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Zeichnung: lgor Smirnow
POLITISCHE Nr.2
WOCHENSCHRIFT Gründungsjahr
der deutschen Ausgabe
1945

LESERBRIEFE (2), ERETGNISSE DER WOCHE (4), PERSONALTEN ({f)


RUN1ANIEN
S. Swirin AM WENDEPUNKT; G. Syssojew DIE NEUEN MENSCHEN

VON TIMISOARA;

W. Pesrscherski RUHMLOSES ENDE

UdSSR L. Mletschin,,ES GEHT NICHT UM EMOTIONEN' r0


TSCHECHOSLOWAKELA. Didussenko LETZTER AKT, ERSTER AKT
USA-PANAM A.l. Kudimow GRENADA-VARIANTE
SUDAFzuKA N. Reschetnjak DIE MACHT DER MEHRHEIT t6
VON UNSEREM SONDERKORRESPONDENTEN
S. Goljakow,MEINE RELIGION IST DIE MENSCHLICHKEIT" 18
Vaclav Havel, der
neue Präsidentder \.EREINIGTE AR{BISCHE EMIRATE
Tschechoslowakei V. Ganjuschkin, l'. Lebedew FATA MORGANA ZUM ANFASSEN 2l
s. 12 VON UNSEREM SOND ERKORRESPONDENTEN
POLITISCHE
W. Shitomirski QUEBECT STIEFKIND ODER FAVORIT? 24
GEDANKEN
NZ-STANDPUNKT L. Besvnrenski DER PREIS DER ERKENNTNIS DES
KONVERSION S. Babwsenko SCHWERTER ZU PFLUGSCHAREN -
28
20
JAHRHUNDERTS
Unter dem Motto
AN DAS ENDE DER GESCHICHTE ,,Handschriften
ln unserem TAGEBUCH DES SOZIOLOGE\ l. loninEINE GESELLSCHAFT brennen nicht"
nächsten Heft: eröffnet die NZ
VON BÜRGERN
Soziologische ihre Bibliothek
Umfrage der NZ JUNGE WELT S. Solowejtschik ICH LERNE AN EINER AMERIKANISCHEN ausgewählter
UNIVERS|TAT
Werke von
politischen
HANDSCHRIFTEN BRENNEN NICFIT I POLITISCHE GEDANKEN Denkern des 20.
DES 20. JAHRHUNDERTS) Jh. Unser erster
Autor ist Andrej
A. Sacharow DIE WELT lN EINEM HALAEN JAHRHUNDERT 39
Sacharow
A. Pumpjanski EIN MANN, AUF DEN MAN ENDLICH HöREN MUSS
s.39
THEATER V. Fokin UMSTEIGEN {6

Titelbild: Viktor Brel

Anschrilt: 103782, GSP, Moskau K-6, Pusehkinskaia pE,

1E= 229-ß-7 2, 2llg-07 -67


Telex 411164a NEWTSU, 411164b NEWTSU, 4111ilc NEWTSU Telefax: 200.47-92,2OA-42-23
Erscheint in Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesischn
Italienisch, Polnisch, Tsch Griechisch O Druck ,,Moskowskaia EIaWdll"
*Aeroflot" brtngt die ,,Neue Zeit" prompt in jedes Land Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattel
IESERBR!EFE
I Ich wende mich an alle, die rene Kultur") darauf zu über- Freiheit (durch Piraten) gekostet
den Tod von Andrej Sacharow weisen. hat. Dennoch reißt der Flücht-
als persönlichen Schmerz, als Konstantin lwanow lingsstrom nicht ab: Seit Juni
Tragödie des ganzen Landes, als Generaldirelctor des Zentrums für 1988 haben 46 000 Menschen
allgemeinmenschliches Unglück Musikkuitur,,Polifonija" Vietnam verlassen, und jeden
empfunden haben. Ich denke, lr4oskau Monat wächst die Zahl der
man sollte ein Denkmal für den I Ich schäme mrch für den Flüchtlinge um weitere Hun-
Staatsbürger errichten, denn Beschluß meiner Regierung. die derte. Die Menschenrechtskom-
Andrej Sacharow war die Inkar- vietnamesischen Flüchtlinge mission der IINO besteht darauf ,
nation dieses Begriffes. gewaltsam aus Honskons zu daß den vietnamesischen Flücht-
Er, der nicht nur ein großer deporlieren. Um die \-erantq.or- lingen in Hongkong Asyl
Wissenschaftler, sondern auch tung fur ihr Schicksal nicht zu eewährt wird, zumal dort
eine hervorragende Persönlich- übernehmen. bezeichnet die bri- .tubeitskräftemangel herrscht.
keit des öffentlichen Lebens lische Repcrung die>c Lcutc Es gibt auch den Vorschlag, die-
: Y'9llWlW!",,:,''
W;,..','.
war, ist die Inkarnation der
Begriffe Staatsbürger und
nicht mehr als ..Opfer der kom-
munistischen T1ramei". son-
ses Asyl auf ein Jahr zu beschrän-
ken. damit die Weltgemeinschaft
(1. stellv. Gewissen. dern als ..illesaie Immigranten". in der Zwischenzeit eine
Cbefredakteur), Ich schlage vor, einen Fonds Hanoi renichen. daß diejeni- annehmbare Lösung für dieses
GalinaSIDoRowA, für freiwillige Spenden für die gen. die zurückkehren, keine Problem finden kann. Wie dem
ttry., wryWQW",':,,,,.',, Projektierung und den Bau eines Bestrafung erwartet. Ich ver- auch sei, die Entscheidung Lon-
Gestaltung: Denkmals ftir Andrej Sacharon stehe nvar, daß es sich hierbei dons widerspricht der von der
IgoTSCHEJIN zu bilden. Als erste Einzahlung um eine delikate Frage handelt. britischen Regierung unterzeich-
biete ich dasHonoraran, das mir Sie wollen vielleicht auch nicht neten UNO-Flüchtlingskonven-
Verantw. Redakteur ftir die Übersetzung des Buches lhre Beziehungen zu einem tion, in der geschrieben steht,
der deutschen Ausgabe: Bündnispartner komplizieren. daß Flüchtlinge nicht depoftiert
,,Orchestration" des amerikani-
aa:',aWry1ü:W:4*.W::,';;::t:, schen Komponisten Walter Tatsachen lassen sich aber nun werden dürfen, wenn sie in ihrer
Piston zusteht, das vom Verlag einmal nicht aus der Welt schaf- Heimat aus nationalen, religiö-
,,Sowjetskij Kompositor" her- fen: Seit 1975 sind 167 000 Men- sen oder politischen Motiven
ausgegeben wird. Außerdem ist schen aus Vietnam auf Booten helaus veriolgtwerden...
7lt;,
unser Zentrum für N{usikkultur nach Hongkong ge1lüchtet. Es Steven Craig
tri
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t,t:tara,ttt,..:a,:::tt:t,lt.ti
,,Polifonija" beim Sowjetischen
Kulturfonds bereit, ein Sönder-
muß schwerwiegende Gründe
geben, die Menschen zum Ver-
Plymouth, Großbritannien

konto zu eröffnen und alle Ein- lassen ihrer Heimat bewegen. I Im Frühjahr 1988 fand die
nahmen des ersten Konzertes Sie nahmen immerhin eine Gründungskonferenz von
geistlicher Musik aus der von uns gefahrvolie Reise in Kauf, die ,,Leningrad" statt, die dieser
inspirierten Reihe,,Wosroshda- vielen schon das Leben (die Wohhätigkeitsgesellschaft einen
jemaja kultura" (,,Wiedergebo- Boote gingen oft unter) und die offiziellen Status verlieh. Diese

Horlfnung auf eine bessere Zukurft


I Als Schriftsteller könnte ich hochtrabende Verzweiflung nicht nur ihre Henker, sondern auch
Worte finden, um den ersten Kongreß der jüdi- ihren eigenen Edelmut vedluchten.
schen Organisationen und Gemeinden in der Es ist erfreulich, daß diese Riüer des Geistes hier
UdSSR zu beschreiben. Aber das Andenken an und da wieder auftauchen, es ist erfreulich, daß wir
die hohen Verluste und vielen Opfer, die das jüdi- keine Waisen sind, denn unserVolk ist mituns, dessen
sche Volk im Namen seines nationalen Uberle- Geschichte lehrt: ,,Es reicht nicht, auf den Messias zu
bens hinnehmen mußte, mahnt uns zur Zurückhal- warten, jeder muß an seinem Erscheinen mitwirken".
tung. Es ist bedauerlich, daß der erste Kongreß der jüdi-
ln dem kleinen litauischen Ort, wo ich geboren schen Organisationen und Gemeinden bestenfalls
wurde, sagte einmal ein alter weiser Jude: ,,Einen eine Versammlung von Solisten war. Der Chor stand
Feiertag kann man überall begehen, nur nicht auf nicht vor den Toren des Filmzentrums im Moskauer
dem Friedhof." Vielleicht meint jemand, Kano- Stadtbezirk Krasnaja Presnja, sondern vor den Bot-
witsch würde übedreiben. Dennoch betrachte ich schaften der USA und der Niederlande" Es ist bedau-
es als meine Pflicht, daran zu erinnern: Der Fried- erlich, daß nach wie vor Emigration und Assimilation
hof liegt ganz in der Nähe. Dort liegt Michoels und die wichtigsten Hindernisse auf dem Weg der Wieder-
sein legendäres Theater, dort liegen die besten geburt eines vollwertigen jüdischen kulturellen
Vertreter der jüdischen Sowjetliteratur, von Unter- Lebens darstellen. Das ist allerdings im Zuge der
suchungsrichtern gepeinigl, zum Wahnsinn getrie- immer deutlicher werdenden antisemitischen Ten-
ben und dann erschossen: Bergelson und Mar- denzen unvermeidbar. Das einzige, was bleibt, ist die
kisch, Gofstejn und Kwitko. Dort liegt die völlig Hoffung auf eine bessere Zukunft. Die Hoffnung war
unschuldige Redaktion der jüdischen Zeitung schon immer die wichtigste Nahrung jedes Volkes.
,,Ejnikajt". Dort liegen Hunderte und Tausende von Grigori Kanowitsch
namenlosen Rittern des Geistes, die nicht auf bes- Schriftsteller und Volksdeputierter der UdSSR
sere Zeiten warten konnten und in einer Minute der Vilnius, Litauische SSR

g,ilEUE zErI"2.oo
lch schäme mich für SO GESEHEN
meine Regierung...

Alle andercn mit


beratender
SlimmG...

Wenn man sagü, die


Truppen des lnnen-
ministeriums seien
etwas Btlse$, bin ich
beleidigü

erste Wohltätigkeitsorganisa-
tion innerhalb der UdSSR wird
vom Schriftsteller und Volksde-
putierten Daniil Granin geleitet.
In der Gesellschaft wirken Frei-
willige, die alleinstehenden älte-
ren Leuten und Behinderten hel-
fen, sich unentgeltlich behinder-
ter Kinder annehmen und an der
Zeichnung : Wladimir lienaschew
Resozialisierung ehemaliger
Häftlinge mitwirken. Unsere ,,Leningrad" Gefahr besteht, daß Menschen- Jurist in einer Frauenberatungs-
Organisation hat die erste UdSSR-190000-Leningrad, ul. blut vergossen wird, dort ist mei- stelle, wo ich werdende Mütter
kostenlose Suppenküche eröff- Dzierzynskogo 5 ner Meinung nach der Einsatz über die Gesetze zum Schutz der
net. Inzwischen gibt es davon N. Djatschenko unserer Einheiten als humane Mutterschaft und der Kindheit
allein in Leningrad Dutzende Stellv. Vorstandsvorsitzender der und barmherzige Aktion anzuse- aufkläre, ist mir der Gedanke in
von verschiedenen Organisatio- Wohltätigkeitsgesellschaft ,, Lenin- hen. denn wir sind die einzige den Sinn gekommen, daß in unse-
nen! Wohltätigkeit und Frie- grad" Kraft, die Blutvergießen verhin- ren Gesetzen eine wichtige Frage
densschöpfung sind verwandte dern kann. völlig ungenügend behandelt ist,
Begriffe. Unsere Freiwilligen I Wenn man sagt, die Truppen Alexej Romanow nämlich die Verantwortung der
suchen in ihrer Tätigkeit nach des Innenministeriums sind Woronesh, RSFSR Mutter für die Gesundheit ihres
Wegen zur gegenseitigen Ver- etwas Böses, bin nicht nur ich, Kindes. Eine verantwortungsbe-
ständigung, zur Einigung der sondern auch meine Kameraden I Ich habe aufinerksam den Mei- wußte Haltung der Frau gegen-
Menschen, zur Lösung von Kon- beleidigt. Am liebsten würde ich nungsstreit im Obersten Sorijet über ihrer Gesundheit während
flikten. Von einem Freiwilligen sie fragen, was sie denn anstellc bezüglich der junuen Leute \er- der Schwangerschaft und die prä-
der Gesellschaft werden psycho- von uns vorzuschlagen hätten. tblgt. die in Pakistan in Gefaneen- zise Befolgung aller ärztlichen
logische Kenntnisse, Lebens- Losungen? Hohles Cesch*ätz schatt sind. Der Staat hat die an Empfehlungen stellen wichtige
weisheit, Taktgefühl und über die friedliche Beilegung Körper und Geist noch ungetesrig- Bedingungen ftir eine erfolgreiche
Geduld verlangt. von Konflikten? Über polirische ten jungen
\{änner in eile schs ere Entbindung und die Geburt eines
Die Wohltätigkeit erlebt in Regelungen? Uber demokrati- und ungesetzliche l-age gebracht. gesunden Kindes dar. Leider
unserem Land eine Wiederge- sche Pri-nzipien? Und was ist, als er sie zum Kriegfiihren ins Aus- begreifen längst nicht alle Frauen
burt. Wir unternehmen die wenn in diesem Moment vor land schickte. Was soll man nun die Tragweite ihrer Verantwor-
ersten Schritte und brauchen unseren Augen eine gewalttätige tun, wenn sie aufgrundbestimmter tung. Sie gehen nicht zur Untersu-
dringend die Erfahrungen aus- und entmenschte Menge lawi- Umstände oder einfach deshalb. chung und weigern sich selbst in
ländischer Wohltätigkeitsorga- nenartig über ein paar zrusa(n- weil sie der psychischen Spannung dringenden Fällen, sich stationär
nisationen. Die ersten Kontakte mengedrängte hilflose Alte, nicht gewachsen waren, in Gefan- behandeln zu lassen. Manchmal
zu Gleichgesinnten aus Italien, Frauen und Kinder herfällt, um geschaft gerieten und fanatische lassen sich werdende Mütter,
den USA, Kanada, Großbritan- sie fertigzumachen, nur weil sie ideologische Forderungen nicht nachdem sie ihren Schwanger-
nien und Japan haben gezeigl, anderer Nationalität sind? erfüllten? Nun, meinen viele. schaftsurlaub angetreten haben,
wie fruchtbringend diese Zrsam- Bevor meine Einheit nach müsse man sie alsVerräter gar nicht mehr beim Arzt sehen.
menarbeit auf dem Gebiet der Nagorny Karabach verlegt betrachten. Meiner Ansicht nach Als Folge davon sterben viel zu
Wohltätigkeit sein kann. Unsere wurde, habe ich noch nie so viel sollte man aber Patriotismus nicht viele Neugeborene. In vielen zivi-
Gesellschaft hat eine Schule der Blut fließen sehen. Am schwer- mit unbedingtem Gehorsam lisierten Ländern ist die Verant-
Wohltätigkeit eröffriet, die Orga- sten fiel es mir, meine Hand gegenüber dem hernchenden wortung der werdenden Mütter
nisatoren der Wohltätigkeitsbe- gegen einen Menschen zu erhe- Regime gleichsetzen. für die Gesundheit ihrer Kinder
wegung ausbildet. Wir hoffen, ben. Wieviel Blut würde aber Man muß diesen Jungen hel- gesetzlich geregelt, wobei die
daß der Kurs ,,Erfahrungen aus- fließen, würden meine Kamera- fen, zu Hause ein normales Höhe der Beihilfezahlungen vom
ländischer Wohft ätigkeitsorgani- den und ich abseits stehen? Leben führen zu können. Sie Verhalten während der Schwan-
sationen" von Gästen unseres Allein die Vorstellung läßt mich haben es verdient. gerschaft abhängig gemacht wird.
Landes gelesen wird. erschrecken. Michail Nasarow Sollten wir das nicht auch tun?
Allen, die an einer Zusammen- Ich behaupte keineswegs, daß llanskij, Region Krasnojarsk, . J. Bordunowa
arbeit mit uns interessiert sind, sich alle Konflikte mit Hilfe von RSFSR Moskau
teilen wir unsere Anschrift mit: Truppen des Innenministeriums Zasamnengesblll wn
Wohltätigkeitsorganisation lösen kassen. Wo aber die I Bei meiner Tätigkeit als T,Tsc[emora

,,IIEUE ZEII" 2.ct E


I
l

umänien ist für uns nicht bloß ein Nach- I ch freue mich, dem ausgezeichneten Dra-
barland. Wir haben viele Berührungs- I matiker und Prosaisten Vaclav Havel als
I lpunkte in der Geschichte und geistigen I dem neuen Präsidenten der Tschechoslo-
Kultur., viel Gemeinsames in der Sprache,
Sorache. wakei gratulieren zu können. Ich möchte ihm
Folklore und Literatur. Deshalb löste der Sturz und seinem Volk im neuen Jahr Glück wün-
des autoritären Ceausescu-Regimes Freude schen, vor allem aber Erfolg beim demonstrier-
und die Hoffnung aufeine bessere Zukunft des ten bemerkenswerten Beispiel eines friedli-
rumänischen Volks aus, verursachte jedoch chen Übergangs vom stalinistischen dogmati-
zugleich einen tiefen Schmerz um die zahlrei- schen Sozialismus zu einer demokratischen
chen Menschenopfer. Gesellschaft. Ein wirklich nachahmenswertes
Gleich vom Beginn der Ereignisse in Rumä- und lehrreiches Beispiel.
nien unterstützten das ZKder KP Moldawiens Ich denke, daß Vaclavs Havels humanitäres
# und die Regierung unserer Republik die Talent ihm auch in seiner neuen Tätigkeit hel-
PJOTR DANIIL
gerechte Sache des rumänischen Volks. Um fen wird. Die Prüfungen, die in den vergange-
LUTSCHINSKI GRANIN
der in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkerung nen Jahren sein Los waren, und die Standhaf-
Erster Schriftsteller,
Sekretär Rumäniens zu helfen, wurde eine Regierungs- tigkeit. mit der er sie überstanden hat. machen Volks'
deo ZK der KP kommission eingesetzt. Ihr gehören auch Ver- Vaclav Havel zu einem Menschen, der beim deputierter
lloldawions treter der Volksfront Moldawiens an. Die eigenen Volk und bei vielen von uns Vertrauen der UdSSR
Kommission koordiniert die ganze Arbeit. genießt. Seine Vergangenheit bildet die Hoff-
Beim ZK der Gesellschaft vom Roten Kreuz nung und Garantie, daß die Menschenrechte,
der Moldauischen SSR wurde ein Hilfskomitee fur die er sich so furchtlos einsetzte, in der
für das rumänische Volk geschaffen, es wirken Tschechoslowakei wahrgenommen werden.
zahlreiche Bürgerinitiativen.
Ich möchte besonders hervorheben, daß die
Hilfe von Vertretern verschiedener in Molda-
wien lebender Nationalitäten kommt. Wir
haben schon 120 Waggons mit Nahrungsmit- ie ,,Prawda" erscheint ab diesem Jahr
teln und Industriewaren von einem Gesamtge- mit einem anderen Kopf: Anstatt der
wicht von ca. 2400 t sowie Medikamente für traditionellen Orden sieht man einc
300 000 Rubel geschickt. Auf das Hilfskonto Abbildung Lenins. Meiner Meinung nach ist
für das rumänische Volk wurden 2 257 000 das sehr richtig. Die Zeitung erhielt die Orden
Rubel überwiesen, 1,0 477 Menschen spendeten seinerzeit keineswegs dafür, daß sie in der Vor-
Blut für das Nachbarland. hut der Glasnost gewesen wäre. Während der
Die Demokratisierung und Offenheit, das Stagnation war es überhaupt eine traurigc
neue politische Denken fördern auch offenere Gesetzmäßigkeit: Je schlechter es uns ging.
Beziehungen zwischen Moldawien und Rumä- desto mehr Orden wurden verteilt.
nien. Ich bin sicher, daß unsere Wirtschafts- Übrigens war ich schon immer der Meinung,
und Kulturbeziehungen einen neuen Impuls daß es absurd und eine bürokratische Erfin-
bekommen werden und sich das Verfahren der dung ist. Zeitungen, Wasserkraftwerken, Sta- ALEXANDER
gegenseitigen Besuchsreisen unserer dien. Fabriken, U-Bahnen, Amtern, Kolcho- WASSINSKI
vereinfachen wird. sen und Republiken Orden zu verleihen (merk- Publizist
Die demokratischen Umgestaltungen in würdig, daß man seinerzeit nicht daraufverfiel,
Rumänien sind nur zu begrüßen. \Yir werden die UdSSR mit dem Orden der Völkerfreund-
ihm auch weiter helfen, damit die Ideale der schaft auszuzeichnen). Die ,,Prawda" hat die-
Demokratie und des Humanismus triumphie- sen Schritt getan, und folglich haben wir eine
ren. kleine Absurdität weniger.
Das Land erwacht aus der politischen Lethargie

Am Wendepunkt

n der Stadt ha; iici ::e I-e lersnrttelversor- gekommen, die rumänische Gesellschaft umzu-
gung verbesen. Es:na*:6 ::obieren die bauen, Bei uns ist es zu einer Teilung zwischen der
Bukarester Kinder Oraoger. Enmalig seit Staatsmacht und der politischen Macht gekom-
vielen Jahren erhalten de Eins'ohner men, was seltr wichtig ist. Das Gebot der Zeit lau-
Energielieferungen in ausreicbendem tet, einen gesamtnationalen Konsens ftir gemein-
Umfang. Erstmalig seit vielen Ja-hren kann same Ziele zu erreichen: Vertiefung der Demo-
I ich mich mit meinen rumänischen Kolleeen kratisierung, Abschaffung aller Mittel der Willkür
unterhalten, ohne die obligatorische A-nwesenieit und Diktatur, Rekonstruktion (wohlgemerktr
Allmählich eines Mitarbeiters der bertichtigten,,Protokollab- nicht Umgestaltung, sondern eben Rekonstruk-
normalisiert sich teilung" der Nachrichtenagentur Agerpres, der tion) des ganzen Landes in jeder Hinsicht. vor
die Situation in jedes Wort mitschrieb, erdulden zu mü$sen. allem des materiellen und geistigen Lebens des
Gerade darüber sprach ich mit Radu Pascale, Volkes.
Bukarest und im Chefredakteur der Zeitschrift,,Lumea".
Lande Es gilt, das tradierte nationale geistige Erbe
Er erzählt: ,,Unsere Redaktion unterstützt unseres Volkes wiederherzustellen, Rumänien
ohne Vorbehalt den Rat der Front der Nationalen wieder dem modernen Europa einzugliedern und
Rettung. In der Redaktion besteht ein örtliches zu einem festen Bestandteil der weltweitenZivili-
Komitee dieser Front. Der Inhalt unseres fälligen sation zu machen,"
Hefts weist große Veränderungen auf. Die rus-
sischsprachige Ausgabe von ,Lumea' wird erhal- Ich bitte Pascale, mir zu sagen, ob sich aus der
ten, wohl atrer aus technischen Gr{inden mit eini- Einberufung des außerordentlichen Militärtribu-
ger Verspätung erscheinen. nals viele Fragen ergeben.
Unserer Meinung nach sind die Ereignisse, die ,,Für dieses Phänomen gibt es nur eine einzige
am 21.. Dezember begannen, für Rumänien von Erklärung. Rumänien durchlebt eine Zeit maxi-
wirklich historischer Bedeutung. Die Zeit ist maler Spannungen. Davon zeugen die 70 000

"t I g E zlrr'2.s8
Menschenopfer allein in der ersten
Woche der Revolution. In Bukarest sind
noch immer Terroristengruppen am Der Vorsitzende des Rates der Front der Nationalen
Werk, es gibt sie auch in anderen Teilen Rettung Rumäniens wurde 1931 in der Familie eines
des Landes." illegal tätigen Kommuni5ten geboren. Nach Absolvie-
rung der Moskauer Hochschule für Ene,rgetik war er im
,,Eine weitere Frage. Was wird Ihrer
Meinung nach aus der KP Rumäniens? Jugendverband, später im Apparat des ZK der Fumä-
Aus den rumänisch-sowjetischen Bezie- nisihen KP tätig.
hungen?" ,1967 wurde lliscu zurn 1. ZK-Sekretär des Kom-
rnunistischen Jugendverbands Rumän*ens,gewählt,
,,Man muß ehdich sagen, daß das
gegenwärtig von vielen im In- und Aus- Zwischen Februar und .Ju,li 't971 war er Seketär des
land gefragt wird. Jahrzehntelang assozi- ZK der RKP fur ideologische Fragen. Aber lliescus
ierte sich die KP Rumäniens mit einem internationalistische Überzeugungen und seine Prin-
einzigen Menschen, der in Wahrheit kein
lon lliescu zipienfestigkeit paßten der damaligen engeh RKP-
Recht hatte, sich Kommunist zu nennen. Führung nicht, man entsandte ihn,,zur Subalternen
Wie kam das, was waren die Gründe? Parteiarbeit nach Timisoara, dann nach iasi, dann in
Die rumänischen Kommunisten und die den Nationalrat für Wasserressourcen der Republik,
gesamte rumänische Gesellschaft müs- bis s schlieBlich aß DireK€r in einem obskuren tech-
sen auf diese Frage antworten. Wie sich nischen Verlag landete.
das Schicksal unserer Partei gestaltet, lon ll iescu gehört :zu jenen rumäniscfren Kom mun -
: i

wird die Zeitzeigen. sten. die nie mit dem Vom Ceausescu-Clan dürchge-
Ich wiederhole, heute besteht die seEten Kurs des Perconenkults und des Aufbaus
wichtigste Aufgabe in der Rekonstruk- ei*es feudalen,,sozialismus" einverstanden waren.
tion und Erneuerung des Landes. Wir Nach dem Stüz derCeausesbu-Diktatui Würde ei zu
müssen alles tun, damit die Demokrati- der heute wichtigsten Funktion im rumänischen Staat
sierung erfolgreich verläuft. In dieser gewähft.
schwierigen historischen Periode hat das
rumänische Volk die guten Wünsche
Michail Gorbatschows und Nikolai
Ryshkows an die Adresse des Rats der len Betrieb wiederaufgenommen. Das So bezeichnete Ceausescu die Ernte
Front der Nationalen Rettung sehr Staatswappen des Landes ist geändert, von 1989 als die höchste in der rumäni-
dankbar aufgenommen. Wir sind über- aus dem Namen des Landes das Wort schen Geschichte. In Wirklichkeit
zeugt, daß sich die zwischen Rumänien ,,sozialistisch" entfernt q-orden. Alle machte sie bei Weizen 40%, bei Mais
und der Sowjetunion traditionellen Begrenzungen ftir Strom wurden abge- rd. t2Y", bei Zuckerrnben21To und bei
Beziehungen im Interesse der erfolgrei- schafft, die Werktäti,sen haben ein reales Kartoffeln 16% dessen aus, was offi-
chen Verwirklichung der Erneuerungsr, Recht auf einen E-Stunden-Tag und eine ziell gemeldet wurde. Das Bruttoauf-
prozesse in unseren beiden Ländern, im 5-Tage-Woche erhalten, vor allem aber kommen bei Getreide macht nur ein
Interesse eines besseren Weltklimas können die Menschen ruhig, ohne sich Viertel des ,,papiernen" aus, und das
weiterentwickeln werden. Ich hoffe, umblicken zu müssen und ohne die verursacht große Schwierigkeiten bei
daß sich auch unsere zwischenstaatli- eigene Zukunft und die ihrer Familien der Versorgung der Bevölkerung mit
chen Beziehungen jetzt durch Offen- aufs Spiel zu setzen. von ihren schreien- Nahrungsmitteln und der Viehhaltung
heit auszeichnen werden. den Problemen sprechen. mit Futter.
Kurzum, die Lage ist schwer. Dennoch
Wie ich glaube, wird die rumänische Die bekannte rumänische Schriftstel-
lerin Doina Cornea, Mitglied des Rats sind alle, mit denen ich mich unterhalten
Außenpolitik eine neue Entwicklung
erfahren. Wie die neue Führung des Lan- der Front der Nationalen Rettung, sagte konnte, frohen Mutes. Prof. Dumitru
des schon erklärt hat, waren und bleiben in einer Sendung des Freien Rumäni- Mazilu, der vor kurzem zum stellvertre-
wir Mitglied der Warschauer Vertragsor- schen Fernsehens: ,,Wir haben die tenden Vorsitzenden des Rats der Front
ganisation und werden unsere Politik scheußliche Angst und Feigheit von frü- der Nationalen Rettung gewählt wurde,
unter Berücksichtigung dieses Vertrages her abgelegt. Wir erleben jedoch recht sagte vor kurzem zu dieser neuen
gestalten. Zugleich sind wir fest ent- schwierige Zeiten, uns droht ein Chaos, Gemütsverfassung:,,Das rumänische
schlossen, uns in die Schaffung eines ein- denn nach jeder Umwälzung ist die Lage Volk, das als sehr demütig und zu ruhig
heitlichen Europas, eines gesamteuro- immer schwer und ungewiß." galt, hat nicht nur bewiesen, daß es einen
plüschen Hauses für alle Völker unseres Hinzu kommt die außerordentlich Plalz an der Sonne verdient, sondern
Kontinents einzuschalten und unseren schwere Lage in Rumäniens Wirtschaft. auch, daß es die notwendige Kraft auf-
internationalen Verpflichtungen nachzu- Die prahlerischen Erklärungen der frü- bringt und mit der komplizierten Situa-
kommen, darunter solchen, die die Men-
heren Führung über grandiose Wirt- tion, in der es sich jahrzehntelang
schenrechte schützen," befand, rasch fertig werden wird."
schaftserfolge haben sich als Betrug
Inzwischen hat die Entwicklung eine erwiesen. Wie Agerpres meldet, wurden Sergej
beispiellose Rasanz angenommen. Die der Bevölkerung und der ganzen Welt
letzten Widerstandsherde der Ceaus- nicht die wirklichen Produktionskennzif-
Swirin
escu-Anhänger werden unterdrückt. Der fern mitgeteilt, sondern andere, von den NZ-Korrespondent
Bukarester Flughafen hat seinen norma- Behörden stark überhöhte. BUKAREST

tr "lt r u E z E I r" 2.90


Die neuen Menschen von Ti m iso ara
an diesen als auch an jenen in der Stadt zu
Voltaire sagte: Die Stärke des Volkszorns stehe im direkten spüren q-ar.
Verhältnis zur Stärke seiner Unterdrückung. Diese Worte ,,Wie eestaiten sich Ihre Beziehungen zur
machen vieles von dem, was sich in Rumänien in den letzten Armee?-
Wochen ereignet hat, verständlicher ,,Wirxirkea eng zusammen. Die Machtin
der Stadt gebört dem Komitee, aber die
uf meine Frage nach dem Sinn der delt. Die Menschen, die hier früher saßen, Armee kontroihen die Situation. Heute ist
Ereignisse im Lande erhielt ich sind nicht mehr da. Auch eine städtische sie sehr autoDLlrx.. e;hebt jedoch keinen
überall, ob in Timisoara oder ande- RKP-Organisation existiere nicht mehr, ließ Anspruch darauf. n Z:i:nft selbständig zu
ren rumänischen Städten, die gleiche Ant- ich mir sagen. Die Bevölkerung identifiziert sein."
wort: Revolution. Die Antwort klang sehr sie oft mit den ehemaligen großen und klei- ,,Wie sieht Ihr Prog;' r'n aus?"
überzeugt, wollte jedoch nicht in den Rah- nen Ceausescus. Werden die Kommunisten ,,Das Komitee der Dg:rr-kratischen Front
men des Altgewohnten hineinpassen. Ist es schaffen, das Vertrauen zur Partei neu zu setzt sich für die koir-*equerte Einhaltung
Revolution in einem sozialistischen Land erwerben? Schwer zu sagen. Aufjeden Fall der Menschenrechte. i:e F::ilassung aller
dennmöglich? Entwederist daskeine Revo- werde es, sagt man im Komitee, die bishe- politischen Häftlinge uri 3: offenen Gren-
lution, oder sie vollzieht sich nicht in einem rige KP nicht mehr geben. zen ein. Wir gedenke-. :;-: neue Wirt-
sozialistischen Land. Die Leiter des Komitees sind offensichtlich schaftsstruktur einzuiih:::: -\lle Eigen-
Auch andere Fragen stellten sich. Was übermüdet. Keiner r.on ihnen befaßte sich tumsformen sind gJeicl'i'e:e:htig. der
beabsichtigen die Behörden? Wer sind sie, frtiher mit ,.hoher Politik". Fortuna I-orin Export ist kein SelbstzsecL r:hr. der Staat
die neuen Menschen von Timisoara? Mit unterrichtete an eirer TH, sein junger Stell- mischt sich nicht in die \\-L-._*;har ein. Das
diesen Fragen begab ich mich zum Komitee vertreter war erst vor kurzem Student. Wichtigste: Wirmüssen freie cemckrarische
der Demokratischen Front der Stadt. Ich frage Lorin. *'ann sich die Lage in der Wahlen vorbereiten und in .{pril d. J.
Nach sorgfältiger Durchsuchung gehen Stadt endgültig normalisieren werde. abhalten."
wir, von einem Mann mit einer MPi beglei- ,,Schu'er zu sagen. Die Mitarbeiter des Ich möchte von ihm höre:. e':: mal mit
tet, in das Zimmer hinein, wo uns der Sicherheitsdienstes des früheren Regimes den früheren Funktionärel z',; r'ertahren
Komiteevorsitzende Fortuna Lorin und sein kennen die Stadt gut und sind ausgezeichnet beabsichtige.
Stellvertreter Burlacu Tudorin empfangen. bervalfnet. Die endgültige Unterdrückung ,,Wer ein Verbrechen bega-ngei hal. muß
Das Komitee zählt 60 Mitglieder, was recht des \\'iderstands rvird wohl eine oder zwei sich verantworten. Dann ist es kelne Rache.
viel ist, und vertritt verschiedene Beleg- Wochen in Anspruch nehmen. Außerdem keine Abrechnung, sondem ern legitimes
schaften und Organisationen der Stadt. Die haben die Betriebe der Stadt noch nicht ihre Gericht. Übrigens meinen *ir. daß man
politische Führung wird von einem Kern aus vtrlle Leistung rvieder erreicht. Freilich gab Ceausescu viel zu schnell abeeurteilt hat.
7 Mitgliedern ausgeübt. Die soziale Zusam- es in der Stadt rveder Sabotage noch Dieb- Man hätte einen breiten politischen Prozeß
mensetzung ist sehr bunt: Arbeiter. Intel- stahl. " aufziehen sollen. Er hätte eine Garalrie
lektuelle, einige Militärs, drei Kommuni- Das habe auch ich gesehen. Als in Timi- dafür werden sollen, daß sich ein Ceausescu-
sten. soara noch seschossen wurde, gab es im Regime auf rumänischem Boden als *ie-
Übrigens befand sich das Komitee früher Zentrum zerschlagene Schaufenster. Nie- derholt. Obwohl, wir verstehen durchaus.
mand rühne jedoch Kleidungsstücke oder *
im Operngebäude, ist jedoch ins Haus des daß das Volk das frühere Regime haßt.
ehemaligen RKP-Kreiskomitees übergesie- Lebensmittel an. ots ohl derMangelsowohl Auch ich kann die Geftihle der Ber'öllie-
rungverstehen, alssievondemPreis erruhr.
derfärdieFreiheitgezahltwerdenmußte. In
Timisoara zeigte man mirFotos von \lassen-
gräbern, die auf eine Forderung des \-olkes
hin geöffnetworden waren. Verrenlne \fen-
schenkörper, die davon zeugen, daß in aller
Eile auch nur Angeschossene zugeschünet
wurden.
Verständlich ist auch die faktisch einmü-
tige internationale Verurteilung der Verbre-
chen, die das Ceausescu-Regime auf dem
Gewissen hat. Ich sehe darin eine Art des
Um-Verzeihung-Bittens gegenüber dem
rumänischen Volk.
Bei meinen Dialogen in Tirrisoara und
Arad mußte ich häufig entdecken. daß sich
meine Gesprächspartner sich nicht sehr
konkret vorstellen konnten, q ie es u eiter-
geht. Alle glaubten sie jedoch: Es werde
besser sein. Ich stimmte ihnen zu, denn
schlimm'ör, als es war, kann es wohl nicht
sein.
Gennadi Syssojew
HilfeausderUdSSR Nz-Sonderkorrespondent
Foto: TASS TIMISOARA _ ARAD - BELGRAD

"II E U E
Ruhmloses Ende Mechanismus der Wirtschaftsbeziehungen
nvischen den RGW-Ländern. Daß Rumänien
zu günstigen Bedingungen sowjetische Roh-
stoffe erhielt, erlaubte es dem Land, erfolg-
Aufstieg und Fall des Ceausescu-Clans reich die Schwer- und die l,eichtindustrie zu
entwickeln. Der Export von verarbeiteten Öl-
it dem rumänischen ,,Conducator" tion entstanden. Viele Parteiveteranen bean- und petrolchemischen Produkten nahm zu.
und Diktator, der vom Volksauf- spruchten den frei gewordenen Platz. Die Rumänien, das 1.0 bis l2Mio t Erdöl jährlich
E U I stand hinweggefegt wurde, ftihrte Lage spitzte sich zu. Ceausescus WahI zum forderte, importierte zusätzlich bis zu 18 Mio
mich das Schicksal in den vielen Jahren mei- Generalsekretär war sozusagen eine Kompro- t Ol zu den niedrigen Weltmarktspreisen. Der
ner diplomatischen Tätigkeit in Bukarest mißlösung. Man erwartete, Ceausescu werde Verkauf von Produkten, die aus dem in rumä-
zusammen. Ich war Zeuge der atemberauben- auf die Stimme der iilteren Genossen hören nischen Raffinerien verarbeiteten Öl gewon-
den Karriere Ceausescus. Meine Kollegen, und die Angelegenheiten der Partei im Geiste nen uurden, erwies sich als sehr lohnend. In
ausländische Diplomaten in Rumänien, der Kollegialität führen. Doch bald schon der l-andwirtschaft gab es ebenfalls anfangs
waren stets erstaunt, wie dieser im Grunde mußte man sich vom Gegenteil überzeugen. keine hobieme. Gute Emten wurden einge-
recht beschrlinkte Mann eine so enorne Ceausescu, der an die Spitze von Partei und bracht. Die lrbensmittelversorgung war
Macht in seinen Händen konzentrieren und Staat trat, legte sein eigenes politisches Pro- zufüedenstellend. Die Produktionsgrund-
dem temperamentvollen rumänischen Volk gramm vor. Eine Vorstellung davon konnte fonds des Landes wurden erweitert, die
diktieren konnte, wie es zu leben und wohin man sich bei der Lektüre rumänischer Zeirun- Bevölkerung wurde weitgehend mit den wich-
es zu gehen habe. Ja, wie war das möglich? gen machen, die immer häufiger von Reden tigsten Nahrungsmitteln und Industriewaren
Der künftige Diktator Rumäniens wurde des ,,Conducator" gefüllt wurden. Er rief dazu versorgt, die.lähne und Gehälter stiegen. Der
1918 in einer kindeneichen Bauernfamilie auf, einen großen, prosperierenden Staat zu Export von Olprodukten und landwirtschaftli-
geboren. Die patriarchalische Atmosphäre schaffen, unabhängig in der Außenpolitik von chen Erzeugnissen brachte Devisen.
der Kindheit lehrte ihn, sich auf die Hilfe und den Ländern der sozialistischen Gemein- In Rumänien begann man bereitwillig Io-
Untentützung der Familie zu verlassen. Als schaft, von der Sowjetunion. Diese Ideen fan- sungen in Sprechchören zu verkünden, I.o-
Halbwüchsiger ging er in die Stadt, wurde den ein Echo. Die Vertreter der rumänischen sungen, diejeder hörte, der das Land besuchte:
Schustergeselle. Anfang der 30er Jahre wurde Intelligenz, mit denen ich zuvmmentraf, ,,Ceausescu und das Volk! Ceausescu -RKP!
er verhaftet -
am ehesten wohl wegen eines bekundeten Solidaritat und L ntersttitzung fi.ir Geliebter Führer!"
kleineren Diebstahls oder einer Schlägerei. Ceausescu. Seht doch. erklärten sie, ,,unser Die tatsächlichen und angeblichen Erfolge
Doch in der Haft in einem der schrecklichsten Ceao" rechnet nicht mehr mit Moskau, der verdrehten manchem den Kopf, ließen die
Gefängnisse Rumäniens, Doftana, lernte er Westen aber trägr ihn gleichsam auf den Arroganz immer unerträglicher werden, wur-
den bekannten Revolutionär Gheorghe Ghe- Armen. Ja. Ceau,sescu fand die besondere den zum Fundament des Größenwahns.
orghiu-Dej kennenn der großen Einfluß auf Sympathie der LS-Präsidenten Nixon, Ford mit
Ceausescu rechnete so gut wie nicht mehr
ihn hatte. und Carter. mit denen er in Bukarest und demZK und der Regierung.
Diese Bekanntschaft half Ceausescu, nach Washington zu-sarrunentraf. Die häufigen Wir wissen nicht, wer ihm die Idee der
dem Sieg der demokratischen Volksrevolu- Kontakte mit q.estlichen Vertretern vermittel- Rotation von Partei- und Staatsämtern sugge-
tion schnell politische Karriere zu machen. ten ihm die Zuversicht, seine ,,herausragen- rierte, doch er griff nur zu gem nach ihr, sah
Zunächst itbemahm er die lritung des Rumä- den" Qualitäten würden im Ausland hoch darin ein Mittel, ihm Unbequeme, an denen
nischen Kommunistischen Jugendverbandes, geschäta und man betrachte ihn als ,,histori- er zweifelte, denen er aus verschiedenen
dann wechselte er zur Parteiarbeit über und sche" Persönlichkeit. Ich sah, wie der selbst- Gründen nicht vertraute, loszuwerden, Die
schließlich wurde er lriter der politischen zufriedene Ceausescu auf einem Empfang in Rotation ließ alle führenden Politiker zu Gei-
Verwaltung und stellvertretender Minister für der französischen Botschaft zu Ehren von de seln werden. Jeden Augenblick (und das
nationale Verteidigung. Ich hörte wiederholt, Gaulle mal den einen, dann den anderen Bot- wußte jeder nur zu gut) konnte Ceausescu
der junge Ceausescu sei grob gegenüber schafter um Komplimente anging... In Wirk- einen ihm nicht voll hörigen oder, wie er
Untergebenen gewesen, hochnäsig und lichkeit erinnerte er an einen Operettenbuffo, meinte, ,,schwachen" Leiter entfernen und
unduldsam gegentiber Kritik. Gerade seine der eine Opernpartie tibernommen hatte. ihn degradieren. Unter dem Vorwand der
Tätigkeit in deiArmeedtirfte ihn zu der Über- In der Wirtschaftspolitik nutzte Ceausescu Erneuerung der Parteiftihrung schickte er
zeugung gebracht haben, daß widerspruchslo- anfangs geschickt die Unvollkommenheit des viele alte Kommunisten und fähige junge
ser Gehonam die Grundlage der Spitzenpolitiker -
Ion Iliescu,
Macht sein milsse. rWiderstand sei Gheorghe Apostol, Ilie Verdet,
um jeden Preis zu unterdrücken. Ianos Fazecas u. a, -in die !

Und eben so verfuhr er, als er den Wüste. t


Befehl gab, auf Bauem im Kreis Ein tragisches Schicksal ü
Galati, die gegen die Zwangskol- erwartete den beliebten t
lektivierung protestierten, ar Gewerkschaft sftihrer Virgil Tro-
schießen. Die Behörden in Buka- fin, ,,Im Zuge der Rotation"
rest hielten es damals flir sinnvoll. wurde er als Genossenschafts-
die Geschichte zu vertuschen, die vorsitzender aufs Land
nicht nur Ceausescu kompromit- geschickt, wo er bald schon unter
tierte. ungeklärten Umständen ums
Die Entschlossenheit und der I-eben kam. Ebenso rätselhaft,
bedingungslose Gehorsam des bei einem Autounfall, kam auch
jungen Ceausescu aber blieben der ehemalige Innenminister
nicht unbemerkt, Seine ehrgeizi- Vasile Patilenet um, der seine
gen Pläne begannen Gestalt anzu- Ablehnung des Regimes derper-
nehmen. sönlichen Macht nicht verhehlte.
Nach dem Tod von Gheorghc Zur Hauptstütze seiner autori-
Gheorghiu-Dej L965 war im ZK tären Herrschaft machte Ceau-
der RKP eine schwierige Situa- lm Kreise der Familiel Nicolae, Elena, Zoo und Nicu sescu die Sicherheitsorgane. Sie

"il E U I Z E I I" 2,W


erhielten eine privilegierte Stellung. Als die spenstige Veteran
Krise das Land heimsuchte, erhielten die wurde später ins ZK
Mitarbeiter der Geheimdienste weiterhin der Partei bestellt, man
üppige Lebensmittelpakete, lebten in erteilte ihm eine Rüge
geheizten Wohnungen und ihre Gehälter und erklärte, seine
wurden sogar angehoben. Die ,,Securitate" Rente werde gekürzt
aß ihr Brot nicht umsonst. Die Sicherheits- und er in eine armselige
organe, die auf der Grundlage eines Präsi- Wohnung am Stadt-
dentenerlasses von Ende der 70er Jahre rand von Bukarest
handelten, verstießen gegen das Briefge- umgesiedelt. Doch Pir-
heimnis, hörten Telefongespräche äb, vulescu sollte seine
installierten illegal Abhöranlagen in Wohn- Rede nicht umsonst
und anderen Räumen. gehalten haben!
Diplomaten in Bukarest sagten oft, der Es war bekannt, daß
bezeichnendste und wohl widerlichste Zug unter den Einwohnern
der Ceausescu-Diktatur sei die Clan-Herr- der Hauptstadt über
schaft gewesen, Ceausescu, der nur nahen die Arbeiterunruhen in
und fernen Verwandten vertraute, nomi- einisen Großstädten,
nierte diese für hohe Amter im Partei- und darunler in Brasov,
Staatsapparat. Über Verwandte kontrol- lem Zentrum des
lierte Ceausescu die Lage in der Armee, in Auf der Jagd Schq ermaschinen-
derhQewerkschaften, in der Jugendorgani- nicht vergeben. Er let'te gerrennt \Lrn der baus. gesprochen nurde. Zu Unruhen kam
satiorü im Innenministerium, beim staatli- Familie. ron ihr r-er:toßen. es auch in Bergarbeitersiedlungen. vor
chen Plankomitee und bei den Massenme- Zoe. \icolae un'l Elena Ceausescus allem im Kohlenbecken des Landes, in
dien. Nepotismus und landsmannschaftli- Tochter. gar schon als Srudentin der Uni- Valea Jiului. In einzel-nen Dörfern ver-
che Beziehungen erlaubten Ceausescu. versität Bukarest bekannt durch ihre Vor- brannten die Bauern aus Protest Heugar-
die Gefähle des ,,Volkes" zu dirigie- liebe ftir Wein. Mann und Gesang. Um ben, schlachteten Vieh, gingen mit ausge-
ren. ihren Amouren ein Ende zu bereiten, beeil- streckter Hand auf die Straße.
Außerst abstoßend wirkte das Triumri- ten sich die Eltern, Zoe unter die Haube zu Seit Beginn der 80er Jahre begannen
rat, bestehend aus Nicolae Ceausescu, bringen, obwohl sie selbst es gar nicht eilig Ceausescus Positionen spürbar schwächer
Elena Ceausescu und ihrem jüngsten Sohn hatte - und ermöglichten ihr eine wissen- zu werden. Er bemerkte die zunehmende
Nicu. Dieses Triumvirat entschied im schaftliche Karriere. Kluft zwischen sich und dem Volk nicht,
Grunde die wichtigsten Angelegenheiten in Das Oberhaupt des Clans, Nicolae und wenn er doch etwas bemerkte, dann
der Partei und im Land. Ceausescu, war von Natur aus ängstlich, ja meinte er wohl nur: Um so schlechter für
Wie l-eute, die Elena Ceausescu gut feige. In Rage geriet er nur beim Billard. Er die Unzufriedenen und Unbotmäßigen. Er
kannten, sagten, sei sie eine herz- und skru- mochte nicht verlieren, und deshalb wählte glaubte an die Stärke seiqes Clans, der
pellose Frau gewesen, ebenso wie ihr Mann er sich bewußt schwache Partner. Einmal Armee und der Sicherheitskräfte, hielt sich
besessen von wahnsinnigem Ehrgeiz. Sie war der damalige Außenminister Corneliu ftir unverwundbar. Zugleich kann man
sah sich nicht nur als First Lady Rumäniens, Manescu, der noch nicht einmal wußte, wie nicht sagen. Ceausescu habe ganz ignoriert,
sondern hielt sich auch für die schönste herum er das Queue halten solle, Ceauses- daß sich Explosionsstoff im Lande ansam-
Frau des Landes. So erklärten sich ihre Rei- cus Partner. Zlfällig gewann er die Partie. melte. Er ordnete ja an, seine Leibwache zu
sen nach Paris, wo sie astronomische Sum- Man hätte sehen müssen. *'ie Ceausescu verstärken. und befahl zusätzliche Vor-
men für plastische Operationen, für Kleider ihn anfuhr: .,Ich *'erde dir das nicht verges- sichtsmaßnahmen, wenn er in der Öffent-
und Kosmetika vergeudete. Alle Ausgaben sen. Du kommst als Botschafter nach lichleit auftauchte. Augenzeugen berichte-
in Verbindung mit Elena Ceausescus Rei- Afrika." ten, daß selbst wenn Ceausescu unter vier
sen wurden aus der Staatskasse bezahlt. Die Ceausescu lebte in ständiger Angst Augen inoffi ziell mit jemandemzusammen-
Ceausescus besaßen, wie westliche Journa- davor, vergiftet zu werden. Selbst bei sei- traf, immer ein großer dressierter Hund bei
listen erklären, bei Schweizer Banken nen Auslandsreisen nahm er einen Koch ihm war, bereit, bei der geringsten jähen
und überprüfte Lebensmittel aus Bukarest Bewegung über den Besucher herzufallen.
große Konten für den,,Nodall", obwohl sie
nicht erwarteten, daß der ügendwann ein- mit und verlangte, daß sein Essen vorgeko- Bereits vor einigen Jahren wurde, wie
stet würde.
Einwohner von Bukarest berichteten,
treten würde.
unweit vom Sitz des ZK der RKP ein Son-
In seiner Jugend war Nicu Ceausescu, Trotz der schweren Unterdrückung, die
derbunker für Ceausescu ausgehoben.
damals Sekretär desZK des Kommunisti- Partei und Land so ztsetzte, nahm die
Nicht ausgeschlossen, daß auch in anderen
schen Jugendverbandes, dann Sekretär des Unzufriedenheit in der RKP ständig zu. Sie
Landesteilen spezielle Unterschlupfmög-
RKP-Kreiskomitees in Sibiu, für seine fand Ausdruck in der beispiellosen Rede
lichkeiten für ihn angelegt wurden. Die Pri-
Zechgelage und die anschließend von ihm des Parteiveteranen Constantin Pirvulescu
vatresidenz des Diktators am Herastrau-
verursachten Verkehrsunfälle bekannt - auf dem 12. RKP-Parteitag im November
See im Norden von Bukarest wurde rund
nicht selten mit tragischem Ausgang ftir 1979. Als Pirvulescu das Wort erteilt um die Uhr bewacht. In der Residenz war
Fußgänger, die er mit seinem Rennwagen wurde, erwartete man, er werde sich im stets ein Hubschrauber startbereit, und am
überfuhr. . Doch all das erregte keinen Namen der älteren Generation der rumäni- Kai wartete ein Gleitboot. Doch das sollte
Anstoß, da er Sohn des ,,Conducator" war schen Kommunisten den Lobhudeleien auf
dem Diktator nicht helfen...
tind als Nachfolger für seinen Vater vorge- die Erfolge und Vorzüge Ceausescus
anschließen. Doch das Unerwartete Mit dem Sturz der bürokratischen Fami-
'sehen wurde. Als westliche Korresponden-
ten Nicolae Ceausescu direkt fragten, ob geschah. Der Veteran begann auf dem Par- liendiktatur der Ceausescus, die dem
das stimme, antwortete der, das sei nicht teitag den Ceausescu-Clan der autoritären Ansturm des Volkes nicht standhielt, ist
'ausgeschlossen, ,,wenn dies das Volk Herrschaft, der Loslösung der SR Rumä- eine weitere Bastion des administrativen
Kommandosystems in Osteuropa in sich
wünscht". nien von der sozialistischen Gemeinschaft
zusammengebrochen. Dem rumänischen
Ceausescus ältester Sohn, Valentin, war und der Mißachtung der Probleme der
l.Physiker. Die Politik des Vaters widerte ihn Volk eröffnet sich der Weg zur Erneuerung
' rumänischen Werktätigen zu beschuldigen.
' än. Er heiratete die Tochter eines RKP- des Sozialismus, zu Humanismus, Demo-
Manversuchte, ihm das Wort zu entziehen,
''Veteranen, eine Nichtrumänin kratie und zu neuem politischen Denken.
- dieses und als dies nicht gelang, schleppte man ihn
,Dissidententum" wurde ihm vom Clan einfach vom Rednerpult fort. Der wider- Wladimir Pestscherski
"il zItr"2.$g
,,Es geht nicht um Emotionen"
Ein Plenum des ZKder KPdSU erörterte dieErgebnisse nen. uns allen liegen die Interessen Litau-
oäs itingst_.l.Kdgi4sses der Kommunistiscf,en Partei 'ts?lräXä:# währte ein provisorisches
Litauens. Welche FOlgen werden diese dramatischen zK der Kp Litauens, sein sekretariat sowie
Ereignisse für Litauen und unser ganzes Land haben? eine Revisionskommission.
Beim Plenumdes ZKderKPdSUinMoskau
I t an darf annehmen, daß dieEnt- AnhängseldesmachtvollenstaatlichenUnter- sprachen Sekretäre der (neuen) KPLitauens
lt\f| Vil- drtickuägsapparats... Die KP Litauens trägt
scheidungen des Kongresses in unddesprovisorischenZKderKPlitauens.
f V f über- Oe politiscfid Verantwortung dafi.ir, daß siö,
nius für tie Nz-r,esei keine Hatt" di" Spaltung vermieden werden kön-
raschung waren. Unsere Zeitschrift hatteaus- ein Bestandteil des tota[tären Systems des nen? Die Diskussion beim Kongreß förderte
Ple- Stalinismus geworden, seinen Willen
ftihrlich darüber berichtet, was bei zwei zutage, daßdieStandpunktemanchmaleinan-
nartagungen des ZK der KP Litauens im erfüllte." der diametral entgegengesetzt sind und daß
Herbst v. J. zur Sprache gekommen war: die Zweitens gelte es, von der staatlichen Ro1le der Wunsch nach einem Kompromiß minirnal
Wege zu einem radikalen Umbau der Partei. der Partei zum Status einer demokratischen ist. Im stenographischen Bericht ist kaum eine
Die erste Variante setzte eine entschiedene politischen Partei überzugehen, was auch ftir ruhige, ausgewogene Ansprache zu finden.
Erneuerung ihrer Tätigkeit im Rahmen einer eine umfassende Demokratisierung des politi- Romualdas Ozolas, Chefredaktetn derZ-ei-
sich ihrerseits erneuernden KPdSU voraus. schen Systems unumgänglich sei. Den Anfang tung ,,Atgimimas":
Bei der zweiten Variante ging es darum, eine machte jene Tagung des Obersten Sowjets der ,,Das Vorherrschen kommunistischer Par-
neueundselbständigeParteimiteigenemPro- Litauischen SSR, bei der Art. 6 der Verfas- teien oder wenigstens ihr Anspruch darauf
gramm und Statut zu gründen. Bei der Wahlsung aufgehoben wurde. Schon rirken meh- sind ein nicht zu übersehender Zug des 20.
derDelegiertenzumAußerordentlichenKon- rere politische Parteien auf dem Territorium Jahrhunderts. Irider konnte sich mit Aus-
greß, der den endgiiltigen Beschluß fassen der Republik. nahme des ehemaligen Russischen Reichs
sollte, wurde ihre Position eben zu dieser DrittenswidersprechederStafuseinerdem einekommunistischeParteinirgendsvollstän-
Frage berücksichtigt. Zentrum untergeordneten Partei der Konzep- dig durchsetzen. Wie das geendet hat, wissen
VordemKongreßwurdenunterschiedliche tion der wirtschaftlichen Selbständigkeit der leiderauchwir. Nichtvonungefährjubeltdie
Stimmen laut, es war jedoch klar, daß die Republik sowie dem gesetzten strategischen WeltheuteangesichtsderTatsache,daßeine
absolute Mehrheit der Delegierten ftir die Ziel: Wiederherstellung der Eigenstaatlich- radikale Demontage des Stalinismus begon-
zweite Variante stimmen wiirde. Die Teilneh- keit Litauens. ..Jede \ation trachtet danach, nen hat... Jetzt sehen schon alle, daß der soge-
merdesletztenPlenumsdesZKderKPLitau- ihreneigenenStaatzuhaben",meintA.Bra- nannte Weg.zum Kommunismus ins Nichts
ens,dervordemKongreßabgehaltenwurde, zauskas. ,,Das ist urbestreitbar, ist eine ele- führte...DieKPlitauensmußtediesengehei-
nahmen höflich von Gorbatschows Schreiben mentare Wahrheit. Die Kommunisten Litau- men Spielen mit Moskau, die bereits in den
zu dieser Frage Kenntnis, verhielten sich
enshabensichfi.irdenparlamentarischenWeg ZeitenderRepubliklitauenangefangenhat-
jedochzudenAufforderungenundWünschen entschieden. um dieses Zielzlerleichen." ten, selbst ein Ende setzen und aus eigenem
ausMoskauablehnend. Derseitenstarkepoli- Viertens könne nur eine selbständige KP Antrieb normale Beziehungen zur künftigen
tische ZK-Bericht, im Grunde ein Versuch, die Interessen von Litauens Einwohnern zum Kommunistischen Partei Rußlands aufneh-
Litauens gesamte Geschichte zu analysieren, Ausdruck bringen,- von gleich zu gleich mit men. Die KP Litauens ist verpflichtet, am
war offensichtlich nicht ftir den Kongreß, ja anderen politischen Kräften konkurrieren, Wiederaufbaudessen,wassiezerstörthat,des
nicht einmal für die Litauische SSR Litauen aus der Krise heraushelfen und es zu unabhängigen Litauen, teilzunehmen."
bestimmt.
Ent- ei,ner demokratischen Gesellschaft ftihren.
Das war die politische Begründung einer Juozas Kuolelis, Berater beim Präsidium
scheidung, die möglicherweise die Entwick- Am Tag darauf wurde eine Deklaration des Obersten Sowjets der Litauischen SSR:
lung in unserem ganzen Land beehflussen über die Selbständigkeit der KP Litauens ,,Man stößt uns auf den Weg eines nur
wird. Algirdas Brazauskas, 1. Sekretär des angenonmen. Dafür stimmten 855, dagegen angeblichen Neuerertums, obwohl man uns
ZK,begarnseine Rede mit einer Anlehnung 160 Delegierte. Am dritten Tag des Kongres- einredet, wir seien der Umgestaltung der
an lrnin: ses beschlossen 135 Delegierte, die dem Aus- gesamten Partei voraus, wir seien die ersten...
,,Der Kongreß, von dessen Notwendigkeit trittder KP Litauens aus der KPdSU nicht Es ist sehr schade, daß sich unsere Parteiorga-
die Kommunisten und ganz Litauen so lange zustimmten, eine Konferenz durchzuführen, nisation als das schwächste Kettenglied in der
gesprochen haben, beginnt seine Arbeit... um die Kommunisten zu konsolidieren, die in gesamten Parteistruktur erwiesen hat. Heute
Dem Kongreß steht bevor, die Selbständig- einer ,,selbständigen KP Litauens im Bestand haben wir noch Teit zum Nachdenken, sonst
keit der KP Litauens politisch zu legalisieren einer sich erneuemden KPdSU" bleiben. werden wir tatsächlich in einen tiefen, trüben
und ihre Stellung im politischen kben unse- Die Konferenz arbeitete gleichzeitig mit Wassergraben geraten. Eine Alternative gibt
rer Republik zu bestimmen.
Welche Argumente führte der 1. Sekretär Sitzungen.WadislawSchwed, l.Sekretärdes demVolkinkeinerWeisehelfen."
ins Feld? Bezirkskomitees Oktjabrjski (Vilnius) der KP Selbstverständlich waren die Kongreßdele-
Erstens sei das der Willen der meisten Litauens, der an der Konferenz teilnahm, giertenaufdieReaktionMoskausgespannt.
Kommunistenlitauens,sichergebendausder sagte: Der Kongreß schickte unverzüglich ein
Notwendigkeit einer Erneuerung und der ,,Die Unabhängigkeitsdeklaration der Telegramm an das Politbüro des ZK der
DistanzierungvondendurchdieParteifüiher KP Litauens bedeutet den Unglauben an KPdSUunddenGeneralsekretärdesZKder
begangenen tragischen Fehlem und von den die Möglichkeit der Erneuerung der KPdSU, M. Gorbatschow; ,,Die beim Kon-
Stalinschen Verbrechen. ,,Am 8. Oktober KPdSU. Das ist wohl der Hauptgrund für greß der Kommunisten Litauens gefaßten
1940 wurde die KP Litauens aufBeschluß des die Opposition. Auf dei einen Seite stehen Beschlüsse über die Selbständigkeit unserer
Politbüros des ZK der KPdSU(B) als örtliche Menschen, die an eine Erneuerung der KP sind keine Spaltung in der Partei, sie sind
(Gebiets)Organisation der KPdSU(B) ange- KPdSU und der UdSSR nicht glauben, auf vielmehr die Suche nach neuen zwischenpar.
gliedert. Dadurch wurde die Parteiorganisa- der anderen Seite solche, die diesen Glau- teilichenBeziehungen." I
tion unserer Republik zu einem direkten ben nicht verloren haben. Man braucht uns Nach zuvei Tagen wandte sich der Kongreß
Instrument des Stalin-Regimes, zu einem deshalb nicht eine ,fünfte Kolonne'zu nen- an das Plenum des ZK der KPdSU mit einem

,,II E U E Z E I I"
Die Spaltung in der KP Litauens ist vollendete Tatsacfie- Wdche H*.rrg sol loctqr einelrnen?
weiteren Schreiben: ,,Unsere für die Ver?inde- cäen Fragsa nät di
besretr HeHer. Man muß Paneidokumente haiten.\\'er in diesem Jahr
rungen in der UdSSR und in Osteuropa emp nät besonders schlau sein, rm etwas an vemr- eintritt. bekonmt eine prorisorische Mitglieds-
fängliche Gesellschaft ähnelt heute einer Fruh.' leilen und an bandmarken. Den litauischeo karte. Ab 1. Januar 1991 sollen dann neue Par-
jahnflut. Uberall verändern sich sttirmiscb GeDN€n zuzrstfunmen, bedeutet jedoch, die teidokumente ausgestellt werden.
gesellschaftliche Strukturen und brechen ah€ Spaltung zu vertiefen. " Man muß offen sagen: Für die Erhaltung
politische Bastionen zusarnmen. Wir können Das Plenum des ZK der KPdSU beauftragte der alten Lage sprechen sich unverkennbar
nicht länger passive Beobachter bleiben. Wir eine große Gruppe der Parteifunktionäre, dar- meist die polnisch- und die russischsprachi-
wünschen nicht, daß die Stimme der Kommuni- unter den Generalsekretär des ZK, nach gen Parteiorganisationen aus. Es gelang der
sten überhört wird, rtaR sie als Geiseln der Sta- Litauen zu reisen. Was erwartet sie dort? litauischen Mehrheit nicht, die nationalen
linschen und Breshnewschen Eiszeit gelten und Im Grunde wirkt die neue Partei schon. Ihre Minderheiten von der Garantie ihrer Interes-
deshalb aus dem realen politischen Leben ver- Prinzipien sind Freiwilligkeit, Gewissensfrei- sen zu überzeugen. Möglich, daß sie sich
drängt werden." heit, Meinungsfieiheit (Mitglieder der Partei nicht sehr darum bemühte. Möglich ist fer-
Anders ausgedrückt erklärte der Kongreß mtissen der Position der Mehrheit nicht zustim- ner, daß die in Litauen lebenden Russen,
seine Beschlüsse sehr prosaisch: Es ginge um men und können ihre eigene Plattform durchzu- Polen und Ukrainer mit ihren Nachbarn nicht
das Überleben der KP, der in Litauen die völlige setzen versuchen; in der KP Litauens sind schon sehr gut. äuskamen und sich auch nicht sehr
Verdrängung von der Macht und der völlige drei Fraktionen im Entstehen), Ko[egialität, darum bemühten, diese zu verstehen. Auf
Schwund des Einflusses drohten. Der Leiter des Offenheit, Parteidisziplin (ist aber ein Beschluß jeden Fall sind die Veränderungen in der
Instituts ftir Philosophie, Soziologie und Recht der Parteiorgane für einen Genossen unan- Republik und dieser Absonderungsprozeß
der republikanischen AdW nannte in Vilnius nehmbar, braucht er ihn nicht zu befolgen), bedrohlich, man setzt die ganze Hoffnung auf
Angaben einer umfassenden soziologischen Erweiterung der Demokratie. Das Institut der Moskau. das die Minderheiten in seinen
Befragung: 56% der Befragten äußerten sich ftir Kandidaten der Partei, das der Bürgen und der Schutz nehmen würde. Um ehrlich zu sein,
eine selbst?indige KP, 8olo für eine autonome KP Bestätigung eines Neuaufgenommenen durch können wir nicht damit rechnen, daß die
im Bestand der KPdSU, 60/o gegen die Abspal- ein übergeordnetes Parteikomitee sind abge- Mehrheit und die Minderheit sich gegenseitig
tung von der KPdSU; 13% hatten keine Mei- schafft. Ein Parteimitglied kann wählen, wel- nachgiebig zeigen.
nung dazu , weit ere L6"/o interessierten sich nicht cher Grundorganisation er angehören will. Das ZKdeTKPdSU solljetä eine Formel ftir
für Fragen der KP Litauens. Außerdem sagten Jinige scblugen vor, im Statut ideologische das Einvemehmen finden, und das nicht nur
29o/" der Be{ragten, sie wij.rden für keine KP und organisatorische Grundlagen der Partei wie zwischen beiden Parteien in Litauen, sondern
Litauens stimmen. die marxistisch-leninistische Ideologie, den auch z';vischen den Vertretern verschiedener
Der Kongreß hoffte, in Moakau würde man sozialistischen Internationalismus, den demo- Ansichten innerhalb der KPdSU. Bald nach
die verzlveifelte Lage der Partei und die Not- kratischen Zentralismus und die unverbrüchli- dem Beschluß des Obersten Sowjets Lettlands,
wendigkeit dieser Selbsnettungsaktion verste- ghs idsslls Einheit der Kommunisten zu bestim- der den ehemaligen Status der KP kttlands
hen. Der Versuch, sich allein zu retten, wirkt men", sagte Wadimir Beresow, 2. Sekretär des abgeschafft und das Mehrparteiensystem lega-
jedoch als Desertion und bringt daüb€r hinaus ZK, der seinen Posten nach den Neuwahlen lisiert hatte, stellte das ZK der KP lrttlands
auch die übrigen in eine noch schwierigere behalten hat. ,,[rider haben solche Vorschläge die Frage nach einer Revision des Parteistat-
Lage. Nach M. Gorbatschows Bericht zu urtei- häufig einen konservativen Beigeschmack." uts: Es müsse dem Status der Republik ent-
len, ist die Führung der KPdSU und unseres Durch einen Beschluß des Kongresses wer- sprechen, die ebenso wie Litauen eine Dekla-
Staates nicht über die Eigenwilligkeit von Vil- den alle Mtglieder der alten Partei mechanisch ration über die Souveränität annahm. Ein ähn-
nius, nicht über den formalen Verlust der Kon- Mitglieder der neuen. Es gibt keine Neuregi- licher Prozeß ist in der KP Estlands im Gange.
trolle über die KP Litauens und nicht über die strierung. Wer mit Programm und Statut nicht In den kommunistischen Parteien einiger
Ver?inderung gewohnter Formeln und Strukhr- einverstanden ist, kann der Partei den Rücken anderer Republiken treten die nationalen
ren besorgt, sondern über die Gefahr einer weit kehren. Wer in der KPdSU bleiben will, kann Interessen in den Vordergrund, dort fordert
ernsthafteren Spaltung als in Litauen. bis zu ihrem 28. Parteitag in der neuen KP man eine Absonderung nicht nur der Repu-
Selbstverständlich waren viele über die Frei- Litauens bleiben. Bis dahin verändert sich die blik, sondem auch der Partei. Diese Tendenz
denkerei in Vilnius, den Verzicht auf die Dog- organisatorische Struktur der Partei nicht. zerstört die integrierende Rolle der KPdSU.
men, den Bruch mit der Vergangenheit uod Das neue Statut senkt die Mtgliedsbeiträge; Deshalbwird das Plenum des ZKderKPdSU,
schon über den Wunsch, selbständig zu leben, das werde dazu ftihren, den Apparat der Partei- dasseine Arbeitwiederaufnehmensoll, nichtnur
höchst empört. Die Forderung, die Abweichler organe und -limter beinahe auf die Hälfte zu seine Haltung zum Kongreß in Vilnius ausarbei-
streng zu bestrafen und jene lriter, die ,,so kürzen, wie der Vorsitzende der (iazwischen ten, sondern auch mit der Suche nach einer uni-
etwas zugelassen" hätten, in Moskau zw Ver- ebenfalls abgeschafften) Revisionskommission versellen l-<isung beginnen müssen, die dazu
antwortung zu Äehen, drückte wohl auf das beim Kongreß sagte. Es wurden eine Beru- angetan wäre, die Integrität der ftir die garze
Plenum, aber Gorbatschow gab einen anderen fungs- und eine Finanzkornmission der KPL, Union einzigen Partei zu erhalten.
Ton an: beide vom ZK unabhängig, gewählt.
,,Es geht nicht um Emotionen, sie sind in sol- Unterdessen wird man sich an die früheren Leonid Mletschin

"ll E u E z E I r" 2.90


Letzter Akt, erster Akt
Am Vorabend des neuen Jahres wählte die Föderative
Versammlung der GSSR einen neuen Vorsitzenden,
Alexander Dubcek, und einen neuen, wie es heißt, interi- ausgesetzt. Sie schreiben Memoiren, halten
Vorträge, machen in Wohltätigkeit und
mistischen (bis zu den im Sommer anstehenden Wah- Weltpolitik. Natürlich gibt es auch hier
len) Präsidenten der Republik - Vaclav Havel Ausnahmen, doch sie bestätigen nur die
Regel: Ein Spitzenpolitiker, der gegen das
Gesetz und Normen der Moral verstoßen
euer Präsident der Tschecho- hat, bekommt einen öffentlichen Prozeß
slowakei wurde der 53jährige oder ein Impeachment. doch hierbei zieht
Dramatiker, vor kurzem noch niemand Banknoten mit dem Porträt eines
sozusagen Dissident Nr. 1 des ehemaligen Premiers oder Präsidänten aus
Landes, der in den letztet}0 dem Verkehr.
Jahren 5 Jahre in Haftanstalten und Unter- Die Erfahrungen der Tschechoslowakei
suchungsgefängnissen zugebracht hatte - wie etwas fri.iher die der DDR haben
Vaclav Havel. Ende Dezember war er der gezeigt, daß auch in Ländern, die sich als
einzige Kandidat geblieben. Dubcek hatte sozialistisch bezeichneten, der Übergang
zugunsten von Havel verzichtet. Ein weite- von der administrativen bürokratischen
rer Spitzenpolitiker des Prager Frühlings Parteiherrschaft zu einer pluralistischen
von 1-968, Cestmir Cisar, hatte seine Kandi- und demokratischen Staatsform ohne ernst-
datur zurückgezogen. Der neue KPTsch- hafte Störungen im Wirtschaftsmechanis-
Vorsitzende Ladislav Adamec nahm nicht mus, ohne Schießereien und physische
am Kampf um das höchste Staatsamt teil. Gewalt möglich ist.
Das Bürgerforum, die slowakische Bewe- Doch trotzdem nimmt sich auf der sozia-
gung,,Öffentlichkeit gegen Gewalt" und die listischen Seite des Vorhangs vieles bislang
Parteien hatten sich in Vorgesprächen auf nicht sonderlich zivilisiert aus. Kaum tritt
Havel geeinigt. Und Havel wurde gewähit. jemand von der politischen Bühne ab,
So fand der letzte Akt der Krise, die seit schon fällt man über ihn her. Der eine wird
dem L7. November v. J. angehalten hatte, zu (Jnperson, der andere landet im Kitt-
seinen Abschluß. Der erste Akt eines chen, der dritte wird erschossen...
neuen historischen Stückes mit neuen han- Vaclav Havel Herrgott, denkt man da. Was ist denn
delnden Personen und Darstellern beginnt. das? Haben uns wirklich das ganze Leben
Die Schlüsselpositionen im Staat sind ver- bürgerlichen Demokratie spielen ihre lang unfähige, inkompetente und bisweilen
teilt. In das neue Jahr ist die Tschechoslo- Rolle." auch noch unehrliche Leute regiert? Wo
wakei mit einem nichtkommunistischen Über diese Bemerkung sollte man sich waren wir denn eigentlich, während sie
Präsidenten, mit einem seinerzeit aus der Gedanken machen. regierten? Wohin schauten wir?
KPTsch ausgeschlossenen Parlamentsvor- Besondere Sympathien für die westliche Schmerzlich, entsetzlich schmerzlich ent-
sitzenden, mit einem kommunistischen Demokratie empfinde ich nicht. Weniger, steht staatsbürgerliches Verantwortungsbe-
Ministerpräsidenten und einer Koalitions- weil mir in der Schule und danach ständig wußtsein in einer Gesellschaft, die es
regierung getreten, in der die Vertreter der gesagt wurde, sie sei schlecht. Was hat man gewohnt war, in Angst vor dem Herrscher
KPTsch in der Minderheit sind. In wenig uns nicht alles gelehrt, woran man heute lie- zu leben, die sich dabei über ihr mutiges
mehr als einem Monat verlor die KPTsch ber nicht mehr denken möchte! Ich meine Bild im Zerrspiegel der llntertanenideolo-
ihre dominierende Stellung in der Gesell- nur, es wäre dumm, die Demokratie in eine gie begeisterte. Allmählich nur setzen sich
schaft. Die Arbeitermiliz, die Politorgane ,,bürgerliche" und eine ,,sozialistische" zu Normen durch, die es erlauben, sich offen
und die Parteiorganisationen in den Streit- teilen. Entweder gibt es Demokratie oder nicht nur zur Vergangenheit, sondern auch
kräften und im Innenministerium sind auf- es gibt sie nicht. Und doch finden sich in zur Gegenwart zu äußern. Übrigens auch
gelöst. Die Lehrstühle ftir Marxismus-Leni- dem in Jahrhunderten im Westen entstan- zur Vergangenheit, da die historischen
nismus an den Hochschulen wurden denen Mechanismus zwei Momente, die Unwahrheiten und Halbwahrheiten der
geschlossen, Tausende Kommunisten mir außerordentlich gefallen. Erstens ein Väter mit der Zeit zu Minenfeldern wer-
geben ihre Parteibücher zurück. Unzählige erprobtes Modell ftir den Machtwechsel. den, auf die die Kinder treten.
neue nichtkommunistische Organisationen Präsidenten wechseln, Minister und Regie- Natürlich wird die Zeit allem seinen Platz ,

entstehen. Die Menschen tauschen die rungen treten zurück - und das wirkt sich zuweisen. Doch dabei sollte man nicht ver-
unpopulären 20-Kronen-Scheine mit dem weder auf die Arbeit des Staatsapparats gessen, daß die Zeit kein Wundarzt und
Bildvon Klement Gottwaldbei den Banken noch auf das Warenangebot in den kein Priester ist, der die Sünden vergibt..
um.. . Und all das vor dem Hintergrund von Geschäften aus. Und zweitens ist es dort Die Zeit läßt uns nur älter und weiser wer-
Großkundgebungen und -demonstratio- nicht üblich, führende Politiker, die verlo- den.
nen, doch ohne zerschlagene Fensterschei- ren haben und gehen müssen, durch den Ja, an jähen Wendepunkten der
ben, brennende Autos und Schießereien, Dreck zu ziehen. Geschichte sagen sich die Sieger nicht sel' .
ohne eine spürbare Störung des normalen Ja, jenseits des bereits stark durchgero- ten selbstbewußt vom Erbe ihrer Vorgän-
Lebens. steten ,,eisernen Vorhangs" führeo ehema- ger los. So war es 1948, als die Führung:r
,,Vergiß nicht, daß die Tschechoslowa- lige Premiers und Präsidenten, Parteiführer unter Gottwald das pluralistische Pro-:i
kei nicht Rumänien ist", sagte mir ein Pra- und Minister in der Regel ein friedliches gramm eines tschechoslowakischen Weges
ger Kollege. ,,Die Erfahrungen der Leben, werden keinem Scherbengericht zum demokratischen Sozialismus durch-

"IIEUE ZEII"
T
I
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.ll1l,.l::l,,.lll:::il::;l:::l

t.ffi.
dab@i;;::;: :

sind unsercl. ffipäiftöfi.;ii.;'ii


und Korrespondenten,
wefln irgendwo '
Natürlich sind die politischen Ereignisse in der Tschechoslowakei ni<;ftt spürlcs an Weih- auf der Welt, 1,,., ....... ,....,..11;'l
nachten und Neujahr vorübergegangen. Wie alle Jahre wierjer zog€n h Prag Käuferscharefl gtytlas gassiert. ,, ..,.
von Geschäft zu Geschäft, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Auf dem Altstädter Plats ...'..':..

stand wieder die erste Tanne der tschechoslowatrischen l{arptstadl Do.t, auf dem Altstäd- Gr ündl!$q Fec{rercFn:
ter Platz, fand nach der Wahl des Präsidenten der Feprölik eine gro8e Party unter freiem
Himmel statt und Analysen,
,,
, kritische Q@hte
Foto aus: ,,Rude Pravo" (CSSR)
kreuzte. So verfuhr auch die lvlannschaft von Rechtsstaates interessiert sind, von welchem
Husak, die alles, rvas mit dem Prager FrüLh- Land auch die Rede sein mag. Und ich fühle
finden y,ngpre,Leser
ling verbunden war, ausz.rmerzen suchte. mich sehr unwohl, wenn ich höre, daß der : :::lJlclef ,, .

Sieg der Werktätigen im Februar 1948 ein


Doch ftihrte nicht diese Haltung letztlich
zum Fiasko des Systems?
Ich schreibe das keineswegs, weil ich jene
Putsch gewesen sein soll, wenn ich das Gott-
wald-Denkmal sehe, die Arme bis zum Ellen-
' , pölitl'söhen ,,,

..l ..:,....:.....,lfföönsf.:|äsit$öftfif,t,..........t..,
verteidigen will, die in den vielen Jahren bogen mit roter Farbe beschmiert.
ihrer verantwortungslosen Herrschaft
Straflosigkeit gewöhnt, degradierten. Ich
an

schreibe das, weil ich überzeugt bin: Bei der


Die neuen fährenden Politiker der Tschechos-
lowakei erklären, daß sie die feste Absicht
haben, eine gewaltsame Abrechnung nicht zuzu-
,
:,,,,,,,,,,li,iN...m - -..l'..lll.i''....1'...'.l..1'

Bewertung eines bestimmten Geschichtsab- lassen. Nichts kann die Tschechoslowakei zwin-
.,..,,.,,,,'.,...,.,.,.,,,,,.Z':iE.ll..I..l.tr...ilo.*iiii.l..ii.il..'li....llll.'li......l
schnitts darf man nicht nur die großen und gen, vom Weg zur Demokratie abzugehen, heißt
kleinen Fehler der einen oder anderen Spit- esim Regierungsprograrnm. Die Einhaltung der
::! ::: ::

', .:
l
!.: !!::: :::
Funotene
-
: : :.: a.i i::: : : : :

zenpolitiker sehen, nicht nur das, was dane-


benging, sondern muß auch die Erfolge, die
Gesetze ist Grundlage der Arbeit des Staates.
Man möchte hoffen, daß diese Prinzipien
, , ,lnfonnationen
Errungenschaften sehen. verwirklicht werden können. Gewaltbringt ja , , ,ütler Glasnost t, , ,,,
Natürlich ist Gustav Husak nicht ,,mein
Präsident", nicht mein Ideal. Als er General-
immer nur Gewalt hervor. Die Französische
Rer,olution ebenso wie die Oktoberrevolu-
Fgrestroika',
,,,,Demokratisle,rung, ,,

sekretär war, wurden viele meiner engen tion und die Entwicklung in der Tschechoslo-
Freunde, Tschechen und Slowaken, ehrliche s'akei seit 1968 haben deutlich werden lassen,
daß Repressalien, die Verfolgung von ;.iä..',.öär....$ö
.,..'
j. üniön,i1,..1r.''. .1

und prinzipienffeue Kommunisten, aus der


KPTsch ausgeschlossen. durften nicht mehr Andengläubigen und Andersdenkenden Ii...'ii..i....ii..'ii.i.ii.,,''.LlIti.r,i'üö ö äfi.ii..i....ii..i'..ii.i...ii:iii..ii

in ihrem Beruf arbeiten. Ihr ..Verbrechen" nicht den Weg zu einem demokratischen Standpunkte in Po-liti k,
bestand darin, daß sie Stalinismus nicht
Sozialismus und eine imperiale Politik nicht
Rechtsstaat eröffnen, keine Gewähr für Frei-
heit, Gleichheit und Brüderlichkeit geben. :: Wirtschäft,,,,,
Internationalismus nennen wol]ten... Im Gegenteil ftihren sie in die Sackgasse. :::::i'::*ll:::,,,:.i,:]:.wi$sää$öil1äft:i::::].:iill:.ii:;::ili:;ii::i::
Nichtsdestoweniger war ich es irgendwie
gewohnt, daß man in der Tschechoslowakei
Kurz bevor Vaclav Havel Präsident wurde,
sagte er in einer Ansprache: ,,Lange Reden
und Kultü,r. ' ,

stets Respekt vor den eigenen Präsidenten haben wir genug gehört. Deshalb möchte ich
hatte - sowohl vor jenen, die als Sieger in nur an das Wichtigste erinnern. Es geht heute
die Geschichte eingingen, wie Tomas Masa- schon nicht um eine bessere Zukunft der
ryk, als auch vor denjenigen, die Niederla- Tschechoslowakei. Daß sie besser sein wird,
gen hinnehmen mußten, wie Eduard Benes, ist klar. Es geht um mehr. Damit der Weg,
und auch vor jenen, die nur bemüht waren,
ehrlich das schwere Amt des Staatsober-
auf dem wir zu einer besseren Zukunft gelan-
gen, nJ einer besseren Zukunft ganz Euro- .ffi
hauptes auszufüllen, die Fehler wie Erfolge
auf ihrem Konto zu verbuchen haben, wie
pas, der ganzen Welt führt."
Wünschen wir dem Volk der Tschechoslo- 'fl:.Itffffi'
Zapotocky, Novotny und Svoboda. Ich wakei Erfolse-
auf diesem Wes.
Alexander Didussenko
ffi.,ffi.iilf,m*.i'
rhoffte, gerade diese Erfahrungen könnten,
rheute zum Allgemeingut aller werden, die an NZ-Sonderkorrespondent
PRAG-MOSKAU
ido Entwicklung eines demokratischen
,,IIEUE ZEII" 2.eo tr
Sozial ismus heute
Gedanken des Prernierministers der Französischen der demokratischen Gesellschaft besteht
ja gerade darin, sich nicht den Weg mit
Republik, Michel Rocard, zum Schicksal sozialistischer endgültigen Entscheidungen ztr ver-
Theorie und Praxis, zur Demokratie und den bauen, sondern eine offene Gesellschaft
Aufgaben, vor denen die Linken in Zukunft stehen zu sein, damit alle Mitglieder der Gesell-
schaft nach ständiger Verbesserung stre-
ben können. Der Begriff Gleichheit
er Begriff Sozialismus war nie ein- Heute hat sich beim demokratischen behält seine Bedeutung als Protest gegen
deutig. Seine Anhänger waren sich Sozialismus ein Gleichgewicht eingepe- den Druck der sich in der Gesellschaft
einig darin, daß sich in einer gelt. Achtung der Menschenrechte und fügenden Umstände.
gerechten Gesellschaftsordnung die Pro- politischer Pluralismus gehen einher mit
duktionsmittel im Besitz oder unter Kon- der Orientierung auf eine effektive Wirt- Wenn man die Ziele des Sozialismus
trolle der Gesellschaft befinden müssen. schaft und einen hohen Grad an sozialer so verstehr. ist es keine leichte
Aufgabe,
In der Praxis waren allerdings die Vorstel- Sicherheit. sie zu erreichen. Vielen Völkern, die
lungen davon, wie man das erreichen Bei alldem ist der demokratische Sozia- das Diktat des sozialen Durcheinanders
könne, äußerst vielfältig. Was entstanden lismus jedoch keineswegs eine magische satt haben und danach streben, die
nicht in Frankreich seit der ersten Hälfte Formel. E,ine Demokratie, die ausgeht organisierte Freiheit zum Entwicklungs-
des 19. Jh. alles für sozialistische Schulen prinzip zu machen, geben diese Ziele
- vom Anarchismus bis hin zum sozialen MICHEL ROCARD: Hoffnung.
Republikanismus. Nach 1917 wurde die Heute ist ohne Z*eifel das Wichtigste,
Konfrontation zwischen der kommunisti- zrt erkemen. daß eine bestimmte
schen und der sozialistischen Bewegung geschichtliche Epoche zu Ende geht. Die
zum bestimrnenden Faktor fur
die Dramatik, die sie erlüllte. wird noch lange
gesamte Gegenwartsgeschichte. Ütbrigens Stoff für Geschichtsdispute liefern. Die
kämpften bei einer gewaltigen Prüfung, Sozialisten des Westens sind jedoch zur
wie sie der zweite Weltkrieg darstellte, Zusammenarbeit bereit. dre noch vor kur-
Sozialisten und Kommunisten Schulter an zem undenkbar schien.
Schulter. Die Differenzen darum, was Vor allem die Sozialisten können ihre
denn nun Sozialismus tatsächlich sei, Erfahrungen allen zur Verfügung stel-
waren allerdings zu groß, um eine Eini len. die Bedarf haben. Außerdem sind
gung über einen größeren Zeitraum hin- sie bereit. an der Klärung von Proble-
aus zu erzielen. men mitzurvirken. die alle Menschen der
Dem in der Sowjetunion begonnenen Erde bewegen. Die Erhaltung des Frie-
Reformprozeß kommt heute außeror- ,,Heute stehen wir
dens, der Schutz der Menschenrechte,
dentliche Bedeutung zu. Er macht uns all- vor einer Herausforderung,
Aussöhnung der Interessen von Süd und
mählich klar, daß der Sozialismus nur eine der wir nach Möglichkeit Nord, Umweltschutz - all das bedingt
Zukunft hat, wenn er sich aufeine wettbe- mit gemeinsamer Kraft globales politisches Vorgehen und neue
werbsfähige, offene und entwickelte entgegentreten sollten(' Formen der multilateralen Zusammen-
Wirtschaft, politischen Pluralismus und arbeit.
Rechtsstaatlichkeit stützt. Ohne Demo-
kratie werden wirtschaftliche Reformen Jede neue Epoche bringt günstige
Umstände mit sich, die es unbedingt zu
immer lebensunfähige Halbheiten blei- vom Vorhandensein von Konflikten und
nutzen gilt. Um die nach Beendigung des
ben. Andererseits kann man sich auf poli- Unterschiede zuläßt, ist nur unter Kom-
tische Reformen, die nicht von einer -
promißbedingungen lebensfähig. Auch
zweiten Weltkriegs vergebenen Möglich-
keiten zu verwirklichen, stehen uns viele
effektiven Wirtschaft unternauert wer- der Markt kann nicht alle wirtschaftlichen
ernsthafte Veränderungen bevor. Man
den, nicht verlassen. Funktionen wahrnehmen. Indem er stän-
muß neu an das Verständnis der Souve-
Bei seiner Wahl ist der westliche Sozia- dig Ungleichheit generiert, läßt er auch
ränität eines Staates herangehen. Uirab-
lismus von diesen Voraussetzungen aus- soziale Effektivität und Erfindungsreich-
dingbar ist die Anerkennung der gewach-
gegangen. Die Geschichte jedes westli- tum zu.
senen Rolle internationaler und regiona-
chen Landes gestattet es, ziemlich genau Die ganz auf Freiheit fixierten Soziali-
ler Organisationen.
den Moment zu bestimmen, da man diese sten können sich aber natürlich nicht
Grundsätze begriffen hat. Die Republik damit abfinden, daß das Wirtschaftssy- Heute stehen wir vor einer Herausfor-
als Staatsform wurde in Frankreich einige stem außerhalb der bewußten Kontrolle derung, der wir nach Möglichkeit mit
Jahrzehnte vor Entstehung der sozialisti- der Menschen funktioniert. In der Tat ist gemeinsamer Kraft entgegentreten soll-
schen Bewegung eingeführt, doch die eine demokratische Gesellschaft nicht nur ten. Wir müssen unseren Verstand und
Ideen von Demokratie und Sozialismus ein Zusammenschluß freier Individuen, Willen fär die Lösung globaler Probleme
sind eng miteinander verbunden. Es ver- sondern auch eine bewußt wirkende und einsetzen. Wenn wir in diesem Sinne han-
ging allerdings eine ganze Weile, bis sich über die Freiheit der Wahl verfügende deln, bleiben wir dem wahrhaft interna-
im sozialistischen Bewußtsein zwei Wand- Gemeinschaft. Die Erfahrungen lehrten tionalen Geist treu, dervon Anfang an die
lungen vollzogen: Zuerst sagte sich der uns, daß dieser Widerspruch nicht gelöst sozialistischen Ideale bestimmt hat.
Sozialismus von der Gewalt los, dann von werden kann. Die Sozialisten müssen alle Foto aus: ,,Express"
der Idee eines staatlichen Vormunds. beiden Seiten in Betracht ziehen. Das Ziel (Frankreich)

E ,,II E U E z E I T" z.Sn


,ll $,, A' ,* ,,iP A 1{ A III A

Grenada-Variante
Der Uberfall auf Panama hat gezeigt, daß man im deren haben geschlossen. Inzwischen kommt
der Handel nur zaghaft wieder in Gang.
Weißen Haus immer noch meint, in Lateinamerika Unmittelbar nach Beginn der Intervention
rvurde Guillermo Endara, Vorsitzender der
den eigenen Hinterhof vor sich zu haben Allianz der demokratischen Opposition,
ls ich von dem amerikanischen so viel wie die \Iannschaftsstärke der zum neuen Präsidenten von Panama er-
Überfall auf Panama erfuhr, Kräfte der nationalen Verteidigung (FD), nannt. Endara hält sich mit einiger Berechti-
waren die Einzelheiten der Ope- der Armee von Panama, und der para- gung für den Sieger derPräsidentschaftswah-
ration und die Mannschaftsstärke militärischen Freiwilligeneinheiten, len vom 7. Mai letzten Jahres, deren Ergeb-
der von den Vereinigten Staaten der sogenannten Dignidad(,,Würde")- nisse das Noriega-Regime annulliert hatte.
eingesetzten Truppen noch nicht klar. Bataillone. Sie bestehen aus Sympathisan- In einem Interview für den 4. Femsehkanal,
Zuerst wollte ich gar nicht glauben, was da ten der regierenden Revolutionär-Demo- der von den .{merikanern kontrolliert wird,
passiert war. Sollte Washington sich tat- kratischen Partei und der (kommunisti- bemängelte Endara, daß er unter den
sächlich zu diesem Schritt entschlossen schen) Panei des Volkes. US-Verteidi- schlimmsten Bedingungen, in denen man
haben? Ich dachte: Vielleicht ist das ja wie- gungsminister Cheney behauptet, daß die sich als Präsident in Panama nur befinden
der nur so ein Umsturzversuch wie der, den Amerikaner in Panama zum ersten Mal kann, Staatschef geworden sei. Als beson-
eine Gruppe von panamesischen Militärs einen nir Radarschirme unsichtbaren ders negativ bewertet er die Tatsache, daß er
Anfang Oktober unternommen hatte? ..Stea.lth--Jagdbomber F-1174 unter das Präsidentenamt übernimrnt, nachdem
Eine Mitteilung aus Washington zer- Ikiegsbedingungen eingesetzt hätten. Panama von einer ausländischen Interven-
streute meine Zwertel. Präsident George Die Amerikaner konnten den Wider- tion heimgesucht wurde. Dennoch plant
Bush hatte tatsächlich den Befehl erteilt. srand der panamesischen Armee in der Endara vorerst keine Neurvahlen. weil er der
eine Operation durchzuführen, die das Ziei Hauptstadt schnell unterdrücken, was Meinung ist, daß er und seine Mannschaft am
hat, den panamesischen General lrlanuel ihnen mit den Dignidad-Bataillonen nicht 7. Mai, wie esinderVerfassungvorgesehenist,
Antonio Noriega zu ergreifen und an ern :ofon gelang. Ein Teil der Soldaten und ein Mandat auf tünf Jahre erhalten hätten.
amerikanisches Gericht auszulielern :o*re treixilligen Kämpfer zog sich in die gebirgi- Die Regierung in Washington war die
in diesem kleinen lateinamerilani-.chen gen Regionen des Landes zurück, um den erste, die die Regierung Endara offüiell
Land ,,die Demokratie zu verteidrgen-. Kampf gegen den Aggressor fortzusetzen. anerkannt hat. Es wurde mitgeteilt, daß die
Der Präsident hatte seinen Bes-hluß zs'ei Die Kampfhandlungen kamen jedoch bald Wirtschaftssanttionen gegen Panama aufge-
Tage vor der Inten'ention eefaßr. Diese zum Erliegen. hoben, daß Panamas auf annähernd 370 Mil-
Maßnahme Washingtons rrlrde zum Kul- Panama City bietet inzwischen ein depri- lionen Dollar geschätzte Forderungen an die
minationspunkt der Spanaungen z*ischen mierOndes Bild. Viele Gebäude sind zer- USA wieder für rechtsgültig erklärt und
diesen beiden Staaten. Serr mildestens zrr'ei stört. Zehntausende von Menschen haben großzügige Kredite in Aussicht gestellt wor-
Jahren hatten sich diese Spamu-neen ver- kein Dach über dem Kopf. Die Okkupan- den seien. Vorläufigen Schätzungen von
stärkt. Die ganze Zrit über surden über ten befreiten Teilnehmer der letzten regie- Experten zufolge werden zrvei bis drei Mil-
Noriega, der vor noch nichr allzu langer runssfeindlichen Meuterei aus den Gefäng- liarden Dollar vonnöten sein. um das Zer-
Zeit den Amerikanern gegenüber lolaI ein- nis-n. Plözlich befanden sich auch einige störte wiederaufzubauen und die Wirtschaft
gestellt war und, wie behauptet *ird. eirst Lriminelle in Freiheit. Kein Wunder also, daß in Panama zu stabilisieren.
sogar gewisse Aufträge für die CIA über- rn Jer Hauptstadt Plündereien einsetzten. Zu den ersten Schritten der Regierung
nommen hatte, wie aus einem Füllhorn Vicic Glr-hliirc sinrl ausgcriiuml. l)ic un- Frrtlrrnr r:t'hiirtc tlic Frncnntrng cin('\ ncucn
diverse Beschuldigungen ausgeschüttet:
Korruption, Teilhaberschaft am Drogenge-
schäft, Wahlmanipulationen, politische
Morde usw. Die Aktionen der Opposition
in Panama gegen das Regime des Generals
hatten die USA durch wirtschaftliche Sank-
tionen gegen Panama unterstützt.
In den letzten Monaten lebte das Land in
ständiger Alarmbereitschaft. Mitte Dezem-
ber hatte die Regierung in Panama mehrere
Gesetze und Dekrete verabschiedet, die
Verfassungsgarantien einschränkten, und
damit praktisch den Kriegszustand einge-
führt. In die Presse sickerten Nachrichten
durch, daß angeblich Listen mit ,,Landes-
verrätern" bereitlägen, die für den Fall
eines Konflikts zu liquidieren seien.
Im Anfangsstadium der Operation waren
mehr als 20 000 Militärangehörige der USA
beteiligt, sowohl die früher schon in der
Kanalzone stationierten Truppen als auch
aus den USA eingeflogene Verstärkung. In
den folgenden Tagen trafen weitere Ver-
stärkungstruppen ein, so daß derzahlenmä-
ßige Umfang der Besatzungsarmee inzwi- Vorerst beabsichtigt man im Pentagon nicht, die US-Soldaten aus Panama abzuziehen
schen 26 000 Mann beträgt. Das ist doppelt Fotu: RcutL'r - TASS

zEr r" 2.e0 E


Botschafters in den USA sowie die Ernen- Politik der USA gegenüber allen anderen
nung der ständigen Vertreter Panamas in Entwicklungsländern fördere. Ich verstehe
der UNO und der Organisation der Ameri- bloß nicht, von welchen Motiven sich die
kanischen Staaten. Man meldet die Auflö- Urheber dieser Theorie leiten lassen. Wenn
Über das Treffen mit zwei
sung der FD und der Dignidad-Bataillone. sie das Wesen der sowjetischen Außenpolitik Führern des Afrikanischen
An ihrer Stelle ist geplant, ,,gesellschaftli nicht begriffen haben, wäre das halb so NationalkonEresses berichtet
che Kräfte zur Aufrechterhaltung der Ord- schlimm. Wäre das der Fall, müßte man uns der NZ-Korrespondent Nikolai
nung" zu gründen. Über tausend ehemalige Diplomaten und auch den Journalisten die
Militärangehörige der FD haben der neuen Schuld geben. Dann hätten sie es nämlich
Reschetnjak
Regierung bereits den Fahneneid geleistet. nicht vermocht, Ziele und Aufgaben des
Auch ehemalige FD-Offiziere, die einst neuen politischen Denkens hinreichend ehr als hunderttausend Menschen aus
Noriega unterstützt hatten, haben inzwi- deutlich zu machen. Noch schlimmer ist aber, fast allen Gegenden des Landes waren
schen führende Positionen bei den ,,gesell- wenn diejenigen, die diese Version verbrei- nach Soweto, einer Vorstadt von Jo-
schaftlichen Kräften". Die Kommandeure ten, vorhaben, gewisse Aspekte der sowjeti- hannesburg gekommen, um die Befreiung
vieler Garnisonen in der Provinz haben ihre schen Außenpolitik in Mißkredit zu bringen. von acht bekannten politischen Führem zu fei-
Posten behalten. Das mag ein Indiz ftir Ich möchte noch einmal kurz an das em, die wegen eindrucksvoller Auftritte
einen gewissen Kompromiß zwischen der Wesen des neuen Denkens erinnern: Es soll gegen die Apartheid im ganzen Land freige-
neuen Regierung und den Militärs in die Suche nach friedlichen Wegen und lassen worden waren. Unter ihnen sind der
Panama sein. Lösungen von internationalen Problemen ehemalige Generalsekretär des Afrikanischen
Währenddessen haben es die meisten erleichtern. Die Begegnung auf Malta hat Nationalkongresses Walter Sisulu und sein
Länder nicht besonders eilig, die Regierung den beiden Großmächten dazu r.erholfen, Kampfgenosse Ahmed Kathrada, die mehr
Endara anzuerkennen. sich weiter zu einem Verständnis verschie- als ein Vierteljahrhundert in Gefangenschaft
Noriega zr ergreilen ist den Amerika- dener globaler Fragen vorzuarbeiten. Über verbracht hatten.
nern nicht gelungen. Einge Znit war über- regionale Konflikte läßt sich das leider nicht
haupt nichts über seinen Aufenthaltsort sagen. Wir sind dafür, die Prilzipien des Die Gefangenen wetden
bekannt. Die Washingtoner Regierung ver- neuen Denkens auch auf diese Konflikte freigelassen
sprach demjenigen eine Million Dollar, der auszudehnen."
ihr helfen würde, herauszufinden, wo ,,Im Zusamrhenhang mit der Krise in Zum Anlaß der Befreiung der Führer des
Noriega sich aufhielt. Es sieht so aus, als Panama: Kommt der Vorschlag derführen- ANC fand ein Meeting statt, das zur größten
würde diese runde Summe keinen neuen den Politiker einiger Länder in Mittelame- und wichtigsten Demonstration gegen die
Besitzer finden. Noriega wurde selbst in der rika nicht gerade rechtzeitig, die UdSSR Apartheid in der gesamten Geschichte Süd-
Botschaft des Vatikans in Panama vorstellig und die USA zu einer aktiveren Teilnahme afrikas wurde.
und bat um politisches Asyl. Truppen der an einer friedlichen Regelung in dieser Das erste Mal seit dreißig Jahren traten die
USA haben die Vatikan-Vertretung umzin- Region zu bewegen?" Führer der 1960 verbotenen und im Unter-
gelt. Zuvor schon hatten sie die Botschaften ,,Mit dieser Fragestellung würde ich noch grund arbeitendenden Organisation offen vor
von Nikaragua, Kuba und Libyen blockiert, etwas abwarten. I{eines Erachtens ist es einem großen Publikum auf.
weil sie meinten, Noriega könne sich dort sehr viel wichtiger. daß niemand den Pro- Ohne Zweifel handelt es sich dabei um eine
versteckt haben. zeß der Regulierung in Mittelamerika stört. prinzipiell neue Erscheinung im politischen
Inzwischen wird die Frage erörtert, ob Ich möchte nichi im einzelnen darauf einge- Irben der Republik Südafrika. Es ist ein
der ehemalige Präsident von Panama in ein hen, was die UdSSR in letzter Zeit getan Zeugnis für die realen Veränderungen in der
drittes Land ausreisen könne. Spanien hat hat, um diesen Prozeß günstig zu beeinflus- Politik der führenden Kreise der Republik
ihm die Einreise bereits verweigert und ver- sen. Es reicht. an unsere mit Managua Südafrika. Der Präsident der Republik Frede-
wies auf eine Abmachung mit den USA, abgestimmte Entscheidung zu erinnern, die rik W. de Klerk bekundete seine Absicht, den
Personen an die Vereinigten Staaten auszu- militärischen Lieferungen nach Nikaragua schon seit einer Reihe von Jahren herrschen-
liefern, die des Drogenhandels angeklagt einzustellen. tn der UdSSR hat man die Vor- den Ausnahmezustand außer Kraft zu setzen,
sind. Der Vertreter des kubanischen Außen- schläge des L)iO-Generalsekretärs Perez de Ztgegeben, die Veränderungen im Land
ministeriums erklärte, daß sein Land,,Gene- Cuellar an die Vereinigten Staaten, die gehen langsam voran. Die Abschaffung der
ral Noriega politisches Asyl gewähren würde, Sowjetunion und Kuba begrtißt, sich an mul- drakonischen Gesetze in den verschiedenen
wenn er sich mit einer solchen Bitte an uns tilateralen Berarungen für eine mittelameri- Regionen der Republik Südafrika erfordert
wendet". Auch Peru soll sich bereit erklärt kaniscüe Regelung zu beteiligen", bemerkte eine gewisse Zeit.
haben, Noriega auüunehmen. Viktor Komplektow zum Abschluß. Tro9dem ist das Erreichte ein wichtiger
In einem Interview für die ,,Neue Zeit" Wenn vir noch einmal auf die Situation in Schritt auf dem Weg zrtr Demokratisierung
schätzte der stellvertretende Außenminister paaama zurückkommen, müssen wir uns fra- der südafrikanischen Gesellschaft . Natürlich
der UdSSR, Viktor Komplektow, der sich gen, wie die BesatzungskrZifte sich jetzt selbst sind diese Veränderungen nicht nur der Aus-
gerade in Managua aufirält, die amerikani- sehen. Zu Beginn der Intervention hatte es in druck guten Willens der Machthaber der Kap-
sche Aktion in Panama als einengroßenpoli- Washington geheißen,.sie würden bald wieder Republik. Die Regierung von Pretoria war
tischen Fehlschlag ein. Das Weiße Haus, abgezogen werden. Ahnliche Voraussagen durch den mutigen Kampf der Stammbevölke-
sagte er, sehc in Lateinamerika nach wie vor hatte'es auch nach der Einmischung von US- rung für ihre Rechte gezwungen, mit der Frei
seinen Hinterhof. Wieder einmal hätten die Truppen 1983 in Grenada gegeben, während lassung der politischen Gefangenen zu begin-
USA gegenüber den lateinamerikanischen die amerikanischen Militärangehörigen dort nen. Schließlich hat auch die Weltöffentlich-
Völkern eine Frontstellung bezogen. über ein Jahr verblieben sind. Auch heute keit, die nicht mchr gewillt war, einen
,,Man hört immer wieder folgenden erklärt U$Außenminister James Baker, die Anachronismus wie die Apartheid hinzuneh-
Standpunkt: Die Annäherung der beiden Fristen für den Abzug betreffend: ,,Es wäre men, ihrWortmitindieWaagschale geworfen.
Großmächte, besonders die Begegnung auf ein Fehler, konkrete Daten zu nennen." Vor- Früher war es den Machthabern der Repu-
Malta, habe Aggressionshandlungen der erst ist nur klar, daß infolge der bewafftreten blik Südafrika ein leichtes, mit der demokrati-
USA in Mittelamerika grünes Licht gege- Aggression der USA gegen Panamaeinweite- schen Bewegung fertig zu werden, indem sie
ben. Das hat jetzt schon zur Invasion in r"1 lsulalgischer Punkt auf der politischen das Ausnahmerecht anwandte und alle
Panama geführt..." Weltkarte entstanden ist. Demonstrationen und Meetings gegen die
n,Das stimmt, diese Meinung taucht hin Apartheid einfach verbot oder Menschen
und wieder auf. Mehr noch, mehrere Leute Iuri Kudimow ohne Gerichtsverhandlung oder gerichtliche
sind der Meinung, daß der sowjetiSch-ame. NZ-Korrespondent Untersuchung hinter Gittem verschwindbn
rikanische Dialog eine Brutalisierung der MANAGUA ließ. Jetzt sind die ersten politischen Gefange-
die möglicherweise Perspektiven für die

Die Macht der Mehrheit Zukunft des Landes festlegen?


W.S. Wir haben die Idee, Kompromisse in
direkten Diskussion mit Pretoria zu suchen, nie
abgelehnt, Allerdings sind dafi.ir bestimmte
Grundvoraussetzungen nötig. Wir sind der
Ansicht, daß die Tnit fir solche Gespräche
noch nicht gekommen ist.
A.K. Wir können uns heute nicht an den Ver-
handlungstisch setzen, weil trotz der kosmeti-
schen Veränderungen in der Republik Süd-
afrka nach wie vor Nelson Mandela und andere
roljtlsche Gefangene im Kerker sitzen und die
Po-rei. genau wie bisher, ungesetdich gegen
,I: S:ammbevölkerung des Landes vorgeht.
"{ r. st. pie auch Genosse Sisulu schon
sei.: hai. dte Zeit ftir Gespräche noch nicht
!rf,_ - --..:-i.
l{Z l,i'ie truneilen Sie, wenn die Dinge so
.::,:::. :: :rien umgestaltungen, die Frede-
:! ie 5-e:k r :--enommen hat? Wie sind sie zu
:€a3:i--a is .tderung der Politik oder als
\{a:: i ::. i:sn::. Ziel der Machterhalt derwei
[e: \f::jt:l::: :i:
Walter Sisulu und Ahmed Kathrada Yt,S" \:,ir: -.: ;: ,,::irüht. von einer Ande-
rung,1el P*:i ;- s;:.:hen. Die durchgeftihr-
nen freigelassen worden. Zwei von ihnen sind die Sowjetunion ein großer Freuri cier \-öliier ten Refoiro€: si:; i.': Ge:chenk der führen-
meine Gesprächspartner. ist, die gegen alle Formen der U::e.imcl-uns den Krer:e. Sre s:d ii. R:sultat des Kampfes,
Eine Schnellstraße ftihrte uns aus dem Zen- gekämpft haben. Sie haben uir. s-rrjre :€lb-{r den der .l\C u:ld a:dere demokratische
trum von Johannesburg nach Soweto. Am lose Hilfe erwiesen. So erqa. r:lsBt man Kräfte des l-andes fü:e:. \ach qie vorsehen
Steuer sitzt Jerry Madjotladu, der Pressesekre- nicht. Ich glaube, daß sich dieie::gen aut- dem wir das Problem 6ev -{Faa-heid mit verschiede-
tär des Nationalen Bergarbeiterverbandes. Holzweg befinden. die uns iezl a::-.einalderzu- nen Augen.
Der verhältnismäßig junge Mann spricht in tie- bringen vemuchen. serl sie :rch in der Sicher- In Pretoria venucht man es zurn Beispiel als
fer Verehrung von Walter Sisulu, dem Helden heit wähnen. daß die L jSSR ierzt ihre Innen- große Emrngenschaft zu verkauten. daß man
des ANC. Daran ist nichts Verwunderliches. und Auße npclir-t -::n und ihre aiten politische Gefangene freigelassen hat. Wir
Sisulu hat mehr als ein Vierteljahrhunderl in Freunde rm Sd;h 1:-r-r qill. So können die sagen auch, daß das wichtig ist. aber die ei-eent-
Folterkammern verbracht. Der vierzig'ährige Perestroika :u; üeienigen l entehen, die ihren liche Frage ist der Kampf um die lrfacht. Das ist
Madjotladu erzählt, daß der Name Walter uai:el Srin ilcht erkannt haben. Wir sind das eigentliche strategische Zel unserer Orga-
Sisulu für ihn und seine Kampfgenossen eltv ii\on u)eftrugI. daß die Veränderungen in nisation. Wobei in Betracht zu ziehen rsr. daß
Parole für Aktionen massenhaften \\-ideis;,i.- lr;rn l-and darauf gerichtet sind, eine demo- es nicht um die Macht von Führern geht. son-
des gewesen sei. Jerry selbst saß z:in J:sr kraür-here und lebenswertere Welt zu schaf- dern um die Macht fur die Mehrheit. die bis
lang in GefängrLissen de: Apai-.heruernes. ien. in der jeder Mensch und jedes Volk ein jetzt nicht einmal das Wahlrecht hat.
Und warum saß er hint.r Gii-:r.) \\'eü er Recht auf Glück hat. NZ. Die Zeit, in der wir leben, erforden in
gegen die Ras-.endiskrlmi;i-,ng gekämpit Für diese Ideale setzen auch die Kämpfer fi.ir komplizierten politischen Fragen Beschlilsse,
hatte. eir neues, demokratisches Südafrika ihr Leben die im Geist des Kompromisses getroffen wer-
ein, in dem es keine Rassendiskriminierung den. Wenn Sie diese Realität berücksichtigen,
Die Zeit ist noch nicht reif mehr gibt. welche Formen und Methoden des Widentan-
für Gespräche NZ. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige des planen Sie anzuwenden, um ihr Ziel zu
Situation in der Republik Südafrika? erreichen?
Inzwischen sind wir il
Son'eto ansekommen. W.S. Die Analyse zeigt, daß sich im Land W.S. Wir sind der Ansicht, daß der ANC,
Das Haus von Walter Sisulu ist nicht schq'er zu völlig neue Kräfteverhältnisse bilden" Es kann solange sich nicht grundlegende Veränderun-
erkennen. Die Straße ist an der Ernl-ahrt zu sei- keine Rückkehr zu den alten Verhältnissen gen im l,ande ergeben, legale wie auch illegale
nem Haus mit leeren Fässern blockiert. an der geben. Die Massen, die um den ANC und Formen des Kampfes anwenden wird.
Pforte stehen junge Mitglieder des A*\-C. Jerry andere demokratische Bewegungen versam- Große Hoffnungen legen wir auf die Konso-
kennt man hier, seine Empfehiung reicht aus, melt sind, fordem die Abschaffung der Apart- lidierung der demokratischen Kräfte im Lande.
meine Papiere werden nicht kontrolliert. heid. Wir schätzen die Tatsache hoch ein, daß sich
Die Einrichtung des Hauses dieses Fübren A.K. Uns scheint, daß auch die Machthaber die weiße Bevölkerung immer aktiver in den
des ANC macht einen ganz bescheidenen Ein- in unserem Land zu begreifen begimen, daß Kampf gegen die Apartheid einsetzt. Ist das
druck, und überall spürt man strenge Organisa- man den Afrikanischen Nationalkongreß nicht etwa kein Anzeichen daftir, daß das Land sich
tion und Ordnung. weiter ignorieren kann. Wenn die pottischen auf der Schwelle großer Veränderungen befin-
Der sowjetische Gast wird brüderlich emp Gefangenen freigelassen sind, tritt die Frage det, die ein neues Kapitel in seiner Geschichte
fangen. Oft hört man das Wort ,,Genosse". nach der Legalisierung des ANC ganz in den aufschlagen?
,.Neben Walter Sisulu sitzt sein Kampfgenosse Vordergrund. Die Mehrheit in unserem Lande ***
Ahmed Kathrada. unterstützt unser Programm, eine demokrati-
Ich fuhr mit einem Gefühl der Befriedigung
,W.Sisulu, In den schwersten Minuten der sche Gesellschaft ohne Rassenschranken zu
aus Soweto zurück. Ich hatte Menschen getrof-
Haft hat uns die Erinnerung an den heldenhaf- errichten. Es ist ein Programm von Südafrika-
fen, die, obwohl sie sich jahrelang in schwerer
..,ten Kampf der russischen Revolutionäre nem für Südafrikaner, ohne Unterschied der
Haft befunden hatten, in ihrer Seele doch das
, .gestärkt, die manchmal auch um den Preis des Hautfarbe.
lrbens allen ein Beispiel ftir Standhaf- NZ. Wie schätzen sie die Möglichkeit ein, Wesentliche bewahrt hatten: das Streben, Süd-
". eigenen
dhekte Gespräche zwischen dem Afrikani- afrika Frieden und Wohlstand zu bringen. Für
,r.tigkeit und Treue zur Revolution demonstrier- alle. Fürjeden.
.. ,ten.. . schen Nationalkongreß und der Regierung der
A.Kathrada. Wir haben immer gesagt, daß Republik Südafrika zu beginnen, Gespräche, JOHANNESBURG - SO\ÄETO

"ll E u E z E r T" 2"S tr


Padre Bartolomae:

,,Meine Religion ist die Menschlichkeit"


achdem man uns in ein Wohnzimmer
geführt hatte, bat man uns, ein wenigzu war-
ten. An der Wand gegenüber dem Eingang
hing eine Darstellung des gekreuzigten Chri-
stus. Bücherregale an den Wänden. Ein
Telefon. Ein runder Mahagonitisch und
mehrere Sessel.
Als Philosoph, Das dem Dominikanerorden gehörende Haus
Pädagoge, mit dem kleinen Garten liegt an der Straße der Hei-
ligen Jungfrau Maria. Der nie verstummende Lärm
Persönlichkeit des von den Plätzen und Straßen Madrids gelangt nicht
öffentlichen Lebens hier herein. Stille. Hinter den Fenstern, die mit Sto-
und Beichtvater des res verhängt sind, herrscht diesiges Dezemberwet-
Königs ist Padre ter.
Bartolomae eine Er tritt mit weichem kräftigem Gang ein. Er trägt
bemerkenswerte einen handgestrickten Pullover und ein schweres
Kreuz vor der Brust. Der Hemdkragen steht offen.
Figur in der Das glattrasierte. ein rvenig längliche Gesicht atmet
spanischen Politik. Morgenfrische.
ln seinem lnterview Padre Bartolomae ist der Herr dieses Hauses und
für die,,Neue Zeit" zweifellos eine dominante Persönlichkeit. Tempe-
spricht er über die rament in Verbindung mit geistiger Tiefe, erneu-
ernder Anspruch und Traditionsverbundenheit, ein
Bedeutung Herz voller Glauben und eine lronie, die ihn nie im noch häufiger allerdings als Präsident einer huma-
moralischer und Stich läßt. Ein Philosoph, Pädagoge, ein Prominen- nitären Stiftung, einer großen privaten Organisa-
geistigerWerte bei ter. Der Beichwater des Königs. tion, die sich ausschließlich von humanitären und
der Gestaltung einer Vor dieser Begegnung hatte ich mich im Wörter- der Aufklärung dienenden Zielen leiten läßt. Die
polyzentrischen buch vergesissert, was unter einem Beichtvater zu Stiftung ftihrt zu Begegnungen und Diskussionen
verstehen ist. ,,Ein Beichtvater", klärte der akade- junge Leute aus verschiedenen Ländern unabhän-
Gemeinschaft der
mische Band mich auf, ,,ist ein Geistlicher, der gig von ihrer sozialen und religiösen Zugehörigkeit
Nationen und einer Person die Beichte abnimmt." Der vollstän- zusammen und bemüht sich, sie zu selbständigem
Staaten dige Name des Mannes, mit dem der Padre ständi- Denken und einem verständnisvollen Umgang mit
gen Umgang pflegt: Juan Carlos Alfonso Victor den Erfahrungen der vorangegangenen Generatio-
Maria de Bourbon y Bourbon. nen zu erziehen. Die jungen Leute, meint der
Zum exten Mal hat das Schicksal sie vor fast 30 Padre, müssen lernen, einander zuzuhören und sich
Jahren zusammengeftihrt: den jungen Sproß von auf venchiedene Standpunkte einzulassen, um auf
Don Juan. Graf von Barcelona und dritter Sohn des dieser Grundlage eigene unverwechselbare Entschei
spanischen Königs Alfonso XIII., den die Republi- dungen zu treffen. Das ist in gewisser Hinsicht so wie
kaner im April 1931 gestürzt hatten und der seitdem bei mathematischen Aufgaben: Geistige Arbeit soll
in der Verbannung lebte, und den angehenden Die- nicht dazu ftihren, uniform zu denken, sondern über
ner Goftes. Zwei junge Männer, vom hohen Mal ein und dasselbe verschieden zu denken.
der Vorsehung noch nicht gezeichnet. Hier noch ein weiterer Wesenszug meines
Zu jeter Zeit war Padre Bartolomae aus der Pro- Gesprächspartners. 1979 hatte er bei sich zu Hause
vinz in die Hauptstadt gereist, um sich an der Grün- einige Kinder aus der Sowjetunion aufgenommen.
dung eines neuen Bildungszentrums zu beteiligen. Sie waren zum Internationalen Jahr des Kindes zu
,,Die Idee bestand darin", erinnert sich der einer Begegnung nach Madrid gefahren. Damals
Padre, ,,die besten europäischen Pädagogen für war es nicht gerade üblich, jungen oder erwachse-
eine Arbeit bei uns zu interessieren und damit die nen Bürgern aus sozialistischen Ländern Sympa-
spanischen Kinder der Notwendigkeit zu entheben, thien entgegenzubringen. Der eine oder andere
ihre geistige Bildung im Ausland zu suchen. Juan versuchte, das dem Padre anzukreiden. Er aber
Carlos, damals noch Student an der Universität verriet seinen Glauben an den Vorrang der mensch-
Madrid, stand diesem Experiment sehr aufge- lichen Einigung nicht, so, wie er sich auch treu
schlossen gegenüber. Er war oft im Bildungszen- blieb, als er dreimal in die Sowjetunion fuhr, ohne
trum. Dort haben wir uns wohl synpathisch gefun- die Kirchenhierarchie um ihren Segen ersucht zu
den, und so setzte unsere Annäherung ein." haben. Er setzte sie in Kenntnis.
Ihrer herzlichen und vertrauensvollen Beziehung Der Gedankenaustausch mit verschiedenen
war es beschieden, noch viele Jahre zu währen. Menschen, unter anderem auch mit den Hierarchen
Das unausrottbare Interesse am Werden einer der russisch-orthodoxen Kirche bekräftigte ihn in
menschlichen Persönlichkeit und sein Kommunika- seinem Gedanken, daß unsere beiden Länder, die
tionsbedürfnis erlauben Padre Bartolomae nicht, im äußersten Osten und im äußersten Westen des
allzu lange an einem Ort zu verweilen. Er reist viel europäischen Kontinents gelegen sind und in vieler
in der Welt herum, einerseits als Diener der Kirche, Hinsicht durch historische Gemeinsamkeiten ver-

tr "1{
E I r" 2.90
bunden sind, zueinander finden müssen. Fragen nachgedacht hatte. Er studierte an der vor Augen, die Geschichte machen. Einer von
Diese Überzeugung ließ ihn letzten Endes in Universität Barcelona und war dann Rechts- ihnen ist der Papst. Wer wollte behaupten,
der Freundschaftsgesellschaft UdSSR -
Spa- anwalt. In der täglichen Auseinandersetzung daß er nicht von einem neuen Europa
nien Vorstandsmitglied werden. mit Ungerechtigkeit und menschlicher Not geträumt hätte? Ich erinnere mich noch an
Die ungewöhnliche Persönlichkeit des beschloß er schließlich, sich Gott zu weihen den ersten Besuch des Papstes in Spanien und
Padre und die Vielseitigkeit seiner Interessen und Geistlicher zu u'etden. Die Mensehen an seine Worte, die er in Gegenwart Seiner
legen meine erste Frage nahe: Welche Mission können nicht fiedlich miteinander auskom- Majestät des Königs aussprach, als eine riesige
findet er für sich persönlich wichtiger? Wel- men, wenn sie srch nicht Gott annähern, nach Menge von Gläubigen sich versammelt hatte:
cher Posten hat für ihn Vorrang? seinen Geboten leben und die Weisheit der ,,Europa muß wieder Europa werden." Er
,,Ich glaube", sagt er, ,,daß ich kaum irgend- Irhre Christi in sich aufnehmen. sprach von einem gemeinsamen Haus für alle
einen hohen Posten bekleide, mit einer einzi- ,,Alles. rlas in unseren Tagen vor sich Europäer, in dem es keine trennenden
gen Ausnahme, und zwar ist das eine Auf- geht". saet der Priester, ,,würde ich als neue Schranken mehr geben sollte. Die Schaffung
gabe, die mir vorschreibt, mich für das Auferstehuns bezeichnen. Sie kam aus den eines solchen Europas wurde zu seinem sehn-
menschliche Wesen zu begeistern und den Händen ton sehenden Menschen nach lichsten Ziel. Als dann der 1. Dezember L989
Menschen bei seinem persönlichen Integra- Euri-n: und in unsere Welt. Unser alter Kon- kam, habe ich auf dem Gesicht des Papstes
tions- und Entwicklungsprozeß nt begleiten. keine Anzeichen seiner frtiheren Besorgnis
Wenn ich in der Welt herumreise oder in Spa- mehr gesehen. Sein ganzes äußeres Erschei-
nien arbeite, stellt nichts anderes für mich nungsbild sprach dafür, daß dieser Wunsch
einen Wert dar. Außer der Möglichkeit und jetzt anfängt, in Erftillung zu gehen.
meiner Fähigkeit, dem Menschen zu dienen. Die Möglichkeit eines neuen Europa und
sei er hier neben mir oder irgendwo weit von eines gesamteuropäischen Hauses war schon
mir entfernt. Damit möchte ich sagen, daß ich in den Abkommen von Helsinki angelegt.
selbst gar keine so wichtige Person bin. Ilein N{inleru'eile ist dieser Prozeß schon so weit
größter Reichtum ist mein Gespür dafü1. ri:r' gediehen. daß man von einer neuen Konfe-
ich für andere nützlich sein kann. renz in Helsinki sprechen kann. Als ich dann
Mein ganzes Leben lang lerne ich u'eiie:. Gorbatschows Gesicht im Fernsehen sah,
Die Kenntnisse, die ich habe, fuhren rni.-:r hatte ich das Geftihl, daß auch er seinen Weg
immer nur zu einer einzigen Wahrheit: \1.r von der Sorge um das Schicksal des Konti-
muß lernen, dem anderen zuzuhören mj L:n nents zu klarer L,rberzeugung zurückgelegt
wahrannehmen. Selbst wenn die:er \f;nsr hat, daß ein beüächtlicher Teil der Arbeit
mich nicht braucht. Wenn ich a':e: rr ihn bereits getan ist.
glaube, gebe ich ihm den \\'u:,-;: '-n.l das Damit möchte ich sagen, daß ein großes
Bedürfnis zurück, seine Zukuri :r :re eige- Ziel goße Kräfte hervorbringt. Wenn deh
nen Hände zu nehmen. ln c-re-i Er-e:nschaft Menschen ein goßes Ze1 beflügelt, bringt es
biete ich mich allen ljrCer '"r:: \{enschen ihm auch Vertrauen und Achtung von ande-
der Welt an, selbst rvem ü-i e:ü3 €er andere ren ein. Dieses Vedrauen gibt ihm neue Kraft
meint, auf meine Dienste reä;hien zu kön- und bringt neue Hofftiungen hervor.
nen." Ohne Hoffnungen kann niemand leben.
,,Sie sprechen darr.r. i:lj Sie den Men- Wir brauchen sie, wie die Erde den erquicken-
schen dienen uollen. \\'ö::it * aber heut- den Regen. Es gab eine Znit, da wurde die
zutage, lv{ensch zu =:i. Dre menschliche Hoffnung an falsche Zele gebunden. Ihre
Kirche in ToledÖ
Zvilisation, die über u:le,liiee Erleuchtun- h.oto: der Autor
Unhaltbarkeit rief bei den Völkern Verärge-
gen und Optbr geschac3ir nr.rde. kann durch rung hervor. Heute brauchen wir Zeit und
eben diesen Menschen ron erner \linute auf tinent verändert sich vor unseren Augen. Die Raum, damit der Weg des Fortschritts und des
die andere vernichtet *'eiiei. ' Quelle dieser Veränderungen ist der Prozeß, Wohlstands nicht nur mit materiellen Werten
,,Ja, das ist so. Heuzuta,se *hs eben wir in der in der Sowjetunion als Hinwendung zu gepflastert wird. In seinen Bau sollten auch
lrbensgefahr. Um sie zu übe:qinden. brau- Emeuerung und Reformen geboren wurde. moralische, sittliche und geistige Krlifte ein-
chen wir mehr von dem. q-a: ic5 a1s Licht oder Dieser Bewegung ist die ganze Menschheit fließen. Nur sie können der Menschheit den
als Auflrellung bezeichne. Ei,n :ol.'hes Licht entgegengekommen. Gerechtigkeit und Weg in eine bessere Welt eröffnen.
schafft Offenheit, Klarheit unC R:u:r ftir den Wahrheit sind einander begegnet und haben Daß alle das Gleiche denken, gibt es nicht.
Dialog. Menschen, die keinen Dialog fuhren, sich umarmt. Wenn Gerechtigkeit und Wahr- Das muß auch gar nicht so sein. [m Gegenteil,
gehören der Vergangenheit an. Ich bi-n iroh, heit eine Verbindung eingehen, entsteht Frei- wenn nämlich zwei, drei oder zlvanzig Men-
daß es heute mehr Licht gibt als foüher. heit. schen efwas Eigenes denken, kann bei ihrem
Ich werde die jüngste Begegnung nijschen Überlegen wir doch einmal. Rom, der Vati- Gedankenaustausch Neues geboren werden.
Herm Gorbatschow und dem Papst nie ver- kan, Malta, der Passagierschiff. Dieses Schiff Es kommt nur darauf an, daß sie alle densel-
gessen. Ein solches schönes Lächeln im hat Licht nach West- und Osteuropa gebracht. ben moralischen Kompaß benutzen und an
Gesicht Ihres Staatschefs habe ich zum enten Es hat Spannungen beseitigt und unsere Welt dieselben geistigen Werte glauben. Die ganze
Mal gesehen. Er strahlte ein Licht aus, da-s aus gelassener und sicherer gemacht. So etwas europ2üsche Kultur ist ein Beweis dafür, daß
der Tiefe seiner Seele strömte. Auch der Papst vermag das Licht des Vertrauens." es diese Möglichkeit gibt.
hatte ein solches Lächeln im Gesicht, *'eil er Die Begegnungen im Vatikan und auf ,,Geschichte ist ein Prozeß", sagt der Padre.
sich aufüchtig über diese Begegnung gefreut Malta machten aus uns allen tatsächlich ,,Es ist unmöglich, den gestrigen Tag aus dem
hat. Beide haben schließlich ihre bedeutende Bewohner einer neuen Welt, einer veränder- Gedächtnis zu streichen, und genauso unmög-
und edle Mission erkannt. ten Welt. Einer Welt der Partner und nicht der lich ist es, nur in der Vergangenheit zu leben.
Ich muß gestehen, daß fi.ir mich als Diener Gegner. Glaubt der Padre. daß der Übergang Zum gegenwärtigen für Europa historischen
der katholischen Kirche ein solches Licht zu dieser neuen Qualität unumkehrbar ist? Zeitpunkt müssen wir uns von einem festen
übereinstimmenden Schaffens die höchste ,,Natürlich finden solche Veränderungen Glauben an den morgigen Tag durchdringen
Encheinungsform menschlichen Wesens nicht von heute auf morgen statt. Sie müssen lassen. Auch ein Flugzeug muß erst seine
ist." lange vorbereitet werden und bringen die Ein- Motoren warmlaufen lassen und braucht eine
Beim Rückblick auf sein bisheriges trben sicht in eine Notwendigkeit zum Ausdruck. Startbahn, wenn es abheben will. Wenn es erst
sagt der Padre, daß er seine ersten 30 Jahre Wer diese Notwendigkeit eingesehen hat, die nötige Geschwindigkeit erreicht hat und
wie ein gewöhalicher Mensch aus der Provinz wird zum Gestalter der Geschichte. aufgestiegen ist, kommt es bald auf sch'ü/indel-
verbracht und kein einziges Mal über religiöse Ich habe jetzt drei hervorragende Politiker erregende Geschwindigkeit und läßt den

,,lt E t E Z E I I"
Abstand zwischen Ländern und Kontinenten und sagte, daß er keinen Gott gesehen habe. zu erhalten. Die Lehrzeit betrug genau 20
immer kürzer werden. Die heutigen Verän- Ich beglückwünsche ihn zu dieser Entdek- Jahre. In dieser Zeit erhielt der zukünftige
derungen in Europa und der Welt lassen sich kung. Er konnte gar nichts sehen, weil Gott König die Diplome der höchsten Offiziers-
durchaus mit einem solchen Flug verglei- nicht materiell ist. Materiell sind unsere Welt schulen des Heeres, der Marine und der Lufts-
chen. Darüber kann man sich nur freuen. und die darin lebenden Menschen. Materiell treitkräfte, wurde Jagdflieger, absolvierte die
Jetzt muß man den richtigen Kurs halten und bin ich, sind Sie, der Greis, der Jüngling, der Universität Madrid, wo er Geschichte, Phi-
darf sich nicht vom Weg abbringen lassen. Trinker, der in der Gosse liegt, die Frau, dib. Iosophie. Recht und politische Ökonomie stu-
Das hängt in erster Linie von denen ab, die Wäsche wäscht. Gott selbst aber hat kein dierte. Danach volontierte er mehrere Jahre in
das Steuer in der Hand haben." Bild. Er ist in uns. Deshalb bin ich auch verschiedenen Ministerien und Behörden und
Glaubt er an die Weisheit der gegenwärti- sicher, Gott zu dienen, wenn ich den Men- erlernte die Wissenschaft der Staatsführung.
gen Politiker? schen diene. Das Wichtigste in meinem In dieser Zeit vermählte sich Juan Carlos
,,Mir scheint", antwortet der Padre, ,,sie Leben ist Gott, also der Mensch. Der ein- mit der griechischen Prinzessin Sofia. Aus
brauchen nicht so sehr Weisheit als vielmehr zelne und die ganze menschliche Gemein- einer offiziellen Informationsschrift, die mir
Menschlichkeit. Die Einsicht in den Primat schaft. Ich habe schon längst begriffen, daß von der Abteilung für diplomatische Informa-
allgemeiner Menschheitswerte über alles ich kein Thema für eine Unterhalrung suchen tionen des spanischen Außenministeriums lie-
andere. muß, ich muß nurzuhören und antworten. So benswürdigerweise zur Verfügung gestellt
Das Schönste in diesem Zimmer ist das verlaufen auch die Gespräche zq'ischen dem wurde, geht hervor, daß der Stammbaum der
Fenster. Wenn man die Gardinen wegzieht, spanischen König Juan Carlos und mir." Prinzessin zwei deutsche Kaiser, acht dänische
eröffnet sich vor uns eine erstaunliche Land- Als mein Gegenüber diesen Namen aus- Ktnige, fünf schwedische Könige, sieben rus-
schaft. Natur und Menschen sehen wir so, spricht, hält er inne, als sei er vor einer sische Zaren, den König und die Königin von
wie sie sind. Wenn Sie bei sich zu Hause von unsichtbaren Trennwand stehengeblieben. Norwegen, die englische Königin und fünf
' j'Glasnost
verstehe ich das so, daß Das Beichtgeheimnis ist heilig. Niemandem griechische Monarchen aufweist. Nichtsdesto-
' sie damitsprechen,
Durchsichtigkeit, Zugänglichkeit ist es erlaubt, sich an ihm zu vergreifen. weniger führte das junge Ehepaar ein einfa-
und Offenheit meinen. Herr Gorbatschow Trotzdem frage ich den Padre. was es für ihn ches und offenes Leben. Sie reisten viel in Spa-
hat den Vorhang aufgezogen, damit alle Ihre bedeutet, Beichtvater des Königs zu sein. nien und im Ausland. Inzwischen haben sie
Absichten deutlich sehen und beurteilen Schließlich ist ihre Beziehung Gegenstand drei Kinder.
können. Er ruft die ganze Menschheit auf, diverser Gerüchte. Seinerzeit schrieben die Am 22. November 1975, zwei Tage nach dem
die Fenster aufzureißen und sich unvoreinge- Zeitungen, Juan Carlos habe es dem Rat sei- Tod des 82jährigen Generalissimus Franco,
nommen selbst anzuschauen. Dafür bin ich nes Beichtvaters zu verdanken, daß er eine so. wurde Prinz Juan Carlos, nachdem er Staats-
Gorbatschow von Herzen dankbar. Ich erstaunliche Festigkeit an den Tag legte, als oberhaupt geworden war, zum Königvon Spa-
möchte ihm sagen, daß er nicht alleine ist. im Februar 1981 putschende Generale die nien unter dem Namen Juan Carlos I. ausgeru-
Viele, sehr viele Menschen in der Welt wol- Demokratie in Spanien ernsthaft bedrohten. fen. Die"Franco-Herrschaft gehörte damit der
len so sein wie er. Während ich mich so hell- Standhaftigkeit und Entschlossenheit des Vergangenheit an. Spanien schlug den Weg
auf begeistert über ihn äußere, möchte ich Königs ermöglichten es den Verschwörern demokratischer Veränderungen ein, von
damit sagen, daß ich selbst davon träume, nicht, die Armee ftir ihre Ziele zu mißbrau- denen viele mit der Persönlichkeit des neuen
ihm ähnlich zu sein." chen. Damit war das Scheitern des Militär- Monarchen in Verbindung gebracht werden
Ich frage meinen Gesprächspartner, was er putschs sicher. Später hieß es, daß die Idee sollten. Zum ersten Mal in der modernen
von der Konzeption eines neuen Denkens in für einen Besuch des spanischen Staatschefs Geschichte Spaniens wurden die Begriffe
internationalen Angelegenheiten, wie es die 1984 in der So*jetunion unter dem Eindruck monarchistisch und reaktionär nicht mehrmit-
Sowjetunion ins Gespräch gebracht hat, hält. von Erzähluneen des Padre über seine Rei- einander identifiziert.
Könnte es einmal so weit kommen, daß sich sen in unser Land zustande gekommen sei. Die 30 Jahre, die Juan Carlos in der Umge-
diese Idee in der internationalen Öffentlich- Padre Banolomae streitet entschieden ab, bung von Franco verbracht hätte, haben ihn
keit durchsetzt? daß er ett'as mit den Beschlüssen des Staats- nicht zu seinem politischen Gleichgesinnten
,,Ohne Zweifel, das hat jetzt schon ange- oberhaupts zu run habe. werden lassen. Mit jeder Handlung bekräftigt
fangen, weil diese Idee zutiefst moralisch ist. ,,Man eibt Königen keine Ratschläge", er die Idee, der zufolge der Monarch die Sou-
Ich bin auf einer Erde geboren und großge- sagt er. .-und ich glaube, sie würden ihnen veränität des Volkes verkörpert und als
worden, wo schon seit Menschengedenken auch nicht t'olgen. Garant der Interessen der ganzen Nation auf-
Zitronen und Apfelsinen angebaut werden. Was es heißt, Beichtvater des Königs zu tritt. Die Spanier wissen aus den Medien, daß
Ich kann mich an keinen Fall erinnern, daß sein? Für mich ist das ein wertvolles der König und die Königin sich prinzipiell
Apfelsinen auf einem Zitronenbaum wuch- Geschenl. Ich achte Seine Majestät sehr, nicht an Wahlen beteiligen und damit zeigen,
sen oder umgekehrt. Das wäre wider die weil er zu den Menschen gehört, die sich und daß sie über den politischen Querelen stehen.
Natur. Ich weiß aber, was man tun muß, anderen glauben und den Fortschritt fördern. Aus denselben Quellen erfuhr die Öffentlich-
damit die Früchte meines Baumes die besten Juan Carlos ist dermaßen natürlich, aufrich- keit auch, daß Juan Carlos 1980 als Kandidat
im ganzen Umkreis werden. Daftir muß man tig und schlicht, daß nur Gott allein weiß, daß für den Friedens-Nobelpreis benannt wurde.
den Baum gut pflegen, trockene Triebe er ein König ist. ,,Für die historische Rolle, die er bei der Nor-
rechtzeitig entfernen, ihn gießen und dün- Ich kann mich unentwegt ftir ihn begei- rnalisierung des Lebens in Spanien gespielt hat
gen. Bei der Moral ist das genauso. Sie kann stern und bin mir ständig dessen bewußt, wie und seine ständigen Bemühungen, die der
herunterkommen. Unter der Einwirkung veranrs'orungsvoll die Mission ist, die ich Festigung des Weltfriedens dienen. "
belebender Kräfte dagegen kann sie Wunder erftille. Ihr Sinn besteht darin, einen Men- ,,Ein weiser Mann", fährt der Padre fort,
vollbringen. Die menschliche Persönlichkeit schen sich selbst sein zu lassen." ,,hat einmal gesagt, daß Könige sich nicht irren
kann, ohne sich auf moralische Werte zu stüi- Ich habe den Eindruck, daß auch die einfa- können, weil sie nicht regieren, sondern herr-
zen, nicht bestehen und sich nicht entfalten. chen Spanier ihrem Monarchen ähnliche schen. Ich habe nicht die Absicht, diese
Die Menschen brauchen sie. Das heißt aber, Geftihle entgegenbringen. Behauptung anzuzweifeln, bin aber davon
daß Ihre edle Idee der Zusammenarbeit um Farbfotos des königlichen Paars sieht man überzeugt, daß es heute keinen verantwor-
einer besseren Zukunft willen menschlichen nicht nur in offiziellen Arbeitszimmern, son- tungsvollen führenden Politiker gibt, der nicht
Forderungen genügt und mit der uns von dern auch in normalen Wohnhäusern. Die auf die Stimme des Volkes hören und sich
Gott auferlegten Idee einer brüderlichen Volksseele assoziiert den Monarchen mit nicht in das hineinversetzen würde, worüber
Menschheit harmoniert. einem aufrichtigen und charakterfesten die Menschen auf der Straße sprechen. Wer
Gott und Mensch. Ein gewaltiges Thema. Mann, dem jede Geziertheit fernliegt und der das nicht tut, verfällt frtiher oder später in
Ich habe Gott noch nie gesehen, ich habe nur ein offenes und umgängliches Wesen hat. Extreme. Ich komme aus dem Volk, ich bin
Menschen gesehen, die ihn in ihren Herzen 1948 wurde nach einer Ubereinkunft zwi- das Volk. Daraus leite ich im wesenttichen
tragen. schen Franco und Don Juan von Barcelona auch die Pflicht ab.5[ie mir z.ugq.fallpn iSt." f
Vor zwei Monaten kam Ihr Kosmonaut dessen 10jähriger Sohn Juan Carlos nach JergeJ Uoqakow
Aksjonow von seinem Weltraumflug zurück Spanien geschickt, um dort eine Ausbildung MADRID _ MOSKAU

@ "I E U E Z E I I" 2.St


Fata Morg ana zum Anfassen
wohlftihlt, und ahndet Mißstände mit der ganzen
Begleittext zu drei Fotografien Strenge des Gesetzes.
Inzsischen führt man uns in einen richtiggehenden
Paradiesgarten, in dem die anfälligsten Pflanzen unge-
hinden gedeihen, von den Eingeborenen unserer
so*jetischen Wüsten unbekannten Zitronen bis zu
den uns ebenso rvenig vertrauten Azaleen, die nicht zu
vern'echeh sind mit den Geranien vor unseren Fen-
stern. Obst. das eigentlich für diese Region wenig
typisch. abtr oftbnbar sehr notwendig ist, rvird, wie
übrigem auch die uns schon näher stehenden Gurken
und Tomaen. voöildlich angebaut und ist in gutem
Zustand. \fit -A,uge und Nase begutachten wir
Geqächshäuser- rn denen buchstäblich auf Schotter
urd ii,gn rllerJurchdringenden Sand beinahe das
gruze Jalr uh.r Gemii:s€ gezogen wird, von dessen
Lrs:il lle einbeimfuchen Wüstensöhne vor wenigen
Ja.Lr-e:mfi!mr: ireine \brstellung hatten. Heute
ierls[gen ft* dle \-reinigten Emirate vollständig
sehg mit Genmxe r.rnd erportieren es obendrein an
\achbam'md EuroFärr.
Die Angehigcn der DcEL gar nicht so alten Gene-
ration der stsansässgen .{.ckerbauem. fast möchte
man sagen Sandbarrm. baüen es noch bei einigen für
die Halbinsel Aräbbn t-aditimllen Sonen von Dat-
telpalrnen und der Zuberei$ng r-on Kamelfutter
Auf dem bewenden lassen. Das war fu ganzer ,Agranektor.
Die enten als solche erkennbaren Ansftengungen,
ilrüpnanzen im Sand zählen wic uieles eine eigene l,andwirtschaft auftubauen und das Land
zu bepflanzen, wurden 1968 unternornmen. Damals
arderc in den Emirabn zum süabgischcn hat man auch die erste Versuchsstation in Al Ain ein-
gerichtet. Inzwischen ist sie ein großes Staasgut, das
Fonds der kommenden Generationen für die Kultivierung von nach Emiraten verschiedenen
Sorten, vor allem Anbaukulturen, die den hiesigen
Böden und Klimabedingungen arq ehesten gerecht
achdem wir stundenlang durch richtige Wüste werden, viel getan hat. Die Station besteht aus eiirigen
mit Wanderdünen und Kameldisteln gefahren Forschungszentren, experimentellen Höfen von ver-
sind, tut sich plötzlich vor unseren Augen ein schiedenem Profil, vom Bewässerungssystem bis zur
smaragdgrünes Feld auf, das bis zum Horizont Bienenzucht. Wenn innvischen schon mehr als 280 000
reicht und dabei noch mit einer Schutzhecke Hektar Land kultiviert werden, 1"8 000 Hektar waren
umgeben ist. Weizen! Auf nacktem Sand unter es noch vor 10 Jahren, so macht sich hier vor allem die
senkrecht niederbrennender Sonne. Das Pionierarbeit bemerkbar, die Mitarbeiter aus Statio-
macht den kriiftigen, wenn auch kleinwüchsigen Pflan- nen wie der in Al Ain, die heute längst nicht mehr die
Wie ein zivilisierter zen nichts aus. Man wagt kaum, seinen Augen zu einzige in den VAE ist, bemerkbar.
Agrarsektor seine trauen. Neben vielen anderen hat sie die Aufgabe, Bauem
Bürger anhältn ,,das Hier, wo Sand und Getreidepflanzen so unerwartet und Grundbesitzem bei der Einrichtung einer moder-
Land zu ernähren" zusammentreffen, war unsere Fahrt über die Lände- nen Haus- und Hofwirtschaft jede nur mögliche Hilfe-
reien der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Al stellung zu geben. Allein die Station in Al Ain züchtet
Auf das laufende Ain zu Ende. Die Stadt mit inzwischen 150 000 Ein- über 1,25 Millionen Sortensetzlinge pro Jahr und stellt
wohnern ist nach der Hauptstadt Abu Dhabi, dem sie Verbrauchern im ganzen l,and zur Verftigung.
Konto des Fonds für Adelsnest von Scheich Said Bin Sultan Al Nahajan, Umsonst! Die Kosten werden durch Regierungssub-
kommende Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, die ventionen beglichen, Zu rein q'rnbolischen Preisen
Generationen zweite Stadt im Fürstentum. Die Station, in der wir werden auch Futterbriketts an Viehhöfe abgegeben.
jetzt sind, ist der anerkannte Vorposten der jahrelan- Einzelheiten wie diese sollen eine Vorstellung
gen und hartnäckigen Wüsten-Offensive der Emirat- davon vermitteln, wie systematisch der staatliche
bewohner, eines umfangreichen Programms ftir die Agrarsektor betrieben wird. Bei aller Marktsponta-
Begrünung ihrer Städte und Siedlungen sowie der neität und allgemeinem Privateigentum an Grundund
Gründung und Entwicklung eines eigenen Agranek- Boden wird nichts und niemand vergessen in einem
tors der VAE. Das Programm wird hier zu Recht in Agranektor, der als strategisch eingestuft wird. Des-
einem Atemzug mit dem Namen von Scheich Said halb gehen hier auch die Kleinbauern, die meisten
genannt, denn dieser hatte es, kurz nachdem er das Höfe bearbeiten zwischen 2 und 2,5 Hektar, nicht
Amt des Präsidenten übernommen hatte, hier in Al pleite, sondern blühen von Jahr zu Jahr mehr aufund
Ain in Angriff genommen. Auch heute noch kontrol- nehmen zahlenmäßig zu. Noch ein Phänomen der
'Fortsetzung. liert der Staatschef nach Aussagen Beteiligter täglich, Wüstel Dahinter stehen jedoch gesunder Menschen-
,Anfang siehe Nr. 1 ob sich der ,,grüne Freund" in den Emiraten noch verstand uncl wifischaftliche Rechnungslührung.

"il t ü t zEr r" z.eo tr


Nicht nur der emotionale Faktor, der Kult während die Früchte des eigenen Landes gräben bis zur modemen teuren aber
des ,,grünen Freundes", wie er überall in angesichts ihres relativ hohen Selbst- zuverlässigen Zerstäubung, gelangte man
den Emiraten gepflegt wird, zieht mit kostenpreises oftmals der Konkurrenz nicht zum industriellen Weizenanbau. Schon
jedem Jahr mehr Menschen in den Bann- standhalten und, wie es auch schon vorge- bei der heutigen Ernte, unter günstigen
kreis von Ackerbau und Viehzucht. Sie kommen ist, verderben. Auch die Arbeits- Voraussetzungen bis zu 60 Doppelzentner
lassen sich auch durch materielle Direkt- produktivität in der Landwirtschaft ent- pro Hektar, können die Ländereien einer
maßnahmen der Regierung überzeugen, spricht keineswegs dem gegenwärtigen einzigen Station von Al Ain die Bevölke-
die darauf abzielen, die Annehmlichkei- Standard. Dennoch kann man sich über rung des ganzen Emirats Abu Dhabi für 2
ten des Landlebens zu propagieren. In das das, was hier erreicht wurde, nur wun- Monate mit Getreide versorgen. Ach Mut-
hiesige Nichtschwarzerdegebiet lockt man dern. Es nötigt einem Respekt ab, wenn ter Heimat. wo sind sie, unsere entehrten
die Bevölkerung nicht mit märchenhaften man sich vor Augen hält, daß alles dem ,.roten" Schwarzerdegebiete !
Luxuswohnungen, deren Besitzer bei uns unfruchtbaren Sand abgerungen wird. Wir *'issen nicht, ob vrirklich die Gefahr
in der UdSSR immer noch nicht feststeht, Natürlich kommt auch hier der Appetit besteht. daß sich die Gesellschaftsstruktur
sondern durch in unseren Breiten wirklich mit dem Essen. In der Station von Al Ain in unseren ländlichen Gebieten ändert,
undenkbare Bedingungen der Neuland- experimentierte man zunächst mit ein- aber wenn man alle diese genießbaren
kultivierung. fachsten Kulturen und ging dann nach der Früchte, Wunder von Menschenhand,
Während wir uns zu Hause noch über kompliziertesten von allen, der trial-and- sieht. die auf einer Erde kultiviert wurden,
die unschuldigen Pachtbauern in Schweiß error-Methode weiter. Erst 1974 wagte die sich ihrer Natur nach gar nicht flir
reden, erhält der angehende Bauer in den man sich an Experimente mit Getreidekul- Beqirtschaftung eignet, könnte man ent-
Emiraten seinen Grund und Boden unent- turen, dem bereits erwähnten Weizen. gegen allen bolschewistischen Vorsätzen
geltlich und zur privaten Nutzung auf heran, was viele anfangs für eine Marotte aufschluchzen: Mein Gott, womit haben
Lebenszeit. Wiederum auf Kosten der gehalten hatten. *'ir das verdient! Sind wir oder ist unsere
Regierung bekommt dcr Neubauer alles, Man kann sich vorstellen, daß bei sol- Erde denn schlechter? Warum wächst bei
was er für den Hausbau braucht, sowie für chen Experimenten mit Getreide auf ver- ihnen hier auf dem Sand alles und trägt
2 Jahre Hilfsarbeiter, die auch vom Staat salztem Sand, einer kostspieligen Ange- Früchte, während es.bei uns selbst in der
entlohnt werden. Danach ist der Bauer legenheit also, der Selbstkostenpreis Schwarzerderegion verfault? Es ist zum
gewordene Bürger der Emirate, von dem wenigstens zu Anfang dem Goldpreis Heulen, glaubt mir...
der Staat keinerlei Verpflichtungen als nahegelegen hat. Man erklärte uns Heulen könnte man auch, wenn man
Entschädigung für seine Hilfeleistung for- jedoch, daß man hier die Aufgabe. die dieses Spinnennetz aus Rohren und
dert, in der Lage, nach eigenem Dafürhal- Bevölkerung mit eigenem Getreide aus Schläuchen sieht, das praktisch das ganze
ten über seinen Hof zu verfügen. So hält den Emiraten zu versorgen, ebenfalls als Land eingesponnen hat. Es ist ein Spin-
ein zivilisierter Agrarsektor seine Bürger strategisch einstuft: Man weiß nie. in * as nennetz, das nicht erdrosselt, sondern
an, das Land zu ernähren. für eine Klemme das kleine Land in einer Leben spendet, indem es über ein compu-
Dann ist es auch kein Wunder, daß in heute immer noch unruhigen \\'elt gera- tergesteuertes zentrales Druckleitungssy-
den letzten Jahren allein im Emirat Abu ten kann! stem Wasser in jedes Dorf und an jeden
Dhabi etwa 5000 neue bäuerliche Anwe- Deshalb hat man wie schon t'eim Bil- Busch ftihrt. Und zwar nicht in einer Vor-
sen gegründet wurden und die VAE insge- dungswesen auch beim srategischen zeige-Oase, sondern im ganzen Land,
sarnt den Weg zu thremZiel, der völligen Getreide nicht an Geld gespart u-nd war- Hunderte von Kilometern an den erwähn-
Selbstversorgung mit Lebensmitteln, tete auf die Stunde, da man die härteste ten Schnellstraßen, den Straßen und Plät-
schon zu einem Fünftel zurückgelegt Währung, den starken \\-eizen. dafär zen der Städte und Siedlungen entlang.
haben. Immerhin ist die Agrarproduktion zurückerhalten würde. Di*e Srunde ist Wir haben diese Definition im Vokabular
in den letzten 10 Jahren um das 5fache gekommen! Über uneezähhe Experi- der Emirate zwar nicht gefunden, aber uns
gestiegen. Das soll natürlich nicht heißen, mente mit unterschiedlichen Sonen unse- kam dieser kühne Ausbruch der Flora aus
daß es in der.Landwirtschaft keine Pro- rer nördlichen Kornkammer. über die für sie ursprünglich tödlichen Sandmassen
bleme mehr gibt. Lebensmittel werden Anwendung verschiede ne r Be\r'ässerungs- wie eine ,grüne Revolution" vor. Immer-
immcr noch cingcführt unrl sirrrl tcucr. svslcmc. \'on dc-n .l:::.:i::rr.-llc-rt Wasscr- hin sind in den letzten Jahren zwischen
unfruchtbaren Wanderdünen ca. 70 Mil-
lionen Bäume angepflanzt worden. Und
das zu einer Zeit, da unsere Wüsten zu
Hause uns unbarmherzig aus dem Süden
verdrängen und uns in unserer Panik zu
solchen Verzweiflungstaten veranlassen,
wie, unsere heimatlichen Flüsse, den Blut-
kreislauf unseres Landes, verkehrt herum
zirkulieren zu lassen. Es ist also noch die
Frage, wo die wirklichen Nomaden-
stämme siedeln.
Wir haben Fotografien von Abu Dhabi
vor zwanzig oder dreißig Jahren gesehen,
vielmehr dessen, was damals hier stand,
wo heute die Hauptstadt ist. Eine
Ansammlung von Lehmhütten und kein
einziger Strauch, kein Grashalm. Hier auf
der Insel gab es überhaupt kein Trinkwas-
ser. Inzwischen bezeichnet man Abu
Dhabi nicht nur des schönen Wortklangs
wegen als ,,Gartenstadt am Persischen
Golf'. Heute gibt es hier zwanzig Parks
und Grünanlagen. Sie zieren alle Haupt-
städte der VAE-Fürstentümer. Während
der festlichen Tage sahen wir in Abu
Die Gartenstadt am Persischen Golf Dhabi Tausende von Menschen, die es

@ "lt E lt E z E r r" 2.s0


sich im Kreis ihrer Familie und inmitten Universität in den USA, wo er als Stipendiat
ihrer Kinderschar direkt aufdem Rasen der des Ministeriums ftir Information und Kultur
städtischen Parks bequem gemacht hatten. der VAE studied hat.
Der Pflanzenwuchs nahm aus irgendeinem ,,Wir haben jetzt überhaupt viele eigene
Grund keinen Schaden, nichts war ver- junge Spezialisten in führenden Positio-
welkt. Auch das ist eine grüne Revolution nen", sagt er. ,,Scheich Said hat immer
für die Menschen und ihr Wohlbefinden. Wert auf gebildete Menschen gelegt. Aus-
Während dieser Feiertage aus Anlaß des ländische Fachleute gegen eigene auszutau-
18jährigen Bestehens der Vereinigten Ara- schen ist der allgemeine Trend in der arabi-
bischen Emirate, an denen auch wir, eine r-hen \\'elt. Das läßt sich in Saudi-Arabien,
Gruppe sowjetischer Journalisten, teilnah- iä Kuu ait und jetzt auch hier in den Emira-
men, wurde betont selbstsicher auf die ::r tetrt achten. Ich bin eigentlich stolz dar-
unumstößliche Tatsache hingewiesen, daß auf. ein Geschäftsmann zu sein. Solche
der junge Staat in diesem ktrzen Zeitra'om Leure sird bei uns überall gefragt. Es
trotz aller Hemmfaktoren, die sich auch gehört übrigens zu den Aufgaben unserer
jetzt immer noch bemerkbar machen, es Kammer. den Kunden kommerzielles Den-
geschafft hat, sein strategisches Hauptziel ken zu r'ermittel-n und ünen zu zeigen. wie
zu erreiöhen und ein zuverlässiges Funda- man Geld macht und es nicht verliert. Wir
ment ftir eine eigene Volkswirtschaft zu haben sogar ein Handbuch herausgegeben:
legen. Auch wenn sie noch in der einen oder ,Wie werde ich Geschäftsmann?' Wir wis-
anderen Form an das Erdöl gebunden ist, sen längst, daß *ir mit Parolen nicht weiter-
auch wenn sich immer'noch die Abhängig- lch bin stolz darauf, Creschäftsmann zu sein kommen und daß rrir etsvas Konkretes
keit vom Ausland bemerkbar macht, hat len anderen -\,ubrderungen bestirnmt, die machen müssen. Wir sind in der Vergan-
die Föderation doch eine zuverlässige mate- mir dei Finanzierung neuer Projekte für genheit viel übers Ohr gehauen. ja beraubt
rielle Grundlage. Die Führung will die Entrj;kiune und Diversifizierung der Wirt- worden. Wir hatten hier alle möglichen
immer noch hohen Einnahmen aus dem *..han. rrit der Gründung von vorrangigen. Gauner und falsche Ratgeber. Aus unseren
Erdöl eindeutig daftir nutzen. die \\'rn- große Kapitalinvestitionen erfordernden bitteren Erfahrungen haben wir gelernt.
schaft zl diversifizieren. die \\'rt- Betrieben zusammenhängen, die wiederum Heute haben wir viele Fertigkeiten selbst
schaftstätigkeit auf neue Bereiche auszu- zur Industrialisierung des Landes im Inter- erworben und, was noch wichtiger ist,
dehnen und letztlich die Selt':nersor_zung esse der Festigung seiner Einheit und sich unsere staatlichen Einrichtungen gestärkt
mit den wichtigsten lndustrie*aren und entwickelnden Staatlichkeit beitragen und gelernt, mit unterschiedlichem Publi-
landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu könnten. Insgesamt erwirtschaften kum umzugehen. Kultur- und Zivilisations-
sichern. Betriebe, die nicht mit der Erdölindustrie in schock sind längst überwunden. Die Men-
Schon dieser Kurs. der nicht ohne Erfolg Verbindung stehen, schon heute zehn Pro- schen gewöhnen sich schnell an den hohen
verwirklicht rr'ird. kam den wesentlichen zent des Bruttosozialprodukts. Lebensstandard.
Beitrag für den Fonds der kommenden Auch die allmähliche Ablösung ausländi- Die gegenwärtige sowjetische Führung,
Generationen darstellen. den unsere lie- scher durch eigene Fachleute sowohl in der die beabsichtigt, mehr zu tun als zu reden,
benswürdigen Gastgeber immer wieder ins Produktion als auch in den Bereichen Wissen- besteht unserer Meinung nach aus ernst zu
Gespräch brachten. ln der Tat sind die schaft und Kultur zielt in dieselbe Richtung, nehmenden und realistisch denkenden
Erdölvonäte in den Emiraten so groß, daß nämlich den Fonds für die kommende Genera- Menschen. Ich glaube, daß es jetzt, ange-
sie bei vernünftiger Ausbeurung noch ftir die tion zu stärken. Überall, wo wir uns aufgrund sichts der Entspannung, neue Möglichkei-
nächste überschaubare Zukunft reichen. Die der Bemühungen unserer Gastgeber aufhal- ten für eine allseitige Zusammenarbeit gibt.
Erdgasvorkommen sind zahlenmäßig noch ten durften, in Zeitungsredaktionen, Ministe- Die sowjetische Seite hat große wirt-
nicht erfaßt. Trotzdem und rr'eil nichts ewig rien, in Betrieben und Kulturstätten, sind wir schallliche und technische Möglichkeiten.
ist auf Erden, muß die Zukunt nicht mvstifi- Fachleuten aus den Emiraten begegnet. Auch wir haben etwas anzubieten. Wir
zierend, sondem materiell abgesichert wer- Sie verdrängen die Einwanderer, unter könnten uns beispielsweise an Projekten
den. Unter den Bedingungen der Emirate ist denen Angehörige arabischer Länder, Liba- beteiligen, die Kapitalanlagen erfordern,
eine der Garantien daftir die Umorientierung nesen, Agypter, Sudanesen, Syrier, Palästi- wie etwa medizinische, touristische oder
der Wirtschaft, um eine breitere industrielle nenser und Jordanier, besonders zahlreich kommerzielle Projekte. Ich glaube, daß die
Basis anzulegen. vertfeten sind. Für die ganze Föderation Sowjetunion zu für beide Seiten günstigen
Unter den 650Industrieanlagen der VAE dagegen sieht es nicht so rosig aus. Der Anteil Bedingungen auch die strategische Lage
gibt es schon heute nicht wenige. die der Emiratsbürger unter den Lehrern und der VAE nutzen könnte. Von unseren
moderne wissenschaftsintensive Technolo- Dozenten liegt unter zehn Prozent. Die Häfen aus lassen sich alle Golfländer errei-
gie anwenden, unter anderem für die Pro- gesunde Gegenreaktion findet statt: eine ver- chen."
duktion von Flüssiggas, Zement, Erdölpro- stärkte Immatrikulation von Studenten aus
dukten, Aluminium, Kabeln. Dasselbe gilt den Emiraten an der pädagogischen Fakultät
Mit großer Freude wiederholen wir hier,
was unser Bekannter aus den Emiraten
für Metallurgiebetriebe. In den Emiraten der Emirats-Universität. Etwa 170 Studenten
Ihnen gerne mitgeteilt hätte, um so mehr,
produzierte Klimaanlagen gehen bereits in waren es 1980-81, über 600 waren es 198G
den Export, Keramik und Konfektionsklei- 87. Ein weiterer spürbarer Wandel bei der
als damit auch ein neues Thema, die
Zusammenarbeit, angeschnitten wird. Wir
dung finden Absatz in den USA, und im Ausbildung eigener Fachleute vollzieht sich
hoffen, es noch abhandeln zu können. Die
letzten Jahr wurde die Montage von Com- auf technischem Gebiet. In den letzten Jahren
putern aufgenommen, die auf Märkten in gehen immer mehr Abiturienten in die Fach-
Worte, die wir hier angeführt haben, sind
deshalb so wertvoll für uns, weil sie eine
der Region verkauft werden sollen. Auch bereiche ftir Petrolchemie.
Stimmung wiedergeben, die für die VAE
die recht starke und absolut moderne Bau- Den bereits erwähnten dreißigiährigen
insgesamt typisch ist.
industrie läßt selbst die kühnsten Absichten stellvertretenden Generaldirektor der Indu-
(Fortsetzung folgt)
durchaus realisierbar erscheinen. strie- und Handelskammer von Abu Dhabi,
Um sich einer Wirtschaftsform zu entle- Juma Achmed al-Salami, kann man durchaus Vitali Ganjuschkin
digen, die die Gefahr der Monokultur in unter den landeseigenen Spezialisten zuord- NZ-Sonderkorrespondent
sich birgt, werden noch ganz andere Maß- nen. Seine derzeitige Funktion nimmt er seit
nahmen ergriffen. Dafür verwendet man 1985 wahr. Sich selbst zählt er zur ,,Gorba- Viktor Lebedew
Petrodollars. Der Umfang der erdölabhän- tschow-Generation". Der Politologe erhielt TASS-Korrespondent
gigen Wirtschaft wird heute schon von vie- seine Ausbildung an der George Washington ABUDHABI
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Quebec: Stiefkind oder Favorit?


llas bilinguale land finde[ zur gemeinsamen Sprache
anz besonders hat mich ein Straßenfeger hat. den man kaufen wollte. Der Weg zum Waren-
beeindruckt. Während er die rotgolde- überfluß ist weit, aber theoretisch vorstellbar. Der
nen Ahornblätter in einen schwarzen \Äres zu Tolennz, gegenseitiger Achtung, zu einer
Plastiksack stopfte, hob er ftir einen Atmosphäre der Freundlichkeit erfordert tägliche
Augenblick den Kopf und nickte mü und stündliche Anstrenguogen, die damit beginnen,
freundlich zu: Grüß' dich, wie geht's? Das * ar auf daß man sich dafürinteressiert, was neben einem ist,
Rideau-Straße in Ottawa, die ich gemächlich ent- im Haus. im Verkehrsmittel, in der Stadt, in der
langschlenderte. Der Fotoapparat in meiner Hand Republik. im Land, und damit enden, daß die Leute
wies mich augenscheinlich als Fremden aus. ringsum solche sind wie ich und du, daß sie dieselbe
Seit meiner Kindheit habe ich in N{oskau keinen Aufmerksamkeit verdienen, auf die du selbst
Straßenfeger mehr gesehen. Sie wurden durch den Anspruch erhebst. Ohne das alles ist wirtschaftli-
Bis in die 70er Jahre sagenhaften Trust für mechanisierte StraBenreini- cher \Ä'ohlstand wohl undenkbar.
hinein waren die gung ersetzt, der große Räume in der so*jetischen Die Toleranz im Alltag, die ich hier in Kanada zu
Bewohner der Pro- Hauptstadt zu gigantischen Müllhalden verkom- spüren bekam. spiegelt sich auch in der ,,großen"
men ließ. So wurde also die,.geniale" Losung reali- Politik s'ieder. Der Objektivität halber sei gesagt,
vinz Qüebec,,weiße siert: ,,Sauber ist es nicht dort. * o man fegt, sondern daß es hier auch Rassisten und Verbrecher gibt,
Negel'. Que- dort, wo kein Schmutz gemacht slrd". Sie hatte kei- obwohl die Zahl der Morde, auf die Bevölkerung
bec war Lieferant nerlei Einfluß auf jene, die Schmutz machen, dafür umgerechnet. lm Vergleich zur Sowjetunion viel
billiger Arbeits- umso mehr auf diejenigen. die dafur bezahlt wer- niedriger liegr. Dabei ist Kanada ebenfalls ein Viel-
den, daß es sauber ist. In Ottaq'a, wie auch in ande- völkerstaat mit dem zweitgrößten Territorium der
kräfte und Roh-
ren Orten zu beiden Seiten des Atlantik und anderer Welt nach der LdSSR.
stoffe. Heute ändert Ozeane, läßt man sich von einer modifizierten Probleme gibt es genug. Darüber unterhielt ich
sich diese Lage. These leiten: ..Sauber ist es nicht nur dort, wo kein mich mit Ilya Gerol. der vor zehn Jahren aus der
Eine wichtige Rolle Schmutz gemacht rl ird. sondern auch dort, wo man UdSSR ausge'*anden ist. Einmal pro Woche ist er
spielt hierbei die fegt". Außerdem $ irft man nichts so leicht auf eine für zwölf Stunden Professor an der University of
sauber gefegte Straße. . . Aber zurück zur Hauptsa- Winnipeg, wo er Vorlesungen über Nationalitäten-
Toleranz, ein typi- che. Warum hat mir der Straßenfeger zugelächelt? probleme und regionale Konflikte hält. Sonntags
scher Zug des Wahrscheinlictr aus demselben Grund, der Auto- moderiert er im Fernsehen eine internationale
innenpolitischen fahrer dazu veranlaßt, geduldig zu warten, bis alle Wochenschau. Die übrige Zeit ist er einfach Leiter
Lebens von Kanada die Stra߀ überquert haben. Manchmal gibterdabei der internationalen Abteilung der führenden Zei-
noch ein Zeichen mit der Hand, um den Fußgängern tung ,,Ottawa Citizen". In manchen Ausgaben
anzudeulen: Ich werde warten. Hier grüßen sich ergreift er sogar zweimal das Wort. Er steht auf der
auch r'öilig fremde Leute, die zusammen einen inoffiziellen Liste der 200 bekanntesten Persönlich-
Fahnruhl benutzen. Warum rufen einem Beamte keiten in Kanada.
einer Einrichtung, die dich zum ersten (und wahr- Meine erste Frage lautete:
scheinlich letzten) Mal sehen, ein freundliches
..Hi i" zu. auch wenn du gar nicht zu ihnen willst? ,,In den vergangenen Jahren beschäftigten Sie
Das hat mich alles zutiefst beeindruckt, stärker sich eingehend mit den Fragen der zwischennatio-
noch als die blühende Umgebung und der Super- nalen Beziehungen in Kanada. In den hiesigen
markt. '* o man am Ausgang einen Dollarbekommt, Zeitungen und Zeitschriften taucht immer wieder
u enn man einen Artikel gesucht und nicht gefunden der Begriff ,Meech Lake Constitutional Accord'
auf. Jeden Tag wird diese ,Vereinbarung vom
Meech-See' mehrmals im Fernsehen erwähnt.
Soweit mir bekannt ist, geht es darin über die
Beziehungen der Provinzen zu den Bundesbehör-
den und der Provinzen untereinander. Das
Problem ist aber schon älteren Datums, nicht
wahr?"
,,Die Vorgeschichte der ,Vereinbarung vom
Meech-See', die 1987 unterzeichnet wurde,
begann mit der Gründung Kanadas. Das Land
wurde als Konföderation gegründet. Einst
bestand es aus Ober- und Unterkanada, aus dem,
was wir heute Ontario und Quebec nennen, also
a!a.
aus Britisch- und Französisch-Kanada. Quebec
blieb allerdings ein rückständiger und rechtsloser
Teil der Konföderation. Im englischsprachigen
Nordamerika konnte sich die Provinz durch ihre
Sprache, ihre Kultur und die katholische Konfes-
sion behaupten. In den 60er Jahren wurde klar,
daß die sechseinhalb Millionen Einwohner von
Quebec, deren Vorfahren einst Kanada gründe-
ten (Die ersten Siedler und Verbannten kamen
aus Frankreich, und heute noch ist die Meinung
weit verbreitet, Frankreich habe sie verraten, als

w ,,ilEt E zEtr"2.00
nach einem Krieg, den die Briten gegen die ,,Nein, die arith-
Franzosen gewannen, das Gebiet an die metische Mehrheit
Krone von England abgetreten wurde, so war dagegen, aber
nicht mehr länger leben können. Quebec die Idee der Zwei-
war keine Kolonie, sondern Bestandteil sprachigkeit wurde
Kanadas, allerdings sein Hinterhof, der von den meisten
,kleine Bruder' der Anglophonen. Intellektuellen
In den 60er Jahren verschärfte sich hier befürwortet. Dieser
die Lage vor dem Hintergrund der intellek- Prozeß verlief recht
tuellen und rechtlichen Revolution in West- schmerzhaft, denn
europa. Diese revolutionäre Welle rollte die Provinzen waren
auch über den amerikanischen Kontinent mit der Neuerung
und kam im Kampf für die Gleichberechti- nicht einverstanden.
gung der Frauen, Neger und anderer natio- Im Land gibt es nur
naler Minderheiten zum Ausdruck. Hier in eine zweisprachise
Kanada kämpfte man um einen gleichbe- Provinz, nämlich
rechtigten Platz von Quebec in der Konfö- New Bruns*ick. qo
deration der kanadischen Provinzen. Da ein Drittel der
dieser Kampf als solcher nicht verstanden Bevölkerung franzG
wurde, beschränkten sich die Zugeständ- sischer Herkunft ist.
nisse der anglophonen Führer des Landes Seither ist die Zw'ei-
auf verbale Versprechungen: ,,Ja, wir reali- sprachrg:keit der
sieren eure Gleichberechtigung". Darunter
Kanada - ein Vielvölkerstaat
Stein des .{.nstoßes,
war eine größere Beteiligung an der Regie- obrlohl sie offizielle Staatspolitik Kanadas mezustand ein. Damit wurden die verfas-
rung, eine Förderung der französischen ist. " sungsmäßigen Garantien außer Kraft
Sprache und die Erhöhung der staatlichen ..Aber in Quebec, im Unterschied zu gesetzt und viele mutmaßliche Terroristen
Investitionen zu verstehen. Das alles klane Ontario, wo alle Straßen usw. zweisprachig festgenommen... Trudeau erläuterte
nicht schlecht. Für gleiche Rechte sar es ausgeschildert sind, gibt es ausschließlich damals seine Politik so: Quebec hat das
aber schon zu spät. Imr-ischen fordene die französische Aufschriften. Selbst das inter- Recht, sich von Kanada zu lösen und, wenn
Bewegung in Quebec die unverzügliche national übliche STOP an Straßenkreuzun- es will. einen unabhängigen Staat bilden.
Gewährung außerordentlicher Rechte. um gen wurde durch das französische ARRET Aber nicht mit Gewalt, sondern auf demo-
die viele Jahre fehlende Gleichberechti- ersetzt..." kratischem Weg. durch Konsultationen,
gung zu kompensieren. In den USA fuhrte ,,Auf Quebec, mit Ausnahme der Bun- ausreichende Vorbereitung und ein natio-
das zur Praxis der ,aff,rmative actions'. zur desbehörden, wird die Zweisprachigkeit nales Referendum. Einige Monate später
Gewährung außerordentlicher Rechte. nicht angewendet. Quebec hat eigenmäch- konnte der Ausnahmezustand aufgehoben
z. B. zur Festlegung von Quoten ftir Neger tig ein eigenes Gesetz erlassen, daß alle werden. Danach begann der Umwand-
in Hochschulen. Viele haben damals diese Aufschriften und Aushänge von Geschäf- lungsprozeß. der Quebec zu einer, wie man
Aktionen nicht verstanden. In der UdSSR ten und Privatfirmen nur in französischer hier sagt, distinct society, einer Gesellschaft
verstehen viele auch heute noch nicht, Sprache gestattet. Die Bundesbehörden mit besonderem Status, werden läß1."
warum die Litauer, Letten und Aserbaid- genehmigten diesen Schritt. Französisch ist ,,Warum eine ,Gesellschaft mit besonde-=
shaner besonderer Sorge bedürfen. Die also die offizielle Landessprache von Que- rem Status'?"
Gewährung außerordentlicher Rechte ist bec, englisch dagegen nicht. Damit ist ganz ,,Weil diese Provinz von Frankophonen
eine Kompensation, die die Erkämpfung Kanada einverstanden. Der Sinn des besiedelt ist, weil man ihnen jahrhunderte-
einer tatsächlichen Gleichberechtigung Kampfes um Quebec besteht darin, diese lang die gleichen Rechte vorenthielt. weil
ermöglicht. Das hatte Pierre Trudeau französische Enklave innerhalb der anglo- sie eine Minderheit sind, weil ihr politisches
begriffen. Nach seinem Amtsantritt 1.968 phonen Umgebung zu erhalten, denn Que- Gewicht innerhalb Kanadas nicht mit ihrer
überzeugte er die öffentliche Meinung mit bec hat immer das Schicksal von Louisiana Zahl in Übereinstimmung gebracht werden
propagandistischen Nlitteln und entschlos- gedroht. In den USA hatte es ebenfalls muß, sondern mit ihrer Rolle im Land, weil
senem Handeln von der \otuendigkeit, einen französischen Bundesstaat gegeben, die Notwendigkeit besteht, sie im Verband
daß Kanada ein zweisprachises Land wer- von dem höchstens noch die französische Kanadas zu erhalten."
den muß. Das Französische sollte unqeach- Küche und vielleicht die Musik zeugt. Fran- ,,Sie sprachen von der Notwendigkeit,
tet der Tatsache, daß es die Munenprache zösische Kultur gibt es dort nicht mehr. In die Provinz im Verband Kanadas zu erhal-
einer Minderheit ist, die zudem ncrch kon- Quebec dagegen ist sie erhalten geblieben. ten. Für wen besteht diese Notwendig-
zertiert in einer Provinz lebt, zur Staats- L nd um sie auch u eiterhin in einer Welt zu kei t?"
sprache des ganzen Landes s'erden. erha::en. in der die Inteerationsprozesse ..Das ist eine Notwendigkeit ftir Kanada.
Kanada hat aufgehört. ein englisches Land s.-hnei rorarx*hreiten. t'ekam die Provinz \\'ir gehen hier davon aus, daß Quebec
mit französischer Minderheit zu sein. .{,uf die *-i:h:rgsie Konpensaiion. Cie ieder nicht ohne Kanada, Kanada aber schon gar
Beschluß des Parlaments und der Regie- fdde-rive S:aa: -iaen Besrandteilen nicht ohne Quebec existieren kann.
rung Trudeau wurde Kanada zu einem ge\Aähren muB. um sie als starke Bestand- Wir sind den US-Amerikanern gar nicht
binationalen Staat. Beide Sprachen sind teile zu behalten.- so ähnlich, wie das auf den ersten Blick
jetzt offiziell Landcssprachen. Säit Ende ..Damals q'ar es il Quebec selbst recht erscheint. Wir unterscheiden uns deutlich
der 60er Jahre kann niemand mehr in den unruhig..." voneinander. Die kanadische Gesellschaft
Staatsdienst treten, der nicht beide Spra- ..Der Konflikt spitzte sich zu, es kam ist kein ,Schmelztiegel'wie die US-ameri-
chen beherrscht, selbst in Vancouver, wo es auch zum Blutvergießen. 1968 bis 1970 kanische. Wir betrachten unser Land als
praktisch keine Frankophonen gibt. Das rollte eine Welle des Terrorismus über Gemeinde von Gemeinden. Wir nennen es
Prinzip steht über dem ,Realismus'. Das Quebec. Man entführte und ermordete ,,kanadisches Mosaik", das aus zwei gleich-
Pnnzip, das ist Realismus im höchsten einen Minister, ermordete einen britischen berechtigten Vötkern, den Anglophonen
Sinne dieses Wortes." Diplomaten, Bombenanschläge wurden und den Frankophonen sowie einigen Dut-
,,War denn die Mehrheit der Bevölke- verübt usw. Bei allem Demokratismus in zend anderer nationaler Gemeinden
rung damit einverstanden?" Kanada führte Trudeau 1970 den Ausnah- besteht, angefangen bei dcn Ureinwohnern

"IIEUE ZEII" z.so @


bis hin zur ukrainischen, italienischen oder mungsrecht aufgenommen hat, und sie besitzt, wenn dieser von ihr abgelehnt wird.
deutschen Gemeinde. Und dieses Mosaik, dadurch dem schönsten Land der Erde. Damit können bundesweite Beschlüsse
dicse Cemeincle von Gemeinden, gründet Kanada, rauben wollen. Am nächsten Tag durch die Regierungen der Provinzen aufge-
sich in crster Linie auf die Gleichberechtigung fand die Abstimmung statt, bei der die hoben werden. Manitoba und New Bruns-
und den besonderen Stafus von Quebec. Als Bevölkerung die Idee der Loslösung wick stellen in diesem Zusammenhang die
der Beschluf3 gefaßt wurde, stieß er aufriesige ablehnte. Das war ein richtiger Festtag. Die Frage, ob im Falle einer Machtübernahme
Probleme. Trudeau setzte sich dennoch für Menschen weinten und sangen die National- rechtsextremistischer Elemente, die gegen
eine Föderation, und nicht für eine Konföde- hymne Kanadas, die in französisch geschrie- eine Erweiterung der Frauenrechte und
ration, ein, also fi.ir eine starke Zantralmacht ben wurde, auf den Straßen. Gefeiert wurde gegen die besondere Privilegien ftir Minderhei-
mil sorrvcräncn, dem Zentrum allerdings aus- im ganzen Land, weil damit Kanada die ten eintreten, die Bundesgesetze zu Fall brin-
reichend untergeordneten, Provinzen. schwerste Krise seit seinem Bestehen über- gen können. Diese beiden Provinzen sowie
1982 gelang es Trudeau, die Annahme wunden hatte. Danach gingen die Aktivitä- viele Liberale und Neudemokraten (Sozialde-
eincr kanadischen Verfassung durchzuset- ten der Separatisten in Quebec zurück, und mokraten) verurteilen die Tatsache, daß Que-
zcn. Bis dahin war der British North Ame- die Quebec-Partei verlor die nächsten Wah- bec bei der Diskriminierung der anglophonen
rica Act in Kraft. Die kanadische Verfas- len. Später. als die Konservativen im Land Minderheit zuviel erlaubt. Sie sagen: Ztn sel-
sung wurclc von allen Provinzen mit Aus- die Macht übernahmen. wurde die ,,Verein- ben Z.e,it. da ganz Kanada Quebec entgegen-
nahme von Quebec unterzeichnet, weil ihr barung rom \leech-Scc" formulicrt. Nrrch kommt, wird die englischsprechende Minder-
darin kein Sonderstatus eingeräumt wurde. heit in Quebec diskriminien. Ein Beispiel hier-
I)ie von Erian Mulroney gefi.ihrte Regierung für ist das Verbot von Aushängen in englischer
stand nun vor der Aufgabe, den Beitritt Sprache. Inzwischen sind sie *'ieder zugelassen,
Quebecs zur Verfassung zu gewährleisten. allerdings nur im Innenraum von Geschäften."
Dafür opferte Mulroney etwa die Hälfte der ,,Das entbehrt nicht einer gewissen
Befugnisse der Bundesbehörden und I Logik... Und welche Argumente ftihrt Que-
gewährte gleichzeitig Quebec den Status '-.:t bec ins Feld?"
:'.t'
einer distinct society, was meiner Ansicht 't'i ,,Quebec hält dem entgegen, daß die
nach gut ist. Das aber führte zu einer Schwä- ;t Gleichberechtigung der anglophonen Minder-
chung der Zcntralmacht. heit wieilerhergestelltwird; wenn sich die fran-
,,Und wie macht sie sich bemerkbar?" kophone Kultur und der Einfluß von Quebec
,,Man hat Quebec beispielsweise das gefestigt haben. Und damit bestehen sie auf
Recht eingeräumt, ein eigenes Einwande- der Ratifizierung der ,,Vereinbarungen vom
rungsministerium zu bilden und eigene Ver- Meech-See". Manitoba und New Brunswick
tretungen in anderen Ländern zu unterhal- dagegen fordern eine Revision. In Kanada
ten. Jetzt haben auch die anderen Provinzen reift eine neue Verfassungskrise heran."
dieses Recht. Das wurde bei einer Beratung ,,In Quebec wurden kürzlich Wahlen
del Ministerpräsidenten der Provinzen in "
abgehalten..
ciner \zilla am Meech-See formuliert, ewra?ß ,,Die Separatisten haben zwar verloren,
Kiiometer vtx dem Ort entfernt, wo wir uns konnten aber mit 40 Prozent der Stimmen
jetzt miteinander unterhalten. Das wurde ihre Positionen ausbauen. Zu ihren Wählern
damals mehr oder weniger einstimmig beftir- gchören nicht nur eingefleischte Separati-
rvortet. Inzwischen sind in den Provinzen sten. sondern auch solche, die damit der
Preclenken aufgekommen. Die,,Vereinba- Bundesregierung andeuten wollen, daß man
rung vom Meech-See" wurde wohlwollend Quebec nicht wieder unter Druck setzen
von der Regienrng von Quebec aufgenom- lm Stadtzentrum von Ottawa darf. Das ist eine Botschaft für das anglo-
men, wo die Liberalen an der Macht sind, die der Unterzei;hn-rl: ::.-s \':niages $oll- phone Kanada. Nun steht die Regierung vor
meinen, daß Quebec Bestandteil der kanadi- ten allerdines erl:e Pirr"inz:a ihre Ent- dem Problem, wie weiter zu verfahren ist.
schen Föderation bleiben soll." scheidung einer R.rrsion unterziehen. " Brian Mulroney ist der Ansicht, daß imZuge
,,Arn Meech-See wurden also Vereinba- ,,In einigen P:orilzen iand nach der von Verhandlungen der Vertrag dennoch
rungen ausgehandelt, die eine Reihe von Unterzeichnune dies€s Dokumentes ein ratifiziert wird... Ich denke, daß die Frage
Vedassungsänderungen enthalten, die das Regierungsu ech:el statt...'' letztlich gelöst wird und daß Quebec nie aus
Ziei verlolgen, daß Quebec sich der Bundes- ,,Ja, aber interessanterweise hängt ihre der Konföderation austritt. Die Gesellschaft
vert'assung unterstellt. Und wie stehen die Position in dieser Frage nicht von der Partei- ist schon zu sehr integriert, und diese Provinz
Einrvohner von Quebec dazu?" zugehörigleit ab. In Manitoba, wo man kann nicht auf die Wohltaten verzichten, die
,,-{91i0 wurde in der Provinz ein Refe- besonders gegen die Vereinbarung ist, sind ihr in letzter Zett zrtgute gekommen sind..."
rendum abgehalten, das von Trudeau ange- die Konsen'ativen an der Macht, in New Im November, also schon nach unserem
kündigt worden war. Die Separatistenpar- Brunswick sind es die Liberalen. Selbst Gespräch, fand wiederum eine Begegnung
tei, die damals an der Macht war, stellte bei wenn nur eine Provinz dagegen ist, tritt der der Ministerpräsidenten der Provinzen mit
diesem Referendum die Frage: Weiterbeste- Vertrag, der bis Juni 1990 ratifiziert werden dem Premier des Landes statt. Zwei Tage
hen von Quebec als Provinz Kanadas oder muß, nicht in Kraft. Quebec ist dafür, lehnt lang diskutierten die Teilnehmer des Tref-
Souveränität, d. h. Loslösung von Quebec jedoch neuerliche Verhandlungen ab. Die fens um die ,,Vereinbarungen vom Meech-
nus der kanadischen Föderation unter Bei- anderen Provinzen bestehen allerdings dar- See". Gegen die Verfassungsänderung, die
behaltung assoziativer ökonomischer Bezie- auf, ohne prinzipielle Einwände gegen den Quebec einen Sonderstatus zuerkennt, spra-
hungen. Das war ein tragischer Monat in der Sonderstatus von Quebec etwas einzuwen- chen sich diesmal drei Provinzen aus: Mani-
üeschichte des Landes. Die Lage war aufs den. Die beiden Provinzen lehnen folgendes toba, New Brunswick und Newfoundland. Die
äußerste gespannt. Trudeau hielt damals im ab: Die allgemeine Rechtscharta, die Teil Position des Ministerpräsidenten von Quebec
Fernsehen von Quebec seine wohl beste der Landesverfassung ist, kann von jeder R. Burassa lautet: Eine Revision der Verein-
Rede. Er sprach von Kleingeistern, die die Provinz verändert werden, da es in der ,Ver- barungen ist unannehmbar. Also beschloß
Provinz Quebec leiten, die Bevölkerung einbarung vom Meech-See' einen Punkt man, die Verhandlungen fortzusetzen...
ihrem Schicksal preisgeben und aus ihnen gibt, der besagt, daß ein Beschluß der Bun- Wladimir Shitomirskj
einc kleinc exotische Nation machen wollen, desbehörden, der eine bestimmte Provinz OTTAWA _ MOSKA(,]
den-K_ampf um ihr Selbstbestim- betrifft, für diese Provinz keine Rechtskraft Fotos: der Aulor
:ll" :,i:t
,@ ,,iltut zEtl"2.00
Der Preis der Erkenntnis
l.f ann eine Zufälliskeit doch eine Art von Gesetzmä- zurück im Zorn". Wer faßte den verhängnisvollen
Anigt.it sein? Äuf einen, den letzten Tag der Beschluß? Warum? Welche Züge unserer frtiheren
Arbeit des zweiten Kongresses der Volksdeputierten (und leider auch noch heutigen!) Ordnung ermöglich-
der UdSSR, entfielen die Rechenschaftsberichte der ten derartige Entscheidungen? Auf diese Fragen wur-
Ausschüsse, die drei tragischen Ereignissen eine politi- den auf dem Kongreß kompromißlose Antworten
sche und moralische Wertung geben sollten. Das erste gegeben, erfolgte eine nicht weniger kompromißlose
Ereignis geschah vor 50 Jahren, das z$'eite vor 10 Jah- Verurteilung der Entscheidung von 1979. Sie fiel
ren, das dritte vor nur 8 Monaten. besonders jenen im Saal, die selbst am Afghanistan-
Eben damit befaßte sich unsere obente Volksvertre- Krieg teilnahmen, schwer. Zl rhrer Ehre sei gesagt,
tung, was eine nicht leichte Aufgabe sein sollte - bis daß sie obigem Beispiel nicht folgten und sich nicht an
hin zu der außergewöhnlichen. hochdramatischen Illusionen klammerten.
Wende bei der Diskussion über den Bericht von Alex- Und schließlich Tbilissi. Eine schwierige Aufgabe
ander Jakowlew, Vorsitzender des Ausschusses für die hatte der Ausschuß, weil die Wunden noch so frisch
politische und rechtliche Beuemrns des sowjetisch- sind. Fast wäre es schief gegangen! Die riskante (um
deutschen Vertrages. Auf der r orhergehenden Sitzung nicht zu sagen provokatorische) Idee einiger Abgeord-
hatte der Kongreß gebannt die ein,eehend dokumen- neten, die Bewertungen des Parlamentsausschusses
tierte Analyse der komplizienen Vorkriegser- und der Obersten Militäntaatsanwaltschaft
cignisse, des Vertrages und des verhängnisvol- vor dem Kongreß einander gegenüberanstel-
le n ,,geheimen Zu-qarzemrokolls" (über das die len ; sorgte für eine so gefährliche Lage im Saal ,
NZ-Leser u-iederhol: irtonnien uurden), ver- daß der Kongreß den schweren Beschluß fas-
nommen. .{lles:chie: a';{ dre politische, recht- sen mußte, auf die Rundfunk- und Fernseh-
liche und mtr:l;she \-e:-:neilung dieses Pro- übertragung zu verzichten. Im Ergebnis verur-
iokolls. dec>er Edsr:z -lge Zeit verschwie- teilte der Kongreß die Anwendung von Enüch nadr
cen unC lerh::nli;h: q::ce. hinauszulaufen. Gewalt, konstatierte schwenriegende Fehlein- da Gcetzen
Dcrch da... schätzungen und Fehler -auf allen Ebenen,
...Immer mehr e:nrl-r. Sinmen rvaren im von der Republik- bis zur Unionsebene. der tüal
Saal zu r'ernehmen: \\'= tul eln Protokoll? Der Volksdeputierte und Historiker Roj lcüdr
Kennen s'ir nichrl Hatren uir nicht gesehen! Medwedew nannte die Entscheidung zu 1939
Ein Original gibt es nichtl -lJi* Erfindungen, die wichtigste des Kongresses. Dem kann man
schädliche Erfindungen! ALs dann die elektro- zustimmen, wenn man einen wesentlichen Zug
Lew nische Stimmenausählung erfolgre. :ahen die dieser Entscheidung berücksichtigt: Das war
Besymenski im Saaldes Anwesenden enßetzt. daß der Vor- keine ,,Verneinung um der Verneinung wil-
len", sondern ausgewogenes, differenziertes
schlag Ausschusses nicht ansenommen
wurde. Eine Blamage vor der genzen \\'eltl Handeln. Der Kongreß differenzierte zwischen
Doch nichtvonungefährheißtes, daß maneine Sache dem Nichtangriffspakt , der in einer komplizierten politi-
beschlafen sollte. Am Morgen des nächsten Arbeitsta- schen Lage geschlossen wurde und unter anderem das
ges des Kongresses legte der Ausschuß-Vonitzende in Ziel verfolgte, die Gefahr eines herauftiehenden Krie-
angespannter Stille dem Kongreß und der Welt unni- ges von unserem Land abzuwenden, und dem Geheim-
derlegbare Beweise vor, auf denen die Empfehlungen protokoll, das gegen die Prinzipien der Leninschen
des Ausschusses beruhten. Im Archiv des UdSSR- Außenpolitik verstieß. Auch in beiden anderen besag-
Außenministeriums wurde ein auf den April 19,16 ten Beschlüssen des Kongresses verfuhr man ebenso.
datiertes Dokument entdeckt. Dort ist der Vorgang der Die Volksdeputierten, die den Einmanch in Afghani-
Übergabe des Originals - hört, hört! - des Geheim- stanverurteilten, betonten, daftirseien die Soldaten, die
protokolls aus dem Sondeiarchiv des Außenministe- nur ehrlich ihre micht erftillt haben, nicht verantwort-
riums an einen Mitarbeiter vonWjatscheslawMolotow, lich gewesen. Und auch in der Entscheidung zu Tbilissi
der damals einen Ministerposten bekleidete, festgehal- wurde nicht nur Gewalt verurteilt, sondern auch die
ten. Femer findet sich dort eine beglaubigte sowjetische große Idee der Beachtung der Menschenrechte, eines
Kopie des Protokolls. Alles klar? Nein, auch danach guten Verhliltnisses zwischen den Völkern verteidiS.
bahnte sich ein Depurierter den Weg zum Rednerpult Diese drei Entscheidungen des Kongresses sind Zei-
und fl ehte mit schmern'erzerrtem Gesicht den Kongreß chen einer Zeit, in derwir beginnen, nachden Gesetzen
an, es habe doch kein Protokoll gegeben... der Moral zu leben - ohne Angst vor eiler schmerzli-
Ach, wie schwer trennt man sich von Illusionen! Von chen Katharsis. Doch das ist ftir uns ungewohnt. Unse-
den Illusionen einer Welt. in der wir stets recht hatten, rer Gesellschaft fallen, wie Michail Gorbatschoweinmal
alles wußten, allen gefielen. Heute muß man einen zu Willy Brandt sagte, tiefgreifende Veränderungen gar
nichtgeringen Preis dafür zahlen, daß wir zu lange der- nicht leicht, zu stark ist sie durch ihre Vergangenheit,
artige Illusionen hegten, uns nicht von den Tatsachen, durch Gewohnheiten und Vorstellungen, die zu ande-
sondern von vorgefaßten Meinungen leiten ließen; renZeitenentstanden,belastet. Genau - dochwiekann
indem wir die Geschichte ideologisierten, nahmen wir man die Vergangenheit nicht zu einer Last, sondern zu
ihr den Inhalt. Jetzt muß man sich von den Illusionen einer lrhre werden lassen? Wie kann man verhindern,
trennen. DieZ.eit der Erkenntnis ist gekommen. daß man späteq zur Reue gezwungen wird?
Sie sollte auch für die Bewertung der Ereiglisse von Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte. Die
vor 10 Jahren absolut notwendig sein. Der Abzug der sowjetische Gesellschaft erhielt schon wiederholt eine
sowjetischen Truppen aus Afghanistan wurde bereits solche Strafe, ietzt muß das vermieden werden. Ein so
zu einem Meilenstein in der Geschichte der Pere- schrecklicher Preis für die Erkenntnis, wie wir ihn bis-
stroika. Doch dieser Schritt verlangte seinen ,,Blick langzu zahlen hatten, darf nicht mehr gezahlt werden.

.,1t E ü E z E I T" 2.S0 g


r(tlilutRsr0il

Schwerter ru Pfl ugscharen


eine leichte Aufgabe?
omm zu mir ins Werk". redete mir zitäten der Rüstungsindusttie in den Dienst des
der leitende lngenieur eines sowjeti- Volkes! Doch überlegt sollte gehandelt wer-
schen Rüstungsbetriebes Sergej den...
Kowalenko zu, ,,hör dir einmal an, Solche Gedanken ließen mir keine Ruhe, als
wie uns der Chefingenieur bei einer ich nach Rostow am Don flog, wo ich hoffte,

t,
kurzen Planberatung \\'egen der einen Großbetrieb der Rüstungsindustrie aufsu-
Würstchen abkanzelt. In einem chen und dort vor Ort Informationen, die meine
Raketenwerk zerbrechen sich die Konstrukteure Zw eifel oder Befürchtungen beseitigen, erhalten
den Kopf über eine Wurstanlage, die zum zu können.
Arbeiter verlieren Erzeugnis Nr. 1 wurde."
die Zuversicht, Ich hörte meinem Freund erstaunt und befrem- ,,Konzeption Sorenko"
det zu. Von den Problemen der Konversion ist
Werke verlieren schon nicht selten die Rede. doch erstrnals spürte Gennatli Sorenko zierte sich nicht lange. son-
Arbeiter. ich in "den Worten eines lt{annes, der davon dern reichte mir gleich eine Akte mit Plänen für
Raketenkonstruk- direkt betroffen ist, so deutlich Besorgnis. Mitar- die alternative Produktion von Konsumgütern in
teure entwerfen beiter, die kündigen. technologische Verluste Betrieben von Rostow. ,,Entscheiden Sie selbst.
Würstchenaggre- und soziale Probleme - mit all dem wurde man Ich würde Ihnen die Hubschraubervereinigung
gate, Panzerbauer im Werk konfrontiert. Wird sich auch die Kon- empfehlen. Dort hat Michail Nagibin interes-
version nur so schs'er ihren Weg bahnen, wird es sante Ideen."
lernen es, dabei nur auf das Ziel ankommen, das die Mittel Der jetzige Leiter der Planungsabteilung des
Teigknetmaschinen angeblich rechtfertigl.' Werden wir nach einer Gebietsexekutivkomitees, unlängst nobh Bürger-
herzustellen. lst ,,Offensive" oder einer weiteren Sturmschicht meister der Stadt, legt mir gerrrseine Sicht der
das Konversion? erneut die Opfer zählen müssen? Wann endlich Konversion dar. Sein Gedanke ist did intensive
werden diejenieen. die die ,,Offensive" zu planen Nutzung der Verbindungen zu ausländischen
haben, auf dre Strmme der Vernunft hören? Partnerstädten - die Wirtschaftsverbindungen
Doch die Ortensile hat bereits begonnen, das zu ihnen weiterzuentwickeln, dort Erzeugnisse
aber, was Kcsalenko sagte, bedeutete, daß es der örtlichen Industrie zu verkaufen und die so
keinen Generalplan gibt! Wenn überhaupt eine eingehenden Devisen zu verwenden, um Kon-
Strategie der Konversion existiert, dann nur in sumgüter, Lizenzen und Anlagen für die kicht-
allgemeineo Zügea, ohne auf die Spezifik der industrie von Rostow zu erwerben. ,,Warum das
betroffenen Betriebe einzugehen. Das strategi- Fahrrad noch einmal erfinden?" fragte Sorenko.
sche Szenario *lrde per Telephon und in Direk- ,,Warum Konstruktionsbüros der Rüstungsindu-
tiven nach unten weitergeleitet. Die Absicht strie zwingen, sich mit einer ihnen fremden Arbeit
dabei ist klar: Unser Land braucht Konsumgüter, zu befassen? Sie brauchen mindestens 2 bis 3 Jahre,
Anlagen fur die verarbeitende und die Nahrungs- um tatsächlich zu für sie akzeptablen Wegen einer
mittclrndusrri.-. Allcs fiir dic Dcfizitcl Dic Krrpa- alternativen Produktion zu gelangen. Dann wird es
keine technologischen Verluste, keine sozialen Pro-
bleme geben." ..
.. Aus Sorenkos Uberlegungen sprach seine feste
Uberzeugung. Die Werksdirektoren klagen über
mangelnde Informationen, was die ausländischen
Partner angeht. Sie bildeten einen Verband von
Vertretern der Massenmedien der Partnerstädte.
Jetzt erfolgt ein intensiver Austausch von Arti-
keln, werden Fernseh- und Rundfunksendungen
ausgetauscht. Das aber ist eine Möglichkeit, ein-
ander besser kennenzulernen. Dazu kommt die
Werbung. Eine Vereinigung für die geschäftliche
Zusammenarbeit mit dem Ausland ist im Entste-
hen begriffen. Im Grunde ist dies der erste prak-
tische Schritt, um Sorenkos Ideen zu verwirkli-
chen. So gelingt es, auch das Devisenkonto der
Stadt aufzufüllen - vor allem sind es Betriebe
von Rostow, die Valuta abführen, das bereits
einige tausend in fester Währung und nicht in
weichen Rubeln auf seinem Konto hat.
Ich will nicht verhehlen, daß mir die Ideen mei-
nes Gesprächspartners, die ich insgeheim ,,Konzep-
tion Sorenko" nannte, sympathisch waren -
ebenso wie er selbst, offen und genau wissend, wel-
Militärtechnik unter dem Hammer. Das ist noch keine Konversion chen Weg nrarr gehcn mulJ, noch bevor cinc I)irck-

tr "ll I u E z E I t" 2.e0


tive von oben eintrifft. Vielleicht hoffen
diejenigen, die die Strategie bestimmen,
gerade auf Leute wie Sorenko? Sie tun
das, weil sie die Gewißheit haben: Leute
wie Sorenko werden selbst die Taktik fest-
legen - und, wie ich meine, nicht ohne
Nutzen für unser Land.

ldeen für die Zukunft


Michail Nagibin, Generaldirektor der
Hubschrauberproduktionsvereinigung
Rostow, war bis 17 Uhr mit einer durchrei-
senden Gruppe von Amerikahern
beschäftigt. Ihr gehörten vor allem Vertre-
ter der verarbeitenden und der Nahrungs-
mittelindustrie an. Und schon das brachte
mich auf den Gedanken, daß die ..Konzep-
tion Sorenko" in Rostow funktioniert.
Der Generaldirektor erwies sich als ein-
facher Mann mit gutem Kommunikations-
vermögen - ein freundliches Gesicht mit
spitzbübischen Augen, die Hände eines
Arbeiters, zeigte er sich, sprach er wie ein
solider Geschäftsmann. Z eic hnun g : Wladimir N enas chew
Nagibins erster Satz schon verblüffte
etwas. ,,Ich will Ihnen ehrlich sagen, daß schrauber oder all diese Dinge- mit einer sen la-ssen. Konkurrenz bleibt Konkur-
ich keine Probleme mit der Konversion anderen Druckpresse. Wir können, falls renz.
habe. Wir bökommen so viele Aufträge erforderlich, den Markt mit leichten, sta- In Charkos' interessierte ich mich für
für Hubschrauber, daß ich die Produktion bilen Erzeugnissen der verschiedensten das noch ror kurzem geheime Malyschew-
verdoppeln könnte. Doch...", er lächelte, Art sättigen." Panzer*'erk. \'on seinen Fließbändern lie-
und nach einer Pause fügte er hinzu: Wahrscheinlich kann Nagibin jeder sei- fen mächtige Panzer. noch gestern unser
,,Manches halten wir natürlich in Reserve ner Abteilungen und Werke, wenn die Stolz, jetzt nerden sie verschrottet. Mir
- für den Notfall." Produktion von Hubschraubern gedros- schien es offensichrlich zu sein, daß Pro-
Dieses ,,manches" sollte sich als ein selt wird, schon morgen eine alternative bleme der Konversion gerade für dieses
Paket von beachtenswerten Ideen für eine Produktion anbieten. Werk kritisch werden könnten. Allzu ent-
alternative Entwicklung der Produktion Und doch war ich am stärksten beein- fernt sind die Erzeugnisse des Betriebes
ohne Verlust der technologischen Kapazi- druckt vom Entwurf für die Produktion von dem, was unsere Landwirtschaft
täten und der Rentabilität erweisen. eigener Campinganhänger ftir PKWs. Von braucht.
Der Direktor deckte eine Karte nach den Hubschrauberkonstrukteuren funk-
der andern auf, da ihm klar war, daß die tional entworfen, aerodynamisch bearbei- Panzer zu Altmetall
Effektivitat der Art und Weise, wie er tet, geräumig und zugleich leicht, vor
Informationen liefert, die Wirkung als sol- allem aber zusämmenlegbar, faszinierten Der erste stellvertretende Bürgermei-
che ergänzt. Übrigens war ich schon dar- sie die angereisten ausländischen ster Nikolai Timoschin zeigte Verständnis
über erstaunt, daß ein Leiter, dem die Geschäftsleute aus den USA, Großbritan- für meine Bitte. ,,Vielleicht haben Sie
Konversion bislang keine Kopfschmerzen nien und Japan. ,,Nichts ist da überflüssig, nicht gerade den geeignetsten Augenblick
bereitet, nichtsdestoweniger bereits nach wie auf einer Segelyacht", ließ sich ein erwischt. Piwowarow. der Generaldirek-
optimalen Lösungen sucht, daß er sich Amerikaner begeistert vernehmen. tor der Vereinigung. ist beim Plenum des
neben den Sorgen um die eigentliche Pro- ,,Meine Auffassung von der Konversion ZKder KP der Ukraine in Kiew und wird
duktion zusätzlich Pflichten, Verantwor- unterscheidet sich grundsätzlich nicht von erst morgen zurückkommen."
tung für Dinge, die im Grunde noch gar Sorenkos Haltung", sagt Nagibin. ,,Man Doch der Vizebürgermeister sollte sich
nicht da sind, aufbürdet. Die Prognostizie- muß Devisen erarbeiten und dafür die geirrt haben. Probleme des Werks ließen
rung der Entwicklung, die Fähigkeit, sich Taktstraßen und Lizenzen kaufen, deren den Generaldirektor schon heute zurück-
rechtzeitig auf Unannehmlichkeiten vor- Entwicklung jetzt zu große Ressourcen, zu kehren. Er schaltete sich gleich nach sei-
zubereiten, hat hier greifbare Zige ange- großen Kraftaufwand verlangen würde. In ner Ankunft in deren Lösung ein, trom-
nommen. Die Zeit, die sich glücklich diesem Sinne bringt unser Wohnwagen melte in seinem Arbeitszimmer einen
ineinanderftigende Umstände oder For- Devisen. Das ist nicht das Endziel, son- ,,großen Kriegsrat" zusammen und ant-
tuna dem Generaldirektor gegeben dern eine Zwischenstufe bei der Lösung wortete nicht einmal auf Anrufe des
haben, nlutzte er, um eine optimale Taktik des Konversionsprobiems." Gebietskomitees der Partei.
für seine Konversion zu erarbeiten. Michail Nagibin ließ mich durch sein rie- Die Sekretärin des Direktors wieder-
,,Jetzt vereinbaren wir mit der Firma siges Unternehmen kutschieren, das mich, holte immer wieder, unerbittlich wie ein
Termatube die gemeinsame Produktion ehrlich gesagt, beeindruckte. Doch viel Automat: ,,Genosse Piwowarow ist nicht
von sanitären Anlagen." Ich konnte mein wichtiger schien mir der Umstand zu sein, da." Ich aber wandte mich, da meine Zeit
Erstaunen nicht verhehlen. Doch Nagibin, daß die soziale Infrastruktur fi.ir die immer knapper wurde, lieber an Instanzen
der mir die Produktion verschiedener Beschäftigten - Schwimmbecken, Sport- in Charkow. Bei erfolglosen Versuchen,
Haushaltsgeräte aus Kunststoffen saalo Sauna, Einkaufsmöglichkeiten u.a. Verbindung zum Generaldirektor aufzu-
beschrieb, zeigte mir Prospekte mit - auf höchstem Niveau sind. Und da nehmen, verging ein Tag, doch ich konnte
Mustern -
was Design und Farbgebung dachte ich: Nein, von hier wird niemand mich nicht darüber beklagen, daß er ohne
angeht, beeindruckend.,,Nichts einfacher fortgehen wollen. Natürlich hat der cle- Ergebnisse geblieben wäre. Von einem
als dies! Uns ist es ja ganz egal, was wir vere Direktor den angereisten Korrespon- gesprächigen Taxifahrer erfuhr ich, daß im
stanzen: Schraubenblätter für einen Hub- denten nicht alle seine Geheimnisse wis- Panzerwerk eine,,Rebellion" heranreife.

"1I E U E zEr r" 2.n tr


Unzilfrieden mit dem l-ohn drohten Mitarbeiter Ausfuhrung der Kommandos gelegen ist, erfül- auch das bei der Erarbeitung einer alternati-
dcr Dieselproduktion mit einem Streik. Und len mußte. ven Produktionsstrategie in den Rüstungsbe-
mir wurde klar, warum dem Direktor nicht Statt der 15 Minuten, die mir der Direktor für trieben zu berücksichtigen.
gerade nach einem baldigen Treffen mit einem das Gespräch reserviert hatte, sprachen.wir Es ist Piwowarows Glück, daß seine Kon-
,,Vertreter der zentralen Presse" zumute war. über eine Stunde miteinander. Der Generaldi- strukteure bislang nicht gehen. Richtiger
Gegen Abend meldete sich Piwowarow dann rektor kam dabei so richtig in Fahrt, und er ver- wäre es zu sagen, bislang gibt es keine kon-
doch am Telefon. Er erHärte sich ohne beson- wies auch offen auf M:ingel. Wie sich heraus- stante Tendenz eines solchen Prozesses. Und
dere Begeisterung bereit, um 8 Uhr am näch- stellte, hat er seine eigenen Gedanken zur Kon- das, obwohl einige Konstrukteure nach der
sten M.orgen mit mir zusammenzutreffen. ,,Spä- version. Ich berichtete ihm von der Begegnung Anhebung der Gehälter in den wissenschaft-
ter kann ich nicht. Um 9 Uhr haben wir unsere mit Nagibin, von seinen Plänen, von dem devi- lichen Forschungsinstituten, und davon gibt
kurze Planberatung, dann folgt eine Sitzung des senträchtigen Wohnwagen, von der Suche nach es viele in Charkow, ihren Arbeitsplatz im
Stadtrates. IJnd überhaupt haben wir morgen Partnem im Ausland. ,,Auch wir haben solche Konstruktionsbüro gegen die ruhigeren und
einen arbeitsfreien Samstag." Pläne -
so unser vierrädiges Motorrad, zusam- nicht weniger einträglicheren Funktionen
Um 8 tlhr erschien ich mit einem Wolga des men mit dem Kollektiv in Kowrow." Der Gene- eines Wissenschaltlers oder eines im Umfeld
Direktors bei der Werksleitung. Piwowarow raldiretlor sagte, dessen Technologie sei der der Wissenschaft Tätigen einzutauschen
war bereits da. Er war schrecklich erkältet, sah Basistechnologie ähllich. Das Motorrad ver- begannen. Doch kann sich dieser instabile
müde aus, war jedoch um einenmunteren Ein- spricht Gewinn, und folglich wird die Rentabili- Status quo lange halten? Und wenn dieser
druck bemüht. Nachdem er sich das Ziel meines tät des Unternehmens nicht abnehmen. Prozeß stärker wird? Was dann? Wir werden
Besuches hatte erklären lassen, öffnete er offen- ,,Jetrt aber zeichnet sich folgendes Bild ab", keine neuen Technologien schaffen, doch
bar vorbereitete Akten, begann, mich mit Zah- sagte Piwowarow. ,,Staatsaufträge; die nur in den erzielten Standverlieren. Einmalige Spe-
len und Fakten zu überhäufen. allgemeinen Zügen die Spezifik unserer Kapazi- zialisten und Technologen, Konstrukteure
Vom Volumen der Rüstuqgsproduktion sind täten berücksichtigen, schreiben die Entwick- und Ingenieure wird man verlieren. Ein
1.57o verloren. Die Suche nach einem Ausgleich lung und Produktion einer Thermoverschlußan- Werk mit einer einst progressiven Technolo-
dafür erlaubte es jetzt, 50% des Gesamtverlu- lage (wie ich verstand, eines Konservierungsag- gie, wo wir Gott sei dank noch nicht hinter
stes zu üherwinden - vor allem durch die Pro- gregats), eines Komplexes für die Produktion dem Westen zurückliegen, soll zu einem von
duktion von Details für schwere Diesellokomo- von lösbarem Kaffee und einer Teigknetma- sozialen Erschütterungen heimgesuchten
tiven und von Erzeugnissen ftir die Landwirt- schine vor. Natürlich haben wir fähige Kon- Kombinat zur Montage von Einzelmustem
schaft. An der Umrüstung eines militärischen strukteure. Man studierte, wie das im Westen werden, an denen es auf unserem Markt
Sattelschieppers für volkswirtschaftliche Erfor- aussieht, und entwickelte Technik, die nicht mangelt? Ist dies der beste Weg der Konver-
dernisse wird gearbeitet, man sucht auch andere schlechter ist. So überbietet unsere Teigkner sion?
Wege filr eine alternative Entwicklung der Pro- maschine alles, was es im Westen an Vergleich- Der Generaldirektor. der mich in den
duktion. Zusammen mit dem Charkower Trak- barem gibt. Der Marktpreis dort beträgt 6000 ersten Minuten unseres Gesprächs an einen
torenwerk ist die Produktion eines überschwe- bis 8000 Dollar, unser Ministerrat aber will nur ..Leiter alten Tlps" zu erinnern schien, ent-
ren Halbraupenschleppers geplant, zusarnmen 1500 Rubel zahlen. Damit die Taktstraße bei puppte sich als offen und mutig. Als jemand,
n'rit dem Belorussischen Automobilwerk soll ein diesen Preisen Gewinn bringt, müßte ich jahr- der nicht weniger als sein Kollege aus Rostow
leistungsstarker LKW entwickelt werden. Pro- lich nicht weniger als 10 000 Stück erzeugen. an die Zukunft denkt. Nur schien mir, daß er
duktionsmuster gibt es bereits. Plänen zufolge Wie viele aber braucht unsere Volkswirtschaft: stärker als Nagibin unter dem Einfluß seiner
soll der Zuwachs der zivilen Produktion verdop- 100, 200 oder 1000? Werden wir den Markt sär- speziellen Technologie stand. Er fühlt sich in
pclt. bei Konsumgütem um das 3,8fache und bei tigen, in den roten Zahlen bleiben - und seinem Rüstungsbetrieb mehr als General
Erzeugnissen für die Nahrungsmittelindustrie dann?" denn als Direktor, und deshalb ist es
um das 4,3faclre gesteigert werden. Piwowarow ist sehr interessien an der gewohnt, daß Befehle nicht erörtert werden.
Ein iclyllisches Bild wurde entworfen. Die Suche seiner Kollegen in Rostorr nach Wegen Doch jetzt, da er weiß, daß seine Worte in
llimensioüen der am grünen Tisch erarbeiteten ftir eine Konversion und daran. wie sie die eine zentrale Publikation gelangen können,
Pläne waren beeindruckbnd, doch das Wichtig- Verbindungen zu den Partnerstädten nutzen. da er vielleicht die Unzufriedenheit des Mini-
ste fand keinen Ausdruck: Was soll mit der ,,Sie sollten das einmal unserem Bürgennei- sterrats und des Verteidigungsministeriums
Technologie der Panzeqproduktion und mit ster sagen. \\'ir baben Partnerstädte. aller- ahnt, erklärte er nichtsdestoweniger eindeu-
dem bequemen I-eben auf Kosten des Staats- dings haben uir davon nur geringen Nutzen. " tig:,,Wir brauchen eine Konversionsstrategie
haushalts geschehen, wenn es die Basiserzeug- im Rahmen des Landes. Die aber fehlt. Die
nisse nicht erlaubten, an Konkurrend?ihigkeit ,,Gebt mir zwei Jahre!" Pläne, die wir von oben erhalten, berücksich-
und soziale Probleme zu denlen? , tigen die Spezifik der Produktion nicht. Gebt
Und da beschloß ich, dem Generaldirektor zu Ich hatte mich nicht getäuscht: Die Pro- mir ein Jahr oder zwei, damit wir unser Pro-
helferr. Er sollte daran glauben, daß der Korre- bleme bei der Konversion sind für die Pan- gramm für eine alternative Produktion mit
spondent aus Moskau nicht gekorlmen vrar, trur zerfabrik schon jetzt, bei einer 15% igen Kür- geringen Kosten, vor allem aber mit geringe-
um zu kritisieren. sonderi, daß er sich die Pro- zung der Grundproduktion, spürbar, Piwo- ren sozialen Erschütterungen erarbeiten
bleme des Direktors anhören und, falls erfor- warow bemerkte diplomatisch, Kaderverlu- können. Außer uns wird dies niemand schaf-
derlich, darüber schreiben wollte. Damit von ste seien jetzt teilweise ,,spürbar geworden". fen. Die entsprechenden Arbeitskräfte und
Piwowarows Problemen auch jene erfahren, die Uad nicht die ungelernten Arbeiter, nicht die die technologischen Möglichkeiten dafür
ihm vorschlagen, statt leistungsstarker Diesel- Pförtner sind es, die sich aus dem Staub haben wir. Nur die Zeit fehlt."
motoren für militärische Technik den winzigen machen. Die, besten Kader des Werkes Ja, die Zeit fehlt. Die Zeit drängt. Alle
Motor fiir den PKW Tawrija zu produzieren! gehen: die Panzerschweißer, der Stolz des haben es eilig, treiben die anderen an. Mit
Damit sich die klugen Köpfe im ukrainischen Betriebes, Monteure, Dreher und Werk- voller Kraft gegen den Mangel, die Rüstungs-
Ministerrat Gedanken darüber machen, daß zeugschlosser höchster Qualifikation. Sie industrie in den Dienst des Volkes! Die alte
man für eine solche Konversion im Grunde nur wandern in Genossenschaften ab, wo der Weise...
die Werksmauern stehen lassen kann, die Tech- Verdienst höher und die Arbeit sauberer ist. Möglicherweise sollte man besser auf die
nologie und ... die Arbeiter aber auswechseln Sie tun das nicht, weil sie ,,arbeitsmüde" Stimme der Direktoren der beiden Rüstungs-
muß, da sich die weitaus meisten zusammen mit wären, sondern weil sie Angst haben um die betriebe hören, die die Konversion unter-
Konstrukteuren und Ingenieuren rechtzeitig in Zukunft ihres Werkes. Und auch deshalb, schiedlich sehen, doch die beiden dazu aufru-
florierende Genossenschaften absetzenwerden, weil sie, wie der Generaldirektor sagte, es fen, erst einmal die Situation gründlich zu
ohne abzuwarten, bis das Panzerwerk zu einer moralisch nicht aushalten können, aus einer analysieren. Zu analysieren und dann zu han-
Automobilfabrik wird. Und ich wollte, daß Elite zu ,,Klempnern" zu werden. Obwohl sie deln...
Piwowarow selbst von diesem Nonsens berich- nicht unbedingt Lohneinbußen hätten hin-
tet, für den er persönlich keinerlei Verantwor- nehmen müssen. Folglich gibt es da noch ein
Sergej Babussenko
tung trägt, weil er nur Direktiven per Telefon Problem - das des Arbeiterstolzes auf den NZ-Sonderkonespondent
von Bürokraten, denen allein an einer schnellen erreichten Qualifizierungsstand. Offenbar ist ROSTOW AM DON _ CHARKOW _ MOSKAU
ll

S E..S:i

Der Blick unter die Bettdecke


inmal habe ich mir den Videofilm,,Die Das ist die Konstatierung einer Tatsache. Und
griechische Feige" angesehen. Ein q as soilen wir nun damit anfangen? Ich bin weit ent-
recht frivoler Streifen. Manchmal lernt von dem Gedanken, man solle alles verbieten.
sogar zu frivol. Aber es wäre mir beim Gon sei Dank sind auch wir inzwischen zu der Ein-
Betrachten des hübschen entblößten si;h: eelangt. daß sich mit Gefängnis und Verban-
Mädchens nie in den Sinn gekommen, Mittäter eines :;:E iei-ne Besserung der Moral erreichen läßi
Verbrechens zu sein. Dennoch hätte man mich ver- -{. -icL :-:le Zensur kann da nichts aus-
'tumpfsinnige
haften können, so wie man 1986 sieben junee Leu:- ::;L.:::. Filme xje ..Kleine Vera" oder ,,Außeror-
in Gewahrsam nahm (ihre Namen tun nichls z;: i::---l;irei Vortall auf Ravonebene" hätte sich vor
Sache). :::: i.h;:r k:iler auf der Leinwand vorstellen
Das Gebietsgencht r.on Perm-i'efarC sr; :i:l
'::' - r.:'ü:e:- Fi;u:: daeegen. auch wenn verschiedene
dig. die ..in ihren Besiu L'emrC!.-he \ idetrapFar:rrr l{ :i: ;:l,e- : se äu߀rt x e rden, will sie keiner
:-?--i :€
zur \-erbreitung von Filmen mit p,r-rmognaphix-hem Warurn man fur errffr:.i r,::\:le:. Be:chninen rverden sie auch
Inhalt lenrendet und solche Filme zum Z*-eck der einen zu Hause crcht meh:.
\-erbreituns bei sich aufbex'ahrt" zu haben. Ztdie- gesehenen Film ins --\,lso rs aI*. gcra::etl \ein. nicht ,,alles".
sen Filmen gehörte u. a. der schon erwähnte Streifen Gefängnis kom- Unsere Gesetze renoig:l L,eispielsweise jene, die
,,Die griechische Feige" sowie ,,This is America". men kann Minderjahdge zu -dikohr.lmrßbrauch. Prostitution
Dieses Verbrechen wurde als so schwer angesehen, und Glücksspielen verlerten 'Paragraph 210 StGB
daß einer der Angeklagten zu drei Jahren Haft der RSFSR). Hier karm man dem Gesetz sicher
verurteilt wurde. Die anderen kamen mit Geldstra- nichts vorwerfen. In der -A,ilgeneüren Erklärune der
fen davon. Menschenrechte heißt es:
Auf Protest des Generalstaatsanwaltes hat das ,,Bei der Ausübung seiner Rechte und dem
Oberste Gericht der UdSSR dieses Urteil aufgehoben. Dabei Genuß seiner Freiheiten soll jeder nur den Beschränkun_sen
wurde festgestellt, daß die Expertise dieser Filme von unkompe- unterliegen, die die Gesetze zu dem ausschließlichen Zrvecke
tenten Leuten vorgenommen wurde und daß die Schlußfolgerung angeordnet haben, um die Anerkennung und Achtung der
des Gerichts, diese Filme seien pornographisch bzw. enthielten Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und die an_qemesse-
pornographische Elemente, nicht auf glaubwürdigen Beweisen nen Erfordernisse der Moral... zu erfüllen." Das bedeutet
beruht. Die Sache mit dem Urteil ist also klar. Wie steht es aber aber, daß der von der ganzen zivilisierten Welt anerkannte
um das Problem an sich? Was wäre, wenn die Expertise kompetent ,,Freiheitskodex" die Moralkategorien nicht der Jurisdiktion
und der Film tatsächlich ein pornographischer gewesen wäre? der nationalen Gesetzgebung entzieht. Die Frage ist nur die.
Haft? wie man die Formulierung ,,die angemessenen Erfordernisse
Die Frage ist übrigens gar nicht so einfach. Sie zu beantworten, der Moral" auslegt. Ich würde es nicht riskieren, sie zu definie-
fällt nicht leicht. Man könnte sich natürlich auf die Erfahrungen ren. Aber die Rechts- und Geschichtswissenschaft, die Soziolo-
anderer ,,zivilisierter Länder" berufen. Dort werden solche gie, die Pädagogik und andere angrenzende Zweige müssen es
Sachen öffentlich gezergt, die in einem normalen Menschen höch- tun. Meiner Ansicht nach ist das Aufgabe der Gesetzgeber der
stens Abscheu hervomrfen. Die Werbung für derartige Filme ist einzelnen Unionsrepubliken, weil diese die nationalen Tradi-
sogar mit einer gervissen Anzahl von Kreuzchen versehen. Die tionen und kulturellen Besonderheiten besser berücksichtigen
Gesetze lassen das also zu und gewährleisten damit die Freiheit können.
von bigotter Moral? Es gibt aber genügend zivilisierte Länder, wo Nochmals möchte ich meine Position klarstellen: Ich habe mir
Pornographie verboten ist und somit die bigotte Moral unter dem den Film ,,Die griechische Feige" mit Vergnügen angesehen. Ich
Schutz des Gesetzes s1eht. bin dagegen, daß man daftir Leute ins Gefängnis steckt. Ich bin
Diese beiden Standpunkte stehen in einer inoffiziellen Diskus- gegen eine Sittenpolizei. Sollte aber die Frage äufgeworfen wer-
sion miteinander, solange sich die Geschichte der Menschheit den, diesen Film überall in den Kinos oder im Fernsehen zu zei-
zurückverfolgen läßt. Ich denke. im antiken Hellas mit seinem gen, würde ich nachdenklich werden.
Kult der Schönheit und des entblößten Körpörs hat es kaum mehr Die Kinder- und Jugendkriminalität nimmt bekanntlich
Unzucht gegeben als im mittelalterlichen Europa, wo die Abkehr erschreckende Ausmaße an. Wir suchen die Gründe dafür in
von den irdischen Freuden gepredigt wurde und leichte Mädchen gestörten Familienbeziehungen, in Versäumnissen der Schule und
an den Pranger kamen. In diesem Sinne hat die doppelte Moral des Komsomol, im allgemeinen Mangel. Sicher sind das alles
immer schon geblüht, in antiken Spelunken wie in katholischen gewichtige Gründe. Die ,,geistige Nahrung" gehört aber auch
Klöstern. Offensichtlich liegt das in der Natur des Menschen dazu. Es ist natürlich schwierig, zwischen ,,wohltuender Erotik"
begründet und setzt sich selbst gegen die härtesten Gesetze durch. und pornographischen Machwerken zu unterscheiden. Man sollte
,,Das gesunde Leben des Menschen", schrieb Alexander Her- es trotzdem versuchen, allein schon deshalb, damit junge Leute,
zen, ,,flieht das Kloster ebenso wie den Viehhof". Das 20. Jahr- die sich nicht den richtigen Film angeschaut haben, nicht ins
hundert mit seinem technischen Fortschritt, seinen humanen Gefängnis müssen.
Gesetzen und seiner Pop-Kultur hat das Scham- und Sündhafte für
alle sichtbar gemacht. Es ist aber eine Sache, unter der roten
Laterne in die ,,Höhle" zu kriechen, eine ganz andere, dasselbe auf Juri
dem Bildschirm zu sehen. Der Film hat die Bettdecke gelüftet und
gibt den Blick frei auf intimste Geheimnisse. Feofanow

"IIEUE ZEII" z.eo E


Ungebsüene Godanken zu Forbdtdtt uld l0ise üer Ziuilisalion, einem
aufsdrmeregenden Essay uon Francis Fukuyama utd zu den Zukttnfls-
aussichten der llberalen Demokralie

nnerungen an das
Eri
Ende der Geschichte Elgß Posdnjakow, Dr. phil. habil., Historiker

I ch denke dabei nicht einmal an die

fährdung odör die Vedetzung von Men-


schenrechten. Das gibt es alles.
Gefahr
der Selbstauslöschung mit Hilfe von ato-
maren Raketenwaffen, an die Umweltge-

Ist es aber aus sich selbst heraus entstanden? Das


haben wir selbst gemacht. Sonst keiner. Heute erhe-
ben wir nur unsere Stimme und warnen vor der
Sittlichkeit, die Gesellschaft oder die Zivilisation
gerade stecken. Vor unseren Augen büßen die mora-
lischen und kulturellen Werte früherer Generatio-
nen filr die nachwachsende Generation ihre Bedeu-
tung ein. Ersatz konnte bisher nicht geboten werden.
Damit verliert der Mensch den Boden unter den
Füßen und weiB nicht mehr, wer er selbst ist, was er
von der ihn umgebenden Welt halten soll und was
ln unserer Welt Gefahr für das Überleben der Menschheit. Eine diese Welt eigentlich ist.
kleine, dafür um so bezeichnendere Einzelheit: Alle Eine der erstaunlichsten Seiten menschlichen
gehen bedeu- sprechen von der über uns ,,verhängten" Bedrohung. Seins besteht eben nicht darin, daß wir nur leben,
tungsvolle Dinge Man könnte glauben, Außerirdische hätten sie da und auch nicht darin, nur gut zu leben, sondern
vor sich. Shake- oben,,hingehängt". Sicherlich ist Bescheidenheit darin, daß wir uns fragen. lozu rvir arbeiten und
eine Zier. Trotzdem sollten wir vielleicht doch lieber unsere Gattung fortpflanzen. uer wir sind, was wir
speares,,Es ist sagen: Diese Bedrohung haben wir selbst geschaf- sind, wohin wir gehen und woftir q-ir leben. Die viel-
etwas faul im fen, selbst über uns ,,verhängt", die Sowjetunion, die leicht gefährlichste aller Krisen ist die Krise der
Staate Däne- Vereinigten Staaten, Westeuropa und alle anderen, Ideale und des Glaubens. Wenn es nämlich kein
die Menschheit selbst. Wir: Politiker, Wissenschaft- Ideal gibt und keinen Glauben. '*'enn es nichts gibt,
mark'r ist längst ler, Konstrukteure, Arbeiter, Redner usw. Alle, die um dessentwillen man lebt. hängt dann nicht eine
keine Phrase einen gemeinsamen Beitrag zur Entstehung uner- noch schrecklichere Gefahr als die Kriegsgefahr über
mehr, mit der hörter technischer Wunderwaffen für die Massen- uns, nämlich die Gefahr, ohne geistige Kultur zu
witzige Skepti- vernichtung geleistet haben. sein? Treiben *ir dann nicht aufjede Leugnung von
Moral und Tugend zu? Man wagt es gar nicht auszu-
ker in der Pro- Ouo uadis? denken. was Uberleben dann für uns alle bedeuten
vinz aufwarten, würde. Wo sind die ,,Narren", die uns heute eine
sondern gewinnt Die Parole vom Überleben'scheint für den einen Antwort auf diese Fragen geben, uns den Weg zei-
oder anderen besonders überzeugend und anziehend gen, den wir gehen müssen und ihn mit dem Feuer
ihren ursprüngli- zu sein. Von was für einem Überleben ist aber die des Glaubens und der Hoffnung ausleuchten?
chen und von Rede, und wofür? Um auch weiterhin noch teufli- Entweder ist aber die menschliche Gattung ihrer
Shakespeare schere und raffiniertere Waffen fur die eigene Ver- hellen Geister beraubt, oder sie hat in der Vergan-
beabsichtigten nichtung und die Verwandlung der Erde in eine genheit zu viel Kraft und Energie darauf verwandt,
Mülldeponie zu schaffen? Oder sollte in der Welt tat- sich aus der Umnachtung zu befreien, in der sie sich
universell-tragi- sächlich.etrvas vorget'allen sein. daß der Mensch, über Jahrhunderte befand, und ist nun in dem
schen Charakter nachdem er einmal sein Überleben gesichert hat, Gelobten Land der Zivilisation, in dem Milch und
zurück sich ändert und auf der Stelle seine Schwerter in Honig fließen, angekommen, wo sie zu dem Schluß
Pflugschare rmrschriedet? Es geht hier.nicht um das gelangt ist, hier offenbar ihr letztes Ufer erreicht zu
Überleben an sich. es geht um mehr. Uberleben als haben, das Ende ihrer ganzen mühevollen
ausschließliches Zel kann das Überleben nicht Geschichte, von wo aus es nicht mehr weitergeht.
gewährleisten, *eil, solange wir bleiben, wie wir Nachdem sie die phantastische Spiralwindung der
sind, die Überlebensgefahr uns wie unser eigener höchsten Gefilde menschlichen Geistes und des
Schatten folgen wird. denn sie ist integraler Bestand- Traums von einem irdischen Reich der Gerechtigkeit
teil unserer Existenz. nachvollzogen hat, findet sich die Idee vor dem zer-
Ich gebe durchaus zu, daß ich etwas nicht ganz ver- trümmerten Futtertrog des Alltagsdaseins mit sei-
standen oder womöglich überhaupt nicht recht habe. nem ganzen Aberglauben und allen seinen Vorurtei-
Dann bin ich gerne bereit, denen zuzuhören, die mir len wieder. Vielleicht ist aber gerade der ,,Futter-
nachweisen, daß unsere Welt sich ausschließlich pro- trog" die verheißene Wahrheit? Genug zu essen,
gressierend, vom Niederen zum Höheren entwik- anzuziehen, ein Dach über dem Kopf und Arbeit zu
kelt, sich unauftraltsam die Stufen von den sozial haben? Was macht es da schon für einen Unter-
weniger entwickelten zu den sozial höher entwickel- schied, womit man sich beschäftigt, ob man einen
ten Formen hocharbeitet und daß mit ihr zusammen atomaren Sprengkopf oder eine Kaffeemühle mon-
auch der Mensch Fortschritte macht, weicher, güti- tiert, ob man eine neue todbringende Rakete oder
ger, sittlicher wird. ein Kulturhaus entwirft, ob man eine Cholerakultur
Trotzdem sind die Fortschrittsgläubigen ruhiger oder Getreide auf den Feldern züchtet? Alles ist
geworden, und immer häufiger dringt das Wort gleich, alles wird gebraucht, alles ist ehrenhaft.
,,Krise" an unser Ohr. Heute kann man an jeder Stra- Was ist das, ein Wahrzeichen der fortschreitenden
ßenkreuzung, was den Durchschnittsbürger Menschheit oder ein Vorzeichen der Krise, in die sie
schreckt, etwas von der Krise hören, in der die geraten ist? Wer könnte das mit Sicherheit sagen?
Der im Westen zu einer Sensation gewor- vollendet seine Selbstentfaltung und damit schränkten Triumphes der liberalen Demo-
dene Essa! des amerikanischen Politölogen die Geschichte. Als Ausgangspunkt für sein kratie. Dabei ist unerheblich, daß noch
und Diplomaten Francis Fukuyama mit dem ,,Ende der Geschichte" wählt Fukurama nicht alle Länder diesen Weg gänzlich ein-
vielsagenden Titel ,,Das Ende der das Jahr 1806, als Napoleons Truppen bei geschlagen haben. Die Idee der liberalen
Geschichte?" ist eine mögliche Antwort der Schlacht von Jena einen Sieg über das Demokratie wird über kurz oder lang den
darauf. Er ist ein ernsthafter Versuch, sich feudale Preußen und damit über das garze Sieg davontragen. Deshalb ist die
Klarheit zu verschaffen darüber, wohin die alte Europa ernrngen hatten. Dieser Siee Geschichte in ihr Endstadium getreten,
Menschheit geht und was uns in Zukunft war nach Hegel ein Wahrzeichen ftir die kündet Fukuyama. Jetzt beginnt das posthi-
erwartet. Die widersinnig anmutenden Aus- Verbreitung liberaldemokratischen Gedan- storische Zeltalter.
sagen bei Fukuyama helfen uns zu eehen, kenguts in ganz Europa. Soweit Fukuyamas Schema. Ihm zufolge
was bei anderer Gelegenheit aus dem Blick- Von diesem Augenblick an breitet sich eedeihen die Länder Westeuropas, Nord-
feld geraten würde. diese Idee bis auf den heutigen Tagunange- amerikas, Japan und einige andere schon
fochten in der ganzen Welt aus. Schon ist heure elücklich im posthistorischen Zeital-
Zurüc* zu Hegel der Lärm vieler Revolutionen und Kriege ter. Die übrigen befinden sich im ,,Sumpf'
verklungen, die im Namen von Ideen der Geschichte. Auch sie aber haben nach
Für Fukuyama ist Geschichte Hegels Vcr- hcsonnen wurden, die sich dem Liberalis- Fu-kuvanas Ansicht begonnen, auf die libe-
körperung des Weltgeistes, der Ahso- rnus entgegengestellt haben und zu rale D:nokratie zuzusteuern. Die in der
luten Idee. Der Hegelsche Geist ffi denen auch Faschismus uncl Kom- Sosieli:rion und in China einsetzenden
hat sich in der Weltge- munismus gehören. Heute. aber poliri:-hen Yeränderungen sind für Fuku-
schichte verkörpert, sind wir nach Fukuyama vama eire Bestätigung seiner Konzeption.
Zeugen eincs uncingc- -Das sr :arürlich alles sehr interessant,
'lcsieht die Sensation?"
aber s,:;"1: mag der
eine ojer andere L.asen. Mir fällt dabei der
Prediger Sd:.no ein: Was geschehen ist,
eben ia. r"uc hernach sein..., und es
Eei;:ll:ii ;:;ts \eues unter der Sonne.
D:.h'lb ;r;.iei!:le icb auch ohne beson-
j;:: Bege ri:;i-r.tg. e\er servohnheitsmäßig
re F::-i; Feu;rba,-h.: Und rvo bleibt der
\{en-.;t l E-; g}t :"r -- eine Geschichte, aber
keinen l{sn-*;bel. Ber Fukulama wie bei
Hesel. ie; er geflis:c:ri;h folgt, geht der
\fe nvch ',erloren. E':el iener \{ensch, der,
was immer rrla.D ]on lh::i halten und wie
immer man seine Schsä.-hen und Kapriolen
veraehten mag. trorzden der einzi_ee und
unnachahmliche Gesraher seiner
Geschichte ist.
Natüilich i\'äre es töncht zu leirsnen. daß
rlr'l hlcttsclt :lLfl \(rr 1.; t.--,..1 3a].
(ic-.,;:irichtt.r l;ft als nr:ich tl.,> : r\\ ! : >i. ll:: : rlt
jediri:h nur lür den l\ie rrsii',-,- .l: Ir:'i1..:
ciuull. Vlas abrl ist mit dcr Gar:,rrq I'ici:. i-
ül--tlirnupl'i l)i;stojcrvski. keir,l..rj-iri
i;r**nii iill jcircr Schemata, l-trrrncln.
Rr.'rlclit uii'"i Endziclc, nrit dcnc;i i]tc
Lir:l:r;rl-ilicil r-intreriingt ihre heiien Cc;.irl
bi,r,lrr"' '".,i11, ::chreibt: ..Lictrt cr nicirt . rri
l.:r;li1 ,1:::;hiiiiri .{\lrstöi-r1nlj uild Cha.r. .,,1
ivrr i ;r r.rllrs'i sil:h insi ilil;tiv dairir r' ii:;,. :,..,.
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l ir'ir I,s aiidclcs sci n riail' :rl! zr'.,e ir il:tl .i-,,:'.:'
r:.lur'-'ir.'ir--r" lr!sir r,:ir:c Ijcti.lrr'!. i-r;tlri'i i:rj ;r'.r lr
iirai ztt'igilicir vil; rtlii;n l,:r:il i-t.;il";: r;:;i,,
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llr:rccltnuti;: hcrrsclirn. [iukirylrr;l sfir;ira-
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als erster das Gesetz vom schwächsten Glied einem gänzlich anderem Sinn. Wir haben
hfflülasen auf der formuliert. Wenn es beispielsweise eine unser eignes Ende der Geschichte, wobei es
Kette gibt, die sich aus ungleich festen Glie- nicht um ein hypothetisches, sondern durch-
0berfläche des Glücks dern zusammensetzt, dann wird die Festig- aus handgreifliches Ende geht. Diesem
keit der ganzen Kette durch die Festigkeit Ende nähern wir uns nun schon seit 70 Jah-
Ecce homo! Der unerreichbare, wider- des schwächsten Glieds bestimmt. Die ren. Es ist das Ende der formelhaften
sprüchliche, zerrissene und ganze Mensch. Geschwindigkeit eines Geschwaders, das Geschichte, das Ende des Versuchs, einen
Er ftihlt sich immer zu einem Zustand hinge- aus verschieden schnellen Schiffen besteht, Kristallpalast zu bauen, der nach Zeichnun-
zogen, der dem entgegengesetzt ist, in dem wird durch die Geschwindigkeit des lang- gen entsteht, die von großen Denkern ange-
er sich gerade befindet, sei er nun ein konse- samsten Schiffes bestimmt. Analog dazu: fertigt wurden und denen, wie sich heraus-
quenter Hegelianer wie Fukuyama oder ein Die Arbeitsproduktivität mehrerer in der stellte, anders konnte es auch gar nicht sein,
einfacher Durchschnittsbürger mit allen sei- Produktion zusammengeschlosse ner wieder nur die unverwüstliche Formel zwei-
nen Schwächen und einem gesunden Miß- Betriebe wird durch den Betrieb mit mal zwei gleich vier zugrunde lag. In ihr
trauen gegen alle leichten Formeln wie der geringsten Arbeitsproduktivität rraren wie auch in Fukuyamas Geschichte
zweimal zwei gleich vier. Darin besteht viel- bestimmt. die Menschen keine Gestalter, sondern Kla-
leicht gerade die Garantie dafür, daß, Folglich hat jedes funktionierende riertasten, die nur zu dem Zweck existier-
solange es den Menschen glbt, die System die Tendenz, sich auf dem Weg des ten. daß irgendein Großer auf ihnen eine
Geschichte nicht zu Ende geht. Er mag pro- geringsten Widerstands orientiert an seinem selt stkomponierte tiefinspirierte Sinfonie
gressieren, stagnieren oder sich in einer schwächsten Teil fortzubewegen. Die spiclen konnte. In Wirklichkeit aber wurde
Krise winden: Das eben ist seine Bewegungsrichtung jedes Systems ist aus den sroßen Absichten und Zeichnungen
Geschichte. Er wird sie sogar dann noch unter dem Einfluß des Gesetzes vom eine K:s.-rne und aus der inspirierten Sinfo-
selbst gestalten, wenn er denkt, er habe schwächsten Glied eigentlich immer die nie i::: r iele ein Lagerlied. Nein, das ist kein
seine Obergrenze erreicht. Dazu bemerkt Regression. Enie de: Geschichte, das voll ist von
wieder Dostojewski: ,,Uberhäuft ihn mit Während eine Ents'icklung mit aufstei- LicF\nr,'lir :J: Jcn Vorahnungen einer grauen
allen irdischen Gütern und ersäuft ihn im gender Tendenz. also eine Progression. und sanen Laneeu.eile, sondern ein Ende,
Glück, daß nur noch, wie im Wasser, Luft- ständige gelraltise .{nstrengunsen rieler das den ,\nfans einer neuen Geschichte
blasen an die Oberfläche seines Glücks auf- Generationen von \Ienschen voraussetzt ankündi_st. einer Geschichte des Menschen
steigen, gebt ihm ein solches wirtschaftli- und der Kampf darum der Weg des größten für den \lenschen. Zumindest hoffen wir
ches Auskommen, daß ihm weiter nichts Widentandes ist, auf dem der Mensch nicht das.
mehr zu tun übrig bleibt als zu schlafen. zu nur seine eigene Erstamrng und Trägheit, Die majestätischen Ennvürfe unserer
prassen und sich um das Fortleben der Welt- sondern auch die Erstarrung seiner Umge- Zukunft wurden übrigens in der Vergangen-
geschichte zu sorgen", und doch wird er bung überwinden muß, bedarf es, um das heit unter dem starken Eint-luß Hegels
euch wieder einen Streich spielen. Er wird auf diesem Weg Akkumulierte zu zerstören, gezeichnet. Diese nicht eben unbedeutsame
das nur aus dem einen Grunde tun, um zu überhaupt keiner Mühe mehr. Es reicht, Tatsache mag uns dant veranlassen,
beweisen, daß er ein Mensch ist, und keine einfach mit der Uberwindung-des Trägheits- die hochtrabenden Hegelschen Gesetze
Niete oder Schraube in einem System, das moments aufzuhören. Der Ubergang von noch einmal gehc;rig durchzuschütteln,
irgendein anderer erfunden hat. Deshalb der Barbarei zur Zivilisation ist lang und nach denen, wie heute immer noch viele
zertrümmert er es lieber und fängt wieder schwer, der von der Zivilisation zur Barba- meinen, unsere sündige Welt sich entfal-
von vorne an. rei kurz und leicht. tet.
Man wird nichts dagegen einwenden kön- Betrachtet man nun Fukuyamas Idee Die Wege der menschlichen Geschichte
nen, daß die liberale Demokratie wirklich unter dem Aspekt des Gesetzes vom gering- sind genauso unergründlich wie die Wege
eine Errungenschaft des Menschen und der sten Widerstand, muß man zugeben, daß des Herrn. Einer für uns unbegreiflichen
Menschheit ist. Eine Errungenschaft, aber die Entwicklung der Zivilisation sich nicht Logik zufolge ist, je majestätischer die For-
kein Endstadiurn. Schließlich sieht der Sieg durch die Gesellschaften definieren läßt, die mel, ihre Verkörperung desto unansehnli-
der liberaldemokratischen Idee, wenn man schon weit in die posthistorische Ara fortge- cher. Darüber nachzudenken ist viel nützli-
ihn einmal genauer untersucht, gar nicht so schritten sind, sondern durch diejenigen, cher als die Formel für das Ende der
siegreich aus, selbst dort nicht, wo ihr die sich immer noch im Sumpf der Geschichte da zu suchen, wo diese vielleicht l
Triumph eigentlich außer Zweifel stehen Geschichte abmühen. Darin besteht gerade erst anfängt. Das ist kein Angriff auf Fuku-
müßte. Das kann man bedauern, aber das die größte Gefahr für unsere Zivilisation: yama. Das geht an eine ganz andere
Offensichtliche nicht anzuerkennen wäre Der Sumpf hat bekanntlich die Eigenschaft, Adresse...
zumindest leichtsinnig. Der spanische Phi- andere in sich hineinzuziehen. Also müssen
losoph und Publizist Jose Ortega y Gasset auch diejenigen, die sich schon in der posthi- Fukuyamas Essay veranlaßt uns, über
behauptet, daß die liberale Demokratie für storischen Epoche befinden, wahrlich viele Abwegigkeiten unseres Lebens und .1.

die wechselhafte, grobe und vielschichtige heroische Anstrengungen auf sich neh- Zickzackkurven seines historischen Ver- t
menschliche Natur viel zu verfeinert sei. Er men, um sich dort zu halten. Sonst ist es laut! nachzudenken. Wollte man ernsthaft
meint, man dürfe sich nicht darüber wun- nicht mehr weit zu dem Punkt, daß man in sagen, wohin diese Wege führen, könnte
dern, daß die Menschheit inzwischen bereit einen Zustand der Erstarrung mit man doch mehr dem Gedanken zuneigen,
ist, ihr den Rücken zu kehren: Das Experi- anschließender Degradierung verfällt. daß, wenn es überhaupt zu einem Ende der
ment war zu kompliziert und zu schwer, als Das wäre dann der direkte Rückweg in die Geschichte kommen muß, das keineswegs
daß es hätte Wurzeln schlagen können. ,,Geschichte".
dem Triumph der liberaldemokratischen
Wäre es damit nur getan! Eine liberale Idee zu verdanken sein wird. Wahrscheinli-
Demokratie mit atomarer Raketenladung, ller Weg rur Harmonie cher ist da schon ein Ende durch eigene
mit unaufhaltsam um sich greifender Hand, die diese ganze Ungeheuerlichkeit
Rauschgiftsucht und zunehmendem geisti- Müssen sich eigentlich diejenigen, die nach aus Atomraketen und Umweltverschmut-
gen Verfall: Wäre das die Krönung? Fukuyamas Definition immer noch im zung angerichtet hat.
Sumpf der Geschichte sitzen, um ihr Ende Gestehen wir uns ein, daß sowohl
Rückkehr zum natäflidnn kümmern? Für sie wäre das doch nur eine Geschichte als auch posthistorische
Art Glasperlenspiel. Allerdings müssen sie Ara letztendlich genau so abstrakte
Zustand das, meint Fukuyama. ,,Die um Gorba- und metaphysische Gegensätzlichkeiten
tschow gescharte liberale sowjetische Intel- sind wie Sozialismus und Kapitalismus.
Während ich Fukuyamas Gedankenwin- ligenz" , schreibt er, ,,ist in einer ungewöhn- Geist und Materie, Gut und Böse. Die Har-
dungen folgte, erinnerte ich mich an die lich kurzen Frist zur Idee vom Ende der monie liegt nur in der Einheit aller Seiten.
Aussagen des von uns unverdientermaßen Geschichte gelangt..." Halten wir fest, daß wir, wenn wir die Ein-
vergessenen sowjetischen Gelehrten Alex- Sie ist zweifellos wirklich zur Idee vom heit vernichten, Chaos und Zerstörung
ander Bogdanow. Er hat wahrscheinlich Ende der Geschichte gelangt, allerdings in säen.

M ,.lttuE zttr" 2.n


IAGEBUGH IIES SOZIllTllGElI

I n Zeitungen und Zeitschriften stößt man heutzutage oft durch die Gesetze dieses Staates geregelten Rechte und
I auf den Eegriff der ..bürgerlichen Gesellschaft". iiner Fflichten.
I Gesellschaft von Bürgern, einer zivilisierten Gesell- Im weiterfi.ihrenden sozialphilosophischen Sinne ist der
I schaft. Soziologen, Pof,tologen, Philosophen und Juri- Bürger ein freies, aktives und, weil im Besitz von Privatei-
I sten wissen geriau, was unte-r diesem Be'griffzu verste- gentum, wirtschaftlich unabhängiges sowie mit Stimmrecht
hen ist. Die Gebildeteren unter ihnen könnten aus dem ausgesraftetes Mitglied der Gesellschaft .
Stand eine ganze Vorlesung halten, in der sie die französi- Diese Vorstellung vom Bürger kam während der Franzö-
schen Aufklärer, Adam Smith, Hegel und Karl Marx zitie- sischen Revolution auf. Später wurde der Bürger von Marx
ren. In theoretischen Diskussionen ist die Verwendung die- kritrsien. Er arbeitete zwei Seiten des Begriffs Bürger her-
ses Begriffs also durchaus gerechtfertigt. WeiI er nun in den aus. 1 . Ein unabhängiges, durch Privateigentum zum Egois-
Zeitungen gewöhnlich ohne zusätzliche Erläuterungen Ver- mu-c ansehaltenes Individuum und Mitglied der Bourgeois-
wendung findet, könnte der Eindruck entstehen. daß er Ges€ll\chatt. 2. Ein moralisch verantwortungsbewußtes
nicht nur Fachleuten, sondern allen lrsem geläufig ist, lndiriduum. ein Staatsbürger. Privateigentum fühlt nach
Ich muß zugeben, das habe ich auch gedacht. Bis ich bei \fani zu Detbrmation und Zerstörung der privaten und
einer wissenschaftlichen Konferenz mit einer interessanten :ozialen Beziehungen. Deshalb mußte es abgeschafft wer-
Tatsache Bekanntschaft schloß. Die bürgerliche Ge-11- den. Die künftige staatsbürgerliche Gesellschaft welde sich
schaft kam dort viel und oft zur Sprache. Dann rrat ein Pro- d:nn auf Rechr und \Ioral gründen.
fessor ans Rednerpult und brachte seine Ventändnissch*ie- De tatsächliche Enruicklung des Sozialismus zeigte, wie
rigkeiten zum Ausdruck. ,,Ich verstehe sar nicht". sagte er. problematisch die- \'ontellung ist. In der Praxis kaur cs so
,,warum hier andauernd behauptet uüd. *ir bräuchten eine weit, daß die Beseinsune des Privateigenturrrs, die zu einer
bürgerliche Gesellschaft. Natürlich. *ir haben eine große totalen Verstaatlichung der Produktionsrnittel tührte, den
Armee, aber trotzdem haben wir eine bürgerliche Gesell- eilzelnen des Wichtisten beraubt, nän-rlich seiner wirt-
schaft. Hätten wir eine Militärdiktatur, könnte ich noch ver- schaftlichen Unabhziryigleit. in einem beachtlichen Aus-
stehen, daß man sagt, wir brauchen eine bürgerliche Gesell- maß jeden schöpferischen -{.nreiz in ihrn unrerdrückt und
schaft. Aber so... " Er gab sein Befremden durch ein Achsel- ihn zum Sklaven von administrativen bürokratischen staatli-
zucken zu verstehen. chen Strukturen macht. Im Grunde har das zur Zer-stirrung
Auf diesen Redebeitrag haben die Zuhörrr nicht sofort seiner Existenz als Smarsbrirger gefü-hn.
reagiert. Wahrscheinlich verstand man nicht sofort, worauf In der Sprache fand das einen interessanten Niederschlag.
der Redner hinauswollte. Erst später ahnten viele, daß der Das Wort ,,Bürger" wurde bei Verhandlunsen zwischen
rerehrte Professor unter einer bürgerlichen Gesellschaft Rechtsverletzern oder Verdächtigen und Reprä:enr an ren
eine Gesellschatt verstand, irr der es viele Zivilisten und der Staatsmacht (,,Btirger lJnrenuchun::riihter")
uenrg \flta-rs gab. Dort aber, wo es viele Militärs gibt, gibt gebraucht. Allgemein üblich war dage_een die Anrede
es ke r-le : i ree rli ch e G e sellschaft . Mit anderen Worten, man ,,Genosse". Der Bürgel war kein Genosse. Wenn rnan sich
könne eLr.e :u:ierhche von einer nichtbürgerlichen Gesell- mit der Anrede ,,Btirger" an jemanden wandte. betlcutete
schan C.:";: :::ers.-heiCen. $o meht Biesen und Schulter- das, daß derjenige (beinahe schon) aus den genossenschaft-
stücke ge:::g:: r ::J.en. lichen Beziehungen ausgegrenzt wurde, aus Beziehunsen
Da *ä.-u rcr. iaß der lnhalt des Begnffs derbürgerlichen zwischen Menschen, die sich an einer gemeinsamen Slche
Gesellschar 5ei n eitem nicht so klar ist. wie es Fachleuten beteiligen. Diese gemeinsame Sache war vor allem im sozia-
vorkommer m.xhte. listischen Staat verkörpert, der immer mehr a.ls einzrqe
Ihm l-re5 ;er recht r"ieldeutige Begriff des Bürgers Quelle ftir Recht und Moral angesehen wurde.
zugrunde. L r :ie Grundbedeutung herauszufinden. schiug Damit hat die Verstaatlichung des Privateigentums zu
ich das ..Sorli;lrr-he enzyklopädische Wörterbuch" auf. In einer Verstaatlichung von Recht und Moral, zu einer Ver-
meinem Ree;r r;eht die Ausgabe von 198,{. Unter ,,Der Bür- staatlichung des Menschen insgesamt geftihrt, uncl cias xar
ger" fand ich ni:;;e !:leichlamige Zeitschrift, ein Organ des gleichbedeutend mit der Vernichtung der bürgerlichen
reaktionären -4.J.:-: '.on 1872 bis 1914. Einen Bürger ohne Gesellschaft.
Gänseftißchen konnre ich in diesem Wörterbuch nicht
Heute kämpfen wir dafür, daß sie in unserem Land zu
ermitteln.
neuen Ehren gelangt. Wirsind Zeugen zunehmenden politi-
Also mußte ich :elbst denken. In dem uns am meisten ver-
schen Engagements undweit um sich greifender geselischaft-
fiag1sn $inns ist der Bürger eine Person, die juristischeinem
licher Aktivitäten. Wirlegen das Fundament fu r Markrbezie-
bestimmten Staat zuseordnet ist, zum Beispiel ein Bürger
hungen, wir legen das Fundament für Rechtsbeziehungen
der UdSSR. Auf die:e Person erstrecken sich folglich die
zwischen Staat und Individuum. Rechtsstaat, politische Frei-
heit und Markt sind die Grundpfeiler der bürgerlichen

Eine Gesellschaft Gesellschaft. Ist aber ohne Privateigentum überhaupt ein


Markt möglich? Diese Frage ist noch nicht endgültig beant-
wortet. Darnit ist auch die Frage nach dem weiteren Werde-

von Bürgern gang der büirgerlichen Gesellschaft hierzulande offen.


Was den schon erwlihnten Professor angeht, hatte er in
gewissem Sinne recht. In der Form wie sie bei uns existiert,
ist die Armee die konsequente Negation der bür'gerlichen
Leonid lonin Gesellschaft. Auf einem anderen Blatt steht, dalJ cine
Berufsarmee, die sich aus unabhängigen, auf vertraglicher
Basis beschäftigten und politisch freien Individuen zusatn-
mensetzt, auch eine Armee von Staatsbürgem sein kiurn.
Besonderen Anforderungen an soldatische Disziplin wicler-
spricht das auf gar keinen Fall. Schließtch ist Disziplin cin
Ergebnis der Verantwortung. Und Veranrwortung ist ein
Ergebnis der Freiheit. E

.II E U E zE!r" z"co H


Wir setzen hiermit die Serie ,,lch
lerne ..." fort. Nach den Beiträgen über
die argentinische, tschechische, französische,
bulgarische und sowjetische Schule nun ein Bericht über
Hochschulen der USA
a,merikani-
ch studiere an einer konnte. Anhandvon Literaturund Augen-
schenUniversitätinderKlein-f.{#.i.+$r'f:l$Tä.Hl{#i'F'.ffizeugenberichtenschlußfolgerteich,daß
stadt Pullman, Bundesstaat Wa- iffi#1älti,l1.'",: !iil1!riii:ilä...#i{il#..€ijl sich das sowjetische und das amerikanische
f#.iäf.
shington.SuchenSieesnichtau|[ffi61,x,ffi'ffi,#i'1t?w+iiij;liiö'?#ffi.i1"liiiäSchulrr.esennichtgrundsätzlichvoneinan-
der Landkarte, denn die kleine V#:,ft#ffiffM1.#i mHEl.9.ägd##*llilltrjff*l der unterscheiden. Zumindesthabenbeide
stadt mit ihren 26 000 Einwohnern wirrt ffi '::il_4.Sffi*ffiil+1ii# systeme dieselben probleme. wie kommt
ffi
nicht eingezeichnet sein. Dafür hat sie abcr Wffi;ffiffi,,#i.#,il .o^ ;Affiä cs dann aber. daß die Amerikaner so viele
140ü) Studenten. ,,Große Universität in Wf#.#iffi"#ffijli:l W"::JR,,1--1il1ffffi,8{l#ir#jffiä.fl Nobelpreisträger haben? In diesem Jahr
kleiner Stadt" - eine typisch amerikanischc W##W,ffif#. n -iü, 'ind sechs der acht vergebenen Preise in die
Erscheinung. Nach ihrer Immatrikulation W#ä.W,,!ffiEif ,. -' ,v #^ffg.;lfl$!$,1ffi,Ä
iffi.p;flW;y. IJSA gegaDgen. Die Antwort, oder
, werden die Studenten voll und ganz von) #.jiffi .,:$i ' * lW ?ijifti#].F.,?df'#ffi#$;il lcnauer: eine der Antworten, besteht

men. Sie besuchen die LehrveranJtultun- ffiji,ä.E-,ry,31 tlie gleichen \{oglichkeiten für die Auf-
' gen, treiben Sport und widmen sich gesell- "t{;ijiftiii rrahme eines Studiums geben wollen. Das
schaftlichen Dingen. Obwohl nian in den scheint uns gerecht. Bildung höchster Qua-
uSAnich'l""'uo*"'il; .
hung spricht (Kurator,
die ftir die Erziehungsart lch lerne an einer lfftlll*#;i.T"'#
n
verantwortlich sind, gibt es rI I I nach dem Prinzip: etwas,
beispielsweise nicht), zeich- 1rl faFf A,Va ein wenig und irgendwie.
üTJ::t,*:"X-,älä:'ä""Til
ihre Erziehung aus. Sie
am e ri ka n r
lZ a Ff I 1\ 1Ft ]f 11 Ff
i sche
r I tr I
*""1$:',::#.J:J-i:$:
I I Freiheitselbstvordemleh-
Charakter
drücken dem
und dem Geisteswer
ihrer Studenten einen deut-
Unlvefsltat ;än'j;P"fi13i"#t'Jil
len auf den ersten Blick
lichen Stempel auf und schaffen somit deh und Polizeireviere. Am interessantesten erschreckend wenig Disziplin und einen
besonderen Typ des amerikanischen Intel- waren nicht die Geschäfte. nicht die präch- recht seichten Unterricht. Ständig und ziel-
lektuellen, eines Menschen, der in seiner tigen Häuser, in denen rrir bei freundlichen strebig wird aber die Auslese jener getrof-
Jugend fleißig für eigenes, schwer verdien- Gastgebern u'ohnten. nicht einmal die fen, die lernen wollen, und diese, die den
Ites Geld gelernt, viele Entbehrungen au{ Schulen, sondern die Universitäten.'Sie Wunsch und die Fähigkeit dazu haben,
sich genommen, manchmal sogar gehun- sind es. die einen sehr wichtigen Teil des bekommen eine immer komplizierter wer-
, gert hat, um soviel Wissen wie möglich zu amerikanischen Lebens darstellen, zumal dende Ausbildung, nicht nur schmalspurig
erwerben, um später soviel wie möglich zu jenen Teil. über den bei uns am wenigsten spezialisiert, sondern breit gefächert. Um
verdienen, eines Menschen, in dem sich berichtet wird, ohne den es aber kein blü- die Breite der Hochschulausbildung sind
ausgeprägter Individualismus mit Team- hendes Amerika gäbe. Der Reichtum des dieAmerikanersehrbemüht. Indenbesten
geist, mit der Bereitschaft paart, an gesell- Amerika von heute besteht in seiner Wis- Universitäten sind Studenten der Human-
schaftlichen Dingen teilzuhaben, anderen senschaft, der Reichtum der Wissenschaft wissenschaften seit kurzem zur obligatori-
zu Hilfe zu kommen, sich um Angelegen- besteht in seinen Universitäten. schen Belegung von zwei naturwissen-
heiten des Landes und der Welt, die ihn Da wir immer noch so sehr ans Verglei- schaftlichen Kursen verpflichtet, damit sie,
nicht direkt persönlich berühren, um chen gewöhnt sind, unser Leben gegen das wie ein Dekan von der Yale University
Schwache und Behinderte zu kümmem. anderer abwägen, und weil es doch besser sagte, die wissenschaftlichen Methoden
Ich war in drei Universitäten, in der Wa- ist. sich im Bereish des Bildungswesen mit- und die wissenschaftliche Logik verstehen,
shington State University, in der privaten einander zu rqpssen als beim atomaren ,,ob es sich um sauren Regen, Abtreibun-
, Hamlin University in St. Paul und in der Wettrüsten, will ich gleich sagen, daß abge- gen oder Weltraumforschung handelt".
recht großen (60 000 Studenten) University sehen von der Ausstattung die Unterstufe Aus denselben Erwägungen heraus hat man
of Minnesota. Ichbesuchteauchvieleschu- etwa mit der sowjetischen vergleichbar ist. an der Hamlin University vor kurzem fünf
len in verschiedenen Landesteilen. Meine Die Mittel- und Oberstufe ist vielleicht obligatorische Examen für alle Absolven-
dreiwöchige Reise war von der NZ, dem sogar etwas schwächer (nur 12 Prozent der ten eingeführt, welche Fachrichtung sie
Fonds für soziale Entdeckungen der Schüler lernen in den oberen Klassen Phy- auch studiert haben mögen: Lesen, Schrei-
UdSSR und dem Zentrum flir amerika- sik). Datür aber liegen wir, was die Hoch- ben, Rhetorik, Computerkunde und
nisch-sowjetische Initiativen in San Fran- schulausbildung angeht, weit zurück. Im Fremdsprache. Da es sich hierbei um
cisco (Programm ,,Soviets meet Middle Bereich der postgradualen Ausbildung eine private und teure Universität handelt,
America") organisiert worden. Ich habe müssenwirunsgänzlichgeschlagengeben. fürchtetemanzunächst,wegenderExamen
viele Eindrücke gewonnen. Man zeigte uns Hier liegt die Antwort auf eine Frage, die würde sich die Zahl der Bewerber verrin-
Krankenhäuser, Feuerwehrmannschaften ich mir vor meiner Reise nicht beantworten gern. Aber das Gegenteil war der

@ ,,ltEuE zEat" 2.s0


r
F'all. Das Ansehen der Universität stieg Phrase ,,Wir keine Akademies haben nicht schrift ,,The Lost (icueration" (August 1989).
dadurch, und nun folgen auch andere diesen'r besucht!" ist trotz allcr Er.folge unseres [Jil- Man bekommt wirklich einen Schrecken,
Beispiel. dungswesens im Unterbervußtsein vieler wenn man das liest. Zum Ende des Jahrhun-
Obwohl man hier nicht darüber schreibt Menschen lebendig. derts würden in den USA 450 000 Bakkalaurei
oder spricht, habe ich den Eindruck, in den Und was wirdpassieren. n'enn alle studie- und 10 @ habilitierte Doktoren fehlen.
USA herrscht eine völlig andere Konzeption ren? Wir würden uns dadurch dem höchsten Amerika steht kuz vor dem Zusammenbruch !
der Hochschulbildung, jene Konzeption, Ziel nähern, das im vorigen Jatrrhundert ver- Kurz danach schrieb ,,Time" zum selben
über die bei uns so viel geschrieben und kündet wurde: Freie Entwicklung des Ein- Thema (,,Krise in der Klasse der Naturwis-
gesprochen wird. Ungeachtet der Tatsache, zelnen als Voraussetzung für die freie Ent- senschaften", September 1989) und in dem-
daß die Universitäten Fachleute erster Güte wicklung aller. Oder, anden ausgedrückt, selben Tonfall wie bei uns: Die ganze Welt
ausbilden, sorgen sich die amerikanischen wir würden ein intelligentes Yolk erziehen. kennt die Errungenschatlen der Wissen-
Pädagogen mehr als die sowjetischen um rein Vieles hängt von den im Land üSirchen schaftler der USA, aber jetzt stecken wir in
kulturelle und humane Ziele. Man ist hier Normen, von der allgemeinen Meinune. den einer Krise. Vor zwanzig Jahren haben vier
der Ansicht, der Mensch brauche die Hoch. Sitten und Bräuchen ab. Man lernt nicht. um Prozent der Studenten Mathematik studiert,
schulausbildung unabhängig davon, wo und später mehr zu verdienen (obwohl in den heute nur noch ein Prozent. Bei internatio-
in welchem Beruf er arbeitet. Mit Stolz USA ein Schulabgänger mit abgeschlossener nalen Vergleichen belegen amerikanische
schreibt man, daß die Hälfte der Absolven- Bildung l-i Prozent mehr verdienen kann als Schüler die letzten Plätze. Aufgrund des
ten aus irgendeiner Berufsschule ein Stu- einer. der die Schule nicht bis zu Ende Mangels an Wissenschaftlern sind die USA
dium am College aufnimmt, nicht aber, wie besucht hat). nicht weil die Maschinen und auf die Dauer nicht mehr dem Wettbewerb
viele an Maschinen arbeiten. Natürlich gibt Computer immer komplizierter qerden mit solchen technologischen Giganten wie
es viele Enttäuschte. In unseren Zeitungen usrr.. sondern weil das so üblich ist. Lerncn Japan. Südkorea und der BRD gewachsen.
wird häufig von solchen Fällen berichtet. Da isr ein natürliches Bedürfnis aller. Suchom- ..\\'ie kommt es, daß wir, die Heimat von
haben sie nun jahrelang an Hochschulen stu- linski sagt: ,,Ein Mensch muß lernen, weil er Thomas Edison und der GebrüderWright, in
diert, können aber keine fachspezifische ein llensch ist." diese Laqe geraten sind?" fragt die Z,eit-
Anstellung findeu. Ich bin auch einem Druk- Die USA sind reicher als wir und können schrift besorgr. Dasselbe Klagelied singt
ker und einer Schulbusfahrerin begegnet. die ihre Kinder besser ausbilden lassen. Wir sind auch die so*jetische Presse.
in einem College Sprachwissenschaft sru- ärmer, aber warum müssen wir diese Armut Man könnte diese Ausschnitte zusammen-
diert hatten. Natüdich ist eine ge* is- L'nzu- hinter der hochtrabenden Phrase verstek- stellen und überzeugend daran beweisen,
friedenheit aus ihrer Lebenserzählung her- ken, nicht alle würden eine gute Ausbildung wozu die bürgerliche Gesellschaft ihre Leute
auszuhören. Aber sie bedauern nur. keine brauchen? bringt, wie schlecht es ihnen geht. Jedem
bessere Arbeit gefunden zu haben, nicht Übrigens wird in den USA mit Bildung 7-itat könnte man die Worte voranstellen:
aber, daß sie am Colle-ee studierten. ebenfalls gegeizt. Liest man die amerikani- ,,Wie die Tnitung .... selbst eingestehen
Das ist einer der S'idersprüche des sche Presse, könnte man glauben, morgen mußte..." oder ,,Nach Zeugnissen der bür-
Lebens, der nie beseitigr sein wird und den würde der letzte Tag Amerikas anbrechen, gerlichen Presse..." Nein, ich räume diesen
man einfach als Widerspruch ansehen muß. das Land sei vom Unterang bedroht, nicht Zitaten deshalb so viel Platz ein, weil sie in
Selbst die supertecbnischste Hyperrevolu- durch irgend etwas, sondem aufgrund der gewisser Hinsicht eine Antwort auf die Frage
tion wird nie dazu fi.ihren, daß man für jeden mangelnden Aufmerksamkeit für das Bil- geben, die die Delegierten des zweiten Kon-
Arbeitsplatz Hochschulbildung benötigt. dungswesen. ,,Von allen Mängeln, mit denen gresses der Volksdeputierten der UdSSR
Und dennoch kann sich das menschliche wir konfrontiert werden, ist dieser (das und viele andere Menschen beunruhigt:
Gewissen schwerlich damit abfinden, daß die Zurückbleiben im Bildungswesen) solcher ,,Warum gibt es das nur bei ,ihnen', bei uns
einen eine höhere, andere eine niedere Bil- Art, daß die Zeit gegen uns läuft." Woher dagegen nicht? Wir haben ja nicht einmal
dung erhalten. Dabei murmelt man etwas stammt wohldieses Zitat? Aus einersowjeti- eine Vontellung davon, warum..." (aus dem
vor sich hin, daß ja doch jemand die Straße schen Perestroika-Zeitung? Nein, aus dem Diskussionsbeitrag des Deputierten A. Shu-
fegen muß, und was wird, wenn alle an Uni- Leitartikel der amerikanischen Zeitschrift rawljow). Wie kommt es, daß bei ,,ihnen'l alles
versitäten studie ren werden. Die stolze ..11 S. Ncus & World Rcport" mit dcr Ühcr- blüht und gedeiht, wo sie doch selbst von
Krise, Zusammenbruch und Not sprechen? In
anderen Ländem dagegen, wo alles fault und
stinkt (ich will keine Namen nennen), wird
einer, der seine Besorgtheit zu erkennen gibt,
gleich als Schwarzmaler verschrien.
So kommt es, daß wir, um positive Bei
spiele zu betrachten, oft sehr weit reisen
müssen.
Die sowjetische Hochschule befindet sich
in einem weitaus schlimmeren Zustand als
die amerikanische. unsere Professoren
bekommen viel geringere Gehälter als ihre
amerikanischen Kollegen. Von der Ausrü-
stung der Unterrichtsräume und Laborato-
rien wollen wir am liebsten ganz schweigen.
In der State University of Washington gibt es
an der Fakultät für Veterinärmedizin einen
Lasertomographen für Pferde. Bei uns gibt
es solche Geräte nicht einmal für Menschen!
Und wo sind die himmelschreienden Bei-
träge, in denen die Alarmglocken angesichts
der schlechten Zukunftsaussichten unserer
Wissenschaft geläutet werden? Und das
Wichtigste: Wer schenkt solchen Beiträgen
Aufmerksarnkeit, selbst wenn sie erscheinen

"IIEUE zEtr" 2.$t tr


würden? Ktirzlich gng die Landes. Haben die Journa-
Nachricht durch den ameri- listen vielleicht einen Wink
kanischen Blätterwald, daß .lus der Presseabteilung
laut einer Untersuchung des bekommen und wollten die
Gallup-Instituts in 10 Lan- Sache wieder geradebie-
dern von 1.500 Einwohnem gen? Nun heißt es. daszwei-
aus Moskau und Kursk 13 jährige College stelle das
Prozent ein bestimmtes .,globale Modell für eine
Land nicht auf derWeltkarte demokratische Hochschul-
zeigen konnten. Welches? ausbildung im 21. Jahrhun-
Nach siebenjähriger Geogra- dert dar". In staatlichen wie
phieausbildung inunserer in privaten Universitäten
Schule waren sie nicht in der müssen die amerikanischen
Iage, die Sowjetunion zu Studenten immer höhere
finden! Insgesamt sahen die Gebühren entrichten, nicht
Ergebnisse der Umfrage so nur für die Ausbildung ins-
aus: An erster Stelle lag die gesamt, sondern auch für
BRD, gefolgt von Schwe- jeden einzelnen Kurs, für
den, Japan, Frankreich, Unterkunft, für alles. In der
Kanada, den USA, Groß- clortigen Presse wird voller
britannien und ltaüen. Sorge darüber geschrieben,
Mexiko und die UdSSR daß diese Summen ständig
belegten die letzten Plätze. fd,' t \ \eLlr rt ltalc /i,;,,,,. sfeigen und in den beSten
In den USA waren die Umfrageergebnisse in bildung anbieten, alle auf dem Niveau der Universitäten bereits ein schwindelerregen-
einzelnen Puirkten noch schlechter als Oberstufe und sogar des College. Bei uns des Niveau erreicht haben. Man sagt, nichts
unsere: L4 Prozent der Befragten fanden ihr dagegen wird im Fernsehen ernsthaft über wachse so langsam wie das Ansehen eines
eigenes Land nicht auf der Weltkarte, wobei die Rückkehr zur überholten Gewerbe- Colleges, nichts so schnell wie die Studienge-
die Resultate junger Menschen negativer schule auf der Grundlage einer Sechsklas- bühren.
waren als die von 55jährigen. Sie aber schrei- senbildung laut nachgedacht. Zwei Länder, In der Praxis sieht das so aus: Der Unter-
ben darüber, und die ,,Los Angeles Times" zwei Betrachtungsweisen. In dem einen schied ist beträchtlich, denn man kann für
berichtet über diese Tests unter der Schlag- denkt man über die allgemeine Hochschul- 1000 Dollar im Jahr studieren (an der Uni
zeile ,,Wo befinden wir uns in dieser Welt? bildung nach, im anderen über die generelle . versität seines Bundesstaates), aber auch für
Einige Amerikaner und Sowjetbürger wis- Rückkehr zur Ge*-erbeschule. 18 000 Dollar. Wenn man bei uns von den
sen das nicht." Bei uns wird geschwiegen. Das Interessanteste am amerikanischen hohen Lebenshaltungskosten in den USA
Wir lachen höchstens darüber, mehr nicht. Hochschulsystem ist die zweijährige Ausbil- schreibt, wird meist nicht dazugesagt, daß
Es liegt doch nicht daran, daß sie dort dung am College. Uberall in der Welt steht die Leute dort auch viel mehr verdienen.
reich sind. Natürlich sind sie reich! Aber man vor demselben Problem: Nicht jederhat Wenn ein Student jeden Tag ein paar Stun-
vielleicht sind sie deshalb so reich, weil sie das Tnlg oder das Geld ftir ein Hochschul- den oder in den Ferien arbeiten geht, reichen
für Probleme Verständnis aufzubringen studium. nicht jeder kann in eine weit von zu ihm diese Einkünfte für die Studiengebüh-
verstehen? Wir haben schon unseren ersten Hause entfernte Universität fahren. Für alle, ren und alles andere. Etwa 70 bis 80 Prozent
Sputnik vergessen, sie dagegen erinnern sich die kein Studium aufnehmen der amerikanischen Studenten verdienen
"'ierjähriges
in fast jedem Artikel über das Bildungswe- können. n-urden in den USA lokale Zweijah- sich ihr Universitätstudium selbst. Sie können
sen daran: ,,Nach dem Sputnik stiegen die res-Colleges eröffnet. Inzwischen ist man das Geld selbst verdienen, das ist wichtig.
Einlagen des nationalen Wissenschafts- der Ansicht, das sei die bedeutendste päd- Viele bekommen Beihilfen aus verschie-
fonds, des wichtigsten Forschungssponsors, agogische Entdeckung des 20. Jahrhunderts. denen Fonds, andere nehmen Kredite auf, die
von 1.8 auf 130 Millionen." Man hat ausge- Inzq.ischen gibt es 1200 dieser Bildungsein- sie in ihren ersten Berufsjahren nach dem
rechnet, daß die Zahl der Techniker zum richrungen. Von den 13 Millionen amerika- Abschluß ihres Studiums zurückzahlen. Nie-
Ende unseres Jahrhunderts um 38 Prozent nischen Studenten erwerben 40 Prozent ihre mand sagt hier, der Kapitalismus sei das Gelbe
wachsen muß. Wo will man sie hernehmen? Hochschulbildung innerhalb von zwei Jah- vom Ei, das Paradies auf Erden. Marktwirt-
Man nahm die Sache in Angriff, und jetzt ren. Mancher wird sagen: Was ist denn das schaft heißt die Devise. Bildung ist eine Ware.
wird davon berichtet, daß eine wahre Revo- ftir eine Ausbildung! Praktisch kommt diese Eine Absolventin klagte gegen ihr College,
lution in der Berufsausbildung stattgefunden Form der Abiturientenklassen dem sowjeti- man habe es dort nichtverstanden, ihre Fähig-
hat. Wie die Zeitung,,Fortune" berichtet, schen Technikum nahe. Der Unterschied keiten zu entwickeln, unter Bezugnahme auf
haben in den vergangenen vier Jahren min- besteht aber darin, daß das sowjetische das Verbraucherschutzgesetz.
destens 43 Bundesstaaten ihre Berufsbil- Technikum auf die Erlernung eines Berufs Allerdings kann man in den amerikani-
dungspolitik revidiert. Die Berufsschulen ausgerichtet istl Das amerikanische zweijäh- schen Universitäten ohne Furcht den freien
erneuerten ihre Methoden und experimen- rige College bietet umfangreichere Bil- Vorlesungsbesuch einftihren. Wenn ein Stu-
tieren jetzt mehr. Die Lehrlinge befassen dungsmöglichkeiten und stellt oft eine Vor- dent eine beträchtliche Summe für eine Vor-
sich in größerem Umfang mit Physik, Mathe- stufe zu einem weiterführenden Studium an lesungsreihe bezahlt hat, die er zudem noch
matik und Chemie. Die Berufsschulen von einem vierjährigen College dar. Das sind selbst hart erarbeiten mußte, wird er sie
heute sind computerisiert und weisen kaum also in gewissem Sinne Vorbereitungsklas- bestimmt nicht schwänzen. Jedenfalls waren
noch Ahnlichkeiten zu ihren Vorgängern aus sen für jene, die den Sprung in die Universi- bei den Vorlesungen, die ich besucht habe,
den 50er Jahren auf. Die Amerikaner stre- tät nicht im ersten Anlauf geschafft haben, die Hörsäle überfüllt.
ben also an, wovon wir abgehen wollen. eine weitere Möglichkeit zur Erlangung Das aber sind nur meine allgemeinen Ein-
Wenn die Lage in den Schulen bei ihnen einer höheren Bildung. Die Zeitschrift drücke vom amerikanischen Hochschulsy-
miserabel ist, bemühen sie sich, dieLage zu ,,U. News & World Report", die im August
S. stem. Im nächsten Beitrag werde ich davon
bessern. Sieht es bei uns schlecht aus, ver- die Situation im Hochschulwesen in den berichten, wie es dort zugeht, wie man die-
langt man die sofortige Schließung. Gegen- düstersten Farben geschildert hatte, widmete Universität wählt, wie man sich immatriku-'
wärtig gibt es in den USA 26 000 staatliche im Oktober eine ganze Ausgabe strahlenden lieren läßt, wie man lernt und wer dort lehrt.
Bildungseinrichtungen, die eine Berufsaus- Berichten über die besten Universitäten des Simon Solowejtschik

.TEUE ZEII" 2.W


H A 1{ D S G H R I F I E II B R E 1I II E 1{ 1{ I G FE T

Der Satz, den i,;ir zur Devise unserer Rubrik ,, POt_lTl$cHä


erkoren haben, rnaE unterschiedliche Wir- : GEDAT{KFI$
kung haben. DiejeniEen. cre frei denken und DES
ihre Gedanken an anoede weitergeben,
ermutigt diese Devise. err,ned sie an das
Gericht der Geschichte. oesser Urteil selbst
,ffm.
das eines Militärtribunals verb assen läßt,
Diejenigen, die freies Denken vedo,oen, die JAHRHUNDFRTS
Bücher verbieten und vernichten. aoer ilamt
sie, daß ihre Anstrengungen vergebcn sncj. ln der neuen Rubrik möch-
ten wir unseren Lesern Wefte voretdler,. deren Lektüre noch vor kur-
zem fast als kriminell galt. Die Absicht" ihrerVerJasser
"veörecf'ner:sche
bestand darin, daß sie sich Gedanken uber dle Paradoxa des Jahrhun-
derts machten, in dem für Millionen von l'{grsCren der Freiheitskarnpf
mit der schlimmsten Tyrannei endete, das Streb€r nach Gleichheit
Kastengeist hervorbrachte und selbstlose fubei"t um des allgemeinen
Wohlergehens willen zu Armut und Zerstorrung fif"rre. Sierne, deren
Licht letztlich auch uns erreichte.

Die Welt in einem halben Jahrhundeft


Andrei Sacharow
tarke und widersprüchliche Geftihle erfassen jeden, doch gerade davon hängt letztlich der Untergang occ: ::: Reriung
der sich Gedanken darüber macht. qie die Welt in 50 der Zivilisation ab.
Jahren aussehen mag - über jene Zukunft, in der Die größte Unbekannte in unseren Prognosen ist cüe \1,r.:;riniieit
unsere Enkel und Urenkel leben gerden. Es sind eines Untergangs der Zivilisation, ja der lvlenschhe;i .e tsr in
Depression und Angst vor der -\lsammlung tragi- einem nuklearen Inferno. Solange es Nuklearraketen s-r\\ iL : ir:in-
scher Gefahren und Probleme in der überaus kompli- der feindlich gegenüberstehende Staaten und Staateng:upFcir r ci-
ziefienZukunft der Menschheit. ioch zugleich Hoff- ler Mißtrauen gegenüber dem anderen gibt, ist diese en:.e:zlichc
nung in die Kraft des Verstandes und der \fenschlichkeit bei Mil- Gefahr die brutalste Realität der Gegenwart.
liarden Menschen, die allein dem drohenCen Chaos widerstehen Doch auch wenn die Gesellschaft einen großen Krieg renneiden
kann. Es sind Begeisterung und größtes lnteresse. bedingt durch kann, kann sie trotzdem untergehen, wenn sie ihre Kräfte in ..klei-
den vielseitigen und unaufhaltsamen uissenschaftlich-technischen nen" Kriegen, in zwischennationalen und zwischenstaatiichen
Fortschritt der Gegenwart. Konflikten, bei Rivalitäten und bei mangelnder Koordilation im
wirtschaftlichen Bereich, beim Umweltschutz, bei der Regelung
Was bestimmt die Zukunft? des Bevölkerungszuwachses und bei politischem Abenteurerrum
aufzehrt.
Nach fast übereinstimmender \{ei-nuns sind unter den Faktoren, Der Menschheit droht ein Niedergang der Moral des einzelnen
die das Bild der Welt in den nächsten,Iahn ehnten bestimmen wer- und des Staates, der schon jetzt im weitgehendenZertal der Grund-
den, zweifellos folgende:
ideale von Recht und Gesetzlichkeit zum Ausdruck kommt. im
das Bevölkerungswachstum (bis zum Jahre 2024 mehr als sieben Konsumegoismus, in der weltweiten Zunahme der Kriminalirät, im
Milliarden Erdenbürger); die Enchöplung der Naturressourcen - nationalistischen und politischen Terrorismus, der zu einer welt-
des Erdöls, der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens, von reinem weiten Geißel wurde, in der zerstörerischen Verbreitung von Alko-
Wasser usw.; die schwerwiegende Störung des natürlichen Gleich- holismus und Rauschgiftsucht. In verschiedenen Ländern sind die
gewichts und der Umwelt des Menschen. Ursacben dieser Erscheinungen etwas unterschiedlich. Trotzdem
Diese drei Faktoren sorgen für einen deprimierenden Hinter- scheint mir, daß der eigentliche Grund die geistige Leere des ein-
grund aller Prognosen. Doch ebenso unbestreitbar und bedeutsam zelnen ist, bei der die persönliche Moral und die Verantwortung
ist ein weiterer Faktor - der wissenschaftLich-technische Fort- des Menschen verdrängt und durch die abstrakte und ihretn Wesen
schritt, der in Jahrtausenden der Entwicklung der Zivilisation nur nach unmerschliche, vom Individuum entfremdeten Autorität (des
einen Anlauf genommen hat und erst jetzt seine glänzenden Mög- Staates oder einer Klasse, einer Partei oder durch die Autorität
lichkeiten voll zuzeigen beginnt. eines Führers - das alles sind nicht mehr als Varianten der gleichen
Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß die enormen materiellen Geißel) unterdrückt werden.
Perspektiven, die im wissenschaftlich-technischen Fortschritt ein- Beim heutigen Stand der Welt, da es eine enorme Kluft in der
geschlossen sind, bei all ihrer ausschließlichen Bedeutung und Not- wirtschaftlichen Entwicklung der Länder, eine Klutl, die zuneh-
wendigkeit das Schicksal der Menschheit nicht von allein lösen. mend größer wird, gibt, da die Teilung der Welt in einander
Der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird kein Glück brin- gegenüberstehende Staatengruppen deutlich ist, nehmen alle
gen, wenn er nicht von überaus tiefgreifenden Veränderungen im Gefahren, die der Menschheit drohen, in kolossalem Maße zu.
sozialen, moralischen und kulturellen Leben der Menschheit Einen Großteil der Verantwortung dafür haben die sozialisti-
begleitet sein wird. Das geistige Leben der Menschen, die inneren schen Länder zu tragen. Ich muß das hier sagen, da auf rnir als Bür-
Impulse ihrer Aktivität lassen sich am schwersten prognostizieren, ger des einflußreichsten sozialistischen Landes ebenfalls ein Teil

'*'r:u:E zEtT" 2.s tr


dieser Verantwortung lastet. Das Monopol von Partei und stischen Ländern bedeutet * wie viel darin Propaganda und
Staat in allen Bereichen des wirtschaftlichen, politischen, ideo- strengste Reglementierung liegt. Für die wenigen, die Vertrauen
logischen und kulturellen Lebens; die nichtbewältigte Last der genießen, sind derartige, meist einfach mit Konformismus
verborgen gehaltenen blutigen Verbrechen der jüngsten Ver- bezahlte Reisen nur eine überaus attraktive Möglichkeit, sich
gangenheit; die ständige Unterdrückung der Andersdenken- ,,westlich" anzuziehen, ja in die Elite aufzusteigen. Ich habe
den; die heuchlerisch Eigenlob spendende, dogmatische und schon viel über Probleme der fehlenden Bewegungsfreiheit
oft nationalistische Ideologie; die Geschlossenheit dieser geschrieben, doch dies ist das Karthago, das zerstört werden
Gesellschaften, die freie Kontakte ihrer Bürger zu Bürgern muß.
beliebiger anderer Länder behindern; die Herausbildung einer Ich möchte noch einmal betonen, daß der Kampf für die Men-
egoistischen, amoralischen, selbstzufriedenen und heuchleri schenrechte der reale heutige Kampf für Frieden und Zukunft der
schen bürokratischen herrschenden Klasse in ihnen - all das Menschheit ist. Eben deshalb meine ich, daß die Allgemeine
schafft eine Situation, die nicht nur für die Bevölkerung dieser Erklärung der Menschenrechte zur Grundlage der Tätigkeit aller
Länder ungünstig, sondern gefährlich für die ganze Menschheit internationalen Organisationen werden muß, darunter der Orga-
ist. Die Bevölkerung dieser Länder ist in ihren Bestrebungen nisation der Vereinten Nationen, die sie vor 25 Jahren verkün-
durch die Propaganda und einige unbestreitbare Erfolge weit- dete,
gehend gleichgeschaltet, teilweise durch die Verlockungen des
Konformismus verführt, doch zugleich leidet sie unter dem Hypothesen über
ständigen Rückstand gegenüber dem Westen und unter den tat-
sächlichen Möglichkeiten des materiellen und sozialen Fort- das technische Profil der Zukunft
schritts und ist gereizt darüber. Die bürokratische Führung ist
ihrer Natur nach nicht nur ineffektiv bei der Lösung der anlie- In der zweiten Hälfte meires Artikels will ich einige futurolo-
genden Aufgaben des Fortschritts, sie ist außerdem stets auf gische Hypothesen, vor allem *'issenschaftlich-technischer Art,
Augenblicksinteressen engbegrenzter Gruppen konzentriert, darlegen. Die meisten von ihnen rvurden bereits in der einen oder
auf die nächste Meldung nach oben. Eine solche Führung kann anderen Form veröffentlicht. und ich bin hier weder Autor noch
in der Tat nur schlecht für die Interessen künftiger Generatio-
nen (so für den Umweltschutz) sorgen, vor allem aber kann sie
Fachmann. Ich verfolge ein anderes Ziel - ich versuche, ein all-
gemeines Bild der technischen Aspekte der Zukunft zu entwer-
lt.

das nur in Sonntagsreden erklären. fen. Natürlich ist dieses Bild sehr hvpotherisch und subjektiv, bis-
Was widersteht den zerstörerischen Tendenzen des heutigen weilen bedingt utopisch. Ich betra;htete mich dabei nicht fest
l,ebens (oder kann ihnen, muß ihnen widerstehen)? Ich halte die gebunden an das Jahr 2024 , d. h mir ging es rveniger um den kon-
Uberwindung der Teilung der Welt in antagonistische Staaten- kreten Zeitpunkt als viel-nehr um dre meiner \{einung nach mög-
gruppen, den Prozeß der Annäherung (Konvergenz) des soziali- lichen Tendenzen. Die ZukunnsiLrßcher der jüngsten Vergan-
stischen und des kapitalistischen Systems für besonders wichtig, genheit gingen in ihren ProEnosen meist ron zu großen Z,eiftäu-
begleitet von einer Entmilitarisierung, einer Stärkung des inter- men aus, doch bei den heurisen Futurologen kann auch der ent-
nationalen Vertrauens, vom Schutz der Menschenrechte, von gegengesetzte Fehler nicht ausgeschlossen rverden.
Recht und Freiheit, von weitgehendem sozialem Fortschritt und Ich gehe von einer allmäblichen (bis zum lahre2024 noch kei-
von Demokratisierung, von der Stärkung des Moralischen, Gei- neswegs absesch-lossenen) Ausgliederung von zwei Typen von
stigen in jedem Menschen. Territorien aus der überbevölkerten, für das.Leben der Men-
Ich meine, daß die Wirtschaftsordnung, die infolge dieses Pro- schen und die Bewahrung der Natur schlecht ofganisierten Indu-
zesses der Annäherung entsteht, eine Mischwirtschaft sein muß, strie\\elr aus. Ich will sie so nennen: ,,Arbeitsterritorium" (im
die ein Höchstmaß von Flexibilität, Freiheit, sozialen Errungen- ueiteren AT) und ,,Schutzterritorium" (ST). Das seiner Fläche
schaften und Möglichkeiten für eine globale Regelung in sich ver- nach größere ST soll das natürliche Gleichgewicht auf der Erde
eint. aufrechterhalten, die Erholung der Menschen und die aktive
Bedeutend muß die Rolle internationaler Organisationen - Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts des einzelnen
der UNO, der UNESCO und anderer - sein, in denen ich die ermöglichen. Auf dem AT (der Fläche nach kleiner und mit viel
Vorform einer Weltregierung, der alle Ziele außer den allge- größerer Bevölkerungsdichte) verbringen die Menschen einen
meinmenschlichen fremd sind. sehen nöchte. Großteil ihrer Zeit, intensive Landwirtschaft wird betrieben, die
Doch es ist notrvendig. so schnell s'ie möglich *esentliche, Natur ist vollständig umgewandelt für praktische Erfordernisse,
schon heute mögliche Zrvischenschritte zu tun. \Ieiner lleinung die gesamte Industrie mit gigantischen automatischen und halb-
nach sollte das eine Ausweituns der wrnschaftlichen und kultu- automatischen Werken ist dort konzentriert, fast alle Menschen
rellen Hilfe für die Entwicklungsländer sein, insbesondere der leben in einer Megalopolis, in deren Zentrum Wolkenkratzer mit
Hilfe bei der Lösung der Ernährungsprobleme und bei der Schaf- künstlichem Komfort stehen - mit künstlichen Klimaanlagen,
fung einer wirtschaftlich aktiven. geistig gesunden Gesellschaft; mit künstlicher Beleuchtung, mit vollautomatischen Küchen,
die Schaffung internationaler konsultativer Organe, die über die holografischen Landschaftswänden usw. Ein Großteil dieser
Achtung der Menschenrechte in jedem Land und über den Städte sind Vororte, die sich über Dutzende von Kilometern hin-
Umweltschutz wachen. Und das Einfachste - die weltweite ziehen. Ich stelle mir diese Vorstädte der Zukunft vor wie in den
Beendigung so unzulässiger Dinge wie jeglicher Formen der Ver- heute reichsten Ländern * gepflegte Einzelhäuser mit Garten,
folgung Andersdenkender. Die welt*'eite Zulassung bereits Kindereinrichtungen, Sportplätzen, Schwimmbecken, mit allen
bestehender internationaler Organisationen (des Roten Kreuzes, Dienstleistungsbetrieben und mit modernem städtischem Kom-
der Weltgesundheitsorganisation, von Amnestv International u. fort, mit einem lautlosen und bequemen öffentlichen Nahver-
a.) dort, wo man Menschenrechtsverletzungen vermuten kanh, kehr. mit reiner Luft, mit Klein- und Heimgewerbe, mit einem ,,ti--
Jt,
-^
vor allem zu den Haftanstalten und den psychiatrischen Gefäng- freien und vielfältigen kulturellen LeUer{
nissen; die demokratische Lösung des Problems der weltweiten Trotz der recht hohen Bevölkerungsdichfe kann das Leben in
Bewegungsfreiheit (der Emigration, der Reemigration und von den AT bei vernünftiger Lösung der sozialen und zwischenstaat-
Privatreisen). lichen Probleme genau so gesund, natürlich und glücklich sein
Die Lösung des Problems der weltweiten Bewegungsfreiheit ist wie das Leben eines Vertreters der Mittelschicht in den heutigen
besonders wichtig, um die Geschlossenheit der sozialistischen Industrieländern, d. h. viel gesünder als das der überwiegenden
Länder zu überwinden, um eine Atmosphäre des Vertrauens zu Mehrheit unserer Zeitgenossen. Doch der Mensch der Zukunft
schaffen, um rechtliche und wirtschaftliche Kriterien in verschie- wird, wie ich hoffe, die Möglichkeit haben, einen Teil seinerZeit,
denen Ländern einander anzugleichen. und sei es einen geringeren, unter den noch ,,natürlichere["
Ich weiß nicht, ob die Menschen im Westen voll verstehen, was Bedingungen des ST zu verbringen. Ich gehe davon aus, daß irr'
die jetzt angekündigte Freiheit des Reiseverkehrs in den soziali- den ST die Menschen ebenfalls ein Leben führen werden, das eih

,II E U E z E I I" 2.90


Zielhat - sie erholen sich nicht nur, son-
reales gesellschaftliches Ich gehe davon aus, daß die parallele Entwicklung der Halblei-
dern arbeiten auch mit den Händen und mit dem Kopf, lesen ter-, der Magnet-, der Elektrovakuum-, der Fotoelektro-, der
Bücher, machen sich Gedanken. Sie leben in Zelten oder in Häu- Laser-, der Kryotron-, der gasdynamischen und anderer kyberne-
sern, die von ihnen wie die Häuser ihrer Vorfahren erbaut wur- tischer Technik dazu führen wird, daß ihre.wirtschaftlich-techni-
den. Sie hören das Rauschen eines Gebirgsbaches oder erfreuen schen Möglichkeiten enorm zunehmen werden.
sich einfach an der Stille, an der Schönheit der unberührten Im Bereich der Industrie kann man von einem hohen Grad der
Natur, der Wälder, des Himrnels und der Wolken. Ihre eigentii- .A.utomatisierung und der Flexibilität, der Anpassungsfähigkeit
che Arbeit besteht darin, zur Bewahrung der Natur und des Men- der Produktion ausgehen je nach der Nachfrage und den
-
schengeschlechts beizutragen. Bedürfnissen der Gesellschaft insgesamt. Eine solche Anpas-
s,inesiahlekeit der Industrie wird weitreichende gesellschaftliche
Wollen wir das mit einigen Zahlen verdeutlichen. Die Fläche
AT beträgt 30 Mio Quadratkilometer, die durchschninlich; Fcig.: haben. Als Ideal kann man sich insbesondere die Über-
des '..:::::! ie:
Bevölkerungsdichte 300 Personen pro Quadratkilometer. D:e -sesellschaftlich schädlichen, ftir die Erhaltung der
R: l-- ..-:; : :nd der Umwelt verhängnisvollen Erscheinungen
Fläche des ST hingegen beläuft sich auf 80 Mio Quadratk:,ra.- j:r kur::l-:i:i Srimulierung. eingr,,übgrzogenen Nachfrage"
ter, durchschnittliche Bevölkerungsdichte 25 Personen l:l Q.i.-
dratkilometer. Die Gesamtbevölkerung der Erde belä.:: .r;: .-: l;ake: . i:e i.-: :r den Industrieländern zu beobachten sind und
11 Md. , die Menschen können etwa 20 Prozent ihr:: Z.-: - jsn teilqeli€ :ri :;:: Konservatismus der Massenproduktion ver-
bunden siei.
ST verbringen.
Im Alltag qe :i;: ::::a;hste Automaten eine immer größere
Eine natürliche Ausweitung der AT werden ..iieE;-.:i S:adte" Rolle spielen.
sein, künstliche Trabanten der Erde, die ,*'icht:s: ?:,-i-:k:rons- Doch ei-ne t'esoi:c:e Roile ri'ird dem Fortschritt im Bereich
funktionen erfüllen. Auf ihnen sind die helioene:i::-<:e: .{rrla- der Kommunikation u:: :;s hormationswesens zukommen.
gen konzentriert, möglicherweise ein Großtei ::: -:i:a:e r und Eine der ersten Eralpe: t:es:s Fonschritts könnte die Schaf-
thermonuklearen Anlagen mit einer Strahlulpk'::;l: Jer ener- fung eines einheitlichen qei!r*er:en Telefon- und Videotelefon-
getischen Kühleinrichtungen, was es erlau'll. ::.e L-berhitzung Kommunikationsneues sen. Ln ier Perspektive, vielleicht noch
der Erde zu vermeiden; dabei handelt :s sr:'r '.rr: Betriebe der nicht in 50 Jahren, gehe icb lol
:e: S;haffung eines weltweiten
Vakuum-Metallurgie, der Treibhaus* i::=r' :- xs . . um kosmi- Informationssystems (\Ä1S t au-.. Cas;eiem zu jedem Augenblick
sche Forschungslabors. Z*'ischens:a::c-3- :r Langeitflüge. den Inhalt eines beiiebigen Bucires. cas uEenduann irgendwo
Sowohl für die AT als auch für die Sl +::3s ein enges \etz unter- veröffentlicht wurde. den Inhalr ernes t'ehe't'igen Anikels, jegli-
irdischer Städte - für den Scl:lal. :; .{mu-qements, für die che Information zugänglich macht. Da. \\lj muß individuelle
Betreuung des unterirdischen \-::<::- und rür die Förderung winzige Datenempfänger und Sender. Disparcherpunkte. die die
von Bodenschätzen. Informationsströme leiten, Kommunikariolskanäle mit Tausen-
Ich gehe von einer Indusina-:s:erung. Mechanisierung und den künstlicher Nachrichtensatelliten. mir Katel- und Laserli-
Intensivierung der Landsrtstb.an iinsbesondere in den AT) aus nien umfassen. Selbst die teilweise Verrlirklichuns des \ÄTS wird
- nicht nur bei breitestern Ein-.a'.2 idassischer Düngertypen, son- tiefen Einfluß auf das Leben eines jeden. aul seirie Freizeit. auf
dern auch mit der allmäNicien Schaffung eines künstlichen über- seine intellektuelle und ästhetische Entu'icklune hab'en. Anders
aus fruchtbaren Bodens. bei allseitiger umfassender Bewässe- als beim Fernseher, der jetzt wichtigste Inforniationsquelle für
rung, in den nördlichen Regionen die umfassendste Entwicklung viele unserer Zeitgenossen ist, wird das W1S jedem größtmögli-
der Treibhauswirtschan unter Einsatz von Flutlicht, der Erwär- che Freiheit bei der Wahl der Informationen geben und die Akti-
mung des Bodens. der Elektrophorese und möglicherweise auch vität des einzelnen verlangen.
anderer physikalischer Methoden. Natürlich wird die vorrangige, Doch die fürwahr historische Rolle des WIS wird darin beste-
entscheidende Rolle der Genetik und der Selektion erhalten blei- hen, daß endgültig alle Hindernisse für den Informationsaus-
ben, ja sogar noch stärker werden. So muß sich die ,,grüne Revo- tausch zwischen Ländern und Menschen beseitigt werden. Die
lution" der letaen Jahrzehnte fortsetzen und weiterentwickeln. volle Zugänglichkeit der Informationen,.insbesondere ausgervei-
Auch neue Formen der Landwirtschaft werden entstehen - in tet auf die Kunstwerke, trägt die Gefahr ihrer Entwertung in sich.
den Meeren, mit Hilfe von Bakterien, kleinen Algen, Pilzen usw. Doch ich glaube, daß dieser Widerspruch irgendwie überwunden
Die Oberfläche der Meere, der Antarktis und später möglicher- werden wird. Die Kunst und ihre Rezeption sind stets so individu-
weise auch des Mondes und der Planeten wird allmählich land- ell, daß der Wert des persönlichen Kontakts mit dem Werk, mit
wirtschaftlich genutzt. dem Künstler erhalten bleibt. Auch das Buch, die eigene Biblio-
Heute ist der Eiweißmangel, unter dem Hunderte Millionen thek behalten ihre Bedeutung -
gerade, weil sie das Ergebnis
Menschen leiden, das akuteste Problem der Ernährung. Die einer pesönlichen, individuellen Wahl sind und infolge ihrer
Lösung dieses Problems durch die Intensivierung der Viehzucht Schönheit und Traditionalität im guten Sinne dieses Wortes. Der
wird nicht möglich sein, da schon jetzt die Futtererzeugungetwa Umgang mit der Kunst, mit dem Buch wird stets ein besonderes
die Hälfte der Produktion der Landwirtschaft verschlingt. Uber- Ereignis sein.
dies drängen vieie Faktoren, darunter die Erhaltung der Umwelt, Zur Energiewirtschaft. Ich bin davon überzeugt, daß in den
zu einer Verringerung der Viehzucht. Ich gehe davon aus, daß in kommenden 50 Jahren die Bedeutung der Energiewirtschaft, die
den nächsten Jahrzehnten eine leistungsstarke Industrie zur Pro- auf der Verbrennung von Kohle in riesigen Kraftwerken bei vol-
duktion von Ersatzstoffen für tierisches Eiweiß, insbesondere zur ler Absorption der schädlichen Abfälle beruht, erhalten bleibt,
Produktion künstlicher Aminosäuren, entstehen wird, vor allem ja sogar zunehmen wird. Zugleich wird die Kernenergie zweifel-
um pflanzliche Produkte anzureichern, was zu einerbedeutenden los eine enorme Entwicklung erfahren - und zum Ende dieser
Verringerung der Viehzucht führen wird. Zeit die thermonukleare Energiewirtschaft. Die Endlagerung der
Fast ebenso radikale Veränderungen müssen sich in der Indu- Abfälle der Atomenergiewirtschaft ist bereits jetzt ein rein öko-
strie, der Energiewirtschaft und im Alltag vollziehen. Vor allem nomisches Problem, und in Zukunft wird das nicht komplizierter
die Erhaltung dlr Umwelt verlangt den allgemeinen Übergang zu und teurer sein als die in Zukunft ebenso erforderliche Gewin-
einem geschlossenen Produktionszyklus ohne schädliche nung von Schwefelgas und Stickstoffoxiden aus den Heizgasen
Abfälle. Die enormen technischen und wirtschaftlichen Pro- der Wärmekraftwerke.
bleme, die mit einem solchen Übergang verbunden sind, können Zum Verkehrswesen, Im Bereich des Individualverkehrs, der in
nur weltweit gelöst werden (ebenso wie die Umgestaltung der den ST die Grundlage sein wird, wird das eigene Auto, wie ich
Landwirtschaft, demografische Probleme usw,) meine, von akku-betriebenen Fahrzeugen mit Gelenkbeinen abge-
Ein anderer Zug der Industrie wie der gesamten Gesellschaft löst werden, die den Rasen schonen und keine Asphaltstraßen ver-
der Zukunft wird eine viel umfassendere Nutzung der kyberneti- langen. Für den eigentlichen Fracht- und Personenverkehr bedeutet
schen Technik als heute sein. das Helium-Flugschiffe mit Atomantrieb und vor allem Expreß-

EI'E ZEI T"


ztige mit .A.tornantrieb auf Hochgleisen und in Tunnels. In einer von Zivilisationen anderer Planeten im Weltraum. Informatio-
lieih.e von Fällen, insbesondere im städtischen Nahverkehr, nen aus anderen Welten könnten revolutionierenden Einfluß auf
wird die im Fahren erfolgende Be- und Entladung unter Einsatz alle Seiten des menschlichen Lebens, auf Wissenschaft und
von speziellen mobilen Zwischeneinrichtungen (rollenden Bür- Technik haben und zu einem Austausch von gesellschaftlichen
gersteigen, etwa wie sie in Herbert Wells' ,,When the Sleeper Erfahrungen beitragen. Untätigkeit in dieser Richtung wäre,
Wakes" beschrieben wurden, Entladewaggons auf Parallelglei- obwohl es keinerlei Garantien für einen Erfolg in absehbarer
sen usw.) Verbreitung erfahren. Zukunft eibt. unvernünftig.
Zu Wi,ssenschaft, modernster Technik und Raumforschung. Ich gehe davon aus, daß es leistungsstarke Teleskope, instal-
Die theoretische kybernetische Modellierung vieler komplizier- lien in Ftrrschungslabors im All oder auf dem Mond, ermögli-
ter Prozesse in der Forschung wird noch größere Bedeutung chen rr urden. die Planeten, die sich in einer Umlaufbahn um die
erlangen als jetzt. Der Einsatz von Computern mit großer Spei- nächsten Sterne befinden (Alpha Centauri und andere), zu
cherkapazität, die in Bruchteilen von Sekunden Aufgaben lösen sehen. Di; Vergröße-
"tmosphärischen Störungen lassen eine
(parallell funktionierende Computer, möglicherweise fotoelek- runs dei ::r:eel der auf der Erde aufgestellten Teleskope nicht
tronische oder rein optische mit Verknüpfungen innerhalb der sinnr ol- ;:.,-i,::aen.
Datenfelder), wird es erlauben, multidimensionale Aufgaben zu O::::-,. '.,. :: :nan Ende dieses halben Jahrhunderts mit der
lösen, Aufgaben mit einer größeren Zahlvon Varianten. cluan- '.'..::.:r,::,:::: tr:s:hließung der Mondoberfläche sowie mit
tenmechanische und statistische Aufgaben vieler Körper usr .
::: \-::-:.: ::: \::::riCen beginnen. Durch Explosionen spe-
Einige Beispiele für derartige Aufgaben: Wettervorhersaq::.. -. : r: .-. : : :.. :,: :; :. :. : : der Oberfl äche der Asteroiden wird es
die Magnetfeld- und Gasdynamik der Sonne. der Coroi: ::.: ::: :: *:::. -::. B:lCqung zu steuern, sie nähgr an die
anderer astrophysikalischer Objekte, Berechnun!.'n .:_i:-.- -:-r-- I-- -:-
scher Moleküle, Berechnungen elementarer L'iophr six.iis;h::
5..ri:it eimge i.-::3: ii'.::r:esen über die Zukunft von Wis-
Frozesse, Berechnungen der Eigenschaften r on fes:e: '..r:: l-.;.-
:3n!-hafi und Te chn:i D.-:r .1:::i habe ich fast vollständig das
sigen Körpern, von flüssigen Kristallen. B:rechn:nsen ,jer
umsangen. g'as das eiseniil;:e I{:z Jer Wissenschaft ausmacht
Eigenschaften der Elementarpartikel. kosmologische Berech-
und oft. was die praktischen Ft iq:: :nseht. am bedeutsamsten
nungen, Berechnungen multidimensionaler Produktionspro-
ist - die abstrakte theorerische Forsch:ns. die von unerschöpfli-
zesse, z. B. in der Metallurgie und der Chemieindustrie. kompli-
chem Wissensdrang. von der FleribLüiär und der Kraft des
zierte ökonomische und soziologische Berechnungen usw.
menschlichen Verstandes bestimmt *.ird. In der ersten Hälfte
Obwohl die kybernetische \fodelLierung auf keinen Fall das
des 20. Jh. waren das die Entwicklung der speziellen und der all-
Experiment und Beobachtungen ersetzen kann und darf, gibt sie
gemeinen Relativitätstheorie, die Schaffune der Quantenme-
nichtsdesto\-eniser enorme zusätzliche Möglichkeiten für die
chanik, die Entdeckung der Struktur des Atoms und des Atom-
Entwicklung der Wissenschaft. So ist das eine hervorragende
kerns. Derartige Entdeckungen waren und bleiben srers unvor-
Möglichkeit. um die Richtigkeit der theoretischen Erklärung
hersehbar. Das einzige, was ich wagen kann, und auch das mit
einer bestimmten Erscheinung zu überprüfen.
großen Fragezeichen versehen, ist, einige recht breite Richtun-
Möglicherweise werden Erfolge bei der Synthese von Stoffen gen zu nennen, in denen meiner Meinung nach besonders wich-
erzielt, die Supraleitfähigkeit bei Zimmertemperatur besitzen. tige Entdeckungen möglich sind. Die Forschungen im Bereich
Eine solche Entdeckung würde eine Revolution in der Elektro- der Theorie der Elementarteilchen und in der Kosmologie kön-
technik und in vielen anderen Bereichen der Technik, z. B. im nen nicht nur zu einem großen konkreten Fortschritt in bereits
Verkehrswesen, bedeuten (supraleitfähige Gleise, auf denen ein vorhandenen Forschungsbereichen führen, sondern auch zur
Fahrzeug ohne Reibung auf einem Magnetkissen gleitet; natür- Herausbildung völlig neuer Vorstellungen über die Struktur von
lich'können andererseits auch die Gleitkufen supraleitfähig und Raum und Zeit.Die Forschungen im Bereich der Physiologie und
die Gleise magnetisch sein). der Biophysik, zur Regulierung der lrbensfunktionen, in der Medi-
Ich gehe davon aus, daß es die Erfolge der Physik und der Che- zin, in der sozialen Kybemetik und zur allgemeinen Theorie der
mie (vielleicht bei mathematischer Modellierung) nicht nur Selbstorganisation können große Überraschungen bringen. Jede
erlauben werden, synthetische Stoffe, die all ihren wesentlichen große Entdeckung wird direkt oder indirekt größten Einfluß aufdas
Eigenschaften nach die natürlichen überbieten (hier sind die Leben der Menschheit haben.
ersten Schritte bereits getan), zu entwickeln, sondern auch
künstlich viele einmalige Eigenschaften ganzer Systeme der Unvermeidlicher Foftschritt
lebenden Natur zu reproduziern. Man kann sich vorstellen, daß
in den Automaten der Zukunft ökonomische und leicht steuer- Mir scheint die Fortsetzung und Weiterentwicklung der jetzt
bare künstliche ,,Muskeln" aus Polymeren. die die Fähigkeit zur bestehenden Haupttendenzen des wissenschaftlich-technischen
Zusammenziehung besitzen, eingesetzt werden. daß hochsensi- Fortschritts unvermeidlich zu sein. Ich betrachte das, was die
trle Meßgeräte für organische und anorganische Ztsälze in Luft Folgen angeht, nicht als tragisch, obwohl mir die Befürchtungen
und Wasser, die nach dem Prinzip einer ,,künstlichen Nase" jener Denker, die den entgegengesetzten Standpunkt vertreten,
funktionieren, entwickelt werden, usw. Ich gehe davon aus, daß nicht ganz fremd sind.
die Produktion künstlicher Diamanten aus Graphit mittels spe- Das Bevölkerungswachstum, die Erschöpfung der Naturres-
zieller unterirdischer Nuklearexplosionen möglich sein wird. sourcen - all das sind Faktoren, die die Rückkehr der Mensch-
Diamanten spielen bekanntlich eine sehr wichtige Rolle in der heit zum ,,gesunden" Leben der Vergangenheit (in Wirklichkeit
modernen Technik, und deren billigere Produktion könnte dazu eines sehr schweren, oft grausamen und freudlosen Lebens)
noch mehr beitragen. absolut unmöglich machen - selbst, wenn die Menschheit das
Einen noch wichtigeren Platz in der Wissenschaft der Zukunft wollte und es unter den Bedingungen der Konkurrenz und bei
muß die R aumforschung einnehmen. Ich gehe von einer Intensi- allen nur möglichen wirtschaftlichen und politischen Schwierig-
vierung der Versuche aus, Kontakt zu Zivilisationen auf anderen keiten verwirklichen könnte. Die verschiedenen Seiten des wis-
Planeten aufzunehmen. Dazu gehören Versuche, Signale von senschaftlich-technischen Fortschritts - die Urbanisierung, die
ihnen in allen bekannten Strahlungsarten zu empfangen, sowie Industrialisierung, die Mechanisierung und die Automatisie-
zugleich die Entwicklung und Inbetriebnahme eigener Strah- rung, der Einsatz von Düngern und Pestiziden, die Entwicklung
lungsanlagen. Dazu gehört die Suche nach Informationskapseln der Kultur und der Freizeitmöglichkeiten, der Fortschritt der

ffi .H E U E r E I r" 2.90


Medizin, die Verbesserung der Ernährung, die Verlängerung der
lrbenserwarfung - sind auf das engste miteinander verbunden, und
es gibt keine Möglichkeit, irgendwelche Richtungen des Fortschritts zu
,,beseitigen", ohne die Zivilisation insgesamt zu zerstören. Nur der
Untergang der Zivilisation in einem nuklearen Inferno, durch Hunger.
Seuchen und allgemeine Zerstörung kann den Fortschritt rückgängig
machen, doch nur ein Wahnsinniger könnte das wünschen.
Heute steht es in der Welt fürwahr nicht zum besten, Hunger und
vorzeitiger Tod bedrohen direkt unzählige Menschen. Die vorran-
gige Aufgabe eines fürwahr menschlichen Fortschritts besteht
heute daher darin, gerade diesen Gefahren entgegenzu$ irken. und
jede andere Haltung wäre unverzeihlicher Snobismus. Bei all dem
neige ich nicht dazu, nur die materiell-technische Serr: je. F:,::-
schritts zu verabsolutieren. Ich bin davon u':;-;-:- *,: :.=
eigentliche Aufgabe der menschiicben hst:;:::c. =::: :c: F-:r-
schritts, nicht nur darin besteht. alle Er::::-:i.: i -: -:-:::,i::
Leiden und vorzeitigem Tod z..l'ler:i:e:. \-:r.i: ,-:: .: ::: 17. tttai 19T4

Ein Mann, auf den man endlich hören muß


Sacharow sagte, nicffi deswe' angelangt. Nötig ist eine
gen, weil er eine schwache =^ie
,,13",,,s,916n1
Wi+tri"if,it#f;
wir ihm nicht das gesagt haben,
Stimme hätte und nicht zu formu-
lieren verstünde. Unser Bewußt- a"
, (:.','ersion" bedeutet ja vor
3- !rrrandlung. Erforder-
was wir hätten sagen sollen, son- sein konnte ihm nicht folgen, und ,:.i s: - -e Umwandlung, d. h.
dern weil wir das. v/as er uns da schalteten wir sein Mikrophon + -€ l-:- :arisierung, eine
sagte, nicht gehön haben, Nach- ab. ln dem Augenblick, da wir für rtr3-t€ - - zu-,r Frieden Und
dem er von uns gegargen ist, die Erkenntnis reif werden, daß z-- ---?- s-,s in ailem - in
nimmt diese Schuld rc:r zu - mrt sein Mikrophon eingeschaltet ilfis.'ä: rc 1ik. Lebens-
jedem Tag. Er kann --s schon bleiben muß, begreifen wir: Das, .,^i^^
r'r!We ^^
- ,: aüi r.
nichts Neues mehr sagr, doch was er uns sagte, isl vernünftig lrn rea.s-
-+:er e.'folgt die
die Tatsache, daß all oas. aas er und im Grunde einfach. So ein- Umsleliurg se osi von
uns vor einem Jahr. ,.'3r 'l enl fach wie die Wahrheit. Rüstungsbetreoer iberaus
vor 20 Jahren sagte. :r ::er roch Die Logik seiner gesellschaftli- langsam unc,,rrde.scrichlich,
für uns neu ist, zeigß. ca3 *''Zert chen Entdeckungen wird sich was nur die Grö8e cer Äi]fgabe
verlieren. zweifellos Bahn brechen. Doch unterstreicht. Sacharow
Sacharow ist der rez:e äe,,,'eis schon ietzt kann man wohl begann bei sich selbsr. e'(cn-
dafür, daß die mensci. sre Ver- sagen, daß sein unbegreiflich vertierte selbst.
nunft grenzenlos ist. Ca: -r sie paradoxes Leben von höchster Sacharows erste Verv/and-
nicht begrenzen. €,^So€rr€n. Logik war. lung erinnert an den -Fali
unteriochen kann. Das s: eine Einen großen Menschen kenn- Oppenheimel', an den Kom-
Binsenwahrheit, doci slenbar zeichnen zwei Züge. Er sieht das,
Chance, seine Ratschläge zu nut- plex Albeft Einstein. Letzteres
braucht sie eine Bes-::c:no in
was den übrigen verborgen zen, doch von seiner hohen stellt ihn in eine Reihe neben
jeder neuen Generaio-. Warte aus wandte er sich schon Persönlichkeiten wie Tolstoi,
bleibt. Und er lebt nach dem Kri-
Es geht dabei nicri --'-- die terium der Wahrheit. Uns einfa-
direkt an unser Volk, an die Gandhi und Martin Luther King.
-:'r'
bitteren Seiten. Es ge-: . 3 Menschheit. Die Welt, unser Land lm Genius kommt die Vielfalt
chen Sterblichen ist weder das
grundsätzlich um i,e :e:. f, e lernten den gesellschaftlichen der Menschheit zum Ausdruck.
eine noch das andere gegeben,
Vernunft in den Diensl .'c' €:,\ as Denker und einen temperament- Der Genius ist Ausdruck der Uni-
deshalb zürnen wir unserem gro-
anderem als der Sucne rec- agr ßen Zeitgenossen und erlauben
vollen Kämpfer von propheti- versalität. Der Genius ist die Ant-
Wahrheit zu stellen. es der Nachwelt, ihm Tribut zu
scher Größe kennen, wort der Menschheit auf die
Die Geseüe der Phls!< s.rC
Wissenschaftler... Bürger... Grundfrage der Epoche.
zollen.
Künder einer neuen Welt... Sacharows erste Konversion
frei von ldeologie. Ve,.suche, Andrej Sacharow lebte drei
Sacharow durchlebte gleich- bedeutete, daß nichl die Physik,
ldeologie in die Naturwissen- Leben, das eine bedeutsamer als
sam das Leben der Menschheit. sondern.die Politik unserem Land
schaften einzLrfilhren, wie die das andere. Der Physiker, der die
Oder, wai das gleiche ist: Mit sei- und der. MenSchheit Sicherheit
Erfindung der
"arischen
Physik" -
Bombe erfand so begann er.
nem Leben bahnte er. der bringen muß. Die zweite Konver-
oder die Behauptung, die Kyber- Dafür überhäufte der dankbare
Menschheit den Weg. Wie sieht sion zeigte die HauptstraBe der
netik sei eine ,,bürgerliche Pseu- Staat ihn mit Auszeichnungen...
dowissenschaft", endeten mit Doch der Wissenschaftler ver-
dieserWeg aus? Umwandlung der Politik - aus
einem Fiasko. Das Phänomen sland besser als andere, was er Wenn man Probleme beim einem lnstrument zur Eneichung
Sacharow erklärl sich dadurch, erfunden hatte. Er versuchte, den Formulieren hat, versteckt man der egoistischen nationalen und
daß er nicht nur seinen starken Politikern klaaumachen, daß die sich nur zu gern hinter Fremdwör- gesellschaftlichen Ziele hin zu
lntellekt für die gesellschaftliche Bombe unter Konirolle gestellt tern. Sollte man hier nicht das allgmeinmenschlichen Werten,
Analyse einsetzie, sondern auch werden müßte. Nichts außer Wort,,Konversion" verwenden? zum Humanismus.
die Unbestechlichkeit des Wis- Gereiztheit konnte bei den Politi- lm Nuklearzeitalter sind die Die NZ wird die Veröffentli-
senschaftlers, die Unvoreinge- kem eine solche,,Einmischung in Waffen an ihre Grenze gestoBen, chung von Sacharows Arbeiten
nommenheit des Analytikers... ihre Angelegenheiten" hervorru- wurden zu einem Absolutum, fodsetzen.
lntellektuelle Kraft kann man fen... ln seinem dritten Leben haben sich erschöpft. Außereiner
Alexander
nicht lemen. Man muß aber ler- trennte er sich nicht von der Phy- Apokalypse kann man mit ihnen
nen, unqbhängig zu denken. Wir sik, und bis zu seinem Tod gab er nichts erreichen. Das Jahrhun- Pumpjanski
überhörten das, was uns Andrej den Politikern immer wieder die dert der Waffen ist an seinem Foto: Juri Rost

.II E U E I EI T"
FER$0il[ttril

bekannte Wissenschaft- sten Mitarbeiter von Ota stierte dennoch weiter.


ler und führende Spezia- Sik, dem ,,Vater" der Die Tatsache, daß sie
listen ökonomische, *Sd ri tschechoslowakischen nicht zu jenen gehöften,
ökologische, soziale und Wirtschaftsreform. Ohne die 1968 auf dem ,,Säu-
kulturelle Projekte für Unterstützung seitens berungsaltar" geopfert
Armenien aus. Juristen der entmachteten politi- wurden, aber dennoch
erweisen den Volksdepu- schen Führer, die der ihren Ansichten treu blie-
tierten der Unionsrepublik Ausarbeitung altemati- ben, gibt einigen Anlaß,
Hilfe. lnzwischen ver Projekte für die Ent- ihn als Galilei der Reform
erscheint bereits die Zei- wicklung der tschecho- zu bezeichnen (wogegen
tung,,Armjanskij westnik" slowakischen Wlrtschaft Ota Sik mit Giordano
in armenischer und russi- aufgeschlossen gegen- Bruno verglichen wird,
scher Sprache" Geplant überstanden, hatte es der auf dem Scheiter-
ist die Wiedereröffnung Komarek und seine Kol- hauten starb). Aber
des Hauses der armeni- legen recht schwer. Sie weder Galilei noch
schen Kultur, das vor blieben mit ihren ldeen Komarek hatten ein
dem Krieg bestanden hat, prognosen der AdW der einer radikalen Reform leichtes Schicksal. Als
sowie eine umfassende CSSR und wurde stän- allein und mußten sich Neunjähriger kam er in
Vorsitzender der lt4os- Verlagstätigkeit. dig dafür kritisiert. er häufig gegen Verdächti- ein faschistisches KZ.
kauer armenischeir Kul- würde ,,6Bern- Unter- gungen seitens der Antifaschistische Über-
turgesellschaft wurde schlupf bieten, d. h. Machthaber zur Wehr zeugungen brachten ihn
den 46jährige Wagan Der 60jährige Wirt- jenen, die damals die setzen, die in ihnen Dis- 1946 zur KPTsch. Und
Fmin, Sohn des schaftswissenschaftler Grundlagen tir eine sidenten vermuteten. obwohl ernach dem,,Pra-
bekannten sowjetarme- Valtr Komarek wurde Wirtscha'itsreform aus- Das ,,Hirn" der Verfech- ger Fnihling" nicht durch
nischen Dichters erster Vizepremier der geaöeitet hatten, die ter der Marktwirtschaft, das Scherlcengericht ver-
0ework Emin und Enkel Tschechoslowakei. nach dern
"Prager
Früh- dem neben Komarek urteilt wurde, kann man
des Klassikers der Lange Zeit leitete er das ling" demontiert wurde. Adolf Suk, Vaclav Klaus ihm keinesfalls vonrverfen,
armenischen Literatur lnstitut für Wirtschafts- Er war einer der eng- u. a. angehörten, exi- zusammen mit der Partei-
Wagan Terjan. linie geschwankt a)
Der Absolvent der haben. Seinen
Moskauer Hochschule tm Kino und im,,S€sselr neuen
Posten, derihm kein leich-
für lnternationale Bezie- tes Leben verspricht, hat
hungen, Arabist 1-ä enr i-eiannten Frlm- und Theaterregis-
und er auch ohne Schwanken
Spezialist fLlr Völker- äJ Juli G.srmn ist es offenbar gelün-
angenommen, als neue
recht ärbeitete nach sei- gen. f'eu.-
ieeuve und administrative Tätigkeit
Herausforderung des
nem Studium als NZ- unrer eil::: Hut zu bringen. Schon sejt andert. Schicksals.
Korrespondent in agyp- hail'' J ':en rst er Direktor des Zentralen Hau-
ten" st: :;:Friinschaffenden, lmlillElEtt
Gegenwärlig unter- luli Girsman gehört zu den Begründern rles Der Name des deut-
richtet er an der ..K!u'es der Lusrigen und Findigen" (,;KWll'r;. schen Schriftstellers
Lumumba-Universität Das Fernsehen machte den damaligen Medi- Stefan Heym, der früher
der Völkerfreundschaft . aftsfuJrntL.n aus Baku in der ganzen Union als viel bei uns übersetzt,
Das frrwachen des einen der $ttzjssten Kapitäne von Studenten- später jedoch von allen
nationalen Selbstbe- manns{lr3-ftr-n bekannt. Er vcrteidigte tlotz Listen gestrichen wurde,
wr,rßtseins machte auch ailem sein Diplom sowie seine Dissertätion auf taucht wieder in
der
keinen Bogen um die dem Get'iet dcr Psychiatrie. Der Hang zur Kunst war allerdings stlirker. Er: ,
Presse der DDR auf.
armenische Diaspora. belegre und ab*olvierte einen Regisseur",Hochschulkurs. Heute i$t er din erfah- I, Zusammen mit anderen
Die Tragödien von Spi- rener }{eiiter seines Faclres. der sr..chs Spiclfilme und eine Vielzahl von Thea- , Kulturschatfenden, Wis-
tak und Leninakan terstücken ic Szene ge$etzt hat" Direktorwurde er näch dem 5. kongre$ de.;: senschaftiern und Geist-
heben die Moskauer Verbandes der Filmschaffenden der UdSSR, als der Vorstand des Hauses der
,

llchen unterzeichnete er
,
Arrnenier enger zusam- Filmschaüenden. das vom I)ramalurgen Vlktor Mereshko gelöiter nlrd, die ,,Erklärung '89", ein
menrücken lassen" Es I

regelrechtes Manifest
entstanden Hilfskomi-
beschloß, eineo Kollegenr rurf,
mit urwrwr Aufgabe au
dieser nsrBsu9 betrauen.
zu uF1t4u9!t . :l:,
der Befreiung.
Seither gibt es im Liben des Hauses der Filmschaffenden viele Neuerungen.
tBes, man $ämmelte Helmut Flieg, so sein
Hier fanden die ersten Abende statt, die dem Schaffen von Aläxandei Solshehi.
Geld und leistete Dien$t r
richtigar Name, legte
in Krankonhäus€rn... zyn ünd anderer im Ausland lebonder VeffreJsr dsr nl$*i$ö1reg,Kqltür i
met waren. Hier fand dcr erste Nikita-Chrustschow-Gedenkakrle,itAttl
sich in der Emigration
Auch Wagan Emin, des- das Pseudonym $lefan
scn Name iedem Arme- gibt hier eine eigene Zeitung heraus, hier gibt er,ein Thöater {unteidertLeitr
Heym zu, Schon 1931
nier geläufig ist, blieb wurde er für Gedichte
nicht abseits. verfolgt, die gegen den
ln
N4oskau gibt e$ deutschen Nationalis-
bereits sieben Schulen, mus gerichtet waren.
in denen samstags und Nach seiner Übersiede-
sonntägs die armeni- lung in die USA ärboitete
sche Sprache gelehrt er an einer antifaschisti-
wird. Konzerte, Vorle- schen Zeitung mit. ln den
sungen und Abende USA gab er auch seinen
werden organisiert. ln ersten Roman in engli-
den von der Organisa- ter Streifen im Studio MOSRLM. scher Sprache heraus.
tion ins Leben gerufenen Währond des Krieges
Sektionen arbeiten kämpfte er in den Beihen

ffi ,,f{Eut ZEIT" 2,N

-J
PERS0llAttEil

stößt auf eine Mauer der nicht nur die Berliner Das, was sie von
i'i:,,t;:i Entfremdung, eine Mauer gefallen ist, son- ihrem Großvater weiß,
Mauer des Autoritaris- dern auch die Mauer der den man 18 Jahi'e vor
mus und Bürokratismus, Entfremdung, die bisher ihrer Gebud mit dem
eine Mauer der Gleich- den Schriftsteller Kopf nach unten aufge-
gültigkeit der nichts ver- umgab. hängt hatte, unterschei-
stehenden und schwei- det sich allerdings deut-
genden Masse. Selbst lich von der historischen
der kuze Augenblick der
re Einschätzung: ,,Mein
gesellschaft lichen Aner- Die junge italienische Vater erinnerte sich an
kennung. die den Helden Schauspielerin Ales- ihn als einen guten
auf den Gipfel des sandra Mussolini fühlt Familienvater, einen
Ruhms tragt. entfremdet sich immer etwas ffi impuisiven lvlenschen

u.
ihn de,!^ I'lenschen noch
meri:'. C€ai, nu;n wifd er
z- e i€fin Oolekt des Nei-
unwohl, wenn man ihren
Namen nennt. Die Enke-
lin des Duce sagte, sie
:rtl
#*
- €,
:flx:ki9"":y,:iRl:
cnen Geschlechts." Die
amerikanische Wocher-

der US-Army. Nach oer


3es. C€r lieugier und der
\acrsc"cniererei. Ein
hätte es mit einem einfa-
cheren Familiennamen
!f,X$'
{. zriicnhrifi Pannla \A/ao-
n;rr;*'"n*:n::.ui:;
Zerschlagung des tG;.':ar ces Buches bil- bestimmt leichter men, als sie vor fünf Alessandra habe weit
Faschismus aöeitere er de. 'i3'iüen einesvom gehabt. Sie beabsichtigt Jahren keine Rolle im erfolgreichere Ver'-
in einer Zeitung, die von r-?ae. rm Gaden gefun- allerdings nicht, den Streifen ,,Der Unter- wandte. Die zauberhaf-
den amerikanischen *:."e- Blocks, den ein Namen zu wechseln, grund von Assisi" ten grünen ausdrucks-
Besatzungsbehörden in S:asa3ient verloren weil sie der Ansicht ist, bekam, weil Verwandte vollen Augen habe sie
München herausgege- ira;ie Cer den Schrift- daß Alessandra Musso- von Juden, diewährend von ihrer Tante Sophia
ben wurde, und beim *g er :öserviede... lini nie etwas Schlechtes des Krieges umgekom- Loren geerbt. lnr Alter
Rundfunk. Der kahe 9e aldive Einbezie- getan habe. Die 25jäh- men waren, dagegen von neun Jahren $pielte
Krieg machte ihn zur- aLr',. ,,cn Stefan Heym in rige Schauspielerin hatte protestierten, daß Ales- sie zusammen nrit der
Persona non grata in den cas öfientliche Leben tatsächlich Schwierigkei- sandra ein Mädchen Filmdiva in ,,Rot, weiß
westdeutschen lr4 assen- rd Eezeigt, daß in den ten wegen ihres aus einer judischen und ..." 1977 spielte sie
medien, was ihn zwang. , er3iangenen Monaten GroBvaters bekom- Familie spielen sollte. zrisammen mit Sophia
erneutin die USA Loren und ltrlarcello
zurückzukehren. Als Za- Mastroianni im Fihn ,.Ein
chen des Protestcj besonderer Tag", der,
gegen den Koreakne-c trs der Zeihmg in db ReglenilU eine lronie des Schick-
gab erderUS-Regierurg
er,,Prawda"-Korrespondent Otachon sals, vom aufkonrmeir-
alle militärischen Aus- l-atif wurde zum stellvertretenden Vor- den Faschisnrus hancieii.
zeichnungen zuruck. Da 1985 nahm Alessandra
I siizen&n des Ministerrates der Tadshikischen
bekam er es mit ,:en :SSRberufen. an cier Medizinischen
McCarthy-Leuten zu iui. i Dieser $*rrin soll ihn auf Herz und Nieren Hochschule von Hom ein
1952 siedelte er in oe i prufbc: Kritisieren kannst du. ieta zeige auch. Studium auf. Sie will ihi'
Hauptstadt der DDR I da8 dlr in &r Lage bist. l-ösungen zu finden. Leben nichi als ..kieine
über. ln den 50er Janrer \2+ d€m Schulabschlu8 arbeitete er als Kol- Laus" verleben, r!-eshalb
wurde sein Schaffen drcbaler ud nahm danacü ein Studium an der sie trotz einer erfciqici-
hoch gewürdigt, darr,n- t enirynder Univenität auf. Dann kehrte er in chen Kaniere als Scirau-
ter mit dem Heinrich- sei*e Heimat zurück und arbeitete als Redak- spielerin en Diplom
Mann-Preis. Bald aber teur im Verlag ,,Irfon". erwerben will. Alessan-
gefiel seine kritische Er arbeitetefürdie Jügendzeitung derUnions- dra trink nicht, raucht
Betrachtungsweise auch republik und im Apparat des ZK des Tadshiki- nicht und wird wahr-
den Behörden dieses schen Jugendvertrandes, schrieb für die ,,Kom- scheinlich auch nicht als
Landes nicht mehr. somolskaja Prawdal' und bereiste in den vergan- ,,kldne Laus" enden. lbr
Sein 850-Seiten- gene4 15 Jahren die mittelasiatischen Unionsre- sechs Jahren wählte ma.n
Roman, Briefe aus der publiken als,,Prawda':Korrespondent. sie zur sctlinsten Mode-
DDR, erschien 1988, als , Weln in der ,,Frawda" Beiträge üon ihm erschienen, konnte rnan :idter sein, ratorin eines italienischen
der Schriftsteller 75 daß Fragen aufgeworfen werden, die nicht nur ftir Tadshikistan von Bedeutung Unterhaftungspro-
Jahre alt wurde, in Mün- sind. Er schrieb über das Nurek-Wasserkraftrverk und das SchickszLl des Aralsees. gramms. Kürzlich spielte
cheru ln Berlin war Seine Reportage .,Ein Kischlak in Duschanbe" wurde sogarbei einer ZK-Sitzung sie die Hauptrolie in
damals an eine Veröf- der KP Tadshikistans erörtert. Man beschloB daraufiin, einigen Behörden die einem Reißer mit rlern
fentlichung noch nicht zu .Flügel zu stutzen und mehrere Verwaltuagsgebäude der öffentlichen Nutzung zu litel ,,Der \ffeg nach Ain
denken. Heym schreibt äorad", die Roile einer
,übergeben. So kam auch das wissenschaftlich-technische Jugendzentrum zu
von sich, obwohl er in
;.€inem Dachüberm Kopf, Der Artikel ,,Der Staudamm" veranlaßte den Mjnister-
israelischen Soldatin, die
der dritten Person .rat der Unionsrepublik, das Programm der Wassernutzungzu revidreren. sich in einen Journaiieten
erzählt. Der Autor meh-
ii ,, ,,lrn Ministerrat muß ich mich mit denselben Problemen befassen, über die ich in verliebt hat. Vielieicht
rerer historischer Roma- , Zeitung geschrieben habe", sagte Otachon L,atifi. ,,Zu meinem Aufgabenbe- wird der Name Muss..:lini
ne, darunter,,Kreuzlahrer reich gehören die Kultur, Künstlerverbände und gesellsclraftliche C)rganisationen, bei der neuen Generatbn
von heute" und ,,Golds- das Gesürldheits- und Sozialwesen, die Volksbildung, die Alcademie der \#issen- weniger Erinnerungeri an
borough" hat diesmal auf r aften u\d das Aqßgnrninistedum. Meine Aufga6e besteht nicht darin, sie zu cien Duce heraufbe-
epische Motive veaich- rrchutmeistern-, sondern ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. tch fühle schon, schwören als vieln'lehr an
tet. Der mit S. H. bezeich- .OagichmichUaldumunterstützungandiePresseleutewendenwertie.lmmerhinb.in seine bezaubernde und
nete Held verbringt in friedliebende Enkelin.
lich nac! wre yo;Vorstandsvorsitzender des tadshikischen Journalistenverbandes,'
,,Nachruf' seine Tage wie
ein Eingemauerter. Er D. $iosr.iil;l

,$ftti
Umsteigen
Warum geht ein Regisseur aus einem berühmten kow hätte inszenieren wollen, hätte ich mir
keine Gedanken darüber gemacht, ob ich
Theater an ein weniger populäres? Wie sieht den Saal vollkriege oder nicht. Die Ein-
das Theater der Zukunft aus? trittskarten wären weggegangen wie warme
Semmeln. Heute, ungeachtet dessen, daß
Der künstlerische Leiter des Jermolowa-Theaters das immerhin Nabokow ist und sich unser
Theater im Stadtzentrum befindet, kann ich
Wladimir Fokin antwoftet auf Fragen des NZ-Korrespondenten dieses Stück nicht auf der großen Bühne
Sie begannen in einem so wunderbaren wurde in letzter Znit zum Schimpfuort. Mir inszenieren. Weil das ein elitärer Autor ist,
Theater wie dem "Sowremennik", heute scheint, das sei nicht richtig, weil die Pubtüi- der einen begrenzten Zuschauerkreis
sind Sie künsüerischer Leiter des Jermo- stik ein wunderbares Genre ist. Das Theater anspricht. Das Stück läuft im Saal für L50
lowa-Theaters. Ohne die Verdienste des mu9 aber heute weitergehen, sich direkt mit Zuschauer.
letzteren herabzuwürdigen, mu8 man Kunst befassen. Man darf nicht vergessen, [Jnsere Premiere ..Unser Decamerone"
doch aber zugeben, daß der,Sowremen- daß es auch schöngeistige Publizistik gibt. nach einem Srück von Radsinski, das
nik" ein Theater ist, mit dem eine ganze Das schließt aber nicht aus, daß sich einzelne Roman Wiktjuk insfunierte, füllt im
Epoche in unserer Kunsl veöunden ist. Theater mit Potitik beschäftigen. Überhaupt Gegenteil jeden Saal. Bei diesem Stück
Warum sind Sie da weggegangen? sollte der Sinn dieser neuen Sichtweise darin rennt man uns die Türen ein. Kitsch? Bou-
Ich wollte natürlich vor allem selbständig bestehen, daß alles Daseinsberechtigung hat. levard-Theater? Nennen Sie es. wie Sie
werden. Man darf nicht vergessen, daß das im Wenn ein Theater ein politisches Stück auf- wollen, doch der Saal ist voll.
April 1985 war, damals wurden junge Leute fuhren will, bitte. Man soll nichts ausklam- Pluralismus im Repedoire setzt eine
nicht zu Chefregiseuren emannt. Nennen Sie mern. Der einzige Richter ist der Zuschauer. starke Schauspielertruppe voraus.
es, wie Sie wollen: den Wunsch, sichzubestä- Wer besucht heute lhr TheateP Wenn ein und derselbe Zuschauer nicht
tigen, einen neuen Weg zu gehen. Wenn man Die Zuschauer sind unser größtes Pro- zu zwei verschiedenen Aufführungen
38 ist, und sich eine, vielleicht auch noch so blem. Ich bin nicht ganz einverstanden mit geht, kann in ihnen denn ein und der-
illusorische Möglichkeit bietet, freier an wer- der Meinung unserer Kritiker, daß das Thea- selbe Schauspieler mitwirken?
den im eigenen Schaffen, überlegt man nicht ter heute insgesamt in einer Krise stecke und Ich denke, daß sich überhaupt unsere
lange. Es gab übrigens Einwände gegen meine die Gleichgültigkeit der Zuschauer nur den Wechselbeziehungen zu der Truppe,
Ernennung sowohl in der Theaterszene als Mißerfolgen des Theaters zuzurechnen sei. unsere internen Theatergesetze verändern
auch im Stadtparteikomitee. Das ist wohl nicht richtig. Es gibt auch noch sollten. Wir sind heute praktisch frei.
Sie haben das Theater gewechsetl die Krise des Zuschauers. Das ist meiner Haben alles bekommen, dürfen den Lohn
Auch die Ansichten über das TheateP Meinung nach nattirlich, weil man heute die in der Höhe zahlen, wie wir das für richtig
Theater bleibt immer Theater. Fine andere Möglichkeit hat, auszuwählen. Bücher, erachten. Wir können selbst den Stellen-
Sache, wenn man den ,,Sowremenni*" Kino;. Video..; Es entstand ein Markt. plan ändern, die Zahl der Aufführungen
ninrmt, so grtinden sich seine Traditibnenv.or Schlecht?'Das ist herrlich. Es gibt Konkur- festlegen, Wir machen alles selbst, außer
allem auf die Stücke, diä stäätsbtirgerliche renz,l'Dbr: ZusChauer' wählt aus. Heute ist einem. Wir können keinen guten Schau-
Positionen behaupten. Er örftilltä eine uralte . wohl die Zeit lekommen, da wir uns überle- spieler am Theater halten und keinen
Funktion, die der russischen Kunst eigen ist gen müssen, für wen und wofür wir die schlechten rauswerfen. Also das Problem
und die Gogol einst definierte: Theater ist eine Stücke spielen. Wenn ich vor einigen Jahren der Beziehungen zwischen mir als künstleri-
Tribüne. Das war also vor allem ein Theater auf der großen Bühne (für 800 Zuschauer) scher Leiter und der Truppe blieb ungelöst.
gesellschaft spolitischer Ausrichtung, das seine die ,,Einladung zur Hinrichtung" von Nabo- Ich kann niemanden rauswerfen, wenn
Hauptaufgabe im Dienst an der Gesellschaft jemand nicht gerade säuft, und kann keinen
sah. Wenn ich heute sage, daß sich die Zeiten guten Schauspieler halten, der zum Film
gelindert haben, so heißt das nicht, dnß ich in geht. Wir haben die Verträge nicht, von
den gesellschaftlichen Idealen enttäuscht wor- denen wir immer reden und ohne die es
den bin oder den Glauben verloren habe. Nur. letztlich nicht geht. Jetzt kann man Kon-
die T.etten haben sich wirklich geändert. Und trakte noch nicht einführen, denn die sozia-
das Theater, wenn es nicht hinter der Z,eit len Bedingungen sind nicht reif, es fehlt der
zurück bleiben will, und das will es nattirlich Rechtsschutz für die Persönlichkeit. Eine
nicht, muß umsteigen. Menge Leute werden einfach aufder Straße
Was verstehen Sie daruntef landen. Sie können doch aber nichts...
Erinnem Sie sich an unserejüngste Vergan- Solange dieses Problem nicht gelöst ist,
genheit. Man schlägt die Zeitschrift auf - haben wir nicht die Möglichkeit, normal zu
Lügen, schaltet das Radio an - Lügcn, geht arbeiten. Wenn ich zum Beispiel sage, daß
auf Atsstellungen : auch Lügen. Dt:e Men- ich dem und dem 500 Rubel mehr zahlen
schen gingen um der Wahrheit ivillen ins möchte, weil mit ihm das Repertoire steht
Theater. tr{eute kauft man dafür Z,eitungen und fällt, bekomme ich gleich zu hören:
oder schaltet den Fernseher an. Das heißt, Nichts da. Alle rnüßten mehr kriegen, jeder
heute muß sich das Theater meiner Meinung 15 Rubel. Und an dieser Gleichmacherei
nach direkt mit dem Menschen befassen. kranken alle Theater, außer den neuen Stu-
Seine Seele ergründen. seine Mentalität. diotheatern, die auf Vertragsbasis arbeiten.
Sie wollen das Theater wieder weg von der Nur unter der Bedingung, daß man selbst
Publizistik, zurück zur rein künsüedschen Ver- die Truppe zusammenstellen und Schau-
arbeitung der Wirklichkeit führen? spieler unter Vertrag nehmen kann. hat
Das ist bei uns oft so: Das eine bauen wir man die Möglichkeit, eine optimale Zusam-
auf, das andere begraben wir. Publizistik mensetzung für jedes Theaterstück zu fin-

m ,,$ E U E z E I I" 2.90


-t
l

lerin Zeitungen austrägt. Das Theater isr


fur sie etwas Heiliges. etwas Wertvolles.
t
//1
Nicht ein Ort. wo man Geld veldient.
keine Dienststelle. Eine erstaunlich hohe ]

V7 Disziplin und Organisiertheit. l

Heißt das, daß der Professionaiis-


u mus nicht von der Höhe des Verdiensts
vt
/1 ,
abhängt? Wir hegen doch gerade in
'4i dieser Hinsicht so große Hoffnungen.".
a"
Irgend etwas ist mit uns geschehen.
Vielleicht begreifen wir selbst nicht die
ganze'hagik.. fJnsere Senioren aber...
Seinerzeit war es im Künstlertheater nichi
erlaubt, von drei Uhr bis zu Beginn dcr
Abendvorstellung einen Schauspieler
anzurufen. Er erholte sich, bereitete sich
vor, stimmte sich auf das Theaterstück ein.
Heute kommt der Schauspieler vom Fcrn-
sehen oder vom Filmstudio manchrnal
-'ee
rade so ein päar Minuten vor dem ersten
-\It angerannt. Der Lebensrhyihmus hac
,,i j:a:-
s;:h verändert? Teilweise wahr. Doch da
Zt:-_eb\:: \: arj?-
:.t noch etwas anderes. Wir haben die
den. Das ist übrigens auch da-q Kernsrück ron der \iergangenleit zu zehren. rloLrei imc:e Ruhe verloren. Alle haben sie ver-
meiner Idee, ein Theater- und Kulrurzen- ich keineswegs dazu aufrufe, die Vergan- lo;er. Ob u ir sie wieder erlangen können,
qird die Zeit zeigen.
trum zu gninden. genheit zu vergessen, wenn wir nicht auf-
Was ist das ftir eine ldee? hören, ständig davon zu reden, sich her- Scheint lhnen nicht, daß Dosts-
jewski ein Autor für europäische Bühnc
Unser Zentrum ist gedacht als ein Ort, auszustellen als Helden, die sich mit Mini-
wo sich die Kultur nicht aufs Theaterspie- sterien und Behörden herumschlugen, so ist?
len beschränkt. Hier gibt es alles: von ist das in künstlerischer Hinsicht unser Dostoje*'ski isr ein Schriftsteller für
Ausstellungen bis zu Videoclubs und Ende. Diese Gefahr wird deutlich sicht- alle, ich will jedoch niemanden zwingen,
Bibliotheken. Dafär ist eine Rekonstruk- bar in den Werken einiger unserer Dissi- den ,,Idiot" auf russisch zu spielen. Dorl.
tion nötig. Kann sein, das übernimmt eine denten. Sie treten auf der Stelle und kön- gibt es eine prächtige Truppe mit zw, r

ausländische Firma. Wir wollen, die Fas- nen nicht vorwärtskommen. Stardarstellern. Ohne ihre Teilnahme
völlig neues Gebäude
sade erhaltend, ein Mit anderen Worten, Sie meinen, kann man kaum mit Erfolg rechnen. Der
dortige Zuschauer steht teilweise gaaz iir:
errichten. Dort wird es vier Bühnen daß sich viele Künstler an der eigenen
geben, mit Zuschauerräumen für 400, 200 Abrechnung mit der Vergangenheit Banne der Werbung, Deshalb spielen
durchaus nicht die künstlerischen Fakto-
und 1-00 Besucher. Dazu die Räumlichtei- festgebissen haben?
ren die größte Rolle, sondern die Art der
ten ftir Ausstellungen, ein Videotheater Wissen Sie, man hat das leidenschaftli-
Bühne, für wieviel Stücke sie berectrnet
und ein Hotel der Spitzenklasse. Ein klei- che Vor-die-Brust-Schlagen satt: Wie ist, wieviel das kostet. Obwohl natürlich
nes komfortables Hotel fur ausländische schwer wir es hatten und was wir doch für
das Stück selbst und der Schlüssel zum
Gäste, das die Finanzen unseres Zen- ungewöhnliche Menschen sind. Das ist Erfolg von entscheidender Bederrtung
trums auffüllen helfen sol1. Vergangenheit. Wir müssen heute leben.
Warum gehen Sie von der üblichen Wie sieht lhr Heute aus?
sind - die Idee, der man es zu verdanken
hat, daß der ,,Idiot" dem japanischen
Form des Theaters ab? Ich arbeite an dem Stück ,,Die Beses- Publikum nahegebrächt wird. Wahr-
Die Leute werden hierher mit ihren sene" von N. Klimontowitsch nach dem scheinlich spielen meine Erfahrungen bei
Familien kommen. Ich möchte in unse- ,.ldiot" von Dostojewski. Übrigens habe der Arbeit im Ausland ebenfalls eine
rem Zentrum eine Ausbildungsstätte fur ich vor kurzem dieses Stück in Japan in- Rolle. Ich habe bereits Stücke in Polen,
Kinder aufinachen, die sich nicht nur aufs szeniert. Ich werde nicht erzählen, wie Ungarn und den USA inszeniert.
Theaterspielen spezialisiert, sondern eine interessant das war und was das für ein lst eine solch aktive Tätigkeit auf
breite ästhetische Bildung vermittelt. Auf herrliches Land ist. Vom rein beruflichen Bühnen im Ausland nicht ihrer Arbeit
den Bühnen des Zentrums werden übri- Standpunkt aus ist das japanische Theater im Jermolowa-Theater hinderlich?
gens nicht nur Theaterfestivals stattfin- ein ganz besonderes. Der wichtigste Sie hilft mir sogar. Mir sind aber solche
den. Unterschied sind nicht die verschiedenen
Befürchtungen bekannt. Mit diesen Fra-
Sie hoffen damit dem Theater eine kulturellen Wurzeln und Traditionen; das
gen meint man immer indirekt. ich sei dc:,
Möglichkeit geben zu können, mit ist normal. Was velblülft, ist die Einstel-
Verdienstes wegen ins Ausland gegangen.
Kino, Video und Musikshows zu kon- lung der Schauspieler zu ihrem Beruf. Die
Das hat so einen abwertenden Beige-
kurrieren? Leute bekommen kein Geld, bevor nicht
schmack. Ich antworte gewöhnlich darailf,
Unbedingt. Auf der ganzen Welt gibt es das Stück steht. Erst wenn es auf den daß, wenn man mich einlädt, meine Arbeit
schon derartige Zentren. Man muß den Spielplan kommt, aufgeführt wird, die offensichtlich konkurrenzfähig sei. Von
Leuten das Recht geben, auszuwählen. Zuschauer kommen und Einkünfte erzielt solchen Reisen kommt man immer rnit
Das Theater darf sich heute nicht ein- werden, gibt es die Gage. Es gilt als vcillig neuen ldeen, neuen Kräften und großern
igeln. Wir verändern uns, und wer das normal, daß die Schauspieler Nebenver- Arbeitshunger zurück...
nicht wahrhaben will, ist verurteilt. Ich dienste haben. Ich habe selbst gesehen,
möchte eigentlich noch folgendes bemer- wie ein ausgezeichneter Schauspieler Das Gespräch fülrrte
ken: Wenn wir Künstler nicht aufhören, nachts in der Bar arbeitet, eine Schauspie- Anatoli Tschebotarjow
il F ll F r r r r4 .,re
tl

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der UdSSR und im Ausland; Devi-
sen- und Finanzverrechnungen;
Abschluß von Verträgen und Ver-
einbarungen; Werbung für Luft-
transport und Service; technische
Hilfe für sowjetische und ausländi-
sche Qrganisationen, Firmen und
Einzelpersonen bei Wartung und
Reparatur von Flugtechnik, bei Lie-
ferungen von Ausrüstung und
Material und bei der Ausbildung
von Fachleuten.
Einen Geschäftspartner wie MKU GA zu haben, beüeutet sehnellen
und efilektiven Zugang zu direkten Geschättsverbindungen mit Luft-
fahrtgesellschaften, Firmen und 0rganisationen in tast 100 Ländern
ohne zusäEliche Ausgaben,

Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten wollen, schreiben Sie uns:


125167 Moskau, A-167, leningradski Prospekt 37
lnternationale Handelsuenara ltung der Ziuillultfahrt
Telefon: 155 65 47
Telerc 411 969

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