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H.-G. Behr

SÖHNE DER WÜSTE


Kalifen, Händler und Gelehrte

"Aus der Geschichte können wir lernen,


dass noch nie aus der Geschichte gelernt wurde. "
(Mas'udi: Muruju`l-Dhabab)

Copyright © 1975 by Ec on Verlag, Wien und Düsseldorf

Lizenzausgabe : Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisc h Gladbac h

Printed in Western Germany 1978

Einbandgestaltung: Ralf Rudolph

T itelfoto : ZEFA

Gesamtherstellung: Ebner, Ulm

ISBN .3-4o4-0o708-5.

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Inhalt
Vorwort

Kapitel 1.
Die Kameltreiber | Ex oriente lux | Anatomie der Wüste
Der Trödler Abraham | Messe mit vielen Göttern
Die Rotte Korah | Die große Krise

Kapitel 2.
Mohammed - Mehr Profit als Prophet | Konkurs bei
Abdallah
Kostkind bei Beduinen | Die tüchtige Amme
Auch Propheten haben klein angefangen
Die Schönheit der Kadidscha | Allah greift ein
Der Gott des Geschäfts | Die Tricks des Propheten

Kapitel 3.
Allahs Räuberbande | Ein Medina kommt selten allein
Der Islam zieht um | Die politische Himmelfahrt
Mit Wein zur Weltmacht | Himmelfahrt mit irdischen Folgen
Der heilige Kleinkrieg | Ali wird verheiratet | Erfolg auf
Raten
Allah in der Klemme

Kapitel 4.
Ein multinationaler Konzern | Des Propheten Endsieg
Mekka wird gleichgeschaltet | Er, der Cleverste von allen
Ein Prophet nimmt Abschied | Ein unschönes Begräbnis
Kalif mit Führungsschwäche | Der geile General
Der Buchhalter des Propheten

Kapitel 5.
Krach im Hause des Propheten | Mohammeds Macher
Der Griff nach der Weltmacht | Ein Meister des
Arrangements Mit dem Wohlstand kommt der Hunger

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Expansion um jeden Preis | Der Geist wird verbannt


Mit Dolch und Tücke | Der Beau des Propheten
Vetternwirtschaft | Der Kalif wird gekillt

Kapitel 6.
Der Krieg der lustigen Witwe | Der verkommene Islam
Der Löwe des Propheten | Bei den Hörnern des Propheten
Die Witwe rüstet zum Krieg | Der Kampf um das Kamel
Ali wird ausgetrickst | Die "Schwarze Hand" schlägt zu
Der blutige Hurensohn | Der Islam wird umgebaut

Kapitel 7.
Der arabische Wahnsinn | Der Coup
Ölgeschäfte mit dem Feind | Die Anarchisten Gottes
Der versoffen Kalif | Der heilige Narr Hussein
Ende mit Schrecken | Schia heißt Partei
Hussein stirbt jedes Jahr

Kapitel 8.
Die geheimen Verführer der Diktatur | Die grüne Krake
Mekka am Ende | Fedajin und das überflüssige Jerusalem
Die nackte Hexe | Die Kosten des Islam
Der lange Marsch nach China | Abstieg auf Raten
Die schwarzen Werber

Kapitel 9.
Und der Henker ist immer dabei | Saffah, der Blutvergießer
Der Dank des Hauses Abbas
"Der Untergang des Abendlandes"
Bagdad, eine runde Sache | Entwicklungshilfe für Europa
Ali Baba war Bankier | Das Gesicht der Macht

Kapitel 10.
Andalusische Nächte | Spanien wird germanisiert
Das Geschäft des Julian | Für Erfolg die Peitsche
Europa ist noch einmal davongekommen | Einer kam

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durch
Das System wechselseitiger Klemmen | Ein Elefant für Karl
Der Traum von Andalusien

kapitel 11.
Harun al-Raschids Pleite | Tausendundeine Nacht
Mahdi, Hadi und Mama | Ein Hemd für zwei
Ende mit Schrecken | Harun reitet wieder

Kapitel 12.
Die Gastarbeiter übernehmen die, Firma
Der freundliche Imperialismus | Der schöne Amin
Die Hochzeit des Jahrtausends | Mit List und Türken
Der Papst lernt das Fürchten | Türme des Islam
Viele Islams und auch Kommunisten

Kapitel 13.
Killer in Gottes Namen | Assassinen reden anders
Der spannendste Krimi der Geschichte | Die
Paradiesdroge
Alamut, das Adlernest | Ein ehrenwerter Verbrecher
Tote machen keinen Arger | Die kriminelle Vereinigung
Die Alten vom Berge | Die Ahnherren der Maffia

Kapitel 14.
Die Christen kommen | Der Aufbruch Europas
Das Palästina - Problem | Die Gefahr aus dem Osten
Das Ende der Welt | Das islamische Zeitalter

Anhang:

Literaturnachweis und -hinweise

Namen- und Sachregister


ABC D EF G HIJKL MNO PR ST UVW YZ

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Vorwort
Das erste, was ich über den Islam hörte, stammte von meinem
Religionslehrer: "Der Islam ist ein Schwindel."

Als ich begann; meine Religionslehrer für Schwindler zu halten,


begann daher auch mein Interesse an der Welt des Islam. Ich zog
aus dem christlichen Abendland in das Morgenland des
Halbmonds, zunächst als Tramp, und als solcher trampelte ich
einige Jahre durch alle möglichen nahöstlichen Fettnäpfchen. Es
wurde mir freundlicher verziehen als hierzulande, und so begann
ich, die Welt des Islam zu lieben.

Einmal kam ich auf diese Weise auch nach Peshawar, eine
romantische Gebirgsstadt jenseits des Khaiber-Passes, schon im
Pakistan und damals noch nicht von Hippies überlaufen. Dort
starrte ich fasziniert auf einen kleinen Halbmond, aus Gold und
uralt. Er lag in einer atemberaubend wackeligen Bretterbude mit
der bunten Aufschrift "zum Markt der Welt" und wurde von einem
äußerst zähen Trödler bewacht.

Im Laufe des stundenlangen Feilschens fragte ich den Alten auch


nach seinem Namen.

"Mohammed", sagte er und richtete sich stolz auf, "wie der größte
der Propheten." Da wollte ich wissen, warum Mohammed
unbedingt der Größte sein solle. Der Alte legte seinen Kopf zurück
und kniff die Augen zusammen. Dann nahm er einen tiefen Zug aus
seiner Wasserpfeife und sagte ganz langsam: "Moses, Prophet,
Gut. Jesus, Prophet, Gut. Buddha, Prophet, auch gut. Mohammed,
Prophet und Geschäftsmann." Ich gab mich geschlagen, übrigens
auch in Sachen Halbmond, ich hätte ihn zu gerne gehabt, aber er
hing meiner Börse zu hoch.

Von da an aber verschlang ich alles, was ich über die Welt des
Islam erfahren konnte. Die Religion interessierte mich natürlich
weniger ich hatte ja gerade eine überstanden als der tägliche
Kram, der aus ihr entsteht. Mich faszinierten Allahs irdische Folgen,
die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen, und seine Spuren
im täglichen Leben. Ich las mich durch alte Chroniken und staunte
mich durch die Länder des Halbmonds, bis mir die Augäpfel
Schmerzten. Zahllosen lieben Menschen habe ich zu danken ich
möchte so gern dem unbekannten Bibliothekar ein Denkmal
errichten,

möchte den Damen Carola Heldt, Brigitta Keil und Monika Polacz,
Herrn Rainald Blanck und vor allem den Herren Eckhard Dück und
Holger Schnitger-Hans danken, die mir ausdauernd geholfen
haben, aber auch meinen vielen islamischen Gastgebern -, dass
nun dieses Buch entstanden ist. Arabisten und
Fachwissenschaftler mögen mir gnädig sein: Bei den Namen habe
ich die wissenschaftlich exakte, aber unaussprechliche,

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Schreibweise durch eine phonetische ersetzt, viele historische


Fachausdrücke durch die entsprechenden modernen, und das
Vexierspiel alter Währungen habe ich in die Kaufkraft der D-Mark
anno 1975 umzurechnen versucht. Auf diese Idee gebracht hat
mich Mas`udi, der Chronist der goldenen Zeit des Halbmonds.
Sein berühmter Gemeinplatz war für mich ein Fingerzeig, und die
Geschichte des Islam ist seitdem für mich eine Quelle manchmal
getrübten Vergnügens, ein abenteuerliches Spiegelkabinett
unserer Gegenwart.

Katmandu, Juli 1975

Kapitel 1.
Die Kameltreiber

Ex oriente lux

In der Ewigen Stadt Rom wird nebst anderen welthistorischen Kuriositäten auch der

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älteste Scheck der Welt verwahrt. Er ruht in der "Banco di Santo Spiritu" der "Bank
des Heiligen Geistes", dem wohl mächtigsten Institut dieser unfrommen Branche.
Die "Banco di Santo Spiritu" untersteht Seiner Heiligkeit dem Papst, besitzt zahllose
Aktien von Autofabriken Fluggesellschaften, Lebensmittelfirmen, Bauunternehmen,
höchstwahrscheinlich auch Anteile von Firmen der Rüstungsindustrie und mit
Sicherheit den ältesten erhaltenen Scheck. Er stammt aus dem Jahr 748 und ist ein
großes, wurmzerfressenes Stück Papier, auf dem in gewundenen Formulierungen
ein Scheich Selim Mutalla bei Allah für 120 Goldstücke, zahlbar dem Überbringer,
gutsteht. Der Scheck war damit auch im Rom jener Zeit gedeckt, denn an der
"Banco di Santo Spiritu" hatte der Heilige Geist im Jahr 748 noch keinen Anteil - das
Institut war nur eine kleine Zweigstelle der allmächtigen Bank des Islams, jener
Weltreligion, die sich als einzige direkt aus einem Handelskonzern entwickelt hat,
jener Weltmacht, die das Abendland formen half."Ex oriente lux", formulierten
Gelehrte des Mittelalters: "Aus dem Osten kommt das Licht." Unsere
Energiewirtschaft hat dem alten Slogan einen neuen, handfesten Sinn gegeben.
Früher besagte er: Wer die Ursprünge europäischer Kultur und Zivilisation finden
will, muss sie im Nahen Osten suchen. Wir danken den Arabern viel. Unser
Weltwirtschaftssystem samt seinen augenblicklichen Krisen, unsere
Marktwirtschaft und unser Bankwesen, unsere Mathematik und natürlich auch unser
Zahlensystem. Außerdem unsere Universitäten samt der These von der Freiheit der
Wissenschaften, die Grundlagen unserer Medizin, den Journalismus und die
moderne Geschichtsschreibung. Das zivilisatorische Modell, das wir heute loben
und an dem wir oft Verzweifeln der Kapitalismus, wurde in der Wüste entwickelt. Die
Wüste beginnt zwei Flugstunden südlich von Rom, nach dem Mittelmeer und dem
grün zerklüfteten Libanon. Aus einer Flughöhe von 11.000 Meter sieht sie
tatsächlich Wüst aus - eine unendliche Fläche graubraun wie Tee mit Milch. Doch
schon nach kurzer Zeit senkt sich das Flugzeug und die Wüste nimmt Formen an.
Riesige Schatten verraten hohe Gebirge dazwischen krümmen sich ungeheure,
versandete Täler,

und mit guten Augen kann man winzige, schwarze Punkte entdecken - die Zelte der
Beduinen. Wenn die Maschine zum Tiefflug ansetzt, werden um die Zelte noch viele
kleine Pünktchen sichtbar. Beim Brausen der Triebwerke geraten sie in hektische
Bewegung: Kamele.

In der Geschichte Arabiens haben Kamele stets eine bedeutende Rolle gespielt,
steht in einem modernen Geschichtsbuch Arabiens, doch moderne Araber sehen
es gar nicht gern, wenn man Kamele fotografieren will. Kamele gelten heute als
Symbole der Rückständigkeit. Die Wüstensöhne Kuwaits zum Beispiel lassen sich
am liebsten mit Fortbewegungsmitteln der Marke "Mercedes" fotografieren, und das
schon zu einer Zeit, bevor sie als konsequente Neureiche nicht nur die Produkte,
sondern auch etwas von der Produktion kauften. "Kamele sind out", scherzte selbst
mein Taxifahrer auf dem Flughafen von Kuwait. In seinem vollklimatisierten
Mercedes brauste er mit mir über eine schnurgerade, nagelneue Strasse in die
Wüste. Eine halbe Stunde später blockierte ein gelangweiltes Kamelrudel die Piste.
Am Straßenrand standen zwei chromblinkende Straßenkreuzer, dahinter sieben
dunkle Zelte, und dort war die Zeit stehen geblieben.

Als unser Wagen hielt, tauchten am Straßenrand einige Männer auf und sahen nicht
gerade freundlich drein. Mein Fahrer kannte sie allerdings, und er ging mit ihnen zu
einem Zelt in der Mitte der anderen. Nach einer Weile kam er wieder und holte mich.

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Einige filzige Fettschwanzschafe beschnupperten mich, und die Kamele sahen


unglaublich arrogant auf mich.

Als sich meine Augen an das Halbdunkel im Zelt gewöhnt hatten, sah ich einige
ältere Männer. In der Mitte saß einer mit Burnus und einem langen, weißen Bart, an
dem noch die Spuren etlicher Mahlzeiten hingen. Er verneigte sich im Sitzen und
sagte etwas. Es musste eine alte Formel sein, denn der Alte sang mehr, als er
sprach. Mein Führer übersetzte: "O Gast, der du gekommen bist, unser Zelt zu
ehren; in Wahrheit sind wir die Gäste und bist du unser Hausherr."

Mein Führer antwortete in derselben Tonlage, und dann durften wir uns setzen. Die
Einrichtung des Zeltes war einfach ein gewebter Teppich, einige eingerollte
Decken, etliche Blechbüchsen.

Zunächst wurden viele Fragen gestellt. Woher und wohin auf welchem Weg und
warum und so weiter. Das Interesse der Runde an der Bundesrepublik verflog
jedoch augenblicklich, als sie hören musste dass man dort nicht in Zelten lebe und
wenn überhaupt dann höchstens im Urlaub. Dass sich Menschen freiwillig in das
Gefängnis gemauerter Wohnungen begeben können ging einfach über ihr
Begriffsvermögen.

Da machte der Alte eine Handbewegung. Ein jüngerer Mann holte eine
Blechbüchse und daraus nahm der Alte eine Handvoll graugrüner Bohnen. Er
streute sie in eine kleine Pfanne, setzte sie auf ein winziges Feuerchen das in
einem Tontopf vor dem Zelt gloste, rührte vorsichtig mit einem Stöckchen um, und
bald duftete es herrlich nach Kaffee.

In einem Messingmörser wurden die Bohnen nach einem ganz bestimmten


Rhythmus zerstampft taktak taktaktaktaktak taktak.

Das zeigt allen Leuten in der Nähe an dass hier Gäste bewirtet werden erklärte
mein Führer. Aus einer schmutzigen Flasche goss der Alte etwas Wasser in einen
Blechtopf. Als es kochte gab er das Kaffeepulver dazu, ließ das Ganze noch
zweimal aufwallen und goss es schließlich in eine hohe Metallkanne mit sehr
enger Tülle. In die hatte er zuvor umständlich eine Kardamomkapsel gesteckt. Nach
vielen Verbeugungen durften wir das teuflisch starke Gebräu aus winzigen
Schälchen trinken. Viel später wurden wir auch zum Essen eingeladen Hirsebrei
mit einigen zähen Fleischstückchen und sehr, sehr fett. Wir aßen mit den Fingern,
und die Hände mussten wir uns am Zeltvorhang abwischen. An dem hing bereits
eine dicke Fettschicht - der Ehrenschild des Hausherrn Beweis seiner großen
Gastfreundschaft. Nach der Mahlzeit wurden wir in ein anderes Zelt gebeten. Bei
frischem Kaffee nestelten jüngere Männer einige Stoffbündel auf. Ein großer,
klebriger Klumpen wurde mir zuerst gezeigt - Weihrauch. Dann folgten viele kleine
Gegenstände: Silberschmuck kleine Kaffeetassen aus fein graviertem Kupfer große
Kugeln aus Bernstein und Korallen und kleine Perlen aus dem persischen Golf.

Für einen lächerlichen Betrag kaufte ich zwei kleine Armreifen aus Silber. Auf dem
Heimweg sagte mir allerdings mein Führer dass der Beduine selbst daran
mindestens 500 Prozent verdient hatte und er zeigte mir auch ungeniert, was dabei
für ihn als Provision abgefallen war: eine zierliche Elfenbeinstatuette aus China.

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Ich nahm das nicht einmal übel, sondern genoss einen ebenso kurzen wie
überwältigenden Sonnenuntergang über der Wüste. Immer noch blockierten
Kamele die Strasse, und nun warfen sie lange, bizarre Schatten.

Anatomie der Wüste

Die Kamele sind eigentlich Dromedare, einhöckerig sehr genügsam und


unglaublich eigensinnig. Sämtliche dem Esel nachgesagten Untugenden übertrifft
es mühelos, und dabei ist es schon wesentlich längere Zeit Haustier als das
Langohr. Vor tausend Jahren galt der Wildesel noch als besonders edle Jagdbeute
-

das Kamel aber war damals schon zwei-ein-halb Jahrtausende gezähmt und in
seiner Wildform nicht mehr anzutreffen.

Von den Hengsten überleben nur wenige die Jugend. Bereits im zarten Alter werden
sie zu Festbraten verarbeitet, und nur besonders zähe Jünglinge werden zur
Aufzucht behalten. Die Dromedardamen aber liefern Milch und Wolle, ihre
Exkremente Brennmaterial und deren Asche Wasch- und Putzmittel. Vor allem
jedoch sind sie Transportmittel. Als Treibstoff genügt wenig Wasser - die meisten
Autokühler verbrauchen mehr , und im übrigen fressen sie beinahe alles, sogar
Lederriemen und die "Rosen von Jericho".

Diese Rosen haben mit Rosen allerdings nichts gemein. Als graue struppige Bälle
liegen sie im Sand herum ungefähr faust groß. Zerdrückt man sie mit der Hand,
zerfallen sie zu Staub. Legt man sie aber in einen Teller mit nur etwas Wasser
geschieht das "Wunder von Jericho": Der graue Ball wird dunkelgrün und entfaltet
sich zu einer festen reich verzweigten Pflanze. Diese sondert nach einigen Stunden
grünen Staub ab, aus dem neue Rosen werden. Die Natur hat es mit diesem
Wunder nicht eilig. Manche Rosen werden jahrhundertealt. Der Wind bläst sie durch
die Wüste. Die meisten werden gefressen und grünen nur im Magen der Kamele.
Andere kommen zufällig einmal auf feuchteren Boden und vervielfältigen das
Wunder.

Dieses groß artige Naturmodell, mit dem Wüstenklima fertig zu werden, wurde in
erstaunlich kurzer Zeit entwickelt: Die arabische Wüste gibt es erst seit dem
Jungtertiär. Davor war Arabien ein Teil Afrikas und so fruchtbar, dass als
Nebenprodukt des Lebens auch der Welt größte Erdölfelder entstanden.

Dann aber bekam die Verbindung einen Knacks. Ein 2.300 km langer Landstreifen
brach als Rotes Meer ein. Die Ränder der Bruchstelle stülpten sich gleichzeitig zu
Gebirgen auf. Nach einigen Jahrzehntausenden hatte die Halbinsel ihre heutige
Gestalt.

Wer sich Arabien vom Westen her nähert, gerät zuerst an die Bruchstelle, eine
schmale Küste namens Tihama. Ihr glatter Rand bietet nur wenig Häfen Mokka vor
allem, von alters her berühmt als Umschlagplatz abessinischen Kaffees, und
Dschidda, den Vorhafen Mekkas. Berühmt ist die Tihama außerdem für ihr
Treibhausklima und die lästigsten Fliegen der Welt. In arabischer Sprache heißen
sie poetisch "Schosskinder des Satans", und der scheint dafür zu sorgen, dass

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ihnen nichts zuleide geschieht, denn sie mästen sich sogar mit DDT. Wer ihnen
entkommen will muss ins Gebirge, und das ist unter den gegebenen Umständen
sehr schweißtreibend.

Das Gebirge heißt Sarat und kann es in jeder Beziehung mit den Alpen Europas
aufnehmen. Die meisten Gipfel sind stolze Dreitausender, und der gewaltige
Aufbau sorgt dafür, dass sich keine Regenwolke in das Hinterland verirrt. Die
Westhänge des Gebirges sind von den ständigen Regengüssen völlig kahl gespült
worden, nach Osten aber verirren sich nur wenige Rinnsale. Sie heißen dann
Wadis, teilen sich in zahllose Nebenarme und versickern irgendwann im Sand.
Wasser führen sie nur sehr selten aber immerhin bietet ihre Nähe etwas
Grundwasser und davon lebt das Land.

Das Land heißt Hidscha oder Hedschas, "die Schranke". Die Schranke ist ein wild
zerklüftetes Hochland, auf dem hauptsächlich graue Disteln gedeihen. Dennoch
heißt es "das grüne Arabien", denn hier liegen die meisten Oasen, wie Perlen an
den Wadis aufgereiht. Nur 0,2 %, ganze zwei Tausendstel der Gesamtfläche
Arabiens sind Ackerland doch davon liegen mehr als zwei Drittel in der schmalen
Hidscha und hier ist auch die Heimat der Dattelpalme.

Einen genügsameren Baum gibt es wohl kaum, und Arabiens Schöngeister


nennen die schlanke Palme "wenig Nehmende, alles Gebende". Ihr Holz ist zwar
schlecht, als Bau- und Brennmaterial aber unentbehrlich. Ihre Wedel dienen als
Dachziegel, Sonnensegel, Fächer und Besen; aus ihren Fasern werden Taue
gedreht und ihre Früchte werden nach über hundert Verfahren zubereitet, unter
anderem auch zu einem mörderisch starken Schnaps. Im Schatten der
Dattelpalmen leben Dreiviertel aller Araber.

Ihre Häuser haben sie meist an den Rand der Oasen gebaut, denn der Boden in
der Mitte ist für Bauland zu kostbar. Dort liegen kleine, gut bewachte Gärten und die
Brunnen, oft an die 25 Meter tief. Moderne Techniker können es nicht fassen wie die
einfachen Wüstenbewohner so tief verborgene Wasseradern aufspüren konnten
und dabei enthalten die meisten Brunnen nur salziges Brackwasser.
Süßwasserbrunnen sind der größte Schatz und hier entstanden sogar regelrechte
Städte. Doch auch die wurden bis in die jüngste Gegenwart von denen beherrscht
die nicht in den Oasen wohnen: den Beduinen, den Herren der Wüste.

In der Hidscha heißen die Beduinen auch "Herren der schwarzen Steine". Die
schwarzen Steine Harra bedecken fast ein Fünftel der Hidscha und wurden vor
undenklichen Zeiten von längst erloschenen Vulkanen ausgespuckt. Natürlich
ziehen auch Beduinen nicht freiwillig in diese trostlosen Halden. Viel lieber
"beschützen" sie die Oasen und nehmen dort, was sie brauchen.

Da sie jedoch fast nie bezahlen und auch die Geduld arabischer Bauern nicht
grenzenlos ist, werden sie oft als Räuber verjagt, und dann bleibt ihnen nur der
Rückzug in die Harra denn dorthin wagt kein Oasenbewohner sie zu verfolgen. In
den Harra hausen nämlich auch die Dschinnen unheilbringende Dämonen.

Durstigen Wanderern gaukeln die Dschinnen gerne liebliche Blumengärten vor, bis

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ihnen die Ahnungslosen in die Harra folgen und dort gefressen werden. Eine
Dschinn-Dame brachte es in diesem Gewerbe zu so großer Fertigkeit dass ihr
Name Fata Morgana sogar zu einem wissenschaftlichen Begriff wurde.

Daher ziehen auch die Beduinen nur selten über die "schwarzen Steine", sondern
lieber zu den gelben, nach Osten in das Nedsch. Das Nedsch ist eine unendliche
Hochebene, durchschnittlich 1.000 Meter hoch, und nach Osten hin, dem
persischen Golf zu, sinkt sie allmählich ab. Hier ist die eigentliche Wüste, "das
unbewohnte Viertel der Welt", fünf Sechstel der Halbinsel. Hier leben fast nur
Beduinen und hier gelten noch immer ihre uralten Gesetze, herrscht der
Stammesverband und im Stamm der Scheich.

Der Trödler Abraham

Der alte Mann, dessen Gast ich sein durfte war ein Scheich, Oberhaupt eines
Stammes. Seine Funktion ist erblich, doch außerdem existieren auch Formen
direkter Demokratie. Bei wichtigen Entscheidungen muss stets der Ältestenrat
befragt. werden, die Patriarchen aller dem Stamm angeschlossenen Sippen.

Und jeder im Stamm spricht den Scheich nur mit seinem Vornamen an, als
Gleichen unter Gleichen. Wichtig ist der Scheich nur als oberste Instanz bei
Streitigkeiten innerhalb des Stammes. Bestiehlt ein Stammesmitglied ein anderes
kostet das eine Hand. Diebstähle bei fremden Stämmen hingegen sind ein
Kavaliersdelikt und Plünderungen bei Bauern und in Städten eine
Selbstverständlichkeit.

Auch bei Eheschließungen hat der Scheich das letzte Wort. Jeder Stamm zerfällt in
Großfamilien Sippen. Dabei zählen angesehene Stämme oft zehnmal mehr Sippen
als kleine, und der Scheich muss von allen die ärmeren Mitglieder aushalten.
Geheiratet aber wird nur mit seinem Einverständnis und meist untereinander.
Selbst Ehen mit Mitgliedern befreundeter Stämme sind selten, und diese
systematische Inzucht hat dafür gesorgt, dass sich die einzelnen Stämme gründlich
voneinander unterscheiden. Für alle aber gelten Kamele als Symbol des
Reichtums. Hat ein Stamm genügend junge Männer und Kamele produziert, rüstet
er eine Karawane aus. Nach einem ausgiebigen Abschiedsessen, ziehen dann die
Jungen, mit mindestens einundzwanzig Kamelen, auf Handelsreise.

Jener Scheich, bei dessen Stamm ich meine beiden Silberreifen kaufte, hatte
gerade zwei Karawanen los geschickt, eine nach Süden und eine nach Osten. Das
war nicht einmal viel, denn mein Scheich präsidierte nur einem kleinen Stamm,
allerdings einem besonders ehrwürdigen wie mir wiederholt erklärt wurde: Der
Scheich war ein direkter Nachkomme des alten Abraham.

Später fand ich heraus dass alle Araber von Abraham abstammen. Denn er hatte
ihre Vorfahren in die Wüste geführt und damit zu dem doch sehr strapaziösen
Leben verurteilt. Da auch die Juden Abraham als Stammvater reklamieren, waren
sich die Wissenschaftler lange darüber einig, der Patriarch könne nur eine
Sagenfigur sein.

Laut Bibel stammte Abraham aus Ur in Chaldäa.

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Ur ist ein alt arabisches Wort und bedeutet Festung. Die Stadt Ur wurde auch in
unserem Jahrhundert ausgegraben und erwies sich nicht nur als uralte Festung,
sondern auch als Hochburg sumerischer Kultur als Hauptstadt eines Volkes das
aus den Gebirgen des Osten gekommen war und seinen Fürsten nicht nur
Prachtstücke der Goldschmiedekunst sondern auch rudelweise Menschenopfer ins
Grab mitgab. Menschenopfer kannte Abraham aus Ur auch und die Bibel berichtet
von seinem misslungenen Versuch, seinen eigenen Sohn zu Ehren Gottes zu
schlachten. So hielt man Abraham lange Zeit, wenn schon für eine historische
Figur, für einen sumerischen Fürsten oder Abhängigen.

Da entzifferte der Deutsche Fritz Hommel einige babylonische Keilschrifttafeln. Sie


erwiesen sich als eine Art Fremdenführer durch Ur in Chaldäa und enthielten auch
eine Liste von elf Königen die dort zwischen 1952 und 1585 vor unserer
Zeitrechnung geherrscht hatten. Und die Liste enthüllte eine bewegte Geschichte:
Die drei ersten Königsnamen waren semitisch, dann folgten sieben sumerische
Namen und am Schluss wieder ein semitischer. Die Namen der ersten drei Könige
waren eine kleine Sensation: Der erste hieß "Iluma-ilum", "Gott ist wahrhaftig Gott"
oder "Es gibt keinen Gott als Gott". Später wurde daraus "Allah-il-Allah" das
Glaubensbekenntnis der islamischen Religion. Der zweite König lieferte mit
seinem Namen die heute noch gängige arabische Beteuerung "Gott kann auf mich
bauen", und der dritte König hieß "Freund Gottes" Damki_ilischu. Das aber Ist von
alters her der Beiname Abrahams.

Urvater Abraham hatte eine wilde Jugend. Schon sein Vater war von den Sumerern
besiegt und verjagt worden und der Junge wuchs als Prinz im Exil auf. Später
versuchte er, Ur zurückzuerobern und mit einem wilden Handstreich bekam er die
Stadt tatsächlich in seine Gewalt. Halten aber konnte er sich nicht. Er wurde
vertrieben und zog in die Wüste laut Bibel reich an Silber und Gold also
höchstwahrscheinlich mit der Staatskasse.

Abraham wurde Beduine: Hirt und Kaufmann. Was sollte er mit dem Gold sonst
anfangen? Bereits um 1800 v. Chr., also zur Zeit Abrahams wurde quer über die
Arabische Halbinsel reger Handel getrieben denn bereits das Gold Urs stammte
von der Küste Afrikas.

Spätestens Abraham dürfte System in das Leben der Wüstenbewohner gebracht


haben,

denn bereits fünfzig Jahre später hatte sich die Stammesordnung in ihrer heutigen
Form durchgesetzt.

Und das Wüstenleben hatte goldenen Boden: Die Araber wurden ein überaus
erfolgreiches Händlervolk.

Um das Jahr 950 v. Chr. wurde eine arabische Dame in der Bibel als Königin von
Saba aktenkundig. Leider wissen wir nicht allzu viel über sie. Dass sie mit einer
großen Karawane nach Jerusalem zog, um ihre Schätze der Weisheit Salomons zu
opfern, ist etwas unglaubwürdig. Es dürfte sich eher um eine Geschäftsreise
gehandelt haben, und der berüchtigte weise König wird dabei die Königin von Saba
kräftig übers Ohr gehauen haben. Andere Gelehrte vermuten, die Königin sei selbst

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Ware gewesen, ein Einstandsgeschenk für den Harem Salomonis und Grundlage
künftiger Geschäftsverbindungen. Doch könnte die Königin auch eine wirkliche
Stammesfürstin gewesen sein bei manchen Araberstämmen hatten durchaus die
Frauen die Hosen an, und noch heute sind Beduinenfrauen emanzipierter als ihre
Kolleginnen in den Städten und der Landwirtschaft. Sie gehen unverschleiert durch
die Gegend, und nur wenn bedenkliche Fremde kommen, ziehen sie sich
vorübergehend in die Zelte zurück.

Von kurzen biblischen Streiflichtern abgesehen, liegt die Frühgeschichte Arabiens


ziemlich im dunkeln. Erst mit dem Aufstieg des Römerreichs werden die Araber
historisch genau erfassbar, und da hatten sie sich bereits ihren festen Platz in der
Weltwirtschaft gesichert. Ihre kleinen Segelboote, Daus genannt, fuhren stets in
Sichtweite der Küste bis Indien, trieben Handel mit Abessinien und kamen sogar
bis Südafrika und um das Kap der

Guten Hoffnung herum an die Goldküste Ghanas. Quer über ihre eigene Halbinsel
hatten sie bereits alle Trampelpfade des Warenumschlags angelegt, die heute
noch Arabiens Hauptverkehrsadern darstellen. Und an den Kreuzungspunkten der
Karawanenstrassen waren regelrechte Städte entstanden, permanente
Messestädte, arabisch Basar genannt. Hier wechselten die Luxusgüter der Römer
ihre Zwischenhändler. Indische Elfenbein von denen einige Prachtstücke später in
Pompeji ausgegraben wurden, Weihrauch und natürlich Gold, indische Edelsteine,
Korallen und Perlen, und vor allem der begehrteste Stoff der Alten Welt - Seide.
Diese zarten Gewebe waren ursprünglich chinesisches Staatsmonopol gewesen,
doch die Inder waren durch Betriebsspionage hinter das Herstellungsgeheimnis
des sündhaft teuren Stoffs gekommen.

Bin Nabob ehelichte eine chinesische Prinzessin die als private Mitgift die ersten
Seidenraupen in ihrer Perücke außer Landes schmuggelte. So handelten die
Araber bereits um das Jahr 0 unserer Zeitrechnung mit indischer Seide und
verwickelten die auf chinesische Seide spezialisierten Perser in. einen bösen
Preiskrieg. Aber auch ein wesentlich bedenklicherer Stoff ging durch ihre Hände
und wurde in Rom bald unentbehrliches Requisit für offizielle und private Orgien:
Opium. Und natürlich blühte auch der Menschenhandel. In Arabiens Basaren
wechselten afrikanische Krausköpfe ihren Besitzer, wurden zarte Inderinnen und
Inder verschoben, und Rom nahm alles ab.

Die Basare standen jeweils unter der Schirmherrschaft eines Stammes, große
sogar eines Stämmeverbandes, und da die Marktherren bei jeder Gelegenheit
kräftig absahnten, wurden manche Stämme unerhört reich. Um das Jahr 250 n.
Chr. erfanden arabische Handelsherren eine Spielart des Geschäftslebens, bei der
man auf halsbrecherische Weise schnell ungeheuer reich werden konnte und die
heute noch der beliebteste Tummelplatz wilder Spekulanten ist das
Warentermingeschäft. Bezeichnenderweise wurde. es hauptsächlich von
Astrologen betrieben, Und Tempel fungierten als Vorläufer unserer Börsenhallen.

Für die Handelsherrn der Stadt Palmyra zahlte sich der Hazard aus - sie konnten
sich es sogar leisten, als Baumaterial für ihre Häuser griechischen Marmor zu
importieren. Der Boom Palmyras hatte nur einen Nachteil: Er war auf Gedeih und
Verderb an die Konjunktur Roms gebunden. Und bald wollten auch die Römer auf
dem Markt Palmyras ihre direkte Mitbestimmung durchsetzen. In dieser Situation

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kam es zu einem romantischen Skandal Königin Zenobia ließ ihren angeblich zu


sehr von Rom abhängigen König umbringen und übernahm selbst die
Geschäftsführung mit dem Programm "Los von Rom". Die Sache ging nicht gut aus.
Zenobia endete in Rom, als Kriegsgefangene, und das einst so reiche Palmyra
zerfiel zu einer romantischen Ruinenlandschaft. In unserem Jahrhundert erlebte die
Geschichte übrigens ein ,pikantes Nachspiel: Eine französische Madame
d'Andurain. war so begeistert von Zenobia, dass sie Palmyra zu neuem Leben
erwecken wollte. Neben den ungeheuren Marmorruinen der alten Königin ließ sie
einen nagelneuen Palast bauen, und dort herrschte sie als neue Herrin der Wüste.

Allerdings wollte die Dame ihrem historischen Vorbild bis ins Detail ähnlich
werden, und so ließ auch sie eines Tages ihren Gemahl umbringen. Doch die
Zeiten hatten sich geändert - Madame d'Andurain musste ihren Palast räumen. Sie
charterte ein Segelboot und wurde wenig später von ihren Gefolgsleuten bei einer
Meuterei den Haien verfüttert. Ihr Palast aber ermöglicht, die grandiosen Reste der
alten Wüstenstadt relativ komfortabel genießen zu können, denn er wurde zu einem
Touristenhotel demokratisiert.

Das Ende Palmyras war auch das Ende der goldenen Zeit Arabiens. Das römische
Wirtschaftssystem schlitterte in seine großen Krisen, und davon schlug jede auf
den arabischen Markt nieder. In demselben Maß, in dem das Imperium Romanum
provinzieller wurde, nahm auch der innerarabische Konflikt an Härte zu. Um das
Jahr 270 n. Chr. wurde bei. einer nebensächlichen Stammesfehde auch die
altehrwürdigste Instanz der Halbinsel in Schutt und Asche gelegt: der Basar von
Meschkar. Hierher mussten alle Importgüter gebracht werden, die ihren Weg durch
Arabien nahmen. Meschkar war ein Marktprüfungsamt. Sieben Tage lang wurden
die Waren begutachtet und erhielten schließlich ein Gütezeichen. So vorbildlich war
diese Einrichtung, Mes genannt, dass sie später von vielen Völkern gleich unter
dem alten Namen übernommen wurde - auch unser Wort Messe ist eine
Erinnerung daran. Mit dem Ende Meschkars hatte sich der arabische Handel selbst
einen tödlichen Schlag zugefügt. Die Überlebenden Meschkars aber verließen die
Trümmerstätte und siedelten sich weit im Süden neu an, in einem Dorf um einen
Süßwasserbrunnen namens Semsem. Die Gewohnheit ihrer Messe versuchten sie
auch dort am Leben zu erhalten, und damit rückte eine Ortschaft ins Blickfeld der
Geschichte, die seitdem als Herz Arabiens gilt : Mekka.

Messe mit vielen Göttern

Natürlich ist auch Mekka eine Gründung Abrahams. Der Patriarch soll in diese
Gegend gekommen sein, als seine Frau Hagar gerade schwanger war. In
glühender Sonnenhitze gebar Hagar ihren Sohn Ismael, und da weit und breit keine
Wasserstelle zu finden war bereitete sich die junge Familie gottergeben aufs
Verdursten vor. Endlich erschien jedoch ein Engel und zeigte einen Platz an dem
Abraham einen Brunnen graben sollte.

Gehorsam begann Abraham zu buddeln, doch Wasser fand er nicht. Sechsmal lief.
die arme Hagar von ihrem Lager zu der Baugrube, und sechsmal musste sie
verzweifelt umkehren. Beim siebten mal aber erbarmte sich der Himmel, und aus
der Erde entsprang der Quell Semsem "der Murmelnde". Als Dank für diese
himmlische Gefälligkeit errichtete Abraham neben dem Brunnen zu Ehren Gottes
ein würfelförmiges Gemäuer und nannte es Kaaba.

15 von 295 09.09.2010 19:14


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Abrahams Gastspiel währte nur kurz, wenn man den sagenhaften Berichten trauen
darf. Um den begehrten Platz an der süßen Quelle aber stritten hinfort alle
möglichen Beduinenstämme, und bereits im dritten Jahrhundert nach Christus
hatte sich Mekka zu einer ansehnlichen Handelsstadt entwickelt. Zahllose Götter
dokumentierten ebenso viele Geschäftsverbindungen, und der aus Meschkar
zugewanderte Stamm Dschorhem brachte auch noch die seinen mit.

Gerade die islamischen Geschichtsschreiber legen Wert darauf, Mekkas Zustand


vor Mohammed in den aller düstersten Farben zu schildern. Das Handelszentrum
sei "ein Pfuhl des Lasters" gewesen und die Kaaba allein Heimstatt von mehr als
300 Göttern. Da auch wir aufgrund eines christlich erziehungsbedingten Vorurteils
ein Ein-Gott-System für moralisch höherwertig halten als eine pluralistische
Göttergesellschaft, fällt es daher schwer, der Zeit vor Mohammed gerecht zu
werden.

Mekka war eine "heilige Stadt", und das bedeutete damals wie noch heute im
asiatischen Raum: Rechtssicherheit und Handelsfreiheit, etwa unserem
mittelalterlichen "Burgfrieden" vergleichbar. Die Götter wachten darüber, dass auf
dem Basar und um das Heiligtum die sonst üblichen Stammesfehden ruhten, und
als äußeres Zeichen des Friedens waren an dem heiligen Platz alle
Stammesgötter gleichberechtigt.

Die meisten Götter Mekkas waren daher Schutzpatrone arabischer Stämme.


Normalerweise reisten sie unsichtbar mit den Ihren - in der Kaaba aber
hinterließen sie ihr Abbild, zum Zeichen, dass sie hier gewesen und auf dem Basar
im Umkreis was mitzureden hatten. Ihr Gastgeber war Hobal, Gott der einstigen
Herren Mekkas. Wir wissen nicht viel über ihn, aber die Silbe "bal" im Namen des
Gottes lässt vermuten, dass hier einst Lieferanten der Phönizier waren. Hobal war
Mondgott, "der erfrischende, tauspendende", und außerdem Inhaber einer
Kuriosität,

die zu bestaunen Araber von weither kamen: Ihm gehörte ein echter Meteorit,
glashart und pechschwarz, unter furchtbarem Gezisch vom Himmel gefallen.

Mit diesem erstaunlichen Stein übertraf Hobal mühelos eine Kollegin, die ebenfalls
aus Phönizien zugewandert sein dürfte. Sie hieß Ellat und war aus dem Schaum
des Meeres geboren. Die Griechen haben sie als Aphrodite und die Römer als
Venus adoptiert. In der Wüste aber verlor die Dame ziemlich bald ihre sinnlichen
Eigenschaften. Zunächst änderte sie ihren Namen in Allah und dann sogar ihr
Geschlecht. Um das Jahr 300 war aus der Dame ein Mann geworden. Doch die
Geschlechtsumwandlung dürfte nicht ganz zur Zufriedenheit der Gläubigen
ausgefallen sein bereits kurze Zeit später zog Allah auch seinen Körper aus und
wurde eine unsichtbare Gottheit. Aber auch eine undefinierbare und damit eine
ziemlich unbedeutende. Allah endete als Firmengott eines Handelsunternehmens,
und in dieser Funktion hatte er zahlreiche, meist wichtigere Kollegen.

Denn ein beachtlicher Teil der Götter Mekkas repräsentierten ausschließlich Firmen
und Geschäftsverbindungen, etwa unseren heutigen Warenzeichen vergleichbar.
Manche von ihnen waren weit gereist. Da gab es beispielsweise Siwaa, einen
tanzenden Mann in einem Schlangenkreis. Er war aus Indien eingewandert, hieß

16 von 295 09.09.2010 19:14


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dort Schiwah und war eine uralte Gottheit aller germanischen Völker. Die Griechen
führten ihn als Zeus und die Germanen Mitteleuropas als Ziu. Auch der Gott Wedd
zu Mekka hatte einen germanischen Verwandten ebenfalls einäugig und mit dem
Namen Wotan. Sie wurden höchstwahrscheinlich von arabischen Indien Fahrern
adoptiert und unterschieden sich durch ihre handfeste Körperlichkeit gründlich von
ihren arabischen Kollegen, die überwiegend in Sternen verehrt wurden als
Orientierungshilfen in der Wüste.

Alle Götter aber sorgten für den Umsatz Mekkas denn ihre imponierende
Versammlung war ein gewaltiger Anreiz, Mekka zu besuchen - in Form einer
Pilgerreise, bei der man auch seine Geschäfte erledigen konnte.

Unser christliches Mittelalter hat diese heidnische Tradition kräftig fortgeführt. Jede
Stadt sammelte eifrig "Heiligtümer", Knochen und sonstige Hinterlassenschaften
aller möglichen Heiligen, die in prunkvollen Schreinen verwahrt und fallweise
hergezeigt wurden.

Solche "Heiltumsfahrten" brachten oft über hunderttausend Gläubige auf die Beine,
da sie stets mit einem kräftigen Sündennachlass verbunden waren. Als Zehrgeld
nahmen die frommen Pilger meist gefragte Waren ihrer Heimat mit, um sie am
heiligen Ort zu verhökern. Dadurch entstanden im Dunstkreis der Frömmigkeit
blühende Märkte, deren jämmerliche Reste noch heute in den
Devotionalienständen süddeutscher Wallfahrtsorte fortleben.

Nebenbei besorgten die Pilger auch die sozialen Aufgaben der heiligen Städte. Wer
die Götter besuchte, musste ihnen auch eine Kleinigkeit opfern, meist Lebensmittel
für die Armen. Und da auch die frömmsten Pilger nach wochenlanger, frauenferner
Reise auf gewisse körperliche Bedürfnisse nicht verzichten mochten, hatten auch
manche alleinstehende Damen des Ortes einen Nebenverdienst. Mekka
beispielsweise konnte seinen Besuchern bereits im Jahr 300 mit 74
Massagesalons dienen.

Zu jener Zeit war aus dem Handelsknotenpunkt ein gut funktionierender Stadtstaat
geworden. Der Kämmerer verwaltete den Schlüssel der Kaaba und somit die
Staatsbank. Er hieß von Amtswegen Hedschajet. Der Rekadet war Inhaber der
Gastgewerbekonzession. Der Liwa kommandierte die Polizei und die Armee in
Friedenszeiten, stand aber in Kampfzeiten unter dem Kommando eines eigens
ernannten Generals um Militärdiktaturen vorzubeugen. Reisende Händler wurden
gleich zweimal zur Kasse gebeten: Ein Marktbeamter kassierte im Namen der Stadt
Platzmiete, ein weiterer im Namen der Hausbesitzer "Schattenmiete". Und dann
gab es auch noch den Sakajet, den "Becherbewahrer". Er war für die
Wasserversorgung der Stadt verantwortlich und unterstand wie seine Kollegen dem
Redwet, dem Stadtparlament.

Die Wirklichkeit war natürlich lange nicht so schön wie die Verfassung. Dafür sorgte
schon das arabische Stammesbewusstsein. Mekkas Verhängnis war, dass sich
stets mindestens zwei Stämme "um Amt und Ehren" bewarben und keiner mit dem
anderen teilen wollte. Seit dreißig Jahren schon prügelten sich die aus Meschkar
zugewanderten Dschorhem mit den ursprünglich weiter im Süden lebenden
Chossaa um die Ehrenämter der Stadt. Sie hätten es auch tatsächlich geschafft,
dem Gemeinwesen den Garaus zu machen, wäre nicht ein von beiden Seiten

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akzeptierter "heiliger Mann" auf die Idee gekommen, vier "heilige Monate"
einzuführen, in denen nur Geschäfte gemacht werden durften.

Dschorhem und Chossaa akzeptierten diese Regelung - sonst wäre ja auch von
Mekka nichts übriggeblieben, um das sich hätte streiten lassen.

Am meisten hatte bei den Streitigkeiten die Wasserversorgung gelitten. Als die
Chossaa wieder einmal die gesamte Macht übernahmen, schütteten die
Dschorhem den berühmten Brunnen Semsem zu. Wahrscheinlich haben sie ihn
auch gründlich verunreinigt, denn die Chossaa verzichteten darauf, den kostbaren
Süßwasserquell wieder freilegen zu lassen. Mekkas Trinkwasser bestand von nun
an aus einer übelriechenden, salzigen Brühe, die höchstens als Kaffee genießbar
war.

Im Jahr 350 brachte eine Karawane der Dschorhem aus Indien nicht nur kostbares
Elfenbein, sondern auch die Pocken mit. Für die Chossaa erwies sich nun als
segensreich, dass sie mit den Dschorhem prinzipiell keinen Verkehr hatten nur
Dschorhem starben, und die Chossaa konnten unangefochten die Staatsämter zu
Erbpfründen erklären. Die übrigen Bürger Mekkas waren froh dass auf diese Weise
der permanente Bürgerkrieg sein Ende fand, und tatsächlich herrschte für die
nächsten hundert Jahre in Mekka Ruhe und Ordnung.

Die Rotte Korah

Natürlich waren nicht alle Mekkaner mit der Alleinherrschaft des Stammes Chossaa
einverstanden. Durch die Erblichkeit der Staatsämter war der Kreis der
Spitzenverdiener ziemlich beschränkt und daher gab es sogar in ihrem eigenen
Stamm so etwas wie Klassengegensätze und Klassenhass. Und dass die
überlebenden Dschorhem auch ziemlich unzufrieden waren braucht gar nicht erst
gesagt zu werden.

Mekkas oberste Zwanzig zeigten ihre menschlichen Schwächen ganz offen. Ebu
Gabschan zum Beispiel, der Finanzminister, hatte ein öffentliches Verhältnis mit
dem Alkohol. Eines Abends und während eines langen Saufgelages erzählte ihm
ein Gast aus dem Stamm Dschorhem von einem besonders guten, Schlauch
Schiraz-Wein der in seinem Keller lagere. Der Gast hieß Kossa, zu deutsch "der
Ehrgeizige", und muss ein hervorragender Erzähler gewesen sein, Ebu Gabschan
nämlich lief das Wasser im Munde zusammen und er wollte unbedingt von dem
Wundergetränk kosten.

Kossa aber war auch ein hervorragender Kaufmann er reizte den Preis so lange,
bis ihm Ebu Gabschan sein Staatsamt für den Weinschlauch versprach. Kossa ließ
sich das schriftlich geben und rannte los.

Noch am selben Abend wurde der Schlauch bis auf den letzten Tropfen geleert, und
am nächsten Morgen marschierte Kossa mit der Urkunde zur Kaaba und verlangte
die Schlüssel zur Staatskasse. Gleichzeitig rannte Ebu Gabschan mit
brummendem Schädel zum Gericht und klagte auf Nichtigkeit des Saufhandels.
Kossa jedoch hatte als umsichtiger Geschäftsmann auch die Richter geschmiert,
und so entschieden die nach den strengen Bräuchen ehrbarer Kaufleute:
Gemachte Geschäfte gelten, Reklamationen werden nicht entgegengenommen.

18 von 295 09.09.2010 19:14


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Natürlich langte Kossa als Finanzminister tüchtig in die Staatskasse. Das war
riskant, denn alljährlich gab es die Hadsch, die Bußreise aller Stadtverordneten:
Gemeinsam, leichtbeschuht und unbewaffnet mussten alle Stadtväter siebenmal
den Weg Hagars zu Abrahams Brunnen laufen. anschließend war Buchprüfung. Für
die Hadsch des Jahres 451 ließ sich Kossa krank melden. Die Stadtväter witterten
Unrat und beschlossen, die Bücher ganz besonders genau zu prüfen. Zuvor aber
mussten sie das fromme Rennen machen. Sie beeilten sich natürlich und
schwitzten bereits kräftig, als sich Kossa doch noch zu ihnen gesellte überraschend
und mit einem halben Hundert finsterer Schlägertypen. Daraufhin rannten die
Stadtväter erst recht verließen die vorgeschriebene Route und kurz darauf auch die
Stadt und wurden nimmer gesehen.

Am selben Abend noch hielt Kossa vor der Kaaba eine flammende Rede. Nach der
langen Diktatur der Chossaa versprach Kossa eine Rückkehr zur Demokratie. Er
selbst wolle dabei mit gutem Beispiel vorangehen sagte er, und: "Bis zur
demokratischen Reife der Stadt opfere ich mich daher und übernehme die schwere
Last aller Ämter auf meine schwachen Schultern." Die Mekkaner waren von so viel
Opfermut durchaus beeindruckt und nannten ihn von nun an Koreisch, den
Sammler. Als Diktator erwies sich der Sammler durchaus fortschrittlich. Er legte
größten Wert darauf, die Papierform der Demokratie zu wahren. Sogar ein Rathaus
ließ er erbauen, und dort residierte tatsächlich ein gewählter Stadtrat. Männliche
Bürger Mekkas durften ab dem vierzigsten Lebensjahr dabei mitwirken, Verwandte
Koreischs hingegen ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht.

Überhaupt war Koreisch ein vorbildlicher Familienvater. Seine eigene


Nachkommenschaft teilte er nicht in Sippen auf, wie bis her üblich war, sondern
gleich in Stämme, und denen hinterließ er bei seinem Tod im Jahr 470 nicht nur
sämtliche. Ämter der Stadt, sondern auch die vier wichtigsten Basarstrassen
erworben aus privatisierten Mitteln der Staatskasse.

Vielleicht hätte Koreisch seine Söhne doch nicht zu Stämmen erklären sollen. Da
jeder von ihnen Scheich wurde, fehlte von nun an in seiner Nachkommenschaft
eine Oberste Instanz zum Schlichten von Streitigkeiten. Bereits unter den Söhnen
des Diktators brach ein Bruderzwist aus, der sich mit arabischer Hartnäckigkeit von
Generation zu Generation vererben und bis in die Gegenwart die Geschichte des
Nahen Osten verhängnisvoll bestimmen sollte.

Die Stammväter des arabischen Zwistes heißen Abd-Schems und Haschem und
waren Zwillinge. Will man arabischen Chronisten glauben, hatte Allah sämtliche
Konflikte zwischen ihnen vorprogrammiert, denn "zwischen den beiden Brüdern
floss schon vor der Geburt Blut" - sie kamen als siamesische Zwillinge zur Welt, an
der Stirn zusammengewachsen und erst ein griechischer Arzt konnte sie in einer
langwierigen Operation trennen. Von nun an stritten die beiden Brüder darum, wer
der Ältere von ihnen sei eine lebenswichtige Frage, entschied sie doch die
Erbberechtigung. Stammvater Koreisch drückte sich um die Entscheidung und
enterbte beide. Natürlich fanden sich Abd-Schems und Haschem mit dieser
salomonischen Lösung nicht ab, und nach dem Tod des Patriarchen kam es zur
ersten handfesten Auseinandersetzung. Ihre Mutter konnte noch einmal Frieden
stiften. Abd-Schems erhielt das Verteidigungsministerium und Haschem die
Wasserversorgung samt der Gastgewerbekonzession. Daraufhin schworen die

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beiden einander Liebe und Brüderlichkeit "solange das Meer Wasser genug hat ein
Wollflöckchen zu befeuchten, solange die Sonne den Berg Tahir bescheint solange
Kamele durch die Wüste ziehen und Menschen in Mekka wohnen".

So lange dauerte der Frieden nicht. Haschem verstarb schon ziemlich bald und
hinterließ nur einen einzigen Sohn namens Abdel Mutalib. Ein Sohn ist kein Sohn,
sagt ein altes arabisches Sprichwort und Abdel Mutalib galt nicht einmal als kein
Sohn.

Zu allem Unglück war er Albino von Geburt an weißhaarig und rotäugig und da half
auch nicht, dass er sich die Haare pechschwarz färben ließ. Außerdem war Abdel
Mutalib so sanftmütig dass es bereits an Idiotie grenzte Widerspruchslos ließ er
sich von den Erben Abd-Schems seine ererbten Ämter abnehmen. Der einzige
Protest kam von seiner Mama, einer stolzen Beduinentochter aus Yasrib. Sie
mobilisierte ihre Verwandtschaft, die geschlossen nach Mekka marschierte.
Dadurch kam Abdel Mutalib wieder zu Amt und Würden - die Achtung der Mekkaner
erwarb er sich auf diese Weise natürlich nicht.

Für sie blieb der schwarz gefärbte Albino eine Spottfigur. Dass auch er nur einen
einzigen Sohn hatte, galt den zeugungsfreudigen Arabern als öffentliches
Eingeständnis von Potenzschwäche, und völlig lächerlich machte er sich, als er mit
diesem Sohn begann, nach dem lange verschütteten Brunnen Semsem zu suchen.
Niemand wusste mehr, wo der schon längst zur Sage gewordene Brunnen lag, und
daher brauchte Abdel Mutalib für Spott nicht zu sorgen, als er im Umkreis der Kaaba
zu buddeln begann. Zunächst brauchte er sich über Mangel an Publikum nicht zu
beklagen, doch als er schon drei Monate lang vergeblich Löcher gegraben hatte,
wurde den Mekkanern die Sache zu langweilig, und nur noch gelegentliche Lästerer
sorgten bei der Graberei für etwas Abwechslung. Der schlimmste hieß Omaja und
war der älteste Sohn des Abd-Schems. Geh lieber nach Hause und mach deiner
Frau mehr Kinder, damit du genügend Nachkommen für die Fortsetzung deiner
Buddelei findest, rief er eines Tages. Da tat Abdel Mutalib einen verzweifelten
Schwur: Wenn mir Gott noch zehn Söhne schenkt, werde ich einen von ihnen Gott
Hobal zum Opfer bringen.

Fast im selben Augenblick stieß sein Spaten auf Metall. Abdel Mutalib und sein
Sohn Abu Talib buddelten fieberhaft - aus der Erde kam eine Rüstung, einige
Schwerter, und plötzlich glänzte es golden. Abdel Mutalib hatte einen Schatz
gefunden: zwei Gazellen aus reinem Gold.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Mekka. Bereits wenig später
war der Platz vor der Kaaba schwarz von Menschen, und als nun Abdel Mutalib mit
seinem Spaten gar etwas feuchte Erde aufwarf, begann an Ort und Stelle ein
Volksfest - der heilige Brunnen Semsem war gefunden.

Abdel Mutalibs Freude darüber war nicht ungetrübt: Die Brut des Abd-Schems
machte ihm den Schatzfund streitig.

Gutmütig, wie Abdel Mutalib war, bot er sich an, darum zu losen. Er legte drei Steine
in einen Tontopf: Einen für die Kaaba, einen für seine habgierige Verwandtschaft
und einen für sich selbst. Gott Hobal gewann die goldenen Gazellen, Abdel Mutalib
die Waffen, und die Abd-Schems gingen leer aus.

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Zwei Tage später jedoch waren die goldenen Gazellen aus der Kaaba
verschwunden. Abdel Mutalib brauchte nicht lange zu suchen: Er fand sie im Haus
seines Cousins Omaja. Das aber war nun nicht einmal ein schlechter Scherz: Nach
dem strengen Gesetz der Wüste wurde dem Dieb eine Hand abgehackt. Abdel
Mutalib aber ließ auf dass sich derlei nicht wiederhole, die Gazellen einschmelzen
und zu Türbeschlägen der Kaaba umarbeiten. Zur Verschönerung des Bauwerks
opferte er auch die von ihm gefundenen Waffen - sie wurden das erste feuerfeste
Portal der heiligen Staatsbank.

Überhaupt war dieses Ereignis der Wendepunkt im Leben Abdel Mutalibs. Er hatte
den Respekt der Mekkaner gewonnen und da Omaja nach der kriminellen Tat
natürlich auch von Ehrenämtern ausgeschlossen war - auch das
Verteidigungsministerium. Und dieses nutzte er so klug, dass er schon nach
wenigen Jahren wie sein Urgroßvater Koreisch alle Ämter in seiner Hand
vereinigen konnte.

Auch im Privatleben bewies Abdel Mutalib von nun an unerhörte Energie. In nur zehn
Jahren gebar seine Frau elf weitere Söhne, und dann erinnerten ihn seine
Verwandten aus der Sippe Omaja an seinen Eid, den er einst bei der
Brunnensuche getan hatte.

Bei aller Macht konnte sich auch Abdel Mutalib nicht leisten, Gesicht zu verlieren.
Schweren Herzens schrieb er die Namen seiner zwölf Söhne auf Holzklötzen, füllte
sie in einen Tontopf und begab sich damit vor den schwarzen Stein des Gottes
Hobal an der Kaaba. Vor einer Unmenge schadenfroher Mekkaner schüttelte er
zaghaft den Topf und heraus fiel das Klötzen Abdallah.

Natürlich hatte Abdel Mutalib nicht ernsthaft vor, ein eigenes Kind zu schlachten, und
so zog er mit Abdallah vor die Stadt zu einer Höhle. Dort residierte eine uralte Dame
namens Sidschah als hoch bezahlte Staatsprophetin.

Sidschah hörte sich die traurige Geschichte an, dann fragte sie: "Was kostet auf
dem Basar ein Totschlag?"

"Zehn Kamele".

"Das ist eine Verhandlungsbasis für Gott. Gehe hin und stelle auf eine Seite den
Todgeweihten, auf die andere zehn Kamele. Dann wirf das Los. Fällt es auf den
Jüngling, ist er gerettet, wenn nicht, stelle weitere zehn Kamele dazu und lose
weiter jeweils um zehn Kamele bis das Los auf Abdallah fällt".

Abdel Mutalib tat wie geheißen. Sein Sohn kam ihm dabei teuer zu stehen ganze
hundert Kamele. Sie wurden vor der Kaaba geschlachtet und zu "Götterspeise"
verarbeitet, zu Festbraten für die Mekkaner. Die entdeckten dabei allerdings einen
bitteren Nachgeschmack: Die Angelegenheit war ein himmlischer Präzedenzfall,
und von nun an kostete ein Totschlag hundert Kamele. Dieser horrende Preis
erschien den ehrbaren Mekkanern weniger als Anzeichen für eine Wertsteigerung
menschlichen Lebens, sondern eher als ein schlimmes von Inflation.

Die große Krise

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Die ganze Geschichte wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand Arabiens in
jener Zeit. Menschenopfer waren auf der Halbinsel gut zweitausend Jahre lang nicht
einmal Diskussionsgegenstand gewesen. Den letzten diesbezüglichen Versuch
soll ja Abraham mit seinem Sohn Isaak unternommen haben, und von da an wuchs
Gras über den grausigen Brauch.

Tieropfer waren natürlich üblich und hatten durchaus auch eine soziale Funktion -
zum anschließenden Opfermahl wurden ja nicht nur die eigenen
Familienangehörigen sondern auch die stets um die Tempel herumlungernden
Sozialfälle eingeladen. Dabei aber gebratene Familienangehörige zu servieren, war
undenkbar.

Dass sich jemand zu Mekka im Jahr 550 n. Chr. wieder ernsthaft den Kopf über
derlei zerbrach war daher ein durchaus ernstes Zeichen von moralischem und
kulturellem Verfall. Die Ursachen dafür lagen in der ersten großen
Weltwirtschaftskrise die unsere Geschichtsbücher registrieren.

Das Imperium Romanum war nicht nur die absolute Großmacht im


Mittelmeerraum, sondern auch für die gesamte Wirtschaft der Alten Welt
bestimmend. Der Außenhandel des Reichs war offiziell Staatsmonopol, und daher
bedeutete jede Kriegserklärung der Römer auch den Wirtschaftskrieg. Tatsächlich
wurden viele Siege der Cäsaren nicht auf dem Schlachtfeld errungen sondern
durch Boykott.

In den Grenzorten saßen sogenannte Pragmatiker, Außenhandels-Konzessionäre,


die direkt dem Außenministerium unterstanden und deren Geschäftsverbindungen
nach Osten bis China und Ceylon reichten. Sie besorgten auch den einige
Jahrhunderte dauernden Kampf zwischen Persien und dem Imperium. Nur Wolle
und das unentbehrliche Erdöl für Lampen und Militär durften die persische Grenze
passieren der Indien- und Chinahandel aber wurde über Arabien abgewickelt, ein
Grossteil des Afrikageschäfts auch und damit war die Halbinsel reich geworden.

Nun aber zerfiel das Imperium, und der Sturz Roms wirkte selbst im fernen China
wie ein Erdbeben. 391 wurde das Christentum Staatsreligion, und Priester
begannen die Beamtenschaft zu unterwandern. Leider verstanden sie weder von
Verwaltung noch von Wirtschaft auch nur etwas und das musste bereits zur
Katastrophe führen. Den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft und des Reichs
besorgten allerdings germanische Stämme die von den Hunnen bedrängt aus den
Weiten Russlands in Richtung Westen zogen die Nordgrenzen des Reichs
verunsicherten und schließlich überrannten. Das Jahr 476 markiert das amtliche
Ende des Imperiums: Ein Germanenhäuptling namens Odoaker besetzte den
Thron der alten Kaiserstadt Rom, und von dem einstigen Weltreich blieb als
kläglicher Rest der Ostteil mit der neuen Hauptstadt Konstantinopel.

Am schlimmsten traf die ganze Entwicklung die arabische Halbinsel. Innerhalb


eines Jahrhunderts wurde ihr Lebensstandard um ein gutes Jahrtausend
zurückgeworfen. Wirtschaftlich autark war Arabien nie und daher selbst bei
Grundbedarfsgütern auf Außenhandel angewiesen. Die einzigen Waren arabischer
Herkunft waren ausgesprochene Luxusgüter: Gold, Perlen, Korallen,
Kunsthandwerk, und davon kann man in Notzeiten nicht leben. Der Getreidebedarf

22 von 295 09.09.2010 19:14


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war bei römischen Händlern gedeckt worden, und so führte das Ende des
Imperiums in Arabien zu einer grauenvollen Hungersnot. Während um das Jahr 200
die Gesamtbevölkerung der Halbinsel etwa drei Millionen Menschen zählte betrug
sie um 550 nicht einmal mehr eine Million. Die einst hochentwickelte Rechtspflege
war wieder auf den Stand der Blutrache gesunken und auch sonst konnte von
Lebensqualität keine Rede mehr sein. Das Mekka Abdel Mutalibs konnte über
dreihundert leerstehende Häuser aufweisen und nur noch etwa 10.000 Bewohner.

Dennoch galt es im arabischen Raum jener Zeit als bedeutende Großstadt und
wurde damit eines der Ziele abessinischer Expansionspolitik. Abessinien war ein
christliches Land. Seit im römischen Restreich Christen herrschten, wollte der
Negus seine Geschäfte direkt und ohne Umweg über arabische Zwischenhändler
abwickeln. So planten die Abessinier ernsthaft Arabien in eine Kolonie
umzuwandeln. Zunächst stürzten sie das Herrscherhaus von Jemen. Dessen
Könige waren seit Jahrhunderten jüdischen Glaubens und daher guten Christen
ohnedies ein Gräuel. Als nun einige Christen den Basar der jemenitischen
Hauptstadt Sanaa plünderten und deshalb vor Gericht gestellt werden sollten griff
Abessinien ein: General Abraha landete mit beinahe 10.000 Mann an der
arabischen Küste und führte Jemen heim in das große Reich des "wahren Gottes".

Kurz darauf besetzten abessinische Truppen auch die Hafenstädte Mokka und
Dschidda. In Sanaa aber erbauten sie eine große Handelsniederlassung in Form
einer Kirche. Sie sollte der Kaaba Konkurrenz machen, doch als das christliche
Gemäuer knapp nach seiner Fertigstellung bis auf die Fundamente abbrannte, war
ein christlicher Kreuzzug gegen das heidnische Mekka fällig. Vor der Kaaba
veranstaltete Abdel Mutalib Kriegsrat. Allen Mekkanern war klar, dass sie gegen die
abessinische Armee keine Chance hatten. So entschied Abdel Mutalib, da die
Kaaba Sitz der Götter sei, solle sie gefälligst von ihren Hausherren verteidigt
werden. Um den Rest der Stadt sei es jedoch nicht schade. Noch am selben Tag
zogen die Mekkaner mit Sack und Pack davon und verschanzten sich in den Bergen.

Die Abessinier waren zu diesem Zeitpunkt nur eine Tagesreise entfernt. Ihr
Reiseführer war ein Scheich aus der Nachbarschaft Mekkas namens Abu Regal.
General Abraha hatte ihm als Dank für die Gefälligkeit den Statthalter Posten in
Mekka versprochen und zum Zeichen dieser Würde ritt Abu Regal bereits in einem
versilberten Gehäuse auf einem Elefanten daher. Das war allerdings nichts gegen
den Aufzug Abrahas: der thronte in einer goldenen Kiste auf einem schneeweißen
Elefanten.

In Mogammis, drei Reitstunden vor Mekka, erkundigte sich Abraha wieder einmal
nach dem Weg. Abu Regal in seinem silbernen Käfig antwortete nicht. Besorgt ließ
Abraha das Gehäuse öffnen - Abu Regal War tot. Schon am Vorabend hatte er über
Übelkeit geklagt, und so nahm Abraha an, sein Führer sei durch einen Agenten
Mekkas vergiftet worden.

Er ließ seine Armee halten und befahl, den Verräter in einem Ehrengrab
beizusetzen. Das Grabmal steht heute noch und wird von sämtlichen Mekka pilgern
als das eines Teufels gesteinigt. Es ist eine schlicht gemauerte Säule mit einem
primitiv eingekratzten Kreuz. Der Begräbnisritus selbst dürfte allerdings nicht ganz
christlich gewesen sein - im Grab Abu Regals wurden später zwei goldene
Gazellen gefunden ähnlich jenen, die Abdel Mutalib im Brunnen Semsem

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ausbuddelte und daraus können wir auf einen altarabischen Kult schließen
oberflächlich mit einem Kreuz garniert.

Noch während Abu Regal in die Grube gelegt wurde, stellte sich heraus, dass die
Mekkaner an seinem Tod unschuldig waren: Im Lager brachen die Pocken aus. Die
Seuche traf die Armee mit der Wucht einer Explosion. Fast alle Soldaten erkrankten
gleichzeitig, und als einer der ersten starb General Abraha, noch in seinem
goldenen Käfig auf dem weißen Elefanten.

Einige Tage später konnten die Mekkaner in ihre unversehrte Stadt zurückkehren.
Was sich ereignet hatte konnten sie nur als Wunder auffassen, und als Wunder
wurde die Tragödie der abessinischen Armee auch kolportiert. Siehst du nicht, was
der Herr getan hat mit dem Besitzer des Elefanten? Wie seine Truppen in den
Wahnsinn rannten? Er sandte wider sie der Vögel dichte Scharen. Er bewarf sie mit
Steinchen aus gebranntem Ton und sie flogen wie Spreu im Winde davon. So
beschrieb rund sechzig Jahre später ein Enkel Abdel Mutalibs das Ereignis. Man
sollte ihm diese ungenaue Beschreibung einer Seuche nicht übel nehmen -
Mohammed verstand nicht viel von Medizin.

Abessiniens Traum von der Großmacht war damit zu Ende, die Krise Arabiens und
besonders von Mekka jedoch noch lange nicht. Mit dem Basar um die Kaaba ging
es weiter bergab und um das Jahr 580 zählte Mekka nur noch sechs große
Handelshäuser und etwa 40 Kleinbetriebe. Daneben waren fast 70 % aller
Mekkaner arbeitslos und konnten auch nicht von Ackerbau leben.

Die Schuld daran sahen viele Bürger Mekkas interessanter weise in der
Führungsschwäche Abdel Mutalibs. Auf dem Papier war er zwar Diktator doch in
Wahrheit reichten seine Machtbefugnisse nicht sehr weit. Er konnte sich nicht
einmal gegen die Clans in Mekka durchsetzen und daher war auch eine konzertierte
Aktion zur Konjunkturbelebung zuviel von ihm verlangt.

Die Besitzenden in der verarmten Handelsstadt schworen natürlich freie


Unternehmertum und auf die freie Marktwirtschaft, das die pluralistische
Gesellschaft. Die Arbeitslosen Mekkas aber sehnten sich nach einem starken
Mann. Das haben Wirtschaftskrisen so an sich.

Kapitel 2.
Mohammed Mehr Profit als Prophet

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Konkurs bei Abdallah

Der von der Vorsehung auserwählte Retter wurde am 20. April des Jahres 571
geboren. Bereits seine Geburt war eine Elementarkatastrophe - zumindest
behaupten dies seine Jünger. In derselben Sekunde nämlich soll ein Erdbeben
den persischen Kaiserpalast zerstört haben, der berühmte See von Sawa zu
einer Wüste ausgetrocknet sein, und Wolkenbrüche sollen die Wüste Samawa in
einen See verwandelt haben.

Auch im Familienkreis ereignete sich Ungewöhnliches. Amina, die Mutter, gab


angeblich folgendes zu Protokoll: "Als die Zeit meiner Entbindung nahte
besuchten mich Afia, die Ziehmutter von Moses, sowie seine Schwester Maria
samt einigen Engeln. Sie reichten mir einen Trank, der aussah wie Milch und
süßer war als Honig. Dann öffnete Gott meine Augen und ich sah drei Fahnen -
im äußersten Osten, im äußersten Westen und die dritte auf der Kaaba. Als dann
Mohammed geboren wurde, erstrahlte ein Licht über die Erde, dass ich sogar die
Schlösser von Damaskus hell erleuchtet sehen konnte. Eine Wolke senkte sich
hernieder und eine Stimme rief: ‚Zieht für Mohammed einen Kreis um die Welt
und stellt ihn über alle Engel, Geister Menschen und Tiere. Gebt ihm Adams
Gestalt Seths Wissen, Noahs Tapferkeit, die Liebe Gottes zu Abraham, Ismaels

25 von 295 09.09.2010 19:14


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Beredsamkeit, Isaaks Schönheit Lots Weisheit, Jakobs Fröhlichkeit, Moses


Stärke, Hiobs Geduld Jonas Demut Josuas Kriegskunst, Davids Stimme,
Daniels Frömmigkeit, Johannes Standhaftigkeit und Jesu Enthaltsamkeit.‘ Dann
hob sich die Wolke und ich erblickte drei Männer, einen mit einer Silberkanne,
den anderen mit einem Waschbecken aus Smaragd, den dritten mit einem
Seidentuch und einem Siegel. Sie wuschen Mohammed siebenmal, dann
drückten sie das Siegel des Prophetentums in seinen Rücken und hüllten ihn in
das Seidentuch. Daraufhin entwickelte sich der Knabe natürlich prächtig. Als er
zum ersten Mal gestillt wurde rief er: `Gott ist der Größte, gepriesen sei er des
Morgens und des Abends es gibt nur einen Gott, heilig, heilig.´ Menschenaugen
schlafen, aber er schläft und schlummert nicht. Mit drei Monaten konnte
Mohammed stehen mit Vieren an der Wand lang, mit Fünfen frei mit sechzehn
schon sehr schnell und mit sieben Monaten gar auf der Strasse laufen.

In seinem achten Monat konnte Mohammed sich verständlich machen, einen


Monat später schon richtig sprechen, und in seinem zehnten Lebensmonat war
der Prophet ein Meister im Bogen schießen."

Natürlich war alles ganz anders. Mohammeds Vater war jener Abdallah, dessen
Leben Abdel Mutalib von den Göttern mit hundert Kamelen freigekauft hatte. Ob
sich diese Investition gelohnt hat, darf bezweifelt werden selbst die
wohlwollendsten Chronisten können von Abdallah nur berichten, dass er schön
gewesen sei, und das ist auch für arabische Verhältnisse zu wenig.

Als fürsorglicher Familienvater hatte Abdel Mutalib, kaum war er Mekkas


unumschränkter Herrscher geworden, jeden seiner Söhne mit einer ganzen
Basarstrasse ausgestattet. Für seinen Lieblingssohn Abdallah suchte er
außerdem noch eine Braut mit besten Geschäftsverbindungen aus – Amina
Tochter des angesehensten Handelshauses in Yasrib, dem heutigen Medina.

Doch Abdallah war kein Geschäftsmann. Wie er dieses für damalige Zeiten
ungeheure Kapital durchbringen konnte wissen wir nicht nach einem Jahr bereits
wurde die Basarstrasse unter Abdallahs Gläubiger verteilt. Dieser Überfluss an
Mangel von Geschäftsgeist erzürnte sogar den geduldigen Papa und er ließ
seinem missratenen Lieblingssohn per Anschlag an der Kaaba mitteilen, dass
mit einer Unterstützung von seiten der Familie nicht mehr zu rechnen sei.

Daraufhin reiste der jugendliche Pleitier zu seinem Schwiegervater und


versuchte, ihn anzupumpen. Was bei dieser Gelegenheit in Yasrib verhandelt
wurde wissen wir nicht. Nur: Kurz darauf starb Abdallah, und der Schwiegervater
brachte den Göttern ein Sühneopfer dar. Daraus lässt sich mit ziemlicher
Sicherheit schließen dass auch der Clan in Yasrib jede Unterstützung
verweigerte und Abdallah in einem Anfall von Verzweiflung Selbstmord beging.
Das Sühneopfer sollte die schwiegerväterliche Familie von jeder Schuld an dem
bedauerlichen Vorfall reinwaschen. Zwei Monate später wurde Mohammed
geboren.

Kostkind bei Beduinen

Amina die junge Witwe und Mutter besaß zu diesem Zeitpunkt als gesamtes
Vermögen ein kleines Haus eine abessinische Sklavin und fünf Kamele, nach

26 von 295 09.09.2010 19:14


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einigen Berichten auch eine Handvoll Schafe.

Das hätte für ein einfaches Leben durchaus ausreichen können, doch Amina war
viel zu aristokratisch erzogen, um sich auf kleinem Fuß zurechtzufinden.
Zumindest sämtliche Statussymbole wollte sie wahren, und dazu gehörte, das
eigene Kind auf keinen Fall selbst zu stillen.

Noch heute geben vornehme Mekkanerinnen ihre Neugeborenen zu


Beduinensippen. Das Wüstenklima sei gesünder, meinen sie, und haben damit
sicher recht. Damals wie heute dienten in vielen arabischen Städten die
Strassen auch als Kanalisation, und so kursierten im einstigen Mekka nicht nur
alle möglichen exotischen Waren, sondern auch mal die Pocken mal Pest,
fallweise Typhus und Cholera, und nur eines von drei Kindern in Mekka überlebte
damals sein erstes Lebensjahr. Wer sich's daher leisten konnte, ließ seine
Kinder in der bakterienärmeren Wüste aufwachsen, wobei vornehme Damen als
Zusatzargument noch erwähnten dass auf diese Weise ihre Brüste länger straff
blieben. Die weniger eitlen Beduinenfrauen machten daher ihre Brüste zu
Goldgruben. Zweimal im Jahr kamen sie nach Mekka zum "Markt der vollen
Brüste". Im Frühling und im Herbst hockten sie je drei Tage lang unter gelben
Sonnensegeln vor der Kaaba und zeigten ihre Milchvorräte, und Abdel Mutalibs
Polizei sorgte dafür, dass nur Familienväter und -mütter diese Attraktion
bestaunen durften.

Amina hatte bei ihrer Suche nach einer Amme ausgesprochenes Pech. Als der
Prophet geboren wurde, schloss der Frühjahrsmarkt gerade seine Pforten, und
Amina musste daher bis zum Herbst ihren Kleinen selbst stillen. Die junge
Mutter hielt das für eine derartige Schande, dass sie allen Bekannten erzählte,
ihre uralte und kinderlose Sklavin leiste in Wahrheit die Ammendienst. Dann kam
der Herbstmarkt, und Amina hatte nicht das nötige Geld. Als der Markt zu Ende
ging saßen nur mehr zwei Frauen auf dem weiten Platz: vor den Segeln Amina
mit ihrem Mohammed, unter den Segeln Halima aus dem Stamme Saab. Ihre
Brüste waren zu klein gewesen, und sie wusste, dass ihr Mann sie furchtbar
verdreschen würde, wenn sie ohne Säugling nach Hause käme.

Genau zum Sonnenuntergang, also buchstäblich in letzter Minute wurden die


beiden Frauen handelseins. Halima nahm ein trächtiges Kamel in Zahlung und
zog mit Mohammed in die Wüste.

Die tüchtige Amme

In der Folgezeit entwickelte die Frau mit den kleinen Brüsten großen
Geschäftsgeist In der ahnungslosen Amina hatte sie aber auch eine ideale
Partnerin gefunden. "Der Knabe entwickelt sich prächtig", erfuhr die Mutter, "und
trinkt leider aus meinen Brüsten das Doppelte der vertragsmäßig vorgesehenen
Menge. Um Nachzahlung wird daher gebeten". Schweren Herzens ging daraufhin
Amina ihren Schwiegervater um Kredit an. Einen Monat später trank der Prophet
bereits das Vierfache der menschenüblichen Milchmenge und nach zwei Jahren
waren bereits sämtliche Verwandte Aminas um Kredit angegangen worden.

Dann tauchte plötzlich Halima selbst in Mekka auf: Sie hänge so an dem Knaben
dass sie ihn sicherheitshalber gar nicht erst mitgebracht habe. Außerdem sei er

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noch lange nicht entwöhnt und brauche ihre Mutterbrust noch mindestens drei
Jahre. Amina glaubte das Ammenmärchen und verpfändete ihr Haus.

Kurz darauf bekam es jedoch Halima mit der Angst zu tun: Ihr Ziehkind wurde
immer häufiger von Krämpfen befallen. Mohammed begann plötzlich zu brüllen.
Schaum trat aus seinem Mund, und schließlich lag er da, steif wie ein Brett und
scheinbar tot. Halima aus dem Stamme Saab hatte natürlich keine Ahnung von
Epilepsie und glaubte böse Dämonen hätten von dem Kleinen Besitz ergriffen.
Schleunigst brachte sie ihn zurück nach Mekka. Vor dem Stadttor suchte Halima
noch schnell ein stilles Plätzchen auf. Als sie ihre Röcke gerichtet hatte, war ihr
Ziehkind verschwunden. Daraufhin rückte die Amme ohne Mohammed bei der
Mutter an. Die rannte zu ihrem Schwiegervater und Abdel Mutalib ließ durch seine
Polizei die ganze Stadt absuchen. Erst spät am Abend wurde Mohammed
gefunden, schlafend unter einem Baum am anderen Ende der Stadt.

Nun gab es eine hässliche Szene. Halima wurde der Vernachlässigung ihrer
Sorgfaltspflicht beschuldigt. Da schrie die Beduinenfrau es sei doch einfach
unzumutbar einen von bösen Geistern besessenen Bankert aufzuziehen. Das
empörte wieder Abdel Mutalib und er ließ die Amme aus der Stadt prügeln. Erst
später bemerkte Amina, dass bei dieser Gelegenheit auch ihr letzter Schmuck
mitgegangen war.

Nach all dem was bekannt ist, darf angenommen werden, dass sich Halima
mehr um ihr Geld als ihr Ziehkind gekümmert hat,

und Wissenschaftler in unserem Jahrhundert haben sorgfältig alle möglichen


Schäden untersucht, die bei derart vernachlässigt aufgewachsenen Menschen
auftreten können. Auch die rosigst gefärbte Lebensbeschreibung des Propheten
liefert Psychologen anschauliches Illustrationsmaterial, welche psychischen
Schäden in Mohammeds frühkindlicher Phase angerichtet wurden. Zärtlichkeiten
dürfte der Kleine kaum empfangen haben, und seine Anfälle dürften hierin ihre
Ursache haben: litt der Prophet unter - mühelos als Anfälle von Epilepsie
erkennbaren - Visionen, beruhigte er sich immer erst, wenn er von einer seiner
Frauen auf den Schoss genommen und wie ein Kind gestreichelt und
geschaukelt wurde. Zum Orgasmus kam er nur, wenn er an den Brüsten einer
Frau saugen durfte, aber gleichzeitig haue er bis an sein Lebensende gespannte
Beziehungen zum anderen Geschlecht, die auch seine Anhänger nur als
Hassliebe beschreiben können.

Nur zwei Arten von Frauen reizten den Propheten - wesentlich ältere und
skandalös jüngere. Die einen dienten als Mutterersatz, die anderen behandelte
er wie kleine Kinder. Seine Lieblingsfrau Aischa, deren wesentlichste Mitgift eine
Kollektion Puppen war, nahm er vier Ehejahre lang nur auf den Schoss und
erzählte ihr Geschichten, ehe er sich an seinem fünften Hochzeitstag zu einem
Beischlaf entschloss.

Dass Mohammed eine gestörte Beziehung zu seinem Unterleib hatte, erhellt


auch eine Episode aus seinem fünfunddreißigsten Lebensjahr. Da bauten die
Mekkaner wieder einmal die von einem Regenguss zerstörte Kaaba auf. Auch
Mohammed werkte mit, nackt wie alle anderen. Da ertönte eine Stimme von
oben: Mohammed, bedecke deine Scham! Und von Stund an wurde der Prophet

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niemals mehr nackt gesehen. Ob die Stimme von Gott kam oder von einem
Freund oder einfach aus der Einbildung Mohammeds, wurde nie geklärt, aber
noch heute ist strenggläubigen Muslims strengstens verboten, in Augenschein
zu nehmen, was den Mann von der Frau unterscheidet. Berühren darf man diese
Körperteile notfalls - betrachten aber nie. Und auch der einfache
Geschlechtsverkehr besudelt den menschlichen Körper ebenso schrecklich wie
ein Mord : in beiden Fällen ist eine rituelle Waschung des gesamten Körpers
nötig.

Was sich für Muslims als Propheten- und somit Gotteswort dar stellt, bezeichnen
Psychiater gemeinhin als Sexualkomplex, erworben in der frühkindlichen Phase.

Amerikanische Wissenschaftler haben in unserem Jahrhundert Kinder


untersucht, die unter der Jugend des Propheten vergleichbaren Umständen
aufwuchsen Heimkinder, Kinder bei Adoptiv- und Zieheltern, wobei die Knaben
mehr Umgang mit Frauen als mit Männern hatten. Das statistische Material
erhellt auch einige Charakter- Merkmale des Propheten:

Von den 594 erfassten Jugendlichen zeigten 85 % ein übersteigertes


Geltungsbedürfnis. Die meisten träumten von Führerrollen und mehr als die
Hälfte von ihnen brachte es später durch Ellbogentaktik zu einem Erfolg im
Geschäftsleben der mit ihrer Ausgangsposition in keinem Einklang stand.
Allerdings: 43 % der Untersuchten scheiterten und fast 30 % gerieten später
hoffnungslos in die Kriminalität.

Von den Erfolgreichen zeigten wiederum 85 % ein sehr unter durchschnittlich


entwickeltes Sexualleben. - Auch an Mohammed, der lange vor der Pille lebte,
fällt auf dass er mehr Frauen als Kinder hatte.

69 % der untersuchten Jugendlichen waren bisexuell, 28 % der Befragten


ausschließlich homosexuell.

Was diesen Punkt betrifft, hat Mohammed selbst eine Faustregel aufgestellt, die
heute noch von westlich unbeleckten Muslims eingehalten wird und sich auch
als Maßnahme der Familienplanung bewährt hat: Einen Knaben fürs Vergnügen,
eine Frau für die Nachkommenschaft.

Auch Propheten haben klein angefangen

Nach allen Erkenntnissen der modernen Psychologie hatte also die "Nährmutter
des Propheten" keinesfalls jene segensreiche Wirkung, die ihr in alten
arabischen Chroniken so gerne nachgesagt wird. Als sie mit ihrer letzten
unschönen Szene vom Schauplatz der Geschichte abtrat, ließ sie ein knapp
dreijähriges krankes und höchstwahrscheinlich verhaltensgestörtes Kind zurück,
mit dem nun eine durch totale Weltfremdheit ausgezeichnete Mutter fertig werden
musste.

Ihre gesamte Habe zu diesem Zeitpunkt waren vier Kamele und die nun schon
uralte Sklavin, sowie das kleine Stadthaus, auf dem riesige Schulden lasteten.
Doch Amina hatte ihren aristokratischen Dünkel aufgegeben, sie machte nun
keine Schulden mehr und kam mit dem Vorhandenen aus.

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Als Mohammed vier Jahre alt war, schrieben seine Verwandten alle bisher
gegebenen Kredite als Verluste ab, die Familie war somit schuldenfrei und
machte auch keine neuen mehr.

Dass Mohammed einmal Kaufmann werden sollte, stand schon lange fest. Von
seiner Mutter lernte er lesen, schreiben und rechnen, und als er sechs Jahre alt
war, sollte er der mütterlichen Sippe in Yasrib vorgestellt werden.

In Yasrib, dem heutigen Medina, lernte der Kleine auch all den Luxus kennen,
den sich erfolgreiche arabische Geschäftsleute leisten konnten. Bis in sein
hohes Alter erzählte der Prophet von den Vasen aus römischem Glas und den
Schalen aus chinesischem Porzellan, die er dort bestaunen durfte. Doch sein
Großvater besaß nicht nur diesen Stadtpalast mit drei Innenhöfen, sondern auch
eine Gartenvilla mit einem Wassertank, der auch als Swimmingpool benutzt
wurde. In diesem Planschbecken dessen Reste - eine kleine Pfütze - noch heute
von Pilgern verehrt werden lernte der Kleine schwimmen. Eine seltsame Kunst
für einen Wüstenbewohner, doch offensichtlich hatte die Sippe vor, den
Propheten dereinst im Überseehandel einzusetzen. Einige Judenjungen
belachten seine ersten Schwimmversuche. Das vergaß ihnen Mohammed bis an
sein Lebensende nicht.

Ein halbes Jahr später brach Amina mit Mohammed und ihrer Sklavin wieder
nach Mekka auf, in einer Karawane ihres Schwiegervaters Abdel Mutalib. Schon
bei der Abreise fühlte sie sich unwohl. Einen Abend später, bei Abwa, musste sie
schließlich vom Kamel. Am nächsten Abend war Amina tot. Sie wurde an Ort und
Stelle begraben und Barakat, die alte Sklavin brachte Mohammed nach Mekka, zu
Abdel Mutalib.

Dieser königliche Kaufmann war nun schon über achtzig, aber noch immer
äußerst abenteuerlustig. Als Inhaber des größten arabischen
Karawanenunternehmens versuchte er nun, was keiner zuvor gewagt hatte:
direkte Handelsverbindungen zu anderen Großmärkten unter Ausschaltung des
Zwischenhandels. Kaum war Mohammed in seinem Haus, nahm er den Jungen
zu seiner bisher weitesten Expedition mit - nach Sanaa in Südjemen. Drei
Wochen war die Karawane unterwegs, ängstlich alle Städte umkreisend, die das
Niederlagsrecht hatten, wo also sämtliche Waren hätten verkauft und erneut
eingekauft werden müssen.

Das Wagnis lohnte sich: die Karawane brachte bisher nie gesehene
Goldschätze nach Mekka, und Abdel Mutalib verkaufte sie zu marktüblichen
Preisen. Sein Profit war diesmal zehnfach so hoch. Mohammed hatte allerdings
nichts davon - von der langen Wüstenreise hatte er ein Augenleiden bekommen
und musste zu einem christlichen Mönch in Behandlung gegeben werden. Erst
nach einem halben Jahr war er soweit wiederhergestellt dass er zurück nach
Mekka und dort in die Geheimnisse der Buchführung eingeweiht werden konnte.

Ein Jahr später starb Abdel Mutalib, mindestens zweiundachtzig Jahre alt. Seine
Söhne konnten sich nicht einigen, die Firma gemeinsam weiterzuführen, und das
war auch das Ende des bis dato größten Handelsunternehmens in Arabien.
Erster der Branche wurde nun der Clan in Yasrib. Mohammed hatte auch davon

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nichts. Mit dem Tod Aminas waren sämtliche Familienbande abgebrochen, und
der Kleine kam mit einem Teil der Erbmasse zu seinem ältesten Onkel, Abu
Talib.

Der war ebenfalls Kaufmann, jedoch ohne das umfassende Talent seines
Vaters. Auch nach der Erbschaft war sein Unternehmen nur das dritte Haus am
Platz, und die Ehrenämter die Abu Talib von seinem Papa geerbt hatte wusste er
nicht umsatzfördernd anzuwenden. Noch weniger konnte er mit Mohammed
anfangen. Er schickte den Jungen auf Karawanenreisen mit. Da musste der
Junge darauf achten, dass an den Rastplätzen keine Kaffeetassen vergessen
wurden.

Bei einer dieser Reisen so berichtete der Prophet seien sie von einem
christlichen Mönch namens Bahira bewirtet worden, und der habe Abu Talib
darauf aufmerksam gemacht, dass aus Mohammed einmal noch etwas ganz
Besonderes Würde. Spätere Geschichtsschreiber meinten, Mohammeds erste
Begegnung mit dem Eingott-System sei durch diesen legendären Bahira
vermittelt worden. Eine etwas kühne These - Bahira hieß in Wahrheit Georgios
und war kein Mönch, sondern ein ehemals syrischer Kaufmann und betrieb nun
an der Karawanenstrasse ein Rasthaus. Seine christliche Bildung wird nach
dem was wir von ihm wissen, das landesübliche Maß nicht überschritten haben,
war also höchstwahrscheinlich eine Mischung aus christlichen Brocken in einer
bunten Soße arabischen Aberglaubens und wir können annehmen, dass ihm
der Kleine einfach leid tat der da still und bescheiden darauf wartete die Tassen
ausspülen und verpacken zu dürfen.

Das immerhin konnte Mohammed, und ausschließlich zu diesem Zweck borgten


ihn der Reihe nach sämtliche Onkels bei seinem Ziehvater aus. Und bei diesen
Gelegenheiten lernte der künftige. Prophet sämtliche Handelsplätze Südarabiens
kennen.

Als Mohammed zwanzig war, erlebte Mekka einen saftigen Skandal. Ein den
Koreischiten befreundeter Kaufmann fühlte sich von seinem Zulieferer
übervorteilt und weigerte sich, die bereits empfangene Ware zu bezahlen. Es
kam zu einem Raufhandel zwischen den Koreischiten und dem
Konkurrenzstamm, und das mitten im Messemonat wo dergleichen strengstens
verboten war. Da sie zur unpassenden Zeit ausgetragen wurde hieb die
Massenkeilerei später "der lasterhafte Krieg". Mohammed soll, eigenem
Bekunden nach, tapfer mit gerauft haben.

Hier hat der Prophet allerdings schon wieder die Wahrheit retuschiert. Selbst
seine parteilichsten Freunde konnten sich nur daran erinnern dass der
zwanzigjährige Jungkrieger nur danebengeschossene Pfeile einsammelte, und
Abu Talib schickte Mohammed kurz darauf wegen Feigheit vor dem Feind in die
Wüste als Schafhirt.

Vier Jahre hütete Mohammed die Schäfchen seines Onkels, und dabei zeigte
sich erstmals sein kaufmännisches Talent. Bevor er die Tiere auf den Markt trieb,
gab er ihnen reichlich Salz zu lecken. Anschließend ließ er sie nach Herzenslust
trinken. Dadurch sahen seine Schäfchen fetter aus und verkauften sich so gut,
dass Abu Talib seinen Neffen am Reingewinn beteiligte.

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Mit vierundzwanzig hatte Mohammed von diesen kleinen Gaunereien genug.


Immerhin besaß er nun ein kleines Kapital, nach heutiger Kaufkraft etwa
eintausend Mark, und nun wollte er auch Kaufmann werden. Dasselbe wollte
auch Sa-ib, ebenso alt und genauso unternehmungslustig. Sa-ib brachte
ebenfalls tausend Mark in die Firma ein, und dafür kauften die beiden in Mekka
ägyptisches Leinen schlechtester Qualität und fuhren damit auf den Jahrmarkt
von Hajascha sechs Tagereisen südlich.

Tatsächlich wurden die beiden ihren Ramsch los, und das imponierte sogar
Hakim, einem entfernten Cousin des Propheten. Der war nämlich weniger
erfolgreich gewesen. Er war im Auftrag seiner Tante nach Hajascha gekommen,
mit Leinen allerbester Qualität, und darauf blieb er sitzen. Mohammed war schon
längst ausverkauft, als Hakim Dach seinem Cousin rufen ließ. Mohammed
besah das reiche Lager, und gegen eine fette Beteiligung betätigte er sich erneut
als Verkäufer.

Am Abend war Hakims Stand leer. Gleichzeitig bekam Mohammed Streit mit
seinem Partner. Sa-ib fand, ein ehrbarer Kaufmann dürfte doch nicht auch noch
die Geschäfte der Konkurrenz besorgen, und das frischgegründete Unternehmen
ging unter Wüsten Schimpfworten aus dem Leim.

Hakim aber zeigte sich dankbar. Kaum war er wieder in Mekka, stellte er den
Nothelfer seiner Tante vor, der Dame Kadidscha.

Die Schönheit der Kadidscha

Kadidscha galt als die faszinierendste Frau Mekkas. Sie war bereits vierzig Jahre
alt und absolut keine Schönheit mehr, doch sie hatte beträchtliche Reize.

Als entfernte Nichte Abdel Mutalibs war sie in zarter Jugend einem angesehenen
Kaufmann angetraut worden, den sie bald als Witwe betrauern durfte. Kurz darauf
vermählte sie sich mit einem noch reicheren Kaufmann. In die Ehe brachte sie
einen Sohn und eine Tochter mit, nicht jedoch die Firma ihres Ersten die führte
sie selbst und zwar als Konkurrenzunternehmen. Nebenbei gebar sie noch einen
Sohn und noch eine Tochter. Dann aß ihr Gemahl Fische, die den Weg von
Dschidda nach Mekka nicht gut überstanden hatten, und Kadidscha war schon
wieder Witwe.

Kaum vom Begräbnis zurück vereinigte sie die Firmen ihrer verewigten Männer
und nannte sie "Islam", zu deutsch "Bekenntnis", sinngemäß "Treu und
Glauben". In Mekka schlug die Nachricht dieser Fusion wie eine Bombe ein.
Damit hatten die Kaufleute nicht gerechnet - "Islam" war mit einem Schlag das
größte Handelsunternehmen der arabischen Welt mit zweitausend Kamelen,
fünfzehn Lagerhäusern und über fünfhundert Angestellten. Damit verglichen
wirkte selbst Abu Talibs Betrieb wie ein Tante-Emma-Laden, und Kadidscha
machte sich daran, ihre Konkurrenz in einem gnadenlosen Preiskrieg zu
zermalmen.

Bei ihr machte es die Masse und sie konnte sich's leisten, ihre Konkurrenten so
lange zu unterbieten bis diese ihre Firmen freiwillig an die streitbare Dame

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verkauften.

Zwölf mittelgroße Handelshäuser hatte der "Islam" bereits geschluckt, als


Kadidscha Mohammed in ihrem Büro empfing. Mohammed empfahl sich als
unternehmungslustiger junger Mann.

Im Hof stapelten Lagerarbeiter gerade einen größeren Posten indische Seide. Er


sollte nach Medina gebracht werden, zu syrischen Aufkäufern. Kaum hatte
Mohammed dies gehört, bot er sich an, die Fracht direkt nach Damaskus zu
bringen und dort mit doppeltem Profit zu verkaufen.

Derlei hatte Kadidscha noch nie versucht - Medina war bisher die Nordgrenze
ihrer Expansionsversuche gewesen. Mohammeds Plan klang abenteuerlich,
aber vernünftig. Außerdem wollte er's für nur 50 Prozent des über das
Handelsübliche hinausgehenden Profits tun. Kadidscha willigte ein, und eine
Woche später zog Mohammed mit zweihundert Kamelen Richtung Syrien.

Medina und alle anderen Handelsplätze umging er in weitem Bogen, und damit
auch die Umsatzsteuer. In Damaskus trat er als christlicher Kaufmann auf,
mietete eine Lagerhalle und unterbot seine Konkurrenz auf so unchristliche
Weise, dass er für einen heimlichen Juden gehalten wurde. Nach Mekka aber
brachte er sage und schreibe zweitausend Prozent Profit mit das machte der
Direktexport.

So etwas hatte auch Kadidscha noch nicht erlebt. Bei der Abrechnung entfielen
auf Mohammed rund 200.000,-- Mark heutiger Kaufkraft, und damit, sagte
Mohammed, wolle er sich nun selbständig machen.

Das wollte nun Kadidscha keinesfalls. Doch Mohammed erklärte, ein


Angestelltenverhältnis, und sei es als Generalbevollmächtigter, fände er unter
seiner Würde. Kadidscha beriet sich mit ihrer Sekretärin.

Kurz darauf klopfte das Mädchen, Nafisa hieß es, an Mohammeds Türpfosten
und kam auch gleich zur Sache:

"Mohammed, warum heiratest du nicht? "

"Ich habe nicht die Mittel dazu", Sagte der und zählte weiter die soeben
vereinnahmten Goldmünzen.

"Wenn dich nun aber eine reiche Frau heiraten wollte, die zu gleich schön und
von hoher Abkunft ist?"

Schon am nächsten Abend fand die Hochzeit statt, und Abu Talib, der die Talente
seines Ziehsohnes so fahrlässig verkannt hatte verkündete als
Zeremonienmeister sichtlich bewegt: "Lob sei Gott, der uns aus dem Geschlecht
Abrahams und dem Stamme Ismaels geboren werden ließ, der uns zu den
Hütern der Kaaba bestellte, zu den Herrschern der Welt macht und unseren
Reichtum beschützt.

Dieser mein Neffe Mohammed, arm an irdischen Gütern, doch aus dem edlen
Stamme der Koreisch, wird Kadidscha heiraten. Dies ist bei Gott eine wichtige

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Kunde und ein großes Geschäft".

Das war es. Ein strahlendes Paar gaben die beiden keinesfalls ab - sie gerade
vierzig und er noch nicht ganz fünfundzwanzig. Den Basar aber verdunkelten sie
wie Gewitterwolken. Kadidscha plus Mohammed - da konnte man nur noch
huldigen und abwarten. Ganz Mekka beeilte sich, den Frischvermählten zu
gratulieren.

Mohammed war gerührt. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht erklärte er feierlich,


seine Firma wolle zunächst kein anderes Unternehmen in Mekka schlucken. Das
war auch wirklich nicht nötig - schon nach einem Jahr besaß der Islam eigene
Niederlassungen in Medina, Südjemen, Mokka und sogar in Damaskus. Auch
eine kleine Reederei hatte Mohammed gegründet. Zwanzig kleine Segelschiffe
wagten sich stets die Küste im Blickfeld bis nach Indien. An ihrer Mastspitze
flatterte die grüne Fahne der Firma Islam.

Als Mohammed siebenundzwanzig war landete er einen besonderen Coup.


Hindu - Handwerker in Nordindien schnitzten für den arabischen Kaufmann
zweitausend kleine Elfenbeinkreuze die dann in Damaskus an Christen
verscheuert wurden. Mohammeds Reingewinn: das Einhundertsechzigfache der
Gesamtunkosten.

Davon musste der erfolgreiche Jungmanager allerdings zwölf Prozent Provision


an den Mann zahlen von dem er den Tipp hatte. Der hieß Werka ben Naufal und
war ein Schwager Kadidschas, samt der Firma ihres ersten Gatten in die Familie
gekommen und als Ratgeber eigentlich unbezahlbar. Naufal beherrschte
Persisch, Hebräisch, Griechisch und Latein in Wort und Schrift und erledigte
daher die gesamte Auslandskorrespondenz des Unternehmens. Vor allem aber
war er Christ und hatte sogar die Bibel ins Arabische übersetzt. Christi Zieht hin
in alle Welt jedoch nahm er nicht als Aufforderung zur Mission, sondern eher als
göttlichen Ratschlag zur Umsatzsteigerung und mit diesem Onkel als Berater
konzentrierte sich Mohammed auf die Christen als erklärte Zielgruppe seiner
Marktpolitik.

Auch für andere Handelshäuser in Mekka fielen dabei einige Brocken ab.
Christen gab's fast überall - in Abessinien in Ägypten und erst recht in Europa.
Diesen Markt konnte Mohammed unmöglich allein bewältigen. Vor allem
Abessinien und Ägypten überließ er gerne Kollegen vorausgesetzt dass sie sich
bei ihm mit indischen Kruzifixen Madonnenbildern aus Byzanz und Reliquien aus
Rom eindeckten.

Mekkas Großhändler waren begeistert, und im Überschwang der Gefühle wollten


sie sogar ein Kreuz in die Kaaba hängen. Davon aber riet Mohammed ab dann
würden ja auch christliche Kaufleute zur Messe nach Mekka strömen, vielleicht
gar versuchen den Reibach selbst zu machen und bei der bekannten Profitsucht
der Christen wäre dies das Ende von Mekkas freier Marktwirtschaft. Da fanden
die Mekkaner, Mohammed habe weise gesprochen, und verliehen ihm den Titel
Amin, "der Zuverlässige".

Einige Jahre später machte sich Mohammed als weiser Mann erneut zum
Stadtgespräch von Mekka. Ein schwerer Wolkenbruch hatte die schon etwas

34 von 295 09.09.2010 19:14


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baufällige Kaaba zum Einsturz gebracht, und jeder Bürger Mekkas hatte beim
Wiederaufbau Hand angelegt. An der Ostecke einen Meter fünfzig hoch, hatten
sie ein Loch gelassen für den berühmten schwarzen Stein. Der war schließlich
die Hauptattraktion der Kaaba, von Gott dem Abraham geschenkt oder nach
anderer Version vom Himmel auf die Erde gefallen als da oben einige Engel
gerade ihre Raufhändel austrugen. Vom Himmel gefallen war der Stein
tatsächlich - ein Meteorit, an Struktur und Farbe völlig ähnlich jenen Kieseln, die
jüngst unter Milliardenaufwand vom Mond geholt wurden. Um dieses "Gotteswerk
aus Luft und Feuer" zu sehen, strömten jährlich Tausende zur Messe und daher
stritten sich nun die Sippenbosse der vier angesehensten Stämme Mekkas um
die Ehre diesen umsatzfördernden Brocken einmauern zu dürfen. Schon hatte
jede Partei Steine genug gesammelt, um eine richtige Schlacht beginnen zu
können. Da kam Mohammed, und er beruhigte die Kampfhähne mit einer
salomonischen Lösung. Der Stein wurde auf ein Seidentuch aus dem
Warenlager seiner Firma gelegt, dann fasste jeder Sippenboss einen Zipfel an
und als der Stein in der richtigen Höhe war, nahm sich Mohammed die Ehre ihn
einzumauern. Erst hinterher dämmerte den Vieren, dass ihnen ein Fünfter die
Schau gestohlen hatte aber da saß Mohammed schon längst wieder in seinem
von Leibwachen gesicherten Kontor.

Mohammed hatte nämlich Geschäftssorgen während sein Ansehen in der


Bürgerschaft Mekkas stieg sanken erstmals in der Geschichte der Firma Islam
die Umsätze.

Schuld daran waren die Juden.

Allah greift ein

Wer von wem das Handeln gelernt hat die Araber von den Juden oder umgekehrt
, war schon zu Mohammeds Zeiten ebenso unbeantwortbar wie die berühmte
Frage, ob Henne oder Ei zuerst auf der Welt war. Höchstwahrscheinlich waren
beider Lehrmeister die Phönizier die erste Handelsnation der Geschichte, ein
Völkergemisch in dessen Stammbaum auch Araber und Juden aufscheinen.

Jedenfalls saßen die Juden schon an allen Orten, wo auch Mohammed seine
Profite machen wollte.

In Palästina gab es kaum welche die alten Römer hatten dort mit den Juden so
lange Scherereien gehabt bis Titus mit dem renitenten Volk kurzen Prozess
machte. Jerusalem wurde zerstört und über den Tempelplatz der Pflug geführt.
Wer das Massaker überlebt hatte, wurde in die entlegensten Provinzen des
Römischen Reiches deportiert. Als Displaced Persons blieb dort den Juden nur
der Handel und schon nach kurzer Zeit revanchierten sich die zwölf Stämme
Israels bei der römischen Armee: Sie wurden deren wichtigste Lieferanten.

Mit den Christen gab es ab und zu Schwierigkeiten, vor allem im


vorderasiatischen Raum. Die Araber waren schon damals Meister der
Gräuelpropaganda und ließen keine Gelegenheit aus, ihren christlichen
Kundschaft klarzumachen dass ein guter Christ sich doch unmöglich bei
Gottesmördern eindecken dürfe. Was sie verschwiegen: dass viele der
heidnischen, also unbelasteten Araber nur Strohmänner jüdischer Unternehmen

35 von 295 09.09.2010 19:14


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waren.

Denn eines hatten die Juden den mit vielen Göttern in friedlicher Koexistenz
lebenden Arabern voraus: eine einheitliche Religion und dementsprechend ein
straffes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jüdische Handelshäuser gab es in
Indien ebenso wie in Damaskus und Mekka aber auch in Rom und Byzanz. Und
als Mohammed mit seinem System der Direktimporte begann, entschloss sich
auch die jüdische Konkurrenz zu engerer Zusammenarbeit und war plötzlich
preiswerter, als der Islam Je sein konnte und wollte.

Im Jahr 618, Mohammed war gerade 39 Jahre alt gründete in Damaskus eine
Sippe aus dem Stamm Benjamin ein neues Handelshaus. Sein Name war
lateinisch "Fides", zu deutsch "Treue" und sein Zweck eindeutig: Handel mit
Waren aller Art,

betrieben ausschließlich von Angehörigen des Stammes Benjamin und die


waren nun wirklich über die ganze damals bekannte Welt verstreut. Vor allem
aber und erstmals in der Wirtschaftsgeschichte gab es einen feststehenden
Profitsatz: jeweils fünfzig Prozent. So wenig hatte noch kein ehrbarer Kaufmann
zu nehmen gewagt, doch die Bescheidenheit zahlte sich aus.

Schon nach einem Jahr musste Mohammed seinen Laden in Damaskus


dichtmachen.

Wie Kadidscha mit diesem Rückschlag fertig wurde, wissen wir nicht.
Offensichtlich hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon lange aus dem Kontor
zurückgezogen. Sie hatte Mohammed vier Töchter geboren, zuletzt Fatima, und
angeblich auch sechs Söhne die aber alle bereits im Babyalter gestorben sein
sollen. Dass ihr dabei nicht viel Zeit für die Firma blieb, ist einzusehen.
Kadidscha wird also das Haus gehütet haben, das nicht viel anders ausgesehen
haben dürfte als andere Stadthäuser vornehmer Mekkaner jener Zeit und
konservativer Araber heute: möglichst große Räume mit kleinen Fenstern und
Holzläden davor, sparsam eingerichtet wie ein großes Beduinenzelt, mit
schwarzroten Teppichen und vielen Kissen. Das gefiel natürlich auch den Katzen,
die Mohammed so sehr liebte dass stets ein rundes Dutzend durch das Haus
schnurrte, und die Kadidschas Bett in kühlen Nächten besetzt hielten.

In der Öffentlichkeit ging Kadidscha stets verschleiert wie alle anderen Frauen
der Araber und zuvor schon der Phönizier. Da soll doch einer was gegen den
Schleier sagen – "Er erspart Kosmetik langwieriges Umziehen und blödes
Gegaffe, wenn ich auf die Strasse gehe. Und überdies kann ich alle Leute sehen
während ich selbst nicht gesehen werde. Da kann ich auch verschrumpelt und alt
sein solange ich noch halbwegs Figur habe, kann mich niemand von einem
knusprigen Mädchen unterscheiden erzählte mir einst eine vornehme Araberin
und trauerte der guten, alten Schleiermode nach. Der Schleier als Zeichen
"weiblicher Freiheit" war noch nie Gegenstand westlicher Erörterungen obwohl
unsere Maskenbälle und die einst so beliebten Domino-Umhänge genau
denselben Zweck hatten.

Von Kadidscha jedenfalls ist bekannt, dass sie den Schleier zu schätzen wusste,
und erst recht in der Zeit der Geschäftskrise, wo sie auf der Strasse gewiss

36 von 295 09.09.2010 19:14


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genug schadenfrohe Bürger getroffen hätte.

Auch Mohammed zog sich etwas zurück, und da er keinen Schleier zur Verfügung
hatte, ging er vorzugsweise in die Wüste. Auf dem Berg Hara hatte er von seinem
Großvater Abdel Mutalib eine komfortable Höhle geerbt, und dort verbrachte
Mohammed bald ebensoviel Zeit wie in seinem Büro.

Mit dem Auto braucht man heute ungefähr zwanzig Minuten von Mekka bis zu
diesem Berg, mit dem Kamel wird die Reise zu Mohammeds Zeiten gut
eineinhalb Stunden gedauert haben. Dafür bot der Berg Hara eine schöne
Aussicht auf die Karawanenstrasse von Dschidda nach Mekka, außerdem noch
einen der sehr seltenen Süßwasserbrunnen und vor allem das Gefühl exklusiver
Einsamkeit.

Mekkas Reiche wussten so etwas zu schätzen. Wo immer in Mekkas Umgebung


eine Höhle zu finden war wurde sie in Beschlag genommen - Höhlen waren kühl
und solide man konnte sie mit Teppichen auslegen und Nischen in sie meißeln
lassen, und vor allem unterschieden sie sich von den ordinären Beduinenzelten
wie ein Chalet heutzutage von einem Campingplatz. So gefragt waren Höhlen bei
Mekkas Reichen, dass drei Baumeister zu Mohammeds Zeiten voll damit
beschäftigt waren der Natur nachzuhelfen, wo sie keine Spalte offengelassen
hatte.

Ob Mohammeds Höhle eine natürliche oder eine künstliche war, wissen wir
nicht. An ihrer Stelle ragt heute ein Betonturm in den Himmel, der jährlich frisch
gestrichen wird, und das gesamte Plateau des Berges ist zubetoniert. Die Felsen
wurden ebenfalls kräftig angeknabbert, aber nicht vom Zahn der Zeit, sondern
von souvenirwütigen Pilgern, die dem weichen Sandstein mit Brecheisen und
Taschenmessern zu Leibe rücken.

Auch die Aussicht ist lange nicht mehr das, was sie einmal war: Die Mina-Ebene,
zu Mohammeds Zeiten ein spärlich grünes Steppenland mit der alten
Karawanenstrasse nach Dschidda, ist heute ein trostloses Feld aus
geborstenen Hammelknochen. Jeder Mekka-Pilger, der etwas auf sich hält muss
hier ein Schaf für die Armen opfern. Doch die auf Öl gebettete arabische
Wohlstandsgesellschaft hat mehr Schafe und Fromme als Arme und so wurde
die Mina-Ebene ein riesiges absurdes Schlachthaus. Der gottgeweihte Platz
stinkt gotteserbärmlich und im heiligen Monat Ramadan wenn Mekkas
Schafhändler Hochkonjunktur haben sind zwei Bulldozer voll damit ausgelastet
die herumliegenden Kadaver einzubuddeln.

Schuld daran ist ein Ereignis das sich an einem Tag im Monat Ramadan des
Jahres 611 zutrug, in Mohammeds vierzigstem Lebensjahr. Der Handelsherr
hatte wieder einige Zeit in seiner Höhle verbracht. Ob in Gebet und Meditation wie
manche Gelehrten behaupten, ist nicht erweisbar. Auf dem Berg wachsen heute
noch kleine verkrüppelte Hanfpflanzen, und da sie bestimmt auch schon damals
dort gediehen, kann es durchaus gewesen sein, dass Mohammed davon
genascht hat - auf jeden Fall kam er am Abend ziemlich atemlos bei Kadidscha
an. Er war schweißüberströmt, gleichzeitig aber zitterte er am ganzen Körper.
"Wickelt mich ein! Deckt mich zu", schrie Mohammed und:

37 von 295 09.09.2010 19:14


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"Ich fürchte für meine Seele".

Ob Mekkas erfolgreichster Unternehmer das erlitten hatte, was heutige


Rauschgiftkonsumenten "Horrortrip" nennen oder ob er einen Rückfall in die
epileptischen Anfälle seiner Kindheit durchmachte - auf jeden Fall rannte
Kadidscha nach sämtlichen im Haus herumliegenden Decken. Es half nichts.
Erst als sie ihren Gatten auf ihren Schoss setzte und wie ein kleines Kind wiegte,
beruhigte er sich ein wenig.

Nach einiger Zeit versuchte Mohammed, wieder zu sprechen. Dabei soll er


folgendes gestammelt haben: Steh auf Bedeckter, und predige und verherrliche
deinen Herrn. Reinige deine Kleider und meide jede Schandtat, und sei nicht in
der Absicht freigebig, dadurch mehr zurückzuerhalten.

Nun war auch Kadidscha davon überzeugt dass ihr Gemahl sehr, sehr krank
sein müsse. Geben, ohne zurückzuerhalten. . . bisher waren Mohammeds
einzige Ausgaben Investitionen gewesen, und eben dieser Mohammed
stammelte soeben von furchtbaren Höllenqualen und einem grässlichen
Endgericht das ausgerechnet über ehrbare Unternehmer hereinbrechen würde.

Schnell ließ sie ihren Schwager holen, den gelehrten und christlichen Werka ben
Naufal. Der besah sich den Fall und meinte, da könne nur Gott zugeschlagen
haben.

Von Stund an war Mohammed von Kontakten mit höheren Wesen überzeugt.
Werka, der gelernte Christ, konnte sogar einige der "unbegreiflichen Stimmen"
identifizieren, vor allem den Erzengel Gabriel, der in Zukunft zum Botenjungen
zwischen Gott und seinem Propheten wurde.

Vor allem aber beschlossen die drei Mohammeds Visionen in Mekka und vor
allem in der Firma geheimzuhalten.

Das fehlte ja gerade noch: ein Kaufmann mit weltweiten Kontakten, der zusätzlich
noch einen heißen Draht zum Unfassbaren hatte.

Doch so einfach ging die Sache nicht ab. Schon nach kurzer Zeit erlitt
Mohammed einen neuerlichen Anfall. Kadidscha bemühte sich zwar nieder, die
Halluzinationen ihres Angetrauten mit warmen Decken zu ersticken, doch es half
nicht: "Verhüllter, steh in der Nacht zum Gebet auf... denn tagsüber hast du zuviel
anderweitige Beschäftigung. Gedenke des Namens deines Herrn, sondere dich
ab von irdischen Gedanken und weihe dich ihm ganz."

Und wieder folgte ein entsetzlicher Angsttraum voller grässlicher Höllenstrafen.


Doch die Qual hatte auch ein Gutes, denn nun erfuhr Mohammed, wer Gott
wirklich war - Allah, der schon längst gestaltlose Schutzgeist der Kaaba, der
allerdings in Mekka noch immer eine bedeutende Rolle spielte, als Schutzpatron
der Firma Islam.

Der Gott des Geschäfts

Wir können Mohammeds Visionen auch durchaus von einem praktischen

38 von 295 09.09.2010 19:14


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Gesichtspunkt her sehen: Allah war der Hausgott des Islam - Konzerns, und
eben dieser Gott verkündete seinem Manager. Es gibt keinen Gott außer Allah.
Dieser Gott befahl dem Konzernherrn, alle anderen Götter schonungslos zu
vernichten zufälligerweise aber waren diese anderen Götter die Schutzpatrone
der Konkurrenzfirmen. Wollte Mohammed das Monopol? Mit der freien
Marktwirtschaft hatte er schließlich schlimme Erfahrungen gemacht.

Auf jeden Fall war Mohammed überzeugt: Es gibt keinen Gott als Allah und
Mohammed ist sein Prophet. Mit der Zeit war dies auch Kadidscha. Nur Werka
ben Naufal, der weise alte Mann, riet Mohammed, diese himmlische Erleuchtung
vorläufig für sich zu behalten. Es könnte sonst Arger geben.

So kümmerte sich Mohammed die nächsten drei Jahre tagsüber um die Bilanzen
und nachts um Allah. Nur die engsten Hausgenossen wussten von dem
Doppelleben, mit dem verglichen die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde
geradezu trivial anmutete: tagsüber harter Konzernmanager und nachts
schweißtriefender Prophet. Am meisten imponierte dies Ali, einem Sohn Abu
Talibs den Mohammed in sein Haus genommen hatte, um seinem Ziehvater die
Kosten zurückzuerstatten, die dieser einst mit Mohammed hatte.

Mit zehn Jahren war Ali zu Kadidscha und Mohammed gezogen. Ein Jahr später
begannen die Visionen, und das beeindruckte den Kleinen natürlich sehr.

Drei Jahre später starb Werka ben Naufal, und nun entschloss sich Mohammed,
seine Erkenntnisse aller Welt zugute kommen zu lassen.

Als anständiger Araber fing er damit bei seiner Sippschaft an. Die Koreischiten
hatten sich im Wohlstand kräftig vermehrt. Obwohl Mohammed nur die
Familienchefs des Clans zu einem Gastmahl geladen hatte, fielen gleich vierzig
im Haus ein.

Der vierzehnjährige Ali fungierte als Kellner, es gab Hammelbraten mit Joghurt.
Nach gut arabischem Brauch wurde lange und ausgiebig getafelt. Beim Dessert
wollte Mohammed seine Lehre verkündigen, doch sein Onkel Abu Leheb schien
Lunte gerochen zu haben. Ehe der Prophet noch seinen Mund auftun konnte,
erhob sich der resolute alte Herr und meinte, es sei ja schon so spät geworden,
dass es unhöflich sei, die Sippe länger aufzuhalten, und die Verwandtschaft
begab sich schnell nach Hause.

Was blieb dem Propheten übrig, als das Gastmahl am nächsten Abend zu
wiederholen? Schließlich wollte er seine Lehre loswerden. Sicherheitshalber
ließ er diesmal nur halbe Portionen auftragen, und daher war es noch ziemlich
früh am Abend, als Mohammed anhub: "Ich weiß keinen Araber, der seinem Volk
Besseres gebracht hat, als ich euch bringe. Ich bringe euch das Gute dieser und
der anderen Welt. Gott befahl mir, euch zu rufen. Wer von euch will mein Wesir
sein der Lastträger meines Amtes, mein Bruder, mein Anwalt und Gehilfe?" Die
Verwandtschaft schwieg und wusste nicht, was sie von dem Theater halten
sollte. Nur der kleine Ali rief: "Ich will deinen Feinden die Zähne brechen, die
Augen ausstechen, den Bauch aufschlitzen und den Pimmel abschneiden! Ich
will dein Wesir sein."

39 von 295 09.09.2010 19:14


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Da umarmte Mohammed den Kleinen und ernannte ihn zu seinem Wesir, Tränen
in den Augen. Die übrige Verwandtschaft lachte schallend auf. So betrunken
hatten sie Mohammed noch nie erlebt, und bevor er noch weiter entgleiste,
verdrückten sie sich lieber.

Dass Mohammed an jenem Abend nüchtern war merkten die Koreischiten erst,
als sie einige Zeit später zu einem Picknick auf den Berg Ssafa eingeladen
wurden.

Auch dort besaß Mohammed eine Wochenendhöhle, und die Sippschaft war mit
Kind und Kegel an den Platz geströmt, wo es was umsonst geben sollte.

Das Fest endete mit einer allgemeinen Verstimmung. Mohammed begann


wieder zu predigen, und diesmal war er nicht zu stoppen. So viel wirres Zeug auf
einmal hatte noch kein Koreischit gehört: dass sie alle ihre gutgehenden Firmen
aufgeben und allein der Oberhoheit Allahs unterstellen sollten, dass sie bei
Verweigerung dieser Fusion nach ihrem Tod in siedendem Schwefel gekocht
würden, dass sie ihre Seelen von Allah kaufen sollten und Mohammed zu ihrer
aller Chef wählen . . .

Abu Leheb riss als erstem die Geduld. Er fand, das ganze Picknick sei reine
Zeitverschwendung, und empfahl allgemeinen Aufbruch. Doch so einfach ließ
Mohammed seine Gäste nicht abziehen. Vor versammelter Verwandtschaft
beschimpfte er seinen Onkel: "Verdorben sind die Hände Abu Lehebs! Nichts
wird ihm sein Reichtum nützen! In der Hölle wird er braten und seine Frau wird
das Feuerholz sammeln, einen Strick um ihren Hals! Dann verkündete
Mohammed den entsetzten Koreischiten noch Schrecklicheres: In Zukunft werde
er seine Lehre öffentlich verkünden allen Menschen, und das ausgerechnet vor
der Kaaba.

Das aber fürchteten die Koreischiten mehr als alle Höllenqualen dass ihr stolzer
Stamm durch ein ausgeflipptes Familienmitglied lächerlich gemacht würde. War
Mohammed in Zahlungsschwierigkeiten geraten und wollte er auf diese Weise
Geld erpressen? Nein, der Prophet lehnte dankend ab. Auch ein Rudel Ärzte, von
besorgten Verwandten engagiert, musste unverrichteter Dinge vor der Haustür
umkehren. Der Prophet sei beschäftigt.

Das war Mohammed. Zunächst entwarf er ein neues Firmenstatut. Ab sofort


wurden sämtliche Finanzangelegenheiten wieder von Kadidscha
wahrgenommen. Alle Angestellten hatten fünfmal am Tag zu Allah zu beten und
wer sich als Handelspartner ebenfalls zu Allah bekannte, erhielt Rabatt. Vor
allem aber führte Mohammed eine Pensionsversicherung ein - jeder
Beschäftigte musste zehn Prozent seines Gehalts in eine "Armenkasse" liefern
aus der er im Alter wieder versorgt werden solle.

Wie Mohammeds Untergebene diese Neuerungen aufnahmen ist nicht berichtet.


Furore jedoch machten die Auftritte des Propheten vor der Kaaba.

So etwas hatte es in Mekka noch nicht gegeben: ein erfolgreicher Firmenboss,


der sich täglich zwei Stunden vor die Kaaba stellt und dort von Nächstenliebe und

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Höllenqualen erzählt.

Diese Show erregte mehr Aufsehen als heutzutage die Auftritte fanatischer
Jesus-People in den Fußgängerzentren unserer Geschäftsstädte. In Mekka gab
es kein Fernsehen kein Theater und nicht einmal einen Zirkus. Wer was erleben
wollte, musste schon zu Mohammed gehen. Schnell wurde er zum
Stadtgespräch von Mekka. Was war mit ihm los? War er ein Dichter geworden?
Ein Zauberer oder einfach verrückt? Gegen letzteres sprach dass er ja bisher
durchaus vernünftig gehandelt hatte in jedem Sinn des Wortes.

Vielleicht war doch etwas dran, dachten einige nicht sehr begüterte Mekkaner
und wurden Gläubige der Firma Islam. Eigentlich: Gläubiger, denn Mohammeds
Forderungen waren klar und einfach - ein Zehntel des Barvermögens in die
Armenkasse dafür die Aussicht auf Altersversorgung. Außerdem: Sämtliche
Bedarfsgüter dürfen ebenfalls nur von Gläubigen bezogen werden, also von
Angehörigen des Unternehmens. Jeder andere Einkauf war Sünde, und darauf
stand die Hölle. Und da sich der "Islam" noch in seiner Kampfzeit befand, waren
die Preise etwas überhöht. Dafür aber wurde Qualität geliefert und im Jenseits
ein Himmel der sich von gut arabischen Bordellen nur dadurch unterschied,
dass die ewigen Freuden nicht in stickigen Kammern sondern ewig grünen
Gärten und nicht von fetten Huren sondern von knusprigen Huris verabreicht
wurden.

Die Umsätze der Firma Islam stiegen dadurch allerdings nur unbedeutend
Mekkas Reiche hielten sich fern und die mickerigen zehn Prozent Bargeld aus
dem Mittelstand machten das Kraut nicht fett. Dafür kamen die vielen
Ungläubigen voll auf ihre Kosten Mekka ergötzte sich an dem Hickhack der nun
zwischen Mohammed und seiner Verwandtschaft anhub.

Fein waren die Sitten der feinen Leute in Mekka damals nicht. Da predigte
Mohammed eines Tages vor der Kaaba und wunderte sich dass seine Zuhörer
immer laut loslachten sobald er sich umdrehte. Der alte Onkel Abu Leheb hatte
den Rücken des Propheten mit Scheiße beschmiert . . .

Andere Koreischiten versuchten es mit gutem Zureden. "Mohammed", fragte


einer, "bist du besser als dein Vater Abdallah?

Mohammed schwieg diplomatisch. Bist du besser als dein Großvater Abdel


Mutalib? Wieder schwieg der Prophet schließlich wollte er keine Toten
beleidigen. Damit aber musste er sich sagen lassen: Wenn du also durch dein
Schweigen zugibst, dass du nicht besser bist als sie, dann lass dein Gequassel
und bete zu allen Göttern wie sie.

Die vielen Götter - für die Koreischiten bedeuteten sie die Vielfalt des Marktes!
Wer würde nach Mekka zur Messe kommen, Wenn dort nur ein einziger
Schutzgott einer einzigen Firma verehrt werden dürfte? Vor allem aber erkannten
sie: Mohammed wollte die freiheitliche Grundordnung Mekkas zerstören das
System der freien Marktwirtschaft durch ein Monopol ersetzen, in dem sie
höchstens als Kleinaktionäre fungieren dürften.

Und Mohammed tat ihnen den Gefallen und bestätigte dies. Damit war der

41 von 295 09.09.2010 19:14


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Tatbestand des Hochverrats gegeben, und darauf stand Steinigung, zumindest


aber Berufsverbot.

Von Abu Talib, dem Obersten Gerichtsherrn, forderten die Koreischiten, er solle
Mohammed vor Gericht stellen lassen. Doch der Ziehvater des Propheten, im
Konflikt zwischen Grundgesetz und Familiensinn, entschied sich für letzteren und
stellte Mohammed - als nicht voll zurechnungsfähig, aber voll geschäftsfähig
unter seinen persönlichen Schutz.

Der gewohnte Kleinkrieg ging weiter.

Die Tricks des Propheten

Seine Firma vergaß der Prophet in dieser Zeit keinesfalls. Schließlich war der
Islam noch lange keine Religion, sondern eher eine ausgefallene Methode, die
Firma zu vergrößern und sich eine treue Stammkundschaft zu sichern. Nur : Wer
zum Islam gehörte war nicht etwa ein schlichter kaufmännischer Angestellter,
sondern auch ein Gläubiger, und dementsprechend missionarisch zäh trat
Mohammeds Belegschaft nun auf den Märkten auf.

Vor allem aber, und das erfüllte die Koreischiten mit größter Sorge, vergrößerte
Mohammed sein Unternehmen rapide. Im Jahr 616, ein Jahr nachdem er sich
als Prophet geoffenbart hatte, gründete er eine Tochtergesellschaft im wahrsten
Sinn des Wortes - seine älteste Tochter sollte samt Gatten und acht weiteren
Gläubigen nach Abessinien auswandern und dort ein Handelshaus gründen.

Geschäftszweck: Tausch indischen und europäischen Flitterkrams gegen Gold,


Edelsteine und vor allem gegen Kaffee.

Da aber traf er gerade seinen Onkel Abu Leheb an dem empfindlichsten


Geschäftsnerv. Abu Leheb war nämlich außerdem Arabiens mächtigster
Kaffeeimporteur, und seine Lagerhallen in Mokka waren so berühmt, dass das
Getränk nicht nach seinem Ursprungsort, sondern nach seinem Verteilerplatz
benannt wurde. Abu Leheb bot Mohammed Geld und versuchte, die soeben
abgereiste Karawane mit der falschen Nachricht zurückzuholen, er habe sich mit
Mohammed versöhnt - es half nichts, und Abu Leheb entschloss sich zu
Rationalisierungsmassnahmen: Um seinen Profit zu halten, ließ er nun auch in
Arabien große Kaffeepflanzungen anlegen und so ging "der Flammenvater" nicht
nur als schlimmster Feind des Propheten in die Geschichte ein sondern auch
als der Mann, der den Kaffeestrauch nach Arabien brachte.

Viel geholfen hat ihm das allerdings nicht. Die Firma Islam erreichte beim
Negus, dass Abu Leheb nicht mehr mit Kaffee beliefert wurde. Wie viel
Bestechungsgeld der Prophet bei dieser Gelegenheit an den christlichen "Löwen
von Juda" überwiesen hat, ist nicht bekannt. Gelohnt aber hat sich diese
Investition - noch ehe Abu Lehebs Kaffeestauden ihre ersten Früchte trugen, war
Abu Leheb pleite und musste Plantagen und Lagerhallen für ein Spottgeld
verkaufen. An Mohammed!

Aber auch in seiner Heimatstadt vergrößerte sich der Konzern. Ein Jahr nach der
Abessinien-Geschichte brachten zwei angesehene Koreischiten ihre

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Unternehmen in die größere Firma ein oder, wie es nun hieß: Sie bekehrten sich
zum Islam. Derlei Bekehrungen hatten ihre Vorteile - sie ersparten die eigene
Ausrüstung von Karawanen, den Unterhalt von eigenen Stapelplätzen und
verringerten das Geschäftsrisiko. Mohammed garantierte einen Mindestumsatz
und gewährte großzügigen Gläubigenrabatt.

In der Geschichte des Islam wird berichtet, dass Mohammeds Onkel Hamsa
sich zu diesem Schritt nur entschloss, weil er nicht mehr mit ansehen konnte,
wie unartig sich andere Koreischiten dem Propheten gegenüber benahmen,
wenn der vor der Kaaba predigte. Omar ben Chattab, ein hochangesehener und
äußerst streitbarer Karawanenführer, soll von seiner Schwester angeworben
worden sein.

Wie dem auch sei: Plötzlich hatte Mohammed wieder ein Haus in Damaskus
dank Hamsa - und Omars fünf Karawanen-Trupps auf den südlichen
Handelsstrassen zur Disposition.

Auf dem Basar von Mekka bewirkte diese Nachricht ein Erdbeben zwei
Koreischiten-Stämme beeilten sich, auch ihre Firmen in den Islam ein zubringen,
um konkurrenzfähig zu bleiben.

Die übrigen Koreischiten beschlossen, für die freie Marktwirtschaft zu kämpfen


und koste es auch Umsatzprozente. Mit einer feierlichen Urkunde wurde der
Boykott gegen den Islam beschlossen. Keinerlei Geschäfte mit Angehörigen des
Islam und erst recht keine Heiraten, die zu Fusionen führen könnten. Abu Talib
musste die Eselshaut persönlich an der Kaaba anschlagen. Doch so war
Mohammed nicht Kleinzukriegen. Der Islam kontrollierte bereits einen Grossteil
des Außenhandels, da machte es nichts aus, dass rabiate Koreischiten
islamische Stände in Mekka umwarfen sobald sie aufgestellt wurden - der
Reibach wurde anderswo gemacht.

In Mekka aber versiegte der Nachschub an exotischen Gütern. Mohammed ließ


sie, ohne Umweg in die Zentrale gleich nach Damaskus oder Abessinien
transportieren, und damit sank auch das Interesse vieler Handelsreisender an
der Messestadt. Das aber hatten die Koreischiten nicht gewollt, und bald schon
erkannten einige Einsichtige, dass dieser Schuss nach hinten losgegangen war.

Der Handelskrieg währte drei Jahre genauso lange brauchten die Koreischiten
bis ihre Vernunft über ihren arabischen Stolz gesiegt hatte. Und dann war da
immer noch diese Urkunde an der Kaaba, die ohne erheblichen Gesichtsverlust
nicht entfernt werden konnte. Doch da half Allah. Nach längeren
Geheimverhandlungen berief Abu Talib eine Bürgerversammlung ein ob sich der
Islam und die noch zahlungsfähigen Koreischiten nicht lieber doch wieder
vertragen wollten? Ja, schon, aber die Urkunde... Da meinte Abu Talib: "Bringt sie
doch herbei. Mohammed hat mir gesagt, ihm habe heute nacht ein Engel
mitgeteilt, sie sei von Würmern zerfressen worden". Und tatsächlich - an der
Kaaba hing von der ganzen, großen Eselshaut nur noch ein schmaler Streifen
mit den Anfangsworten: "Im Namen Allahs –".

Sogar die Namen der Konkurrenzgötter hatten die himmlischen Würmer zernagt.

43 von 295 09.09.2010 19:14


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Damit stand dem Frieden nichts mehr im Wege, und die Messe von Mekka
konnte wieder erblühen.

Das war auch aller höchste Zeit, selbst für die Islam, die eigentlich den längeren
Atem gehabt hatte. Im gleichen Jahr nämlich war der lange kalte Krieg zwischen
dem Oströmischen und dem Persischen Reich urplötzlich zu einem heißen
geworden. Persische Truppen marschierten nach Damaskus und vertrieben die
dortige oströmisch-griechische Garnison ohne große Mühe. Sämtliche arabische
Firmen, die mit Byzanz gutgestanden hatten, wurden von der persischen
Konkurrenz übernommen, und dazu gehörte auch die Niederlassung
Mohammeds.

Der Prophet tröstete sich und seine KG über diese Katastrophe mit der
dreißigsten Sure des Korans: "Die Römer in Syrien sind zwar besiegt, aber in
absehbarer Zeit werden Sie wieder siegen. Allah bestimmt Vergangenheit und
Zukunft".

Schließlich war dem Ereignis auch die Konkurrenzfirma Fides zum Opfer
gefallen, dieser unangenehme, jüdische Konkurrent, und die Fides erholte sich
von diesem Schicksalsschlag nie wieder. Der Islam beerbte sie entgegen seiner
Gewohnheit, mit Juden keine Geschäfte zu machen, erwarb der Prophet die
Lagerhallen der Fides in Alexandria, und nun musste er zwar mit ägyptischen
Zwischenhändlern arbeiten, blieb aber immerhin im Europageschäft. Während
ganz Arabien über die Wirtschaftskrise jammerte, konnte der Islam seine
Umsätze um zwanzig Prozent erhöhen.

Dass sich der Prophet mit seinen hemdsärmeligen Geschäftsmethoden in


Mekka keine Freunde machte, dürfte verständlich sein. Mekka hatte damals
annähernd zehntausend Einwohner, und alle litten unter der schweren Zeit. Dass
da Mohammed und seine zweiundneunzig Gläubigen im Ausland Profit machten,
schmerzte tief. Der entscheidende Kampf war gewissermaßen vorprogrammiert,
der von Abu Talib sorgsam überwachte Frieden mehr als trügerisch.

Im Jahr 620 im neunundvierzigsten Lebensjahr des Propheten, starb Abu Talib,


zuletzt nahezu uneingeschränkter Manager Mekkas und Mohammeds Protektor.
Das war schlimm, sehr schlimm. Doch es kam noch schlimmer: drei Tage nach
Abu Talib starb auch Kadidscha, die bis zuletzt die Finanzangelegenheiten des
Konzerns mit starker Hand geführt hatte.

Für Kadidscha fand sich bald Ersatz.

Abu Bekr, ein betagter Kaufmann und mit Mohammed seit fünf Jahren fusioniert,
übernahm die Buchführung. Kein Ersatz fand sich für Abu Talib die Koreischiten,
froh über den Tod des Patriarchen, beschlossen eine Rückkehr zu
demokratischen Verhältnissen. In Zukunft sollte ein Ältestenrat die Geschicke der
Stadt lenken, und darin saßen zwar Mohammed und Omar und Abu Bekr, aber
auch zwölf Angehörige der Konkurrenz. Mohammed bekam den frischen Wind
voll zu spüren und beschloss, sich samt seiner Firma Islam aus dem Staub zu
machen.

44 von 295 09.09.2010 19:14


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Doch wohin? Eine Messestadt musste es auf jeden Fall sein, möglichst also ein
Kreuzungspunkt zweier Handelsstrassen. Zuerst dachte der Prophet an Taif,
östlich von Mekka. Mit kleinem Gefolge und großen Plänen reiste er dorthin. Doch
die Stadtväter von Taif hatten Bedenken - ihnen war klar, dass Mohammed mit
seinen berüchtigten Geschäftsmethoden diesen kleineren Markt sofort und total
beherrschen würde, und darauf verzichteten sie dankend. Unverrichteter Dinge
kehrte der Prophet nach Mekka zurück und konnte der Vollversammlung seiner
Gläubigen in Mekka nur berichten dass er unterwegs einige unsichtbare
Dschinnen bekehrt habe.

In Mekka spitzte sich die Situation mittlerweile zu. Für die Frühjahrsmesse des
Jahres 621 wurde dem Islam nur ein Drittel der benötigten Ausstellungsfläche
zugestanden, und da half kein Protest. Grollend verließ Mohammed das von
seinem Großvater erbaute Rathaus, mit ihm Omar und Abu Bekr.

An dem so beengten Messestand aber kam der Prophet mit einigen Aufkäufern
aus Yasrib ins Gespräch. Auch die klagten über die Juden, und dafür hatte der
Prophet immer ein offenes Ohr.

Schrecklich wie es in Yasrib zuging: Die jüdischen Händler hatten sich mit zwei
Araberstämmen verbündet und machten nun den rein arabischen Firmen das
Leben schwer. Auch Mohammed hatte mit den Juden seine Erfahrungen
gemacht seine ersten übrigens in Yasrib bei seinem Großvater
mütterlicherseits... eigentlich sei er ja der Stadt Yasrib ebenso verbunden wie der
Stadt Mekka, und dass seine ersten großen Fischzüge gerade dieser Stadt
etwas Umsatzsteuer entzogen haben, sei ja nicht so schlimm. Nun sei der Islam
ja eine viel größere Firma, mit viel, viel mehr Umsatzsteuer..., aber wenn er die
einer Stadt einbringen wolle, müsse ihm auch die Stadt dafür was bieten.

Beispielsweise die oberste Gerichtsbarkeit. Und feierlich versprach der Prophet.


in diesem Falle nicht nur zum Wohl seiner Firma, sondern auch auf alle Fälle
immer gegen die Juden zu entscheiden.

Die Delegation aus Yasrib hörte aufmerksam zu. Das Steueraufkommen lockte,
und schließlich war in der Vergangenheit der oberste Richterposten schon für
weniger Geld verkauft worden. Die ehrenwerten Kaufleute aus Yasrib schieden
mit dem Versprechen, sich die Sache gründlich zu überlegen.

Kapitel 3.
Allahs Räuberbande

45 von 295 09.09.2010 19:14


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Ein Medina kommt selten allein

Alle Wege führten nach Medina, zumindest zu Mohammeds Zeiten. Medina heißt
"Stadt", und das wollten genau hundert Dörfer der Halbinsel sein. Als Stadt galten
bereits einige Lehmhütten am Rand einer Oase, vorausgesetzt, in ihrer Mitte
verlief eine Strasse mit den Schuppen ortsansässiger Krämer und der
Karawanserei. Die war ein Hof mit hohen Sicherheitsmauern, der Rastplatz
reisender Händler.

Kam eine Karawane in Sicht, bildete die Kaufmannschaft des jeweiligen Medina
ein Empfangskomitee. Weit vor der Stadt wurden die Fremden begrüßt und mit
starker Eskorte zur Karawanserei geleitet, "in den gastfreundlichen Schutz
raubsicherer Mauern".

Vor allem schützten die Mauern den Profit ortsansässiger Krämer. Nur Kaufleute
durften in das Geviert und kein Käufer erfuhr je, was woher kam und wie viel beim
Wiederverkauf verdient wurde. Die Handelsspannen jener Zeit waren beachtlich
das Gastmahl für die Fremden war auf jeden Fall mit drin und auch die
Benutzungsgebühr für die Karawanserei. Die war von Medina zu Medina
verschieden und ergab sich aus der Zahl der Abnehmerläden. Außerdem

46 von 295 09.09.2010 19:14


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musste eine Abgabe für sämtliche mitgebrachte Waren bezahlt werden - ein
Preis für die Sicherheit die Medina so bot. Vielen Medinas auch das nicht: Sie
führten die Niederlagspflicht ein. Sämtliche Waren mussten in der Karawanserei
an ortsansässige Großhändler verkauft werden und wurden manchmal auch
großzügig ihren ursprünglichen Transporteuren zurückverhökert.

Manche Karawanenherren fanden, derlei Sicherheitskosten seien wesentlich


größer als das Risiko, beraubt zu werden. Lag auf ihrem Weg ein Medina ohne
lohnenswerten Umsatz, mieden sie die Karawanserei und kampierten lieber auf
freiem Feld. Das sahen natürlich die Kaufleute Medinas nicht gern, und bald
organisierte jedes Medina eine "Karawanen-Schutzpolizei". Deren Aufgabe war
alle Karawanen zu plündern die sich nicht freiwillig zu ähnlichem Zweck in die
sicheren Mauern begaben.

Dieses Medina-System bewirkte natürlich dass sich alle Waren auf ihrem Weg
von Medina zu Medina ungebührlich verteuerten und Arabiens Außenhandel oft
nicht konkurrenzfähig war. Um das Jahr 620 verbündeten sich daher einige
Medinas zu einer Art Sanierungswerk.

Kleinere Medinas auf den großen Handelswegen sollten einfach per


Karawanenschutzpolizei ausradiert werden.

Zweifelhaften Ruhm erlangte das Bündnis von Mekka und Taif. Beide Städte
waren für arabische Verhältnisse Giganten und ihr Bund eine Ungeheuerlichkeit -
als würden hierzulande und heutzutage die größten Kaufhauskonzerne
gemeinsam eine Rockerarmee mieten, um die letzten Tante-Emma-Läden
zerschmeißen zu lassen. In Taif trafen vier Strassen aufeinander: Eine führte
nach Süden in den Jemen und von dort zu den beiden Hafenstädten Aden und
Dhofar. Eine zweite Strasse führte östlich nach Muskat dem berühmten
Stapelplatz exotischer Gewürze. Eine weitere Strasse führte nach Persien. In
Nischapur, gut 5.000 km von Taif, teilte sie sich in die zwei berühmtesten
Trampelpfade der Alten Welt - in den Landweg nach Indien, den schon Alexander
der Grosse langmarschiert war, und in die Seidenstrasse, die über Samarkand
und Tibet zum fernen China führte. Nach Norden aber führte kein Weg an Mekka
vorbei. Über den Hafen Dschidda wurde der Ägyptenhandel abgewickelt, und
eine Küstenstrasse führte über Palästina nach Damaskus.

Nach Damaskus gab es auch noch eine andere Route, etwas weiter östlich und
auf der anderen Seite des Küstengebirges. An der lag, 380 km nördlich und
damals zehn Tagereisen von Mekka, die Ortschaft Yasrib-Medina. Und dem
Städtchen galt das Bündnis der Giganten. Denn auch Yasrib lag am Knotenpunkt
einer Persien-Strasse. Die war sogar zwölf Tagreisen kürzer als die Taifs und
somit eine ernsthafte Konkurrenzroute auf dem Weg nach Alexandria.

Es fiel den Stadtvätern von Taif nicht schwer, die Koreischiten von der
Gemeinsamkeit ihrer Interessen zu überzeugen. Auf dass, in Zukunft der
gesamte Ost-West-Handel über Taif und Mekka trabe, eine stattliche Garnison
nach Bedr gelegt wurde. Dort kamen über eine schmale Passhöhe die
Karawanen aus Yasrib auf die Alexandria-Strasse und wurden nun so kräftig zur
Kasse gebeten, dass der kürzere Weg der teurere war.

47 von 295 09.09.2010 19:14


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In Mekka meinten allerdings Kenner des Städtchens Yasrib soviel Aufwand sei
doch gar nicht nötig gewesen. Man hätte es ruhig den Bürgern von Yasrib
überlassen sollen, ihre Stadt kaputtzumachen.

Tatsächlich war die Situation in Yasrib katastrophal.

Die Stadt war genaugenommen ein kleiner Haufen Oasen, um die sich schon
die Kameltreiber der Vorzeit geprügelt hatten. Aus dem Süden waren zwei
miteinander versippte Stämme namens Chadresch eingewandert, und aus dem
Norden vier jüdische Stämme. Als sie gemeinsam eine Karawanserei gebaut
hatten, konnte der Kampf beginnen.

Zunächst siegten die Südaraber. Als sie aber dann so richtig verdienten,
heuerten die Juden einige benachbarte Araberstämme an. Die sorgten dafür,
dass sich die Chadresch aus dem Geschäftsleben zurückzogen, und blieben
selbst gleich als Karawanenschutztruppe im Ort. Die Chadresch aber vermehrten
sich in der erzwungenen Ruhepause so kräftig dass sie im Jahr 621 die
absolute Bevölkerungsmehrheit stellten. Nach einer Serie von Massenprügeleien
erbauten sie in Yasrib eine zweite Karawanserei, und zwischen den beiden
Börsen herrschte von nun an kalter Krieg.

Das war eine Sache für den Propheten. Um die Wirtschaftsstruktur der Aus und
Chadresch zu verbessern, bot er ihnen die Übersiedlung des Islam nach Yasrib
an. Das bedeutete für die Stadt Umsatzsteuer in einer noch nicht einmal
erträumten Höhe. Als Gegenleistung verlangte der Prophet einen
fünfundzwanzigprozentigen Steuernachlass, das Amt des Stadtrichters, die
Börsenhoheit und natürlich auch das Kommando über die
Karawanenschutztruppen.

Die Sippenbosse aus Yasrib schauderten. Mohammeds Vorschlag bedeutete


das Ende der Stammesdemokratie. Von der wollten sie sich nicht trennen, und
die Verhandlungen waren eigentlich schon gescheitert, als Mohammed ein
weiteres Angebot machte: Die Bürger von Yasrib sollten ihm nur vier Jahre Zeit
geben. Dann sei ihr Medina judenfrei. Vor allem aber würde dann die Strasse von
Muskat nicht mehr nach Taif führen, sondern nach Yasrib, im Klartext: der
Indienhandel.

Da entschieden sich die Bürger. von Yasrib per Volksentscheid für die
Abschaffung der Demokratie. Viele Geschichtsschreiber werfen ihnen deshalb
noch heute staatsbürgerliche Charakterlosigkeit vor, doch haben auch schon
andere Völker in Krisenzeiten ganz demokratisch die Diktatur gewählt.

Der Islam zieht um

Im Januar 622 kam eine Delegation von dreiundsiebzig Mann und zwei Frauen
aus Yasrib zu Mohammed und akzeptierte alle Bedingungen. Im Kontor der Firma
Islam kam es zu einer bewegenden Versammlung. Es ging ums Geschäft, und
das wurde Religion.

In einer dramatischen Rede erklärte Mohammed seiner Gemeinde, dass sie von
nun an für Allah Prophet und Profit kämpfe und zu diesem Zweck ganz Arabien

48 von 295 09.09.2010 19:14


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den Krieg erkläre.

Die Gläubigen wollten den totalen Handelskrieg, und alle riefen: "Wir schwören
es". Dann ernannte der Prophet noch zwölf Jünger als Organisations- und
Verwaltungsmanager. Am nächsten Morgen zogen die Delegierten in kleinen
Gruppen nach Yasrib heim. Mohammed aber begann die Übersiedlung seiner
Firma vorzubereiten.

Eine Beschreibung aus jener Zeit schildert den Propheten als Mann von mittlerer
Statur, dem man seine fünfzig Jahre weiß Gott nicht ansah. Er legte größten Wert
auf schlichte, aber perfekte Kleidung und roch stets meterweit nach Moschus,
dem Luxusparfüm der Alten Welt. Seine Fingernägel waren sorgfältig manikürt
und drei Zentimeter lang - das Statussymbol eines Reichen, der nie auf
Handarbeit angewiesen war. Seine angegrauten Schläfen färbte er pechschwarz
und seine Wimpern tuschte er mit persischer Schminke. Die meiste Pflege aber
widmete er seinem Bart, der im Mekka seiner Zeit bereits sprichwörtlich war und
auch heute noch strenggläubigen Muslims einige Male pro Tag in den Mund
gerät.

Sein Privatleben wurde von zwei Geschäftsverbindungen verschönt. Die eine


hieß Suda und entstammte einem Handelshaus mit Zweigstelle in Taif. Drei
Monate nach dem Tod Kadidschas hatte Mohammed die "allseits Runde"
geehelicht, als er mit dem Islam nach Taif übersiedeln wollte. Als dieses Projekt
scheiterte konnte er auch mit Suda nicht mehr viel anfangen, und wir hören in
Zukunft nicht mehr viel von ihr. Die andere Dame seines Haushalts aber hieß
Aischa und war die jüngste Tochter Abu Bekrs. Bei ihrer Hochzeit war die
strahlende Braut ganze sieben Jahre alt und ihre Aussteuer waren siebzehn
Puppen aus aller Herren Länder darunter eine chinesische aus Elfenbein.

Mekkas feinere Kreise zerrissen sich das Maul über diese seltsame Verbindung.

Dabei war die Jugend der Braut weniger skandalös als der Tatbestand der
Polygamie. Die nämlich gab es auf der arabischen Halbinsel bisher nur bei
ärmeren Leuten. Wer sich's von denen noch leisten konnte, nahm oft eine
unversorgte Schwester der Frau als Sozialmassnahme mit in den Haushalt. Im
Falle Mohammeds galt daher die Vielehe als standeswidriges Verhalten, und
schlimmer noch wurde die Kleidung der Damen beurteilt: Der Prophet wünschte
seine Gattinnen nur in weiten, roten Pluderhosen und durchsichtigen Hemdchen
zu sehen. Weitgereiste Mekkaner kannten dieses Kostüm als Berufskleidung
billiger Straßendirnen in Damaskus und lästerten dementsprechend, bis der
Prophet seine Gattinnen nur noch dichtverschleiert auf die Strasse ließ.

Im übrigen aber wurde Mohammed durchaus ernst genommen. Vorbei waren die
Zeiten, wo man ihn mit Schuljungenmethoden lächerlich zu machen versuchte.
Der Islam war, wenn schon nicht als Religion, so doch als Konzern durchaus
ernst zu nehmen, und Multis bekämpft man nicht mit Zungezeigen. Das
Unternehmen mit der grünen Flagge war das größte am Platz, und die daraus
üppig fließenden Umsatzsteuern ließen die Stadtväter alle übrigen Spinnereien
des Propheten wohlwollend tolerieren. Seine Freunde hatte der Prophet
allerdings unter den Handwerkern. Die einen sahen in ihm den Vorkämpfer des
Mittelstandes und genossen seine Rangeleien mit den als Preisdrückern

49 von 295 09.09.2010 19:14


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verhassten Großhändlern, und die anderen dankten ihm fette Aufträge. Viele von
ihnen hatten sogar ihre gewohnten Schutzpatrone aufgegeben und sich zu Allah
"bekehrt".

Den Entschluss, nach Medina zu übersiedeln, nahmen ihm aber alle übel und
am meisten der Stadtrat, der darin zu Recht eine Provokation sah. Die geheime
Versammlung im Haus des Propheten war bereits am nächsten Tag
Stadtgespräch von Mekka, und vor allem die Koreischiten fanden, man müsse
nun dringend etwas gegen die nackte Macht des Kapitals unternehmen.

Zunächst gründeten sie eine Art Kartellamt. Das stellte bereits nach kurzer
Überprüfung fest, der Islam sei eine Firmenkonzentration, die mit den
Spielregeln der freien Marktwirtschaft schon lange nicht mehr zu vereinbaren sei.
Verordnet wurde eine Kapitalsentflechtung - die Firmen Kadidschas Abu Bekrs
und Omars seien auszugliedern und erneut in selbständige Unternehmen
umzuwandeln.

Der Prophet nahm diesen Befehl ebenso ernst wie Großkonzerne des späteren
Industriezeitalters. Ehe noch der Beschluss Gesetzeskraft erlangte waren die
betreffenden Firmen heimlich, still und leise nach Yasrib-Medina übersiedelt.

Mohammeds Lage in Mekka wurde dadurch allerdings sehr unangenehm. Nach


geltendem Recht wurde dieser Coup als Hochverrat angesehen. Außerdem hatte
der Prophet in seiner Arbeitsüberlastung vergessen die Steuern zu bezahlen, und
bereits auf Steuerhinterziehung stand in Mekka Acht und Bann.

Der Rechtsweg zu solchen Maßnahmen jedoch war langwierig. Zunächst


musste dafür ein einstimmiger Beschluss der Ratsversammlung vorliegen. Am
21. August 622 kam es in dem von Mohammeds Großvater erbauten Rathaus zu
einer denkwürdigen Sitzung. Einziger Tagesordnungspunkt: Der Islam. Eine
Minderheit stimmte gegen die Anklageerhebung, und erst als sie aus dem Saal
geprügelt war herrschte Einstimmigkeit für die Eröffnung des Verfahrens.

Einige Koreischiten beschlossen das Verfahren abzukürzen. Ein unbekannter


Kaufmann aus Nedsch, der seitdem von Muslims für den leibhaftigen Teufel
gehalten wird, riet, Mohammed aus Zeit- und Kostenersparnisgründen gleich zu
erschlagen. Außerdem bestand Fluchtgefahr - stets warteten im Hof des Hauses
Mohammed zwei gesattelte Kamele mit allem nötigen Gepäck.

In der Nacht des 22. August trafen sich zwei Dutzend Koreischiten vor dem Haus
des Propheten. Sorgsam besetzten sie sämtliche Eingänge. Dann klopften sie.
Ein alter Diener öffnete und wurde noch im selben Augenblick gefesselt und
geknebelt. Dann stürmten fünf Koreischiten mit gezückten Dolchen in das
Schlafzimmer Mohammeds, rissen die grüne Bettdecke hoch und... in dem Bett
lag Ali, nun schon ein junger Mann mit gepflegtem Bärtchen. Mohammed war
rechtzeitig gewarnt worden und saß längst in der Wochenendhöhle Abu Bekrs
auf dem Berg Thaur, zwei Reitstunden weiter.

Die enttäuschten Koreischiten mussten sich damit begnügen, Ali ein zusperren -
"wegen groben Unfugs". Auf Abu Bekrs besorgte Fragen nach dem Verbleib des
Propheten wussten sie keine Antwort. Daraufhin und weil gerade Freitag war,

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begab sich Abu Bekr ebenfalls zu seiner Wochenendhöhle.

In der Legende lesen sich diese Vorgänge natürlich ungleich dramatischer.

Ganze Armeen sollen den Propheten verfolgt haben, und in Abu Bekrs Höhle sei
er nur deshalb nicht aufgespürt worden, weil sich schnell eine brütende Taube
davor legte, eine Spinne ihr Netz zog und seine Verfolger daraufhin die Höhle für
unbewohnt hielten. Ein anderes Mal soll sich ein gedungener Mörder in letzter
Sekunde bekehrt haben. Der Fluchtweg des Propheten war mit Wundern
gepflastert.

Die Wahrheit ist sehr viel prosaischer. Höchstwahrscheinlich hat sich


Mohammed sogar noch einmal nach Mekka gewagt und am hellen Tag, zur
Siestazeit, Abu Bekr besucht. Aischa, seine damals neunjährige Gemahlin,
berichtet jedenfalls in ihren Memoiren über den Tag nach der turbulenten Nacht:
Der Prophet besuchte uns sonst immer morgens oder abends. An diesem Tag
aber kam er wahrend der stärksten Hitze, und mein Vater sagte gleich da muss
etwas Bedeutendes vorgefallen sein. Hatte Abu Bekr am Vormittag als er sich so
teilnahmsvoll im Rathaus nach Mohammeds Verbleib erkundigte, wirklich nicht
gewusst wo Mohammed geblieben war? Jedenfalls packte nun auch Abu Bekr
seine Sachen, und die beiden verließen endgültig Mekka.

Nach einer höchstwahrscheinlich ziemlich geruhsamen Flucht erreichten sie am


1. oder 12. September Yasrib. Über den genauen Ankunftstag streiten sich die
Gelehrten, und das schon seit Mohammeds Zeiten. Der Prophet soll sich
nämlich noch fünf Tage in Kuba erholt haben, einem kleinen Dorf auf halbem
Weg. Dort, so wird berichtet, habe er neue Gläubige geworben und seine erste
Predigt gehalten. Wie dem auch sei - auf jeden Fall hatte der Prophet seine
Fluchtzeit nicht müßig verbracht. Nach Yasrib brachte er nicht nur seine Firma
Islam mit sondern auch eine Religion gleichen Namens, und beide
Unternehmen waren so innig miteinander verbunden, dass nicht einmal mehr
der Teufel eine Sollbruchstelle hatte finden können.

Mit der endgültigen Übersiedlung - auf arabisch "Hidschra" nach Medina legte die
Firma Islam neue Geschäftsbücher an und die Religionsgemeinschaft Islam
begann eine neue Zeitrechnung. Für beide war der 13. September 622 Stichtag.

Die politische Himmelfahrt

Mohammeds Ankunft in Medina war ein überwältigendes Ereignis. Man merkte,


dass hier ein Freund empfangen wurde, dessen Hauptverdienst darin bestand,
den eigenen Feinden unbequem zu sein.

Solschenizyns Ankunft im freien Westen war publizistisches Pfuschwerk im


Vergleich zu dem Empfang, den Yasrib Mohammed bereitete.

Schon eine Tagreise vor der Stadt wartete ein Komitee, und nun hatte der
Prophet Gelegenheit alle Verfolgungen denen er ausgesetzt war, breit zu
schildern. Yasribs Bürger schauderten über die Blutgier der Mekkaner.

Da störte nur wenig, dass drei Tage später Ali eintraf, den die Koreischiten
freigelassen hatten. Natürlich war Ali durch ein Wunder entkommen. Typisch für

51 von 295 09.09.2010 19:14


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die Grausamkeit der Mekkaner war ja auch dass sie dem Propheten seine Gattin
Suda nachschickten die er in der Eile vergessen hatte.

Zweihundert Bürger von Yasrib geleiteten ihren neuen Ehrenbürger in die Stadt
und sollen sich gegenseitig so mit ihrer Gastfreundschaft überboten haben,
dass der Prophet entschied, sein Kamel möge entscheiden. Das kluge Tier ging
gerade vor dem schönsten Haus der Stadt in die Knie.

Die Juden von Medina aber beobachteten das Prophetentheater mit Misstrauen.
Da half nicht viel, dass Mohammed schon am Tag nach seiner Ankunft ihrer
Börse seinen Besuch abstattete.

Der Prophet sagte ihnen viel Freundliches. Abraham sei ihrer aller gemeinsamer
Stammvater gut das wussten sie. Und dass eine Religion bei möglichen
Interessenkonflikten stets eine ideale Klammer sei wussten sie aus eigener
Erfahrung schon längst. Dass ein unsichtbarer Gott den man auch nicht
darstellen durfte, in solchen Fällen seine Vorteile hat, war auch bekannt. Und
dass Jerusalem der Mittelpunkt der Welt sei, erst recht.

Was wollte Mohammed also von ihnen? Sollten sie mit dem Islam fusionieren?
Das kam nicht in Frage. Sie betrieben ihre eigenen Geschäfte und ihre eigene
Religion. Außerdem erklärten sie, ihre Bibel sei in manchen Dingen doch
anderer Ansicht als Mohammed und da es vom Buch der Bücher auch in Yasrib
ein Exemplar gab, wurde dies dem Propheten zum Studium überlassen.

Der einzige greifbare Erfolg war nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen


Juden und Arabern dass der Markt von Medina geteilt wurde: In Zukunft besorgten
die Araber den Ost- und die Juden den Westhandel. Dass dies keine Lösung auf
Dauer war, war allen Beteiligten klar.

Mohammed hatte bei diesen Verhandlungen, fanden einige Chadresch, keine


sonderlich gute Figur gemacht.

Die Juden waren in Medina geblieben und hatten nun sogar das Monopol auf
den profitablen Westhandel. Vor allem aber befremdeten die neuen Sitten, die
der Prophet einzuführen gedachte.

Einigkeit macht stark, und Versammlungen stärken die Einigkeit. Zu diesem


Behuf verordnete Mohammed Gebete, fünfmal täglich. Das heißt: Gebete hießen
diese Übungen nur, weil kein passenderer Ausdruck dafür greifbar war. Auch
gymnastische Übungen gehörten dazu, und das Ganze bildete ein Fitness-
Programm für Geist und Körper, wie es heute noch Angehörigen eines großen
Elektronik-Konzerns in den USA zuteil wird: Dort erhält jeder Angestellte von der
Firma ein Gesangbuch mit Hymnen auf die Arbeitsbedingungen und Auszügen
aus der Firmengeschichte. Der Bürotag beginnt mit fünf Kniebeugen, den Kopf
einem Schild mit dem Firmensymbol zugewandt "THINK!" - "Denke!" -. Dann
verliest der Abteilungsleiter ein Kapitel Firmengeschichte, und Chorgesang
beschließt die Feier. Zwar kostet das täglich zehn Minuten bezahlte Bürozeit,
doch dafür genießt auch die aller unterste Hilfssekretärin das stolze Gefühle, zur
großen Familie zu gehören. Gerade die unteren Chargen des Konzerns
protestierten 1973 wütend, als diese Unglaublichkeit abgeschafft werden sollte.

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Die Zeitgenossen der Propheten konnten sich für derlei Übungen weit weniger
begeistern. Vor allem empfanden sie als reine Zeitverschwendung, gleich
fünfmal beten zu müssen. Selbst Mohammeds eigene Betriebsangehörige
waren zum Gebets-Streik entschlossen, als der Prophet sein schwerstes
Geschütz auffuhr: Allah persönlich.

Mit aufgerissenen Augen Mündern und Ohren lauschten die Bewohner von
Yasrib, was der Kaufmann ihnen erzählte:

"Einst schlief ich im Heiligtum der Kaaba als mich Gabriel weckte: "Steh auf,
Mohammed, und folge mir." Dann rief Gabriel Michael, er solle mir eine Tasse
Wasser aus dem Brunnen Semsem bringen. Gabriel spaltete mir die Brust, zog
das Herz heraus, wusch es und goss mit drei Tassen Wasser Glauben
Wissenschaft und Weisheit ein. Das war die zweite himmlische Herzoperation im
Leben des Propheten - die erste hat ja angeblich bei seiner Geburt
stattgefunden. Danach führten die beiden Engel Mohammed vor die Kaaba, und
dort wartete bereits der Borrak,

das ungewöhnlichste Reittier aus der Hohen Schule der Phantasie: "mit
Menschengesicht und Elefantenohren, dem Hals eines Kamels, dem Leib ein es
Pferdes, dem Schweif eines Maulesels und den Hufen eines Stiers. Gabriel
erklärte, auf diesem Wundertier sei schon Abraham bei gelegentlichen Ausflügen
zur Kaaba geritten. Diesmal aber ging es nach Jerusalem, denn dort, vom alten
Tempelplatz aus, führt die Strasse zum Himmel, die Stufen abwechselnd von
Gold und Silber, die Gebäude auf einer Seite aus Smaragd, auf der anderen aus
Rubin. Hier nahm mich Gabriel auf seine Schwingen und flog mit mir zum Tor
des Paradieses auf".

Im ersten Himmel traf Mohammed Adam. Der saß zwischen zwei Toren. Wenn er
in das rechte schaute, strahlte sein Gesicht, beim linken Tor aber wurde es
traurig. Natürlich: Links war das Tor zur Hölle, und dort herrschte jene ewige
Wüstenhitze, die auch heute noch selbst im kühlen Norden ansässigen Christen
das Gewissen heiß macht. Rechts aber erwarteten Christus samt Johannes den
Propheten im zweiten Himmel. Im dritten Himmel traf Mohammed einen
Verwandten, Jusuf, den schönsten Mann Arabiens und der Welt. Die oberen
himmlischen Etagen aber waren Bekannten aus dem Alten Testament
vorbehalten: Im vierten Himmel hockte Enoch, im fünften Aaron, im sechsten sein
Bruder Moses und im siebten Himmel schließlich thronte Abraham.

Der Prophet muss dies alles sehr plastisch geschildert haben, denn die
Vorstellung von einem himmlischen Hochhaus ging später sogar in christliche
Redewendungen ein. Auch heute fühlen wir uns manchmal wie im siebten
Himmel ab und zu auch wohl "wie in Abrahams Schoss".

Doch Mohammed wollte noch höher hinaus. Über allen Himmeln nämlich erhob
sich ein Lotosbaum. Aus dessen Wurzeln entsprangen vier Quellen: Wein,
Honig, Milch und Kristall. Gabriel holte drei Becher, aus Diamant, Saphir und
Rubin den ersten mit Honig, den zweiten mit Milch und den dritten mit Wein
gefüllt.

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Und Mohammed erzählte: "Ich kostete aus dem ersten und trank aus dem
zweiten. Da fragte mich Gabriel, warum ich nicht aus dem dritten tränke. Ich
sagte, mein Durst sei gestillt. Da jubelte Gabriel: "Gott sei gelobt dass du in der
Wahl deines Getränks die wahre Natur des Islam für dein Volk ergriffen." Damit
war Wein für Muslims tabu und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.

Wein und alkoholische Getränke überhaupt sind sündhaft, basta. Die wahren
Gründe dafür aber sind durchaus irdisch und haben mit römischer, persischer
und christlicher Politik weit mehr zu tun als mit Gabriel als himmlischem
Kellermeister.

Mit Wein zur Weltmacht

Für die Juden des Alten Testamentes war Wein aller Laster Anfang. Angeblich
hat Noah das Rauschgift aus der Traube entdeckt, gleich nach der Sintflut, und
als er dann mit dickem Kopf dalag, gab es Streit unter seinen Söhnen über die
Frage, ob Betrunken sein lächerlich oder bedauernswert sei. Die Bibel entschied
für bedauernswert und verurteilte den spottsüchtigen Sohn zum Stammvater aller
Neger.

Nach dem Untergang von Sodom und Gomorra spielte Wein wieder eine Rolle.
Lots Töchter, samt Papa mit heiler Haut und sonst nichts davongekommen,
bekamen Angst, ihre Sippe würde nun aussterben. Sie setzten ihren Papa unter
Alkohol um sich im Zuge der bekannten Enthemmungserscheinungen neue
Stammhalter machen zu lassen.

Die Römer sahen die Alkoholfrage wesentlich nüchterner und machten Wein zu
einem der Fundamente ihres Weltreichs. Sie erkannten, dass Rauschmittel
gefügig machen und ließen den Wein in Strömen fließen. Wenn ihre eroberten
Völker auch nichts zu lachen hatten - zu trinken hatten sie immer. Dafür sorgten
schon die zahllosen Weingärten die römische Legionäre in allen Provinzen des
Imperium anlegten, vom Rheinland bis nach Persien. Der Wein dämpfte den
Freiheitsdrang und hob das Vermögen der staatlichen Weinhändler.

Diese Verquickung von Macht- und Rauschpolitik machte Schule bis in die
jüngste Vergangenheit. Kaum hatten die Engländer Indien erobert, zwangen sie
das Riesenland zum Einkauf riesiger Whiskymengen. In China griffen sie gleich
zu härteren Drogen: Im berühmten Opiumkrieg 1856 wurde der Kaiser
gezwungen, das bis dahin nur medizinisch bekannte Rauschgift unbegrenzt als
Genussmittel in sein Land strömen zu lassen, und auf die chinesische
Volksmoral wirkte das Opium schlimmer als einst das Feuerwasser auf die
Indianer. So wurde die Opiumpfeife in China Symbol britischer Kolonialpolitik,
ähnlich wie es der Weinbecher in den Zeiten römischer Weltherrschaft war.

Zur Zeit Mohammeds allerdings hatten die Römer nicht mehr viel davon. Zwar
wurde immer noch überall kräftig gebechert, doch den Nutzen davon hatte die
persische Staatskasse. Die römische Weinindustrie war mit dem römischen
Weltreich verfallen. Der Ärger mit Germanen an der Nordgrenze und mit Persern
im Süden hatte die Weingärten verwildern lassen, und in die solcherart
entstandene Marktlücke flossen nun persische Kreszenzen. Am berühmtesten

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wurde Wein aus Schiraz, dunkel wie Gold, süß wie die Sünde und schwer wie ein
Vorschlaghammer.

So berühmt war das Gesöff, dass Stecklinge der gesegneten Pflanzen in weit
entlegene Gebiete der damaligen Welt geschmuggelt wurden, auch nach
Spanien, wo sich ein Ort gleich selbst Schiraz nannte und tatsächlich auch ein
vergleichbares Gebräu zustande brachte. Später wurde aus dem spanischen
Schiraz die Stadt Jerez, aber was dort gekeltert wird lässt sich auch heute noch
als Sherry im jeder Weinhandlung sehen.

Die persischen Weinhändler zur Zeit des Propheten hatten noch keine
Konkurrenzsorgen mit diesem falschen Schiraz. Echter gefragt, und den lieferten
sie nach Rom, Alexandria Sherry war und Konstantinopel, vor allem aber auch in
die besseren arabischen Häuser.

Der Prophet hasste die Perser als Konkurrenten auf dem Weg zur
Handelsweltmacht. Daher verordnete er seinen Gläubigen einen Boykott
selbstverständlich unter himmlischem Ehrenschutz.

Mohammed hatte auch noch andere Gründe für sein Alkoholverbot: Er grenzte
sich und seine Gläubigen damit wirkungsvoll vom Christentum ab, denn auch die
Christen hatten schon sehr früh Stellung zum Alkoholismus bezogen.

Beim letzten Abendmahl soll Christus so berichten die Evangelien, sein Glas
gehoben und gesagt haben: "Das ist mein Blut." Seitdem gehört Wein zum
christlichen Gottesdienst, als Blut Gottes, und außerhalb der Kirche sollte ein
anständiger Christ nichts trinken - wer möchte denn schon ein Gottesblutsäufer
sein? Mit dieser Einstellung widerstanden die Frühchristen einige Jahrhunderte
römischer Verführung in fanatischer Nüchternheit, und nur in ihren eigenen
Gottesdiensten wurde ihnen ein Schluck des sagenhaften Rauschgifts gegönnt.

Mit dem Weinverbot aber war ab sofort jede Teilnahme an einem christlichen
Gottesdienst für Muslims verboten und damit die Gefahr vermieden, Gläubige an
den Konkurrenzglauben zu verlieren.

Himmelfahrt mit irdischen Folgen.

Mohammed war ein guter Psychologe. Er hatte seine genauen Vorstellungen,


wie diese Welt zu laufen hätte, selbstverständlich nach seinem Kommando, aber
er wusste auch, diese Vorstellungen schmackhaft zu machen. Er verlangte
schließlich sehr viel: Unterwerfung unter seine Politik Und Aufgabe ebenso vieler
lieb gewordener Laster wie Geschäftsverbindungen. Dazu reichte seine
persönliche Autorität bei aller sachlichen Argumentation nicht aus. Im Verhältnis
zum irdischen Lohn waren die vom Propheten geforderten Opfer einfach, zu groß.
Erst das Talent, mit dem der Prophet Himmel und Hölle so plastisch
auszuschmücken verstand fesselte seine Anhänger endgültig an ihn.

Wir waren nun am himmlischen Zelteingang angelangt er zählte Mohammed,


genau über der Kaaba, die nach seinem Vorbild erbaut ist. Würde ein Stein des
Himmelstors zur Erde träfe die Kaaba. Siebzigtausend Engel gehen täglich fallen
- er durch dieses Tor und keiner kehrt je wieder zurück. Gabriel ließ mir den

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Vortritt, denn ich bin bei Gott mehr angesehen als er, und wir kamen an einen
goldenen Schleier. Die Engel sangen: "Es ist kein Gott als Allah." Und hinter dem
Vorhang erklang Seine Stimme: "Ich bin Allah. Es ist kein Gott als Ich." Dann
sangen die Engel: "Mohammed ist Sein Prophet." Allah bestätigte auch dies.
Dann hoben mich Engelshände empor, durch siebzigtausend Schleier des
Lichts und der Finsternis, jeder ein Jahrtausend dicht. Nun kam ich an ein
grünes Geländer mit grünen Kissen überstrahlt von smaragdenem Licht heller
als tausend Sonnen. Und ich betete an, denn die größte Nähe zu Gott ist in der
Anbetung. Da wurde mir alles geoffenbart, Vor allem aber: das tägliche Gebet,
die Schlussverse der Zweiten Sure und die Verzeihung aller Sünden meiner
Gläubigen, den Götzendienst ausgenommen. Das Gebet ward für fünfzig Mal pro
Tag festgesetzt.

Erschrecken unter den Gläubigen.

"Da stieg ich herab zu Moses und beriet mich mit ihm. "Bitte um Nachlass",
meinte Moses. Und so ging ich hoch und erreichte eine Ermäßigung auf
fünfundvierzig. Wieder ging ich zu Moses... . Nach vierundzwanzig Auf- und
Abstiegen hatte Mohammed seinen Gott auf fünf Gebete pro Tag
heruntergehandelt, und damit waren die Bewohner von Medina nun zufrieden.

Immerhin lauten die Schlussverse der Zweiten Sure: Der Prophet glaubt an das,
was ihm offenbart wurde, und die Gläubigen glauben an Allah und seine Engel,
seine Bücher und an seinen Propheten. Fünfmal täglich bestieg nun ein treuer
Gefolgsmann Mohammeds einen Schemel vor dem Tor des Hauses und rief
laut, was die Engel vor Gottes Thron gesungen hatten: "Auf zum Gebet, zum
Guten auf!" der erste Muezzin der Geschichte.

Mohammed aber holte zunächst seine schon lange fällige Hochzeitsnacht mit
Aischa nach. Er war nun schon vierundfünfzig Jahre alt und Aischa immerhin
schon neun. In ihren Memoiren berichtet Aischa: "Ich schlief gerade in einer
Hängematte zwischen zwei Palmen als mich meine Mutter holte, mir das Gesicht
wusch und mich in das Zimmer des Propheten führte, wo außerdem noch viele
Jünger versammelt waren. Meine Mutter setzte mich auf Seinen Schoss, alle
beglückwünschten mich und zogen sich dann zurück."

Der Tag dieses Abends war bereits ein denkwürdiger gewesen: Abdallah ben
Selam, der Vorsteher der jüdischen Börse von Medina, hatte sich zum Islam
bekehrt. Drei Fragen hatte der gewiefte Börsianer dem Propheten gestellt:

"Woran liegt es, ob ein Kind mehr dem Vater oder der Mutter ähnlich wird?"
Mohammed überlegte und sagte: "Das liegt daran, wer von beiden im Augenblick
der Zeugung mehr Begier empfindet."

"Wie wird sich der Weltuntergang ankündigen?"

"In einem verheerenden Brand, der vom Osten nach Westen fortschreitet."
Daraufhin fuhr Selam seine kniffligste Frage auf: "Was ist die Lieblingsspeise im
Paradies?"

Der Prophet überlegte eine Weile. Auf jeden Fall musste es etwas sehr

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Exotisches sein, etwas, das man in der Wüstenhitze Medinas nie bekommen
kann. Und so sagte er: "Fischleber". Denn er wusste, dass der Fisch nicht nur
vom Kopfe her stinkt, sondern zuallererst von den Eingeweiden, und seit die Welt
bestand, hatte sich noch nie ein frischer Fisch von der Küste nach Medina verirrt.
Was der Prophet nicht wissen konnte: der auf Öl gebettete Wohlstand des
heutigen Arabien macht's möglich, dass auch die Bürger von Medina
paradiesisch schmausen dürfen. Auf den Basaren Medinas wird heute
tiefgekühlte Fischleber begeistert gekauft, und es ist fast schon eine Sünde, sie
nicht probiert zu haben.

Das Zeug schmeckt zwar nicht besonders und, nach arabischer Art zubereitet,
überhaupt nicht paradiesisch, eher scharf wie die Hölle - aber der Prophet hat es
nun einmal zum Grundnahrungsmittel des Paradieses erklärt, und dagegen hilft
kein Einwand.

Vor allem aber: diese Antwort überzeugte den jüdischen Börsenchef, obwohl er
Mohammeds Behauptung nicht nachprüfen konnte. Er bekehrte sogleich auch
einen Teil der Geschäftsführung - die formelle Einheit Medinas war hergestellt,
und der Prophet feierte das Ereignis mit einer ausgiebigen Hochzeitsnacht.

Am nächsten Morgen erlebte Medina seinen Propheten überaus tatkräftig. Kaum


hatte er seine Gläubigen im Hof sein es Hauses zusammengetrommelt setzte er
seine bedeutendste Miene auf: "Nun, Muslims gilt es, den Worten Taten folgen zu
lassen. Eine gewaltige Armee unserer Feinde zieht von Syrien nach Mekka, mit
Gold und Waren überreich beladen. Wollen wir den Ungläubigen all das
gönnen?"

Natürlich wollten die Gläubigen nicht. Schon lange ärgerten sie die prächtigen
Karawanen, die von Mekka nach Syrien und von dort wieder schnurstracks nach
Mekka zogen ohne in Yasrib-Medina auch nur einen Silberling Wege- und
Schutzgeld zu hinterlassen. Auf die Idee, solches durch direkten Straßenraub zu
unterbinden waren sie vielleicht auch schon gekommen. Nur: Getraut hatte sich
das bislang noch keiner. Schließlich waren die Koreischiten dafür bekannt, dass
ihre Karawanen nicht nur besonders kostbar, sondern auch besonders gut
bewacht waren.

Nun erklärte Mohammed den Straßenraub zum gottgefälligen Werk und rüstete
selbst die Streitmacht zum "ersten heiligen Krieg". Sehr prächtig war die Truppe
ja nicht - dreißig Firmenangestellte, die schon aus Mekka mitgekommen waren,
unter dem Kommando von Mohammeds Onkel Hamsa. Außerdem so an die
hundert Zaungäste aus Medina die das Theater unbewaffnet verfolgen wollten.
Frohen Mutes zog der Haufen der Karawane entgegen - sprach es nicht für die
Weitsicht des Propheten und für ein geradezu überirdisches Informationssystem,
dass man genau wusste, wo und wann die Karawane daherkommen würde?
Nach einer halben Wegstunde lagerte die Armee hinter einem Felsen und harrte
der Dinge, die da kommen sollten.

Bald näherte sich die Karawane. An die vierhundert Kamele, alle schwer beladen
und mit bunten Tüchern geschmückt aus deren Falten gut verschnürte Pakete
verheißungsvoll hervorragten. Alles war so, wie es der Prophet beschrieben
hatte. Nur eine Kleinigkeit hatte er übersehen: Außer den vierhundert Kamelen

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zogen auch dreihundert bis an die Zähne bewaffnete Koreischiten des Weges.
Onkel Hamsa musterte seine klägliche Truppe und beschloss, den heiligen
Krieg zu vertagen. Erst als das letzte Kamelglöckchen im Wüstenwind verklungen
war, wagte sich die Armee des Propheten aus ihrem Versteck.

Besonders soll den Propheten geschmerzt haben dass der Eigentümer der
Ladung ausgerechnet jener Onkel Abu Dschehel war, der ihm schon in Mekka
das Leben schwer gemacht hatte.

Der heilige Kleinkrieg

Einen Monat später, die Christen .schrieben gerade April 623, war wieder eine
Karawane angekündigt. Und der Prophet hatte aus dem letzten Debakel gelernt.
Seit zwei Wochen verfügte der Islam über eine regelrechte Armee: sechzig
ehemalige Kontoristen. Sogar eine Fahne hatten die Krieger - ein weißes Tuch
an einem ausgedienten, morschen Speer.

Mit "himmlisch - metallischer" Stimme gab der Prophet den Tagesbefehl: "Die
Waffen müssen sprechen und Pfeile müssen fliegen!"

Dann begab sich die Rotte in das Tal Batn Rabigh um den Ungläubigen
aufzulauern. Pünktlich tauchte die Karawane am Horizont auf, und die Sache
wurde wieder nichts. Mit den zweihundert Bewachern wollten es die Muslims
lieber doch nicht aufnehmen. Damit dem Tagesbefehl des Propheten Genüge
getan sei, schoss ein Jüngling namens Saad drei Pfeile ab, als die Karawane
schon längst wieder außer Sichtweite war. Die Geschichte des Islam hat ihn
dafür zum Helden erklärt - immerhin war dies die erste Waffentat im Namen des
Propheten.

Überhaupt waren die ersten Kriegshandlungen des Propheten keinesfalls mit


Lorbeer bekleckert. Sechs heilige Feldzüge erwähnt die Geschichte des Islam für
das Jahr 623, und alle gingen aus wie die ersten beiden. Einmal wurde eine
Karawane schlicht verpasst, ein anderes mal wurde einer an der falschen Stelle
aufgelauert... als einziger Erfolg ließ sich verbuchen,

dass sich nun auch der Stamm Dhamra zum Islam bekehrte und versprach, die
Mekkaner im Namen Allahs zu berauben, wann immer sich dazu Gelegenheit
böte. Die Dhamras lagerten an der Strecke von Mekka nach Taif, und somit hatte
der Prophet auch Bündnisgenossen im Süden der verhassten
Handelsmetropole.

Besonders schmerzte den Propheten, dass ihm eine Karawane mit tausend
Dromedaren und fast fünf Millionen Mark Frachtwert durch die Lappen ging.
Ganze einhundertfünfzig Mann hatte er für diesen Raubzug unter seiner
persönlichen Führung aufgebracht, doch als diese stolze Truppe nach Aschira
kam, musste sie hören, dass die erhofften Schätze schon zwei Tagreisen
weitergezogen und in absoluter Sicherheit waren.

Vor allem aber dürfte sich in Mekka mittlerweile herumgesprochen haben, wer
hinter diesen Räuberbanden stand, die zwar keinen Schaden anrichteten, aber
doch Nervosität verbreiteten. Die Koreischiten beschlossen, ein Exempel zu

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statuieren. Da sie Erfolgsmenschen waren gingen sie die Sache auch richtig an
zehn Tage nach dem missglückten Raubversuch wollte der Prophet auf der
Weide seine Kamele zählen und siehe, da war keines mehr anzutreffen.

Wütend schickte er seine Streitmacht aus die Viehräuber zu verfolgen. Ali, der
Getreue, trug die weiße Fahne, und die Geschichtsschreiber berichten, der Trupp
sei bis Bedr vorgedrungen und habe glänzende Waffentaten vollbracht. Ob die
Kamele dabei zurückerobert wurden steht nirgendwo.

Die Firma Islam war dadurch in eine prekäre Lage geraten, vergleichbar einem
Speditionsunternehmer, dessen Fuhrpark zusammengebrochen ist. Der Prophet
war gezwungen seine eigenen Geschäfte auf geborgten Kamelen abzuwickeln
und es gab nicht wenige Gläubiger in Medina, die darüber heimlich lachten.

Dass noch mehr Gläubige in Medina offen murrten, besorgte ebenfalls der
Prophet, und zwar im Januar 624. Dies war der erste der vier heiligen Monate in
denen von alters her jeder Kleinkrieg zu ruhen hatte, auf dass alle Kauflaute
Arabiens ungestört zur Messe ziehen konnten. So geheiligt war diese Zeit, dass
die meisten Karawanen unbewacht ihres Weges zogen. So auch eine mit
Rosinen und Safran von Taif nach Mekka. Zur Mittagspause fielen acht Muslims,
vom Propheten gesandt in einem Palmenhain über die Karawane her,
erschlugen ihren Anführer und brachten die Beute nach Medina.

Das war sogar für die radikalsten Anhänger. Mohammeds ein starkes Stück.
Beim nächsten Treffen in der Moschee nahmen fünf von ihnen den Propheten ins
Gebet. Ob denn die heiligen Monate nichts mehr zu bedeuten hätten?

Der Prophet erbat sich eine Denkpause, und dann erklärte er: "Ruhe ist erste
Muslimpflicht, und rebellische Fragen an den Propheten sind schlimmer als
Totschlag." Im übrigen gälten die heiligen Monate nach wie vor, aber nicht für
Ungläubige. Die dürfen das ganze Jahr beraubt werden, im Namen Allahs.

Ali wird verheiratet

Im selben Jahr wurde Mohammeds Tochter Fatima fünfzehn, und der Prophet
fand es an der Zeit, sie unter die Haube zu bringen. An Freiern war kein Mangel -
auch wenn man vom Prophetenblut in ihren Adern absah, war sie als Tochter
des betuchten Konzernherrn eine gute Partie. Aber alle jungen Männer wurden
vom Propheten rundweg abgelehnt, obwohl sie aus den ersten Handelshäusern
Medinas stammten.

Da fanden die vier nächsten Vertrauten des Propheten, Abu Bekr, Omar, Saad
und Moaass, man müsse einmal mit Ali reden. Der gute Junge war nun
fünfundzwanzig, trug ein gepflegtes Bärtchen und hatte noch immer nichts mit
Frauen gehabt. Um den Propheten hatte er sich überaus verdient gemacht nicht
nur als Placebo in seinem Bett beider legendären Flucht sondern auch als
Leibwächter, Butler Privatsekretär und Sündenbock - hatte er doch die
Verantwortung für jene unglückselige Waffentat im heiligen Monat sofort auf sich
genommen, obwohl ihm gerade das niemand glauben wollte. Die vier Weisen
knöpften sich also Ali vor und mussten ihm vier Tage lang zureden ehe er sich
als Brautwerber vor seinen Propheten wagte.

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Der Prophet gab sich väterlich: Wie viel Vermögen hast du denn vorzuweisen? Ali
wurde rot bis zum Schambein:" O Gottgesandter du weißt wohl, dass ich außer
einem Kamel, einem Panzerwams und einem indischen Schwert nichts habe."

"Schwert und Kamel kannst du als Krieger gut brauchen", sagte der Prophet,
"aber über den Panzer können wir reden. Wisse nämlich o Ali" - und hier richtete
sich der Prophet zu voller überirdischer Größe auf dass mir in dieser Nacht ein
Engel erschien um Fatimas Vermählung mit dir zu verkünden.

Er war farbenprächtig wie ein Eichelhäher, und kaum hatte er gesprochen, kam
auch schon Gabriel, ein grünseidenes Tuch mit Perlenborten in der Hand, und
erzählte: lm Paradies ward ein großes Fest gefeiert. Der himmlische Lotosbaum
ward mit Juwelen geschmückt, vor dem Thron Gottes eine Kanzel auf
diamantenen Füssen errichtet, und von dort aus verkündete der
redegewandteste Engel, Rahil, deine Hochzeit. Daraufhin begannen alle Engel
und Propheten zu tanzen. Du siehst, ich bin überhaupt nicht überrascht - der
Segen des Himmels ist dir gewiss.

Alis irdische Hochzeit fiel etwas einfacher aus. In seinen Memoiren schreibt Ali:
Ich verkaufte ein Kamel und erhielt dafür vierhundertachtzig Drachmen. Die
schüttete ich dem Propheten in den Schoss. Davon nahm der Prophet eine
Handvoll und ließ Räucherwerk und Parfum kaufen. Mein Hausrat bestand aus
einer Wollmatratze und einem mit Palmstroh gestopften Lederkissen. "Wenn
Fatima kommt, warte auf mich", sagte der Prophet. Da kam Fatima von der einen
Seite ins Gemach und ich von der anderen. Dann kam der Prophet und begehrte
Wasser, das Fatima in einer Schüssel brachte. Er goss es über ihren Scheitel
zwischen ihre Beine und zwischen ihre Schultern, dann sagte er: "O Gott, schütze
sie und ihre Nachkommenschaft vor dem Satan." Ebenso verfuhr er mit mir und
sagte: "Schlaf nun mit ihr im Namen Gottes und mit seinem Segen." Die
Chronisten berichten die Ehe sei eine überaus harmonische gewesen und
tatsächlich sah Ali sein ganzes Leben lang keine andere Frau mehr an.
Möglicherweise aber war das Schlachtfeld der einzige Platz wo Ali seinen Mann
stellte. Denn die Chronisten berichten auch von häuslichen Schlachten, und
dabei soll ausschließlich Fatimas Stimme zu hören gewesen sein, gleich drei
Gassen weit. Anschließend sahen Medinas Bürger einen grün und blau
geprügelten Ali zur Moschee gehen allwo er Busse tat und Erde auf sein Haupt
streute. So regelmäßig geschah dies, dass Ali in die Geschichte des lslam als
"Erdenvater" einging, als heißblütigster Krieger der jungen Religion und
sanftmütigster Pantoffelheld des alten Arabien.

Erfolg auf Raten

Doch auch der Prophet hatte seine Sorgen. Was sich die Medinenser auch
immer von ihm versprochen haben mögen - eingetroffen war davon bisher nichts.
Bald wurde am Basar offen ausgesprochen, dass Mohammed außer
himmlischen Worten anscheinend nichts mehr los hätte.

Am lautesten verkündete dies Assma, natürlich eine Jüdin. Sie war die Tochter
des zweiten Börsenchefs, und an ihr, fand der Prophet müsse ein Exempel
statuiert werden. Ihr eigener Schwager, durch Blindheit daran gehindert, sich auf

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dem Schlachtfeld einen Platz im Paradies zu sichern bot sich als freiwilliger
Mörder an, und Mohammed akzeptierte.

In der nächsten Nacht schlich der Blinde in Assmas Schlafzimmer. Er fand sie,
einen sechs Monate alten Sohn an ihrer Brust, schnitt ihr die Kehle durch und
nagelte anschließend die Hände der Toten an den Bettpfosten fest.

Am Morgen kamen dem Mörder doch Bedenken. Ob man nicht vom Stamm der
Ermordeten Blutrache befürchten müsse? Der Prophet, ganz ehemaliger
Ziegenhirt, beruhigte ihn: Es werden sich keine zwei Ziegen darum stoßen.
Damit behielt er sogar recht. Die Sippe Assmas war so entsetzt und verschreckt,
dass sie lieber geschlossen zum Islam übertrat als in Ehren um ihr Leben
fürchten zu müssen. In Medina wagte seitdem niemand mehr, über Mohammed
zu lachen.

Der zog sich gleichzeitig aus dem Geschäftsleben zurück. Er übertrug dem allzeit
getreuen Abu Bekr die Leitung der Firma, um sich selbst ganz der Religion und
dem Krieg gegen Mekka widmen zu können.

Zunächst verordnete er seinen Gläubigen eine Kehrtwendung. Hatten sie bisher


in Richtung Jerusalem beten müssen, wurde nun Mekka als Gebetsrichtung
festgesetzt, und dabei ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.

Dass die Mekkaner jener Zeit über diese Ehre erbaut gewesen sind lässt sich
nicht behaupten. Sie blickten besorgt in Richtung Medina. Was ihre
Zwischenträger von dort berichteten, war nicht erfreulich.

Der Prophet plante, die große Frühjahrskarawane von Damaskus nach. Mekka
endlich einmal wirklich zu überfallen. Und es gelang ihm nicht nur seine
Angestellten, sondern auch zwei hunderteinundvierzig Medinenser zu
mobilisieren.

Dreihundertfünf Mann zählte die kleine Streitmacht und drei Fahnen: zwei
schwarze Tücher und ein weißes - letzteres war im Zivilleben das Bettlaken
Aischas. Kampfesmut entfachte die Versicherung des Propheten, die anfällige
Beute gerecht zu teilen: vier Fünftel der Mannschaft, ein Fünftel dem Propheten.

Die Karawane zählte hundert Pferde, siebenhundert Kamele und tausend Mann,
davon allerdings achthundert Kaufleute. Und der Grossteil der Fracht gehörte den
angesehenen Handelsherren Abu Leheb und Abu Dschehel in Mekka.

Aatika, eine Tochter Abdel Mutalibs, meinte daraufhin zu Abu Leheb, es sei
vielleicht besser, sich nicht ganz auf die Karawanenwächter zu verlassen,
sondern noch eine Hilfstruppe auf den Weg zu schicken. Sie hätte da so einen
Traum gehabt... Da aber fuhr sie Abu Leheb an: Reicht es nicht schon, dass wir
einen Propheten in der Sippe haben? Fangen die Weiber jetzt auch noch an?!
Drei Tage später kam ein Kurier von der Karawane: Es gäbe da Gerüchte, der
Transport solle bei Bedr überfallen werden. Ob Abu Leheb nicht doch
Hilfstruppen schicken könne? Nun erst machten sich hundert- fünfzig
Koreischiten unter Anführung Abu Dschehels auf den Weg.

Mohammed lagerte mit den Seinen unterdessen bereits auf einem Sandhügel

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bei Bedr. Einen ungünstigeren Platz hätte er auch nicht finden können. Weit und
breit gab es kein Wasser, und einige Soldaten murrten bereits, ob sie statt im
Kampf vielleicht an Durst sterben sollten? Da wirkte der Himmel ein Wunder. In
der Nacht fiel ausgiebiger Regen und am nächsten Morgen kam die Karawane in
Sicht.

Gleichzeitig aber auch die Truppen aus Mekka, und damit hatten die Gläubigen
nicht gerechnet. Ein langer Kriegsrat wurde gehalten. Die Mehrzahl der
Medinenser war dafür, der Karawane entgegenzuziehen, sie zu berauben und
dann schnell vor den Mekkanern davonzulaufen. Da traten Omar und Abu Bekr vor
Mohammed und sagten feierlich: Prophet, befiel, wir folgen dir. Sie müssen das
wirklich ergreifend gemacht haben - fast allen Gläubigen schossen Tränen in die
Augen, und sie schworen dem Propheten so lange ewige Treue, bis sich
Hilfstruppen und Karawane vereinigt hatten. Dann bauten sie dem Propheten auf
dem Feldherrnhügel noch ein Zelt aus Palmblättern, und dann kamen auch
schon Abgesandte der Mekkaner.

Nach altarabischer Sitte schlugen sie einen Zweikampf vor, der die Schlacht
entscheiden sollte. Mohammed stimmte zu und wählte die drei bulligsten
Medinenser aus. Damit aber waren die Koreischiten nicht einverstanden. Wenn
schon, wollten sie sich nur mit ihresgleichen schlagen.

In der Morgenkühle des nächsten Tages gingen drei Paare aufeinander los.
Doch sehr lange hielt der ritterliche Zweikampf nicht an - ehe noch eine
Entscheidung gefallen war, kam es schon zu einem wüsten Handgemenge aller
gegen alle. Mohammed saß der weilen betend in seinem Zelt, und dabei sah er,
dass sich auch die himmlischen Heerscharen in das Getümmel stürzten.

Ob sie entscheidend mitkämpften, kann nicht überprüft werden. Auf jeden Fall
hatte drei Stunden später der Islam seinen ersten Sieg errungen. Siebzig
Gefangene wurden vor den Propheten geführt darunter auch Abbas, sein Onkel.
Der trat, um sich das Lösegeld zu ersparen, zum Islam über und zog dann
schnell nach Mekka ab.

Aber auch siebzig Gefallene wurden gezählt, darunter Abu Dschehel. Als er mit
den anderen in eine schnell aufgescharrte Grube geworfen wurde, hielt ihm der
Prophet noch eine längere Rede die der Nachwelt erhalten blieb und mit: "Na,
was sagst du nun?" begann. Omar, der gekämpft hatte und dementsprechend
müde war, fand das ginge doch zu weit.

"Merkst du nicht dass du mit Toten redest?" fragte er den Propheten.

Der entgegnete würdevoll : "Die hören mir schon zu. Nur antworten können sie
nicht."

Die Beute war für damalige Vorstellungen ungeheuer groß und enthob die
Gläubigen für lange Zeit aller irdischen Sorgen. Ebenso hoch war auch das
Lösegeld, das nach dem gleichen Verteilersystem unter das Volk kam. Nur zwei
Gefangene hatten nicht bezahlen können und wurden hingerichtet. Der dritte, der
nicht bezahlen konnte war Abu Asa, im Zivilberuf Dichter. Ihn ließ der Prophet
ziehen aus Achtung vor der Dichtkunst und mit der Auflage: Gebrauche wider

62 von 295 09.09.2010 19:14


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mich nie wieder das Schwert der Zunge oder die Zunge des Schwertes.

Kurz darauf starb zu Mekka Abu Leheb der erbittertste Feind des Propheten. Nie
geklärt wurde, ob aus Ärger über den Verlust der Karawane ob an einer Seuche
oder an den Folgen der Prügel seiner Schwägerin.

Denn des Abbas Gemahlin, empört über die durch das Lösegeld verursachte
Einschränkung des Lebensstandards, war auf den alten Herrn mit einem
Knüppel losgegangen.

Einen Tag später starb in Medina Rakischet, des Propheten älteste Tochter. Sie
hatte nicht viel von ihrem Leben gehabt. Zuerst war sie von ihrem Papa aus
Geschäftsgründen ausgerechnet mit Abu Leheb verheiratet worden, der das
Mädchen schließlich an seinen ältesten Sohn abtrat. Als es zum Krach zwischen
Schwiegervater Mohammed und seinem zwanzig Jahre älteren Schwiegersohn
gekommen war, wurde Rakischet mit ihrem Hochzeitsschleier gefesselt verkehrt
auf einen Esel gesetzt und vor dem Haus. ihres Papa abgestellt. Der wickelte sie
unter dem Spott seiner Nachbarn aus sperrte sie in ein Zimmer und ließ sie nie
wieder auf die Strasse. Sonnenlicht sah das arme Mädchen erst wieder, als ihr
Papa sie nach Medina transportierte. Dort wurde Rakischet wieder in ein Zimmer
eingeschlossen und dort schluckte sie im März 624 Gift.

Der Prophet hatte wichtigeres zu tun, als um sie zu trauern. Der Erfolg machte
seine Gläubigen kriegshungrig und innerhalb von zwei Wochen wurden zwei
weitere Karawanen aufgebracht und ausgeplündert eine aus und eine nach
Mekka.

Dann wurde auch noch die Karawanserei von Kainokaa dem Erdboden
gleichgemacht. Hier hatten bisher Mekkas Karawanen Proviant gefasst. Nun
kontrollierte der Islam die wichtigsten Nord-Süd-Strassen Arabiens. Was aber
der Islam zu bedeuten hatte, verstanden die Araber jener Zeit nicht mehr ganz.
War es nun ein Konzern, der mit bislang unbekannter Brutalität auf das Monopol
hinarbeitete oder eine Horde von Straßenräubern unter Leitung eines
Größenwahnsinnigen?

Allah in der Klemme

Zur Feier seines Sieges ließ der Prophet in Medina seinen letzten
nennenswerten Gegner umbringen Abu Aas, den nun schon beinahe
hundertjährigen Rabbiner der Judengemeinde. Starrsinnig, wie nur Alte sein
können hatte er ausgerechnet nach dem Sieg des Propheten eine Predigt über
Straßenraub gehalten und behauptet, auch der heiligste Krieg sei nur
gotteslästerlicher Massenmord.

Am nächsten Tag wurde der Greis in seinem Schlafzimmer gefunden, mit


durchschnittener Kehle, die Hände am Bettpfosten festgenagelt. Diese
Handschrift war bekannt.

Dennoch wurde der Prophet am Mittag desselben Tages ohne eine einzige
Gegenstimme zum Kommandanten aller Waffen fähigen von Medina gewählt.
Sogar die Judengemeinde stellte ein Fähnlein.

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Diese Einigkeit kam nicht von ungefähr. Im Süden waren sich Größere einig
geworden: Mekka, Taif und sämtliche befreundete Stämme rüsteten eine
respektable Armee aus, die in Eilmärschen nach Medina zog, um dort keinen
Stein auf dem anderen zu lassen.

Will man den Chronisten glauben, begaben sich dreitausend Mann Infanterie,
siebenhundert Panzerreiter auf Kamelen, zweihundert Bogenschützen auf
Pferden und dreitausend Mann leichte Kamel-Kavallerie auf den Kriegspfad.
Doch die Zahl ist unwahrscheinlich, und da sie von islamischen Historikern
berichtet wird, dürfen wir sie getrost durch zehn dividieren. Auch dann bleibt sie
noch beachtlich - Medina hatte diesem Aufgebot nichts Vergleichbares
entgegenzustellen.

Eine halbe Spazierstunde südlich von Medina liegt ein einsamer Hügel, und so
heißt er auch: Ohud, der Einzelne. Dort traf die Truppe des Propheten die Armee
aus dem Süden. Wieder wurde ein Zweikampf vereinbart, und wieder ging das
Gemetzel noch vor dessen Entscheidung los. Es wurde die größte Niederlage
des Propheten. Ein kleiner Anfangserfolg führte die Katastrophe herbei: Kaum
sah der rechte Flügel des Propheten einige Koreischiten davonlaufen, stürzte
sich die beutegierige Meute auf das Lager der Mekkaner. Doch die goldenen
Gefäße, die so herrlich in der Sonne geblinkt hatten, entpuppten sich als dünnes
Messingblech, raffinierte Köder, mit denen ein Drittel der Armee vom Schlachtfeld
gelockt wurde.

Daraufhin meinte der jüdische Truppenteil des Propheten, hier gäbe es nichts
mehr zu gewinnen, und zog nach Medina zurück. Vom Islam blieben rund
hundertzwanzig Mann übrig, die auch bald um ihr Leben rannten. Nur
dreiundfünfzig von ihnen erreichten die rettenden Stadtmauern. Sogar der
Prophet bekam was ab: Ein Stein hinterließ auf seiner Stirn eine bleibende
Narbe.

Warum die siegreichen Koreischiten nicht gleich vor Medina zogen wird für
immer ein Rätsel bleiben.

Eine günstigere Gelegenheit, den Propheten für alle Zeit zu erledigen, als dieser
22. April 624 sollte sich nie Wieder ergeben. Doch die siegreiche Armee verhielt
sich, als habe sie die Schlacht verloren: Ohne Ordnung, als lockerer
Betriebsausflug, trat sie den Heimweg an. Und da bewies Mohammed
militärisches Genie. Mit seiner Handvoll übriggebliebener Soldaten setzte er der
Nachhut nach und erschlug am nächsten Tag deren sämtliche Kamele und auch
den Dichter Abul Asa, der natürlich wieder mitgekämpft hatte.

Von nun an ging's bergauf. Der Prophet organisierte seine Armee zu acht kleinen
Räuberhaufen, die überall in Arabien alle Karawanen überfielen, die nicht nach
Medina ziehen wollten. Bereits im Mai machte allein das Prophetenfünftel an der
Beute vierzigtausend Drachmen aus, nach heutiger Kaufkraft gut
hundertzwanzigtausend Mark. Am Jahresende war er bereits Millionär. Daraufhin
verdoppelte er nicht nur seine Armee, sondern auch seinen Haushalt. Zu seinen
Frauen Suda und Aischa heiratete er noch schnell Seineb und Hafsa. Jede der
Damen brachte wieder eine Firma als Mitgift, zu deren Verwaltung ebenfalls Abu

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Bekr bestimmt wurde.

Bald sprach sich in der ganzen damaligen Welt herum, dass Karawanen, die
nach Mekka wollten, dort fast nie ungeplündert eintrafen. Der Prophet führte eine
Art totalen Krieges: Wer in seine Gefangenschaft geriet, wurde als Sklave nach
Abessinien oder Nedsch verkauft, und damit verglichen war selbst Stalins
Sibirien ein Erholungsurlaub. Wer also seines Lebens sicher und seines Geldes
froh sein wollte musste wohl oder übel zur Messe nach Medina ziehen und dort
selbst höflich um den Schutz des Propheten ansuchen. Der kostete zehn Prozent
vom Umsatz und das Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott als Allah und
Mohammed ist sein Prophet."

Zugegebenermaßen verdankte der Prophet diese Erfolge weniger seinem


eigenen Talent als Kriegsherr, sondern eher der totalen Unfähigkeit seiner
Gegner. Die Koreischiten waren durchaus in der Lage, beachtliche
Truppenkontingente auf die Beine zu stellen. Hätten sie auch nur einen
talentierten Feldherrn gehabt wäre die ganze spätere Weltgeschichte
wahrscheinlich anders verlaufen. So aber belagerten sie einmal zwei Monate
lang Medina, ohne sich zu einem einzigen Angriff entschließen zu können, ein
anderes Mal liefen sie schon davon, ehe die Armee des Propheten in Sicht kam.

Das alles hatte natürlich böse Folgen. Im heiligen Messemonat März 628 berief
der Stadtrat eine Krisensitzung ein: Nur noch zwei Aussteller waren zur Messe
gekommen. Der Platz um die Kaaba strahlte in gähnender Leere, vergleichbar
nur der Staatskasse. Einundzwanzig Handelshäuser waren innerhalb der letzten
zwei Monate pleite gegangen, und das Gewerbesteueraufkommen deckte nicht
einmal mehr die Straßenreinigung ab.

Mekkas Stadtväter machten lange Gesichter. Sie wurden auch nicht fröhlicher, als
einer der beiden Aussteller in die Sitzung platzte und sagte, aufgrund seiner
dürftigen Geschäfte sähe er sich außerstande, die Platzgebühr zu bezahlen, und
seine Waren habe er sicherheitshalber schon abtransportieren lassen. Ehe noch
darüber beraten werden konnte, ob man nicht lieber gleich Staatsbankrott
anmelden solle, kam noch ein Bote: Ein vermögender Handelsherr zeige großes
Interesse an der Messe von Mekka und sei bereit, gegen herabgesetzte
Gebühren den Markt wieder zu beleben. Bei fünfzig Prozent Preisnachlass würde
er gleich siebenhundert Messestände mieten.

Das war natürlich ein verlockendes Angebot. Dennoch wurden die Mekkaner
darüber nicht froh - es kam von Mohammed.

Kapitel 4.

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Ein multinationaler Konzern

Des Propheten Endsieg

Wirtschaftspolitik und höhere Mathematik haben gemeinsam, dass sie auf ganz
einfachen Faustregeln beruhen. "Krisen beleben das Geschäft", heißt eine, eine
andere: "Wer die Nutznießer von Katastrophen finden will muss dort suchen wo
zuerst und am lautesten gejammert wurde." Die beliebteste Methode, über
Gebühr in andere Taschen zu langen heißt wissenschaftlich
"Marktverknappungs-Strategie" volkstümlich nach einer Wortschöpfung von
Goebbels "Engpass". Der entsprechende arabische Ausdruck heißt schlicht
"Nadelöhr" da sollen die Kamele durch und bei der Gelegenheit kräftig Fett,
sprich: Geld lassen.

Das "Nadelöhr" ist wohl das älteste Kind der Marktwirtschaft und feiert in seiner
jugendlich-ruppigen Gestalt noch heute auf den Basaren des Orient fröhliche
Urständ. Da erzählen an einem Morgen alle Händler ihren erschreckten Kunden

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von einer schlimmen Missernte beispielsweise bei Tee. Schon am Nachmittag


sind dann sämtliche Teevorräte aus den Läden verschwunden. Wer am
nächsten Morgen Tee kaufen will, hört dann: "Ja wissen Sie denn nicht...?
Allerdings habe ich gestern noch einen kleinen Posten Tee bekommen, aber
sündhaft teuer..." Dann holt der Händler ein kleines Päckchen Tee aus dem
Gewölbe in das er seine Vorräte tags zuvor versteckt hatte, und es ist um das
Zehnfache teurer geworden.

Natürlich funktioniert dieses Spiel nur wenn sich alle Händler am Ort daran
beteiligen. Doch bei der Aussicht auf gesteigerten Gewinn fällt Solidarität nicht
schwer, und so genügen oft kleine äußere Anlässe, daraus eine schöne
Versorgungskrise zu machen.

Nach genau diesem Rezept wurde die Krise Mekkas im Jahr 628 zu einer
lebensbedrohenden für die Bevölkerung des Stadt-Staates zubereitet. Durch die
Räubereien des Propheten war es tatsächlich zu kleinen
Versorgungsschwierigkeiten gekommen. Die Handelsherren der Stadt machten
daraus große und verdienten daran soviel wie noch nie in ihrer
Firmengeschichte.

Gegen die Krisenpolitik der Konzerne half auch keine Regierung schließlich
waren in Mekka Stadträte und Handelsherren gleich ein und dieselben
Personen. Aus patriotischen Gründen schlugen die Stadtverordneten
Mohammeds Gesuch ab, den Markt beschicken zu dürfen und auf dem Markt
wurden daraufhin sogar Datteln unerschwinglich.

Mekkas Hausfrauen mussten ihren Schmuck für einen Topf Hirse verkaufen.

Mohammed aber betrieb seine eigene Marktstrategie - bald sprach sich in Mekka
herum, dass es beim Brunnen von Hobaida eine überaus preiswerte
Einkaufsmöglichkeit gebe. Dort eine Tagreise von Mekka, hatte der Prophet seine
Stände aufgeschlagen. Zu ihm strömten nun die ärmeren Mekkaner mit ihren
Einkaufstaschen und ihrem letzten Geld.

Sie bekamen überraschend viel dafür das meiste sogar unter dem Einkaufspreis
des Propheten. Allerdings musste für diesen Supermarkt ein symbolischer
Eintrittspreis entrichtet werden: Das Glaubensbekenntnis des Islam.

Mekkas Stadtväter ergrimmten und hätten den Propheten am liebsten mit


Waffengewalt verjagt. Doch die Staatskasse war leer, und für die gemeinsame
Armee vom privaten Profit etwas zu opfern, kam keinem Handelsherrn in den
Sinn. Daher wurde verhandelt.

Mekkas Angebot an Mohammed lautete: Für zehn Jahre würden sämtliche


Nord-Süd-Karawanen freiwillig in Medina Station machen und 20 % Maut zahlen.
Dafür müsse der Prophet sein Lager vor Mekka abbauen.

Mohammed lachte. Die Nordroute kontrollierte er ohnedies. Außerdem sei der


Markt von Mekka für ihn als glühenden Patrioten eine innige
Herzensangelegenheit.

Da willigte der Senat auch ein, dass die Firma Islam künftig die Messe von

67 von 295 09.09.2010 19:14


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Mekka beschicken dürfe, allerdings mit der Auflage die örtlichen Preise nicht zu
unterbieten.

Nun schlug Mohammed ein - mehr hatte er nicht gewollt. Überdies bekam er
durch den Friedensschluss genügend Truppen frei, auch das restliche Arabien
unter seine Kontrolle zu bringen.

Bereits einen Monat später zerstörte er die jüdische Karawanserei von Chaiber,
bislang seine schärfste Konkurrenz im Handel mit Byzanz. Privat feierte er diesen
Sieg mit einer Vergrößerung seines Harems auf sechs Damen. Eine davon
brachte auch Anteile am größten Handelshaus von Alexandria ins Ehebett, und in
der Hochzeitsnacht forderte der Erzengel Gabriel den Propheten auf, auch etwas
für die Auslandsbeziehungen des Islam zu tun.

Mohammed schickte sechs Delegationen los mit kleinen Musterkoffern und


langen Sendschreiben über die Vorteile einer Fusion mit dem Islam.

Für die Unterschrift dachte er sich einen neuen Titel aus, den er von nun an
beibehalten sollte: "Mohammed, Gottes Gesandter! "

Der Negus von Abessinien erklärte sich bereit, den Außenhandel seines Landes
vom Islam organisieren zu lassen. Der Patriarch von Alexandria erbat Bedenkzeit
und schickte als Werbegeschenke zwei koptische Sklavinnen, Maria und Sirin,
das Rassepferd Maimum sowie einen Esel und einen Maulesel. Der Statthalter
von Jemen war einer Fusion mit dem Islam nicht abgeneigt, fand aber
Mohammeds Geschäftsbedingungen unter seiner Würde. Der Prophet wollte
seinen Geschäftspartnern nur ein Drittel des Profits überlassen, und so schrieb
der Geschäftsführer von Jemen, er sei ja auch Geschäftsmann und Dichter, ob
der Prophet unter diesen Umständen nicht fünfzig zu fünfzig machen wolle?
Persiens Schah zerfetzte das Schreiben ohne ein weiteres Wort, was ihm der
Prophet nie verzieh. Und die freundlichste Antwort soll aus Konstantinopel
gekommen sein, ein bezaubernder liebenswürdiger begeisterter, ja geradezu
Huldigungsbrief.

Eigenartigerweise fehlt gerade davon in den sonst ausgezeichnet geführten


Archiven von Byzanz jede Spur.

Der größte Erfolg dieser ganzen Aktion dürfte letztlich die Sklavin Maria gewesen
sein. Sie schenkte dem Propheten dessen einzigen Sohn, Ibrahim. Doch der
Junge hatte nichts davon, dass Prophetenblut in seinen Adern floss - seine
Mama wurde im Harem nur als "Nebenlägerin" anerkannt, und für Ibrahim war
von Anfang an nichts zu erben. Diese Einteilung in Haupt- und Nebenfrauen
wurde sehr bald nötig. Infolge der zahlreichen Geschäftsverbindungen
Mohammeds wuchs sein Harem auf neun reguläre Gattinnen an, kommandiert
von der jüngsten und launenhaftesten, der immer Kind gebliebenen Aischa.

Dass dem zehnjährigen Stillhalteabkommen zwischen Mohammed und Mekka


eine lange Lebensdauer beschieden sein könne glaubten nicht einmal
Optimisten. Bewusst hatte der Prophet in dem Vertragswerk auf einigen
Rechtslücken bestanden, und durch die marschierte er nun mit seinen Truppen
zur Eroberung ganz Arabiens. Schließlich war nur die Nord-Süd-Strasse

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Vertragsgegenstand. Über die anderen Routen zu verhandeln, hatte sich der


Prophet geweigert.

Ein Jahr später hatte er sie auch schon fest in seiner Hand.

An den Strassen nach Muskat und Persien; den wichtigsten Ostverbindungen,


unterstanden achtzehn schwerbefestigte Karawansereien der Firma Islam, und
die Strasse nach Jemen wurde andauernd von islamischen Räuberbanden
verunsichert.

In Mekkas Rathaus, dem ehrwürdigen Gemäuer aus den Konjunkturzeiten unter


Mohammeds Großvater, tagte zum letzten Mal der Katastrophenrat der
Koreischiten. Alle waren sie mit dem verwandt, der sie so in die Klemme
gebracht hatte: Sieben Onkel und vier Cousins saßen beisammen, und einer
beschimpfte den anderen, warum er nicht Mohammed erschlagen habe, als
dazu noch Gelegenheit war. Dann beschlossen die Stadtväter, Mekkas
Demokratie zu begraben. Ebl Sofian ein energischer Endfünfziger, wurde für
unbestimmte Zeit zum Generalbevollmächtigten der Stadt bestimmt. Der Rest
der Regierung begab sich schleunigst nach Hause, um seine Schäfchen ins
trockene zu bringen.

Viel Zeit blieb dazu nicht mehr: Der Prophet hatte sich zur Messe angekündigt, mit
dem freundlichen Nebensatz, dass diesmal seine Anhänger die berühmte
Messestadt besichtigen wollten. Das war natürlich eine Kriegserklärung.

Am ersten Januar des Jahres 630 brach der Prophet aus Medina auf. Bereits
nach sechs Tagmärschen sollen seine Truppen auf zehntausend Mann
angewachsen sein, und der Armee kam ein Bote aus Mekka entgegen: Ein
derartiger Touristenstrom sei, auch wenn er in friedlicher Absicht daherkomme,
glatter Vertragsbruch. Die Stadt Mekka sehe sich außerstande, so viele Gäste zu
beherbergen.

Der Prophet sah dies ein und bezog Nachtlager zu Dschohfa, in Sichtweite der
Stadt.

Mohammed war ein Genie psychologischer Kriegsführung. Kein Mensch in


Mekka wusste, ob der Prophet tatsächlich mit zehntausend Mann die Stadt
umzingelt hatte oder ob auch dies wieder nur ein Bluff war - tagsüber ließ sich
kein einziger Muslim sehen. Nachts aber flammten auf allen Höhen unzählige
Wachtfeuerchen auf, und diese Beleuchtung brachte Mekkas Bürger um ihren
Schlaf.

Drei Nächte währte das Feuerwerk, dann begab sich Ebi Sofian aus der Stadt,
den Propheten zu suchen. Weit brauchte er nicht zu gehen schon zweihundert
Meter nach dem Stadttor nahm ihn eine Patrouille gefangen, setzte ihn gefesselt
auf ein Kamel und legte ihn in ein Zelt, ohne ein Wort zu sagen.

Dort blieb Ebi Sofian den restlichen Tag und auch die Nacht über liegen. Durch
einen Spalt im Zeltvorhang konnte er sehen, wie jeder Soldat sechs kleine
Feuerchen anlegte.

Am nächsten Morgen wurde Ebi Sofian vor Mohammed geführt. Der Prophet saß

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beim Kriegsrat, zur Rechten Abu Bekr, links Omar, und fragte betont freundlich:
"Na, Ebi Sofian, glaubst du mir nun, dass es keinen Gott gibt außer Allah?"

Da fiel Ebi Sofian auf die Knie und sagte: "Dann schone wenigstens die anderen
Firmen."

Der Prophet sagte: "In der Einigkeit liegt die Stärke. Wenn ihr das einseht, ist der
heutige Tag ein Fest der Barmherzigkeit und für die Zukunft von großem Gewinn."
Ebi Sofian sah ein, und Mohammed war der Herr Mekkas.

Mekka wird gleichgeschaltet

Der Einzug des Propheten in seine Vaterstadt war ein Freitag, und dieser Tag ist
seither der Feiertag des Islam. Mohammed hatte sich prächtig herausgeputzt:
Eigens für diesen Anlass hatte er sich einen Purpurmantel anfertigen lassen, wie
ihn früher nur der römische Kaiser tragen durfte. Vor seinem Kamel flatterte die
grüne Fahne von Kadidschas einstiger Firma. Nur ausgesuchte Truppenteile
durften ihn begleiten - fast wäre es vor dem Einzug noch zu einer Meuterei
gekommen, denn die Medinenser hatten vorgehabt, Mekka nach Herzenslust zu
plündern. Nun mussten sie sicherheitshalber vor den Stadttoren kampieren.

Von Gefühlsausbrüchen der Mekkaner wird nichts berichtet. Die Stadt soll
vielmehr, "in ehrfürchtigem Schweigen verharrt" haben, und das ist nur allzu
verständlich.

Durch menschenleere Strassen ritt der Prophet direkt zur Kaaba. In dem
halbdunklen Kasten hingen die Embleme und Hausgötter aller mekkanischer
Sippen und Handelshäuser. Elf Männer und sechs Frauen warteten davor, auf
Knien und mit Ketten gefesselt, wie der Prophet es gefordert hatte - die
Vorstandsvorsitzenden der größten Konzerne. Vierzehn von ihnen wurden ohne
weitere Umstände umgebracht, drei Frauen ließ Mohammed laufen. Dann
verkündete er: "Allah, der Herr aller Geschöpfe, hat dieses heilige Haus seit
Erschaffung der Welt geheiligt. Daher sei allen, die an ihn glauben, in Zukunft
untersagt, hier Blut zu vergießen oder einen Baum zu fällen."

Darauf begab er sich in die Kaaba Binnen weniger Minuten flogen


dreihundertfünfundsechzig Firmenembleme und Hausgötter auf den Platz. Nur
das Zeichen des Stammes Chosaa hing so hoch, dass es nicht einmal Ali
erreichen konnte. Da ließ ihn der Prophet auf seine Schultern steigen. Ali war
ergriffen: "Ich fühlte mich in den Himmel erhoben." Immerhin so hoch, dass er
das Zeichen von der Wand reißen und vor die Kaaba schmeißen konnte. Dort
ließ der Prophet die zahlreichen Symbole zu einem Haufen aufschichten und
übergab Arabiens pluralistische Gesellschaft feierlich den Flammen.

An den Schlüssel zur Staatskasse in der Kaaba kam er nicht so einfach. Osman,
ihr Verwalter, weigerte sich, ihn zu übergeben. Ali musste dem Alten erst vier
Zähne einschlagen, ehe er dieses letzte Zeichen mekkanischer Unabhängigkeit
dem Propheten zu Füssen legen konnte. Mohammed studierte die Bücher und
musste zugeben, noch nie ordentlicher geführte gesehen zu haben. Daher
übertrug er auch die weitere Verwaltung der Kaaba an Osman, und dessen
Nachkommen verwahren noch heute die Schlüssel zur Kaaba. Nur die

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Staatsbank wurde anderweitig untergebracht.

Überhaupt zeigte sich Mohammed als großzügiger Sieger. Nur etwa zweihundert
Mekkaner wurden hingerichtet, und die übrigen konnten Allah nicht genug für die
Gnade preisen, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Zwei Tage hatten sie
Zeit, ihre Firmen dem Islam zu übertragen. Schon am Morgen des zweiten Tages
waren sämtliche Transaktionen erledigt. Gerührt beschloss Mohammed
daraufhin, für seine Vaterstadt in alle Ewigkeit zu sorgen: In Zukunft sollte jeder
Muslim wenigstens einmal Mekka besucht haben am besten zur Zeit der
Frühjahrsmesse.

Zwei Wochen später ergab sich Taif. Diesmal war der Prophet nicht so gnädig.
Sämtliche Handelshäuser wurden aufgelöst, ihre Inhaber umgebracht, aber eine
Pilgerfahrt wurde nicht verordnet. Vielmehr unterstellte Mohammed den Basar
von Taif ausgerechnet der Marktaufsicht von Medina.

Er, der Cleverste von allen

Mohammed beherrschte nun praktisch ganz Arabien. Prophet nannte er sich nur,
weil er keinen besseren Titel fand. Wie soll man auch einen Händler nennen, der
ausgezogen war, den Markt zu erobern, und darüber zum Staatsmann und
Religionsgründer wurde?

Erst die moderne Fachsprache fand für das Wirken des Propheten den
passenden Ausdruck: Kampf um das Monopol.

Auch wer nicht an den Islam glaubt, sollte Mohammed seine Hochachtung nicht
versagen, als einem der größten Genies der Geschichte und dem Gründer des
ersten Großkonzerns. Geschichtsschreiber sind oft wissenschaftlich getarnte
Romantiker, und viele glauben, die großen Entscheidungen fänden auf dem
Schlachtfeld statt und nicht auf dem Markt. Damit aber tun sie dem Propheten
unrecht. Sein atemberaubender Aufstieg war das Ergebnis seiner Marktstrategie.
Ihr dienten auch seine Feldzüge, denn sie waren weniger einem Krieg
vergleichbar als einem Bankraub. Nur deshalb trafen sie seine Gegner tödlich, in
die Seele des Geschäfts.

Wie niemand zuvor hatte der Prophet erkannt, dass Wirtschaft vor allem Vertrieb
bedeutet, und durch den Vertrieb bekam er auch die Produktion in die Hände.
Wer nach vergleichbaren Charakteren sucht, wird unter den Religionsgründern
keine finden. Die mit Mohammed am ehesten vergleichbare Persönlichkeit ist
John David Rockefeller, der eintausend-zweihundertfünfzig Jahre später seinen
Konzern nach ähnlichen Methoden schuf wie Mohammed den frühen Islam.
Allerdings betrieb die "Standard Oil" zwar Politik, wurde aber kein Staat; sie blieb
das mächtigste Industrie-Unternehmen der westlichen Welt, entwickelte sich
aber nicht zur Religion. Der aufgeklärte Materialismus der Gegenwart hat eine
Meta-physische Verpackung der Macht nicht mehr nötig. Der Konzern des
Propheten musste aufgrund der Bedürfnisse seiner Zeit eine Religion werden.
Ohne überirdische Hilfe hätte sich Mohammed nur sehr schwer durchsetzen
können. Daher brauchte und gebrauchte er Gott, um sein Geschäft zu betreiben
und in Betrieb zu halten.

71 von 295 09.09.2010 19:14


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Von den hitzigen Weltuntergangsvisionen des Anfangs abgesehen, ließ sich


Allah nur vernehmen, wenn es im Geschäftsinteresse lag, als des Propheten
überirdisches Über-Ich, mit einem betonten Sinn für Praxis. Von allen Religionen
der Welt ist daher auch der Islam die sachlichste die am meisten an den
Erfordernissen des täglichen Lebens orientierte.

Doch auch tägliche Gewohnheiten des Propheten schlugen im Islam zu Buche.


Mohammed war, was Essen betraf, durchaus kein Kostverächter, und so liest
sich der Koran stellenweise wie ein Kochbuch, ab und zu von Vorurteilen diktiert,
häufig aber von Vernunft.

Dass ein Muslim beispielsweise kein Schweinefleisch essen darf, liegt an der
Schweinehaltung im Orient. Dort gilt das Schwein seit undenklichen Zeiten als
Straßenreinigung. Dadurch ist es natürlich ein gefährlicher Seuchen-überträger,
meist tuberkulös und fast immer voller Trichinen.

Dass Eidechsenfleisch für Muslims ebenfalls verboten ist, liegt allerdings nur
daran, dass Mohammed diese Standardkost alter Araber nicht schätzte. Er
behauptete, Eidechsen seien in einem früheren Leben Menschen gewesen ein
Beweis übrigens, dass ihm nicht nur Christen- und Judentum, sondern auch die
hinduistischen Lehren von der Wiedergeburt durchaus bekannt waren. Zwiebeln
und Milch liebte Mohammed über alles, Knoblauch konnte er nicht leiden und
Datteln aß er leidenschaftlich gern. Der Koran erwähnt allein neunundvierzig
verschiedene Zubereitungsarten für Datteln, zwölf Hammel-Rezepte und vier für
Kamelhöcker. Wer einmal arabisch gegessen hat, wird bestätigen können, dass
noch heute der Geschmack des Propheten den Speisezettel bestimmt.

Politische Gründe hatte das Verbot, Fleisch mit dem Messer zu schneiden - das
war nämlich Persersitte. Und diese Essvorschrift hat sich auch nicht lange
gehalten.

Verschiedene Motive bewogen Mohammed, seinen Gläubigen die schönen


Künste zu verbieten. Als praktischer Unternehmer fand der Prophet: Kultur ist
Zeitverschwendung. Musik schnitt dabei am schlimmsten ab. Zweifellos aus
Gründen des Jugendschutzes untersagte er Tanz als sinnlose
Kraftverschwendung und Ursache unsittlicher Gelüste. Davon abgesehen ärgerte
ihn an Instrumentalmusik dass dabei viele Geräusche gemacht werden, ohne
etwas zu sagen. Doch den Ausschlag dürfte gegeben haben, dass die
arabischen Musiker seiner Zeit meist anstößige Perserklänge produzierten.

Auch das Bilderverbot des Islam dürfte von politischen Überlegungen diktiert
sein. Zu Mohammeds Zeit war die persische Malerei die höchstentwickelte der
Alten Welt, subtil realistisch und von einer geradezu köstlichen Detailfreude. Die
Malerei römischer Schule aber lag ziemlich im argen die meisten Maler
begnügten sich mit dem Kopieren von Prototypen, und daraus entwickelte sich
ein steif-ritueller Stil, wie wir ihn von Ikonen her kennen.

Das Christentum bevorzugte feierliche, jederzeit wieder erkennbare


Darstellungen,und so ging in Konstantinopel nicht nur die Kenntnis der
Perspektive wieder verloren, sondern auch die Beachtung individueller Details.

72 von 295 09.09.2010 19:14


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Selbst die gegensätzlichsten Kaiser gleichen einander auf den Porträts wie ein
Ei dem anderen. In Arabien hatte sich daher der persische Stil durchgesetzt.
Allein zu Medina lebten vier gutbezahlte persische Porträtisten, und das war ein
triftiger Grund, Bilder ganz allgemein zu verbieten. Einen weiteren dürfte
Mohammed von dem ihm sonst verhassten Judentum übernommen haben :
Schon Moses grenzte seine Gemeinschaft von anderen Religionen wirkungsvoll
durch ein Bilderverbot ab. Mohammed erzählte seinen Gläubigen, Gott sähe es
gar nicht gern, wenn man sein Schöpferhandwerk durch Malerei nachzuäffen
ersuche. Am Jüngsten Tag werde Allah daher alle Künstler dazu verurteilen, ihre
Kunstprodukte zu wirklichem Leben zu erwecken. Gelänge dies nicht, hätten die
Maler ihr ewiges Leben erwirkt.

Diese Drohung wirkte auf orthodoxe Muslims. Ihre ästhetischen Gelüste


befriedigten sie fortan mit Schrift noch heute zählt im Islam Kalligraphie zu den
geachtetsten Künsten, und einige Meister schafften sogar, dass ihre Buchstaben
vor lauter Schönheit völlig unlesbar wurden. Außerdem erfanden die Muslims
zahlreiche Ornamente. Die hatte der Prophet ja nicht erboten, und auf dieser
Spielwiese der Phantasie tobten sich die Künstler des Islam so kräftig aus, dass
wir heute noch Formspiele als "Arabesken" bezeichnen.

Doch in seiner ganzen Strenge ließ sich das Bilderverbot nie durchsetzen. Vor
allem im persischen Kulturkreis kehrten die Künstler bald wieder zum Abbild
zurück. Allerdings wurde auch für sie der Islam stilbildend: Um nicht frontal
gegen das Verbot realistischer Malerei zu verstoßen wurden nur Details
realistisch wiedergegeben die Gesamtkomposition jedoch in einer Art
synthetischer Perspektive ornamental gestaltet. Sogar Mohammed wurde
abgebildet, und hier erhielt sich ein letzter Respekt vor seiner Bildfeindlichkeit: Mit
nur einer einzigen bekannten Ausnahme tritt der Prophet stets verschleiert auf
und von himmlischen Flammenzungen umgeben. Außerdem wurde eine neue
Malform entscheidend, die Miniatur. Großflächige Malereien blieben stets
ornamental, im kleinen Format aber triumphierte der Realismus. Ein Grund mag
sein dass sich kleine Sünden gegen den Propheten, wie Miniaturen auf persisch
tatsächlich heißen, mühelos vor bigotten Besuchern verstecken ließen.

Der ausschlaggebende war zweifellos die nomadische Lebensweise der Araber


- kleine Kunstschätze lassen sich leicht transportieren. So können arabische
Künstler als die eigentlichen Schöpfer der illustrierten Bücher gelten. Zwar
versahen schon die Römer ihre Kodizes mit Bildern, doch die wurden meist
gleich von den Schreibern angefertigt und waren mehr oder minder Beiwerk zum
Text, künstlerisch kaum bedeutend und auf keinen Fall den Schöpfungen
wirklicher Maler vergleichbar. Erst im Islam wurde das Bild im Buch dem Text
gleichwertig, wurde der Buchmaler wichtiger als der Buchschreiber. Das
europäische Mittelalter hat diese islamische Sitte begeistert übernommen, und
in gewissem Sinn sind auch unsere Illustrierten entfernte Enkelkinder jener
Künstler, die zwischen den Seiten wider das Bilderverbot des Koran löckten.

Alles in allem aber war der Islam, wie ihn der Prophet verkündete, weniger
Religion als Statut, Betriebsverfassungsgesetz für den ersten Großkonzern der
Geschichte : Eine bis ins kleinste entwickelte Organisation mit Detailregelungen
für sämtliche Geschäftsbereiche, streng nach Rationalität ausgerichtet. Sogar
Sozialversicherung und Altersversorgung waren vorgesehen, und das einzig

73 von 295 09.09.2010 19:14


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Überirdische an diesem Wunderbau war Allah, der ehemalige Firmengott der


Familie und auch der nur als unsichtbarer Präsident des Ganzen.

In moderne Sprache übertragen klingt das Programm des Islam erstaunlich


ähnlich dem von Großkonzernen: Expansion um jeden Preis, Ausschaltung der
Konkurrenz durch rationelle Organisation, Investitionsrücklagen und Dividenden
für Anteilseigner aus den Gewinnen.

Dass der Islam aus einem religiös ummäntelten Wirtschaftsunternehmen zu


einer Weltmacht wurde und später zu einer Weltreligion absank, konnte der
Prophet nicht voraussehen und hat es wahrscheinlich nicht einmal gewollt. Doch
die Grenzen der Expansion sind nirgendwo festgelegt. Irgendwann wird bei
stetigem Wachstum aus einem Konzern zwangsläufig ein Staat. Das Kontor
wächst zum Verwaltungsgebäude, und dessen Abteilungen wachsen zu
Ministerien aus. Und plötzlich ist die Zone absoluter Wirtschaftsmacht
Hoheitsgebiet geworden und Mauthäuschen werden zu Zollämtern. Dann kann
auch schon der Stillstand beginnen und neue Konzerne entstehen im Staat.
Mohammed hat sich allerdings darüber nie den Kopf zerbrechen müssen.

Auch auf dem Höhepunkt seiner Macht blieb er prophetischer Kaufmann und
kontrollierte sein Imperium aus einem kleinen Kontor in Medina.

Ein Prophet nimmt Abschied

Zur Frühjahrsmesse des Jahres 632 kam der Prophet wieder nach Mekka, und
diesmal drängte sich das Volk auf den Gassen. Der Anschluss an den Islam
hatte Mekka ein Wirtschaftswunder beschert, wie es in der langen Geschichte
Arabiens ohne Beispiel war.

Islamische Grosseinkäufer drückten auf dem indischen und abessinischen


Rohstoffmarkt die Preise - zum Vorteil der arabischen Verarbeitungsindustrie.
Die Exportabteilung war so straff organisiert, dass sie trotz vierzigprozentiger
Gewinnerhöhung ihre Europapreise um fast fünfzehn Prozent senken konnte.
Dem war natürlich die persische Konkurrenz nicht gewachsen, und innerhalb von
zwei Jahren war der Anteil des Islam am Ost-West Handel von bisher einem
Drittel auf zwei gewachsen während sich feine Damen in Konstantinopel an dem
neuen Modegetränk Mokka berauschten.

Der Prophet sah dies mit Wohlgefallen: "Ich habe mein Werk vollendet und euch
den Islam gerne gegeben." Fühlte er sich am Ende? Vieles spricht dafür, denn zu
Mekka diktierte er seinen Sekretären noch einmal genaue Bedingungen für
Vertragsabschlüsse und Regelungen von Streitigkeiten innerhalb der Stämme -
noch heute oberste Richtlinien für die Innenpolitik islamischer Staaten.
Andererseits weigerte er sich über die Regelung seiner Nachfolge auch nur zu
reden. Gefährliche Folge: Viele seiner Anhänger glaubten, der Prophet halte sich
für unsterblich, und daher nahmen sie dasselbe an. Der Islam ohne Mohammed
schien undenkbar.

Doch der Prophet zeigte Verfallserscheinungen. Sein ehedem glänzendes


Gedächtnis schien nachzulassen: Bei seiner Rede zur Messeeröffnung vor der
Kaaba versprach er sich so oft dass Gläubige meinten der Teufel habe ihn

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irritiert. Dabei verkündete Mohammed wichtige Dinge. So setzte er das bisher in


Arabien berechnete Mondjahr ab und bestimmte statt dessen das römische
Sonnenjahr als Kalendergrundlage. Außerdem und das wurde für Mekka fast
noch wichtiger bestimmte er genau das Ritual für den Besuch der heiligen
Messestadt.

Wie die Speiseregelungen sind auch die Förmlichkeiten des Hadsch, des
Pflichtbesuches in Mekka, eine eigenartige Mischung von sinnvollen und
abergläubischen Verrichtungen. Die dafür vorgeschriebene Einheitskleidung aus
zwei weißen Tüchern ist eine letzte Erinnerung an das schnell vergessene
Prinzip, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Das ebenfalls vorgeschriebene
Tieropfer bescherte den Viehzüchtern von Mekka eine bis in die Gegenwart
anhaltende Dauerkonjunktur. Der siebenmalige Geschwindmarsch zwischen
den beiden Hügeln Ssafa und Merwe hingegen hat seinen Ursprung in der
legendären Brunnengrabung Abrahams.

Christen schien das Ritual des Hadsch so unverständlich, dass sich im


Süddeutschen sogar ein Scherzwort daraus entwickelt hat: "hatschen" bedeutet
langweiliges sinnloses Durch – die – Gegend - Wandern. Dabei haben gerade
die Katholiken Bayerns am wenigsten Recht zu Spott - noch heute gehört es zum
Ritual einer christlichen Wallfahrt nach Altötting, auf den Knien um den Altar zu
rutschen.

Für Muslims bedeutet die Hadsch noch heute den Höhepunkt eines frommen
Lebens, und ein Hadschi, also einer der sie überstanden hat, ist ein
hochgeachteter Mann. Diese Ehre kommt nicht billig - von allen asiatischen
Städten hat Mekka mit Abstand die höchsten Preise, vor allem für Hammel und
weiße Tücher. Wer als Mekkaner Fremdenzimmer in seinem Haus halten kann
ist ein gemachter Mann. So fürstlich sorgte der Prophet durch himmlischen
Tourismus für seine Vaterstadt.

Er selbst überstand seine letzte Hadsch nicht gut. Bereits nach seinem Besuch
in der Kaaba hatte er über heftige Kopfschmerzen geklagt, und den ganzen
Heimweg nach Medina stöhnte er so laut, dass ihn Omar und Ali keine Minute
aus den Augen ließen aus Angst, der Prophet könne vor Schmerzen Selbstmord
begehen. Als sie das Stadttor von Medina passierten, wussten sie dass sie
einen Todkranken nach Hause brachten.

Zwei Tage später wollte Mohammed den Friedhof von Medina besuchen, das
erste Mal in seinem Leben. Zwei Stunden lang ging er in der kühlen
Abenddämmerung kreuz und quer über das Gräberfeld. Meine Zeit ist um, klagte
er immer wieder. Dann sah er auf die Gräber nieder und sagte: Ihr die ihr tot seid,
habt es besser als die Lebenden. Abu Bekr musste ihn mit Gewalt nach Hause
bringen.

Am nächsten Morgen waren die Kopfschmerzen unerträglich geworden.


Mohammed lag in seiner Kammer, den Kopf auf Aischas Schoss, am ganzen
Körper schweißüberströmt. Noch einmal wollte er die wichtigsten Punkte sein er
Lehre diktieren.

Da meinte Omar: "Was du verkünden konntest, hast du schon gesagt. Was du

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noch sagen willst, werden wir nicht gelten lassen, denn es sind
Fieberphantasien.

Der Prophet hatte hohes Fieber. Die versammelten Ärzte wussten dagegen nur
ein brutales Mittel: Jede halbe Stunde wurde der Kranke mit kaltem Wasser
übergossen.

Am Nachmittag ließ sich Mohammed von Ali und Abbas in die benachbarte
Moschee tragen. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, und das Sprechen
machte ihm bereits große Schwierigkeiten. Die Gläubigen begannen beim
letzten Gebet des Propheten laut zu weinen und folgten ihm später vor sein Haus
wo sie Wache hielten.

Zwei Wochen noch dauerte des Propheten letzte Krankheit. Mohammed war nur
für kurze Augenblicke ansprechbar. Die meiste Zeit lag er in tiefer
Bewusstlosigkeit. Die genaue Todesursache ist nicht mehr feststellbar.
Wahrscheinlich litt der Prophet an einem Gehirntumor. Mit Sicherheit kam noch
eine Lungenentzündung hinzu, höchstwahrscheinlich auch eine
Bauchfellentzündung. Denn die letzten hellen Augenblicke des Propheten wurden
von qualvollen Schmerzen verdüstert. Während eines Anfalls brach sich
Mohammed sämtliche Zähne aus und nicht einmal Opiumpillen aus Persien
konnten helfen.

Aischa das sonst so launenhafte, verzogene Mädchen pflegte ihn während dieser
letzten Tage mit rührender Hingabe. Sie hielt seinen Kopf auf ihrem Schoss und
wischte den Schweiß von der Stirn des Propheten. An den Fußenden des Bettes
kauerten Ali und Omar. Im Vorraum des Krankenzimmers hatte Abu Bekr sein
Kontor aufgeschlagen.

Am Sonnabend, den 6. Juni 632, um drei Uhr nachts, erwachte Mohammed noch
einmal, das erste Mal seit langer Zeit ohne Schmerzen. "Kommt nicht bald der
Morgen? fragte er. Eine Stunde später war er tot.

Die Frauen wollten in die traditionelle Totenklage ausbrechen, doch da stürzte


Abu Bekr in das Gemach: Mohammeds Tod dürfe erst bekannt werden wenn die
Geschäftsübernahme abgeschlossen sei und sämtliche Abteilungsleiter auf ihn
vereidigt.

Dann formulierte Abu Bekr des Propheten Todesanzeige: "Gestorben ist zu


Medina Gottes Prophet, Mohammed aus Mekka, in seinem fünfundsechzigsten
Lebensjahr. Seine Seele ist in Gottes Hand. Gottes Gnade seinen Erben. Dann
befahl er, den Leichnam zu waschen und aufzubahren.

Ein unschönes Begräbnis

Noch im Sterbezimmer kam es zu einem Krach zwischen Abu Bekr und Ali. Die
Frage, wer von den beiden dem Propheten am nächsten gestanden habe, war
auch kaum zu klären.

Abu Bekr warf in die Waagschale des Propheten langjährigster Freund und
außerdem Schwiegervater zu sein.

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Dagegen hatte natürlich Ali auch seine Argumente. Schließlich war er des
Propheten Schwiegersohn und außerdem noch vorübergehender Bettgenosse.
Vor allem aber: Wer hatte sich gemeldet, als Mohammed seinen ersten Wesir
suchte? Er, Ali, damals noch Kind, aber als erster von der Sendung des
Propheten überzeugt. Und wer hatte für den Propheten sein Leben aufs Spiel
gesetzt? Schließlich: Abu Bekr war ebenso alt wie der Prophet. Sollte der Islam in
Zukunft von einem Greis diktiert werden oder von einem jungen, tatkräftigen
Mann?

Ehe sich die beiden darüber noch in die Haare geraten konnten, kam Omar dazu
und meldete Schlimmes: In aller Öffentlichkeit stritten bereits die Bürger von
Medina über die Frage, wer nun die Geschäftsführung des Islam übernehmen
solle. Und dabei sei weder Abu Bekrs noch Alis Name gefallen, sondern bislang
nur der von Saad, dem Börsenchef von Medina.

Auch Saad hatte seine Argumente: Wodurch war denn Mohammed an die Macht
gekommen, wenn nicht durch die Hilfsgenossen aus Medina? Mit seiner aus
Mekka zugewanderten Clique hätte er das doch nie geschafft, also . . .

Im Eilschritt begaben sich Abu Bekr, Ali und Omar in die Karawanserei, wo
Medinas Kaufmannschaft in Vollversammlung tagte. Sehr bald erkannten die
Mekkaner, dass die Stimmung hier nicht günstig für sie war.

Da meldete sich Omar zu Wort und hielt eine lange Rede. Ergreifend schilderte
er die letzten Stunden des Propheten, zählte die gesamte Geschichte des Islam,
und als er gerade bei der Kindheit Mohammeds angelangt war, sah er zum
Himmel auf: "Seht, die Sonne ist untergegangen!

Es schickt sich doch nicht, im Dunkeln über unser aller brennendste Sorge
nachzudenken. Und das am Todestag des Propheten!"

Das sahen auch die Bürger von Medina ein und vertagten sich auf den nächsten
Mittag.

Der brachte natürlich auch nichts Neues, davon abgesehen, dass nun auch der
Mekkaner Obeida zur Debatte stand, weil Mohammed von ihm einmal gesagt
haben soll: Er ist der Aufseher dieses Volkes. Omar meinte, das sei ein sehr
gewichtiges Argument.

Auch Aischa meldete sich zu Wort. Sie als Lieblingsgattin des Propheten könne
bezeugen, Mohammed selbst habe Abu Bekr zu seinem Nachfolger bestimmt,
mit dem letzten Hauch seines Atems. Doch die Medinenser wie auch Ali hielten
das Mädchen für befangen - Abu Bekr war schließlich Aischas Vater.

Als die Sonne sank, war wiederum nichts entschieden. Als Kandidaten für die
Nachfolge Mohammeds standen zur Disposition: Abu Bekr, Ali und Obeida, ferner
Saad und hinter diesem geschlossen die Bürger von Medina.

Omar meinte zu Saad, man müsse sich doch gütlich einigen können, und lud ihn
zum Abendessen in sein Haus ein, als sich die Versammlung auf den nächsten
Mittag vertagte.

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Während dieser ganzen Zeit lag die Leiche des Propheten noch immer im
Sterbezimmer. Dies war ein grober Verstoß gegen einen der letzten Befehle
Mohammeds der besagte, verstorbene Muslims seien spätestens am Tag nach
ihrem Tod zu bestatten. Der Prophet dürfte gewusst haben, warum, und am
nächsten Mittag wusste es auch Omar.

Kurz vor Beginn der Generalversammlung schickte er einen Laufburschen zu Ali:


Der Prophet stänke bereits entsetzlich.

Ali, der allzeit Getreue, ging daraufhin mit seinen Leuten nicht in die
Karawanserei, sondern in das Haus des Propheten, Millionen Fliegen schwirrten
bereits durch die Räume, und die Leiche des Propheten sah grauenerregend
aus. Der stämmige Körper war unförmig aufgedunsen und roch so übel, dass Ali
und seine zehn Freunde ihre Burnusse nass machen und vor das Gesicht
binden mussten, um es im Haus aushalten zu können. An ein ordentliches
Begräbnis auf dem Friedhof war unter diesen Umständen nicht zu denken.
Gleich im Sterbezimmer wurde der gestampfte Lehmboden aufgehackt, eine tiefe
Grube ausgehoben,

das Bett mit der Leiche hinein gesenkt und anschließend die Erde wieder fest
getreten. Dann verbrannte Ali einige Körbe Stroh, um die Fliegen zu verjagen, und
sprach das Totengebet.

All dies dauerte natürlich seine Zeit, und damit hatte Omar gerechnet. Er hatte
auch dafür gesorgt, dass diese Verhandlung einen anderen Verlauf nehmen
musste als jene an den beiden Tagen zuvor.

Am Anfang meldete sich Habab aus Medina zum Wort: Am sinnvollsten schiene
ihm ein Kompromiss, denn ein Mann allein könne den Propheten ohnedies nicht
ersetzen. Daher schlage er eine kollektive Geschäftsführung vor, und zwar einen
Mekkaner und außerdem Saad.

Omar protestierte: "Zwei Klingen passen nicht in eine Scheide." Dann fragte er:
"Überhaupt - wo ist denn Saad geblieben? Ich habe ihn noch gar nicht gesehen."
Die Genossen von Medina erstarrten - tatsächlich, Saad fehlte.

Das letzte Mal war er gesehen worden, als er mit Omar davon ging. "Hast du ihn
erschlagen?" fragten sie.

Gott hat ihn getötet sagte Omar, denn er war der Genosse des Bösen und der
Unruhe. Ehe noch darüber Unruhe aufkommen konnte schlugen die
versammelten Mekkaner ihre Mäntel zurück, und siehe da, sie waren zu dieser
friedlichen Sitzung bis an die Zähne bewaffnet gekommen.

Als erster fand Seid ben Sabit seine Sprache wieder. Der Prophet war selbst ein
Zugewanderter, meinte Medinas zweiter Börsenchef in das entsetzte Schweigen.
Also werden wir uns in Gottes Namen damit abfinden müssen dass sein
Nachfolger wieder ein Zugewanderter ist.

"Gott wird dir danken," sagte Abu Bekr und ergriff die Hände Omars und Obeidas.
Jeder von euch beiden ist würdig. Da verneigte sich Omar und sagte: "Ich aber

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huldige dir denn du bist der Altere, dem Propheten enger Befreundete. Wer von
uns kann sagen: Ich habe mit dem Propheten auf dessen Flucht in ein und
derselben Höhle übernachtet?

Das sah Abu Bekr ein, und sogleich erteilte er Omar seinen ersten Befehl: "Geh
hin zu Alis Haus und überzeuge auch ihn. Vor allem aber: Entwaffne Alis
Anhänger."

Während die übrigen Versammelten nun der Reihe nach Abu Bekr als dem
alleinigen Nachfolger Mohammeds huldigten, zog Omar mit zwölf aus-gesuchten
Schlägern vor Alis Haus.

Natürlich wusste Omar, dass er Ali gar nicht antreffen würde, und er hatte auch
gar nicht vor, sich in längere Diskussionen einzulassen. Jeder seiner Leute
bekam eine brennende Fackel in die Hand, und nachdem sie das Haus umstellt
hatten, hielt Omar seine Fackel an das Haustor. Als es schon bedenklich
qualmte, klopfte Omar an.

Fatima war allein zu Hause und überschaute die Situation sofort.

"Bist du so wahnsinnig, unser Haus anzünden zu wollen?" schrie sie.

"Natürlich," lachte Omar. "Es sei denn, du gehst sofort in die Karawanserei und
huldigst Abu Bekr." Fatima nahm sich nicht einmal mehr die Zeit, einen Schleier
überzuwerfen. Wie sie war, rannte sie los und warf sich Abu Bekr zu Füssen.

In diesem Augenblick kam auch Ali in die Versammlung. "Hast du denn


vergessen, dass heute Wichtiges auf der Tagesordnung stand?" spottete Omar.
"Warum hast du dir mit dem Begräbnis deines Schwiegervaters soviel Zeit
gelassen? Nun ist die Versammlung bereits aufgehoben."

Ali sagte kein weiteres Wort. Er nahm Fatima an der Hand und ging in sein Haus,
das er während der nächsten sechs Wochen kein einziges Mal verließ.

Kalif mit Führungsschwäche

Was sich in jenen drei Tagen zu Medina ereignet hatte, war allerdings nur ein
bescheidenes Kammerspiel im Vergleich zu dem Theater das nun in ganz
Arabien begann. So schnell der Prophet die zahlreichen einst konkurrierenden
Stämme im Islam vereinigt hatte, so schnell drohte die Firma auch wieder
auseinander zubrechen und die einzigen Nachrichten die Abu Bekr während der
nächsten Wochen erhielt waren Kündigungsschreiben aus allen Teilen Arabiens.

Vielen Stämmen passte die ganze Richtung nicht. Gut als Mitglieder der
Gesamtorganisation hatten sie eine gewisse Existenzsicherheit. Der Islam
garantierte die Abnahme ihrer Produkte und den Vertrieb. Dafür aber war der
innerarabische Zoll weggefallen und das Niederlagsrecht in den
Karawansereien, und das machte doch eine Menge Geld aus. Zwölf Stämme
beschlossen daher wieder zum Status quo zurückzukehren:

Sie stellten ihre alten Firmengötter wieder auf und verkündigten erneut die
absolute Selbständigkeit ihrer Handelsunternehmen.

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Eine andere Quelle des Ärgernisses war das vom Propheten eingeführte
Steuersystem. Uns heute Lebenden und. vom Staat ständig zur Kasse
Gebetenen mögen die Steuerzustände des frühen Islam paradiesisch
erscheinen: Nur zehn Prozent Umsatzsteuer waren zu bezahlen, in einen
gemeinsamen Fonds zur Unterstützung der Armen und Waisen. Doch dieser
Fonds hatte einen Schönheitsfehler. Bislang hatten Arme und Waisen daraus
keinen einzigen Dinar zu sehen bekommen. Er diente vielmehr ausschließlich
zur Besoldung der damit befassten Verwaltung und die war dementsprechend
reich und umfangreich geworden. Daher meinten elf weitere Stämme,
funktionierende Großfamilien seien eine bessere Sozialversorgung, und traten in
Steuerstreik.

Vor allem aber: Zwei weitere Wüstensöhne waren nach reiflichen Überlegungen
zu der Überzeugung gelangt, was der Prophet gekonnt habe, könnten sie auch.
So ernannten sie sich selbst zu Propheten und fanden auch viele Anhänger.

Abu Bekr wehrte sich lange und standhaft, auch nur zur Kenntnis zu nehmen,
dass der Islam in voller Auflösung begriffen war. Er hatte ja auch Wichtiges zu
tun: Während der ganzen letzten Krankheit des Propheten musste er seine
eigenen Geschäfte sträflich vernachlässigen, obwohl zu dieser Zeit zwei kleinere
Karawanen eingetroffen waren und ihre Waren im Hof seines Privathauses
abgestellt hatten.

Eine Ladung bestand aus frischen Feigen, Herkunftsort Jerusalem. Sie hatten
beinahe zwei Wochen in der Sonne gestanden. An einen Weitertransport nach
Mekka war nicht mehr zu denken also beschloss Abu Bekr, sie als
Sonderangebot auf den Basar von Medina zu bringen.

Omar glaubte zu träumen als er die Bescherung sah: "Ganz Arabien befindet sich
in Aufruhr und du als Kalif, als Nachfolger des Propheten sitzt da und versuchst,
den Leuten faule Feigen unterzujubeln?!"

"Wovon soll ich denn leben?" meinte Abu Bekr.

Schleunigst trommelte Omar den übrigen Vorstand zusammen. Nach kurzer


Beratung wurde ein festes Jahresgehalt für den Kalifen festgesetzt: zweitausend
Silberstücke, nach heutiger Kaufkraft ungefähr hunderttausend Mark.

Mehr hatte Abu Bekr nicht gewollt.

Er schlug ein, ließ seinen Stand stehen, wo er war, und begab sich in sein
Landhaus bei Sendsch, eine Meile außerhalb von Medina. Von dort ritt er künftig
jeden Tag fünfmal in die Stadt, um in der Moschee beim Gebet vorzustehen. Nur
am Freitag, dem Feiertag, blieb er zu Hause, ließ sich maniküren und rasieren
und sein schütteres Haar mit Henna rot färben.

Abu Bekr war auch nicht sonderlich entscheidungsfreudig. Jeden Befehl musste
ihm Omar erst in stundenlangen Diskussionen abringen, und dazu gab es nun
wirklich keine Zeit.

"Du musst Armeen gegen die Aufrührer schicken," beschwor Omar den Alten.

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"Ja, natürlich. Aber kostet das nicht Geld?"

Omar explodierte: "Das Geld ist schon vorhanden, aus den Investitionsrücklagen.
Was fehlt ist ein Feldherr."

Abu Bekr rang mit sich. "Wenn ich ihn nicht bezahlen muss, will ich gern einen
Feldherrn ernennen. Aber alles übrige musst du erledigen."

" Was blieb Omar anderes übrig?" Er übernahm also das Handelsgericht und die
Geschäftsführung des Islam, und Abu Bekr hatte von nun an Zeit sein
Steckenpferd zu reiten. Gemeinsam mit seinem Sekretär Osman sammelte Abu
Bekr sämtliche Aussprüche die der Prophet je getan haben soll.

Natürlich hatte auch der Prophet sein Sekretariat gehabt, doch das hatte sich
ausschließlich mit Geschäftskorrespondenz und Buchhaltung befasst. Des
Propheten religiöse Geschäfte waren nur von Außenstehenden aufgezeichnet
worden auf Papierfetzen, Lederflicken und Schiefertafeln, manche auch nur in
Tonscherben eingekratzt oder an Hauswände gekritzelt vor denen der Prophet
gesprochen hatte. Aus diesen zahllosen Bruchstücken erstellte Abu Bekr eine
erste Fassung des Koran doch er konnte sich nicht entschließen sie auch zu
veröffentlichen.

Der geile General

Nur einen einzigen Entschluss fasste Abu Bekr, ohne zu zögern. Zum
Ober-kommandierenden der islamischen Truppen ernannte er Chalid Ben Walid.
Und ganz Medina war entsetzt.

In der Moschee wurde Abu Bekr von Gläubigen bedrängt: Ob er denn von Sinnen
sei, Chalid Ben Walid auf die Welt loszulassen?

Abu Bekr gab sich erstaunt:

Kürzlich habt ihr mich bedrängt und gesagt: "Hier hilft nur noch brutale Gewalt.
Was habt ihr nun gegen Chalid? Einen Schlimmeren fand ich nicht."

In der Tat. Nur fünfmal hatte Chalid Ben Walid auf dem Schlachtfeld gestanden,
doch sein Name war in ganz Arabien Symbol für Grausamkeit. Als er einmal
vierundfünfzig Frauen die Kehlen durchschneiden ließ, erwog selbst Mohammed,
in Sachen Brutalität gewiss nicht zimperlich, Chalid Ben Walid ruhmlos aus dem
Islam auszustoßen. Dann aber erschien ihm der wüste Haudegen unentbehrlich
und Chalid kam mit einem strengen Tadel davon. Doch auch abseits vom
Schlachtfeld hatte er schlechten Ruf erworben als der größte Hurentreiber
Asiens.

Schon auf seinem ersten Feldzug bewies sich Chalid. Nachdem er die ersten
vier abtrünnigen Karawansereien dem Erdboden gleichgemacht hatte,
erschollen an allen anderen Orten sobald seine Armee nur in Sicht kam, schon
laute Gebetsrufe. Nein, nein bedauerten die einzelnen Emire, es könne sich nur
um einen bedauerlichen Irrtum handeln sie hätten nie und nimmer den Islam
aufgekündigt. Und sogar die Steuern seien schon bereitgestellt. Es sei doch

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ohnedies alles in schönster Ordnung.

Auf diese Weise drangen Chalid und seine Truppen ziemlich schnell bis zum
Stamm Jerbuu vor, der dem Islam treu geblieben war aber Abgaben verweigerte,
deren Zweckentfremdung bekannt war. Der siebzigjährige Emir Malik vertrat
seinen Standpunkt auch Chalid gegenüber. Das war gefährlich. Außerdem aber
hatte er eine hübsche Frau, und das war tödlich.

Chalid gefiel die knusprige Zwanzigjährige und er gefiel auch ihr. Zunächst
machte Chalid mit dem Alten kurzen Prozess: Ohne Förmlichkeiten verurteilte er
ihn zum Tode und ließ ihn an einen Pfahl in der Mitte des Zeltplatzes binden.
Dann holte er dessen Gattin aus seinem Zelt. Die Dame hatte gerade ihre Tage,
doch das war weder für sie noch für Chalid ein Hinderungsgrund allen
Versammelten auf dem Zeltplatz zu zeigen, wie sehr sie einander liebten.

Nach einer Bluttat kommt die nächste, rief Chalid anschließend und gestattete
seinen Soldaten, die bislang nur als Publikum fungiert hatten, ein Wettschiessen
auf den Emir. Dessen letzte Worte waren: Heiratet nie eine junge Frau. So etwas
bringt auch den stärksten Mann um. In Medina hatte dieser Skandal noch ein
Nachspiel. Omar war der Meinung, einen derart frechen Verstoß gegen alle
möglichen Gesetze des Islam könne nicht einmal Abu Bekr hinnehmen.

Um wenigstens einem Paragraphen Genüge zu tun, solle man Chalid und die
Frau als erwiesene Ehebrecher steinigen. "Bei der Frau habe ich nichts
dagegen," entschied Abu Bekr. "Doch Chalid ist sicher unschuldig. Ich bin
überzeugt, er hat ohne böse Absicht gehandelt."

"Dann musst du ihn wenigstens absetzen," beharrte Omar.

Abu Bekr sah ihn groß an und dann in den Himmel: "Willst du wirklich, dass ich
das Schwert Gottes in die Scheide stecke?" So endete das erste
Kriegsverbrecher - Verfahren in der Geschichte des Islam wie viele spätere:
Chalid wurde befördert. Und weil das "Schwert Gottes" auf dem Schlachtfeld so
schrecklich hauste, durfte auch kein Gläubiger dagegen protestieren, dass es
häufig in fremden Scheiden steckte.

Als Feldherr war Chalid bald unentbehrlich. Nachdem er in kurzer Zeit ganz
Arabien "der rechten Lehre zurückgewonnen" hatte, marschierte er gegen den
alten Erbfeind des Propheten, Persien. Warum hatten auch die Perser versucht,
aus dem vorübergehenden Chaos einige Brocken für sich zu holen? Zur Strafe
dafür dass sie abtrünnige Stamme unterstützt hatten, nahm ihnen nun Chalid die
Euphrat - Mündung weg und damit den Seeweg nach Indien.

Kampflos gaben die Perser dieses wichtige Handelsgebiet natürlich nicht ab.
Schah Chosroe hatte seine Elitetruppen unter seinem allerbesten Feldherrn
aufgeboten. Doch Chalid wurde mit dieser beinahe doppelten Übermacht so
schnell fertig, dass die Perser auf der Flucht sogar die Kriegskasse verloren. Ein
Fünftel des Schatzes wurde nach Medina geschickt als "Beuteanteil des
Propheten", und dieses Fünftel war nach heutiger Kaufkraft fünfzig Millionen Mark
wert.

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Für die eroberten Gebiete wurde ein neues Steuersystem erfunden. Wer kein
Muslim war musste ab sofort die Dschisdscha bezahlen, eine dreißigprozentige
Kopf- und Grundsteuer und diese für damalige Verhältnisse ungeheuerliche
Belastung sorgte dafür, dass Allah sehr schnell neue Jünger bekam.

Überhaupt: in der Bilanz des Islam schlug Chalid Ben Walid ruhmvoll zu Buche.
Getreulich sandte er jeweils das "Prophetenfünftel" nach Medina, und bereits im
März 634 konnte Abu Bekr bei einem Kassensturz Goldstücke im Wert von einer
halben Milliarde zählen. Mehr hatte damals kein Staat in der Kasse.

Dann eroberte Chalid auch noch Schawernak, den berühmtesten Palast des
Nahen Osten. Fünfzig Jahre zuvor hatte ihn der größte Baumeister Asiens,
Senawar, für den persischen Schah errichtet. Schawernak wurde ein
Weltwunder, und von der höchsten Zinne des Palastes aus zeigte Senawar
seinem Bauherrn die Pracht.

"Willst du noch schönere Paläste bauen?" fragte der Schah.

"Ich hoffe," sagte der Architekt.

"Ich nicht," meinte der Schah und stürzte ihn in den Abgrund.

Diese Geschichte sprach sich herum auch heute noch wird in der deutschen
Sprache ein böser Streich Schabernack genannt.

Als Chalid Schawernak eroberte, verhielt er sich entsprechend. Vom


Festungskommandanten ließ er sich die sprichwörtliche Zinne zeigen.

"Und von hier herunter soll ein Sprung tödlich sein? fragte er.

"Ich weiß es nicht," sagte der Kommandant.

"Dann versuchs mal," meinte Chalid, und nicht nur der Kommandant, sondern
auch alle Offiziere wurden in den Abgrund gestürzt.

Anschließend feierte Chalid nach alter Gewohnheit mit den jungen Witwen eine
ausgiebige Siegesorgie.

Nun hätte ihn eigentlich niemand mehr daran hindern können, gleich ganz
Persien zu erobern, doch Abu Bekr in Medina überlegte sich's anders. Statt
gegen den alten Erbfeind ließ er Chalid nun gegen die Erbfreunde des
Propheten marschieren und eröffnete in Syrien eine neue Front: gegen das
Römische Reich und den Kaiser in Konstantinopel. Der neue Marschbefehl hieß:
nach Damaskus.

Dass Abu Bekr ausgerechnet dem wichtigsten Handelspartner des Islam den
Krieg erklärte, schien vielen Zeitgenossen der nackte Wahnsinn.
Seltsamerweise aber nahmen die Geschäfte dabei keinen Schaden. Während
Damaskus vom Islam belagert wurde und eine römische Armee nach der
anderen vernichtende Niederlagen einstecken musste, tranken die Damen in
Konstantinopel weiter arabischen Kaffee. Nur etwas teurer war der Genuss

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geworden: Die schwarzen Bohnen kamen nun aus Alexandrien und waren
außerdem vom Kaiser mit einer neuen Steuer belegt worden, einem
Notgroschen für den Kampf gegen den Islam.

Chalid hingegen konnte aus dem vollen schöpfen. Bei seiner dritten Schlacht in
Syrien eroberte er auch die Kriegskasse.

So üppig war die Beute, dass Chalid auch seinen Truppen etwas abgab.

"Wer mit dem Propheten verwandt ist, trete vor. Er soll das Doppelte der Beute
erhalten," verkündete er beim Appell.

Da meldeten sich über tausend Soldaten. Die Hälfte von ihnen musste gar nicht
mehr ins Glied zurücktreten.

"Geht nach Hause genießt euer Geld und betet, dass Allah auch weiter unseren
Waffen den Sieg verleiht," sagte Chalid.

Das sind die letzten Worte, die von ihm überliefert sind, denn zum Zeitpunkt
dieser noblen Geste war er bereits gar nicht mehr Oberkommandierender.
Schon kurz vor der Schlacht hatte er aus Medina schlimme Nachrichten erhalten:
Sein Gönner war gestorben, Omar zum neuen Kalifen ernannt und er selbst
fristlos entlassen. Für einen kurzen Augenblick erwog Chalid, mit seinen Truppen
einfach nach Medina zu marschieren und mit Omar ein ernstes Wort zu reden,
doch dann ließ er es bleiben. Er war durch seine Feldzüge zu einem der
reichsten Männer der Welt geworden, Herr eines Palastes und eines Harems mit
siebenhundert Sklavinnen - sollte er das alles nur aus Ehrgeiz aufs Spiel setzen?
So nahm Chalid seinen Abschied und wir hören von ihm nur noch, dass er in
hohem Alter auf einer sehr jungen Sklavin an Herzschlag verschied.

Der Buchhalter des Propheten

Über Abu Bekrs letzte Tage liegen verschiedene Nachrichten vor. Manche
Historiker meinen, er sei an Typhus gestorben, andere, an Gift eingeflösst von
persischen oder römischen Agenten. Fest steht nur: Er starb nach zweiwöchigem
Krankenlager am 23. August 634, siebenundsechzig Jahre alt.

Bei der Beurteilung seines Wirkens gehen die Meinungen wieder auseinander.
Abu Bekr war eine schillernde Persönlichkeit, wie geschaffen zu einer
Zielscheibe von Spott. Die Eitelkeit, mit der sich der alte Herr schminken und
seine Haare jugendlich färben ließ, wurde ebenso sprichwörtlich wie seine
Scheu vor Entscheidungen. Eine Sklavin muss ihm die Augen schwarz
schminken und Omar in den Hintern treten, ehe was geschieht, wurde in Medina
kolportiert und: Wenn er Goldstücke sieht, schließt er seine Augen gern vor den
Geboten Allahs. Andererseits: Dass der Islam seinen Propheten überlebte ist vor
allem Abu Bekrs Verdienst, und dabei bediente er sich meisterlich gerade jener
Eigenschaften, die seinen Zeitgenossen so lächerlich erschienen.

Seine scheinbare Entschlusslosigkeit, seine angebliche Naivität brachten seine


Verhandlungspartner zur Verzweiflung und zermürbten sie schließlich. Wer mit
Abu Bekr zu tun hatte, musste diesen eitlen, alten Mann einfach unterschätzen,
und das war Abu Bekrs Kapital. Seine Verträge waren Meisterwerke des

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Kleingedruckten, und die darin von seinen Gegnern übersehenen Paragraphen


ließ er mit Armeen durchsetzen. Abu Bekr dürfte einer jener Mittelmäßigen
gewesen sein, die aufgrund ihres Erfolges zu den Genies gerechnet werden
müssen. Außer seinen menschlichen Schwächen wurde keine hervorragende
Eigenschaft an ihm bekannt, und doch hinterließ er den Islam stärker und
mächtiger, als er zur Zeit des Propheten je war. Er war der rechte Mann zur
rechten Zeit, und das ist sehr viel.

Nach den ersten Erfolgen Chalids trugen ihm Schmeichler den Titel "Held" an.
Der alte Herr aber schüttelte den Kopf: "Ich bin nur der Buchhalter des
Propheten."

Besser hätte ihn niemand charakterisieren können. Zu Mohammeds Lebzeiten


hatte er die Geschäfte des Propheten organisiert und pedantisch darauf
geachtet, dass die Kasse stimmte. Nichts anderes tat er als Kalif, und damit
machte er den Islam aus einem Konzern zum Staat: Er schuf das Amt der
Zentralkanzlei, erfand eine mustergültige Finanzverwaltung und installierte ein
oberstes Gericht unter dem Vorsitz Omars.

Im Privatleben fühlte er sich als Dichter. In seinem Harem, zwischen vier Damen
soll er sehr viel Lyrik abgesondert haben. Über deren Qualität ist kein Urteil
möglich, denn nur ein kleines Gedicht blieb erhalten - ein harmloser
Gemeinplatz, garniert mit rührender Eitelkeit:

"Der Tod ist nur ein Tor, durch das die Menschen gehen.

O möge dies Gedicht nie diese Pforte sehen."

Für Abu Bekr spricht, dass dieser Vers tatsächlich unsterblich wurde.

Kapitel 5.
Krach im Hause des Propheten

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Mohammeds Macher

Noch heute ist Omar in Arabien allgegenwärtig, sprichwörtlich wie sonst nur noch
der Bart des Propheten. Ein Bettler kommt "zerlumpt wie Omar" daher, ein Hüne
"groß wie Omar" und ein Krüppel "bucklig wie Omar". . Urteilt ein Richter "streng wie
Omar", muss der Gauner "Omars Peitsche" fürchten. Doch der Richter kann auch
"gnädig wie Omar" sein Omar hat alle möglichen Eigenschaften und da schließt
eine keineswegs die andere aus. Ob nun ein Gläubiger bescheiden oder maßlos
ist, liebenswürdig oder arrogant, knauserig oder großzügig, engstirnig oder tolerant:
All das wird er stets "wie Omar" sein der Widersprüchlichste unter den
Weggenossen des Propheten.

Mehr als siebenhundert Bücher wurden allein in arabischer Sprache über Omar
geschrieben und gerade deshalb ist es schwierig, Genaues über Omar zu erfahren.
Denn ob Freund oder Feind sein Bild zu zeichnen versuchten, stets geriet es
überlebensgroß.

Ein Hüne war der historische Omar tatsächlich einsfünfundachtzig groß und damit
überragte er seine Zeitgenossen um mehr als Haupteslänge. Glücklich schien er
damit allerdings nicht zu sein. Bereits als Junge hatte er sich einen schweren
Haltungsfehler angewöhnt und Gassenjungen spotteten über den erwachsenen
Omar: Sein Buckel streift die Wolken und sein Kinn die Erde. Omar hörte so etwas
nicht gern - kaum war er Kalif ließ er die Verbreiter solcher Scherze zu Tode prügeln.

Mit Todesstrafe musste seltsamer weise auch rechnen, wer die Herkunft von
Omars Namen zu ergründen versuchte. Das führte natürlich zu den wildesten
Spekulationen, auch über sein Elternhaus, obwohl gerade das über jeden Zweifel

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erhaben war.

Sein Vater Chattab gehörte zu den Honoratioren von Mekka und war auch ein
entfernter Onkel Mohammeds. Ihm gehörte ein angesehenes, altes Handelshaus
das vor allem Korallenschmuck nach Griechenland exportierte. Aus Griechenland
importierte Chattab dafür den Namen für seinen zweiten Sohn: Homer. Omar
genierte sich, nach dem Vater der Dichtkunst benannt zu sein denn er hatte ein
gebrochenes Verhältnis zu den schönen Künsten: Kultur ist Zeitverschwendung
sagte er einmal und wir können sicher sein, dass er sein Leben lang keinen
einzigen Vers seines Namenspatrons las.

Omar hatte Wichtigeres zu tun. Als er zwanzig war, stellte ihn sein Vater auf eigene
Beine und überließ ihm ein Karawanenunternehmen, das Seide und Korallen vom
Indischen Ozean nach Mekka transportierte. Das Geschäft florierte, doch Omar
fühlte sich damit keinesfalls ausgelastet. Mit fünfundzwanzig schloss er sich
Mohammed an, das heißt, er brachte sein Unternehmen in die Firma des
Propheten ein und befasste sich von nun ab nur noch mit seinen eigentlichen
Interessen: Machtfragen im allgemeinen und besonderen.

Omar war der Machtmensch par excellence und ohne ihn hätte Mohammed
höchstwahrscheinlich als verlachter Spinner geendet. Hinter allen politischen
Schachzügen des Propheten stand Omar, und schon lange vor seiner tatsächlichen
Machtübernahme galt er als die graue Eminenz des Islam. Er war ein Fanatiker der
Macht. An das Leben hatte er nur einen einzigen Anspruch: dass stets sein Wille
geschehe, und dazu war ihm jedes Mittel recht.

Nur so erklären sich die zahllosen Widersprüche in seinem Leben. Die meisten
entspringen jenem Zynismus, den wir heute Realpolitik nennen. Der Zweck heiligte
jedes Mittel. Dass sich Omar für den Islam einsetzte, machte den Islam groß. Doch
auch ohne Islam wäre Omar zweifellos in die Geschichtsbücher eingegangen. In
diesem Punkt ähnelt er Bismarck, der kurz vor seinem Tode sagte: Und wenn ich in
bayrischen Diensten groß geworden wäre statt in preußischen hätte es eben ein
Kaiserreich Bayern gegeben. Anders aber als der fress- und trinklustige Eiserne
Kanzler gab sich Omar stets demonstrativ bescheiden.

Seine sechs Frauen und seine Kinder litten darunter. Da kam Omar einmal zu
seiner Tochter auf Besuch. Die hatte gerade Mittagessen gekocht, einen Topf
Gemüse und eine Schale Öl.

Omar trommelte sämtliche Nachbarn zusammen: Sei das nicht ungeheuerliche


Verschwendung zum Gemüse auch noch Öl?!

Und gab seiner Tochter vor versammelter Gemeinde einige Ohr feigen.

Seine Kleidung war ein Meisterstück gekonnter Selbststilisierung: ein total zerfetzter
Kaftan, den seine Frauen immer wieder kunstvoll stopfen mussten. So
unverschämt bescheiden wagte kein Machthaber der Weltgeschichte wieder
aufzutreten.

Omar war ein Meister der PR. Er wusste dass Volkstümlichkeit aus einer Fülle
kleiner Eigenschaften besteht die sich überall weiter tratschen lassen, und er ließ

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keine Gelegenheit aus, für Anekdoten zu sorgen.

Da rannte einmal ein Kamel aus der Staatskoppel davon, und prompt rannte Omar
der Kalif, hinterher. Ali, der das Theater mit ansah, konnte sich nicht verkneifen zu
fragen: "Willst du damit schon wieder ein nachahmenswertes Beispiel für deine
Nachfolger liefern?"

Omar seufzte: "Ach, Ali! Wenn auch nur ein Kalb an den Ufern des Euphrat verloren
geht - glaubst du nicht, dass mich Allah eines Tages danach fragen wird?"

Alis Antwort ist leider nicht überliefert dahingegen, dass Omar gerne über die
Strassen ging, als würde er was suchen. Sobald sich dann genügend Publikum
versammelt hatte, hob der Kalif einen Strohhalm auf und klagte in lautem
Selbstgespräch: O wäre ich doch dieser Halm. O wäre ich nur nicht erschaffen
worden. Und so etwas verfehlte natürlich nie seine Wirkung.

Stets gab sich Omar als Moralist und auch da war er gründlicher als sämtliche
Kollegen dieser zweifelhaften Zunft. Den bekanntesten Weiberhelden von Medina
ließ er die Köpfe scheren und stellte sie so an den Pranger. Doch geschoren
gefielen sie den Damen nur noch besser. Daraufhin verbannte Omar sämtliche
Gigolos aus der Stadt. Das war noch milde: Seinen eigenen Sohn ließ Omar zu
Tode prügeln, nur weil der angeblich an einem Glas Wein genippt hatte.

Überhaupt: Einige Charakterzüge Omars lassen sich nur als Sadismus


bezeichnen. Er führte die Prügelstrafe ein und vollzog sie ab und zu auch selbst. Er
baute die ersten Gefängnisse Arabiens - zuvor war als strengste Haftstrafe
ausschließlich der Hausarrest bekannt. Und er sorgte dafür, dass Sie auch gefüllt
wurden: Auf Spottverse beispielsweise stand lebenslänglich.

Der Griff nach der Weltmacht

Omar war Mitte der Vierzig, als er Kalif wurde, und schon lange davor stand außer
Zweifel, dass er es würde. Abu Bekr war noch kerngesund, als Omar schon
ankündigte, beim Tode des Kalifen werde keinesfalls mehr so ein. Chaos
entstehen wie beim Tod des Propheten. Jeder in Medina wusste, wie das gemeint
war. Von Mitbestimmung oder Wahl des Propheten- Nachfolgers war hinfort nicht
mehr die Rede, und sogar Ali hielt sich daran.

Seine Position War ohnedies geschwächt: Fatima war gestorben, die energischste
Tochter des Propheten ein halbes Jahr nachdem Omar ihr Haus anzünden wollte.
Und Omar als Oberster Richter des Islam erklärte sofort, von nun an bestünde
zwischen Ali und . Verwandtschaft mehr - dabei dem Haus des Propheten keinerlei
war Ali Mohammeds engster Cousin.

Die Machtübernahme verlief dementsprechend glatt. Omar zeigte ein Testament


Abu Bekrs, worin er zum Nachfolger bestimmt war, nahm den Titel Kalif an und
noch einen völlig neuen: Emirol-Muminin, Fürst der Rechtgläubigen.

Das war sein Programm. Der Islam sollte aus dem Konzern, der unter religiöser
Schutzmarke laufenden Interessengemeinschaft, endgültig zum Staat mit
hierarchischem Aufbau werden. Einige alte Kampfgenossen meinten, das könne
der Prophet denn doch nicht gewollt haben, und über dieses neue Programm

88 von 295 09.09.2010 19:14


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müsse zumindest einmal diskutiert werden. Da zeigte ihnen Omar sein neues
Staatssiegel, und darauf stand: "Reden soll der Tod." Es gab keine weiteren
Diskussionen, und in der Folgezeit bestätigte Omar durch immer neue
Erfolgsmeldungen, dass seine Richtung stimme.

Bereits drei Wochen Dach seiner Machtübernahme ließ er die Bürger von Medina
zum Dankgebet in die Moschee rufen: Damaskus war gefallen.

Omar wurde ausgiebig als Sieger gefeiert, doch schuld war er daran nicht. Schon
bei Abu Bekrs Tod war die Lage der Stadt aussichtslos gewesen. Und auch dies
lag weniger am strategischen Geschick der islamischen Truppen als an der totalen
Unfähigkeit ihrer Ost römischen Gegner.

Damaskus ist zehn Königreiche wert, sagte ein altes Sprichwort, und diese Stadt
war seit undenklichen Zeiten der wichtigste Umschlagplatz des Nahen Osten. Hier
wickelten Römer, Perser, Araber und Juden ungestört ihre Geschäfte ab, auch
wenn sich anderswo gerade Römer und Perser oder Perser und Araber in den
Haaren lagen. Offiziell gehörte Damaskus zum Ost römischen Reich, Kronkolonie
des Kaisers in Konstantinopel, in Wahrheit aber war die Stadt internationales
Territorium. Die Stadtväter von Damaskus ließen sich von ihrem Kaiser nichts
sagen, und der hütete sich auch, sich mit ihnen anzulegen. Schließlich kamen zwei
Drittel des Wohlstands von Konstantinopel aus Damaskus, und hätte er versucht,
dessen Handelsherren straffer an die Kandare zu legen, wäre dabei nur viel zerstört
worden, aber nichts gewonnen.

So war Damaskus die einzige Stadt des Römischen Reichs, in der nicht einmal
eine Garnison lag.

Als die Truppen des Islam in Syrien einfielen, waren nur zweitausend Mann
römischer Truppen in ganz Syrien stationiert. Schnell wurden aus Konstantinopel
sechzig Galeeren mit fast dreißigtausend Mann Truppen los geschickt, um Syrien
zu halten. Doch zum Oberkommandierenden bestimmte der Kaiser einen
schwarzlockigen Jüngling von dem nicht mehr bekannt war, als dass er die Nacht
zuvor mit seinem Kaiser verbracht hatte, im großen Badezimmer des Palastes.

Mit einer Wasserschlacht wollte dieser Jüngling auch die islamischen Truppen
schlagen. Kaum hatte er die großartigen Bewässerungsanlagen Syriens gesehen,
ließ er die Felder unter Wasser setzen. Nur einen schmalen Landstreifen hielt er
trocken, um mit seinen Truppen nach Damaskus zu kommen.

"Nun sollen die Muslims nach Damaskus schwimmen" sagte er, und mehr wird von
ihm nicht berichtet. Denn die Muslims kamen aus der falschen Richtung trieben
seine Armee über den Landstreifen in die frisch entstandenen Sümpfe und damit
war die römische Oberhoheit in Syrien beendet.

Die Stadtväter von Damaskus kränkten sich nicht sonderlich. Sie waren nüchterne
Geschäftsleute und wussten, dass sie nun mit Konstantinopel nicht mehr zu
rechnen hatten. Um ihre angesammelten Schätze nicht der Gefahr einer
Plünderung auszusetzen, begannen sie sofort mit Übergabeverhandlungen.

Christliche Chronisten haben sich stets geweigert, diese schlichte Tatsache zur

89 von 295 09.09.2010 19:14


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Kenntnis zu nehmen. Dicke Bücher wurden über die heldenhafte Verteidigung von
Damaskus geschrieben, die gar nicht stattfand. Zwar wurde die Stadt fast sechs
Monate lang belagert doch während dieser ganzen Zeit kam es zu keiner einzigen
Kampfhandlung. Nicht einmal Hunger drohte den Eingeschlossenen in den
Speichern lagerten Lebensmittel für fast drei Jahre. Die Kapitulation erfolgte
ausschließlich aus Vernunft und das spricht mehr für die Damaszener, als
sinnloses Heldentum je könnte.

Nur einige Truppenteile des frisch entlassenen Chalid fanden diese kampflose
Übergabe schmählich. Sie hätten zu gerne die reiche Stadt geplündert versuchten
es auch ein bisschen, doch da ließ Omar Halt gebieten: "Mit der Bekehrung von
Damaskus ist der Islam Weltmacht geworden. Gottes Fluch soll den treffen, der
sich am Reichtum dieser Stadt vergreift."

Ein Meister des Arrangements

In Damaskus fand auch in der Folgezeit niemand einen Grund, sich über den Islam
zu beklagen.

"Wir können unsere Feinde besiegen, doch wir können unsere Eroberungen nur
halten, wenn wir unsere Feinde auch überzeugen", verkündete Omar und
verordnete friedliche Koexistenz mit den Christen. Nur die Dschisdscha wurde
ihnen abverlangt, als zwanzigprozentige Kopf- und Grundsteuer für Ungläubige,
dafür wurde ihnen aber volle Religionsfreiheit garantiert.

Und die Hälfte der berühmten Johanneskirche von Damaskus mussten die
Christen abtreten. Für die nächsten siebzig Jahre bot die älteste Kirche der
Christenheit ein seltsames Bild : Gegenüber der christlichen Kanzel stand der
islamische Predigtstuhl, neben dem Altar die Mihrab, die nach Mekka ausgerichtete
Gebetsnische und zur selben Zeit riefen Glocken und Muezzins ihre so
verschiedenen Gläubigen zum Gottesdienst unter ein und demselben Dach.

Natürlich war das weniger Toleranz als Taktik, und die verfehlte ihre Wirkung nicht.
Unter den Christen des Nahen Osten sprach sich schnell herum dass sich mit den
Muslims leben ließe, und bei den nächsten Feldzügen des Islam kamen die Waffen
meist gar nicht mehr zum Einsatz. Ohne nennenswerte Vorfälle besetzte der Islam
im Lauf der nächsten zwei Jahre den Grossteil von Palästina, ganz Libanon und die
Sinai-Halbinsel.

Während dieser Zeit bot der Kaiser in Konstantinopel die größte Armee auf, die sein
Reich bislang gesehen hatte. Aus allen Teilen der damaligen Welt ließ er Söldner
anwerben, und sogar die damals noch heidnischen Bayern schickten hundert
grimmige Krieger in Lederhosen. Zum Oberkommandierenden ernannte er einen
erfahrenen Mann von dem außerdem feststand dass er für Badezimmerspiele
untauglich war: den Kastraten Theodorus.

Zweihundert Galeeren sollten den Völkerhaufen nach Palästina schiffen, doch


bereits der Start verlief katastrophal: Noch im Hafen versanken drei Galeeren mit
Mann und Maus, sechs weitere im Bosporus.

Nur einhundertsechzig Schiffe erreichten das Gelobte Land.

90 von 295 09.09.2010 19:14


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An einem der heißesten Sommertage des Jahres 636 kam es zur Schlacht.

Den Bayern verschlug die Hitze jede Kampfeslust. Sie beschränkten sich darauf,
das eigene Nachschublager zu plündern. Währenddessen blies frischer
Wüstenwind den römischen Soldaten Sand in die Augen. Schon nach kurzer Zeit
endete der grandiose Aufmarsch in zügelloser Flucht. Ob es überhaupt zu einer
Schlacht gekommen war blieb zweifelhaft: Fast alle Toten der Römer waren am
Rücken verletzt, und nicht einmal Theodorus starb den Heldentod - er erhängte sich
an einer Stange seines Kommandozeltes.

Die islamischen Truppen hatten selbst nur dreißig Tote zu beklagen, und Omar
erklärte beim Dankgottesdienst, dank Allahs Hilfe und aufgrund seines
strategischen Geschicks habe er eine tausendfache Übermacht besiegt.
Überflüssig zu sagen dass Omar während dieser ganzen Zeit Medina gar nicht
verlassen hatte. Auf den Weg machte er sich erst, als ihm Sopronius, der Patriarch
von Jerusalem, die Übergabe der Stadt anbot. Ali meinte zwar, auch in diesem Fall
müsse Omar die Strapazen einer Reise nicht auf sich nehmen doch Omar sagte:
"Ich muss meinen Gläubigen mit gutem Beispiel vorangehen und einmal selbst in
den Kampf ziehen."

Dann zog er los mit nur einem Leibwächter und einem Kamel. Zwei Proviantsäcke
hatte er dabei: In dem einen waren Datteln und etwas Reis, in dem anderen ein
Wasserschlauch. Fünf Tagereise vor Jerusalem warteten seine Truppen. Die
staunten nicht schlecht als ihr oberster Kriegsherr daherkam: zu Fuß vor seinem
Kamel. Und auf dem saß der Leibwächter. Er hat schlappgemacht, der Arme
erklärte der Fürst der Gläubigen. Dann ließ er seinen braunen Kaftan erneut flicken
und erwartete die Delegation aus Jerusalem.

Die Übergabeverhandlungen dauerten nur kurz. Schon eine Woche später hielt
Omar seinen Einzug in der Heiligen Stadt, natürlich zu Fuß. Mit von der Partie waren
alle alten Kampfgenossen des Propheten, die den langen Marsch noch schaffen
konnten. Sopronius den Omar in Amt und Würden belassen hatte betätigte sich als
Fremdenführer.

Vor dem ehrwürdigen Gemäuer der Grabeskirche blieb Omar lange stehen.
Betreten wollte er das Heiligtum nicht.

"Dann werden meine Gläubigen verlangen daraus eine Moschee zu machen, und
ich will euch Christen diesen heiligen Platz nicht weg nehmen", meinte er zu
Sopronius.

Da beeilten sich auch die Juden, schnell einen Fremdenführer zu Omar zu


schicken, denn der wollte gerade zur heiligsten Stätte ihrer Religion wandern, dem
Platz des salomonischen Tempels. Auf halbem Weg stieß ihr Oberrabbiner zum
Kalifen. Doch da war es schon zu spät. Omar wollte partout den Stein sehen, auf
dem Abraham einst Isaak opfern sollte.

Der heilige Stein sah nicht gut aus. Christen hatten ihn zentimeterdick mit Kot
eingerieben und ebenso dick schwollen Omars berühmte Zornadern.

"Was habt ihr Juden gegen Abraham?" schrie er.

91 von 295 09.09.2010 19:14


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Vergeblich beteuerte der Rabbiner, hier könne es sich nur um ein christliches
Verbrechen handeln, verübt am heiligsten Stein der Juden. Da Omar zuvor von
Sopronius gehört hatte die Juden hätten sogar einmal in das Heilige Grab gemacht
stand für ihn der Schuldige fest.

Das gesamte Judentum werde ich demütigen schwor er und zog sein Schwert so
heftig dass sich der Rabbiner sofort zum Islam bekehrte. Damit hatte er sein Leben
gerettet, nicht aber den Tempelplatz.

Mit seinem eigenen Kaftan wischte Omar den Stein sauber dann bat er den ersten
Muezzin des Islam, zum Gebet zu rufen. Seit Mohammeds Tod hatte der Alte
geschwiegen, nun zitterte seine Stimme vor Rührung. Allen Gläubigen traten Tränen
in die Augen als Omar den heiligen Platz zur Moschee erklärte, und wie viele Tränen
seitdem darüber vergossen wurden kann nicht geschätzt werden. Dieser kahle
Felsen im Herzen Jerusalems ist der ewige Stein des Anstoßes zwischen Juden
und Muslims beiden gleich heilig und deshalb ein Denkmal religiöser
Unversöhnlichkeit. Denn für die Juden wird er immer Moria heißen und für den
Islam Al Aksah.

Omar aber ritt auf seinem Kamel nach Hause und widmete sich inneren Reformen.
Seihe erste war die Einführung einer Staatspension. Damit schaltete er jede
mögliche Opposition gründlich und wirkungsvoll aus.

Wer sollte von nun an etwas gegen Omar haben? Abbas etwa der Onkel des
Propheten der selbst gerne Kalif geworden wäre? Er bekam eine Jahrespension
von vier Millionen Mark. Jede der acht Witwen des Propheten erhielt
zweihunderttausend Mark Jahresgehalt, Aischa vierzigtausend extra.

Den Veteranen aus der Schlacht von Bedr schlug ihre Treue mit hundert-tausend
Mark pro Jahr zu Buche; wer in Hobaida dabei gewesen war, konnte mit
achtzigtausend rechnen, und selbst die Kampfgenossen der späteren Feldzüge
bekamen fürstliche Ruhegehälter.

Ali hielt dieses Sozialprojekt für nackten Wahnsinn und weigerte sich auch nur
einen Pfennig Pension anzunehmen. Da setzte Omar dessen beide Söhne auf die
Liste der Kämpfer von Bedr. Zwar waren die Kleinen damals noch gar nicht auf der
Welt gewesen, doch Ali schwieg - es sei unter seiner Würde, für Unmündige zu
sprechen.

Natürlich gab es einigen Wirbel In Medina. So hatten sich viele Gläubige Gottes
Lohn nicht vorgestellt zumal sie selbst davon nichts hatten. Um wenigstens in der
Stadt seine Ruhe zu haben ließ Omar öffentliche Speisehäuser errichten, in denen
jeder umsonst so viel essen konnte wie er wollte. Dann stieg er auf die Kanzel der
Moschee und beschwor schreckliche Höllenstrafen auf alle die gegen seine
Entscheidung zu murren wagten.

Sich selbst verschaffte der bescheidene Kalif eine andere Einnahmequelle: Er


erklärte einen kleinen See zu seinem Privateigentum, über den sich islamische
Krieger beim ersten Persienzug sehr gewundert hatten. Statt Wasser sickerte dort
nämlich eine schwarze stinkende Flüssigkeit aus dem Boden. Schon wollten die

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Muslims diese Pfütze für eine Teufelsfalle halten da erklärten ihnen Einheimische,
dass man das Zeug ganz gut in Lampen füllen könne.

Omar hatte davon gehört. Er untersagte Unbefugten das Betreten des Geländes
und ließ das dunkle Nass in Schläuche aus Ziegenleder füllen.

Kurz darauf verkündete er: Damit des Propheten Gebetsanweisungen auch wirklich
befolgt werden solle das früher im stillen Kämmerlein zu verrichtende Gebet der
Fastenzeit ab sofort in den Moscheen stattfinden zur Abendstunde und bei
Beleuchtung. Das Öl für die Lampen würde er gegen geringes Entgelt aus seiner
eigenen Erdölquelle liefern.

Ali spottete: "Willst du dir auch noch mit diesem schmierigen Zeug die Hände
dreckig machen?"

Omar aber sagte: "O Ali, dieses Zeug ist kostbarer als Gold. Es ist ein Geschenk
Allahs und duftet dem Islam wie der Himmel."

Mit dem Wohlstand kommt der Hunger

Weniger Weitblick als beim Erdöl hat Omar bei den Staatspensionen gehabt. Allen
Ernstes hatte er geglaubt, die Bauern Arabiens und des Nahen Ostens würden
gerne und freiwillig die dafür nötigen Kosten aufbringen. Doch diese Rechnung
konnte nicht aufgehen.

An den Bauern war der Islam und erst recht der mit ihm verbundene Wohlstand
vorübergegangen. Der Islam war ein kaufmännischer Konzern gewesen und eine
Religion für Kaufleute geworden. Die Bauern hatten Mohammed nie interessiert
und damit übersah Allah jene, auf die letztlich auch der cleverste Kaufmann
angewiesen ist. Die Lebensmittelversorgung war und blieb der wunde Punkt im
kunstvollen Gebäude des Islam.

Misstrauisch hatten die Bauern beobachtet dass auf dem Basar alles teurer wurde.
Viehhaltung war ihnen von alters her verboten, und die Mieten für Zugtiere stiegen
plötzlich ins Unermessliche. Viele Bauern mussten Kredite aufnehmen, nur um ihre
Felder bestellen zu können und damit kamen sie vollends in die Gewalt der
Kaufleute. Bei Abu Bekrs Tod bereits waren aus dem Oasenland regelrechte Güter
geworden die von ihren ursprünglichen Herren nur noch als Pächter bewirtschaftet
wurden. Und die Pacht betrug die Hälfte der Ernte.

Das konnte nicht gut gehen. Weshalb sollte ein Bauer mehr arbeiten wenn ihm nur
die Hälfte blieb? So verlotterten die Felder und die Wüste fraß sich langsam aber
sicher in das ihr einst abgetrotzte Ackerland.

Und dann kam auch noch die Geschichte mit den Staatspensionen. Über Nacht
entstand ein nagelneuer Geldadel unermesslich reich und damit war Arabiens
Volkswirtschaft reif für das Chaos. Die ungeheuren Geldmengen wirkten wie eine
aufputschende Droge. Eine hektische Bautätigkeit zerstörte die bestgelegenen
Acker und wer bei Omars Goldregen zu kurz gekommen war versuchte durch
höhere Pacht reich zu werden.

Da streikten die Bauern. Im Winter 639 wurde nur noch ein Achtel des gesamten

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Ackerlandes bewirtschaftet. Im Sommer 640 erlebte Arabien die schlimmste


Hungersnot seiner Geschichte. Zwar wurden aus Syrien noch schnell viertausend
Kamelladungen Getreide nach Medina und Mekka geschickt doch als sie ankamen,
war dort auch schon die Pest ausgebrochen. Allein um Medina starben
fünfundzwanzigtausend Menschen.

Da Volkswirtschaft zu Omars Zeiten noch keine Wissenschaft war, kam der Kalif
ungeschoren davon. Die arabische Halbinsel aber erholte sich nie wieder von
dieser Katastrophe. Erst heute versuchen Bewässerungssysteme den damals
entstandenen Schaden wiedergutzumachen.

Nach Omar kam die Wüste, heißt es in Arabien.

Expansion um jeden Preis

In seinem ersten Schreck ließ Omar ein radikales Sparprogramm verkünden so


etwas war schon damals populär. Unter der Devise "Rückkehr zum einfachen
Leben" musste der Statthalter von Kufa seinen besonders prunkvoll geratenen
Neubau-Palast niederbrennen, aber die Probleme des Islam konnten damit
natürlich auch nicht gelöst werden.

Es waren im Grunde Strukturprobleme. Die Entwicklung von einer kaufmännischen


Organisation zu einem Staat hatte das ursprüngliche System des Propheten auf
den Kopf gestellt. Die Gewinne aus dem Handel standen in keinem Verhältnis zu
der Beute und den Tributzahlungen aus den eroberten Gebieten, und so rüsteten
immer mehr Karawanen zu Militärtrupps um. Was sollte man auch handeln, wo sich
genauso gut rauben ließ?

So musste die Politik des Islam zum erklärten Imperialismus werden. Die Grenzen
des Wachstums im Inneren waren schon längst erreicht die Erwartungen aber
hoffnungslos überreizt. Wollte Omar nicht eine Revolution unzufriedener Araber
riskieren mussten fremde Völker die Zeche bezahlen.

Zunächst musste Persien dran glauben. Dort regierte das älteste Herrscherhaus
der Alten Welt, die Sippe der Sassaniden. Sie hatten es geschafft, seit Alexander
dem Grossen ihren Thron zu behaupten. In ihrer Residenzstadt Medain hatten die
Schahs fast ein Jahrtausend lang ungestört Schätze über Schätze häufen können.
Nun saß dort ein junger Mann namens Jesdegir auf dem Thron, und ihm hatte
Omar angekündigt, er werde der letzte Schah der Weltgeschichte sein.

Neuntausend Mann, dachte Omar würden ausreichen, das riesige Perserreich zu


erobern. Er schickte sie über den Euphrat und gab den Befehl, die Brücken hinter
der Armee abzubrechen:

"Wo ein islamischer Soldat steht gibt es kein Zurück."

Auf der anderen Seite des Euphrat aber stand bereits die persische Armee, die
nicht nur das Vierfache größer, sondern auch besser ausgerüstet war. In vorderster
Front schnaubten dreißig Elefanten, die Tanks der Antike.

Omars Feldherr gab Befehl, sich auf die Elefanten zu konzentrieren und ihnen die
Rüssel abzuhauen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und wurde prompt von

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einem aufgeregten Dickhäuter zertrampelt. Damit war die Schlacht entschieden. Die
islamischen Truppen wurden in den Euphrat gedrängt viertausend Mann ertranken
oder wurden erschlagen.

Doch Jesdegir hatte seinen letzten Sieg errungen. Ende Februar 637 kamen die
Muslims wieder, vierzigtausend Mann stark, und diesmal siegten sie an den Ufern
des Euphrat. Nach einer verbissenen, dreitägigen Schlacht musste Jesdegir seine
Truppen zurückziehen. Von nun an flohen die Perser, wo immer islamische
Einheiten in Sicht kamen.

Im April 638 besetzten die Muslims Medain, die tausendjährige Residenzstadt der
Perser, und dabei fiel ihnen der größte Schatz in die Hände der je in der
Weltgeschichte erobert wurde.

Sie gingen nicht zimperlich damit um. Vor dem Tor des Palastes bereits hing ein
riesiger Schleier, aus reinem Gold geweht. Er wurde eingeschmolzen und ergab
Barren im Gesamtgewicht von siebenhundert Kilo. Aus der riesigen Krone die an
schweren Ketten über dem Kaiserthron hing, wurden einhundertzwanzig Kilo
Edelsteine gebrochen aus einem Prunkpanzer über viertausend Diamanten.

Das kostbarste Stück aber war ein Teppich, fünfzehn Meter breit und
einhundertfünfzig Meter lang. Er hieß "Teppich der Weinlese", war uralt und überaus
haltbar. sein Grundmaterial war massives Gold, darauf leuchteten Blumen aus
Edelsteinen und alle Städte des persischen Reiches, aus Diamanten und Perlen
gebildet. Omar hätte ihn gerne in seinem eigenen Haushalt gesehen doch
sicherheitshalber fragte er Ali ob er was dagegen habe.

"Kannst du ihn in dein Grab mitnehmen?" meinte Ali.

Da ließ Omar dieses einmalige Kunstwerk zerhacken und zur übrigen Beute legen.
Die war so groß dass allein das Prophetenfünftel neunhundert Kamelladungen
betrug.

Einige Edelsteine wurden später nach Konstantinopel verkauft und dort noch später
von Venezianern geraubt. Sie wurden zum kostbarsten Altar des Christentums
verarbeitet der Palad´oro in der Markuskirche von Venedig, und dort funkeln sie
heute noch ein letzter Glanz des berühmtesten Teppichs der Weltgeschichte.

Einige Muslims aber wurden ihrer Beute nicht froh: Sie hatten die Speicher des
Palastes geplündert, dabei einige Säcke mit Kampfer gefunden und sie für Salz
gehalten. Das war natürlich eine tödliche Verwechslung.

Schah Jesdegir aber verlor nicht nur seine Residenzstadt, sondern auch sein
Reich. Eine Provinz nach der anderen fiel den Muslims in die Hände, und Jesdegir
endete erbärmlich als Straßenbettler. Im Jahr 651 wurde der letzte Sassanide zu
Chorasan von einem Müller erschlagen, den er um eine Schale Weizen gebeten
hatte.

Es kam zu einer kleinen Gerichtsverhandlung gegen den Müller, und dabei stellte
sich die Identität seines Opfers heraus.

Da sagte der Müller: "Und wer weint um ihn?"

95 von 295 09.09.2010 19:14


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Der Geist wird verbannt

Gleichzeitig mit den persischen Eroberungen ging auch der Krieg gegen das
Oströmische Reich weiter. Ist es schon erstaunlich, dass da urplötzlich in der
Wüste eine Macht entstanden war, so wird für immer unbegreiflich bleiben, dass es
dieser Macht auch gelang, in kürzester Zeit die am höchsten zivilisierten Staaten der
damaligen Welt in die Knie zu zwingen.

Das Oströmische Reich war der legitime Erbe der alten Römer. In Italien hatten die
Germanen gehaust und das war der Halbinsel nicht gut bekommen. Nun waren
dort zwar schon wieder seit einem Jahrhundert römische Truppen stationiert, doch
von der alten Pracht Roms war nicht viel geblieben. "Hauptstadt der Welt" war
unangefochten Konstantinopel und mit dieser strahlenden Metropole konnten sich
nur noch zwei Städte messen: Damaskus, der alte Handelsplatz, und Alexandria,
das Tor zur Kornkammer der Alten Welt der Hafen Ägyptens.

Für Konstantinopel war Alexandria lebenswichtig: Dreiviertel seines gesamten


Getreidebedarfs wurden in Alexandria verladen und seit dem Fall von Damaskus
über diesen Hafen auch nahezu der gesamte Außenhandel abgewickelt.
Dementsprechend stark war die Stadt befestigt, und nie wurde sie im Verlauf ihrer
langen Geschichte mit Waffengewalt eingenommen. Doch ebenso kostbar war das
Hinterland, das Delta und der lange Lauf des Nils, die üppigsten Felder der Erde.

Genau dorthin marschierten nun die Armeen des Islam.

"Es fehlt uns an Brot, also müssen wir welches holen", hatte Omar verkündet, und
während in Arabien Zehntausende an Hunger starben, fielen 15.000 Mann
arabischer Truppen im Niltal ein. Im Juli 640 schlugen sie bei Heliopolis eine
römische Armee, und damit beherrschten sie den gesamten Nil bis zum Delta.

In Alexandria residierte als Patriarch und römischer Statthalter Kyros, ein betagter
Herr. In den Anfangstagen des Islam war er ein wichtiger Geschäft-spartner
Mohammeds gewesen, und der Prophet hatte ihn sogar einmal nach Mekka
eingeladen. Kyros war nicht gekommen, und nun kam der Islam zu ihm. Der alte
Herr schrieb einen Brief an seinen Kaiser in Konstantinopel:

"Nach allen bisherigen Erfahrungen mit dem Islam muss ich fest stellen, er ist ein
Kreuz, von Gott gesandt. So lasset uns dieses Länder dem Halbmond übergeben."

Der Brief erreichte seinen Adressaten nicht mehr. Am 11. Februar 641 starb in
Konstantinopel Kaiser Heraklios. Eineinhalb Jahre lang wurde darüber gestritten,
wer nun Kaiser werden solle, und Kyros saß in Alexandria auf verlorenem Posten
und wartete auf Antwort. An einem Septembertag des Jahres 642 schließlich
schrieb Kyros eine formlose Kapitulationserklärung, bestieg einen Esel und trabte
auf diesem quer durch die islamischen Linien Richtung Sinai. Dort bezog er eine
Einsiedelei, schrieb bis an sein Lebens-ende Tiefsinniges über die Verwandtschaft
zwischen Gott und Allah, und daher wird sein Grab noch heute sowohl von
christlichen als auch islamischen Pilgern besucht.

Da Alexandria ohne Schwertstreich erobert wurde, kamen seine Bewohner


glimpflich davon. Sie mussten nur einen gehörigen Tribut zahlen, durften aber ihr

96 von 295 09.09.2010 19:14


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Eigentum behalten.

Das römische Staatseigentum aber wurde zur Beute erklärt, und damit erlitt die
abendländische Kultur wohl den schlimmsten Verlust ihrer Geschichte: In
Alexandria befand sich nämlich die Bibliothek der Ptolemäer.

Die frühen Christen waren, alles in allem, ausgesprochene Büchermuffel. Was


nicht als christliche Literatur galt, wurde vernichtet. Die "Grosse Bibliothek" in
Konstantinopel umfasste nur zweihundert Bände. In Alexandria aber lagerte das
gesamte Wissen der Antike. Die alten Ptolemäer waren ausgesprochene
Bücherwürmer, und als prunkvollstes Denkmal ihrer Regierung galt die "Grosse
Bibliothek".

Selbst Kleopatra hatte zwischen ihren Liebesaffären Zeit gefunden, der Bibliothek
siebzehntausend Handschriften zu spendieren, und das letzte Inventarverzeichnis
der Bücherburg steht noch heute in der Geschichte konkurrenzlos da: neuneinhalb
Millionen Bücher alle von Hand geschrieben.

Sämtliche Werke aller griechischen Philosophen und Dichter waren vorhanden, die
römische Literatur komplett, aber auch Wörterbücher, mit deren Hilfe heute
sämtliche unentzifferbaren Inschriften der Antike mühelos übersetzt werden
könnten, indische und sogar chinesische Literatur.

Allahs Soldaten gerieten vor diesem Bücherberg in Verlegenheit. Sie schickten


einen Kurier nach Medina, was sie damit tun sollten. Omars Antwort war kurz: "Nur
was der Prophet gesagt hat, ist interessant." Die nächsten sechs Monate wurden
die Badeöfen von Alexandria mit dem Wissen der Antike geheizt. Nur etwa
zweihundert Bücher entgingen der Verbrennung.

Später hat diese Barbarei auch Arabern leid getan. Im Jahre 1972 entstand in Kairo
eine Doktorarbeit mit dem Titel: Wie wäre die Kulturgeschichte der Menschheit ohne
die Bücherverbrennungen von Alexandria verlaufen?

Mit Dolch und Tücke

Mit der Eroberung von Persien und Ägypten war der Islam die absolute Weltmacht
geworden, doch gleichzeitig ein Koloss auf tönernen Füssen. Zwanzig Jahre waren
seit der Hidschra vergangen zehn seit dem Tod des Propheten. Nun standen
arabische Truppen im Kaukasus am Nil, am Mittelmeer und sogar an den Ufern
des Indus. Dagegen verblasste sogar das einstige Weltreich der Römer. Araber
hatten sich wahrlich die Erde untertan gemacht, und die ganze glorreiche
Geschichte hatte nur einen Schönheits-fehler: Arabien selbst war nahezu entvölkert.
Das wirtschaftliche Gefüge der Halbinsel war zusammengebrochen, seit einigen
Jahren wurde nur noch von Beute gelebt.

Omar, der diese Entwicklung auf dem Gewissen hatte schien sie gar nicht zur
Kenntnis zu nehmen. Er residierte in Medina eher wie ein Wüstenscheich, und je
größer das Reich wurde, desto lieber befasste er sich mit Kleinigkeiten.

Für die Verwaltung des großen Reiches hatte er einen Diwan eingesetzt. Dieses
Wort stammt aus dem Persischen und bedeutet: Versammlung von Geistern, und
tatsächlich blieb der Diwan geisterhaft. Wer im Staatsrat saß und wer wofür

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zuständig war, blieb ein Geheimnis. Der Diwan blieb anonym, und das war sogar
von Vorteil: Unerkannt konnten seine Mitglieder das Reich kontrollieren und
niemand konnte sie bestechen. Wer als Mitglied des Diwan bekannt wurde, musste
seinen Platz räumen, und damit kann Omar ruhig als der Vater des Geheim-
Kabinetts gelten.

Omar blieb genug Zeit, sich mit seinem Hobby zu befassen den
Rechtsstreitigkeiten kleiner Leute. Und das fünf Tage in der Woche - der Freitag
gehörte traditionsgemäß dem Gebet, und nur der Samstag war Angelegenheiten
des Riesenreiches reserviert. Von Sonntag bis Donnerstag war der Kalif
Distriktrichter. Nicht immer verhielt er sich dabei diplomatisch. Da kam einmal ein
persischer Sklave zu ihm und klagte: Sein Gutsherr verlangte zuviel Pacht.

Omar fragte: "Was ist dein Beruf?" ,Tischler, Schlosser und Anstreicher, antwortete
Lulu.

Wenn du so viel kannst, kannst du auch höhere Pacht bezahlen," entschied Omar.

Lulu grollte natürlich. Einige Tage später, am 3. November 644 betete Omar gerade
in der Moschee, als Lulu wieder auf ihn zukam. Diesmal hatte der Sklave einen
Dolch in der Hand.

Einige Sekunden später war Lulu erschlagen, doch auch Omar hatte drei
Dolchstiche abbekommen. Zunächst erschienen die Verletzungen harmlos, zumal
Omar noch das Gebet zu Ende sprach. Beim Verlassen der Moschee aber brach
der Kalif zusammen: "Der Kerl hat mich umgebracht. Gott sei Dank war's kein
Muslim."

Die Verletzungen waren vielleicht noch nicht einmal tödlich, doch nach zwei Tagen
kam Wundfieber hinzu. Trotz ständiger Bitten seiner Freunde weigerte sich der
Sterbende einen Nachfolger zu ernennen. Er hatte andere Sorgen: Jeder musste
ihm schriftlich geben, dass Omar ein gerechter Kalif gewesen sei, und diese
Urkunden sollten in seinen Sarg gelegt werden, als Entlastungspapiere vor Allah.
Am siebten Tag nach dem Attentat ernannte er endlich ein sechsköpfiges
Wahlkomitee und sagte mit brechender Stimme: "Wählt Ali oder Osman oder sonst
wen. Mir ist's egal."

Damit starb er, und diese allerletzte Wurstigkeit hätte beinahe auch dem Islam das
Leben gekostet. Denn die Alternative Ali oder Osman bedeutete nicht nur eine
Entscheidung zwischen zwei grundverschiedenen Persönlichkeiten, sondern auch
zwischen zwei Systemen und, was in Arabien stets gefährlichen Konfliktstoff birgt,
zwischen zwei Stämmen. Zwar waren sowohl Ali als auch Osman Koreischiten
doch Ali war seit Mohammeds Tod Boss der Haschemiten, des ärmeren Zweiges
der Gruppe, während Osman zur steinreichen, hochnoblen Sippe der Omajaden
gehörte. Und beide Kandidaten hatten etwa gleichviel Anhänger.

Es war mehr Qual als Wahl, was sich da im Wahlkomitee ab spielte. Die erste
Sitzung der Sechs endete damit, dass sich das Komitee für unfähig erklärte, zumal
Osman und Ali selbst drin saßen und dabei sich keine Stimme geben durften. Die
zweite Sitzung endete damit dass Abd-el-Rachman der einzige den alle für
halbwegs neutral hielten, damit beauftragt wurde, im Alleingang die Entscheidung

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zu fällen. Damit ging das Gemauschele los. Es endete nach fünf Tagen damit dass
Abd-el-Rachman einen Ministerposten von Osman versprochen bekam und Osman
Kalif wurde, während Ali sich wieder übertölpelt fühlte.

Der Beau des Propheten

Nicht einmal darüber wie Osmans Name zu schreiben sei konnten sich die
Historiker einig werden. Der dritte Nachfolger des Propheten machte es ihnen aber
auch schwer: das "O" seines Namens gehört eigentlich wie "ou" gesprochen, und
das "S" könnten am ehesten Lispler hinkriegen. Daher schwankt die Schreibweise
zwischen Osman, Othman und Outhman bis Uthman. Und das Charakterbild des
Mannes mit diesem komplizierten Namen noch mehr.

Einig sind sich alle nur darüber, dass Osman von Haus aus sehr begütert und
überdies sein Leben lang ein schöner Mann war. Sein gepflegter Bart reichte bis
zum Ellbogen, und nie zeigte er sich ohne makelloses Make-up in der Öffentlichkeit.
An Mohammed hatte er sich verhältnismäßig früh angeschlossen, und das Geld
des verwöhnten Hocharistokraten hatte dem Propheten so geholfen dass dieser
nacheinander zwei Töchter seinem Finanzier verehelichte.

Doch Osmans Verdienste um den Islam erschöpften sich mit dessen Finanzierung
- an keiner einzigen Kampfhandlung hatte er je teilgenommen. Mohammed selbst
musste ihn einmal dafür entschuldigen: Osman sei so schön, dass es ein Jammer
sei, ihn einer Gefahr auszusetzen, und so schüchtern, dass er auch gar nicht auf
das Schlachtfeld passe.

Das mit der Schüchternheit schien allerdings nicht zu stimmen. Wenn es darum
ging, Verwandten oder Freunden Vorteile zu verschaffen, kannte Osman überhaupt
keine Scheu und schon lange ehe er Kalif wurde, galt er als Unverschämter
Intrigant. Mit dem Pfund, das er einst dem Propheten gepumpt hatte, verstand er
ganz gut zu wuchern: in aller Stille war er Arabiens reichster Großgrundbesitzer
geworden, und ebenso unauffällig hatte er den einst genossenschaftlich
betriebenen Außenhandel des Islam, sobald dieser Staat wurde, zu seinem
Privatunternehmen gemacht.

An Einfluss fehlte es Osman also keinesfalls, als er Kalif wurde, wohl aber, meinten
einige, an Verstand. Osman kann sich mit Schmuckstücken behängen, aber er wird
keinen Freund finden, der an ihm hängt, hatte einst Abbas gesagt.

Doch als Osman Kalif wurde, gönnte ihm auch Abbas diese Würde: Omars Tod war
für nahezu alle eroberten Gebiete das Signal gewesen, sich gegen die Herrschaft
des Islam zu erheben. In Persien formierte sich eine Guerillabewegung in
Damaskus und Alexandrien kam es zum Aufstand, Jemen und Palästina erklärten
sich für unabhängig - das Riesenreich schien jämmerlich auseinander zubrechen
und aus Konstantinopel wurde ein Heer losgeschickt, den Muslims den Rest zu
geben.

In Medina hatte Osman auf sein Siegel die Worte setzen lassen: "Allahs Gnade leite
und nähre mich" aber selbst dort fanden die Gläubigen, der Kalif sei von Gott und
allen guten Geistern verlassen. Gleich bei seiner Antrittsrede, auf der Kanzel des
Propheten hatte er sich eine Stufe höher gestellt, als Mohammed je gesessen hatte

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und musste unter dem Protest der Gläubigen herabsteigen. Dann ernannte er
einen erfahrenen General zum Gouverneur der neuen Verwaltungseinheit Kufa an
der Euphratmündung - doch der fiel in der Moschee betrunken von der Kanzel. Den
Statthalterposten im ohnedies unruhigen Jemen vergab er irrtümlich gleich dreimal,
innerhalb eines einzigen Monats. Hätte nicht noch Omars Diwan regiert, wäre dies
das Ende des Islam gewesen.

Osman aber wusste nicht einmal wer in diesem geheimen Rat saß, und so liefen
die Regierungsgeschäfte noch zwei Jahre, ohne dass der Kalif etwas dazu tun
konnte. Deshalb blieben auch die Armeen in den eroberten Gebieten intakt, und
nach eineinhalb Jahren waren sämtliche Aufstandsbewegungen
niedergeschlagen.

Natürlich hatte Osman selbst neue Generäle ernannt, ausnahmslos Vettern und
Neffen, und sie waren auch alle aus Medina losgezogen. Gleich außerhalb der
Stadtgrenzen wurden sie von Kurieren des Diwan abgefangen: Bei allem Respekt
vor dem Kalifen möchte der Geheime Rat doch vorschlagen, dass die frisch
gebackenen Heerführer die Schlachtfelder erst nach Abschluss aller
Kampfhandlungen aufsuchen. Bis dahin stünden ihnen komfortable Paläste samt
reizvollen Sklavinnen zu unbeschränkter Verfügung... Keiner lehnte ab, und so
versickerte Omars Generalstab in gut verborgenen Wüstenpalästen.

Es ist eine Groteske der Weltgeschichte, dass der Kalif zwei Jahre lang seine
Regierung gar nicht kannte, dass Osman zwei Jahre lang auch nicht einmal merkte,
dass nahezu sämtliche seiner Erlässe durchkreuzt wurden. Osman fiel aus allen
Wolken, als eines Tages neun würdige Männer vor ihn traten, die er zwar vom
Gesicht her kannte, mit denen er aber nie gesprochen hatte.

Nun hielt der Älteste von ihnen eine kurze Ansprache: "Verzeih uns, Fürst und
Alleinherrscher aller Gläubigen, dass wir gemäss den Befehlen Omars zwei Jahre
lang regiert haben. Wir glauben, nun unsere Pflicht getan zu haben und übergeben
dir hiermit das Reich des Islam."

Osman dankte ihnen nicht. Den Ältesten ließ er hinrichten, die anderen in die
Verbannung schicken, und wir wissen nicht einmal die Namen der Retter des
Islam.

Vetternwirtschaft

Sofort setzte Osman einen neuen Diwan ein, und wer darin saß, blieb nicht lange
geheim: lauter Verwandte des Kalifen. Nur der Vorsitzende war nicht mit dem
Kalifen verwandt. Er hieß Merwan, und der damals schon siebzig-jährige Osman,
Gatte von sieben Frauen, pries Merwans verlängertes Rückenende in einem langen
Gedicht. Kürzer und prosaischer beschrieb Ali das übrige: "Ein Haufen Scheiße,
Verlogenheit und Korruption."

Amru Ben Aass fand, Alihabe da höflich untertrieben.

Doch Amru war aus persönlichen Gründen befangen: Obwohl er mit einer
Schwester Osmans verheiratet war, hatte ihn Merwan von seinem Statthalterposten
in Ägypten abgesetzt. In seinem ersten Zorn ließ sich Amru scheiden, dann

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besprach er sich mit seinen Freunden, daraufhin brach ein Aufstand aus.

Merwan aber hatte nicht nur einen neuen Statthalter nach Alexandria geschickt,
sondern auch eine neue Armee. Nach zwei Wochen bereits steckten die Köpfe der
Aufrührer auf den Zinnen der Stadt. Nur der Amrus fehlte: Der Rädelsführer war
rechtzeitig nach Medina gereist und hatte sich dort ausgerechnet mit Merwan
angefreundet. Dafür bekam er einen neuen Statthalterposten in Persien und bereits
nach einem halben Jahr war dabei sein Privatvermögen um eine halbe Million Mark
gewachsen.

Auch für Merwan machte sich die Geschichte bezahlt: Die von ihm nach Ägypten
geschickte Armee hielt sich dort nicht lange auf, sondern eroberte nach und nach
die afrikanische Mittelmeerküste bis Tunesien. Dabei fielen einige reiche
Römerstädte in ihre Hände, und insgesamt wurden eineinhalb Milliarden Mark
Beutegelder nach Medina geschickt. Osman fand, dieser Goldregen sei gerade das
passende Geschenk für Merwan. Ohne sich mit den Verwaltern der Staatskasse
auch nur zu beraten schenkte er seinem Günstling den größten Barbetrag aller
Zeiten.

Das machte natürlich böses Blut in Medina, und es ist ein Wunder, dass es nicht
gleich zum Aufstand kam. Doch die beispiellose Siegeswelle des Islam schien
sämtliche Gesetze politischer Psychologie auf den Kopf gestellt zu haben. Die
letzten zwanzig Jahre waren ein einziger Triumph des Propheten gewesen, und in
diesem Rausch ging sämtliche Kritik unter. Unter normalen Umständen und erst
recht in der pluralistischen Stammesgesellschaft der Araber wäre Osman seines
Thrones vom ersten Fehler an nicht mehr sicher gewesen, doch er hatte zusätzlich
noch das Glück, dass sein Vorgänger Omar die Macht des Kalifates so gefestigt
hatte, dass auch wahnwitzige Entscheidungen als Gottes Ratschluss unantastbar
blieben. So konnte Osman den Islam sechs Jahre lang unangefochten
verschleudern - solange Siegesmeldungen hereinkamen, konnte die Sache gut
gehen.

Und die Siegesmeldungen kamen: Im Jahr 650 wehte die grüne Fahne des
Propheten auch im Mittelmeer. Zypern wurde erobert, Malta und Kreta geplündert
und schließlich fiel auch der wichtigste Flottenstützpunkt Konstantinopels die Insel
Rhodos.

Die Welt erlitt bei dieser Gelegenheit einen unersetzlichen Verlust. In der
Hafeneinfahrt stand seit der Antike eine riesige Statue des Sonnengottes. Zwischen
ihren gespreizten Beinen spielte sich der gesamte Schiffsverkehr ab, und die rechte
Hand diente als Leuchtturm. Der "Koloss von Rhodos" galt als Weltwunder, zu
Recht denn eine größere Freiplastik wurde nie wieder gebaut. Auch seine
ähnlichen Zwecken dienende Schwester, die Freiheitsstatue im Hafen von New
York hätte neben ihm wie ein zierliches Mädchen gewirkt - ihr hoch gereckter Arm
hätte ihm nicht einmal einen Kinnhaken geben können. Allerdings hatte der alte
Sonnengott andere Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Bei einem Erdbeben
war er einmal ins Meer gestürzt doch die römischen Kaiser ließen ihn
wiederherstellen. Dann wollten ihm die Christen an die Kehle. Doch als sie mit
Kränen und Brechstangen anrückten, war dem heidnischen Symbol in wunderbarer
Weise ein Kreuz auf der Stirn gewachsen.

101 von 295 09.09.2010 19:14


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Vor den Muslims konnte ihn nichts mehr retten. In vierwöchiger Schwerarbeit wurde
das Weltwunder verschrottet, seine Trümmer auf Schiffe verladen und
anschließend auf neunhundert Kamelen kreuz und quer durch Arabien geschleppt -
als Beweis für den Sieg über die antike Kultur. Bei dieser Gelegenheit wurde so viel
geklaut dass nur noch achtzig Kamelladungen Blech in Medina eintrafen. Sie
wurden eingeschmolzen und krönen heute als Kuppel das Grab des Propheten.

Denn Osman war nebenbei auch ein leidenschaftlicher Bauherr. Er ließ den Platz
um die Kaaba in Mekka ausbauen und gestaltete die Grosse Moschee in Medina so
üppig, dass kein Gläubiger mehr das erste Gebetshaus des Islam wiedererkannte.

Außerdem aber ernannte er seinen Cousin Muawia zum Statthalter von Syrien, und
damit war die Schonzeit für den Kalifen endgültig abgelaufen.

Als erster legte sich Abd-el-Rachman mit ihm an, der Osman zum Kalifen gemacht
hatte, aber nicht Minister geworden war.

In der Moschee stellte er den Kalifen zur Rede: "Du hast den Islam genau zu dem
gemacht, wogegen er gegründet wurde."

"Daran bist du allein schuld," antwortete Osman. "Warum hast du mich zum Kalifen
gemacht?"

Diese Frechheit giftete Abd-el-Rachman so sehr, dass ihn der Schlag traf.

Diese Geschichte sprach sich herum und noch mehr das Missgeschick, dass
Osman den Ring des Propheten verloren hatte. Osman trug stets mindestens
fünfzehn Ringe an seinen Fingern. Als er sich einmal wusch, fiel ihm der
unscheinbarste in den Brunnen ein schlichter Silberreif mit der eingravierten
Inschrift "Mohammed, Prophet Gottes". Mohammed hatte ihn nach der Schlacht von
Bedr anfertigen lassen, und Abu Bekr und Omar hatten ihn später getragen, so
dass er zum Symbol des Kalifats wurde. Obwohl Osman sofort den Brunnen
aufgraben ließ, wurde der Ring nicht mehr gefunden.

Tags darauf stand mit grüner Farbe an der Wand der Moschee:

"Allah hat den Ring zurückgeholt, weil Osman seiner unwürdig ist." Und von diesem
Augenblick an gingen sämtliche Vorbeter, die Geistlichkeit des Islam, in Opposition
zum Kalifen.

Zusätzlichen Ärger schaffte auch noch Muawia, Osmans Cousin und Statthalter in
Syrien. Für die alten Kämpfer des Islam musste seine Ernennung eine Provokation
sein - zu Lebzeiten des Propheten hatte sich Muawia als einer seiner wildesten
Gegner einen Namen gemacht, und nun war er Gouverneur der reichsten Provinz.
Als solcher sorgte er dafür, dass Syrien nicht sehr reich blieb. So unverschämt
beutete er das Land aus, dass er binnen kurzer Zeit ein Achtel des Landes als
Privatvermögen verbuchen konnte. Vergeblich hielten ihm alte Muslims einen
Ausspruch des Propheten vor: "Wer Gold und Silber rafft und dieses nicht im Sinn
Gottes verwendet, soll in der Hölle braten (9. Sure, 5. Vers). Muawia meinte nur: Das
gelte nur für Christen und Juden, aber nicht für Muslims. Und Osman ergriff
natürlich auch Partei. Für Muawia.

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Die Nachwelt verdankt dieser Geschichte immerhin die Endfassung des Koran.
Denn Osman ließ nun alle Aussprüche des Propheten noch einmal katalogisieren
und in einer Ausgabe vereinigen. Was sonst noch an Schriftlichem vorhanden war,
wurde verbrannt.

Das System, nach dem der Koran geordnet wurde ist etwas eigenartig: Osman
begann mit den längsten Reden des Propheten, und so ergab sich weder eine
thematische Ordnung noch eine chronologische. Ausschlaggebend war nur die
Wortzahl der einzelnen Kapitel, die in der Fachsprache des Islam Spuren heißen.
So kommt es, dass die ersten Äußerungen Mohammeds heute die Schlusskapitel
des Korans sind und seine letzten die ersten.

Der Kalif wird gekillt

Auch der Koran konnte Osman nicht mehr retten. In nahezu allen Moscheen des
weiten Reiches wurde der Kalif nun offen kritisiert, und was noch schlimmer war:
Ganze Truppeneinheiten verweigerten den Gehorsam.

Osman berief eine Konferenz sämtlicher Statthalter ein. Einziger Punkt der
Tagesordnung: Wiederherstellung der Autorität des Kalifen. Es gab ebenso viele
Ratschläge wie Teilnehmer. Einer riet, neue Feldzüge anzusetzen. Der andere
empfahl höhere Besoldungen, der dritte Niederschlagung der Aufstände mit
Gewalt, und Muawia meinte, Osman sollte sich keine Sorge machen und den
Statthaltern freie Hand gewähren.

Osman tat das alles und nichts. Die Folge war ein noch größeres Chaos. Sämtliche
Garnisonen an der Euphratmündung traten in den Ausstand, und auch die
ägyptische Armee empörte sich. Osman weigerte sich, mit den Aufrührern zu
verhandeln. Daraufhin beschlossen die Truppen von Kufa, Basra und Fostat in
Ägypten, den Kalifen in Medina zu besuchen um ein ernstes Wort mit ihm zu reden.

Das war im Januar des Jahres 656. Bereits im Februar lagerten mehr als
zehntausend Unzufriedene um Medina. Die Stadt geriet in Panik und fürchtete dass
die Aufrührer vielleicht den Basar plündern könnten. Die Bürgerschaft wählte Ali zu
ihrem Sprecher.

Ali ging zu Osman: Er sei bereit zwischen dem Kalifen und den Aufständischen zu
vermitteln wenn Osman sich öffentlich in der Moschee für seine bisherige Politik
entschuldige. Noch am gleichen Tag bestieg Osman die Kanzel und hielt eine
lange, tränen reiche Entschuldigungsrede, die auch die Bürger von Medina und die
Anführer des Aufstandes rührte. Der Friede schien wie der greifbar nahe.

Doch am Abend dieses Tages besprach sich Osman mit Merwan, und am
nächsten Tag verkündete der Kalif von derselben Kanzel den Widerruf seiner
Entschuldigung.

Daraufhin rückten die Aufständischen in die Stadt ein, und die Bürger von Medina
verbündeten sich mit ihnen.

Noch einmal versuchte Ali zu vermitteln. Er versprach jedem Aufständischen der


freiwillig nach Hause gehen wollte, fünftausend Mark aus der Staatskasse.

103 von 295 09.09.2010 19:14


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Das wirkte: Nur dreihundert Aufrührer blieben in Medina, ausnahmslos Truppen


aus Ägypten. Sie wollten kein Geld, sondern einen neuen Kommandanten,
Mohammed, den Sohn Abu Bekrs.

Am nächsten Morgen bekamen sie ihren Willen. Feierlich unter zeichnete Osman
die Ernennungsurkunde, und damit zog Mohammed samt den nun wieder
gehorsamen Truppen in Richtung Ägypten.

Schon zwei Tagreisen später überholte sie ein eiliger Sklave. Er solle zum
Statthalter von Ägypten.

"Der bin ich", sagte Mohammed. "Was sollst du ausrichten?" Der Sklave stotterte,
und daraufhin ließ ihn Mohammed Ben Bekr durchsuchen. Es fand sich ein Brief
mit dem Siegel des Kalifen: "An den alten und rechtmäßigen Statthalter des Islam
zu Ägypten. Sobald Mohammed Ben Bekr in dein Land kommt, lass ihn einfach
umbringen. Meinen Segen hast du".

Die Truppen kehrten auf der Stelle um. In Medina gab sich der Kalif erstaunt: Er
kenne diesen Brief nicht. Da müsse jemand sein Siegel missbraucht haben.

"Dann liefere uns den Merwan aus", forderte Mohammed Ben Bekr. "Er ist der
einzige, der sonst noch dein Siegel hat."

Osman weigerte sich: "Merwan ist die Würde meines Kalifats."

Daraufhin beschloss Mohammed Ben Bekr, mit seinen Truppen so lange vor
Osmans Palast zu warten, bis der Kalif sich's anders überlegt hatte.

Er blieb nicht lange allein. Auch aus Basra und Kufa kamen Aufständische - sie
hatten von der Geschichte gehört und wollten nun endlich Taten sehen.

Von nun an wurde der Kalif in seinem Palast belagert. Sooft er sich an einem
Fenster zeigte, flogen Steine hoch, und schließlich wurde ihm sogar die
Wasserleitung abgegraben.

Ali versuchte noch einige Male zu vermitteln. Osman weigerte sich nach wie vor,
Merwan zu entlassen: "Ein Kalif ist nicht erpressbar." Er weigerte sich auch, eine
Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten, obwohl er als Pilger ungefährdet seinen Palast
hätte verlassen können. Osman wollte die Katastrophe.

Und sie kam. Nach vierwöchiger Belagerung sprach sich herum, dass Muawia aus
Syrien ein Heer gegen die Aufständischen schicken würde. Die Aufrührer
entschlossen sich zu handeln.

Am Freitag, dem 18. Juni 656, stürmten sie den Palast.

Osman saß mit seiner Frau im Empfangsraum, anscheinend unansprechbar in die


Lektüre des Koran vertieft. Es wollte aber auch niemand mehr mit ihm reden.
Schweigend umstellten die Aufständischen den Kalifen, während aus den anderen
Räumen des Palastes bereits die Möbel auf die Strasse geworfen wurden. Eine
halbe Stunde später durften Neugierige aus Medina den Palast betreten. Der Kalif

104 von 295 09.09.2010 19:14


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war über den ganzen Empfangsraum verteilt seine Eingeweide lagen auf dem Bett
eine Hälfte seines Kopfes lag neben dem Gebetpult, die andere auf der
Fensterbrüstung. Hände, Füße, Arme und Beine waren zu einem bizarren Haufen
geschichtet und an das Glied des alten Herrn hatte ein Witzbold den Siegelring mit
der Aufschrift "Gott leite mich" gesteckt.

Kapitel 6.
Der Krieg der lustigen Witwe

105 von 295 09.09.2010 19:14


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Der verkommene Islam

Osmans Ermordung und ihre Vorgeschichte waren die letzten, alarmierendsten


Anzeichen dafür, dass etwas faul war in der Gründung des Propheten. Seither
zerbrechen sich Moral- und Geschichtsphilosophen die Köpfe darüber, was denn
und wann denn der Sündenfall des Islam gewesen sei.

Jede Religion hat einmal anders angefangen. Wäre beispielsweise das


Christentum stets so gewesen, wie es die Jahrhunderte abendländischer
Geschichte geprägt hat die römischen Cäsaren hätten absolut keinen Grund
gehabt, Christenverfolgungen zu veranstalten. Eine frömmere Untertanenfabrik
hätten sie sich doch gar nicht wünschen können.

Doch das Christentum war zunächst eine revolutionäre Bewegung. Jesus als
historische Figur war ein Revolutionär, standrechtlich hingerichtet im römisch
besetzten Palästina. Er hatte zumindest Kontakte zu den Essenern, der
nationalistischen Guerillabewegung jener Zeit, wenn er nicht gar dazugehörte.
Der ehemalige Zimmermann zog als Agitator der Gewaltlosigkeit durch Galiläa
wie später Mahatma Gandhi durch Indien, aber er hatte weniger Erfolg als
Gandhi: Er wurde geschnappt und knapp vor dem Pessach-Fest hingerichtet.
Gleich Zeitig mit ihm wurde ein anderer prominenter Guerilla gefasst: Bar Abbas,
und der dürfte beliebter gewesen sein jedenfalls verlangte das Volk seine
Begnadigung, und Jesus musste sterben.

Dann wurde Jesus zum Symbol für alle Unterdrückten des römischen
Imperiums. Von allen Gruppierungen des Riesenreichs waren die Christen
extreme Linke. In allen Erlassen der Cäsaren wurden sie als Radikale
bezeichnet und als Anarchisten Jesus hatte doch gesagt, sein Reich sei nicht
von dieser Welt, und daher hatte es auf ihr auch kein Reich zu geben. Und
zumindest Roms Bevölkerung hielt die Christen auch für Terroristen: Sie glaubte
Nero, als er denen die Schuld am Rande Roms zuschob, wie auch später die
Deutschen Göring glaubten, dass die Kommunisten den Reichstag eingeäschert
hätten.

Erst nach Jahrhunderten arrangierte sich das Christentum mit der Staatsmacht,
unter Kaiser Konstantin, und noch viel später wurde es offizielle Staatsreligion,
nach dem Motto: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist.
Doch sollte Jesus diesen Satz je gesagt haben, dachte er mit Sicherheit nicht an
Kirchensteuer und Militärgottesdienste.

Der Sündenfall des Christentums war die bedingungslose Ehe mit dem Staat.
Kaiser und Kirche wurden fett dabei, doch die Welt zum Lotterbett dieser
lasterhaften Verbindung - christliche Moral als kritische Instanz gegen
Auswüchse der Staatsmacht fand nicht statt, und daher mussten sich später
sämtliche revolutionäre Bewegungen gegen die Kirche des einstigen
Revolutionärs Jesus richten.

Mohammed kannte das Christentum, und wir können annehmen, dass er auch
diese Problematik genau analysiert hat. Allerdings war der Islam nie eine
revolutionäre Bewegung sondern von Anfang an auf Macht ausgerichtet. Die

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einzige Frage die Mohammed interessierte, war wem die Macht des Islam zugute
kommen sollte. Und da fand Mohammed als Antwort: allen Gläubigen.

Der Islam war stets eine elitäre Bewegung. Äußerlich entstand er aus einer
kaufmännischen Genossenschaft die einfach besser organisiert war als andere
und somit - nach der schlichten Moral der Ökonomie - in jeder Hinsicht besser
war. Die Religion Islam übernahm dieses Selbstverständnis: Der Glaube an
Allah war einfach der beste, seine Gläubigen daher die besten Menschen der
Erde und geradezu berufen als Herrenmenschen alle Ungläubigen zu
beherrschen und zu verachten. Die daraus entstehende Überheblichkeit
bestimmt heute noch die arabische Außenpolitik.

Untereinander aber und vor Gott waren alle Gläubigen gleich der Prophet selbst
natürlich ausgenommen. Aus dieser Ausnahme ließ sich natürlich leicht eine
Regel ableiten. Schon beim Tode des Propheten waren einige gleicher als die
anderen. Plötzlich spielte eine Rolle, wer sich wann zum Islam bekehrt hatte und
wer vielleicht gar mit dem Propheten verwandt war. Die alten aristokratischen
Prinzipien, die Mohammed eigentlich abschaffen wollte feierten fröhliche Urständ
und sogar dynastische Überlegungen wurden plötzlich wichtig.

Genau dadurch wurde der Islam des Propheten verraten. Und so kurze Zeit
brauchte der Islam, diese Schere zwischen Theorie und Praxis zu öffnen, dass
vielen Historikern dieser Angelpunkt gar nicht auffiel. Wie selbst-verständlich
nahmen sie hin, dass das Kalifat stets mit verwandtschafts-rechtlichen
Argumenten beansprucht wurde, obwohl es seit Abu Bekrs Zeiten immer
Muslims gab die auf die Frage wem das Kalifat gebühre, Mohammeds

klassische Antwort gaben: "Dem frömmsten der Gläubigen, dem besten.

Mit der Machtausweitung des Islam wuchs grotesker weise auch das
kleinkarierte Stammesprinzip, und so kam es nie zur Herrschaft der Gläubigen
über die Welt, sondern stets nur zum Regime von Angehörigen eines mit dem
Propheten angeblich verwandten Stammes über die Gläubigen. Spätestens mit
Omar hatte .der Islam aufgehört, eine vorwärtsstürmende Religion zu sein, und
war zu einem imperialistischen Staat geworden, der zum Zweck seiner eigenen
Erhaltung stets neue Kolonien erobern musste. Denn die frisch eroberten
Gebiete ließen sich nie allzu lange reichlich ausbeuten: Es war zu einfach, sich
zum Islam zu bekehren, zumal man dadurch der erhöhten Steuer entkam. Es
waren meist irdische Überlegungen, die unterworfene Völker an Allah glauben
ließen aber jeder neue Gläubige bedeutete einen Verlust für die Staatskasse die
schon mit Omar ein Fass ohne Boden geworden war. Allen Ernstes versuchte
daher schon Osman, etwas gegen den Zustrom von Gläubigen zu unternehmen:

Er erließ die Verordnung, dass auch Neubekehrte zumindest zwei Jahre lang die
für Ungläubige geltenden Steuern zu bezahlen hätten - eine Perversion des
ursprünglichen Missionsgedankens.

Mit Osmans Regierung und erst recht seiner Ermordung änderte auch das Kalifat
seine Bedeutung: es war nicht mehr die von Allahs Gnade gelenkte Führung der
Gläubigen, sondern nackte Staatsmacht um die zu kämpfen es lohnte, weil sich
ihr Besitz auch in bar bezahlt machte. Von nun an war das geistliche Amt den

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Kalifen ziemlich egal. Was zählte war die irdische Herrschaft.

Der Löwe des Propheten

Sechs Tage nach Osmans Ermordung wurde in Medina Ali zum Kalifen gewählt
und viele Gläubige fanden das sei auch an der Zeit gewesen. Ali der knabenhafte
Getreue der ersten Stunde, der mit der Leidenschaft eines Pubertierenden an
seinen Propheten geglaubt hatte, als noch jeder Vernünftige über ihn lachte der
mit vierzehn schon zu seinem Stellvertreter ernannt wurde und dennoch außer
der Lieblingstochter Mohammeds nie etwas davon gehabt hatte und wie seine
Ehegeschichte zeigt auch davon nicht viel... Spät aber doch war Ali Kalif
geworden.

Viele fanden auch, es sei schon zu spät.

Denn Ali war nun schon fünfundfünfzig, ein gestandener Mann mit behaarter
Brust, auffälligem Hängebauch und leuchtender Glatze und seine langjährige
Abstinenz von politischen Geschäften hatte ihn bei den Muslims außerhalb von
Medina ziemlich in Vergessenheit gebracht. Nicht einmal in Medina glaubten
viele, Ali sei nach dem Desaster seines Vorgängers der genau richtige Kalif Ali
galt zwar als unbestechlich, moralisch einwandfrei gutmütig und tapfer, aber
auch als herzzerreißend naiv und häufig unklug. Seit vielen Jahren wurde er "der
Löwe des Propheten" genannt, und dieses Tier ist bekanntlich stark und wild,
doch seine Geisteskräfte halten mit den körperlichen keinesfalls Schritt.

Sein verstorbener Onkel Abbas hatte ihm einmal vorgehalten:

"Wenn ein Ratschlag klug ist, ist das für dich schon ein Grund, ihn nicht zu
befolgen."

Seine verstorbene Gemahlin Fatima hatte ihn einmal öffentlich in der Moschee
blamiert: "Zwischen Herz und Hirn besteht, bei dir keine Verbindung."

Und Mohammed selbst hatte einmal gemeint: "Wo seine Liebe hinfällt, wächst
kein Gras mehr. Er hat die Behutsamkeit eines Amokläufers."

All das sind natürlich keine Tugenden für einen Kalifen, und Ali war außerdem
noch Moralist: Er fieberte geradezu von Moral der aller schlimmsten Untugend
jedes Realpolitikers.

Dafür ragt Ali wie ein gerader grober Klotz aus dem Intrigengewebe orientalischer
Geschichte, volkstümlicher als selbst Omar.

Noch heute ist im gesamten Orient die Bezeichnung Ali gleich bedeutend mit:
guter Kumpel.

Der war Ali in jeder Beziehung: Gleich bei seinem Amtsantritt räumte er die
Staatskasse aus. Des Islam größter Schatz sind die Worte des Propheten. Sein
Gold gehört den Armen erklärte er und befahl die Kassenschränke zu öffnen.
Allen Ernstes hoffte er nur Bedürftige würden zulangen und auch die nur so viel
wie sie unbedingt brauchten. Ali glaubte an das Gute im Menschen. Das war
zwar löblich, aber dumm von nun an blieb die Staatskasse leer und das wurde

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Alis Verhängnis.

Sein schlimmster Fehler aber war, stets auszusprechen, was er dachte und
damit hatte er sich seine unversöhnlichste Feindin geschaffen: Aischa die Witwe
des Propheten.

Bei den Hörnern des Propheten

Die Geschichte lag schon vierzig Jahre zurück, doch Aischa hatte nach dem Urteil
sämtlicher Zeitgenossen ein Gedächtnis wie ein Kamel, und das vergibt
bekanntlich niemals. Dabei liest sich, was sich im Jahr 626 im Haushalt des
Propheten begab, in den Memoiren Aischas wie eine ganz harmlose Geschichte:

"Sooft Mohammed eine Reise machte, loste er zwischen seinen Frauen, welche
ihn begleiten dürfe. Beim Feldzug gegen den Stamm Musstalik war ich seine
Begleiterin. Bei solchen Gelegenheiten wurde immer mein Kamel vorgeführt und
meine Sänfte daneben gestellt. Sobald ich eingestiegen war, hoben die Diener
meine Sänfte auf das Kamel und führten es an einem Strick hinter dem
Propheten her. Bei der Rückkehr aber, kurz vor Medina, merkte ich beim
Einsteigen, dass ich meine Kette aus Dhafari-Muscheln verloren hatte. Ich stieg
also aus und suchte sie, bis ich sie gefunden hatte. Mittlerweile aber hoben
meine Diener die Sänfte auf das Kamel, ohne zu bemerken, dass sie leer war."

Darüber dürften sich schon damals Gläubige gewundert haben denn Aischa
fügte sicherheitshalber hinzu: "Damals aßen die Frauen noch kein Fleisch und
waren daher leicht wie Federn." Seltsamer noch war was weiter geschah: "Als ich
zurückkam, sah und hörte ich niemanden mehr. Ich hüllte mich also in mein Tuch
und setzte mich nieder denn ich dachte, man werde mich schon suchen. Da kam
Safwan vorüber. Er kannte mich noch aus der Zeit, wo wir Frauen noch keinen
Schleier trugen, und rief: "Gattin des Gottgesandten, was machst du denn hier?"
Ich gab ihm keine Antwort. Da führte er sein Kamel vor und trat selbst zurück, bis
ich aufgestiegen war. Dann führte er mich eilends nach Medina. Obwohl er lief,
kam er jedoch erst am Nachmittag nach den Truppen dort an. Kurz darauf
erkrankte ich, so dass mir nichts von dem bösen Gerede der Leute zu Ohren
kam."

Gerede gab es in der Tat denn schon bei der Ausreise hatte Aischa ihre
Muschelkette vergessen und auch da war Safwan in ihrer Nähe gewesen. Eigens
für Safwan hatte Allah seinem Propheten sogar eine Sure geoffenbart (33/5):

"Gläubige betretet die Häuser des Propheten nicht, wenn ihr nicht zum Essen
geladen seid, und dann wartet dort nicht, bis das Mahl zubereitet ist, sondern
kommt erst, wenn ihr gerufen werdet.

Sobald ihr gegessen habt, entfernt euch und schwatzt nicht mehr, denn dies
belästigt den Propheten. Und habt ihr unbedingt etwas mit seinen Frauen zu
besprechen so redet nur durch einen Vorhang - dies erhält euer und ihr Herz
reiner."

Mohammed war nämlich krankhaft eifersüchtig und auf Aischa ganz besonders.
Und die Geschichte mit Safwan gefiel ihm gar nicht. Er schickte Aischa zu ihren

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Eltern offiziell um sie dort gesund pflegen zu lassen. Dann erkundigte er sich bei
allen Bekannten, wie sie über die Geschichte dächten.

Drei meinten sofort wenn Aischa nur das Kamel geritten hätte, wäre die
ungeheure Verspätung beim Einzug in Medina schwer erklärlich. Daraufhin ging
Mohammed in das Haus Abu Bekrs, um noch einmal ernsthaft mit Aischa zu
reden. Er traf sie in Tränen aufgelöst - angeblich hatte ihr Mama erst kurz zuvor
vom Verdacht des Propheten erzählt. Mohammed konnte Tränen im allgemeinen
nicht sehen. Diesmal aber gab er sich streng und fragte seine beiden Begleiter
ob auch sie Aischa für eine Ehebrecherin hielten.

Der erste sagte sofort: "Gesandter Gottes, wenn eine Frau so weinen kann,
weigere ich mich zu denken". Der andere war Ali, und der sagte: "Wenn dem so
ist, haben auch andere Mütter schöne Töchter. Ich würde lieber einmal ihre
Diener zu der Sache befragen". Das verzieh Aischa nie. Für sie selbst ging die
Geschichte allerdings gut aus. Kurz darauf, schreibt Aischa fiel der Prophet in
Ohnmacht wie dies gewöhnlich vor seinen Offenbarungen der Fall war. Wir
hüllten ihn in sein Gewand und legten ein ledernes Kissen unter seinen Kopf. Ich
war dabei völlig ruhig, denn ich wusste, dass Gott mir recht geben werde. Meine
Eltern aber machten sich gegenteilige Sorgen bis der Prophet zu sich kam. Als
Mohammeds Bewusstsein wiederkehrte, setzte er sich aufrecht und trocknete
seinen Schweiß, der an ihm niederfloss, obwohl es Winter war. Dann sagte er:
"Freue dich, Aischa, Gott hat mir deine Unschuld geoffenbart." Sofort ging er dann
in die Moschee und tadelte alle Leute, die seiner tugendhaften Gattin und dem
nicht weniger herrlichen Safwan Vorwürfe gemacht, und verkündete die
vierundzwanzigste Sure. Die bestimmte unter anderem, dass für jeden Ehebruch
vier Zeugen beigebracht werden müssten und dass jeder mit achtzig
Peitschenhieben rechnen müsse der so was fälschlich behaupte.

Die Witwe rüstet zum Krieg

Nun saß Aischa im Harem der Prophetenwitwen und nahm übel, dass
ausgerechnet Ali Kalif wurde. Sie war nun schon Mitte der Vierzig und keinesfalls
mehr leicht wie eine Feder, sondern um Taille und Hüften arg aus dem Leim
gegangen. Dennoch war sie attraktiv: Ihre riesige Staatspension hatte auch sie
nicht für Schmuck und Schminke ausgeben können, und da Omar das
Ruhegehalt in ihrem Fall auch rückwirkend berechnet hatte, war ein ganz
schönes Vermögen zusammengekommen.

Dies war sie bereit, in den Sturz Alis zu investieren. Nun suchte sie geeignete
Bundesgenossen. Ihre Wahl fiel auf die Garnisonskommandanten von Kufa und
Basra auf die Herren Talha und Az Zubair. Besser hätte sie's auch gar nicht
treffen können. Beide wären selbst nämlich gern Kalif geworden, und beide
hielten sich auch gerade in Medina auf. Denn auch sie hatten Osman in seinem
Haus mit belagert.

Schnell wurden die drei einig: Ali muss mit Waffengewalt aus der Welt geschafft
werden. Und dann verlieh sich das Trio einen historischen Vereinsnamen:
Triumvirat, ungeachtet der Tatsache, dass der dritte Mann eine Frau war.

Aischa hatte in diesem Bund das Kommando - schließlich lieferte sie das

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Kapital. Sie versuchte sogar, für die böse Sache auch aus den Sparstrümpfen
der übrigen Prophetenwitwen größere Beträge flüssig zu machen, doch da kam
sie schlecht an: "Eine Frau gehört ins Haus. Kriege sind Männersache und auch
als solche schon eine Dummheit", erklärten einstimmig die übrigen Damen.

Heimlich, still und leise reiste das Triumvirat aus Medina ab. Erst aus sicherer
Entfernung erklärten die drei Ali den Krieg, und dies mit einer besonders
pikanten Devise: "Rache für Osman. Rache an Ali, der seine Mörder deckt".
Etwas Originelleres hätte ihnen wahrlich nicht einfallen können.

Ali selbst hatte nur einen einzigen begnadigt der bei dem Schlachtfest dabei war:
Mohammed Ben Bekr. Der hatte angeblich den Leichnam mit einem Speer
durchbohrt und Ali meinte, wenn jemand Grund zu Rache an Osman gehabt
habe, sei dies Mohammed Ben Bekr gewesen, schon allein aufgrund des
seltsamen Kalifen-Briefes, der sein Todesurteil hätte sein können.

Mohammed selbst hatte bei dem Verfahren ausgesagt, seine Schwester habe
ihn zu der Wahnsinnstat aufgestachelt, und die war niemand anderer als Aischa.
Dass Talha und Az Zubair so großes Interesse daran gehabt hätten, Osmans
Leben zu retten, wie sie nun behaupteten, glaubte auch niemand ernsthaft: Zwar
waren sie vor des Kalifen Haus gesehen worden, aber nur als besonders wüste
Schreihälse und Hetzer.

Aischa sah darin keinen Widerspruch: "Natürlich habe ich Osmans Tod gefordert,
aber da hatte er seine Fehler noch nicht bereut. Als er dann erschlagen wurde,
wird es ihm schon leid getan haben. Damit aber war sein Mord Sünde. Als Mutter
aller Gläubigen habe ich das Recht, Blut zu fordern oder die Rache dafür, alles zu
seiner Zeit."

Nicht so leicht war die Frage zu beantworten, von wo aus das Trio seinen Krieg
beginnen sollte. Aischa hatte an Muawia gedacht, Osmans Cousin und
Statthalter in Syrien von Blut und Charakter unser natürlicher Bundesgenosse.
Doch Muawia hatte seine eigenen Pläne und wollte vorerst in Syrien Ruhe haben.
Höflich, aber bestimmt ließ er die drei abblitzen.

So machte sich das Triumvirat auf den Weg nach Basra. Unterwegs kam noch
ein neuer Bundesgenosse dazu: der Statthalter von Jemen. Kurz vor Osmans
Tod waren seine Bücher geprüft und bedenklich befunden worden. Daraufhin
hatte ihn Ali abgesetzt, und mit vierhundert Kamelen und der Staatskasse
Südarabiens begab sich der seines Postens Enthobene zu Aischa. Sie jubelte:
"Nun schwimmen wir in Geld - da können wir auch bald in Blut schwimmen."

Ali machte unterdes Kassensturz in Medina, und dabei kam nicht viel heraus. Alis
Großzügigkeit hatte die Reserven der Zentralbank auf ganze zwanzig Mark
schrumpfen lassen, und damit konnte man bei bestem Willen keine Armee
aufstellen.

Hilfesuchend wandte sich Ali an Abdallah, den Sohn des Abbas, und der wusste
Rat. Ali sollte Schulden machen, und seine Schuldscheine sollten bis zu ihrer
Fälligkeit durchaus auch als Zahlungsmittel gelten. Diesmal und ganz gegen
seine sonstige Gewohnheit befolgte Ali den Ratschlag. So kam es dass

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anlässlich des ersten Bürgerkrieges in der Geschichte des Islam ein Papier
erfunden wurde, das sich seitdem auch in Friedenszeiten bewährt hat: der
Wechsel.

Der Kampf um das Kamel

Der erste Krieg von Muslims gegen Muslims begann wie jede andere
Wahnsinnstat: Beide Parteien beteuerten, dass sie keinesfalls den Krieg wollten,
und Ali sogar glaubwürdig, denn er versuchte buchstäblich bis zur letzten Minute
zu verhandeln.

Die Lage war total verfahren. Aischa, Az Zubair und Talha saßen in Basra, Ali
lagerte mit einer schnell angeworbenen Armee davor, und beide Seiten konnten
sich nicht einmal auf ihre eigenen Leute verlassen. Je länger beide Parteien von
Verhandlungen sprachen, desto explosiver wurde die Atmosphäre.

Schließlich war es ein Friedenswilliger, der den Ausbruch des Kampfes


beschleunigte, und auch er hieß Osman. Osman Ben Honeif war zweiter
Statthalter von Basra und hatte während der Abwesenheit Az Zubairs die
Geschäfte geführt. Dabei machte er sich in Basra mehr Freunde als sein Boss,
und nun glaubte er, Friedensrichter spielen zu können. Er ließ Aischa und ihre
Truppen in die Stadt, sorgte aber dafür, dass sie sich dort nicht allzu breit
machten, und als Alis Armee in Sicht kam zog er mit seinen Truppen aus Basra
und erklärte: Eher werde er sich mit dem Kalifen prügeln, als es zum Kampf
zwischen dem Fürsten der Gläubigen und der Mutter der Gläubigen kommen zu
lassen.

Ali grollte schlug aber sein Lager vor Basra auf und harrte dort der weiteren
Dinge, während Osman Ben Honeif nach Basra zurückkehrte und dort auf dem
Basar verkündete Frauen gehörten in den Harem und keinesfalls zur Armee. Die
Bevölkerung applaudierte, und nun grollte auch Aischa.

In der folgenden Nacht ließ sie Osman Ben Honeif greifen und ihm Bart,
Augenbrauen Haupt- und sogar Schamhaar scheren. So gerupft schickte sie den
Statthalter in Alis Lager, und der er kannte ihn nicht wieder.

Daraufhin grollte die Bevölkerung von Basra. Aischa und ihre Truppen waren in
der Stadt nicht mehr sicher. Nun schlugen auch sie ihr Lager vor den
Stadtmauern auf, genau gegenüber von Ali.

Eine perverse Situation: Über beiden Lagern flatterte die grüne Fahne des
Propheten. Aischa und Ali fanden dies peinlich. Jeder schlug dem anderen vor,
eine neue Farbe zu wählen. Natürlich gab niemand nach. In einem anderen
Punkt allerdings wurde Einigkeit erreicht: Beide Parteien sollten alle Krieger
entlassen, die Osman zu Medina belagert hatten.

Ali hielt sich daran, und plötzlich standen fünfhundert Krieger zwischen den
Fronten. Sie ergriffen die Initiative: Zuerst machten sie einen kleinen Überfall auf
Aischas Lager, dann sprengten sie in das Alis und schrieen: "Die anderen
kommen!", und dann machten sie sich aus dem Staub, während beide Lager zur
Schlacht rüsteten.

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Jede Armee zählte etwa zwölftausend Mann, doch wir können annehmen, dass
auf jeder Seite nur etwa dreitausend Soldaten tatsächlich kämpften: Wer einen
Blutsverwandten auf der anderen Seite hatte, war vom Kampf befreit, und damit
fielen allein fünftausend Mann aus Medina aus. So ungeheuer blutig, wie sie in
den Geschichtsbüchern geschildert wird, dürfte die "Schlacht des Kamels" nicht
gewesen sein, die vor den Mauern Basras zwei kalte Dezembertage lang tobte.

Ihren Namen bekam sie durch Aischas Kamel. Die Dame hatte sich nicht
nehmen lassen, persönlich auf dem Schlachtfeld zu erscheinen, und dazu ließ
sie das berühmteste Kamel Arabiens satteln. Es hieß Asker und hatte nach
heutiger Währung siebentausend Mark gekostet zwanzigmal soviel wie ein
Normalmodell.

Dafür war es aber auch der Rolls-Royce der Wüste wesentlich größer als
sämtliche Artgenossen und von strahlend weißem Fell. Davon allerdings war die
Schlacht über nicht viel zu sehen: Gegen eventuelle Pfeilschüsse wurde das Tier
so dick mit Matratzen gepanzert dass es kaum mehr gehen konnte und auf
seinem Rücken schwankte ein weiterer Matratzenturm, Aischas Sänfte.

Gerechterweise sollte man die Schlacht nicht nach dem Kamel benennen,
sondern nach Moselma einem Jüngling, über dessen Vorgeschichte nichts
bekannt ist. Wir wissen von ihm nur, dass er etwa zwanzig Jahre alt war,
schwärmerische Augen und ellbogenlanges Haar hatte. Und dass er den Kampf
um jeden Preis verhindern wollte. Einen Koran in der rechten Hand, stellte er sich
zwischen die Fronten und schrie, es sei doch jeder Krieg wahnsinnig und erst
recht dieser.

Ein Krieger aus den Truppen Aischas schlug ihm die rechte Hand mit dem Koran
ab. Moselma nahm das heilige Buch in seine Linke und schrie weiter. Aufhören!
Aufhören! Da wurde ihm die linke Hand abgeschlagen. Moselma nahm den
Koran zwischen die Armstümpfe, presste ihn an seine Brust und schrie, bis ihm
auch der Kopf abgeschlagen wurde.

über seinem Leichnam begann die Schlacht. Moselmas kurzer Auftritt aber blieb
unvergesslich: Gläubige, die am Koran bis zu, letzt festhalten, heißen nach ihm
Muslims oder Muselmanen.

Ebenso wahnsinnig, wie sie begonnen hatte verlief die ganze Schlacht. Da die
Feldzeichen auf beiden Seiten dieselben waren, konnte niemand so recht
zwischen Freund und Feind unterscheiden. Auch Ali nicht, der einfach jeden
niederschlug, der ihm in den Weg kam, und dazu Gott ist groß rief. Angeblich
über vierhundert Mal, und mit Sicherheit erlegte er dabei auch zwei seiner
eigenen Offiziere.

So endete der erste Schlachttag unentschieden. Um für den nächsten Tag


dasselbe Chaos zu vermeiden befahl Ali, auf seine Feldzeichen zusätzlich ein
weißes Band zu hängen. Aber auch dies half nicht: Groteskerweise war Aischa
auf dieselbe Idee gekommen.

So entschieden schließlich Talha und Az Zubair die Schlacht. Helden aber waren

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sie nicht: Heimlich versuchten sie sich mit der Kasse aus dem Kampfgebiet
abzusetzen, wurden aber entdeckt und erschlagen. Wie ein Lauffeuer sprach sich
die Geschichte auf dem Schlachtfeld herum und demoralisierte Aischas
Truppen. In hellen Scharen liefen sie davon, und schließlich drängten sich etwa
einhundertzwanzig Getreue um ihr Kamel auf den Feldherrnhügel. "Wir schützen
das Kamel", war ihr Schlachtruf.

Alis Truppen marschierten geschlossen gegen den Haufen. Aischas Kamel sah
wüst aus: Panzer und Sänfte waren mit Pfeilen gespickt wie ein Igel, das
Zaumzeug hatten Aischas Mannen mit abgeschlagenen Köpfen und Händen
dekoriert. Siebzig Mann sollen rund um das Kamel gefallen sein, ehe es einem
Offizier Alis, Ammar, gelang bis unter das Tier zu kommen. Mit einem Dolch
schnitt Ammar dem Kamel die Fußsehnen durch; schwer sackte es zu Boden
und begrub Ammar unter sich.

Auf dieses Zeichen hin flüchteten auch Aischas letzte Soldaten, und Alis Truppen
hetzten ihnen nach. Während die Geier über dem Schlachtfeld kreisten, stiegen
Ali und sein Generalstab zu Aischas Feldherrnhügel hoch. Sie fanden das
sterbende Kamel: einen Haufen Pfeil durchbohrter Matratzen und Leichenteile in
mitten Erschlagener.

Mohammed Ben Bekr konnte sich nicht vorstellen, dass in der arg lädierten Kiste
auf dem Tier noch Leben sei. Vorsichtig langte er durch das Guckloch und wurde
kräftig in die Hand gebissen. Dann kreischte es aus der Sänfte: "Wer vergreift
sich da an der Perle aus dem Harem des Propheten?!"

"Der Bruder jener Schlampe, die den Harem des Propheten geschändet hat"
brüllte Mohammed Ben Bekr zurück.

Dann ließ Ali die Sänfte aufbrechen. Eine ziemlich derangierte Aischa kam ans
Tageslicht und sagte, ganz würdevolle Prophetenwitwe: "Gut, du hast gewonnen.
Aber jetzt zeige dich als anständiger Sieger."

Ali behandelte sie tatsächlich mit Glacehandschuhen. Durch ein Ehrengeleit ließ
er Aischa nach Basra bringen und wies ihr den schönsten Palast als Quartier an.
Dort blieb Aischa fast eine Woche und weigerte sich störrisch, in den Harem
nach Medina zurückzukehren. Drei Gesandte sollten sie überreden, doch jeden
schickte sie unverrichteter Dinge weg. Mal hatte sie Migräne mal war sie aus
anderen Gründen nicht reisefertig und als Ali selbst in das Haus kam, weigerte
sie sich mit ihm auch nur zu reden.

Da schickte Ali seinen Sohn Hasan. Aischa war gerade bei der Toilette und
meinte, ungekämmt könne sie doch unmöglich auf die Reise gehen. Hasan
fragte, wie lange sie denn für ihre Frisur brauche. Vielleicht fünfzig Jahre meinte
Aischa.

Da sprach Hasan ein ernstes Wort. Fünf Minuten später bestieg Aischa ihre
Sänfte, sanft wie ein Täubchen. Halbgekämmt trat sie den Heimweg nach
Medina an, von hundertzwanzig Sklavinnen begleitet aber auch von tausend
Soldaten.

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Ihren Geschlechtsgenossinnen im Islam erwies sie mit ihrem Ausflug in die


Politik allerdings einen üblen Dienst. Von nun an blieben die Frauen auf Harem
Kinderkriegen und Küche gesetzt und durften nicht einmal mehr lesen und
schreiben. Selbst heute noch müssen sich Befürworter der Frauenemanzipation
in Arabien Aischa als warnendes Beispiel vorhalten lassen.

Aber auch Hasan wurde sprichwörtlich: Pantoffelhelden wird seitdem empfohlen,


sich von diesem energischen Kerl beraten zu lassen.

Ali wird ausgetrickst

Ali selbst sollte Medina nie wiedersehen. Noch während er sich in


Mesopotamien huldigen ließ, erklärte ihm Muawia in Syrien den Krieg.

Jahre später meinte Muawia: "Ali hatte gar keine Chance gegen mich. Er war
ehrlich - ich war verschlagen. Er ließ seinen Soldaten zu viel Menschenwürde -
bei mir mussten sie kuschen. Und schließlich hatte er im ersten Bürgerkrieg
mitgekämpft. Aus dem Hass der Unterlegenen konnte ich mein Kapital
schlagen."

Dies ist möglicherweise der einzige wahre Satz den Muawia sein Leben lang
gesagt hat denn nicht einmal seine fanatischen Anhänger konnten sich daran
erinnern, ihn auch nur einmal bei einer Wahrheit ertappt zu haben. Muawia war
ein Meister der Demagogie und der Lüge der Bestechung Korruption und Intrige,
und diese Tugenden reichten aus ihn zu einem überragenden Staatsmann zu
machen.

Erst beim Fall von Mekka, 630, trat er dem Islam bei und auch da nur sehr
widerstrebend. Damals war er fünfundzwanzig der Erbe eines Riesenkonzerns
nebenbei aber auch der führende Playboy in Mekkas Schickeria. Seine Familie
war der des Propheten weitläufig verwandt, Ali sein Onkel zweiten Grades, aber
die beiden Sippen konnten einander nie ausstehen. Während die Beni Haschem
aus dem Islam das Reich Allahs auf Erden machen wollte sahen die Omaja den
ihn stets nur als Mittel, ihren privaten Profit zu machen. Spätere Historiker sahen
daher in der Beni Omaja die ersten Realpolitiker der arabischen Welt.

Auf jeden Fall trifft dieses Urteil auf Muawia zu. Während Omars Kalifat
organisierte Muawia in Mekka so lange eine Oppositionsbewegung bis er
durchgesetzt hatte, dass ihm der Kalif eine Teilstatthalterschaft in Syrien
übertrug. Die benützte er schamlos zur Vergrößerung seines Privatvermögens.
Das investierte er wieder geschickt: Er finanzierte damit seinen Cousin Osman,
und als der Kalif wurde, revanchierte er sich und machte Muawia zum Statthalter
von ganz Syrien. Damit hatte Muawia bald sämtliche Auslagen wieder ersetzt
samt Wucherzinsen denn er besteuerte Syriens Wirtschaft so gnadenlos dass er
innerhalb von fünf Jahren der reichste Mann des Islam wurde.

Sein Herz für das Volk entdeckte er erst, als Osman umgebracht wurde.
Überraschend erließ er eine fünfzigprozentige Steuersenkung und wurde damit
über Nacht zum Volkshelden.

Zwei Wochen später brachten Kuriere aus Medina ein Paket mit makabrem

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Inhalt: ein blutverkrustetes Stück Leinen, an dem noch drei halbverweste Finger
hingen Osmans letzten Mantel.

Es ist nicht bekannt ob Muawia klassisch gebildet war aber er dürfte eine der
berühmtesten Geschichten des alten Rom gekannt haben nämlich wie Marc
Anton dem römischen Volk Cäsars Mantel zeigte und es da mit zum Bürgerkrieg
aufwiegelte.

Genau das tat auch Muawia. In der halb Moschee gewordenen Johanneskirche
ließ er Osmans blutigen Kaftan ausstellen und erzählte selbst dem
versammelten Volk dass niemand anderer als Ali seinen armen lieben, guten
Vorgänger grausam ermordet habe. Da sich in der Geschichte manches
wiederholt, wirkte diese Aktion auch diesmal. Vor allem aber gewann Muawia
einen Bundesgenossen, der sich ebenfalls einen Namen gemacht hatte:

Amru.

Im Januar 657 erklärten die beiden Ali den Krieg, und Muawia nahm den Titel
Kalif an. Dann warben beide ein großes Heer an und warteten auf Ali.

Der hatte Mühe, für den neuen Bürgerkrieg Soldaten zu bekommen. Die Schlacht
des Kamels hatte ihm zwar viel Ehre eingebracht, der Staatskasse aber
überhaupt nichts. Aischas Kriegskasse hatte gerade für den Sold seiner Truppen
gereicht. Seine Wechsel, die ihm nun präsentiert wurden konnte er bereits nicht
mehr bezahlen.

Da half ihm noch einmal seine eigene Sippe mit einem größeren Kredit. Sogar
Aischa fand sich bereit etwas gegen die Beni Omaja zu tun und pumpte ihm eine
halbe Million Mark. Damit heuerte Ali rund zwanzigtausend Soldaten an und
machte sich auf den Weg in den nächsten Bürgerkrieg.

Von Kufa marschierte er den Tigris hoch bis Mossul denn dort sollten noch die
persischen Steuergelder der letzten drei Jahre liegen. Sie hätten Ali aus der
Klemme geholfen doch als er in Mossul ankam, wurde ihm mitgeteilt, die Gelder
seien schon an den Kalifen geschickt worden zu Muawia nach Damaskus. Für Ali
blieb kein Pfennig. Von nun an konnte er keinen weiteren Sold bezahlen.

Einen halben Monat hatte Ali noch Zeit so lange galt der Tarif Vertrag seiner
Soldaten. In Eilmärschen zog er nun quer durch Mesopotamien und über den
Euphrat. An dessen anderem Ufer wartete bereits Muawia mit seiner
hochbesoldeten Armee.

Am 29. Juli 657 kam es bei Siffin zur Schlacht. Alis Truppen wollten sich so kurz
vor Dienstschluss nicht sonderlich anstrengen, und Muawias Truppen hatten
sich vorgenommen, ihren Sold mit heiler Haut zu kassieren. Daher gingen sich
beide Armeen lieber aus dem Weg als aufeinander los.

Auch der nächste Tag hätte nicht anders geendet, wäre nicht Ali an der Spitze
einer Kavallerieeinheit selbst vorwärts gestürmt. Fast hätte er dabei Muawias
Lager überrannt, und nur die Abenddämmerung ließ den Kampf wieder
unentschieden enden.

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Ali betete die ganze Nacht über Allah möge ihm den Sieg verleihen. Muawia saß
währenddessen mit Amru zusammen, und die beiden berieten, wie ihre
Niederlage zu verhindern sei.

Der nächste Morgen brachte eine totale Überraschung für Ali: Muawias Soldaten
hatten Koranbände auf ihre Lanzen gesteckt, und seine eigenen Truppen
weigerten sich plötzlich gegen so ostentative Gläubige zu kämpfen. Und
außerdem war ja schon der 31. Juli - in zwei Tagen sei ihr Vertrag ohnedies
abgelaufen, und nicht einmal doppelte Solderhöhung könne sie dazu bewegen,
einen so gotteslästerlichen Krieg weiter zu führen.

Noch auf dem Schlachtfeld musste Ali mit Muawia einen Kompromiss schließen
: Ein unabhängiges Gremium solle innerhalb von sechs Monaten feststellen, wer
zu Recht Kalif sei. So lange sollten auch alle Waffen ruhen.

Abgesehen davon, dass Ali mit diesem Kompromiss seine Ansprüche auf das
Kalifat selbst in Frage stellte, beging er noch den entscheidenden Fehler die
Wahl seines Verhandlungsbevollmächtigten ausgerechnet seinen streikenden
Truppen zu überlassen und die wählten einen Mann namens Ebu Musa während
Muawia ohne weitere Mitbestimmung Amru ernannte. Vor allem hielt sich Ali
peinlich genau an den Vertrag zog sich nach Kufa zurück und hoffte dort innig auf
neue Steuergelder, während Muawia an die siebenhundert Agenten mit
Millionenbeträgen durch Arabien schickte um für seine Sache Stimmung zu
machen.

Pünktlich am 31. Januar 658 trat in Dschendel das Schiedsgericht zusammen. In


geheimer Sitzung besprachen sich Amru und Ebu Musa. Ebu Musa meinte am
besten sei wenn beide Bevollmächtigten ihre Kandidaten ablehnten, da beide in
Bürgerkriege verwickelt gewesen seien. Amru stimmte begeistert zu und machte
den Vorschlag, Ebu Musa solle zuerst reden, er werde dann dasselbe
wortwörtlich wiederholen.

Die Moschee barst förmlich vor Gläubigen, als Ebu Musa und Amru als
Bevollmächtigte eintraten. Ebu Musa bestieg die Kanzel und sagte: "Vom
Propheten ist der Satz überliefert, nur der Würdigste sei des Kalifats würdig. Dies
zu bestimmen sollte nach meiner Ansicht Sache des Volkes sein. Daher erachte
ich weder Ali noch Muawia des Kalifats würdig. Ich möchte vorschlagen, beide
abzusetzen und einen neuen Kalifen zu wählen."

Darauf bestieg Amru die Kanzel: "Gläubige! Ihr habt selbst gehört, dass Ebu
Musa seinen Herrn Ali des Kalifats entkleidet hat. Ich bin ebenfalls zu der
Entscheidung gekommen dass Ali des Amtes nicht würdig ist. Für meinen Herrn
Muawia aber kann er nicht sprechen - dazu fehlt ihm die Vollmacht. Und ich
erkläre somit Muawia zum rechtmäßigen Kalifen. Er hat die Blutrache für Osman
übernommen und wurde von diesem selbst, was sich erst jetzt herausgestellt
hat, zu seinem Nachfolger bestimmt."

Viel weiter kam er nicht - Ebu Musa wollte ihn von der Kanzel zerren. Es kam zu
einer Massenprügelei in der Moschee, und dann reisten die Schiedsrichter ab,
Ebu Musa beschämt nach Kufa und Amru triumphierend zu Muawia.

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Damit war der Bürgerkrieg im Islam Dauereinrichtung geworden.

Die "Schwarze Hand" schlägt zu

Noch im selben Jahr ernannte Muawia Amru Ben Aass zum Statthalter von
Ägypten. Für den Dienstantritt nahm Amru eine große Armee mit denn Ägypten
hatte bereits einen Statthalter: Mohammed Ben Bekr. Der saß in Fostat, der
Verwaltungshauptstadt am Anfang des Nildelta. Aber Fostat war von Amru
gegründet worden während seiner ersten ägyptischen Statthalterzeit und der alte
Fuchs hatte dort noch viele Freunde. Daher schlug Mohammed aus
Sicherheitsgründen sein Lager vor der Stadt auf und wartete dort auf die
Hilfstruppen, die Ali ihm versprochen hatte.

Tatsächlich marschierte aus Medina eine ansehnliche Streitmacht gegen Amru


doch Muawias Agenten hatten auch sie schon unterwandert: ihr Kommandant
Eschter bekam von seinem Koch vergifteten Honig serviert. Muawia erklärte
daraufhin: "Allah hat auch im Honig Heere zur Vernichtung seiner Feinde. Wer
sich daher seine Gnade erwerben will und nicht frühen Tod, schließe sich
meiner Armee an, gegen doppelten Sold."

Er brauchte nicht lange zu warten. Die von Ali gegen Amru gemusterte Armee lief
fast geschlossen zu Amru über, und nach verzweifelter Gegenwehr wurde
Mohammed Ben Bekr geschlagen und gefangen-genommen.

Amru ließ den Sohn des ersten Kalifen und Schwager des Propheten in eine
Eselshaut einnähen und so an einer hohen Stange zwei heiße Tage lang auf
dem Marktplatz von Fostat hängen. Am dritten Tag wurde aus Mohammeds von
seinem Vater ererbter Bibliothek ein Scheiterhaufen geschichtet und er selbst
darauf verbrannt - eine Hinrichtungsmethode, die unterlegenen Aufständischen
gegenüber in islamischen Ländern bis zum Jahr 1856 praktiziert wurde. Mit nur
einem kleinen Unterschied: Bücher wurden dazu nicht mehr verwendet.

Ali, der sich nur noch auf die persischen Provinzen verlassen konnte, versuchte
daraufhin einen Einfall in Syrien. Er kam nicht weit: Wie immer fehlte ihm das
Geld zur Besoldung seiner Truppen. Die plünderten schließlich auf eigene Faust
einige Dörfer und brachten sich und ihre Beute in Sicherheit.

Muawia nahm dies zum Anlass gegen Medina, die Stadt des Propheten zu
ziehen. Auf seinen ausdrücklichen Befehl wurde die Heimstatt des Islam
geplündert und ein Viertel ihrer Bewohner erschlagen.

Alis Selbstvertrauen erlitt damit einen tödlichen Stoss. Er weigerte sich eine neue
Armee aufzustellen. "Ich habe dazu weder das nötige Geld noch die nötige
Gnade Allahs" meinte er seinen Beratern gegenüber, und als aus Medina fast
fünftausend Freiwillige kamen die für ihn notfalls auch umsonst kämpfen wollten,
schickte er sie nach Hause: "Allahs Reich ist wohl nicht von dieser Welt. Wartet
auf das Reich nach eurem Tod." Doch mit diesem Bescheid gaben sich nicht alle
zufrieden. Noch in Kufa schworen sie: "Keine Herrschaft als die Gottes." Und
damit erklärten sie beiden Kalifen als dritte Kraft den Krieg. Von den beiden
Parteien Alis und Muawias wurden sie "Spalter" genannt, "Charidschiten" in

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Wahrheit aber waren sie die letzten gläubigen Muslims. Die meisten von ihnen
hatten schon für Mohammed und sein Reich Allahs gekämpft - so aber hatten sie
sich's nicht vorgestellt. Für die nächsten Jahrzehnte sollten die Charidschiten die
Rigoristen des Islam bleiben: unerbittlich misstrauisch gegenüber der weltlichen
Macht des Islam, fanatisch an den Vorstellungen Mohammeds festhaltend und
somit die gefährlichsten Gegner aller die auf dem Feuer des Glaubens nur ihr
eigenes Süppchen kochen wollten.

Während noch die meisten Charidschiten darüber diskutierten, wie denn der
Wahnsinn des Bürgerkrieges am besten zu beenden sei, entschlossen sich drei
zu handeln.

Die Zeiten waren unsicher geworden, so unsicher dass sich auch viele Männer
nur noch verschleiert auf die Strasse wagten. Aus Angst vor Mordanschlägen war
in den Strassen der Hauptstädte des Islam unmöglich geworden zwischen
Männlein und Weiblein zu unterscheiden: Gleich vermummt schlichen die
Parteigänger Alis und Muawias durch die Strassen.

Daher fiel auch nicht auf dass in einer Dezembernacht des Jahres 660 drei
Vermummte fast gleichzeitig durch ein enges Haustor in Medina huschten. Dem
Wächter vor dem Eingang zeigten sie nur kurz die rechte Hand - sie war in
schwarze Farbe getaucht.

Im Haus wartete eine verschleierte Frau. Sie wurde von den Eintretenden mit
"Mutter der Gläubigen" angesprochen da sie aber den ganzen Abend lang
schwieg, steht bis heute nicht fest ob es tatsächlich Aischa war. Die Namen der
drei Männer sind überliefert: Barek at Temin ein angesehener General aus der
ersten Armee des Propheten, Abdelrachman Ben Modschem, einst Sekretär
Omars, und Amru. Der letztere aber war mit Amru Ben Aass absolut nicht
identisch, sondern der jüngste Sohn Abu Bekrs und daher des anderen Amru
erbittertster Feind.

Vor der verschleierten Dame schworen sie ihre Hände nicht eher zu waschen,
bis sie ihren Plan ausgeführt hätten, und dann baten sie die Dame, ihnen einen
Tag zu nennen. Da tauchte aus dem Umhang eine Hand auf ebenfalls in
schwarze Farbe getaucht, und schrieb ein Datum auf den Boden. Daraufhin
verließen die drei Männer das Haus und brachen am nächsten Morgen in
verschiedene Richtungen auf.

Am zwanzigsten Januar wartete das Volk von Fostatrn der Moschee auf seinen
Statthalter. Pünktlich um elf Uhr betrat er die Eingangshalle, eine majestätische
Gestalt weiß verschleiert. Aus der wartenden Menge stürzte ein Verschleierter auf
ihn zu. In dessen schwarzer Hand blitzte ein Dolch und traf den Eintretenden
direkt ins Herz. Lautlos sackte der zusammen. In diesem Augenblick riss Amru
Ben Bekr seinen Schleier vom Gesicht und schrie verzweifelt auf:

Der Schleier des Toten hatte sich verschoben und zeigte ein fremdes Gesicht.
Amru hatte nicht Amru getötet, sondern seinen Stellvertreter. Amru Ben Bekr
wurde noch in der Moschee umgebracht, und sterbend musste er hören, dass

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Amru Ben Aass an diesem Tag unpässlich gewesen sei.

Zur selben Stunde stürzte sich Barek at Temin in der Moschee von Damaskus
auf Muawia. Er traf schlecht, und Muawias Leibgarde ließ ihm keine Zeit mehr zu
einem zweiten Hieb.

Pech hatte nur, wie immer, Ali. Unverschleiert und pünktlich um elf Uhr betrat er
die Moschee von Kufa. Abdelrachman Ben Moldschem spaltete ihm mit einem
einzigen Schwertstreich das Haupt. "Allahu akbar", murmelte der Kalif ganz
mechanisch, "Gott ist groß, wie er sonst immer gerufen hatte, wenn er
jemandem den Schädel einschlug.

Der blutige Hurensohn

Damit war genau das eingetreten, was die Charidschiten verhindern wollten:
Nichts konnte den Islam mehr vor Muawia retten. In dieser Zeit kam ein neues
Wort in den Islam, Kismet. Der Glaube, ein unabänderliches Schicksal stünde
ohnedies von Anfang an fest, passte so recht in diese düstere Zeit. Fatalismus
ist immer die Verzweiflungsfrucht enttäuschter Hoffnungen, und gerade die
begeisterten Vorkämpfer des Islam mussten vor der blutigen Gegenwart
resignieren. Sie zogen sich aus der Politik zurück in die Theologie, Stellten von
nun an die Religion Islam gegen die Politik Islam und wurden damit die
Keimzelle der Ulema, der Religionsgelehrten.

Bislang waren die Kalifen auch die geistlichen Führer gewesen, und die Priester
orientierten sich ebenso an ihnen wie die Krieger. Daher heißen Abu Bekr und
Omar aber auch Osman und Ali noch heute die "richtigen Kalifen". Mit Muawia
musste der Islam zerfallen, zunächst in reine Staatsmacht einerseits und
Religion andererseits und später in logischer Folge in viele religiöse
Gruppierungen. Von nun an war es undenkbar, dass ein Kalif wie einst Omar
ohne Leibwache durch die Lande reisen konnte, denn das Kalifat war keine
moralische Instanz mehr, sondern nur noch nackte Gewalt. Das war das Kismet
des Islam, das unvermeidbare Schicksal. Schließlich soll der Prophet selbst auf
seinem Totenbett gesagt haben: "Dreißig Jahre lang wird die Sache gut gehen,
dann kommt die Tyrannei."

Mit Muawias Machtübernahme waren genau diese dreißig Jahre vergangen. Und
am dreißigsten Todestag des Propheten, am 6. Juni 662, wurde Muawia auch
seinen letzten Widersacher los. An diesem Tag resignierte nämlich Hasan, der
Enkel des Propheten und Sohn Alis.

Mit Fatima hatte Ali zwei Söhne gehabt, Hasan und Hussein. Sie waren die
einzigen männlichen Nachkommen Mohammeds, und der hatte an den beiden
Knaben einen Narren gefressen. Überallhin durften die Kleinen ihren Opa
begleiten, und als dem Propheten zu Mekka gehuldigt wurde saß der kleine
Hasan auf seinem Schoss. Bei der Ermordung seines Vaters war Hasan gerade
siebenunddreißig Jahre alt. Noch in der Moschee, vor Alis Leiche, wurde ihm von
den Garnisonen Kufa und Basra gehuldigt. Doch Hasan hatte ebenso wenig
Geld wie sein Vater und konnte seine Soldaten auch nicht bezahlen. Nachdem er
zweimal den Monatssold schuldig bleiben musste, wollten die Truppen den von
ihnen ausgerufenen Kalifen lynchen.

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Hasan trat mit Muawia in Verhandlungen und erklärte sich bereit Muawia als
Kalifen anzuerkennen. Seine Forderungen:

eine einmalige Abschlagszahlung von fünfundzwanzig Millionen Mark


die Einkünfte der Provinz Dscharbscherd als Leibrente, und

dass sein Vater nicht mehr auf Befehl Muawias Öffentlich von den Kanzeln
der Moscheen herab verflucht werde.

Die beiden ersten Punkte bewilligte Muawia anstandslos, den dritten verweigerte
er. Ali wurde weiter verflucht. Außerdem aber sollte Hasan seinen Verzicht
öffentlich verkünden.

Folgsam bestieg Hasan die Kanzel in der Moschee von Kufa: "Versammelte
Gemeinde. Allah hat euch und mich geleitet, und die Wege waren verschieden.
Immerhin ist nun das Blutvergießen beendet. Ich habe mein Amt an einen
abgetreten, der seiner nicht würdig ist. Von nun an soll das Unrecht recht
behalten."

Weiter kam er nicht. Amru Ben Aass, der für Muawia die Verhandlungen geführt
hatte und in der Moschee dabei war, ließ ihn von der Kanzel zerren. Gut bewacht
reiste Hasan am nächsten Morgen nach Medina ins Exil. Dort ließ ihn Muawia
acht Jahre später vergiften.

Die Bevölkerung von Basra und Kufa aber trauerte Hasan bald nach, denn als
Statthalter dieser Provinzen setzte Muawia "den blutigen Hurensohn Sejad" ein.

Schon Sejads Ernennung war ein Skandal. Hatte nicht der Prophet Ehebruch zu
einer Todsünde erklärt? Und Sejad war ein "Hurensohn", der Spross einer
Straßennutte aus Taif. Sein Vater allerdings war Ebi Sofian, der letzte
Bürgermeister Mekkas vor Mohammed und Vater Muawias. Unter dem Kalifat Alis
war Sejad Provinzstatthalter in Persien gewesen. Mit Muawia arrangierte er sich
unter der Bedingung dass sein Halbbruder ihn legitimieren ließe.

Tatsächlich ließ Muawia einen betagten Bordellwirt aus Taif Anreisen, und der
schilderte die Umstände von Sejads Zeugung so plastisch, dass er gleich
danach an einer Straßenecke von Damaskus gefunden wurde einen Dolch im
Rücken.

Sejad aber wurde zum Statthalter von Alis Kernland ernannt und versprach dort
"Recht und Ordnung wieder radikal herzustellen".

Zunächst erließ er ein nächtliches Ausgangsverbot. So etwas hatte es im Orient


noch nie gegeben, und das Volk von Basra wollte derlei auch gar nicht erst
einreißen lassen. Es kam zur ersten Aktion gewaltlosen Widerstands in der
Geschichte des Islam: Tagsüber blieb der Basar menschenleer, doch mit
Einbruch der Dämmerung füllten sich die Strassen mit Menschen.

So ließ sich Sejad nicht kommen. Am nächsten Morgen lagen in den Strassen
von Basra eintausenddreihundert Erschlagene. Die Nacht darauf wurden noch
einige hundert Tote gezählt, und in der dritten Nacht herrschte Grabesruhe. Der

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"Hurensohn" hatte sich durchgesetzt.

Der Islam wird umgebaut

Zehn Jahre lang verwaltete Sejad die Ostgebiete des Islam und sein
Schreckensregiment gab Muawia genug freie Hand das übrige Reich nach
seinen Vorstellungen umzumodeln.

Die Stellung des Kalifen wurde präzisiert: Um zu zeigen, dass der Fürst der
Gläubigen über den Gesetzen stand, blieb Muawia künftig beim Freitagsgebet
der Chutba, sitzen. Zum Schutz vor Attentätern auf einem sehr hohen Stuhl, dem
Vorläufer unserer Thronsessel.

Und in allen Moscheen der Welt sollte künftig im Freitagsgebet ausdrücklich der
Name des Kalifen genannt werden damit wurde die Chutba gleichzeitig zur
Erklärung der Machtübernahme und das islamische Wort für Thronbesteigung
heißt wörtlich "die Chutba auf seinen Namen lesen lassen. Dann ließ Muawia
die Kanzel des Propheten in Medina abbrechen und nach Damaskus bringen. In
der Grossen Moschee wurde sie neu aufgestellt und bei dieser Gelegenheit um
sechs Stufen erhöht. Damit war Damaskus zur Hauptstadt des Reichs erklärt
und die eigentliche Heimat des Islam Provinz geworden. Mekka und Medina
sollten in Zukunft nur noch als religiöse Pilgerplätze eine Rolle spielen. Vom
Staat wurden sie wie Kolonien behandelt, und ein neues Karawanengesetz
beraubte die arabische Halbinsel ihrer wichtigsten Wohlstandsquelle - nie
wieder sollte der internationale Warenverkehr durch die Wüste ziehen.

Der Islam hatte seine Heimat vergessen. In nicht einmal dreißig Jahren war aus
der Wüste eine Weltmacht gekommen, doch ihre Mutterstädte sollten nichts
davon haben. Während der nächsten Jahrhunderte, während die islamische
Kultur ihren Höhepunkt erreichte und das christliche Abendland von den Brocken
lebte, die vom reichen Tisch des Propheten fielen sank der Lebensstandard auf
der arabischen Halbinsel stetig und unaufhaltsam. Bald erschienen sogar die
übelsten Zeiten vor Mohammed wie ein goldenes Zeitalter, verglichen mit der
schlimmen Wirklichkeit. Während das Kalifat in aller Welt zu einer anerkannten
Supermacht wurde, traten in Arabien die vor-islamischen Zustände in ihr
alteingesessenes Recht: Hier herrschten wieder die Stämme und sorgten
ständige Stammesrivalitäten dafür dass es keinem zu gut ging. Und so sollte es
bis in unsere Gegenwart bleiben.

Kapitel 7.
Der arabische Wahnsinn

122 von 295 09.09.2010 19:14


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Der Coup

Einen wüsteren Scherz hat sich die Geschichte nie wieder geleistet:
Ausgerechnet Muawia, zusammen mit seinem Vater Ebi Sofian der letzte und
hartnäckigste Gegner Mohammeds, trug nun rechtmäßig den Titel "Nachfolger
des Propheten". Die bei der Gründung des Reiches den erbittertsten Widerstand
geleistet hatten waren nun seine Herren, die Feinde des Islam "Beherrscher aller
Gläubigen".

Nüchtern gesehen ist Muawias Machtübernahme ein einsamer Geniestreich.


Buchhaltung kennt keine moralischen Stellenwerte, und vom Standpunkt der
Geschäftspolitik gesehen lagen die Verhältnisse klar: Die Beni Omaja war mit
dem Auszug Mohammeds aus Mekka das markt- und stadtbeherrschende
Unternehmen geworden. Im gesamt arabischen Raum musste es dem Islam
schließlich unterliegen und, getreu der Monopol-Politik Mohammeds, im
größeren Konzern aufgehen. Das Management der aufgesaugten Firma erhielt
neue Posten, aber es war doch logisch dass es versuchen würde, den
Gesamtkonzern einmal so in den Griff zu bekommen, wie es seinen eigenen
beherrscht hatte. Nichts anderes hatte Muawia getan, und nach allem, was wir
von ihm wissen, hat er den Islam auch nie als Religion gesehen, sondern immer
nur als das Geschäft des Propheten. Dass diese Geschäfte sich des Vehikels

123 von 295 09.09.2010 19:14


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Religion so erfolgreich bedienten, amüsierte ihn nur.

Insgeheim dürfte der geistliche Führer des Islam Atheist gewesen sein und in
seiner Verwaltung beschäftigte er fast ausnahmslos Christen. "Araber wollen
immer so unabhängig sein und Muslims leider erst recht. Christen aber sind
herrschaftsgläubig wie Schosshündchen" meinte er einmal als er auf die vielen
Christen in seinem Hofstaat angesprochen wurde. Muslims aber ärgerten sich
eben sosehr über Muawias Vorliebe für Christen wie für Hunde: Gemeinhin
betreiben im Orient Hunde und Schweine die Straßenreinigung und gelten als
unreine Tiere.

Ausgerechnet Christen arbeiteten für Muawia auch ein Konzept aus, nach dem er
seinen Frieden mit der Religion machen wollte. In allen Moscheen wurden nun
Geschichten aus dem Leben des Kalifen erzählt. Muawia sei nie ein Gegner des
Propheten gewesen, sondern vielmehr ein Getreuer der, ersten Stunde. Ja, er sei
sogar Mohammeds Geheimschreiber gewesen, und der Prophet habe ihm und
nur ihm den Koran eigenmündig diktiert.

Manche Muslims glaubten diese Geschichte tatsächlich, obwohl Aischa in


Medina erklären ließ, dass Muawias Tätigkeit. beim Propheten so geheim
gewesen sein müsse dass sie selbst bis zur Stunde nichts davon wusste. In der
Moschee von Medina schwor sie, dass ihr keiner der für Muawia so
schmeichelhaften Aussprüche des Propheten bekannt sei, für die Muawia
ausgerechnet sie als Zeugin benannt hatte. Es war der letzte öffentliche Auftritt
der Prophetenwitwe. Von nun an verbot ihr Muawia, das Haus zu verlassen. Sie
durfte das Grab ihres Gemahls nicht mehr besuchen und auch keinerlei
Besuche mehr empfangen. In der Öffentlichkeit durfte sie nicht mehr "Mutter der
Gläubigen" genannt werden, sondern nur noch "Mutter des Bürgerkriegs".
Zweimal trat Aischa aus Protest gegen den Hausarrest in Hungerstreik doch
Muawia ließ ihr ausrichten, er freue sich nur auf ihren Tod. Daraufhin beschloss
Aischa, aus Trotz weiterzuleben. Sie starb schließlich im Jahr 679, dem
siebenundfünfzigsten nach der Hidschra, eine verbitterte alte Frau, unförmig
geworden durch Kummer und Zuckerwerk.

Nach ihrem Tod tat ihr Muawia noch einen letzten Tort an: Er ließ Aischas
Memoiren umschreiben und genau jene Geschichten einfügen, die Aischa selbst
als Lügen Muawias bezeichnet hatte.

Ölgeschäfte mit dem Feind

Pikanter weise waren es auch griechische Christen, die Muawia zum Krieg
gegen Konstantinopel rieten. Dieses außenpolitische Muskel zeigen hatte
ausschließlich innenpolitische Gründe: Muawia konnte sich so als würdiger
Nachfolger Abu Bekrs und Omars präsentieren, der den "Krieg gegen die
Ungläubigen" auf seine Fahnen schrieb wie einst die Gefolgsleute des
Propheten. Und vor allem spekulierte Muawia darauf, dass ein gemeinsamer
äußerer Feind am besten die Brüche im Islam kitten würde.

Bereits 662 ließ er einige Raubzüge auf byzantinisches Territorium unternehmen.


Ein Jahr später überfiel die islamische Flotte Sizilien. Sehr erfolgreich dürfte
dieser "glorreiche Seekrieg" nicht gewesen sein, denn die angeblich so riesige

124 von 295 09.09.2010 19:14


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Streitmacht des Islam griff keine einzige der großen Handels- und Hafenstädte
an, sondern begnügte sich damit, einige Fischerdörfer zu plündern. Da dort
natürlich keine großen Schätze zu finden waren, wurde die Bevölkerung auf die
Schiffe verladen und auf dem Sklavenmarkt von Damaskus verkauft, obwohl der
Prophet selbst Sklavenwirtschaft nicht sehr geschätzt hatte.

Ein Jahr später aber rückte Muawias Flotte den griechischen Kernlanden näher:
Kreta und Malta wurden erneut geplündert und rund ein Dutzend Ägäis - Inseln
besetzt.

Doch allzu ernst dürfte es Muawia mit seinem "heiligen Krieg" nicht gemeint
haben. Er hätte sonst schwerlich seine beste Chance vergeben: Im Jahr 665 rief
sich nämlich der griechische Statthalter in Armenien zum Gegenkaiser aus und
sandte eine Delegation zu Muawia, mit der Bitte um Hilfe im Kampf gegen
Konstantinopel. Als sich der Gesandte von seinem Kniefall vor dem Kalifen
erhob, stand neben ihm schon ein anderer Botschafter Andreas vom Kaiser in
Konstantinopel zu Muawia gesandt mit der Bitte, sich in diesem Streitfall
wohlwollend neutral zu verhalten.

Muawias Antwort war klassisch: "Meine Entscheidung liegt in euren Kassen."

Beide Parteien dürften gezahlt haben, denn Muawia wartete zunächst einmal
ruhig ab bis der Kaiser seine Rebellen erledigt hatte, aber dann erklärte er
Konstantinopel aufs neue den Krieg, aus Rache für den Tod des armenischen
Statthalters. 667 marschierte eine stattliche Armee quer durch Kleinasien und
errichtete in Kalzedon genau gegenüber von Konstantinopel eine islamische
Garnison. Doch dieser Erfolg konnte nicht von Dauer sein - bei der überstürzten
Aktion war die Nachschubfrage übersehen worden, und so konnte die kaiserliche
Armee noch im selben Winter den "Brückenkopf des Islam" aushungern und
zerstören.

Kaiser Konstans konnte sich dieses Sieges nicht sehr lange freuen. Er liebte
heiße Bäder und Badezimmer scheinen in Konstantinopel immer schon
verhängnisvolle Räume gewesen zu sein: An einem Frühlingsabend des Jahres
668 bereitete ihm eine Dame namens Daphne ein kochendheißes Bad aus
Schwefelsäure und Konstans war der siebte von insgesamt vierzehn
byzantinischen Kaisern die in einer Badewanne verstarben.

In Konstantinopel stritten sich daraufhin vier Generäle um den Thron, und


während sie damit beschäftigt waren sich gegenseitig umzubringen, eroberten
Muawias Armeen ganz Tunesien und gründeten als Garnison die Stadt Kairuan.

Erst als in Konstantinopel wieder ein Kaiser auf dem Thron saß, 670, ließ
Muawia auch die Feindseligkeiten gegen Byzanz wiederaufnehmen. Ohne
Widerstand fuhr eine islamische Flotte durch die Dardanellen und begann mit
der Belagerung der Kaiserstadt.

Die Belagerung von Konstantinopel ist eine einmalige Groteske der


Weltgeschichte. Sieben Jahre lang lagerten islamische Truppen vor der Stadt.

125 von 295 09.09.2010 19:14


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Pünktlich am 2. April kamen sie, und ebenso pünktlich zogen sie jeweils. am 28.
September in ihre Winterquartiere nach Syrien. Viel mehr geschah nicht, denn
kein Muslim wagte sich an die Mauern der Kaiserstadt. Die Griechen verfügten
nämlich über eine schreckliche Waffe, das "griechische Feuer", die ersten
Brandbomben.

Ihr Lieferant war ein gewisser Kalinikos aus Damaskus in Konstantinopel


akkreditiert als Handelsbevollmächtigter des Kalifen Muawia. Im Namen seines
Herrn hatte er dem Kaiser ein interessantes Geschäft angeboten: Öl aus der
Erdölquelle des Kalifen die Muawia aus Omars und Osmans Nachlass
übernommen hatte und die eigentlich die Moscheen des Islam zur Fastenzeit
erleuchten sollte. Doch der Ölsegen scheint größer gewesen zu sein als der
religiöse Bedarf. Auf jeden Fall ließ Muawia die Überproduktion an den Feind
verkaufen, gleich in handliche Tonkrüge verpackt, die man nur noch mit einer
Lunte versehen musste, um sie auf die anstürmenden Muslims schleudern zu
können.

So verdiente der Kalif noch an jedem Geschoss, das auf seine eigenen Leute
geschossen wurde. Er verdiente natürlich auch am Transport bei diesen
Waffenlieferungen für den Feind: Nur seine eigenen Schiffe konnten die
Belagerung durch seine Truppen durchbrechen und sie transportierten nicht nur
als erste Tankerflotte die brisanten Ölkanister sondern fallweise auch
Lebensmittel auf dass der Feind sich nicht durch Hunger ergeben müsse.
Muawia selbst fand diese Art von Kriegsführung durchaus in Ordnung: "Es geht
mir nicht um den Sieg, sondern um das Geschäft."

In der arabischen Welt ist die Erinnerung an diesen seltsamen Krieg lebendiger
als in der westlichen. Als 1973 Jamani der Erdölminister König Feisals von
Arabien um die Erde reiste und westliche Staatsmänner mit der Drohung von
Erdölentzug schreckte, betonte er auch regelmäßig sowohl sein König wie er
seien weitläufig mit Muawia verwandt. Anscheinend hielten unsere Politiker diese
Erwähnung für eine Nebensächlichkeit, denn nach seiner Rückkehr erklärte der
Minister in einem Zeitungsinterview, er habe genau damit "ein äußerst
großzügiges Angebot

gemacht, das aber leider nicht verstanden wurde".

Die Anarchisten Gottes

Der Kaiser von. Konstantinopel beendete schließlich den Krieg mit einem nicht
weniger genialen Trick. Gesandte mit sehr viel Geld besuchten die Merdaiten.

Bei den Persern hatte dieser Stamm Marden geheißen, und schon die
Erwähnung ihres Namens reichte aus Angst und Schrecken zu verbreiten. Sogar
unser gutes heimisches Raubtier Marder bezog seine Gattungsbezeichnung von
diesem Räuberstamm, der ursprünglich vom Südufer des Kaspesees aus
sämtliche nach China reisenden oder von China kommenden Karawanen
überfiel. Die Schahs von Persien hatten große Armeen ausgerüstet um mit
diesem kleinen Stamm fertig zu werden, doch die Merdaiten hatten eine
hervorragende Guerillastrategie entwickelt gegen die kein Kampfwagen
gewachsen war. Schließlich traf der Schah ein Arrangement mit diesem Stamm,

126 von 295 09.09.2010 19:14


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der Straßenraub für ein gottgefälliges Werk hielt: Gegen Zahlung einer riesigen
Übersiedlungs-Beihilfe erklärten sich die Merdaiten bereit, mit Kind und Kegel an
die byzantinisch-persische Grenze zu ziehen. Dort gründeten sie eine Stadt
namens Mardin und veranstalteten nahezu ununterbrochen Raubzüge auf
oströmisches Territorium. Mardin existiert heute noch ein romantisches
Städtchen in Anatolien und im Volksmund heißt es auch noch Räubernest. Dabei
haben die Merdaiten ihre Stadt schon 676 wieder verlassen. Wie viel ihnen der
Kaiser von Konstantinopel für diese abermalige Übersiedlung gezahlt hat ist
nicht bekannt. Auf jeden Fall tauchten die Merdaiten im Frühling 677 in Syrien auf
und kurz darauf machten sie den gesamten Libanon und alle Strassen zwischen
Damaskus und Jerusalem unsicher.

Muawia erklärte sich daraufhin sofort zu Friedensverhandlungen mit


Konstantinopel bereit und akzeptierte sogar schmähliche Bedingungen: Für
dreißig Jahre Waffenstillstand bezahlte er noch zweihunderttausend Mark fünfzig
Sklaven und fünfzig Pferde. Dann widmete er sich dem Krieg gegen die Marden,
mit dem gleichen Erfolg wie zuvor Perser und Byzantiner.

Die letzte Wanderung der Merdaiten blieb dies übrigens nicht. Schon dreißig
Jahre später fand ein Kaiser in Konstantinopel, die Nordgrenze seines Reiches
sei am besten mit diesem Räuberstamm geschützt, und daraufhin übersiedelten
die Merdaiten nach Albanien.

Ihren furchterregenden Ruf haben sie nicht eingebüsst, und sprichwörtlich


eigensinnig sind sie auch geblieben: Ihre Nachkommen leben heute noch; Karl
May ließ die Mirditen als Räuber in den Schluchten des Balkan lauern; Albaniens
Staatschef Hodscha hingegen bezeichnet seinen Stamm als die wilden
Fahnenhalter des wahren Kommunismus.

Dabei waren die zugewanderten Merdaiten keinesfalls die einzigen, die Muawia
das Leben im eigenen Land schwer machten. Mindestens ebenso gefährlich
waren die Charidschiten.

Die Geschichtsschreiber sind mit ihnen nicht freundlich umgegangen. Schon der
Name Charidschit ist ein Schimpfwort. "Spalter" werden sie sich selbst nicht
genannt haben, die unter der Devise "Keine Herrschaft als die Gottes"
selbstmörderisch kühn für den wahren Glauben kämpften. Dieses Motto aber
ließ sie gegen jedes irdische Regiment anrennen, und Anarchisten haben noch
nie Gnade vor Geschichtsschreibern gefunden die doch immer im Dienst
irgendeines Systems stehen.

Ihre Kernmannschaft waren die letzten alten Kämpfer des Islam. Mit dem
Propheten waren sie losgezogen in der Hoffnung das Reich Gottes auf Erden,
von dem er aus propagandistischen Gründen oft sprach tatsächlich erleben zu
können. Als dann aus dem Islam ein sehr irdisches von Bürgerkriegen
zerrissenes Reich geworden war, schworen sie, auf eigene Faust und ohne jede
Rücksicht Gottes Reich zu verwirklichen. Ihr Programm ähnelt sogar in Details
dem späterer anarchistischer Vereinigungen: Im Reich Gottes sollte totale
Demokratie herrschen, absolute Gleichheit und umfassende Brüderlichkeit. Kein
Verwalter eines Gemeinwesens sollte sich an seinem Posten festbeißen dürfen
- damit war das Prinzip der permanenten Revolution verankert. Und zur

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Verwirklichung dieses edlen Zieles wurde allen Machthabern der totale Krieg
erklärt. Ausgetragen wurde der von der "Heiligen Armee", auch "Geheime Hand
Allahs" genannt.

In der Geschichte schlugen die Aktivitäten der Charidschiten als endlose Kette
von Aufständen und Attentaten nieder. Der "harte Kern" der Gruppe schien sein
Hauptquartier an der Euphratmündung, in Basra oder Kufa zu haben - mehr
wurde darüber nie bekannt.

Doch überall, so weit der Islam reichte, traten Charidschiten auf als tollkühne
Attentäter oder heimliche M er hoher Würdenträger. Und wie jede anarchistische
Gruppe wurden auch die Charidschiten ein bequemer, unwiderlegbarer Vorwand
für einen schnellen Marsch des Islam in einen brutalen, autoritären Staat. Aus
Angst vor dem Anarchismus schluckten die Stammesfürsten Gesetze, die
Prinzipien des Islam geradezu auf den Kopf stellten.

Wer beispielsweise über den Kalifen auch nur lachte, war der Todesstrafe
verfallen. Ohne Widerspruch durfte sich Muawia eine Leibgarde von 20.000 Mann
aufstellen, und ebenfalls ohne Widerspruch wurde die Rechtsordnung des Islam
abgeschafft: Von nun an brauchten Verhandlungen nicht mehr öffentlich
stattzufinden; Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten war kein Grund mehr für
die Aussetzung des Prozesses; stand der Angeklagte zusätzlich noch im
Verdacht, Charidschit zu sein, durfte er sich vor Gericht auch nicht persönlich
verantworten, sondern bekam einen vom Kalifen bestellten Pflichtverteidiger
zugewiesen. In derartigen Verdacht zu geraten war nicht schwer. Nur ein Mann
brauchte zu behaupten der andere sei Charidschit dann war der Verdächtige
auch schon Beruf und Vermögen meist auch das Leben los. Der Denunziant
aber erhielt 10.000 Mark in bar.

Muawia hatte jedoch auch subtilen Sinn für Humor - diese Gesetze hießen
offiziell Gerechtigkeits-Reform und Gnaden - Erlass des Kalifen für die Sicherheit
aller Gläubigen und wer daran Kritik übte, wurde als erwiesener Charidschit
ohne Verfahren umgebracht. Schließlich sagte schon das Vorwort in schöner
Ehrlichkeit :

Recht ist eine Machtfrage und Gerechtigkeit die wahre Peitsche der
Herrschenden.

Der versoffene Kalif

Noch eine andere Reform plante Muawia, und dabei war er sogar bereit, den
Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu wahren: Er wollte den Islam zu einem
erblichen Familienunternehmen machen. Dabei allerdings begannen die
Schwierigkeiten schon bei ihm selbst.

Er hatte das Attentat der Schwarzen Hand zwar überlebt aber nicht ganz
unbeschädigt.

Der Mordanschlag hatte ihn zwischen die Beine getroffen, und sein Harem hatte
seitdem nichts mehr von seinem Gebieter gehabt. Gründlich, wie Muawia war
hatte er auch dafür gesorgt, dass den Damen selbst ersatzweiser Trost versagt

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blieb: Verfängliche Gemüse wie Karotten oder Gurken durften nur


kleingeschnitten in das Frauengemach geliefert werden. Eine der Damen
protestierte daraufhin mit einem Gedicht. Sie hieß Meisun und stammte aus
einer syrischen Beduinensippe, und nach den Zelten schien sie stets Heimweh
gehabt zu haben:

"Ich lachte einst im rauen Leinenkleide

und lernte weinen im Gewand aus Seide.

Ein kleines Zelt, in das der Ostwind fasst,

ist lieber mir als jeder Steinpalast,

und ein Kamel, das meine Sänfte stößt,

mir lieber als ein Ehemann, der döst.

Denn jeder grobe Kerl ist in der Tat

mehr wert als ein allmächtiger Kastrat."

Muawia hörte diese Verse nicht gern und schickte Meisun zurück in die
Beduinenzelte. Mit ihr aber zog ihr Sohn Jezid, der einzige männliche
Nachkomme des Kalifen. In der Wüste wuchs Jezid auf und als Muawia plötzlich
wieder Vatergefühle entdeckte, war es schon zu spät, dem Sohn höfische
Manieren beizubringen. Das einzige, was Jezid noch lernen konnte, war Saufen.
Frühaufsteher in Damaskus gewöhnten sich bald daran, den Sohn des Kalifen
mit ebenfalls feuchtfröhlichen christlichen Hofbeamten durch die Strassen
torkeln zu sehen, laute Lästerworte gegen Allah und Christus grölend.

Einen solchen Kerl zum Kronprinzen machen zu wollen, war ein starkes Stück.
Und auch das Argument, die natürliche Erbfolge lasse Jezid bereits als
Auserwählten feststehen, verfing nicht. Wenn tatsächlich Blutsverwandtschaft für
das recht auf das Kalifat ausschlaggebend ist, sind wir auf jeden Fall eher dran
als dein Sohn, meinten in Medina die Söhne Abu Bekrs und Omars, vor allem
aber Hussein, der zweite Sohn Allahs und letzte Enkel des Propheten.

Muawia griff tief in die Staatskasse. Wer Jezid als seinen Nachfolger anerkannte
erhielt 5.000 Mark in die Hand, und daraufhin stellten sich natürlich etliche
tausend Muslims zum Kniefall an, doch die entscheidenden Männer hielten sich
zurück.

Die Zeit allerdings arbeitete für Muawia. Der Reihe nach starben die alten
Kampfgenossen des Propheten, und die Plätze ihrer Gräber zeigen, wie weit es
der Islam gebracht hat: Sie liegen in Samarkand begraben, im heutigen
Russland, im Westen Tunesiens, in Sizilien und sogar an den Ufern des Indus.
Viele der alten Garde starben bei Kämpfen, noch mehr ließ Muawia vergiften - nur
sechs der über zweihundert Kampfgefährten von Bedr starben an
Altersschwäche. Es starben der Reihe nach die Witwen des Propheten, Abu
Bekrs und Omars und auch die Töchter Mohammeds und von ihrem Leben
hatten sie alle nicht viel gehabt.

129 von 295 09.09.2010 19:14


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Ende März 680 starb auch Muawia, siebenundsiebzig Jahre alt. Dass um ihn
sonderlich getrauert wurde, ist nicht bekannt. Jezid selbst begab sich, als sein
Vater erkrankte schnell auf einen Jagdausflug und kehrte erst drei Tage nach
dem Begräbnis zurück. Dann wunderte er sich, dass ihn die Damaszener nicht
erschlugen, sondern als Kalifen anerkannten.

Wenn sie schon so blöd sind, haben sie mich wohl auch verdient, meinte er und
verordnete als ersten Staatsakt für sich und seine Kumpane ein dreitägiges
Saufgelage, verschönt durch dreihundert ausgesuchte Straßendirnen.

Der heilige Narr Hussein

In Medina stieß Jezids Thronbesteigung auf Widerspruch. Hussein, der jüngere


Sohn Alis und nunmehr letzte Enkel des Propheten, las sich Muawias
Erbvorschriften noch einmal genau durch und erklärte dann, gemäss dieser
Gesetze sei er Kalif. Jezid schickte sofort eine bewaffnete Truppe los sie solle
Hussein klarmachen dass es sich hier nur um einen Irrtum handeln könne. Doch
als die kleine Armee in Medina eintraf, war Hussein schon in Mekka, und dort
wurde ihm ein begeisterter Empfang bereitet.

Die Mekkaner hatten Muawia nie verziehen, dass er seine eigene Vaterstadt zu
einer drittklassigen Karawanenstation verdammte. Hussein versprach eine
Wiederbelebung der Konjunktur, und damit hatte er alle Herzen gewonnen.

Doch auch in Kufa versprach man sich einiges von Hussein. Unter seinem Vater
Ali war die einst kleine Garnisonstadt zu einem bedeutenden Umschlagplatz
geworden, und unter Muawia hatte dort sein Statthalter Sejad übel gehaust.

Kaum war Hussein in Mekka eingetroffen, besuchte ihn schon eine Delegation
aus Kufa: Geschlossen würde ihn die Stadt im Kampf um die Macht unterstützen.

Viele von Husseins Freunden meinten, der Enkel des Propheten solle dieses
Angebot lieber nicht wörtlich nehmen. Die Kufaner hätten schon seinem Vater nur
sehr wechselnde Treue geleistet und sollten daher lieber erst einmal selbst mit
der Revolution gegen Jezid beginnen. Dann könne Hussein nachreisen.

Doch Hussein sprach ein großes Wort: "Ich folge dem Ruf Allahs. Mein Schicksal
liegt in seiner Hand". Und machte sich auf den Weg, begleitet von seinen Frauen
und Kindern und einer kleinen Schar Anhänger. Das war am 1. September 680.

Der Lieblingsenkel des Propheten war zu diesem Zeitpunkt keine strahlende


Heldengestalt mehr. Von seinem Vater Ali hatte er die Anlage zu Hängebauch
und Glatze geerbt, noch mehr aber dessen Naivität und diplomatisches
Ungeschick. Er war nun Mitte der Fünfzig. Die letzten zwanzig Jahre hatte er
zurückgezogen in Medina gelebt und dabei offensichtlich den Blick für die
Wirklichkeit verloren. Sonst hätte er seinen Zug nach Kufa schon auf halbem Weg
aufgeben müssen, denn von dort kamen schlimme Nachrichten.

Jezid hatte den hervorragenden Geheimdienst seines Vaters übernommen und


war daher über die Vorgänge in Kufa genau informiert. Daraufhin ernannte er
Obaidallah zum Statthalter den Sohn Sejads. Der war 32 und noch wesentlich

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brutaler als sein Vater unseligen Andenkens.

Die Kufaner schworen, den "Sohn des Hurensohnes" gar nicht erst in die Stadt
zu lassen, sondern gleich vor den Mauern zu erschlagen. Doch niemand wusste,
wie der Kerl aussah. So schöpfte niemand Verdacht, als am 7. September eine
große Waffenhändler - Karawane in die Stadt zog. Am nächsten Morgen hatte
Obaidallah mit seiner Truppe die Festung von Kufa in einem Handstreich
genommen. Es kam zu kleineren Unruhen in einzelnen Stadtvierteln, die ganze
folgende Nacht lärmten Verschleierte durch die Strassen. Am Morgen des 9.
September steckten die Köpfe der prominentesten Parteigänger Husseins auf
dem Tor der Festung, und ganz Kufa beeilte sich, den Kalif Jezid zu feiern.

Hussein zog dennoch weiter. Niemand wird es wagen, den Enkel des Propheten
anzugreifen, meinte er und:

"Wenn ich mich wird das Volk sich schon zu erst vor den Mauern Kufas zeige, mir
bekennen und den Aufstand beginnen.«

Daraufhin meinten einige seiner Begleiter, Hussein sei wahnsinnig geworden,


und machten sich aus dem Staub. Sämtliche Beduinenstämme, die Hussein auf
seinem Marsch nach Osten traf bereiteten ihm einen begeisterten Empfang und
rieten ihm eindringlich ab, weiterzuziehen. Der Dichter Al-Feresdak reiste ihm
aus Kufa entgegen: "Die Herzen der Leute mögen für dich sein, ihre Schwerter
aber sind gegen dich". Hussein sagte nur: "Herzen wiegen schwerer als
Schwerter".

Merkte Hussein nicht, dass sein Unternehmen glatter Selbstmord sein musste?
Oder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben und suchte nun den Tod?
Glaubte er vielleicht an ein Wunder oder war er nur einfach unfähig, sich mit
Tatsachen abzufinden?

Ende mit Schrecken

Von allen arabischen Wüstengebieten ist das um Scharaf zweifellos das


schlimmste. Eine Mondlandschaft unübersehbarer Steinfelder, trostlos grau. Seit
Jahrtausenden ist hier kein Gras gewachsen und noch heute bekommen
Kamele Fetzen um die Hufe gewickelt, denn die Steine werden tagsüber glühend
heiß. Wasser ist hier kostbarer als Gold - das einzige Wasserloch im Umkreis
von hundert Kilometern ist in dein winzigen Dorf Schammar, und selbst dieses
Wasser ist nur als starker Kaffee genießbar denn es ist salzig wie Meerwasser.
Nach Osten werden die Steinhügel flacher und plötzlich tauchen dichte
Dattelpalmen-Haine auf - der Schatt el Arab, der Zusammenfluss von Euphrat
und Tigris. Von Fluss kann dabei allerdings nicht die Rede sein: Die ganze
Gegend ist ein Labyrinth von kleinen Wasserläufen und Sümpfen, überwuchert
von subtropischer Vegetation.

Den Urvätern die aus der Wüste kamen, war hier das Paradies, und auf halbem
Weg zwischen Basra und Kufa liegt tatsächlich der Garten Eden, eine verwilderte
Insel zwischen Sümpfen mit einem uralten, verkrüppelten Tamariskenbaum.

Dorthin wollte Hussein und dann flussaufwärts nach Kufa. Der Marsch durch die

131 von 295 09.09.2010 19:14


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Wüste hatte seine kleine Karawane nahezu völlig erschöpft. Zweiundsiebzig


Mann, vierzehn Frauen, zwölf Kinder, ein paar Pferde und vierzig Kamele
stolperten mühsam dahin.

In Scharaf hatten sie für die letzten sechs Tage der Wüstenreise Wasser getankt,
doch schon am nächsten Tag rief der Vorreiter, am Horizont seien Palmen in
Sicht. Hussein glaubte an eine Fata Morgana. Da setzten sich die Palmen in
Bewegung und kamen in scharfem Trab auf ihn zu.

Es waren ungefähr fünfhundert Reiter. Auf ihre Pferde hatten sie Schattendächer
aus Palmwedeln gemacht. Ihr Anführer grüßte Hussein respektvoll - er hieß Horr
und war mit einer von Husseins Frauen weitläufig verwandt und dann fragte er ob
ihm Hussein nicht mit etwas Wasser aushelfen könne.

Bereitwillig teilte Hussein seine Wasservorräte. Dann war Gebetszeit. Ob Horr


und die Seinen mitbeten oder weiterziehen wollten? Horr sagte: "Solange du
lebst, will ich bei deinen Gebeten dabei sein".

Ob Horr vielleicht auch mit nach Kufa ziehen wolle? Selbstverständlich, meinte
Horr. Er habe sogar den Auftrag Hussein dorthin zu geleiten.

Erst am Abend merkte die Karawane, dass sie verhaftet war. Husseins Freunde
rieten zu einem bewaffneten Ausbruchsversuch. Hussein weigerte sich: "Auf
keinen Fall greife ich als erster zum Schwert". Da sagte Horr, er könne trotz aller
Befehle nicht verhindern, dass Husseins Karawane nach Medina fliehe...
Hussein lehnte auch dieses Angebot ab: "Ein Enkel des Propheten kehrt nicht
um".

Damit war die Entscheidung gefallen. Am nächsten Morgen erhielt Horr aus Kufa
neue Befehle: Husseins Karawane dürfe kein Wasser mehr erhalten, unnötige
Gewalt sei aber nach wie vor zu vermeiden. Da kamen auch schon die echten
Palmhaine in Sicht. Nun erst versuchte Hussein nach Westen zu entkommen,
doch Horr ließ diesen Weg versperren und auch den nach Osten, zu den
Wasserstellen. So zog der kleine Haufen Husseins mit seiner übermächtigen
Eskorte am Rand der Wüste langsam nach Norden dreißig Kilometer an Kufa
vorbei. Am 2. Oktober kamen sie schließlich zu dem kleinen Dorf Kerbela, vor
dem Hussein sein Lager aufschlug von Horrs Truppen umringt und nun ohne
Wasser.

Zunächst versuchte Hussein mit Obaidallah zu verhandeln. Man solle ihm die
Chance geben mit Jezid selbst zu sprechen ihn nach Medina zurückkehren
lassen oder ihn an irgendeine Front schicken. Doch alle diese Angebote kamen
nun zu spät.

Zu Horrs Truppen war noch eine Armee von viertausend Mann gestoßen, und
Hussein hatte nur die Wahl, Jezid bedingungslos anzuerkennen oder zu sterben.

Am Morgen des 10. Oktober 680 stellte Hussein seine zweiundsiebzig Mann zur
letzten Schlacht auf, gegen viereinhalbtausend Gegner. Auf einem Kamel ritt er
die Front seiner Feinde ab: "Falls ihr nicht wisst, wen ihr umbringen wollt: Ich bin
der Enkel des Propheten".

132 von 295 09.09.2010 19:14


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Da löste sich ein Mann aus dem waffenstarrenden Ring: "Besser jetzt der Tod
und dann das Paradies, als mit diesem Wahnsinn ,leben und dann die Hölle! Es
war Horr, der ihn so unerbittlich bewacht hatte und nun als einer der ersten für
Hussein starb. Das Gemetzel dauerte den ganzen Tag, denn nach altarabischer
Sitte kämpfte nur Mann gegen Mann.

Am Nachmittag lebte nur noch Hussein, schwerverwundet und blutüberströmt.


Seine zweiundsiebzig Begleiter waren tot, aber auch 88 Feinde gefallen. Eine
Pfeilspitze steckte in seinem Kiefer, und er selbst war nur noch halb bei
Bewusstsein. Da gab Schemmer, einer der Generäle Obaidallahs, den Befehl,
ihn zu töten . Rund fünfzig Mann stürzten sich auf Hussein.

Der Enkel des Propheten wurde von dreiunddreißig Lanzenstichen und


vierunddreißig Schwerthieben zerhackt. Der Kopf wurde abgeschlagen und nach
Kufa geschickt. Über den Körper ritten zehn Freiwillige so lange, bis nichts mehr
davon zu sehen war.

Währenddessen kam es in den Zelten Husseins zu schrecklichen Szenen.


Plündernde Soldatenrissen den Frauen die Kleider vom Leibe, und nur ein
einziger Sohn Husseins, Omar, überlebte das Massaker.

Am nächsten Morgen wurden die, Bürger von Kufa in die Audienzhalle des
Statthalters befohlen. In Dreierreihen zogen sie am Thron Obaidallahs vorüber.
Davor lag Husseins Schädel, und Obaidallah stocherte fortwährend mit dem
Schwert daran herum.

Ein alter Mann konnte das nicht mehr mit ansehen: "Hör auf, mit dem Kopf zu
spielen" schrie er. "Bei Allah, ich sah den Propheten oft diese Lippen küssen".
Dann stürzte er von Weinkrämpfen geschüttelt aus der Halle: "Heute sind die
Araber Sklaven geworden! Nach soviel Ruhm sind sie nur noch feige Hunde!"

Schia heißt Partei

Tatsächlich war der 10. Oktober 680 der Schicksalstag des Islam. Von nun an
zerfiel der Islam endgültig in rivalisierende Gruppen, und es sollte nicht mehr
einen Nachfolger des Propheten geben, sondern stets mindestens zwei, den
Kalif und den Imam. Denn die Parteien, die sich nach der Tragödie von Kerbela
bildeten, bestehen noch heute.

Die einen nannten sich Sunniten, nach der Sunna der Überlieferung. Sie sollte
Lücken und rechtliche Unklarheiten des Korans schließen, vergleichbar der
Rechtspraxis in angloamerikanischen Ländern, die sich an Präzedenzfällen,
Musterurteilen in ähnlich gelagerten Verfahren orientiert. So sollte beispielsweise
die Nachfolgerfrage beim Kalifat nach dem angeblich vom Propheten einmal
geforderten Prinzip der "Würdigkeit" geregelt werden. Ein schönes Prinzip, sollte
man meinen beinahe demokratisch. Ihrem Programm nach wären die Sunniten
zweifellos die progressive Richtung des Islam.

Tatsächlich aber musste die Sunna zum Konservativismus führen. Will man den
Islam mit den christlichen Religionsgemeinschaften vergleichen stehen die
Sunniten als die Katholiken des Islam da. Wobei die Stellung des Kalifen

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allerdings noch päpstlicher ist als die des Papstes, denn wie dieser ist er
geistliches Oberhaupt und als solches unfehlbar, zusätzlich aber auch noch Chef
der staatlichen Macht. So innig sind beide Funktionen verbunden, dass jede Kritik
am Staat auch Gotteslästerung ist. Die Vereinigung von geistlicher und
Staatsmacht war immer ein guter Nährboden für Herrscherwillkür mit allen üblen
Folgen, und Gamal Abd-el Nasser, der Vater des modernen Ägypten schrieb
1961:

"Die Rückständigkeit unserer Länder danken wir zweifellos auch der Sunna. Von
allen bekannten Religionsgemeinschaften ist der Islam die geeignetste ein
modernes Staatswesen mündiger Bürger entstehen zu lassen. Doch jeder
Schritt in diese Richtung wird gegen einen Islam getan werden müssen, wie ihn
die Sunna darstellt" (Islam and Modern Arabic Policy, Kairo 1961).

Die Schiiten trennten von Anfang an säuberlich zwischen Staat und Kirche, aber
absolut nicht absichtlich. Denn für sie waren die einzig legitimen Anwärter auf
das Kalifat Nachkommen des Propheten, also Alis. Die aber sollten nie zum Zug
kommen.

Daher unterschieden die Schiiten nur sehr unfreiwillig zwischen weltlicher und
geistlicher Macht.

Ihr Oberhaupt war der jeweilige Thronanwärter aus der Banu Haschem des
Propheten, als religiöser Führer Imam genannt. Sie waren seine Partei, denn
nichts anderes besagt das Wort Schia, organisiert wie eine moderne
Mitgliedspartei, mit Ortsgruppen und Vereinsbeiträgen. Und vor allem auch mit
einer Lobby, die ihr Süppchen oft genug auf Kosten der Genossen kochte und
schließlich aus dieser Partei ganz etwas anderes machen Sollte, als
ursprünglich gemeint war.

Doch das ursprüngliche Ziel der Schia war auch illusorisch. Mit Mohammed
schien das Geniepotential der Familie erschöpft. Schon Hussein war keine
Leuchte praktischen Verstandes, und von seinen Nachfolgern ist noch weniger
Nennenswertes zu berichten. Für die sunnitischen Kalifen aber mussten
Mohammeds Erben immer gefährliche Konkurrenten sein, und daher mussten
die Imame auch vor den Kalifen geschützt werden. Das ging nicht ohne
Geheimhaltung und hermetische Abriegelung. So waren die Imame immer
Gefangene ihrer Beschützer und sehr bald nur noch Produkte ihres Hofstaates.
Manche von ihnen starben schon im Kindesalter, andere verschwanden
Spurlosen. Es heißt, sie seien von Allah in den Himmel entrückt worden.
Wahrscheinlich ist, dass dabei die Kalifen nachhelfen ließen.

Bald gab es Gruppen innerhalb der Schia, die das hoffnungslose Spiel aufgaben
und einfach erklärten: Mohammeds Erben werden erst am Ende der Welt
herrschen. Sie suchten sich einen der verschwundenen Thronanwärter aus und
erklärten ihn zum "Imam der Zeit" - etwa Christus vergleichbar, der nach seinem
gewissen Tod und seiner mysteriösen Auferstehung ja auch in den Himmel
aufgefahren sein soll, "von dannen er wiederkommt", wie es im christlichen
Glaubensbekenntnis heißt.

Wunderbare Dinge werden sich bei der Wiederkehr des "Imam der Zeit"

134 von 295 09.09.2010 19:14


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ereignen. Sogar das Paradies soll wieder installiert werden und die Erde ein
einziger Garten der Fröhlichkeit sein. Bis zu diesem goldenen Zeitalter aber
waren die Erben Mohammeds auch aus der Politik der Schia ausgebootet. Mit
den mittlerweile zwar unrechtmäßig, aber auch unübersehbar herrschenden
Machthabern fanden sich die Schiiten wie mit einem notwendigen Übel ab, ohne
jedoch je in die blindgläubige Untertanentreue der Sunniten zu verfallen.

Streitfrage sollte nur in alle Ewigkeit bleiben, welcher Imam nun der "Imam der
Zeit" sei.

Eine Gruppe entschied sich für den siebten Namen Ismael die Mehrzahl der
Schiiten einigte sich auf die Nachkommen seines Bruders und erklärte den
zwölften Imam zum künftigen Messias. Einig waren sich beide Fraktionen nur
darüber, dass Mohammeds Schwiegersohn Ali der erste Imam gewesen sei.

Mit der Hoffnung auf einen Messias hielt auch die Mystik in das klare
Gedankengebäude des Islam ihren Einzug. Wenn Irrationalität das Kennzeichen
einer Religion ist, war der Islam spätestens mit dem Begriff "Imam der Zeit" eine
geworden.

Sunniten und Schiiten sind die feindlichen Brüder im Islam wie Katholizismus
und Protestantismus im Christentum, und sie haben einander ebenso begeistert
die Schädel eingeschlagen wie die Christen.

Noch unser Jahrhundert erlebte mit Staunen eine Staatsgründung, die letztlich
mit dem Feuer dieses uralten religiösen Zwistes geschmiedet wurde.

Wieder sollte ein Hussein dabei eine tragische Rolle spielen, und dieser
Hussein war sogar mit dem alten Hussein weitläufig verwandt. Er stammte
ebenfalls aus der Banu Haschem war aber klugerweise nie aus Mekka gezogen
und hatte es dort zum Scherif gebracht, zum Bürgermeister und Gerichtsherren.

Zu ihm schickten die Engländer im Ersten Weltkrieg ihren skurrilsten Agenten.


Der hieß Lawrence und hatte eine bemerkenswerte Vorliebe für Schminke lange,
wallende Gewänder und schlanke Araber.

Die beiden gefielen einander und Lawrence zuliebe begann Hussein einen
Aufstand gegen Konstantinopel, das damals auch Arabien beherrschte. Zur
Belohnung durfte sich Hussein nun König von Arabien nennen und zwei seiner
Söhne wurden als Könige in Jordanien und im Irak eingesetzt. Das stieg
Hussein zu Kopf: 1924 erklärte er sich plötzlich zum Kalifen im Sinne der Sunna.

Das behagte einem Stammesfürsten namens Abdul Aziz ibn Saud gar nicht. Er
fand, es könne doch nicht angehen, dass ausgerechnet ein Nachkomme des
Propheten, der doch eigentlich der Schia verpflichtet sein müsse, nun
sunnitische Politik betreibe, erklärte Hussein den Krieg und jagte ihn aus dem
Land.

Natürlich wandte sich Hussein hilfesuchend an seine englischen Beschützer.


Die erklärten aber, dass sie sich noch nie in religiöse Streitfragen gemischt
hätten, und boten ihm ein komfortables Exil in Zypern an.

135 von 295 09.09.2010 19:14


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Seitdem heißt das letzte Kalifenreich der Weltgeschichte Saudi-Arabien, doch


geistliche Oberhoheit hat Ibn Saud auch nie beansprucht.

Hussein stirbt jedes Jahr

Des ersten Hussein schrecklichen Tod habe ich selbst einmal miterlebt, vor
etlichen Jahren in einem kleinen Dorf bei Isfahan in Persien. An einem Abend
kurz nach dem islamischen Neujahr lud mich ein ächzender Bus nach
ganztägiger Rumpeltour vor einer kleinen Herberge ab.

Schreckliches musste hier geschehen sein, denn das Dorf schien ein einziges
Totenhaus. Während ein Abendländer bei Trauer sprichwörtlich "erstarrt", geraten
Muslims bei solchen Anlässen erst recht in Rage. Aus dem Halbdunkel der
Dorfstrasse gellten herzzerreißende Klagerufe und aus den Häusern grässliches
Geschepper - hinter den Lehmmauern schienen die Frauen des Ortes sämtliche
Töpfe und Pfannen pausenlos aneinander zuschlagen. Tasidscheh, sagte der
Busfahrer und zuckte die Achseln. Tasidscheh, heulte auch der Wirt und hatte
rotgeweinte Augen. Hussein stirbt, schluchzte er, als er Tee brachte.

Ich blätterte in meinem Reiseführer. Richtig, da stand: Tasijeh 12-tägiges


Trauerfest der Schiiten anlässlich des Todes von Hussein (680).

"Hussein wird sterben", wimmerte der Wirt, als er das Essen brachte. Ich
versuchte ihn zu trösten: "Aber Hussein ist doch schon über tausend Jahre tot".

Der Wirt sah mich an wie einen Wahnsinnigen: "Was? Über tausend Jahre? Da!
Er stirbt doch gerade!"

Der Wirt zeigte auf einen alten Mann, der unter dem Vordach einer großen Runde
Jüngerer etwas erzählte. Vor ihm stand ein großer Kalian, die berühmte
Wasserpfeife aus Kirschholz über einem reich geschmückten Messingtopf. Es
roch nach Gandscha, dem verführerischen Rauch von Hanfblättchen. Der Alte
nahm gerade einen tiefen Zug. In der glosenden Pfeife schien er Furchtbares
gesehen zu haben, denn als er weitererzählte, schrie seine Gemeinde wild auf.
Nein, nein, jaulte der Wirt und trommelte verzweifelt mit seinen Fäusten an die
Wände seines Lokals. "Warum muss er denn sterben!?!?!. Es gab Aaschura,
einen Eintopf aus Grütze und Bohnen, und so, erklärte mir der Busfahrer, hieß
auch der Tag.

Genaugenommen ist Aaschura der Gedenktag für eine ganze Masse


menschheitserschütternder Ereignisse, denn gefeiert wird die Austreibung aus
dem Paradies, die Landung der Arche Noahs, Abrahams misslungenes Opfer
und vor allem eben Husseins schreckliches Ende. Damals gab es noch kein
Fernsehen und die meisten im Dorf waren fundierte Analphabeten. Hier leuchtete
noch die ungebrochene Strahlkraft der Erzählung und nie Wieder habe ich ein
Publikum gesehen, das sich so begeistert mitreißen ließ.

Die Leute hingen förmlich an den Lippen des Alten, und der sprach mit Händen
und Füssen, so dass sogar ich verstand, worum es ging. Die Gemeinde weinte
über die lang vergangene Bluttat, als geschähe sie heute und ihr, und sooft der
Alte eine Pause machte, mussten sich alle mit einem tiefen Zug aus der Pfeife

136 von 295 09.09.2010 19:14


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trösten. Minuten später aber heulten sie schon wieder geschlossen los, während
Knallfrösche und rasselndes Blech auf den Strassen eine kriegerische
Geräuschkulisse lieferten.

Obwohl ich von der Reise todmüde war, konnte ich die Nacht über kein Auge
schließen - pausenlos krachte es auf der Strasse, um die Trauernden munter zu
halten. Um Mitternacht bewegte sich ein gespenstischer Zug durch die Strassen.
Voran gingen vier Männer mit nackten Schultern und schlugen. sich selbst mit
Stricken den Rücken. Ihnen folgten viele vermummte Gestalten mit langen
Stangen. Darauf steckten grausige Masken aus Pappmache, grün bemalt die
Köpfe Husseins und seiner Getreuen. Am Schluss trippelten Kinder Arme und
Köpfe mit Lumpen verbunden, um zu zeigen, dass nicht einmal Husseins Kleine
geschont wurden.

Der Zug schien aus dem Mittelalter zu kommen so müssen bei uns einst die
Geissler durch die Städte gezogen sein, unversöhnlich in ihrem Glauben. Nun
verstand ich, was mir kurz zuvor ein Freund in Teheran gesagt hatte: "Solange die
Welt besteht, wird zwischen Sunna und Schia unversöhnlicher Hass sein".

Am nächsten Morgen konnte unser Wirt sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen
halten, aber sein Gesicht strahlte: Die ganze Nacht hatte er seine Bratpfannen
aneinandergeknallt und sich damit als gläubiger Schiit gezeigt. Ich machte ihm
ein Kompliment für soviel religiösen Eifer. Er wehrte ab: "Aber das ist doch gar
nichts". Dann strahlte er: "In Mesched hätten Sie sein müssen da bringen sich
die Leute vor lauter Gläubigkeit gegenseitig um!"

Und dann gab er mir noch eine Tüte Anisplätzchen mit - die Totenkuchen
Husseins.

Mesched in Nordpersien ist einer der großen Wallfahrtsorte der Schiiten, und hier
soll es tatsächlich oft zu Tasidscheh Tote gegeben haben. Es wird von Gläubigen
berichtet, die sich lebendig begraben ließen, von Fanatikern, die sich selbst zu
Tode prügelten, und von Laienspielern, die Husseins letzten Kampf so
realistisch darstellten, dass Sie selbst dabei ums Leben kamen. Nichts spricht
dagegen, solchen Berichte zu glauben, zumal ein neues persisches Gesetz
diese Bräuche ausdrücklich verbietet. In der Welt des Islam sind
eintausenddreihundert Jahre keine lange Zeit vor der Ewigkeit der Blutrache, und
die Erinnerung an Kerbela ist lebendig, als wäre es gestern gewesen.

Kerbela selbst ist wohl das größte Gräberfeld der Erde. Für den frommen Muslim
ist es Herzensangelegenheit, in der Nähe großer Männer begraben zu sein. Die
werden vielleicht am Tag der Auferstehung ein gutes Wort bei Allah für ihre
Nachbarn einlegen. So bestimmen viele Schiiten in ihrem Testament Kerbela zur
letzten Ruhestätte.

Die Toten kommen auf Kamelen aus der Wüste in Säcke eingenäht und in
Ätzkalk getaucht. Obwohl die Karawanentreiber ständig Weihrauch verbrennen,
kann man deutlich riechen, dass hier ein Gläubiger seinen letzten Weg
zurücklegt.

Sie kommen in rohgezimmerten Truhen auf den Gepäckträgern klappriger Taxis

137 von 295 09.09.2010 19:14


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aus Bagdad, in ganzen Gruppen auf dem Verdeck uralter Lastwagen. Sie
kommen aus Pakistan und Persien in blechbeschlagenen Kisten und werden
auf dem verschlafenen Bahnhof gestapelt, um dann irgendeines Tages vor die
Stadt gekarrt zu werden. Dort, vor den alten Lehmmauern, wurde
jahrhundertelang Grab an Grab gereiht, und heute haben die Toten Kerbela mit
einem kilometerbreiten Ring umzingelt. Keine Blume wächst da, nicht einmal ein
Grashalm. Die alten Araber haben die Gräber ihrer Toten mit Steinen bedeckt,
um sie vor den Schakalen der Wüste zu schützen. Daher besteht die Umgebung
Kerbelas aus kleinen Ziegelhaufen. Dazwischen steht ab und zu ein kleines
Mausoleum eines reicheren Toten, aber auch das ist nur aus luftgetrockneten
Lehmziegeln erbaut und wird bald zerfallen sein.

Die Totenstadt von Kerbela ist von trostloser Größe - namenlos warten hier
Millionen unter zerbröckelnden Backsteinen auf den Tag, an dem Allah jeden von
ihnen wiedererkennen wird, und in der Sonne leuchtet die Kuppel des
grandiosen Domes, den spätere Herrscher über dem Platz errichtet haben, wo
Husseins Leichnam zertrampelt wurde.

Um dieses blutgetränkte Stück Wüste ist eine kleine Stadt entstanden. In den
Suks, den engen Gassen des Basars, hocken Pilger aus Persien, Pakistan und
Indien. Viele von ihnen werden nicht mehr heimkehren. Sie wollen hier bleiben,
dann ist einmal der letzte Weg nicht so lang. Und außerdem: Es gibt ja eine
Menge betrügerischer Bestattungsunternehmer, die ihre Kunden gar nicht bis
Kerbela bringen, sondern einfach unterwegs verscharren. Nein, meinte ein alter
Pakistani, so ein Risiko wolle er gar nicht erst eingehen.

Er hockte nun schon fünf Jahre in Kerbela; in einer Seitengasse des Basars
hatte er ein kleines Zimmer gemietet, bei einem Beerdigungsunternehmer - die
Stadt lebt vom Tod. Er selbst verdiente sich inzwischen als Totengräber etwas
Geld, und wenn ihm das Warten auf den eigenen Tod langweilig wurde, gab es
da immer noch ein Haus mit freundlichen Damen. Nein, nicht "Töchter des
Windes", damit würde er sich als Frommer nicht einlassen. Es handle sich
vielmehr, erklärte er, um ein Heiratsinstitut, wo man sich nach Erledigung.
sämtlicher Formalitäten für eine Nacht verheiraten könne.

Ob dieser schöne Brauch noch besteht, weiß ich nicht. Früher war Ungläubigen
der Besuch von Kerbela verboten. Vor einigen Jahren durfte man für etwas
Bakschisch sogar schon auf das Minarett der Hussein -Moschee steigen. Von
dort hat man einen wundervollen Blick auf die goldene Kuppel über Husseins
Todesstätte und auf die riesige Totenstadt. Bei klarem Wetter sieht man am
anderen Ufer des Euphrat fast schon am Horizont, einige zerklüftete Hügel. Unter
ihnen ist Babylon begraben, die Wiege der Kultur.

Am meisten ergriffen aber hat mich ein kleines Gedicht, eingekratzt in eine halb
zerfallene Lehmmauer. Fromme Hände dürften es immer wieder erneuert haben,
denn es ist so alt wie der Bruderzwist des Islam, die Klage eines Augenzeugen:

"Gott, war es das, wofür in deinem Namen wir statt der Pfeffersäcke einst das
Kriegsschwert nahmen?

Dass des Propheten Feinde nun auf seinem Thron erschlagen können des

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Propheten Enkelsohn?

War unser Glaubenskampf nur zu dem Zwecke der Machtergreifung wilder


Hurenböcke?

Für Gottes Reich auf Erden traten wir in Sold, doch wir vermehrten nur der
Gauner Gold.

Nun bringt der Bruder seinen Bruder um, ein stetes Morden.

O Gott, was ist aus dem Islam geworden? "

Kapitel 8.
Die geheimen Verführer der Diktatur

Die grüne Krake

Auch aus dem Flugzeug wirkt das "Wunder in der Wüste" kaum weniger

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beeindruckend, als es vor Jahrhunderten auf den Beduinen gewirkt haben mag, der
per Kamel aus der Wüste kam: Im horizontweiten Braungrau des Antilbanon
leuchtet plötzlich Grün. An den Berghängen beginnt es, zaghaft, ein schmaler Zipfel.
Es wächst einen Wasserlauf entlang ins Tal, wird breiter,

und nach vielen Windungen vereinigt es sich mit den anderen grünen Armen zur
Oase von Damaskus. Aus der Vogelschau sieht das Tal tatsächlich aus wie ein
großer, grüner Tintenfisch im Steinmeer der Wüste, und "grüne Krake" hieß es auch
schon seit undenklichen Zeiten. Damaskus hat aber auch poetischere Namen,
beispielsweise "Garten des Islam".

Wer den Zauber dieser wahrscheinlich ältesten noch lebenden Stadt der
Menschheit erfahren will, muss aus der Wüste kommen. Er muss aus der
mörderischen Sonnenhitze kommen, um das "Wunder von Rabueh" empfinden zu
können: Zahllose kleine Wasserfälle, die im Schatten alter Eukalyptusbäume fast
auf die Strasse spritzen, die gebändigt kleine Teiche speisen und die zahllosen
Kanäle in den üppigen Gärten. Hier ist die Heimat der Rosa Damascena und hier
wird sie in Feldern gebaut, denn diese Blume ist eine Nutzpflanze. in den Suks, den
engen Basargassen, wird die Rosa Damascena verwertet und wie vor
Jahrhunderten auf den Markt gebracht: Als Rosenöl, einst unentbehrlicher
Konditorbedarf als gezuckerte Rosenblätterpaste, als Rosenhonig, als Konfekt und
als Rosenwasser, Seifenersatz der Superreichen von ehedem.

Das Herz der grünen Krake ist die Altstadt von Damaskus, graubraun wie die
Wüste, aber durchpulst von ewigem Geschäftsleben. Der "fruchtbare Halbmond",
das Zweistromland und wie die Levante im Gegensatz zur Heimat des Islam
genannt werden, hat hier sein Zentrum. Es kann sich sehen lassen - obwohl die
Stadt unzählige Male zerstört und wiederaufgebaut wurde, ist beinahe jede
Straßenecke von uralten Erinnerungen geheiligt.

Christliche Besucher können hier noch das Tor bestaunen, vor dem Saulus vom
Pferd fiel und Paulus wurde, und sie können in den kleinen Raum "an der geraden
Gasse" treten, wo sich der Frischbekehrte von seinem Schock erholte.

Wenn sie dann schon so weit in die Altstadt vorgedrungen sind und ihnen nicht
bereits die Augäpfel schmerzen ob der verwirrenden Vielfalt von Köstlichkeiten auf
den Basaren, können sie noch durch einige römische Torbogen zum fünften
Weltwunder gehen, der Moschee der Omajaden.

Nur zwei der sieben Weltwunder Herodots hatten die Antike überlebt: der Koloss
von Rhodos und die unverwüstlichen Pyramiden. Dem Koloss haben die Muslims
den Garaus gemacht, aber als ihre Schöngeister eine neue Kartei der Weltwunder
anlegten, rechneten sie den Verschrotteten mit. Als Numero drei führten sie stolz
die Kaaba auf, als viertes der Wunder Salomons Tempelberg und als fünftes die
Moschee von Damaskus. Zumindest da haben sie nicht übertrieben! Obwohl auch
die Omajaden Moschee wiederholt schwer ruiniert wurde, wirkt sie auch heute noch
atembeklemmend schön. Ein riesiger, lichtdurchfluteter Hof, an dessen
Pfeilerwänden Einlegarbeiten aus buntem Marmor leuchten, dahinter eine große
dreischiffige Halle mit einem Wald herrlicher Säulen. Unter einer zierlichen
Marmorkuppel soll Johannes der Täufer begraben liegen, und ein kleiner Brunnen
davor ist das älteste Taufbecken der Christenheit. Gut zweitausend Perserteppiche

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glühen in allen Farben des Orient, an einigen Wänden aber leuchten zwischen den
Marmorplatten Mosaike, Stadtbilder in bester römischer Tradition.

Die Herren aus der Wüste brachten keinen eigenen Baustil mit, und daher wurden
Kunsthistoriker nie müde, am Beispiel der Omajaden-Moschee die Übernahme
römischer Kunst zu beweisen. Doch haben die Omajaden nicht einfach
übernommen diese Großzügigkeit, diese zurückhaltende Pracht haben selbst die
besten Baumeister des alten Rom nicht zustande gebracht.

Hier wurden andere Vorstellungen verwirklicht, geboren aus der Weite der Wüste,
wenn auch mit von Römern geerbten Mitteln. Wer die drei Schicksalsstädte des
Islam kennt Mekka, Medina und Damaskus, wird verstehen dass Damaskus die
Hauptstadt des Reiches Islam werden musste. Es liegt am Schnittpunkt aller
Handelswege der alten Welt, und seine Oase kann allein mehr Menschen ernähren
als alle Oasen der arabischen Halbinsel zusammen.

Wer die Araber kennt, weiß allerdings auch, dass Damaskus als Hauptstadt nie
unwidersprochen hingenommen werden konnte. Zu unarabisch ist diese
Metropole, zu weltstädtisch allen Völkern und Religionen gegenüber, auch heute
noch, nach eintausenddreihundert jähriger Herrschaft des Islam.

Zu Recht mussten die Gläubigen von Mekka und Medina den Omajaden vorwerfen,
in der Hauptstadt des Unglaubens zu residieren, von ihren Handelsinteressen
einmal ganz abgesehen.

Diese Problematik fand ihren Niederschlag in den Geschichtsbüchern und macht


es heute noch schwierig, die Zeit zu beurteilen, in der aus dem Islam die absolute
Weltmacht ihrer Zeit wurde. Alle Parteien häuften Unrecht auf sich - die von
Damaskus aus Macht erwarben und verteidigten, die für den wahren Glauben zu
kämpfen vermeinten und jene die um ihre tatsächlichen oder eingebildeten Rechte
kämpften. Wer in diesem ununterbrochenen Ringen unterlag, war auf jeden Fall ein
Bösewicht. Wer siegte, ein stets nur sehr zweifelhafter Held. Bluttriefende Tyrannen
fanden Gnade vor der Nachwelt, weil sie etwas Kultur hinterließen und sich außer
mit Mördern auch mit Künstlern umgaben, Friedliebende wurden als Feuerteufel
des Bürgerkrieges gebrandmarkt, und allen gemeinsam ist der Fanatismus, der
seitdem als typisch arabischer Charakterzug gezählt wird. Nicht ganz zu Unrecht:
Sämtliche Feindschaften der damaligen Altvorderen vererbten sich mit zäher
Hartnäckigkeit auf ihre Kindeskinder bis in die Gegenwart. Sämtliche Konflikte der
heutigen arabischen Länder und Stämme leiten sich aus der Zeit nach dem
Propheten ab und werden auch in Diskussionen immer wieder auf die islamische
Erbsünde zurückgeführt. Beispielsweise stehen die syrisch – saudi - arabischen
Beziehungen noch heute im Schatten des Konfliktes zwischen Mekka Medina und
Damaskus aus der ersten Omajadenzeit.

Mekka am Ende

Kaum war Hussein in Kerbela gefallen, rief sich in Mekka Abdallah Ben Zubair zum
Kalifen aus. Schließlich hatte er nun die gleiche Erbberechtigung wie Jezid, denn er
war ein Enkel Abu Bekrs. Zufällig war er auch genauso alt wie die Zeitrechnung des
Islam, denn er wurde gleich nach dem Umzug, am 13. September 622 geboren.
Seine Mutter Asma hatte als Hochschwangere den Propheten und ihren Vater in der

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Höhle versorgt und sich damit in der Geschichte des Islam als eine der wenigen
Frauen einen bleibenden Namen gemacht. Sein Vater ist uns schon bekannt:
Az-Zubair der gemeinsam mit Aischa den Bürgerkrieg gegen Ali vom Zaun
gebrochen hatte und in der Schlacht des Kamels gefallen war.

Von Abdallah selbst wird eine seltsame Geschichte berichtet: Als er noch ein Knabe
war, spielte er oft mit anderen Kindern im Haus des Propheten. Einmal musste
Mohammed zur Ader gelassen werden, und der Hausarzt gab dem Kleinen die
Schale mit Blut - er solle sie irgendwo unauffällig wegschütten. Kaum aber war das
Kind um die Ecke des Hauses gegangen, trank es das kostbare Prophetenblut.
Wahr oder erfunden – auf jeden Fall legitimierte diese Anekdote Abdallah in den
Augen der Bürger von Mekka und Medina, und vor der Kaaba wurde ihm als Kalifen
gehuldigt.

Jezid in Damaskus sah das gar nicht gern. Nach einem Jahr und vergeblichen
Verhandlungen schickte er eine stattliche Armee gegen die heilige Stätte. Das
Kommando führte Hassem, und sein Befehl lautete: "Pardon wird nicht gegeben.
Vergesst, dass ihr gegen die heilige Kaaba zieht, sondern denkt daran, dass ihr nur
den Befehl eures Führers vollzieht".

So gründlich hatte sich der Islam in den fünfzig Jahren nach Mohammed geändert.
Die Muslims stellten auf den Bergen rings um Mekka Katapulte auf und schossen
die Kaaba zu einem Trümmerhaufen. In die Stadt selbst aber kamen sie nicht,
obwohl seit Mohammeds Machtergreifung die Stadtmauern "in Aussicht auf den
nunmehr ewigen Frieden" geschleift waren. Die Mekkaner erwiesen sich als so
gefährliche Straßenkämpfer, dass sich die Belagerer bald darauf beschränkten, die
Stadt so gründlich wie nur möglich von der Außenwelt abzuschließen. Selbst damit
hatten sie nicht sehr viel Erfolg: Getreu den Geboten des Koran zogen islamische
Pilgerscharen durch den islamischen Belagerungsring, und so entwickelte sich ein
reger Lebensmittelschmuggel.

Am 27. November 683 ruhten plötzlich die Katapulte in Damaskus war Jezid
gestorben, 38 Jahre alt und höchstwahrscheinlich an Delirium tremens. Zu seinem
Nachfolger hatte er noch schnell seinen Sohn ernannt, doch der war erst dreizehn
Jahre alt und überdies noch schwachsinnig.

Am Abend dieses Tages kam es vor den Trümmern der Kaaba zu einer
eigenartigen Begegnung. Hassem, der Belagerer, traf sich mit Abdallah Ben Zubair
und trug ihm in aller Form das Kalifat an.

Abdallah witterte eine Falle und lehnte ab. Doch Hassem hatte es durchaus ernst
gemeint. "Ich bin ein Feind jeglichen Bürgerkriegs" erklärte er. "Und daher ist mir
jede Zentralgewalt lieber als keine. Dem stünde ja nichts im Wege, meinte
Abdallah. Er sei durchaus bereit, Kalif zu bleiben allerdings nur mit dem
Regierungssitz Mekka. Da zählte Hassem noch einmal sämtliche
verkehrstechnischen und andere Gründe auf, die gegen Mekka und für Damaskus
sprachen - Abdallah blieb störrisch.

Darauf zog Hassem beleidigt ab und am nächsten Tag mit seinen Truppen in
Richtung Damaskus. Als er dort ankam, war Jezids Sohn gerade gestorben oder
umgebracht worden. Der Hofstaat befand sich in voller Auflösung, und die

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Angehörigen der Sippe Omaja packten bereits ihre Koffer für die Flucht. Einen
entfernten Onkel Jezids traf Hassem noch in seinem Palast an. Er hieß Merwan,
und ihn ernannte der General zum Kalifen.

Das machte das Chaos nur noch größer. Viele Städte bekannten sich zu Abdallah
Ben Zubair als Beherrscher aller Gläubigen. Etliche entschieden sich für Hassems
Wahl, in Basra wurde Obaidallah, der Killer von Kerbela, ausgerufen und bald
wusste niemand mehr, wo nun welche Front verlief zumal sich auch noch Schiiten
und Charidschiten in die Kampfhandlungen einmischten.

Der einzige, der während der nächsten zehn blutigen Jahre halbwegs ruhig und
friedlich lebte war Abdallah je nach politischem Standort der Chronisten
rechtmäßiger Kalif oder Anmasser der höchsten Würde des Islam. Er schien an
weltlicher Macht nicht interessiert. Wiederholt hätte er beste Chancen gehabt sich
aus den Trümmern des islamischen Reichs ein eigenes Imperium
zusammenzubasteln doch er begnügte sich damit, in Mekka zu bleiben und sich
dort als religiöses Oberhaupt huldigen zu lassen. Er baute die Kaaba wieder auf,
größer, als sie zu Mohammeds Zeiten gewesen, doch angeblich nach den Plänen
des Propheten. Der heilige Schwarze Stein war während der Kampfhandlungen
zerborsten. Abdallah ließ die Trümmer sammeln und mit einer silbernen Klammer
zusammenfügen. In dieser Klammer, ungefähr einen Meter hoch und siebzig
Zentimeter breit, ruht der Schwarze Stein heute noch. Zu Abdallahs Zeiten wirkte er
nach der Beschreibung eines Dichters "wie ein großes Juwel, aus einer silbernen
Wand ragend". Seither haben ihn Millionen Hände berührt und gestreichelt - heute
ist der Schwarze Stein ein tiefes, schwarzes Loch in Abdallahs silberner Fassung.

Währenddessen ertranken die islamischen Länder in Strömen von Blut. Drei


manchmal sogar vier Anwärter kämpften um das Kalifat. Merwan, der Omajade,
starb bereits 685, nachdem er zwei Jahre lang mit Hassems Armee von Aufstand zu
Aufstand geeilt war, ohne außerhalb von Damaskus und Syrien als Kalif anerkannt
zu werden. Nach seinem Tod wurde sein Sohn Abd-el Melik von Hassem zum
Kalifen aufgerufen. Seine Regierungserklärung gab keinesfalls zu Optimismus
Anlass: "Vierzig Jahre bin ich nun alt, und seit meinem zehnten Lebensjahr herrscht
Bürgerkrieg. Ich habe mir geschworen, diesem Wahnsinn ein Ende zu machen, und
wenn dabei die Menschheit ausstirbt".

Tatsächlich sollte sich Abd-el Melik durchsetzen, und die Historiker haben ihm dafür
den Beinamen "der Grosse" verliehen. Mit der gleichen Berechtigung, wenn nicht
mit mehr, müsste er auch "der Blutige" heißen, denn bei der Wahl seiner Methoden
war er nicht zimperlich. Doch in den Geschichtsbüchern gilt Erfolgshaftung und der
Grundsatz zweifelhafter Moral, dass der Zweck die Mittel heilige. Dass Abd-el Melik
die absolute Staatsmacht wiederherstellen wollte, war klar, und auch über das Wie
ließ er keinen Zweifel aufkommen. Sein Machtmittel war das Militär, und die
Soldaten waren keine Glaubensstreiter mehr, sondern Söldner, ein bunt
zusammengewürfelter Haufen bezahlter Mordangestellter, durch eisernen Drill
zusammengehalten. Um freie Hand zu bekommen, schloss Abd-el Melik mit dem
Kaiser von Konstantinopel einen langjährigen Friedensvertrag und verpflichtete
sich, dem Herrscher der Ungläubigen jährlich ein Viertel der Staatseinnahmen
abzuliefern. Dafür wurden die Länder des Islam zu Feindesland erklärt und zur
Plünderung freigegeben.

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Zunächst wurde das Euphratgebiet verheert. Dort hatte sich Obaidallah zum Kalifen
ausrufen lassen. Da aber hatten die Schiiten geputscht. Obaidallah wurde
erschlagen und sein Kopf im Palast zu Kufa an dieselbe Stelle gelegt, wo einst vor
ihm Husseins Haupt gelegen hatte. Dann putschten die Anhänger Abdallahs und
brachten den Kommandanten der Schia um. Und als Abd-el Meliks Armee vor Kufa
aufmarschierte, putschten seine Parteigänger in der Stadt. Anfang Dezember im
Jahr 691 zog Abd-el Melik in der Stadt ein, und die Würdenträger Kufas
versammelten sich nach alter Sitte in der Audienzhalle.

Vor Abd-el Melik lag der abgehauene Kopf des Statthalters von Abdallahs Gnaden,
und eine bis an die Zähne bewaffnete Leibgarde sorgte dafür, dass die Kufaner
dem neuen Beherrscher der Gläubigen gebührend zujubelten. Nur ein alter Mann
weigerte sich, auch nur ein einziges Mal "Hoch" zu rufen.

"Ich war im Lauf der letzten zehn Jahre einige Male in dieser Halle", sagte er. "Das
erste Mal lag genau hier Husseins Kopf und Obaidallah saß auf dem Thron. Das
zweite Mal lag hier Obaidallahs Kopf und ein Schiit saß dahinter. Dann lag hier der
Kopf des Schiiten, und Abdallahs Statthalter saß dort. Jetzt liegt sein Kopf vor dir.
Das alles macht mich so nachdenklich, dass ich erst das nächste Mal wieder
jubeln werde". Abd-el Melik wurde blass. Er erklärte die Zeremonie für beendet und
gab den Befehl, die Halle so gründlich zu zerstören dass niemand mehr ihre Lage
feststellen könne. Die nächsten zwei Jahre soll er ständig seinen Hals massiert
haben.

Mit dem Fall von Kufa und Basra war aber auch Abdallahs Zeit abgelaufen. Nur
noch Mekka hielt zu ihm und dorthin schickte Abd-el Melik nun die frei gewordene
Armee unter dem Kommando von Hedschadsch, dem brutalsten Haudegen
islamischer Geschichte. Schon bei den vorangegangenen Kriegen Abd-el Meliks
hatte er sich den zweifelhaften Ehrentitel "sadistischer Bluthund" erworben, und er
war so stolz darauf, dass er ihn auch stets unter seine Unterschrift setzte.

Kaum hatte er Mekka eingeschlossen und auf den Berghöhen erneut Katapulte
installieren lassen schrieb er auch mit diesem Absender einen Brief an die
Belagerten: Wer freiwillig zu ihm überlaufe, erhalte Schonung seines Lebens und
Eigentums. Im übrigen aber dürfe kein Pilger mehr in die Stadt.

Am nächsten Morgen begann das Bombardement. Schwere Steinbrocken flogen


den ganzen Tag über von den Hügeln in die Wohngebiete. Die Kaaba wurde
diesmal geschont dafür aber ging nahezu die ganze Stadt in Trümmer. Außerdem
war die Blockade wirklich lückenlos. Schon nach einem Monat gingen die
Lebensmittelvorräte zur Neige während die Belagerer sogar mit frischen
Süßigkeiten aus Damaskus versorgt wurden. Dieser Nervenkrieg dezimierte
natürlich die Anhänger Abdallahs und ganze Scharen verließen die Stadt. Immerhin
blieben genügend Verteidiger um Eindringlinge schon in den zertrümmerten
Vorstädten zurückzuschlagen.

Abdallah Ben Zubair war bereits siebzig Jahre alt, eine imponierende Gestalt mit
langem, weißen Bart. Er muss eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein,
denn er konnte sich acht Monate und siebzehn Tage im belagerten Mekka halten,
ohne seinen Kämpfern auch nur den kleinsten materiellen Vorteil versprechen zu

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können. Doch Hedschadsch hatte alle Vorteile auf seiner Seite. Außerdem schickte
er immer wieder verlockende Angebote in die Stadt, ab und zu von kleinen
Kostproben der Näschereien in seinem Lager begleitet. Schließlich konnten nicht
einmal mehr Abdallahs Söhne der Verführung widerstehen. Sie sahen die
Aussichtslosigkeit der Lage ein und flüchteten. Zurückblieben etwa fünfzig
kampffähige Männer und AbdaIlah.

Auch Abdallahs Mutter lebte noch. Sie war schon gut neunzig Jahre alt, die letzte, die
den Propheten noch einigermaßen gekannt hatte. Zu ihr kam Abdallah: "Mutter,
nahezu alle haben mich verlassen, sogar meine Familie. Der Feind erbietet sich,
mein Leben zu schonen und meinen Unterhalt zu garantieren, wenn ich mich
ergebe. Wie denkst du darüber?"

"Du musst selbst wissen, was du zu tun hast", sagte die alte Frau.

"Wenn du von deiner Sache überzeugt bist, musst du auch für sie sterben können.
Freie Männer ergeben sich nicht, nur weil sie von feigen Kameraden verlassen
wurden. Wenn es dir aber nur um rein irdischen Vorteil gegangen ist, musst du
vernünftigerweise auch jetzt einen Kompromiss schließen". Behutsam küsste
Abdallah ihren grauen Scheitel: "Dann trauere nicht um mich, Mutter".

Mit dem Schwert in der Hand ging er vor die Stadt. Einige Minuten später war er tot.
Das war am 3. Oktober 692.

Fedajin und das überflüssige Jerusalem

Am 13. November 1974 hielt der ehemalige Bauingenieur Jassir Arafat seinen
Einzug bei der UNO in New York. Applaus wie für einen Staatschef begrüßte den
verwegen aussehenden Guerillero, und auch der für Staatsoberhäupter reservierte
hochlehnige Armstuhl stand bereit. Demonstrativ nahm Arafat darauf nicht Platz.
Stehend hielt er seine Rede voll arabischen Pathos: "Unsere Gegenwart ist eine
atemberaubende Wiederholung aItarabischer Geschichte..."

Zumindest bei den Fedajin, seinen gefürchteten palästinensischen Freischärlern,


hat Arafat selbst die Neuauflage eines blutigen Kapitels islamischer Geschichte
besorgt. Fedajin bedeutet, wörtlich übersetzt, "Opferbereite", und ihr
Selbstverständnis umschrieb Arafat mit dem Satz: "Ein ehrenvoller Tod im Kampf ist
mehr wert als Leben Im Elend."

Unter genau diesem Motto zogen schon 1289 Jahre früher arabische Freischärler in
den aussichtslosen Kampf, und auch sie nannten sich Fedajin. Damals aber
kämpften sie nicht gegen die Israelis, sondern gegen ihre eigenen
Glaubensgenossen, und sie kamen auch nicht aus Palästina sondern aus Kufa
und Basra im heutigen Irak. Gemeinsam war den alten wie den neuen Fedajin nur
ihre selbstmörderische Verzweiflung.

Mohammeds Enkel Hussein war aufgrund einer Einladung aus Kufa in den Tod
marschiert, und während der frühen Jahre des Islam hatten sich die Kufaner den
Ruf fundierter Charakterlosigkeit redlich erworben. Möglicherweise nicht ganz zu
Recht, denn die Bevölkerung der schnell aufgewachsenen Stadt war hoffnungslos
in Parteien zerfallen, ein getreues Spiegelbild des gesamten Islam. Sunniten also

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Parteigänger der Omajaden und Schiiten hielten sich annähernd die Waage, und
bei der Tragödie von Kerbela sorgten nicht nur Obaidallahs Söldner, sondern auch
Kufaner dafür dass in der Stadt alles ruhig blieb. Als sich dann in Mekka Abdallah
und in Kufa Obaidallah zu Kalifen proklamierten spaltete sich aus den großen
Parteien noch eine dritte ab, die für Abdallah eintrat und zeitweise die Geschicke der
Stadt bestimmte. Einig waren sich alle drei nur gegen die vierte, kleinste Gruppe,
die Charidschiten. Gegen diese angeblichen Terroristen fanden sich sogar
Sunniten und Abdallahs Parteigänger zu einer grotesken Koalition.

In der Schia kam schon bald nach Kerbela schlechtes Gewissen auf. Kufa hatte
Hussein im Stich gelassen. Nun, wo es eigentlich zu spät war, beschlossen die
Schiiten Husseins Kampf fortzusetzen. Anfang Oktober 685 trafen sie sich vor den
Stadtmauern von Kufa. Unter den Burnussen klirrten Schwerter. Natürlich war die
Versammlung nicht geheim geblieben, und so meldete sich schon als zweiter
Redner ein Abgesandter Abdallahs aus Mekka. Er machte den Vorschlag, seine
Partei und die Schiiten sollten gemeinsam gegen die Omajaden ziehen. Doch die
Schia meinte dies sei ein allzu weltlicher Kompromiss. Allein wollten sie Hussein
rächen, und mit diesem Programm setzten sie sich zwischen sämtliche Stühle.

Das dürfte ihnen selbst klar gewesen sein, denn bei ihrem Auszug aus Kufa, am
20. Oktober 685, erklärte ihr Anführer: "Wir haben alle Brücken hinter uns
abgebrochen. Wir haben alles verloren und nichts mehr zu gewinnen als den Tod".

Rund 16.000 Mann hatten sich gemeldet, und bevor sie in Richtung Damaskus
marschierten, lagerten sie noch zwei Tage in Kerbela. In Syrien aber hatte
gleichzeitig Abd-el Melik den Thron bestiegen. Einige Kilometer vor Damaskus
lagerte Obaidallah mit seinen Truppen, ebenfalls ein Anwärter auf das Kalifat.
Kaum erhielten die beiden Nachricht über den Anmarsch der Freischärler,
beschlossen sie, ihren Machtkampf auf später zu verschieben. Als hätte es
zwischen den beiden nie Differenzen gegeben, vereinigten sie ihre Armeen, und
Anfang Dezember erwarteten bei Ain-el-Warda am Euphrat rund 60.000 gut
gerüstete Soldaten die Fedajin.

Drei Tage dauerte die hoffnungslose Schlacht. Schon am ersten Tag waren die
Fedajin eingekreist, doch sie kämpften so verbissen, dass sich die überlegene
Armee hütete, ihnen allzu nahe zukommen. Sie schoss einen Regen von Pfeilen auf
die Schiiten.

Da zog der Anführer der Fedajin sein Schwert und zerbrach dessen Scheide- das
alte Zeichen, dass nun der letzte Kampf angebrochen sei. Dass dabei die
unversöhnliche. Feindschaft quer durch die Stämme ging, beweist eine kleine
Episode am Rande: Ehe es zum Gemetzel kam, wurden die mitgewanderten Kinder
der Fedajin Stammesbrüdern auf der anderen Seite der Front in Obhut gegeben.

Nur ungefähr 120 der 16.000 überlebten das Massaker. Als sie nach Kufa
zurückzogen, angeblich traurig darüber, dass sie noch lebten, kam ihnen ein
stattlicher Heerzug entgegen ebenfalls Schiiten, die sich dem Kampf anschließen
wollten. So schlecht war das ganze Unternehmen organisiert, dass sich nicht
einmal der geplante Abmarschtag bei der Schia herumgesprochen hatte. Dennoch
wurde der Wahnsinnsmarsch der Fedajin das große Heldenepos des Nahen
Ostens. Noch heute kann fast jedes Kind in Syrien und im Irak die traurige

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Geschichte auswendig. Ich selbst hörte sie in einem palästinensischen


Flüchtlingslager, ein langes Gedicht in Singsang:

"Wir haben nichts zu gewinnen. Wir haben nur unsere Verzweiflung. Wir haben
unser Land verloren und unsere Freude.

Wir haben nur noch unsere Ehre, und deshalb werden wir sterben. Ihr könnt uns
erschlagen, ihr könnt unsere Hütten zerstören, ,aber vorher werden wir euch noch
verwunden. Mit blutiger Schrift werden wir in euer Fleisch schreiben, dass wir
gekämpft haben. Ihr werdet uns Teufel nennen und Verbrecher, aber Allah ist mit
uns. Ihr werdet den Tag mit unserem Blut röten, aber wir werden nachts eure
Häuser verbrennen, die ihr dort gebaut habt, wo Allahs Land ist".

An dieser Stelle wurde ich stutzig und fragte meinen Begleiter, ob dieses Gedicht
wirklich von den alten Fedajin handle und nicht von den Palästinensern. Nein,
meinte er. "Diese Verse sind wirklich über tausend Jahre alt". Er musste es wissen,
denn er war Historiker, außerdem kein Palästinenser, sondern UNO-Beamter. Wort
für Wort übersetzte er, was der kleine Junge vor mir sang, die alte, neue Geschichte
vom hoffnungslosen Kampf. Am Schluss wollte ich dem kleinen Sänger eine Tafel
Schokolade geben. Er lehnte ab: "I am a Fedajin", krähte er.

Dass diese alten Verse noch heute so aktuell sind liegt ebenfalls an Abd-el Melik.
Er nämlich ließ auf dem alten Tempelberg der Juden in Jerusalem den Felsendom
errichten.

Das Bauwerk selbst ist eine architektonische Revolution im Islam: ein riesiger
Zentral-Kuppelraum, von einem zweireihigen Arkadengang umgeben, mit
prachtvollen Mosaiken und Marmor-Intarsien übersät. Eine derartige Pracht hatte es
in der arabischen Welt noch nie gegeben. Zweifellos war die Hagia Sophia in
Konstantinopel eine Patentante dieses Kunstwerks, und doch sind seine Formen
so eigenständig, dass man sie nur als islamisch bezeichnen kann. Immer wieder
wurde versucht, dieses einmalige Stück Architektur nach zubauen - seine Wirkung
wurde nie wieder erreicht. Der Felsendom gehört zu den kostbarsten
Architekturschätzen der Welt.

Natürlich wurde er nicht aus einer Kunstbegeisterung Abd-el Meliks errichtet,


sondern aus politischem Kalkül. In Mekka, der heiligsten Stätte des Islam, saß ja
Abdallah und auch die Bewohner von Medina waren auf die Omajaden nicht gut zu
sprechen. So plante Abd-el-Melik allen Ernstes, das Zentrum des Islam von Mekka
nach Jerusalem zu verlegen. Schließlich hatte ja schon der Prophet eine Zeitlang
Jerusalem zur Hauptstadt seiner Bewegung machen wollen. Genau diesen Plan
griff Abd-el Melik wieder auf.

Künftig sollten die Muslims statt um die Kaaba um den Opferfelsen Abrahams
marschieren, von wo aus ja auch der Prophet seine Himmelfahrt angetreten hatte,
und die wahre Heimat des Islam sollte wieder der Wüste und ihren zerstrittenen
Stämmen überlassen werden.

Dann aber eroberten seine Truppen Mekka. Fast am selben Tag, an dem Abdallah
fiel, wurde der Schlussstein in die Kuppel des Felsendoms gesetzt. Doch da war
der Prachtbau peinlicher weise überflüssig geworden. Sogar sein Auftraggeber

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hatte daran jedes Interesse verloren - Abd-el Melik blieb den


Einweihungsfeierlichkeiten fern.

"Mich reut das vergeudete Geld", schrieb er. "Mögen sich andere den Kopf darüber
zerbrechen, was aus dieser Fehlplanung werden soll".

Sie wurde der zweitheiligste Platz des Islam. Und dass der Felsendom derzeit auf
israelischem Territorium liegt, golden leuchtend über der Klagemauer, schafft uns
Kopfzerbrechen.

Die nackte Hexe

Im Jahr 695 dem zehnten nach seinem Machtantritt, war Abd-el Melik tatsächlich
Alleinherrscher im Islam. Nur mit den Charidschiten wurde auch er nicht fertig. Der
dreißigjährige Bürgerkrieg hatte ihnen großen Zulauf gebracht, und weite
Landstriche Persiens wurden praktisch von ihnen kontrolliert.

Zeitgenössische Chronisten bezeichnen sie stets als ein Rudel verzweifelter


Räuber, doch die Landbevölkerung schien da anders zu denken. Sonst hätte sie
kaum die Charidschiten gedeckt. Stets hatten die Bauern die Zeche der
islamischen Armeen bezahlen müssen, und mit diesen Steuerforderungen
verglichen scheinen die Charidschiten das billigere Übel gewesen zu sein. Sie
hatten eine perfekte Guerillastrategie entwickelt, vergleichbar in unserem
Jahrhundert am ehesten den Partisanen Titos und den Kämpfern Mao Tsetungs
und wie diese bewegten sie sich in den Dörfern "gleich Fischen im Wasser".

Abd-el Melik schickte Hedschadsch, der sich in Mekka ja so glänzend bewährt hatte,
nach Kufa. Er solle dort eine Armee gegen die Charidschiten ausheben.

Die Kufaner wollten nicht recht. Zweimal ließen sie ein regelrechtes Ultimatum
verstreichen. Da bestieg Hedschadsch die Kanzel der Moschee und hielt eine kurze
Rede über die Freuden des Militärlebens.

Während er sprach, wurde gleich in der Moschee einem Dutzend


Wehrdienstverweigerer der Kopf abgeschlagen. Daraufhin drängten alle so
stürmisch zu den Waffen, dass es eine Stunde später auf der Euphratbrücke zu
einem Verkehrschaos kam.

Dass eine so bewirkte Kampfmoral gegen die Charidschiten nicht ausreichte,


musste bald auch Hedschadsch erfahren. Schließlich schickte ihm Abd-el Melik
eine ausgesuchte Armee syrischer Haudegen, und erst diese konnten einige kleine
Siege erringen. Vor allem aber verwüsteten sie die persischen Länder so gründlich,
dass für die nächsten zwanzig Jahre nicht einmal an ein bescheidenes
Steueraufkommen aus diesen Gegenden zu denken war.

Damit musste sich Abd-el Melik nach neuen Einnahmequellen umsehen. Wollte er
die riesigen Armeen, die er für den Bürgerkrieg ausgehoben hatte, bei Sold und
somit bei Laune halten, musste er das Reich expandieren. Am wenigsten
Widerstand hoffte er dabei in Tunesien zu finden, in der letzten afrikanischen Provinz
des alten Römischen Reiches.

Tunesien war reich, der Ölgarten der Antike. Wer heute das karge Land bereist,

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kann sich kaum vorstellen, dass es einst der unendliche Garten war, ein einziger
Hain jahrhundertealter Olivenbäume, mit leuchtenden Orangen in samtigem Grün,
wie seine ersten islamischen Besucher schrieben. Sie waren nicht friedlich
gekommen - von Ägypten aus hatten islamische Truppenverbände immer wieder
das Land geplündert und schließlich sogar eine Karawanserei gegründet, das
heutige Kairuan. Den Hauptstützpunkt Konstantinopels, Karthago, aber hatten sie
gemieden.

Dann kam der Bürgerkrieg, und damit hatte Tunesien für eine Weile Ruhe.
Allerdings verminderte sich auch die Streitmacht Konstantinopels - auch dort
wurden infolge permanenter Thronstreitigkeiten sämtliche Truppen benötigt und
Tunesiens Bauern sahen sie ohne Kummer ziehen.

Doch in das Machtvakuum stießen Berber aus dem Atlasgebirge. Sie nannten sich
Zenata und waren Kamelzüchter. Mühelos überrannten sie sowohl die islamischen
als auch die letzten römischen Stützpunkte. Innerhalb eines halben Jahres hatten
die Zenata ganz Tunesien erobert.

Das erstaunlichste an der ganzen Geschichte aber ist, dass ihr Anführer eine Frau
war.

Ihr Name ist nicht bekannt, nur der Titel, den ihr die Muslims gaben: Kahina, und
das heißt Prophetin, aber auch Hexe.

Gegen sie zogen nun Abd-el Meliks Truppen, gierig auf die Schätze des reichen
Landes. Doch als sie in Tunesien einfielen, erkannten sie die Gegend nicht wieder.
Kahina hatte eine Vision gehabt: Wenn wir das Land in eine Wüste verwandeln,
werden die Muslims kein Interesse mehr daran haben, und wir können in alle
Ewigkeit hier ruhig unsere Kamele weiden. So ließ Kahina das Land buchstäblich
in eine Wüste verwandeln.

Doch ihre Rechnung ging nicht auf: Einen Ölbaum zu fällen gilt im gesamten Orient
als nicht wiedergutzumachendes Verbrechen und so hatten die Berber bald nicht
nur die islamische Armee gegen sich, sondern auch die verarmten Bauern.

Dabei unterschieden sich die Manieren der Muslims nicht allzu sehr von denen
Kahinas. 698 wurde Karthago erobert und wieder einmal dem Erdboden
gleichgemacht. 844 Jahre zuvor hatten die Römer diese Stadt der Phönizier zerstört
und über ihre Trümmer die Pflugschar geführt, doch die Lage der Stadt war zu
günstig. Sie bauten Karthago wieder auf, prächtiger als es je zuvor gewesen. Nun
machten die Muslims der Stadt ein Ende, und diesmal sollte es für immer sein.
Einige Marmorsäulen, die kräftiger waren als die Brechstangen, ragen noch heute
in den blauen Himmel. Das Erbe der alten Metropole aber trat ein zuvor
unbedeutendes Fischerdorf an fünfzehn Kilometer westlich das heutige Tunis.

Die Zenata setzten daraufhin ihr Verwüstungswerk verstärkt fort und dadurch trieben
sie die Tunesier als Freiwillige in die Armee des Islam. Im Jahr 702 war Kahinas
Lage aussichtslos geworden. Da schickte die Amazone die Hälfte ihrer Söhne mit
ihren sämtlichen Kamelen los: Sie sollten sich bei der islamischen Armee als
Überläufer melden. Dieser scheinbare Wahnsinn hatte Methode und wird seitdem
noch gerne in arabischen Kriegen praktiziert wie immer der Kampf ausgehen mag,

149 von 295 09.09.2010 19:14


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ist ein Teil des Stammes gerettet und damit auch das Vermögen der Sippe.

Mit ihren restlichen Kriegern verschanzte sich Kahina im Kolosseum von El


Dschem. Dort hatten die Römer das größte Stadion Afrikas errichtet aus weißem
Marmor und mit vierzigtausend Sitzplätzen. Vier Tage lang stürmten die Muslims
vergeblich gegen das riesige Mauerrund.

Da flogen plötzlich die schweren Tore auf. Aus dem Stadion preschten die Zenata,
an ihrer Spitze Kahina auf einem schwer gepanzerten Kamel. Die Dame war
splitternackt.

"Jetzt fahren wir miteinander in die Ewigkeit!" schrie die Amazone. Tatsächlich
gerieten die Araber beim Anblick dieser nackten Hexe in so große Verwirrung, dass
Kahina quer durch die Schlachtreihen entkam. Doch als sie schon das freie Feld
erreicht hatte, traf Sie ein Pfeil in die Schulter.

Ihr abgeschlagener Kopf wurde nach Damaskus geschickt. Ob wohl er in Salz


eingelegt war, soll er nicht mehr gut ausgesehen haben. Der Schauplatz ihres
Todes jedoch ist heute noch eine Sehenswürdigkeit: Wer über die schnurgerade
Strasse von Tunis nach El Dschem fährt, sieht schon von weitem das Kolosseum
leuchten, umgeben von einem winzigen Dorf und der unendlichen Wüste, die
Kahina aus dem Land gemacht hat Eine Szenerie von grandioser Absurdität:
Sämtliche Bewohner im Umkreis von fünfzig Meilen würden nicht einmal eine
einzige Sitzreihe füllen. Doch war hier einst eine blühende Stadt, die es durchaus
mit anderen Metropolen der Antike aufnehmen konnte. Noch weit draußen in der
Wüste weht der Wind manchmal Ruinen frei; bizarre Mosaikfische leuchten dann
auf dem Boden vertrockneter Springbrunnen.

Die Nachkommen der Zenata werden übrigens auch heute noch von Frauen
beherrscht: die Tuareg, die legendären "blauen Nomaden" der Sahara.

Die Kosten des Islam

Abd-el Melik gilt auch als Schöpfer der islamischen Verwaltung. Tatsächlich wurde
das Riesenreich bisher nach den Prinzipien Mohammeds regiert und nach den
Reformen Omars. Am ehesten lässt sich seine Struktur mit dem
Organisationsschema eines modernen multinationalen Konzerns vergleichen:
einer zentralen Holding-Gesellschaft mit vielen Töchtern, die auf eigenes Risiko zu
wirtschaften und nur einen bestimmten Gewinnanteil an die Mutter abzuführen
haben. So wurde in den eroberten Gebieten die vorgefundene Verwaltungsstruktur
beibehalten, der Besamtenstab, das Münzwesen und sogar die Amtssprache.

Die Statthalter waren zwar stets Araber, doch Sie herrschten als ziemlich autonome
Manager, konnten Gesetze und Verordnungen erlassen und mussten nur alle fünf
Jahre ihrem Kalifen Bucheinsicht gestatten.

Die Vorteile dieses Systems waren eine relativ kleine Zentralverwaltung und eine
große jeweils den örtlichen Erfordernissen angemessene Beweglichkeit. In den
Augen Abd-el Meliks überwogen allerdings die Nachteile des Föderalismus: Zu
viele Provinzstatthalter führten ein allzu selbstherrliches Regime, und manche
versuchten sogar den Kalifen durch Zurückhaltung der Steuergelder zu nötigen.

150 von 295 09.09.2010 19:14


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So verordnete Abd-el Melik dem Riesenreich eine straffe Zentralverwaltung nach


römischem Vorbild, gewürzt mit persischer Despotie. Zunächst wurde das
Steuerwesen reichseinheitlich organisiert und sämtliche Steuereintreiber direkt
dem Kalifen unterstellt. Ein zentrales Finanzministerium teilte nun den Statthaltern
einen jährlichen Etat zu und sorgte dafür dass sie damit nicht etwa eigene
Unabhängigkeitsbemühungen finanzieren könnten. An Steuern waren zu zahlen:

Die Armensteuer Mohammeds. Sie betrug zehn Prozent des Bruttoeinkommens,


galt für alle Untertanen und konnte auch in Naturalien entrichtet werden. Eigentlich
sollte sie den Armen zugute kommen tatsächlich aber wurde nur etwa ein Drittel
davon für soziale Maßnahmen verwendet.

Die Grundsteuer. Sie wurde nach Schätzungen von Staatsbeamten fest-gesetzt,


musste in Geld entrichtet werden und betrug für Muslims 10 Prozent für
Nichtmuslims aber 25 Prozent des angenommenen Einkommens.

Die Kopfsteuer Dschisdscha. Sie galt nur für Ungläubige und wurde jährlich von
Beamten festgesetzt. Sinniger weise betrug sie 25 % vom Verkehrswert, den der
jeweilige Mann auf dem Sklavenmarkt hätte einbringen können. Da sie in Geld zu
entrichten war, brachte sie auch viele Bewohner des islamischen Reichs auf den
Sklavenmarkt. Sie wurde die wohl verhassteste Steuer in der ganzen düsteren
Finanzgeschichte der Welt.

Außerdem mussten die "eroberten Provinzen" ausgiebige Tributzahlungen leisten,


und das jedes Jahr. Sehr bald erwies sich die Finanzreform der Omajaden als
gigantisches Ausplünderungssystem: Persien beispielsweise musste bis zu 80
Prozent seines Bruttosozialprodukts nach Damaskus abliefern, Ägypten immerhin
noch 75. Nur die arabische Halbinsel, Syrien Palästina und die Städte Kufa und
Basra blieben davon verschont.

Dort musste bald ein Einwanderungsverbot erlassen werden.

Der Geldbedarf des islamischen Reichs stieg aber auch ins Unermessliche. Die
Araber waren als Herrenmenschen über die Welt gekommen, und nun
beanspruchten sie allein aufgrund ihrer Standeszugehörigkeit bereits
Staatsgehälter von der Höhe, die Omar einst für die alten Glaubensstreiter
festgesetzt hatte. Abd-el Melik zahlte sie freiwillig - schließlich waren die so
gekauften Araber "die Stützen der gerechten Herrschaft". Zusätzlich zu diesem
Volkszugehörigkeitsgehalt bezogen viele noch Sold als Offiziere der Armee: Aus
dem ursprünglichen Verband arabischer Kaufleute war ein Militärorden geworden.

Interessant in diesem Zusammenhang mag sein, dass auch Adolf Hitler für den
Fall des Endsieges ein "Grundgehalt für deutsche Volkszugehörigkeit" plante, das
die übrige Welt hätte zahlen müssen. Und wir sollten über Abd-el Meliks
Imperialismus keineswegs vom Sockel unseres Lebensstandards herab lachen:
Politiker aus sogenannten Entwicklungsländern sehen in unserem System nicht zu
Unrecht nur eine fein drapierte Variante der brutalen Raffgier des großen Kalifen.

Auch andere Maßnahmen Abd-el Meliks wirken erstaunlich modern. Er organisierte


den Diwan neu und schuf außer dem Finanzministerium auch Ministerien für

151 von 295 09.09.2010 19:14


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Verteidigung (so hieß es tatsächlich, obwohl seine Aufgabe natürlich der nackte
Raubkrieg war), Wirtschaft, Soziales, Wissenschaft und Forschung, Äußeres und
schließlich eines für das Postwesen.

Die Organisierung einer Staatspost war sein besonderes Anliegen, und die
Planungsabteilung des zuständigen Diwan stöhnte bald über die Einfälle des
Kalifen. So wollte Abd-el Melik die Beförderung geheimer Staatspost durch
Brieftauben besorgen lassen. Eine an sich sinnige Idee, nur gehörte seit
undenklichen Zeiten die Falkenjagd zu den Spezialitäten arabischer Länder.

Dadurch kamen Abd-el Meliks Erlässe selten in die richtigen Hände: Meist flogen
die Tauben des Kalifen in die Klauen charidschitischer Falken, und das Projekt
wurde bald aufgegeben.

Immerhin wurde im Lauf dieser Taubenjagd von den Hofkanzleien ein exzellenter
Code entwickelt. Die Ver- und Entschlüsselungsabteilung entwickelte sich bald zu
einem hervorragenden Staatsarchiv. Sämtliche offizielle Schreiben wurden hier in
Abschriften gelagert und konnten auch von Historikern ausgewertet werden, und
damit schuf der Islam die beste Geschichtsschreibung, die es bisher gab.

Außerdem wurde ein einheitliches Münzsystem eingeführt und Arabisch zur


ausschließlichen Amtssprache erklärt. Sämtliche Bücher, die den Feuersturm der
ersten Glaubensstreiter überstanden hatten, wurden nun ins Arabische übersetzt,
und dieser Fleißarbeit der Hofkanzleien haben wir zu danken dass wenigstens
einige Werke der alten griechischen Philosophen erhalten blieben. In arabischen
Abschriften kamen sie in das Abendland, und dort erst wurden sie in ihre
ursprüngliche Sprache zurückübersetzt.

Überhaupt entdeckten die Araber mit Abd-el Melik die Werte der von ihnen so lange
bekämpften Kulturen. Selbstlos war diese Kunstbegeisterung natürlich nicht: Die
neuen Herrenmenschen waren aus den Zelten in Paläste übersiedelt, und da keine
arabische Bautradition vorhanden war, mussten die Baumeister zwangsläufig auf
römische und persische Vorbilder zurückgreifen. Unter dem Halbmond
verschmolzen diese ursprünglich sehr verschiedenen Stile zu einer faszinierenden
Einheit, und die omajadischen Wüstenschlösser längs des Jordan sind heute noch
großartige Architektur-Fossilien.

Gläubigen Zeitgenossen mögen diese Kunstwerke ein Gräuel gewesen sein. Der
Prophet hatte Abbilder verboten und nur Ornamente gestattet. Über die Mosaike und
Wandmalereien der Wüstenpaläste aber huschen wieder die bunten Fabeltiere der
Antike, tummeln sich abenteuerliche Heldengestalten, und in den großen Höfen
ragten sogar richtige Statuen. Unter dem Vorwand die arabische Kultur gehöre der
ganzen Welt, hat die Nachwelt diese Pracht recht respektlos geplündert: vom
größten Palast al-Muschattah bei Amman, landete ein stattlicher Fassadenteil im
Museum von Berlin, ein zartes Spitzenwerk aus sprödem Kalkstein.

Auch die Musik wurde wieder entdeckt. Der Prophet hatte sie für Zeitverschwendung
gehalten und verboten. Doch kein Volk hat je ohne Musik leben können, und so
umgingen die Araber das aller höchste Verdikt mit einem Trick: Sicher hatte
Mohammed nur Harmonien gemeint Gesang konnte doch keine Sünde sein, zumal
man sich auch den Koran am besten mit Melodie Unterlagen merken konnte. So

152 von 295 09.09.2010 19:14


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entwickelte sich der spezifische Musikstil des Ostens.

Auch die Instrumente empfinden stets nur die Beweglichkeit der menschlichen
Stimme nach, linear und kammermusikalisch im Gegensatz zu den Akkord-Türmen
abendländischer Musik. Dadurch blieb die Improvisation als Grundelemente des
Musizierens erhalten, und Komponist und Ausführender sind stets ein und dieselbe
Person. In der östlichen Musik, so befremdlich sie unseren Ohren manchmal klingt,
blieb der schöpferische Atem reiner erhalten als in unserer Arbeitsteilung zwischen
Komponisten und ihren Vollstreckungsgehilfen im Orchester.

Der lange Marsch nach China

Als Abd-el Melik 705 verstarb, sechzig Jahre alt und nach zwanzigjähriger
Herrschaft, war die Macht seiner Familie so gefestigt, dass sein Sohn Welid
widerspruchslos als Kalif anerkannt wurde. Seine Herrschaft versprach eine milde
zu werden, denn die Interessen des Kalifen waren der Reihe nach: Pferde, Knaben,
Frauen und Paläste. Damit war Welid hinlänglich aus-gelastet und erhielt von
prüden Geschichtsschreibern den Beinamen ,"der Lasterhafte".

Allerdings dürfte er dabei nicht einmal für seine Lieblingsgattin so viel Zeit
aufgebracht haben, wie der Dame lieb war. Sie brachte nämlich von einer
Pilgerreise nach Mekka ein ganz besonderes Souvenir mit, den berühmten Dichter
und Frauenhelden Waddah. Er tröstete die Dame, wenn der Kalif anderweitig
beschäftigt war. Kam der Gatte, bezog Waddah in einer prächtigen Kleidertruhe mit
Perlmutt-Einlagen Quartier.

Eines Tages jedoch bat der Kalif seine Lieblingsgattin um ein Geschenk.
Ausgerechnet die Kleidertruhe wollte er haben, und die nervöse Fürstin konnte
diese Bitte natürlich nicht abschlagen. Auf der Stelle ließ Welid das Möbel in seinen
Thronsaal schleifen und vor dem Thron eine Grube ausheben. Dann rief der Kalif:

"Ich habe einen bestimmten Verdacht. Ist er wahr, will ich ihn hiermit begraben. Ist
er unwahr verscharren wir nur eine hölzerne Truhe".

Dann wurde das Möbel ungeöffnet in die Grube gewuchtet mit Erde bedeckt, und
als darauf die Teppiche wieder ausgebreitet waren, hörte niemand mehr etwas
über den Dichter Waddah oder über eine eventuelle Untreue der Gattinnen des
Kalifen.

Andere nannten Welid ,"den Siegreichen", da unter ihm das Reich seine größte
Ausdehnung erfuhr, und beide Ehrentitel sind aufs innigste miteinander verbunden
- um die Kosten für die Vergnügen des Kalifen zu bestreiten, blieb gar nichts
anderes übrig, als wieder einmal neue Gebiete zu erschließen und zu plündern.

Die Voraussetzungen dazu waren günstig. Abd-el Melik hatte sich im Lauf seiner
Regierungsjahre einen Stab verlässlicher und beim Volk gefürchteter Mitarbeiter
aufgebaut. Auf dem Totenbett hatte er seinem Sohn geraten: "Lass die Hände von
diesen Bluthunden, denn sie werden deinen Thron bewachen.

Und wenn du vernünftig bist, lass deine Finger von Reformen".

Welid war bequem und vernünftig, und so ließ er auch Hedschadsch auf dem

153 von 295 09.09.2010 19:14


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Statthalterposten von Persien, obwohl alle seine Freunde geraten hatten, er solle
doch als geschickte Werbemaßnahme für sein Regime wenigstens diesen
Blutsauger abberufen.

Hedschadsch, der tatsächlich um seinen Job gezittert hatte, revanchierte sich: Die
ihn beim Kalifen angeschwärzt hatten, ließ er nach und nach durch Agenten
vergiften; seinem Herrn aber versprach er, "auch noch den Rest der Welt zu
erobern".

Zunächst schickte er eine Armee nach Afghanistan. Ihre Ausrüstung war für
damalige Verhältnisse einfach phantastisch und hatte fast hundert Millionen Mark
gekostet. In die Geschichte ging sie als "Armee der Pfauen" ein. Ihr Führer aber war
al-Eskat, und dem gefiel seine Armee bald so gut, dass er es schade fand, mit ihr
gegen irgendwelche Barbaren marschieren zu müssen. Zwar zog er anfangs
folgsam nach Afghanistan und eroberte dort selbst einige tausend Schafe und
zweihundert Rinder. Dann aber änderte er die Befehlsrichtung, marschierte nach
Basra und konnte tatsächlich im Februar 702 Hedschadsch aus der Stadt jagen.

Stolz rief sich al-Eskat zum Kalifen aus, aber da hatte er Hedschadsch unterschätzt.
Heimlich sammelte der alle seine persischen Truppen, und nun wurden die Pfauen
grässlich gerupft. Al-Eskat musste zum afghanischen König nach Kabul fliehen,
dem er zuvor noch in die Schafherden gefahren war. Der König hatte das nicht
vergessen, ließ ihn köpfen und schickte die Trophäe mit einem gutnachbarlichen
Begleitbrief an Hedschadsch.

Ein Jahr später schon schickte Hedschadsch den Kopf des afghanischen Königs
an Welid.

Zum Statthalter des Landes ernannte er diesmal sicherheitshalber einen


Verwandten, seinen Cousin Kutaiba mit dem Auftrag, nun China zu erobern.

China begann damals gleich hinter Afghanistan. Mitten in den ausgedehnten


Weidegebieten der türkischen Stämme hatten die Chinesen im Laufe der
Jahrhunderte solide Handelsniederlassungen errichtet, von denen aus sie
Europahandel betrieben. Mit den Türken lebten die Herren aus dem Fernen Osten
in einer für beide Seiten einträglichen Symbiose: Türkische Viehzüchter betätigten
sich als Spediteure der Chinesen, und der türkische Bevölkerungsüberschuss fand
in chinesischer Industrie Beschäftigung. Das moderne Wirtschaftsspiel
ausländischer Tochtergesellschaften wurde nämlich im alten China erfunden: Um
Transportkosten gering und somit ihre Profite hoch zu halten, ließen schlitzäugige
Unternehmer gleich an der Grenze ihrer Abnehmerländer produzieren. Samarkand
am westlichen Ende der berühmten Seidenstrasse war so im Lauf der Jahre zu
einer ansehnlichen chinesischen Industriestadt geworden. Seidenwebereien
verarbeiteten aus China beschafftes Rohmaterial zu Brokaten, deren Muster sich
nach der neuesten Mode Konstantinopels richtete. Porzellanbrennereien
verringerten das Transportrisiko auf dem Weg in das Abendland, und der Stolz der
Stadt war eine florierende chinesische Papierfabrik.

Für deren Konjunktur hatten die Araber gesorgt. Als die Muslims Ägypten eroberten,
wurde im Abendland der Papyrus knapp. Bereits unter den alten Römern waren die
zerklopften Schilffasern aus dem Nildelta das landläufige Schreibmaterial

154 von 295 09.09.2010 19:14


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geworden. Als der Nachschub infolge Besitzwechsels im Herstellerland versiegte,


drohte in Konstantinopel die Verwaltung zusammenzubrechen. Die Chinesen boten
Ersatzware an: handgeschöpfte Bütten, wie sie auch heute noch unverändert
hergestellt werden. Und sehr bald sprach sich im Westen herum, dass dieser
Ersatzstoff unvergleichlich besser war als der alte, spröde Papyrus. Vergeblich
versuchten vier als Priester getarnte Agenten des Kaisers von Konstantinopel dem
eisern gehüteten Produktionsgeheimnis auf die Spur zu kommen: Als sie
enttäuscht Samarkand verließen kamen ihnen schon Kutaibas Truppen entgegen.

Vier Monate lang belagerten die Muslims Samarkand und dabei wurden das erste
Mal in der Geschichte Minen unter die feindlichen Befestigungsanlagen getrieben.
Es war ein gnadenloser Kampf: Die Chinesen hatten schon lange das
Schiesspulver erfunden, und ihre Bleigranaten wirkten verheerend unter den
Muslims.

Im März 712 stürzte schließlich ein breites Stück total unterminierter Stadtmauer ein.
Durch die breite Bresche stürmten die Muslims und metzelten in einem wahren
Blutrausch die gesamte chinesische Garnison nieder. Kutaiba selbst bedauerte
sehr bald das Blutbad - so konnte er nie mehr die Zusammensetzung der
chinesischen Wunderwaffe erfahren. Die Papierfabrik aber fiel mit allen ihren
Facharbeitern in seine Hände und sollte die wertvollste Beute des Islam werden.
Sie wurde nach Damaskus verlegt, später wurden auch noch Zweigwerke in
Bagdad Kairo, Sizilien und Spanien errichtet, und so verfügte die Welt des Islam
bald über unbegrenzte Mengen billigen Schreibmaterials, fünfhundert Jahre früher
als das Abendland. Während im Westen Tierhäute zu Pergament gegerbt werden
mussten und Bücher dadurch zum fast unerschwinglichen Luxus wurden gehörten
umfangreiche Folianten bald zu den Gebrauchsgegenständen des islamischen
Alltags, ganz abgesehen davon, dass damals wie heute das meiste Papier für
Verwaltungsangelegenheiten vergeudet wurde.

Die Chinesen waren an Krieg nicht sehr interessiert, und nach dem Verlust ihrer
wichtigsten Handelsniederlassung machten sie Kutaiba ein Verhandlungsangebot.

Kutaiba schickte zwölf ausgesuchte Jünglinge auf die lange Reise nach Peking. Sie
dachten der Kaiser von China würde sich gar sehr fürchten, aber da hatten sie sich
geirrt. Drei lange Audienzen standen sie vor dem "Thron des Himmelssohns", ohne
dass sie ihre Botschaft anbringen konnten. Der Kaiser begnügte sich damit, sie
freundlich lächelnd anzusehen. Es fiel kein einziges Wort, und die zwölf
Jungdiplomaten waren bald mit ihren Nerven am Ende.

Endlich, beim vierten Termin sprach der Kaiser. "Was wollt ihr denn eigentlich
hier?" waren seine Worte, der Nachwelt festgehalten sowohl in islamischen
Chroniken als auch im chinesischen Hofprotokoll.

"Unser Herr Kutaiba", antwortete der islamische Botschafter, "hat den feierlichen
Schwur getan nicht eher zu ruhen, als dass er seinen Fuß auf chinesische Erde
gesetzt, das Zeichen des Islam auf chinesischen Nacken gedrückt und Tribute
empfangen hat".

Da lächelte der Kaiser von China. "Wenn es weiter nichts ist, kann ihm geholfen
werden. Wir werden ihm eine goldene Schale voll Chinesischer Erde schicken, da

155 von 295 09.09.2010 19:14


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kann er drauf herum trampeln. Wir werden ihm zwei Leute schicken. Die darf er mit
seinem Herrschaftssiegel stempeln, soll sie aber dann wieder gesund an uns
zurückschicken. Nur Tribute zahlen wir nicht. Wir befassen uns ausschließlich mit
reellen Geschäften".

Und so geschah es. Die Geschäftsverbindungen zwischen Islam und China


entwickelten sich von nun an für beide Teile zufriedenstellend, und nur das
Abendland hatte das Nachsehen, zumal im selben Jahr islamische Armeen auch
das heutige Pakistan eroberten und somit die wichtigsten Handelswege der Alten
Welt vom Halbmondkonzern beherrscht wurden.

Abstieg auf Raten

Nur einmal gab es zwischen dem Kalifen Welid und seinem Statthalter
Hedschadsch eine Meinungsverschiedenheit und sie entbrannte typischerweise
wieder einmal an den Städten Mekka und Medina. Wie jeder Mensch, der sein
Triebleben unbeschränkt ausleben kann war Welid ein durchaus friedfertiger
Charakter und so hatte er gleich nach seiner Thronbesteigung den schwer
geprüften Städten einen neuen Gouverneur gegeben seinen Cousin Omar.

Dieser junge Mann war durch seine Mutter ein Urenkel des ersten Omar dem
Bismarck des Propheten, dessen Regime schon längst ein goldenes Zeitalter
seliger Erinnerungen war. Der erste Omar war das große Vorbild des zweiten.
Kaum trat der Vierundzwanzigjährige seinen Posten an, bemühte er sich, seinem
Urgroßvater so sehr nachzueifern, dass er gleichermaßen ein Gegenstand des
Spottes wie der Bewunderung wurde. Wie einst Omar lief auch Omar prinzipiell nur
in einem zerfetzten Kaftan durch die Gegend. Obwohl die schwärmerische
Religiosität Omars durchaus echt war wirkte sie lächerlich beim Spross einer
Familie, die schon längst in aller Öffentlichkeit Wein trank und kaum mehr den
Koran auswendig konnte. Omar versuchte tatsächlich, die schweren Sünden seiner
Sippe durch ein versöhnliches Regiment gutzumachen: Sein Staatsgehalt
verwendete er für ein Arbeitsbeschaffungsprogramm. Aus eigenen Mitteln ließ er
die Kaaba und die Moschee von Medina ausbauen und bremste da mit
vorübergehend die durch Austrocknung des Handels erzwungene Abwanderung.

Er versuchte, das daniederliegende Handwerk wieder anzukurbeln, zeigte sich


mehr als nachsichtig in der Steuereintreibung und erwarb sich damit einen so
guten Ruf im Reich des Islam, dass aus den persischen Ländern, wo
Hedschadsch hauste, massenhaft Auswanderer zu Omar flüchteten.

Hedschadsch empfand dies als persönlichen Angriff. Wütend reiste er nach


Damaskus und forderte die Abberufung Omars. Welid sträubte sich lange, aber im
Jahr 710 gab er dann doch nach und schickte Omar im wahrsten Sinne des Wortes
in die Wüste.

In einer stillgelegten Karawanserei wurde der allzu milde Statthalter unter


Hausarrest gestellt.

Vier Jahre später starb Hedschadsch, nach zwanzigjähriger Statthalterschaft und


erst fünfundvierzig Jahre alt. Er war zweifellos die verhassteste Gestalt des ganzen
Islam und sein Ende war seiner würdig. Hedschadsch wurde buchstäblich bei

156 von 295 09.09.2010 19:14


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lebendigem Leib von Würmern zerfressen. Während seiner letzten Tage ließ ihn
sein Arzt ein Stück Fleisch an einem Faden verschlingen. Als er es wieder
herauszog, soll es voll Maden gewesen sein.

Möglicherweise starb Hedschadsch auch an Syphilis in seinen beiden letzten


Jahren zeigte er unübersehbare Zeichen von Wahnsinn. Auf jeden Fall aber ist er
der Erfinder der Konzentrationslager. Er ließ große, torlose Mauergevierte mit
massiven Wachttürmen errichten, ohne Dach und ohne Wasser. Bei seinem Tod
wurden daraus über 30.000 Männer und fast 20.000 Frauen befreit. Nur dass er
sich bei seiner Machtfülle persönlich bereichert hätte, konnten ihm nicht einmal
seine schlimmsten Feinde nachsagen. Hedschadschs gesamte
Hinterlassenschaft bestand aus einem zerlesenen Koran, einem Schwert,
dreihundert Mark Bargeld und neunhundert Panzern.

Ein Jahr später bemerkte auch Kalif Welid ernste Verschleißerscheinungen -


obwohl er erst Mitte der Vierzig war. Von seinen Ärzten ließ er sich daher immer
stärkere Aphrodisiaka brauen. Eines davon wirkte sogar überaus befriedigend,
doch nach sechs Knaben und drei Frauen machte Welids Kreislauf nicht mehr mit:
am 27 Februar 715 verschied der Kalif in seinem Badezimmer, angeblich noch Im
Tode von aufrechter Männlichkeit.

Im Kalifat folgte ihm sein Bruder Salaiman. Er war nicht weniger lebenslustig als
Welid - die Söhne des düsteren Abd-el Melik schienen in Sachen irdischer
Genüsse einen erstaunlichen Nachholbedarf zu haben.

Bei seinem Regierungsantritt warf sich der knapp dreißigjährige Kalif in ein grünes
Seidengewand wie es bislang nicht bei Hofe gesehen wurde und jubelte vor
versammeltem Gefolge: "Bin ich nicht ein strahlender König?" Niemand wagte ihm
zu sagen, dass Kalif eigentlich "Nachfolger des Propheten" bedeute und absolut
nicht König. Genau gegen Könige waren einst die Muslims ausgezogen - doch die
Zeiten hatten sich geändert. Ansonsten war Salaiman ein milder Herrscher.
Regieren interessierte ihn überhaupt nicht. Salaiman verbrachte seine
Regierungszeit an der Tafel. Bei seiner Machtübernahme fraß er allein ein ganzes
Lamm sechs Hühnchen, siebzig Granatäpfel und einen Korb Rosinen.

Sein restliches Interesse galt der Eroberung von Konstantinopel. Eine alte
Prophezeiung hatte ihn auf diese Idee gebracht: Ein Mann mit dem Namen eines
Propheten werde einst die Stadt besiegen. Nun war Salaimans Name die
Übersetzung des biblischen Salomon. Daher rüstete der junge König eine stattliche
Flotte und eine große Armee aus. Die Worte der Propheten sind mit uns euer
Marsch wird ein Vergnügen, sagte er seinen Truppen zum Abschied.

Er wurde keines. In Konstantinopel saß nach langer Zeit wieder einmal ein Kaiser
fest auf seinem Thron, und auch das griechische Feuer war mittlerweile
weiterentwickelt und auf einen Stand gebracht worden den die Muslims nicht
voraussehen konnten. In einem einzigen Flammenmeer ging die Flotte unter, und
die Landarmee erfror im unerbittlichen anatolischen Winter. Die Prophezeiung
allerdings war richtig: 1453, also fast siebenhundert Jahre später wurde
Konstantinopel tatsächlicherobert, von einem Sultan namens Mohammed.

Salaiman nahm sich das Desaster sehr zu Herzen. Von nun an ließ er seine Finger

157 von 295 09.09.2010 19:14


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von der Politik und griff nur noch zu Süßigkeiten. Nach nicht einmal zweijähriger
Regierungszeit ist er dann an Verstopfung gestorben.

Seine Regierungsgeschäfte hatte hauptsächlich jener Omar geführt der von Welid
wegen Milde verbannt und von Salaiman aus dem Wüstenschloss geholt wurde,
um seinem Bruder noch postum einen Tort zu tun. Überhaupt war Salaiman mit
seiner ganzen Bruderschaft zerstritten, und so ernannte er den milden Omar auch
zu seinem Nachfolger.

Salaimans Testamentseröffnung glich einem Staatsstreich. Während im Thronsaal


noch die hoffnungsvoll versammelten Erben enttäuscht aufheulten, wurde Omar
über eine Hintertreppe des Palastes vor das Pferd des Kalifen gezerrt.

"Wollt ihr mich umbringen?" fragte er, und als er vor dem Prunkross stand: "Was
habt ihr mit mir vor?"

"Du bist Kalif, und jetzt sollst du in die Moschee reiten und dir huldigen lassen! "

"Kalif wie einst Omar?" fragte Omar verdattert. Dann richtete er sich groß auf: "Wenn
dem so ist, bringt mir einen einfachen Maulesel."

Und so regierte Omar auch, mit penetrant hochstilisierter Einfachheit und völlig
ungewohnter Milde. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, das Verfluchen der
Schia in den Moscheen abzuschaffen. Als nächstes erleichterte er den Übertritt zum
Islam und damit in eine niedrigere Steuerklasse.

Im gesamten Reich erscholl darauf das Lob des gütigen Kalifen. Die Sippe aber
tobte: "Wenn die Steuern weiter so zurückgehen, können wir bald nicht mehr
unseren Lebensstandard halten." Omar lächelte: "Dann schränkt euch eben ein."

Genau das aber wollten die verwöhnten Söhne Abd-el Meliks nicht. Und da Omar
wie sein Vorbild und Urgroßvater leidenschaftlich gerne Datteln aß, mischten sie
einige mit Arsenik präparierte in seinen Obstkorb. An seinem 39. Geburtstag, dem
10. Februar 720, naschte der Kalif davon. Die weiche Welle hatte nur zwei Jahre und
fünf Monate gedauert.

Über den nächsten Kalifen und dritten Sohn Abd-el Meliks Jezid II., wird nur
berichtet, dass er seine vierjährige Regierungszeit vorwiegend in den Armen einer
knusprigen Negersklavin verbrachte. Als ihm dann Hischam, der jüngste Spross
des Hauses, in der Regierung folgte, zeigte Abd-el Meliks Staatsgebilde bereits
Auflösungserscheinungen. Dank Omars Großzügigkeit in
Bekehrungsangelegenheiten waren die Einkünfte allein aus Ägypten auf die Hälfte
geschrumpft, und auch in den Provinzen des Ostens herrschten eher Schiiten und
Charidschiten als der Kalif.

Hischam selbst war ein kühler Pragmatiker, ein Techniker der Macht, aber nicht
ohne Humor. Er schielte beachtlich, und als er einmal an einem Kavalleriebataillon
vorbeiging, scheute das Pferd eines Offiziers.

Das kommt davon, weil Siegenau so schief dreinsehen wie unser Tierarzt,
entschuldigte sich der Reitersmann beim Kalifen. Ich bin ein Kurpfuscher anderer
Art, knurrte der und ging weiter. Derlei fröhliche Majestätsbeleidigungen sollten bald

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nicht mehr möglich sein.

Als Hischam nach neunzehnjähriger Regierungszeit starb, hinterließ er ein Reich,


das für die damalige Welt eigentlich schon zu groß geworden war.
Siebentausendzweihundert Kilometer maß es, von Ost nach West gerechnet, und
bei den herrschenden Verkehrsmöglichkeiten war eine einheitliche, geordnete
Zentralverwaltung ein Ding der Unmöglichkeit. "Ich fürchte, wir haben uns zu Tode
gesiegt", soll der Kalif einmal gesagt haben. "Keine Hand weiß, was die andere tut.
Wahrscheinlich arbeitet jede in ihre eigene Tasche". Hischams letzte Lebensjahre
waren von Misstrauen verbittert. In sein Tagebuch schrieb er: "Ich habe alle Freuden
der Welt genossen bis auf eine - nie war mir die Gesellschaft eines echten
Freundes vergönnt, in der ich meine Wachsamkeit entspannen konnte in allem,
was zwischen uns geschah".

Die schwarzen Werber

In diesen Jahren gewann die Schia neuen Auftrieb, die alte Partei der Nachkommen
Alis. Omar hatte versucht, diese Geschworenen Gegner der Omajaden in das Reich
zu integrieren mit soviel Erfolg, dass ihre Anhängerschaft vorübergehend
tatsächlich bedeutungslos wurde. Unter Hischam schien sie plötzlich einen neuen
Geldgeber gewonnen zu haben, mit schier unerschöpflichen Mitteln. Vergeblich
versuchte der Geheimdienst des Kalifen, den Finanzier der Staatsfeinde ausfindig
zu machen.

"Alle Macht der Familie des Propheten", wurde in nächtlichen Aktionen an fast alle
Hauswände des Riesenreiches gepinselt, doch die Nachkommen Alis waren so
verarmt, dass sie nicht einmal Geld für Farbtöpfe hatten, und standen außerdem
unter strenger Bewachung. Sie konnten also nicht hinter der Kampagne stecken.
Wer aber dann?

Hätte Hischams Verfassungsschutz einfach die Superreichen des Landes unter die
Lupe genommen, hätte er bald die Richtigen gefunden. Sie waren sogar tatsächlich
mit dem Propheten verwandt, wenn auch nicht dessen Familie oder Nachkommen.
Kurz: Es war die Familie Abbas.

Abbas der Onkel Mohammeds spielte zu Lebzeiten des Propheten eine ziemlich
zwielichtige Rolle.

Zunächst hatte er erbittert gegen den Islam gekämpft, war dann nach seiner
Gefangennahme in Bedr dem Islam beigetreten, hatte aber sein großes
Handelsunternehmen nur zu fünf Prozent in den Islam eingebracht.

Da er wichtige Außenhandelsniederlassungen in Indien, Konstantinopel und im


heutigen Tanger hatte, wurde er dem Propheten bald unentbehrlich.

Nach dem Tod Mohammeds versuchte Abbas, im Islam ein gewichtiges Wort
mitzureden, und warf dabei seine Außenbüros so lange in die Waagschale, bis sie
ihm Omar für die größte Barsumme ablöste, die je in der Geschichte des Islam
bezahlt wurde. Damit gründete Abbas eine Bank, und bei dieser Gelegenheit soll er
auch den bargeldlosen Zahlungsverkehr erfunden haben, den Scheck.

Sein Enkelsohn Ali war auf jeden Fall der reichste Privatmann des Islam. Während

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das Handelshaus des Propheten zur Religion und zum Staat wurde besorgte Ali
ziemlich ausschließlich die Wirtschaft. Seine Bank kontrollierte die wichtigsten
Import- und Exportfirmen und an jedem Krieg des Islam verdiente die Beni Abbas
fast soviel wie der Kalif. Denn 90 Prozent der Rüstungsindustrie gehörten der
Familie, vor allem die großen Waffenschmieden von Damaskus, die Produzenten
der berühmten Damaszenerklingen. Über tausend Manufakturen für Bogen und
Pfeile, siebenhundert Schwertschmieden, beinahe dreitausend Panzer-
Konfektionäre arbeiteten für den Profit des Hauses Abbas, und da auch die Feinde
der Kalifen zur Kundschaft gehörten, verfügte die Sippe bald noch über eine
zusätzliche Einnahmequelle : Jede Partei zahlte gerne Bestechungsgelder, auf
dass die Gegenseite mit minderwertigem Material versorgt werde.

Im Vollgefühl dieser Macht wagte Ali ben Abdallah ben Abbas auch eine im Islam
noch nie da gewesene Provokation. Als Abd-el Melik eine seiner zahlreichen
Ehefrauen verstieß, ehelichte sie Ali am nächsten Tag und lud den Exgatten auch
noch zum Hochzeitsmahl. Abd-el Melik grollte, wagte aber nicht, sich mit dem
allmächtigen Industriellen anzulegen. Erst Welid rächte die Ehre seines Vaters. Er
ließ Ali auspeitschen und in Ketten über den Basar von Damaskus führen.

Ali zog sich aus der Stadt zurück, in der ihm solche Schande widerfahren war. Bei
Humaima in Jordanien baute er einen stattlichen Palast, nannte ihn "Haus Hügel"
und regierte nun von dort aus sein Firmenimperium.

Sein Sohn und Nachfolger Mohammed wollte ebenfalls die Ehre seines Vaters
rächen. Warum, fragte er sich, solle seine Firma nicht gleich den Staat
übernehmen, dessen wichtigster Zulieferer sie war? Zunächst befahl er, dass nur
noch die Waffenschmieden von Damaskus den Kalifen belieferten. Alle anderen
Betriebe sollten vorerst für das Lager arbeiten.

Dann schickte er seinen fähigsten Prokuristen in die ohnedies unruhigen


persischen Provinzen, er solle sich bei der dortigen Schia umsehen.

Der Mann hieß Abu Muslim, aber das war nur sein Deckname. In Wahrheit hieß er
Abd-er Rachman und hatte als Sklave bei Mohammed Abbas angefangen. Nach
den Beschreibungen, die von ihm vorhanden sind, war er Mulatte, auf jeden Fall
aber ein Organisationsgenie. Als Buchhalter in einer kleinen Waffenschmiede
begann seine steile Karriere. Zwei Jahre später war er bereits Privatsekretär des
Konzernchefs, wiederum ein Jahr später wurde er offiziell freigelassen, nannte sich
nach seinem ehemaligen Herrn nun Ben Mohammed und übernahm die Prokura.
Nun reiste er als Abu Muslim zunächst nach Kufa und spann dort seine Kontakte zur
Schia. Er muss ein Meister der Beredsamkeit gewesen sein und ein geschickter
Taktiker. Kämpft für die Familie des Propheten, war seine Losung. Geschickt
verschwieg er, dass es sich hierbei keineswegs um die Nachkommen Alis
handelte wie sämtliche Schiiten annahmen, sondern um die Familie Abbas.

Bald lichteten sich die Waffenhalden, die mittlerweile entstanden waren und kein
Agent des Kalifen fand heraus, wohin die Kriegsgeräte gelangten. Dabei waren die
Geschäftsbücher der Abbasiden Dokumente feinster Komik. Eine Faktura aus jener
Zeit ist erhalten geblieben: "Für einen leidenschaftlichen Gazellenjäger
(ausschließlich persönlicher Gebrauch): 700 Bogen aller feinster Qualität,
Sonderpreis 140.000 Mark; 1.200 Schwerter extra lang, Militärausführung,

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Sonderpreis 100 Mark..." Der Kalif musste normalerweise für ein Schwert schon
900 Mark bezahlen!

Dann brachen in Chorasan die ersten Aufstände der Schiiten aus. Bei den
Zusammenstössen mit den Regierungstruppen stellte sich heraus, dass die
Rebellen wesentlich besser ausgerüstet waren und die aus Damaskus bezogenen
Schwerter offensichtlich Sollbruchstellen aufwiesen.

Der Kalif setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der ausgerechnet unter dem
Vorsitz von Mohammed Abbas zusammentrat und erfolglos wieder auseinander
ging. Und der Geheimdienst gewann nur eine einzige Erkenntnis: dass die
Aufrührer über unerschöpfliche Geld- und Rüstungsmittel verfügten, unter
schwarzen Fahnen auftraten, und dass ihre Werbeagenten schwarze Armbinden
trugen.

Daraufhin wurde die Farbe Schwarz per Edikt verboten und allen Personen des
öffentlichen Lebens die weiße Farbe der Omajaden verordnet. Sogar der schwarze
Stein der Kaaba wurde weiß getüncht.

Der Esel Merwan

Kurz darauf starb Hischam, der Kalif. Aufgrund eines langjährigen Vertrages wurde
nun sein Neffe Welid II. Beherrscher der Gläubigen.

Auch Mohammed starb einen Monat später. Sein Sohn Ibrahim übernahm die Firma
und beschloss, den Kampf gegen das Herrscherhaus zum siegreichen Ende zu
führen.

Die Zeit schien günstig. Welid hatte sich bereits als Kronprinz einen hinlänglich
schlechten Ruf erworben. Da sein Onkel nicht und nicht sterben wollte, war er aus
Langeweile zum Säufer geworden. Nebenbei schrieb er auch Gedichte, und wir
danken ihm einige der schönsten Frivolitäten des Islam:

"Der Kalif Welid bin ich und in Seidenkleidern Geh' stolz ich in die
Zimmer eurer Frauen.

Ich kümmere mich um niemanden, der Anstoß nimmt.

Ich liebe die Musik und auch den Wein.

Sie geben Seligkeit und dumpfen Rausch.

Des Paradieses Freuden brauch´ ich nicht Kein Mensch, der bei
Verstand ist, glaubt an so was."

Damit machte er sich aber nicht nur sämtliche religiösen Führer des Landes zu
Feinden, sondern auch seinen eigenen Hofstaat. Als der Kalif für seine
Schiessübungen eines Tages gar den Koran als Zielscheibe benützte und am
Abend in aller Öffentlichkeit der Frau des Premierministers einen Besuch
abstattete, beschloss der Diwan, sich einen neuen Kalifen zu suchen.

Freiwillig bot sich Jezid, sein Cousin an. An der Spitze von rund zweihundert bis an

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die Zähne bewaffneten Soldaten drang er in den Palast des Kalifen ein.

Welid saß gerade in seiner Hausbar, auf dem Dach des Torturms. Als er die Rotte
sah, sprang er in den Graben, und mit dem Glück, das nur Betrunkene haben,
entkam er ohne die geringste Verletzung. Mit einem kleinen Bataillon seiner
Leibgarde verschanzte er sich in einem Fort außerhalb der Stadt.

Jezid ließ die kleine Festung sofort von der restlichen Leibgarde umzingeln. Welid
gelobte Reue und versprach keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Jezid
erleichterte ihm den Vorsatz: Noch am selben Abend ließ er das Fort stürmen.

Am 17. April 744 wurde der Kopf des Kalifen, auf eine Lanze gespießt, durch
Damaskus getragen.

Viele Getreue des Hauses Omaja fanden derlei offen ausgetragene


Familienstreitigkeiten schadeten dem Ansehen der Sippe. Besonders erbost aber
war ein gemeinsamer Onkel der beiden namens Merwan. Er war schon ein älterer
Haudegen, sein Leben lang von einer Schlacht zur anderen gezogen und sein
Starrsinn hatte ihm den Beinamen "der Esel" eingetragen. Als er von den
Ereignissen in Damaskus hörte, stand er gerade mit einer Armee in Persien und
versuchte, dort mit aufständischen Schiiten fertig zu werden. Sofort gab er seinen
Truppen einen neuen Marschbefehl, nach Damaskus, um dort die Ordnung
wiederherzustellen. Damit aber war das Chaos erst perfekt. Jezid, der frisch
ausgerufene Kalif, reiste mit einer Armee Merwan entgegen und versuchte zu
verhandeln. Merwan bestand darauf, einen der Söhne Welids zum neuen Kalifen zu
ernennen. Jezid geriet darüber so in Erregung, dass ihn der Herzschlag traf.
Daraufhin lief seine Armee ebenfalls zu Merwan über und die Vereinigten
Streitkräfte marschierten gegen Damaskus.

Dort wurde mittlerweile Ibrahim, ein Bruder Jezids, zum Kalifen ausgerufen. Er sah
ein dass er sich in Damaskus nicht halten konnte und floh. Vorher aber ließ er noch
die beiden Prinzen umbringen für die Merwan sich stark gemacht hatte.

Als Merwan am 23. November 744 in Damaskus einmarschierte, wurden ihm die
Leichen der beiden Kinder entgegen getragen.

Nun blieb Merwan nichts übrig als zur Moschee zu ziehen und sich selbst zum
Kalifen zu ernennen. Fröhlich war ihm dabei nicht zu Mute seine Thronrede
stammte aus dem alten Buch Hiob: »Es lassen von mir ab meine Verwandten,
meine Bekannten vergessen mich. Meinen Knecht rufe ich und er antwortet mir
nicht.

Mich verabscheuen meine Freunde, und die ich liebte, kehren sich gegen mich."

Die Nachwelt hat ihm Übel am Zeug geflickt, und sogar sonst seriöse Chronisten
Überbieten sich in unglaublichen Schauergeschichten über Merwan.
Beispielsweise soll er krankhaft gierig nach frischen Hammelnieren gewesen sein:
Sobald er irgendwo ein Schaf weiden sah, stürzte er sich darauf und riss ihm die
Nieren aus dem lebendigen Leib! Über zehntausend Hammel soll der Kalif auf
diese Weise eigenhändig erlegt haben.

Das gelindeste Argument gegen die Horrorberichte ist, dass Merwan für solche

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Hobbys kaum Zeit hatte: Schon als er den Thron bestieg, flammte an allen Ecken
und Enden des Reichs die Revolution auf. Und die Aufrührer trugen schwarze
Fahnen, ab und zu aber auch die roten der Charidschiten.

"Der Esel" hoffte, mit den Charidschiten als erstes fertig zu werden. Während er
seine gesamte Streitmacht gegen die Guerillas anrennen ließ, organisierte Abu
Muslim in Chorasan in aller Seelenruhe eine Armee für seine Firma. Am meisten
Zulauf fand sie natürlich bei den Konvertiten, den zum Islam Übergetretenen, aber
von den arabischen Omajaden stets nur als Bürger zweiter Klasse Behandelten. An
einem schönen Junitag des Jahres 747 erhielt Merwans Statthalter in Persien eine
Schreckensbotschaft:

In allen Städten der Provinz tauchten plötzlich bislang anständige Bürger in


schwarzer Kleidung auf, von Stunde zu Stunde mehr.

Wie es Abu Muslim gelungen ist, die gewiss sehr aufwendigen Vorbereitungen für
diesen ,Tag der wahren Kleidung, bis zum letzten Augenblick geheim zuhalten, wird
sich nie ergründen lassen. Auf jeden Fall bewirkte diese genial geplante Aktion die
totale Demoralisierung der Regierungstruppen. Zu zahlreich waren plötzlich die
Aufrührer, um dagegen etwas unternehmen zu können. Während Merwan in Arabien
seine Kräfte gegen die Charidschiten zersplitterte, besetzte Abu Muslim nahezu
kampflos eine Stadt nach der anderen. Überall ließ er "der Sippe des Propheten"
huldigen, und kein einziger Schiit merkte, dass damit die Familie Abbas gemeint
war.

Auch Merwan wusste nicht, wer hinter der Revolte stand. Ja, er besuchte sogar
noch Ibrahim Abbas in seinem "Haus Hügel", nannte ihn die treueste Stütze meiner
Macht und bestellte umfangreiche Waffenlieferungen.

Ibrahim versprach, sein Bestes zu tun, und Merwan war so gerührt, dass er den
Industriellen umarmte. Da fiel aus dessen Ärmel ein Brief. Merwan selbst hob ihn
auf, um ihn seinem Besitzer zurückzugeben. Da fiel ihm auf, dass Ibrahim sehr
nervös wurde. Merwan las den Brief er stammte von Abu Muslim. Noch am selben
Abend bezog Ibrahim Abbas eine Zelle in Merwans Palast.

Damit aber war die Revolution nicht zu bremsen. Ibrahim hatte wohlweislich schon
seinen Bruder Abdallah zu seinem Nachfolger in der Firmen- und
Revolutionsleitung bestellt, und der übernahm reibungslos das Kommando.
Vergeblich ließ Merwan auch durch Anschläge verbreiten, dass die Schiiten
betrogen würden und nicht ein Nachkomme Alis sondern ein Abbaside ihr wahrer
Thronanwärter sei - kein Schiit glaubte dem Omajaden. Vor allem aber konnte sich
Abu Muslim nun ungestört dem Kampf widmen denn für die Zivilangelegenheiten
der Revolution hatte er einen nicht weniger genialen Mitarbeiter gefunden, Chalid
Ben Bermek aus Balch.

Dessen Vater war Geber gewesen ein hoher Feuerpriester der Parsen, der alten
persischen Religion des Propheten Zoroaster. Wie er in Wahrheit hieß, wissen wir
nicht. Der Name Bermek bedeutet Sauger, und der Feuerpriester erhielt ihn, als er
in islamische Gefangenschaft geriet. Unter den Gebern, die auch Magier genannt
wurden scheint Bermek eine hervorragende Rolle gespielt zu haben. Sonst hätte
ihn nicht der Statthalter persönlich verhört während alle Berufskollegen

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kommentarlos hingerichtet wurden. Beim Verhör fiel dem Statthalter ein prunkvoller
Ring an der Hand des Priesters auf.

"Was willst du als Priester mit diesem Ring?" fragte er.

Darin ist Gift und das werde ich saugen, wenn du mich zum Tod verurteilen willst,
denn ich will aus eigenem Willen sterben, antwortete der Priester. Wirst du dich
aber gnädig zeigen, werde ich dir ganz Persien untertan machen. Von diesem
Augenblick an wurde Bermek Mittelsmann zwischen den arabischen Herren und
deren persischen Untertanen, wobei ihm nie nachgewiesen werden konnte, dass
er gleichzeitig auch stets die Rebellen gegen den Islam unterstützte. Sein Sohn
Chalid schlug sich eindeutig auf die Seite der Schia, unter der Bedingung dass er
beim Sieg der Abbasiden Ministerpräsident mit dem Titel ein es Großwesirs würde.

Gegen diese beiden Führer konnte Merwan nichts ausrichten.

Mitte Oktober 749 rebellierten auch die Schiiten von Kufa, und damit war der
gesamte Osten des Reichs für die Omajaden verloren.

Am 28. Oktober warteten Schwarzgekleidete aus allen Teilen Persiens in der


Moschee von Kufa: Abu Muslim hatte ankündigen lassen, dass an diesem Tag ihr
ersehnter Imam kommen werde, um sich als Kalif huldigen zu lassen.

Punkt elf Uhr bewegte sich ein feierlicher Zug durch die dichten Reihen der
Wartenden: eine große Gestalt, bis zu den Füssen mit einem schwarzen Schleier
verhüllt, umgeben von zahllosen Schwerbewaffneten in schwarzen Rüstungen. Von
Hochrufen umbrandet erreichte die Prozession die Kanzel, und die Bewaffneten
zogen einen Ring um sie, während der Verschleierte hochstieg, und einen weiteren
um die wartenden Gläubigen.

Dann ließ der verschleierte Imam die Hüllen fallen und war Abdallah Abbas.

Es kam zu einem kurzen Tumult der betrogenen Schiiten. Doch da zogen die
Bewaffneten ihre Schwerter, und plötzlich über schüttete auch ein Goldregen die
Moschee: Auf allen Dächern standen Schwarzgekleidete und warfen aus vollen
Säcken Goldstücke in die Menge. Während noch die Gläubigen damit beschäftigt
waren, den unverhofften Reichtum einzusacken, begann Abdallah zusprechen.
Doch die Aufregung war zuviel für den jungen Mann. Schon nach wenigen Sätzen
brach er erschöpft zusammen.

Da sprang ein Onkel von ihm auf die Kanzel: "Was wollt ihr denn? Ist er nicht aus
der Familie des Propheten? Von heute an bis ans Ende der Welt werden nun wir,
die Sippe des Propheten, herrschen, und unser einziges Gesetz wird der Koran
sein".

Da begannen einige Agenten Muslims, dem gerade aus seiner Ohnmacht


erwachenden Abdallah zu huldigen. Der Bann war gebrochen. Bis in die
Nachtstunden drängten sich nun die Schiiten zur Huldigung: Wer Abdallah Abbas
als Kalifen anerkannte, erhielt immerhin zehn Goldstücke, nach heutiger Kaufkraft
dreitausend Mark.

Merwan hatte dem nichts entgegenzusetzen. Seine Kassen waren leer und so

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verlief sich auch seine Armee. Mit ihren letzten Resten versuchte er am 25 Januar
750 bei Mossul noch eine Schlacht. Fast hätte der alte Haudegen dabei auch
gesiegt. Doch als seine Truppen gerade einen entscheidenden Einbruch in die
Schlachtreihen der Abbasiden schafften, musste der Kalif für einen Augenblick vom
Pferd.

Spötter reimten später :

"Durch sein Pissen

hat er sein Reich zerrissen".

Merwans Soldaten nämlich glaubten, der Kalif sei gefallen, und flüchteten

in hellen Scharen. Mit nur mehr fünfzehn Mann Gefolge kam Merwan am Abend vor
das Stadttor von Mossul, doch er wurde nicht mehr eingelassen.

Nun huldigte eine Stadt nach der anderen den Abbasiden, und der letzte
Omajaden-Kalif wurde wie ein Stück Wild durch sein verlorenes Reich gejagt.

Am Abend des 6. August kam eine kleine Karawane in das winzige Dorf Busir auf
Fayum in Ägypten. Vor der kleinen Moschee braute ihr Anführer Kaffee. Einigen
Dorfbewohnern fiel seine Kaffeekanne auf, ein wunder-schönes Stück Bronze mit
feinen gravierten Dekors. So ein Prachtstück war bei einem einfachen
Handelsreisenden mehr als ungewöhnlich. Zufällig hing an der Moscheewand
auch ein Steckbrief der Abbasiden. Obwohl Mohammed Abbilder verboten hatte,
prangte Merwans Konterfei darauf und dass auf diesen Kopf 25.000 Mark
ausgesetzt seien. Sie verglichen den einfach gekleideten, etwa sechzig Jahre alten
Mann mit dem Porträt des gestürzten Kalifen und verständigten dann ein in der
Nähe lagerndes Reiterbataillon.

Als die angesprengt kamen, flüchteten die paar Männer, die vor der Moschee
gelagert hatten, in alle Windrichtungen. Zurück blieb die Kaffeekanne. In der
Moschee saß Merwan und las laut im Koran. Er war gerade beim 25. Vers der
dritten Sure angelangt: "O Gott, Herr über die Herrschaft, Du gibst die Herrschaft,
wem Du willst, Du nimmst die Herrschaft, von wem Du willst. Du erhöhst, wen Du
willst, und erniedrigst, wen Du willst". Da schlugen ihm die Häscher den Kopf ab.

Die Trophäe wurde nach altem Brauch an den neuen Kalifen gesandt. Allerdings
nicht ganz vollständig: Während noch diese ruhmreiche Tat gefeiert wurde, fraß
eine herumstreunende Katze die Zunge des letzten Omajaden-Kalifen, wie das der
makabren Sendung beigefügte Gedicht launig vermerkte.

Merwans Kaffeekanne aber hat auch die folgenden Jahrhunderte heil überstanden
und ist nun ein Prunkstück des Museums für islamische Geschichte zu Kairo.
Benutzt wurde sie nie wieder.

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Kapitel 9.
Und der Henker ist immer dabei

Saffah, der Blutvergießer

Abdallah Abbas wurde durch eine der schlimmsten Schmierenkomödien der


Weltgeschichte Kalif, durch ein atemberaubendes Gaunerstück, inszeniert von
seinen Angestellten, in dem er selbst lange Zeit weniger mitspielte als eingesetzt
wurde. Der Plan des Komplotts stammte von seinem Bruder Ibrahim, die Geldmittel
dazu aus den Firmen seiner Vorfahren. Die Ausführenden waren der ehemalige
Sklave und spätere Prokurist der Firma Abu Muslim und der frisch angeheuerte
persische Intrigant Chalid Ben Bermek. Sie spannen das Netz der Verschwörung,
sie warben unter falschen Vorspiegelungen Bundesgenossen in der Schia, und sie
trugen auch auf den Kampfplätzen ihr Fell zu Markte.

Kalif aber wurde Abdallah, dem so ziemlich alle Eigenschaften für dieses Amt

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fehlten. Als ihm zu Kufa gehuldigt wurde, war er gerade Ende der Zwanzig. Freund
und Feind beschreiben ihn annähernd gleich: Ein etwas blässlicher, klein geratener
Mann, schüchtern um nicht zu sagen verklemmt und ohne jede Ausstrahlung. Schon
bei den geringsten Anforderungen drohte er zu versagen. Trat er in der Öffentlichkeit
auf, zeigte sein Gesicht hektische rote Flecken, und sollte er eine Rede halten, fiel er
fast regelmäßig in Ohnmacht. Eine Gestalt wie geschaffen zur Schachfigur.

Doch scheinen diese Beschreibungen dem Begründer des zählebigsten und


brutalsten Herrscherhauses islamischer Geschichte nicht gerecht zu werden. Als
Chef des Hauses Abbas war Abdallah eine Verlegenheitslösung, nur ans Ruder
gekommen weil sein Bruder enttarnt und eingekerkert wurde. Dass er zur
Dauerlösung wurde scheint er selbst besorgt zu haben. Der Tod seines Bruders
Ibrahim gehört auf jeden Fall zu den ungeklärten Kriminalfällen des Islam.

Merwan hatte ihn als Hochverräter eingesperrt, aber auch als Faustpfand: Nach alter
arabischer Sitte hätte die Sippe ihren Boss gegen gesalzene Bedingungen
auslösen können. Ibrahims Haftbedingungen waren keineswegs streng, und er
befand sich in ständiger Gesellschaft mit zwei prominenten Mithäftlingen, direkten
Nachkommen Mohammeds und Thronanwärtern der Schia. Merwan hoffte, die drei
gegeneinander ausspielen zu können, da Ibrahims Zellenkollegen nach dem
Programm der Schia auf jeden Fall mehr Anspruch auf das Kalifat hatten als die
Abbasiden.

Abdallah Abbas selbst bat seinen Bruder nur noch einmal er wähnt, als Ibrahim
samt seinen Mitgefangenen tot gefunden wurde. Natürlich wurde der böse, alte
Merwan als ihr Mörder genannt. Doch das war ein halbes Jahr nach Merwans Tod
und ein volles Jahr, nachdem Merwans Wächter von dem Gefängnis abgezogen
wurden. Die Leichen aber waren noch so frisch, dass sie sogar öffentlich gezeigt
werden konnten. Den Vorteil dieser Morde hatte auf jeden Fall Abdallah: Der Bruder
der eigentlich Kalif hätte werden sollen, und seine gefährlichsten Konkurrenten,
waren somit aus dem Kampf um die Macht ausgeschieden. Wenn Abdallah
tatsächlich diesen Mord auf dem Gewissen hatte, wird er sich deswegen keine
Gewissensbisse gemacht haben. Wirkte er in der Öffentlichkeit auch schüchtern
und hilflos verkörperte er doch den kalten Techniker der Macht. In seinem Tagebuch
leistete er sich Sätze von geradezu grandiosem Zynismus: "Wer an die Macht
gelangen will, tut gut daran, diese Gelüste durch Ansprüche der Moral oder Religion
zu verschleiern. Doch darf ein Machthaber nicht einmal als Kind daran glauben,
dass er Gutes bewirken solle außer für sich selbst. Nur wer Macht um ihrer selbst
willen genießt wird sie behalten; wer sich nicht um das Leben seiner Untertanen
sorgt, wird verehrt; wer das Volk nach den Prinzipien der Religion belügt, wird
glaubhaft. Die Liebe des Volkes ist kein Fundament für den Herrscher. Die wahren
Grundlagen eines geordneten Staates sind Angst, Geld und ein zu folgsamen
Hunden dressiertes Heer, das jederzeit die jeweils befohlene Ordnung herstellt. Nur
dann lässt sich Macht genießen wie eine Frau".

Genauso regierte Abdallah auch und im übrigen nach den Methoden der alten
persischen Despoten. Er führte auch das persische Zeremoniell wieder ein, das
einst Mohammed so angeekelt hatte: Die Untertanen mussten sich vor dem
Herrscher zu Boden werfen, und er selbst saß so hoch, dass ihn kein Attentäter
erreichen konnte. Und da die persischen Herrscher bei ihrer Thronbesteigung stets
einen neben Namen angenommen hatten, nannte er sich von nun an Abdul Abbas.

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Das Volk aber nannte ihn Saffah, den Blutvergießer.

Diesen Titel verdiente sich der Kalif redlich. Er selbst konnte zwar kein Blut sehen
und soll sogar einmal in Ohnmacht gefallen sein, als er sich in den Finger schnitt.
Mörderische Befehle aber gab er ohne zu zögern.

Kaum hatte Abu Muslim ihn an die Macht gebracht, degradierte Saffah seinen
Königsmacher zum Provinzgouverneur von Chorassan. Abu Muslim scheint von
selbstmörderischer Treue gewesen zu sein. Obwohl ihm der Abbasside zuvor die
Statthalterschaft von ganz Persien versprochen hatte, übergab er seine Armee
folgsam dem jüngeren Bruder des Kalifen und reiste in die entlegene Provinz.
Dscheffar Abbas war somit Statthalter der östlichen Reichshälfte und musste
versuchen, seinen Omajadischen Amtsvorgänger zu erledigen. Der war ein
Jugendfreund Merwans und hatte sich, als alles bereits verloren war, mit
zweihundert Offizieren in einem kleinen Wüstenfort verschanzt, und dagegen rannte
Dscheffar mit gut zehntausend Mann über ein Jahr vergeblich an. Schließlich schlug
der Bruder des Kalifen eine kampf-lose Übergabe vor und garantierte freies Geleit.
In derselben Reihenfolge, wie die Leute aus der Festung kamen, wurden sie
umgebracht, ein bislang noch nicht da gewesener Verstoß gegen das islamische
Kriegsrecht.

Auch Abdallah Ben Ali, ein Onkel des Kalifen und neuernannter Statthalter in Syrien,
nahm es mit den Eidesformeln des Koran nicht sehr genau. Er musste zunächst
einmal Damaskus belagern. Unter den Omajaden hatte die Stadt einen ungeheuren
Aufschwung erlebt. Die Firma Abbas aber hatte sich bei ihren Arbeitern den Ruf
eines Leuteschinder Betriebs und bei den Kaufleuten den eines skrupellosen
Monopolisten erworben. In einer Volksabstimmung entschieden fünf Sechstel aller
Bürger, die Stadttore geschlossen zu halten Doch die Abbasiden hatten schon ihre
Leute in der Stadt, und nach den ersten Straßenkämpfen zwischen schwarzer und
weißer Partei entschloss sich der Stadtrat zu Übergabeverhandlungen.

Der Stadt wurde Schonung zugesichert, und am 27. Mai 750 marschierte Abdallah
Ben Ali ein. Drei Stunden erlaubte er seinen Truppen zu plündern, und wehe den
Häusern, in denen auch nur ein Fetzen weißen Stoffs gefunden wurde!

Die Angehörigen des Hauses Omaja hatten sich in ihre Stadtpaläste


eingeschlossen, die regelrechte kleine Festungen waren. Noch am selben Abend
verhandelte Abdallah mit den einzelnen Sippenbossen, und in der Nacht wurde ein
Vertrag ausgehandelt: Die Sippe Omaja werde die rechtmäßige Herrschaft der
Abbasiden anerkennen und dürfe dafür sechzig Prozent ihres Vermögens behalten,
Gegenstände aus Edelmetall ausgenommen.

241

Bei einem gemeinsamen Bankett zwischen Vertretern des Hauses Abbas und
sämtlichen Vertretern des Stammes Omaja am nächsten Abend sollte der
Friedensschluss besiegelt werden.

Tatsächlich kamen alle Omajaden bis auf zwei. Es sollen siebzig oder
neunziggewesen sein. Der große Audienzsaal im Kalifenpalast war prächtig
dekoriert: Reiche Vorhänge an den Wänden, blühende Orangenbäume in Töpfen

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und üppige Speisen auf den Tischen. Als alle Formalitäten erledigt und die Verträge
unterschrieben waren, wurden die Hors döuvres aufgetragen. Zwischen zwei Bissen
kaltem Gazellenrücken fragte Abdallah Ben Ali seinen omajadischen
Tischnachbarn, welche Kunstgattung denn der Prophet am meisten geschätzt habe.
Natürlich die Dichtkunst, sagte der und staunte, dass ein Muslim das nicht wusste.

Da klatschte Abdallah in die Hände, und aus einem Vorhang trat Schobl auf, ein
stadtbekannter Stegreifdichter, der sich früher als. Redenschreiber für die Kalifen
sein Brot verdient hatte. Zu getragener Musikbegleitung deklamierte der Poet eine
lange Hymne auf das Haus Abbas. Dann kam er auf das Haus Omaja zu sprechen.
Den versammelten Omajaden blieb der Bissen im Halse stecken in demselben
Augenblick wurden die Vorhänge hochgezogen und dahinter standen Hunderte
Schwerbewaffnete.

". . . sie heucheln niederträchtig Freundschaft zwar, weil nun der Donner
über ihren Häuptern kracht, doch da sie leben, sind sie schon Gefahr -
vernichte ihr er Zweige Hoffnung, ihrer Stämme Pracht",

sang der Dichter gerade.

"Ist er nicht großartig? lächelte der Gastgeber. "Da kann man ihm doch einfach
keinen Wunsch abschlagen. Und das Gemetzel begann. Abdallah hatte seinen
Leuten strengen Auftrag gegeben, seine Gäste zu verwunden, aber ja nicht zu töten.
So röchelten die meisten noch, als Abdallah die etwas in Unordnung geratenen
Tische neu decken und das Hauptgericht auftragen ließ. Während sich die
Sterbenden am Boden wälzten, begann ein fröhliches Gelage, und erst als alle
Omajaden tot waren hob Abdallah die Tafel auf.

Doch auch die toten Kalifen wurden nicht geschont. In Muawias Grab wurde nur ein
Häufchen Staub gefunden, in dem Abd-el Meliks einige Knochen, die den Hunden
vorgeworfen wurden.

Lediglich Hischam hatte sich einbalsamieren lassen und war noch so gut erhalten
dass Abdallah seinen Leichnam auf dem Marktplatz aufhängen und auspeitschen
lassen konnte. Des milden Omar Grab zu schänden aber weigerten sich selbst
Abdallahs Leute.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fragten sich viele Schiiten, ob sie nicht doch einen
allzuschlimmen Herrschertausch gemacht hätten. Viele von ihnen zogen
demonstrativ wieder die weißen Kleider des gestürzten Herrscherhauses an. Doch
ihre Reue kam zu spät - rücksichtslos wurden die zahlreichen Aufstände
niedergeschlagen und waren die Frauen in den Städten zunächst von den
schwarzen Kriegern nur geschändet worden, wurden sie nun gleich umgebracht.
Ungefähr siebzigtausend ehemalige Mitkämpfer Saffahs sollen im Lauf der
nächsten zwei Jahre ermordet worden sein dann war laut Hofchronik "das Land
ruhig und tiefschwarz".

Nicht ganz: In Palästina übten etliche Stämme formale Opposition. Sie bewirkte zwar
nichts, hielt sich aber dafür als Brauch um so länger - noch heute sind die
Kopftücher der Palästinenser schwarzweiß gewürfelt.

169 von 295 09.09.2010 19:14


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Der Dank des Hauses Abbas

Saffah konnte sich nun ziemlich ungestört der Neuorganisation des ergaunerten
Reiches widmen. Zunächst besetzte er dreizehn der insgesamt vierzehn Provinzen
mit seinen engsten Verwandten als Gouverneuren. Nur in Chorasan ließ er Abu
Muslim, dem er schließlich fast alles verdankte auf seinem Posten.

Dscheffar, der jüngere Bruder des Kalifen, hatte da seine Bedenken. Ständig lag er
Saffah in den Ohren: "Abu Muslim hat uns an die Macht gebracht und kennt ihre
Maschinerie besser als wir. Bring ihn lieber um, bevor er uns gefährlich wird".

Saffah weigerte sich, weniger aus Dankgefühlen gegen seinen Königsmacher als
aus praktischen Überlegungen: "Solange es noch die geringste Opposition gibt
werden wir ihn brauchen können. Es ist töricht, einen Schuh auszuziehen solange
man nicht sicher weiß, dass die Scheissgasse hinter einem liegt".

So erlaubte er seinem Bruder nur, sämtliche alte Mitarbeiter Abu Muslims


umbringen zu lassen. Folgsam lieferte sie Abu Muslim aus, entweder aus echter
Loyalität oder aus der zweifelhaften Hoffnung damit auf die Dauer den eigenen Kopf
retten zu können.

Nur Chalid Ben Bermek hatte sein Schäfchen rechtzeitig ins trockene gebracht und
war auch Saffah unentbehrlich geworden: Zwar hatte er nicht das versprochene Amt
des Großwesirs erhalten, aber als Steuereintreiber der persischen Provinzen
machte er sich um das Haus Abbas unabdingbar verdient.

Abu Muslim aber beging einen entscheidenden Fehler: Er versuchte, durch eine
versöhnliche Politik in Chorasan die Opposition für die Abbasiden zu gewinnen,
aber gerade davon hielten die Abbasiden selbst gar nichts. Sie verfuhren nach der
Devise, nur ein toter Gegner sei ein guter, und allein in Mossul ließen sie über
elftausend Köpfe auf die Stadtmauer stecken, omajadische Sunniten bunt gemischt
mit Schiiten, die häufig selbst noch kurz zuvor für die Herrschaft ihrer Mörder
gekämpft hatten.

Im Frühjahr 754 ließ Saffah Abu Muslim in sein Militärlager kommen. Der war sehr
zerknirscht und meinte seine Politik der Milde sei nur eine vorüber-gehende
Schwäche gewesen. Wieder hätte ihn Dscheffar am liebsten gleich umbringen
lassen, aber Saffah traf eine pikante Entscheidung: Da Dscheffar ohnedies schon
lange eine Wallfahrt nach Mekka machen wollte sollte ihn Abu Muslim als
Reiseleiter begleiten. Scherzhaft fügte der Kalif hinzu: "Da könnt ihr euch ja
ausgiebig beschnuppern und Freunde werden. Sollte ich aber mittlerweile sterben,
kann Dscheffar ja das Kalifat samt seinem Macher erben".

Die beiden begaben sich mit einer prächtigen Karawane auf die Reise. Abu Muslim
sorgte für Erfüllung des Gebotes Mohammeds, dass reichere Pilger unterwegs ihre
ärmeren Kollegen bewirten sollen. Er entwickelte eine geradezu gewaltige
Gastfreundschaft: Wer unterwegs getroffen wurde und lieber seinen eigenen Brei
kochen wollte als an der Tafel Dscheffars speisen, war sofort dem Tod verfallen.

Freunde aber wurden die beiden unterwegs nicht. Dafür sorgten erst drei Boten die
der Reisegesellschaft auf dem Rückweg entgegen kamen. Der erste berichtete,

170 von 295 09.09.2010 19:14


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dass Saffah an Pocken erkrankt sei. Der zweite dass der Kalif am 9. Juni, erst
vierunddreißig Jahre alt, an Pocken gestorben sei. Und der dritte, dass nun Onkel
Abdallah Ben Ali sich in Damaskus zum Herrscher ausgerufen habe.

Plötzlich entdeckte Dscheffar sein Herz für Abu Muslim. Lange sprach er von den
Verdiensten die sich der ehemalige Sklave um das Haus Abbas erworben habe und
dann versprach er Abu Muslim den Gouverneursposten von ganz Persien, wenn er
ihn nur von seinem Onkel erlöse.

So betätigte sich Abu Muslim ein zweites Mal als Königsmacher. Schnell reiste er
nach Chorasan, hob dort eine beachtliche Armee aus und fügte schon im Dezember
Abdallah Ben Ali eine entscheidende Niederlage zu.

Dscheffar schrieb Abu Muslim einen von Lob nur so triefenden Brief und lud ihn ganz
herzlich zu einem Besuch ein, er wolle seinem Retter persönlich danken.

Einige Tage später betrat Abu Muslim das Zelt des Kalifen. Als neues
Einrichtungsstück glänzte dort ein großer Lederteppich, schwarz, mit gold-verziertem
Rand. Als Abu Muslim darauf vor seinem Herrn zu Boden fiel, sprangen vier Mann
aus den Zeltvorhängen und schlugen ihm den Kopf ab.

Dscheffar war einige Tage lang besorgt, die Armee könne nun vielleicht doch
rebellieren. Als er aber an alle Offiziere einen Extrasold auszahlen ließ blieb alles
ruhig. Ob Abu Muslim wirklich einen Putsch plante, wie Dscheffar später behaupten
ließ, wird sich nie feststellen lassen. Gelegenheiten dazu hätte er genug gehabt,
und es ist nicht einzusehen dass er Dscheffar nur zum Kalif machte um ihn dann zu
stürzen. In Chorasan wird er heute noch wie ein Heiliger verehrt von allen
Schlächtern der Abassiden war er der einzige der keine sinnlosen Massenmorde
begehen ließ, und das war für jene Zeit schon ein Zeichen ungewöhnlicher Milde.
Die kleine Sekte der Churramiten glaubt sogar, Abu Muslim werde eines Tages als
der verheißene Mahdi, der Erlöser, zur Erde kommen und die Herrschaft des ewigen
Friedens und der Gerechtigkeit begründen.

Auf jeden Fall war Dscheffar spätestens nun unangefochten Kalif, und als solcher
nannte er sich Mansur der Siegreiche, obwohl er selbst keinen einzigen Sieg
errungen hatte. Seine Herrschaft pflegte alle äußerlichen Zeichen einer Monarchie,
war jedoch eher eine Militärdiktatur. Die wichtigsten Zeichen der neuen Staatsmacht
blieben der Lederteppich vor dem Thron der anlässlich der Ermordung Abu Muslims
Premiere hatte, und der daneben wartende Henker. Wer den Kalifen besuchte,
musste stets damit rechnen, ohne Verfahren und Kommentar umgebracht zu
werden. Nur auf eine Bevölkerungsgruppe konnten sich die Abbasiden
einigermaßen stützen: Auf die Frischbekehrten der persischen Länder.

Unter den Omajaden waren sie als Bürger zweiter Klasse behandelt worden. Die
Abbasiden stellten sie den Arabern gleich und spielten sie später auch stets
erfolgreich gegen die einstigen Herrenmenschen aus.

Dafür wurden die Schiiten unversöhnliche Gegner des neuen Herrscherhauses, und
auch das besorgte Mansur. 761 unternahm er wieder eine Wallfahrt nach Mekka,
diesmal mit fünf Divisionen seiner Armee. Kaum war er in Mekka eingetroffen, lud er
sämtliche Angehörige des Stammes Haschem, also die direkten Nachkommen des

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Propheten, zu einem Gastmahl ein. Die hüteten sich natürlich zu kommen, und in
ihrem höflichen Absagebrief meinten sie, dass ihnen ein Gastmahl im Stil des
Hauses Abbas doch zuviel der Ehre sei. Mansur ließ ihnen feierlich freies Geleit
zusichern, doch auch darauf fielen die Haschemiten nicht herein. Wir sind doch nicht
lebensüberdrüssig, schrieben sie dem Kalifen.

Da ließ er ihre Häuser stürmen, etliche umbringen, einige einkerkern und ihr
gesamtes Vermögen konfiszieren. Ein Jahr später wurden die Haschemiten in
Medina ausgerottet. Nur wenige überlebten das Blutbad, und selbst sie waren
Mansur zuviel.

Wie groß der Hass der Schia den Abbasiden gegenüber wurde, lässt sich daraus
ermessen, dass fast alle Schiiten von nun an die weiße Kleidung der Omajaden
anlegten, obwohl auch die mit ihnen, weiß Allah nicht gerade freundlich
umgegangen waren.

"Der Untergang des Abendlandes

Wie schlimm auch der Islam in den von ihm beherrschten Ländern hauste - die
größte Zeche zahlten jene, in die kein Muslim seinen Fuß setzte. Mit dem Aufbruch
der Araber zur Weltmacht brach Europa zusammen.

In unseren Geschichtsbüchern wird gemeinhin die Völkerwanderung für das Ende


römischer Kultur und römischer Zivilisation verantwortlich gemacht. So schlimm
aber waren die barbarischen Germanenrudel gar nicht, die da jahrhundertelang aus
dem weiten Russland mit Kindern, Vieh und Kegel in die Nordprovinzen des
ehemaligen Imperium Romanum einfielen. Waren auch die römischen Armeen den
Germanenhorden regelmäßig unterlegen, war doch der römische Lebensstandard
dem der Zuwanderer so turmhoch überlegen, dass selbst die "zotteligsten"
Germanen bald "romanisiert" wurden.

Kaum waren sie in römisches Territorium eingedrungen, legten sie sich schon
römische oder griechisch-römische Namen zu, römische Sitten und das
Christentum, und bald fragten angeblich freie Germanenhäuptlinge in
Konstantinopel bescheiden um römische Titel und Ehren.

Schließlich beruhte die Macht des Römischen Reiches weniger auf dem
engmaschigen Netz zahlloser Kasernen und Garnisonsorte als auf dem
feingesponnenen Netz einer auch die Grenzgebiete des Reiches umfassenden
wirtschaftlichen Verflechtung. Ein ungeheuer verästelter Güterkreislauf sorgte dafür,
dass jede Provinz auf die andere angewiesen war, und der daraus resultierende
hohe Lebensstandard hielt das riesige Staatsgebilde besser zusammen, als es
jede Armee hätte tun können. Papyrus aus Ägypten war das landläufige
Schreibmaterial auch im extremen Norden des Imperiums, Bernstein aus der
Ostsee ein heiß geliebter Schmuckstein auch der Araberfrauen. Das Herz dieses
hochentwickelten Organismus aber war nicht Rom, sondern das Mittelmeer. Die
Hafenstädte um das "mare nostrum" der Römer bildeten die Koronargefäße. Hier
wurden die zahllosen Güter umgeschlagen, und bei diesem Geschäft galt im
Grunde jede Stadt gleich wichtig. Nur durch das Mittelmeer konnte ein so extrem
östlich gelegener Ort wie Konstantinopel unangefochten neue Hauptstadt des
Römischen Reiches werden - hier lag der größte Hafen und auf den kam es an.

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Solange um das Mittelmeer eine Kette römischer Häfen lag, war die Macht
Konstantinopels gesichert und dadurch erklärt sich auch, weshalb die Römer
während der ersten, stürmischen Siegesjahrzehnte Palästina und Syrien nach
relativ geringem Widerstand aufgaben, bedeutende Hafenstädte wie Antiochia oder
Cäsarea jedoch so hartnäckig verteidigten, dass sie noch zwei Jahrhunderte lang
im Besitz Konstantinopels blieben.

Eigentlich war den Kaisern in Konstantinopel ziemlich gleich, ob im Nahen Osten in


Kirchen oder Moscheen gebetet wurde, Hauptsache die Güterversorgung aus Indien
und China klappte. Und es kümmerte sie auch nicht, ob im Norden, in Europa also
oder im westlichen Spanien Goten, Langobarden oder wer weiß welche Germanen
gerade ihre Herrschaftsansprüche verkündeten. Wichtig war nur, dass gekauft
wurde und die Handelszentren intakt blieben. So kam es auch, dass die römischen
Städte die Völkerwanderung zwar nie ungeplündert, aber immer relativ heil
überstanden.

Nicht einmal die Hunneneinfälle konnten etwas daran ändern dass wie in alten
römischen Zeiten deutsches Holz gegen Weizen aus dem Mittelmeergebiet
aufgewogen wurde, Felle und Wollstoffe im Güteraustausch gegen Seide und
Baumwolle gehandelt wurden und afrikanisches Gold gegen europäisches Silber.

Die alten Römerstädte verödeten erst, als die Araber ihre neue Weltmacht im Nahen
Osten gefestigt hatten. Da nämlich besannen sich die Araber, dass sie im Rahmen
des herrschenden Wirtschaftssystems den längeren Atem hatten, und drehten dem
Abendland den Hahn ab.

Dieses erste Embargo, das die Araber gegen Europa eröffneten sollte verheerende
Folgen haben. Was kam auch nicht alles aus dem Orient: Chinesische und indische
Seide, arabische Perlen, Elfenbein, Tee und Kaffee das Gold aller Münzen, Getreide,
Baumwolle Leinen, das Öl für die Lampen, die Gewürze für das Essen, Glas,
Porzellan und Edelholz.

All diese Köstlichkeiten blieben plötzlich aus. Viele davon waren zwar Luxusgüter
doch seit je misst man den Lebensstandard eher am Luxus als an den
notwendigen Bedarfsgütern, und so begann allerorten ein lauter Jammer über den
Verfall der Lebensqualität. Manche Dinge konnten durch neue Erfindungen ersetzt
werden: Wachskerzen und rußende Kienspäne lösten die klassischen Öllampen
ab, Schweineschmalz das Olivenöl, heimische Kräuter die exotischen
Scharfmacher, deutsches Leinen das feinere ägyptische, Zinngeschirr das
gewohnte Glas und Porzellan. Andere Dinge waren nur sehr schwer zu ersetzen.
Pergament beispielsweise war siebenhundertmal teurer als Papyrus, und so sank
bald das Bildungsniveau rapide: Hatte die Analphabetenzahl unter den Römern nur
annähernd zwanzig Prozent in den nördlichen Ländern betragen, stieg sie nun auf
fünfundneunzig Prozent, und erst in unseren letzten zwei Jahrhunderten lernten
wieder alle Mitteleuropäer lesen und schreiben. Auch das Gold der Münzen wurde
immer mehr versilbert, und bereits die Frankenherrscher konnten nur noch
Silbermünzen herstellen.

Am schlimmsten aber war, dass die Araber gleichzeitig einen Boykott über
europäische Waren verhängten. Nun blieben die Europäer auf ihrem Eisen, Holz,

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Zinn, Honig und ihren Fellen sitzen. Die Muslims deckten ihren Bedarf anderswo:
Pelze bezogen sie aus Russland, Eisen und andere Metalle aus Indien,

und für den Holzbedarf wurden die Wälder Anatoliens und Afghanistans
kahl-geschlagen. Damit aber schnitt sich der Islam letztlich ins eigene Fleisch: Noch
heute sind diese einst reichen Gebiete Steppe und Wirtschaftliches
Entwicklungsland.

Das Ziel ihres Embargos erreichten die Muslims nicht. Konstantinopel wurde nicht
in die Knie gezwungen, und auch das übrige Europa zeigte nicht so grässliche
Konsumentzugserscheinungen, dass es dem Islam kampflos in die Hände fiel.
Allerdings entwickelte das Abendland ein neues Gesellschaftssystem. Aus
Geldknappheit mussten beispielsweise die fränkischen Herrscher ihre Soldaten mit
Land bezahlen. Grundbesitz wurde die neue Werteinheit und die ganze Richtung der
Feudalismus. Gemessen an der staats-kapitalistischen Marktwirtschaft der Römer
war dies natürlich ein arger Rückschritt.

Die Entwicklung Europas und der gesamteuropäische Lebens Standard wurden um


Jahrhunderte zurückgeworfen. Erst gut siebenhundert Jahre später erreichte
Zentraleuropa wieder das Niveau das es auch noch lange nach der
Römerherrschaft als selbstverständlich empfunden hatte. Unser Mittelalter
verdanken wir letztlich den Omajaden.

Die Abbasiden beendeten die Handelssperre. Sie dachten in an deren Kategorien


als ihre Vorgänger im Kalifat. Nicht umsonst hatte ihre Familie schon zuvor den
größten Wirtschaftskonzern des Islam beherrscht sie ersetzten den Territorial-
Imperialismus der Omajaden durch einen Wirtschaftsimperialismus moderner
Prägung. Sie suchten ihre Siege weniger auf dem Schlachtfeld als auf dem Markt.
Ihre Armeen dienten überwiegend dem Bürgerkrieg, also der Ruhe und Ordnung im
eigenen Reich. Mit dem christlichen Erbfeind trieben sie lieber Handel.

Mansur erklärte als erster dass nun der Islam wieder Handelsbeziehungen zu
Europa aufnehmen werde und daher Gesandte einlade. Die ersten, die kamen
stammten aus einer kleinen bislang unbedeutenden Hafenstadt Italiens mit dem
Namen Venedig.

Bagdad, eine runde Sache

Zwischen zwei wurmzerfressenen Buchdeckeln ruht in der ehrwürdigen Bibliotheca


Marciana zu Venedig ein uraltes Dokument, das jahrhundertelang nicht ernst
genommen wurde. Es ist die Abschrift eines Reiseberichtes.

Darin erzählen vier junge Venezianer, die auf Staatskosten und mit zwei jüdischen
Dolmetschern in die weite Welt gezogen waren, von der unglaublichsten Stadt des
Universums. Haus des Friedens soll sie geheißen haben oder auch Geschenk der
Gärten und vollständig aus Gold erbaut gewesen sein. Ihre Kuppeln waren mit
Smaragden gespickt, die Wände mit Diamanten übersät, und ihr allmächtiger
Herrscher war ein Hund. Natürlich kein gewöhnlicher Köter: Er war ein Zauberhund,
konnte sich manchmal in einen Menschen verwandeln nannte sich dann Mansorius
und führte als solcher die staunenden Venezianer durch seine angesammelten
Schätze. Dass er in Wahrheit aber ein Hund war, stand außer Zweifel schließlich

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nannte er sich selbst so.

Diese Geschichte musste natürlich für ein Märchen gehalten werden, ausgedacht
von findigen Köpfen, die auf diese plumpe Weise ihre ungeheuren Spesen
verantworten wollten. Daher wurde das Manuskript auch respektlos behandelt wie
ein Märchenbuch. Am wertvollsten schien das Pergament, auf das es geschrieben
war. Viele Seiten wurden aus dem Band gelöst, die Tinte sorgfältig abgekratzt und
das so gewonnene Schreibmaterial neu benützt. Nur einige Bruchstücke des einst
voluminösen Buches blieben erhalten. Genug aber, um die vier angeblichen
Aufschneider aus Venedig voll zu rehabilitieren: Was sie im Jahr 765 zu Papier
bringen ließen, war im großen und ganzen richtig, und nur einige nebensächliche
Missverständnisse waren schuld daran, dass den Gesandten nicht geglaubt wurde.

Der Märchenhund zum Beispiel war ein glatter Übersetzungsfehler. Begangen


haben ihn die jüdischen Dolmetscher, denn Keleph heißt auf hebräisch Hund.
Mansorius, der sich auf arabisch al-Mansur nannte, hätte diese- Interpretation
seines Titels mit Sicherheit als Majestätsbeleidigung gewertet. Geschmeichelt hätte
ihm allerdings, dass die vergoldeten Säulen seines Palastes für massives
Edelmetall, die Spiegelmosaike an den Wänden für Diamanten. und die grünen
Kacheln auf der Kuppel seines Thronsaales für Smaragde gehalten wurden. Er
hatte ja die ganze Pracht daraufhin anlegen lassen, dass unkultivierten Barbaren
aus dem Norden die Augen übergingen. Dabei haben die Venezianer erstaunlich
genau beobachtet und auch den Namen der Stadt richtig übersetzt. Haus des
Friedens war tatsächlich ihr offizieller Name, nämlich Daressalam, die arabische
Übersetzung des Hebräischen Jerusalem.

Da es aber somit schon eine Stadt dieses Namens gab, hieß sie beim Volk anders,
und dieser Name blieb der Stadt bis heute: Bagdad, Geschenk der Gärten.

So hieß die Gegend von Bagdad schon, ehe es Bagdad gab. Das grüne Stück Land
am Tigrisufer war ursprünglich Gemüsegarten der prachtvollsten Residenz der Alten
Welt: Einige Meilen flussabwärts lag Medain, von den Griechen Ktesiphon genannt,
der Herrscherpalast der persischen Sassaniden- Könige, aus dem einst die
plündernden Araber den kostbarsten Teppich der Geschichte geschleppt hatten.

Al Mansur war in die Gegend gekommen, als er sich von den Anstrengungen
erholen wollte, die ihm die Suche nach einem Platz für eine Hauptstadt bereitet
hatte. Jahrelang wusste der Kalif nicht, wo er residieren sollte. Damaskus war ihm
zu unsicher, Mekka zu sehr vom Zentrum des Reiches abgelegen. 761 beschloss
Mansur, die Sache bei einem Jagdausflug neu zu überdenken. Zufällig geriet er
dabei in den schon ziemlich verlotterten Gemüsegarten der alten Residenz. Dort fiel
es ihm wie Schuppen von den Augen: Genau das war der Platz von dem er geträumt
hatte - mühelos mit Schiffen aus dem Persischen Golf erreichbar, an der
klassischen Ost-West-Route der Seidenstrasse gelegen und außerdem an der
Stelle, wo sich Euphrat und Tigris am nächsten kamen.

Noch am selben Tag setzte Mansur ein Planungskomitee ein: einen Astrologen und
den mittlerweile schon unentbehrlich gewordenen Chalid Ben Bermek für praktische
Angelegenheiten und Finanzfragen. Die beiden tüftelten eine Stadt aus, wie sie die
Welt noch nicht gesehen hatte: ein kreisrundes Gebilde konzentrischer Mauerringe.
Je ein Paar Mauern sollte den Herrscherpalast umschließen, das nächste den

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Marktplatz, das dritte schließlich die Stadt. Mansur war begeistert. Genau das hatte
ihm vorgeschwebt, eine Stadt, die gleichzeitig uneinnehmbare Festung war. Und so
änderte er den Plan nur in einigen Details. In der Mitte der Stadt blieb
selbstverständlich der Palast, mit siebzehn Innenhöfen und einer gigantischen
Kuppelhalle als zentralem Thronraum. Umgeben war das Ganze von einer fünfzehn
Meter hohen und sechs Meter breiten Mauer. Davor ein tiefer Wassergraben und 128
Bastionen. Dann aber kam nicht der Marktplatz, sondern zunächst einmal die
Quartiere der Beamten und Offiziere, wieder von einer kreisrunden Mauer mit 112
Türmen umgeben.

Nun erst folgte der Platz für den Basar des Kalifen, ein riesiger Ring mit einer
großen Moschee sinnigerweise so angelegt, dass die Gläubigen, sobald sie sich
nach Mekka neigten, sich auch vor dem Thronsaal verbeugten. Eine hohe Brücke
führte aus dem Palast quer über die Offizierskasernen zu einer Loge oberhalb der
Gebetsnische, damit kein Zweifel darüber aufkommen konnte, dass sich der Kalif
als "Schatten Gottes auf Erden" fühlte. Überflüssig zu sagen dass auch dieser Platz
von einer turmbestückten Ringmauer umgeben war. Nun erst folgten die Viertel der
Handwerker und Bürger, eingeschlossen von zwei Ringmauern und vier Gräben in
einem Gesamtumfang von einundzwanzig Kilometern.

Einen märchenhafteren Plan hatte es noch nie gegeben, einen teureren allerdings
auch noch nicht. Dabei war Kalif Mansur sonst von geradezu krankhafter
Sparsamkeit. Im Volk hieß er schon lange "Pfennigfuchser". Auch beim Bau seines
Palastes wollte er sparen. Allen Ernstes schlug er seinem Wesir Chalid Ben
Bermek vor, den alten Königspalast von Medain abreißen zu lassen um Ziegel zu
gewinnen.

Chalid rechnete ihm vor, dass neue Ziegel wesentlich billiger kämen, doch da
misstraute der Kalif dem Perser. Du willst ja nur, dass die Ruinen der
Vergangenheit deines Volkes erhalten bleiben, fauchte er und gab persönlich
Befehl, die alte Pracht abzureißen. Da aber hatte er die persische Massivbauweise
unterschätzt. Der Abbruch des alten Palastes wurde fast doppelt so teuer wie der
Aufbau des neuen und als die Thronhalle der Sassaniden dem Erdboden
gleichgemacht werden sollte versagten die arabischen Spitzhacken vollends. Sie
steht noch heute, ein unglaubliches Gewölbe, vierzig Meter hoch und
eintausendachthundert Jahre alt. Ob wir seine Erhaltung tatsächlich einem
Verzögerungsmanöver Chalids verdanken ließ sich nie nachweisen.

Auf jeden Fall lernten an diesem architektonischen Monstrum Generationen von


Architekten alle Raffinessen des Gewölbebaus.

Mit der Grundsteinlegung für die neue Stadt wartete Mansur, bis sein Astrologe
einen Tag errechnet hatte, der garantieren sollte, dass kein Kalif je in dieser Stadt
sterbe. Im Sommer 762 war es soweit. Die Sterne scheinen wirklich in günstiger
Konstellation gestanden zu sein: Kein einziger der 37 Kalifen von Bagdad starb
innerhalb der gewaltigen Ringmauern.

Die Bauarbeiten konnten dann dem Kalifen nicht schnell genug gehen.

Persönlich überwachte er die Arbeiten und vor allem, dass keinem Handwerker
zuviel ausbezahlt würde. Drei Jahre später, als die Venezianer kamen, stand bereits

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ein Grossteil der Stadt. Zehntausend Moscheen mit öffentlichen Badeanstalten


waren bereits vollendet, viertausend Trinkwasserbrunnen wurden von vierhundert
Wassermühlen gespeist, und elf Brücken überspannten den Tigris. Über allem aber
leuchtete die grüne Kuppel von Mansurs Thronhalle, genau einen Meter höher als
der Thronsaal der alten Perser, von einem Reiterstandbild des Kalifen gekrönt und
der ersten Räderuhr der Geschichte.

Die Gründung Bagdads erfolgte natürlich nicht, um die Größe des Kalifen der
Nachwelt zu künden sondern aus rein wirtschaftlichen Überlegungen, vergleichbar
etwa dem Aufbau einer großen Industrieanlage in der Gegenwart. Mansur wollte die
fähigsten Handwerker seiner Zeit um seinen Hof konzentrieren und so, eine
Produktionskapazität noch nie da gewesener Größenordnung schaffen. Der
Großauftrag war ein Köder für alle Industriesparten der Zeit, und eine Bedingung
dabei, dass alle Arbeiten im Ort erledigt werden mussten. So kamen aus allen
Teilen des Riesenreiches die Handwerker angereist und wurden natürlich auch
sesshaft: Brokatweber aus Damaskus und Indien, Keramiker aus Anatolien,
Marokko und Persien, Glasbläser aus Ägypten, Kunstschmiede- aus Afghanistan,
die Elite der Manufakturen aus allen islamischen Ländern. Früher waren viele von
ihnen in der Nähe ihrer Rohstoffquellen angesiedelt und hatten, da
Fertigungsindustrie immer goldenen Boden hat den Reichtum ihrer Städte
ausgemacht. Nun war ein riesiges Wirtschaftspotential in Bagdad konzentriert.
Weite Landstriche aber verkamen zu bloßen Rohstofflieferanten.

So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt: In wenigen Jahren wurde eine gigantische
Industrieanlage aus dem Boden gestampft, die bald fünfzig Prozent der islamischen
Gesamtproduktion herstellte und auf Erden konkurrenzlos war. Und Bagdad wuchs
und wuchs. Bereits 775 überschritt die Stadt die Einmillionengrenze. Der Kalif aber
besaß eine unanzapfbare Einnahmequelle, denn er hatte die Markthoheit. Was
immer in Bagdad hergestellt oder verkauft wurde - ein Fünftel vom Gesamtwert floss
in seine Taschen.

Entwicklungshilfe für Europa

Mansurs geniale Rechnung ging jedoch nur zum Teil auf. Als "Haupt des Islam" war
Bagdad ein arger Wasserkopf. Der wirtschaftliche Aderlass hatte die islamischen
Länder so geschwächt, dass ihre Kaufkraft bei weitem nicht mehr zur Abnahme der
Produkte Bagdads reichte. Um die Vollbeschäftigung zu sichern, musste sich
Mansur zwangsläufig nach neuen Kunden umsehen.

Wie jeder hochindustrialisierte Staat fand er sie in den Entwicklungsländern und die
lagen damals in Europa.

Die Omajaden hatten diesen Kontinent nur mit dem Schwert geplündert und sich im
übrigen kaum darum gekümmert, wer dort wem das Sagen hatte. Mansurs Pläne
waren von feinerer Art. Er bot arabische Lebensqualität zu hohen Preisen. Es ist
schon ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der Kalif dieses Projekt tatsächlich
Entwicklungshilfe nannte.

Zunächst brauchte er dafür Agenten. Direkte Geschäfte mit den Ungläubigen waren
unmöglich, nicht etwa aus ideologischen Gründen, sondern aus sprachlichen.
Außerdem fehlte es den unterentwickelten Abendländern an Kaufleuten. Denn dort

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bestand die Aristokratie aus Grundbesitzern, und der Handel war zu einem
Krämergewerbe abgesunken, dessen Umgang man den königlichen Kaufleuten
des Islam wahrlich nicht zumuten konnte.

Es gab aber noch eine Internationale, von den alten Römern über alle Welt zerstreut
und mit immer noch bestehenden Kontakten über alle Grenzen - die Juden. In
christlichen wie islamischen Ländern galten sie als Menschen zweiter Klasse ewig
fremd gebliebene Fremde untereinander verbunden durch starres Festhalten an
ihrer Religion. Genau das aber machte sie zu den geborenen Vermittlern zwischen
den so unterschiedlich gewordenen Kulturen.

Mansur ließ die Sippenältesten aller Judenstämme in seinem Thronsaal


aufmarschieren. Wer Kontakte im christlichen Abendland habe und sie in Zukunft
geschäftlich nützen wolle, könne außer mit entsprechendem Profit auch mit einem
zehnprozentigen Steuernachlass rechnen. Dieses Angebot brauchte er natürlich
nicht zweimal zu machen, und so begann eine neue Phase europäischer
Geschichte: Als Ware wurden die Grundlagen unserer heutigen Kultur aus dem
Nahen Osten importiert.

Natürlich ließen sich die Muslims ihren Fortschritt teuer bezahlen.

Ein gut geschmiedetes Damaszener-Schwert beispielsweise kostete gut eine halbe


Tonne Roheisen, und bei anderen Waffen wurde arabische Wertarbeit noch höher in
Rechnung gestellt. So wurden Gebrauchsgegenstände des arabischen Alltags in
Europa zu Luxusgütern der Superreichen. Die fränkischen Könige hielten in
Seidenkleidern Hof, wie sie in Bagdad nur ein mittlerer Beamter trug, für die aber im
barbarischen Norden die Jahreseinkünfte eines ganzen Landkreises bezahlt
werden mussten.

Auch Pfeffer kam wieder in die nördlichen Länder. Die schwarzen Körner wurden mit
Silber oder Bernstein aufgewogen und galten dementsprechend als Nonplusultra
einer feinen Tafel.

Wer sich's leisten konnte, aß überwürzt, nur um zu zeigen, dass er sich's leisten
konnte. Aus der Zeit Karls des Grossen sind einige Kochrezepte erhalten, die uns
den Magen umdrehen würden: Auf fünf Kilo Hirschbraten beispielsweise nehme
man eineinhalb Pfund Pfeffer und ein halbes Pfund Gewürznelken!

So wurden arabische Ärzte bald der allergefragteste Importartikel. Sie waren den
europäischen Quacksalbern um Jahrzehnte voraus und arabische Medici erhielten
an europäischen Höfen mindestens den achtfachen Jahresgehalt eines Generals.
Die Frankenkönige ließen sich ebenso von Muslims kurieren wie der Papst, obwohl
manche Heilmethoden bedenkliche Kurpfuscherei waren. So wurde Pippin dem
Vater Karls des Grossen, gegen Impotenz ein Hackbraten aus Eselspenissen
verordnet und Papst Hadrian I. als Verjüngungsmittel das Menstruationsblut
ehrbarer Römerinnen. Andere Erkenntnisse arabischer Medizinmänner jedoch
gelten noch heute. Ibn Sina, der in Europa später Avicenna genannt wurde,
beschrieb als erster die Symptome der Pocken erkannte die Ansteckungsgefahr von
Tuberkulose, und über Krebs schrieb er was heute noch gilt: Die Krankheit im
frühesten Stadium anzugehen und sämtliche befallenen Gewebeteile restlos zu
operieren.

178 von 295 09.09.2010 19:14


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Tatsächlich besaß Bagdad bereits um das Jahr 800 regelrechte Krankenhäuser mit
Operationssälen. Sie lagen an den Plätzen mit den besten hygienischen
Bedingungen. Diesbezügliche Standortforschungen betrieb der Arzt Radzi, im
Abendland Rhazes genannt mit einer seltsamen Methode: An Schnüren hing er
Fleischstücke auf. Wo sie am langsamsten verwesten wurden Spitäler errichtet.
Selbstverständlich gab es auch Narkoseärzte.

Meist kam zwar bei Operationen nur Lokalanästhesie zur Anwendung, doch war
auch schon die Vollnarkose bekannt, und ein diesbezügliches Rezept soll sogar
einen siebentägigen Dauerschlaf bewirkt haben.

So eigenartig sich die Bücher islamischer Ärzte heute auch lesen - unsere moderne
Medizin fußt auf ihren Entdeckungen. Diagnose, Hygiene und Homöopathie sind
ihre Erfindungen, und Syphilis wurde bis in unser Jahr-hundert mit Quecksilber zu
heilen versucht wie es schon die Araber empfohlen hatten. Überhaupt scheinen sie
Quecksilberkuren so üppig angewandt zu haben dass davon der ganze
Quacksalberstand seinen Namen abbekam. Damit zeigt sich auch die Verbindung
der islamischen Ärzte zu einem anderen Zweig der Wissenschaft den wir ebenfalls
dem goldenen Zeitalter Bagdads verdanken der Chemie. Zwar hatten schon die
alten Ägypter experimentiert und später die Römer, doch arabischen Chemikern
blieb es vorbehalten, diese Wissenschaft zusammenzufassen und weiter zu
entwickeln. Als Desinfektionsmittel wurden Ätzkalk und Chlorkalk erkannt - wer heute
Leitungswasser trinkt wird mühelos feststellen können, dass in dieser Hinsicht
anscheinend noch nichts Neues erfunden wurde, zahllose Oxyde für Glas- und
Keramikproduktion entdeckt, das Schwefeln von Lebensmitteln als
Konservierungsmittel erfunden - noch heute bei Dörrobst üblich – und vor allem fast
alle chemischen Prozesse genau beschrieben, die noch heute zum
Unterrichtsprogramm unserer Mittelschulen gehören. So ist auch Chemie, al
Khymia, eine islamische Wissenschaft.

Das Abendland hat sie jahrhundertelang gründlich missverstanden. Daran war das
viele Gold schuld das die Muslims aus ihrem wissenschaftlichen Kapital schlugen.
Europäischen Feudalköpfen wollte nicht einleuchten dass der sagenhafte Reichtum
der Kalifen durch Handel zustande kam und nicht aus der Retorte. So glaubten sie
allen Ernstes, die Muslims hätten ein Herstellungsverfahren für Gold entdeckt den
"Stein der Weisen", der mit seiner Berührung alles in Gold verwandle.

Wie er beschaffen sei wurde nie herausgefunden. Vielleicht war es auch kein Stein
sondern eine Flüssigkeit; nach den vier lebenswichtigen Stoffen Sperma Blut,
Wasser und Urin die fünfte, die Quinta Essentia oder Quintes-senz. Ein Jahrtausend
lang wurde sie gesucht Herrscher gingen dabei pleite und zahllose Alchemisten
zugrunde, entweder gleich bei den Experimenten oder im Kerker.

Immerhin wurden bei diesem "Grossen Werk" auch einige nützliche Dinge entdeckt,
die allerdings der übrigen Welt meist schon längst bekannt waren. Der Mönch
Berthold Schwarz erfand das Pulver, das schon einem halb Jahrtausende lang in
China verschossen wurde, und Böttcher, der "Hofgoldmacher" August des Starken
kam durch Zufall auf das ebenfalls von. China fast zwei Jahrtausende erfolgreich
gehütete Produktionsgeheimnis von Porzellan. Der Quecksilberspiegel, 772 in
Bagdad erfunden und patentierter Exportrenner Bleikristall und Feuervergoldung

179 von 295 09.09.2010 19:14


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konnten nach etlichen Jahrhunderten vergeblicher Liebesmüh auch von


venezianischen Alchemisten hergestellt werden - ob sie die Verfahren selbst oder
durch Betriebsspionage in Bagdad herausfanden, wird sich nie klären lassen.
Immerhin beweisen diese zahllosen Nacherfindungen, auf die europäische
Kulturhistoriker so stolz sind, dass die Alten im Islam nicht anders verfuhren als
heute Industriestaaten gegenüber Entwicklungsländern: Produkte wurden gerne
und teuer angeboten, Produktionsmethoden aber blieben ängstlich gehütete
Geheimnisse, auf dass die Entwicklung ihren Hauptnutznießern nicht aus den
Händen glitte.

Andere arabische Errungenschaften kamen unzensiert in das Abendland. Dafür


wurden sie dort jahrhundertelang nicht ernst genommen. Schon um 800 stellten
Wissenschaftler in Bagdad fest, dass die Erde eine Kugel sei und sich um die
Sonne drehe. Sie teilten diese Kugel in Längen- und Breiten-grade und errechneten
auch schon den Erdumfang - nur fünf Kilometer kürzer, als er tatsächlich ist. Gut
siebenhundert Jahre später wurde in Italien ein gewisser Galilei, der genau
dasselbe behauptete, beinahe als Ketzer verbannt. Wobei es seinen Ruhm
hoffentlich nicht schmälert, wenn ihm eine gewisse Kenntnis wissenschaftlicher
Werke aus der Zeit der Kalifen unterstellt wird: Das von Galilei angeblich erfundene
Fernrohr war schon 790 zu Bagdad in Gebrauch, ebenso Mikroskope, die bereits
siebzigfach vergrößern konnten, Astrolabien, mit deren Hilfe man den Stand der
Gestirne und den Lauf der Planeten genau nachrechnen konnte, und vor allem
Logarithmen Integral- und Sinuswerte, alle Grundlagen der modernen Mathematik.

Denn am weitesten von allen Wissenschaften war zu Bagdad die Mathematik


entwickelt. Man brauchte sie schließlich für die Geschäftsführung. Die Rechner der
alten Muslims, die aus oft zahllosen Detailposten die überraschendsten
Endsummen zustande brachten, wurden scherzhaft "Knochenflicker" genannt wie
ihre Kollegen aus der Chirurgie.

Das Abendland aber nahm das spöttische Al-dchahr ernst und machte Algebra
daraus. Schließlich hatten die Araber ein geradezu revolutionäres Zahlensystem
erfunden, das dem Buchstabenhaufen der alten Römer so turmhoch überlegen war,
dass es sofort und ausschließlich für den täglichen Gebrauch übernommen wurde.
Die wichtigste Neuerung dabei war ein kleiner Kreis, der vor einer Zahl nichts und
hinter einer gleich das zehnfache bedeutete. Die Muslims nannten ihn Sifr und
daraus wurde das europäische Zero und auch das deutsche Wort Ziffer.

Ali Baba war Bankier

Das heute so beliebte Diskussionsthema "Kultur als Ware" hätte das Bagdad von
Tausendundeiner Nacht märchenhaft amüsiert. Selbstverständlich war Kultur Ware
und Geschäft die Seele der Kultur. Ein westlicher Besucher geriet vor Mansur einmal
ins Stammeln, als er dem Kalifen mit der Aufzählung aller Errungenschaften
Bagdads schmeicheln wollte. "O Herr aller Köstlichkeiten der Erde, nun weiß ich
nicht mehr, welche Tugend eurer Stadt die größte welche Blüte die leuchtendste ist,
stotterte er, und fünfzehn Hofstenographen notierten jedes Wort. Der Beherrscher
der Gläubigen aber sprach: "Die größte Tugend des Islam ist sein Banksystem".

Ehrlicher hätte er's kaum ausdrücken können. Und bis heute konnte das
Banksystem des Islam nicht übertroffen werden - nahezu unverändert praktizieren

180 von 295 09.09.2010 19:14


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es unsere Geldinstitute: Als Sparinstitute verwalteten sie das Geld ihrer Einleger mit
sechs Prozent Zinsen und verliehen es für zwölf. Sie beteiligten sich mit Aktien an
Unternehmen, gaben Hypotheken und besaßen für den Fall eines Konkurses stets
das Recht des Erstgläubigers. Der Zahlungsverkehr war überwiegend bargeldlos.
An der Spitze jeder Filiale saß ein Scheich, und der garantierte durch sein Siegel,
dass der Überbringer Vermögenswerte von soundso viel Goldstücken wert sei, die
auch in bar ausbezahlt würden. Damit war der Scheck geschaffen, und schon 756
besaß er die Gestalt, in der er noch jetzt angewendet wird. Von da war es nur noch
ein kleiner Schritt zur Erfindung der Banknoten. Das älteste Papiergeld der
Menschheit stammt aus dem Jahr 774 und aus Bagdad.

Europa lernte eine Schattenseite dieser strahlenden Entwicklung kennen: Die


Ungerechtigkeit im Gefälle internationaler Währungskurse. Unsere Gegenwart bietet
noch immer Beispiele für die alte Misere: 1974 kostete auf einer deutschen Bank
eine indische Rupie 36 Pfennig. Auf dem Markt in Indien aber ist sie mindestens
eine Mark wert. Des Rätsels Lösung: Deutsche Wertarbeit muss in deutscher Mark
bezahlt werden, und die wird zu diesem Zweck den Indem teuer verkauft, für etwa
das Dreifache ihres tatsächlichen Werts. Nicht zu Unrecht verdammen
Entwicklungsländer dieses hochkapitalistische System von nacktem Raub
unterscheidet es sich nur durch die Umgangsformen. Erfunden hat dieses Spiel ein
Mann, der zwar mit Räubern zu tun hatte, selbst aber absolut keiner gewesen sein
will: Ali Baba, der pfiffige Märchenheld aus "Tausendundeiner Nacht". Ali Baba hat
wirklich gelebt und er hieß auch so. Sein wirkliches Leben ist nicht minder
abenteuerlich als das Märchen, seine Schatzhöhle aber lag nicht in den Bergen,
sondern im Herzen von Bagdad - Ali Baba war Direktor der Staatsbank. Dort hatte er
als Laufbursche angefangen. Mit dreißig Jahren wurde er Direktor und organisierte
den Handel mit Europa. Er rechnete Gold als Währungsgrundlage. Europa aber
hatte nur Silber zu bieten. Gnädig erklärte sich Ali Baba bereit, auch dieses in
Zahlung zu nehmen ein Kilogramm Silber für den Wert von zehn Gramm Gold.
Europas Herrscher knirschten mit den Zähnen und zahlten. Eins zu hundert war ein
harter Umrechnungskurs. Zumal natürlich auch in den islamischen Ländern Silber
kursierte, gegen Gold tauschbar im Kurs von eins zu dreißig.

Natürlich wollten findige Köpfe in Europa die kapitalistischen Weisen aus dem
Morgenlande austricksen. Überall entstanden Münzfälschereien, und die größte
wurde vom Papst betrieben. Bei ihrem ersten Fälschungsversuch arabischer
Münzen hatten die Kirchenleute allerdings Pech : Die arabische Inschrift gelang zwar
perfekt, aber statt des Halbmonds prägten sie versehentlich ein Kreuz und damit
wurden sie von den Muslims ausgelacht.

Allen anderen Fälscherzentralen des Abendlandes legte Ali Baba damit das
Handwerk dass er die Silbermünzen des Islam alljährlich austauschen ließ. Der
Kalif belohnte ihn dafür mit einer seiner Töchter in diesem Punkt stimmt das
Märchen wieder.

Das Märchen verschweigt allerdings, dass Ali Baba auch ein Glücksspiel erfand,
gegen das Roulette wie seriöser Broterwerb erscheint und das sich auch heute
noch aberwitziger Beliebtheit erfreut: Das Devisentermingeschäft.

Seine Regeln sind unverändert: Man setzt darauf, dass eine bestimmte Währung
am soundsovielten soundso viel wert ist und bestellt einen entsprechenden Posten.

181 von 295 09.09.2010 19:14


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Als Anzahlung leistet man einige Prozent der bestellten Summe, und dann braucht
man nur noch abzuwarten. Ein Spiel für Hellseher, ansonsten eine wüste
Spekulation. Für Ali Baba war es natürlich ohne Risiko: Er konnte ja bestimmen,
was dann wirklich geschah. Daher spekulierte der Erfinder des Devisen- und
Warentermingeschäftes so erfolgreich, dass sich seine Nachwelt nicht mehr
erklären konnte, wie Ali Baba zu seinem sagenhaften Reichtum kam. Der Vater aller
Börsengauner musste zur Märchenfigur werden. An seinem zwanzigsten
Dienstjubiläum setzte sich Ali Baba zur Ruhe. Er besaß nur fünf Gramm Gold
weniger als der Kalif, und er wollte seinen Herrn nicht dadurch reizen, dass er
reicher war: "Der gute Unternehmer hält Maß".

In Bagdad wurde Ali Baba sehr beliebt. Er gründete eine Schule für Banknachwuchs,
baute ein Krankenhaus und ein prächtiges Börsengebäude. Für das Abendland
wurde Ali Baba eine beliebte Märchenfigur. Verhasst wurden hier nur jene, die seine
Geschäfte erledigen mussten, die von ihm als "Hand-langer" verachteten Juden.
Schließlich mussten Europas Bauern für ihre Grundherren den arabischen Luxus
erschuften. Die brauchten immer mehr Silber, und mit der Wertsteigerung des
Edelmetalls sank der des Getreides, das als Grundpacht bezahlt werden musste.

Die Bauern und Bürger sahen nur die Juden, zu denen dies alles floss, und die
Juden wurden die bestgehasste Minderheit. Natürlich verdienten sie an den
Transaktionen des Morgenlandes, doch den wahren Profit machten die Muslims in
Bagdad. Die "Geldjuden", die jüdischen Bankiers des europäischen Mittelalters,
waren meist nur Strohmänner arabischer Banken, die das nötige Kapital
vorstreckten. Sie spielten dieselbe Rolle und entwickelten dieselben Praktiken wie
"private Kreditinstitute", die heute in Vorstadtstrassen residieren und per
Kleininserat Kunden suchen. Meist waren sie sogar seriöser. Die wahren
Beutelschneider saßen in Bagdad und die wahren Blutsauger an den Fürstenhöfen.
Sündenböcke aber wurden die Juden. Sie schienen ja tatsächlich die Nutznießer zu
sein: Feudalherren bestellten bei ihnen alle Luxusgüter, und die Juden waren die
einzigen, die sichtbar daran verdienten.

Dafür wurden ihre Rechte immer wieder beschnitten: Manche Städte verdammten
sie in Gettos, nirgendwo durften Sie Grundbesitz erwerben, und durch
Sondersteuern wurden sie immer wieder zur Kasse gebeten. Nur wenn die
europäische Wirtschaftslage ganz hoffnungslos wurde, sparten auch Papst und
Herrscher: Karl der Grosse beschnitt die Seidenroben seiner Höflinge um einige
Zentimeter künftig durften sie nur noch knielange Brokatröcke tragen , und der Papst
stutzte die Schleppen seiner Kardinäle auf sechs Meter Länge. Und jedermann,
Staatsoberhäupter ausgenommen, durfte nur zwei orientalische Prunkgewänder
haben.

Derlei Sparmassnahmen bewirkten natürlich nicht viel. Der Schatten, den die
arabische Überlegenheit auf Europas Bauern warf, macht unser Mittelalter so
finster, dass wir auf der Suche nach einer freundlichen Märchenwelt immer nach
Bagdad kommen werden. Und das Unglaublichste an vielen Märchen aus
"Tausendundeiner Nacht" ist, dass sie sehr oft auf tatsächlichen Ereignissen und
Personen aufbauen. Nicht nur Ali Baba hat es gegeben, sondern auch Sindbad. Der
versuchte, eine Revolte gegen al-Mansur anzuzetteln, scheiterte und musste ins Exil.
Erst lange Jahre später kam er zurück: 775 starb Mansur, und sein Sohn Mahdi, der
ihm auf den Thron folgte, begnadigte den alt gewordenen Rebellen. Sindbad

182 von 295 09.09.2010 19:14


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bedankte sich mit seinen Memoiren. Er war weiter in der Welt herumgekommen als
die meisten

seiner Zeitgenossen, nach China und wahrscheinlich auch nach Japan. Wie es
Pionieren oft geht, wurde ihm nicht geglaubt und sein abenteuerliches Leben zum
Märchen.

Das Gesicht der Macht

Zu den sichtbarsten Erbstücken der Märchenzeit von Bagdad aber sollte das
Hofzeremoniell werden, das al-Mansur sich einfallen ließ.

Besucher, die in den Palast des Kalifen kamen, glaubten zu träumen. Nach einer
strengen Leibesvisitation wurden sie durch die Pforte geführt. Sie kamen in eine
Stadt, in der nur der Kalif reiten durfte. In einem riesigen Hof brüllten hundert Löwen
in Käfigen mit vergoldeten Gitterstäben. Kam ein Staatsgast, dröhnten überdies
noch Posaunen los. Durch ein riesiges Tor wurden sie in den nächsten Hof geführt,
in dem hundert Giraffen ihre Hälse reckten.

Durch ein noch größeres Portal traten sie nun in einen weiten Hof mit hundert
Elefanten. Im vierten Hof waren hundert prachtvolle Hengste ausgestellt, und durch
ein Tor aus massivem Silber ging es nun in einen Hof mit Jagdfalken" Hunden und
dressierten Geparden. Das nächste Tor war mit schwerem Goldblech beschlagen.
Dahinter standen in einer großen Halle die Würden-träger des Hofes, außerdem
tausend Mann Leibgarde und siebenhundert Eunuchen. Das nächste Tor war aus
einfacher Bronze, hatte aber eine abenteuerliche Geschichte: Dämonen sollen es
gegossen haben, und darauf ward es zu den Türflügeln der Kaaba. Mohammed
brachte sie nach der Eroberung Mekkas nach Medina und ließ sie in seiner
Moschee einbauen. Dort hängte sie Hedschadsch aus, um die Medineser zu ärgern,
und hing sie in sein Schlafzimmer. Von dort schließlich ließ sie al-Mansur nach
Bagdad bringen.

Wer durch dieses Tor schritt, stand allein in einer riesigen Kuppelhalle, die
buchstäblich mit Gold gepflastert war. Weit über ihm leuchteten Öllampen wie
Sterne, und zahllose Edelsteine funkelten im Halbdunkel. Vor ihm aber lag ein
schwarzer Lederteppich, und daneben stand ein schwarz vermummter Hüne mit
einem blanken Beil. Ein schwarzer, golddurchwirkter Vorhang schloss das
unheimliche Bild ab. Plötzlich begannen Chöre zu singen. Sie sangen das Lob des
Kalifen, lange und ausführlich. Dann flog mit einem Ruck der Vorhang hoch -
dahinter strahlten Tausende Lampen und noch mehr Edelsteine. Aus lichten Höhen
schwebte der Kalif herab, im wahrsten Sinn des Wortes, denn ein raffinierter
Aufzugsmechanismus setzte ihn samt Thronsessel direkt aus seinen
Privatgemächern auf ein hohes Podest.

Eine so perfekte Inszenierung konnten sich die Herrscher des Abendlandes


natürlich nicht leisten. So begnügten sie sich damit, dem Kalifen abzugucken, was
nur möglich war. Der überhöhte Thronsessel wurde die "allerhöchste Sitzfläche",
und der klobige Marmorthron Karls des Grossen im Münster zu Aachen ist eine
unbeholfene Nachahmung des Kalifenstuhls, ohne eingebauten Lift natürlich. Dabei
konnte er natürlich nicht mit dem Kaiser von Konstantinopel konkurrieren, der sich
einen Thron mit Aufzug bauen ließ. Das Modell funktionierte jedoch nie richtig, und

183 von 295 09.09.2010 19:14


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einer der christlichen Kaiser wurde das Opfer technischer Tücke: Eines Tages
wurde der Thron zum Schleudersitz.

Majestät krachten samt Sitzmöbel aus luftiger Höhe in den Thronsaal und brachen
dabei vier Ministern und sich selbst das Genick. Dennoch wollte auch der
Nachfolger des Gestürzten nicht auf diesen effektvollen Theatertrick verzichten.

Andere Übernahmen aus Bagdad waren weniger lebensgefährlich. Schwarz war die
Farbe der Abassiden, und so wurde auch in Europa Schwarz die Modefarbe der
Macht. Kaiser, Priester, Beamte, Richter, Akademiker, kurz alles, was sich zu den
Köpfen der Gesellschaft zählte, wallte in Schwarz einher, und dabei ist es geblieben.
Der Kalif von Bagdad ist daran schuld, dass für feierliche Anlässe Schwarz fast
ebenso unentbehrlich ist wie für Trauerfälle. Das "kleine Schwarze" gebt ebenso auf
sein Konto wie die unendliche Langeweile offizieller Herrenmode, und erst Seit
einigen Jahren versuchen Modeschöpfer, der schwarzen Pracht der Abbasiden
einige zaghafte Farbtupfer aufzusetzen.

Schwarz bestimmte natürlich nicht nur die Mode, sondern auch die Fahnen. Das
schwarz-goldene Abbasidenbanner wurde von allen absolutistischen Herrschern
übernommen. "Schwarz-Gold ist die gnadenlose Macht, philosophierte al-Mansur,
und der Kaiser von Konstantinopel übernahm dieses Symbol ebenso wie die Kaiser
des Heiligen, Römischen Reiches deutscher Nation. Die Habsburger machten
Schwarz-Gold zu ihrem Familienwappen, und die Hohenzollern, die es ihnen
gleichtun wollten, mussten sich daher zu Schwarz eine andere Kombination
einfallen lassen. Sie wählten Weiß, die Farbe der Omajaden, die in den schwarzen
Zeiten schon längst zum Zeichen der Sanftmut geworden war. Auch die Republik
Deutschland behielt die Monarchistenfarben und distanzierte sich von der absoluten
Macht nur durch einen dezenten roten Streifen. Als sich die deutschen Landesväter
für Schwarz-Rot-Gold entschieden, dürften sie nicht gewusst haben, wie al-Mansur
über diese Kombination dachte: "Dem Schwarz und Gold bleibe das Rot fern. Es ist
die Farbe des Blutvergießens und sinnloser Unterdrückung."

Von diesen Dingen abgesehen aber übernahmen Europas Herrscher auch die
Spiele des Kalifen, die ihn über die Langeweile absoluter Staatsmacht trösten
sollten. Und da das Volk stets gern seine Herrscher imitiert, wurden die königlichen
Spiele sehr schnell Volksgut: Halma, Mühle, Dame, Mensch-ärgere-dich-nicht, Trick-
Track, das einmal auch "Langer Puff" hieß und jüngst als "Backgammon" neu
entdeckt wurde, Billard und vor allem Schach, das königliche Spiel der alten Perser.

Kapitel 10.
Andalusische Nächte

184 von 295 09.09.2010 19:14


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Spanien wird germanisiert

Die alten Germanen scheinen ein extrem sonnenhungriger Schlag gewesen zu


sein und ihre Völkerwanderung nur die Suche nach dem sprichwörtlichen Platz
an der Sonne. Der Historiker Boethius nämlich berichtet, um das Jahr 300 sei ein
besonders verwildertes Germanenrudel an der Nordgrenze des Römischen
Reiches aufgetaucht. Allen Ernstes meinte ihr Anführer zu einem römischen
General, der den Wilden mit einer Division den Weg versperrte, er habe schon im
Ural von einem Platz gehört, an dem ständig die Sonne scheine. Dorthin wolle er
nun mit seinen Wilden, und koste es ihr Leben. Da der Römer seine Leute nicht
einem Kampf mit diesen Barbaren aussetzen wollte, flüchtete er in eine Notlüge:
Ganz weit von hier, im äußersten Südwesten des Imperiums, gäbe es tatsächlich
ein Land, wo ewig die Sonne scheine. So fielen die Germanen in Spanien ein,
und der Irrtum, dem sie dabei aufgesessen sind, hat sich ja bis heute gehalten.
Über das schwer-geprüfte Land heißt es im deutschen Schlager noch immer:
"Die Sonne scheint bei Tag und Nacht . . ." Natürlich suchten die Germanen nicht
nur einen Platz an der Sonne. Vor allem suchten sie einen Platz, an dem sie
genügend Distanz zu den Hunnen hatten, und die waren an der ganzen
Völkerwanderung schuld. Als dieses türkische Volk im äußersten Osten der Alten
Welt begann, seine Weidegründe radikal zu vergrößern, fielen die zahlreichen
Germanenstämme wie Dominosteine gen Westen und über das Imperium her.

185 von 295 09.09.2010 19:14


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Der Philosoph Albert Paris Gütersloh hat diese sehr verwickelten Vorgänge
einmal mit dem Stopfen einer Wurst verglichen, wobei die Schubkraft so groß
war, dass die Pelle des Imperium Romanum aus den Nähten platzte. Ob das
dem Abendland zum Fluch oder Segen gereichte, ist eine beliebte Streitfrage der
Historiker. Da wir mit den damaligen Wilden weitläufig verwandt sind, gilt es fast
schon als Nestbeschmutzung, die Germanen als Barbaren zu bezeichnen. Seit
Felix Dahns "Kampf um Rom" und spätestens seit Adolf Hitler treten sie auch bei
seriösen Geschichtsprofessoren durchwegs blond und edel auf. Den Völkern der
Alten Welt aber erschienen sie meist schlimmer als Heuschrecken.

Für Spanien beispielsweise waren schon die ersten germanischen Touristen


"ein Vorgeschmack auf das Ende der Welt". Sie hießen Vandalen und wurden als
solche unsterblich.

Für die Bewohner der sonnigen Halbinsel brachen finstere Zeiten an. Unter
römischer Herrschaft war die Provinz Iberia ein blühendes Land mit hoher Kultur
und reichen Städten geworden. Die Vandalen verwandelten die meisten
zivilisatorischen Errungenschaften in Schutt und Asche. Dann wurden Sie von
einem weiteren Germanenstamm nach Süden abgedrängt und landeten
schließlich im heutigen Tunesien. Dort wurden die Vandalen zweihundert Jahre
später zum Segen der Menschheit ausgerottet.

Die Neuankömmlinge waren Goten, und auch sie benahmen sich wie Vandalen.
Allerdings blieben die Westgoten im Lande. Um es richtig ausbeuten zu können,
waren sie natürlich zu wenige, eine verschwindende Minderheit im bunten
Völkergemisch aus Iberern, Nachkommen der alten Karthager, Griechen,
Römern und Juden, die hier seit Jahrhunderten in friedlicher Koexistenz lebten.
Daher sorgten die Goten zunächst einmal für eine Dezimierung der
vorgefundenen Bevölkerung. Die spanischen Frauen kamen dabei noch
glimpflich davon. Sie wurden nur vergewaltigt. Zwei Drittel der männlichen
Bevölkerung aber brachten die Goten um. Der Rest wurde, so er auf dem Lande
lebte, zu Leibeigenen erklärt, und die wenigen Stadtbewohner kamen unter eine
mörderische Steuerschraube.

Am schlimmsten traf es die Juden. Die germanischen Herrenmenschen jener


Zeit planten tatsächlich schon eine Art "Endlösung", und es lag eigentlich nur an
mangelnder Organisation, dass die böse Sache nicht perfekt gelang. Als
Christen getarnt überlebten viele jüdische Sippen in einem fast
zweihundertjährigen Untergrund.

Als Staat existierte das Reich der Westgoten in Spanien eigentlich nie so richtig.
Für das Volk waren die Goten fremde Räuber, deren Herrschaft sich vor allem in
den gewaltigen Zwingburgen ihrer Sippen zeigte. Die
Verwaltungsangelegenheiten wurden von den übriggebliebenen Beamten des
Römischen Reiches erledigt, und die schickten manchmal das
Steueraufkommen ganzer Provinzen nach Konstantinopel.

Die gotischen Junker hatten keine Zeit für Buchprüfungen. Sie waren voll mit
ihren eigenen Rivalitäten ausgelastet - alle möglichen Stammesherzöge stritten
hartnäckig um die Königswürde, und die Geschichte des dreihundertjährigen
Gotenreiches ist die eines ebenso langen Bürgerkriegs.

186 von 295 09.09.2010 19:14


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Um 700 gelang es einem Stammesherzog namens Vitiza, fast die gesamte


Halbinsel unter seine Kontrolle zu bringen.

Er hatte in Konstantinopel studiert, konnte also lesen und schreiben und


verstand sogar etwas von Verwaltungsangelegenheiten. Mit beachtlichem Erfolg
versuchte er, die Gotenhaufen nach oströmischem Vorbild an die Kandare zu
nehmen.

705 versammelte Vitiza die Führer sämtlicher Clans in seiner Hauptstadt Toledo
und hielt eine bemerkenswerte Rede. Lange schilderte er die außenpolitischen
Gefahrenherde Konstantinopel und Islam. Besonders schlimm war natürlich die
arabische Gefahr, und gegen sie wusste Vitiza ein Rezept: "Das Gotenreich
braucht einen starken Mann, und der bin ich."

Die Drohung mit den Arabern dürfte gewirkt haben: Ein einziges Mal waren die
Goten auf ihrem langen Marsch durch Europa geschlagen worden, 379, als sie
Konstantinopel vereinnahmen wollten. Und die Sieger von damals waren Araber
gewesen, allerdings in römischen Diensten. Nun kämpften die Araber schon gut
fünfzig Jahre gegen die Römer, den Goten aber waren sie beängstigend nahe
gerückt: Während die Herzöge und Junker zu Toledo tagten, eroberten arabische
Brigaden gerade Marokko. Ihr Anführer war ein gewisser Musa Ben Naseir, der
seinen Posten als persischer Statthalter nach einer gewaltigen
Unterschlagungsaffäre verloren hatte und nun an der Westfront eine neue
Chance bekam.

Unter diesen Umständen entwickelten die Goten für kurze Zeit eine Aktion
Gemeinsinn. Sie reichte zwar nicht für eine einheitliche Länderverwaltung,
immerhin aber zur Aufstellung ein es gemeinsamen Heeres unter dem
Kommando Vitizas. Dem war der Erfolg zu Kopf gestiegen. Stolz nannte er sich
nach römischem Vorbild Imperator und Cäsar, doch als er auch noch seine
Söhne zu seinen Nachfolgern bestimmen wollte, spielten seine Herzöge nicht
mehr mit.

710 war es mit der gotischen Gemeinsamkeit wieder vorbei, Vitiza starb, ob
freiwillig oder ob ihm dabei nachgeholfen wurde, ließ sich nie klären. Seine
Söhne jedenfalls wurden aus Toledo vertrieben und zogen sich grollend auf ihre
Burgen zurück.

Neuer König aber wurde ein gewisser Roderich, der zuvor Unterbefehlshaber der
frisch geschaffenen Miliz gewesen sein soll. Unter seinem neuen Regiment
feierte das alte Chaos fröhliche Urständ, denn natürlich wollte sich kein
Gotenherzog etwas von diesem Emporkömmling sagen lassen.

Das Geschäft des Julian

Musa Ben Naseir beobachtete von Marokko aus die spanischen Zustände
natürlich mit größtem Interesse. Er war auch stets bestens informiert: Die
Spanier sehnten sich geradezu nach dem sprichwörtlichen Joch des Halbmonds
- im Verhältnis zum gotischen Regiment erschienen selbst die drückendsten
islamischen Steuern geradezu paradiesisch, und vor allem die Juden beteten

187 von 295 09.09.2010 19:14


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inbrünstig zu ihrem Gott, sie doch bald unter die Herrschaft Allahs zu führen.
Zahllose Flüchtlinge fanden sich bei Naseir ein und schworen, im Namen des
Islam ihre Heimat gotenfrei zu machen doch Musa Ben Naseir empfing sie zwar
freundlich, erklärte ihnen aber, sie sollten ihren Kampfeseifer zügeln, bis er ganz
Marokko erobert habe.

Denn ein winziger Vorposten Konstantinopels hielt sich noch immer hartnäckig
Die kleine Hafenstadt Ceuta, kommandiert von einem gewissen Julian. Ihr wollte
Musa zuerst den Garaus machen.

Die Nachwelt hat aus Julian eine Sagengestalt gemacht, und als diese geisterte
er jahrhundertelang auch durch die Geschichtsbücher: Er soll Gote gewesen
sein, ein reicher Graf im Süden Spaniens. Und er soll eine bezaubernde Tochter
besessen haben, die dem wüsten Roderich so gut gefiel, dass er sich als
Priester Verkleidete und das fromme Mädchen anlässlich einer Beichtstunde
vergewaltigte. Das Mädchen stieß sich einen Dolch ins entehrte Herz, und der
Vater schwor grimme Rache . . . Zwar erinnerte die traurige Geschichte fatal an
die Abenteuer der Dame Lukretia im alten Rom, doch mangels Beweisen wurde
sie geglaubt, zumal die äußerst peniblen Geschichtsschreiber des Islam Julian
nie einer Erwähnung wert fanden. Da verirrten sich englische Wissenschaftler
1935 in ein entlegenes Gebirgstal in Kaschmir.

Eigentlich suchten sie Jesus. Eine hartnäckige Legende nämlich behauptet der
Menschensohn sei nicht in den Himmel aufgefahren, sondern als friedlicher alter
Mann inmitten zahlloser Nachkommen zu Kaschmir verstorben. Die Bewohner
dieses Gebirgsnestes sollten nicht nur Sprösslinge des Gottessohnes sein,
sondern dies auch schriftlich haben. Tatsächlich fanden die Gelehrten eine uralte
Kiste voller vergilbter Papiere, bewacht von einem finsteren Rudel fanatischer
Analphabeten.

Die Kiste enthielt eine Sensation, nämlich den Briefwechsel jenes Sagenhaften
Julian mit Musa Ben Naseir. Nun stellte sich heraus, dass er zwar keine Tochter
hatte, die Wahrheit aber nicht weniger abenteuerlich war als die Legende. Julian
war Gouverneur Konstantinopels in Ceuta. Und er hatte wirklich einen Schwur
getan, nämlich seinem Kaiser diese Hafenstadt um jeden Preis zu erhalten. Der
Kaiser konnte ihm dabei nicht helfen, und Julians Lage war ziemlich
aussichtslos, als Musa Ben Naseirs Armee vor seiner Stadt aufkreuzte. Da
schrieb Julian dem Feind einen Brief: "Wozu, o großer Sieger, willst Du Deine
Kraft an meiner unbedeutenden Stadt messen? Liegen nicht weit reichere
Gebiete vor Dir, die unermesslichen Schätze Spaniens mit seinen Frauen und
dem für Euch verbotenen Wein? Spaniens Keller sind voll von dem herrlich
perlenden Teufelszeug, das nur darauf wartet, von Eurer Tugendhaftigkeit
vernichtet zu werden. Unsere Frauen sind hässlich und verschrumpelt, unser
Wein längst ausgetrunken. Es lohnt wirklich nicht, unsere Stadt zu belagern. Wollt
Ihr aber nur unsere Schiffe, um nach Spanien überzusetzen, muss ich Euch
leider mitteilen, dass wir sie zu unserer eigenen Flucht benützen werden, falls Ihr
Ceuta erobern wollt. Verzichtet Ihr aber darauf, uns zu besiegen, werden wir Euch
gern unsere Schiffe borgen . . ."

Musa Ben Naseir verordnete seinen Truppen zunächst eine Pause und schickte
Julians Brief an seinen Kalifen Welid nach Damaskus. Eigenhändig schrieb

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Welid auf die Rückseite des Briefes: "Man sollte das Angebot prüfen. Nimm aber
Christen - islamisches Blut wäre für diese hündische Sache zu schade."

Am selben Tag, als die Nachricht von Vitizas Tod nach Marokko kam, wurden
Julian und Musa handelseins. Julian stellte die Flotte, Musa rüstete aus den
spanischen Freiwilligen ein kleines Raubkorps aus, fünf Tage später landeten
die Freischärler an der spanischen Küste, plünderten einige kleinere Ortschaften
und kehrten einen Monat später mit reicher Beute zurück.

Musa Ben Naseir schien dem ganzen Unternehmen nicht viel Bedeutung
beizumessen. Kaum hätte er sonst zum Kommandanten dieses Raubzuges
einen ehemaligen Sklaven ernannt, der bislang nicht einmal ein Schwert in der
Hand gehalten hatte. Tarik ibn Zijad war eigentlich ein Büchermensch, der es
vom Schreibsklaven zum freigelassenen Bibliothekar Musas gebracht hatte. Wie
Musa dazu kam, ausgeredet ihn zum Räuberhauptmann zu machen, wissen wir
nicht.

Auf jeden Fall aber hat Musa einen guten Griff getan: Tarik hatte viele
Schlachtbeschreibungen gelesen, und nach diesen antiken Rezepten führte er
auch seinen erfolgreichen Beutezug aus.

Für Julian war der Erfolg noch größer: Musa hielt ihm gegenüber Wort, und
solange Julian lebte, blieb Ceuta der letzte, wenn auch nur nominelle Stützpunkt
Konstantinopels. Damit erwies sich der legendäre gotische Verräter als cleverer
Manager seines Herrn und Kaisers.

Für Erfolg die Peitsche

Musa Ben Naseir schien durch diesen ersten Erfolg auf den Geschmack
gekommen zu sein. Im April 711 schickte er Tarik wieder los, diesmal mit
angeblich siebentausend Mann. Diese Zahl scheint etwas hochgegriffen, und
Musas Zahlenangaben sind im allgemeinen wenig verlässlich. Schon ehe er
nach Marokko kam, hatte er sich als geschickter Friseur seiner Buchführung
bewiesen, und Tariks siebentausend Soldaten tauchen nur in einer Soldab-
rechnung auf. Daran aber glaubte nicht einmal der Kalif. Wäre Tarik wirklich mit
einer so stattlichen Armee in Spanien eingefallen, hätte er sich kaum mit seinen
Landungstruppen zunächst einmal verschanzen müssen.

An einem steilen Felsen landete Tarik mit seinem Haufen und hatte ziemliche
Angst vom gotischen Grenzschutz wieder ins Meer geworfen zu werden. Gleich
nach der Landung ließ er auf dem Felsen ein befestigtes Lager errichten. Dies
ist ein strategisch wichtiger Punkt, erklärte er seinen murrenden Truppen, die
lieber plündern als Gräben ziehen wollten. Und wenn wir uns hier halten können,
werden wir noch die Herren der Welt. Das war natürlich etwas übertrieben, aber
der Felsen war tatsächlich ein Feldherrnhügel, und noch heute heißt er nach
seinem Entdecker "Dschebel al Tarik" Gibraltar.

Nun schickte er einige seiner Freiwilligen los, sie sollten im Gotenreich kräftig
die Werbetrommel rühren für die islamische Befreiungsarmee. Es meldeten sich
zahlreiche Spanier, aber auch die Söhne Vitizas. Sie konnten es Roderich nicht
verzeihen, dass er sie nicht auf den Thron gelassen hatte. Nun wollten sie mit

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dem Muslim gemeinsame Sache machen, um auf diesem Umweg an die Macht
zu kommen. Tarik lehnte ihr Angebot ab: Sie sollten für ihn lieber auf seiten des
Feindes kämpfen.

Roderich bot indessen ein stattliches Heer auf, und als, er hörte, dass Tarik sein
Felsennest verlassen hatte, zog er dem Muslim entgegen. Er rechnete mit einem
leichten Sieg seine Truppen waren den Invasoren sechsfach überlegen.

Die Flügel seiner Armee aber kommandierten die Söhne Vitizas. Roderich hatte
sie diesen immer noch mächtigen Herzögen überlassen müssen, und als seine
Armee an einem heißen Julitag bei Xeres de la Frontera auf Tariks Truppen
stieß, erklärten die beiden, just heute nicht kämpfen zu wollen. So war Roderich
schließlich auf seine eigenen Truppen abgewiesen, und die trugen eine
vernichtende Niederlage davon.

Über das Ende des letzten Gotenkönigs gibt es verschiedene Nachrichten. Er


soll in der Schlacht gefallen sein, doch wurde seine Leiche nicht gefunden. Eine
andere Version wieder meint, er sei davongekommen, aus dem Land geflüchtet
und als Emigrant in Rom gestorben. Vielleicht auch in Konstantinopel oder im
heutigen Frankreich - jedenfalls tauchten in den nächsten Jahren in allen
christlichen Ländern eine Unzahl Roderiche auf. Zwanzig Jahre nach der
Entscheidungsschlacht hielt beispielsweise der fränkische Haudegen Karl
Martell an seinem Hof eine Kollektion von fünfzehn garantierten Roderichen, und
alle kamen sie ihm spanisch vor.

Eine weitere Quelle schließlich meint Roderich sei nach seiner Niederlage in
seine Residenzstadt Toledo geflüchtet und dort von Tarik hingerichtet worden.
Diese Version ist nicht unwahrscheinlich, denn Tarik marschierte gleich nach der
Schlacht schnurstracks nach Toledo. Vitiza hatte aus der Stadt eine ungeheure
Festung gemacht, und hätte Tarik sie belagern wollen, wäre er dabei
höchstwahrscheinlich alt geworden. Nun wohnten aber auch in Toledo Spanier
und Juden, und die öffneten ihm begeistert die Stadttore, während die gotischen
Herrenmenschen durch ein Hintertürchen flüchteten.

Eigentlich hatte Tarik die Goten nur ein wenig ausplündern wollen. Durch seinen
Gewaltmarsch nach Toledo aber war er plötzlich der Herr ihres Reiches
geworden: Eine Gotenburg nach der anderen ergab sich nun kampflos, und nur
einige kleinere Städte hielten ihren gotischen Herren die Treue.

Nachdem sich Tarik als Feldherr genial bewiesen hatte, wollte er dies auch als
Politiker tun. Großzügig gestattete er den Goten, mit Sack und Pack aus Spanien
auszuwandern.

Juden und Christen erhielten volle Religionsfreiheit, und die islamischen Steuern
waren tatsächlich weniger drückend als die gotischen. An seinen Herrn und
Auftraggeber Musa Ben Naseir aber schickte er einen kurzen Brief: "Toledo ist
erobert. Spanien ist schön. Gott ist groß. Tarik." Musa tobte, als er das Schreiben
erhielt. Er hatte Tarik ja nur auf einen kleinen Raubzug geschickt. Dass der nun
Spanien erobert hatte, empfand er als glatte Befehlsüberschreitung. Vor allem
aber fürchtete Musa, sein Untergebener werde auch noch das "Kalifenfünftel"
nach Damaskus schicken, ohne ihm davon etwas abzugeben. Wutschnaubend

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brach er im Juni 712 mit 18.000 Soldaten auf, in Spanien nach dem Rechten zu
sehen.

Tarik hatte in der Eile vergessen, einige kleinere Städte zu erobern. Nun verließ
er sich darauf, dass sie sich von selbst ergeben würden seine maßvolle Politik
sprach sich schließlich überall herum, und Sevilla war mit ihm auch schon in
Übergabeverhandlungen getreten. Da erschien Musa vor den Mauern der Stadt,
eroberte Sevilla und richtete ein furchtbares Blutbad an. Nun rüsteten sich auch
die anderen noch gotischen Städte zu einem verzweifelten Widerstand.

Ein Jahr lang war Musa voll damit beschäftigt, die spanischen Städte zu knacken,
und während dieser Zeit wuchs sein Groll auf den schreibfaulen Tarik, der es
tatsächlich nicht einmal der Mühe wert fand, sich nach dem Befinden seines
Herrn zu erkundigen. Plante Tarik, sich auf Kosten Musas unabhängig zu
machen? Sein Verhalten spricht durchaus dafür, denn er hatte sich zahllose
Dinge herausgenommen, die sich ein Freigelassener niemals erlauben durfte.

Als Musa dann mit seiner Armee nach Toledo kam, empfing Tarik jedoch seinen
Gebieter nach islamischer Sitte schon vor dem Stadttor und zu Fuß. Vor den
Augen aller Spanier kam es zum Skandal: Musa schlug Tarik mit der
Reitpeitsche ins Gesicht, ließ ihm den Turban vom Kopf reißen und schickte
seinen erfolgreichen Freigelassenen in ein marokkanisches Gefängnis.

Musa Ben Naseir eroberte nun selbst das restliche Spanien, doch als er sich
daran machte, auch die Nordprovinzen am Fuß der Pyrenäen zu erreichen, kam
ein strenger Brief aus Bagdad: Kalif Welid wünschte seinen Statthalter zwecks
Rechnungslegung zu sprechen.

Musas sprichwörtliche Ungenauigkeit bei der Buchführung wird dazu kaum der
Anlass gewesen sein.

Der Statthalter hatte Schlimmeres verbrochen: Er war zu erfolgreich. Er hatte


Marokko unterworfen und nun Spanien Welid fürchtete, der allmächtige
Gouverneur könnte noch auf die Idee kommen, sich selbst zum Kalifen zu
machen. Als Musa mit einer prachtvollen Karawane und unglaublich kostbaren
Geschenken zu seinem Kalifen aufbrach, stand die Sache bereits unter keinem
guten Stern. Ahnungsvoll setzte Musa seinen Sohn als Stellvertreter ein: "Ich
gehe nun in die Höhle des Löwen. Bete für meine Knochen". Es kam noch
schlimmer, als Musa befürchtet hatte: Als er 715 in Palästina ankam, erreichte
ihn eine Botschaft von Salaiman.

Sein Bruder, der Kalif, sei schwer erkrankt, und Salaiman bitte, mit der
Überreichung der Geschenke zu warten bis Welid entweder völlig genesen oder
gestorben sei. Salaiman hatte seine Gründe - sollte Welid den Tribut empfangen
und dann sterben, würde die Erbschaft an Welids Kinder fallen und nicht an ihn,
den künftigen Kalifen. Musas Lage war heikel: Wartete er, wäre dies dem Kalifen
gegenüber Befehlsverweigerung gewesen. Nach einigen Tagen verzweifelten
Zögerns erreichte ihn eine neue Nachricht. Welid befände sich auf dem Weg der
Besserung, und nun hastete Musa geradezu nach Damaskus.

Als er ankam, hatte der Kalif gerade sein Krankenlager verlas sen. Er empfing

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seinen Statthalter sehr unfreundlich nahm sich aber die Mühe, Musas
Geschenke zu besichtigen: 18.000 Sklaven, 4.000 Pferde und achtzig
Kamelladungen aller möglichen Schätze. Welid freute sich darüber so sehr, dass
er auf der Stelle starb.

Am nächsten Morgen war Salaiman Kalif, und der nahm Musa ins Gebet. Er ließ
ihn öffentlich auspeitschen, erklärte sodann seine völlige Enteignung und sperrte
den erfolgreichen Feldherrn in ein entlegenes Wüstenfort. Ehe sich dies noch bis
Marokko herumsprechen konnte, sandte er eine Mordbrigade zu Musas Sohn.
Salaiman befürchtete natürlich, diese Behandlung Musas könnte in Marokko
einen Aufstand verursachen.

Zwei Wochen später erhielt Musa in seinem Gefängnis als Paket den Schädel
seines Sohnes.

Tarik aber wurde auf Befehl Salaimans aus dem Gefängnis entlassen und erhielt
auch wieder seinen alten Posten als Bibliothekar. Sein Leben lang soll er kein
militärisches Fachbuch mehr angerührt haben.

Europa ist noch einmal davongekommen

Was der Kalif aber auch immer gegen Musa Ben Naseir haben mochte - das
Konzept dieses zu erfolgreichen Feldherrn war genial. So wurde es auch nach
seinem Sturz beibehalten. Im Prinzip war es ein schlichter Nussknacker,
angesetzt auf Konstantinopel.

Von Süden her stand die Kaiserstadt stets unter Druck. Beinahe jährlich brachen
islamische Armeen in Anatolien ein. Doch sie konnten auch auf die Dauer nicht
gefährlich werden. In Kleinasien und Griechenland funktionierte noch die
mustergültige römische Verwaltung, und die war der islamischen zumindest
ebenbürtig. Eine kluge Steuerpolitik Konstantinopels ließ die Muslims bei den
Eingeborenen stets nur als lästige Räuber er scheinen, und so fanden sie in
Anatolien nie die zur Sicherung eroberter Gebiete unentbehrlichen
Kollaborateure. So sehr sich die Edlen des byzantinischen Reichs auch
untereinander stritten - Intrigen, Gift und Meuchelmord gehörten fast schon zum
Ritual einer Thronbesteigung -, gegen die Muslims waren sie allemal einig.
Daher sahen beide Parteien in den dauernden Rangeleien an der byzantinisch-
islamischen Grenze eigentlich nur eine Art Beschäftigungstherapie ihrer
Truppen.

Der entscheidende Schlag sollte aus dem Westen kommen, von Spanien aus
und quer durch Europa. Dieser Umweg schien der kürzere, denn hier war kaum
mit Widerstand zu rechnen. Auf den Trümmern des westlichen Imperium
Romanum hatten die Germanen ihre frühen Reiche gegründet. Den römischen
und keltischen Bevölkerungsgruppen galten sie nach wie vor als Barbaren, die
Langobarden ebenso wie die Franken, die 466 in der ehemaligen Provinz Gallien
ein Königreich errichtet hatten.

Musa Ben Naseir baute darauf, dass sich in Frankreich und Norditalien ebenso
viele Überläufer finden würden wie im gotischen Spanien. Der Balkan wäre dann
für seine Armee kein wesentliches Hindernis gewesen. Dort war ein

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ausgesprochenes. Machtvakuum entstanden. Wiederholte Einfälle östlicher


Awarenvölker hatten die byzantinischen Städte und Garnisonen praktisch
vernichtet.

Nach Musas Sturz sollte Abd-er-Rachman Ben Abdallah diesen Plan ausführen.
Wie Musa war er zuvor Provinzgouverneur in Persien gewesen und hatte dort mit
einigem Erfolg gegen die Charidschiten gekämpft.

Er war schon Ende der Vierzig, als er 716 in Spanien eintraf, ein ruhmbedeckter
Feldherr, mit einem Hang zu einsamen Entscheidungen und so misstrauisch,
dass er neben sich auch keinen Stellvertreter hochkommen lassen wollte. 718
überquerte er mit einer stattlichen Armee die Pyrenäen und führte auch siebzig
Kampfelefanten mit sich. Abd-er-Rachman war gut vorbereitet: Er hatte sich
sogar die Mühe gemacht, die Geschichte von Hannibals Zug über die Alpen zu
studieren, und so ging ihm auch bei der Bergtour durch die Pyrenäen kein
einziger der wertvollen Vierbeiner verloren. Nach zweiwöchigem Marsch standen
die Truppen des Islam bereits in Südfrankreich. Dort hatte sich der fränkische
Herzog Odo von den Merowingerkönigen ziemlich unabhängig gemacht und
regierte in seinem selbst gebastelten Staat Aquitanien ganz nach eigenem
Gutdünken.

Als die Araber anrückten, entdeckte Odo wieder sein Herz für den großen
Frankenstaat und schrieb seinem König einen rührenden Brief mit der Bitte um
Hilfe. Unglückseligerweise war der Merowingerkönig Analphabet und hatte in
seinem Reich schon lange nichts mehr zu sagen. Wahrer Herr der Franken war
ein gewisser Karl Martell, von Beruf Generalfeldmarschall und Staatskanzler. Er
konnte zwar auch nicht lesen und schreiben, hatte sich aber vom Papst ein
Sekretariat ausgezeichneter Kleriker schicken lassen, und mit diesem
beherrschte er seinen König und das Land.

Natürlich hatte ihm der Papst diesen Freundschaftsdienst nicht selbstlos


erwiesen. Karl Martell war an seinem König zum Hochverräter geworden:
Heimlich hatte er dem Papst versprochen, das Frankenreich dem Stellvertreter
Petri auf Erden auszuliefern.

Auch auf Odos Hilferuf reagierte Karl Martell mit einer unverschämten Forderung:
Wenn Odo unbedingt sein Reich retten wolle, brauche er ja nur zu Karls Gunsten
abzudanken. Dann werde Karl die Araber schon gern zu Paaren treiben.

Odo lehnte ab, und noch 718 verlor er Carcassone und Narbonne an die
Muslims. 721 konnte Odo gerade noch Toulouse halten, doch 725 wurde Nimes
und die gesamte Wüste bis zur Rhonemündung islamisch besetzt. Abd-er-
Rachmans Strategie richtete sich nach dem Wetter: Im Herbst zog er selbst mit
dem Gros seiner Truppen nach Spanien zurück.

In den besetzten Gebieten blieben nur schwache Garnisonen, und die


Südfranzosen müssen schon sehr araberfreundlich gewesen sein, denn sonst
hätten sich die Besatzungstruppen unmöglich im Lande halten können. Jeden
Frühling aber kam Abd-er-Rachman wieder und stets mit einer größeren Armee.
732 vertrieb er Odo aus dessen Residenzstadt Bordeaux und besetzte alles Land
bis zur Loire.

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Anscheinend hatte Abd-er-Rachman Ben Abdallah vor, Tariks Siegesmarsch zu


wiederholen. Im September gab er seiner Armee den Befehl, direkt nach Paris zu
marschieren, obwohl schon wieder Herbst gekommen war.

Nun musste auch Karl Martell handeln. So gleichgültig ihm das Schicksal
Aquitaniens gewesen war - jetzt standen die Araber an der Grenze des
Frankenreichs, und reichlich hastig hob Karl eine kleine Armee aus. In Tag- und
Nachtmärschen zog er den Muslims entgegen, und schon im Oktober traf er sie
bei Tours an der Loire.

In unseren Geschichtsbüchern wird die Schlacht von Tours stets als


entscheidendes Ereignis des christlichen Abendlandes bezeichnet. Eigenartig
ist, dass wir so wenig darüber wissen. Nur, dass Karl Martell einen gewaltigen
Sieg errungen und der Retter Europas gewesen sein soll. Das aber dürfte mit
Sicherheit nicht zutreffen.

Arabische Historiker berichten, dass in diesem Jahr 732 der Winter


unverhältnismäßig früh gekommen sei. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
herrschte an diesem Oktobermorgen bei Tours strenger Frost. Am Vorabend
hatten die Muslims am anderen Loireufer einen kleinen Brückenkopf errichtet.
Erst fünf-hundert Krieger hatten den Fluss überquert. Am Morgen wollte Abd-er
Rachman mit seiner kleinen Leibgarde den Vorposten besichtigen. Just in
diesem Augenblick fiel Karl Martell mit etwa tausend fränkischen Soldaten über
das Lager her. Ohnmächtig musste das Gros der islamischen Armee zusehen,
wie ihre Vorhut in den Fluss zurückgeworfen wurde und ihr General dabei fiel.

Nun sollte sich bitter rächen, dass Abd-er-Rachman so einsam kommandiert


hatte und neben sich kein strategisches Talent aufkommen ließ. Nach seinem
mehr zufälligen Tod war weit und breit kein Nachfolger in Sicht. Die Obersten der
Armee bildeten zunächst ein siebzehnköpfiges Kommandogremium, dessen
einzige Entscheidung war, einen Brief nach Damaskus zu schreiben und den
Kalif um seine Entscheidung zu fragen.

Bis zu dieser allerhöchsten Entscheidung wollten sie geduldig Posten schieben,


und so blieben sie ganze neun Monate in ihrem Lager am Ufer der Loire.

Der Sieg Karl Martells war also eigentlich nur ein Zufallstreffer und auch kein
entscheidender. Die fränkischen Truppen wagten nicht einmal, über die Loire zu
setzen und dort die Muslims zu stellen. Hatte sich ein fähiger islamischer
General gefunden und Abd-er-Rachmans Aufmarschplan fortgesetzt, wäre das
Frankenreich binnen weniger Monate vom Erdboden verschwunden gewesen.
Die Rettung des Abendlandes besorgten schon die Muslims selbst.

Zunächst zogen sie nach Südfrankreich zurück und bauten dort Arles zu ihrem
Verwaltungszentrum aus. Mehr als zwanzig Jahre lang beherrschten sie ziemlich
ungehindert die Provence und die gesamte Riviera. Nur mit den
Langobardenkönigen gab es einige kleinere Scharmützel, und später auch
wieder an der Nordgrenze ihres Territoriums mit Karl Martell. 735 war nämlich
Odo von Aquitanien gestorben, im Exil zu Paris und ziemlich verbittert. Er hat Karl
Martell innig gehasst, und daher staunten alle Franken, dass Odo in seinem

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Testament die Herzogswürde nicht etwa einem seiner Söhne, sondern


ausgerechnet seinem Intimfeind vererbte. Nur einige der Geistlichen Karls
lächelten weise - sie hatten schließlich die Urkunde gefälscht. Als Herzog von
Aquitanien nahm Karl Martell den Kampf gegen die Muslims wieder auf. Er
erreichte nicht viel nur einige kleine Städte zwischen den Fronten wechselten
laufend ihre Besatzer. Im Sommer kamen die Araber und im Winter die Franken.
Karl Martell aber verstand es meisterhaft, auch kleinere Niederlagen als große
Siege verkünden zulassen.

Dass sich die Muslims schließlich über die Pyrenäen zurückzogen, bewirkte nicht
Karl Martell, sondern die Berber Marokkos. Die Charidschiten hatten dort zahllose
Anhänger gefunden, und 740 flatterten über allen Städten Marokkos und
Südspaniens die roten Fahnen der Revolution. Bis 743 waren die islamischen
Armeen des Westens voll damit ausgelastet, ihre eigenen Glaubensgenossen
umzubringen. Dabei vergaßen sie die Eroberung des christlichen Abendlandes.

Karl Martell blieb während dieser Zeit nicht untätig. Ihn er schreckte die Zahl der
islamischen Sympathisanten im Frankenreich. Seine erste Gegenmaßnahme
war die untauglichste: Kollaborateure wurden ohne Verfahren hingerichtet.

Damit vervielfachte er nur die Zahl derer, die sich von einer islamischen
Herrschaft ein besseres Regime erwarteten. Da schaltete Karl auf die weiche
Welle um aus Rom und Konstantinopel ließ er erfahrene Verwaltungsfachleute
kommen, die nun das Frankenreich nach römischem Vorbild organisierten. So
hatte die arabische Bedrohung auch für die Untertanen der Franken ein Gutes.

Einer kam durch

Kaum waren die Charidschiten Aufstände der Berber im Westen des


islamischen Reiches niedergeschlagen, begann im Osten die Revolte der
Abbasiden, und damit waren die Muslims wieder für lange Zeit mit Bürgerkriegen
beschäftigt. Wie wir wissen, ging die Sache für die Omajaden schlimm aus.

Nur zwei aus der Sippe waren dem blutigen Gastmahl zu Damaskus
ferngeblieben. Sie waren Brüder, Seitensprosse einer Seitenlinie, und der ältere
der beiden war noch nicht einmal zwanzig. Er hieß mit vollem Namen
Abderrachman Ben Moawia Ben Hischam Ben Abdelmelik Ben Merwan, und mit
diesem Zungenbrecher stand er bald auch auf allen Steckbriefen der Abbasiden,
denn sie hätten den jungen Mann nur zu gerne umgebracht.

Abderrachman hatte sich in einem kleinen Landhaus am Euphrat verborgen.


Zwei Monate hauste er dort mit seinem Bruder ziemlich ungestört, da erfuhr sein
Kammerdiener, wie viel die Köpfe der beiden Jüngling wert seien. Am nächsten
Morgen marschierte eine regelrechte Division unter schwarzen Fahnen auf das
kleine Haus zu. Die Prinzen wollten gerade Toilette machen; nun sprangen sie
nur mit Unterwäsche bekleidet in den Euphrat.

Der jüngere Bruder war kein guter Schwimmer. Bald zeigte er


Erschöpfungserscheinungen, und die Soldaten riefen ihm vom Ufer aus zu, er
solle nur kommen, ihm würde nichts geschehen, großes abbasidisches
Ehrenwort. Der Junge glaubte das. Kaum hatte er Land unter den Füssen, wurde

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er auch schon enthauptet. Abderrachman schwamm allein weiter und wurde am


Abend halb tot ans Ufer getrieben.

In Palästina hatten sich die Abbasiden nicht sehr beliebt gemacht, und dort
tauchte Abderrachman Im September 750 auf. Angeblich hatte er die ganze Zeit
über als Ausgestoßener fernab von allen Menschen gelebt und sich nur von
Wurzeln und Käfern ernährt.

Wahrscheinlich aber ist er unter falschem Namen mit Beduinen über Land
gereist und nicht einmal sehr geheim. Am Toten Meer nämlich erwarteten ihn
schon zwei ehemalige Sklaven, und sie hatten ihrem Herrn auch was
mitgebracht: Aus zahllosen, Geheimtaschen ihrer weiten Kaftane schöpften sie
siebzehn Kilo Edelsteine.

Der letzte Omajade besaß nun ein ansehnliches Kapital und beschloss, sich
damit sein eigenes Reich zu basteln. Einer der beiden Sklaven wollte da nicht
mitspielen. Er hatte in seinem Kaftan mindestens ebenso viele Juwelen
behalten, als er seinem Herrn gegeben, und mit diesem Schatz blieb er in Syrien
und gründete eine Bank. Der andere hieß Bedr und blieb ein treuer Diener
seines Herrn.

So leicht, wie Abderrachman es sich vorgestellt hatte, war es gar nicht, als
gejagter Prinz Anhänger zu finden. Voll rührender Naivität fing er auf der Suche
nach Bundesgenossen bei den Statthaltern des Westens an. Doch diese waren
mittlerweile selbst Abbasiden oder, wenn sie die große Säuberung überstanden
hatten, schon längst ihre Parteigänger. Der einzige Erfolg der Briefe
Abderrachmans war, dass die Herren nun auf ihn quer durch Nordafrika eine
regelrechte Treibjagd veranstalteten.

Ausgerechnet in den Zenata fand Abderrachman seine Retter. Die hatten zwar
den Omajaden wegen der Geschichte mit ihrer Königin Blutrache geschworen,
doch das Gebot der Gastfreundschaft wog in den Augen von Nomaden immer
schon schwerer. Dass sie sich schließlich mit dem Nachkommen ihrer
Todfeinde regelrecht verbrüderten, erreichte ein abbasidischer General, der
Abderrachman fangen wollte und zu diesem Zweck 300 Kamele der Zenata
beschlagnahmte. Nun schworen sie den Abbasiden Rache und gaben
Abderrachman eine Liste aller in Spanien zerstreuten Zenata. Da trennte sich der
Prinz von der Hälfte seiner Barschaft und schickte seinen getreuen Bedr nach
Spanien.

Über ein Jahr lang blieb Bedr samt Geld verschollen. Abderrachman war
verzweifelt und schrieb einen Brief an die Wirtschaftsbehörde in Cordoba, ob dort
vielleicht ein Handelshaus Bedr als Neueintragung bekannt sei; doch da tauchte
Bedr mit dem gesamten Geld und schier unglaublichen Nachrichten auf: Seit
dem Charidschitenaufstand herrschte in Spanien praktisch Bürgerkrieg, nun
schon fast fünfzehn Jahre.

280

Wer auf welcher Seite stand, war schon längst nicht mehr auszumachen. Mit dem
Sturz der Omajaden hatte sich ihr Statthalter selbständig gemacht und Spanien

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zu seinem eigenen Staat erklärt. Die Abbasiden hatten ebenfalls einen


Gouverneur geschickt, und der tat genau dasselbe wie sein abgesetzter Kollege.
Nun versuchten die beiden, einander umzubringen und Mansur hatte auch schon
einen neuen Statthalter geschickt, der die Ordnung wiederherstellen sollte und
sich ebenfalls... Nicht einmal Bedr konnte seinem Herrn erklären wer nun gerade
wo, wie und warum seine Mitmenschen umbrachte. Immerhin hatte Bedr auch
einige ziemlich geschlossene Parteiungen entdecken können. Die größte von
ihnen waren die ehemaligen Staatssklaven der Omajaden. Kalif Merwan hatte
sie, als alles schon verloren war, in Bausch und Bogen freigelassen. Natürlich
wurde diese großzügige Geste weder von den rebellischen Statthaltern noch von
den Abbasiden im Irak anerkannt. Abderrachman aber gewann damit rund
110.000 Spanier als natürliche Bundesgenossen. Die zweite Gruppe bildeten die
vom neuen Regime entlassenen Beamten der Omajaden, und dann kam noch
ein bunter Haufen aller, die sich von einem Machtwechsel persönliche Vorteile
versprachen Zenata, Berber und zahllose von den Abbasiden enttäuschte
Schiiten.

Sie alle hatte der tüchtige Bedr für seinen Herrn mobilisiert, und als
Abderrachman im September 755 bei Malaga landete, wurde er wie ein Messias
empfangen. Der Prinz hatte im Exil Geduld gelernt. Zunächst beschränkte er sich
darauf, seine Freiwilligentruppen zu drillen und die Lage zu beobachten. Im
Winter war nur noch ein nennenswerter Gegner auf dem Feld: Jusuf al-Fihri, von
den Abbasiden gestellter Statthalter, der jedoch beschlossen hatte, das Land
unter dem Titel eines Emirs als seinen Privatbesitz zu betrachten. Ihm erklärte
Abderrachman den Krieg, und am 14. März 756 schlug er ihn entscheidend am
Wadi al Kabir, dem "großen Fluss" der Araber und dem Guadalquivir der Spanier.

In einem wahren Triumphzug zog der letzte Omajade wenige Tage später in
Cordoba ein, dem Verwaltungszentrum der Halbinsel. Dabei zeigte sich
allerdings, dass seine Freischärler sehr bedenkliche Elemente gewesen sein
müssen während sich Abderrachman in der Moschee als Garant für Sicherheit
und Ordnung feiern ließ, legten die wildgewordenen Truppen die Stadt in Schutt
und Asche.

281

Und mit der Hauptstadt hatte Abderrachman natürlich noch lange nicht das Land
in seiner Gewalt. Noch im August desselben Jahres marschierte Jusuf mit einer
neuen Armee auf. Zwar unterlag Jusuf wieder und fand bei der Flucht sogar den
Tod, doch seine Truppen zogen während der nächsten Jahre plündernd und
marodierend kreuz und quer über die Halbinsel.

Auch die Abbasiden blieben nicht untätig. Ihre Agenten schafften das
diplomatische Kunststück, die versprengten Haufen Jusufs unter ihren
schwarzen Fahnen zu sammeln, und 763 hatte Abderrachman sein frisch
erobertes Reich nahezu völlig verloren. Da gelang es ihm, in einem kühnen
Handstreich das feindliche Hauptquartier zu überrumpeln und sämtliche
feindlichen Truppenführer mit einem Schlag gefangenzunehmen.

Zwei Monate später erhielt Kalif al-Mansur auf der Baustelle von Bagdad ein
gewichtiges Paket. Eingewickelt war es in jene schwarze Fahne, die der Kalif

197 von 295 09.09.2010 19:14


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seinem Geheimdienstchef nach Spanien mitgegeben hatte. Es enthielt achtzehn


Tontöpfe, und in jedem steckte ein Kopf, zum Zwecke der Haltbarkeit in Kampfer
und Salz eingelegt. Damit der Kalif auch wusste, wen er da vor sich habe, waren
Elfenbeintäfelchen mit Namen und Titel an die jeweiligen Ohren gebunden.
Al-Mansur war gewiss nicht zimperlich und weiß Allah kein sanftmütiger
Charakter. Kurz zuvor hatte er noch geschnaubt: "Wenn dieser Omajade nicht so
weit entfernt wäre, würde ich ihn eigenhändig erwürgen". Nun aber warf er die
makabre Sendung angewidert in den Tigris und seufzte: "Vielleicht ist es doch
ganz gut, dass ein Meer zwischen ihm und mir liegt".

Das System wechselseitiger Klemmen

Damit war die spanische Frage für die Abbasiden natürlich nicht erledigt. Die
Wiedergewinnung der verlorenen Halbinsel sollte für lange Zeit die Triebfeder
der Außenpolitik Bagdads werden. Und da Diplomatie in keiner Epoche der
Geschichte ein moralisches Handwerk war, versuchten die Kalifen, diesen
"Schlüssel zu Europa" durch Bündnisse mit den Herrschern Europas in ihre
Hände zu bekommen.

Das aufgeklärte neunzehnte Jahrhundert glaubte ja, nicht nur die


Geschichtsschreibung, sondern auch den internationalen Verkehr erfunden zu
haben.

So wurden nicht nur die mittelalterlichen Chroniken als armselige


Legendensammlungen belächelt, sondern auch den Herrschern jener Zeit
prinzipiell kein anderer Weitblick zugetraut als bis zu den Grenzen ihrer eigenen
Länder. Dieser Irrtum hat sich auch in unserem Jahrhundert gehalten mit
welchem Recht könnten wir denn auch sonst auf unseren Fortschritt so stolz
sein? Tatsächlich aber ist das berühmte "rote Telefon" unserer Staatsmänner
nur eine unwesentliche Verbesserung der alten Kontakte, die unter den
Machthabern des Mittelalters selbstverständlich waren. In einem Punkt war das
Mittelalter unserer Gegenwart sogar voraus: Krieg zwischen zwei Mächten
bedeutete keinesfalls den Abbruch diplomatischer Beziehungen. Nur in
Bürgerkriegen fiel die Entscheidung endgültig auf dem Schlachtfeld. Normale
Kriege aber sollten in der Regel nur Verhandlungspositionen beeinflussen.
Während an den Fronten Generäle dafür sorgten, dass die verschiedenen
Untertanen einander auch tapfer die Schädel einschlugen, tauschten die
Herrscher im Hinterland mit den Gesandten des Feindes Artigkeiten aus und
redeten über Geschäfte. Natürlich musste das charaktervollen Gemütern als
ausgemachter Zynismus erscheinen, und so verschweigen auch heute
Historiker ganz gerne, dass es zwischen den christlichen und islamischen
Erbfeinden stets beste Beziehungen gab. Diesbezügliche Berichte werden oft als
Märchen abgetan. Da aber in christlichen und islamischen Chroniken stets fast
gleichlautend darüber berichtet wird, sind eigentlich keine Zweifel erlaubt.

Während sich Abderrachman in Spanien an die Macht kämpfte, schlossen die


Abbasiden mit den Frankenherrschern ein Stillhalteabkommen. Freiwillig traten
sie ihnen die Riviera ab unter der Bedingung, dass die Christen den islamischen
Bürgerkrieg nicht als Anlass nähmen, nun selbst über die Pyrenäen zu
marschieren. Doch die Franken hatten schon ihre Leute in Spanien: Bereits 733
hatten in der nordwestlichen Provinz Asturien einige christliche Fürsten

198 von 295 09.09.2010 19:14


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erfolgreich gegen die Muslims rebelliert, und mit fränkischem Geld konnte 753
dort ein gewisser Alfons sein eigenes, kleines Königreich gründen. Als nun
Abderrachman Emir von Spanien wurde, schickten die Abbasiden dem
christlichen König Alfons eine runde Million Mark, auf dass er mit diesem Geld
einen Krieg gegen die Muslims beginne.

Mit mindestens ebensoviel Geld zog 765 eine stattliche Diplomatenkarawane


aus Bagdad über Venedig nach dem Frankenland.

Dort herrschte mittlerweile ein kleiner Mann mit großen Plänen: Pippin, der Sohn
Karl Martells. Sein Vater hatte sich noch damit zufriedengegeben, im Namen der
Merowingerkönige zu regieren. Pippin zog klare Verhältnisse vor. Er schubste
den letzten Merowinger vom Thron; und damit aus dieser Sippe ja kein Rivale
mehr erwachse, sperrte er die abgehalfterte Majestät in ein Kloster und ließ sie
auch noch kastrieren. Mit ähnlicher Gründlichkeit ging er seine weiteren Pläne
an: Er wollte aus dem Rudel fränkischer Herzogtümer ein regelrechtes, straff
organisiertes Königreich machen. So hörte er mit Interesse was ihm die
Gesandten des Kalifen vorschlugen: Wenn Pippin den Abbasiden behilflich wäre
Abderrachman aus Spanien zu vertreiben, würde er zur Belohnung die nördliche
Hälfte der Halbinsel erhalten. Pippin versprach, sich die Sache zu überlegen, und
schickte noch im selben Jahr eine eigene Gesandtschaft nach Bagdad.

Mit von der Partie waren auch fünf Priester, persönliche Gesandte des Papstes,
denn auch er wollte mit dem leibhaftigen Antichrist in Verhandlungen treten.

Die Verhandlungen in Bagdad wurden geheim betrieben. Christen und Muslim


wurden sehr bald handelseins. 767 wurden die abschließenden Verträge
unterzeichnet, und ein Exemplar davon ruht heute noch in den Archiven des
Vatikan, das Dokument eines weltweiten Komplotts.

Pippin sollte rund 17 Millionen Mark erhalten, um einen Krieg gegen Spanien zu
führen, und im Falle eines Sieges Nordspanien einschließlich Barcelona. Dafür
verpflichtete er sich den Abbasiden gegenüber friedlicher Koexistenz. Außerdem
aber gab der Frankenkönig das feierliche Versprechen eines Handelsboykotts
gegen Konstantinopel.

Der Papst meinte dazu nur, nun sehe man endlich, welch charakterloses
Verräterpack die Muslims seien, dass sie ihre eigenen Glaubensgenossen an
die Christen Verkauften.

Doch auch der Papst verfolgte irdische Ziele. Seit einiger Zeit schon stritt er mit
dem Kaiser in Konstantinopel, wer nun eigentlich oberster Herr der Christenheit
sei. Auf theologischer Ebene wurde diese Frage als "Bilderstreit" ausgetragen,
ob Heiligenbilder heilige Bilder seien und als solche verehrt werden sollten. In
Wahrheit ging es natürlich um anderes: Der Papst wollte sich in Italien ein Reich
errichten, das durchaus von dieser Welt war. Doch gehörte die italienische
Halbinsel noch zum Hoheitsgebiet Konstantinopels.

Daher schloss der Nachfolger Petri einen Vertrag mit dem Kalifen: Zum selben
Zeitpunkt, da der Islam seinen Krieg gegen das Oströmische Reich wieder
beginne, wolle der Papst in einer konzertierten Aktion ebenfalls zum Krieg blasen

199 von 295 09.09.2010 19:14


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lassen. Natürlich aus rein theologischen Gründen, finanziert jedoch vom Kalifen.
Denn die Einnahmen aus der Kirchensteuer flossen damals noch nicht so üppig,
dass sich der Papst eine Armee leisten konnte. So erlaubte das Oberhaupt aller
Christen die Errichtung einer Filiale der islamischen Staatsbank, gleich neben
der Peterskirche, und mit deren Krediten wurde nun eine stattliche Armee
ausgerüstet. Als Gegenleistung erklärte der Papst Sizilien zu islamischem
Einflussgebiet, und darüber freute sich der Kalif so sehr, dass er dem Papst
auch noch die geistliche Schutzherrschaft über die Christen von Jerusalem,
Antiochia und Alexandrien überließ, die bisher zu den Titeln des Kaisers in
Konstantinopel gehört hatte.

Schon nach einem Jahr konnte die berühmte Frage beantwortet werden, wie
viele Soldaten der Papst denn habe: Dank der islamischen Finanzhilfe waren es
genau 27.512 Mann.

Doch auch die Opfer der Bagdad-Verträge traten in Verhandlungen.


Abderrachman in Spanien schloss 768 ein Bündnis mit Konstantinopel, das
sogar einen Austausch von Militärexperten enthielt, und dritter im Bunde war ein
kleiner Staat, der ganz nebenbei zwischen den Franken und dem Papst zerrieben
werden sollte: das kleine Königreich der Langobarden in Norditalien.

Sämtliche Parteien begannen ein fieberhaftes Wettrüsten, und der erste


Weltkrieg hätte eigentlich schon 768 beginnen können. Die Aufmarschpläne
waren bereits ausgearbeitet, als völlig überraschend Pippin, der Herrscher der
Franken, verstarb.

Ein Elefant für Karl

Karl der Grosse war in den Augen Papst Stephans ein Kleingeist und für den
Kalifen ein unkultivierter Barbar. Auch Vater Pippin konnte sich nicht für ihn
erwärmen - während Bruder Karlmann am Hofe erzogen wurde, wuchs der
Knabe Karl mehr unter den Stallknechten auf, und dementsprechend waren
seine Manieren.

Fast wäre Karl der Welt erspart geblieben. Sein Papa wollte den Rüpel leer
ausgehen lassen, als er nach seinem Schlaganfall sein Testament diktierte.

Da aber wurde der Knabe Karl fürchterlich. Mit einer Horde Pferdeknechte
stürmte er in das Krankenzimmer, setzte seinem sterbenden Papa ein Messer
an die Kehle und meldete nachdrücklich seine Wünsche bezüglich der Erbschaft
an. Seinen Bruder hatte er gleich mitgebracht, und einer von Karls Kerlen
stocherte mit einem Speer in dessen Magengegend herum, bis Vater Pippin
schweren Herzens entschied, das Reich zwischen den ungleichen Brüdern zu
teilen. Karl bekam den Nordosten die unzivilisiertere Gegend. "Die passt zu dir",
ächzte Pippin und starb.

Damit waren die Bagdad-Verträge zunächst auf Eis gelegt. Karlmann, der sie
eigentlich ratifizieren und erfüllen sollte, kam nicht dazu, da ihm sein Bruder
laufend Scherereien machte. Karl aber konnte weder lesen noch schreiben und
wollte im übrigen seine eigene Politik machen. Deren erstes Ziel aber war,
zunächst einmal seinen Bruder vom Thron zu jagen. Dafür war ihm jedes Mittel

200 von 295 09.09.2010 19:14


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recht. Der Papst war entsetzt, als Karl 770 mit den Langobarden paktierte. Karl
führte die Tochter des Langobardenkönigs zum Traualtar, nur um Hilfstruppen für
den Bruderkrieg zu bekommen, und der Papst plante, den Franken für diese
Verletzung ausgehandelter politischer Spielregeln mit dem Kirchenbann zu
belegen.

Da starb 771 Bruder Karlmann. Bis heute blieb es eine offene Frage, ob nicht
sein später heilig gesprochener Bruder dabei nachhelfen ließ. Auf jeden Fall war
Karl nun Alleinherrscher der Franken, und das veränderte schlagartig seine
bisherige Politik. Noch im selben Jahr ließ er bei Papst Stephan nachfragen, wie
das Oberhaupt der Kirche über Ehescheidungen denke. Natürlich gab der Papst
begeistert seinen Segen, als Karl die Langobardentochter mit Schimpf und
Schande ihrem Papa zurückschickte.

König Desiderius der Lombardei nahm übel. 773 begann der Krieg und endete
ein Jahr später damit, dass der letzte Langobardenkönig in ein Kloster gesteckt
wurde und sich Karl dessen Krone aufsetzte, einen schlichten Eisenreif,
geschmiedet aus einem garantiert echten Nagel vom Kreuz Christi. Solche
Reliquien waren im Mittelalter ungeheuer beliebt, und die Christen dürften
tatsächlich geglaubt haben, der Heiland sei auf einem Nagelbett verstorben: Zur
Zeit Karls des Grossen waren 7.239 Kreuzesnägel im Umlauf, und die
unzähligen Kreuzessplitter hätten mühelos einen ganzen Wald ergeben oder
Heizmaterial für ein Jahrzehnt.

Der Papst zum Beispiel spendierte Karl bei dieser Krönung sechs Kilo Kreuz, 3
Nägel, ein Pfund Dornen aus der Marterkrone Jesu, den Gürtel Marias und ein
Fläschchen mit ihrer Muttermilch, ein Stück vom Tischtuch des letzten
Abendmahls, einen Armknochen Johannes des Täufers, ein Schienbein Petri,
den Weisheitszahn des heiligen Paulus und den Augenbrauenstift Maria
Magdalenas.

Von Mansur aus Bagdad kam nichts er hielt den neuen Frankenkönig für einen
unsicheren Kantonisten und investierte lieber in Bestechungen der Offiziere
Abderrachmans in Spanien. Besonderen Erfolg hatte er bei Salaiman al-Arabi,
dem Gouverneur von Barcelona. Nach und nach wurden an diesen ungetreuen
Vertrauten Abderrachmans siebzehn Millionen Mark überwiesen, und als
al-Mansur 775 starb und sein Sohn Mahdi neuer Kalif wurde, gelangte auch eine
beglaubigte Abschrift der Bagdad-Verträge nach Barcelona.

Mit diesen Papieren und fünf Millionen Mark in Gold reiste Salaiman im Jahr 777
zu Karl nach Paderborn. Dort ließ der "allerchristlichste König der Franken", um
seinen vom Papst verliehenen Titel mit einem Hauch von Wahrheit zu garnieren,
gerade massenhafte Zwangstaufen sächsischer Adliger veranstalten. Was ihm
Salaiman mitzuteilen hatte, war natürlich viel interessanter. Tatsächlich schien
Karl bislang die Bagdad-Verträge nicht gekannt zu haben, und auf jeden Fall war
die Aussicht, im reichen Süden was holen zu können, wesentlich lockender als
ein Missionskrieg gegen die sächsischen Habenichtse.

Schon am nächsten Tag befahl Karl seiner Armee eine scharfe Kehrtwendung.
Einige Wochen später marschierten die Franken in Spanien ein.

201 von 295 09.09.2010 19:14


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Chronisten haben diesen Aufmarsch gerne als Kreuzzug bezeichnet. Karls


privater Geschichtsschreiber Einhard war da ehrlicher: "Seine Majestät zog in der
Hoffnung aus, einige reiche Städte in Spanien zu erobern." Aber auch dafür war
das Unternehmen einfach zu dilettantisch geplant. Zehn Jahre hatten die
Verträge auf Eis gelegen, und nun musste Karls überstürzte Aktion ein Chaos
herbeiführen. Eine Koordination der einzelnen Partner war nicht mehr möglich.
Der Papst erfuhr von Karls Aufmarsch erst, als die Franken schon vor Saragossa
standen, der Kalif wahrscheinlich noch später.

Als die Flotte der Abbasiden in Richtung Spanien auslief, waren schon sämtliche
Pläne gescheitert.

Abderrachman, der Omajade, hatte sich in den letzten zehn Jahren in ganz
Spanien Respekt erworben. Dass sich nun ausgerechnet die christlichen
Franken in innerspanische Angelegenheiten mischten, trieb auch sämtliche
Opponenten auf seine Seite: Für einen Bürgerkrieg wären sie zu haben
gewesen; Karls Auftritt aber machte aus der Sache einen "Heiligen
Glaubenskrieg", genannt Dschihad. Salaiman wurde von seinen eigenen Leuten
gefangengenommen und als Verräter hingerichtet. Dann prügelten die Muslims
in überraschender Einigkeit die Franken aus dem Lande.

Der Spanienzug 777/778 wurde Karls des Grossen schlimmste Pleite. Zu allem
Unglück fehlte es ihm auch an fähigen Generälen. Der dümmste von ihnen hieß
Roland und kommandierte die Nachhut. Beim schimpflichen Rückzug ließ er
seine Truppen durch enge Hohlwege marschieren, ohne auch nur die
umliegenden Höhen abzusichern. Eine baskische Räuberbande beobachtete
diesen Offenbarungseid strategischen Unvermögens mit größtem Interesse. Auf
der Passhöhe von Roncesvalles prasselten plötzlich Steinlawinen auf die
Franken, und einige Stunden später war die gesamte Nachhut Karls aufgerieben.

Die Werbefachleute der Franken machten aus dem Debakel später ein
Heldenepos, genannt "Rolandslied". Es zählt zu den berühmtesten Dichtungen
des Abendlandes und ist ein Kunstwerk von hohem Grad, denn selten wurde mit
der Wahrheit freier umgesprungen. Wäre Roland nicht persönlich auf der Strecke
geblieben, hätte er wegen totaler Unfähigkeit vor ein Kriegsgericht gestellt
werden müssen seine rund fünftausend Mann wurden von ganzen zweihundert
Basken erledigt. Doch Karls Journalisten waren wesentlich talentierter als seine
Heerführer, und aus dem Versager Roland wurde eine strahlende Heldengestalt.
Noch heute stehen auf deutschen Stadtplätzen zahllose Rolandsäulen herum,
als Vorbild deutschen Heldenmutes.

Karl selbst hatte nach diesem Desaster dringend Trost nötig, und tatsächlich
kamen schon ein Jahr später Gesandte des Kalifen. Sie brachten Seide, einen
heute in der Wiener Schatzkammer ruhenden Säbel und vor allem zwei Säcke
Goldmünzen, als Ersatz für die in Spanien entstandenen Unkosten.

Leider berichten weder islamische noch fränkische Chroniken, wie sich die
diplomatischen Beziehungen in den nächsten fünfzehn Jahren entwickelten.
Lange Zeit wurde angenommen, es habe eine Art Denkpause stattgefunden,
zumal Karl hinreichend damit beschäftigt war, sein Reich in Mittel- und Osteuropa

202 von 295 09.09.2010 19:14


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zu festigen. Als erster Germane träumte der Franke von einem vereinten Europa,
natürlich unter seinem Kommando. Dazu erfand er eine Devise, die so
ungeheuerlich vermessen klang, dass sie auch später für alle tausendjährigen
Expansionsversuche herhalten musste: Es fehlt unserem Volk an Lebensraum.
Der Osten aber ist primitiv und ohne Geist - dort werden wir ihn finden. Das Land
der Primitiven war das heutige Deutschland, und hier betrieb Karl der Grosse
eine gründliche Endlösungspolitik. 782 ließ er in Verden anlässlich einer
Friedensfeier etliche tausend freie Sachsen erschlagen, 785 zwängte er den
letzten Sachsenherzog Widukind in eine christliche Kutte. 788 wurden schließlich
die Bayern dem Reich eingemeindet und ihr Herzog Tassilo nach bewährter
Manier kastriert und in ein Kloster gesteckt. Von Bayern aus ging es weiter nach
Osten, und 792 bereits begegneten die Franken auf vorgeschobenen
Grenzposten der anderen Supermacht. Europas: Dem Reich von Konstantinopel.

Während dieser ereignisreichen Jahre fanden jedoch auch ständig


Geheimverhandlungen zwischen dem Kalifen und Karl statt. Obgleich fast alle
Dokumente verloren gingen, können wir annehmen, dass der Kalif zu einem
gewissen Maß den Frankenherrscher finanzierte. Karls Krieger wurden nämlich
nur noch teilweise mit Ländereien entlohnt. Ein Viertel des Soldes wurde bereits
in bar bezahlt, überwiegend in klobigen Silbermünzen mit der Aufschrift
CAROLVS. Generäle aber waren Karl Gold wert, und diese Münzen trugen
interessanter weise den Prägestempel des Kalifen.

Warum dieser Goldregen über die Franken kam, werden wir wohl nie erfahren.
Mit Sicherheit kam er nicht über den Handel, denn wirtschaftlich hatten die
Franken nichts zu bieten. Höchstwahrscheinlich dürfte es sich um Zahlungen
aufgrund der Bagdadverträge gehandelt haben, die ja immer noch galten.
Schließlich hatte sich der Kalif verpflichtet, dem Frankenherrscher 10.000 Mann
zu bezahlen, zum Zwecke einer Invasion Spaniens. Karl aber dürfte einen Teil
dieses Geldes zur Eroberung Osteuropas zweckentfremdet haben.

795 besann sich der Franke schließlich wieder der alten Verträge. Mit genau
zehntausend Soldaten überquerte er die Pyrenäen und fiel in Spanien ein. Dort
war sieben Jahre zuvor Abderrachman gestorben und hatte seinen Sohn
Hischam zum Nachfolger bestimmt. Hischam versuchte noch einmal, ein Stück
Riviera nördlich der Pyrenäen in seine Gewalt zu bekommen und konnte 793
auch für kurze Zeit Narbonne einnehmen. Damit aber machte er Karl auf sich
aufmerksam, und der erinnerte sich seines alten Paktes mit dem Kalifen. In einer
konzertierten Aktion fielen beide über den Omajadenspross her: Während die
Flotte der Abbasiden die Küsten Südspaniens verunsicherte, besetzte Karls
Infanterie einen rund hundert Kilometer breiten Landstreifen Nordspaniens.
Beide Gegner auf einmal waren zu viel für Hischam. Die Abbasiden konnte er
zurückschlagen; gegen die Franken aber war er machtlos. Ohnmächtig musste
Hischam zusehen, wie Karl die einstige Nordprovinz seines Emirates zur
"Spanischen Mark" ausbaute und sämtliche Muslims erschlagen ließ.

Damit war allerdings nur ein Teil der Bagdad-Verträge erfüllt. Der andere betraf
Konstantinopel, doch da hatten sich die Verhältnisse gründlich geändert, und
Karl hatte auch gar nicht die Absicht, die geradlinige Bündnispolitik sein es Papa
fortzusetzen.

203 von 295 09.09.2010 19:14


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Am Bosporus regierte eine Dame namens Irene, zu deutsch "die Friedfertige".


Genau dies aber war sie nicht. Ihren Weg zum Thron hatte sie mit Leichen
gepflastert, unter anderem mit der ihres Gemahls, und ihre Minister mussten
sich zuerst in ihrem Bett als fähige Männer erweisen. Wer da versagte, wurde auf
dem Bettvorleger geköpft. Ebenfalls persönlich befasste sie sich mit dem
Haushalt ihres Reiches, und bald spürten auch die entlegensten Untertanen,
dass eine sehr straffe Steuerverwaltung eingerissen war. Besser hat die
Beamtenschaft des Reiches nie wieder funktioniert, und angeblich ließ die
resolute Dame 12.000 Beamte, die Unterschlagungen begangen hatten, einen
Kopf kürzer machen.

Friedlichkeit zeigte Irene nur in ihrer Außenpolitik. Zunächst setzte sie einen
Diplomatentrupp auf Karl an. Der bewies dem Frankenherrscher, dass Karl bei
den Bagdad-Verträgen eindeutig auf der Verliererseite stünde - der
Hauptnutznießer sei nämlich der Papst. Karl ließ sich die alten Papiere
nochmals vorlesen und fand, die Dame habe nicht unrecht. Schließlich hätten
sich Kalif und Papst brüderlich in das Erbe Konstantinopels geteilt, während die
Franken leer ausgegangen wären.

Damit war ein erster Schritt zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen


Konstantinopel und Frankenreich getan. Irene wollte noch einen Schritt
weitergehen und 787 ihren Sohn Konstantin mit Karls Tochter Rotrud verheiraten,
doch ihr Sohn spielte da nicht mit: Heimlich hatte er sich mit einer Kammerzofe
vermählt, und Mama ließ ihn dafür öffentlich verprügeln. Das kühlte die neue
Völkerfreundschaft etwas ab, zumal beide Staaten bald gemeinsame Grenzen
und damit auch Grenzstreitigkeiten hatten.

Papst Hadrian zu Rom aber fühlte sich bedroht. Eilig sandte er seine Agenten
los, gegen ein mögliches Bündnis zwischen Karl und Irene zu intrigieren -
schließlich wäre seine irdische Macht zwischen diesen beiden Supermächten
schnell zerrieben worden. Von allen Kanzeln des Frankenreichs verkündigten
Prediger, die Byzantiner seien auf jeden Fall schlimmere Gottesfeinde als die
Muslims. Vier hochgestellte Kleriker aber reisten nach Bagdad und baten den
Kalifen, dringend etwas gegen die Annäherung Konstantinopels zu den Franken
zu unternehmen.

Harun al-Raschid ließ unternehmen, und das Diplomatenkarussell rotierte


wieder einmal. 796 traf eine Delegation des Kalifen in Aachen ein. Sie brachte
reiche Geschenke und wurde glänzend empfangen. Ein Jahr lang wurde
verhandelt, und dann waren sich die Parteien einig: Franken und Muslims wollten
die Dame Irene gemeinsam zur Kasse bitten. Sie boten ihr unbegrenzte
Waffenruhe an, solange Irene alljährlich Tribute an den Kalifen, aber auch an Karl
bezahle.

Im Frühjahr 797 zogen die Diplomaten wieder nach Bagdad. Mit ihnen reiste die
erste ständige Vertretung der Franken, zwei Ritter namens Sigismunt und
Lantfried sowie ein jüdischer Dolmetsch namens Isaak. Außerdem zog auch ein
Muslim namens Abdallah an den Kalifenhof, und der muss eine seltsame Figur
gewesen sein: Er war der zweite Sohn des Omajaden Abderrachman, hatte
seinem Bruder Hischam die Thronfolge streitig gemacht und war von ihm außer

204 von 295 09.09.2010 19:14


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Landes gejagt worden. Neun Jahre lang hatte er am Hof Karls ein komfortables
Exil genossen. Nun hoffte der Omajade, ausgerechnet mit Hilfe der Abbasiden
doch noch Emir von Spanien zu werden.

Damit hatte das diplomatische Verwirrspiel jener Zeit seinen Höhepunkt erreicht.
Nie wieder wurde Machtpolitik mit derart unverhülltem Zynismus inszeniert, und
selbst heute fällt es schwer, die gesamte Tragweite jener mittelalterlichen
Diplomatie abzuschätzen.

Moralische Klammern, aus denen sich politische Linien konstruieren ließen, gibt
es nicht - die Fronten verliefen quer durch die Glaubens- und Kulturkreise. Der
Antrieb territorialer Vergrößerung spielt auch keine wesentliche Rolle, denn die
paar hundert Quadratkilometer spanischer Halbinsel fielen bei dem Riesenreich
Karls kaum ins Gewicht. Am ehesten könnte sein, dass der Franke Karl davon
träumte, das Imperium Romanum erneut zu errichten. Dafür spricht, dass Karl
ein fanatischer Sammler altrömischer Fossilien war. In seiner Schatzkammer
häuften sich antike Gemmen mit den Bildnissen längst verblichener Kaiser, und
für seine Urkunden verwendete der Analphabet ein Siegel des römischen
Kaisers Claudius. Seine Palastkapelle zu Aachen ließ er mit geklauten
Römersäulen aus Italien verzieren, als seinen Sarg kaufte er schon 790 einen
antiken Sarkophag, und seine berühmte "Palastschule" versuchte ernsthaft eine
Wiederaufnahme altrömischen Formgutes. Ausgebildet aber wurden Karls
Kunsthandwerker von islamischen Meistern, denn in den Ländern des
Halbmondes war die römische Kultur lebendig geblieben. Muslims waren
höchstwahrscheinlich am Guss der gewaltigen Domtüren von Aachen beteiligt,
doch der Stil dieser Bronzewände ist eindeutig römisch.

Durch seinen Pakt mit dem Kalifen hat Karl auf jeden Fall zwei Mächte in die
Klemme gebracht, die ebenfalls das Erbe des alten Rom beanspruchten: Den
Papst und Kaiserin Irene. Beide versuchten, sich mit dem Frankenherrscher zu
arrangieren. Irene bot ihm 798 sogar ihre Hand und damit den Kaisertitel an. Karl
verhielt sich nicht galant: Ruppig ließ er der Dame antworten, sie habe doch
schon einen Ehemann ins Grab gebracht, und im übrigen denke er gar nicht
daran, Imperator Romanorum zu werden.

Das letztere allerdings war eine glatte Lüge. Karl wollte sogar unbedingt Kaiser
werden, und ausschließlich zu diesem Zweck trat er auch wieder mit dem Papst
in Verhandlungen. Papst Hadrian hatte gefürchtet, Karl werde ihn aus Rom
verjagen und seinen Kirchenstaat dem Reich angliedern. Noch auf dem
Sterbebett grübelte er, wie das Reich Gottes auf Erden diesem Schicksal
entgehen könne, und er empfahl seinen Kardinälen, sicherheitshalber gleich
einen Vertrauten des Frankenkönigs zu wählen.

Das taten Sie auch, und Leo III. kannte seinen Karl so gut, dass er ihn bei den
Verhandlungen erfolgreich übers Ohr hauen konnte: Am 23. Dezember 800
wurde ein feierlicher Vertrag aufgesetzt und von Karl mit drei Kreuzen signiert -
darin wurde Mittelitalien einschließlich Ravenna "auf ewige Zeiten" dem Papst
übereignet. Als Gegenleistung erhielt Karl nichts als einen prächtigen Titel -
"Romanum gubernans imperium", Führer des Römischen Reiches. Sogar die
Krone für den feierlichen Staatsakt in der Peterskirche am Heiligen Abend 800
musste Karl selbst mitbringen. Und Kaiser des Römischen Reiches war er

205 von 295 09.09.2010 19:14


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deswegen noch lange nicht. Dieser Titel blieb in Konstantinopel, und Irenes
Nachfolger Michael verhandelte darüber mit Karl nicht weniger erfolgreich als der
Papst: 812 wurde in den Aachener Verträgen vereinbart, dass sich Karl Kaiser
nennen dürfe, vorausgesetzt, er zahle samt Zinsen alles zurück, was er einst von
Kaiserin Irene erpresst hatte.

Als Karl sich mit dem Papst geeinigt hatte, kühlten auch die Beziehungen zum
Kalifen ab. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass Karl den Kalifen bei seinen
Verhandlungen mit Rom nicht konsultiert hatte. Der andere war zweifellos, dass
Sigismunt und Lantfried im Jahr 800 zu Bagdad verstarben, der erste an Cholera,
der zweite an Syphilis. Harun al Raschid fand, unter den gegebenen Umständen
sei eine ständige Gesandtschaft nicht mehr nötig, und schickte den Dolmetsch
Isaak nach Aachen zurück. Mit der Botschaft, dass von nun an keine Zahlungen
mehr zu erwarten seien, und mit einem weißen Elefanten als Trostpflaster für
Karl.

Der Dickhäuter hieß Abul Abbas und war ebenso alt wie weitgereist. Ein
mittelindischer Fürst hatte ihn einst an Kalif Mansur nach Bagdad geschickt. Das
Elefanten-Albino erregte allgemeines Staunen, erwies sich aber als dümmer
denn sämtliche seiner Artgenossen. Nicht einmal als Reittier war es zu
gebrauchen, .M und so ließ es Mansur außerhalb der Stadt in ein Freigehege
stecken und vergaß es dort. Erst Harun al-Raschid erinnerte sich seiner wieder,
aber nur, um es loszuwerden. Im Reisegepäck Isaaks trampelte Abul Abbas nun
von Bagdad bis Antiochia; dort wurde er auf ein Schiff verladen und bald
fürchterlich seekrank. Nachdem er das ganze Schiff verpestet hatte, wurde Abul
Abbas in Venedig halbtot an Land gezogen und nach einwöchigem
Erholungsurlaub quer über die Alpen geschleift. Karl staunte, als das Vieh in
Aachen ankam.

Zunächst erfreute sich Abul Abbas der uneingeschränkten Huld Karls. Sogar am
kaiserlichen Gottesdienst sollte das Monstrum teilnehmen. Damit es stillhalte,
hatte es Isaak noch gut füttern lassen. Die entsprechenden Bedürfnisse erledigte
Abul Abbas dann im Münster, und die Gläubigen hielten, was dabei herauskam,
für eine Wundermedizin und prügelten sich darum. Karl nahm beide Ereignisse
mit Wohlgefallen wahr und lud den Elefanten darauf zu seiner Tafel. Abul Abbas
aber wusste diese Ehre nicht zu schätzen. Selbst die ausgesuchtesten
Filetstücke verschmähte er und wollte nicht einmal den Kammerdiener fressen,
den ihm Karl servieren ließ. Vergeblich versuchte Isaak, seinem Herrscher
klarzumachen, Abul Abbas sei Vegetarier. Karl glaubte dem Juden nicht und ließ
dem Elefanten so lange Braten servieren, bis sich Abul Abbas selbst bediente:
Während Karl der aller höchsten Ruhe pflegte, trampelte sein Elefant eine
Palastmauer nieder und fraß den Lieblingsgarten des Kaisers ratzekahl. Da aber
hatte es sich Abul Abbas mit Karl verscherzt. Seine Majestät verachtete
Vegetarier, und noch am selben Tag schenkte er das Vieh dem Kloster
Lippenheim.

Dort ist Abul Abbas im Jahr 810 verstorben. Seine abenteuerliche Wanderung
aber war damit noch lange nicht beendet. Einige seiner Knochen erlebten
allerhöchste Ehren: Noch vor zweihundert Jahren wurden sie im Dom zu Mainz
von gläubigen Christen verehrt, als Gebeine des sagenhaften Riesen St.
Christophorus.

206 von 295 09.09.2010 19:14


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Karl überlebte das arme Tier um vier Jahre. Am 28 Januar 814 verstarb der
Kaiser zu Aachen, und auch seine Knochen wurden nicht in Ruhe gelassen. Der
skrupellose Machtpolitiker wurde ein anerkannter Heiliger der katholischen
Kirche, und damit wurden die Gebeine des begeisterten Reliquiensammlers
selbst Sammelobjekte. Feierlich wurde der antike Sarkophag erbrochen und sein
Inhalt in verschiedene goldene Behältnisse abgefüllt. Der Grossteil davon ruht
heute in einem kostbaren Schrein über dem Hochalter des Aachener Doms.

Der Traum von Andalusien

Spanien blieb noch jahrhundertelang unter islamischer Herrschaft, und die


Christen sollten ihrem Gott dafür danken, denn von Andalusien aus wurde
Europa mit Kultur infiziert.

Als Machtfaktor spielte die Iberische Halbinsel keine Rolle verglichen mit den
Supermächten der Zeit, dem Frankenreich, dem Staat der Abbasiden und
Konstantinopel, war der Staat der Omajaden auch auf dem Höhepunkt seines
Glanzes ein Zwerg.

Vor allem gelang es dem Islam nie, die ganze Halbinsel zu beherrschen. Im
Nordwesten hielt sich hartnäckig das christliche Königreich Asturien mit seiner
Hauptstadt Santiago da Compostella, Barcelona ging bereits 803 an die Franken
verloren, und seit 811 wurde der Ebro die Grenze zwischen Christen und
Muslims, die Städte Saragossa und Tortosa Grenzfestungen.

Zu Trockenzeiten können auch Kinder diesen Fluss bequem durchwaten, und


daher konnte nie von einer natürlichen Grenze zwischen den Staaten die Rede
sein. Spaniens Geschichte ist daher auch die ständiger Rangeleien zwischen
Christen und Mauren, die allerdings selten so ernsthaft ausgetragen wurden,
dass es einer der Parteien an die Existenz ging. Derlei hätte sich ja störend auf
die Wirtschaft auswirken können, und auf diesem Gebiet herrschte zwischen den
verfeindeten Staaten Spaniens echte Partnerschaft. Die Traumgüter des
Mittelalters wurden auf der Halbinsel hergestellt oder nahmen ihren Weg durch
Andalusien: zierlich eingelegte Waffen aus Toledo; feinstes Leder aus Marokko,
das heute noch als Maroquin internationale Spitzenpreise erzielt; hauchzarte
Spitzen; mit Lüsterfarben leuchtend glasierte Keramik aus Malaga und vor allem
der berühmte spanische Wein. Nur selten wurden diese Köstlichkeiten direkt an
das christliche Abendland verkauft. 95 Prozent des Warenangebotes gingen
zunächst an Zwischenhändler in Asturien, die sich dabei noch einen gewaltigen
Aufschlag vergönnten. Die Landschaft Galicien, das Herzland des kleinen
christlichen Königreiches, blühte dabei auf. In Santiago lag schließlich der
Apostel Jakob begraben, und eine Pilgerfahrt zu diesem Heiligtum war die
gängigste Geschäftsreise des Mittelalters. Allein im Jahr 893 brachte die
Warenumsatzsteuer dieses Landstrichs 117 Millionen Mark ein.

Den größten Profit machten natürlich die Juden, schon aufgrund ihrer
Geschäftsverbindungen zum islamischen Landesteil. Die christlichen Könige
sahen das nicht gerne. Um den Handel in ihre Kontrolle zu bekommen,
vertrieben Sie wiederholt die Juden Galiciens. Da der Handel natürlich nie ganz
ohne Juden laufen konnte, kamen immer wieder welche nach, und daraus ergab

207 von 295 09.09.2010 19:14


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sich ein Jahrhunderte dauerndes Katz- und Mausspiel.

Rund alle zwanzig Jahre wurde Galicien "judenfrei" gemacht. Häufig zogen die
Flüchtlinge in den islamischen Landesteil zurück, oft übersiedelten sie nach
Norditalien und Dalmatien, sehr oft in das Rheinland, wo sich ein neues
Wirtschaftszentrum Europas entwickelte. Wo allzu große Gemeinden entstanden,
kam es ebenfalls bald zu Judenverfolgungen. Um 1212 begannen die großen
Pogrome im Rheinland. In einer Vorwegnahme der Reichskristallnacht wurde die
noch aus der Römerzeit stammende Synagoge niedergebrannt. Die vertriebenen
Juden zogen in großen Schüben weit nach Osten und fanden im heutigen
Südpolen eine neue Heimat. Dort allerdings fühlten sie sich nie so zu Hause wie
auf den Zwischenstationen ihrer langen Wanderung: Bis in unser Jahrhundert
sprachen sie dort noch das Mittelhochdeutsch aus dem Rheinland des 12.
Jahrhunderts, und das unwirtliche Land benannten sie nach der goldenen
Provinz Spaniens - Galizien.

In Spanien selbst waren die Judenvertreibungen nur kleine, bedauerliche


Randerscheinungen des "großen, heiligen Krieges" zwischen Muslims und
Christen. Nach Koran und Bibel fühlten sich die Gläubigen beider Bekenntnisse
dazu verpflichtet, aufeinander in Permanenz loszugehen, doch die
Wirtschaftsinteressen sorgten gleichzeitig dafür, dass aus diesen religiösen
Prinzipien nie blutiger Ernst wurde.

So entstand auf der Iberischen Halbinsel die graziöseste Abart der brutalen
Gewalt, das Rittertum. Außer Ehre konnte nicht sehr viel dabei gewonnen
werden. Dafür aber bot es das prickelnde Abenteuer echter Gefahr, ohne
lebensgefährlich zu sein - zahllose Spielregeln sorgten dafür, dass es auch im
Kampf beim Ritterspiel blieb.

Das muss man sich einmal vorstellen: Irgendwo in der Nähe der Grenze treffen
zwei Feinde aufeinander. Dass sie Feinde sind, können sie selbst nur an ihren
Schildern erkennen, denn Waffen und Rüstungen stammen meist aus
denselben Werkstätten. Nun aber führt der eine ein Kreuz und der andere den
Halbmond im Schilde, und das ist ein Kriegsgrund. Mit wohl-gesetzten
Redewendungen beschimpfen die Herren einander, während die Dienerschaft
dezent im Hintergrund wartet. Was geschimpft werden darf, steht genau im
Anstandsbuch De procedere hostem, dessen deutsche Übersetzung bereits den
sinnigen Titel "Di artige Protzerey" trug:

"Mein Panzer ist schöner als deiner !"-"Mein Pferd ist edler als deines !"-"Ich bin
stärker als du, und wenn du nicht gleich abhaust, wirst du schon sehen...!". Hat
der Gegner nach viermaligem Protzen, jeweils von einem markigen
Trompetenton untermalt, das Feld noch nicht geräumt, kommt es wirklich zu
Tätlichkeiten. Mit gestreuter Lanze reiten die Feinde aufeinander los, und wer
zuerst vom Pferd geschubst wird, hat Panzer, Pferd und Ehre verloren. Besitzt er
außerdem noch Vermögen, kann ihm noch etwas Lösegeld abverlangt werden.
Sollte er sich jedoch bei dem Sturz das Genick gebrochen haben, muss der
Sieger an die Witwe ein Schmerzensgeld bezahlen.

Auf diese sportliche Weise wurde ein Krieg natürlich fast schon zum vergnügen,
und dass Sieger wie Verlierer aus derlei Abenteuern regelmäßig mit Ruhm

208 von 295 09.09.2010 19:14


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bekleckert heimkehrten, besorgten ihre Troubadoure. Diese fahrenden Dichter


waren die ersten hochdotierten Werbefachleute Europas, und die Kunst des
Verseschmiedens hatten die meisten von ihnen an islamischen Fürstenhöfen
gelernt. Von Burg zu Burg zogen sie als Abendprogramm der Recken und
Damen. Sentimentale Liebeslieder, genannt Minnedichtung, sonderten sie nur
selten ab. Überwiegend sangen sie vom Ruhm ihrer Auftraggeber, und dessen
Größe ergab sich aus dem Honorar. In der Regel machten sie aus dem
feindlichen Ritter eine ganze Armee, und Spanien wurde in ihren Liedern das
Land der unbegrenzten Abenteuer: Hier gab es den Heiligen Gral und den
Zauberer Klingsor, der in Wahrheit Almansor hieß und Wesir zu Cordoba war;
hier lauerten stolze Mauren auf ahnungslose Parsivale und hinter goldenen
Gittern dunkelhäutige Frauen der Erlösung. Wer sich mit ihnen einließ, musste
allerdings damit rechnen, gescheckte Kinder zu bekommen. Die dichterische
Freiheit ist mit der Iberischen Halbinsel schon damals arg umgegangen: Kamele
waren selbstverständlich feuerspeiende Drachen, die perfekten Panzer der
Muslims von Dämonen geschmiedet und ihre Ärzte unheimliche Zauberer.

Keinem der Zuhörer im langweiligen Christenland kamen diese bunten


Schilderungen spanisch vor, und so drängten vor allem fränkische Jungmänner
zum Abenteuer jenseits der Pyrenäen. Kehrten sie zurück, konnten sie natürlich
nicht weniger auf schneiden als ihre Vorgänger, und damit waren die Grundlagen
für die ritterliche Dichtung des Abendlandes geschaffen.

Natürlich musste es ein Spanier sein, der Jahrhunderte später das Strickmuster
dieser Romanzen mit einer genialen Parodie der Lächerlichkeit preisgab Miguel
de Cervantes mit seinem unsterblichen Don Quichotte.

Viele der christlichen Ritter blieben gleich im Heidenland. Schließlich war das
Leben bei den Muslims um vieles angenehmer, und da vergaßen sie gerne den
Kampf für das Christentum.

Um das Jahr 1000 bestand die islamische Armee Spaniens zu 70 % aus


christlichen Söldnern. Viele der Abenteurer pendelten zwischen den Fronten - je
nach Bezahlung kämpften sie mal für die Heiden und mal für den christlichen
König von Asturien. Der berühmteste von ihnen hieß Don Ruy Diaz de Vivar und
brachte es bis zum Statthalter und Festungskommandanten von Saragossa.
Insgesamt hatte er siebenmal auf christlicher und neunmal auf islamischer Seite
gekämpft. Mit vierzig begann ihn der Rheumatismus zu plagen. Von da an verhielt
er sich neutral und ließ sich von beiden Parteien bezahlen. Gewissen ist eine
Geldfrage, meinte der Recke. Als "el Cid" wurde er unsterblich.

Die Jahrhunderte Andalusiens könnten wir am ehesten als "kriegerische


Koexistenz" bezeichnen. Zwar gelobte jeder christliche König bei seiner
Thronbesteigung, ganz Spanien dem Kreuz zurückzuerobern, doch solange
seine Staatskasse auf den islamischen Zwischenhandel angewiesen war,
wurden diese schönen Schwüre natürlich nicht in die Tat umgesetzt. Und
solange die Muslims an den christlichen Kunden verdienten, hielten auch sie
Frieden. Dass ein "Gleichgewicht des Schreckens" die tödliche
Auseinandersetzung verhindert habe, kann nicht behauptet werden - sowohl
islamische als auch christliche Staaten Spaniens zeigten oft und deutlich
militärische Schwächen, ohne dass sie vom Gegner ausgenutzt wurden.

209 von 295 09.09.2010 19:14


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Die einzige ernsthafte Bedrohung kam aus dem Norden: 844 fuhren die
Drachenboote der Wikinger im Hafen von Lissabon ein und sollen fast 700 Kilo
Gold weggeschleppt haben. Im selben Jahr noch ruderten sie sogar den
Guadalquivir hoch und plünderten Sevilla. Doch die Muslims wurden selbst mit
den rauen Nordmännern handelseins - von nun an plünderten die Wikinger nur
noch im christlichen Königreich Asturien. Dort gab es zwar weniger zu holen, das
aber gefahrloser.

So wenig fühlten sich die Muslims vom christlichen Norden bedroht, dass sie
sich bald auch in Spanien die beliebteste Form arabischer Politik leisten
konnten, den permanenten Bürgerkrieg. Das Reich der Omajaden zerfiel um 950
in eine Unzahl untereinander zerstrittener Kleinstaaten, von denen einige sogar
unter marokkanischen Einfluss gerieten.

In wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde jedes dieser kleinen Fürstentümer eine


Großmacht. In Andalusien entstanden kunstgewerbliche Zentren, deren Einfluss
sich keine Stadt Europas entziehen konnte. Die mittelalterlichen Goldschmiede
des Rheinlandes haben fast alle von Mauren gelernt, die flandrischen Tuchweber
kopierten die Webstühle und Stoffmuster von Sevilla, und hinsichtlich "höherer
Lebensqualität" gab Andalusien das ganze Mittelalter lang den Ton an: Die
Dichter und Minnesänger übernahmen den islamischen Endreim in ihre Sprache
und als "Alexandriner" eine arabische Versform. Und das Epos der Griechen
kehrte über Spanien als "Romanza" und "Roman" in das Abendland zurück.
Christliche Mystiker schöpften ausgiebig in den Quellen arabischer Philosophie,
und sogar Thomas von Aquin, der Großmeister der Scholastik, betätigte sich
nebenbei als Übersetzer arabischer Literatur. Andalusia patria fontium, notierte
sein Schüler Bernhard von Clairvaux: Andalusien ist das Mutterland der Quellen,
und Wolfram von Eschenbach lässt seinen Parzival in Andalusien nach dem
Heiligen Gral suchen.

In Spanien hinterließ der Islam auch einige der schönsten Zeugnisse seiner
hohen Kultur. Nach den Vorstellungen des Koran ist das höchste Ziel aller Kunst
die Überwindung und Auflösung der Materie. Nach diesem Prinzip entstanden in
Andalusien Stein gewordene Träume. Die große Moschee von Cordoba bietet ein
heute noch unübertroffenes Raumerlebnis einen - Wald von neunhundert
Säulen, auf denen seit mehr als tausend Jahren zierliche Steinbögen schweben!
Und aus der Abenddämmerung Andalusiens stammt der schönste Palast, der je
gebaut wurde, die Alhambra zu Granada.

Viele Bücher sind über dieses Wunderwerk geschrieben worden, und doch kann
ihm keine Beschreibung gerecht werden" Kein Foto kann den unwirklichen
Zauber der stillen Höfe wiedergeben und nicht einmal ein Film das verwirrende
Spitzengewebe, das die Phantasie eines unbekannten Architekten aus der
tonnenschweren Kuppel im "Saal der zwei Schwestern" geschaffen hat.

Als dieser Inbegriff der Romantik entstand, waren Andalusiens Tage bereits
gezählt. In dem Maß, wie das Abendland vom Islam lernte, wurde der
Lehrmeister entbehrlich und lästig. Europa wurde von islamischer Kunstfertigkeit
zunehmend unabhängiger, und damit war die Macht Andalusiens vorüber. Aus
Bewunderung wurde Neid, und als im 13. Jahrhundert die weltweite Macht des

210 von 295 09.09.2010 19:14


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Islam stürzte, endete auch in Spanien die Toleranz zwischen den beiden
Religionen. Im Auftrag ihrer christlichen Fürsten begannen Abenteurer, die
islamischen Kleinstaaten der Halbinsel zu erobern.

Das Ende Andalusiens war langsam und blutig. Muslims wurden aus den
christlich eroberten Gebieten gnadenlos vertrieben und schließlich im Süden der
Halbinsel geradezu zusammengedrängt. Viele Mohammedaner traten natürlich
zum christlichen Glauben über, schon um ihre Besitztümer zu erhalten. Es half
nichts - die Inquisition konnte ihnen jedes mal erfolgreich nachweisen, dass ihr
Christentum doch nicht das rechte sei. Damit waren sie dem Scheiterhaufen und
ihr Besitz der Kirche verfallen.

Am längsten hielt sich Granada. Dorthin flüchteten auch die besten Künstler
Andalusiens. Ihre Produkte waren weltweit gefragt, doch davon profitierte nur der
spanische Zwischenhandel und die kleine Fürstenfamilie der Nasriden, die sich
die Alhambra leisten konnte. Auf dem Basar wurden Kunstwerke gegen Gemüse
aufgewogen, und so ergriff kein Andalusier eine Waffe für sein Fürstenhaus, als
König Alfons und Königin Isabella beschlossen, auch das letzte islamische
Fürstentum auf der Halbinsel ihrem jungen Staat einzuverleiben. Am
Neujahrsmorgen des Jahres 1492 übergab der letzte Nasride seinen Kleinstaat
ohne weitere Förmlichkeiten dem "allerchristlichsten Königspaar". Noch im
selben Jahr wanderte eine halbe Million Muslims aus und fand meist in Marokko
eine neue Heimat. Und im Herbst schickte die Königin einen Abenteurer aus
Genua los, einen direkten Seeweg nach Indien zu finden. Er hieß Columbus, und
damit beginnt ein neues Kapitel der Geschichte.

Die Landkarte allerdings, die Columbus benützte und die sich als so fehlerhaft
erwies, war die Kopie einer viel älteren, angefertigt im Jahr 802 zu Bagdad am
Hofe Harun al-Raschids. Und bis heute hat sich in Spanien zumindest ein
islamisches Erbe im täglichen Gebrauch erhalten - aus dem arabischen "insch-
Allah" wurde das Vielzweckwort Ole.

Kapitel 11.
Harun al-Raschids Pleite

"Dem schlichten Urteil handle ich zuwider.

Mich überwältigt, was mir widersteht.

Wie kann ich das Gegeb'ne wieder nehmen,

211 von 295 09.09.2010 19:14


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Wenn nach der Beuteteilung nichts mehr geht?

Ich fürchte die Verwicklung der Geschäfte

Und dass sich auflöst, was ich fest gedreht."

(Harun al-Raschid)

Tausendundeine Nacht

Natürlich durften auch in Bagdad Damen nur verschleiert auf die Strasse gehen.
Viele jüngere fanden, diese altmodische Vorschrift passe so gar nicht in die
eleganteste Stadt der Welt, und eine von ihnen entschloss sich zu einem
unübersehbaren Protest: als Straßenkleid wählte sie einen hauchdünnen,
durchsichtigen Seidenschleier, und darunter trug sie nichts.

Die Dame kam nicht weit. Schon nach zwei Straßenecken wurde die Feministin
verhaftet und vor das Bezirksgericht geschleppt. Der Fall war delikat, und der Kadi
beschloss, lieber den Kalifen entscheiden zu lassen. Einige Stunden später stand
die unzüchtige Verschleierte vor dem allmächtigen Harun al-Raschid.

Der besah sich den Fall eingehend. Dann erhob er sich und sprach das Urteil: "Das
Gesetz bestimmt, dass sie gesteinigt wird." Aus seinem Turban löste er einen
Diamanten und warf diesen ersten Stein auf die Sünderin. Es folgte der Rubin des

212 von 295 09.09.2010 19:14


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Großwesirs, ein Saphir des obersten Richters, der Smaragd des


Polizeipräsidenten, ein funkelnder Regen aus den Reihen der Minister und
Hofbeamten. Als solcherart dem Gesetz Genüge getan war, sammelte die
hochkarätig Gesteinigte den Sündenlohn in ihrem sündhaften Schleier und
entschwebte, höchstwahrscheinlich in den Harem Haruns.

So kennt die Nachwelt den berühmtesten Kalifen. Seine Züge leuchten unsterblich
aus einem bunten Mosaik zahlloser Geschichten, und da stört auch nicht
sonderlich, dass jede der anderen widerspricht. Alle Legenden, die je von
Herrschertugenden und Herrscherlaunen berichtet wurden, hat der Märchendurst
der Untertanen auf Harun gehäuft, wie jener die Juwelen seines Hofstaates auf die
schöne Sünderin, und nur manchmal geriet unter die funkelnde Pracht auch ein
Körnchen Wahrheit.

Da gibt es die rührende Geschichte vom gerechten Kalifen, der in einfacher


Kleidung unerkannt durch Bagdad bummelte, um Gesetzwidrigkeiten seiner
Beamten auf die Schliche zu kommen. Sämtliche Fürsten der Geschichte scheinen
auf Haruns Spuren gewandelt zu sein. Johann Peter Hebel erzählt haargenau
dasselbe Märchen in seinem "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" über
den guten Kaiser Josef, und im Jahre des Herrn 1974 stand die Geschichte als
ernsthafte Reportage über den dortigen König im Staatsorgan des kleinen
Himalayalandes Nepal.

Soweit die Sache Harun betrifft, hat das Märchen einen wahren Kern. Niemand in
Bagdad nämlich wusste, wie der Kalif aussah, denn kein Bürger der Stadt bekam
ihn je zu Gesicht. Daher konnte natürlich mit Fug und Recht in jedem Dunkelmann
auf nächtlichen Strassen der Märchenkalif vermutet werden.

Auch die Geschichte der Edel-Steinigung könnte wahr sein - in seinem täglichen
Umgang mit den Gesetzen bewies Harun meist einen ähnlich eleganten Zynismus,
der allerdings nur höchst selten den Opfern der Justiz zugute kam.

Unbestritten jedoch ist, dass unter Haruns Herrschaft der Halbmond seinen
höchsten Glanz entfaltete. Von da an ging's bergab und eigentlich schon mit Harun,
den der Franke Karl stets mit seinem biblischen Namen Aaron titulierte (und dabei
nicht verhehlte, dass er sich selbst für eine Neuauflage von dessen biblischem
Bruder Moses hielt).

Schließlich wurde auch auf Harun al-Raschid das berühmte arabische Sprichwort
geprägt, dass eine tüchtige Familie stets im dritten Glied verkomme.

Mahdi, Hadi und Mama

Harun wurde 765 zu Bagdad geboren, im elften Regierungsjahr seines Großvaters


al-Mansur. In den Hofannalen wurde seine Geburt als Routinefall verzeichnet, denn
sein Papa war zwar der älteste Sohn des Kalifen, spielte aber sonst keine Rolle.
Al-Mansur hatte das Reich von seinem Bruder nur unter der Bedingung geerbt,
dass nach ihm wieder ein Sohn Saffahs Kalif werden solle, und daher war Mahdi
Ben Mansur von der Thronfolge ausgeschlossen. Dadurch aber gewann der
Abbasidenprinz genügend Freizeit für sein Hobby, und das waren Frauen. Mahdi
sammelte sie mit wahrer Leidenschaft. Außer seinen acht Hauptfrauen tummelten

213 von 295 09.09.2010 19:14


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sich noch siebenhundertachtunddreißig Nebendamen und Sklavinnen in seinem


Harem. Da fiel nicht sonderlich auf, dass die Sklavin Chaiseran eines Knaben
entbunden wurde, zumal dieser schon der zweite war.

Chaiseran dürfte Mahdi von allen seinen Frauen am besten gefallen haben.
Während Mahdi mit den anderen 745 Damen nur 149 Söhne hatte, war die
schlanke Perserin gleich Mutter von zweien, Hadi und Harun. Außerdem war
Chaiseran ehrgeizig.

Sie sorgte dafür, dass sich ihre Sprösslinge nicht allzu sehr in das Prinzen
Gewimmel der anderen mischten, und erreichte sogar, dass diese beiden
Enkelkinder dem allmächtigen Großvater al-Mansur vorgeführt wurden. In seinen
Memoiren beschreibt Harun seinen Eindruck von dem großen Kalifen: "Ich war
neun Jahre alt und furchtbar aufgeregt. Ich sah aber nur einen mageren, Mann mit
gelber Haut, traurigen Augen und ständigen Bauchschmerzen."

Al-Mansur bereiteten damals nicht nur seine Magengeschwüre Sorgen, sondern


auch die Thronfolge. Der Kalif wollte das Reich nämlich seinem eigenen Sohn
Mahdi vererben, und dabei wollte der eigentliche Thronfolger Ben Saffah nicht
mitspielen. Al-Mansur war gewiss nicht zimperlich, doch bei Ben Saffah biss er auf
Granit. Der Thronfolger hatte sich in Syrien verschanzt und weigerte sich, seinen
Onkel "zwecks freundlicher Unterredung" zu besuchen. Er kam auch nicht, als
Mansur den gesamten Harem des Prinzen umbringen ließ. Erst Chalid Ben
Bermek, der unermüdliche Großwesir, konnte das Problem lösen: Zu ihm hatte der
Prinz Vertrauen, und er empfing den Wesir sogar in seinem Wüstenschloss. Bei
dieser Gelegenheit schlug ihm Chalid den Schädel ein.

Damit war das Thronfolgeproblem glücklich gelöst. Ein Jahr später erlitt al-Mansur
einen Magendurchbruch, und der dreiunddreißigjährige Mahdi wurde Kalif.

Die meisten Muslims bekamen den Thronwechsel kaum zu spüren. Mahdi


kümmerte sich auch als Kalif nicht sonderlich um den Staat. Ihn interessierten nach
wie vor nur Wein, Weiber und die Jagd. Die Regierungs-Geschäfte besorgten in
schöner Eintracht Chalid Ben Bermek und Chaiseran, die Lieblingssklavin.

Natürlich sorgte Chaiseran nun erst recht dafür, dass ihre Söhne gebührend
gewürdigt wurden. Der ältere, Hadi, wurde gleich bei der Thronbesteigung seines
Vaters zum Thronfolger erklärt, während der zehnjährige Harun den Rang eines
Generalfeldmarschalls erhielt. Schon mit vierzehn erntete der junge Prinz erste
Lorbeeren auf dem Feld der Ehre und auf Kosten Konstantinopels.

Derlei früher Ruhm war auch bei Christlichen Edel-Knaben nicht ungewöhnlich.
Karls Kinder haben schon im Baby-Alter gewaltige Heldentaten begangen. Es
gehörte Zu den Propagandamethoden des Mittelalters, künftige Herrscher und
Feldherren aus der Gehschule auf die hohe Schule der Kriegskunst zu
katapultieren - die Söldner gewöhnten sich beizeiten an die Namen ihrer künftigen
Henker,

und dass die Kleinen als Generäle keinen Schaden anrichten konnten, besorgten
schon im Anonymen wirkende Fachleute, ausgesucht von versierten Pragmatikern.
Im Falle Haruns wissen wir auch, wer dem Kleinen die Hand führte: Jahja Ben

214 von 295 09.09.2010 19:14


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Chalid Ben Bermek, der Sohn des Großwesirs.

Die Familie Bermek hatte sich um das Haus Abbas verdient gemacht. Da Chalid
auch im Falle Mahdi "Kalifenmacher" war, galt das Wort des Großwesirs im Reich
sogar mehr als das des Kalifen. Und Chalid hatte arrangiert, dass sein Sohn Jahja
das Amt des Ministerpräsidenten erben sollte. Dabei berief sich der Wesir auf einen
gespenstischen Präzedenzfall: Rund fünfzig Jahre zuvor hatte im Frankenland Karl
Martell dieses Amt zu einem Erbstück seiner Familie gemacht, und sein Sohn
Pippin setzte dann gleich den König ab. Dem Kalif schien das egal zu sein
Hauptsache, er selbst brauchte sich nicht um den Staat zu kümmern und hatte
genügend Zeit für sein ausgedehntes Privatleben. In einer feierlichen Urkunde ließ
er im Frühjahr 782 das Amt des Ministerpräsidenten zu einer Erbpfründe der Sippe
Bermek erklären. Sein Großwesir revanchierte sich für diese großzügige Geste mit
einem diplomatischen Meisterstück: Nach kurzen Kampfhandlungen und langen
Friedensverhandlungen zwang er Kaiserin Irene von Konstantinopel zu jährlichen
Tributen von 35 Millionen Mark in bar, zahlbar in die Privatkasse des Kalifen. Kurz
darauf verstarb der alte Königsmacher im Kreise seiner Familie, und neuer
Großwesir wurde vertragsgemäß sein Sohn Jahja, zuvor Erzieher des "zweiten
Prinzen" Harun al-Raschid.

Der einzige, der was gegen dieses Arrangement hatte, war der "erste Prinz" und
Thronfolger Hadi. Er hatte andere Erzieher, die ihm schon beizeiten klarmachten,
dass er als Kalif höchstens eine Puppe in der Hand der Bermekiden sei, eventuell
noch unter der Zusatzfuchtel seiner Mama Chaiseran. Und so stellte sich Hadi das
Kalifat nicht vor. Nach allem, was von ihm an Äußerungen erhalten blieb, schienen
seine Vorstellungen als künftiger Herrscher des Halbmondes in Richtung
Sonnenkönigtum zu zielen. Daher musste es zum Konflikt mit den Bermekiden und
Mama kommen. Und Hadi hatte auch schon einen Punkt gefunden, wo er bei
seinem Papa einzuhaken hoffte: Chaiseran hatte ein Verhältnis mit dem Großwesir.
Darüber wollte der Prinz mit seinem Papa einmal ernsthaft reden.

Hadi hatte Pech. Er kam nicht einmal bis zu seinem Papa. Der Kalif blieb stets auch
für seinen eigenen Sohn unerreichbar. Entweder ließ er sich von seinen 746
Haremsdamen den schon sehr umfänglich gewordenen Bauch kraulen, oder er
spielte mit seinen anderen 150 Söhnen Schach, oder er war gerade auf
Jagdausflug oder bei einer Staatsbesprechung unabkömmlich. Vier Jahre lang
stand der Thronfolger auf irgendwelchen Vorzimmermatten, und im Frühling 785
erfuhr er zufällig, sein Papa sei gerade mit Mama und Jahja dabei, das
Thronfolgeproblem neu zu überdenken. Chaiseran und Jahja nämlich fanden, der
zweite Prinz Harun sei ein Wesentlich bequemerer Charakter als Hadi. Nun war der
offene Konflikt unvermeidlich geworden, und eilends suchte Hadi Bundesgenossen
für seine Sache. Anscheinend fand er einen im Statthalter Nordpersiens. Jedenfalls
brach Kalif Mahdi höchst-persönlich im späten Juli 785 aus Damaskus in Richtung
Norden auf, um den Gouverneur von den Argumenten seiner Favoritin und seines
Großwesirs zu überzeugen. Chaiseran und Jahja selbst blieben in Bagdad. Der
Karawane des Kalifen aber folgten im Abstand von einer halben Tagereise zwei
weitere: eine prunkvolle des Thronfolgers Hadi und, mit einer Meile
Respektabstand, eine geradezu bombastische mit Harun al-Raschid.

Es war eine seltsame Reise. Alle drei Karawanen lagerten stets in Sichtweite, aber
jede igelte sich vor den anderen ein, als Würden sich drei feindliche Heerlager

215 von 295 09.09.2010 19:14


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gemeinsam durch das Land bewegen. Am 4. August beschloss jede Karawane,


einen Erholungstag mit Jagdausflug einzulegen. Das Gelände war unübersichtlich
und mit zahllosen Ruinen einer alten Perserstadt gespickt. Als am Abend, in jedem
Lager natürlich gesondert, zum Halali geblasen wurde, fehlte der Kalif. Erst in der
Nacht fand man Mahdi neben seinem Pferd unter einem alten Torbogen und mit
gebrochenem Genick.

In Eilmärschen rasten nun alle drei Karawanen zurück nach Bagdad. Hadis kam als
erste an, und er verkündete auch die offizielle Todesursache seines Vaters: Das
Pferd des Kalifen sei allzu hoch unter einem allzu niedrigen Torbogen durch
gesprungen, und dabei habe sich Mahdi den Kopf angeschlagen. Das
verhängnisvolle Mauerloch wird heute noch etwas südlich von Kermanschah in
Persien gezeigt - es ist gute fünfzehn Meter hoch. Damit war Hadi Kalif geworden.

Seine Mama und Jahja aber nicht los, und auch Harun erklärte war er deswegen
noch lange sich keinesfalls bereit, die Sache so hinzunehmen. Welche Intrigen nun
in Bagdad gesponnen wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Hadi versuchte,
sich mit seinem Bruder zu einigen und erklärte ihn Zum Thronfolger. Andererseits
soll Hadi ernsthaft versucht haben, Harun ermorden zu lassen. Und nicht nur
Harun, sondern auch Chaiseran und Jahja Bermek. Fast hätte er damit auch Erfolg
gehabt, hätten nicht die vorgesehenen Opfer... Tatsache ist, dass ein Jahr und zwei
Monate lang weder der Kalif noch Harun noch der Großwesir noch Chaiseran in der
Öffentlichkeit gesehen wurden. Jeder hielt sich in einem anderen Flügel des
Palastes verschanzt, und nur höchst gelegentlich erschien ein Hofbeamter
minderen Ranges vor dem schwarz-goldenen Vorhang des Thronsaales und verlas
ein meist sehr nebensächliches Bulletin.

Am 15. September 786 erscholl plötzlich in allen Gassen Bagdads die Fanfare des
Kalifen, Zeichen für alle Würdenträger des Reiches, sich schleunigst im Thronsaal
einzufinden. Eine Stunde später hob sich unter rauschenden Jubelchören der
Vorhang: Auf dem Thron saß Harun al-Raschid.

Ehe sich noch die Versammelten von ihrem, Staunen erholen konnten, trat auch
schon der Großwesir vor und erklärte, Kalif Hadi sei diesen Morgen friedlich in den
Armen seiner Mutter entschlafen.

Dass dem so sei, bezweifelte niemand. Keiner aber glaubte, dass dies friedlich
geschehen sei. Noch im selben Jahr vermerkte ein Historiker unwidersprochen,
Chaiseran habe ihren Sohn vergiftet, und als dies nicht schnell genug gegangen
sei, habe die Mutter noch einige Kissen genommen und Hadi eigenhändig erstickt.
Außerdem erklärte der Wesir, im Harem der verblichenen Kalifen Mahdi und Hadi
sei Ordnung geschaffen worden, um künftige Thronstreitereien zu verhindern. Auch
davon konnten sich die Versammelten durch Augenschein überzeugen: Vor dem
Thron Haruns lagen die Köpfe, seiner 149 Halbbrüder und 6 Neffen.

Ein Hemd für zwei

Harun al-Raschid war bei seiner Thronbesteigung erst zweiundzwanzig Jahre alt.
Ein bequemeres Geschöpf hätten sich seine Mama und ihr Wesir nicht wünschen
können.

216 von 295 09.09.2010 19:14


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Harun war von Jahja zu einem willenlosen Papagei. erzogen worden, und Haruns
erstes Wort als Kalif galt seinem Großwesir: "Ich lege die Verantwortung für meine
Untertanen auf deine Schultern. Regiere sie nach deinem Gutdünken. Ernenne und
entlasse, wen du willst. Hier ist mein Siegelring - ich vertraue ihn dir an."

Damit zog sich Harun von den Regierungsgeschäften zurück und wurde nur höchst
selten im Thron- und Kabinettssaal gesehen.

In Wahrheit war Harun al-Raschids glorreiche Regierung die seines allmächtigen


Großwesirs. Der Kalif selbst kümmerte sich überhaupt nicht um das Riesenreich,
und es war schon viel, wenn er ab und zu einmal aus Neugierde eine ausländische
Gesandtschaft empfing. Jahja Bermek sorgte auch dafür, dass bei dieser
Dauerfreizeit keine allerhöchste Langweile aufkam - er gliederte seinem Kabinett
ein Ministerium für Allerhöchste Vergnügen an, und darin arbeiteten bald an die
sechstausend Staatsbeamte.

Der Großwesir hatte sein Handwerk von seinem Papa gründlich gelernt, und wenn
die Qualifikation von Staatsmännern ausschließlich nach Erfolg beurteilt wird,
gehört der Bermekide durchaus zu den größten dieser amoralischen Zunft. Ein
Riesenreich zusammenzuhalten, ist schon eine Kunst. Eines mit Arabern dazu,
bereits ein Genieakt. Jahja Bermek schaffte es, und dabei war er mit seinen
Methoden gewiss nicht zimperlich.

Die wichtigste Stütze der Macht war ein ausgezeichneter Geheimdienst, von dem
durchaus auch unsere heutigen Supermächte einiges lernen könnten. Geld aus
Bagdad finanzierte die Innenpolitik Europas, ein Wink des Wesirs ließ die
Mächtigen in Konstantinopel und Rom erzittern, und mit unverschämter Offenheit
bestimmte Jahja Bermek für die übrige Welt, was Freiheit und Rechtsstaatlichkeit
sei und wie er sie verstanden haben wolle.

Zumindest der katholische Papst Hadrian war lange Zeit nur eine Marionette an der
goldenen Leine Bagdads.

Allerdings erlitt auch die Supermacht Bagdad ihr Vietnam: Trotz intensivsten
Einsatzes gelang es nicht, das abtrünnige Spanien wieder an die Kandare zu
bekommen, und die ungeheuren Aufwendungen, die dieses zwecklose
Unterfangen verschlang, sorgten dafür, dass das Volk nicht sehr viel von dem
märchenhaften "Goldenen Zeitalter" verspürte. Der Lebensstandard in den Ländern
des Kalifats hätte beträchtlich höher sein können, wären nicht alljährlich Milliarden
für die Rückeroberung der rebellischen Halbinsel verbuttert worden.

Der Grund für diesen Wahnsinn ist eine gespenstische Parallele der Geschichte:
Auch Jahja Bermek hatte seine Domino-Theorie. Würde Spanien seine
Unabhängigkeit ungestraft behaupten können, wären bald auch Afrika und Ägypten
für Bagdad verloren.

Tatsächlich hatte Bagdads Lage einen großen Nachteil: Der Westen des Reichs
war von dieser Verwaltungszentrale aus nur schwer in den Griff zu bekommen.
Bagdad lag zu weit östlich, und die Entfernung der Hauptstadt förderte ebenso wie
das drückende Abgabensystem die Unabhängigkeitsbestrebungen der

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Westprovinzen.

Schließlich war es auch den Abbasiden nicht gelungen, den ganzen Stamm der
Nachkommen Alis auszurotten. Ein Alide namens Idris schlug sich bis Marokko
durch, warb dort unter den Berbern genügend Anhänger und erklärte sich nach
einem kurzen, aber erfolgreichen Guerillakrieg zum unabhängigen Herrscher
Marokkos, lustiger weise am selben Tag, an dem Harun den Thron zu Bagdad
bestieg.

Jahja nahm diese Nachricht Zunächst nicht ernst und schickte nur eine Armee und
eine Brigade seines Geheimdienstes in die rebellische Provinz. Die aber bewirkte,
dass Idris 788 in ganz Nordafrika als "Beherrscher der Rechtgläubigen" anerkannt
wurde. Daraufhin schloss Jahja mit dem Aliden einen feierlichen Friedensvertrag
und schien sich dem Schicksal zu fügen.

An einem Sommerabend des Jahres 792 ließ Idris seinen Leibarzt rufen. Der Fürst
litt an heftigen Zahnschmerzen. Der Medikus gab ihm eine Salbe, und am nächsten
Morgen war Idris tot. Als seine Beamten den Quacksalber suchten, war der
verschwunden. Kurz darauf wurde er nach einer abenteuerlichen Flucht ehrenvoll zu
Bagdad empfangen, ein Meisteragent Jahjas. Damit herrschte im Westen
vorübergehend Ruhe, doch Jahja beschloss, für künftige Aufstände die stehende
Armee des Islam zu vervierfachen. Araber und Perser erschienen ihm als Söldner
für Bürgerkriege natürlich zu unzuverlässig, und so beschloss der Großwesir, für
das blutige Handwerk Gastarbeiter zu engagieren. Im Nordosten des Reiches, dem
heutigen Südrussland, hausten damals die Nomadenstämme der Türken, und die
holte nun Jahja, in das Land. Das Gold des Kalifen lockte im Lauf der nächsten
Jahre eine wahre Völkerwanderung in den Nahen Osten:

Bereits im Jahr 800 standen 280.000 türkische Gastarbeiter in den Diensten


Bagdads.

Kalif Harun al-Raschid bemerkte von alledem nicht viel. Er kam vor lauter
Festlichkeiten gar nicht dazu.

Im Jahr seiner Thronbesteigung ehelichte der Kalif die schönste Tochter seines
Erziehers und Wesirs, Sobeida. Das Bankett dauerte siebzig Tage lang, und am 11.
Tag des Riesengelages wurden unter anderem frischer Helgoländer Hummer und
Austern aus der Bretagne serviert. In eisgekühlten Töpfen hatten die Leckereien
den weiten Weg tatsächlich heil überstanden. Am Abend des letzten Tages nahmen
der Kalif und seine Braut auf einem Teppich Platz, der mit 17.000 Edelsteinen
bestickt war. Dann trat der Großwesir hinter die beiden und ließ aus einer
diamantbesetzten Schale 2.000 Perlen über das Paar rieseln, jede mindestens
zehn Karat schwer. 200.000 Öllampen erhellten die märchenhafte Szenerie.

Der Teppich wurde nach der Zeremonie zerteilt und in kleinen Flicken als
Ehrengabe an befreundete Fürsten und Würdenträger verschenkt. Einen Zipfel
davon erhielt auch Karl der Grosse, und einige Edelsteine daraus leuchten heute in
der tausendjährigen Reichskrone zu Wien.

Die solcherart geschlossene Ehe soll eine überaus glückliche gewesen sein, und
als glückliches Paar wurden Harun und Sobeida die Helden der

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Märchensammlung "Tausendundeine Nacht". In Wahrheit aber dürfte Sobeida eine


sehr launenhafte Dame gewesen sein und Harun ihr folgsamer Pantoffelheld. In
der Hochzeitsnacht besorgte ihr's der Kalif nicht so ganz, wie Sobeida sich die
Sache erwartet hatte. Beim Frühstück schmollte die junge Ehefrau und erklärte, so
lange in Streik zu treten, bis ihr der Kalif einen Wunsch erfüllt habe. Harun
al-Raschid war bestürzt und erklärte sich sofort bereit, alles zu tun, was Sobeida
verlange. Da klatschte Sobeida in die Hände, und aus den Falten eines seidenen
Vorhangs trat die hässlichste Negerin, die je den Sklavenmarkt von Bagdad
verunstaltet hatte. Sie hieß Meradschol, war vierzig, hatte einen Buckel, schielte,
hinkte und war ein so schlimmer Ladenhüter, dass sie schließlich nur fünf Mark
gekostet hatte, weniger als ein Huhn. "Schlaf mit ihr," befahl die Gattin dem Kalifen.
Harun sträubte sich lange, und dann tat er es doch. Aus dieser bösen Laune
Sobeidas wurde Haruns erster Sohn. Da Sobeida kinderlos blieb, wurde der
Mulatte Mamun später sogar Kalif.

Denn Harun hatte für Frauen nicht sehr viel übrig.

Sein Harem wimmelte zwar von Frauen aller Farben und Formen, doch mit
sämtlichen 2045 Damen zeugte der Kalif nur elf Söhne. Mehr als zu Sobeida fühlte
sich Harun zu ihrem Bruder Dschaffar hingezogen, dem jüngsten Sohn Jahjas.

Dschaffar Bermek war zwei Jahre jünger als Harun, und der Kalif liebte ihn
abgöttisch. Vater Jahja aber hatte mit seinem Sohn andere Pläne und ernannte ihn
wie dessen beide Brüder zu einem Provinzgouverneur. Doch da spielte Harun nicht
mit. Kaum war Dschaffar in sein neues Amt abgereist, trat der Kalif in Hungerstreik.
Jahja reagierte zunächst nicht und erwartete, dass sich Harun wie üblich den
Entschlüssen seines Wesirs fügen werde. Diesmal aber unterschätzte er
al-Raschid. Einen vollen Monat lang fastete der unglückliche Liebhaber und war
schon ziemlich entkräftet, als Jahja Dschaffar per Eilpost zurückholen ließ.

Überglücklich schloss der Kalif Dschaffar in seine Arme und beschloss, ihn nie
wieder loszulassen. Der Hofschneider musste ein erstaunliches Kleidungsstück
schneidern: Ein Hemd mit vier Armen und zwei Kragen. Fast ein Jahr lang
wandelten der Kalif und sein Geliebter als siamesische Zwillinge durch Palast und
Gärten. Auch auf dem Thron saßen sie zu zweit. In Bagdad wunderte sich bald
niemand mehr darüber. Nur der Botschafter Konstantinopels berichtete seiner
Kaiserin mit Nasenrümpfen, dass der Kalif während einer Audienz nicht nur auf
dem Thron, sondern auch auf dem Schoss seines Geliebten saß. Wörtlich: "Da ihn
dieser während der gesamten Feierlichkeit von rückwärts liebte, wurde mir nicht die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Beherrschers aller Gläubigen, Gott strafe
sie, zuteil."

Ende mit Schrecken

Solange der Kalif mit Dschaffar trudelte, konnten Jahja und seine beiden übrigen
Söhne nicht nur das Reich ganz nach ihrer Lust und Laune regieren, sondern sich
dabei auch einiges herausnehmen. Fahdl, der älteste Sprössling des Großwesirs
und Statthalter von Chorassan, war Säufer und konnte oft bereits zur Mittagszeit nur
noch lallen. In früheren Zeiten hätte ihn das auf jeden Fall seinen Posten gekostet.
Als nun die Klagen über den entarteten Sohn allzu laut wurden und auch nach
Bagdad drangen, konnte sich Vater Jahja mit einem milden Verweis begnügen:

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"Solange Tag ist, suche Ruhm und Ehren

und dulde des Geliebten Ferne.

Doch sinkt die Sonne erst und kommt die Dämmerung

und breitet über alle Sünden dunkle Schleier,

dann suche den Genuss, der dir gefällt.

Der weisen Männer Tag beginnt am Abend."

Eine Abschrift dieses Briefes gab er Harun, und der nahm sich die Ermahnung
ebenfalls zu Herzen: Von Stund an blieb der Kalif tagsüber unsichtbar. Die Nächte
aber verbrachte er weiterhin mit Dschaffar.

Als Anstands- und Gesellschaftsdame fungierte dabei Haruns Schwester Abbasa.


Sie schien die einzige Frau zu sein, die Harun wirklich etwas bedeutete. Um nun
auch bei diesen Zusammenkünften den vollen Schein der Moral zu wahren, schlug
Harun vor, Dschaffar mit Abbasa zu verheiraten. Allerdings unter der Bedingung,
dass die beiden nicht etwa aus dem Spaß Ernst machten. Harun wollte jeden für
sich allein.

Kurz darauf wurde Hochzeit gefeiert, und die entsprechende Festlichkeit war nur um
hundert Perlen bescheidener als Haruns eigene Vermählung. Bei dieser
Gelegenheit wurde am Kalifenhof eine Zeremonie eingeführt, die wahrscheinlich
aus Indien stammt; die "Gewichtsnahme". Harun al-Raschid wurde mit Gold aus
der Staatskasse aufgewogen und sein Gewicht an " die Armen" verteilt. Von nun an
ließen sich viele islamische Herrscher, meist an ihrem Geburtstag, aufwiegen, und
aus diesem Brauch entstand das schöne islamische Gebet: "O Allah, gib uns einen
fetten Herrn." Harun al-Raschids Großzügigkeit kam den Fiskus allerdings nicht so
teuer zu stehen - der Kalif wog nur 53 Kilo.

Anschließend begab sich Harun wieder einmal auf Pilgerfahrt nach Mekka. Beinahe
jedes zweite Jahr zog er auf die fromme Wanderschaft, der letzte Kalif, der sich eine
längere Abwesenheit von der Hauptstadt leisten konnte. Da in Wahrheit Jahja das
Regiment führte, wurde der Herrscher auch nie vermisst.

Auch Abbasa und Dschaffar vermissten Harun nicht Die beiden Gefangenen im
goldenen Käfig fanden aneinander Gefallen, und während der nächsten Wallfahrten
des Kalifen blieb dies nicht folgenlos. In aller Heimlichkeit gebar Abbasa zwei
Kinder und schickte sie unter falschem Namen zu einer Berufsamme nach Mekka.

Was nun geschah, wird in den Geschichtsbüchern als schauerliche


Eifersuchtstragödie geschildert: Harun bekam Wind von der Sache, und an einem
Sommertag ließ er Abbasa zu sich rufen, die ihm zitternd so ziemlich die ganze
Wahrheit gestand. Dschaffar hielt sich zu dieser Stunde gerade in seinem eigenen
Palast auf, den er erst vor kurzem auf Staatskosten für 200 Millionen Mark hatte
erbauen lassen.

Harun soll einen ziemlichen Schock erlitten und sich fürchterlich betrunken haben.

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Dann befahl er, den Palast seines Lieblings zu umstellen, und rief nach dem
Kommandanten seiner persönlichen Leibwache. Der hieß Masrur, und mit ihm
beriet Harun, was nun zu tun sei.

Masrur war ein kluger General. Zunächst befahl er, auch die anderen Paläste der
Familie Bermek zu umzingeln. Dann verbeugte er sich vor dem schon schwer
betrunkenen Harun: "Jeder Wunsch ist mir Befehl."

"Bring mir seinen Kopf," lallte der Kalif.

Masrur begab sich zu Dschaffar. Auch der war zunächst nur schwer ansprechbar.
"Leg dir Eisstückchen auf dein besoffenes Hirn," sagte der General. "Der Kalif will
deinen Kopf sehen."

"Der Kalif will mich sprechen?" stammelte Dschaffar.

"Nein, nicht dich, nur deinen Kopf." Sehr langsam begriff Dschaffar.

"Hat auch der Kalif ... ?" fragte er und deutete auf die zahlreichen Weinflaschen, die
herumlagen.

Masrur nickte.

"Dann weiß er nicht, was er redet. Frag ihn noch einmal."

Tatsächlich ging Masrur noch einmal zum Kalifen. Doch der war mittlerweile nicht
nüchterner geworden.

"Bring mir seinen Kopf! Ich mache dich dafür zum Großwesir." Masrur setzte sich
wieder in Trab. Dschaffar hatte sich mittlerweile auf Verhandlungen eingestellt.
Zunächst bot er Masrur fünfzig ausgesucht schöne Damen an.

"Bedaure, ich bin Eunuch," meinte Masrur.

Daraufhin schlug Dschaffar vor, alle Schätze der Familie mit Masrur zu teilen und
gemeinsam Harun umzubringen.

"Wenn ich dich umbringe, werde ich Großwesir, und das ist sicherer," meinte
Masrur und schlug Dschaffar den Kopf ab.

Einige Minuten später überreichte Masrur mit einer eleganten Verbeugung die
blutige Reliquie seinem Kalifen.

Harun al-Raschid weinte wie ein kleines Kind : "Was hast du mir angetan,
Dschaffar," schluchzte er und küsste den blutigen Schädel. "Was für eine Schande
für uns! Warum sagst du denn nichts dazu? Warum willst du mich nicht mehr
küssen?" Masrur veranlasste daraufhin alles übrige. Noch in derselben Nacht
wurden sämtliche Angehörige der Familie Bermek samt Angestellten, Dienern und
Sklaven umgebracht. Am nächsten Tag wurden die Leichen an allen Brücken
Bagdads aufgehängt und Dschaffar gleich dreimal, säuberlich zerteilt. Sein Glied
aber ließ Harun in eine goldene Dose einlöten und bewahrte es in seinem
Schlafzimmer auf.

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Natürlich ist diese schauerliche Geschichte nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Zwar
ließ Harun bei seiner Mekka-Wallfahrt im nächsten Jahr auch die beiden Kinder
Abbasas vor seinen eigenen Augen in ein Feuer werfen, doch ist diese private
Tragödie nur ein Glanzlicht der politischen. Die schreckliche Sommernacht des
Jahres 802 lag schon lange in der Luft.

Ob die Familie Bermek tatsächlich versucht hat, die Abbasiden nach fränkischem
Muster vom Thron zu drängen, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Viele
Anzeichen sprechen dafür. Schon lange war der Großwesir wesentlich reicher als
sein Kalif, und Harun hatte Jahja oft genug um Geld anbetteln müssen. In vielen
Provinzen glaubte die Bevölkerung sogar, der wahre Kalif heiße Jahja, und auf
einem Stadttor Bagdads prangte die geradezu vermessene Inschrift:

"Du kannst aus jedem Land der Welt her reisen

Den Weg wird dir der Name Bermek weisen."

Der Großwesir war zu allmächtig geworden, und es war für Harun al-Raschid eine
Frage der Selbsterhaltung, sich dieser bedrohlichen Sippe zu entledigen. Harun hat
die Bermekiden in einem eleganten Staatsstreich gestürzt, meisterlich inszeniert
von Masrur, dem Kommandanten der Leibgarde. Buchstäblich bis zur letzten Minute
bekam nicht einmal der Geheimdienst des Wesirs Wind von dem Komplott, das der
Perfektion nach, mit dem es schließlich ablief, lange und gründlich geplant sein
musste. Doch war auch Harun nur eine Puppe in den Händen Jahjas, und dadurch
entstehen einige Fragen: Wieweit war der Kalif in die Vorbereitungen des Putsches
eingeweiht?

Spielte der Kalif tatsächlich eine entscheidende Rolle oder wurde ihm nur wie
üblich mitgespielt? War das Ganze in Wahrheit nur eine Aktion Masrurs, um selbst
allmächtiger Großwesir zu werden?

Dieses hochgesteckte Ziel erreichte der Eunuch nicht. Harun hatte nicht vor, sich
ein zweites Mal entmündigen zu lassen. Von Stund an regierte der Kalif als sein
eigener Ministerpräsident, und der Kommandant der Leibgarde wurde nur zum
Generalfeldmarschall befördert.

Sämtliche Truppen aber erhielten einen Jahressold extra, ein Beweis dafür, dass
sich der Beherrscher aller Gläubigen auf seine Truppen nicht mehr ohne ständige
Geldzuwendungen verlassen konnte.

Harun reitet wieder

Im Sommer 802 wurde Harun al-Raschid somit wirklich Beherrscher der


Gläubigen, siebzehn Jahre nachdem er den Thron bestiegen hatte. Und die
Bedingungen, unter denen Harun nun zu regieren hatte, waren schlicht
katastrophal.

Mit dem Sturz der Sippe Bermek wurde selbstverständlich auch das gesamte
Kabinett geköpft. Jahja Bermek hatte sämtliche Beamte bis hin zum
stellvertretenden Stellvertreter des zweiten Ministerialsekretärs ausschließlich mit
seinen Leuten besetzt, und die konnten natürlich für Harun keine verlässlichen

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Stützen sein. Nur: Nun fehlten mit einem Schlag alle erfahrenen Beamten des
Reiches, und Nachwuchs war weit und breit nicht in Sicht.

Zunächst zog Harun sämtliche Kompetenzen an sich. Abgesehen davon, dass der
Kalif von Regierungsgeschäften bislang überhaupt nichts verstand, war dies
natürlich ein unmögliches Unterfangen. Bald ächzte der Harem Haruns über seinen
Gebieter. Die Tage der Feste waren vorbei al-Raschid hatte die zahllosen Damen
zu Sekretärinnen umfunktioniert, und Hauptfrau Sobeida fungierte, obwohl selbst
eine Bermek, als Innenminister. So entstand, ausgerechnet im Islam, das erste
Frauenkabinett der Geschichte.

Die Sache ging schlimm aus. Die Damen wussten ja nicht, wie die Welt außerhalb
ihrer vergoldeten Mauern aussah. Ihre einzigen Informationen waren die
Plaudereien Haruns, und der kannte die meisten politischen Zusammenhänge
ebenfalls nur vom entfernten Hörensagen. So verspielte Bagdad innerhalb eines
Jahres so ziemlich seinen ganzen politischen Kredit.

Da schrieb eine Dame namens Fatima einen würdevollen Brief an den Papst: Mit
Entrüstung, habe sie vernommen, dass die Moschee namens Peterskirche nicht
die vorgeschriebene Gebetsrichtung nach Mekka aufweise. Das Gemäuer sei
natürlich sofort einzureißen und gemäss den Bauvorschriften des Islam neu zu
errichten, und was dem Papst denn einfalle ...

Eine andere Dame namens Assasa schien das Oberhaupt der Christenheit besser
zu kennen. Erfolgreich verschacherte sie ihm eine Sammlung von achtzehn
prominenten Heiligenköpfen. Jeder Schädel wurde mit Gold aufgewogen, und erst
nach Jahrhunderten kam heraus, dass die heiligen Häupter in lebendigem Zustand
zu einer Räuberbande gehört hatten, kurz vor Verkauf hingerichtet.

Insgesamt schrieben in jenem Jahr 803 sieben Damen aus Haruns Harem an den
Papst, und keine wusste von der anderen. Auch über die Innenpolitik konnten sich
die Damen nicht einigen. Als es darum ging, den Thronfolger Zu bestimmen, kam
es im Harem zu bösem Streit. Außer Mamun, dem Nebenergebnis der bösen
Laune Sobeidas, hatte Harun noch elf Söhne gezeugt. Der eine hieß Amin und
sollte sogar Sobeidas einziges Kind sein, somit also der ranghöchste Anwärter.
Sein Problem war nur, dass seine Mutter zwar Sobaida hieß, jedoch nicht die
Gebieterin des Harem war, sondern nur eine gleichnamige Nebenfrau vierten
Ranges. Doch schien Amin ein hübscher Junge zu sein: Sobeida adoptierte den
Sohn Sobaidas, und damit wurde Amin ein ernsthafter Gegenkandidat des
Erstgeborenen Mamun. Zur Wahl standen ferner noch die Knaben Mutamin und
Mutasim und sieben weitere, von denen man nicht genau wusste, wer ihr Vater sei,
da sie von Harun und Dschaffar in Gemeinschaftsaktionen gezeugt wurden. Nach
langem Hin und Her kamen die Damen überein, das Reich zwischen allen zu teilen.
In braver Reihenfolge sollten sie sich im Kalifat ablösen, und die zahlreichen Mütter
verewigten diesen seltsamen Beschluss in einer bombastischen Urkunde.

Der Kalif aber sollte das Meisterwerk weiblicher Staatskunst seinen Untertanen
schmackhaft machen. Zu diesem Zweck unternahm er eine Wallfahrt nach Mekka,
hing den Erbvertrag an der Kaaba auf und versammelte davor sämtliche Beamte
der Provinzialverwaltung.

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Die Bermediken hatten die Reichsverwaltung neu und mustergültig organisiert.

Aus den Scheichs, den alten Stammesfürsten, waren Landkreisvorsitzende


geworden, die außerdem noch den bargeldlosen Zahlungsverkehr überwachten.
Moscheevorsteher und somit in kleineren Gemeinden auch Bürgermeister waren
die Imams. Oberste Distriktrichter im Sinn einer Gewaltenteilung zwischen
Exekutive und Justiz hießen Kadis. Sie sprachen nach dem Recht des Koran. Das
Recht des Staates aber vertrat in jedem Dorf ein von der Bevölkerung
selbstgewählter Friedensrichter. Dieses System war neu und revolutionär. Die
demokratische Wahl des Friedensrichters fand zwar in der islamischen Praxis nie
so recht statt, doch das Vorbild wirkte in alle Welt und mehr als ein Jahrtausend
lang: Die Briten lernten es anlässlich der Kreuzzüge kennen und übernahmen es
gleich für ihr eigenes Land, und von dort guckten es sich die jungen Gemeinden
des Wilden Westens ab. So kam der islamische Friedensrichter bis in die USA, und
sogar unter gleichem Amtsnamen Scherif.

Ihnen allen nun präsentierte Harun al-Raschid zu Mekka und im Jahr 803 die Ideen
seines Harems, und die Beamten schüttelten die Köpfe. Das sei nackter Wahnsinn,
meinten sie einstimmig, und keiner von ihnen werde die Urkunden anerkennen, es
sei denn... So wurde Harun al-Raschid regelrecht erpresst. Schließlich musste er
seine eigenen Beamten mit 53 Millionen Mark zum Gehorsam bestechen, und
damit war der Nimbus seiner Allmacht endgültig verspielt.

Der nächste Ärger für Harun kam aus Konstantinopel. Dort war im Sommer 802
Kaiserin Irene vom Thron gejagt worden, und vorübergehend nahm darauf ein Herr
Platz, der von sich behauptete, selbst arabischer Abstammung zu sein. Sein
Urgroßvater soll als syrischer Provinzfürst zu den Widerstandskämpfern gegen den
Islam gehört haben, und daher meinte Kaiser Nikephoros, er wisse schon, wie
man mit Muslims umgehen könne.

Zunächst verweigerte er die Zahlung der jährlichen Tribute, zu denen sich Irene
verpflichtet hatte. Als aus Bagdad ein Mahnschreiben eintraf, schrieb er
eigenhändig und auf arabisch einen Brief an Harun:

"Von Nikephoros, dem Kaiser der Römer, an Harun, angeblichen König der Araber.
Meine Vorgängerin hielt Dich auf dem Schachfeld der Politik für einen Turm und
sich selbst für einen Bauern. Deshalb hat Sie an Dich ihr Geld vergeudet. Aber Du
weißt ja aus eigener Erfahrung, dass Weiber nicht regieren können.

Zahle also alles zurück, was Du je von uns bekommen hast, sonst gibt es Krieg."

Als Harun al-Raschid diesen Brief bekam, lief er vor Wut rot an. Laut Chronik soll er
nach fünf Minuten erbleicht sein und nach weiteren zwei Minuten wild zu brüllen
begonnen haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon die meisten Hofbeamten
unauffällig aus dem Staub gemacht. Eine volle Stunde dauerte der allerhöchste
Wutanfall, und dann verlangte Harun nach Tinte und Feder. Eigenhändig schrieb er
auf die Rückseite dieser Unverschämtheit seinen berühmtesten Brief:

"Im Namen Allahs, des Allmilden, des Allerbarmenden! Von Harun, dem
Beherrscher der Gläubigen, an Nikephoros, den römischen Hund. Ich habe Deinen

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Brief gelesen, Du Sohn einer Hure. Meine Antwort aber wirst Du nicht hören,
sondern sehen."

Am selben Tag noch ordnete Harun für sämtliche Truppen Generalmobilmachung


an. An der Spitze der Armee stellte sich der sonst nur süßes Leben gewohnte Kalif,
fiel in Kleinasien ein und verheerte das Land bis knapp vor Konstantinopel.
Winselnd musste Nikephoros um Frieden bitten und alle ausstehenden Tribute
samt Zinsen zahlen.

Seine Ruhe aber fand Harun al-Raschid nicht mehr. Nikephoros gab noch lange
nicht auf, und so kam es mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr zum Krieg. Und zu
allem Überfluss brachen noch in fast allen Provinzen des Reichs Aufstände aus.
Mal putschten die Schiiten, mal versuchte sich ein Statthalter unabhängig zu
machen, und ab und zu gründete ein Imam eine neue Sekte. Im Jahr 806 reiste
Harun noch einmal nach Mekka, aber nur, um auch dort einen Aufstand
niederzuschlagen. Der Dichter Kelabi schreibt über die letzten Jahre des Kalifen:

"Wo steckt der Kalif nur? Er sammelt Lorbeerkränze

quer durch die Wüste oder an der Grenze.

Man findet ihn im Feindeslande auf dem Ross

und wenn zu Hause, dann auch nur beim Tross."

Die Wahrheit war noch viel prosaischer. Der Kalif zog wie ein Gehetzter durch sein
Land und versuchte verzweifelt, sein zerfallendes Reich zusammenzuhalten.
Bagdad, den Schauplatz seiner strahlenden Feste, hat er seit 803 nicht mehr
betreten.

Dort regierte und intrigierte zwar sein Harem, doch der Kalif wurde vor allem von der
Wirtschaft schwer vermisst. Die Grossaufträge des Hofes blieben aus, und so kam
es in der elegantesten Stadt der Welt erstmals zu einer ernsten
Beschäftigungskrise. Beinahe monatlich schrieb der Börsen-Scheich einen
dringenden Brief an seinen Gebieter: "Komm zurück, o Sonne unserer Tage. Wir
vermissen Dich schmerzlich, und unser Leben ist ohne Deine großzügige Nähe
sinnlos." Harun antwortete jedes mal herzlich und bedauernd. Er konnte nicht. Fast
ständig lebte er im Heerlager, misstrauisch bewacht von Masrur, der den Kalifen
fast schon wie seinen Befehlsempfänger behandelte. Hätte sich Harun von der
Armee entfernt, hätte sie geputscht. Wäre er mit ihr nach Bagdad gezogen,
wahrscheinlich erst recht. Und dann wäre ihr auch die gesamte Zivilverwaltung in
die Hände gefallen. "Ich bin ein Gefangener meiner eigenen Armee," schrieb Harun
mit verzweifelter Offenheit an Sobeida. "Und ich bleibe es gerne, solange ich
dadurch nur euch in Freiheit weiß."

Der einzige Ort, wo sich der Kalif noch längere Zeit aufhielt, war Rutba, schon
damals ein trostloses Wüstennest zwischen Syrien und dem Irak. Zwei Monate pro
Jahr fand Harun dort etwas Ruhe. Ein Gesandter des Papstes beschreibt den
dreiundvierzigjährigen Märchenkalifen: "Als wir zu ihm vorgelassen wurden, sahen
wir ihm die Strapazen des langen Marsches noch deutlich an. Er war wundgeritten
und konnte kaum gehen. Obwohl er doch durchaus auf der Höhe seiner Jahre ist,

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sieht er aus wie ein gebrechlicher Greis. Seine Haut ist gelb und faltig, und er klagt
über ständige Leibschmerzen. Um sie zu lindern, trägt er eine Seidenbandage, und
er lässt Eure Heiligkeit bitten, Euren Segen auszusprechen."

Die Zeiten des Glanzes waren vorbei. Die Soldforderungen seiner Soldaten aber
wurden immer unverschämter, und dadurch kam das gesamte Finanzsystem des
Islam in Unordnung. Im Jahr 808 konnte das Reich Harun al-Raschids eine
Inflationsrate von 23 Prozent verbuchen. Und zu allem Überfluss hatte auch noch
der Statthalter der Provinz Chorassan "das Kleid des Gehorsams ausgezogen."

An der Spitze der Armee brach Harun nach dem Nordosten auf. In der Nacht vor
dem Abmarsch quälte ihn ein Traum: Eine Hand mit zwei Warzen reichte ihm etwas
rote Erde, und dazu sagte eine Stimme, in dieser werde der Kalif begraben.

Vergeblich bemühten sich sein Arzt und sein Hofnarr, den Herrscher zu beruhigen.
Während der Reise diktierte Harun sein Testament.

"Ich habe eine Wasserleitung nach der Stadt Mekka gebaut.

Doch die Liebe meiner Völker ist vertrocknet. Ich habe mich dem Willen meiner
Frauen und Söhne gefügt, doch sie interessieren sich nur noch für mich, um meine
Atemzüge zu zählen. Ich wollte den höchsten Glanz des Islam, und nun kann ich nur
seinen Bankrott vererben."

Tatsächlich zog ein bereits Todkranker durch sein Reich. Höchstwahrscheinlich litt
Harun al-Raschid an Leberzirrhose. Seine Hofdichter feierten ihn natürlich als
Musterbeispiel orthodoxer Tugend, doch der Kalif war sein Leben lang Alkoholiker,
und während der letzten schlimmen Jahre war sein einziger Freund ein mörderisch
hochprozentiger Dattelschnaps.

Als Harun al-Raschid die Stadt Tus in Chorassan erreicht hatte, wurde ihm ein
Bruder des rebellischen Statthalters vorgeführt. Der Kalif befahl seinem Hofmetzger,
den Gefangenen vor ihm zu zerhacken. Lange starrte der Kalif auf das im Sande
versickernde Blut. Dann sprang er auf und brüllte nach Masrur.

"Nimm etwas von der Erde in deine Hand," befahl Harun dem General. Da sah
Harun an Masrurs Hand die Warzen seines Traumes.

Von nun an verweigerte der Kalif die Nahrung. Nach zwei Tagen verfiel er
zusehends und konnte kaum mehr sprechen. Vielleicht wird mein Grab einmal
glänzen, waren seine letzten Worte. Am 23. März 809 verschied der mächtigste
Herrscher seiner Zeit, 45 Jahre alt und im 23. seiner Regierung.

Er wurde der berühmteste aller Kalifen, doch daran hatte er wenig Verdienst. Die
Märchensammlung 1001 Nacht, deren Held er ist, entstand drei Jahrhunderte
später, und da war seine seltsame Regierung schon wieder gute, alte Zeit. Dass
sie vergangen war, hat Harun al-Raschid selbst verschuldet - seine Regierung war
das Ende der Allmacht des Kalifen. Die goldene Zeit war, wenn schon, das Regime
der Sippe Bermek. Sie spannen das weltweite Diplomatennetz, das Harun
schließlich auflöste, und sie schufen die erstklassige Verwaltung, die unter Harun
korrumpierte.

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Bemerkenswert bleibt allenfalls, dass der Kalif für das Schachspiel die Rochade
erfand.

Dass er einen Kanal zwischen Mittel und Rotem Meer an genau der Stelle plante,wo
heute der Suez-Kanal ist und zuvor schon ein ägyptischer war, und ihn dann doch
nicht baute, weil sonst die Flotte Konstantinopels vielleicht Mekka hätte bedrohen
können. Und ein kleines Gedicht aus der Feder Haruns, das zu den schönsten
Liebesgedichten der Erde zählt:

"Früher Tau wirbt um halboffene Kelche.

Der Wind des Südens, geliebtes Kind,

umarmt sie in trunkenen Stunden.

Deine Augen, geliebtes Kind,

sind kühle Seen in den Bergen meiner Seele.

Meine Lippen haben alles gekostet

und sehnen sich nach deinem Mund, geliebtes Kind,

den Mund, um den mich Bienen beneiden."

Sein letzter Wunsch nach einem glänzenden Grab ging in Erfüllung, wenn auch
anders, als sich Harun al-Raschid dachte. Im heutigen Mesched zu Nordpersien
wurde er begraben. Genau dort wünschte sich auch ein Imam der Schiiten sein
Grab, um dem Abbasidenhund die letzte Ruhe zu vergällen. Mesched wurde ein
berühmter Wallfahrtsort der Schiiten. Wenn die Muslims ihre Andacht vor dem Grab
des Heiligen und Propheten Nachkommen verrichtet haben, stellen sie sich vor
dem Grabmal Harun al-Raschids an. Zum Ritual der Wallfahrt gehört nämlich auch,
den schlichten Grabstein des Märchenkalifen zu bespucken.

Kapitel 12.
Die Gastarbeiter Übernehmen die Firma

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Der freundliche Imperialismus

Als Autor des "Dschungelbuchs" wurde Rudyard Kipling unsterblich. Dabei ist
dieser Dauerbestseller nur ein Nebenprodukt seiner Literaturwerkstatt. In
sämtlichen anderen Schriften vertritt der knorrige Brite ernsthaft die Ansicht, es sei
"die Bürde des weißen Mannes", den übrigen Völkern der Erde Kultur beizubringen,
mit Gewalt und gegen gesalzenes Lehrgeld. Damit wurde der pensionierte
Kolonialoffizier zum Hofideologen des Imperialismus. Konservative und neo-linke
Historiker sehen im Imperialismus gemeinhin ein Kind der Briten und des
neunzehnten Jahrhunderts. Da aber kennen sie die Muslims des neunten
Jahrhunderts schlecht. Abgesehen davon, dass Bagdad zu jenem Zeitpunkt ebenso
groß war wie London zur Glanzzeit des Empire, hatten auch die Kalifen ihre
Ideologen. Einer namens Hunein Ben Ischag schrieb so um 830: "Allah hat auf
unsere Schultern die Last gelegt, die Erde mit Kultur und Zivilisation zu erhellen.
Daher ist es unsere Pflicht, alle Dinge der Erde zu nehmen und durch die
Berührung unserer Hände zu heiligen."

Wie die Chinesen darüber dachten, wissen wir nicht. Auch nicht, unter welchen
Bedingungen sie ihre Städte Kanton und Schanghai als Kolonien an die Araber
verpachteten. Auf jeden Fall saßen im neunten Jahrhundert bereits die Araber an
sämtlichen Plätzen Asiens, wo sich ein Jahrtausend später Briten und andere
Kolonialisten tummeln sollten, und meistens auch schon in denselben
Erwerbszweigen. Von den Chinesen kauften sie Porzellan und jene berühmten
Gewebe, die der Prophet als Luxus verboten hatte und auf deren Vertrieb sich die
Firma "Sejd und Söhne" so nachhaltig spezialisierte, dass heute noch Seide nach
Sejd benannt wird. Als Gegenleistung lieferten die Muslims einen weit
gefährlicheren Traumstoff, Opium. Die persischen Mohnfelder, heute
Privateigentum des Schahs, gehörten damals den Kalifen, und die arabische

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Opium-Vertriebsstelle zu Schanghai hielt sich bis vor hundert Jahren. Da wurde die
Firma von den Briten übernommen und spielte als "Jardine, Matheson & Co" ihre
unheilvolle Rolle weiter, bis 1949 zum 1111 jährigen Firmenjubiläum Mao den
Laden endgültig schloss.

Auch in Bombay besaßen die Muslims eine blühende Kolonie.

So wie sie war, wurde sie neunhundert Jahre später von den Engländern
übernommen.

In Java, Sumatra und Ceylon gab es selbstverständlich ebenfalls Niederlassungen,


die jederzeit Schecks aus Bagdad akzeptierten, und falls als Zahlungsmittel Gold
gefragt wurde, kam es aus islamischen Bergwerken an der Goldküste Ghana.

Der barbarische Norden war für das hochentwickelte Banksystem der Kalifen
natürlich zu unterentwickelt. Hermelin, Birkenrinde, Fischleim, Rohleder, Pfeile und
blonde Sklaven wurden an die arabischen Außenhandelsstationen nur gegen
Barzahlung verschachert, und so finden sich zahllose Münzen des Kalifen noch
heute in schwedischer, finnischer und selbst isländischer Erde.

Bagdad erschien wahrlich als der Mittelpunkt der Welt, und wer in Mitteleuropa was
darstellen wollte, kleidete sich auch nach der Mode Bagdads. Am erfolgreichsten
setzte sich die Dschubba durch, ein kurzes und bei kaltem Wetter
potenzmörderisches Kleidungsstück, aus dem unsere Joppe wurde.

Doch der Glanz Bagdads warf zu kurze Schatten, als dass er der anderen Welt auf
die Dauer hätte erträglich sein können. Staunend betrachteten die Bauern den
Goldregen, der auf die Hauptstadt und die großen Städte niederging, und von dem
weder Kalif noch Kaufleute einen Tropfen abgeben wollten.

Schon zu Haruns Zeiten formierten sich die ersten sozialistischen Gruppierungen


des Islam. Lautstark forderten sie eine Demokratisierung des Systems und eine
gleichmäßige Verteilung des Volksvermögens. An eine Internationale allerdings
dachten sie nicht, eher an eine Art Revolution in der Chefetage, und da diese
selbstverständlich die Länder des Islam waren, fanden sie in den Provinzen auch
begeisterten Zulauf.

Harun al-Raschid aber dachte gar nicht daran, über derlei Unsinn auch nur zu
diskutieren. Militär sollte diese Drecksarbeit erledigen, aber dafür waren die
arabischen Krieger nicht nur zu schade, sondern auch zu unzuverlässig. So kamen
die Gastarbeiter in das islamische Reich.

Die meisten waren Nomaden türkischer Abstammung aus der weiten


südrussischen Steppe. Vor Jahrhunderten hatten sie Chinas Westgrenzen unsicher
gemacht und waren von den Chinesen Hiun-nu genannt worden. Unter diesem
Namen hatten sie sich auch einmal bis Westeuropa durchgeplündert, und Harun
engagierte sie nach seinen eigenen Worten aufgrund ihrer Charaktereigenschaften:
"Sie haben keine Kultur, denken nicht viel und tun, sofern man sie bezahlt, stets
blind, was man von ihnen verlangt."

Damit sind sie ideale Garanten für Sicherheit und Ordnung, denn deren Feinde sind
stets Leute, die sich Gedanken machen und mehr im Kopf haben als nur Geld. Als

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Harun al-Raschid starb, dienten in der Armee bereits 20.000 türkische Gastarbeiter.
Viele von ihnen hatten aus der Steppe ihre Familien nachkommen lassen, und die
übernahmen bald alle Arbeiten, für die sich Araber und Perser zu schade waren.
Bereits 909 wurden in Bagdad Straßenreinigung und Müllabfuhr von
Fremdarbeitern besorgt.

Der schöne Amin

Kalif aber wurde Amin, der Lieblingssohn Harun al-Raschids. Er sah blendend aus
wie sein Papa, war ebenfalls bei der Thronbesteigung 22 Jahre alt und teilte auch
Papas Vorliebe für Knaben, die aber noch viel einseitiger.

Sobeida, die im Kabinett noch immer und im Harem erst recht das Regiment führte,
musste ihren Liebling geradezu überlisten, pflichtgemäß einen Nachkommen zu
zeugen: Die schönsten Sklavinnen wurden in Männerkleidung gesteckt und
kredenzten so dem jungen Kalifen seinen heißgeliebten Rosenlikör. Eines Abends
und nachdem Amin sehr viel getrunken hatte, verfing die List, und daraus wurde der
Knabe Musa.

Amin hatte damit seinen kaliflichen Pflichten nach eigenem Ermessen Genüge
getan und widmete sich hinfort nur noch einem griechischen Eunuchen namens
Kewser. Die als Männer verkleideten Damen aber wurden beibehalten und
gehörten noch bis in unser Jahrhundert in jeden fürstlichen Harem des Orient. Als
Ghulamijet, zu deutsch "Knäbinnen", bildeten sie zusammen mit den Eunuchen das
exotische Inventar sexueller Orientierungslosigkeit.

Mit dem so entstandenen Baby hatte Sobeida große Dinge vor.

Musa war noch keine sechs Monate alt, als Sobeida ihn schon zum Thronfolger
erklären und seinen Namen im offiziellen Freitagsgebet verlesen ließ.

Damit musste es zu Streit mit den anderen Brüdern Amins kommen, auf die Vater
Harun das Reich verteilt hatte und die der Reihe nach Amin im Kalifat nachfolgen
sollten. Bereits 810 stellte Mamun, der den Nordosten und Chorasan geerbt hatte,
seine Zahlungen nach Bagdad ein.

Ein Jahr später wollte Sobeida mit einer Armee von 40.000 Türken* das
ausständige Steuerfünftel eintreiben lassen, doch Mamun war besser gerüstet und
schlug das Heer Amins vernichtend. Noch im Juni wurde

Mamun im Norden zum Kalif ausgerufen, und das war auch für die anderen
Provinzen ein Signal zum Aufstand.

Amin kümmerte sich darum wenig. Während sein Reich verloren ging, unternahm
er mit Kewser eine dreimonatige Angeltour den Tigris entlang. "Das nennt ihr eine
schlechte Nachricht?" fragte er die Boten, die ihm gerade zitternd den Verlust seiner
Armee gemeldet hatten. "Seht mich erst an - Kewser hat schon zwei Fische
gefangen und ich noch keinen einzigen!!!"

Das sprach sich herum, und die türkischen Söldner fanden, mit einem solchen
Kalifen könne man getrost neue Politik betreiben. Mit schöner Regelmäßigkeit trat
nun Amins Armee jeden Monat in Streik. Erst wenn der Kalif Solderhöhungen von

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mindestens 15 Prozent bewilligt hatte, wurde wieder zwei Wochen lang so getan,
als würde gekämpft. Im Juli 812 erhielt bereits ein einfacher Reiter soviel Gehalt,
wie unter Harun al-Raschid ein Staatssekretär; die einst so gut gefüllten
Staatskassen leerten sich immer schneller.

Mamuns Armee hatte einen pfiffigen General. Sein Spitzname war "der mit den zwei
rechten Händen", aber seine Geschicktheit bestand letztlich darin, keine zu rühren.
Sobald sich Amin einer neuen Erpressung seiner Armee gefügt hatte, der Krieg
also wieder hätte beginnen können, zog sich General Tahir zurück. Herrschte dann
im Lager Amins wieder einmal Streik, besetzte Tahir völlig widerstandslos die
nächste Provinz.

Am 1. September 812 erreichte Mamuns Armee auf diese Weise Bagdad, und nun
wurde es für Amin blutiger Ernst. Er ließ Bagdad zur Festung erklären, und als
seine Schatzkammern geleert waren, erlaubte er seinen Truppen auch, die Stadt zu
plündern. Auf diese Weise hielten ihm seine türkischen Söldner noch ein ganzes
Jahr die Treue. Bagdad aber wurde schlimm verwüstet.

* Korrekter weise spricht man von "Türken" erst seit 1326, vom Zeitpunkt der
osmanischen Reichsgründung an. Bis dahin hießen die in den Vorderen Orient
Eingewanderten "Türk - Stämme". Der Einfachheit halber und das Stirnrunzeln aller
Historiker in Kauf nehmend, habe ich mich für die Bezeichnung "Türken"
entschieden, möchte aber darauf verweisen, dass jene Türken nur sehr mittelbare
Vorfahren unserer heutigen Türken sind.

Mamuns Armee nahm zuerst die Vororte unter Dauerbeschuss. Die prunkvollen
Paläste Haruns und der Bermekiden sanken in Schutt und Asche; zahllose
Fabriken und Manufakturen gingen in Flammen auf. Im März hatten sich die
Belagerer bereits bis zur Innenstadt durchgekämpft. Nun bissen sie sich an
Mansurs Ringmauern die Zähne aus.

Amin zog sich mit seinen Türken in Mansurs runden Palast zurück. Das gewaltige
Gemäuer hatte Haruns Komfortansprüchen schon lange nicht mehr genügt, und so
,war jahrzehntelang nur noch die Thronhalle benützt worden. Die anderen Räume
waren ausgeräumt und so ungemütlich, dass die türkischen Söldner wieder einmal
zu streiken beschlossen, diesmal für Rosshaarmatratzen. Die konnte ihnen Amin
natürlich bei bestem Willen nicht beschaffen, und so musste er den Soldaten freien
Eintritt in einen gut versteckten Keller gewähren. Dort lagen aus Mansurs Zeit noch
etwa 300 Kilogramm Gold, die eiserne Reserve des Kalifen. Als sich die Türken
bedient hatten, verbeugte sich ihr Kommandant vor dem Kalifen: "Da Eure
Herrlichkeit nun ja leider nicht mehr in der Lage sind, uns weiter angemessen zu
bezahlen, werden Eure Herrlichkeit ja nichts dagegen haben, wenn wir uns
untertänigst aus dem Staube machen."

Eine Stunde später waren Amin, Sobeida, das Baby, der geliebte Eunuch Kewser
und einige Harems Sklavinnen allein in der Festung. Die Belagerer konnten bereits
raue Scherze zu dem verzweifelten Haufen über den Tigris-Kanal brüllen.

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Eine Flasche Wein und eine Sängerin waren dem Kalifen geblieben, und in einem
Anfall von Galgenhumor wollte Amin noch ein allerletztes Fest veranstalten. Der
Wein war gut, doch das Programm der Dame missfiel dem Beherrscher der
Gläubigen sie war von Harun als Spezialistin für Trauergesänge gekauft worden
und konnte beim besten Willen nur klagen, klagen, klagen. Wütend warf Amin die
halbvolle Flasche nach ihr, und die Belagerer lachten dröhnend.

In derselben Nacht versuchte der Kalif, mit einem Boot zu fliehen. Natürlich wurde er
aus dem Wasser gefischt. Als der Beherrscher der Gläubigen in ein halbzerstörtes
Haus der Vorstadt Karch gebracht wurde, klammerte er sich verzweifelt an ein
Seidenkissen, das ihm noch verblieben war. Kurze Zeit später bekam er
Gesellschaft: Kewser war im Tigris herum geschwommen, seinen Herrn zu
suchen.

Amin entwarf ein Gnadengesuch an seinen Bruder. Kewser sollte es im


Morgengrauen zu General Tahir bringen. Doch als er aufbrechen wollte, klammerte
sich Amin an ihm fest: "Bleib bei mir, ich habe solche Angst."

Minuten später erklang Hufgetrappel auf der Strasse. Dann wurde die Tür
aufgerissen, und mit blanken Schwertern stürzte eine Gruppe Perser in den Raum.
Mit seinem Seidenkissen versuchte der Kalif, die tödlichen Hiebe abzuwehren.

Am Morgen des 25. September 813 wurde der kopflose Leichnam des
Beherrschers der Gläubigen durch das schwer zerstörte Bagdad geschleift. Über
das Schicksal Kewsers, Sobeidas und des Babys berichtet keine Chronik.

Die Hochzeit des Jahrtausends

Damit war Mamun Kalif und Herr des Reichs, doch die Staatskasse war leer, viele
Provinzen wurden durch Aufstände derart verunsichert, dass Karawanen nur unter
starker militärischer Bedeckung passieren konnten, und Bagdad selbst war so
verwüstet, dass die letzten zehn Jahre ein Jahrhundert zurückzuliegen schienen.

Amins Türken boten ihre Dienste natürlich auch bereitwillig dem neuen Kalifen an,
selbstverständlich unter der Beibehaltung der letzten Soldhöhe, aber Mamun dachte
gar nicht daran, sich auf derlei einzulassen. So machte sich Amins Armee
selbständig und durchzog plündernd und marodierend das ganze Zweistromland,
ziemlich ungehindert, denn auch Mamun konnte gegen die räuberischen Türken
wiederum nur Türken ins Feld schicken.

Die nächsten sechs Jahre blieb der Kalif daher sicherheitshalber in Chorassan.
Unter der Bevölkerung dort war er sehr beliebt, hatte er doch den lokalen
Würdenträgern erfolgreich erzählen können, seine Mutter sei eine chorassanische
Prinzessin gewesen. Die von seiner wirklichen Mama ererbte dunkle Farbe
übertünchte er durch reichliche weiße Schminke, und sein Leben lang gerbte der
Kalif seine Haut mit allen möglichen Weißmachern.

Von dieser kleinen Schwäche abgesehen, war Mamun durchaus ein fähiger
Staatsmann und von einer für Abbasiden geradezu verblüffenden Konzilianz. Für die
vom Bürgerkrieg am schlimmsten betroffenen Gebiete erließ er eine zehnjährige
Steuersenkung

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und erfand sogar eine staatliche Investitionsprämie, mit der natürlich auch schon
die damaligen Unternehmer arg Schindluder trieben. Am bemerkenswertesten
erschienen seine wiederholten Versöhnungsversuche mit dem Haus Ali und somit
den Schiiten. Damit aber setzte sich der Kalif nur zwischen sämtliche Stühle. Die
Schiiten, jahrzehnte-lang unter den Abbasiden praktisch Frei wild, misstrauten
diesem friedfertigen Spross aus der Sippe ihrer Schlachter, und die übrigen
Abbasiden wollten Mamun sogar stürzen, als er 819 doch nach Bagdad einzog und
dabei den grünen Mantel der Schia trug und nicht den schwarzen des Hauses
Abbas.

Nur seine türkische Leibgarde sicherte ihm den Thron, und die ganzen
zweiundzwanzig Jahre seiner Regierung blieb die Frage offen, ob er die Türken
beherrschte oder sie ihn. In den meisten Geschichtswerken wird Mamuns
Herrschaft als letzte Glanzzeit der Abbasiden bezeichnet, doch wenn dem so war,
handelte es sich höchstens um das Nachleuchten einer schon untergegangenen
Sonne. Der Westen des Reichs hatte sich unabänderlich selbständig gemacht -
bereits Harun al-Raschid hatte nicht verhindern können, dass im Jahr 800 Ibrahim
Ben Aghlab aus der Statthalterschaft Afrika sein eigenes privates Königreich
machte. 827 eroberten die Afrikaner auch Sizilien und führten von dort aus einen
"Heiligen Seekrieg" gegen Konstantinopel, aber auch gegen ihre eigenen
Glaubensgenossen im Nahen Osten. Mamun musste sich fügen, als der
siegreiche General seines Bürgerkrieges, Tahir, aus Chorassan ein eigenes
Sultanat machte, und bald kam "das fränkische Verhängnis", wie es Mamun nannte,
auch über sein Reich: Seine Generale gaben sich nicht mehr mit Gold zufrieden,
sondern wollten Land. Damit aber musste aus dem "Schatten Gottes auf Erden",
wie der Kalif unter anderem hieß, tatsächlich ein Schatten werden.

Seine Ministerpräsidenten spielten dabei zweifellos eine verhängnisvolle Rolle. Der


erste Großwesir war Schiit, und der Kalif der Sunna hoffte damit, einen genialen
politischen Kompromiss geschlossen zu haben. Doch so einfach ging die Sache
nicht ab unterstützt vom Großwesir brachen an allen Orten schiitische Aufstände
aus, und wer schwarze Kleidung trug, wurde erschlagen. Daraufhin machten die
Truppen des Kalifen Jagd auf jeden, der grüne Kleidung trug. Mamun und sein
Wesir verstanden sich privat ganz gut, doch so verschiedene politische Ansichten
waren nicht vereinbar.

So wurde der Wesir eines Tages im Bad erschlagen. Obwohl Mamun die Mörder
sofort hinrichten ließ, wurde ihm die Schuld an dem Attentat gegeben schließlich
hatten die Delinquenten noch auf dem Schafott behauptet, der Kalif persönlich hätte
die Tat angeordnet.

Mamuns nächster Wesir Hasan war bereits ein General. Zu nächst ließ er
sämtliche Aufstände niederschlagen, doch als die Ordnung hergestellt war, wurde
Mamun zur Kasse gebeten.

Zum Anlass nahm Hasan die Hochzeit seiner Tochter mit dem Kalifen. Es wurde
die Hochzeit des Jahrtausends.

Tausend Perlen wurden über der Braut ausgeschüttet, jede mindestens


haselnussgroß. Und vor dem Kalifen brannte eine vierhundert Kilogramm schwere

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Kerze aus reiner Ambra. Dieser exklusive Duftstoff aus dem Gehirn des Pottwals
kostet heute pro Gramm gute 200 Mark und war damals auch nicht billiger. Das ist
ja Verschwendung, ächzte der Kalif, doch war diese Kerze noch Billig wahre,
verglichen mit dem Glückstopf, um den sich nun Generäle und Offiziere der Armee
beinahe prügelten. Der war aus reinem Gold, etwa einen Meter hoch und zwei Meter
im Durchmesser. Darin lagen an die tausend Moschuskugeln, in feinstes Papier
gewickelt. Schon zur Zeit des Kalifen war Moschus wesentlich kostbarer als Gold,
doch das Einpackpapier war noch wertvoller: Auf jedem Blatt stand der Name einer
Landschaft, vererbbarer Besitz für den glücklichen Gewinner. Die Hochzeit des
Kalifen war der Ausverkauf des Reiches.

Über Nacht waren aus dem Weltreich 975 kleine Fürstentümer geworden. Vierzehn
Großstädte und Bagdad waren nicht in der Lotterie - sie unterstanden weiterhin
direkt dem Kalifen. Und von den anderen Ländereien hatte sich Mamun
ausbedungen, ein Fünftel der Steuereinnahmen weiterhin abgeliefert zu
bekommen. Vielleicht hielt Mamun den Glückstopf auch für eine glückliche Idee - zu
den Teilnahmebedingungen gehörte, dass jeder Fürst selbst die Kosten für die
Verteidigung tragen müsse und sich mit Truppenkontingenten an allgemeinen
Feldzügen zu beteiligen habe. Doch damit war das Reich endgültig zerfallen. 782
der neuen Emire waren Türken, nur fünfundzwanzig davon Araber und einer von
denen ein Kameltreiber, der zufällig und angeblich irrtümlich zugelangt hatte.

Mamun konnte sich von nun an ziemlich unbehelligt seinen Hobbys widmen, vor
allem der Wissenschaft und der Astrologie.

Hier geruhte der Kalif, wahrlich Bedeutendes leisten zu lassen.

Die heute noch gültigen Mathematikformeln wurden an seinem Hof errechnet, und
das Wort Algebra ist bekanntlich arabisch.

Mamuns Festungsarchitekten erfanden die Zinnen und Pechnasen, die natürlich


begeistert von den Baumeistern abendländischer Burgen übernommen wurden.
Das bedeutendste Bauwerk aber war ein schlichter Ziegelkomplex von riesigen
Ausmaßen, errichtet zu Bagdad am Tigrisufer gegenüber dem alten Palast
Mansurs. Es hieß "Haus des Wissens" und war die erste Universität der Welt.

Die Erfindung der Universität lag gewissermaßen in der Luft. Schon die
griechischen Gelehrten der Antike gaben ihr Wissen in Öffentlichen Hallen jedem
zum besten, der ihnen zuhören wollte, und die Römer verpflanzten diese
"Akademie" in ihre Öffentlichen Badeanstalten. Mohammed hatte ausdrücklich
bestimmt, dass die Moscheen jederzeit Gelehrten als Vortragshallen zur Verfügung
stehen sollten, und dabei entwickelten sich die Gotteshäuser allmählich auch zu
den ersten Öffentlichen Bücherhallen. Doch in dieses mehr oder minder zufällige
System der Wissensvermittlung Organisation zu bringen, blieb Mamun vorbehalten.
829, sieben Jahre nach der Gründung, verfügte die Universität Bagdad bereits über
zweihundert festangestellte Professoren, rund zehntausend Studenten und eine
Bibliothek von einer halben Million Bänden. Für künftige Staatsangestellte waren als
Fakultäten Jura, Wirtschaftswissenschaften und sogar schon Soziologie
geschaffen; Ärzte wurden in 12 Universitätskliniken nach den Fachrichtungen Innere
Medizin, Chirurgie, Zahnmedizin und Pharmazie ausgebildet; Mathematik,
Philosophie, Chemie galten seltsamerweise als Tochterfakultät der Theologie, und

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im "Turm der Ehre" residierten die ersten wissenschaftlich ausgebildeten Historiker


der Geschichte, allerdings gemeinsam mit den Dichtem. Mamuns Auftrag an die
Geschichtswissenschaftler lautete, einmal ernsthaft zu überprüfen, ob sich nicht im
Lauf der Weltgeschichte alles wiederhole und Dummheit ganz besonders. Die
Gelehrten Arabiens kamen zu der Ansicht, Geschichte sei tatsächlich nur eine
manchmal spannende, manchmal zur Verzweiflung bringende Wiederholung von
Wiederholungen stets der im Grunde selben Prozesse. Poetisch, wenn auch nicht
respektvoll, formulierte Masudi, einer der Väter orientalischer
Geschichtsschreibung: Nur die Flaschen wechseln. Die Essenz bleibt leider meist
dieselbe.

Die Historiker der abendländischen Tradition haben sich darauf geeinigt, dass
Wiederholungen in der Menschheitsgeschichte höchstens äußerlich und zufällig
seien. Einen Kernsatz des alten Masudi aber zitieren auch Sie gerne: "Aus der
Geschichte können wir lernen, dass die Menschen noch nie aus der Geschichte
gelernt haben."

Mit List und Türken

Wie Kalif Mamun darüber dachte, ist nicht bekannt. Am liebsten soll der
Beherrscher der Gläubigen Geschichten über das alte Rom gelesen haben,
vorzugsweise über die sogenannten Soldatenkaiser, jene seltsamen Imperatoren,
die in Wahrheit nur hilflose Marionetten ihrer Prätorianerleibgarde waren. Der
Schatten Gottes auf Erden kannte diese Probleme: In seiner eigenen Armee
dienten rund 40.000 Gastarbeiter, und die wollten beschäftigt sein. Mamun hatte
sich zwar vorgenommen, als Friedenskalif zu regieren, und kümmerte sich daher
auch nicht sonderlich um die ständigen lokalen Rebellionen, doch seiner Armee
behagte das Programm nicht. Ganze Truppenverbände betätigten sich in ihrer
Freizeit als Räuberbanden, und so nahm Mamun 830 wieder den ewigen Krieg
gegen Konstantinopel auf.

Die neuen Feldzüge waren hauptsächlich als Beschäftigungstherapie für die Armee
gedacht. Obwohl Mamun wiederholt entscheidende Siege errang, hütete er sich,
dem byzantinischen Reich den Todesstoss zu geben - Wogegen sollen die Leute
denn dann marschieren, seufzte der Kalif, als ihm seine Logistiker eine versäumte
Chance zur Eroberung Konstantinopels vorrechneten. Wenn sie nicht mehr die
Ungläubigen zu Feinden haben, werden sie den Krieg gegen mich beginnen.
Tatsächlich war der Kalif gerade im Schutz seiner Türkenleibgarde nicht mehr
sicher. Als Mamun am 9. August 833 ganz plötzlich nach dem Genuss einiger
Feigen verstarb, wusste niemand, ob nicht vielleicht ein Giftmord geschehen sei -
zwar hatte der Kalif in seinem eigenen Reich mehr Freunde als Feinde, doch zählte
vergiftetes Obst zum ältesten Inventar orientalischer Kriminalität. Und Mamun war
der letzte, der mit seiner selbstherrlichen Leibgarde noch einigermaßen fertig
wurde.

Sein Bruder Mutasim, der Kalifat und Türken erbte, konnte sich gegen seine
Beschützer bereits nicht mehr durchsetzen.

Bagdad erlebte bald wieder schlimme Zeiten. Die Garde des Kalifen hauste in der
Stadt, als befände sie sich in Feindesland. Wer ihren Pferden mit den goldenen
Zaumzeugen nicht sofort aus dem Weg sprang, wurde niedergeritten, und wer in

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seinem Laden allzu schöne Dinge hatte, musste damit rechnen, dass sich die
Söldner ohne Bezahlung selbst bedienten. Die Bürger Bagdads ließen sich das
natürlich auch nicht gefallen. Bald bildete jede Vorortstrasse eine eigene
Bürgerwehr, die jeden Türken auf der Stelle erschlug.

Mutasim war so ziemlich das Gegenteil seines Bruders. Für Wissenschaft hatte er
absolut nichts übrig und konnte sogar und das war im arabischen Raum seit
Mohammed ein beinahe einmaliger Fall - nur mangelhaft lesen und schreiben.
Daher nahm er seinen Türken nicht übel, als sie eines Tages mit ihren Pferden in
die Universität sprengten und ausgerechnet in der Bibliothek ein Polospiel
veranstalteten. Die Professoren und Studenten aber gingen gemeinsam auf die
Barrikaden, und bei diesen ersten Studentenunruhen der Geschichte wurde der
Kalif eine Woche lang in seinem Palast belagert, ohne dass auch die Leibgarde
dagegen etwas unternehmen konnte.

Schließlich ließ der Kalif eine gemischte Delegation aus Studenten, Bürgern und
Professoren kommen. Die aber überbrachte ihm nur ein Ultimatum. Der Kalif solle
seine Türken ent- oder samt ihnen die Stadt verlassen. Sonst gäbe es Krieg.

Belustigt fragte der Beherrscher der Gläubigen: "Aber mit welchen Waffen wollt ihr
denn überhaupt kämpfen?" Da rief ein Student der Theologie: "Mit unseren Fingern,
die wir nachts zum Gebet erheben, um Gottes Hilfe gegen dich zu erflehen, du
Hund." Ungestraft verließ die Delegation den Palast. Kurz darauf verließ Kalif
Mutasim samt seiner Türkengarde Bagdad. Rund hundertzehn Kilometer Tigris
aufwärts ließ der Sohn Haruns eine neue Residenzstadt errichten. Sie hieß
Samarra, arabisch Sermenrei, es freut sich, wer das sieht, und gilt als
bedeutendste städtebauliche Schöpfung des Islam. Sie wurde in einem
atemberaubenden Tempo errichtet: 836 war Grundsteinlegung, und sechs Jahre
später zog sich Samarra bereits dreißig Kilometer den Tigris lang. Mittelpunkt der
Stadt war natürlich der Palast des Kalifen. Er stand auf einem künstlichen Hügel
von drei Kilometern Länge, 700 Metern Breite und 20 Metern Höhe.

30.000 Pferde hatten die Erde dazu herbei geschleppt. Von dem Märchenpalast, der
sich darüber erhob, ist nur noch ein Torbogen erhalten, doch der ist gute fünfzehn
Meter hoch.

Samarra war die Stadt der Superlative. 150 Kilometer Asphaltstrassen bildeten
einen schnurgeraden Raster, in dessen Gevierten an die hunderttausend
Menschen wohnten. 400 Kilometer Wasserleitung versorgten die zahllosen
Brunnen, 700 Badeanstalten, 500 Poloplätze, 628 Nachtlokale und eine Bibliothek
garantierten den hohen Freizeitwert der neuen Stadt. Die Freitagsmoschee, von
Mutasims Sohn Mutawakkil errichtet, ist das größte Gemäuer des Islam der
Innenhof misst 180 X 260 m und bot ausreichend Platz für 100.000 Gläubige. Die
Außenmauern stehen heute noch, und ihre ungeheuren Türme beweisen, dass
hier Militärarchitekten zugeschlagen haben.

Samarras Glanzzeit währte nur kurz, etwa sechzig Jahre. Von da an wurde die
glanzvolle Stadt nur noch als Steinbruch benützt. So blieben nur wenige
Mauertrümmer von diesem größten Luxusgefängnis aller Zeiten. Denn Samarra
war vor allem der Käfig des Kalifen. Außer ihm wohnten hier nur die türkischen
Gardisten und ihre umfänglichen Familien. Der Kommandant der Leibgarde nannte

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sich stolz Emirol-Umera, Fürst aller Fürsten, und das war er auch im Reich des
Kalifen. Er ernannte den Großwesir und die Minister, und Verordnungen trugen sein
Siegel neben dem des Kalifen.

Der wahre Herrscher hieß nun Bugha Asch-Scharabi und hatte als Kammerdiener
angefangen. Sein Geburtsdatum wusste er nicht, nur, dass er in Nomadenzelten
zwischen Schafen aufgewachsen war, jenseits der Zivilisation und des Oxus, dem
alten Grenzfluss zwischen Nahem Osten und Zentralasien. Er behauptete stets, als
freier Mann nach Bagdad gekommen zu sein, war jedoch mit ziemlicher Sicherheit
nicht als Söldner geworben, sondern höchstwahrscheinlich schon im Jungenalter
als Sklave gekauft worden. Mutasim dürfte ziemlich in ihn vernarrt gewesen sein
und machte ihn schließlich zu seinem ersten Kammerdiener. Wann der Butler zum
Kommandanten der Garde wurde, ist unbekannt und auch nicht, warum. Seine
erste Amtshandlung jedenfalls war, sämtliche Söhne Kalif Mamuns einzufangen
und im Gefängnis verhungern zu lassen.

Im Koran waren Diktaturen allerdings nicht vorgesehen, und schon unter den ersten
Kalifen hatte sich eine kritische Instanz gegen die Pragmatik der Macht entwickelt,
die Ulema.

Das Abendland kennt nichts Vergleichbares, denn die Kirche Christi hat sich nie als
kritischer Gegenpart der weltlichen Macht verstanden, und so erscheint uns die
Institution der Ulema als geradezu paradox: Die Ulema sollte die Rechte der
Gläubigen im Namen des Koran vor den Nachfolgern der Propheten schützen.
Justiz also als Kritik an Gesetzen, die Rechts- und Religionsgelehrten als Kritiker
der Richter. Die Richter hießen Kadis, die Rechtsgelehrten aber Mullahs.

Schon früher hatte es häufig Streit gegeben zwischen den Kalifen und den Mullahs,
und bei den daraufhin ausgehandelten Kompromissen hatten sich die Vertreter der
Ulema häufiger durchgesetzt als der Beherrscher der Gläubigen. Selbst Mansur,
der uneingeschränkteste Autokrat auf dem Kalifenthron, hatte überraschend oft den
kürzeren gezogen. Dass nun mit Bugha ein ungebildeter Militär die Staatsführung
bestimmen wollte, musste die Ulema herausfordern. In den Moscheen der
Großstädte sammelten die Mullahs Unterschriften zur Absetzung des allmächtigen
Gardekommandanten, und allen Ernstes sollte gegen Bugha das erste
Volksbegehren in der Geschichte des Islam gestartet werden.

So wollte sich Bugha natürlich gar nicht erst kommen lassen. Er steckte etwa ein
Drittel seiner Soldaten in Zivilkleidung, und Anfang Januar ereigneten sich in
sämtlichen persischen Städten dieselben Schreckensszenen: Welcher Mullah auch
immer gegen Bugha sprach - jeweils sechs Zivilisten stürzten sich auf ihn und
erdolchten ihn vor den entsetzten Gläubigen. Und die Polizei hielt sich jedes mal
erstaunlich zurück. Nun begriffen auch die letzten Muslims, dass Allahs Reich auf
Erden eine handfeste Militärdiktatur geworden war.

Zur selben Zeit, am 5. Januar 842, starb auch Kalif Mutasim, und Zahlenmystiker
werden seitdem nicht müde, die seltsame Bedeutung der 8 im kläglichen Leben
des Herrschers zu erwähnen: Er war der 8. Kalif aus der Sippe Abbas, nach
islamischer Zeitrechnung geboren im 8. Monat des Jahres 180 und verstorben an
einem 18., regierte 8 Jahre, 8 Monate und 8 Tage, war 48 Jahre alt, soll 8 Söhne
und 8 Töchter gezeugt, 8 Schlachten geschlagen, 8 Städte erobert und in seiner

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Privatschatulle 88.000 Goldstücke hinterlassen haben.

Über seinen Sohn und Nachfolger Watik ist nicht einmal so etwas zu berichten, und
als 847 sein Bruder Mutawakkil Kalif wurde, erregte dieses Ereignis nur deshalb
Aufmerksamkeit, weil sich Bugha aus gegebenem Anlass einen neuen Titel
zulegte: Sultan. Zur selben Zeit erhielten die Offiziere der Leibgarde, die nun auch
ganz offiziell die Regierung bildeten, eine neue Kopfbedeckung. Unter den Muslims
löste das Kleidungsstück zunächst lautes Gelächter aus. Spötter meinten nun sieht
man schon am Hut, dass Allahs Blitz die Schädel spalten soll, denn das Ding war
eine hohe, zwei spitzige Mütze. Allerdings hatte das Unding eine gewisse Tradition -
vor langer, langer Zeit hatte es den persischen Königen als Krone gedient. Die
Muslims stopften es daraufhin als Zeichen vermessenen Machtanspruchs in die
Mottenkiste, aus der es Bugha wieder ausgrub und zu neuen Ehren erhob. Im Islam
wurde die zwei spitzige Kappe daher nie gern gesehen. Das Christentum jedoch
kopierte diese Mode wie alles, was aus dem Nahen Osten kam. Der Papst
beispielsweise war von dem Machtsymbol so beeindruckt, dass er sofort die Mitra
als Kopfbedeckung für seine Bischöfe verordnete, und in deren Gebrauch blieb sie
bis heute unverändert, wenn auch seit einigen Jahrhunderten um einen Winkel von
neunzig Grad gedreht. Auch weltliche Herrscher kombinierten gerne ihre Kronen mit
einer Mitra - die Krone des Heiligen Römischen Reiches enthielt eine aus Samt,
und die österreichische Kaiserkrone schließlich ist eine veritable Mitra aus Gold.
Wirklich volkstümlich aber wurde die Mitra auf ganz anderen Köpfen: als
Narrenkappe Till Eulenspiegels und anderer Querschädel.

Mit Bugha allerdings, dem ersten Mitraträger, war nicht zu spaßen, und das musste
vor allem Kalif Mutawakkil erfahren. Nachdem er vierzehn Jahre im Schatten seines
allmächtigen Beschützers folgsam leben durfte, scheint der Kalif den Plan gefasst
zu haben, die Regierungsgeschäfte selbst zu übernehmen. So jedenfalls wurde die
Sache Bugha von seinem Geheimdienst berichtet. Vielleicht war auch alles ganz
anders - in Samarra waren Kalif und Leibgarde ganz unter sich, und daher wird es
nie möglich sein, über das Intrigengewirr jener Zeit einen objektiven Überblick zu
bekommen.

Auf jeden Fall hatten Bugha und sein Kalif am Abend des 10. Dezember 861
einiges über den Durst getrunken. Plötzlich stürzten fünf Türken mit gezogenen
Schwertern in den Raum.

"Was soll denn das?" fragte der Kalif seinen Sultan, und war offensichtlich schon zu
betrunken, um zu erschrecken.

Diese Ruhe brachte auch Bugha aus der Fassung. Während die Söldner ratlos
herumstanden und ihre Schwerter wieder in die Scheide steckten, stotterte Bugha:
"Das sind jene Männer, die deine Nachtruhe behüten sollen, o Beherrscher der
Gläubigen. Dann sollen sie wieder hinausgehen und uns in Ruhe lassen",
entschied Mutawakkil und ließ sich ein neues Glas geben.

Folgsam trollten sich die Mörder, und Bugha brauchte eine Weile, bis er seine
Fassung wiedergewonnen hatte. Dann aber ging er auf den Korridor und sprach mit
seinen Türken ein ernstes Wort. Gemeinsam kamen die sechs wieder in das
Gemach des Kalifen.

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"Was soll denn das schon wieder"? fragte Mutawakkil.

Da schlug der erste mit dem Schwert nach dem Kalifen. Er hieb dem Beherrscher
der Gläubigen aber nur ein Ohr ab.

Grosse Verlegenheitspause bei allen Beteiligten. Mutawakkil fasste sich an den


Kopf, nahm sein Ohr ab, besah es eingehend und wusste immer noch nicht, was
das alles zu bedeuten habe. Aber auch die Attentäter wussten nicht weiter. Einer
von ihnen gab dem, der den ersten Streich geführt hatte, gute Ratschläge: "Wenn du
richtig zuschlagen willst, darfst du nichts übereilen, Mann. Man muss genau zielen,
Mann, sonst hat es gar keinen Sinn." Da mischte sich der anwesende Butler ein:
"Aber meine Herren, ich bitte euch zu bedenken, dass ihr euch vor dem Beherrscher
der Gläubigen befindet. Halts Maul, brüllte da Bugha und stieß ihm ein Schwert in
den Bauch."

Damit war der Bann gebrochen, und einige Sekunden später lag der Kalif
erschlagen neben seinem Weinglas. Bugha aber irrte mit seinen Totschlägern
durch den weiten Palast und suchte einen Sohn Mutawakkils. Aus
Sicherheitsgründen schliefen die Prinzen jede Nacht in einem anderen Raum des
Riesengemäuers, und anscheinend hatte Bugha seinen Putsch so wenig geplant,
dass er nicht einmal wusste, wer gerade wo schlief.

Nach langem Umherirren sah Bugha am Ende eines Korridors gerade eine
schattenhafte Gestalt in einem stillen Örtchen verschwinden. Seine Killer rannten
klirrend los, und die Gestalt ergriff die Flucht. Nach einer wilden Verfolgungsjagd
durch den halben Palast wurde sie schließlich ergriffen und vor Bugha geschleift.
Zufällig war die Jammergestalt ein Prinz.

Er zitterte am ganzen Körper, doch Bugha beruhigte ihn : Wir tun dir schon nichts,
Beherrscher der Gläubigen. Der Zufallstreffer dürfte jedoch nicht ganz Bughas
Geschmack gewesen sein, denn schon nach sechs Wochen verschied auch dieser
Kalif unter ungeklärten Umständen. Von nun an setzte Bugha und später seine
Erben zum Kalif ein, wer immer ihm passte, und manchmal wechselten die
Beherrscher der Gläubigen dreimal jährlich.

Der Papst lernt das Fürchten

Das Weltreich des Islam hatte schon lange vor dem Kalifen den Todesstoss
erhalten. Mitte des neunten Jahrhunderts bestand es

aus einer Unzahl kleinerer Fürstentümer im Schatten einiger größerer. Mit denen
aber konnte es immer noch keine Macht Chinas oder Europas aufnehmen.

Den Fernen Osten bildete ein Konglomerat islamischer Fürstentümer in


Nordindien, unter denen bald das Sultanat von Delhi übermächtig wurde. Im
persischen und irakischen Raum bestimmten Bughas Erben, die Bujiden,
zumindest die Außenpolitik der aus Mamuns Glückstopf entstandenen
Kleinstaaten. Im Jemen hatte sich ein neues Königreich unter Führung einer
altbekannten Sippe gebildet: Die Nachkommen Sejads, des einstigen Schlächters
von Kufa, hatten in Südarabien ein eigenes kleines Imperium errichtet. In
Zentralarabien herrschten wie vor Mohammeds Zeiten die untereinander

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verfeindeten Beduinenclans. In Syrien und Palästina gab es ebenso viele


Fürstentümer wie Städte, ständige Zankäpfel zwischen Samarra und Ägypten, der
dritten Großmacht.

Am oberen Ende des Nildelta war neben Fostat eine neue Stadt namens Kairo
entstanden, und dort residierten nun die Aghlabiden. An die Macht gekommen
waren sie wie im Märchen, und darauf Waren sie ebenso stolz wie Millionäre aus
der späteren Märchenzeit des Kapitals, zu deren Lebensweg ja auch das
Tellerwaschen unentbehrlich scheint. Aghlab war aus einer unbekannten
Grenzprovinz Indiens als Sklave in die Hofküche des Kalifen gekommen. Sein Sohn
Ibrahim begann dort selbst ebenfalls als Tellerwäscher. Da die Teller des Kalifen
aus Gold waren, konnte man dies schon als Vertrauensposten bezeichnen. Nach
kurzer Dienstzeit wurde er als Steuerkassier nach Ägypten geschickt, und das war
ein höherer Vertrauensposten.

Etwa ein Achtel der Steuern verschwand in seinem eigenen Kaftan. Das war nichts
Ungewöhnliches, und die Geschichte verschweigt Tausende von Steuereintreibern,
die sich auf veruntreutem Geld zur Ruhe setzten. Ibrahim aber setzte sich nicht zur
Ruhe, Sondern investierte in eine kleine Privatarmee, und als der Statthalter in die
Bücher des Steuereinnehmers einmal Einsicht nehmen wollte, sah er sich plötzlich
von Schwerbewaffneten umstellt.

Der Beamte war kein Held. Widerstandslos räumte er seinen Stuhl, auf dem nun
Ibrahim Ben Aghlab Platz nahm, und Harun al-Raschid konnte nur noch Ja und
Amen dazu sagen.

Die Aghlabiden waren eine ehrgeizige Familie und hatten keines falls vor, sich mit
Ägypten zufriedenzugeben. 827 eroberte ein Sohn des ungetreuen
Steuereintreibers Sizilien, und kurz darauf erging an den Papst ein Brief des Inhalts,
dass sich ab sofort die Familie Aghlab in Europafragen als Rechtsnachfolger des
Kalifen betrachte. Postwendend folgte ein Schreiben des Papstes, dass er die
Sache erst mit seinen Rechtsberatern klären müsse. Das Problem war tatsächlich
knifflig. Das Oberhaupt der Christenheit stand beim Islam tief in der Kreide.
Insgesamt mit etwa zwei Milliarden Mark, ohne Zinsen. Seit Mansurs Zeiten hatte
der Papst seine Politik stets vom Kalifen finanzieren lassen. Noch Harun
al-Raschid hatte gut zwanzig Millionen in bar bezahlt, nur damit der Papst unter den
Christen Konstantinopels Unfrieden stifte, und keine der Parteien betrachtete diese
Zahlungen eigentlich als Darlehen - Bagdad ertrank ja fast in Geld, und woher hätte
der Papst die ungeheuren Beträge zurückzahlen sollen? Zwar herrschte nun auch
in der Staatskasse des Kalifen Ebbe, doch konnten die Kalifen nicht einmal ein
Mahnschreiben aufsetzen, und zu einer nachdrücklichen Außenpolitik fehlte ihnen
erst recht Zeit und innenpolitische Ruhe. Dass sich nun ausgerechnet die Sippe
Aghlab meldete und überdies auch den genauen Betrag kannte, war da schon
ausgesprochen peinlich.

Des Papstes Juristen klärten bis Sommer 833. Dann ging ein kühles Schreiben
nach Ägypten: Als einzigen Verhandlungspartner akzeptiere Seine Heiligkeit den
Filialleiter der arabischen Staatsbank in Rom. Der aber harrte schon seit einigen
Jahren vergeblich auf Weisungen aus Bagdad.

Jahrelang wurden Rechtsgutachten zwischen Kairo und Rom gewechselt.

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Dann starb 842 Kalif Mutasim, und der Papst benützte die Todesnachricht zu einem
anscheinend genialen Streich: Über Nacht verwandelte er die islamische
Bankniederlassung in sein eigenes privates Geldinstitut und nannte es "Bank des
Heiligen Geistes", denn der hatte ihm angeblich die Idee zugeflüstert.

In Ägypten wurde dies als Frechheit aufgefasst. 843 ließ die Familie Aghlab als
ersten Warnschuss Messina besetzen. Doch der Papst schien nicht zu verstehen,
und sowohl in den Mahnbriefen als auch seinen Antwortschreiben wurde der Ton
zusehends schärfer. Der Papst glaubte, sich das erlauben zu können. Emir von
Ägypten und Nordafrika war gerade ein sehr trinkfreudiger Fürst namens
Mohammed, mit dem Rom ein leichtes Spiel zu haben glaubte. Aus dem Jahr 845
ist ein neckisches Schreiben des Papstes erhalten: Seine Heiligkeit sei leider völlig
bargeldlos, so sehr, dass selbst Christus darüber Tränen vergossen habe, von
denen einige in die beiliegenden Flaschen abgefüllt seien, und ob sich nicht der
Emir damit vorläufig zu trösten geruhe... Der beiliegende Wein heißt noch heute
"Lacrimae Christi" und muss schon damals ein besonders süßes Getränk
gewesen sein, doch Mohammed war sauer. Im August besetzte seine Flotte
vorübergehend Ostia, und vier Divisionen Araber erschienen vor den Mauern Roms.

Der Papst wurde deshalb nicht Zahlungswilliger. Im Gegenteil: Nun erklärte er, die
strittigen Beträge seien Tribute des Kalifen an das Oberhaupt der Christenheit
gewesen. Der Kommandant der Araber weigerte sich, dieses Schreiben auch nur in
Empfang zu nehmen. In mustergültiger Ordnung rückten die Truppen am nächsten
Morgen in der Ewigen Stadt ein. Keinem römischen Bürger wurde auch nur ein
Haar gekrümmt, und aus den Läden der Stadt verschwand kein einziges Stück.
Sämtliche Kirchen aber wurden ausgeräumt, aus den Wänden der Peterskirche
sogar die goldenen Mosaiksteinchen gelöst, und Petri Schatzkammer samt der
Banco de Santu Spirito bis auf den letzten Heller geleert.

Damit war der Papst wieder einmal so arm geworden, wie es die Kirche nach
Christi Willen stets hätte sein sollen, und die Aghlabiden beschäftigten sich fortan
damit, andere Schulden einzutreiben. In ähnlichen Pfändungsaktionen zogen sie in
das Frankenland und räumten zwischen 842 und 850 die Steuerkassen
Südfrankreichs aus. 890 schließlich besetzten ägyptische Truppen die französische
Riviera, und dort blieben sie bis zum Jahr 973.

Doch auch die Aghlabiden hatten ihre Steuereintreiber. Einer von ihnen hieß Tulun,
und so regierten in Ägypten und Nordafrika seit 868 die Tuluniden.

Türme des Islam

Sooft die Menschheit zeigen wollte, wie weit sie's gebracht hat, baute sie einen
Turm. Das fängt beim Kind mit dem Baukasten an, in der Bibel mit Babel und reicht
bis zu unseren Wolkenkratzern und Fernsehtürmen. Über das Motiv haben
Philosophen und Psychologen so heftig gegrübelt, dass sie damit ganze
Bibliotheken füllten, und doch fanden sie kein anderes als die Babylonier der Bibel,
die bis zu den Wolken bauen wollten, um den Göttern zu zeigen, dass sie fast so
gut seien. In Babel ging die Sache schlimm aus, aber dafür wissen wir aus den
Rekonstruktionsversuchen der Archäologen, dass der babylonische Turm auch gar
keiner war, sondern nur eine bessere Pyramide.

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Griechen und Römer hielten nicht viel von Türmen als Zeichen der Herrlichkeit. Ihre
Machtsymbole waren körperlicher Art der Koloss von Rhodos, die große Statue
Neros, die dem benachbarten Stadion zu Rom den Namen Kolosseum eintrug, die
Monster - Statuen des Phidias aus Gold und Elfenbein. Nur ein riesiger Turm der
Antike wurde bekannt und zu den Weltwundern gezählt. Er stand bezeichnender
Weise in Ägypten, und nach den erhaltenen Beschreibungen scheint der
Leuchtturm von Alexandria tatsächlich ein Wolkenkratzer gewesen zu sein. Schule
jedoch machte er nicht. Die Türme der Antike waren handfeste
Gebrauchsgegenstände, Festungswerke und nur genauso hoch, wie es der
militärische Bedarf erforderte. Auch die Chinesen haben es nicht anders gehalten,
und ihre Türme waren nie etwas anderes als gut angelegte Bastionen.

Der Turm als Symbol menschlicher Errungenschaften ist eine Erfindung des Islam.
Vielleicht konnte die absonderliche Idee nur in den Weiten der Wüste geboren
werden, einen riesenhaften Phallus in die Landschaft zu setzen, um der Nachwelt
zu zeigen, dass man hier gewesen. Natürlich passt dieser aufgetürmte
Größenwahn nicht zum religiösen Gebot menschlicher Bescheidenheit vor Gott,
und so fanden schon die ersten Turmbauer der Muslims einen fadenscheinigen
Vorwand für ihre Leidenscha