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Prof. Dr.

Alex Demirovid
Technische Universität Berlin

Vorlesung WS 2009/10:
Politische Philosophie- und
Ideengeschichte - Zur
Einführung in die
Politikwissenschaft

Institut für Gesellschaftswissenschaften


und historisch-politische Bildung
Prof. Dr. Alex Demirovid
Politische Philosophie- und Ideengeschichte - Zur
Einführung in die Politikwissenschaft

Der folgende Foliensatz wird mit dem


Fortgang der Vorlesung im Wintersemester
2009/10 fortlaufend ergänzt. Er dient zur
Orientierung für die Studierenden, die die
Vorlesung besuchen.

Institut für Gesellschaftswissenschaften 2


und historisch-politische Bildung
Einführende Literatur zur Vorlesung
Appelt, Erna / Neyer, Gerda (Hg.): Feministische
Politikwissenschaft, Wien 1994
Klaus von Beyme: Theorie der Politik im 20. Jahrhundert,
Frankfurt am Main 1991
Massing, Peter/Breit, Gotthard (Hrsg.): Demokratie-Theorien.
Von der Antike bis zur Gegenwart, Schwalbach 2002
Münkler, Herfried: Politikwissenschaft: Ein Grundkurs, Reinbek
bei Hamburg 2003
Pipers Handbuch der Politischen Ideen, 5 Bände, hrsg. von Iring
Fetscher und Herfried Münkler, München 1988
Saage, Richard: Demokratietheorien. Eine Einführung,
Wiesbaden 2005
Schmidt, Manfred: Demokratietheorien. Eine Einführung, 4.
Aufl., Wiesbaden 2008
Literatur, aus der im folgenden zitiert wird:

Arendt, Hannah [1958]: Freiheit und Politik, in: dies.: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, München 1994
Aristoteles: Politik, hrsg. von Olof Gigon, Münschen 1981
Babeuf, Gracchus: Die Verschwörung der Gleichen, hrsg. und eingeleitet von John Anthony Scott, Hamburg
1988
Bacon, Francis [1624]: Essays, hrsg. von Levin Schücking, Leipzig 1967
Berlin, Isaah: Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt am Main 1995
Bodin, Jean [1576]: Sechs Bücher über den Staat. Buch I-III. Eingeleitet und herausgegeben von P.C. Mayer-
Tasch, übers. von Bernd Wimmer. München 1981
Boethie, Etienne de la: Über die freiwillige Knechtschaft des Menschen, hrsg. von Heinz-Joachim Heydorn,
Frankfurt am Main 1968
Foucault, Michel [1971]: Über die Gefängnisse , in: ders.: Schriften, Bd. 2, Frankfurt am Main 2002
Foucault, Michel: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, Bd. 2, Frankfurt am Main 1986
Gouges, Olympe de: Schriften, hrsg. von Monika Dillier, Vera Mostowlansky, Regula Wyss, Frankfurt am Main
1980
Hamilton, Madison, Jay: Die Federalist Papers, übers., eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Barbara
Zehnpfennig, Darmstadt 1993
Hobbes, Thomas [1651]: Leviathan, hrsg. von Iring Fetscher, Neuwied-Berlin 1966
Horkheimer, Max [1930]: Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie , in: ders.: Ges. Schriften, Bd. 2,
Frankfurt am Main 1987
Locke, John [1689]: Abhandlung über den wahren Ursprung, Umfang und Zweck des staatlichen
Gemeinwesens, in: ders.: Bürgerliche Gesellschaft und Staatsgewalt. Sozialphilosophische Schriften,
Übers. von Klaus Udo Szudra, Westberlin 1986
Machiavelli [1513]: Der Fürst, hrsg. von Rudolf Zorn, Stuttgart 1972
Forts. Literatur

Machiavelli [1518]: Discorsi. Gedanken über Politik und Staatsführung, hrsg. von Rudolf Zorn, Stuttgart 1977
Madison, Angus: The World Economy. A Millennial Perspective, OECD 2001
Marx, Karl [1843]: Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 1, Berlin
1972
Marx, Karl [1844]: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 1, Berlin
1972
Marx, Karl [1844]: Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 1, Berlin
1972
Pateman, Carol: Der Geschlechtervertrag, in: Erna Appelt / Gerda Neyer (Hg.): Feministische
Politikwissenschaft, Wien 1994 Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Frankfurt am Main
2003
Rawls, John: Verteilungsgerechtigkeit, in: Philosophie der Gerechtigkeit, hrsg. von Christoph Horn und Nico
Scarano, Frankfurt am Main 2002
Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Frankfurt am Main 2003
Robespierre, Maximilian: Ausgewählte Texte. Deutsch von Manfred Unruh, Hamburg 1989
Rousseau, Jean-Jacques [1762]: Vom Gesellschaftsvertrag, in: Politische Schriften Bd. 1, hrsg. von Ludwig
Schmidts, Paderborn 1977
Schmitt, Carl [1932]: Der Begriff des Politischen, Berlin 1963
Sieyes, Emmanuel Joseph [1789]: Was ist der Dritte Stand?, in: ders.: Politische Schriften 1788-1790, hrsg. von
Eberhard Schmitt und Rolf Reichardt, Darmstadt und Neuwied 1975
Weber, Max [1917]: Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, Ges.
Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1982
Weber, Max [1919]: Politik als Beruf, in: Max Weber, Gesamtausgabe I.17, Tübingen 1992
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980
Winstanley, Gerard [1652]: Gleichheit im Reiche der Freiheit, hrsg. von Hermann Klenner, Leipzig 1986
Datum Themen und Literatur

19.10. Aufbau der Disziplin, Aufgaben der einzelnen Fachgebiete, Ziele der Vorlesung, Theoriegeschichte.

26.10. Aufgaben der politischen Theorie: Weber, Rawls, Foucault. Was ist Politik? Weber, Schmitt, Arendt, Horkheimer.

2.11. Forts.: Was ist Politik? Was ist Staat? Marx und Weber.

9.11. Aristoteles: Politik. Ziel des Staates, Formen der Herrschaft: über Sklaven, Frauen, Kinder; Bürgerrechte,
Verfassungen.

16.11. Forts. Aristoteles: Politik. Demokratie, Politie. Martha Nussbaum: Gutes Leben; Michel Foucault: Selbstverhältnis:
drei Formen von Herrschaft: des Herrn über sich selbst, über den Oikos, über die Polis - Knabenliebe.

23.11. Machiavelli: Ziel: die Einheit Italiens, Methode der historischen Beispiele, Trennung von Sein und Sollen, Fähigkeit
zur Heuchelei: Löwe und Fuchs, Grausamkeit
30.11. Forts. Machiavelli: Discorsi: Freiheit, gewährleistet durch das Volk, Rom als Modell, Erhaltung des Gemeinwesens
durch den Konflikt von oben und unten; Bodin: Souveränität; Boetie: Gleichheit und Freiheit, Gründe, warum die
Menschen freiwillig in Knechtschaft leben
7.12. Winstanley: die Forderung nach gemeinsamem Land und einem freien, von allen selbstbestimmten Gemeinwesen;
Bacon: Unruhen und wie mit ihnen umzugehen ist; Hobbes: Methode, Vertrag
14.12. Forts. Hobbes: Freiheitskonzeption; Locke

4.1. Forts. Locke; Rousseau

11.1. Forts. Rousseau

18.1. Rawls, Pateman, Sieyes

25.1. Gouges: Kritik an den Menschenrechten, Erklärung der Rechte von Mann und Frau, Robespierre:
Demokratie+Republik, Terror, Babeuf: Kritik an den Menschenrechten, soziale Gleichheit, Federalists, Kants
Geschichtsphilosophie
1.2. Kant, Hegel: bürgerliche Gesellschaft-Staat

8.2. Marx: zur Kritik des politisch Allgemeinen


Teildisziplinen der Politikwissenschaft

Politische Theorie:
Bestimmung des Politischen
Staatstheorie
Demokratietheorie
Normen
Methoden Kritik Methoden
Geschichte der politischen
Theorien,
Geschichte des Faches
7
Themenbereich Politische Theorie

• Bestimmung des Politischen


• Staatstheorie
• Demokratietheorie
• Normen
• Kritik (auch Kritik der Politik)
• Geschichte der politischen Theorien,
• Geschichte des Faches
8
Ziele der Vorlesung
Verständnis der Aufgabe von Politischer Theorie: sie
trägt zur Verständigung über die sozialen
Konflikte ihrer Zeit bei und greift in sie ein;
- der Autonomie der Politik als eigene
Handlungssphäre: Herrschaft, Macht,
Handlungsfähigkeit, Freiheit, Partizipation;
- der Prozesse der Herausbildung der Autonomie
der modernen Politik und des Staates, ihrer
gesellschaftlichen Grundlagen, ihrer Bedeutung
und Funktionen;
- der Herausbildung der Demokratie als Form der
Teilhabe und Interessenvermittlung in modernen
Gesellschaften.
Fragen der Theoriegeschichte
• Welche Art von Geschichte? (z.B. Nietzsche:
monumentalisch: Nachahmung, antiquarisch:
Bewahrung, kritisch: zukunftsorientierend)
• In welcher Weise ist uns die Tradition des
Denkens verfügbar? Verhältnis von Denken zu
anderen Bereichen der Geschichte? Handelt
es sich immer um Fragen der Politik? Wie wird
eine Tradition hergestellt (Hobbes: eine
politische Aktivität)?
• Wann sprechen wir von Ideen, wann von
Theorien?
• Ideen/Theorien und ihr Kontext.
Forts.: Fragen der Theoriegeschichte
• Kontextanalyse: sozio-politisch, institutionell,
kulturell (cultural turn).
• Ideengeschichtliche, hermeneutische oder
diskurstheoretische Auffassung vom Text als
Äußerung und Intervention (linguistic turn, iconic
turn).
• Zusammenhang von Text und Kontext: Theorie –
Praxis? Verhältnis von Analyse, Norm und Kritik.
• Wozu machen wir Theoriegeschichte? Aufklärung
über Schlagworte, Vermittlung von historischen
Denkfiguren, Offenlegung von
Veränderungsblockaden, Verständnis der
Gegenwart?
Drei Bestimmungen der politischen
Theorie:

Max Weber
John Rawls
Michel Foucault

12
Max Webers Vorstellung von wertneutraler
Sozialwissenschaft
„Worauf allein es für die empirischen Disziplinen
ankommt, ist: daß einerseits die Geltung eines
praktischen Imperativs als Norm und andererseits die
Wahrheitsgeltung einer empirischen
Tatsachenfeststellung in absolut heterogenen Ebenen
der Problematik liegen und daß der spezifischen
Dignität jeder von beiden Abbruch getan wird, wenn
man dies verkennt und beide Sphären
zusammenzuzwingen sucht.“
(Max Weber, Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen
und ökonomischen Wissen-schaften, Ges. Aufsätze zur
Wissenschaftslehre, S. 501)
Forts. Max Weber

„Die Wissenschaften, normative und empirische,


können den politisch Handelnden und den
streitenden Parteien nur einen unschätzbaren Dienst
leisten, nämlich ihnen zu sagen: 1. es sind die und
die verschiedenen „letzten“ Stellungnahmen zu
diesem praktischen Problem denkbar; - 2. so und so
liegen die Tatsachen, mit denen ihr bei eurer Wahl
zwischen diesen Stellungnahmen zu rechnen habt.“
(Ebd., S. 499)

14
Die Aufgaben der politischen Theorie
nach John Rawls (1921-2002):
Gerechtigkeit als Fairness, S. 20

„Wir nehmen also an, daß eine Aufgabe


der politischen Philosophie – ihre praktische Rolle,
könnte man sagen – darin liegt, die
Aufmerksamkeit auf heftig umstrittene Fragen zu
lenken und herauszufinden, ob sich allem
Anschein zum Trotz eine zugrunde liegende Basis
philosophischer und moralischer
Übereinstimmung ausmachen läßt.“

15
Forts. John Rawls

„Oder wenn eine solche Basis der


Übereinstimmung nicht entdeckt werden
kann, besteht vielleicht immerhin die
Möglichkeit, das an der Wurzel der Uneinigkeit
stiftenden politischen Differenzen liegende
Auseinandergehen der philosophischen und
moralischen Meinungen einzugrenzen, so daß
unter Verhältnissen wechselseitiger Achtung
der Bürger nach wie vor soziale Kooperation
stattfinden kann.“
16
Die Aufgaben pol. Th. nach Michel Foucault
(1926-1984, Paris, Collège de France)

„Unsere Untersuchung soll nicht unser


Wissen vermehren, sondern unsere
Intoleranz stärken und zu einer aktiven
Intoleranz machen. Werden wir intolerant
gegenüber den Gefängnissen, der Justiz, dem
Krankenhaussystem, der psychiatrischen
Praxis, dem Militärdienst usw.“
(Foucault: Über die Gefängnisse (1971), in:
Schriften, Bd. 2, S. 214)

17
Forts. Michel Foucault
„Ich würde gerne die Geschichte der Besiegten
schreiben. Das ist ein schöner Traum, den viele
teilen: endlich denen das Wort zu erteilen, die es
bisher nicht haben ergreifen können, die von der
Geschichte, von der Gewalt der Geschichte, von all
den Herrschafts- und Ausbeutungssystemen zum
Schweigen verurteilt worden sind. … Kann man die
Geschichte als kriegerischen Prozess, als Abfolge von
Siegen und Niederlagen beschreiben? … Sind
Herrschaftsprozesse nicht komplexer und
komplizierter als Krieg?“
(Foucault: Folter ist Vernunft (1977), in: Schriften,
Bd. 3, S. 505)

18
Das Politische
Vier Definitionen

Max Weber
Carl Schmitt
Max Horkheimer
Hannah Arendt
19
Max Weber (1864-1920)
»Politik« würde für uns also heißen: Streben
nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der
Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es
innerhalb eines Staates zwischen den
Menschengruppen, die er umschließt. Das entspricht
im wesentlichen auch dem Sprachgebrauch. Wenn
man von einer Frage sagt: sie sei eine »politische«
Frage, von einem Minister oder Beamten: er sei ein
»politischer« Beamter, von einem Entschluß: er sei
»politisch« bedingt, so ist damit immer gemeint:
Machtverteilungs-, Machterhaltungs- oder

20
Forts. Max Weber
Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend
für die Antwort auf jene Frage oder bedingen
diesen Entschluß oder bestimmen die
Tätigkeitssphäre des betreffenden Beamten. Wer
Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder
als Mittel im Dienst anderer Ziele - idealer oder
egoistischer -, oder Macht »um ihrer selbst
willen«: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu
genießen.“

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 821


21
Carl Schmitt (1888-1985):
Der Begriff des Politischen (1932), S. 26

„ Die spezifisch politische


Unterscheidung, auf welche
sich die politischen Handlungen
und Motive zurückführen
lassen, ist die Unterscheidung
von Freund und Feind.“

22
Das Politische nach C. Schmitt, Fortsetzung, S. 27

„Die Unterscheidung von Freund und


Feind hat den Sinn, den äußersten
Intensitätsgrad einer Verbindung oder
Trennung, einer Assoziation oder
Dissoziation zu bezeichnen. … Der
politische Feind braucht nicht moralisch
böse, er braucht nicht ästhetisch häßlich
zu sein…
23
… Der Feind ist eben der andere, der
Fremde, und es genügt zu seinem Wesen,
daß er in einem besonders intensiven
Sinne existenziell etwas anderes und
Fremdes ist, so daß im extremen Fall
Konflikte mit ihm möglich sind, die weder
durch eine im voraus getroffene generelle
Normierung, noch durch den Spruch eines
„unbeteiligten“ und daher „unparteiischen“
Dritten entschieden werden können.“

Fortsetzung, S. 27 24
Max Horkheimer (1895-1973):
„Aber nicht nur auf der Beherrschung der
Natur im engeren Sinne, nicht nur auf der
Erfindung neuer Produktionsmethoden, auf dem
Bau von Maschinen, auf der Erhaltung eines
gewissen Gesundheitsstandes beruht die
Gesellschaft, sondern ebensosehr auf der Herrschaft
von Menschen über Menschen. Der Inbegriff der
Wege, die dazu führen, und der Maß-nahmen, die
der Aufrechterhaltung dieser Herrschaft dienen,
heißt Politik.“

Anfänge der bürgerl. Geschichtsphilosophie (1930), Ges.


Schriften, Bd. 2, 183 25
Hannah Arendt (1906-1975):

„Das Öffentliche ist nicht die


Summierung aller privaten Interessen bzw.
die Ausbalancierung ihrer Konflikte… Freiheit
kann der Sinn von Politik nur sein, wenn wir
unter dem Politischen einen öffentlichen
Raum verstehen, der sich nicht nur von der
Sphäre des Privatlebens abgrenzt, sondern
sogar immer in einem gewissen Gegensatz zu
ihr steht. …“

26
Fortsetzung Hannah Arendt
„…Der Sinn von Politik ist Freiheit. Politik hat
es mit der Welt zu tun und nicht mit dem
Leben und daß Freiheit dort beginnt, wo die
Sorge um das Leben aufgehört hat, die
Menschen zu zwingen, sich so oder anders zu
verhalten.“

Freiheit und Politik (1958)

27
Zwei Vorschläge, den Staat zu bestimmen:

Karl Marx
Max Weber
Definition des Staates nach Karl Marx
(Kommunistisches Manifest (1848),
MEW 4, 464)
„Jede dieser Entwicklungsstufen der
Bourgeoisie war begleitet von einem
entsprechenden politischen Fortschritt. …
erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung
der großen Industrie und des Weltmarktes im
modernen Repräsentativstaat die
ausschließliche politische Herrschaft. Die
moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss,
der die gemeinschaftlichen Geschäfte der
ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“
29
Der Staat nach Max Weber

„Staat ist diejenige menschliche


Gemeinschaft, welche innerhalb eines
bestimmten Gebietes – dies: das
»Gebiet« gehört zum Merkmal – das
Monopol legitimer physischer
Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg)
beansprucht.“
Max Weber: Politik als Beruf (1919), in: Ges.
Politische Schriften, Tübingen 1971, 506 30
Aristoteles (384-322 v.Chr.)

31
Aristoteles, Politik, III, 9
+ VII, 8

„Staat ist keine Gemeinschaft des Ortes,


um einander nicht zu schädigen und um
des Handels willen. … [Er] beruht auf der
Gemeinschaft des edlen Lebens in
Häusern und Familien um eines
vollkommenen und selbständigen Lebens
willen.“
„Der Staat ist nun eine Gemeinschaft von
Ebenbürtigen zum Zwecke eines
möglichst guten Lebens.“ 32
Aristoteles, Politik, VII, 9
Die Sozialstruktur aus dem Blickwinkel der Herrschaft
und des Ziels der Muße:
„… so ist klar, daß im vollkommenen Staat, dessen
Bürger also schlechthin und nicht nur unter
bestimmten Voraussetzungen gerecht sind, diese
weder als Banausen noch als Krämer leben dürften
(denn ein solches Leben ist unedel und der Tugend
widersprechend); ebenso wenig dürfen diejenigen,
die vollkommene Bürger werden wollen, Bauern
sein (denn es bedarf der Muße, damit die Tugend
entstehen und politisch gehandelt werden kann).“

33
Muße vs. Arbeit, Aristoteles, Politik, 8, 3

„Die Muße scheint aber ihre Lust und die


Glückseligkeit und das selige Leben in sich
selbst zu haben. Dies kommt nicht den
Arbeitenden zu, sondern jene, die Muße haben.
Denn der Arbeitende arbeitet auf ein Ziel hin,
das noch nicht erreicht ist, die Glückseligkeit ist
aber ein Ziel und ist nach allgemeiner Ansicht
nicht mit Schmerz, sondern mit Lust verbunden.“

34
Aufbau des Staates (Aristoteles, Politik, I, 13)
„ Denn jedes Haus ist ein Teil des Staates, und
jene Verhältnisse [des Herrn zu den Sklaven,
zur Frau, zu den Kindern] sind ein Teil des
Hauses, und die Tugend des Teils muß man im
Hinblick auf diejenige des Ganzen bestimmen.
So ist es notwendig, die Kinder und die Frauen
im Hinblick auf die Staatsverfassung zu
erziehen, sofern es für die Tüchtigkeit des
Staates etwas ausmacht, daß auch die Kinder
und die Frauen tüchtig seien.“

35
Zwei Herrschaftsverhältnisse,
1. Sklaverei, (Aristoteles, Politik, I, 5)
„Diejenigen, die so weit voneinander verschieden
sind wie die Seele vom Körper und der Mensch
vom Tier (dies gilt bei allen denjenigen, deren
Aufgabe die Verwendung ihres Körpers ist und bei
denen dies das Beste ist, das sie leisten können),
diese sind Sklaven von Natur, und für sie ist es
besser, auf die entsprechende Art regiert zu
werden. Von Natur ist also jener ein Sklave, der
einem andern zu gehören vermag und ihm darum
auch gehört, und der so weit an der Vernunft
teilhat, daß er sie annimmt, aber nicht selbständig
besitzt.“
36
2. Herr über die Gattin, Aristoteles, Politik, I, 12
„Denn das Männliche ist von Natur zur Leitung
mehr geeignet als das Weibliche (wenn nicht
etwa ein Verhältnis gegen die Natur vorhanden
ist) … In den meisten Verfassungsstaaten
wechseln das Regierende und das Regierte
miteinander ab; dieser Staatstyp strebt seiner
Natur nach zur Gleichheit und
Unterschiedslosigkeit. Dennoch wird, solange
das eine regiert und das andere regiert wird, ein
Unterschied in Auftreten, Anrede und Ehren
gefordert. Das Männliche verhält sich nun zum
Weiblichen immer in dieser Weise.“
37
Die Kompetenz des Herrn, Herr zu sein

Der Regierende und der Regierte haben beide an der


Tugend teil, aber es gibt einen Unterschied, wie
sich an der Seele erkennen läßt. „Denn in ihr gibt
es ein von Natur Herrschendes und ein Dienendes,
und jedes von beiden, das Vernunfbegabte und das
Vernunftlose, hat seine eigene Tugend. Also gibt es
von Natur mehrere Arten von Herrschendem und
Dienendem. Denn anders herrscht der Freie über
den Sklaven, das Männliche über das Weibliche
und der Erwachsene über das Kind [3. Herr-
schaftsverhältnis]. Bei allen finden sich die Teile der
Seele, aber in verschiedener Weise…
38
Forts. Aristoteles, Politik, I, 13 + III, 5 + III, 13
… Der Sklave besitzt das planende Vermögen
überhaupt nicht, das Weibliche besitzt es zwar,
aber ohne Entscheidungskraft, das Kind besitzt es,
aber noch unvollkommen.“
„Der vollkommene Staat wird jedenfalls keinen
Banausen zum Bürger machen. … Wer sich aber
mit der Notdurft plagt, der ist entweder Sklave
eines Einzelnen oder arbeitet für die Gemeinschaft
und heißt dann Banause und Tagelöhner.“
„ Bürger ist im allgemeinen der, der am Regieren und
Regiertwerden beteiligt ist, in jeder Verfassung ein
anderer, in der besten aber derjenige, der fähig
und willens ist, zu regieren und sich regieren zu 39
lassen im Sinne des tugendmäßigen Lebens.“
Aristoteles, Politik, I, 2 + I,5
Das naturgemäß Regierende und Regierte
verbinden sich „um der Lebenserhaltung willen.
Denn was mit dem Verstand vorauszuschauen
vermag, ist von Natur das Regierende und
Herrschende, was aber mit seinem Körper das
Vorgesehene auszuführen vermag, ist das von
Natur Regierte und Dienende. Darum ist auch
der Nutzen für Herrn und Diener derselbe.“
„Die Natur hat die Tendenz, auch die Körper der
Freien und der Sklaven verschieden zu
gestalten, die einen kräftig für die Beschaffung
des Notwendigen, die anderen aufgerichtet und
ungeeignet für derartige Verrichtungen, doch
40
brauchbar für das politische Leben.“
Verfassung
ist „eine Ordnung des Staates hinsichtlich der
verschiedenen Ämter und vor allem des wichtigsten
von allen. Das wichtigste ist überall die Regierung
des Staates, und die Regelung repräsentiert eben die
Verfassung“. (Aristoteles, Politik, III, 6; vgl. IV, 3)

Zwei Kriterien:
- Zahl derjenigen, die die Bürgerrechte besitzen
(einer, wenige, viele);
- Qualität des Regierens: zum Nutzen aller,
Gemeinwohl – oder nur zum Nutzen des
Herrschers.
41
Der Zyklus der
Regierungsformen
Die gelingenden Formen Die Verfallsformen

Monarchie  Tyrannei 

Aristokratie  Timokratie; Oligarchie 

Demokratie, Politie  Demokratie; Ochlokratie;


Anarchie … 

Gemischte Verfassung
42
Demokratie, Aristoteles, Politik, IV, 4

„Man darf aber die Demokratie nicht einfach danach


bestimmen, daß die Menge entscheidet. … Man
muß also vielmehr sagen, daß Demokratie dort
herrscht, wo die Freigeborenen regieren,
Oligarchie dort, wo die Reichen regieren.“

„Demokratie besteht nur dort, wo die Freien und


Unbemittelten in der Mehrheit sind und regieren.“

43
Politie, Aristoteles, Politik, IV, 8

„In den meisten Staaten wird die Form der Politie


beansprucht. Denn nur die Mischung wird den
Reichen und Armen, dem Reichtum und der
Freiheit gerecht. Und bei den meisten scheinen
die Wohlhabenden die Stelle der Edlen
einzunehmen. Da nun drei Dinge nach dem
gleichen Rechte im Staate streben, Freiheit,
Reichtum und Tugend, so ist klar, daß man die
Mischung von zweien, der Reichen und der
Armen, Politie zu nennen hat, die der drei aber
vorzugsweise Aristokratie.“

44
Die Logik des Geldes, Aristoteles, Politik, I, 10

„Da es aber eine doppelte Erwerbskunst gibt, wie wir


gesagt haben, die des Kaufmanns und die des
Hausverwalters, und da diese notwendig und
lobenswert ist, die Tauschkunst dagegen mit Recht
getadelt wird (denn sie hat es nicht mit der Natur zu
tun, sondern mit den Menschen untereinander), so
ist erst recht der Wucher hassenswert, der aus dem
Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem,
wofür das Geld da ist.

45
Die Logik des Geldes, Forts.,

„Insofern scheint es denn, daß jeder Reichtum


eine Grenze haben müsse. In Wirklichkeit sehen
wir aber das Gegenteil: alle, die sich mit Erwerb
befassen, vermehren ihr Geld ins Unbegrenzte.“
Der Grund dafür ist, „daß man sich um das
Leben, aber nicht um das vollkommene Leben
bemüht. Da jenes Verlangen unbegrenzt ist, so
verlangen sie auch nach unbegrenzten Mitteln
dazu.“ (Aristoteles, Politik, I, 9)

46
Die Grundfähigkeiten des Menschen nach Martha C. Nussbaum:
Gerechtigkeit oder das Gute Leben, Frankfurt am Main 1999, 49ff

1. Die Fähigkeit, ein volles Menschenleben bis zum


Ende zu führen, nicht vorzeitig zu sterben …
2. --, sich guter Gesundheit zu freuen, angemessen
zu ernähren, eine angemessene Unterkunft zu
haben, Möglichkeiten zu sexueller Befriedigung
zu haben, mobil zu sein.
3. --, unnötigen Schmerz zu vermeiden und
freudvolle Erlebnisse zu haben.
4. --, die fünf Sinne zu benutzen.
5. --, Bindungen zu Dingen und Personen
außerhalb unserer selbst zu haben; diejenigen
zu lieben, die uns lieben und für uns sorgen; zu
lieben, zu trauern.
Forts. Martha Nussbaum
6. --, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen
und kritisch über die eigene Lebensplanung
nachzudenken.
7. --, für andere und bezogen auf andere zu leben,
Verbundenheit mit anderen Menschen zu erkennen
und soziale Beziehungen einzugehen.
8. --, in Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der
ganzen Natur zu leben.
9. --, zu lachen, zu spielen, und Freude an
erholsamen Tätigkeiten zu haben.
10. --, sein eigenes Leben und nicht das eines
anderen zu leben; und sein eigenes Leben in seinem
eigenen Kontext zu leben.
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste
In seiner Geschichte der Selbstpraktiken geht es Foucault darum
zu sehen, wie sich in abendländischen Gesellschaften eine
„Erfahrung konstituiert hat, die die Individuen dazu brachte, sich
als Subjekte einer „Sexualität“ anzuerkennen: anhand welcher
Wahrheitsspiele hat sich der Mensch als Begehrensmensch
erkannt? In der griech. Antike geht es um die Ästhetik der
Existenz, um eine Gestaltung seiner selbst als ethisches
Subjekt – und deswegen um eine Problematisierung des
sexuellen Verhaltens unter Bedingungen, unter denen die
Homosexualität nicht verboten oder tabuisiert ist. Es handelt
sich um eine Ethik von Männern, von männlichen Eigentümern,
die die Frauen als Objekte betrachten und beherrschen. Im
Anschluß sind die Analysen Foucaults interessant, weil sie auf
mehrere Dimensionen von Herrschaft der Männer hinweisen.
Im folgenden geht es um vier Problematisierungen des
herrschenden Mannes als Herrschendem:

49
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 2
1. Form von Herrschaft: Über das eigene Selbst: „Insofern kann man
sagen, daß in dieser Ethik … die Grenzlinie hauptsächlich zwischen
den Männern und den Frauen verläuft … Aber noch globaler verläuft
sie eher zwischen denen, die man die „aktiven Akteure“ auf der
Bühne der Lüste nennen könnten, und den „passiven Akteuren“. Auf
der einen Seite diejenigen, die Subjekte der sexuellen Aktivität sind
(und die sie in gemessener und geeigneter Weise auszuüben
haben); und auf der andern diejenigen, die die Objektpartner sind, an
denen und mit denen sie vollzogen wird. Die ersten sind
selbstverständlich die Männer – aber genauer: die erwachsenen und
freien Männer; zu den anderen gehören, natürlich, die Frauen – die
darin aber nur ein Element einer weiteren Menge bilden, auf die man
sich manchmal bezieht, um die Objekte möglicher Lust zu
bezeichnen: „die Frauen, die Knaben, die Sklaven“. … Sich in seiner
Rolle halten oder sie verlassen, Subjekt der Aktivität sein oder ihr
Objekt, auf die Seite derer übergehen, die sie erleiden, obgleich man
ein Mann ist, oder auf der Seite derer bleiben, die sie ausüben: das
ist [neben dem Exzeß] die zweite große Variable, von der die
moralische Einschätzung ausgeht. Der Exzeß und die Passivität sind
für einen Mann die beiden Hauptformen der Immoralität in der Praktik
der aphrodisia.“ (63f)
50
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 3
Die sexuelle Tätigkeit kann nicht als schlecht angesehen werden.
„Aber so natürlich und notwendig sie sein mag, sie ist
nichtsdestoweniger der Gegenstand einer moralischen Sorge;
sie erfordert eine Begrenzung, damit festgesetzt werde, bis zu
welchem Punkt und in welchem Maß es tunlich ist, sie
auszuüben.“ (65)
„Es ist eben diese natürliche Lebhaftigkeit der Lust, die
zusammen mit der Anziehung auf das Begehren die sexuelle
Aktivität dazu treibt, die Grenzen zu überschreiten, die von der
Natur dadurch gesetzt worden sind, daß sie aus dem
Vergnügen der aphrodisia ein niedriges, untergeordnetes und
bedingtes Vergnügen gemacht hat.“ (67) Die moralische Frage
besteht darin, wie man dieser Kraft der Lust die Stirn bieten
kann, wie sie zu meistern ist und wieweit man sie in einer
angemessenen Ökonomie gewähren lassen kann.“ 
Mäßigung: „Die Mäßigung wird stets zu den Qualitäten gezählt,
die nicht jedem Beliebigen zukommen oder gehören sollten,
sondern in erster Linie denen, die in der Polis Rang, Stand und
Verantwortung inne haben.“ (81) 51
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 4
„Das Verhältnis zu den Begierden und Vergnügen wird
als ein Kriegsverhältnis gedacht: ihnen gegenüber
muß man sich in die Position und die Rolle des
Gegners begeben: entweder als Soldat, der sich
schlägt, oder als Kämpfer in einem Wettbewerb…
Diese Kampfbeziehung mit Gegnern ist auch eine
agonistische Beziehung mit sich selber. Die Schlacht,
die zu führen, der Sieg, der zu erringen ist, die
Niederlage, die man erleiden kann, sind Prozesse und
Ereignisse, die zwischen sich und sich stattfinden. Die
Gegner, die das Individuum bekämpfen muß, sind
nicht einfach in ihm oder ihm ganz nahe. Sie sind ein
Teil seiner selbst.“: ein Zweikampf mit sich selber (90f)
52
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 5
„So wie im Haus der Mann befiehlt, so wie in der Polis
die Ausübung der Macht weder den Sklaven noch den
Kindern noch den Frauen kommt, sondern den
Männern, so muß auch gegenüber sich selber jeder
seine Mannesqualitäten zur Geltung bringen. Die
Selbstbeherrschung ist eine Art und Weise, Mann im
Verhältnis zu sich selber zu sein… In dieser
Männermoral, die für Männer gemacht ist, besteht die
Erarbeitung seiner selber als Moralsubjekt darin, von
sich selber zu sich selber eine Struktur von
Männlichkeit zu errichten: indem man im Verhältnis zu
sich Mann ist, wird man die Mannestätigkeit
kontrollieren und meistern können.“ (110)
53
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 6
Die Diät als strategische Kunst: die Diät nicht als nackter
Gehorsam gegenüber dem Wissen des anderen
mußte auf seiten des Individuums eine reflektierte
Praxis seiner selbst und seines Körpers sein. (138)
Die Diät der Lüste ist nicht nur deswegen so wichtig,
weil ein Übermaß eine Krankheit hervorrufen kann,
sondern weil es in der sexuellen Aktivität überhaupt
um die Beherrschung, um die Kraft und das Leben
des Menschen geht. Verknappt und stilisiert man
diese Aktivität in der Form eines diätetischen
Regimes, so formt man sich, übt sich, bewährt sich als
ein Individuum, das fähig ist, seine Gewalt zu
kontrollieren… (161)
54
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 7
2. Form von Herrschaft: über den Oikos und die Frau:
„Gewiß hat der Mann als Ehemann seine Lüste oder
zumindest die Zahl seiner Partner zu beschränken;
aber verheiratet sein heißt vor allem das Oberhaupt
einer Familie zu sein, eine Autorität zu besitzen und
eine Macht auszuüben die im „Haus“ ihren Ort hat,
und dort Verpflichtungen zu haben, die auf seine
Reputation als Bürger ausstrahlen.“ (192)
„Den oikos leiten heißt befehlen; und das Haus
befehligen unterscheidet sich nicht von der Macht, die
man in der Stadt auszuüben hat.“ (195)

55
Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, 8
3. Form von Herrschaft: über die Polis. „In der Ökonomik und
in der Diätetik gründete sich die freiwillige Mäßigung eines
Mannes auf sein Verhältnis zu sich; in der Erotik ist das
Spiel komplexer; es impliziert die Selbstbeherrschung des
Liebenden [älteren Mannes]; es impliziert aber auch, daß
der Geliebte [der Knabe] fähig sei, ein Verhältnis der
Herrschaft über sich selber herzustellen; und schließlich
impliziert es in der überlegten gegenseitigen Wahl ein
Verhältnis zwischen ihren beiden Mäßigungen. Man kann
sogar eine Tendenz feststellen, den Gesichtspunkt des
Knaben zu bevorzugen; vor allem über sein Benehmen
denkt man nach und ihm gibt man Hinweise, Ratschläge
und Vorschriften: als ob es vor allem wichtig wäre, eine
Erotik des geliebten Objekts auszubilden, jedenfalls des
geliebten Objekts, sofern es sich als Subjekt moralischen
Verhaltens zu bilden hat“ (258f) – also als zukünftiger, die
Polis und den Oikos regierender Mann, der beweist, daß
er sich selbst regieren kann.
56
Angaben nach Madison 2003
Angaben nach Madison 2003
Angaben nach Madison 2003
Angaben nach Madison 2003
Soziale Proteste, historische Ereignisse

Die große Pest 1347-1353 (ca. 33%, in manchen Regionen bis zu 80%
der Bevölkerung starb)
Aufstand der Wollarbeiter 1378 in Florenz, Aufstände in der Toscana,
in Frankreich, in England, in Deutschland
Hussiten-Bewegung zwischen 1419 und 1434
Buchdruck, um 1450 der Buchdruck mit beweglichen Lettern
Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 (Mehmed II.), Rom
wird Zentrum der Christenheit
1492: Reconquista
1943: Columbus entdeckt Westindien
1498: Vasco da Gama entdeckt Seeweg nach Ostindien
Bundschuh-Bewegung, Bauernkrieg (1493-1526)

61
Forts.
Humanismus, ca. 1490 bis 1530, Erasmus
1506: Neubau der Peterskirche in Rom beginnt – 1513
Ablassbriefe zur Finanzierung des Baus
1517: Thesenanschlag von Wittenberg, Spaltung der
Kirche
1509, 1543: Kopernikus und das heliozentrische Weltbild
Politische Theorie: Machiavelli schreibt 1513 den Principe
und beginnt mit den Discorsi
1522 wird Luthers Übertragung des Neuen Testaments
gedruckt
Täuferreich in Münster 1530-1535: Gütergemeinschaft,
Polygynie

62
Niccolò Machiavelli (1469-1527)
Wichtige Werke:
Der Fürst (1513, gedruckt 1532, 1557 auf den Index gesetzt)
Discorsi (1518, gedruckt 1531)

63
Machiavelli, Der Fürst, VI. Kap.
„Man wundere sich nicht, wenn ich in den
nachstehenden Betrachtungen über gänzlich
neue Herrschaften, bei denen sowohl Herrscher
als auch staatliche Ordnungen neu sind, die
bedeutendsten Beispiele anführe; denn die
Menschen gehen fast immer nur auf Wegen, die
bereits von anderen begangen wurden, und
richten sich bei ihren Handlungen nach
Vorbildern. … wird ein Mann von Klugheit doch
immer Wege einschlagen, die von bedeutenden
Männern begangen wurden, und immer die
trefflichsten Vorbilder wählen, damit seine
Tüchtigkeit … doch einigen Glanz erhält.“ 64
Machiavelli, Der Fürst, XV. Kap.

„Da es meine Absicht ist, etwas Brauchbares für


den zu schreiben, der Interesse dafür hat,
schien es mir zweckmäßiger, dem wirklichen
Wesen der Dinge nachzugehen als deren
Phantasiebild. Viele haben sich Vorstellungen
von Freistaaten und Alleinherrschaften gemacht,
von denen man in Wirklichkeit weder etwas
gesehen noch gehört, hat; denn zwischen dem
Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein
sollte, ist ein so gewaltiger Unterschied, daß
derjenige, der nur darauf sieht, was geschehen
sollte, und nicht darauf, was in Wirklichkeit
geschieht, seine Existenz viel eher ruiniert als
erhält. 65
Machiavelli, Der Fürst, XIX. + XVIII. Kap.

„Deshalb ist ein Herrscher, der die Macht


behaupten will, oft gezwungen, amoralisch zu
handeln.“
„Doch muß man sich darauf verstehen, Meister in
der Heuchelei und Verstellung zu sein.“
„Darum muß er die Seelenstärke haben, sich nach
den Winden des Glücks und dem Wechsel der
Verhältnisse zu richten und vom Guten so lange
nicht abzugehen, als es möglich ist, aber im
Notfall auch verstehen, Böses zu tun.“

66
Machiavelli, Der Fürst, VI. Kap.

„Ein solches Ereignis wie der Aufstieg eines


Privatmanns zur Macht eines Herrschers setzt
Tüchtigkeit und Glück voraus. … Prüft man die
Taten und das Leben der Eroberer und
Staatengründer, so sieht man, daß sie dem
Glück nur die Gelegenheit verdankten, die ihnen
den Stoff bot, in den sie die Form prägten, die
ihnen gut schien: ohne diese Gelegenheit hätten
ihre Kraft und Tüchtigkeit keine
Wirkungsmöglichkeit gehabt, und ohne ihre Kraft
und Tüchtigkeit hätte sich die Gelegenheit
vergeblich eingefunden.“
67
Machiavelli, Der Fürst, XXVI Kap.
„… da sich das Schicksal [Fortuna] wandelt
und die Menschen auf ihre Methoden
versessen sind, werden sie nur dann
Erfolg haben, solange sich beides
miteinander im Einklang befindet, und sie
werden Mißerfolge haben, wenn beides
nicht übereinstimmt. Ich bin aber der
Meinung, daß es besser ist,
draufgängerisch als bedächtig zu sein.
Denn Fortuna ist ein Weib; um es
unterzukriegen, muß man es schlagen und
stoßen.“ 68
Machiavelli, Discorsi, I.4.
„Ich behaupte, daß diejenigen, die die Kämpfe
zwischen Adel und Volk verdammen, auch die
Ursachen verurteilen, die in erster Linie zur
Erhaltung der Freiheit Roms führen. Wer mehr
auf den Lärm und das Geschrei solcher
Parteikämpfe sieht als auf deren gute
Wirkungen, der bedenkt nicht, daß in jedem
Gemeinwesen das Sinnen und Trachten des
Volks und der Großen verschieden ist und daß
alle zu Gunsten der Freiheit entstandenen
Gesetze nur diesen Auseinandersetzungen zu
danken sind.“
69
Forts. Discorsi, I.4

„Ich behaupte, daß jeder Staat die ihm eigenen


Mittel und Wege haben muß, dem Ehrgeiz des
Volks Luft zu machen, besonders aber die
Staaten, die sich bei wichtigen Dingen des Volks
bedienen wollen. … Auch sind die Forderungen
der freien Völker selten für die Freiheit
schädlich; denn diese sind entweder eine Folge
der Unterdrückung oder eine Folge der Furcht
vor Unterdrückung.

70
Forts. Discorsi, I.5
Untersucht man das Streben des Adels und des
Volks, so zeigt sich ohne Zweifel beim Adel ein
starkes Verlangen zu herrschen, beim Volk aber
nur das Verlangen, nicht beherrscht zu werden,
und folglich ein stärkerer Wille, in Freiheit zu
leben, da es weniger hoffen kann, die Freiheit zu
mißbrauchen, als der Adel. Werden daher
Männer aus dem Volk zu Hütern der Freiheit
bestellt, so werden diese vernünftigerweise
stärker um deren Schutz besorgt sein und
werden, da sie selber nicht die Freiheit
mißbrauchen können, auch andere daran
hindern.“
71
Machiavelli, Discorsi, I.58

„Die Grausamkeiten des Volkes richten sich


gegen den, von dem es fürchtet, daß er sich
am öffentlichen Gut vergreift, die Grausamkeiten
eines Alleinherrschers aber gegen die, die
fürchten, daß er ihnen ihr Eigentum nehmen
wird. Die ungünstige Meinung über das Volk
entsteht daraus, daß jeder dem Volk, auch dann,
wenn es regiert, frei und ohne Scheu Übles
nachreden kann, während man über einen
Gewalthaber immer nur unter tausende Ängsten
und mit tausend Rücksichten sprechen darf.“

72
Jean Bodin (1530-1596), Sechs
Bücher über den Staat (1576)

„Unter dem Staat versteht man die am Recht


orientierte, souveräne Regierungsgewalt über eine
Vielzahl von Haushaltungen und das, was ihnen
gemeinsam ist.“ (98)
„Souveränität ist die dem Staat eignende absolute
und zeitlich unbegrenzte Gewalt.“ (205)
Wer souverän ist, „darf in keiner Weise dem Befehl
anderer unterworfen und muß in der Lage sein,
den Untertanen das Gesetz vorzuschreiben,
unzweckmäßige Gesetze aufzuheben oder für
ungültig zu erklären und durch neue zu ersetzen.“
(213) 73
Etienne de la Boetie (1530-1563), Über die
freiwillige Knechtschaft des Menschen (1548)
„Ich will hier nur das eine zu begreifen
versuchen: Wieso geschieht es immer wieder, daß so
viele Menschen, daß so viele Städte und Dörfer, daß
so viele Länder und Völker die Tyrannei eines
einzelnen dulden? Der Tyrann hat doch nicht mehr
Macht als alle anderen ihm einräumen. … Da sehen
wir Millionen Menschen in elender Knechtschaft leben,
den Hals im Joch. (S. 32) … Und dabei brauchte man
den Tyrannen nicht einmal mit Gewalt zu bekämpfen,
man brauchte ihn nicht einmal umzubringen, nein, er
wäre wie von selber besiegt – sobald ihm nur seine
eigenen Untertanen die Zustimmung zu ihrer
Versklavung versagen.“ (S. 35) 74
Boethie, Forts. 1

„Die Natur, die Dienerin Gottes, die Lenkerin der


Menschen, hat uns alle gleich und nach
demselben Modell geschaffen, auf daß wir
einander als Brüder und Genossen erkennen
sollen. Sie hat ihre körperlichen und geistigen
Gaben verschieden verteilt – aber darum hat sie
uns doch nicht etwa in diese Welt wie auf einen
Kampfplatz gestellt, auf daß die Stärkeren und
Klügeren die Schwächeren und
Wenigerbegabten wie bewaffnete Räuber
anfallen und fressen sollen.“ (S. 38)

75
Boethie, Forts. 2
„Gewiß, alle Menschen müssen, sofern sie wirklich
Menschen sind, entweder mit Gewalt oder durch
Täuschung zur Knechtschaft gebracht werden. … Und
das Volk vergißt kaum, daß es unterworfen ist, seine
ursprüngliche Freiheit so plötzlich und so ganz und
gar, daß es sich nicht mehr dazu aufraffen kann, sie
wieder an sich zu reißen.“ (S. 42)
„Der erste Grund für die freiwillige Knechtschaft der
Menschen ist die Gewöhnung.“ (S. 47)
Der zweite Grund: „die Menschen werden in der
Sklaverei zwangsläufig feige und weibisch. … Unfreie
haben weder kriegerischen Mut noch irgend ein
Interesse an irgendwelchen Dingen.“ (S. 49f)
76
Boethie, Forts. 3
Dritter Grund: „Und nun komme ich endlich zu dem
Punkte, an dem ich das Geheimnis der Despotie die
Grundlage der Tyrannei, darlegen kann. … Wer sich
den Spaß machen und dieses ganze Knäuel
abwickeln wollte, der würde nicht sechs, nicht
600.000, sondern sechs Millionen finden, die alle
durch eine einzige Schnur an den Despoten
gebunden sind. Der Tyrann bedient sich ihrer … Da
wurden immerfort neue Posten erfunden und neue
Ämter eingerichtet. … Das System der Tyrannei mit
seinen Begünstigungen und Gewinnmöglichkeiten
bringt schließlich genau so vielen Menschen Nutzen
als es Menschen erzeugt, welche immer heftiger nach
Freiheit verlangen.“ (S. 56) 77
Marx zur sog. ursprünglichen Akkkumulation, Das
Kapital, Bd. 1, MEW 23, 765

„So wurde das von Grund und Boden gewaltsam


expropriierte, verjagte und zum Vagabunden
gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische
Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit
notwendige Disziplin hineingepeitscht, -
gebrandmarkt, -gefoltert. … Im Fortgang der
kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine
Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition,
Gewohnheit die Anforderungen jener
Produktionsweise als selbstverständliche
Naturgesetze anerkennt.“
78
Gerard Winstanley (1609-1676)
Das Gesetz der Freiheit (1652)

79
Winstanley: Das Gesetz der Freiheit (1652)
Warnungen an Cromwell, daß er seine Macht verspielen
könne, wenn er nicht bedenkt: „Die Erde, in der Eure
Staude wächst, ist das gemeine Volk von England. … Die
Wurzel Eurer Staude ist das Herz des Volkes, das unter
dem königlichen Joch schmachtet und die freie Nutzung
seiner englischen Erde unter dem Schutz der Republik
ersehnt.“ Die Versprechungen werden nicht eingehalten.
Menschen klagten, daß sie Steuern bezahlt, freies Quartier
für die Revolutionsarmee gegeben haben, aber die
Fronvögte mehr sind als früher, die Rechte der
Parlamentsabgeordneten und die Freiheiten der Untertanen
sollen erhalten bleiben und jede Form von Papisterei,
Bischofsklerisei und Tyrannei ausgemerzt werden, doch die
alten, engstirnigen, unwissenden Pfaffen – Feinde
republikanischer Freiheit - seien weiter in Amt und Würden.
(160f)
80
Winstanley: Das Gesetz der Freiheit (1652)
Die Macht der Gutsherren sei ungebrochen, sie forderten
Abgaben und Lehnszahlungen, verweigern die freie
Nutzung des Gemeindelandes; zwei oder drei Große halten
alle Macht in Händen, Steuern festzulegen (162f)
„Und zwei Gesetze sind durch das Parlament erlassen
worden: das eine zur Ausrottung königlicher Macht, das
andere zur Umwandlung Englands in eine freie Republik“
„Ein Entwurf einer republikanischen Regierung, in dem ich
dargelegt habe, was nach dem Gebot der Gerechtigkeit den
vollen Sinn einer republikanischen Freiheit ausmacht.“
(167)
„Wahre Freiheit liegt dort, wo der Mensch seine Nahrung
und die Mittel zu seiner Erhaltung empfängt, das heißt in
der Nutzung der Erde.“ (176)
81
Winstanley, Forts.

„Und so ward das Land verteilt, der Reichtum


des ganzen Landes stand allen offen, und ein
jeder konnte in brüderlicher Freiheit daran
teilhaben. Die Freiheit des einen war auch die
Freiheit des anderen. … daß, wenn die
Regierung dieser unserer Republik die
vollkommene Freiheit zu ihrer Sache macht,
das Gesetz sich dann von England her über
sämtliche Völker der Welt ausbreiten wird.“
(184)
„Der große Gesetzgeber republikanischer
Regierung ist der in jedermanns Brust
wohnende Geist allumfassender Gerechtigkeit,
der jetzt alle Menschen zu ergreifen beginnt.“
(195)
82
Winstanley, Forts.

„Die republikanische Regierung herrscht über die


Erde ohne Kaufen und Verkaufen und wird so zu
einem Urheber des Friedens und zum
Wiederhersteller des Friedens und der Freiheit von
einst. Sie sorgt gleichermaßen für die bedrängten,
die schwachen und die einfachen Leute wie für die
Reihen, die Klugen und die Starken. Sie verwandelt
Schwerter und Spieße in Pflugschare und macht den
älteren wie den jüngeren Bruder zum freienn Mann
auf der Erde. Alle Knechtschaft und Bedrückung, die
Könige, Gutsherren, Advokaten, Grundbesitzer und
der verschlagene Klerus der Menschheit aufgebürdet
haben, werden durch diese Regierung samt und
sonders wieder aufgehoben, so sie Macht und
Geltung hat.“ (193)
83
Francis Bacon (1561-1626), Essays (1625):
Über Aufstände und öffentliche Unruhen
1. Anzeichen für Unruhen: Schmähschriften;
zügellose Reden gegen den Staat, die sich
häufen und offen auftreten; Zwietracht, Hader und
Parteiungen. Falsche Gerüchte zum Nachteil des
Staates. Doch sollen sie nicht streng unterdrückt
werden. „Häufig tut man am besten, sie nicht wichtig
zu nehmen, um ihnen Einhalt zu tun, denn wenn
man sich ernsthaft um ihre Unterdrückung bemüht,
sind sie von erstaunlich langer Lebensdauer.“ (56)
2. Der Stoff, der einen Volksaufstand erregt: „Wenn
der Zündstoff sich erst angehäuft hat, kann man
schwerlich sagen, woher der Funke kommt, der ihn
in Brand steckt.“ 84
Forts. Francis Bacon
„Der Stoff zu Empörung ist von zweierlei Art: große Not
und großes Mißvergnügen. … Wenn aber gar diese
Armut und Besitzzerrüttung der oberen Stände mit
Elend und Not der unteren Klassen gepaart ist, dann
droht unmittelbar eine große Gefahr, denn die
Empörungen des Magens sind die schlimmsten.“
3. „Die Ursachen und Beweggründe zu Aufständen sind
Neuerungen in der Religion, Steuern, Änderungen an
Gesetzen und Herkommen, Entziehung von
Gerechtsamen, allgemeine Unterdrückung,
Beförderung unwürdiger Personen und Fremder,
Hungersnot, entlassene Heere … und was sonst noch
das aufgebrachte Volk zu gemeinschaftlicher Sache
vereinigt und zusammenknüpft.“ 85
Forts. Francis Bacon
4. Vorbeugemaßnahmen: die vornehmste: „daß man auf
jede erdenkliche Art und Weise die tatsächliche
Ursache zu Unruhen … aus dem Wege räumt,
nämlich Not und Armut im Reiche. … Vor allen sind
geeignete Vorkehrungen zu treffen, daß sich die
Schätze und Gelder eines Staates nicht in wenigen
Händen häufen, sonst könnte ein Staat ein noch so
großes Vermögen besitzen und dennoch darben. Geld
gleicht nämlich dem Dünger, der wertlos ist, wenn
man ihn nicht ausbreitet. … Ein sicheres Mittel gegen
innere Schwierigkeiten besteht auch darin, Unwillen
und Unzufriedenheit ein gewisses Maß von Luft zu
lassen, soweit das ohne Duldung von allzugroßer
Unverschämtheit und Herausforderung geschehen86
kann.“
Forts. Francis Bacon

„Ein berechnendes und geschicktes Wachrufen und


Nähren von Hoffnungen sowie Hinhalten der
Menschen von einer Hoffnung zur andern ist
eines der besten Gegenmittel gegen das Gift der
Unzufriedenheit. Es ist daher ein sicheres
Zeugnis für die Weisheit einer Regierung und
ihrer Maßnahmen, die Herzen des Volkes durch
Hoffnungen zu fesseln, wenn sie es nicht
zufriedenstellen kann, und wenn sie alles so
darzustellen versteht, daß kein Übel so hartnäckig
erscheint, als daß nicht noch ein Ausweg zu
erhoffen wäre.“
87
Thomas Hobbes (1588-1679)
Wichtigstes Werk:
Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines
bürgerlichen und kirchlichen Staates (1651)
89
Thomas Hobbes
Leviathan

„Denn durch Kunst wird jener große


Leviathan geschaffen, genannt Gemeinwesen
oder Staat, auf lateinisch civitas, der nichts
anderes ist als ein künstlicher Mensch, wenn
auch von größerer Gestalt und Stärke als der
natürliche, zu dessen Schutz und Verteidigung
er ersonnen wurde. Die Souveränität stellt darin
eine künstliche Seele dar, die dem ganzen
Körper Leben und Bewegung gibt …“ (S. 5)

90
Die geometrische Methode

„Die Kunst, Staaten zu schaffen und zu


erhalten, besteht wie die Arithmetik und
die Geometrie aus sicheren Regeln und
nicht wie Tennisspielen aus bloßer Übung.
Bisher besaßen weder arme Leute, denen
die Muße dazu fehlt, noch Reiche, die
diese Muße gehabt hätten, die Neugier
oder die Methode, um diese Regeln
ausfindig zu machen.“ (Leviathan, 162)
91
Naturzustand (Leviathan, S. 96)

„Daraus ergibt sich klar, daß die Menschen


während der Zeit, in der sie ohne eine
allgemeine, sie alle im Zaum haltende
Macht leben, sich in einem Zustand
befinden, der Krieg genannt wird, und zwar
in einem Krieg eines jeden gegen jeden.
[bellum omnium contra omnes] …

92
Forts. Naturzustand
In einer solchen Lage ist für Fleiß kein Raum, da
man sich seiner Früchte nicht sicher sein kann; und
folglich gibt es keinen Ackerbau, keine Schiffahrt,
keine Waren …, keine bequemen Gebäude …,
keine Kenntnis von der Erdoberfläche, keine
Literatur, keine gesellschaftlichen Beziehungen, und
es herrscht, was das Schlimmste von allem ist,
beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen
Todes – das menschliche Leben ist einsam,
armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.“

93
Vertragsschluss (Leviathan, 17. Kap., 134f)

„Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen


allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die
Menschen vor dem Angriff Fremder und vor
gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen
dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen, daß
sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten
der Erde ernähren und zufrieden leben können,
liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und
Stärke auf einen Menschen oder eine
Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen
durch Stimmenmehrheit auf einen Willen
reduzieren können.
94
Vertragsschluss (Forts.)

Es ist eine wirkliche Einheit aller in ein und


derselben Person, die durch Vertrag eines
jeden mit jedem zustande kam, als hätte jeder
zu jedem gesagt: Ich autorisiere diesen
Menschen oder diese Versammlung von
Menschen und übertrage ihnen mein Recht,
mich zu regieren, unter der Bedingung, daß du
ihnen ebenso dein Recht überträgst und alle
ihre Handlungen autorisierst. …
95
Vertragsschluss (Forts.)

Hierin liegt das Wesen des Staates, der,


um eine Definition zu geben, eine Person
ist, bei der sich jeder einzelne einer
großen Menge durch gegenseitigen
Vertrag eines jeden mit jedem zum Autor
ihrer Handlungen gemacht hat, zu dem
Zweck, daß sie die Stärke und Hilfsmittel
aller so, wie sie es für zweckmäßig hält,
für den Frieden und die gemeinsame
Verteidigung einsetzt.“
96
Vertragsschluss (Forts.)

Dies ist die Erzeugung jenes großen


Leviathan oder besser, um es
ehrerbietiger auszudrücken, jenes
sterblichen Gottes, dem wir unter dem
unsterblichen Gott unseren Frieden und
Schutz verdanken.“

97
Widerstandsrecht, S. 171

„Die Verpflichtung der Untertanen gegen den


Souverän dauert nur so lange, wie er sie auf
Grund seiner Macht schützen kann, und nicht
länger. Denn das natürliche Recht der
Menschen, sich selbst zu schützen, wenn
niemand anderes dazu in der Lage ist, kann
durch keinen Vertrag aufgegeben werden. …
Der Zweck des Gehorsams ist Schutz. .Findet
ihn ein Mensch in seinem eigenen Schwert oder
in dem eines anderen, so ist er von Natur aus
diesem Schutz gehorsam und bemüht sich, ihn
zu erhalten.“
98
Beste Regierungsform, S. 145ff
Der Unterschied zwischen [den drei verschiedenen
Staatsformen Monarchie, Aristokratie,
Demokratie] liegt nicht in der Verschiedenheit
der Gewalt, sondern in der unterschiedlichen
Angemessenheit oder Eignung für den Frieden
und die Sicherheit des Volkes, dem Zweck, zu
dem sie eingesetzt worden sind. … Jeder, der
die Person des Volkes verkörpert oder Mitglied
der verkörpernden Versammlung ist, verkörpert
auch seine eigene natürliche Person. Und selbst
wenn er als politische Person sich sorgfältig um
das Gemeinwohl kümmert, so kümmert er sich
99
Beste Regierungsform, S. 146f
… doch mehr, oder mindestens nicht weniger, um sein
Privatwohl, um das Wohl seiner Familie … und wenn das
öffentliche Interesse zufällig dem privaten in die Quere
kommt, so zieht er meistens das private vor… Daraus
folgt, daß dort, wo das öffentliche und das private
Interesse am meisten zusammenfallen, das öffentliche
am meisten gefördert wird. Nun fällt in der Monarchie das
Privatinteresse mit dem öffentlichen zusammen.
Reichtum, Macht und Ehre eines Monarchen ergeben
sich allein aus dem Reichtum, der Stärke und dem
Ansehen seiner Untertanen. Denn kein König kann reich,
ruhmvoll und sicher sein, dessen Untertanen entweder
arm oder verachtenswert oder aus Not oder aus
Uneinigkeit zu schwach sind, um einen Krieg gegen ihre
Feinde durchhalten zu können.
100
John Locke (1632-1704)
Zwei Abhandlungen über die Regierung, 1689 (anonym)
Versuch über den menschlichen Verstand, 1689
Einige Gedanken über die Erziehung, 1693 (anonym)

101
John Locke: Zweite Abhandlung über die
Regierung Staat (1689)
Da aber keine bürgerliche Gesellschaft Grund
und Bestand haben kann, ohne daß sie selbst
die Gewalt zum Schutz des Eigentums und
mithin zur Bestrafung aller durch die Mitglieder
der betreffenden Gesellschaft begangenen
Frevel besitzt, gibt es die bürgerliche
Gesellschaft dort, und zwar nur dort, wo jedes
ihrer Mitglieder auf diese seine naturgegebene
Macht verzichtet und sie der Gemeinschaft in all
den Fällen übereignet hat, die es nicht von der
Anrufung des darin errichteten Gesetzes zu
seinem Schutze ausschließen. (§ 87)
102
Wo immer sich also eine beliebige Anzahl
Menschen auf solche Weise zu einer
Gesellschaft zusammenschließt, daß jeder
seine Gewalt zur Vollstreckung des
Naturgesetzes aufgibt und der Allgemeinheit
übereignet, dort, und zwar nur dort, haben wir
es mit einer POLITISCHEN ODER
BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT zu tun.
Und dies trifft überall zu, wo eine Anzahl bislang
im Naturzustand lebender Menschen in eine
Gesellschaft mit dem Ziel eintritt, gemeinsam
ein Volk, einen politischen Körper unter einer
einzigen höchsten Staatsgewalt zu bilden,
beziehungsweise auch dann, wenn sich jemand
einem schon bestehenden Staat anschließt
oder eingliedert. (§89) 103
„Sobald beliebig viele Menschen solchermaßen
eingewilligt haben, ein Staats- oder Gemeinwesen zu
bilden, sind sie damit unmittelbar Glieder und
Schöpfer eines politischen Körpers geworden, in dem
die Mehrheit das Recht hat, für die übrigen zu
handeln und zu entscheiden.“ (§ 95)

„Denn wenn eine beliebige Zahl Menschen mit


Billigung jedes einzelnen eine Gemeinschaft gebildet
haben, haben sie dadurch jene Gemeinschaft zu
einem einzigen Körper werden lassen, mit der Macht,
auch wie ein solcher einziger Körper zu handeln, und
zwar ausschließlich durch den Willen und die
Entscheidung der Mehrheit. …
104
… Denn da das, was in einer Gemeinschaft
beschlossen wird, allein mit Billigung ihrer
Einzelglieder geschehen kann und es notwendig ist,
daß ein einziger Körper sich nur in eine Richtung
bewege, muß sich dieser zwangsläufig dorthin
bewegen, wohin die stärkste Kraft ihn drängt, und
das ist die Billigung der Mehrheit; andernfalls könnte
er unmöglich weiter als ein einziger Körper oder als
ein einziges Gemeinwesen handeln und bestehen,
was er doch mit Billigung aller darin vereinten
Einzelglieder tun soll.“ (§ 96)

105
„Da die Menschen in die Gesellschaft hauptsächlich
deshalb eintreten, um sich in Frieden und Sicherheit
ihres Eigentums zu erfreuen, und das wichtigste
Werkzeug und Mittel zu diesem Zweck die in jener
Gesellschaft errichteten Gesetze sind, ist das erste,
grundlegende, ausdrückliche Gesetz aller
Gemeinwesen die Errichtung der gesetzgebenden
Gewalt … Diese Legislative ist nicht nur die höchste
Gewalt des Gemeinwesens, sondern sie liegt auch
geheiligt und unwandelbar in den Händen dessen,
dem die Gesellschaft sie einmal anheimgegeben
hat.“ (§134)

106
„Zum zweiten kann die Legislative oder die höchste
Autorität sich nicht die Macht anmaßen, kraft
willkürlicher Augenblicksverfügungen zu herrschen,
sondern ist verpflichtet, nach öffentlich verlautbarten
stehenden Gesetzen und vermittels allgemein
bekannter und befugter Richter Gerechtigkeit walten
zu lassen und über die Rechte der Untertanen zu
entscheiden.“ (§136)

107
„Obwohl es in einem verfaßten Gemeinwesen, das
auf eigener Grundlage ruht und der eigenen Natur
gemäß … nur eine höchste Gewalt geben kann,
nämlich die Legislative, der alle übrigen Gewalten
untergeordnet sind und sein müssen, ist die
Legislative doch lediglich eine anvertraute Gewalt,
die bestimmten Zwecken zu dienen hat, und es
verbleibt dem Volke immer noch die höchste Gewalt,
die Legislative abzusetzen oder zu verändern, wenn
es feststellt, daß sie dem in sei gesetzten Vertrauen
zuwiderhandelt. … Und so bewahrt sich die
Gemeinschaft stets die höchste Gewalt, sich gegen
die Angriffe und Anschläge von jeder Seite zu
schützen, wovon der auch die Gesetzgeber nicht
ausgeschlossen sind, sollten sie jemals so töricht …
sein, Anschläge gegen Freiheit und Eigentum der
Untertanen zu planen oder auszuführen.“ (§149) 108
Der liberale Freiheitsbegriff 1
Hobbes: Die Menschen besitzen „in allen vom
Gesetz nicht geregelten Gebieten die Freiheit,
das zu tun, was sie auf Grund ihrer eigenen
Vernunft für das Vorteilhafteste halten. … Die
Freiheit eines Untertanen ist daher auf die Dinge
beschränkt, die der Souverän bei der Regelung
ihrer Handlungen freigestellt hat: so z.B. die
Freiheit des Kaufs und Verkauf oder anderer
gegenseitiger Verträge …“ (Leviathan, S. 165)

109
Der liberale Freiheitsbegriff 2
Locke: „Die natürliche Freiheit des Menschen besteht
darin, daß er von jeder höheren Macht auf Erden
frei ist und nicht dem Willen oder der
Gesetzesgewalt eines Menschen untersteht,
sondern als seiner einzigen Richtschnur dem
Naturgesetz folgt. Die Freiheit des Menschen in der
Gesellschaft besteht darin, daß er keiner anderen
als der in dem Gemeinwesen mit seiner
Zustimmung errichteten Gesetzesgewalt untersteht
und abgesehen von dem, was der Gesetzgeber
kraft des in ihn gesetzten Vertrauens verfügt hat,
keinem fremden Willenszwang und keiner
Einschränkung seiner Rechte ausgesetzt ist.“
110
Der liberale Freiheitsbegriff 3: Isaah Berlin, Zwei
Freiheitsbegriffe: Negative Freiheit, S. 203
„Je größer der Bereich der Ungestörtheit, desto größer
meine Freiheit. [Die klassischen englischen
Philosophen] waren uneins in der Frage, wie groß
dieser Bereich sein kann oder soll, nahmen aber an,
daß er nicht unbegrenzt sein könne, denn dann käme
es dahin, daß alle Menschen jederzeit alle anderen
behelligen können; solche »naturwüchsige« Freiheit
würde in ein gesellschaftliches Chaos münden, in dem
die Mindestbedürfnisse der Menschen nicht mehr
befriedigt werden könnten; die Freiheit der Schwachen
würde von den Starken unterdrückt. … Sie waren
bereit, die Freiheit im Interesse anderer Werte und
auch im Interesse der Freiheit selbst zu beschneiden.“
111
Isaah Berlin, Forts.: Positive Freiheit, S. 211f
„Die »positive« Bedeutung des Wortes Freiheit leitet sich aus dem
Wunsch des Individuums ab, sein eigener Herr zu sein. Ich will,
daß mein Leben und meine Entscheidungen von mir abhängen
und nicht von irgendwelchen äußeren Mächten. … Dieses
dominierende Selbst wird nun abwechselnd mit der Vernunft
oder meiner »höheren Natur« identifiziert, mit dem Selbst, das
berechnet und anstrebt, was ihm auf lange Sicht am besten
Genüge tut … das wirkliche Selbst wird nun als etwas begriffen,
das größer ist als das Individuum, als ein gesellschaftliches
»Ganzes«, an dem das Individuum teilhat. … wir wissen: es ist
möglich und bisweilen gerechtfertigt, Zwang gegen Menschen
im Namen eines Ziels auszuüben, das die Menschen, wenn sie
aufgeklärter wären, selbst anstreben würden, das sie aber, weil
sie blind, unwissend oder schlecht sind, nicht anstreben. Das
macht es mir leicht, in mir jemanden zu sehen, der gegen
andere zu deren eigenem Wohl, nicht in seinem eigenen
Interesse Zwang ausübt.“ 112
Die negative oder juridische Die senkrechten und waagrechten
Freiheit hat ein LIBERALE Linien stellen die durch Recht
Gesamtvolumen: es ist die FREIHEIT gesicherten Grenzen der Freiheit
Summe der Freiheit aller eines jeden Individuums, seine
einzelnen Individuen. Privatrechtssphäre dar.
Die gesamte Indivi Indivi … …
Sphäre aller duum duum
individuellen 1 2
Freiheiten wird
im Rahmen des Indivi Indivi
von allen duum duum
Einzelnen 9 10
geschlossenen … …
Gesellschaftsver-
trags durch das
vom Souverän
festgelegte Individu
um N
Gesetz
geschaffen und
geschützt.
Die Pfeile markieren den Übergriff eines Individuums in die
Rechtssphäre eines anderen Individuums, in der das Individuum ohne
gesetzliche Einschränkung frei handeln kann. Die Pfeile markieren die
Freiheit des Individuums innerhalb der Rechtssphäre.
Jean Jacques Rousseau (1712-1778)

Wichtige Werke:
Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit
(1755)
Vom Gesellschaftsvertrag (1762)
Emile oder über die Erziehung (1762) 114
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in
Ketten. … Wie ist diese Entwicklung gekommen? Ich
weiß es nicht. Was kann sie rechtmäßig machen? …
Die Gesellschaftsordnung ist ein heiliges Recht, das
die Grundlage für alle anderen Rechte ist. Diese
Ordnung entspricht nicht der Natur. Sie ist durch
Vereinbarung begründet.“ (I.1)
„Auf seine Freiheit verzichten heißt, auf sein
Menschtum, auf die Menschenrechte, sogar auf seine
Pflichten zu verzichten. Es wäre ein nichtiger und
widersprüchlicher Vertrag, wollte man für die eine
Seite eine absolute Herrschaft und für die anderen
einen absoluten Gehorsam setzen.“ (I.4) 115
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Richtig verstanden, lassen sich die Bedingungen des
Gesellschaftsvertrags auf eine einzige zurückführen:
die vollständige Überäußerung eines jeden Mitglieds
mit all seinen Rechten an die Gemeinschaft. Wenn
sich nämlich erstens jeder ganz übereignet, ist die
Bedingung für alle gleich: niemand hat ein Interesse,
sie für die anderen drückend zu machen. Da zweitens
die Überäußerung vorbehaltlos geschieht, ist die
Vereinigung so vollkommen, wie sie nur sein kann,
und kein Mitglied kann weitere Ansprüche stellen. …
Wenn sich schließlich jeder allen überäußert,
überäußert er sich niemandem.“ (I.6)
116
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Alles Unwesentliche weggelassen, läßt sich der
Gesellschaftsvertrag auf folgende Begriffe
zurückführen: Jeder von uns unterstellt
gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft
der höchsten Leitung des Gemeinwillens (volonté
générale), und wir empfangen als Körper jedes Glied
als unzertrennlichen Teil des Ganzen. Im gleichen
Augenblick entsteht aus dieer Vergesellschaftung,
anstelle des einzelnen Vertragspartners, ein Moral-
und Kollektivkörper, der aus so vielen Mitgliedern
besteht, wie die Versammlung Stimmen hat; aus
diesem Akt hat er seine Einheit, sein gemeinsames
Ich, sein Leben und seinen Willen. … Diese
Staatsperson heißt REPUBLIK.“ (I.6)
117
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„… folglich ist es wider die Natur des Staatskörpers, daß
sich der Souverän ein Gesetz auferlegt, das er nicht
übertreten könnte. Da er sich nur in einer einzigen
Beziehung verstehen kann, befindet er sich in der
Lage des einzelnen, der mit sich selbst einen Vertrag
schließt. Daraus wird ersichtlich, daß es kein
Grundgesetz geben kann, das für den ganzen
Volkskörper gilt, nicht einmal den
Gesellschaftsvertrag. … Da aber der Souverän aus
seinen Mitglieder besteht, kann er kein Interesse
verfolgen, das ihrem Interesse widerspricht. … Der
Souverän ist allein dadurch, daß er ist, immer schon
das, was er sein soll.“ (I.7)
118
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Jeder kann als Mensch einen eigenen Willen haben,
der mit oder gegen Allgemeinwillen läuft, den er als
Staatsbürger (citoyen) hat Sein Partikularinteresse
kann ihn ganz anders fordern als das
Gemeininteresse. … Wer dem Gemeinwillen den
Gehorsam verweigert, muß durch den ganzen Körper
dazu gezwungen werden. Das heißt nichts anderes,
als daß man ihn dazu zwingt, frei zu sein.“ (I.7)
„Der Mensch verliert durch den Gesellschaftsvertrag
seine natürliche Freiheit und ein unbegrenztes Recht
auf alles, was ihn reizt und was er erreichen kann. Er
gewinnt die bürgerliche Freiheit und das
Eigentumsrecht auf alles, was er besitzt.“ (I.8) +
119
Erwerb moralischer Freiheit: Herr seiner selbst.
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Allein der Gemeinwille kann die Kräfte des Staates dem
Zweck seiner Gründung entsprechend lenken. Der
Zweck aber ist das Gemeinwohl. Denn wenn der
Gegensatz der Einzelinteressen die Bildung von
Gesellschaften notwendig gemacht hat, so hat sie das
Zusammenspiel der gleichen Interessen möglich
gemacht. Das soziale Band bildet das Gemeinsame in
diesen verschiedenen Interessen. Gäbe es nämlich
keinen Punkt, in dem allel Interessen
übereinstimmten, so könnte keine Gesellschaft
existieren. Aus diesem gemeinsamen Interesse muß
die Gesellschaf einzig und allein regiert werden.“ (2.1,
vgl. 2.3)
120
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
Die Souveränität ist nur der Vollzug des Gemeinwillens
und darf niemals veräußert werden – der Souverän ist
ein Kollektivwesen, das nur durch sich selbst
dargestellt werden kann“ (2.1) – die Souveränität ist
unteilbar, denn der Wille ist allgemein (2.2) – der
Gemeinwille hat immer recht und zielt immer auf das
Gemeinwohl (2.3) – Unterschied von volonté de tous
und volonté générale: dieser zielt auf das
Gesamtinteresse, ersterer auf die Summe der
Einzelinteressen (2.3)

121
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Der Gesellschaftsvertrag richtet unter den Bürgern eine
Gleichheit auf, daß alle die gleichen Verpflichtungen
eingehen und sich der gleichen Rechte erfreuen.
Jeder Hoheitsakt, d.h. jede authentische Handlung
des Gemeinwillens verpflichtet oder begünstigt der
Natur des Paktes gemäß alle Bürger in gleicher
Weise. Die Herrschaft kennt nur den Körper der
Nation; sie kennt keinen von denen, die ihn bilden. …
Solange di eUntertanen nur solchen Überienkommen
unterworfen sind, gehorchen sie niemandem außer
ihrem eigenen Willen.“ (2.4)

122
J.J. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
„Wenn das ganze Volk über das ganze Volk beschließt,
sieht es nur sich selbst. Entsteht jetzt ein Verhältnis,
so findet es ohne eine Teilung des Ganzen nur
zwischen dem ganzen Objekt unter einem Standpunkt
und dem ganzen Objekt unter einem anderen
Standpunkt statt. Dann ist der Gegenstand, über den
man beschließt, genauso allgemein wie der Wille, der
beschließt. Diesen Akt nenne ich ein Gesetz.“ (II.6)

123
Die aktuelle Verwendung der Vertragstheorie bei John
Rawls: „Verteilungsgerechtigkeit“, S. 357
Das Ziel der Gesellschaftsvertragstheorie „besteht
genau darin, Rechenschaft über die Strenge der
Gerechtigkeit abzugeben, indem sie davon ausgeht,
daß ihre Prinzipien aus einer Übereinkunft von freien
und unabhängigen Personen in einem
ursprünglichen Zustand der Gleichheit entstehen
und daher die Integrität und gleiche Souveränität der
rationalen Personen widerspiegeln, welche die
Vertragspartner sind.“ … Die Vertragstheorie geht
davon aus, „daß rationale Individuen, die zur
Gesellschaft gehören, in einem gemeinsamen Akt
wählen müssen, was unter ihnen als gerecht oder
ungerecht zu gelten hat.“ 124
Carol Pateman, Sexual Contract
„Der Urpakt ist sowohl ein Geschlechter- aus auch
ein Gesellschaftsvertrag: Er ist ein
Geschlechtervertrag im patriarchalen Sinn, denn
der Vertrag legt die politische Herrschaft der
Männer über die Frauen fest, er ist aber auch
ein Geschlechtervertrag, der den geordneten
Zugang der Männer zu den Körpern der Frauen
regelt.“ (S. 75) „Die Standardkommentare zu
den klassischen Geschichten des Grundvertrags
erwähnen so gut wie nie, daß Frauen aus dem
Urpakt ausgeschlossen sind. Es sind Männer,
die den Grundvertrag geschlossen haben.“ (78)

125
Forts. 2 Carol Pateman, Sexual Contract, S. 84
„Aus einem anderen Blickwinkel ersetzt die bürgerliche
Gesellschaft den Naturzustand; und „bürgerlich“
bezieht sich wiederum nur auf eine der beiden
Sphären der bürgerlichen Gesellschaft, auf die
öffentliche… „Bürgerliche Gesellschaft“ unterscheidet
sich von anderen Formen der sozialen Ordnung durch
die Trennung von privater und öffentlicher Sphäre; die
bürgerliche Gesellschaft teil sich in zwei zueinander
im Gegensatz stehende Bereiche, jeder mit einer
ausgeprägten und kontrastierenden Funktionsweise.
Doch die Aufmerksamkeit konzentriert sich immer nur
auf einen Bereich, der einzig und allein als politische
interessant wahrgenommen wird. Über die Existenz
von zwei Sphären … werden selten Fragen gestellt.“
126
Forts. 3 Carol Pateman, Sexual Contract, S. 85

„Mit Eintritt in den Grundvertrag besteht die wesentliche


Dichotomie zwischen Privatsphäre und bürgerlicher
Öffentlichkeit – eine Dichotomie, welche die Ordnung der
Geschlechterdifferenz im Naturzustand reflektiert und
gleichbedeutend ist mit einer politischen Differenz. Frauen
sind im Grundvertrag nicht Partei, sie werden aber auch
nicht im Naturzustand zurückgelassen – das würde den
Zweck des Geschlechtervertrags hintertreiben! Frauen
werden in einen Bereich aufgenommen, der zur
bürgerlichen Gesellschaft gehört und auch wieder nicht.
Der private Bereich ist Teil der bürgerlichen Gesellschaft,
ist aber vom „gesellschaftlich-öffentlichen“ Bereich
abgetrennt. Der Gegensatz privat/öffentlich ist ein anderer
Ausdruck für natürlich/gesellschaftlich und
Frauen/Männer.“
127
Emmanuel Joseph Sieyes (1748-1836): Was ist
der Dritte Stand? (1789)
„Was ist der Dritte Stand? Er umfaßt alles, was zur
Nation gehört; und alles, was nicht der Dritte
Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der
Nation ansehen. Was also ist der Dritte Stand?
ALLES.“ „Unter dem Dritten Stand muß man die
Gesamtheit der Bürger verstehen, die dem
Stand der gewöhnlichen Leute angehören… Ein
gemeinschaftliches Gesetz und eine
gemeinschaftliche Repräsentation, das ist es,
was eine Nation ausmacht.“

128
Forts. Sieyes: Was ist der Dritte Stand, 128f
„Was ist der Dritte Stand bis jetzt gewesen? Nichts…. Jedes
Privileg widerspricht dem gemeinschaftlichen Recht; also
bilden alle Privilegierten, ohne Unterschied, eine vom Dritten
Stand verbeschiedene und ihm entgegengesetzte Klasse. …
Diese Wahrheit führt zum großen nationalen Interesse
zurück, da sie die Notwendigkeit kräftig zum Bewußtsein
bringt, alle zeitweiligen Privilegien unverzüglich zu
unterdrücken, die den Dritten Stand spalten… Die
Abschaffung der Privilegien innerhalb des Dritten Standes ist
nicht der Verlust von Befreiungen, die einige seiner
Mitglieder genießen. Diese Befreiungen sind ja nichts
anderes als das gemeinschaftliche Recht… Daher verlange
ich nicht den Verlust eines Rechtes, sondern seine
Wiederherstellung.“

129
Forts. Sieyes: Was ist der Dritte Stand, 128f
„Was verlangt der Dritte Stand? Etwas zu werden…
Das Volk will haben echte Vertreter auf den
Generalständen, d.h. Abgeordnete, die aus seinem
Stand kommen und die fähig sind, die Interpreten
seines Willens und die Verteidiger seiner Interessen
zu sein. Was nützte es ihm, an den Generalständen
teilzunehmen, wenn das dem seinen
entgegengesetzte Interesse dort dominierte? Es
würde durch seine Anwesenheit die Unterdrückung,
deren ewiges Opfer es wäre, nur bestätigen… Der
Dritte Stand verlangt, daß die Stimmen nach Köpfen
und nicht nach Ständen gezählt werden.
130
Erklärung der angestammten, unveränderlichen
und heiligen Rechte des Menschen, 26.8.1789

Art. 1. Frei und gleich an Rechten werden


die Menschen geboren und bleiben es.
Die sozialen Unterschiede können sich nur
auf das gemeine Wohl gründen.
Art. 2. Der Zweck jedes politischen
Zusammenschlusses ist die Bewahrung
der natürlichen und unverlierbaren
Menschenrechte. Diese Rechte sind
Freiheit, Eigentum, Sicherheit und
Widerstand gegen Bedrückung. 131
Erklärung der Menschenrechte, Forts.
Art. 3. Jegliche Souveränität liegt im Prinzip
und ihrem Wesen nach in der Nation…
Art. 4. Die Freiheit besteht darin, alles tun zu
können, was anderen nicht schadet. …
Art. 5. Das Gesetz hat nur das Recht,
Handlungen zu verbieten, die der
Gesellschaft schädlich sind.
Art. 6. Das Gesetz ist der Ausdruck des
Gemeinwillens. Alle Bürger haben das
Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter
an seiner Schaffung mitzuwirken. … 132
Olympe de Gouges (1748-1793)
Erklärung der Rechte der Frau und
Bürgerin

„Die Mütter, die Töchter, die


Schwestern, Vertreterinnen der Nation,
verlangen als Nationalversammlung konstituiert
zu werden. In Anbetracht dessen, daß
Unkenntnis, Vernachlässigung oder Mißachtung
der Rechte der Frau die alleinigen Ursachen
öffentlichen Unbills und der Verderbtheit der
Regierenden sind, haben sie beschlossen, in
einer feierlichen Erklärung die natürlichen,
unveräußerlichen Rechte der Frau darzulegen.“
133
Olympe de Gouges (1748-1793)
Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin
„Art. I: Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann
ebenbürtig in allen Rechten. Unterschiede im Bereiche
der Gesellschaft können nur im Gemeinwohl
begründet sein.
Art. II: Ziel und Zweck jedes politischen Zusammen-
schlusses ist die Wahrung der natürlichen und
unverjährbaren Recht evon Frau und Mann, als da
sind: Freiheit, Eigentum, Sicherheit und insbesondere
das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung.
Art. III: Jede Staatsgewalt wurzelt ihrem Wesen nach in
der Nation, welche ihrerseits nichts anderes ist, als
eine Verbindung von Frau und Mann.
134
Olympe de Gouges (1748-1793)
Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, Forts. 1

Art. IV: Freiheit und Gerechtigkeit beruhen darauf, daß


dem andern abgegolten wird, was ihm zusteht. So
stößt die Frau bei der Wahrnehmung ihrer natürlichen
Rechte nur an die ihr von der Tyrannei des Mannes
gesetzten Grenzen; diese müssen durch die Natur
und Vernunft diktierten Gesetze neu gezogen werden.
Art. X: Niemand darf wegen seiner Meinung, selbst in
Fragen grundsätzlicher Natur, Nachteile erleiden. Die
Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen,
gleichermaßen muß ihr das Recht zugestanden
werden, eine Rednertribüne zu besteigen, sofern sie
nicht in Wort und Tat die vm Gesetz garantierte
öffentliche Ordnung stört.“ 135
Olympe de Gouges (1748-1793)
Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, Forts. 2

Art. XI: Die freie Gedanken- und Meinungsäußerung


ist eines der kostbarsten Rechte der Frau,
gewährleistet diese Freiheit doch auch die
gesetzliche Vaterschaft. Jede Bürgerin kann
demnach ohne Einschränkung sagen: „Ich bin die
Mutter eines Kindes, das von Euch stammt“, ohne
daß ein barbarisches Vorurteil sie dazu zwänge,
die wahren Umstände geheimzuhalten. Stets
jedoch mit dem Vorbehalte der Haftung im Falle
eines Mßbrauches dieser Freiheit in den vom
Gesetz festgelegten Fällen.“
136
Olympe de Gouges (1748-1793)
Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, Forts. 3

Frau erwache! Die Stimme der Vernunft erschallt über


unsern Erdball: erkenne deine Rechte! Das gewaltige
Reich der Natur ist nicht mehr umlagert von
Vorurteilen, Fanatismus Irrglauben und Lüge. Die
Fackel der Wahrheit hat das dunkle Gewölk der
Dummheit und Gewalt zerteilt. All seine Kräfte auf-
bietend vermochte der versklavte Mann nicht ohne
deine Hilfe seine Ketten zu sprengen. Kaum in Frei-
heit, zeigt er sich ungerecht gegen seine Gefährtin…
Man bringt euch eine noch tiefere Verachtung, eine
noch unverhohlenere Geringschätzung entgegen. In
den Zeitaltern der Korruption habt ihr wenigsten über
die Schwächen der Männer geherrscht… 137
Olympe de Gouges (1748-1793): Erklärung …, Forts. 3
… Die Frauen haben mehr Schaden angerichtet als
Gutes vollbracht. Zwänge und Heimlichkeiten machten
ihr Erbteil aus. Was ihnen mit Gewalt geraubt wurde,
haben sie sich listenreich zurückgeholt; all ihre Reize
haben sie spielen lassen, so daß auch der unbe-
scholtenste Mann nicht widerstehen konnte … Die
französische Regierung vornehmlich unterstand
während Jahrhunderten dem nächtlichen Imperium
der Frauen … Die unanständigste Frauensperson
erwarb sich gegen Gold Ehrerbietungen. Dieser
Frauenhandel schreckte auch nicht vor den höchsten
Kreisen zurück, was künftig sich ändern dürfte.
Andernfalls wäre die Revolution gescheitert, und unter
neuen Verhältnissen wucherte die alte Verderbnis138
weiter.“
Robespierre Babeuf
(1758-1794) (1760-1797)

139
Robespierre zu Republik und Demokratie

„Welches Ziel streben wir an? Wir wollen den


friedlichen Genuß der Freiheit und der
Gleichheit; die Herrschaft jener ewigen
Gerechtigkeit. … Wir wollen in unserem Lande
die Moral gegen den Egoismus, die
Rechtschaffenheit gegen die Ehre, die
Grundsätze gegen die Gewohnheiten, die Pflicht
gegen die Höflichkeit, die Herrschaft der
Vernunft gegen die Tyrannei der Mode.…
Welche Regierungsform kann diese Wunder
vollbringen?

140
Forts. Robespierre
Nur die demokratische oder republikanische
Regierung! Denn diese beiden Wörter sind
synonym. … Die Demokratie ist kein Staat, in
dem sich das Volk ständig versammelt und alle
seine öffentlichen Angelegenheiten selbst
regelt.“ Sie ist ein Staat, „in dem das souveräne
Volk sich nach Gesetzen richtet, die sein
eigenes Werk sind, indem es von selbst alles tut,
was es tun kann, und indem es durch seine
Abgeordneten tun läßt, was es nicht selbst tun
kann.“ (Robespierre 1794: Über die Grundsätze
der politischen Moral, in: Ausgewählte Texte,
Hamburg 1989, 584ff) 141
Die Eigentumsfrage

„Es ist auch keineswegs so seltsam, wie


es vielleicht auf den ersten Blick erscheint,
daß das Eigentum aus Arbeit eine größere
Bedeutung erlangen solle als das
gemeinsame Eigentum an Land. Denn
tatsächlich ist es doch die Arbeit, die
jedem Ding seinen unterschiedlichen Wert
gibt.“ (Locke, Zweite Abhandlung, § 40)

142
Forts. Eigentumsfrage
„Schauen wir uns die Gepflogenheiten von
Königen und Eroberern an, so ekennen wir, daß
sie seit der Zeit, da die Bücher des Mose
geschrieben wurden, ihre Freiheit noch stets im
Besitz der freien Verfügungsgewalt über die
Erde verkörpert sahen.“ Neben den Advokaten
war es der Klerus, „dessen gesamtes Tun darauf
gerichtet war, der Masse des Volkes einzureden,
daß es ganz in der Ordnung wäre, wenn William
der Eroberer seelenruhig die Erde für sich
beanspruche und darüber gebiete.“ (Gerrard
Winstanley, Das Gesetz der Freiheit (1651))

143
Forts. Eigentumsfrage

„Haben Sie diesen Artikel der Erklärung der


Menschenrechte zu Gesicht bekommen, der das
Eigentum definiert als „das Recht, nach Belieben
über seine Güter, seine Einkünfte, sein Kapital
wie sein Gewerbe“ zu verfügen? Unverjährbare
Naturrechte! Kraft der Menschenrechtserklärung
werdet ihr bald in die Lage versetzt sein, den
Preis für das Pfund Brot zu erhöhen… Wer mag
abzuschätzen, wo eure verbrecherische
Habsucht haltmachen wird?!“ (Babeuf zu
Eigentum und Menschenrechten, 1793, in
Markov 1987, 410) 144
Forts. Eigentumsfrage

„Wir trachten nach etwas Erhabenerem


und Gerechterem, dem Gemeinwohl oder
der Gütergemeinschaft! Der Grund und
Boden darf kein persönliches Eigentum
mehr sein – die Erde gehört niemandem.
Wir fordern, wir verlangen, daß die
Früchte der Erde Gemeineigentum werden
– die Früchte gehören allen.“ (Manifest der
Gleichen von Sylvain Maréchal, 1796)

145
Federalist Papers, Nr. 10, 1787/88

Parteiungen sind ein Übel. Deswegen a) ihre Ursachen


beseitigen, b) ihre Wirkungen kontrollieren. Zu a)
Parteiungen unterdrücken wäre gleichbedeutend mit
Unfreiheit; auch den Bürgern die selbe Meinung, dieselben
Interessen vorschreiben geht nicht: Menschen haben
unterschiedliche Fähigkeiten, aus denen die
Eigentumsrechte entspringen: „Die am weitesten
verbreitete und dauerhafteste Quelle von Parteiungen ist
jedoch immer die ungleiche Verteilung des Eigentums
gewesen. Besitzende und Besitzlose haben immer
verschiedene Interessengruppen innerhalb der
Gesellschaft gebildet. … Der Umgang mit Parteien und
Parteiungen gehört also zu den normalen Erfordernissen
der Regierungstätigkeit.“
146
Federalist Papers, Nr. 10, 1787/88
Es bleibt nur die Kontrolle der Wirkungen: b) das
Gemeinwohl und die privaten Rechte gegen eine
Parteiung der Mehrheit bewahren ist das große Ziel. Eine
Republik mit Repräsentativsystem bietet die Heilmittel: 1)
Übertragung der Regierungsverantwortung an gewählte
Vertreter – im Fall einer großen Republik gibt es eine
größere Auswahl von geeigneten Vertretern; bei einer
großen Wählerschaft verfangen auch zwielichtige
Praktiken charakterloser Kandidaten nicht. 2) Eine größere
Zahl von Bürgern und ein größeres Gebiet führt zu einer
größeren Vielfalt an Parteien und Interessengruppen.
„Damit verringert sich die Wahrscheinlichkeit, daß eine
Mehrheit ein gemeinsames Motiv hat, die Rechte anderer
Bürger zu verletzen. Wenn aber ein solches gemeinsames
Motiv besteht, wird es für alle, die es teilen, schwerer, sich
der eigenen Stärke bewußt zu werden und gemeinsam zu
agieren.“
147
Federalist Papers, Nr. 10, 1787/88

„Der Einfluß von aufständischen Führern mag dazu


ausreichen, innerhalb einzelner Staaten der Union
die Flamme des Aufruhrs zu entfachen, nicht aber
dazu, eine Feuersbrunst auszulösen, die alle
Staaten ergreift. … Forderungen wie die, die
Papiergeld-Menge zu erhöhen, die Schulden
abzuschaffen, das Eigentum gleich aufzuteilen
oder andere falsche oder böswillige Vorhaben
durchzusetzen, werden weniger leicht die gesamte
Union ergreifen als einen einzelnen
Mitgliedstaat…“

148
Immanuel Kant (1724- Wichtige Werke:
1804)
Kritik der Reinen Vernunft (1781)
Beantwortung der Frage: Was ist
Aufklärung? (1784)
Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten (1785)
Kritik der Praktischen Vernunft
(1788)
Kritik der Urteilskraft (1790)
Zum ewigen Frieden (1795)
Metaphysische Anfangsgründe
der Rechtslehre (1797)
Der Streit der Fakultäten (1798)
149
Kant: Ideen zur einer allgemeinen Geschichte in
weltbürgerlicher Absicht (1784), 1
„Die Geschichte, welche sich mit der Erzählung dieser
Erscheinungen [menschlicher Handlungen]
beschäftigt, so tief auch deren Ursachen verborgen
sein mögen, läßt dennoch von sich hoffen: daß,
wenn sie das Spiel der Freiheit des menschlichen
Willens im großen betrachtet, sie einen
regelmäßigen Gang derselben entdecken könne;
und daß auf die Art, was an einzelnen Subjekten
verwickelt und regellos in die Augen fällt, an der
ganzen Gattung doch als eine stetig fortgehende,
obgleich langsame Entwicklung der ursprünglichen
Anlagen derselben werde erkannt werden können.“
(S. 195; Ewiger Frieden 309ff) 150
Kant: Ideen …, 2
„Die Natur hat gewollt: daß der Mensch alles, was
über die mechanische Anordnung seines tierischen
Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe
und keiner anderen Glückseligkeit oder
Vollkommenheit, teilhaftig werde, als die er sich
selbst frei von Instinkt, durch eigene Vernunft
verschafft hat… der Mensch sollte, wenn er sich aus
der größten Rohigkeit dereinst zur größten
Geschicklichkeit, innerer Vollkommenheit der
Denkungsart und dadurch zur Glückseligkeit
emporgearbeitet haben würde, hievon das
Verdienst ganz allein haben und es sich selbst nur
verdanken dürfen“ (S. 198) 151
Kant: Ideen …, 3

„Das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die


Entwickelung aller ihrer Anlagen zustande zu
bringen, ist der Antagonism derselben in der
Gesellschaft, sofern dieser doch am Ende die
Ursache einer gesetzmäßigen Ordnung derselben
wird. Ich versteh hier unter dem Antagonism die
ungesellige Geselligkeit der Menschen, d.i. den
Hang derselben in Gesellschaft zu treten, der doch
mit einem durchgängigen Widerstande, welcher
diese Gesellschaft beständig zu trennen droht,
verbunden ist.“ (S. 199)
152
Kant: Ideen …, 4

„… der Mensch ist ein Tier, das, wenn es unter andern


seiner Gattung lebt, einen Herrn nötig hat… Das
höchste Oberhaupt soll aber gerecht für sich selbst
und doch ein Mensch sein. Diese Aufgabe ist daher
die schwerste unter allen; ja ihre vollkommene
Auflösung ist unmöglich: aus so krummem Holze,
als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts
ganz Gerades gezimmert werden. Nur die
Annäherung zu dieser Idee ist uns von der Natur
auferlegt.“ (S. 202)

153
Kant: Ideen …, 5

„Alle Kriege sind demnach so viel Versuche, neue


Verhältnisse der Staaten zustande zu bringen und
durch Zerstörung neue Körper zu bilden … bis sich
endlich einmal teils durch die bestmögliche
Anordnung der bürgerlichen Verfassung innerlich,
teils durch eine gemeinschaftliche Verabredung und
Gesetzgebung äußerlich ein Zustand errichtet wird,
der einem bürgerlichen gemeinen Wesen ähnlich,
so wie ein Automat sich selbst erhalten kann.“ (204,
vgl. 205)

154
Kant: Zum ewigen Frieden, 1

„… so muß es einen Bund von besonderer Art geben,


den man den Friedensbund [auch Völkerbund]
nennen kann, der vom Friedensvertrag darin
unterschieden sein würde, daß dieser bloß einen
Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen
suchte. Dieser Bund geht auf keinen Erwerb irgend
einer Macht des Staats, sondern lediglich auf
Erhaltung und Sicherung der Freiheit eines Staats
für sich selbst. … Die Ausführbarkeit dieser Idee der
Föderalität, die sich allmählig über alle Staaten
erschstrecken soll und so zum ewigen Frieden
hinführt, läßt sich darstellen.“ (304) 155
Kant: Zum ewigen Frieden, 2

„Für Staaten im Verhältnisse untereinander kann es


nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem
gesetzlosen Zustande, der lauter Krieg enthält,
herauszukommen, als daß sie ebenso wie einzelne
Menschen ihre wilde Freiheit aufgeben, sich zu
öffentlichen Zwangsgesetzen bequemen und so
einen Völkerstaat bilden. Da sie dieses aber nach
ihrer Idee vom Völkerrecht durchaus nicht wollen,
mithin, was in thesi richtig ist, in hypthesi verwerfen,
so kann an die Stelle der positiven Idee einer
Weltrepublik nur das negative Surrogat eines den
Krieg abwehrenden, bestehenden und und sich
immer ausbreitendes Bundes den Strom der 156
feindseligen Neigung aufhalten.“ (305)
Kant: Zum ewigen Frieden, 3
„So wie die Natur weislich die Völker [durch Sprache
und Religion] trennt, … so vereinigt sie auch ander-
erseits Völker, die der Begriff des Weltbürgerrechts
gegen Gewalttätigkeit und Krieg nicht würde gesichert
haben, durch den wechselseitigen Eigennutz. Es ist
der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen
bestehen kann, und der früher oder später sich jedes
Volks bemächtigt. Weil nämlich uner allen der
Staatsmacht untergeordneten Mächten die Geldmacht
wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich
die Staaten … gedrungen, den edlen Frieden zu
befördern und, wo auch immer in der Welt Krieg
auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen
abzuwehren.“ (317f) 157
Kant: Was ist Aufklärung, 1
Kant nimmt in der Schrift Idee … an, daß durch alle
Antagonismen sich allmählich die Vereinigung der
Menschengattung vollziehe. So findet sich immer
wieder ein „Keim der Aufklärung“, der übrig bleibt
(209). In der Schrift über die Aufklärung verteidigt er
diese und erläutert, daß „Aufklärung der Ausgang des
Menschen aus seiner selbst verschuldeten
Unmündigkeit“ sei (215).
„Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als
Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was
nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner
Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu
machen …
158
Kant: Was ist Aufklärung, 2

„… Ich verstehe aber unter dem öffentlichen


Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen,
den jemand als Gelehrter von ihr vor dem
ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den
Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in
einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen
Posten oder Amte von seiner Vernunft machen
darf.“

159
Kant, Idee …

„Am Menschen … sollten sich diejenigen


Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner
Vernunft abgezielt sind, nur in der Gattung, nicht
aber im Individuum vollständig entwickeln … so
bedarf die Natur einer vielleicht unabsehlichen
Reihe von Zeugungen, der eine der ander ihre
Aufklärung überliefert, um endlich ihre Keime in
unserer Gattung zu derjenigen Stufe der
Entwicklung zu treiben, welche ihrer Absicht
vollständig angemessen ist.“ (197, vgl. auch 198f)

160
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

Wichtige Werke:
Phänomenologie des Geistes
(1806)
Wissenschaft der Logik (1812-
1816)
Grundlinien der Philosophie des
Rechts (1821)

161
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosophie des Rechts

Die bürgerliche Gesellschaft ist die Differenz, welche


zwischen die Familie und den Staat tritt, wenn auch die
Ausbildung derselben später als die des Staates erfolgt
... Die Schöpfung der bürgerlichen Gesellschaft gehört
übrigens der modernen Welt an, welche allen
Bestimmungen der Idee erst ihr Recht widerfahren läßt.
Wenn der Staat vorgestellt wird als eine Einheit
verschiedener Personen, als eine Einheit, die nur
Gemeinsamkeit ist, so ist damit nur die Bestimmung der
bürgerlichen Gesellschaft gemeint. ... In der bürgerlichen
Gesellschaft ist jeder sich Zweck, alles andere ist ihm
nichts. Aber ohne Beziehung auf andere kann er den
Umfang seiner Zwecke nicht erreichen; diese anderen
sind daher Mittel zum Zweck des Besonderen. Aber der
besondere Zweck gibt sich durch die Beziehung auf
andere die Form der Allgemeinheit und befriedigt sich,
indem er zugleich das Wohl des anderen mit befriedigt.
(§ 182, Zusatz)
162
Hegel, Philosophie des Rechts, 2

Zunächst ist die Familie das substantielle Ganze, dem die


Vorsorge für diese besondere Seite des Individuums sowohl
in Rücksicht der Mittel und Geschicklichkeiten, um aus den
allgemeinen Vermögen sich etwas erwerben zu können, als
auch seiner Subsistenz und Versorgung im Falle
eintretender Unfähigkeit angehört. Die bürgerliche
Gesellschaft reißt aber das Individuum aus diesem Bande
heraus, entfremdet dessen Glieder einander und anerkennt
sie als selbständige Personen; sie substituiert ferner statt der
äußeren unorganischen Natur und des väterlichen Bodens,
in welchem der einzelne seine Subsistenz hatte, den ihrigen
und unterwirft das Bestehen der ganzen Familie selbst, der
Abhängigkeit von ihr, der Zufälligkeit. So ist das Individuum
Sohn der bürgerlichen Gesellschaft geworden... (§238)
163
Hegel, Philosophie des Rechts, 3

Der selbstsüchtige Zweck in seiner Verwirklichung, so durch die Allgemeinheit


bedingt, begründet ein System allseitiger Abhängigkeit, daß die Subsistenz und
das Wohl des Einzelnen und sein rechtliches Dasein in die Subsistenz, das
Wohl und Recht aller verflochten, darauf gegründet und nur in diesem
Zusammenhange wirklich und gesichert ist. (§183)

Meinen Zweck befördernd, befördere ich das Allgemeine, und dieses befördert
wiederum meinen Zweck (§184, Zusatz)

Die Bedürfnisse und die Mittel werden als reelles Dasein ein Sein für andere,
durch deren Bedürfnisse und Arbeit die Befriedigung gegenseitig bedingt ist....
Alles Partikulare wird insofern ein Gesellschaftliches. (§192)

Das Allgemeine und Objektive in der Arbeit liegt aber in der Abstraktion, welche
die Spezifizierung der Mittel und Bedürfnisse bewirkt, damit ebenso die
Produktion spezifiziert und die Teilung der Arbeiten hervorbringt. (§ 352)

164
Hegel, Philosophie des Rechts, 4

Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer


gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein
Mitglied er Gesellschaft notwendige reguliert .... bringt die
Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die
größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in
wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.
Die Armut an sich macht keinen zum Pöbel: dieser wird erst
bestimmt durch die mit der Armut sich verknüpfende
Gesinnung, durch die innere Empörung gegen die Reichen,
gegen die Gesellschaft, die Regierung usw. ... Im Pöbel
entsteht das Böse, daß er die Ehre nicht hat, seine
Subsistenz durch seine Arbeit zu finden, und doch seine
Subsistenz zu finden als sein Recht anspricht... Die wichtige
Frage, wie der Armut abzuhelfen sei, ist eine vorzüglich die
modernen Gesellschaften bewegende und quälende. (§244)

165
Hegel, Philosophie des Rechts, 5

Der Staat ist als die Wirklichkeit des


substantiellen Willens, die er in dem zu seiner
Allgemeinheit erhobenen besonderen
Selbstbewußtsein hat, das an und für sich
Vernünftige. ... Wenn der Staat mit der
bürgerlichen Gesellschaft verwechselt und
seine Bestimmung in die Sicherheit und den
Schutz des Eigentums und der persönlichen
Freiheit gesetzt wird, so ist das Interesse der
Einzelnen als solcher der letzte Zweck, zu
welchem sie vereinigt sind, und es folgt hieraus
ebenso, daß es etwas Beliebiges ist, Mitglied
des Staates zu sein.... Die Vereinigung als
solche ist selbst der wahrhafte Inhalt und
Zweck, und die Bestimmung der Individuen ist,
ein allgemeines Leben zu führen. (§258)
166
Wichtige Schriften:

Die heilige Familie (mit


Engels, 1844)
Lohnarbeit und Kapital (1849)
Der achtzehnte Brumaire des
Louis Bonaparte (1852)
Grundrisse der Kritik der
politischen Ökonomie
(1857/58)
Das Kapital, Bd. 1 (1867)
Karl Marx (1818-1883) Der Bürgerkrieg in Frankreich
(1871)

167
Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern
(1843), S. 344-346
„Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle
Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir
gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose
Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne,
daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und
ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen
Mächten.“ … „Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die
Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an
wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren.
Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen
prinzi9p entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir
entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue
Prinzipien…“ „Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des
Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung
des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun
religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die
Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur
das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.“
168
Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern
(1843), S. 345
„Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich
selbst läßt sich daher überall die soziale Wahrheit
entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis
von den theoretischen Kämpfen der Menschheit, so ist
es der politische Staat von ihren praktischen. Der
politische Staat drückt also innerhalb seiner Form sub
specie rei publicae alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse,
Wahrheiten aus. Es ist also durchaus nicht unter der
hauteur des principes, die speziellste politische …
zum Gegenstand der Kritik zu machen. Denn diese
Frage drückt nur auf politische Weise den Unterschied
von der Herrschaft des Menschen und der Herrschaft
des Privateigentums aus.“
169
Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung,
S. 378
„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht
den Menschen… Der Mensch, das ist die Welt des
Menschen, Staat, Sozietät… Die Religion ist die
allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches
Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr
spiritualistischer Point-d‘honneur, ihr Enthusiasmus, ihre
moralische Sanktion … Sie ist die phantastische
Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das
menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt…
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des
wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen
das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der
bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie
sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium
des Volkes.“
170
Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung,
S. 379 + 385
„Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das
Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit
des Diesseits zu etablieren… Die Kritik des Himmels
verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik
der Religion, in die Kritik des Rechts, die Kritik der
Theologie in die Kritik der Politik.“
„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der
Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß
gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch
die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die
Messen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu
ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und
sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird.
Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen…
171
Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung,
S. 385 + 388ff
… Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst… Die
Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das
höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem
kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in
denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein
verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“
Im folgenden analysiert Marx die Situation in Deutschland und
kommt zu dem Ergebnis, daß eine politische Revolution hier
nicht durchführbar ist, vielmehr geht Deutschland aufgrund
seiner philosophischen Tradition über zur sozialen Revolution,
einem historischen neuen Typ der Revolution. In der politischen
Revolution muß immer ein Teil den Anspruch auf Allgemeinheit
erheben und sich für das Ganze geben, dafür muß ein anderer
Teil alle Verbrechen verkörpern. So muß der Prozeß der
Revolution immer weiter gehen und wird seiner Ansicht nach
autoritär:
172
Marx,Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, S. 402

„Je mächtiger der Staat, je politischer daher ein Land ist, um so


weniger ist es geneigt, im Prinzip des Staats, also in der
jetzigen Einrichtung der Gesellschaft, deren tätiger,
selbstbewußter und offizieller Ausdruck der Staat ist, den
Grund der sozialen Gebrechen zu suchen und ihr allgemeines
Prinzip zu begreifen. Der politische Verstand ist eben
politischer Verstand, weil er innerhalb der Schranken der Politik
denkt. Je geschärfter, je lebendiger, desto unfähiger ist er zur
Auffassung sozialer Gebrechen. Die klassische Periode des
politisches Verstandes ist die französische Revolution. Weit
entfernt, im Prinzip des Staats die Quelle der sozialen Mängel
zu erblicken, erblicken die Heroen der französischen Revolution
vielmehr in den sozialen Mängeln die Quelle politischer
Übelstände. So sieht Robespierre in der großen Armut und
dem großen Reichtum nur ein Hindernis der reinen Demokratie.
Er wünscht daher eine allgemeine spartanische Frugalität zu
etablieren.“

173
Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, S. 390

Die Möglichkeit der Emanzipation in Deutschland liegt also in der


sozialen Revolution: „In der Bildung einer Klasse mit radikalen
Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche
keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes,
welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche
einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden
besitzt und kein besondres Recht in Anspurch nimmt, weil kein
besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr
verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern
nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, … einer
Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne
sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle
übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit
einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist also nur durch
die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst
gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein
besonderer Stand ist das Proletariat.“
174
Karl Marx: Die Judenfrage
Die politische Emanzipation ist zugleich die Auflösung der alten
Gesellschaft, auf welcher das dem Volk entfremdete Staatswesen, die
Herrschermacht, ruht. Die politische Revolution ist die Revolution der
bürgerlichen Gesellschaft. Welches war der Charakter der alten
Gesellschaft? Ein Wort charakterisiert sie. Die Feudalität. Die alte
bürgerliche Gesellschaft hatte unmittelbar einen politischen Charakter,
d.h., die Elemente des bürgerlichen Lebens, wie z.B. der Besitz oder die
Familie oder die Art und Weise der Arbeit, waren in der Form der
Grundherrlichkeit, des Standes und der Korporation zu Elementen des
Staatslebens erhoben. Sie bestimmten in dieser Form das Verhältnis
des einzelnen Individuums zum Staatsganzen, d.h. sein politisches
Verhältnis, d.h. sein Verhältnis der Trennung und Ausschließung von
den andern Bestandteilen der Gesellschaft. Denn jene Organisation des
Volkslebens erhob den Besitz oder die Arbeit nicht zu sozialen
Elementen, sondern vollendete vielmehr ihre Trennung von dem
Staatsganzen und konstituierte sie zu besondern Gesellschaften in der
Gesellschaft.
175
Marx, Judenfrage, Forts. 1

So waren indes immer noch die Lebensfunktionen und


Lebensbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft
politisch, wenn auch politisch im Sinne der Feudalität,
d.h., sie schlossen das Individuum vom Staatsganzen
ab, sie verwandelten das besondere Verhältnis seiner
Korporation zum Staatsganzen in sein eignes
allgemeines Verhältnis zum Volksleben, wie seine
bestimmte bürgerliche Tätigkeit und Situation in seine
allgemeine Tätigkeit und Situation. Als Konsequenz
dieser Organisation erscheint notwendig die
Staatseinheit, wie das Bewußtsein, der Wille und die
Tätigkeit der Staatseinheit, die allgemeine Staatsmacht,
ebenfalls als besondere Angelegenheit eines von dem
Volk abgeschiedenen Herrschers und seiner Diener.

176
Marx, Judenfrage, Forts. 2

Die politische Revolution, welche diese


Herrschermacht stürzte und die
Staatsangelegenheiten zu Volksangelegenheiten
erhob, welche den politischen Staat als allgemeine
Angelegenheit, d.h. als wirklichen Staat konstituierte,
zerschlug notwendig alle Stände, Korporationen,
Innungen, Privilegien, die ebenso viele Ausdrücke
der Trennung des Volkes von seinem Gemeinwesen
waren. Die politische Revolution hob damit den
politischen Charakter der bürgerlichen Gesellschaft
auf. Sie zerschlug die bürgerliche Gesellschaft in
ihre einfachen Bestandteile, einerseits in die
Individuen, andrerseits in die materiellen und
geistigen Elemente, welche den Lebensinhalt, die
bürgerliche Situation dieser Individuen bilden.
177
Marx, Judenfrage, Forts. 3

Sie entfesselte den politischen Geist, der gleichsam


in die verschiedenen Sackgassen der feudalen
Gesellschaft zerteilt, zerlegt, zerlaufen war; sie
sammelte ihn aus dieser Zerstreuung, sie befreite ihn
von seiner Vermischung mit dem bürgerlichen Leben
und konstituierte ihn als die Sphäre des
Gemeinwesens, der allgemeinen Volksangelegenheit
in idealer Unabhängigkeit von jenen besondern
Elementen des bürgerlichen Lebens. Die bestimmte
Lebenstätigkeit und die bestimmte Lebenssituation
sanken zu einer nur individuellen Bedeutung herab.
Sie bildeten nicht mehr das allgemeine Verhältnis
des Individuums zum Staatsganzen. Die öffentliche
Angelegenheit als solche ward vielmehr zur
allgemeinen Angelegenheit jedes Individuums und
die politische Funktion zu seiner allgemeinen
178
Funktion.
Marx, Judenfrage, Forts. 4

Die politische Revolution, welche diese


Herrschermacht stürzte und die
Staatsangelegenheiten zu Volksangelegenheiten
erhob, welche den politischen Staat als allgemeine
Angelegenheit, d.h. als wirklichen Staat
konstituierte, zerschlug notwendig alle Stände,
Korporationen, Innungen, Privilegien, die ebenso
viele Ausdrücke der Trennung des Volkes von
seinem Gemeinwesen waren. Die politische
Revolution hob damit den politischen Charakter der
bürgerlichen Gesellschaft auf. Sie zerschlug die
bürgerliche Gesellschaft in ihre einfachen
Bestandteile, einerseits in die Individuen,
andrerseits in die materiellen und geistigen
Elemente, welche den Lebensinhalt, die bürgerliche
Situation dieser Individuen bilden.
179
Marx, Judenfrage, Forts. 5

Allein die Vollendung des Idealismus des Staats


war zugleich die Vollendung des Materialismus
der bürgerlichen Gesellschaft. Die Abschüttlung
des politischen Jochs war zugleich die
Abschüttlung der Bande, welche den
egoistischen Geist der bürgerlichen
Gesellschaft gefesselt hielten. Die politische
Emanzipation war zugleich die Emanzipation
der bürgerlichen Gesellschaft von der Politik,
von dem Schein selbst eines allgemeinen
Inhalts.

180