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LITERATUR UND THEORIE – ZWEI ENTFERNTE VERWANDTE?

Tom Poljanšek (Tübingen)

Die Welt ist einfach komisch, wenn man sie vom technischen Standpunkt ansieht; unprak-
tisch in allen Beziehungen der Menschen zueinander, im höchsten Grade unökonomisch und
unexakt in ihren Methoden; und wer gewohnt ist, seine Angelegenheiten mit dem Rechen-
schieber zu erledigen, kann einfach die gute Hälfte aller menschlichen Behauptungen nicht
ernst nehmen. 1

Theorie sollte keine Literatur sein. Theorie, so formulierte paradigmatisch Imma-


nuel Kant in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
im Hinblick auf die Philosophie, komme allein durch „fleißige und sorgsame Ar-
beit des Subjekts“ zustande, während eine bloß „vorgebliche Philosophie“, gegen
die er sich hier kritisch zu wenden versuchte, sich selbst auch noch damit rühme,
„nicht arbeiten“ zu müssen. 2 Philosophie, das klingt deutlich aus seinen Bemer-
kungen, soll kein Spiel, keine „Belustigung“ sein, 3 nicht Literatur und auch nicht
Rhetorik, sondern sorgfältige und genaue Arbeit, das Ergebnis redlicher Bemü-
hung. Theorie und Literatur, sie sollen nicht zu verwechseln sein. In kritischer
Absicht hat Jacques Derrida, der mitunter selbst in der Kritik stand, Literatur statt
Theorie zu betreiben, Kants Text aufgegriffen und sich selbst dabei als einen der
kritisierten ‚Mystagogen‘ präsentiert:
Unsere Mystagogen spielen also mit dem Gespenst und dem Schleier, sie ersetzen Evidenzen
und Beweise durch ‚Analogien‘ und ‚Wahrscheinlichkeiten‘; das sind ihre eigenen Worte,
Kant zitiert sie und nimmt uns zum Zeugen: Sehen Sie selbst, das sind keine wahren Philoso-
phen, sie greifen auf poetische Schemata zurück. Das alles ist Literatur. 4

Auch bei Jean-Paul Sartre, der ansonsten wenig Berührungsängste mit Literari-
schem an den Tag zu legen pflegte, findet sich eine ganz ähnliche Sorge hinsicht-
lich des Einbaus literarischer Motive in theoretische/philosophische Texte:
Wenn ich mich gehen lasse, eine literarische Wendung in einem philosophischen Werk zu
schreiben, habe ich immer den Eindruck, meinen Leser ein bisschen mystifizieren zu wollen:
Ich missbrauche sein Vertrauen. 5

1 Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek 1987, S. 37.


2 Immanuel Kant: „Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie“. In:
Kant’s gesammelte Schriften. Hg. v. der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaf-
ten. Berlin, Leipzig 1902ff., Bd. 8, S. 387–406, hier S. 389.
3 Ebd., S. 389.
4 Jacques Derrida: „Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie“.
In: Ders.: Apokalypse. Graz 1985, S. 43. Zit. n.: Eckhard Schumacher: Die Ironie der Unver-
ständlichkeit. Frankfurt/M. 2000, S. 268.
5 Jean-Paul Sartre: „L’écrivain et sa langue“. In: Situation IX. Paris 1972, S. 56; zit. n. Manfred
Frank: Stil in der Philosophie. Stuttgart 1992, S. 9.
28 Tom Poljanšek

Die Theorie nehme sich also bitte vor allem allzu Literarischen in Acht. Sie hüte
sich davor, sich zum Einbau rhetorischer Elemente in ihre Texte verführen zu las-
sen. Rein sei die Theorie, frei aller ästhetischen Formung, nur Gedanke, im
Grenzfall gar nur noch „Formelsprache des reinen Denkens“ und nicht ambigui-
täts- und ungenauigkeitsfreundliche „Sprache des Lebens“, wie Frege paradigma-
tisch in der Einleitung zu seiner Begriffsschrift unterschied. 6
Zu zeigen, dass die Unterscheidung von Literatur und Theorie ganz so trenn-
scharf nicht ausfallen sollte, ist eines der zentralen Anliegen dieses Beitrags. Ich
möchte demgegenüber sogar dafür werben, dass zwischen Literatur und Theorie
eine Nähe besteht, die sie als zwar unterscheidbare aber doch entfernt verwandte
sprachliche Unternehmungen erkennbar macht. Beide, so lässt sich vorgreifend
formulieren, kommen in je eigener Spezifik als „Verwalter[innen] der vagen Din-
ge“ in Betracht. 7 Damit wäre im Hinblick auf das hier anvisierte Projekt, sofern es
denn gelingt, auch die von Habermas an Derrida gerichtete Kritik abgewehrt, wo-
nach es diesem zentral darum gegangen sei, am Ende „alle Gattungsunterschiede
in einem umfassenden, alles einbegreifenden Textzusammenhang unter[gehen]“
zu lassen. 8 Im Gegenteil möchte der vorliegende Beitrag sowohl die spezifische
Differenz zwischen Literatur und Theorie veranschaulichen als auch zeigen, wo
und wie ein produktiver Grenzverkehr (bis hin zu einer partiellen Überlappung)
von Theorie und Literatur möglich und wünschenswert sein könnte.
Der Vorschlag soll zunächst in der Skizzierung einer Theorie regelorientierter
Textpraxis bestehen, die sowohl naturwissenschaftliche, geisteswissenschaftliche
und literarische Formen der Textpraxis umfassen könnte. Die Anlage des Aufsat-
zes sieht vor, die Überlegungen in einem Dreischritt zu entwickeln: Zunächst
möchte ich anhand einiger grundsätzlicher Überlegungen aus der philosophischen
Wissenschaftstheorie verdeutlichen, inwiefern sich die naturwissenschaftliche
Theoriepraxis als regelorientierte Textpraxis verstehen lässt. Dabei nehme ich vor
allem Bezug auf theoretische Ansätze und Überlegungen aus dem Bereich der
Wissenschaftstheorie. Ich möchte dabei zu zeigen versuchen, dass das Ideal der
Exaktheit eines der wesentlichen Charakteristika der wissenschaftlichen Theo-
riepraxis darstellt. Im zweiten Teil sollen die an der Philosophie der Naturwissen-
schaften entwickelten Konzepte am Beispiel der Philosophie versuchsweise auf
die geisteswissenschaftliche Theoriepraxis übertragen werden. Am Beispiel der
Auseinandersetzungen zwischen sogenannter ‚analytischer‘ und ‚kontinentaler‘
Philosophie soll sich hier zeigen, dass sich innerhalb der philosophischen Theo-
riepraxis vor allem zwei wesentliche Grundausrichtungen entwickelt haben, die
sehr verschiedene Antworten auf die Frage bereitstellen, wie mit Phänomenen der
Ambiguität und Vagheit innerhalb der Theorie zu verfahren ist. Im letzten Ab-

6 Gottlob Frege: Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des


reinen Denkens. Halle 1897, S. VI.
7 Paul Valéry: Cahiers/Hefte 2. Frankfurt/M. 1988, S. 475; zit. n. Peter Fuchs, der dem Zitat zu
einer neuen Popularität verholfen hat, vgl. ders.: Die Verwaltung der vagen Dinge. Gespräche
zur Zukunft der Psychotherapie. Heidelberg 2011.
8 Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 1988, S. 224.
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 29

schnitt schließlich soll mithilfe der entwickelten Überlegungen das Verhältnis von
Theorie und Literatur noch einmal eigens reflektiert werden. Die beiden Haupt-
thesen des Beitrags sollen dabei lauten: 1. Sowohl bei der naturwissenschaftlichen
und der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung als auch bei der Literatur han-
delt es sich im Kern um Formen regelorientierter Textpraxis, die jeweils durch
verschiedene, verschieden deutlich explizierbare Regeln charakterisierbar sind,
wobei der Grad der Explizierbarkeit dieser Regeln – ausgehend von den Natur-
wissenschaften (mit der Mathematik an deren Spitze) bis hin zur Literatur schritt-
weise abzunehmen scheint. 2. Das vor allem in den Naturwissenschaften zentrale
und funktionale methodische Ideal der Exaktheit sollte durch ein Ideal der ange-
messenen Unschärfe ergänzt werden, wobei gerade die Literatur als eine der zent-
ralen Gesprächspartnerinnen der Theorie in den Blick rückt.

Die naturwissenschaftliche Theoriepraxis

Zur ersten Orientierung möchte ich mit dem Konzept des ‚Sprachspiels‘ beginnen,
das Ludwig Wittgenstein (vor allem in den Philosophischen Untersuchungen)
entwickelt hat und das im Laufe der folgenden Überlegungen zur Beschreibung
der verschiedenen Typen von Textpraxis beitragen soll. ‚Sprachspiele‘ sind nach
Wittgenstein Äußerungszusammenhänge, die jeweils durch einen verschieden
deutlich explizierbaren Spielraum der Angemessenheit Äußerungen als zu sich
gehörig erkennbar werden lassen. ‚Sprachspiele‘ besitzen keine eindeutigen Rän-
der und Grenzen, sind ausgezeichnet durch eine spezifische Unschärfe im Hin-
blick auf die Zulässigkeit möglicher Anschlüsse:
Kannst du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen: denn es sind noch keine ge-
zogen. […] Wir kennen die Grenzen nicht, weil keine gezogen sind. 9

Die Frage der Zugehörigkeit oder Zuordnung einer Äußerung zu einem ‚Sprach-
spiel‘ scheint damit beobachterabhängig in dem Sinn zu sein, dass die jeweiligen
Spieler performativ (durch Weiterspielen oder Aufhören) darüber entscheiden, ob
eine Äußerung noch zum Sprachspiel gehört oder nicht, wo genau die Zugehörig-
keitsgrenzen für einzelne Äußerungen von Fall zu Fall neu gezogen werden sol-
len. Die Regeln des Spiels zeichnen sich also durch eine gewisse unvermeidbare
Unschärfe aus, 10 die einzelne Regel besitzt – da sie häufig weder explizit formu-
liert noch explizit formulierbar ist – keine „imperative Gewalt über die sprechen-
den Individuen“ und ist vielmehr „eine Virtualität, eine Potenz, die erst im kon-
kreten, wirklichen Sprechen sich artikuliert“. 11

9 Ludwig Wittgenstein: „Philosophische Untersuchungen“. In: Ludwig Wittgenstein. Werkaus-


gabe. Bd. 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914–1916. Philosophische Unter-
suchungen. Frankfurt/M. 1997, S. 225–580, hier S. 279.
10 Interessanterweise findet sich bei Schleiermacher eine ähnliche Überlegung zur Unschärfe
des Regelfolgens im Hinblick auf Sprachverstehen. Vgl. Frank: Stil (wie Anm. 5), S. 44ff.
11 Ebd., S. 36.
30 Tom Poljanšek

In der Wissenschaftstheorie hat sich seit Thomas Kuhns Die Struktur wissen-
schaftlicher Revolutionen weitestgehend die Vorstellung durchgesetzt, dass der
Fortschritt der Naturwissenschaften diskontinuierlich verläuft und durch die An-
nahme oder Verwerfung spezifischer „Paradigmen“ strukturiert wird. 12 Diese Pa-
radigmen fungieren dabei – ähnlich wie die Regeln in wittgensteinschen ‚Sprach-
spielen‘ – als regulierende Vorbilder, die die Zulässigkeit theoretischer Manöver
restriktiv vorstrukturieren, ohne diese dabei allerdings eindeutig vorherzube-
stimmen. Paradigmen erscheinen somit als notwendige Ermöglichungsbedingun-
gen wissenschaftlicher Forschung, indem sie die Wissenschaftler mit grundsätzli-
chen Vorstellungen und Annahmen ausstatten, an denen sie ihre Forschungspraxis
ausrichten. Sind diese etabliert, orientiert sich die wissenschaftliche Praxis in den
von Kuhn sogenannten Phasen der „Normalwissenschaft“ am „puzzle-solving“,
an der Lösung derjenigen Aufgaben und Probleme, die das jeweilige Paradigma
gewissermaßen algorithmisch zur Lösung vorzeichnet, ohne dabei deren Lösun-
gen eindeutig vorzugeben. Welche theoretischen Thesen und Texte als dem jewei-
ligen Paradigma zugehörig anerkannt werden, wird also durch dieses selbst limi-
tiert. Für die naturwissenschaftliche Theoriepraxis möchte ich dabei davon ausge-
hen, dass es – neben grundsätzlichen Zulässigkeitsregeln wie ‚logischer Kohä-
renz‘, ‚empirischer Angemessenheit‘ und ‚ontologischer Sparsamkeit‘, die auch in
den Geisteswissenschaften mehrheitlich als Paradigmen der Theoriepraxis aner-
kannt sind – vor allem das methodische Ideal der Exaktheit ist, das die naturwis-
senschaftliche Text- und Forschungspraxis in ihrer Spezifik bestimmt.
Die Strenge der mathematischen Naturwissenschaft ist die Exaktheit. Alle Vorgänge müssen
hier, wenn sie überhaupt als Naturvorgänge in die Vorstellung kommen sollen, im voraus als
raum-zeitliche Bewegungsgrößen bestimmt sein. 13

Das naturwissenschaftliche Wissen, so auch die zentrale These des französischen


Wissenschaftstheoretikers Gaston Bachelard, kommt erst durch einen epistemolo-
gischen Bruch („rupture épistémologique“) mit unserer Alltagserfahrung und den
„gewöhnlichen Bedeutungen“ unserer vagen Alltagsbegriffe zustande, welche
durch präzise und vor allem auch quantifizierbare Größen ersetzt werden sollen. 14
Mit diesem Exaktheits-Ideal einher geht ein grundsätzliches Misstrauen gegen-
über Alltagserfahrung und alltäglicher Sprachverwendung. Diese stehen im Ver-
dacht, Quelle von Missverständnissen und „Täuschungen“ zu sein, „die durch den
Sprachgebrauch über die Beziehungen der Begriffe oft fast unvermeidlich entste-
hen“. 15 Insofern arbeitet die Wissenschaft stets ‚normativ‘: 16 An die Stelle der

12 Thomas Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions. Chicago 1962.


13 Martin Heidegger: „Die Zeit des Weltbildes“. In: Ders.: Gesamtausgabe. Bd. 5. Holzwege.
Frankfurt/M. 1977, S. 75–115, hier S. 79.
14 Gaston Bachelard: Epistemologie. Ausgewählt von Dominique Lecourt. Frankfurt/M. 1993,
S. 50.
15 Frege: Begriffsschrift (wie Anm. 6), S. VI.
16 Zum normativen Charakter der Philosophie vgl. Jürgen Habermas: „Philosophie und Wissen-
schaft als Literatur?“ In: Ders.: Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze.
Frankfurt/M. 1988, S. 242–266, hier S. 245ff. In eine ähnliche Richtung zielt Gottfried Gab-
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 31

unsauberen und unscharfen Begriffe der Alltagssprache setzt sie präzisierte termi-
ni technici, die möglichst eindeutig – durch andere ihrerseits hinreichend scharf
definierte Begriffe – definierbar, empirifizierbar und insofern experimentell aus-
weisbar sind. 17 Im Hinblick auf den Fortschritt der Naturwissenschaften scheinen
es dabei vor allem das Experiment und die Mathematisierung – als zwei ihrer
zentralen Regel- und Orientierungsgeber – zu sein, die als Korrektive deren Fort-
schritt und Entwicklung vorstrukturieren und ihr so ihre Kontinuität gewährleis-
ten. So sprach auch Thomas Kuhn trotz seines Festhaltens an der These, dass ver-
schiedene Paradigmen generell ‚inkommensurabel‘ (also unvergleichbar) seien,
davon, dass die Kontinuität und der Fortschritt der Forschung wesentlich durch
die Apparate gewährleistet würden, die immer größere Phänomenbereiche instru-
mentell erfolgreich prognostizierbar machen. 18
Interessant ist allerdings, dass Kuhns Begriff des Paradigmas auch selbst
schon durch eine gewisse Unschärfe ausgezeichnet ist. 19 So ist es Kuhn zufolge
unter anderem auch eine zentrale Aufgabe des Paradigmas, „[to] supply the group
with preferred or permissible analogies and metaphors“. 20 „By doing so they help
to determine what will be accepted as an explanation and as a puzzle-solution
[…].“ 21 Fasst man Paradigmen also auch als beispielhafte Muster zur Lösung the-
oretischer Probleme auf, so wird deutlich, dass es sich bei ihnen nicht ausschließ-
lich um axiom-analoge und sprachlich scharf formulierbare Regeln handelt, wie
man sie etwa in Axiomensystemen der Mathematik formuliert findet. Man könnte
nun davon ausgehen, dass, je weiter man sich von der Seite der naturwissenschaft-
lichen Theoriepraxis der Textpraxis der Literatur nähert, die Explizierbarkeit der
Regeln sukzessive abnimmt, sodass sich ein für die künstlerische Literatur vor
allem relevantes Paradigma wie der Stil – wie Manfred Frank zu zeigen versucht
hat – „gegen die Subsumtion unter Regeln“ sperrt, 22 wir uns zwar „allgemeiner
Regeln bewusst sind, deren Anwendung [aber] nicht wieder auf Regeln gebracht
werden kann“. 23
Fasst man die naturwissenschaftliche Theoriepraxis nun ihrerseits als ein
‚Sprachspiel‘ im Sinne Wittgensteins auf, so wird deutlich, dass sich spezifische

riel, wenn er über den „therapeutischen Anspruch“ der Philosophie Berkeleys spricht. Vgl.
Gottfried Gabriel: „Literarische Form und nicht-propositionale Erkenntnis in der Philoso-
phie“. In: Gottfried Gabriel und Christiane Schildknecht (Hg.): Literarische Formen der Phi-
losophie. Stuttgart 1990, S. 1–25, hier S. 20.
17 Eine diesem Ideal entsprechende Forderung innerhalb der Philosophie entfaltet Dirk Grei-
mann: „Regeln für das korrekte Explizieren von Begriffen“. In: Zeitschrift für philosophische
Forschung 61,3 (2007), S. 261–282.
18 Vgl. das Postscript zu Kuhn: Structure (wie Anm. 12).
19 Margaret Masterman hat 21 verschiedene Bedeutungen des Paradigma-Begriffs bei Kuhn
ausgemacht, vgl. dies.: „The Nature of a Paradigm“. In: Imre Lakatos (Hg.): Criticism and the
Growth of Knowledge. Cambridge 1970, S. 59–90.
20 Kuhn: Structure (wie Anm. 12), S. 184.
21 Ebd.
22 Frank: Stil (wie Anm. 5), S. 15.
23 Friedrich Schleiermacher: Sämtliche Werke. Abt.1. Bd. 1. Berlin 1843, S. 56; zit. n. Frank:
Stil (wie Anm. 5), S. 44.
32 Tom Poljanšek

Regeln der Zulässigkeit kommunikativer Äußerung explizieren lassen, die in den


jeweiligen Teilbereichen naturwissenschaftlicher Forschung divergieren können,
wobei diese dann als Mikro-Sprachspiele innerhalb ein und desselben Makro-
Sprachspiels beschrieben werden können. Man kann dabei auch schon innerhalb
der Naturwissenschaften davon ausgehen, dass sich die verschiedenen Regeln
nach dem Grad ihrer Explizierbarkeit unterscheiden lassen. Kohärenzkriterien und
empirische Angemessenheitskriterien lassen sich womöglich präzise formulieren,
während, wie schon angedeutet, akzeptierbare Stil-Gepflogenheiten sich nur durch
Gewohnheit erlernen lassen und im Übrigen auch in vielen Forschungskontexten
keine besondere – nicht aber keine – Relevanz besitzen.
Im Laufe der folgenden Überlegungen möchte ich nun zu zeigen oder zumin-
dest zu plausibilisieren versuchen, dass es vor allem das Ideal der Exaktheit ist,
das die grundsätzliche Skepsis gegenüber literarischen Figuren und Beschreibun-
gen innerhalb der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung befördert. Ich werde
dabei für eine Position plädieren, die das methodische Ideal der Exaktheit durch
ein Ideal der angemessenen Unschärfe ergänzt – wobei sich beide dann möglich-
erweise in einem einzigen Ideal des angemessenen „Auflösegrades“ 24 zusam-
menfassen lassen. Die Literatur könnte sich dabei als eines derjenigen Gebiete
ausweisen, das konstitutiv mit einer spezifischen Kompetenz zum Umgang mit
und zur Erzeugung von Unschärfen ausgestattet ist.

Die geisteswissenschaftliche Theoriepraxis

Wirft man nun exemplarisch einen Blick auf die Entwicklung der Philosophie 25,
so wird schnell deutlich, dass es hier gegenüber den Naturwissenschaften viel
schwieriger ist, zu sagen, worin – historisch betrachtet – Kriterien für die Beur-
teilbarkeit ihres möglichen Fortschritts überhaupt begründet liegen könnten bezie-
hungsweise ob man von einem solchen Fortschritt hier überhaupt sinnvoll spre-
chen kann. So vertritt etwa Martin Heidegger die These, dass „auf keine Weise
einsichtig gemacht werden kann, daß die einzelnen Philosophien und Epochen der
Philosophie im Sinne der Notwendigkeit eines dialektischen Prozesses auseinan-
der hervorgehen.“ 26 Die Schwierigkeit und Herausforderung solcher Großtheorie-
unterfangen, wie die Philosophie exemplarisch eines darstellt, ist, dass nicht ohne
weiteres klar ist, was paradigmatische Erfolgskriterien für entsprechende Theorie-
vorschläge, geschweige denn entsprechende Kriterien für die Beurteilbarkeit eines
Fortschritts in der Sache selbst sein könnten – die Regeln der Zulässigkeit neuer
Theorieangebote scheinen hier sehr viel unschärfer zu sein, als das in den Natur-

24 Ich übernehme diese instruktive Metapher von Geert Keil: „Halbglatzen statt Halbwahrheiten.
Über Vagheit, Wahrheits- und Auflösungsgrade“. In: Martin Grajner u. Adolf Rami (Hg.):
Wahrheit, Bedeutung, Existenz. Frankfurt/M. 2010, S. 57–86, hier S. 70ff.
25 Ich verwende den Begriff ‚Philosophie‘ den gesamten Text hindurch ‚unscharf‘ im Sinne des
Wittgensteinschen Sprachspiels, dazu überdies synonym mit dem Begriff ‚Theorie‘.
26 Martin Heidegger: Was ist das – die Philosophie? Pfullingen 1956, S. 18.
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 33

wissenschaften der Fall ist. Hinzu tritt dabei noch die Schwierigkeit, dass die
Fachbezeichnung „Philosophie“ die Einheit einer Sache suggeriert, von der Ed-
mund Husserl schon 1897 zu berichten wusste, dass es schwer sei einzusehen, wie
sie sich dem „Ideal der Einigkeit nähern und in die Bahn eines festen Fortschritts
kommen soll, wenn die einzelnen Forscher umeinander unbekümmert, sozusagen
aneinander vorbeiphilosophieren“ würden. 27 Aus dieser Äußerung spricht noch
ein vorsichtiger Optimismus, der eine mögliche Einheit des Fachs antizipierend
vorwegnimmt oder doch zumindest als regulative Idee unterstellt, um von seinen
Vertretern die Suche nach „kritische[r] Ausgleichung“ einzufordern. 28
Das Beispiel Husserls ist an dieser Stelle nicht zufällig gewählt: Als einer der
Begründer der ‚Phänomenologie‘ kann er als einer derjenigen Autoren beschrie-
ben werden, die Michel Foucault als „Diskursivitätsbegründer“ bezeichnet. 29 Die
Wirkungsgeschichte der Phänomenologie erstreckt sich von ihm über „Heidegger,
Sartre, Merleau-Ponty, Lévinas u.v.a.“ und stellt bis heute eine der zentralen phi-
losophischen Strömungen dar. 30 Ihr gegenüber steht eine wahrscheinlich noch
wirkmächtigere Tradition, die oft als ‚Sprachanalyse‘ oder auch als ‚analytische
Philosophie‘ gekennzeichnet wird. Zu deren Gründervätern gehören unter ande-
rem Gottlob Frege, Bertrand Russell und Rudolf Carnap, in dessen erstem Haupt-
werk Der logische Aufbau der Welt (1928) sich ein der Husserlschen Hoffnung
auf „kritische Ausgleichung“ deutlich entgegengesetzte Vorstellung vom Fort-
schritt der Philosophie findet. Den Gang der Philosophie metaphorisch mit dem
Bau eines Gebäudes vergleichend schreibt dieser hier im Vorwort:
Wenn wir dem Einzelnen in der philosophischen Arbeit ebenso wie in der Fachwissenschaft
nur eine Teilaufgabe zumessen, so glauben wir, um so zuversichtlicher in die Zukunft blicken
zu können […]. So wird sorgsam Stein zu Stein gefügt und ein sicherer Bau errichtet, an dem
jede folgende Generation weiterschaffen kann. 31

Carnap verlässt sich offenbar auf die aus der erfolgreichen naturwissenschaftli-
chen Arbeitsteilung entlehnte Vorstellung, dass bei Wahrung der nötigen Sorgfalt
im jeweils eigenen philosophischen Spezialgebiet am Ende ein einheitlicher und
„sicherer Bau“ entstehen könne (und nicht etwa eine Menge unfertiger und halb-
hoher Theoriegebäude). Carnap unterscheidet dabei grundsätzlich eine dunkel
dichtende von einer sorgsam arbeitenden Philosophie: So stellt er dem „philoso-
phisch Arbeitenden“ die „Haltung des Philosophen alter Art“ entgegen, die mehr
„der eines Dichtenden“ zu vergleichen sei. 32 „Klarheit der Begriffe, Sauberkeit
der Methoden, Verantwortlichkeit der Thesen“ stellen für ihn demgegenüber lei-

27 Edmund Husserl: „Bericht über deutsche Schriften zur Logik aus dem Jahr 1894“. In: Archiv
für systematische Philosophie 3 [1897], S. 228; zit. n. Hans Blumenberg: Beschreibung des
Menschen. Frankfurt/M. 2006, S. 21.
28 Ebd., S. 228.
29 Michel Foucault: Schriften zur Literatur. Frankfurt/M. 2003, S. 252ff.
30 Herbert Schnädelbach: „Phänomenologie und Sprachanalyse“. In: Ders.: Philosophie in der
modernen Kultur. Vorträge und Abhandlungen 3. Frankfurt/M. 2000, S. 230–255, hier S. 230.
31 Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt. Hamburg 1966, S. XIX.
32 Ebd.
34 Tom Poljanšek

tende Paradigmen philosophischer Forschungspraxis dar. 33 Ganz ähnliche Unter-


scheidungen finden sich auch 68 Jahre später beim ‚analytischen‘ Philosophen
Dagfinn Føllesdal, der sich in einem Aufsatz an der Unterscheidung von ‚konti-
nentaler‘ und ‚analytischer‘ Philosophie versucht. Offenbar unter dem Eindruck
eines grundsätzlichen Gegenwinds gegen analytische Methoden in vielen Zweigen
der Philosophie wendet er sich zunächst kritisch gegen jede Form von ‚Labelling‘
und einem mit diesem oft verbundenen Hang zur vereinfachenden Polemik. Ähn-
lich wie Carnap wirbt er für eine Philosophie, die vor allem „Argument“ und „Be-
gründung“ als grundlegende Paradigmen ihrer Forschungsarbeit ansetzt. Dabei
erscheint zunächst unklar, wie er auch selbst bemerkt, welche Philosophen so un-
scharf formulierten Zugehörigkeitskriterien eigentlich nicht grundsätzlich zu-
stimmen würden. 34 Aber Føllesdal führt selbst zwei Beispiele an (Heidegger und
Derrida), über die er dann kurz und kompakt feststellt: „Instead of arguments and
justification, they predominantly make use of rhetoric; one finds in their work
many of the traditional rhetorical devices.“ 35 Auch bei ihm findet sich also eine
Unterscheidung von ‚redlicher‘ und ‚unredlicher‘ Theorie, die sich an der Diffe-
renz von Literatur/Rhetorik und Argument/Logik orientiert. Sprechend ist hierbei
Føllesdals Folgerung, dass seiner Definition nach die Wendung „analytische Phi-
losophie“ letztlich einer Tautologie gleichkomme. 36 Alle andere Formen von Phi-
losophie, so muss man hieraus folgern, stellen dann offenbar bloß „vorgebliche
Philosophie“ (Kant) dar – es handelt sich bei ihnen also entweder um Rhetorik
oder Literatur.
Für die hier behandelte Frage ist dabei zunächst relevant, dass auch innerhalb
der Philosophie synchrone paradigmatische Divergenzen erkennbar sind, die sich
jeweils an mehr oder weniger deutlich explizierbaren Vorbildern orientieren, die
entweder, wie auch Føllesdal beschreibt, durch einzelne Autoren, spezifische
Probleme, bestimmte thesenartige Voraussetzungen oder Methoden dargestellt
werden. Auch die geisteswissenschaftliche Theorie bleibt also auf paradigmati-
sche Vorbestimmungen angewiesen, die sie nicht ihrerseits zu begründen vermag,
sondern jeweils als schon gültig voraussetzen muss. In einem Aufsatz mit dem
Titel „Die Praxis der Theorie“ liefert Niklas Luhmann eine an diesen Gedanken
leicht anknüpfbare funktionalistische Definition von ‚Werten‘, die er als „Regeln
der Vorziehungswürdigkeit von Handlungen“ beschreibt, deren Annahme „einem
Bereich möglicher Selektion Struktur“ verleihe. 37 „Ohne solche Strukturen kann
man nicht rational, sondern allenfalls nach dem Prinzip der Indifferenz wählen.“ 38
Diese Definition fügt sich nahtlos in die bisherigen Ausführungen zum Regelfol-
gen und den paradigmatischen Voraussetzungen innerhalb der wissenschaftlichen

33 Ebd., S. XX.
34 Dagfinn Føllesdal: „Analytic Philosophy. What is it and why should one engage in it?“. In:
Ratio 9,3 (1996), S. 193–208.
35 Ebd., S. 204.
36 Ebd., S. 206.
37 Niklas Luhmann: „Die Praxis der Theorie“. In: Ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze
zur Theorie sozialer Systeme. Wiesbaden 1970, S. 317–335, hier S. 319.
38 Ebd., S. 319.
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 35

Text- und Theoriepraxis. Die Annahme der Notwendigkeit solcher Wertvoraus-


setzungen hat dann auch Folgen für die Möglichkeit und Reichweite interpara-
digmatischer Kritik: Im Grunde kann diese nur dann erfolgreich operieren, wenn
der Kritisierte im Hinblick auf die durch das von ihm vorausgesetzte Paradigma
gewährleistete Orientierung eines theoriepraktischen Regelbruchs überführt wer-
den kann. Jede Kritik setzt geteilte Maßstäbe voraus, die bei faktischer Nichtge-
teiltheit die Kritik ins Leere laufen lassen müssen. Im Hinblick auf das geforderte
Exaktheitsideal, das als einer dieser vorauszusetzenden – und seinerseits nicht
noch einmal eigens begründbaren – ‚Werte‘ innerhalb der eher analytisch ausge-
richteten Theorietradition erscheint, hat Wittgenstein diese Konsequenz – in einer
Wendung gegen seine eigene Frühphilosophie – mit aller Deutlichkeit in den
Blick gehoben:
Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwi-
schen ihr und unserer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht erge-
ben; sondern sie war eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht
nun, zu etwas Leerem zu werden. 39

Umso schlimmer für die alltagssprachlichen Tatsachen, könnte man meinen. Und
in der Tat hat Russell in genau diese Richtung zielend über den späten Wittgen-
stein bemerkt, dass er „seems to have grown tired of serious thinking and to have
invented a doctrine which would make such an activity unnecessary“. Nicht für
einen Augenblick könne er, Russell, an eine Doktrin glauben, „which has these
lazy consequences“. Würde man ihr folgen, bemerkt er, so würde die Philosophie
„at best, a slight help to lexicographers and at worst, an idle tea-table amuse-
ment“. 40 Es ist interessant und konsequent zugleich, dass Russell an dieser Stelle
Wittgenstein eigentlich nicht ‚kritisiert‘ – wie sollte er auch, wenn er dessen
grundlegende „Doktrin“ nicht zu teilen bereit ist –, sondern nur auf die Konse-
quenzen dieser Doktrin aufmerksam und zugleich deutlich macht, dass diese mit
seiner Vorstellung von Philosophie als „serious thinking“ nicht übereinstimmen.
Meine Vermutung ist, dass sich in diesen und ähnlichen Äußerungen ein ganz
grundsätzliches Problem bemerkbar macht, das die Frage nach dem Verhältnis
von Philosophie und Literatur in ihrem Kern betrifft: die Frage nach den anzu-
setzenden Exaktheitsmaßstäben für innerhalb der Theorie verwendbare Begriffe
und Beschreibungen. Die vermeintliche oder wirkliche Divergenz zwischen ‚ana-
lytischer‘ und ‚kontinentaler‘ Philosophie ließe sich insofern – jenseits aller ge-
genseitigen Polemiken – auch als eine paradigmatische Problemerörterung lesen.
Ich möchte diese These im nächsten Abschnitt noch einmal verdeutlichen.

39 Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 1. Tractataus logico-philosophicus. Tagebücher


1914–1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M. 2006, S. 297.
40 Bertrand Russell: My philosophical development. New York 1959, S. 216f.
36 Tom Poljanšek

Konstitutive Vagheiten

Das Ideal der Exaktheit wurde und wird gerade in der Tradition, die man häufig
als ‚analytisch‘ bezeichnet findet, als besonders relevant eingestuft. 41 Oben habe
ich bereits Freges Unterscheidung seiner „Formelsprache des reinen Denkens“,
aus der im Idealfall alles Anschauliche getilgt sei, von der „Sprache des Lebens“
erwähnt, die von der „Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist“ be-
stimmt sei, welche zu „brechen“ er als Aufgabe der Philosophie ansieht. 42 Bei
Quine findet sich das Exaktheits-Ideal prägnant als Bestimmung dessen formu-
liert, was er die ‚Explikation‘ von Begriffen nennt: „By an explication we un-
derstand the transformation of an inexact prescientific concept, the explicandum,
into an exact concept, the explicatum.“ 43 Für Quine ist es dabei vor allem die
„Vagheit“ der alltagssprachlichen Begriffe, die der philosophischen Analyse im
Wege steht. 44 Aber was genau soll die Forderung nach Reinheit und Exaktheit
hier bedeuten? Man täte zumindest Frege unrecht, wenn man ihm nicht eine ge-
wisse Sensibilität für das Problem der angemessenen Exaktheit zuerkennte. Er
selbst wählt bezeichnenderweise einen metaphorischen Vergleich, mit dem er, wie
er selbst sagt, das Verhältnis seiner „Begriffsschrift zu der Sprache des Lebens
[…] am deutlichsten machen zu können“ glaubt. 45 Er vergleicht dieses mit dem
Verhältnis von Mikroskop und Auge, wobei das Letztere „durch den Umfang sei-
ner Anwendbarkeit, durch die Beweglichkeit, mit der es sich den verschiedensten
Umständen anzuschmiegen weiss, eine grosse Ueberlegenheit vor dem Mikro-
skop“ besitze:
Als optischer Apparat betrachtet, zeigt es freilich viele Unvollkommenheiten, die nur in Folge
seiner innigen Verbindung mit dem geistigen Leben gewöhnlich unbeachtet bleiben. Sobald
aber wissenschaftliche Zwecke grosse Anforderungen an die Schärfe der Unterscheidung stel-
len, zeigt sich das Auge als ungenügend. Das Mikroskop hingegen ist gerade solchen Zwe-
cken auf das vollkommenste angepasst, aber eben dadurch für alle anderen unbrauchbar. 46

Was an diesem Vergleich vor allem eindrücklich erscheint, ist die funktionale
Rechtfertigung des Schärfe-Ideals, die Frege uns hier anbietet. Sie impliziert eine
(zumindest teilweise) Relativierung seiner zunächst recht polemisch anmutenden
Ausführungen zur „Sprache des Lebens“. Im Hinblick auf verschiedene mögliche
Zwecke, die Forschungs- oder Beschreibungsziele einer Untersuchung, erschienen
dann verschiedene Schärfe-, bzw. ‚Auflösegrade‘ als angemessen. 47 Man könnte
aus dieser Andeutung ablesen, dass Frege hier letztlich ein Ideal der angemesse-

41 Vgl. weiterführend zum Exaktheitsideal in der Philosophie Greimann: „Regeln“ (wie Anm.
16) sowie Rainer W. Trapp: „Exaktheit in der Philosophie“. In: Zeitschrift für allgemeine
Wissenschaftstheorie 9,2 (1978), S. 307–336.
42 Frege: Begriffsschrift (wie Anm. 6), S. VI.
43 Willard Van Orman Quine: Word and Object. Cambridge/MA 1960, S. 1; zit. n. Greimann:
„Regeln“ (wie Anm. 16), S. 263.
44 Ebd., S. 260.
45 Frege: Begriffsschrift (wie Anm. 6), S. V, Hervorhebung von mir.
46 Ebd., S. V.
47 Vgl. Keil: „Halbglatzen statt Halbwahrheiten“ (wie Anm. 24), S. 70ff.
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 37

nen Auflösegrade vorschwebte, dem er – indem er den Vergleich als das pas-
sendste Ausdrucksmittel des Verhältnisses seiner Überlegungen zur „Sprache des
Lebens“ wählt – auch auf performativer Ebene nachkommt. Eine Forderung, die
sich prominent schon bei Aristoteles findet:
Die genaue Schärfe der Mathematik aber darf man nicht für alle Gegenstände fordern, son-
dern nur für die stofflosen. Darum paßt diese Weise nicht für die Wissenschaft der Natur,
denn alle Natur ist wohl mit Stoff behaftet. 48

Meine These ist nun, dass es viele Phänomenbereiche gibt, deren mögliche Be-
schreibungen dem aus den Naturwissenschaften übernommenen Ideal der Exakt-
heit nicht genügen können – und zwar prinzipiell nicht. Zwar sind diese Phäno-
mene durch sprachliche Beschreibungen erschließbar, ihnen haftet aber immer
eine gewisse konstitutive Vagheit an, die letztlich nicht eliminierbar ist. Die An-
fertigung treffender Beschreibungen für vage Phänomene scheint nun eine – nicht
die einzige – der zentralen Kompetenzen der Literatur zu sein. Das „Qualitative“
der Sinnesempfindungen, „Gefühle und Stimmungen“ und das „nichtpropositiona-
le Selbstbewusstsein“ sind Phänomene, deren gelungene Beschreibung nicht wis-
senschaftlich algorithmisierbar ist. 49 Martin Heidegger geht in diesem Punkt –
hierhin Aristoteles folgend – sogar so weit, dem naturwissenschaftlichen Ideal der
„Exaktheit“ eine „Strenge“ der geisteswissenschaftlichen Theoriepraxis entgegen-
zustellen, die „notwendig unexakt“ sei:
Dagegen müssen alle Geisteswissenschaften, sogar alle Wissenschaften vom Lebendigen, ge-
rade um streng zu bleiben, notwendig unexakt sein. […] Das Unexakte der historischen Geis-
teswissenschaften ist kein Mangel, sondern nur die Erfüllung einer für diese Forschungsart
wesentlichen Forderung. 50

In der jüngeren Diskussion über das Verhältnis von Philosophie und Literatur ha-
ben sich Versuche etabliert, die – in eine ähnliche Richtung zielend – neben der
propositionalen Erkenntnis, die der Philosophie als Kernkompetenz zugeschrieben
wird, auch die Rede von nicht-propositionalen Formen von Erkenntnis zu akzep-
tieren gewillt sind. Eine solche nicht-propositionale Erkenntnis ließe sich dann –
so die These – vor allem durch literarische Mittel darstellen. So argumentiert etwa
Gottfried Gabriel dafür, nicht-propositionale Formen von Erkenntnis in der Philo-
sophie zuzulassen. 51 In eine ähnliche Richtung wie Gabriel hatte schon Manfred

48 Aristoteles: Metaphysik. Reinbek 2010, S. 75 (995a); ähnliche Formulierungen finden sich in


der Nikomachischen Ethik (1094b). Bei Wittgenstein finden sich analoge Ausführungen zur
Angemessenheit von Auflösegraden: „Und überlegen wir uns doch, was wir […] eine exakte
Erklärung nennen! Etwa das Abgrenzen eines Bezirks durch einen Kreidestrich? Da fällt uns
gleich ein, daß der Strich eine Breite hat. Exakter wäre also eine Farbgrenze. Aber hat denn
diese Exaktheit hier noch eine Funktion; läuft sie nicht leer?“ Wittgenstein: Philosophische
Untersuchungen (wie Anm. 39), S. 290.
49 Schnädelbach: „Phänomenologie und Sprachanalyse“ (wie Anm. 30), S. 254.
50 Heidegger: „Zeit des Weltbildes“ (wie Anm. 13), S. 79.
51 Vgl. Gabriel: „Literarische Form und nicht-propositionale Erkenntnis“ (wie Anm. 16); ders.:
„Literarische Form und philosophische Methode“. In: Gunter Gebauer [u.a.] (Hg.): Wittgen-
stein. Philosophie als „Arbeit an Einem selbst“. München 2009, S. 195–205.
38 Tom Poljanšek

Frank argumentiert, der literarischen Aspekten von Texten vor allem eine „welter-
schließende“ Kompetenz zuerkennt, die er gegen das in der Philosophie dominie-
rende „wahrheitspflichtige Argumentieren“ setzt, 52 wobei es auch Frank darum
geht, gegen Habermas zwischen Philosophie und Literatur keinen „unüberbrück-
baren Abgrund“ aufreißen zu lassen und stattdessen für „Unterschiede des Gra-
des“ zwischen beiden Disziplinen zu werben. 53 Die These von der Möglichkeit
nicht-propositionaler Erkenntnis bekommt bei ihm dabei eine ganz ähnliche Ge-
stalt wie bei Gabriel, der das Ziel dieser Erkenntnis als die Erreichung einer
„propositionalen Einstellung“ bestimmt hatte, die ihrerseits aber – als Einstellung
– „nicht-propositional“ sei, wobei er diese explizit in die Nähe von Kuhns Para-
digmenbegriff stellt. 54 Frank formuliert hier etwas leichtfüßiger: „Poesie liefert
Proto-Propositionen“ – und meint damit die „Eröffnung eines Raums von Ver-
ständlichkeit, in den Propositionen allererst einziehen können“. 55 So einleuchtend
ein solches grundsätzliches Votum für nicht-propositionale Formen der Erkennt-
nis in Philosophie und Literatur auch ist, scheint es mir aber doch noch keine
Antwort auf das durch das Exaktheits-Ideal gestellte Problem der konstitutiven
Vagheit mancher Phänomene bereitzustellen. Es ist in dieser Hinsicht bezeich-
nend, dass Gabriel seinen Vorschlag, literarische Formen in der Philosophie zuzu-
lassen, am Ende seiner Erläuterungen durch eine nachdrückliche Wiederentzwei-
ung der Philosophie konterkariert:
Insbesondere die Universitätsphilosophie wird sich tunlichst selbst gewisse Beschränkungen
in der Wahl ihrer Formen [der Wahl ihrer Paradigmen, TP] auferlegen, zumal ihr eine eigene
Form der indirekten Mitteilung zur Verfügung steht: die Thematisierung auch solcher Formen
der Philosophie, die sie sich selbst zu versagen hat. 56

Philosophie, so führt er weiter aus, stehe von Anbeginn „zwischen“ Wissenschaft


und Kunst – wobei Gabriel dieses „zwischen“ offenbar als ein ‚Entweder – Oder‘
verstanden wissen will. Das würde im Umkehrschluss allerdings auch bedeuten,
dass ein philosophischer Text, je nach Wahl seiner paradigmatischen Beschrän-
kungen, sich selbst entweder als Kunst oder als Wissenschaft zu präsentieren ha-
be. Die „Universitätsphilosophie“ scheint Gabriel – wie auch schon Føllesdal –
dabei eindeutig mit ihrer wissenschaftlichen Ausrichtung gleichzusetzen. Die (an
den Naturwissenschaften orientierte) Forderung nach Exaktheit und Ambiguitäts-
vermeidung scheint ihn hier also zu einem „scharfen Begrenzen“ zu zwingen, dem
er an anderer Stelle im Hinblick auf Wittgensteins Philosophische Untersuchun-

52 Frank: Stil (wie Anm. 5), S. 84.


53 Ebd., S. 69.
54 Gabriel: „Literarische Form und nicht-propositionale Erkenntnis“ (wie Anm. 16), S. 21f.
55 Frank: Stil (wie Anm. 5), S. 72. Eine ähnliche Votum für nicht-propositionale Erkenntnis
findet sich auch in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, das sich – folgt man Andre-
as Gailus – als eine literarische Auseinandersetzung mit den „Grenzen der Genauigkeit“ lesen
lässt. Vgl. Andreas Gailus: „Ein Theater des Infinitesimalen. Musil und die Grenzen der Ge-
nauigkeit“. In: Safia Azzouni u. Uwe Wirth (Hg.): Dilettantismus als Beruf. Berlin 2010,
S. 65–82, hier S. 77.
56 Gabriel: „Literarische Form und nicht-propositionale Erkenntnis“ (wie Anm. 16), S. 25.
Literatur und Theorie – zwei entfernte Verwandte? 39

gen positiv die Vorzüge eines „feinen Nuancierens“ gegenüberstellt. 57 Wie bei
Frank stoßen wir bei Gabriel zwar auf eine Präferenz der graduellen Differenzie-
rung vor der diskreten Unterscheidung, zumindest, was die Beschreibung des
Verhältnisses von Literatur und Philosophie betrifft. In der diskreten Gegenüber-
stellung von „propositionaler“ und „nicht-propositionaler Erkenntnis“ (Gabriel),
beziehungsweise „Aussagewahrheit“ und „Wahrheit-qua-Verständlichkeit“
(Frank) bleibt die grundsätzliche Kluft zwischen beiden Erkenntnisformen aber
dennoch erhalten.
Demgegenüber möchte ich vorschlagen, auch zwischen dem Bereich des
exakt Sag- und Verifizierbaren und dem bloß indirekt aufzuweisenden Unsagba-
ren Übergangsbereiche für verschieden deutlich explizierbare Vagheitsphänome-
ne auch in der (wissenschaftlichen) Theorie zuzulassen. Auch worüber man viel-
leicht nur mit einer gewissen konstitutiven Unschärfe sprechen kann, muss man
nicht unbedingt schweigen. Dass und inwiefern hier gerade die Literatur als eine
kompetente Verwalterin vager Dinge eine gewichtige Gesprächspartnerin der
Theorie sein kann und sollte, konnte ich hier nur plausibilisieren. Es mag daher
nicht unpassend sein, das letzte Wort einem Literaten zu überlassen, der sich
selbst in einem Grenzgebiet von Theorie und Literatur mit dem Problem der
Exaktheit auseinandersetzte und an dem Versuch einer genauen Beschreibung des
Unexakten nicht verzweifelte: Robert Musil liefert im Mann ohne Eigenschaften
sogar eine Beschreibung dieser Beschreibungsversuche, die „immer ein gewagter,
nach dem Stande der Dinge noch nicht zu rechtfertigender Ausdruck, eine Ver-
bindung von exakt und nichtexakt, von Genauigkeit und Leidenschaft“ seien. 58

57 Gabriel: „Literarische Form und philosophische Methode“ (wie Anm. 51), S. 204.
58 Musil: Mann ohne Eigenschaften (wie Anm. 1), S. 252.