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DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION

1986-2000

GESCHICHTE
UND ERINNERUNGEN
EINER INSTITUTION
Auf Initiative der Europäischen Kommission
unter Mitwirkung und mit dem Zeitzeugnis
ehemaliger europäischer Beamter erstellte
Studie

Umschlagfotos:
Unter der Präsidentschaft von Jacques Delors
unterstützte die Europäische Kommission die deutsche
Wiedervereinigung im Jahr 1990 und Umschlagfotos:
bereitete die
Unter der Präsidentschaft
Einführung von Jacques
der gemeinsamen WährungDelors
vor.
unterstützte die Europäische
Von links nach Kommission
rechts: der Fall dieMauer
der Berliner deutsche
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Wiedervereinigung
9. November im Jahr 1990
1989, die Präsidenten und bereitete
Jacques die
Delors und
Jacques SanterEinführung der und
im Jahr 1994 gemeinsamen Währung
die Einführung vor.
des Euro
Von links nach rechts: der Fall deramBerliner Mauer
1. Januar am
1999.
9. November 1989, die Präsidenten Jacques Delors und
Jacques Santer im Jahr
Audiovisueller 1994
Dienst derund die Einführung
Europäischen des Euro
Kommission,
P-033794/00-05, © AP/Thomas Kienzle,am 1. Januar 1999.
1989 (links),
P-000318/01-12, © Europäische Union/Christian
Audiovisueller Dienst der Europäischen Kommission,
Lambiotte, 1994 (Mitte),
P-033794/00-05,
P-002561/00-1, © ©Europäische
AP/Thomas Kienzle, 1989(rechts)
Union, 1998 (links),
P-000318/01-12, © Europäische Union/Christian
Lambiotte, 1994 (Mitte),
P-002561/00-1, © Europäische Union, 1998 (rechts)

Umschlagfotos:
Unter der Präsidentschaft von Jacques Delors
unterstützte die Europäische Kommission die deutsche
Wiedervereinigung im Jahr 1990 und bereitete die
Einführung der gemeinsamen Währung vor.
Von links nach rechts: der Fall der Berliner Mauer am
9. November 1989, die Präsidenten Jacques Delors und
Jacques Santer im Jahr 1994 und die Einführung des Euro
am 1. Januar 1999.

Audiovisueller Dienst der Europäischen Kommission,


P-033794/00-05, © AP/Thomas Kienzle, 1989 (links),
P-000318/01-12, © Europäische Union/Christian
Lambiotte, 1994 (Mitte),
P-002561/00-1, © Europäische Union, 1998 (rechts)
DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION 1986-2000
Geschichte und Erinnerungen einer Institution
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Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution


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Die Europäische Kommission 1958-1972 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution (Neuauflage)

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Die Europäische Kommission 1973-1986 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

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Die Europäische Kommission 1958-1972 und 1973-1986 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution
(beide Bände im Schuber)
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EU-Veröffentlichungen
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DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION
1986-2000

GESCHICHTE UND ERINNERUNGEN


EINER INSTITUTION

Unter der Leitung von:


Vincent Dujardin, Éric Bussière, Piers Ludlow, Federico Romero, Dieter Schlenker
und Antonio Varsori

In Zusammenarbeit mit Sophie Kaisin

Vorwort von Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission

Auf Initiative der Europäischen Kommission unter Mitwirkung und


mit dem Zeitzeugnis ehemaliger europäischer Beamter erstellte Studie

Europäische Kommission
5

Vorwort
Ich war immer der Meinung, dass wir in Europa nicht nur in die Zukunft, son­
dern auch in die Vergangenheit schauen müssen. Wenn wir das Europa sehen
wollen, das einmal sein wird, müssen wir Europa kennen, wie es war und wie es
ist. Wir dürfen die großen Erfolge Europas in der Vergangenheit nicht vergessen
und müssen uns stets daran erinnern, dass die Dinge in Europa niemals einfach
waren.

Der Weg der Verwandlung eines Kontinents des Krieges in einen Kontinent des
Friedens, der Aussöhnung der europäischen Geschichte mit der europäischen
Geografie bis hin zur Schaffung des Binnenmarkts und einer einheitlichen
Währung war stets steinig – was heute allzu oft vergessen wird.
Jean-Claude Juncker,
Präsident der Europäischen Kommission
Dies stellt man insbesondere bei der Lektüre dieses Werks zur Geschichte der
Europäischen Kommission fest. Während die ersten beiden Bände die Jahre
1958 bis 1972 und 1973 bis 1986 behandelt haben, lässt der nun vorliegende
dritte Band uns entscheidende Etappen des europäischen Projekts aus dem Zeit­
raum zwischen 1986 und 2000 aus nächster Nähe miterleben. In diesen Jahren
wurden zwei Fortschritte erzielt, die man wohl historisch nennen kann und auf
die ich stolz bin: die Währungsunion und die Erweiterung.

Nach einer Zeit, in der Europa von damals als „Eurosklerose“ bezeichneten
Lähmungserscheinungen befallen war, brachte mein Freund und Lehrmeister
Jacques Delors in unermüdlicher Arbeit und mit viel Inspiration die Wieder­
belebung der europäischen Idee, die Einheitliche Europäische Akte, das Pro­
jekt einer Währungsunion sowie die Verträge von Maastricht und Amsterdam
ebenso auf den Weg wie den sozialen Dialog von Val Duchesse. In Europa gehen
nämlich Wirtschaft und Soziales Hand in Hand.
6 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

An einem historischen Tag im November 1989 wurde eine Mauer niederge­


rissen, und das Schicksal der Welt nahm unwiderruflich eine neue Wendung.
Durch den Fall der Berliner Mauer konnten neue Brücken zwischen den Völ­
kern geschlagen werden. Der Weg zur friedlichen Einigung des Kontinents und
zur größten Erweiterung der Union im Jahr 2004 war geebnet.

Die Kommissionen der Jahre 1986 bis 2000 – von Jacques Delors bis zu Jacques
Santer und dem Beginn der Kommission Prodi – standen so im Mittelpunkt
großer Fortschritte und mussten in wesentlichen Debatten der damaligen Zeit
Position beziehen, welche noch heute aktuell sind, etwa die Frage nach dem
richtigen Gleichgewicht zwischen Vertiefung und Erweiterung.

Als Mitglied der luxemburgischen Regierung habe ich an sehr vielen Gipfel­
treffen und insbesondere an der Regierungskonferenz über die Wirtschafts-
und Währungsunion, die 1991 unter dem luxemburgischen Ratsvorsitz statt­
fand, teilgenommen. Jacques Santer, damals luxemburgischer Premierminister,
hatte mich gebeten, als Finanzminister die Arbeiten der Regierungskonferenz
über die geld- und währungspolitischen Aspekte des späteren Vertrags von
Maastricht zu leiten. Es war ein Jahr, in dem große Schwierigkeiten zu meistern
und zahlreiche Widerstände zu überwinden waren. Es mussten Brücken zwi­
schen verschiedenen nationalen Konzepten geschlagen werden, und es wurden
dem Fortschritt Europas zuliebe Kompromisse gefunden, die mitunter uner­
wartet, ja undenkbar waren, etwa das dem Vereinigten Königreich gewährte
Opt-out bei der Währungsunion.

In all diesen Jahren wurden die Tätigkeitsbereiche der Kommission weiter


ausgedehnt. Das Programm Erasmus wurde eingerichtet, ohne das Europa für
junge Menschen nicht das wäre, was es heute ist. Außerdem wurden der europä­
ischen Solidarität durch die Regionalpolitik, die Änderungen an der Gemein­
samen Agrarpolitik und der Entwicklungszusammenarbeit sowie durch den
ersten Beschäftigungsgipfel 1997 (unter luxemburgischem Ratsvorsitz) neue
Impulse verliehen. Erst 20 Jahre danach, also 2017, fand ein zweiter europäi­
scher Sozialgipfel statt.

Diese Jahre waren auch geprägt durch die furchtbare Tragödie des ehemaligen
Jugoslawien, die uns in Erinnerung rief, dass es in der Geschichte Europas schon
immer um Krieg und Frieden ging. Diese beiden Pole sind nie sehr weit ent­
fernt. Wir dürfen daher niemals vergessen, dass der Aufbau Europas der Logik
des Friedens dienen soll.

Ich habe die konsequente Arbeit der Kommission und das Engagement dieser
Frauen und Männer für die spätere Europäische Union damals als Minister,
später als Regierungschef eines Mitgliedstaats, d. h. als externer, aber gleichwohl
sehr naher Beobachter verfolgt. Inzwischen habe ich diese Institution auch von
Vorwort 7

innen eingehender kennengelernt und kann die außergewöhnliche Qualität ih­


rer täglichen Arbeit im Dienst aller Europäer noch besser ermessen.

Ich möchte an dieser Stelle den an diesem Forschungsprojekt Beteiligten für


die Qualität ihrer Arbeit danken, bei der sie Sorgfalt und Unabhängigkeit, aber
auch eine gewisse Empathie für ihr Thema bewiesen haben, von der ich sehr
angetan bin. Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes sind ein
Abbild Europas: Sie stammen aus vielen verschiedenen Universitäten und ha­
ben sich zu einer Gemeinschaft zusammengefunden, die sie durch ihre Vielfalt
bereichern. Allen wurde ein sehr umfangreicher Zugang zu den Archiven der
Kommission wie auch zu den Protokollen des Kollegiums der Kommissions­
mitglieder gewährt, die sie mit den Erinnerungen zahlreicher damaliger Ak­
teure vergleichen konnten. Sie sind somit vollständig vertraut mit den inneren
Vorgängen der Kommission in der damaligen Zeit.

Ich hatte selbst mehrfach die Gelegenheit, mich mit ihnen zu unterhalten, und
möchte auch allen ehemaligen Kommissionsmitgliedern und Beamten – viele
von ihnen bereits im Ruhestand  – herzlich dafür danken, dass sie zu diesem
wichtigen Projekt beigetragen haben. Sie haben Zeit dafür geopfert und waren
bereit, bisher Ungesagtes mitzuteilen, um einen neuen Blick auf diese Epoche
zu ermöglichen. Mit ihren Erinnerungen haben sie das Wissen über die Rolle
der Kommission in diesen Jahren bereichert. Übrigens können die Interviews
inzwischen vollständig im Historischen Archiv der Europäischen Union einge­
sehen werden.

Zwei Jahrzehnte nach diesen ereignisreichen Jahren des Aufbaus Europas dür­
fen wir nicht vergessen, dass Europa niemals eine Selbstverständlichkeit war
und es nie sein wird. Mehr denn je muss die Europäische Union ihrer Verant­
wortung gerecht werden, Frieden und Freiheit zu bewahren und für ihre Bürge­
rinnen und Bürger Wohlstand und soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten. Dies
wird auf keinen Fall ein einfacher Weg. Doch wie dieses Buch eindrucksvoll
beweist, erfordert Europa wie jedes große Vorhaben und jede lange Reise Ge­
duld und Entschlossenheit.
9

Danksagungen
Das vorliegende Werk ist der dritte Band einer Reihe. Band 1, Die Europäische
Kommission 1958-1972 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution, wur­
de 2007 veröffentlicht, Band 2, Die Europäische Kommission 1973-1986 – Ge-
schichte und Erinnerungen einer Institution, folgte im Jahr 2014. Dem ging eine
Ausschreibung der Kommission voraus, deren Gegenstand diesmal die Untersu­
chung der Jahre 1986-2000 war. Für die Koordinierung der Arbeiten sorgte vier
Jahre lang die Katholische Universität Löwen. Für die Konzeption des Werks,
die Harmonisierung der Texte, aber auch für den Dialog mit der Kommission
wurde ein Ausschuss gebildet, bestehend aus Éric Bussière, Vincent Dujardin,
Piers Ludlow, Federico Romero, Dieter Schlenker und Antonio Varsori. Zu
würdigen ist hier auch die Arbeit Sophie Kaisins, der als Forschungskoordina­
torin eine wichtige Rolle bei der täglichen Betreuung des Projekts zukam. In
den ersten beiden Jahren standen ihr bei dieser Aufgabe Benedetto Zaccaria
und Dimitri Zurstrassen zur Seite.

52 Professoren und Forscher von über 30 Universitäten oder Forschungszentren


in Europa, den Vereinigten Staaten und aus 15 Ländern waren an den Arbeiten
dieser Forschungsgruppe beteiligt. An der Abfassung der Texte wirkten 42 For­
scher und Professoren mit (siehe das Autorenverzeichnis auf S. 823).

Am Einholen mündlicher Zeugnisse waren weitere Professoren und Forscher


beteiligt, nämlich Alice Cunha (Universidade Nova de Lisboa, Portugal),
Vincent Delcorps (Katholieke Universiteit Leuven, Belgien), Anjo G. Harryvan
(Rijksuniversiteit Groningen, Niederlande), Quentin Jouan (Katholieke Uni­
versiteit Leuven, Belgien), Mirosław Natanek (Uniwersytet Jagielloński, Po­
len) und Nathalie Tousignant (Université Saint-Louis – Brüssel, Belgien). Das
Buch ist zudem reich illustriert, wofür Alexandre Mitchell (University of Ox­
10 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

ford, Vereinigtes Königreich), Étienne Deschamps (Haus der europäischen Ge­


schichte – Europäisches Parlament, Belgien), Juan Alonso Fernández (Histori­
sches Archiv der Europäischen Union, Italien), Jeanne Tchedry (Audiovisuelle
Bibliothek der Europäischen Kommission, GD Kommunikation) und Noëlle
Schon (Centre for Contemporary and Digital History, Université du Luxem­
bourg, Luxemburg) verantwortlich zeichneten.

Jordan Kidd wiederum spielte eine wichtige Rolle, als es darum ging, beim
Europäischen Hochschulinstitut die Plattform HistCom3 für die beteilig­
ten Forscher einzurichten. Schließlich sei auch denen gedankt, die uns bei der
Transkription der Interviews erheblich unterstützt haben, nämlich Sebastiaan
A. Bouwman, Alexandre Dab, Stephan Ernest, Camille Gijs, Claudia Julien,
Coline Kaisin, Aoife Keog, Anna Krämer, Émilie Vandam und Judith Wolff,
ebenso wie Rachel Cowler und Margaret O’Connell, die für die Übersetzung
oder sprachliche Korrektur bestimmter Texte zuständig waren, die der Kom­
mission von der Forschungsgruppe vorgelegt wurden.

Die Autoren hatten Zugang zu den Protokollen der Sitzungen des Kollegiums
für den gesamten Untersuchungszeitraum und zu den Archiven der Kommis­
sion in Brüssel und Florenz, d. h. zu einer Vielzahl von Dokumenten, die bei
dieser Gelegenheit freigegeben wurden. Auch private Papiere, etwa von Jacques
Delors, François Lamoureux oder Romano Prodi, erwiesen sich als wertvoll.
Ohne die Unterstützung durch Archivare und Bibliothekare könnte kein His­
toriker arbeiten, daher sei an dieser Stelle Jocelyne Collonval und Sylvia Perez
vom Historischen Archiv der Europäischen Kommission, die während des ge­
samten Projekts eine wichtige Rolle gespielt haben, herzlich gedankt.

Zusätzlich zur Auswertung dieser unveröffentlichten Dokumentation und


zahlreicher geschichtlicher Werke, für die wir auf die Bibliografie verweisen,
wurden 232 Zeitzeugen – ehemalige Beamte, Kommissionsmitglieder oder Prä­
sidenten der Kommission – sowie auch einige externe Persönlichkeiten befragt
(siehe das Verzeichnis mündlicher Zeugnisse auf S. 782). Ihnen allen sei an die­
ser Stelle unser tiefer Dank dafür ausgesprochen, dass sie bereit waren, uns ihre
Zeit zu widmen und über einen bedeutenden Teil ihres Berufslebens mit uns zu
sprechen. Ihr Beitrag war für uns entscheidend. Die Interviews, die im Rahmen
der Abfassung dieses Buches geführt und verwendet wurden, wurden transkri­
biert und von den Gesprächspartnern autorisiert. Die meisten dieser Interviews
sind für Wissenschaftler auf der Website des Historischen Archivs der Europä­
ischen Union (Europäisches Hochschulinstitut) in Florenz im vollen Wortlaut
zugänglich.

Alle diese unveröffentlichten mündlichen oder schriftlichen Quellen bildeten


eine reichhaltige Dokumentation, die es den Forschern erlaubte, die Tätigkeit
Danksagungen 11

der Kommission in den Jahren 1986-2000 in neuem und gelegentlich überra­


schendem Licht zu sehen.

Die Europäische Kommission wiederum hat einen Begleitausschuss einge­


richtet. Im Begleitausschuss waren für das Generalsekretariat Roland Eisen­
berg, Referent für institutionelle Maßnahmen und Fragen, Henning Klaus,
Referatsleiter „Institutionelle Angelegenheiten“, Pascal Leardini, Direktor für
institutionelle Angelegenheiten und Verwaltungspolitik, sowie Jef Schram,
Referent für Daten und Archive, vertreten, und seitens der ehemaligen Kom­
missionsbeamten gehörten ihm Giuseppe Ciavarini Azzi, Jorge de Oliveira e
Sousa, Jean-Claude Eeckhout, Jacqueline Lastenouse, Paolo Ponzano, Georges
Rencki, Anne Serizier und Nikolaus van der Pas an. Ihnen möchten wir für ihre
beträchtliche und sehr wertvolle Hilfe danken. Wir danken bei dieser Gelegen­
heit auch Thierry Flandroy, Finanz- und Vertragsassistent, sowie Nico Homme,
Teamleiter des Referats „Haushalt“.

Die Texte wurden ferner von weiteren ehemaligen oder derzeitigen Mitgliedern
der damaligen und heutigen Generaldirektionen gegengelesen.

Auch der minutiösen Arbeit von Helle Littlejohn und Sandrine Guillet, In­
formations- und Kommunikationsassistentin bzw. Produktionsassistentin im
Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, kam eine wichtige Rolle
zu.

Ihnen allen gebührt unser Dank.

Vincent Dujardin
13

Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Danksagungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Vincent Dujardin

Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19


Vincent Dujardin

Erster Teil
Die interne Arbeitsweise der Kommission und ihre Beziehungen zu den
anderen Organen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Vincent Dujardin, Dieter Schlenker

Kapitel 1
Die Führung der Kommission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
1.1. Drei Männer, eine Aufgabe: die Präsidenten der Europäischen Kommission . . . 59
Jan van der Harst
1.2. Das Kollegium der Kommissionsmitglieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
Benedetto Zaccaria
1.3. Die Kabinette . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
Dieter Schlenker

Kapitel 2
Das Generalsekretariat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Birte Wassenberg

Kapitel 3
Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die
Generaldirektionen und der Personalbestand der Kommission . . . . . . . . . . . . . . 103
Vincent Dujardin, Adeline Jacob
14 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Kapitel 4
Die Herausforderungen der Kommission im Immobilienbereich:
Festlegung des Sitzes und Geschichte des Berlaymont . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Anne-Sophie Gijs
Viele neue europäische Agenturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
Dieter Schlenker

Kapitel 5
Die „horizontalen“ Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .137
5.1. Der Juristische Dienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Karin van Leeuwen
5.2. Eurostat oder die europäische Statistik: „Politik im Dienst anderer
Politikbereiche“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Vincent Dujardin
5.3. Übersetzen und Dolmetschen: „Sprache Europas“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Vincent Dujardin
Die Tätigkeit der Europäischen Kommission zur Förderung einer
europäischen Identität und eines gemeinsamen europäischen Erbes . . . . . . . . . . . . . . . 150
Aline Sierp

5.4. Der Sprecherdienst, öffentliche Meinung und Kommunikationspolitik . . . . . . 156


Stefanie Pukallus

Kapitel 6
Die Kommission und die institutionellen Reformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
Piers Ludlow
Subsidiarität: das Aufkommen eines neuen Gemeinschaftsbegriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
Piers Ludlow

Kapitel 7
Die Erweiterungen und die Verwaltungskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
7.1. Die Auswirkungen der Erweiterungen von 1986 und 1995 unter besonderer
Berücksichtigung der Verwaltungskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
Virginie de Moriamé
7.2. Die Vorbereitung der fünften Erweiterung der Union (2004-2007) . . . . . . . . . . 181
Nicolae Păun

Kapitel 8
Die Beziehungen der Kommission zu den anderen Gemeinschaftsorganen . 193
8.1. Die Kommission und der Europäische Rat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
Luuk van Middelaar
8.2. Richtungswechsel durch die Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit: die
Beziehungen zum Rat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
Piers Ludlow
8.3. Von einer Liebesaffäre zum Showdown: Beziehungen zum Europäischen
Parlament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
Piers Ludlow
Betrugsbekämpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
Piers Ludlow

Kapitel 9
Die Haushaltsrevolution: vom Beinahe-Konkurs zur Stabilität . . . . . . . . . . . . . . 225
Piers Ludlow
Inhalt 15

Zweiter Teil
Politik und Maßnahmen im Bereich der Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
Éric Bussière

Kapitel 10
Die Entstehung der Wirtschafts- und Währungsunion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
Éric Bussière, Ivo Maes
Die großen Arbeitgeberverbände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Éric Bussière

Kapitel 11
Binnenmarkt und Wettbewerb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
11.1. Motor des Aufschwungs der 1980er-Jahre: der Binnenmarkt . . . . . . . . . . . . . . . 278
Laurent Warlouzet
11.2. Wettbewerbspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
Laurent Warlouzet
Telekommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
Laurent Warlouzet

Kapitel 12
Die Netze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
12.1. Verkehrspolitik: auf dem Weg in die Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
David Burigana
Die Anfänge von Galileo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
David Burigana

12.2. Energiepolitik: Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Umweltschutz – die


Quadratur des Kreises? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
Francesco Petrini

Kapitel 13
Die Industrie- und Forschungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
13.1. Die Industriepolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
Éric Bussière
Die Stahlindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
Dimitri Zurstrassen

13.2. Europäische Forschungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346


Veera Mitzner
13.3. Auf dem Weg zu einer europäischen Gesundheitspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
Katja Seidel

Kapitel 14
Gemeinsame Agrarpolitik und Gemeinsame Fischereipolitik . . . . . . . . . . . . . . . . 371
14.1. Die Gemeinsame Agrarpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
Katja Seidel
14.2. Die Gemeinsame Fischereipolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392
Katja Seidel

Kapitel 15
Umweltpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
Jan-Henrik Meyer

Jacques Delors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423


Piers Ludlow
16 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Dritter Teil
Politik und Maßnahmen im Bereich der Solidarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431
Antonio Varsori

Kapitel 16
Die europäische Sozialpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437
Lorenzo Mechi, Antonio Varsori
Die Gewerkschaften und die Europäische Gemeinschaft/Europäische Union –
von Delors bis Prodi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448
Antonio Varsori

Kapitel 17
Regionalpolitik: eine neue Quelle der Europäisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457
Maria Elena Cavallaro
Das PEACE-Programm für Nordirland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462
Piers Ludlow

Der Ausschuss der Regionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466


Birte Wassenberg

Abgelegenheit und Annäherung: die Gebiete in äußerster Randlage und die EWG/EU . . 472
Silvia Sassano

Kapitel 18
Europäische Bildungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481
Simone Paoli, Antonio Varsori
Erasmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484
Simone Paoli

Kapitel 19
Justiz und Inneres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501
Simone Paoli
Europol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 506
Simone Paoli

Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 524


Aurélie Andry

Jacques Santer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 529


Éric Bussière

Vierter Teil
Politik und Maßnahmen im Bereich der Außenbeziehungen . . . . . . . . . . . . 541
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 543
Piers Ludlow, Federico Romero

Kapitel 20
Die Eingliederung Ostdeutschlands und die Erweiterungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 547
20.1. Ostdeutschland, die Europäische Gemeinschaft und die deutsche Einigung . . 547
Michael Gehler, Adeline Jacob
20.2. Der Beitritt Österreichs, Finnlands und Schwedens (1995) . . . . . . . . . . . . . . . . . 559
Haakon A. Ikonomou, Michael Gehler
Inhalt 17

20.3. Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit den Ländern


Mittel- und Osteuropas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574
Eirini Karamouzi, Angela Romano, Aline Sierp
Die Beziehungen zum Europarat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582
Birte Wassenberg

Kapitel 21
Handels- und Entwicklungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
21.1. Globalisierung gestalten: die Europäische Kommission
und die Uruguay-Runde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
Lucia Coppolaro
21.2. Europa und der Mittelmeerraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 604
Elena Calandri
21.3. Die Politik der Entwicklungs­zusammenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 610
Anne-Sophie Gijs, Guia Migani

Kapitel 22
Die Kommission und die übrige Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 631
Federico Romero, Sophie Kaisin

Kapitel 23
Die europäische Außen- und Verteidigungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
23.1. Die Europäische Kommission und der Übergang zur Gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
Tanguy de Wilde d’Estmael
23.2. Die Europäische Gemeinschaft und die Krisen in Jugoslawien . . . . . . . . . . . . . . . 661
Ivan Obadić, Benedetto Zaccaria
23.3. EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik nach Amsterdam: die Sicht der
Kommission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 670
Laura Fasanaro, Leopoldo Nuti

Romano Prodi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 679


Laura Fasanaro, Leopoldo Nuti

Anhänge
Zeittafel – 1986-2000 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 689
Sophie Kaisin
Organisationspläne der Kommission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 707
Sophie Kaisin

Quellen und bibliografischer Überblick


Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 781
Sophie Kaisin
Bibliografischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 793
Sophie Kaisin

Verzeichnisse und Register


Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 823
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 827
Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 835
Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 845
19

Ein neues
goldenes Zeitalter?
Die Jahre 1986-2000
Nach dem ermutigenden Gipfeltreffen von 1969 in Den Haag und der ersten Er­
weiterung im Jahr 1973 kam der europäische Einigungsprozess einige Jahre lang
nur schleppend voran. Angesichts der Wirtschafts- und Währungsturbulenzen –
Währungskrise, Ölpreiskrisen in den Jahren 1973 (der Ölpreis stieg innerhalb we­
niger Monate auf das Vierfache) und 1979 samt der damit verbundenen sozialen
Probleme – bestand Anfang der 1970er-Jahre wenig Interesse an Europa oder an
ehrgeizigen Integrationsplänen; zu beobachten waren vielmehr ein Rückzug auf
sich selbst und protektionistische Reflexe. Vor diesem Hintergrund fiel es der Eu­
ropäischen Kommission nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen oder neue Projek­
te anzustoßen, obwohl sie ihre Initiativ-, Exekutiv- und Vertretungsbefugnisse in
den Beziehungen zu Drittländern und internationalen Organisationen vollum­
fänglich wahrnahm. Nach den Hoffnungen, die der Haager Gipfel vom Dezem­
ber 1969 geweckt hatte, wurden die Jahre 1973-1984 oft als Jahre der Stagnation
bezeichnet. Dennoch gingen die unter weniger günstigen Rahmenbedingungen
erzielten Fortschritte in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre letztlich auf Projek­
te, Zukunftsvisionen und Kursänderungen zurück, für die die Weichen in den
1970er-Jahren gestellt worden waren. So wurde die Forderung nach der Vollen­
dung eines Binnenmarkts, der schon in den 1960er-Jahren angedacht worden war,
Anfang der 1980er-Jahre in ähnlicher Weise formuliert wie in den 1970er-Jahren,
und auch andere politische Projekte, die Anfang der 1970er-Jahre eingeleitet wor­
den waren und auf manchmal noch älteren Plänen beruhten, wurden weiterver­
folgt. Die nach 1985 erzielten Fortschritte des europäischen Aufbauwerks beruh­
ten zu großen Teilen auf dem Fundament, das in den Jahren zuvor gelegt worden
war; dies galt unter anderem für den Binnenmarkt, die Währungsthemen, die
politische Zusammenarbeit und die Entscheidung, dass für bestimmte Beschlüsse
die einfache Mehrheit reicht. Zudem verbesserte sich Mitte der 1980er-Jahre auch
die wirtschaftliche Lage. Hatte das jährliche industrielle Wachstum der Gemein­
20 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

schaft zwischen 1979 und 1986 noch bei 0,3 % gelegen, so stieg es zwischen 1986
und 1992 auf 2,5  %; damit blieb die Wachstumsquote allerdings immer noch
niedriger als in den USA und Japan (1).

Treibende Kraft und Fortschritte


Nach dem Kompromiss, der 1984 auf dem Gipfel von Fontainebleau über den
britischen Haushaltsbeitrag erreicht worden war, und seit dem Amtsantritt von
Jacques Delors, der die Geschicke der Kommission zehn Jahre lang lenken sollte,
mehrten sich die Fortschritte. Dank ihres wiedererstarkten Selbstbewusstseins
war die Kommission hierbei eine treibende Kraft. Sie nahm nicht nur ihre admi­
nistrativen Aufgaben wahr, indem sie die Einhaltung der Vorschriften kontrol­
lierte, sondern sie besann sich auch auf ihre politische Rolle: Sie trat „im Namen
des europäischen Projekts“ auf und machte von ihrem „alleinigen Initiativrecht“
Gebrauch, um eine echte Zukunftsvision zu entwickeln und die Erschließung
neuer Politikfelder vorzuschlagen (2). Ihrem Präsidenten gelang es nach eigenen
Worten, maßgeblichen Einfluss auf die Agenda des Europäischen Rates zu neh­
men (3), der 1986 de facto eine verfassunggebende Gewalt geworden war. Seither
konnte nichts Entscheidendes mehr ohne seine Zustimmung geplant oder un­
ternommen werden  (4). Jacques Delors schaffte es erstmals, dem Europäischen
Rat den Stempel des Kommissionspräsidenten aufzudrücken und dies nicht als
Bedrohung, sondern als Chance darzustellen. Er ist im Übrigen der einzige Prä­
sident, dem dies in diesem Maße gelang (5). Philippe de Schoutheete, Ständiger
Vertreter Belgiens, der Jacques Delors sehr gut gekannt hat, erinnert sich in die­
sem Zusammenhang:

„Auch bei anderen Dossiers legte Delors diese Fähigkeit an den Tag,
diese Mischung aus Diplomatie und Einspannen des Europäischen Rates,
um das Standesdenken der Finanzminister und Zentralbankgouverneure
zu überwinden. Der Erfolg der Delors-Kommission lässt sich auf
verschiedene Weise erklären, aber ich glaube, ein zentraler Faktor war
dieses geschickte Manövrieren. Darüber hinaus verfügte der Mann
freilich über ein enormes Charisma; im Europäischen Parlament und in
den Medien besaß er eine unbestreitbare Autorität.“ (6)

(1) Loth, W., Building Europe. A history of european unification, De Gruyter Oldenbourg, Berlin, 2015, S. 222-271.
(2) Middelaar, L. van, Le Passage à l’Europe: histoire d’un commencement, Reihe „Bibliothèque des idées“, Gallimard,
Paris, 2012, S. 61.
(3) Delors, J., und Arnaud, J.-L., Mémoires, Plon, Paris, 2004, S. 226.
(4) Taulègne, B., Le Conseil européen, Reihe „Les grandes thèses du droit français“, Presses universitaires de France, Paris,
1993, S. 481.
(5) Nugent, N. (Hg.), At the heart of the Union. Studies of the European Commission, Palgrave Macmillan, Basingstoke,
2002, S. 255-265.
(6) Interview mit Philippe de Schoutheete, 13. Juli 2016, S. 8.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 21

Mit dem Teppich von Bayeux im Hinterkopf veranschaulicht der Karikaturist den energischen Widerstand
der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher gegen den Vertrag von Maastricht.
In den Verhandlungen über die Wirtschafts- und Währungsunion konnte Jacques Delors auf die
Unterstützung von Helmut Kohl und François Mitterrand zählen.

Die Beziehungen zu Parlament und Rat verbesserten sich, wenngleich der Keim
zur späteren Krise (1999) zwischen Kommission und Parlament schon damals
gelegt wurde. Der Ausgleich des Haushalts bereitete regelmäßig Schwierigkeiten
und führte fast jedes Jahr zu einer Auseinandersetzung mit dem Parlament. 1987
wurde der Haushalt gar nicht verabschiedet, sodass die Gemeinschaft mit „vor­
läufigen Zwölfteln“ operieren musste  (1). Dessen ungeachtet war es, wie Pascal
Lamy, der als Kabinettschef eine entscheidende Rolle an der Seite von Jacques
Delors einnahm (2), später formulieren wird, „eine ganz besondere Konstellation
aus Persönlichkeiten und geopolitischen und wirtschaftlichen Umständen“  (3).
Die Kommission unter Jacques Delors, die sich auch auf die wiederbelebte
deutsch-französische Partnerschaft rund um François Mitterrand und Helmut
Kohl stützen konnte, verstand es, die Chancen zu nutzen, die sich ihr boten. Sie
besaß zudem die Klugheit, sich zunächst auf die Schaffung eines Binnenmarkts
bis 1992 zu konzentrieren. Kurzum, die Europäische Gemeinschaft stellte in jener
Zeit „Führungsstärke und die Fähigkeit zur Entwicklung eigener Zukunftsvisio­
nen“ (4) unter Beweis.

(1) Bitsch, M.-T., Histoire de la construction européenne, de 1945 à nos jours, Reihe „Questions au XXe  siècle“, Nr.  88,
Complexe, Brüssel, 1996, S. 231.
(2) Cini, M., The European Commission. Leadership, organisation and culture in the EU administration, Manchester Uni­
versity Press, Manchester, 1997, S. 183.
(3) Interview mit Pascal Lamy, 12. März 2018.
( ) Ruyt, J. de, Le leadership dans l’Union européenne, Presses universitaires de Louvain, Louvain-la-Neuve, 2015, S. 34.
4
22 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Die Ausweitung von Mehrheitsbeschlüssen im Rat, die Stärkung der Stellung des
Europäischen Parlaments im Gesetzgebungsprozess, die Währungsintegration,
die umweltpolitischen Ziele, die Intensivierung des politischen Handelns in den
Bereichen Auswärtiges, Wettbewerb, Justiz und Inneres (JI) – all dies schien in
greifbare Nähe zu rücken. Die Unterzeichnung der Einheitlichen Europäischen
Akte im Jahr 1986 heilte nicht nur die Wunden, die die von Frankreich im Jahr
1965 betriebene Politik des leeren Stuhls, also das Fernbleiben von den Treffen
des Rates und des Ausschusses der Ständigen Vertreter (AStV), gerissen hatte,
sondern sie führte auf zahlreichen Gebieten auch zu spürbaren Fortschritten. Die
Einführung der Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit zu Beginn des Jahr­
zehnts, in dem „die Überlegenheit der Gemeinschaftsmethode“ bestätigt wurde,
ermöglichte die Annahme der 260 Richtlinien im Hinblick auf das Ziel 1992,
d. h. die Schaffung des „Binnenmarkts“ (1). Die Suche nach einem Konsens blieb
in Europa die Regel, doch schwebte er nicht mehr unter dem Damoklesschwert
des Vetos, sondern nur noch unter dem des Votums (2). Die Delors-Kommission
war sich sehr wohl bewusst, dass die Umsetzung der Einheitlichen Akte mit ei­
ner Erhöhung der Haushaltsmittel für den wirtschaftlichen und sozialen Zusam­
menhalt einhergehen musste, da die Regionen unter der Öffnung der Grenzen
leiden würden. Nötig waren daher eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik
(GAP) und eine Aufstockung der Ressourcen der Gemeinschaft. Delors gelang
es im Februar 1988, das „Delors-Paket“ durchzubringen, das dreierlei vorsah: die
Senkung der Ausgaben für die GAP; die Verdoppelung der Strukturmittel des
Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), des Europäischen Sozi­
alfonds (ESF) und der Abteilung Ausrichtung des Europäischen Ausrichtungs-
und Garantiefonds für die Landwirtschaft (EAGFL) über einen Zeitraum von
fünf Jahren sowie die Bewilligung weiterer Ressourcen für die Gemeinschaft (3).
Neu war auch, dass der Ministerrat die finanzielle Vorausschau für einen Zeit­
raum von mehreren Jahren annahm. Man spricht in diesem Zusammenhang
vom Delors-Paket I (1988-1992). Vor den Generaldirektoren zeigte sich Jacques
Delors am 25. Februar 1988 hocherfreut: „Ohne Überheblichkeit kann ich sa­
gen, dass die Strategie der Kommission voll aufgegangen ist.“ Nach Besuchen in
den Hauptstädten der Mitgliedstaaten hatte er richtig erkannt, dass die Zeit für
Verteidigungsfragen noch nicht reif war, dass die Meinungsunterschiede bei den
Währungsfragen „trotz des Interesses“ nach wie vor sehr groß waren und dass „so­
mit nur die Vollendung des Gemeinsamen Marktes blieb. […] Hierzu bedurfte es
getreu der Monnet-Methode eines Ziels: Das war 1992“ (4). Später folgten dann
noch das Delors-Paket  II (1993-1999) und das „Santer-Paket“ bzw. die „Agen­
da  2000“ (2000-2006). Die Schaffung der Wirtschafts- und Währungsunion
(WWU) sollte die Solidarität der Länder im Norden mit denen im Süden stärken.

(1) Schoutheete, P. de, Conseil européen et méthode communautaire, Reihe „Policy Paper“, Nr. 56, Institut Jacques Delors
(Notre Europe), Paris, 2012, S. 5.
(2) Middelaar, L. van, a. a. O., S. 132.
(3) Bitsch, M.-T., a. a. O., S. 374.
(4) AHCE, BAC 154/1996/144, Äußerung des Präsidenten vor den Generaldirektoren, 25. Februar 1988.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 23

So ermöglichte das Delors-Paket II die Aufstockung der Kohäsionsfondsmittel


für Irland, Griechenland, Spanien und Portugal. Zugleich wurde mit dem Paket
jedoch insbesondere die Forschung gefördert und den osteuropäischen Ländern
eine Finanzhilfe gewährt. Nichtsdestoweniger blieb der Gemeinschaftshaushalt
im Verhältnis zu den öffentlichen Ausgaben der Mitgliedstaaten (2,4 % im Jahr
1998) bescheiden, da sich die Mitgliedstaaten gegen eine Erhöhung ihres Beitrags
sträubten.

Auf dem Weg zur Wirtschafts- und


Währungsunion

Nachdem bereits in der Einheitlichen Europäischen Akte von der schrittweisen


Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion die Rede war, beschlossen
die Zwölf auf der Tagung des Europäischen Rates vom 25. und 26. Juni 1988 in
Hannover, einen Expertenausschuss mit Überlegungen zur Schaffung einer sol­
chen Union zu betrauen, die von vielen Seiten, nicht zuletzt von der Kommis­
sion selbst, im Hinblick auf den Binnenmarkt für notwendig erachtet wurde.
Eine solche Union könnte zugleich Katalysator für eine politische Union sein.
Der Umstand, dass dieser Expertenausschuss Jacques Delors direkt unterstellt
wurde, war ein weiterer Beweis für das Gewicht, das das Amt des Kommissi­
onspräsidenten zu jener Zeit hatte. Mit ihm am Tisch saßen der Vizepräsident
der Kommission Frans Andriessen, die Zentralbankgouverneure und drei Ex­
perten, darunter der Belgier Alexandre Lamfalussy, der später Leiter des Euro­
päischen Währungsinstituts (EWI) werden sollte. Der Ausschuss verständigte
sich auf einen Bericht, der bereits im April 1989 veröffentlicht und anlässlich
der Tagung des Europäischen Rates vom Juni 1989 in Madrid gebilligt wurde.
Auf der Grundlage dieses „Delors-Plans“ wurde 1992 im Zuge des Vertrags von
Maastricht beschlossen, eine WWU in mehreren Schritten zu schaffen: Der
erste Schritt sah die Konvergenz der Wirtschaftspolitiken und eine Beteiligung
am europäischen Währungssystem (EWS) vor. Ab dem 1. Januar 1994 sollte
dann in Frankfurt ein Europäisches Währungsinstitut entstehen, zusammen­
gesetzt aus den Gouverneuren der Zentralbanken und mit dem Auftrag, die
Wirtschafts- und Währungskonvergenz zu fördern. Als letzter Schritt sollte
dann die – unumkehrbare – Einführung des Euro erfolgen.

Der Fahrplan für die Einführung der einheitlichen Währung wurde auf der
Tagung des Europäischen Rates vom Dezember 1995 in Madrid gebilligt. Die
Auswahl der Länder, die die Konvergenzkriterien erfüllen, und die Gründung der
Europäischen Zentralbank, die an die Stelle des EWI trat, sollten 1998 erfolgen.
Startschuss für die WWU war der 1. Januar 1999, obschon die Geldscheine und
Münzen erst am 1. Januar 2002 in Umlauf gebracht würden. Die Länder, die Teil
24 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Nach der Tagung des Europäischen Rates in Madrid fand in Brüssel vom 22. bis zum 24. Januar 1996
ein runder Tisch zur Währungsunion statt, bei dem mehr als 400 Teilnehmer
über die Euro-Einführung debattierten.
Von links nach rechts: Jacques Delors, ehemaliger Kommissionspräsident, Jean-Luc Dehaene,
belgischer Ministerpräsident, Jacques Santer, Kommissionspräsident, und Prinz Philipp von Belgien

dieses neuen Währungsraums sein wollten, mussten Konvergenzkriterien hin­


sichtlich des Haushaltsdefizits, der Gesamtverschuldung, der langfristigen Zins­
sätze, die Schwankungsbreiten innerhalb des EWS und der Inflationsraten erfül­
len. Außerdem mussten sie sich an den Stabilitäts- und Wachstumspakt halten,
den der Europäische Rat 1997 in Amsterdam gebilligt hatte und der für gesunde
Staatsfinanzen der an der gemeinsamen Währung beteiligten Länder sorgen soll­
te. Die Kommission spielte in den verschiedenen Phasen eine zentrale Rolle, nicht
zuletzt bei der Auswahl der Länder, denen grünes Licht für die Aufnahme in den
Währungsraum erteilt wurde. Als Jacques Delors Maastricht verließ, vertraute
er dem belgischen Finanzminister Philippe Maystadt an, dass er das Konstrukt
noch für „wackelig“ hielt. Zwar gebe es ein starkes Währungsbein und eine Zen­
tralbank, die „eine einheitliche Währungspolitik für den gesamten Euro-Raum
betreibt“. Das andere Bein, das wirtschaftliche, sei hingegen zu schwach, da die
Wirtschaftspolitiken nach wie vor zu national und zu wenig koordiniert seien und
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 25

daher die Gefahr ihrer Unvereinbarkeit bestehe (1). In den Verhandlungen hatten


Pierre Bérégovoy, Jacques Delors, Philippe Maystadt und Jean-Claude Juncker
vergeblich versucht, den Begriff der „Wirtschaftsregierung“ im Vertragstext un­
terzubringen. In Erinnerung daran erklärte Letzterer – inzwischen Kommissi­
onspräsident – im Juli 2015, also mitten in der Griechenlandkrise, dass „es nicht
so weit hätte kommen müssen“ (2), wenn die Verhandlungsführer damals genau­
so viel Energie in die präzise Ausgestaltung der Wirtschaftsregierung investiert
hätten wie in die der Währungsunion. Abgesehen davon, dass es insbesondere in
Deutschland Befürchtungen gab, dass diese Wirtschaftsregierung die Unabhän­
gigkeit der Zentralbank infrage stellen könnte, hatten zahlreiche Finanzminister
der damaligen Zeit ein blindes Vertrauen in die Märkte, die, so nahmen sie an,
jene Staaten bestrafen würden, die sich nicht um ihr Haushaltsdefizit oder ihre
Leistungsbilanz scherten. Dabei hatte es schon in Abschnitt 30 des sorgfältig for­
mulierten Delors-Berichts vorausschauend geheißen (sinngemäß): Die Erfahrung
zeigt, dass der Markt nicht unbedingt die starken und zwingenden Signale aus­
sendet und dass der Zugang zu einem riesigen Kapitalmarkt eine Zeit lang so­
gar die Finanzierung eines wirtschaftlichen Ungleichgewichts einfacher machen
kann (3). Das war im Übrigen auch die Ansicht von Kenneth Clarke, der meinte:
„Es treiben sich eine Menge Idioten auf den Finanzmärkten herum. Ich glaube
nicht an rational agierende Märkte“ (4). Clarke, ein proeuropäischer Angehöriger
der Conservative Party, war von 1993 bis 1997 britischer Schatzkanzler.

Das europäische Projekt


und der Fall der Berliner Mauer

Unterdessen überschlugen sich die Ereignisse in Mittel- und Osteuropa. Die –


wenn auch nur relative  – Liberalisierung des sowjetischen Regimes unter
Michail Gorbatschow, seit März 1985 Generalsekretär der Kommunistischen
Partei, stärkte die Opposition in Polen, die als Siegerin aus den Wahlen vom
Juni 1989 hervorging. Unabhängig von Polen und Ungarn, die eigene Libera­
lisierungsschritte eingeleitet hatten, weiteten sich die Proteste auf die Deut­
sche Demokratische Republik (DDR), die Tschechoslowakei, Bulgarien und
schließlich – trotz gewaltsamer Unterdrückung – auch auf Rumänien aus. Im
Mai 1989 baute Ungarn die Absperrvorrichtungen an seiner Grenze zu Öster­
reich ab; im selben Monat begaben sich Hunderte von DDR-Bürgern über die
Tschechoslowakei nach Ungarn. Zugleich versammelten sich viele Zehntausend

(1) Maystadt, P., L’euro en question(s), Avant-Propos, Waterloo, 2016, S. 39.


(2) Siehe das Interview mit Jean-Claude Juncker: Delvaux,  B., und Kuczkiewicz,  J., „Jean-Claude Juncker: ‚Les vieux
démons nationalistes sont toujours vivants‘“, Le Soir, 22. Juli 2015.
(3) Maystadt, P., a. a. O., S. 41; siehe auch das Interview mit Étienne Davignon, 3. Mai 2016.
( ) Zitiert in Maystadt, P., a. a. O., S. 41.
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26 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Demonstranten nachts in ostdeutschen Städten, insbesondere in Leipzig. Die­


ser wachsenden Bewegung wurden die DDR-Behörden nicht mehr Herr. Egon
Krenz löste Erich Honecker an der Spitze der regierenden Partei ab, übergab die
Macht de facto jedoch nur knapp drei Wochen später an den neuen Regierungs­
chef Hans Modrow. Auf den Transparenten in Leipzig war derweil zu lesen:
„Wir sind ein Volk.“ Bundeskanzler Kohl, tatkräftig unterstützt von seinem In­
nenminister Wolfgang Schäuble, steuerte gekonnt durch die Krise, die der Sturz
des kommunistischen Regimes in der DDR ausgelöst hatte. Am 16. Juli 1990
wurde der historische Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den vier Schutzmäch­
ten Deutschlands und den zwei deutschen Staaten geschlossen. Kohl rang der
Bundesbank ein riskantes Ja zum Umtausch einer Ostmark gegen eine West­
mark ab, was sich als kostspieliges Unterfangen herausstellen sollte, die Infla­
tion anheizte und Ausgabenüberschreitungen nach sich zog, in deren Folge die
Zinssätze stiegen und Störungen auftraten, die zum großen Währungsschock
vom Sommer 1993 führten (1). Kohl räumte später ein, dass er den maroden
Zustand der ostdeutschen Wirtschaft unterschätzt habe, betonte aber zugleich,
dass den Ostdeutschen geholfen werden musste, um einen Bevölkerungsexodus
in Richtung Westen zu verhindern. In den ersten freien gesamtdeutschen Bun­
destagswahlen vom 2. Dezember 1990 bestätigten die Wähler den Kanzler der
Einheit mit deutlicher Mehrheit im Amt; so wurde er der erste Regierungschef
des wiedervereinigten Deutschland. Auf der Tagung des Europäischen Rates
vom April 1990 in Dublin wurde beschlossen, das Gebiet Ostdeutschlands in
die Gemeinschaft einzugliedern. Da große Investitionen in den östlichen Lan­
desteilen anstanden, stellte Deutschland vorübergehend seine Rolle als Net­
tozahler der Gemeinschaft infrage (2). Daneben durfte man, wie Delors es im
Oktober 1989 auf einer Konferenz in Brügge formulierte, die Länder in Afrika,
im karibischen Raum und im Pazifischen Ozean nicht im Stich zu lassen, die
sich Sorgen machten, dass „die Gemeinschaft sich zu sehr auf das große Euro­
pa konzentriert und die Intensivierung der Zusammenarbeit im Rahmen der
künftigen Lomé-Abkommen vernachlässigt“ (3).

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands am 3.  Oktober 1990 verschwand


eine potenzielle Quelle weltweiter politischer Spannungen. Zugleich began­
nen die Strukturen des Ostblocks zu zerfallen: Der Rat für gegenseitige Wirt­
schaftshilfe (RGW) und der Warschauer Pakt lösten sich auf. Auch die Union
der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) brach auseinander. Zahlreiche
ehemalige Sowjetrepubliken wurden unabhängig, allen voran die baltischen
Staaten. Nachfolgerin der UdSSR wurde im Dezember 1991 die Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten (GUS), in der sich alle früheren Sowjetrepubliken (au­

(1) Interview mit Bernard Snoy, 24. Juli 2017.


(2) Interview mit Pierre Vimont, 21. September 2017.
(3) AHUE, Bestand Jacques Delors (JD) 90, Rede von Jacques Delors zur Eröffnung des 40. akademischen Jahres des
Europakollegs, 17. Oktober 1989, S. 29.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 27

Berliner feiern den Fall der Mauer (9. November 1989).

ßer den baltischen Staaten) und zunächst auch Georgien zusammenschlossen.


Um die aus dem sowjetischen Einflussbereich hervorgegangenen Staaten bei
der Demokratisierung und bei der Liberalisierung ihrer Wirtschaft zu unter­
stützen, wurde ein Hilfsprogramm des Westens aufgelegt. Auf dem G7-Gipfel
vom 4. Juli 1989 in Paris erhielt die Gemeinschaft die Aufgabe, die Hilfe des
Westens für Ungarn und Polen zu koordinieren. Dies führte zur Aufstellung
eines Hilfsprogramms (Phare), das im Mai 1990 auf die übrigen mittel- und
osteuropäischen Länder ausgeweitet wurde (1).

Nach dem Fall der Berliner Mauer am Abend des 9. November 1989 und dem
dadurch ausgelösten kontinentalen Beben unterstützte Jacques Delors  – an­
ders als Ruud Lubbers, Margaret Thatcher, Giulio Andreotti und, wenn auch
in geringerem Maße, François Mitterrand – schon bald den Gedanken an eine
Wiedervereinigung. Kohl war ihm dafür dankbar. Auch von außen erhielt der
deutsche Kanzler Unterstützung, unter anderem von George Bush, sodass die

(1) Gerbet, P., La construction de l’Europe, Reihe „U“, Armand Colin, Paris, 2007, S. 374.
28 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Europäer die Wiedervereinigung letztlich nicht mehr ablehnen konnten. Kohl


wusste, dass er seinen europäischen Partnern zusichern musste, kein „deutsches
Europa“ anzustreben, sondern sich weiterhin für ein „europäisches Deutsch­
land“ einsetzen würde; diese Worte hatte der Schriftsteller Thomas Mann 1953
vor Studierenden der Hamburger Universität verwendet. Für Paolo Ponzano,
damals Vertreter der Kommission im Ausschuss der stellvertretenden Ständi­
gen Vertreter (AStV I), „hat die Kommission im Rahmen der Wiedervereini­
gung Deutschlands insofern ein wichtige Rolle gespielt, als das Generalsekre­
tariat auf Anweisung von Jacques Delors die Annahme aller Regelungen und
aller Ausnahmen von den geltenden Rechtsvorschriften koordiniert hat, um
den ostdeutschen Bundesländern die Eingliederung zu ermöglichen. [...] Es galt,
Deutschland gegenüber deutlich zu machen, dass die Kommission in der Lage
war, Deutschland das Instrumentarium an die Hand zu geben, um die neuen
Bundesländer problemlos zu integrieren“ (1).

Im Anschluss an den Europäischen Rat vom 8. und 9. Dezember 1989 in Straß­


burg berichtete der Kommissionspräsident dem Kollegium, dass diese „Tagung
des Europäischen Rates, eine der wichtigsten seit [dessen] Gründung, trotz der
Spannungen an den unmittelbar vorausgehenden Tagen in einem konstrukti­
ven Klima stattgefunden hat“. Er war im Übrigen mit dem Eindruck zurückge­
kehrt, dass „die Kommission einen so großen Einfluss wie nie zuvor [genieße];
es müsse daher vermieden werden, dass er in Zukunft geschmälert werde. Dies
erfordere seitens der Kommission viel Einsatz und Geschicklichkeit, insbeson­
dere im Hinblick auf die Wirtschafts- und Währungsunion und die soziale Di­
mension“ (2). Die Befürchtungen von Jacques Delors sollten sich bald bewahr­
heiten, vor allem bei der Ausarbeitung des Vertrags von Maastricht (3). Er kam
später selber zu dem Schluss, dass der Höhepunkt, von dem er im Dezember
1989 gesprochen hatte, tatsächlich ab dann überschritten war und dass es ihm
danach nie mehr gelungen sei, so viel Einfluss zu nehmen wie bei der Abfassung
der Einheitlichen Akte.

Die Wiedervereinigung Deutschlands machte eine europäische Einigung noch


dringlicher, denn es galt, die Ängste von Deutschlands Partnern, insbesonde­
re Frankreichs, zu zerstreuen. Auch Osteuropa musste beruhigt werden. Am
6. Dezember 1989 meinte Gorbatschow in Kiew gegenüber Mitterand, dass sich
Deutschland in seinen Augen wie ein Elefant im Porzellanladen verhalte  (4).
Schnell stellte sich die Frage einer Annäherung der mittel- und osteuropäischen
Länder. Die Kommission musste zeitnah Stellung zum Erweiterungsdossier be­

(1) Interview mit Paolo Ponzano, 23. Januar 2017, S. 21.


(2) AHCE, KOM(89) P 991, 2. Teil, Sitzung vom 11. Dezember 1989, S. 6.
(3) Siehe hierzu Boissieu, P. de, et al., National leaders and the making of Europe – Key episodes in the life of the European
Council, John Harper Publishing, London, 2015, S. 122-145.
(4) Bozo, F., Mitterrand, la fin de la guerre froide et l’unification allemande: de Yalta à Maastricht, Odile Jacob, Paris,
2005, S. 158.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 29

ziehen und sogar vorher noch zu den Abkommen der zweiten Generation mit
den osteuropäischen Ländern. In der Sitzung des Kollegiums vom 31. Januar
1990 herrschte große Zurückhaltung; einige der Anwesenden sprachen sich
dafür aus, eventuelle Reaktionen der UdSSR auf den Abschluss neuer Assoziie­
rungsabkommen aufmerksam im Auge zu behalten (1). Angesichts der sich ab­
zeichnenden Erweiterungen stellte sich auch bald die Frage einer Stärkung der
Institutionen und insbesondere die des Beschlussfassungsprozesses. Am 24. Juli
1991 erklärte Kommissionsmitglied Andriessen (Außenbeziehungen und Han­
delspolitik) gegenüber seinen Kollegen: „Es ist davon auszugehen, dass zu den
fünf Beitrittsgesuchen, mit denen die Gemeinschaft zurzeit befasst ist, bis 1993
noch weitere hinzukommen werden. Die Gemeinschaft ist bislang nicht für 20
bis 25 Mitgliedstaaten ausgelegt. Zugleich ist es politisch schwierig, eine Aus­
wahl unter den Bewerbern zu treffen. Es gibt folglich zwei Möglichkeiten. Die
erste besteht darin, so schnell wie möglich die für eine sehr viel größere Gemein­
schaft notwendigen Verfahren festzulegen. Solche Verfahren sind für die Re­
gierungskonferenz allerdings nicht vorgesehen. Die zweite Möglichkeit besteht
darin, gewissen Kandidatenländern zu signalisieren, dass die Gemeinschaft
nicht in der Lage ist, sie sofort aufzunehmen, aber dass sie sich bemühen wird,
die für ihre Integration notwendigen Voraussetzungen zu fördern“ (2). Für eini­
ge Mitglieder des Kollegiums stand fest, dass mehrere Mitgliedstaaten bei der
Kommission Druck zugunsten bestimmter Kandidatenländer machen würden.
Im Übrigen musste die Kommission proaktiv handeln, da ein untätiges Verhar­
ren drohte, „andere Institutionen zu stärken, etwa die Konferenz über Sicher­
heit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) oder den Europarat, wodurch die
Bedeutung der Gemeinschaft geschmälert werden könnte“ (3). Darüber hinaus
würde, wie Delors anmerkte, die Einbeziehung der mittel- und osteuropäischen
Länder sowie Maltas und Zyperns eine Verdreifachung der Strukturfondsmit­
tel nach sich ziehen. Sollte eine Gemeinschaft mit 24 Mitgliedern genauso groß­
zügig und ehrgeizig sein wie eine mit zwölf? Seiner Ansicht nach „galt es, einer
Verwässerung der Gemeinschaft aufgrund überstürzter Erweiterungen ent­
gegenzutreten; eine Gemeinschaft mit 20 Mitgliedstaaten – oder sogar mehr,
wenn die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit zurückerhielten und sich die
Lage in Jugoslawien in Richtung einer teilweisen Auflösung des Landes ent­
wickeln sollte – würde sich nicht mit den bestehenden Institutionen bewälti­
gen lassen“. Kommissionsmitglied Sir Leon Brittan (Wettbewerbspolitik und
Finanz­institutionen) urteilte ähnlich wie andere seiner Kollegen, dass sich eine
weitere Regierungskonferenz in den Jahren 1995 und 1996 mit den institutio­
nellen Änderungen befassen sollte, die eine erheblich erweiterte Gemeinschaft
erforderlich machen würde  (4). Diese Position wurde in den darauffolgenden

(1) AHCE, KOM(90) P 997, 2. Teil, Sitzung vom 31. Januar 1990, S. 21.


(2) AHCE, KOM(91) PV 1070, 2. Teil, Sitzung vom 24. Juli 1991.
(3) A. a. O.
(4) A. a. O.
30 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Gruppenfoto der Verhandlungsführer und Minister der Länder der Europäischen Freihandelsassoziation
bei der Unterzeichnung des Abkommens zur Errichtung des Europäischen Wirtschaftsraums am 2. Mai
1992 in Porto. Von links nach rechts, vorne: Bjørn Tore Godal, Jean-Pascal Delamuraz, Ulf Dinkelspiel,
Jón Baldvin Hannibalsson, Pertti Salolainen, Hans Brunhart, Wolfgang Schüssel, Birgitt Ederer, Alois
Mock; zweite Reihe: Eivinn Berg, Franz Blankart, Frank Belfrage, Georg Reisch (Generalsekretär der EFTA),
Hannes Hafstein, Veli Sundbäck, Prinz Nikolaus von Liechtenstein und Manfred Scheich

Monaten innerhalb der Kommission auch noch von anderen vertreten. Am


3. Juni 1992 mahnte Kommissionsmitglied Andriessen, dass die Gemeinschaft,
wenn sie auch nur fünf neue Mitgliedstaaten aufnehmen wollte, dies nicht tun
könnte ohne „erhebliche institutionelle Veränderungen, die vor der Erweite­
rung erfolgen müssten“ (1). Bei einer Gewichtsverlagerung zugunsten der Re­
gierungen „wird es praktisch unmöglich sein, Beschlüsse über die notwendigen
institutionellen Veränderungen zu fassen“ (2). Einer seiner Kollegen machte im
Übrigen auf die im Vereinigten Königreich favorisierte Tendenz „hin zu einer
größeren, aber weniger durchsetzungsfähigen Gemeinschaft“ aufmerksam. Der
Kommission oblag es fortan, dieser Tendenz einen Riegel vorzuschieben (3).

Ländern, die gerade erst ihre Freiheit wiedererlangt hatten, mochte ein Beitritt
zum Europarat, bisweilen als „Vorzimmer“ der Europäischen Gemeinschaft be­
zeichnet, leichter erscheinen. Doch auch bei der Gemeinschaft häuften sich die
Beitrittsanträge: Österreich stand seit Juli 1989 auf der Kandidatenliste. Zy­
pern und Malta kamen 1990 hinzu, Schweden im Juni 1991, Finnland im März
1992, die Schweiz im Mai 1992 und Norwegen im November 1992. Seitens
der Kommission war man im Hinblick auf den Beitritt sogenannter „neutraler“
Länder (außer bei Norwegen) der Ansicht, dass dies zwar günstig für z. B. den
Umwelt- oder den Sozialschutz sein, zugleich aber die Entwicklung einer Ge­

(1) AHCE, KOM(92) PV 1108, 2. Teil, Sitzung vom 3. Juni 1992, S. 23.
(2) AHCE, KOM(92) PV 1110, 2. Teil, Sitzung vom 17. Juni 1992, S. 13.
(3) A. a. O., S. 11.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 31

meinsamen Außenpolitik erschweren könnte. Würde man diesen Ländern den


Beitritt zum Binnenmarkt ermöglichen, wäre dies für ein Vorankommen im au­
ßenpolitischen Bereich vielleicht eher kontraproduktiv. Jacques Delors kurbelte
daher 1990 erneut einen Prozess an, der seit 1984 vor sich hin dümpelte. Es ging
darum, die Aufteilung Europas in zwei getrennte Wirtschaftsgruppen  – auf
der einen Seite die sieben Mitglieder der Europäischen Freihandelsassoziation
(EFTA), auf der anderen Seite die zwölf Mitglieder der Gemeinschaft – durch
die Schaffung eines einzigen Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) zu been­
den. Die entsprechenden Verhandlungen mündeten in die Unterzeichnung des
Abkommens von Porto am 2. Mai 1992, durch das ein großer Wirtschaftsraum
mit fast 380 Millionen Einwohnern entstand und die vier Grundfreiheiten auf
die EFTA-Mitgliedstaaten ausgedehnt wurden. Diese Staaten gehörten fortan
zum Binnenmarkt; sie wandten den relevanten gemeinschaftlichen Besitzstand
an, ohne sich jedoch an sonstigen politischen Maßnahmen zu beteiligen. Da­
neben gab es mit jedem dieser Staaten noch bilaterale Abkommen über den
Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und (mit Island, Norwegen und
Schweden) über die Fischerei. Dennoch fanden die Zollkontrollen zwischen
den EFTA-Ländern und der Zollunion der Europäischen Wirtschaftsgemein­
schaft auch weiterhin statt. Der freie Warenverkehr galt nur für Erzeugnis­
se, die aus diesen Ländern stammten, und nicht für solche aus Drittländern,
die lediglich durch ein EFTA-Land durchgeführt wurden. Außerdem wurde
eine Zusammenarbeit in Bereichen wie Umwelt, technologische Entwicklung
oder Forschung etabliert. Während die Schweiz aufgrund eines ablehnenden
Votums in einer Volksabstimmung auf die Ratifizierung des Abkommens ver­
zichtete, nahmen vier andere EFTA-Länder – Norwegen, Österreich, Finnland
und Schweden –, die sich nicht mit dem EWR zufriedengeben wollten, die Ver­
handlungen über ihren Beitritt zur Union auf (1). Nach dem negativen Ausgang
des diesbezüglichen Referendums in Norwegen traten am 1. Januar 1995 letzt­
lich nur drei Länder der Union bei. Das Abkommen von Porto trat zwar am
1. Januar 1994 in Kraft, doch war seine Bedeutung insofern begrenzt, als drei
EFTA-Länder (Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz) nicht Mitglieder der
Union wurden. Der EWR vergrößerte sich im Juni 2003 um die zehn Länder,
die ein Jahr später der Union beitreten sollten. Unterdessen war auf dem Gipfel
von Kopenhagen im Juni 1993 beschlossen worden, dass die mittel- und osteu­
ropäischen Länder, die der Union beitreten wollten, bestimmte Voraussetzun­
gen erfüllen müssten: Wahrung der Menschen- und der Minderheitenrechte so­
wie der rechtsstaatlichen und demokratischen Ordnung; eine Marktwirtschaft,
die dem Wettbewerbsdruck standhält; Bereitschaft, sich die Verpflichtungen
und Ziele der WWU zu eigen zu machen; Übernahme des gemeinschaftlichen
Besitzstandes.

(1) Gerbet, P., „AELE“, zitiert in Gerbet, P., (Hg.), Dictionnaire historique de l’Europe unie, Reihe „Références“, André
Versaille, Brüssel, 2009, S. 421; Bitsch, M.-T., a. a. O., S. 261.
32 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Abgesehen von den Vorkommnissen in Albanien, Rumänien und der Sowjet­


union erfolgte der Zusammenbruch des Ostblocks völlig unblutig. Allerdings
brach dann unweit der gemeinschaftlichen Außengrenze doch noch ein Krieg
aus. Die jugoslawische Tragödie begann im Juni 1990 mit dem Eindringen der
(vor allem serbischen) Volksarmee in Slowenien. Die Ohnmacht der Europäi­
schen Union zeigte einmal mehr, dass der wechselnde Ratsvorsitz es der Union
unmöglich machte, eine Rolle bei der Lösung internationaler Krisen zu spielen.
Nur wenige Wochen nach dem Maastricht-Gipfel, wo vereinbart worden war,
dass die gemeinsame Außenpolitik eine der „Säulen“ der Union werden sollte,
erkannte Deutschland einseitig die Souveränität von Kroatien und Slowenien
an. Bei einem alle sechs Monate wechselnden Vorsitz des Europäischen Rates
und des Außenministerrates war es nicht möglich, eine längerfristige Strate­
gie zu verfolgen, wiewohl die Sondergesandten der Europäischen Union für
das ehemalige Jugoslawien, etwa Lord David Owen oder Carl Bildt, sicherlich
nichts unversucht gelassen hatten. Auf die jugoslawische Tragödie angespro­
chen, würde Catherine Day, zwischen 1989 und 1996 zunächst Mitglied, dann
stellvertretende Chefin des Kabinetts von Sir Leon Brittan (Außenbeziehun­
gen), später sagen:

„Ich denke, es war auch der Schock beim Aufeinanderprallen von Ideal
und Wirklichkeit. Weil wir geglaubt hatten, die Geister des Nationalismus
bezwungen zu haben, und sie jetzt so nah bei uns wieder auftauchten.
Am Ende der 1990er-Jahre wussten wir dann, dass sie nicht fort
gewesen waren.“ (1)

Delors seinerseits bemerkte in einer internen Sitzung am 26. März 1993:

„Ich weiß nicht, ob eng vereinte, untereinander einige europäische Länder


unter Außerachtlassung ihrer diplomatischen Traditionen in der Lage
gewesen wären, diese Welle von Hass zu stoppen. Die Öffentlichkeit in
Amerika, Japan und Osteuropa ist jedenfalls der Meinung, dass Europa
versagt hat. Wird dies Spuren hinterlassen? Schwer zu sagen.“ (2)

Der Wendepunkt: Maastricht


Durch die Ereignisse von 1989 erhielt der Block der Zwölf schärfere Konturen.
In seinem „Wartezimmer“ fand sich jetzt die östliche Hälfte des Kontinents ein.
Das Verhältnis zwischen dem engeren Kreis und dem Kontinent als Ganzem
zwang die Mitglieder zu einer Politisierung ihrer Allianz. Manche taten dies

(1) Interview mit Catherine Day, 12. September 2017, S. 29.


(2) AHUE, JD 1298, Vermerk von Bruno Dethomas über die Äußerung des Präsidenten vom 26. März 1993 vor den
Büroleitern, Brüssel, 29. März 1993.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 33

„Wie der Euro entwickelt wurde“


Bundeskanzler Helmut Kohl trug entscheidend zur Verwirklichung der Wirtschafts-
und Währungsunion bei, trotz mancher Widerstände gerade im eigenen Land.

nur widerwillig, aber auch sie konnten sich dem nicht entziehen (1). Vor dem
Gipfel vom Oktober 1990 in Rom machte die Europäische Kommission ihren
Wunsch deutlich, eine „einheitliche Gemeinschaft“ zu schaffen, d. h. die WWU
und die politische Union miteinander zu verschmelzen, um so die Kohärenz
in außenpolitischen Fragen zu fördern. Sie war sich indes durchaus bewusst,
dass die Gemeinschaftsmethode nicht auf die Außenpolitik angewandt werden
könnte. Als der luxemburgische Vorsitz im April 1991 jedoch einen Vertrags­
entwurf vorlegte, der eine auf verschiedenen Säulen beruhende institutionelle
Struktur vorsah, nährte dies innerhalb der Kommission Befürchtungen und
Kritik (2). Vorbehalte löste die WWU erwartungsgemäß in der Bundesrepublik
Deutschland aus, wo man befürchtete, dass die einheitliche Währung weniger
stark als die Deutsche Mark sein würde. Auf der anderen Seite war Frankreich
bestrebt, den Prozess voranzutreiben. Es ist jedoch nicht zutreffend, dass das Ja
der Deutschen zur Einführung der gemeinsamen Währung im Tausch gegen
die Wiedervereinigung Deutschlands erreicht worden wäre. Wie Jean-Claude
Juncker unterstreicht, „hat die Wiedervereinigung Deutschlands bzw. die Aus­
sicht auf eine solche Wiedervereinigung den Willen derer gestärkt, die die ein­
heitliche Währung um jeden Preis wollten, zu denen insbesondere Mitterrand

(1) Middelaar, L. van, a. a. O., S. 212.


(2) Gerbet, P., La construction de l’Europe, a. a. O., S. 377 und S. 382.
34 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

gehörte, doch war dies nicht die eigentliche Erklärung“ (1). Schon vor dem Fall
der Berliner Mauer hatte nämlich Kohl beim Europäischen Rat in Hannover
seine Zustimmung zu dem Projekt erteilt. Dagegen gab es in der Bundesbank,
insbesondere seitens ihres Präsidenten Karl Otto Pöhl, erhebliche Vorbehalte.
Kohl musste ihm gestehen, eingewilligt zu haben, dass der Vorsitz im Ausschuss
der Weisen, der einen Bericht über die WWU erstellen sollte und vor allem aus
Zentralbankgouverneuren bestand, von einem Politiker wahrgenommen würde
und dass dies gar der Kommissionspräsident sein könnte (2). Wie Bernard Snoy,
damals Kabinettschef des belgischen Finanzministers, es formulierte, „bestand
das große Geschick des Delors-Berichts darin, nicht die Frage zu stellen, ob die
Wirtschafts- und Währungsunion geschaffen werden sollte, sondern wie. Pöhl
war ja Deutscher, und wenn der Bundeskanzler ihn um etwas bat, würde er es
letztlich auch tun. Dies hinderte ihn allerdings nicht daran, bei zahlreichen An­
lässen seine große Skepsis bezüglich der Unternehmung zu äußern“ (3).

Fest steht, dass der Fall der Mauer die Entstehung der WWU ebenso gefördert
hat wie die erstmalige Erwähnung des Konzepts der „politischen Union“ im Ver­
trag von Maastricht. Dieser Vertrag stellte einen Wendepunkt dar. Er markierte
den Übergang von einem wirtschaftlichen Europa zu einem politischen Europa.
Die drei Säulen zusammen bildeten die „Europäische Union“, die dem Gebäude
Halt geben sollte. Der Vertrag von Maastricht stärkte die Befugnisse des Kom­
missionspräsidenten, der seitdem zunächst allein, d. h. vor den übrigen Mitglie­
dern der Kommission, designiert und später mit ihnen zusammen für eine Amts­
zeit von fünf Jahren ernannt wird. So kann er von den Mitgliedstaaten bei der
Auswahl der Bewerber für die Kommissarsposten zurate gezogen werden. Diese
Bewerber müssen in den jeweiligen Parlamentsausschüssen Rede und Antwort
stehen; am Ende dieser Anhörungen wird, falls es in den Ausschüssen zu keiner
Abstimmung kommt, ein Bewertungsschreiben verfasst  (4). Zugleich wurden
die Befugnisse des Europäischen Parlaments durch die Einführung des Mitent­
scheidungsverfahrens, die Einsetzung der Kommission und die Ausweitung des
Verfahrens der „Zustimmung“ gestärkt. Außerdem genügte für mehr Entschei­
dungen auf Rats­ebene jetzt die qualifizierte Mehrheit. Angesichts des Kompe­
tenzzuwachses wurde aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft die Euro­
päische Gemeinschaft. In dem Vertrag vorgesehen waren auch die Schaffung einer
Wirtschafts- und Währungsunion, eine Unionsbürgerschaft, neue Maßnahmen
in zahlreichen Bereichen (öffentliche Gesundheit, Verbraucherschutz, Sozialpoli­
tik, Umwelt, Bildung und Kultur) sowie die Anerkennung des Subsidiaritätsprin­
zips zur Wahrung der jeweiligen Zuständigkeiten von Union, Staat und Region,

(1) Interview mit Jean-Claude Juncker, 8. Dezember 2016, S. 8.


(2) Siehe das Schreiben von Bernard Snoy an Philippe Maystadt vom 24.  Juni 1988, veröffentlicht im Anhang seines
Interviews vom 24. Juli 2017; siehe auch die Interviews mit Jean-Paul Mingasson, 5. April 2017, Anthony Teasdale,
11. April 2017, und Niels Thygesen, 6. März 2017.
(3) Interview mit Bernard Snoy, 24. Juli 2017, S. 16.
( ) Ruyt, J. de, a. a. O., S. 36.
4
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 35

was indes nicht als Aufforderung an die Mitgliedstaaten missverstanden werden


durfte, sich Zuständigkeiten zurückzuholen, die der Gemeinschaft übertragen
worden waren.

Das Vereinigte Königreich setzte für sich bezüglich der Wirtschafts- und Wäh­
rungsunion eine Opt-out-Regelung durch. Den Anstoß dazu hatte der damalige
luxemburgische Finanzminister Jean-Claude Juncker gegeben, der sich erinnert:

„Im Mai 1991 saßen wir in der Sitzung zusammen, und ich habe,
nachdem ich mit den Briten gesprochen hatte, vorgeschlagen, dass sie
sich aus der Währungsunion ausklinken könnten. Zunächst fand das jeder
skandalös, doch am Ende waren alle einverstanden.“ (1)

Jacques Delors schreibt hierzu in seinen Memoiren: „Diese Option ist zugleich
von Jean-Claude Juncker, der die Regierungskonferenz als Luxemburger leitete,
und von mir ins Spiel gebracht worden“ (2).

Bei der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht war der Kommissions­
präsident enttäuscht, dass es ihm trotz der Unterstützung des niederländischen
Ratsvorsitzes (1991) nicht gelungen war, die Schaffung von zwischenstaatlichen
„Säulen“ zu verhindern, mit denen die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspo­
litik sowie die Bereiche Justiz und Inneres von den übrigen Politikbereichen, für
die die Gemeinschaftsmethode galt und über die die Kommission wachte, abge­
trennt wurden. Vor dem Europäischen Parlament war Delors am 20. November
1991 nicht davor zurückgeschreckt, den endgültigen Vertragsentwurf als „insti­
tutionelles Stückwerk“ zu bezeichnen. Er fügte hinzu: „Die Grenzen zwischen­
staatlichen Handelns sind bekannt  [...]. Es gibt keinen Zusammenschluss von
Nationen, der damit lange überlebt hätte. Meine aktuelle Befürchtung ist, dass
das Zwischenstaatliche  – durch seine Verankerung im Vertrag sowie aufgrund
der Präzedenzfälle und der diskreten Spielchen, die die Politiker mithilfe ihrer
Verwaltungen spielen – das Gemeinschaftliche nicht nur behindert, sondern in
Wirklichkeit sogar zurückdrängt“ (3). Jacques Delors hätte es zudem begrüßt, im
sozialen Bereich weiter voranzukommen. Philippe de Schoutheete war Zeuge der
Enttäuschung des Kommissionspräsidenten:

„Ich hatte Gelegenheit, mit Delors nochmals darüber zu sprechen. Die


Sache hinterließ bei ihm einen bitteren Nachgeschmack. Er räumte zwar
ein, dass er den Binnenmarkt hatte aufbauen und die Einführung einer
gemeinsamen Währung hatte voranbringen dürfen. Allerdings bedauerte
er, dass man nicht auf seine Forderung nach einer deutlichen Stärkung der
sozialen Dimension und einer sehr viel engeren Kohäsion eingegangen
war.“ (4)

(1) Interview mit Jean-Claude Juncker, 22. Juli 2016, S. 6.


(2) Delors, J., und Arnaud, J.-L., a. a. O., S. 347.
(3) Zitiert in Delors, J., Combats pour l’Europe, Reihe „Europe“, Nr. 1, Economica, Paris, 1996.
(4) Interview mit Philippe de Schoutheete, 13. Juli 2016, S. 10.
36 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Nach dem „Nein“ der dänischen Bevölkerung trübt der ungewisse Ausgang des französischen
Volksentscheids die Stimmung der politisch Verantwortlichen in Europa.
Das Schicksal Europas scheint in den Händen des französischen Volkes zu liegen.

Die Herausforderung der


„Res publica europea“

Die Ratifizierung des Vertrags von Maastricht erfolgte unter großen Mühen. Die
meisten Mitgliedstaaten hatten sich für eine Abstimmung im Parlament ent­
schieden. Drei Staaten dagegen organisierten eine Volksabstimmung. Während
ein Referendum in Dänemark und Irland von der Verfassung vorgeschrieben war,
wurde es in Frankreich von Präsident François Mitterrand beschlossen, der sei­
ner Sache sicher war. In Irland, das die Gemeinschaftshilfen der GAP oder der
Strukturfonds besonders effizient genutzt hatte, stimmte am 18. Juni 1992 eine
deutliche Mehrheit von 68,7 % mit „Ja“. In Dänemark hingegen wurde der Ver­
trag am 2. Juni 1992 mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,7 % abgelehnt. Das
Ergebnis schlug wie eine Bombe ein. Die Sitzung des Kollegiums der Kommissi­
onsmitglieder vom 3. Juni 1992 war größtenteils der Frage gewidmet, wie damit
umzugehen sei. Eine Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Dänemark hätte
unweigerlich neue Forderungen anderer Mitgliedstaaten zur Folge gehabt. Eine
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 37

andere Lösung war eine Sondervereinbarung mit Dänemark mit einigen gering­
fügigen Änderungen des Vertrags von Maastricht, sodass die dänische Regierung
ein neues Ratifizierungsverfahren einleiten musste. Diese Lösung durfte jedoch
zunächst nicht in der Öffentlichkeit erwähnt werden; ein Mitglied der Kommis­
sion war gar der Ansicht, dass das Abstimmungsergebnis dramatisiert und ein
Austritt Dänemarks in Aussicht gestellt werden sollte. Delors beschloss, dass die
Kommission entschieden Stellung zu den Auswirkungen des negativen Abstim­
mungsergebnisses für Dänemark nehmen, die Mitgliedstaaten jedoch zur Fort­
setzung des Ratifizierungsverfahrens auffordern müsse  (1). Beim Europäischen
Rat von Lissabon am 26. und 27. Juni 1992 wurde die Möglichkeit einer Neuver­
handlung des Vertrags endgültig verworfen.

Derweil wurde in Frankreich eine intensive Kampagne mit unsicherem Ausgang


geführt, in deren Rahmen sich die „Souveränisten“ besonders lautstark zu Wort
meldeten und die Umfragen in Richtung eines „Nein“ tendieren ließen. Unter
dem Eindruck einer sich verschlechternden Wirtschaftslage und der schweren
Krise des Europäischen Währungssystems im September 1992 stimmten die
Franzosen am 20. September mit 51,04 % denkbar knapp für den Vertrag. Nach­
dem Dänemark bei der Tagung des Europäischen Rates von Edinburgh am 11.
und 12. Dezember 1992 vor allem in Fragen der gemeinsamen Währung und der
Verteidigung Ausnahmeregelungen durchgesetzt hatte, fand am 18. Mai 1993 ein
neues Referendum statt, bei dem die Befürworter des Vertrags mit 56,8 % der
Stimmen den Sieg davontrugen. Zwei Tage später, am 20.  Mai 1993, stimmte
auch das britische Unterhaus dem Vertrag zu.

Zwar konnte der Vertrag von Maastricht nun in Kraft treten, der Ratifizierungs­
prozess hatte jedoch tiefe Spuren hinterlassen. Er hatte die Ausnahmestellung
einiger Mitgliedstaaten verstärkt und beendete den „permissiven Konsens“, was
große Unsicherheit in Bezug auf die weitere Entwicklung hervorrief. Außerdem
wurde deutlich, dass die Öffentlichkeit in den Mitgliedstaaten erobert und hierzu
ins Zentrum intensiver Kommunikations- und Informationskampagnen gerückt
werden musste. Die Gründungsväter hatten geglaubt, dass sich die politische
Einigung ganz natürlich aus der wirtschaftlichen Einigung ergeben würde; die
Entwicklung stellte sich in der Realität jedoch als sehr viel komplexer heraus. Die
Frage des Demokratiedefizits wurde regelmäßig aufgeworfen, auch wenn – wie
Pascal Lamy gerne betonte – es dabei eher an „demos“ mangelte als an „kratos“.
Wie aber sollte dieses europäische Wir-Gefühl gefördert werden?

Jacques Delors hatte diese Herausforderung lange vor dem Schock des dänischen
„Nein“ zu Maastricht erkannt und am 17. Januar 1989 im Europäischen Parla­
ment einen berühmt gewordenen Ausspruch getan: „Ich habe es in den letzten

(1) AHCE, KOM(92) PV 1108, 2. Teil, Sitzung vom 3. Juni 1992, S. 1-11.


38 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Monaten immer wieder gesagt: Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt.“ Er


zitierte den Historiker Fernand Braudel, der Anfang der 1960er-Jahre ausgeru­
fen hatte: „Es hieße die Menschen schlecht kennen, wollte man ihnen nur diese
nüchternen Zahlen vorsetzen, die sich neben dem Enthusiasmus, den keineswegs
unvernünftigen Leidenschaften, die das Europa von einst oder gestern mitgeris­
sen haben, so blass ausnehmen. Kann sich ein europäisches Bewusstsein nur auf
Zahlen gründen? Kann es sich ihnen nicht vielmehr entziehen, auf unvorherseh­
bare Weise über sie hinauswachsen?“ Und Delors schloss mit den Worten: „Aus
diesem Grund [...] bestehe ich nicht nur auf der Schaffung eines großen Raums
ohne Grenzen, sondern auch auf den flankierenden Politiken, die den Männern
und Frauen in der Gemeinschaft neue Zukunftsmöglichkeiten erschließen.“ Aber
Bronisław Geremek bemerkte noch im Februar  2004: „Wir haben Europa ge­
schaffen, jetzt müssen wir noch die Europäerinnen und Europäer erschaffen“ (1).

In Wirklichkeit wurde auf unterschiedliche Weise versucht, eine europäische


Identität zu „konstruieren“  (2). Die „deutsche Strategie“ beispielsweise bestand
darin, ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe zu schaffen. Dazu passt die
Festlegung von Symbolen. Dieser Ansatz kam bei der Gründung der Eurozone
und der Gestaltung der Euro-Scheine und -Münzen zum Tragen, die Europäi­
sche Zentralbank galt als Bank ohne Staat. Der Weg der Kulturpolitik (im deut­
schen Sinne des Wortes) war kein leichter. Im Jahr 1990 hatte die Kommission
beispielsweise die Veröffentlichung des Werks Europa: eine Geschichte seiner Völ-
ker des Historikers Jean-Baptiste Duroselle gefördert, musste unter dem Druck
heftiger Kritik vor allem aus dem Vereinigten Königreich jedoch darauf verzich­
ten. Die „römische Strategie“ verfolgte dagegen das Ziel, ein bürgernahes Euro­
pa zu schaffen, indem den Menschen Rechte und Freiheiten verliehen werden.
Das Erasmus-Programm, das die Kommission 1987 angeregt hatte, war in dieser
Hinsicht ein großer Erfolg: Bis heute hat mehr als 1 % der Unionsbevölkerung
daran teilgenommen. Zudem wurden mit dem Inkrafttreten des Vertrags von
Maastricht 300 Millionen Menschen zu „Unionsbürgerinnen und -bürgern“. Al­
lerdings waren sich dessen nur sehr wenige bewusst (3). Die gegenseitige Gewäh­
rung nationaler Rechte in den Bereichen Beschäftigung und Bildung sowie des
Wahlrechts bei Kommunalwahlen wurde von den einen als Chance, von anderen
dagegen als Bedrohung wahrgenommen. Die Staatsbürgerschaft ist in der Tat tie­
fer verwurzelt als die Unionsbürgerschaft. Herman Van Rompuy, Präsident des
Europäischen Rates von 2009 bis 2014, meinte dazu, dass die räumliche Nähe
oft eine Identität im Vergleich zu einer anderen stärke. Der europäische Gedanke
leidet unter dem Spannungsverhältnis zwischen dem Raum (dem space) und dem
Ort, der einem vertraut ist (dem place). In Krisenzeiten hat der europäische Bürger

(1) Ferenczi, T., „L’Europe, sa mémoire, ses valeurs“, Le Monde, 18. Februar 2004.


(2) Der folgende Abschnitt bezieht sich immer wieder auf die Argumentation von Luuk van Middelaar in Le passage à
l’Europe ..., a. a. O., S. 345-466.
(3) Middelaar, L. van, a. a. O., S. 394.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 39

„Vorsicht, giftig! Für ein Europa ohne EU“


Plakat der dänischen Linksextremisten (Enhedslisten – de rød-grønne), in dem der Maastrichter Vertrag
als Feigenblatt für ein heimliches Projekt der Aufrüstung und Ausbeutung dargestellt wird.

leicht den Eindruck, dass die Union ein Raum ist, der nur den mobilen Privile­
gierten, der Schaffung eines Binnenmarkts, der Freizügigkeit, der Fortbewegung
in Ost-West- oder Süd-Nord-Richtung innerhalb des Schengen-Raums oder spä­
ter dem Transit nicht registrierter Flüchtlinge zugutekommt. In den Augen der
Bürgerinnen und Bürger bietet dieser Raum keine ausreichende Sicherheit, und
die Menschen fühlen sich schutzlos. Diese Spannung zwischen dem Raum und
dem Ort musste ausgeglichen werden, wobei „Schutz“ nicht mit „Protektionis­
40 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

mus“ gleichgesetzt werden durfte  (1). Diese Herausforderung, die nach wie vor
hochaktuell ist, entstand in der Zeit, die Gegenstand des vorliegenden Bandes ist.
Auch die Einigung von Fontainebleau im Jahr 1984 über den Haushalt der Eu­
ropäischen Union trug das ihre zu künftigen Konflikten bei. Der „Britenrabatt“
leitete eine Renationalisierung der Solidarität ein, die die Diskussionen über die
Regionalpolitik nachhaltig beeinflusste. Die „römische Strategie“ hat es nicht ge­
schafft, bei den Europäerinnen und Europäern ein „Wir-Gefühl“ hervorzurufen,
das die gesamte Union umfasst (2). Die Tatsache, dass der Vertrag von Maastricht
eher eine Währungs- denn eine Wirtschaftsunion gründete, stärkte außerdem in
Krisenzeiten den Reflex, nationale Interessen zu schützen, wobei eine Bruchlinie
zwischen Nord- und Südeuropa entstand. Der „Solidarität der Tat“, die sich aus
der wirtschaftlichen und monetären Verflechtung der Mitglieder der Eurozone
ergab, folgte nicht zwangsläufig eine „emotionale Solidarität“ (3). Der Appell an
die europäische Solidarität der Bürger blieb damit eine riskante oder politisch
nicht ausreichend wirksame Geste.

Und schließlich versuchte die Kommission, die öffentliche Meinung mithilfe der
„athenischen Strategie“ zu gewinnen, indem sie bestrebt war, das Interesse für die
res publica europea zu wecken. Die Stärkung der Rechte des Europäischen Parla­
ments – der Stimme des europäischen Volkes – konnte dabei als positiv gewertet
werden, handelte es sich beim Parlament doch um das andere „gemeinschaftliche“
Organ. Bereits die von der Kommission verfasste Einheitliche Akte sah ein „Ver­
fahren der Zusammenarbeit“ zwischen Europäischem Parlament und Rat sowie
die rechtskräftige Umbenennung der Versammlung in „Europäisches Parlament“
vor. Das Parlament hatte jedoch Mühe, den Europäerinnen und Europäern Ge­
hör zu verschaffen, und agierte eher als Rivale der Kommission denn als ihr Ver­
bündeter, bis hin zu ihrem Sturz im Jahr 1999. Auch die öffentliche Meinung
ließ sich von der Idee der Unionsbürgerschaft nicht wirklich begeistern. Bereits
die Dänen hatten in der Volksabstimmung von 1992 die Befürchtung geäußert,
dass die Unionsbürgerschaft ihrer Staatsbürgerschaft gleichgesetzt werden soll­
te. Andere Länder taten es ihnen gleich. So hieß es in Artikel 8 des Vertrags von
Maastricht noch: „Unionsbürger ist, wer die Staatsangehörigkeit eines Mitglied­
staats besitzt.“ Mit Artikel 17 Absatz 1 des Vertrags von Amsterdam wurde 1997
hinzugefügt: „Die Unionsbürgerschaft ergänzt die nationale Staatsbürgerschaft,
ersetzt sie aber nicht.“ Letztlich haben der Übergang von der Wirtschaftsunion
zu einer politischen Union und die Suche nach dem „europäischen Wir“ dem
Zugehörigkeitsgefühl mancher Menschen wohl eher Abbruch getan. Es bleibt je­
doch festzustellen, dass diejenigen – vor allem in der Kommission –, die darauf
bestanden hatten, dem europäischen „Wir-Gefühl“ besondere Aufmerksamkeit
zu schenken, Recht behielten. Aber wie Jérôme Vignon, verantwortlich für die

(1) Arjakovsky, A. (Hg.), Histoire de la conscience européenne, Salvator/Collège des Bernardins, Paris, 2016, S. 226.
(2) Middelaar, L. van, a. a. O., S. 405.
(3) A. a. O., S. 407.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 41

Studien der Gruppe für prospektive Analysen der Kommission, in einem Ver­
merk an seinen Präsidenten im April 1994 unterstrich, kann die Entstehung ei­
nes Zusammengehörigkeitsgefühls Jahrhunderte dauern. So gründete Habermas
seinen „Verfassungspatriotismus“ nicht auf das Gefühl, sondern auf die bewusste
Identifizierung mit gemeinsamen Werten. Statt den Nationalstolz zu verletzen,
sei es wichtig, die Nationen zu einen und sie nicht in einem großen Ganzen zu ver­
schmelzen (1). Diese Herausforderung besteht nach wie vor und muss bewältigt
werden, auch um die Gründungswerte der Union zu wahren.

Die Errichtung der Wirtschafts- und


Währungsunion und die Vorbereitung
der „großen Erweiterung“
Um die Amtszeit der Kommission an die des Europäischen Parlaments anzu­
passen, blieb Jacques Delors bis Januar 1995 an der Spitze der Kommission, die
er schließlich nach zehn Jahren verließ. Seinen Nachfolger zu bestimmen war
nicht leicht. John Major lehnte die Kandidatur des Belgiers Jean-Luc Dehaene
auf dem Gipfel von Korfu ab. In der Sitzung der Kommission vom 29. Juni 1994
sah sich Delors gezwungen, die „schlechte Vorbereitung dieser Entscheidung
und die katastrophalen Konsequenzen, die sich daraus ergeben“, festzustellen (2).
Der Luxemburger Jacques Santer war schließlich ein Kompromisskandidat, der
gleichzeitig die Kontinuität des Integrationsprozesses gewährleisten konnte.
Das Europäische Parlament äußerte sich enttäuscht über die Ablehnung des
Belgiers und bestätigte Santer im Juli 1994 lediglich mit einer schwachen Mehr­
heit. Als dieser jedoch seine vollständige Kommission mit Persönlichkeiten wie
Mario Monti für den Binnenmarkt, Leon Brittan für Außenbeziehungen und
Handelspolitik, Karel Van Miert für Wettbewerb und Hans van den Broek für
die Beziehungen zu den Ländern Mittel- und Osteuropas vorstellte, erhielt er in
Straßburg eine große Mehrheit (3). Zum ersten Mal mussten sich alle künftigen
Kommissare in einer „Anhörung“ den Fragen der Parlamentsausschüsse stellen.

Die Santer-Kommission war an der Ausarbeitung des Vertrags von Amsterdam


von 1997 beteiligt, dessen Bestimmungen mehrere Bereiche betrafen. Aus­
drücklich genannt wurden darin die Menschenrechte und die Grundfreiheiten;
deren Achtung wurde eine Voraussetzung für den Beitritt eines neuen Mitglied­
staats. Verstöße durch die Mitgliedstaaten konnten fortan geahndet werden, bis

(1) AHUE, JD 1379, Vermerk von Jérôme Vignon für den Präsidenten zur Konferenz im Senat über die spirituelle Zu­
kunft Europas (Dienstag, 3. Mai 1994), 28. April 1994.
(2) AHCE, PV(94) 1208, 2. Teil, Sitzung vom 29. Juni 1994, S. 10.
( ) Ruyt, J. de, a. a. O., S. 47.
3
42 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Auf seiner Tagung in Amsterdam am 16./17. Juni 1997


einigt sich der Europäische Rat auf einen Vertragsentwurf.
Von links nach rechts, vorne: Paavo Tapio Lipponen, Constantin Simitis, Lionel Jospin, Tony Blair,
Martti Ahtisaari, Romano Prodi, Wim Kok, Jacques Chirac, Helmut Kohl, Viktor Klima,
Jean-Claude Juncker, Jean-Luc Dehaene, José María Aznar, John Bruton, António Guterres;
zweite Reihe: Poul Nyrup Rasmussen, Tarja Halonen, Göran Persson, Lena Hjelm-Wallen,
Jacques Santer, Lamberto Dini, Klaus Kinkel, Hans van Mierlo, Erik Derycke, Theodoros Pangalos,
Jacques Poos; dritte Reihe: Hubert Védrine, Niels Helveg Petersen,
Hans van den Broek, Robin Cook, Wolfgang Schüssel

hin zur Aussetzung des Stimmrechts im Rat. Der Vertrag sah die Möglichkeit
der „verstärkten Zusammenarbeit“ zwischen Mitgliedstaaten vor, die den Inte­
grationsprozess stärker vorantreiben wollten als andere. Einige Bereiche wurden
aus der dritten Säule (JI) in die Gemeinschaftssäule überführt, vor allem Asyl,
Visa, die justizielle Zusammenarbeit in Zivilsachen sowie die Zusammenarbeit
im Zollbereich oder bei der Bekämpfung von Finanzbetrug. Strafrecht und Po­
lizei dagegen verblieben in der dritten Säule, während das Schengen-System ver­
gemeinschaftlicht wurde. Protokolle wurden für Irland und das Vereinigte Kö­
nigreich angenommen, die ihre Grenzkontrollen beibehalten wollten, und für
Dänemark, das sich nicht an den vergemeinschaftlichten Bereichen beteiligen
wollte, obwohl es 1996 dem „Schengen-Raum“ beigetreten war. Die Abstim­
mung mit qualifizierter Mehrheit wurde auf weitere Bereiche ausgedehnt. Die
Befugnisse des Europäischen Parlaments wurden gestärkt: Das Mitentschei­
dungsverfahren wurde ausgeweitet und die Doppelinvestitur der Kommission
eingeführt – d. h., sowohl der Präsident als auch anschließend die Mitglieder
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 43

der Kommission benötigten fortan das Vertrauen des Parlaments  (1). Das in
Maastricht ohne das Vereinigte Königreich unterzeichnete Protokoll über die
Sozialpolitik wurde in den Vertrag überführt. Die Vorbereitung der großen Er­
weiterung blieb hingegen unvollendet; erst mit dem Vertrag von Nizza wurden
die Fragen zur künftigen Zusammensetzung der Kommission oder zum An­
wendungsbereich der Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit im Rat endgül­
tig geregelt. Im Gegensatz zum Vertrag von Maastricht wurde der Vertrag von
Amsterdam ohne größere Schwierigkeiten ratifiziert.

Die wirtschaftliche Lage hatte sich in der Zwischenzeit wieder verschlechtert,


das Wachstum hatte nachgelassen, und die Arbeitslosigkeit war 1996 auf 11 %
der Erwerbsbevölkerung der EU-Mitgliedstaaten gestiegen. Frankreich wurde
bestreikt, und die deutschen Gewerkschaften organisierten am 15.  Juni 1996
eine Großkundgebung in Berlin. In Italien war der Beitritt des Landes zum ein­
heitlichen Währungsraum aufgrund der politischen Instabilität und einer ho­
hen Gesamtverschuldung ungewiss (2). In diesem heiklen politischen Umfeld
und angesichts einer Öffentlichkeit, die Vorbehalte gegenüber der Erweiterung
und der Integration hatte, musste die Santer-Kommission die großen Vorhaben
ihrer Vorgängerin wie die WWU oder die Erweiterung abschließen. Im Bereich
Soziales hatte Jacques Santer einen runden Tisch zur Beschäftigung einberufen
und das Thema auf die Tagesordnung der Regierungskonferenz von 1996 setzen
lassen. Der Generaldirektor der Generaldirektion Beschäftigung, Arbeitsbezie­
hungen und soziale Angelegenheiten Allan Larsson spielte eine entscheidende
Rolle bei der Vorbereitung der Regierungskonferenz zu diesem Thema, das auch
der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker unterstützte (3).

Die Kommission war sich der politischen und geopolitischen Tragweite der zu
treffenden Entscheidungen bewusst und übernahm eine zentrale Rolle in den
Beitrittsverhandlungen, auch wenn die Staaten großen Einfluss auf den Prozess
ausübten. Nikolaus van der Pas, von 1998 bis 1999 Leiter der Task Force „Er­
weiterung“, erklärte dazu, dass „jedes Land den Fortgang der Verhandlungen
im Sinne seiner eigenen nationalen Interessen beeinflusste. So setzte Frankreich
sich für Rumänien ein, die Skandinavier für die baltischen Staaten, und Polen
wurde von Deutschland unterstützt. Am Ende wurden sämtliche Vorsichts­
maßnahmen in Bezug auf einen Verhandlungsrhythmus, der den Staaten eine
gute Vorbereitung ermöglichen sollte, außer Acht gelassen. Der Erweiterungs­
prozess folgte also weniger einer rationalen Logik, sondern war vielmehr von
den Interessen der Nationalstaaten geleitet“ (4). Jean-Claude Juncker berichtet
über eine Begebenheit auf dem Gipfel von Luxemburg im Dezember 1997:

(1) Gerbet, P., „Traité d’Amsterdam“, Gerbet, P. (Hg.), Dictionnaire historique de l’Europe unie, a. a. O., S. 1017.
(2) Gerbet, P., La construction de l’Europe, a. a. O., S. 435.
(3) Interview mit Jean-Claude Juncker, 8. Dezember 2016.
(4) Interview mit Nikolaus van der Pas, 18. August 2017, S. 14.
44 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

„Chirac, der sehr protürkisch war, hatte Bedenken hinsichtlich eines


Beitritts Zyperns. [...] Er sagte: ‚Wir werden uns doch wohl keinen
ungelösten internationalen Konflikt in die Union holen! Du lehnst die
Türkei ab, ich Zypern.‘ Helmut Kohl, die anderen Staats- und
Regierungschefs und ich argumentierten für einen Beitritt Zyperns, er
gab jedoch nicht nach und kündigte an, Frankreich werde die Erweiterung
am Ende der Tagung des Europäischen Rates offiziell ablehnen. Ich
entschied schließlich, dass wir einen einstimmigen Beschluss brauchten.
Nach drei Stunden der Diskussionen lenkte Chirac endlich ein. Wir hatten
die Kandidatenländer vier Stunden lang auf das Mittagessen warten
lassen, das eigentlich um 13 Uhr hätte beginnen sollen, aber schließlich
auf 17 Uhr in der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg
verschoben worden war. Ich sorgte dafür, dass Chirac beim Essen neben
Glafkos Klerides, dem Präsidenten Zyperns, saß. Chirac war
fuchsteufelswild, aber am Ende herrschte schönste Eintracht.“ (1)

Trotzdem achtete die Kommission darauf, dass in den Verhandlungen Etappen


entsprechend dem Vorbereitungsstand der Länder festgelegt wurden. So konnte
den Ländern, die meinten, aus historischen Gründen beitreten zu können, zu
verstehen gegeben werden, dass eine objektive Arbeitsgrundlage bestand, dass
bestimmte Beitrittsbedingungen zu erfüllen und die einzelnen Verhandlungs­
kapitel abzuarbeiten waren. So wie die Länder Reformen durchführen mussten,
um dem Euro-Raum beizutreten, so mussten auch die beitrittswilligen Länder
klar definierte Kriterien erfüllen. Aus der Sicht der Kommission war der zu be­
treibende Reformaufwand ein Grund mehr, diese Länder beitreten zu lassen.
Alexander Italianer, späterer Generalsekretär der Kommission und damals Mit­
glied im Kabinett von Jacques Santer, bevor er Kabinettschef des Erweiterungs­
kommissars Günter Verheugen wurde, erklärte später:

„Ich spürte die Reformmüdigkeit. Daher mussten wir diesen Ländern ihre
Mühen in gewisser Weise auch lohnen: Warum sonst hätten sie Reformen
durchführen sollen?“ (2)

Der Beschluss, Beitrittsverhandlungen mit der Tschechischen Republik, Estland,


Polen, Slowenien und Ungarn aufzunehmen, wurde beim Europäischen Rat von
Luxemburg im Dezember 1997 gefasst. Auf dem Gipfel im Dezember 1998 prä­
sentierte die Kommission den Fortschritt der Verhandlungen mit den verschiede­
nen Bewerberländern. Ein Jahr später, beim Europäischen Rat von Helsinki im
Dezember 1999, beschlossen die 15 dann, auch Verhandlungen mit Bulgarien,
Lettland, Litauen, Malta, Rumänien und der Slowakei aufzunehmen. Unter den
Kommissionsmitgliedern siegte die politische Dimension über regelmäßig geäu­
ßerte Befürchtungen technischer Natur. Sowohl Hans van den Broek, Kommis­
sar für Außenbeziehungen, als auch Jacques Santer oder später Günter Verheu­
gen, Kommissar für Erweiterung, waren der Ansicht, dass die Union sich für diese
neuen Länder öffnen müsse. Jean-Claude Juncker erinnert sich an Gespräche mit

(1) Interview mit Jean-Claude Juncker, 22. Juli 2016, S. 13-14.


(2) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 45

Hans van den Broek, der für einen Beitritt der Türkei war – „eher aus transat­
lantischen als aus kontinentalen Gründen, wie es bei den Niederländern oft der
Fall ist“ (1). Julie de Groote, damals Mitglied des Kabinetts von Jacques Santer,
erläutert die Position Santers:

„Der Pflichtgedanke war wirklich Teil der Persönlichkeit Santers. Die


Union wurde nicht um Zypern und Malta erweitert, sondern um Länder,
die zwei Generationen lang von der Geschichte vernachlässigt worden
waren. Das war sein absolutes Leitmotiv. [...] Es bestand absolute
Einigkeit darüber, dass die Erweiterung eine Pflicht war.“ (2)

Alexander Italianer bestätigt dies und berichtet:

„1997 wurde innerhalb der Kommission viel darüber diskutiert, wie viele
Länder man für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfehlen
sollte. Es gab einiges Hin und Her [...], aber es wurden schließlich sicher
mehr Länder vorgeschlagen als ursprünglich gedacht. [...] Ich glaube, dies
geschah eher aus einer politischen oder geopolitischen Überzeugung
heraus. Als ehemaliger Außenminister begriff Hans van den Broek
vermutlich die geopolitische Bedeutung einer möglichst großen Gruppe,
während die ‚Techniker‘ dies für nicht machbar hielten.“ Und er fügt
hinzu: „Als ich Kabinettschef von Günter Verheugen wurde [...], der sich
sehr gut in der Geschichte auskennt“ und „die historische Aufgabe der
Einigung des Kontinents“ erkannte, „musste die GD Erweiterung
gegründet werden, die damals noch nicht existierte. Es gab einerseits die
Task Force, die die Verhandlungen führte, und andererseits die ehemalige
GD IA mit François Lamoureux und Catherine Day. Kurze Zeit später
wurde Lamoureux Generaldirektor der GD TREN (Energie und Verkehr).
Auf jeden Fall mussten die Task Force und die GD IA zusammenkommen,
da sie in gewisser Weise in Konkurrenz miteinander standen. Die GD IA
war voller Vorbehalte gegenüber den Beitritten, weil die Länder ihrer
Ansicht nach nicht bereit waren.“ (3)

Gegenüber Bulgarien und Rumänien waren diese Vorbehalte besonders stark.


Nikolaus van der Pas erinnert sich:

„Bei meinen Reisen in die Hauptstädte der mittel- und osteuropäischen


Länder hatte ich den Eindruck, dass die meisten sehr wohl in der Lage
waren, der Union beizutreten, auch wenn es nicht einfach wäre. In
Bulgarien und Rumänien dagegen hatte ich diesen Eindruck nicht.“ (4)

Aber auch bei diesen Ländern überwogen die politischen Argumente. Die Vorbe­
reitungen auf die Erweiterungsrunden von 1995 und 2004 hatten logischerweise

(1) Interview mit Jean-Claude Juncker, 16. Juni 2017, S. 16.


(2) Interview mit Julie de Groote, 29. Januar 2018, S. 16-17.
(3) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017, S. 15-17.
(4) Interview mit Nikolaus van der Pas, 18. August 2017, S. 14.
46 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

auch Folgen für die Organisation der Generaldirektionen und für das Kommis­
sionspersonal (1).

Die Santer-Kommission hat Großes für das europäische Aufbauwerk geleistet;


ihre Bilanz wird jedoch regelmäßig von dem geschlossenen Rücktritt des Kolle­
giums im Jahr 1999 überschattet, der auf einen Konflikt mit dem Europäischen
Parlament zurückzuführen war. Letzteres gewann an Einfluss, wollte seine neu­
en Befugnisse ausüben und wurde zunehmend zum Widersacher der Kommis­
sion, während die Staaten mehr und mehr selbst Initiativen ergriffen und den
Kommissionspräsidenten bei den Tagungen des Europäischen Rates nicht mehr
dieselbe Rolle wie früher spielen ließen. Neben dem Machtkampf zwischen
dem Europäischen Parlament und der Kommission war auch der Wahlsieg
von Gerhard Schröder ein weiterer bedeutender Faktor. Als dieser im Oktober
1998 sein Amt als deutscher Bundeskanzler antrat und ankündigte, dass die
Grünen das zweite deutsche Kommissionsmitglied stellen würden, verlor die
Europäische Volkspartei (EVP) jegliche Hoffnung, über einen Mittelsmann in
der Kommission zu verfügen, wodurch sich die Haltung der deutschen Gruppe
innerhalb der EVP und folglich auch die der deutschen Sozialdemokraten im
Europäischen Parlament verhärtete, die sich gegenüber Missmanagement nicht
toleranter zeigen durften (2).

Der Sturz der Kommission von Jacques Santer ereignete sich mitten in der
Kosovo-Krise, kurz vor der Bombardierung Serbiens durch die Nordatlantik­
vertragsorganisation (NATO), mitten in den Verhandlungen über die künftige
Agenda 2000 und zu einem Zeitpunkt, da sich die von nationalen Alleingän­
gen überschatteten Verhandlungen über einen mehrjährigen Finanzrahmen
dem Ende näherten. Jacques Santer hatte darauf verzichtet, die französische
Kommissarin Édith Cresson zum Rücktritt aufzufordern; sie war es, die be­
sonders im Verdacht der Miss- und Günstlingswirtschaft stand  – und deren
Rücktritt Jacques Chirac verhindern wollte. Martine Reicherts, stellvertreten­
de Kabinettschefin und ab 1998 Sprecherin der Kommission, beschreibt ihn als
jemanden, „der immer um einen Konsens bemüht war. Er war keiner, der die
Konfrontation suchte. [...] Es gab nur sehr wenige Abstimmungen im Kommis­
sionskollegium. Man versuchte wirklich immer, eine Lösung zu finden“ (3). Der
Vorfall wirkte sich jedoch negativ auf die Bilanz der Santer-Kommission aus,
die der Kommissar für Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten Yves-Thibault
de Silguy nachdrücklich verteidigt:

„Santer [...] ist ein wahrer Europäer, der sehr von seinen Kollegen
geschätzt wird [...]. Mit der Agenda 2000, die neben dem Euro das zweite

(1) Siehe Kassim, H., et al., The European Commission of the twenty-first century, Oxford University Press, Oxford, 2013,
S. 245 ff.
(2) Siehe den Vermerk „Chronologie informelle d’une crise annoncée“ aus dem Kabinett von Jacques Santer.
( ) Interview mit Martine Reicherts, 14. Dezember 2017, S. 25.
3
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 47

wichtige Vorhaben der Santer-Kommission war, hat er etwas Großes


vollbracht. Die Agenda ist auf kollegiale Weise entstanden, und die
Kommission hat gute Arbeit geleistet. Ohne diese Kommission hätte es
den Euro nicht gegeben. Ohne diese Kommission hätte es die
Agenda 2000 nicht gegeben. Und die Osterweiterung auch nicht!“ (1)

Der Rücktritt der Kommission im Jahr 1999 hinterließ jedoch tiefe Spuren und
gab den Anstoß zu einer umfassenden Verwaltungsreform unter der Verant­
wortung von Neil Kinnock, dem eigens damit betrauten Vizepräsidenten in der
Kommission von Romano Prodi.

Die Einführung des Euro, der Konvent


über die Zukunft Europas und die große
Erweiterung von 2004
Der ehemalige Wirtschaftsprofessor und italienische Ministerpräsident Roma­
no Prodi wurde am 18. September 1999 mit Unterstützung sowohl der Sozi­
aldemokraten als auch der Christdemokraten Präsident der Kommission. Ein
Zeichen, dass das Image der Kommission großen Schaden genommen hatte, war
die Tatsache, dass Romano Prodi zwei Vizepräsidenten ernannte, von denen der
eine, Neil Kinnock, für die Verwaltungsreform zuständig war und die andere,
Loyola de Palacio, für interinstitutionelle Beziehungen und Verwaltung. Dabei
hatten seine neuen Mitarbeiter genau wie diejenigen, die ihn gewählt hatten,
geraten, angesichts der anstehenden Herausforderungen – d. h. der Erweiterung
und der Einführung des Euro – Vizepräsidenten für Außenbeziehungen bzw.
für Finanzen zu ernennen. Aber die umfassende Reform der Verwaltungsstruk­
tur der Kommission wurde schnell zu einer Priorität des neuen Präsidenten.

Zu den neuen Mitgliedern des Kollegiums gehörten unter anderem Pascal


Lamy, ehemaliger Kabinettschef von Jacques Delors, für den Handel, Michel
Barnier für Regionalpolitik und die Institutionen, Mario Monti, der vom Bin­
nenmarkt zum Wettbewerb wechselte, Günter Verheugen für die Erweiterung,
Pedro Solbes Mira für Wirtschaft und Währung, Chris Patten für Außenbezie­
hungen und Franz Fischler, der weiterhin für Agrarpolitik, ländliche Entwick­
lung und Fischerei zuständig war.

Trotz der hochkarätigen Besetzung der Kommission hatte diese Mühe, ihre
frühere Machtstellung zurückzuerlangen. Dennoch gelang es ihr, neue Impulse
zu setzen. Bei der ersten Tagung des Europäischen Rates nach dem Amtsantritt

(1) Interview mit Yves-Thibault de Silguy, 5. Juli 2016. S. 23.


48 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Bild aus der Reihe „Der Euro kindgerecht erklärt“. Es werden nicht nur die Schlüsseldaten dargestellt,
sondern auch die Öffnung der gemeinsamen Währung für die Länder Mittel- und Osteuropas – zwei
große Errungenschaften, die im Zeitraum 1986-2000 vorbereitet wurden.

der neuen Kommission im Oktober 1999 in Tampere wurden die Ausarbeitung


einer gemeinsamen Asyl- und Immigrationspolitik und die Schaffung eines
wahren europäischen Rechtsraums vereinbart; hierzu sollte die Verbrechens­
bekämpfung durch Europol (Europäisches Polizeiamt) gefördert, „Eurojust“,
eine Stelle zur Koordinierung von Ermittlungen in Fällen organisierten Verbre­
chens, eingerichtet und eine Harmonisierung des Strafrechts der Mitgliedstaa­
ten angestrebt werden (1). Der spanische Ministerpräsident, José María Aznar,
hatte angesichts des baskischen Terrorismus und der Zunahme der Immigration
vor allem aus Afrika einen Sondergipfel zur inneren Sicherheit gefordert, doch
ging diese Tagung des Europäischen Rates auch auf die Kommission und die
Rede von Jacques Santer vom Oktober 1998 zu diesem Thema zurück (2). Bei
der Kommissionssitzung vom 20. Oktober 1999 begrüßten Kommissionspräsi­
dent Prodi und der für JI zuständige Kommissar António Vitorino die „guten

(1) Gerbet, P., La construction de l’Europe, a. a. O., S. 472.


(2) Boissieu, P. de, et al., a. a. O., S. 173.
Ein neues goldenes Zeitalter? Die Jahre 1986-2000 49

Ergebnisse“ des Gipfels und die Tatsache, dass „die Verhandlungsposition der
Kommission in JI-Fragen dadurch gestärkt wurde“ (1).

Zu Beginn seiner Amtszeit legte Prodi ein höchst ehrgeiziges Arbeitsprogramm


vor. In einer Rede vom März 2000 verteidigte er den Gedanken eines Euro­
pa, das die Globalisierung und die neuen Technologien meistern kann. Seiner
Ansicht nach brauchte die Union aber auch eine stärkere Gemeinsame Außen-
und Sicherheitspolitik, um in Krisen wie die auf dem Balkan besser reagieren zu
können. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen verlang­
ten nach einer weiteren Vertiefung. In Bezug auf die Menschenrechte forderte
Prodi eine Grundrechtecharta. Außerdem gehe es darum, die größte Erweite­
rung in der Geschichte des europäischen Integrationsprozesses vorzubereiten
und gleichzeitig gute Beziehungen mit den Nachbarn der Union wie Russland,
der Ukraine, den Ländern des Kaukasus oder des Maghreb sowie im östlichen
Mittelmeer aufzubauen, um eine „neue europäische Ordnung“ zu schaffen. Fer­
ner müsse die Governance reformiert und gleichzeitig über die Subsidiarität,
die Größe der Kommission, die Ausweitung der Beschlüsse mit qualifizierter
Mehrheit und die Stimmengewichtung im Rat nachgedacht werden. Die Bür­
ger der Union müssten stärker einbezogen und Europa „von den Bürgern für
die Bürger gestaltet werden“  (2). Alles in allem erschien die Rede ausgespro­
chen voluntaristisch. Die Kritik an der Methode des Präsidenten und an seiner
Kommunikation blieb denn auch nicht aus (3). In jedem Fall fielen drei wich­
tige Ereignisse der Geschichte des europäischen Aufbauwerks in die Amtszeit
der Prodi-Kommission: die Einführung der Euro-Banknoten und -Münzen im
Jahr 2002, die große Erweiterung von 2004 und der Konvent über die Zukunft
Europas (4).

Im Zeitraum 1986-2000 erhielt das europäische Aufbauwerk neuen Schwung.


Unter Jacques Delors wurden in den Jahren, die man als „goldenes Zeitalter“
bezeichnen kann (vor allem die Jahre 1986-1991), drei große Vorhaben auf den
Weg gebracht: die Vollendung des Binnenmarkts, die Wirtschafts- und Wäh­
rungsunion und die Öffnung der Union für die Länder Mittel- und Osteuropas.
Unter Jacques Santer und Romano Prodi hat die Kommission die Umsetzung
dieser Vorhaben betrieben bzw. ihre Fortführung gewährleistet, indem sie die
Verhandlungen sowohl zur Errichtung der WWU als auch zur Vorbereitung der
größten Erweiterung in der Geschichte der Union führte und die Vertiefung so­
wie die Überlegungen über die europäische Governance angesichts des Beitritts
neuer Mitgliedstaaten vorantrieb. In ihrer Agenda 2000, die auf der Tagung des
Europäischen Rates in Berlin im März 1999 angenommen wurde, betonte die

(1) AHCE, PV(1999) 1451, Sitzung vom 20. Oktober 1999, S. 19.


(2) Siehe die Rede von Romano Prodi: SPEECH/00/112, „Auf dem Weg ins neue Europa“, Forum „Dialog über Europa“,
Berlin, 30. März 2000 (http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-00-112_de.htm).
(3) Siehe beispielsweise den Artikel von Simon Taylor in European Voice vom 16. März 2000.
( ) Ruyt, J. de, a. a. O., S. 48 f.
4
50 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Kommission erneut die Notwendigkeit, die Institutionen zu reformieren, um den


Auswirkungen einer großen Erweiterung auf die Politikfelder der Union und die
finanzielle Vorausschau für den Zeitraum 2000-2006 zu begegnen. Dazu forder­
te sie eine Reduzierung der Mittel für die GAP, um durch eine Umschichtung
der Strukturfonds mehr Mittel für die neuen Mitgliedstaaten freizusetzen. Diese
Fragen sollten ebenso wie die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger für das eu­
ropäische Vorhaben auch in den Folgejahren sensible Themen bleiben.

Vincent Dujardin
Erster Teil
Die interne Arbeitsweise
der Kommission und
ihre Beziehungen zu den
anderen Organen
Foto der neuen Kommission unter dem Vorsitz von Jacques Delors,
Brüssel, 1. Januar 1993.
Von links nach rechts, vordere Reihe: Manuel Marín, Peter Schmidhuber,
Raniero Vanni d’Archirafi, João de Deus Pinheiro, Antonio Ruberti, Christiane Scrivener,
Jacques Delors, Abel Matutes, Karel Van Miert, Ioannis Paleokrassas, Sir Leon Brittan;
hintere Reihe: René Steichen, Bruce Millan, Martin Bangemann, Hans van den Broek,
Henning Christophersen und Pádraig Flynn
53

Einleitung

Die Jahre des „Big Bang“? Herzstück einer


Der Prozess der europäischen Integration ist im
sich wandelnden
Zeitraum 1986-2000 deutlich vorangeschritten. institutionellen Landschaft
Diese Entwicklungen prägten die interne Arbeits­
weise der Kommission und ihre Beziehungen zu Wenn, wie Jean Monnet sagte, „ohne die Institutio­
den anderen Organen in hohem Maße. Die Verän­ nen nichts von Dauer ist“, so war doch für ihn auch
derungen vollzogen sich zugleich in demografischer „ohne die Menschen nichts möglich“. So ist das erste
und institutioneller Hinsicht sowie im Hinblick auf Kapitel der Persönlichkeit und Vision der drei Kom­
weitere Zuständigkeiten in neuen Bereichen, auf missionspräsidenten gewidmet, die diese in ihrer je­
den Haushalt und auf Erweiterungen der Gemein­ weiligen Führungsrolle in diesem Zeitraum hatten.
schaft bzw. Union. Es handelte sich hier wohl um Am längsten dauerte mit etwas mehr als zehn Jahren
eine der einschneidendsten Phasen der Umgestal­ die Amtszeit von Jacques Delors, der drei Kollegien
tung in der Geschichte der europäischen Integra­ vorstand. Er trug dazu bei, der Kommission wieder
tion. Das Gefüge der Europäischen Union im Jahr eine Strahlkraft zu verleihen, die sie schon lange
2001 unterschied sich in der Tat deutlich von dem nicht mehr hatte, wohl schon seit der „Politik des
des Jahres 1985, wie die folgenden Kapitel zeigen. leeren Stuhls“ 1965, als Frankreich mehrere Monate
seinen Sitz im Ministerrat nicht wahrnahm und so­
mit den Entscheidungsprozess blockierte. Während
die Kommissionsmitglieder von den Mitgliedstaa­
ten entsendet wurden, war es Präsident Delors, der
die Ressorts zuteilte, auf den kollegialen Charakter
der Kommission bedacht war und für eine zentrale
Koordination durch sein Kabinett unter der Leitung
von Pascal Lamy sorgte, auf den er sich auch bei der
54 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Ausgestaltung seiner Projekte und der Bewältigung oder durch die Vertretung der Kommission vor den
heikler Situationen stützen konnte. Gerichten. So musste er immer mehr Prozessen vor
den beiden Gerichten der Gemeinschaft – dem Ge­
Unter Jacques Santer wurde die Zuteilung der Ressorts richtshof und dem Gericht erster Instanz  – gerecht
zum Gegenstand längerer Verhandlungen. Während werden, aber auch den Ersuchen aus den Generaldi­
seiner Amtszeit sorgte er dafür, dass bedeutende Pro­ rektionen (GD).
jekte wie die Erweiterung und die Wirtschafts- und
Währungsunion (WWU) weiterverfolgt wurden. Die Beziehungen zum Europäischen Parlament er­
Romano Prodi wiederum versuchte, dem Amt des forderten ebenfalls besondere Aufmerksamkeit. Dies
Präsidenten innerhalb des Kollegiums mehr Geltung lag vor allem daran, dass die Einführung des Verfah­
zu verschaffen, führte einen neuen Verhaltenskodex rens der Zusammenarbeit  – und später des Mitent­
ein und legte Wert darauf, dass die Kommissare im scheidungsverfahrens – sowie die Veränderungen des
selben Gebäude wie ihr Kabinett und ihre Verwal­ Haushaltsverfahrens dem Parlament deutlich mehr
tung untergebracht waren. Jacques Santer zeigte sich Bedeutung verliehen (1). Dabei kam es zu Spannungen
in seiner Führungsrolle weniger aktiv als sein Vorgän­ zwischen dem Parlament und der Kommission, die zu
ger, auch auf den Tagungen des Europäischen Rates. einem Kräftemessen und schließlich zum Rücktritt
Er wirkte eher als „Filter“ denn als „Katalysator“, was der Kommission Santer führten – eine Dynamik, die
nicht bedeutet, dass er nicht bestrebt gewesen wäre, schon in der Delors-Zeit ihren Anfang genommen
langfristig angelegte Visionen einzubringen. Ähnlich hatte. Bereits am 30.  September 1998 erklärte Jac­
konnte Romano Prodi, der ja als ehemaliger italieni­ ques Santer bei einem vertraulichen Treffen mit drei
scher Ministerpräsident dem Europäischen Rat ange­ Mitgliedern des Europäischen Parlaments, darunter
hört hatte, nach der Umsetzung der ambitionierten dessen Präsident Gil-Robles: „Ein interinstitutionel­
Verwaltungsreform die Dinge nicht so weit vorantrei­ ler Streit liegt nicht im Interesse unserer beiden Or­
ben, wie er es gerne getan hätte. gane.“ Die Krise von 1999 muss daher auch vor dem
Hintergrund der Bestrebungen des Parlaments be­
Während die Kommission bei der Ausarbeitung der trachtet werden, das seine Macht und seine Autorität
Einheitlichen Europäischen Akte noch eine zen­ zu behaupten suchte. In einem internen Vermerk des
trale Rolle ausfüllte, kam ihr bei den Verträgen von Kabinetts Santer am Tag nach dem Rücktritt heißt
Maastricht (unter Delors), von Amsterdam (unter es: „Es war von Anfang an klar, dass das Parlament
Santer) und von Nizza (unter Prodi) weniger Gewicht sein Recht auf einen Misstrauensantrag in Anspruch
zu, was zu einer gewissen Enttäuschung führte. Im nehmen wollte (Atomtests, BSE-Krise). Diese Krise
Übrigen kristallisierte sich in diesem Zeitraum – ge­ ist als solche bezeichnend für die große Reife des Par­
nau gesagt 1986  – der Europäische Rat als höchste laments als Organ und für seine Demokratisierung.
politische Instanz heraus und ließ Züge einer ver­ Das Parlament profiliert sich als echtes Gegengewicht
fassunggebenden Gewalt erkennen. Daneben stellte zur Kommission, und das ist zu begrüßen. Es bleibt
die Einheitliche Akte – und damit die deutliche Zu­ jedoch abzuwarten, wie die Mitgliedstaaten bzw. der
nahme der Beschlussfassung mit qualifizierter Mehr­ Rat reagieren, sobald ihnen diese Veränderung des
heit  – einen wesentlichen Faktor dar, insbesondere Kräfteverhältnisses bewusst geworden ist“  (2). Au­
als die gesetzgeberische Tätigkeit intensiviert wurde, ßerdem wurde mit dem Vertrag von Maastricht die
um den gemeinsamen Markt bis zum 31. Dezember
1992 zu vollenden. Vor diesem Hintergrund nahm
der Juristische Dienst als Hüter des Rechtsstaats eine (1) Ponzano, P., „60 ans de relations interinstitutionnelles“, Revue du droit de
führende Rolle ein, sei es durch seine Rechtsgutach­ l’Union européenne, Nr. 1, Éditions Clément Juglar, Paris, 2018, S. 110-119.
(2) Vermerk des Kabinetts Jacques Santer mit dem Titel „Chronologie infor­
ten für die Kommission und deren Dienststellen melle d’une crise annoncée“, S. 6.
Erster Teil – Die interne Arbeitsweise der Kommission und ihre Beziehungen zu den anderen Organen 55

Der 9. Mai wird erstmalig 1986 als Europatag begangen. Es ist der Jahrestag der Erklärung des damaligen französischen
Außenministers Robert Schuman, die den europäischen Einigungsprozess einläutete. Für die Europäer bietet dieser Tag die
Gelegenheit, sich zu Europa und seinen Werten zu bekennen.
56 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Amtszeit des Kollegiums auf fünf Jahre verlängert, Auswirkungen einer


sodass sie mit der Legislaturperiode des Europäischen
Parlaments übereinstimmt. Was die Kommissions­
bewegten Zeit
mitglieder betrifft, so sind ihre hohe Qualifikation
und ihre reichhaltige Erfahrung, vor allem in den Re­ Die aufeinanderfolgenden Erweiterungen wirkten
gierungen der Mitgliedstaaten, hervorzuheben. sich nachhaltig auf die Arbeitsweise der Kommission
aus: Die Zahl der Verhandlungspartner im Rat nahm
Das Generalsekretariat nahm nach dem Abgang von zu, und die Zahl der Kommissionsmitglieder stieg
Émile Noël und der Übernahme des Amtes durch wie auch die Zahl der Bediensteten. In der GD Au­
David Williamson 1987 eine neue Rolle ein und wur­ ßenbeziehungen beispielsweise wuchs die Personal­
de zu einem Dienst im Dienste der anderen Stellen. stärke in außerordentlicher Weise an. Die neuen
Die Beziehungen zwischen Pascal Lamy und dem politischen Konzepte, die gemäß den Verträgen um­
Generalsekretär, die sich zunächst schwierig gestalte­ gesetzt wurden, führten zur Einrichtung neuer Ge­
ten, entspannten sich mit der Zeit, und es ergab sich neraldirektionen (Erweiterung, Justiz und Inneres
eine neue Aufgabenteilung. Williamsons Nachfolger, sowie Bildung und Kultur), aber auch zu erheblichen
Carlo Trojan, legte besonderen Wert auf die Zusam­ Umstrukturierungen. Die Erweiterungen von 1986
menarbeit mit Niels Ersbøll, dem Generalsekretär und 1995 sowie perspektivisch die Erweiterung von
des Rates, vor allem im Hinblick auf die Sitzungen 2004 waren Thema interner Diskussionen über das
des Ausschusses der Ständigen Vertreter (AStV), bei Sprachenregime, die sowohl den Übersetzungs- als
denen es ihm gelang, sich Geltung zu verschaffen (1). auch den Dolmetschdienst betrafen. Einige, darun­
Die Reformen, die Carlo Trojan voranbringen woll­ ter auch Kommissionsmitglieder, trugen sich zwar
te, wurden jedoch durch die Krise der Kommission mit dem Gedanken, die Zahl der verwendeten Spra­
Santer ausgebremst. Weitreichende Veränderungen chen zu reduzieren, doch letztlich war es notwendig,
sollten erst später vorgenommen werden unter der dass die Sprache jedes Mitgliedstaats zu einer Amts­
Führung von Neil Kinnock, dem für die Verwaltungs­ sprache der Gemeinschaft bzw. Union wurde, vor
reform zuständigen Vizepräsidenten  – dieses Amt allem in einer Zeit, in der es darauf ankam, die euro­
tauchte damals zum ersten Mal im Organigramm päischen Organe den Bürgern näherzubringen. Zwi­
auf. In der Folge verfügten die Generalsekretäre schen Amtssprachen und Verfahrenssprachen wurde
nicht mehr über so viel Einfluss wie noch Noël oder allerdings sehr wohl unterschieden. Gleichermaßen
Williamson. Hingegen übernahm das Generalsekre­ führten die hauchdünne Mehrheit bei der Abstim­
tariat mehr und mehr eine Rolle der Koordinierung mung in Frankreich und das Nein-Votum in Däne­
zwischen den Dienststellen, was schließlich zu einer mark 1992 in der Kommission zu einem gründlichen
gewissen Zentralisierung führte – eine Entwicklung, Überdenken der Öffentlichkeitsarbeit; auch Fragen
die sich weiter fortsetzen und verstärken sollte. des Gedenkens, der Kultur und der Identität wurden
erörtert.
Die Kabinette wiederum waren mit sehr qualifizier­
tem Personal und sehr international besetzt. Sie sorg­ Die Dynamik dieser Zeit erfasste natürlich auch
ten dafür, dass Brücken zwischen den Mitgliedern des andere horizontale Dienste. Neben dem bereits ge­
Kollegiums und zwischen den Generaldirektionen nannten Juristischen Dienst machte auch Eurostat
entstanden, insbesondere durch die wöchentlichen infolge der beschleunigten europäischen Integration
Sitzungen der Kabinettchefs. eine beträchtliche Entwicklung durch und erhob Da­
ten in neuen Bereichen wie allgemeine und berufli­
che Bildung, Umwelt, Gesundheit, Beschäftigung,
(1) Interview mit Philippe de Schoutheete, 13. Juli 2016. Migration und Soziales. Angesichts der Vielzahl der
Erster Teil – Die interne Arbeitsweise der Kommission und ihre Beziehungen zu den anderen Organen 57

Akteure, aber auch der umfangreichen Herausforde­ war dagegen der Meinung, dass ihr Referat oder ihr
rungen (Binnenmarkt, WWU, Erweiterung) stellte Dienst sowie das Personalmanagement effizienter ge­
die Statistik ein äußerst wichtiges Instrument dar. worden seien (2).

Die aufeinanderfolgenden oder geplanten Erweite­ Darüber hinaus stieg angesichts der neuen Heraus­
rungen sowie die Intensivierung der gemeinsamen forderungen, die spezielle Kompetenzen erforderten,
Politik wirkten sich natürlich auf die Generaldirek­ die Zahl der europäischen Agenturen sprunghaft
tionen und das Personal aus. Die Erweiterungen von an, wobei die (dezentralisierten) Regulierungsagen­
1986 und 1995 begünstigten Veränderungen, die vor turen und die Exekutivagenturen zu unterscheiden
allem in den Bereichen der Politik für wirtschaftli­ sind. Dazu kamen dann noch, nach dem Vertrag von
chen und sozialen Zusammenhalt, der Fischereipo­ Maastricht, die Agenturen für die Gemeinsame Au­
litik und der Verstärkung der Verknüpfungen mit ßen- und Sicherheitspolitik und für die polizeiliche
dem Mittelmeerraum und Lateinamerika spürbar und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen. Fer­
waren. Auch die Aufnahme der neuen Bediensteten ner griff die Kommission vor dem Hintergrund der
und die Auswirkungen auf die Verwaltungskultur Zunahme der Politikbereiche, in denen sie tätig ist,
waren ein Thema. Es machte sich beispielsweise be­ über die Büros für Technische Hilfe mehr und mehr
merkbar, dass die nordischen Länder der Förderung auf externes Personal zurück. Trotzdem gelangte die
der Beschäftigung von Frauen besondere Aufmerk­ Kommission zu dem Schluss, dass die Personalstärke
samkeit zukommen ließen, auch wenn die ersten angesichts der zu erfüllenden Aufgaben und der zahl­
Programme in diesem Bereich bereits vor der Erwei­ reichen Akteure, mit denen sie zu tun hatte – Vertre­
terung von 1995 eingeführt worden waren. Zugleich ter der Mitgliedstaaten, Lobbyisten und Nichtregie­
wurden verschiedene Verwaltungsreformen in Gang rungsorganisationen –, nicht ausreichte. So heißt es
gebracht und nach den Ereignissen von 1999 abge­ in einem Bericht von 1999 mit dem Titel „Die Kom­
schlossen. Sie sollten eine dynamischere Verwaltung mission von morgen entwerfen“: „Der Rat und das
der Ressourcen mithilfe eines neuen Management­ Parlament verlangen von der Kommission – oder er­
programms ermöglichen. Bereits 1997 hieß es in legen es ihr auf –, dass sie in verschiedenen Politikbe­
Commission en direct: „Was die tägliche Arbeit be­ reichen zusätzliche Aufgaben übernimmt, erkennen
trifft, so soll MAP  2000 (Programm zur Moderni­ aber in ihrer Eigenschaft als Haushaltsbehörden nur
sierung der Verwaltung und der Personalpolitik mit zögerlich den damit verbundenen Bedarf an Mitteln
Blick auf 2000) uns das Leben erleichtern. Weniger an“ (3). Was die Frage des Sitzes betrifft, so wurde sie
Bürokratie bedeutet weniger Zeitverlust und Ener­ 1992 auf dem Europäischen Rat in Edinburgh gelöst
gieverschwendung für Maßnahmen, die manchmal und war dann Gegenstand eines Zusatzprotokolls
nutzlos sind“ (1). In der Kommission waren die Re­ zum Vertrag von Amsterdam von 1997.
aktionen auf die Reformen gemischt. Eine interne
Umfrage ergab, dass nach Auffassung von mehr als Vincent Dujardin
der Hälfte der befragten Beamten das Organ büro­ Dieter Schlenker
kratischer geworden sei; etwas mehr als ein Viertel

(2) Kassim, H., et al., The European Commission of the twenty-first century, Ox­
ford University Press, Oxford, 2013, S. 224-225.
(3) AHUE, DORIE 392, Europäische Kommission, Generalinspektion der
­Dienststellen, „Dessiner la Commission de demain – Examen de l’organisa­
(1) Commission en direct, Sonderausgabe „MAP 2000“, 30. April 1997, S. 1. tion et du fonctionnement de la Commission“, Brüssel, 7. Juli 1999, S. 32.
59

Kapitel 1

Die Führung der Kommission


1.1. Drei Männer, eine gen Kapiteln zu Delors‚ Santer und Prodi behandelt
Aufgabe: die Präsidenten werden. Stattdessen werden die drei Präsidentschaf­
ten aus vergleichender Perspektive betrachtet und in
der Europäischen einer weitgehend thematischen Analyse Ähnlich­
Kommission keiten und Unterschiede zwischen den drei Präsi­
denten aufgezeigt. Es beginnt mit einem Überblick
über die Dauer ihrer Amtszeit und die Art und
Die Europäische Kommission hat seit ihrer Grün­ Weise ihrer Ernennung durch die Mitgliedstaaten,
dung im Jahr 1958 ständig an Bedeutung gewon­ wobei auch darauf einzugehen ist, wie sich Nomi­
nen, und mit dieser zunehmend wichtigen Rolle nierungsverfahren und -praxis in dieser Zeit verän­
sind im Laufe der Zeit auch die Aufgaben der Per­ dert haben. Anschließend wird der Blick auf eini­
son an ihrer Spitze, des Kommissionspräsidenten, ge politische und soziodemografische Aspekte der
gewachsen. Durch diesen allmählichen Prozess der Amtszeiten von Delors‚ Santer und Prodi gerichtet
„Präsidentialisierung“ hat er in der Politik und in und versucht, die positiven, die schädlichen und
der Entscheidungsfindung der Kommission immer die vielleicht unentbehrlichen Elemente ihrer Prä­
mehr Gewicht gewonnen. sidentschaft herauszuarbeiten. Abschließend wird
erörtert, inwieweit eine „Präsidentialisierung“ ihrer
Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die drei Rolle stattgefunden hat und vor welchem Hinter­
Kommissionspräsidenten des Zeitraums 1986- grund dies geschehen ist.
2000: Jacques Delors, Jacques Santer und Romano
Prodi. Da Romano Prodi erst im September 1999
ernannt wurde, liegt der Schwerpunkt etwas stärker Dauer der Amtszeit und Ernennungen
auf den beiden anderen Präsidenten. In diesem Ka­
pitel werden nicht (in chronologischer Folge) bio­ Von den bisherigen zwölf Kommissionspräsidenten
grafische Details aufgeführt, da diese in den jeweili­ (von Hallstein bis Juncker) war Delors mit etwas
60 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

mehr als zehn Jahren (1985-1995) am längsten im Präsidenten jedoch weitgehend von den großen Mit­
Dienst. Er liegt mit einem Monat Vorsprung nur ganz gliedstaaten geprägt.
knapp vor José Manuel Barroso (2004-2014). Delors
ist aber nicht nur der Präsident mit der längsten Amts­ Dies war seit Gründung der Europäischen Gemein­
zeit, sondern führte auch die meisten Kommissionen, schaften im Jahr 1958 der Fall und auch Mitte der
nämlich insgesamt drei (Hallstein und Barroso führ­ 1980er-Jahre, als Delors zum Nachfolger des Luxem­
ten jeweils zwei, alle anderen eine Kommission). Die burgers Gaston Thorn ernannt wurde. Die Bundesre­
letzte Delors-Kommission war als unmittelbare Folge publik Deutschland und das Vereinigte Königreich
geänderter Verfahren nur sehr kurz im Amt. Im Jahr spielten dabei eine entscheidende Rolle. Bundes­
1958 war die Amtszeit der Kommission zunächst auf kanzler Helmut Kohl und Premierministerin Mar­
vier Jahre festgelegt worden, wurde durch den Vertrag garet Thatcher weigerten sich, den ursprünglichen
von Maastricht (1993) aber auf fünf Jahre verlängert, Kandidaten des französischen Staatspräsidenten
um sie an die Legislaturperiode des Europäischen François Mitterrand, Claude Cheysson‚ zu akzep­
Parlaments anzupassen. Dies hatte unmittelbare Aus­ tieren, und schlugen stattdessen Delors vor. Delors
wirkungen für Delors‚ der nach Ablauf seiner zweiten hatte als Finanzminister unter Mitterrand die fran­
Amtszeit noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Par­ zösische Wirtschaft und die Staatsfinanzen refor­
lamentswahlen im Jahr 1994 im Amt blieb. miert und durch sein entschiedenes Auftreten ihr
Vertrauen gewonnen. Mitterrand gab den Wünschen
Santer hatte nur eine Amtszeit, die etwas länger als Deutschlands und des Vereinigten Königreichs nach.
vier Jahre (1995-1999) dauerte. Seine Präsidentschaft Piers Ludlow merkt an: „Nachdem Großbritannien,
sollte eigentlich fünf Jahre betragen, doch trat seine Deutschland und [schließlich auch] Frankreich sich
Kommission im März 1999 vorzeitig zurück, nach­ geeinigt hatten, hatten die kleineren Länder, und
dem Vorwürfe des Missmanagements laut geworden insbesondere die Benelux-Staaten, die die Kandida­
waren  (1). Dies war das erste und bisher einzige Mal, tur von Étienne Davignon unterstützt hatten‚ nichts
dass eine Kommission unter Zwang abtreten muss­ mehr zu melden“ (3).
te  (2). Unmittelbar danach kehrte die Santer-Kom­
mission kurz ins Amt zurück, allerdings ohne Jacques Dies war nicht das erste – und sicherlich nicht das letz­
Santer; der Spanier Manuel Marín fungierte bis zur te – Mal, dass die Wünsche der kleineren Mitglied­
Einsetzung der Prodi-Kommission im September staaten ignoriert wurden. Die offiziell erforderliche
1999 als Interimspräsident. Einstimmigkeit der Regierungen bei der Ernennung
des Kommissionspräsidenten sollte daher nicht allzu
Von den Römischen Verträgen (1957) bis zum Vertrag wörtlich genommen werden. Zumindest bis Anfang
von Maastricht (1993) waren für die Nominierung der 2000er-Jahre war es schlichtweg nicht möglich,
und endgültige Ernennung des Kommissionspräsi­ einen Kommissionspräsidenten ohne die Unterstüt­
denten die Regierungen der Mitgliedstaaten  – seit zung von mindestens Deutschland und Frankreich
1974 der Europäische Rat – zuständig. Die endgültige und  – seit 1973  – des Vereinigten Königreichs zu
Entscheidung wurde gemäß Artikel 158 des Vertrags nominieren. Insbesondere die Zustimmung des deut­
von Rom im gegenseitigen Einvernehmen getroffen. schen Bundeskanzlers war unverzichtbar.
In der Praxis war das Verfahren zur Ernennung des

(1) Siehe Kapitel 8.3 „Von einer Liebesaffäre zum Showdown: Beziehungen
zum Europäischen Parlament“. (3) Ludlow, N.  P., „Jacques Delors (1985-1995): navigating the European
(2) Tomkins, A., „Responsibility and resignation in the European Commis­ ­stream at full flow“, Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.), An impossible
sion“, The Modern Law Review, Bd.  62, Nr.  5, Blackwell, Oxford, 1999, job? – The Presidents of the European Commission, 1985-2014, John Harper
S. 744-765. Publishing, London, 2015, S. 177.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 61

Treffen des Kommissionspräsidenten Jacques Delors (links) mit seinem designierten Nachfolger
Jacques Santer (rechts), damals Premierminister und Finanzminister Luxemburgs

Dies war auch bei dem sehr komplizierten Ernen­ Santer zu, der wie die beiden anderen Kandidaten ein
nungsverfahren vor dem Amtsantritt von Jacques Christdemokrat mit Erfahrung als Premierminister
Santer im Jahr 1995 der Fall. Santer war eindeutig war und ebenfalls aus einem Benelux-Land stamm­
eine Kompromisslösung, nachdem zwei andere Kan­ te  (2). Jetzt erhielt Kohl mit seinem Vorschlag nicht
didaten abgelehnt worden waren. Zunächst blockier­ nur die Unterstützung Frankreichs, sondern auch des
te Bundeskanzler Kohl den Niederländer Ruud Lub­ Vereinigten Königreichs (3).
bers, der sich durch sein eigenwilliges Verhalten und
insbesondere wegen seiner offen vorgebrachten Vor­ Paradoxerweise war die Ernennung Santers trotz
behalte gegen die deutsche Wiedervereinigung den der immer noch dominierenden Rolle der (großen)
Unwillen des Kanzlers zugezogen hatte. Anschlie­ Mitgliedstaaten nicht mehr alleiniges Vorrecht des
ßend legte der britische Premierminister John Major Europäischen Rates. Kurz zuvor war im Vertrag von
sein Veto gegen den belgischen Kandidaten Jean-Luc Maastricht festgelegt worden, dass nach der Nominie­
Dehaene ein, der von Kohl und Mitterrand unter­ rung durch den Rat auch das Europäische Parlament
stützt, von Major jedoch als „bekennender Födera­ in seiner neuen Zusammensetzung einige Wochen
list“ mit „Hang zur Zentralisierung“ abqualifiziert nach den Europawahlen (vom Juni 1994) einbezogen
wurde  (1). Nach der Ablehnung von Lubbers und werde. Sein Artikel 158 lautet: „Die Regierungen der
Dehaene ging Kohl schließlich auf den Luxemburger

(2) Siehe Biografie von Jacques Santer in diesem Band; siehe auch Interview mit
(1) Werts, J., The European Council, John Harper Publishing, London, 2008, Jim Cloos, 4. Juli 2016, S. 19 f.
S.  136; siehe auch Interview mit Philippe de Schoutheete, 13.  Juli 2016, (3) Eppink, D.-J., Life of a European mandarin – Inside the Commission, Lan­
S. 17. noo Uitgeverij, Tielt, 2007, S. 234-239.
62 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 1
ABSTIMMUNGEN IM EUROPÄISCHEN PARLAMENT ÜBER PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN,
1994-1999

Kandidat Datum „Ja“-Stimmen Gegenstimmen Enthaltungen


Santer 21. Juli 1994 260 238 23

Prodi (*) 17. September 1999 426 134 32


(*) Nicht berücksichtigt ist die Abstimmung über die Ernennung Prodis als Präsident für die verbleibende Amtszeit der Santer-Kommission am
5. Mai 1999.

Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.), An impossible job? – The Presidents of the European Commission, 1985-2014, John Harper Publi-
shing, London, 2015, S. 283 (adaptiert).

Mitgliedstaaten benennen nach Anhörung des Euro­ Diese erste „Parlamentarisierung“ des Auswahlprozes­
päischen Parlaments im gegenseitigen Einvernehmen ses hatte wichtige Folgen und würde – zumindest im
die Persönlichkeit, die sie zum Kommissionspräsiden­ Prinzip  – die Unabhängigkeit des Kommissionsprä­
ten zu ernennen beabsichtigen.“ Formell behielt der sidenten gegenüber den Mitgliedstaaten stärken  (4).
Rat sein Monopol über die Ernennung des Präsiden­ Gleichzeitig wurde natürlich auch der Einfluss des
ten, in der Praxis hat das Europäische Parlament sein Europäischen Parlaments im Nominierungsverfahren
De-jure-Recht auf Konsultation jedoch sehr rasch in gestärkt. „Damit konnte das EP den Mitgliedstaaten
ein De-facto-Recht auf Erteilung seiner Zustimmung mit seinem Veto gegen Kandidaten für den Kommis­
umgewandelt  (1). Das Parlament beschränkte sich sionspräsidenten drohen, die sich nicht als glaubwür­
nicht auf Beratung, sondern beschloss, über den Prä­ dige ‚europäische‘ Kandidaten präsentieren würden“,
sidentschaftskandidaten abzustimmen. wie es der deutsche Politikwissenschaftler Arndt
Wonka ausdrückte. Damit gewannen auch die Par­
Der erste Kandidat, dessen Kandidatur Gegenstand lamentsfraktionen an Bedeutung: „Das Europäische
einer solchen parlamentarischen Entscheidung war, Parlament stärkt bei der Ernennung der Kommission
war Santer. Er überstand das Vertrauensvotum im die Bedeutung der Parteizugehörigkeit“ (5).
Europäischen Parlament, wenn auch nur knapp (sie­
he Tabelle 1), und hatte dies vor allem der Unterstüt­ Auf diese Weise begann die Parteipolitik im Europäi­
zung der Europäischen Volkspartei zu verdanken, der schen Parlament eine immer wichtigere Rolle zu spie­
er selbst angehörte  (2). Der britische Politikwissen­ len; im Europäischen Rat war dies deutlich weniger
schaftler Simon Hix schreibt: „Zum ersten Mal im der Fall. Die politische Orientierung der deutschen,
klassischen parlamentarischen Modell war der Präsi­ französischen und britischen „Königsmacher“ war im
dent der Kommission jetzt auf die Unterstützung ei­ Ernennungsverfahren kein entscheidender Faktor. So
ner parlamentarischen Mehrheit angewiesen, um sein sorgte der Christdemokrat Kohl mit Unterstützung
Amt antreten zu können“ (3). der Konservativen Thatcher für die Ernennung des
Sozialdemokaten Delors. Zehn Jahre später unter­
stützte der Sozialist Mitterrand die Ernennung des
Christdemokraten Santer, während 1999 der fran­
(1) Hix, S., „Constitutional agenda-setting through discretion in rule interpre­
tation: why the European Parliament won at Amsterdam“, British Journal
of Political Science, Bd. 32, Nr. 2, Cambridge University Press, Cambridge, (4) Spence, D., „The President, the college and the cabinets“, Spence, D., und
2002, S. 276 f. Edwards, G. (Hg.), The European Commission, John Harper Publishing,
(2) Hix, S., und Lord, C., „The making of a President: the European Parliament London, 2006, S. 31.
and the confirmation of Jacques Santer as President of the Commission“, (5) Wonka, A., Delegation and abdication? The appointment of European
Government and Opposition, Bd.  31, Nr.  1, Cambridge University Press, Commissioners and its policy implications, Reihe „Working Papers“, Nr. 84,
Cambridge, 1996, S. 62-76. Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Mannheim,
( ) Hix, S., 2002, a. a. O., S. 265.
3
2004, S. 11.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 63

zösische Staatspräsident und Mitte-rechts-Politiker Der Eigenschaften der Präsidenten


Jacques Chirac dem Mitte-links-Kandidaten Roma­
no Prodi zustimmte. Die drei großen Mitgliedstaaten Nach Beschreibung der Art und Weise, wie Delors,
wurden zum Zeitpunkt der Ernennung von Kommis­ Santer und Prodi ausgewählt und ernannt wurden,
sionspräsidenten nur selten von Regierungen dersel­ werden nun einige ihrer persönlichen Eigenschaften
ben politischen Familie regiert, sodass Kompromisse beleuchtet und dabei sowohl politische als auch so­
und ein gewisser Pragmatismus gefragt waren. ziodemografische Aspekte betrachtet (2). Welche Art
von Mensch waren sie? Woher kamen sie, und wie
Im Vergleich zu den zahlreichen Schwierigkeiten waren sie politisch verortet? Hatten sie gute Sprach­
vor Beginn der Präsidentschaft von Santer verlief kenntnisse vorzuweisen? Welches Geschlecht und
der Amtsantritt von Romano Prodi im Jahr 1999 welches Alter hatten sie? Welche Ausbildung hatten
bemerkenswert glatt. Nach dem glanzlosen Abtritt sie durchlaufen, und wo standen sie in ihrer Karriere,
der Santer-Kommission bemühten sich die Staats- ehe sie ihr Amt antraten? Wohin gingen sie, nach­
und Regierungschefs um Schadensbegrenzung für dem sie es wieder abgelegt hatten? Lassen sich hier
die EU-Organe und schafften es, den neuen Kandi­ bestimmte Muster erkennen?
daten innerhalb kürzester Frist zu ernennen. Prodi
(Mitte-links) wurde von seinen politischen Freunden,
Staatsangehörigkeit, Sprachkenntnisse und
dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder
politische Zugehörigkeit
und dem britischen Premierminister Tony Blair, und
mit Unterstützung des französischen Staatspräsiden­ Die Ernennungen von Delors (Frankreich), Santer
ten Chirac nominiert. Wie im Fall von Delors waren (Luxemburg) und Prodi (Italien) zeigen, dass zu
die kleineren Mitgliedstaaten durch die rasche No­ diesem Zeitpunkt die „Gründerstaaten“ der Europä­
minierung überrascht: Der italienische Ministerprä­ ischen Union bei der Besetzung des Amtes des Kom­
sident Massimo D’Alema ließ durchblicken, dass die missionspräsidenten nach wie vor sehr gut vertreten
„großen Drei“ (Berlin, Paris und London) die Kan­ waren. Bis dahin war es lediglich Roy Jenkins (1977-
didatur von Prodi im gegenseitigen Einvernehmen 1981) aus dem Vereinigten Königreich gelungen, die
vorbereitet hatten (1). Prodi erhielt das Vertrauen des Hegemonie der sechs ursprünglichen Mitgliedstaa­
Europäischen Parlaments in triumphaler Weise und ten zu durchbrechen.
mit einer überwältigenden Mehrheit  – im krassen
Unterschied zu dem knappen Ergebnis von Santer Insbesondere Frankreich nahm eine herausragende
(siehe Tabelle 1). Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, Stellung ein. Seit Errichtung der ersten europäischen
der in hohem Maße von den Stimmen seiner politi­ Organe (Januar 1958) bis Ende 2000 (d. h. in einem
schen Freunde abhing, erhielt Prodi sowohl von der Zeitraum von insgesamt 43 Jahren) wurde die Kom­
Sozialdemokratischen Partei Europas als auch von der mission mit Ortoli und Delors mehr als 14 Jahre lang
christdemokratischen Europäischen Volkspartei und (33 %, siehe Tabelle 2) durch französische Präsiden­
damit von den einflussreichsten Fraktionen des Parla­ ten geführt. Dieses französische Übergewicht wird
ments Rückendeckung. noch deutlicher, wenn man auch betrachtet, welche
Sprache gesprochen wurde: Mit Rey‚ Thorn und
Santer kamen drei weitere Präsidenten aus den mehr­

(2) Siehe auch MacMullen, A., „European Commissioners 1952-1995: natio­


(1) Martens, W., Europe: I struggle, I overcome, Springer, Dordrecht, 2008, nal routes to a European elite“, Nugent, N. (Hg.), At the heart of the Uni-
S. 153 f.; Hix, S., What’s wrong with the European Union and how to fix it, on – Studies of the European Commission, 2. Ausgabe, Palgrave Macmillan,
Polity Press, Cambridge, 2008, S. 156; Werts, J., a. a. O., S. 96. Basingstoke, 2000, S. 28-50.
64 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 2
GESAMTZEITRAUM DER PRÄSIDENTSCHAFT NACH MITGLIEDSTAAT,
1. JANUAR 1958 BIS 31. DEZEMBER 2000 (*)

Als Prozentsatz des Zeitraums


Land Zeitraum in Jahren und Monaten 1958-2000
Frankreich 14 Jahre 1 Monat 33,0

Bundesrepublik Deutschland 9 Jahre 6 Monate 22,5

Luxemburg 8 Jahre 2 Monate (**) 19,0

Vereinigtes Königreich 4 Jahre 9,5

Belgien 3 Jahre 7,0

Italien 3 Jahre (***) 7,0

Niederlande 9 Monate 2,0


(*) Die Zahlen sind gerundet. Im Jahr 1999 war Manuel Marín während sechs Monaten Interimspräsident, seine Präsidentschaft wurde jedoch
nicht in der Tabelle erfasst.
(**) Die Amtszeit von Juncker (2014-) ist nicht erfasst.
(***) Erfasst ist nur der erste Teil der Präsidentschaft von Prodi bis zum 31. Dezember 2000..

Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G.(Hg.), a. a. O., S. 288 (adaptiert).

heitlich oder teilweise frankophonen Ländern Belgi­ zu kommunizieren. Dies machte sie jedoch nicht zu
en und Luxemburg. Die Ernennung von Santer war den erfolgreichsten Kommissionspräsidenten. Delors
auch der Tatsache zu verdanken, dass er als Vermitt­ hingegen war nicht gerade für sein Sprachtalent be­
ler zwischen Deutschland und Frankreich, d. h. zwei kannt, erwies sich aber als überzeugender Kommu­
Ländern, die eine gemeinsame Grenze mit Luxem­ nikator sowohl inner- als auch außerhalb Brüssels.
burg haben, dienen konnte. Von 1958 bis 2000 hatte Auch wenn es sich nicht um einen entscheidenden
die Kommission somit etwa 25 Jahre lang Präsiden­ Auswahlfaktor handelt, scheinen Sprachkenntnisse
ten mit der Muttersprache Französisch (fast 60 % der in jüngerer Vergangenheit in einer sich ständig er­
Zeit). Dies hatte eine weitere logische Folge: In den weiternden EU im Vergleich zu früher zunehmend
ersten Jahrzehnten war Französisch innerhalb der an Bedeutung zu gewinnen. Einige Enttäuschungen
Kommission die Hauptarbeitssprache, und das galt während der Präsidentschaft von Prodi waren unter
zumindest bis zu den Erweiterungen der 1990er- und anderem auf seine Schwierigkeiten bei der Kommu­
2000er-Jahre, durch die sich die Balance schrittweise nikation mit dem Personal, Kollegen (anderer Natio­
dem Englischen zuneigte. nalität) und der Presse zurückzuführen (1)‚ während
bei der Ernennung seiner Nachfolger Barroso und
Die Fähigkeit, sich in Fremdsprachen fließend aus­ Juncker diese mit Sicherheit davon profitierten, dass
zudrücken, erleichtert die interne und externe Kom­ sie mindestens drei moderne europäische Sprachen
munikation, dient der glaubwürdigen Wahrneh­ beherrschten (2).
mung repräsentativer Aufgaben und hilft somit bei
der ordnungsgemäßen Ausübung des Amtes eines Bis zum Jahr 2000 waren drei der zehn Präsidenten
Kommissionspräsidenten. Mehrsprachigkeit war je­ Christdemokraten (u. a. Santer), drei Sozialdemokra­
doch nie ein entscheidendes Kriterium, weder für
die Nominierung der Kandidaten noch für eine er­
(1) Interview mit Yves Franchet, 16. September 2016, S. 24.
folgreiche Präsidentschaft. Die Präsidenten aus den (2) Siehe Olsson, E.-K., und Hammargård, K., „The rhetoric of the President of
Benelux-Ländern – und somit auch Santer – waren the European Commission: charismatic leader or neutral mediator?“, Jour-
nal of European Public Policy, Bd. 23, Nr. 4, Routledge, Abingdon, 2016,
alle in der Lage, in verschiedenen Fremdsprachen S. 550-570; siehe Biografie von Romano Prodi in diesem Band.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 65

TABELLE 3
GESAMTZEITRAUM DER PRÄSIDENTSCHAFT NACH POLITISCHER ZUGEHÖRIGKEIT,
1. JANUAR 1958 BIS 31. DEZEMBER 2000

Zeitraum in Jahren und Als Prozentsatz des Zeitraums


Politische Zugehörigkeit Monaten 1958-2000
Sozialdemokraten und Mitte-links (*) 16 Jahre 9 Monate 39

Christdemokraten 15 Jahre 6 Monate 36

Liberale 7 Jahre 16

Gaullisten 4 Jahre 9
(*) Erfasst ist nur der erste Teil der Präsidentschaft von Prodi bis zum 31. Dezember 2000.

Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.), a. a. O., S. 289 (adaptiert).

ten (u. a. Delors), einer mitte-links (Prodi)‚ zwei Libe­ zelnen Mitglieder: Drei Jahrzehnte lang bestand das
rale (Rey und Thorn) und einer Gaullist (Ortoli). In Kollegium der Kommissare nur aus Männern. Erst in
diesem Zeitraum hatten also genauso viele Christde­ der zweiten Delors-Kommission im Jahr 1989 wurden
mokraten wie Sozialdemokraten die Präsidentschaft auch Kommissarinnen ernannt. Der Anteil der Frau­
inne; bei der Amtszeit dominieren jedoch die Sozial­ en stieg stetig von 12 % in dieser Delors-Kommission
demokraten, vor allem, wenn man auch Prodi mit sei­ bis auf 25 % in der Prodi-Kommission. Die erste weib­
ner Mitte-links-Orientierung den Sozialdemokraten liche Vizepräsidentin, Loyola de Palacio‚ wurde 1999
zurechnet (siehe Tabelle 3). Im Zeitraum 1958-2000 in der Prodi-Kommission ernannt.
hatte die Kommission während fast 17 Jahren – und
damit über 15 Monate länger als die rivalisierenden Das Durchschnittsalter der Präsidenten betrug zum
Christdemokraten – einen sozialdemokratischen Prä­ Zeitpunkt ihres Amtsantritts fast 56 Jahre. Die drei in
sidenten. Dies würde sich im Jahr 2004 mit den Nach­ diesem Kapitel behandelten Präsidenten waren etwas
folgern von Prodi deutlich ändern. Mit den Präsiden­ älter: Delors war 59 Jahre alt, als er in Brüssel ankam,
ten Barroso und Juncker haben die Christdemokraten Santer 58 und Prodi 60. In allen drei Fällen lag das Al­
die Sozialdemokraten deutlich überholt. ter des Präsidenten über dem Durchschnittsalter des
Kollegiums der Kommissionsmitglieder (siehe Abbil­
dung 1). Dies gilt in besonderem Maße für die dritte
Geschlechtszugehörigkeit, Alter,
von Delors geleitete Kommission‚ zu deren Beginn
Ausbildung und Karriere
er 67 Jahre alt war. Das Alter des Präsidenten kann
Auch wenn sich die Präsidenten im Hinblick auf ihre im Hinblick auf das Funktionieren des Kollegiums
Staatsangehörigkeit und politische Familie unter­ durchaus eine Rolle spielen. Ein Präsident, der älter
scheiden, weisen sie in vielerlei Hinsicht doch Gemein­ ist als das durchschnittliche Kommissionsmitglied,
samkeiten auf. Betrachtet man das Profil des durch­ ist wahrscheinlich auch erfahrener, und das kann sei­
schnittlichen Kommissionspräsidenten seit 1958, so ist ne Position und sein Ansehen unter seinen Kollegen
dies ein Mann mittleren Alters mit Ausbildung zum stärken.
Juristen, der aus einem der Gründungsmitgliedstaaten
stammt und umfangreiche Erfahrungen in der natio­ Akademischer Hintergrund des (künftigen) Präsi­
nalen Politik und in der Regierung vorweisen kann. denten der Kommission war meistens ein Jurastu­
dium, gefolgt von Wirtschaftswissenschaften (siehe
Seit Gründung der Kommission waren alle ihre Präsi­ Tabelle 4, dritte Spalte). Die drei Protagonisten die­
denten Männer. Lange Zeit galt dies auch für die ein­ ses Kapitels sind hier keine Ausnahme. Der junge
66 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

ABBILDUNG 1
DURCHSCHNITTSALTER DER KOMMISSIONSPRÄSIDENTEN UND DER KOMMISSION INSGESAMT ZUM
ZEITPUNKT IHRER BILDUNG, 1958-2014

Alter des Kommissionspräsidenten bei Amtsantritt Durchschnittsalter des Kollegiums der Kommission

70

60

50

40

30
Rey
Hallstein I

Malfatti

Ortoli

Thorn

Prodi
Hallstein II

Mansholt

Jenkins

Delors I

Delors II

Delors III

Santer

Barroso I

Barroso II

Juncker
Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.)‚ a. a. O., S. 290 (adaptiert).

TABELLE 4
AKADEMISCHER HINTERGRUND UND BIS DAHIN HÖCHSTRANGIGES AMT DER
KOMMISSIONSPRÄSIDENTEN, 1958-2014

Beginn der Kommissions­ Hochschulstudien Höchste vorherige Position


Präsidentschaft präsident
1958 Hallstein Rechtswissenschaften Staatssekretär für auswärtige
Angelegenheiten

1967 Rey Rechtswissenschaften Wirtschaftsminister

1970 Malfatti Selbststudium Minister für staatliche Beteiligung

1972 Mansholt Selbststudium Landwirtschaftsminister

1973 Ortoli Rechts- und Wirtschafts- und Finanzminister


Verwaltungswissenschaften

1977 Jenkins Philosophie, Politik- und Schatzkanzler


Wirtschaftswissenschaften

1981 Thorn Rechtswissenschaften Premierminister

1985 Delors Wirtschaftswissenschaften Wirtschafts- und Finanzminister

1995 Santer Rechts- und Premierminister


Wirtschaftswissenschaften

1999 Prodi Rechts- und Premierminister


Wirtschaftswissenschaften

2004 Barroso Rechts- und Politikwissenschaft/ Premierminister


Europastudien

2014 Juncker Rechtswissenschaften Premierminister

Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.)‚ a. a. O., S. 291 (adaptiert); siehe auch Wille, A., The normalization of the European Commission:
politics and bureaucracy in the EU executive, Oxford University Press, Oxford, 2013, S. 62.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 67

TABELLE 5
ALTER BEI AUSSCHEIDEN ALS KOMMISSIONSPRÄSIDENT UND HÖCHSTRANGIGE SPÄTERE
POSITIONEN

Präsident Alter bei Ausscheiden Höchste Position(en) nach der Präsidentschaft


Hallstein 65 Präsident der Europäischen Bewegung/MdB (CDU/CSU)

Rey 67 Mitglied des Europäischen Parlaments

Malfatti 44 Minister für Bildung/Minister für Finanzen/Minister für auswärtige


Angelegenheiten

Mansholt 64 Vorsitzender des Humanistischen Friedensrates

Ortoli 51 Kommissar für Wirtschaft und Finanzen/Generaldirektor des


Mineralölunternehmens Total

Jenkins 60 Gründer und einer der Führer der Sozialdemokratischen Partei

Thorn 56 Vorsitzender der Compagnie Luxembourgeoise de Télédiffusion

Delors 69 Gründer und Präsident des Think-Tanks „Notre Europe“

Santer 61 Mitglied des Europäischen Parlaments

Prodi 65 Ministerpräsident

Barroso 58 Nicht exekutiver Präsident von Goldman Sachs

Quelle: Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.)‚ a. a. O., S. 292 (adaptiert).

Delors belegte parallel zu seiner frühen Laufbahn bei Spalte). Delors diente seinem Heimatland als Minis­
der Banque de France in Paris Abendkurse in Wirt­ ter für Wirtschaft und Finanzen; Santer und Prodi
schaftswissenschaften; Santer studierte Rechts- und waren, bevor sie nach Brüssel gingen, bereits Premier­
Wirtschaftswissenschaften in Straßburg und Paris; minister. Abgesehen von Delors waren seit 1981 alle
Prodi belegte die gleichen Fächer in Mailand und Präsidenten vorher Staats- und Regierungschefs; vor
London (London School of Economics). Angesichts 1981 war dies nie der Fall. Darüber hinaus konnten
der raschen Entwicklung und des zunehmenden Ge­ sowohl Delors als auch Santer Erfahrung im Parla­
wichts des europäischen und internationalen Rechts ment vorweisen: Delors war vor Antritt seines Mi­
und in Anbetracht der Rolle der Kommission als nisteramts in Paris Mitglied des Europäischen Par­
Hüterin der europäischen Verträge und des gemein­ laments. Santer war Mitglied des luxemburgischen
schaftlichen Besitzstands sprachen Jurakenntnisse Parlaments und des Europäischen Parlaments (und
und rechtliches Fachwissen eindeutig für die Kandi­ kehrte unmittelbar nach seiner Kommissionspräsi­
daten. Auch eine solide wirtschaftliche Ausbildung dentschaft ins Europäische Parlament zurück).
wurde bei der Errichtung und in der Frühphase der
Umsetzung der Wirtschafts- und Währungsunion, Die Karriere nach der Kommissionspräsidentschaft
einschließlich der Einführung des Euro, als unerläss­ hing weitgehend – und logischerweise – vom Alter
lich erachtet. der Person nach dem Amt in Brüssel ab: Je jünger der
scheidende Präsident, desto hochrangiger die kom­
Die Präsidenten der Kommission haben ihre Erfah­ menden Aufgaben. Die Ausnahme war Prodi‚ der
rungen vor allem in Politik und Verwaltung ihres zwei Jahre nach seinem Ausscheiden als Kommissi­
Herkunftslandes gesammelt (siehe Tabelle  4, letzte onspräsident im relativ fortgeschrittenen Alter von
68 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

67 Jahren wieder italienischer Premierminister wur­ könne alle Fantasie der Welt keinen europäischen
de (siehe Tabelle 5). Premierminister machen (3).

In Ermangelung eines institutionell-konstitutionel­


Der Prozess der „Präsidentialisierung“
len Sicherheitsnetzes spielten bei der Führung der
In der jüngsten Literatur zu diesem Thema wird Kommission lange Zeit persönliche Autorität und
mitunter festgestellt, dass die Position des Kommis­ persönliches Ansehen eine wesentliche Rolle (4). Ab
sionspräsidenten im Laufe der Zeit immer wichtiger Mitte der 1980er-Jahre war Jacques Delors die Ver­
geworden sei und somit eine Art „Präsidentialisie­ körperung genau dieser Qualitäten. In seinen zehn
rung“ stattgefunden habe (1). Oben wurde die frühe­ Amtsjahren gelang es ihm, die Institution und die
re Karriere der Kommissionspräsidenten beleuchtet. Präsidentschaft auf ein Niveau zu heben, das vorher
Mit Ausnahme von Delors hatten seit 1981 alle Prä­ nie erreicht worden war. So wurde die Kommission
sidenten zuvor die Position des Regierungschefs in nicht nur mit ihren politischen Initiativen, sondern
ihrem Heimatland inne. Delors war die Position des auch in der Vertretung nach außen zu einem Akteur,
Premierministers angeboten worden, doch hatte er der Gewicht in die Waagschale werfen konnte. Dies
abgelehnt. Premierminister erhalten diesen Posten in hatte teilweise mit Delors selbst zu tun sowie mit der
der Regel wegen ihres politischen Instinkts und ihrer Rolle, die sein einflussreiches Kabinett unter Leitung
politischen Fähigkeiten, ihrer Führungsqualitäten seines Landsmanns und politischen (sozialdemokra­
und ihrer Erfahrungen. Sie konnten sich vor ihrem tischen) Freundes Pascal Lamy spielte. Delors war
Antritt als Kommissionspräsident auf europäischer ein starker Führer, der aus einem der großen Mit­
Ebene mit dem stark politisierten und exklusiven Fo­ gliedstaaten kam und dessen Instinkt als politischer
rum des Europäischen Rates vertraut machen, dem Gestalter, dessen Dossierkenntnis und dessen Kom­
von Anfang an auch der Kommissionspräsident an­ munikationstalent, das ihm trotz seiner schwachen
gehörte (2). Fremdsprachenkenntnisse bescheinigt wurde, Aner­
kennung und Bewunderung hervorriefen. Darüber
Die Präsidentialisierung war kein Prozess, der hinaus unterhielt er hervorragende Beziehungen zu
zwangsläufig kommen musste, und fand auch nicht den Staats- und Regierungschefs im Europäischen
in jedem einzelnen Fall statt. In den ersten Jahrzehn­ Rat  (5). Den besten Beleg für die große Wertschät­
ten waren sich einige Präsidenten der Kommission zung, die er genoss, lieferte Bundeskanzler Helmut
hinsichtlich der Macht, die ihrem Amt innewohnte, Kohl, der auf einer Tagung des Europäischen Rates
keinsewegs sicher. Roy Jenkins bezeichnete die Präsi­ forderte, dass in einem bestimmten wichtigen Dos­
dentschaft als „unmöglichen Job“. Er fand, dass der sier nicht mehr die Kommission, sondern Delors
Kommissionspräsident eine Reihe widersprüchlicher selbst die volle Handelsbefugnis erhalten sollte  (6).
Zuständigkeiten, aber keine Befugnis habe. Daraus Auch seine Beziehungen zum französischen Präsi­
denten François Mitterrand funktionierten anschei­
nend hervorragend – obwohl die beiden nie ein be­
sonders inniges Verhältnis hatten.

(1) Kassim, H., et al., The European Commission of the twenty-first century,
Oxford University Press, Oxford, 2013; Wille, A., The normalization of the
European Commission: politics and bureaucracy in the EU executive, Oxford
University Press, Oxford, 2013; Peterson, J., „The College of Commissio­
ners“, Hodson, D., und Peterson, J. (Hg.), The institutions of the European (3) Campbell, J., Roy Jenkins  – A biography, Weidenfeld and Nicolson, Lon­
Union, 3.  Aufl., Oxford University Press, Oxford, 2012, S. 96-123. don, 1983, S. 181.
(2) Nach Auffassung von Étienne Davignon waren die besten Kommissions­ (4) Wille, A., a. a. O., S. 61-66.
präsidenten jedoch die, die in ihrer früheren Laufbahn nicht Regierungs­ (5) Interviews mit Sylvain Bisarre, 18. November 2016, S. 30, und Yves Fran­
chef gewesen waren; siehe Interview mit Étienne Davignon, 3. Mai 2016, chet, 16. September 2016, S. 24.
S. 21. (6) Siehe Ludlow, N. P., a. a. O., S. 187.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 69

Jacques Santer (rechts) begrüßt Romano Prodi (links), den italienischen Ratsvorsitzenden,
bei einem Besuch bei der Kommission (28. Januar 1998).

Persönlichkeit aber war nicht alles. Delors war der Delors profitierte nur zum Teil von den ersten ei­
richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt, und der ner Reihe von Vertragsänderungen, mit denen die
Zufall wollte es, dass er sowohl intern als auch extern formal begrenzten Befugnisse des Kommissionsprä­
günstige Umstände vorfand. Europa konnte wirt­ sidenten erweitert werden sollten. Der Vertrag von
schaftlich nicht mit Japan und den Vereinigten Staa­ Maastricht gab dem designierten Präsidentschafts­
ten mithalten, und dem sollte ein Ende bereitet wer­ kandidaten eine Stimme bei der Nominierung an­
den. Die europäischen Staats- und Regierungschefs derer Mitglieder des Kollegiums und markierte, wie
waren entschlossen, zu handeln. Gleichzeitig war dies oben ausgeführt, auch den Beginn der partiellen
die Zeit der deutschen Wiedervereinigung und das „Parlamentarisierung“ des Ernennungsverfahrens.
Ende des Kalten Krieges. Dies gab der europäischen Nach dem Mandat von Delors wurde die wichtige
Integration neue Impulse und eröffnete den osteuro­ Rolle des Kommissionspräsidenten im Vertrag von
päischen Ländern letztlich die Perspektive auf eine Amsterdam (1999) bestätigt: „Die Kommission übt
Mitgliedschaft. Bis zu einem gewissen Grad hatte ihre Tätigkeit unter der politischen Führung ihres
Delors einfach Glück, dass diese Ereignisse während Präsidenten aus“ (Artikel 219 EGV). Nach Amster­
seiner Präsidentschaft eintraten, aber er wusste auch, dam konnte der Kommissionspräsident zum ersten
die ihm gegebenen politischen Möglichkeiten voll zu Mal Kandidaten, die für die Position eines Kommis­
nutzen. sionsmitglieds nominiert waren, ablehnen. Alle diese
Vertragsänderungen trugen dazu bei, die Position
70 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

des Kommissionspräsidenten zu stärken und weiter war unter Santer und Prodi keine „Präsidentialisie­
zu politisieren. rung“ zu beobachten wie unter Delors.

Trotz der Änderungen und der wachsenden politi­ Nichtsdestotrotz kann insgesamt wohl festge­
schen Macht der Kommission waren Santer (1995- stellt werden, dass mit der Erweiterung und Ver­
1999) und Prodi (1999-2004) nicht in der Lage, tiefung der europäischen Integration und mit der
die gleiche Leitfunktion wahrzunehmen wie zuvor zunehmend präsidialen Ausübung des Amtes der
Delors  (1). Sie konnten nicht den gleichen Einfluss Kommissionspräsident im Laufe der Jahre mehr
ausüben wie ihr Vorgänger, ihre Kabinette spielten Macht- und Einflussmöglichkeiten gewonnen
eine eher passive Rolle, und sie genossen nicht das hat. Gleichzeitig hält sich jedoch der Eindruck,
gleiche Ansehen im Europäischen Rat. Paradoxer­ dass er stets wie ein Jongleur verzweifelt versucht,
weise litt ihre Präsidentschaft gerade darunter, dass möglichst viele Bälle in der Luft zu halten. In der
sie politische Schwergewichte in ihr Team holten, komplexen politischen Arena Europas müssen die
Kommissionsmitglieder, die nicht davor zurück­ unterschiedlichen Interessen und Präferenzen zahl­
schreckten, eigene Ziele zu verfolgen und die Auto­ reicher Akteure gegeneinander abgewogen und mit­
rität des Präsidenten herauszufordern (2). Allerdings einander in Einklang gebracht werden. Man kann
befanden sich die meisten der oben erwähnten Menschen, die es bis zu diesem Amt bringen, und
Vertragsänderungen während der Amtszeiten von insbesondere diejenigen, die es – wie Delors – mit
Santer und Prodi noch in der Phase der Umsetzung rauschendem Erfolg krönen, nur bewundern.
und konnten noch nicht in vollem Umfang grei­
fen. Auch die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten Jan van der Harst (4)
hatten nach dem „aktivistischen“ Delors klar zu
verstehen gegeben, dass sie sich eine deutlich weni­
ger starke Führungsrolle der Kommission wünsch­
ten  (3). Schließlich kam Santer und Prodi auch
die Geschichte nicht so zu Hilfe wie Delors. Der
11. September 2001 und alles, was danach während
der Präsidentschaft von Romano Prodi folgte, war
zweifellos ein eminent wichtiges Geschehen auf der
internationalen Bühne, das der europäischen Inte­
gration aber ganz eindeutig nicht dieselben Impulse
geben würde wie das Ende des Kalten Krieges in
den frühen 1990er-Jahren. Der 11. September 2001
einte nicht, sondern trennte. Aus all diesen Grün­
den, nicht zuletzt auch wegen des weniger starken
persönlichen Eindrucks, den sie hinterlassen haben,

(1) Interviews mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016, S. 15, Étienne Davignon,
3. Mai 2016, S. 21 f., und Yves Franchet, 16. September 2016, S. 24.
(2) Siehe die Biografien von Jacques Santer und Romano Prodi in diesem Band.
Interviews mit Yves-Thibault de Silguy, 5. Juli 2016, S. 13 f., und Alexander
Italianer, 7. Februar 2017, S. 27.
(3) Brummelman, W., „Jacques Santer; Kleurloze Europese wethouder’, NRC (4) Der Autor bedankt sich ausdrücklich bei Deborah Bakker, die ihn bei den
Handelsblad, 16. Juli 1994; „Four men, one joker, one job – The next Presi­ Recherchen für dieses Kapitel unterstützt hat. Ein Teil der Recherchen
dent of the European Commission“, The Bulletin, 19. Mai 1994, S. 23. stützt sich auf Harst, J. van der, und Voerman, G. (Hg.), a. a. O.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 71

1.2. Das Kollegium der lament  – wieder an  (1). Zwischen 1995 und 1999
Kommissionsmitglieder waren fünf Frauen Mitglied des Kollegiums: Anita
Gradin, Édith Cresson, Ritt Bjerregaard, Monika
Wulf-Mathies und Emma Bonino. Die Präsident­
schaft von Santer markierte diesbezüglich einen
Die Geschichte des Kollegiums echten Wendepunkt. Im nächsten Kollegium unter
der Leitung von Romano Prodi war mit Loyola de
Von 1986 bis 2000 hat sich beim Kollegium der Palacio erstmals eine Frau Vizepräsidentin; ferner
Kommissionsmitglieder sowohl im Hinblick auf gehörten ihm Anna Diamantopoulou‚ Viviane Re­
die Anzahl seiner Mitglieder als auch auf deren ding‚ Michaele Schreyer und Margot Wallström an.
Staatsangehörigkeit und die Anzahl der Frauen
einiges getan. Mit dem Beitritt Spaniens und Por­ Zwischen 1986 und 1995 lag das Durchschnittsal­
tugals (1986) wuchs die Anzahl der Mitglieder der ter in den Delors-Kommissionen bei rund 55  Jah­
Delors-Kommission von ursprünglich 14 auf 17. ren. Die jüngsten Mitglieder von Delors I waren Pe­
Zwar schickte Deutschland auch nach der Wieder­ ter Sutherland (geboren 1946) und die spanischen
vereinigung im Jahr 1990 nicht mehr Kommissare und portugiesischen Neuankömmlinge (Manuel
nach Brüssel, aber mit der Erweiterung von 1995 Marín, geboren 1949, Abel Matutes und António
um Finnland, Österreich und Schweden erhöhte Cardoso e Cunha, beide geboren 1941). In einigen
sich deren Zahl von 17 auf 20. Am traditionellen, Fällen war es eine ganz bewusste politische Ent­
bereits mit der Hallstein-Kommission eingeführten scheidung, junge Vertreter in die Kommission nach
Prinzip, dass die größten Mitgliedstaaten (Deutsch­ Brüssel zu schicken, etwa im Fall von Marín‚ der
land, Frankreich, Italien, das Vereinigte Königreich von Ministerpräsident Felipe González nach Brüs­
und seit 1986 Spanien) Anrecht auf jeweils zwei sel entsandt wurde‚ um das Bild eines Landes zu
und die anderen Länder auf jeweils ein Kommissi­ vermitteln, „das sich an der Jugend spiegelt“ (2). In
onsmitglied hatten, wurde jedoch nicht gerüttelt. der Santer-Kommission war das Durchschnittsalter
deutlich niedriger (50 Jahre), stieg unter Prodi aber
Im hier betrachteten Zeitraum gab es in Bezug auf wieder (auf 55 Jahre) an, da in seiner Kommission
das Kollegium der Kommissionsmitglieder zwei fast alle Mitglieder vorher hochrangige Minister­
wichtige Neuerungen: Erstens wurde sein Mandat posten bekleidet hatten. Dies war eine politische
mit dem Vertrag von Maastricht von vier auf fünf Entscheidung und sollte nach dem Rücktritt der
Jahre verlängert, um es an die Legislaturperiode Santer-Kommission das politische Gewicht des
des Europäischen Parlaments anzupassen. Zwei­ Kollegiums stärken (3).
tens waren in Delors II erstmals auch zwei Frauen
Mitglied des Kollegiums. Von der Gründung im
Jahr 1958 bis zum Jahr 1989 war die Europäische Die Kommissionsmitglieder
Kommission ein rein männliches Gremium ge­
wesen. Die ersten beiden Kommissarinnen waren Insgesamt waren in den hier behandelten Kollegien
Christiane Scrivener und Vasso Papandreou. In die neue Generationen von Politikern vertreten, die wäh­
dritte Kommission unter Delors wurde lediglich
Christiane Scrivener wieder berufen, doch in der
Santer-Kommission stieg die Anzahl der Frauen –
auch infolge des Drucks vom Europäischen Par­ (1) Interview mit Jacques Santer, 9. März 2016.
(2) Interview mit Manuel Marín, 28. Oktober 2016, S. 5.
(3) Siehe Kapitel 8.3 „Von einer Liebesbeziehung zum Showdown: Beziehun­
gen zum Europäischen Parlament“.
72 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

rend der „Trente glorieuses“ (1) aufgewachsen waren, ten von den Regierungen auferlegt worden war  (3).
die europäische Integration als Hochschulstuden­ Handlungsfreiheit hatte er nur bei der Verteilung der
ten erlebt und sich während ihres Studiums häufig Ressorts. Deshalb schloss er bei der Aufstellung sei­
mit Fragen der europäischen Politik befasst hatten. nes zweiten und dritten Kollegiums die Tür, sobald
Die Kommissionen von Delors, Santer und Prodi er spürte, dass sich jemand einmischen wollte  (4).
zeichneten sich durch einen hohen Anteil an Hoch­ Mündliche Aussagen bezeugen dies und zeigen, wie
schulabsolventen aus, die meisten davon mit einem gut Delors darin war, zwischen Kommissionsmitglie­
Abschluss in Recht oder Wirtschaft. Fast alle waren dern zu vermitteln und dabei auch persönlichen Am­
vorher in einer nationalen Regierung tätig gewesen bitionen, nationalen Präferenzen und der politischen
und hatten dort direkte Erfahrungen mit der euro­ Provenienz Rechnung zu tragen  (5). Das politische
päischen Politik gemacht. Dies war bei neun Kom­ Ansehen, das er während seines ersten Mandats er­
missionsmitgliedern in Delors  I, zehn in Delors  II worben hatte, trug in den folgenden Amtszeiten zu
und zwölf in Delors III der Fall. Unter Santer war ihr einer weiteren Stärkung seiner Autorität gegenüber
Anteil etwas geringer (elf von 19), stieg anschließend dem Kollegium bei  (6). In der Santer-Kommission
in der Prodi-Kommission aber wieder an; in ihr hat­ gelang die Zuteilung der Ressorts erst nach langen
ten 17 (der 19) Kommissionsmitglieder für staatliche Verhandlungen unter den Kommissaren, was – wie
Stellen gearbeitet. Außerdem waren viele Kommissi­ Neil Kinnock sich erinnert – eine neue Ära schwa­
onsmitglieder zuvor Mitglied des Europäischen Par­ cher Präsidenten einleitete  (7). Bei der Aufstellung
laments  (2). In den hier betrachteten Kollegien wa­ der Santer-Kommission gab es eine absolute Premie­
ren – mit Ausnahme der extremen Linken und der re, nämlich Einzelanhörungen der ernannten Kom­
extremen Rechten – fast alle politischen Richtungen missionsmitglieder vor dem Europäischen Parlament
vertreten. Für viele Kommissare waren die nationa­ auf der Grundlage von Artikel  158  EGV (konso­
le und die europäische Politik eng mitein­ander ver­ lidierte Fassung des Vertrags von Maastricht) und
flochten. Dies galt auch für diejenigen, die an den Artikel 33 der Geschäftsordnung des Europäischen
Beitrittsverhandlungen beteiligt waren, nämlich den Parlaments  (8). Die Kommission akzeptierte diese
Griechen Christos Papoutsis, die Spanier Manuel Anhörungen, obwohl innerhalb des Organs viele der
Marín, Abel Matutes und Pedro Solbes Mira, den Ansicht waren, dass dies aus der Sicht des Kollegia­
Österreicher Franz Fischler und den Finnen Erkki litätsprinzips problematisch und eine Machtdemon­
Liikanen. stration des Parlaments gegenüber der Kommission
sei (9). Im Kollegium von Prodi wurden die Kommis­
sionsmitglieder in „fantastischer Zusammenarbeit“
Auswahl der Kommissionsmitglieder zwischen dem Präsidenten und den Mitgliedstaaten
und Zuteilung der Ressorts ausgewählt, was dank der breiten Unterstützung
möglich war, die Prodi von den nationalen Regie­
Delors ließ keinen Zweifel daran, dass ihm die Wahl rungen erhielt (10). Der neu ernannte Kommissions­
der Kommissionsmitglieder in jeder seiner Amtszei­

(3) Interview mit Jacques Delors, 16. Januar 2016, S. 5.


(4) A. a. O.
(5) Interviews mit Pascal Lamy, 7.  Juli 2016, und Pedro de Sampaio Nunes,
(1) Eine Zeit beispiellosen Wirtschaftswachstums in Europa von 1945 bis 1975 26. Mai 2017.
(„die Glorreichen 30“). (6) Interview mit Jacques Delors, 16. Januar 2016.
(2) Während der Delors-Jahre galt dies für Carlo Ripa di Meana, Grigoris Var­ (7) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016.
fis, Willy De Clercq, Martin Bangemann, Christiane Scrivener, Ray Mac­ (8) AHCE, PV(94), Protokoll Nr. 1213, zweiter Teil, Sitzung vom 14. Septem­
Sharry und Karel Van Miert, unter Santer für Martin Bangemann, Karel ber 1994, S. 3.
Van Miert, Emma Bonino und Christos Papoutsis. In der Prodi-Kommissi­ (9) AHCE, PV(94), Protokoll Nr. 1217, zweiter Teil, Sitzung vom 15. Oktober
on waren Philippe Busquin‚ Viviane Reding und António Vitorino ehema­ 1994, S. 16.
lige Mitglieder des Europäischen Parlaments. (10) Interview mit Romano Prodi, 1. April 2016.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 73

präsident wollte eine hochrangige Kommission und Stellvertreter, der Generaldirektor des Juristischen
Persönlichkeiten mit großer politischer Erfahrung, Dienstes, der Generaldirektor für Kommunikation,
starkem öffentlichem Profil und fachlicher Kompe­ der Kabinettschef des Präsidenten, der Sprecher,
tenz, um das Image, das nach der Krise, die die San­ die Dolmetscher und der Leiter der Kanzlei. Fer­
ter-Kommission getroffen hatte, stark gelitten hatte, ner durften Kabinettschefs oder Generaldirektoren
wiederherzustellen (1). Sein Ziel war eine „rationale, dabei sein, deren zuständiges Kommissionsmitglied
ausgewogene und kohärente Verteilung der Ressorts, ein Dossier vorstellte.
die die richtigen politischen Botschaften aussendet
und Grauzonen zwischen den verschiedenen Kom­
missionsmitgliedern vermeidet“ (2). Kollegialität und Zentralisierung
unter Delors
Die Mittwochsitzungen Die Kommissionen, die wir hier betrachten, hat­
ten unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich des
Von 1986 bis 2000 hielt die Kommission an einer Umgangs mit dem Grundsatz der Kollegialität. De­
Tradition fest, die in der ersten Geschäftsordnung lors sah das Kollegium der Kommissionsmitglieder
von 1967 festgelegt worden war, und traf sich regel­ als Institution, die Europas eigenste Interessen ver­
mäßig einmal wöchentlich, in der Regel mittwochs, trat. Wie Pascal Lamy sich erinnerte, nahm Delors
in Brüssel und während der Plenartagungen des Eu­ sich deshalb „unheimlich viel Zeit, um Architekt
ropäischen Parlaments in Straßburg. Bis Dezember dieser Kollegialität zu sein. [...] Er hörte wirklich
1991 fand dies in ihrem traditionellen Hauptquar­ zu und trug dem, was gesagt wurde, auch Rech­
tier, dem Berlaymont-Gebäude, statt. Nachdem nung“  (5). Auch die Solidarität unter den Mitglie­
dort eine Asbestbelastung  (3) festgestellt worden dern des Kollegiums war Delors enorm wichtig (6).
war, zog die Kommission in das Breydel-Gebäude Als zum Beispiel Ripa di Meana im Januar 1986
im Europäischen Viertel von Brüssel um, wo sie eine Mitteilung der Kommission über die gemein­
bis 2004 verblieb. Die Tagesordnung wurde vom same Marktorganisation für Getreide öffentlich
Generalsekretär aufgestellt und vom Präsidenten kritisiert hatte, forderte Delors alle Kommissare
gebilligt. Jedes Kommissionsmitglied konnte in die unmissverständlich auf, jede öffentliche Kritik an
Gespräche eingreifen. Die Sitzungen waren nicht Entscheidungen der Kommission zu unterlassen (7).
öffentlich und die Protokolle vertraulich. Die Kom­ Er wollte keine Vereinbarungen hinter geschlosse­
missionsmitglieder konnten sich dabei auf die Vor­ nen Türen und forderte die Kommissionsmitglie­
arbeiten ihrer Kabinettschefs verlassen, die sich in der dazu auf, im Kollegium offen abzustimmen und
der Regel am Montag vor der Kommissionssitzung ihre politische Verantwortung wahrzunehmen:
trafen, um diese vorzubereiten  (4). Die Liste der
Personen, die neben den Kommissionsmitgliedern „Abgestimmt wurde vor allem über
die wichtigen Themen. [...] Ansonsten
an Sitzungen der Kommission teilnehmen durften, verhielten sie sich unterein­ander wie
ist gleich geblieben: der Generalsekretär und sein Freunde, und manche Dinge wurden
nicht ausgesprochen.“ (8)

(1) Interviews mit David Byrne, 13. Oktober 2016, und Chris Patten, 11. Ok­
tober 2016.
(2) AHCE, SEK(1999) 888 vom 3. Juni 1999, „Vermerk für die Generaldirek­
toren und Dienststellenleiter zum Europäischen Rat in Köln – Rede von (5) Interview mit Pascal Lamy, 7. Juli 2016, S. 9.
Herrn Prodi“. (6) Interview mit Ioannis Paleokrassas, 29. März 2016.
(3) Siehe Kapitel 4 „Die Herausforderungen der Kommission im Immobilien­ (7) AHCE, KOM(86), Protokoll Nr. 809, zweiter Teil, Sitzung vom 8. Okto­
bereich: Festlegung des Sitzes und Geschichte des Berlaymont“. ber 1986, S. 5.
(4) Siehe Kapitel 1.3 „Die Kabinette“. (8) Interview mit Jacques Delors, 16. Januar 2016, S. 13.
74 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

DELORS I Präsident
Delors, Jacques (FR)
1986-1989 Kabinettschef (KC): Lamy, Pascal

Andriessen, Frans (NL) Narjes, Karl-Heinz (DE) Clinton Davis, Stanley (UK)
Vizepräsident Vizepräsident Umwelt; Nukleare Sicherheit;
Verkehr
Landwirtschaft; Forsten Gewerbliche Wirtschaft; KC: Meadows, Graham
KC: Trojan, Carlo Informationstechnologien;
Wijnmaalen, Johannes P. (1988-…) GD VII: Peña Abizanda, Eduardo
Forschung und GD XI: Fairclough, Anthony John
GD VI: Legras, Guy Wissenschaft; Gemeinsame Brinkhorst, Laurens Jan (1987-…)
Forschungsstelle (GFS)
KC: Moltke, Heinrich von
Dohmes, Johannes (1987-…)
Christophersen, GD III: Braun, Fernand De Clercq, Willy (BE)
Henning (DK) GD XII: Fasella, Paolo Auswärtige Beziehungen und
Vizepräsident GFS: Contzen, Jean-Pierre Handelspolitik
GD XIII: Carpentier, Michel
KC: Schaub, Alexander
Haushalt; Finanzkontrolle;
Personal und Verwaltung GD I: Fielding, Leslie
Krenzler, Horst Günter (1988-…)
KC: Bladbjerg, Bjarne
Natali, Lorenzo (IT)
GD IX: Hay, Richard Vizepräsident
GD XIX: Morel, Jean-Claude
GD XX: Facini, Carlo Zusammenarbeit
Moor, Lucien de (1988-…) und Entwicklung Matutes, Abel (ES)
KC: Pensa, Paolo Kredit, Investitionen,
GD VIII: Frisch, Dieter Finanzinstrumente;
Cockfield, Arthur (UK) Maßnahmen zugunsten der
Vizepräsident Klein- und Mittelbetriebe
KC: Prat, Juan
Binnenmarkt; Dienst der Cardoso e Cunha, António GD XVIII: Cioffi, Enrico
Zollunion; Steuerfragen; (PT)
Finanzinstitute Fischerei
KC: Fortescue, Adrian KC: Cabral da Fonseca, Eurico Luis
GD III: Braun, Fernand
Mosar, Nicolas (LU)
GD XIV: Gallagher, Eamonn
GD XV: Fitchew, Geoffrey Energie; Euratom-
GD XXI: Vilar, Emilio Rui Versorgungsagentur (ESA);
Amt für Veröffentlichungen
(OPOCE)
KC: Thurmes, Fernand
Marín, Manuel (ES) Cheysson, Claude (FR)
Vizepräsident GD XVII: Maniatopoulos,
Mittelmeerpolitik; Nord-Süd- Constantinos S.
Soziale Angelegenheiten und Beziehungen ESA: Klitzing, Georg von
Beschäftigung; Erziehungs- KC: Soubestre, Philippe OPOCE: Verheyden, Walter
Bernard, Daniel (1987-…)
und Bildungswesen
GD I: Fielding, Leslie
KC: Gómez-Reino Lecoq, Santiago
Krenzler, Horst Günter (1988-…)
GD V: Degimbe, Jean
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 75

Generalsekretär
Pfeiffer, Alois (DE) († 1987)

Schmidhuber, Peter (DE)

Wirtschaft; Regionalpolitik;
Statistisches Amt Noël, Émile (FR)
KC: Dibelius, Otto
Hertz, Thomas (1987-…)
Eurostat: Ronchetti, Silvio
Franchet, Yves (1987-…)
GD II: Russo, Massimo
Costa, António (1987-…)
GD XVI: Landáburu, Eneko

Ripa di Meana, Carlo (IT)


Institutionelle Fragen;
Fragen im Zusammenhang
mit dem Europa der
Bürger; Informations- und Williamson, David (UK) (1987-…)
Kommunikationspolitik;
Kultur; Tourismus
KC: Mombelli, Gerardo
GD X: Froschmaier, Franz
Santarelli, Manuel (1988-…) Juristischer Dienst
Ehlermann, Claus-Dieter
Dewost, Jean-Louis (1987-…)

Sutherland, Peter (IE) Dienst des Sprechers


Paemen, Hugo
Beziehungen zum Ehlermann, Claus-Dieter (1987-…)
Europäischen Parlament;
Wettbewerb Gemeinsamer
Dolmetscher-Konferenzdienst
KC: O’Toole, Richard
Van Hoof, Renée
GD IV: Caspari, Manfred
Sicherheitsbüro
Haan, Pieter de

Varfis, Grigoris (EL)


Koordinierung der
strukturpolitischen
Instrumente;
Verbraucherschutz
KC: Mitsos, Achilleas
GD XI: Fairclough, Anthony John
Brinkhorst, Laurens Jan (1987-…)
GD XXII: Barlebo-Larsen, Kaj
76 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

DELORS II Präsident
Delors, Jacques (FR)
1989-1993 Kabinettschef (KC): Lamy, Pascal

Andriessen, Frans (NL) Christophersen, Henning Cardoso e Cunha, António


Vizepräsident (DK) (PT)
Vizepräsident Personal, Verwaltung und
Auswärtige Beziehungen Übersetzung; Energie und
und Handelspolitik; Wirtschaft und Finanzen; Euratom-Versorgungsagentur
Zusammenarbeit mit den Koordinierung (ESA); KMU, Handwerk,
anderen europäischen Ländern der Strukturpolitik; Handel und Tourismus,
KC: Wijnmaalen, Johannes P. Statistisches Amt Gemeinwirtschaft
KC: Bladbjerg, Bjarne (Genossenschaftswesen)
GD I: Krenzler, Horst Günter
Eurostat: Franchet, Yves KC: Cabral da Fonseca, Eurico Luis
GD II: Costa, António
Ravasio, Giovanni (1990-…) SdT (Übersetzungsdienst):
GD XXII: Ravasio, Giovanni Brackeniers, Eduard
Bangemann, Martin (DE) GD IX: Hay, Richard
O’Dwyer, Thomas (1990-…)
Vizepräsident De Koster, Frans (1991-…)
GD XVII: Maniatopoulos,
Binnenmarkt und gewerbliche Constantinos S.
Wirtschaft; Beziehungen zum GD XXIII: Moltke,
Europäischen Parlament Marín, Manuel (ES) Heinrich von (1990-…)
KC: Brunner, Manfred
Vizepräsident ESA: Goppel, Michael
GD III: Braun, Fernand Zusammenarbeit
Perissich, Riccardo (1991-…) und Entwicklung;
Fischereipolitik Dondelinger, Jean (LU)
KC: Gómez-Reino Lecoq, Santiago
García-Valdecasas, Ignacio (1991-…)
Audiovisuelle und kulturelle
Angelegenheiten; Information
Brittan, Leon (UK) GD VIII: Frisch, Dieter
und Kommunikation;
GD XIV: Gallagher, Eamonn
Vizepräsident Europa der Bürger; Amt für
De Almeida Serra, José (1990-…)
Veröffentlichungen (OPOCE)
Wettbewerbspolitik;
KC: Crauser, Guy
Finanzinstitutionen Reuter, Étienne (1991-…)
KC: Currie, James
Pandolfi, Filippo Maria (IT) GD X: Santarelli, Manuel
GD IV: Caspari, Manfred Vizepräsident Flesch, Colette (1991-…)
Ehlermann, Claus-Dieter (1990-…) OPOCE: Emringer, Lucien (1990-…)
GD XV: Fitchew, Geoffrey Wissenschaft, Forschung
und Entwicklung;
Telekommunikation,
MacSharry, Ray (IE)
Informationsindustrien und
Innovation; Gemeinsame Landwirtschaft; Ländliche
Forschungsstelle (GFS) Entwicklung
KC: Ventura, Isabella KC: O’Dwyer, Thomas
Marchini-Camia, Antonio (1991) Larkin, Colm (1991-…)
Moavero Milanesi, Enzo (1992-…) GD VI: Legras, Guy
GD XII: Fasella, Paolo
GFS: Contzen, Jean-Pierre
GD XIII: Carpentier, Michel
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 77

Matutes, Abel (ES) Scrivener, Christiane (FR) Generalsekretär


Mittelmeerpolitik; Steuern und Zollunion; Fragen
Beziehungen zu im Zusammenhang mit den
Lateinamerika und Asien; obligatorischen Abgaben
Nord-Süd-Beziehungen (Steuer- und Sozialabgaben)
KC: Prat, Juan KC: Constans, Emmanuel
Miguel, Ramón de (1991-…)
GD XXI: Vilar, Emilio Rui
GD I: Krenzler, Horst Günter Chumas, Henry (1990)
Wilmott, Peter (1991-…)

Millan, Bruce (UK)


Regionalpolitik Van Miert, Karel (BE)
KC: Lowe, Philip
Binns, Susan (1992-…) Verkehr; Kredite
und Investitionen; Williamson, David (UK)
GD XVI: Landáburu, Eneko
Verbraucherschutz
und Vertretung der
Verbraucherinteressen
KC: Vanden Abeele, Michel
GD VII: Peña Abizanda, Eduardo
Papandreou, Vasso (EL) Coleman, Robert (1992-…)
Beschäftigung, SPC (Dienst „Verbraucherpolitik“):
Arbeitsbeziehungen und Barlebo-Larsen, Kaj
GD XVIII: Cioffi, Enrico
soziale Angelegenheiten;
Humanressourcen, allgemeine
und berufliche Bildung;
Beziehungen zum Wirtschafts-
und Sozialausschuss
KC: Trifyllis, Antonios
GD V: Degimbe, Jean
TF (Task Force „Humanressourcen,
allgemeine und berufliche Bildung,
Jugend“): Jones, Hywel Ceri

Gruppe für prospektive Analysen


Morel, Jean-Claude
Ripa di Meana, Carlo (IT)
Umwelt; Nukleare Sicherheit; Juristischer Dienst
Katastrophenschutz Dewost, Jean-Louis
KC: Mombelli, Gerardo Dienst des Sprechers
Santopinto, Marco (1990-…)
Ehlermann, Claus-Dieter
GD XI: Brinkhorst, Laurens Jan
Gemeinsamer
Dolmetscher-Konferenzdienst
Van Hoof, Renée
Sicherheitsbüro
Schmidhuber, Peter (DE) Haan, Pieter de
Haushalt; Finanzkontrolle
KC: Hertz, Thomas
Donat, Marcell von (1991-…)
GD XIX: Mingasson, Jean-Paul
GD XX: Moor, Lucien de
78 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

DELORS III Präsident


Delors, Jacques (FR)
1993-1995 Kabinettschef (KC): Lamy, Pascal

Christophersen, Henning Broek, Hans van den (NL) Paleokrassas, Ioannis (EL)
(DK) Politische Außenbeziehungen; Umwelt, nukleare Sicherheit
Vizepräsident Gemeinsame Außen- und Katastrophenschutz;
und Sicherheitspolitik; Fischereipolitik
Wirtschaft und Finanzen; Verhandlungen über KC: Koutsoukos, Yannis
Währungsangelegenheiten; Erweiterungen (Task Force)
Kredit und Investitionen; GD XI: Brinkhorst, Laurens Jan
KC: Brouwer, Sipke GD XIV: Almeida Serra, José
Statistisches Amt
GD IA: Burghardt, Günter
KC: Bladbjerg, Bjarne
Task Force „Erweiterung“:
Eurostat: Franchet, Yves Smidt, Steffen
GD II: Ravasio, Giovanni Pinheiro, João de Deus (PT)
GD XVIII: Cioffi, Enrico Beziehungen zum
Europäischen Parlament;
Flynn, Pádraig (IE) Beziehungen zu den
Marín, Manuel (ES) Soziale Angelegenheiten Mitgliedstaaten in Fragen der
Vizepräsident und Beschäftigung; Transparenz, Kommunikation
Beziehungen zum Wirtschafts- und Information; Kultur und
Zusammenarbeit und und Sozialausschuss; audiovisuelle Medien; Amt für
Entwicklung; Amt für Einwanderungsfragen Veröffentlichungen (OPOCE)
humanitäre Hilfen der sowie interne und rechtliche KC: Costa, Carlos
Europäischen Gemeinschaft Angelegenheiten GD X: Flesch, Colette
(ECHO) KC: Brosnan, Joseph OPOCE: Emringer, Lucien
KC: García-Valdecasas, Ignacio GD V: (unbesetzt)
GD VIII: (unbesetzt)
ECHO: Gómez-Reino Lecoq, Santiago
Ruberti, Antonio (IT)
Matutes, Abel (ES) Wissenschaft, Forschung und
Energie und Euratom- Entwicklung; Gemeinsame
Bangemann, Martin (DE) Versorgungsagentur (ESA); Forschungsstelle (GFS);
Gewerbliche Wirtschaft; Verkehr Humanressourcen, allgemeine
Informations- und KC: de Miguel, Ramón und berufliche Bildung und
Telekommunikations- GD VII: Coleman, Robert Jugend
Technologien GD XVII: Maniatopoulos, Constan- KC: Santopinto, Marco
KC: Wenzel, Jörg tinos S. GD XII: Fasella, Paolo
GD III: Perissich, Riccardo ESA: Goppel, Michael GFS: Contzen, Jean-Pierre
GD XIII: Carpentier, Michel TF (Task Force „Humanressourcen,
allgemeine und berufliche Bildung,
Jugend“): O’Dwyer, Thomas
Millan, Bruce (UK)
Brittan, Leon (UK) Regionalpolitik; Beziehungen
Außenwirtschaft; zum Ausschuss der Regionen
Handelspolitik KC: Binns, Susan
KC: Budd, Colin GD XVI: Landáburu, Eneko
GD I: Krenzler, Horst Günter
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 79

Schmidhuber, Peter (DE) Generalsekretär


Haushalt; Finanzkontrolle;
Betrugsbekämpfung;
Kohäsionsfonds: Koordinierung
und Verwaltung
KC: Donat, Marcell von
GD XIX: Mingasson, Jean-Paul
GD XX: Moor, Lucien de

Scrivener, Christiane (FR)


Zoll und indirekte
Steuern; Direkte Steuern;
Verbraucherpolitik
KC: Constans, Emmanuel Williamson, David (UK)
GD XXI: Wilmott, Peter
SPC (Dienst „Verbraucherpolitik“):
Barlebo-Larsen, Kaj

Steichen, René (LU)


Landwirtschaft
und Entwicklung
des ländlichen Raums
KC: Cloos, Jim
GD VI: Legras, Guy

Van Miert, Karel (BE)


Wettbewerbspolitik; Personal
und Verwaltung; Übersetzung
und Datenverarbeitung Gruppe für prospektive Analysen
KC: Chêne, Claude Morel, Jean-Claude
SdT (Übersetzungsdienst): Generalinspektion der Dienststellen
Brackeniers, Eduard Peña Abizanda, Eduardo
GD IV: Ehlermann, Claus-Dieter
GD IX: De Koster, Frans Juristischer Dienst
Dewost, Jean-Louis
Dienst des Sprechers
(unbesetzt)
Vanni d’Archirafi, Raniero
(IT) Gemeinsamer
Institutionelle Fragen; Dolmetscher-Konferenzdienst
Binnenmarkt; Finanzdienste; Van Hoof, Renée (…-1993)
Unternehmenspolitik: KMU, Sicherheitsbüro
Handel und Handwerk Haan, Pieter de
KC: Verderame, Gian Battista
GD XV: Mogg, John
GD XXIII: Moltke, Heinrich von
80 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

SANTER Präsident
Santer, Jacques (LU)
1995-1999 Kabinettschef (KC): Cloos, Jim

Brittan, Leon (UK) Bjerregaard, Ritt (DK) Cresson, Édith (FR)


Vizepräsident Umwelt; Wissenschaft, Forschung und
Nukleare Sicherheit Entwicklung; Gemeinsame
Außenbeziehungen; Forschungsstelle (GFS);
KC: Nørlund, Laurs
Gemeinsame Handelspolitik; Humanressourcen, allgemeine
Beziehungen zur OECD und GD XI: Enthoven, Marius
Currie, James (1998-…) und berufliche Bildung und
zur WTO Jugend
KC: Budd, Colin
Rogers, Ivan (1996-…) KC: Lamoureux, François
Marchipont, Jean-François (1996-1997)
GD I: Krenzler, Horst Günter Zerah, Dov (1998-…)
Beseler, Hans-Friedrich (1997-…) Bonino, Emma (IT) GD XII: Fasella, Paolo
Fischerei; Verbraucherpolitik; Routti, Jorma (1996-…)
Amt für humanitäre Hilfe der GFS: Contzen, Jean-Pierre
Europäischen Gemeinschaft Allgeier, Herbert J. (1998-…)
Marín, Manuel (ES) GD XXII: O’Dwyer, Thomas
Vizepräsident (ECHO)
O’Sullivan, David (1999)
KC: Pasca-Raymondo, Michele
Beziehungen zu den Ländern GD XIV: Almeida Serra, José
im südlichen Mittelmeerraum, Cavaco, António (1997-…)
im Nahen und Mittleren GD XXIV: Pappas, Spyros A. Fischler, Franz (AT)
Osten, in Lateinamerika und Reichenbach, Horst (1997-…) Landwirtschaft und
Asien, einschließlich Fragen ECHO: Gómez-Reino Lecoq, Santiago Entwicklung des ländlichen
der Entwicklungshilfe Navarro González, Alberto (1997-…)
Raums
KC: García-Valdecasas, Ignacio KC: Pirzio Biroli, Corrado
Planas Puchades, Luis (1997-…)
GD VI: Legras, Guy
GD IB: Prat, Juan
Cioffi, Enrico (1997-…) Broek, Hans van den (NL)
Beziehungen zu den Ländern
Mittel- und Osteuropas und
Flynn, Pádraig (IE)
den Staaten der ehemaligen
Bangemann, Martin (DE) Sowjetunion, zur Mongolei, Beschäftigung und soziale
Gewerbliche Wirtschaft; zur Türkei, zu Zypern, Angelegenheiten; Beziehungen
Informationstechnologien und Malta sowie zu anderen zum Wirtschafts- und
Telekommunikation europäischen Staaten; Sozialausschuss
Gemeinsame Außen- und KC: Brosnan, Joseph
KC: Wenzel, Jörg
Weissenberg, Paul (1996-…) Sicherheitspolitik (GASP) und GD V: Larsson, Allan
GD III: Micossi, Stefano Menschenrechte; Außendienst
GD XIII: Carpentier, Michel KC: Post, Henk
Verrue, Robert (1996-…) GD IA: Burghardt, Günter Gradin, Anita (SE)
TF (Task Force „Beitrittsverhand­
Einwanderung, Justiz und
lungen“): Pas, Nikolaus van der
(1997-…)
Inneres; Beziehungen
zum Bürgerbeauftragten;
Finanzkontrolle;
Betrugsbekämpfung
KC: Asp, Christer
GD XX: Ventura, Isabella (1996-…)
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 81

Kinnock, Neil (UK) Papoutsis, Christos (EL) Generalsekretär


Verkehr (einschließlich Energie und Euratom-
transeuropäischer Netze) Versorgungsagentur (ESA);
KC: Lowe, Philip KMU; Fremdenverkehr
Cahn, Andrew (1998-…) KC: Antonakopoulos, Leonidas
GD VII: Coleman, Robert GD XVII: Miguel, Ramón de (1996)
Benavides Salas, Pablo (1997-…)
GD XXIII: Moltke, Heinrich von
Vanden Abeele, Michel (1997)
Crauser, Guy (1998-…)
Liikanen, Erkki (FI) ESA: Goppel, Michael
Haushalt; Personal
und Verwaltung;
Übersetzungsdienst (SdT) und
Datenverarbeitung
Pinheiro, João de Deus (PT) Williamson, David (UK)
KC: Huhtaniemi, Pekka
Rehn, Olli (1999) Beziehungen zu den AKP-
SdT: Brackeniers, Eduard Staaten und Südafrika,
Flesch, Colette (1996-…) einschließlich Fragen der
GD IX: De Koster, Frans Entwicklungshilfe; Abkommen
Smidt, Steffen (1997-…) von Lomé
GD XIX: Mingasson, Jean-Paul KC: Costa, Carlos
GD VIII: Smidt, Steffen
Lowe, Philip (1997-…)
SCR (Gemeinsamer Dienst für
Monti, Mario (IT)
die Verwaltung der Hilfe der
Binnenmarkt; Gemeinschaft in Drittländern):
Finanzdienstleistungen Soubestre, Philippe (1997-…)
und Finanzintegration; Zoll;
Steuern
KC: Moavero Milanesi, Enzo
Silguy, Yves-Thibault de Trojan, Carlo (NL) (1997-…)
GD II: Ravasio, Giovanni
(FR)
GD XV: Mogg, John
GD XXI: Wilmott, Peter Wirtschaft und Finanzen;
Currie, James (1996-1997) Währungsangelegenheiten;
Vanden Abeele, Michel (1998-…) Kredite und Investitionen;
Statistisches Amt Gruppe für prospektive Analysen
KC: Larnaudie-Eiffel, Xavier (unbesetzt)
Oreja, Marcelino (ES) Eurostat: Franchet, Yves
Generalinspektion der Dienststellen
GD II: Ravasio, Giovanni
Beziehungen zum GD XVIII: Cioffi, Enrico
Filippone, Maria Pia
Europäischen Parlament; Avery, Graham (1998-…)
Beziehungen zu den Juristischer Dienst
Mitgliedstaaten (in Dewost, Jean-Louis
Fragen der Transparenz,
Kommunikation und Van Miert, Karel (BE) Dienst des Sprechers
Pas, Nikolaus van der (…-1997)
Information); Kultur und Wettbewerb
audiovisuelle Medien; Amt für KC: Vanden Abeele, Michel Gemeinsamer
amtliche Veröffentlichungen Chêne, Claude (1998-…) Dolmetscher-Konferenzdienst
(OPOCE); Institutionelle GD IV: Schaub, Alexander Tanzilli, Rocco (1997-…)
Fragen und Vorbereitung der Sicherheitsbüro
Regierungskonferenz 1996 Haan, Pieter de
KC: Miguel, Ramón de
Calleja Crespo, Daniel (1996-…)
GD X: Flesch, Colette
Pappas, Spyros A. (1997-…) Wulf-Mathies, Monika (DE)
OPOCE: Emringer, Lucien Regionalpolitik; Beziehungen
zum Ausschuss der Regionen;
Kohäsionsfonds
KC: Reichenbach, Horst
Deffaa, Walter (1997-…)
GD XVI: Landáburu, Eneko
82 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Präsident
PRODI Prodi, Romano (IT)

1999-2000 Kabinettschef (KC): O’Sullivan, David


Petite, Michel (2000)

Kinnock, Neil (UK) Bolkestein, Frits (NL) Fischler, Franz (AT)


Vizepräsident Binnenmarkt; Steuern und Landwirtschaft; Fischerei
Zollunion KC: Pirzio Biroli, Corrado
Verwaltungsreform;
KC: Post, Henk AGRI: Silva Rodríguez, José Manuel
Personal und Verwaltung;
MARKT: Mogg, John MARE: Smidt, Steffen
Generalinspektion der
TAXUD: Vanden Abeele, Michel
Dienststellen; Gemeinsamer
Dolmetscher-Konferenzdienst
(SCIC); Übersetzungsdienst
(SdT)
KC: Cahn, Andrew Busquin, Philippe (BE) Lamy, Pascal (FR)
HR: Reichenbach, Horst Forschung; Gemeinsame Handel
SCIC: Tanzilli, Rocco Forschungsstelle (GFS) KC: Defraigne, Pierre
SdT: McCluskey, Brian KC: Jacob, Daniel TRADE: Beseler, Hans-Friedrich
Generalinspektion: Avery, Graham
RTD: Routti, Jorma
GFS: Allgeier, Herbert J.

Palacio, Loyola de (ES)


Vizepräsidentin
Beziehungen zum Europäischen Byrne, David (IE) Liikanen, Erkki (FI)
Parlament; Beziehungen Gesundheit und Unternehmen;
zum Ausschuss der Verbraucherschutz Informationsgesellschaft
Regionen, zum Wirtschafts- KC: Power, Martin KC: Rehn, Olli
und Sozialausschuss SANCO: Coleman, Robert ENTR: Colasanti, Fabio
und dem Europäischen INFSO: Verrue, Robert
Bürgerbeauftragten; Verkehr;
Energie
KC: Calleja Crespo, Daniel
TREN: Lamoureux, François Diamantopoulou, Anna (EL) Monti, Mario (IT)
ESA (Euratom-Versorgungsagentur):
Goppel, Michael Beschäftigung und soziale Wettbewerb
Angelegenheiten KC: Van Hoof, Marc
KC: Glynos, Giorgos COMP: Schaub, Alexander
EMPL: Larsson, Allan
Barnier, Michel (FR)
Regionalpolitik
KC: Roger, Christine
REGIO: Crauser, Guy
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 83

Nielson, Poul (DK) Vitorino, António (PT) Generalsekretär


Entwicklung; Amt für Justiz und Inneres
humanitäre Hilfe (ECHO) KC: Cavaco Servinho, António
KC: Sørensen, Claus HOME: Fortescue, Adrian
DEVCO: Lowe, Philip
ECHO: Della Monica, Sabato

Patten, Chris (UK) Wallström, Margot (SE)


Außenbeziehungen; Umwelt
Gemeinsamer Dienst für KC: Annerberg, Rolf
Außenbeziehungen (SCR) ENV: Currie, James
KC: Cary, Anthony
Trojan, Carlo (NL)
RELEX: Legras, Guy
SCR: Soubestre, Philippe

Reding, Viviane (LU)


Bildung; Kultur; Amt für
Veröffentlichungen (OPOCE)
KC: Paulger, Gregory
EAC: Pas, Nikolaus van der
OPOCE: Emringer, Lucien

Schreyer, Michaele (DE)


O’Sullivan, David (IE) (2000)
Haushalt; Finanzkontrolle;
Europäisches Amt für
Betrugsbekämpfung (OLAF)
KC: Guth, Eckart
BUDG: Mingasson, Jean-Paul
Generalinspektion der Dienststellen
Finanzkontrolle: Ventura, Isabella
Avery, Graham
OLAF: (unbesetzt)
Juristischer Dienst
Dewost, Jean-Louis

Solbes Mira, Pedro (ES) Presse- und Informationsdienst


Wirtschaft und Finanzen; Faull, Jonathan
Eurostat Gemeinsamer
KC: Planas Puchades, Luis Dolmetscher-Konferenzdienst
ECFIN: Ravasio, Giovanni Tanzilli, Rocco
Eurostat: Franchet, Yves Sicherheitsbüro (…-1999)
Haan, Pieter de

Verheugen, Günter (DE)


Erweiterung
KC: Italianer, Alexander
ELARG: Landáburu, Eneko
84 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Wie die Protokolle der Kommissionssitzungen Zuständigkeiten. Sein Führungsstil war deshalb
zeigen, waren während der Delors-Jahre Abstim­ zurückhaltender, und dies ließ manche Kommissi­
mungen über politisch heikle Themen, zu denen auf onsmitglieder, die die fachliche Kompetenz hatten
Kabinettsebene keine Einigung erzielt worden war, und politische Initiative zeigten, als Macher auf­
gang und gäbe. Dies galt insbesondere für die Be­ treten (4). Alexander Italianer, damals Mitglied des
reiche Landwirtschaft, Regionalpolitik und staat­ Kabinetts von Santer, beschreibt dies so: „Präsident
liche Beihilfen. Zwischen 1986 und 1994 fanden Santer war eher der Mannschaftstrainer und ließ
im Durchschnitt 22 Abstimmungen pro Jahr statt. die starken Persönlichkeiten spielen“ (5). Nach Auf­
Rückblickend zeigt dies eine Atmosphäre, in der fassung von Fischler waren dies er selbst, Karel Van
die Kommissionsmitglieder lebhaft und bisweilen Miert und Mario Monti (6). Einige Kommissions­
leidenschaftlich miteinander in Konfrontation gin­ mitglieder, insbesondere diejenigen, die im Bereich
gen, wobei die Delors-Kommissionen gleichzeitig der Außenbeziehungen tätig waren (Manuel Marín‚
aber auch stark zentralisiert waren: Der Präsident Sir Leon Brittan‚ Hans van den Broek und Emma
der Kommission und sein Kabinett überwachten Bonino), verhielten sich manchmal wie echte „Pri­
die gesamte Arbeit des Kollegiums und diktierten madonnen“ und trafen untereinander Absprachen,
die politische Tagesordnung  (1). Die dominante ohne den Kommissionspräsidenten einzubeziehen,
Rolle von Delors führte mitunter auch zu Spannun­ ganz nach dem Grundsatz „Lass mich in Frieden,
gen zwischen dem Präsidenten und den Mitgliedern dann lass ich dich in Frieden“  (7). Neil Kinnock
des Kollegiums. Häufig gab es Streitigkeiten zwi­ drückte das so aus: „Niemand hatte das Gefühl,
schen Sutherland und Delors über staatliche Bei­ dass Jacques Santer die Kommission anführte“ (8).
hilfen für französische Unternehmen und zwischen Der Grundsatz der Kollegialität, den Santer über
Delors‚ Ray MacSharry und Frans Andriessen in die Mittwochsitzungen hinaus durch „Reflexions­
der Schlussphase der Verhandlungen der Urugu­ seminare“ in Limelette (Belgien)  (9) erhalten und
ay-Runde (2). David O’Sullivan, Mitglied des Kabi­ pflegen wollte, hat darunter eher gelitten: „Jeder
netts von Peter Sutherland, hierzu: hatte seinen Bereich und wollte nicht, dass jemand
sich einmischte“ (10). Dies sollte sich unmittelbar auf
„Im Moment selbst hat sich das nicht nach die Abstimmungen innerhalb des Kollegiums aus­
Paradies oder Perfektion angefühlt. Es gab
Spannungen innerhalb der Kommission, und
wirken, deren Anzahl in den Santer-Jahren erheb­
es kam zu heftigen Auseinandersetzungen lich zurückging und zwischen 1995 und 1999 auf
zwischen den Kommissionsmitgliedern. durchschnittlich zehn pro Jahr sank. Santer war bei
Präsident Delors war ein sehr netter Mensch, Meinungsverschiedenheiten zwischen Kommissi­
aber er konnte auch hart sein.“ (3) onsmitgliedern kein guter Vermittler und nicht in
der Lage‚ den wiederholten Zusammenprall großer
Egos im Kollegium zu vermeiden  (11). Bei einem
Risse in der Kollegialität unter Santer Streit zwischen Kinnock und Brittan über ein Fi­
schereiabkommen mit Norwegen, das nach Ansicht
Bei Santer zeigten sich die Unterschiede zu seinem
Vorgänger schon vom ersten Tag seiner Präsident­
schaft an. Er musste mit einem erweiterten Kolle­ (4) Interview mit Jürgen Schüler, 26. Februar 2016.
gium arbeiten, und die Kommission hatte mehr (5) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017, S. 27.
(6) Interview mit Franz Fischler, 9. Februar 2016.
(7) Interview mit Christine Roger, 26. Mai 2016, S. 7.
(8) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016, S. 15.
(9) AHUE, Bestand Philip Lowe (PL) 21, „Handbuch für Kabinetts­chefs “,
(1) Siehe Kapitel 1.3 „Die Kabinette“. undatiert [1996].
(2) Interview mit Pascal Lamy, 7. Juli 2016. (10) Interview mit Yves-Thibault de Silguy, 5. Juli 2016, S. 13.
(3) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016, S. 13. ( ) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016.
11
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 85

von Kinnock den britischen Fischern schadete, Aufgrund der Cresson-Affäre musste schließlich
musste die Kommission drei Mal  – einschließlich zum ersten Mal in der Geschichte der Kommis­
eines Sonntags  – zusammenkommen, ehe sie sich sion das gesamte Kollegium zurücktreten  (6). Der
auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen konn­ Rücktritt war die Entscheidung der Kommissions­
te. Laut Kinnock hätte es dies unter Delors nie gege­ mitglieder und Reaktion des Kollegiums auf einen
ben, weil er den Streit dank seiner Autorität schon Bericht, der am 15. März 1999 von einem Ausschuss
im Vorfeld beigelegt hätte (1). Dem Kollegium unter unabhängiger Sachverständiger veröffentlicht wor­
Leitung von Santer wurde auch mutmaßliches Fehl­ den war (7). Kinnock spricht aus, was für ihn in ei­
verhalten vorgeworfen, wie die Veröffentlichung ner solchen Situation galt: „Rücktritt ist der einzige
nicht autorisierter Tagebücher durch Umweltkom­ Weg, um zu erreichen, dass jemand sich die Wahr­
missarin Ritt Bjerregaard, in denen sie kritische heit anhört. Integrität wird letztlich nur dem zuge­
Portraits der Kommissionsmitglieder zeichnete  (2). standen, der sein Amt aufgibt“ (8). Das Kollegium
Santer sah sich dadurch gezwungen, allen Kom­ sprach in der Nacht vom 15. März über die politi­
missionsmitgliedern ein persönliches Schreiben schen Folgen des Berichts. Die Kommissionsmit­
zukommen zu lassen, in dem er ausdrücklich auf glieder kamen einstimmig darin überein, Kinnocks
Artikel  157 EGV (konsolidierte Fassung des Ver­ Linie zu folgen, und verkündeten am 17.  März
trags von Maastricht) über die Unabhängigkeit der 1999 (9) öffentlich ihren Rücktritt. Paradoxerweise
Kommissionsmitglieder und auf die Bedeutung des kam die Santer-Kommission, der es vom ersten Tag
Grundsatzes der Kollegialität verwies (3). Nach der ihres Amtsantritts deutlich an Kollegialität gefehlt
Bjerregaard-Episode wurden die internen Regeln hatte, ausgerechnet durch eine kollegiale Entschei­
der Kommission über die Auslegung dieses Artikels dung zu Fall.
im Detail dargelegt und am 22.  November 1995
von der Kommission förmlich gebilligt (4).
Das Kollegium nach der Prodi-Reform
Mit dem öffentlichen Skandal um Édith Cresson
tauchte im Jahr 1999 jedoch erneut der Vorwurf Die Cresson-Affäre machte deutlich, dass die Be­
von Fehlverhalten auf. In diesem Fall reichte das fugnisse des Präsidenten gegenüber dem Kollegi­
politische Gewicht von Santer nicht aus, um die um gestärkt werden mussten. Dies wurde eine der
französische Kommissarin und ehemalige Pre­ ersten Prioritäten des neu ernannten Kommissi­
mierministerin, die aus rein rechtlichen Gründen onspräsidenten Romano Prodi. Prodi forderte alle
nicht entlassen werden konnte und zudem auf die Mitglieder seiner Kommission auf, sich schriftlich
Unterstützung des französischen Staatspräsidenten bereit zu erklären, ihr Amt niederzulegen, wenn der
Jacques Chirac zählen konnte, zum Rücktritt zu be­ Präsident sie darum ersuchen würde, und sämtliche
wegen (5). Kommissionsmitglieder waren dazu bereit (10). Auf
der ersten Sitzung des Teams im Juli 1999 auf Sol­
hof (Belgien) erzielte das Kollegium eine politische

(1) A. a. O. (6) Siehe Kapitel 8.3 „Von einer Liebesbeziehung zum Showdown: Beziehun­
(2) Siehe Peterson, J., „The Santer era: the European Commission in normative, gen zum Europäischen Parlament“.
historical and theoretical perspective“, Journal of European Public Policy, (7) AHUE, AV 200, „Ausschuss unabhängiger Sachverständiger, Erster Be­
Bd. 6, Nr. 1, Routledge, Abingdon, 1999, S. 51. richt über Anschuldigungen betreffend Betrug, Missmanagement und
(3) AHUE, FL 72, Schreiben von Jacques Santer an die Mitglieder des Kollegi­ Nepotismus in der Europäischen Kommission“, 15. März 1999.
ums, 25. Oktober 1995. (8) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016, S. 19.
(4) AHCE, PV(95), Protokoll Nr. 1270, zweiter Teil, Sitzung vom 29. Novem­ (9) Pressemitteilung IP/99/186, „Statement of the Commission“, Brüssel,
ber 1995, S. 18. 17. März 1999: http://europa.eu/rapid/press-release_IP-99-186_en.htm.
(5) Interview mit Carlo Trojan, 2. Juni 2017. (10) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016.
86 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Einigung über die Notwendigkeit eines neuen Ver­ 1.3. Die Kabinette
haltenskodexes zur Regelung seiner Tätigkeiten (1).
Die Kommissionsmitglieder und ihre Kabinette Während der Präsidentschaften von Delors und
waren nun zum ersten Mal in der Geschichte der Santer 1985-1999 festigten die Kabinette die her­
Kommission in demselben Gebäude untergebracht ausragende Bedeutung, die sie in der institutio­
wie ihre Dienststellen und nicht in einem separaten nellen Architektur der Kommission seit Ende der
Gebäude. Innerhalb der Kommission wurde dies 1960er-Jahre allmählich gewonnen hatten  (6). Zu
in Verbindung mit dem von den Mitgliedern des ihren wichtigsten Aufgaben zählten die politische
Kollegiums unterzeichneten Schreiben über einen Beratung der einzelnen Kommissionsmitglieder,
möglichen Rücktritt von vielen als Gefahr für den die Vorbereitung der wöchentlichen Kommissions­
Grundsatz der Kollegialität betrachtet  (2). Prodi sitzungen und die Koordinierung zwischen dem
war dagegen der Ansicht, dass die Entscheidung Kollegium, den Generaldirektionen und anderen
nicht nur eine starke symbolische Botschaft aus­ Dienststellen der Kommission. Je nach nationalen
senden, sondern auch auf sehr pragmatische Wei­ Traditionen und individuellen Vorlieben der Kom­
se gute Voraussetzungen für die Zusammenarbeit missionsmitglieder funktionierten die Kabinette
zwischen den Kommissionsmitgliedern, ihren Ka­ auf ganz unterschiedliche Art und Weise. In der
binetten und ihren Dienststellen schaffen würde. Praxis entschied jedes Kommissionsmitglied selbst
Prodi betrachtete die Kommissionsmitglieder wie über die Ernennung seines Personals und dessen Ar­
Mitglieder einer nationalen Regierung, von denen beitsweise, was die Beschreibung der Kabinette zu
jeder genau festgelegte Zuständigkeiten hatte  (3), einer herausfordernden Aufgabe macht: Die meis­
gleichzeitig aber auch Teil des „Teams“ war (4). ten Kommissionsmitglieder betrachteten ihre Kabi­
nette als Privatbüros, die vom Verwaltungsapparat
Alles in allem waren sich die Mitglieder des neuen der Kommission abgekoppelt waren; Unterlagen
Kollegiums der Notwendigkeit bewusst, das öffent­ wurden nicht systematisch in den Zentralarchiven
liche Ansehen ihres Organs wiederherzustellen und der Kommission hinterlegt.
von der Vergangenheit Abstand zu nehmen. Mar­
garitis Schinas, damaliger Stellvertretender Kabi­
nettschef von Vizepräsidentin Loyola de Palacio: Koordinierung und Polyvalenz
„Innerhalb des Hauses herrschte sowohl beim Kol­
legium als auch bei den Dienststellen ein sehr star­ In den Kabinetten arbeiteten in der Regel hoch
kes Gefühl, dass es sich um einen neuen Aufbruch, qualifizierte Mitarbeiter unterschiedlicher Natio­
um eine neue Ära handelte“ (5). nalitäten. Es konnte sich um Beamte der Kommis­
sion handeln, die mit allen Details von „Brüssel“ (7)
Benedetto Zaccaria bestens vertraut waren, oder aber um externe Be­
dienstete, die vom jeweiligen Kommissionsmitglied
direkt eingestellt wurden. Während Erstere einen
tiefen Einblick in die Funktionsweise der europä­
ischen Organe hatten und die vielfältigen techni­
schen Aspekte, die auf der Tagesordnung standen,
(1) Siehe SEK(1999)  1479 vom 16.  September 1999, „Verhaltenskodex für
Kommissionsmitglieder“.
(2) Interview mit Christine Roger, 26. Mai 2016. (6) Mangenot, M., „Die Kabinette“, Bussière, E., Dujardin, V., et al. (Hg.), Die
(3) Interview mit Chris Patten, 11. Oktober 2016. Europäische Kommission 1973-1986  – Geschichte und Erinnerungen einer
(4) Interviews mit Romano Prodi, 1. April 2016, Philippe Busquin, 23. März Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxem­
2016, und Antonio de Lecea, 11. Juli 2017. burg, 2014, S. 88-97.
(5) Interview mit Margaritis Schinas, 22. April 2016, S. 15. ( ) Interview mit Ioannis Paleokrassas, 29. März 2016.
7
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 87

genau kannten  (1), spielten Letztere für die Kom­


mission eine wichtige Rolle für enge Beziehungen
zur Politik in ihrem Herkunftsland. Die Teammit­
glieder wurden im Allgemeinen direkt ernannt; die
Entscheidung darüber traf der neue Kommissar
oder sein Kabinettschef (2). Was an Erfahrung und
Sachkenntnis verlangt wurde, hing in der Regel
vom Zuständigkeitsbereich des Kommissionsmit­
glieds ab und setzte eine gewisse Vertrautheit mit
dem „Labyrinth“ der europäischen Institutionen
voraus (3). In den Worten von David Byrne‚ der in
der Prodi-Kommission für Gesundheit und Ver­
braucherschutz zuständig war, musste man sich „auf
allen Gängen zurechtfinden“ und „sämtliche Ecken
und Winkel der Gebäude“ kennen (4). Lord Cockfield und sein Kabinett.
Von links nach rechts: Alastair Sutton (zuständig für Vertrags­
verletzungen), Michel Petite (Binnenmarktfragen), Adrian Fortescue
Die Hauptaufgabe der Kabinettsmitglieder bestand (Kabinettschef), Étienne Reuter (Mitglied des Sprecherdiensts),
darin, ihr Kommissionsmitglied oder den Präsiden­ Lord Cockfield, Martin Peach (Zollfragen), Sebastian Birch (stellv.
Kabinettschef, zuständig für Steuern), Michael Leigh (Beziehungen
ten zu beraten. Aufgrund des Prinzips der Kollegi­ zum Parlament) und David Anderson (Praktikant)
alität hatten Kommissionsmitglieder das Recht, im
gesamten Spektrum der Gemeinschaftspolitik an
politischen Debatten teilzunehmen und abzustim­ gibt“ (7). Dazu gehörte es auch, die Beziehungen zu
men. Die Wirksamkeit dieser Politik hing – vor al­ anderen Kabinetten zu pflegen, um festzulegen, „wo
lem, wenn es um Fragen außerhalb des eigenen spezi­ es besonders wichtig war, Zäune zu reparieren und
fischen Aufgabenbereichs ging – von der Kompetenz das Feld zu bestellen“ (8). Das wichtigste Forum für
der einzelnen Kabinettsmitglieder ab und erforderte die formale Zusammenarbeit zwischen den Kabi­
nicht nur eine intensive Vorbereitung und Planung, nettsmitgliedern war die wöchentliche Sitzung der
sondern auch Koalitionen zwischen Kabinetten (5). Kabinettschefs (réunion hebdomadaire des chefs de
Der Kabinettschef musste die Beziehungen seines cabinet), intern als „Hebdo“ bezeichnet. Auf diesen
Kommissionsmitglieds zu den anderen Mitgliedern Sitzungen wurden die Beratungen des Kollegiums
des Kollegiums einschätzen und regelmäßig neu vorbereitet, das dann tatsächlich nur über Angele­
bewerten und dann sicherstellen, dass gehandelt genheiten sprach, über die die Kabinettschefs noch
wurde (6). Colin Budd‚ der Kabinettschef von Leon keine Einigung erzielt hatten (9). Von 1986 bis 2000
Brittan‚ formulierte dies im Jahr 1996 so: „Trinken blieben die Vorschriften für die Arbeit der Hebdos
muss letztlich jeder selbst, aber es ist Aufgabe des Ka­ aus den späten 1960er-Jahren unverändert. Die Sit­
binettschefs, (zusammen mit seinen Mitarbeitern) zungen fanden jeden Montag um 15 Uhr nachmit­
dem Kommissionsmitglied zu zeigen, wo es Wasser tags statt und wurden in den Wochen, in denen die
Kommission in Straßburg tagte, auf 11 Uhr vorge­
zogen. Die Treffen dauerten im Allgemeinen drei bis
(1) Interviews mit Alan Mayhew, 22. September 2016, und Alexander Italia­ fünf Stunden. Neben den Kabinettschefs nahmen
ner, 7. Februar 2017.
(2) Interview mit Christine Roger, 26. Mai 2016.
(3) AHUE, Bestand Philip Lowe (PL) 21, „Handbuch für Kabinettschefs“, un­
datiert [1996].
(4) Interview mit David Byrne, 13. Oktober 2016, S. 28. (7) A. a. O.
(5) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017. (8) A. a. O.
(6) AHUE, PL 21, a. a. O. (9) Interview mit Christine Roger, 26. Mai 2016.
88 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

der Juristische Dienst, der Generalsekretär, der den Philip Lowe‚ der Kabinettschef von Neil Kinnock,
Vorsitz führte, der Sprecher, der Generaldirektor eine ähnliche Rolle und konnte dank seines Wis­
für Kommunikation und die Generaldirektoren, sens und seiner Vernetzung infolge seiner früheren
die von den Themen auf der Tagesordnung betrof­ Ämter als Kabinettschef von Bruce Millan und
fen waren, teil. Die Vorbereitung der Hebdos nahm Direktor in der GD VII die Beziehungen zwischen
den größten Teil der Arbeitszeit der Kabinettschefs Kinnock und der GD Verkehr glätten (4).
in Anspruch und war ihr „natürliches Habitat“ (1).
Dar­über hinaus trafen sich die Kabinettsmitglieder
auf „Sondersitzungen“ zur Vorbereitung der Hebdos Die Delors-Jahre
im Hinblick auf spezielle Dossiers, die intensivere
Gespräche erforderten. Ein weiterer großer Teil der Die Kabinette waren die entscheidende Schnittstel­
Arbeit der Kabinette entfiel auf die Koordinierung le, um dafür zu sorgen, dass die Dienststellen genau
mit anderen europäischen Institutionen, insbeson­ wussten, „was dem Kommissar vorschwebte“  (5).
dere dem Europäischen Parlament und dem Rat. Dies war ganz sicher bei den Delors-Kommissio­
nen der Fall, als das Kabinett des Präsidenten un­
ter Leitung des Franzosen Pascal Lamy Dreh- und
Die Kabinette und die Angelpunkt der Verwaltung war. Das Kabinett von
Kommissionsdienststellen Delors hatte ein französisches Kernteam: „le petit
noyau des Parisiens“, bestehend aus Jérôme Vig­
Die Entscheidung, wie stark sich ein Kabinett in non  (6), Jean-Michel Baer und Pascal Lamy selbst.
die Arbeit der zuständigen Generaldirektion ein­ Die anderen Kabinettsmitglieder waren ehemalige
mischen sollte, erforderte „gutes Fingerspitzenge­ Kommissionsbeamte. Dazu gehörte auch François
fühl ... Viel hängt davon ab, wie fantasievoll, wie gut Lamoureux‚ ehemaliges Mitglied des Juristischen
organisiert und wie fleißig die GD ist. Zu viel Ein­ Dienstes und später exponierter Stellvertretender
mischung, und die Dienste werden mürrisch und Generaldirektor im Bereich Außenbeziehungen
ziehen nicht mehr mit. Zu wenig, und das Ergebnis und Verkehr. Delors beschrieb ihn als dynamisch,
genügt nicht mehr den Qualitätsansprüchen“  (2). professionell und kompetent  (7), und er sollte Teil
Die erfolgreiche Umsetzung der Kommissionspoli­ des inneren Kreises des Kabinetts werden. Kabi­
tik war oft das Ergebnis persönlicher Beziehungen nettschef Pascal Lamy war bereits Berater von Jac­
oder sogar Freundschaften zwischen Kabinettschefs ques Delors gewesen, als dieser französischer Wirt­
und hochrangigen Kommissionsbeamten, wie das schafts- und Finanzminister (1981-1984) war, und
Beispiel von Riccardo Perissich‚ dem stellvertreten­ kannte daher dessen Arbeitsmethoden, persönliche
den Generaldirektor der GD Binnenmarkt und In­ Vorlieben und Meinung. Gleich bei Amtsantritt der
dustrie (GD III) während der ersten Amtszeit von ersten Delors-Kommission zeigte er sich als treuer
Delors, und Adrian Fortescue, dem Kabinettschef und aufrichtiger Anhänger des europäischen Pro­
von Lord Cockfield, zeigte. Perissich erinnert sich jekts und der europäischen Vision von Jacques De­
an Fortescue als „sehr guten Freund“, der an der lors; wegen seiner nüchternen und pragmatischen
Stärkung der Beziehungen zwischen der GD  III
und dem zuständigen Kommissar entscheidend
beteiligt war  (3). In den Santer-Jahren spielte z.  B.
(4) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016, S. 12.
(5) AHUE, PL 21, a. a. O.
(6) Jérôme Vignon war Chefberater des Referats für prospektive Analysen, das
eng mit dem Präsidenten und seinem Kabinett zusammenarbeitete. Siehe
(1) AHUE, PL 21, a. a. O. Interviews mit Thomas Jansen, 24. April 2017, und Notis Lebessis, 17. März
(2) A. a. O. 2017.
(3) Interview mit Riccardo Perissich, 17. Mai 2016, S. 9. ( ) Interview mit Jacques Delors, 25. Februar 2016, S. 38.
7
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 89

Arbeitsweise nannte man ihn den „légionnaire“ (1).


Den Motor am Laufen zu halten  (2), dies war in
Lamys eigenen Worten seine Aufgabe: Er hatte
dafür zu sorgen, dass Organisation und Logistik
stimmten. Wie gut Lamy dies gelungen ist, wird
unterschiedlich bewertet. Einerseits herrscht weit­
gehend Konsens darüber, dass das Delors-Kabinett
Mitte der 1980er-Jahre der Motor für die Wiederbe­
lebung der europäischen Integration war und über
ein Netz loyaler und engagierter Mitarbeiter für
Kohärenz und Abstimmung zwischen den Kom­
missionsmitgliedern, Kabinetten und Dienststellen
sorgte (3). Andererseits lassen mündliche Aussagen
aber auch darauf schließen, dass es intern Kritik
am Führungsstil von Lamy gab  (4), der von vielen Porträt von Jim Cloos, dem Kabinettschef von Jacques Santer.
als „preußisch“  (5) empfunden wurde, nach dem
Motto „oderint dum metuant“ (lass’ sie nur hassen,
solange sie sich fürchten)  (6). John Mogg‚ stellver­ Die Santer-Jahre
tretender Generaldirektor der GD III, erinnert sich
an die dritte Amtszeit von Delors: „Wenn Lamy an­ Die Situation änderte sich rasch nach dem Ende
gerufen hat, hast du den Hörer abgenommen und der Delors-Kommission. Der Kabinettschef von
zugehört“ (7). Laut Delors war Lamy alles andere als Jacques Santer war der Luxemburger Jim Cloos. Er
ein sanftes Lamm und schlug auf den Hebdo-Sit­ hatte in der ersten und dritten Delors-Kommission
zungen gegenüber den anderen Kabinetts­ chefs im Kabinett der Kommissionsmitglieder Nicolas
mitunter einen harschen Ton an‚ akzeptierte aber, Mosar und René Steichen gearbeitet und war nicht
dass für die Koordinierung der Generalsekretär nur deshalb, sondern auch dank seiner Zeit als Stän­
zuständig war; dies galt insbesondere während der diger Vertreter Luxemburgs bei den Europäischen
Amtszeit von Williamson‚ zu dem er gute Bezie­ Gemeinschaften (1987-1992) mit der Politik der
hungen unterhielt (8). Im institutionellen Rahmen Gemeinschaft und der Mitgliedstaaten bestens ver­
der Kommission führte dies zwangsläufig zu einer traut. Im Gegensatz zum „Gespann“ Delors/Lamy
Unterscheidung zwischen Beamten, die nahe beim hatte Cloos vorher nie direkt mit Santer zusammen­
Delors-Kabinett standen, und solchen, die sich vom gearbeitet und kannte ihn nur als Premierminister
„Delors-Lager“ ausgeschlossen fühlten (9). von Luxemburg (10). Während Lamy die europäische
Vision Delors’ in die Praxis umsetzte und das Ka­
binett zum Dreh- und Angelpunkt der Gemein­
schaftspolitik machte, hatte Cloos weder die poli­
tische Unterstützung noch die Führungsqualitäten
von Lamy (11). Das Kabinett des Präsidenten konnte
(1) Interview mit Christiaan Timmermans, 16. Dezember 2016.
(2) Interview mit Pascal Lamy, 7. Juli 2016, S. 9. in der Kommission daher keine wesentliche strate­
(3) Ross, G., Jacques Delors and European integration‚ Reihe „Europe and the gische Rolle spielen. Alexander Italianer‚ Mitglied
International Order“, Polity Press, Cambridge, 1995.
(4) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016. des Kabinetts von Santer, fasste es so zusammen:
(5) Interview mit Pascal Lamy, 7. Juli 2016, S. 9.
(6) AHUE, PL 21, a. a. O.
(7) Interview mit John Frederick Mogg, 17. Januar 2017, S. 14.
(8) Interview mit Jacques Delors, 16. Januar 2016. (10) Interview mit Jim Cloos, 4. Juli 2016.
(9) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017. (11) Interview mit Neil Kinnock, 25. Oktober 2016.
90 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Manche Kabinette sind stark auf das trolle während der Präsidentschaften von Delors
Zentrum ausgerichtet, und alles läuft und Santer führten dazu, dass die Beziehungen
über den Kabinettschef; andere arbeiten
zwischen den Kabinetten und den Dienststellen
stärker dezentral. Ich würde sagen, dass
das Kabinett von Santer eher dezentral neu definiert werden mussten. Romano Prodi prä­
organisiert war.“ (1) sentierte den Generaldirektoren und Dienststellen­
leitern kurz nach seiner Ernennung einen Bericht,
Santer und Cloos waren sich bewusst, dass die Ka­ in dem ein sehr sorgfältiger Blick auf die Definition
binette innerhalb der Kommissionsstruktur ste­ und die Rolle der Kabinette geworfen wurde (5). In
tig – und mitunter unkontrolliert – an Bedeutung diesem Bericht über die Arbeitsweise der Kommis­
gewannen und dass daraus Interessenkonflikte mit sion (6) wurden die von der Santer-Kommission am
den Generaldirektionen entstehen konnten. Dafür 3. März 1999 genehmigten Verhaltensregeln weiter­
spricht z.  B. das Arbeitsfrühstück, das Cloos zwi­ entwickelt. Außerdem wurde hervorgehoben, dass
schen 1997 und 1998 jeden Freitag für junge Beam­ der im vorausgegangenen Jahrzehnt verzeichnete
te der Kommissionsdienststellen veranstaltete  (2). Anstieg der Zahl der Kabinettsmitglieder und die
Das Ungleichgewicht zwischen den Kabinetten Ausweitung ihres Tätigkeitsbereichs als symptoma­
und den Dienststellen war Gegenstand der Ope­ tisch für die institutionelle Dysfunktion der Kom­
ration „Die Kommission von morgen“, die die San­ mission wahrgenommen worden sei. Um das Anse­
ter-Kommission im Oktober 1997 zur Erfassung hen der Kommission zu verbessern, wollte Prodi als
von Informationen für eine Umstrukturierung der Zeichen der neuen Verwaltungskultur neue Regeln
Kommissionsdienststellen einleitete. Im Juli 1999 einführen, die sich auf die Prinzipien der Trans­
wurde ein Bericht mit demselben Titel veröffent­ parenz und der Rechenschaftspflicht gründeten.
licht, in dem u. a. darauf hingewiesen wurde, dass Bei der Reform von Prodi, bei der vor allem Neil
die Kabinette exzessiven Einfluss auf die Admi­ Kinnock eine wichtige Rolle spielte, wurden zum
nistration und die Finanzverwaltung der General­ ersten Mal die politischen Aufgaben der Kabinette
direktionen nahmen  (3). Am 3.  März 1999 nahm beschrieben. Nach Auffassung von Prodi bestand
die Kommission zwei Verhaltenskodizes an, die auf die Hauptaufgabe der Kabinette darin, für eine kor­
eine Reform der politischen und administrativen rekte Anwendung des Grundsatzes der kollegialen
Kultur abzielten (4). Verantwortung zu sorgen, indem sie die Kommissa­
re über Angelegenheiten außerhalb seines Zustän­
digkeitsbereichs informierten.
Die Prodi-Reform
Die neuen Grundsätze für die Beziehungen zwi­
In der Delors-Zeit erreichten die Kabinette ihren schen Kommissionsmitgliedern und Beamten
Zenit als Rückgrat des institutionellen Systems der verringerten die Dominanz der Kabinette. Die
Kommission, aber der exzessive Zuwachs an Macht Kommissionsmitglieder sollten die volle politische
und Personal und die fehlende administrative Kon­ Verantwortung übernehmen. Die Generaldirekto­
ren waren gegenüber ihrem Kommissionsmitglied
dafür verantwortlich, dass die von der Kommission
(1) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017, S. 22. und den Kommissionsmitgliedern festgelegten po­
(2) AHUE, DORIE 382, „Vermerk des Kabinettschefs des Präsidenten zum litischen Leitlinien ordnungsgemäß umgesetzt wür­
Arbeitsfrühstück mit jungen Beamten“, Brüssel, 16. Juli 1999.
(3) AHUE, DORIE 392, Europäische Kommission, Generalinspektion der
­Dienststellen, „Dessiner la Commission de demain – Examen de l’organisa­
tion et du fonctionnement de la Commission“, Brüssel, 7. Juli 1999.
(4) AHCE, DORIE 381, SEK(1999) 421 vom 11. März 1999, „Für eine euro­ (5) AHCE, DORIE 395, SEK(1999) 1231 vom 19. Juli 1999, „Amtsantritt der
päische Politik- und Verwaltungskultur: drei Verhaltenskodexe“, 11. März neuen Kommission – Arbeitsweise der Kommission (12. Juli 1999)“.
1999. (6) A. a. O.
Kapitel 1 – Die Führung der Kommission 91

den. Ein weiterer Schwerpunkt der Reform Prodis mitglied noch durchschnittlich sechs Kabinetts­
war die Berufsethik der Kabinette, deren Mitglie­ mitglieder entfielen, waren dies unter Santer acht.
der bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben nur die Infolge der von Prodi eingeführten Änderungen
Interessen des Organs berücksichtigen und zudem ging die Gesamtzahl der Kabinettsmitglieder von
denselben ethischen Regeln unterliegen sollten wie 154 während der Santer-Kommission auf 123 in der
alle anderen Bediensteten der Kommission. Auch Prodi-Kommission zurück  (1). Mit der Prodi-Re­
die Zusammensetzung der Kabinette wurde gere­ form wurden auch der administrative Status der
gelt: Im Kabinett des Präsidenten sollten neun und Kabinettsmitglieder, die Geschlechterverteilung
in denen der anderen Kommissionsmitglieder sechs und die Verfügbarkeit von finanziellen Ressourcen
Mitarbeiter der Laufbahngruppe  A, einschließlich geregelt. Zudem wurden neue Vorschriften für die
des Kabinettschefs und seines Stellvertreters, arbei­ Rolle der Sonderberater in den Kabinetten festge­
ten; außerdem sollten in jedem Kabinett mindes­ legt: Von nun an verabschiedete die Kommission
tens drei verschiedene Nationalitäten vertreten sein. nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Haus­
Durch diese Zahlenvorgaben sollte einem erneuten haltsmittel und nach einem transparenten Verfah­
unkontrollierten Anstieg der Anzahl der Kabi­ ren eine Liste der Sonderberater.
nettsmitglieder Einhalt geboten werden. Während
in der Delors-Kommission auf jedes Kommissions­ Dieter Schlenker

(1) AHUE, DORIE 376, 377 und 378, Kommissionskabinette 1973-1999.


93

Kapitel 2

Das Generalsekretariat
Seit seiner Gründung im Jahr 1958 nimmt das Ge­ von 1967 bis 1987 – zog einen allmählichen Wan­
neralsekretariat der Europäischen Kommission drei del dieser zentralen Dienststelle der Europäischen
Hauptaufgaben wahr: Es bereitet die Sitzungen des Kommission nach sich. Noël hatte das Generalse­
Kollegiums der Kommission vor, erfüllt eine „zen­ kretariat geprägt und „alle internen Verfahrensre­
trale Aufgabe“  (1), indem es die Kommissionsbe­ geln der Kommission selbst mit erfunden“ (2).
schlüsse an die Dienststellen übermittelt und für
ihre Durchführung sorgt, und fungiert als Schnitt­ Der Zeitraum 1986-2000 war im Wesentlichen
stelle zu den anderen Organen der Europäischen durch drei Hauptphasen gekennzeichnet: eine erste
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Phase bis 1987, in der das Generalsekretariat eine
„individuelle und persönliche“ (3) Prägung aufwies,
Wenngleich sich die Aufgaben des Generalsekre­ eine zweite Phase von 1987 bis 1997, in der es zwi­
tariats nicht grundlegend geändert haben, wurden schen Kontinuität und Wandel schwankte und in
sein Wesen, seine Organisation und seine Stellung der sich der Übergang zu einer stärker „standardi­
sowohl durch die Persönlichkeit des jeweils amtie­ sierten“ und „technokratischen“  (4) Verwaltungs­
renden Generalsekretärs als auch durch die insti­ dienststelle ankündigte, und eine dritte Phase von
tutionellen Entwicklungen, die mit dem europäi­ 1997 bis 2000, die – insbesondere vor dem Hinter­
schen Integrationsprozess einhergingen, geprägt. grund der Krise, die die Europäische Kommission
Vor allem das Ausscheiden von Émile Noël – erster im Jahr  1999 durchlebte  – einen Bruch und tief­
Exekutivsekretär ab dem Jahr 1958 und Generalse­ greifende Reformen des Generalsekretariats einläu­
kretär der gemeinsamen Europäischen Kommission tete. Diese drei Phasen wurden von vier verschie­
denen Generalsekretären geprägt: Émile Noël (bis

(1) Berlin, D., „Organisation et fonctionnement de la Commission et Commu­


nautés européennes“, Cassese, S. (Hg.), The European administration, Inter­ (2) Interview mit Marcell von Donat, 3. Dezember 2016.
national Institute of Administrative Sciences/European Institute of Public (3) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017.
Administration, Brüssel, 1987, S. 80. (4) Interview mit Bernhard Zepter, 26. April 2017.
94 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

1987), David Williamson (1987 bis 1999), Carlo der europäischen Entscheidungsprozesse“  (6). Das
Trojan (1999 bis 2000) und David O’Sullivan (ab Generalsekretariat wurde somit zum „Herzen“  (7)
dem Jahr 2000). der Europäischen Kommission, und Émile Noël
ließ es „höher schlagen“ und verlieh ihm seinen ein­
Gegenüber seinen Anfängen im Jahr  1967 ist das zigartigen Charakter, der mit keinem der anderen
gemeinsame Generalsekretariat zu einer einfluss­ Dienststellen einer anderen europäischen oder in­
reichen Dienststelle geworden. Eigentlich hatte es ternationalen Verwaltung vergleichbar ist. „Mann
in der Verwaltung den Status eines „Primus inter im Hintergrund“, „graue Eminenz“, „Verfechter des
pares“ und war weder mit der Dienstaufsicht über kollegialen Charakters der Kommission“, „Mann
die Generaldirektionen der Kommission noch mit des Glaubens an Europa“, „Mann der Lösung“ mit
einer Weisungsbefugnis gegenüber der Verwaltung „natürlicher Autorität“  (8): Der Mann, der dem
ausgestattet. In der Praxis entwickelte sich diese Generalsekretariat bis 1987 vorstand, erhielt viele
„besondere Instanz“ (1) jedoch zu einer „Drehschei­ Beinamen, die von dem Personalisierungsprozess in
be der internen Tätigkeit des Organs“ (2), zu einer dieser Dienststelle zeugten (9). Das Generalsekreta­
„großen Verwaltung“ (3) in den Worten von Émile riat wurde durch Émile Noël verkörpert‚ eine Aus­
Noël, durch dessen Wirken das Generalsekretariat nahmepersönlichkeit mit einer „natürlichen Auto­
seine zentrale Stellung in der Gemeinschaft erwarb. rität“, die „eine Vision“ hatte und der „europäischen
Émile Noël war überzeugt, dass dem Generalsekre­ Sache verschrieben war“ (10).
tariat innerhalb der Europäischen Kommission eine
„Führungsrolle“ zukam (4). Schrittweise übernahm 1985 hatte das Generalsekretariat den Höhepunkt
es daher weitere Aufgaben, etwa die Unterstützung seines Einflusses erreicht. Seine Stellung änderte
institutioneller Reformen und die Überarbeitung sich, als Jacques Delors Präsident der Europäischen
der Verträge, die Vertretung der Europäischen Kommission wurde: Delors hatte  – ebenso wie
Kommission nach außen, die Übernahme der Ver­ Noël – Charisma und seinen eigenen Führungsstil.
antwortung für neue Befugnisse der Kommission, Dies führte unweigerlich zu Spannungen zwischen
das Fungieren als „Angelpunkt“  (5) zwischen den den beiden Männern. Jacques Delors selbst be­
verschiedenen Akteuren der Gemeinschaft (Minis­ schrieb es wie folgt:
terrat, Europäisches Parlament, nationale Regierun­
gen usw.) und das Beitragen zur „Gesamtkohärenz „Er hatte in seiner Dienststelle, die er
nach seinen Wünschen gestaltet hatte,
das Sagen. [...] Deshalb musste Émile Noël
zunächst klar gemacht werden‚ dass einige
Änderungen anstanden.“ (11)
(1) Kassim, H., „The Secretariat General of the European Commission, 1958-
2003. A singular institution“, Smith, A.  (Hg.), Politics and the European
Commission. Actors, interdependence, legitimacy, Routledge, London und
New York, 2004, S. 47.
(2) Dumoulin, M., „Das Generalsekretariat“, Bussière, É., Dujardin, V.,
et al. (Hg.), Die Europäische Kommission 1973-1986 – Geschichte und Erin-
nerungen einer Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen (6) Christiansen, T., „Intra-institutional politics and inter-institutional rela­
Union, Luxemburg, 2014, S. 105. tions in the EU: towards coherent governance?“, Journal of European Public
(3) Noël, É., „Walter Hallstein. A personal testimony“, Loth, W., et al. (Hg.), Policy, Bd. 8, Nr. 5, Routledge, Abingdon, 2001, S. 747-769.
Walter Hallstein. The forgotten European?, Palgrave Macmillan, Basing­ ( ) Bossuat, G., „Émile Noël: un grand serviteur de l’Europe communautaire“,
7

stoke, 1998, S. 132. Dumoulin, M. (Hg.), Europäische Kommission 1958-1972 – Geschichte und
( ) Noël, É., „Témoignage: l’administration de la Communauté européenne
4
Erinnerungen einer Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäi­
dans la rétrospective d’un ancien haut fonctionnaire“, Heyen, E. V. (Hg.), schen Union, Luxemburg, 2007, S. 228.
Annuaire d’ histoire administrative européenne, Bd. 4: „Les débuts de l’ad­ (8) Interview mit Jürgen Schüler, 26. Februar 2016, S. 22.
ministration de la Communauté européenne“, Nomos Verlag, Baden-Ba­ (9) Interviews mit Carlo Trojan, 2. Juni 2017, Martin Westlake, 27. April 2017,
den, 1992, S. 145-158. Jean-Claude Eeckhout, 27. April 2017, und Marcell von Donat, 3. Dezem­
(5) Stevens, A., und Stevens, H., Brussels bureaucrats? The administration of the ber 2016.
European Union, Palgrave Macmillan, Basingstoke, 2001; Coombes,  D., (10) Interviews mit Marcell von Donat, 3.  Dezember 2016, und Philippe
Politics and bureaucracy in the European Community, Allen & Unwin, Lon­ ­Burghelle-Vernet, 8. September 2016.
don, 1970, S. 270. (11) Interview mit Jacques Delors, 16. Januar 2016.
Kapitel 2 – Das Generalsekretariat 95

Jacques Delors war weniger als sei­ 1987 wurde Émile Noël als Gene­
ne Vorgänger auf den Rat des Ge­ ralsekretär von dem hohen briti­
neralsekretariats und des General­ schen Beamten David Williamson
sekretärs Émile Noël angewiesen‚ abgelöst. Es folgte eine Zeit des
dessen alte Verwaltungsmethoden Wandels, die bis 1997 andauer­
in einer Europäischen Kommis­ te und durch den Übergang von
sion, die sich zu erneuern suchte, einem „vernetzten, individuell
veraltet erschienen. Er setzte stär­ funktionierenden Sekretariat“ zu
ker auf sein Kabinett, vor allem auf einem „klassischeren“  (5) Verwal­
seinen Kabinettschef Pascal Lamy, tungsdienst geprägt war. Es war
selbst wenn Letzterer einräumte, nicht das angekündigte „Ende
dass die Wahl der Kabinettsmit­ einer Ära“, sondern vielmehr der
glieder „unter der Federführung Ausgangspunkt für einen langen
von Émile Noël erfolgt sei, der es Übergang zu einer anderen Art
sehr gut verstand, seine Leute in von Generalsekretariat, „einem
die richtigen Positionen zu brin­ Dienst, der im Dienste anderer
gen“  (1). Dies führte unmittelbar Dienste steht“ (6).
zu einem internen Machtkampf
zwischen Lamy, der versuchte, das Williamson, ehemaliger Leiter des
Kabinett als „neuralgisches Zen­ Europäischen Sekretariats des Ka­
trum“ (2) innerhalb der Kommissi­ binetts von Margaret Thatcher und
on zu positionieren – „alles, was an Titelblatt der Sonderausgabe des stellvertretender Generaldirektor
hausinternen Courrier du personnel
Delors gerichtet war, musste über der GD VI (Landwirtschaft), war
zur Verabschiedung des
Lamy gehen, und alles, was von Generalsekretärs Émile Noël anders als Noël: Seine Assistentin
Delors zurückkam, musste eben­ Dominique Deshayes bezeichnete
falls über Lamy gehen“  ( )  –, und
3
ihn als „loyalen“ Mann, der „al­
dem Generalsekretariat, das diese Vorgehenswei­ lerdings in gewisser Weise als Trojanisches Pferd
se als Zeichen eines Rückschritts hinsichtlich des Großbritanniens“ fungierte, „eine hochinteressante
kollegialen Charakters der Kommission kritisierte. Persönlichkeit, aber … kein Mann des Dialogs“ (7).
Émile Noël büßte jedoch nichts von seinem exter­ Er war „weniger charismatisch und technokrati­
nen Einfluss ein: So spielte er eine Schlüsselrolle scher“ (8) als sein Vorgänger. „Er hatte sich das Ziel
bei den Verhandlungen über die Einheitliche Euro­ gesetzt, die Arbeit von Émile Noël fortzusetzen“,
päische Akte, bei denen er die Kommission in der dabei aber schrittweise einen anderen Verwaltungs­
Regierungskonferenz vertrat. Auf der Arbeitsebene stil einzuführen, der eine stärkere Standardisierung
verstanden sich Noël und Delors hingegen: Delors des Generalsekretariats bewirkte. Das Generalse­
„war ein Visionär“, und Noël hat ihn unterstützt – kretariat bewegte sich somit fortwährend zwischen
„es war ein gutes beiderseitiges Einvernehmen“ (4). Kontinuität und Wandel. Bei seinem Amtsantritt

(5) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017.


(6) Kassim, H., „The Secretariat General of the European Commission“, Ed­
(1) Interview mit Pascal Lamy, 7. Juli 2016, S. 7. wards, G., und Spence, D. (Hg.), The European Commission, John Harper
(2) Endo, K., The Presidency of the European Commission under Jacques Delors. Publishing, London, 2006, S. 83.
The politics of shared leadership, Palgrave Macmillan, Basingstoke, 1999, (7) Interview mit Dominique Deshayes, 26.  September 2016, S.  20. Renaud
S. 43. Denuit bezeichnete David Williamson auch als „sehr loyal gegenüber De­
(3) Interview mit Michel-Jean Jacquot, 21. Februar 2017, S. 6. lors“: Interview mit Renaud Denuit, 3. Oktober 2017.
( ) Interview mit Eduard Brackeniers, 21. Juni 2017, S. 10.
4
( ) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017.
8
96 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

trat Williamson für Kontinuität ein: „Ich bin nicht deutlich ausgewogeneren System
für eine Revolutionierung der Arbeitsweise der gelangt ...“ (5)
Kommission ... Ich habe nicht die Absicht, das gut
funktionierende System abrupt zu ändern  ...“  (1). Fortan, so erinnert sich Paolo Ponzano, „führte
Die Kontinuität wurde auch durch das Personal der bei den Kabinettssitzungen zuweilen Pascal Lamy
„Ära“ Émile Noël gewährleistet, wie sein Mitarbei­ zusammen mit David Williamson den Vorsitz. Es
ter Jean-Claude Eeckhout voller Humor feststellte: bestand eine Rollenverteilung ...“ (6). Die Dynamik
„Für [David Williamson] war ich eine Kreatur von zwischen Lamy und Williamson‚ der wusste‚ dass
Émile Noël“  (2). Williamson wollte den von Noël Delors sich stark auf seinen Kabinettschef, seinen
geschaffenen „Geist des öffentlichen Dienstes“ wah­ „Mönchssoldaten“, stützte, war ausgezeichnet. Der
ren. Um dieser Kontinuität mit seinem Vorgänger Generalsekretär schätzte seine Stärken und stellte
„symbolisch“ Ausdruck zu verleihen, führte er alle fest: „Pascal Lamy war in Verwaltungsdingen her­
Sitzungen mit den Generaldirektoren in französi­ vorragend, und das Kabinett insgesamt war ausge­
scher Sprache (3). Das bedeutete jedoch nicht, dass zeichnet“ (7). Diese Änderung des Stils war auch vor
er keinerlei Änderung anstrebte. dem Hintergrund der Verabschiedung der Einheit­
lichen Europäischen Akte und der Erweiterung der
„Ich war überrascht von der Macht des EWG im Jahr 1987 erforderlich. Die Kommission
Generalsekretariats […] Mir war nicht
bewusst, wie stark es als Angelpunkt
vergrößerte sich und mit ihr das Generalsekretariat:
fungierte“, gestand er bei Amtseintritt ein Das über das persönliche Netzwerk des Generalse­
und fügte hinzu: „Ich war entschlossen, in kretärs laufende „familiäre“ System war nicht mehr
einer Reihe von Bereichen tätig zu werden, tragfähig.
die für die Koordinierung der Dienststelle
und die Vorbereitung der Arbeit der Nach und nach nahm Williamson somit eine Um­
Kommission wichtig waren.“ (4)
strukturierung seines Dienstes vor. Dabei zielte er
Zunächst kam es zu einer Änderung des Führungs­ zunächst darauf ab, die Koordinierung zwischen
stils des neuen Generalsekretärs, die schon bald zu den Generaldirektionen und den Informationsfluss
spüren war. Dank der guten Beziehungen, die sich zu verbessern  (8). Zum einen wollte Williamson
zwischen Williamson und Delors entwickelten, be­ dem jährlichen Arbeitsprogramm mehr Gewicht
gannen die Reibungen zwischen Kabinett und Ge­ verleihen, indem er ihm den Charakter einer Samm­
neralsekretariat nachzulassen, wie Delors feststellte: lung von „Wunschzetteln“ der Generaldirektionen
nahm und mithilfe eines Verfahrenshandbuchs
„Und so wurden die Beziehungen nach eine bessere Umsetzung des Arbeitsprogramms ge­
und nach einfacher. [...] Wir haben auch
dafür gesorgt, dass die Dynamik meines
währleistete. Zum anderen setzte er die Praxis der
Kabinetts ihn nicht verstimmte und in „dienststellenübergreifenden“ Ad-hoc-Arbeitsgrup­
schwierige Situationen brachte. Es war pen fort, um zu gewährleisten, dass die einzelnen
immer ein Balanceakt, aber wir sind von Generaldirektionen nicht isoliert arbeiteten (9). Er
einem System, bei dem der Generalsekretär
alles unter Kontrolle hatte […], zu einem
(5) Interview mit Jacques Delors, 13. Januar 2016.
(6) Interview mit Paolo Ponzano, 23. Januar 2017.
(7) Interviews mit David Williamson, 21. Juli 2011, S. 6, und Patricia Bugnot,
15. Februar 2017, S. 7.
(1) „Entretien avec le nouveau secrétaire général de la Commission, M. David (8) Chapin, J.-Y., „Dans les mystères du secrétariat général. Les mille et une fa­
Williamson“, Courrier du personnel, Nr. 490, November 1987, S. 2; siehe cettes d’une coordination. Entretien avec Giuseppe Ciavarini Azzi“, Cour-
auch Interview mit Jorge de Oliveira e Sousa, 14. Februar 2017. rier du personnel, Nr.  495, April 1988, S. 21-33. Zum internen Informati­
(2) Interview mit Jean-Claude Eeckhout, 27. April 2017. onsdienst siehe das Interview mit Philippe Loir, 10. November 2016.
(3) Interview mit Spyros A. Pappas, 21. März 2016, S. 8. (9) Spence, D., „The Directorates General and the Services: Structures, func­
(4) Interview mit David Williamson, 21. Juli 2011, S. 3. tions and procedures“, Edwards, G., und Spence, D. (Hg.), a. a. O., S. 111.
Kapitel 2 – Das Generalsekretariat 97

gung“ (1). Williamson erweiterte somit die Zustän­


digkeiten des Sekretariats, indem er „Kuckuckseier“
aufnahm: Er nahm neue Aufgaben wahr, bis eine
zuständige Dienststelle benannt war, die die Aufga­
ben dann endgültig übernahm (2).

Während der Ära Williamson wurden die Bezie­


hungen zum Europäischen Parlament ausgeweitet.
Mit der Einführung des Verfahrens der Zusam­
menarbeit und der Mitentscheidung wurde das
Parlament zu einem echten Mitgesetzgeber, und
Williamson führte ein Berichterstattungssystem
ein, das die Übermittlung von Informationen des
Parlaments an die Generaldirektionen und das
Briefing der Kommissionsmitglieder anlässlich ih­
David Williamson, Generalsekretär der Kommission rer Reden im Parlament gewährleistete. Das für die
von 1987 bis 1997, legt großen Wert auf die Beziehungen
Beziehungen zum Europäischen Parlament zustän­
zum Europäischen Parlament.
dige Referat des Sekretariats entwickelte unter der
Leitung von John Fitzmaurice eine dynamische Tä­
tigkeit‚ die häufig über die Beziehungen zur Grup­
musste auch neue Aufgaben in das Generalsekre­ pe der Angelegenheiten des Parlaments lief, der die
tariat eingliedern, insbesondere die Zuständigkeit für die Beziehungen zum Parlament zuständigen
für die Überwachung der Verwirklichung des Bin­ Kabinettsmitglieder angehörten. „Häufig lösten
nenmarkts, bei der das Generalsekretariat eine „Ver­ wir die Probleme auf den Fluren des Europäischen
mittlerrolle“ spielte. Das Generalsekretariat ver­ Parlaments“, erinnert sich Martin Westlake und
fügte bereits über ein Referat für die Europäische berichtet, dass die Mitglieder des Referats einmal
Politische Zusammenarbeit. Im Jahr 1988 richtete den Misstrauensantrag eines Mitglieds des Euro­
es auf Ersuchen des Europäischen Parlaments zu­ päischen Parlaments der Labour Party, Ian White,
dem eine Direktion für die Koordinierung des Be­ verhindern mussten‚ der versuchte, ausreichend Un­
trugsschutzes ein und übernahm nach der Annah­ terschriften zu sammeln, um die Kommission zu
me des Vertrags von Maastricht im Jahr  1992 die stürzen (3).
Verwaltung des Kohäsionsfonds. Dar­über hinaus
wurden eine Task Force für Justiz und Inneres sowie So hat sich das Generalsekretariat zwischen 1987
ein Referat für die Beziehungen zum Ausschuss der und 1999 langsam, aber grundlegend verändert,
Regionen geschaffen. Das Generalsekretariat wur­ und David Williamson, der „im Schatten von É ­ mile
de auch mit speziellen Themenkreisen betraut, etwa Noël  ( ) begonnen hatte“, verlieh dem Generalse­
4

dem Bereich Biotechnologie, dem Management kretariat seinen eigenen  – administrativeren, aber
der BSE-Krise (bovine spongiforme Enzephalopa­ ebenso einflussreichen  – Stempel. Durch Teilnah­
thie oder „Rinderwahnsinn“) oder dem Weißbuch
„Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäfti­
(1) KOM(93) 700 endg. vom 5. Dezember 1993, „Wachstum, Wettbewerbsfä­
higkeit, Beschäftigung: Herausforderungen der Gegenwart und Wege ins
21. Jahrhundert – Weißbuch“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften,
Beilage 6/93.
(2) Dumoulin, M., „Das Generalsekretariat“, a. a. O., S. 112.
(3) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017.
(4) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016.
98 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Nach seiner Zeit als Chefunterhändler für die Eingliederung des wiedervereinigten Deutschlands in die Gemeinschaft übernimmt
Carlo Trojan von David Williamson am 1. August 1997 den Posten des Generalsekretärs der Europäischen Kommission.

me an Tagungen des Europäischen Rates und an lar“ (3). Die Ära Williamson im Generalsekretariat
den Regierungskonferenzen von Maastricht und bildete somit einen langen Übergangszeitraum, des­
Amsterdam leistete er einen Beitrag zu den wich­ sen Gelingen vor allem auf seinen sich von Noël un­
tigsten Vorhaben der EWG. 1988 vermittelte er terscheidenden Charakter und Stil sowie auf seine
auf der Tagung des Europäischen Rates in Brüssel privilegierte Beziehung zum Kommissionspräsiden­
in der Beilegung des Konflikts im Zusammenhang ten zurückzuführen ist. Als Delors im Jahr  1995
mit dem Haushaltsbeitrag des Vereinigten König­ seinen Abschied nahm, hielt Williamson eine Rede,
reichs. Bereits vor seinem Eintritt in das General­ in der er sich in humorvoller Weise zu dieser Bezie­
sekretariat war es ihm als überzeugtem Europäer hung äußerte:
„wiederholt gelungen, die Position von Margaret
Thatcher abzumildern“, so Ciavarini Azzi  (1). Au­ „Als ich dem Kabinett von Margaret
Thatcher angehörte, hat sie mich
ßerdem spielte er eine unterstützende Rolle bei den immer gefragt: ‚Where are my notes for
Verhandlungen über die Haushaltsreformpakete the bag?‘ (‚Wo sind die Notizen für meine
Delors I und II sowie bei der Erweiterung der Eu­ (Hand-)Tasche?‘). Deshalb habe ich vor
ropäischen Union um Österreich, Finnland und meiner ersten Tagung des Europäischen
Schweden im Jahr 1995 (2). In seiner Rolle als Koor­ Rates mit Präsident Delors gesagt: ‚Hier
dinator zwischen Rat und Kommission war er stets sind die Notizen für Ihre Tasche!‘“ (4)
bestrebt, sich neutral und objektiv zu verhalten. Er
betonte: „Als Generalsekretär war ich immer regu-

(1) Interview mit Giuseppe Ciavarini Azzi, 30. September 2016. (3) Interview mit David Williamson, 21. Juli 2011, S. 5.
(2) Interview mit Eric Hayes, 11. Oktober 2016, S. 32. (4) Aus dem Interview mit Martin Westlake vom 27. April 2017.
Kapitel 2 – Das Generalsekretariat 99

Nach dem Ausscheiden von Williamson im seine eigenen Überzeugungen“, so Alexander Italia­
Jahr  1997 verhieß die Ernennung des Niederlän­ ner  (6). Er hatte eine sehr genaue Vorstellung von
ders Carlo Trojan zum Generalsekretär Kontinui­ den Reformen, die er durchführen wollte: Er wollte
tät. Letzterer war während der gesamten Amtszeit zu einem kleineren und weniger zersplitterten Se­
von Williamson dessen Stellvertreter und kannte kretariat zurückkehren, das sich stärker auf seine
die Europäische Kommission gut aus seiner Zeit in Hauptfunktion konzentrierte, dem Kollegium zu
der GD VI (Landwirtschaft) und aus seiner Zuge­ dienen und die Arbeit der Kommission zu koordi­
hörigkeit zu den Kabinetten dreier Kommissions­ nieren (7). So lagerte er einen Teil seiner Dienststel­
mitglieder. Trojan beschrieb seine Beziehung zu len aus: Das Referat zur Koordinierung der Maß­
Williamson als „ausgezeichnet“ und fügte hinzu, nahmen zur Betrugsbekämpfung (UCLAF) wurde
dass er als stellvertretender Generalsekretär eine selbstständig, das Praktikumsbüro wurde auf die
„Vogelperspektive“ besessen habe, da er es war, der GD IX (Personal und Verwaltung) übertragen, und
alle Beteiligten bei den monatlichen Treffen der auch die Referate „Drogen“ und „Strukturfonds“
Kabinettschefs informierte und der mit den der wurden ausgelagert. Trojan setzte sich für eine ver­
Europäischen Kommission zufallenden „Sonder­ stärkte Mobilität seiner Mitarbeiter ein und spiel­
aufgaben“ betraut wurde  (1). Schon vor seiner Er­ te – ebenso wie seine Vorgänger – eine bedeutende
nennung zum Generalsekretär hatte er bei seinen Rolle bei den wichtigsten Dossiers der EU: So küm­
engen Kollegen den Ruf eines „Helden“ erworben, merte er sich beispielsweise um die Zusammenar­
als er im März  1990 in der Task Force zur deut­ beit im Rahmen der Agenda 2000, mit der die Ost­
schen Wiedervereinigung, die die Einbindung von erweiterung der EU vorbereitet wurde.
Ostdeutschland in die EU vorbereiten sollte, den
Vorsitz führte (2). Sein Engagement wurde jedoch durch die
Ende  1998 gegen die Europäische Kommission
Allerdings führte eine Reihe von Faktoren dazu, erhobenen Korruptionsvorwürfe behindert  (8).
dass das Generalsekretariat stärker zur Reform als Jacques Santer setzte in dieser Sache stark auf die
zur Kontinuität neigte. Erstens brachte der Amts­ Vermittlerrolle seines Generalsekretärs, dessen Mis­
antritt von Jacques Santer als Präsident der Euro­ sion aber praktisch unerfüllbar war (9). Schließlich
päischen Kommission im Jahr 1995 einen Bruch fand sich der Generalsekretär „an vorderster Front“
mit sich: „Es gab weitere Bewerber“, so Trojan‚ Be­ und wurde damit zu einem „Sündenbock“, wie sein
werber, die „föderalistischer“ eingestellt waren und Stellvertreter Bernhard Zepter bestätigte  (10). Tro­
wahrscheinlich die Linie von Jacques Delors bei­ jan selbst teilte diese Einschätzung nicht. So nahm
behalten hätten  (3). Das Ausscheiden von Jacques Romano Prodi bei seinem Amtsantritt als Präsident
Delors markierte das Ende einer Phase des Wachs­ der Europäischen Kommission im September 1999
tums und der Expansion. Vor dem Hintergrund der zwar Neubesetzungen bei den Schlüsselpositionen
Vervielfachung der Aufgaben und Zuständigkeiten in den Dienststellen vor, hielt jedoch an Trojan
des Generalsekretariats war es jetzt an der Zeit, zu als Generalsekretär fest. Erst im Jahr 2000, als die
rationalisieren  (4). Carlo Trojan zeigte eine „inter­ Frankfurter Allgemeine negative Berichte über die
ventionistischere“ (5) Haltung als Williamson. „Er
hatte in viel stärkerem Maße seine eigenen Ideen,
(6) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017, S. 13.
(7) Whyte, F., „Carlo Trojan, new Commission Secretary General. Creating
a corporate spirit for the Commission as a whole“, Commission en direct,
(1) Interview mit Carlo Trojan, 2. Juni 2017. Nr. 67, 2. bis 9. Oktober 1997, S. 4-5.
(2) Interview mit Martin Westlake, 27. April 2017. (8) Siehe den Kasten „Betrugsbekämpfung“ in Kapitel 8.
(3) Interview mit Carlo Trojan, 2. Juni 2017. (9) Interviews mit David O’Sullivan, 8. September 2016, und Sylvain Bisarre,
(4) Interview mit Bernhard Zepter, 26. April 2017. 18. November 2016.
(5) Interview mit John Frederick Mogg, 17. Januar 2017, S. 27. (10) Interview mit Bernhard Zepter, 26. April 2017.
100 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

neuen Präsidenten Prodi kam‚ wo er in den sechs


Monaten zuvor tätig gewesen war. Im Generalse­
kretariat verfolgte O’Sullivan drei große „Moder­
nisierungsvorhaben“  (4), die im Einklang standen
mit den Empfehlungen des Berichts „Dessiner la
Commission de demain“ (Decode – „Die Kommis­
sion von morgen entwerfen“), mit dessen konkre­
ter Ausgestaltung Maria Pia Filippone beauftragt
wurde; Letztere hatte die neu geschaffene Position
der zweiten Stellvertreterin des Generalsekretärs
inne. So sollte erstens ein Beitrag zur Ausarbei­
tung des Weißbuchs „Europäisches Regieren“ ge­
leistet werden, mit dem die gesamte Struktur und
die Funktionen der Europäischen Kommission auf
David O’Sullivan wird am 1. Juni 2000 den Prüfstand gestellt wurden  (5). Zweitens sollte
neuer Generalsekretär der Kommission.
die Tätigkeit des Generalsekretariats verstärkt auf
die Präsidentschaft der Kommission ausgerichtet
werden, deren Bedeutung mit dem Vertrag von
Kommission veröffentlichte, wollte er den Sprecher Amsterdam gestärkt worden war. Dies sollte über
wechseln, und nach Aussage von Trojan „war es so­ ein strategisches Planungsprogramm erfolgen, mit
mit logisch, dass er auch einen anderen Generalse­ dem ein jährlicher Politikzyklus eingeführt wurde.
kretär einsetzte […] Es war sein Recht“ (1). Die Ressourcen der Kommission wurden dabei be­
stimmten vom Kollegium festgelegten vorrangigen
Im Jahr 2000 wurde Carlo Trojan zum Ständigen Bereichen zugewiesen. Dieses Verfahren ermög­
Vertreter der Europäischen Kommission bei der lichte es dem Generalsekretariat, in den General­
Welthandelsorganisation (WTO) und anderen direktionen vorab tätig zu werden, noch bevor die
internationalen Organisationen in Genf ernannt. Vorschläge erarbeitet und dem Kabinett zugeleitet
Mit dem Amtsantritt von David O’Sullivan im wurden (6). Es diente der Unterstützung des Kom­
Mai  2000 begann eine Zeit grundlegender Ände­ missionspräsidenten, der formal für dieses neue Ver­
rungen im Generalsekretariat. Mit nur 48  Jahren fahren verantwortlich war. Die dritte Komponente
wurde der junge Ire, der bereits in mehreren Gene­ der Reform zielte darauf ab, die Rolle des Gene­
raldirektionen der Kommission tätig gewesen war ralsekretariats im Bereich der internen Koordinie­
und dem Kabinett zweier Kommissionsmitglieder rung zu stärken. Sie beinhaltete eine stärkere „De­
angehört hatte, zum Generalsekretär ernannt  (2). zentralisierung und Befugnisübertragung“, zwei
Die Zeit war reif für Reformen, denn die Europäi­ Schlüsselbegriffe des von O’Sullivan eingeführten
sche Kommission war durch den Rücktrit der San­ Verwaltungsstils (7). Diese neuen Methoden fanden
ter-Kommission geschwächt  (3). O’Sullivan hatte keine einhellige Zustimmung, wie Bernhard Zepter
den Vorteil, dass er direkt aus dem Kabinett des feststellte: „Das bedeutete, dass die Generaldirek­

(4) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016.


(1) Interview mit Carlo Trojan, 2. Juni 2017. (5) KOM(2001) 428 endg. vom 25. Juli 2001, „Europäisches Regieren – Ein
(2) Bearfield, D., „The new Secretary-General. Proving our worth“, Commissi- Weißbuch“.
on en direct, Nr. 168, 16. bis 22. Juni 2000, S. 1. (6) AHUE, DORIE 392, Europäische Kommission, Generalinspektion der
(3) Kassim, H., „A historic accomplishment? The Prodi Commission and ad­ ­Dienststellen, „Dessiner la Commission de demain – Examen de l’organisa­
ministrative reform“, Dimitrakopoulos, D.  G. (Hg.), The changing Euro­ tion et du fonctionnement de la Commission“, Brüssel, 7. Juli 1999, S. 32.
pean Commission, Manchester University Press, Manchester, 2004. ( ) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016.
7
Kapitel 2 – Das Generalsekretariat 101

toren mehr Macht erhielten, und es ging zulasten im Jahr 2000 an der Spitze des Generalsekretaraits
des kollegialen Charakters der Kommission“  (1). eher einen Manager als einen Visionär.
Der Widerstand gegenüber der Veränderung war
darauf zurückzuführen, dass die Umgestaltung des Schließlich konnte David O’Sullivan Fortschritte
Sekretariats zu einem „Dienst im Dienste anderer bei einer Reform erzielen, die von David William­
Dienste“ auch mit einem Wandel der Verwaltungs­ son bereits im Jahr 1987 eingeleitet und von Carlo
kultur des Generalsekretariats einherging, einer Trojan weitergeführt worden war. Diese grund­
Kultur, die noch immer durch Émile Noël geprägt legende Reform bestand in der Umgestaltung des
war: „Es wird nie einen zweiten Émile Noël geben“, „Herzens der Kommission“ zu einem zentralen,
räumte O’Sullivan ein, um dann hinzuzufügen: aber klassischen Verwaltungsdienst.
„Vielleicht brauchen wir auch keinen zweiten ­Émile
Noël“  (2). Anders als im Jahr  1958 brauchte man Birte Wassenberg

(1) Interview mit Bernhard Zepter, 26. April 2017.


(2) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016.
103

Kapitel 3

Große Veränderungen und


enorme Herausforderungen:
die Generaldirektionen und der
Personalbestand der Kommission
Im Anschluss an die Vereinbarungen von Fontaine­ schaft und hierbei insbesondere dem Auftreten der
bleau im Jahr 1984 erhielt die Europäische Gemein­ immer wichtiger werdenden Nichtregierungsorga­
schaft neuen Auftrieb – von einer verstärkten Tätig­ nisationen (NRO) Rechnung zu tragen. Nicht um­
keit in den gemeinschaftlichen Politikbereichen bis sonst war von einer Vervielfachung der Partner die
hin zu den Erweiterungen. Diese Veränderungen Rede. Angesichts dieser gewaltigen neuen techni­
sollten tiefgreifende Auswirkungen auf die Europä­ schen und politischen Her­ausforderungen mangelte
ische Kommission haben, die sowohl eine adminis­ es bisweilen an Ressourcen oder an Know-how, wes­
trative Rolle wie auch die Rolle einer Impulsgeberin halb neue Lösungen – auch außerhalb der Organisa­
hatte. Angesichts der Vermehrung der Politikberei­ tion – gefunden werden mussten. Dies erfolgte ins­
che und der Strukturfonds, des Beitritts neuer Mit­ besondere über die Büros für technische Hilfe oder
gliedstaaten und der Heranführungshilfen, aber die verstärkte Zusammenarbeit mit den nationalen
auch des steigenden Verwaltungsaufwands im Zuge Behörden.
der Reformen sollte ihre administrative Rolle zu­
nehmend an Gewicht gewinnen. Zugleich galt es, Die Befassung mit Verwaltungsreformen galt bis
dem Durchbruch der partizipativen Demokratie, Ende der 1990er-Jahre nicht immer als politische
dem neu erlangten Vetorecht des Europäischen Par­
laments sowie der Herausbildung der Zivilgesell­
104 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Priorität (1). Gleichwohl standen die ersten Jahre der sich zwar willens, die Empfehlungen des Rechnungs­
Amtszeit von Jacques Delors im Zeichen der Ankün­ hofs aufzugreifen, „ohne jedoch bereit zu sein, eine
digung einer Modernisierung des europäischen öf­ zusätzliche Bürokratisierung zu fördern, zumal es
fentlichen Dienstes; diese manifestierte sich im We­ vielmehr darum geht, die Verwaltung innerhalb der
sentlichen in einem eingehenden Reflexionsprozess, Kommission zu erleichtern und zu vereinfachen und
der von 1986 bis 1988 im Rahmen der Seminarreihe sie mithin noch effizienter zu gestalten“ (6). Die Kom­
„Management und Organisation“ stattfand. Bei ei­ mission wünschte einen ganzheitlichen Ansatz und
nem der Seminare stellte Simon Nora, ehemaliger wollte vor Ende 1992 ein neues Organisations- und
Generaldirektor in der Europäischen Gemeinschaft Managementsystem einführen.
für Kohle und Stahl (EGKS) und Teilnehmer als
externer Referent, folgende Diagnose: „Auf der gan­ Zu diesem Zweck führte die Kommission im Jahr
zen Welt ist Ihre Organisation wohl diejenige, die 1991 ein Screening durch, in dessen Rahmen sie ih­
sich  – in puncto effiziente Verwaltungsführung  – ren Personalbestand mit den von ihr wahrgenomme­
den größten Hindernissen, Schwierigkeiten und nen Aufgaben abglich. Anhand der Ergebnisse dieser
Zwängen gegenübersieht“  (2). Zweck dieser Übung Untersuchung entwickelte sie eine neue Strategie, die
auf der obersten Hierarchieebene war es, zu ermit­ drei Ansatzpunkte verfolgte: erhöhte Durchlässigkeit
teln, welche „weitere[n] Anstrengungen vor allem zwischen den Dienststellen und bessere Koordinie­
auf den Gebieten Ressourcenverwaltung, Vereinfa­ rung; eine verstärkte Rechenschaftspflicht der Ge­
chung der Verfahren und Personalpolitik (mittleres neraldirektionen; Dezentralisierung der Verwaltung
Management, Mobilität, Fortbildung)“ erforderlich und Vereinfachung der Verfahren. Dahinter stand
wären (3). Jacques Delors hielt zudem regelmäßig Sit­ eine zweifache Absicht: „Die Generaldirektionen
zungen mit den Generaldirektoren ab (4). müssen mehr Verantwortung erhalten […]. Das Kol­
legium muss so in die Lage versetzt werden, mögliche
1989 verordnete sich die Kommission ein Manage­ Synergieeffekte zu ermitteln und Divergenzen bei der
ment-, Mobilitäts- und Informationsprogramm auf Durchführung der einzelnen Politiken vorzugreifen
der Grundlage des Konzepts der „dynamischen Perso­ sowie durch einen besseren Einsatz von Ressourcen
nalpolitik“. und eine direktere, aber besser kontrollierte Verwal­
tung Effizienzverluste zu verringern“ (7). In dieser Zeit
Im Innern wie außerhalb der Kommission mehrten folgte die Modernisierung weniger äußerem Druck
sich jedoch kritische Stimmen; zu diesen gehörte (etwa um das Ansehen in der Öffentlichkeit zu ver­
auch jene des Rechnungshofs, der in einem Bericht bessern oder die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen)
von 1990 (5) eine verbesserte Kohärenz zwischen den als vielmehr dem Wunsch, die Vertiefung der Inte­
verschiedenen Verwaltungsinstrumenten der Kom­ gration mit größtmöglicher Effizienz zu fördern. Die
mission anmahnte. Die um eine Verbesserung ihrer Modernisierung war damit den politischen Zielen un­
Verwaltungsverfahren bemühte Kommission erklärte tergeordnet.

Mit dem Amtsantritt Santers wurde in der Kommis­


(1) Interview mit David O’Sullivan, 8. September 2016, S. 10. Jacques Delors
habe ihm zum Ende seiner dritten Amtszeit gesagt, „er habe keine Zeit da­ sion eine Reihe von Verwaltungsreformen umgesetzt.
für“.
( ) Courrier du personnel, Sonderausgabe „La modernisation de la politique
2

du personnel à la Commission – 1er séminaire – Wépion, les 25 et 26 avril


1986“, Juli 1986, S. 9.
(3) Europäische Kommission, XXI. Gesamtbericht über die Tätigkeit der Eu- (6) AHCE, SEK(90) 1876 endg. vom 10. Oktober 1990, „Konzept der Kom­
ropäischen Gemeinschaften 1987, Amt für amtliche Veröffentlichungen der mission für die Verwaltung ihrer Ressourcen – Mitteilung an den Rat und
Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1988, S. 41. an das Europäische Parlament“, Brüssel, S. 9.
(4) Interview mit Eneko Landáburu, 10. Oktober 2016, S. 15. (7) AHCE, SEK(93) 1272 vom 2. Dezember 1993, Informationsvermerk von
(5) Stellungnahme Nr. 1/90 des Rechnungshofs über das Personalmanagement Präsident Delors an die Kommission über Koordinierung und Management
beim Rat und der Kommission, Luxemburg, 10. Mai 1990. innerhalb der Kommissionsdienststellen, S. 1-4.
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 105

Dieser vom finnischen Kommissionsmitglied Erkki


Liikanen eingeleitete Prozess vollzog sich vor dem
Hintergrund einer weitverbreiteten Europaskepsis.
Tatsächlich wurde der Kommission von außen kaum
Vertrauen entgegengebracht; ob sie „als parasitäre
und ineffektive Bürokratie verunglimpft“ oder „für
ihren Aktionismus und ihr imperialistisches Geba­
ren, mit dem sie in die Kompetenzen der nationalen
Verwaltungen eingriff, kritisiert“ wurde – die Marke
„Kommission“ hatte zu dieser Zeit „ein erbärmliches
Image“  (1). Hinzu kam, dass selbst die Bediensteten
der Kommission die Notwendigkeit von Veränderun­
gen – insbesondere im Hinblick auf die Dezentralisie­
rung – seit Langem spürten. So wurden in den Jahren
1997-1998 mehrere Reformen zur Modernisierung
der Institution durchgeführt, darunter SEM  2000 Erkki Liikanen, als Kommissar für den Haushalt und für Personal
und Verwaltung zuständig, leitet ab 1997 eine Reform des Organs
(Sound and Efficient Management  – wirtschaftliche
ein (mit den Programmen MAP 2000 und SEM 2000).
und effiziente Haushaltsführung), MAP 2000 (Mo­
dernisation of Administration and Personnel – Mo­
dernisierung der Verwaltung und der Personalpolitik) der Umsetzung (1998, 1999 und nach 1999). Die erste
und Decode (Dessiner la Commission de demain  – Phase des MAP-Programms umfasste 24  Dezentra­
Die Kommission von morgen) (2). lisierungs-, Vereinfachungs- und Rationalisierungs­
maßnahmen sowie elf Begleitmaßnahmen. Im Be­
reich der Dezentralisierung sah das Programm einen
Kompetenztransfer von der GD  IX (Personal und
Die Verwaltungsreformen Verwaltung) auf die Einzeldienste vor, um die Gene­
raldirektionen für die Verwaltung ihrer Ressourcen
(Personal und Haushaltsmittel) rechenschaftspflich­
Das Programm MAP 2000 tig zu machen. Im Bereich der Ziele Vereinfachung
und Rationalisierung sollten die für die Beschlussfas­
1997  legte Kommissionsmitglied Liikanen das Pro­ sung erforderlichen Verwaltungsschritte verringert,
gramm MAP  2000 vor, mit dem den Generaldi­ d.  h. überflüssige Verfahren abgeschafft werden. Der
rektionen (GD) echte organisatorische Befugnisse Reformvorschlag veranlasste die Gewerkschaften zu
übertragen werden sollten. Das Programm zur De­ einem Schreiben, mit dem sie sich am 29. April 1997
zentralisierung der Verwaltungs- und Haushaltsbe­ an Liikanen wendeten: „Die Gewerkschaften und Be­
fugnisse gliederte sich in drei Aktionsebenen (De­ rufsverbände lehnen sowohl den Grundgedanken des
zentralisierung, Modernisierung der Verwaltung und Vorschlags, der darauf ausgerichtet ist, die Rolle und
Modernisierung der Personalpolitik) und drei Phasen die personelle Ausstattung des öffentlichen Dienstes –
und des europäischen öffentlichen Dienstes im Beson­
deren – zu schwächen, als auch die allgemeinen Vorga­
(1) AHCE, BAC 516/2004/23, Bericht „Réflexions sur l’efficacité de l’insti­ ben für die Ausarbeitung des Programms MAP 2000
tution et de son administration“, erstellt von Philippe Petit-Laurent gemäß
dem in der Sitzung der Kommission vom 8.  Juni  1994 erteilten Auftrag, ab. Die  Gewerkschaften und Berufsverbände stellen
Brüssel, 9. November 1994, S. 8. Vgl. auch das Interview mit Notis Lebessis, fest, dass der Festlegung eines politischen Kurses in
17. März 2017.
( ) Interview mit David Walker, 19. Juli 2016.
2
einem für die Zukunft des Personals und der Instituti­
106 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

onen grundlegenden Bereich kein sozialer Dialog vor­ mit seinen radikaleren Vorschlägen zur Änderung der
angegangen ist“ (1). Darüber hinaus standen sich ver­ Personalvorschriften ohne vorherige Rücksprache im
schiedene Ansätze der Verwaltungskultur gegenüber, internen elektronischen Netz EuropaPlus veröffent­
auf der einen Seite ein eher „administratives“ bzw. licht, was zu dem Streik vom 30. April 1998 führte,
„normatives“ Konzept, auf der anderen Seite ein eher der erheblichen Rückhalt hatte. Die Kommission
„steuerndes“, „pragmatischeres“ Konzept, das auf die gab den Bericht daraufhin auf. Zahlreiche Fragestel­
in Bezug auf Leistung und Ergebnisse zu erreichenden lungen wurden „an eine Gruppe verwiesen, die sich
Ziele ausgerichtet war. paritätisch aus Vertretern der Gewerkschaften und
der Führungsebene zusammensetzte. Sie wurde von
einem ehemaligen Generalsekretär der Kommission,
Die Kommission von morgen (Decode) David Williamson, geleitet, der sich seit Kurzem im
Ruhestand befand“ (6).
Ab April 1998 wurden die verschiedenen Initiati­
ven zur Reform des Innenlebens der Kommission Immerhin konnten im Rahmen des von der General­
(SEM 2000 (2) und MAP 2000) zu einer umfassende­ inspektion der Dienststellen koordinierten Projekts
ren Reflexion über die Zukunft der Kommission unter 47  Berichte erstellt werden, die jeweils einen Dienst
dem Titel „Die Kommission von morgen“ gebündelt. oder eine Generaldirektion betrafen. „In der Regel
Mit diesem Vorgehen wurden drei strategische Ziel­ geht die strukturelle Unzulänglichkeit einiger Kom­
setzungen verfolgt: die Festlegung klarer politischer missionsdienststellen bzw. das sich hieraus ergebende
Prioritäten für die Kommission, die Anpassung ihrer Effizienzdefizit auf zwei Faktoren zurück: 1)  Einige
organisatorischen Strukturen sowie eine Verbesserung Strukturen decken sich nicht mit den politischen und
des internen Managements (3). Um eine „aktuelle Be­ wirtschaftlichen Prioritäten, die in der Europäischen
standsaufnahme über alle von der Kommission durch­ Union in den letzten Jahren in den Vordergrund ge­
geführten Tätigkeiten sowie über die eingesetzten Res­ treten sind; 2)  einige Kompetenzen sind aufgesplit­
sourcen und Arbeitsmethoden“ zu erhalten, nahm die tert“ (7). „Die Kommission von morgen“ empfahl daher
Kommission von November 1997 bis Mai 1999 eine eine Hervorhebung bestimmter Schlüsselbereiche so­
Überprüfung ihrer Organisation und Funktionsweise wie eine Verringerung der Sektorportfolios bei gleich­
vor (4). Kommissar Liikanen wollte dieses Projekt im zeitiger Umstrukturierung der Dienststellen (8).
Mai 1998 der Kommission und im Juni den Gewerk­
schaften vorstellen. Letztere erhoben sofort Protest,
nachdem sie über diesen Zeitplan in Kenntnis gesetzt Ein Weißbuch zur
worden waren. Zudem wurde der Caston-Bericht (5) „Reform der Kommission“
Das Projekt „Die Kommission von morgen“ stand
(1) AHCE, SEK(97) 771/6 vom 29. April 1997, Vermerk der Gewerkschaften zunächst im Zusammenhang mit der Ratifizierung
und Berufsverbände für Kommissar Erkki Liikanen betreffend die Vor­
schläge zur Modernisierung der Verwaltung und der Personalpolitik bis
zum Jahr 2000 – MAP 2000, S. 1.
(2) Die Initiative SEM 2000 war das Gegenstück zum Programm MAP 2000 (6) Stevens, A., „Une simple amélioration ou une modernisation radicale? La
im Bereich der wirtschaftlichen und effizienten Haushaltsführung. réforme de l’administration de la Commission européenne“, Revue française
(3) AHUE, DORIE  340, SEK(98)  2033 vom 24.  November  1998, Fort­ d’administration publique, Bd. 1, Nr. 105-106, École nationale d’adminis­
schrittsbericht über die Umsetzung des Programms MAP  2000 im Rah­ tration, Straßburg, 2003, S.  81-94; Georgakakis,  D., „Une mobilisation
men des Reformprozesses „Die Kommission von morgen“ – Mitteilung an formatrice: les eurofonctionnaires contre la réforme du statut (printemps
die Kommission von Erkki Liikanen im Einvernehmen mit dem Präsiden­ 1998)“, Georgakakis, D. (Hg.), Les métiers de l’Europe politique: acteurs et
ten, S. 4. professionnalisations de l’Union européenne, Reihe „Sociologie politique eu­
(4) AHUE, DORIE 392, Europäische Kommission, Generalinspektion der ropéenne“, Presses universitaires de Strasbourg, Straßburg, 2002, S. 55-84.
­Dienststellen, „Dessiner la Commission de demain – Examen de l’organisa­ (7) AHUE, DORIE 392, Europäische Kommission, Generalinspektion der
tion et du fonctionnement de la Commission“, Brüssel, 7. Juli 1999, S. 1. ­Dienststellen, a. a. O., S. 30.
(5) AHCE, BAC 299/2003/39, Bericht von Anthony Caston „Personnel Po­ (8) AHCE, SEK(98)  701 vom 16.  April  1998, „Die Kommission von mor­
licy in the European Institutions – Towards the Future“, 8. April 1998. gen“ – Mitteilung an die Bediensteten, S. 7.
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 107

Die Mannschaft des Decode-Programms auf einer Tagung in Overijse, 11. Dezember 1998
Von links nach rechts: Laurent Van Depoele, Dominique Ristori, Antony Wright, Giorgio Bonacci, David O’Sullivan,
Graham Avery, João Vale de Almeida, Costanza Adinolfi, Fabio Colasanti, Susan Binns und Sipke Brouwer

des Vertrags von Amsterdam, der Ausarbeitung des daher ganz oben stehen, wobei der neue Vizepräsi­
Arbeitsprogramms der Union im Rahmen der Agen­ dent Neil Kinnock nun das Ruder führte  (2). Von
da 2000 und den Vorbereitungen auf die Erweiterung anderen Grundlagen als dem Williamson-Bericht (3)
der Union. Da jedoch die Vorlage des Berichts mit ausgehend, kündigte dieser in einem Schreiben an das
dem Rücktritt der Kommission Santer zusammenfiel, Personal vom 7. September 1999 (4) eine umfassende
gewannen die darin enthaltenen Schlussfolgerungen Reform an. Die Betrauung eines Vizepräsidenten mit
zusätzliches Gewicht. Nachdem das Europäische Par­ der Verwaltungsreform unterstrich die Bedeutung,
lament den „Verlust der Verwaltungs- und Manage­ die dieser Frage in der Prodi-Kommission zugemessen
mentkontrolle“ seitens der Kommission zur Kenntnis wurde. Das neue Kollegium, das einen ausdrücklichen
genommen hatte, bestand es in seiner Entschließung Auftrag für eine tiefgreifende Umgestaltung erhalten
vom 23.  März  1999 „darauf, dass die Kommission hatte, wollte deutlich machen, dass „eine neue Zeit­
ein ehrgeiziges und ausgefeiltes Programm radikaler rechnung für die Kommission angebrochen“ sei, eine
Reformen ihrer Finanzverwaltung und ihrer Finanz­ Ära der Reformen und Erfolge. „Die Einführung ei­
kontrollverfahren sowie ihrer gesamten Management­ ner neuen Kommission bietet die Chance auf einen
kultur einleiten sollte“ (1). Auf der politischen Agenda
der neuen Kommission sollte die Verwaltungsreform
(2) Im Rückblick berichtet Neil Kinnock, er habe ursprünglich die Übernah­
me dieser Rolle abgelehnt und hätte jedes andere Amt dem des Vizepräsi­
denten für die Verwaltungsreform vorgezogen. Interview mit Neil Kin­
nock, 25. Oktober 2016, S. 26 f.
(1) Entschließung B4-0327, 0328, 0329, 0330, 0331, 0332 und 0333/99 des (3) Interview mit Sylvain Bisarre, 18. November 2016, S. 27.
Europäischen Parlaments zum Rücktritt der Kommission und zur Ernen­ (4) AHUE, DORIE 379, Mitteilung des Vizepräsidenten für die Verwaltungsre­
nung einer neuen Kommission (ABl. C 177 vom 22.6.1999, S. 19). form Neil Kinnock an die Bediensteten der Kommission, 7. September 1999.
108 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Neuanfang, die wir keinesfalls versäumen dürfen“ (1), nalmanagement; Finanzmanagement, Kontrolle und
erklärte Romano Prodi anlässlich seines Amtsantritts Audit.
als Kommissionspräsident.
Im zweiten Kapitel des Weißbuchs („Eine europäische
Dies war der Ausgangspunkt für einen umfassenden Dienstleistungskultur“) stellte die Kommission die
Reformprozess. Unter Federführung von Vizeprä­ Grundprinzipien vor, auf die sich die Reform stützen
sident Kinnock wurden eine Gruppe von Kommis­ sollte: Unabhängigkeit, Verantwortlichkeit, Effizienz
saren, die für jeweils unterschiedliche Aspekte der und Transparenz. Zur Förderung einer solchen Kul­
Reform zuständig waren, eine Task Force „Reform“ tur sollte insbesondere ein Ausschuss für das Verhal­
sowie ein Netzwerk von Koordinatoren gebildet. Die ten im Dienst eingerichtet und ein Kodex für gute
erste Gruppe tagte regelmäßig, um alle vorgelegten Verwaltungspraxis (Grundsatz der Verantwortlich­
Reformvorschläge eingehend zu prüfen. Die Task keit) aufgestellt werden; zudem sollten neue Regeln
Force setzte sich aus zehn Beamten zusammen, die eingeführt werden, um einerseits der Öffentlichkeit
für die Konzeption und Feinjustierung der Reform­ den Zugang zu Dokumenten der Gemeinschaftsor­
vorschläge zuständig waren. Schließlich wurde in gane zu erleichtern (Grundsatz der Transparenz) und
jeder Generaldirektion ein Koordinator für den Re­ andererseits den Dialog mit der Bürgergesellschaft
formprozess ernannt, der als Kontaktperson zwischen (Grundsatz der Effizienz) zu stärken. Im gleichen Sin­
der Task Force und den Mitarbeitern fungierte. Mit ne beabsichtigte die Kommission, ihre Beziehungen
dieser Art des Änderungsmanagements sollte sicher­ zum Europäischen Parlament durch Abschluss eines
gestellt werden, dass jede Etappe der Modernisierung neuen Rahmenabkommens klar zu regeln (4).
dem gesamten Kommissionspersonal vorgestellt wür­
de und die vorgesehenen Konsultations- und Konzer­ Im dritten Kapitel („Prioritäten, Aufteilung und
tierungsverfahren durchliefe. Während des gesamten rationeller Einsatz der Ressourcen“) wurden neun
Reformprozesses hatte sich die Kommission um ei­ Maßnahmen vorgestellt, mit denen die Arbeit der
nen intensiveren Austausch mit den Gewerkschaften Kommission wieder auf ihre wesentlichen politischen
und Berufsverbänden bemüht. Diese wurden von der Tätigkeiten und Ziele ausgerichtet werden sollte, um
Kommission sowohl in die offiziellen Verhandlungen damit ihre Effizienz und Glaubwürdigkeit zu stärken.
über die endgültigen Vorschläge als auch in informelle Für besondere Spannungen sollten zwei strategische
Gespräche über Veränderungen eingebunden, die in Kernanliegen des Weißbuchs sorgen, nämlich das
Vorbereitung waren (2). maßnahmenbezogene Management und die Politik
der Externalisierung (5).
Am 1. März 2000 nahm die Kommission ein Weiß­
buch mit dem Titel „Reform der Kommission“  (3) Das vierte Kapitel betraf die Modernisierung der Per­
an, in dem die folgenden vier Achsen der Reform sonalpolitik – von der Einstellungspolitik bis hin zur
vorgestellt wurden: Entwicklung einer europäischen Ruhestandsregelung. Es definierte mithin neu, wie der
Dienstleistungskultur; Integration der strategischen europäische öffentliche Dienst in Zukunft gestaltet
Politikplanung, der Planung der Maßnahmen und der sein würde. Vorgeschlagen wurden rund 40 Maßnah­
Zuweisung von Personal und Finanzmitteln; Perso­ men, die so unterschiedliche Themen wie Disziplin,
Leistungsqualität, laufbahnbegleitende Fortbildungs­
(1) AHUE, DORIE 379, „The new Commission. A message to all staff from
Romano Prodi“, S. 1.
(2) MEMO/01/57, „Reform der Kommission: Ein Jahr danach  – Hinter­
grundinformation“, Brüssel, 28.  Februar  2001 (http://europa.eu/rapid/ (4) Cantelli, F., „La question administrative européenne à l’agenda: enjeux
press-release_MEMO-01-57_de.htm). croisés d’un séisme“, Pyramides, Nr. 3, Centre d’études et de recherches en
(3) KOM(2000) 200 endg. vom 1. März 2000, „Die Reform der Kommission – administration publique, Brüssel, 2001, S. 81-100.
Ein Weißbuch – Teil I“. ( ) A. a. O.
5
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 109

Präsident Romano Prodi (links) beauftragt den Vizepräsidenten Neil Kinnock (rechts) mit der Durchführung der Verwaltungsreform.

maßnahmen und Fortbildungsmaßnahmen für Füh­ aus[geht]“ (3). Gleichwohl sind einige Zeitzeugen der
rungskräfte, Managementqualität, Chancengleichheit, Ansicht, dass die unter dem Druck des Parlaments
Laufbahnstrukturen, Beförderungen, Beurteilungen vorangetriebene „Bürokratisierung“ der Kommission
sowie das heikle Thema der Gehälter und Ruhegehäl­ selbst nach der Reform  – und nach den Ereignissen
ter betrafen (1). von 1999  – ein zentrales Problem geblieben sei, das
ihre Initiative geschwächt und dazu geführt habe, dass
Im fünften Kapitel „Audit, Finanzmanagement und sie mitunter mehr Zeit für Kontrollen aufgewendet
Kontrolle“ wurden die verschiedenen Maßnahmen habe als für eigentliches Handeln (4).
vorgestellt, mit denen Anweisungsbefugte und Füh­
rungskräfte stärker in die Verantwortung genommen,
ein interner Auditdienst und ein zentraler Dienst für Die Neuordnung der
wirtschaftliche Haushaltsführung aufgebaut, Finanz­ Verwaltungsstrukturen
management und Finanzkontrollen innerhalb der Ge­
neraldirektionen gestärkt und die finanziellen Interes­ Der Kinnock-Reform ging ein umfassender Um­
sen der Union geschützt werden sollten (2). bau der Kommission voraus: Im September  1999

Das Weißbuch wurde als Reformprogramm präsen­


tiert, das „weit über alle bisherigen Initiativen hin­ (3) KOM(2000) 200 endg. vom 1. März 2000, „Die Reform der Kommission –
Ein Weißbuch – Teil I“, S. 6.
(4) Interviews mit Véronique Arnault, 30. November 2016, Pierre Defraigne,
21. Februar 2017, Jean-Luc Demarty, 8. Oktober 2016, Karen Fogg, 22. Mai
2017, Anne Houtman, 10. Juni 2016, John Frederick Mogg, 17. Januar 2017,
(1) A. a. O. Stefano Manservisi, 22. Februar 2017, und Françoise Le Bail, 13. Juni 2017.
(2) KOM(2000) 200 endg. vom 1. März 2000, „Die Reform der Kommission – Vgl. auch Kassim, H., et al, The European Commission of the twenty-first cen-
Ein Weißbuch – Teil II – Aktionsplan“, S. 53-55. tury, Oxford University Press, Oxford, 2013, S. 224-244.
110 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 1
DIE GENERALDIREKTIONEN 1986 UND 2000

1986 2000
GD I – Auswärtige Beziehungen GD Wirtschaft und Finanzen

GD II – Wirtschaft und Finanzen GD Unternehmen

GD III – Binnenmarkt und gewerbliche Wirtschaft GD Wettbewerb

GD IV – Wettbewerb GD Beschäftigung und Soziales


GD V – Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und
GD Landwirtschaft
Bildung
GD VI – Landwirtschaft GD Energie und Verkehr

GD VII – Verkehr GD Umwelt

GD VIII – Entwicklung GD Forschung

GD IX – Personal und Verwaltung Gemeinsame Forschungsstelle

GD X – Information, Kommunikation und Kultur GD Informationsgesellschaft


GD XI – Umwelt Verbraucherschutz und nukleare
GD Fischerei
Sicherheit
GD XII – Wissenschaft, Forschung und Entwicklung GD Binnenmarkt

Gemeinsame Forschungsstelle GD Regionalpolitik


GD XIII – Telekommunikation, Informationsindustrie
GD Steuern und Zollunion
und Innovation
GD XIV – Fischerei GD Bildung und Kultur

GD XV – Finanzinstitutionen und Gesellschaftsrecht GD Gesundheit und Verbraucherschutz

GD XVI – Regionalpolitik GD Justiz und Inneres

GD XVII – Energie GD Außenbeziehungen

GD XVIII – Kredit und Investitionen GD Handel

GD XIX – Haushalt GD Entwicklung

GD XX – Finanzkontrolle GD Erweiterung

GD XXI – Zollunion und indirekte Steuern Eurostat


GD XXII – Koordinierung der strukturpolitischen
GD Personal und Verwaltung
Instrumente
GD Haushalt

GD Finanzkontrolle

hatte sich die Prodi-Kommission eine neue Or­ punkt dieser Änderungen war eine Umbildung des
ganisationsstruktur gegeben und folglich einen Kollegiums der Kommissionsmitglieder. Ziel war
neuen Organisationsplan vorgelegt  (1). Ausgangs­ es, alle mit einem gegebenen Politikbereich zusam­
menhängenden Zuständigkeiten unter der Aufsicht
jeweils eines Kommissionsmitglieds zu bündeln.
(1) AHCE, PERS(1999) 163/4 vom 28. September 1999, Mitteilung des Vize­ In zahlreichen Fällen gingen die Neuerungen auf
präsidenten für die Verwaltungsreform im Einvernehmen mit dem Präsiden­
ten über die Neuordnung der Verwaltungsstrukturen der Kommission, S. 3. die Ergebnisse der Initiative „Die Kommission von
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 111

morgen“ zurück, die offenbart hatte, dass bestimm­ tenz oblag  (2). Um die Politik der Kommission in
te Strukturen der neuen Rolle der Kommission diesen Bereichen kohärenter zu gestalten, sollte die
oder ihren politischen Prioritäten unangemessen Zuständigkeit für die Entwicklungspolitik und die
waren. Dies galt insbesondere für Dossiers im Be­ humanitäre Hilfe von nun an bei einem einzigen
reich der Außenbeziehungen oder Nuklearfragen, Kommissionsmitglied liegen. Für die GD  Handel
die sich auf nicht weniger als sieben Dienststel­ sollte ein anderes Kommissionsmitglied zuständig
len verteilten. Im Sinne des Rationalisierungsziels sein, in dessen Aufgabenbereich der bilaterale Han­
wurde die Zahl der Dienststellen im Rahmen der del, die Ausarbeitung der Handelspolitik und die
Umstrukturierung von 42 auf 36 – d. h. um etwa dazugehörigen Instrumente fallen würden. Mit die­
15 % – verringert. Acht Generaldirektionen sowie sen Änderungen sollte die Leistungsfähigkeit der
ein  Dienst enstanden neu, wozu entweder beste­ Kommission in einem Bereich gestärkt werden, der
hende Strukturen grundlegend umgestaltet oder für die europäische Wirtschaft von zentraler Bedeu­
einfach vormals getrennte Dienste zusammengelegt tung war, insbesondere im Hinblick auf den Beginn
wurden. Mit der Einführung der neuen Organisa­ einer neuen Runde internationaler Handelsver­
tionsstruktur änderte sich auch die Benennung der handlungen (Millennium-Runde/Doha-Runde).
Dienststellen: An die Stelle der Nummern, die sich
Außenstehenden nur schwerlich erschlossen, traten Die Bildung der GD  Justiz und Inneres war dem
nunmehr allgemein verständliche Kurznamen. Die Inkrafttreten des Vertrags von Amsterdam geschul­
Neugestaltung der Strukturen wirkte sich auch auf det, mit dem der Kommission im Anschluss an den
die Zahl Bediensteten in den verschiedenen Dienst­ Maastrichter Vertrag neue Kompetenzen in den Be­
stellen aus. So sollten im Zuge des Reformprozesses reichen Freiheit, Sicherheit und Recht übertragen
nicht weniger als 365 Stellen freigesetzt werden, von wurden. Diese neue GD baute auf der Task Force
denen ein Drittel unmittelbar den neuen vorrangi­ für die Koordinierung in den Bereichen Justiz und
gen Politikbereichen Erweiterung sowie Justiz und Inneres auf (wurde jedoch angesichts der erheblichen
Inneres zugewiesen wurden (1). Zunahme an Zuständigkeiten verstärkt und umge­
bildet) und übernahm einige einschlägige Tätigkei­
Die GD  Erweiterung resultierte aus der Zusam­ ten von anderen Generaldirektionen.
menlegung der für die Beitrittsverhandlungen zu­
ständigen Dienststellen einerseits und der für die Obgleich diese beiden Politikfelder im Vordergrund
Beziehungen zu den Beitrittsländern zuständigen standen, machten die Veränderungen hier nicht halt.
Dienststellen andererseits. Tatsächlich bedurfte Die Zusammenführung der Generaldirektionen für
die Kommission, die die größte Erweiterung ihrer Industrie, für Unternehmenspolitik, Handel, Tou­
Geschichte vorbereitete, einer Reorganisation. Dar­ rismus und Sozialwirtschaft sowie der für Innovation
über hinaus wurde die Struktur der „RELEX-Fa­ zuständigen Direktion zu einer GD  Unternehmen
milie“ neu überdacht. Die mit den Außenbezie­ machte deutlich, dass es einer umfassenden, ganzheit­
hungen der Kommission betrauten Dienste wurden lichen Herangehensweise der Union an die Themen
nunmehr nach Themengebieten gegliedert, nämlich Handel und Wettbewerbsfähigkeit bedurfte.
in GD Handel, GD Entwicklung und GD Erweite­
rung, die allesamt von der GD Außenbeziehungen Was die neue GD Bildung und Kultur betraf, so ging
koordiniert wurden, der die geografische Kompe­ diese aus dem Zusammenschluss der ehemaligen
GD  XXII (Allgemeine und berufliche Bildung, Ju­

(1) AHCE, SEK(1999)  1494 vom 17.  September  1999, Mitteilung von Neil
Kinnock im Einvernehmen mit dem Präsidenten über die Neuordnung der
Verwaltungsstrukturen der Kommission, S. 1 f. (2) A. a. O., S. 5 f.
112 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

gend), einiger Referate bzw. Direktionen der ehema­ Folge des Rücktritts der Kommission unter Jacques
ligen GD X (Information, Kommunikation, Kultur, Santer, die sogar am Organisationsplan der Kommis­
audiovisuelle Medien) und des Praktikantenbüros des sion abgelesen werden konnte, war die Einsetzung
Generalsekretariats hervor. „Mit dieser Entscheidung von OLAF (Office européen de lutte antifraude – Eu­
soll die Verantwortung für Bildung und Kultur einem ropäisches Amt für Betrugsbekämpfung) bzw. „die
einzigen Kommissionsmitglied übertragen werden, Umgestaltung von UCLAF (Unité de coordination
damit den europäischen Bürgern in einem Bereich, de la lutte antifraude  – Dienststelle zur Koordinie­
der tief in ihren Alltag hineinwirkt, ein einziger kon­ rung der Betrugsbekämpfungsmaßnahmen) in ein
kreter Ansprechpartner zur Verfügung steht“ (1). Mit mit größerer Unabhängigkeit ausgestattetes OLAF,
dieser Neuordnung wurde auch der Versuch unter­ das dennoch weiter innerhalb der Kommission ange­
nommen, die Kommission näher an die europäischen siedelt war“ (4).
Bürger heranzurücken.
Die unterschiedlichen Reformen, denen die Kom­
Der neue Presse- und Informationsdienst schließlich mission unterzogen wurde, überzeugten nicht immer.
entstand aus der Zusammenlegung des Sprecher­ Nikolaus van der Pas merkt an:
dienstes und einiger Referate der GD X. Die Schaf­
fung dieser Dienststelle kann als Reaktion auf die „Wenn Sie sich die Entwicklung des
Organisationsplans ansehen, stellen Sie
Kritik an der mangelnden internen und externen fest, dass jede Erneuerung der Kommission
Kommunikation der Kommission gesehen werden, zu einem vollständigen Umbruch führte.
die insbesondere während der Krise im Jahr 1999 lau­ Änderungen mögen unvermeidlich sein, aber
ter geworden war (2). ich finde, dass man es zuweilen übertrieben
hat. […] Letztlich bedeutet die Vorschrift,
Die übrigen Generaldirektionen und Dienststellen nach der jeder Generaldirektor nach vier bis
fünf Jahren seinen Arbeitsplatz wechseln
waren nur von internen Umstrukturierungen gerin­ muss, eine gewaltige Zeitverschwendung.
geren Ausmaßes betroffen  (3). Eine andere im Rah­ Ich selbst musste aufgrund dieser Regelung
men dieser Reform eingeführte Neuerung hatte zwar mehrfach die Stelle wechseln, und mir
weniger strukturellen Charakter, ist aber besonders wurde klar, dass ich selbst bei hohem
erwähnenswert: die Ernennung eines Vizepräsiden­ Arbeitseinsatz mindestens sechs bis
ten für die Beziehungen zum Europäischen Parla­ zwölf Monate verlor, um neue Netzwerke
aufzubauen und mich in die entsprechenden
ment. Dieser Schritt verdeutlicht den Stellenwert, den Dossiers einzuarbeiten.“ (5)
die Beziehungen zwischen den Institutionen besaßen,
vor allem aber den Machtgewinn des Parlaments. Für andere wiederum gebührte der unter Kinnock
Dieses wurde im Zuge seiner erweiterten legislativen beschlossenen Rotationsregel das Verdienst, „mit den
Befugnisse und seiner wachsenden Implikation in [nationalen] Reichen zu brechen“ (6) oder das Gewicht
die Arbeit der Kommission (d. h. der zunehmenden der Generaldirektoren gegenüber den Kommissions­
Kontrolle, die es – wie 1999 – über die Kommission mitgliedern zu begrenzen bzw. einem übermäßigen
ausübte) zu einem wichtigen Partner. Eine weitere Machtgewinn der Generaldirektoren vorzubeugen.
Ebenso verlieh die Tatsache, dass ein Generaldirektor
nicht länger aus dem gleichen Mitgliedstaat wie „sein“
(1) AHUE, DORIE 381, Mitteilung des Vizepräsidenten Neil Kinnock an die
Bediensteten der GD  X, der GD  XXII und des Praktikantenbüros über
die Bildung einer neuen Generaldirektion „Bildung und Kultur“, Brüssel,
15. September 1999, S. 1.
(2) AHUE, DORIE 382, Vermerk von Jim Cloos, Kabinettschef des Präsiden­ (4) AHUE, DORIE 379, Mitteilung des Präsidenten Santer an alle Bedienste­
ten Santer, für Beamte, die an den „Frühstückstreffen am Freitag“ teilge­ ten der Kommission, Brüssel, 10. März 1999, S. 2.
nommen haben, Brüssel, 16. Juli 1999. (5) Interview mit Nikolaus van der Pas, 18. August 2017. S. 10 f.
( ) AHCE, SEK(1999) 1494/3 vom 17. September 1999, a. a. O., S. 8.
3
( ) Interview mit Paolo Ponzano, 23. Januar 2017, S. 14.
6
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 113

TABELLE 2
ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS NACH GENERALDIREKTIONEN (ABSOLUTE ZAHLEN) (*)

GD 1986 1995 1998

Kabinette 280 396

Außenbeziehungen (**) 417 1 331 1 641

Wirtschaft und Finanzen (***) 261 391

Industrie 601 722

Wettbewerb 354 385

Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten 399 491

Landwirtschaft 733 894 873

Verkehr 136 199 244

Entwicklung 444 729 700

Personal und Verwaltung 6 000 (****) 2 067 2 025

Information, Kommunikation, Kultur, audiovisuelle Medien 518 566

Umwelt, nukleare Sicherheit und Katastrophenschutz 290 370

Wissenschaft, Forschung und Entwicklung 657 866

Telekommunikation, Informationsmarkt und Nutzung der


Forschungsergebnisse 520 593

Fischerei 104 202 235

Binnenmarkt und Finanzdienstleistungen 262 281

Regionalpolitik 153 291 328

Energie 471 507

Kredit und Investitionen 106

Haushalt 288 308

Finanzkontrolle 193 199

Zoll und indirekte Steuern 272 270

Allgemeine und berufliche Bildung, Jugend 165 270

Unternehmenspolitik, Handel, Tourismus und Sozialwirtschaft 108 153

Verbraucherpolitik und Gesundheitsschutz 235


(*) In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre waren etwa 65 % der Kommissionsbeamten in den oben genannten Generaldirektionen beschäf-
tigt, während sich die übrigen 35 % auf verschiedene Dienste verteilten, etwa das Generalsekretariat, den Juristischen Dienst, den Über-
setzungsdienst (ca. 9 %), das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften (Eurostat), die Gemeinsame Forschungsstelle (ca. 10 %),
den gemeinsamen Dolmetscher-Konferenzdienst, das Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften usw.
(**) Für 1995 aggregierter Personalbestand der GD I und GD IA. Für 1998 aggregierter Personalbestand der GD I, GD IA und GD IB.
(***) Für 1998 aggregierter Personalbestand der GD II und der Dienststelle „Finanzoperationen“.
(****) Näherungswerte.

Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), Die Europäische Kommission
1973-1986 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg, 2014, S. 70.
114 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Kommissar stammen durfte, „der Politik eine stärke­ „zweiten Säule“ der europäischen Konstruktion be­
re Stoßkraft“ (1). Zu den negativen Begleiterscheinun­ vorzugt worden. Die Kommission schuf daraufhin –
gen gehörte hingegen der „Verlust des Gedächtnisses um ihre neuen Kompetenzen im Bereich der GASP
der Kommission“, der eine „Schwäche“ werden konn­ zur Geltung zu bringen – mit der GD IA eine neue
te (2). Hinzu kam, dass eine dienststellenübergreifen­ Generaldirektion, die mit erheblichen Personalkapa­
de Zusammenarbeit angesichts der „bürokratischen zitäten ausgestattet wurde und eine umfassende geo­
Überschichtungen“ alles andere als einfach war (3). grafische Zuständigkeit erhielt  (5). Zu erwähnen ist
zudem die im gleichen Jahr gebildete Task Force „Er­
weiterung“ für die Beitrittsverhandlungen mit Ös­
Die Neuausrichtung der „RELEX-Familie“ terreich, Finnland, Schweden und Norwegen. Hier­
bei handelte es sich um Reorganisationen, die sich
An den Organisationsplänen aus dem Zeitraum aus den Entwicklungen innerhalb der Gemeinschaft
1986-1999 und der Personalstatistik der Kommission ergaben. Andere Veränderungen im Organisations­
lässt sich ablesen, dass die Entwicklung der GD I Au­ plan hatten ihre Ursache in neuen externen Heraus­
ßenbeziehungen (RELEX) eine besondere war. 1999 forderungen. So stattete die Kommission in Reakti­
wurde sie in drei Generaldirektionen unterteilt: die on auf die humanitäre Notlage im Zusammenhang
GD I, die GD IA und die GD IB. Hinzu kommt, dass mit dem Konflikt im ehemaligen Jugoslawien das
sich die Außenbeziehungen durch ein bemerkens­ neue Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen
wertes Personalwachstum auszeichneten: Der Perso­ Gemeinschaft (ECHO), das seine Arbeit im April
nalbestand stieg von 417 Beamten im Jahr 1986 auf 1992 aufgenommen hatte, mit Personal aus (6). Die
1 641  Beamte (aggregierter Bestand) im Jahr  1998, GD  IB tauchte im September  1995 im Organisati­
was in etwa einer Vervierfachung entsprach. Wie onsplan auf, was mit einer Umgruppierung innerhalb
ist diese Sonderentwicklung zu erklären? Die erste der „RELEX-Familie“ einherging. Die GD I wurde
Aufteilung im Bereich der Außenbeziehungen geht nunmehr mit der Handelspolitik und den Beziehun­
auf das Jahr 1993 zurück: Im Organisationsplan gen zu Nordamerika, dem Fernen Osten, Australien
fanden sich nunmehr die GD  I Außenwirtschafts­ und Neuseeland betraut, die GD IA war für Europa
beziehungen und die GD IA Politische Außenbezie­ und die Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der
hungen Seite an Seite. Ursache war der Vertrag von Sowjetunion, die GASP und die Verwaltung des Au­
Maastricht, der dem Petit-Laurent-Bericht zufolge ßendienstes verantwortlich, während die GD IB die
„das außenpolitische Handeln der Union auf eine Zuständigkeit für die Beziehungen zum südlichen
uneindeutige institutionelle Grundlage gestellt hat, Mittelmeerraum, zum Nahen und Mittleren Osten,
wodurch die praktische Durchführung der Politik zu Lateinamerika und Süd- und Südostasien sowie
sicherlich erschwert werden wird“  (4). Tatsächlich für die Nord-Süd-Kooperation erhielt. Auch die
war bei den Vertragsverhandlungen der Gedanke GD Entwicklung wurde unbenannt; sie hieß fortan
an eine Zusammenführung der Außenbeziehun­ GD Entwicklung (Außenbeziehungen und Entwick­
gen verworfen und stattdessen eine Konsolidierung lungszusammenarbeit  – Afrika, karibischer Raum
des besonderen Charakters der Gemeinsamen Au­ und Pazifischer Ozean; Abkommen von Lomé). Die
ßen- und Sicherheitspolitik (GASP) innerhalb einer Neuordnung der für die Außenbeziehungen zustän­
digen Kommissionsdienststellen folgte somit einem
(1) Interview mit Stefano Manservisi, 22. Februar 2017, S. 18.
(2) Interview mit Paolo Ponzano, 23. Januar 2017, S. 14.
(3) Interview mit Claude Chêne, 27.  September  2016, S.  13. Vgl. zur dienst­
stellenübergreifenden Zusammenarbeit auch das Interview mit Renaud (5) A. a. O.
De­nuit, 3. Oktober 2017. (6) Europäische Kommission, XXVI. Gesamtbericht über die Tätigkeit der Eu-
(4) AHCE, BAC 516/2004/23, Bericht „Réflexions sur l’efficacité de l’institu­ ropäischen Gemeinschaften 1992, Amt für amtliche Veröffentlichungen der
tion et de son administration“, a. a. O., Anhang 3, S. 10. Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1993, S. 264.
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 115

doppelten – thematischen und geografischen – An­ einer Umsetzung von Mitarbeitern der GD IX ver­
satz, wobei sich die Aufteilung offenbar an der Art bunden war (5).
der jeweiligen Beziehungen orientierte.

Die Generaldirektion Personal Die Neuordnung der


und Verwaltung Personalkapazitäten
Im Unterschied zu den für die Außenbeziehungen
zuständigen Dienststellen ging der Mitarbeiterstand Wie viel Personal der Kommission zur Verfügung
der GD Personal und Verwaltung im gleichen Zeit­ stand, war nicht Ergebnis einer internen Entschei­
raum um zwei Drittel zurück. Um 1986 beschäftigte dung, sondern hing weitgehend von der Haus­
allein diese Generaldirektion nahezu die Hälfte der haltsbehörde ab. Richard Hay, Generaldirektor der
Mitarbeiter der Kommission (d.  h. etwa 6 000 Be­ GD  Personal und Verwaltung von 1986 bis 1991,
amte). Ihre zahlenmäßige Stärke war u. a. darin be­ drückte es folgendermaßen aus: „Die Kommission
gründet, dass ihr der Übersetzungsdienst zugeordnet hatte nie die Personalstärke, die sie zur Verwaltung
war, auf den etwa die Hälfte ihrer Bediensteten ent­ der expandierenden europäischen Politikbereiche
fiel  (1). 1989 richtete die Kommission jedoch einen gebraucht hätte“  (6). Um diesem Missverhältnis zu
eigenständigen Übersetzungsdienst unter einem Ge­ begegnen, bediente sich die Kommission einiger in­
neraldirektor ein, um für ein höheres Übersetzungs­ terner Kunstgriffe.
aufkommen in den nunmehr neun Gemeinschafts­
sprachen gewappnet zu sein  (2). Zwei Jahre später
wurde die GD Personal und Verwaltung einer erneu­ Die Personalumsetzung
ten Reorganisation unterzogen, nachdem eine Rei­
he von Leitlinien zur Vereinfachung, Straffung und Von 1989 an hatte die Kommission wiederholt
effizienteren Gestaltung von Personalpolitik und vom Verfahren der Personalumsetzung Gebrauch
Verwaltung verabschiedet worden war  (3). Ziel war gemacht – etwa im Hinblick auf die Herausforde­
es, die Generaldirektion in ein Drehkreuz zur Förde­ rung des Binnenmarkts 1992 (7). Im Rahmen dieses
rung der Dezentralisierung der Personalverwaltung Managementinstruments wurden Kapazitäten aus
umzubauen  (4). Mit dem Fortschreiten der Dezen­ Bereichen, die an Bedeutung verloren hatten, auf
tralisierung der Personalverwaltung im Rahmen des solche verlagert, die als prioritär eingestuft wurden.
Programms MAP  2000 wurden zudem bestimmte Es diente dazu, die Ressourcen optimal zu vertei­
Kompetenzen der GD IX auf andere Generaldirekti­ len bzw. neue Stellenanforderungen optimal zu
onen und Dienste übertragen, was zwangsläufig mit begründen. Die Reform von 1999 brachte  – über
den strukturellen Umbau hinaus – in erheblichem
Umfang auch Personaltransfers bzw. die Umset­
(1) Interview mit Richard Hay, 1. April 2016, S. 5.
(2) Europäische Kommission, XXIII. Gesamtbericht über die Tätigkeit der Eu-
ropäischen Gemeinschaften 1989, Amt für amtliche Veröffentlichungen der
Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1990, S. 48. (5) Commission en direct, Sonderausgabe „MAP 2000“, 30. April 1997; AHCE,
( ) Europäische Kommission, XXV. Gesamtbericht über die Tätigkeit der Eu-
3
SEK(97) 771/4 vom 25. April 1997, Mitteilung von Erkki Liikanen im Ein­
ropäischen Gemeinschaften 1991, Amt für amtliche Veröffentlichungen der vernehmen mit dem Präsidenten über das Programm MAP 2000 – Moder­
Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1992, S. 434. nisierung der Verwaltung und der Personalpolitik bis zum Jahr 2000, S. 10.
(4) AHCE, SEC(91)  62 vom 10.  Januar  1991, „Simplifier, alléger, améliorer (6) Interview mit Richard Hay, 1. April 2016.
l’efficacité de la politique du personnel et de l’administration de la Com­ (7) AHCE, SEK(89) 608 vom 14. April 1989, Mitteilung von António Cardo­
mission et la nécessité d’un instrument mieux adapté: la réorganisation de so e Cunha im Einvernehmen mit dem Präsidenten über die Orientierungs­
la DG IX – Communication de M. Cardoso e Cunha en accord avec M. le aussprache zum Thema Personalbestand: Verteilung der Haushaltsmittel
président“, S. 3. 1989, Leitlinien 1990 und Verwaltungsmaßnahmen, Anhang II, S. 1.
116 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

zung von Mitarbeitern mit sich: Rund 365 Stellen besetzen, musste ich mindestens
107 ausschreiben.“ (2)
konnten eingespart und die betreffenden Mitarbei­
ter in vorrangige Tätigkeitsbereiche umgesetzt wer­
den (1). Unter „Überbesetzung“ verstand man somit „die
den Kommissionsdienststellen zugewiesene Stellen­
anzahl, die die Höchstgrenze der im Stellenplan der
Die Überbesetzung Institution bewilligten Stellen vorübergehend über­
schreitet“ (3). Diese Vorgehensweise hatte den Vorteil,
Zeitgleich mit der Berufung des Briten Richard dass sie die Verwaltung der Kommissionskapazitäten
Hay an die Spitze der GD Personal und Verwaltung flexibler machte und dank vorausgreifender Maß­
im Jahr 1986 wurde ihr Organisationsplan um eine nahmen die bestmögliche Ausschöpfung des Stellen­
neue Direktion (Direktion  Koordinierung und plans gewährleistete. Angewendet wurde die Metho­
Ressourcen bzw. ab 1987 Direktion Verwaltung der de der optimierten Stellenbesetzung insbesondere im
Ressourcen) ergänzt, die dem Belgier Eduard Bra­ Zuge des Beitritts der iberischen Länder, der rasche
ckeniers anvertraut wurde. Diesem zufolge bestand externe Einstellungen nötig machte. Gleichzeitig
die große Herausforderung der Direktion darin, funktionierte auch das Einstellungsverfahren – dank
die Haushaltsbehörde davon zu überzeugen, dass der für den überwiegenden Teil der Anforderungen
für die Weiterverfolgung des Binnenmarktprojekts vorliegenden Reservelisten  – zunehmend besser.
zusätzliches Personal erforderlich sei. Damit the­ Aufgrund dieser Entwicklungen und einer beträcht­
matisierte er eines der Probleme, die die Haushalts­ lichen Zunahme der Arbeitsbelastung  (4) besetzten
behörde an der Bewilligung einer Aufstockung des die Generaldirektionen nunmehr alle ihnen zuge­
Personalbestands hinderten, nämlich den Über­ wiesenen Stellen, bis sich die GD IX gezwungen sah,
hang freier Stellen (ca. 94 % der Stellen waren be­ Stellenbesetzungen wegen unzureichender Haus­
setzt und die übrigen 6 % nicht, da sich aufgrund haltsmittel abzulehnen (5). Es kam mithin zu einem
der Rotation der offenen Stellen und der langen deutlichen Anstieg der Überbesetzung, die sich
Dauer des Einstellungsverfahrens naturgemäß schließlich auf dem Stand von 1990 stabilisierte, bis
Verzögerungen ergaben). Nach dem Muster des die Methode abgeschafft wurde. Noch 1997 erklärte
von den Fluggesellschaften angewendeten Überbu­ Generaldirektor James Currie, dass das Problem die
chungsprinzips sollte Brackeniers in der Kommissi­ Kommission seit Jahren „vergifte“ (6).
on das Prinzip der „Überbesetzung“ einführen. In
einem Gespräch mit Émile Noël erläuterte er seine
Methode: Die Minibudgets
„Wir würden niemals Stellen erhalten, Laut Sylvain Bisarre, Direktor für Personal der
solange ich nicht belegen konnte, dass
alle Positionen besetzt sind. […] Ich musste
GD IX, bestand die andere große Herausforderung
den Personalbestand also vollkommen
anders steuern. Um 100 Stellen zu (2) Émile Noël und Pascal Lamy hatten den Vorschlag zwar nicht uneinge­
schränkt unterstützt, ließen das Experiment des Direktors jedoch zu. Inter­
view mit Eduard Brackeniers, 21. Juni 2017, S. 5.
( ) AHCE, Bericht „Réflexions sur l’efficacité de l’institution et de son admi­
3

nistration“, a. a. O., S. 59.


(1) AHCE, SEK(1999)  2150 vom 19.  Dezember  1999, Mitteilung von (4) Vgl. Interview mit Jürgen Erdmenger, 26. Mai 2016.
Michaele Schreyer im Einvernehmen mit dem Präsidenten und dem (5) AHCE, BAC/56/2005/793, Vermerk für António Cardoso e Cunha, Mit­
Vizepräsidenten Kinnock über die Verteilung der Personal- und sons­ glied der Kommission für Personal – Geografische Ausgewogenheit, Brüs­
tigen Verwaltungsressourcen (Titel  A-7) für 1999 und 2000 im An­ sel, 14. Juni 1989, S. 3 f.
schluss an die Umstrukturierung der Kommissionsdienststellen, S.  2. (6) AHCE, SEK(97)  771/2 vom 8.  April  1997, Vermerk von James Currie,
Vgl. zu diesem Thema auch das Interview mit Jens Nymand Christensen, Generaldirektor „Zoll und indirekte Steuern“, für Steffen Smidt, General­
12. Juni 2017. direktor „Personal und Verwaltung“, S. 3.
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 117

Richard Hay, Generaldirektor der GD „Personal und Verwaltung“ von 1986 bis 1991. Im Jahr 1989 unterzeichnet
er den „fortschrittsorientierten Sozialvertrag 1989-1992“, mit dem die Personalpolitik neu ausgerichtet wird.
Im Hintergrund von links nach rechts: David Williamson, António Cardoso e Cunha und Jacques Delors

im Management „zweier Populationen“, der auf Le­ Folglich bediente sich die Kommission  – über ihr
benszeit ernannten europäischen Beamten einerseits Statutspersonal hin­aus – „einer beträchtlichen Reser­
und der Vertragsbediensteten andererseits, deren sich ve von Vertragsbediensteten, die nach unterschiedli­
die Kommission in erheblichem Umfang bedient hat­ chen Verfahren eingestellt werden und verschiedenen
te, um die Delors-Pakete auf den Weg zu bringen (1). rechtlichen Regelungen unterliegen“. Das ohnehin
Als die Haushaltsbehörde den in den 1980er-Jahren komplizierte und teure System warf nun zusätzlich
an sie herangetragenen Forderungen nach einer Auf­ die Frage auf, wie die Ressourcen am besten zu nut­
stockung des auf Statutsbasis beschäftigten Personals zen wären  – durch das Nebeneinander von Mitar­
nur bedingt entsprochen hatte, hatten sich innerhalb beitern, die unterschiedlichen Statuten unterlagen,
der Institution alternative Einstellungsverfahren gleichzeitig jedoch mit identischen Aufgaben betraut
entwickelt. Operative Mittel (die für die zentralen waren (2). Schließlich eröffneten die Auswahlverfah­
gemeinschaftlichen Politikbereiche bestimmt waren) ren für Vertragsbedienstete mit einem Dienstalter
waren für Verwaltungszwecke und insbesondere die von mehr als sechs Jahren eine zweite Möglichkeit
Einstellung von Vertragsbediensteten aufgewendet des Zugangs zum europäischen öffentlichen Dienst –
worden; so hatten sich die „Minibudgets“ heraus­ eine Tatsache, die häufig auf Kritik stieß, da sie für
gebildet, die vom Rechnungshof verurteilt wurden. Unwägbarkeiten in den Laufbahnen der Beamten

(2) AHCE, BAC 516/2004/30, Bericht der Reflexionsgruppe Personalpolitik,


(1) Interview mit Sylvain Bisarre, 18. November 2016, S. 21. Brüssel, 6. November 1998, S. 14 f.
118 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

sorgte (1). Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebie­ den Abhängigkeitsgrad der Institution von exter­
ten, begann man 1992 systematisch damit, Vertrags­ nem Personal als „hoch und unkontrolliert“ ein (4).
personal durch Statutspersonal zu ersetzen, was sich
in einer Umwandlung von Mittelzuweisungen in
Planstellen niederschlug (2). Obwohl in Bezug auf die Die Reform der Laufbahngruppen
Zeitbediensteten im Sinne von Artikel 2 Buchstabe a
der  BSB  (3) eine Reihe von Anpassungen erfolgten „Bei der Einstellung werden die Mitarbeiter des
(in den Jahren 1988, 1992, 1994 und 1996), gab der europäischen öffentlichen Dienstes anhand ihres
Anteil der Vertragsbediensteten am Gesamtpersonal Ausbildungs- und Kompetenzniveaus in vier  Lauf­
Ende der 1990er-Jahre weiterhin Anlass zur Sorge. bahngruppen unterteilt (Laufbahngruppe A: Hoch­
schulabschluss; Laufbahngruppe  B: Abschluss der
Sekundarstufe; Laufbahngruppe  C: Abschluss der
Der Einsatz von externem Personal Mittelstufe; Laufbahngruppe  D: Abschluss der Pri­
marstufe)“  (5). Innerhalb jeder Laufbahngruppe wa­
In Ermangelung des zur Verwaltung der expandie­ ren die Beamten nach Besoldungsgruppen unterteilt.
renden Politikbereiche nötigen Personals griff die Dieses System der Laufbahngruppen wurde von ver­
Kommission im Betrachtungszeitraum zunehmend schiedenen Seiten kritisiert, galt als übermäßig starr
auch auf externe Ressourcen zurück. So entwickel­ bzw. unangemessen. Die Kommission hatte wieder­
te sich mit den Büros für technische Hilfe (BTH) holt geprüft, wie das System flexibler gestaltet werden
eine besondere Form der externen technischen könnte. Es wurde jedoch erst im Zuge der Kinnock-Re­
Hilfe. Die Praxis war jedoch nicht neu: Auf BTH form durch ein System ersetzt, das in stärkerem Maße
war erstmals in den 1980er-Jahren zurückgegriffen linear geprägt war und sich durch eine Durchlässig­
worden  – wenn auch nur von wenigen Generaldi­ keit zwischen den Laufbahnen auszeichnete. Kinnock
rektionen, die angesichts des Missverhältnisses von verpasste dem Organisationsgefüge der europäischen
Aufgaben und Personal überlastet waren. Im Jahr Verwaltung eine angelsächsische Note  (6). Die neue
1996 arbeiteten 14  Generaldirektionen mit BTH. Struktur sollte aus einer einzigen Besoldungstabelle
Letztere beschäftigten etwa 650 Personen und wa­ mit 16 Besoldungsgruppen und zwei Funktionsgrup­
ren an der Umsetzung von rund 45  Programmen pen bestehen – der Funktionsgruppe der Assistenten
oder Strategien beteiligt, ohne dabei jedoch in der (anstelle der Laufbahngruppen  C und  B) sowie der
Personalproblematik der Institution berücksichtigt Funktionsgruppe der Administratoren (anstelle der
zu werden. Mit Blick auf die insgesamt eingesetz­ Laufbahngruppen A und LA). Die ursprünglich für
ten externen Ressourcen (3 955 Personenjahre im 2002 vorgesehene Einführung des neuen Systems er­
Jahr  1997, was 20,5  % des gesamten Personalbe­ folgte schließlich 2004.
stands entsprach) stufte der Williamson-Bericht

(1) AHCE, SEK(96)  1940 vom 12.  November  1996, Mitteilung von Erkki
Liikanen im Einvernehmen mit dem Präsidenten in Bezug auf die Zeitbe­
diensteten im Sinne von Artikel 2 Buchstabe a der Beschäftigungsbedin­
gungen für die sonstigen Bediensteten (BSB) der Europäischen Gemein­
schaften.
(2) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 14 f.
(3) 1) Verordnung Nr. 31 (EWG), Nr. 11 (EAG) über das Statut der Beamten
und über die Beschäftigungsbedingungen für die sonstigen Bediensteten
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atom­ (4) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 28.
gemeinschaft (ABl.  45 vom  14.6.1962, S.  1385). 2)  Beschäftigungsbedin­ (5) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 32.
gungen für die sonstigen Bediensteten der Gemeinschaften (ABl. 45 vom (6) Cantelli, F., a.  a.  O., S.  6. Vgl. auch das Interview mit Graham Avery,
14.6.1962, S. 1442). 23. März 2016, S. 32.
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 119

TABELLE 3
Der Personalbestand ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS DER
EUROPÄISCHEN KOMMISSION (1986-2000)

a) Allgemeine Trends Jahr Personalbestand insgesamt

Gemessen an der Anzahl der Bewerber sind die 1986 14 379

europäischen Institutionen Arbeitgeber geringer, 1987 15 341


wenn nicht sehr geringer Größe. Die Kommission 1988 14 012
„ist so groß wie die Kommunalverwaltung einer be­
1989 14 270
liebigen europäischen Großstadt, bleibt aber deut­
lich hinter den Dimensionen nationaler Verwal­ 1990 17 159 (*)
tungsstrukturen zurück“ (1). 1991 17 819 (*)

1992 18 630
Die Entwicklung des Mitarbeiterbestands in den Jah­
1993 17 162
ren 1986-2000 lässt sich in zwei Phasen unterteilen.
In der ersten Phase (1986-1995) ist für die Personal­ 1994 19 656
ressourcen insgesamt ein Aufwärtstrend zu verzei­ 1995 20 769
chen. Laut Sylvain Bisarre, Direktor für Personal in
1996 19 366
der GD IX, war es „die ungeheure Menge an Ideen
und Initiativen der Kommission unter der Präsident­ 1997 21 745

schaft von Delors, die den Zuwachs an Personal recht­ 1998 20 021
fertigte, und es war dem Europäischen Parlament zu 1999 20 187
verdanken, dass dieser Zuwachs möglich wurde“ (2).
2000 21 729
(*) Näherungswerte.
Die Jahre 1995-2000 waren durch eine Stabilisierung
der Mitarbeiterzahlen gekennzeichnet, was auf die Quellen: Europäische Kommission, Gesamtberichte über die Tä-
tigkeit der Europäischen Gemeinschaften/Union, Amt für amtliche
Disziplin zurückgeführt werden kann, die sich die In­ Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg,
stitution im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Per­ 1986-2000 (5).

sonalkapazitäten selbst auferlegt hatte (3). Insgesamt


weist die Kurve des Personalbestands einige „Dellen“ Die starken Schwankungen dieses Personalbestands
auf, wobei die Rücksetzer (1988, 1989, 1993, 1996, sind darauf zurückzuführen, dass ausschließlich
1998 und 1999) auf das Nebeneinander zweier per­ Zeitverträge eingesetzt wurden, um größtmögliche
sonalpolitischer Methoden zurückzuführen waren, Flexibilität zur Durchführung der Forschungspro­
„einer für das Personal, das aus Verwaltungsmitteln gramme zu gewährleisten. Mitte der 1990er-Jahre
vergütet wird, und einer anderen für das Personal, stellte die Kommission jedoch fest, dass die zeitliche
das aus Forschungsmitteln vergütet wird“ (4). Wäh­ Befristung zu „erheblichen Schwierigkeiten bei der
rend nämlich der Verwaltungsaufgaben zugeordnete Personalbeschaffung und einer hohen Zahl freiwil­
Mitarbeiterbestand Jahr für Jahr wuchs, ergaben sich liger Abgänge zugunsten der aus dem Verwaltungs­
rückläufige Tendenzen aus einer Verringerung der
aus dem Forschungshaushalt finanzierten Stellen.
(5) Die Angaben umfassen Planstellen und zeitlich befristete Stellen für Ver­
waltungstätigkeiten, Plan- und zeitlich befristete Stellen für Forschungstä­
tigkeiten sowie die Planstellen für das Amt für Veröffentlichungen, das Eu­
ropäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (Cedefop) und die
(1) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 16. Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen
(2) Interview mit Sylvain Bisarre, 18. November 2016. (Eurofound). Ebenfalls berücksichtigt sind Kommissionsbeamte, die für na­
(3) AHCE, SEK(1999) 2150 vom 19. Dezember 1999, a. a. O., S. 2. tionale Verwaltungen oder internationale Organisationen abgestellt waren,
(4) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 32. sowie nationale Beamte, die für die Kommission abgestellt waren.
120 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 4
ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS DER EUROPÄISCHEN KOMMISSION IM EINZELNEN
(1986-2000)

nationale Verwaltungen/
Verwaltungstätigkeiten

Personalbestand OLAF

abgeordnete nationale
für Veröffentlichungen
Forschungstätigkeiten

Personalbestand Amt

abgeordnete Beamte
Personalbestand an
an die Kommission
Personalbestand

Personalbestand

Personalbestand

Personalbestand

Personalbestand

Organisationen
internationale

Insgesamt
Eurofound
Cedefop

Beamte
Jahr

1986 10 881 2 939 350 / 47 45 89 28 14 379

1987 11 622 3 053 380 / 55 49 150 32 15 341

1988 12 328 893 396 / 57 51 240 47 14 012

1989 12 611 805 406 / 61 55 286 46 14 270

1990 12 887 3 285 424 / 65 59 400 (*) 39 17 159 (*)

1991 13 157 3 462 428 / 69 59 600 (*) 44 17 819 (*)

1992 13 975 3 409 428 / 71 59 650 38 18 630

1993 14 540 1 350 463 / 76 67 625 41 17 162

1994 14 918 3 497 465 / 76 71 583 46 19 656

1995 15 836 3 623 525 / 76 71 603 35 20 769

1996 16 449 1 614 525 / 81 82 589 26 19 366

1997 16 824 3 712 525 / 52 29 582 21 21 745

1998 17 094 1 632 525 / 54 83 614 19 20 021

1999 17 240 1 632 525 / 81 83 601 25 20 187

2000 17 087 3 704 522 224 45 85 34 28 21 729

(*) Näherungswerte.

Quellen: Europäische Kommission, Gesamtberichte über die Tätigkeit der Europäischen Gemeinschaften/Union, a. a. O., 1986-2000.

haushalt finanzierten Stellen“ geführt habe. Daher


b) Die Erweiterungen
schritt sie im Jahr 1995 zu einer Rekalibrierung der
Personalstruktur im Forschungsbereich, wobei ihr Entsprechend dem Personalstatut durften Stellen
als geeignete Struktur eine Zusammensetzung aus grundsätzlich nicht für Angehörige eines bestimm­
25 % flexibilitätssicherndem Personal, 35 % Zeitbe­ ten Mitgliedstaats vorbehalten werden. Im Kontext
diensteten und 40 % Beamten vorschwebte (1). einer Erweiterung der Union konnte jedoch eine
Ausnahmeregelung erlassen werden, um den Staats­
angehörigen neuer Mitgliedstaaten über zeitlich be­
(1) AHCE, SEK(95) 958 vom 7. Juni 1995, Mitteilung von Édith Cresson und fristete Sondermaßnahmen Zugang zu bestimmten
Erkki Liikanen über den Abbau von Ungleichgewichten in der Personal­
struktur. Funktionen zu gewähren. Diese Regelung galt so­
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 121

wohl für Stellen, die unbesetzt waren oder im Laufe meinschaftlichen Politikbereiche. Dabei ließen
des Jahres frei wurden, als auch für Stellen, die im sich zwei Ansätze unterscheiden. Die ersten beiden
Rahmen von Umstrukturierungen geschaffen wur­ Kommissionsprogramme (1988-1990 und 1992-
den (1). 1996)  – „Programme für positive Aktionen der
Kommission zugunsten ihrer weiblichen Bediens­
Bei der Erweiterung von 1995 sollte die ausgewo­ teten“ genannt  – unterstrichen, „wie außerordent­
gene Eingliederung von Österreichern, Finnen lich wichtig positive Aktionen sind, da sie gezielt
und Schweden durch 1 050-1 350 Posten, die über die Erwerbstätigkeit der Frauen fördern und ihnen
einen Zeitraum von fünf Jahren zu besetzen wa­ den Zugang zu Berufen erleichtern sollen, in denen
ren, bewerkstelligt werden. Diese verteilten sich sie unterrepräsentiert sind“ (6). Zum Ende der Lauf­
auf 500-550 neue „Erweiterungsstellen“ und 500- zeit des zweiten Programms wurden die Ergebnisse
800 unbesetzte Stellen; der zusätzliche Sprachen­ für die Laufbahngruppe A positiv eingestuft; diese
bedarf entsprach 314  neuen Stellen, die über ei­ habe „stark von der Erweiterung der Europäischen
nen Dreijahresplan finanziert wurden  (2). Für die Union um drei neue Mitgliedstaaten profitiert“ (7).
Stellenverteilung galt ein zweistufiges Verfahren: Georgette Lalis berichtet hierzu Folgendes:
Im ersten Schritt wurden „Tätigkeitsbereiche“ be­
rücksichtigt  – „um eine möglichst rasche Einglie­ „Damals, 1994, war ich für Personal­
angelegenheiten zuständig und führte
derung der neuen Mitarbeiter zu gewährleisten und Einstellungsverfahren durch. Zum ersten
den dringendsten Personalbedarf der Dienststellen Mal hatten wir genauso viele Frauen wie
angemessen zu decken“  –, während die Verteilung Männer einzustellen. […] Ich verlangte daher,
nach Generaldirektionen in einer späteren Phase dass das Geschlecht anzugeben sei. […] Wie
erfolgte  (3). Folgende Sektoren wurden 1995 mit gesagt, wir stellten erstmals genauso viele
Vorrang bedient (in absteigender Reihenfolge): Frauen wie Männer ein.“ (8)
Binnenmarkt, horizontale Dienste mit Koordinie­
rungsfunktion, Strukturmaßnahmen und wirt­ Jenseits der Statistiken erwiesen sich jedoch einige
schaftliche Entwicklung, Begleitmaßnahmen, ho­ Hindernisse für die Verwirklichung der Chancen­
rizontale Verwaltungsdienste, gemeinschaftliche gleichheit als hartnäckig – insbesondere in Bezug auf
Politikbereiche, Sozialraum, Außenbeziehungen die vorherrschenden Mentalitäten und die männlich
und Finanzdienstleistungen  (4). Über die Umset­ geprägte Arbeitskultur. Vor dem Hintergrund die­
zung der Erweiterungsziele hinaus hatte sich die ses Befunds stellte das dritte Aktionsprogramm der
Kommission ein Nullwachstum verordnet (5). Kommission (1997-2000) einen Wendepunkt gegen­
über den vorangegangenen Initiativen dar. Zusätzlich
zur Strategie der „positiven Aktionen“, die im Mittel­
c) Die Frage der Gleichstellung der Geschlechter
punkt der bisherigen Programme gestanden hatte,
Um 1975 hielt die Frage der Chancengleichheit wollte die Kommission nun den Ansatz des „Main­
zwischen Männern und Frauen Einzug in die ge­ streaming“ verfolgen. Dies bedeutete, dass sich die
Förderung der Chancengleichheit nicht auf ein Be­

(1) AHCE, PERS(95) 84/2, Vermerk über die Folgen der Erweiterung für die
Verwaltung  – Vorbehalt von Referatsleiter- und Beraterstellen, Brüssel, (6) AHCE, SEK(92)  1671/3 vom 11.  September  1992, Mitteilung von
21. März 1995, S. 1. António Cardoso e  Cunha im Einvernehmen mit dem Präsidenten und
(2) AHCE, SEK(95)  230/3 vom 10.  Februar 1995, Mitteilung von Erkki Vasso Papandreou über das Programm für positive Aktionen der Kommis­
­Liikanen an die Kommission über die administrative Umsetzung der Er­ sion zugunsten ihrer weiblichen Bediensteten (1992-1996), S. 2.
weiterung: Zielvorgaben und Modalitäten – Programm 1995, S. 7-12. (7) Innerhalb der Laufbahngruppen C und LA hatte sich das Ungleichgewicht
(3) A. a. O., Anhang 2, S. 13. zugunsten der Frauen jedoch verstärkt, während das Programm auf die
(4) A. a. O., Anhang 1, S. 2-4. Laufbahngruppe B keine nennenswerten Auswirkungen hatte.
(5) AHCE, BAC 516/2004/30, a. a. O., S. 15. ( ) Interview mit Georgette Lalis, 8. Juni 2016, S. 17.
8
122 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

1990 veröffentlicht der hausinterne Courrier du personnel eine Sonderausgabe zur Chancengleichheit in der Kommission.

TABELLE 5 mühen um statistische Parität oder „ausgleichende“


ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS Maßnahmen zugunsten der weiblichen Bediensteten
NACH GESCHLECHT (RELATIVE VERTEILUNG)
beschränken sollte, sondern auf eine „systemim­
1982 1995 1998 manente Verankerung der Geschlechterperspektive“
Männer 55,92 % 58,23 % 55,57 %
ausgerichtet sein sollte. Das von der Kommission
beschlossene Mainstreamingkonzept sah vor, „die
Frauen 44,08 % 41,77 % 44,43 % geschlechtsspezifischen Aspekte sowie die besonde­
Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und ren Lebensverhältnisse, Situationen und Bedürfnisse
Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), a. a. O. von Frauen und Männern in allen Politikbereichen
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 123

TABELLE 6
ENTWICKLUNG DES MÄNNER-/FRAUENANTEILS NACH LAUFBAHNGRUPPEN

1982 1995 1998

Laufbahngruppen (*) M F M F M F
A 92,07 % 7,93 % 84,84 % 15,16 % 81,17 % 18,83 %

LA 55,00 % 45,00 % 49,33 % 50,67 % 43,37 % 56,63 %

B 61,26 % 38,74 % 62,86 % 37,14 % 63,94 % 36,06 %

C 18,55 % 81,45 % 19,22 % 80,78 % 23,53 % 76,47 %

D 92,20 % 7,80 % 78,11 % 21,89 % 77,48 % 22,52 %

(*) Das Personal des europäischen öffentlichen Dienstes war in vier Laufbahngruppen unterteilt. Zudem sah das System Sonderlaufbahnen vor
(LA: Sonderlaufbahn Sprachendienst für Übersetzer, Dolmetscher und Rechts- und Sprachsachverständige).

Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), a. a. O., S. 67.

TABELLE 7
ENTWICKLUNG DES FRAUENANTEILS IN LAUFBAHNGRUPPE A

Besoldungsgruppen 1982 1995 1998

A1 4,34 % 1,82 % 5,08 %

A2 0,00 % 3,14 % 9,36 %

A3 0,61 % 7,28 % 9,46 %

A4 4,62 % 9,22 % 10,82 %

A5 10,00 % 14,05 % 17,93 %

A6 14,28 % 17,16 % 20,20 %

A7 14,59 % 23,11 % 30,83 %

A8 25,95 % 31,79 %

Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), a. a. O., S. 67.

und Aktionen zu berücksichtigen“ (1). So wollte die ger Eignung grundsätzlich zu bevorzugen (2). Zudem
Prodi-Kommission die Berufung von Frauen in Füh­ hatte die Kommission darauf geachtet, dass Frauen
rungspositionen (Besoldungsgruppen  A1 und  A2) stärker in den Kabinetten vertreten sein würden.
deutlich steigern. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, bis Letztere setzten sich zu fast 40 % aus Frauen zusam­
zum Ende ihrer Amtszeit eine Verdoppelung der men (45 von 120); in sechs Kabinetten stellten die
Zahlen vom Dezember 1999 (d. h. rund 20 %) zu er­ Frauen mindestens die Hälfte der Mitglieder, und in
reichen. Zu diesem Zweck wurde der Anstellungsbe­ fünf Kabinetten war die Position des Kabinettschefs
hörde gestattet, weibliche Bewerber bei gleichwerti­ oder stellvertretenden Kabinettschefs von einer Frau

(1) AHCE, SEK(97) 536/3 vom 26. März 1997, Entwurf des dritten Aktions­


programms für die Chancengleichheit von Mann und Frau in der Europäi­ (2) AHCE, SEK(1999) 2084 vom 8. Dezember 1999, Mitteilung von Neil Kin­
schen Kommission 1997-2000, S. 1. nock über die Berufung in Führungspositionen, S. 2 f.
124 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 8 TABELLE 9
ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS ENTWICKLUNG DES PERSONALBESTANDS
NACH STAATSANGEHÖRIGKEIT IN DER LAUFBAHNGRUPPE A NACH
(RELATIVE VERTEILUNG) STAATSANGEHÖRIGKEIT
(RELATIVE VERTEILUNG)
1984 1995 1998
1984 1995 1998
Belgien 26,92 % 24,23 % 22,83 %
Belgien 12,94 % 11,52 % 10,64 %
Dänemark 3,70 % 3,13 % 2,88 %
Dänemark 2,87 % 3,09 % 2,91 %
Deutschland 13,46 % 10,80 % 9,91 %
Deutschland 17,79 % 13,80 % 12,57 %
Irland 2,20 % 2,83 % 2,77 %
Irland 3,34 % 3,31 % 3,01 %
Griechenland 4,07 % 4,52 % 4,51 %
Griechenland 4,74 % 5,81 % 5,71 %
Spanien 7,62 % 7,47 %
Spanien 9,44 % 9,37 %
Frankreich 13,32 % 11,33 % 10,85 %
Frankreich 19,43 % 16,25 % 15,16 %
Italien 16,59 % 16,17 % 14,82 %
Italien 16,08 % 14,19 % 13,00 %
Luxemburg 4,72 % 2,57 % 2,14 %
Luxemburg 2,29 % 1,01 % 0,81 %
Niederlande 5,41 % 4,57 % 4,05 %
Niederlande 6,10 % 5,39 % 4,94 %
Österreich 1,42 %
Österreich 2,12 %
Portugal 3,93 % 3,71 %
Portugal 4,09 % 3,80 %
Finnland 2,44 %
Finnland 2,00 %
Schweden 2,45 %
Schweden 2,49 %
Vereinigtes
9,62 % 7,84 % 7,55 % Vereinigtes
Königreich 14,41 % 11,84 % 11,27 %
Königreich
Drittstaaten 0,46 % 0,21 %
Drittstaaten 0,27 % 0,20 %
Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und
Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), a. a. O., S. 66. Quellen: AHCE, Personalstatistiken der Kommission (März 1995 und
Juli 1998). Bussière, É., Dujardin, V., et al. (Hg.), a. a. O., S. 66.

besetzt. Es gab kein Kabinett, das sich ausschließlich on Fragen auf und entwickelte sich zu einem politi­
aus Männern zusammensetzte (1). schen Problem. Anlass zur Sorge gab die Tatsache,
dass einige Nationalitäten insbesondere in den
Laufbahngruppen A und B unterrepräsentiert wa­
d) Der Aspekt der geografischen Ausgewogenheit
ren, was schließlich dazu führte, dass die Kommissi­
1989 warf der Aspekt der geografischen Ausgewo­ onsmitglieder der „defizitären“ Nationalitäten – so­
genheit innerhalb der Dienststellen der Kommissi­ wohl intern (Antrag auf Untersuchung seitens der
GD IX, Maßnahmen zur Sensibilisierung verschie­
dener Generaldirektionen) als auch extern (Sensi­
(1) Pressemitteilung IP/99/703, „Les Commissaires ont atteint les objectifs
du Président Prodi pour un meilleur équilibre entre hommes et femmes et bilisierung junger Akademiker)  – persönlich tätig
une meilleure répartition des nationalités au sein des Cabinets“, Brüssel, wurden. Tatsächlich zeigten die von der GD  IX
28.  September 1999 (http://europa.eu/rapid/press-release_IP-99-703_
fr.htm). knapp zwei Jahre zuvor eingeführten Bemühungen
Kapitel 3 – Große Veränderungen und enorme Herausforderungen: die Generaldirektionen … 125

zur Wiederherstellung des Gleichgewichts kaum Im Hinblick auf die Zusammensetzung der Kabi­
Wirkung. In der Laufbahngruppe A waren Belgier, nette hatte Kommissionspräsident Prodi sein selbst
Franzosen und Griechen unverhältnismäßig stark gestecktes Ziel erreicht und in einigen Fällen sogar
vertreten, während Briten, Dänen und Niederlän­ übertroffen: das Ziel nämlich, dass in jedem Kabi­
der unterrepräsentiert waren. Etwa ein Drittel der nett mindestens drei Nationalitäten vertreten sein
Beamten in den Laufbahngruppen B und C waren sollten (in seinem eigenen Kabinett waren deren
Belgier – „zulasten“ sämtlicher anderer Nationalitä­ gleich sieben vertreten)  (5) und der Kabinettschef
ten, allen voran der Briten (1). In der Laufbahngrup­ oder stellvertretende Kabinettschef vorzugsweise
pe D hatten 78 % der Beschäftigen die belgische, ita­ aus einem anderen Mitgliedstaat stammen sollte als
lienische oder luxemburgische Staatsangehörigkeit. der Kommissar.
Die Überrepräsentation der Belgier war im Wesent­
lichen Folge der geografischen Nähe  (2). In Bezug Die Zunahme der Aufgaben der Kommission spie­
auf die Laufbahngruppe B bemühte sich die GD IX gelte sich in der Entwicklung der Generaldirektio­
darum, eine weitere Zunahme der belgischen Über­ nen wider – während die Kommission im Jahr 1958
repräsentation zu verhindern (3). neun Generaldirektionen zählte, bestand sie 1999
aus 42 Generaldirektionen und Diensten mit einer
Obgleich die Kommission Überlegungen zur Ein­ durchschnittlichen Beschäftigtenzahl von 560 Per­
führung einer Quote kategorisch ablehnte, hatte sie sonen. Die Entwicklung war beeindruckend und
sich stets um eine allgemeine geografische Ausgegli­ machte eine Neuordnung der Kommissionsarbeit
chenheit innerhalb ihrer Dienststellen bemüht. An­ unvermeidlich. Somit waren die Ereignisse von
gesichts der Ausweitung der Rolle der Kommission 1999 „ein entscheidender Impuls für einen bereits
und ihrer Dienststellen im Hinblick auf das Jahr im Gange befindlichen Prozess“  (6), dessen Ergeb­
1992 schien die politische Bedeutung eines solchen nisse tiefgreifend sein sollten.
Ausgeglichenheit zuzunehmen  (4). Der Wunsch,
alle Nationalitäten der Europäischen Union gleich­ Vincent Dujardin
mäßig auf allen Hierarchieebenen repräsentiert zu Adeline Jacob
sehen, trat im Jahr 1999 wieder deutlicher zutage.

(1) Nach den Prognosen der GD IX hätte der Anteil der Belgier am Personal
der Laufbahngruppe B in den Jahren 1993-1994 50 % erreichen können.
(2) AHCE, BAC 56/2005/793, Vermerk für António Cardoso e  Cunha,
a. a. O., S. 3.
(3) AHCE, BAC 56/2005/793, Vermerk für Richard Hay, Generaldirektor für
Personal und Verwaltung, und Gianluigi Valsesia, Direktor für Personal,
Stellenplan und Einstellung nach Staatsangehörigkeit – Laufbahngrup­
pe A (und B), Brüssel, 24. April 1989, S. 2 f; AHCE, BAC 56/2005/793,
Vermerk für António Cardoso e Cunha, a. a. O., S. 4 f. (5) Pressemitteilung IP/99/703, a. a. O.
(4) AHCE, BAC 56/2005/793, Vermerk für António Cardoso e  Cunha, (6) Stevens, A., a. a. O., S. 81; vgl. auch das Interview mit Stefano Manservisi,
a. a. O., S. 1. 22. Februar 2017, S. 10.
127

Kapitel 4

Die Herausforderungen
der Kommission im
Immobilienbereich:
Festlegung des Sitzes und
Geschichte des Berlaymont
Der Sitz der Gemeinschaftsorgane war von Beginn Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedstaaten,
der europäischen Integration an Gegenstand einer re­ denen laut den Gründungsverträgen die endgültige
gelrechten Saga, die erst im Jahr 1992 zu einem Ende Entscheidung zustand (1).
kam. Die Frage nach dem Sitz stellte sich immer wie­
der neu, da vier einander zum Teil widersprechende Da die Frage zum Zeitpunkt der Fusion der Exe­
Anforderungen miteinander in Einklang gebracht kutivorgane der Gemeinschaften (EGKS, EWG,
werden mussten: erstens die Notwendigkeit einer ra­ ­Euratom) am 8. April 1965 nicht abschließend geklärt
tionalen Organisation, um effizient arbeiten zu kön­
nen, zweitens die Empfindlichkeiten der Städte, die
vorübergehend als Arbeitsorte ausersehen wurden, (1) Siehe Dumoulin, M., und Lethé, M., „Die Frage des Sitzes“, Dumoulin, M.
(Hg.), Die Europäische Kommission 1958-1972  – Geschichte und Erinne-
drittens die Wünsche der Organe selbst, insbesondere rungen einer Institution, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europä­
ischen Gemeinschaften, Luxemburg, 2007, S.  295-309; Barthel,  C., „Die
des Parlaments, das im Laufe der Zeit an Macht und ewige Sitzfrage“, Bussière,  E., Dujardin, V., et  al. (Hg.), Die Europäische
Unabhängigkeit gewann, und – nicht zu vergessen – Kommission 1973-1986  – Geschichte und Erinnerungen einer Institution,
Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg, 2014,
die von Selbstdarstellungsbestrebungen bestimmten S. 52-61.
128 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

war, entschieden die Regierungen der Mitgliedstaaten, zen wollte. Dieses Mal obsiegte Luxemburg vorerst (1).
dass Luxemburg, Straßburg und Brüssel die vorüberge- Danach war es Frankreich, das 1985 auf einen neuer­
henden Arbeitsorte der Gemeinschaftsorgane bleiben lichen Vorstoß des Parlaments reagierte, als dieses in
sollten. Brüssel war Sitz der Europäischen Kommissi­ Brüssel einen Plenarsaal mit mindestens 600 Plätzen
on sowie des Ministerrates, und Straßburg war Sitz des bauen lassen wollte, um dort zusätzliche Sitzungen
Parlaments, dessen Sekretariat jedoch in Luxemburg abhalten zu können. Allerdings wies der Gerichtshof
ansässig war. Als Ausgleich für den Wegfall des Rates die Klage der französischen Regierung ab, und der
der EGKS und der Hohen Behörde sollte Luxemburg Bau des Plenarsaals im Espace Léopold begann im Ja­
die Tagungen des Ministerrates im April, Juni und nuar 1989. Während einige Parlamentsmitglieder für
Oktober ausrichten und bestimmte technische Diens­ einen einzigen Standort in Brüssel eintraten, hingen
te der Kommission behalten. Der Gerichtshof hatte andere an Straßburg, und das Veto Frankreichs gegen
seinen Sitz weiterhin in der Hauptstadt des Großher­ die Aufgabe der elsässischen Stadt war unvermeid­
zogtums, ebenso wie die Europäische Investitions­ lich. In dieser Situation beschloss das Parlament am
bank. 5. April 1990 selbst eine Kompromisslösung, nach der
es seinen Doppelsitz in Straßburg (wo es seine zwölf
Somit betraf die vorläufige Entscheidung verschiede­ Plenartagungen abhalten konnte und über einen eige­
ne Organe, erwies sich jedoch wahrscheinlich für das nen Plenarsaal verfügte) und Brüssel (wo es zusätzli­
Parlament als am problematischsten, da es sich nun che Sitzungen einberufen konnte und wo seine Aus­
zwischen Straßburg (Plenartagungen), Luxemburg schüsse und Fraktionen arbeiteten) bestätigte. Diesen
(Sekretariat) und Brüssel (Ausschusssitzungen) auftei­ Kompromiss hätte Präsident François Mitterrand auf
len musste. Erst als sich die polemischen Diskussionen der Tagung des Europäischen Rates im April 1990 in
um das Parlament beruhigt hatten, war es plötzlich Dublin gern gebilligt, da die französische Regierung
möglich, eine umfassende Lösung für alle Organe zu nur dann einer Zuweisung von Sitzen der im Rahmen
finden. der Einheitlichen Europäischen Akte geschaffenen
Einrichtungen und Agenturen zustimmen wollte,
Das Parlament war befugt, selbst Entscheidungen in wenn Straßburg als Sitz des Parlaments bestätigt wür­
Bezug auf sein reibungsloses Funktionieren zu treffen, de. Allerdings hatte er nicht mit dem Widerstand
solange dadurch die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten des belgischen Premierministers Wilfried  Martens
für die Festlegung des Sitzes nicht beschnitten wurde. gerechnet. Bislang hatte sich die belgische Regierung
Diese interne Organisationsgewalt übte das Parla­ in der Sitzfrage zurückgehalten, da sie vermutete, dass
ment auch ohne zu zögern aus. Als die Versammlung der Druck auf das Parlament, einen einzigen Arbeits­
im Jahr  1967 entgegen der Auffassung Frankreichs ort zu finden, sich zugunsten von Brüssel auswirken
entschied, einige ihrer Plenartagungen in Luxemburg würde. Doch die Bestrebungen Frankreichs weckten
abzuhalten, verstärkte dies die Streuung ihrer Aktivi­ plötzlich Befürchtungen, dass der Verbleib des Parla­
täten nur noch mehr, weshalb sie die Entscheidung im ments in Straßburg den Nachzug der anderen Organe
Jahr 1981 wieder zurückzog – was wiederum den (ver­ ins Elsass nach sich zöge, da sich die Zuständigkeiten
geblichen) Protest Luxemburgs zur Folge hatte. Das des Parlaments erweitern sollten und damit womög­
Großherzogtum sah sich gezwungen, zwei Jahre spä­ lich Straßburg für die Exekutivorgane attraktiver wür­
ter erneut vor dem Gerichtshof auf Nichtigerklärung
zu klagen, als das Parlament einen Teil seiner Sekreta­
riatsbediensteten nach Brüssel und Straßburg verset­ (1) Luxemburg war nur vorübergehend erfolgreich, da der Gerichtshof im No­
vember 1989 den Umzug von Teilen der Dienste im Bereich Informationen
und Veröffentlichungen nach Brüssel gestattete. Franck, C., und Delmarti­
no, F., „Bruxelles, l’Union européenne et le scénario européen“, Witte, E.,
et al. (Hg.), Het statuut van Brussel. Bruxelles et son statut, De Boeck et Lar­
cier, Brüssel, 1999, S. 729.
Kapitel 4 – Die Herausforderungen der Kommission im Immobilienbereich … 129

de  ... Nach und nach verstand man in Belgien aber, verließ diese gerade fluchtartig ihren Hauptsitz in der
dass es unrealistisch war, zu glauben, man könne das belgischen Hauptstadt: das Berlaymont! Sachverstän­
Europäische Parlament von der Stadt trennen, die dige waren nämlich in einem Gutachten über den Zu­
stellvertretend für die deutsch-französische Aussöh­ stand des Gebäudes zu dem Schluss gekommen, dass
nung steht. Als der niederländische Premierminister die Sicherheit des Personals im Falle eines Brandes
Ruud Lubbers das Thema kurz vor dem Europäischen nicht gewährleistet werden konnte. Daher verfügte
Rat von Maastricht erneut vorbrachte, erklärten sich das Kollegium am 29. Mai 1991 die umgehende Räu­
die Belgier einverstanden, einen vernünftigen Kom­ mung des Gebäudes bis spätestens zum Jahresende (2).
promiss zwischen den Staaten zu finden, der auch den Laut Marc Mouligneau, dem die Verantwortung für
Ansichten der Abgeordneten selbst Rechnung trug (1). diesen überstürzten Umzug übertragen wurde, war
Als der Nachfolger von Martens, Jean-Luc Dehaene, es nun, da der Ernst der Lage erkannt worden war,
dann das belgische Veto gegen Straßburg zurückzog, möglich, der ohnehin problematisch gewordenen Si­
konnten die Vertreter der Regierungen der Mitglied­ tuation ein Ende zu bereiten. Tatsächlich waren die
staaten im Rahmen des Europäischen Rates von Kommissionsbeamten seit 1967 im Berlaymont un­
Edinburgh am 12. Dezember 1992 im gegenseitigen tergebracht. Obwohl einige Finanz- und Verwaltungs­
Einvernehmen eine Entscheidung annehmen, in der dienststellen im Zuge von Rationalisierungsmaßnah­
der Sitz der Organe sowie bestimmter Einrichtungen men in benachbarte Gebäude umzogen (3), waren die
und Dienststellen der Europäischen Gemeinschaften Arbeitsbedingungen im „Machtzentrum“ am Rond-
festgelegt wurde. Diese Entscheidung bestätigte die Point Schuman aufgrund der Erweiterungen und des
bereits seit 1965 eingeschlagene Richtung: Brüssel Ausbaus der Organe jedoch nicht mehr optimal. Ab­
war Sitz des Rates (obwohl einige Sitzungen in Lu­ gesehen von dem Mangel an Platz und Helligkeit oder
xemburg stattfanden) und der Kommission, wobei ei­ der schwächelnden Klimaanlage waren die Bedenken
nige der Kommissionsdienststellen (einschließlich des im Wesentlichen auf das Vorhandensein von Asbest
Amtes für amtliche Veröffentlichungen und des Sta­ in allen Gebäudeteilen zurückzuführen, dessen Ein­
tistischen Amtes) in Luxemburg ansässig waren. Das atmen erhebliche Risiken für die Gesundheit des Per­
Parlament wiederum hatte seinen Sitz in Straßburg; sonals bedeuten konnte. Dies erschwerte sämtliche
dort fanden seine zwölf monatlichen Plenartagungen, Instandsetzungsarbeiten und gab trotz regelmäßiger
einschließlich der Haushaltstagung, statt. Seine Aus­ Kontrollen und der Wachsamkeit des Ausschusses für
schüsse traten in Brüssel zusammen, wo auch zusätzli­ „Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz“ (4) An­
che Plenartagungen abgehalten werden konnten. Das lass zu Besorgnis (5). Durch die vollständige Räumung
Generalsekretariat des Parlaments und seine Dienst­ des Berlaymont sollte dieses latente Problem somit
stellen blieben in Luxemburg. Zur Bestätigung der endgültig gelöst werden. Gleichwohl waren einige Be­
Entscheidung von Edinburgh wurde den Verträgen amte der Auffassung, die Kommission habe zu spät re­
im Rahmen des Vertrags von Amsterdam vom 2. Ok­ agiert und sei außerdem dafür verantwortlich, dass sie
tober 1997 ein Protokoll über die Festlegung der Sitze aufgrund der jahrelangen Asbestexposition erkrankt
beigefügt. seien (6).

Ein Paradoxon der Geschichte ... Just als Brüssel end­


gültig der Sitz der Kommission zugesichert wurde,
(2) Interview mit Michel Vanden Abeele, 18. Juni 2017.
(3) Barthel, C., „Die ewige Sitzfrage“, a. a. O., S. 55.
(4) Interview mit Marc Mouligneau, 16. Juni 2017.
(1) Wilde d’Estmael, T. de, und Franck, C., „Du mémorandum belge au Traité (5) Interview mit Giangaleazzo Cairoli, 25. Oktober 2016.
de Maastricht“, Franck, C., Wilde, T. de, und Roosens, C., Aux tournants (6) Im Jahr  1995 erstattete der „Verband der Asbestopfer der Europäischen
de l’ histoire. La politique extérieure de la Belgique au début de la décennie 90, Gemeinschaften“ vor belgischen Gerichten sogar Strafanzeige gegen die
De Boeck Université, Brüssel, 1993, S. 64 f. Kommission und den belgischen Staat.
130 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Viele neue europäische Agenturen

Nach der Gründung des Europäischen Zentrums für von Anfang an einen festen Platz im politisch-
die Förderung der Berufsbildung (Cedefop) und der institutionellen Rahmen der EU gehabt hätten oder
Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- die Beziehungen zu den europäischen Organen,
und Arbeitsbedingungen (Eurofound), die 1975 im insbesondere dem Europäischen Parlament und der
Zuge des ersten sozialpolitischen Aktionsprogramms Kommission, klar geregelt gewesen wären. Auf der
(1974) ins Leben gerufen worden waren (1), griff die operativen und technischen Ebene arbeiteten
Kommission ab den 1990er-Jahren erneut auf das Kommission und Agenturen durchaus effizient
Mittel der Schaffung dezentraler Einrichtungen mit zusammen, was nicht zuletzt an den guten Bezie­
eigener Rechtspersönlichkeit zurück. hungen zwischen den Beamten und den Experten
lag: „In der Kommission … hatten wir es mit sehr
Für die Zunahme der Agenturen von zwei auf zwölf
vernünftigen Leuten zu tun, … die vorankommen und
während des Zeitraums 1986-2000 waren im
Dinge entschieden haben wollten“ (3). Auf politischer
Wesentlichen zwei Gründe ausschlaggebend. Zum
Ebene war die Lage wesentlich komplizierter, wozu
einen wurden mit den neuen Agenturen bestehende
der Zuwachs an Agenturen sein Übriges tat.
Strukturen und Formen der Verwaltungszusammen­
arbeit fortgesetzt und weiterentwickelt (2). Zum Die Kommission achtete zwar die organisatorische
anderen veranlasste die von Jacques Delors initiierte und finanzielle Autonomie der Agenturen, war aber
Redynamisierung des europäischen Aufbauwerks und nichtsdestotrotz bestrebt, eine gewisse Kontrolle über
die damit einhergehende Zunahme an Kompetenzen sie zu behalten. Diesen wiederum war zwar durchaus
und Spezialisierungsbedarf die Kommission dazu, jene bewusst, wie sehr die Kommission mit ihrem Handeln
Aufgaben, die zusätzliche Arbeit und spezielles zum Gelingen ihrer Arbeit beitrug, dennoch waren sie
Fachwissen erforderten, auf dezentrale, flexiblere zunehmend bestrebt, wirklich autonom und faktisch
und agilere Einrichtungen auszulagern. unabhängig zu werden (4). Dieser Schwebezustand
prägte die zahlreichen Diskussionen über Kontrolle,
Trotz der Schwierigkeiten sowohl in wissenschaftlicher
Rolle, Struktur, Sitz, Finanzierung und Anzahl der
als auch in institutioneller Hinsicht, eine einheitliche
Agenturen sowohl innerhalb der EU als auch in den
Definition des Begriffs „EU-Agentur“ vorzunehmen,
Mitgliedstaaten. Deshalb leitete die Kommission im
können grundsätzlich zwei Typen unterschieden
Jahr 2000 eine Debatte über die Gesamtthematik in
werden: einerseits die Regulierungs- oder dezentralen
die Wege, um die Vor- und Nachteile des Einsatzes von
Agenturen, deren Aufgabe es ist, einen spezifischen
Agenturen zu beleuchten und ihre Leistungsfähigkeit
Sektor zu regulieren und die einschlägige EU-Politik
zu verbessern (5).
umzusetzen, und andererseits die Exekutivagenturen,
denen vornehmlich die Verwaltung eines oder mehrerer
Dieter Schlenker
Gemeinschaftsprogramme obliegt. Mit dem Vertrag
von Maastricht wurden zwei weitere Kategorien
eingeführt: die Agenturen im Bereich der Gemein­
samen Außen- und Sicherheitspolitik und jene im
Bereich der polizeilichen und justiziellen Zusammen­
arbeit in Strafsachen, die in den 2000er-Jahren ihre
Arbeit aufgenommen haben.
Die neuen Agenturen fungierten, wie schon ihre älteren
Geschwister, als ein Forum (externer) Expertise und des
ständigen Dialogs zwischen den einschlägigen
Akteuren, waren aber vor allem technisch und
wissenschaftlich ausgerichtet. Ihr spezifischer
Charakter hat jedoch nicht dazu geführt, dass sie

(1) Zur Tätigkeit des Cedefop siehe Kapitel 18 „Europäische Bil-


dungspolitik“. (3) Interview mit Johan van Rens, 1. Juni 2017, S. 40.
(2) Chamon, M., EU Agencies. Legal and Political Limits to the Trans- (4) Interview mit Clive Purkiss, 20. Juni 2017, S. 12.
formation of the EU Administration, Reihe „Oxford Studies in Eu- (5) KOM(2001) 428 endg. vom 25. Juli 2001, „Europäisches Regie-
ropean Law“, Oxford University Press, Oxford, 2016. ren – Ein Weißbuch“.
Kapitel 4 – Die Herausforderungen der Kommission im Immobilienbereich … 131

Name Abkürzung Grün­ Sitz Anmerkungen


dungsjahr

Europäisches Zentrum Cedefop 1975 Thessaloniki Der Sitz wurde 1993 von
für die Förderung der (Griechenland) (West-)Berlin nach Thessaloniki
Berufsbildung verlegt.

Europäische Stiftung Eurofound 1975 Dublin  


zur Verbesserung (Irland)
der Lebens- und
Arbeitsbedingungen

Europäische EUA 1990 Kopenhagen Nahm ihre Arbeit 1994 auf.


Umweltagentur (Dänemark)

Europäische EBDD 1993 Lissabon  


Beobachtungsstelle (Portugal)
für Drogen und
Drogensucht

Europäische Stiftung ETF 1994 Turin  


für Berufsbildung (Italien)

Europäische Agentur EU-OSHA 1994 Bilbao (Spanien)  


für Sicherheit und
Gesundheitsschutz am
Arbeitsplatz

Übersetzungszentrum CdT 1994 Luxemburg  


für die Einrichtungen
der Europäischen Union

Harmonisierungsamt HABM 1994 Alicante  


für den Binnenmarkt (Spanien)
(Marken, Muster und
Modelle)

Gemeinschaftliches CPVO 1995 Angers  


Sortenamt (Frankreich)

Europäische EMA 1995 London Der Sitz wird 2019 nach dem EU-
Arzneimittel-Agentur (Vereinigtes Austritt des Vereinigten Königreichs
Königreich) nach Amsterdam (Niederlande) verlegt.

Europäischer EAD 1997 Brüssel


Auswärtiger Dienst

Europäische Stelle EUMC 1998 Wien Die EUMC wurde 2007 durch die
zur Beobachtung (Österreich) Agentur der Europäischen Union für
von Rassismus und Grundrechte ersetzt.
Fremdenfeindlichkeit

Europäisches Europol 1999 Den Haag Seit 2017 Agentur der Europäischen
Polizeiamt (Niederlande) Union für die Zusammenarbeit auf
dem Gebiet der Strafverfolgung

Europäische Agentur EAR 2000 Thessaloniki Die EAR wurde für sechs Jahre
für Wiederaufbau (Griechenland) gegründet, ihr Mandat aber später um
zwei Jahre bis 2008 verlängert.
132 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Am 29. Mai 1991 beschließt die Kommission die Räumung des Berlaymont
zum 31. Dezember 1991 wegen Sicherheits- und Hygienemängeln.

Die 3 300 im Berlaymont ansässigen Bediensteten um die ordnungsgemäße Durchführung zu gewähr­


brachten den Auszug also mit gemischten Gefüh­ leisten. Diese Task Force, die für die Zwecke ihrer
len hinter sich: einerseits erleichtert, ein Gebäu­ Mittelverwaltung dem Referat „Internes Manage­
de zu verlassen, in dem ihre Sicherheit nicht mehr ment, Gebäudeunterhalt und Telekommunikation“
gewährleistet war, andererseits mit einer gewissen der GD IX Personal und Verwaltung angehörte und
Wehmut, jene vertrauten Gemäuer aufzugeben, in der Direktorin Maria Pia Filippone unterstellt war,
denen sie sich aktiv für die Sache Europas eingesetzt hatte die Aufgabe, den von einem Lenkungsaus­
hatten  (1). Angesichts des Ausmaßes dieses Unter­ schuss beschlossenen allgemeinen Durchführungs­
fangens wurde eigens eine Task Force eingerichtet, plan umzusetzen. Mitglieder dieses Lenkungsaus­
schusses waren vor allem der Generalsekretär David
Williamson, der Kabinettschef des Präsidenten
(1) Loir, P., „Berlaymont: le départ“, Courrier du personnel, Nr. 530, Septem­
ber 1991, S. 1. Pascal Lamy sowie weitere Generaldirektoren und
Kapitel 4 – Die Herausforderungen der Kommission im Immobilienbereich … 133

Kabinettsvertreter (1). Die Hauptschwierigkeit von „Wir mussten unter hohem Zeitdruck in


Marc Mouligneau und seinen zehn Kollegen in der der Weihnachtspause umziehen. Ich bin
schließlich im Beaulieu gelandet. Das
Task Force bestand darin, in weniger als sechs Mo­
Gebäude war wie eine Shopping Mall
naten genügend Gebäude – genauer gesagt zehn – aufgebaut [...] Im Inneren gab es ein Atrium
zu finden und auszustatten, um alle Beamten unter­ mit Platz für Geschäfte. Wir mussten dann
zubringen, und zwar ohne dass der Umzug zu einem also Anfang Januar anfangen, dort zu
Anstieg der Brüsseler Immobilienpreise führte. Es arbeiten, obwohl das Gebäude noch gar
musste daher hart verhandelt werden, um einige be­ nicht richtig fertig war. Es gab einige Büros,
in denen noch keine Scheiben in den
stehende Gebäude zu mieten und auszubauen und
Fenstern waren – demzufolge war es sehr
um neue zu errichten (z. B. Genève 1 und Beaulieu), kalt. Ich erinnere mich noch daran, wie ich
was vor allem dank der Unterstützung der belgi­ mir den Kopf an einer Glastür gestoßen
schen Baubehörde möglich war. Als Eigentümer des habe (es hat sehr wehgetan), woraufhin die
„defekten“ Berlaymont finanzierte auch der belgi­ Tür mit einer Plastikfolie überzogen wurde.
sche Staat einen Teil der Umzugskosten, während [Lachen] Also, die Räumung ging sehr
schnell und am Ende wurde alles gut.“ (3)
ihm die Kommission weiterhin Miete für das leer
stehende Berlaymont zahlte und bestimmte Kosten
übernahm (2). Dank des großen Einsatzes und der So konnte die Kommission Ende Januar  1992 be­
guten Zusammenarbeit aller Dienststellen konnten haupten, 46  Bürogebäude in Brüssel  – ganz oder
nicht nur die Fristen eingehalten werden, auch das teilweise  – zu belegen (61, wenn man die Neben­
Urteil der „Déplacés“ fiel insgesamt positiv aus. Al­ gebäude für Sozialdienste und Parkplätze mit­
lerdings beklagten diejenigen, die nun im Beaulieu rechnet) (4). Was das Berlaymont angeht, sprachen
oder Evere Green in der Rue de Genève angesiedelt sich zwar einige für seinen vollständigen Abriss (5)
waren, einige Nachteile aufgrund ihrer Abgeschie­ und die Errichtung eines neuen, größeren Gebäu­
denheit (Zeitverlust im Verkehr, Verlangsamung des aus, darunter auch der zuständige Kommissar
des Informationsflusses). Diejenigen wiederum, die António  Cardoso. Allerdings stand diesen radika­
ins Breydel gezogen waren, wo das Kollegium und len Plänen das fest verankerte Bild des Berlaymont
die Kabinette arbeiteten, profitierten nicht nur von als „Symbol Europas“ entgegen. Nach dem sehr
einer völlig neuen Infrastruktur (Kantine, Park­ schwierigen Prozess der Asbestbeseitigung, der erst
möglichkeiten, Klimaanlage und Heizung), son­ spät (Ende des Sommers 1995) begonnen wurde,
dern auch von der Nähe zu den Entscheidungszen­ weil man sich in der belgischen Verwaltung nicht
tren. Heute denken die Mitglieder der Kommission so recht auf die anzuwendende Methode einigen
mit einem Schmunzeln an die damalige Situation konnte, wurde dann die Renovierung beschlos­
zurück. So erinnert sich z.  B. Alexander  Italianer sen  (6). Bei der Planung der Instandsetzung arbei­
wie folgt: tete die „Berlaymont  2000 SA“ mit Beamten und
externen Beratern (Architekten, Ingenieuren und
Finanzexperten) der neuen Task Force zusammen,
die in der GD IX auf Initiative von Kommissions­
(1) Loir, P., „La Task Force Berlaymont“, Courrier du personnel, Nr. 531, Okto­
ber 1991, S. 26-33. mitglied ­Liikanen gegründet wurde. Die Beteilig­
(2) 1991 wurden die Kosten für den eigentlichen Auszug zwischen der Kom­
mission (56  %) und dem belgischen Staat (44  %) geteilt. Im Anschluss
daran stellte der Staat über die belgische Baubehörde im Rahmen einer im
Oktober 1991 geschlossenen Vereinbarung zehn Ersatzgebäude zur Verfü­
gung, die zusammen der Fläche des geräumten Berlaymont entsprachen. (3) Interview mit Alexander Italianer, 7. Februar 2017, S. 30.
Die Kommission zahlte ihrerseits weiterhin Miete und Grundsteuer für (4) „Les ‚déplacés‘ plutôt satisfaits“, Courrier du personnel, 23.  April 1992,
das Berlaymont sowie die laufenden Betriebskosten für die Ersatzgebäude. S. 1-3.
AHCE, SEK(97) 1234 endg. vom 26. Juni 1997, „Berlaymont: Stand der (5) Monteira, F., „Alles ist bereit, um das Berlaymont zu räumen“, El País,
Verhandlungen über den finanziellen und vertraglichen Rahmen – Mittei­ 6. Mai 1991: http://www.cvce.eu.
lung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament“. (6) Demey, T., Bruxelles, capitale de l’Europe, Badeaux, Brüssel, 2007.
134 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Foto der Task Force „Berlaymont“ im hausinternen Courrier du personnel aus dem Jahr 1991.
Von links nach rechts: José Buxes, Susan Cooper, Xavier Lombide, Marc Mouligneau, Geraldo Demilito,
Louise Vidal, Angelo Di Marzio, Rosa Tobbackx und Carlo Eich

ten achteten darauf, den symbolischen Charakter der bestehenden Struktur und Fundamente tragen,
des Gebäudes zu bewahren und gleichzeitig seine wofür die belgische Regierung im Gegenzug in vol­
Zugänglichkeit, den Komfort seiner Innenräume, lem Umfang für die Asbestsanierung aufkommen
seine Sicherheit und seine Eingliederung in das und das Eigentum an dem Grundstück danach für
Stadtbild zu verbessern. Außerdem sollte es in den einen symbolischen Euro übertragen würde (2). Mit
Bereichen Umweltschutz und Energieeffizienz eine anderen Worten: Die Kommission sollte, nachdem
Vorbildfunktion erfüllen (1). die Berlaymont  2000 SA ihr für einen symboli­
schen Euro die Rechte im Zusammenhang mit ih­
Im Juli 1997 erzielte die Kommission mit der bel­ rem Erbbauvertrag übertragen und die belgische
gischen Regierung eine Einigung über die Reno­ Regierung ebenfalls für einen symbolischen Euro
vierung des Berlaymont und den Wiedereinzug in dasselbe mit ihren Eigentumsrechten getan hätte,
das Gebäude: Die Kommission würde die Kosten die Gesamtkosten für die Renovierung über einen
für die Renovierung des Gebäudes sowie den Wert Zeitraum von 27  Jahren abzahlen, um schließlich
Eigentümerin des Gebäudes zu werden (3). Bis zur

(1) „Le futur Berlaymont: fonctionnel et sans luxe“, Courrier du personnel,


3. Juni 1993, S. 3; „A new home for the Commission“, Commission en direct, (2) AHCE, KOM(1999) 713 endg. vom 16. Dezember 1999, „Die Immobilien­
Nr. 57, 29. Mai bis 4. Juni 1997, S. 4-5; Morris, S., „A green building“, Com- politik in Brüssel“.
mission en direct, Nr. 60, 19. bis 25. Juni 1997, S. 4-5; siehe auch AHCE, (3) Pressemitteilung IP/97/616, „La Commission convient d’acheter le Ber­
SEK(96) 2174 endg. vom 27. November 1996, „Sachstand des Projekts – laymont rénové: une solution à long terme“, Brüssel, 8.  Juli 1997: http://
Berlaymont“. europa.eu/rapid/press-release_IP-97-616_fr.htm.
Kapitel 4 – Die Herausforderungen der Kommission im Immobilienbereich … 135

Überlassung des renovierten Berlaymont würde der Immobilien zurückgegriffen werden, insbesondere
Staat weiterhin die Miete der Ersatzgebäude über­ in Form einer langfristigen Anmietung mit Kauf­
nehmen. Infolge der Verzögerungen bei der As­ option, wenn die vorhandenen Mittel nicht für den
bestbeseitigung, die dem belgischen Staat – der für sofortigen Erwerb ausreichten; und schließlich soll­
seine Handhabung der Angelegenheit einige Kritik te auch der Dialog mit den belgischen Behörden –
einstecken musste – erhebliche zusätzliche Kosten auf regionaler und kommunaler Ebene – verstärkt
verursachten, wurden die Renovierungsarbeiten werden, um den Bedarf an Immobilien mit den
erst im Juni 1999 aufgenommen, und die Kommis­ Stadtentwicklungsplänen und den Wünschen der
sionsdienststellen konnten erst ab dem 1. Juli 2004 Bevölkerung in Einklang zu bringen (2). Zwischen
(also kurz vor dem Amtsantritt Präsident Barrosos) 1996 und 1997 stieg der Anteil der „eigenen“ Ge­
nach und nach einziehen. bäude (die sich vollständig im Eigentum der Kom­
mission befanden oder langfristig erworben wur­
Das heikle Berlaymont-Projekt stellte zu jener Zeit den) dadurch von 10 % auf 33 % (3). Der Erwerb des
jedoch nicht das einzige Problem der Immobili­ Charlemagne-Gebäudes und des Erweiterungsteils
enstrategie der Kommission dar. In der zweiten des Breydel-Gebäudes war Teil dieser Politik, die
Hälfte der 1990er-Jahre wurde diese immer kom­ zum Ziel hatte, über Gebäude zu verfügen, deren
plizierter, da die Festlegung des Sitzes im Dezem­ Größe die Unterbringung sämtlicher Dienststellen
ber 1992 weder die anderen Unsicherheiten (im einer GD an ein und demselben Ort ermöglichte.
Hinblick auf die Entwicklung der Rolle, der Größe Gemäß dem von Romano Prodi auf dem Gipfel in
und der Struktur der Kommission sowie im Zu­ Köln geäußerten Wunsch ging es außerdem auch
sammenhang mit den EU-Erweiterungen) noch die darum, die Räumlichkeiten so umzugestalten, dass
finanziellen Zwänge, denen sie seit jeher unterlag die Annäherung zwischen den politischen Gremien
(eingeschränkte Haushaltsaussichten, Fehlen eines und den Beamten vorangetrieben würde. Während
langfristigen Investitionsmechanismus), beseitigen die Mitglieder der Kommission bis dato am selben
konnte  (1). Um nicht mehr wie bisher von Fall zu Ort im selben Gebäude – im Berlaymont und später
Fall zu entscheiden, legte die Kommission ab dem im Breydel – untergebracht waren, strebte Prodi an,
Jahr 1996 einen längerfristigen Handlungsrahmen diese abgeschotteten „Elfenbeintürme“ zu öffnen,
fest. Ziel war es, den eigenen Bedarf an Büroräumen um das Funktionieren der Dienste zu verbessern,
besser vorherzusehen und dessen Deckung zu ratio­ indem die Beamten um ihren zuständigen Kom­
nalisieren sowie die Standorte auf Dauer anzulegen, missar herum gruppiert würden (4).
um so Einsparungen zu erzielen und dem Personal
zu ermöglichen, unter besseren Bedingungen zu Die Grundzüge der Immobilienpolitik der Kom­
arbeiten. Auf der einen Seite ging es darum, die mission waren somit festgelegt, und die Ziele der
Größe und die Qualität der Gebäude entsprechend Rationalisierung, des Erwerbs, der Konzentration
den individuellen Bedürfnissen der Dienststellen und der Integration sollten der Kommission auch
zu optimieren, wobei gegebenenfalls auch einzel­ in den folgenden Jahren die Richtung vorgeben.
ne Teams neu zusammengestellt wurden; auf der
anderen Seite sollte vermehrt auf den Erwerb von Anne-Sophie Gijs

(2) Paternotte, A., „Quel avenir pour l’Europe à Bruxelles“, Commission en di-
rect, Nr. 59, 12. bis 18. Juni 1997, S. 5.
(3) AHCE, KOM(1999) 713 endg. vom 16. Dezember 1999, a. a. O.
(1) AHCE, SEK(96)  1095 endg. vom 18.  Juni 1996, „Gebäudepolitik der (4) Steyaert, R., „L’été du grand déménagement“, Commission en direct,
Kommission (1996-2005)“. Nr. 135, 8. bis 14. Juli 1999, S. 3.
137

Kapitel 5

Die „horizontalen“ Dienste


5.1. Der Juristische Dienst Seit den späten 1980er-Jahren veranlassten der Nie­
dergang der Sowjetunion und die fortschreitende
Die Autorität der Europäischen Union rührt aus Globalisierung Präsident Jacques Delors zu einem
einem Vertrag her und stützt sich hauptsächlich auf noch kühneren Blick auf die künftige Rolle des
das Recht. Aus diesem Grund war der Juristische Rechts in der EU: Er erweiterte seine Definition
Dienst der Europäischen Kommission für die Ent­ der „Rechtsgemeinschaft“ um die „gemeinsamen
wicklung der Europäischen Gemeinschaft und – ab Grundwerte …, die die Rechtsordnungen der Mit­
1992 – der EU entscheidend. In den 1960er-Jahren gliedstaaten einander näherbringen“  (3). Meilen­
hatte der Dienst in seiner Funktion als interner steine auf dem Weg dieser rechtlichen Konvergenz
Rechtsberater der Kommission eine führende Rolle waren die Sozialcharta mit den Grundrechten
bei der Schaffung eines Verfassungsverständnisses der Arbeitnehmer im Jahr 1989, der Vertrag von
des Gemeinschaftsrechts eingenommen  (1). In den Maastricht mit der Einführung der Unionsbür­
darauffolgenden Jahren legte er sein Augenmerk vor gerrechte im Jahr 1992 sowie die Kopenhagener
allem auf die Konsolidierung dieses Verfassungs­ Kriterien, mit denen die Rechtsstaatlichkeit und
verständnisses. Dies ermöglichte die Weiterent­ die Wahrung der Menschenrechte als gemeinsa­
wicklung des Gemeinschaftsrechts durch Gerichts­ me Werte der EU definiert wurden, im Jahr 1993.
entscheidungen  – auch in Bereichen, in denen die Auch der Juristische Dienst brachte sich in die Ent­
Mitgliedstaaten keine Einigung erzielen konnten (2). wicklung dieses weiter gefassten, wertebasierten
Rechtsrahmens ein (4). Die Überwachung der Ein­

(1) Dumoulin, M., „Verwaltungsaufbau und Arbeitsweise“, Dumoulin,  M.


(Hg.), Die Europäische Kommission 1958-1972 – Geschichte und Erinnerun-
gen einer Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, (3) AHUE, Bestand Jacques Delors (JD) 670, „Entwurf einer Rede von Jac­
Luxemburg, 2014, S. 237-259. ques Delors für ein Treffen mit dem Bundesverfassungsgericht“, 21.  No­
(2) Ramírez-Pérez, S., „Der Juristische Dienst“, Bussière, É., Dujardin, V., et al. vember 1991, S. 3-4.
(Hg.), Die Europäische Kommission 1973-1986 – Geschichte und Erinnerun- (4) Dewost, J.-L., „Maintaining the Community legal order in a changing
gen einer Institution, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, ­world“, Cambridge Yearbook of European Legal Studies, Bd. 1, University of
Luxemburg, 2014, S. 118-123. Cambridge, Cambridge, 1998, S. 17-24.
138 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

haltung der immer umfangreicheren gemeinschaft­ in den 1990er-Jahren veränderte sich die interne
lichen Rechtsordnung blieb jedoch sein zentrales Organisationsstruktur des Juristischen Dienstes
Anliegen. kaum. Wie in den Jahren zuvor war es vor allem
der Gemeinschaftsgeist innerhalb des Dienstes,
Formal hatte der Juristische Dienst, wie in den der das durchgehend hohe Niveau der rechtlichen
vorherigen Bänden dieser Reihe bereits dargelegt, Hinweise und Analysen ermöglichte – ein Niveau,
zwei Hauptaufgaben: die rechtliche Beratung der das Michel Petite, den Rechtsberater von Kommis­
Kommission und ihrer Dienststellen und die Ver­ sionspräsident Delors, dazu veranlasste, den Dienst
tretung der Kommission vor Gericht. Auch wenn als „Rolls-Royce“ zu bezeichnen  (1). Die Mitarbei­
die Durchführung dieser Aufgaben eine enge Zu­ ter schätzten am Juristischen Dienst insbesondere
sammenarbeit mit den fachlichen Dienststellen seine flache Organisationsstruktur, in der Qualität
erforderte, war der Juristische Dienst nicht in die ein höherer Stellenwert beigemessen wurde als dem
hierarchische Struktur der Kommission eingebun­ offiziellen Dienstgrad (2). Für dieses sorgsam kulti­
den. In verwaltungsrechtlicher Hinsicht unterstand vierte Arbeitsumfeld zeichneten die ersten General­
er dem Präsidenten der Kommission. Der Juristi­ direktoren, Michel Gaudet (1958-1969) und Walter
sche Dienst war jedoch selbst für den Inhalt seiner Much (1969-1975) verantwortlich, und unter der
Rechtsgutachten verantwortlich. Leitung von Claus-Dieter Ehlermann zwischen
1977 und 1987 wurde darauf noch stärker Wert
In der Praxis hatte der Juristische Dienst – zumin­ gelegt.
dest in den Jahren bis 2001 – dank seiner Rolle er­
heblichen Einfluss auf nahezu alle Themen, die das Mitte der 1980er-Jahre beschäftigten die thema­
Kollegium der Kommissionsmitglieder durchliefen, tischen Gruppen, in die der Juristische Dienst seit
an dessen Sitzungen der Generaldirektor des Juris­ jeher aufgeteilt war, jeweils zwischen drei und elf
tischen Dienstes grundsätzlich teilnahm. Da für je­ Juristen (insgesamt 60 bis 70). Diese Gruppen exis­
den Rechtsakt der Kommission eine positive Beur­ tierten parallel zu mehreren horizontalen Gruppen,
teilung durch den Juristischen Dienst erforderlich von denen die Gruppe der Juristen-Übersetzer die
war, bevor er von der Kommission angenommen größte war. Während die Vielseitigkeit der Juristen
werden konnte, banden die fachlichen Dienststellen bereits hoch war, da sie den Gerichtsverfahren häu­
den Juristischen Dienst frühzeitig in den Entwurf fig entsprechend ihrer Muttersprache  – und nicht
des Rechtsakts ein. Wenn es doch einmal vorkam, ihres Fachgebiets  – zugewiesen wurden, stärkte
dass der Juristische Dienst in dieser Vorbereitungs­ Ehlermann diese noch mehr, indem er die Rotati­
phase keine befürwortende Stellungnahme abgab, on zwischen den Gruppen förderte. Des Weiteren
musste der Entwurf für den betreffenden Rechtsakt beinhaltete Ehlermanns allseits geschätzte „Moder­
im Kollegium erörtert werden. Zudem genossen die nisierung“ des Juristischen Dienstes einen verbes­
Mitglieder des Juristischen Dienstes, die die Kom­ serten Informationsfluss und die Einbeziehung der
mission vor dem Gerichtshof vertraten, große Au­ Gruppenleiter und der (Junior-)Experten in seine
tonomie. Entscheidungen. Dies fand üblicherweise im Rah­
men der wöchentlichen „Montagmorgensitzungen“
statt (3).
Die interne Organisationsstruktur
des Juristischen Dienstes (1) Interview mit Michel Petite, 23. Juni 2016, S. 14.
(2) Interviews mit Giuliano Marenco, 16. März 2017, Jacques H. J. Bourgeois,
Trotz der offenkundigen Erweiterung der von der 18. November 2016, Pieter Jan Kuijper, 23. März 2017, und Richard Wain­
wright, 7. April 2017.
Europäischen Union abgedeckten Themenbereiche ( ) Ramírez-Pérez, S., a. a. O., S. 118-119.
3
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 139

Im Jahr 1987 wurde Ehlermann aus Gründen des


nationalen Gleichgewichts von Jean-Louis Dewost
abgelöst, der den Dienst bis 2001 leitete. Dewost,
ein ehemaliges Mitglied des französischen Conseil
d’État, war von den Erfahrungen – und in Einzel­
fällen auch den Sichtweisen – seiner 14 Jahre an der
Spitze des Juristischen Dienstes des Rates geprägt,
den er seit 1973 geleitet hatte (1).

Seine Tätigkeit bei der Kommission begann er zu


einer Zeit, die einerseits von dem umfassenden
Rechtsetzungsprogramm von Europa  1992 und
andererseits von einer starken Zunahme von Ge­
richtsverfahren gekennzeichnet war. Die Wah­
rung der Effizienz des Juristischen Dienstes wur­
de damit zu einer zentralen Herausforderung für
Dewost. Obwohl sein Personal im Jahr 1999 auf
fast 100  A-Beamte anwuchs (bei rund 230  Mitar­
beitern insgesamt), konnte diese Kapazitätssteige­
rung nicht mit der steigenden Anzahl an Konsul­ Jean-Louis Dewost, Generaldirektor des
Juristischen Dienstes von 1987 bis 2001
tationen und Gerichtsverfahren Schritt halten  (2).
Dies hatte zwangsläufig eine „Zentralisierung“ des
Dienstes zur Folge: Dewost, im Vergleich zu seinem
Vorgänger ein eher dirigistischer Direktor, ersetzte aus verschiedenen Richtungen in Erscheinung tra­
die Beschlussfassung im Kollegium durch einen in ten. Seine Vertrautheit mit dem Juristischen Dienst
Bezug auf die Gruppen und ihre Verantwortlich­ des Rates gewährleistete die Fortsetzung der guten
keiten hier­archischeren Ansatz. Die Autonomie Beziehungen mit den „Vettern“ aus den Juristischen
der Mitglieder des Dienstes blieb aufgrund ihres Diensten des Rates und des Parlaments. Darüber
persönlichen Fachwissens und des breiten Themen­ hinaus blieb Dewost in engem Kontakt mit seinen
spektrums, das sie bei ihrer Arbeit abdeckten, je­ französischen Landsleuten, die das Kabinett von
doch weitgehend erhalten (3). Präsident Delors in dessen beiden Amtszeiten domi­
nierten. Der neu geschaffene Posten des Rechtsbe­
Dank seiner persönlichen Kontakte und des hohen raters, den zuerst François Lamoureux (1985-1991)
Ansehens des Juristischen Dienstes konnte Dewost und später Michel Petite (1991-1995) innehatten,
die Position des Dienstes gegenüber konkurrieren­ drohte den Status des Juristischen Dienstes zu
den Quellen juristischer Kompetenz behaupten, die schwächen oder ganz infrage zu stellen (4). Ihre Rol­
le im Kabinett war selbstverständlich politischerer
Natur als die rechtlich orientierte Position des Juris­
(1) Dewost, J.-L., „Vingt-cinq ans de conseil juridique au service de l’Europe“, tischen Dienstes. Gelegentlich wurde dieser politi­
Puissochet, J.-P., L’État souverain dans le monde d’aujourd’ hui: mélanges en
l’ honneur de Jean-Pierre Puissochet, A. Pedone, Paris, 2008, S. 59-64.
(2) Zwischen 1991 und 1997 stieg die Anzahl der Konsultationen von 7 180
auf 12 490 und die Anzahl der neu angemeldeten Gerichtsverfahren von
437 auf 1 098. Siehe AHUE, Bestand Graham J. L. Avery (GJLA), Akte 35,
„Designing tomorrow’s Commission“, Bericht über den Juristischen
Dienst, 9. Februar 1999, S. 17.
( ) Interview mit Giuliano Marenco, 16. März 2017.
3
(4) Interview mit Michel Petite, 23. Juni 2016.
140 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

schere Ansatz jedoch auch vom Juristischen Dienst nur vor Gericht gelöst werden konnten (3). Gleich­
geteilt (1). zeitig zwang die Globalisierung den Juristischen
Dienst zu einer verstärkten Aktivität in interna­
Dewost, der den Schwerpunkt auf Produktivität tionalen Gremien wie der Welthandelsorganisa­
legte, beschränkte die zuvor geübte Praxis, wonach tion, wo er sich ironischerweise gegen Grundsätze
sich das Personal des Dienstes aktiv an der Verbrei­ aussprach, die in der Gemeinschaftsrechtsordnung
tung des Wissens über das Europarecht, z. B. durch energisch verteidigt wurden, etwa in Bezug auf den
Vorträge an Universitäten, beteiligte (2). Da Univer­ Vorrang von Vertragsverpflichtungen  (4). Zudem
sitäten diesen Gegenstand zunehmend eigenständig fiel dem Juristischen Dienst, wie nachstehend näher
abdeckten, zog es Dewost vor, dass sich seine Mitar­ ausgeführt wird, eine koordinierende Rolle dabei
beiter auf ihre offiziellen Aufgaben konzentrierten. zu, die Umsetzung des Gemeinschaftsrechts zu ge­
Der Dienst schottete sich jedoch keineswegs von der währleisten und seine Zugänglichkeit für die Bür­
Außenwelt ab: Viele Mitarbeiter blieben gut mit Ju­ ger zu verbessern.
ristenvereinen vernetzt und publizierten weiter über
ihre Tätigkeit. Allgemein ist zu betonen, dass der Juristische
Dienst innerhalb der Kommission oftmals als Ge­
gengewicht wirkte. Während er den Rahmen des
Die Rolle des Juristischen Dienstes Vertrags dazu nutzte, die Entwicklung der europäi­
bei der Entwicklung des Europarechts, schen Integration zu fördern, stellte er sich zugleich
1987-2000 allzu weitgehenden Rechtsauslegungen entgegen.
Im Bestreben, einen Mittelweg zwischen diesen
Nachdem der Juristische Dienst in den frühen Jah­ beiden Extremen zu finden, sah er sich z. B. oft ge­
ren der europäischen Integration eine führende Rol­ zwungen, Widerspruch gegen Beschlussentwürfe
le bei der „Konstitutionalisierung“ der europäischen im Wettbewerbsbereich einzulegen (5).
Rechtsordnung gespielt hatte, verteilten sich in den
1990er-Jahren seine Beiträge zur Entwicklung des Eine der Hauptsorgen war die Anwendung des Ge­
Europarechts auf viele Gebiete und Initiativen. So meinschaftsrechts in den Mitgliedstaaten. Seit den
hatte der Dienst etwa angesichts des fortgesetzten frühen 1980er-Jahren zeigten die entsprechenden
Wandels in den institutionellen Beziehungen, der Jahresberichte deutlich die Diskrepanz zwischen
sich aus den in den Jahren  1986, 1992 und 1997 den Vorschriften und ihrer tatsächlichen Umset­
geschlossenen Verträgen ergab, die Befugnisse der zung (6). Gegen Ende des Jahrzehnts staute sich auf­
Kommission gegenüber dem Parlament und dem grund der Rechtsetzung im Zusammenhang mit der
Rat zu verteidigen, z.  B. bei der Entwicklung des Vollendung des Binnenmarkts der auf den Behörden
Ausschusswesens, das infolge der Einheitlichen Eu­ der Mitgliedstaaten im Hinblick auf ihre Gemein­
ropäischen Akte eingeführt wurde. Diese Ausein­ schaftsverpflichtungen lastende Druck immer wei­
andersetzungen endeten oftmals in Konflikten, die ter auf. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken,

(3) Gilsdorf, P., „Le service juridique de la Commission“, unveröffentlichtes


Manuskript, Juristischer Dienst, Brüssel, 2003, S.  37  f. Die Verfasserin
(1) Interview mit Xenophon A. Yatanagas, 3. Mai 2017. Anne Houtman, die dankt der Bibliothek des Juristischen Dienstes für die Überlassung des Ma­
in der GD Wettbewerb beschäftigt war, machte die Erfahrung, dass der Ju­ nuskripts.
ristische Dienst oft über seine Aufgabe als Rechtsberater hinausging. Siehe (4) Dewost, J.-L., a. a. O.
Interview mit Anne Houtman, 10. Juni 2016. (5) Interview mit Giuliano Marenco, 16. März 2017.
(2) Interview mit Jacques H. J. Bourgeois, 18. November 2016; AHCE, BAC (6) Zu dieser systematischeren Überwachung der Anwendung des Gemein­
91/2015/15 1995, Archiv des Juristischen Dienstes: Protokoll der Heb- schaftsrechts siehe auch das Interview mit Giuseppe Ciavarini Azzi,
do-Sitzungen, 13. März 1995. 30. September 2016.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 141

Die Datenbank CELEX enthält sämtliche geltenden Rechtsvorschriften der Gemeinschaft sowie die Rechtsprechung des Gerichtshofs.

stärkte der Vertrag von Maastricht die bestehenden arbeitung seines Standpunkts hatte der Dienst im
Überwachungsmechanismen  – etwa das Vertrags­ Rahmen umfangreicher Konsultationen mit nati­
verletzungsverfahren, mit dem die Kommission im onalen Sachverständigen eine Fülle von Informa­
Falle der mangelnden Umsetzung rechtliche Schrit­ tionen zu einem möglichen ius commune zusam­
te einleiten konnte –, indem die Möglichkeit finan­ mengetragen  (2). Während der in diesen Urteilen
zieller Sanktionen vorgesehen wurde. Parallel dazu entwickelte Grundsatz die Bürger dazu ermutigte,
führte der Europäische Gerichtshof den Grundsatz bei der Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts mit­
der Staatshaftung ein. In seinen bekannten Urteilen zuwirken, erlaubte er es dem Juristischen Dienst,
in den Rechtssachen Francovich und Factortame auf eine Begrenzung des Vertragsverletzungsver­
stellte er fest, dass Mitgliedstaaten zum Ersatz von fahrens – bei dessen Koordinierung der Dienst eine
Schäden verpflichtet seien, die Einzelpersonen aus zentrale Rolle spielte  – auf „systemische Probleme
der (Nicht-)Umsetzung des Gemeinschaftsrechts und heikle Situationen“ zu drängen (3).
entstünden (1). Insbesondere im letzteren Fall trug
der Juristische Dienst maßgeblich zu der durch den Um Bürger und Institutionen wie nationale Ge­
Gerichtshof gefundenen Lösung bei: Bei der Aus­ richte zu befähigen, sich an der Entwicklung des

(1) Urteil vom 19. November 1991 in der Rechtssache C-6/90, Francovich u. a., (2) Interview mit Christiaan Timmermans, 16. Dezember 2016; AHCE, BAC
Slg. 1991, I-5357; Urteil vom 5. März 1996 in den verbundenen Rechtssa­ 306/2004, Akten Nr. 44-51, Rechtssachen des Europäischen Gerichtshofs.
chen C-46/93 und C-48/93, Factortame u. a., Slg. 1996, I-1029. (3) Interview mit Christiaan Timmermans, 16. Dezember 2016.
142 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Gemeinschaftsrechts zu beteiligen, war auch eine Tatsächlich war der Juristische Dienst sehr darum
bessere Übersicht über dieses Recht erforderlich. bemüht, die „Logik“ des Gemeinschaftsrechts und
In den frühen 1990er-Jahren umfasste das Gemein­ den Rechtsschutz für Einzelpersonen zu behüten.
schaftsrecht bereits 57 000  Rechtsakte, darunter Daher überrascht es kaum, dass er sich aktiv an
Verordnungen, Beschlüsse und Gerichtsentschei­ der Verlagerung möglichst vieler Politikbereiche in
dungen. In den 1970er-Jahren hatte der Juristische die erste Säule beteiligte, nachdem im Vertrag von
Dienst bei der Entwicklung von CELEX, einer Amsterdam die Abschaffung der Säulen angekün­
internen elektronischen Datenbank zur Systemati­ digt worden war. Insbesondere machte der Juristi­
sierung des juristischen Fachwissens, die führende sche Dienst erfolgreich geltend, dass die Praxis des
Rolle übernommen. Ab den frühen 1990er-Jahren raschen Abschlusses zwischenstaatlicher Überein­
koordinierte er zudem die Kodifizierung aufeinan­ kommen nach dem vorherigen Vertrag den Zielen
derfolgender Rechtsakte in leichter zugänglichen des Vertrags von Amsterdam zuwiderlief. Er trug
Einzeltexten; gleichzeitig wurden Projekte zur damit wirksam dazu bei, dass Bereiche wie die Eu­
„besseren Rechtsetzung“ ins Leben gerufen, um bei rodac-Datenbank und der Austausch von Finger­
neuen Rechtsakten mehr Transparenz zu gewähr­ abdrücken reguliert wurden und als Bereiche des
leisten (1). Gemeinschaftsrechts erhalten blieben, wodurch sie
unter die Zuständigkeit des Gerichtshofs fielen (4).
Ein weiter reichendes Ziel im Bereich des Rechts­
schutzes für Einzelpersonen war die Achtung der Karin van Leeuwen
Grundrechte. Obwohl frühere Versuche, die EG
dazu zu bewegen, der Europäischen Menschen­
rechtskonvention (EMRK) beizutreten, gescheitert
waren, betrachtete der Juristische Dienst dies wei­
terhin als eine der „dringenden Angelegenheiten“
(pressing cases) bei der Entwicklung des europäi­
schen Rechts (2). Diese Bedenken teilte er mit dem
Europäischen Parlament, insbesondere nach dessen
Erklärung vom 12.  April 1989. Der Gerichtshof
hielt an seiner Ablehnung einer EMRK-Mitglied­
schaft fest und entschied, dass der EG-Vertrag in
seiner damaligen Form der Gemeinschaft nicht die
notwendige Befugnis verlieh, der Konvention bei­
zutreten  (3). Die anhaltende Aufmerksamkeit, die
diesem Thema geschenkt wurde, kam jedoch der
Konzeption der Charta der Grundrechte der Euro­
päischen Union im Jahr 2000 zugute.

(1) DORIE, „Discours de M. Dewost devant la commission juridique du PE


sur la codification“, März 1992; Gilsdorf, P., a. a. O., S. 16.
(2) Davies, B., „Integrity or openness? Reassessing the history of the CJEU’s
human rights jurisprudence“, The American Journal of Comparative Law,
Bd.  64, Nr.  1, American Association for the Comparative Study of Law,
Baltimore, 2016, S. 801-814; Dewost, J.-L., a. a. O.
(3) Gutachten 2/94 vom 28. März 1996, Beitritt der Gemeinschaft zur EMRK,
Slg. 1996, I-1759. (4) Interview mit Pieter Jan Kuijper, 23. März 2017.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 143

5.2. Eurostat oder


die europäische
Statistik: „Politik
im Dienst anderer
Politikbereiche“
Das Statistische Amt der Europäischen Gemein­
schaften wurde seit 1972, d. h. vor der Erweiterung
von 1973 und der Zunahme der Zahl der Amtsspra­
chen, informell „Eurostat“ genannt. Aus dieser Be­
zeichnung wurde im Jahr 1999 der offizielle Name
der Generaldirektion. Zwischen 1986 und 2000
machte das Amt, bei dem es sich eigentlich um eine
Generaldirektion handelte, im Zuge der immer ra­ Der französische Statistiker Yves Franchet leitet
16 Jahre lang, von 1987 bis 2004, das Statistische
scher voranschreitenden Integration Europas eine
Amt der Europäischen Gemeinschaften (Eurostat).
beachtliche Entwicklung durch (1). So sollte Eurostat
nach und nach Daten in den Bereichen allgemeine
und berufliche Bildung, Umwelt, Gesundheit, Be­ im Zuge der Einführung des Euro ebenfalls großes
schäftigung, Migration usw. erheben  (2). Das Amt Gewicht beimaß – und Pedro Solbes Mira.
befasste sich aber auch mit sozialen Themen, die Jac­
ques Delors ein besonderes Anliegen waren. Er be­ Als Silvio Ronchetti am 1. Oktober 1985 nach ein­
auftragte Eurostat, nach dem Muster der Maastrich­ jähriger Tätigkeit als geschäftsführender Generaldi­
ter Konvergenzkriterien für die Wirtschafts- und rektor das Amt des Generaldirektors von Eurostat
Währungsunion (WWU) Indikatoren für diesen übernahm, befand er sich kurz vor dem Ruhestand
Bereich festzulegen. Kurz gesagt, die europäische und sorgte für einen reibungslosen Übergang. Es war
Statistik fungierte quasi als Politik im Dienst anderer aber Ronchetti, der innerhalb des Amtes einen Pro­
Politikbereiche (3). zess des Nachdenkens über die zu formulierenden
und in den Folgejahren umzusetzenden Prioritäten
Im Zeitraum 1986-2000 waren fünf Kommissions­ anstieß. Die angedachte Aufteilung der Aufgaben
mitglieder für Eurostat zuständig: Alois Pfeiffer, von Eurostat auf die Kommissionsdienststellen wur­
Peter Schmidhuber, Henning Christophersen – der de ebenfalls verworfen. Und schließlich ermutigte
als ehemaliger Professor für Wirtschaftswissenschaf­ Ronchetti seinen späteren Nachfolger Yves Franchet‚
ten und Finanzminister besonderes Interesse für die einen ehemaligen Spitzenbeamten des französischen
Statistik zeigte –, Yves-Thibault de Silguy – der ihr Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschafts­
studien (INSEE), der später für die Weltbank und
die Interamerikanische Entwicklungsbank arbeitete,
sich für diese Position zu bewerben. Die in der Pres­
(1) Franchet, Y., „Développement de la statistique de l’Union européenne: une se veröffentlichte Stellenausschreibung richtete sich
action coopérative multinationale en réseau“, Statistique et société, Bd.  2,
Nr. 1, Januar 2014, S. 15. auch an externe Bewerber, um möglichst qualifizierte
(2) AHCE, SEK(1998) 93 vom 13. Februar 1998‚ Gemeinschaftliches Statis­
tisches Programm 1998-2002: Hilfsdokument „Präsentation nach statisti­ Kandidaten anzusprechen.
schen Themen“.
(3) So formulierte es Odile Quintin in „La statistique au service des politiques
sociales européennes“, Statistique et société, Bd. 2, Nr. 1, Januar 2014, S. 13.
144 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Grundlegende Veränderungen ... im Jahr  2000 (darunter 58 von nationalen Verwal­


tungen abgestellte Beamte) aufgestockt.
Im November 1987 nahm Yves Franchet seine Tä­
tigkeit bei den in Luxemburg angesiedelten Euro­ Darüber hinaus wurde im Einklang mit dem Aus­
stat-Dienststellen auf. Der Ort des Sitzes steht für schussverfahren der europäischen Organe, aber auch
eine gewisse Unabhängigkeit des Amtes, die wieder­ in Anwendung des Subsidiaritätsprinzips bei der Da­
um für seine Glaubwürdigkeit von entscheidender tensammlung auf nationaler oder regionaler Ebene
Bedeutung ist. Im Zeitraum 1998-1999 wurden die im Beschluss  89/382/EWG, Euratom des Rates  (3)
mehrere Jahre auf verschiedene Standorte aufgeteil­ ein Ausschuss zur Verwaltung des Statistischen Pro­
ten Eurostat-Dienststellen im Bech-Gebäude zusam­ gramms vorgesehen, in dem die Mitgliedstaaten und
mengeführt. die Leiter der nationalen statistischen Ämter (NSÄ)
tätig sein sollten. Dieser Beschluss wurde zur Einset­
Angesichts der immer zahlreicheren Akteure und zung des Ausschusses für das Statistische Programm
Herausforderungen, darunter nicht zuletzt die Per­ (ASP) erlassen (4). Yves Franchet und die Direktoren
spektive des Binnenmarkts [„Ein einheitlicher Markt des Amtes besuchten ferner alle nationalen statisti­
benötigt einheitliche Statistiken“  (1)], der WWU schen Ämter der Mitgliedstaaten, um die Harmoni­
oder der Erweiterung, stellte die Statistik ein ent­ sierung im Bereich der Verwaltung voranzutreiben.
scheidendes Instrument dar. Unbestritten bedurfte Der am 25. Februar 1991 eingerichtete Europäische
es eines Europäischen Statistischen Systems (ESS). Es Beratende Ausschuss für statistische Informationen
galt, die Entscheidungsstrukturen, die Qualität der im Wirtschafts- und Sozialbereich (CEIES), in dem
Aus- und Weiterbildung und die Zuverlässigkeit und die Leiter der nationalen statistischen Ämter sowie
Geschwindigkeit des Informationsflusses zu verbes­ Vertreter der Hochschulen, der Sozialpartner und
sern. Methoden und Instrumente mussten erneuert der Medien zusammenkamen, hatte wiederum das
werden (2). Auch im Hinblick auf die Finanzmärkte Ziel, die für die Konvergenz der Wirtschaftspolitik
bestand Bedarf. Ab 1987 entstanden Partnerschaf­ erforderlichen Wirtschafts- und Finanzindikatoren
ten beispielsweise im Zuge der Politik der Erweite­ zu verbessern. Gleichzeitig wurde der Ausschuss für
rung und der auswärtigen Beziehungen sowie später die Währungs-, Finanz- und Zahlungsbilanzstatis­
im Rahmen der Sozial- und Umweltpolitik. Was tiken (AWFZ), ein für die Errichtung der WWU
den Binnenmarkt oder den Energiesektor anging, maßgebliches Gremium, eingesetzt (5), um die NSÄ
gestaltete sich die Zusammenarbeit schwieriger. Da­ und führende Vertreter der Zentralbanken zusam­
mit Eurostat seinen neuen Aufgaben gerecht werden menzubringen, die in ihrem jeweiligen Land häufig
konnte, wurde das Amt so umstrukturiert, dass alle keinerlei Dialog pflegten. Yves Franchet rief in Er­
Dossiers in kollegialer Zusammenarbeit behandelt innerung, dass beispielsweise in Deutschland das
werden konnten. Nunmehr tagten jeden Montag die System der Bundesbank für kurzfristige Statistiken
Direktoren in einem Lenkungsausschuss, und ein­ auf privaten Studien basiert habe (6). Im September
mal monatlich trat das Middle Management Com­ desselben Jahres setzte die Kommission den Direkti­
mittee der Referatsleiter zusammen. Die Zahl der onsausschuss für die Statistische Information ein, in
ständigen Mitarbeiter stieg ebenfalls beträchtlich an. dem zweimal jährlich die Führungskräfte der Gene­
Die Belegschaft wurde von 329 im Jahr 1986 auf 639
(3) Beschluss 89/382/EWG, Euratom des Rates vom 19. Juni 1989 (ABl. L 181
vom 28.6.1989, S. 47).
(1) „À marché unique, statistiques uniques“, Sigma – Le bulletin de la statis- (4) AHCE, BAC 158/1990/500, KOM(94) 168 endg. vom 31. Mai 1994, „Be­
tique européenne, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen richt des Ausschusses für das Statistische Programm 1991-1993“.
Gemeinschaften, Nr. 1, Luxemburg, September/Oktober 1991, S. 12. (5) Beschluss 91/115/EWG des Rates vom 25. Februar 1991 (ABl. L 59 vom
(2) AHCE, BAC 511/1998/760, Document interne de réflexion sur la struc­ 6.3.1991, S. 19).
ture d’Eurostat à moyen terme, Luxemburg, 30. Mai 1990. (6) Interview mit Yves Franchet, 16. September 2016.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 145

raldirektionen zusammenkamen, um über die Aus­


richtung der Prioritäten des Statistikprogramms zu
beraten. Nach zwei oder drei Jahren stellte der Aus­
schuss jedoch seine Arbeiten ein (1).

Gleichzeitig wurden für das Statistische Programm


1989-1992 eigene Haushaltsmittel bereitgestellt  (2).
Das Programm wurde zu einem unter Berücksich­
tigung der Erfordernisse der Gemeinschaftspolitik
erlassenen Rechtsakt und stellte nicht mehr lediglich
eine Absichtserklärung oder ein Informationsdoku­
ment dar (3). Zwar konnten sich die Statistiker von
Eurostat bereits seit mehreren Jahren durchaus stän­
dig weiterbilden (4), doch wurde im Jahr 1996 zudem
ein Bildungsinstitut für europäische Statistiker [Trai­
ning of European Statisticians (TES)] als gemeinnüt­
ziger Verein gegründet. Dieses Institut stand nicht
nur Statistikern aus den Mitgliedstaaten, sondern
auch Fachleuten aus der Europäischen Freihandelsas­
soziation (EFTA) oder Ländern außerhalb der Union
offen. Zwischen 1991 und 2002 wurden 7 800 Per­
sonen geschult, davon waren 4 100 Bedienstete der
statistischen Ämter der Union oder der EFTA-Län­ Eurostat arbeitet mit Organisationen der Vereinten Nationen
(IWF und Weltbank) weltweit zusammen. Ein Verwaltungsprotokoll
der, 2 100 stammten aus mitteleuropäischen Staaten,
zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Vereinigten
600 aus dem Mittelmeerraum und mehr als 600 aus Staaten und Kanada wird 1991 unterzeichnet.
der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Im
Rahmen des Hilfsprogramms der Gemeinschaft für
die Wirtschaftsreform der Länder Mittel- und Ost­ durchgeführt, und sogar China ersuchte Eurostat
europas (Phare) bzw. der Technischen Unterstützung um Unterstützung bei der Neustrukturierung seiner
für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (Tacis) Außenhandels- und Industriestatistiken  (5). Somit
absolvierte Eurostat 1989 Arbeitsbesuche in Polen wurde es zur Aufgabe von Eurostat, die Entwicklung
und später auch in Ungarn und in den Ländern, die zuverlässiger amtlicher Statistiken auf internationa­
bald der Gemeinschaft beitreten sollten, um ihnen ler Ebene zu unterstützen. Das Amt beteiligte sich
bei der Ausarbeitung ihrer Beitrittsanträge in statis­ an den statistischen Arbeiten anderer regionaler Or­
tischen Fragen zur Seite zu stehen. Auch in Drittlän­ ganisationen wie dem Andenpakt und den Ländern
dern, z.  B. in Russland, wurden derartige Besuche Afrikas, des karibischen Raums und des Pazifischen
Ozeans (AKP). Hinzu kam die aktive Zusammenar­
beit mit den Vereinten Nationen und der Organisa­
(1) De Michelis, A., und Chantraine, A., Mémoires d’Eurostat. Cinquante ans
au service de l’Europe, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäi­ tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­
schen Gemeinschaften, Luxemburg, 2003, S. 120-125. wicklung (OECD).
(2) AHCE, KOM(88) PV 916, Sitzung vom 27. April 1988, S. 39.
(3) Eine Bilanz dieses Programms findet sich in AHCE, BAC 511/1998/761,
Mitteilung an Niels Ahrendt, Generalsekretariat, und Nigel Evans, GD IX,
über das Statistische Programm der Europäischen Gemeinschaften (1989-
1992): „Rapport d’exécution pour 1991“, 23. März 1992.
(4) Siehe z.  B. André, C., „Des EUROstatisticiens encore plus performants“,
Courrier du personnel‚ Nr. 3, 28. Januar 1993, S. 5. (5) De Michelis, A., und Chantraine, A., a. a. O., S. 125-147.
146 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Eine hochpolitische Aufgabenstellung 5.3. Übersetzen und


Die Rolle von Eurostat war zuweilen hochpolitisch.
Dolmetschen:
Dies war insbesondere dann der Fall, wenn die Da­ „Sprache Europas“
ten zur Wirtschaftsleistung der Länder bekannt zu
geben waren, die die Erfüllung der Maastricht-Kon­ Eine der Herausforderungen, mit denen der Über­
vergenzkriterien anstrebten. Um einen Zahlenkrieg setzungsdienst (SdT)  – der schon damals als der
zu vermeiden, verabschiedete der Rat 1996 eine neue größte Übersetzungsdienst der Welt galt  (5)  – zum
europäische Regelung für die nationale und regionale Zeitpunkt der Erweiterung 1986 konfrontiert wur­
Rechnungsführung. Gleiches geschah in Bezug auf de, war die Flut von Aufträgen, die sich aus neuen
den harmonisierten Verbraucherpreisindex. Diese Politikfeldern sowie aus dem Beitritt Spaniens und
Rolle war in zweierlei Hinsicht heikel: Sie betraf die Portugals ergaben. Das Gleiche traf auf den Ge­
Entscheidungsfindung im Bereich der Statistiken meinsamen Dolmetscher-Konferenzdienst (SCIC)
über die öffentlichen Finanzen und die Aufrechter­ zu. Sowohl für das Übersetzen wie für das Dolmet­
haltung der Unabhängigkeit bei der Erstellung und schen stellte die wachsende Zahl der Sprachen ein
Verbreitung von Statistiken (1). Problem dar, wiewohl die beiden Tätigkeiten nicht
vergleichbar sind. So ließ sich beispielsweise in Ar­
Zur Deckung des steigenden Bedarfs an statistischen beitssitzungen die Zahl der zu verdolmetschenden
Informationen für die wirtschaftspolitische Überwa­ Sprachen beschränken; Rechtsvorschriften und amt­
chung verabschiedete der Rat im Februar 1997 das liche Korrespondenz mussten jedoch nach wie vor in
„Statistikgesetz“ (2). Mit dieser Verordnung wurden alle Sprachen übersetzt werden. Der Übersetzungs-
die europäischen Statistiken als solche anerkannt. Im und der Dolmetschdienst waren immer voneinander
April wurde Eurostat als „einzige Gemeinschafts­ getrennt; es gab nur wenige Berührungspunkte, auch
behörde für die statistische Produktion“ benannt. nicht auf der Ebene der Generaldirektoren; eine Aus­
Schließlich wurde das Amt im Vertrag von Amster­ nahme bildete die Dokumentation.
dam (Artikel 285) verankert (3).
Die Gemeinschaft hatte ab 1986 also neun Amts­
Für Lord Moser, den Direktor des Zentralamts für sprachen. Es war jedoch völlig ausgeschlossen, dass
Statistik des Vereinigten Königreichs, hatte Eurostat sämtliche innerhalb der Institutionen verfassten
zwei Hauptaufgaben: „Auf der einen Seite ergänzte Dokumente in alle Amtssprachen übersetzt wür­
Eurostat die Arbeit anderer statistischer Ämter in den. In der Kommission unterscheidet man seitdem
Europa und ermöglichte dadurch eine erhebliche zwischen den Amtssprachen und den „Verfahrens­
Verbesserung der europäischen Statistiken. Anderer­ sprachen“ (Deutsch, Englisch und Französisch). Bei
seits hat Eurostat eine Schlüsselrolle für die Schaf­ Dokumenten, die nur für den internen Gebrauch
fung der Europäischen Union gespielt“ (4). bestimmt sind, wie dies insbesondere bei Unterlagen
für Sitzungen des Kollegiums der Fall ist, werden nur
Vincent Dujardin die Verfahrenssprachen verwendet. Bereits seit dem
Beitritt Griechenlands im Jahr 1981 durfte das Kol­
legium Texte annehmen, die noch nicht in alle Spra­
(1) AHCE, BAC 511/1998/768, Mitteilung von Kommissionsmitglied de Sil­ chen übersetzt waren. Auch die Zahl der Dolmetscher
guy an die Kommission zum Statistischen Arbeitsprogramm der Kommissi­
on für 1998 vom 22. Mai 1997; AHUE, GJLA, Akte 35, „Designing tomor­
row’s Commission“, Bericht über das statistische Amt, 7. Januar 1999.
(2) Verordnung (EG) Nr. 322/97 des Rates vom 17. Februar 1997 (ABl. L 52
vom 22.2.1997, S. 1). (5) „La DG IX est au service des autres DG.“ Interview mit Richard Hay, Ge­
(3) De Michelis, A., und Chantraine, A., a. a. O., S. 148-149. neraldirektor für Personal und Verwaltung, Courrier du personnel, Nr. 480,
( ) A. a. O., S. 151.
4
Dezember 1986, S. 33-37.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 147

Tatsache ist, dass der Kommission seither regelmäßig


vorgeworfen wird, einer Sprache den Vorzug zu geben
oder die Zahl der Amtssprachen drastisch verringern
zu wollen. So beklagte sich bereits am 14. September
1984 der deutsche Bundeskanzler Kohl bei Gaston
Thorn, dass Ausschreibungen und die Arbeitsunterla-
gen nicht mehr auf Deutsch vorlägen (2). Im Oktober
1988 sprach Generalsekretär Williamson von einer
Zunahme der Beschwerden wegen der Nichteinhal-
tung der Sprachenregelung  (3). Im November des-
selben Jahres kritisierten die „deutschen Behörden“,
dass ihnen die Mitteilungen über staatliche Beihilfen
nach wie vor nicht auf Deutsch übermittelt würden.
Auch im Jahr 1992 wurde das Generalsekretariat
noch regelmäßig mit Beschwerden seitens der Stän-
digen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland
befasst. Desgleichen brachte ein spanischer Abgeord-
neter 1993 im Europäischen Parlament das Fehlen
der spanischen, portugiesischen und griechischen
Renée Van Hoof-Haferkamp leitet seit 1958 den Verdolmetschung in den Eurostat-Ausschüssen zur
Dolmetschdienst. 1982 wird sie Generaldirektorin des Sprache (4). Pierre de Boissieu, der Ständige Vertreter
Gemeinsamen Dolmetscher- und Konferenzdienstes.
Wir sehen sie hier im Gespräch mit US-Vizepräsident Frankreichs, äußerte am 1. Februar 1999 gegenüber
George H. W. Bush in Brüssel. Carlo Trojan sein Bedauern darüber, dass in den
Verhandlungen zur Liberalisierung des Handels mit
Mexiko nur Englisch und Spanisch verwendet wür-
in den Sitzungen musste reduziert werden. „In der den (5). Seit dieser Zeit erinnerte der Generalsekretär
Kommission“, so Renée Van Hoof-Haferkamp, „gab der Kommission die Generaldirektoren regelmäßig
es schon immer Französisch, Deutsch und Englisch. daran, dass Dokumente, die für alle Mitgliedstaaten
Pascal Lamy lehnte die Verwendung des Spanischen, oder für die Allgemeinheit bestimmt sind, parallel
Griechischen und anderer Sprachen ab. Er hielt eine in alle Amtssprachen übersetzt werden müssen. Und
Kommission mit so vielen Sprachen für unmöglich. zwar nicht nur wegen der geltenden Sprachenrege-
Diese Regelung haben wir beibehalten, und alle ha- lung, sondern, wie es Williamson im April 1991 be-
ben sich gefügt“  (1). In die gleiche Richtung zielte tonte, weil die Sprachen „Teil des kulturellen Erbes“
eine informelle Vereinbarung, die die Generalsekre-
täre von Kommission und Rat 1992/1993  – unter
Einbeziehung des Ausschusses der Ständigen Vertre- (2) Europäische Kommission, „La traduction à la Commission: 1958-2010“,
ter (AStV) – aushandelten. Diese Vereinbarung sah Études sur la traduction et le multilinguisme, Nr. 2, Amt für amtliche Veröf-
fentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 2009, S. 31.
vor, dass Texte der Kommission zunächst nur in den ( ) AHUE, DORIE 83, SEC(88) 1503 vom 14. Oktober 1988, Note à l’atten-
3

tion des directeurs généraux et chefs de service sur le respect des règles rela-
Verfahrenssprachen übermittelt werden mussten; die tives au régime linguistique.
übrigen Sprachfassungen durften später folgen. ( ) AHUE, DORIE 82, SP(93) 1522 vom 3. Juni 1993, parlamentarische An-
4

fragen, schriftliches Verfahren Nr. 1050/93: Annahme des Entwurfs einer


Antwort von Karel Van Miert auf die schriftliche Anfrage Nr. 467/93 von
Carlos Robles Piquer zum Fehlen der spanischen, portugiesischen und grie-
chischen Verdolmetschung in den Sitzungen von Eurostat.
(5) AHUE, DORIE 82, Schreiben von Carlo Trojan, Generalsekretär der Eu-
ropäischen Kommission, an Pierre de Boissieu, Ständiger Vertreter Frank-
(1) Interview mit Renée Van Hoof-Haferkamp, 21. Juni 2017. reichs bei der Europäischen Union, 11. Februar 1999.
148 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

der Gemeinschaft sind (1). Den Empfängern in den Gruppen wurden von einem thematischen Berater
verschiedenen Mitgliedstaaten sollte im Übrigen „in geleitet; mit der Klärung sprachlicher Fragen, die für
ihrer eigenen Amtssprache“ geantwortet werden (2). die Übersetzer einer Sprache relevant waren, wurden
Sprachkoordinatoren betraut  (4). Außerdem wurde
in jeder Auftraggeber-GD ein Übersetzungskor­
Die Reorganisation des respondent ernannt (5). Ein Ziel dieser Reform war
Übersetzungsdienstes es, die Lieferverzögerungen zu vermeiden, zu denen
es mangels Abstimmung zwischen den früheren
Angesichts der neuen Herausforderungen muss­ Sprachabteilungen immer wieder gekommen war (6);
te der Übersetzungsdienst umorganisiert werden. zugleich sollte der Austausch zwischen Übersetzern
1986 hatten die Übersetzer sogar gestreikt und die verschiedener Sprachen gefördert werden. Eduard
Kommissionsmitglieder am Betreten ihrer Büros ge­ Brackeniers führte darüber hinaus ein Mentoring
hindert, um gegen die geplante Verlegung in ein mo­ für Bedienstete aus den neu beigetretenen Ländern
dernes, aber weiter von der Zentrale der Kommission ein. Im Dienst arbeiteten zu jener Zeit knapp 100
entferntes Gebäude zu protestieren. 1989 wurde der Übersetzer pro Sprache (in den Verfahrenssprachen
Übersetzungsdienst aus der Direktion „Personal und etwas mehr). Die Personalstärke nahm ständig zu:
Verwaltung“ herausgelöst und zu einer eigenständi­ Im Jahr 1985 waren es noch 955 Bedienstete, 1996
gen Dienststelle gemacht; erst im Jahr 2002 folgte schon 1 276 und im Jahr 2000 schließlich 1 308. Für
dann die Umwandlung zu einer Generaldirektion die externe Übersetzung wurde ein zentral und pro­
(GD). Die Dienststelle hieß damals offiziell „Über­ fessionell verwaltetes System mit europäischen Aus­
setzungsdienst“ (Service de Traduction – SdT). Alle wahlverfahren geschaffen, die alle benötigten Spra­
Übersetzer wurden Anfang 1990 im JECL-Gebäu­ chen und Bereiche abdeckten und in regelmäßigen
de (3) untergebracht. Der Europäische Rat von Edin­ Abständen wiederholt wurden. Dies führte zu einem
burgh bestätigte im Dezember 1992 Luxemburg als erheblichen Umbruch: Nur fünf Jahre später wurde
Standort von Kommissionsdienststellen. mehr als ein Drittel des Auftragsaufkommens außer
Haus übersetzt.
Ab 1989 wurde der Übersetzungsdienst von einem
Generaldirektor, Eduard Brackeniers, geleitet; ihm Die Überlegung, die Übersetzer auf die verschiede­
folgte 1996 Colette Flesch nach, die ehemalige Au­ nen Generaldirektionen zu verteilen, um sie näher an
ßenministerin Luxemburgs. Ende 1997 wurde sie ihre Auftraggeber zu bringen, wurde rasch verwor­
von Brian McCluskey abgelöst, selbst ein Überset­ fen. Die Verbreitung von Computern veränderte das
zer. Eduard Brackeniers strukturierte den Dienst Berufsbild hingegen tiefgreifend. Nach Abschluss
innerhalb von sechs Monaten vollständig um. An der Reorganisation widmete sich der SdT vorrangig
die Stelle der Sprachabteilungen traten sieben the­ der Entwicklung eines benutzerfreundlichen com­
matische Gruppen (fünf in Brüssel und zwei in Lu­ putergestützten Arbeitsumfelds. Um Zeit zu sparen,
xemburg) mit je etwa 150 Personen; diese Gruppen wurden Datenbanken aufgebaut, darunter EUR-Lex
waren ihrerseits in Sprachreferate untergliedert. Die (Verträge, Rechtsvorschriften und Rechtsprechung

(1) Europäische Kommission, „La traduction à la Commission  …“, a.  a.  O., (4) Interview mit Eduard Brackeniers, 21. Juni 2017.
S. 33. (5) Devy, L., „Service de traduction. Portes ouvertes au groupe thématique E“,
(2) AHUE, DORIE 83, SEC(90)  2185 vom 6. November 1990, Note à l’at­ Courrier du personnel, Nr. 525, Januar 1991, S. 38.
tention des directeurs généraux et chefs de service sur le respect des règles (6) AHUE, DORIE 82, SEK(89) 1637 vom 4. Oktober 1989, Mitteilung von
relatives au régime linguistique. António Cardoso e  Cunha im Einvernehmen mit Präsident Delors über
(3) Gebäude der Kommission in Brüssel, umgeben von folgenden Straßen: die Organisation des Übersetzungsdienstes; Europäische Kommission,
Avenue de la Joyeuse Entrée/Blijde Inkomstlaan, Avenue de Cortenberg/ Geschichte des Übersetzungsdienstes der Europäischen Kommission, Amt für
Kortenberglaan und Rue de la Loi/Wetstraat. Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg, 2010, S. 31.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 149

der EU) und Eurodicautom (Terminologiesamm­


lung der Europäischen Kommission). Eurodicautom
sollte später mit den Terminologiedatenbanken des
Rates [TIS (1)] und des Parlaments [Euterpe (2)] zu
IATE (3) verschmolzen werden. Hinzu kamen SdT­
Vista für die Suche nach Referenzdokumenten und
Euramis, das „mit seiner zentralen Datenbank für
mehrsprachige Segmente als großer Datenspeicher
[diente]“  (4). Diese technischen Hilfsmittel unter­
stützten die eigentliche Übersetzungstätigkeit und
steigerten die Effektivität des Dienstes. Ende 1985
lag die individuelle Produktivität bei 2,5 Seiten pro
Tag. 1996 betrug sie 5 Seiten. Im selben Jahr wurden
erstmals mehr als 1  Million Seiten übersetzt, 18  %
davon durch externe Übersetzer. 1990 hatte der
Dienst 730 000 Seiten übersetzt. Die Funktion der
Sekretärin, die die Texte für die Übersetzer (auf der
Maschine) schrieb – diese Aufgabe wurde tatsächlich
meist von Frauen wahrgenommen –, entwickelte sich
zu der einer Assistentin weiter. Mit der fortschrei­
tenden Informatisierung des Dienstes, die erst nach
1995 und damit recht spät begann, schrieben die
Übersetzer ihre Texte zunehmend selbst (5). Die An­ „Europa: viele Sprachen, eine Stimme“
Von der Bruegel-Darstellung des Turmbaus zu Babel inspiriertes
kunft junger Übersetzer aus den neu beigetretenen
Plakat des Europarates vom Beginn der 1990er-Jahre zur
Ländern beschleunigte diese Entwicklung noch. Sprachenvielfalt in Europa, durch die es jedoch nicht daran
gehindert wird, mit einer Stimme zu sprechen

Die Vorbereitung der Erweiterung


von 1995 sowie des Beitritts der Erweiterungen erst recht der Fall sein. Seit 1990
mittel- und osteuropäischen Länder hatte die Kommission begonnen, freiberufliche
Dolmetscher für die Sprachen der mittel- und ost­
Im Jahr 1995 kamen zu den vorhandenen neun europäischen Länder (MOEL) zu engagieren. Im
Amtssprachen der Union also das Schwedische Dezember 1999 waren 200 Dolmetscher für diese
und  – als erste nicht indoeuropäische Sprache  – Sprachen akkreditiert (6).
das Finnische hinzu. Die Zeit, in der Übersetzer
und Dolmetscher der Gemeinschaft noch sämtli­
che Amtssprachen beherrschen konnten, näherte
sich damit dem Ende. Dies sollte mit den nächsten
(6) Schriftliche Anfrage E-2064/99 vom 12.  November 1999 von Olivier
Dupuis (TDI) an die Kommission zum Dolmetschdienst für mittel- und
osteuropäische Sprachen – Antwort von Neil Kinnock vom 22. Dezember
1999 (ABl. C 219 E vom 1.8.2000, S. 81).
(1) Terminology Information System. Das Übersetzen und Dolmetschen beschränkte sich übrigens nicht nur auf
(2) European Terminology for the European Parliament. die Unionssprachen. So hieß der SCIC im Rahmen von Kooperationsver­
(3) Inter-Active Terminology for Europe. einbarungen bereits seit 1981 jährlich rund zehn chinesische Praktikanten
(4) Europäische Kommission, „La traduction à la Commission …“, a.  a.  O., willkommen: AHCE, BAC 379/1991/101, Note d’information sur la co­
S. 38. opération CEE-Chine en matière de formation d’interprètes de conférence
(5) A. a. O., S. 35. chinois, 19. Juni 1986.
150 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Die Tätigkeit der Europäischen Kommission zur Förderung einer


europäischen Identität und eines gemeinsamen europäischen Erbes

Einleitung für das genannte Umsteuern


eine entscheidende Rolle. Für die
Im Zeitraum 1986-2000 widmete
Kommission als Verfechterin einer
sich die Europäische Kommission
politisch stärker integrierten
verstärkt Fragen der Erinnerung
Gemeinschaft, die von einem
und der Identität. Da immer mehr
Kommissionspräsidenten, Jacques
ein „Europa der Bürger“ in den
Delors, geleitet wurde, der einst den
Fokus rückte, entwickelte die
berühmten Ausspruch prägte, dass
Kommission ihre ursprüngliche
„man sich nicht in einen großen
Ausrichtung auf kulturelle
Binnenmarkt verliebt“ (3), ging es
Initiativen weiter und führte
darum, aktiv zu demonstrieren,
greifbare Symbole für die eu­
dass es neue Daseinsberechtigung
ropäische Identität ein (z. B. die
für die europäische Integration gab,
europäische Hymne und die
die über Wirtschaftswachstum
europäische Flagge). Sie legte
hinauswies (4).
zudem Finanzierungsprogramme
auf, bei denen Fragen der
Erinnerung und der Identität im Kulturelle Initiativen
Mittelpunkt standen (z. B. den In den 1980er-Jahren verknüpften
Vorläufer des Programms „Europa sich kulturelle Dinge eng mit der
für Bürgerinnen und Bürger“) (1). Es Förderung einer gemeinsamen
bedarf keiner Erwähnung, dass Plakat zum europäischen europäischen Identität. In ihrem
das plötzliche Interesse an einem Film- und Fernsehjahr 1988 Jahresbericht 1987 erklärte die
Politikbereich, der bis dahin dem Kommission, dass „die kulturelle
Nationalstaat vorbehalten war, Besonderheit Europas [...] nichts
Spannungen und in einigen anderes als die Teilhabe an einem
Mitgliedstaaten gar aktiven auf Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit gegründe­
Widerstand hervorrief. ten pluralistischen Humanismus“ sei (5). Insbesondere
das Erscheinen des Konzepts des europäischen
Hintergrund Kulturerbes auf der Gemeinschaftsagenda war ein
Versuch, die europäische Erinnerung und Identität über
Seit den frühen 1970er-Jahren war die Tätigkeit der
abstrakte politische Grundsätze hinaus mit Leben zu
Europäischen Kommission im Kulturbereich eng mit
füllen (6). In den 1970er- und 1980er-Jahren war das
der Förderung der europäischen Werte verbunden.
Europäische Parlament der Hauptakteur der Einführung
Dies war eine Reaktion auf die wahrgenommene
des Konzepts des europäischen Kulturerbes und der
Legitimitätskrise und wesentlicher Bestandteil einer
Strategie zur Stärkung der öffentlichen Unterstützung
für die europäische Integration (2). Wie notwendig es
war, die Akzeptanz des europäischen Projekts bei den (3) „Die Orientierungen der Kommission“, Bulletin der Europäischen
Gemeinschaften Beilage 1/89, S. 7.
Bürgern zu steigern und diese in die künftige
(4) Diese Bedenken wurden erstmals 1972 auf politischer Ebene
Gestaltung des Projekts einzubeziehen, wurde in den geäußert – in der Schlusserklärung der Pariser Gipfelkonferenz
1980er-Jahren und im Vorfeld des Vertrags von (19. und 20. Oktober 1972) – und fanden anschließend ihren
Maastricht immer deutlicher. Dieser Zeitraum spielte Weg in nahezu alle anderen Mitteilungen der europäischen
Organe: „Die erste Gipfelkonferenz der erweiterten Gemein-
schaft“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften, Nr. 10, 1972,
S. 9-27, hier S. 15 ff.
(5) KOM(87) 603 endg. vom 14. Dezember 1987, „Neue Impulse
(1) Siehe etwa den Adonnino-Bericht, KOM(88) 331 endg. vom für die Aktion der Europäischen Gemeinschaft im kulturellen Be-
24. Juni 1988, „Europa der Bürger – Wahlrecht der Bürger der reich“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften, Beilage 4/87.
Mitgliedstaaten bei Kommunalwahlen“, Bulletin der Europäi- ( ) Dies wurde erstmals in der Erklärung über die europäische Iden-
6

schen Gemeinschaften, Beilage 2/88; siehe auch Interview mit tität (Kopenhagen 1973) erwähnt: „Dokument über die euro-
Thomas Jansen, 24. April 2017. päische Identität“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften,
(2) Interview mit Viviane Reding, 22. Juni 2017. Nr. 12, 1973, S. 131.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 151

Debatte über dessen Bedeutung seine Arbeit aufnahm. Er


und Umfang (1). Ab Mitte der präsentierte die vom Europarat
1980er-Jahre gestaltete die übernommene Idee einer eu­
Kommission dieses Konzept aktiv ropäischen Hymne und einer
mit, indem sie in ihren ersten europäischen Flagge (die 1985
Aktionsprogrammen spezifische auf der Tagung des Europäischen
Entscheidungen traf (z. B. mit dem Rates in Mailand als offizielle
Programm der Europäischen Symbole der Europäischen
Kulturhauptstädte) (2) und eine Gemeinschaften verabschiedet
echte Kulturpolitik entwickelte (3), wurden), eines europäischen
nachdem der Vertrag von Reisepasses und eines euro­
Maastricht die Rechtsgrundlage päischen Führerscheins (eingeführt
für ein unmittelbares Mitwirken mit dem Vertrag von Maastricht)
im Bereich der Kultur geschaffen sowie der Einführung europäischer
hatte (4). Damit wurde ein Ausbau Autokennzeichen. Außerdem
des Konzepts des europäischen erklärte er den 9. Mai zum
Erbes möglich, das nach und nach „Europatag“ und schlug vor, den
auch unterschiedliche kulturelle 1992 veröffentlicht die Feiertagskalender durch feierlich
Ausdrucksformen der Regionen Kommission eine Reihe von Bildern begangene „Europawochen“ (7) zu
und der Minderheiten umfasste zur europäischen Symbolik. ergänzen. Das Konzept eines
und kulturelle Fragen eng mit der „Europas der Bürger“ wurde als
Beschäftigungs- und Kohäsions­ Gegengewicht zum „Europa der
politik der EU verband (5). Kaufleute“, wie es oft wahrgenom­
men wurde, eingeführt. Ein Großteil dieser Ideen wurde
Nikolaus van der Pas: „In der GD Bildung und
von der Kommission aufgenommen, die in einer
Kultur sagte ich regelmäßig in Reden: ‚Sehen
Mitteilung an das Europäische Parlament ihre Absicht
Sie Bildung und Kultur nicht als Ausgaben:
bekräftigte, symbolische Initiativen zu unterstützen, die
es sind Investitionen.‘ […] Ich bin fest davon
unmittelbar darauf abzielen, ein Zusammengehörig­
überzeugt, dass Bildung und Kultur
keitsgefühl zu schaffen (8). Der Leitspruch „In Vielfalt
wirtschaftliche Realitäten sind und keine
geeint“ wurde im Jahr 2000 nach einem Wettbewerb
Verschwendung von Steuergeldern.“ (6)
unter jungen Europäern aus allen Mitgliedstaaten
eingeführt. Anfangs waren diese Symbole nicht in
Symbole den Vorschriften des Primärrechts verankert. Erst
In den Anfangsjahren der europäischen Integration 2007 wurden sie in einer dem Vertrag von Lissabon
spielten Symbole eine überraschend kleine Rolle. Dies anliegenden Erklärung als offizielle Symbole der
änderte sich im Jahr 1985, als der Ad-hoc-Ausschuss Europäische Union anerkannt (9).
für ein Europa der Bürger, der Adonnino-Ausschuss, Jean-Michel Baer: „Die Kommission hatte den
Vorschlag für eine Entschließung des Rates
vorgelegt, wonach die Flagge vor öffentlichen
(1) „Sitzungsperiode 1982-1983. Ausführliche Sitzungsberichte Gebäuden zu hissen sei. Als der Rat dann ▶
vom 7. bis 11. Februar 1983“, Anhang zum Amtsblatt der Eu-
ropäischen Gemeinschaften: Verhandlungen des Europäischen
Parlaments, Nr. 1-294, S. 276-295.
( ) AHCE, BAC 101/1999/44, Kulturstädte Europas: Athen 1985,
2

Florenz 1986, Amsterdam 1987, Berlin 1988, Paris 1989, Glas-


gow 1990, Madrid 1992, 750 Jahre Berlin (1987). ( 7) „Europa der Bürger – Bericht des Ad-hoc-Ausschusses“, Bulletin
(3) KOM(94) 356 endg. vom 27. Juli 1994, „Die Aktion der Europäi­ der Europäischen Gemeinschaften, Beilage  7/85; Interview mit
schen Gemeinschaft zugunsten der Kultur – Vorschlag für eine Angélique Verli-Wallace, 12. Mai 2017.
Entscheidung des Europäischen Parlaments und des Rates für (8) KOM(88) 331 endg., a. a. O.
ein Programm zur Förderung künstlerischer und kultureller Akti- (9) Erklärung des Königreichs Belgien, der Republik Bulgarien, der
vitäten mit europäischer Dimension (Kaleidoskop 2000)“. Bundesrepublik Deutschland, der Hellenischen Republik, des
( ) Artikel 128 Absatz 4 des Vertrags über die Europäische Union
4
Königreichs Spanien, der Italienischen Republik, der Republik
(ABl. C 191 vom 29.7.1992, S. 24). Zypern, der Republik Litauen, des Großherzogtums Luxemburg,
(5) KOM(96) 512 endg. vom 20. November 1996, „Kohäsionspolitik der Republik Ungarn, der Republik Malta, der Republik Öster-
und Kultur: Ein Beitrag zur Beschäftigung“ (Mitteilung der Kom- reich, der Portugiesischen Republik, Rumäniens, der Republik
mission); Interview mit Enrica Varese, 10. Juni 2016. Slowenien und der Slowakischen Republik zu den Symbolen der
(6) Interview mit Nikolaus van der Pas, 28. Januar 2016, S. 13-14. Europäischen Union (ABl. C 306 vom 17.12.2007, S. 267).
152 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Jacques Delors (Mitte) im Jahr 1986 bei der Eröffnung der gemeinsam von Kommission und Parlament
veranstalteten „Tour de l’avenir“ bzw. „Tour de la Communauté européenne“

◀ zustimmte, da war er wirklich zu spüren, der programm, das insbesondere Städten, die
europäische Geist.“ (1) Schwierigkeiten bei der Schaffung neuer Städte­
partnerschaften hatten, Finanzhilfen gewährte, war
Finanzierungsprogramme ebenfalls sehr beliebt (4). Erwähnenswert ist zudem die
Gründung des Historischen Archivs der Europäischen
Hiermit war nunmehr der Einführung spezifischer Gemeinschaften in Florenz im Jahr 1986. Mit diesem
Finanzierungsmaßnahmen und -programme der Archiv war es der Europäischen Kommission möglich,
Weg geebnet. Zu den sichtbarsten Programmen ihre eigene institutionelle Erinnerung zu bewahren (5).
gehörten Kaleidoskop (1996-1999) zur Förderung
der Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Bereich
Politische Beweggründe
der künstlerischen und kulturellen Produktion, Ariane
(1997-1998) zur Förderung der Übersetzung Aus den Verträgen erwuchs der Europäischen
europäischer Literatur und Raphael (1997-2000) Kommission nicht die politische Legitimität, eine
zur Stärkung der Zusammenarbeit auf dem Gebiet klare Definition der europäischen kulturellen Identität
des Schutzes des kulturellen Erbes (2) sowie deren vorzuschlagen. Ihre Initiativen können jedoch als klares
Nachfolgeprogramm Kultur 2000, das darauf abzielte, Bemühen gesehen werden, gemeinsame historische
kulturelle Aktivitäten zu fördern und die kulturelle und kulturelle Wurzeln herauszustellen, die häufig als
Vielfalt zu erhalten (3). Das Städtepartnerschafts­

(4) Europäische Kommission, Ein Europa der Städte und Gemein-


(1) Interview mit Jean-Michel Baer, 7. November 2016, S. 12. den – Handbuch für Städtepartnerschaften, Amt für amtliche
(2) KOM(96) 160 endg. vom 17. April 1996, „Erster Bericht über Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxem-
die Berücksichtigung der kulturellen Aspekte in der Tätigkeit der burg, 1997.
Europäischen Gemeinschaft“. (5) Verordnung (EWG, Euratom) Nr. 354/83 des Rates vom 1. Feb-
(3) Interview mit Viviane Reding, 22. Juni 2017. ruar 1983 (ABl. L 43 vom 15.2.1983, S. 1).
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 153

Der SdT war wegen des Beitritts von Finnland


konkrete Ausprägung gemeinsamer Werte
präsentiert wurden. Den meisten Maßnahmen und Schweden im Jahr 1995 ganz besonders ge­
lag die Annahme zugrunde, dass die Förderung fordert. Eine eigens eingesetzte Gruppe von Über­
und der Schutz der kulturellen Vielfalt Europas setzern-Überprüfern, die dem Generaldirektor
automatisch zur Entstehung eines europäischen
unterstand, erhielt die Aufgabe, „die in den Beitritts­
Bewusstseins führen und so eine zusätzliche
Identitätsebene schaffen würden, die Regionen ländern ausgeführten Übersetzungs- und Überprü­
und Nationen vereinen würde (1). fungsarbeiten zu koordinieren“; außerdem wurden
Nikolaus van der Pas: „Es geht nicht in den Hauptstädten der Beitrittsländer Zeitarbeits­
darum, nationale kulturelle Identitäten kräfte eingestellt  (1). Es wurden sogar vor Ort für
durch eine europäische kulturelle Identität acht Monate zwei Referate geschaffen, um die Über­
zu ersetzen. […] Die europäische kulturelle
Identität ist die Summe unserer nationalen
setzungen ins Finnische und Schwedische zu be­
kulturellen Vielfalt, und so sollte sie auch schleunigen, aber auch, um auf Kritik an der Qua­
dargestellt werden.“ (2) lität einiger Dokumente in finnischer Sprache zu
Spyros A. Pappas: „Wir haben besondere reagieren (2). Zu diesem Zeitpunkt umfasste der ge­
Identitäten, die respektiert und erhalten meinschaftliche Besitzstand 40 000 Seiten. Um den
werden sollten.“ (3)
Mangel an Übersetzern für diese beiden Sprachen
Jean-Michel Baer: „Wir wollten hervorheben, auszugleichen  (3), beschloss die Kommission, den
was den Europäern gemein ist – selbst
für die Rechtsetzungsverfahren bestimmten Texten
wenn sie ‚Erbe‘ dann umgedeutet haben.
Der spanische Roman unterscheidet sich ein den Vorrang zu geben, wie dies bei früheren Beitrit­
wenig vom italienischen oder französischen ten auch der Fall gewesen war. Erst nach Abschluss
Roman, aber sie sind doch miteinander eines weiteren Auswahlverfahrens im Jahr 1996 ge­
verwandt. Da gibt es ein familiäres
Zusammengehörigkeitsgefühl.“ (4)
lang es der Kommission, die personellen Lücken in
den finnischen und den schwedischen Referaten zu
Aline Sierp schließen. In den finnischen Übersetzungsreferaten
der Kommission wurden im Jahr 1996 nicht weniger
als 90 000 Seiten übersetzt. Die Finnen übersetzten
den gemeinschaftlichen Besitzstand aus dem Fran­
zösischen, die Schweden aus dem Englischen. Der
Beitritt Finnlands, Österreichs und Schwedens führ­
te im Übrigen zu einer weiter sinkenden Verwen­
dung des Französischen innerhalb der Kommission
und zu einer Ausbreitung des Englischen. Franzö­
sisch ist seither nicht mehr die meistgebrauchte Spra­
che. 1997 waren 40,4 % der Originale in Französisch
und 45,4 % in Englisch verfasst; in den ersten neun
Monaten des Jahres 1998 betrug dieses Verhältnis
dann bereits 37,4  % zu 48,5  %  (4). Zum Vergleich:

(1) Europäisches Parlament, „Überlegungen zur Informa-


tions- und Kommunikationspolitik der Europäischen Ge-
meinschaft. Bericht einer Expertengruppe unter Vorsitz von (1) Europäische Kommission, „La traduction à la Commission …“, a. a. O., S. 36.
Herrn Willy De Clercq“, 1993; Interview mit Gerardo Mom- (2) AHUE, DORIE 82, SEC(95) 1216 vom 10. Juli 1995, Note d’information
belli, 21. April 2016. d’Erkki Liikanen sur les antennes de traduction à Helsinki et Stockholm.
( ) Interview mit Nikolaus van der Pas, 28. Januar 2016, S. 28.
2 (3) AHCE, SI(95) 31 vom 19. Januar 1995, Note de Paolo Ponzano à l’attention
(3) Interview mit Spyros A. Pappas, 21. März 2016, S. 23. des membres de la Commission sur la traduction des textes en finnois et en
(4) Interview mit Jean-Michel Baer, 7. November 2016, S. 21. suédois (1638. Sitzung des AStV I).
(4) AHUE, DORIE 78, Note de briefing – emploi de la langue française à la
Commission, 13. November 1998.
154 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Das Erlernen von Sprachen ist nicht nur eine gängige Praxis im Übersetzungsdienst, sondern
auch Gegenstand gezielter Maßnahmen der Kommission im Rahmen der Sozialpolitik.

1991 waren von den 840 000 zu übersetzenden Sei­ für eine Simultanverdolmetschung aus neun Spra­
ten 385 000 auf Französisch, 290 000 auf Englisch chen in neun Sprachen rund 30 Dolmetscher nötig
und 40 000 auf Deutsch abgefasst. wären. Dank der von der Kommission im Jahr 1984
beschlossenen „pragmatischen Maßnahmen“ waren
im Jahr 1989 jedoch durchschnittlich nur 10,64
Wie der Gemeinsame Dolmetscher in einer Sitzung anwesend (1). Da es be­
Dolmetscher-Konferenzdienst kanntlich leichter ist, eine fremde Sprache zu verste­
und der Übersetzungsdienst die hen als sie zu sprechen, hatte die Kommission bereits
1984 eine „asymmetrische“ Lösung empfohlen, bei
Erweiterungen bewältigten
der sich die Sitzungsteilnehmer zwar in ihrer Spra­
Im Hinblick auf die Erweiterung von 1995 machten che äußern konnten, das Gesagte aber nicht in alle
sowohl der Übersetzungsdienst als auch der Gemein­ Sprachen gedolmetscht wurde. Ohne derartige Maß­
same Dolmetscher-Konferenzdienst Vorschläge, wie nahmen hätte der SCIC mit zehn Sprachen dreimal
mit den Folgen der Beitritte auf sprachlicher Ebe­ und mit 15 Sprachen siebenmal mehr gekostet (2) –
ne umzugehen wäre. Es galt, die Sprachregelung zu ganz abgesehen von den praktischen Problemen,
lockern und hierzu unter anderem die Zahl der in die es aufgrund des Platzbedarfs der Dolmetscher
alle Sprachen zu übersetzenden Dokumente zu ver­
ringern und den tatsächlichen Dolmetschbedarf in
(1) Van Hoof-Haferkamp, R., „L’interprétation de conférence à la Com­
den von der Kommission organisierten Sitzungen munauté européenne“, Sociolinguistica, Bd. 5, Nr. 1, De Gruyter, Hamburg,
zu ermitteln. In einem 1991 veröffentlichten Arti­ 1991, S. 67.
(2) AHUE, DORIE 83, Note du SCIC à M. Cameron sur l’impact sur la tenue
kel erläuterte die Generaldirektorin des SCIC, dass des réunions, 18. Oktober 1991.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 155

in den Sitzungssälen oder der Druckerpressen im Übersetzungszentrum gegründet wurde, das für die
Amt für Veröffentlichungen gegeben hätte. Anlass europäischen Agenturen übersetzen und zugleich –
zu Diskussionen bot auch die Zahl der bei einem ab 1995 – den europäischen Organen und Einrich­
Beitritt von MOEL pro Kabine denkbaren Dolmet­ tungen bei Überlastung ihrer eigenen Übersetzungs­
scher. Als Kommissionsmitglied Liikanen im Juli dienste unter die Arme greifen sollte. Im Jahr 2004
1997 vorschlug, Relaissprachen zu verwenden, um beschäftigte das Zentrum 165 Bedienstete (3). Ferner
zu vermeiden, dass sich bei einer Beibehaltung des wurde 1995 ein interinstitutioneller Übersetzungs-
„gegenwärtigen Systems“ fünf Dolmetscher eine Ka­ und Dolmetschausschuss eingesetzt, um die Zusam­
bine teilen müssten, löste dies heftigen Widerspruch menarbeit der Sprachendienste der EU-Institutionen
aus, insbesondere seitens des Leiters des SCIC. Die­ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission, Ge­
ser wandte sich umgehend schriftlich an den Kabi­ richtshof, Europäische Zentralbank, Rechnungshof,
nettschef von Jacques Santer, um sich über die Aus­ Wirtschafts- und Sozialausschuss, Ausschuss der Re­
lassungen des Kommissars zu beschweren und um gionen, Europäische Investitionsbank und Überset­
zu bestätigen, dass man auch bei einem System von zungszentrum Luxemburg) zu koordinieren.
22 Passiv- und 22 Aktivsprachen bei drei (statt fünf)
Dolmetschern pro Kabine bleiben könnte (1). Noch Die Frage, welche Sprachen innerhalb der Union zu
weiter als Liikanen war Alain Lamassoure, der fran­ verwenden sind, blieb ein heikles Thema, da es da­
zösische Europaminister, im Dezember 1994 gegan­ bei auch um nationale Identitäten geht. Die gleiche
gen, als er ankündigte, der französische Ratsvorsitz Behandlung aller Sprachen der Union ist nötig, um
werde vorschlagen, die Zahl der Arbeitssprachen der die Union ihren Bürgerinnen und Bürgern näher zu
Union aus finanziellen und praktischen Gründen bringen, und wichtig als Zeichen der Achtung der
auf fünf zu beschränken. Angesichts des heftigen Demokratie und der Gleichheit vor dem Gesetz (4).
Widerstands ließ er seinen Vorschlag allerdings rasch Im Übrigen hieß es schon in Artikel 255 des Vertrags
wieder fallen. Im Hinblick auf die große Erweiterung von Amsterdam, dass „jeder Unionsbürger sowie jede
blieb es indes das Ziel, „pragmatische Maßnahmen“ natürliche oder juristische Person mit Wohnsitz oder
zu beschließen. In einem Vermerk des SCIC vom Sitz in einem Mitgliedstaat das Recht auf Zugang
Mai 1999 war zu lesen, dass in einem Europa mit zu Dokumenten des Europäischen Parlaments, des
15 Mitgliedern für die Verdolmetschung in die und Rates und der Kommission [hat]“, was impliziert,
aus den elf Amtssprachen (110  Sprachkombinatio­ dass jeder Bürger Zugriff auf Texte in seiner Spra­
nen) 33 Dolmetscher nötig wären. In einer künftigen che haben muss. 1999 entstanden der Union für das
Union mit 26 Mitgliedstaaten und 21 Amtssprachen Übersetzen und Dolmetschen Kosten in Höhe von
müsste der Dienst 420 Sprachenpaare abdecken; 686 Mio. EUR, davon der Kommission 261,2 Mio.
1999 standen ihm dafür 527 fest angestellte Dol­ EUR (218,7 Mio. EUR für den Übersetzungs- und
metscher und eine Kartei mit 1 874 Freiberuflern zur 42,5 Mio. EUR für den Dolmetschdienst). Kurzum,
Verfügung, von denen im Durchschnitt 250 pro Tag wie der italienische Schriftsteller Umberto Eco es
für den SCIC tätig waren (2). formulierte: „Die Sprache Europas ist die Überset­
zung“ (5).
Anzumerken ist außerdem, dass 1994 neben dem
SdT und dem SCIC in Luxemburg ein eigenständiges Vincent Dujardin

(1) AHCE, BAC 251/2003/42, Aide-mémoire à l’attention de Jim Cloos sur (3) Europäische Kommission, „La traduction à la Commission …“, a.  a.  O.,
les régimes linguistiques, 23. Juli 1997. S. 37.
(2) AHCE, BAC 251/2003/42, Note de Rocco Tanzilli à l’attention de Maria (4) A. a. O., S. 52.
Pia Filippone sur la rencontre entre le président Santer et le groupe de travail (5) Ausspruch von Umberto Eco anlässlich der 10.  Assises de la traduction
du Parlement européen sur le multilinguisme, 25. Februar 1999. littéraire (Arles, 14. November 1993).
156 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

5.4. Der Sprecherdienst, in Form des Anlaufens des Programms Jean Mon­
öffentliche Meinung und net  (6). Für die tägliche Unterrichtung der Öffent­
lichkeit durch die Presse spielte der Sprecherdienst
Kommunikationspolitik eine Schlüsselrolle. Die erheblichen Anstrengungen
im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit folgten der Er­
Das knappe Ja der Franzosen und das Nein der Dä­ kenntnis, dass den Bürgerinnen und Bürgern ein
nen zum Vertrag von Maastricht (1) im Jahr 1992 wa­ tieferes Verständnis für die europäische Integration
ren ein Schock für die Europäische Kommission (2) vermittelt werden musste (7).
und veranlassten sie zu einem bedeutenden – dem bis
dahin wahrscheinlich bedeutendsten  – Umsteuern
in der Herangehensweise an die Kommunikation Institutionelle Transparenz
mit der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse der Referen­
den galten als Symbol für die Unzufriedenheit der Zur Stärkung der institutionellen Transparenz und
europäischen Bürger mit dem Kurs der europäischen letztlich des Wissens über die EU erhöhte die Euro­
Integration. Die Europäische Kommission stellte päische Kommission die Anzahl der „Verbindungs­
fest: „Die Öffentlichkeit beobachtet die Arbeit der stellen und Informationsnetze“ in den Mitgliedstaa­
Behörden, auch die der europäischen Institutionen, ten, von ungefähr 500 Stellen bzw. Netzwerken im
mittlerweile mit größter Aufmerksamkeit, zum Teil Jahr 1996 auf über 850 im Jahr 1998  (8). Darüber
auch mit Misstrauen“  (3); sie „nimmt die Antwor­ hin­aus richtete sie eine gebührenfreie Telefonnum­
ten der Gemeinschaft nicht länger kritiklos hin“ (4). mer  –  „Europe Direct“  – ein, über die europäische
Zugleich erkannte die Europäische Kommission, Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen oder Infor­
dass sie sich einer öffentlichen Auseinandersetzung mationsmaterial anfordern konnten, das dann an
stellen und für mehr Transparenz und Bürgerbetei­ ihre Privatadresse geschickt wurde  (9). Zwischen
ligung sorgen musste, um das Vertrauen der Öffent­ November 1996 und Januar 1997 zählte die Euro­
lichkeit (5) und allgemein ihre politische Legitimität päische Kommission 122 250 Anrufe von europäi­
zu stärken. Daher wandte sie sich einer Kommunika­ schen Bürgerinnen und Bürgern (10). Die Europäische
tionspolitik zu, die auf die Bereitstellung von Sach­ Kommission schuf auch Online-Plattformen wie
informationen und die Stärkung der institutionellen
Transparenz und Rechenschaftspflicht ausgerichtet
war. Konkret rückten in der öffentlichen Kommuni­
kation folgende Aspekte in den Vordergrund: 1. die (6) Siehe Kapitel 18 „Europäische Bildungspolitik“. Andere Maßnahmen der
Öffentlichkeitsarbeit waren auf bestimmte Gruppen ausgerichtet, so etwa
Einbeziehung der europäischen Öffentlichkeit durch das Magazin Frauen Europas auf Frauenvereinigungen und deren Presse.
Aus Platzgründen konnten hier nur einige Initiativen ausgewählt werden.
Debatte und Dialog über europäische Angelegenhei­ ( ) Die Symbole der Europäischen Gemeinschaft wurden ebenfalls immer
7

ten und Politik; 2. der Bildungssektor, insbesondere häufiger genutzt. In den späten 1980er-Jahren orientierte sich die Gemein­
schaft mehr und mehr auf europäische Symbole im Sport, um Europa für
eine breite europäische Öffentlichkeit sichtbarer und erlebbarer zu machen.
Weiterführende Informationen: Pukallus, S., Representations of European
citizenship since 1951, Palgrave Macmillan, Basingstoke, 2016. Zu den da­
(1) Zur Kommunikation im Zusammenhang mit dem Vertrag von Maastricht mit verbundenen Herausforderungen siehe die Interviews mit Robert Cox,
und dem Binnenmarkt siehe Interview mit Niels Jørgen Thøgersen, 19. Ja­ 5. April 2016, und Colette Flesch, 27. September 2016.
nuar 2017. ( ) Europäische Kommission, Gesamtbericht über die Tätigkeit der Europäi-
8

( ) Zum Zeitraum 1986-1992 siehe Kasten „Die Tätigkeit der Europäischen


2
schen Union 1996, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen
Kommission zur Förderung einer europäischen Identität und eines gemein­ Gemeinschaften, Luxemburg, 1997; Gesamtbericht über die Tätigkeit der
samen europäischen Erbes“. Europäischen Union 1998, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Euro­
(3) SEK(93) 916/9 vom 22. Juni 1993, „Ein neues Konzept für die Informa­ päischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1999. Siehe auch die Interviews mit
tions- und Kommunikationspolitik der Kommission. Mitteilung von Kom­ Renaud Denuit, 3. Oktober 2017, und Marina Manfredi-Magillo, 22. Juni
missionsmitglied João de Deus Pinheiro“, S. 2. 2016.
(4) A. a. O., S. 3. (9) Andere Informationsforen waren z. B. EurJus und Signpost.
(5) SEK(92) 2274 endg. vom 2. Dezember 1992, „Eine verstärkte Transparenz (10) Europäische Kommission, Single Market News, Nr. 6, April 1997, Amt für
bei der Arbeit der Kommission“; siehe auch Interview mit Renaud Denuit, amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxem­
3. Oktober 2017. burg, Januar 1997, S. 2.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 157

Europa (1) – die im Februar 1995 gestartet wurde –,


um der europäischen Öffentlichkeit einen schnellen
Zugriff auf eine Vielzahl von Informationen über die
EU und ihre Politik zu ermöglichen (2).

Unterrichtung der Öffentlichkeit durch


die Presse: der Sprecherdienst 

Angesichts des Bedarfs an mehr institutioneller


Transparenz und der wachsenden Menge an Sach­
informationen, die der europäischen Öffentlichkeit
vermittelt werden sollten, kam dem Sprecherdienst
große Bedeutung zu. Als permanente Stimme Eu­
ropas hatte er zwei zentrale Aufgaben: 1.  die Un­
terrichtung der Europäischen Kommission; 2.  die
Unterrichtung der Presse. Die erste Aufgabe bestand
darin, die Berichterstattung der Presse über europä­
ische Themen in der ganzen Gemeinschaft zu ver­ Am 23. Februar 1995 veröffentlicht die hausinterne Zeitschrift
Courrier du personnel ein Interview mit Niels Jørgen Thøgersen,
folgen, d.  h., in zwei Teams, dem Telex-Team und
dem Direktor für Kommunikationspolitik, der u. a. für den Aufbau
dem Team Revue de presse (Pressespiegel), den Über­ der Europa-Webseiten und das Informationsnetz „Europe Direct“
blick über acht Nachrichtenagenturen und mehr als zuständig ist. Beides soll mehr Transparenz gewährleisten.

120  Zeitungen und Zeitschriften zu behalten. Das


Telex-Team erstellte auf der Grundlage der Informa­
tionen von einem Dutzend Nachrichtenagenturen schnelleren und einfacheren Zugriff auf diese Infor­
den sogenannten Telexpress. Das Team begann um mationen ermöglichte  (3). Der erste Teil des Tages
etwa 7:30 Uhr mit der Arbeit und legte im Laufe des war internen Sitzungen gewidmet: Zunächst fand
Tages vier Ausgaben des Telexpress vor. Beim Team um 9 Uhr eine Koordinationssitzung des Sprechers
Revue de presse gingen die Pressespiegel ein, die von und des Kommissionspräsidenten statt (eingeführt
den Vertretungsbüros in den Mitgliedstaaten zusam­ von Jacques Delors, der sehr erpicht darauf war, über
mengestellt wurden. Die Mitarbeiter wählten rele­ die Presseberichterstattung unterrichtet zu werden,
vante Artikel aus, analysierten die Inhalte und ver­ und so die Arbeitsweise des Dienstes formte). Um ca.
sahen sie mit entsprechenden Schlagwörtern. Dieses 10:30 Uhr folgte eine zweite Koordinationssitzung
Team erstellte auch die Informationen für ­R APID des Chefsprechers und seines Teams, das aus 12-13
(Rapid Access to Press and Information Data), eine Sprechern bestand, die sich zu diesem Zeitpunkt
in den 1990er-Jahren entwickelte Datenbank, in bereits mit ihren jeweiligen Kommissaren getroffen
der Presseveröffentlichungen in verschiedenen Spra­ hatten. Eingeladen waren auch Mitglieder des audio­
chen gespeichert wurden, was den Journalisten einen visuellen Teams (4), ebenso wie Mitarbeiter der GD X

(3) 1995 wurde „Europe by Satellite“ geschaffen, um Fernseh- und Radio­


(1) Interviews mit Niels Jørgen Thøgersen, 19. Januar 2017, und Lindsay Arm­ sender mit audiovisuellem Material zu versorgen, das von den EU-Orga­
strong, 23. August 2017. nen über sich selbst produziert wurde. Siehe Interview mit Neville Keery,
(2) Die Komplexität und der technokratische Charakter der zu erläuternden 9. März 2016.
europäischen Politik stellten dabei ebenso Herausforderungen dar wie die (4) Siehe die Interviews mit Jean-Michel Baer, 7. November 2016, Bruno De­
Tatsache, dass mit einer europäischen Öffentlichkeit zu kommunizieren thomas, 10.  November 2016, Neville Keery, 9.  März 2016, und Nikolaus
war. Siehe Interview mit Robert Cox, 5. April 2016. van der Pas, 28. Januar 2016.
158 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

TABELLE 1
(Audiovisuelle Medien, Information, Kommunikati­ SPRECHER 1986-2000
on, Kultur). Letzteres war wichtig, um sicherzustel­
len, dass sie die Informationen an die Pressestellen in Sprecher Zeitraum
den Mitgliedstaaten weitergeben konnten. Diskussi­ Hugo Paemen 1986-1987
onsgrundlage für beide Sitzungen waren der Telex- Claus-Dieter Ehlermann 1987-1990
press und der Pressespiegel. Mittags richtete sich der
Bruno Dethomas 1990-1995 (*)
Fokus auf die zweite Aufgabe des Sprecherdienstes:
die Unterrichtung der Presse. Dies geschah im Rah­ Nikolaus van der Pas 1995-1998
men der mittäglichen Pressekonferenz  (1) mit den Martine Reicherts 1998-1999
akkreditierten Journalisten der Gemeinschaft (2) (ab
Jonathan Faull Ab 1999
1996 konnten zudem eingeladene Journalisten teil­
(*) Dethomas wurde nicht offiziell zum Sprecher ernannt, hatte
nehmen). Der Sprecherdienst hielt ferner zusätzliche den Posten jedoch de facto für fünf Jahre inne.
Pressetreffen ab und veröffentlichte Informations­
material und Memos (3). Im Jahr 1995 nahm er ein
journalistischeres Format an. Des Weiteren führte er
den täglichen Midday Express ein, in dem die auf der Nikolaus van der Pas über seine
täglichen Pressekonferenz besprochenen Nachrich­ Arbeit als Sprecher:
ten zusammengefasst werden. Diese Zusammenfas­
„Um sich als Sprecher so kurz wie möglich
sung wird anschließend auf Europa bereitgestellt (4). zu fassen, muss man alle Informationen über
Insgesamt nahm der Sprecherdienst seine Aufgaben den eigenen Politikbereich sowohl aus dem
wirksam wahr, was auch auf die Zusammenarbeit Innern der Kommission als auch von außerhalb
rezipieren, um zu verstehen, wie der betreffende
zwischen den Kollegen zurückzuführen war. So Politikbereich wahrgenommen wird, positiv oder
war Bruno Dethomas der Ansicht, dass sich seine negativ. Mit diesem Gesamtbild nimmt man
Erfahrungen mit der Arbeitsweise der Medien und dann an den Sitzungen des Kabinetts des
die Vertrautheit Claus-Dieter Ehlermanns mit zahl­ eigenen Kommissars teil, um Hinweise zu
erhalten, Feedback zu geben, auf Kommentare
reichen europäischen Themen perfekt ergänzten: Sie von Dritten vorbereitet zu sein und auf diese
agierten als Team, unterstützten einander und lern­ antworten zu können. Als Leiter des
ten voneinander (5). Sprecherdienstes musste ich sicherstellen,
dass die Kollegen, die alle einem bestimmten
Kommissionsmitglied zugeordnet waren, der
allgemeinen Linie der Kommission folgten (was
(1) Bis 1995 war Französisch die Sprache im Presseraum. Dies änderte sich erst nicht immer ganz klar war).“ (6)
mit der EU-Erweiterung im Jahr 1995. Zur täglichen Pressekonferenz siehe
auch die Interviews mit Fabio Colasanti, 5. Januar 2017, und João Vale de
Almeida, 28. Februar 2017.
( ) Die Anzahl der akkreditierten Journalisten wuchs von 400 im Jahr 1986
2

auf 500 im Jahr 1989, 600 im Jahr 1990, 750 im Jahr 1995 und über 900
im Jahr 1996. Im Jahr 1986 vertraten sie 24  Nachrichtenagenturen, im Claus-Dieter Ehlermann:
Jahr 1995 bereits 75. Siehe Gesamtberichte über die Tätigkeit der Europä­
ischen Gemeinschaften/Union 1987-1997; AHUE, GJLA, Akte 35, „De­ „Ich wurde im November 1987 Sprecher und
signing tomorrow’s Commission“, Bericht für den Sprecherdienst, 27. Janu­ hatte das Amt bis einschließlich Februar 1990
ar 1999.
Um den Journalisten das Funktionieren des Sprecherdienstes näherzubrin­
inne. […] In der Rückschau war das vielleicht
gen, wurde 1989 ein zehnminütiger Dokumentarfilm unter dem Titel „Ein die letzte Zeit, in der der Sprecher ein ver­
Tag im Leben des Sprecherdienstes“ produziert. Siehe Interview mit Neville gleichsweise leichtes Leben hatte – aus dem
Keery, 9. März 2016.
( ) Der Sprecher hielt jährlich 185-260 Pressetreffen sowie 31-50 Pressekonfe­
3 einfachen Grund, dass dies die goldenen Jahre
renzen ab. Hinzu kamen 43-95 Pressekonferenzen mit dem Kommissions­ von Jacques Delors waren, die besten Jahre
präsidenten und anderen Mitgliedern der Kommission. Der Dienst erstellte seiner Präsidentschaft.“ (7)
2 600-6 500 Memos jährlich. Siehe Gesamtberichte über die Tätigkeit der
Europäischen Gemeinschaften/Union 1986-1995.
(4) Gesamtbericht über die Tätigkeit der Europäischen Union 1996, a. a. O.; Ge-
samtbericht über die Tätigkeit der Europäischen Union 1998, a. a. O. (6) Interview mit Nikolaus van der Pas, 28. Januar 2016, S. 10-11.
(5) Interview mit Bruno Dethomas, 10. November 2016. (7) Interview mit Claus-Dieter Ehlermann, 3. Februar 2017, S. 6-7.
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 159

Bruno Dethomas (rechts), Sprecher der Kommission und ihres Präsidenten Jacques Delors (links) von 1990 bis 1995

Abgesehen vom Sprecherdienst führte die Europäi­ drei Informationskampagnen durch  (1): „Bürger
sche Kommission zahlreiche Kommunikationsak­ Europas“, deren Fokus auf der Unterrichtung der
tivitäten durch, um die europäischen Bürger in das europäischen Öffentlichkeit über die Rechte der
europäische Projekt einzubeziehen und darüber zu Bürger im Binnenmarkt lag (in Zusammenarbeit
informieren: Das Programm Prince (Priority infor­ mit der GD  XV); „Europa gemeinsam gestalten“,
mation for the citizens of Europe – Priorität Infor­ mit der die Debatte in der europäischen Öffentlich­
mationen für die Bürger Europas) sollte Debatte keit über zentrale Fragen der europäischen Politik,
und Dialog fördern, während im Bildungssektor einschließlich der Erweiterung, gefördert werden
das Programm Jean Monnet für unabhängige Sach­ sollte; und „Euro – eine gemeinsame Währung für
informationen und -analysen sorgen sollte. Europa“ (in Zusammenarbeit mit der GD  II), mit
der die europäischen Bürger, Unternehmen und
Institutionen über die gemeinsame Währung infor­
Debatte und Dialog miert werden sollten, um deren Einführung zu er­
leichtern (2). Die dezentralisierte Umsetzung dieser
Im Oktober 1995 wurde Prince, bis dahin das Kampagnen wurde durch Vereinbarungen mit be­
größte Informationsprogramm der EU, von der stimmten Mitgliedstaaten, das Mitwirken der Ver­
neu gegründeten Interinstitutionellen Gruppe tretungen der Kommission in den Mitgliedstaaten
„Information“ (IGI) gestartet. Zwischen 1995 und
2000 führte eine sogenannte Prince Task Force
(1) Interview mit Spyros A. Pappas, 21. März 2016.
(2) SEC(95) 1672 vom 7. Oktober 1995, „Grandes actions prioritaires en ma­
tière d’information“.
160 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

und eine Reihe seitens der GD X/B/3 unterstützter Aktion Jean Monnet
Informationsnetze sichergestellt.
Mindestens seit den 1960er-Jahren hatte die Euro­
Mit „Bürger Europas“ wurde ein zweistufiger Ansatz päische Kommission im Rahmen ihrer Öffentlich­
zur Förderung der öffentlichen Debatte verfolgt. Im keitsarbeit starkes Interesse daran gezeigt, wie sich
ersten Schritt ging es darum, Informationen über mittels unabhängiger wissenschaftlicher Forschung
die Rechte der Bürger im Binnenmarkt bereitzu­ der Öffentlichkeit, Schülern und Studenten und den
stellen und diese bekannt zu machen. Der zweite politischen Entscheidungsträgern in Europa Infor­
Schritt kann am ehesten als „Rückmeldesystem“ be­ mationen über die europäische Integration vermit­
schrieben werden, in dem die Bürger über konkrete teln ließen. Sie war daher stets bemüht, Beziehungen
Erfahrungen mit ihren Rechten im Binnenmarkt zu Universitäten und Wissenschaftlern aufzubauen
berichteten und damit der Kommission halfen, für und diesen die Erforschung der europäischen Inte­
die Wahrnehmung dieser Rechte bestehende Hin­ gration zu ermöglichen – sowohl einzeln als auch im
dernisse zu ermitteln. Zudem konnten die Bürger Team (2). Das Anlaufen des Programms Jean Monnet
allgemein ihre Meinung zu diesem Thema kund­ im Jahr  1989, das von Delors nachdrücklich befür­
tun (1). Obwohl das Konzept „Debatte und Dialog“ wortet wurde, ist somit als offizielle Würdigung der
als Methode bezeichnet wurde, die Bürger in die Bedeutung der Anstrengungen der Kommission in
Politikgestaltungs- und Entscheidungsfindungspro­ diesem Bereich zu sehen. Mit diesem Programm er­
zesse einzubeziehen (d. h., das sogenannte Demokra­ hielten die Beziehungen zwischen der Gemeinschaft
tiedefizit abzubauen), diente es auch dazu, sie für ihre und dem Wissenschaftsbetrieb eine festere Struktur,
Rechte im Binnenmarkt zu sensibilisieren sowie ihre während die Experten im Bereich der europäischen
Unterstützung zu gewinnen, indem ihnen gezeigt Integration, wie es die Gründerin des Programms,
wurde, welche Vorteile die europäische Integration Jac­queline Lastenouse ausdrückte, gleichsam öffent­
für sie hat. Für „Europa gemeinsam gestalten“ (den lich anerkannt wurden  (3). Zudem sorgte das Pro­
Vorläufer der Programme „Europa für Bürgerinnen gramm dafür, dass Sachinformationen, Analysen
und Bürger“) wurde ein systematischerer Ansatz zur und Kommentare zur europäischen Politik, die nicht
Einbeziehung von Nichtregierungsorganisationen von der Europäischen Kommission selbst stammten,
und Organisationen der Zivilgesellschaft gewählt; immer zahlreicher und leichter zugänglich wurden,
zudem wurden zahlreiche Bürgerprojekte gefördert. was zugleich die institutionelle Rechenschaftspflicht
Das Städtepartnerschaftsprojekt mit den damit ver­ stärkte.
bundenen Aktivitäten zur Stärkung der Solidarität
zwischen den Partnerstädten ist bis heute eines der Konkret umfasste das Programm Jean Monnet
beliebtesten Projekte der EU. Aus der Sicht der Eu­ Jean-Monnet-Lehrstühle, Module und Kurse zu ver­
ropäischen Kommission konnte die Akzeptanz des schiedenen Aspekten der europäischen Integration
Euro in der europäischen Öffentlichkeit als Zeichen (Recht, Wirtschaft, Geschichte, Politik) sowie die
für den Erfolg ihrer Kampagne „Euro, eine gemein­ Gründung der Jean-Monnet-Spitzenforschungszen­
same Währung für Europa“ und des damit einher­
gehenden dezentralisierten Ansatzes im Bereich der
(2) Aus Platzgründen kann hier nicht ins Detail gegangen werden. Folgende
öffentlichen Kommunikation gelten. Quellen enthalten weiterführende Informationen: Interview mit Jacque­
line Lastenouse, 25. Juli 2016; Lastenouse, J., „La Commission européenne
et les études universitaires sur l’intégration européenne 1960-2000“, Temas
de Integração, Nr. 15-16, Amedina, Lissabon, 2003, S. 12-36; Lastenouse, J.,
Hommage au professeur Paulo Pitta e Cunha, Juristische Fakultät der Uni­
(1) Siehe u.  a. Europäische Kommission, „The objectives of Citizens First“, versität Lissabon, 2008, unveröffentlichte Rede (privat überlassen); Pukal­
27.  Juli 1995. Siehe auch Europäische Kommission, Single Market News, lus, S., 2016, a. a. O.; Pukallus, S., The building of civil Europe 1951-1972,
Nr. 9, Oktober 1997, Nr. 11, März 1998, und Nr. 13, Juli 1998, Amt für amt­ Palgrave Macmillan, Basingstoke (erscheint 2019).
liche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg. ( ) Interview mit Jacqueline Lastenouse, 25. Juli 2016.
3
Kapitel 5 – Die „horizontalen“ Dienste 161

Colette Flesch, Generaldirektorin der GD Information, Kommunikation, Kultur und audiovisuelle Medien von 1990 bis 1997.
Hier 1995 bei der Einweihung der Breydel-Studios.

tren (1). Das Programm wurde zudem mit den 1963 abhängigen Auswahlverfahrens vergeben  (4). Die
gegründeten Europäischen Dokumentationszen­ Tatsache, dass das Programm Jean Monnet bis heute
tren  (2) verknüpft. Die Initiative für Jean-Mon­ besteht, obwohl ursprünglich nur eine Laufzeit von
net-Lehrstühle war mit 1 200 Bewerbern allein im drei Jahren geplant war, zeugt von seinem Erfolg.
ersten Jahr unmittelbar von Erfolg gekrönt (3). Um
die Unabhängigkeit von den europäischen Institu­ Die allgemeinen Ziele der Kommunikationspolitik
tionen und politischen Interessen zu gewährleisten, der Europäischen Kommission bestanden selbst­
wurden die Lehrstühle auf der Grundlage eines un­ verständlich darin, zu informieren, zu erklären, In­
teresse zu wecken, die öffentliche Meinung positiv
zu beeinflussen und für Unterstützung zu werben.
Dementsprechend wurde es immer wichtiger, die
(1) AHUE, DORIE 963, SEK(89) 1028/2 vom 16. Juni 1989, „Aktion Jean öffentliche Reaktion auf europäische Projekte und
Monnet: Europäisches Integrationsstudium an den Universitäten  – Ver­
merk von Herrn Dondelinger“. Entwicklungen zu beobachten, zu bewerten und
( ) Siehe auch Europäische Kommission, The history of European cooperation in
2
vorauszusehen.
education and training, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäi­
schen Gemeinschaften, Luxemburg, 2006.
(3) Für weiterführende Informationen über den anhaltenden Erfolg des Pro­
gramms siehe etwa: Europäische Kommission, Répertoire de l’Action Jean
Monnet 1990-1999, Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europä­
ischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1999; Europäische Kommission, (4) Weiterführende Informationen: Interview mit Jacqueline Lastenouse,
2006, a. a. O.; Interview mit Jacqueline Lastenouse, 25. Juli 2016. 25. Juli 2016.
162 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Beobachtung, Bewertung und päischen Kommission, auch wenn sie zunächst nur
Antizipation der öffentlichen Meinung sporadisch eingesetzt wurde: Das Marktforschungs­
unternehmen OPTEM führte zwischen 1987 und
Die Beobachtung der öffentlichen Meinung war be­ 1994 etwa fünf Studien für das Kabinett von Jac­
reits seit den frühen 1950er-Jahren ein Anliegen und ques Delors durch, EOS Gallup zwischen 1992 und
gipfelte im Jahr 1973 in der Schaffung einer gemein­ 1995 insgesamt drei (2). Mit den Problemen bei der
schaftseigenen quantitativen Meinungsumfrage, Ratifizierung des Vertrags von Maastricht und dem
dem Eurobarometer  (1). Zwischen 1986 und 2000 spürbaren Verlust an Rückhalt in der Öffentlichkeit
wurden zwei weitere quantitative Meinungsumfra­ hielten die qualitativen Methoden schließlich syste­
gen entwickelt und dem Instrumentarium der Euro­ matisch Einzug (3): In der GD X wurde am 1. April
päischen Kommission hinzugefügt. Das sogenannte 1994 das Referat  A/2  – Öffentliche Meinung ge­
Flash-Eurobarometer (ab 1989), für das Ad-hoc-Tele­ schaffen. Um Motivationen, Stimmungen, Einstel­
foninterviews zu einem bestimmten Thema geführt lungen und Erwartungen der europäischen Öffent­
und bestimmte Zielgruppen angesprochen wurden, lichkeit im Hinblick auf die europäische Integration
hatte den Vorteil, viel schneller zu sein als das regu­ sowie die Gründe für Akzeptanz oder Ablehnung
läre Eurobarometer. Mit der „European Continuous von „europäischen Botschaften“ zu erkunden, wur­
Tracking Survey“ (1996-1998) trat ein laufendes Be­ den zu einer Vielzahl von Themen qualitative Stu­
obachtungssystem an die Stelle der erstmals 1994 in dien durchgeführt  (4), unter anderem zum Image
bescheidenem Umfang durchgeführten Pilot-Telefo­ Europas, zur Zukunft Europas („Europa, unsere Zu­
numfrage „Monthly Monitoring“. Der „European kunft“) anlässlich des 30. Jahrestages der Römischen
Continuous Tracking Survey“ lagen etwa 200  Te­ Verträge oder zur gemeinsamen Währung („Europa
lefoninterviews je Mitgliedstaat zugrunde, die in 1992“). Auch spezifischere Themen wie Energiepro­
44 Kalenderwochen geführt wurden. Die Ergebnis­ bleme, Verbraucherfragen, die Politik der EU im
se der Umfrage wurden bis Ende 1997 regelmäßig in Außenbereich, Bildung und Beschäftigung waren
den Europinion-Berichten veröffentlicht. Gegenstand solcher Studien (5).

Ende der 1980er-Jahre ergänzte die qualitative Mei­ Stefanie Pukallus


nungsumfrage das Methodenrepertoire der Euro­

(2) Siehe AHCE, Inventaire des archives relatives aux études qualitatives 1986-
2011, 2015, S. 12.
(3) SEK(93) 916/9, a. a. O.; SEK(93) 1248/3 endg. vom 28. Juli 1993, „Die In­
formations- und Kommunikationspolitik der Kommission: Die praktische
Umsetzung der Informationspläne“. Siehe auch Europäisches Parlament,
PE 203.960 endg. vom 14. Juli 1993, A3-0238/93, „Bericht des Ausschus­
ses für Kultur, Jugend, Bildung und Medien über die Informationspolitik
der Europäischen Gemeinschaften“; Europäisches Parlament, „Überlegun­
gen zur Informations- und Kommunikationspolitik der Europäischen Ge­
meinschaft. Bericht einer Expertengruppe unter Vorsitz von Herrn Willy
De Clercq“, März 1993.
(4) AHCE, 2015, a. a. O., S. 11.
( ) Der Fall des Eisernen Vorhangs war für die Kommunikationspolitik der
5

Kommission in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Erstens wurden Fokus­


gruppen mit Bürgern aus dem ehemaligen Sowjetblock gebildet, um ihre
Haltung gegenüber der Europäischen Gemeinschaft festzustellen – dies er­
folgte im sogenannten Eurobarometer Mittel- und Osteuropa (1990-1998).
Zweitens schuf die Kommission einen Fonds zur Förderung von journalis­
(1) AHCE, Étude de l’opinion publique comme instrument d’ information et de tischen Ausbildungsprogrammen in diesen Ländern. Siehe Interview mit
décision, 22. November 1994. Bob Jarrett, 8. November 2016.
163

Kapitel 6

Die Kommission und die


institutionellen Reformen
Die Zeit von 1986 bis 2000 war die wohl intensivs­ immens gewachsenen Aufgaben und seiner stetig stei­
te Periode geregelten institutionellen Wandels in der genden Mitgliederzahl gerecht zu werden – durch alle
Geschichte des europäischen Integrationsprozesses. in diesem Band behandelten Jahre zog.
Sie begann, kaum dass die Tinte unter der Einheitli­
chen Europäischen Akte (EEA) getrocknet war – der Es überrascht kaum, dass die Europäische Kommissi­
Vertrag war im Dezember 1985 vereinbart, aber erst on im Mittelpunkt der Debatte stand, sowohl als ihr
im Februar 1986 unterzeichnet worden  –, und en­ Gegenstand – d. h. als eine der Institutionen, deren
dete mit der Einigung auf den Vertrag von Nizza im Form, Einfluss und Vorrechte hinterfragt wurden –
Dezember 2000. Dazwischen lagen der Vertrag über als auch mehr noch als aktive Teilnehmerin an der
die Europäische Union – besser bekannt als Vertrag intellektuellen Erkundung der Möglichkeiten einer
von Maastricht –, der 1992 unterzeichnet wurde, und Verbesserung des europäischen Systems. Seit Langem
der 1997 verabschiedete Vertrag von Amsterdam. schon strebte die Kommission danach, die Verträge
Jeder dieser rechtlichen Meilensteine erforderte um­ zu ändern, und früheren Kommissionspräsidenten
fassende Vorbereitungen und Verhandlungen, ganz hatte die Starre des institutionellen Systems, das die
abgesehen von den kaum weniger intensiven An­ Mitgliedstaaten – zumindest formal – nicht antasten
strengungen bei Umsetzung, Feinabstimmung und wollten, manche Enttäuschung bereitet (1). Sie stürzte
Folgemaßnahmen. Es ist daher keineswegs übertrie­ sich daher mit großer Begeisterung in die Debatten
ben, zu sagen, dass sich die Debatte über den institu­ und die Verhandlungen über eine Vertragsänderung,
tionellen Wandel in der Europäischen Gemeinschaft
bzw. der Europäischen Union – d. h. über die Mängel
des institutionellen Status quo und darüber, wie sich (1) Siehe etwa die Kapitel zu Jenkins und Thorn in Harst, J. van der, und Voer­
man, G. (Hg.), An impossible job? – The Presidents of the European Commis-
das europäische System ändern müsste, um seinen sion, 1985-2014, John Harper Publishing, London, 2015.
164 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

als die Einheitliche Europäische Akte der Reform Von Vertragspaket zu Vertragspaket schien die Ratifi­
Tür und Tor zu öffnen schien. Wie aus den folgen­ zierung schwieriger und schwieriger zu werden, nicht
den Seiten ersichtlich, beteiligte sich die Kommission zuletzt, weil immer mehr Mitgliedstaaten Referenden
unter Delors, Santer und Prodi ernsthaft und mit er­ durchführten, deren positiver Ausgang keineswegs si­
heblicher Energie sowohl an der breiteren Diskussion cher war. Im Dezember 2000 war Prodis Urteil über
darüber, welche Form die europäischen Institutionen den Vertrag von Nizza daher nicht nur ziemlich am­
erhalten sollten, als auch an der Detailarbeit der zahl­ bivalent – die Enttäuschung über die verpasste Gele­
reichen Regierungskonferenzen, die im Betrachtungs­ genheit mischte sich mit der Befriedigung über die
zeitraum zum Zwecke der Vertragsänderung einberu­ vereinbarten Änderungen –, sondern auch von einem
fen wurden. Dabei konnte sie eine Reihe wichtiger eindeutigen Aufruf an die EU begleitet, für künftige
Änderungen durchsetzen, die dazu beitrugen, die Vertragsänderungen einen ganz anderen Ansatz zu
massive Ausweitung der Politikbereiche der EG/EU wählen (womit die Weichen für den Europäischen
zu bewältigen, und die die Bedeutung und die Befug­ Konvent in den Jahren 2002-2003 und die dort aus
nisse ihrer Kerninstitutionen völlig veränderten. Das der Taufe gehobene glücklose europäische Verfassung
europäische System von 2001 unterschied sich insti­ gestellt waren). Im Folgenden wird daher nicht nur
tutionell erheblich von dem des Jahres 1985. knapp auf die Herangehensweise der Kommission an
die jeweiligen Vertragsänderungen und ihre Bewer­
Abgesehen von der unstrittigen Tragweite des Er­ tung des Erreichten eingegangen, sondern auch auf
reichten kam aber auch ein Gefühl der Enttäuschung ihre zunehmende Unzufriedenheit mit dem Tempo
über die Unfähigkeit der EG/EU auf, so weit und so und der Art des institutionellen Fortschritts in Euro­
schnell voranzuschreiten, wie sich das mancher inner­ pa.
halb der Europäischen Kommission erhofft hatte. Der
Unmut über das, was nicht geleistet wurde, begann Es stimmt natürlich, dass sich die Europäische Kom­
die Zufriedenheit über das Erreichte zu überwiegen, mission fast schon gewohnheitsmäßig über die Vor­
nicht zuletzt, weil – in der Kommission und anders­ behalte der Mitgliedstaaten gegenüber Vertragsän­
wo – weiter sehr reale Zweifel daran bestanden, ob das derungen beklagte. Das anfängliche Urteil Jacques
institutionelle System stark und effektiv genug wäre, Delors’ über die Einheitliche Europäische Akte war
um dem immens erweiterten politischen Aufgaben­ ausgesprochen zurückhaltend: Er beschrieb sie als ein
bereich und dem in den ersten Jahren des 21. Jahrhun­ Beispiel für „das Europa des Möglichen“ und nicht
derts zu erwartenden massiven Zuwachs an Mitglied­ „das Europa der Idealvorstellung“ (2). Doch wurden
staaten Herr zu werden (1). Anlass zur Sorge bot auch diese Bedenken bald durch das außerordentliche
die Tatsache, dass all diese Reformen der Verträge we­ Tempo, das die europäische Integration in den fol­
der Begeisterung in der europäischen Öffentlichkeit genden Jahren aufnahm, beiseite gewischt. Die EEA
wecken noch ihre Unterstützung gewinnen konnten. wurde bald weniger als pragmatischer, vorsichtiger
Schritt nach vorne denn als der entscheidende Aus­
gangspunkt für den europäischen Boom der späten
(1) Wie sensibel dieses Themas war, zeigt die Tatsache, dass die Kommission
selbst hinsichtlich der institutionellen Auswirkungen der Erweiterung zö­
gerlich war. Ihr Bericht „Die Erweiterung Europas: eine neue Herausforde­
rung“ war 1992 sehr viel weniger präzise und weitreichend, als sich das der
Hauptautor Frans Andriessen wohl gewünscht hatte, vor allem, weil seine
Kollegen in der ungewissen Atmosphäre nach der Ablehnung des Vertrags
von Maastricht durch Dänemark ein vorsichtiges Taktieren einem mutige­
ren Vorgehen vorzogen. „Die Erweiterung Europas: eine neue Herausforde­
rung“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften, Beilage 3/92.
Zu den langwierigen internen Verhandlungen über beide Aspekte siehe (2) „Sitzungsperiode 1985-1986  – Ausführliche Sitzungsberichte vom 9. bis
AHCE, KOM(92) PV 1108, Sitzung vom 3. Juni 1992; KOM(92) PV 1110, 13. Dezember 1985“, Anhang zum Amtsblatt der Europäischen Gemein-
17. Juni 1992. Der verwässerte Text hatte auf der Ebene des Europäischen schaften: Verhandlungen des Europäischen Parlaments, Nr.  2-333, S.  134-
Rates nur geringen Einfluss. 137.
Kapitel 6 – Die Kommission und die institutionellen Reformen 165

Frans Andriessen und Jacques Delors auf der Regierungskonferenz zur politischen Union, 1991.
Von rechts nach links: Frans Andriessen, Vizepräsident, Jacques Delors, Präsident,
und Pascal Lamy, Kabinettschef von Jacques Delors

1980er-Jahre verstanden. Rückblickend hat Delors sie 1990 veröffentlichten Stellungnahme zur politi­
als seinen Lieblingsvertrag bezeichnet (1). schen Union unterstrich sie die zentrale Bedeutung
eines parallelen Fortschreitens: „Die Osmose zwi­
Diese höchst positive Sichtweise auf die Vertragsän­ schen den Bereichen Wirtschaft, Soziales, Finan­
derung bietet uns eine Erklärung für den Enthusias­ zen und Währung einerseits und der Außenpolitik
mus, mit dem Delors und sein Team die Beschlüsse andererseits ist und bleibt das Grundprinzip der
des Jahres 1990 begrüßten, zwei neue Regierungs­ Europäischen Union, wie dies in der Präambel der
konferenzen einzuberufen  – eine, um zu prüfen, Einheitlichen Akte bekräftigt wird“ (2). 
welche Vertragsänderungen für die Wirtschafts-
und Währungsunion nötig wären, die andere, um Sie war aber auch bereit, für unterschiedliche Po­
der Wirtschafts- und Währungsunion Fortschritte litikbereiche in gewissem Ausmaß voneinander
in Richtung auf die politische Union zur Seite zu abweichende institutionelle Regelungen zu akzep­
stellen. Die Kommission betonte natürlich, wie tieren. In der Stellungnahme erkannte die Kom­
wichtig es sei, bei jeder dieser Regierungskonferen­ mission etwa an, dass sie sich das Initiativrecht in
zen Kühnheit zu beweisen. In ihrer im Oktober auswärtigen Angelegenheiten mit dem Ratsvorsitz
und den Mitgliedstaaten würde teilen müssen  (3).

(1) Interview mit Jacques Delors, 16. Dezember 2009: https://www.cvce.eu/


de/histoire-orale/unit-content/-/unit/en/07f58085-4b00-405f-a403- (2) Europäische Kommission, Politische Union, Amt für amtliche Veröffentli­
a603c1397fd5/93a99c2a-41bb-4450-b16f-600e84bc05d1/Resources#­ chungen der Europäischen Gemeinschaften, Luxemburg, 1990, S. 11.
20f3eefc-fc4c-43e0-9e0d-e457ba9f368b_de&overlay. (3) A. a. O., S. 15.
166 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Subsidiarität: das Aufkommen eines neuen Gemeinschaftsbegriffs

In den 1990er-Jahren war das Konzept der aufgegriffen (1). Später tauchte er am Rand der
„Subsidiarität“ ein wichtiger Bestandteil der Debatte Diskussionen über die europäische Integration auf
über den institutionellen Wandel in der Europäischen und fand sich insbesondere in der Präambel des 1984
Gemeinschaft bzw. der Europäischen Union. Nachdem vom Europäischen Parlament vorgelegten Entwurfs
dieser Begriff durch den Artikel 3 b des Vertrags von für den Vertrag über die Europäischen Union wieder (2).
Maastricht erstmals offiziellen Status in der EU erlangt Den nächsten Impuls gab jedoch der Präsident
hatte, wurde er im folgenden Jahrzehnt vielfach der Kommission: Delors verwendete den Begriff –
verwendet. Jacques Delors scheint das Aufkommen Berichten zufolge unter dem Einfluss einer Begegnung
dieser Kernidee im Kontext der europäischen mit führenden Vertretern der deutschen Bundesländer
Integration maßgeblich beeinflusst zu haben. im Jahr 1988 – erstmals öffentlich in einer Rede vor
dem Europäischen Parlament im Januar 1989 und ließ
Der Artikel im Vertrag von Maastricht, der das Konzept
ihn in die institutionellen Vorschläge der Kommission
einführt, lautet wie folgt:
für die Regierungskonferenz einfließen (3). In Zeiten
„Die Gemeinschaft wird innerhalb der Grenzen wachsender Besorgnis über den Aktivismus und die
der ihr in diesem Vertrag zugewiesenen Ziele der Kommission war die Idee der Subsidiarität
Befugnisse und gesetzten Ziele tätig. politisch attraktiv; Delors schien zu sagen, dass es
klare Grenzen gebe, in welchem Umfang seine
In den Bereichen, die nicht in ihre aus­
Institution tätig werden solle. Das Konzept wurde
schließliche Zuständigkeit fallen, wird die
positiv aufgenommen und eine spezielle Arbeits­gruppe
Gemeinschaft nach dem Subsidiaritätsprinzip
bei der Regierungskonferenz gegründet, die
nur tätig, sofern und soweit die Ziele der in
es untersuchen sollte.
Betracht gezogenen Maßnahmen auf der Ebene
der Mitgliedstaaten nicht ausreichend erreicht Das Wort Subsidiarität gewann an Bedeutung, als
werden können und daher wegen ihres sich die Ratifizierung des Vertrags von Maastricht als
Umfangs oder ihrer Wirkungen besser auf schwierig erwies. Bezeichnenderweise stellte Delors
Gemeinschaftsebene erreicht werden können. das Konzept seinen Vorschlägen voran, wie die
Kommission auf das weitverbreitete Unbehagen, das
Die Maßnahmen der Gemeinschaft gehen nicht
in der dänischen Ablehnung des neuen Vertrags und
über das für die Erreichung der Ziele dieses
dem holprigen Ratifizierungsprozess im Vereinigten
Vertrags erforderliche Maß hinaus.“
Königreich zum Ausdruck kam, reagieren sollte (4).
Das Konzept der Subsidiarität bedeutete folglich, Weder der dänische noch die britischen Kommissare
dass staatliche Befugnisse auf einer möglichst waren wirklich überzeugt, dass in der Subsidiarität der
niedrigen Ebene ausgeübt werden sollten. Auf Schlüssel zur Überwindung der Euroskepsis in ihren
europäischer Ebene sollte demnach nur gehandelt Ländern liegen könnte, doch die Kommission ließ sich
werden, falls nationale Maßnahmen – bzw. sub­ davon nicht beirren (5). In einer Mitteilung an den Rat
nationale Maßnahmen – sich mit großer Wahr­ vom Oktober 1992 erklärte die Kommission das
scheinlichkeit als unzureichend herausstellen würden. Subsidiaritätsprinzip zusammen mit mehr Transparenz
Mit anderen Worten: Artikel 3 b sollte den Regierungen
der Mitgliedstaaten und – wahrscheinlich mehr
noch – der europäischen Öffentlichkeit versichern, (1) Marquardt, P. D., „Subsidiarity and sovereignty in the European
Union“, Fordham International Law Journal, Bd. 18, Nr. 2, The
dass die EG/EU nicht unkontrolliert und unbegrenzt Berkeley Electronic Press, New York, 1994, S. 616-640, hier
würde eingreifen können. S. 618-620: https://pdfs.semanticscholar.org/50f3/­0 b01ddaed
0b31b0206ed3da14e8462476d2e.pdf.
Das Konzept war jedoch nicht völlig neu. Der (2) „Entwurf eines Vertrags zur Gründung der Europäischen Uni-
Begriff war in den 1930er-Jahren in der katholischen on“, Bulletin der Europäischen Gemeinschaften, Nr. 1/2, 1984,
S. 7-30.
Soziallehre geprägt worden und wurde in der Debatte
(3) Schaefer, G. F., „Institutional choices: the rise and fall of sub-
über den deutschen Föderalismus und die Beziehun­ sidiarity“, Futures, Bd. 23, Nr. 7, Elsevier, New York, 1991,
gen zwischen Bundesregierung und Bundesländern S. 681-694; „Die Orientierungen der Kommission. Erklärung von
im westlichen Nachkriegsdeutschland wieder Kommissionspräsident Jacques Delors vor dem Europäischen
Parlament und Erwiderung nach Abschluss der parlamentari-
schen Aussprache. Straßburg, 17. und 18. Januar 1989, Bulletin
der Europäischen Gemeinschaften. Beilage 1/89.
(4) AHCE, KOM(92), PV 1123, 2. Teil, Sitzung vom 12. Oktober 1992.
(5) AHCE, KOM(92), PV 1123, a. a. O.
Kapitel 6 – Die Kommission und die institutionellen Reformen 167

und besserer demokratischer Kontrolle zu ihren Instrument zur Zerstreuung der öffentlichen Bedenken
obersten Prioritäten für die künftige Entwicklung der wegen der Machtfülle der EU stieß das Konzept jedoch
EG-Rechtsvorschriften (1). In den folgenden Jahren an seine Grenzen. Nicht zuletzt dadurch dürfte der
erstattete sie dem Rat regelmäßig Bericht über die graduelle Rückgang seiner Bedeutung in den Jahren
Anpassung der gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften nach 2000 zu erklären sein.
an das Subsidiaritätsprinzip (2). Auch alle General­
direktionen hatten darzulegen, dass ihre Entwürfe
nicht gegen das Prinzip verstießen (3). Die Erkenntnis, Piers Ludlow
dass die EG/EU keine größere Rolle anstreben sollte als
nötig, erlangte einen durchaus zentralen Stellenwert
im Denken der Kommission – was durch die Bedeutung
bestätigt wird, die die Santer-Kommission dem Motto
„weniger, aber bessere Rechtsvorschriften“ beimaß (4).
Trotz seiner Prominenz hatte das Konzept eine Reihe
von Schwachstellen. Insbesondere waren sich die
Mitgliedstaaten nicht darüber einig, welche Politik­
bereiche ein europäisches Handeln erfordern und
welche besser den nationalen Regierungen überlassen
werden sollten. So führte in den späten 1990er-Jahren
ein Beschluss der Kommission, den Entwurf einer
Richtlinie über den Schutz von Zootieren im Namen der
Subsidiarität zurückziehen, zu einer Forderung der
britischen Regierung nach einer EU-Maßnahme in
diesem Bereich (5).
Zudem war das Konzept, das als Mechanismus zur
Beschwichtigung der Öffentlichkeit dienen sollte, nicht
leicht zu definieren bzw. zu erfassen. Delors scherzte
vor dem Europäischen Parlament, dass er einen Preis
für eine möglichst verständliche Definition ausloben
würde, verwies damit aber auf ein reales Problem (6).
Das Konzept wurde von der Kommission sehr ernst
genommen und sollte in den letzten Jahren des
20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle dafür spielen, was
sie tat und was sie nicht tat. Im Aufkommen des
Konzepts spiegelte sich zweifellos das wachsende
Bewusstsein der Kommission, dass ihr Aktivismus und
ihre Dynamik der späten 1980er- und frühen 1990er-
Jahre die europäische Öffentlichkeit sowohl zu
beunruhigen als auch zu begeistern vermochten. Als

(1) SEK(92) 1990 endg. vom 27. Oktober 1992, „Das Subsidiari-


tätsprinzip – Mitteilung der Kommission an den Rat und an das
Europäische Parlament“.
(2) Siehe z. B. KOM(93) 545 endg. vom 24. November 1993, „Bericht
der Kommission an den Europäischen Rat über die Anpassung
der geltenden Rechtsvorschriften an das Subsidiaritätsprinzip“;
oder KOM(94) 533 endg. vom 25. November 1994, „Bericht an
den Europäischen Rat über die Anwendung des Subsidiaritäts-
prinzips im Jahre 1994“.
( ) Informationen von Nikolaus van der Pas.
3

( ) Interview mit Jim Cloos, 4. Juli 2016.


4

(5) Informationen von Nikolaus van der Pas.


(6) „EU-Präsident lobt Preis für Definition des Begriffs ‚Subsidiari-
tät‘ aus“ (EN): https://blogs.ec.europa.eu/ECintheUK/­president-
of-eu-offers-prize-for-definition-of-term-subsidiarity/.
168 Die Europäische Kommission 1986-2000 – Geschichte und Erinnerungen einer Institution

Den Verhandlungsprozess nahm sie sowohl mit vorwärts“ in der Verteidigungspolitik. Aufhebens
Pragmatismus als auch mit Begeisterung in Angriff. machte er zudem um das Potenzial für Fortschritte
Bemerkenswert war zudem die hochkarätige Teil­ in der Sozialpolitik, wenn auch nur unter elf statt
nahme der Kommission an den Regierungskonfe­ unter zwölf Mitgliedstaaten (das Vereinigte König­
renzen in Person des Präsidenten selbst und zweier reich hatte sich ausgeklinkt). Lobende Worte fand
seiner Vizepräsidenten, Christophersen (für die Delors ferner über den Machtzuwachs für das Eu­
Wirtschafts- und Währungsunion) und Andries­ ropäische Parlament  – ein wichtiges Element für
sen (für die politische Union). Die Fortschritte der die demokratische Legitimation des europäischen
Regierungskonferenzen waren häufig Thema in den Projekts  – und die Tatsache, dass das Parlament
wöchentlichen Sitzungen der Kommission  – vor und die Kommission nunmehr gleich lange Manda­
allem, als die Gespräche Ende 1991 ihrem Höhe­ te haben würden. Aber er sprach ebenso offen über
punkt entgegenstrebten – und Gegenstand mindes­ die Enttäuschungen: Die geplanten Regelungen für
tens einer „Klausurtagung“ (1). Trotz des häufigen die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik sei­
Austausches und bestimmter Meinungsverschie­ en unangemessen, qualifizierte Mehrheitsentschei­
denheiten behielt Delors bei öffentlichen Stellung­ dungen nicht ausreichend ausgeweitet worden, und
nahmen zur Position der Kommission die Zügel fest außerdem – und dies sei von grundlegender Bedeu­
in der Hand. So verantwortete er etwa persönlich tung – untergrabe das Pfeilersystem mit seinen eher
den Entwurf des von der Kommission Ende No­ zwischenstaatlichen Regelungen in den Bereichen
vember 1991 vorgelegten Dokuments, in dem die Außenpolitik sowie Justiz und Inneres die funda­
Institution ihre Prioritäten bekräftigte und vor der mentale Einheit der EU-Struktur und drohe, ein
falschen Richtung warnte, die die Verhandlungen erhebliches Ungleichgewicht zu schaffen. Dieses
ihrer Meinung nach einzuschlagen drohten (2). Ungleichgewicht erschien in der Tat so erheblich,
dass Delors glaubte, es könne nicht von Dauer sein
Trotz ihrer Bemühungen war der Vertrag im Ergeb­ und werde auf der neuen, für 1996 angesetzten Re­
nis nicht vollkommen nach dem Geschmack der gierungskonferenz angegangen werden müssen: „Es
Kommission (3). Sowohl gegenüber seinen Kollegen kann nämlich keine wirtschaftliche und währungs­
in der Kommission als auch in der Öffentlichkeit politische Integration ohne ein politisches und
konnte Delors viel Positives hervorheben  (4). In demokratisches Gegengewicht geben. Auch wenn
Straßburg erklärte er: „Was die Wirtschafts- und es heute ein Ungleichgewicht gibt, so bin ich den­
Währungsunion anbelangt, so handelt es sich um noch davon überzeugt, dass die gemeinsame Wäh­
eine unumkehrbare, progressive und konsequente rung dieses politische Gegengewicht hervorbringen
Verpflichtung“ (5). Zugleich äußerte er sich – etwas wird. Wie könnte man sich eine unabhängige Zen­
überraschend – erfreut über „einen großen Schritt tralbank vorstellen, die stark ist und eine Währung
für 340 Millionen Menschen herausgibt, ohne dass
es gleichzeitig ein politisches und demokratisches
(1) Siehe etwa AHCE, KOM(91) PV 1082, 2. Teil, Sitzung vom 14. November
1991; KOM(91) PV 1084, 2. Teil, 27. November 1991; KOM(91) PV 1085, Gegengewicht gibt, ohne eine politische europäi­
4. Dezember 1991; KOM(91) PV 1086, 2. Teil, 11. Dezember 1991. sche Persönlichkeit?“ (6)  Mit anderen Worten: Der
(2) Pressemitteilung IP/91/1063, „Erklärung der Kommission zu den beiden
Regierungskonferenzen zur Politischen Union und zur Wirtschafts- und Maastrichter Vertrag war ein wichtiger Fortschritt,
Währungsunion“, 27.  November 1991: http://europa.eu/rapid/press-
release_­I P-91-1063_de.htm. aber seine Schwächen waren derart, dass die Reform
( ) Jim Cloos führt die Enttäuschung darauf zurück, dass es nicht zu einer
3

engen Zusammenarbeit mit dem luxemburgischen Ratsvorsitz gekommen


war. Interview mit Jim Cloos, 4. Juli 2016.
(4) AHCE, KOM(91) PV 1086, a. a. O.
(5) Rede Delors’ vor dem Europäischen Parlament, 12.  Dezember 1991:
„Sitzungsperiode 1991-1992  – Ausführliche Sitzungsberichte vom 9. bis
13.  Dezember 1991“, Anhang zum Amtsblatt der Europäischen Gemein-
schaften: Verhandlungen des Europäischen Parlaments, Nr. 3-412, S. 283. (6) A. a. O., S. 285.
Kapitel 6 – Die Kommission und die institutionellen Reformen 169

der vertraglichen Grundlagen der EG/EU würde „Zunächst einmal wird in dieser Stellungnahme
fortgesetzt werden müssen (1). dazu aufgerufen, ein Europa für den Bürger auf­
zubauen. Hierzu muss erst einmal das europäische
Als die Regierungskonferenz von 1996 anlief, wa­ Gesellschaftsmodell vorangetrieben werden. Bei
ren die Rahmenbedingungen längst nicht mehr so diesem Thema sehe ich fünf Erfordernisse: deutli­
vorteilhaft. An die Stelle des Europa-Optimismus, chere Verteidigung der Menschenrechte, Festigung
der die späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre ge­ der Union des Rechts, Betonung der sozialen Di­
prägt hatte, war nunmehr – im Zeichen eines den mension – in diesem Zusammenhang rufen wir zur
gesamten Kontinent erfassenden wirtschaftlichen Einbeziehung des Sozialprotokolls in den Vertrag
Abschwungs, des schwierigen Ratifikationsprozes­ auf –, Einfügung eines Kapitels ‚Beschäftigung‘ in
ses des Maastrichter Vertrags und des angespannten den Vertrag. Dieser Punkt scheint mir von ganz we­
Verhältnisses zwischen den größeren europäischen sentlicher Bedeutung; die Union darf nicht mehr
Mächten, namentlich Frankreich und Deutsch­ nur in Sonntagsreden sagen, dass der Kampf gegen
land – eine eher bedrückte Stimmung getreten (2). die Arbeitslosigkeit allererste Priorität genießt, son­
Hinzu kam, dass Delors die Kommission verlassen dern muss dies auch unter Beweis stellen. Ich weiß
hatte und sein Nachfolger Jacques Santer das Auf­ natürlich, dass die Aufnahme eines solchen Kapitels
treten der Institution im Rahmen der Regierungs­ in den Vertrag allein das Problem nicht lösen wird.
konferenz weniger energisch steuerte (3). Ein Groß­ Doch bin ich davon überzeugt, dass die Aufnahme
teil der Verhandlungen wurde an den spanischen entsprechender Bestimmungen in den Vertrag ei­
Kommissar Marcelino Oreja delegiert, und eine nen Beitrag dazu leisten kann.“ (5) 
straffe Führung durch den Präsidenten war in den
internen Beratungen der Kommission deutlich we­ Dies war keineswegs nur ein rhetorischer Schnörkel
niger spürbar als unter Delors (4). des Kommissionspräsidenten. Die internen Diskus­
sionen der Kommission während der Ausarbeitung
Freilich konnten auch diese weniger günstigen Um­ der Stellungnahme zeigen den weitverbreiteten
stände der Kommission den Appetit auf weitere in­ Wunsch, die Regierungskonferenz zu nutzen, um
stitutionelle Veränderungen nicht verderben. Eher die Distanz, die zwischen den Spitzen der EU und
war das Gegenteil der Fall, wie Santer in seiner Rede der Bevölkerung in Europa wahrgenommen wurde,
vor dem Europäischen Parlament zur Stellungnah­ zu überbrücken (6). Ebenso großen Raum in den Er­
me der Kommission vom Februar 1996 deutlich wägungen der Kommission nahm die sich abzeich­
machte: Die Vertragsreform konnte zum Kampf nende Herausforderung der Erweiterung ein, die sie
der Kommission gegen den Euroskeptizismus bei­ bereits bei den Verhandlungen zum Maastrichter
tragen, indem sie die Relevanz des Integrationspro­ Vertrag umgetrieben hatte  (7). Fünf Jahre später,
zesses für den europäischen Bürger stärkte. als Österreich, Finnland und Schweden ihren Platz
in der EU eingenommen hatten und die Gespräche
über die Mitgliedschaft einer Reihe mittel- und ost­
europäischer Staaten auf gutem Wege waren, war
(1) Giuseppe Ciavarini Azzi bestätigt, dass Delors über den Vertrag enttäuscht
war. Interview mit Giuseppe Ciavarini Azzi, 30. September 2016. mehr als deutlich, dass die EU-Institutionen umfas­
(2) Der Schock durch das dänische „Nein“ zu Maastricht wird sehr deutlich in
AHCE, KOM(92) PV 1108, a. a. O.
(3) Cloos zufolge übte die Kommission „hinter den Kulissen“ größeren Ein­
fluss aus, als zu jener Zeit wahrgenommen wurde. Interview mit Jim Cloos, (5) „Sitzungsperiode 1995-1996 – Ausführlicher Sitzungsbericht vom 28. bis
4. Juli 2016. 29. Februar 1996“, Anhang zum Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaf-
(4) AHCE, PV(96) 1279, Sitzung vom 7. Februar 1996; PV(96) 1281, 2. Teil, ten: Verhandlungen des Europäischen Parlaments,