennoch ein unsicherer und furchtsamer Jugendlicher geblieben. Crowley schrieb einmal über ihn:

„Frater L. T. hat einen Mangel, nämlich Introspektion. Der Punkt ist, daß er ein Mann des Denkens ist, statt einer der Handlung.“

Für die dritte Beschwörung rezitierte Crowley vor dem eigentlichen Akt das ,Quia Patris' aus seinem mystischen Schauspiel ,The Ship'. Hermes erschien als „im Grunde genommen phallisch“ und hielt in seiner Hand ein ,Buch 2' mit dem Untertitel BIA, ,Kraft', welches 106 Seiten hatte. Crowley untersuchte:

„Jeder Samentropfen, den Hermes vergießt, ist eine Welt. Der technische Ausdruck für seinen Samen ist KRATOS (Macht). Diese Welten werden in Ketten gehalten, aber unsichtbar. Die Leute in den Welten sind wie Maden in einem Apfel - alle Formen des Lebens erzeugt durch die Welten sind der Natur nach Parasiten. Reine Welten sind Flammenkugeln, jede ein Wesen mit Bewußtsein. Die Zahl der ausgestoßenen Welten beträgt 7 482 135 = Venus. Der Name dieses Phallus ist Thoth, Hermes oder Ma. Ma ist der Gott, der den Phallus von der Yoni abbrachte; von daher das physikalische Universum. Alle Welten sind Ausscheidungen; sie repräsentieren verschwendeten Samen. Daher ist alles Blasphemie. Dieses erklärt, warum der Mensch Gott in seinem eigenen Bilde erschuf.“

Crowley fuhr fort und erklärte, daß solche Arbeiten in gleicher Weise auch heterosexuell ausgeführt werden könnten. Gegen Schluß dieser dritten Arbeit verlor sich Crowley schweigend in der Kontemplation von Hermes, in seinem Aspekt als Vehikel der Energie des Höchsten.

„Er ist es, der den lichttragenden Aether befruchtet, die Spannung darin produziert das, was Materie genannt wird.“

Nach der dritten Arbeit erkrankten Crowley und Neuburg, was ersterer darauf zurückführte, daß ein von Hermes vorher angesprochenes Opfer hätte gegeben werden müssen. In der nach der Genesung vorgenommenen vierten Arbeit sah Crowley Hermes in seinem Aspekt als Botschafter, jung, den Caduceus tragend. Verschiedene Fragen wurden gestellt, auch solche wissenschaftlicher Art, und Hermes kündigte für beide Magier gute Neuigkeiten für den nächsten Tag an. Crowley sollte die Weisheit der Schlange erhalten, aber er bräuchte die Hingabe von vier Männern und vier Frauen. Erstere seien deformiert und die Frauen kämen aus den vier Ecken der Welt. Crowley stellte sich sofort eine Liste von vieren

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seiner Schüler auf, die deformiert waren, und die mit Frater L. T. begann, der eine extreme Rückgratverkrümmung hatte. Später fügte er den einäugigen Norman Mudd hinzu. Die Frauen suchte er sich aus seiner langen Liste von Affären zusammen und fand auch schnell vier, die aus verschiedenen Kontinenten stammten. Nach diesen Mitteilungen erhielt O.S. V. folgende Visionen:

„Ich sehe nun den achtstrahligen Stern von Merkur plötzlich herausblitzen; er ist aus vier Fleurs-de-lys gebildet mit Staubbeutel-ähnlichen Strahlen, der Form nach wie große Binsen, zwischen ihnen. Der zentrale Kern trägt das geheime Zeichen des Großmeisters, aber nicht das, was man kennt. Auf dem Kreuz sind die Taube, der Falke, die Schlange und der Löwe. Auch noch ein anderes Symbol, jedoch noch geheimer. Nun sehe ich feurige Lichtschwerter. All dies ist auf einer kosmischen Waagschale. All die Entfernungen sind astronomisch. Wenn ich sage ,Schwert', habe ich ein bestimmtes Bewußtsein einer Waffe, die viele Millionen von Meilen lang ist.“

Crowley erwähnte noch, daß er noch nie zuvor derart schöne Himmelslandschaften gesehen hätte; die rosafarbenen Wolken waren wie der Flug von Vögeln, dann wie der Flug von Schlangen, ihre Farben vermischten sich mit dem Hintergrund von Purpur und Grün. Nachdem diese fliegenden Schlangen in den Wolken verschwunden waren, erwachte Crowley aus seiner Trance und erklärte, daß es alles vorüber sei. Der Tempel wurde geschlossen, zwischen Crowley und Neuburg brach eine Diskussion aus, da Neuburg fürchtete, daß durch diese Arbeit zu viel Energie frei werden könnte, er hatte nämlich Angst vor Komplikationen und Besessenheit. Crowley lenkte die Diskussion einfach in eine andere Richtung und erwähnte nebenbei, daß das höchste Ritual eines sei, bei dem ein Mädchen zuerst vergewaltigt und dann auf dem Höhepunkt getötet werde. Der Körper dieses Mädchen würde sodann in neun Teile geteilt, diese aber nicht gegessen, sondern zu Ehren der entsprechenden Götter verbrannt. Das Mädchen müßte aber einverstanden sein, damit keine feindlichen Einflüsse in das Ritual eindringen könnten. Die Diskussion endete dann jedoch damit, daß beide darin übereinstimmten, daß diese Instruktionen doch den Anflug von Schwarzer, oder zumindest Grauer Magie trügen. Bei der fünften Arbeit wurde Jupiter und nicht Hermes angerufen, das Ritual wurde ,ut ordinatur', wie angeordnet, ausgeführt. Jupiter sagte erfolgbringende Reisen an, die Aussagen erwiesen sich jedoch nicht als zuverlässig. O.S.V. legte neue Instruktionen nieder, in denen festgelegt wurde, daß L. T. der Priester und O.S.V. der Seher sein sollte, das hieß, L. T. sollte den sexuell aktiven Teil ausschließlich übernehmen. Die Farbskalen der Götter nach den kabbalistischen Korrespondenzen wurden festgelegt.

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Die sechste Arbeit, ebenso eine Invokation von Jupiter, war ein Fehlschlag, da L. T. den richtigen Grad an Enthusiasmus nicht produzieren konnte, er bekam nämlich keine richtige Erektion. Die siebte Arbeit wiederum war von Erfolg gekennzeichnet. Während des Höhepunktes sahen die beiden ,,ein Universum im leuchtensten Purpur mit goldenen Sternen, und Jupiter auf seinem Thron umgeben von den vier Tieren auf dicken Wolken, getragen auf einer Phalanx von Adlern." Diese vier Tiere entsprachen denen der Vision von Ezekiel, somit war dies eine Vision von Jupiter als dem Lichtbringer. Weiter erschien ein gekrönter Pfau, ein Symbol der Jugend und des Frühlings. Auf der anderen Seite ist der Pfau aber auch ein Symbol für die universelle Dummheit. Über das Ergebnis der achten Arbeit hüllte O.S. V. sich ziemlich in Schweigen, er schrieb nur auf, daß er 'eine höchst bemerkenswerte Erfüllung der Prophezeiung von Hermes sah', aber er gab nicht an, worum es sich handelte. In der Folge dieser Arbeit kam er allerdings zu Geld. Neuburg wurde krank, was genau er hatte, ist nicht bekannt. Vermutlich war er überlastet durch die ziemlich schwierigen magischen Operationen. Die nächsten drei Arbeiten beschworen die ägyptische Form von Jupiter Amoun-Ra. Neben einigen Visionen erhielten O.S. V. und LT. auch den Hinweis, daß sie das Geld, um welches sie gebeten hatten, erhalten würden. In der elften Arbeit erhielt 0. S.V. noch eine Vision von seiner Inkarnation als Astarte, einer geweihten Tempelhure in Griechenland um 400 v. Chr. Neuburg blieb lange danach in einer Trance, starrte nur noch vor sich hin, konnte weder lesen noch schreiben.

Die ab nun folgenden Arbeiten beschworen ausschließlich wieder Jupiter. In der dreizehnten erhielten beide eine Vision von einer gemeinsamen Inkarnation auf Kreta, eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen Aia (Crowley) und Mardodes (Neuburg). Aia war eine Tempeltänzerin, die Neuankömmlinge in dem Tempel initiieren sollte. Mardodes erschien und verliebte sich bei dem sexualmagischen Ritual in Aia, und als Ergebnis tanzten beide sehr schlecht. So wurden beide aus dem Tempel ausgestoßen. Die vierzehnte und fünfzehnte Arbeit brachte jeweils keine neuen nennenswerten Ergebnisse. Während der sechzehnten erhielt O.S. V. in Trance die Nachricht, er solle seinen Wachsphallus, den er als Bildnis des Gottes geformt hatte, in eine Vesica oder in einen yoniförmigen Teller plazieren. Weiter sollte er eine geweihte Taube opfern und verbrennen. Diese Mitteilungen hatte O.S. V. erhalten, nachdem er L. T. eine 4, die Zahl von Jupiter, auf die Brust geschnitten und das Blut geopfert hatte. Man muß aber sehen , daß diese Riten nicht aus Blutgier oder wegen des sexuellen Vergnügens ausgeführt wurden, sondern um Zusammenkünfte mit den Göttern zu erreichen und priesterliche Macht zu

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erhalten. Das Blutopfer ist ein heiliges Weihungsritual, das für das getötete Tier eine größere Freiheit als alles andere bedeutet, denn sein Karma wird im geweihten Kreis oder Dreieck zur Gänze in einen höheren Organismus absorbiert. Dieses verschafft ihm so den Zugang zu einer höheren Inkarnation. Nach den Juden ist Blut das erste Vehikel der Lebenskraft, die Energie des Universums. Während der siebzehnten Arbeit wurde Crowleys Leidenschaft so groß, daß er in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit fiel, in welchem er großartige, nicht näher bezeichnete Erlebnisse hatte. Ähnlich verlief auch die achtzehnte, ,die Kräfte vollständig absorbiert'. Die nächste Arbeit brachte die Vision des Sarkophags von Ankh-af- na-Khonsu, Crowleys Inkarnation als ägyptischer Priester. Als Ankh-af-na- Khonsu erhielt er auch das Liber Al vel Legis. Die nächsten Arbeiten waren von einer Grippe überschattet, die O.S. V. mit Opium zu bekämpfen versuchte. Die letzte, 24. Zeremonie schließlich war auch ruhig und tief mit dem besonderen Aroma der Erde im Frühling. Die Ergebnisse der Pariser Arbeit auf der einen Seite waren, daß O.S. V. und L. T. sowohl finanzielle Zuwendungen als auch einen Zuwachs an magischer Energie zu verzeichnen hatten. Auf der anderen Seite war Crowley zu der Überzeugung gelangt, daß über die Sexualmagie tatsächlich schnellere und bessere Ergebnisse erzielt werden konnten, als mit den langschweifigen Ritualen der zeremoniellen Magie, die im Golden Dawn gelehrt worden waren. Er arbeitete in der Folgezeit fast ausschließlich auf diese Art.

Das Große Tier

Nach Abschluß der Pariser Arbeit begann für Crowley ein neuer Abschnitt seiner Entwicklung. Seine magischen Aufzeichnungen beginnen mit ,Rex de Arte Regia', was so viel bedeutet wie König der königlichen Kunst. Dieses Tagebuch ist kein gewöhnliches, sondern es zeigt Crowleys Versuche, die Techniken der Sexualmagie auf wissenschaftlicher Basis zu vervollständigen. Diese waren ihm, wie schon gesagt, zwei Jahre zuvor 1912 von Theodor Reuss, X° und damaliges Oberhaupt des O.T.O. mitgeteilt worden. Im November des Jahres 1914 reiste Crowley im Alter von 39 Jahren nach New York, um den Kriegswirren in Europa zu entgehen. Sein Aufenthalt in den USA dauerte insgesamt bis 1919.

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An dieser Stelle ein paar Worte über das Wesen der Sexualmagie:

Allgemein kann die Sexualmagie zu Zwecken der Weihung, Entweihung, zur Belebung und Materialisation, zur Erzeugung von Visionen, Trancen und Orakeln und zu vielem anderen verwendet werden. Sex ist für den Adepten die kosmische Vereinigung entgegengesetzter Pole, wodurch die ursprüngliche Energie, aus der alles geschaffen wurde, freigesetzt wird. Das betreffende Paar kann so zu einem Leiter für die kosmische Kraft werden, welche durch sie mit ungeheurer Energie in den irdischem Bereich fließt und hier eine magische oder irdische Wirkung erzielt. Die Vereinigung muß auf geeignete Art erfolgen, die Durchführenden müssen geschult und entsprechend vorbereitet sein. Die Wirkungen können von jedem leicht erzielt werden, wurde aber vorher nicht die richtige Vorbereitung erlangt, sind sie zerstörerischer Art. Die phallische Kraft muß beherrscht werden und von allen Sublimierungsvorgängen und Zwangsmechanismen befreit sein. Der Phallus als eine solare Kraft stellt das Vehikel des Willens des Magus dar. Der Ausführende muß einerseits ein gesundes, freies Verhältnis zur Sexualität haben, da sonst die Energien nicht frei fließen können. Das Fließen von starker Energie durch den Körper alleine reicht aber nicht aus, sie muß auch kontrolliert werden können. Dies verlangt Willen oder Selbstbeherrschung, Konzentration und Imagination. Vor dem geistigen Auge muß ein Bild erzeugt werden (Imagination), welches nicht verschwimmen darf (Konzentration) und bis in die Einzelheiten scharf konturiert sein muß. Im Moment des Orgasmus darf man sich nicht von der ursprünglichen Tendenz zur Lust überwältigen lassen (Wille), sondern man darf nur dieses Bild sehen, man muß dieses Bild sein, und die Energien hineinleiten, so daß es zur Verwirklichung oder Materialisation der Imagination kommt. Als nächsten vorbereitenden Schritt müssen die eigenen Energieleiter, die ,Nadis', gereinigt und verstärkt werden. Schließlich muß der Körper eine neue stärkere ,Sicherung' erhalten, damit er das Fließen der neuen, verstärkten Energien nicht verhindert, damit er den Fluß nicht unterbricht, indem er den ,Stecker’ herauszieht. Die hier angegebene Reihenfolge muß eingehalten werden, sonst entsteht Mißerfolg, Wahnsinn, Invalidität oder Tod, wenn die Körperfunktionen gleich einem überlasteten Stromnetz zusammenbrechen. Unkontrollierte psychische Inhalte oder Imaginationen werden belebt, es kann beispielsweise zu einer ,Inflation des Unbewußten' kommen. Die Hemmung der ,Tendenz zur Lust' dient zur Kontrolle der Elementarkraft der Libido. Ein Lustgewinn findet trotzdem statt, nur wird er von der körperlichen auf die geistige Seite verlagert. Ein magisch kontrollierter Orgasmus erzeugt ein subtiles oder astrales Bild der Idee, welche beim Klimax des Koitus im Geiste vorherrscht. Durch Wiederholung werden diese Bilder verstärkt, der Wille wird darauf gerichtet, daß sie sich in einer speziell für sie vorbereiteten Form (Imagination) inkarnieren.

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Der magisch kontrollierte Orgasmus evoziert oder fixiert also spezifische Bilder des unbewußten Geistes, sie werden, je nach der verfügbaren Energie, augenblicklich vital und lebendig. Dies ist auch die Bedeutung der Metapher eines ,zur Geburt gebrachten Kindes' ( Nach M. D. Eschner, Die geheimen sexualmagischen Unterweisungen des O.T.O ). Crowley hatte sich in Indien auch mit der tantrischen Konzeption des Orgasmus beschäftigt, die eine umfassende parasexuelle Bedeutung beinhaltet. Hier ist die Kundalini-Shakti (Kraft) eingeschlossen, von welcher der sexuelle Aspekt die materiellste Form ist. Die tatsächliche Produktion von Samen ist das Endprodukt, wenn nicht gar vergeudetes Produkt, übriggelassen von einem unrichtig und unvollständig absorbierten Strom des Bewußtseins. Ein weiteres wichtiges Konzept ist das der ,Umkehrung der Sinne'. Normalerweise findet der Liebende keine Freude mehr in der Vereinigung mit seiner Frau, sobald die ursprüngliche Anziehung zwischen ihnen durch wiederholte Vereinigung befriedigt ist, und keine Energie fließt mehr. Um das Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung, also den Energiefluß, aufrecht zu erhalten, muß man immer solche Dinge suchen, welche einem verhaßt oder ekelhaft sind und diese zum höchsten Ausmaß durch Liebe zu seinen eigenen machen, sie der Ganzheit assimilieren. Der Liebende muß begreifen, daß es unnötig ist, nach ungewöhnlichen Frauen zu suchen (und das gleiche gilt für Frauen umgekehrt auch). Für die praktische Arbeit werden im wesentlichen drei Grade unterschieden, die Bezeichnungen entsprechen dem Gradsystem des O.T.O. Hierbei gibt es noch Unterabteilungen, die von der Geschicklichkeit und von den Neigungen der Teilnehmer abhängen. Der VIII° beinhaltet Operationen, die der Priester oder die Priesterin allein vornehmen. Dies sind im wesentlichen Weihungsrituale von Talismanen oder ähnlichem und solche zur Materialisation neuer Partner. Weiters sind dies orale Operationen, die einseitig ausgeführt werden, und via Mund oder Zunge Trancen und Visionen erzeugen. Sie dienen auch zur magischen Ernährung und können zum Erhalt von Orakeln führen. Der IX° besteht aus Operationen der Sonne - Ra und Keph-Ra. Die natürliche Vereinigung ist für Arbeiten der Schöpfung, Intuition und Inspiration geeignet, die unnatürliche oder infernale für Todesstellung, Traumkontrolle und Arbeiten der Nacht. XI° Arbeiten sind Operationen des Mondes und werden entsprechend während des abnehmenden Mondes oder der Mondfinsternis vorgenommen und dienen der Materialisation und der Belebung von Träumen, Bildern oder ähnlichem. In den ersten Monaten von Crowleys Aufenthalt in den USA praktizierte er sehr viel VIII° Arbeiten. Hauptsächlich ging es ihm dabei um die Visualisierung und tatsächliche Erscheinung von Babalon, der Scarlet Woman. Auch war für Crowley damit die Absicht verbunden, eine

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tatsächliche Scarlet Woman zu finden, die für ihn dieses Amt einnehmen sollte. Crowley notierte alle Ergebnisse genau in seinem Tagebuch ,Rex de Arte Regia':

28ster November 1.45 Uhr a.m. Babalon manibus plenis (mit vollen Händen; d.h. Masturbation) Objekt: 156 carnem factam (zu Fleisch gemacht). Die Idee war eine reine Hingabe an die Heilige, aber sekundär einen Stellvertreter von Ihr als Partner zu schaffen Ergebnis: Ein Brief von einer Frau in Stamford am nächsten Morgen. ,Die Frau hat Sagittarius ansteigend und ist vom Merkur-Mars Typ. Haar aschfahl und ergrauend. Sie wird, denke ich, meine Sekretärin werden. Nicht im geringsten das, was ich als 156 brauche ' Für seine IX° Arbeiten nahm er ,respektable verheiratete Frauen', seine Scarlet Woman oder Aspiranten zu diesem Amte, Prostituierte oder auch Chormädchen. Es ging ihm meistens um Geld, Preisen der Götter, Beziehungen zu bestimmten Leuten, schriftstellerischen Erfolg, sexuelle Anziehungskraft, Weisheit, allgemein magische Energie, physische Stärke und darum, die Mysterien des IX° kennen zu lernen. Neben den Zielen und jeweiligen Ergebnissen der Arbeiten beschrieb Crowley auch die Personen und was er von ihnen hielt:

Marie Maddingley - respektable verheiratete Frau das Mädchen war schwach feminin, leicht zu erregen und sehr scharf, es war ihr erster Ehebruch. Christine Rosalie Pyrne (,Peggy Marchmont'), piccadilly - Prostituierte: Das Mädchen ist eine kräftige Hündin von 26 oder so. Margeret Pitcher. Eine junge, ziemlich blöde breitmaulige, flachgesichtige Hure mit dürrem Körper. Schönes Haar. Feine fette saftige Yoni. Anna Gray, Prostituierte. Große dicke Negerin, sehr leidenschaftlich. Lea Dewey. Holländische Prostituierte, Aquarius aufsteigend. Groß und stark, aber nicht fett; der muskulöse Wolfstyp. Helen Marshall. Irisch-amerikanische Prostituierte. Taurus aufsteigend. Hübscher fauler Typ. Nicht wirklich leidenschaftlich oder pervers. Aber ein erfreuliches und bequemes Mädchen. Was genau zwischen ihnen ablief, oder was geredet wurde, ist von Crowley leider nicht aufgezeichnet worden. Er deutete jeweils an, was ablief - ,Operation dreimal ausgeführt, Elixier wurde gebildet, aber von der scharfen und aromatischen Sorte' - und der Erfolg, der sich in jeweils folgenden Ereignissen zeigte oder auch nicht zeigte. Eine interessante Episode brachte Crowley in den Ruf, ,ein Verräter' zu sein. An einem Tage im Jahr 1915 sprach ihn ein Mr. O'Brien in einem

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Omnibus an, ob er nicht zufällig Interesse an einem direkten Handel für Deutschland und Österreich hätte. Crowley war nicht gegen einen Handel abgeneigt, hatte gegen ein Abenteuer ohnehin nie etwas einzuwenden und traf sich so ein paar Tage später mit einem George Sylvester Viereck, einem deutsch-amerikanischen Poeten. Letzterer war sehr erstaunt, Crowley hier zu sehen, da er ihn bereits 1911 in London kennengelernt hatte. Viereck hatte seine Poesie gegen Propaganda eingetauscht - Crowley war so im Hauptquartier für deutsche Propaganda in Amerika gelandet. Er gab sich einfach als Ire aus, der für die Befreiung seines Landes kämpfen wollte. Gesagt, getan - Crowley baute sich mit seiner damaligen Scarlet Woman Leila Waddell, die ihm in die USA nachgereist war, und noch vier anderen ,Wüstlingen' vor der Freiheitsstatue in New York auf und hielt eine flammende Rede:

„Ich entsage für immer jedem fremden Tyrannen das Bürgerrecht; ich schwöre, bis zum letzten Tropfen meines Blutes zu kämpfen, um die Männer und Frauen von Irland zu befreien; und ich ersuche die freien Leute dieses Landes, in deren gastfreundlichen Schuhen ich im Exil stehe, mir ihre Unterstützung und Unterschrift zu geben, um diese Bande zu zerbrechen, die sie für sich selbst bei 138 Jahren zerbrochen haben. Ich verkünde hiermit die irische Republik. Ich hisse die irische Flagge. Irin go Bragh. Gott schütze Irland.“

Einer der ,Wüstlinge' schwenkte dabei die irische Flagge und Leila spielte auf ihrer Violine dazu. Sogar die New York Times berichtete über dieses Spektakel, Crowley schmückte alles noch aus, indem er Briefe an die verschiedenen Herausgeber schrieb. Schließlich bot ihm Viereck an, für seine Zeitung ,The Fatherland’, die den Untertitel ,Fair Play for Germany and Austria-Hungary' trug, zu schreiben. Und Crowley schrieb - die heftigste Propaganda gegen Großbritannien für Deutschland. Da gab es auch noch das Wochenblatt ,The International', das Crowley ohne große Probleme mit anti-britischem Geschreibsel und Artikeln über Magick als Aleister Crowley, Baphomet oder Meister Therion füllte. War Crowley nun ein simpler Verräter, der Deutschland zum Sieg verhelfen wollte? Nicht die Spur. Dies war seine Art, den Alliierten helfen zu wollen. Er versuchte, ,die deutsche Propaganda zunichte zu machen auf dem Dach von Reductio ad Absurdum (in das Absurdum führen)'. Der englische Außensekretär Sir Edward Grey sah dieses jedoch nicht so, er war alarmiert über den Schaden, den Crowley damit für die Alliierten anrichtete. Crowley wußte auch, daß er sich damit zumindest zeitweise von seinen Freunden abschneiden würde, genauso von allen Quellen des Einkommens. Die britischen Behörden betrachteten ihn auch tatsächlich als Verräter, als

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Folge seiner Tätigkeit für den ,International' unternahmen sie eine Razzia im Londoner Hauptquartier des O.T.O. Crowley war darüber erzürnt:

„Die Idioten müssen meine Absicht völlig mißverstanden haben und machen Schwierigkeiten. Ich werde direkt nach Washington fahren, um dieses zu klären “

Bald jedoch vergaß Crowley seine Absicht, und ließ seinen ursprünglichen Plan der Klärung fallen. An diesem Punkte ist es wichtig, Crowleys Beziehung zu seinen sexualmagischen Partnerinnen dieser Zeit darzustellen. Bei einer Dinnerparty hatte er Jane Foster, die er die Katze nannte, und Helen Hollis, die ,Schlange', kennengelernt. Jane Foster, deren magischer Name ,Hilarion' war, war für ihn der ideale Typ der Scarlet Woman. Er schrieb über beide:

„Die Katze war ideal schön jenseits meiner höchsten Träume,

und ihre Rede war sternenhaft vor Spiritualität. Die Schlange glitzerte in der Lieblichkeit der Lust; aber sie war verbraucht und abgenutzt in der Enttäuschung von unersättlichem

Ein magnetischer Kraftfluß wurde sofort zwischen

uns dreien errichtet. In der Katze sah ich meine ideale Verkörperung, und sogar während jenes ersten Essens gaben wir uns selbst einander hin, und zwar durch jene Körpersprache, deren Beredsamkeit der Neugierde der anderen Gäste entgeht. Dies war um so auffallender, da wir uns beide bewußt waren, daß die Schlange sich vorgenommen hatte, mich mit den Windungen ihrer bösen Intelligenz zu umschlingen.“

Begehren

Crowleys Beziehung zur Schlange blieb indessen erfolglos, fünf oder sechs Jahre später beschrieb er sie als ,Schauspielerin und Straßendirne'. Die Katze war sozusagen die ,Mutter' von Frater Achad, Charles Stanfeld Jones, von dem Crowley zeitweilig annahm, er wäre der magische Sohn, der ihm im Liber Al prophezeit worden war. Genau nach Ablauf von neun Monaten nach Akten der Sexualmagie mit Hilarion, die diesen magischen Sohn zur Welt bringen sollte, leistete Achad zur Sommersonnenwende 1916 den Eid des Magister Templi. Dies hatte er auf Anraten der geheimen Chefs hin getan, was in sofern ziemlich einzigartig war, denn 1913 war Frater Achad noch Neophyt gewesen, also ganz am Anfang seiner magischen Entwicklung. Achad teilte Crowley in einem Telegramm mit, er habe den Abyss überquert und sei nun ein ,Neugeborener' Meister des Tempels. Achad hatte nichts von Crowleys Operationen gewußt, war sich aber bewußt, daß er als ,das Kind' geboren würde, welches im Liber Al vel Legis angekündigt war. Achad entdeckte schließlich auch im Jahre 1917, daß AI mit dem Zahlenwert 31 der Schlüssel im Buch des Gesetzes ist.

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Weiters waren da auch noch die Eule und der Affe, Gerda von Kothek und Alice Ethel Coomaraswamy. Über sie schreibt Crowley:

„Zu Beginn des achten Tages erschien ein Affe und eine Eule. Wieder einmal war ich konfrontiert mit der Notwendigkeit, zwischen zwei Ideen zu entscheiden. Der Affe hatte all die dumme Leidenschaft, Zungenfertigkeit und Nichtigkeit der weniger entwickelten Primaten. Sie war eine große Künstlerin und eine großartige Liebhaberin; aber in all diesen Funktionen zeigte sie die allergrößte Nichtigkeit der Selbstgefälligkeit. Die Eule auf der anderen Seite war unfähig zur Feinfühligkeit und zur selben Zeit frei von Affektierung. Sie war so angenehm und sensibel, wie der Affe peinigend und absurd war.“

Schließlich war da noch Anne Catherin Miller, die Crowley der ‘Hund' nannte, ein holländisches Mädchen und ,das einzige Mitglied ihrer Familie, die noch nicht verrückt ist'. Der Titel weist auf Crowleys Vorliebe, Per vas nefandum, hin. Dieser technische Ausdruck aus der Sexualmagie bezeichnet den analen Verkehr. Der Scorpion, ,Olun' oder Marie Lavrov, geborene Röhling, brachte Crowley den ersten Kontakt zu Amalantrah, dem Zauberer vom Wald. Nachdem er sich von dem Hund getrennt hatte, kam noch Roddie Minor, ,Eve' oder das ,Kamel'. Die Katze, die Schlange, die Eule und der Affe spielten die Rolle der weiblichen ,Offiziere', die Crowley zur Initiation zum Magus 9° = 2 verhalfen, die über mehrere Wochen hinweg andauerte. Während den Initiationen fand die Umkehrung der Formula des Tieres und der Scarlet Woman statt, die als Tierwesen verstandenen Frauen waren Projektionen oder veräußerlichte Facetten von Crowleys magischer Persönlichkeit, die sich in den psychischen Auras der betreffenden Frauen manifestierten. Sie waren sozusagen die ,magischen Spiegel', in deren Tiefen Crowley die unbewußten Atavismen einer ganzen Serie von vergangenen Selbsten projizierte. Diese Formel wurde schon von den Adepten des alten Ägypten verwendet, das bekannteste Monument hierfür ist die Sphinx, welche die Frau und das Tier in einer einzigen Form verbindet. Ein Zeichen von den geheimen Chefs, den Grad des Magus formal anzunehmen, war im Jahre 1916 während einer magischen Zurückgezogenheit in New Hampshire gegeben worden. Bei einem Spaziergang schlug ein Blitz in Form einer Kugel direkt vor seinen Füßen ein, ein Funke davon sprang direkt zum Mittelfinger seiner linken Hand. Crowley hatte sich mit einem Vater, einer Mutter und einem Kind bei Beginn des Sturmes untergestellt, diese Personen vervollständigten das Omen. Erstaunlicherweise war weder bei dem Gebäude, bei dem sie sich alle untergestellt hatten, noch bei den Personen irgendein Schaden entstanden.

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Das Ritual, mit dem Crowley den Grad symbolisch annahm, war das, den ,Sterbenden Gott' des alten Äons zu bannen. Hierbei stellt der Offizier, in diesem Fall Crowley, eine Schlange dar, ein Frosch symbolisiert den sterbenden Gott Jesus von Nazareth. Dieser Frosch wird sodann in einem länger dauernden Ritual geweiht und hoch gepriesen. Dann wird er der Blasphemie und des Aufruhrs angeklagt:

„Tu was du willst, soll sein das ganze von dem Gesetz. Siehe, Jesus von Nazareth, wie du in meiner Falle gefangen bist. Mein ganzes Leben lang hast du mich geplagt und beleidigt. In deinem Namen - mit allen anderen freien Seelen im Christentum - bin ich in meiner Jugend gequält worden; alle Freuden sind mir verboten worden; alles, was ich hatte, ist mir weggenommen worden, und das, was sie mir schulden, zahlen sie mir nicht - in deinem Namen. Nun schließlich habe ich dich; der Sklavengott ist in der Macht des Herren der Freiheit. Deine Stunde ist gekommen; wie ich dich von der Erde auslösche, so wird die Dunkelheit sicher vergehen; und Licht, Leben, Liebe und Freiheit werden einmal mehr auf der Erde sein. Mache du mir Platz, O Jesus, dein Aeon ist vergangen; das Zeitalter von Horus ist durch die Magick des Meisters des Tieres, das der Mensch ist, erstanden; und seine Zahl ist sechshundert und drei Punkt und sechs. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. (Eine Pause.) Ich, To Mega Therion, verurteile dich daher, Jesus den Sklavengott, daß du verspottet werdest und daß man dich anspucke, und daß du gegeißelt werdest und dann gekreuzigt. Dieser Satz wird sodann ausgeführt. Nach der Verspottung auf dem Kreuze, sage so: Tu was du willst, soll sein das Ganze von dem Gesetz. Ich, das große Tier, indem ich dich, Jesus von Nazareth, den Sklavengott in Gestalt dieser Kreatur eines Frosches erschlage, preise diese Kreatur im Namen des + Vaters und des + Sohnes und des + Heiligen Geistes. Ich ergreife und stelle in meinen Dienst den Elementargeist dieses Frosches, daß er um mich herum als ein lügender Geist sei, daß er fort von der Erde gehe als ein Wächter für mich in meinem Werk für den Menschen; auf daß die Menschen von meiner Heiligkeit und meiner Milde und von allen meinen Tugenden sprechen mögen, und mir Liebe und Dienst und alle materiellen Dinge gewähren mögen, welche immer ich benötige. Und dies soll die Belohnung sein, neben mir zu stehen und die Wahrheit zu hören, die ich verkünde, und deren Falschheit die Menschen täuschen soll. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.

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Dann sollst du den Frosch mit dem Dolch der Kunst in das Herz stoßen, und dabei sagen: In meine Hände empfange ich deinen Geist. Sogleich sollst du den Frosch vom Kreuze nehmen und in zwei Teile teilen; die Beine sollst du kochen und essen als ein Sakrament, dein Übereinkommen mit dem Frosch zu bestärken; und den Rest sollst du gänzlich mit Feuer verbrennen, um schließlich das Aeon des Verfluchten zu verzehren. Sei es so!“