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Ohne Strohhalm

Von: Valerio Moser

Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Kaffeemacher. Schon mit


zwölf Jahren, als ich Kaffee noch gar nicht gern hatte, hatte ich Freude
daran, meinen Eltern Kaffee zuzubereiten. Und wenn diese keinen
Kaffee wollten, liess ich die Kaffeemaschine laufen, füllte die Tasse
mit Kaffee, probierte einen Schluck und stellte ernüchtert fest, dass
mir mein Kaffee immer noch nicht besser schmeckte. Enttäuscht
entsorgte ich den Kaffee, um ein bis zwei Stunden später denselben
Versuch erneut zu starten. Lange Zeit in meinen frühen Jugendjahren
sehnte ich mich nach dem Moment, der mein Geschmacksempfinden
gegenüber dem Kaffee verändern und mich zu einem Kaffeegeniesser
machen würde.
Als ich in die Pubertät kam setzten die Gefühle ein. Doch anstatt wie
alle anderen Knaben die Gunst der Mädchen erwerben zu wollen,
ersuchte ich die Gunst des Kaffees. Anstelle der Rosen, Parfüme,
Schuhen und anderen unzähligen Sachen, die für die Frauen hätten
gekauft werden müssen, habe ich meinem Kaffee und meinem
Geschmacksempfinden dem Kaffee gegenüber zuliebe Kaffeemaschi-
nen, Tassen, Zucker, Löffel und jegliches weitere Material, das zum
Geniessen eines Kaffees von Nöten wäre, gekauft. Alles Geld inves-
tierte ich in die Dressur meines Geschmackempfindens.
Mit der Zeit hatte ich jeden Kaffee zu jeder Zeitung an jedem Tisch-
modell zu jeder Tageszeit probiert. Jede mögliche Kombination hatte
ich hinter mir. Den Vier-Uhr-Kaffee ganz Schwarz in der Baumhütte
der Nachbarjungen; den Acht-Uhr-Kaffee um acht Uhr zwölf während
der Begehung eines Zuchthauses; den Zwei-Uhr-Dreissig-Kaffee mit
dem Tages-Anzeiger auf dem Sprungturm der örtlichen Badeanstalt;
ja sogar während einer Fahrt mit der Achterbahn hatte ich den Ver-
such gestartet Kaffee zu mögen.

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Nichts…
Dann passierte es. Ich erinnere mich genau. Es war der 22. November
2004 beim Zehn-Uhr-Kaffee, als ich mich am achten Kaffee des
Tages, dem ich nie solche Bedeutung beigemessen hätte, versuchte
und der Zeiger der Uhr gerade die Schwelle zu eins nach zehn über-
schritt. Es war ein angenehmes Wetter, jedoch ein bisschen stür-
misch. Die Sonne versteckte sich nur selten hinter Wolken. Viele
Leute liefen vorbei. Mit Hut, ohne Hut. Lange Hosen, kurze Hosen.
Mit Hund, ohne Hund… Ich probierte also diesen Kaffee, erweiterte
ihn mit einer Prise Zucker und probierte erneut. Unerwartet fand ich
Gefallen am Kaffee; ich genoss ihn förmlich.
Da wusste ich, der erste und wichtigste Schritt war getan. Als Folge
verdoppelte ich meine Tagesdosis an Kaffee und griff somit alle 15
Minuten zur Tasse. Neue Hoffnung fand sich und mit der Zeit
kamen immer mehr Kaffees dazu, die ich mochte. Dank des riesigen
Arsenals an Kaffeemaschinen und meinem Zimmer voll mit Tassen,
Untertassen und Löffel konnte ich die zur Seite der mir gefallenden
Kaffees zählenden Kaffees doppelt geniessen.
Nach nicht einmal eine halben Jahr genoss ich jegliche mir bekannte
Art (und ich kannte viele Kaffees) mit Freude und fand keine Kaffee-
sorte, die meinem Geschmacksempfinden nicht entsprach. Ich trank
Kaffee, empfahl Kaffee, produzierte Kaffe, dosierte Kaffee, bediente
Kaffeemaschinen, genoss Kaffee; Ich war Kaffee.
Dass ein so leidenschaftlicher Kaffeekenner und Kaffeegeniesser in
einer unwichtigen unbekannten Starbucks coffee Filiale enden würde,
hätte niemand gedacht…

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Ein Traum
Von: Marion Zimmermann

Das Meer rauscht. Der Himmel glüht rot. Meine Haut brennt. Ich
brenne. Meine Gedanken sind wie ausgelöscht. Zu schön ist die Viel-
falt der Sinne. Der Duft der glutroten Blumen berauscht mich. Ihre
Farbe erinnert mich an orangerot glühende Lava. Ihr Leuchten
blendet meine Augen. Meine geschlossenen Augen sehen durch
einen roten dicken samtenen Vorhang. Meine geöffneten Augen sind
so blind wie ein Fötus im Mutterofen bei 37 Grad. Erst als dein
Schatten auf meine Augen fällt, kann ich dich sehen. Erkannt habe
ich dich jedoch schon vorher. Deine Silhouette ist eine Figur in
meinem Schattenspiel. Wir umschlingen uns wie Efeu. Wir kleben
aneinander fest.
Die Zeit läuft rückwärts und ich schmelze dahin unter deinen verlan-
genden Blicken. Heiße Momente. Schweiß perlt, Tropfen wandern
geschwungene Pfade, sich der Schwerkraft ergebend. Geblendete
Augen tasten aufgeheizte Körper, rote Lippen fahren südländische
Straßen. Es sind Straßen aus Salzwasser. Salzwasser wie das Meer.
Heiße Tage, heiße Nächte. Sie kommen und gehen. Wie Du. Ich
kann sie nicht aufhalten. Auch Dich nicht. Meine Träume kann mir
jedoch niemand nehmen. Dennoch sehne ich mich nach Dir. Ist das
Liebe? Du bist weg. Ich sehe rot. Die Zeit läuft mir davon. Meine
Tränen vereinen sich zu Ozeanen. Ich werde nicht auf Dich warten.
Ich weiß, dass Du nicht mehr kommen wirst. Die bunte Blüten-
pracht lässt meine Haut noch weißer erscheinen. Weiß wie eine
griechische Göttin. Ich kann Dich nicht vergessen. Träume lassen
sich nicht verbieten. Tagträume bestimme aber immer noch ich. Was
bleibt von meinem Traum? Was bleibt, bin ich. Auch ohne dich
schmelze ich wie Käse in dieser Hitze. Ich bin Käse. Käseweiß. Meine
dicken, dunklen Haare, meine dunklen braunen Augen nützen da

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nichts. Meine Haut ist Feta. Gestatten, mein Name ist Schafskäse;
gegrillter Schafskäse. Dabei esse ich ihn lieber. Ist es ein Wunder,
dass die Dunkelheit eigentlich mein Zuhause ist? Bald wird es dunkel.
Meine Haare sind dunkel, dunkel wie die Nacht. Meine Haut so
schön wie der Mond. Hell und verkratert. Willkommen im Club der
Vampire. Ich gehöre allerdings zur vegetarischen Sorte. Dickfleischige
Tomatensoße ist mein Favorit. Heiße, rote Tomatensoße. Dick-
flüssige Hitze. Es ist mir egal. Der Schmerz brennt mich von innen
aus. Die Hitze der Sonne merke ich nicht. Ich bin allein. Einsam bin
ich nicht. Ich rede mir das zumindest ein. Mein Blick schweift über
das Meer, das sich blutrot färbt. Der Tag neigt sich dem Ende. Die
Zeit läuft ab. Das Rauschen beruhigt mich. Für einen Moment habe
ich an nichts gedacht. Nicht einmal an dich. Doch die Erinnerung ist
schmerzlicher als zuvor. Eine Frau sucht den Fehler immer bei sich.
Weshalb bist Du fort? Wirst Du wieder kommen? Was soll ich nur
ohne Dich tun? Was kann ich tun, damit Du zurückkehrst? Meine
Füße graben sich in den groben Sand. Spitze Muscheln bleiben
zwischen den Fußzehen hängen. Ich spüre sie nicht. Die Dunkelheit
kommt bald, aber ich werde mich nicht verstecken. Jemand wird
kommen und mich so lieben wie ich bin. Werde ich diesen jemand
jedoch auch lieben können? Die Liebe ist eine Illusion. Sie ist immer
mit Schmerz verbunden. Schwache Menschen können daran zu-
grunde gehen. Sie können jedoch auch als starke Menschen daraus
hervorgehen.
Sie macht mir langsam zu schaffen. Diese Hitze. Eine Abkühlung im
Salzwasser wäre jetzt gut. Salzwasser des Meeres. Das Meer rauscht.
Das Meer?
Es wird dunkel, die Zeit ist abgelaufen. Was bleibt, bin ich. Der
Traum ist gegangen. Ich steige aus der Sonnenbank. Es ist Zeit nach
Hause zu gehen.
In der Ferne glüht das Abendrot. Von der Hitze nichts mehr übrig.
Die Straßenbahn rauscht vorüber.

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Die rote Blume
Von: Annerös Aeschlimann-Fankhauser

«Nein», sagt sie, «geh nicht weg. Das Feuer wird verlöschen.» Er
dreht sich um, schaut in ihre klaren Augen, nickt stumm und setzt
sich wieder auf den Stuhl an ihrem Bett.
«Leg noch ein Scheit auf. Es ist noch zu früh», sagt sie. Er nimmt ein
trockenes Stück Holz aus dem alten Korb in der Ecke und legt es in
das flackernde Kaminfeuer. Gierig lecken die Flammen daran, und
ihr Widerschein erhellt die Stube.
«Weißt du noch, damals am See?», fragt sie. Er nickt: «Ja, du trugst
ein weisses Kleid, und dein langes Haar flatterte im Wind, als du
plötzlich die Arme der Sonne entgegen warfst und über die Wiese
davon liefst. Ich blieb stehen und schaute dir nach. Wie ein Schmet-
terling hüpftest du herum.» Er lächelt: «Und dann, als du zu mir
zurückkehrtest, trugst du in deinen Händen eine rote Blume. Sie
wird immer blühen, sagtest du und beugtest dich schützend über
sie». «Ja, und du hast den Kopf geschüttelt und laut gelacht», sagt
sie. Er nickt: «Ich war dumm». «Nein, nur glücklich»; sagt sie.
Stumm betrachtet er die schmale Gestalt zwischen den grossen
Kissen.
«Ich weiss, was du denkst», sagt sie. Er senkt den Kopf: «Ja, du hast
es noch einmal gesagt. Damals als sie dich in den grünen Saal rollten.
In deinen Augen waren Tränen; aber du hast gelächelt. Damals hast
du es noch einmal gesagt: Sie wird immer blühen, immer… Dann
machten sie die Türe zu».
Sie greift nach seiner Hand. «Hol mir das Büchlein», sagt sie. Er
steht auf und nimmt aus der kleinen bemalten Truhe neben dem
Kamin ein schwarzes Büchlein hervor. Er reicht es ihr. Mit zitternder
Hand fährt sie über das goldene Kreuz auf dem Einband. Dann
schlägt sie es auf. Ein paar rote, trockene Blütenblätter fallen auf die
weisse Bettdecke.
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«Hier, nimm sie. Wirf sie ins Feuer», sagt sie. Er blickt auf. «Tue es.
Sie will weiterblühen», sagt sie.
Zögernd greift er nach den blutroten Blättern und lässt sie in die
Glut fallen. Flämmchen zucken auf und verzehren die zarten Formen.
Ein seliges Lächeln gleitet über ihr Gesicht. «Sie wird immer
blühen», sagt sie. Dann schliessen sich ihre Augen. Das Feuer ver-
löscht. Nur ein roter Schein bleibt übrig, der ihr blasses Gesicht ver-
klärt.

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