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Evangelische Hochschule Dresden

Bachelor Soziale Arbeit


Wintersemester 19/20

SAM 01 — Grundlagen
der Sozialarbeitswissenschaft

Dozierende: Lilo Dorschky

Hausarbeit zum Thema:

Empowerment im Rahmen von politischem Verständnis der Macht

Eingereicht von:

Tatiana Ovechkina
Institutsgasse 6
01067 Dresden
tatianaovechkina18@gmail.com

Matrikelnummer: 3674
5. Semester

Datum: 28.02.2020
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 2

2 Empowermentkonzept 4
2.1 Definitionen von Empowerment 4
2.2 Ebenen von Empowerment 5
2.3 Kritik an den Ebenen von Empowerment 7

3 Darstellung und Kritik vom modernen Empowerment 9


3.1 Empowerment im neoliberalen Weltbild 9
3.2 Empowerment in der Moderne und in der Postmoderne 11

4 Empowerment als politisch qualifiziertes Machtkonzept 14

5 Abschlussbetrachtung 16

Literaturverzeichnis 19

Eigenständigkeitserklärung 19

2
1 Einleitung
Die Wurzeln des Empowerment-Ansatzes nehmen ihren Ursprung in der US-amerikanischen
Bürger*innenrechtsbewegung und in der radikal-politischen Gemeinwesenarbeit. Erstmals
fand der Begriff Empowerment seine Geltung in der Sozialen Arbeit in den USA und erst
später in anderen Ländern auch unter anderem in Deutschland (Vossebrecher, Jeschke
2007, S. 54).

Heutzutage ist Empowerment nicht nur international ein Handlungskonzept der Sozialen
Arbeit, sondern auch ein Ansatz in der Gemeindepsychologie, der medizinischen
Behandlung bzw. Therapie, der Wirtschaft, der Sozialpolitik, im Management und in anderen
Bereichen.

Das Wort Empowerment sowohl im Englischen, als auch übersetzt ins Deutsche als
(Selbst-)Ermächtigung impliziert in sich Macht und Machtverhältnisse (Vossebrecher,
Jeschke 2007, S. 59). Das Wort ‘power’ wohnt diesem Begriff zielgerecht inne, denn: “Ein
anderes Wort zu gebrauchen, heißt die Bedeutung von allem, worüber wir reden, zu ändern”
(Alinsky 1984, S. 37). Nichtsdestotrotz, wird in manchen Definitionen von Empowerment das
Augenmerk primär auf Ressourcen und Fähigkeiten, deren Kräftigung und Freisetzung,
gelegt. Empowerment lässt sich als “bewusster und andauernder Prozess bezeichnen,
durch den Personen, die keinen ausreichenden Anteil an für sie wichtigen Ressourcen
haben, einen besseren Zugang zu diesen Ressourcen erreichen und deren Nutzung selbst
bestimmen können” (Stark 1996, S.156 zitiert nach: Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 53).
Diese Definition ist dem ursprünglichen inhaltlichen Sinn von Empowerment fern und lässt
zweifeln, ob schlicht ein Zugang zu Ressourcen und Kompetenzen für
(Selbst-)Ermächtigung tatsächlich ausreicht.

Eine Reduktion von Empowerment auf Ressourcenorientierung und Ermutigung zur Nutzung
eigener Fähigkeiten lässt das politische Verständnis von Macht außer Sicht und das
Handlungskonzept Empowerment dadurch politisch unterbestimmt (Weber 2009, S.7). Trotz
dieser Feststellung, ist es an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass Empowerment in
seinem gesellschaftspolitischen Rahmen für die Soziale Arbeit eine mögliche Maßeinheit
stellt, sich in die Sozialpolitik einzumischen.

In Betracht dessen, beschäftigt sich die zentrale Frage in der Diskussion damit, ob es im
Kontext der modernen Sozialer Arbeit möglich ist, in der emanzipatorischen Praxis dem
Anspruch des ursprünglichen gesellschaftskritischen und politischen Gehaltes von
Empowerment gerecht zu werden und diesen auszubauen. Wie lassen sich Erfahrungen
politischer Macht und eigentliches politisches Ermächtigen in der Sozialen Arbeit im Rahmen
des Handlungskonzepts Empowerment erreichen?

Zur Klärung der Fragestellung konzentriert sich die Arbeit in einem ersten Schritt vor allem
darauf, das Empowermentkonzept und den Begriff von Empowerment zu erörtern. Dazu
werden unterschiedliche Ebenen von Empowerment beleuchtet und Kritik daran geübt.
Aufgrund des Umfangs der Arbeit ist es nicht möglich auf alle Positionen in der Frage um

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Empowermentkonzept einzugehen. Ziel ist es deshalb einen Überblick über die Komplexität
der Thematik anhand der gegensätzlichen Hauptstandpunkte zu schaffen, auf dessen
Grundlage in der Abschlussbetrachtung ein kritisches Fazit über erweiternde Auslegung vom
aktuellen Empowerment-Ansatz möglich ist. Um den Fokus auf die moderne Debatte um
Empowerment und seine Ziele zu lenken, wird in einem zweiten Schritt, Empowerment in der
Moderne und in der Postmoderne im Vergleich umrissen. Es wird ebenso die aktuelle
Auslegung und Deutung von Empowerment im Neoliberalismus in den Blick genommen und
die negativen Folgen dieser Entwicklung, an die Bilanz der Argumente anknüpfend,
dargestellt. Im Hinblick auf die zentrale Fragestellung werden hierbei insbesondere als
erstes das politische Potenzial von Empowerment in der politischen Sozialen Arbeit, und als
zweites Macht und das Politische in ihrer Interdependenz untersucht.

2 Empowermentkonzept

2.1 Definitionen von Empowerment


“Das Konzept Empowerment bezieht sich auf die Fähigkeit von Einzelnen oder Gruppen,
‘eigennützig zu handeln’ (to act on their own behalf) - und dies mit dem Ziel, ein größeres
Maß an Kontrolle über ihr Leben und ihre Lebensziele zu gewinnen” (Staples 1990, S.30 zit.
n. Herringer 2002, S. 14)

“Empowerment meint den Prozess, innerhalb dessen Menschen sich ermutigt fühlen, ihre
eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, ihre eigenen Kräfte und Kompetenzen zu
entdecken und ernst zu nehmen und den Wert selbst erarbeiteter Lösungen schätzen zu
lernen”...(Keupp 1992 b, S.149 zit. n. Herringer 2002, S. 14 )

“Unter ‘Empowerment’ verstehe ich, dass es unser Ziel sein sollte, für Menschen die
Möglichkeiten zu erweitern, ihr Leben zu bestimmen” (Rapparort 1985b, S.269 zit. n. S.269
Bröckling 2003, S. 323).

An den Beispielen von den angeführten Begriffsbestimmungen wird klar, dass es diverse
Definitionen von Empowerment gibt. Es wäre eine komplexe aber auch kontraproduktive
Aufgabe, zu versuchen, in einer Definition alle Entwicklungsprozesse und Konzepte, die der
Begriff Empowerment beinhaltet, widerzuspiegeln.

Aus diesem Grund wird in vorliegender Arbeit die Systematik des Begriffs Empowerment
nacht Herringer dargestellt.
 
Laut der Systematik nach Herringer, wird zwischen vier begrifflichen Zugängen zu
Empowerment unterschieden. Der erste Zugang liefert den Blick auf den politischen
Bedeutungsgehalt des Begriffs Empowerment, auf sein zentrale Begriffselement, auf ‘power’
(Herringer 2002, S. 12-13). So wird Empowerment politisch definiert als “ein konflikthafter
Prozess der Umverteilung von politischer Macht” (ebd., S. 12). Das Ziel dieses Prozesses
besteht darin, dass Macht fairer umverteilt wird und sich die Positionierung von Menschen
bezüglich der Machtverhältnisse in ihrem Interesse ändert. Sie bekommen einen besseren

4
Zugang zur demokratischen Partizipation und nehmen an Prozessen der Aneignung von
politischer Entscheidungsmacht teil (ebd., S. 12).

Empowerment hat “...zum Ziel, die Macht etwas gerechter zu verteilen - und das dort, wo es
wichtig ist, nähmlich im Hinblick auf die Selbstbestimmung und die Kontrolle der Menschen
über das eigene Leben” (Berger/Neuhaus 1996, S.164 zit. n. Herringer 2002, S. 12).

Der weitere Bedeutungsgehalt von ​‘power’, was dem Empowerment Begriff innewohnt,
definiert man als “Stärke”, “Kompetenz”, “Durchsetzungskraft”. In seinem zweiten Wortsinn
bedeutet Empowerment, dass Menschen Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen,
Schwierigkeiten, Problemlagen und Belastungen ihres alltäglichen Lebens selbstständig zu
bewältigen. Sie sind befähigt, ihr Leben autonom zu bestimmen und “ein nach eigenen
Maßstäben gelingendes Lebensmanagement zu realisieren” (Herringer 2002, S. 13). Öfters
findet ​diese alltagsbezogene Definition vom Begriff Empowerment ihre Verwendung in
Sozialer Arbeit.

Empowerment wird ebenso in reflexiver und transitiver Bedeutung verwendet (Bröckling


2003, S. 323). Die erste Bedeutung beschreibt den Prozess, im Laufe dessen sich
sogenannte “Machtlosen” und “Ohnmächtigen” selbstständig für aktive Aneignung von
“Macht, Kraft und Gestaltungsvermögen” ​(Herringer 2002, S. 14) einsetzen. Bei diesem
Prozess liegt der Fokus auf Selbst-Bemächtigung und selbständigem Aneignen von
Lebenskräften. In seinem reflexiven Sinn beinhaltet Empowerment einen autonomen und
selbstständig verwalteten “Prozess der (Wieder-)Hestellung von Lebenssouveränität” (ebd.,
S. 14), der sowohl innerhalb der eigenen Lebenswelt, als auch auf der politischen Ebene
stattfindet (ebd., S. 14).

Im Gegenteil dazu, bezeichnet der transitive Wortsinn von Empowermentprozessen, die es


ermöglichen, “die Unterstützung und Förderung von Selbstbestimmung durch andere” (ebd.,
S. 15) zu bekommen. Diese Prozesse werden von Professionellen in diversen
Handlungsfeldern der psychosozialen Arbeit begleitet. Adressat*innen werden von
Professionellen ermutigt, z.B. eigene Potenziale und Stärken zu finden und zu entfalten,
Selbstgestaltungskräfte (wieder-)anzueignen. Das Augenmerk liegt dabei auf
(Wieder-)Erkennen von Ressourcen und deren Ausbau, um Empowerment-Prozesse
anzuregen. So haben Adressat*innen die Möglichkeit, mit Ressourcen selbstbestimmt
umzugehen, um Kraft und Kompetenzen mit dem Ziel der Lebensbewältigung zu erlangen
(ebd., S. 15).

2.2 Ebenen von Empowerment


Empowerment ist gleichzeitig als Ziel, Mittel, Prozess und Ergebnis persönlicher wie sozialer
Veränderungen zu verstehen (Bröckling 2003, S. 323). Es wird auch als psychologischer,
organisatorischer und politischer Entwicklungsprozess gefasst (Vossebrecher, Jeschke
2007, S. 53). Theoretische und praktische Empowermentkonzepte beinhalten in sich die
Forderung, gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen (ebd.). Außerdem versucht
Empowerment, den Vermittlungszusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft im
Widerspruch zu Individualisierungstendenzen in Betracht zu ziehen (ebd.). U.a. aus diesen

5
Gründen ist es von Bedeutung, Empowerment auf seinen unterschiedlichen Ebenen zu
betrachten.

In der Fachliteratur werden unterschiedliche Differenzierungen von Empowermentebenen


dargestellt. Im Rahmen dieser Arbeit wird die Differenzierung von drei Ebenen beschrieben,
die dem Artikel von Vossebrecher und Jeschke in der Zeitschrift Forum Kritische
Psychologie 51 aus dem Jahr 2007 entnommen ist. Die erste Ebene bildet die
individuelle/psychologische Ebene, ihr folgt die Ebene der Gruppen und Organisationen, die
dritte Ebene bildet die strukturelle/politische Ebene (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 55-56).

Im Folgenden wird ausführlich auf den Bedeutungsgehalt jeder Ebene eingegangen. Auf der
individuellen (psychologischen) Ebene handelt es sich um “Personen, die aus einer Situation
der Machtlosigkeit, Resignation und Demoralisierung heraus beginnen, ihr Leben wieder
selbst in die Hand zu nehmen” (Stark 1996, 128 zit. n. Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56).
Unter dem psychologischen Empowerment lässt sich kein rein individueller Prozess
verstehen, sondern ein Prozess, der mit unterschiedlichen Formen sozialer Unterstützung
zusammenhängt (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56). Schlüsselkategorie dabei ist
“Kontrollbewusstsein”. Diese Kategorie setzt voraus, ob Menschen Prozesse der
Empowerment-Entwicklung durchleben oder nicht. Unter Kontrollbewusstsein versteht man
das “Bewusstsein, Situationen oder Ereignisse prinzipiell beeinflussen zu können” (Stark
1996, S.128 zit. n. Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56).

Empowermentprozesse können auf der Ebene der Gruppen und Organisationen nur dann
nachhaltig und langfristig ermöglicht werden, wenn “der Zusammenhang zwischen den
organisatorischen Strukturmerkmalen, die Entwicklung und Aufrechterhaltung persönlicher
Motivationen und die Art und Weise, wie in einer Gemeinschaft oder in einem sozialen
System mit persönlichen oder organisatorischen Stresssituationen umgegangen wird” (Stark
1996, S.144 zit. n. Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56), stark in den Fokus rückt. Von
Zimmerman wird zwischen “empowering organizations” und “empowered organizations”
unterschieden (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56). Unter “empowering organizations”
werden Organisationen verstanden, die vielfältige Möglichkeiten für Partizipation und
gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse anbieten. Solche Organisationen zielen darauf
ab, in erster Linie nachhaltig zu der Entwicklung von Ressourcen und Stärken ihrer
Mitglieder beizutragen. Dabei geht es nicht um soziale und politische Einflußnahme auf die
Umgebung von Organisationen und ihrer Mitglieder (ebd.). “Empowered organizations”
erzielen ganz im Gegenteil soziale und politische Einflußnahme, sind aber dabei am
wenigsten auf die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Mitglieder einflussreich (ebd.).

Von dem bisher Beschriebenen lassen sich folgende Fragen ableiten: gibt es
Organisationen, die gleichzeitig als “empowering organizations” und als “empowered
organizations” funktionieren? Gibt es Organisationen, die politisch einflussreich sind, aber
nur mangelhaft Ressourcen und Stärken ihrer Mitglieder fördern? Welche Form nimmt dann
politische Einflussnahme jeweiliger Organisation an und wie kann diese Organisation
überhaupt sozial und politisch einflussreich sein, wenn nur “geringe Auswirkungen auf die
Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Mitglieder” (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56) bestehen?
Worin äußert sich dann die politische Einflußnahme dieser Organisationen?

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Von meinem Standpunkt her, scheinen “Empowering organizations” Organisationen zu sein,
die mit neoliberalen Empowermentprozessen zu tun haben. Ziel von diesen
Empowermentprozessen könnte Effizienzsteigerung und Selbstoptimierung im Rahmen der
jeweiligen Organisation sein. In dieser Form fördert Empowerment, einen besseren Zugang
zu Ressourcen, Kompetenzenentwicklung, Zugewinn an Entscheidungsmacht im
vorgegebenen Rahmen der jeweiligen Organisationen. So werden die Menschen
“empowered”, sich den Machtsystemen innerhalb von Organisationen anzupassen und sich
innerhalb dessen bestmöglich zu optimieren. In den folgenden Kapiteln werden diese
Hypothesen auf den Prüfstand gestellt und näher untersucht.

Auf der nächsten Ebene, auf der Ebene von “political empowerment”, geht es nicht nur
darum, individuelle Macht zu erweitern und Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen,
sondern die “Verknüpfung [der Person] mit Menschen mit vergleichbaren Anliegen und die
Entwicklung eines strittigen ‘tätigen Gemeinsinns’” ​(Herriger 1997a, S.186 zit. n.
Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56) zu erreichen​. Für diesen Prozess ist es von Bedeutung,
eine “partizipatorische Kompetenz” zu erwerben (ebd.), sowie “Solidargemeinschaften und
die Einforderung von Teilhabe und Mitverantwortung in der (lokal-)politischen Öffentlichkeit”
aufzubauen (ebd.). Es geht nicht um Veränderungsprozesse vom Individuum, sondern um
Prozesse der sozialen Veränderung. ​Dieses Statement lässt die Frage stellen, ob Prozesse
der Sozialveränderung separat von Prozessen der Selbstveränderung stattfinden können?
Unabhängig davon, sind Sozialveränderungen dort zu erreichen, “wo Menschen gemeinsam
mit anderen zu kritischen Akteuren auf der Bühne der lokalen bürgerschaftlichen
Öffentlichkeit werden und durch kollektiven Widerstand und kritische Aktion” (ebd.)
Einflussnahme erreichen.
Das Ziel von Empowermentprozessen auf der strukturellen Ebene ist gelungene Interaktion
von Individuen, unterschiedlichen organisatorischen Gemeinschaften und strukturell
vorgegeben Rahmenbedingungen. Unter letzteren sind große Verwaltungen, Gemeinden,
Stadtteile etc. zu verstehen ​(Stark 1996, S. 144 zit. n.Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56).
Zwischen beteiligten Akteuren entstehen als Folge gemeinschaftliche und synergetische
Prozesse, die als Resultat der auf beiden Seiten fördernden Kommunikationsstrukturen
gelten (Stark 1996, S.153 zit. n. Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56). Es ist im Interesse von
Organisationen, Gruppen und Projekten diese Kommunikationsstrukturen aufrechtzuerhalten
und Netzwerke aufzubauen, die auf gegenseitige soziale Unterstützung und auf Steigerung
von individueller und kollektiver Selbstachtung setzen (Stark 1996, S.147 zit. n.
Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56).

2.3 Kritik an den Ebenen von Empowerment


Die in der Arbeit dargestellten Ebenen von Empowerment werden im Folgenden einer Kritik
unterzogen, die im ersten Schritt ihren Fokus darauf legt, die politische Ebene im Gegensatz
zu individuellen, psychologischen Ebene zu fassen (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 57).
Sowohl auf der politischen als auch auf der individuellen Ebenen verfolgt Empowerment das
Ziel, demokratische Partizipation und Selbstermächtigung für alle Subjekte in der
Gesellschaft zu ermöglichen (ebd., S. 57-58). Angestrebt ist, alle Ebenen durch
Empowerment letztlich anzusprechen und einen konzeptionellen und praxisrelevanten
Zusammenschluss von individueller und struktureller Ebenen zu erreichen. So schließt in

7
ihrer Konzeptualisierung die strukturelle Ebene unterschiedliche Ebenen von Gesellschaft
ein, die sich zwar in gegenseitiger Wechselwirkung befinden, aber in ihrer wechselseitigen
Dynamik nur teilweise nachvollziehbar sind. So stehen politisches System, Staat, Familien,
Alltag, Kultur, gesellschaftliche Institutionen, Denkweisen undifferenziert nebeneinander,
was Überschaubarkeit verhindert und Verwirrung bringt. Dennoch ist der Anspruch von
Empowerment, “eine umfassende gesellschaftstheoretische Bezugnahme” zu erreichen
(Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 58). Daraus folgt die Hypothese, dass “ohne klare
Vorstellungen, welche gesellschaftlichen Verhältnisse welche Missstände hervorbringen, […]
sich keine, sich entsprechend nachhaltig verändernde Praxis entwickeln [lässt]” (ebd.).
An dieser Stelle ist es sinnvoll, Kritik an ‘Community Empowerment’ zu üben.
Handlungsansätze von ‘Community Empowerment’ sind auf eine zwischenmenschliche
Ebene reduziert. Im Rahmen von ‘Community Empowerment’ finden Interventionen im
nahen sozialen Umfeld statt. Dazu gehört es z.B. Namen von Menschen aus der eigenen
Nachbarschaft zu kennen, Interesse an anderen Menschen zu zeigen und sich um sie zu
kümmern, im Zeichen von Altruismus zu handeln, sozial zu interagieren und Kommunikation
aufzubauen (ebd., S. 58).
Es lässt sich daraus die Fragestellung ableiten, ob höhere Gesellschaftsstrukturen und
Dynamiken dadurch stets erreicht werden und ob strukturelle Macht (power) in diesem
Zusammenhang thematisiert wird? (ebd.)
In der Literatur finden sich nur wenige Beispiele aus der Praxis, die davon zeugen, dass
“strukturelles Empowerment” existiert (ebd.). Diese Tatsache lässte einige Fragen stellen,
die den bestehenden Zusammenhang zwischen vorherrschenden Machtverhältnissen,
sozialen Ungerechtigkeiten und dem strukturellen Empowerment aufmachen. Warum gibt es
aus der Praxis nur wenige Beispiele des strukturellen Empowerments? Was könnten die
Gründe dafür sein? Wessen Interessenlagen werden beim strukturellen Empowerment
vertreten? Welche Ziele gibt es und wie wären diese zu erreichen?
Eine Herausforderung beim Betrachten der individuellen und strukturellen Ebene stellt die
Tatsache dar, dass auf der Ebene von Individuum und von Gesellschaft unterschiedliche
“soziale Kulturen” (Stark 1996, 144f zit. n. Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 56) miteinander
vermittelt werden, die völlig unterschiedliche Interessen vertreten.
Inwiefern ist unter dieser Prämisse der Zusammenschluss von beiden Ebenen, deren
Vertreter*innen keine gemeinsamen Ziele verfolgen, sinnvoll und praktisch umsetzbar?
Hypothetisch macht es Sinn anzunehmen, dass Feststellen davon, an welchen Stellen sich
Interessen von unterschiedlichen Akteur*innen überschneiden, und diese sichtbar zu
machen, ein sinnvoller Handlungsansatz wäre, der es auch ermögliche, die strukturelle und
individuelle Ebene zumindest ansatzweise miteinander zu vermitteln. Als wichtiger
Bestandteil von diesem Handlungsansatz wäre, meiner Ansicht nach, Lobbyarbeit, die im
Sinne von Gemeinwohl und mit dem Ziel der Selbstermächtigung, von unterschiedlichen
Akteur*innen ausgehend und in ihrem eigenen Interesse passiert. Wichtig ist es, dass sich
die Beteiligten von dem unmittelbaren Zusammenhang zwischen ihren eigenen Interessen,
Interessen von Akteur*innen auf anderen Ebenen, und sich den Funktionsweisen des
Gesamtsystems bewusst sind. Ohne Verständnis für allgemein gesellschaftliche
Zusammenhänge und Machtverhältnisse, wäre es sinnlos, so die Annahme, den
Zusammenschluss mit anderen Ebenen anzustreben.

Der folgende Zitat bringt diese Gedanken ganz gut auf den Punkt:

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“Es ist schwer, einen Menschen aus sich herauszureißen, um ihn für das Schicksal des
ganzen Staates zu interessieren, weil er den möglichen Einfluß der Staatsgeschicke auf sein
eigenes Los schlecht begreift. Man muss aber einen Weg durch einen Endzipfel seines
Grundstücks legen, so wird er auf den ersten Blick erkennen, dass zwischen dieser kleinen
öffentlichen Sache und seinen größeren privaten Angelegenheiten eine Beziehung besteht,
und ohne dass man es ihm zeigt, wird er das enge Band entdecken, das hier den
persönlichen Vorteil mit dem Vorteil der Allgemeinheit verknüpft” (Tocqueville 1987, S. 156
zit. n. Weber 2009, S. 15).

Hinter dem Vorhaben nach Zusammenschluss müssen auch Gründe stehen, die für alle
Akteur*innen vorteilhaft sind. Damit diese Prozesse auch praktisch ablaufen, bedarf es von
Professionellen der psychosozialen Berufe ein Einmischen in die Sozialpolitik. Wenn solche
Veränderungsprozesse nicht beginnen, bleibt das Sozialpolitische beim Status Quo und die
Entscheidungsmacht bleibt in der Verwaltung, bei Kommunalpolitiker*innen etc.
(Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 58-59).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in all den Definitionen, die im ersten Unterpunkt
dieses Kapitels dargestellt sind, politische Gehalte und politische Ausrichtung aus diesen
Definitionen herauslesen, trotzdem ist die bestehende Perspektive auf das Politische in
diesen Definitionen mehr oder weniger eine individualistische (Weber 2009, S.10)
Außerdem bergen sich in der Abgetrenntheit der individuellen Ebene von der
gesellschaftlichen Ebene die Gefahren, die zur Aufsaugung des Empowermentkonzeptes
durch Moderne und Neoliberalismus, zu mehr Kontrolle über Adressat*innen, zur
Entthematisierung der Machtverhältnisse und zur Verhinderung des gesellschaftlichen
Widerstandes führen. Diese Thesen werden teilweise im folgenden dritten Kapitel und auch
im vierten Kapitel näher untersucht und begründet.

3 Darstellung und Kritik vom modernen Empowerment

3.1 Empowerment im neoliberalen Weltbild


Beim Betrachten dessen, wie das Empowermentkonzept in der heutigen Praxis im Rahmen
von unterschiedlichen Bereichen umgesetzt wird, lässt sich bezweifeln, ob Praktiker*innen
tatsächlich um die Ausschöpfung des Potenzials vom Empowerment bemüht sind. Dem
unrealisierten Potenzial des Empowermentkonzeptes liegen, von Praktiker*innen selbst
formuliert, folgende Kritikpunkte zugrunde: “institutionelle und professionelle Gegebenheiten
wie Verantwortlichkeit, zu treffende Entscheidungen, Budgetprobleme, Risikomanagement”
etc. ​(Hellerich, White 2003, S. 37). Diese Aspekte verhindern u.a. die Praktiker*innen daran,
das Empowermentkonzept praktisch umzusetzen.
Wenn man diese Entwicklungen im Kontext der modernen neoliberalen Machtverhältnisse
betrachtet, lässt sich umfassend klären, welche Zusammenhänge diesen Entwicklungen
zugrunde liegen.
Einer der Gründe dafür ist, dass die bestehenden Machtsysteme, zu welchen auch diverse
Einrichtungen des psychosozialen Helfens gehören und Praktiker*innen selbst,
Machtpositionen eher beibehalten, anstatt Macht abzugeben ​(Hellerich, White 2003, S. 37).

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In den modernen Systemen geht es beim Umsetzen des Empowermentkonzeptes vorrangig
nicht darum, solche Privilegien wie Macht und Wissen neu zu verteilen, sondern es geht um
individuelle Potenzialentfaltung und Befähigung, was wiederum dazu beiträgt, dass die
bestehenden Machtsysteme weiter erhalten bleiben und die Effizienz von Systemen steigt.
Mit neuen Empowerment Strategien wird Effizienz, Erfolg, Kosten-Nutzen-Rechnung und
bestmöglicher Einsatz des Individuums angestrebt. (ebd., S. 37).

Diese bürgerlich-kapitalistische bzw. neoliberale Denkfigur, lässt sich deutlich am folgenden


Beispiel zeigen.
Vereinnahmt und instrumentalisiert von u.a. Neoliberalen und ihren wirkungsvollen
Machtstrukturen, hat das Empowermentkonzept seinen festen Platz im Spätkapitalismus
und Neoliberalismus von heute eingenommen. Die Hochschulen, der Medizin- und
Psychiatriebereich etc. werden zu Unternehmen umstrukturiert und neoliberal verwaltet.
“Auch hier wird der Begriff Empowerment von der professionellen Kultur wohlwollend
angenommen” (Hellerich, White 2003, S. 36)
Was den unmittelbaren Unternehmensbereich angeht, wird Empowerment im Rahmen
dessen Wegweiser zur Effizienz- und Effektivitätsteigerung, und schließlich zur
Profitmaximierung.
Diese, auf Gedeihen des Unternehmens ausgerichtete Ziele werden dadurch erreicht, dass
unbewusste und ungenutzte Potenziale und Ressourcen freigesetzt und erschlossen
werden. Dabei erlangen einzelne Mitarbeitende bzw. Teams Fähigkeiten, sich kontinuierlich
zu verändern (Hellerich, White 2003, S. 36).

So werden Machtbestrebungen des Unternehmens von einzelnen Menschen befriedigt.


Mitarbeitende können sich durch Identifikation mit dem Unternehmen mächtig fühlen und
das Gefühl haben, dass sie über Macht verfügen, allerdings kommt ihr individuelle Wille zur
Macht nicht zum Tragen. Auf diese Art und Weise wird Empowerment zu einem lukrativen
und erfolgreichen Geschäft (Hellerich, White 2003, S. 36).

Darüber hinaus, deuten die Ziele, die mit der Idee vom modernen Empowerment angestrebt
werden, auf eine Begriffsverschiebung hin, denn der Begriff Empowerment, “der eigentlich
von ‘unten’ her geprägt worden ist, und zwar als Mittel, auf Dominanz einzuwirken”
(Hellerich, White 2003, S. 37) von Mächtigen vereinnahmt ist, “weil es ihnen selbst nützlich
sein kann” (ebd.), um Effizienz, Erfolg und Profitmaximierung zu erreichen.
Die Begriffsverschiebung äußert sich dadurch, dass “von oben herab die Idee des
Empowerments nun im Interesse der Bevölkerung durchgesetzt” (ebd.) wird. Die Mächtigen
setzen Ziele. ‘Die Unteren’ treten als Mittel auf, um Ziele zu erreichen. Durch ihre Rolle, die
ihnen, so meine Unterstellung, auch durchaus unbewusst sein mag, “verspüren sie mehr
Macht und finden Gefallen daran” (ebd.), ein Teil von Erfolg-, Effezienz-,
Heilungsbestrebungen etc. zu sein (ebd.). Strategien, die umgesetzt werden, um Macht
durchzusetzen, stößen vielmehr auf “Akzeptanz, Bereitwilligkeit der Minderbemächtigten
oder Ohnmächtigen” (ebd.). Somit gibt das Empowermentkonzept einen Umbruch in den
Strategien “der Macht und Mächtigen” (ebd.) wider. Demzufolge, haben die repressiven
Machtstrategien, so Foucault, die Form von produktiven Machtstrategien angenommen
(ebd.). Es folgt daraus, dass Empowerment mit einer produktiven Machtstrategie
gleichgesetzt wird. Macht produziert an ihrer Stelle die Realität (ebd.).

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“In Wirklichkeit ist die Macht produktiv und sie produziert Wirkliches. (...) Das Individuum und
seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion” ( Foucault 1976, S. 250 zit. n. Foucault
1976, S. 250 Hellerich, White 2003, S. 38)

Während Macht als produktive Kraft, innerhalb des modernen neoliberalen


gesellschaftlichen Kontext eingeschweißt bleibt, realisiert sie nicht “ihr befreiendes
Potenzial” (Hellerich, White 2003, S. 38). In ihrem Bestreben nach Macht, unterwerfen sich
die Machtsuchenden den Empowerment-Strategien und streben sich nach von der
gesellschaftlichen Norm vorgegeben Selbstverwirklichung und nach zunehmender
Arbeitsproduktivität (ebd.).

So ist Empowerment in seiner modernen Darstellung entweder von anderen befähigt


werden, oder sich selbst befähigen (ebd.). Wenn vorherrschende Macht- und
Wissenssysteme Befähigung produzieren, unterwirft man sich der Macht anderer (ebd.) und
partizipiert an der vorgegebenen Strukturen (ebd.). Im diesem Kontext scheint sich
Partizipation in Scheinpartizipation umzuwandeln, die in der Tat eine Form von
pragmatischen Anpassung an äußere Umstände annimmt. Was ist mit der produktiven Kraft
des Einzelnen? Mit dem Willen, eigene Macht zur Entfaltung zu bringen? (ebd.).

Es lässt sich auch an dieser Stelle fragen, wie es in der Realität möglich wäre, sich aus dem
Rahmen von vorherrschenden Machtstrukturen herauszulösen? (ebd.).

3.2 Empowerment in der Moderne und in der Postmoderne


In der Literatur finden sich mögliche Alternativen zum modernen neoliberalen
Empowerment. In diesen theoretischen Alternativen nimmt die Bezeugung des eigenen
freien und unabhängigen Willen zur Macht die Form von diversen Widerständen an
(Hellerich, White 2003, S. 38).
Empowerment heißt dann, wie eben in seiner modern ausgerichteten Definition, ‘befähigt
sein’, aber mit einem ganz anderen Bedeutungsgehalt. Es ist die Befähigung, sich gegen
vorgegebene Machtsysteme zu wehren, sich gegen sie mit einem autopoietischen Willen zur
Macht zu stellen und letztendlich vorherrschenden Machtverhältnisse zu dementieren (ebd.).
Dieser Empowermentprozess, das emanzipatorische Elemente enthält, und explizit in
politischen Kategorien buchstabiert ist, entstammt der Bürger*innenrechts-und
Selbsthilfebewegung in angloamerikanischen Ländern (Herringer 2002, S. 12)​. In ihrem
Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten verfolgten die Menschen, die
soziale Emanzipationsbewegungen gestiftet haben, das Ziel, Kontrolle über ihre
Lebensbedingungen zu übernehmen und sie zu verändern. Sie haben sich selbst ermächtigt
und sich im Zuge von politischen Selbstorganisationsprozessen in bestehende
Machtstrukturen und in Entscheidungsprozesse eingemischt (ebd.).
Diese bereits vorhandenen Beispiele aus der Geschichte deuten darauf, dass jegliche
Widerstandsgefühle und Formen von Widerständen als Mittel, auf vorherrschende
Machtverhältnisse einzuwirken, von großer Bedeutung sind (ebd.).

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Trotzdem steht die Frage im Raum, wie die Menschen einen Widerstand im Sinne von
Selbstermächtigung im aktuellen gesellschaftlichen Rahmen leisten können? Und was ist,
wenn es zu keinen Widerständen kommt? Lässt sich dann der autopoietische Wille zur
Macht nicht verwirklichen? Oder ein Nichtvorhandensein von Widerstandsbestrebungen ist
ein Zeichen davon, dass in der Gesellschaft kein autopoietischer Wille zur Macht besteht?
Meiner Meinung nach, losgelöst vom autopoietischen Willen zur Macht, muss der
Widerstand ausschließlich von Menschen kommen, die eine neue Machtverteilung fordern.
Wenn Widerstandsbestrebungen von anderen Seiten kommen, sogar mit dem altruistischen
Streben nach Erlangung von besseren Machtpositionen für Minderbemächtigte, widerspricht
es dem ursprünglichen Sinn von Empowerment. Auf der anderen Seite, kann es auch als
Akt der Solidarisierung und des Einmischens in Abänderungsprozesse der vorherrschenden
Machtverhältnisse gesehen werden. Oder ist es, aufgrund von eigenen Privilegien und
Zugängen zu Macht- und Wissenssystemen, ein aktives Ausüben der Macht, das sich darin
äußert, dass man davon ausgeht, dass die Mindermächtigen über weniger Wissen verfügen,
und deswegen muss es ihnen gezeigt werden, wo es Richtung Selbstermächtigung,
Gerechtigkeit und Partizipation geht? Diese Überlegungen bringen mich widerum auf den
Standpunkt, dass diese Art zu denken und zu handeln, von einem politischen
Fehlverständnis von Empowerment, Partizipation und Solidarität deutet. Weil, die sog.
Minderbemächtigten sich wiederum innerhalb von vorgegeben Machtstrukturen bewegen,
nur mit dem Unterschied, dass sie von denen vorgegeben werden, die es sozusagen ‘gut
meinen’ und über die Macht verfügen, solche Impulse vorzugeben und sie zu kontrollieren.
Machtverhältnisse und Privilegien bleiben in solchen Ausgangslagen unhinterfragt und als
Folge beim herrschenden Status Quo.
An dieser Stelle, finde ich es auch wichtig für Professionelle, ihre eigene Rolle innerhalb von
vorgegeben Machtstrukturen zu hinterfragen, um dementsprechend sich selbst und auch
ihren Adressat*innen zu ermöglichen, Kontrolle über ihr eigenes Leben zu übernehmen, um
u.a. autopoietisch zu handeln. Dadurch kommt es zu einer praktischen Umsetzung des
Empowermentkonzeptes. Als erster Schritt von Professionellen auf dem Weg dahin ist es,
meiner Meinung nach, eigene Machtpositionen innerhalb von vorherrschenden
Machtsystemen und auch eigene professionelle Handlungen und Handlungen im privaten
Leben zu hinterfragen. Z.B. sich die folgende Frage stellen: Erhalte ich jetzt vorherrschende
Machtverhältnisse und verfestige ihre Positionen mit meinem eigenen Handeln? Denn
eigene Machtpositionierungen sind, so meine Annahme, nicht außerhalb vom
gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten.
Wichtig zu erwähnen ist, dass es für eine kritisch-reflexive Praxis Professionelle bedarf, die
sich von ihren eigenen politischen und gesellschaftlichen Ansichten bewusst sind und diese
hinterfragen. Es ist als eine Voraussetzung zu sehen, dass diese von Professionellen in ihrer
Arbeit offen gelegt werden, denn Empowerment duldet keine Neutralität (Quindel, Pankofer
2000, S. 42). Verkehrt ist es, dem Empowerment seinen politischen Gehalt abzusprechen
und es neutral darzustellen. “Man kann im psychosozialen Feld nicht unpolitisch handeln”
(Quindel, Pankofer 2000, S. 42).

Der folgende Zitat bekräftigt vorherige Überlegungen und verweist deutlich auf Gefahren, die
unreflektierte unkritische Umsetzung des Empowermentkonzeptes mit sich bringt:

12
“Dabei ist mit Empowerment auch eine Kritik am Paternalismus professionellen Handelns
verbunden. Die Bevormundung der ‘Klienten’ durch die Professionellen - ganz im Sinne der
Kontrollfunktion, die den helfenden Berufen inhärent ist - erschwert gerade deren
eigenständige Verfügung über Ressourcen. Daher bedeutet Empowerment auch eine
Infragestellung des Selbst-, d.h. des eigenen Rollen- und politischen Verständnisses der
Professionellen” (Vossebrecher, Jeschke 2007, S. 55).

Anschließend an die Fragestellungen und Überlegungen, die teilweise Kritik an den


Entwicklungen des modernen Empowerments beinhalten, scheint es sinnvoll zu betonen,
dass das postmoderne Empowerment das Ziel verfolgt, jeder Person die Macht
zuzugestehen und es jeden Menschen ermöglicht, “sich selbst repräsentieren zu können”
(Hellerich, White 2003, S. 39). In einer Denkform des Postmodernen Empowerment heißt es,
fähig zu sein, eigene Macht abzugeben. Somit auch den Einfluß auf Umverteilung der Macht
auf der strukturellen Ebene zu nehmen. Das ist ein Versuch der Postmoderne, “sich aus
dem modernen, politischen, jurisdiktionellen Kontext der Über- und Unterordnung
heraus[zu]bewegen” (ebd.).

Folgendes Zitat beschreibt umfassend, was unter Abgabe der Macht gemeint ist:

“Die postmoderne Prägung des Willens zur Macht ist im modernen politischen Sinne
eigentlich eine eigene Entmachung, eine neue Ökologie der Beziehungen (ohne über und
unter), eine Sozialökologie anderer Formen (als in der Moderne), in der Inter-Aktion und
Kommunikation hervorgebracht werden soll” (ebd.).

Im Postmodernen Diskurs vom Empowerment wird davon ausgegangen, dass der Wille zur
Macht etwas Selbstverständliches und Natürliches ist. Nietzsche vergleicht ihn mit einer
lebensfördernden Kraft, “die aufs Leben [...] ausgerichtet ist” (ebd.). Im Unterschied dazu, ist
die Macht in der Moderne zu Erfolg und Effizienz veranlasst. Es ist eine Art der Philosophie,
“sich selbst zu schaffen und andere schaffen zu lassen” (ebd.). Dementsprechend, schließt
diese Denk- und Handlungsweise aus, sich den vorherrschenden Macht- und
Wissenssystemen zu unterwerfen und ihnen Kontrolle zu überlassen (ebd.). Es entsteht die
Frage, wie es praktisch möglich wäre, diese Philosophie im Handlungskonzept
Empowerment umzusetzen? Ich bezweifle an dieser Stelle, dass die Lösungen, die von Gert
Hellerich und Daniel White im Artikel Empowerment: Eine Auseinandersetzung aus
postmodernen Sicht, welche im Sozialmagazin 7-8/2003 ​dargestellt ist, und zwar: “sich aus
dem politischen jurisdiktionellen herauszulösen und eine erneute Sozialökologie
aufzubauen”, ausreichend sind. Ich finde diese Vorschläge sinnvoll, sie müssen aber meiner
Meinung zu einem Konzept ausgearbeitet werden, das praktisch umgesetzt sein kann, um
seine Theorie in der Praxis zu prüfen und konkrete Formen dieser Ideen zu verleihen.

Als Zusammenfassung des zweiten Kapitels lässt sich sagen, dass das Befähigtwerden im
postmodernen Empowerment ein Ausdruck des Widerstandes gegen und Übergriff auf
vorherrschende Machtverteilung ist, sowie ein Rahmen, in dem Forderungen an Mächtige
geäußert werden. In der Postmoderne schafft der Mensch eine neue Wende, gibt “neue
Wahrheiten, Sichtweisen, Perspektiven für eine Umwertung der Werte” ​(Hellerich, White
2003, S. 38). Werte und Wahrheiten, so Foucault, “werden durch Macht geschaffen” (ebd.).

13
In der Moderne, ganz im Gegenteil, unterwirft sich der Mensch den vorherrschenden
Machtstrukturen und als Folge auch “Wahren, Guten und Schönen”,[...] “den Zielen,
Rahmenbedingungen und Machenschaften der Mächtigen” (Hellerich, White 2003, S. 39).
Die Menschen haben innerhalb vom modernen Rahmen die Möglichkeit, sich zu
ermächtigen, zu befähigen und zu engagieren, aber nicht direkt diesen Rahmen in Frage zu
stellen und zu ändern. Außer bei wenigen Ausnahmen, ist die Machtabgabe im Rahmen von
modernem Empowerment unvorstellbar (ebd.). Postmodernes Denken vertritt eine
Konzeption der nicht-politischen Macht als gestaltendes und lebensförderndes ökologisches
und kommunikatives Prinzip, das in dem modernen Empowerment zu einem Effizienz- und
Effektivitätssteigerungsinstrument wird (ebd.).
Ich finde es höchst umstritten und komplex, Empowerment als Prinzip der nicht-politischen
Macht, als gestaltendes und lebensförderndes ökologisches und kommunikatives Element
zu betrachten. Im folgenden Kapitel beschäftige ich mich näher mit dem Politischen und der
Macht.

4​
Empowerment als politisch qualifiziertes Machtkonzept

In der deutsprachigen Literatur fehlt die Rezeption des Empowerments als ein politisches
Machtkonzept. Somit ist das Empowermentkonzept in Deutschland “politisch unterbestimmt”
(Weber 2009, S.7). Aktuelle Empowermentkonzepte aus der Sozialen Arbeit in Deutschland
waren und werden (bis auf wenige Ausnahmen in der Fachliteratur) separat von der
Geschichte der Gemeinwesenarbeit ausgearbeitet und praktisch umgesetzt (ebd., S.8).
Somit geht auch die Auseinandersetzung mit und Wahrnehmung des Empowerments als
Ausdruck der politischen Macht und als ein politisches Machtkonzept verloren.
Der Anspruch dieses Kapitels ist, in einem Umfang der, der Größe dieser Arbeit entspricht,
Macht aus politisch theoretischer Sicht zu beleuchten.
Es ist wichtig, an dieser Stelle auf den Sinngehalt von ‘power’ einzugehen. In der
deutschsprachigen Fachliteratur wird ‘power’ als Kontrolle übersetzt, was dem Begriff
Empowerment einen anderen Bedeutungsgehalt als ‘Macht’ verleiht. Dadurch kann ‘power’
in dieser Übersetzung und Rezeption nicht auf die Handlungsmöglichkeit zurückführen, die
sich den Menschen eröffnen, sobald sie sich mit anderen zum Handeln zusammenschließen
(Arendt 1993, S.45 zitiert nach: Weber 2009, S. 9). Als Folge davon, ist Empowerment in
der deutschsprachigen Fachliteratur und auch in der Praxis bloß eine Forderung nach einer
faireren Verteilung der Macht und generell mehr ‘Macht’ (Weber 2009, S. 9). Auch eine weit
verbreitete Rezeption des Empowerments als ‘Selbstbemächtigung’ deutet eher auf ein
Missverständnis von Macht hin. Auf der einen Seite werden Adressat*innen
selbstbemächtigt und auf der anderen Seite beinhaltet ‘Selbstbemächtigung’ schwierig
zugestandene ‘sharing power’ auf Seiten der Fachkräfte (ebd.). Eine Hinführung der
Empowermenttheorie zu den Begriffen Ressourcen oder Kompetenzen stellen den
Machtbegriff in ihren Schatten. Empowerment mit dem Fokus auf Kompetenzen und dem
Kompetenzenausbau deutet auf die individuelle Ebene des Empowerments hin, da
Kompetenz “eine persönliche Fähigkeit” ist (ebd.). Der Begriff Ressource lässt die Ebene
offen, denn es gibt “persönliche oder sachliche bzw. finanzielle Ressourcen oder aber
Ressourcen der (sozialen) Umwelt” (ebd.). Im Gegensatz dazu, befindet sich der Begriff
Macht auf einer politischen Ebene. Daraus folgt, dass es ist von Bedeutung ist,

14
“Ermächtigung, Ermutigung, Empowerment und Ressourcenorientierung voneinander zu
trennen” (ebd.). Ermutigung ist eine Voraussetzung, um daraufaufbauend Macht zu
erlangen. “Ermutigung ist vorpolitisch” (ebd.). Die individualistische Verwendung des Begriffs
Empowerment in der Moderne ist ein eindeutiger Beweis dafür. Und der politische Bezug
des Empowerment ist somit auf der politischen Ebene in der modernen Rezeption
“unpolitisch qualifiziert” und individualistisch (ebd., S. 10).

Der folgende Zitat bringt es exakt auf den Punkt:


“Empowerment orientiert sich hier auf der politischen Ebene an der Frage, wie politische
Ziele der Förderung von je einzelnen Betroffenen (deren Stärken, Fähigkeiten und
Ressourcen) nützen können. Der individuelle Nutzen steuert das Sicheinlassen auf den
Machtkontext. Das Empowerment wird Opfer derjenigen Entwicklung, die es selbst beklagt
hat. Die Individualisierung frisst am Ende auch das Empowerment, so dass es zu einer
Strategie verkommt, mit der die auf sich selbst Zurückgeworfenen sich in ihrer privaten
Eigensinnigkeit einrichten können und dazu öffentliche und soziale “Ressourcen” nutzen
(ebd., S. 10).

Im Gegensatz dazu ist die politische Rezeption des Empowermentkonzeptes eine ganz
andere und versteht Empowerment “in seiner politischen Dimension” als “politisch
qualifiziertes Machtkonzept” (ebd., S. 10). Diese “politiktheoretische Fundierung” ist eine
Grundlage für “Etablierung von politischer Ermächtigung” (ebd.).
An dieser Stelle ist es relevant, sich das Phänomen der Macht präziser anzuschauen. Ein
Streben nach Macht wohnt dem Menschen inne und der Mensch will mehr davon haben.
Außerdem neigt der Mensch dazu, Macht zu missbrauchen. Das Bild des Menschen, der
immer wieder Macht missbraucht, lässt ein Menschenbild vor Augen führen, welches sich
von der üblichen Rezeption innerhalb des Empowermentkonzeptes unterscheidet. In dieser
Rezeption liegt aber die Lösung: Solidarisierungsprozesse in Gang zu setzen.
Solidarisierungsprozesse können in der Praxis nicht dieselbe Wirkung erzeugen, welche es
die Gegenmacht kann, wobei in der deutschen Rezeption von Empowerment auf
“solidarische Kooperationslösungen” bestanden wird (ebd., S. 11).
Somit ist die These: Es bedarf Gegenmacht, um Machtmissbräuche zu stoppen. An ihrer
Stelle, gewährleistet Gegenmacht das tatsächliche Fortbestehen der Macht. Somit ist Macht
immer Gegenmacht (ebd.).

“Macht ist zunächst nicht solidarisch, sondern widerständig, und in dieser Widerständigkeit
erfüllt die Macht ihren politischen Zweck” (ebd.).

“Machtstreben muß Machtstreben entgegenwirken” (ebd.).

Diese Feststellungen müssen Empörung wegen ihrer Unmoralität hervorrufen und die
entgegengesetzte Frage auf so eine Reaktion könnte einen Anstoß zur Überlegung geben,
inwiefern es auch natürlich und ethisch ist, dass der Mensch Regierung braucht, von der er
unter anderem kontrolliert und regiert wird? (ebd.). Das Begreifen dessen lässt es zu, dass
die Gegenmacht als Reaktion auf die Macht ein ganz natürlicher Prozess ist, um gegen
Machtstrukturen einen Widerstand zu leisten.

15
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich vor der Auseinandersetzung mit der
zentralen Fragestellung als sinnvoll ergeben hat, ​den ursprünglichen gesellschaftskritischen
und politischen Gehalt von Empowerment darzustellen und auf Macht und das Politische
einzugehen.

5 Abschlussbetrachtung

Anhand der zur Recherche verwendeten Literatur bin ich den Versuch angegangen, die
Frage nach Potenzial der emanzipatorischen Praxis im Kontext der modernen Sozialer
Arbeit, die dem Anspruch des ursprünglichen gesellschaftskritischen und politischen
Gehaltes von Empowerment gerecht ist, zu beantworten. Die herangezogene Literatur hat
einen relativ breiten Überblick über die Fragestellung ermöglicht. Aufgrund der
unterschiedlichen Theorien ,Perspektiven, und Erkenntnissen wurde dabei das komplexe
Dilemma der Thematik deutlich. Es handelt sich aber in der aufgeführten Diskussion um eine
äußerst komplexe Fragestellung, die keine Antworten gibt, die pauschal richtige
Handlungsanweisungen zulassen. Immerhin ist es in der Auseinandersetzung mit der
Empowermentdiskussion möglich geworden, in meinem eigenen Fazit und anhand von
Anregungen aus Literatur, Grundprinzipien und Grundüberzeugungen zu erarbeiten, die es
theoretischerweise ermöglichen können, Erfahrungen politischer Macht und politisches
Ermächtigen in der Sozialen Arbeit im Rahmen von Handlungskonzept Empowerment zu
erreichen. Allerdings sehe ich den Weg zu einer emanzipatorischen Praxis, die dem
Anspruch des politischen Ermächtigen in der Sozialen Arbeit gerecht ist, als einen, der sich
aus vielen kritisch-reflexiven Praktiken, Reflexionsprozessen auf unterschiedlichen Ebenen,
einem politisch qualifiziertem Machtkonzept, aus kritischen Auseinandersetzung mit der
Geschichte, Theorie und Praxis des Empowermentkonzeptes und der Gemeinwesenarbeit in
den englischsprachigen Ländern und in Deutschland, und darüber hinaus aus der kritischen
Auseinandersetzung von Professionellen in psychosozialen Berufen mit eigenen
Verstrickungen, besteht. Von entscheidender Bedeutung ist es auch, ob Soziale Arbeit es
als notwendig ansieht, und sich letztendlich entscheidet, sich in die Sozialpolitik
einzumischen. Dabei ist ihre Haltung innerhalb eines aktivierenden Sozialstaates und auch
ihr Verhältnis zu und Handeln gegenüber den Sozialpolitiken dieses Staates von hoher
Relevanz.
Im Rahmen meiner Vertiefung in das von mir behandelnde Thema habe ich festgestellt,
dass folgende zentrale Grundprinzipien und Grundüberzeugungen die Grundlage für
politisches Empowerment sind. Das sind: Bestimmung von Verhältnisse zwischen
Individuum und Gesellschaft, politische Freiheit und Macht, Widerstand, kollektives Handeln.
Diese haben sich im Prozess des Verfassen dieser Arbeit herauskristallisiert und sind nicht
als endgültig oder als einzig richtig zu sehen.
Im Folgenden gehe ich im Einzelnen näher auf diese Grundprinzipien und
Grundüberzeugungen an.
Da Theorie und Praxis in der Diskussion um Empowerment ineinandergreifen, ist es für den
Empowermentansatz zentral, Verhältnisse zwischen Individuum und den Gesellschaftlich zu
bestimmen. Das Empowermentkonzept basiert auf keiner eindeutigen einheitlichen
Gesellschaftstheorie. Für Theorieentwicklung und Kritik ist das Heranziehen von
unterschiedliche Theorien von Vorteil und bietet außerdem eine Grundlage für breite

16
Diskussionen. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, würde ein ausdrücklich
gesellschaftstheoretischer Bezug auf Reflexion von Machtverhältnissen eine stärkere
Berücksichtigung struktureller, gesellschaftlich-abstrakter Herrschaftsverhältnisse
ermöglichen (Vossebrecher, Jeschke 2007, S.63). Eine gesellschaftstheoretisch fundierte
Weiterentwicklung des Empowermentkonzeptes ermöglicht, explizite Vorstellung von
“Sozialveränderung” im Sinne von Emanzipation zu gewinnen (ebd., S.64).
In Anbetracht der Notwendigkeit der gesellschaftstheoretisch fundierten Weiterentwicklung
des Empowermentkonzeptes, ist es von Bedeutung “zivilgesellschaftlichen Assoziationen”
(Weber 2009, S. 15) z.B. explizit Freiheit näher zu betrachten und als einen wichtigen
Aspekt auf dem Weg zu emanzipatorischer Praxis des Handlungskonzepts Empowerment
wahrzunehmen. Die Frage nach der Freiheit ist auch wichtig bei der Beantwortung der
zentralen Fragestellung dieser Arbeit, denn “Macht und Freiheit hängen aufs engste
miteinander zusammen” (Weber 2009, S. 13). Von politischer Freiheit ist die Rede, wenn sie
im Raum vorhandener Handlungsmöglichkeiten zu finden ist. Angeknüpft an bestimmte
Grundüberzeugungen innerhalb von einem Gemeinwesen, stößt sie auf Akzeptanz und auf
Zusammenschluss mit anderen (ebd., S. 14). Es besteht ein wesentlicher Unterschied
zwischen der politischen Freiheit und der individualistischen Selbstbestimmung, der sich in
der folgenden Zitat widerspiegelt (ebd., S. 15):

“Wo jeder sich auf seinen privaten kleinen Bereich zurückgezogen hat, bleiben die
öffentlichen Angelegenheiten einer paternalistischen, entmündigenden, zentralisierten und
angleichenden bzw. nivellierenden Instanz überlassen, der immer mehr Aufgaben
übertragen werden, die vorher die Bürger im Verein miteinander reguliert haben”
(Tocqueville 1987, 460 ff, zitiert nach: Weber 2009, S. 15).

Der Sinn aber für politische Freiheit entdecken die Menschen unmittelbar in ihrer praktischen
Umsetzung (Weber 2009, S. 15):

“Sind die Bürger gezwungen, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten gemeinsam zu
befassen, so werden sie notwendig ihren persönlichen Interessen entzogen und ab und zu
aus ihrer Selbstschau herausgerissen. Sobald man die gemeinschaftlichen Angelegenheiten
gemeinsam behandelt, bemerkt jeder, dass er von seinen Mitmenschen nicht so unabhängig
ist, wie er zuerst dachte, und dass er, um ihre Unterstützung zu erlangen, ihnen oft
beistehen muss” (Tocqueville 1987, S.154 zitiert nach: Weber 2009, S. 15).

“Die Empörung über Beschneidung der individuellen Möglichkeiten” (Weber 2009, S. 15)
bringt den Menschen darauf, öffentlich zu werden und als Folge daraus handelt der Mensch
im Sinne von Widerstand. Die individuelle Interessen sind unabhängig von ihrer Größe
politisch und so fängt das Politische “im politischen Nahraum an” (Weber 2009, S. 15).

Somit ist politisches Handeln im Rahmen des Handlungskonzepts Empowerment in der


Sozialen Arbeit höchst anzustreben und eröffnet den Weg zu einer emanzipatorischen
Praxis, die dem Anspruch des ursprünglichen gesellschaftskritischen und politischen
Gehaltes von Empowerment gerecht ist. Diese Dimension baut quasi das
Empowermentkonzept aus und verleiht ihm eine politische Bestimmtheit. Wie erweckt man
aber Interesse am politischen Handeln und wessen Aufgabe ist es?

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Interesse am politisches Handeln baut sich mit der politischen Tätigkeit auf. Somit wird auch
das Politische aus einer ganz anderen Perspektive gesehen. Das Begreifen dessen, dass
alle Menschen innerhalb eines Gemeinwesen unabhängig von ihren Privilegien,
Interessenslagen etc. aufeinander angewiesen sind, wandelt sich “in das Interesse am
gemeinsamen Handeln” (Weber 2009, S. 16) um. In diesem Zusammenhang ist die Freiheit
politisch. Sie verwirklicht sich “durch Macht in Form von zivilen oder politischen
Assoziationen” (ebd., S. 16).

“Das selbstbezügliche Interesse kann sich derart verwandeln, dass es nicht aus
moralischem Pflichtgefühl, sondern aufgrund einer ursprünglichen, im gemeinsamen
Handeln entdeckten Begeisterung das politische Engagement über die privaten Interessen
stellt. Voraussetzung dafür ist, dass dieses Selbstinteresse wohlverstanden ist, so dass wir
die eigenen Interessen überhaupt im Kontext der Interessen anderer wahrnehmen können”
(ebd., S. 17).

Im Kontext politischen Handelns drückt sich die Haltung aus, hinter der Vertrauen auf die
Potenziale zwischenmenschlicher Macht steht. Sie unterscheidet sich von der Haltung, die
üblicherweise durch das moderne Empowermentkonzept vermittelt wird und zwar: “auf die
Potenziale im einzelnen Menschen zu vertrauen” (Weber 2009, S. 17). Die dargestellte
politische Haltung beinhaltet zentrale politiktheoretische Erkenntnise deren Sinn: das
individuelle “Ich kann” mit dem “Wir können” zu ersetzen (ebd., S. 17). Der Unterschied
zwischen beiden Formulierung ist eindeutig und es ist wichtig, diesen Unterschied im Auge
zu behalten und beide Haltungen voneinander zu trennen. Es bedarf Ermutigung seitens
Menschen, die sie durch darauffolgendes politisches Handeln dazu bringt, Erfahrungen mit
politischer Macht zu erleben. Dieser Ermutigung liegt die Überzeugung zugrunde, “dass sich
durch eigenes Handeln die gegenwärtige Situation verändern lässt” (ebd., S. 17).

“Insofern bildet die Ermutigung zur Nutzung eigener Fähigkeiten und sozialer Potenziale
eine wichtige Voraussetzung für ermächtigendes Handeln, aber sie ist nicht mit
Ermächtigung identisch. Die Ermutigung oder auch Ressourcenorientierung bedarf der
politischen Grundhaltung des Vertrauens in die Macht, um nicht zu einem weiteren
Meilenstein im ständig sich selbst verstärkenden okzidentalen Individualismus zu werden”
(Weber 2009, S. 17).

Empowerment erfordert einer kritischen Reflexion von ihrer Theorie und Praxis, und keine
vorgefertigte schubladenartige sichere Antworten darauf, welche Empowerment-Lesart und
welcher Empowermentansatz sich ‘richtig’ oder ‘besser’ in der Praxis beweist
(Vossebrecher, Jeschke 2007, S.64). Deswegen stütze ich mich auf die These, dass einige
Anforderungen von Empowerment neuer Auslegung bedürfen. Die Analyse der wesentlichen
Gegensätze innerhalb von Praxisfeldern ist u.a. ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die
emanzipatorische Praxis, die dem Anspruch des ursprünglichen gesellschaftskritischen und
politischen Gehaltes von Empowerment entspricht.

Literaturverzeichnis
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18
Bröckling, Ulrich (2003): You are not responsible for being down, but you are responsible for
getting up. Über Empowerment; in: Leviathan - Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft,
Nomos-Verlag, Nr. 31, S. 323 - 344.

Hellerich, G. White, D. (2003): Empowerment: eine Auseinandersetzung aus postmoderner


Sicht; in: Sozialmagazin. Die Zeitschrift für Soziale Arbeit, Juventa Verlag, 28. Jg. 7-8, S.
36-41.

Herringer, Norbert (2002): Empowerment in der Sozialen Arbeit: eine Einführung. 2.,
überarbeitete Auflage, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln.

Miller, Tilly (2000): Empowerment konkret! Handlungsentwürfe und Reflexionen aus der
psychosozialen Praxis / Hrsg. von Tilly Miller und Sabine Pankofer. – Stuttgart: Lucius und
Lucius, S. 33-44.

Vossebrecher, D. Jeschke, K. (2007): Empowerment zwischen Vision für die Praxis und
theoretischer Diffusion; in: FORUM KRITISCHE PSYCHOLOGIE, Argument Verlag, Nr. 51,
S. 53-65.

Weber, Joachim (2009): Begeisterung für die Macht als politische Grundhaltung; in:
WIDERSPRÜCHE. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und
Sozialbereich, Kleine Verlag, Heft 112 (30. Jg.) Nr. 2, S. 7-18.

Eigenständigkeitserklärung

Hiermit versichere ich,

Tatiana Ovechkina,

dass die vorliegende Arbeit über

Empowerment im Rahmen von politischen Verständnis der Macht

selbständig verfasst worden ist,


dass keine anderen Quellen und Hilfsmittel als die angegebenen benutzt worden sind
und dass die Stellen der Arbeit, die anderen Werken – auch elektronischen Medien – dem
Wortlaut oder Sinn nach entnommen wurden, auf jeden Fall unter Angabe der Quelle als

19
Entlehnung kenntlich gemacht worden sind. Die digitale Version dieser Arbeit ist mit der
Druckversion identisch.

............................................. .............................................
Datum und Unterschrift Datum und Unterschrift

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