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Und nun wird alles besser?

Die Schuldenbremse ruft
zum Widerstand!

Mit dem „Ja“ zur Schuldenbremse beginnt der Kampf gegen den
unsozialen Sparwahn
Text: V.H. (iljitsch)
Die sogenannte Schuldenbremse hat die Hürde der Volksabstimmung genommen und
fläzt nun als Paragraph 141 in der Hessischen Landesverfassung.
„Die Bürgerinnen und Bürger in Hessen haben die Weichen für die Zukunft unseres
Landes richtig gestellt“, jubelte CDU-Regierungschef Volker Bouffier noch am Abend
des 27. März. Wirklich?

„Ja, den da Oben haben wir es aber gegeben!?“
Wenn doch alles im Leben so einfach wäre: Schuldenmachen wird per Einschreibung einer
Schuldenbremse in die Landesverfassung verboten, der prassende „homo politicus
pecunianensis“ (der geldverschwendende gemeine Politiker) ist in Ketten gelegt und wird
durch das Fegefeuer des Sparens geschickt. Und am langen Hebel durften diesmal
ausnahmsweise „Schorsch und Lisbeth“, also das hessische Wahlvolk sitzen. Viele schritten
mit stolzgeschwellter Brust zur Volksabstimmung, frei nach dem Motto: „Denen da oben
haben wird es jetzt aber mal so richtig gezeigt. Schluss mit dem Verschwenden. Die
Schuldenbremse macht alles (steuer)gerechter!“. Wer das glaubt, spielt unfreiwillig die
Hauptrolle in einem bürgerlichen Trauerspiel, dessen Ouvertüre bereits mit rauschendem
Applaus der Herrschenden in Politik und Wirtschaft bedacht wurde.

Die Schuldenbremse – Kurzer Abriss eines deutsch-hessischen Leidenswegs
Nahezu täglich erreichen uns die Horrormeldungen der bundesdeutschen Staatsverschuldung.
Die Aufnahme von Krediten ist zur Basis des Staatshaushaltes geworden. Die galoppierende
Neuverschuldung dokumentiert die sogenannte Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler,
welche immer wieder von neoliberalen Ökonomen und Politikern als bildliches Argument
angeführt, wenn es darum geht, den schlanken Staat als Lösung aller Probleme zu empfehlen
und den Bürgern dieses Landes einen strickten Sparkurs zu verordnen. Auf dieser Welle
schwamm auch die Große Koalition, als sie im Jahr 2009 die Schuldenbremse im Bundestag
zur Abstimmung stellte und erfolgreich im Grundgesetz verankern konnte. Demnach soll der
Bund ab 2016 nicht mehr als 0,35% des Bruttoinlandsproduktes als Kredite aufnehmen
dürfen, um Investitionen und laufende Kosten zu decken.1 Die Bundesländer haben bis 2020
Zeit, ihren Haushalt ohne die bisher tragende Säule der Neuverschuldung aufzustellen. Mit
dieser von oben diktierten Schuldenbremse zeigte sich insbesondere Schleswig-Holstein,
nicht einverstandene und klagt derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Land sieht
seine im Föderalismusprinzip garantierte Haushaltshoheit durch die bundesdeutsche
Schuldenbremse beschnitten.
Die rechtliche Unsicherheit, auf die bundesdeutsche Schuldenbremse aufbaut, bewog die
hessische CDU-Landesregierung ein Pendant zum großen Bruder im Grundgesetz aufzulegen.
Gerade die Hessen-CDU sieht sich gerne in der Rolle der Avantgarde eines strickten Sparkurs
- die 30 Millionen Euro Einsparungen im Hochschulbereich 2010 unterstreichen
eindrucksvoll ihre Kahlschlagsphilosophie. Um auf jeden Fall die hessische Bevölkerung mit

1
URL: <http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2009/schuldenbremse.pdf >(aufgerufen am 23.
Dezember 2010)

3 Achim Truger.der Schuldenbremse beglücken zu können. Hier wird links geblinkt und rechts abgebogen. Post. verkündeten die Christdemokraten. Und dabei ist doch gerade die schuldenfinanzierte Investitionsfähigkeit des Staates Garant dafür. März 2011 ein „breites öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit des Sparen herzustellen“2. 24f.a. Was gut schmeckt ist nicht immer gesund! Das Verbot der Neuaufnahme von Schulden ab dem Jahr 2010 kommt einer Selbstkastrierung in der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben des Staates gleich. Dezember 2010).47 % des BIP auf 0. .de/home. S.4 Eine massive Privatisierungswelle (Deutsche Bundesbahn. Tendenz fallend. wenn die Gelder für zukunftsträchtige 2 Christean Wagner: Konsequenter Einsatz der christlich-liberalen Koalition für Schuldenbremse hat sich ausgezahlt“. 4 ebd. Ohne Volksabstimmung ist jedoch die Verfassung des 6-Millionen- Einwohner zählenden Landes nicht zu ändern: So kam das Wahlvolk in den Genuss einer besonderen Demokratie-Folklore. 34f. „Näheres regelt das Gesetz“ ist an dieser Stelle zu wenig. vertrauen doch SPD und Grüne auf einen raschen Politikwechsel. S. Der Großteil der Delegierten folgte seinem Votum. soll Hessen „generationengerecht und zukunftssicher“ machen.html> (aufgerufen am 22. Dezember 2010 verabschiedeten die vier großen Parteien im hessischen Landtag gegen den entschiedenen Widerstand der Fraktion „Die Linke“ die „Aufnahme einer Schuldenbremse in Verantwortung für kommende Generationen . dass nur noch im Fall von Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen eine erhöhte Neuverschuldung zulassen würde. In den Verhandlungen mit der CDU und der FPD setzte sich die Hessen SPD genauso wie die Grünen für eine Ausweitung der Einnahmenfinanzierung des Landeshaushaltes ein. Das Aufnahmen von Schulden gehört in der Privatwirtschaft einfach dazu und auch der Häuslebauer nimmt einen Kredit für seine Traumimmobilie auf. der SPD und den Grünen. es wurde Geld gespart und Leistung abgebaut: Ein Verlustgeschäft! Besonders dramatisch stellt sich der Investitionsstau im Bildungsbereich dar: Laut OECD-Studie für das Jahr 2009 liegen die Bildungsausgaben in der BRD mit 4. u. Ergebnis von Simulationsrechnungen für den Zeitraum 2010 – 2020 (IMK Studies 6/2009).89% heruntergefahren 3. URL: < http://www. sehr zum Ärger linksorientierter und gewerkschaftlich-organisierter Mitglieder der SPD-Basis.) und ein Abbau der öffentlichen Beschäftigung haben ganz im Sinne der neoliberalen Ideologie den Staat an den Rand der Funktions. Das Problem hierbei: Die schwammige Formulierung – im besagten Paragrafen 141 ist in keinem der fünf Absätze die Formulierung Einnahmensteigerung zu finden – wirkt wie ein Placebo. Der Staat soll nun auf eine der wichtigsten Stützen seiner Haushaltsgestaltung verzichten.und Bedeutungslosigkeit gedrängt. weil sich die großen Parteien in Hessen einer Nationalökonomie verpflichtet fühlen. die die Metaphysik des Pokerspiels darstellt (frei nach Kurt Tucholsky). Schulden durch Investitionen haben ihren Sinn. Es begann als Projekt der CDU/FPD-Landesregierung und endete als ein zukunftsfeindliches „Gentleman-Agrement“ zwischen den bürgerlichen Parteien. die (Aus-)Bildung breiter Bevölkerungsschichten.7% des BIP rund ein Prozent unter dem Durchschnitt. Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. wagten sich Christdemokraten und Liberale in die Untiefen der plebiszitären Demokratie und erhofften sich mit einer Volksabstimmung am 27.cduhessen. Der Kampf der Befürworter und der Gegner begann. Hessen ist also ein Land gewaltiger Investitionen. Am 15. dass finanzielle Impulse an die Privatwirtschaft gegeben werden können und Deutschlands Ressource Nummer 1. so Christean Wagner. der Volksabstimmung.: Auswirkungen der Schuldenbremse auf die hessischen Landesfinanzen. die nichts als Schulden bringen? Keineswegs: Zwischen den Jahren 1992 und 2007 hat die konservative Landesregierung die Investitionen von 1. gefördert werden kann. Das „alternativlose“ Projekt. Düsseldorf 2009.Gesetz zur Schuldenbremse“. Auf dem Gießener Landesparteitag der SPD Ende November 2010 legte Fraktionschef Thorsten Schäfer-Gümbel sein ganzes politische Gewicht für ein „Ja“ zur Schuldenbremse in die Waagschale. etc.

Die von der Landesregierung aufgelegte und an alle Haushalte verschickte Informationsbroschüre bildete vordergründig die Pro-Argumente ab. wo Produktionsmittel vergesellschaftet werden. Wir brauchen keine Placebos. sondern echte Steuergerechtigkeit (z. Aktionen zu organisieren und erfolgreiche Kampfformen auszuloten. Welche Schlüsse sollte man aus dem Ergebnis für die Zukunft ziehen? --> Einnahmenseite verbessern – Jetzt gilt´s! SPD und Grüne stehen nun in der Verpflichtung. dass die Wahlbeteiligung mit 47. Eine Klage der Linke gegen die einseitige Information wurde abgewiesen. Gewerkschaftlich orientierte Mitglieder der SPD verweigerten ihre Zustimmung zu dem Projekt genauso wie die hessischen Jusos.5 %). mit gewissen Erfolgen: Gerade dort. stimmten überdurchschnittlich viele Wähler gegen das Projekt (bspw. Erhöhung des Spitzensteuersatzes der Einkommenssteuer. Nichts ist gewonnen. Einstampfen von Steuergeschenken für Großunternehmen). kritische Stimmen wurden ausgeblendet. Alles vergebens: 70 Prozent der hessischen Wähler sprachen sich am 27. ihre Forderungen nach einer Verbesserung der Einnahmenseite in die politische Realität umzusetzen.8% und Gießen: 37. . was uns gehört!  Bündnisse nutzen. in der DKP sowie deren Jugendverbänden. Druck aufbauen! Im Vorfeld der Volksabstimmung sahen sich die Gegner einer medialen und landespolitischen Übermacht gegenübergestellt. Mehr Einnahmen (durch Steuern) ändern allerdings nichts an den kapitalistischen Verhältnissen in Staat und Wirtschaft: Das Volk muss weiter bei Wirtschaftbossen um ein paar Euro Steuereinnahmen mehr betteln. Volkssouveränität fängt dort an. heruntergekommene Schulen und ein Rumpf-Sozialwesen erbt.di und der DGB warben gemeinsam mit Sozialverbänden und Kirchenvertretern um ein Nein zur Schuldenbremse.5 % Darmstadt: 39. Vermögenssteuer. dass heute eingesparte Investitionen morgen und übermorgen den kommenden Generationen sauer aufstoßen. Was tun nach der „verlorenen“ Schlacht? Der Kampf gegen die Schuldenbremse war relativ gut organisiert: Die Gewerkschaften GEW. sich gegen deren politischen Arm (Stichpunkt Lobbyismus) durchsetzen. wenn die Nachwelt marode Krankenhäuser.7 Prozent nur knapp einem Rekordtief vorbeigeschrammt ist. März für die Schuldenbremse in der Landesverfassung aus. Trotz dieser ungünstigen Bedingungen kämpfte ein Bündnis verschiedener Gruppen gegen das haushaltspolitische und zukunftsfeindliche Zwangskorsett. wenn man bedenkt.de boten Aktiven Material und die Möglichkeit.gerecht-geht-anders- hessen.Bereiche der Gesellschaft verwendet werden und dort ihren Mehrwert entfalten können.B. dass sich das Fehlen von Geldern immer zuerst negativ auf die soziale Fürsorgepflicht des Staates auswirkt. wobei man bedenken muss.de oder auch www. Die Internetplattformen www. wo energisch gegen die Schuldenbremse geworben wurde. die erfolgreich die Stimmung pro Schuldenbremse zu beeinflussen wussten. Die radikale Umgestaltung der Wirtschaft muss das Ziel sein – das ist die höchste Form der Einnahmenverbesserung! Holen wir uns das.handlungsfaehiges-hessen. ver. Marburg: 41. lehrt uns doch die Vergangenheit. wird ad absurdum geführt. Ökonomisch wie sozialpolitisch ist ein pauschales Verbot der Kreditaufnahme fatal. mit der CDU und FDP immer hausieren gingen. Politische Unterstützung fanden sie in der „Der Linken“. Das Argument der Generationengerechtigkeit.

Folgende konkrete Schritte stehen nun an: . Gerade ein radikaler Umbau des kapitalistischen Wirtschaftsystems garantiert haushaltspolitische. er fängt gerade erst an! . Die bestehenden Plattformen sind auszubauen und stetig mit Leben zu füllen. wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit am Besten. wenn es darum geht. dass die Befürworter der Schuldenbremse ihr Projekt durchbringen konnten. SPD und die Grünen müssen ihre Versprechen wahr machen: Die so stolz verkündete Einnahmenstärkung muss wirklich umgesetzt werden und darf nicht ein bloßer Placebo für die rebellische Basis bleiben. Ausgaben. wäre dies nur ein doppelter Sieg der Pro-Seite. Hier muss Handlungsdruck außerhalb der Parlamente aufgebaut werden.und Einnahmen gerecht und sozial zu gestalten. Netzwerke und Bündnisse ausbauen: Gewerkschaften.Natürlich muss man anerkennen. . Vermögen müssen zur Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben verstärkt herangezogen werden. Wenn nun die Gegner resignierten und sich zurückziehen würden. Der Kampf ist nicht verloren. Nur Verteilen ist zu wenig: Einnahmen können und müssen gesteigert werden. Sozialverbände und Parteien müssen weiterhin an einem Strang ziehen. .