Está en la página 1de 229

Bozena Chotuj

Deutsche Schriftsteller im Banne der


Novemberrevolution 1918
Bernhard Kellermann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller,
Erich Mühsam, Franz Jung
Boiena Choułi

Deutsche Schriftsteller
im Banne der
Novemberrevolution
1918
Bernhard Kellermann, Lion Feuchtwanger,
Ernst Toller, Erich Mühsam, Franz Jung

Springer Fachmedien
Wiesbaden GmbH
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Choi'uj, Bozena:
Deutsche Schriftsteller im Banne der Novemberrevolution 1918 :
Bernhard Kellermann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Erich
Mühsam, Franz Jung / Bozena Chofui. - Wiesbaden: Dt.
Univ.-Verl., 1991
(DUV : Literaturwissenschaft)
Zugi.: Warschau, Univ., Diss., 1988
ISBN 978-3-8244-4039-9 ISBN 978-3-663-19808-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-19808-6

Der Deutsche Universitöts-Verlag ist ein Unternehmen der


Verlagsgruppe Bertelsmann International.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991
Ursprünglich erschienen bei Deutscher Universitäts-Verlag GmbH,
Wiesbaden, 1991

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich ge-


schützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Ur-
heberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig
und strafbar. Dos gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Über-
setzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Ver-
arbeitung in elektronischen Systemen.

Druck und Buchbinder: d'lfo-druck Bamberg


Der Ausbruch einer Revolution befreit die lokalen Be-
rufsrevolutionäre aus ihren jeweiligen Aufenthaltsorten,
aus den Gefängnissen und den Bibliotheken und den Kaf-
feehäusern.
Hannah Arendt: Über die Revolution

Den Begriffen Rechts, Links, Mitte sollte man einen


neuen Sinn verleihen: einer, der rechts steht, neigt zum
Autoritären, Diktatorischen, Totalitären, der in der
Mitte möchte die Dinge liberal oder sozial-demokratisch
behandelt wissen, während man als Linker durch Bürger-
initiative und Basisdemokratie Veränderungen herbei-
führen möchte.
Karo/ Sauerland: Erbauliche Gedanken nächtlicher Stille
Inhalt

Vorwort •.............••.•.•..•.•••.•..•.•.••.•••...•••••••..•.••••••.•••..•••••.•••••••..••..••••.•..•••••.••••. 5
I. Bernhard Kellermanns ''Der 9. November".
Die Revolution als hoffnungsloses Chaos .......................................... 12
1. Bernhard Kellermann und die Novemberrevolution 1918 ............... 12
2. General von Hecht-Babenberg- die Tragik des Schuldigen ............ 14
3. Karl Ackermann- ein "religiöser Revolutionär" ............................. 18
4. Die expressionistische Darstellung der Revolution .......................... 19
5. Ein Vergleich mit Leonhard Franks "Der Mensch ist gut" ............... 21
6. Kellermanns Verhältnis zu den aktuellen sozialen
und politischen Fragen ..................................................................... 25
II. Lion Feuchtwangers "Thomas Wendt".
Die Sonderstellung des Intellektuellen in der Revolution •••.•.•.••.•••• 35
1. Die Gestaltung des Zeitgeschehens in der neuen
Form des dramatischen Romans ...................................................... 35
2. Wendts Reflexionen über die Kunst ................................................. 38
3. Die Erfahrung politischer Aktivität und Passivität ........................... 40
4. Wendts Kriegserlebnis ...................................................................... 41
5. Wendts Teilnahme an der Novemberrevolution ............................... 44
6. Ihren "Dunst sollt ihr spüren ... " ....................................................... 47
7. Wendt - ein Vertreter der freischwebenden Intelligenz? .................. 50
8. "Neunzehnhundertachtzehn" - ein Weg in die Dogmatik ................ 52
9. Revolution ist nicht die Sache eines Einzelnen ................................ 56
III. Ernst Tollers ''Masse-Mensch".
Die Revolution als ethisches Problem .•.••••.•••••••••.•.••.•.••.••••..••...••••.•••• 58
1. Ernst Tollers politischer Weg ............................................................ 58
2. "Masse-Mensch" als politisches Drama ........................................... 67
3. Die Frau als 'Mensch' der Proletariermasse .................................... 71
4. Die politische Revolution als neue Perspektive ............................... 75
5. Exkurs über Tollers Einakter "Deutsche Revolution" ...................... 78
6. Inhaltliche Konsequenzen der Form ................................................. 79
IV. Erich Mühsams "Judas".
Von der Revolutionsidee zur revolutionären Praxis ........................ 83
1. Der Weg eines Bohemien zur Politik ............................................... 83

3
2. Politische Wandlung des Anarchismus von Erich Mühsam ............. 91
3. "Judas" und die Öffentlichkeit in der revolutionären Praxis ............ 96
4. Drei Interpretationsmöglichkeiten des Judas-Motivs ....................... 99
5. Lecharjow als Kommentator des Geschehens ................................ 102
6. Mühsarns Versuch, die Revolutionsniederlage zu überwinden ...... 103
7. Mühsam - Eisners Gegenspieler ........ ... ..... ... .. .. ... ..... ... .... .. ... .. .. ..... 108
V. Franz Jungs Schaffen.
Die Revolution als Befreiung von der Einsamkeit.......................... 111
1. Pranz Jung und seine politischen Aktivitäten ................................. 111
2. Pranz Jungs sozialpsychologische Reflexionen
aus dem Geist der Revolution ....... .. .. ..... ... .. .. ..... ....... ........ .. ..... .. ... .. 113
3. Das Proletariat als leidende Klasse ................................................ 122
4. Die Proletarier im literarischen Schaffen von Pranz Jung .............. 124
5. Revolution als Folge der Selbstbefreiung zur Aktivität
in der Öffentlichkeit ....................................................................... 137
Ausklang •.••••.••••.••••.•••••.••.••••.•••.....•......•........•......•..•..••..•..•.....••••.••.•.••••..... 141
Anmerkungen •••.••••...............................................•....•...•.............•••.....•.•..• 146
Literatur •••••..••••.••••...•..•.........•.•••....•.•............•.•....•....•.•.•••.•..••...•...••...••...•. 195

4
Vorwort

In dieser Studie geht es mir um den konstruktiven Einfluß des Zeitgesche-


hens auf jene Schriftsteller, die politisch engagiert waren. An ausgewähl-
ten Werken, die entweder aus der Beobachtung der revolutionären
Geschehnisse (Bernhard Kellermann und Lion Feuchtwanger) oder aus
direkten politischen Erfahrungen (Ernst Toller, Erich Mühsam und Franz
Jung) heraus entstanden sind, möchte ich zeigen, daß in der deutschen
Literatur am Anfang der zwanziger Jahre Ansätze zu einem neuen Revo-
lutionsverständnis zu finden sind. Ich verfolge hierbei, wie die genannten
Autoren ihre rein ethischen und ästhetischen Positionen revidieren, ins-
besondere durch die direkte geistige oder praktische Konfrontation mit
der Politik, was jedoch nicht dazu führt, daß ihre Idealvorstellungen von
der Gemeinschaft, dem neuen Menschen oder der Menschenliebe in ihrem
Schaffen an Bedeutung verlieren. Der ethische Anspruch bleibt, der
Hauptakzent wird aber auf die Umstrukturierung der Gesellschaft gesetzt,
wobei der politische Wert der Gewalttat entweder gänzlich in Frage ge-
stellt oder zumindest bezweifelt wird.
Die Dominanz des ethischen Prinzips konnten sie in ihren Reflexionen
über die Revolution literarisch leicht verwirklichen. Schließlich stand ein
fertiges Instrumentarium aus den bisherigen expressionistischen Werken
zur Verfügung. Man denke nur an Ludwig Rubiner, Leonhard Frank und
Franz Werfe!. Viele expressionistische Werke, die in der Kriegszeit ent-
standen waren, zeugten von Enthusiasmus für eine Idee und für Opferbe-
reitschaft und verkündeten oft, daß der neue Mensch entstehe. Als die
Revolution in Deutschland scheiterte, gewann bei den von mir behandel-
ten Autoren das ethische Prinzip an Bedeutung, da sie von ihren Idealen
eines harmonischen Zusammenlebens der Menschen nicht abgehen woll-
ten. Dieses Festhalten an zum Teil utopischen Vorstellungen bedeutete
aber nicht, daß diese Autoren aufkonkretere Reflexionen überdie Möglich-
keit von Veränderungen und von Revolutionen verzichteten. Im Gegen-
teil, sie dachten, wie ich zu zeigen versuche, über solche Fragen nach, wie:
die neue Rolle der Intellektuellen in der Arbeiterbewegung und der Ge-
sellschaft überhaupt, das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Gesell-
schaftsmitgliedes, die Vorteile einer Basisdemokratie, die sich aus den
Räteföderationen ergibt, die Notwendigkeit der Beibehaltung oder des
Ausbaus der individuellen Freiheit im sozialen und politischen Zusammen-
leben, die Rolle der Gewalt in den revolutionären Auseinandersetzungen,

5
die Zurechnungsfähigkeit der Masse in Grenzsituationen. Feuchtwanger,
Toller, Mühsam und Jung sind ohne Zeitdistanz, direkt aus den revolu-
tionären Tagen heraus zu Erkenntnissen gelangt, auf die man erst heute
wieder zurückkommt.
Mein besonderes Interesse gilt der Frage, zu welchen neuen Erkennt-
nissen die behandelten Autoren über die Revolution, ihren Verlauf und
ihre Bedeutung gekommen sind. Einen gewissen Maßstab für die Trag-
weite und eventuelle Modernität ihrer Ideen bildet für mich Hannah
Arendts Revolutionsbegriff, der in einem engen Zusammenhang mit ihrem
Politikbegriff zu sehen ist. Durch den Vergleich der Amerikanischen mit
der Französischen Revolution kommt Hannah Arendt zu dem Schluß, daß
Revolution mit Neuanfang und Streben nach Freiheit und nicht mit dem
gewaltsamen Umbruch zu verbinden ist. Sie schreibt in ihrem Buch "Über
die Revolution":

Vor den beiden großen Revolutionen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts gab
es einen eigentlichen Revolutionsbegriff nicht. Denn dieser ist unlösbar der Vorstel-
lung verhaftet, daß sich innerhalb der weltlichen Geschichte etwas ganz und gar
Neues ereignet, daß eine neue Geschichte anhebt( ... ). Erst als die Revolutionen be-
reits wirklich zum Ausbruch gekommen waren, und lange bevor die Beteiligten die
Chancen von Sieg und Niederlage abschätzen konnten, wurde Handelnden wie Zu-
schauern gleichermassen das Neue des Unternehmens und der eigentliche Sinn der
Handlung selbst offenbart. 1

Die Revolution müsse nicht mit dem Gewaltakt in Zusammenhang ge-


bracht werden, zumal "wo Gewalt der Gewalt gegenübersteht", habe "sich
noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen". 2 "Die Revolutionen( ... )
werden nicht 'gemacht'"? schreibt sie in "Macht und Gewalt", sie werden
erst durch "die innere Zersetzung der Staatsmacht" möglich. 4 Die Revo-
lution selber verbindet sie mit einem spezifischen Machtbegriff, den sie
der Gewalt und der Herrschaft gegenüberstellt. Es wird mit einer be-
stimmten Tradition der Machtausübung gebrochen. Die Akteure wollten
vor allem den politischen Raum, die Öffentlichkeit neu organisieren, d. h.
die Macht begründen, die es nur da gibt, wo die Menschen miteinander
wie mit ihresgleichen sprechen und über ihr Schicksal selber entscheiden
können, wo mit anderen Worten Freiheit herrscht. Aus diesem Gedan-
kengang heraus unterstreicht Arendt die große Bedeutung der Räte für
die Revolution und damit für die Herausbildung einer Öffentlichkeit, zu
der alle Bürger zugelassen sind und in der sie - oft zum ersten Mal -

6
Freude am Handeln erleben. "Auffallend bei allen Räten, die wir kennen",
bemerkt sie,

ist nicht nur, daß in ihnen immer Mitglieder der verschiedensten Parteien friedlich
zusammensitzen, sondern daß Parteizugehörigkeit in ihnen überhaupt keine Rolle
spielt und es also nicht zur Fraktionsbildung kommt. Die Räte sind bis auf den heu-
tigen Tag die einzigen politischen Organe geblieben, in denen Leute ohne alle Par-
teizugehörigkeit eine Rolle spielen können. 5

Sie sieht in den Räten die optimale Form der Machtausübung, in der po-
litisches Handeln möglich ist. Es ist eine Art Forum, wo Öffentlichkeit als
Grundvoraussetzung der Politik realisierbar ist. Dieser für Hannah
Arendts politische Philosophie wichtige Begriff bedeutet, "daß alles, was
vor der Allgemeinheit erscheint, für jedermann sichtbar und hörbar ist". 6
In der Öffentlichkeit zeigen sich die Menschen durch Sprechen und Han-
deln. Dies seien die Tätigkeiten, schreibt HannahArendt in "Vita Activa",
in denen menschliche Verschiedenheit und Einzigartigkeit sich darstellen.
"Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinan-
der, anstau lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich
das Menschsein selbst offenbart". 7 Wenn Sprechen und zwischenmensch-
liche Kommunikation in der Öffentlichkeit das politische Handeln aus-
machen, muß man Gewalt als etwas Antipolitisches ansehen, denn durch
sie wird der politische Raum, die Öffentlichkeit vernichtet, da sie "stumm"
ist. 8 Arendt unterscheidet deutlich zwischen Gewalt, Macht und Herr-
schaft:

Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht
vorhanden. Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überläßt man sie den
ihr selbst innewohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das Ver-
schwinden der Macht. ( ...) Gewalt kann Macht vernichten; sie ist gänzlich außer-
stande, Macht zu erzeugen. 9

Unter Macht versteht Arendt die menschliche Fähigkeit, "nicht nur zu


handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen
und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln". 10
Ich zitiere Hannah Arendt so ausführlich, weil ich in meiner Arbeit auf sie
nicht mehr detaillierter eingehe, obwohl ihre Ideen, die ich hier zu skizzie-
ren versuche, mich bei meinen Werkanalysen inspiriert haben. Zwar sind
die Schriftsteller, die ich in den einzelnen Kapiteln behandle, keine poli-
tischen Denker, aber ihre Gedanken zeigen oft eine Nähe zu den hier dar-
gestellten Auffassungen. Dazu tragen vor allem der ethische Anspruch

7
anarchistischer Provenienz und die Rezeption der Ideen von Rosa Luxern-
burg, insbesondere ihrer Spontaneitätstheorie bei. Sie sind in den litera-
rischen Verarbeitungen des Zeitgeschehens, auf die ich in meiner Arbeit
immer wieder zu sprechen komme, zu spüren.
In den einzelnen Kapiteln versuche ich, den Revolutionsbegriff des je-
weiligen Schriftstellers aus jenen Werken abzuleiten, die unmittelbar un-
ter dem Eindruck der Revolution von 1918 entstanden sind. Andere
Schriften oder biographische Daten werden nur herangezogen, wenn sie
zu deren Aufhellung notwendig sind.
Das erste Kapitel, das Bemhard Kellermann gewidmet ist, gilt hier als
Beispiel für eine Revolutionsfaszination, die über die Sehnsucht nach der
Erfüllung von höchsten Werten, wie Menschenliebe, Gerechtigkeit und
Brüderlichkeit, nicht hinausgeht. Diese Sehnsucht verarbeitet Kellermann
im "9. November" vor allem ästhetisch, jederlei politische Reflexion fehlt.
Einen Revolutionsbegriff - welcher Art auch immer - entwickelt er
nicht. Sein positiver Held Ackermann ist eher ein christlicher Pazifist; ein
politischer Revolutionär ist er auf keinen Fall.
Die Revolutionsdarstellung Kellermanns hängt eng mit seiner Ge-
schichtsauffassung zusammen. Charakteristisch für sie ist die Überzeugung
von der Gesetzmäßigkeit in dem Geschichtsablauf. Er hat auf die Men-
schen einen größeren Einfluß als sie auf ihn. Das ist der Grund, warum
mancher Vorgang politisch unverständlich bleibt.
Obwohl Kellermann keine sozial-politischen Zusammenhänge auf-
deckt, gelingt es ihm sehr gut, die Atmosphäre aufzuzeichnen, die in Ber-
lin kurz vor Kriegsende herrschte. Seine an manchen Stellen filmartige
Darstellung scheint von der Überzeugung durchdrungen zu sein, daß der
Revolutionsausbruch allein aus der Kriegsmüdigkeit und Kriegsfeind-
schaft heraus zu erklären ist.
Feuchtwangers beinahe vergessenes Werk, "Thomas Wendt", ist dage-
gen ein Versuch, die Revolution nicht als Möglichkeit der Verwirklichung
von ersehnten Idealen darzustellen, sondern als politisches Zeitgesche-
hen, in welchem dem Intellektuellen eine besondere Rolle zugesprochen
werden kann.
Das Revolutionsbild ist bei Feuchtwangerviel komplizierter als bei Keller-
mann. Hier wird der Einfluß des Individuums auf den geschichtlichen
Vorgang nicht ausgeschlossen. Dabei wird dem Leser aber auch bewußt
gemacht, daß der Einzelne ohne Zusammenhalt mit ähnlich Denkenden
entweder auf politische Aktivität verzichten muß, oder nur Zeugnisse für

8
das Zeitgeschehen ablegen kann. Durch den Vergleich der ersten Fassung
des dramatischen Romans von 1919 mit der zweiten von 1934 läßt sich die
Bedeutung der Zwischenräume für das politische Engagement der Intellek-
tuellen aufdecken. Dank dieser Zwischenräume und ihrer besonderen
"Klassenlosigkeit" sind sie imstande, sowohl als Vermittler zwischen ver-
schiedenen sozialen Schichten wie auch als Träger von neuen Ideen auf-
zutreten. In dem dramatischen Roman finden wir also eine Vorformu-
lierung der Idee Mannheims vom freischwebenden Intellektuellen, die
Feuchtwanger später im "Erfolg" entwickelt.
Die nächsten drei Autoren, Ernst Toller, Brich Mühsam und Pranz
Jung, waren persönlich im politischen Geschehen verquickt, was in ihrer
Verarbeitung des Revolutionsthemas seinen Niederschlag findet.
Ich glaube mich schon aus diesem Grunde im Recht, wenn ich Tollers
"Masse-Mensch" direkt als politisches Drama interpretiere. Ich versuche
zu zeigen, daß es nicht nur eine Kritik an der Lenkbarkeit der Masse dar-
stellt, sondern auch von der Idee durchdrungen ist, daß es eine Möglich-
keit gibt, sich in der revolutionären Bewegung auf die Proletarier zu
stützen, indem man nämlich ihre Bereitschaft zu einem selbständigen po-
litischen Handeln ernst nimmt und sie nicht nur als passive Masse betrach-
tet. Ich finde es wichtig, daß Toller seine negative Erfahrung, die er
währ~nd der Revolution mit der Masse machte, in seinem Drama zu über-
winden sucht, indem er auf seine früheren Streikerlebnisse von 1918 zu-
rückgreift. Dadurch gelingt es ihm, nicht nur die Frage nach der Schuld
im politischen Handeln, sondern auch nach der Unterscheidung zwischen
lenkbarer Masse und bewußtem Proletariat, zwischen dem Objekt und
Subjekt der Geschichte im Zusammenhang mit der Revolution zu stellen.
Ich glaube, zeigen zu können, daß sein Drama über "die soziale Revolu-
tion" den Begriff der politischen Revolution enthält, die seinem Denken
u. a. durch den Einfluß von Landauer nicht fremd war.
Der Aufbau des nächsten, d. h. des vierten Kapitels unterscheidet sich
strukturell von den vorhergehenden, denn für das Verständnis des Revo-
lutionsbegriffs von Mühsam ist es erforderlich, seinen Entwicklungsweg
vom Boheme-Rebellen zum revolutionären Denker zu verfolgen. Darü-
ber hinaus kann man durch die Analyse seiner Auffassung vom Bolsche-
wismus einen neuen Zugang zu seinem Drama "Judas" finden. Als we-
sentlich erweist sich hier seine Forderung nach Öffentlichkeit im politi-
schen Handeln, die man im engen Zusammenhang mit seinen Rätegedan-
ken sehen muß.

9
Das Kapitel über Franz Jungs Revolutionsbegriff ist am umfangreich-
sten, da sich dieser nicht aus einem zentralen Werk herausinterpretieren
läßt. Er ist auch mehr als nur ein politischer Begriff. Das Wechselverhält-
nis von Geschichte, Ideologie, Literatur und Psychologie spielt bei Jung
eine noch größere Rolle als bei Mühsam. Seine Revolutionsauffassung ist
daher noch vielschichtiger, sie ist nur in beschränktem Maße auf das kon-
krete politische Geschehen von 1918/19 zurückführbar.
Alle fünf Schriftsteller finden nicht immer die entsprechende Aus-
drucksform oder Sprache für ihre Ideen. Das ist einer der Gründe, warum
die Werke, die ich hier analysiere, mehr oder weniger in Vergessenheit
geraten sind oder in ihren Intentionen als unklar gelten. Eine Ausnahme
bildet Tollers "Masse-Mensch", wo die ethische Problemstellung deutlich
zum Ausdruck kommt. Dieses Drama wurde bisher aber kaum politisch
interpretiert. Wenn man die von mir ausgewählten Werke aus der Per-
spektive des politischen Denkens von Hannah Arendt betrachtet, erschei-
nen manche Texte in einem neuen Licht. Der Vorwurf der Utopie, der
diesen Schriftstellern in der Sekundärliteratur so oft gemacht wird, ent-
fällt zum großen Teil; plötzlich kann man erkennen, daß die politischen
Reflexionen und Ideen, die die genannten Autoren in ihrem Werk zum
Ausdruck bringen, nicht nur interessant sind, sondern auch ihren Wahr-
heitsgehalt enthalten.
Zum Schluß sei noch kurz gesagt, was ich unter dem Begriff der "No-
vemberrevolution von 1918" verstehe. Ich verwende ihn repräsentativ für
den revolutionären Zeitraum vom November 1918 und bis zum Sommer
1923. Es ist nicht sinnvoll, vom November 1918 als einem einmonatigen
Ereignis zu sprechen. Schließlich verlief die revolutionäre Bewegung in
Deutschland um diese Zeit an den einzelnen Orten unterschiedlich. Ich
stütze mich hierbei auf die Ausführungen von Reinhard Rürup, der in sei-
nem Beitrag "Demokratische Revolution und 'dritter Weg'" erklärt, daß
der Begriff"deutsche Revolution 1918/19" sich inderneueren historischen
Forschung zwar durchgesetzt habe, aber den traditionellen Begriff der
"Novemberrevolution von 1918" nicht verdrängt habe. 11 Um zu betonen,
daß ich mit der Novemberrevolution von 1918 mehr meine als nur den
Revolutionsausbruch, verwende ich in dem weiteren Text für diese Zeit
außer "Novemberrevolution von 1918" auch andere Wendungen, wie "re-
volutionäres Zeitgeschehen", "die Revolution von 1918/19", oder "die revo-
lutionären Tage". Ich hege allerdings keinen Zweifel - auch wieder in
Übereinstimmung mit Rürup -, daß die Geschehnisse von 1918/19 als

10
revolutionär zu bezeichnen sind, und zwar nicht nur wegen der politischen
Folgen, des Sturzes der Monarchie, der Ausrufung der Republik und des
Aufkommens von Räten, sondern auch wegen der Wandlungen, die im
politischen Denken vor sich gingen. Gerade davon zeugen die Werke, die
ich in meiner Arbeit behandle.

11
I. Bemhard Kellermanns "Der 9. November".
Die Revolution als hoffnungsloses Chaos

l. Bemhard Kellermann und die Novemberrevolution 1918

"Der 9. November" ist nicht, wie zu erwarten wäre, ein Revolutionsroman,


sondern vor allem ein Antikriegsroman. Kellermann wollte nicht die Re-
volution, sondern das Kriegsende schildern. In seinem Vorwort zur zwei-
ten Auflage von 1946 bekennt er, daß er in dem Roman "den Militarismus
geißeln" 1 wollte. Immerhin verarbeitet er im Roman auch das revolutio-
näre Zeitgeschehen von 1918. Ihm sind die letzten sieben Kapitel gewid-
met. Sie beginnen mit dem Ausbruch der Revolution in Berlin, der in
einem durch und durch expressionistischen Stil dargeboten wird:

Horch!
Schritte. Horch! Rufe.
Fäuste pochen an die Tore der düsteren Kasernen.
Öffnet, Kameraden!
Öffnet - wir sind es ...
Jubel!
Und die Tore der Kasernen öffneten sich: der böse Geist der düsteren Gebäude
entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt.
Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des 9. No-
vember über Berlin empor. Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hundert-
tausenden. Über den tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen,
Kameraden! 2

Die Revolution ist allerdings auch in anderen Kapiteln anwesend; man


spürt, daß sie aus der Sicht der historischen Revolutionserfahrung ge-
schrieben sind. Immer wieder werden in ihnen Hoffnungen formuliert, die
der revolutionäre Umbruch erfüllen soll. Kellermann konfrontiert sie mit
dem traurigen Bild der Hauptstadt, in der bereits alle Gesellschaftsschich-
ten von den Kriegsnöten erfaßt sind. Aus der Gegenüberstellung von Zu-
kunftsträumen und der erdrückenden Gegenwart entsteht ein besonderes
Revolutionsbild, so daß man auch Kellermann als einen Schriftsteller be-
zeichnen kann, der im Banne der Novemberrevolution von 1918 steht, ob-
wohl er an ihr politisch3 kaum interessiert war. Er hatte sie im Alter von
zweiundvierzig Jahren erlebt. Schon während seiner Weltreise über Ruß-
land, Japan und Amerika, die er von 1907 bis 1909 unternommen hatte,

12
war sein politisches Interesse gering gewesen, denn sonst hätte er das Re-
volutionsjahr 1905 zur Kenntnis genommen. 4
Zu seinen wichtigsten Erfahrungen gehörte - wie bereits angedeutet
- der Krieg, den er 1914, wie so viele, begeistert begrüßte. Dann folgte
die Enttäuschung. Im Herbst 1915 stellt er seine Frontberichterstattung
für das "Berliner Tageblatt" ein. Aus dieser Zeit stammen seine beiden
Bücher "Der Krieg im Argonnerwald" und "Der Krieg im Westen". In ihnen
schilderte er bereits die Greuel an der Kriegsfront, wobei er einen repor-
tagenhaften Stil verwandte. Er bemühte sich um eine möglichst suggestive
Darstellung des menschlichen Leids, fragt aber noch nicht nach seinen
Gründen. Das tut er erst im "9. November", der 1920 erschien. Nach Wer-
ner Ilberg hat Kellermann den "9. November" während der Revolution
verfaßt.
Ob und wie Kellermann ·an der Revolution teilgenommen hat, wissen
wir leider nicht. In seiner "Kurzen Selbstbiographie" (1945) klammerte er
den Zeitraum von 1907 bis 1926 aus. Er wollte vor allem über seine spä-
teren Weltreisen erzählen. Er führt für diese Zeit nur seine Hauptwerke
und die Tatsache an, daß er 1926 Mitglied der Akademie für Dichtkunst
geworden war. So wissen wir einzig, daß er Ende 1918 in Berlin war.
Die ganze Handlung des Romans "Der 9. November", die 1918 einsetzt
und mit 1919 endet, läßt er in Berlin spielen. Diese Stadt soll für die
Kriegskrise in Deutschland stehen. Im Werk gibt es viele Stadtbeschrei-
bungen, die für die Atmosphäre des Romans wichtig sind:

Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese drei Ge-
spenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter hindurch tapfer ver-
teidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren.5

Da der Roman hauptsächlich das Jahr 1918 umfaßt, gibt es hier keine
Kriegsbegeisterung mehr, sie gehörte zu dieser Zeit schon zu den Ausnah-
men. Die Menschen sind eher verzweifelt. Auf den Berliner Straßen sieht
man immer häufiger Kriegskrüppel:

Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch den Straßenschmutz, und
die Limousine hätte ihn beinahe in Stücke gerissen. Dieser Krüppel schleppte sich
an zwei niedrigen Krücken dahin. Sein Rückgrat war bis zur Erde gekrümmt, und
das zwischen den Krück~n hängende Gesicht streifte nahezu den Schmutz der
Straße. Er bewegte sich nur langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock
setzte, er ging auf den Knien und schleifte die verstümmelten Fußstumpen hinter
sich her. Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob

13
er sich dahin. Während er aber v01wärts kroch, wurde sein ganzer Körper von einem
ununterbrochenen entsetzenerregenden Zittern geschüttelt. 6

Es ist zweifellos das Berlin der ausgehenden Kriegsphase. Den Krieg sel-
ber schildert Kellermann indirekt, meistens durch Berichte, Briefe und
Erzählungen von Personen, die an die Front geschickt worden waren. Von
den indirekten Kriegsberichten weicht Kellermann selten ab. Eine Aus-
nahme bildet Hauptmann von Dönhoff. Er berichtet über die Situation
an der Front. Zu derselben Zeit, in der er schwer verwundet wird, orga-
nisiert seine Frau einen Abend in ihrer Berliner Villa. Doch bedeutet das
nicht, daß sie glücklich ist, denn sie fühlt sich wie andere Menschen in der
Stadt gefangen; denn sie kann weder nach Paris noch nach Wien reisen.
Die Gesellschaft, die bei ihr die Abende verbringt, ist auch unzufrieden,
obwohl es ihr im Vergleich mit den Soldaten an der Front noch relativ
gut geht. Zu ihrer Stimmung trägt die Angst vor der Grippe bei, die epi-
demieartig in Berlin im Februar ausgebrochen war:

Dieses Gespenst war überall, wo sich Menschen ansammelten. Es machte alle Fahr-
ten auf den überfüllten Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegen-
seitig den Tod ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit
Vorliebe sucht dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es liebte zartes
Fleisch?

2. Der General von Hecht-Babenberg - die Tragik des Schuldigen

Die Hauptfigur des Romans ist der General von Hecht-Babenberg. 8 Um


ihn sind alle anderen Personen gruppiert. Sie stehen zu ihm in einem
Dienst- oder Liebesverhältnis, oder sind mit ihm verwandt. Der General
selbst ist der Repräsentant jener Schicht in Deutschland, die für den
Krieg verantwortlich war. Er glaubt fest an den Sieg, wie die folgende Epi-
sode zeigt. Heinz Sterne-Dönhoff, der lange von einem erfolgreichen
Kampf an der Front träumte, stellt plötzlich die nüchterne Frage nach
dem Sieg, da er durch Andeutungen über die wahrscheinliche Niederlage
Deutschlands im Hause von Dönhoff unsicher geworden war. Er wendet
sich daher an Otto, den Sohn des Generals: "Glaubt Ihr Vater wirklich,
daß wir im Sommer in Paris sein werden?",9 worauf er zu hören bekommt:
"Er glaubt es schon seit über drei Jahren (... ).Ja, ja, und er wird es glauben,
und wenn die Franzosen in Hannover stünden. Er würde es auch dann
noch glauben. Er ist so•. 10

14
Für General von Hecht-Babenberg ist der Sieg nur eine Frage der Tak-
tik, Disziplin und Technik, und in dieser Hinsicht ist das Kaiserdeutsch-
land stark, meint er. Seine Familie war seit Generationen eine Offi-
ziersfarnilie, für die der Dienst in der Armee etwas Selbstverständliches
war. Außerhalb von ihr kann nach der Auffassung des Generals bloß
Chaos herrschen. Die Menschen in der zivilen Welt"(... ) waren Chaos,
Masse(... ), gärend von sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnü-
tzen, gefährlichen Trieben. Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale,
ohne Ziele, Hunger, Sinnendurst, Geld - ohne Zwecke und Sinn". 11
Dieses Chaos können nur "die Starken dieser Erde, die das Rad der Welt-
geschichte bewegten", beherrschen, indem sie die Menschen in Soldaten
umformen. Der General hält sich für einen Vertreter dieser Starken, und
am Anfang des Romans ist er "das Bild der Akkuratesse selbst. Alles
leuchtete und glänzte an ihm 2die Stiefel, die roten Streifen der Hosen,
der Ordensauszeichnungen". 1 Im Laufe der Ereignisse verliert jedoch
seine "stattliche Erscheinung" an Glanz. Er muß erleben, wie seine Kin-
der, denen er als eine Art Panzer gilt, sich seiner Welt der Ordnung nicht
mehr fügen. Sein Sohn, zwar auch ein Offizier, ist nach der Fronterfahrung
von der Angst durchdrungen, auf dem Kampffeld sterben zu müssen. Er zieht
daher die dekadente Atmosphäre der Dönhoffschen Backsteinvilla in der
Lessingallee dem Kampf vor, und läßt sich wegen jeder Kleinigkeit von
dem aktiven Kriegsdienst beurlauben.
Ruth, die Tochter des Generals, bricht gänzlich aus der Offiziersfamilie
aus. Sie arbeitet freiwillig in einer Volksküche und nähert sich dem Pazi-
fisten Ackermann. Sie liest Lassalle und Marx und schließt sich später den
Revolutionären an, was aber im Roman nur angedeutet wird.
Im Laufe der Romanhandlung wird der General immer einsamer, wie
er selber bemerkt. Zuerst muß er erfahren, daß seine Tochter sich von ihm
weltanschaulich und emotionell entfernt. Dann entdeckt er, daß seine
Freundin, Dora von Dönhoff, lieber mit seinem Sohn als mit ihm verkehrt.
Später folgen die Nachrichten über die Niederlagen an der Front. Er ver-
mag ihnen von Berlin aus nicht mehr entgegenzuwirken. Zum Schluß er-
krankt er an einer Grippe, und nach dem Ausbruch der Revolution fühlt
er sich ratlos, so daß sein Tod die logische Konsequenz dieser Situation
ist. Er kann sich geistig und physisch nicht mehr zurechtfinden.
Seine Misere wird von Kellermann so suggestiv geschildert, daß man
mit ihm wirkliches Mitleid hätte, wenn seine Situation nicht mit der eines
Quasi-Gegenspielers konfrontiert werden würde. Der Gegenspieler ist

15
der ehemalige Lehrer Herbst. 13 Dessen Sohn Robert ist im Krieg bei
Quatrevents gefallen. Als unglücklicher Vater wird er nachts immer wie-
der von Träumen geplagt, in denen Robert als blutige Leiche erscheint.
Er versteht dies als ein Zeichen, daß der junge, ehemals begeisterte Soldat
auch noch im Grab keine Ruhe von den Granaten finden kann. Die Sorge
um das Grab des einzigen Kindes wird zu seinem LebenszieL So wendet
er sich brieflich an den General mit der Bitte, daß er ihm sage: "(... ) ob
das Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist r. 14 Er bekommt keine Antwort,
aber er läßt nicht nach. Er versucht, den General persönlich zu sprechen.
Seine Bemühungen, zu dem General durchzukommen, und seine Schwie-
rigkeiten mit dem Portier erinnern an die Torhüter-Parabel Kafkas. Der
Portier erklärt: "Exzellenz ist heute - horchen Sie das ganze Haus - to-
tenstill! Exzellenz sind heute schlecht gelaunt mit einem Wort!". 15 Trotz
dieser Warnung betritt Herbst die Schwelle des Tores. Er erreicht jedoch
nicht viel mehr als der Kafkasche Mann vom Lande. Vor dem General
verliert er seine Courage und verhält sich wie ein Untertan. Er entschul-
digt sich bei ihm, daß er ihn gestört habe. Von dem Erzähler wird er übri-
gens oft "der kleine Mann" oder bloß "Havelock" genannt. Nur einmalläßt
er Herbst durch das Leid groß werden, als es aus ihm herausschreit: "Ge-
ben Sie mir meinen Sohn wieder r, 16 und als Herbst erfährt, daß der Ge-
neral selber den Befehl zu dem sinnlosen Kampf gegeben hat, schreit er
ihn mit "Mörder" an. Es geschieht jedoch halb bewußt, halb unbewußt:

Plötzlich, ganz unerwartet, war der kleine alte Mann in die Knie gesunken und hatte
die Hand des Generals ergriffen, alles in einer Sekunde. ''Verzeihung Exzellenz!" -
stammelte er. "Verzeihung - ich - ich bin - ich bin - betrunken(... )Y

Tatsächlich trinkt er sehr viel, um sein Unglück zu vergessen. Er ist nicht


nur klein, weil er "Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung" verkörpert, sondern
auch, weil er seine Situation nicht im gesellschaftlichen Zusammenhang
begreifen kann. Ihm scheint, als sei der Verlust des Sohnes im Krieg bloß
sein individuelles Unglück. Er denkt kaum über sein Leid nach. Es treibt
ihn nicht zu jenen, die sich gegen die Gewalt und Sinnlosigkeit des Krieges
wenden. Ackermann, der einzige Pazifist, den er kennt, hält er für einen
Agenten und meint, er gehöre "zu jenen, von denen die Zeitungen schrie-
ben, daß sie Geld bekommen von den Feinden" .18 Da er Ackermanns Nach-
bar ist, kann er hören, worüber dieser mit seinen Kameraden diskutiert.
Er empfindet sie als:

16
Unvernünftige, unerfahrene.( ... ) Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie
haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun - höchst einfach - Dummköpfe
und Verbrecher! Und die Generale - höchst einfach - geputzte Narren! Und die
Diplomaten - selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie waren viel
klüger als diese Minister und Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was
waren sie - nun, er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. 19

Herbsts Auffassungen unterscheiden sich nicht so sehr von denen des Ge-
nerals. Vor allem scheint ihm der Krieg eine historische Selbstverständ-
lichkeit zu sein, die von anderen verordnet wird und zu Ende geführt
werden muß. Seine Aktivitäten richten sich deswegen nicht gegen den
Krieg als solchen, sondern nur gegen den General, der für den Tod seines
Sohnes verantwortlich ist. Deswegen gedenkt Herbst, sich an dem General
zu rächen. Zuerst will er ihm verraten, daß Ruth den Pazifisten Acker-
mann liebt, denn er weiß, daß es den General verletzen würde. Obwohl er
dies letzten Endes beim Gespräch mit von Hecht-Babenberg verschwei-
gen will, beginnt der General der Sache nachzugehen und läßt den Ge-
heimpolizisten Kunze Herbst beobachten.
Auch nach dem Ausbruch der Revolution verfolgt Herbst den General.
Immer wieder erscheint er vor seinem Haus in Begleitung von zwei aus
dem Krieg zurückgekehrten Soldaten; mehr wagt er jedoch nicht, so daß
es nicht mehr zu einer direkten Konfrontation zwischen ihm und dem Ge-
neral kommt. Der Verfolgte befindet sich jetzt aber in einer ähnlichen
Situation, auch er hat einen Sohn an der Front verloren. Er nimmt es aber
als Opfer für das Kaiserdeutschland hin.
Der General ist im Roman eine tragische Figur,20 die in dem kleinen
Mann Herbst nur einen recht schwachen Gegenspieler findet. Dieser
bleibt nämlich bis zum Ende Trinker, er läßt sich von der Welle der Er-
eignisse halb bewußt bzw. unbewußt tragen. Rudolf Paulsen bemerkte in
seiner Rezension im "Literarischen Echo" von 1920/1921 treffend, daß der
General:

( ... )zuerst als Trottel geschildert, im Verlauf der Erzählung immer sympathischer
als selbst Leidender und Betrogener [wird](... ), so daß man zuletzt in dem Kampf
zweiertragischer Ringer den einen nicht verächtlich unterliegen sieht. 21

17
3. Karl Ackermann - ein "religiöser Revolutionär"

Erst in dem Studenten Ackermann glaubt man,22 den eigentlichen Gegen-


spieler zu dem General zu finden. Er ist die einzige Figur in diesem Ro-
man, die bewußteine andere Weltanschauung als die des Generals vertritt.
Er wird jedoch mit ihm nicht konfrontiert. Auch die Welt, in der er sich
bewegt, scheint fast keine Berührungspunkte mit der politischen Wirk-
lichkeit von Hecht-Babenberg zu haben.
Ackermann gehört zu den ehemals begeisterten Soldaten, die sich, ähn-
lich wie Kellermann, im Krieg in einen Pazifisten verwandelt hat. Seine
Friedensbestrebungen haben jedoch keinen politischen Anspruch, eher
einen religiösen; Ruth vergleicht ihn mit Christus: "Er war Jesus Christus,
derwieder gekommen war, um die Menschheit zu erlösen!".23 Ackermann
fühlt sich selbst von Gott auserwählt. Er betet für die Menschheit: "Bringe
Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!". 24 Er lebt iso-
liert, obwohl im Roman kurz erwähnt wird, daß bei ihm zu Hause Dis-
kussionsabende stattfinden. Seine einzige öffentliche Aktion, die er auf
dem Bahnhofbeim letzten Reservetransport an die Front unternimmt, en-
det tragisch. In der Menschenmenge gelingt es ihm nur, "Es lebe die Ka-
meradschaft zwischen den Völkern! Nieder mit dem Krieg!" auszurufen,
ehe er verhaftet wird. Beim Fluchtversuch ereilt ihn der Tod.
Die Beschreibung seiner Flucht erfüllt im Roman eine besondere Funk-
tion, sie verbindet die Gestalten des Romans mit den anonymen Einwoh-
nern Berlins. Kellermann vermeidet hier bewußt jede Identifizierung. Die
Agierenden der Szene auf der Straße haben keine Namen. Ackermann er-
scheint als Fliehender im breiten SoldatenmanteL Die Flucht wird von
den Menschen auf der Straße und von dem Erzähler mit den Worten kom-
mentiert:

Ein Mensch!
Ein Mensch auf den Dächern!
Unglaublich!
Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren erschien da oben
ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, ein Soldat. 25

In dieser kurzen Passage fällt das Wort "Mensch" viermaL Die Flucht von
Ackermann gleicht dadurch einer Jagd, bei der aber kein Tier, sondern
ein Mensch ohne Rücksicht auf sein Leben gefangen werden soll. Acker-
mann bleibt ein für allemal Repräsentant der gejagten Menschen, denn
sein Geist "( ... ) trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld"26 an der

18
Front und ist in den Mauern des revolutionären Berlins anwesend:
"Riesengroß steht" er "über der dunklen, schweigenden Stadt. Sein Leib
sind die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon ein kaltes Gefunkel
aus dem Osten". 27
Kellermann verbindet Ackermann eindeutig mit der Revolution. Er tut
es nicht nur inhaltlich, indem er ihn als einen religiös geprägten Pazifisten
schildert, sondern auch durch die Art der Darstellung. Er bedient sich
nicht mehr einer klaren realistischen Beschreibung, wie es bei der Welt
des Generals der Fall war, sondern verfällt in ein langatmiges Pathos, da
das Große nur geahnt und nicht begriffen werden kann.

4. Die expressionistische Darstellung der Revolution

Etwas von dieser geahnten neuen Atmosphäre bekommt auch der alte
Herbst zu spüren. An ihm schildert Kellermann die Unbeholfenheit der
alten Welt, mit dem Kommenden fertig zu werden, was wir aus dem "Zu-
vor" von Kurt Pintbus kennen. Die Berliner Straßen, auf denen sich
Herbst bewegt, ähneln der Welt, die Jakob von Hoddis in dem Gedicht
"Weitende" 1913 dargestellt hat. "Eine hohe Pelzmütze auf dem dicken
Schädel" eines Passanten, den Herbst dort sieht, erinnert an den Hut "vom
spitzen Kopf" aus dem "Weitende". "Ein qualmendes Feuer mitten in der
Straße und tanzende Kannibalen um das Feuer(... )", die bloß Straßenar-
beiter sind, versuchen im Roman die Geleise auszubessern, während diese
in dem Gedicht von van Hoddis im übertragenen Sinne nicht mehr aus-
zubessern sind, denn hier fallen "die Eisenbahnen( ... ) von den Brücken". 28
Der Satz von Kellermann:

wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor sich her -
Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, immerweiter bis hinaus zum
flachen Land,

entspricht wiederum dem van Hoddis'schen Satz: "Der Sturm ist da, die
wilden Meere hupfen/ an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken".Z9 Und
wie "die meisten Menschen" bei van Hoddis hat auch Herbst Schnupfen.
Dieser expressionistisch geprägte Stil dominiert in all den Kapiteln, in
denen auf die Niederlage an der Front hingewiesen wird, wie die folgenden
Beispiele zeigen:

19
Staub und Qualm - brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, einHagelsturm
von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.30

Horch!
Das Feuer rollte.
Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten schweißüberströmte
Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause klirrten die Förderkörbe in allen
Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von
flüssigem Metall flossen in die Formen: Geschütze, Granaten. 31

In derselben Art schreibt Kellermann über die Revolution. Hier bedient


er sich der Lichtsymbolik. Die Revolution wird als Sonne aus dem weiten
Rußland bezeichnet,32 oder weniger direkt: es "rötet sich der Himmel im
Osten•,33 was wie eine Anspielung auf die russische Revolution klingt. Be-
vor der Himmel klar wird und "hell gegen den funkelnd blauen Himmel"
eine "rote Fahne"34 flattert, "brodelt" der Nebel über Berlin. "Über dem
Nebel funkelten die ewigen Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben
Meer von Lehm, sah sie nicht". 35 Der Nebel "wallt"36 um jedes Haus. Er
scheint - wie die Dämmerung nach expressionistischer Art - das Ende
von etwas und zugleich das Licht des Neuen zu verkünden:

Durch die dunklen Straßenschluchten flatterte - in unheimlicher Eile - ein weiter,


heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein der Blitze, pochten
donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, die Stunde ist gekommen!
Die glänzenden Hände berührten die Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleich-
ten: Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein
glänzendes Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs, die Boten des neuen Reichs.
Seid bereit! 37

Die herannahende Revolution erscheint hier als ein autonomes Phäno-


men, wie das Wetter, unabhängig von den Menschen. Sie sollten warten,
ohne das Kommende zu verstehen, ohne es mitbestimmen zu wollen:

Was war es? Was für Dinge geschehen in dieser Stadt? Nun rauschte der Regen.
Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in Torbogen -sonst
war niemand auf der Straße. Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rück-
sichtslos, stürzte aus dem schwarzen HimmeJ. 38

Durch diese Nebel- und Himmelsymbolik wird die Revolution in die


Sphäre des Poetischen und Religiösen versetzt. Auf diese Weise kommt
kein wirklicher Bezug zu jenen Romanteilen zustande, in denen der Krieg
behandelt wird.

20
Kellermann vermeidet jede politische Deutung des revolutionären Ge-
schehens. Da er nur den Krieg realistisch schildert, entsteht der Eindruck,
daß dieser für ihn verständlicher war als die Revolution. Wenn der Krieg
mit einem Sieg geendet hätte, hätte General von Hecht-Babenberg nicht
klagen müssen, daß alles umsonst gewesen sei, möchte man fast schlußfol-
gern.
Die einzige Figur, die den Krieg teilweise in politischen Kategorien in-
terpretiert, ist Ruth. Für sie ist er eine Folge von Tyrannei und Plünde-
rung:
Ja, diese Bücher, diese Broschüren, sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den
rechten Weg. Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur
durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. 39

Es könne nur noch eine neue Gesellschaft kommen, von der Ruth aber
eine sehr unklare Vorstellung hat: Sie werde auf jeden Fall "besser, reiner,
edler" 40 sein.
Kellermann beläßt es bei dieser Unklarheit. Auch wenn er von den Auf-
ständischen, die den Bahnhofbesetzt haben, oder wenn er vom Parlament
der Novembermänner spricht, erklärt er nicht, woher sie plötzlich gekom-
men sind, denn bis dahin war nur von einem brödelnden Nebel und be-
wölkten Himmel die Rede. Klar ist nur: Die alte Welt darf sich nicht mehr
zu Wort melden, denn die neue Welt, von Kellermann die neue Sonne
genannt,"(... ) stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und
Tränen. Sie hat die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein über-
schreiten".41 In dieser Feststellung überrascht Kellermanns Ignoranz, der
die Existenz Polens überhaupt nicht wahrnimmt. Die politische Stimmung
in Polen war damals alles andere als revolutionär. Da Kellermann in dem-
selben Kontext Wolkenkratzer, Ozeane und Pyramiden erwähnt, scheint
er in einem Atemzug die Weltrevolution verkünden zu wollen.

5. Ein Vergleich mit Leonhard Franks "Der Mensch ist gut"

Eigenartig ist das Ende des Romans, wo sich die revolutionäre und die
alte Welt in Form von Trauerzügen begegnen. Auf der Straße entsteht
eine Art Kreuz aus dem langen Trauerzug mit den Opfern der Freiheits-
kämpfe und dem kurzen Trauerzug mit dem Sarg des Generals. Über den
ersten "zieht Ackermanns Geist dahin!". 42 Trotz der gehobenen revolu-
tionären Stimmung gehört der letzte Satz des Buchs der Welt des Gene-

21
rals. Es macht nichts aus, daß hinter seinem Sarg nur ein verkrüppelter
Offizier geht. Der klare Himmel bewölkt sich wieder: "Schon dunkelte es,
schon sanken die finstern Nebel über die Straßen. Schon begann das Ge-
wehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis erfüllten Stadt. "43
Aus pessimistischem Ausgang des Romans ist zu ersehen, daß Keller-
mann von der Niederlage der Revolution Kenntnis hatte. An den Kapiteln
über die Revolution bemerkt man jedoch kaum, daß er Augenzeuge der
revolutionären Ereignisse war, wenn auch ohne politisches Engagement.
Die Art und Weise, wie er im "9. November" die Revolution von 1918
literarisch bewältigt, erinnert stark an die expressionistische Novellen-
sammlung von Leonhard Frank "Der Mensch ist gut" (1917). Hier stoßen
wir z. B. auf eine ähnliche Himmels- und Kreuzsymbolik. Wir begegnen
bei Frank jedoch nicht der Zwiespältigkeit, von der Kellermanns Roman
durchdrungen ist. Frank entwickelt sehr konsequent die Wunschvorstel-
lung der Errichtung einerneuen Welt, eines paradiesischen Zustandes der
Menschenliebe auf Erden. Zwar fehlt auch bei ihm der soziale Kontext
der Revolution, was sich jedoch rechtfertigen läßt, da er sein Werk vor
den revolutionären Ereignissen geschrieben hat und weil es ihm vor allem
um die Revolution der Liebe geht. Er konstruiert im Gegensatz zu Keller-
mann keine Handlung, sondern variiert dasselbe Thema immer wieder
neu: die Kriegserfahrung als Leid der einzelnen Menschen. Dieses Leid
ist eine vereinende Kraft all derjenigen, die nicht mehr imstande sind, in
ihrer Einsamkeit um die im Kriege Gefallenen zu trauern. Die Nachricht
von der Front mit den lobenden Worten, daß der Sohn, Vater oder Mann
den Heldentod fürs Vaterland gestorben seien, wirkt nicht mehr als Be-
täubungsmittel und Trost. Das persönliche Betroffensein verändert die
Einstellung der Einzelnen zum Krieg. Es erfordert von ihnen eine Ent-
scheidung. Die Leidenden brechen aus den Häusern aus und begegnen
einander wortlos. Jeder versteht den Schmerz des anderen. Bevor sie sich
aber zu einer ekstatischen Tat entscheiden können, müssen sie zu der Er-
kenntnis gelangen, daß sie nicht nur durch das Leid, sondern auch durch
die Schuld für dieses Leid, durch die Gefallenen und den Krieg miteinan-
der verbunden sind. Ihr individuelles Leid wird durch die erkannte Schuld
zum Motor der Tat, die eine bewußte und keine beliebige sein wird. Die
Enstehung der revolutionären Situation, die Frank als• Reifeprozeß der
Bevölkerung, die die Last des Krieges tragen muß, interpretiert, gibt es
bei Kellermann nicht. Dieser deutet in seinem Roman nur an, daß die

22
wirtschaftliche Not die Menschen an die Grenze des Ertragbaren getrie-
ben hat.
Die Rolle des Aufklärers in diesem Reifeprozeß spielt in Franks Buch
ein Kellner, der im Krieg seinen Sohn verloren hat. Er sieht ein, daß er
sein Kind zum Soldaten erzogen hat und dadurch zum Mörder des eigenen
Sohnes geworden ist. (Der Lehrer Herbst in dem "9. November" kommt
zu einer solchen Erkenntnis nicht.) Aus diesem Grund ist er imstande, mit
dem Gebot der Liebe auf die Straße zu gehen und zum Anführer einer
Friedensdemonstration zu werden. Sie besteht aus Menschen, die durch
erlittenes Leid aus ihren Häusern drängen, um ihm zuzuhören. Er schreit
ihnen ins Gesicht: "Wir waren gedankenlose, meinungslose Maschinen.
Deshalb hat jeder einzelne von uns den Krieg mitverschuldet."44 Die Er-
klärung, daß das bisherige unbewußte Handeln der Menschen zum Kriege
geführt habe, hält sich bei Frank im Rahmen von ethischen Kategorien,
die in diesem Werk die Hauptrolle spielen. Es überrascht auch, daß das
Schuldbekenntnis eine neue Erkenntnis zur Folge hat: "Arbeiten ist heute
Mord". 45 Durch sie werden die Menschen radikalisiert.
Frank führt den Leser in einen endlosen Raum zwischen Erde und Him-
mel, in dem sich ein gewaltiger Prozeß vollzieht, der Reifeprozeß des Vol-
kes zur Revolution.

Das weiße Gesicht der Menge war eine Frage, die gleich einer Lichtreklame selb-
ständig die blutrote Antwort, "Revolution", langsam, Buchstabe nach Buchstabe, an
den dunklen Himmel schrieb.<%

Hier erkennen wir eine ähnliche Symbolik wie bei Kellermann. Bei ihm
fehlt jedoch die Reflexion, die den Krieg und die Revolution in einen en-
geren Zusammenhang bringen könnte. Dagegen läßt Frank in seinen mo-
numentalen Bildern erkennen, daß nur durch den Stillstand der Betriebe
und die Revolution die Ehre der Gefallenen, der Lebenden, der Mensch-
heit gerettet werden könne. Die Revolution versteht Frank als_ das Werk
einer allumfassenden Liebe, denn er glaubt, daß alle Menschen durch das
Leid zur Liebe erwachen müßten. Das Gebot der Liebe heißt: "Und die
Worte des neuen Zeitalters senken, wie vor zweitausend Jahren, hinein in
die durch mörderisches Leid wieder für Liebe bereit gewordenen Men-
schen."47
In Franks Buch gibt es keine Dialogsituationen. Die Bereitschaft zur
Tat wird einfach verkündet. Über Menschen wird zwar das Urteil ausge-
sprochen: "Sie beginnen zu denken. Das Leid hat die Verkalkung zerbro-

23
eben.(... ) Die Einzelnen und das Volk wollen ihr Schicksal selbst gestal-
ten",48 aber dieses Denken scheint alle gleich stark zu erfassen. DieMen-
schen brauchen sich nicht zu verständigen, was zu tun sei. Sie wissen es
einfach. Man hat den Eindruck, daß sie sich in schweigender Übereinstim-
mung an das Werk der selbständigen Gestaltung ihres Schicksals machen.
Die Friedensdemonstration der vom Leid Erwachten nimmt plötzlich
eine konkrete Form an:

Gewaltige Züge leiddurchtobter Mütter, Kriegswitwen, Väter, Bräute stoßen im Eil-


tempo durch die Menge, lösen sich auf, bilden sich neu. Die Bekenner der Wahrheit
verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen, finden den Zug, geführt von dem Ei-
nen, dessen Namen die ganze Menschheit ahnt und ehrt: Liebknecht! 49

Das steht fast am Ende des Buches.


Die Friedensdemonstration, die die Revolution ankündigt, behält bis
zum Ende den Charakter eines Festzuges. Mit ihm beginnen die vereinten
Menschen den "Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land. "50 Leonhard
Frank berücksichtigt die Wirklichkeit nur insoweit, wie sie sich mit der
psychologischen Situation jener Menschen verbindet, die am Krieg nicht
direkt teilnehmen, sondern zu Hause auf ihre Söhne, Männer und Väter
warten. Er interessiert sich nur für ihren emotionalen Zustand. Die
Außenwelt läßt er außer acht. Das Zeitgeschehen scheint still zu stehen.
Die revolutionäre Tat verbleibt, obwohl sie den bestimmten Namen
"Liebknecht" bekommt, in einem politisch kontextlosen Raum, ähnlich
wie die Revolution bei Kellermann. Den Namen Liebknecht haben wir
bei Frank nicht nur mit dem sozialdemokratischen Führer zu verbinden,
sondern auch wörtlich als Knecht der Liebe zu verstehen. Knecht der
Liebe steht in engem Zusammenhang mit dem Zug der zur Liebe Erwach-
ten, der sich auf den Straßen zu einem Kreuz formiert. Eine ähnliche
Szene erscheint, wie wir bereits gesehen haben, bei Kellermann. Siebe-
kommt dort jedoch nicht diese Abrundung, die Frank dadurch schafft, daß
er drei Motive in den Vordergrund rückt: Leid, Kreuz und Liebe. Keller-
mann verbindet dagegen das Kreuz der Trauerzüge eindeutig mit dem Tod
und läßt die Anspielung auf die Auferstehung weg. 51
Franks Protagonist, der sich durch das Leid in einen neuen Menschen
verwandelt hat, spielt die Rolle eines Johannes des Täufers, der das Er-
scheinen des Erlösers voraussagt. Auf diese Weise erhält Franks Losung
der Revolution der Liebe einen fast überzeitlichen Wert. Noch dazu wird
diese erlösende Revolution nicht das Werk eines Messias sein, sondern

24
all derjenigen, die zur Liebe fähig geworden sind. Sie wird nicht als Wun-
der erscheinen, sondern als eine aktive Tat.
Als Leonhard Frank die erste Fassung von "Der Mensch ist gut"
schrieb - die zweite weicht übrigens in dem Grundkonzept von der er-
sten kaum ab -, gab es noch keine Revolution. Er kannte die Revolution
weder aus persönlicher Erfahrung, noch wußte er um ihren Ausgang. Da-
her nimmt es nicht wunder, daß er seine Hoffnungen in der expressioni-
stischen Konvention einer utopischen Vorstellung der Revolution der
Liebe formulierte. Er befand sich im gewissen Sinne in einer besseren
Lage als Kellermann, der bereits den Ausgang der Novemberrevolution
von 1918 miterlebt hatte. 52

6. Kellermanns Verhältnis zu den aktuellen sozialen


und politischen Fragen

Bernhard Kellermann war, wie gesagt, zur Zeit der Revolution in Berlin.
Trotzdem ähnelt sein Roman dem von Leonhard Frank. Sicher hatte Keller-
mann ihn schon gekannt, als er den "9. November" schrieb. Die Ähnlich-
keiten ergeben sich nicht nur aus der Wirkung des Werkes von Frank,
sondern hängen auch mit Kellermanns literarischem Schaffen bis 1919 zu-
sammen. Er hatte nämlich mit lyrischer Prosa angefangen, um nur die Ro-
mane "Yester und Li. Geschichte einer Sehnsucht" (1904) und "Ingeborg"
(1906) zu erwähnen. In dem Roman "Der Tor" (1909) schuf er die erste
Figur, die sich nicht in der eigenen Gefühlswelt abschließt, sondern auch
für andere existiert. Es ist Vikar Grau, der vielen Menschen hilft, ohne
die institutionellen Vorschriften der Kirche und des Staates zu beachten.
Es ist aber nur die Aktivität eines Einzelnen. In seinem Roman "Das
Meer" (1910) schildert Kellermann aus der Perspektive eines Ich-Er-
zählers das bescheidene und arbeitsame Leben der Fischer auf einer bre-
tonischen Insel. Zu den Ausnahmen gehören jedoch Bemerkungen von
der Art wie:

Der kleine Fischhändler auf der Insel, der größere in Brest und der große Fischhänd-
ler in Paris. Sie alle hatten ungeheuere Spesen, Haus, Familie, Wagen, sie alle hatten
ein enormes Risiko. Der Meerkönig dagegen hatte keine Spesen und riskierte nichts
als sein Leben.53

Kellermann ist 1910 an dem Sozialen noch kaum interessiert.

25
Erst in seinem bekanntesten Roman, dem "Tunnel" (1913), stellt er so-
ziale Gruppen dar, die konträr zueinander stehen. Auf der einen Seite er-
leben wir die Arbeiter, auf der anderen die Ingenieure, Arbeitgeber und
Bankiers. Die Arbeiter werden bei der gefährlichen Arbeit an dem Tun-
nelbau, der Buropa und Amerika verbinden soll, von Ingenieuren mit Pi-
stolen beaufsichtigt. Im Mittelpunkt des Romans steht jedoch nicht die
Auseinandersetzung der Arbeiter mit den Ingenieuren und den Arbeitge-
bern, sondern die Idee des Tunnelbaus. Die Technik, die für die Zukunft
eine neue Perspektive öffnen, die völkerverbindend wirken soll, wendet
sich gegen alle Menschen in der Gegenwart. Es kommen dabei nicht nur
Tausende von Arbeitern, sondern auch Spezialisten um, ehe der Tunnel
eingeweiht werden kann.

Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die Menschen hat-
ten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund neuntausend Men-
schen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die Welt gebracht, aber nun stand
er! Und niemand wunderte sich darüber.54

Von pathetischem Heroismus ist jedoch nur die Hauptfigur, der Ingenieur
Allan Mac, durchdrungen. Die Arbeiter fühlen sich dagegen finanziell
hintergangen und seelisch am Ende. Das ist der Grund ihrer Empörung.
Anlaß sind die Unfälle an den Baustellen. Sie fühlen endlosen Haß gegen
Allan Mac. Die Arbeiterfrauen, die um ihre toten Männer trauern, stei-
nigen schließlich seine Frau und Tochter zu Tode. Ihr Haß kennt in der
Rache weder einen Halt noch eine Grenze. Ihre stumpfen Reaktionen ha-
ben jedoch nichts mit einem bewußten Klassenkampf und schon gar nicht
mit einem Streben nach einer anderen Gesellschaftsordnung zu tun. Aber
dieses Problem sieht Kellermann nicht. Die Arbeiter bleiben eine ano-
nyme Masse. Allan Mac weiß als ehemaliger Pferdejunge mit ihnen um-
zugehen. Er verleiht ihnen den Ehrennamen "Tunnelmen", womit er ihnen
eine Art Identität aufredet, die sie überraschend schnell zufriedenstellt
Sie lassen sich von Allan wieder zur Ruhe und weiteren Arbeit überreden:

Ihr schreit, ich hätte dreitausend Menschen getötet! Das ist eine Lüge! Das Schicksal
ist stärker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend getötet! Die Arbeit tötet
täglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist eine Schlacht, und in einer Schlacht
gibt es Tote! Die Arbeit tötet in New York allein, das ihr kennt, täglich fünfund-
zwanzig Menschen! Aber niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben!
Das Meer tötet jährlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, auf dem Meer
die Arbeit aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich weiß es! Wir sind
quitt! Wie in der Arbeit, sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ( ...). 55

26
Auch in den späteren Werken Kellermanns spielt die Gesellschaftspro-
blematik eine untergeordnete Rolle. Im "9. November" werden zwar zum
ersten Mal soziale und geschichtliche Tatsachen angeführt, aber das ei-
gentlich Soziale und Politische bleibt nach wie vor nur eine Randerschei-
nung. Das sieht man besonders deutlich in den Kapiteln, in denen die
Revolution beschrieben wird. Außer dem christlich gesinnten Ackermann
und außer Ruth, die ihre erste politische Lektüre hinter sich hat, finden
wir hier keine politisch Engagierten, ganz geschweige denn Revolutio-
näre. Trotzdem spürt man im "9. November" etwas von der Begeisterung
für die Revolution, auch wenn Kellermann ihre Mechanismen und ihre
innere Logik nicht nachzuvollziehen versucht.
Die Revolution ist nach Kellermann durch die Kriegsmüdigkeit ausge-
brochen. Sie habe den Untergang jener Schichten in Deutschland bewirkt,
die an dem Krieg politisch interessiert waren. Dies läßt sich aus der Sym-
bolsprache herauslesen, die mehr andeutet als benennt.
Die Technik des Andeutens kommt schon in dem Kapitel über den Mas-
kenball bei Dora von Dönhoff zum Vorschein: auf der einen Seite die de-
kadente Stimmung der Gäste, die nach den Vergnügungen der
Vorkriegszeit suchen, auf der anderen Seite ihre Gespräche über die Si-
tuation an der Front, über die wirtschaftliche und politische Lage
Deutschlands. Die Villa verwandelt sich während des Maskenballs in eine
Höhle von Ali Baba und den vierzig Räubern. Die Masken aus dem be-
kannten Märchen über Sesam mit dem großen Schatz passen ausgezeich-
net zu der Schicht, die hier zusammengetroffen ist. General von
Hecht-Babenberg ist der einzig unverkleidete Gast. Seine Rolle wird je-
doch durch seine Uniform bestimmt. In der Gesellschaft befindet sich
auch Klara, die Freundin des Piloten Heinz von Sterne-Dönhoff. Sie
fürchtet um dessen Leben an der Front und kann sich weder der Musik
noch dem Zauber der Masken hingeben. Sonst versucht die ganze Gesell-
schaft an diesem Abend, ihr Wissen um Krise und Untergang zu betäuben.
Es gelingt ihr aber nicht recht. Der Ball bleibt im Bestfall eine Scheinwelt
für ein paar Stunden. In Wirklichkeit nähert sich das Ende dieser Welt.
Die eigentlichen Siegern werden diejenigen, die sich bisher im Elend
befanden. Um die Totalität ihrer Bewegung suggestiver zu zeigen, beginnt
Kellermann das fünfte Kapitel mit einer Vision des Generals, der träumt:

Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die F1ut
spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den Nächten -
in wie vielen endlosen Nächten! - gleißten, waren sie gekommen, die gelben Gesich-

27
ter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, die Augen entzündet von der stechenden
Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren
nicht sahen, waren gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und
faulen Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in das
Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen glaubten,
während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. Auch sie waren ge-
kommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering opferten, während in den
Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch
sie waren gekommen, die Elenden, die nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe
trugen.
Von da draußen - da draußen - - !
Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespiehenen, die lebendig Begrabenen,
die Verfemten, die Gemarterten, die Gekreuzigten - ja, von ihren Kreuzen waren
sie gekommen.56

Die Traumperspektive des Generals ähnelt der Perspektive des Erzählers


im Roman. Beide stellen verständnislose Fragen. Während der Erzähler
fragt: "Was war das? Was für Dinge geschehen in dieser Stadt?", will der
General wissen:

Er hatte sie Uene Leidenden - 8. Ch.) nie gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit,
in der gleichen Stadt? Ja, weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -mit
diesen Augen, die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern
und Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo hatten sie
gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?57

Diese Fragen werden im Roman nicht beantwortet. Erst nach dem Aus-
bruch der Revolution, bei den Straßenunruhen, entdeckt der General sei-
ne Traumbilder auf der Straße wieder: "Hier also sind sie!"58• Die Straßen
verwandeln sich in ein Chaos;

Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, blinde Soldaten,
die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen liefen, wie Akrobaten Stühle in
den Zähnen trugen - und Scharen von Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit
Waren aller Art. Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten,
Arme ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer knat-
terte. Ein Maschinengewehr feuerte, und schon waren die Straßen reingefegt ( ... ).
Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgelleierte wie-
der, die Verkäufer waren wieder ( ...). 59

Dieser Wirrwarr von Friedensfreude und Straßenkämpfen verbindet


Kellermann mit den neuen Symbolen, die das Ende der alten Gesellschafts-
ordnung verkünden:

28
Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker lenken,
wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden - ehe sie lallen kön-
nen, werden sie nicht mehr sein. 60

Diese Sonne, wie gesagt, "stieg empor aus dem weiten Rußland". 61 Auf
diese Weise setzt Kellermann die Novemberrevolution in einen engen Zu-
sammenhang mit der russischen Revolution von 1917. Daher interpretiert
er sie geschichtlich nicht nur als Folge des Krieges, sondern auch als einen
Bestandteil der Weltrevolution, die durch die russischen Revolution ins
Rollen gebracht worden ist. Er weist auf äußere Veränderungen hin. Diese
entsprechen dem Bild von Berlin nach der zweiten Abendausgabe der
"Roten Fahne", die am 9. November unter dem Gesamttitel "Berlin unter
der roten Fahne. Präsidium gestürmt. 650 Gefangene befreit. Rote Fahne
am Schloß"62 erschien. Auf der ersten Seite wird dort berichtet:

Rote Fahne am Schloß. Am Kgl. Schloß und am Kronprinzpalais waren am Eingang


zu den Portalen rote Fahnen angebracht. Die Hauptwache Unter den Unden ist von
Militär entblößt, dafür sind zwei Zivilisten mit Gewehr aufgezogen, die Ansprachen
an das Publikum hielten. Sie behaupteten darin unter anderem, daß an der Front das
Schießen eingestellt sei. 63

Im "9. November" heißt es: "Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell
und leuchtend flattert die rote Fahne über dem Schloß". 64 Aber solche
Parallelen gibt es nur in geringer Zahl. Kellermann beschränkt sich auf
Andeutungen, wie: "Versprechungen- Lügen, freie Meinung- Gefängnis,
Freiheit - Kartätschen: ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem
Schloß".65 Durch diese Gegenüberstellung von gegensätzlichen Werten
entsteht eine gewisse Doppeldeutigkeit der Situation. Entweder beabsich-
tigte Kellermann, das Neue dem Alten gegenüberzustellen, da reichte es
aus, an die neuen Forderungen zu erinnern, wie: Deutschland als Repu-
blik, Durchführung der Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung etc., oder
er dachte bei der Nennung dieser Forderungen bereits an die negativen
Ergebnisse aus dem Jahre 1919. Davon würde die Reihenfolge bei der Ge-
genüberstellung zeugen, erst das Positive, dann das Negative. Kellermann
schreibt nun weiter:

Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im Abgeord-


netenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um Nichtigkeiten feilsch-
ten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo die Diener die Stiefel des
Unbekannten musterten, kauern die Posten bei ihren Maschinengewehren. Fort die
Gehröcke und Gamaschen, die Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkeln-
den Glatzen, die krummen Rücken! 66

29
Mit den Novembermännern ist demnach also nicht nur die Monarchie ge-
stürzt, sondern auch eine wahre Demokratie entstanden. Dabei wird die
ganze Auseinandersetzung zwischen der USPD und der SPD beiseitege-
lassen. Kellermann interessiert sich nicht für die Debatte der USPD im
Reichstag über ihre Teilnahme an der Regierung Eberts, der auf die Wahl
zur Nationalversammlung hinsteuerte. Politische Konflikte der wirklichen
Revolution sind im Roman kein Thema. Es entsteht der Eindruck, daß
der Sturz der Monarchie der ausreichende und einzige Erfolg der Revo-
lution gewesen ist. Am wichtigsten war für Kellermann die Zerschlagung
des Militarismus. Er verdeutlicht es mit einer Szene, in der sein Erzähler
den Krüppel Hauptmann Wunderlich über den Potsdamer Platz, durch
die Leipziger Straße in der Nähe des Kriegsministeriums, Wilhelmstraße
und Unter den Linden entlang zu Stifters Diele führt, wo dieser den resi-
gnierten General von Hecht-Babenberg trifft, nachdem ihm an der Ecke
Wilhelmstraße und Unter den Linden:"(... ) ein Matrose(... )" "mit einem
langen Messer die Achselstücke"67 abgeschnitten hat. Die Regierung ist
geflohen. "Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist wieder
in die Welt gekommen."68 In dieserneuen Welt sucht Kunze vom Sicher-
heitsdienst nach Rettung. Herbst, den er noch vor kurzem verfolgte, er-
innert ihn an den Tod von Ackermann und schlägt jede Hilfe aus. Kunze
will daraufhin Selbstmord begehen, weil er die Verfolgung durch die be-
freiten Gefangenen nicht mehr ertragen kann. Kellermann läßt ihn aber
überleben; der Strick, mit dem sich Kunze aufhängen will, reißt. Die Ge-
rechtigkeit, die lapidar mit dem Trinkspruch "Licht aus, Messer raus" 69
charakterisiert wird, soll jemand anderem gelten, nämlich dem General
von Hecht-Babenberg. Die Rache wird aber auch an ihm nicht vollzogen,
da er die politische Wandlung nicht überleben kann und stirbt. Der Trink-
spruch selber erinnert auch an die gegenrevolutionären Aktionen des so-
zialdemokratischen Reichswehrministers Noske.
Im Gegensatz zu der Gegend um das Kriegsministerium herrscht Unter
den Linden und auf dem Schloßplatz Unruhe. Hier demonstrieren ständig
große Menschenmengen. Die Berliner Straßen kochen "von Menschen
und roten Fahnen. Wieder gerannen sie zuweilen und es bildeten sich da
und dort Inseln von debattierenden Menschen."70
Da Kellermann keine Institutionen der Revolution, weder Parteien,
Gewerkschaften noch Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte zeigt, ist der
Monarchiesturz das einzige politische Ereignis der Novemberrevolution

30
im Roman. Kellermann haben die Versuche der politischen Umorganisie-
rung des Staates zur Räterepublik nicht interessiert. Wichtiger als die po-
litischen Geschehnisse und die politisch aktiven Menschen sind im
Roman die Ideen. Sie scheinen beinahe selbständig zu bestehen und die
Geschichte zu bestimmen. Wir erkennen auch eine unüberwindbare Kluft
zwischen dem dargestellten Zeitgeschehen und der Figurenwelt; die letz-
tere hat keinen Einfluß darauf, wie die Ereignisse verlaufen werden. Dies
kommt bei der Flucht der Regierung aus Berlin und dem Tod des Gene-
rals klar zum Ausdruck. Zuerst hegt man als Leser die Hoffnung, daß die
Revolution diese Machthaber entbehrlich machen wird. Am Ende erweist
sich aber, daß die alte Welt doch siegt, was Kellermann mit dem Nebel
und den Gewehrschüssen in den Berliner Straßen andeutet. Die Gründe
für diese Wende ergaben sich aus der politischen Wirklichkeit, obwohl es
Kellermann nicht expressis verbis ausspricht. Die Hoffnungen, die der Ro-
man kurz aufkommen läßt, verbleiben weiterhin in der Sphäre der Träume
und Wünsche. Ähnliches passiert im Zusammenhang mit Ackermann,
dessen Geist im Roman zum Schutzpatron der Leidenden geworden ist.
Weder hat der lebende Ackermann einen Einfluß auf den Verlauf der Re-
volution, noch verursacht sein Tod irgendeine Veränderung der politi-
schen Situation. Mit dieser Verschiebung der Revolutionsideen in die
Sphäre der halb utopischen Vorstellung erreicht Kellermann eine beson-
dere Atmosphäre. Über die revolutionären Geschehnisse wird es in sei-
nem Roman fast kaum reflektiert. Er scheint auf diese Weise die
revolutionären Ideale, die er stark mit der biblischen Ethik verbindet, von
der politischen Wirklichkeit unbefleckt erhalten zu wollen. Er tut es u. a.
in Ackermanns Zukunftsvorstellungen:

Ja, so wird es sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemein-
schaft bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern verbreiteten. Es
wird genau sein wie seinerzeit. In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und
predigen: Die Würde des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenle-
ben und unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland
aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie werden
auf die Tugenden der Nachbatvölker hinweisen und nicht auf ihre Schwächen. 71

Um Ackermann mit der revolutionären Wirklichkeit nicht konfrontieren


zu müssen, läßt ihn Kellermann nach dem Tode als Geist und Ideenträger
weiter "lebenn.
Jener inhaltliche wie auch strukturelle Riß im "9. November" sagt uns
einiges über Kellermanns politisches Denken. Ähnliches läßt sich auch

31
aus seinen Schriften ablesen. 1919 veröffentlichte er z. B. seine Meinung
zum Thema "Der geistige Arbeiter (Meinungen und Vorschläge)" in dem
"Deutschen Romanalmanach". Er kritisiert dort vor allem die Lebens-
und Arbeitsbedingungen der Schriftsteller im alten Reich. "Es gab weder
Reisestipendien noch Ehrensolde noch Ehrenpensionen",72

Der alte Staat ist dahin. Er unterdrückte und vetwarf Kritik und Inspirationen seiner
besten Gehirne und geriet mehr und mehr auf die Bahn eines politischen und mili-
tärischen Dilettantismus, ( ... ). Er verdrän~te den Schriftsteller, der seine Weltan-
schauung nicht opferte, vom Forum der Offentlichkeit, versagte ihm die Achtung
und schädigte unendlich die geistige Repräsentation des Reiches. 73

Dieser Vergangenheit hat Kellermann nur Hoffnungen entgegenzubrin-


gen. Obwohl er seinen Beitrag "Der Schriftsteller und die deutsche Repu-
blik" betitelt hat, behandelt er hier dieses Thema nur in den letzten drei
Absätzen. "Voll Zuversicht und Hoffnung beseelt vom Wunsch zur Mitar-
beit", heißt es dort, "betritt der Schriftsteller, frei nach jahrhundertelanger
Knebelung, die Schwelle der deutschen Republik". 74 Über diesen abstrak-
ten Wunsch zur Mitarbeit geht Kellermann nicht weiter hinaus. Er hat
vor allem als geistig Schaffender Erwartungen, die ihm die Republik er-
füllen soll. Von ihr verlangt der Schriftsteller:

Die Erfüllung seiner Forderungen nach Freiheit, Achtung, Interessenschluß. Er for-


dert völlige Freiheit des Wortes und Werkes, Gewissen und Selbstkritik seien sein
einziger Zensor, er fordert Würdigung seines Werkes und seines Wirkens seitens des
Staates; ( ... ).15

Die Kritik ist zu undifferenziert. Die Forderung nach Meinungsfreiheit


wird in jeder Revolution zu Recht gestellt. Etwas anderes ist die Forde-
rung nach materieller Sicherkeit. Das Problem der Macht oder der Ge-
waltenteilung in der Demokratie sieht Kellermann ganz und gar nicht. Die
Republik soll plötzlich fix und fertig existieren und all die erwarteten
Werte garantieren. Über die Rolle der Bürger bei der Verwirklichung der
Demokratie denkt er nicht nach. Zu Überlegungen dieser Art gelangte er
auch nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Ohne jeden Einwand erkannte
er siebenundzwanzig Jahre später die Deutsche Demokratische Republik
als eine Demokratie an, die ihre Bürger mit "Freiheit, Frieden, Schön-
heit"76 "beschert", was diese mit Dankbarkeit entgegenzunehmen haben,
denn sie werden "von Erwählten des Volkes gelenkt, Schulen, Universitä-
ten, Museen, Forschungsinstitute, Kirchen, alle kulturellen Einrichtungen

32
werden berufenen Kräften anvertraut". 77 Die Frage, wie die Öffentlichkeit
in diesem demokratischen Staat zu funktionieren habe, stellt er genauso
wie in den zwanziger Jahren nicht, was verwunderlich ist, da er schließlich
den Schriftsteller in seinem Aufsatz "Der Schriftsteller und seine Mission"
"(... ) als Lehrer und Erzieher, als Warner" 78 verstand. Davon ist jedoch in
seinem späteren literarischen Schaffen kaum mehr etwas zu spüren. Es
gibt zwar Versuche, aber auch in ihnen deutet sich ein Durchbruch vom
utopischen Denken zum sozialen und politischen nur an. 1923 veröffent-
lichte er z. B. einen Artikel über die Idee der Siedlungen, die er 1925 im
Roman "Die Brüder Schellenberg" noch einmal verarbeitete. Michael
Schellenberg will dort ein humanitäres Programm "Neu-Deutschland" mit
den alten halbphilantropischen Mitteln autbauen:

An Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft für das


ganze Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische
produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische produktive
Verwendung freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte. Synthese von Indu-
strie und Landwirtschaft. Da die Probleme der Landwirtschaft vernachlässigt waren,
sollten sie wissenschaftlich gelöst werden.79

Diese Vorstellung, die wahrscheinlich auch die des Autors war, entspricht
dem Ideal des zentralisierten Staates und ist von jeder Reflexion über die
demokratische Machtausübung weit entfernt.
Zwanzig Jahre später wiederholt Kellermann diese Idee in seinem Vor-
schlag für die Schaffung einer Zentrale für Ackerbau, in der Fachleute aus
verschiedensten Wissenschaftszweigen den Bauern zur Verfügung stehen
sollten. Dieser Vorschlag fand kaum Beachtung. Trotzdem schaltet sich
Kellermann als Siebenundsechzigjähriger aktiv in das Kulturleben der
Sowjetischen Besatzungswne und später der DDR ein. Er war als Präsi-
dent des Kulturbundes, als Abgeordneter der Volkskammer, Mitglied der
Akademie der Künste, Präsident des Kulturfonds, Vorsitzender der Ge-
sellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft tätig. Somit verwirk-
lichte sich seine Vorstellung von 1919: "Freudig wird er der neuen
Republik und ihren Führern dienen, wenn sie Kraft und Willen haben,
das deutsche Volk mit neuen Hoffnungen zu erfüllen (... )".80 Dieser Satz
aus dem Jahre 1919 erscheint heute, aus der Perspektive der historischen
Erfahrungen und vor allem wenn man Kellermanns späteren Aufsatz
"Das deutsche Volk bleibt"81 liest, wo Stalin als "Meister in der Völker-
psychologie" gelobt wird, mehr als fragwürdig.

33
Kellermann war bis zu seinem Tode an Politik im eigentlichen Sinne
des Wortes desinteressiert. Eine Bestätigu~ dafür finden wir noch 1946
in seinen "Zehn Geboten der Demokratie" ,8 wo er von der Gerechtigkeit,
der Toleranz, und der Ideentreue schreibt, als wären diese Merkmale für
die Charakteristik der Demokratie ausreichend. Er verweist nicht darauf,
daß man nur dann von wirklicher Demokratie sprechen kann, wenn alle
Bürger ein echtes Mitbestimmungsrecht bei allen öffentlichen Angelegen-
heiten haben. In Kellermanns Desinteresse an politischer Demokratie ist
auch die Ursache zu suchen, daß das Bild der Revolution im "9. Novem-
ber" hauptsächlich ein ästhetisch expressionistisches ist. 1920 mußte dies
bereits anachronistisch erscheinen.

34
II. Lion Feuchtwangers "Thomas Wendt".
Die Sonderstellung des Intellektuellen in der Revolution

l. Die Gestaltung des Zeitgeschehens in der neuen Form


des dramatischen Romans

Im ersten Kapitel versuchte ich zu zeigen, daß Bernhard Kellermann in


seinem Roman "Der 9. November" die Ideale wie Liebe, Gerechtigkeit und
Brüderlichkeit gegen den Krieg ins Spiel brachte, aber davor zurück-
schreckte, sie mit der revolutionären Wirklichkeit zu konfrontieren. So
entstand ein besonderes Revolutionsbild, in dem die Revolution als "Mor-
genröte von Osten" auf der Ebene ihrer Zielsetzung verherrlicht wird,
ohne daß ihre konkreten Methoden und die sich bietenden Möglichkeiten
befragt werden. Die Novemberrevolution wird im "9. November" nicht als
historische Erfahrung relevant, sondern in erster Linie als ein Zustand, in
dem man Hoffnung auf die ~rfüllung der Ideale hegen konnte, wenn auch
nur für den Augenblick, solange das politische Chaos herrschte.
Lion Feuchtwaugers Werk "Thomas Wendt" ist dagegen ein Versuch,
über die Wunschvorstellungen hinauszugelangen. 1 Hier scheint die Frage
im Vordergrund zu stehen: Was geschieht mit ihnen, wenn sie mit der
sozial-politischen Wirklichkeit konfrontiert werden?
Den dramatischen Roman "Thomas Wendt" hat Feuchtwauger aus der
Position eines sensiblen Beobachters heraus geschrieben, denn die Arbeit
am Werk begann er Anfang 1918, vor der Revolution also. An der No-
vemberrevolution selbst nahm er nicht aktiv teil, zumal er bei ihrem Aus-
bruch im Krankenhaus lag. 2 Die Ereignisse haben ihn jedoch so tief
bewegt, daß er ein Werk- das einzige in seinem Leben- schrieb, das sehr
direkt auf das Zeitgeschehen bezogen ist. Seine Frau berichtet in ihren
Erinnerungen,3 daß er während der Straßenunruhen in die Stadt gegangen
war, um die revolutionäre Atmosphäre erleben zu können. In dieser Zeit
hatte er an dem noch nicht vollendeten "Thomas Wendt" besonders inten-
siv gearbeitet. Das Werk war im April1919 fertig. 4
Um 1918 war Feuchtwauger ein etablierter Theaterkritiker sowie Autor
einiger Stücke, die ihm aber keinen besonderen Erfolg gebracht hatten. 5
Nur die "Vasantasena"6 aus dem Jahre 1915 gelangte ein Jahr später auf
die Bühne7 und machte Furore, vermutlich auch deswegen, weil sie in die
Kriegspolitik Deutschlands inhaltlich nicht eingriff. Feuchtwauger verar-

35
beitete hier nämlich indische Motive, die sich damals großer Popularität
erfreuten. Da gab es keine

brutale Wirklichkeit, keinen Krieg, keine Lebensmittelrationierung - statt dessen


die Fülle an Liebe und Edelmut, Bestrafung des Bösen und bunte Exotik. Die Erho-
lung und das Vergessen, das der Nachdichter bei seiner Arbeit verspürt, übertragen
sich auf das Publikum.8

Daß sich Feuchtwanger bis 1916 für den Krieg wenig interessierte, hängt
sicherlich damit zusammen, daß er selber keine Erfahrung an der Front
machen mußte. Kurz vor Kriegsausbruch reiste er mit seiner Frau, Marta
Löffler, durch den Süden, besichti§te die Schweiz, Italien und Tunesien.
Erst seine Gefangenschaft in Tunis entriß ihn der fast zweijährigen Hoch-
zeitsreise und ließ ihn erkennen, daß die Politik auch die Unpolitischen
treffen kann. Nachdem ihm die Rückkehr nach Deutschland gelungen
war, meldete er sich pflichtgemäß beim Militär. Jedoch schon nach einem
halben Jahr wurde er seiner Magenkrankheit und Kurzsichtigkeit wegen
für kriegsuntauglich erklärt. Er verblieb in der Position eines Zuschauers,
die er auch während der Revolution nicht verlassen wollte. Er beließ es
beim Schreiben. Doch war es ein engagiertes Schreiben. Er verfaßte den
"Thomas Wendt". Wir haben es hier mit einem einmaligen Experiment in
seinem Schaffen zu tun; es ist das einzige Mal in seinem Leben, wo er ein
Tagesgeschehen künstlerisch zu gestalten suchte und wo er eine neue
Form, den dramatischen Roman erprobte. Er glaubte, mit ihm den Ge-
genwartsstoff bewältigen zu können. Nach Einschätzung der Forscher 10
ist er gescheitert. Selber ist er auf diese Form nie wieder zurückgekom-
men; als er 1934 das Werk überarbeitete, nahm er aber nur inhaltliche
Veränderungen vor.
Die Gattung des dramatischen Romans ergibt sich nach Feuchtwanger
aus einem besonderen Erleben und Fühlen. In seiner Schrift "Das Erlebnis
und das Drama" aus dem Jahre 1909 setzt er gegen die Lyrik, die nur er-
lebt, und die Epik, die nur erfühlt werden könne, das Drama, denn, wäh-
rend "alles Erleben an sich(... ) zunächst episch, bestenfalls lyrisch, niemals
dramatisch" sei, fordere das Drama "Gipfelpunkte, Einseitigkeiten, Rich-
tungen, steile Konsequenzen: alles Erleben aber ist breit und untermischt
mit Nebendingen und in flutenden und ebbenden Wellen sich hebend und
senkend". 11 Der Stoff, den Feuchtwanger in "Thomas Wendt" zu verarbei-
ten sucht, ist demnach zu mannigfaltig für ein Drama und zu widersprüch-
lich für einen Roman. Im Vmwort zum "Thomas Wendt" erklärt er: "Drama

36
ist zu eng, Roman zu lahm. Nur so, im dramatischen Roman, nicht anders,
will, heute, dieser Stoff gepackt sein. •12
Feuchtwanger legt nun den Hauptakzent auf das distanzierte Erlebnis
als Grundprinzip des Dramatischen:

Die künstlerische Siebung des Erlebnisses muß also vom Dramatikerviel handwerks-
mäßiger und viel brutalervorgenommen werden als vom Lyriker und Epiker. Solange
ihm das Erlebnis noch nicht kaltes Objekt geworden, ist seine Hand nicht geeignet,
Erlebtes dramatisch zu gestalten. 13

Im dramatischen Roman ist es dagegen möglich, das Erlebte und Erfühlte


mit nur teilweiser Distanz zu gestalten. Für ihn war die Zeit, die er kurz
zuvor, d. h. 1918, als Zuschauer erlebt hatte, noch "nicht kalt geworden",
er brauchte das epische Element, um eine besondere Distanzlosigkeit in
der Darstellung zu erreichen woran ihm in bezugauf den Leser lag. "Sei-
nen Dunst sollt ihr spüren•,i4 sagt er in der Einleitung und meint damit
den ganzen Zusammenhang der revolutionären Ereignisse, die er nicht
auf einen klaren Konflikt reduzieren will. Im Werk vermeidet er konse-
quenterweise jede Beschreibung, die die Gegenwärtigkeil des Bildes auf-
heben könnte. Der Leser wird bewußt jeder Möglichkeit beraubt, sich vom
Geschehen zu distanzieren. 15 Da er alles direkt aus Dialogen, Monologen,
die in aktenmäßigen Kapiteln angeordnet sind, erfährt, unterliegt er der
Täuschung einer gewissen Objektivität. Er bekommt nämlich das ganze
Spektrum jener Details zu sehen, die vermutlich das Zeitgeschehen beein-
flußt haben. Der Leser selbst wird zum Zuschauer. Obwohl er nur mit
ausgewählten Ereignissen konfrontiert wird, erhält er einen Überblick
über das Gesamtgeschehen. Er soll zwischen Distanz und Distanzlosigkeit
hin- und hergeworfen werden. Feuchtwanger gelingt aber noch nicht das,
was später Brecht vorzüglich beherrscht: die Unmittelbarkeit der Dar-
stellung, die in der dramatischen Kunst eine lange Tradition hat, zu durch-
brechen. Distanz erreicht Feuchtwanger nur dort, wo er über die Rolle
des Intellektuellen im revolutionären Geschehen reflektiert, indem er
seine Figur zwischen politischer Aktivität und Passivität schwanken
läßt. 16 In dem 250 Seiten zählenden Werk finden wir keinen epischen Er-
zähler. Alles spielt sich im Gespräch ab, oder es wird monologisch vom
Geschehen berichtet.
Das Werk besteht aus drei aufeinanderfolgenden Büchern über drei hi-
storische Perioden. Das erste Buch behandelt die Vorkriegszeit, das
zweite den Krieg und das dritte die Revolution von 1918. Alle drei ver-

37
bindet der vierundzwanzigjährige Titelheld. 17 Um ihn konstruiert Feucht-
wanger das dramatische Geschehen, welches in den sozial-politischen
Kontext Kaiserdeutschlands eingebettet ist.

2. Wendts Reflexionen über die Kunst

Als Dichter hat der Titelheld Thomas Wendteine soziale Zwischenposi-


tion inne: mit seinen Gedanken und Ideen ist er bei den Armen und Un-
terdrückten, als Theaterdichter ist er dagegen vom Bürgertum, dem
Hauptkonsumenten der Kultur im Kaiserdeutschland, abhängig. Er ist
kein Tonio Kröger, der zwischen Bürgertum und Künstlerturn zu entschei-
den hat, sondern einer, der das soziale Elend und die Ungerechtigkeit er-
fassen möchte. Folgerichtig gibt er im ersten Buch sein Ästhetenturn auf:

Was ist erreicht, wenn in hundert Jahren drei Künstlinge sich freuen an der Schön-
heit meiner Szene? Wird ein Schlafender geweckt davon? Wird ein Hungernder satt
davon? Kommt ein Quäntchen Gerechtigkeit mehr in die Welt? 18

Es ist die Absage an die impressionistische Kunstauffassung, worauf in der


Feuchtwanger-Forschung selten, wenn überhaupt hingewiesen wird. Er
interessiert sich immer intensiver für die politisch-soziale Wirklichkeit
und beginnt, gegen die herrschende Ungerechtigkeit aufzutreten. Somit
scheint er im ersten Teil des Werkes eine Antwort auf die Forderung von
Heinrich Mann zu geben, die dieser 1910 in "Geist und Tat" formulierte:

Sie [die Intellektuellen - B. Ch.] haben der Welt eine Statistenrolle zugeteilt, ihre
schöne Leidenschaft nie in die Kämpfe dort unten eingemischt, haben die Demokra-
tie nicht gekannt und haben sie verachtet. (... ) Sie sollten diesem Volk das Glück
vermitteln, sich wahr zu sehen, damit es sich höher achte und wärmer fühle. Die Zeit
verlangt und ihre Ehre will, daß sie endlich, endlich auch in diesem Lande dem Geist
die Erfüllung seiner Forderungen sichern, daß sie Agitatoren werden, sich dem Volk
verbünden gegen die Macht ( ... ). 19

Durch zunehmendes soziales Interesse vollzieht sich bei Wendt der Über-
gang zur engagierten Literatur, mit der vor allem die expressionistische
0-Mensch-Dramatik gemeint ist.
Wendt arbeitet mit einer Gruppe von radikal Gesinnten zusammen. Er
bekennt dort, daß er sich als Dichter für die engagierte Literatur entschei-
det. Die Absage an das l'art pour l'art verändert aber nur seine Kunst, wie

38
er bald einsieht. Seine soziale Zwischenposition als Künstler bleibt dage-
gen bestehen. An die soziale Ungerechtigkeit wird auch nicht gerührt. Ob-
wohl Wendt mit Worten kämpfen will, bleibt sein Kampf in der außer-
literarischen Wirklichkeit sozial genauso uneffektiv wie die Schönheit
seines früheren Schaffens. Mit dem Pathos der engagierten Literatur ge-
winnt er überraschenderweise nicht nur die Radikalen sondern auch das
bürgerliche Publikum für sich. Die Grenze zwischen den Fabrikbesitzern
und Arbeitern, die er während seiner Arbeit an dem Stück "Der Sklaven-
krieg" klar zu sehen glaubte, verschwindet bei der Theateraufführung. Die
Kunst, d. h. die Theaterkunst, scheint sie aufgelöst zu haben. 20 Sie verei-
nigt im Theater beide antagonistischen Gruppen und bringt Wendt Ruhm
und Geld.

Ich wollte Ketten zerbrechen. Ich wollte die Binden von verdunkelten Augen reißen.
Ich wollte die Welt verwandeln( ... ) und ich hatte keinen Erfolg,21

konstatiert er enttäuscht. Er sieht seine eigene Naivität ein: "Ein paar


Leinwandfetzen und geschminkte Kerle dazwischen, damit wollte ich die
Menschen verwandeln, die Welt verändern." 22 Diese Worte bilden einen
eindeutigen Bruch mit der expressionistischen Kunstauffassung, obwohl
das Werk in seiner Form und vor allem durch den Typ des Titelhelden,
durch den ldeenträger, dem Expressionismus weitgehend verhaftet bleibt.
Thomas Wendt sieht ein, daß er mit seiner Kunst die Fabrikbesitzer nicht
zu verwandeln vermag. Den Arbeitern kann er auch nicht helfen. Der
Durchbruch von der Kunst zur sozialen Wirklichkeit erweist sich als un-
möglich. Deswegen beginnt Wendt wieder zu fragen, ob die Kunst, wenn
ihr Anspruch auf die Wirklichkeitsveränderung sinnlos ist, wenigstens als
bloße Schönheit doch einen Sinn hat. Er ist beinahe wieder bereit, "Verse
zu schreiben, Szenen zu schreiben, die kein anderes Ziel haben, als schön
zu sein."23 Er kehrt jedoch zu seinem Ästhetizismus nicht mehr zurück;
er läßt sich auch nicht von dem erfahrenen Dichter Holthaus verführen,
der die Lebensweisheit "Und all dein Tun ist eine Spur im Schnee" zum
eigentlichen Thema seines Schaffens zu machen gedenkt.

39
3. Die Erfahrung politischer Aktivität und Passivität

Wendt läßt sich, nachdem er vor der Gruppe radikal Gesinnter aufgetre-
ten war, von der Politik gefangennehmen. Vor diesem Publikum, einer
Art Öffentlichkeit, bekennt er sich zu seinen neuen Ideen. Sofort wird er
zum Führer gewählt, was zur Folge hat, daß er nicht mehr Herr seiner
selbst bleibt. Er verschreibt sich von nun an ganz und gar seinen Wählern,
ihren Ideen, dem revolutionären Kampf.
Er wird zuerst Chefredakteur eines linken Blattes. 24 Hier lernt er die
Politik vor allem als Taktik kennen. Sein politisch radikalster Mitarbeiter
Konrad erklärt ihm, daß List und sogar Ungerechtigkeit um der Gerech-
tigkeitwillen notwendig seien. Aber diese Weisheit kann er nicht aner-
kennen. Deswegen entläßt er Wenninger aus der Redaktion, der einen
ungerechten sensationellen Artikel gegen Wendts Freund Georg Heinsius
einen Fabrikbesitzer, geschrieben hat, um dadurch der Sache zu dienen,
was konkret heißt: die Arbeiter gegen den Fabrikbesitzer aufzuhetzen.
Wendts Entscheidung wird in der Redaktion als ein taktischer Fehler an-
gesehen. Man wirft ihm vor allem vor, daß er seiner Freundschaft mit
Heinsius den Klassenantagonismus und das eigentliche Klasseninteresse
geopfert habe. Ihm wird erklärt:

Wenn Sie den Arbeitern nicht eine Lohnerhöhung vorhalten, ein Stück Brot mehr,
wenn die Arbeiter ihren Herrn nicht hassen mit einem wilden, dumpfen tierischen
Sklavenhaß, dann werden sie sich nie ernsthaft gegen ihn erheben. 25

Wendt kann sich mit einer solchen Denkweise, obwohl er sich alle Mühe
gibt, nicht befreunden. In seinem Gespräch mit Georg Heinsius sagt er
zwar: "Die Sache wird nicht schlechter, die Sache bleibt rein und gut, auch
wenn ihr Schützer bis zum Hals im Dreck versinkt. "26 Er meint dabei
Ideen, die er nach dem Vorfall in der Redaktion für wichtiger als die Me-
thoden des Arbeiterkampfes zu finden versucht. Doch zur gleichen Zeit,
in der Wendt Georg von der Brüderlichkeit unter den Menschen überzeu-
gen will, bewirft ein Arbeiter das Auto, das Bettina Heinsius fährt, mit
Steinen. Sie wird von Scheibensplittern verletzt. Kurz darauf erscheint sie
mit einer Binde über den verletzten Augen vor ihrem Mann und Wendt.
Letzterer verläßt das Haus wie ein besiegter Messias, der den Menschen
verwandeln wollte und statt dessen das Tierische in ihm entdecken mußte.
Er kam mit den Ideen, von denen er in seiner engagierten Literatur ge-
schrieben hatte, aber was er erlebt, ist nicht ihre Wirkung, sondern die

40
Wirkung der Gewalt, die sich aus dem Haß und dem Wunsch nach Rache
ergibt.
Wendt gerät in eine tiefe Krise. Er kommt zu dem Schluß: "Ich will nicht
wirken (... )". 27 Der Haß der Arbeitermassen hat ihn gelähmt. Von nun an
gibt er sich dem Zeitgeschehen passiv hin. Als er seine Einberufung in das
Militär bekommt, geht er zwar ohne Begeisterung, aber auch ohne Wider-
spruch in den Krieg.
Bis zum Kriegsausbruch war er politisch erfolglos, und seine Freunde
schienen recht gehabt zu haben, als sie ihn überzeugen wollten, daß die
Tat Unheil bringe. "Verzichten Sie aufTaten, Thomas Wendt! Taten ver-
wehen. Taten werden mißverstanden und ihre Folgen kehren sich ins Ge-
genteil. Was bleibt, ist das Werk", 28 sagte Georg Heinsius, der als Buddhas
Verehrer von dem "Schmutz des Tuns und der Seligkeit des Nichthan-
delns" überzeugt war. Während des Krieges wird diese Behauptung von
der Passivität aber fragwürdig, denn es hieße, sich dem Befehl zum Men-
schenmord zu fügen. Trotzdem läßt Feuchtwanger Wendt gerade jetzt, im
Weltkrieg, was er in dem zweiten Buch beschreibt, seine passive Periode
durchmachen. Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, daß in dem ersten
Buch die politisch engagierte Tat und in dem zweiten die Passivität in
Frage gestellt werden sollten. Sogar Holthaus zweifelt und erklärt: "Es hat
keinen Sinn, der Welt zu predigen: Undall dein Tun ist eine Spur im
Schnee",29 weil er in dieser eingeschränkten Aktivität keine Chance er-
blickt, sich dem Krieg zu widersetzen.
Die Wahl zwischen der Tat und dem Nichthandeln, die im ganzen Werk
zur Debatte steht, verliert durch Wendts Entscheidung, in den Krieg zu
ziehen, plötzlich ihre Schärfe, denn angesichts des Völkermords muß sich
jeder mitverantwortlich fühlen, daß so etwas möglich ist.

4. Wendts Kriegserlebnis

Wendt reflektiert während des Krieges nicht über die Schuldfrage, son-
dern über das menschliche Leid. Die Art seiner Entscheidung, in den
Krieg zu gehen, war - historisch gesehen - außergewöhnlich. Sie ergab
sich nicht, wie es 1914 üblich war, aus der Kriegsbegeisterung, sondern -
wie gesagt - aus der Enttäuschung eines politisch Engagierten. In den
Krieg zieht er darüber hinaus mit der Absicht zu reifen:

41
Ich will meine Augen füllen mit dem Grauen. Meine Ohren sollen dröhnen davon.
Es genügt nicht darum zu wissen. Wir sind so beschaffen, daß wir es gespürt haben
müssen, am eigenen Leib, damit wir es verstehen. Dann werde ich es tun können. 30

Unter diesem "es", zu dem er heranreifen will, wird die Idee der "Enttie-
rung des Menschen" verstanden. Sie ist nicht im Sinne des Klassenkampfes
gemeint, sondern als eine allgemein humane Idee, bei der die Zugehörig-
keit zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen keine grundlegende Rolle
mehr spielt. Auf diese Weise verändert sich Wendts ursprüngliche poli-
tische Haltung. Er ist nicht mehr bereit, die Gewalt, die zur Erkämpfung
der sozialen Gerechtigkeit dienen soll, zu rechtfertigen, sondern er will
die Revolutionsideen aufs engste mit der Idee der Menschlichkeit verbin-
den. Bevor er das zu verwirklichen sucht, muß er jedoch im Kriege wieder
an die Grenze des Unerträglichen gelangen, ähnlich wie in seiner revolu-
tionären Phase vor dem Krieg.
In dem Wirrwarr des Kampfes und der darauffolgenden italienischen
Gefangenschaft ruft er zu Gott, dem Zwingenden: "Bewahre mich, daß ich
mich nicht entwese. "31 In sich verspürt er nämlich weiterhin den Drang
zur Tat. "Die Stimme in mir ruft, Geh hin und tu!",32 sagt er in einem
Gespräch mit dem Fremden Herrn, der in Italien Ausgrabungen macht.
Das ist seine Antwort auf die Behauptung des Archäologen, die ihn an
Heinsius und Holthaus erinnert: "Tun macht die Seele schmutzig,
Betrachtung allein ist gut".33 Wendt will auf die Tat nicht verzichten. Er
hat die Passivität innerlich nie akzeptiert. Die Kriegsperiode erlebt er als
eine Qual, die ihn wieder in die politische Aktivität hinausstößt. Deswe-
gen betet er zu Gott. Er will den Sinn für Menschlichkeit durch den Krieg
nicht verlieren. Er muß die Greuel der Zeit überstehen, um sein Werk der
"Menschenenttierung" zu beginnen. Für die Verkündigung seinerneuen
Tat, die nach dem Krieg folgen sollte, steht sein Gedicht, das von den Sol-
daten in der Kaserne gefunden wird. Thomas liest auf Wunsch seiner Ka-
meraden folgendes Fragment vor:

Staub stopft und Erde uns den Mund


Doch unsre Frage sprengt den Grund
Und sprengt die Scholle, die uns deckt
Und ruht nicht, bis die Antwort weckt.
Wir warten.
Wir warten. Denn wir sind nur Saat.
Die Antwort kommt, die Antwort naht.
Weh, wen sie trifft! Heil, wem sie frommt!

42
Die Antwort zögert, doch sie kommt.
Wir warten. 34

Nach dem Krieg kehrt Wendt mit den Worten zurück, welche er an die
revolutionäre Gruppe, mit der er vor dem Kriege zusammengearbeitet
hat, richtet:

Wir wollen nicht vorstürmen im Rausch und mit Hurra, wie die jungen Menschen,
die von tausend Lügen umnebelt in diesen Krieg taumelten. Wir wollen aufbrechen,
meine Brüder, trauernd, schwer, ernst, die Stirn gesenkt, die Zähne verbissen und
ohne Mitleid mit uns selbst. 35

Thomas Wendt ist in dem zweiten Buch des Werkes ein Heimkehrer, der
sich in der Nachkriegswirklichkeit nicht zurechtzufinden versucht. 36 Ob-
wohl seine Situation in vielemder von Kragler aus den "Trommeln in der
Nacht" von Brecht ähnelt, geht er einen völlig anderen Weg. 37 Als er sein
geliebtes Mädchen wiederfindet, kehrt er nicht "als Schwein nach Hause"
zurück, versinkt nicht im Privaten, sondern bittet sie um Unterstützung
im revolutionären Kampf. Annemarie ist nicht imstande, ihm zu helfen,
obwohl sie jener armen, entrechteten Gesellschaftsschicht angehört, mit
der Wendt politisch zusammenarbeitet. Wendt kennt das Mädchen noch
aus der Vorkriegszeit. Er hatte sie gerettet, als sie Selbstmord begehen
wollte, weil Schulz, ein reicher Schieber und Großindustrieller, sie ge-
schändet und betrogen hatte. Trotz aller Bemühungen gelingt es Wendt
nicht, das Mädchen für die revolutionäre Bewegung zu gewinnen. Sobald
sie nicht mehr die materielle Not und Bedingtheit spürt, schwankt sie zwi-
schen dem Glanz des reichen, leichten Lebens und den edlen Gefühlen,
die sie zu Wendt und seinen Ideen hegt. Die Freiheit, durch die sie sich vom
Objekt zum Subjekt ihres Schicksals hätte verwandeln können, macht sie
paradoxerweise unglücklich. Eine solche Verwandlung erweist sich als ein
langwieriger, widerspruchsvoller Prozeß, als ein ewiges Hin-und-her-Ge-
rissensein. Das ist der Grund, warum sie in der Gesellschaft von Schulz,
der seine Industrie auf Kriegsproduktion umgestellt hatte, als Thomas an
der Front war, sich wohlfühlte. Den Ekel, der sie von den Armen und
Schmutzigen fernhält, kann sie nicht überwinden. Sie will nicht mehr zu
ihnen gehören. Sie verläßt auch Wendt.
Trotz persönlicher Enttäuschung nimmt er nach dem Krieg die Zusam-
menarbeit mit seiner revolutionären Gruppe wieder auf und wird sogar
zum Führer der Revolution. Die Kriegserfahrung hat ihm zu der Erkennt-
nis verholfen, daß große geschichtliche Geschehnisse sich zwar unabhän-

43
gigvon dem Einzelmenschen entwickeln, dieser aber trotzdem nicht ohne
Einfluß auf den Geschichtsverlauf ist.

Die Sklaven haben sich erhoben, zu allen Zeiten immer wieder, und immer wieder
ist es mißglückt; aber immer wieder auch hat ihre Empörung die Menschen vorwäns
gerückt, dann sind wir für eine gute Sache gestorben und mit unserem Willen, wäh-
rend heute noch täglich Tausende sterben, gezwungen, knirschend, und für eine
schlechte, dunkle törichte Sache.38

Er unterscheidet von nun an zwischen dem revolutionären und dem ver-


brecherischen Kampf. 39

S. Wendts Teilnahme an der Novemberrevolution

Das dritte Buch, das von der Novemberrevolution handelt, beginnt mit
einer kleinen Szene, in der Annemarie um Georg Heinsius wirbt, womit
noch einmal unterstrichen wird, daß sie sich gegen Armut wehrt, ohne sich
ihrer Ursachen bewußt zu sein. Dieser Szene folgt gleich jene, in der über
die Revolution gespottet wird. In der roten Villa des Herrn Schutz sagt
der Zweite Herr: "Zehnten November morgens sechs Uhr zehn Minuten.
Beginn der Revolution. Zu spät Kommende haben erst in der Pause Zu-
tritt."40 Ein anderer Gast von Schutz, der wirkliche geheime Sanitätsrat
behauptet: "Wir Psychoanalytiker müssennatürlich die Revolution durch-
aus als psychopathische Erscheinung auffassen."41 Wie weit dieser Spott
berechtigt zu sein scheint, zeigt die Erscheinung von Dienern, die sich an
Schutz mit der Bitte wenden: "Wenn sie gestatten, Herr Schulz, gehen wir
jetzt fort. Später geht wahrscheinlich der Vorortzug nicht mehr. Dann
kommen wir zu spät zur Revolution."42 Es folgen weitere kleine Szenen,
in denen Feuchtwanger uns ein Bild vom Bewußtseinsstand der Menschen
geben will, die an der Revolution direkt beteiligt sind. So freut sich die ga-
lizische Jüdin, die schon vor dem Krieg - in dem ersten Buch - für die
Gewaltanwendung war, über ihre eigene Wunde: "Ich bin verwundet -
Oh, das ist gut - Blut stachelt, Blut reizt an...".43 Ein Arbeiter kommen-
tiert auf einem Platz: "Die rote Fahne auf dem Polizeipräsidium - Die
rote Fahne auf den Bahnhöfen - endlich ist es soweit - das Land derer,
die arbeiten - Es lebe Thomas Wendt."44 Ein Weib aus der Vorstadt be-
klagt sich dagegen:

44
Sechs schöne Pelze hab' ich erwischt: alle haben sie mir wieder abgenommen. Eine
alte geborene Proletarierin und soll sich keine lumpigen Pelze nicht versozialisieren!
Da scheiß' ich auf eure Revolution!" 45 ·

Soldaten in der Wachstube (sie bewachen dort Gefangene, welche wegen


des Gerüchtes, daß die Kronprinzenarmee die Revolution bedrohe, ein-
gesperrt worden sind) beginnen ihre Regierungskünste damit, daß sie ein
Dokument ausstellen und es bestempeln. Ihre Tat kommentieren sie mit
den Worten: "Da haben sie immer getan, als ob das Regieren Wunder wie
schwer es wäre. Da sieht man's, wie einfach es ist."46
Thomas Wendt sehen wir erst, als er an der Spitze der Revolutionäre
vom König verlangt, daß er seine Soldaten und Beamten des Treueids ent-
bindet. Der König verläßt die Stadt, behauptet jedoch, daß die Tradition
der königlichen Macht so stark sei, daß man sie mit einer Unterschrift nicht
verändern könne.
Die Geschehnisse scheinen einen guten Lauf zu nehmen, als Thomas
Wendt von seinen Freunden Bettina und Holthaus zum Sieger erklärt
wird. Er ist sich aber bewußt, daß der Prozeß der "Enttierung" erst beginnt.
Dies ist die Idee, die zum Motor seines Handeins wird, wenngleich er Op-
fer aufbringen muß. Er verliert u. a. seinen Freund Christoph in einem
Straßenkampf.
Als der Höhepunkt des Revolutionssieges gefeiert wird, erfährt Wendt,
daß sich unter den Gefangenen auch Georg Heinsius befindet und daß er
und andere von Soldaten mißhandelt worden sind. Die Worte, die er am
Anfang der Feier sagt: "Sieg überall! Seht die Gesichter! Alles kleine
Selbst ist abgestreift. Alle sind eins: Wille zum Gutsein, Wille zum
Glück" 47 schweben dadurch in der Leere; sie bleiben nur ein Wunsch, wo-
rüber sich Wendt aber noch nicht im klaren ist. Am Ende der Feier schreit
ihm Annemarie, die Georg ins Lazarett gebracht hat, direkt ins Gesicht:
"Hochstapler der Seele" und "Wortemacher". 48 Wendt weiß die Situation
nicht mehr politisch zu meistem. Er versucht es zwar noch einmal, indem er
den Soldaten erklärt, daß sie kein Recht hätten, die Gefangenen zu schla-
gen:

Seid ihr vertiert? Wehrlose martern! Rache, grausam sein, schlecht sein, weil die
anderen schlecht waren, ist das eure ganze Freiheit, ist das eure ganze Weisheit, ist
das euer ganzes Glück? 4~

doch als Ministerpräsident hat er im Regierungsgebäude alle gegen sich,


weil er im Namen der Revolution, was hier nichts anderes als im Namen

45
der neuen Regierung bedeutet, die Revolutionäre nicht töten will. Er will
nicht, wie die übrigen Volksbeauftragten in der Sitzung, darüber nachden-
ken, unter welchen "Farben der Widerstand gebrochen wird". Der radikale
Konrad kann sich dagegen mit dem neuen Finanzminister, zu dem para-
doxerweise Schulz ernannt worden ist,50 ausgezeichnet verstehen. Den
Volksbeauftragten liegt nämlich daran, daß das Volk der neuen Regierung
gehorcht. In der Abstimmung entscheiden sich alle außer Wendt zur Exe-
kution jener, die noch Widerstand leisten.
Dadurch, daß Feuchtwanger sich nicht mit der damaligen Auseinander-
setzung zwischen der SPD, USPD und KPD näher beschäftigt, schrumpft
der politische Konflikt in "Thomas Wendt" in jene Erfahrung zusammen,
die von der Französischen Revolution her bekannt ist: daß die Revolution
ihre eigenen Kinder frißt. Feuchtwanger will aber der Revolution nicht
jeden Sinn absprechen. Deswegen läßt er Wendt, trotzseiner politischen
Niederlage - Wendt legt sein Amt des Ministerpräsidenten nieder -
Recht behalten. Wendt bleibt seiner alten Idee der Gerechtigkeit treu:
Weiterhin erkennt er Politik als Taktik nicht an. Dies kommt unter ande-
rem in seinem Gespräch mit einem Sozialdemokraten auf einer revolutio-
nären Versammlung zum Ausdruck:

Sie sprechen den Prolog, und dann bauen wir etliche Tote auf als Kulissen für Sie
und machen eine Demonstration mit Pauken und Trompeten zum Finale. Und wie-
viel Tote benötigen Sie zu Ihrem Auftreten im zweiten Akt?51

Er weiß, daß die Revolution sich nicht organisieren, nicht vorausberechnen


läßt. Wenn dies möglich wäre , hätte man es nicht mit einer Revolution
zu tun, sondern mit einer organisierten Bewegung, bei der die Volksmassen
nur Objekt und kein politisches Subjekt wären.Tatsächlich sind sie noch
weit davon entfernt, Subjekt zu sein. Das wird von Feuchtwanger in ge-
wissem Sinne an dem individuellen Fall der Annemarie veranschaulicht.
Sie ist hier die Vertreterio jener Teile des Volkes, die ihre Rolle als Objekt
nur langsam und widerwillig aufgeben. Feuchtwanger scheint dies als ei-
nen historischen Prozeß angesehen zu haben. Da er keine politische In-
stitution sieht, in der sich diese Wandlung vollziehen könnte, muß er
seinen Protagonisten die negativen Erfahrungen aus der Vorkriegszeit in
gesteigerter Form wiederholen lassen, was zur Folge hat, daß er die poli-
tische Bühne verläßt und zum Nachfolger von Holthaus wird, zum Träger
seiner Weisheit von der "Spur im Schnee". Wendtwill die neue Regierung

46
nicht anerkennen, denn sie hat mit seinen Revolutionsvorstellungen
nichts gemein; er sagt:

Ich habe geglaubt, Revolutionär sein sei: menschlich sein. Ich habe geglaubt, Revo-
lution sei Glück für alle, Menschlichkeit für alle. Und jetzt ziehen mich die andem
in ihre Tierheil hinunter. Ich soll die strafen, die Menschen sind, und den'Tieren die
Zügellösen.52

Diese Sätze, die an das spätere Bekenntnis von Ernst Toller in "Eine Ju-
gend in Deutschland" erinnern, 53 spiegeln Feuchtwangers tiefste Über-
zeugung wieder.

6. Ihren "Dunst sollt ihr spüren•.•"

Feuchtwanger bemüht sich in seinem "Thomas Wendt" darzustellen, wie


kompliziert damals die Situation war,54 wobei es ihm weniger um Wirklich-
keilStreue als Wirklichkeitsnähe55 geht. Nur einige Szenen erinnern an kon-
krete Geschehnisse, die wirklich stattgefunden haben. Zu solchen Szenen
gehört die Behandlung der Gefangenen durch Revolutionäre, die an die
Geiselnahme im Luitpoldgymnasium erinnert, oder die erwähnte Revolu-
tionsfeier, die an jene erinnert, die am 17. November 1918 in München
im Nationaltheater organisiert worden war. 56
Nicht aber das historische Detail ist für Feuchtwanger wichtig, sondern
das Gesamtbild der Revolution. Das entspricht seiner Romandefinition:

Roman: ein Weltbild soll gegeben sein, nicht ein Einzelschicksal bloß, ein Zeitbild
zumindest, Hintergründe, Unterströmungen, Belichtungen von verschiedenen Sei-
ten, Umwelt, Ursachen und Ziele, das Bewegte und das Bewegende.57

So zeigt er eine Gruppe von Revolutionären, Terroristen und Sozialde-


mokraten schon im ersten Buch, dem er das Motto voranstellt: "Die Welt-
geschichte ist ein einziger großer Krieg des Glaubens gegen den Unglauben".
Es bezieht sich auf diese radikal Gesinnten und auf Thomas Wendt. Die
Meinungen, die von Vertretern verschiedener Ideen ausgesprochen wer-
den, klingen wie Losungen und Glaubensbekenntnisse: "Gewalt herrscht
in der Welt, noch ein wenig mehr Gewalt, und der Geist wird herrschen",58
"Man muß Bomben schmeißen". 59 Es werden keine Programme darge-
stellt, es wird nur angedeutet, daß diese Ideen schon vor dem Kriege da
waren, obwohl sie politisch kaum eine Rolle spielten. Feuchtwanger schil-

47
dert sie sehr klischeehaft, ohne die einzelnen Ideen näher zu analysieren.
Er will darauf verweisen, daß die revolutionäre Gärung schon immer da
war und nicht erst aus dem Krieg heraus~wachsen ist, was als Behauptung
um 1919 in der Literatur recht neu war. Das Chaos verändert sich auch
nach dem Krieg kaum, wie wir in dem zweiten und dritten Buch sehen.
Feuchtwanger schildert ferner, wenngleich nur andeutungsweise, den
Marktmechanismus der Großindustriellen, die am Kriege beteiligt waren
und die die Streiks zu ihren eigenen Gunsten zu steuern versuchten. Die
geheime Absprache zwischen Schulz und dem Fremden Herrn aus Berlin
bezieht sich auf den Streik in den Werkanlagen von Georg Heinsius.
Schulz behauptet:

Ich muß immer höhere Schmiergelder bezahlen, damit die ruhigen Elemente auf die
andem einwirken. Wenn auch meine Betriebe streiken, denken Sie, Exzellenz, wo
sollte dann die Regierung ihren Bedarf hernehmen?,

worauf der Fremde Herrverwundert erwidert: "Verwenden Sie die Gelder


nur, um Ihre Leute zu beruhigen, oder auch, um Heinsius' Leute - nicht
zu beruhigen?"61
Als objektive Faktoren, die die Revolution bestimmen, empfindet Feucht-
wanger den Haß und die Armut der Arbeiter. Beides nahm während des
Krieges zu. Bei dem Revolutionsausbruch erwies sich, daß sich das aufge-
regte Volk am Sieg nur berauschen kann, während es seine politische Wirk-
lichkeit nicht verändern will. Es geht, wie wir bereits gesehen haben, seinen
niedrigsten Instinkten nach.
Das zunehmende Chaos der eigentlich revolutionären Bewegung ent-
spricht nach Feuchtwangers Darstellung dem politischen Bewußtseins-
stand des Volkes. Die Revolution von 1918/1919 wird aber trotz dieser
kritischen Sicht nicht in Frage gestellt; sie ist eine historische Tatsache,
und als solche wird sie von Feuchtwanger anerkannt. Zu dieser gehört
auch der weltanschauliche Hintergrund, dessen Vielfältigkeit er auf eine
besondere polyphone Weise schildert, um mit Bachtin zu sprechen. Der
Leser wird in eine Situation versetzt, in der er die meisten der von den
Protagonisten geäußerten Meinungen für gerechtfertigt halten kann. Er
kann jeden verstehen und dessen Handeln irgendwie entschuldigen. Sogar
Schulz scheint recht zu haben, wenn er sagt, das Geld bedeute für einen
Armen mehr als eine "Portion Seele".62 Recht haben Georg und Holthaus,
wenn sie erklären, daß jede Tat sich in ihr Gegenteil umkehren kann.
Auch der König hat recht, wenn er behauptet, daß es immer Herren und

48
Knechte gegeben hat und geben wird. Insgesamt sind das jedoch Weishei-
ten, die jedes Handeln lähmen, da Tatsachen als Quasi-Gesetzrnäßigkei-
ten, die nicht veränderbar sind, hingestellt werden. Dabei erweist sich,
daß die Vertreter der verschiedenen oppositionellen Gesellschaftsschich-
ten in dogmatischen Kategorien denken. Georg z. B. hält die Arbeiter für
Menschen niederen Ranges. Für die Arbeiter sind wiederum jeder Fabrik-
besitzer und jeder, der mit ihm in Verbindung steht, Feinde. Alle streben
eine klare Grenze an, die sie von ihren Feinden trennt. An ihr soll nicht
gerüttelt werden.
Auf diesem politisch und weltanschaulich kornplizierten Grund agiert
Thornas Wendt als Einzelner. Er versucht einen ethischen Standpunkt
durchzusetzen, womit er zu den "hohen Feiertagen" gehört, wie sein
Freund Christoph behauptet. Er solidarisiert sich mit keiner Gruppe. Er
kann sich für keine entscheiden, weil jede Entscheidung Unheil für die
anderen bedeuten würde. Auf diese Weise gerät er zwischen sie, in eine
Art von politischem Zwischenraum. Er ist die einzige Gestalt im Werk,
die mit allen Gesellschaftsgruppen konfrontiert wird. Nur er konnte sich
zwischen ihnen frei bewegen, aber als Erkennender bleibt er einsam. In
der neuen Regierung haben sich nach der Revolution keine neuen verwan-
delten Menschen zusammengefunden. Wendt muß feststellen, daß der
wahre Herrscher der Schieber Gustav Schutz, ein Großindustrieller aus
Mülheirn ist Diese Feststellung ergibt sich nicht nur aus seiner Enttäuschung
über die Folgen der Revolution, sondern vor allem aus der Erkenntnis,
daß er nach der weltfremden Voraussetzung eines Menschenideals gehan-
delt hat, mit anderen Worten unpolitisch. Das heißt aber nicht, daß er auf
sein Menschenideal verzichten sollte. Doch er geht zu weit, wenn er nach
den neuen Machtverhältnissen, wo dieses Ideal überhaupt nicht realisier-
bar ist, sich einfach aus dem politischen Leben entferent und meint Holt-
haus, recht zu geben, sich zuseiner Maxime von der "Spur im Schnee"
entscheiden zu müssen, obwohl man das alles als einen Ausdruck der Selbst-
findung verstehen kann.
Diese Entscheidung sollt.e man jedoch nicht mit der passiven Haltung
im ersten Buch gleichsetzen. Das würde Wendt eher in die Nähe von Hein-
sius, dem Verehrer Buddhas, und nicht an die Stelle des verstorbenen
Holthaus bringen. Daß Wendts Wahl nicht reine Passivität bedeutet, be-
sagen auch Worte von Holthaus, als Bettina ihn vor seinem Tode fragte:
"Wäre es ihnen lieber, Richard Holthaus, Sie hätten schon früher jene
Weisheit verkündet von der Spur im Schnee? Bereuen Sie es, daß Sie ge-

49
kämpft hatten, früher?" Er antwortet: "Nein, ich möchte niemanden
abhalten. Es ist ein falscher Zirkel. Wenn ich von Hoffnungslosigkeit des
Kampfes schreibe, ist dies nicht schon wieder Kampf?" 63 Es muß auch da-
ran erinnert werden, daß auch Holthaus während der Revolution einen
Höhepunkt der Hoffnung erlebt hatte: "Ich danke Ihnen, Thomas, Sie ga-
ben mir die letzte Stunde, in der ich jung war." 64
Eindeutiger konnte Feuchtwanger sein Glaubensbekenntnis als poli-
tisch distanzierter Schriftsteller nicht ausdrücken. Der Weg, auf den er
Thomas Wendt schickte, ist im gewissen Sinne sein eigener gewesen. Des-
wegen ließ er ihn nicht die radikale Praxis eines Christoph oder Konrad
nachahmen, obwohl es ziemlich konsequent gewesen wäre, denn nur die
Logik der Radikalen wäre der von Schulz entgegenzusetzen. Sie begreifen
schließlich auf dieselbe Art und Weise den Mechanismus des gesellschaft-
lichen Kampfes: Konrad spricht von Brot und Haß als Beweggründen der
revolutionären Aktivität der Massen, Schulz von Brot und Geld als Ziel-
setzung jeder Politik.

7. Wendt - ein Vertreter der freischwebenden Intelligenz?

Wendt ist ein Protagonist, der - wie gesagt - keiner Gruppe angehört.
Fcuchtwanger möchte, daß der Leser seine Auswegslosigkeit nachempfin-
det. Gleichzeitig kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß gerade
ein Thomas Wendtimstande gewesen wäre, die Grenze zwischen den ei-
nander feindlich gesinnten Gruppen ins Schwanken zu bringen. Man er-
kennt, daß es Intellektuelle geben muß, die sich für keine Gruppe, keine
Partei entscheiden, sondern das Recht haben sollten, auf einer Zwischen-
position zu beharren. Karl Mannheim hatte für eine solche Haltung einige
Jahre später in "Ideologie und Utopie" (1929) den Begriff der "freischwe-
benden Intelligenz" geprägt. Er schrieb dort: "Jene nicht eindeutig festge-
legte, relativ klassenlose Schicht ist (... ) die sozial freischwebende
Intelligenz."65 Ihm geht es nicht um einen Typus, der über die anderen
Schichten herrschen könnte, oder der der sozialpolitischen Wirklichkeit
völlig entfremdet wäre: "Nicht als ob sie gleichsam im luftleeren Raume
über diesen Klassen schweben würde, ganz im Gegenteil vereinigt sie in
sich alle jene Impulse, die den sozialen Raum durchdringen." 66 In diesem
Sinne sollteWendtauf einer Zwischenposition verharren, weil er von ihr

so
aus die starre Struktur der Klassenfeindschaft von innen her hätte zer-
schlagen können, denn

eine solche stets experimentierende, eine soziale Sensibilität in sich entwickelnde,


auf die Dynamik und Ganzheit ausgerichtete Haltung wird ( ...) nicht eine in der
Mitte gelagerte Klasse, sondern nur eine relativ klassenl05e, nicht allzu gut gelagerte
Schicht im sozialen Bereich aufbringen. 67

Feuchtwangers Wendt hätte nur noch einen Schritt tun müssen, und er
wäre zu dieser Erkenntnis gelangt, denn immerhin wollte er keines der
ihm vorgelegten Programme akzeptieren, weder das des Ästhetizismus
noch das des Individualismus, wonach man nur am Einzelnen arbeiten
sollte, wie ihm Georg Heinsius vorschlug, noch das des Konservatismus,
der in der Idee seines Vaters, auf dem Lande mit dem Pflug zu arbeiten
und alles beim Alten zu belassen, zum Ausdruck kommt. Wendt kann aber
nicht klüger als Feuchtwangerum 1919 sein. Aus diesem Grunde endet
das Werk mit der "Spur im Schnee".
Ist die "Spur im Schnee" nur als Trost für die an der Novemberrevolu-
tion Beteiligten gedacht? Sie ist zwar furchtbar wenig für einen, der sich
für andere aufopfert, aber sie bleibt denjenigen, die die Niederlage auf
sich nehmen müssen, tatsächlich ein Trost. Das muß die allgemeine Er-
fahrung des politisch engagierten Intellektuellen um diese Zeit gewesen
sein, der nach der mißglückten Revolution seinen geistigen Kompaß ver-
loren hatte. Für ihn eröffnet sich im "Thomas Wendt" eine neue Perspek-
tive.
Einen Schritt weiter geht Feuchtwanger 1930 in dem Roman "Erfolg"
mit der Figur des Schriftstellers Jacques Tüverlin. Wir befinden uns be-
reits in der Zeit der Weimarer Republik, in der derRevolution von 1918
still nachgetrauert wird, und man lernt neue Phänomene kennen: die In-
flation und die nationalsozialistische Bewegung. In der - politisch gese-
hen - wiederum komplizierten Situation der Jahre 1921-24 bleibt
Jacques Tüverlin eine autonome Persönlichkeit. Er verwirklicht seine
Unabhängigkeit konsequent, indem er literarisch wirkt und sich für die
Leidenden, vor allem für den zu Unrecht verurteilten Martin Krüger ein-
setzt. In seinem Gespräch mit dem ehemaligen Justizminister Klenk, ei-
nem "Großkopfigen" von Bayern, sagt er:

Ein großer Mann( ... ), den Sie nicht leiden können, ich übrigens auch nicht, er heißt
Kar! Marx, meinte: die Philosophen haben die Welt erklärt, es kommt darauf an, sie
zu ändern. Ich für meine Person glaube, das einzige Mittel, sie zu ändern, ist, sie zu

51
erklären. Erklärt man sie plausibel, so ändert man sie auf stille Art, durch fortwir-
kende Vernunft. Sie mit Gewalt zu ändern, versuchen nur diejenigen, die sie nicht
plausibel erklären können. Diese lauten Versuche halten nicht vor, ich glaube mehr
an die leisen. Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gutbe-
schriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre. 68

Die Erklärung kann vor allem mittels der Sprache erfolgen, der sich am
besten der Intellektuelle bedienen kann. Außerdem ist er derjenige, der
nach einem inneren ethischen Imperativ denkt und handelt. Der Intellek-
tuelle wird zu seinem Medium, was ihm nicht leicht fällt und nach ständi-
ger Selbstüberwindung verlangt. Wendt versucht sich gegen diesen Zwang
zu wehren, indem er Gott für ihn verantwortlich macht: "Wenn du mich
verdammt hast zur Tat, warum hast du mir die Hände gebunden und mich
hierher geworfen und häufst Versuchungen um mich, Tausende?" 69
Wendt wird für einen Gezeichneten gehalten. Selber behauP.tet er: "Ich
darfnicht sterben, ich muß Zeugnis ablegen. Ich muß ändern." 70 Tüverlin
sagt klar: "Das Schwierige für mich ist, daß ich zwischen den Klassen
stehe."71 Obwohl er sich zu keiner entscheidet, zieht er sich von der Öf-
fentlichkeit nicht zurück. Er erfüllt die Rolle des Intellektuellen, der zu
reden, d. h. Zeugnis abzulegen versucht, auch dann noch, wenn es nur so
lange bestehen kann wie die "Spur im Schnee". Tüverlin spricht dagegen
im "Erfolg" von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen". Der redende In-
tellektuelle sei so ein Kasperl, dem ständig auf den Kopf gehauen wird,
"aber am Schluß steht er immer wieder auf." 72
Auf eine solche Haltung73 legte Feuchtwauger um 1930 besonderen Wert.
Nach 1933 bezweifelte er aber, daß sie der neuen politischen Wirklichkeit
im Dritten Reich standhalten könne.

8. "Neunzehnhundertachtzehn" - ein Weg in die Dogmatik

Feuchtwauger schreibt in dem "Versuch einer Selbstbiographie" 1927:

Ich habe ziemlich viel erlebt. Länper und Menschen, Erfolg und Mißerfolg, enge und
vergleichsweise behagliche äußere Umstände, Krieg, deutsche Militärdisziplin,
Kriegsgefangenschaft in Tunis, in großer Nähe führender Männer Revolution und
Reaktion. Ich glaube aber nicht, daß dieses äußere Erleben starke Spuren in meinem
Werk hinterlassen hat. Ich habe mich in manchen Formen der Dichtung versucht,
im Drama und Roman großen Stils, im dramatischen Roman, in der Komödie und
an den mannigfaltigen Stilen, Historie, Politik, an weiten und engen Stoffen des All-
tags. Oft sagte man mir, ich sei nicht unter eine Formel zu bringen, in keine Schule

52
einzureihen. Wenn ich aber, 42-jährig, auf dem Scheitel meines Lebens, betrachte,
was ich bisher gemacht habe, versuchend ein Gemeinsames zu finden, eine Linie, die
meine Bücher an mich, an mein Leben und aneinander bindet, einen Generalnenner:
dann glaube ich, trotzaller scheinbaren Differenz doch immer nur ein Buch geschrie-
ben zu haben: das Buch von dem Menschen, gestellt zwischen Tun und Nichttun,
zwischen Macht und Erkenntnis. 74

Mit dieser auf eine Formel gebrachten Charakterisierung seines Schaffens


hat Feuchtwanger die meisten Interpreten veranlaßt, seine Werke duali-
stisch auszulegen. So versuchen sie75 eine Polarität zwischen dem Tun und
Nichttun in seinen Romanen und Dramen aufzuweisen, wobei sie die
Zwischenstufen übergehen; die gerade in "Thomas Wendt" sehr wichtig
sind. Erst bei der zweiten Fassung "Neunzehnhundertachtzehn", die 1934
entstand, verzichtet Feuchtwanger auf diese Zwischenstufen weitgehend.
In der Überarbeitung des "Thomas Wendt" bemühte er sich kaum um
die Verbesserungen der mißlungenen klischeehaften Szenen, sondern er
verschärfte den Konflikt zwischen Wendt und Schutz. Die revolutionär
Gesinnten gebrauchen also weiterhin bloße Losungen. Die Unterredung
zwischen dem Fremden Herrn aus Berlin, der die Unruhen in Heinsius
Werken finanzieren will, und Schutz wird auch hier von Bibelzitaten, die
ein Hotelgast im Nebenzimmer laut vorträgt, etwas kitschartig begleitet.
Der dramatische Konflikt wird ebenfalls zugunsten des Großindustriellen
und Schiebers Schutz ausgetragen. Thomas Wendt steht dabei aber auf
einem verlorenen Posten - anders als in der ersten Fassung. Durch seine
Aktivitäten hat er zwar das revolutionäre Geschehen beeinflußt, aber den
politischen Mechanismus der Wirklichkeit, wie sich später erweist, nicht
verändert, was als negative Folge vor allem seines Tuns anzusehen ist.
Seine politische Aktivität wird überhaupt an dem Maßstab der verwirklich-
ten Ideen gemessen. Da aber praktisch keine realisiert worden ist, kommt
Wendts Tun kein Sinn zu; und auf diese Weise tritt der Dualismus zwischen
Tun und Nichttun, von dem Feuchtwanger 1927 sprach, deutlicher zutage.
Um diese Polarität zu erreichen, verzichtet er auf die Figur von Holthaus
und dessen Losung von der "Spur im Schnee". Für einen Zwischenraum
bleibt kein Platz mehr.
Es fehlen die Szenen der streikenden Arbeiter in den Werkanlagen von
Heinsius. Wendt wird zum Hauptträger der Bewegung. Der Hintergrund
seiner politischen Wirkung erscheint als ein Monolit, der nur von einer
Person gesteuert wird. Deswegen mußte Wendt die Hauptverantwortung
auf sich nehmen, nachdem es zu der politischen Wende gekommen war.
Er ist nicht mehr so eng mit dem Volk verbunden, wie er es in der ersten

53
Fassung war. Das läßt sich besonders gut an der Szene mit dem König
beobachten. Während Wendt in der ersten Fassung der Tradition der kö-
niglichen Dynastien noch das Leid des Volkes entgegenzusetzen hat ("Ich
habe nur die gesammelte Empörung vieler Jahre für mich. Sie die Senti-
mentalität der Situation"76 ), hat er in der zweiten dem König bloß den
Hochmut des neuen Machthabers entgegenzusetzen ("Sie haben die Sen-
timentalität der Situation für sich. Aber wir sind die Sieger, wir können
es uns leisten, konziliant zu sein"7\
Bei dem Rückzug von der politischen Bühne spricht Wendt nicht mehr
von der Menschlichkeit, nach der er gestrebt hatte ("Ich will nicht mehr!
Mensch sein will ich! Nur dies, nichts weiter: Mensch sein! Mensch unter
Menschen!"78), sondern nur noch von seinem Ich ("Ich will keine Politik
mehr. Ich will ich sein, ich"79 ). Dieser Wunsch hat mit Wendts bitterer
Erkenntnis in der ersten Fassung, daß es an Menschlichkeit im politischen
Bereich noch fehlt, nichts mehr zu tun. Er bedeutet nur noch einen Ver-
zicht auf politische Aktivität und Rückzug in den radikalen Individualis-
mus, als ob das zwei sich ausschließende Sphären wären. In der ersten
Fassung bemühte sich Wendt, von Anfang bis zum Ende in voller Über-
einstimmung mit sich zu handeln.
In welchem Maße Feuchtwanger sein Werk von 1919 unter dem Ein-
druck der neuen politischen Ereignisse beschnitten, vereinfacht hat, er-
kennt man am besten an der Schlußszene von "Neunzehnhundertachtzehn".
Thomas Wendt sitzt im Kino, wo er sich einen Kurzfilm über die Revo-
lution ansieht und dabei Kommentare der Zuschauer hört. Selbst reagiert
er auf die Filmbilder mit den Worten:

Sehen Sie sich die Gesichter an. Es ist das gleiche, dumme, glückliche Lächeln wie
bei angestrengten Akrobaten. Ich hatte geglaubt damals, sie seien gut und beseelt.
Aber ich hatte sie mit meinem Gerede nur besoffen gemacht. Mit ein paar Hektoliter
Spiritus hätte man denselben Effekt erzielt. 80

Es gibt auch ähnliche Äußerungen in der ersten Fassung, sie sind aber voll
von Ratlosigkeit, Bitternis und Trauer, daß die Revolution gescheitert ist.
Hier muß man dagegen von Zynismus sprechen, der Wendts Engagement
in Frage stellt und kein neues zuläßt. Hiermit wird er zu einem völlig ge-
scheiterten Revolutionär erklärt. In dem Zuschauerraum des Kinos hört
er Anklagen gegen die Intellektuellen: ein Arbeiter schreit ihn an: "Ihr
Intellektuellen seid überha~t an allem Schuld. Ihr Intellektuellen habt
die Revolution vermasselt. 1 Wohl unter dem Eindruck dieser Szene

54
kommt Wulf Köpke in seiner Arbeit "Lion Feuchtwanger" zu dem Schluß:
"Er [Feuchtwanger - B. Ch.] demonstriert, daß es nicht die Sache eines
Thomas Wendt, eines Toller, Eisner, Landauer, Trotzki sei, die politische
Führung einer Revolution zu übernehmen.•82 Die Unzufriedenheit und
Bitternis, teilweise aber auch die Gleichgültigkeit vor allem der jüngeren
Generation, die unter den Zuschauern im Kino herrschen, scheinen nach
der Revolution im Volk zu überwiegen. Eine solche nachrevolutionäre
Retrospektive hatte in der ersten Fassung verständlicherweise gefehlt. Die
Menschen sind in der überarbeiteten Version so enttäuscht, daß ihnen so-
gar an der Aufdeckung der Lügen in dem Film nicht mehr liegt. Es ist zum
Beispiel nicht wahr, daß Wendt gezwungen wurde, sein Amt niederzule-
gen. Sie werden aggressiv, als Thomas diesen Umstand zu kommentieren
versucht. Sie sind nicht gewillt, über die Revolution nachzudenken. Sie
müßten dann vielleicht erkennen, daß sie so sinnlos nicht war. Die Sinn-
losigkeit, wie sie hier dargeboten wird, war in "Thomas Wendt" noch nicht
vorhanden. Sogar Wendts Schlußfolgerung über den Schieber Schulz als
den wahren Herrscher hatte in der ersten Fassung einen anderen Stellen-
wert. Sie sollte vor allem auf die Tragik des heroischen Kampfes, der kei-
neswegs sinnlos gewesen war, verweisen. In "Neunzehnhundertachtzehn"
beginnen die sozialen Grenzen durch den vereinfachten Konflikt sehr klar
zu verlaufen. Eine neue Perspektive wird dadurch nicht geschaffen, im Ge-
genteil, man kommt zu der Überzeugung, daß es einfach keinen Ausweg
aus der politischen Klemme gibt.
Feuchtwangers Skepsis ist in "Neunzehnhundertachtzehn" damit zu er-
klären, daß sich die von ihm geahnte Niederlage der Revolution und ihre
Folgen vom historischen Gesichtspunkt aus bestätigt haben. In der "Selbst-
darstellung" von 1933 schreibt er über "Thomas Wendt", es sei ein "Buch,
in seinem vorgeahnten Detail von der Wirklichkeit schmerzlich bestätigt,
oft nachgeahmt."83 Als Feuchtwanger "Neunzehnhundertachtzehn"
schrieb, ähnelte die politische Situation in Deutschland der, von der Holt-
haus in der ersten Fassung einmal sagte: "Es hat jetzt keinen Sinn, der
Welt zu predigen: Undall dein Tun ist eine Spur im Schnee". Nachdem
Hitler die Macht übernommen hatte, konnte Feuchtwauger Zwischenlö-
sungen keinen Sinn mehr abgewinnen. Deswegen verzichtete er in der
zweiten Fassung auf die Idee von der "Spur im Schnee".

55
9.Revolution ist nicht die Sache eines Einzelnen ...

Trotz der Reflexion über die Rolle des Intellektuellen im politischen Le-
ben, die in "Thomas Wendt" ihren Niederschlag gefunden hatte, verspürte
Feuchtwanger eine gewisse Unerfülltheit, was sich hauptsächlich aus sei-
nen autobiographischen Skizzen herauslesen läßt. Er erinnert dort mehr-
mals an sein "Lied der Gefallenen" als an das erste revolutionäre Gedicht
in Deutschland. Seine Betrachterrolle, auf die er so viel Wert gelegt hatte,
schien ihm nicht mehr so sehr zu gefallen. Vielleicht schuf er deswegen
die Gestalt des Thomas Wendt, der als Handelnder sein Gewissen nie ver-
liert, was allerdings im Widerspruch zum Motto des zweiten Buches steht,
das lautet: "Der Handelnde ist immer gewissenlos. Es hat niemand Gewis-
sen als der Betrachtende."84 Da Wendt der Idee der Gerechtigkeit treu
bleibt, wird er zum Gewissen der ganzen Revolution. Sie ist zwar ein zu
komplizierter Mechanismus, als daß ein konsequent vertretener Gesichts-
punkt in ihm durchsetzbar wäre. Dieser ist aber notwendig, denn ohne ihn
gäbe es kein Leitbild für die anzustrebenden revolutionären Veränderun-
gen, in ihm verbirgt sich auch ansatzweise die einzige Garantie, daß die
Aktivität des lange versklavten Volkes einmal nicht nur durch die Empö-
rung bestimmt wird. In "Thomas Wendt" beklagt sich der Wachkomman-
dant:

Was ist denn Revolution, wenn man nicht einmal das davon haben soll? Vier Jahre
habe ich meinen Haß in mir herumgetragen; und jetzt soll ich den sanften Friedrich
machen? Ne. Is nich. 85

Aus der Sucht nach Rache entsteht kaum etwas Neues. Solange sie aus
dem Willen zur Revolution nicht verschwindet, kann das Volk auf seine
symbolische Ethik im Sinne von Schuld und Sühne (bzw. Strafe) nicht ver-
zichten. Aus dem Werk von Feuchtwanger ergibt sich, daß dem Volk das
Bedürfnis nach Vergeltung wichtiger ist als eine neue Alternative für das
soziale Zusammenleben.

"Recht hat er'' - schreit das Volk, "Die sind heute noch nicht geduckt, die Herren.
Die schauen uns immer noch von oben herunter an und halten sich die Nase zu, wenn
sie neben uns in der Trambahn sitzen - Unser Recht - Unsere Rache ist unser
Recht".86

56
Diese Stimmung machte nach Feuchtwanger den Ausbruch der Revolu-
tion zwar möglich, aber damit ist nicht geklärt, wie man sie zu einem po-
sitiven Ende bringen kann. Die Revolution ist nach Feuchtwanger

nicht 'Politik'. Sie ist der Schrei im Menschen, sie ist das getretene, geschundene
Gewissen, das schreit. Dieses Geschrei kann man nicht 'machen'. Diesem Schrei
kann man nicht befehlen: 'sei nicht jetzt da. Ich brauche dich später'. 87

Sie wäre mit anderen Worten auch ohne Thomas Wendt ausgebrochen.
Die Tragik der Revolution liegt daher nicht in Wendts Verzicht auf sein
Amt des Ministerpräsidenten, sondern in der scheinbaren Unmöglichkeit
eines positiven Verlaufs der Revolution. Die Frage nach dem positiven
Verlauf der Revolution wird so lange unbeantwortet bleiben, wie lange
das Volk nicht lernt, öffentlich zu agieren, politische Macht nicht nur zu
zerstören, sondern auch zu errichten. Es darf sie nicht wie unbetretbare
königliche Zimmer betrachten ("Sie dringen herein; wie sie den König se-
hen, bleiben sie in der Nähe der Türe stehen und wissen nicht, was sie
anfangen sollen"88). Es darf nicht einen Machtapparat anstreben, den es
später um die Macht beneiden wird. Feuchtwanger scheint dies in der Anek-
dote im "Thomas Wendt" sagen zu wollen:

Die Krähe fragte den Adler: warum fliegst du so hoch? Aus Freude am Schweben,
erwiderte der Adler. Der Schwindler, sagte die Krähe, gewiß gibt es oben ungeheuer
viel Regenwürmer! 59.

57
III.Ernst Tollers "Masse-Mensch".
Die Revolution als ethisches Problem

l. Ernst Tollers politischer Weg

Während Lion Feuchtwanger seine Beobachtungen der revolutionären


Ereignisse gleichsam freiwillig in München literarisch verallgemeinerte,
fühlte sich Ernst Toller durch seine Teilnahme an ihnen und seine bitteren
politischenErfahrungen förmlich gezwungen, über sie zu schreiben. Er
wurde von einem ähnlichen inneren Imperativ geleitet, der den literari-
schen Thomas Wendt zur Tat trieb. Toller mußte ihn bis zur Grenze seiner
politischen Realisierbarkeil "ausleben".

Was ich tue, tue ich nicht aus Not allein, nicht aus Leid am häßlichen Alltagsgesche-
hen allein, nicht aus Empörung über politische und wirtschaftliche Ordnung allein;
das alles sind Gründe, aber nicht die einzigen. Aus meiner- ich kann es heute sagen,
denn ich empfinde sie als beglückend - lebendigen Fülle heraus kämpfe ich.... Ich
will das Lebendige durchdringen, in welcher Gestalt es sich auch immer zeigt, 1

schrieb er 1917 in einem Brief an Gustav Landauer.


Seine politische Aktivität stand nicht im Widerspruch zu seiner Kunst, 2
sondern erwuchs aus seinem politischen Interesse, das seinen Anfang in
seiner Kriegsenttäuschung nahm. 1914 zog er wie viele begeistert in den
Krieg. Vor Pont-a-Mousson und in Bois le Pretre erlebte er dann alle
Schrecknisse des Stellungskrieges. Nachdem er im Anschluß an einen La-
zarettaufenthalt in Straßburg als kriegsuntauglich vom Militärdienst ent-
lassen worden war, nahm er sein Studium in München auf:

Ich studiere an der Universität München. Maßlos ist mein Eifer, schweifende Neu-
gierde treibt mich von Kolleg zu Kolleg. Vorlesungen über Staatsrechthöreich mit
der ~eichen ernsten Erwartung, wie die Vorträge Wölfflins über Dürer und Hol-
bein,

schrieb er in seiner Autobiographie von 1933 in dem Kapitel "Ich will den
Krieg vergessen". Vergessen konnte er ihn aber nicht.
Mit der Wandlung seines Verhältnisses zum Krieg begann, wie gesagt,
sein politischer Weg, der ihn bis zum Präsidenten des provisorischen Re-
volutionären Zentralrates brachte, zu dem er am 7. April 1919 gewählt

58
wurde. Er lernte 1917 (u. a. durch die Teilnahme an der Tagung auf der
Burg Lauenstein, 4 zu der er vom Jenenser Verleger Eugen Diederich ein-
geladen worden war) Max Weber, Richard Dehmel5 und Ferdinand Tön-
nis kennen. Diese Bekanntschaften zeugen von seinem eher politisch-sozialen
als künstlerischen Interesse um diese Zeit. Dies fand in seinem Engage-
ment bei der Gründung des Kulturpolitischen Bundes der Jugend in
Deutschland6 seine Bestätigung, in dem er seine Antikriegspropaganda
weiter entwickeln konnte. Es war wohl auch kein Zufall, daß er im Winter-
semester 1918 Volkswirtschaft und Soziologie in Heidelberg studierte.
Seine Kriegsge~nerschaft ließ ihn schließlich Kurt Eisner folgen, den er
in Berlin 1917 kennengelernt hatte. Dieser fuhr im Januar 1918 nach
München zu den streikenden Arbeitern in den Rüstungsbetrieben. Ob-
wohl der sogenannte Januarstreik nur kurz dauerte (vom 31. Januar bis
zum 2. Februar 1918) und Toller dem Streikkommitee nicht angehörte,
hinterließen das Gesehene und Erlebte in ihm tiefe Eindrücke.
In einem Flugblatt "Der erste deutsche Massenstreik" vom Februar
1918 lesen wir:

Der erste politische Massenstreik des deutschen Proletariats ist vorüber. Er wird
tiefe Spuren hinterlassen. Mehr als eine Million Arbeiterinnen und Arbeiter haben
unerschrocken ihre Persönlichkeit eingesetzt zu großen politischen Zwecken ....8

Der Januarstreik umfaßte die größten Städte Deutschlands, u. a. Berlin,


München, Hamburg, Magdeburg, Halle, Gotha, Brandenburg. Am 31. Ja-
nuar kam es in München zuerst zu teilweisen Arbeitsniederlegungen. Von
1400 Schichtarbeitern der "Bayerischen Geschützwerke" erschienen nur
400. In den "Bayerischen Motorwerken" stieg die Zahl der streikenden Ar-
beiter im Laufe dieses Tages von 150 auf 250. Die Gesamtzahl der Strei-
kenden betrug an dem 31. Januar 2000 bis 3000 Arbeiter. Es kam zu
Demonstrationen, u. a. in der Schwabinger Brauerei. Dieser Zug führte
von Betrieb zu Betrieb, wo neue Arbeiter für die Demonstration gewon-
nen wurden. Erhard Auer von der SPD versuchte, Gegenaktionen zu or-
ganisieren, indem er eine andere Form des Protests ausnutzte: die
Versammlung. Er berief mit den Gewerkschaftsfunktionären der Rapp-
Werke eine solche Versammlung ein und reservierte außerdem einen Saal
für die Arbeiter von den "Bayerischen Flugzeugwerken", die er von dem
Demonstrationszug abhalten wollte, was Eisner schnell aufdeckte. Ihm ge-
lang es, die ganze Versammlung für den Streik zu gewinnen. Am 2. Fe-
bruar fand auf der Theresienwiese eine Demonstration von 6000 Streikenden

59
statt, an der auch Toller beteiligt war. Trotz der anwachsenden Zahl der
demonstrierenden und streikenden Arbeiter konnte die SPD der Fortset-
zung des Kampfes entgegenwirken. Durch die Gegenmaßnahmen der Re-
gierung (Einsetzung von Militär, Ausrufung des verschärften Belage-
rungszustandes und anderes) und durch die Verhandlungen der SPD mit
der USPD ließen sich die Arbeiter dazu bringen, am Montag, dem 4. Fe-
bruar, die Arbeit wieder aufzunehmen. Der Demonstrationszug am 3. Fe-
bruar, am Sonntag, war die letzte Protestaktion. Darauf folgten
Verhaftungen und Prozesse. Emil Barth, der den Berliner Januarstreik
beschreibt, berichtete 1919, daß "über 200 Streikende zu über 130 Jahren
Zuchthaus"9 insgesamt verurteilt worden waren. Außerdem wurden
40000--50000 Männer ins Militär eingezogen. Die Arbeiter trugen beim
Januarstreik keinen politischen Erfolg davon. Sie erfuhren aber zum er-
sten Mal die Kraft ihrer Gemeinsamkeit in der Aktion, und gerade dieses
beeindruckte Eisner und Toller besonders stark. Von nun an näherte sich
Toller der Arbeiterbewegung und der revolutionären Gesinnung aus an-
deren als nur pazifistischen Gründen.
Über den Januarstreik schreibt Eisner, mit dem Toller bis zu dessen
Verhaftung am 31. Januar 1918 zusammen war:

Das waren die schönsten Tage meines Daseins, die Tage der Erhebung, des Kampfes.
Ich sah wieder Menschenseelen, nicht nur Tiermägen. Und ich konnte an all dem
Großen mithelfen. Seit Kriegsbecfinn trage ich ganz einsam meinen Glauben an die
Masse - auch in Deutschland. 1

An dem Verlauf der Versammlungen beeindruckte ihn vor allem die Selb-
ständigkeit der Arbeiter:

Die (zumeist der Organisation gewidmeten) Verhandlungen verliefen ruhig und


sachlich, doch Begeisterung schwang mit. Ohne daß irgendeiner der 'bewährten alten
Führer' eingriff oder half, kamen rasch zweckmäßige Beschlüsse zustande. 11

Es nimmt also nicht wunder, daß die Stimmung der Arbeiter Toller faszi-
nierte, wenn sie für den politisch viel erfahreneren Eisner von einer so
großen Bedeutung war. Toller beschreibt diese Zeit in "Eine Jugend in
Deutschland" auf einigen Seiten. Obwohl er es nach den Enttäuschungen
der Rätezeit tat, gibt es hier keine Spur von Zweifel an den Arbeitermas-
sen. In seiner Schilderung betont er die gehobene Stimmung der zum Pro-
test entschlossenen Arbeiter, die sogar nach der Festnahme Eisners nicht

60
nachließ: "Eine Massenbewegung, die an ihre Ziele glaubt, ist durch die
Verhaftung der Führer nicht einzudämmen", schreibt Toller.

Der Glaube ist ein entscheidendes Element. ( ...) Diese Arbeiter glauben an ihre
Sache, die Nachricht von der Gefangennahme der Führer beantworten sie mit der
Wahl einer Delegation, die soll beim Polizeipräsidium die Freilassung der Gefange-
nen fordem. 12

Er war Mitglied dieser Delegation. Das Bild der Streikenden im Januar


1918 muß sich in Tollers Bewußtsein so stark eingeprägt haben, daß es
seine Auffassung von der Masse sogar noch bestimmte, als er bereits an-
dere, negative Erfahrungen aus der Rätezeit hinter sich hatte. In "Eine
Jugend in Deutschland" lesen wir über den Streik:

In diesen Versammlungen sah ich Arbeitergestalten, denen ich bisher nicht begegnet
war. Männervon nüchternem Verstand, sozialer Einsicht, großem Lebenswissen, ge-
härtetem Willen, Sozialistenbdie ohne Rücksicht auf Vorteile des Tages der Sache
dienten, an die sie glaubten.

Nach der Verhaftung Eisners wurde Toller aufgefordert, vor diesen Men-
schen zu sprechen:

( ... )zum ersten Male rede ich in einer Massenversammlung. Die ersten Sätze stot-
terte ich, verlegen und unbeholfen, dann sf.reche ich frei und gelöst und weiß selbst
nicht, woher die Kraft meiner Rede rührt. 4

In diesen Sätzen ist die Spannung vorhanden, die der junge Toller vor den
Arbeitern spürte, vor denen Kurt Eisner zuvor als ihr Sprachrohr aufge-
treten war. Eisner selbst beschreibt diese Situation mit den Worten:

Sooft ich von Streik sprach, jubelte alles; die Versammlung war von Anfang an so
gestimmt, daß sie mehr mich als ich sie aufreizte. Ich lieh ihrem dunklen Fühlen nur
das Wort. 15 .

Aufgrund seiner Reden während des Streiks wurde Toller zu sechs Mo-
naten Haft verurteilt. Im Militärgefängnis versuchte er, seine Streikein-
drücke durch politische Studien zu verarbeiten.

Ich nutze die Zeit, ich lese Werke von Marx, Engels, Lassalle, Bakunin, Mehring,
Luxemburg, Webbs. Eher aus Zufall denn aus Notwendigkeit war ich in die Reihen
der streikenden Arbeiter geraten, was anzog, war ihr Kampf gegen den Krieg, jetzt

61
erst werde ich Sozialist, der Blick schärft sich für die soziale Struktur der Gesell-
schaft, für die Bedingtheit des Krieges, für die fürchterliche Lüge des Gesetzes, das
allen erlaubt zu verhungern, und wenigen gestattet, sich zu bereichern, für die Be-
ziehungen zwischen Kapital und Arbeit, für die geschichtsbildende Bedeutung der
Arbeiterklassen. 16

Der Januarstreik leitete mit anderen Worten eine Wende in seinem poli-
tischen Denken ein. Bis dahin waren ihm die "Arbeiterbewegung und ihre
Ziele" "fremd", auf der Schule hatte man ihm beigebracht, "daß die Sozia-
listen den Staat zerstören, daß ihre Führer Schurken seien, die sich berei-
chern wollen (... )" 17• Seinen ersten literarischen Niederschlag fand das
Erlebnis des Generalstreiks in der "Wandlung", die Toller im Militärge-
fängnis vollendete. 18
Viele Szenen hatte er bereits vor dem Streik verfaßt, von denen er einige
als Material für seine Antikriegspropaganda verwandte:

Ich gehe in die Streikversammlungen, ich möchte helfen, irgend etwas tun, ich ver-
teile, weil ich glaube, daß diese Verse aus dem Schrecken des Krieges geboren, ihn
treffen und anklagen, Kriegsgedichte unter die Frauen, die Lazarett- und Krüppel-
szenen aus dem Drama 'Die Wandlung•. 19

Im Militärgefängnis entstand u. a. das 13. Bild, das ohne die Teilnahme


an dem Streik nicht denkbar wäre. Hier stellt sich Friedrich vor die Masse
und ruft zur Wandlung auf. Diese Erlebnisse waren für Toller aber zu ge-
waltig, als daß es in dem Stück, das vorwiegend ein Antikriegs- und Wand-
lungsdrama ist, eine echte Widerspiegelung hätte finden können. Hinzu
kommt, daß Toller den Januarstreik hauptsächlich als eine Antikriegsde-
monstration der Arbeiter erlebt hatte, obwohl sie auch soziale Forderun-
gen gestellt hatten. 20
Als Toller 1919 "Masse-Mensch" schrieb, hatte er die schweren Erfah-
rungen der Räterepublik und ihrer Niederlage hinter sich. Die Arbeiter-
bewegung betrachtete er nun sowohl aus der neuen Sicht der verlorenen
Revolution wie auch aus der zeitlichen Distanz zu seinem Streikerlebnis.
Jetzt hatte er auch ein größeres theoretisches Wissen. Während seiner Ge-
fängniszeit in der Festung Niederschönenfeld (man hatte ihn zu fünf Jah-
ren Haft wegen der Teilnahme an der Revolution verurteilt),21 konnte er
viel lesen. Seine historischen und theoretischen Studien nutzte er vor al-
lem bei der Niederschrift des Dramas "Maschinenstürmer" von 1921 aus.
Bei dem zuvor entstandenen Drama "Masse-Mensch" war er dagegen in
erster Linie von dem Bedürfnis durchdrungen, seine ersten Erkenntnisse

62
so schnell wie möglich niederzuschreiben und brennende Fragen zu for-
mulieren. In dem Brief an einen "schöpferischen Mittler" schreibt er:

Das Drama 'Masse-Mensch' ist eine visionäre Schau, die in zweieinhalb Tagen förm-
lieh aus mir 'brach'. Die beiden Nächte, die ich durch den Zwang der Haft in dunkler
Zelle im 'Bett' verbringen mußte, waren Abgründe der Qual, ich war wie gepeitscht
von Gesichten, von dämonischen Gesichten, von in grotesken Sprüngen sich über-
purzelnden Gesichten.22

Die Frage des Streiks behandelt er in "Masse-Mensch" von einer grund-


sätzlich anderen Position aus als in der "Wandlung". Er wendet sich hier
direkt der Arbeiterbewegung zu, indem er den Streik, den er in dem ersten
Bild schildert, in einem Zusammenhang mit der Revolution bringt. Der
Streik, bei dem auch der Protest gegen den Krieg eine wichtige Rolle
spielt, ist zugleich ein Streik um eine neue Ordnung. Die Zeitspanne zwi-
schen ihm und den eigentlichen Revolutionsereignissen ist so stark zu-
sammengeschrumpft, daß man sie kaum merkt. Durch die erste Szene, die
das einzige Realbild im Drama ist, kann man "Masse-Mensch" als eine
Verallgemeinerung der Streikproblematik auslegen. Hier hat Toller sein
allgemeines Wissen um die Geschichte des Streiks und der Streikerfah-
rungen verarbeitet. Dazu gehört vor allem das Streik- und Revolutionsjahr
1905, das in der darauffolgenden Massenstreik-Debatte in Deutschland eine
wichtige Rolle spielen sollte. Zur Verfechterio der Idee des Massenstreiks
wurde, wie bekannt, Rosa .Luxemburg, eine Zeugin der revolutionären
Ereignisse im zaristischen Rußland.
Am 30. Dezember 1905 kam sie in Warschau an. Um diese Zeit

war( ... ) der Zusammenhang zwischen Polen und Rußland für alle sichtbar; in Polen
gab es nicht etwa eine separate und antirussische proletarische Bewegung, sondern
die Arbeiter beider Länder handelten so, als ob keine ethnische Grenze zwischen
ihnen liege. 23

Im März 1906 wurde sie wegen ihrer revolutionären Tätigkeit verhaftet,


und bis Juli des gleichen Jahres saß sie in der Warschauer Zitadelle und
im Pawiak. Nach der Entlassung fuhr sie über Petersburg und Finnland
nach Deutschland zurück. Über den Massenstreik schrieb sie zuerst in
"Czerwony Sztandar", einer polnischen linken Zeitschrift. 1906, auf dem
Rückweg nach Deutschland, veröffentlichte sie ihre bekannte Schrift
"Massenstreik, Partei und Gewerkschaften", wo sie die russische Streik-
welle von 1905 recht genau darstellt und deren spontane Entwicklung ana-

63
lysiert. Sie betont hier, daß die Arbeiter sich selbständig organisieren kön-
nen. In der Anfangsphase ihrer Protestaktionen würden sie sich recht
autonom den bestehenden politischen Organisationen gegenüber verhal-
ten.

Die festen Organisationen die als unbedingte Voraussetzung für einen eventuellen
Versuch zu einem eventuellen deutschen Massenstreik im voraus, wie eine unein-
nehmbare Festung umschanzt werden sollen, diese Organisationen werden in Ruß-
land gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und während die Hüter der
deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten, daß die Organisationen in einem
revolutionären Wirbel wie kostbares Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns
die russische Revolution das direkt umgekehrte Bild: Aus dem Wirbel und Sturm,
aus Feuer und Glut der Massenstreiks, der Straßenkämpfe steigen empor wie die
Venus aus dem Meerschaum: frische, junge, kräftige und lebensfähige - Gewerk-
schaften. 24

Zugleich kritisiert sie die SPD, daß sie zu großes Vertrauen zu ihren
Macht- und Organisationsfähigkeiten habe. Man brauche nicht die ganze
Arbeiterklasse in die Partei- oder Gewerkschaftsorganisationen zu pres-
sen, um mit ihr eine Revolution durchzuführen. Die Arbeiterorganisatio-
nen sollten nur eine Stütze für diejenigen Arbeiter sein, die sich spontan
zu revolutionären Aktionen entschließen. Ferner behauptete Luxemburg,
daß der Streik nicht bewußt als Instrument zur Einleitung einer Revolu-
tion eingesetzt werden könne. Er entwickle sich zu spontan und zu selb-
ständig. Er sei nicht lenkbar. Der Streik sei in gewissem Sinne die
Revolution selbst; er bilde ihre besondere Form, in der die Arbeiter "reif'
werden, fügt sie 1918 in der Schrift "Die 'unreife' Masse" hinzu. Bemer-
kenswert ist dabei, daß Luxemburg den Streik, um ihn vor den Sozialde-
mokraten für das sozialistische Gedankengut zu retten, von dem
Anarchismus abgrenzte. Diesen taktischen Schachzug nahmen ihr die
deutschen Anarchisten aber nicht übel, denn sie begrüßten ihre Massen-
streiktheorie als eine Chance für ihre eigene Bewegung in Deutschland. 25
Mit ihrer Streiktheorie erfreute sich Rosa Luxemburg in den Kreisen
der deutschen Sozialdemokratie keiner besonderen Beliebtheit, eher um-
gekehrt. Erst spätere Erfahrungen in Deutschland bestätigten ihre scharf-
sinnigen Beobachtungen. Manche, wie z. B. Eisner, der 1906 Luxemburgs
Gegner war, verwandelten unter ihrem Einfluß ihre eigenen Ansichten
über den Streik. 1905 unterschied Eisocr in "Gewerkschaft und Partei" im
Gegensatz zu Rosa Luxemburg streng zwischen dem politischen und wirt-
schaftlichen Kampf. In diesem Zusammenhang erklärte er, daß der "poli-

64
tische Massenstreik" ein "politisches Kampfmittel" sei und deshalb "die
Gewerkschaften mit ihm nichts zu tun"26 hätten. Er wollte alle Reibungen
zwischen den Gewerkschaften und der Partei vermeiden. Erst die deutsche
Kriegs- und Streikerfahrung von 1918 brachten Eisner gedanklich in die
Nähe von Luxemburg. Im April 1917 trat er zur USPD über up.d 1918
sprach er von der Notwendigkeit einer direkten Demokratie unter den Ar-
beitern, die sich von Außenstehenden nicht beeinflussen lassen sollten:

Die Organisation muß sich aufbauen aus den natürlichen Zellen, den Betrieben. Po-
litisierung der Betriebe - das ist die Entscheidung über Macht und Ohnmacht des
deutschen Proletariats. Viel wichtiger noch als die notwendige Einheit ist die Selb-
ständigkeit der Arbeiter. 27

Ob Toller Luxemburgs Schriften gekannt hat, wissen wir nicht, aber viel-
leicht wird er über Max Weber und ganz gewiß über Eisner von ihr gehört
haben. Dafür spricht die Problemstellung in dem Drama "Masse-Mensch",
wo er seine politischen und ethischen Reflexionen in Anschluß an die miß-
lungene Revolution in München eingearbeitet hat. Den politischen Hin-
tergrund bildet die Auseinandersetzung zwischen den Linksparteien, der
SPD, USPD und KPD. Sie folgte auf die Ermordung Kurt Eisners am
21.11.1919. Nachdem Johannes Hoffmann mit seinem SPD-Kurs aus
München nach Bamberg verdrängt worden war, kam es zu einer politi-
schen Radikalisierung, die zur Ausrufung der Räterepublik führte. Die
erste entstand am 4./5.1V.1919 auf Initiative von Teilen der SPD und
USPD und mit Anteilnahme von Anarchisten, wie Gustav Landauer und
Erich Mühsam. An die Spitze der Räterepublik wurde Toller am
7.IV.1919 als Mitglied der USPD gewählt. Ernst Niekisch von der SPD
wollte diese Funktion nicht annehmen, da er überzeugt war, daß keine
Chancen für die Aufrechterhaltung der Räterepublik bestanden. Obwohl
die Kommunisten ihre Mitwirkung ursprünglich versprochen hatten, tra-
ten sie zurück. Sie hatten sich auf ein neues Programm verschworen. Sie
wollten rein kommunistische Räte errichten. Dem provisorischen Zen-
tralrat warfen sie vor, daß er nur eine Scheinräterepublik sei. Er mußte
recht schnell zurücktreten. Am 13.1V.1919 übernahmen Levien und Levi-
ne die Macht. Toller bot den Kommunisten seine Hilfe an, aber sie wurde
vorerst nicht angenommen, im Gegenteil, man nahm ihn sogar kurz ge-
fangen. Nach seiner Entlassung konnte er jedoch noch an dem neuen po-
litischen Gebilde mitwirken. Er meldete sich überraschend als Rotgardist
für die Dachau-Operation. In dieser Zeit lernte er einen anderen Führer-

65
typusals Eisner kennen, und er erlebte auch die Rachelust der Kämpfen-
den.28 Als er am 30. IV. 1919 von der Erschießung der Geiseln auf dem
Hof des Luitpoldgymnasiums erfuhr, zog er sich erschrocken von der po-
litischen Zusammenarbeit mit den Kommunisten zurück. 29 Zugleich ver-
suchte er, die übrigen noch lebenden sechs Geiseln zu retten, was ihm
auch gelang.
Bei der Frage nach den Gründen für Tollers Zusammenarbeit mit den
Kommunisten nach der Niederlage der ersten Räterepublik muß man be-
denken, daß er die Organisation der Räte besonders hoch schätzte. Die
Bildung von Räten stand auch auf dem Programm der zweiten Räterepu-
blik. Sie waren nach ihm eine Chance für die politische Umstruktuierung
der Gesellschaft. Andererseits ist es wichtig zu bemerken, daß Kurt Eisner
eine Art politischer Meister für Toller war. Dieser hatte sich ständig be-
müht, die Feindschaften zwischen den Parteien, vor allem der USPD und
SPD, zu mäßigen. Dabei strebte Eisner jedoch nicht nach einer echten
Lösung der Konflikte, sondern suchte meistens, diese Konflikte zunächst
erst einmal auszuklammern, was man am besten an der Art erkennen
kann, wie er die Minister zu der neuen republikanischen Regierung am 8.
November 1918 auswählte. Er setzte dort trotz des Widerwillens seiner
WählerAuer zum Innenminister durch. Er sagte hierzu in der Versammlung:

Das Ministerium des Inneren, heute wegen der Lebensmittelversorgung eines der
wichtigsten Ämter, wird, wenn Sie einverstanden sind, Auer übernehmen. (Beifall
und Widerspruch) Ich höre Widerspruch und 'Nein', aber wenn wir entschlossen
sind, den Weg in der Sozialdemokratie und Arbeiterschaft hinfort gemeinsam zu ge-
hen, so ist auch das ein Symbol, daß wir aus vollster Überzeugung Ihnen die Wahl
des Herrn Auer empfehlen (Beifall). 30

Diese Politik war für die komplizierte Situation wenig angebracht. Eisner
scheute sich vor einer Reflexion über den grundsätzlichen Konflikt zwi-
schen dem Staat und den Revolutionären und über die politisch unein-
heitliche Arbeiterbewegung. Er versuchte zwar, die Idee der Räte als eines
Kontrollorgans neben dem Parlament zu entwickeln, er tat aber relativ
wenig, um sie politisch zu verwirklichen. Toller kritisiert ihn in "In Me-
moriam Kurt Eisners":

Verhängnisvoll war gewiß auch der Irrtum, die Räte, auf die die Revolution sich
stützte, und die vom beruflichen Fundament organisiert und ausgebaut werden muß-
ten, in ihrer Wirksamkeit zu beschränken und an ihre Stelle die alte Bürokratie zu
setzen. Denn die kleinen und großen Fehler, die die Räte gemacht hatten, sind un-

66
bedeutend gegenüber jenem, der mit der Wiedereinsetzung der natürlichen Feinde
der Republik begangen wurde. 31

Die Räte spielten in Tollers Denken und Wirken 1919 eine wichtige Rolle,
wobei er ihrem kommunistischen Charakter eine zweitrangige Bedeutung
zuschrieb. Mit den Kommunisten arbeitete er vor allem deswegen zusam-
men, weil sie an den Räten programmatisch festhielten. Kompromisse um
positiver Lösungenwillen einzugehen, hatte er von seinem Meister ge-
lernt.
Toller sah bei der Wahl der Volksbeauftragten ein, daß die erste Räte-
republik politisch kein starkes Gebilde sein wird: "(... ) es zeigt sich auch
hier das Unwissen, das Ziellose, die Verschwommenheit der deutschen
Revolution." 32 Die zweite Republik war nach ihm nicht nur schwach, son-
dern auch zu sehr auf dogmatischen Grundsätzen aufgebaut. Sie war zu
schnell von den Weißen gefährdet.33 In den letzten Apriltagen 1919 sah
er seine Funktion darin, dem weißen und dem roten Terror entgegenzu-
wirken. Die Hilflosigkeit des mangelhaft aufgebauten Machtapparates
und die apodiktische Führung der KPD ergänzten sich nach Toller. 1929
schrieb er: "Die deutsche Revolution ist gescheitert am Versagen der
überlebenden Führer, an der Unzulänglichkeit von uns Jungen, die den
Fanatismus hatten, aber nicht genügende Einsicht und Erfahrung." 34 Die
Haftzeit, die mit seiner Gefangennahme am 4. Juni 1919 anfing, endete
im Juli 1924. Die Situation in Deutschland bot neue Probleme, die Toller
nur noch zu melancholischen Reflexionen über die Revolution in "Hin-
kemann" und vor allem in "Hoppla, wir leben!" veranlaßten. Der Nationalso-
zialismus stand bereits vor der Tür.

2. "Masse-Mensch" als politisches Drama

In "Masse-Mensch" gestaltet Toller den dramatischen Konflikt zweier


Führertypen, den der Sonja Irene L., die Vertreteein der Gewaltlosigkeits-
idee ist, und den des Namenlosen, des Vertreters der Gewaltanwendung.
Das Besondere an dem Drama ist, daß hier ein neuer Protagonist auftritt,
die Masse, denn von ihrer Zustimmung hängt die Legitimation der Füh-
rung ab, um welche beide Führer ringen. Dieser Ideenkonflikt wird nicht
nur auf der ethischen, sondern auch politischen Ebene gestaltet. In "Eine
Jugend in Deutschland" hebt Toller zwar gerade den ethischen Aspekt
hervor, doch muß man bedenken, daß er dies schrieb, als er über die po-

67
litischen Folgen der Revolution enttäuscht war. Durch seine Bemerkun-
gen über Gewalt und Schuld als auch durch seine spätere Entwicklung,
die oft Desillusionierungsprozeß35 genannt wird, sind die meisten seiner
Interpreten36 geneigt, den politischen Aspekt von "Masse-Mensch" nur
insoweit zu beachten, als er mit dem ethischen zusammenhängt. Sie stützen
sich u. a. auf den Satz in "Eine Jugend in Deutschland": "Unlösbar scheint
mir dieser Widerspruch, weil ich ·ihn handelnd erlebt hatte" und ich suche
ihn zu formen. So entstand mein Drama 'Masse-Mensch'.".j7 Gestützt auf
diese Äußerung, gehen die Interpreten über Tollers Erkenntnis von der
'Unaustragbarkeit' des Konfliktes zwischen Ethik und Politik nicht weiter
hinaus. In den folgenden Ausführungen möchte ich nun zeigen, daß die
Problematik bedeutend komplizierter ist.
Die Hauptfigur des Dramas ist nicht zufällig eine Frau. Einerseits
wird Sarah Sonja Lerch,38 die Toller während des Streiks in München
kennenlernte, ein Denkmal gesetzt, andererseits wird das Prinzip der Ge-
waltlosigkeit betont. Die Frauen konnten nämlich der Schule der Gewalt-
anwendung, insbesondere der von 1914 bis 1918, besser entweichen als
die Männer. Toller gibt Sonja zusätzlich den Namen Irene, um expressis
verbis auf den Frieden zu verweisen. 39 Bei der Wahl Sonjas zur Hauptfigur
des Dramas mochte auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, daß die
wirkliche Sonja an den russischen revolutionären Ereignissen von 1905
teilgenommen hatte, obwohl Toller sich dazu nicht direkt äußert.
Sonja Irene L besteht auf ihrer Position der Gewaltlosigkeit, weil sie
davon überzeugt ist, daß die Masse schwach und ohnmächt~ ist; der Na-
menlose meint dagegen, "Masse ist Führer/ Masse ist Kraft"4 • Doch beide
Behauptungen treffen auf die Masse zu. Wie wir aus der Geschichte wissen,
kann sie sowohl ohnmächtig wie auch mächtig sein, wobei es wichtig ist,
ob sie als Subjekt oder Objekt im historischen Geschehen auftritt. In
"Masse-Mensch" vermag keiner der beiden Führer die Masse in ein Sub-
jekt zu verwandeln, und dies aus unterschiedlichen Gründen.
Die Frau hat einen leider zu kleinen Freiraum für ihre Aktivitäten. Sie
könnte eine Anführerio in der Demokratie sein, weil sie jeden einzelnen
achtet. Wir sehen, daß sie vor allem unter den Arbeitern stark ist. Dort
kann sie die Proletarier aufklären und mit ihnen zusammen den politi-
schen Kampf organisieren, Entscheidungen treffen. Sie erklärt den Arbei-
tern beispielsweise, daß Maschinen keine Feinde, sondern Mittel in der
revolutionären Bewegung sind. Im Generalstreik, der am Anfang des Dra-
mas beschlossen wird, soll sie die Hauptrolle spielen. In ihrer Auseinan-

68
dersetzung mit dem Namenlosen geht jedoch der Gedanke des General-
streiks verloren, was eine besondere Stimmung schafft. Es kommt zu einer
ldeenverschiebung. Die Handlung spielt sich zwar weiterhin in einem ge-
schlossenen Raum ab, aber man bekommt immer mehr den Eindruck, daß
die Arbeiter von dem Namenlosen zum Kampf auf die Straße gelockt wer-
den. Die Arbeiter, die ihre Betriebe verlassen, verwandeln sich nun in eine
namenlose Masse. Hier gelten nicht mehr die Regeln, von denen ein
Streik bestimmt wird. Hier wirkt eher der Mechanismus der Propaganda
als der der Aufklärung, deswegen kann die Frau vor der Masse nur ratlos
dastehen. Sie weiß, daß die Masse schwach und ohnmächtig ist, weil sie
unaufgeklärt der Propaganda des Namenlosen preisgegeben ist. Man kann
am Schluß sogar den Eindruck gewinnen, daß sie letzten Endes die Masse
im Stich gelassen hat und dabei selber einsam bleibt. Sie zieht sich vom
politisch-historischen Geschehen zurück, was zur Folge hat, daß die
Masse der gewaltsamen Führung des Namenlosen überlassen wird. Sie hat
aber wenig Möglichkeit, anders zu handeln, denn sie kommt nicht aus der
Arbeiterschaft, was der Namenlose in seiner Propaganda gegen sie im
Kampf um die Masse ausnutzt. Schließlich stammt er im Gegensatz zu ihr
aus dem Proletariat; so glaubt er, sich das Recht nehmen zu dürfen, sich
zugleich Masse und Führer zu nennen. 41 Mit dem Argument der Herkunft
weiß er gut zu operieren. Sogar Sonja läßt sich kurz täuschen und versteht
ihn als Sprachrohr der Masse. Sie sagt zu ihm: "Du ... bist ... Masse ... Du
... bist ... Recht. "42 Sie erkennt das Recht der Masse auf Führung und Kraft
an, deswegen will sie deren Einheit nicht zerstören. An dieser Stelle merkt
man eine gewisse Unsicherheit der Frau. Unterliegt sie somit der politi-
schen Taktik des Namenlosen? Meines Erachtens kaum. Sie vertritt zwar
die Idee der Gewaltlosigkeit, aber, wie es sich hier erweist, nicht prinzi-
piell. Primäre Bedeutung haben für sie die Arbeiter und nicht ihr eigenes
Programm oder das Programm des Namenlosen. Daher unterwirft sie sich
vor allem dem Willen der Masse: Sie hält diese Masse für Proletarier, die
sie vom Streik her kennt. Doch sieht sie bald ihren Fehler ein. Auf diese
Weise erscheint sie als eine Revolutionärin fast im Sinne von Rosa
Luxemburg. Sie will in Übereinstimmung mit den Proletariern handeln,
ihnen keine fremde Idee aufdrängen. Sie hält deswegen auch an ihrem
Prinzip der Gewaltlosigkeit nicht blind fest. In ihrer Reaktion auf die
Masse spiegelt sich Tollers Erfahrung, als er sich den Kommunisten fügte,
die die Münchener Räterepublik als Frucht der "Scheinräterepublik" bzw.
der "Revolution der Literaten" 43 bezeichneten und ihr eigenes Programm

69
durchzusetzen versuchten. Gleichzeitig stellt Toller durch die Wahl einer
Intellektuellen als Protagonistin die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu
der Arbeiterklasse bei der revolutionären Aktivität grundsätzlich in
Frage. Da Sonja von außerhalb kommt, erkennt sie recht schnell, daß die
Einheit der Masse unter der Führung des Namenlosen eher eine Herden-
einheit, das Werk eines usurpatorischen Führers ist. Sie nimmt ihr Ein-
verständnis zurück, wobei der sie anklagende Traum von den Gewalttaten
der Revolution eine wichtige Rolle spielt. 44 Der Namenlose behauptet
zwar, daß die Masse Kraft und Führer sei, aber sie ist für ihn nur Mittel
zum Zweck. Hier scheint Toller mit der Massenauffassung von Le Bon
übereinzustimmen, der in der "Psychologie der Massen" über die geistige
Übertragung (contagion mentale) folgendes feststellt:

Die Übertragung ist leicht festzustellen, aber noch nicht zu erklären; man muß sie
den Erscheinungen hypnotischer Art zuordnen ( ... ). In der Masse ist jedes Gefühl,
jede Haltung übertragbar, und zwar in so hohem Grade, daß der einzelne sehr leicht
seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert. Diese Fähigkeit ist seiner
eigentlichen Natur durchaus entgegengesetzt, und nur als Bestandteil einer Masse
ist der Mensch dazu fähig. 45

Von dem Augenblick der Übernahme der Führerrolle an läßt der Namen-
lose die Masse nicht mehr zu Wort kommen. Sie verliert alle Selbständig-
keit. Sie spricht nicht einmal. Sie wiederholt höchstens die Losungen, die
der Namenlose ausgibt.
Die Masse ist vor allem durch die Institutionen der Gewalt geworden
lenkbar, wie "Schule/ Kaserne/ Krieg",46 durch die auch der Namenlose
gegangen war. Von ihnen und durch sie wurde die Macht über die Masse
jahrhundertelang ausgeübt. Diese Struktur der Machtausübung wird jetzt
vom Namenlosen übernommen und als die einzig bekannte von der Masse
akzeptiert. Sie ist als sprachlose, historisch unmündig gewordene Masse
nicht imstande, die Macht selbst auszuüben oder sie an ihre Vertreter zu
delegieren. Der Namenlose kann mithin ein Teil dieser Masse sein, aber
nicht ihr Vertreter im politischen Sinne. Er stellt Forderungen an die be-
stehende politische Ordnung, kann aber keine neue schaffen. Als Führer
vermag er die Masse nur als Objekt im vernichtenden Kampf gegen das
Bestehende in Bewegung zu setzen, da ihr Zerstörungsinstinkt durch die
angestaute Bitterkeit auch ihm eigen ist. Deswegen bekommt er keinen
Namen. Ja, Toller nennt ihn sogar "den Namenlosen". Er ist einer in der
anonymen gesichtslosen Masse. Was er zu artikulieren vermag, ist nur
Wut, Haß und Vernichtung. 47

70
Sonja Irene L. distanziert sich von dieser Masse, weil sie erkannt hat,
daß die aufgehetzte Menge keine rein proletarische ist, daß sie nach an-
deren Prinzipien handelt als nach denen des Streiks. "Masse ist nicht hei-
lig. Gewalt schuf Masse/ Besitzunrecht schuf Masse/ Masse ist Trieb aus
Not/ Ist gläubige Demut .../ Ist grausame Rache .. ./ist blinder Sklave." 48
Die Masse ist also ein negatives Gebilde, vom Staate geschaffen. "Die
Masse war Moloch" wie der Staat, sagt Sonja, was sie aber nicht als eine
prinzipielle Anklage gegen die Masse meint.
In der Schlußszene wird der Masse die Gemeinschaft im anarchistischen
Sinne deutlich gegenübergestellt. Im Drama bilden die Masse und Ge-
meinschaft denselben Gegensatz wie im anarchistischen Denken Gesell-
schaft und Gemeinschaft "Einst ... Gemeinschaft.../ Werkverbundenes
freies Volk .. ./ Werkverbundende freie Menschheit/ Werk-Volk. "49 Unter
dem werkverbundenen Volk kann das Volk in den Betrieben verstanden
werden, obwohl im Anarchismus damit noch mehr gemeint ist. Sowohl bei
Landauer als auch bei Mühsam sind es alle Werktätigen, die im Geiste
der Gemeinschaft eine Einheit bilden, d. h. sowohl Arbeiter als auch In-
tellektuelle. Toller sagt 1930 in einer Diskussion mit Alfred Mühr: "Für
mich ist auch der Angestellte, Beamte, der Intellektuelle ein Arbeiter. "50

3. Die Frau als 9Mensch9 der Proletariermasse

Toller schreibt an Theodor Lessing 1920 über "Masse- Mensch":

'Masse-Mensch' war nach Erlebnissen, deren Wucht der Mensch vielleicht nur ein-
mal ertragen kann, ohne zu zerbrechen, Befreiung von seelischer Not, Befreiung, die
den Zwiespalt nicht selbsttrügerisch durch irgend eine Formel aus der Welt ver-
bannte, sondern die zum Zwiespalt 'ja' und 'Schicksal' sagte. Der einzelne Mensch
kann den Tod wollen. Die Masse muß das Leben wollen. Und da wir Menschen und
Masse in einem sind, wählen wir Tod und Leben.51

Tollers Protagonistin wählt den Tod. Diese Entscheidung, wie auch ihre
Aktivität vor ihrer Verhaftung hängen mit ihrer Erfahrung der Masse eng
zusammen. Sie handelt also vor allem als Repräsentantin der Masse im
politischen Sinne und nicht als Privatperson. Sie ist mithin auch ein
Mensch der Masse, was Toller wieder mit der Namensgebung betont. Die
Frau trägt im Text keinen Namen, er wird nur in dem Personenverzeichnis
genannt. Die Frau plädiert für eine bewußte, individualisierte Masse, d. h.

71
für das werktätige Volk, für die Arbeiter. Nicht ohne Grund widmet Toller
sein Werk den Proletariern. Seine Protagonistin drückt nicht direkte For-
derungen der Proletariermasse aus, sondern ihre Sehnsucht nach Glück,
die über den Egozentrismus des leidenden Ich hinausgeht. Dadurch wird
sie zu ihrem Sprachrohr im Sinne von Lessing, der 1916 in "Geschichte
als Sinngebung des Sinnlosen" folgendes schrieb:

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes 'person' (persona, d. h. Durchtoner) erin-


nert daran, daß der Einzelne nichts anderes ist als das Sprachrohr und die Stimme,
mittels deren sich die Menge entäußern will. 52

Dieser Wille kommt in dem ersten Bild des Dramas zum Vorschein, in
dem es der Frau gelingt, die Proletarier für den Streik zu gewinnen. Sie
gestehen dort:

Sieh, unsere Worte zertriemen sich in Wut und Rache./ Die Herren bauen sich Pa-
lästeJ Da Brüder in den Schützengräbern faulen./ Und Tanz quillt auf den Wiesen,
bunte SpielenJ In Nächten lesen wir davon und heulen auf!/ Und Sehnsucht ist in
uns nach Wissen ...53

Als der Namenlose zu Sonja im Gefängnis sagt: "Du lebst zu früh", ant-
wortet sie: "Du lebtest gestern/ Du lebst heute/ und bist morgen tot/ Ich
aber werde ewig. "54 In diesem Satz ist die ganze Hoffnung des Humanisten
Ernst Toller enthalten. Da das Individuum eine Verquickung von Masse
und Menschen ist, gilt das positive Beispiel der Frau als Versprechen für
andere in der Zukunft. Diese Aussage wird mit der allerletzten Szene ver-
stärkt, wo die zwei Gefangenen sich beim Stehlen besinnen. Mit diesem
bescheidenen Ende will Toller sagen, daß das Vorbild trotz alledem fort-
wirkt, daß es doch realisierbar ist.
Die Frau, die als neuer Führertypus konzipiert ist, scheitert nicht an
der Unrichtigkeit der Idee, sondern deswegen, weil auch die Masse mit
ihren Hoffnungen scheitert. Hier nähert sich Toller wieder Rosa Luxem-
burg, die mit dem negativen Mythos der unreifen Masse bricht. Die Be-
stätigung davon finden wir bei Toller in "In Memoriam Kurt Eisners", wo
er sagt:

Die deutsche Revolution ist nicht daranzugrunde gegangen, daß das Volk nicht reif
war. Jenes Wort von der notwendigen Reife eines Volkes zum Sozialismus ist dia-
lektischer Seiltanz. Reif werden kann man nur in der stündlichen und täglichen Ar-
beit, aber nicht, wenn man eine Mauer zwischen Leben und Tat setzt. Kein Mensch

72
wird reif allein durch Wissen, man muß ihm die Möglichkeit zum Marschieren geben,
dann wird er, trotz Schwankens, trotzhemmender Nebenwege, zum Ziel kommen. 55

Rosa Luxemburg als Anhängetin der Spontaneitätstheorie behauptet Ähn-


liches in ihrer Schrift "Die 'unreife' Masse", wo sie schreibt:

Erst die Kämpfe der Revolution werden in jedem Sinne das Proletariat zur vollen
Reife erheben. Der Beginn der Revolution war das Zeichen, daß jener Reifeprozeß
beginnt. 56

An dem Scheitern der Frau im Drama expliziert Toller den Zusammen-


hang und zugleich die Polarisierung von Person und Masse, von der in
"Eine Jugend in Deutschland" die Rede ist:

Ist der Mensch nicht Individuum und Masse zugleich? Spielt sich der Kampf zwi-
schen Individuum und Masse nur in der Gesellschaft ab, nicht auch im Innern des
Menschen? Als Individuum handelt er nach den als recht erkannten moralischen
Ideen. Ihr will er dienen, und wenn die Welt dabei zugrundegeht. Als Masse wird er
getrieben von sozialen Im~ulsen, das Ziel will er erreichen, auch wenn er die mora-
lische Idee aufgeben muß. 1

Aus dem Drama liest man heraus, daß die konsequente Gewaltlosigkeit
in der sozialen Revolution politisch unmöglich ist, was nicht heißt, daß
sie sich im revolutionären Geschehen überhaupt nicht realisieren läßt.
Dieses muß nur politisch anders organisiert werden. Die Idee der Gewalt-
losigkeit müßte sehr lange Zeit eingeübt werden, wenn sie zum Erfolg füh-
ren soll. Im Drama bricht aber sehr schnell der Zorn der leidenden Masse
aus; von der autoritären Führung hängt nur noch die Intensität des Aus-
bruchs ab.
Sanjas Konsequenz im Gefängnis kann als Inkonsequenz in der politi-
schen Praxis verstanden werden. Sie sagt zum Namenlosen: "... kein
Mensch darf Menschen töten um einer Sache willen" 58 und lehnt die Ret-
tung ab, weil dabei ein Wächter ums Leben kommen müßte. Sie bleibt
trotzdem schuldig, denn um ihrer Gewaltlosigkeitsidee willen ·wird zwar
der eine Wächter gerettet, aber zugleich wird die Masse der Politik des
Namenlosen und damit der sinnlosen Gewalt ausgeliefert. Sie wird auf
diese Weise mitzweierlei Schuld beladen, ihren Genossen gegenüber, die
nach der Niederlage der Revolution verurteilt und erschossen werden,
und ihren Opfern, die sich in dem vierten Traumbild melden und fragen,
warum sie bei Gewalttaten der Revolutionäre geschwiegen hat. "Schwie-
gest beim Sturm auf Stadthaus/ Schwiegest beim Raub der Waffen/

73
Schwiegest zum Kampf', 59 lauten die Ankla~n, die in der Selbstanklage
der Frau münden: "Ich Mensch bin schuldig". Sie weigert sich, der Masse
abzusagen und antwortet dem Wächter, der meint: "Masse ist schuldig",
"so bin ich zwiefach schuldig".61 Kurz darauffolgen die Worte:"O unglück-
lich/ Gesetze der SchuldJ Darin sich der Mensch und Mensch/ verstricken
muß." 62
"Muß" ist kursiv gedruckt. Damit betont Toller die Auswegslosigkeit
dessen, der gesellschaftlich aktiv wird. Aber man muß sich nicht nur als
Revolutionär, sondern auch als Mensch in Schuld verstricken. Das ist der
Grund, warum diese zitierten Worte voller Ratlosigkeit sind. Es ist eine
Anklage gegen die höchste Instanz, gegen Gott. Diese Anklage erscheint
als ein Protest dagegen, daß der Mensch zum Ethischen verurteilt wird.
Sie wird jedoch nicht im letzten, dem siebenten Bild wiederholt, wo Toller
das Sollen als Bekenntnis postuliert, denn am Ende sagt die Frau voller
Hoffnung:

Ich aber werde ewig,


Von Kreis zu Kreis,
Von Wende zu Wende
Und einst werde ich
Reiner,
Schuldloser,
Menschheit sein. 63

Diese Worte drücken eindeutig den festen Glauben an die Erfüllung der
Gewaltlosigkeitsidee aus. Außerdem zeugen sie von Tollcrs besonderer
Geschiehtsauffassung als einer spiralartigen Entwicklung bis zur Mensch-
heit, in der die Zwiespältigkeit zwischen dem Individuum und der Masse
nicht mehr so groß sein wird, weil die Masse zur Gemeinschaft von freien
Menschen sich entwickelt haben wird. Es ist aber ein langwieriger Prozeß,
in dem der Rückfall in das Negative sich noch wiederholen wird, was mit
den Wendungen "Von Kreis zu Kreis" und "Von Wende zu Wende" ange-
deutet wird.
Die Frau stirbt, ihre Entscheidung aber, daß sie ihre Idee trotzalledem
vertreten sollte und wird, bleibt aufrechterhalten. Ihre Teilnahme an der
Revolution war für sie eine Pflicht, womit sie sich unweigerlich in Schuld
verquicken mußte. Aber hierbei macht sie die Erfahrung, die auch die der
Masse sein sollte, daß es zwar eine Pflicht zur politischen Aktivität gibt,
aber keine zur Gewalt, im Gegenteil - diese ist abzulehnen.

74
Die Tragik des Konfliktes zwischen Ethik und Politik liegt nicht in der
Wahl zwischen der Gewaltanwendung und Gewaltlosigkeit, wie Toller
später andeutet, sondern in der Unmöglichkeit, Methoden gegen die Ge-
walt zu finden, die wiederum nicht in die Gegengewalt münden würden.
Toller fand auch keine andere Lösung als die des Opfers, das völlig der
Poetik des expressionistischen 0-Mensch-Dramas entspricht. Die An-
spielung in der Gefängnisszene auf die Kerker-Szene in Goethes "Faust",
wo Gretchen nicht befreit werden will und kann, sondern auf dem Prinzip
der Liebe beharrt, evoziert die Idee der Erlösung. In gewissem Sinne ist
Sonja Märtyrerin für eine Idee, für die sich viele Argumente finden lassen. 64

Toller hat bis zum Ende seines Lebens auch im existentiellen Sinne
keine Methode gegen die Gewalt gefunden. Im Jahre 1939 hat er im An-
gesicht der sich nähemden Katastrophe Selbstmord begangen.

4. Die politische Revolution als neue Perspektive

Toller nennt sein Werk im Untertitel "Ein Stück aus der sozialen Revo-
lution des 20. Jahrhunderts" und zeigt die Niederlage jener Revolution.
Dadurch, daß er sich konsequent bis zum Ende des Stückes auf Relationen
Führer-Masse-Proletariat-Mensch konzentriert, knüpft er - bewußt
oderunbewußt - an das Problem der politischen Revolution an. Sie wird
im Drama nicht wörtlich thematisiert, scheint aber die einzig mögliche
Alternative zu der blutigen sozialen zu bilden. Sie verändert nämlich die
Strukturen der Machtausübung, wodurch sie der Lösung von sozialen Pro-
blemen wenigstens teilweise zuvorkommen müßte, der politische Kampf
würde dann nicht durch die Verbitterung der Massen bestimmt.
Gedanken dieser Art finden wir bereits in Ansätzen der Streik-Debatte.
Rosa Luxemburg spricht in "Massenstreik, Partei, Gewerkschaften" vom
Massenstreik als von der "wichtigsten Waffe", die nicht in die soziale Re-
volution einführt, "sondern als ein Mittel, erst die Bedingungen des tägli-
chen politischen Kampfes(... ) zu schaffen•65 , zu sehen ist. In ihrer Analyse
der Petersburger politischen Generalstreiksaktion von 1905 bemerkt sie:

Nicht die politische Klassc;naktion wurde im Januar durch den Zerfall des General-
streiks in ökonomische Streiks gebrochen, sondern umgekehrt; nachdem der in der
gegebenen Situation und auf der gegebenen Stufe der Revolution mögliche Inhalt

75
der politischen Aktion erschöpft war, zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine ökono-
mische Aktion um. 66

Die ökonomische Funktion, die ein Streik hat, schließt die politische nicht
aus. Sowohl die ökonomische wie auch politische Komponente führen zu
einem Chaos, das eine Vorstufe zu einer neuen politischen Ordnung bil-
den kann.

Das Unterste muß nach oben, das Oberste nach unten gekehrt, die scheinbare 'Ord-
nung' in ein Chaos und aus dem scheinbaren 'anarchistischen' Chaos eine neue Ord-
nung umgeschaffen werden. 67

In diesem Sinne spielt der Streik eine besondere Rolle im politischen


Kampf, für den sich die SPD bis 1917 für zuständig hielt. Der Streik sei

das natürliche Mittel, in breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu


rekrutieren, zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie er gleichzeitig ein
Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und die kapitalisti-
sche Ausbeutung einzudämmen.68

Der politische Kampf kann jedoch nur so lange friedlich verlaufen, bis er
an der Machtstruktur rüttelt. 69 Das gehört auch zu Tollers Erkenntnissen,
der 1925 sagte:

Die Mittel der Tat werden nicht allein von uns gewählt. Wer heute auf der Ebene
der Politik, im Miteinander ökonomischer, menschlicher Interesse kämpfen will,
muß klar wissen, daß Gesetz und Folgen seines Kampfes von anderen Mächten be-
stimmt werden als seinen guten Absichten, daß ihm oft Art der Wehr und Gegen-
wehr aufgezwungen werden, die er als tragisch empfinden muß, an denen er, im tiefen
Sinn des Wortes, verbluten kann. 70

Die Gewaltanwendung gehört zur Revolution nicht als revolutionärer


Faktor, sondern als Folge der direkten Konfrontation mit dem alten Macht-
apparat.71 Die Gewaltaktion kann weitgehend durch die Streikaktionen
eingeschränkt werden, was auch Rosa Luxemburg in "Massenstreik, Par-
tei, Gewerkschaften" unterstreicht:

(... )in dem Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten,
brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig macht, ihn aber
bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode reduziert ( ... ). 72

76
In diese Richtung geht auch Toller, nachdem er die Theorie der Nieder-
lagen verworfen hat. In dem "Kleinen Zwischenfall" schreibt er:

Daß die Niederlage, die die anderen zum Vorwärtstreiben der Revolution für not-
wendig hielten, in unserer Situation das Gegenteil bewirken würde, nämlich Indiffe-
renz großer Massen und gute Gelegenheit für Abenteuer, unter irgendwelchen
Parolen die Arbeiterschaft zu gewinnen. Daß die Niederlagen-Theorie nicht revolu-
tionärem Realismus, sondern revolutionärer Romantik entstamme. 73

In diesem Sinne widersetzt sich Sonja konsequent dem Kampf des Namen-
losen, der die Masse zur gewaltsamen Konfrontation getrieben hat. Toller
deutet das Wesen der Revolution als "Tat und Tun - Einmaliges und
Mannigfaltiges•,1 4 "Tat wirkt Macht". Als Struktur der neuen Macht strebte
Toller eine Demokratie an, "die von unten her, in Form der Rätedemo-
kratie erwächst•.75 Er verband mit dieser Demokratie viel Hoffnung. Ge-
rade deswegen kritisiert er in "Eine Jugend in Deutschland" die Räte von
1918 in einer so scharfen Form:

Mitte Dezember fahre ich zum Rätekongreß nach Berlin. Hier sollte sich endlich der
politische Wille der deutschen Revolution zeigen. Welche Zerfahrenheit, welches
Unwissen, welchen Mangel an Willen zur Macht beweist er. Der deutsche Rätekon-
greß verzichtet freiwillig auf die Macht, das unverhoffte Geschenk der Revolution,
die Räte danken ab, sie überlassen das Schicksal der Republik dem Zufallsergebnis
fragwürdiger Wahlen des unaufgeklärten Volkes ... In jeder parlamentarischen Re-
publik sind die Minister dem Reichstag verantwortlich, die Räte bestimmen, daß die
Volkskommissare ohne die Kontrolle und unabhängig vom Willen des Zentralrats
regieren mögen. Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen. 76

In dem Zitat ist wieder der starke Einfluß von Kurt Eisner bemerkbar, der
die Notwendigkeit der Kontrolle der ausführenden Organe durch die Räte
betonte. Die Räte begingen nach Toller den gleichen Fehler, den die Frau
im Drama beging. Sie traten von der Bühne ab, anstatt die tatsächlichen
Vertreter des Volkes zu werden. Das Drama ist in dem Sinne auch eine
Auseinandersetzung mit der Rätebewegung um 1918. Tollers Hoffnun-
gen, die er mehrmals in seinen Schriften in bezug auf die Räte äußerte,
zeugen davon, daß ihm eher eine politische als eine soziale Revolution
vorschwebte, was in "Masse-Mensch" nicht nur inhaltlich, sondern - wie
wir sehen werden - auch formell teilweise zum Vorschein kommt.

77
S. Exkurs über Tollers Einakter "Deutsche Revolution"(l92l)

Die Handlung ist in "Masse-Mensch" trotz der dualistischen Formel, von


der die Rede war, nicht so stark reduziert, wie es in Toners Einakter
"Deutsche Revolution" von 1921 der Fall ist. Hier verfährt er ähnlich wie
Georg Kaiser, indem er mit Farbenbezeichnungen arbeitet. Die Führer,
d. h. Bonzen von zwei Parteien, die einander feindlich gesinnt sind, treten
als Mönche auf. Die gelben Mönche sind Anhänger des Programms "Im
mani patme hum" und gelten als die radikale Partei (USPD). Die grünen
Mönche bekennen sich zu "Om mani patme hum", womit sie politische
Rechtspositionen im Sinne der SPD, was nicht direkt gesagt wird, vertre-
ten. Zu Augenzeugen der Sitzungen der beiden Parteien werden ein Wan-
derer und sein Begleiter, der Einäugige, der ihm erklärt, daß alle
Parteiprogramme zu Dogmen und Parteien zu Parteikirchen werden. 77
Der Wanderer glaubt noch an die Vernunft und Kraft des Wortes. Er
versucht die Mönche beider Parteien aufzuklären, indem er in einer re-
thorischen Frage das Ideal der Menschlichkeit aufgreift: "Wenn jeder die
Wahrheit aus seinem letzten Menschlichen schöpfe, müssen alle Wahrhei-
ten übereinstimmen?"?8 Aber allem Anschein nach gibt es eine solche
Wahrheit nicht. In der politischen Praxis wird sie zwar von den einzelnen
Parteien angestrebt, das hat aber nur zur Folge, daß jede Partei ihre eigene
Wahrheit findet. Daher verschreien die beiden Parteien in der "Deutschen
Revolution" den Wanderer als einen Intellektuellen und Träumer, was für
uns ein bekanntes Motiv aus "Masse-Mensch" ist.
Der skeptische Einäugige erklärt dem Wanderer:
Sie waren Untertanen und wollen Untertanen bleiben. Nur andere Form der Unter-
tänigkeit wollen sie. Untertan heißt vor allem: nur keine Selbstverantwortung auf
sich nehmen. Erinnern Sie sich: die Menschen nennen Freiheit jene Sklaverei, in der
sie sich wohl fühlen. 79

Der Wanderer wehrt sich gegen diese Auslegung, bis er eine neue Szene
erlebt, in der Mönche und Bonzen beider Parteien versuchen, sich mit der
Schuldfrage nach dem Sieg der Weißen auseinanderzusetzen. Während
dieser Auseinandersetzung steht ein Mönch auf, und für einen Augenblick
flammt die Hoffnung auf etwas Neues auf, der jedoch wie beim retardie-
renden Moment des klassischen Dramas die Katastrophe unerbittlich
fogt. Während sich seine gelbe Kutte in eine rote verwandelt, sagt er:
Aus den Parteien! Nieder mit Bonzen! Wir gründen eine neue Partei! Unser Banner:
Am mani patme hum! So und nicht anders ist der Name der allein seligmachenden
Heilswahrheit! Wer die Revolution nicht weiter verraten will, folge mir.80

78
Er verläßt den Saal mit seinen Anhängern, die früher zu den feindlichen
Parteien gehörten. Der Wandererwird zum Schweigen gebracht. Die letzt-
mögliche Schlußfolgerung wäre, daß in der Politik keine einheitliche
Wahrheit der Menschlichkeit funktionieren kann und darf. Die Wahrhei-
ten hängen dort von der politischen Situation ab, und sobald sie program-
matisch einheitlich werden, verwandeln sie sich in Dogmen.
In dem Einakter fehlen gänzlich die Arbeitermassen. Der Konflikt
spielt sich nur zwischen den Parteiführern und Parteimitgliedern ab. Beide
Seiten sind der sozial-politischen Wirklichkeit völlig entfremdet, was als
Kritik an der Parteipolitik überhaupt zu gelten hat. Die Masse in "Masse-
Mensch" gewährt dagegen den beiden Führern, der Frau und dem Na-
menlosen, die Verbindung mit der politischen Situation außerhalb von
Parteien. Ohne Arbeiter wären die beiden Führer bloß auf ihre Programm-
dogmen angewiesen, wie die Parteibonzen in der "Deutschen Revolution".
Der Vergleich zwischen beiden Stücken läßt die Schlußfolgerung zu, daß
Toller in "Masse-Mensch" auf eine besondere Funktion der Arbeitermas-
sen hinweist. Ohne Kontakt zu den Massen wird die Parteipolitik zu einer
weltfremden Religion. In der "Deutschen Revolution" kann sie nur Dog-
men produzieren.

6. Inhaltliche Konsequenzen der Form

"Masse-Mensch" endet nicht mit einem ratlosen Schweigen. Das ganze


Geschehen dreht sich, wenn es um die Masse geht, um drei Probleme: das
Ringen um die Masse, die Erkenntnisse über sie und Sonjas Schuldbe-
kenntnis der Masse gegenüber. Alle drei bilden einen Zusammenhang,
welcher einen beinahe statischen und monumentalen Charakter hat. Die
expressionistische Form des Dramas ermöglicht Toller, die Revolution
modellhaft darzustellen. Das Modellhafte in "Masse-Mensch" erreicht er,
indem er sich sehr bewußt der expressionistischen Sprache und Form be-
dient. Sie erscheinen für die Reduktion von historischen Details und die
Bildunf von stark konturierten politischen Positionen besonders gut ge-
eignet. 1 Vor die Masse treten zwei Gestalten, die mit Losungen und nicht
mit vollständigen Reden miteinander duellieren. Im dunkleren Licht spie-
len sich die Traumbilder ab (in symmetrischer Anordnung als Bilder 2, 4,
6), die die Frau auf neue Entscheidungen vorbereiten.

79
Das zweite Bild,82 das das erste Traumbild im Drama ist, zeigt die Welt
der Bankiers und Makler, die auf das Elend im Staat nur mit Spenden und
Wohltätigkeitsfesten zu antworten wissen, wobei sie vor allem die Kampf-
lust der Männer im Krieg stärken wollen. Deswegen verläßt die Frau ihre
Welt. Im ersten Bild verabschiedet sich Sonja von ihrem Mann, dem
Staatsbeamten, und im dritten entscheidet sie sich, bei den Proletariern
zu bleiben.
Das vierte Bild folgt der Annahme der Frau, daß der Namenlose viel-
leicht doch "Masse" und "Recht" sei. Hier wird sie zum Augenzeugen des
Tötens im Namen der Revolution. Diesem Bild folgt die Entscheidung der
Frau, nicht mehr zu schweigen und gegen die Methoden des Namenlosen
aufzutreten.
Das sechste Bild ist eine Mischung von Anklagen, die die Frau veran-
lassen, sich für schuldig zu erklären, so daß sie sich im siebenten Bild dem
Todesurteil freiwillig unterwirft.
Toller legte auf den Autbau seiner Dramen, wie es Bütow in seiner Ana-
lyse der "Wandlung"83 gezeigt hat, einen großen Wert. Zu Unrecht be-
hauptet er, daß sich in "Masse-Mensch" keine bestimmte Zielsetzung bei
der Anordnung der Bilder beobachten lasse.84 Von großer Bedeutung für
die Form ist u. a., daß sich in der Mitte des Stückes das Traumbild befin-
det, in dem die Grausamkeit der Revolution, ihre Gewalttaten symbolisch
angedeutet werden. Die Frau resümiert sie mit den Worten:

Gestern standest du
An der Mauer.
Jetzt stehst du
Wieder an der Mauer.
Das bist du
Derheute
An der Mauer steht. 85

An der Mauer der Revolution herrscht die Regel des Wechsels je nach
der politischen Wende, was Toller selber während der zweiten Räterepu-
blik und dann bei der Niederschlagung der Bewegung durch die SPD er-
fahren hat Diese Erfahrungversuchte Hugo Haase in seiner Verteidigungsrede
während der Verhandlung gegen Toller am 15. Juli 1919 zu verallgemeinern.
Er stellte dort fest:

80
Es ist ein Nonsens, daß die Regierung, die selbst durch eine Revolution zur Herr-
schaft gekommen ist, diejenigen als Hochverräter ins Zuchthaus oder gar aufs Scha-
fott schickt, die nichts anderes tun, als sie selbst getan hat. 86

In diesem Zusammenhang erscheint Tollers Versuch, in "Masse-Mensch"


politische Entscheidungen von der Masse und nicht von den staatlichen
Instanzen abhängig zu machen, von besonderer Bedeutung zu sein. Des-
wegen schildert er die Erkenntnis der Masse durch die Frau als einen
Prozeß. 87 Nachdem sie erkannt hat, daß die Masse mit den bewußt pro-
testierenden Arbeitern nicht identifizierbar ist, kehrt sie zu ihrer ethischen
Position und damit zu ihrer Gewaltlosigkeitsidee zurück. Nach Tollers Er-
kenntnis über die Masse einerseits und die Proletarier andererseits könnte
die Revolution, die im Drama als politisches Modell funktioniert, nur
dann erfolgreich sein, wenn die politische Zusammenarbeit mit der Masse
anders organisiert wäre. Zu einer solchen Schlußfolgerung verleitet auch
die Form des Dramas. Das einzige reale Bild ist das erste, in dem die Frau
mit Arbeitern diskutiert, die den Streik beschließen. In der Bühnenanwei-
sung notiert Toller am Anfang des Dramas: "Das dritte, fünfte und sie-
bente Bild in visionärer Traumferne". Gerade im dritten Bild erscheint der
Namenlose, die Arbeiter verlieren ihre Gesichter und verwandeln sich in
eine Masse. Obwohl die eigentlichen revolutionären Tage als Träume
oder visionäre Traumferne gezeigt werden, wird nicht die Revolution am
Ende in Frage gestellt, sondern die rachsüchtige Gewalt und die blinde
Gefolgschaft der Masse, beides wird sogar verurteilt.
Der Streik gehört in ein Bild, das kein Traumbild ist. Damit soll dessen
Geltung betont werden. Man könnte sogar meinen, daß Toller mehr im
Banne des Streiks als der Revolution stand. Die Münchener Revolution
hatte ihn eher enttäuscht. Der Streik war dagegen sein positives Erlebnis.
Er wäre aber ohne die München er Räterepublik pazifistischer Denker ge-
blieben. Durch die revolutionären Ereignisse ist er erst zum Revolutions-
schwärmer geworden, wobei er über die Münchener Erfahrung weit
hinausging. Er wußte als Anhänger der Demokratie: die Arbeiter müssen
in sich den Willen zur Macht entwickeln. Hier bleibt er wieder Eisner treu,
der sagte:

Viel wichtiger noch als die notwendige Einheit ist die Selbständigkeit der Arbeiter.
Ohne die Emanzipation von den Führern bleibt die Arbeiterbewegung seelen- und
willenlos. Die Arbeitsgemeinschaft in den Betrieben muß in ihrer Masse in organi-
siertem Zusammenwirken mit den anderen Betrieben selbst die Führung haben. Sie
dürfen sich nicht 'vertreten' lassen, von niemandem. Außerhalb ihrer eigenen Mas-

81
sensollen sie nur Sachverständige, zu deren Charakter, Wissen, Intelligenz, Mut sie
Vertrauen haben, als Berater hinzuziehen. Dann gelin~ es auch niemals mehr, daß
man die Massen lähmt, wenn man die Köpfe beseitigt.

Toller behauptet, daß es Augenblicke gibt, wo die Arbeitermasse sich mit


der Waffe in der Hand wehren muß. Die Gewalt darf aber nicht aus der
politischen Manipulation eines Führers erfolgen, sondern muß das Resul-
tat, der Entschluß der ganzen Arbeiterschaft sein, die bereit ist, im
Kampfe Opfer zu bringen. Hier nähert sich Toller Erich Mühsam. Beide
treten gegen die Aktivierung und Revolutionierung der Arbeiter durch
eine provozierte Niederlage auf. Toller schrieb 1925 über die deutsche Re-
volution:

[sie) ward eine Mumie, derer Schaustellung heute noch, wer weiß ob morgen die
Regierer dulden. Warum erlosch so jämmerlich die Flamme von 1918? Das Prole-
tariat hatte die Macht. Aber hatte es den Willen zur Macht? Euch, uns alle fand die
Stunde unvorbereitet. Denn wäre siemächtig gewesen, wider unseren Willen zu han-
deln, die Revolution preiszugeben den alten Gewalten. 89

Wären die deutschen Arbeiter auf eine Revolution vorbereitet gewesen,


hätte die Gewaltlosigkeit die Chance gehabt, als politisches Mittel und
politische Kultur realisiert zu werden. In diesem Fall wäre der Namenlose
überhaupt nicht glaubwürdig gewesen, dagegen Sonja Irene L.
Es war aber 1918/1919 zu früh, in der Arbeiterbewegung damit über-
haupt rechnen zu können. Deswegen versuchte Toller die historischen
Hintergründe der Revolution kennenzulernen. Er studierte im Gefängnis
z. B. Materialien zur englischen und deutschen Revolution. Nach "Masse-
Mensch" verfaßte er den "Hinkemann" und die "Maschinenstürmer", ohne
jedoch zu wesentlich neuen Erkenntnissen über die Revolution zu gelan-
gen. Er verblieb bei dem Problem der Niederlage der Revolution von
1918.
Seiner Gefängniszeit folgte die Enttäuschung der nachrevolutionären
Entwicklung, die ihren Niederschlag in dem bitteren Stück Tollcrs "Hopp-
la, wir leben!" findet. Danach folgten Probleme, die der Faschismus mit
sich brachte. Toller versuchte von nun an, überall über die neue Gefahr
zu sprechen, um Kräfte aufzubauen, die ihr entgegenwirken könnten. Eine
Fortsetzung seiner Überlegungen über die Revolution ließ die Zeit nicht
mehr zu, wenn man von seiner Autobiographie absieht.

82
IV. Erich Mühsams "Judas".
Von der Revolutionsidee zur revolutionären Praxis

l. Der Weg eines Bohemien zur Politik

Solange der Nachlaß von Erich Mühsam ungedruckt bleibt,1 können die
meisten Äußerungen über ihn und sein Verhältnis zur Revolution nur
Vermutungen bleiben. Das vorliegende Kapitel ist ein Versuch, seine Revo-
lutionsauffassung aufgrund seiner Schriften zu rekonstruieren, die bisher
erschienen sind. Sobald das ganze Werk von ihm veröffentlicht sein wird,
wird sicherlich einiges zu revidieren bzw. zu erweitern sein.
Trotz der Niederlage der Revolution von 1918 war Mühsam der Pessi-
mismus fremd, den Toller vertrat. Er versperrte ihm den Weg zu weiteren
Gedanken über die Revolution nicht. In der politischen Essayistik, die ei-
nen beträchtlichen Teil seines Schaffens bildet, entwickelte er recht kon-
sequent die Räteidee in bezug auf die Neuorganisierung des politischen
Lebens. Sein stärker als der von Toller politisch geprägte Weg begann mit
der Umsiedlung von Lübeck nach Berlin im Jahre 1900. Diese Stadt wurde
nach der Autbebung des Sozialistengesetzes 1890 ein Zentrum der Anar-
chisten, die sich 1892 von ihren Gesinnungsgenossen in London zu eman-
zipieren begannen. Ulrich Linse schreibt:

Darauflebten diesbezügliche Pläne (anarchistische Veröffentlichungen - B. Ch.) in


Berlin wieder auf; eine Übereinkunft mit Harnisch über den Druck kam zustande;
Leimert wollte als Redakteur zeichnen und das Blatt zum ersten Mal am !.November
1892 und in der Folge monatlich erscheinen lassen. Zur Korrektur der Artikel wurde
von Leimert der stud. phil. Gustav Landauer gewonnen ·dieser trat damit zum ersten
Mal in der anarchistischen Bewegung auf. 2

Erich Mühsam lernte Gustav Landauer in der Neuen Gemeinschaft der


Gehrüder Hart kennen. Diese Bekanntschaft sicherte ihm Kontakte zum
Anarchismus, die er bis Ende seines Lebens mehr oder weniger intensiv
gepflegt hat. Sein anarchistisches Engagement wurde schon sehr früh von
den staatlichen Behörden bemerkt, worauf Heinz Hug hinweist, der sich
auf"Acta des königlichen Polizei-Präsidium zu Berlin" (vom Staatsarchiv
Potsdam) stützt: "Im April 1903 wurde der erste Polizeibericht über ihn
(E. Mühsam - B. Ch.) verfaßt, im Mai seine regelmäßige Überwachung
angeordnet. "3 Hug zitiert aus dem Bericht vom 19. Mai 1903:

83
Als zweiter Redner trat der Schriftsteller Erich Mühsam ( ... )auf. Derselbe nennt
sich als Anarchist und erklärt, daß er mit dem Vorgehen der Sozialdemokratie nicht
einverstanden sei, da dieselbe nicht radikal genug wäre. Der größte Fehler sei es
gewesen, daß sie sich auf den rechtlichen Boden gestellt und die augenblicklich be-
stehenden Gesetze und die Moral ( ... ) als richtig anerkannt habe. Seine Freunde
seien nicht nur für Beseitigung des augenblicklichen Militarismus, sondern auch ge-
gen das Volksheer, wie es die Sozialdemokratie wünsche. Ebenso seien seine
Freunde gegen die Justiz, das bürgerliche Recht, denn niemand habe die Berechti-
gung, über einen anderen zu Gericht zu sitzen. Die Arbeiterorganisationen müßten
abgescharrt und keinerlei Politik betrieben werden. 4

Wie es diesem Zitat zu entnehmen ist, war Mühsarns anarchistische Ge-


sinnung sehr früh mit einem sozial politischen Anspruch verbunden. Die-
ser fehlte in der Neuen Gemeinschaft. Wie harmlos jene Gruppe in Berlin
war, kommt in der Charakteristik, die im "Vorwärts" arn 8. Mai 1902 ge-
macht wurde, deutlich zum Ausdruck:

Die Organisierung der Produktion ist bis jetzt kaum über die ersten Anfänge hinaus
gediehen. Die Gartenarbeiten werden mehr nur zur Erholung von geistiger Tätigkeit,
nicht zu wirtschaftlichen Zwecken, betrieben; wie denn die Mitglieder der Gemein-
schaft überhaupt nicht die Absicht haben, Bauern zu werden oder zu einem Rous-
seauschen Naturzustande zurückzukehren, bloß in steter Vereinigung mit der freien
Naturwollen sie leben; es ist dann auch ein Waldtheater geplant. Von gewerblichen
Erzeugnissen, die aus der Mitte der Vereinigung hervorgegangen sind, haben wir nur
eine Ansichtskarte bemerkt, die, nebenbei gesagt, ziemlich mäßig ausgefallen ist. Es
wäre kaum nötig gewesen, daß die Redner der Neuen Gemeinschaft ausdrücklich
erklären, dem Sozialismus fernzustehen mit ihrem Experiment, keinen Beweis für
die Durchführbarkeit des Sozialismus liefern zu wollen, den sie gar nicht für wün-
schenswert halten( ... ). Mit ihrer Verwerfungjeglicher politischen Betätigung, jegli-
cher Autorität, jeglichen Zwangs stehen sie noch am nächsten den Anarchisten(... ),
deren 'Armer Teufel' übrigens in zahlreichen Exemplaren auslag; den feinen Leuten
aus Berlin W. mag bei dem Anblick merkwürdig zu Mute geworden sein. 5

Mühsam konnte hier zwar seine ersten Gedichte vortragen, machte aber
vorwiegend negative Erfahrungen mit der Gerneinschaft der Aufgeklär-
ten. Interne Konflikte, über die er 1904 kritisch schrieb: "Pfaffen, Weiber
und Irre- dieser Dreibund hat den schönen Plan einer sozialistisch anar-
chistischen Neuen Gerneinschaft zugrunde gerichtet",6 lassen ihn die er-
sten Zweifel an der friedlichen konfliktlosen Einheit der Menschen hegen.
Diese Erkenntnisse formuliert er schon teilweise in seinem ersten Gedicht-
band "Die Wüste" (1904): "Die Gäule, die man Jahre heißt, sie stolpern,/
im faulen Trott, und alle Fugen knarren" 7• Die "knarrenden Fugen" be-
stimmten immer deutlicher sein soziales und politisches Denken. Er ent-

84
femte sich von der Idee der idealistischen friedlichen Gemeinschaft im-
mer mehr.
Eine besondere Rolle spielte für Mühsam die Tatsache, daß Landauer
sich zu dieser Zeit von den Konflikten in der Neuen Gemeinschaft ins
Private zurückzog. In einem Brief teilte ihm 1901 Landauer mit:

Sowie unsereN. G. [Neue Gemeinschaft - B. Ch.) etwas anderes ist als eine viel-
versprechende Vereinigung, werde ich überall, wo ich meinen Fuß hinsetze, für sie
öffentliche Propaganda machen. Vorerst begnüge ich mich damit, mir als Privat-
mensch ein Leben aufzubauen, das für mich auch neue Gemeinschaft ist, aber immer
mit dem bitteren Gefühl, daß es unter uns Freunden gibt, die derlei Lebensführun-
gen nicht nur nicht für neue Gemeinschaft, sondern sogar für meine Todsünde gegen
die Allerweltsdüselei halten.8
Mühsam hielt die Ehe von Landauer und Hedwig Lachmann nicht für eine
Todsünde, selbst heiratete er 1915. Landauers Stellung zu Grundfragen
der Moral und die Auseinandersetzungen in der Neuen Gemeinschaft ga-
ben ihm jedoch den Anstoß zu Reflexionen über das Verhältnis zu dem
Privatleben und der autoritären Moral, die von seinem Freund unverän-
dert vertreten wurde. Mühsam schrieb später:

Der einzig tiefgreifende Konflikt, den ich in den langen Jahren unserer Freunschaft
mit Gustav Landauer hatte, betraf unsere weit auseinandergehende Auffassung über
Ehe, Familie, geschlechtliche Ausschließlichkeit, Eifersucht und Promiskuität, ein
Konflikt, der zwar das persönliche Verhältnis zwischen uns nicht lange trüben
konnte, sachlich aber nie überbrückt wurde. 9

Während Landauer das Private bevorzugte, suchte Mühsam nach einer


neuen Öffentlichkeit und ging mit seiner Abneigung gegen alle Autoritä-
ten nach Ascona:

Hier weiß das Volk, daß eine Befreiung von allem Staats- und Kirchendruck nur
möglich ist durch das Einsetzen jeder einzelnen Persönlichkei~ durch Verweigerung
der Arbeitskraft, - durch den Auszug auf den heiligen Berg. 0

Seine Grundidee, zu der Gedanken von Landauer und Kropotkin aus der
"Gegenseitigen Hilfe" hinzukamen, fand in Ascona einen guten Nährbo-
den für seine späteren Gedankengänge. Er konzentrierte sich um diese
Zeit vor allem auf das Individuum. Der Mensch sei ein Natur- und So-
zialwesen, und als solches sei er imstande, sein Zusammenleben mit den
Mitmenschen frei und gewaltlos zu gestalten. 11 Gewaltlos bedeutet beim
späteren Mühsam jedoch nicht immer friedlich. Es bilde kein Gebot, son-

85
dem nur die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Koexistenz. Ascona war
für Mühsam wichtig als Ort, wo er einen Ansatz zum sozialen Umdenken
durch die Befreiung des Einzelnen von der verinnerlichten Autorität und
anerzogenen Moral fand, der der Neuen Gemeinschaft fehlte.
Mit Mühsams Asconaer Erfahrungen wußte Landauer nichts anzufan-
gen und schon überhaupt nichts mit dessen Begeisterung für Otto Gross'
psychoanalytische Versuche. Dieser Österreichische Psychoanalytiker
hatte in Ascona versucht, Menschen zu ihrer sogenannten ursprünglichen
Freiheit zurückzuführen. Landauer wandte sich 1910 im "Sozialist" scharf
gegen Gross:

Die Nervosität, die Nervenschwäche, die Hysterie und mehr solche Erscheinungen
sind soziale Krankheiten, und die Heilungen, die gegen sie versucht werden, z. B. die
geradezu verbrecherischen oder wahnsinnigen Ps~choanalysen, sind oft schlimmere
Verfallserscheinungen als die Krankheiten selbst. 2

Dagegen protestierte Mühsam in dem Artikel "Frauenrecht", in dem er


von der Sexualfrage ausgeht:

Wir sollten uns hüten, solange wir in der gegenwärtigen, in allen ihren Einrichtungen
und Urteilen ganz ungesunden, Gesellschaft leben, beurteilen zu wollen, was unter
starken und gesunden unter sozialistischen Verhältnissen im intimsten Privatleben
der Einzelnen als Verfallserscheinung zu bezeichnen wäre und was als kräftige
Eigenart.13

Er trat hier nicht nur für das Recht der Frauen auf Gleichberechtigung
auf, sondern plädierte auch für Geschlechtsverkehr ohne Einschränkung
auf die Fortpflanzung und widerlegte die These über die monogarnisehe
Veranlagung der Menschen, indem er die Monogamie vor allem als staat-
liche Forderung ansah, was für diese Zeit eine sehr revolutionäre Ansicht
war.

Es ist eine willkürliche Forderung, die die Staaten aus hauptsächlich erbrechtliehen
Gründen aufstellen, die aber mit dem Sozialismus nicht im Entfemsten zu tun hat,
daß die Menschen, die miteinander in nahen Verkehr getreten sind, einander treu
zu bleiben haben. 14

Mühsam ist nicht davon überzeugt, daß die neue sozialistische Gesell-
schaft auf Ehen und Familien basieren wird.

86
Die Erziehung zur Selbständigkeit in den eigensten Dingen, die Verfügung über den
eigenen Leib, ungehindert von den moralischen Intrigen der Gesellschaft, die Be-
freiung von der öffentlichen Kontrolle der Unberührtheit, die unbedingte Anerken-
nung des Menschen im Weibe,15

sind dagegen Werte, die nach Mühsam das gesellschaftliche Leben grund-
sätzlich verändern und zum Sozialismus beitragen werden. 16 Der Zusam-
menhang der menschlichen Freiheit in der intimen Sphäre mit dem Staat
als dem organisierenden Faktor der zwischenmenschlichen Beziehungen
wäre bei Mühsam ohne Ascona und ohne die Kontakte mit Gross nicht
denkbar gewesen, obwohl die Ascona-Kolonie keineswegs von klaren so-
zial-politischen Vorstellungen durchdrungen war. Mühsam sah sogar ge-
wisse Entwicklungsparallelen zu der Neuen Gemeinschaft:

Ich sehe mancherlei Parallelen zwischen der Entwicklung des 'Monte Verita' von
einem ideellen Experiment. Weniger zu einem kapitalistischen Sanatorium, das je-
dem offen steht, der bezahlt, einerseits, und der Neuen Gemeinschaft der Brüder in
Berlin andererseits, die in ihren Ideen und Prinzipien Großes verhieß, dann aber in
dem sozialen Angstprodukt von Schlachtensee, das schließlich zu einer Hotelpension
mit ethischen Firmenschild wurde, elend verendete. 17

Trotz der Skepsis einerneuen Siedlungsgemeinschaft gegenüber - Mühsam


hielt hier nur eine Künstlerkolonie für möglich 18 - sammelte er in Asco-
na Erfahrungen, die ihm im Kampf gegen jegliche Autorität weiterhelfen
konnten. Seine Bekanntschaft mit Otto Gross war für ihn in doppelter
Hinsicht wichtig. Er fand bei ihm erstens eine Bestätigung seiner Auf-
fassung der Moral in der autoritären Gesellschaft und zweitens wichtige
Überlegungen zur Bestrafung der Kriminellen, was aus folgenden Sätzen
von 1908 ersichtlich ist:

Moral ist also das stillschweigende Übereinkommen der großen Mehrheit, die sich
auf Grund ihrer physischen Macht Gesamtheit nennt, über die Grenzen ihres ge-
meinsamen Interesses. Was mit dem Massenfühlen und Massenwollen kontrastiert,
ist unmoralisch. Das wäre belanglos, und für die, die sich jenseits der Moral aufhal-
ten, ungefährlich, hätte sich nicht der Mehrheitswille Handhaben geschaffen, um
sich durchzusetzen und unbedingte Autorität zu sichern. Das sind Staat und Kirche.
Das sind die schriftlich fiXierten Bestimmungen und Gebote, Verordnungen, Ge-
setze und Strafen mit ihren Funktionären Gott und König, Priester und Richter,
Schutzmann und Abgeordneten. 19

Otto Gross, Sohn des Grazer Rechtswissenschaftlers Hans Gross, lehnte


als Psychiater die Zusammenarbeit mit seinem Vater auf dem Gebiet der

87
Kriminalistik ab. Er hatte während seiner psychiatrischen Studien festge-
stellt, daß in dem autoritären Staat die Strafen als Abschreckung poten-
tieller Verbrecher und nicht als Resozialisation der Bestraften von
Bedeutung sind. Die Kriminellen werden in dem Gefängnis noch assozia-
ler, als sie es vor der Gefangennahme gewesen sind. Außer diesen Gedan-
ken, von denen sich Mühsam angesprochen fühlte, war für ihn auch der
Machtfaktor wichtig, der bei der Bestrafung besonders zum Ausdruck
kommt. Diese Problematik verband er mit seinem Interesse an dem fünf-
ten Stand, dem Lumpenproletariat. In "Neue Freunde" (1909) schrieb er:

Wer( ...) einmal in die Herbergen, in die Kundenkneipen, in die Verbrecherkeller


und Kaschemmen geblickt hat, der weiß, daß hier Menschen Zuhause sind, denen
alles Kompromißmachen, alles Sicheinrichten, Sichbequemmachen fern liegt. 20

Den fünften Stand, den Mühsam hier proletarische Boheme nennt, setzte
er der "sozialdemokratisch erwgenen Arbeiterschaft" entgegen. An Lan-
dauer schrieb er in einem Briefvom 6. Junli 1909:

Im August etwa möchte ich eine öffentliche Versammlung von Arbeitslosen, Huren,
Verbrechern, Kunden usw. abhalten mit dem Thema: Der fünfte Stand - übrigens
hat sich die dringende Notwendigkeit herausgestellt, ein besonderes Flugblatt für
diese Elemente zu schreiben, also für solche, die noch nicht sozial demokratisch ver-
seucht sind und denen noch das Allerprimitivste gesagt werden muß. 21

Während dieser Versammlung wandte er sich voll idealistischer Zuver-


sicht an seine Zuhörer:

Wenn euch erst einleuchtet, wie wertvoll gerade Eure Existenz für die Schaffung
einer neuen Gesellschart ist und noch weit mehr werden kann, mit wieviel größerer
Energie und Freudigkeit werdet ihr dann Ieben?"22

Der sogenannte fünfte Stand interessierte Mühsam als eine Art tabula ra-
sa im politischen Sinne. Da er wie Landauer den Staat als zufälliges
Zwangsgebilde ablehnt (damit auch alle Methoden der parlamentarischen
Verhandlungen, weil sie zu Kompromissen führen, die immer zugunsten
des Staates und nicht des Volkes ausfallen), ist der fünfte Stand seiner
Meinung nach für die neuen Ideen, die sich gegen den Staat richten, be-
sonders "anfällig", denn praktisch lebt er außerhalb der staatlichen Insti-
tutionen.23 Anders verhält es sich mit jenen gesellschaftlichen Klassen,
die einen festen Bestandteil des staatlichen Mechanismus bilden. Sie be-
stehen aus einzelnen Individuen, die sich unterordnen, und sie zu revolu-

88
tionieren, zu radikalisieren, bedeutet so viel, wie an jedem Einzelnen ar-
beiten zu müssen, durch Erziehung und ständige Aufklärung. Das Prole-
tariat gehört mit den anderen Werktätigen im gleichen Maße zum
Mechanismus des Staates. Diese Gleichsetzung treffen wir bei Mühsam
nach der Niederlage der Revolution von 1918/19 nicht mehr an. Und 1930
formulierte er seine Erkenntnis über die Arbeiter, daß sie durch ihre Ver-
gangenheit ein besonderes Bewußtsein hätten:

Der Durchschnittsproletarier, aufgewachsen in engsten, räumlich und geistig be-


schränktesten Verhältnissen schon als Kind in jedem Betracht verkümmert, geduckt,
verprügelt, anspruchslos, äußerlich und innerlich unsauber, ohne ausreichende Er-
nährung, ohne liebende Betreuung, ohne Berührung mit dem Schönen, Behaglichen
und Erwärmenden des kulturellen Lebens, mit fast ertöteter Sehnsucht nach etwas
Reinheit und Güte in einer Welt der Dumpfheit, des Staubes und des boshaften Un-
glücks, - er sucht, auf sich selbst gestellt, ein wenig nachzuholen, was ihm die Kind-
heit vorenthielt, für das mißhandelte Ich, so lange dies armselige Dasein schon
dauern mag, ein bißeben Vergnügen, Unterhaltung, Betäubung und außerhalb der
Arbeitszeit, in der er Sklave ist, Befriedigung im Auftrumpfen als Willensmensch. So
ist die proletarische Masse: ganz und gar individualistisch, in allen Regungen und
Handlungen auf den eigenen Nutzen ( ... ) bedacht, ohne Sinn für grundstürzende
Pläne zur Herbeiführung lebenswürdiger Zustände, deren Segnungen ja doch erst
künftigen Geschlechtern teilhaftig sein würden: dabei befangen in dervon Staat und
Kirche gelehrten Moral von der Heiligkeit des Eigentums, von der Autorität jedwe-
der Obrigkeit, von der Richtigkeit staatlicher Macht, der Macht schlechthin, die aus
göttlichen Bezirken auf den Wandel der Menschen aus Regierungen auf Untertanen,
aus den eigenen Befugnissen als Mann und Familienvater auf Frau, Kinder und
Abhängige niederschlägt.24

Diese scharfsinnigen Beobachtungen über die benachteiligte Klasse und


die vagen Thesen über das reservierte Verhältnis des Proletariats zur Re-
volution im Sinne einer konstruktiven Umorganisierung der Gesellschaft
erinnern an die Ideen über die empörte Masse, die Feuchtwangerund Tol-
ler in ihren Werken zu formulieren versuchten. Mit dieser Auffassung
steht Mühsam weitgehend in Übereinstimmung mit Landauer.. Beide se-
hen die Gefahr, daß die von der Autorität des Staates abhängigen Prole-
tarier zur Verbürgerlichung tendieren. Der Weg zu diesen Erkenntnissen
führt Mühsam von dem Sozialistischen Bund, den Landauer am 19. Mai
1908 gegründet hatte, über seine Gruppe "Tat", die er am 19.Mai 1909 in
München ins Leben rief, bis hin zu dem Weltkrieg und letzten Endes zu
der Revolution von 1918 und ihrer Niederlage.
In dem Sozialistischen Bund, der als Wegbereiter einerneuen Gesellschafts-
ordnung gedacht war, pflegte man von der Revolution als dem großen

89
Umschwung zu sprechen. Der Revolutionsbegriff des Sozialistischen
Bundes stimmte weitgehend mit dem überein, den Landauer in der "Re-
volution• und dem "Aufruf zum Sozialismus" formuliert hat. Landauer
legte den Hauptakzent auf den Geist, der die Politik ablösen sollte, was
durch soziale und politische Revolutionen erreicht werden könne. Durch
Errichtung von Siedlungen, wo Wirtschaft, Industrie und geistige Arbeit
eng miteinander verbunden wären, sollte die Gesellschaft in Gemein-
schaften verwandelt werden. Landauer sprach von einer permanenten Re-
volution, die nicht von heute auf morgen vollzogen werden kann.
Der Aufbau des Sozialistischen Bundes war föderalistisch, was Mühsam
ermöglichte, die Gruppe "Tat" als autonomen Teil des Landauersehen
Bundes zu gründen. Zu dieser Gruppe gehörten u. a. Josef Sontheimer,
Oskar Maria Graf, Pranz Jung. Hier begann Mühsam seine eigentliche
Arbeit, die zur Modifikation des Sozialistischen Bundes durch die Idee
der direkten Aktion und der Radikalisierung des Lumpenproletariats
führte.
Die Art, wie Mühsam 1913 den Begriff der Revolution bestimmte, mag
überraschen, denn er entspricht nicht den Zielsetzungen des Sozialisti-
schen Bundes und der "Tat•, er entspricht vielmehr den anarchistischen
Revolutionsauffassungen, wonach alle Lebensbereiche radikal verändert
werden müssen. Zielbewußtes Revolutionsdenken ist den Anarchisten da-
gegen fremd. In seinem Aufruf "Die Revolution" schrieb Mühsam:

Einige Formen der Revolution: Tyrannenmord, Absetzung einer Herrschergewalt,


Etablierung einer Religion, Zerbrechen alter Tafeln (in Konvention und Kunst),
Schaffen eines neuen Kunstwerkes, der Geschlechtsakt. Einige Synon:gne für Revo-
lution: Gott, Leben, Brunst, Rausch, Chaos. Laßt uns chaotisch sein!

Bis zum Krieg war Mühsam vor allem ein typischer Vertreter der Boheme
im Sinne von Helmut Kreuzer:

Der Begriff Boheme bezeichnet ( ...) eine Subkultur von Intellektuellen - in denje-
nigen industriellen oder sich industrialisierenden Gesellschaften des 19. und 20. Jahr-
hunderts, die ausreichend individualistischen Spielraum gewähren und symbolische
Aggressionnen zulassen -,Randgruppen mit voJWiegend schriftstellerischer, bild-
künstlerischer oder musikalischer Aktivität oder Ambition und mitbetont un- oder
gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Bedeutende und unbedeu-
tende, berühmte, berüchtige und unberüchtige Autoren und Künstler zählen dazu:
Boheme ist keine ästhetisch künstlerische, sondern eine sozial geschichtliche Kate-
gorie.26

90
Mühsam definierte dieses Phänomen in "Ascona" (1905) mit den Worten:

Wenn meine Erklärung richtig ist, so ist ein Bohemien ein Mensch, der aus der
großen Verzweiflung heraus, mit der Masse der Mitmenschen innerlich nie Fühlung
gewinnen zu können - und diese Verzweiflung ist die eigentlichste Künstlernot -
daran losgeht ins Leben, mit dem Zufall experimentiert, mit dem Au:~;enblick Fang-
ball spielt und der allzeit gegenwärtigen Ewigkeit sich verschwistert.

Diese vorwiegend psychologische Komponente löste sich bei Mühsam all-


mählich auf, denn etwa um 1915 begann er, politisch radikal zu wirken. 28

2. Politische Wandlung des Anarchismus von Erleb Mühsam

Obwohl Mühsam den Krieg nicht selber an der Front erleben mußte, be-
wirkte dieser eine Radikalisierung seines politischen Denkens. Als poli-
tisches Ereignis beeinflußte er ihn so stark, daß seine Schriften allmählich
das enthusiastische Pathos, mit dem er sich weniger anarchistisch als anar-
chisch gegen alle Konventionen und Institutionen gewandt hatte, verlo-
ren. Er wurde nun immer mehr zu einem Analytiker der politischen
Situation.
1916/17 schrieb er die "Abrechnung", wo er zwischen der bösen, gesteuer-
ten Aktivität, die er Krieg und Militarismus nennt, und der guten, bewußten,
mit der er die Revolution meint, unterscheidet. Es ist kein neuer Gedanke
von ihm. Er schrieb schon 1912 in "Kain":

Wer in der Meinung, damit seiner Sache zu dienen , die Waffe gegen einen wider-
strebenden Nebenmenschen erhebt, verletzt die Grundidee des Anarchismus, die
Gewaltlosigkeit, und handelt also unanarchistisch. (...) Raten würde ich niemals zu
einem Gewaltakt - es sei denn während der Revolution. 29

Diese Gedanken ergänzte er in der "Abrechnung" mit der Analyse der so-
zialen Situation in der Welt. Er spricht davon, daß all diejenigen, die bis-
her nur regiert und gesteuert worden sind, aktiviert werden müßten. Ihre
Haltung sollte eine enthusiastische sein, d. h. sie sollten mit persönlichem
Engagement handeln, damit es nicht zu einer unbestimmten, richtungslo-
sen Aktivität komme. Mühsam versucht in dieser Arbeit, die Barrieren,
die das Engagement lähmen, zu denunzieren. Er zeigt, daß der Krieg nicht
als Strafe Gottes, Naturgesetz oder historische Gesetzmäßikeit aufgefaßt
werden könne. Er sei nur durch die Passivität des Volkes möglich, das

91
durch die zentralisierte Machtausübung des Staates zu autonomer, eige-
ner Tat unfähig geworden ist. Mühsam verwirft logischerweise historische
Gesetzmäßigkeit, zugleich kritisiert er den Marxismus, ähnlich wie Gustav
Landauer im "Aufruf zum Sozialismusn30. "Die verhängnisvollen Lehren
des Marxismus", schreibt er in der "Abrechnung",

haben in den Massen keine Spur von jenem Mitbestimmungsdrang geweckt, den die
demokratische Ideologie, soll sie ja völkerethisch fruchtbar sein können, vorausset-
zen muß.31

Gründe für das Nichthandeln der Massen sieht Mühsam nicht nur in dem
mangelnden Willen zur Tat, sondern auch in der Außenwelt. Das Vertre-
tersystem spiegele nur die Scheinaktivität des Volkes wieder.

Das Volk begnügt sich damit, alle paar Jahre einmal zur Wahlurne zu gehen, einen
Zettel abzugeben und die gewaltigen Herren in seinem Namen schalten und walten
zu lassen.32

Zum wahren, bewußten Handeln könne das Volk, nur durch "eigenen
Zorn, eigene Überlegung, eigenen Entschluß"33 gelangen. Solch ein Han-
deln sollte zielgerichtet sein, man müsse es als eine sozialpolitische Not-
wendigkeit und menschliche Pflicht erachten. Das "Wir
können's-nicht-Ändern" als Lebenshaltung verwirft Mühsam leiden-
schaftlich, denn, die

... so sprechen, handeln am schmählichsten an der menschlichen Würde und an allen


Gaben des eignen Herzens und Hirns. Denn sie verzichten kampflos auf jede An-
wendung ihrer Fähigkeit, Einrichtungen und Veranstaltungen, die von Menschen
geschaffen sind und benutzt werden, umzustoßen und durch neue zu ersetzen.34

Alle, die auf die revolutionäre Tat verzichten,

( ...) geben anderen Menschen willenlos das Recht kraft dieser Einrichtungen und
Veranstaltungen nach Belieben zu schalten, sei es mit den Rechten und mit dem
Leben jener Indolenten und Resignierten selbst.35

Die •Abrechnung", in der wir diese scharfsinnigen Bemerkungen über den


Aktivitätsmangel des Volkes finden, entstand nach der Bewilligung der
Kriegskredite durch die SPD, der Entscheidung also, die Mühsams Ableh-
nung des Parlamentarismus gut verstehen läßt. Der einzige, der sich im
Parlament gegen den Krieg aufzulehnen wagte, war Karl Liebknecht 36

92
Auch Luxemburgs negative Einstellung zu dem Krieg und ihre Kritik der
SPD-Politik waren für Mühsams Verhältnis zu den Kommunisten wichtig. 37

Von 1916 bis 1917 beteiligte sich Mühsam an den Diskussionsabenden


von Kurt Eisner. Als er aber bemerkte, daß Eisner den kompromißfreu-
digen Weg des Parlamentarismus weitergehen wollte, wandte er sich von
ihm ab. Auf eigene Faust beteiligte er sich am Januarstreik von 1918.
Seine Frau berichtet in "Der LeidenswegErich Mühsams":

Arbeiter der Münchener Kruppwerke stürmten morgens früh in unsere Wohnung


und holten Mühsam aus dem Bett, mit dem Verlangen: 'Erich, sprich du in der Fa-
brik für den Streik!'. Erich folgte freudig dem Ruf der Arbeiter, er war stolz auf das
Vertrauen. 38

Am 7. November 1918 nahm er an der Demonstration auf der Theresien-


wiese teil.

Anschließend fuhr er auf einem Militärwagen von Kaserne zu Kaserne, hielt ver·
schiedene Reden, verkündete die Re~ublik, rief zur Revolution auf und wurde von
den Soldaten als 'Führer' ausgerufen. 9

Nach der Ausrufung der Republik wurde Mühsam am 8. November 1918


in die Reihen des "Revolutionären Arbeiterrates" (RAR) berufen, wo er
zusammen mit Landauer arbeitete. An der Spitze stand Eisner, was Müh-
sam nicht störte, gegen ihn im RAR zu wirken. 40 Zu Zwecken der direk-
ten Aktion, d. h. der direkten Zusammenarbeit mit den Proletariern,
Teilnahme an ihren Aktionen ohne Anspruch auf politische Führung,
gründete Mühsam am 30. November 1918 die Vereinigung Revolutionä-
rer Internationalisten Bayerns (VRI). Hier begannen seine Bestrebungen,
revolutionäre Proletarier zu vereinigen, ohne Rücksicht "auf ihre Beru-
fung auf Marx oder Bakunin". 41 Die VRI sollte politische Parteien ent-
behrlich machen, weil sie als lose Organisation alle revolutionär
Gesinnten vereinigen konnte. Diese Gründung zeugt eindeutig davon, daß
Mühsam die Bildung der republikanischen Regierung unter Kurt Eisner
keineswegs als einen revolutionären Erfolg ansah. Im Dezember 1918 ver-
suchte Mühsam, in direkter Aktion Zeitungsgebäude von dem "Bayeri-
schen Kurier" zu besetzen, um für VRI ein Presseorgan zu gewinnen, was
Eisner aber unterband. Mit der VRI hat Mühsam keinen Erfolg gehabt.
Er trat 1919 als ihr Vertrauensmann zurück. Er wirkte aber weiterhin in
dem Revolutionären Arbeiterrat, der inzwischen radikaler als Eisner ge-

93
worden war. Da Eisner keine entschiedene Rätepolitik führen wollte und
die Einberufung der Nationalversammlung für den 12. Januar 1919 ver-
sprochen hatte, tendierte Mühsam immer mehr in die Richtung, die der
"Spartakus" und seit der Jahreswende 1918/19 die KPD eingeschlagen hat-
ten. Nicht ohne Bedeutung für das Programm des Revolutionären Arbei-
terrates war die Tatsache, daß auch Levien dazu gehörte. Eisner war sich
des Radikalismus im Revolutionären Arbeiterrat ziemlich bewußt, wovon
die Verhaftung von 12 Personen vom Revolutionären Arbeiterrat und der
KPD am 10. Januar 1919 zeugte, die er verordnet hatte, um den Gegenak-
tionen gegen die Wahlen zur Nationalversammlung entgegenzuwirken.
Unter den Verhafteten befand sich nicht nur Levien, sondern auch Müh-
sam. Sie wurden zwar schnell entlassen, aber dieser Schritt Eisners machte
jede politische Zusammenarbeit zwischen ihm und den Radikalen, darun-
ter auch mit Mühsam, unmöglich.
Der Drang nach Ruhe und Ordnung auf dem parlamentarischen Weg
gefährdete nach Mühsam die revolutionäre Bewegung am stärksten. Des-
wegen konnte er das Eisocrische Programm von der "halben Macht den
Räten" nicht akzeptieren, sondern verlangte nach •Alle Macht den Räten".
Wie ernst er es meinte, zeigt seine Teilnahme an dem Kongreß der Arbei-
ter-, Bauern- und Soldatenräte vom 25. Februar bis zum 8. März 1919,
auf dem er als Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates anwesend war.
Er erlebte dort, wie der Kongreß Forderungen einer Delegation während
der Tagung behandelte, die im Programm nicht vorgesehen waren. Man
wollte die Sitzung nicht unterbrechen, von der Tagesordnung nicht abwei-
chen und auf sie eingehen. Dagegen protestierte Mühsam:

Genossen! So sind diese Dinge nicht zu erledigen. Auf diese Weise werden wir eine
Deputation, die das Volk da hereinschickt, nicht abwimmeln. (Rufe: Sehr gut!, Ge-
genrufe) Das Volk, das dort im Wagnersaale und hier auf den Tribünen und sonstwo
zeigt, daß es an den öffentlichen Vorgängen interessiert ist, ist unser Auftraggeber,
ihm sind wir verantwortlich in jedem Augenblick. (Lebhafter Beifall und Händeklat-
schen) Ich meine, daß die Deputation ein Recht darauf hat zu hören, in welcher
Weise wir zu ihren Forderungen Stellung nehmen.42

Mit dieser Forderung wollte Mühsam der Entfremdung der Räte von ih-
ren Wählern entgegenwirken, zu der nach ihm jede Machtausübung füh-
ren kann, wenn sievon der Allgemeinheit, dem Volk nicht kontrollierbar
ist. Deswegen betonte er zusammen mit Landauer die große Bedeutung
des Abberufungsrechts. Es verschafft dem Volk die Chance, sich an der
Macht mitzubeteiligen. Dieses wäre nach Mühsam erst dann möglich,

94
wenn politische Entscheidungen öffentlich diskutiert und getroffen wür-
den. Solch eine Öffentlichkeit, die auf der Basis der kontrollierbaren Räte
aufgebaut wäre, würde den Wählern sowohl die Orientierung wie auch die
Mitbestimmung gewähren. Sie würde zur Politisierung der Massen führen,
die bisher passiv waren. Mühsam behauptete auf dem Kongreß, daß dieser
"gar nicht das Recht hat, unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu tagen". 43

Da es Mühsam an der Einheit in dem revolutionären Kampf lag, arbei-


tete er bis Ende März 1919 mit der KPD zusammen. 44 Bei der Ausrufung
der ersten Räterepublik rechnete Mühsam auf die Zusammenarbeit mit
den Kommunisten, zumal sie anfänglich mit der Ausrufung der Rätere-
publik einverstanden waren. Nachdem jedoch Levine in München
die KP-Ortsgruppe neu organisiert hatte, begann Ende März die Zusam-
menarbeit mit Mühsam allmählich aufzuhören. Levine wollte dem Anar-
chismus gegenüber keine Konzessionen machen.
In der ersten Räterepublik übernahm Mühsam das Referat für Rußland
und Ungarn im Auswärtigen Amt. Obwohl er an dieser Stelle und in so
kurzer Zeit nicht viel erreichen konnte,45 wurde er später vor ein Standge-
richt gestellt. Er beteiligte sich zwar an unterschiedlichen Aktionen, u. a. an
der Verordnung der Geiselnahme, die in der zweiten Räterepublik von der
KPD ausgeführt wurde. Er plädierte zugleich aktiv für die Betriebsräte als
die "allein berechtigte Vertretung des Proletariats",46 was den Konflikt
mit der KPD unüberbrückbar machte.
Während des Militärputsches von Ernst Schneppenhorst gegen die
erste Räterepublik wurde Mühsam am 13. April verhaftet. 47 Der Hochver-
ratsprozeß gegen ihn fand in der Zeit vom 7. bis 12. Juli 1919 statt, in dem
er zu zehn Jahren Zuchthausstrafe verurteilt wurde.
Während seiner Gefängniszeit, unmittelbar nach der Niederschlagung
der Revolution, kehrte er zum Problem der Gewaltanwendung zurück.
Seine Unterscheidung zwischen der gerechten und ungerechten Gewalt-
anwendung aus dem Jahr 1917 ergänzte er um die Klarstellung des Be-
griffes der gerechten Gewalt. Sie werde während der Konfrontation mit
dem Machtapparat durch die Obrigkeit erzwungen. Die ungerechte Ge-
walt ergebe sich dagegen, wie er noch 1926 in der "Befreiung der Gesell-
schaft vom Staat" betonte, aus der Macht des Staates, der "den
Allgemeingebrauch von Zwang"48 dem Volk gegenüber ausübt. Da Müh-
sam die Revolution für einen Prozeß hielt und die Gewaltanwendung im
engen Zusammenhang mit der Abwehr der herrschenden Staatsautorität

95
sah, war er auch gegen jede punktuell organisierte Gewaltanwendung. Sie
habe mit der direkten Aktion, deren Fürsprecher er war, nichts zu tun.
Die direkte Aktion gehört in den Bereich der Basisdemokratie, die Müh-
sam dem Parlamentarismus und der Parteipolitik entgegensetzte.
Obwohl Mühsam einen eindeutig anarchistischen Standpunkt vertrat,
hielt er an dttr Zusammenarbeit mit der KPD Anfang der zwanziger Jah-
ren fest. Er fand, daß diese Partei mit ihrem radikalen Programm das re-
volutionäre Proletariat konsolidieren könne. Er trat im September 1919
sogar der KPD bei. Als diese aber im Oktober 1919 die Heidelberger Leit-
sätze annahm, trat er wieder aus ihr aus. Sowohl den parlamentarischen
Weg wie auch die Zusammenarb~it mit den Gewerkschaften und den Ver-
zicht auf eine konsequente Rätepolitik hielt er für programmatische Kom-
promisse. Er blieb seinen anarchistischen Prinzipien treu. Nach seiner
Begnadigung im Jahre 1924 arbeitete er in der "Roten Hilfe", in der die
KPD Hilfe für politische Gefangene organisierte, in Deutschland und in
der Sowjetunion.

3. "Judas" und die Öffentlichkeit in der revolutionären Praxis

"Judas" entstand ähnlich wie Tollers "Masse-Mensch" im Gefängnis. Am


7. April 1920 schrieb Mühsam aus Ansbach an seinen Freund Carl Georg
von Maassen:

Ich selbst bin eben an ein neues Drama herangegangen: 'Judas. Arbeiter-Drama in
5 Akten', spielt im Januar 1918, hat den Streik von damals zum Hintergrund und die
Transformation des Judas-lschariot Motivs auf modernste Verhältnisse zum Gegen-
stand.49

Obwohl Mühsam hier Erlebnisse auch aus der Revolutionszeit verarbeitet


hat, geht es ihm vor allem um das grundsätzliche Problem der Öffentlich-
keit und nicht um das ganze Geschehen von 1918 und 1919. Bemerkens-
werterweise spart er die Frage des Parlamentarismus aus, mit dem er sich
in Verbindung mit Eisners Poli~ik so intensiv auseinandergesetzt hatte.
Die Taktik der revolutionären Gruppe, Partei und die Führerproblematik
spielen in dem Drama die Hauptrolle. Ohne eine richtige Relation zwi-
schen den Führern und der politischen Gruppe läßt sich Öffentlichkeit
politisch nicht realisieren. Um den komplizierten Mechanismus der Führung

96
zu zeigen, bedient sich Mühsam der Grenzsituation des Verrats, was schon
im Titel "Judas. Ein Arbeiter-Drama" angedeutet wird.
Wir schreiben das Jahr 1918, das gerade begonnen hat. Aus Berlin kom-
men Nachrichten, daß in vielen Städten die Arbeiter streiken, um gegen
den Krieg zu protestieren. Die deutsche Politik nach dem Abkom~en von
Brest-Litowsk empört die Massen, die von der russischen Revolution
1917 beeindruckt sind.
In dem ersten Akt lernen wir eine kleine Gruppe von Revolutionären
kennen. Sie bereiten einen Generalstreik und eine Straßendemonstration
vor. Da oft von den Munitionsarbeitern die Rede ist, handelt es sich in
erster Linie um den 28. Januar 1918, was wir in dem oben zitierten Brief
bestätigt finden.
In der Gruppe der Revolutionäre spielt die Studentin Flora Severin die
Hauptrolle, obwohl sie sich nicht des vollen Vertrauens der Genossen er-
freut, da sie eine Intellektuelle ist. So sagt der Arbeiter Klagenfurter, der
eingezogen werden soll: "Ich habe Mißtrauen gegen die Intellektuellen.
Was das Proletariat angeht, davon wissen sie wenig. •50 Flora Severin fin-
det, daß "das Volk( ... ) noch vollständig blind für alles" sei, "was vorgeht". 51
Sie meint darüber hinaus, daß angesichts der schweren Lage des russi-
schen Volkes der Sieg der Weltrevolution vom deutschen Proletariat
abhänge. 52 Da sich das deutsche Proletariat seiner Sendungsrolle noch
nicht bewußt zu sein scheint, will Flora es durch eine direkte Konfronta-
tion mit dem Machtapparat zu dieser Rolle vorbereiten. Deswegen möch-
te sie es auf die Straße schicken, obwohl sie an dem Erfolg der Aktion, die
sie mit anderen Revolutionären organisieren will, nicht glaubt. Im Ge-
spräch mit dem revolutionären Buchsetzer Schenk,53 dem Protagonisten
des Dramas, bekennt sie: "Nein! Nur glaub ich für den Augenblick nicht
an den Erfolg", woraufSchenk fragt: "Und trotzdem wollen Sie die Massen
in Bewegung setzen?". Sie läßt sich nicht beirren: "Erst recht. Das Prole-
tariat muß die Arbeiterfeindlichkeit der Herrschenden am eigenen Leib
spüren. Vorher wird es zu nichts zu gebrauchen sein. "54 Sie hält die nega-
tiven Gefühle, unter anderem den Klassenhaß für eine vereinende Kraft. 55
Flora betrachtet die Arbeiter sehr instrumental, wogegen Schenk im
Prinzip nichts einzuwenden hat. Beide verbindet eine ungeheuere Treue
zur Idee der Revolution. Sie grenzt an Besessenheit. Im Augenblick, wo
Flora die Sicherheit gewinnt, daß Schenk ihren Plan mitsamt der Opfer-
idee akzeptiert, schließt sie mit ihm einen Freundschaftsbund, den sie mit
der Frage einleitet: "Gäbe es kein Verbrechen, Raffael, daß Sie der Revo-

97
lution verweigern?", die er mit den Worten beantwortet: "Was der Revo-
lution dient - wie kann das Verbrechen sein."56
Die Revolution wird damit zu etwas, dem das Volk und die einzelnen
Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt. Der Freundschaftsbund ist
mit dieser Antwort besiegelt. 57
Flora Severin ist das genaue Gegenteil von Professor Mathias Seebald,
der Gustav Landauer ähnelt. Um ihn gruppiert sich der "Bund Neuer
Menschen". Sein Programm ist Pazifismus und Gewaltlosigkeit im revo-
lutionären Kampf. Flora nennt ihn eine Christusnatur. Tatsächlich spielt
er im Drama die Rolle der Jesusfigur. Von jedem fordert er eine innere
Wandlung5weil erst diese einen jeden "das Wesen echter Gemeinschaft
erkennen" 8 lasse. Landauer, den Mühsam in seinen Erinnerungen seinen
Lehrer und Freund nennt, schrieb ähnlich in "Durch Absonderung zur Ge-
meinschaft". Wie bei ihm spielt auch bei Seebald die Kunst eine wichtige
Rolle. Sie befördere die innere Wandlung, weil sie den "Geist(... ) für das
Gute, Wahre und Schöne"59 bereit mache. 60
Seebald ist eine Autorität, die sowohl Arbeiter als auch Intellektuelle
anzieht. Deswegen soll er nach Floras Plan an der Spitze der Demonstra-
tion auftreten. Nur er wäre imstande, die Arbeitermassen auf die Straße
zu bringen. Er soll den Lockvogel spielen, was Flora klar zum Ausdruck
bringt. Seebald weigert sich jedoch, die Demonstration anzuführen. Er ist
für einen Streik, doch gegen die Eroberung der Straße. Er sagt: "Die Ar-
beiter können und dürfen nur durch sich selbst siegen. Ihr Sieg hängt nicht
von meiner Person und von keiner anderen Person ab.( ... ) Am Streik kann
ich mich freuen, am Umzug nicht." 61 In diesen Ausführungen ähnelt er
nicht nur Landauer, sondern auch Eisner, was erstaunlich ist, da Mühsam
zu Eisner ein sehr kritisches Verhältnis hatte. 62 Seebald fügt hinzu:

Der Staat bricht zusammen, gewaltlos, wenn die arbeitenden Hände erlahmen und
das Beispiel des gewaltlosen Widerstandes, das ihr den Soldaten gibt, wird größer
sein und tiefer wirken, als wenn ihr auf die Straßen geht. 63

Nach Schenk und Flora nimmt diese Art von Widerstand eine zu lange
Zeit ein. "Wir können nicht warten, bis der Staat langsam zusammen-
bricht",64 sagt Schenk. Aus taktischen Gründen will er, daß die Revolution
vor dem Kriegsende ausbricht, deswegen strebt er eine blutige Konfron-
tation an. Schenk lehnt das Programm von Seebald zwar nicht prinzipiell
ab, aber im Grunde genommen will er etwas anderes. Deswegen reden
beide, als sie sich über die geplante Demonstration unterhalten, aneinan-

98
der vorbei. Seebald spricht von Frieden und Gerechtigkeit, Schenk von
Freiheit und Sozialismus. Während Seebald die Gemeinschaft der neuen
Menschen predigt, beha~tet Schenk: "Nur aus Proletariern kann man
neue Menschen machen." Er glaubt, seinen Meister ergänzen zu müssen,
aber in Wirklichkeit strukturiert er dessen Programm völlig um. Aus die-
ser Szene lassen sich einige Unterschiede zwischen Landauer und Müh-
sam ablesen. Während Landauer an die Gemeinschaft durch innere
Wandlung jedes einzelnen glaubte, bevorzugte Mühsam die politische Ak-
tivität des Proletariats, durch die die Revolution vmwärts getrieben
werde. 66 Eine Gleichsetzung zwischen Schenk und Mühsam ist aber nur
partiell möglich, denn diese Dramenfigur verkörpert zugleich die deutschen
Kommunisten während der zweiten Räterepublik. 67
Schenk ist vor allem im ersten Akt Seebalds Jünger, nämlich da, wo er
Klagenfurter zum passiven Widerstand überredet, d. h. zur Kriegsdienst-
verweigerung:

Zwingen? Man kann mich zwingen, etwas zu unterlassen, wenn man mich gewaltsam
dran hindert. Aber man kann mich nicht zwingen, etwas zu tun, was ich nicht will. 68

4. Drei Interpretationsmöglichkeiten des Judas-Motivs

4.1. Bereits nach dem erfolglosen Gespräch mit Seebald erinnert Schenk
an den Judas aus der Bibel, was Seebald ziemlich klar sieht. Er erklärt
expressis verbis, daß Schenk bereit wäre, ihn zu verraten, um die Seele des
Meisters zu retten. Was Seebald damit gemeint haben kann, läßt sich, wie
ich glaube, an einer der möglichen Interpretationen der biblischen Judas-
tat zeigen, die auch für die weitere Textanalyse aufschlußreich sein kann.
Nach dieser Interpretation hat Judas Jesus bewußt, als ein Gläubiger, ver-
raten. Er wollte ihn opfern, damit das Christentum sich auf Erden durch-
setze. Mit seinem Verrat wollte Judas den Passionsweg Jesu und der
Christen einleiten. Diese Interpretation ist auch dann noch möglich, wenn
wir annehmen, daß Judas nicht absichtlich gehandelt hat, sondern ein
Werkzeug in der Hand Gottes war. 69
Der Opfergedanke spielt auch bei Schenk eine wichtige Rolle, jedoch
nicht in Bezug auf Seebald. Er verrät ihn nicht, damit seine Idee, die der
Gewaltlosigkeit, siegt, sondern er will mit seinem Opfer die Masse zur
blutigen Auseinandersetzung mit dem Militär provozieren, was im völli-

99
gen Widerspruch zu Seebalds Lehre steht. Seebald wird für die gewalt-
same Revolution aufgeopfert. Schenk fordert zuvor noch von seinem ehe-
maligen Meister, daß auch er die Notwendigkeit der Gewaltanwendung
im revolutionären Geschehen einsehe, worauf er aber nicht eingehen
kann. Seebald will mit den Arbeitern zusammensein, aber zugleich seiner
Regel treu bleiben: "Begehe keine Handlung, die die Gewalt heraus-
fordert." 70
Schenk entscheidet sich darautbin, im Sinne von Flora zu handeln, d. h.
Seebald in den Dienst einer ihm fremden Idee zu stellen, ihn zu opfern.
Er schreckt auch vor dem Einvernehmen mit dem Polizeirat Tessendorf
nicht zurück. Von ihm bekommt er einen Vorschlag, der paradoxerweise
mit Floras Plänen korrespondiert. Tessendorf erklärt:

Ich glaube, Sie sähen es gar nicht ungern, Herr Schenk, wenn die Regierung - oder
sagen wir, das Militär, etwas sehr Entschi05Senes gegen die Arbeiter unternähme.
( ... )Sie denken sich, ein blutiger Zusammenstoß zwischen Militär und Zivil in diesem
Moment könnte im Lande und an der Front einen derartigen Kriegsüberdruß erre-
gen, daß dem Reich gar nichts anderes übrig bliebe, als - so oder so - Frieden zu
schließen. Vielleicht hoffen Sie auch auf das Versagen der zum Eingreifen komman-
dierten Truppen im entscheidenden Moment, was dann ja die offene Revolution
gleich nach sich ziehen könnte.71

Beide einigen sich auf eine Provokation, bei der Schenk annimmt, daß
Seebald nur verhaftet wird. Der Polizeirat hält aber sein Wort nicht und
läßt auf die Arbeiter schießen. Das hatte Schenk nicht vorausgesehen. Die
Provokation war weiter gegangen, als er glaubte. Er kann den Anblick des
Blutbads nicht ertragen und begeht Selbstmord.

4.2. Schenks Verrat ließe sich auch mit einer anderen Judas-Interpreta-
tion vergleichen, wenn man seine Tat nicht vom Standpunkt Seebalds,
sondern von seinem eigenen betrachtet. Nach dieser Interpretation beging
der biblische Judas seine Tat, weil Jesus in seinen Augen nicht die poli-
tisch-messianischen Hoffnungen des jüdischen Volkes auf ein zukünftiges
Königsreich auf Erden erfüllt habe. Als Judas merkte, daß Jesus immer
wieder das Himmelreich und nicht das auf Erden verkündete, entschloß
er sich, ihn zu opfern, damit er nicht mehr Führer sein konnte. Judas sah
nämlich in Christi Führung die Gefahr, daß die Gewaltlosigkeit die Juden
dem Herrscher preisgibt, den Römern.
In Mühsams Drama verrät die Judasfigur Schenk Professor Seebald,
weil er sein politisches Programm nicht anerkennen will. Er spricht zwar

100
nicht von der Schädlichkeit dieses Programms, aber ist davon überzeugt,
daß es den Befreiungsprozeß des Proletariats verlängern werde. Dadurch
beseitigt Schenk Seebald von der politischen Fläche auf eine schlimmere
Art und Weise als der biblische Judas, der Jesus für die Politik der Juden
unschädlich zu machen glaubte. Er stellt nämlich, wie gesagt, Seebald in
den Dienst seiner eigenen Ideen, der Weltrevolution.
Nach dieser Interpretation kann sowohl die Tat von Judas wie auch die
von Schenk einigermaßen gerechtfertigt werden, weil sie aus allgemein-
politischen Intentionen erfolgt. Keiner von ihnen denkt an persönliche
Vorteile. Das Geld spielt iri beiden Fällen eine nebensächliche Rolle. Ju-
das ging es um die Rettung der Juden, Schenk und Flora schließlich um
die Radikalisierung der Arbeiterklasse, damit sie dem revolutionären
Kampf schneller beitreten könnte. Die Erfahrung des Leids sollte dem
Proletariat seine politische Lage bewußt machen und in ihm einen revo-
lutionären Geist wecken. Flora und Schenk fühlen sich daher berechtigt,
die Arbeiter in eine hoffnungslose Aktion zu treiben. Sie werden von ih-
nen genauso instrumental behandelt wie Professor Seebald. Mit Seebald
werden auch die Arbeiter verraten. Das versteht Schenk erst bei der Ak-
tion der Polizei; daher begeht er verzweifelt Selbstmord.

4.3. Aus der Perspektive des negativen Ausgangs des Plans von Schenk
am Ende des Dramas ist noch eine dritte Interpretation der Judas-Figur
möglich. Schenk begeht Selbstmord, wie Judas, der in der Bibel seine Tat,
den Verrat, zwar als Sünde anerkannt hat, aber nicht imstande war, an die
Auferstehung und Vergebung zu glauben, also an den Sieg Christi. Schenk
erkennt seinen Verrat ebenfalls als eine böse Tat an. Am Ende glaubt er
aber weder an den Sinn der Gewaltanwendung noch an den Sieg der Ge-
waltlosigkeit. Seine Verzweiflung treibt ihn wie Judas in den Tod.
Die Frage nach der Schuld läßt Mühsam offen. Da die Gewalt gerade
ihre historisch frischen Spuren hinterlassen hat, während die Gewaltlosig-
keit politisch noch nicht ausprobiert worden ist, steht die tragische Schluß-
folgerung: "Die Arbeiter und Seebald mußten geopfert werden, damit
gesagt werden kann: es lebe die Revolution!" im Vordergrund.

101
S. Lecharjow als Kommentator des Geschehens

Den Sieg der Revolution verkündet am Ende des Dramas der Russe Le-
charjow:

Das deutsche Proletariat hat vergossen das erste Blut für den Sieg von Frieden und
Freiheit. Es hat beschritten den Passionsweg der sozialen Revolution und hat besie-
gelt mit seinem Blut das Bündnis mit seinen kämpfenden Brüdern in Rußland.n

Dieses Blutbündnis als revolutionärer Erfolg verwirrt uns gänzlich, wenn


wir bedenken, daß "Judas" das Werk eines überzeugten Anarchisten ist.
Soll Schenk doch Recht bekommen? Lecharjows Worte klingen wie eine
Erkenntnis, die die ganze Ambivalenz des dargestellten Geschehens bein-
haltet. Sie klingt wie eine Anerkennung des Leids und der Opfer als einer
bitteren Notwendigkeit in der Arbeiterbewegung. Da sie aber von Lecha-
rjow, einem Begleiter von Seebald ausgesprochen wird, muß man seinen
Standpunkt und Blickwinkel insgesamt berücksichtigen. Er ist ein Russe,
der mit den revolutionären Erfahrungen von 1905 nach Deutschland ge-
kommen ist. Die Revolution von 1917 kennt er dagegen nicht aus eigener
Anschauung. Sie ist für ihn - allem Anschein nach auch für Mühsam
selbst - eine Fortsetzung der damaligen Bewegung, in der die Arbeiter
sich selbständig in Form von Räten organisierten. Seine Erfahrung ent-
spricht der Überzeugung von Mühsam, der unter dem Eindruck der russi-
schen Revolution stand, wovon seine Worte aus dem Jahre 1905 zeugen:

Die 'direkte Aktion ist das ethische Prinzip, das im Gegensatz zur Taktik des Unter-
handelns, der gegenseitigen Verständigung, des Instanzwegs und des Vertretersys-
tems die Tendenz hat, die bessere Lebenshaltung der Arbeiter und weiterhin die
Emanzipation des Proletariats von Kapitalismus und Zentralisation durch unmittel-
bare Selbsthilfe zu bewirken. 73

Lecharjow spielt im Drama die Rolle eines Kommentators, für den Ruß-
land und der Generalstreik einen Bezugspunkt bilden. Lecharjow schaut
auf Floras und Schenks Vorbereitungen zu der Demonstration sehr kri-
tisch. Er spricht von der mangelnden Einigkeit unter den Arbeitern. Flo-
ras Plan stellt er mit den Worten in Frage: "Ja auf dem Programm. Aber
wie wollen Sie aufführen ein Stück, wenn die Schauspieler nicht auftre-
ten. •74 Er versteht den instinktiv vernünftigen Unwillen der Arbeiter, auf
der Straße zu demonstrieren. Aber als die Demonstration trotzdem zu-
stande kommt, sehen wir ihn an Ort und Stelle, inmitten der Bewegung.

102
Er stellt sich nicht hinter Seebald, sondern ist von Anfang an entschlossen,
an dem ganzen Geschehen als Proletarier teilzunehmen. So unterwirft er
sich dem Mechanismus, der mit Schenks Tat in Bewegung gesetzt wird, in
dem das Proletariat ein Objekt und kein agierendes Subjekt ist. l..echarjow
versteht diese Situation sehr gut und sagt daher im Gespräch mit Flora
einiges voraus:

Die Bourgeoisie ist wieder klüger als das Proletariat. Sie wartet ruhig ab, bis sie die
wenigen Sturmtruppen der revolutionären Arbeiterklasse beisammen hat. Und dann
läßt sie hineinschießen und verhaften, was sie fassen kann. Nun, das Proletariat wird
lernen mit der Zeit. 75

Diese Worte korrespondieren mit l..echarjows Sätzen am Schluß des Dra-


mas. Wenn die Arbeiter auch in der konkreten Situation recht hatten,
nicht auf die Straße zu gehen, so ist doch nicht alles umsonst gewesen,
meint l..echarjow. Die Revolution ist eingeleitet. Schenks Tat ist damit
weder endgültig gerechtfertigt noch wird sie völlig verurteilt. Lecharjow
interessiert im Grunde nur das Proletariat, in dessen Nähe er immer sein
will.

6. Mühsams Versuch, die Revolutionsniederlage zu überwinden

Was mag Mühsam mit seinem Drama bewirkt haben wollen? In seiner
"Selbstbiographie" schreibt er:

Das Drama ["Judas"- B. Ch.) unternimmt es, 'Proletkult' unterdem Gesichtspunkt


zu schaffen, der die Schaubühne als revolutionär agitatorische Anstalt betrachtet
wissen will. Der Proletarier soll im Theater keine Symbolik enträtseln und keine
Kunstsprache in seine Prosa übersetzen. Ist mir mit 'Judas' ein Zeitstück gelungen,
das Wissen und Gefühl des Proletariats in seiner Sprache und in seinem Gedanken-
kreis bewegt und von proletarischen Herzen erfaßt wird, so ist das Stück gut. 76

In dem Drama geht Mühsam trotz dieser Zielsetzung über die Gefühle der
Arbeiter hinaus; er versucht den Manipulationsmechanismus in der revo-
lutionären Bewegung überhaupt aufzudecken. Das Proletariat erscheint
daher als reines Objekt politischer Manipulationen, womit Mühsam si-
cherlich beweist: Solange es nicht selber aktiv wird, wird es keinen wirkli-
chen Sieg der Revolution geben. Mit dieser Aussage paßte das Drama
besonders gut in die Zeit nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches

103
von 1920, in der die Arbeiter nicht mehr einig und radikal in Deutschland
kämpften. Die Wirkung dieses Geschehens, d. h. des Kapp-Putsches auf
das Drama ist nicht klar. Mühsam schrieb Ende September 1920 an Anton
Pannekoek über Ergänzungen zur "Einigung des revolutionären Proleta-
riats im Bolschewismus", die er aufgrundder Presse vorgenommen habe:

Nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen war und aus den Zeitungen nachträglich
erkannte, welche Rolle gerade auch die KPD in März gespielt hatte (das Proletariat
sei nicht reif, Propagierung der sozialdemokratischen Regierung mit Zusicherung
loyaler Opposition u. s. w.) schrieb ich im Mai ein Nachwort, in dem ich die Konsti-
tuierung der 'Kommunistischen Föderation' links der KPD vorschlug,n

was darauf hinweisen könnte, daß das Jahr 1920 vielleicht auch bei der
Gestaltung des Konfliktes im "Judas" eine Rolle gespielt hat, obwohl
Mühsam das Drama viel früher geplant hatte. Es eignet sich nämlich als
Anschauungsmaterial zur Problematik der Arbeiteraktivität mit dem Ver-
weis darauf, daß das Proletariat das Vertrauen zur Partei als seiner füh-
renden Kraft verlieren kann.
Zur gleichen Zeit, in der Mühsam "Judas" schrieb, verfaßte er auch die
Schrift "Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus".
Er war sich dessen bewußt, daß der Titel auf Mißverständnisse stoßen
wird. An Max Halbe schrieb er aus dem Gefängnis:

Ich benutze die Zeit mit dem Schreiben eines Buches, das aber mit Uteratur nichts
zu tun hat. Eine theoretische Abhandlung über revolutionäre Organisationsfragen.
Der Titel (erschrecken Sie nicht) 'Die Einigung des revolutionären Proletariats im
Bolschewismus', Tendenz, Sturm gegen die Kommunistische Partei von links her. 78

Interessanterweise widmete er sie Lenin, dem eine Abschrift, wie Pranz


Pfemfert in der "Aktion" berichtet, 1921 übersandt worden war.
In dieser Abhandlung entwickelt Mühsam sehr klar seine Idee des Fö-
deralismus, von der im Drama expressis verbis nichts gesagt wird. Der
Räte-Gedanke wird in "Judas" kaum thematisiert. Wir hören nur Positives
vom Bolschewismus, den Mühsam anders versteht, als wir es heute tun.
Erst aus der erwähnten Schrift erfahren wir ergänzend:

Bedingung für Einigung ist das klare Bekenntnis zum Bolschewismu~ d.h. zur pro-
letarischen, auf den Räten aufgebauten revolutionären Diktatur(...).

104
Daß diese Ansicht nicht der russischen Wirklichkeit entsprach, erkannte
Mühsam erst 1929.80
Der Schluß des Dramas bleibt, wie ich zu zeigen versuchte, weitgehend
mehrdeutig. Sicher ist jedoch, daß Mühsam im "Judas" gegen die Kabi-
netts- und Geheimpolitik auftritt. Das kommt durch die Einführung der
Szene zum Ausdruck, wo Flora Severin und Schenk wie geheime Ver-
schwörer auftreten, und noch deutlicher in der Szene, in der Schenk und
der Polizeirat ihre Abmachung treffen. Der Handlungsverlauf hätte bei
einem offenen Vorgehen, der Mitbeteiligung aller Revolutionäre am Ge-
schehen, bestimmt einen anderen Gang genommen. Aber eine solche Mit-
beteiligung gab es auch in der historischen Wirklichkeit nicht, schon aus
diesem Grund mußte die Revolution scheitern.
Mühsam war ein Anhänger der Überzeugung Bakunins:

Die Revolutionen geschehen durch das Volk, haben ihren Sitz im Volk und jede sich
außerhalb des Volkes bildende revolutionäre Macht ist ihm notwendigetweise entge-
gengesetzt.81

Er selbst schrieb zu dem Problem der Revolution 1922 in der "Aktion":

Es ist nicht die Sache der Theorie, sondern der praktischen Erkenntnis, wann, wo
und in welcher Form Klassenkämpfe auszufechten sind, und die Bestimmung darü-
ber dürfen sich die Arbeiter, die sie auszufechten haben, von keinem noch so revo-
lutionär behangenen Parteivorstand aus der Hand nehmen lassen. 82

Mühsams Begriff des Bolschewismus und seine negative Einstellung zur


Partei und Parteidisziplin finden im "Judas" keinen direkten Nieder-
schlag. Erst durch jene ergänzende Lektüre der Schrift "Die Einigung des
revolutionären Proletariats" können wir die Intentionen des Autors im
Drama besser verstehen; ohne sie entstehen Mißverständnisse von der
Art, wie sie bei der "Judas"-Aufführung 1928 von Leopold Lindberg auf
der Bühne Piscators zutage traten. Man erkennt dies aus den Rezensio-
nen; so verucht Julius Knopf dem "Judas" zwar Positives abzugewinnen,
kann aber seine Enttäuschung nicht verschweigen:

Es ist anzunehmen, daß vieles in dieser Arbeit der Niederschlag sein wird aus Müh-
samseigenen aktiven Revoluzzertagen, und daß er auf Grund jener persönlichen Er-
fahrungen mit Hängen und Würgen ein sogenanntes Theaterstück gebracht hat. Was
daher mit der papiernen Tragödie, mit ihren genügsam bekannten kommunistischen
Volksrednerphrasen und dem darin eingewirkten, kindlichen Intrigenspiel etwas ver-

105
söhnt, ist die nicht zu verkennende Ehrlichkeit, mit der Mühsam sein Drama erfüllt
hat.83

Die Handlung, die Mühsam in "Judas" schildere, sei "nicht belebt, wenn
auch von ihm selbst erlebt". Lecharjows Satz am Ende des Stücks nennt
Knopf einen "schönen Kitschsatz".
Interessanter ist dagegen eine kritische Bemerkung von Mysing, der be-
hauptet:

Der historische Gesichtspunkt, von dem aus Mühsam den ganzen Streik behandelt,
ist ziemlich eng, alles ist sozusagen eine Angelegenheit von Arbeitern unter sich.

Mühsam berücksichtigt wirklich nicht einen breiteren politischen Kon-


text, sondern konzentriert sich auf eine Handlung, die auf die Konfronta-
tion der Arbeiter mit dem Staatsapparat hinausläuft. In dieser Hinsicht
unterscheidet sich das Drama "Judas" von den anderen Werken, die ich in
meiner Arbeit analysiere. Sowohl Feuchtwanger als auch Toller versuchen
den politischen Mechanismus zu rekonstruieren. Mühsam verfährt in sei-
ner Methode jedoch konsequent. In den Mittelpunkt stellt er den Zusam-
menhang von der Partei und den Arbeitern, der ihm im revolutionären
Kampf am wichtigsten war.
Außer der Kritik, die sich auf Mühsams Problemstellung im Drama be-
zog, gab es auch Angriffe gegen die Form des Stücks. Fritz Eugen warf
Mühsam vor, daß er ein "heimlicher Bourgeois" sei, der in "altmodischem
Romanton" über politische Probleme zu sprechen versuche. Ihn störte
Mühsams "Intellektuellendeutsch", das von allen Figuren des Dramas ge-
sprochen werde. Ähnlich reagierteArtbur Eloessen, der in seiner Rezen-
sion schrieb: "Die hier reden alle von demselben Papier, wenn sie auch
verschiedene Zettel zum Aufsagen bekommen haben".
Die genannten Rezensenten hörten aus dem Stück nicht den anarchi-
stischen Grundton heraus. Sie rezipierten das Stück in seiner äußeren
Form, ohne es zu hinterfragen. Eindeutig kommt dies bei Emil Ludwig
zum Ausdruck, der in der "Berliner Volkszeitung" schrieb: "Also wieder
einmal wird das Judenmotiv hier in dem Sinne abgewandelt, daß der Ver-
rat einer Idee zuliebe geschieht". Er bemerkte nicht, daß die Gleichse-
tzung von Schenk und Judas mehr beinhaltet. 84
Die positivste Rezension stammt von Herbert Ihering, der schrieb:

106
Ein menschlich anständiges, edel kämpferisches, gedanklich nicht immer präzises
Stück, das technisch viel straffer und übersichtlicher gebaut ist, als man es von Müh-
sam e!Wartet hätte.

Ihering verwies auch auf die Möglichkeit, daß Mühsams Theaterstück zur
Ausbildung des Ensembles des politischen Theater durch seine politisch
unklaren Stellen besonders gut geeignet sei, da sie gemeinsam diskutiert
werden können.
Die angeführten Kritiker scheinen Mühsams politische Schriften nicht
wahrgenommen zu haben. Sie betrachteten seinen literarischen Text unab-
hängig von all seinen Versuchen, den Bolschewismus neu zu definieren.
Mühsam war sich dieser Gefahr bewußt, daß er wegen seiner Sympathien
für den Kommunismus und den Bolschewismus mißverstanden werden
kann, obwohl er ihn mehrmals eindeutig als Rätedemokratie auslegte. In
der Schrift "Aktiver oder passiver Streik?" (1920) nahm er eindeutig zur
Revolution in Rußland Stellung:

Die russische Revolution ist ihren Weg gegangen, genau wie die besonderen Ver-
hältnisse in Rußland es geboten. Macht man jetzt aus der Praxis der russischen Ar-
beiter und Bauern eine Theorie, nach der sich die Proletarier aller übrigen Länder
in ihrer 'Taktik' für die Weltrevolution richten müssen, so wird man den Gang der
Revolution wahrscheinlich etwas aufhalten, da die Autorität Moskaus zunächst ma-
ßgebend sein wird für die Entschlüsse der westeuropäischen Arbeiter.85

Auch in den späteren zwanziger Jahren verzichtete er nicht auf sein ur-
sprüngliches Verständnis des Bolschewismus, den er nicht nur eng mit
dem Rätegedanken, sondern auch mit Lenin verband. Er rezipierte aber
jenen Lenin, der in der Broschüre "Staat und Revolution" ein Programm
mit der Grundidee •Alle Macht den Räten" und die Auflösung des Staates
formuliert hatte. In "Föderalismus und Zentralismus" versucht Mühsam,
sogar den Zentralismusbegriffvon Lenin zu rechtfertigen, indem er darauf
verweist, daß Lenin "die freiwillige Vereinigung autonomer Korporatio-
nen mit Zentralisationen"86 gleichsetze. Mühsam meint, daß zwischen Le-
nin und der anarchistischen Auffassung der Föderation nur terminologische
Unterschiede vorlägen.
Noch 1929 schrieb er in der "Aktion":

Wenn ich das Wort Bolschewismus weiterhin für die von mir verfolgten Tendenzen
in Anspruch nehme, so tue ich es ohne Rücksicht auf die gegenwärtige taktische
Politik der Bolschewiki und durchaus nur in dem Sinne, den der Begriff durch seinen

107
großen theoretischen Intewreten Lenin in dessen Schrift 'Staat und Revolution' ur-
sprünglich erhalten hatte. 8

Erbemerkt zwar auch, daß die Moskauer Beschlüsse "das Prinzip der Dik-
tatur des Proletariats mit der größten Eindeutigkeit durch das der Partei-
diktatur" ersetzten, doch gibt er seine Vorstellung nicht auf, "der kluge
Lenin werde die wahnwitzige Sabotage-Politik gegen die Räterepublik als
Verhängnis für die Revolution erkennen und abstellen."88 Die Oktober-
revolution war für ihn immerhin eine erfolgreiche Umwälzung der gesell-
schaftlichen Ordnung und dies bestimmte auch sein Verhältnis zu Lenin,
den er in seinem Gedicht auf dessen Tod mit Moses verglich.

7. Mühsam - Eisners Gegenspieler

Mühsam nennt in der "Staatsverneinung" die "Verwaltung des Gemeinwe-


sens durch die von den Arbeitsstätten aus von unten nach oben wirkende
föderative Organisation der Räte (... )"89 als Ziel der Revolution. Eisocr
sagte:

Die Revolution ist keine Demokratie. Sie will sie erst schaffen. Arbeiter und Solda-
tenräte müssen überall die Grundlage der neuen Entwicklung bilden. 90

Trotz des Einklangs der beiden Behauptungen hielt Mühsam die Politik
Eisners für falsch. 1929 schrieb er in "Mein Gegner Kurt Eisner" von Eis-
ners Minimalprogramm als seinem Grundfehler. Es war ihm nicht radikal
genug. Wenn man Eisners und Mühsams politische Taktik miteinander
vergleicht, muß man feststellen, daß sie beide zu Kompromissen bereit
waren, nur auf zwei entgegengesetzten Polen: Eisocr auf der Seite der SPD
und Mühsam auf der Seite der Kommunisten. Der Grund dafür lag meines
Erachtens in ihrer unterschiedlichen Auffassung vom Konflikt. Für Müh-
sam war er ein Kampfprinzip. Auf ihn bezog er immer wieder seinen Re-
volutionsbegriff. Das war auch der Grund, warum Mühsam radikaler als
Landauer war. 91 Er meinte, daß bei der revolutionären Konfrontation der
Klassen die Gewalt unvermeidbar ist. 1929 schrieb er in" Anarchismus und
Revolution" sogar:

Die VeiWeigerung der Kriegsführung zugunsten der proletarischen Revolution hat


mit dem Antimilitarismus gar nichts zu tun und bedeutet pazifistischer Sentimenta-
lität wegen die Preisgabe der Revolution. 92

108
Die Unterscheidung zwischen der gerechten und ungerechten Gewaltan-
wendung, von der er in der "Abrechnung" 1916 schrieb, baute er - wie
gesagt - in seine politische Überlegung fest ein, ohne dabei auf das anar-
chistische Prinzip der Räte als die einzige Form der Staatsauflösung zu
verzichten, wie er in der "Befreiung der Gesellschaft vom Staat" 1926 noch
einmal deutlich ausführte.
Mühsam machte einen Entwicklungsweg durch, den Kurt Eisner nicht
zu gehen vermochte.93 Einen Beweis dafür findet man nicht nur in der
politischen Praxis der beiden interessanten Persönlichkeiten, sondern
auch in ihren literarischen Texten.
Eisner hat das beinahe vergessene Drama "Die Götterprüfung" 1898 zu
schreiben begonnen und es 1918 beendet. Er behandelt hier das Problem
der Macht in der Konvention eines Märchens. Der Prinz Agab verwandelt
sich in einen Tyrannen, sobald er sich die Königskrone aufsetzt. Guldar,
der Volkserlöser, will die Krone auf Wunsch des Volkes nicht annehmen,
weil er der Gefahr der Machtbesessenheit entgehen will. Er warnt auch
die Menschen vor Machtgier, die sich an dem König rächen wollen:

Ihm Richter sein? Wollt ihr ihn richten? Ihr, die feigen Hehler seiner Schuld, die
Sklaven und Dulder der Gewalt, die Schuldigsten! - nein, schl~pt die alten Qualen
nicht in neuen Gebrauch! Laßt ihn in Frieden sich verbergen!

Eisner war nach einer Pause von zwanzig Jahren(!) - und was besonders
verwundert, nach der Erfahrung des Januarstreiks - imstande, die Arbeit
an diesem Drama fortzusetzen, als ob er die Macht als Folge der demo-
kratischen Mitbestimmung des Volkes nicht wahrgenommen hätte.
Der Mühsam von 1918 war ein ganz anderer als der von 1900. Das Dra-
ma "Judas" wäre 1900 nicht denkbar gewesen. 95 Ob Einser derselbe ge-
blieben ist, bleibt dahingestellt. Klar ist jedoch, daß er den Räten die
Krone der Macht nicht geben wollte. Als großer Utopist glaubte er daran,
daß sich das Parlament mit den Räten in der kaum veränderten Institution
des Staates vertragen wird. Mühsam hielt dies dagegen für unmöglich. Im
Dienste der Demokratie konnten nur die Räte als neue Institution stehen,
deswegen mußte er sich von Eisner distanzieren, den er für keinen
"Grundmauern-Einreißer" halten konnte.
Zum Schluß bliebe noch zu fragen, warum Mühsam politisch erfolglo-
ser als Eisner war. Es lag bestimmt nicht nur in seiner organisatorischen
Unfähigkeit96 oder an der sogenannten politischen Indolenz des Anar-

109
chismus.97 Als Anarchist agierte er in einer Gesellschaft, die kurz vorher
noch im Rahmen des kaiserlichen Reiches funktioniert hatte, deswegen
war eine parlamentarische Demokratie als die einzig denkbare Lösung
möglich, was die Wahlen vom 12. Januar zur Nationalversammlung oder
früher noch das Versagen des Berliner Rätekongresses bewiesen. Födera-
tion erfordert eine völlig neue politische Kultur, die in Deutschland in
dieser Zeit kaum da war.
Mühsam versuchte, einen neuen Weg zu zeigen. Seine Forderung nach
absoluter Öffentlichkeit würde ich als sein wichtigstes und für jene Zeit
ganz neues Prinzip des Kampfes um breite Demokratie bezeichnen, denn
nur in ihr können die Konflikte bei der Mitbestimmung der Mehrheit der
Gesellschaftsmitglieder ausgetragen werden, was die Möglichkeit der Ge-
waltanwendung auf ein Minimum reduziert.98 Mühsams Revolutionsbe-
griff beinhaltet demnach nicht nur die "gerechte Gewaltanwendung" im
Falle der Konfrontation mit den angreifenden Machthabern, sondern vor
allem die Verwirklichung des Öffentlichkeits- und Demokratieprinzips in
Form von einer Räteföderation, die eine neue Gesellschaftsordnung be-
deutet hätte. Diese Chance blieb Deutschland 1919 verweigert. Ulrich
Linse stellt hierzu in seiner Arbeit "Organisierter Anarchismus" fest:

Insgesamt wird man bedauernd feststellen, daß der deutsche Anarchismus seinem
Zeugungsfaktor, der staatlichen Repression des Kaiserreiches, auch zum Opfer fiel
und niemals (Münchener Revolutionszeit eingeschlossen) seine anfängliche poli-
tische und gesellschaftliche Isolierung durchbrechen und eine befruchtende Wir-
kung auf das politische Leben Deutschlands ausüben konnte. Dabei hätte dieser
Anarchismus doch ein bedeutender Faktor der Demokratisierung des Reiches wer-
den können, denn er inkarnierte geradezu das 'Unbehagen' an der 'Herrschaft' und
die Entrüstung und Empörung, Abscheu und Verachtung über ungerechte Herr-
schaftsausübung in Deutschland. 99

110
V. Franz Jungs Schaffen.
Die Revolution als Befreiung von der Einsamkeit

l. Franz Jung und seine politischen Aktivitäten

Pranz Jung hat die Novemberrevolution in anderer Weise verarbeitet als


die bisher behandelten Schriftsteller. Es ist ihm recht früh gelungen, das
Zeitgeschehen zu transzendieren, d. h. es in seine Reflexionen über die
grundlegenden Veränderungen der Menschennatur aufzunehmen. In die-
sem Kapitel wird zwangsläufig viel von der Revolutionierung, d. h. Selbst-
befreiung des einzelnen im Rahmen einer Gemeinschaft die Rede sein.
Bei Jung finden wir ähnlich wie bei Mühsam zahlreiche theoretische
Überlegungen, die ihren Niederschlag auch in seinen literarischen Wer-
ken finden. Daher werde ich mich nicht nur auf diese beschränken, son-
dern auch seine theoretischen Schriften berücksichtigen. Dadurch wird
sich dieses Kapitel beträchtlich von den vorhergehenden unterscheiden.
Jungs Erkenntnisse über die Revolution bekommen durch ihre psycholo-
gische Pundierung eine neue Dimension, sie lassen sich auch auf geschicht-
lich andere Zeiten übertragen und führen in gewissem Sinne über den
Revolutionsbegriff hinaus.
In seinen Prosawerken und Dramen schildert Pranz Jung zwar einzelne
Kämpfe aus den "roten Jahren", wie er die Zeit 1918-1921 nannte, bemüht
sich aber nicht um eine zusammenhängende Darstellung des Zeitgesche-
hens und schon gar nicht der Novemberrevolution 1918. Der Grund hier-
für liegt darin, daß er diese Revolution nie für einen politisch
einheitlichen Vorgang gehalten hatte. Sie interessierte ihn auch nicht so
sehr als konkretes Ereignis, sondern war für ihn vor allem eine historische
Vorlage für seine theoretischen Überlegungen über die Revolution als
solche.
Dies mag im Falle von Pranz Jung überraschen, weil er politisch ja sehr
engagiert war. Auf der Suche nach einem realisierbaren effektiven Revo-
lutionsprogramm wechselte er von Partei zu Partei. Seit 1917 arbeitete er
mit den illegalen Spartakus-Gruppen als Redakteur des "Industrie-Ku-
riers" zusammen. Am 20. Januar 1919 trat er in die KPD ein, aus der er im
Oktober des gleichen Jahres wegen seiner offenen Kritik 1 ausgeschlossen
wurde. Er kritisierte die KPD vor allem wegen ihrer Passivität, die die
Partei nach der Niederlage von 1919 lähme. Sie erinnere durch ihre Be-

111
reitschaft zur Teilnahme an den Wahlen und zur Zusammenarbeit mit
dem Staat an die SPD und USPD. Außerdem sei sie hierarchisch aufge-
baut, nach dem Leuinsehen Prinzip, was ihr die Zusammenarbeit mit an-
deren revolutionären Gruppen, z. B. mit den nicht organisierten
Arbeitern, versperre. Im Apri11920 gründete Jung zusammen mit Alexan-
der Schröder, Alexander Schwab und Bernhard Reichenbach die KAPO
die sich im Gegensatz zu der KPD zu direkter Aktion entschieden hatte. 2
Als Mitglied dieser Partei fuhr er illegal nach Moskau. Sein Treffen mit
Lenin und seine Beobachtungen der russischen revolutionären Ereignisse
trugen dazu bei, daß er nach seiner Rückkehr die Notwendigkeit der Ei-
nigung der Arbeiterklasse befürwortete. Er versuchte, bei der KAPO seine
Überzeugung durchzusetzen, daß die "Dritte Internationale als General-
stab des internationalen Proletariats" anerkannt werden sollte. Er stieß
jedoch auf Widerspruch, denn die KAPO begann sich den Moskauer Ein-
flüssen zu entziehen? Wegen ihrer zunehmenden Gegnerschaft zu Rußland
trat er noch 1920 aus dieser Partei aus. 4 In den nächsten beiden Jahren
sammelte er als Funktionär der Internationalen Arbeiterhilfe weitere Ruß-
landerfahrungen, diesmal im Walgagebiet Da er aber mit der sich heraus-
bildenden neuen Bürokratie nicht zurechtkommen konnte, kehrte er
enttäuscht nach Deutschland zurück.

Praktisch war ich ein Außenseiter, ein störendes Element auf lange Sicht gesehen,
auch einer mit dem messianischen Gedanken, der beim Neuaufbau einer Gesell-
schaft immer nur ein Störenfried und Schädling bleiben wird", 5

erklärte er in seiner Autobiographie "Der Weg nach unten". Nach seiner


Rückkehr zog er sich aus dem politischen Leben zurück und nahm wieder
seine Korrespondenten-Tätigkeit auf.
Parallel zu seinem kommunistischen politischen Engagement ent-
wickelte er Ideen, die ästhetisch vom Expressionismus 6 und Dadaismus,
thematisch vor allem vom Anarchismus herkamen. Erste Kontakte zum
Anarchismus hatte er 1911 in München, als er Erich Mühsam und Gustav
Landauer kennenlernte. Hier verkehrte er in der Münchener Boheme des
Cafes Stephanie, die sich um diese Zeit so langsam auflöste. 7 Zu gleicher
Zeit wurde er Mitglied der Gruppe "Tat" von Erich Mühsam. Um 1911
begann auch seine Zusammenarbeit mit Otto Grass, der um diese Zeit in
Ascona einen großen Einfluß nicht nur auf die Bohemien 8 ausübte. Für
Jung war vor allem Grass' Gedanke grundlegend, daß die Psychoanalyse
zur Vorbereitung der Revolution berufen sei, denn sie helfe dem Men-

112
sehen, sich von den verinnerlichten Autoritäten zu befreien. Diese Auto-
ritäten versuchte Jung in seinen Schriften: "Was suchst du Ruhe, wenn du
zur Unruhe geboren bist?" (1915), "Reden gegen Gott"(1915), "Feinde
ringsum" (1916) zuerst in Frage zu stellen. Und so spricht er in den "Reden
gegen Gott" gegen die Religion, weil sie die Menschen "in tausend Fes-
seln" binde. Das Motto zu dieser Schrift lautet: "Gott ist einer, ich bin nur
viele, aber ich bin wir."9 Das Ich wird nach der Auffassung von Jung zum
Wir, wenn jeder Einzelne um Freiheit kämpft:

Ich reiße an Gittern. Ich schreie in die Nacht. Auch du, der du mir mein Dasein
mißgönnst, komme mit, geh voran (...), kommt alle, bin ich ein Mann, eine Frau ...
ein armer Mensch, umgittert von der Welt, eingesperrt in Gott. 10

Am Ende fordert Jung: "Sei gut! Hasse Religionen und Gesetze. Und den
Gott, der in den Menschen ist. Komm, sieh den Gott der Welt." 11
In der Schrift "Feinde ringsum" folgt die Fortsetzung dieses Gedankens:

( ... )aber wird Einer kommen: das werden dann wir sein. So ruhig sage ich das( ... ).
Menschen, die ich für mich gleich Spinnen sehe, Säumigen, Venerrten, Bedrücker,
Aufgeblähnten 2Giftigen, Lügnern, Freßsäcken, Vampiren, Mitmenschen, ... alles
meine Schuld. 1

Schuldig ist das Individuum an dem, was in ihm steckt und an dem, wovon
es umgeben ist: denn die Bezeichnung "ringsum" bedeutet nach Jung:
"Nicht nur draußen als Ganzes, alles Lebendige auch drinnen". 13 Zur
Schuld erklärt er die Neigung des Menschen, auf die eigene Aktivität zu
verzichten und sich auf den anderen zu stützen. Von dieser Neigung soll
sich der Mensch befreien, denn seine psychologische Versklavung habe
politisch und sozial negative Auswirkungen.
Er bemerkt kritisch, daß es "unerheblich" sei, "sich von dem Automa-
tismus zu befreien". 14 Durch Gross kam er dazu, daß er den Anarchismus
um psychologische Aspekte vertiefen konnte. 15

2. Franz Jungs sozialpsychologische Reflexionen aus dem Geist der Re-


volution

Jung betont immer wieder, daß das wichtigste die Befreiung des einzelnen
von den verinnerlichten Autoritäten sei. Sie bilde überhaupt die Voraus-

113
setzung einerneuen Existenz, einer Existenz, in der jede Art von Unter-
ordnung aufgehoben sein wird.
Da nach Jung das Leid den Ausbruch aus dem herrschenden Zustand
bewirke, hält er die sozial und politisch Benachteiligten für eine besonders
wandlungsfähige Gruppe; daher sein großes Interesse für die Arbeiter. Er
interpretiert sie allerdings selten wie in "Zweck und Mittel der Revolu-
tion" (1919), als eine homogene Klasse. In seinen Romanen, Erzählungen
und Dramen 16 stellt er fest, daß die Homogenität der Arbeiterklasse in
einer Situation entstehe, wenn jene die soziale und politische Ungerech-
tigkeit nicht mehr aushalten kann. Unter Homogenität der Situation der
Arbeiter versteht Jung ihre Lebensbedingungen, die für alle gleich schwer
sind. Das Bewußtsein von dem gemeinsamen Elend, bei Jung von der ge-
meinsamen Unerträglichkeit, schaffe die Art von Bewußtsein, das die Ar-
beiter zum Klassenkampf befähige. Der Klassenkampf

(... )tritt erst sichtbar in Erscheinung, wenn das Klassenbewußtsein des Proletariats,
wenn die Erkenntnis dessen, was Proletariat heißt und bedeutet, so zwingend gewor-
den ist, daß sie solidar in Erscheinung trittY

Ferner drückt er hier die Überzeugung aus, daß sich die Organisations-
formen nach der Reifwerdung des Proletariats richten sollen:

Das Proletariat an sich, die Gemeinschaft der proletarischen Klassenbewußten wird


ihre eigenen Mittel, die im Kampfe geboren werden, nicht allzu zwingend empfinden.
Das Proletariat wird jederzeit in der Hand haben, aus der Gemeinschaft heraus neue
Kampfformen und Mittel zu gebären, vorausgesetzt, daß es Proletariat bleibt. 18

Diese Sätze liest man, als ob sie Rosa Luxemburg geschrieben hätte, denn
den Gedanken vom Reifwerden des Proletariats und dem Klassenbewußt-
sein als Voraussetzung für einen einheitlichen Klassenkampf mit Organi-
sationsformen, die aus dem Proletariat selber erwachsen, entwickelte sie,
wie wir bereits gesehen haben, schon 1905 in ihrer Schrift "Massenstreik,
Partei und Gewerkschaften".
In "Zweck und Mittel der Revolution" erklärt Jung die Proletarier zum
eigentlichem Subjekt der sozialen und politischen Umwandlung, was vor
allem als Vorahnung und nicht als politisches Programm zu verstehen ist.
Jungs Schriften haben selten einen postulativen Charakter. Seine Ausle-
gungen zum Wesen der Revolution sind eher eine Analyse und sind nicht
nur auf das Proletariat zu beziehen, was besonders in seinen theoretischen
Schriften aus den Jahren 1921-23 zum Ausdruck kommt.

114
Die politischen Erfahrungen halfen Jung, eine fast kohärente Lebens-
philosophie zu entwickeln,· in der er die Revolution aufs engste mit der
Situierung des Individuums in der Gesellschaft verband. Das Politische,
Soziale und Psychologische hängen für ihn eng zusammen. Seine diesbe-
züglichen Ideen legte er in den beiden Essaybänden "Technik des
Glücks"(1921) 19 und "Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht!" (1923)
dar. Sie umfassen auch seine Theorie der Revolution, die er später leider
nicht mehr weiterentwickelte.
Den Ausgangspunkt für seine Revolutionsauffassung bildet eine typisch
psychologische Kategorie: die Einsamkeit. Für diesen Begriff verwendet
Jung auch andere Wörter, wie Vereinzelung, das Ich-Bewußtsein, Schutz-
losigkeit. Der Mensch ist sich seiner Vereinzelung in der Welt bewußt,
was ihn vom Tierreich trennt und dadurch auch überhaupt zum Menschen
macht. Dieses Vereinzelungsgefühl ist für den Menschen etwas Negatives.
Er versucht es zu überwinden, indem er nach der Verbindung in Gruppen
oder Gemeinschaften strebt. In dem permanenten Streben nach der Über-
windung des Vereinzeltseins sieht Jung den "motorischen Antrieb" der ge-
sellschaftlichen Entwicklung. Das Leid an der Einsamkeit bewirkt den
Zwang zum Ausbruch aus ihr. Aus dem unbestimmten Gefühl von Schutz-
losigkeit, Einsamkeit und lsoliertheit, die die "Lebensangst" und die Angst
vor "Vereinzelung" hervorufen, ergibt sich die menschliche Tendenz zur
Unterordnung. Jung beschreibt dies auch als seine eigene existenzielle Er-
fahrung in dem "Weg nach unten": "Panik, allein zu sein, eine zunehmende
Unfähigkeit, sich anzupassen und sich ordnungsgemäß zu bewegen, wie
ich die anderen sich täglich bewegen sah. "20
Auf dem Vereinzelungsgefühl des Einzelnen basiert nach Jung die Exi-
stenz von Staat, Kirche und Familie. Diese gesellschaftlich etablierten
Strukturen seien nämlich Zufluchtorte für jene, die durch die institutio-
nelle Zugehörigkeit ihre Angst vor der Einsamkeit zu überwinden suchen.
Sie tun es auf Kosten der eigenen lndividualitat, denn jede Institution
funktioniert aufgrund von entindividualisierten Normen, um möglichst
viele Bürger umfassen und sie dadurch einordnen zu können. Es sind er-
starrte Formen, die das Individuelle dauernd einschränken und die als fer-
tige Gebilde neue Menschen aufnehmen, welche im Laufe des
Sozialisierungsprozesses ihnen angepaßt werden. 21
Der Anpassungsprozeß erfolgt durch den erzieherischen Zwang. Das
Anerzogene nennt Jung in Anlehnung an Otto Gross das "Fremde". Es
dient dazu, den Menschen unter irgendeine Autorität unterzuordnen. Den

115
Gegenpol zu dem anerzogenen "Fremden" bildet das "Eigene", womit Gross
die ursprüngliche unverbildete seelische Anlage des Individuums meinte.
Der Mensch befindet sich in einer Spannungssituation zwischen dem "Ei-
genen" und dem "Fremden". Im Laufe des Erziehungsprozesses erfolgt die
Angleichung, bei der das "Eigene" durch das "Fremde" entweder teilweise
verdrängt oder ganz ausgelöscht wird. Hier denkt Jung typisch anarchi-
stisch, weil er an das Eigene als das Primäre im Menschen glaubt, als ob
das selbst Angeeignete nicht existiere, was doch aus der Konfrontation mit
dem Fremden oder aus der Opposition zu ihm erwächst und persönlich-
keitsbildend ist. Die Anarchisten glaubten nämlich an das natürliche Ich
des Menschen, das durch Sitten und Konventionen verlorengeht Für eine
Pflicht des Menschen hielten sie die Befreiung jenes Ich. Andererseits
weicht Jung von dem anarchistischen Denken ab, denn er sieht in der Be-
freiung des Eigenen nicht nur eine Befreiung des Guten im Menschen.
Einsamkeit allein führt zu Dissonanzen und inneren Widersprüchen, so-
wohl zur Sehnsucht nach Stagnation wie auch zu dem Drang nach Bewe-
gung. Jung sieht diese Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur als
einen positiven Wert an, was er schon 1915 in der Frage: "Was suchst du
Ruhe, wenn du zur Unruhe geboren bist" 22 angedeutet hatte. Diese Un-
ruhe erweckt im Menschen die Aktivität gegen iede Abhängigkeit. Sie
kann existenziell durch Leid intensiviert werden,z.: wovon Jung in der er-
wähnten Schrift "Zweck und Mittel der Revolution" spricht. Diese Unruhe
garantiere den permanenten Kampf um das individuelle Recht zum "Ei-
genen", worin die existenzielle, soziale und politische Freiheit des Indivi-
duums zu sehen ist. Sie sei aber in einer autoritären Gesellschaft kaum
realisierbar. Jung stimmt in der Hinsicht mit Grass überein, daß im Men-
schen die Fähigkeit zur Freiheit in seiner frühesten Lebensphase, im El-
ternhaus erstickt werde. Hier beginne nämlich der Unterricht, wo dem
einzelnen eingeprägt werde, was gut und was böse sei. Der Mensch lerne
somit fertige Urteile annehmen, er erlerne Passivität. Die feste Unter-
scheidung zwischen dem "Guten" und "Bösen" bilde die Grundlage des
dualistischen Denkens, das autoritär, ja dogmatisch sei. Die Überwindung
dieser Denkart ist nach Jung die einzige Möglichkeit, die anerzogene Passi-
vität zu durchbrechen, die jahrhundertelang von der patriarchalen Tradi-
tion24 kultiviert worden ist. Diese Tradition hat Jung zufolge zwei
Menschentypen hervorgebracht: den Herrschaftsmenschen und den In-
tensitätsmenschen.

116
Der Herrschaftsmensch lebt in voller Übereinstimmung mit der sozial-
politischen Wirklichkeit. Er verwandelt ihre erstarrten Strukturen nicht,
sondern reproduziert sie. Er ist der Best-Angepaßte, der in der politi-
schen und sozialen Stagnation seine Vereinzelungsangst zu betäuben
sucht, was ihm auch gelingt.
Der Intensitätsmensch ist dagegen jemand, der sein Ich nach außen er-
lebt und richtet, weil er der Gruppe der Unterdrückten, der Leidenden
angehört. Der Unterschied zwischen den beiden Menschentypen konsti-
tuiert sich nach Jung - was neu gedacht ist - nicht durch ihr Verhältnis
zur Herrschaft und Macht. Dieses Verhältnis ist sekundär. "Tatsache,
Wahrheit ist, daß selbst die Herrschaft, von uns noch als letztes in der
Kette gesehen, nicht allein mehr das Bewegende des Widerspruchs ist. "25
Der Unterschied zwischen den beiden Menschentypen bezieht sich auf die
Erlebensintensität des eigenen Ich. Der Herrschaftsmensch ist zu allen
Zeiten revolutionsunfähig, denn er erlebt seine Vereinzelung "nach in-
nen", er verschließt sich, glaubt in der Konvention und Norm Schutz zu
finden. Er erstarrt in Staat und Familie.26
Der Intensitätsmensch dagegen erlebt seine Vereinzelung nach außen,
weil er ähnliches Leiden in seiner Umgebung sieht. Dadurch tendiert er
zu Gemeinschaft in seinem Streben nach Erlebensintensität des eigenen
Ich, was Jung Glück nennt. In ihm hebe sich die Einsamkeit auf.
Jungs Begriff des Glücks unterscheidet sich stark von dem traditionel-
len, denn der traditionelle

( ...)setzt technisch das Leid voraus und kann wiederum erlebenstechnisch nichts an-
deres sein, als eine Hinauszerrung, Benebelung dieses nämlichen Leids. Anders sind
alle Glücksspekulationen aus der Gesellschaft heraus auch nicht aufzufassen. Sie
sind schließlich nur die modernisierte Anpassung des urväterlichen Jenseitsglau-
bensP

Den urväterlichen Jenseitsglauben versteht Jung als Projektion der Glücks-


vorstellung, die durch das verdrängte Ich, das "Eigene" hinausphantasiert
wird. Hier nähert sich Jung im gewissen Sinne den Gedanken von Sig-
mund Freud über die Sublimation der verdrängten Wünsche. Unter dem
"Eigenen" versteht er aber nicht ausschließlich die verdrängten Triebe. 28
Jede Wunschvorstellung - Jung nennt Fourier als Beispiel - kann in
Form einer Utopie als Mittel zur Intensivierung des Erlebens, der Aleti-
vierung des Ich dienen, muß aber nicht gleich als Zielsetzung aufgefaßt
werden. 29 Diese Ansicht bringt Jung wieder in die Nähe jener Anarchi-

117
sten, die wie Proudhon gegen fest abgeschlossene, in Zukunft zu verwirk-
lichende Utopien waren. Da Jung das Endziel als solches ablehnt, kann
er unter Glück auch nichts Bestimmtes begreifen. Nicht das 'was' sei das
Glück, sondern das "'wer' in der Beziehung zu allen, die Beziehung dann
selbst, wenn du lebst, lebendig im Leben bist, in Gemeinschaft und Ge-
meinsamkeit."30 Das Vereinzelungsgefühlläßt sich durch die Intensivie-
rung des lch-Erlebens verringern oder sogar beseitigen. Das intensive
Erleben ist nicht nur das rein individuelle Empfinden des Freiseins von
der Einsamkeit, sondern es läßt auch nicht zu, daß das Vereinzelungsge-
fühl das öffentliche soziale Leben beeinträchtigt. Das sonst nicht über-
wundene Vereinzelungsgefühl verwandelt sich in Lebensangst, 31 die sich
in jeder Lebenssphäre (sowohl der öffentlichen wie auch privaten) prin-
zipiell als Passivität verwirklicht.
Die Lebensangst vergleicht Jung mit dem religiösen Glauben, den er
schon 1915 angegriffen hatte. Jung beruft sich auf Erkenntnisse von Otto
Gross, der in seinem Artikel "Die Einwirkung der Allgemeinheit auf das
Individuum"(1913) die Gefährdung des Individuums durch den passiven
Durchschnittsmenschen analysiert hatte, wobei er vieles von Nietzsche
übernahm. Gross weist auf den Prozeß hin, in dem die Abneigung gegen
das Andere verinnerlicht wird, sich"(... ) in einen Konflikt im Individuum
selbst (verwandelt), weil sich das Individuum sich selbst gegenüber als der
Vertreter der Allgemeinheit zu fühlen beginnt."32 Jung versucht über
Gross hinaus, dieses Phänomen mit der Kategorie des Erlebens und des
Sich-Auslebens zu untermauern. Das Erleben bedeutet für Jung die freie
Selbstverwirklichung jedes einzelnen. Darin ist das von ihm definierte
Glück verborgen; denn im Erleben löst sich das negative Gefühl der Ein-
samkeit auf, womit wir auf die Gesellschaft verwiesen werden. 33
Nach Jung erlebt man zwar individuell, aber erst dann intensiv, wenn
man mit den Mitmenschen erlebt und sich nicht einfach auf die Zweier-
beziehung beschränkt. Das Erlebnis muß frei, d. h. es muß bei der
Zweierbeziehung in und mit der Gesellschaft identisch sein. Die Bestim-
mungen "in" und "mit" weisen darauf hin, daß die Existenz der Gesell-
schaft keine Einschränkungen für das Individuum bilden sollte. Das
Erleben ist in allen Sphären der menschlichen Aktivität möglich. Eine der
wichtigsten ist die Arbeit, aber nicht die zerstörende Lohnarbeit, sondern
eine persönlichkeitserfüllende Tätigkeit. Die Arbeit als Erleben des eige-
nen Ich bereichert das Individuum um neue Erkenntnisse und seine Mit-
menschen um die Produkte - sei es geistiger, sei es materieller Art - seiner

118
Aktivität. Sie schließt die Notwendigkeit von Ruhe, Erholung als Bewe-
gungslosigkeit vollkommen aus, denn nur bei der Lohnarbeit

( ... )bildet sich der Begriff der Müdigkeit, der Schonung, des Haushalts mit unseren
Kräften [aus], da unsere Lebensangst asoziiert, wir könnten sie verbrauchen und SO·
mit wehrlos sein, ausgeliefert. 34

Das Erleben verwirklicht sich arn intensivsten in der wahren Liebe. Da-
runter versteht Jung die Relation der Menschen mit den anderen und zu
den anderen, also nicht"(... ) die Sehnsucht nach Schutz und Zuflucht in
den harten Stürmen des Lebens",35 die er wiederum für eine Vergewalti-
gung hält. "Vergewaltigung ist, wenn einer seine Angt nicht mehr allein
tragen kann und sich hinter einen anderen verkriecht."36
Das Sich-Ausleben ist im Gegensatz zum Erleben der Ausbruch ange-
stauter Konflikte, die durch die Verdrängung des Eigenen durch das
Fremde entstehen, der Ausbruch der Energie, die bei jeder Freiheitsein-
schränkung blockiert wird. 37 Das Sich-Ausleben ist eine pathologische
Form der gestörten Aktivität, während wirkliches Erleben dasjenige sei,
was einen Rhythmus aufweist, der die Aktiven zu wahrer Gerneinschaft
zusammenschweißt. Hier definiert Jung die Gerneinschaft nicht als eine
bewußt organisierte Menschengruppe zum Wohl ihrer Mitglieder,38 son-
dern als ein natürliches, soziales, politisches und psychologisches Gebilde,
das jedesmal entstehen kann, wenn die Menschen die Möglichkeit haben,
ihre Existenz aktiv und frei zu erleben. Gemeinschaft ist demnach kein
Zustand, der auf einem politischen Wege erreichbar wäre. Ihre politische
Form ist nur ein Ausdruck der neuen Existenzweise, die das freie Erleben
erfüllt.
Das Erleben umfaßt nach Jung die ganze Lebensintensität Jung rezi-
piert sowohl Kropotkins als auch Gross' Idee, nach der der Mensch von
Natur aus ein soziales Wesen ist, das über ein innerliches ethisch-posi-
tives Wertsystem verfügt. Durch uneingeschränkte Aktivität im Erleben
schafft er wahre Gemeinschaften der Tat. Sie bestehen aber nur so lange,
wie lange ihre Mitglieder aktiv bleiben. Die unverdrängte Aktivität des
Menschen weist nach Jung einen natürlichen Rhythmus auf, der in die sich
bildende Gerneinschaft hineingetragen wird. Den Rhythmus setzt er in ei-
nen engen Zusammenhang mit der Intensität des Erlebens. Er ist die bin-
dende Kraft, die die Aktiven in eine Einheit mit dem Weltall verwandelt. 39
Jung erklärt, daß seine Auffassung mit der Rousseauschen Rückkehr zur
Natur nichts zu tun hatte:

119
Alle Revolutionen enthalten im Grundsinn bewußt oderunbewußt den Rousseau-
schen Satz: Zurück zur Natur! Nur ist eben Natur nicht die Wiese mit Blumen und
Tieren, nicht der Bach und der Wald in seiner Gefühlsverknüpfung von Himmel,
Traum und Jungfräulichkeit, sondern Natur ist der gleichschwingende seelische
Kontakt mit der Umwelt, das organische pflanzliche Gemeinschaftsbewußtsein, das
Mitströmen im Strom des Lebendigen, des Alls. 40

Jung sieht die rhythmische Einheit, die man durch aktives Tun und Erle-
ben erreichen kann, als Wert an sich an. Es mag überraschen, zumal er
den Zustand als Endziel prinzipiell ablehnt. Aber es ist nun einmal so,
daß sich der Mensch immer wieder nach einem konfliktfreien Zustand
sehnt, daß er nach einer überindividuellen Wirklichkeit sucht, in der alles
verbunden werden kann. Das hört sich wie ein Überbleibsel des religiösen
Denkens an, in dem es einen zentralen Wert gibt. 41 Es entsteht im Men-
schen mit anderen Worten ein Widerspruch zwischen Konflikthaftigkeit
und Streben nach Ruhe. Er ist unaufhebbar. Seine Unlösbarkeit sollte
nach Jung als grundlegende Erkenntnis eingesehen werden, denn nur so
könnte das dualistische Denken von "gut" und "böse", von "ja" und "nein"
aufgehoben werden. Diese Dualismen verleiten den Menschen immer wie-
der zur Verneinung, Ablehnung, beziehungsweise zur Zerstörung des Be-
stehenden; sie lähmen seine Fähigkeit, das Bestehende schöpferisch zu
gestalten oder zu verwandeln. Sie bilden dadurch die Voraussetzung zur
Gewaltanwendung. Das dualistische Denken basiert auf Urteilen, die sich
auf das Seiende, auf Zustände beziehen (etwas kann gut oder böse sein)
und nicht auf das Sich-Verändernde, das Werden, von dem man nicht so-
fort sagen kann, wie es einzuschätzen ist.
Jung lehnt das dualistische Denken auch deswegen ab, weil es ein ziel-
gerichtetes Denken ist. Er erkennt nur das an, was - sehr im Sinne Nietz-
sches - keine endgültige Form annimmt. An die Stelle von Zuständen
sollte die Bewegung, das Bewegliche, das Werdende treten, denn nur sie
garantieren intensives Erleben und damit die Überwindung der Einsam-
keit. Da jeder Zustand durch die Vernichtung des vorigen entsteht, stellt
er nur eine momentane Lösung des Konfliktes oder sogar bloß eine Täu-
schung der vollkommenen Lösung dar. Die bisherigen Revolutionen ha-
ben den Charakter von solchen momentanen Lösungen getragen, denn:

Es ist keiner Revolution (...) gelungen, die Freiheit der Individualität aufzurichten.
Sie sind wirkungslos verpufft, sie sind geendet in einem hastenden Sicheinordnen-

120
wollen in allgemeingeltende Normalzustände. Sie sind zusammengebrochen, weil der
Revolutionär von gestern die Autorität in sich selbst trug.42

Diese Erkenntnis, die Gross in der Schrift "Protest und Moral im On-
bewußten" (1919) formulierte, hat Jung weiterentwickelt, indem er zwei
Wege als Modelle schildert, die in dem gesellschaftlichen Leben funktio-
nieren: den der Anpassung des einzelnen an die Allgemeinheit, von dem
im Zitat die Rede war, und den des intensiven Erlebens der menschlichen
Existenz als Alternative zu dem ersten. Jung nennt diese Modelle parallele
"lebensnotwendige lntensitätsströme".
Einer bildet den Weg vom intensiven Ich-Erleben des Individuums hin
zu einer eigenen "Absicherung" durch den Aufbau solcher gesellschaftli-
chen Institutionen, mit Hilfe derer dieses Erleben kultiviert werden kann.
Es geht hier um Festigung der Verhältnisse, die einmal akzeptiert worden
sind. Dazu trägt nach Jung das dualistische autoritäre Denken bei, weil es
imstande ist, die Grenzen der Absicherung festzusetzen. Auf diese Weise
konstituieren sich Gesellschaft, Staat, Familie. Alle außerinstitutionellen
Aktivitäten werden dabei entweder für illegal oder für entbehrlich gehal-
ten. In jedem institutionalisierten Gebilde veschließt sich das Erlebte nach
innen, bis hin zu dem Gemeinschaftsbewußtsein, daß jeder in den existie-
renden Institutionen an der Einsamkeit als dem nicht individuell erlebten
Vereinzelungsgefühlleidet. Dieses Leid wird durch die Unzulänglichkei-
ten aller Art, sowohl der sozialen wie auch der politischen Strukturen,
intensiviert, was die Betroffenen zum Ausbruch nach außen führt.
Der andere Weg ist der vom Leid zum Glück, d. h. von dem Gemein-
schaftsbewußtsein, in dem das Vereinzelungsgefühl durch das Leid in der
Außenwelt (soziales Elend, politische Unterdrückung oder psycholo-
gische Abhängigkeit) unerträglich wird. Dieses Vereinzelungsgefühl, das
in der Gesellschaft, die Jung als eine "allgemeine Zusammenfassung der
Familie und des Staates" versteht, intensiviert wird, entwickelt sich bis hin
zum Einzelbewußtsein, d. h. dem Bewußtsein von dem Ich. Die erstarrten
Strukturen werden als Täuschung des optimal glücklichen Zustandes er-
kannt. Im Individuum entsteht das innere Bedürfnis, sich selbst intensiv
zu erleben. Es verwandelt sich somit in ein aktives selbständiges Indivi-
duum. Zu diesem Bewußtsein kann der Mensch eben erst dann gelangen,
nachdem er eingesehen hat, daß die Institutionen der Gesellschaft, wie
Familie, Kirche, die Überwindung des Vereinzelungsgefühls nur vortäu-
schen können.

121
Beide Ströme könnten chronologisch in dialektischer Folge sozialer Be-
wegungen verlaufen. Jung analysiert diesen Verlauf aber nicht, weil er sie
als parallele Erscheinungen auffaßt Er ist darum bemüht, diese unendliche
Kontinuität von Ausbrüchen und Stagnationsphasen endgültig zu durch-
brechen. Daher spricht er von der Möglichkeit eines Kurzschlusses, in
dem beide Ströme zusammenlaufen können. Dies sei dann möglich, wenn
das Einzelbewußtsein sich gleichzeitig bei mehreren Menschen stark in-
tensiviert. Dadurch könnten sie sich als eine Gruppe der Gleichempfin-
denden - nicht der Gleichdenkenden - in eine starke Klasse
verwandeln, die eine Vorstufe zu einer wahren Gemeinschaft bilden
würde. In diesem Zusammenhang spricht Jung über die Revolution als
Klassenkampf des Proletariats.

3. Das Proletariat als leidende Klasse

Das Proletariat ist nach Jung die einzige Gruppe in der modernen Gesell-
schaft, die sich gänzlich unter dem Druck des "Fremden" befindet. Sein
Erleben des Leids wird durch die politische und soziale Unterdrückung
immer intensiver. Seine Intensität kann die Proletarier bis zur Befreiung,
bis zur völligen Überwindung aller "Gesellschaftsreste" (institutionalisier-
ten Autoritäten) aktivieren. Dieser psychologische Zustand sei die eigent-
liche Vorbedingung zur Entstehung des Sozialismus. Jung schien daran
zu glauben, daß er mit seiner Befreiungsidee in Übereinstimmung mit der
Weltrevolution stand, die den Kommunisten um 1919 vorschwebte. Wenn
er allerdings ausruft:

Revolution ist rhythmisches, lebendige Gemeinschaft gewordenes Geschehen, ist die


Bewegung des Weltatems nachgehender und angepaßter Widerspruch, 43

so weiß man, daß von einer solchen Übereinstimmung nicht die Rede sein
konnte. Die Revolution wird nach Jung anderseits vor allem durch das
Proletariat durchgeführt:

Sie geht vom Proletariat aus, weil das Proletariat als Masse widerspricht und dadurch
gemeinschaftsgläubig wird,44

aber auch die Mitwirkung der Nichtarbeiter, die als Einzelfälle aus ihren
Strukturen ausbrechen, ist denkbar. Es war daher konsequent, daß Jung

122
mit Lenins Begriff der "Avantgarde des Proletariats" nicht operierte, ob-
wohl er ihn sicherlich kannte. Das Proletariat sei nur als Masse revolutio-
när. Sie wird allmählich mit allen Menschen zu einer Einheit, die durch
"das Bewußtsein vorn Organischen des Menschen im Weltorganisrnus" ent-
steht. Jene Einheit bildet sich durch das Erleben des Widerspruchs, der
mit der marxistischen Dialektik aber nichts gernein hat.
Die Revolution ist nach Jung kein Kampf um Macht und Herrschaft,
oder um Glück, sondern eben der gelebte Widerspruch zwischen den Klas-
sen der Herrschenden und der Unterdrückten.
Hier mag der Begriff der Klasse verwirrend wirken. Die Grenze zwi-
schen den sozialen und psychologischen Begriffen ist bei Jung sehr
schwankend. Er spricht zwar oft vom Proletariat als von einer Klasse, ihm
scheint jedoch die psychologische Unterscheidung in Herrschafts- und In-
tensitätsmenschen arn wichtigsten zu sein. Das Proletariat hat für ihn die
Geltung einer Klasse vor allem als einer Gruppe, die Intensitätsmenschen
hervorbringt und zahlenmäßig die Gesellschaft durch die eigene Heraus-
bildung der Gemeinschaft qualitativ verändern kann. In diesem Sinne
spricht er auch vom Konflikt. Der Ausgleich des Konfliktes sei kurzfristig,
denn der Mensch wird immer wieder aufs neue seiner Vereinzelung be-
wußt. "Die Revolution der Klasse ist eine notwendige Existenzbedingung,
weil sie in der Richtung der Steigerung der Erlebensintensität wirkt und
begründet ist. •45
Jung verbindet, wie wir sehen, den Revolutionsbegriff konsequent mit
dem Erleben. Ihm geht es um eine permanente Revolution, die in ihrem
Ansatz keine politisch organisierte Bewegung ist, weil sie ihren Ursprung
in der menschlichen Natur hat. Mit diesen Gedanken paßt Jung in das
anarchistische Denken Kropotkinischer Prägung hinein, in dem die Ge-
sellschaftslehre nicht als Soziologie, sondern als Gesellschaftspsychologie
- heute würde man von Anthropologie sprechen - aufgefaßt wird.
Den psychologischen Aspekt betont Jung weiter in Anlehnung an
Gross' Vorstellung der zukünftigen Gesellschaft, die ihre Wurzeln im Ma-
triarchat schlagen sollte. Das Matriarchat interessiert Jung aber nicht als
eine Form der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, sondern er will
mittels des Matriarchats die psychologische Bedingtheit der Freiheit er-
kunden. In diesem Zusammenhang entwickelt er den Begriff der Mütter-
lichkeit, die er auf die Revolution bezieht: sie

ist das kollektive freie Erleben, intensiviert von Mütterlichkeit und liebe und Ge-
meinsamkeit, das Allerleben in der gemeinsamen Bewegung. 46

123
Mütterlichkeit ist nach Jung die Fähigkeit der Menschen, miteinander zu
leben, ohne Abhängigkeitsstrukturen entwickeln zu müssen. Öffentlich-
keit und privat kultivierte Mütterlichkeit ermöglichen die Revolution, die
"künftig Erneuerung heißen (sollte), Gemeinschaftsatem, Gemeinschaft,
Lebendigkeit. ..". Eine diesem Bild verwandte Vision des Gemeinschafts-
glücks aus dem Wesen der Mütterlichkeit heraus finden wir schon in Jungs
Novelle "Jehan":

Unter der Weltenlast der Verantwortung zur Macht, sich zu entfalten und sich zu
schenken - daß die Liebe Über das Glück sich breitet. In Traumbildern, Maschinen
und Unsterblichkeit- statt endlich herauszugehen im Schatten aller Frauen, daß jed-
wedes Leben sich befreit! Daß das Glück aus dem Wesen der Frau Gemeinschaft
wird! 47

Der Begriff der Revolution darf nach Jung nicht als eine einmalige poli-
tische Tat aufgefaßt werden. Revolution ist eine Befreiung vom
Autoritären, die durch Intensivierung des Leids und damit auch des
Gemeinschaftserlebnisses erfolgt. In dem Band "Mehr Tempo! Mehr
Glück! Mehr Macht!" will Jung seinen Lesern die Verpflichtung des Men-
schen zur Aktivität, d. h. zur Befreiung von dem Fremden und der Lebens-
angst bewußt machen.
Bei allen Einwänden, die man gegen Jungs Theorie von dem gemein-
schaftlichen Rhythmus und seiner Suche nach der Einheit mit der Natur
und dem Weltall vorbringen kann, sind seine Überlegungen zu der Um-
setzung der psychologischen Mechanismen in neuegesellschaftiche Struk-
turen und Institutionen recht überzeugend.

4. Die Proletarier im literarischen Schaffen von Franz Jung

Jung hat in seiner literarischen Prosa versucht,48 seine sozialpsychologi-


schen Erkenntnisse zu verdeutlichen. Formal knüpft er vielfach an die
Form der Reportage an, in der hauptsächlich vom Geschehen berichtet
wird und nicht vom individuellen Schicksal der Menschen. Die Möglich-
keit, sich in das Dargestellte einzufühlen, ist recht gering. Der Leser soll
vor allem Betrachter sein. In der sachlichen Beschreibung verzichtet Jung
auf eine klare zusammenhängende Handlung, wofür er in der "Roten
Fahne" stark angegriffen wurde. Gertrud Alexander schrieb dort 1923:

124
Das alles ist tot und kalt, das rein sachliche Geschäftsmäßige, die Öde(... ). Alles,
auch das Verhalten der Regierung, wird so objektiv gebucht, daß gar keine revolu-
tionäre Spannung daraus erwachsen kann(... ). Diese Kühle wird ein revolutionärer
Arbeiter kaum verstehen.49

Spannung, die aus der Handlung erwächst, scheint Jung ein Störfaktor zu
sein. Es geht ihm einfach um die verschiedenen Aktivitäten der Arbeiter,
aufgrund deren er zeigen kann, was sie in bewußte Kämpfer verwandelt.

4.1. "Joe Frank illustriert die Welt" (1920)

So setzt sich "Joe Frank illustriert die Welt" (1920) aus einzelnen unver-
bundenen Bildern aus dem Leben der Unterdrückten zusammen. Unter
anderem berichtet Joe Frank, der Erzähler, von den amerikanischen Koh-
lengrubenarbeitern, die seit 1912 in West-Virginia ununterbrochen gegen
die Industriellen und den Staat um bessere Lebensbedingungen kämpften.
Ein anderes Bild betrifft Finnland, wo die "weißen finnischen Henker" zu-
sammen mit den deutschen Soldaten die finnischen Arbeiter "abgeschlachtet
haben", 5° da sie sich nach dem russischen Beispiel gegen den Staatsappa-
rat auflehnten. Die weiße Gewalt hat bei den Überlebenden Mordlust aus
Rache erweckt. Einer von ihnen ist Johannes Olansson, der ursprünglich
kein Fürsprecher der Gewaltanwendung war, was in der Erzählung betont
wird.
Jungs Erzähler berichtet auch von Irland, wo der Feind für die Arbeiter
unsichtbarer geworden ist, nachdem die unabhängige irische Regierung
gegründet worden war. In einem Satz über die Hafenarbeiter wird ange-
deutet, daß die Situation der Hafenarbeiter in der ganzen Welt ähnlich
sei: "Sie [die Hafenarbeiter- B. Ch.] besprachen, was die Hafenarbeiter in
Halifax, Genua, in Harnburg und Amsterdam auch besprachen."51
Mit der Bilderreihe aus den Arbeiterkämpfen in der Welt zielt Jung auf
eine bestimmte Schlußfolgerung hinaus, die die Arbeiter auch als Leser
selbstsicher machen sollte: die Erkenntnis, daß sie in ihrer Masse eine
Weltmacht bilden, obwohl sie vom Staat und Kapital unterdrückt werden.
In einem kurzen Kommentar wird dies in dem Bild über die amerikani-
schen Arbeiter direkt formuliert: "Merkt euch das. Auch bei uns planen
die Kohlenbarone, die Großunternehmer Gewalt. Selbstschutz nennen sie
das",52 was gleichzeitig die Forderung nach Verteidigung impliziert.

125
Unter den Bildern der Erzählung von Joe Frank gibt es auch solche, die
sich thematisch mit den erwähnten zwar nicht direkt verbinden, jedoch
mit der politischen Wirklichkeit der Arbeiterkämpfe aufs engste zusam-
menhängen. Es sind vor allem die Gefängnisszenen, wo keine detaillierte
soziale Unterscheidung in Arbeiter und Nichtarbeiter mehr gültig ist, weil
die Menschen nur zwei Gruppen bilden: Gefangene und Wächter. Keiner
von ihnen kann etwas dafür, daß sie sich in einer menschenentwürdigen-
den Situation befinden. Im Text wird es folgenderweise kommentiert:
"Ach ja, die Menschen verstehen sich noch nicht. Sie haben noch ein sehr
unvollkommenes Bindemittel zueinander."53 Hier klingt wieder die psy-
chologische Kategorie der zwischenmenschlichen Verständigung an, bei
der die sozial-politischen Konflikte eine zweitrangige Rolle spielen. Diese
Kategorie ist Jung am wichtigsten, was man daran erkennt, daß er seine
Bilderreihe mit dem symbolischen Bild abschließt: Eine Mutter umarmt
einen kranken Säugling, der noch nicht versteht, was mit ihm los ist. So-
wohl die Mutter als auch das Kind bleiben ihren Tränen und Schmerzen
gegenüber völlig ratlos. Es ist ein Leid, dem nicht entgegenzuwirken ist.
Es ist zwar in natürlichen Reaktionen mitteilbar, aber gehört zu jener
Phase, in der es noch nicht artikulierbar ist. Mit diesem symbolischen
Schlußbild scheint Jung seinen Wunsch ausdrücken zu wollen, daß die lei-
denden Menschen ihre Säuglingsphase endlich verlassensollen, in der sie
sich nur unbeholfen, wenn überhaupt verständigen können. Erst, wenn sie
über ihr Leid zu sprechen beginnen, werden sie selbständig. Die zwischen-
menschliche Kommunikation im Leidzustand ist der erste Schritt zur
Autonomie.

4.2:Arbeitsfriede" (1921)

Eine Art Vorstellung, wie dieser Reifeprozeß verlaufen könnte, schil-


dert Jung in seinem Roman "Arbeitsfriede". Er stellt hier eine
Arbeitersiedlung dar, in der die Arbeiter ihr gemeinsames Leben bewußt
gestalten, indem sie sich selbständig organisieren. 54 Jung widmet ihren
Initiativen besonders viel Platz, unter anderem der Gründung eines Spiel-
platzes für Kinder, einer Arbeiterschule, auch der Renovierung und Selbs-
tverwaltung einer Reparaturwerkstatt und der Arbeit an der Kanalisation
der Siedlung. Diese sozialen Unternehmen verwandeln nicht nur die Le-
bensqualität der Arbeiter, sondern auch ihre Art des Zusammenseins.

126
Durch ihre Handlungen in der Öffentlichkeit befreien sie sich vom Lohn-
arbeiterdasein. Es hält sie nicht mehr das von Jung sonst gepriesene Klas-
senbewußtsein zusammen, sondern das Gemeinsamkeitsbewußtsein, eine
Gruppe von zusammenwirkenden Menschen zu sein, die einander nütz-
lich sein können, indem sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten ent-
wickeln. Initiativgruppen entstehen spontan zur Erfüllung von selbst
gestellten Aufgaben. Hier sieht man, wie Jung zwischen dem universellen
Begriff des aktiven Menschen und dem des klassengebundenen Arbeiters
schwankt. Dadurch, daß er an dem Begriff der Klasse festhält, ohne ihn
zu befragen, hat man den Eindruck, daß er zwischen zwei unterschiedli-
chen Revolutionsbegriffen hin und her schwankt: dem universellen im
psychologischen und dem klassengebundenen im politischen und sozialen
Sinne, worauf ich noch zu sprechen komme. "Arbeitsfriede" ist von der
Tendenz durchdrungen, die Begriffe Arbeiter und Mensch überhaupt
auszugleichen, wobei nicht klar zum Ausdruck kommt, ob Jung dies be-
wußt getan hat.
Der Roman ist keine Schilderung eines utopischen Zustandes, sondern
zeigt die Möglichkeit, daß Menschen sich selbständig organisieren kön-
nen, ohne dabei staatlicher Institutionen zu bedürfen. Jungs Siedlungsbild
unterscheidet sich stark von der Landauersehen Siedlungsvorstellung, denn
die Arbeiter, die er schildert, werden im Rahmen der herrschenden Ge-
sellschaftsordnung aktiv, ohne sie umzubauen. Inwieweit diese Form des
gesellschaftlichen Zusammenseins möglich ist, wird in dem Roman zur
Debatte gestellt.
Am wichtigsten scheint mir hier Jungs Hinweis zu sein, daß die Arbeiter
ihre Aktivitäten entwickeln, sobald sie ihre private Sphäre, ihre Häuser
verlassen. Auf diese Weise treten sie miteinander in Kontakt. Als Beispiel
hierfür gelte JosefK.linger, der sich in die Gründung eines Spielplatzes für
Kinder engagiert, obwohl er selbst keine Kinder hat und seine Fi:au ihn
von dieser Idee fernhalten will:

Die Frau, die sich schon Verschiedenes hatte anhören müssen, brummte. Was geht
Dich das an. Laß doch die Leute. Der Mann aber begehrte auf: wieso denn - wenn
wir auch selber keine Kinder haben, deswegen können sie doch mal hier etwas Ver-
nünftiges tun. 55

Am aktivsten ist nach Jung die jüngste Generation, die sich in dem Ar-
beitermilieu ganz anders entwickelt als im bürgerlichen.

127
Die Bewegung unter den jungen Arbeitern ist eine ganz andere Jugendlichkeit als
bei den Bürgerlichen. Man braucht nicht etwa nur an das Lächerlichste zu denken,
die Studenten, nein, überhaupt alle Zusammenkünfte dieser Bürgerlich-Jugendli-
chen tragen den komischen Charakter des Nachaffens der Alten, auch in der bloß
umgehenden Form des Altenhasses und der Antiautorität Widerspruch muß erlebt
und Gemeinschaft sein, wenn er nicht bloß einfältig oder Zeitvertreib sein soll. Die
Arbeiterjugend tritt dagegen selbständig auf.56

Hier verarbeitet Jung noch einmal seine Erkenntnisse über die zyklische
Wiederholbarkeil der Anpassung an die vorgegebenen Strukturen. Die
bürgerliche Jugend lebt in einer gewissen Opposition zu ihrer Vätergene-
ration, jedoch in fast völliger Übereinstimmung mit den Werten ihrer
Großvätergeneration. Das ist eine künstliche Auswechselbarkeil der
Werte, eine Täuschung von Veränderung, denn immer ist es die Repro-
duktion der schon einmal gegebenen Strukturen. Die Arbeiterjugend sei
von diesen Strukturen freier als die bürgerliche Jugend, es falle ihr über-
haupt schwerer, sich sowohl in die Strukturen ihrer Eltern wie auch ihrer
Großeltern einzuleben, zumal sie ihnen oft nicht das Existenzminimum
gewähren. Sie versucht daher nicht nur, die Außenwelt durch einzelne Ak-
tionen zu beeinflussen, sondern auch das private, ja intime Leben umzu-
gestalten. Sie fordert nach Offenheit der Freundschaften und
Liebesbeziehungen nicht im Sinne einer Kontrolle, sondern im Sinne des
Bruches mit den bürgerlichen Sitten, die die Liebe verschämt in den Hin-
tergrund verdrängt haben: "( ... ) und dazu braucht niemand erst die Staf-
fage der großen sozialen Revolution, sondern kann das jede Stunde im
Betrieb und zu Haus praktisch üben." 57 .
Die neue Generation bewertet Jung eindeutig positiv, ohne sie detail-
lierter darzustellen. Sie wird im Roman zum Träger der Sittenrevolution
im Sinne einer neuen Lebensform, die sowohl mit der bürgerlichen Tra-
dition als auch mit dem Familienleben, wie es unter den Arbeitern bisher
geführt wurde, brechen will.
Die Familiencharakteristik, die Jung in seinen Essays aufalle Menschen
bezieht, betrifft in seinen Romanen vor allem das Arbeitermilieu:

Die Art und Weise, wie so eine Familie zustande kam, war schlimm genug: etwas
Menschlichkeit finden, wissen, daß man nicht allein ist, einen Augenblick mal etwas
Freude, alles ringsum vergessen, und sei es nur für die kurze Spanne, die sich die
Sinne gewähren - sinnlich, das ist dann menschlich sein - nun, und die Folgen ( ... ).
Die Menschen, die sich da zusammengefunden haben, mögen sich nicht. Ist denn das
etwas so Schlimmes, wie sollte es auch anders sein - hetzt sie doch die Angst, vom
wirklichen, freien, glücklichen, menschlichen Leben ausgeschlossen zu sein, zusam-

128
men. Sie kennen sich kaum, sie wollen sich gar nicht erst kennenlemen, denn jeder
fühlt am besten irgendwie tief im Unbewußten, wie verkrüppelt und häßlich er ist.58

Alle Außenstehenden, die für das gemeinsame Tun wenig Sinn haben, ver-
lassen die Siedlung freiwillig, wie etwa Hans Merket, der sich weder unter
den Einwohnern - trotzgutem Anfang in der Verwaltung der Werkstatt
- noch in seiner Familie zurechtfinden kann.
Das Selbstvertrauen der Siedlungsarbeiter geht so weit, daß sie sich ge-
gen die Einmischung der Gewerkschaften wehren. Sie behaupten:

(... )sie seien eine reine Arbeitersiedlung und sie hatten nicht nötig, sich zwan~~weise
Beamte reinsetzen zu lassen. Denn diese Beamten waren nichts anderes als Aufpas-
ser der Regierung und nur zu diesem Zweck in die Siedlungen verpflanzt, um die
einbeiliehe Massenentwicklung der Arbeiterklasse zu stören und zu brechen. 59

Die positive Entwicklung der Arbeitersiedlung wird jedoch von außen ge-
fährdet. Während die Siedlungsbewohner dabei sind, neue Häuser auf dem
Gebiet zu planen, das sie bei einem verkommenen Gutbesitzer gepachtet
hatten, kommt aus der Stadt die Entscheidung, daß das Militär seine
Beamten in ihrer Siedlung einquartieren wird. Viele Häuser sollten ge-
räumt werden. Niemand kann etwas dagegen tun, da die Arbeiter finanziell
und rechtlich nicht autonom sind Es kommt zu blutigen Auseinander-
setzungen mit der Polizei, die die Siedlungseinwohner wieder in die Rolle
der sozial benachteiligten Lohnarbeiter hineindrängen. In dem Protest bil-
den sie zwar eine einheitliche Front, aber sie verlieren, da sie zu schwach
sind.
Trotz Niederlage und politischer Schwäche wollen die Arbeiter sonder-
barerweise die programmatische Hilfe der Partei nicht annehmen, obwohl
ein Parteifunktionär ihnen sagt:

Schließt euch fester an die Partei an, sorgt für Aufklärung in euren Reihen, kämpft
mit in diesem Kampf, der schwer ist und über Niederlagen geht, dann fällt das andere
von selbst euch in den Schoß, als Frucht des Sieges. Und immer wieder kam er darauf
zurück und er nannte sie Feiglinge und Abtrünnige, daß sie sich eingebildet hatten,
für sich allein hier eine Welt außerhalb der Gesamtauseinandersetzung mit der Un-
temehmerklasse aufbauen zu können. 60

Diese Vorwürfe erwecken unter den Arbeitern nur Zweifel:

129
Das Herz tut weh, sich dabei sagen zu sollen: Vielleicht sind wir doch nur solche
Schwächlinge, Verräter an dem großen Werk, Flüchtlinge und Feiglinge - vielleicht,
es leuchtet ein. 61

Trotzdem fühlen sie sich von dem Parteiprogramm wenig angesprochen.


Sie haben nämlich die Gemeinschaft in Zusammenarbeit und Selbstver-
waltung erfahren, was sie zu der Erkenntnis führt, daß sie in dieser Form
des Zusammenlebens keine Institution, weder de Gewerkschaften noch
de Partei benötigen. Ihre Aktivitäten haben den Staatsapparat als organi-
sierende und verwaltende Macht beinahe überflüssig gemacht. Diese Er-
fahrung ist für sie eine revolutionäre und kann weder von der erlittenen
Niederlage noch von der Kritik der Partei in Frage gestellt werden.
Der Kampf der Siedlung "Arbeitsfriede" gegen die Gefährdung von
außen wird letzten Endes doch zu einem gewaltsamen Klassenkampf. Er
ist aber nicht ein Kampf um Macht, sondern die Folge der Niederlage und
Ausdruck der Ratlosigkeit. Diese Art gewaltsamer Konfrontation wird
sich nach Jung so lange wiederholen, bis die Arbeiter einsehen, daß ihre
momentane Auflehnung nur eine Art des Abreagierens ist und als solche
immer zur Niederlage verurteilt ist, weil sie eine gewaltsame Gegenreak-
tion des Machtapparates provoziert.
Es ist eine an sich unübliche Sicht des gewaltsamen Klassenkampfes.
Die gewaltsame Konfrontation wird als Gewaltanwendung der Besiegten
und Machtlosen interpretiert. Als solcher kann der Kampf keine revolu-
tionierende, d. h. sozial und politisch umstrukturierende Funktion erfül-
len. Jung formuliert es direkt in "Arbeitsfriede":

Die soziale Revolution, die um die Gemeinschaft geht, kann sich nicht in Einzelaus-
einandersetzungen auflösen, das bedeutet schon Eingeständnis der künftigen Nie-
derlage, und ist einfach nichts mehr als eine andere Form der Selbstvemichtung.62

Unter Revolution versteht Jung eine grundsätzliche Umstrukturierung


der Gesellschaft zur Gemeinschaft - wie es in "Arbeitsfriede" zu sehen
ist - denn nur sie,"( ... ) deren Macht gleiche und gemeinsame Arbeit ist,
vermag die Menschen frei in sich aufzunehmen, sich frei entwickeln zu
lassen und iil die Gemeinschaftsordnung einzufügen, zu erziehen."63 Eine
so verstandene Revolution ist nach Jung die Aufhebung der Entfremdung
des Menschen von seiner Existenzform, in die er hineingeboren wird, ohne
Recht auf Neuanfang oder Umgestaltung der Wirklichkeit im sittlichen,
sozialen und politischen Sinne. Diese revolutionierende Befreiung hängt

130
von Menschen ab und vor allem von ihrer psychischen Bereitschaft zu ge-
meinsamer Handlung in der Öffentlichkeit:

So lange wir uns aber vor einander verstecken, so lange wir nicht werktätige Gemein-
schaft begriffen haben, sondern gegen einander voll Mißtrauen sind, so lange wir
immer nur, wenn schon mit Sympathie darauf warten, was die anderen tun, um uns
dem vielleicht anzuschließen, so lange sind wir unfähig, das Zeichen zu geben. Und
wenn uns die Macht in den Schoß fällt, weil die andern sie nicht länger halten können,
(eine einfältige Hoffnung, vergeßt ihr die !j'nze Welt) - so werden wir allzuwenig
damit beginnen können, sie zu behaupten.

4.3. "Die Rote Woche" (1921)

Gewaltsame Arbeiterproteste sind allerdings historische Tatsachen, was


Jung auch nicht abstreiten will. Im Gegenteil, er versucht, dieser Tatsache
Positives abzugewinnen, indem er auf ihre bewußtseinsbildende Rolle hin-
weist, wie er es in dem Roman "Die Rote Woche" tut.
Am Beispiel einer Woche aus dem Arbeiterleben einer Gegend zeigt er
hier, wie die Arbeiter durch einzelne Proteste zueinander finden. Die Ver-
ständigung erfolgt erst nach einem heftigen Streit:

Sie hatten ganz vergessen, daß sie sich eigentlich zusammenfanden, um noch einmal
gemeinsam zu besprechen, was sie eingentlieh tun wollten. Jetzt schien,es ihnen
plötzlich zu eng geworden um sich. Sie wollten sich einander trösten und hatten keine
Lust sich zu schlagen. Wie bissige Köter fuhren sie aufeinader los. Keiner ließ die
Meinung der andern aufkommen. 65

Erst die demonstrierende proletarische Jugend gibt den Arbeitern aus den
Ziegeleien in der Gegend den ersten Anstoß zur Auflehnung:

Und das ganze Elend des Arbeiters, das sie mit sich herumschleppen und immer
wieder vergessen wollten, bekam wiederum eine Deutung. Das junge Volk da hatte
es mitgebracht, wieder mal raus aus dem Loch, hieß das, wieder mal vor gegen die
da oben, und wer gerade mit etwas beschäftigt war, der mischte einen kräftigen Fluch
dazwischen - daß er nicht einfach gleich mitlaufen konnte und in tausend Dingen
noch festgehalten war.66

Die "Dinge" halten sie nicht mehr lange. Eine Auseinandersetzung der Ju-
gend mit Soldaten macht den noch abseits stehenden Arbeitern bewußt,
daß sie nicht passiv bleiben können, weil sie etwas mit den Demonstranten

131
verbindet. Es ist nicht nur ihr Elend, sondern auch ihr Haß den Soldaten
gegenüber:

Was wissen die Söldner von Gemeinschaft und Revolution. Für sie war die Haupt-
sache, daß die jungen Leute beiderlei Geschlechts hier draußen so frei rumliefen, so
weit weg von den Häusern und der Stadt. Was sich da ereignen konnte. Ein minder-
wertiges Gesindel;diese Soldaten. Was sie so verhaßt macht, ist, daß sie davon leben,
nicht zu denken.

Die Arbeiter organisieren Streiks und einen bewaffneten Aufstand, was


zur Folge hat, daß sich ihnen weitere Gruppen anschließen. Sie sammeln
Waffen, halten Versammlungen ab. Das Chaos, das anfänglich besteht
"weil die Menschen selbst mit den Kleinigkeiten nicht warten wollten", 68
verwandelt sich während der Zusammenkünfte der selbstsicheren Arbei-
ter, die keine Belehrungen von Außenstehenden zulassen, in eine gewisse
Ordnung. Auf die Partei wollen sie nicht mehr hören:

Macht die Partei stark. Wir wollen das nicht hören, schrie da einer laut. Das gab das
Signal. Wo ist denn die Partei. Wir wissen hier nichts von der Partei. Wir kämpfen
schon die ganze Woche und ohne Partei. Die Partei ist nicht da, wenn sie nötig ge-
braucht wird. Das ganze Jahr läßt sich niemand sehen. Wir Arbeiter nehmen das
Heft selbst in die Hand. Wir sind alle Arbeiter und wenn wir nur wollen, dann geht's.
Alle schrien durcheinander. 69

Der Erzähler kommentiert dies mit den Worten:

Das war Trotz und Stolz einer Klasse, die zu kämpfen und zu sterben weiß. Sie lebte,
die Arbeiterklasse. Sie wurde mit jedem Wort neugeboren. Und wächst und strahlt
hell, wie die glänzenden Sterne am Firmamente. Sie sangen sich selbst das Helden-
lied.70

Es erweist sich aber, daß ihre Protestaktion nur durch eine Regierungs-
krise möglich wurde, was als eine Anspielung auf die Verwandlung Deutsch-
lands vom Kaiserreich in eine Republik verstanden werden kann. Als die
Krise zu Ende ging, konnnte der Staat erbarmungslos zuschlagen. Das Mi-
litär bringt viele Arbeiter um. Ein großer Teil wird zur Abschreckung ins
Gefängnis gesteckt. Nachdem die Truppen abgerückt sind, gibt es keine
Heldenlieder mehr: "Diesmal sangen sie nicht. Leise schlichen sie wie die
Diebe."71
Die Niederlage ist eine merkwürdige Grenzsituation, nach deren Wesen
Jung am Ende des Romans fragt:

132
Warum wehrt sich der Mensch nicht, der zum Tode verurteilt ist? Der den sicheren
Tod vor Augen hat. Hofft er noch und auf wen? Ist er durch den oder die Henker
so eingeschüchtert, daß er die Bewegung verloren hat, die Herrschaft über sich? ( ... )
Wu woUen doch leben. Wir wollen doch das Glück der Menschen im Leben und nicht
im Tode, dann müssen wir auch noch im Tode um das Leben ringen. Nicht sich ab-
schlachten lassen. 72

Jung lehnt also die gewaltsame Auflehnung der Arbeiter nicht ab. Er ver-
steht sie einerseits als Abwehrmechanismus der Unterdrückten, und an-
dererseits zeigt er, daß eine Aktion die andere entfachen und in immer
mehr Arbeitern den Mut zu sich selbst, die Lust zum Andersleben er-
wecken kann. Sie schließt die protestierenden Arbeiter solidarisch in eine
Klasse zusammen. Niederlagen sind allerdings nicht ausgeschlossen.
Unter Arbeiterklasse versteht hier Jung weiterhin eine Gruppe von
Ich-bewußten Menschen, die mit ihrer Existenzweise unzufrieden sind
und nach einer anderen verlangen, die sie aber noch nicht benennen kön-
nen.

4.4~Die Eroberung der Maschinen" (1921)

Diesen Ich-bewußten Menschen widmet Jung seinen Roman "Die Ero-


berung der Maschinen", wo er das Wesen des Staates und der Kapitalwirt-
schaft, wie Steuer, Börse, Trusts, Syndikate, zu erläutern versucht. Den
aufklärerischen Hauptteil des Romans setzt er in einen Rahmen, in dem
er symbolisch den aktuellen Bewußtseinzustand der Arbeiter darstellt und
die Richtung andeutet, die sie einschlagen könnten.
In der Einleitung schreibt er nämlich über die Eskimos, die einem
Traum nachweinen, ohne den Traum artikulieren zu können:

Dieses Leiden ist die Folge eines Grübeins über Abwesende, meist aber scheint es
von einer Furcht mr der Zukunft verursacht zu sein. Sie haben es noch nicht gelernt,
zu unterdrücken oder zu verdrängen; sie wünschen irgend etwas ohne zu wissen, ob
es überhaupt erreichbar ist, und weinen, wenn sich der Wunsch nicht erfüllt. 73

Diese Erscheinung, 'Piblokto' genannt, wird damit erklärt, daß die Eski-
mos an der Einsamkeit leiden. Sie ist wegen der monotonen Schneeland-
schaft ihre alltägliche Erfahrung. Da sie außer dieser Monotonie nichts
anderes kennen, bleiben ihre Träume gestaltlos und unbenannt. Sie füh-

133
ren periodisch zu Anfällen, bei denen die Eskimos aggressiv werden und
zitternd ohne Ziel weit weglaufen wollen.
In dem Anhang zu dem Roman knüpft Jung noch einmal an die Eis-
landschaft an, indem er von den Eiszeiten spricht, die den Erdball in der
Vergangenheit periodenhart verändert haben. Er überträgt die Bedeutung
der Eiszeit auf die Menschen. Sie sollten aus diesem Zustand erwachen
und 'dem neuen Paradies', der Menschlichkeit zustreben. Sie "wird in ei-
nem höchsten Symbol sich widerspiegeln, in der Geste des Schöpfers und
des Schaffenden, in der Arbeit". 74 Gott müsse man dagegen absagen, denn
er funktioniere nur als 'Abladeplatz':

Alle täglichen Wünsche hatten sich zum Himmel verdichtet, die Ängste zur Hölle,
und dort, über das Leben hinaus, dort, wo Gott war, dort sehnten sich die Menschen
hin, die nicht recht sicher waren in ihrem eigenen Leben. Sie entzogen sich der Ge-
meinschaft der Lebenden, wurden einsam und machten die Menschen um sich he-
rum in gleicher Weise einsam. 15

Diesem vereinsamenden Geschöpfsollte man die Gemeinschaft der Men-


schen entgegensetzen, die hier auf Erden realisierbar sei und darin er-
blickt Jung den Sinn des Lebens.
Den Weg zur Gemeinschaft versperre die Lohnarbeit. In der "Erobe-
rung der Maschinen" spricht Jung von der Notwendigkeit ihrer Aufhe-
bung, denn sie macht den Menschen vom Staat sozial und politisch
abhängig. Diese Abhängigkeit macht ihn zugleich auch zum Sklaven im
existenziellen Sinne.
Den Einstieg in das eigentliche Thema des Romans bilden einige Be-
merkungen über die Elektrizität, die Jung der Einleitung anschließt. An
ihr zeigt er die Verquickung der Kapitalwirtschaft mit dem Staat, was im
Werk genauer behandelt wird. Elektrizität hält er für "eine gefährlichere
Waffe": "Sie strömt unaufhörlich und reißt die Widerstände nieder
draußen im Lande, sie treibt weiter und wühlt sich Bahn, alles wird ihr
untertan, von ihr in Bewegung gesetzt". 76 Dieser Kraft sich zu widersetzen,
ist nicht mehr nur das Problem der Arbeiterklasse, sondern der ganzen
Gesellschaft, die von der Großindustrie mit Strom versorgt wird. Sogar
der Staat wird durch sie um den Mythos des selbständigen Gebildes be-
raubt, denn er steht mit seinem Gewaltapparat im Dienste der Großin-
dustriellen der Syndikate, Trusts und Konzerne:

134
Das ist doch nur mehr eine Bande halbverrückter und verängstigter Beamten, ein
Marionettentheater, was allerdings in seiner Wirkung nicht weniger furchtbar als lä-
cherlich wird, solange es die Menschen in Gang halten.n

Jung berührt einen neuen sozial-politischen Aspekt, indem er auf einen


weit gefährlicheren Mechanismus als bloß den Staat verweist: auf die In-
dustrialisierung. Sie gewährt nämlich ein weiteres Bestehen der Lohnar-
beit durch die Anschaffung neuer Arbeitsplätze und die Veränderungen
der Lebensbedingungen der Arbeitenden. Die Lohnarbeiter selbst werden
von ihren Produkten immer abhängiger und ihr Lebensstandard von dem
Kapitalumsatz der großen Konzerne. Die Chance auf eine revolutionäre
Befreiung des Menschen im Sinne von Jung wird dadurch immer geringer.
Damit nimmt er die Kritik der modernen Marktgesellschaft vorweg.
Den Roman "Die Eroberung der Maschinen" hat Jung, wie bekannt,
nach der Niederschlagung der mitteldeutschen Märzkämpfe 1921, an de-
nen er teilgenommen hatte, geschrieben. Diese Ereignisse gaben ihm si-
cherlich einen Anstoß zum Werk, sind aber als solche hier nicht anwesend.
Auch diesmal betrachtet Jung das geschichtliche Geschehen als Vorlage
und nicht als Material zur literarischen Verarbeitung. Die Jahre 1918-
1921 bilden einen Zeitraum, in dem alle politischen Ereignisse sich auf
die revolutionäre Bewegung beziehen, daher braucht "man keinen Ort zu
nennen", "weil" - behauptet Jung in der "Roten Woche" - "es in Deutsch-
land kaum einen Ort gibt, wo Ähnliches nicht war", 78 und meint damit
eben den genannten Zeitraum. Jung behandelt alle Proteste, Demonstra-
tionen, Straßenkämpfe der Arbeiter in einem großen Zusammenhang.
"Die Eroberung der Maschinen" beginnt er mit einer berichtenden Be-
schreibung eines Aufstandes der Kohlengrubenarbeiter, denen es zu An-
fang gelungen ist, alle Betriebe der Gegend stillzulegen: Sie besetzen auch
die Post und das Rathaus und gründen sogar einen Stab. Im Anmarsch ist
die aufständische Masse selbstsicher und entschieden.

Jeder trägt etwas mit sich, das plötzlich aufgeweckt und lebendig geworden ist, eine
Hoffnung, die sich jetzt erst heraustraut: einmal sollte es doch mal gelingen, was
zustande zu bringen und ein anderes Leben ringsum anzufangen. 79

"Sie gehen jeder für sich und doch wie auf Kommando in einem Takt."80
Nachdem das Wichtigste in der Stadt erreicht worden ist, gerät die Bewe-
gung ins Stocken:

135
Zwar standen jetzt alle Betriebe still. Auch die Grubenbahn war gesprengt und einige
Waggons querüber die Schienen geworfen. Solche Nachrichten liefen ein. Aber man
wartete und wartete. Es wurde immer deutlicher, daß sich keiner im Grunde genom-
men mehr Rat wußte. Auf den Gedanken, ihrerseits anzugreifen, kamen sie nicht. 81

Die Polizei greift an und die Arbeiter "hätten das beste verloren, was sie
waren: die Masse!".82 Sie werden auseinandergejagt, von der politischen
Bühne in ihre Häuser zurückgedrängt. Die gewaltsame Auseinanderset-
zung hat den Kampf noch nicht entschieden, bloß "wild lodernde Wut" bei
denen entfacht, die sich nicht verängstigen ließen. Der Zyklus des
Kampfes wiederholt sich, wie ihn Jung in der "Roten Woche" und im "Ar-
beitsfriede" schildert. Dieser Kampf hat mit der Revolution wenig zu tun.
Er mobilisiert bloß immer mehr Menschen auf beiden Seiten der Front,
ohne weiterhin eine Entscheidung zu bringen, denn auf die "eine Frage,
was soll geschehen, konnte keiner recht Antwort geben".83 Die Arbeiter
starten einzelne Aktionen:

Eine Patrouille der Grünen war abgeschnitten und gefangengenommen worden.


Dort hatte man ein Motorrad einem Gendarmen abgenommen. Dort war der Pfarrer
als Geisel festgesetzt. Einen Grubendirektor hatten sie in den Schacht runterge-
schmissen. 84

Auf dem Programm steht aber nur:

Halten müssen wir uns, bis die andem eingreifen, hieß es. Darum diesmal gleich mit
allen Mitteln. Wir müssen die andem zwingen, uns zur Hilfe zu kommen. Alle
Brücken hinter uns abbrechen. Gleich aufs Ganze gehen. Das wurde das Ziel, statt
der Forderungen, die nun einmal die anderen draußen sehen wollten. Aufstand. Re-
volution. Aber die Leitung glitt ihnen aus der Hand,85

bis die durch Soldaten verstärkten Polizeitruppen die Bewegung nieder-


schlagen:

Haus für Haus wurde durchsucht. Die Männer gefangengenommen. Standen oft
stundenlang gegen die Mauer das Gesicht, die Hände erhoben - bis entschieden
war, welche Klasse von Strafe sie treffen sollte. Vielehunderte kamen gleich ins Ge-
fängnis. Tagelang wurde verhört und gedroht. Alles wurde ans Tageslicht gezogen.
Die Frau, die einem. Streikereinen Schluck Kaffee gereicht, gleichfalls eingesperrt. 86.

Man könnte wieder feststellen, daß die Arbeiter nicht einheitlich und or-
ganisiert genug gehandelt haben. Jung hält das aber für selbstverständlich,
denn Meinungsunterschiede melden sich immer dort, wo die einzelnen

136
Menschen zu Wort kommen, und das tun die Arbeiter bei ihren ersten
Protesten zum ersten Mal, deswegen kann man von ihnen nicht sofort ein
gemeinsames Programm erwarten:

Man stritt für und wider, ob diese oder jene Gruppe der Arbeiterschaft mit eingrei-
fen sollte und in den Streik treten, oder ob man zunächst allgemeine Forderungen
aufstellen sollte, um die Regierung zu zwingen, Farbe zu bekennen. Es versteht sich
von selbst, daß die verschiedenen Arbeiterparteien verschiedene Meinungen hatten
und daß in derselben Partei auch noch wieder Unterschiedewaren zwischen den ein-
zelnen Arbeitsgruppen und den verschiedenen Orten. 87

S. Revolution als Folge der Selbstbefreiung zur Aktivität


in der Öffentlichkeit

Pranz Jung scheint der Öffentlichkeit, in der die Menschen sozial denken
lernen, ihre Meinungen ausdrücken können, einen besonderen Wert bei-
messen zu wollen. Eine solche Öffentlichkeit könnte nämlich der privaten
Sphäre gegenübergestellt werden, in der jeder bloß für sich und in sich
existiert. Diese Gegenüberstellung wird von Jung leider nirgendwo wört-
lich formuliert, sie wird von ihm nur immer wieder angedeutet, indem er
die Meinungsunterschiede unter den Arbeitern und in ihren Vertretungen
gelten läßt und den Mechanismus zeigt, wie die Kämpfer sich nach der
Niederlage ins Private zurückziehen:
Überwiegend dachten die Leute: Vorsicht, du liegst schnell auf der Straße, jeder muß
jetzt für sich selbst sorgen, das Elend ist groß genug, niemand gibt dir was, wenn du
in Not bist. Das lächerliche Verantwortungsgefühl eines abgerackerten Lohnsklaven,
der dann wenigstens etwas von Selbständigkeit und Freiheit empfindet, kommt dann
auf. Er hat fürwen zu sorgen, er muß in Arbeit bleiben -der Staat hält sich darauf.88

Bei Jung fehlen auch Reflexionen über alternative Formen des öffentli-
chen Lebens. Er verfolgt im Roman vor allem den Weg der Arbeiter zur
'Eroberung der Maschinen', was zum Programm der Arbeiterunion ge-
hörte. Sie wollte Syndikate übernehmen, um sie "beweglicher zu ma-
chen"89 und sie zugunsten der Arbeiter umzuorganisieren. Da die Arbeiter
aber in der Wirklichkeit scheiterten, beendet Jung seinen Roman mit ei-
nem Traum des Gefangenen, in dem die Eroberung der Maschinen durch
eine Weltwelle von Generalstreiks zustande kommt. Sie gelingt zuerst in
Japan. Jung weist dabei auf einen Prozeß hin, der von der Kapitalelite in
der industrialisierten Gesellschaft eingeleitet wird. Im Roman heißt sie

137
Montagsklub. Diese Elite erarbeitet eine neue Methode, um die Arbeiter,
die immer wieder streiken, wodurch das Kapital große Verluste erleiden
muß, zu beruhigen, da die Gewaltanwendung gegen protestierende Arbei-
ter nicht mehr ausreicht. Die Arbeiter schließen sich zu einer immer größe-
ren Masse zusammen und lähmen mehrere Industriezweige durch Streiks.
Die zahlreichen Repressionen haben sie außerdem gelehrt, daß
das Unterwerfen unter die Paragraphen ( ...) noch keinen Verlust an Würde (bedeu-
tet), wenn man nicht allein ist, wenn man das Ziel9odaß man zusammengehört, das
große Ziel der sozialen Revolution vor Augen hat.

Der ganze Zuchthausapparat eiWies sich(... ) als ohnmächtig. 91


Die neue Methode der Unternehmer, die Arbeiter zu unterwandern, ist,
sie zu ihren Bundesgenossen zu machen. Dazu sollten Amnestien, Regie-
rungswechsel, kostenlose Kurse und die Hochschule für die Tüchtigsten
im Betrieb dienen. Die neue Politik sollte den Arbeitern die Partnerschaft
bloß vortäuschen.

So wurde der Arbeiter gedopt. Mit Politik und mit Medizin, mit Wissenschaft und
Religion, und dazwischen Akkord und Sport, Arbeitslosigkeit und Schnaps. 92

Man will ihn in den Arbeitsprozeß aufklärend einführen, damit er bewuß-


ter und schneller in die Maschinerie der Produktion einsteigen kann. Jung
beschreibt die neuen Methoden, mit denen der Arbeiter in der modernen
Gesellschaft gezähmt wird, sehr scharfsinnig. Diese Beobachtungen haben
übrigens an ihrer Aktualität nicht eingebüßt. Jung gerät aber in einen son-
derbaren Optimismus. Die Aufklärung in der Industrie hält er nämlich für
das Entscheidende. Durch sie könnten die Arbeiter einsehen, daß sowohl
ihre Arbeit als auch der Besitz der Maschinen in der hochindustrialisier-
ten Welt einen enormen Machtfaktor bedeute. Das Programm der Er-
oberung der Maschinen sei daher die Konsequenz der 'technischen
Selbstverständlichkeit', die unter den Arbeitern mittlerweile entsteht.
Diesen Weg gehen die Arbeiter in der Welt, von der der Gefangene am
Ende träumt. In Wirklichkeit aber war die positive Entwicklung der
Unionaktion genauso ins Stocken geraten wie die Arbeiterproteste am
Anfang des Buches: "(... ) die Union stürmte darüber hinaus gleich aufs
Ganze, sie griff nicht mehr in die Arbeiterfrage allein, sie griff in die Ge-
samtwirtschaft ein".93 Sie "hatte sich an Kräften etwas übernommen. Viele
waren der Meinung, schon genug getan zu haben. Die meisten waren ja

138
mit sich sehr zufrieden". 94 In diese Entscheidungslücke ist der Elektro-
trust mit den Tarifvorschlägen eingetreten:

Damit entbrannte auch im Betrieb der Kampf. Der Kampf um die Maschinen. Die
wenigen, denen der Sinn dieser Losung klar geworden war, schickten sich an, darum
zu kämpfen. In die Arbeiterschaft kam Leben. Die Mehrheit entschied für das
Nächstliegende, das Brot verhieß - die Verhandlungen, den neuen Tarifvertrag.
Das wird immer so sein. Das muß immer so sein, es müßten denn erst andere Men-
schen geworden sein. Dazu aber ist ihre Freiheit von der Lohnabhängigkeit Vorbe-
dingung. Wie wenige begreifen das! 95

Hier verbirgt sich der Wunsch, daß die Arbeiter einmal nicht das Nächst-
liegende wählen, bis sie sich neue Formen des gesellschaftlichen Zusam-
menlebens erkämpft haben. Jung schließt damit eine Art Teufelskreis. Er
behauptet einerseits, daß die Lohnarbeit aufgehoben werden muß, denn
sonst können sich die Menschen von ihrem sozialen und politischen Skla-
venturn nicht befreien, andererseits aber fordert er nach einem schon ver-
wandelten Menschen, denn nur ein solcher könnte sich der Lohnab-
hängigkeit entziehen.
Seine Gedanken über die Strukturen, die die Menschen gefangen hal-
ten, implizieren aber einen Ausweg aus diesem Kreis, denn es sind neue
Strukturen möglich, in denen der freie Mensch sich herausbilden kann.
Jung verwirft die Partei und die Gewerkschaft als öffentliche Basis der
Arbeiterkommunikation. Ihm scheint dagegen die Arbeiterselbstverwal-
tung als eine neue Organisationsform vorzuschweben. Er verbindet daher
seinen Revolutionsbegriff mit der Massenbewegung, wie sie sich in dem
Traum des Gefangenen am Ende des Romans entwickelt. In Japan, Ame-
rika, Mexiko verbreiten sich Generalstreiks, Arbeiterproteste aller Art,
mehr oder weniger gewaltsame Auseinandersetzungen der Arbeiter mit
dem Staatsapparat. Die unterschiedlichsten Formen des Klassenkampfes,
die überall frontal geführt werden, sieht Jung als Bestandteile der Weltre-
volution an, in der sich die Arbeiter ihre Öffentlichkeit als Handlungs-
raum erkämpfen. Hier ist Jungs Begeisterung über die Oktoberrevolution
und Novemberrevolution spürbar. Erst die nachrevolutionäre Entwick-
lung in Rußland gab ihm zu bedenken, daß der Bürokratismus des neuen
Staates die Freiheit des Individuums völl~ ausschließt, weil er den indivi-
duellen Aktivismus im Keime erwürgt. 9 Um 1921, die Entstehungszeit
der "Eroberung der Maschinen", konnte man Jung zu jenen Intellektuel-
len zählen, die unter dem Eindruck der weiteren Entwicklung der Okto-
berrevolution ihre eigenen Ideen zu bezweifeln begannen. Er vermochte

139
sich aber von dem historischen Determinismus nicht endgültig zu befreien.
Sein Revolutionsbegriff zerfällt in zwei unterschiedliche Begriffe, was in
seiner Prosa gut zum Ausdruck kommt.
Der eine Revolutionsbegriff hängt mit jeder Art von Aktivität der Ar-
beiterklasse zusammen, die ein totales Ausmaß erreicht und zur Übernah-
me der Produktionsmittel führt, wie z. B. in der Oktoberrevolution von
1917. Diese Revolutionsauffassung bleibt klassenverbunden.
Den anderen verbindet Jung eindeutig mit der Verwandlung von Struk-
turen, die den Menschen aus der Privatheit in die Öffentlichkeit hinaus-
führen soll, in der er sich selbst im Erleben mit und zu anderen
verwirklichen kann. Diese Öffentlichkeit nennt Jung Gemeinschaft der
Menschen, die ihre Angst vor der Einsamkeit in dem intensiven Ich-Er-
leben permanent überwinden, wo sie durch Konflikte zur gegenseitigen
Kommunikation und Umgestaltung ihres Seins kommen.
In den Ausführungen, die Jung eindeutig auf die Arbeiterklasse bezieht,
verliert sich der Faden des selbstbewußten Individuums, das sein Ich nach
außen erlebt, weil es meistens in der Masse sprachlos und teils sogar bloß
instinktiv mithandelt, und wenn es zum Sprechen kommt, wie es in der
"Eroberung der Maschinen" zu sehen ist, kann es noch kein Handlungs-
programm artikulieren, sondern lernt erst, sich ausdrücken.

140
Ausklang

Einen roten Faden meiner Arbeit bildet der Revolutionsbegriff, den jeder
der von mir behandelten Schriftsteller anders faßt. Es beginnt mit Keller-
manns unklarer Vorstellung der Revolution als Chaos und geht über Feucht-
wangers Vorahnung des politischen Umbruchs und Tollcrs Reflexionen
über die Atomisierung der revolutionären Masse bis hin zu Mühsams De-
mokratiegedanken und Jungs Freiheitsauffassung. Ich habe ihre Revolu-
tionsbegriffe jedesmal im engen Zusammenhang mit der Frage nach der
Rolle des Subjekts im politisch-sozialen Zeitgeschehen interpretiert. Das
Subjekt sind manchmal die Proletarier, manchmal die politisch bewußten
Werktätigen oder der politisch aktive Teil des Volkes, der sich in den Rä-
ten engagiert. Hieraus ergab sich die Forderung vieler Intellektueller, sel-
ber direkt am Revolutionsgeschehen teilzunehmen. Das trifft in meiner
Arbeit insbesondere auf Toller, Mühsam und Jung zu, weniger auf Keller-
mann und Feuchtwanger. Die drei Erstgenannten ergriffen nicht nur Par-
tei und waren nicht nur politisch tätig, sondern entwickelten auch neue
Ideen, die durch das Tempo des revolutionären Geschehens vielen Wand-
lungen unterlagen, wodurch man sie nicht politisch eindeutig klassifizia
ren kann. In vieler Hinsicht entspringen diese Ideen, wie ich anzudeuten
versuchte, anarchistischem und kommunistischem Gedankengut. Ich ver-
wies daher oft auf die Einflüsse von Landauer, Bakunin, Kropotkin oder
Rosa Luxemburg sowie auf die neuen Erfahrungen, die in den Streiks und
revolutionären Aktionen vermittelt wurden.
Die Frage nach dem Subjekt der Revolution ist aufs engste mit der
Frage nach den Möglichkeiten politischer Mitbestimmung verbunden.
Die maximale Form einer solchen Mitbestimmung scheint in den Räten
gegeben zu sein. Bei meinen Autoren wäre es vergeblich, nach politischen
Programmen der Rätedemokratie zu suchen, deswegen formulierte ich die
politischen Probleme allgemeiner und befragte sie danach, wie sie sich den
Freiraum für das politische Handeln, d. h. die Öffentlichkeit vorstellen.
Die meisten Denker dieser Zeit dachten, wenn sie das Wort Öffentlichkeit
verwandten, an parlamentarische Demokratie. Das beste Beispiel hierfür
ist das Buch "Öffentliches Leben" von Leonhard Nelson von 1918. Dage-
gen gibt es bei Landauer Äußerungen, wo Öffentlichkeit mit der direkten
Demokratie verbunden wird. Im Vorwort zu der zweiten Auflage des "Auf-
rufes zum Sozialismus" schreibt er:

141
Durch politische Freiheit, Mündigkeit, aufrechten Stolz, Selbstbestimmung und or-
ganisch-korporative Verbundenheit der Massen aus einigendem Geiste heraus,
Bünde der Freiwilligkeit im öffentlichen Leben kann nur der große Ausgleich, kann
nur die Gerechtigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft, kann erst der Sozialismus brin-
gen.1

Die neue Ordnung, der Sozialismus sollte mit anderen Worten die Öffent-
lichkeit als Freiraum für politisches Handeln schaffen.
Für den Revolutionsbegriff ist die Unterscheidung von politischer und
sozialer Revolution von besonderer Bedeutung. Ansätze zu einer solchen
Unterscheidung finden wir bei Toller, Mühsam und Jung erst nach der
Niederlage der Revolution. Landauer trifft sie in gewissem Sinne ange-
sichtsdes von ihm geahnten Endes der Münchener Räterepublik, wenn er
schreibt:

Eine politische Revolution in Deutschlands stand noch aus, nun ist sie gründlich voll-
bracht und nur die Unfähigkeit der Revolutionäre beim Aufbau der neuen Wirt-
schaft vor allem und auch der neuen Freiheit und Selbstbestimmung könnte schuld
sein, daß eine Revolution käme und die Einnistung neuer Gewalten des Privilegs. 2

Wer die eben angedeutete Unterscheidung nicht trifft, muß die Revolu-
tion bei aller Befürwortung entweder als ein zwar vielversprechendes, aber
unverständliches Chaos, wie Kellermann im "9. November", oder als ein
politisches Geschehen, dessen positive Variante nicht durchführbar ist,
ansehen. Letzteres drückt Feuchtwauger mit seinem Thomas Wendt aus,
als dieser auf seine politische Aktivität zu verzichten beginnt. Erst wenn
man unter Revolution eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft
und nicht bloß einen Machtwechsel versteht, kann man zu ihr als einem
politischen Phänomen ein positives Verhältnis entwickeln. Grundlegende
Umgestaltung sollte bedeuten, daß jedem die Möglichkeit gegeben wird,
an dieser teilzunehmen. Bei Jung führt dies teilweise zur Überwindung
des Klassendenkens, was besonders stark in dem Roman "Arbeitsfriede"
zum Ausdruck kommt, wo wir verfolgen können, wie sich die Klassenge-
gensätze verschärfen, wenn die Arbeiter in ihre Arbeitnehmerrolle hinein-
gedrängt werden, und wie dabei jede politisch progressive Veränderung
ausbleibt. Das konstruktive Bild der Revolution hängt somit davon ab, ob
der Mensch als geschichtliches Subjekt oder als Objekt der Machtaus-
übung angesehen wird.
Um als Subjekt sozial und politisch handeln zu können, benötigt man
einen Freiraum, was Hannah Arendt in ihrer politischen Theorie klar for-

142
rouliert. So klar sieht keiner der fünf Autoren das Problem. Durch ihre
Sympathien für direkte Demokratie waren sie aber nicht weit davon ent-
fernt. Dazu trug auch ihr besonderes Verhältnis zum Konflikt bei, das sie
entwickelten, indem sie das Prinzip der Gewaltlosigkeit soweit wie mög-
lich einzuhalten suchten. Sie mußten konsequenterweise die Forderung
nach der zwischenmenschlichen Kommunikation aufstellen. Diesem
Problem des Konflikts könnte man noch detaillierter nachgehen, da in der
hier behandelten Literatur die ersten konstruktiven Versuche zu sehen
sind, der existentiell neuen Situation des Menschen nach der Jahrhun-
dertwende, in der er entweder den Konflikt als Tatsache hinnimmt oder an
ihm scheitert, zu begegnen.
Die Ansätze zur Idee des Freiraums für das geschichtliche Subjekt sind
meines Erachtens bei Toller in dem ersten Bild von "Masse-Mensch" zu
finden, wo er Sonja mit den Arbeitern in einer Arbeiterversammlung spre-
chen läßt. Bei Mühsam sind es eindeutig die Räte. Sehr interessant sind
auch die Ideen Jungs, die ihren Ursprung sowohl in der anarchistischen
Auffassung von der Gemeinschaft als auch in dem expressionistischen Ak-
tivismus haben. Bei ihm wäre ein solcher Freiraum in der Gemeinschaft
der Aktiven zu sehen.
Sowohl die Freiraumideen als auch die Forderungen nach einer gewalt-
losen Mitbestimmung blieben bisher unbemerkt. Der Grund dafür ist
nicht nur in der politischen Kultur in Deutschland in jener Zeit zu suchen,
sondern auch darin, daß einerseits der ethische Anspruch nach der revo-
lutionären Niederlage utopisch erschien, und andererseits die negativen
Erfahrungen, die die Massen im Krieg und in der Revolution machten,
der politischen Aktivität kaum etwas Positives abgewinnen ließen.
Die Ideen für die Schaffung einer authentischen Öffentlichkeit, die erst
heute neu eingeschätzt werden können, wurden in den zwanziger Jahren
nicht weiter entwickelt, was angesichts der neuen politischen Situation
verständlich war. Der Freiraum für basisdemokratische Aktivitäten wurde
nach der Einberufung der Nationalversammlung immer geringer, bis er
nach der Machtübernahme von Hitler auf Null reduziert war.
Die von mir ausgewählten Werke stellen einen direkten Reflex der Re-
volution von 1918/19 dar. Werke, die nach 1923 entstanden sind, behan-
deln die Revolution bereits aus einer neuen Perspektive, der der zwanziger
Jahre heraus. Es wäre interessant, einmal zu verfolgen, warum das Inte-
resse für den Begriff der Revolution in der Weimarer Republik geringer
wurde. Dabei müßte man nicht nur die politischen Veränderungen, son-

143
dern auch den geistigen Einfluß der Oktoberrevolution auf die deutschen
Schriftsteller noch intensiver erforschen. Ergiebig wäre dabei eine Ana-
lyse der umfangreichen Essayistik über die Sowjetunion und ihrer Rezep-
tion in Deutschland. Zu nennen wären hier "Der 9. November" von Rene
Schiekele oder Paquets "Im kommunistischen Rußland" oder Jungs "Reise
in Rußland". Es gibt bereits Vorarbeiten zu diesem Thema, z. B. Erhard
Schütz' "Kritik der literarischen Reportage. Reportagen und Reiseberich-
te aus der Weimarer Republik über die USA und die Sowjetunion" von
1977. Es ist aber noch ergänzungsbedürftig.
Die interessantesten späteren literarischen Werke über die Revolution
stammen von Friedrich Wolf ("Die Matrosen von Catarro"), Theodor Plie-
vier ("Des Kaisers Kulis)", Erik Reger ("Union der festen Hand"), und Al-
fred Döblin ("November 1918", Bd. I-IV).
Wolf und Plievier versuchen, dem Mechanismus der Führung im revo-
lutionären Kampf nachzugehen. Bei ihnen spielt die selbständige Aktivi-
tät der Proletarier eine große Rolle. Wolf verweist in seinem Drama auf
die Gefahr, daß die revolutionären Ideen von dem Staatsregime ins Ge-
genteil umgewandelt, gegen die Revolutionäre ausgespielt werden kön-
nen. Das zeigt er in der Schlußszene am Beispiel der Abstimmung der
Matrosen.
Für Plievier ist es wichtig, daß sich die Proletarier ohne Führer zu hel-
fen wissen, weil sie in der Gruppe dem Machtmechanismus nicht verfallen.
Regers "Union der festen Hand" erinnert wiederum stark an die Dar-
stellungsweise der sozial-politischen Zusammenhänge, die Franz Jung in
seinen Romanen entwickelt. Bei ihm stehen aber nicht die Arbeiter im
Mittelpunkt, sondern die Verknüpfung der Staatspolitik mit der Industrie.
In dem Roman von Alfred Döblin ist der Bezug auf die Novemberre-
volution trotz des Titels "November 1918" in einem ganz anderen The-
menkomplex eingebettet. Die Revolution ist hier zwar als Motiv wichtig,
aber es wird über sie nicht wie über ein politisches Phänomen reflektiert.
Döblin schrieb dieses Werk in seiner katholischen Phase. Damit verbindet
sich seine überaus psychologische Art der Betrachtung des Themas. Rosa
Luxemburgist z. B. in dem IV. Band "Kar! und Rosa" stark psychologisch
stilisiert. Sie erscheint hier vor allem als eine sehr sensible Frau und nicht
als die Persönlichkeit, die politisch Wichtiges geleistet hat.
Ich habe in meiner Arbeit eine Reihe von kleineren Werken über die
Novemberrevolution nicht erwähnt, die zu Beginn der zwanziger Jahre
entstanden sind. Ich denke hier z. B. an Fritz Halbachs "Der Tanz. Eine

144
politische Komödie in 3 Akten", wo die Münchener Revolutionäre kri-
tisch angegriffen werden, oder an andere, die in der "Revolutions-Bühne"
in Leipzig erschienen sind. Unerwähnt bleiben auch Romane über die Re-
volution, u. a. "Genosse Levi" (1921) von Fritz Halbach. 3 Diese Werke
stellen keinerlei schöpferische Auseinandersetzung mit der Revolution
dar, sie passen daher nicht in den Rahmen dieser Arbeit.
Ganz und gar ausgeklammert habe ich die literarischen Werke über die
Novemberrevolution aus der Zeit nach 1945, obwohl sich Tankred Dorsts
Stück "Toller" oder Helmut Baierls "Leo und Rosa", Xaver Kroetz's Bear-
beitung von Tollers "Hinkemann" unter dem Titel "Der Nußer" mit mei-
nem Thema verbinden. Es wäre lohnenswert zu erforschen, welche neuen
Phänomene außer denen, die sich in der Literatur der frühen zwanziger
Jahre aufweisen lassen, in der literarischen Verarbeitung der Revolutions-
problematik zutage treten.

145
Anmerkungen

Vorvort

1 Hannah Arendt: Über die Revolution. München 1963, S. 33 f.


2 Hannah Arendt: Macht und Gewalt. München 1971, S. 49.
3 Ebenda, S. 49.
4 Ebenda, S. 50.
5 H. Arendt: Über die Revolution, a.a.O. S. 339.
6 Hannah Arendt: Vita Activa, oder Vom tätigen Leben. München,
Zürich 1985, S. 49.
7 Ebenda, S. 165.
8 Vgl. ebenda, S. 29.
9 H. Arendt: Macht und Gewalt, a.a.O., S. 57.
10 Ebenda, S. 45.
11 Reinhard Rürp: Demokratische Revolution und 'dritter Weg'. Die
deutsche Revolution von 18/19 in der neueren wissenschaftlichen
Diskussion. in: Geschichte und Gesellschaft. 1983, H. 2, S. 285.

I. Bernhard Kellermanns "Der 9. November". Die Revolution als hoff-


nungsloses Chaos

1 Bernhard Kellermann: Vorwort zu: "Der 9. November". Berlin 1946.


2 B. Kellermann: Der 9. November: a.a.O., S. 414.
3 "Politisch" verstehe ich im Sinne von Hannah Arendt, siehe dazu das
Vorwort zu dieser Arbeit, S. 7.
4 Von dieser Reise stammen zwei Reisebeschreibungen von Keller-
mann: "Ein Spaziergang in Japan", "Sassa Yo Massa".
5 B. Kellermann: Der 9. November. a.a.O., S. 42.
6 Ebenda, S. 12.
7 Ebenda, S. 42.
8 Edgar Kirsch: Die deutsche Novemberrevolution in den Romanen
"Der 9. November" von Bernhard Kellermann und "Vaterlandslose

146
Gesellen" von Adam Scharer, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sonderheft zum 40.
Jahrestag der Novemberrevolution und der Gründung der Kommu-
nistischen Partei Deutschlands, Jg. 8, 1958/69 H.l. (vgl. S. 156). Hier
wird der General von Hecht-Babenberg mit den Ansichten von Fal-
kenhayns aus dem deutschen Generalstab in Zusammenhang ge-
bracht. Dieser war Anhänger der "Ausblutungstheorie", die auch von
Hecht- Babenberg an der Front vertreten wurde. Er trug den Spitz-
namen "Bluthecht". Kellermann schaffe mit dem General einen Typ;
denn außer diesen allgemeinen Ähnlichkeiten gäbe es keine direkten
Verbindungen zwischen der Romanfigur und historischen Gestalten.
Kellermann habe sich nicht um eine exakte Übereinstimmung der
literarischen Wirklichkeit mit der außerliterarischen bemüht, erklärt
Kirsch.
9 B. Kellermann: "Der 9. November". a.a.O., S. 36.
10 Ebenda, S. 37.
11 Ebenda, S. 13.
12 Ebenda, S. 22.
13 Als einen Gegenspieler bezeichnen ihn Rudolf Paulsen in "Der 9. No-
vember" von Bernhard Kellermann, Berlin 1921, (in: Das literarische
Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde, hrg. von Ernst Heil-
born, Jg. 23, 1920/21, Sp. 418) und Edgar Kirsch in "Die deutsche No-
vemberrevolution" ( in: Wissenschaftliche Zeitschrift ... , a.a.O., S.
156). Wenn man beide Figuren, den General und den Lehrer Herbst
näher betrachtet, sieht man, daß sie keine Gegenspieler im klassi-
schen Sinne sind, da sie sich im Rahmen desselben Wertsystems be-
wegen.
14 B. Kellermann: Der 9. November, a.a.O., S. 70.
15 Ebenda, S. 161.
16 Ebenda, S. 177.
17 Ebenda, S. 182.
18 Ebenda, S. 129 f.
19 Ebenda, S. 130.
20 Marceli Ranicki: Bernhard Kellermann. Nachwort zu: Bernhard Kel-
lermann, 9. Listopada, übersetzt von Teresa J((tkiewicz, Warszawa
1955, S. 467 f. "Der General verkörpert im Roman Brutalität, Über-

147
mut, Gefühllosigkeit, Machtgier, Beschränkung, Verachtung den
Menschen gegenüber, Eitelkeit. Er ist Fanatiker des blinden und
rücksichtslosen Gehorsams. Er verkörpert also Merkmale, die für
seine Klasse charakteristisch sind. Hecht-Babenberg ist jedoch kein
bewußter Verbrecher. Kellermann erweckt hier und da - besonders,
wenn er die Einsamkeit des alten Generals zeigt - beinahe das Mit-
leid des Lesers. Auf diese Weise wird die Hauptfigur des Werkes
wahrscheinlicher. Dadurch wird die eindeutig anklagende Aussage
nicht milder, sondern gerade tiefer und breiter. Dadurch, daß der
Autor seinen Helden verurteilt und geißelt, klagt er nicht nur ihn an,
sondern vor allem das Milieu und die Gesellschaftsordnung, die
Hecht-Babenberg und seinesgleichen geschaffen und erzogen hat"
(Übers. v. B. Ch.). Ranicki verweist in seinem Nachwort auch auf die
Struktur des Werkes und vor allem auf die Photo- und Faktenmon-
tage im "9. November". Kellermann erreicht das durch die Zusam-
menstellungvon Szenen, in denen Situationen in derselben Zeit, aber
an verschiedenen Orten "sprunghaft" dargestellt werden. Am besten
komme es dort zum Vorschein, wo die Nacht vor dem Ausbruch der
Revolution geschildert wird. Im Rahmen eines Kapitels wird die
Nacht beim General, bei Ruth, Dora, Heidi und Otto gezeigt. Vgl. B.
Kellermann, Der 9. November, a.a.O., S. 313 ff.
21 RudolfPaulsen: Der 9. November ... in: Das literarische Echo, a.a.O.,
s. 418.
22 Vgl. RudolfPaulsen: Der 9. November( ... ) in: Das literarische Echo,
a.a.O., S. 418.
Edgar Kirsch: Die deutsche Novemberrevolution( ... ) in: Wissen-
schaftliche Zeitschrift( ... ) a.a.O., S. 156. Er nennt Ackermann unver-
ständlicherweise einen Anarchisten: "Als solcher ist er - auch in
seiner Sprechweise - charakteristisch für eine Gruppe bürgerlicher
rebellierender Intellektueller jener Zeit, die dem Anarchismus an-
hingen". Die "rebellierenden Intellektuellen" haben sich doch in
Gruppen zusammengetan und wurden auch politisch aktiv, man
denke an die Aktivisten um Kurt Hiller, an den Sozialistischen Bund
von Gustav Landauer, die "Tat" von Erich Mühsam, die Gruppe um
Pfemferts "Aktion". Ackermann ist dagegen ein Einzelgänger.
Waltraut Seifert verweist im Nachwort zu Bernhard Kellermanns Der
9. November (Berlin 1959, S. 531.) auf autobiographische Züge in
der Gestalt von Karl Ackermann: "Schon in der Namensgebung schei-

148
nen Anklänge an den Verfasser beabsichtigt zu sein (Ackermann/Kel-
lermann)".
Die Namen, die die Figuren im "9. November" haben, sind sicherlich
nicht zufällig. Man könnte sie meiner Meinung nach symbolisch ver-
stehen. Der leidende Vater heißt Herbst, womit seine Zugehörigkeit
zu der alten Generation der Welt, die untergeht, betont wird. Der
General heißt Hecht-Babenberg, was an den Spitznamen "Bluthecht"
erinnert. Ackermann soll die Rolle des Wegbereiters der neuen Zeit
im Roman spielen, der Acker, der die Menschenwelt symbolisiert,
muß neu bearbeitet werden, menschlicher werden.
23 B. Kellermann: Der 9. November, a.a.O., S. 367.
24 Ebenda, S. 185.
25 Ebenda, S. 343.
26 Ebenda, S. 377.
27 Ebenda, S. 411.
28 Jakob von Hoddis: Weitende, in: Menschheitsdämmerung, hrg. Kurt
Pinthus, Harnburg 1959, S. 39.
29 Ebenda.
30 B. Kellermann: Der 9. November, a.a.O., S. 368.
31 Ebenda, S. 350.
32 Vgl. ebenda, S. 428.
33 Ebenda, S. 258.
34 Ebenda, S. 427.
35 Ebenda, S. 313.
36 Vgl. ebenda, S. 313-316.
37 Ebenda, S. 386.
38 Ebenda, S. 386.
39 Ebenda, S. 315.
40 Ebenda.
41 Ebenda, S. 428.
42 Ebenda, S. 454.
43 Ebenda.
44 Leonhard Frank: Der Mensch ist gut, Zürich 1919, S. 49.

149
45 Ebenda, S. 58.
46 Ebenda, S. 58 f.
47 Ebenda, S. 105.
48 Ebenda, S. 172.
49 Ebenda, S. 193.
50 Ebenda, S. 195.
51 Historisch ist diese Deutung durchaus berechtigt. Kellermann konnte
sich bei der Beschreibung der beiden Trauerzüge auf die stützen, die
in Berlin stattfanden. Am 29. Dezember 1918 gab es den Trauerzug
zur Beisetzung der in den Weihnachtskämpfen gefallenen Matrosen.
An diesem Tag hatte die Ebert-Scheidemann-Regierung die Entwaff-
nung der Revolutionäre verordnet, womit die brutale antikommuni-
stische Kampagne anfing. Der Trauerzug am 25. Januar 1919 zur
Beisetzung von Karl Liebknecht und der 31 von den Weißen ermor-
deten Januarkämpfer erfolgte, nachdem Noske am 12. Januar 1919
mit seinen Truppen Berlin völlig besetzt hatte. Es gab also keine
Hoffnungen, die Kellermann erlauben konnten, diese Szene optimi-
stisch ausgehen zu lassen.
52 Die erste Fassung entstand in der Schweiz und wurde 1917 heimlich
über die Grenze nach Deutschland gebracht. Neben dem Buch von
Henri Barbusse "Das Feuer" (1916) war "Der Mensch ist gut" von
Leonhard Frank das bedeutendste Antikriegswerk Es wurde viel ge-
lesen. Tilla Durieux hat es in Berlin öffentlich vorgetragen, was Frank
in "Links, wo das Herz ist" (Berlin 1952, S. 129) mit den Worten kom-
mentiert, "daß die fünfhundert Zuhörer den Schluß der Erzählung -
die revolutionäre Friedensdemonstration - vom Saal weg durch die
Straßen in die Tat umgesetzt hatten".
53 Bernhard Kellermann: Das Meer, Berlin 1917, S. 116.
54 Bernhard Kellermann: Der Tunnel, Berlin 1961, S. 443. Heute, wo
man nicht mehr an den technischen Fortschritt in dem Maße glaubt
wie vor dem Zweiten Weltkrieg und wo man die politischen Folgen
kennt, wenn man die Gesellschaft mit goldenen Zukunftsaussichten
beglücken will, ohne auf die Gegenwart zu achten, hinterläßt die Lek-
türe des "Tunnels" einen neuen Eindruck. Bisher funktionierte der
Roman vor allem als ein Werk der Faszination für die Technik. Als
solcher konnte er aufgrund der Enstehungsgeschichte des Gotthard-

150
tunnels in der Schweiz 1872-1881 konzipiert werden. (Vgl. Alfred A
Häsler: Gotthard. Als Technik Weltgeschichte schrieb. Stuttgart
1982).
Die Idee des Tunnelbaus wurde von den Ingenieuren und Finan-
ziers eingeleitet und die Möglichkeit ihrer Realisierung wurde nicht
mit den Arbeitskräften beraten. Die Folge war, daß sie die Ausfüh-
rung der Idee unter Zwang verwirklichen mußten. Interessant ist da-
bei, daß die Ingenieure in dem Roman über keinen Zwangsapparat
verfügen, sondern selber bewaffnete Aufseher der Arbeiter sind. Die
Opfer waren bei der Ausführung der Tunnelidee so groß, daß man
letzten Endes ihren Sinn bezweifelt. Die Idee kann, wie die histo-
rische Erfahrung zeigt, nicht ausschließlich durch die Zukunft gerecht-
fertigt werden, für die man bloß Ideale ohne Rücksicht auf die
Gegenwart voraussetzt.
55 B. Kellermann: Der Tunnel. a.a.O., S. 280.
56 B. Kellermann: Der 9. November. a.a.O., S. 425.
57 Ebenda, S. 423 f.
58 Ebenda, S. 430.
59 Ebenda, S. 498.
60 Ebenda, S. 428.
61 Ebenda.
62 Die Rote Fahne, 2. Abendausgabe, vom 9. November 1918.
63 Ebenda.
64 B. Kellermann: Der 9. November. a.a.O., S. 427.
65 Ebenda,S.427.
66 Ebenda, S. 427 f.
67 Ebenda, S. 419.
68 Ebenda, S. 432.
69 Ebenda, S. 438.
70 Ebenda,S.430.
71 Ebenda, S. 328.
72 Bernhard Kellermann: Der Schriftsteller und die deutsche Republik,
in: Deutscher Revolutionsalmanach für das Jahr 1919, hrg. von Ernst
Drahn, Ernst Friedegg, Hamburg, Berlin, 1919, S. 115.

151
73 Ebenda, S. 115 f.
74 Ebenda, S. 116.
75 Ebenda.
76 Bernhard Kellermann: Erziehung zur Demokratie. in: B. Keller-
mann: Aufsätze, Briefe, Reden 1945-51. Berlin 1952 S. 14.
77 Ebenda.
78 Bernhard Kellermann: Der Schriftsteller und seine Mission. in: B.
Kellermann: Aufsätze ... a.a.O., S. 17.
79 Zitiert nach: Werner llberg: Bernhard Kellermann. Berlin 1959, S.
84.
80 Bernhard Kellermann: Der Schriftsteller und die deutsche Republik,
in: Deutscher Revolutionsalmanach ... , a.a.O., S. 116. Für seine kul-
turelle Aktivität und politische Haltung wurde Kellermann am Ende
der vierziger Jahre und posthum mehrmals gewürdigt. 1949 erhielt er
als einer der ersten den Nationalpreis der DDR. Abertrotz der offi-
ziellen Anerkennung wurde sein Werk kritisiert; man warf ihm vor
allem vor, daß er keine selbstbewußten Proletarier gestaltet habe. Das
Motiv der Revolution im "9. November" wird in den fünfziger Jahren
eigenartigerweise höchst selten erwähnt.
81 Vgl. Bernhard Kellermann: Das deutsche Volk bleibt. in: B. Keller-
mann: Aufsätze ... , a.a.O., S. 52.
82 Vgl. Bernhard Kellermann: Zehn Gebote der Demokratie, in: B. Kel-
lermann, Aufsätze ... , a.a.O., S. 9-15.

11. Lion Feuchtwaugers "Thomas Wendt".


Die Sonderstellung des Intellektuellen in der Revolution

1 Das Bietefelder Stadttheater hat "Thomas Wendt" in gekürzter Form


(23 Szenenbilder, ausgewählt und geleitet von Hans Abrell) am 22.
November 1924 gespielt (Alfred Kantorowicz spricht unverständli-
cherweise von einer experimentellen Matinee im Stadttheater in Bie-
tefeld im Jahre 1925: Vgl Alfred Kantorowicz: Lion Feuchtwaugers
dramatischer Roman "Thomas Wendt" (1954). in: Rudolf Wolff
(Hrg): Lion Feuchtwanger, Werk und Wirkung. Bann 1984, S. 57.

152
An der Aufführung wurde vor allem kritisiert, daß sie zu lang
dauerte (trotz der Kürzungen lief sie bis 23.00 Uhr). Feuchtwanger
warf man vor, daß die Hauptfigur Thomas Wendt nicht stark genug
sei. Am positivsten wurden die Szenen in der roten Villa von Schulz
und in der Kaserne eingeschätzt. (Vgl. N.: "Thomas Wendt", drama-
tischer Roman von Lion Feuchtwanger. in: Westfälische Neueste
Nachrichten, Bielefeld, 24.11.1924; Dr. Rolf Berg: "Thomas Wendt"
dramatischer Roman von Lion Feuchtwanger. in: Westfälische Zei-
tung, Bielefeld, 24.11.1924).
2 Vgl. Volker Skierka: Lion Feuchtwanger. Eine Biographie, hrg. von
Stefan Jaeger. Berlin 1984, S. 58.
3 Vlg. Marta Feuchtwanger: Nur eine Frau, Jahre, Tage, Stunden,
München. Wien 1983, S.124 f. Zu Feuchtwangers Teilnahme an der
Revolution siehe auch: Klaus Modick: Lion Feuchtwanger im Kon-
text der zwanziger Jahre: Autonomie und Sachlichkeit, Diss., Harn-
burg 1981, S. 101 f.
4 Die erste Mitteilung über den Abschluß seiner Arbeit am "Thomas
Wendt" brachte die "Deutsche Bühne" am 8. September 1919. Vgl.
Nachbemerkungen zu "Neunzehnhundertachtzehn" in: Lion Feucht-
wanger: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Bd. 15, Dramen Bd.
1. Berlin, Weimar 1984, S. 656. Wann Feuchtwanger den "Thomas
Wendt" wirklich beendet hat, ist unklar. Skierka (a.a.O., S. 58) nennt
den April1919, Wolfgang Frühwald den Juli 1919 (W. Frühwald: Der
Heimkehrer auf der Bühne. Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und
die Erneuerung des Volksstückes in den zwanziger Jahren. in: Inter-
nationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, hrg.
von Wolfgang Frühwald, Georg Jäger, Alberto Martino, Bd. 8, 1983,
Niemeyer, S. 182.)
5 Der erste Band "Kleine Dramen" erschien 1905, der zweite 1906 bei
Georg Müller in München. Zwei Einakter "Prinzessin Hilde" und
"König Saul" wurden im Münchener Theater 1905 einmal gespielt.
Skierka berichtet, daß die Aufführungaus technischen Gründen eine
Blamage und für die Familie Feuchtwangerein Skandal war. (a.a.O.,
s. 30.)
6 Am 20. Januar 1917 wurde Feuchtwangers Übertragung der "Perser"
von Aischylos im Münchener Schauspielhaus unter der Regie von
Eduard Scharrer-Santen uraufgeführt. Vgl. die Nachbemerkung zu

153
"Die Perser des Aischylos" in: L. Feuchtwanger: Gesammelte Werke.
a.a.O., S. 604. Die Übertragung stammt aus dem Jahre 1914.
7 "Vasantasena" entstand im Frühjahr 1915 und wurde gleich von meh-
reren Bühnen aufgenommen, wovon die "Deutsche Bühne" Ende Ok-
tober 1915 berichtet. Das Stück wurde am 4. März 1916 unter der
Regie von Carl Hagemann im Hof- und Nationaltheater in Mann-
heim uraufgeführt. Während des Krieges hatte es auf etwa 11 Bühnen
Erfolg. (Vgl. Nachbemerkung zu "Vasantasena" in: L. Feuchtwanger:
Gesammelte Werke, a.a.O., S. 607, 615.)
8 Wolfgang Jeske, Peter Zahn: Lion Feuchtwanger oder Der arge Weg
der Erkenntnis. Eine Biographie. Stuttgart 1984, S. 61.
9 Nach dem Ausbruch des Krieges wurden dort alle deutschen Männer
über achtzehn gefangengenommen. Feuchtwauger schrieb mehrmals
über seine Flucht aus Tunis, als ob sie eine Heldentat gewesen wäre.
In Wirklichkeit war sie vor allem ein glücklicher Zufall. Diese Tat-
sache sagt meinesErachtenseiniges über Feuchtwaugers Verhältnis
zum politischen Engagement.
10 Alfred Kantorowicz behauptet in "Lion Feuchtwaugers dramatischer
Roman 'Thomas Wendt'"(1954) (in: Rudolf Wolff (Hrg): Lion Feucht-
wanger. Werk und Wirkung, a.a.O. S. 66.), daß der dramatische Ro-
man als Form den Übergang des Dramatikers zum Epiker bildet: "Die
Handlung ist, wie man erkennt, ein epischer Vorwurf- ein Entwick-
lungsroman aufgelöst in dramatisch zugespitzte Etappen".
Bei Wulf Köpke finden wir eine inhaltliche Kritik. Er schreibt in
"Lion Feuchtwanger. Autorenbücher" (München 1983, S. 74.), daß
die Bestimmung des Schriftstellers eine andere ist als Politik:"(... ) er
ist der Betrachtende, der nicht dazu gemacht ist, politischer Aktivist
zu sein, vielmehr soll er den Lauf der Geschichte in seinem Werk
verständlich machen, also seine Leser und Zuschauer aufklären, nicht
zu unmittelbaren politischen Aktionen bewegen". Es lautet wie eine
Vorwegnahme der Ideen, die Feuchtwanger im "Erfolg" niederge-
schrieben hat.
Wolfgang Müller-Funk schreibt in "Literatur als geschichtliches
Argument. Zur ästhetischen Konzeption und Geschichtsverarbei-
tung in Lion Feuchtwaugers Romantrilogie 'Der Wartesaal' "(Frank-
furt am Main, Bern 1981, S. 120.): "Das epische Element besteht, wie
schon oben bemerkt, vornehmlich in der Breite der Anlage, der Fülle
von Handlungen und typischen Figuren. Ansonsten besitzt es alle

154
Schwächen eines Weltanschauungstheaters, gemeinsames Merkmal
mit dem expressionistischen Theater, dem es freilich in seiner letzten
Aussage diametral gegenübersteht: Schematismus der Handlung, pa-
thetische Sprache und eine eindimensionale Gestaltung der Figuren
als Weltanschauungsröhren. Trotz dieses ästhetischen Mankos bleibt
'Thomas Wendt' ein interesantes Zeit- und literaturhistorisches Do-
kument". Rene Zeyer behauptet in "Lion Feuchtwaugers historischer
Roman. Eine Untersuchung der Denkformen eines Romanciers"
(Diss. Berlin, Zürich 1985, S. 140.), daß es ein verunglückter Roman
von Feuchtwauger gewesen sei.
Hans-Bernard Moeller weist in "Feuchtwanger und Brecht" (in:
Lion Feuchtwanger, ".. .für die Vernunft, gegen Dummheit und Ge-
walt", hrg. von Walter Huderund Friedrich Küchli. Berlin 1985) da-
rauf hin, daß Alfons Paquet sein Werk "Fahnen" auch einen
dramatischen Roman nannte. Ulrich Weisstein behauptet in "Vom
dramatischen Roman zum epischen Theater. Eine Untersuchung der
zeitgenössischen Voraussetzungen für Brechts Theorie und Praxis"
(in: Episches Theater, hrg. von Reinhold Grimm. Köln, Berlin 1970,
S. 40. und Anm. 17, S. 48.), daß Paquet diese Bezeichnung für seine
"Fahnen" in Anlehnung an Feuchtwauger benutzt habe.
11 Lion Feuchtwanger: Das Erlebnis und das Drama. in: L. Feuchtwan-
ger: Ein Buch nur für meine Freunde. Frankfurt am Main 1984, S.
84 f.
12 Lion Feuchtwanger, Vorwort zu: Lion Feuchtwanger: Thomas
Wendt. Ein dramatischer Roman. München 1920, S. 7.
13 Lion Feuchtwanger: Das Erlebnis und das Drama. in: L. Feuchtwan-
ger: Ein Buch nur ... , a.a.O., S. 85.
14 Lion Feuchtwanger, Vorwort zu: Lion Feuchtwanger: Thomas
Wendt. Ein dramatischer Roman. a.a.O., S. 6.
15 Es gibt viele Vermutungen, die sich auf den gegenseitigen Einfluß
von Brecht und Feuchtwauger beziehen. Sehr überzeugend ist die
These von Frühwald, der behauptet, daß beide Werke als komple-
mentär anzusehen sind (Vgl. W. Frühwald, Der Heimkehrer auf der
Bühne ... in: Internationales Archiv .... a.a.O., S. 182 f.). Zwischen
dem dramatischen Roman von Feuchtwauger und dem epischen
Theater von Brecht gibt es erhebliche Unterschiede. Meines Erach-
tens kann "Thomas Wendt" Brecht vor allem als Versuch eines Gat-

155
tungsexperiments, aber nicht in seiner Ausführung interessiert ha-
ben. Das Verhältnis der beiden Stücke zueinander bleibt, wie Früh-
wald bemerkt, weiterhin ungeklärt.
16 Modick spricht in seiner Arbeit von "distanzierter Nähe", dank der
Feuchtwanger in "Thomas Wendt" "ansatzweise jene polyperspekti-
vische Aufschlüsselung unterschiedlicher Weltanschauungen, Ideolo-
gien und alternierender Möglichkeiten gelungen ist, mit der Realität
künstlerisch umzugehen" (in: Klaus Modick: Lion Feuchtwanger im
Kontext der zwanziger Jahre: Autonomie und Sachlichkeit. Harn-
burg, 1981, S. 198.).
17 Zur Namendeutung vgl. W. Frühwald: Der Heimkehrer auf der
Bühne ... (in: Internationales Archiv ... a.a.O., S. 182.). Frühwald ver-
weist auf die Ähnlichkeit Thomas Wendts mit Gustav Wendtaus "Fa-
milie Selicke" von Arno Holz und Johannes Schlaf. Außerdem
behauptet er, daß Thomas Wendt zu den typischen Figuren der Wand-
lungsdramen gehört, die an sich selbst zweifeln.
18 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 14.
19 Heinrich Mann: Geist und Tat. (in: H. M.: Ausgewählte Werke in
Einzelausgaben Bd. XI., Essays Bd. 1. Berlin 1954, S. 13.). Auf die
Form des dramatischen Romans hatte auch Heinrich Manns "Kleine
Stadt" einen Einfluß, wie Feuchtwanger in dem Vorwort zum "Tho-
mas Wendt" berichtet.
20 Diese Funktion der Kunst bleibt hier ein blindes Motiv. Es wird im
Werk von Feuchtwanger nicht näher analysiert. Eine ähnliche Verei-
nigung wird durch Freundschaft erreicht, die Thomas Wendt mit
Georg Heinsius, einem Fabrikbesitzer, verbindet. Sie bleibt aber auch
nur Wendts individuelle Erfahrung, von den anderen wird sie als
Störfaktor in der politischen Arbeit empfunden.
21 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 34.
22 Ebenda, S. 47. Klaus Modick hält "Thomas Wendt" für eine globale
Kritik der "Sinn und Folgenlosigkeit expressionistischer Literatur-
produktion und besonders des von expressionistischer Emphase ge-
triebenen politischen Verhaltens" (K Modick: Lion Feuchtwanger ...
a.a.O., S. 190 f.).
23 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 53.

156
24 Diese Stelle erinnert daran, wie Kurt Eisner Chefredakteur der
"Münchener Post" wurde, für die auch Feuchtwanger geschrieben
hatte. Er studierte sie dann eingehend für seinen Roman "Erfolg",
worüber Marta Feuchtwanger in "Nur eine Frau ..." (a.a.O., S. 116 f.)
berichtet.
25 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 61.
26 Ebenda, S. 69.
27 Ebenda, S. 100.
28 Ebenda, S. 52.
29 Ebenda, S. 123.
30 Ebenda, S. 124.
31 Ebenda, S. 149.
32 Ebenda, S. 151.
33 Ebenda.
34 Ebenda, S. 116. "Das Lied der Gefallenen" ist ein früheres Werk von
Feuchtwanger, das in "Thomas Wendt" eingebaut wurde, wodurch es
seinen pazifistischen Charakter zwar nicht verloren hat, aber durch
den Kontext zu einem revolutionären Gedicht wird. Feuchtwanger
behauptete sogar, daß das Gedicht das erste revolutionäre Gedicht
in Deutschland gewesen sei.
35 Ebenda, S. 179.
36 Das Heimkehrer-Motiv war damals sehr populär, wie wir wissen.
Konrad Feilchenfeldt nennt in "Bertolt Brecht 'Trommeln in der
Nacht'. Materialien, Abbildungen, Kommentar". (München 1976,
S. 110.) u. a. neben Feuchtwangerund Bertolt Brecht auch Leonhard
Frank, Ernst Toller, Ödon von Horvath, Joseph Roth, Alfred Döblin.
37 Dagegen, daß Feuchtwanger durch die Bekanntschaft mit Brecht sei-
nen "Thomas Wendt" umgeschrieben hat, spricht die Tatsache, daß
Brecht erst im Frühjahr 1919 bei Feuchtwanger mit dem fertigen Dra-
ma "Spartakus" erschienen war. Man könnte nur von einer Erweite-
rung des Werkes sprechen. Diese These vertreten auch: Maria Anna
Weller in: Versuch über Feuchtwangers Selbstverständigungsprozeß
in ausgewählten Werken seit dem Thomas Wendt (Hamburg 1983,
Magisterarbeit), wo sie sich auf das Interview mit Marta Feuchtwan-
ger im Fernsehen beruft, das in den ZDF-Sendungen am 14. und 20.

157
Januar 1980 stattfand; Vgl. auch U. Weisstein in "Vom dramatischen
Roman zum epischen Theater" in: Episches Theater, a.a.O., S. 175.
38 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 175. Heroischer Kampf
hat hier wenig mit dem marxistischen Gesichtspunkt zu tun, nach
dem jede Niederlage lehrreich sei, wodurch verlorene Kämpfe immer
einen Sinn bekämen. Über seine Geschiehtsauffassung schrieb
Feuchtwanger 1931 in "Mein Roman 'Erfolg'": "Ich bin weder Fatalist
noch Marxist, der glaubt, daß einzig ökonomische und materielle Ge-
setze die Welt machen. Ich bin auch kein Individualist, der meint, daß
jeder Mensch Herr seiner Zukunft sein kann. Diese drei Theorien
bilden jedoch, objektiv gefaßt, das Schicksal (... ). Das Leben? Der
Mensch im Kampf gegen seine Bedürfnisse, Spielball des Zufalls, der
ihm hilft oder etwas Unüberwindliches in den Weg wirft: das ist das
Leben". (in: L.Feuchtwanger, Ein Buch nur ... a.a.O., S. 389.)
39 Siehe Kap. IV.
40 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 185.
41 Ebenda, S. 189.
42 Ebenda.
43 Ebenda, S. 191.
44 Ebenda.
45 Ebenda, S. 193.
46 Ebenda, S. 213.
47 Ebenda, S. 215. Diese Worte erinnern an die Festrede von Kurt Eis-
ner, die er bei der Münchener Revolutionsfeier am 17. November
1918 gehalten hat. Daraufverweist W. Frühwald in "Der Heimkehrer
auf der Bühne" (in: Internationales Archiv ... a.a.O., S. 171 f.)
48 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 219.
49 Ebenda, S. 231.
50 Es wird nicht gesagt, wie es dazu kommt, daß Schutz zum Nachfolger
Wendts wird. Es kann als eine Anspielung auf die Gründung der re-
publikanischen Regierung von Kurt Eisner verstanden werden. Eis-
ner hatte Erhard Auer trotzWiderspruchder Wähler als Innenminister
durchgesetzt, was sich später als taktischer Fehler erwies. Eisner
glaubte an eine Gemeinsamkeit der sozialdemokratischen Parteien

158
trotzder 1918 herrschenden politischen Gegensätze. Das vereinende
Moment seien die revolutionären Ziele.
51 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt. a.a.O., S. 117.
52 Ebenda, S. 232.
53 Ernst Toller schreibt dort: "Ich war gescheitert, ich hatte geglaubt,
daß der Sozialist, der Gewalt verachtet, niemals Gewalt anwenden
darf, ich selbst habe Gewalt gebraucht und zur Gewalt aufgerufen"
(E.Toller: Gesammelte Werke, Bd.IV. S. 222).
54 W. Frühwald erklärt in "Der Heimkehrer auf der Bühne": "Lion
Feuchtwangers dramatischer Roman tendiert - wie Brechts episches
Theater - zur Totalität der Wirklichkeit". (Internationales Archiv
... , a.a.O., S. 194.)
55 Lion Feuchtwanger: Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans.
(1935) in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur ... , a.a.O., S. 498: "Ich habe
mich immer bemüht, das Bild meiner Wirklichkeit bis ins kleinste
Detail treu wiederzugeben, aber niemals habe ich mich darum ge-
kümmert, ob meine Darstellung der historischen Fakten exakt war".
56 Über die Revolutionsfeier schreibt Gustav Landauer in seinem Brief
an Tochter Gundula (in: G. Landauer: Sein Lebensgang in Briefen.
Unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer. Hrg. von Martin Bu-
ber. Bd.II, Frankfurt am Main 1929, S. 311 ff); Siehe auch: Die neue
Zeit, hrg. von Benno Merkle. München 1919, 1. Folge.
57 L. Feuchtwanger: Vorwort zu "Thomas Wendt", a.a.O., S. 5. Dazu
äußerte sich Feuchtwanger in seiner Zeit, in der er bereits historische
Romane schrieb: "Ja,( ... ) ich habe oft die mir genau bekannte akten-
mäßige Wirklichkeit geändert, wenn sie mir illusionsstörend wirkte.
Im Gegensatz zum Wissenschaftler hat, scheint mir, der Autor histo-
rischer Romane das Recht, eine illusionsfördernde Lüge einer illu-
sionsstörenden Wahrheit vorzuziehen" (in: Vom Sinn und Unsinn
des historischen Romans (1935) in: L. Feuchtwanger, Ein Buch nur
... a.a.O., S. 489.)
58 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 33.
59 Ebenda.
60 Eine solche Meinung vertraten um diese Zeit vor allem Anarchisten.
Die Sozialdemokratie hatte mit der Ausnahme von Rosa Luxemburg

159
vor dem ersten Weltkrieg ein Programm, das eng mit dem Parlamen-
tarismus verbunden war.
61 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 81 f.
62 Ebenda, S. 29.
63 Ebenda, S. 249.
64 Ebenda, S. 218.
65 Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt am Main 19533 ,
s. 135.
66 Ebenda, S. 137.
67 Ebenda, S. 135.
68 L. Feuchtwanger: Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Berlin
1963, S. 761. Auf Gemeinsamkeiten bei Feuchtwanger und Mann-
heim verweisen u. a. Wulf Köpke in "Lion Feuchtwanger. Autoren.
Bücher" (München 1983) und Klaus Modick in "Lion Feuchtwanger
im Kontext der zwanziger Jahre. Anatomie und Sachlichkeit" (Harn-
burg 1981, S. 111).
69 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 148.
70 Ebenda, S. 135.
71 L. Feuchtwanger: Erfolg, a.a.O., S. 241.
72 Ebenda, S. 761.
73 Somit entspricht Tüverlin dem neuen Typus des Intellektuellen, von
dem Ortega y Gasset in seinem "Buch des Betrachters" spricht: "Es
handelt sich um eine grundlegende Wandlung in den Anschauungen,
welche man sich während der letzten beiden Jahrhunderte über die
Mission der geistigen Elite gebildet hatte. Sie soll die Menschen we-
der beherrschen noch beeinflussen oder gar retten wollen; das ist
nicht die Form, in welcher sie am nützlichsten auf Erden werden
kann. Nicht wenn er in der ersten Reihe der Gesellschaft steht, wie
der Politiker, der Offizier, der Geistliche, erfüllt sich das Geschick
des Intellektuellen am reinsten, sondern wenn er verborgen und un-
scheinbar lebt und sich in bescheidene soziale Stellungen zurück-
zieht". (Jose Ortegay Gasset: Buch des Betrachters. Stuttgart, Berlin
1934, s. 19 f.)
74 L. Feuchtwanger, Ein Buch nur ... , a.a.O., S. 354.

160
75 Man vergleiche Folgendes:
Hansjakob Hefti: Macht, Geist und Fortschritt, der Roman "Die häß-
liche Herzogin" in der Entwicklung von Lion Feuchtwangers Ge-
schichtsbild. Diss. Zürich 1977.
Horst Hartmann: Die Antithetik "Macht-Geist" im Werk Lion Feucht-
wangers, in: Weimarer Beiträge VII. Jg., 1961.
Alfred Kantorowicz: Lion Feuchtwanger ... , in: Rudolf Wolff Hrg:
Lion Feuchtwanger ... , a.a.O.
Elke Scheibe: Feuchtwangers Judentum, in: Rudolf Wolff (Hrg):
Lion Feuchtwanger ... , a.a.O.
Rene Zeyer: Lion Feuchtwanger, a.a.O.
76 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 198.
77 Lion Feuchtwanger: Neunzehnhundertachtzehn. Ein dramatischer
Roman, in: L. Feuchtwanger: Stücke in Prosa. Amsterdam 1936, S.
259.
78 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 232.
79 L. Feuchtwanger. Neunzehnhundertachtzehn, a.a.O., S. 275.
80 Ebenda, S. 284.
81 Ebenda.
82 Wulf Köpke: Lion Feuchtwanger, a.a.O., S. 72.
83 L. Feuchtwanger: Selbstdarstellung (1933) in: L. Feuchtwanger: Ein
Buch nur ... a.a.O., S. 360.
84 Motto zu dem dritten Buch, in: L. Feuchtwanger: Thomas Wendt,
a.a.O., S. 181.
85 L. Feuchtwanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 231.
86 Ebenda.
87 Ebenda, S. 177.
88 Ebenda, S. 196.
89 Ebenda, S. 234.

111. Ernst Tollers "Masse-Mensch". Revolution als ethisches Problem

1 Ernst Toller: Brief an Gustav Landauer, in: E. Toller: Gesammelte


Werke. München 1978, Bd. 1., S. 35.

161
2 Ernst Toller schrieb an Tessa: "Wenn mich Erlebnisse gequält haben,
treibt es mich, ein Drama zu schreiben, ein Werk zu bilden, wie im
Fieber. (Und dann fühle ich mich leer und hilflos, entblößt und arm-
selig). Das ist eine Gnade. Doch ich bin nur Gefäß, in dem schöpfe-
rische Lebenskräfte wirken" (in: E.Toller: Gesammelte Werke,
a.a.O., Bd. 5., S. 29.)
3 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., Bd. IV., S. 75.
4 Die Tagung auf der Burg Lauenstein hatte Eugen Diederich vom 29.
bis zum 31. Mai 1917 organisiert, eine zweite fand vom 29. September
bis zum 3. Oktober 1917 statt. Beide waren als ein Treffen der Intel-
lektuellen gedacht, die bereit waren, "über den Sinn und Aufgaben"
der Zeit zu sprechen. Toller hat an dem Herbsttreffen teilgenommen.
Vgl. dazu: Diederich Eugen: Selbstzeugnisse, Briefe von Zeitgenos-
sen. Düsseldorf, Köln 1967, S. 208.
5 E. Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 79. Hier beschreibt Toller den positiven Eindruck,
den Weber und Dehmel auf ihn gemacht hatten. Weber habe "die
kämpferische Natur des Gelehrten". An Dehmel interessierte Toller
seine Erfahrung, insbesondere seine Abkehr von der Kriegsbegeiste-
rung.
6 Ernst Toller: Leitsätze für einen kulturpolitischen Bund der Jugend
in Deutschland (1917), in: E. Toller: Gesammelte Werke, Bd. 1., S.
32 f. Außer den Punkten, die gegen den Krieg gerichtet waren, gab es
auch soziale. Toller wollte für das Programm und den Bund in Max
Weber einen geistigen Führer gewinnen, dieser hat aber die Zusam-
menarbeit wegen des wirren Programms abgelehnt. Darüber berich-
tet Marianne Weber in "Max Weber. Ein Lebensweg" (Tübingen
1926)
Auf Antrag des Münchener freistudentischen Bunds im Revolu-
tionsjahr 1919 hielt Max Weber für die Jugend den Vortrag "Politik
als Beruf" und "Wissenschaft als Beruf". Dieser kann als indirekte
Antwort aufTollers Bemühungen um Weberverstanden werden. We-
ber sagt dort: "'Distanzlosigkeit', rein als solche, ist eine der Todsün-
den jeden Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei
dem Nachwuchs unserer Intellektuellen sie zur politischen Unfähig-

162
keit verurteilen wird" (M. Weber: Politik als BerufBerlin 1968, S. 51).
Weber versucht hier, solche Begriffe wie Politik, Staat, Macht zu de-
finieren. Im Rahmen der Führerproblematik unterscheidet er tradi-
tionelle und charismatische Legitimationsgründe.
7 Kurt Eisner fuhr nach Berlin, wo er mit der USPD einen gemeinsa-
men Streikaufruf in der Kriegsindustrie besprach.
8 Zitiert nach: Jörg Berlin (Hrg.): Die deutsche Revolution 1918/19.
Quellen und Dokumente. Köln 1979, S. 105 f.
9 Emil Barth: Aus der Werkstatt der deutschen Revolution. Berlin
1919, S. 23. Siehe dazu auch: Gerhard Schmolze (Hrg.): Revolution
und Räterepublik in Murrsehen 1918/19 in Augenzeugenberichten.
Düsseldorf 1969.
10 Kurt Eisner: Januarstreik 1918, in: Kurt Eisner: Sozialismus als Ak-
tion. Ausgewählte Aufsätze und Reden. hrg. von Freya Eisner, Frank-
furt am Main 1975, S. 58.
11 Ebenda, S. 36.
12 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E.Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 89.
13 Ebenda, S. 88.
14 Ebenda, S. 90.
15 Kurt Eisner: Sozialismus als Aktion, a.a.O., S. 60.
16 Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, in: E.Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 85.
17 Ebenda, S. 87.
18 Ernst Toller, Die Wandlung, in: E. Toller: Gesammelte Werke, Bd.
II., Bild 13., S. 58-61.
19 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 88.
20 Die Forderungen des Januarstreiks lauteten nach Gerhard Schmolze:
"1. Sofortiger Friedensangebot der deutschen Regierung an sämtliche
kriegsführende Länder auf der Grundlage: Ohne jede offene oder
verschleierte Annexion, ohne Entschädigungen, unter Wahrung des
Selbstbestimmungsrechts der Völker,
2. Vollständiges Koalitionsrecht sowie Presse- und Versammlungs-
freiheit,

163
3. Eine rein demokratische Verfassung,
4. Aufhebung des Belagerungszustandes,
5. Entmilitarisierung der Betriebe und Aufhebung des Hilfsdienstes".
(Gerhard Schmalze: Revolution und Räterepublik in München
1918/19 in Augenzeugenberichten, a.a.O., S. 60. ). Bei Jörg Berlin (in:
Die deutsche Revolution 1918/19. Quellen und Dokumente, a.a.O.,
S. 102) wird noch die ausgiebige Nahrungsmittelversorgung als For-
derung genannt.
21 Toller wurde am 4. Juni 1919 inhaftiert. Auf seinen Kopf wurde die
Prämie von 10000 Mark ausgesetzt. Der Prozeß vor dem Münchener
Standgericht fand vom 14. bis zum 16. Juli 1919 statt. Er wurde "we-
gen eines Verbrechens des Hochverrats unter Verneinung der ehrlo-
sen Gesinnung und Zubilligung mildernder Umstände zu gesetzlicher
Minderstrafe von 5 Jahren Festung und zur Tragung der Kosten ver-
urteilt". Die Gerichtsverhandlung mußte auf Toller einen großen
Einruck gemacht haben, zumal sie von Hugo Haase in seiner Vertei-
digungsrede zu einem politischen Ereignis im engen Zusammenhang
mit der Revolution als historischer Tatsache erhoben wurde. Er hielt
diese Rede am 15. Juli 1919, wo er unter anderem sagte: "Sämtliche
Staatsrechtlehrer erkennen an, daß Revolutionen rechtsschöpferisch
sind. So haben auch die Gerichte die Verordnungen der Volksbeauf-
tragten als rechtsgültig anerkannt, die ihre Befugnis von dem Voll-
zugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte, einem revolutionären Organ,
herleiteten. Am 12. November waren die Volksbeauftragten überein-
stimmend der Auffassung, daß der Belagerungszustand für ganz
Deutschland durch ihren gesetzgeberischen Akt aufgehoben sei.
Diese Ansicht hat auch die bayrische Regierung geteilt, sonst hätte
sie Widerspruch erhoben. Als unter meiner Mitwirkung eine Amne-
stie für das ganze Reich ausgearbeitet war, hat die bayrische Regie-
rung darum ersucht, daß ihre Justizhoheit anerkannt werde, und die
Absicht ausgesprochen, für Bayern eine eigene Amnestie zu erlassen.
Daraus ergibt sich die zwingende Folgerung, daß die bayrische Re-
gierung mit der Aufhebung des Belagerungszustandes für das ganze
Reich durchaus einverstanden war. (... ) Mit dem Sturz der Throne
brach auch die Strafbestimmung über den Hochverrat zusammen"
(in: Umsturz und Aufbau. Der Hochverräter Ernst Toller. Die Ge-
schichte eines Prozesses von Stefan Großmann. Mit Verteidigungs-
rede von Hugo Haase. Berlin 1919, S. 30 f.)

164
22 Ernst Toller: Brief an einen schöpferischen Mittler, in: E. Toller: Ge-
sammelte Werke, a.a.O., Bd. II, S. 355. Es ist überraschend, daß Toller
seinen Drang zum Schreiben in ähnlichen Worten 1921 wie FeuchtwaD-
gers Thomas Wendt ausdrückt, der sagt: "Gesichte! Gesichte! Wenn ich
sie zwingen könnte! Ich sehe ihn, den Sklavenführer, verbissene Ver-
zweiflung ist in jenem Blick, er kämpft am Holz, er verröchelt, und
seine versagenden Lippen fordern: Mache mich!" (in: Lion Feucht-
wanger: Thomas Wendt, a.a.O., S. 13.)
23 Peter Nettl: Rosa Luxemburg. Frankfurt am Main, Wien, Zürich
1968,S.311.
24 Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in: R.
Luxemburg: Gesammelte Werke. Berlin 1981, Bd. II, S. 117 f.
25 Obwohl Rosa Luxemburg in ihren Ausführungen über den Massen-
streik gegen den Anarchismus polemisierte, warf man ihr anarcho-
syndikalistische Tendenzen vor. In den anarchistischen Kreisen
wurde sie dagegen anerkannt, da sie in diesen Debatten eine poli-
tische Chance für sich sahen. Die Unterschiede zu ihrer Auffassung
des Streiks waren aber beträchtlich, denn sie hielten den Streik im
Gegensatz zu Rosa Luxemburg für die Hauptwaffe in dem politischen
Kampf. Er sollte nicht lediglich ein Bestandteil der revolutionären
Bewegung sein, eine Form, die die Revolution in einer bestimmten
Phase annimmt, wie Luxemburg meinte, sondern der Kulminations-
punkt im Kampfe um die Zerschlagung des Machtapparats und die
Auflösung des Staates. So sah z. B. George Sorel den Generalstreik
in seinem berühmten Buch "Über die Gewalt". Erich Mühsam hat den
Streik dagegen nicht so konsequent anarchistisch aufgefaßt. Aus die-
sem Grunde nahm er eine Sonderposition unter den deutschen Anar-
chisten ein (siehe dazu das IV. Kapitel dieser Arbeit). Da er den
Hauptakzent auf die Rätedemokratie setzte, war für ihn - wie für
Rosa Luxemburg - der Streik eine der wichtigsten Methoden, zu ihr
zu gelangen.
26 Kurt Eisner: Gewerkschaft und Partei, in: Vorwärts vom 8. II. 1905,
Nr. 132. Am 17. September 1905 begann der Jahresparteitag der SPD
in Jena, auf dem Rosa Luxemburg mit ihren Massenstreikideen von
den SPD-Mitgliedern (vor allem August Bebel, der den Massenstreik
als Defensivwaffe verstand) als "äußerste Linke" verstanden wurde.

165
Auf dem Parteitag kritisierte sie auch die Gewerkschaften wegen ihrer
Versöhnungspolitik Sie wollten alle Arbeiter in ihre Organisation auf-
nehmen, anstau die organisierten und nichtorganisierten Arbeiter bei
ihren revolutionären Versuchen zu unterstützen. Letzten Endes ge-
lang es Luxemburg, den Massenstreik "in die Waffenkammer der
deutschen Sozialdemokratie" einzubeziehen. Zu anderen Entschei-
dungen des SPD-Vorstandes gehörte die Auseinandersetzung mit
den Revisionisten um "Vorwärts". Kurt Eisner schied nach dem Je-
naer Parteitag mit Wetzker, Grandauer, Kaliski, Büttner, Sehröder
aus der Redaktion aus. An ihre Stelle kamen Rosa Luxemburg, Cu-
now, Stadthagen, Ströbel, Düwell. (Angaben nach Peter Nett!: Rosa
Luxemburg, a.a.O., S. 289-310.)
27 Kurt Eisner: Januarstreik 1918, in: K. Eisner: Sozialismus als Aktion,
a.a.O., S. 74.
28 In "Revolution und Räteherrschaft in München. Aus der Stadtchro-
nik 1918/19", hrg. von Michael Schattenhofer, Neue Schriftenreihe
des Stadtarchivs, Bd. XXIX, München, Wien 1968, gibt es zwar lako-
nische, aber viele Berichte über Plünderungen in jenen Tagen in
München.
29 Ebenda, S. 82. Hier wird noch ein anderer Grund für Tollcrs Ent-
schluß genannt, die Zusammenarbeit mit den Kommunisten zu kün-
digen. Es war die Auseinandersetzung zwischen Levine, Levien und
Axelrod auf der einen Seite und Maenner, Toller und Klingelhafer
auf der anderen: "Der Volksbeauftragte für Finanzen, Maenner, führt
Klage über den Russen Axelrod, der ihm als Politischer Kommissar
beigegeben ist und von ihm aufgrund eines Beschlusses des Aktions-
ausschusses die Auslieferung des Safeschlüssels der Münchner Ban-
ken verlangt; er, Maenner, könne sich nicht zu einer Handlung
hergeben, die politischem Diebstahl gleichkomme; er sei zwar für die
Räterepublik, müsse aber darauf sehen, daß er der Regierung Hoff-
mann mit freier Stirn entgegentreten könne (!); er habe keine Lust
mehr, in einem Marionettentheater zu sitzen und trete deshalb zu-
rück. Auch Toller erklärt, er betrachte die jetzige Räteregierung als
ein Unheil für das werktätige Volk, da die führenden Männer nur
zerstören, ohne das geringste aufzubauen; auch er könne deshalb eine
weitere Zusammenarbeit mit dem Vollzugsausschuß und dem Gene-
ralstab nicht mehr verantworten und sehe sich gezwungen, sein Amt
als Kommandeur des Truppenabschnitts I (Dachau) niederzulegen"

166
(Nachrichricht vom 26.April1919). Es geschah also vier Tage vor der
Erschießung der Geiseln.
30 Kurt Eisner: Die neue Zeit. München 1919, S. 13 f.
31 Ernst Toller: In Memoriam Kurt Eisners, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., Bd. 1., S. 165 f.
32 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 124.
33 Levien und Levin~ strebten eine kommunistische Räterepublik an,
deswegen wollten sie mit der ersten Räterepublik nicht zusammenar-
beiten. Die KPD hatte den Generalstreik ausgerufen, der vom 14. bis
zum 22. April1919 dauerte und das Funktionieren der sogenannten
"Scheinräterepublik" lähmte.
34 Ernst Toller: In Memoriam Kurt Eisners, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 167.
35 Wenn man Tollers Werke in einem engen Zusammenhang mit sei-
nem Leben von der "Wandlung" bis hin zu dem "Entfesselten Wotan"
verfolgt, erscheint die Bezeichnung "Desillusionierungsprozeß" für
seine Entwicklung zutreffend.
36 Unter anderen wären hier folgende Forscher zu nennen:
Walter Riedel: Der neue Mensch, Mythos und Wirklichkeit. Bonn
1970.
Manfred Durzak: Das expressionistische Drama, Ernst Barlach, Ernst
Toller, Fritz von Unruh. 1979.
Carel ter Haar: Ernst Toller - Appel oder Resignation? München
1977.
37 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 224.
38 Sonja Lerch war Frau eines Münchener Privatdozenten. Sie entschied
sich für die Teilnahme an dem Januarstreik gegen den Willen ihres
Mannes. Sie wurde in derselben Zeit wie Kurt Eisner inhaftiert. Im
Gefängnis beging sie Selbstmord. Siehe dazu: Ernst Toller: Eine Ju-
gend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte Werke, a.a.O., S. 89;
Gerhard Schmolze (hrg): Revolution und Räterepublik, a.a.O., S. 58.;
Michael Schattenhofer: Revolution und Räteherrschaft, a.a.O.,
s. 128.

167
39 Durch die lebhafte Dostojewski-Rezeption in Deutschland war Sonja
in dieser Zeit kein neutraler Name mehr. Er kann durchaus mit Do-
stojewskis Sonja aus "Schuld und Sühne" assoziiert werden, da sie das
Prinzip des Sich-Aufopferns repräsentiert.
40 Ernst Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke, Bd.
II., a.a.O., S. 86.
41 Die Zugehörigkeit des Namenlosen zu der Masse ist kein rationales
•.c\rgument für seine Führerfunktion. Er nimmt sich das Recht auf
Führung und findet Gefolgschaft im Sinne des charismatischen Füh-
rers, von dem Weber u. a. in "Politik als Beruf' (1919) spricht. Als
charismatischer Führer kann der Namenlose die Masse als Schicksal
verstehen. Neben der religiösen Deutung dieser Szene, die bei Carel ter
Haar dominiert, gäbe es die Interpretationsmöglichkeit, bei der man
den Begriff "Schicksal" mit Charisma in einen Zusammenhang stellen
könnte.
42 Ernst Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke,
a.a.O., S. 86.
43 Diese Bezeichnung war unter den Kommunisten sehr populär. Paul
Fröhlich benutzte sie in bezugauf Toller, um ihn als unechten Kom-
munisten anzugreifen. Toller wehrt sich dagegen in "Kleiner Zufall".
Siehe dazu: E.Toller: Quer durch. Reisebilder und R~den. Berlin
1930.
44 Das sechste Bild (Traumbild) ist in der Toller-Forschung mehrmals
interpretiert worden. Die vollständigste Interpretation scheint mir
Maleolm Pittock in seiner Arbeit zu bieten: M. Pittock: Ernst Toller.
Boston 1979.
45 Gustave Le Bone: Psychologie der Massen. Stuttgart 1964, S. 15 f.
46 Ernst Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke
a.a.O., S. 90.
47 Dieses Bild der Masse erinnert an ähnliche Bilder bei Bernhard Kel-
lermann im "Tunnel" und an Szenen bei Lion Feuchtwanger in "The-
mas Wendt". Der negative Charakter der Masse mußte eine neue
Erkenntnis aus der Revolutionszeit gewesen sein. Intellektuelle, die
damit konfrontiert wurden, versuchten sich damit auseinanderzusetzen.
Toller greift das Problem von zwei Seiten auf. Einerseits zeigt er eine
Vernichtungstendenz in der Masse, andererseits betont er das poten-

168
tiell Positive in ihr, wenn sie sich individualisiert und in eine Gemein-
schaft verwandelt.
48 Ernst Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke, a. a.O.,
S.l07.
49 Ebenda.
50 Ernst Toller in: Nationalsozialismus. Eine Diskussion über den Kul-
turbankrott des Bürgertums zwischen Ernst Toller und Alfred Muhr,
Redakteur der Deutschen Zeitung. Berlin 1930, S. 19.
51 Ernst Toller: An Theodor Lessing, in: E.Toller: Gesammelte Werke,
a.a.O., Bd. V., S. 36.
52 Theodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen. Harn-
burg 1962, S. 190.,
53 E. Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke, a.a.O.,
s. 81.
54 Ebenda, S. 110.
55 Ernst Toller: In Memoriam Kurt Eisners, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 167.
56 Rosa Luxemburg: Die 'unreife' Masse, in: R. Luxemburg: Gesam-
melte Werke, a.a.O., S. 430.
57 E. Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 223.
58 E. Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke, a.a.O.,
s. 107.
59 Ebenda, S. 100. Die Anklagenden erscheinen vor dem Käfig, wo die
Frau als Gefangene sitzt. Diese Szene erinnert an die Schilderung,
die Rosa Luxemburg in einem Brief an Sonja Liebknecht beschreibt.
60 E. Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke, a.a.O.,
s. 101.
61 Ebenda, S. 102.
62 Ebenda, S. 103. In diesem Zusammenhang sind Webers Ausführun-
gen über die Auslese der Führerschaft und über die Gesinnungs- und
Verantwortungsethik interessant: "Da liegt der entscheidende Punkt.
Wir müssen uns klar machen, daß alles ethisch orientierte Handeln
unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegen-
sätzlichen Maximen stehen kann: es kann 'gesinnungsethisch' oder

169
"verantwortungsethisch' orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik
mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesin-
nungslosigkeit identisch wäre" (M.Weber, ebenda, S. 57., siehe dazu
auch S. 58 f.) "Die Auslese der Führerschaft aufgrund der demago-
gischen Rede. Ihre Art hat sich geändert von den Zeiten her, wo sie
sich, wie bei Cobden, an den Verstand wandte, zu Gladstone, der ein
Techniker des scheinbar nüchternen 'die-Tatsachen-sprechen-Las-
sens' war, bis zur Gegenwart, wo vielfach rein emotional mit Mitteln,
wie sie auch die Heilsarmee verwendet, gearbeitet wird, um die Mas-
sen in Bewegung zu setzen. Den bestehenden Zustand darf man wohl
eine 'Diktatur, beruhend auf der Ausnutzung der Emotionalität der
Massen' nennen" (Max Weber, Politik als Beruf, a.a. 0., S.41.). We-
bers scharfe Trennung der Politik von der Ethik erklärt noch deutli-
cher, warum er mit Toller nicht zusammenarbeiten wollte: "Wer das
Heil seiner Seele und die Rettung anderer Seelen sucht, der sucht das
nicht auf dem Wege der Politik, die ganz andere Aufgaben hat:
solche, die nur mit Gewalt zu lösen sind. Der Genius oder Dämon
der Politik lebt mit dem Gott der Liebe, auch mit dem Christengott
in seiner kirchlichen Ausprägung, in einer inneren Spannung, die je-
derzeit in unaustragbarem Konflikt ausbrechen kann" (ebenda, S. 64.)
63 Ebenda, S. 110.
64 Auf Ähnlichkeiten mit Goethes "Faust" verweist Sigurd Rothstein in:
Der Traum von der Gemeinschaft. Kontinuität und Innovation in
Ernst Toners Dramen. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris
1987 und Katharina Maloff in: Mensch und Masse. Gedanken zur
Problematik des Humanen in Ernst Tollers Werk. Washington 1965,
s. 86.
65 Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei, Gewerkschaften, in: R. Luxem-
burg: Gesammelte Werke, a.a.O., S. 96.
66 Ebenda, S. 112 f.
67 Ebenda, S. 114.
68 Ebenda, S. 148.
69 Jahrbuch der Arbeiterbewegung 1981: Geschichte und Theorie Poli-
tischer Streik. Hrg. von Heinz-Gerhard Haupt, Annette Jost, Ger-
hard Leithauser, Ulrich Mückenberger, Oskar Negt, Claudio Pozzoli,
Hans-Josef Steinberg. Frankfurt am Main 1981, S. 20.: "Die Defini-
tion des politischen Streiks muß mithin versuchen, über die geringe

170
Zahl der für Wahlrecht, Sozialgesetze oder gegen die Reaktion an-
tretenden Streikenden hinaus auch jene Arbeitskämpfe einzufangen,
in denen Forderungen, Formen und Umfang des Streiks zur Reaktion
der politischen Instanzen führen. Da der politische Streik zentral das
Verhältnis des Staates zum Arbeitskampf berührt, ist das Politische
sowohl in den Initiativen der Streikenden als auch in den Maßnah-
men der staatlichen Instanzen zu suchen".
70 Ernst Toller: Deutsche Revolution, in: E. Toller: Gesammelte Werke
a.a.O., Bd. I, S. 162.
71 Toller schreibt dazu: "Die Mittel der Tat werden nicht allein von uns
gewählt. Wer heute auf der Ebene der Politik, im Miteinander öko-
nomischer und menschlicher Interessen kämpfen will, muß klar wis-
sen, daß Gesetz und Folgen seines Kampfes von anderen Mächten
bestimmt werden als seinen guten Absichten, daß ihm oft Art der
Wehr und Gegenwehr aufgezwungen werden, die er als tragisch emp-
finden muß, an denen er, im tiefen Sinn des Wortes, verbluten kann"
(ebenda, S. 232 f. ).
72 Rosa Luxemburg: Massenstreik ... , in: R. Luxemburg: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 149.
73 Ernst Toller: Kleiner Zwischenfall, in: E .Toller: Quer durch, a.a.O.,
s. 100.
74 Ernst Toller: Deutsche Revolution, in: E. Toller: Gesammelte Werke,
a.a.O., S. 162.
75 Ebenda, S. 162.
76 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte ..,
a.a.O., S. 112.
77 Ernst Toller: Was in Moskauer Straßen auffällt: Lenin-Kult, in: E. Tol-
ler: Quer durch, a.a.O., S. 196 f.
Auf diese Gefahr weist Toller noch einmal nach seiner Rückkehr aus
der Sowjetunion hin, wo er den Lenin-Kult beobachtete. In "Was in
Moskauer Straßen auffällt: Lenin-Kult" schreibt er: "Die Verehrung
Lenins ward Leninkult. Überall findet man ihn. Jedes Haus hat sein
Lenin-Zimmer, seine Lenin-Ecke. Selbst mein kleines Hotel prunkt
mit einer rotausgeschlagenen Nische, darin, wie auf einem Altar, die
Büste Lenins steht. Bolschewiki sagten mir, das Volk brauche diesen
Kult, er sei Ersatz für vieles, das man ihm genommen, Lenin gelte als
Symbol für die bindende Einheit des Russischen Reiches, und wenn

171
die Menschen aus Rußland zu ihm pilgern, so pilgern sie zum Bild
des großen Rußlands." Er versucht die Anhänger des Sozialismus da-
rauf hinzuweisen:"(... ) man darf die Gefahr nicht unterschätzen, die
darin besteht, daß die sozialistische Lehre zu einem Glaubensartikel
wird, den man annimmt, ohne zu denken, wie der Katholik sein Dog-
ma, zumal er noch einige staatliche Vorteile bringt."
78 Ernst Toller: Deutsche Revolution, in: Das Tage-Buch, Berlin 26. März
1921, H. 12, Jg. 2, s. 359.
79 Ebenda, S .365.
80 Ebenda.
81 Herbert Ihering beurteilt in seiner Rezension über die Aufführung
von "Masse-Mensch" in der Volksbühne die Form des Dramas nega-
tiv (in: Herbert Ihering: Theater in Aktion. Kritiken aus drei Jahrzehn-
ten 1913-1933. Berlin 1986, S. 81.): "Tollers Drama ist pantomimisch
stark und sprachlich schwach. Die Bewahrung des Dramas ist sein
verborgenes lyrisches Element. 'Masse Mensch' ist ohne Lyrik, ohne
Klang, so sehr Toller gerade hier Stille und seelische Melodie er-
strebt. Die sprachlichen Verkürzungen sind gewaltsam. Der Rhyth-
mus ist gehackte Prosa. So wirkt das Stück weder als ein Stück der
Empörung noch als ein Werk der friedlichen Idee, die 'Gemein-
schaftsverbundene freie Menschheit' will." Auf die gelungene Form
des Dramas verweisen vor allem:
Walter Sokel, Ernst Toller. in: Deutsche Literatur des 20. Jahrhun-
derts. Strukturen und Gestalten, hrg. von Otto Mann und Wolfgang
Rothe. Berlin 1967
Michael Ossar: Anarchism in the Dramas of Ernst Toller. The Realm
ofNecessity and the Realm offreedom. New York Press Albany 1980,
S. 75.: "'Masses Mensch' (sie!) (Masse and Man) is a powerful play
and one which is, in a structural sense, I venture to say, very nearly
flaw"
Maleolm Pittock: Ernst Toller, a.a.O., S. 56: "But since Toller did not
want the action to give promice of close realism he kept it in those
scenes unlocalized, unparticularized, and diagrammatically simplifi-
ced".
82 Ich analysiere die Traumbilder nicht eingehend, weil sie mehrmals in
der Toller-Forschung interpretiert worden sind. Die meisten ergän-
zen sich. Die vollständigste Analyse bietet - wie gesagt - Maleolm

172
Pittock in "'Masse-Mensch' and the Tragedy of Revolution" (in: Fo-
rum for Modern Language Studies 1972, S. 162-183).
83 Thomas Bütow: Der Konflikt zwischen Revolution und Pazifismus
im Werk Ernst Tollers. Mit einem dokumentarischen Anhang, Essay-
istische Werke Tollers- Briefvon und über Toller. (Diss.) Harnburg
1975
84 Ebenda.
85 Ernst Toller: Masse-Mensch, in: E. Toller: Gesammelte Werke,
a.a.O., S. 92. Heiner Müller variiert dieses Problem in "Mauser".
Alexander von Bormann bespricht "Masse-Mensch" in engem Zu-
sammenhang mit Brechts "Die Maßnahme" und Müllers "Mauser" in
"Nämlich der Mensch ist unbekannt. Ein dramatischer Disput über
Humanität und Revolution" (in: Wissen aus Erfahrungen. Werkbe-
griff und Interpretation. Festschrift für Hermann Meyer zum 65. Ge-
burtstag, hrg. von Alexander von Bormann und Max Niemeyer.
Tübingen 1976). Er behauptet, daß Tollers Drama eine Folie für
Brecht gewesen war. Von Bormann verweist auch auf die Verbindung
des Schicksalsbegriffs mit der Revolution:"(... ) der Schicksalsbegriff
steht hier wie am Ausgang quer zum Revolutionsbegriff, der freilich
bei Toller auch mehr moralisch als politisch entworfen ist" (ebenda,
s. 856).
86 Hugo Haase: Rede vor dem Münchener Standgericht, in: Umsturz
und Aufbau, a.a.O., S. 32.
87 Die Entwicklung wird nur dem Leser bewußt. Ich würde mit der psy-
chologischen Interpretation der Frau sehr vorsichtig sein, denn sie
paßt nicht zu der expressionistischen Form des Dramas. Maleolm Pit-
tock interpretiert die Frau vor allem in psychologischen Kategorien.
Nach ihm macht sie eine innere Entwicklung durch. Meines Erach-
tens erfolgt Sonjas Erkenntnis über die Masse schlagartig, was zur
Radikalisierung ihrer politischen Haltung führt.
88 Kurt Eisner: Januarstreik 1918, in: K Eisner: Sozialismus als Aktion,
a.a.O., S. 74.
89 Ernst Toller: Deutsche Revolution, in: E. Toller: Gesammelte
Werke, a.a.O., S. 160.

173
IV. Erleb Mühsams "Judas".
Von der Revolutionsidee zur revolutionären Praxis

1 Der Nachlaß von Erich Mühsam befindet sich im Gorki-Institut für


Weltliteratur in Moskau und in Form von Mikrofilm-Kopien (bis
heute nicht zugänglich) in der Akademie der Künste in Berlin.
2 Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich
von 1871. Berlin 1969, S. 162. Vgl. dazu auch Manfred Bock: Geschichte
des 'linken Radikalismus' in Deutschland. Frankfurt am Main 1976.
3 Heinz Hug: Erich Mühsam. Untersuchungen zu Leben und Werk. Glas-
hütten/Taunis 1974, S. 20. Vgl. auch: ebenda, Anmerkung 18, S. 205.
4 Zitiert nach: ebenda, S. 20.
5 J.: Ein kommunistisches Idyll in der Berliner Bannmeile, in: Vmwärts,
8. Mai 1902.
6 Erich Mühsam: Das Ende vom Lied, in: Der Anarchist, Berlin 2 (5)
Juli 1904, S. 11.
7 Erich Mühsam: Die Wüste. Berlin 1904, S. 17.
8 Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen. Frankfurt am Main
1929, S. 92, (zitiert aus dem Briefvom 14. Juni 1901).
9 Erich Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, in: Erich Mühsam: Ge-
samtausgabe, Bd. IV., Prosaschriften II. Berlin 1978, S. 234.
10 Erich Mühsam: Ascona, in: E. Mühsam: Gesamtausgabe, Bd. III, Pro-
saschriften I., a.a.O., S. 58. Mit dem heiligen Berg ist Monte Verita
gemeint.
11 Heinz Hug verweist in "Erich Mühsam"(a.a.O., S. 23) auf dieneuere
Forschung der gesellschaftlichen Psychologie, Ethnologie und An-
thropologie, die das von den Anarchisten vertretene Menschenbild
weitgehend bestätigt. Er erwähnt Erich Fromm, Karen Horney und
Arno Plack.
12 Gustav Landauer: Tarnowska, in: Der Sozialist, 1. Apri11910, S. 51.
13 Erich Mühsam: Frauenrecht, in: Der Sozialist, 15. September 1910,
s. 141.
14 Ebenda, S. 143.
15 Ebenda, S. 144.

174
16 Landauer verstand, daß Mühsam gegen alte Konventionen und Sitten
kämpft. Trotzdem versucht er die Ehe als Grundinstitution der "wah-
ren Gesellschaft" zu retten. Er schreibt: "Die Ehe war; sie ist, wenn
auch selten genug; sie wird sein"(G. Landauer: Von der Ehe, in: Der
Sozialist, 1. Oktober 1910, S. 151.)
17 E. Mühsam: Ascona, in: E. Mühsam, Gesamtausgabe, a.a.O., S. 68.
18 Helmut Kreuzer verweist in seinem Buch "Die Boheme. Analyse und
Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert
bis zur Gegenwart" (Stuttgart 1968, vgl. S. 270) darauf, daß Mühsam
in Ascona eine Kolonie für entlassene Strafgefangene plante. Er hat
diese Pläne aber nicht verwirklicht, nachdem er eingesehen hatte, daß
die Asconaer ähnliche Entwicklungstendenzen wie die Neue Ge-
meinschaft aufwiesen.
19 Erich Mühsam: Die Jagd auf Harden (1908), in: E. Mühsam: Gesamt-
ausgabe, a.a.O., Bd. III., S. 216. Diese Sätze hören sich wie Variatio-
nen der Erkenntnisse von Otto Gross an, die er in dem Artikel "Die
Einwirkung der Allgemeinheit auf das Individuum" niederschrieb.
(Otto Gross: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, hrg.
von K. Kreiler. Frankfurt am Main, 1980).
20 Erich Mühsam: Neue Freunde, in: Der Sozialist vom l.August 1909,
s. 89.
21 Erich Mühsam: In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe
1900-1934, hrg. von Gerd W. Jungblut. Lichtenstein 1984, Bd. I., Brief
an Landauer vom 6. Juli 1909.
22 Erich Mühsam: Neue Freunde, in: Der Sozialist, ebenda, S. 90.
23 Ein Fürsprecher dieser Taktik war vor allem Bakunin. Mühsamdach-
te nicht daran, daß der fünfte Stand sich unterordnen wird, sobald er
die Privilegien der Arbeitnehmer bekommt. Die Idee vom entrechte-
ten Proletariat verwerfen die heutigen Anarchisten.
24 Erleb Mühsam: Parteien und Masse, in: Fanal 4 (6) März 1930, S. 121 f.
25 Erich Mühsam: Revolution, zit. nach: Expressionismus. Manifeste
und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-20, hrg. von Thomas
Anz und Michael Stark. Stuttgart 1982.

175
26 Helmut Kreuzer: Die Boheme. Analyse und Dokumentation der in-
tellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, a.a.O.,
s. 79.
27 Erich Mühsam: Ascona, in: E. Mühsam, Gesamtausgabe, Bd. III., a.a.O.,
s. 94.
28 Am Anfang des Krieges unterlag Mühsam der "Kriegspsychose", von
der er sich seit November 1915 distanzierte. Er begann eine eindeutig
antinationale Position zu vertreten. Dazu siehe: Ulrich Linse: Orga-
nisierter Anarchismus in Deutschem Kaiserreich. (a.a.O.) Linse unter-
stellt Mühsam Chauvinismus, wobei er sich nur auf eine Formulierung
von Mühsam stützen kann und zwar: "In dieser Stunden, wo fremde
Horden unsere Frauen und Kinder überfallen ... "(in: Kain, 3/4 August
1914).
29 Erich Mühsam: Kain 2 (1), IV. 1912.
30 Vgl. Gustav Landauer, Aufruf zum Sozialismus. Berlin, 1978, Kapi-
tel: Der Marxismus (S. 24-62). Dort schreibt Landauer: "( ... ) die so-
genannte Wissenschaft - paßt schlecht zusammen, daß man auf der
einen Seite behauptet, genau zu wissen, wie die Dinge auf grund soge-
nannter geschichtlicher Entwicklungsgesetze, die die Kraft von Na-
turgesetzen haben sollen, notwendig und unweigerlich kommen
müssen, ohne daß an dieser Vorherbestimmung Wille oder Tun ir-
gend welcher Menschen auch nur das Geringste ändern könnten; und
daß man auf der andern Seite eine politische Partei ist, die nichts an-
ders kann als wollen, fordern, Einfluß nehmen, tun, Einzelne umwan-
deln" (ebenda, S. 25).
31 Erich Mühsam: Abrechnung, in: Erich Mühsam, Streitschriften. Li-
terarischer Nachlaß. Berlin 1984, S. 188. Mühsam gibt eine vollstän-
digere Kritik des Marxismus in der Schrift "Befreiung der
Gesellschaft vom Staat" (Berlin 1973).
32 E. Mühsam: Abrechnung, a.a.O., S. 116.
33 Ebenda, S. 86.
34 Ebenda, S. 67.
35 Ebenda, S. 67 f.
36 Karl Liebknecht war schon seit 1904 Verfechter des Antimilitarismus.
"Das erste politische Tätigkeitsfeld, dem sich Karl Liebknecht zu-
wandte, als er im Jahre 1904 im nationalen Rahmen der SPD zu agie-

176
ren begann, war der Kampf gegen den Militarismus" (Helmut Trot-
now: Karl Liebknecht. Eine politische Biographie. Köln 1980, S.73).
1907 schrieb er seine erste bedeutende Schrift "Militarismus und
Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internatio-
nalen Bewegung". Sie entstand in Folge seines Auftritts vor der süd-
deutschen Jugendorganisation auf ihrer Jahresversammlung arn
30.1X.1906 in Mannheim (vgl. ebenda, S. 78.). Sein Antimilitarismus
war der Grund für seine Isolation innerhalb der SPD.
37 Rosa Luxernburg verfaßte im April 1915 "Die Krise der Sozialdemo-
kratie", die 1916 als "Junius"-Broschüre erschien. Ihre Haltung beein-
flußte Mühsarns Verhältnis zu den Kommunisten nicht nur während
des Krieges, sondern auch während der Revolution von 1918/1919.
38 Kreszentia Mühsam: Der LeidenswegErich Mühsarns. Zürich, Paris
1935, s. 8.
39 Heinz Hug: Erich Mühsam .. , a.a.O., S. 44.
40 Vgl. Erich Mühsam: Von Einser bis Levin~, in: E. Mühsam: Gesamt-
werke, Prosaschriften Bd. I.
41 E. Mühsam: In meiner Posaune ... , a.a.O., S. 306. Briefan Kniefvorn
1. Dezember 1918.
42 Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des Kongresses
der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte vorn 25. Februar bis 8. März
1919, S.18, zitiert nach Heinz Hug: Erich Mühsam ... , a.a.O., S. 48.
43 Ebenda, S. 24, und S. 215, dort Anmerkung 458.
44 Dazu mehr bei: Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus, a.a.O.,
s. 371 f.
45 Heinz Hug schreibt in "Erich Mühsam" (a.a.O., S. 53.), daß Mühsarns
politische Arbeit in der Räterepublik gering war. Er stimmt aber mit
Gerhard Schrnolze überein, der als Herausgeber von "Revolution und
Räterepublik" (a.a.O., S. 263 f) schreibt, daß Mühsam eine Schlüssel-
rolle zufiel. Ulrich Linse gibt zwar zu, daß Mühsarns politische Akti-
vitäten wichtig waren, sie seien aber nicht effektiv gewesen. (in: U.
Linse: Organisiserter Anarchismus, a.a.O.)
46 E. Mühsam: In meiner Posaune, Brief an Knief, a.a.O. und Erich
Mühsam, Von Eisner bis Levin~, in: E. Mühsam, Gesamtwerke: Pro-
saschritten Bd. I, a.a.O., S. 322.

177
47 Altan Mitchell: Revolution in Bayern 1918/19. Die Eisner-Regierung
und die Räterepublik. München 1967, S. 277. H. Hug, Erich Mühsam,
a.a.O., S. 50.
48 E. Mühsam: Befreiung der Gesellschaft vom Staat, a.a.O., S. 133.
49 E. Mühsam: In meiner Posaune ... , a.a.O., S. 396.
50 E. Mühsam: Judas. Arbeiter-Drama in fünf Akten. Berlin 1921, S. 11.
Damit wird Mühsams Erkenntnis vorformuliert, die er später 1921 in
dem Aufsatz "Die Intellektuellen" niederschrieb: "Das Proletariat
aber empfindet es stets, wer von den 'Intellektuellen' zu ihnen gehört
und vor dem es sich in Acht zu nehmen hat". (in: Die Aktion, Jg. XII,
1921, Sp. 55.).
51 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 20.
52 Diese Position vertrat auch Rosa Luxemburg in der "Junius"-Bro-
schüre, wo sie die Stellung der SPD zu dem Krieg kritisierte. "In dem
heutigen Kriege kann das klassenbewußte Proletariat mit keinem mi-
litärischen Lager seine Sache identifizieren" (R. Luxemburg: Die
Krise der Sozialdemokratie, in: R. Luxemburg: Gesammelte Werke,
Bd. IV., Berlin 1983, S. 158) und weiter: "Der Wahnwitz wird erst
aufhören, und der blutige Spuk der Hölle wird verschwinden, wenn
die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Ruß-
land endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander brüderlich die
Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen
Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hyänen
durch den alten mächtigen Schlachtruf der Arbeit überdonnern: Pro-
letarier aller Länder, vereinigt euch!" (ebenda, S. 163 f). Das ist aber
die einzige Ähnlichkeit zwischen ihr und Flora Severin, denn Luxem-
burgwar eine große Anhängerirr der spontanen Aktion der Mehrheit
der Proletarier und eine Gegnerirr von Einzelaktionen, die zur Nie-
derschlagung der Protestaktionen der Arbeiter führen könnten. Das
kam besonders in den ersten Januartagen 1919 zum Ausdruck, wo sie
mit Liebknecht nicht einverstanden war, der mit den radikalen Ar-
beitern, von denen es um diese Zeit in ganz Deutschland nach den
ersten Niederlangen nicht viel mehr gab, aufs Ganze gehen wollte,
zumal Liebknecht sich vor allem auf die Berliner Kämpfe konzen-
triert hatte.
53 Wolfgang Haug behauptet, daß den historischen Hintergrund der
Handlung der Rat der Geistigen Arbeiter von Kurt Hiller bildet.

178
(Wolfgang Haug: Erich Mühsam. Schriftsteller der Revolution. Reut-
lingen 1984, S. 84. ). Dieser Rat hatte aber keine starken Einflüsse auf
politische Aktionen der Arbeiter, deswegen glaube ich, daß Haugs
Behauptung nur teilweise stimmen kann. Es ist wahr, daß Mühsam
in starker Opposition zu dem Rat stand. Sein Verhältnis zu ihm be-
schrieb er in "Die Intellektuellen" (in: Die Aktion, a.a.O., Sp. 55.).
54 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 20. Ihre Ideen erinnern an jene, die Feucht-
wanger Christofund Konrad formulieren läßt und die Thomas Wendt
nicht anerkennen will.
55 Diese Auffassung Floras wurde von Mühsam keineswegs geteilt. In
dem Brief vom 7. April 1920 an Carl Georg von Maassen erklärt er
sein Verhältnis zur Masse, indem er behauptete, daß die Arbeiter
eine bewußte Masse seien, und den übrigen Teil der Masse halte er
für "Dreck". (Erich Mühsam: In meiner Posaune .. , a.a.O., S. 394).
Hier bleibt es unklar, ob das früher von Mühsam so gepriesene Lum-
penproletariat zu den Arbeitern gehört.
Über die Klugheit der Arbeiter schreibt er in dem Artikel"Aktiver
oder passiver Streik?" in demselben Jahr: "Es [das Proletariat -
B. Ch.] handelt, wenn es spontan und unbeeinflußt revolutionäre Ak-
tionen unternimmt, immer richtig, und Aufgabe des Beobachters
bleibt, aus den praktischen Handlungen des revolutionären Proleta-
riats nachträglich theoretische Nutzanwendungen zu ziehen"
(E. Mühsam: Aktiver oder passiver Streik?, in: Der Revolutionär Jg.
2, 1920, S. 25). Mit diesen Worten befindet sich Mühsam in großer
Übereinstimmung mit Rosa Luxemburg. Diese Rolle des Beobachters,
des Nichtproletariers ist Flora ganz fremd.
56 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 22.
57 Es ist eine umgekehrte Ideenkonstellation als bei Toller in "Masse-
Mensch".
58 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 29.
59 Ebenda, S. 28.
60 Diese vorbereitende Funktion der Kunst zur Revolution war nach
Mühsam genauso wichtig. Vgl. dazu auch: Jürgen Schiewe: Zur anar-
chistischen ÄsthetikErich Mühsams, in: Wirkendes Wort. Deutsche
Sprache in Forschung und Lehre, Jg. 32, 1982, H. VI.
61 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 35.

179
62 Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß Mühsam sein Verhältnis zu Eis-
ner nach dessen Tode und nach seinen eigenen späteren politischen
Erfahrungen vor der Verhaftung zwar nicht revidiert aber verändert
hat. Davon zeugen u. a. seine Worte, die er Eisner in "Ein Ende und
ein Anfang"(in: Kain, 5 (7), 5. März 1919) widmete: "Kurt Eisners
Tod erschütterte auch den, der seine Wege nicht mehr mitgehen
konnte. Hier sind dem Ermordeten harte, bittere Worte gesagt wor-
den. Wer aber lesen kann, wird finden, daß sie aus verschmähter
Liebe kamen, aus enttäuschter Hoffnung, aus Angst für den Getadel-
ten selbst".
63 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 35.
64 Ebenda, S. 35.
65 Ebenda, S. 31.
66 Über Unterschiede zwischen Mühsam und Landauer auch bei
U. Linse: Organisierter Anarchismus, a.a.O., S. 380 f.
67 Darauf verweist auch Wolfgang Haug in "Erich Mühsam" (a.a.O.,
S. 93). Sehr negativ reagierte in diesem Zusammenhang Frieda Ru-
biner in der "Roten Fahne" (Nr. 102, Jg. 11, Mai 1928) nach der Auf-
führung des Dramas. Sie erachtete das Drama für "eine Hirnkonstruktion,
die nur im Kopfe eines Literaten entstehen konnte". Sie empörte sich
vor allem über die Naivität von Schenk in dem Gespräch mit dem
Polizeirat Solche heftigen Reaktionen der Kommunisten gab es in-
teressanterweise nicht nach der Uraufführung von "Judas" 1921 und
1922. In dieser Zeit verstand man unter Judas-Verrat vor allem Ver-
rat der Arbeiter durch die SPD. 1928 lief man Gefahr, daß negative
Vergleiche zwischen dem Radikalismus von Flora und Schenk und
der Kommunistischen Partei gezogen werden konnten.
68 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 10.
69 Diese Interpretation wählt Baron Lawrence in "Erich Mühsam. Anar-
chistischer Realismus und Irrealismus" (in: Ideologische Studien zur
Literatur, Essays Bd. II, Bern 1975), ohne sie auf die tatsächliche Tat
von Schenk zu beziehen. Interessant ist dagegen seine These über die
mythischen und symbolischen Bilder bei Mühsam: "Das Neue bei
Mühsam liegt in seinem Gebrauch mythischer und symbolischer Bil-
der aus der Vergangenheit, die sich mit der realistischen Darstellung
aktueller Ereignisse verbinden. Dieser scheinbare Widerspruch kom-
pliziert sich zusätzlich noch dadurch, daß Mühsam an das Irrationale

180
im Leser appelliert, um ihn so zur revolutionären Aktion zu bewegen.
Die meisten marxistischen Literaturtheoretiker halten freilich Rea-
lismus und Mythos, Objektivität und Irrationalität für unvereinbar.
Durchaus vereinbar ist ein solches Nebeneinander jedoch mit Müh-
sams anarchistischem Pochen auf die Vorherrschaft des Einzelwillens
als der treibenden Kraft in der Entwicklung der Geschichte sowie mit
seiner Theorie, daß persönliche Hingabe an eine Sache von der emo-
tionalen Aktivierung angeborener sozialistischer Werte abhänge" (eben-
da, S. 7).
70 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 51.
71 Ebenda, S. 57.
72 Ebenda S. 80.
73 Erich Mühsam: Die direkte· Aktion im Befreiungskampf der Arbei-
terschaft, in: Generalstreik. Monatsbeilage zum Freien Arbeiter, Jg.
1., Oktober 1905, S. 2 f. Wolfgang Haug hält Lecharjow in "Erich
Mühsam ... " (a.a.O.) für Mühsams Sprachrohr. Von Mühsams Inte-
resse an der russischen Februarrevolution zeugt auch seine Anwesen-
heit bei einem Meeting im Dezember 1905, das in Harnburg stattfand
und auf dem Rosa Luxemburg auftrat. In den "Hamburger Nachrich-
ten" vom 8. Dezember 1905lesen wir: "Dem Anarchisten Erich Müh-
sam, der die Verdienste der Anarchisten in Rußland hervorhob,
entgegnete sie [Rosa Luxemburg- B. Ch.], die Leitung der russischen
Revolution liege allein in den Händen der internationalen Sozialde-
mokratie und stände in innigster Fühlung mit der deutschen Sozial-
demokratie. 'Es ist Fleisch von unserem Fleisch und Blut von
unserem Blut, das in Rußland kämpft'"(zitiert nach: Die Auswirkun-
gen der ersten russischen Revolution von 1905-1907 auf Deutsch-
land, hrg. von Leo Stern. Berlin 1955, Bd. Il., 1., S. 202.)
74 E. Mühsam: Judas, a.a.O., S. 62.
75 Ebenda.
76 Erich Mühsam: Selbstbiographie, in: Erich Mühsam: Auswahl. Gedich-
te. Dramen. Prosa. Zürich 1962, S. 476.
77 E. Mühsam, In meiner Posaune ... , a.a.O., S. 427.
78 Ebenda, S. 390.
79 Erich Mühsam: Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bol-
schewismus, a.a.O., S. 224.

181
80 Eine Reihe von Artikeln widmete Mühsam dieser Problematik in den
Jahren 1928/29. Sie werden von Heinz Hug genannt (siehe dazu:
Heinz Hug: Erich Mühsam .., a.a.O., S. 246). Mühsam schrieb 1929:
"Die Bezeichnung 'kommunistisch' hatte damals noch gar keine par-
teimäßige Bedeutung, und ich denke, ein kommunistischer Anarchist
hört auch jetzt noch deswegen nicht auf Kommunist zu sein, weil eine
marxistische Partei den Namen sich beschlagnahmt hat" (Erich Müh-
sam, Heroenkult und Selbstkritik, in: Fanal, 1930, Jg. 3, Nr. 7, S. 148
f.).
81 Michail Bakunin: Gesammelte Werke. Berlin 1972, Bd. III, S. 81.
82 Erich Mühsam: Zum revolutionären Kampf, in: Die Aktion Jg. XII,
1922, Sp. 477.
83 Die hier zitierten Rezensionen verdanke ich dem Kölner Theaterar-
chiv, deren Fotokopien ich besitze. Leider fehlen Angaben, aus wel-
chen Zeitungen sie stammen.
84 Berliner Volkszeitung, genauere Angabe siehe Anm. 83.
85 Erich Mühsam: Aktiver oder passiver Streik? in: Revolutionär 2 (25),
s. 25.
86 Erich Mühsam: Föderalismus und Zentralismus, in: Die Aktion, Jg.
XII, 1922, S. 445.
87 Erich Mühsam: Anarchismus und Revolution, in: Die Aktion,
30. Oktober 1925, Sp. 599.
88 Erich Mühsam: Lenin und die Scheinräterepublik, in: Die Weltbühne
28 (18), 1932, S. 681. Der Artikel müßte früher, d. h. vor Lenins Tod
entstanden sein.
89 Erich Mühsam: Staatsverneinung. Freiheit als gesellschaftliches Prin-
zip und andere Beiträge. Berlin 1981, S. 7.
90 Kurt Eisner: Rede in Berliner Vollzugsrat der Arbeiter- und Solda-
tenräte, in: Kurt Eisner: Sozialismus in Aktion. Ausgewählte Auf-
sätze und Reden. Frankfurt am Main 1975, S. 76.
91 Heinz Hug verweist in "Erich Mühsam ... " (a.a.O., S. 110) darauf, daß
Mühsam zwischen der politischen und sozialen Revolution unter-
schied und er am 28. Februar 1919 im Rätekongreß die Ausrufung
der Räterepublik vorgeschlagen habe, was mit 234 zu 70 Stimmen ab-
gelehnt wurde.

182
92 Erich Mühsam: Anarchismus und Revolution, in: Die Aktion, a.a.O.,
Sp. 599.
93 Zu dem Entwicklungsweg von Mühsam siehe auch: Hans G. Helms:
Die unaufhaltsame Entwicklung eines Sozialisten. Eine Erinnerung
an Mühsam, in: Protokolle. Zeitschrift für Literatur und Kunst, hrg.
von Otto Breicha. Wien, München 1982, H. 4, S. 158-181.
94 Kurt Eisner: Die Götterdämmerung. Eine weltpolitische Posse in
fünf Akten und einer Zwischenpantomime. Beg. Frühjahr 1898 im
Strafgefängnis am Plötzensee bei Berlin, vollendet Februar/März
1918 im Untersuchungsgefängnis Neudeck zu München, Berlin 1920.
95 Ich stimme mit Heinz Hugs Behauptung in "Brich Mühsam" (a.a.O.,
S. 152) überein: "Im Vergleich von Mühsams Gedanken aus verschie-
denen Zeitabschnitten wird vielmehr eine Akzentverschiebung vom
Landauersehen 'Gefühlsanarchismus' zum konsequenten Klassen-
kampfstandpunkt Mühsams in der Weimarer Republik sichtbar".
Eine ähnliche These vertritt auch Linse in "Organisierter Anarchis-
mus" jedoch in bezug auf die Zeit der zweiten Räterepublik. (U.
Linse: Organisierter Anarchismus, a.a.O., S. 240)
96 Siehe dazu U. Linse: Organisierter Anarchismus, a.a.O., S. 376-381.
97 Ebenda,S.288.
98 Man kann auch von der kritischen Öffentlichkeit sprechen. Vgl. dazu:
Oskar Negt, Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Frank-
furt am Main 1972, S. 435 und S. 476-480.
99 U. Linse: Organisierter Anarchismus ... a.a.O., S. 380.

V. Franz Jungs Schaffen. Die Revolution als Befreiung von der Einsam-
keit

1 Vgl. dazu Hans Manfred Bock: Geschichte des 'linken Radikalismus'


in Deutschland. Ein Versuch. Frankfurt am Main 1976; Hans Man-
fred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1933.
Geschichte und Ideologie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands
(Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und
der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands. Meisenheim
1969 (Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, hrg.
von Wolfgang Abendroth Bd. XIII). Bock resümiert hier: "Der von

183
Paul Levi und Karl Radek inaugurierte Kurs der Partei führte im De-
zember 1920 zur Vereinigung der KPD(S) mit dem linken Flügel der
USPD und machte damit erst die deutsche KP zur Massenpartei, in
der die Prinzipien der organisatorischen Zentralisation, der Beteili-
gung an Parlamentswahlen und der kommunistischen Arbeit in den
Verbänden des ADGB sich durchsetzten" (S. 151 f).
2 Die KAPO bevorzugte im Gegensatz zur KPD die direkte Aktion. Sie
war föderalistisch aufgebaut und arbeitete vor allem mit den Be-
triebsräten zusammen. Die spontanistische Theorie von Rosa
Luxemburg bestimmte eindeutig ihre Taktik. Mehr dazu bei:
Hans Manfred Bock: Geschichte des 'linken Radikalismus' .. , a.a.O.
Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus ... , a.a.O.
3 Es besteht keine Übereinstimmung unter den Historikern, wie groß
die Einflüsse der russischen Kommunisten auf die deutschen waren.
Als Beispiele für unterschiedliche Meinungen wären hier zu nennen:
Max Beer: Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen
Kämpfe 1921-1922, 5.Bände. Berlin 1919 ff. In dem Band V unter
dem Titel "Die neueste Zeit bis 1920" (hrg. 1923) drückt der Autor
die Überzeugung aus, daß Sowjetrußland die Stütze des internatio-
nalen Proletariats gewesen und daß durch Versagen des westlichen
Proletariats die revolutionäre Entwicklung im Osten aufgehalten
worden sei. Er hält auch die deutschen Räte für Räte nach dem rus-
sischen Muster (vgl. ebenda, S. 101-103).
Eberhard Kalb: Rätewirklichkeit und die Räte-Ideologie in der deut-
schen Revolution von 1918/1919. Vgl. dort vor allem die Seite 105,
wo der Autor behauptet, daß die deutschen Räte im November und
Dezember Inhaber der realen Macht gewesen seien. Er meint, daß
sich diese Räte nicht nach dem russischen Vorbild gerichtet haben.
Er verweist auch auf die aktive Teilnahme der USPD an dem "reinen
Rätesystem", d. h. ohne kommunistisches Programm.
Helmut Neubauer (Hrg.): Deutschland und die Russische Revolu-
tion. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1%8. Es ist eine wichtige Veröf-
fentlichung, in der die These von den unmittelbaren russischen
Einflüssen abgelehnt wird. Neubauer behauptet, daß Deutschland
mit den russischen Erfahrungen von 1905 nur unvermittelt konfron-
tiert worden sei. Er verweist darauf, daß in dem ersten deutschen Ge-
schichtsbuch über Rußland von 1913 der Name Lenins kein einziges
Mal genannt wird. Neubauer vertritt die Meinung, daß die deutschen

184
Streiks aus der Situation in Deutschland erfolgten und die Räte sich
spontan bildeten. Der Spartakusbund habe nach seiner Meinung
1917!18 keinen politischen Einfluß gehabt.
Die Auswirkungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution
auf Deutschland. Archivalische Forschungen zur Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung, Bd. I, 1 hrg. von Leo Stein Berlin 1959.
4 Die KAPO strebte urspünglich nach einem Anschluß an die III. In-
ternationale. Zur Verhandlung mit der Komintern wurde u. a. Jung
delegiert. Als die zentralistischen Tendenzen in der KPdSU offen-
kundig wurden, verzichtete die KAPO auf diese Zugehörigkeit.
5 "Der Weg nach unten", auch unter dem Titel "Torpedokäfer" bekannt,
entstand in den fünfziger Jahren und wurde 1961 veröffentlicht. Das
Werk ist von Pessimismus durchdrungen. Jung stellt hier fast alle
seine Ideen in Frage und kehrt zu dem Mythos des menschlichen
Halts, der einem eine sichere Existenz gewährt, zurück. Er hatte nach
seiner Lebensphilosophie zu leben versucht, was ihm nicht gelungen
war. Bis zum Ende seines Lebens konnte er sein Problem der Isoliert-
heit nicht überwinden, was sicherlich an seinem Charakter lag, wofür
viele Zeugnisse sprechen. Vgl. hierzu: Oskar Maria Graf: Grabrede
für einen Freund. Mai/Juni 1953, MS-Typoskript.
Gerhard Bauer beschreibt in "Gefangenschaft und Lebenslust. Oskar
Maria Graf" (München 1987) Grafs psychische Abhängigkeit von
Jung. Unter anderem lesen wir dort: "Jung blieb ihm [Graf- B. Ch.]
rätselhaft, ja er zog ihn wohl gerade durch seine Verschlossenheit,
seine inneren Schwierigkeiten (samt einer unlösbaren Ehekrise) und
die Hektik, die Unbedingtheit seiner Entschlüsse an" (ebenda, S. 65).
6 Über die expressionistischen Züge der Schriften von Jung schreiben
ausführlicher: Wolfgang Rieger: Glückstechnik und Lebensnot Le-
ben und Werk Pranz Jungs. Freiburg!Br. 1987; Werner Jung: Der ra-
sende Torpedokäfer. Ein biographisches und literarisches Porträt
Pranz Jungs, in: Kürbiskern. Literatur. Kritik. Klassenkampf. 3/1983,
München.
Sehr interessant finde ich die Tatsache, daß Jung in den zwanziger
Jahren parallel zu den Romanen, die eher im Stil der "Neuen Sachlich-
keit" geschrieben sind (darauf verweist Horst Denkler in "Der Fall
Pranz Jung. Beobachtungen zur Vorgeschichte der 'Neuen Sachlich-
keit'", in: Reinhold Grimm und Jost Hermand (Hrg.): Die sogenanntn
zwanziger Jahre. Bad Homburg, Berlin, Zürich 1970), expressio-

185
nistisch anmutende Essays verfaßt hat. Man kann daher schlecht von
einer klaren Entwicklungslinie bei Jung sprechen, von dem expressio-
nistischen über den dadaistischen, später den "Neusachlichen"-Stil
bis zum realistischen.
7 Dort verkehrten die wichtigsten Intellektuellen der Zeit. Die Anar-
chisten haben aber hier politisch nicht gewirkt.
8 Nicolas Sambart beschreibt Grass' Wirkung aufMax Weber und Jaffe
(Nicolas Sombart: Gruppenbild mit zwei Damen. Zum Verhältnis
von Wissenschaft, Politik und Eros im wilhelminischen Zeitalter, in:
Merkur 30, 1976, H. 10, S. 972-990). Auf andere Fälle geht auch
Emanuel Hurwitz in "Otto Grass. Paradies-Sucher zwischen Freud
und Jung. Leben und Werk" (Zürich 1979) ein.
9 Franz Jung: Reden gegen Gott, in: F. Jung: Gesammelte Werke, Bd.
I, 1, Feinde ringsum. Harnburg 1980, S. 118.
10 Ebenda, S. 119.
11 Ebenda, S. 120.
12 Franz Jung: Feinde ringsum, in: F. Jung: Gesammelte Werke, a.a.O.,
s. 122.
13 Franz Jung: Technik des Glücks. Berlin 1921, S. 31.
14 F. Jung: Feinde ringsum, in: F. Jung: Gesammelte Werke, a.a.O.,
s. 121.
15 Wolfgang Rieger erhellt Jungs Persönlichkeit auch psychologisch,
wobei er, meines Erachtens, zu sehr seine Abhängigkeit von der Mut-
ter betont und dessen destruktive Existenzweise überbewertet.
16 Ich gehe auf die Dramen von Jung nicht ein, obwohl sie thematisch
als Arbeiterdramen zu bezeichnen sind. Ich meine hier "Kanaker" und
"Wie lange noch?". Vgl. dazu: Werner Jung: Der rasende Torpedokä-
fer ... , a.a.O., S. 114 f. Die Dramen sollten bewußtseinsbildenden
Zwecken dienen, weswegen sie Erwin Piscator auf seine Bühne des
"Politischen Theaters" im Februar und März 1921 brachte. (Auf die
Dramen bin ich in meinem Referat: Franz Jungs Ideen von Gemein-
schaft und Glück (in: Acta Universitatis Nicolais Copernici, Torun
1986) eingegangen).
17 FranzJung: Zweck und Mittel im Klassenkampf, in: F. Jung: Gesam-
melte Werke, a.a.O., S. 240.
18 Ebenda.

186
19 Der Essayband umfaßt Essays, die Jung 1915/16 niederzuschreiben
begann. Die ersten sollten als Vorarbeit in sechs Folgen in der mit
Grass geplanten Zeitschrift "Die Freie Straße" erscheinen. (vgl. Wer-
ner Jung: Der rasende Torpedokäfer, in: Kürbiskern, a.a.O., S. 116).

20 Dieser Band enthält Jungs spätere Essays, die er nach der Rückkehr
aus der Sowjetunion 1923 im Malik-Verlag veröffentlicht hatte. In
dieser Zeit hatte er wenig geschrieben. Er arbeitete vor allem als
Handels- und Wirtschaftskorrespondent. Außerdem unterstützte er
die Piscator Bühne finanziell.
1931 veröffentlichte er im "Gegner" den Artikel "Der neue Mensch",
der inhaltlich mit seinen Ideen in den beiden Essaysbänden, wie wir
sehen werden, übereinstimmt: "Diese Verpflichtung, die Verantwor-
tung zu sich selbst als dem Menschen hin, schafft die Voraus-
setzungen für die Menschengemeinschaft Sie bedingt deren Formen,
die Entwicklung, den Aufgabenkreis und letzten Endes auch das Er-
leben der Gemeinschaft" (F. Jung: Der neue Mensch, in: Gegner, Jg.
5., Juni 1931, H. 1, S. 3).
21 Franz Jung: Der Weg nach unten, in: F. Jung: Schriften und Briefe,
Salzhausen 1981, S. 233.
22 Mit dem Problem der Anpassung beschäftigt sich später Erich
Fromm, der an manchen Stellen ähnlich wie Jung verfährt, obwohl
er vor allem auf Freud zurückgreift. Diese Art Anpassung, von der
im Zitat die Rede ist, nennt Fromm dynamisch, weil sie die Persön-
lichkeit des Menschen stark beeinflusse. (Vgl. Erich Fromm: Die
Furcht vor der Freiheit. Frankfurt am Main 1966, S. 23 f.).
23 Es ist ein Zitat, das Jung dem mittelalterlichen Mystiker Thomas von
Kempen entnommen hat und worauf er seine Haupthese aufbaut, daß
der Mensch ein widersprüchliches Wesen sei. Weil er zu einem stän-
digen Streben nach Bewegung und nicht nach einem Zustand verur-
teilt sei, handle es sich um eine existenzielle, oder eine psychologische
Sicht. Zum ersten mal schrieb Jung 1915 in dem kleinen Text "Was
suchst du Ruhe, wenn du zur Unruhe geboren bist" darüber.
24 Wolfgang Rieger übertreibt meines Erachtens, wenn er behauptet,
daß Jung für die Intensivierung des Leids war, die zum "Platzen" füh-
ren sollte: "Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Konflikte zu
forcieren, den Widerspruch zu steigern, bis der 'Riß' 'platzt', das ab-

187
solut gute Objekt sich durchsetzt" (W. Rieger: Glückstechnik und Le-
bensnot ... , a.a.O., S. 221). Die Intensivierung erfolgt nach dem Kon-
zept von Jung ziemlich natürlich, sie wird nicht erzwungen. Sie ist nur
dann möglich, wenn der Mensch sich vor dem Konflikt nicht drückt
und sich nicht in die Passivität zurückzieht, sondern ihn erlebt.
25 Zu der Auffassung der Familie und dem Problem des Matriarchats
bei Otto Gross (vgl. Bozena Choluj: Kann der Mensch glücklich le-
ben? oder Von der Überwindung des dualistischen Denkens, in:
Autorität und Sinnlichkeit: Frankfurt am Main, Bern, New York,
1986, hrg. von Karol Sauerland, S. 213 f.
26 F. Jung: Technik des Glücks, a.a.O., S. 47.
27 Zum Thema der Familie als Steuerungsinstrument des Staates vgl.
auch: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der
Banalität des Bösen. Reinbeck bei Hamburg, 1978, vor allem S. 173-
190.
28 F. Jung: Technik des Glücks, a.a.O., S. 53. W. Rieger beachtet in sei-
ner Auslegung des Glücksbegriffes scheinbar nicht, daß Jung den mo-
mentanen Charakter des Glücks eindeutig ablehnt.
29 Ich stimme mit Werner Jung nicht überein, der behauptet, daß das
Eigene bei Jung mit der Sexualität gleichzusetzen sei. Die psycho-
analytische Komponente spielt bei Jung eine recht geringe Rolle. Die
Sexualität interessiert ihn vor allem als gelebte Form der Gemein-
samkeit und nicht als Trieb im psychoanalytischen Sinne.
30 Mit dieser Auffassung der Utopie erinnert Jung an Ideen von George
Sorel, der an dem Streik-Mythos zeigte, wie der Mythos die Men-
schen aktivieren und ihren Handlungen eine bestimmte Richtung ge-
ben kann.
31 F. Jung: Technik des Glücks, a.a.O., S. 36.
32 Diese Auffassung der Lebensangst macht Pranz Jung zum Vorläufer
von Erich Fromm, für den die Einsamkeit auch ein konstituierender
Faktor der sozialen Existenz ist. Fromm faßt das Problem der Ein-
samkeit jedoch enger auf, denn er spricht vor allem über die "mora-
lische Einsamkeit". (vgl. Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit,
a.a.O., S. 27).

188
33 Otto Grass: Die Einwirkung der Allgemeinheit auf das Individuum,
in: 0. Grass: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, hrg.
und eingel. von K Kreiler. Frankfurt am Main 1980, S. 7.
34 Jung geht sogar über Alexandra Kollontajs Ideen hinaus, die an eine
wirkliche Überwindung der Einsamkeit nicht glauben kann. In der
"Neuen Moral und der Arbeiterklasse" schreibt sie: "Wir Menschen
des Jahrhunderts schärfster Klassengegensätze und der individua-
listischen Moral leben und grübeln immer noch unter einer unent-
rinnbaren seelischen Einsamkeit" (Allexandra Kollontaj: Die neue
Moral und die Arbeiterklasse. Münster 1977, S. 72). Sie kann nur mo-
mentan aufgehoben werden, "( ... ) denn nur der schlaue Eros ist im-
stande - wenigstens vorübergehend - die Finsternis der Einsamkeit
zu verjagen." (ebenda, S. 72).
35 F. Jung: Die Technik des Glücks, a.a.O., S. 85. Jungs These bestätigen
die Ergebnisse der Untersuchungen der Freizeitgestaltung aus dem
Jahre 1970, von denen in "Alltag und Geschichte. Zur sozialistischen
Gesellschaftslehre" (Berlin 1970) berichtet wird. Es erweist sich, daß
die Arbeiter, die mit ihren Arbeitsbedinungen unzufrieden sind und
wenig Freiraum für eigene Aktivität am Arbeitsplatz haben, ihre freie
Zeit meistens im passiven Liegen verbringen.
36 F. Jung: Die Technik des Glücks, a.a.O., S. 79.
37 Ebenda, S. 81.
38 In diese Richtung ging in den dreißiger Jahren Wilhelm Reich mit
seiner Theorie der angestauten Energie. In ihm entdeckte Jung den
"zweiten" Otto Grass während seines Aufenthaltes in Amerika, über
den er Cläre Jung u. a. mitteilte: "Später aber, lange bevor ich nach
New York gekommen bin, ist Wilhelm Reich auch dort aufgetaucht
und ist hier aufgetreten wie eine direkte Kopie von Otto Grass" (F.
Jung, Brief an Clär Jung vom 15. April1955, in: Franz Jung: Der tolle
Nikolaus. Prosa und Briefe. Leipzig 1980, S. 370. ). Jung hat auch über
Reich geschrieben: "Das tragische Schicksal des Dr. Wilhelm Reich.
Im Dschungel der Grenzgebiete der Biophysik", "Im Kraftfeld biolo-
gischer Energie. Aus der Krankengeschichte unserer Zeit, dargestellt
an dem Schicksal des Psychoanalytikers Wilhelm Reich", "Der Psy-
choanalytiker Wilhelm Reich. Aus der Krankengeschichte unserer
Zeit" (in: F. Jung: Schriften und Briefe in zwei Bänden, hrg. von P.
und K Nettelbeck. Salzhausen 1981, S. 866-903).

189
39 JungsAuffassung von der Gemeinschaft unterscheidet sich sehr stark
von der anarchistischen. Sie ist noch stärker individualbetont. In ihr
gibt es keine Zielsetzung im Sinne des Wohls der Gemeinschaftsmit-
glieder. Dieses Ziel wird nach Jung einfach erfüllt, wenn jedes Indi-
viduum aktiv wird; denn die Aktivität schließt die Menschen in
Gemeinschaften zusammen und sie trägt zu dem Wohl all ihrer Mit-
glieder, die eben auch aktiv sind, bei. Die Gemeinschaft ist, nach
Jung, keine Suche nach Geborgenheit, was von den meisten Autoren,
die über Jung geschrieben haben, nicht verstanden worden ist. Wer-
ner Jung schreibt völlig zu Unrecht: "Doch gleichzeitig ist dieses
Außenseiterbewußtsein stets auf der Suche nach der neuen Gemein-
schaft, auf der Suche nach Ruhe und Geborgenheit in der Gemein-
schaft, die vorübergehend glaubt, im Proletariat und seinem Kampf
gegen die bürgerliche Gesellschaft und für neue Formen menschli-
cher Gemeinsamkeit gefunden zu haben" (W. Jung: Der rasende Tor-
pedokäfer, in: Kürbiskern, a.a.O., S. 122).
40 Für Jung scheint auch die Nietzscheanische Formel der "ewigen Wie-
derkunft" von Bedeutung zu sein. Über den Rhythmus spricht auch
Gustav Landauer in dem "Aufruf zum Sozialismus", der die Einsam-
keit als eine wichtige Voraussetzung für die Umgestaltung der Ge-
sellschaft sieht. Er erklärt jedoch nicht ihre Überwindung zum
Grundprinzip der gesellschaftlichen Entwicklung. Über die Einsam-
keit schreibt Landauer auch in seiner Schrift "Die Revolution". Die
Einheit von allem Seienden war auch die Parole der Neuen Gemein-
schaft, "Einheit zwischen Welt und Ich, Individualität und Allheit"
(in: Heinriebt Hart, Julius Hart, Gustav Landauer, F. Holländer: Die
Neue Gemeinschaft, ein Orden vom wahren Leben. Vorträge und
Ansprachen gehalten bei den Weihfesten, den Versammlungen und Lie-
besmahlen der Neuen Gemeinschaft, Heft 2, Leipzig 1901, S. 10). In-
teressanterwcise geht auch die Neue Gemeinschaft in ihrem
theoretischen Ansatz von Gegensätzen aus. Wir treffen bei ihr ähn-
liche Formulierungen wie bei Jung an: "Indem wir aber leben und
sind, indem wir wachsen und werden, schaffen und gestalten, formen
und bilden, unablässig lösen wir wie im leichten Spiele alle Wider-
sprüche auf, (... )" (ebenda, S. 35). Jung überwindet aber mit seiner
Ablehnung des dualistischen Denkens den Kreis von dem Alten und
Neuen, den die Neue Gemeinschaft anerkannte: "Unablässig wandelt
sich Neues in Altes und Altes in Neues; und dasselbe, was wir von

190
der einen Stelle aus alt nennen, nennen wir von der anderen Stelle
aus neu. Nur indem die Welt alt ist, kann sie immer neu werden"
(ebenda, S. 81 t). Eine weitere Ähnlichkeit mit der Neuen Gemein-
schaft ist die Jungsehe Ablehnung des Vernichtungsprinzips. Nicht
zuletzt wäre auch Max Stirner mit seinem Werk "Der Einzige und
sein Eigentum" zu nennen, denn sowohl der Stil wie auch die Ich-
Auffassung scheinen einen großen Einfluß auf Jungs "Technik des
Glücks" gehabt zu haben (vgl. Max Stirner: Der Einzige und sein Ei-
gentum, in: M. Stirner: Der Einzige und sein Eigentum und andere
Schriften, hrg. von H. G. Helms. München 1968). Jung stimmt mit
Stirners Autonomieauffassung und seinem Freiheitsbegriff weitge-
hend überein. Stirner schrieb: "Nicht darin besteht unsere Schwäche,
daß Wir gegen andere im Gegensatze sind, sondern darin, das Wir's
nicht vollständig sind, d. h. daß Wir nicht gänzlich von ihnen geschie-
den sind, oder daß Wir eine 'Gemeinschaft', einen 'Bund' suchen, daß
Wir an der Gemeinschaft ein Ideal haben. Ein Glaube, Ein Gott, Eine
Idee, Ein Hut für alle" (ebenda, S. 135). W. Rieger hat herausgefun-
den, daß der Biologe und Lebensphilosoph Raoul H. Frances (1874-
1943) Jung beeinflußt hat (W. Rieger: Glückstechnik und Lebensnot,
a.a.O., S. 132 t). Der Begriff des Rhythmus bedarf einer detaillierte-
ren Untersuchung, zumal er um die Zeit nach der Jahrhundertwende
im Zusammenhang mit der Suche nach einer universellen Einheit
sehr oft thematisiert worden ist.
41 F. Jung: Die Technik des Glücks, a.a.O., S. 29.
42 Diese Sehnsucht nach dem zentralen Wert oder einer selbstregulie-
renden Formel wurde am deutlichsten von Hermann Broch in der
"Logik einer zerfallenden Welt" (1931) formuliert (vgl. Hermann
Broch: Logik der zerfallenden Welt, in: H. Broch: Gesamtausgabe,
Philosophische Schriften, Bd. II. Frankfurt am Main 1977).
43 Otto Gross: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe,
a.a.O., S. 15.
44 F. Jung, Technik des Glücks, a.a.O., S. 24.
45 Ebenda, S. 28.
46 Ebenda, S. 49.
47 Ebenda, S. 95.
48 Franz Jung: Jehan, in: F. Jung: Gesammelte Werke. Feinde ringsum,
a.a.O., S. 174.

191
49 Die meisten literarischen Werke entstanden im Gefängnis. Jung
wurde im September 1920 für einen Schiffraub verhaftet. Er war mit
dem "geraubten" Fischdampfer "Senator Schröder" nach Murmansk
gefahren. Er sollte, wie schon erwähnt, in Moskau mit den Komintern
über die KAPO verhandeln. Er wurde im Mai 1921 freigelassen.
50 Zitiert nach Waller Fähnders' Vorwort zu Franz Jung: Die Erobe-
rung der Maschinen. Darmstadt und Neuwied 1972, Die roten Jahre
Bd.II, S. 16.
51 Franz Jung: Joe Frank illustriert die Welt, ebenda, Bd. I, S. 13.
52 Ebenda, S. 19.
53 Ebenda, S. 8.
54 Ebenda, S. 39 f.
55 Zu dieser Darstellung paßt der Begriff"Laboratorium", den Wolfgang
Rieger in bezugauf "Die Rote Woche" benutzt. Jung schafft in jedem
von seinen Proletarier- Romanen einen Raum, in dem er proleta-
rische Aktivitäten verschiedenster Art durchspielt.
56 Franz Jung: Arbeitsfriede, ebenda, Bd. II, S. 133.
57 Ebenda, S. 151.
58 Ebenda,S. 145
59 F. Jung: Die Eroberung der Maschinen, a.a.O., S. 125.
60 F. Jung: Arbeitsfriede, a.a.O., S. 168.
61 Ebenda, S. 204.
62 Ebenda.
63 Ebenda, S. 135 f. Hier kommt seine Abkehr von der Propaganda der
direkten Aktion der KAPO zum Ausdruck.
64 Ebenda, S. 136.
65 Ebenda, S. 208.
66 Franz Jung: Die Rote Woche, ebenda, Bd. I., S. 59.
67 Ebenda, S. 63.
68 Ebenda.
69 Ebenda, S. 91.
70 Ebenda, S. 93.
71 Ebenda, S. 95.

192
72 Ebenda, S. 102.
73 Ebenda, S. 102. In diesem Kommentar verbirgt sich die Frage nach
dem revolutionären Augenblick. Jung gibt keine Antwort darauf. Er
findet es unverständlich, daß die Arbeiter sich nicht erheben, wenn
es ihnen nach der ersten Niederlage noch schlimmer geht als vorher.
74 F. Jung: Die Eroberung der Maschinen, a.a.O., S. 23.
75 Ebenda,S.208.
76 Ebenda, S. 210.
77 Ebenda, S. 25.
78 Ebenda, S. 127.
79 F. Jung: Die Rote Woche, a.a.O., S. 102.
80 F. Jung: Die Eroberung der Maschinen, a.a.O., S. 34 f.
81 Ebenda, S. 34.
82 Ebenda, S. 42.
83 Ebenda, S. 43.
84 Ebenda, S. 51.
85 Ebenda, S. 52 f.
86 Ebenda, S. 53.
87 Ebenda, S. 63.
88 Ebenda, S. 57.
89 Ebenda, S. 71 f.
90 Ebenda, S. 73. Hier rezipiert Jung schon die damals neuesten Erei-
gnisse in der Arbeiterbewegung, d. h. die Jahre 1920 und 1921. Die
Taktik, von der er in der "Eroberung der Maschinen" schreibt, vertrat
die Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands (AAUD) um 1921,
wodurch sie die KAPD praktisch entbehrlich machte. Mit der Parole
einer "beweglicheren Taktik" drängte sie auf die aktive Beteiligung
der Union an den Kämpfen der Arbeiter. Nachdem Jung eine kri-
tische Haltung zu KAPD gewann, war er auch kritisch den deutschen
Syndikalisten gegenüber eingestellt. Sie sind zwar aus der Rätebewe-
gung der Revolution von 1918 entstanden, befanden sich aber in stän-
digen programmatischen Streitigkeiten und hatten auch Führungs-
probleme. Hierüber schreibt ausführlicher Hans Manfred Bock: Syn-
dikalismus und Linkskommunismus ... , a.a.O. S. 240.

193
91 F. Jung, Die Eroberung der Maschinen, a.a.O., S. 97.
92 Ebenda, S. 96 f.
93 Ebenda, S. 120.
94 Ebenda, S. 144.
95 Ebenda, S. 161.
96 Ebenda, S. 163 f.
97 Von seinen Reiseberichten über Sowjetrußland ist die "Reise in Ruß-
land" am wichtigsten, wo er die erschütternde Wirtschaftslage des
Landes schildert. Auf seine Erfahrungen in Rußland geht Rieger ge-
nauer ein. Man wünscht sich aber weiterhin eine Untersuchung über
die Rußland-Periode von Jung. Das wird erst dann möglich sein,
wenn der Zugang zu Materialien über die Wirkung der Internationa-
len Arbeiter-Hilfe (IAH) in der Sowjetunion freigegeben wird. Auf-
schlußreich könnte die Arbeit von Fritz J. Raddatz sein, der u. a. über
Willi Münzenberg, den Gründer der IAH geschrieben hat. Es gab
übrigens viele Differenzen zwischen Jung und Münzenberg über die
Organisation der IAH.
Ausklang

1 Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. Vorwort. Köln 1913,


S. XI.
2 Ebenda, S. VII.
3 Ich nenne diese Dramen und Romane in der Bibliographie im Teil
Literatur und Revolution, Buchveröffentlichungen.

194
Literatur

Bernhard Kellermann
Primärtexte:
Der 9. November. Roman. Berlin 1946.
Das Meer. Roman. Berlin 1917.
Der Schriftsteller und die deutsche Republik, in: Deutscher Revolutions-
almanach für das Jahr 1919, hrg. von Ernst Drahn, Dr. Ernst Friedegg.
Hamburg, Berlin 1919.
Aufsätze. Briefe. Reden 1945-51, Berlin 1952.
Der Tunnel. Berlin 1961.
Sekundärliteratur:
Buchveröffentlichung:
Werner Ilberg, Bernhard Kellermann in seinen Werken, Berlin 1959.
Abhandlungen, Artikel:
Edgar Kirsch: Die deutsche Novemberrevolution in den Romanen "Der
9. November" von Bernhard Kellermann und "Vaterlandslose Gesellen"
von Adam Scharrer, in: Wissenchaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-
Universität Halle-Wittenberg. Sonderheft zum 40. Jahrestag der Novem-
berrevolution und Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands,
Jg. 8, 1958/69, H. 1, S. 312-332.
Paul Landau: Bernhard Kellermann. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag.
in: Die Neue Rundschau. 1929, Jg. 40, S. 411-416.
Rudolf Paulsen: Der 9. November. in: Das literarische Echo. Halbmonat-
schrift für Literaturfreunde, hrg. von Ernst Heilborn. Jg. 23, 1920--21, Sp.
418-419.
Lion Feuchtwanger:
Primärtexte:
Thomas Wendt. Ein dramatischer Roman. München 1920.

195
Neunzehnhundertachtzehn. Ein dramatischer Roman. in: L. Feuchtwan-
ger: Stücke in Prosa. Amsterdam 1936.
Das Erlebnis und das Drama (1909). in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur
für meine Freunde. Frankfurt am Main 1984, S. 83-91.
Flucht aus Tunis (1914). in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur für meine
Freunde. Frankfurt am Main 1984, S. 349-353.
Vesuch einer Selbstbiographie (1927). in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur
für meine Freunde. Frankfurt am Main 1984, S. 354-355.
Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Berlin 1963.
Mein Roman "Erfolg" (1931). in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur für
meine Freunde. Frankfurt am Main 1984, S. 389 f.
Selbstdarstellung (1933). in: L. Feuchtwanger: Ein Buch nur für meine
Freunde. Frankfurt am Main 1984, S. 356-360.

Sekundärliteratur:
Buchveröffentlichungen:
Walter A Berendsohn: Der Meister des politischen Romans: Lion Feucht-
wanger. Stockholm 1975.
Synnöve Clason: Die Welt erklären. Geschichte und Fiktion in Lion Feucht-
wangers Roman "Erfolg". Stockholm 1975.
Marta Feuchtwanger: Nur eine Frau. Jahre. Tage. Stunden. München, Wien
1983.
Ludwig Maximilian Fischer: Vernunft und Fortschritt. Geschichte und
Fiktionalität im historischen Roman Lion Feuchtwangers. Königstein(fs.
1979.
Günther Gottschalk: Die "Verkleidungstechnik" Lion Feuchtwangers.
Bonn 1965.
Hansjakob Hefti: Macht, Geist und Fortschritt. Der Roman "Die hässliche
Herzogin" in der Entwicklung von Lion Feuchtwangers Geschichtsbild.
Diss .. Zürich 1977.
Wolfgang Jeske: Peter Zahn, Lion Feuchtwauger oder Der arge Weg der
Erkenntnis. Stuttgart 1984.

196
Lotbar Kahn: Insight and Action. The Life and Work of Lion Feuchtwan-
ger. London 1975.
Wulf Köpke: Lion Feuchtwanger. Autorenbücher. München 1983.
Klaus Modick: Lion Feuchtwanger im Kontext der zwanziger Jahre. Auto-
nomie und Sachlichkeit. Harnburg 1981.
Wolfgang Müller-Funk: Literatur als Geschichtliches Argument zur äs-
thetischen Konzeption und Geschichtsverarbeitung in Lion Feuchtwan-
gers Romantrilogie "Der Wartesaal". Frankfurt am Main, Bern 1981 (eine
besonders umfangreiche Bibliographie).
Eckhard Schulz: Lion Feuchtwanger, "dramatischer Roman"- "episches
Theater". Berlin 1975.
Volker Skierka: Lion Feuchtwanger. Eine Biographie. hrg. von Stefan
Jaeger. Berlin 1984.
John M. Spalek: Lion Feuchtwanger. The Man, His ldeas, His Work.
A Collection of Critical Essays. Los Angeles 1972.
Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Ein deutsches Schriftsteller-
leben. Königstein{fs. 1984.
Wilhelm von Sternburg (Hrg): Lion Feuchtwanger. Materialien zu Leben
und Werk. Frankfurt am Main 1989.
Maria Anna Weller: Versuch über Feuchtwangers Selbstverständigungs-
prozeß in ausgewählten Werken seit dem "Thomsas Wend"(1919). Harn-
burg 1983.
RudolfWolff (Hrg): Lion Feuchtwanger. Werk und Wirkung. Bonn 1984.
Rene Zeyer: Lion Feuchtwangers historischer Roman. Eine Untersu-
chung der Denkformen eines Romanciers. Diss .. Berlin, Zürich 1985.
Abhandlungen, Artikel:
Dr. Rolf Berg: "Thomas Wendt". Dramatischer Roman von Lion Feu-
chtwanger, in: Westfälische Zeitung. Bielefeld, 24. Oktober 1924.
Wolfgang Brauer: Tun und Nichttun. Zu Lion Feuchtwangers Geschi-
chtsbild. in: Neue Deutsche Literatur, Berlin 1959, Nr. 6, S. 113-122.
Bertolt Brecht: Gruß an Feuchtwanger. in: Ost und West, 1949, H. 6.

197
Otmar M. Drekonja: Feuchtwangerund der Sozialismus. in: Lion Feucht-
wanger; ' ... für die Vernunft, gegen Dummheit und Gewalt, hrg. von Wal-
ter Huder und Friedrich Küchli. Berlin 1985, S. 64-75.
Wolfgang Frühwald: Der Heimkehrer auf der Bühne. Lion Feuchtwanger,
Bertolt Brecht und die Erneuerung des Volksstückes in den zwanziger
Jahren. in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Li-
teratur, hrg. von Wolfgang Frühwald, Georg Jäger, Alberto Martino, Bd.
8, 1983,S. 169-199.
Willy Haas: Lion Feuchtwauger liebte die einsamen Revolutionäre. in:
Die Welt, Harnburg 23.XII.1958.
Horst Hartmann: Die Antithetik 'Macht-Geist'im Werk Lion Feuchtwan-
gers. in: Weimarer Beiträge, Jg. VII, 1961, S. 667- 691.
Alfred Kantorowicz: Deutsches Tagebuch. München 1959, S. 467-480.
Alfared Kantorowicz: Lion Feuchtwaugers dramatischer Roman "Thomas
Wendt". in: Neue Deutsche Literatur, 2. Nr. 4, 1954, S. 112-122.
Victor Klemperer: Lion Feuchtwanger. Der gläubige Skeptiker. in: Die
Dichter des humanistischen Aufstandes. Porträts. München 1960.
Hans Leupold: Feuchtwangers Weg zur materialistischen Geschichtsauf-
fassung. in: Neue Deutsche Literatur, Jg. XI, H. 12, 1963, S. 43-56.
Heinrich Mann: Der Roman, Typ Feuchtwanger. in: Ost und West, 3,
1949, H. 6, S. 13-20.
Hans-Bernard Moeller: Feuchtwangerund Brecht. in: Lion Feuchtwanger
"... für die Vernunft, gegen Dummheit und Gewalt", hrg. von Walter Hu-
der, Friedrich Küchli. Berlin 1985, S. 76--89.
N.: "Thomas Wendt", dramatischer Roman von Lion Feuchtwanger. in:
Westfälische Neueste Nachrichten, Bielefeld, 24. Oktober 1924.
Helmut Rudolf: Feuchtwanger über "Masse-Mensch". in: Greifen-Alma-
nach 1963, Rudolfsstadt 1963, S. 334-342.
Elke Scheibe: Feuchtwangers Judentum. in: Lion Feuchtwanger. Werk
und Wirkung, hrg. von Rudolf Wolff. Bann 1984.
Ulrich Weisstein: Vom dramatischen Roman zum epischen Theater. Eine
Untersuchung der zeitgenössischen Voraussetzungen für Brechts Theorie
und Praxis. in: Episches Theater, hrg. von Reinhold Grimm. Köln, Berlin
1979, s. 37-49.

198
Ernst Toller
Primärtexte:
Masse-Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jh. Pots-
dam 1922, (Ich zitiere nach: Ernst Toller: Gesammelte Werke. München
1978, Bd. I.)
Deutsche Revolution, in: Das Tage-Buch, H. 12, Jg. 2, Berlin, 26. März
1921.
Eine Jugend in Deutschland, in: E. Toller: Gesammelte Werke. München
1978, Bd. IV.
Der Tag des Proletariats. Requiem den gemordeten Brüdern. Zwei Chor-
werke. Berlin 1921.
Quer Durch. Reisebilder und Reden. Berlin 1930.
Nationalsozialismus. Eine Diskussion über den Kulturbakrott des Bürger-
tums zwischen Ernst Toller und Alfred Mühr. Berlin 1930.
Leitsätze für einen Kulturpolitischen Bund in der Jugend in Deutschland
(1917), in: E. Toller: Gesammelte Werke. München 1978, Bd. I.
Gesammelte Werke, hrg. von W. Frühwald und John M. Spalek. München
1978, Bd. 1-V.

Sekundärliteratur:
Buchveröffentlichungen:
John Spalek: Ernst Tollerand His Critics. A Bibliography Charlottesville.
Wirginia 1968.
Thomas Bütow: Der Konflikt zwischen Revolution und Pazifismus im
Werk Ernst Tollers. Mit einem dokumentarischen Anhang; Essayistische
Werke Tollers - Briefvon und über Toller. Diss., Harnburg 1975.
Cornelia Dittmar: Die Dramen Ernst Toners und ihre Grundlage in der
Philosophie Gustav Landauers. Berlin 1980.
Fritz Droop: Einführung zu Ernst Toller und seine Bühnenwerke. Leipzig
1922.
Carel ter Haar: Ernst Toller. Appell oder Resignation? München 1977.

199
Umsturz und Aufbau. Der Hochverräter Ernst Toller. Die Geschichte
eines Prozesses von Stefan Großmann. Mit Verteidigungsrede von Hugo
Haase. Berlin 1919.
Junge Menschen. Blatt der deutschen Jugend. Stimme des neuen Jugend-
willens. Harnburg 1922, Heft 13/14, Jg. 3.
Klaus Kändler: Drama und Klassenkampf. Beziehungen zwischen Epo-
chenproblematik und dramatischem Konflikt in der sozialistischen Dra-
matik der Weimarer Republik. Berlin 1970.
Dorothea Klein: Der Wandel der dramatischen Darstellungsform im
Werk Ernst Tollers (1919-1930). Bochum 1968.
Hans-Jörg Knobloch: Das Ende des Expressionismus. Von der Tragödie
zur Komödie. Frankfurt am Main 1975.
Andreas Lixl: Ernst Toller und die Weimarer Republik 1918-1933. Hei-
delberg 1986.
Hans Marnette: Untersuchungen zum Inhalt-Form-Problem in Ernst
Tollers Dramen. Diss. Potsdam 1963.
Katharina K. Maloff: Mensch und Masse. Gedanken zur Problematik des
Humanen in Ernst Tollers Werk. Michingan 1965.
Wemder W. Malzacher: Ernst Toller - ein Beitrag zur Dramaturgie der
20-ger Jahre. Diss. Wien 1959.
Michael Ossar: Anarchism in the Dramas Ernst Toller. The Realm of Ne-
cessity and the Realm of Freedom. Albany, New York 1980.
Maleolm Pittock: Ernst Toller. Boston 1979.
Waller Riede!: Der neue Mensch. Mythos und Wirklichkeit. Bonn 1970.
Wolfgang Rothe: Toller. Harnburg 1983.
Sigurd Rothstein: Der Traum von der Gemeinschaft. Kontinuität und In-
novation in Ernst Tollers Dramen. Frankfurt am Main, Bern, New York
1987.
Peter Sloterdijk: Literatur und Lebenserfahrung. Autobiographien der
zwanziger Jahre. München, Wien 1978.
W. A Willibrand: Ernst Toller Product of Two Revolutions. Oklahoma
1941.

200
Der Fall Toller: Kommentar und Materialien, hrg. von Wolfgang Früh-
wald und John Spalek. München 1979.

Abhandlungen, Artikel:
Rosemarie Altenhofer: Masse Mensch, in: Interpretationen zu Ernst Tol-
ler. hrg. von Jost Hermand, Stuttgart 1981, S. 129-142.
Alexander von Barmann: Nämlich der Mensch ist unbekannt. Ein drama-
tischer Disput über Humanität und Revolution. in: Wissen und Erfahren,
Werkbegriff und Interpretation. Festschrift für Herman Meyer zum 65.
Geburtstag, hrg. von Alexander von Bormann. Tübingen 1976, S. 851-880.
Werner Geifrig: Ernst Toller - Dichter und Politiker "Zwischen den
Stühlen", in: Vergleichen und Verändern, hrg. von Albrecht Goetze. Mün-
chen 1970, S. 216-223.
Robert Grötzsch: Die grünen und gelben Mönche, in: Die Glocke 1921,
11.1V., H. 2, S. 55 f.
Kurt Hiller: Vorwort zu: Ernst Toller: Prosa. Briefe. Dramen. Gedichte.
Harnburg 1961.
Hans-Christian Kirsch: Ernst Toller: Revolution und Menschlichkeit, in:
Klassiker heute, hrg. von Brigitte Dörrlamm, H.-Ch. Kirsch, Ulrich Ko-
nitzer. Frankfurt am Main. 1982, S. 307-340.
Alfred Klein: Zwei Dramatiker in Entscheidung. Ernst Toller, Friedrich
Wolf und die Novemberrevolution. in: Interpretationen zu Ernst Toller.
Drama und Engagement, hrg. von Jost Hermand. Stuttgart 1981, S. 54-72.
Stefan Lamb, Ernst Toller: vom Aktivismus zum humanistischen Mate-
rialismus, in: Keith Bullivand (Hrg): Das literarische Leben in der Wei-
marer Republik, Königstein{fs 1978.
Paul Mochmann: Drei Arbeiterdichter. in: Die Glocke, H. 9, 29. Mai 1922,
Jg.8,S.248-252. .
carl Petersen: Ernst Toller, in: Expressionismus als Literatur.Gesam-
melte Studien, hrg. von Wolfgang Rothe. München, Bern 1969, S. 572-
584.
Maleolm Pittock: "Masse Mensch" and the Tragedy of Revolution, in: Fo-
rum for Modern Language Studies 8, 1972, S. 162-183.

201
Ernst Schürer: Literarisches Engagement und politische Praxis. Das Vor-
bild Ernst Toller, in: Interpretationen zu Ernst Toller. Drama und Enga-
gement, hrg. von Jost Hermand. Stuttgart 1981, S. 41-54.
John Spalek: Der Nachlaß Ernst Tollers, in: Literaturwissenschaftliches
Jahrbuch 6, 1965, S. 251-266.

Erich Mühsam:

Primärtexte:
Judas. Arbeiter-Drama in 5 Akten. Berlin 1920.
Die Neue Gemeinschaft. in: Der arme Teufel. 2(1), 10. Jan. 1903.
Das Ende vom Lied. in: Der Anarchist. Berlin 2(5), Juli 1904.
Neue Freunde. in: Der Sozialist 1(12), 1. Aug. 1909.
Der fünfte Stand. in: Der Sozialist 2(13), 1. Juli 1910.
Frauenrecht in: Der Sozialist 15. Sep.1910.
Tagebuch aus dem Gefängnis. in: Kain 1(8), Nov. 1911.
Anarchie. in: Der Komet (hrg. von P.L. Fuhrmann, und F. Wedekind) Jg.
1, 1911.
Verbrecher und Gesellschaft. in: Kain 2(6) 1912.
Revolution (1913). in: Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur
deutschen Literatur 1910-20, hrg. von Thomas Anz und Michael Stark.
Stuttgart 1982.
Abrechnung (1916/17). in: Erich Mühsam: Streitschriften. Literarischer
Nachlaß. Berlin 1984, S. 49-218.
Anarchismus und Revolution. in: Die Aktion 10 (43-44), 30. Oktob. 1920.
Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus (1920).
in: E. Mühsam: Streitschriften. Literarischer Nachlaß. Berlin 1984, S. 219-
315.
Gustav Landauer und die bayrische Revolution. in: Der Freie Arbeiter
13(36), 1920.
Die Intellektuellen. in: Die Aktion, Jg. XII. 1921, Sp. 53-56.
Zum revolutionären Kampf. in: Die Aktion Jg. XII, 1922, Sp. 476-47.

202
Föderalismus und Zentralismus. in: Die Aktion J g. XII, 1922, Sp. 443-447.
Anarchismus und Revolution. in: Die Aktion 30. Okt. 1925, Sp. 598-602.
Aktiver oder passiver Streik? in: Der Revolutionär 2 (25).
Proletarisches Theater. in: Fanal, Jg. 2, Nr.1, Okt. 1927.
Sowjet-Rußland. in: Fanal, Jg. 2, Nr. 1, Okt. 1927.
Realpolitik. in: Fanal, Jg. 2, Nr. 10, Juli 1928.
Heroenkult und Selbstkritik. Anmerkungen zur bayrischen Räterepublik.
in: Fanal, Jg. 3, Nr. 7, Apri11929.
Persönlichkeit-Autorität-Führer. in: Fanal, Jg.3, Nr.12, Sep. 1929.
Mein Gegner Eisner. in: Weltbühne, 25(8), 1929.
Parteien und Masse. in: Fanal, Jg. 4, Nr. 6, März 1930.
Kunst und Proletariat. in: Fanal, Jg. 4. Nr. 8, Mai 1930.
Aus der anarchistischen Bewegung in Polen, in: Fanal, Jg. 4, Nr. 12,
Sep. 1930.
Staatsverneinung. Die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip und andere
Beiträge (1930). Berlin 1981.
Die Gefahren psychologischer Kollektivbegriffe. in: Fanal, Jg. 4, Nr. 12,
Sep. 1930.
Lenin und die Scheinräterepublik. in: Die Weltbühne 28(18) 1932.
In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe 1900-1934, hrg. von
Gerd W. Jungblut. Bd. I, li, Lichtenstein 1984.
Selbstbiographie. in: E.Mühsam: Auswahl. Gedichte, Drama. Prosa. Mit
einem Nachruf von Erich Weinert. Zürich 1962.
Von Eisner bis Levin~. Persönlicher Rechenschaftsbericht, geschrieben
im Festungsgefängnis zu Ansbach im September 1920 zur Aufklärung an
die Schöpfer der russischen Sowjetrepublik zu Händen des Genossen Le-
nin. Berlin-Britz 1929.
Befreiung der Gesellschaft von Staat. Vorwort von Hans-Jörg Viesel. Be-
rio 1973.
Briefe an Zeitgenosse. Bd. I, li, Berlin 1978.
Gesamtausgabe. hrg. von Günter Emig, Bd. I-IV, Berlin 1977.

203
Ausgewählte Werke. Bd.l, Gedichte. Prosa. Stücke. Berlin 1978; Bd. li,
Publizistik. Unpolitische Erinnerungen. Berlin 1978.
Nachträge. hrg. von Andreas W. Mytze, Berlin 1977.
Streitschriften. Literarischer Nachlaß. Berlin 1984.

Sekundärliteratur:
Buchveröffentlichungen:

Wolfgang Haug: Erich Mühsam, Schriftsteller der Revolution. Reuttingen


1984.
Heinz Hug: Brich Mühsam. Untersuchungen zu Leben und Werk. Glas-
hütten in Taunus 1974.
Rolf Kauffeldt: Erich Mühsam. Literatur und Anarchie. München 1983.
Kreszentia Mühsam: Der LeidenswegErich Mühsams. Zürich, Paris 1935.
Augustin Souchy: Brich Mühsam. Sein Leben. Sein Werk. Sein Marty-
rium. Reuttingen 1984.

Artikel, Abhandlungen:
Hans G. Helms: Die unaufhaltsame Entwicklung eines Sozialisten. Eine
Erinnerung an Erich Mühsam. in: Protokolle. Zeitschrift für Literatur
und Kunst, hrg. von Otto Breicha, Wien. München, 1982, H. 4, S. 158-
181.
Pranz Horn: Zu Mühsams kommunistischem Anarchismus. in: Erich
Mühsam zum 40. Todestag, hrg. von Andreas W. Mytze. H.5/6, o.J.,
s. 48-50.
Walter Huder: Literat und Politiker. in: Brich Mühsam zum 40. Todestag,
hrg. von Andreas W. Mytze. H. 5/6, o.J., S. 18-28.
Gerd W. Jungblut Zur Rezeption von Werk und Wirken Brich Mühsams.
in: Stichtag der Barbarei. Anmerkungen zur Bücherverbrennung 1933,
hrg. von Nils Schiffhauer und Carola Schelle. Braunschweig 1983, S. 145-
165.
Baron Lawrence: Brich Mühsam. Anarchistischer Realismus und Irrealis-
mus, in: Ideologiekritische Studien zur Literatur, Essays II. Bern, Frank-
furt am Main 1975, S. 8-26.

204
Baron Lawrence: Mühsams individualistischer Anarchismus. in: Erich
Mühsam: Scheinwerfer oder Färbt ein weißes Blütenblatt sich schwarz.
Berlin 1978, hrg. von Andreas W. Mytze, S. 153-163.
Franz Leschnitzer: Der Weg Erich Mühsams. in: F. Leschnitzer: Von
Börne zu Leonhard oder Erbübel-Ebgert? Aufsätze aus dreißig Jahren
zur Literaturgeschichte. Rudolstadt 1966.
Ulrich Linse: Wege zu Mühsam. in: Erich Mühsam: Scheinwerfer oder
Färbt ein weißes Blütenblatt sich schwarz. Berlin 1978, hrg. von Andreas
W. Mytze, S. 147-152.
Erich Mühsam. Scheinwerfer oder Färbt ein weißes Blütenblatt sich
schwarz, hrg. von Andreas W. Mytze, Berlin 1978.
Watther G. Oschilewski: Zwischen Utopie und Wirklichkeit. in: Watther
G. Oschilewski: Auf den Flügeln der Freiheit. Zur Sozial-, Kunst- und
Literaturgeschichte Berlins. Berlin 1984, S. 139-151.
Fritz J. Raddatz: Werk, Leben und Ende des Erich Mühsams. in: Frank-
furter Hefte, Jg. 26, H. 5, Mai 1971, S. 397-408.
Fritz J. Raddatz: Erfolg oder Wirkung. Schicksale politischer Publizisten
in Deutschland. München 1972.
Fritz J. Raddatz: Immer noch Mühen mit Erich Mühsam. in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung, Nr. 232, 7. Oktober 1975, S. 28.
Jürgen Schiewe: Zur anarchistischen Ästhetik Erich Mühsams. in: Wir-
kendes Wort. Deutsche Sprache in Forschung und Lehre, 32 Jg. 1982, H.
VI, hrg. von Theodor Lewandowski, Heinz Rölleke, W. Schemme. Düs-
seldorf 1982, S. 419-431.
Dieter Schiller: Zu Erich Mühsams politischer Dichtung. in: Erich Müh-
sam, Auswahl. Gedichte. Drama. Prosa. Mit einem Nachruf von E.Wei-
nert. Zürich 1962.
Hartmut Schönfuß: Im Streit gegen die Zeit, in: Neue Deutsche Literatur.
33. Jg. Okt., 1985, S. 145-153.
Michael Schulze: Anarchist und Bohemien. Die zögernde Wiederentdeckung
Erich Mühsarns. in: Frankfurter Rundschau, Nr. 123, 3l.V.1975, S. 4 f.
Augustin Souchy: Erich Mühsam, Ritter der Freiheit (1934). in: Erich
Mühsam: Scheinwerfer oder Färbt ein weißes Blütenblatt sich schwarz,
hrg. von Andreas W. Mytze. Berlin 1978, S. 164-167.

205
Hansjörg Viesel: Doch keiner war noch, der mein Wort verstand. Ab-
schied von Erich Mühsam. TAZ, 10.Juli 1984, S. 9-10.
Erich Weinert: Erich Mühsam der Kämpfer. in: Erich Mühsam: Auswahl.
Gedichte. Drama. Prosa. Zürich 1962.
Siegbert Wolf: Erich Mühsams Judentum. in: Tribüne. Zeitschrift zum
Verständnis des Judentums, 25. Jg. H. 97, 1986, S. 178-186.

Franz Jung:
Primärtexte:
Joe Frank illustriert die Welt, Die Rote Woche, Arbeitsfriede. in: F.Jung:
Werke in Einzelausgaben. Bd.II, Harnburg 1984.
Die Eroberung der Maschinen. Darmstadt und Neuwied 1972, Die roten
Jahre, Bd. II.
Die Technik des Glücks. Berlin 1921.
Mehr Tempo! Mehr Mehr Glück! Mehr Macht! Berlin 1923.
Der neue Mensch. in: Der Gegner. Jg. 5, Juni 1931, H. I.
Reise in Rußland. in: F. Jung: Schriften und Briefe. Salzhausen 1981, Bd. I.
Der Weg nach unten. in: F. Jung: Schriften und Briefe. Salzhausen 1981, Bd. I.
Werke in Einzelausgaben. Bd. I, 1; I, 2; II; VI; VIII; X, Harnburg 1980 ff.
Der tolle Nikolaus. Prosa und Briefe. Leipzig 1980.
Schriften und Briefe. Salzhausen 1981, Bd. I, II.

Sekundärliteratur:
Buchveröffentlichungen:

Arnold Imhof: Franz Jung. Leben, Werk, Wirkung. Bonn 1974.


Wolfgang Rieger: Glückstechnik und Lebensnot Leben und Werk Franz
Jungs. Freiburg!Br. 1987.
Abhandlungen, Artikel:
Gertrud Alexander: Bücherschau. Franz Jung: "Die Technik des Glücks"
und "Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht!", in: Die Internationale 6,
1923, H. 9, S. 286.

206
Oskar Maria Graf: Grabrede fuer einen Freund, l.Fassung Mai-Juni 1953,
MS-Typoskript, Bayrische Staatsbibliothek
Horst Denkler: Der Fall Pranz Jungs. Beobachtungen zur Vorgeschichte
der 'Neuen Sachlichkeit'. in: Die sogenannten zwanziger Jahre. hrg. von
R.Grimm, J. Hermand. Bad Homburg, Berlin, Zürich 1970.
Jörg Drews: Bericht aus einer verratenen Zeit. Zum Wiedererscheinen
von Pranz Jungs Autobiographie "Der Torpedokäfer". in: Süddeutsche
Zeitung, 26. Mai 1973.
Friedrich Grieger: Pranz Jung, ein Mann der Literaturrevolte. Litera-
rische Notiz zu seinem 70. Geburtstag. in: FAZ, 26. Nov. 1958.
Cläre Jung: Bilder meines Lebens. in: Neue Deutsche Literatur, H. 11,
S. 114-131; H. 4, S. 109-122; H. 11, S. 116-139.
Werner Jung: Der rasende Torpedokäfer. Ein biographisches und litera-
risches Porträt Pranz Jungs. in: Kürbiskern. Literatur. Kritik. Klassen-
kampf. München 1983, Nr. 3.
Manuel Lichtwitz: Klasse und Individuum (Eroberung der Maschinen) in:
Frankfurter Hefte. Zeitschrift für Kultur und Politik, hrg. von Walter
Dirks, Eugen Kogon. Jg. 28, H. 11, 1973.
Helmut Liede: Ein expressionistischer Außenseiter Pranz Jung "Weg nach
unten". in: Der Monat 14, H. 161, 1962, S. 69-74.
Pranz Loquai: Politik auf der Bühne. Zum Verhältnis von politischem Be-
wußtsein und literarischer Tätigkeit bei Pranz Jung. in: Recherehes ger-
maniques, Revue annuelle, Nr. 10, 1980.
Theo Meyer: Revolte und Resignation. Eine Analyse von Pranz Jungs
"Torpedokäfer". in: Jahrbücher der deutschen Schiilergesellschaft, hrg.
von Fritz Marini, Walter Müller- Seidel, Bernhard Zeller. Stuttgart 1979,
Jg. 23.
Sieglinde und Fritz Mieraup: Gespräch mit Cläre Jung. in: Sinn und Form
30,H. 2, 1978,S. 251-269,H.5, 1981,S. 1138-1144.
Wolfgang Rieger: Der Torpedokäfer. Bemerkungen zu Pranz Jung und
seiner Wiederentdeckung. in: Stichtag der Barbarei. Anmerkungen zur
Bücherverbrennung 1933, hrg. von Nils Schiffbauer, Carola Schelle.
Braunschweig 1983.

207
Michael Rohrwasser: 'Gegen die Zeit, gegen die Gesellschaft .. .' (Über
Schriften und Briefe von Franz Jung). in: Frankfurter Hefte. Zeitschrift
für Kultur und Politik, hrg. von Walter Dirks und Eugen Kogon. Jg. 37,
H. 10, 1982.
Novemberrevolution 1918/19:
Buchver6ffentlichungen:
Karl-Ludwig Ay (Hrg): Appelle einer Revolution. Das Ende der Monar-
chie. Das Interregnum. Die Rätezeit München 1968.
Emil Barth: Aus der Werkstatt der deutschen Revolution. Berlin 1919.
Jörg Berlin (Hrg): Die deutsche Revolution 1918/19, Quellen und Doku-
mente. Köln 1979.
Karl Bosl (Hrg): Bayern im Umbruch. Die Revolution 1918, ihre Voraus-
setzungen, ihr Verlaufund ihre Folgen. Oldenburg, München, Wien 1969.
Karl Dietrich Bracher: Die Auflösung der Weimarer Republik. Düssel-
dorf 1978.
Tankred Dorst: Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse und Kommen-
tare. Frankfurt am Main 1980.
Albert Ehrenstein: Den ermordeten Brüdern. Zürich 1919.
Karl Dietrich Erdmann: Rätestaat oder parlamentarische Demokratie.
Neuere Forschungen zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Ko-
benhavn 1979.
Escherich-Hefte, Der Kommunismus in München. Auf Grund amtlich
bisher unveröffentlichten Materials bearbeitet von einem in der Eisner-
zeil an höherer Stelle tätigen Manne, Teil1: Vorgeschichte und Persön-
lichkeiten, Teil 2: Die arbeitenden Kräfte. München 1921.
Otto Flake: Das Ende der Revolution. Berlin 1920.
Fried Wilhelm Foerster: Erlebte Weltgeschichte 1869-1953. Memoiren.
Nürnberg 1953.
Paul Frölich: Die Bayrische Räte Republik. Tatsachen und Kritik. Leipzig 1920.
Max Gerstl: Die Münchener Räte-Republik, München 1919. Bildende
Kunst. Fotographie der Revolution und Rätezeit, hrg. von Dirk Halfbrodt
und Wolfgang Kehr. München 1979.

208
Emil Julius Gumpel: Vier Jahre politischer Mord. Heidelberg 1980.
Friedrich Hitzer: Der Mord im Hotbräuhaus. Unbekanntes und Verges-
senes aus der Bayerischen Räterepublik. Frankfurt 1981.
Josef Hofmiller: Revolutionstagebuch 1918/19. Aus den Tagen der Münch-
ner Revolution. Leipzig 1938.
Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution 1918/19. Autorenkollek-
tiv unter Leitung von Günter Hortzschansky. Berlin 1978.
Ulrich Kluge: Soldatenräte und Revolution. o.O., 1975.
Die Novemberrevolution. Berlin 1918/19 in zeitgenössischen Foto-Post-
karten. hrg. von Diethart Kerbs. Kreuzberg 1983.
E. Menke-Glückert: Die Novemberrevolution 1918. Ihre Entstehung und
ihre Entwicklung bis zur Nationalversammlung, Leipzig. o. J., (Deutsche
Revolution. Eine Sammlung zeitgenössischer Schriften).
Benno Merkte (Hrg): Die neue Zeit. München 1919.
G.P. Meyer: Bibliographie zu deutschen Revolution 1918/19. Göttingen
1977.
Richard Müller: Vom Kaiserreich zur Republik. Geschichte der deut-
schen Revolution. Bd. I, II, Berlin 1974.
Helmut Neubauer: München und Moskau 1918/19. München 1958.
Alfred Niemann: Revolution von oben. Umsturz von unten. Entwicklung
und Verlauf der Staatsumwälzung in Deutschland 1914-1918. Berlin 1927.
Watther Rathenau: Kritik der dreifachen Revolution. Apologie. Berlin
1919.
Artbur Rosenberg: Entstehung der Weimarer Republik, hrg. von Kurt
Kersten. Frankfurt am Main 1961.
Wolfgang Ruge, Wolfgang Schurnano (Hrg.): Dokumente zur deutschen
Geschichte 1917-19. Berlin 1975.
Bernd Ruland: Das war Berlin. Erinnerungen an die Reichshauptstadt.
Bayreuth 1972.
Franz August Schmitt: Die Zeit der zweiten Revolution in Bayern. Mün-
chen 1919.
Horst Stowasser: November 1918. Wetzlar-Rodenhausen 1979.

209
Heinrich Ströbel: Die deutsche Revolution. Ihr Unglück und ihre Ret-
tung. Berlin 1922, Teil 1, 2.
Abhandlungen, Artikel:
H. Glenk: Das andere Bayern. in: Die Weltbühne, 1923, S. 75 f.
Eberhard Kalb: Geschichte und Vorgeschichte der Revolutionäre von
1918/19 in Bayern. in: Neue Politische Literatur 16, (3), Juli-Sep. 1971,
s. 383-394.
Ulrich Linse: Die Anarchisten und die Münchener Novemberrevolution.
in: Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen,
ihr Verlauf und ihre Folgen, hrg. von Kar! Bosl. München 1969.
Artbur Luther: Ein Jahr Bolschewismus. in: Deutsche Revolution. Eine
Sammlung zeitgemäßer Schriften. hrg.von H. H. Hauben, E. Menke-
Glückert. Leipzig o.J.
Wolfgang J. Mommsen: Die deutsche Revolution 1918--1920. Politische
Revolution und soziale Bewegung, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeit-
schrift für Historische Sozialwissenschaften, hrg. von Helmut Berding
u. a., Göttingen Jg. 4, 1978.
Franz August Schmitt: Die Zeit der zweiten Revolution in Bayern. Mün-
chen 1919.
Wally Zepler: Das geistige Erlebnis eines Rcvolutionsjahres. in: Soziali-
stische Monatshefte 1920/I, S. 18 ff.

Literatur und Revolution:


Buchveröffentlichungen:
Friedrich Albrecht: Deutsche Schriftsteller in der Entscheidung. Wege zur
Arbeiterklasse 1918--33. Berlin, Weimar 1970.
Johannes R. Becher: Arbeiter Bauer Soldaten. Der Aufbruch eines Volkes
zu Gott. Ein Festspiel. Leipzig 1921.
Johannes R. Becher: Arbeiter Bauer Soldaten. Entwurf zu einem revolu-
tionären Kampfdrama. Frankfurt am Main 1924.
Dokumente. Erinnerungen an J. R. Becher, hrg. von Johannes R.- Be-
cher- Archiv der Deutschen Akademie der Künste. Leipzig 1968.

210
Wolfgang Beutin u. a.(Hrg): Deutsche Literaturgeschichte von den An-
fängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984.
Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht. Komödie. Frankfurt am Main
1973.
Friedrich Bürger: Söhne des Volkes. Lebensbild in drei Aufzügen. Leipzig
1921, Revolutions-Bühne Nr. 4.
Bernhard Diebold: Anarchie im Drama. Kritik und Darstellung der mo-
dernen Dramatik. Frankfurt am Main 1922.
Deutscher Revolutionsalmanach für das Jahr 1919. hrg. von Ernst Drahn,
Dr. Ernst Friedegg. Hamburg, Berlin 1919.
Richard Drews, Alfred Kantorowicz (Hrg): Verboten und verbannt. Deut-
sche Literatur - 12 Jahre unterdrückt. Berlin 1947.
Kurt Eisner: Die Götterprüfung. Eine Weltpolitische Posse in fünf Akten
und einer Zwischenpantomime. beg. Frühjahr 1898 im Strafgefängnis am
Plötzensee bei Berlin vollendet Febr./März 1918 im Untersuchungsgefäng-
nis Neudeck zu München. Berlin 1920.
Fritz Ewald: Revolutionshochzeit Volksstück mit Gesang und Tanz in ei-
nem Akt. Leipzig 1921, Revolutions-Bühne Nr. 3.
Walter Fähnders, Martin Rector: Literatur im Klassenkampf. Zur prole-
tarisch-revolutionären Literaturtheorie 1919-1923. Eine Dokumenta-
tion. München 1971.
Walter Fähnders, Martin Rector: Linksradikalismus und Literatur. Un-
tersuchungen zur Geschichte der sozialistischen Literatur in der Weima-
rer Republik. Bd. I, II. Reinheck bei Harnburg 1974.
Walter Fähnders: Proletarischrevolutionäre Literatur der Weimarer Re-
publik. Stuttgart 1977.
Konrad Feilchenfeldt: Bertolt Brecht "Trommeln in der Nacht". Materia-
lien, Abbildungen, Kommentar. München 1976.
Otto Flake: Das Ende der Revolution. Berlin 1920.
Walter Hasenclever: Die Entscheidung. Komödie. Berlin 1919.
Michael Hugh Fritton: Literatur und Politik in der Novemberrevolution
1918/19. Theorie und Praxis revolutionärer Schriftsteller in Stuttgart und
München, (Edwin Hoernle, Fritz Rück, Max Barthel, Ernst Toller, Erich
Mühsam). Frankfurt am Main, Bern, New York 1986.

211
Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Wei-
marer Zeit 1918-1933. Frankfurt am Main 1968.
Marie Amalie von Godin: Unser Bruder Kain. Ein Roman aus der Mün-
chener Räterepublik. Berlin 1919.
Peter Groth: Hörspiele und Hörspieltheorien in der Weimarer Republik,
Diss., Berlin 1980.
Fritz Halbach: Der Tanz. Eine politische Komödie in 3 Akten. München
1919.
Fritz Halbach: Genosse Levi. Ein Roman für das deutsche Volk. Leipzig
1921.
Ludwig Helpe: Hans Rother, Der Volkstribün. Leipzig 1921. Revolu-
tions-Bühne Nr. 1.
Kurt Hiller: Köpfe und Tröpfe. Harnburg 1950.
Kurt Hiller: Leben gegen die Zeit. Bd.l, Logos. Harnburg 1969, Bd. II,
Eros. Harnburg 1973.
Edwin Hoernle: Arbeiter, Bauern und Spartakus (1921). in: Ludwig Hoff-
mann (Hrg.), Deutsches Arbeitertheater 1918-1933. München 1973.
Herbert Jhering: Von Reinhardt bis Brecht. Bd. I, 1909-1923, Bd. II,
1924-1929, Berlin 1958.
Anton Kaes (Hrg): Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur
deutschen Literatur 1918-1933, Stuttgart 1983.
Wilhelm Knevels: Das moderne Drama. Gesicht unserer Zeit. Darstellung.
Deutung. Wertung. o. J. o. 0.
Werner Kottowski: Die Novemberrevolution und das bürgerliche deut-
sche Drama zwischen 1917 und 1920. Diss. Berlin 1970.
Herbert Kranz: Freiheit. Die Richterin. Zwei Dramen aus der Zeit. Mün-
chen 1919.
Julius Kreis: Der umgestürzte Huber. Bilder aus der bayrischen Weltre-
volution. München 1920.
Helmut Kreuzer: Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuel-
len Subkultur vom 19. Jh. bis zur Gegenwart. Stuttgart 1968.
Asja Lacis: Revolutionär im Beruf. Berichte über proletarisches Theater,
über Meyerhold, Brecht, Benjamin und Piscator. München 1976.

212
Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit 1924-1933. Studien zur Literatur des
"weißen Sozialismus". Stuttgart 1970.
Peter Lothar: Literarische Intelligenz und Klassenkampf. "Die Aktion"
1911-1932. Köln 1972.
Peterde Mendelssohn: Der Geist in der Despotie. Versuche über die mo-
ralischen Möglichkeiten des Intellektuellen in der totalitären Gesell-
schaft. Berlin-Grünewald 1953.
Julie Meyer: Vom elsässischen Kunstfrühling zur utopischen Civitas Ho-
minium. Ren~ Schickele. München 1981.
Reinhart Meyer: Dada in Zürich und Berlin. Literatur zwischen Revolu-
tion und Reaktion. Kronberg 1973.
Jennifer E.Michaels: "Anarchy and Eros". Otto Gross' Impact on German
Expressionsist Writers. New York 1983.
Wilhelm Emil Mühlmann: Bestand und Revolution in der Literatur. Ber-
lin 1973.
Hans Opel: Zum Tode verurteilt. Drama aus der Revolutionszeit Leipzig
1921, Revolutions-Bühne Nr. 2.
Karl Otten (Hrg): Ahnung und Aufbruch. Expressionistische Prosa.
Darmstadt, Berlin, Neuwied 1957.
Karl Otten (Hrg): Schrei und Bekenntnis. Expressionismus Theater. Neu-
wied, Berlin 1959.
Michael Patterson: The Revolution in German Theatre 1900/1933, Boston,
London, Henley 1981.
Pranz Pfemfert: Ich setze diese Zeitschrift wider diese Zeit. Sozialpoli-
tische und literaturkritische Aufsätze. hrg. von W. Haug. Darmstadt und
Neuwied 1985.
Felix Renker: Die rote Stunde. Revolutionäres Schauspiel in einem Akt.
Leipzig 1921, Revolutions-Bühne Nr. 7.
Felix Renker: Die Geburtsstunde der Revolution. Leipzig 1921, Revolu-
tions-Bühne Nr. 9.
Wolfgang Rothe, Otto Mann (Hrg. ): Deutsche Literatur des 20. Jh. Struk-
turen und Gestalten. Berlin 1968.

213
Wolfgang Rothe (Hrg): Die deutsche Literatur in der Weimarer Repu-
blik. Stuttgart 1974.
Wolfgang Rothe: Tänzer und Täter. Gestalten und Expressionismus.
Frankfurt am Main 1979.
Wolfgang Rothe (Hrg.): Der Expressionismus als Literatur. Gesammelte
Studien. München, Bern 1969.
Erwin Piscator: Das politische Theater. Berlin 1968.
Paul Pörtner: Literaturrevolution 1910-1925. Dokumente. Manifeste.
Programme. Darmstadt, Neuwied 1960.
Harry Prass: Literatur und Politik. Geschichte und Programme der poli-
tisch-literarischen Zeitschriften im deutschen Sprachgebiet seit 1870. 01-
ten, Freiburg/Br. 1963.
Paul Raabe: Die Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expres-
sionismus. Stuttgart 1964.
Richard Rieß: Der deutsche Karneval. Eine Chronik der Ereignisse vom
Herbst 1918 bis zum Frühling 1920. Berlin, Leipzig 1920.
Wolfgang Rothe: Schriftsteller und totalitäre Welt. Bern, München 1966.
Jürgen Rühle: Literatur und Revolution. Die Schriftsteller und der Kom-
munismus. Köln, Berlin 1960.
Rene Schickele: Der 9. November. Berlin 1919.
Erhard Schütz: Kritik der literarischen Reportage. Reportagen und Rei-
seberichte aus der Weimarer Republik über die USA und die Sowjetu-
nion. München 1977.
Uwe M. Schneede (Hrg.): Die zwanziger Jahre. Manifeste und Doku-
mente deutscher Künstler. Köln 1979.
Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter. Harnburg 1977.
Klaus Siebenhaar: Klänge aus Utopia. Zeitkritik, Wandlung und Utopie
im expressionstischen Drama. Berlin 1979.
Peter Sloterdijk: Literatur und Lebenserfahrung. Autobiographien der
zwanziger Jahre. München 1978.
Hans Steffen (Hrg): Der deutsche Expressionismus. Formen und Gestal-
ten. Göttingen 1965.

214
Peter Stein (Hrg): Theorie der politischen Dichtung. München 1973.
Waller Strattmann: Novemberrevolution. Revolutionäres Schauspiel in
einem Akt. Leipzig 1921, Revolutions-Bühne Nr. 10.
Eduard Trautner: Haft. Ein Aufzug in fünf Szenen. Potsdam 1920.
Eduard Trautner: Nacht. Ein Aufzug in 4 Szenen. Potsdam 1921.
Emil Szittya, Das Kuriositäten-Kabinett, Konstanz 1923
Wir sind die Rote Garde. Sozialistische Literatur 1916--1935, hrg. von
Edith Zenker. Leipzig 1980, Bd. I, li.
Viktor Zmegat (Hrg): Geschichte der deutschen Literatur von 18. Jh. bis
zur Gegenwart, Bd. III, 1918-1980. Königstein 1984.

Abhandlungen, Artikel:
Walter Fähnders, Martin Rector: Proletarisches Theater 1919-1921. in:
Alternative 14, 1971, H. 76, S. 25-32.
Walter Fritzsche: Intellektuelle der Bayerischen Revolution. in: Kürbis-
kern 1969, H. 2, S. 356--371, H. 4, S. 690-703.
Kar1-Markus Gauß: Der "weltverkommene Bruder Sonka". Leben und
Werk des vergessenen Dichters Hugo Sonnenschein. in: Österreich in
Geschichte und Literatur. 28. Jg., 1984, H. 4.
Helmut Gruber: The political-ethical Mission of Expressionism. in: The
German Quarterly, März 1967, Nr. 2, S. 186--203.
Kurt Hiller: Ein Ministerium der Köpfe. in: K. Hiller: Geist werde Herr.
Kundgebungen eines Aktivisten vor, in und nach dem Kriege. Berlin 1920.
Kurt Hiller: Der geistige Mensch und die Parteien. in: K.Hiller: Geist
werde Herr. Kundgebungen eines Aktivisten vor, in und nach dem Kriege.
Berlin 1920.
Kurt Hiller: Wer sind wir? Was wollen wir? in: K. Hiller: Geist werde
Herr. Kundgebungen eines Aktivisten vor, in und nach dem Kriege. Berlin
1920.
Lothar Köhn: Überwindung des Historismus. Zum Problem einer Geschich-
te der deutschen Literatur zwischen 1919 und 1933. in: Deutsche Viertel-
jahreszeitschritt für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 4/1974,
s. 704 ff.

215
Eberhard Lämmert: Das expressionistische Verkündungsdrama. in: Hans
Steffen (Hrg), Der deutsche Expressionismus 1%5.
Ralf Recknagel: Der erste Weltkrieg und die Novemberrevorlution von
1918 im Werk fortschrittlicher bürgerlicher Schriftsteller, in: Die Nation
1958. H. 11, S. 785-792.
Hermann Schüller: Proletkult- Proletarisches Theater. in: Der Gegner,
hrg. von J. Gumperz und W.Herzfelde, Jg. 1920/21, H. 3.
Waltraut Seifert: Deutsche Schriftsteller und die Novemberrevolution, in:
Beiträge zur Geschichte der Novemberrevolution. Berlin 1960, S. 62-72.
Kurt Sontheimer: Literatur im politischen Kontext, in: Historizität in
Sprach- und Literaturwissenschaft. Vorträge und Berichte der Stuttgarter
Germanistentagung 1972, hrg. von Waller Müller-Seidel. München 1974.
Spuren - Gespräch mit Hans Mayer, Expressionismus und Novemberre-
volution, in: Spuren. Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, H.5., 1978,
s. 10-13.
Joachim W. Storck: Ren~ Schiekele und die Revolution. in: Elsässer, Eu-
ropäer, Pazifist. Studien zu Ren~ Schickele, hrg. von Adrien Finck, Maryse
Staiber. Basel1984, S. 36-56.
Rätegedanken
Buchver6ffentlichungen
Max Cohen-Reuß: Der Aufbau Deutschlands und der Rätegedanke. Ber-
lin 1919.
Wilfried Gottschalch: Parlamentarismus und Rätedemokratie. Berlin 1973.
Eberhard Kalb: Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918-
1919. Düsseldorf 1962.
Karl Korsch: Wandlungen des Problems der politischen Arbeiterräte in
Deutschland, in: K. Korsch: Politischen Texte, hrg. von Erich Gerlach und
Jürgen Seifert. München 1974.
Peter von Oertzen: Betriebsräte in der Novemberrevolution. Düsseldorf
1963.
Michael Schattenhafer (Hrg): Revolution und Räteherrschaft in Mün-
chen. Aus der Stadtchronik 1918/19, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs.
Bd.29. München, Wien 1968.

216
Revolution und Räterepublik in München 1918/19. in: Augenzeugenberich-
ten, hrg. von Eberhard Kolb, Düsseldorf 1969.
Gerhard Schmolze (Hrg): Revolution und Räterepublik in: München
1918/19 in Augenzeugenberichten. Düsseldorf 1969.
Dieter Schneider, Rudolf Kuda: Arbeiterräte in der Novomberrevolution.
Ideen, Wirkungen, Dokumente. Frankfurt am Main 1968.
Walter Tormin: Zwischen Rätediktatur und sozialer Demokratie. Düssel-
dorf 1954.

Abhandlungen, Artikel:
Max Cohen: Der Rätegedanke im ersten Revolutionsjahr, in: Soziali-
stische Monatshefte. 1919.
Julian Gumperz: Vom Parlament zu den Räten. in: Der Gegner, Jg. 2,
1920/21, H. 1-2, S. 3-6.
Julius Kalinsky: Der Rätegedanke beim Neuaufbau Deutschlands. in: So-
zialistische Monatshefte. 1919/1, S. 229 ff.
Eberhard Kolb: Rätewirklichkeit und Räte-Ideologie in der deutschen
Revolution von 1918/19, in: Deutschland und die Russische Revolution,
hrg. von Helmut Neubauer. Stuttgart, Köln, Mainz 1968, S. 94 ff.
Gustav Landauer: Bericht über die Tätigkeit des Provisorischen Zentra-
larbeiterrates. in: Die Rätebewegung, hrg. von Günter Hillmann. Harn-
burg 1971, S. 54 ff.
Rene Marchand: Die weltgeschichtliche Bedeutung der Sowjets. in: Der
Gegner. Blätter zur Kritik der Zeit. H. 8/9, Jg. 1, Nov.-Dez. 1919, hrg. von
J. Gumperz, Karl Otten, S. 14-17.
R. Rürup: Rätebewegung und Revolution in Deutschland 1918/19. in:
Neue Politische Literatur 12, 1967, S. 309 ff.
Waller Tormin: Die deutschen Parteien und die Bolschewiki im Welt-
krieg. in: Deutschland und die Russische Revolution, hrg. von Helmut
Neubauer. Stuttgart, Köln, Mainz 1968, S. 55-69.
Bernhard Zittel: Rätemodell München 1918/19. in: Stimmen der Zeit,
1959/60.

217
RevolutionsbegrifT:
Buchveröffentlichungen:
Hannah Arendt: Über die Revolution. Harnburg 1963.
Klaus von Beyme (Hrg): Empirische Revolutionsforschung. Stuttgart
1973.
Murray Bookchin: Hör zu, Marzist. New York 1970.
Stefan Breuer: Die Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesell-
schaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse. Frankfurt am
Main 1977.
Karl Griewank: Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Ent-
wicklung. Frankfurt am Main 1969.
Gustav Landauer: Revolution, eing. von Harry Pross. Nachwort von Erich
Mühsam. Berlin 1974.
Kurt Lenk: Theorien der Revolution. München 1973.
Rosa Luxemburg: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung,
hrg. von Paul Levi, Berlin-Fichtenau 1922.
Rosa Luxemburg, Die Krise des Marxismus. Berlin 1975.
Rosa Luxemburg: Ich war, ich bin, ich werde sein. Artikel und Reden zur
Novemberrevolution. Berlin 1958.
Thomas Garrique Masaryk: Die Weltrevolution. Erinnerungen und Be-
trachtungen 1914-18. Berlin 1925.
Karl-Heinz Nusser: Hegels Dialektik und das Prinzip der Revolution. Der
Weg zur praktischen Philosophie. München, Salzburg 1973.
Ferdinand Seibt: Revolution in Europa. Ursprung und Wege innerer Ge-
walt. Strukturen. Elemente. Exempel. München 1984.

Abhandlungen, Artikel
Hannah Arendt: Reflexionen über die Gewalt. in: Deutsche Zeitschrift für
europäisches Denken, hrg. von H. Paeschke, XXIV. Jg., 1970, H. 261.
Richard Löwenthal: Der russische Oktober als Revolution neuen Typus,
in: Deutschland und die Russische Revolution, hrg. von Helmut Neu-
bauer, Stuttgart, Köln, Mainz 1968

218
Rosa Luxemburg: Die 'unreife Masse'. in: R. Luxemburg: Gesammelte
Werke. Bd. IV, Berlin 1981, S. 427-430.
Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. in: R.
Luxemburg: Gesammelte Werke. Berlin 1981, Bd. II., S. 93-170.
Herbert Marcuse: Ethik und Revolution. in: Klaus von Beyme (Hrg), Em-
pirische Revolutionsforschung. Stuttgart 1973.
Anton Pannekoek: Marxistische Theorie und revolutionäre Taktik. in:
Die Linke gegen die Parteiherrschaft, hrg. und eing. von Fritz Kool, Olten
1970, s. 179-210.
Walter Rilla: Politik, Revolution und Gewalt. Berlin 1920. in: Tribüne der
Kunst und Zeit, hrg. von Kasimir Edschmid, Nr. 24. Reprint Lichtenstein
1973.
Geschichte der Linken:
Buchveröffentlichungen:
Wolfgang Abendroth: Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewe-
gung. Frankfurt am Main 1973.
Michail Bakunin: Gesammelte Werke. Berlin 1972, Bd. III.
Max Beer: Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen
Kämpfe, 5 Bde, Berlin 1919 ff, vor allem Bd. V., Dieneueste Zeit bis 1920,
Berlin 1923.
Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis
1933. Zur Geschichte und Ideologie der Freien Arbeiter-Union Deutsch-
lands (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands
und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands. Meisenheim
(Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft 13), 1969.
Hans Manfred Bock: Geschichte des 'linken Radikalismus'in Deutsch-
land. Ein Versuch. Frankfurt am Main 1976.
Heiner Boehncke (Hrg): Vorwärts und nicht vergessen. Ein Lesebuch.
Reinbek bei Harnburg 1973.
Nikolaj Bucharin: Anarchismus und wissenschaftlicher Kommunismus.
Harnburg 1920.
Jan Cattepoel: Der Anarchismus. München 1979.

219
Werner Conze: Vom "Pöbel" zum "Proletariat". Sozialgeschichtliche Vo-
raussetzungen für den Sozialismus in Deutschland, o. J., Münster i. W.
Freya Eisner, Kurt Eisner: Die Politik des libertären Sozialismus Frank-
furt am Main 1979.
Kurt Eisner: Die halbe Macht den Räten. Ausgewählte Aufsätze und Re-
den. Eing. und hrg. von Renate und Gerhard Schmalze. Köln 1969.
Kurt Eisner: Sozialismus als Aktion. Ausgewählte Aufsätze und Reden,
hrg. von Freya Eisner. Frankfurt am Main 1975.
Felix Feschenbach: Der Revolutionär Kurt Eisner. Aus persönlichen Er-
lebnissen. Berlin 1929.
Ossip K. Flechtheim: Von Marx bis Kolakowski. Sozialismus oder Unter-
gang in der Barbarei. Köln, Frankfurt am Main 1978.
Hermann Gorter: Offener Brief an den Genossen Lenin. Eine Antwort
auf Lenins Broschüre "Der linke Radikalismus - die Kinderkrankheit im
Kommunismus. Harnburg 1974.
Wolf Kalz: Gustav Landauer. Kultursozialist und Anarchist. Meisenheim
am Glan 1967.
U. Klan, D. Nells: Es lebt noch eine Flamme. o.O., 1986.
Eberhard Kolb: Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Köln 1972.
Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. Köln 1923.
Gustav Landauer: Beginnen. Aufsätze über Sozialismus. Wetzler 1977.
Gustav Landauer: Entstaatlichung- für eine herrschaftslose Gesellschaft.
Wetzlar 1978.
Gustav Landauer: Ein Weg Deutschen Geistes. o.O, o.J.
Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen. Unter Mitwirkung von Ina
Britschgi-Schimmer, hrg. von Martin Buber, Bd. I, II. Frankfurt am Main
1929.
Gustav Landauer: Worte der Würdigung von Erich Mühsam, Rudolf
Rocker, Helmut Rüdiger, Diego Abad de Santillan. Darmstadt 1951.
Gustav Landauer: Zwang und Befreiung. Eine Auswahlaus seinem Werk.
hrg. von Heinz-Joachim Heydorn. Köln 1968.
Wlodzimierz Lenin: Panstwo a rewolucja. Warszawa 1980.

220
Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von
1891. Berlin 1969.
Peter Lösche: Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemo-
kratie. Berlin 1967.
Errico Malatesta: Gesammelte Schriften, Bd. I, II. Berlin 1973.
Gustav Mayer: Erinnerungen. Vom Journalisten zum Historiker der deut-
schen Arbeiterbewegung. München 1949.
Wilhelm Mautner: Der Bolschewismus. Voraussetzungen. Geschichte.
Theorie zugleich eine Untersuchung seines Verhältnisses zum Marxismus.
Hrg. von W. Kohlhammer, Stuttgart. Leipzig 1920.
Allan Mitchell: Revolution in Bayern 1918/19. Die Eisner-Regierung und
die Räterepublik. München 1967.
Peter Nettl: Rosa Luxemburg. Frankfurt am Main, Wien, Zürich 1968.
Max Nettlau: Der Anarchismus von Proudhon bis Kropotkin, Berlin 1927.
Deutschland und die Russische Revolution, hrg. von Helmut Neubauer.
Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1968.
Ernst Niekisch: Erinnerungen eines deutschen Revolutionärs, Bd. I, Ge-
wagtes Leben 1889-1945. Köln 1974.
Der Anarchismus, hrg. u. eing. von Erwin Oberländer. Olten 1972.
Alfons Paquet: Im kommunistischen Rußland. Briefe aus Moskau. Leipzig
1919.
Pranz Schade: Kurt Eisner und die bayerische Sozialdemokratie. Hanno-
ver 1961.
Sinovi Schejnis: Alexandra Kollontaj. Das Leben einer ungewöhnlichen
Frau. Berlin 1984.
Die Auswirkungen der ersten russischen Revolution von 1905-1907 auf
Deutschland. Archivalische Forschungen zur Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung, Bd. II, 1; li, 2, hrg. von Leo Stern. Berlin 1955 ff.
Helmut Trotnow: Karl Liebknecht Eine politische Biographie. Köln,
München 1980.
Abhandlungen, Artikel
Kurt Eisner: Gewerkschaft und Partei. in: Vorwärts, 8. Febr. 1905.

221
Arnold Künzli: Das Problem der Macht in der anarchistischen Marxismus-
Kritik, in: Praxis. Revue Philosophique Edition International. Zagreb
1970, Nr. 1!2.
Gustav Landauer: Tarnowski, in: Der Sozialist, Jg. 2, 1910, S. 49-51.
Gustav Landauer: Von der Ehe. in: Der Sozialist, Jg. 2, 1910, S. 146-151.
Erich Matthias: Die Rückwirkungen der russischen Oktoberrevolution
auf die deutsche Arbeiterbewegung. in: Deutschland und die russische Re-
volution, hrg. von H. Neubauer. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1968.
Harry Schulze-Wilde, Ein Toter auf Urlaub, Kurt Eisner (1867-1919). in:
Der Monat, Jg. 19, H. 221, Febr. 1967, S. 28-40, Teil I, H. 222, März 1967,
S. 41-53, Teil li
Hannes Sperber: Der andere Sozialismus, Gustav Landauer oder Die
herrschaftslose Gemeinschaft. in: Nur die Phantasielosen flüchten in die
Realität. Berlin, o.J.
Falk Wiesemann: Kurt Eisner. Studie zu seiner politischen Biographie.
in: Bayern im Umbruch. Die Revolution 1918, ihre Voraussetzungen, ihr
Verlaufund ihre Folgen, hrg. von Karl Bossl. Oldenburg, München, Wien
1969, s. 387-425.
Siegbert Wolf: "Auch die Vergangenheit ist Zukunft". Gustav Landauer,
Kulturphilosoph und freiheitlicher Sozialist, in: Die freie Gesellschaft Nr.
16., 1986, s. 48-58.
Bernhard Zittel: Vor vierzig Jahren: Eisners Glück und Ende.
Kleine Chronik einer Revolution. Vom 8. Novem. 1918 bis 21. Febr. 1919.
in: Unser Bayern, Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, Febr. 1959,
Jg. 8, Nr. 2, S. 13 ff.

Sonstiges
Buchveröffentlichungen
Wolfgang Abendroth: Die Aktualität der Arbeiterbewegung. Frankfurt
am Main 1985.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität
des Bösen. Harnburg 1978.
Hannah Arendt: Macht und Gewalt. München 1981.

222
Hannah Arendt: Vita Activa, oder Vom tätigen Leben. München, Zürich
1985.
Gerhard Bauer: Oskar Maria Graf. Gefangenschaft und Lebenslust. Mün-
chen 1987.
Reinhard Bendix: Max Weber. Portret uczonego. Warszawa 1975.
lsaiah Berlin: Dwa poj~tcia wolnosci, in: Przegl~d Polityczny 8, Gdansk
1986
Bertolt Brecht: Arbeitsjournal 1938-1955. Berlin, Weimar 1977.
Max Brod: Heidentum. Christentum. Judentum. Ein Bekenntnisbuch.
München 1921.
Eugen Diederich: Selbstzeugnisse und Briefe von Zeitgenossen. Düssel-
dorf, Köln 1967.
Tilla Durieux: Eine Tür steht offen. Erinnerungen. Berlin, Wien, Mün-
chen 1964.
Erich Eyck: Geschichte der Weimarer Republik. Bd. I, Vom Zusammen-
bruch des Kaisertums bis zur Wahl Hindenburgs. Zürich und Stutt-
gart 1954.
Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Frankfurt am Main 1966.
Arnold Gehlen: Sudien zur Anthropologie und Soziologie. Neuwied 1963.
Otto Grass: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. hrg. und
eing. von K Kreiler. Frankfurt am Main 1980.
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Neuwied, Berlin
1979.
Heinrich Hart, Julius Hart, Gustav Landauer, Felix Holländer: Die Neue
Gemeinschaft, ein Orden vom wahren Leben. Vorträge und Ansprachen,
gehalten bei Weihefesten, den Versammlungen und Liebesmahlen der
Neuen Gemeinschaft. Leipzig 1901.
Alfred A Häsler: Gotthard. Als die Technik Weltgeschichte schrieb.
Stuttgart 1982.
Heinz-Gerhard Haupt, Anette Jost, Gerhard Leithäuser, Ulrich Mücken-
berger, Oskar Negt, Claudio Pozzoli, Hans-Josef Steinberg (Hrg.): Poli-
tischer Streit. Jahrbuch. Arbeiterbewegung. Geschichte und Theorie.
Frankfurt am Main 1981.

223
Hans Helms: Ideologie der anonymen Gesellschaft. Köln 1966.
Emanuel Hurwitz: Otto Gross. Paradies-Sucher zwischen Freud und
Jung. Leben und Werk. Zürich 1979.
Hermann Kesten: Meine Freunde die Poeten. München 1959.
Alexandra Kollontaj: Die neue Moral und die Arbeiterklasse. Münster 1977.
Hans-Helmuth Knütter: Die Juden und die deutsche Linke der Weimarer
Republik 1918-1933. Düsseldorf 1971.
Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe und Entwicklung. Leipzig 1904.
Hans Lamm (Hrg): Von Juden in München. München 1958.
Gustav Landauer: Der werdende Mensch. Aufsätze über Leben und
Schrifttum. Telgte-Westbevern 1977.
Robert Landmann: Monte Verita. Ascona 1934.
Walter Laqueur: Weimar, Die Kultur der Republik. Frankfurt am Main,
Berlin 1976.
Theodor Lessing: Einmal und nie wieder. Gütersloh 1969.
Theodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen. Harnburg 1962.
Gustav Le Bone: Psychologie der Massen. Stuttgart 1964.
Proletarische Kulturrevolution in Sowjetrußland (1917-1921). Doku-
mente des "Proletkults", hrg. von Richard Lorenz. München 1969.
Klaus Mann: Die Heimsuchung des europäischen Geistes. Aufsätze. Mün-
chen 1973.
Kar! Mannheim: Freiheit und geplante Demokratie. Köln 1970.
Kar! Mannheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt am Main 1953.
Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer
Autobiographie. Zürich 1975.
Wilhelm Mommsen (Hrg): Die deutschen Parteiprogramme. Das Deut-
sche Reich als Republik 1918-1930, H. 3, Berlin 1931.
Leonhard Nelson: Öffentliches Leben. Leipzig 1918.
0. Negt, A. Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsana-
lyse von bürgerlichen und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt am
Main 1972.

224
Kar! Pintbus (Hrg.): Menschheitsdämmerung. Harnburg 1959.
Alfons Paquet: Der Geist der russischen Revolution. Leipzig 1919.
Gerhard Schulz: Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik
und Reichsreform in der Weimarer Republik. Bd. I, Berlin 1963.
Georg Simmel: Das individuelle Gesetz. Philosophische Exkurse, eing.
von M. Landmann. Frankfurt am Main 1968.
Alexei K. Tolstoi: Reden gegen den Krieg. Politische Flugschriften, hrg.
von Peter Urban. Frankfurt am Main 1968.
Leo Trepp: Das Judentum. Geschichte und lebendige Gegenwart. Rein-
bek bei Harnburg 1969.
Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebenslauf. Tübingen 1926.
Max Weber: Politik als Beruf. Berlin 1968.
Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Berlin 1967.
Renate Werner: Skeptizismus. Ästhetizismus. Aktivismus. Düsseldorf 1972.
Wilfried van der Will, Rob Burns: Arbeiterkulturbewegung in der Wei-
marer Republik, Bd. I, II. Frankfurt am Main 1982.
Jos6 Ortega y Gasset: Buch des Betrachters. Stuttgart, Berlin 1934.
Artikel, Abhandlungen
Hermann Broch: Die Logik einer zerfallenden Welt (1931). in: H.Broch,
Gesamtausgabe, Philosophische Schriften Bd. 2, Frankfurt am Main 1977.
Interview mit Noahm Chomsky. Anarchie und Räte, in: Nur die phanta-
sielosen flüchten in die Realität, Karin-Kramer Verlag o.J.
Otto Gross: Protest und Moral im Unbewußten, in: Die Erde, 1, H. 24,
1919.
Otto Gross: Zum Problem: Parlamentarismus, in: Die Erde 1, H. 22(23,
1919, s. 639-642.
Kurt Hiller: Wer sind wir? Was wollen wir? in: K. Hiller: Geist werde
Herr. Kundgebungen eines Aktivisten vor, in und nach dem Kriege, Berlin
1920.
Kurt Hiller: Der geistige Mensch und die Parteien, in: K. Hiller, Geist
werde Herr. Kundgebungen eines Aktivisten vor, in und nach dem Kriege.
Berlin 1922.

225
Emanuel Hurwitz: Otto Groß- Von der Psychoanalyse zum Paradies, in:
Monte Verita. Berg der Freiheit. Lokale Anthologie als Beitrag zur Wie-
derentdeckung einer neuzeitlichen Topographie. Mailand 1978.
Alexandra Kollontaj: "Die Arbeiteropposition", in: Frits Kool und Erwin
Oberländer (Hrg), Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur. Olten 1967.
Heinrich Mann: Geist und Tat (1910). in: H. Mann: Essays, Bd. I, (Aus-
gewählte Werke in Einzelausgaben, hrg. von Alfred Kantorowicz). Berlin
1954.
Wolfgang U. Mommsen: Universalgeschichtliches und politisches Den-
ken bei Max Weber. in: Historische Zeitschrift CCI (1965), S. 557-612.
Dietger Pforte: Rußlands Reiseberichte aus den zwanziger Jahren als
Quelle historischer Forschung, in: Kultur und Kulturrevolution der So-
wjetunion, hrg. von E. Knödler-Bunte und G. Erler, Kronbergfl's 1978.
Georg von Rauch: Der Weg der Oktoberrevolution, in: Die russische Re-
volutionen von 1917. Eine Vorlesungsreihe, hrg. von Josef Glazik, WH-
helm Goerdt, Manfred Hellmann, Robert Stupperich. Wiesbaden 1969, S.
18-29.
Ludwig Rubiner: Mitmensch (1918). in: Wolfgang Rothe (Hrg.), Der Ak-
tivismus 1915-1920. Dokumente. München 1969.
Franz-Martin Schmölz: Das Dilemma der politisch~n Ethik bei Max We-
ber. in: Politische Ordnung und menschliche Existenz. Festgabe fur Erick
Voegelin zum 60. Geburtstag, hrg. von Alois Dempf, Hannah Arendt,
Friedrich Engel-Janosi, München 1962, S. 476-496.
Nicolaus Sombart: Gruppenbild mit zwei Damen. Zum Verhältnis von
Wissenschaft, Politik und Eros im wilhelminischen Zeitalter. in: Merkur
30, 1976,H. 10,S.972-990.
Max Stirner: Der Einzige und sein Eigengtum. in: M.Stirner: Der Einzige
und sein Eigentum und andere Schriften, hrg. von H.G. Helms. München
1968.
Hans Jörgen Viesel: Ist mit dem Staat noch Staat zu machen? in: Unter
dem Pflaster liegt der Strand, Berlin 1978, Bd. 2, S. 147-198.

226