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Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln

Friedens- und Konfliktforschung


Herausgegeben von
Peter Imbusch, Hajo Schmidt,
Georg Simonis und Ralf Zoll

Band 4
Johan Galtung

Frieden
mit friedlichen Mitteln
Friede und Konflikt,
Entwicklung und Kultur

Aus dem Englischen übersetzt


von Hajo Schmidt

Leske + Budrich, Opladen 1998


ISBN 978-3-322-95823-5 ISBN 978-3-322-95822-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-95822-8

© 1998 Leske + Budrich, Opladen

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unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mi-
kroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Herausgeber .................... ...................................................... 7


Vorrede...................................................................................................... 11

Einleitung: Friedensvisionen für das 21. Jahrhundert......................... 15

Teil I: Friedenstheorie............................................................................. 29
1. Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage................. 31
2. Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen .................. 55
3. Frau: Mann = Frieden : Gewalt?....................................................... 81
4. Demokratie: Diktatur =Frieden: Krieg? ........................................... 97
5. Das Staatensystem: dissoziativ, konföderativ, föderativ,
einheitsstaatlich - oder eine aussichtslose Sache? .............................. 115

Teil 11: Konflikltheorie ............................................................................ 131


1. Konfliktformationen ............................................................... ............ 133
2. Konfliktlebenszyklen ............................................................................ 151
3. Konflikttransformationen ................................................................... 165
4. Konfliktinterventionen........................................................................ 187
5. Gewaltfreie Konflikttransformation ................................................... 205

Teil 111: Entwicklungstheorie ................................................................. 227


1. Entwicklung: fünfzehn Thesen zu Theorie und Praxis. ...................... 229
2. Sechs ökonomische Schulen ............................................................... 247
3. Die Extemalitäten ............................................................................... 271
4. Zehn Thesen zu einer Eklektischen Entwicklungstheorie .................. 307
5. Entwicklungstheorie: ein Ansatz über die Räume hinweg ................. 321
Teil IV: Zivilisationstheorie .................................................................... 339
1. Kulturelle Gewalt.................. .............. .............. .................................. 341
2. Sechs Kosmologien: eine impressionistische Darstellung .................. 367
3. Implikationen: Frieden, Krieg, Konflikt, Entwicklung ....................... 387
4. Spezifizierungen: Hitlerismus, Stalinismus, Reaganismus ................. 417
5. Explorationen: Gibt es Therapien für pathologische Kosmologien?. 437

Schluß: Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur ....................... 457


Vorwort der Herausgeber

Mit Johan Galtungs "Frieden mit friedlichen Mitteln" liegt der interessierten
Öffentlichkeit der vierte Band der Reihe "Friedens- und Konfliktforschung"
vor, dessen Veröffentlichung in bezug auf letztere zugleich einen gewisserma-
ßen doppelten Einschnitt markiert. Die Erweiterung des Herausgeber-Gre-
miums um Georg Simonis und Hajo Schmidt verdankt sich dem gemeinsamen
Vorhaben, die auf eine verstärkte Implementierung friedenswissenschaftlicher
Lehre und Forschung an den bundesdeutschen Hochschulen gerichteteten
Kräfte auch publikatorisch zu bündeln. Inhaltlich dokumentiert der vorliegende
Band die programmatische Absicht der Herausgeber, die Reihe nicht nur für
der Grundlegung der Lehre dienende Textsammlungen und Einführungen, son-
dern zugleich auch für die friedenswissenschaftliche Forschung und Debatte
stimulierende Monographien offenzuhalten - und fortzusetzen.
Die Reihe mit einem Werk des norwegischen Friedensforschers, Konflikt-
beraters und Friedensaktivisten Johan Galtung fortführen zu können, ist den
Herausgebern eine besondere Freude. Seit nahezu vierzig Jahren hat Galtung,
durch das gesprochene Wort wie durch seine immense literarische Produk-
tivität - etwa siebzig Bücher und mehr als tausend Artikel dürften zur Stunde
zusammengekommen sein -, seinen Ruf als einer der "Gründungsväter" der
modemen Friedensforschung weltweit bestätigt; wie kaum ein anderer hat er
auch die deutschsprachige friedenswissenschaftliche und -politische Diskus-
sion mitgeprägt. Vieles spricht dafür, daß "Frieden mit friedlichen Mitteln"
eine neue Etappe in diesem Prozeß fruchtbarer Einwirkung und Auseinander-
setzung wird einleiten können.
"Frieden mit friedlichen Mitteln" stellt sich dar als ein Resümee jahrzehn-
telangen Nachdenkens über die Grundlagen, die Ziele und die Praxis der
Friedens- und Konfliktforschung. Als solches entwirft der konzentrierte, aber
dennoch gut lesbare Text den Grundriß und zentrale Bestimmungen einer
umfassenden, auf vier Pfeilern ruhenden Theorie des Friedens:

- Die Friedenstheorie i.e.S. erarbeitet den wissenschaftstheoretischen Grund-


riß wie zentrale Paradigmen der Friedenswissenschaft. Zugleich diskutieren
8 Vorwort

und bahnen ihre inhaltlichen Untersuchungen drei spezifische Wege zu


friedlicheren Verhältnissen: durch die Pazifizierung patriarchaler Ge-
schlechtsgewalt, durch die Verbesserung und Ausweitung demokratischer
Herrschaftsverhältnisse sowie durch eine überzeugendere Organisation des
Weltstaatensystems.
Die Konflikttheorie besteht auf der zerstörerisch-schöpferischen Doppelna-
tur des Konflikts, klärt Grundbegriffe und entwickelt praktisch bedeutsa-
me Typologien möglicher Konflikttransformationen und gewaltloser Kon-
fliktinterventionen. Der Einbezug kulturell vergleichender Studien wirft
dabei ein interessantes Licht auf den von Galtung durchgehend angemahn-
ten Holismus der Disziplin.
- Die Entwicklungstheorie erforscht Formen struktureller Gewalt und ent-
wickelt Prinzipien eines alternativen Entwicklungsverständnisses wie auch
Perspektiven einer gerechteren, nachhaltigen Ökonomie- und Wirtschafts-
theorie. Galtungs Theorie ökonomischer Externalitäten wie sein Vorschlag
einer eklektischen Kombination verschiedener Wirtschaftssysteme formu-
lieren eine praktisch bedeutsame Absage an westliche Mainstream-Model-
le von Ökonomie und Entwicklung nicht weniger als an die entwicklungs-
politisch weitgehend folgenlose Imperialismus- und Dependenzkritik der
Siebziger und Achtziger Jahre.
- Die Zivilisationstheorie schließlich entfaltet das jüngst eingeführte Kon-
zept "kultureller Gewalt" insbesondere hinsichtlich dessen tiefenkulturel-
ler Implikationen. Die Fokussierung auf Probleme des Krieges und des
Friedens stellt klar, daß und inwiefern Galtungs Friedenskonzept reicher,
seine Konfliktlehre differenzierter, sein Handlungsanspruch umfassender
geworden, seine Grundintention der Gewaltreduktion mit friedlichen Mit-
teln aber die gleiche geblieben ist.

Es ist gerade der (die eigentliche Herausforderung des vorliegenden Buches


darstellende) Anspruch auf systematische Vertiefung und Neuvermessung
der friedenswissenschaftlichen Grundlagen, der zahlreichen seiner Studien
ein besonderes Gewicht auch für aktuelle Diskussionen verleiht. So erscheint
Galtungs Problematisierung des Verhältnisses von Demokratie und Frieden
als ein durchdachter überfälliger Widerspruch in einer internationalen Debat-
te, die dazu neigt, den unbestreitbaren Bellizismus der Demokratien gegen-
über anderen Herrschaftsformen zugunsten ihrer intrasystemischen Friedfer-
tigkeit herunterzuspielen. Der seit kurzem hoch wogenden Diskussion über
zukünftige "Kriege der Kulturen" verleiht Galtung eine bisher kaum erreichte
Tiefendimension; zugleich zeigt er, daß und warum die Vermeidung künfti-
ger kulturbedingter Zusammenstöße wesentlich an die Selbstkritik der westli-
chen Zivilisation gebunden sein dürfte. Galtungs Aufriß einer mehrdimen-
sionalen Entwicklungstheorie schließlich verweist als solche auf die Ober-
flächlichkeit und Unterkomplexität gängiger Vorstellungen und Politiken
Vorwort 9

"nachhaltiger Entwicklung", die oft kaum mehr als ideologische Rechtferti-


gungen "entwickelter" Länder darstellen.
Es versteht sich von selbst, daß mit der Aufnahme des Bandes in die Reihe
keine inhaltliche Festlegung der Herausgeber auf die Ansätze und Begriffe
Galtungs verbunden ist. Seine Arbeiten bieten allerdings nicht nur einen fas-
zinierenden Einblick in den Stand der wissenschaftlichen Diskussion, son-
dern stellen zudem eine Herausforderung für die zukünftige theoretische Ent-
wicklung der Friedens- und Konfliktforschung dar.
Die vorliegende Buchfassung ist eine Übersetzung des 1996 bei SAGE
(LondonfThousand OakslNew Delhi) erschienenen englischen Originals, das
seinerseits auf ein früheres Kursprojekt der FernUniversität Hagen zurück-
ging; sie erscheint (nahezu) textidentisch wieder als Studienbrief der FernUni-
versität. Es ist erfreulich, daß dieser in der Vergangenheit von vielen Fach-
kollegen und -kolleginnen nachgefragte Text nun auf dem freien Markt und,
aufgrund der erfreulichen Preisgestaltung des Verlages, auch von einem grö-
ßeren Interessentenkreis erworben werden kann.
Für die langwierige und komplikationsreiche Arbeit an der Erstellung des
vorliegenden Textes gebührt Vera Kloppenberg, Corinna Herr, Heide-Marie
Hutschenreuter und nicht zuletzt Frank Dierdorf besonderer Dank.

Marburg und Hagen, im Juni 1997


Peter Imbusch
Hajo Schmidt
Georg Simonis
Ralf Zoll
Vorrede

Dieses Buch ist angelegt als eine Einführung in das Studium des Friedens, dies
jedoch mehr im Sinne der Eröffnung vieler Richtungen einschlägiger For-
schung als im Sinne eines elementaren, leicht zu lesenden Lehrbuchs. (Das Ein-
leitungskapitel hat diese Funktion.) Mehr Nutzen werden diejenigen Leser und
Leserinnen aus dem Text ziehen können, die schon einige Kenntnisse auf den
Gebieten haben, die in den folgenden vier Teilen genauer untersucht werden.
Friedenspolitik ist eine sanfte Politik - eine Politik, die in hohem Maße
abhängt von sehr konkreten Entscheidungen, getroffen von Eliten, aber zu-
nehmend auch von der ihre eigene Friedenspolitik betreibenden Bevölke-
rung: im Mikrobereich die des inneren Menschen und der Familie (wo es im-
mer genug zu tun gibt), im Mesobereich die der Gesellschaft und schließlich
auf der Makroebene die zwischengesellschaftlicher und überregionaler Kon-
flikte. Es gibt Raum für Politik, im Sinne einer friedlichen Steuerung in Rich-
tung Frieden, auf allen diesen Ebenen.
Aber diesen Entscheidungen liegen militärische und ökonomische Realitä-
ten zugrunde, die in diesem Buch unter den umfassenderen Titeln "Konflikt"
und "Entwicklung" untersucht werden. Jenen wiederum liegen die noch tie-
feren Realitäten unserer Zivilisationen zugrunde, speziell die Tiefenkulturen,
die Kosmologien, die unser Verhalten in den drei anderen Bereichen so wirk-
sam konditionieren.
Die vier Einheiten dieses Buches sind Ergebnisse umfassend angelegter
Forschungsprogramme für wesentliche Bereiche der Friedensforschung:
einer Theorie des Friedens
- einer Theorie des Konflikts
- einer Theorie der Entwicklung
- einer Theorie der Zivilisationen.
Dieses Buch ist allerdings der einzige Versuch, alle vier Bereiche zusammen-
zubringen. Um die vier Teile unabhängiger voneinander zu machen, gibt es
einige Wiederholungen. Es hängt aber alles zusammen, daher die vielen
Querverweise in den Einheiten sowie die Schlußausführungen.
12 Vorrede

Ein warnendes Wort noch. Meiner Erfahrung nach können die gängigen
Sicherheitsanalysen und Analysen der Internationalen Beziehungen, die Kon-
fliktstudien, die Wirtschafts- und Zivilisationstheorien nicht so, wie sie sind,
für Friedensstudien fruchtbar gemacht werden; es reicht nicht hin, sie einfach
zusammenzubringen und einen interdisziplinären Dialog zu starten. Im Ge-
genteil, sie müssen erneut ganz von vorn durchdacht werden und wahrschein-
lich noch umfassender, als dies - nach langer Vorlaufzeit: Die Aufgabe ist
problematisch, um das mindeste zu sagen - auf den folgenden Seiten mög-
lich war.
So müssen Frieden und Gewalt in ihrer Totalität gesehen werden, auf allen
Stufen der Organisation des Lebens (und nicht allein des menschlichen Le-
bens). Zwischenstaatliche Gewalt ist wichtig, wichtiger noch die zwischen
den Geschlechtern und den Generationen. Nicht zu vergessen die innerper-
sönliche Gewalt, als geistige (z.B. als Unterdrückung der Gefühle) sowohl
wie als körperliche (Krebs z.B.). Und weiter: Da der Zweck der ganzen
Übung in der Förderung des Friedens und nicht nur der Friedenswissenschaft
besteht, ist eine nicht-positivistische Auffassung von Wissenschaft ganz uner-
lässlich, die mit expliziten Werten und Therapien arbeitet und sich nicht mit
der Diagnostik begnügt.
Konflikte erschöpfen sich nicht in dem, was das bloße Auge als "Unru-
hen", als direkte Gewalt erkennt. Es gibt auch die Gewalt, die in den Struktu-
ren eingefroren ist, und die Kultur, die diese Gewalt rechtfertigt. Im übrigen
besteht die wichtigste Aufgabe beim Versuch, einen Konflikt zwischen Par-
teien zu transformieren, nicht allein darin, für deren Beziehungen eine neue
Architektur zu finden, sondern zugleich darin, den Parteien zu helfen, sich
selbst zu transformieren, damit ihre Konflikte sich nicht ewig reproduzieren.
Die meisten Konflikte zwischen Parteien haben innerparteiliche Aspekte.
Die herrschende Ökonomie wird in diesem Buch wesentlich als kulturelle
Gewalt begriffen, die verheimlicht und mystifiziert, was geschieht, wenn
Menschen produzieren, verteilen und konsumieren. Die meisten Ursachen
und Wirkungen werden dabei als "Externalitäten" unsichtbar gemacht und
ins Jenseits der ökonomischen Theorie und Praxis verwiesen. Wenn wir sie
jedoch benennen und in die Theorie und Praxis einbeziehen, dann mag es
gelingen, daß sich weniger gewaltträchtige Strukturen herausbilden.
Im Brennpunkt der Zivilisationstheorie schließlich stehen nicht das Sicht-
und Hörbare, die Artefakte, sondern die Tiefenkultur des kollektiven Unter-
bewußten, die Voraussetzungen mithin, die für eine gegebene Zivilisation de-
finieren, was als normal und natürlich zu gelten hat. Die Konzentration auf
Kultur sollte nicht verwechselt werden mit dem "Idealismus", den ein Hegel
sich zu eigen machte und den ein Marx verwarf. Der Ausgangspunkt besteht
eher in der Armut an Instinkten im menschlichen Organismus, bei fortwäh-
rendem Bedürfnis zu handeln und angesichts der Unmöglichkeit, bei jedem
Handeln zu entscheiden, als wäre es das erste Mal. Es muß so etwas wie eine
Vorrede 13

Programmierung geben, einen Automatismus, der das individuelle Bewußt-


sein umgeht. Für das einzelne Individuum ist dieses Programm bekannt als
"Persönlichkeit", verankert im individuellen Unterbewußten. Für die Mit-
glieder einer bestimmten Zivilisation wird das kollektive Programm hier be-
schrieben als ihre "Kosmologie", ihre kollektiv geteilten und im Unterbe-
wußtsein bereitgehaltenen Unterstellungen.
Als unterbewußte werden diese Grundvorstellungen nicht diskutiert, son-
dern gelebt und umgesetzt. Und da sie zugleich kollektiv geteilt werden, ver-
stärken sie sich wechselseitig, da jede(r) die anderen dasselbe tun sieht.
Handlungssteuerung erfolgt hier nicht durch die Zugkraft, die von Ideen aus-
geübt wird, sondern durch eine der Kosmologie, dem Code, dem kollektiven
Programm eigene Schubkraft. Das soll nicht heißen, daß Ideologien bzw. in-
dividuell oder kollektiv bewußt vertretene Überzeugungen und Glaubenssy-
steme nicht wichtig wären; sie stehen aber alles andere als allein, wenn es um
die Steuerung des menschlichen Handeins geht.
Gelingt es uns, das Unterbewußte bewußt zu machen, können wir uns viel-
leicht befreien von langwieriger struktureller und wiederholter direkter Ge-
walt. Vielleicht werden wir dann auch genauer erkennen, wie die moderne
westliche Wirtschaft funktioniert, und inwiefern die gängige Wirtschaftswis-
senschaft im Decodieren von Basisunterstellungen eines bestimmten Typus
Westlicher Zivilisation besteht. Und Vergleichbares gilt für die üblichen
Konflikt- und Sicherheitsanalysen: Vieles darin ist nicht mehr als ein Ent-
schlüsseln kollektiver und unterbewußten Voraussetzungen, die einer ernst-
haften Untersuchung nie unterzogen wurden.
Kurz, wenn wir Friedensforschung betrieben, besteht eine der ersten Auf-
gaben darin, uns von gewissen Formen einer akademischen kulturellen Ge-
walt zu befreien, die dadurch, daß sie allzu lange überlebt haben, stärker und
nicht schwächer geworden sind. Und dann gilt es, nicht ein Gefangener der-
jenigen zu werden, die sich selbst als Befreier präsentieren - den Verfasser
dieser Zeilen eingeschlossen.
Meinen herzlichen Dank aussprechen möchte ich den vielen Studenten
und Studentinnen an den Universitäten Alicante, Bern, Burg Schlaining
(European Peace University), CUNY New York, Duke, FLASCO Santiagol
Mexico, Florenz, der Freien Universität Berlin, Gujarat Vidyapith, Hawai'i,
ICU Tokio, Inter-University Center Dubrovnik, Kairo, Oslo, Princeton, Saar-
brücken, Sezuan, TromS!/l, Queensland, WittenlHerdecke und der (von letzte-
ren organisierten) Peace Studies Around the World für die zahllosen aktiven,
kritischen und konstruktiven Dialoge. Außerdem danke ich der Right Liveli-
hood Award Foundation für Unterstützung in einem kritischen Moment.
Herzlichen Dank an Dieter Fischer, Susan H!/livik, Hajo Schmidt und
Häkan Wiberg, außerdem an meinen Kritiker Peter Lawler (A Question 0/
Values: Johan Galtung's Peace Research). Es gibt in meinen Schriften Ant-
worten auf seine Kritik; aber die Streitpunkte bleiben bestehen.
14 Vorrede

Mein größter Dank aber gilt meiner Frau, Fumiko Nishimura, die mich über
Frieden und Konflikt mehr gelehrt hat als jede(r) andere.

Versonnex, im Mai 1997 Johan Galtung


Einleitung: Friedensvisionen für das 21. Jahrhundert

1 Frieden: das Diagnose - Prognose - Therapie - Dreieck


Die Friedensforschung ist der Gesundheitsforschung so ähnlich, daß das Drei-
eck Diagnose - Prognose - Therapie auch auf sie angewandt werden kann.
Beiden liegt die Vorstellung eines Systems (von Akteuren, von Zellen) zu-
grunde, von guten und von schlechten Zuständen.' Die Wortpaare "Gesund-
heit/Krankheit" aus dem Gesundheitswesen und "Frieden/Gewalt" aus der
Friedensforschung kann man als Spezifizierungen dieser allgemeineren Eti-
kettierungen betrachten.
Bei beiden Zustandsarten ist eine Diagnose (oder Analyse) nötig, nicht nur
bei Gewalt und Krankheit. Frieden und Gesundheit haben auch ihre Bedin-
gungen und Kontexte; diese können sich von den Bedingungen für Gewalt
und Krankheit unterscheiden, können aber auch mit ihnen in Zusammenhang
stehen. So sind eine Bedingung für den Frieden wahrscheinlich gerechte Be-
ziehungen; es kann aber auch in einer nicht-ausbeuterischen repressiven Ge-
sellschaft Gewalt geben, wenn etwas mit einem einzigen Akteur falsch läuft.
Und eine Bedingung für Gesundheit ist ein stabiles Gleichgewicht zwischen
den Schlüsselparametern des menschlichen Körpers. Dennoch kann mit einer
Zelle oder einer Zellenkolonie etwas schief laufen, Z.B. indem sie anfangen
zu wuchern.

Einem Menschen kann es gut oder schlecht gehen; Systeme von Akteuren können
natürlich nicht auf derartige Weise "fühlen". Dennoch kann es auch bei ihnen Zu-
stände des Wohl- oder Krank-Seins, des gut oder schlecht Funktionierens geben.
Aber wer entscheidet darüber und nach welchen Kriterien? Sollten wir hier dem
"Subjektivismus" zuneigen - die Betroffenen selbst entscheiden darüber, ob sie lei-
den oder nicht - oder eher dem "Objektivismus" - andere befinden, gemäß ihren
Kriterien, wann erstere leiden müßten? Ich neige zu einem ,sowohl-als-auch' und
zum Dialog - einzig möglicher Schluß aus einer yinlyang-Perspektive (keine Wonne
ohne Leiden, kein Leiden ohne Wonne). Oft gewinnen Menschen an Tiefe durch's
Krank-Sein und Gesellschaften mögen das Bewußtsein ihrer Stärken und Schwächen
einem heftigen Schock, einer Invasion z.B., verdanken. Nur, müssen wir dafür im-
mer einen so hohen Preis zahlen?
16 Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert

Der Friedensforscher* muß in den Räumen Natur, Mensch, Gesellschaft,


Welt, Zeit und Kultur nach Ursachen, Bedingungen und Zusammenhängen
suchen. Dieses fachübergreifende Spektrum macht die Friedensforschung auf
der intellektuellen Ebene sehr anregend, aber auch schwierig, und die Praxis
problematisch. Aber eine zu enge Sichtweise ist von vornherein zum Schei-
tern verurteilt. 2
Wenn nun das System aus irgendeinem Grund seine gute Verfassung auf-
gibt und Symptome schlechter Zustände zeigt, ist die offensichtliche Frage,
die mit einer akkuraten Prognose beantwortet werden muß, die, ob das Sy-
stem in der Lage ist, den positiven Zustand selbst wiederherzustellen, oder ob
eine Intervention deslr Anderen notwendig ist.
Intervention von außen sollte nicht mit Therapie gleichgesetzt werden.
Erstens könnte sie insgesamt das System verschlechtern, und zweitens könnte
auch das Selbst in der Lage sein, eine Therapie zu entwickeln. Drittens be-
deutet auch Selbstheilung nicht unbedingt bewußte, absichtliche Intervention.
Das System kann sich auch schlicht "um sich selbst kümmern". Unsere Kör-
per haben diese wunderbare Fähigkeit, mit Hilfe von überaus komplexen
Mechanismen, die wir kaum begreifen, geschweige denn beeinflussen kön-
nen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Wir können jedoch positive Be-
dingungen für diese wiederherstellenden Funktionen schaffen.'

* (Das Problem einer der Geschlechterdifferenz angemessen Rechnung tragenden


Übersetzung bleibt hier wie anderswo ungelöst; immerhin sollte es durch gelegentli-
che differenzierende Formulierungen explizit gemacht und präsent gehalten werden.
Anm. d. Übers.)
2 Zum Beispiel der verengte Blickwinkel bezüglich des Gleichgewichts von Terror
und Propaganda während des Kalten Krieges; und das, was begann, als der Kalte
Krieg beendet war. Multikausale oder mehrfach bedingte Problemlagen erfordern
vielschichtige Lösungsangebote in mehreren Räumen und auf mehreren Ebenen. Die
in der Medizin gängige Bezeichnung "psychosomatisch" erkennt dies an, könnte
aber, um sachlich angemesser zu sein, sofort zu "soziopsychosomatisch" erweitert
werden. Und doch orientieren sich die offiziellen Analysen z.B. der Konflikte in Ex-
Jugoslawien an den überkommenen Schemata des Kalten Krieges: Es gibt nur zwei
Parteien, diese Parteien sind Staaten, und jeder, der nicht offiziell als Taugenichts
eingestuft wird, steht automatisch auf der richtigen Seite usw.
Natürlich existierte dieses primitive Denken auch schon vor dem Kalten Krieg (vgl.
Kapitell. 4 des zweiten Teils). Aber eine zutreffende Vermutung dürfte wohl sein,
daß der Jugoslawien-Konfikt von Leuten, deren intellektuelle Haltung durch den
Kalten Krieg geformt wurde, als eben dieser Konfliktformation isomorph betrachtet
wird, wobei Serbien Russland, dem Herzland des Kommunismus, entspricht, Slowe-
nien den Baltischen Staaten, das katholische Kroatien dem katholischen Polen, und
dann gibt es noch einige Moslems im Süden ...
3 Typische Beispiele für die Wiederherstellung der Gesundheit wären angemessene
Ernährungsveränderungen und regelmäßige körperliche Ertüchtigung, mit anderen
Worten ein bestimmter Lebensstil. Hinsichtlich der Wiederherstellung von Frieden
wäre ein Beispiel das Offenhalten der Kommunikationskanäle.
Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert 17

Wir kommen nun zu dem dritten Winkel des Dreiecks, zur Therapie, d.h.
zu bewußten Bemühungen des Selbst oder des/r Anderen, das System wieder
zurückzuführen in einen positiveren Zustand. Die Unterscheidung zwischen
negativer und positiver Gesundheit und zwischen negativem und positivem
Frieden steht in enger Beziehung zu der zwischen heilender und präventiver
Therapie. Alle vier stehen für Zustände des Wohlbefindens; es gibt keine
(oder wenig) Krankheit oder Gewalt. Die Systeme sind (fast) symptomfrei.
Im negativen Fall ist das jedoch eigentlich alles, was man darüber aussagen
kann. Das Gleichgewicht ist so instabil, daß selbst ein geringfügiger Anlaß
das System in einen schlechten Zustand versetzen kann. Im positiven Fall ist
das Gleichgewicht stabiler, d.h. es gibt mehr Möglichkeiten zur Selbsthei-
lung, auch wenn das System nicht ganz symptomfrei sein sollte. Die heilende
Therapie zielt auf den erstgenannten, die präventive auf den letztgenannten
Fall. Beide sind für die Gesundheit wie für den Frieden notwendig.

2 Das Dreieck direkte - strukturelle - kulturelle - Gewalt


Offensichtlich bedeutet die Schaffung von Frieden die Reduzierung von Gewalt
(Heilung) wie die Vermeidung von Gewalt (Prävention). Und Gewalt heißt, je-
mandem schaden oder ihm Verletzungen zufügen. Wir setzen also die Existenz
von etwas voraus, das Verletzungen und Schädigungen erleiden kann, und fol-
gen der buddhistischen Tradition, wenn wir dieses Etwas als "Leben" definie-
ren. Das Lebendige kann Gewalt, die dem Körper und dem Geist zugefügt
wird, erleiden (dukkha), d.h. physische und geistige Gewalt. Aber das Lebendi-
ge kann auch Glück erfahren (sukha), die Freude, die Körper und Geist über-
kommt; manche würden nur diese Erfahrung "positiven Frieden" nennen:
Bisher haben wir Gewalt aus dem Blickwinkel dessen, der sie erleidet, be-
trachtet. Wenn es einen Sender gibt, einen Akteur, der die Folgen der Gewalt
beabsichtigt, können wir von direkter Gewalt sprechen, wenn nicht, sprechen
wir von indirekter oder struktureller Gewalt.' Elend ist Leiden, also muß ir-
gendwo Gewalt existieren. Wir gehen hier von der Gleichung indirekte Ge-
walt = strukturelle Gewalt aus. Indirekte Gewalt entspringt der Sozialstruk-

4 Einer der Gründe, weshalb wir das nicht tun, ist unser Versuch, Frieden hier nicht als
Maximal-, sondern eher als Minimalkonzept vorzustellen, als etwas, womit viele
Menschen einverstanden sind. Je mehr man hier spezifiziert, inhaltlich anreichert, je
weniger Konsens kann man erreichen.
5 Mit anderen Worten, die Struktur ist das Medium, welches die Gewalt übermittelt-
vergleichbar dem ,Feld' der Gravität, der Elektrizität oder des Magnetismus in der
Physik. Der Kolonialismus mag als ein Beispiel dienen: Es gab einen ursprünglichen
Input von Mega-Gewalt, der genutzt wurde, um die als Kolonialismus bekannte
Struktur aufzubauen, welche auch nach der Phase formeller Dekolonisation im gro-
ßen Ausmaß funktionstüchtig bleibt.
18 Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert

tur, als Gewalt zwischen Menschen, zwischen Gruppen von Menschen (Ge-
sellschaften), zwischen Gruppen von Gesellschaften (Bündnissen, Regionen).
Und im Inneren menschlicher Wesen stoßen wir auf eine indirekte, nicht in-
tendierte Gewalt, die ihrer Persönlichkeitsstruktur entstammt.
Die zwei Hauptformen der äußeren strukturellen Gewalt sind aus Politik
und Wirtschaft wohlbekannt: Es handelt sich um Repression und Ausbeu-
tung. Beide wirken auf Körper und Geist ein, sind aber nicht notwendiger-
weise beabsichtigt. Aus dem Blickwinkel des Opfers jedoch bietet diese Tat-
sache keinen Trost.
Hinter all dem aber steckt kulturelle Gewalt, die symbolisch ist und in Re-
ligion und Ideologie, in Sprache und Kunst, Wissenschaft und Recht, Medien
und Erziehung wirkt. Ihre Funktion ist einfach genug: Sie soll direkte und
strukturelle Gewalt legitimieren.
Es geht also um die Gewalt in Kultur, in Politik und Ökonomie sowie um
direkte Gewalt. Nun brauchen wir einen Begriff, der umfassender ist als Ge-
walt, umfassender auch als Frieden. Ein solcher Begriff ist der der Macht.
Diese kann sowohl für die Gewalt als auch für den Frieden genutzt werden.
Kulturelle Macht läßt die Menschen agieren, indem sie ihnen vorschreibt,
was richtig und was falsch ist; wirtschaftliche Macht arbeitet mit der
"Zuckerbrot-Methode" des quid pro quo, militärische Macht - wie jede
Zwangsgewalt - bedient sich der "Holzhammer"-Methode des "entweder -
oder!" und politische Macht fällt einfach Entscheidungen.
Es gibt also vier Arten von Macht bzw. Diskursen: kulturelle, ökonomi-
sche, militärische und politische. Bekannte Worte, die aber nicht durcheinan-
der gebracht werden sollten. Sie repräsentieren vier Bereiche der Macht und
vier Typen von Gewalt (die strukturelle hat politische und wirtschaftliche
Aspekte) und implizit vier Typen von Frieden. Bevor wir uns diese genauer
anschauen, noch einige Worte über die Beziehungen zwischen den vier Fel-
dern der Macht.
Sicher wirken sie alle gegenseitig aufeinander ein, so daß wir zwölf Pfeile
zeichnen können. Aber auch wenn dem so ist, hilft das wenig, weil so keine
Stellung bezogen wird. Wir müssen eine weitere Wahrheit hinzufügen. Es
gibt auch ein allgemeines Vertrauen in das Machtsystem: Die einzelnen Akte
direkter Gewalt entstammen den Strukturen der politischen Entscheidungen
und wirtschaftlichen Transaktionen, welch letztere sich gegenseitig bedingen.
Unter allem jedoch lauert die Kultur; sie legitimiert bestimmte Strukturen
und Taten und delegitimiert andere.
Die Annahme der "Realisten", daß nur die militärische Macht (wirklich)
zählt, ist die am wenigsten realistische. Aber der liberale Glaube an die richtige
politische Struktur und der marxistische Glaube an die richtige ökonomische
Struktur sind nicht besser. Diese sind alle wichtig, insbesondere aber die Kultur.
Aber einseitiger Kulturalismus reicht natürlich auch nicht. Meine Stellungnah-
me ist eklektisch, aber die Kausalität verläuft eher in der Richtung von Kultur
Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert 19

via Politik und Ökonomie zum Militär als umgekehrt: also von kultureller via
struktureller zu direkter Gewalt - als Hauptstoßrichtung.

3 Wege zum Frieden: der achtgliedrige Pfad

Oben habe ich zwei Typen von Therapien oder Heilmitteln angedeutet, kura-
tive und präventive, die jeweils auf den negativen bzw. den positiven Frieden
abzielen. Und ich habe vier Typen (mit zwei Untertypen) von Gewalt identi-
fiziert. Das ergibt acht Kombinationsmöglichkeiten bzw. den "achtgliedrigen
Pfad" der Überschrift dieses Abschnitts. Jede Kombination, z.B. "kulturelle
Macht - positiver Frieden", stellt uns vor die Frage, was getan werden kann.
Der Leser/die Leserin wird einige Antworten in Tabelle 0.1 vorfinden und
kann dann hinzufügen und hinwegnehmen. Die sechs Stichworte um die Ta-
belle herum sind vielleicht wichtiger als ihr Inhalt: Sie sollen die Suche anre-
gen. Aber andere Einteilungen sind selbstverständlich auch möglich, z.B
durch Nutzung des Natur-Mensch-Gesellschaft-Welt-Zeit-Kultur-Schemas,
um Bedingungen friedenspolitischen HandeIns festzulegen.
Es gibt keinen bestimmten Ausgangspunkt für Friedensbemühungen und
erst recht keinen Endpunkt. Am besten wäre es, an allen acht Kästchen
gleichzeitig zu arbeiten. Besser einige Vorwärtsbewegungen in allen als ein
einziger (großer) Vorstoß in einem, in der Hoffnung, daß die anderen sich
dann von selbst erledigen werden oder wenigstens hinterher leichter zu hand-
haben sind. Die Erfahrung mit auf einen Faktor bauenden Friedenstheorien
ist im allgemeinen sehr negativ. Kant hoffte auf Republiken und Demokratie,
die Liberalen setzten auf Freihandel und Demokratie, die Marxisten auf so-
ziale Produktion und gelenkte Demokratie, die Mondialisten auf eine starke
UNO. Nichts davon hat zum Frieden geführt.
Die meisten Vorschläge richten sich an die Welt als ein System staatlich
verfaßter Länder, an das gewöhnlich so genannte zwischenstaatliche System.
Mit einigen Abwandlungen lassen sie sich jedoch auch auf zwischen ge-
schlechtliche oder auf Systeme von Generationen, Klassen und Nationen
(Ethnien) anwenden. Sie alle sind heute relevant.
Tabelle 0.1 erfordert selbstverständlich zahlreiche Kommentare. Men-
schen, die für den Weltfrieden arbeiten, sei es innerhalb staatlicher oder
nicht-staatlicher Organisationen, werden einiges wiedererkennen; nur wenige
werden sich in allen Punkten wiederfinden und wenn, dann nicht unbedingt
allen Argumenten zustimmen. Die Debatte ist von grundlegender Wichtig-
keit, wenn sich die Friedensbewegung ausweiten soll, um mindestens so ein-
flußreich zu werden wie zu ihrer Zeit die Anti-Sklaverei- und die Anti-Kolo-
nialismus-Bewegungen. Gegen den Krieg zu sein, ist eine moralisch über-
zeugende Haltung, aber die Fragen nach Alternativen zum Krieg und nach
20 Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert

den Bedingungen für die Abschaffung des Krieges verschwinden dadurch


nicht. Beide müssen angesprochen werden.

Tabelle 0.1: Friedenspolitiken für das 21. Jahrhundert


negativer Frieden positiver Frieden
politisch Demokratisierung der Staaten Demokratisierung der UNO
überall Menschenrechte, aber ein Land, eine Stimme
..Entwestlichung" kein Großmacht-Veto
Bürgerinitiativen, Referenda, zweite UNO-Versammlung
direkte Demokratie direkte Wahlen (1 Sitz pro
Dezentralisierung 1 Million Einwohner)
Konföderationen
militärisch defensive Verteidigung Friedenstruppen
Delegitimation von Waffen nichtmilitärische Fertigkeiten
nichtmiIitärische Verteidigung Internationale Friedensbrigaden
ökonomisch Selbständigkeit I Selbständigkeit 11
Internalisierung von Externalitäten Teilen von Externalitäten
Nutzung eigener Produktionsfakto- horizontaler Austausch
ren (auch lokal) Süd-Süd-Kooperation
kulturell Herausforderung von globale Zivilisation
- Singularismus - überall ein Zentrum
- Universalismus - Zeitentspannung
- Vorstellungen von - holistisch, global
..auserwählten Völkern" - Partnerschaft mit
- Krieg, Gewalt der Natur
- Gleichheit, Gerechtigkeit
Dialog zwischen hart und weich - Lebenssteigerung

Idealiter sollten alle Punkte gleichzeitig behandelt werden, um die hier ver-
tretene Synchronizität zu betonen. Aber eine derartige Kommunikation funk-
tioniert nicht besonders gut, so daß wir lieber Zeile für Zeile vorgehen, ohne
damit jedoch irgend eine Rangfolge zu verbinden.

4 Die politische Dimension

Demokratie ist eine großartige Idee, die aber im Hinblick auf die Beziehun-
gen zwischen Staaten ziemlich mißverstanden wird. Wenn die Demokratie in
einem Land gut funktioniert, wird sie im Prinzip eine relativ zufriedene Be-
völkerung schaffen, deren Wünsche im allgemeinen und mit der Zeit im
Rahmen des Machbaren erfüllt werden. Im Prinzip sollte das zu einem
"Friedensüberschuß" im Land führen, wobei die Demokratie als gewaltlose
Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert 21

Vermittlerin zwischen den Teilen der Bevölkerung funktionieren sollte, die


miteinander um Macht und Privilegien konkurrieren. Es gibt aber keine Ga-
rantie dafür, daß dieser innerstaatliche Friedensüberschuß auch zu friedlichen
Aktivitäten im zwischenstaatlichen System führt. Die Demokratie muß global
sein, muß innerhalb des Staaten-Systems, im Weltsystem, bestehen; dieses
System ist heutzutage jedoch konservativ-feudal und nicht liberal-demokra-
tisch.
Das ermöglicht zwei Ansätze: Das zwischenstaatliche System muß demo-
kratischer, das innerstaatliche System mit demokratischen Mitteln noch fried-
fertiger gemacht werden. Beides sind lobenswerte Ziele und Ansätze, und
mehr Demokratie in einem Land muß nicht mit der - im besten Falle unbe-
wiesenen, im schlimmsten Falle eklatant falschen - Annahme gerechtfertigt
werden, daß innerer Friede sich automatisch in äußeren Frieden übersetzt.
Wenn das nämlich der Fall wäre, dann wären die führenden Demokratien der
Welt nicht auch Sklavenhalter, Kolonialisten und hochgradig kriegerisch ge-
wesen - mit Ausnahme der kleinen Demokratien, die wahrscheinlich eher
aus dem Grunde friedlich sind, weil sie klein, als weil sie demokratisch sind.
Das gilt aber auch umgekehrt: Ein demokratisches zwischenstaatliches Sy-
stem garantiert nicht automatisch, daß alle seine Teile über Nacht zu Demo-
kratien werden.
Der direkteste Ansatz wäre, das Staaten-System zu demokratisieren. Ein
Land - eine Stimme ist ein Rezept, das sich auf die Institutionen des Bretton-
Woods-Systems anwenden ließe und dadurch die Geldrnacht der reichsten Län-
der der Erde reduzierte. Wahrscheinlich würde das auch den verfügbaren Kre-
dit reduzieren. Im Hinblick auf die Geschäftsberichte der Weltbank scheint es
fraglich, ob diese Möglichkeit ganz und gar bedauerlich wäre. Daß dieses Re-
zept aber das Großmacht-Veto ausschließt, ist klar; dieses muß verschwinden.
Demokratie bedeutet aber vor allem "ein Mensch - eine Stimme", und das
weist ganz unzweideutig auf die Idee eines Weltparlaments, d.h. einer Zwei-
ten UN-Vollversammlung, einer Välkerversammlung der Vereinten Nationen
(UNPA - United Nations Peoples' Assembly), bei der die Mitgliedsstaaten
als Wahlkreise das Recht auf, zum Beispiel, einen Sitz pro Million Einwoh-
ner haben (Staaten mit weniger als einer Million Einwohner bekämen einen
Sitz), deren Inhaber aber nur vom Volk in geheimer Wahl gewählt und nicht
vom Staat bestimmt werden dürften. Das wäre dann eine zusätzliche Arti-
kulationsmöglichkeit neben der UNGA (United Nations General Assembly,
Generalversammlung der Vereinten Nationen), die man als eine Versamm-
lung von Regierungen ("Government Assembly") verstehen muß. Die beiden
Versammlungen könnten einen Zeitplan für die Transferierung eines Teils
der Macht von der UNGA zur UNPA ausarbeiten, damit in Zukunft eher Re-
gierungen den Völkern Rechenschaft ablegen müßten als umgekehrt.
Die Menschenrechte weisen schon in diese Richtung, obgleich sie das Staa-
tensystem auch stärken, indem sie die Staaten zu Menschenrechtsgaranten
22 Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert

machen, die sich gemäß UN-Mechanismen zu verantworten haben. Heute


sind diese eindeutig vom universalistischen Modell männlicher, erwachsener
Menschen westlichen Zuschnitts geprägt; das könnte aber alles verbessert
werden, ohne daß man dabei etwas von der Macht dieser guten Tradition an
Formen direkter und struktureller Gewalt abtreten müßte.
Es wäre auch hilfreich, wenn die Regierung dem Volk näherkäme mit Hilfe
konföderativer Formen des Zusammenlebens anstelle von Föderationen und
Einheitsstaaten durch Dezentralisierung innerhalb der Länder sowie durch In-
itiativen und Referenda. Dies sind jedoch keine Allheilmittel: Das Volk ist nicht
immer friedliebend; auch das Volk bzw. die ,Zivilgesellschaft' kann töten.

5 Die militärische Dimension

Ich vertrete hier nicht den Standpunkt, man müsse das Militär abzuschaffen,
sondern ich bin der Meinung, daß man ihm neue Aufgaben geben muß. Diese
Institution hat in der Vergangenheit sehr schlechte Angewohnheiten gehabt,
wie z.B. die, andere Länder und Nationen, auch bestimmte Klassen, anzu-
greifen, zu töten und zu verwüsten in inneren und äußeren Kriegen, und zwar
zumeist auf Geheiß der herrschenden Eliten. Das Militär hat aber auch Tu-
genden bewiesen: gute Organisation, Mut, Opferbereitschaft. Die schlechten
Gewohnheiten müssen verschwinden; nicht unbedingt das Militär und erst
recht nicht seine Tugenden.
Es geht darum, dem Militär neue Aufgaben zu geben, eine aggressive äußere
Kriegführung zu ersetzen durch eine defensive Verteidigung mit defensiven
Mitteln (konventionelle militärische, para-militärische und nicht-militärische
Verteidigung für den Nahbereich). Reine Verteidigung provoziert niemanden
und erzeugt keine Furcht, macht aber gleichzeitig deutlich, daß man gegen
Angriffe starken Widerstand leisten wird.
Friedenstruppen können zur Vermeidung von Aggressionen eingesetzt
werden, auch da, wo es noch nicht zu offenen Gewalthandlungen gekommen
ist (wo es aber gute Gründe gibt anzunehmen, daß etwas passieren könnte).
Es wäre auch möglich, sie zur Prävention in den (etwa 30) kleinen Ländern
ohne militärische Streitkräfte einzusetzen, um der Möglichkeit vorzubeugen,
daß irgendein ,Big Brother' in Krisenzeiten beansprucht, "Beschützer" zu
sein.
Aber das genügt nicht. Es muß eine weitere Entwicklung in Richtung Ge-
waltlosigkeit geben, durch die Waffen delegitimiert, konventionelle und pa-
ramilitärische Komponenten zugunsten gewaltloser Fertigkeiten reduziert
und zugleich nichtmilitärische Verteidigungsstrukturen aufgebaut werden,
und die in Krisengebieten auf die Karte ziviler Friedenssicherung und inter-
nationaler Friedensbrigaden setzt. Wir stehen an der Schwelle solch wichti-
Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert 23

ger Bemühungen, die noch sehr viel weiter entwickelt werden müssen. Das
Militär möge sich beteiligen!
Es gibt jedoch bei all dem einen negativen Aspekt. Das langfristige Ziel ist
die Abschaffung des Krieges als einer Institution, ein Ziel, das, wie die Ab-
schaffung der Institutionen Sklaverei und Kolonialismus, vollkommen rea-
listisch, aber anspruchsvoll, schwierig - und absolut notwendig ist. Es wird
natürlich weiterhin Gewalt geben, teilweise auch noch kollektiv organisiert
als Krieg. Die Gewalt wird aber nicht mehr institutionalisiert und internali-
siert und auch nicht mehr legitim sein.
Was läßt den Krieg fortbestehen? Viele Faktoren, von denen drei hier ge-
nannt werden sollen: das Patriarchat (Herrschaft des männlichen Geschlechts),
das Staatssystem mit seinem Gewaltmonopol und das Superstaaten- oder Su-
permächte-System mit dem ultimativen Gewaltmonopol der Hegemonial-
mächte. Männer neigen viel stärker als Frauen zur Gewalt, und diejenigen,
die im Besitz von Waffen sind, neigen dazu, getreu der alten Maxime zu den-
ken und zu handeln, nach der die Welt für denjenigen, der einen Hammer
hält, wie ein Nagel aussieht. Es lohnt der Hinweis, daß das nicht unbedingt
daran liegt, daß der Betreffende gewalttätig ist, sondern schlicht daran, daß er
die Ausübung militärischer Macht sowohl als Beruf wie als Monopol betreibt
und einfach in der Welt eine Rolle spielen möchte.
Das Patriarchat bekämpfen, bedeutet, patriarchalische Kulturen und Struk-
turen zu bekämpfen und dadurch zu einer ausgewogeneren Aufteilung der
Macht zwischen den Geschlechtern zu gelangen. Es besteht dabei natürlich
die Gefahr, daß Frauen im Verlauf des Kampfes einige der männlichen
Wertvorstellungen übernehmen, gegen die sie eigentlich ankämpfen.
Der Kampf gegen die Neigung von Staaten, bei militärischer Gewalt ihre
Zuflucht zu suchen, läuft über Alternativen, die zwingender sind. Und der
Kampf gegen hegemoniale Tendenzen in der Weltgesellschaft der Gesell-
schaften läuft über die Demokratisierung eben dieser Gesellschaft, indem
Bündnisse nicht-hegemonialer Länder geschaffen werden, und zwar inner-
halb von und über deren "Interessensphären" hinaus, ebenso wie über Ent-
scheidungsprozesse auf der Grundlage des Prinzips ,ein Staat/eine Stimme'.
Wir werden im 4. Kapitel von Teil I auf diesen Punkt zurückkommen.

6 Die ökonomische Dimension

Das Problem liegt hier nicht nur in der wirtschaftlichen Praxis, sondern auch
in der ökonomischen Theorie, die die Nebeneffekte von ökonomischen Ak-
tivitäten, die Externalitäten, sorgsam außer Acht läßt. Manche davon sind
positiv, wie die Herausforderung, die aus der Beschäftigung mit komplexen
Problemen entsteht, für die es keine sofortigen, routinemäßigen Lösungen
24 Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert

gibt. Und manche sind negativ, wie der ökologische Niedergang, ganz zu
schweigen von der Erniedrigung der Menschen. Darüber wird in der öko-
nomischen Theorie nicht gehandelt, und wenn doch, dann nur in Form von
Neben- oder nachträglichen Gedanken. Ökonomen konzentrieren sich auf
Quantitäten und Preise von Produkten, Gütern und Dienstleistungen, die auf
dem Markt angeboten werden und reflektieren nicht darüber, ob diese viel-
leicht ,Ungüter' und ,schlechte Dienste' sein könnten. Solche Variablen
könnte man Internalitäten nennen, da sie innerhalb des Paradigmas aufge-
arbeitet werden. Ein Beispiel sind die "Tauschbedingungen" (terms of
exchange), die Menge also, die von einem Produkt benötigt wird, um im
Austausch eine konstante Menge eines anderen Produkts zu erhalten, z.B. die
Menge Öl, für die man einen Traktor erhält. Ein anderer Ansatz bestünde
darin, die benötigten Arbeitsstunden zu vergleichen.
Ausbeutung bedeutet, daß einer der Beteiligten aus dem Handel viel mehr
Gewinn zieht als der andere, gemessen an der Summe der Internalitäten und
der Externalitäten. Die Bedingungen des Tausches können schlecht sein und
sich noch verschlechtern; dazu bekommt einer der Beteiligten die ganze Her-
ausforderung, während dem anderen die Routinearbeiten überlassen werden,
der doch schon die ökologische und menschliche Degradierung bei diesem
Handel tragen muß. Da dies eine ziemlich angemessene Beschreibung des
Handels zwischen den reichen (nicht alIe im Norden liegenden) und den ar-
men (nicht alIe im Süden liegenden) Ländern der Welt von heute ist, haben
wir es hier mit einem SchlüsselfalI strukturelIer Gewalt zu tun. Diese Situati-
on führt häufig zu direkter Gewalt, die die Strukturen verändern oder erhal-
ten solI, und die durch die kultureIle Gewalt der Mainstream-Theorie massiv
verteidigt wird. Ein Gewaltdreieck großen Ausmaßes.
Ein Ausweg wäre, weniger Handel zu treiben und sich mehr auf die eige-
nen Ressourcen (Faktoren) zu verlassen. Die positiven Externalitäten bleiben
dann im Lande; die negativen erträgt man selbst und schiebt sie nicht mehr
einfach auf andere ab. Die Hoffnung dabei wäre, daß das Eigeninteresse dann
zu verb\!sserten ökonomischen Handlungsweisen führt. Wenn dies ,Selbstän-
digkeit l' ist, dann bedeutet ,Selbständigkeit Ir, den Vorgang auf den Aus-
tausch mit anderen Ländern auszudehnen. Der entscheidende Punkt ist Sensi-
bilität gegenüber den Externalitäten. Die Kurzformel wäre, sie zu teilen. In
der Praxis bedeutet das, sich gegenseitig positive Externalitäten zu ermögli-
chen und bei der Reduzierung der negativen zusammenzuarbeiten. 7

6 "self-reliance"; die Bedeutung oszilliert zwischen Selbsthilfe und Selbstvertrauen


und meint in vergleichbaren Kontexten meist den Entschluß bzw. die Fähigkeit, auf
eigenen Beinen zu stehen, Eigenständigkeit. (Anm. d. Übers.)
7 Wenn A von B ein Produkt verlangt, das für diesen eine Herausforderung bedeutet
und anregend ist, dann sollte B von A ein ebenso anregendes Produkt verlangen,
kein Feld-Wald-und-Wiesen-Produkt. Und wenn einer oder beide Vorgänge zusam-
men zur ökologischen und/oder menschlichen Degradierung führen, dann sollten A
Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert 25

An dieser Stelle droht eine böse Falle. Rücksichtnahme, die Bereitschaft,


die Folgen von internationalen ökonomischen Transaktionen für andere (min-
destens) ebenso ernst zu nehmen wie die Folgen für einen selbst, setzt grund-
sätzlich voraus, daß man sich den anderen nahe, wie verwandt fühlt. Wie das
auch in harmonischen Familienverhältnissen der Fall sein sollte. Eine Formel
wäre "Nachbarländer", eine andere "gleichgesinnte Länder", eine weitere
"Länder auf der gleichen Entwicklungsstufe". "Selbständigkeit II" soll dazu
dienen, eine derartige Verbundenheit zu entwickeln, und doch ist eine solche
Verbundenheit gleichzeitig die Bedingung ihrer Entstehung.
Der beste Ansatz ist immer noch, einfach anzufangen, wie das die Nordi-
schen Länder, die ASEAN-Länder und die Länder der Europäischen Union
schon getan haben. Das ist wahrscheinlich auch der beste, vielleicht sogar der
einzige Weg zur Entwicklung der armen Länder im Süden - wenn man nicht
nur sich selbst, sondern sich gegenseitig aufhilft. In dieser Hinsicht ist die
Süd-Süd-Kooperation, für die die Nyerere-Kommission eintritt, nicht nur ein
Entwicklungsprogramm, sondern auch ein Friedensprogramm, zumindest
was den Süden betrifft.'

7 Die kulturelle Dimension

Warum töten Menschen? Zum Teil sicher, weil sie so erzogen sind - zwar
nicht direkt zum Töten, aber doch dazu, das Töten unter bestimmten Bedin-
gungen als legitim zu betrachten. Wir kommen also zur Kultur, diesem großen
Rechtfertiger der Gewalt, aber auch des Friedens. Und wir stellen die Frage, in
welchen Manifestationen der Kultur wir die Hauptträger der Gewalt finden.
Die einfache Antwort wäre: "in Religion und Ideologie", da Menschen be-
kanntlich im Namen beider töten. Nicht alle deren Formen sind jedoch ge-
walttätig, einige plädieren sogar heftig für Gewaltlosigkeit.
Die von mir bevorzugte Formulierung lautet: Es gibt gewöhnlich harte
und weiche Varianten einer Religion und einer Ideologie, wobei die harten
sich auf irgendein abstraktes, transzendentes Ziel und die weichen auf Ein-
fühlungsvermögen oder gar Mitgefühl stützen. Beispiele für ersteres wäre der
Triumph eines transzendenten Gottes, z.B. der okzidentalen Version einer
männlichen Gottheit "im Himmel"; oder der endgültige Sieg einer politi-
schen Utopie auf der ganzen Welt (Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie,
Faschismus); oder die ,Größe' der Nation. Und Beispiele für weichere oder
sanftere Ziele wären ein immanenter Gott, etwa als das Göttliche in jedem

und B zusammenarbeiten, um diese Folgen, wo immer sie auch auftreten, zu redu-


zieren.
8 Siehe The South Commission Report, Genf 1990.
26 Friedensvisionenfür das 21. Jahrhundert

Menschen, die Befriedigung der konkreten Grundbedürfnisse von konkreten


menschlichen Wesen oder auch die Fürsorge für alles Leben.
Offensichtlich tragen die größten okzidentalen Religionen und Ideologien,
der Islam und das Christentum, der Liberalismus und der Marxismus (dieser
wird wahrscheinlich eine Art von "Comeback" erleben) Merkmale beider
Formen an sich, so daß man besser von harten und weichen "Aspekten" spre-
chen sollte statt von harten und weichen Religionen und Ideologien. Oder
sogar von harten und weichen Varianten. Alle vier genannten sind aber sin-
gularistisch, d.h. sie erheben den Anspruch, der einzige wirkliche Träger der
Wahrheit zu sein, und sie sind universalistisch, d.h. sie beanspruchen auf der
ganzen Welt Gültigkeit für ihre Botschaft, und das für alle Zukunft.
Ein solcher Glaube wird besonders gefährlich, wenn einem auserwählten
Volk (ersetzbar durch: Geschlecht, Generation, Rasse, Klasse, Nation) das
Recht und die Pflicht zugesprochen wird, den Glauben zu verbreiten oder zu
verteidigen. Die okzidentalen Religionen bzw. Ideologien (aber nicht nur sie)
besitzen derartige Elemente; der Archetypus ist die jüdische Vorstellung von
einem Auserwählten Volk und einem Gelobten Land. Alle solche Ideen soll-
ten in Frage gestellt werden, sie sind durchtränkt von Gewalt und Krieg. Und
Gewalt selbst sollte direkt angegangen werden. Im pragmatischen Westen
macht man das am besten, indem man zeigt, wie Gewalt Gewalt sät, wahr-
scheinlich eine der gesicherteren sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse. Und
die beste Form der Infragestellung ist der Dialog. Das Christentum kennt
harte und weiche Varianten; ein Dialog innerhalb einer Religion kann für die
Gläubigen sinnvoller sein als ökumenische Dialoge zwischen Religionen. Ein
Ansatz schließt den anderen jedoch nicht aus.
Der beste Ansatz ist wahrscheinlich, wie gewöhnlich, ein positiver. Die
vier oben kritisierten Systeme sind Träger eines Glaubensmaximums, sie ha-
ben auf (fast) alles eine Antwort. Von jedem zu verlangen, hieran zu glauben,
ist so, als würde man allen Menschen die gleiche Schuhgröße vorschreiben.
Und doch braucht eine Weltzivilisation ein Minimum gemeinsamer Über-
zeugungen.
Tabelle 0.1 macht einige Vorschläge, die hilfreich sein könnten. Eine
Welt, in der jeder Ort ein Zentrum ist, und kein Ort auf der Peripherie liegt.
Ein weniger dramatisches Zeitkonzept; Hochs und Tiefs wären normal, soll-
ten aber innerhalb bestimmter Grenzen gehalten werden. Man kann die Welt
nur in einer einigermaßen ganzheitlichen und globalen Sicht begreifen. Part-
nerschaft mit der Natur; Mensch und Natur sollten sich wechselseitig zu
Diensten sein und gegenseitig ihre Grundbedürfnisse befriedigen. Gleichheit
und Gerechtigkeit in und zwischen den Gesellschaften. Verbesserung der Le-
bensbedingungen als Endziel und als Mittel. Worte, Worte, Worte - und den-
noch unerläßlich.
Friedensvisionenjür das 21. Jahrhundert 27

8 Wer sind die Träger von Friedensstrategien?


Die Antwort versteht sich: im Prinzip jeder. In der Praxis gibt es aber Pro-
bleme, wenn das Staatensystem der Träger ist. Einen Grund habe ich oben
dargestellt: die Tendenz, das System oder wenigstens das Bild desselben zu
transformieren, so daß die Mittel, die diesem zur Verfügung stehen, wieder
relevant werden oder wenigstens so erscheinen: Knüppel, d.h. Gewalt, Be-
lohnungen und verhandelnde Eliten.
Es gibt aber auch schwerwiegende Probleme, wenn das nicht-staatliche
System der Träger von Friedensstrategien ist. Die Menschen sind, wie schon
oben gesagt, nicht immer friedfertig, und wenn sie es doch sind, so besitzen
sie hauptsächlich kulturelle Macht und nicht die Knüppel und Anreize der
militärischen und ökonomischen Macht des Staatensystems. Auch nicht-
staatliche Systeme tendieren dazu, die Welt als Nagel zu betrachten, nur ist
ihr Hammer sehr viel weicher, nämlich die Überzeugung durch Wort und
Beispiel. Das kann helfen, muß aber nicht. Es spricht einiges für ein zwei-
gleisiges Verfahren, wobei man noch einen potentiellen Friedensstifter hin-
zufügen sollte, der meist übersehen wird: das transnationale Unternehmen.
Anstatt den beiden größten Fehlern zu verfallen und anzunehmen, Friede
könne entweder nur von Eliten oder nur von Nicht-Eliten gestiftet werden,
sollte man also stets versuchen, beide Schienen zu nutzen. Vielleicht kann
das Ende des Kalten Krieges als Beispiel dienen. Das Staatensystem hat
wichtige Schritte in diese Richtung unternommen, besonders im Zusammen-
hang mit dem Helsinki-Prozeß. Aber noch wichtigere Schritte wurden vom
nicht-staatlichen System unternommen, von den Dissidentenbewegungen im
Osten, die das Illegitime am (Post-) Stalinismus aufdeckten, und von der
Friedensbewegung in Ost und West, die das gleiche in Bezug auf den Nu-
klearismus tat. Die beiden Trends haben sich in der Person und den Taten
von Gorbatschow vereinigt. Im Herbst 1989 kam es zu einem guten Ende;
Ließe sich ein solcher Erfolg nicht wiederholen?

9 Ein Versuch, das Geschehene zu analysieren, findet sich in meinem Aufsatz:


"Eastern Europe Fall 1989 - What Happened, and Why?", in: L. Kriesberg und D. R.
Segal: Research in Social Movements, Conflicts and Change, Bd. 14, 1992, S. 75 -
97, Greenwich, Conn. 1992, sowie in meinem Buch: Eurotopia. Die Zukunft eines
Kontinents, Wien 1993, S. 43-70.
Teil I: Friedenstheorie
1 Die Friedensforschung: eine epistemologische
Grundlage

1.1 Ein Ausgangspunkt: Frieden mit friedlichen Mitteln


Zu Beginn zwei miteinander vereinbare Definitionen von Frieden:
- Frieden bedeutet die Abwesenheit/die Reduktion jeglicher Gewalt.
- Frieden ist gewaltfreie und kreative Konflikttransformation.
Für beide Definitionen gilt auch das Folgende:
- Friedensarbeit ist die Arbeit, Gewalt mit friedlichen Mitteln zu reduzieren.
- Friedensforschung nennt man die Untersuchung der Bedingungen von
Friedensarbeit.
Die erste Definition ist gewaltorientiert, und Frieden meint die Negation von
Gewalt. Die zweite Definition ist konfliktorientiert, und Frieden bezeichnet
hier einen Rahmen, in dem Konflikte sich gewaltlos und kreativ entfalten
können. In diesem Fall müssen wir, um etwas über Frieden zu wissen, Kennt-
nisse von Konflikten haben und wissen, wie diese transformiert werden kön-
nen, und zwar gewaltlos und kreativ. Offensichtlich ist diese Definition dy-
namischer als die erste.
Beide Definitionen richten ihr Augenmerk auf Menschen in einem gesell-
schaftlichen Zusammenhang. Daher gehört die Friedensforschung zu den So-
zialwissenschaften, genauer gesagt, zu den angewandten Sozialwissenschaf-
ten, mit einer expliziten Wertorientierung. Bestimmte epistemologische oder
wissenschaftstheoretische Annahmen der Friedensforschung sind allen wis-
senschaftlichen Bemühungen gemein, einige teilt sie mit anderen Sozialwis-
senschaften, einige mit anderen angewandten Wissenschaften wie der Medi-
zin, der Architektur oder den technischen Wissenschaften.
Friedensstudien folgen also solch generellen Regeln der wissenschaftli-
chen Forschung wie intersubjektiver Vermittelbarkeit und Akzeptanz. Prä-
missen (Daten, Werte, Theorien), Folgerungen und ihre Zusammenhänge müs-
sen öffentlicher Nachprüfung zugängig sein. Wissenschaft und Idiosynkrasie
passen nicht zusammen. Auch Wissenschaft und Geheimniskrämerei nicht,
was man in den Sicherheitsstudien, die sich durch einen "vertraulich"-Stempel
schützen, gleichwohl immer wieder erlebt. Wissenschaft ist öffentlich.
32 Friedenstheorie

1.2 Eine Dreiteilung der Friedensforschung


Eine Unterscheidung zwischen drei Zweigen der Friedensforschung ist ein
geeigneter Ausgangspunkt: IO
1. Empirische Friedensstudien, die auf Empirismus beruhen, d.h. der syste-
matische Vergleich von Theorien mit empirischer Wirklichkeit (Daten),
wobei die Theorien revidiert werden, wenn sie mit den Daten nicht über-
einstimmen, da hier die Daten Vorrang haben vor der Theorie.
2. Kritische Friedensstudien, die auf Kritik basieren, d.h. der systematische
Vergleich von empirischer Wirklichkeit (Daten) und Werten, also der Ver-
such, mit Worten und/oder mit Taten die Wirklichkeit zu verändern, wenn
diese nicht mit den Werten übereinstimmt, da die Werte hier Vorrang ha-
ben vor den Daten.
3. Konstruktive Friedensstudien, die auf Konstruktivismus basieren, d.h. der
systematische Vergleich von Theorien mit Werten, der Versuch, die Theo-
rien bestimmten Werten anzupassen und Visionen einer neuen Wirklich-
keit zu schaffen, wobei die Werte stärker sind als die Theorie.
Ganz allgemein gesprochen, sind das Untersuchungen der Friedensproble-
matik, die sich jeweils auf Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftszeit-
formen bzw. -aspekte beziehen. In der Logik des Empirismus siegen die Da-
ten über die Theorie, in der der Kritik die Werte über die Daten. Und in der
Logik des Konstruktivismus wird die (transitive) Schlußfolgerung gezogen:
Werte gehen vor Theorien. Somit behalten in der Friedensforschung diejeni-
gen Werte, die unter der Überschrift "Frieden" zusammengewürfelt sind, die
Oberhand, das letzte Wort; mit ihnen wird der Aufbau der Theorien geleitet,
die man benutzt, um Daten zu erklären. Die Daten aber behalten auch das
letzte Wort, da man die Theorien benutzt, um sie zu erklären.
Wie ist das möglich, wie können sie beide die "Oberhand" behalten? Das
liegt daran, daß die Friedenswissenschaft, wie jede andere an gewandte Wis-
senschaft, in der Überzeugung gründet, daß die Welt veränderbar und form-
bar ist, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wie daraus eine Epistemolo-
gie für die angewandte Wissenschaft wird, untersuche ich unten.
Empirische Friedensstudien informieren uns über Muster und Bedingun-
gen von Frieden bzw. Gewalt in der Vergangenheit, da nur die Vergangen-
heit Daten hergeben kann. Die Forschungsregeln sind die gleichen wie für
andere Sozialwissenschaften: sorgfältiges Sammeln, Bearbeiten und Analy-
sieren von Daten und induktive Theoriebildung; oder, anders herum, deduk-
tiv: der Vergleich von Daten und Theorien, wobei letztere ersteren angepaßt
werden, um eine Konsonanz zwischen Daten und Theorie zu erzielen.

10 Vgl. Johan Galtung: Methodologie und Ideologie. Aufsätze zur Methodologie. Bd. I,
Frankfurt/M. 1978, Kap. 2.
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 33

Wir können dadurch viel lernen, insbesondere über die Vergangenheit.


Die (positivistische) Annahme jedoch, daß das, was in der Vergangenheit
galt, auch in der Zukunft gelten wird, ist eine dramatische Annahme, die vor-
aussetzt, daß soziale Phänomene eine zeitliche Homogenität ohne größere
Veränderungen besitzen, seien diese nun kontinuierlich oder diskontinuier-
lich (Brüche). Kontinuierliche Veränderungen können mit Hilfe der Extrapo-
lation vorausgesagt werden, besonders wenn sie monoton sind und weder zu-
noch abnehmende Tendenzen zeigen. Diskontinuierliche Veränderungen sind
problematischer. Hätten die Menschen im Römischen Reich das Mittelalter,
dessen grundherrliche oder feudale Perioden, verstehen können? Hätten de-
ren Angehörige ihrerseits die "Moderne" verstehen können? Ja, verstehen wir
die "Post-Moderne"? Zukünfte, welche die uns aus empirischen Untersu-
chungen zugänglichen Erfahrungen der Vergangenheit transzendieren, sind
unbekannt und möglicherweise unerkennbar. Sie sind sui generis, von einer
neuen Art. Die Geschichte - von Gesellschaften oder einzelnen Menschen -
macht in der Tat "Quantensprünge", wie die physikalische Natur. Und nach
der Evolutionstheorie gilt das auch für die biologische Natur.
Begriffliche oder andere Hilfsmittel, die man benötigen würde, um sich
die Zukunft vorstellen zu können, finden wir nicht unbedingt in einem der
Gegenwart und der Vergangenheit angepaßten Forschungs-Werkzeugkasten,
obwohl ein makrohistorischer Überblick hilfreich sein kann. Das ist ein Ar-
gument für ein Verstehen der Zukunft mit Hilfe nicht-wissenschaftlicher
Mittel (Träume, Mythen, Intuition), wodurch Künstler und Mystiker die bes-
seren, weil einfallsreicheren Wissenschaftler würden.
Kritische Friedensstudien würden Daten oder Informationen, welche die
Gegenwart im allgemeinen, die zeitgenössische Politik im besonderen betref-
fen im Lichte von Werten, bezogen auf Frieden und Gewalt, evaluieren. Sol-
che Vergleiche können konsonant oder dissonant ausfallen (Übereinstim-
mung, Widerspruch). Im letzteren Falle ist die Schlußfolgerung nicht das
"Die TheorienlWerte waren falsch" des Empirikers, sondern das "Die Wirk-
lichkeit ist schlecht/falsch" des Kritikers, wie in der Literaturkritik oder im
(Straf-)Recht. Dissonanz ist kein Anlaß, Werte zu verändern, wohl aber der
Grund, die Wirklichkeit so zu ändern, daß zukünftige Daten eine Konsonanz
aufweisen können. Kritische Friedensstudien sollten, wie Kunstkritik, nicht
unbedingt zu negativen Schlußfolgerungen führen, auch wenn man oft das
Wort "Kritik" dahingehend interpretiert. Lobenswerte politische Sachverhalte
können und sollten gelobt werden. Und auch Angeklagte werden bisweilen
freigesprochen. In der Rechtsprechung jedoch wird selten Lob ausge-
sprochen, und Kritik endet selten mit einem "weder gut noch schlecht".
Konstruktive Friedensstudien bringen Theorien über das, was funktionie-
ren könnte, mit Werten zusammen, die bestimmen, was funktionieren sollte;
so wie auch Architekten und Ingenieure arbeiten, die ständig neue Gebäude
und Konstruktionen schaffen. Wären sie nur Empiriker gewesen, wären sie
34 Friedenstheorie

mit empirischen Studien über Höhlen und die Trageleistungen menschlicher


Wesen zufrieden gewesen; wären sie nur Kritiker gewesen, hätten sie sich
mit Äußerungen des Bedauerns über die Mängel von Höhlen und von Men-
schen begnügt. Der Konstruktivismus transzendiert, was die Empirie enthüllt
und macht konstruktive Vorschläge. Die Kritik aber ist eine unentbehrliche
Brücke zwischen beiden. Man braucht eine in Werten verankerte Motivation.
Empirische Friedensstudien gehören zur Mainstream-Sozialwissenschaft.
Werden sie z.B. auf internationale Beziehungen angewandt, dann ist das Er-
gebnis entsprechend, dann werden sie zur Disziplin "Internationale Bezie-
hungen"". Kritische Friedensforschung bezieht explizit Stellung. Die Ex-
plizitheit nicht nur von Daten, sondern auch von Werten, d.h. die Tatsache,
daß sie spezifiziert, was gut bzw. richtig und schlecht bzw. falsch ist, und wie
und warum das so ist, macht sie zur Forschung. Das wird sehr oft mit dem
Hinweis auf die Zukunft geschehen müssen: Was heute wie eine plausible
Friedensstrategie aussieht, kann sich als verheerend herausstellen; was heute
inakzeptabel aussieht, könnte auf lange Sicht funktionieren.
Eine Prognose wird hinzugefügt mit all ihren Unsicherheiten. Und kon-
struktive Friedensstudien fügen noch eine Dimension der Therapie oder Arz-
nei hinzu, indem sie Entwürfe für die Zukunft - Visionen, Bilder - erstellen.
Der Prognostiker setzt auf eine schlechte Prognose als sich selbst verneinen-
de Prophezeiung, der Therapeut auf die sich selbst erfüllende Natur einer the-
rapeutischen Vision als Prophezeiung. Beide transzendieren den Empirismus
als eine Art, epistemologische Grenzen zu definieren, die von manchen ver-
teidigt und von anderen durchbrochen werden. Das bedeutet nicht, daß jedes
einzelne Stück Friedensstudien explizite politische Implikationen aufweisen
muß. Solide empirische Friedensstudien sind unentbehrlich. Sie sind jedoch

11 Tatsächlich ist die Bezeichnung "Internationale Beziehungen" irreführend. "Zwi-


schenstaatliche Beziehungen" sind eigentlich gemeint, und selbst die Bezeichnung
"Beziehungen zwischen den Ländern" wäre angemessener, da der Staat ja nur eine
Organisation in einem Lande darstellt, die im übrigen - im Zeitalter transnationaler
Konzerne, was das Kapital betrifft, und internationaler Volks- und internationaler
Nichtregierungsorganisationen (IPOs; INGOs), was die Zivilgesellschaft betrifft -
kein Monopol mehr auf "auswärtige Angelegenheiten" hat. Sicherlich sind Men-
schen auch in Nationen organisiert und hängen als solche zusammen, wie Serben und
Kroaten in Ex-Jugoslavien. Ein möglicher Name dieser Disziplin wäre also ,Bezie-
hungen zwischen Nationen', wobei das Wort "ethnisch" vermieden werden sollte, da
man dieses (ebenso wie das Wort ,,(Volks-) Stamm") hauptsächlich in Bezug auf an-
dere Nationen verwendet. "Internationale Beziehungen" klingt, als wären mittler-
weile alle Länder Nationalstaaten, obwohl in Wirklichkeit doch nur von etwa zwan-
zig (von zweihundert) gesagt werden könnte, sie fielen in die Kategorie der aus einer
Nation gebildeten Staaten. Warum sollte man nicht, um all dem Rechnung zu tragen,
von "Weltwissenschaften" sprechen, in Analogie zu "Sozialwissenschaften" und
"Humanwissenschaften"?
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 35

nicht das Endprodukt, sondern nur der Beginn eines komplexen Prozesses,
der viel mehr Schwierigkeiten enthält als empirische Studien als solche.

1.3 Trilaterale Wissenschaft:


das Dreieck Daten-Theorien-Werte

Die drei Ansätze bauen aufeinander auf, da im Dreieck Daten-Theorien-Wer-


te innere Beziehungen bestehen (vgl. Abbildung 1.1).

Abbildung 1.1: Das Daten-Theorien-Werte-Dreieck

DATEN

Empirismus Kritik

THEORIEN Konstruktivismus WERTE

Die Welt wird durch Daten in das Beobachtete und das Nichtbeobachtete
aufgeteilt; durch die Theorie in das Vor(her)gesehene (d.h. "durch die Theo-
rie Begründete", was ein Element der Vorhersage beinhalten kann oder nicht)
und das Unvor(her)gesehene; und durch Werte in das Erwünschte und das
Abgelehnte. Die Logik der Empirie besteht darin, Theorien so zurechtzustut-
zen, daß das Beobachtete vorhergesehen und das Unvorhergesehene nicht
beobachtet wird. Die Logik der Kritik besteht darin, die Wirklichkeit so um-
zuformen, daß die Zukunft Daten produzieren wird, in deren Fall das Beob-
achtete erwünscht ist und das Abgelehnte nicht beobachtet wird. Die Logik
des Konstruktivismus besteht darin, neue Theorien zu konstruieren, die den
Wertmaßstäben derart angepaßt sind, daß das Erwünschte das Vorher ge sehe-
ne ist und das Abgelehnte das Unvorhergesehene. Daran ist nichts neu; Medi-
ziner, Architekten und Ingenieure handeln schon seit Generationen, seit Jahr-
hunderten so.
Wenn das Wahrgenommene vorhergesehen und erwünscht ist, das nicht
Wahrgenommene nicht vorhergesehen und abgelehnt wird, dann leben wir in
36 Friedenstheorie

der besten aller Welten. Die zweitbeste wäre eine Welt, in der das Erwünsch-
te zwar nicht beobachtet wird, aber durch einen einigermaßen automatisch
ablaufenden Prozess vorhergesehen wird, wie etwa: Auf längere Sicht "sind
wir zum Frieden verurteilt". Beides ist unwahrscheinlich.
Die weiteren sechs Kombinationen besitzen eine eingebaute Dissonanz,
wobei der Empiriker versucht, die Dissonanzen zwischen vorhergesehen/
nichtbeobachtet und unvorhergesehenlbeobachtet aufzulösen, und der Kriti-
ker, auf die wahrgenommen/abgelehnt- und nichtwahrgenommen/erwünscht-
Dissonanz hinzuweisen. Der Konstruktivist versucht, die drei einander anzu-
passen, um eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Der Ausgangspunkt sind die
erwünschtlunvorhergesehen- oder die abgelehntlvorhergesehen-Dissonanz;
das Ziel ist die Schaffung neuer Theorien, die das Erwünschte vorhersehbar
machen.
Früher oder später aber müssen die Theorien an der Wirklichkeit überprüft
werden; das Vorhergesehene muß auch wahrgenommen werden. Es ist eine
Sache, die UN-Friedenstruppen (UNPKF) als mit Handwaffen - wesentlich
als Symbolen der Autorität - ausgerüstet vorherzusehen bzw. sich vorzustel-
len, wodurch man zweierlei Erwünschtes, Gewaltfreiheit und Friedenserhalt,
verbunden hätte; etwas ganz anderes ist die Frage, ob das auch funktioniert,
also in der Realität beobachtet werden kann.
Nützlich ist hier die Unterscheidung zwischen empirischer, d.h. schon in
der Vergangenheit und/oder Gegenwart gegebener Realität, potentieller Rea-
lität, die in der Zukunft vorhanden sein kann, und Irrealität, die nie möglich
sein wird. Die an gewandte Wissenschaft erforscht die empirische Realität um
der Vorstellungen von einer potentiellen und mutmaßlich besseren Wirklich-
keit willen. Die kognitive Brücke ist eine Theorie, die offen genug ist, das
Nicht-Wahrgenommene vorherzusehen, und kein geschlossenes System dar-
stellt, das sich nur mit der schon wahrgenommenen empirischen Wirklichkeit
beschäftigt. Getragen wird die Brücke von Werten, die steile Gefälle zwi-
schen dem Erwünschten und dem Abgelehnten definieren und ständig fragen
lassen: "Aber könnte es nicht in Zukunft funktionieren?". Eine sinnlose Fra-
ge in einer Welt, von der man annimmt, sie sei unveränderbar oder würde
nach unveränderlichen Gesetzen funktionieren; in diesem Sinne haben wir
gelernt, über die physikalische Welt zu denken, nicht aber über biologische,
soziale und persönliche Welten.
Die endgültige Prüfung findet sich nur in der Logik der Empirie, der ge-
mäß die Daten das letzte Wort haben. Da keine Realität aber endgültig ist,
sondern immer wieder neu geschaffen wird (eher eine buddhistisch-humani-
stische als eine christliche und von Physikern vertretene Vorstellungt, gibt

12 Für eine Untersuchung des Unterschiedes zwischen einer christlich und einer bud-
dhistisch inspirierten Epistemologie s. Johan Galtung: "Back to the Origins: on
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 37

es immer einen neuen Ansatz, eine neue Wirklichkeit, neue Daten. Ein im-
merwährender Prozeß. Die Negation dieses Prozesses, bei der man davon
ausgeht, daß das erwünschte Potential nie empirisch sein kann, z.B. "weil
Gewalt in der Natur des Menschen liegt", oder daß das erwünschte Potential
per definitionem schon Wirklichkeit geworden ist, "weil wir revolutionär
sind, weil es bei uns eine Revolution gegeben hat", nennt man Dogmatismus.
Dieser in einer Spiral bewegung verlaufende Prozeß kann an irgendeinem
beliebigen Punkt des Dreiecks gestartet werden und in jede beliebige Richtung
arbeiten. Ein häufiger Ausgangspunkt ist aber die Dissonanz zwischen dem
Wahrgenommenen bzw. dem Vorhergesehenen und dem Abgelehnten. Etwas
Empirisches ist vielleicht gut erfaßt und theoretisch "erklärt". Es kann jedoch-
einfach ausgedrückt - "schlecht" sein, wie z.B. Krieg. Hier muß die Phantasie
einsetzen. Auch wenn man das Empirische erfassen will, braucht man dieses
Hilfsmittel. Sich mit dem Nicht-Existenten oder Noch-nicht-Existenten zu be-
schäftigen, verlangt jedoch noch mehr, da es dafür keine empirische Wirk-
lichkeit gibt, von der man angeregt werden und an der man sich festhalten
kann.
In diesem Fall wird man häufig versuchen, irgendeine winzig kleine em-
pirische Wirklichkeit in entfernten Winkeln der Gesellschaft, der Geschichte
oder der Geographie zu finden und die Bedingungen ihres Daseins zu erfor-
schen (die Bedingungen für ihre Nicht-Existenz einbegriffen, falls sie ver-
schwunden sein sollte) und dann darangehen zu verallgemeinern." Ein ande-
rer Ansatz, der mehr verspricht, ist die Untersuchung einer "ausgewachse-
nen" empirischen Wirklichkeit, die der potentiellen Wirklichkeit, die man her-
beiführen möchte, isomorph, strukturell vergleichbar ist (wie die Hypothe-
senbildung bezüglich des Friedens, die vom gesunden Leben ausgeht).

Christi an and Buddhist Epistemology", in: Methodology and Development, Kopen-


hagen 1988, Kap. 1.1, S. 15-27.
13 So bewegte Margaret Mead die Einbildungskraft ganzer Generationen durch ihre
Berichte von den sozialen Verhältnissen auf (in den Augen der meisten Menschen)
sehr abgelegenen Pazifischen Inseln: Growing Up in New Guinea; Sex and Tempera-
ment in Three Primitive Societies; Coming of Age in Samoa. Alle drei wurden aufge-
arbeitet in ihrem Buch Male and Female: a Study ofthe Sexes in aChanging World,
New York 1973. Auf Grund ihrer wesentlichen Einsicht wird Mead ihre Kritiker
überleben: welch unglaublich unterschiedlicher Gebrauch vom menschlichen Körper
gemacht werden kann, und welch unterschiedliche Verbindungen Geschlecht, Eigen-
schaften und Verhaltensweisen eingehen können in unterschiedlichen Gesellschaf-
ten.
38 Friedenstheorie

1.4 Wissenschaft als Invarianz suchende und brechende


Aktivität
Ein Rezept für den Durchbruch durch die Mauer, die Theorien um die empi-
rische Realität bilden (und je besser die Konstruktion, desto stärker die Mau-
er), ist die Einführung einer dritten (meist einer n + 1-) Variablen bzw. eines
Variablensets. Die passende Frage, die dabei zu stellen ist, lautet: Unter wel-
chen Bedingungen gilt dieser empirische Fund? Gilt er tatsächlich unabhän-
gig von allen Änderungen aller einzelnen Variablen? Ein Beispiel: Ist es
wirklich wahr, daß die Nachfrage mit sinkendem Preis steigt, oder könnte es
Waren geben, die besonders für reiche Leute attraktiv sind, die sie als posi-
tionelle Statusgüter benutzen, un deren Nachfrage mit steigenden Preisen
steigen würde? Die Antwort ist ja, solche gibt es: die Giffen-Gütd 4 •
Mit anderen Worten, ein "Fund", der eine Reihe von Variablen verknüpft
- in einer flachen Kurve (einem "Gesetz") oder in einer Menge mit einem
beachtlichen Korrelationskoeffizienten (einer "Tendenz"), ob diese Variablen
nun sinnvoll in unabhängige oder abhängige dichotomisiert werden können
oder nicht -, ist niemals wirklich invariabel, im Sinne von: er gilt, was auch
immer sonst der Fall sein mag. Der Rest der Welt ist immer zugleich da, der
Kontext, den man als Satz von Variablen, genannt Bedingungen, betrachten
kann. Diese wiederum können in relevante oder irrelevante aufgeteilt wer-
den, je nachdem, ob ihre Variation den Fund beeinflußt oder nicht. Es geht
nicht darum, ob Invarianzen aus Gummi oder aus Stahl sind. Es geht viel-
mehr darum, die Bedingungen zu spezifizieren, unter denen sie aussehen, als
wären sie aus Stahl, und dann zu untersuchen, ob die Veränderung dieser Be-
dingungen mehr gummiähnliche Eigenschaften hervorbringt. Hiermit ver-
suchen wir, eine Wirklichkeit zu schaffen, die dem näher ist, was wir wollen,
und dringen in die Ecke des Erwünschten, aber noch nicht Wahrgenom-
menen vor.

1.5 Über Werte in der Friedensforschung

Während es keinen Anlaß gibt, in der Friedenswissenschaft irgendwelche


speziellen Annahmen bezüglich der Daten zu machen (für sie gilt dasselbe
wie für Daten in den Sozialwissenschaften ganz allgemein: man sollte sie den
anerkannten Validitäts- und Nachprüfbarkeitsstandards entsprechend sam-

14 Benannt nach Sir Robert Giften (1837-1910); obgleich er eigentlich über arme Men-
schen arbeitete, die Brot kaufen, wenn der Brotpreis nach oben geht (sie kauften
mehr davon, weil sie sich nämlich keine Luxusgüter leisten konnten), und nicht über
reiche Leute, die sich Güter zur Befriedigung ihres Snob-Geschmacks leisten.
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 39

meIn, bearbeiten und analysieren), spielen Werte hier eine besondere, wenn
nicht gar einzigartige Rolle. Wie oben erwähnt, können Vergleiche mit der
Sozialarbeit und der Kriminologie gezogen werden. Hier einige Thesen zur
Rolle der Werte:

Wertethese Nr. 1: Ohne Werte werden Friedensuntersuchungen zu sozialwis-


senschaftlichen Studien im allgemeinen und zu Welt-Studien im besonderen.
Die Wertedimension macht die Friedensforschung zu einer Disziplin sui ge-
neris. Ohne den Wert "Frieden" werden sowohl kritische als auch konstrukti-
ve Friedensstudien zu einer Unmöglichkeit; übrig bleibt dann nur das Spiel,
Theorien den Daten anzupassen. Das ist wichtig, aber nur ein Teil von Frie-
densforschung. Ausgedrückt in einer anderen Sprache, die später entwickelt
wird: Auch Prognose und Therapie wären unmöglich und damit die gesamte
Vorstellung einer Friedensprofession. Hierbei sollte beachtet werden, daß ei-
ne Prognose mehr ist als eine Voraussage; sie ist eine solche, aber auf der
Basis einer Wertdimension, die die Extreme Frieden und Gewalt umfaßt.
Und Therapie bedeutet natürlich eine bewußte Intervention, die darauf ab-
zielt, diese prognostische Kurve aufwärts zu lenken - hin zu den friedliche-
ren Regionen.
Die Logik ist eine konstruktivistische und zwar eine solche, die von der
kritischen Logik inspiriert und gemäß der empiristischen Logik geprüft wird.
Anleihen aus der medizinischen Theorie und Praxis bringen nichts Neues,
nur einen Hauch von Legitimation, da Gesundheitsstudien anerkannter sind
als Friedensstudien. Heute zumindest, denn gestern waren auch sie kaum an-
erkannt. Und morgen?

Wertethese Nr. 2: Der zentrale Wert, Frieden, muß klar, aber nicht zu klar
definiert werden.
Wenn man davon ausgeht, daß der Wert "Frieden" für die Friedensforschung
maßgeblich ist, und zwar für deren empirischen, deren kritischen und auch de-
ren konstruktiven Zweig, dann muß der Terminus definiert werden. Man muß
viel Arbeit darauf verwenden, den Terminus "Frieden" hinreichend abzuklären,
indem man Präzisierungen vornimmt und Indikatoren benennt, so daß eine ge-
gebene "Situation" (der entsprechende medizinische Terminus wäre "Fall", ca-
sus) in Bezug auf ihre Friedlosigkeit und Friedlichkeit klassifiziert und verstan-
den werden kann. Wir müssen uns im klaren sein, worüber wir sprechen und
nachdenken - und in der Lage sein, entsprechend handeln zu können.
Ein Wert ist nach der obigen Definition ein Maßstab, der die jeweils mög-
lichen Situationen in erwünschte und abzulehnende aufteilt, dabei aber auch
eine dritte Kategorie des IndifferentenfUnentschiedenen in Betracht zieht.
Definieren heißt auch verfeinern, über verschiedene Abstufungen sprechen
und ein- oder mehrdimensionale Typologien einführen. Ich werde dies alles
weiter unten tun, hoffentlich ohne dabei den roten Faden zu verlieren.
40 Friedenstheorie

Wertethese Nr. 3: Wertmaßstäbe kennen ist etwas anderes, als Wertmaßstäbe


vertreten.
Die Wissenschaft ist öffentlich, d.h. sie ist intersubjektiv, was mindestens be-
deutet, daß sie vermittelt und in etwa so rezipiert werden kann, wie sie übermit-
telt wurde. Die Kenntnis des Wertes bzw. der Werte des Friedens, wie man sie
in der Friedensforschung versteht, ist eine Bedingung für das Betreiben und das
Verstehen von Friedensforschung. An diesem Punkt jedoch muß eine wichtige
KlarsteIlung vorgenommen werden. Es ist durchaus möglich, einen Wert zu
kennen, ohne daß man diesen vertritt. Es ist möglich, den Frieden zu kennen,
ohne ein "friedlicher Mensch" zu sein, der an den Frieden glaubt oder gar den
Frieden wünscht, d.h. den Wert verinnerlicht hat.
Der Wert ist eine Norm, die man kennen kann, und in dem Moment bekannt,
in dem er übermittelt und rezipiert worden ist; die Überprüfung besteht darin zu
sehen, ob die gleichen Situationen als Zustände von Friedlich- oder von Fried-
losigkeit klassifiziert werden. Wissen ist ein kognitiver Prozeß, der immer dar-
aufhin überprüft werden kann, ob sein Inhalt korrekt oder nicht korrekt aufge-
nommen wurde. Die Verinnerlichung dagegen ist Teil eines emotiven Prozes-
ses, bei dem geprüft werden muß, ob die Friedlosigkeit - die eigene mit einbe-
griffen - weh tut oder nicht. Es geht um den Unterschied zwischen Bewußtsein
und Gewissen, wobei Paulo Freires "Bewußtmachung" (conscientization) beide
umfaßt, da sie sich nicht widersprechen.

Wertethese Nr. 4: Ein Minimum an Wert-Konsens ist notwendig, ein Maximum


an Wert-Konsens ist nicht erwünscht.
Ein Minimum ist nötig, um einen Diskurs über Denken, Sprache und Handeln
in Gang zu setzen; und das nicht nur unter denen, die auf dem Gebiet tätig sind,
sondern unter allen, die betroffen sind. Wenn man kommunizieren will, ist es
von geringer Bedeutung, ob man zu diesen Werten steht, oder ob sie einem nur
bekannt sind; wichtig ist, daß man konkrete Situationen ähnlich einschätzt. Das
Problem besteht darin, daß zwischen Erziehung und Indoktrination auf diesem
Gebiet nur ein geringer Unterschied besteht. Je differenzierter und reicher der
Wert des Friedens, je mehr Situationen werden im allgemeinen ausgeschlossen,
wenn wir davon ausgehen, daß die Denotata mit einer Vermehrung der Conno-
tata weniger werden. In anderen Worten: Je mehr Kriterien wir in die Definiti-
on des Begriffs "Frieden" einbauen, desto unwahrscheinlicher ist es, daß wir
empirischen Situationen begegnen, in denen alle unsere Kriterien erfüllt sind.
Wir sollten uns den Frieden lieber im Plural vorstellen, als die Frieden. Aber im
Englischen und im Deutschen z.B. ist dieser Plural unkorrekt, wohingegen die
Rede von "wars" und "Kriegen" unproblematisch ist - was wiederum Typolo-
gien der letzteren, aber nicht des ersteren ermöglicht. 15

15 Natürlich soll hier nicht behauptet werden, daß die Rede das Denken eindeutig de-
terminiert. Jeder Forscher ist - in Bezug auf den Frieden wie auf andere Dinge - dar-
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 41

Folglich scheint es sogar wünschenswert, daß es unter Friedensforschern


und anderen über die tieferen Bedeutungen von Frieden unterschiedliche
Meinungen gibt. Um ein Beispiel zu geben: Die meisten würden der Defini-
tion vom (negativen) Frieden als Absenz direkter Gewalt zustimmen, aber
nicht unbedingt einer zusätzlichen Definition von (positivem) Frieden als der
Präsenz von Symbiose und Gerechtigkeit in menschlichen Beziehungen; und
auch nicht unbedingt der These, daß positiver Frieden gleichbedeutend ist
mit dem Fehlen von struktureller und kultureller Gewalt. Diese und andere
Thesen und Definitionen sind Gegenstände eines informierten Dissenses, wo-
bei sich um verschiedene Definitionen und Thesen unterschiedliche Schulen
bilden. Uneinigkeit unter Gelehrten und Fachleuten kann die Sache erschwe-
ren und sowohl bei Insidern als auch bei Outsidern Verwirrung stiften bis hin
zum Verlust des Vertrauens in die ganze Forschungsrichtung. Andererseits
ist Einigkeit unter Gelehrten und Fachleuten eines Faches, insbesondere voll-
kommene Einstimmigkeit auch bezüglich kleinster Details, d.h. maximaler
Konsens, viel schlimmer. Er wird schnell zum massiven Dogmatismus, der
schulmeisterhaft und intolerant ist.
Der Vergleich mit der Medizin ist verlockend. Nichts ist gegen Medizin-
Schulen im Plural einzuwenden; ein Problem gibt es erst dann, wenn nur eine
einzige Schule existiert. Insider und Outsider gleichermaßen müssen die
Wahl haben dürfen. Das Fachgebiet kann nur dann von der Vielfalt profitie-
ren, wenn diese im allgemeinen interaktiv und im besonderen dialogisch an-
gelegt ist, mit dem Ziel einer gegenseitigen Bereicherung und manchmal ei-
ner Synthese. Eine stabile Synthese würde jedoch maximalen Konsens be-
deuten, daher sollten neue Uneinigkeiten ermutigt werden. Laßt hundert
Schulen blühen, aber keine Sekten. Sekten sind anderen verschlossen und be-
anspruchen eine Monopolstellung hinsichtlich der Wahrheit.

Wertethese Nr. 5: Objektivität bedeutet Intersubjektivität; die Bedingung für


Intersubjektivität ist Explizitheit.
Kann aber eine Disziplin, die so stark von Werten durchdrungen ist, objektiv
sein? Die Frage gründet auf einer ganz speziellen Auffassung von der Wis-
senschaft als Enthüllerin einer "objektiv existierenden" Realität, als würde
man diese sozusagen entschleiern (die maya, den Schleier, entfernen). Das
setzt eine Null- oder sehr niedrige Ebene der Beobachter-Wirklichkeits-Inter-
aktion voraus, eine Annahme, die noch einige Zeit für die naturwissenschaft-
lichen Forschungen, mit Ausnahme derer im subatomaren Bereich, fruchtbar

an gewöhnt mit Typen (Typ A, Typ B usw.) zu arbeiten. Aber im Allgemeinbe-


wußtsein dürfte die Singularform von Frieden auch zu einem singularistischen Den-
ken über den Frieden führen, man denke an die klassische Kinderdarstellung des
Friedens durch ein Feld, blauen Himmel, Sonnenschein und spielende Tiere und
Kinder - mit oder ohne Löwe und Lamm.
42 Friedenstheorie

sein könnte; im Falle der letzteren verleiht die Heisenberg'sche Unschärfen-


relation der Objektivität eine andere Bedeutung. Bei der Untersuchung bio-
logischer, sozialer, menschlicher oder allgemein lebendiger Subjekte kann
man die Voraussetzung einer Interaktion auf der Null- oder auf einer niedri-
gen Ebene nicht als wirklich haltbar betrachten, es sei denn, man schafft eine
künstliche Distanz zwischen Beobachter und Wahrgenommenem, wobei aber
dann der Andere, das Wahrgenommene, "objektiviert" (verdinglicht) wird.
Das impliziert aber nicht notwendigerweise, daß die Sozialwissenschaften
dazu verurteilt sind, ganz und gar subjektiv zu sein, auch wenn zwei Sozial-
wissenschaftler, die das gleiche Phänomen untersuchen, nur selten die glei-
chen Schlußfolgerungen in den gleichen Worten formulieren werden. Die
Sozialwissenschaften sind, wie alle Wissenschaften, einer Öffentlichkeit zu-
gänglich und stehen Dritten zur Überprüfung offen. Damit das geschehen
kann, muß alles explizit sein. Ich habe oben angewandte Wissenschaft als
dialektischen Prozeß definiert, der das Beobachtbare, das Vorher gesehene
und das Wünschenswerte einander anpaßt. Als allgemeine Regel gilt, daß das
Vorhergesehene dem Beobachteten und das Beobachtete dem Wünschens-
werten weichen muß; ersteres, indem die Theorie der empirischen Wirklich-
keit, letzteres, indem die empirische Wirklichkeit den Werten angepaßt wird,
wie oben gezeigt.
In allen drei Fällen ist Explizitheit vollständig möglich, indem man die
sechs Gruppen und die drei Zwischen zonen definiert. Explizitheit ermöglicht
Kommunikation, Kommunikation ihrerseits Intersubjektivität, Vergleich, Dia-
log, informierte Debatte. Subjektivität muß in dem Moment unterstellt wer-
den, in dem grundlegende Annahmen implizit sind, beziehen diese sich nun
auf das Wahrgenommene, das Vorher gesehene oder das Erwünschte. Das
kann aufgrund von Unterlassung so sein, d.h. die Annahmen werden nur des-
halb nicht explizit erwähnt, weil sie für denjenigen, der sie vertritt, so normal
und selbstverständlich sind, daß sie ihm nicht erwähnenswert erscheinen oder
von ihm selbst gar nicht bemerkt werden. Oder als Folge eines bewußten
Aktes in dem Sinne, daß die Annahmen unter den Teppich gekehrt werden.
Wenn grundlegende Annahmen verborgen sind, gibt es unerklärte Argu-
mentationssprünge. Diese verborgenen Annahmen ans Licht zu bringen, ist
ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Objektivität in der hier beschriebe-
nen Bedeutung. Ein weiterer Schritt wäre, die Annahmen in einem kohären-
ten, zwingenden Erzählzusammenhang zusammenzuführen, den man Para-
digma nennt.
Die Schlußfolgerung aus den Wertethesen NT. 4 und 5 ist schon in These 3
enthalten: Man muß viel an den Werten arbeiten, ebensoviel wie an den Da-
ten und Theorien. Friedensforschungskonferenzen sollten ruhig "Friedens-
definitionen" als permanenten Gegenstand auf ihrer Agenda führen.
Kurz gesagt, "Objektivität" im Sinne einer Widerspiegelung einer grund-
legend unveränderlichen Wirklichkeit, wie dynamisch diese auch sein mag,
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 43

ist abzulehnen, und sie ist auch in den Naturwissenschaften im Begriff aus-
zusterben. Uns geht es hier um Objektivität als auf expliziten Prämissen ba-
sierender intersubjektiver Dialog, anders gesagt, um das klare Bewußtsein
der je eigenen Voraussetzungen.

1.6 Über Theorie in den Friedensstudien

Der Tagesordnungspunkt "Friedenstheorien" sollte ebenfalls ständiger Be-


standteil von Friedensforschungskonferenzen sein. Es fragt sich, ob es bezüg-
lich der Theoriebildung im Zusammenhang mit dem Frieden irgendwe\che
Besonderheiten gibt, und ich möchte dafür votieren, daß das nicht der Fall
ist. Gute Friedenstheorie ist gute sozialwissenschaftliche Theorie, auch wenn
das Umgekehrte nicht unbedingt der Fall sein muß. Was mit einer "guten
sozialwissenschaftlichen Theorie" gemeint ist, ist jedoch nicht so eindeutig.
Einige meiner Ansichten, die mehr auf Erfahrungen auf dem Gebiet als auf
einer philosophischen Apriori-Argumentation beruhen, lassen sich in den
folgenden Thesen oder Perspektiven darstellen.

Theoriethese Nr. 1: Gehe von Dichotomien über zu YinlYang und von Vier-
felder- Tabellen zur doppelten Dialektik.
Nehmen wir einmal Frieden versus Gewalt. Selbstverständlich kann man je-
weils eines dieser beiden Worte als Negation des anderen definieren und
damit einen logischen Diskurs konstruieren. Aber die taoistische Epistemo-
logie vermittelt eine bessere Einsicht, weil sie auf die Gewalt im Frieden hin-
weist (z.B. durch zu große Passivität) und auf den Frieden in der Gewalt
(z.B. durch Aktivität). Yin ist in Yang enthalten und Yang in Yin; Yang ist
im Yin des Yang enthalten und Yin im Yang des Yin, usw., ad infinitum.
Man sollte ebenfalls, und das ist eher eine hinduistische/buddhistische/jaini-
stische Vorstellung, die Möglichkeiten des Sowohl-als-auch und des Weder-
noch vor Augen haben. Das strenge aristotelische tertium non datur ist eine
schlechte Anleitung bei der Konstruktion von Wirklichkeit, außer vielleicht
als logisches Spiel. Die Mann-Frau-Unterscheidung ist brauchbar, begrenzt
aber unsere Zurkenntnisnahme des breiten Spektrums der aktuellen (und erst
recht der potentiellen) Geschlechterrealität.
Kurz gesagt: Dichotomien sollten mit Vorsicht behandelt werden. Trotz-
dem sind sie sehr nützliche analytische Hilfsmittel, auch wenn sie weder
vollständig (das Weder-noch wird nicht berücksichtigt) noch ausschließend
(das Sowohl-als-auch wird nicht berücksichtigt, auch in der subtileren Yin-
Yang-Bedeutung nicht), sind. Das gleiche gilt für die Vierfelder-Tabelle oder
die doppelte Dichotomie, die es uns erlaubt, eine Dichotomie im Lichte einer
anderen zu sehen (z.B. Frieden/Gewalt im Lichte von FraulMann).
44 Friedenstheorie

Die Dichotomie als solche ist eine blutleere Angelegenheit; es gibt kein
Fortschreiten. Die manichäische Dichotomie, die im okzidentalen Denken so
häufig vorkommt, empfängt ihr Leben daraus, daß jemand gut ist, ein anderer
böse, und beide miteinander kämpfen, wobei der Ausgang des Kampfes nicht
von vornherein gesichert ist. Es gibt ein Gefälle. Im Idealfall wird das Gute
siegen, aber die bösen Kräfte können auch übermächtig sein; in beiden Fällen
endet die Dichotomie als Monotornie (die der Monotonie nahe ist, einer Art
geistiger Lobotomie). Zweifellos gibt es in der Friedensforschung, wie in der
Medizin zwischen Krankheit und Gesundheit, ein steiles Gefälle zwischen
Gewalt und Frieden, dennoch sollte sie für das YinIYang-Wesen dieser Wi-
dersprüche offen sein.
Der YinIYang-Gegensatz oder -Widerspruch besitzt mehr Leben. Yin und
Yang sind Gegensätze für einander, aber im komplementären Sinne, jedes ist im
anderen, nicht im Sinne eines Siegens über den anderen. Wenn eine Ausgewo-
genheit vorhanden ist, nicht einer sich gegen den anderen durchsetzt, dann ent-
steht ein Gleichgewichtszustand. Und dennoch ist dieses Gleichgewicht nicht
stabil. Der nachhängende Aspekt wird aufholen, bis er anfängt zu führen und
der andere nachhängt, dieser dann wieder aufholen, bis er anfängt zu führen, usw.
Das Resultat ist ein wogender Prozeß, bei dem zwischen den zwei Wende-
punkten ein instabiles Gleichgewicht herrscht. Anders als der lineare ma-
nichäische Prozeß hat der zyklische oder spiralförmige YinIYang-Prozeß kei-
nen Endpunkt, im Sinne eines endgültigen Sieges des Guten über das Böse
(oder umgekehrt). Die Perspektive ist reicher, aber fürs Handeln hinderlich,
da sie dem Yinl Yang-Prozeß freien Raum gewährt. Dagegen wird das Han-
deln vom simplizistischen okzidentalen Denken, das in die Auseinanderset-
zung zwischen Gut und Böse eingreift, begünstigt, allerdings mit dem Risiko,
größere Fehler zu machen.
Journalisten fragen immer wieder: "Wird irgendwann endlich Frieden auf
der Welt herrschen?" Man kann leicht erkennen, daß die Frage unbewußt von
der manichäischen Dichotomie zwischen Gewalt (oder genauer: Krieg) und
Frieden inspiriert ist: Wird das eine schließlich über das andere siegen? Oder
ähnlich: Wird es im Jahr 2000 Gesundheit geben? Natürlich nicht. Es wird
weder im Jahr 2000 noch irgendwann sonst totalen Frieden oder totale Ge-
sundheit geben. Was es geben könnte, wäre ein besseres Gleichgewicht zwi-
schen Frieden und Gewalt, d.h. mehr und besserer Frieden und weniger und
"bessere" (weniger bösartige) Gewalt, also eine Verbesserung der Lage der
Menschen. Und das gleiche gilt für die Gesundheit: Einige Krankheiten wer-
den vielleicht ausgerottet sein, neue könnten sich ausbilden; gerade so, wie
einige Formen von Gewalt ausgerottet und andere neu hinzugekommen sein
dürften. Die Friedensforschung hat die gleiche Aufgabe wie die Gesundheits-
forschung: keinen unrealistischen totalen Sieg des Guten über das Böse her-
beizuführen, aber bessere Bedingungen zu schaffen, weniger Leiden, sei die-
ses nun durch Gewalt oder durch Krankheit bedingt.
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 45

Wie können sich zwei so wogende YinIYang-Prozesse zu einer doppelten


Dialektik verbinden, der taoistischen Version einer aristotelisch-cartesischen
Vierfelder-Tabelle? Nehmen wir als Beispiel zwei sehr häufig auf internatio-
nale Beziehungen angewandte Dichotomien: Nord/Süd und West/Ost, beide
hier interpretiert als dominierend versus dominiert. Das mag dem Laien so
stabil erscheinen wie die Geographie selbst, mit ihren starren, vom Kompaß
inspirierten Kategorien.
Die YinIYang-Metapher lenkt unsere Aufmerksamkeit jedoch sofort auf
die "Unreinheiten" solcher Dichotomien; es gibt im Norden Dominierte, wie
z.B. die Nicht-Weißen, die Frauen und wie Ost-lMitteleuropa und die Nicht-
Russen in der früheren Sowjetunion; und es gibt im Süden Dominierende,
wie weiße Argentinier und Brasilianer, Südafrikaner und Australier. Es gibt
im Westen Dominierte, auch hier die Nicht-Weißen, Frauen und nationale
Minoritäten, und im Osten Dominierende, wie Russen, Han-Chinesen, Japa-
ner. Und innerhalb dieser Kategorien kann man wiederum Umkehrungen fin-
den: das Yin im Yang des Yin usw. Die Logik Chinesischer Kästchen ist hilf-
reich; sie spiegelt die gesellschaftliche Realität viel besser wider als eine
strikte aristotelische Dichotomie. Das sollte uns aber nicht zu einem dogma-
tischen Überlaufen von der aristotelischen zur taoistischen Denkweise verlei-
ten. Es ist viel besser, beide als mögliche Denkformen zu betrachten, oft mit
toten aristotelischen Dichotomien zu beginnen, immer aber nach taoistischer
Lebendigkeit Umschau zu halten.
Der springende Punkt ist der dialektische Prozeß, der von der taoistischen
Logik postuliert wird. Die YinIYang-Postulate, die in diese Denkform als
apodiktisches (synthetisch-apriorisches) Wissen eingebaut sind, werden hier
als Quelle von Hypothesen, als Intuition verstanden, die immer an der entste-
henden empirischen Realität überprüft werden müssen.
Genauer gesagt, die Basishypothese verlangt ein Gleichgewicht, eine Har-
monie des Herrschenden und des Beherrschten oder der dominierenden und
der dominierten Aspekte ihrer Beziehung. Wenn man dieses Gleichgewicht
aber nicht im Auge behält und beschützt, bleibt es nicht stabil und kann sich
umkehren. So könnte man eine langfristige Welt-Tendenz voraussagen, bei
der - nach einer Zeit des Ausgleichs - der Süden den Norden und der Osten
den Westen dominieren würde. Die Geschichte reitet auf Wellen in die Zu-
kunft, auf jede actio folgt eine reactio.
Wenn sie dies aber tut, dann reitet die Welt des Südostens, womit beson-
ders die buddhistisch-konfuzianischen Länder (China und Japan, Korea und
Vietnam) gemeint sind, auf einer doppelten Welle. Kurz gesagt, könnten wir
die Herausforderung der doppelt Dominierenden durch die doppelt Domi-
nierten erwarten, also durch ein erniedrigtes China, durch ein geschlagenes
bzw. nuklearisiertes Japan und durch Korea und Vietnam, die beide vom
Norden geteilt wurden. Und ebenso könnten wir eine Suche nach Gleichge-
wicht erwarten, das vielleicht von denen abgelehnt würde, die es gewohnt
46 Friedenstheorie

waren zu dominieren, und die Wellenbewegung würde weitergehen, bis es in


einer entfernteren Zukunft zur erneuten Wende käme.
Kurz gesagt, mit der taoistischen Logik wird das Leben zu Dichotomien
aufgewirbelt. Die Argumentation läuft darauf hinaus, daß man alle Dicho-
tomien und andere Klassifizierungen auf diese Weise betrachten sollte; ohne
jedoch diese Verfahrensweisen als ein apriorisches Wissen geltend zu ma-
chen, sondern als eine heuristische Methode zweck Hypothesenbildung. Ins-
besondere aber sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Diagonalen einer
Vierfelder-Tabelle richten, da dort zwei, meist unterschiedliche Prozesse ab-
laufen. Wäre man der subtileren taoistischen Logik gefolgt, hätte sich die zu
Zeiten des Kalten Krieges gängige Auffassung vom Nord-Süd- und vom Ost-
West-Konflikt als zwei getrennten Phänomenen als unhaltbar erwiesen, da
sie die inneren Widersprüche in allen Kategorien wie deren vorübergehenden
Charakter ebenso vergißt wie den Nordwest-Südost-Konflikt und die Auswir-
kungen, die ein Konflikt (oder eine Diagonale) auf den anderen (bzw. die an-
dere) haben kann. Nordost und Südwest werden dabei auch zu interessanten
Kategorien, ihr Verhältnis zueinander einbegriffen. Hier gäbe es aber zwei
Flutwellen in entgegengesetzter Richtung, wobei sich der Nordosten als Nor-
den im Rückzug befände und als Osten im Kommen wäre und der Südwesten
als Süden im Kommen wäre und sich als Westen zurückziehen würde, und
wobei beide Prozesse sich teilweise neutralisieren würden.
Die Geopolitik der letzten Zeit scheint solche Perspektiven zu bestätigen
und läßt die Ost-West- und Nord-Süd-Dichotomien als Farce erscheinen.

Theoriethese Nr. 2: Identifiziere Prozesse, Ereignisse und Permanenzen, und


nutze dies, um Brüche aufzuspüren.
Ein Prozeß im Sinne von Veränderung ist normal und natürlich; alles bewegt
sich, fließt, panta rhei. Aber es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten, und
angesichts der menschlichen Lebenserwartung und unserer begrenzten Wahr-
nehmungsmöglichkeiten spielt der Unterschied zwischen der Geschwindig-
keit, in der Berge verwittern und Gletscher sich bewegen, und der Geschwin-
digkeit von elektromagnetischen Wellen eine gewichtige Rolle. Es gibt eine
Bergzeit, eine Gletscherzeit, eine biologische Zeit, es gibt gesellschaftliche
Zeit (Geschichte), menschliche Zeit (Biographie), Elektronenzeit. Wenn ein
in menschlicher Zeit gemessenes Phänom für alle praktischen Zwecke kon-
stant ist, dann können wir es eine Permanenz nennen. Diese Variable ist eine
Konstante als eine Funktion der Zeit.
Es muß aber noch eine weitere Unterscheidung vorgenommen werden.
Veränderungen können sich, an der chronologischen Zeit gemessen, als kon-
tinuierlich oder diskontinuierlich darstellen. Im Falle einer kontinuierlichen
Veränderung ist die Veränderung umso geringer, je kleiner der Zeitabschnitt
ist; bei einer diskontinuierlichen Veränderung wird die Veränderung nicht
mit sich verkleinernden Zeitabschnitten geringer. Die Veränderung ent-
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 47

weicht, sie ist "sprunghaft". Dieser Sprung stellt sich als ein Ereignis dar.
Diese Variable ist eine diskontinuierliche Funktion der Zeit.
Es geht also um Ereignisse, Prozesse (im Sinne einer kontinuierlichen Funk-
tion der Zeit) und Permanenzen. Alle drei beziehen sich auf menschliche und
gesellschaftliche Zeit; in der Annales- bzw. Braudel- Tradition der neueren
französischen Historiographie werden sie histoire evenementielle, histoire
conjoncturelle und la longue duree genannt. All das wird aber interessanter,
wenn wir diese drei Modi temporaler Phänomene kombinieren; gerade dies
müssen wir tun, wollen wir eine Wirklichkeit (bzw. über diese) reflektieren,
in der sich alle Bestandteile bewegen, aber auf jeweils verschiedene Art und
Weise.

Tabelle 1.2: Modi der Veränderung, zwei Variablen


Ereignisse Prozesse Permanenzen
Ereignisse actio-reactio sich beschleunigend Freisetzen instabiler
Gleichgewichte;
Ereignis-Dialog langsamer werdend Ereignisse
Prozesse steigernd, synergistisch Brüche, die Ereignisse
dämpfend +,0, - produzieren
Permanenzen Ereignisse dämpfend, Ko-Existenz
dämpfend linear bis zyklisch

Wie wirken sich Ereignisse (schnell), Prozesse (langsam) und Permanenzen


(sehr langsam) auf Ereignisse, Prozesse und Permanenzen im selben Systems
aus? Das hängt selbstverständlich ab von Grad und Art der Verbindung zwi-
schen den Phänomenen, einige Hypothesen sind aber in der Tabelle 1.2 dar-
gestellt.
Beginnen wir mit der Hauptdiagonale der Phänomene gleicher Art, die an-
hebt mit zwei Ereignisgruppen, die in zwei Teilen oder "Ecken" des Systems
entstanden sind. Da diese, topologisch betrachtet, menschliches Handeln im
allgemeinen und menschliches Sprechen im besonderen widerspiegeln - beides
diskontinuierliche Phänomene -, bestünde eine Darstellungsform derselben in
einem handlungs- oder einem sprachbezogenen Dialog, jeweils als actio-re-
actio. Die bei den mögen nicht in Beziehung zueinander stehen, betrachtet man
sie aber als aufeinander bezogen, wird man neue Aspekte ans Licht bringen.
Das gleiche gilt für zwei Prozesse: Die Synergie mag Null sein, man kann
aber dennoch die Hypothese in Erwägung ziehen und an der entstehenden
Wirklichkeit prüfen, daß sie sich gegenseitig verstärken oder dämpfen (oder
auch einen verstärken und den anderen dämpfen) könnten. Für zwei Perma-
nenzen aber kann man sich schlecht etwas anderes als Koexistenz vorstellen.
Hier ist etwas Konstantes und dort ist etwas Konstantes, das ist es dann; man
denke an Geographie und Rasse, gemessen in menschlicher Zeit.
48 Friedenstheorie

Es wird alles lebendiger, wenn wir uns mit Phänomenen beschäftigen, die
in verschiedenen Modi fortschreiten. Ereignisse können stark auf Prozesse
und Permanenzen einwirken. Wenn sie zum richtigen Zeitpunkt beginnen,
können sie prozyklisch und antizyklisch sein und die Prozesse beschleunigen
oder verlangsamen. Sie können auf die Permanenzen sogar noch stärker ein-
wirken, wie der sprichwörtliche Inuit, der einen Eisberg in instabilem Gleich-
gewicht in den Ozean beförderte.
Am interessantesten ist der Einfluß, den ein Prozeß auf eine Permanenz
ausüben kann. Wenn sich etwas nach und nach (kontinuierlich) verändert und
sich etwas anderes überhaupt nicht verändert und die zwei verbunden sind,
muß früher oder später etwas geschehen. Eines von beiden muß weichen.
Eine weichende Permanenz nennt man einen Bruch (frz. rupture). Ein
Beispiel ist der sprichwörtliche Schnee, der sich auf dem Zweig eines Kirsch-
baumes sammelt. Normalerweise fällt der Schnee wegen der gerundeten, rut-
schigen Oberfläche des Zweiges herunter. Wenn der Schnee aber naß ist, ist
er auch klebrig und haftet auf dem Zweig, dieser neigt sich und bietet dem
Schnee Gelegenheit herabzugleiten; der Zweig kann aber auch, wenn er zu
starr ist, brechen. Hier beginnen die Kriegskünste.
Das Bild kann auch als Illustration dessen dienen, wie eine Permanenz auf
einen Prozeß einwirkt: indem sie nämlich dessen Linearität verneint. Die li-
neare Akkumulation (von Schnee auf dem Zweig) erreicht ein Maximum (je
nach vorhandenem Platz), sie wird durchkreuzt und der Schnee fällt herunter,
schmilzt, verdunstet, kehrt wieder, um einen zweiten, dritten, vierten Versuch
zu machen. Ein lineares Phänomen wird zyklisch, d.h. es wird gedämpft; das
ist wichtig, da eine finite Welt für unbegrenzte Linearität keinen Platz haben
kann. Entweder Bruch oder Zyklizität oder beides.
Das Bruch-Prinzip, auf das oben hingewiesen wurde, ist auch aus der He-
gelschen Dialektik bekannt als Prinzip des Übergangs von der Quantität (Ak-
kumulation) zur Qualität (der Sprung, das Ereignis, der Bruch). Deshalb soll-
ten Friedensbewegungen z.B. nie aufgeben; der Bruch einiger Gewaltstruk-
turen wird früher oder später kommen. Andererseits müssen sie sich auf ei-
nen längeren Zeitraum, la longue duree, gefaßt machen, wie die Tiefenpolitik
ganz allgemein.
Wie wirken sich Prozesse und Permanenzen auf Ereignisse aus? Perma-
nenzen vermindern deren Wirkung. Führe eine Lehrplanreform durch oder
erhöhe die Lehrergehälter in einem Erziehungssystem, das von einem sich
nicht verändernden, stark antipädagogischen Mediensystem umgeben ist, und
paß auf, was passiert. Es bestehen gute Aussichten, daß die Permanenzen das
Ereignis verhindern - eine Interpretation des Mechanismus, der dem zyni-
schen, jedoch sehr realistischen französischen plus ra change, plus c' est la
meme chose zugrundeliegt.
Prozesse können sich auf Ereignisse jedoch anders auswirken. Sie können,
von hinten kommend sozusagen, seine Auswirkungen steigern, sie können
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 49

diese, von vorne gegensteuernd, dämpfen - gerade so, wie Ereignisse auf
Prozesse einwirken. Dieses Phänomen ist Politikern als das Prinzip der reifen
Zeit oder des richtigen timing wohlbekannt, d.h. man läßt das Ereignis auf
dem richtigen Prozeß sozusagen mitschwimmen. Oder der Prozeß läuft mit
etwas Glück von ganz allein. So oder so können Synergieeffekte dann be-
wußt herbeigeführt werden.

Theoriethese Nr. 3: Theorien gründen eher auf Struktur- und Mustererken-


nung bzw. auf Isomorphismus als auf einzelnen Variablen.
Stellt man die Diachronie - Phänomene im Ablauf der Zeit - in den Mittel-
punkt, sollte man dabei nicht vergessen, daß es ebenso wichtig ist, sich auf
die Synchronie - Phänomene in der Zeit, gleicher Zeit - zu konzentrieren.
Wenn die mathematische Sprache für diachrone Phänomene eine Zeitjolge
ist, die als (miteinander verkettete) Trajektorien dargestellt wird, dann wäre
die mathematische Sprache für synchrone Phänomene geometrisch. Das über-
greifende Konzept ist eine Struktur, S, definiert als eine Menge von Elemen-
ten, E, zusammen mit einer Menge von Relationen, R, die diese Elemente in
Beziehung zueinander setzt; S = S(E, R). Die Relationen kann man in syn-
chrone und diachrone aufteilen und damit beide Perspektiven berücksichti-
gen.
Ein anderes Wort für Struktur ist Muster. Systeme, die die gleiche Struktur
besitzen, nach dem gleichen Muster aufgebaut sind, sind isomorph. Hierbei
muß geprüft werden, ob die korrespondierenden Elemente der beiden Syste-
me durch korrespondierende Beziehungen miteinander in Verbindung stehen,
wie das Territorium und die Karte. Im wirklichen Leben sind Isomorphien
nie vollkommen, im Gegensatz zur Reinheit (aber auch Sterilität) der Ma-
thematik, sondern approximativ, wie Metaphern.

Theoriethese Nr. 4: Ziehe poly- und pantheistische Theorien den mono- und
atheistischen Theorien vor.
In jedem Theorietypus wird etwas, das explicandum, durch etwas anderes,
das explicans, erklärt. Die Beziehung ist eine logische und wird durch
Schlußfolgerungen hergestellt. Wie begründen wir den Satz: "Sokrates ist
sterblich"? Weil "alle Menschen sterblich sind" (Obersatz) und "Sokrates ein
Mensch ist" (Untersatz), ist Sokrates sterblich (der Syllogismus im Modus
barbara). Wie erklären wir den Frieden unter den Nordischen Ländern? Mit
dem "hohen Niveau der gerechten Symbiose" und dem "hohen Niveau der
Konfliktlösungsmechanismen"; beides sind Friedensmechanismen, und die
Nordischen Länder verfügen über sie.
Das explicans besitzt eine gewisse erklärerische Kraft. Im Kern des expli-
cans finden wir Axiome, Glaubensgrundsätze, die keiner weiteren Erklärung
bedürfen. Im allgemeinen sprechen wir hier von logischen Verkettungen, bei
denen das explicans eines bestimmten Kontextes das explicandum eines an-
50 Friedenstheorie

deren Kontextes ist. Ein Axiom hat kein explicans, sondern dient als seine
eigene Rechtfertigung. Es ist eher Selbst- als sich-selbst-erklärend.
Das aber verleiht Axiomen gottähnliche Qualitäten. Sie sind eigenständig
(in sich geschlossen), sind ihre eigene Erklärung, wie Gott seine/ihre eigene
Ursache ist. Sie sind allwissend in der Bedeutung, daß sie alles Wissen ent-
halten, auch wenn dieses nur teilweise enthüllt wird. Sie sind allmächtig und
allgegenwärtig, sind in der Lage, überall alles zu erklären. Sie strahlen Sinn
aus. Wie ein transzendenter Gott von der Spitze der Menschheit, agieren die
Axiome von der Spitze der axiomatischen Pyramide, dem deduktiven Sy-
stem, aus. Auch der bescheidenste kleine empirische Fund bekommt von den
Axiomen eine gewisse Bedeutung mitgeteilt und hat seinen Platz im großen
Plan, so wie jeder kleine Mensch im Plan Gottes seinen Platz hat.
Hinter jeder Theorie steckt ein Akt des Glaubens, aus einem einfachen
Grund. Auch wenn das explicandum logisch aus dem explicans folgt und
daraus, buchstäblich, einen Grund für seine empirische Existenz ableitet, ein
Zertifikat sozusagen, das es ihm gestattet, auf der Welt zu sein, muß das Ge-
genteil nicht unbedingt auch gelten. Aus "P impliziert Q" folgt nicht "Q
impliziert P" (das Umgekehrte), sondern nur "Nicht-Q impliziert Nicht-P"
(das Kontra-Positive). Fruchtbarkeit und Brauchbarkeit als explicans ergeben
noch keinen Existenz- oder Wahrheitsbeweis; das gilt für Axiome wie für
Gott (Götter).
Alternative Erklärungen kann es immer geben; deshalb ist dieser Text auch
"Friedensstudien" und nicht "Friedensstudie" überschrieben. Das spricht eher
für ein polytheistisches als für ein monotheistisches Konzept der Theoriebil-
dung in unserem Fach, in dem erklärende Kraft bzw. Aufklärung aus einer
Vielzahl von Quellen, nicht nur aus einer einzigen, gewonnen werden sollten.
Es sind viele Modelle denkbar: einen Gott/eine Theorie für dieses, eine(n)
für jenes, oder gar mehrere Götter/Theorien für das gleiche Phänomen. Aber
hieße das nicht, die Dinge übererklären? Und wenn schon. Wenn die Nordi-
sche Friedensgemeinschaft sowohl vermittels einer gerechten Symbiose (wenn
man diese "Interdependenz" nennt, sollte man zumindest "horizontale" voran-
stellen) wie vermittels einer konfliktverarbeitenden Maschinerie erklärt wer-
den kann, dann hebt man damit zwei Faktoren hervor, die verschiedene, sich
aber wenigstens teilweise überlappende Aspekte des Systems erklären kön-
nen. Oder zwei verschiedene Erklärungen ein und derselben Sache geben
können. Eine Theorie schließt eine andere nicht aus, außer in der Vorstellung
des Monotheisten.
Was würde dann dem Pantheismus und dem Atheismus entsprechen? Der
Pantheismus ist alles durchdringend: Gott ist nicht über allem, sondern im-
manent, in allem. Übersetzt: Der Sinn liegt im explicandum selbst, das, was
erklärt werden soll, ist seine eigene Erklärung - Sinn nicht von oben herlei-
tend, sondern aus sich selbst beziehend. Das läßt sich illustrieren durch das
buddhistische Rad, das Einsichten verbindet, keiner den Vorrang gibt und
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 51

keine vernachlässigt: Der Sinn liegt in dem Feld, das durch alle Einsichten
gewoben wird. Das entsprechende Symbol des monotheistischen Erklärungs-
modells wäre die Pyramide oder das Dreieck.
Der Atheismus verkündet, daß es keinen Gott gibt. Übersetzt: Es gibt kei-
nen Sinn. Alle Einsichten sind verstreute, nur für sich bestehende Funde, die
in keinem inneren Zusammenhang stehen. Es gibt keine Erklärung, nichts,
das erklärt werden müßte. In den Sozialwissenschaften würde das dem "Bar-
fuß-Empirismus" entsprechen; Hol' dir deine Funde aus dem Computer, füh-
re sie einzeln auf, aber klassifiziere sie nicht einmal, da das bereits ein unzu-
lässiges Licht verbreitet.
Man sollte die bei den extremen dieser vier Standpunkte ablehnen. Die
Vorstellung, es gäbe eine Theorie, die Theorie, ist eine offene Einladung zu
kultureller Gewalt; ist eine Mißachtung aller anderen Wahrheiten, ein Ver-
such, die Wirklichkeit in eine einzige Wahrheit hineinzuzwängen und alle
anderen als "nicht-westlich", "nicht-christlich", "nicht-marxistisch" usw. in
einen Topf zu werfen. Das führt fast zwangsläufig zu einer Schule, zu der
Schule, deren Leiter ein Prophet ist. Da diese Schule oder Kirche den einzig
wahren Gott, einzigartig und weltumfassend, repräsentiert, ist strukturelle
Gewalt in einer solchen Organisation unvermeidlich. Monoprophetismus ist
ein fast zwangsläufiger Begleiter des Monotheismus, obwohl der Judaismus
ein interessantes Beispiel dafür ist, daß Monotheismus mit Polyprophetismus
vereinbar ist, weil jeder andere Aspekte der Wahrheit sieht. Daher der hoch-
gradig dialogische Talmud!
Aber auch die Vorstellung, daß es keinen Sinn gibt, keine Wahrheit und
keine Aufklärung, ist mit der Friedensforschung unvereinbar. Losgelöste em-
pirische Funde, denen jeglicher Sinn abgesprochen wird, können faszinierend
sein; was höchstwahrscheinlich daran liegt, daß sie ohne mitgelieferte Erklä-
rung auftreten und deshalb die LeserlBetrachter einladen, sie auf seine/ihre
eigene Weise zu interpretieren. Mit anderen Worten, die Faszination entsteht
nicht durch den Mangel an Sinn, sondern durch den Akt der Sinnherstellung,
durch die Möglichkeit, toten Daten Leben einzuhauchen.
Für die Friedensforschung ist die Welt nicht neutral; sie steckt voller Be-
deutung und enthält ein Gefälle von der Gewalt zum Frieden; oder, um es
dramatischer zu formulieren, vom Tod zum Leben, auch wenn die Welt größ-
tenteils aus adiaphora, neutralen Tatbeständen, besteht.
Es bleiben uns also die polytheistische und die pantheistische Option - mit
theoretischem Pluralismus und geteiltem Sinn. Zwischen diesen beiden müs-
sen wir nicht wählen, da sie sich ziemlich gut ergänzen.
52 Friedenstheorie

1.7 Über den intellektuellen Stil von Friedensforschung


In gewisser Hinsicht soll der intellektuelle Stil alles oben Gesagte zusammen-
fassen und in einen kohärenten Rahmen bringen. Man könnte einen intellek-
tuellen Stil darstellen anhand seiner jeweiligen Betonung von Paradigmen
(Grundlagen), Daten (Beschreibungen dessen, was in der Welt ist), Theorien
(Erklärungen, weshalb etwas in der Welt ist), Kommentar (was sagen andere
darüber; die talmudische Tradition), Kritik (Betrachtung der gegenwärtigen
Wirklichkeit im Lichte der Friedenswerte), Konstruktivismus (Platz schaffen
für eine lebensfähige und erreichbare Zukunft), Erziehung (mehr Menschen
zum Studium und zur Erforschung des Friedens bringen), Handeln (die Um-
setzung all dieser Punkte in eine friedensrelevante Praxis).16Die Vertreter des
sogenannten angelsächsichen Stils legen besonderen Wert auf die Daten, die
Vertreter des teutonischen wie des gallischen Stils auf Theorie und Paradig-
men und die des japanischen Stils auf Kommentare, womit sich aber auch,
mehr zum Zeitvertreib, die anderen beschäftigen (zusätzlich werden noch der
jüdische, der islamische, der indische und der chinesische Stil untersucht).
Alle engagieren sich in der Erziehung, wahrscheinlich, weil sie diesen Preis
zahlen müssen, um in einer Universität Anstellung zu finden. Alle sind dar-
auf ausgerichtet, sich der Kritik, des Konstruktivismus und des Handeins zu
enthalten, wenn sie nicht zufällig in einschlägigen angewandten Wissenschaf-
ten arbeiten. Tun sie dies nicht, müssen sie sich den Weg dorthin freikämp-
fen, was keine einfache Aufgabe ist.
Was folgt aus dem letzten Absatz in bezug auf die gerade genannten acht
Punkte? Ganz allgemein gesagt, sollte man das intellektuelle Profil so aus-
dehnen, daß alle acht behandelt werden. Die gängige künstliche Wertbarriere
muß durchbrochen werden: sich mit Daten, Theorie und Erziehung von 9 bis
17 Uhr zu beschäftigen und alles, was irgendwie nach Werten riecht, von 17
bis 9 Uhr morgens zu betreiben. Es geht also um den Versuch, ein richtiger
Friedensforscher zu sein.
Im Prinzip ist das ein Plädoyer für Eklektizismus, für die kreative Verbin-
dung verschiedener Stile. Das wird sich vor allem bei der Konstruktion von
Theorien bemerkbar machen, die wiederum eine Funktion eines umfassenden
Wirklichkeitsverständnisses ist.
Zwei Standpunkte lassen sich wie folgt beschreiben. Der erste, eher okzi-
dentale: Die Wirklichkeit ist atomistisch, ihre Teile sind voneinander trenn-
bar und können einzeln untersucht werden; Behauptungen, die das Wahrge-
nommene widerspiegeln, können in deduktiven Theorien formuliert und ver-
bunden werden. Der zweite, eher orientalische: Die Wirklichkeit ist ganz-
heitlich, ihre Teile können nur jeweils als Teil eines Ganzen untersucht wer-

16 Siehe hierzu Johan Galtung: Methodology and Development, Kopenhagen 1988,


Kap. 1, sowie ders.: Essays in Peace Research, Vol. VI, Kopenhagen 1988, Kap. 14.
Die Friedensforschung: eine epistemologische Grundlage 53

den; in diesem System wird es Spannungen geben, wobei YinIYang eine


Form ist, Widersprüchen Ausdruck zu verleihen.
Die Friedensforschung vertritt zwei explizit holistische Standpunkte, einen
die Seite der Einheit, einen die der Variablen betreffend. So ist es nicht sinn-
voll, Länder (oder andere Weltakteure) so zu untersuchen, als bestünden zwi-
schen ihnen (und anderen Akteuren) keine Konflikt- und Kooperationsbin-
dungen. Friedensstudien sind nicht nur zwischenstaatlich und international,
sondern global ausgerichtet und dies in dem Sinne, daß sie versuchen, das
gesamte Weltsystem zu erfassen. Und es ist auch nicht sinnvoll, das System
nur hinsichtlich seiner militärischen oder politischen, seiner ökonomischen
oder kulturellen Variablen zu untersuchen: Alles muß berücksichtigt werden.
Nicht nur interdisziplinär, sondern holistisch; man muß versuchen, das dichte
Geflecht dieses Ganzen (holon)zu verstehen.
Andererseits kann auch die atomistisch-deduktive Kombination fruchtbar
sein, vielleicht als erste Annäherung (wie auch die holistisch-deduktive und
die atomistisch-dialektische Kombination). Deshalb werden wir hier alle Kom-
binationen innerhalb eines Diskurses darstellen und mit dem Ziel untersu-
chen, aus ihnen mögliche Einsichten zu gewinnen. Das ist begründbar und
vernünftig.
Noch einige Kommentare zur Gewichtung. Die Paradigmen der Friedens-
forschung sind von überragender Bedeutung. Konkret ist damit gemeint, daß
der Begriff "Frieden" selbst immer wieder untersucht werden muß, d.h. die
Diskurse über diesen Begriff müssen auf Über- und Unterbewertungen hin
geprüft werden; wichtig ist es auch festzustellen, ob Diskurse darüber unter-
drückt werden. Wir müssen Gebrauch von der Vielfalt der Bedeutungen von
"Frieden" in allen Ecken der Geschichte und Geographie machen und da-
durch den transnationalen Charakter von Friedensuntersuchungen ausschöp-
fen.
Was die Daten betrifft, so könnte man sagen, das transdisziplinäre Wesen
der Friedensforschung erlaube es, in Nachbardisziplinen gesammelte Daten
zu nutzen. Bis zu einem gewissen Punkt ist das auch möglich; über diesen
Punkt hinaus benötigt man Daten zur Verifizierung der triadischen Spirale
(vgl. o. Tab. 1.1 in Kap. 1.3).
Die Theorien-Bildung (Plural!) ist eine nie endende Unternehmung und ab-
solut unverzichtbar für diese Spirale. Kommentare dagegen sind weniger wich-
tig. Es spricht einiges dafür, vorhandenes Wissen nicht zu übernehmen, ganz
unvoreingenommen loszulegen und die einschlägige Literatur erst nach eigenen
Bemühungen zu konsultieren, um sich von ihr nicht zu sehr leiten zu lassen.
Kritik und Konstruktivismus sind für die Friedensforschung von ebenso
grundlegender Bedeutung wie die Empirie, daher sollte beiden ebenso große
Aufmerksamkeit zuteil werden wie dieser. Daß das der Friedenserziehung
dient, muß nicht eigens erwähnt werden. Der kritische Punkt aber ist das auf
Fähigkeiten gegründete Handeln für den Frieden.
54 Friedenstheorie

Diesbetreffend sind die geeignetsten Rollenvorbilder nicht Ingenieure und


Architekten, sondern Ärzte - aus Gründen, die eingehender untersucht wer-
den sollen. Zu diesem Zweck brauchen wir Paradigmen, solche für das Han-
deln mit einbegriffen. Ein Ausgangspunkt ist das Schema von Diagnose-
Prognose-Therapie, dem wir im nächsten Kapitel wieder begegnen werden.
Friedensstudien bedürfen einer Epistemologie, die die Welt als flexibel
betrachtet und entsprechend flexible Bilder derselben produziert.
2 Die Friedensforschung: einige grundlegende
Paradigmen

2.1 Noch einmal: das Diagnose - Prognose - Therapie -


Dreieck
Diese Ausdrucksweise stammt ganz offensichtlich aus der Medizin, einer an-
gewandten Wissenschaft, die so einige Jahrhunderte gebraucht hat, um von
der Scylla der Unterschätzung zur Charybdis der Überschätzung zu gelangen.
Die Friedensforschung kann aus allen drei Stadien viel lernen. Die Nicht-
Anerkennung nahm zwei grundlegende Formen an, die wir leicht im obigen
analytischen Rahmen verorten können: Das Abgelehnte, die Krankheit, sollte
eigentlich erwünscht sein, da dahinter ein Sinn steckt, nämlich Gottes Plan,
der schwer zu begreifen ist - das Leiden aber kann einen dahin bringen; und
schierer Dogmatismus, z.B. derart, den Aderlaß für eine Reihe von Krankhei-
ten zu verordnen und, ohne das tatsächlich zu prüfen, zu behaupten, daß das
hilft, oder sich mit den sehr niedrigen Erfolgsquoten abzufinden, da sie die
einzig erreichbaren seien. Darüber hinaus hat man es auch nicht geschafft,
alternative, miteinander konkurrierende Behandlungsweisen neuartiger, auf
neue Daten gestützter, Realitäten, zu erforschen und den spiralförmigen Drei-
ecksprozeß, der Empirie, Kritik und Konstruktivismus nutzt, als unbegrenzt
fruchtbar zu erkennen.
Damit sind wir schon am anderen Ende: bei einem Beruf, der möglicher-
weise ebenso dogmatisch ist wie die, die er ersetzte, ein leichtfertiges Opfer
der eigenen Erfolge, das sich neuen Ansätzen verschließt und sich an die
"Schulmedizin" klammert. Die Geschichte ist aufschlußreich und entmuti-
gend. Warum sollte andererseits irgendeiner bestimmten Gruppe oder irgend-
einer speziellen Betrachtungsweise ewiges Leben gewährt werden? Oder gar
die Reinkarnation? Warum nicht eine Wiedergeburt in anderer Form, geleitet
vom gleichen Wunsch nach Verbesserung der menschlichen Lage? Immerhin
gehören diskontinuierliche Brüche mit der Vergangenheit, die darin gründen,
daß alte Paradigmen keine neuen Daten, insbesondere aber keine neuen
Theorien aufnehmen können, zum normalen Prozeß der Wissenschaft, wie so
vieles andere auch.
Der im Entstehen begriffene Beruf des Friedensarbeiters klopft seit einiger
Zeit an die Tür solcher wissenschaftlichen Disziplinen, die im wesentlichen
den Interessen der Herrschenden in den Nationalstaaten dienen, des Interna-
56 Friedenstheorie

tionalen Rechts und der Internationalen Beziehungen, und verkündet: Eure


Zeit ist vorbei! Es spricht vieles gegen Sicherheitsstudien und Studien zum
Internationalen Recht mit ihrem ritualisierten Glauben an "nationale Interes-
sen" und ein "Gleichgewicht der Mächte" als Allheilmittel zur Machtregulie-
rung im Staatensystem, trotz des notorischen Blutvergießens im Gefolge je-
der Machtakkumulation. Caveat: Auch an die Tür der Friedensforschung
wird man klopfen, wenn sie sich anderen gegenüber verschließt...
Kommen wir zurück zum Diagnose-Prognose-Therapie-Dreieck, von dem
sich doch eine Menge lernen läßt. Es spiegelt das Daten-Theorie-Werte-
Dreieck wider. Die Diagnose ist eine auf Daten basierende Analyse, wobei
uns ein Teil der Daten als "Symptome", ein anderer als "Anamnese", d.h. als
Gesundheits-/Krankheitsgeschichte eines Patienten mit Kontext-Informatio-
nen, bekannt ist. Die Prognose ist die auf Theorie beruhende Voraussage des
wahrscheinlichen Verlaufs einer Krankheit unter Berücksichtigung der Kon-
textvariablen. Und Therapie ist auf Werten und Theorie basierende Interven-
tion, auf der Grundlage einer Verallgemeinerung anderer Fälle und geleitet
von Werten negativer (symptomfrei werden) und positiver Gesundheit (Ab-
wehrkräfte aufbauen).
Die diagnostische Aufgabe besteht darin, den Patienten oder, genauer aus-
gedrückt, einige Aspekte desselben zu vermessen mithilfe einer Gruppe von
Klassifizierungen, die man Krankheiten nennt und die in Texten der Pathologie
beschrieben sind. Es gibt weitere Unterteilungen, wie z.B. die Kategorisierung
von Schlaganfällen nach dem betroffenen Blutgefäß. Mit der Entwicklung der
Medizin als Wissenschaft wird das System zur Klassifizierung von Krankhei-
ten immer differenzierter; es gibt mehr Beschreibungen (connotata) und we-
niger Krankheiten (denotata) je Gruppe und Unter-(Unter-Unter-)Gruppe.
Das Ziel ist ein System, das so aufgebaut ist, daß man den Patienten, die
als an der gleichen Krankheit leidend klassifiziert werden, auch die gleiche
Prognose stellt, ceteris paribus, und die gleiche Therapie verordnet, auch
wieder ceteris paribus. Das heißt, daß die drei Bereiche Diagnose, D, Pro-
gnose, P, und Therapie, T, einander adjustiert werden müssen. Eine Ände-
rung in einem Bereich, z.B. die Entdeckung einer neuen Therapie, erfordert
Anpassungen in D und P, durch die die Bedingungen für die Anwendung oder
die Rechtfertigung der Therapie spezifiziert werden. Folglich gibt es immer die
Möglichkeit einer neuen Therapie, die nach einer neuen Diagnose sucht, wenn
die finanziellen und prestigemäßigen Gewinne aus der Therapie beträchtlich
sind und diese von einer düsteren Prognose gestützt wird - eine These, die der
Friedensforschung wohlbekannt ist (ein neues Waffensystem auf der Suche
nach einer Strategie auf der Suche nach einem Konflikt mit einer schlechten
Prognose). Die Dialektik des D-P-T-Dreiecks ist sehr dynamisch!
Eine Prognose ist ein Kurvenverlauf für kommende Zeiten (der Teil, der
Vergangenem nachspürt, ist die Anamnese), der die beste mögliche Ein-
schätzung des Krankheits-IGesundheitszustandes eines Patienten liefert. Eine
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 57

Grauzone zwischen Krankheit und Gesundheit ergibt einen Nullbereich auf


der Ordinate, wobei die Grenze zwischen akzeptablen und inakzeptablen Ni-
veaus von Krankheit darunter und die Grenze zwischen inakzeptablen und
akzeptablen Ebenen von Gesundheit darüber liegt. Auf der Abszisse bedeutet
t =0: Jetzt. Je ernster der Fall, desto weiter unten im inakzeptablen Krank-
heitsbereich beginnt die Kurve. Ein nach unten weisender oder stabiler Kur-
venverlauf erfordert ein Eingreifen mit dem Ziel der Heilung; und dies umso
schneller, je tiefer der Ausgangspunkt und je steiler die Neigung der Kurve.
Der Grund: es gibt eine Untergrenze, genannt Tod, Erlöschen. Wie bei der
Gewalt. Aber die Gesundheit kennt keine Grenzen - wie auch der Frieden
nicht.
Zielsetzung einer Intervention, des Selbst (des Patienten) oder Anderer
(Heiler), ist es, die Kurve aufwärts zu lenken:
das beste Ergebnis: in den Bereich "annehmbarer Gesundheit" hinein - nicht
nur die Krankheit heilen, sondern daraus mit einem Überschuß an Wohlbe-
finden, positiver Gesundheit, hervorgehen;
das zweitbeste: in den Bereich der "nicht akzeptablen Gesundheit" hinein -
der Patient ist symptomfrei, aber geht daraus ohne Überschuß an Wohlbefin-
den hervor;
das drittbeste: in den Bereich "akzeptabler Krankheit" hinein - der Patient
hat eine chronische, langwierige, aber annehmbare Krankheit;
das viertbeste: aus der Todeszone hinaus - der Patient hat eine nicht akzep-
table Krankheit, ist aber am Leben: Verlängerung des Lebens.
Alle vier Ergebnisse kann man, in unterschiedlichem Maße, als "Erfolge" be-
zeichnen, wobei für den vierten Fall als Standardkriterium die fünfjährige
Todesvermeidung gilt.
Dem folgenden liegt eine andere Einteilung in vier Kurvenverläufe zu-
grunde:
Selbst-Heilung: die Kurve geht von selbst nach oben, weil Körper, Psyche
und Geist des Menschen die Fähigkeit der Selbstheilung besitzen;
Fremdheilung: Es wird von außen eingegriffen, die Selbstheilungsfähigkeit
des Patienten als unzureichend empfunden;
der autistische Fall: die Kurve reagiert nicht auf eigene oder fremde Ein-
griffe; bleibt stabil oder neigt sich nach unten. Und schließlich:
der letale Fall: Die Kurve neigt sich von selbst nach unten, ungeachtet der
Selbst- oder Fremdheilungsversuche und erreicht die unterste Linie.
Selbstverständlich werden wir alle durch das Altern letzten Endes diese Linie
erreichen. Diese ganze Denkweise hat eine Reihe von Schwachpunkten. Es
58 Friedenstheorie

gibt für Krankheiten ein Klassifizierungssystem, K, aber keines für verschie-


dene Zustände des Wohlergehens. Warum gibt es "Gesundheit" nur im Sin-
gular, Krankheit aber auch im Plural? Wieso kann ein Mensch an verschie-
denen Krankheiten leiden, sich aber nur einer Gesundheit erfreuen? Weshalb
eine solche, im übrigen dem Verhältnis von Krieg und Frieden entsprechen-
de, Asymmetrie?
Wie alle korrekten Klassifizierungen will die Vierfelder-Aufteilung in
Krankheit/Gesundheit und akzeptabel/nicht akzeptabel erschöpfend und
wechselseitig ausschließend sein. Das Problem besteht darin, daß es auch in
einem Zustand von Wohlbefinden Krankheit (ein Gefühl von Überheblich-
keit? Nachlässigkeit? Unempfindlichkeit gegenüber Krankheiten sowohl des
Selbst als auch der anderen?) und Wohlbefinden im Krankheitszustand (die
Negation des Obigen und die seelischen Werte des Leidens, des Erprobens
der äußeren und inneren Grenzen des menschlichen Daseins) geben kann.
Dazu kommt das eigentliche Problem: Das D-P-T-Dreieck steht über dem
konkreten Leben mit seiner ungeheuren Komplexität und seinen vielfältigen
Kontexten. Der Ausgangspunkt ist nicht die Krankheit, sondern in der Hu-
manmedizin ein konkretes menschliches Wesen, das sich in einem konkreten
Kontext befindet. Wenn man diesen Menschen als Patienten definiert,
schreibt man ihm ein bestimmtes Rollenverhalten vor, bei dem der Patient
die Heilung durch Andere akzeptiert; man entfernt ihn aus seinem normalen
gesellschaftlichen Zusammenhang und steckt ihn in einen Gesundheitssy-
stemzusammenhang, wobei ersterer als wenig und letzterer als sehr relevant
betrachtet wird.
Dieser Abstraktionsprozeß läuft dann so weiter, daß der Patient, nach wie
vor ein Mensch, zum Fall wird, erfaßt durch Anamnese, Diagnose, Prognose
und empfohlener Therapie. Verallgemeinerung ist nur auf der Grundlage von
Abstraktion möglich, d.h. das Erfassen jenes Menschen durch ein Element
von D, das wiederum durch Elemente von P und T erfaßt wird. Die Abstrak-
tionNerallgemeinerung ist unverzichtbar, wenn das gesamte System funk-
tionieren soll. Es ist nur die Frage, wieviel an menschlich/gesellschaftlich
Belangvollem und an in bezug auf Krankheit/Gesundheit Bedeutungsvollem
im Verlauf dieses Prozesses verlorengeht.
Ein Problem kann man jedoch innerhalb dieses Paradigmas leicht lösen.
Man geht nicht von einer einwertigen Vermessung aus, d.h. davon, daß ein
Patient nur eine Krankheit hat, daß es für eine Krankheit nur eine Diagnose
gibt, daß es für eine Krankheits-/Prognosekombination nur eine Therapie
gibt. Der Patient kann an mehr als einer Krankheit leiden, mit wichtigen syner-
getischen Auswirkungen. Das ist bei alten Menschen oft der Fall, die chro-
nische und akute Krankheiten haben können. Im Alter zeigt sich oft eine Ak-
kumulation von mehreren Krankheiten, bei denen keine einzelne die Krank-
heit ist, die Wurzel eines Ursachen baumes, die sich zu anderen Krankheiten
verzweigt. Und selbst, wenn nur eine Krankheit erkannt wird, sind mehrere
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 59

Prognosen möglich, d.h. die Zukunft ist unsicher. Selbstverständlich können


auch mehrere Therapien verordnet werden, nicht nur für jeweils verschiedene
Krankheiten, sondern auch für die einzelne Krankheit, sozusagen "um si-
cherzugehen". Hinzu kommt schließlich noch die Unterscheidung zwischen
positiver und negativer Gesundheit.
Aus diesem Paradigma können Friedensforscher viel lernen. Um nur einen
Punkt festzuhalten: Man sollte sich Diagnose, Prognose und Therapie im Plu-
ral denken und sie aufeinander abstimmen. Viele Überlegungen, Reden und
Handlungen auf dem Gebiet von Gewalt und Frieden diagnostizieren Gewalt,
aber nur direkte und physische und vor allem die akuten Fälle. Die Prognose
lautet, daß Gewalt wiederholt werden wird, wenn man nichts dagegen tut, und
die Therapie besteht entweder im Unfähigmachen des Körper (durch Kastrati-
on, Lobotomie, Chemotherapie oder im Extremfall sogar durch Eliminierung)
oder in der Bestrafung nach einem gerichtlichen Urteil, zur individuellen und/
oder generellen Prävention, die oft so vollzogen wird, daß durch Exil oder Ein-
kerkerung der Zweck des Unschädlichrnachens erreicht wird.
Ein wahrlich simples Schema: eine Krankheit, eine Prognose, zwei The-
rapien. Die folkloristischen Aphorismen für die beiden Therapien lauten: Ge-
walt ist die einzige Sprache, die er versteht, und Angriff ist die beste Vertei-
digung, und als Prävention: si vis pacem, para bellum. Übersetzung: "Ich
weiß von keiner anderen Sprache, die er spricht."
Die Friedensforschung braucht für alle drei Bereiche ein sehr viel diffe-
renzierteres Klassifikationssystem. Der alles umfassende Begriff "Gewalt"
muß erheblich differenziert und spezifiziert werden. Was die Prognoseseite
betrifft, so ergeben alle erwähnten Kurvenverläufe einen Sinn, wenn wir Frie-
densüberschüsse und -defizite definiert haben. Und die prognostische Folk-
lore: Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten, dürfte empirisch haltbarer sein als
die zitierten gewalttätigen Therapiemaximen. Was wir brauchen, sind gewalt-
freie Therapien.
Die endgültige Überprüfung, ob die Friedensforschung mündig geworden
ist, erlauben aber erst die Therapien, die Antworten auf die Frage: "So - was
wirst du nun dagegen tun?" Wir brauchen ein ansehnliches Sortiment aktiver
Interventionsmuster, die den Diagnosen wirklich adäquat sind, und so weit
sind wir noch lange nicht. Oder doch? Geht es vielleicht nur darum, verstreu-
tes Wissen zusammenzutragen? Oder verschiedene gewaltfreie Therapien
einfach anzuwenden?
Oder ist es doch eine eher strategische Frage zu wissen, was zu tun ist,
wieso und wie, und dazu noch: wann und wo, durch wen und für wen oder
mit wem und vielleicht auch gegen wen? Das Was und das Warum sind die
Probleme einer Friedensforschung, die den obigen D-P-T-Ansatz als den un-
tersuchten Epistemologien unterliegendes Paradigma nutzt. Das Wie ist das
eigentliche Problem, wenn es darum geht, für den Frieden zu handeln. Aber
das Wenn und Wo, durch wen und für wen müssen auch Teil der allgemei-
60 Friedenstheorie

nen Theorie des Friedenshandelns werden, und die ist ja unser Thema. Dafür
müssen wir die gesellschaftliche Realität vermessen, in der sich Gewalt und
Frieden entfalten können.

2.2 Aufweiche Weise könnten Friedensforscher


Friedensarbeit leisten (sich an der Therapie beteiligen)?
Fragen wir zuerst: An welcher Stelle würden Friedensforscher für den Frie-
den handeln? Es gibt verschiedene Antworten. Aber einige können, unter
Verwendung eines sehr simplen Modells von Gesellschaft, als erste Approxi-
mation dienen. Später sollen vollständigere Entwürfe vorgestellt werden.
Benutzen wir ein Zwei-Klassen- und ein Zwei-Länder-Modell; wir nennen
die Klassen "Elite" und "Bevölkerung" und die Länder A und B (wenn wir
mehr Klassen und Länder verwenden, ändert das nichts). Wir fügen in beide
Länder Friedensforscher ein und bekommen:

Tabelle 1.3: Einflußkanäle


LandA LandB
Eliten Eliten A Eliten B
Forscher Friedensforschung A Friedensforschung B
Bevölkerung Bevölkerung A Bevölkerung B

Es gibt viele Möglichkeiten für Friedensforscher, tätig zu werden. Schließen


wir eine Nicht-Möglichkeit zunächst aus: Friedensforscher, die nur miteinan-
der reden, bei Institutsseminaren, bei nationalen oder internationalen akade-
mischen Zusammenkünften, usw. Abgesehen hiervon, gibt es dann sechs
mögliche Konstellationen.

1. Friedensforschung - Elite, eigenes Land. Das ist der klassische Weg des
Einflusses, dem Kurfürsten etwas in die Ohrenjlüstern (dt. im Orig.), ob die
Initiative nun von den Eliten oder von den Forschern ergriffen wird. Das Ziel
muß der Dialog sein, aber Eliten suchen im allgemeinen einen Rat, den sie
innerhalb ihrer eigenen Paradigmen unterbringen können, und keinen, den
sie mit der Opposition oder mit gegnerischen Ländern assoziieren könnten.
Sie werden Forscher im allgemeinen als Prämissen-, nicht als Schlußfolge-
rungs-Produzenten betrachten und als Diener, nicht als Dialogpartner.
Wenn wir nun davon ausgehen können, daß die Folgerungen der Eliten
innerhalb des "Friedens mit friedlichen Mitteln" liegen, bestehen keine Pro-
bleme, solange der öffentliche Charakter von Friedenswissen im Auge behal-
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 61

ten wird. Wenn Wissen geheim gehalten werden muß, dann kann es kein
Friedenswissen sein, denn dann wird vorausgesetzt, daß andere nicht daran
teilhaben sollten. Das marginalisiert andere, was bedeuteten würde, daß
strukturelle Gewalt am Werk ist. Dahinter steckt die Möglichkeit oder zumin-
dest der Verdacht, daß direkte und/oder kulturelle Gewalt am Werk ist in der
Form von Wissen über Mittel zur Gewaltausübung oder über Denkmuster
usw., die nicht bekannt werden sollen. Dieser Verdacht ist nicht unsinnig in
einer Welt, in der die politische Klasse, als Besitzer oder Verwalter von Staa-
ten, sich als Monopolisten sowohl der entscheidenden Gewaltmittel als auch
der definitiven Entscheidungen in der Außenpolitik betrachten. Beides läßt
sich im Kriegsfallleicht kombinieren.

2. Friedensforschung - Bevölkerung, eigenes Land. Diese Beziehung ist auch


bekannt als Friedenserziehung oder Volksbildung. Sie kann in außenpoliti-
schen Krisen wie dem Kalten Krieg oder der Golfkrise hinsichtlich der Frie-
densbewegung dreierlei Form annehmen.
Modell 2.1 würde die Vetreter der Friedensbewegung als essentiell unge-
bildet, möglicherweise sogar unbildbar betrachten und eine einseitige Beleh-
rung von oben betreiben: der Bewegung Vorträge halten.
Modell 2.2 würde die Friedensbewegung als unfehlbar, da volksverbun-
den, ansehen und versuchen, Prämissen für die von der Friedensbewegung
gezogenen Schlüsse (z.B. Abrüstung) zu liefern.
Modell 2.3 würde 2.1 als undemokratisch und 2.2 als Kapitulation ableh-
nen, weil darin die Freiheit aufgegeben wird, immer erneut zu forschen. Die
Alternative ist ein Dialog mit der Bevölkerung, bei dem die akademische Frei-
heit vollkommen gewahrt bleibt.

3. Friedensforschung - Bevölkerung - Eliten, eigenes Land. Das ist ein Zwei-


Stufen-Kanal, d.h. die Forscher kommunizieren mit der Bevölkerung, die
dann Druck auf die Eliten ausübt. Das könnte der wirkungsvollste Weg sein,
zumindest in den Fällen, in denen ein entsprechender Zugang zu den Medien
gewährleistet, das Land nicht zu groß und ein demokratisches Ethos verbrei-
tet ist. Letzteres ist nicht das gleiche wie ein demokratisches Wahlsystem, da
die Parteien oder Personen, die sich zur Wahl stellen, oft eher für ein ganzes
Bündel von Punkten eintreten als für eine einzelne Sache, und Friedensfragen
in den Köpfen der Menschen nicht unbedingt Vorrang haben. Ein Volksent-
scheid würde die Friedensfrage in den Vordergrund stellen.

4. Modelle 1, 2 und 3, anderes Land. Alles wäre das gleiche, spielte sich nur
in einem anderen Land ab. Da die Friedensproblematik zwischen Ländern ei-
ne internationale ist, sollte dieses Modell in jeder Hinsicht gefördert werden.
Es gibt keinen triftigen Grund, sein auf ein globales Problem gerichtetes
Handeln auf das eigene Land zu beschränken, dessen Eliten womöglich sehr
62 Friedenstheorie

unnachgiebig sind, oder das auch dann relativ unbedeutend bliebe, wenn sich
dessen Eliten für Friedensstrategien einsetzen würden. Der Dialog mit Eliten
anderer Länder kann auch deshalb sehr sinnvoll sein, weil er keine nationale
Regierung-Opposition-Kluft überbrücken muß. Dialoge mit Menschen in an-
deren Ländern können bezüglich dieser Kluft im anderen Land die gleiche
Funktion haben. Und der indirekte Weg zu Eliten über deren eigene Bevöl-
kerung kann manchmal besser als im eigenen Land funktionieren und neue
Perspektiven bringen. Wenn eine doppelte Opposition am Werk ist, d.h. wenn
die Bevölkerung in B gegen die Eliten in B opponieren, die wiederum gegen
die Eliten in A sind, dann werden letztere sogar den Kontakt zur Bevölke-
rung in B begrüßen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Was natür-
lich keine besonders friedliche Einstellung ist.

5. Modell 4 im internationalen Rahmen. Konkret bedeutet das das gemein-


same Agieren von Friedensforschern in Verbindung mit einer - und teilweise
mittels einer - internationalisierten Friedensbewegung, die eine Diplomatie
des Volkes, der Zivilgesellschaft betreibt, um Druck auf Eliten auszuüben,
wo immer sich diese befinden und unabhängig davon, ob diese gemeinsame
Interessen haben oder nicht. Das ist in etwa das, was sich gegen Ende des
Kalten Krieges abgespielt hat, als die Friedensforscher als eine Intelligenzia
der Friedensbewegung wirkten und beide Gruppen lose verbunden waren,
um Druck auf stalinistische und nuklearistische Eliten auszuüben, die ihrer-
seits überhaupt nicht vereint waren. Die schwächste Gruppe ist zuerst zu-
sammengebrochen; mit der zweiten wäre unter Umständen das gleiche ge-
schehen, hätte man den Druck nur weiterhin aufrechterhalten können.

6. Eine Kombination aller Modelle. Offensichtlich ist hier der Eklektizismus


der beste Ansatz. Wir leben in einer militarisierten Welt, in der man dazu neigt,
direkte Gewalt einzusetzen, gestärkt durch die strukturelle und kulturelle
Gewalt von schwergewichtig institutionalisierten militärischen, bürokrati-
schen, korporativen und Intelligenzia-Komplexen sowie von stark verinner-
lichten militaristischen Ideologien. In allen genannten Fällen ist es sinnvoll,
auf das kontraproduktive Wesen von Gewalt hinzuweisen und darauf, daß es
Alternativen gibt - und alle Formen können sich gegenseitig nur stärken.
Man kann sogar sagen, daß eine der durch das Ende des Kalten Krieges ge-
wonnenen Einsichten die ist, daß Frieden weder durch das Handeln von Eli-
ten allein (der Helsinki-Prozeß, der in vielem beeindruckend war, hing am
Ende sozusagen in der Luft) noch allein durch das Handeln von Friedensbe-
wegungen erlangt werden kann (sowohl die Dissidenten- als auch die Frie-
densbewegung gab es schon lange vorher), sondern nur durch gemeinsames
Agieren beider (das Dreieck aus Dissidentenbewegung, Friedensbewegung
und Gorbatschow). Nicht nur auf diesem Gebiet sollte man Redundanz einer
allzu großen Knappheit vorziehen.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 63

2.3 Paradigma I: sechs Räume, inter/intra-Systeme

Die Systematik ist in jeder Wissenschaft unverzichtbar, was Koryphäen wie


Linne für die Pflanzenwelt und Mendelejew-Meyer für die Elemente des Peri-
odensystems beispielhaft belegen. Der Stoff der Disziplin wird unterteilt, und
diese Unterteilung sollte die alten Kriterien für gute Klassifikationen erfüllen:
Sie sollte (zumindest im Prinzip) für wechselseitigen Ausschluß sorgen, sie
sollte erschöpfend sein, und sie sollte auf einem fundamentum divisionis be-
ruhen (bei Linne die Zahl von Blütenteilen, die männliche Geschlechtszellen
produzieren und aufnehmen, und bei Mendelejew die Atomzahl). Eine gute
Systematik sollte vier Zwecken dienen: Sie soll ein Plan des Fachgebietes
sein, das sie dadurch definiert, daß sie Unterteilungen gemäß der spezifischen
Optik der Disziplin aufstellt; sie soll als Anleitung für die Daten-Sammlung,
für die Theoriebildung und schließlich für die nachvollziehbare Anlage von
Forschungsberichten dienen. Allen vier Zwecken sollte das gleiche Schema
unterliegen; in den ersten drei Fällen soll es neue Forschung generieren, im
vierten die alte systematisieren.
Nun zunächst ein paar Worte zu den Wegen, die man nicht einschlagen
sollte. Konzeptualisierungen aufgrund geographischer Verortungen, sei es
des untersuchten Problems, sei es des Autors, sind mit dem Anspruch der
Friedensforschung auf Globalismus nicht vereinbar. Und eine Konzeptuali-
sierung nach Fachgebieten führt zu Systematiken, die disziplinären Ansätzen
- der Psychologie, der Ökonomie, der Soziologie, der Politologie und der
Ethnologie, der Lehre von den Internationalen Beziehungen und dem Völker-
recht - entwachsen, was mit dem Anspruch der Friedensforschung auf Ho-
lismus nicht vereinbar ist. Das hieße nämlich, eine überkommene Fachge-
bietseinteilung auf ein neues Fach zu übertragen, das seine eigenen Per-
spektiven sucht, unabhängig davon, ob man es als ein transdisziplinäres oder
als ein neues Fach begreift. Auch hilft Multidisziplinarität - mit einem Dia-
log über die Fachgrenzen hinweg - nur für eine frühe Phase.
Ein anderer Ansatz wäre, die Forscher des Gebiets zu befragen, wie sie
das, was sie tun, selbst definieren würden - nach dem Muster etwa der Kom-
missionen der International Peace Research Association (IPRA). Dieser Ansatz
ist demokratisch und hervorragend dazu geeignet, Forschungskommissionen zu
definieren. Dem läge dann aber noch kein konzeptuelles Schema zugrunde,
keinfundamentum divisionis, es gäbe keine übergreifende, möglicherweise ho-
listische Betrachtungsweise. Andererseits kann eine holistische Sicht auch
künstlich wirken, sogar als Zwangsjacke im Falle der Forscher, die selbst ihre
Fachgebiete nach Inhalt oder Umfang definiert haben. Beides ist legitim und
kann für Dialoge und wechselseitig für Checklisten verwendet werden.
Der von mir vorgeschlagene Ansatz setzt voraus, daß die Friedensfor-
schung eine an gewandte Wissenschaft ist wie die medizinische bzw. die Ge-
64 Friedenstheorie

sundheitsforschung, und daß ihr, wie diesen, ein DPT-Paradigma (Diagnose,


Prognose, Therapie) zugrundeliegt.Wiederholen wir das Essentielle:
Die Diagnose besteht in der Erfassung eines empirischen Systems durch
einen Satz von Leidenszuständen (dukkha, Krankheit, Leiden, Gewalt) und
einen Satz von Zuständen des Wohlbefindens, der Lebensverbesserung (sukha,
Wohlergehen, Ausgeglichenheit, Gesundheit, Frieden), definiert negativ als
Ausbleiben von Leiden und positiv als Verbesserung der Lebensbedingungen
oder als bei des.
Die Prognose ist eine Vorhersage des Kurvenverlaufs dieses Systems über
einen gewissen Zeitraum, normalerweise von dukkha hin zu sukha, von
Krankheit zu Gesundheit, von Gewalt zu Frieden, wobei zwischen Selbsthei-
lung bzw. Automatismus und Intervention unterschieden wird.
Die Therapie ist diese Intervention, ob sie nun durch das Selbst, durch
Andere oder durch beide erfolgt, und ist eng mit Diagnose und Prognose
verbunden. Therapien können präventiv sein, ex ante (dukkha), oder heilend,
ex post. Oder beides, aber nicht weder - noch.
Man kann den Reifegrad einer angewandten Wissenschaft anhand des Dif-
ferenzierungsniveaus - grob gesagt des Hauptmaßstabes - der Diagnosen, Pro-
gnosen und Therapien messen; ein zweiter Maßstab wäre die Präzision des
wechselseitigen aufeinander Abgestimmtseins der drei Verfahren; ein dritter
die Genauigkeit der Prognosen mit oder ohne Intervention; ein vierter die
Angemessenheit der Therapien. In der Friedensforschung sind wir noch weit
entfernt von all dem, und es müssen auch wichtige philosophische Fragen
bezüglich deren Erreichbarkeit und Wünschbarkeit noch geklärt werden. Der
gegenwärtige traurige Zustand aber (Diagnose: Es gibt Schwierigkeiten; Pro-
gnose: Es wird noch schlimmer; Therapie: Rufen wir nach der Polizei/dem
Marine-Corps/der UN-Intervention) ist des homo sapiens nicht würdig.
Unser Ausgangspunkt ist also folgender:
- Diagnose: Zustände der Gewalt;
- Prognose: Gewaltprozesse - zunehmend, gleichbleibend, abnehmend;
- Therapie: Prozesse der Gewaltreduzierung (negativer Frieden);
Prozesse der Verbesserung der Lebensbedingungen (positiver
Frieden).
Ein Ansatz für die Friedensforschung wäre die Schaffung von Klarheit über
Gewalt und Leiden, anhand der Fragen: Was ist die Ursache von Gewalt? Was
sind die Wirkungen von Gewalt? Wir können aber auch am anderen Ende star-
ten und fragen: Was ist die Ursache des Friedens? Was ist seine Wirkung?
So oder so brauchen wir eine Typologie, die weitreichend genug ist, um
Antworten zu lokalisieren. Eine Minimum-Typologie würde folgende sechs
Räume nutzen: Natur, Person, Soziales, Welt, Kultur, Zeit. Dazu kommt die
Unterscheidung von intra- und intersystemisch, wie Z.B. zwischen intraper-
soneller Dialektik und interpersonellen Beziehungen.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 65

Wenn wir die Räume und das System kombinieren, bekommen wir 12
Faktoren, wie in der folgenden Tabelle 1.4 dargestellt. Das ganze wird dann
weiter konkretisiert unten in Tabelle 1.5.

Tabelle 1.4: Systematisierung I der Friedens- und Konfliktforschung


Raum Intra Inter Gewalt negativer Friede positiver Friede

Natur
Person
Soziales
Welt
Kultur
Zeit

innere äußere Lebens- Gewalt- Lebens-


Dialektik Beziehung einschränkung einschränkungen verbesserungen

Man kann jetzt Untertypologien aufstellen für alle Räume N, P, S, W, K, Z:


Natur: Menschen, Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen, Viren;
Person: Bedürfnisse des Überlebens und des Wohlbefindens, Freiheits- und
Identitätsbedürfnisse (Kategorien, die auch für die empfindungsfähige Natur
gelten können);
Soziales: Wesensart, Geschlecht, Generation, Rasse, Klasse, Nation, Land;
Welt: Nordwesten, Nordosten, Südwesten, Südosten; territorial (Staaten-Sy-
stem), nicht territorial (Kapital, Zivilgesellschaft, Bevölkerung);
Kultur: Okzident I, Okzident 11, Indisch, Buddhisch, Sinisch, Nipponisch 17 ;
Zeit: Intra-Zeit, kairos, und Inter-Zeit, chronos.
Das Schema kann dann vereinfacht werden, indem unterschieden wird zwi-
schen Natur-, Akteurs-, Struktur- und Kultur-Gewalt bzw. -Frieden.
Naturgewalt hat ihren Ursprung in der Natur, auch im menschlichen Körper,
und ist unbeabsichtigt Akteurs- oder direkte Gewalt erfolgt in den Räumen
der Person, der Gesellschaft und der Welt; sie ist beabsichtigt von Individu-
en, die allein oder im Kollektiv handeln. Strukturelle oder indirekte Gewalt
muß man als der Person, dem sozialen und dem Raum der Welt inhärent defi-
nieren, sie ist unbeabsichtigt Kulturelle Gewalt dient der Legitimierung di-
rekter und struktureller Gewalt und motiviert Akteure, direkte Gewalt auszu-
üben oder darauf zu verzichten, struktureller Gewalt entgegenzuwirken; sie

17 Diese makrokulturellen Kategorien werden definiert in Teil IV, Kapitel 2.


66 Friedenstheorie

kann beabsichtigt wie unbeabsichtigt sein. Zeitgewalt bezeichnet Einflüsse


auf das Leben künftiger Generationen; mit dem Extremfall: Leben ist nicht
länger reproduzierbar ("nachhaltig").
Direkte Gewalt kann man in verbale und physische und in solche eintei-
len, die den Körper, die Psyche oder den Geist schädigt. Alle Kombinationen
hinterlassen Traumata und führen dadurch zur Perpetuierung von Gewalt.
Strukturelle Gewalt kann in politische, repressive, und ökonomische, ausbeu-
terische, unterteilt werden; sie wird gestützt durch strukturelle Penetrierung,
Segmentierung, Fragmentierung und Marginalisierung. Desweiteren gibt es
hier auch noch die horizontale strukturelle Gewalt zu enger, zu lockerer und
gänzlich fehlender Beziehungen. Strukturen und Beziehungen können über-
mächtig (vertikaler Fall), und sie können allzu eng sein (horizontaler Fall), es
kann zu viel und es kann zu wenig von ihnen geben. Kulturelle Gewalt unter-
teilt man anhand der Inhalte: Religion, Recht und Ideologie, Sprache, Kunst,
empirischeIJormale Wissenschaft, Kosmologie (Tiefenkultur), und anhand der
Träger: Schulen, Universitäten, Medien.
Beabsichtigte Gewalt hat ihren Ursprung allein in (menschlichen) Perso-
nen, treten diese nun als Individuen oder als Kollektive auf, im sozialen und im
Raum der Welt - wobei sie zu Zeiten natürliche, strukturelle und kulturelle
Gewalt verwenden können. Aber die schädlichen Folgen beabsichtigter Gewalt
findet man überall, bei Menschen, in der empfindungsHihigen Natur, in der
empfindungsunHihigen Natur und in beschädigten Strukturen und Kulturen,
auch als Zeitgewalt. Gewalt verletzt und schädigt auch die nicht empfindungs-
fähigen Teile der Welt und ist insofern weitreichender als dukkha. Es gibt spe-
zielle Termini für äußerste beabsichtigte Gewalt:
- Ökozid ist äußerste Gewalt gegen die Natur;
- Suizid ist direkte, finale Gewalt gegen das Selbst;
- Homizid ist direkte, finale Gewalt gegen einen anderen;
- Genozid ist direkte, finale Gewalt gegen ein ganzes Volk;
- Strukturozid ist die Destruktion einer StrukturlDestrukturierung 18 ;
- Kulturozid ist die Zerstörung einer KulturlDekulturation 19 ;
- Omnizid ist alles Obige zusammengenommen.
Negativer Frieden bedeutet die Abwesenheit aller Formen von Gewalt. Die
Absenz struktureller Gewalt kann man als Strukturlosigkeit interpretieren,
d.h. Beziehungslosigkeit nach innen wie nach außen. Die innere menschliche
Dialektik jedoch währt ewig; als Volk können wir zwar anderen, aber nicht
uns selbst entkommen. Und über keine äußeren Beziehungen zu verfügen, ist

18 Destrukturierung bedeutet Destruktion ohne Implantierung einer neuen Struktur; es


gibt gar keine Struktur mehr, nur isolierte menschliche Wesen.
19 Dekulturation bedeutet Destruktion ohne Implantierung einer neuen Kultur; es gibt
überhaupt keine Kultur mehr, nur noch egozentrische Kosten-Nutzen-Kalkulationen.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 67

keine Lösung - darum die Suche nach horizontalen Strukturen, äußeren wie
inneren.
Hier ist eine Typologie des positiven Friedens, die auch über sukha hin-
ausgeht:

Naturfrieden meint Kooperation, nicht Kampf der Arten.


Direkter positiver Frieden bestünde in verbaler und physischer Freundlich-
keit, gut für Körper, Psyche und Geist des Selbst wie des Anderen, und beträ-
fe alle Grundbedürfnisse: Überleben, Wohlbefinden, Freiheit und Identität.
Dessen Inbegriff ist Liebe, eine Vereinigung von Körper, Psyche, Geist der
Menschen.
Der strukturelle positive Frieden würde Repression durch Freiheit und Aus-
beutung durch GerechtigkeitJBilligkeit ersetzen und dies dann durch Dialog
statt Penetration, Integration statt Segmentierung, Solidarität statt Fragmen-
tierung und Partizipation statt Marginalisierung stützen. Einige umfassende
vertikale (Alpha-) Strukturen mögen unerläßlich sein, aber kleine, horizonta-
le (Beta-) Strukturen sind schöner (weil sie ein Übermaß an Strukturierung
verhindern). Dasselbe gilt für den inneren Frieden; die Aufgabe besteht dar-
in, Harmonie zwischen Körper, Psyche und Geist herzustellen. Der Schlüssel
hierfür: äußere sowohl wie innere Dialoge (mit sich selbst).
Kultureller positiver Frieden würde die Legitimierung von Gewalt durch die
Legitimierung von Frieden ersetzen, in Religion, Recht und Ideologie, in
Sprache, Kunst und Wissenschaft, in Schulen, Universitäten und Medien,
und dadurch eine positive Friedenskultur aufbauen. Für den inneren Raum
des Selbst bedeutet das, sich für mehrere Neigungen und Fähigkeiten zu öff-
nen, nicht nur für eine.
Der sechste Raum, die Zeit, ist das Medium, in dem jedes System sich be-
wegt oder einem Prozeß unterliegt; in der Gewalt oder Frieden bzw. dukkha
und sukha vermehrt oder verringert werden - jenseits menschlicher Täter-
schaft wie der Intervention des Selbst und/oder der von anderen. Deswegen
ist Zeitgewalt oder "temporale Gewalt" auch ein sinnvoller Begriff zur Cha-
rakterisierung von Friedensprozessen, die zu langsam, und/oder von Gewalt-
prozessen, die zu schnell ablaufen; auch für Prozesse, die zeitlich schlecht
aufeinander abgestimmt sind. Es gibt jedenfalls für den Frieden keine Gren-
zen, ebensowenig aber auch für die Gewalt. Allfrieden ist ebenso bedeu-
tungsvoll wie Omnizid. Pax omnium cum omnibus, nicht bellum omnium
contra omnes sollte das Zentralmotto unserer Kultur sein. Ist es aber leider
nicht.
Dieser Diskurs, mit seinen sechs Räumen und der intralinter-systemaren
Unterscheidung (zwölf Kombinationen) ist nützlich. Ein Diskurs ist ein intel-
lektueller Rahmen, innerhalb dessen alternative Theorien aufgestellt werden
68 Friedenstheorie

können; eine Theorie besteht aus einem Satz miteinander verketteter Hypo-
thesen; eine Hypothese schließt gewisse Verbindungen aus und wird durch
deren Eintreten empirisch widerlegt. Ein Diskurs aber schließt das aus, was
nicht formuliert werden kann; er sollte dahin gebracht werden, sich dem Ge-
dachten zu akkommodieren, anstatt es abzuweisen oder zum Schweigen zu
bringen.
Folgende Theoreme können leicht innerhalb dieses Diskurses unterge-
bracht werden:
- Jede Art von Gewalt erzeugt irgendeine Art von Gewalt.
- Jede Art von Frieden erzeugt irgendeine Art von Frieden.
- Positiver Frieden ist der beste Schutz gegen Gewalt.
Genauer: Direkte Gewalt vermehrt sich durch Rache und offensive Ab-
schreckung; strukturelle Gewalt pflanzt sich fort durch Klonen und Vervoll-
ständigung ebenso wie kulturelle Gewalt. Direkte Gewalt kann zum Aufbau
struktureller Gewalt eingesetzt werden; strukturelle Gewalt führt zu revolu-
tionärer und konterrevolutionärer direkter Gewalt; und kulturelle Gewalt le-
gitimiert alles Vorgenannte.
Das Schema von Tabelle 1.5 ist in der Tat sehr simpel. DG und SG, DF
und SF haben als Unterabteilungen N, P, S, W, Kund Z; KG und KF haben
je elf Unterabteilungen; insgesamt also 46. Weiter gibt es Unter-Unterabtei-
lungen für N, P, S, W, Kund Z und für die kulturellen Unterabteilungen.
Und so weiter.
Ein entscheidender Gesichtspunkt ist der, daß Friedenstudien Gewaltstudi-
en voraussetzen. Wenn Gewalt das Problem und Frieden die Lösung, das
Heilmittel ist, dann bedürfen beide Seiten der Forschung, der Erziehung, des
Handeins. Um das Schema zu prüfen, wollen wir uns ansehen, wo Themen
wie Militarismus, Ökologie, Demokratie und Patriarchat untergebracht wer-
den können.
Den Militarismus könnte man in die DG-SG-KG-Spalte einsetzen und
zwar in Bezug auf Waffen und deren Einsatz für militärische W -Intervention,
unterstützt durch Strukturen wie Industriekomplexe in S, legitimiert durch
patriotische und patriarchalische Elemente in K und durch den Patriotismus
in Schulen und die militärische Ausbildung an Universitäten. Wie alles ande-
re muß dies in Raum und Zeit, Geographie und Geschichte untersucht wer-
den und zwar in dialektischem Bezug zur DF-SF-KF-Spalte: Demilitarisie-
rung.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 69

Tabelle 1.5: Systematisierung 11 der Friedens- und Konfliktstudien: Beispie-


le für Erziehungs-, Forschungs- und Handlungsfelder
Direkte Gewalt (DG) Direkter (positiver) Frieden (DF)
N - ,Überleben der Tauglichsten' N - ,gegenseitige Hilfe und Kooperation'
P - Gewalt gegen das Selbst, Suizid P - intra-, interpersonelles Wachstum
S - Gewalt über Bruchlinien hinweg S - gewaltlose Befreiung
W - Kriegsgeographie; Genozid W - Friedensbewegungen; alternative
Verteidigung
K - Kulturozid K - kulturelle Befreiung
Z - Vergangenheit und Zukunft der Z - Geschichte und Zukunft des Friedens
Gewalt, des Krieges
Strukturelle Gewalt (SG) Struktureller (positiver) Frieden (SF)
N -Ökozid N - nicht-homozentrischer Öko-Frieden
P - Psychopathologien P - intra-, interpersoneller Frieden
S - Patriarchat, Rassismus, Klasse S - Entwicklung, Gleichstellung, Gerechtigkeit
W - Imperialismus, Handel W - Friedensregionen, ,global governance',
Vereinte Nationen
K - kultureller Imperialismus K - kulturelle Koexistenz
Z - Vergangenheit und Zukunft von Z - nachhaltige Entwicklung
Ausbeutung und Unterdrückung alles Vorgenannten
Kulturelle Gewalt (KG) Kultureller (positiver) Frieden (KF)
Religion: Betonung der Transzendenz Religion: Betonung der Immanenz
Recht: Demokratie, Menschenrechte Recht: Demokratie, Menschenrechte
Ideologie: universalistisch, singularistisch Ideologie: partikularistisch, pluralistisch
Sprache: sexistisch, rassistisch Sprache: humanistisch/nicht-anthropozentrisch
Kunst: patriotisch, patriarchalisch Kunst: humanistisch/nicht-anthropozentrisch
Wissenschaft I: westliche Logik? Wissenschaft I: Taoistisch? Buddhistisch?
Wissenschaft II: Zweck: Leben zu zerstö- Wissenschaft II: Zweck: Leben zu verbessern
ren
Kosmologie: Okzident I? Sinisch? Nip- Kosmologie: Okzident II? Indisch?
ponisch? Buddhisch?
Schule: Militarisierung Schule: Friedenserziehung
Universität: Militarisierung Universität: Friedensstudien, Friedensfor-
schung
Medien: GewaltlKriegsjournalismus Medien: Friedensjournalismus

Ökologie und Öko-Krise ganz allgemein bedeutet direkte Gewalt gegen die
Natur, z.B. im Krieg; weiterhin die strukturelle Gewalt von Industrie und
Agrarindustrie; und die kulturellen Muster, die das legitimieren - wieder im
Verhältnis zu den entsprechenden Friedenskategorien.
Die Demokratie (vergleichbar den Menschenrechten) ist eine Institution,
d.h. sie beruht auf einer Ansammlung von Rechtsbestimmungen, die als Kul-
tur direkten oder strukturellen Frieden oder Gewalt und Krieg legitimieren
oder delegitimieren kann. Das muß in allen sechs Räumen untersucht und
kann nicht apriori entschieden werden.
70 Friedenstheorie

Patriarchat bedeutet strukturelle Gewalt, bei der die Männer an der Spitze
stehen und die Frauen weiter unten; was sich in Sund W in zahllosen For-
men von Gewalt gegen Frauen ausdrückt, die durch bestimmte kulturelle
Muster legitimiert werden - wieder in Relation zu seinen friedlichen Nega-
tionen zu verstehen.
Eine Thematik ist also über mehrere Punkte des Systems verteilt, wobei eine
konkrete Untersuchung begrenzter sein kann. Die Systematik dient als Heraus-
forderung, die Untersuchung zu vervollständigen und weitere Aspekte einzu-
bringen.
Wie klassifizieren wir dann die achtzehn von der International Peace Re-
search Association eingesetzten Kommissionen?

Kommunikationen. Interaktionsformen in Sund W; und eine Untersu-


chung der Medien als Träger einer Friedens- oder Kriegskultur.
Konversions/ragen. Demilitarisierung von Hardware- und Software-
Aspekten des Militarismus zu zivilen Zwecken.
- Verteidigung und Abrüstung. Sicherheit (geringe Wahrscheinlichkeit von
Krieg in W), Zurückfahren der offensiven und Stärkung der defensiven
Verteidigung.
- Ökologische Sicherheit. Lösung von Konflikten in P, Sund W, die durch
Ökokrisen in N entstanden sind, um Ausbrüche von Gewalt zu verhin-
dern.
- Ernährungspolitik. Eins der grundlegenden Erfordernisse in P im Ver-
hältnis zum ganzen DG/DF-, SG/SF- und KG/KF-Schema.
- Marginalisierung von Menschen in der globalen politischen Ökonomie.
Ein grundlegender Aspekt der strukturellen Gewalt in W und deren Impli-
kationen.
- Menschenrechte und Entwicklung. Eine spezielle Institution (Ansammlung
von Rechtsbestimmungen) und deren Verhältnis zum strukturellen Frieden
in Kund S, potentiell auch in N und W, sowie in Z (Nachhaltigkeit).
- Interne Konflikte und deren Lösung. Kreative Konflikttransformation als
Alternative zur Gewalt in S (nicht in W).
- Internationale Konfliktläsung. Kreative Konflikttransformation als Alter-
native zur Gewalt in W (nicht in S).
- Kriegsbeendigung und Friedensschaffung im Nahen Osten. Alles oben
und unten Aufgeführte (und mehr), bezogen auf den Nahen Osten.
- Gewaltlosigkeit. Direkter Frieden auf allen Gebieten mit friedlichen Mit-
teln, im Kontext (von Drohungen mit) großer Gewalttätigkeit.
- Friedenserziehung und Friedensstudien an Universitäten. Erziehung und
Studien auf allen Stufen als ein Weg, die Kultur zu verändern.
Friedensbewegungen. Bewegungen in der zivilen Gesellschaft in Sund W
zur Schaffung von direktem, strukturellem und kulturellem Frieden in S
undW.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 71

- Flüchtlinge. Die Misere von Menschen, die durch Krisen in N, Sund W


gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen; Gewaltopfer ganz allgemein.
Religion und Konflikt. Ein Hauptaspekt der Kultur in ihrer Rolle als Legi-
timationsinstanz direkter oder struktureller Gewalt bzw. direkten oder
strukturellen Friedens.
- Veränderungen in Osteuropa. Alles oben Genannte (und mehr) in Bezug
auf Osteuropa im gegenwärtigen Transformationsprozess.
Frauen und Frieden. Alles Obige (und mehr), bezogen auf einen Teilbe-
reich in S; Patriarchat und sein Abbau.
- Frieden und Japan. Alles Obige (und mehr), auf Japan bezogen.
Die achtzehn Kommissionen haben ihre eigenen Definitionen, wobei die Auf-
gabe der (Re-) Definierung immer einer der Hauptaspekte der Forschungsak-
tivitäten ist. Hier soll nur betont werden, daß alle IPRA-Kommissionen in-
nerhalb des hier vorgeschlagenen Diskurses untergebracht werden können.
Drei Kommissionen sind nicht-global, da sie sich mit spezifischen Gebieten
(Naher Osten, Osteuropa, Japan) befassen, was sehr sinnvoll ist; keine der
Kommissionen ist nicht-holistisch, indem sie nur fachspezifisch verführe.
Man könnte sich weitere Kommissionen vorstellen (in P etwa innerer Frie-
den; in Z z.B. Makro-Geschichte; in K: weitere kulturelle Aspekte). Es gibt
soviel zu tun!
Ernste Versäumnisse sind das Fehlen einer Allgemeinen Friedenstheorie
(Schutz und Verbesserung der Grundbedürfnisse von Natur und Mensch), ei-
ner Allgemeinen Konflikttheorie (was geschieht, wenn Ziele ziel suchender
Systeme nicht miteinander vereinbar sind) und einer Allgemeinen Entwick-
lungstheorie (nachhaltige Erfüllung von Bedürfnissen und Zielen). Das glei-
che gilt für die Grundlagen und für die Epistemologie/Methodologie, die
auch den beiden hier vorgestellten Schemata hinzuzufügen wären. Damit die
Friedensforschung neue Probleme (Golf, Osteuropa, Somalia, Ruanda, Chia-
pas) angehen kann, ist allgemeine Sachkenntnis unverzichtbar. Das Ende des
Kalten Krieges bedeutete leider auch das Aus für viele Friedensforscher. 20
Eine IPRA-Kommission Friedenstheorie entsteht gerade.

20 Insbesondere heißt dies: Der Kalte Krieg konnte so dargestellt werden, als gäbe es in
ihm zwei Parteien und eine fundamentale Streitfrage: das nukleare Wettrüsten, wie
es den einen, die Menschenrechte, wie es anderen erschien. Ein beträchtliches
Fachwissen wurde angesammelt und wurde dann projiziert auf den Golf-Krieg und
die Kriege in Ex-Jugoslawien, als handele es sich auch in diesen Fällen allein um ei-
ne Frage zweier Parteien und eines einzigen militärischen Streitpunkts (vgl. Teil 11,
Kap. 1.4).
72 Friedenstheorie

2.4 Friedensstudien: vom Friedenswissen zum


Friedenskönnen
Frieden ist das Überwechseln von links nach rechts innerhalb der beiden obi-
gen Systematisierungsschemata der Friedensforschung. Friedensstudien kön-
nen hierzu mittels des aus der Forschung gewonnenen Wissens beitragen.
Aber Studien allein können direkte Gewalt nicht stoppen, Gewaltstrukturen
nicht demontieren und auch keinen direkten, strukturellen oder kulturellen
Frieden schaffen. Dies können aber Leute mit den entsprechenden Fähigkei-
ten, und diese Fähigkeiten sind: ,Gewußt-wie' + schöpferische Phantasie +
Mitgefühl + Beharrlichkeit.
Man muß tätig werden, um Zustände direkten und strukturellen Friedens
zu verwirklichen, und das Medium, in dem sich das alles entwickelt, ist die
Zeit, als kairos wie als chronos. Ingenieure wissen vielleicht, was an einer
Brücke nicht in Ordnung ist, und wie eine vernünftige Brücke auszusehen
hat. Aber man muß handeln, Z.B. viel schweißen, um von A zu B zu gelan-
gen; eine Aufgabe, die "Arbeitern" überlassen wird, wohingegen in der Me-
dizin ein und dieselbe Person, der Chirurg mit seinem Skalpell, alle drei Auf-
gaben übernehmen kann. Beides sind Berufe. Im Ingenieurwesen werden viel
Wissen, aber wenige Fertigkeiten verlangt, daher braucht man Arbeiter, die
wenig Wissen, aber viele praktische Fähigkeiten besitzen. Der Beruf des Me-
diziners verlangt von beidem viel, wobei es natürlich nicht ohne Kranken-
schwestern und Muster interner Arbeitsteilung abgeht.
Es gibt zwingende Gründe für eine Vereinigung von Wissen und Fertig-
keiten in einer Person: die Aussicht auf einen direkten Transfer zwischen
Theorie und Praxis in beide Richtungen, die Übernahme persönlicher Verant-
wortung anstelle der Anforderung an andere zu handeln, damit Frieden auf
der Welt entsteht. Es gibt aber auch gute Gründe für Arbeitsteilung.
Es soll hier vor allem nichts gesagt werden gegen Friedensstudien, Frie-
densforschung, Friedenswissenschaft in Reinkultur, unbehindert durch die
Forderung nach sofortiger, gelingender Anwendung. Die Erfahrung zeigt,
daß es immer wieder Glückstreffer wie unbeabsichtigte praktische Gewinne
beim Streben nach reinem Wissen geben wird. Diese Tatsache jedoch spricht
nicht gegen eine zusätzliche Offenheit für Friedensfertigkeiten.
Anhand der oben dargestellten zweiten Systematisierung kann der Autor
leicht die Systematik eines einjährigen Kurses in Friedenswissen und Frie-
densfertigkeiten skizzieren:
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 73

GRUNDLAGEN: Allgemeine Gewalttheorie Allgemeine Friedenstheorie


Konflik~ormationen Konflikttransformationen
Epistemologie Methodologie
SPEZIALISIERUNG: direkte Gewalt direkter Frieden
strukturelle Gewalt I: struktureller Frieden I:
Ausbeutung ökonomische Gerechtigkeit
strukturelle Gewalt 11: struktureller Frieden 11:
Repression politische Gerechtigkeit
kulturelle Gewalt kultureller Frieden

Strukturelle Gewalt und struktureller Frieden werden hier in die gewaltsame


und die friedliche Ausübung ökonomischer und politischer Macht aufgeteilt,
und es kommen sechs Grundkurse dazu, so daß wir insgesamt 14 Kurse ha-
ben. In einer kürzeren Version könnten die fin- und die fang-Aspekte, die
Probleme und die Lösungen, in einem Kurs kombiniert werden, wodurch
sich sieben Kurse ergäben. Als eine ultrakurze Einführung könnte man sich
auch die ersten vier Kurse vorstellen.
Die klassische, von diplomatischen Akademien und dergleichen angebo-
tene Ausbildung versagt sich dem Globalismus, indem sie sich auf Regio-
nalstudien konzentriert, die so ausgerichtet sind, daß Zentrum und Peripherie
intellektuell auseinandergerissen werden ("Lateinamerika-Studien" ohne die
Einbeziehung der USA; "Osteuropa-Studien" ohne die Einbeziehung der EU),
wodurch man die Strukturen unsichtbar macht. Man trotzt dem Holismus, in-
dem man nur einen Menschen, der in einer traditionellen Disziplin ver-
wurzelt ist, als "Experten" betrachtet.
Konflikt und Frieden betrachtet man allgemein aus einer legalistischen
Perspektive, ohne das Recht als eine weitere Quelle struktureller und kultu-
reller Gewalt (aber auch eines möglichen strukturellen und kulturellen Frie-
dens) in Frage zu stellen; militärische Gewalt, Intervention, wird legitimiert
als letztes Mittel, weil Alternativen zu wenig bekannt sind und darauf zu
wenig Aufmerksamkeit verwandt wird; ökonomische Macht (Sanktionen und
positive Angebote als ,Zuckerbrot und Peitsche') bedenkt man im Rahmen
der Mainstream-Ökonomie, die ihrerseits ja eine der wichtigsten Legitimati-
onsinstanzen ökonomischer struktureller Gewalt ist; politische Macht be-
trachtet man im Lichte einer unkritischen demokratischen Theorie, und kul-
turelle Macht wird entweder gar nicht berücksichtigt oder verstärkt durch die
Haltung: "Wir erforschen die Leute ja" (Regionalstudien). Kurzum, diese
Ausbildung der Diplomaten garantiert nicht nur eine starke ideologische Vor-
eingenommenheit mit leicht voraussagbaren Konsequenzen, sie ist ganz ein-
fach überholt.
Es gibt reichlich Raum für eine Anpassung an heutige Verhältnisse, und
mein Schema wäre eine Möglichkeit. Die klassische Kombination von Re-
gionalstudien (linguistische Kompetenz eingeschlossen), Recht, "Realismus"
(bei dem Gewalt eher im Mittelpunkt steht als Gewaltlosigkeit) und einem
74 Friedenstheorie

oder zwei klassischen Mainstream-Fachgebieten läßt sich als Patentrezept für


eine inadäquate Herangehensweise beschreiben.
Was wir für unsere Welt dringend bräuchten, wäre eine Postgraduierten-
Ausbildung, wären so viele Studienplätze wie möglich für einen Magister-
studiengang in Friedensstudien und Konfliktlösung, vergleichbar dem Studi-
engang ,Master of Business Administration '. Beim Streben nach Frieden gibt
es für kreative Konfliktlösung keinen Ersatz. Ungelöste Konflikte können zu
Frustration führen, diese zu Aggressivität, die ihrerseits zur Gewaltanwen-
dung führen kann. Zugunsten einer weiteren Stärkung von Frieden und Kon-
fliktlösung könnte man noch Entwicklung(sforschung) hinzufügen, aber die-
ses Gebiet ist so umfassend, daß getrennte Abschlüsse vielleicht doch besser
sind. Bei beiden Abschlüssen sollte die gemeinsame Schnittfläche von Frie-
den und Entwicklung gebührend gewürdigt werden ebenso wie die Bedeu-
tung der Zivilisation (Kultur) als wichtiger Kontext und als eine Hauptursa-
che für Frieden wie Gewalt.
In all diesen Kursen würde sowohl Wissen als auch Können vermittelt.
Wissen kann vertikal (durch Vorlesungen), horizontal (durch Seminare und
Diskussionen) und horizontal unter Studenten oder unter Professoren (durch
Kolloquien) vermittelt werden; die beiden letztgenannten Möglichkeiten wer-
den an Universitäten oft nicht angeboten, was auf Kosten sowohl der Studen-
ten wie der Professoren geht. Wie aber steht es mit dem ,gewußt wie', mit
Phantasie, Mitgefühl und Beharrlichkeit? Hinsichtlich dieser vier Faktoren,
speziell aber der beiden letzten, läßt sich von Universitäten wenig erwarten.
Es gibt zuletzt keinen Ersatz für Training und praktische Ausbildung vor
Ort, also in der direkten, strukturellen und kulturellen gesellschaftlichen
Wirklichkeit. Und diese muß Teil der Ausbildung im zweiten Jahr werden,
und/oder einschlägige Praxis muß als Zulassungsbedingung für solche Studi-
en festgesetzt werden. Die Wirklichkeit kann aber auch mit Hilfe von Zeugen
oder audiovisuellen Medien in den Hörsaal gebracht werden; sie kann auch
auf dem Papier simuliert werden mittels Beschreibungen von Problemsitua-
tionen, die nach Lösungen, mit Handlungsdirektiven und Folgeanalysen,
verlangen. Desweiteren besteht die Möglichkeit, die Wirklichkeit via Spiel
oder Simulation darzustellen; ob nun auf der Ebene Computer - Computer,
Computer - Mensch oder Mensch - Mensch (Rollenspiel).
Zusätzlich zum (aber nicht anstelle des) Vorgenannten sollte man Thea-
terstücke (da holistischer als Rollenspiele) einsetzen, die Situationen aus dem
wirklichen oder vorgestellten Leben widerspiegeln, wobei die Teilnehmer die
Stücke selbst schreiben oder aufführen müßten. Eine Gruppe, aufgeteilt in
kleinere Einheiten, in denen das gleiche Thema schriftlich behandelt und
aufgeführt würde oder denen ,sechs Rollen auf der Suche nach einem Autor'
(frei nach Pirandello) gegeben würden, gäbe eine gute Grundlage für Ver-
gleiche und Weiterentwicklung. Ein Team, das darüber diskutiert, wie man
über einen Konflikt schreibt, befindet sich selbst in einer Art Konflikt, was
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 75

die Erfahrung vertieft. Im Idealfall sollte das Stück einen ganzen Zyklus
sinnvoll aufeinander bezogener Ereignisse umfassen und natürlich nach der
Aufführung Gegenstand umfassender Diskussionen sein.
Zum Schluß: Wo in Sund W könnten Menschen mit einer derartigen
Ausbildung für den negativen und den positiven Frieden tätig werden? Die
Antwort ergibt sich aus einer weiteren Unterteilung von Sund W in Staat
(Regierung, Bürokratie), Kapital (Unternehmen) und Zivilgesellschajt, beste-
hend aus der Bevölkerung und ihren informellen und formellen Organisatio-
nen, welch letztere in W NGOs (non-governmental organizations) bzw. NROs
(Nicht-Regierungs-Organisationen) genannt werden. Einer dieser drei, der
Staat, besitzt ein Gewaltmonopol und neigt schnell dazu, in einer "Situation"
Gewalt einzusetzen ("dem Mann, der einen Hammer hat, erscheint die Welt
als Nagel"); und auf ziemlich ähnliche Weise würden Transnationale Kon-
zerne (TNCs) Kapital einsetzen und Bürgerorganisationen ihre moralische,
gewaltlose Macht nutzen, zivilen Ungehorsam einbegriffen.
Friedensspezialisten könnten in allen sechs Bereichen arbeiten:
- in staatlichen und zwischenstaatlichen Organisationen und in der UNO;
auch auf der kommunalen Ebene, die ein großes Friedenspotential besitzt;
- in nationalen und transnationalen Unternehmen (TNCs);
- in nationalen und internationalen Bürgerorganisationen (IPOs - interna-
tional people 's organizations).
Innerhalb des Staatensystems, inklusive der UNO, könnte es mehr um die
Verhinderung von Gewalt durch den Aufweis von Alternativen gehen, in an-
deren Räumen mehr um die Durchführung dieser Alternativen.
Eine kurze Liste von möglichen zukünftigen Arbeitgebern für Friedens-
spezialisten enthielte:
- lokale Verwaltungen, für lokale Konflikte;
Außen- und Verteidigungsministerien für eine kreativere Welt- und Au-
ßenpolitik;
- die UNO und andere zwischenstaatliche Organisationen, wo sie den idea-
len Arbeitsplatz hätten;
- nationale und transnationale Unternehmen, um die Wirtschaft kooperati-
ver zu machen und mehr auf menschliche Grundbedürfnisse auszurichten;
- nationale und internationale Bürgerorganisationen wie Kirchen und Ge-
werkschaften;
- Schulen, Universitäten und Medien.
76 Friedenstheorie

2.5 Paradigma 11 der Friedensforschung: Körper - Geist -


Struktur - Kultur
Eine Schwierigkeit der Systematik und genauer des Paradigmas I, wie in
Kap. 2.3 entwickelt, ist dessen Komplexität. Der Diskurs ist sehr reichhaltig,
wie man in der folgenden Tabelle 1.6 sehen kann.
Die Unterscheidung zwischen intra und inter ist grundlegend, da sie zwei
verschiedene, aber sich gegenseitig nicht ausschließende analytische Per-
spektiven herausstellt: Dialektik, innere Spannungen, Widersprüche, fin -
fang; und eine Perspektive der Beziehung zwischen distinkten Einheiten.
Bruchlinien in den Räumen Gesellschaft und Welt spielen in der Konfliktana-
lyse eine herausragende Rolle.

Tabelle 1.6: Eine Synopse von Paradigma I: der 12-Faktoren-Diskurs

Raum Intra Inter


(innere Dialektik) (Außenbeziehungen)

Natur Intra-Spezies-Evolution Inter-Spezies-Antibiose und -


Symbiose
Mensch innerer Konflikt interpersonelle, z.B.
innerer Frieden eheliche, Beziehungen
GesellschaftI innergesellschaftliche internationale Beziehungen
Soziales Dialektik Konflikt und Kooperation
soziale Bruchlinien
Welt innerweltliche Dialektik interplanetare Beziehungen
Bruchlinien auf Weltebene (empirisch leer)
Kultur intrakulturelle Dialektik interkultureller Dialog
Geburt - Reife - Tod Antithese, Synthese
Zeit kairos: biologische Zeit, chronos: physikalische
subjektive Zeit Zeit, intersubjektive Zeit

Drei Perspektiven für Hypothesen über Gewalt und Frieden:


1. Kausalität: Gewalt wie Frieden haben einen bestimmten Ausgangspunkt,
z.B. in der Persönlichkeit (freudianisch) oder im Innergesellschaftlichen,
in der Klasse (marxistisch) oder im "Volk" (hitlerisch), und werden dann
woanders ausagiert.
2. Isomorphie: Jeder Raum kann als Metapher des anderen dienen, da er
strukturell ähnlich genug ist, um Hypothesen zu generieren.
3. Kausale Isomorphie: Bestimmte Muster werden aufgrund eines indivi-
duellen oder kollektiven, bewußten oder unbewußten Lernprozesses auf
andere Räume transferiert.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 77

Tabelle 1.6 entsprechend wird die kausale Hypothese gewöhnlich horizontal


angewandt, wenn nämlich innerer Stress akkumuliert und dann im selben
Raum ausagiert wird: Innere persönliche Konflikte werden in der ehelichen
Gemeinschaft, Klassen- und nationale Konflikte werden auf internationaler
Ebene ausagiert; unsere sehr widersprüchliche Welt wird sich möglicherwei-
se gegen andere Planeten zusammenschließen; nicht-kreative Kulturen halten
sich schadlos an anderen Kulturen; und ein kairos (wie z.B. ein individuelles
oder ein kulturelles Trauma) wird durch chronos zu einer dauerhaften Dis-
position.
Die Isomorphismus-Hypothese wird meist vertikal, in der Intra- oder In-
ter-Spalte eingesetzt. Wenn wir von zehn Bruchlinien im gesellschaftlichen
Raum von Menschen ausgehen (Spezies/Natur, Geschlecht, Generation, Ras-
se, Klasse, Nation, Territorium und die Eckpunkte des Staat-Zivilgesellschaft-
Kapital-Triangels) und von neun Bruchlinien zwischen Ländern im Raum
Welt (Spezies/Natur, Altersrang, Rasse, Klasse, Zivilisation, Region und die
Eckpunkte des IGO-INGO-TNC-Dreiecks 21 - hier nur neun, weil das Ge-
schlecht von Menschen im Raum Gesellschaft keine eindeutige Entsprechung
im Raum Welt hat), dann ergeben sich viele belanglose und viele wichtige
Parallelen. Wenn wir einen Menschen dann noch unter dem somatischen
Aspekt als riesige Zellansammlung betrachten, in der manche Zellen sogar
auf Kosten von anderen wachsen (Krebs, in Sund Wals Ausbeutung be-
kannt), dann können wir viel lernen. Auch hat die freudianische Architektur
des Geistes, ausgedrückt in den Begriffen Es, Ich und Über-Ich, S- und W-
Parallelen.
Am interessantesten jedoch ist der kausale Gebrauch von Isomorphien durch
Lernen. Ein Beispiel wäre die "Sozialdarwinismus"-Hypothese aus dem Natur-
Raum, die als Norm der Tiefenkultur (Kosmologie) in andere Räume projiziert
wird und sich dabei als Ursache verselbständigt. Paradigma I ist für Friedens-
studien von grundlegender Wichtigkeit. Wir sollten die Sache aber vereinfa-
chen und den bisherigen Diskurs den Diskursen über direkte(n), strukturelle(n)
und kulturelle(n) GewaltlFrieden einerseits, über militärische, ökonomische,
politische und kulturelle Macht andererseits annähern. Diese Diskurse sind sich
sehr ähnlich, da strukturelle Gewalt sich ja in zwei Typen, in ökonomische
(Ausbeutung) und in politische Gewalt (Repression), aufspaltet.
Ein auf ein Mindestmaß reduzierter, Paradigma I entnommener Diskurs,
um Frieden und Gewalt in den Griff zu bekommen, müßte menschliche Na-
tur und Kultur, N und K, einbeziehen. Was aber ist mit P, Sund W, den Räu-
men der Person, der Gesellschaft und der Welt? Wir brauchen selbstverständ-
lich die ,innere Person' in ihrem Verhältnis zu anderen Personen aus P. Wir
können aber Sund W unter dem sehr allgemeinen Titel "Struktur" zusam-

21 IGO: International Governmental Organisation; INGO: International Non-Govern-


mental Organisation; TNC: Transnational Cooperation (Anm. d. Übers.).
78 Friedenstheorie

menfassen. Zeit, Z, kommt über das ebenfalls unerlässliche DPT-Dreieck


hinzu, da die Therapie ja ein auf Diagnose beruhender Versuch ist, eine Pro-
gnose in Richtung Frieden zu wenden.
Mit diesen vier Faktoren, nämlich Körper, Geist, Struktur und Kultur, ha-
ben wir Paradigma I zwar vereinfacht, aber nicht vollständig verlassen. Der
Diskurs ist jetzt so einfach, daß die Gefahr einer Reduzierung auf einen Fak-
tor, oder besser gesagt: auf ein Syndrom von Faktoren, sehr groß ist. Man
sollte auf jeden Fall zu vermeiden suchen, vereinseitigend die (menschliche)
Biologie ("Biologismus") oder die menschliche Psychologie ("Psychologis-
mus"), die Struktur ("Strukturalismus") oder die Kultur ("Kulturalismus") in
den Mittelpunkt zu stellen. Man muß dem Zusammenspiel zwischen diesen
Faktoren und der Gewalt/dem Frieden nachgehen.
Die Verknüpfung mit den anderen beiden Diskursen könnte einfacher
nicht sein: strukturelle und kulturelle Gewalt bzw. struktureller und kulturel-
ler Frieden sind schon da, die Schnittstelle von Körper und Geist führt aber
darüberhinaus geradewegs zu direkter Gewalt bzw. direktem Frieden. Bei ei-
ner Gewalttat sind Körper (Aggression) und Geist (Aggressivität) beteiligt;
bei einer friedlichen Tat ebenfalls, als Liebe (Körper) und Mitgefühl (Geist).
Wir können jetzt präziser werden, wie in Tabelle 1.7 geschehen, wo diese
generellen Hypothesen, Gewalt und Frieden betreffend, vertikal gelesen wer-
den können. Das Problem besteht darin, daß keine (post)moderne Welt allein
mit Elementen der rechten Kolumne aufgebaut werden könnte.

Tabelle 1.7: Paradigma 11: der Vier-Faktoren-Diskurs (mit Hypothesen)


Gewalt produzierend Frieden produzierend
N: Körper männlich weiblich
P: Geist ohne Einfühlungsvermögen mit Einfühlungsvermögen
(nicht emphatisch) (emphatisch)
S,W: Struktur vertikal (Alpha) horizontal (Beta)
K: Kultur zentrifugal zentripetal

Man kann auch andere Dichotomien (oder, allgemeiner gesagt, Variablen) ver-
wenden, um die vier Syndrome zu erschließen; zum gegenwärtigen Zweck
werden wir den Diskurs aber in diese Richtungen spezifizieren.
Die bei den ersten Faktoren befinden sich auf der individuellen, die beiden
letzten auf der kollektiven Ebene. Körper und Struktur sind somatisch/mate-
riell (eine Struktur ist die Summe schematischer Transaktionen), Geist und
Kultur sind spirituell/nicht-materiell. Die Hypothese von der Vorrangstellung
der Kultur bestätigt sich darin, daß die Kultur den Geist ("Sozialisation") und
die Struktur, das Interaktionsmuster (Akkulturation), prägt. Der Körper emp-
fängt Befehle teils vom Geist, teils vom sozialen Kontext, der Struktur.
Die Friedensforschung: einige grundlegende Paradigmen 79

Aber der Einwand liegt auf der Hand: Der Geist kann die Mikrokultur (in
manchen Fällen sogar auch die Makrokultur) in einem und um einen Men-
schen herum beeinflussen; die Kultur kann widerspiegeln, was schon in der
Struktur vorhanden ist (z.B. im Falle einer Eroberung). Und daß sich der
Körper Befehlen des Geistes und der Struktur - den internalisierten und den
institutionalisierten Normen - widersetzen kann, ist bekannt. Kurz, Kausal-
pfeile zielen in alle zwölf Richtungen, und das wollen wir nun genauer unter-
suchen.
Im nächsten Kapitel (dieses ersten Teils über Frieden) über Unterschiede
der Geschlechter (N) wird der Körper als wesentlicher Faktor im Mittelpunkt
stehen, und in den darauf folgenden Kapiteln 4 und 5 über Demokratie (S)
und das Staatensystem (W), werden wir uns mit der politischen Struktur be-
schäftigen. In Teil 11, über Konflikt, geht es um Geist und Empathie; Teil III
über Entwicklung befaßt sich mit der ökonomischen Struktur; in Teil IV über
Zivilisation schließlich werden Auswirkungen der Tiefenkultur (Kosmologie)
auf den Frieden ermittelt.
3 Frau: Mann = Frieden: Gewalt?

3.1 Das Patriarchat als direkte, strukturelle und kulturelle


Gewalt
Wir werden in diesem Kapitel die Beziehung zwischen Geschlecht und direk-
ter Gewalt und insbesondere zwischen männlicher Sexualität und männlicher
Aggressivität untersuchen. Wir werden teilweise auf der biologischen Ebene
argumentieren, aber nicht bio logistisch, denn das wäre ein Diskurs mit unab-
hängigen Variablen aus nur einer Disziplin, im vorliegenden Falle der Bio-
logie. Um Frieden/Gewalt als abhängige Variablen erklären zu können, wer-
den wir den Vier-Faktoren-Diskurs unabhängiger Variablen einsetzen, der
auf Körper und Geist, Struktur und Kultur baut. Der "Körper" soll hier hin-
sichtlich seiner Männlichkeit oder Weiblichkeit behandelt werden, der "Geist"
hinsichtlich hoher oder niedriger Empathie, die "Struktur" als horizontal oder
vertikal ("hierarchisch") und die "Kultur" als zentripetal oder zentrifugal
("expansionistisch"). Daß Weiblichkeitlhohe EmpathielHorizontalitätJZentri-
petalität Merkmale sind, die zu friedlichen Verhaltensweisen disponieren,
wohingegen Männlichkeit/niedrige EmpathieNertikalität/Zentrifugalität eher
zu Gewalttätigkeit führen, ist die zentrale Hypothese.
Selbstverständlich ist das sehr vereinfachend, und Studien über Gewalt
und Frieden sind beträchtlich komplexer. Aber ein solcher Diskurs reicht für
unsere momentanen Absichten. Was diesen als einen Diskurs über Gewalt
angeht, so werden wir die Unterscheidung zwischen direkter, struktureller und
kultureller Gewalt einsetzen, wobei direkte Gewalt darauf abzielt, die Grund-
bedürfnisse anderer (einschließlich der Natur) zu verletzen, strukturelle Ge-
walt solche Verletzungen in Form von in die Gesellschafts- und Welt-Struk-
turen eingebauter Ausbeutung und Repression mit sich bringt, und kulturelle
Gewalt über Aspekte der Kultur (wie Religion und Sprache) direkte und
strukturelle Gewalt legitimiert. Negativer Frieden wäre dann die Negation all
dessen.
Die quadrilaterale Verbindung von Geschlecht, Struktur, Kultur und Frie-
den/Gewalt führt uns auf direktem Wege zum Patriarchat als soziale Forma-
tion. Die Unfähigkeit, die Wirklichkeit des Patriarchats in der menschlichen
Gesellschaft wahrzunehmen, kann vielleicht am besten dadurch erklärt wer-
den, daß in diesem Falle kulturelle Gewalt am Werk ist. Die feministische
82 Friedenstheorie

Theorie hat wichtige Beiträge zur Friedenstheorie geleistet, indem sie dies
gezeigt hat." Da jeder Begriff durch seine spezifische Negation am besten
verständlich wird, soll sofort darauf hingewiesen werden, daß die friedliche
Negation von Patriarchat nicht Matriarchat bedeutet, sondern Parität oder
Gleichheit der Geschlechter - horizontale Strukturen, die die Geschlechter
als Partner in Beziehung setzen. 2'
Das Patriarchat kann man dann als Institutionalisierung männlicher Do-
minanz in vertikalen Strukturen erkennen, wobei hohe Korrelationen zwi-
schen sozialer Stellung und Geschlecht bestehen, die durch die Kultur (z.B.
Religion und Sprache) legitimiert werden und sich oft als direkte Gewalt dar-
stellen, bei der Männer die Subjekte und Frauen die Objekte sind. Das Pa-
triarchat kombiniert, wie jede andere zutiefst gewalttätige Sozialstruktur (wie
z.B. kriminelle Subkulturen oder militärische Strukturen), direkte, strukturelle
und kulturelle Gewalt in einem Teufelsdreieck. Die drei Gewaltformen verstär-
ken sich gegenseitig in Zyklen, die in jeder Ecke beginnen können. Direkte Ge-
walt, wie Vergewaltigung, schüchtert ein und unterdrückt; strukturelle Gewalt
institutionalisiert diese Beziehung, und kulturelle Gewalt führt zu deren Verin-
nerlichung, besonders bei den Opfern, den Frauen, und festigt so die Struktur. 2'
Es gibt unzählige Möglichkeiten für eine solche Unterdrückung, von denen
viele in feministischen Studien untersucht worden sind, und zwar meist durch
Frauen. 2' Männer sollten sich hier mehr beteiligen und vor allem die männli-
che Seite der Gleichung untersuchen. 2'

22 Siehe z.B. Betty A. Reardon: Sexism and the War System, New York 1985; Birgit
Broch-Utne: Educating for Peace. A Feminist Perspective, Oxford 1985.
23 Siehe Riane Eisler: The Chalice and the Blade: Dur History, Dur Future, San Fran-
cisco 1987. Es gibt eine schwächere (verteilungsbezogene) Interpretation der "Gleich-
heit der Geschlechter" als niedrige oder Null-Korrelation zwischen Geschlecht und
jeder beliebigen Gesellschaftsvariablen und eine stärkere (relationale) Definition als
ausgeglichene Interaktionsbeziehungen zwischen den Geschlechtern, zu Hause, am
Arbeitsplatz, in der Gesamtgesellschaft. Die Parität bezieht sich auf die stärkere In-
terpretation, über die 50%-Grenze und gleiche Möglichkeiten hinaus.
24 Ein fest institutionalisiertes Muster direkter Gewalt, wie die Vendetta, der Banden-
krieg oder der Infantizid an Mädchen könnte man "ritualisierte" oder "institutiona-
lisierte" Gewalt nennen. Diese Art von Gewalt ist meist gesellschaftlich akzeptiert,
da man sie als Teil der "Natur des Menschen" oder der gesellschaftlichen Realität
betrachtet. Die Vergewaltigung aus dieser Kategorie zu entfernen, erfordert Bewußt-
seinsbildung, Mobilisierung und Konfrontation der Art, wie sie insbesondere von
US-Feministinnen betrieben wird: ein Angehen gegen Internalisierung und Institutio-
nalisierung, um die Vergewaltigung als direkte Gewalt, gar als Krieg zwischen den
Geschlechtern zu entlarven. Kate Milletts Sexual Polities, New York 1969, gebührt
ein Platz neben Kar! Marx' Das Kapital.
25 Für mich war Marylin French: Beyond Power: On Women, Men and Morals, London
1985, besonders hilfreich.
26 In Norwegen ist die Arbeit von Öystein Gullväg Halter, die auf Harriet Halters Werk
über Geschlechterrol1en aufbaut, sehr vielversprechend.
Frau: Mann = Frieden: Gewalt? 83

3.2 Direkte Gewalt: ein wesentlich männliches Phänomen


Zu behaupten, daß 95% aller direkten Gewalt von Männern ausgeübt wird,
ist wahrscheinlich eine Untertreibung. Das soll nicht heißen, daß nicht auch
Frauen in kriminellen, sogar gewalttätigen Banden auftreten, für Krieg sind
uSW.; es soll nur heißen, daß wirklich gewaltsame Taten von Männern verübt
werden.
Die Korrelationen zwischen Geschlecht und Gewalttätigkeit sind nicht nur
sehr hoch, sie scheinen auch unabhängig von Zeit und Raum zu sein. Man
hat keine Beweise dafür gefunden, daß es "Amazonen"", wilde, kriegerische
Frauen, gegeben hat; das ist wahrscheinlich auch ein männlicher Mythos, wie
"Frauen wollen vergewaltigt werden", eine Art und Weise, hinsichtlich der
Gewalt mit den Frauen quitt zu werden. Aber solche Korrelationen sind zu
hoch, um sichtbar zu sein. Sozial wissenschaftler arbeiten meist mit kleineren
Prozentunterschieden. Dem Offensichtlichen ist nur allzu lange keine wirkli-
che Aufmerksamkeit zuteil geworden.
Auf allen gesellschaftlichen Ebenen wird massive direkte Gewalt von
Männern ausgeübt; in Form von krimineller Gewalt in Familie und Gesell-
schaft und in Form von politischer Gewalt innerhalb von und zwischen Ge-
sellschaften. Neuere schwedische Statistiken zeigen, daß pro Jahr 1.400 Ver-
gewaltigungen und 14.000 Fälle von Gewalt in der Familie, bei einer Ge-
samtbevölkerung von etwa acht Millionen, gemeldet werden, wobei die tat-
sächlichen Zahlen natürlich viel höher liegen." Bei Gewaltverbrechen ist das
Verhältnis 25 Männer : 1 Frau in der Kriminologie der Normalwert; bei se-
xuellen Übergriffen, einschließlich Vergewaltigung, ist es noch ausgeprägter.
Auf politische Gewalt von oben, auf staatlichen Terrorismus gegen Bürger,
haben Männer ein Monopol - ob diese Gewalt nun von Richtern und Fol-
terern zu Zeiten der Spanischen Inquisition vom späten 15. Jahrhundert an 29
(mit abnehmender Brutalität) oder heute in Form von Polizeigewalt und Fol-
ter (routinemäßig in 60 Ländern, in 30 weiteren gelegentlich) ausgeübt wird.

27 Die Encyclopaedia Britannica, Micropaedia, Bd. I, verortet Amazonen in der grie-


chischen Mythologie, mit dem Zusatz, daß "die den Amazonen zugeschriebene Hei-
mat notwendigerweise entlegener wurde, als das geographische Wissen der Griechen
zunahm." Der Mythos hatte offensichtlich starken Einfluß auf die spanische Kartho-
graphie Südamerikas im 16. Jahrhundert, nachdem Francisco de Orellana "behauptet
hatte, er habe sich mit kämpfenden Frauen bekriegt".
28 Zahlen zur Lage in Schweden aus einer Rede von Margot Wallström, damalige Mi-
ni sterin für Frauenfragen, auf der "Mannsmässa", Göteborg, 21. Mai 1991.
29 Siehe zur Inquisition Cecil Roth: The Spanish Inquisition, New York/London
(Barcelona) 1989; und Robert Held: Inquisition - Inquisicion: a Bilingual Guide to
the exhibition of torture instruments from the Middle Ages to the Industrial Era
presented in various European Cities in 1983 - 92, Florenz o. J. Alle Texte und Bil-
der zeigen Männer in den gewalttätigen Rollen und häufig Frauen unter den Opfern.
84 Friedenstheorie

Bei politischen Gewalttaten von unten sind mehr Frauen beteiligt, auch
Liebespaare, die als Terroristen aktiv sind.'" Und Kampfeinsätze, das Töten
durch Soldaten, sind immer noch ein männliches Vorrecht, sowohl was die
Ausgabe, als auch, was die Ausführung von Befehlen betrifft. Daß es eine
negative, gegen 0% tendierende weibliche Disposition bezüglich all dieser
Gewalttaten gibt, ist ebenso offensichtlich, wie daß es eine positive männli-
che Disposition zur Gewalt gibt." Aber warum?
Männer haben offenbar ein persönliches Interesse daran, in der Forschung
von dieser Frage abzulenken; die Forschungsergebnisse würden ein schlech-
tes Licht auf den Mensch als "Mann", nicht als Spezies, werfen. Es scheint
günstiger, "menschliche Aggressivität" zu untersuchen und das Geschlechts-
spezifische unter den Teppich zu kehren, indem man den Mann im Menschen
aufgehen läßt."
Frauen aber können auch ihre Gründe haben, vor diesem Thema zurück-
zuscheuen. Dabei ist ihr Problem nicht, daß sie die Tatsachen nicht wahrha-
ben wollen, sondern die Schwierigkeit, annehmbare Erklärungen zu finden.
Wenn man obige vier Faktoren einsetzt, kann man einige Erklärungen fin-
den: bezüglich der Kulturen, wenn die männliche Kultur reich an Aggressivi-
tät und Anmaßung, die weibliche Kultur reich an Mitleid und Demut ist; be-
züglich der Strukturen, wenn Männern mehr Ansporn und Gelegenheit zur
Gewaltausübung geboten werden; und bezüglich des Geistes, wenn Männer
über ein geringeres Maß an Empathie verfügen, da sie keinen Nachwuchs
großziehen und auch nicht darauf vorbereitet werden. Also unterschiedliche
Formen der Sozialisation", die tief verwurzelt, aber dennoch modifizierbar

30 Siehe Francesco Alberoni: lnnamoramento e amore, Garzanti 1979 (amerik. Ausgabe


Falling in Love, New York 1983). Das Muster verliebter Frauen, die zusammen mit
ihren Liebhabern Gewalttaten verüben, konnte man in der deutschen RAF, den ita-
lienischen Brigate Rosse und der japanischen sekigun finden. Man lese auch Robin
Morgan: The Demon Lover: On the Sexuality of Terrorism (New York 1989), zu
eben diesem Syndrom.
31 Es muß aber auf den indirekten Beitrag von Frauen als Mittäterinnen (dt. im Orig.)
hingewiesen werden. Siehe z.B. Tordis Batscheider, Susanne Lang, Ilse Petry:
"Kriegerische Männer - Friedliche Frauen?", in: Friedensforschung Aktuell, Winter
1990, Nr. 24. Die berühmten Gemälde der florentinischen Malerin des 17. Jahrhun-
derts, Artemisia Gentileschi, schockieren besonders deshalb, weil sie den Gewaltakt
selbst darstellt, bei dem Frauen Männer brutal und leidenschaftslos töten.
32 Konrad Lorenz scheint nach der Darstellung eines seiner ehemaligen Assistenten,
Norbert Bischof' Gescheiter als alle die Laffen, Hamburg 1990, ein konservativer
Extremist gewesen zu sein. Lorenz sprach immer von "Mensch", wenn "Mann" an-
gebrachter gewesen wäre. Oder war beides für ihn dasselbe?
33 Wie später im Text dargestellt, kommt zur unterschiedlichen Einübung von Kindern
in stereotype Geschlechterrollen der Zugang zur Mutterliebe in der konkreten Form
des Hautkontaktes hinzu. Wenn Jungen von solcher Liebe weniger bekommen als
Mädchen, werden sie vielleicht auch als Väter weniger in der Lage sein, ihren Kin-
dern solche Liebe zu geben, wodurch sie das Muster diachron reproduzieren.
Frau: Mann = Frieden: Gewalt? 85

sind. Wird die Biologie ins Spiel gebracht, scheint die Gewalt nicht modifi-
zierbar zu sein. Der Biologismus wird als kulturelle Gewalt gegen Frauen
eingesetzt, in ihm wird männliche Dominanz durch Muskelkraft und angebli-
che weibliche Instabilität und Rückzüge während der Menstruations- und
Fortpflanzungszyklen gerechtfertigt. Würde man den Biologismus gegen die
Männer einsetzen, könnte das zu einem Bumerang-Effekt führen; und außer-
dem, was kann man schon machen, bedenkt man die (verständlichen) Tabus,
sich mit allen Männern anzulegen.
Hier hätten wir also einen Sonderfall der allgemeinen menschlichen Nei-
gung, ein Problem erst in dem Moment als solches zu akzeptieren, in dem eine
Lösung in Sicht ist - wenn nicht in der Praxis, so doch auf dem Papier. Ein
schwerwiegendes Problem, für das es keine Lösung gibt, ist kaum zu ertragen,
also muß man es verdrängen, vergessen. Wahrscheinlich ist das der Mechanis-
mus, der der Unfähigkeit zugrundeliegt, diese überwältigende Korrelation ernst
zu nehmen, und was gemeint ist, wenn wir sagen, die Korrelation sei einfach
"zu hoch". Der Mechanismus funktioniert bei Männern und bei Frauen, auch
bei ForscherInnen, aber auf unterschiedliche Weise. Männer sind mit dem
Biologismus einverstanden, da sie nichts ändern wollen; Frauen akzeptieren ihn
nicht, da sie Veränderung wollen, z.B. in den Machtbeziehungen.

3.3 Männliche Gewalt: die Schnittfläche zwischen


Sexualität und Gewalt

Die allgemeine These, die ich hier untersuchen will, besagt, daß ein Teil der
Erklärung der männlichen Prädominanz bezüglich der Gewalt in der Über-
lappung von männlicher Sexualität und männlicher Aggressivität zu finden
ist. Diese ist militärischen Planern sicher bekannt. Es kann kaum als ein Zu-
fall betrachtet werden, daß während des Golf-Krieges (männliche) US-Bom-
berpiloten auf dem Flugzeugträger Kennedy sich Porno videos angesehen ha-
ben, bevor sie ihre Einsätze flogen, bei denen sie militärische und zivile Ziele
zerstört und Soldaten und Zivilisten getötet haben (von Associated Press be-
richtet, aber von den Zensoren als "zu peinlich" gestrichen)." Im Krieg ist
die Vergewaltigung von Frauen der Feinde Teil der Eroberung. Wieso be-
steht diese Verbindung von Sexualität und Gewalt?
Eine Theorie wäre die, Sex als Kompensation für Risiko und Opferbereit-
schaft zu betrachten. Darin liegt sicher ein Stück Wahrheit. Wir wollen uns
hier jedoch auf die Nahtstellen zwischen der Sexualität und dem Beruf des
Soldaten, nämlich zu töten und zu zerstören (und nicht getötet und zerstört zu
werden), konzentrieren. Im folgenden also sechs Hypothesen.

34 Vgl. Village Voice vom 26. März 1991.


86 Friedenstheorie

1. Männlicher Orgasmus und männliche Gewalt haben physiologisch viel


gemeinsam. Man stelle sich vor, daß der physiologische Zustand des männli-
chen Körpers über eine gewisse Zeit gemessen wird; man würde einen hohen
Adrenalinspiegel feststellen, einen rasenden Puls, Schwitzen, Stöhnen, un-
kontrollierte Artikulation und einen hohen Blutdruck, der zur Reduktion des
Seh- und Hörvermögens führt. Im Verlauf einiger Tage, Wochen oder zu-
mindest Monate wird ein typischer erwachsener Mensch männlichen Ge-
schlechts einige Orgasmen und einige Momente der Wut haben. Seine phy-
siologischen Kurven werden dabei parallel laufen, da beide Zustände viele
gemeinsame physiologische Grundlagen haben; in dem einen Zustand wer-
den sie als lustvoll erlebt, als ängstigend in dem anderen. 35 Die ent-
sprechenden zielbewußten Geisteszustände sind vielleicht auch nicht so ver-
schieden.
2. Da sie neurologisch gesehen Nachbarn sind, kann das Auslösen des/r ei-
nen zur Auslösung des/r anderen führen. Die physiologischen Modi von Or-
gasmus und Wut werden durch Impulse aus den gleichen Zentren des Sympa-
thikussystems vermittelt; das verlangt ein Modell, bei dem "Energie" (ilan
vital?) vom einen zum anderen fließt, wenn eine Hemmschwelle niedriger
wird. Ein Beispiel wäre die Folter: Folterer sind Männer, ihre Opfer oft Frau-
en, und die Folterung von Frauen richtet sich gegen den Genital- und Brust-
bereich. 3. Ein weiteres Beispiel wäre die Vergewaltigung, ob man diese nun
als gewaltsame Möglichkeit zur sexuellen Befriedigung betrachtet oder als
sexuelle Möglichkeit, Gewalt auszuüben." Der Transfer - und zwar in beide
Richtungen - fällt leicht, wenn die Hemmschwelle erst einmal gesunken ist.
Pornofilmproduzenten wissen das und stellen neurologische Nachbarn als vi-
suelle Nachbarn dar. Man kann viel Geld verdienen mit der Verbindung von
Sex und Gewalt, eine Verbindung, die in der Öffentlichkeit aus soziokulturel-
len Gründen tabuisiert ist; solche Filme sehen sich dann männliche Zuschau-
er auf privaten Videoschirmen an, wobei Alkohol mit dazu beiträgt, die
Hemmschwelle herabzusetzen. Viel Geld kann aber auch mit einer Ver-
bindung von Sex und Liebe in gesellschaftlich akzeptierten Filmen verdient
werden, die mit Abstand von Frauen bevorzugt werden."

35 Diese Erkenntnis verdanke ich einem privaten Gespräch mit Professor Herman Ten-
nessen.
36 Bei Robert Held: Inquisition, a.a.O., Teil 5: "On Woman and Torture", wird das sehr
deutlich, wenn er die Folterinstrumente analysiert.
37 Oder beides, ein Diskurs schließt den anderen nicht aus.
38 Statt diese Unterschiede aber als durch gesellschaftliche Rollenspiele in der Kindheit
und im Erwachsenenalter entstanden zu betrachten, ist die Perspektive hier eher die,
sie als durch frühe Erfahrungen im Mutter-Vater-Tochter-Sohn-Viereck geprägt an-
zusehen, wobei die Frauen lernen würden, Sex (= Hautkontakt) und Liebe (körperliche,
sinnliche, geistige Intimität) zu verbinden, Männer dagegen, Sex (=Genitalkontakt) mit
Untersuchung, Penetration, vielleicht auch mit Gewalt zu assoziieren.
Frau: Mann = Frieden: Gewalt? 87

Das ist jedoch keineswegs die einzige Verbindung von Sex und Gewalt.
Eine andere Möglichkeit, Sex und Gewalt zu kombinieren, ist der Sado-
Masochismus", das Zufügen und Erdulden von Schmerzen vor, während
und/oder nach dem Orgasmus. Dies als Perversion abzutun, schließt faktische
neurologische Beziehungen zum Sex nicht aus. Noch wichtiger ist vielleicht
die Beziehung zwischen Folter und Sex; sowohl der Folterer als auch sein
Opfer können eine gewisse sexuelle Erregung verspüren, auch wenn bei der
Folter keine explizit sexuellen Elemente vorhanden sind. Jungen und Männer
haben oft Erektionen, wenn sie über Folter lesen, oder haben zumindest Ge-
fühle, die nicht negativer, sondern eher angenehmer Art sind. Es gibt Berich-
te darüber, daß Soldaten in Kampfsituationen Erektionen haben, wie auch
Henker und ihre "Klienten". Das sind vor allem männliche Rollen!
3. Da sie neurologische Nachbarn sind, kann die Unterdrückung der einen
die andere auslösen. Aufgrund ihrer gemeinsamen neurologischen Basis
kann man sich Sexualität (S) und Gewalt (G) vielleicht als eine Art kommu-
nizierende Röhren vorstellen: S + G = K (konstant), als Gegenteil der vorher-
gehenden These: S löst Gaus, G löst S aus, in einer sich aufwärts windenden
Spirale.
Wilhelm Reich4• hat die Repression der Sexualität im nationalsozialisti-
schen Deutschland und den Einsatz von Männern bei extremen Gewalthand-
lungen, in der SS, als KZ-Wächter usw., untersucht. Das steht nicht im Wi-
derspruch zur Auslöser-Theorie, ebensowenig wie die Aussage: "Weil ich
den ganzen Tag über nichts gegessen habe, bin ich hungrig", im Widerspruch
steht zur Aussage: "Je mehr ich aß, desto hungriger wurde ich", da hier der
Auslöse-Mechanismus einfach auf einer höheren Ebene funktioniert.
Sigmund Freud41 verband gesellschaftlich inakzeptable Sexualität und Ge-
walt mit Kreativität (C) in einer Formel S + C = K, worin mittels Sublimati-
onsprozessen unterdrückte Energie als Kreativität figuriert. Reichs Einsicht
steht nicht im Widerspruch zu der Freuds, wenn man sich vor Augen hält,

39 Der Marquis de Sade (,Sadismus ') war besonders berüchtigt, nicht nur wegen seiner
schändlichen Mißhandlung der jungen Prostituierten Rose Keller, sondern auch we-
gen seiner Rechtfertigung der Sex-Gewalt-Verbindung in seinen Schriften, die Titel
trugen wie Les crimes de ['amour. Auch der zweite Begriffsbestandteil (,Maso-
chismus') leitet sich von einem Mann her, nämlich vom österreichischen Romancier
Leopold von Sacher-Masoch.
40 Reich war klassenbewußter als Freud, bei dem diese wichtige Dimension fehlt - so,
als ob die Gesellschaft horizontal wäre. Vgl. hierzu Reichs Massenpsychologie des
Faschismus (Köln 1971). Die Ziele der Führer sind verbunden mit den unbewußten
Wünschen der Massen.
41 Die Sublimierungstheorie kann als allgemeine Theorie der Verschiebung triebhafter
Energie in nicht-triebhaft geprägte Tätigkeitsbereiche begriffen werden, mit der man
versucht, die Evolution von "höheren Funktionen" aus niederen zu erklären; vgl.
Penguin Critical Dictionary 0/ Psychoanalysis, Artikel über Sublimierung.
88 Friedenstheorie

daß sie bezüglich der Formel S + G + C = K verschiedene Gesellschafts-


schichten untersucht haben und C den unteren, G den höheren Schichten ver-
sperrt war.
4. Die Testosteronkurve bei Männern fällt mit dem militärischen Alter zu-
sammen. Wenn wir uns eine Kurve vorstellen, die mit der Präpubertät an-
fängt zu steigen und nach dem mittleren Lebensalter wieder abfällt, bekom-
men wir ein Intervall von etwa 12 bis 65 Jahren, was derjenigen Altersgruppe
entspricht, die Nazi-Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mobi-
lisierte. Das kann man vielleicht als belanglos abtun, da ein dritter Faktor be-
rücksichtigt werden muß, die Muskelkraft. Diese benötigt man jedoch nicht
bei allen militärischen Aufgaben. Wahrscheinlich hängt es eher damit zusam-
men, daß man meint, ein richtiger Mann sei jemand, der zu gesellschaftlich
akzeptierten Erektions-Ejakulations-Sequenzen fähig ist, was auf sehr junge
und sehr alte Männer nicht zutrifft. Der Mann, der am besten für Gewalttaten
eingesetzt werden kann, ist der geschlechtsreife Mann, dessen Höhepunkt se-
xueller Kraft bei einem Alter von etwa 18-20 Jahren liegt, was auch die Haupt-
altersklasse für das Militär ist:'
5. Die Östrogenkurve bei Frauen verläuft zyklisch und ist komplexer. Frau-
en scheinen während der prämenstruellen Phase bis zum Eisprung aggressi-
ver zu sein in der Hinsicht, daß sie extrovertiert, geistreich, strahlend, gesell-
schaftlich aktiv und kreativ sind; was soziobiologisch gesehen vielleicht eine
Strategie ist, Männer zur Befruchtung einzufangen. Das Einsetzen der Men-
struation würde dann bedeuten, daß die Strategie (in diesem Monat) versagt
hat, was zu einer gewissen nach innen gerichteten Trägheit führt; eine Akti-
vierung erfolgt dann wieder im nächsten Zyklus.
Folglich müßte ein militärischer Gebrauch der erhöhten Gewaltbereit-
schaft von Frauen auf den Menstruationszyklus abgestimmt werden, um die
präovulative weibliche Aggressivität nutzbar zu machen. Der Gipfel aggres-
siver Gewaltbereitschaft im monatlichen Zyklus einer Durchschnittsfrau liegt
jedoch weit unter dem entsprechenden Gipfel im Lebenszyklus eines Durch-
schnittsmannes. Wir sollten auch sehen, daß mit Beginn des Alterns die
männliche Prädisposition für Gewalt erheblich geringer wird, wodurch der
Mann "menschlicher" wird, etwa wie ein männliches Kind oder zumindest
ein männlicher Minderjähriger. Die Verwendung von Steroiden im Sport
baut auf diese Zusammenhänge, nutzt sie aber für jüngere Leute."

42 Sowie das HauptaIter für ein verwandtes Phänomen, den Kampfsport.


43 Sportlerinnen versuchen manchmal, vor wichtigen Wettkämpfen schwanger zu wer-
den, um die Hormonauswirkungen der frühen Schwangerschaft zu nutzen, und trei-
ben danach dann ab; es gibt Berichte darüber, daß das zuweilen in der DDR prakti-
ziert wurde, wo man leicht abtreiben konnte.
Frau.' Mann = Frieden.' Gewalt? 89

6. Der Monoamino-Oxidase(MAO)-Spiegel ist bei den beiden Geschlech-


tern unterschiedlich hoch. Ein niedriger Spiegel dieser Enzyme prädisponiert
für Aggressivität. Dieser Spiegel ist bei 90% aller Männer niedrig, erhöht
sich aber mit zunehmendem Alter; bei 10% aller Frauen ist er niedrig. Die
MAO sorgen für die metabolische Aufspaltung von Aminen, insbesondere
der biogenen Amine, die als entscheidende Komponenten der Genese be-
stimmter psychotischer Erkrankungen gelten." Ein niedriger MAO-Spiegel
weist hin auf ein herabgesetztes Aufspaltungsvermögen biogener Amine, wo-
raus sich eine stärkere Neigung zu psychotischen Erkrankungen ergibt. Man
könnte Gewalttätigkeit als präpsychotisch oder psychotisch betrachten; sie
könnte ein Hinweis auf eine zugrundeliegende ernsthafte Störung sein.

3.4 Kulturelle und strukturelle Faktoren


Wir gehen hier nicht davon aus, daß die Biologie auf diesem Gebiet allein
tonangebend ist, vielleicht erkärt sie nur 10 - 20%. Andere Faktoren wirken
jedoch der männlichen Prädisponiertheit zur Gewalt nicht unbedingt entge-
gen; sie können, sie können aber auch nicht in die gleiche Richtung gehen.
Fangen wir bei der Kultur an, und zwar bei der Sprache. Ein sehr häufig -
von Männern viel häufiger als von Frauen - benutzter Ausdruck der engli-
schen Sprache ist ,,fuck". Bei einigen amerikanischen Männern hat man
schnell den Eindruck, ihre Sprache sei auf ein einziges Wort reduziert, das
sie als Verb, Substantiv, Adverb, Adjektiv usw. verwenden. Daß man dieses
Wort zur Beschreibung von Formen sexueller Aktivität benutzen kann, ist
klar. Der Satz "My car got fucked up yesterday" ist jedoch auch korrektes
Englisch, auch wenn er keine Beschreibung einer sexuellen Handlung enthält
- sowenig wie der noch phantasievollere Satz "I had my car defucked", der
wahrscheinlich den erfolgreichen Besuch einer Kfz-Werkstatt zum Ausdruck
bringt. Was ich sagen möchte, ist klar: Neurologische Nachbarn werden mit
dem gleichen Begriff belegt, der also sowohl für sexuelle als auch für de-
struktive Aktivitäten einsteht. Hierin steckt auch eine Ambivalenz der Se-
xualität gegenüber, da ein starker Wunsch und eine starke Ablehnung auf der
psychologischen Ebene Nachbarn sind.
Auf die Phallusform von Raketen und Bomben ist genügend hingewiesen
worden. Was aber ist mit den neuen, den "intelligenten" Bomben? Während
des Golfkrieges bestand eine ihrer Hauptfunktionen darin, stark befestigte
Ziele durch eine Öffnung (einen Belüftungsschacht etwa oder eine Tür),
häufig nachts, zu durchdringen und dann zu explodieren - manchmal sogar
zwei Bomben in derselben Öffnung. In anderen Worten: eine Gruppen-

44 Siehe Penguin Medical Dictionary, Artikel über Monoamino-Oxidase.


90 Friedenstheorie

vergewaltigung. Was den Kommentar der Piloten angeht, so ließe sich wet-
ten, daß er lautete: "We sure fucked them, didn't we?"
Wenn wir nun von der Sprache zur Religion übergehen, einem weiteren
Schwergewicht im allgemeinen Syndrom kultureller Gewalt, könnten wir
fragen, welche christliche Glaubensrichtung - die orthodoxe, die katholische
oder die protestantische - am stärksten zur Gewalt neigt. Man könnte vermu-
ten, der Protestantismus: als Christentum ohne Maria, mit einer Trinität, be-
stehend aus zwei Männern, Vater und Sohn, und einem dritten Wesen von
zweifelhaftem, ja zweideutigem Geschlecht; Maria kommt hier nur als Mut-
ter vor. Ein defeminisiertes Christentum also, das dessen Entwicklung aus
nahöstlichen Ursprüngen" spezifisch vorantreibt und mit dem Auftreten der
Hexenprozesse'· koinzidiert. Nimmt man noch die Probleme dazu, die das
Christentum immer mit der Sexualität gehabt hat, dann erkennt man Bezie-
hungen zwischen Sexualität und Aggressivität, die nicht angeboren, sondern
kulturbedingt sind, und zwar in der Dehumanisierung von Frauen, die da-
durch erleichtert wird, daß Frauen im okzidentalen Pantheon nicht vertreten
sind.
Wenden wir uns nun, immer noch religionsnah, der Struktur zu, dann stellt
sich die Frage, wie Menschen über die Religion hinaus mit dem Problem fer-
tig werden, daß ihr Leben begrenzt ist. Frauen haben durch ihre Kinder, ihre
Nachkommen, ewiges Leben, besonders in Gesellschaften mit Matrilineari-
tät. Für Männer ist das Problem schwerer zu lösen. Patrilineare, patrilokale,
selbst patriarchalische Gesellschaften sind nur Teillösungen, die allesamt
damit beginnen, den Kindern den Namen des präsumptiven Vaters zu geben.
Darüberhinaus bietet das Konkurrenzwesen eine Lösung, nämlich die Mög-
lichkeit, mit korrosionssicherem Ruhm in die Ewigkeit einzugehen, ob nun
auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft, des Sports oder der Unterhal-
tung, des Geschäftslebens oder der Politik, oder durch militärische Tüchtig-
keit. Letztere hat einen Vorteil, daß nämlich dauerhafte geopolitische Verän-
derungen oft nach Schlachten und Generälen bezeichnet werden, zumindest
zeitweilig. Die am besten sichtbaren Denkmäler dieser Welt scheinen dem
Mann der Gewalt, dem Mann auf dem Pferd, gewidmet zu sein. Hierin, also
im Ruhm, der durch Konkurrenzstrukturen erlangt wird, liegt ein weiterer
Grund für Gewalttätigkeit. 47 Und jede größere Stadt der Welt scheint irgend-

45 Eine Analyse der Vorrangstellung von Göttinnen im Nahen und Mittleren Osten bei
Toni Liversage: Den Store Gudinde, Kopenhagen 1990; die klassische Arbeit zum
Thema ist Robert Graves' The White Goddess (New York 1948).
46 Siehe Gunnar Heinsahn und Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen,
Hemsbach 1985, zum Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und "Hexenpro-
zessen" (Hexen wurden oft beschuldigt, Geburtenkontrolle zu betreiben).
47 Es gibt einen eigenartigen Aspekt bezüglich des Berufssoldatentums als Karriere-
möglichkeit. Wo andere Berufe relativ stetig Gelegenheit bieten, sich selbst zu be-
weisen, muß ein Berufssoldat oft viele Jahre auf die sich dann plötzlich bietende
Frau: Mann = Frieden: Gewalt? 91

ein Denkmal in Phallusform aufgestellt zu haben (die Nelsonsäule, die Place


de la Concorde oder der Eiffelturm, das Washington-Denkmal, usw.).
Dann ist da noch der vierte unabhängige Faktor, der Geist. Wenn wir vor-
aussetzen, daß Pflege und Kinderaufzucht bei der Entstehung und der Ver-
breitung von menschlicher Empathie eine Rolle spielen, dann haben Frauen
fast so etwas wie eine Monopolstellung bezüglich einiger grundlegender
Merkmale physiologischer Art. Nichtsdestotrotz profitieren auch Männer im
Kleinkindalter von der Bemutterung, von Wärme und Geborgenheit und Für-
sorge, davon, höchste Priorität zu haben. In einem frühen Stadium jedoch
setzt schon eine sehr unterschiedliche Erziehung ein. Jungen werden härter
angefaßt als Mädchen, weil man davon ausgeht, daß sie das schon vertragen
können, oder sie werden mit mehr Sorgfalt behandelt, weil man sie als wert-
voller betrachtet.
Ein allgemeiner Prozeß der physischen und emotionalen Distanzierung
zwischen Mutter und weiblichem oder männlichem Nachwuchs setzt mit der
Geburt ein und endet mit dem biologischen Tod. Wir dürfen aber gewiß die
Hypothese aufstellen, daß ein größerer Abstand zum männlichen Nachwuchs
hergestellt wird, wenn auch nur aus dem Grunde, daß der Mann niemals voll-
ständig die Rolle der Mutter übernehmen wird. Das Leben eines Mädchens
dagegen kann sich durchgehend - als Kleinkind, Mutter, Großmutter - um
das Leitmotiv hoher Empathie ranken. Um ein niedrigeres Niveau von Empa-
thie bei Jungen postulieren zu können, müssen wir nicht voraussetzen, daß
sie zu höherer Risikobereitschaft, zu weniger Rücksichtnahme oder gar zur
Gewalt erzogen wurden. Es reicht die Unterstellung, daß ihnen weniger ver-
mittelt wurde, sich wie Mütter zu verhalten. Kleinkinder kommen alle aus
der Wärme innerhalb in die Wärme außerhalb des mütterlichen Körpers.
Dem Mädchen bietet man aber an zu bleiben, der Junge wird aufgefordert,
diese Wärme zu verlassen, was tiefgreifende Folgen haben muß." Das Mäd-

Gelegenheit, den Krieg, warten. Dieser wird dann natürlich begeistert begrüßt als
Chance, die eigenen Fertigkeiten einzusetzen; das ist etwa so, als hätte ein Schrift-
steller nur ein- oder zweimal im Leben Zugang zu Papier. Die Village Voice berich-
tete am 26. März 1991 von der Begeisterung unter den Desert-Shield-Soldaten, als
der Beginn von "Desert Storm" verkündet wurde.
48 Carol Gilligan zeigt in ihrem bekannten Werk: In a Different Voice: Psychological
Theory and Women's Development, Cambridge, MA 1982, wie Frauen dazu tendie-
ren, ethische Probleme in Begriffen der Fürsorge und in bezug auf die direkten Kon-
sequenzen für die Betroffenen, Männer dagegen, diese mittels abstrakter Prinzipien
anzugehen. Man könnte es auch anders formulieren: Frauen sehen eine Alternative
zur direkten Gewalt in der direkten Fürsorge und Liebe. Männer haben Angst vor ih-
ren eigenen gewalttätigen Neigungen (und vor denen anderer Männer) und ver-
suchen, sich in streng kontrollierten gesellschaftlichen Hierarchien zu engagieren
und überlassen denen an der Spitze das Monopol an (Befehls-) Gewalt; und/oder sie
engagieren sich in verbalen Hierarchien von Vorschriften, Befehlen und allgemeinen
Normen, wie sie von Theologie und Recht produziert werden. Sie versuchen also,
92 Friedenstheorie

chen bekommt eine Eintrittskarte für die Wärme; soziokulturell betrachtet, ist
es ihr erlaubt zu weinen, liebkost und getröstet zu werden. Der Junge ist sel-
tener im Besitz einer solchen Eintrittskarte, und er wird wahrscheinlich we-
niger Zeit in Hautkontakt mit seiner Mutter und mehr Zeit mit Herumstreu-
nen verbringen."
Dieser Hautkontakt ist psychosomatisch wahrscheinlich äußerst bedeut-
sam. Sexualität ist eine Kombination von Genital- und Hautkontakt, wobei
letzterer für die Frau beim Verkehr a tergo an Bedeutung abnimmt. Wenn wir
die Hypothese aufstellen, daß Männern der Genitalkontakt und Frauen der
Hautkontakt wichtiger ist, dann können wir die Frustration besser nachvoll-
ziehen, die Frauen verspüren, wenn sie vor und nach dem Koitus zu wenig
Zärtlichkeit bekommen, und die Frustration von Männern, wenn Frauen
hauptsächlich auf Hautkontakt aus sind. Besser verständlich wird auch die
fast sexuelle Natur des Stillens, wenn man dieses als intensive Form von
Hautkontakt begreift. Der sprichwörtliche Samstagmorgen, der in vielen Fa-
milien so verbracht wird, daß die Mutter intensiven Haut-zu-Haut-Kontakt
mit den Kindern und der Vater intensiven Haut-zu-Metall-Kontakt mit dem
Auto hat, zeigt, wie der Mann reichhaltige Erfahrungen entbehren muß, die
auch auf dem komplexen Zusammenwirken von Hormonen beruhen. so
Wenn ein junger Mann das Gefühl des Zurückgewiesenwerdens, ein Ge-
fühl, etwas geopfert zu haben oder Neid empfindet, kann er diese Gefühle
durch Überlegenheitsvorstellungen kompensieren; durch die Vorstellung, ei-
nem Geschlecht anzugehören, das zur Produktion, nicht "nur" zur Reproduk-
tion bestimmt ist. Wahrscheinlich gibt es einen Gebärmutterneid, der viel tie-
fer empfunden wird als irgendein Penisneid." Vielleicht wollen Vergewal-
tiger, Folterer und Soldaten also Frauen bestrafen? Vielleicht ist das, was sie
tun, nicht Ausdruck des Ausrufs Jesu: "Mein Vater, mein Vater, warum hast
Du mich verlassen?" (Matthäus 27, 46), sondern der Klage, "Meine Mutter,
meine Mutter, warum hast Du mich verlassen?" Tiefsitzende psychologische
und biologische Mechanismen können sich gegenseitig verstärken. Und ge-

sich selbst in strukturelle und kulturelle Gewaltverhältnisse einzuordnen, um der di-


rekten Gewalt und deren Alternative, der direkten Fürsorge, entrinnen zu können.
49 Das Mädchen würde folglich im Erwachsenenalter Sex eher mit Liebe verbinden und
der Junge mit Entdeckung, Eroberung oder gar Gewalt. Siehe Nancy Chorodow: The
Reproduction of Mothering: Psychoanalysis and the Sociology of Gender, Berkeley,
CA 1978.
50 Siehe Anthony Walsh: .. The Biological Relationship Between Sex and Love", in:
Free Inquiry, Sommer 1991, S. 20-24, zur Rolle der Endorphine im Zusammenhang
mit Genital- und Hautkontakten.
51 Die Kritik an Freud hinsichtlich des Penisneides hat schon eine lange Tradition. Ich
möchte darauf hinweisen, daß es hier nicht nur um "Gebärmutter-Neid", sondern
auch um eine GebärmutterlMutter-Sehnsucht und einen doppelten Vorteil von Frau-
en geht: die Nähe zur Mutter länger genießen zu dürfen und eine solche durch die ei-
gene Mutterschaft selbst wieder herstellen zu können.
Frau.' Mann =Frieden.' Gewalt? 93

nau das soll auch die allgemeine Botschaft dieser ganzen Erkundung sein:
Alle vier Faktoren/Syndrome funktionieren synergetisch, im negativen Falle
zugunsten der Gewalt, im positiven, so läßt sich hoffen, zugunsten des Frie-
dens.

3.5 Zusammenfassung: Was können wir tun?


Diese Frage ist vollkommen berechtigt und betrifft den Kern der Friedensfor-
schung; ihre Beantwortung sollte nicht aufgeschoben werden ("Wir müssen
erst noch forschen ... "). Wir werden nie ein endgültiges Wissen erlangen, am
allerwenigsten auf einem so komplizierten Gebiet. Gleich, was wir tun, letz-
ten Endes sind wir nur dabei, Hypothesen zu prüfen, um neue entwickeln zu
können.
Hypothesen können aber, wie Begriffe, nur verstanden werden, wenn man
sie vollständig, mit ihrer Negation, darstellt. Nur wenn wir die Bedingungen
besser kennen, unter denen eine Hypothese falsch ist, verfügen wir über die
Bedingungen, die die Richtigkeit der Hypothese garantieren. Und da wir uns
auf vier Faktoren gestützt haben, sollte uns im Prinzip eine ganze Reihe von
Ansätzen zur Verfügung stehen.
Erstens gäbe es die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung von
Männern, z.B. mit einem Antitestosteronpräparat. Es gäbe dabei ein Problem:
Wenn S(ex) und G(ewalt) wirkliche Nachbarn sind, dann könnte die Unter-
drückung der/s einen auch die Unterdrückung der/s anderen bedeuten, und
wenige Männer wären willens, ihr Gewaltpotential auf Kosten ihrer sexuellen
Potenz reduzieren zu lassen. Männer würden von diesem Präparat eine spe-
zifische Anti-G-Wirksamkeit verlangen. Männer waren mehr als bereit, der
weiblichen Hälfte der Menschheit Medikamente in Form von Verhütungsmit-
teln auf biochemischer Basis zu verabreichen, zu ihrem eigenen Vorteil, wa-
ren aber weniger geneigt, eine entsprechende männliche Verhütung zu ent-
wickeln. Vielleicht ist die Zeit dafür reif, daß die Frauen mit den Männern
gleichziehen? In Schweden sind 38% der Parlamentarier Frauen, damit nä-
hert sich die Machtzusammensetzung der Parität; bei 83% würde sie eher
dem entsprechen, was Männer gewohnt waren. Nur 2% Frauen aber sitzen in
den Vorständen schwedischer Unternehmen; und das schwedische Verteidi-
gungs- wie das Außenministerium sind nach wie vor reine Männerclubs."
Zweitens gäbe es die Möglichkeit, das Empathieniveau von Männern mit
Hilfe eines Sozialisierungsschemas, das dem der Frauen ähnlich wäre, zu he-
ben. Um Gewalt zu reduzieren, ist es nicht angebracht zu versuchen, eine

52 Zur Einbeziehung von Frauen in die meisten Ministerien und ihren Ausschluß aus
Außen- und Verteidigungsministerien siehe Karin Lindgren: Participation of Wornen
in Decision-Making for Peace, New York/Wien 1989.
94 Friedenstheorie

Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, indem man Mädchen so erzieht


wie Jungen, oder indem man beide zu einer Art Zwischenposition erzieht;
stattdessen sollte man auf dieser äußerst wichtigen psycho-physiologischen
Ebene Jungen wie Mädchen erziehen und Väter stärker den Müttern anglei-
chen. So könnte man die Gewalt beträchtlich reduzieren, wobei zu bedenken
ist, daß die Topologie des physiologischen Bereichs immer noch relativ ähn-
lich bleiben und nur die Hemmschwelle möglicherweise erhöht würde. Eini-
ges hiervon muß auch für Frauen gelten; weiblicher Orgasmus und weibliche
Wut sind auch nicht so unterschiedlich, wenn auch weniger gewaltsam und
weniger auf einen Höhepunkt ausgerichtet."
Drittens gäbe es die Möglichkeit, das Mutter-Sohn-Verhältnis zeitlich zu
verlängern, indem Frauen die Aufgabe übernähmen, Männer auf einer eins-
zu-eins-, viele-zu-einem-, eine-zu-vielen- oder viele-zu-vielen-Basis zu hu-
manisieren. Polygyne Alternativen würden wahrscheinlich von Männern mit
Begeisterung aufgenommen werden; diese sind im Islam ja institutionalisiert,
vielleicht sogar aus oben genanntem Grund, wobei vier Frauen als klassi-
sches Maximum gelten.'4 So etwas könnte zu neuen Strukturen im Mann-
Frau-Verhältnis führen, vielleicht teilweise denen ähnlicher, die unter Frauen
herrschen. Dadurch könnte das Schema aufgebrochen werden, nach dem
Frauen mehr engere Freundschaften mit anderen Frauen haben als Männer
Freundschaften mit anderen Männern; die engsten Vertrauten von Männern
sind ja meist Frauen, aber häufig eher ihre Geliebten als ihre Ehefrauen."
Der Nachteil hierbei: Alle Last fällt auf die Frauen.
Viertens sollten wir, statt die verbleibenden zwei Faktoren einzeln durch-
zugehen, lieber die Gesamtkonfiguration betrachten und den Multifaktoren-
diskurs zu Hilfe nehmen. Stellen wir uns eine stark vertikale Struktur vor in
einem hoch expansionistischen, bezüglich Geschlecht - Klasse - Nation sich
"auserwählt" fühlenden Land, und stellen wir an dessen Spitze einen Mann
mit wenig Empathie, hinreichend stimuliert durch Pornographie, vielleicht
auch durch AlkoholIDrogen und eine Kombination von Kaffee und Süßem
(die überall zu findenden "Danish Cookies")." Das ergibt dann ein hohes

53 Dieser Befund wie das zum Hautkontakt und zu den Endorphinen Gesagte lassen die
weibliche Sexualität schon als holistischer, im Gegensatz zur genitalen, auf einen
Höhepunkt ausgerichteten männlichen Sexualität, erscheinen. Es muß darauf hinge-
wiesen werden, daß auch letztere Tradition okzidental ist; eine chinesische Alterna-
tive für Männer wird bei Jolan Chang: The Tao of Love and Sex, New York 1977,
detailliert beschrieben.
54 Aber unter der Bedingung, daß alle vier vom Mann gleichviel geliebt werden - eine
Bedingung, die vielleicht nicht so leicht zu erfüllen ist.
55 Wenn sich Männer in emotionale Eheprobleme verstricken, die sie nicht lösen kön-
nen, sie aber keine Tradition der Intimität mit anderen Männern haben, besteht die
einzige Alternative darin, Freundinnen ins Vertrauen zu ziehen.
56 Siehe A. B. Titkin, R. M. Warshawsky und J. C. Engle: It All Adds Up, Englewood
Cliffs, NJ 1983, Kap. 9, über die synergistische Wirkung von Kaffee und Zucker.
Frau: Mann = Frieden: Gewalt? 95

Gewaltpotential, wobei wir beachten sollten, daß Pornographie und Dro-


gen/Alkohol eher etwas für die unteren und Kaffe/Gebäck eher etwas für die
höheren Schichten sein könnten. Stellen wir dann eine Frau mit wenig Empa-
thie für andere Gesellschaftsschichten und ethnische Gruppen an die Spitze
dieser Struktur, eine Frau, die die gleiche Kultur verinnerlicht hat, dann be-
kommen wir eine Margaret Thatcher, eine Golda Meir oder eine Indira
Gandhi. Der Geschlechterfaktor genügt also nicht, wenn man ihn isoliert.
Verändern wir also die Gleichung. Stellen wir uns die Struktur als schon
in der frühen Kindheit horizontal vor, als Spielraum für Teilnahme, Solidari-
tät, Kooperation, und die Kultur als weniger exklusiv - d.h. mit einem weni-
ger steilen Gefälle vom Selbst zum Anderen -, sondern als stärker inklusiv,
mit der Möglichkeit, das Selbst im Anderen und den Anderen im Selbst zu
erkennen. Wenn wir eine Frau in eine solche Struktur stecken, wird sie sich
wahrscheinlich dort buchstäblich zu Hause fühlen. Stecken wir einen Mann
in eine solche Struktur, könnte er sich nach menschlichem Ermessen allmäh-
lich daran gewöhnen und sich ebenfalls darin wohlfühlen. Seine Physiologie
würde etwa die gleiche bleiben. Aber Hemmschwellen, Motivationen, Fähig-
keiten und Möglichkeiten wären damit drastisch verändert; zumindest könn-
ten wir das annehmen. Das Resultat: Eine Reduzierung direkter Gewalt, die
allen zugute käme, wobei die Reduzierung struktureller und kultureller Ge-
walt dazu beitrüge, das zu erreichen." Und die Männer stünden nicht mehr
derart in der Versuchung, ihre Physiologie als Entschuldigung zu benutzen.
Und damit kommen wir zu einer Schlußfolgerung bezüglich der wissen-
schaftstheoretischen Angemessenheit: Feministische Studien und Friedens-
studien sollten immer im Rahmen von Multifaktoren-Diskursen betrieben
werden. Wenn man bei nur einem der Faktoren bleibt, leiden nicht nur Dis-
kurs und Theorie darunter, die Praxis kann sogar kontraproduktiv werden. In
interdisziplinären, neuen Sozialwissenschaften wie Frauenforschung und
Friedensstudien wird das kein Problem sein. Ältere Wissenschaften sollten
jedoch aufhorchen: Sie haben nichts als schlechte, monodisziplinäre Diskurse
zu verlieren.

57 Wenn sich diese drei Gewaluypen in einem Teufelskreis gegenseitig verstärken,


dann könnten sie sich in einem ,Tugendkreis' auch gegenseitig auflösen.
4 Demokratie Diktatur = Frieden Krieg?

4.1 Sind Demokratien kriegerisch oder friedlich?


Im folgenden sollen einige Aspekte einer etwaigen Verbindung zwischen In-
nen- und Außenpolitik hinsichtlich eines entscheidenden Punktes untersucht
werden: Demokratie im Inneren, Kriegführung im Ausland."

58 Keinesfalls sollte die skeptische Grundtendenz dieses Abschnitts interpretiert werden


als Einwand gegen Demokratie. Aus der Erkenntnis "Demokratien sind nicht not-
wendigerweise friedlich" folgt nicht, daß "Nicht-Demokratien notwendigerweise
friedlich sind". Die Schlußfolgerung könnte darin bestehen, daß PazifismuslBellizis-
mus von anderen Variablen abhängen, wie z.B. der Tiefenkultur (Expansionismus,
Manicheismus, Singularismus/Universalismus), die quer stehen zur Demokratie/
Nicht-Demokratie-Unterscheidung. Und zweifellos ist die demokratische Herrschaft
eine der größten Innovationen der Menschheit.
Für eine exzellente Darstellung von weit weniger skeptischer Warte aus siehe Bruce
Russetts Grasping the Demoeratie Peaee (Princeton, NJ 1993). Russett stützt sich
auf die schwache Interpretation der These vom demokratischen Frieden: "Demokra-
tien bekriegen fast nie einander." Ich glaube nicht einmal dieser Version. Ich fürchte,
wenn sie sich nicht bekriegen, dann darum, weil sie mehr zu gewinnen haben, wenn
sie zusammenhalten zwecks Verteidigung ihrer Privilegien im Weltsystem, als wenn
sie einander bekämpfen; darüber hinaus mögen sie bedroht sein von unten (Zweiter
Weltkrieg, Entkolonialisierungskriege, der Kalte Krieg), das fördert den Zusammen-
halt. (Methodologisch neigt Russett dazu, sich auf Paare von Ländern zu konzentrie-
ren und dabei den Kontext zu vernachlässigen.)
Darüber hinaus kann ich der Auffassung nicht zustimmen, Deutschland habe sich in
den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges so sehr von England und Frank-
reich unterschieden. Jedenfalls gilt: Wenn die These die sein soll, daß die Bevölke-
rung auf heißblütige Führer einen mässigenden Einfluß haben könne, dann ist der
entscheidende Punkt, ob es demokratisch zugeht hinsichtlich der Gestaltung und
Ausführung der Außenpolitik; jedoch scheint gerade dieser Sektor in Krisenzeiten
immer geheimnisvoll verhüllt zu sein - wenn Demokratie doch am nötigsten wäre.
Russett beschäftigt sich nicht ernsthaft mit globaler Demokratie, eine Position, die
mir vielversprechender scheint. Allerdings setzt das Institutionen voraus, die gegen-
wärtig noch nicht existieren, zum Beispiel eine direkt gewählte United Nations Peo-
ple's Assembly, der gegenüber die United Nations General Assembly eines Tages
verantwortlich sein sollte, und so weiter. Dies habe ich weiter entwickelt in einem
Papier für die Commission on Global Governance, das diese auch veröffentlicht hat.
98 Friedenstheorie

Ihrem Selbstbild nach sind Demokratien nicht kriegerisch, beschäftigt mit


Krieg; auch nicht bellizistisch, geneigt, auf den Krieg zurückzugreifen. Sie
lieben den Frieden und wollen ihre Ziele, auch den Frieden, nur mit friedli-
chen Methoden erreichen. Nur äußerst widerwillig und unfreiwillig setzen sie
gelegentlich im Ausland Waffen ein. Und doch haben die USA z.B. 59 im
Ausland über 200mal Waffen eingesetzt (im Durchschnitt ca. einmal pro
Jahr) und jedesmal angeblich gegen die eigene starke isolationistische und
pazifistische Neigung. Ist das glaubwürdig?
Kriegerische Handlungen wurden oft anders bezeichnet, z.B. als "Strafex-
peditionen" (eine über 200jährige britische Tradition, in der die Teilnahme
am Golfkrieg nur ein Glied in einer langen Kette von Ereignissen war); oder
als "Aktivitäten, die unsere Bürger und unsere ökonomischen Interessen im
Ausland schützen sollen" (eine US-amerikanische Tradition). Aber warum
auf so kriegerische Art und Weise? Steckt dahinter nicht doch eine bellizisti-
sche Neigung? Stimmt vielleicht etwas nicht mit der Verteilung von Bürgern
und Investitionen im Ausland, wenn deren "Schutz" mit kriegerischen Mit-
teln so unverzichtbar ist? Und hat man es überhaupt wirklich mit friedlichen
Mitteln versucht?
Ein drittes Argument zur Rechtfertigung der Kriegführung von Demokra-
tien können wir schnell ausschließen. Dieses bezieht sich auf die Wahlen:

In einem Punkt stimme ich mit Russett überein: Demokratien befassen sich mehr mit
der öffentlichen Meinung. Aber wenn sie aus irgendwelchen anderen Gründen belli-
zistisch gestimmt sind, werden sie sich wahrscheinlich nicht vom Kriegführen abhal-
ten lassen, aber diesbetreffend ,low intensity'-Versionen wählen, die weniger sicht-
bar sind für die unerprobten Augen der Öffentlichkeit und der Medien. Tatsächlich
ist eine viel plausiblere Hypothese wahrscheinlich die, daß Demokratisierung den
Charakter der Kriegsführung ändert, Kriege besser verbirgt, um der öffentlichen
Kritik zu entkommen.
59 Natürlich sind die USA im allgemeinen kein gutes Beispiel für eine Demokratie. In
ihrem Fall handelt es sich eher um eine Plutokratie und eine Mediakratie (aber auch
um eine Mediokratie). Diejenigen die zur Wahl aufgestellt werden, werden nominiert
von den Reichen und/oder Mächtigen (wenn sie nicht selbst dazu gehören), und das
Geld, hauptsächlich verwandt für idiotische Fernsehspots, determiniert weitgehend,
wer gewinnt. Gleichwohl konnte Reagan auf Grund einer starken, populären Opposi-
tion, keine Invasion Nicaraguas durchsetzen. Die USA initiierten und unterstützten
den brutalen Sturz der demokratisch gewählten Regierung Allende, taten dies aber
nicht offen, sondern eher durch eine verdeckte Operation des CIA, des diametralen
Gegensatzes von Demokratie. Demokratie ist offen, heißt öffentliche Debatten, heißt,
nichts zu verbergen, wohingegen der CIA im Dunkeln operiert und dabei die Öffent-
lichkeit uninformiert hält oder wohlbedacht desinformiert. Darüberhinaus wirft eine
Wahlbeteiligung von um die 50% bei Präsidentschaftswahlen (in mid-term -Wahlen
sind es noch weniger) ernsthafte Fragen nach der demokratischen Legitimität der
Führung auf. Reagan hatte in seiner ersten Amtszeit die Unterstützung von 27% der
Wählerschaft, in der zweiten waren es 31 %; diese Differenz bezeichnete man als ei-
nen Erdrutsch!
Demokratie.' Diktatur =Frieden.' Krieg? 99

damit ein Reagan und eine Thatcher, ein Bush oder ein Major wiedergewählt
wird. Das zeigt nur, daß Demokratien nicht immun sind gegenüber Strategi-
en, die auch Diktatoren anwenden und die später behandelt werden sollen;
und erfolgreiche Wahlen rechtfertigen keineswegs den Einsatz kriegerischer
Mittel.
Unsere Untersuchung führt uns zu einem ziemlich beunruhigenden Aspekt
in der Leistungsbilanz der nordamerikanischen und westeuropäischen Demo-
kratien (Australien und Neuseeland beziehen wir hier mit ein): Von ganz
wenigen Ausnahmen abgesehen haben sie alle jahrhundertelang international
Gewalt in Form von Sklaverei und Kolonialismus ausgeübt - und letzterer ist
noch kein abgeschlossenes Kapitel. Vieles hiervon geschah noch, nachdem
man solche Meilensteine auf dem Weg zur Demokratie wie 1688, 1776 und
1789 bereits passiert hatte. Bürger, die in diesen Ländern Nutznießer demo-
kratischer Rechte waren, wußten genau, was geschah. Zwar waren Spanien
und Portugal noch keine Demokratien, als sie mit diesen Praktiken begannen;
das wurden sie in relativ gefestigtem Maße erst in den 1970er Jahren. Aber
das ändert nichts an den Tatsachen: Was die Demokratien (USA, Großbri-
tannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlande) taten,
war ähnlich, fast identisch, es bestanden nur geringfügige Unterschiede.
Man könnte den Einwand erheben, daß sowohl Sklaverei als auch Kolo-
nialismus gewalttätig, jedoch nicht kriegerisch waren. Kriege sind Regie-
rungshandlungen. Es gab auf der Gegenseite keine Regierung, bisweilen gab
es sie auch auf der demokratischen Seite nicht. Zumindest zu Beginn beruh-
ten Sklaverei und Kolonialismus auf Taten unternehmungslustiger Einzelper-
sonen und Handelsgesellschaften; die Regierungen beteiligten sich erst später
und übten oft einen mildernden Einfluß aus. Nur: Wer hat eine solche Defi-
nition vom Krieg aufgestellt? Und wird die Sache dadurch besser für die ein-
heimischen Völker, die man durch völkermordende Praktiken ausgerottet
hat? Darüberhinaus lebten die einheimischen Völker, die verschleppt oder
unterworfen, unterdrückt und ausgebeutet wurden, in politischen Gemeinwe-
sen mit irgendeiner Form von zentraler Herrschaft, wenn auch nicht in Staa-
ten westlichen Zuschnitts. Und warum haben demokratisch gewählte Regie-
rungen solche Praktiken nur gemildert, nicht aber abgeschafft? Warum
mußten sich die Unterjochten und Ausgebeuteten selbst erheben und gewalt-
sam oder gewaltlos gegen diese ganze demokratische Aggressivität kämpfen?
Warum sind sie in ihrem politischen Wollen so wenig unterstützt worden?
Seit Ende des 2. Weltkrieges haben die USA, Großbritannien, Frankreich
und Israel die meisten Kriege geführt; sie sind alle Demokratien."" Die mei-

60 Die Forschungen Istvan Kendes über lokale Kriege machen das klar. Siehe Istvan
Kende: "Twenty-five Years of Local Wars", in: Journal of Peace Research, 8/1971,
S. 5-22, und: "Wars of Ten years (1967-1976)", in: Journal of Peace Research,
15/1978, S. 227-241.
100 Friedenstheorie

sten Länder der "von den USA geführten Koalition" gegen den Irak im Golf-
krieg waren Demokratien:1 Diese haben aber die Verhandlungschancen des
August 1990 ignoriert. haben sich weniger kriegerischen Ansätzen. wie der
französischen Bemühung. Sanktionen einzusetzen. verschlossen. wie auch
dem sowjetischen Versuch. irakisehe Soldaten auf dem Rückzug zu schonen.
Die Demokratie ist also mit Gewaltausübung großen Ausmaßes kompatibel.
das heißt. sie führt nicht nur (gelegentlich) Kriege. sie ist bellizistisch.

4.2 Eine Theorie, die Demokratie und Belligerenz in


Beziehung zueinander setzt
Im folgenden meinen wir mit Demokratie ein Gemeinwesen. in dem die Re-
gierenden den Regierten anhand eines Feedbackprozesses auf der Grundlage
.ein Mensch - eine Stimme' Rechenschaft ablegen müssen. Die Regierenden
bleiben an der Macht. wenn sie positiv. und sie werden abgesetzt. wenn sie
negativ beurteilt werden. Heute geschieht das durch geheime Wahlen; die
Wählerschaft besteht aus der erwachsenen Bevölkerung. der das Recht auf
Freiheit des Denkens. Redens. Sich-Organisierens und Handeins zugunsten
der eigenen Belange und der eigenen Person eingeräumt wird. Es gibt direk-
tere Wege. diese allgemeine Bestimmung durchzusetzen. wie z.B. (Bürger-)
Initiativen bzw. -Referenda. die die Schweiz zu einem besseren demos kraton
machen.
Mit Belligerenz meinen wir die Teilnahme an Krieg und kriegsähnlichen
Handlungen. mit "Bellizismus" eine allgemeine Neigung dazu. also das Ge-
genteil von "Pazifismus". Ein Indikator für Bellizismus wäre die Feststel-

61 Die wichtigsten Mitglieder waren die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Ita-
lien, Türkei, Ägypten; und dazu Syrien, Saudi-Arabien und die Golf-Staaten, mit
Ausnahme des Jemen. Insgesamt 38 Staaten beteiligten sich direkt an den Koaliti-
onsstreitkräften, vier gewährten Unterstützung (Sowjetunion, Deutschland, Israel,
Japan), zwei waren neutral (Iran, Libanon); sieben Staaten gewährten dem Aggressor
(Irak) Unterstützung: Algerien, Jordanien, Libyen, Mauretanien, Sudan, Tunesien,
Jemen. Wie immer man Demokratie definiert: Es gibt eine deutliche Korrelation zwi-
schen der Unterstützung der Koalition und demokratischer Verfassung. Das Ergeb-
nis: ein befreites Kuwait und 310.500 getötete Iraker (laut IPPNW).
Hieraus wollen einige Leute den Schluß ziehen, daß Demokratien friedliebend sind
und bereit zu Opfern, um Frieden zu bewahren oder wieder zu erlangen. Die hier
vorgeschlagene Schlußfolgerung würde sich jedoch mehr konzentrieren auf die Be-
reitschaft, die Option Krieg der Option "Frieden mit friedlichen Mitteln" vorzuzie-
hen, eher den Status quo bewahren zu wollen als den Frieden. Allerdings gibt es
Platz für beide Interpretationen. Für eine andere Perspektive als die hier gewählte
vergleiche Jeffrey lan Ross: "Research Note: Hypotheses About Political Terrorism
During the Gulf Conflict, 1990-1991 ", in: Terrorism and Political Violence, 6/1994,
S.224-234.
Demokratie,' Diktatur = Frieden,' Krieg? 101

lung, in welchem Ausmaß und wie häufig ein Land in Krieg verwickelt ist;
dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Angriffs- oder Verteidigungskriege
handelt, d.h. ob ein Land den Krieg begonnen hat, indem es den ersten Stein
geworfen hat, oder ob es nur auf ein solches Handeln reagiert hat. Die Le-
benszyklen von Konflikten und Gewalt sind hochkomplex und lassen zeitli-
che Einschnitte zwecks Festlegung, wer Aggressor und wer Opfer ist, unan-
gesehen ihrer vorherigen Beziehung, als willkürlich erscheinen.
Es wird jetzt unsere Aufgabe sein, das Verhältnis zwischen den beiden Vari-
ablen D für Demokratie und B für kriegerisches Verhalten bzw. Belligerenz auf
einer eher theoretischen als statistischen Ebene zu untersuchen. Dabei werden
wir uns auf die Gründe konzentrieren, die eine positive oder eine negative Be-
ziehung erwarten lassen. Hierfür benötigen wir eine Gruppe dritter Variablen,
V, da man den Definitionen von D und B für sich genommen nichts weiter ent-
nehmen kann. Wenn D Antezedenz ist und B die Folge, dann kann V ein zu-
grunde liegender Faktor sein, der beiden vorangeht; oder eine Begleiterschei-
nung zu D; oder ein Faktor, der zwischen D und B interveniert.
Wir bekommen also sechs Typen von Theoremen als Bausteine einer Theo-
rie der Beziehung zwischen Demokratie und Belligerenz.

Positive Form:
Je mehr V, desto mehr D und desto mehr B (V liegt zugrunde, ist bei den ge-
meinsam).
Je mehr V undje mehr D, desto mehr B (V begleitender Faktor).
Je mehr D, desto mehr V, undje mehr V, desto mehr B (V interveniert).

Negative Form:
Je mehr V, desto mehr D und desto weniger B (V liegt zugrunde, ist gemein-
sam).
Je mehr V undje mehr D, desto weniger B (V begleitender Faktor).
Je mehr D, desto mehr V, undje mehr V, desto weniger B (V interveniert).

Die Schwierigkeit besteht jetzt darin, V aus den vielen Möglichkeiten auszu-
wählen. Wir beginnen mit zwei zugrundeliegenden und zwei begleitenden
Variablen und suchen nach Faktoren, die sowohl Demokratie als auch krie-
gerisches Verhalten produzieren, und nach Faktoren, die in Verbindung mit
Demokratie dazu tendieren, kriegerisches Verhalten zu produzieren. Danach
werden wir fünf Variablen identifizieren, die von Demokratien produziert
werden und ihrerseits wieder kriegerisches Verhalten hervorbringen. Die er-
sten bei den Variablensätze liegen außerhalb der Demokratie-Theorie als sol-
cher, wenn auch nicht außerhalb der konkreten Geschichtlichkeit von Demo-
kratien; der dritte Variablensatz liegt innerhalb der Demokratie-Theorie.
102 Friedenstheorie

Theorem 1: Je individualistischer und von Konkurrenzdenken geprägter die


Kultur, desto wahrscheinlicher ist es, daß das Land demokratisch ist; und
desto wahrscheinlicher ist es, daß das Land, wenn es die Möglichkeit hat,
sich kriegerisch verhält.
Historisch gesehen, entstanden die westlichen Demokratien, nach den Vor-
läufern in Griechenland und auf Island, im Nord-Westen der Welt, d.h. in
Westeuropa und Nordamerika. Dieser Prozeß kann nicht losgelöst werden
von der Kultur des Protestantismus, die die Beziehung der Menschen zu Gott
neu definierte, diese individualisierte, direkter machte und auch vermännlich-
te durch die periphere Rolle, die sie Maria, der einzigen weiblichen christli-
chen Gottheit, zuwies; die die Erlösung als äußerst knappe Ware betrachtete
und mehr mit wahrem Glauben und Gottes Gnade verband als mit guten Ta-
ten und richtigen Ritualen. Darüber hinaus wurde ErfolgNersagen als Hin-
weis auf gleiches im Leben nach dem Tode betrachtet.
Das Individuum wurde befreit, blieb aber besessen von einem schlechten
Gewissen und dem ständigen Bedürfnis, sich zu beweisen. Als Folge ent-
standen kreative und individualistische bzw. Konkurrenz-Handlungsweisen,
mit denen man sich eine Nische im Paradies sichern wollte - im ökonomi-
schen Bereich als Unternehmertum, im kulturellen Bereich als Wissenschaft.
Die politische Macht von Klerus und Aristokratie wurde geschmälert durch
das individualisierende Köpfe-Zählen in Wahlen, wobei die Wählerschaft so
ausgedehnt wurde, daß alle überkommenen Eliten überstimmt werden konn-
ten, und durch die Menschenrechte, die verkündeten, daß alle Menschen von
Geburt an gleich seien. Auf militärischem Gebiet folgten nationalistische
Armeen von Wehrpflichtigen. Diese Veränderungen zahlten sich aus in der
ganzen Kultur des Unternehmertums, die in der Verbindung mit Kreativität
in Wissenschaft und Technik zum ökonomischen Wachstum führte, in der
politischen Befreiung der angestauten Energien immer größerer Kreise der
Bevölkerung und schließlich in der modernen Kriegsführung.
Die Demokratie schützte die Träger dieses ganzen aggressiven Konkur-
renzverhaltens vor sich selbst, allerdings nur im Inneren, nicht aber im Aus-
land. Sie zogen also in den Krieg, im Namen von Christentum und Zivilisa-
tion und als Freunde des Friedens:' aber vielleicht doch eher, um privates
Eigentum im Ausland zu schaffen und zu schützen. Als der Staat die Macht
übernahm, wurde der Kolonialismus zur Entsprechung des Privateigentums
im Weltrnaßstab und führte zur Inbesitznahme ganzer Länder und zu all dem,
was das mit sich brachte. Beides ging Hand in Hand.

62 Diese drei Phasen sind sehr gut identifiziert worden von Bert Röling, vgl. B.V.A.
Röling, Antonio Cassese: The Tokyo Trial and Beyond, Oxford 1993, Kap. 4: "A
,Miserable International Law'?", S. 133 ff.
Demokratie: Diktatur =Frieden: Krieg? 103

Theorem 2: Je häufiger ein Land in seiner Geschichte anderen Traumata zu-


gefügt hat, und je demokratischer dieses Land ist, desto eher wird es Krieg
führen.
Das geht über die Binsenwahrheit hinaus, daß ein Land, das Krieg führt, sich
das zur Gewohnheit machen wird. Hier geht es darum, daß das Zufügen von
Traumata oft eine Situation zwischen dem Selbst und dem Anderen schafft
oder eine vorher existierende Situation verstärkt, die, kulturell gefaßt, eine
maßlose Aufwertung des Ich bedeutet und eine Erniedrigung des Anderen,
bis hin zur Entmenschlichung; diese läuft darauf hinaus, daß der andere aus-
gebeutet, unterdrückt und sogar ausgerottet werden kann. Traumata werden
das Opfer noch mehr erniedrigen und die Theorie bestätigen.
Aber ein derartiges Trauma betrifft nicht nur den Anderen, sondern auch
das Selbst: "Vielleicht werden sie eines Tages kommen und uns das antun,
was wir ihnen angetan haben!" Hier, in Theorem 2, geht es um direkte Ge-
walt: Je schlechter man die übrige Welt behandelt oder behandelt hat, desto
mehr Gründe hat man, Vergeltung zu fürchten. In Theorem 3 soll es um
strukturelle Gewalt auf der Weltebene, in Theorem 4 um strukturelle Gewalt
im Inland gehen. An dieser Stelle lautet die These, daß direkte Gewalt direkte
Gewalt erzeugt, aber nicht unbedingt als Rache der Opfer, sondern auch als
Vorkehrung, um einer solchen Rachegefahr, sei sie nun real oder eingebildet,
vorzubeugen:3 Die Theoreme 3 und 4 behaupten das gleiche im Hinblick auf
strukturelle Gewalt.
Nehmen wir die USA als Beispiel. Wenige Länder der Welt haben soviel
Grund, eine Invasion zu fürchten; hier weiß man genau, was eine solche be-
deuten könnte: Genozid, die Ausrottung ganzer Völker. Wenige Länder ha-
ben so gute Gründe, Verschleppungen und jede Form der Sklaverei zu fürch-
ten; die USA wissen genau, was Sklaverei heißt. US-amerikanische Wert-
vorstellungen bezüglich Sicherheit und Freiheit sind Negationen dessen, was
sie anderen angetan haben; sie sind existentieller, historischer, nicht nur theo-
retischer Art und können eingesetzt werden, um die Bevölkerung für deren
eigene gewalttätige Verteidigung zu mobilisieren. Amerikaner kennen ihre
eigenen Existenzsorgen. Und die beste Verteidigung wäre, ,sie' zu stoppen,
bevor ,sie' überhaupt anfangen.

Theorem 3: Je höher der Status in der ökonomischen Weltpyramide der Völ-


ker, desto wahrscheinlicher, daß das Land demokratisch und daß es krie-
gerisch ist.
Sie zogen in den Krieg, und Kriege brachten sie an die Spitze der Weltpy-
ramide der Völker. Dort sind sie immer noch. Als sie an der Spitze der Welt

63 Ein Beispiel hierfür könnte die Art und Weise sein, in der die Hutus 1994 in Ruanda
über Radio zum Gemetzel an den Tutsis aufriefen, indem sie die Rache der Tutsi
vorhersagten, wenn diese nicht alle umgebracht würden.
104 Friedenstheorie

angelangt waren, gab es zwei naheliegende Probleme: nicht wieder herunter-


zufallen und nicht zu viele andere hinaufzulassen. Der Wunsch, möglichst
wenige andere hinaufzulassen, ließ eine ziemlich spitze Pyramide entstehen,
bei der sich wenige Länder an der Spitze, aber viele in der Mitte und unten
befinden. Der Wunsch, nicht abzusteigen, schuf eine Reihe von Mechanis-
men, mit deren Hilfe die kulturelle, ökonomische, politische und militärische
Kontrolle der Spitze bewahrt werden konnte. Also meist eine "Arbeitstei-
lung" zwischen Vermittlern und Empfängern von (religiöser und wissen-
schaftlicher) Wahrheit; zwischen le cuit and le cru im ökonomischen Sinne
von verarbeiteten versus Roh-Stoffen und Dienstleistungen; zwischen Ent-
scheidungsträgern und denen, die von den Entscheidungen betroffen sind;
zwischen denen, die im Besitz der Gewaltmittel sind, und denen, die sie tref-
fen werden. Die Demokratien haben immer versucht, das Beste herauszuho-
len, an die Spitze zu kommen. (Sie tun das immer noch, bauen aber nicht
mehr auf den Kolonialismus, sondern nutzen internationale ökonomische
Beziehungen (man sehe Teil II1).
Kurz gesagt, wenn man an der Spitze ist, verspürt man eine starke Motiva-
tion, dort zu bleiben, und zwar ohne allzu große Konkurrenz. Für die, die an
der Spitze sind, ist die Weltordnung natürlich alles andere als schlecht, sie ist
es wert, daß man sie verteidigt gegen ,Fundamentalisten', die alles durch eine
Abflachung der Pyramide ändern, wie gegen Aufsteiger, die sich selbst hoch-
ziehen und dabei andere herunterziehen wollen, ob nun absolut oder relativ
betrachtet. Burgen auf Hügeln fangen mit der Gewalt nicht an: Sie reagieren
nur, aber nachdem sie die Struktur eingefroren haben.
Der homo occidentalis reiste, erst als Katholik und dann als Protestant, um
die ganze Welt, er machte "Entdeckungen" und setzte direkte Gewalt ein, um
diese gigantische Weltpyramide struktureller Gewalt zu errichten, an deren
Spitze immer noch Demokratien stehen. Es folgte weitere direkte Gewalt, zur
Selbstverteidigung, als revolutionärer Versuch, die Ordnung zu ändern, wie
als konterrevolutionäre Gewalt, um sie aufrechtzuerhalten. Wenn man den-
jenigen, der nicht angefangen hat, als nicht-kriegerisch betrachtet, ist das
nicht nur schlechte Politik, sondern auch schlechte Sozialwissenschaft, denn
damit läßt man dritte Variablen außer acht. Wenn jemand auf einem anderen
sitzt, ist es wahrscheinlich, daß sich der letztere zuerst bewegt; das dann "Ag-
gression" zu nennen, ist ein wenig weit hergeholt.
Schrecken Demokratien davor zurück, untereinander Krieg zu führen?
Traditionellerweise bekämpften sie sich, wie schon ein ganz flüchtiger Blick
auf die Geschichte der Demokratien bestätigen wird, insbesondere, wenn es
um ihre Kolonialreiche ging. Aber damals (die Berliner Konferenz zur Tei-
lung Afrikas 1884-5) wie heute (OECD, die Trilaterale mit der G-7 als Exe-
kutivkomitee) haben sie entdeckt, daß die prekäre Position an der Spitze der
Pyramide sich besser gemeinsam als auf sich allein gestellt halten läßt. Eine
Lösungsmöglichkeit ist eine relativ enge Allianz. "Allianz zur Wahrung von
Demokratie: Diktatur = Frieden: Krieg? 105

Macht und Privilegien" klang nicht so gut; Allianz christlicher oder friedlie-
bender oder demokratischer Länder klang besser, vorausgesetzt, diese Defi-
nition würde die "rechten" Länder einbeziehen und die auf Veränderung be-
dachten, "linken" Länder ausschließen. Wie bei Rotary-Club-Mitgliedern, die
eine Stadt oder ein Land de facto regieren, zahlt sich Solidarität aus.
Im Ersten Weltkrieg standen demokratische Länder gegeneinander; der
Zweite Weltkrieg jedoch war eher ein Krieg zwischen einer Oberschicht von
Demokratien und einer Unterschicht nicht-demokratischer Länder. Die
Kriegsrhetorik hat den ökonomischen Klassenfaktor verschleiert, nicht so die
Politik. Vieles an internationaler Gewalt, auch in Form von Krieg, ist Klas-
senkampf. Weiter unten in der Weltgesellschaft findet man, wie in der Bin-
nengesellschaft, seltener die Gentleman-Manieren demokratischer Prozesse.
Da die Pyramide sehr spitz ist, sind es hier nur wenige, die die Gewalt der
Vielen unten zu spüren bekommen; jedes Land, das direkten oder strukturel-
len Kolonialismus ausübt, ist ja meist im Besitz von mehr als einer Kolonie.
Folglich wird es mehr gewaltsame Reaktionen pro Land an der Spitze geben
als gewaltsame Angriffe pro Land unten in der Pyramide, was bis zu einem
gewissen Grad erklärt, weshalb Demokratien ganz oben stehen auf der Krieg-
führungsliste. Daran ändern auch ein paar kleine soziale Demokratien nichts,
die weder Kolonien noch Neo-Kolonien besitzen und die weder Kriege be-
ginnen noch mit Gewalt reagieren; sie sind einfach nur die Aushängeschilder
der Demokratie und meist zu klein zur Gewaltausübung.

Theorem 4: Je mehr Isomorphie zwischen inländischer und Welt-Sozialstruk-


tur und je demokratischer das Land, desto eher wird es Krieg führen.
Betrachten wir drei Aspekte der Weltsystemstruktur: Rasse, Nation und Klas-
se. Hinsichtlich der Verteilung der Rassen hat die Welt eine weiße Ober-
schicht, gelbe und braune Mittelschichten (Japaner, Chinesen, Inder), eine
schwarze Unterschicht (Afrika) und darunter noch eine rote, fast ausgerottete
Schicht (der beiden Amerikas).
Kulturell betrachtet, ist die Welt in Zivilisationen und Nationen unterteilt;
dabei steht Okzident I an der Spitze; es folgen die japanische, die chinesische
und die indische Zivilisation, und ganz unten stehen die Zivilisationen Afri-
kas, des Pazifiks und der amerikanischen Ureinwohner.
In ökonomischer Sicht besteht die Welt aus einer kleinen Wohlstands-
klasse von Menschen, die sich über Geld keine großen Sorgen machen müs-
sen, einer gewaltigen Mittelklasse von Menschen, die sich über Geld viele
Sorgen machen, und einer etwas kleineren Klasse von in Armut und Elend
lebenden Menschen, die sich um ihr Überleben mehr Sorgen machen als um
Geld, das sie sowieso nicht besitzen.
Diese drei Aspekte stehen in engem Zusammenhang, und die gesamte
Struktur gründet zum Zwecke ihrer Erhaltung auf der Unterstellung, daß die-
jenigen in der Mitte eher die Partei derjenigen an der Spitze ergreifen werden
106 Friedenstheorie

als die derjenigen, die unten sind. Diese Unterstellung aber macht aus jedem
Land mit einer vergleichbaren inneren Struktur ein nervöses Land, da es
nicht nur Instabilität im Inneren, sondern auch ein Übergreifen der Instabili-
tät anderer Länder oder der Welt als ganzer befürchten muß.
Hier lauern drei Gefahren: interne Revolution, Weltrevolution und interne
Revolution in irgendeiner Ecke der Welt. Daß sich die Eliten mit ersterer be-
fassen, ist klar. Daß sie von einer Weltrevolution nicht viel halten, ist eben-
falls klar, da eine solche sie selbst treffen würde (vgl. Theorem 3). Aber wie
steht es mit dem dritten Fall, der im Ausland durchgestanden werden muß?
Worin besteht die Rechtfertigung für eine Selbstverteidigung gegen eine Re-
volution in einem fremden Land?
Die Antwort ist ziemlich naheliegend: Wenn Unterschichten in anderen
Gegenden der Welt die weiße Monopolstellung, die okzidentale Überlegen-
heit oder die ökonomischen Privilegien besiegen, könnte das einen rechtli-
chen Präzedenzfall in normenerzeugenden Organen wie der UNO schaffen,
es könnte einheimische Unterschichten ermutigen, ebenso zu handeln, und
darüberhinaus könnten diejenigen, die woanders gesiegt haben, ihre Revo-
lution womöglich exportieren.
Das bedeutet aber, daß die Eliten eines Landes, die über unterdrückte Ras-
sen, Völker ohne Staaten und wirkliches Elend herrschen, ihre eigene Lage
bei anderen wiedererkennen und versuchen werden, Revolutionen in anderen
Ecken der Welt zu verhindern, damit sie selbst davon verschont bleiben. Ein
Sieg im Ausland, um zu Hause an der Macht zu bleiben. Gehören denn De-
mokratien eher in diese Kategorie von Ländern, die die Weltlage in rassi-
scher, kultureller und ökonomischer Hinsicht widerspiegeln? Nein, aber so
lautete unsere These auch nicht, denn uns geht es hier um einen beitragenden
Faktor und nicht um intervenierende oder zugrundeliegende Faktoren. Man-
che Demokratien gehören jedoch ganz eindeutig in diese Kategorie, besitzen
eine solche Struktur, z.B. die USA und Israel: Sie sind beide in weltumfas-
senden antirevolutionären Bündnissen aktiv und nervös wegen Südafrika als
einem Welt-Mikrokosmos.
Zudem entwickelt sich in anderen Demokratien (Großbritannien; Deutsch-
land, Frankreich, Spanien und Italien; Belgien und die Niederlande) durch
die Immigration von schwarzen und braunen, von nicht-westlichen und/oder
sehr armen Gruppen eine derartige Sozialstruktur. Wie üblich, geht man auch
hier davon aus, daß der internationale Frieden durch andere und nicht durch
diese Länder selbst bedroht ist. Und multikulturelle Föderationen wie Jugo-
slawien, die Sowjetunion oder die Tschechoslowakei haben ihr Auseinander-
brechen als eine Begleiterscheinung der Demokratisierung erlebt, in der Hin-
sicht, daß die Spannungen deutlicher zum Vorschein gekommen sind. Auch
aus inneren Gründen ist es schwer, gleichzeitig demokratisch und wahrhaft
multikulturell (kein Schmelztiegel) zu sein. Aber auch wenn es Demokratien
gelingen sollte, die Spannungen unter Kontrolle zu halten, bleibt doch die
Demokratie: Diktatur = Frieden: Krieg? 107

Drohung bestehen, daß Instabilität in anderen Ländern oder in der Welt als
ganzer einheimische Gruppen inspirieren könnte. Wenn es die Demokratie
aber geschafft hat, die Underdogs auf ihre Seite zu bekommen, können diese
sogar dazu gebracht werden, in andern Ländern gegen ihresgleichen zu
kämpfen.
Nehmen wir wieder die USA als Beispiel: eine Gesellschaft, die die Welt be-
züglich der drei Dimensionen Rasse, Nation und Klasse widerspiegelt. Die Pro-
portionen entsprechen jedoch der Definition nicht: Wären sie die gleichen wie
auf der Weltebene, dann könnte das Land nur eine "Demokratie" in der alten
südafrikanischen Bedeutung sein können - für Blankes. In Israel sind die Juden
immer noch in der Mehrheit, so daß dort die Wahlen auf der Basis ,ein Mensch-
eine Stimme' durchgeführt werden können. Gelbe und braune Länder können
geduldet werden, wenn sie homogen und nicht anti-weiß sind; sogar schwarze
Länder kann man tolerieren, wenn sie unter Kontrolle zu halten sind (in dem
Moment, indem sie aufmüpfig werden, droht das Risiko einer Intervention).
Völker ohne Eigenstaatlichkeit können sogar unter Umständen zu ihrem Staat
kommen, wenn sie den gleichen Grundsätzen folgen.
Probleme machen multirassische Länder und Länder mit staatenlosen Na-
tionen, ähnlich wie staatenlose Nationen in Demokratien. Als Beispiel für er-
stere haben wir Südafrika angeführt; die Kurden und die Palästinenser könn-
ten wir als Beispiel für letztere nehmen. Eigenstaatlichkeit für die Kurden
würde wahrscheinlich den Palästinensern Mut machen, und Eigenstaatlich-
keit für die Palästinenser könnte eingeborene Amerikaner - hierbei wären die
eingeborenen Hawaiianer ein Sonderfall - ermutigen. Einer solchen Eigen-
staatlichkeit würden sich Israel und die USA folglich stark widersetzen.
Das gleiche könnte auch für die Klassenverhältnisse gelten. Umvertei-
lungs- und Sozialstaatspraktiken in anderen Ländern wird man Widerstand
entgegenbringen, damit sie nicht zu ähnlichen Forderungen in, sagen wir
mal, den USA führen. In dieser Hinsicht ist der Irak vielleicht ein Beispiel
gewesen; hier hat man sich unter dem Ba'ath-"Sozialismus" akzeptabler ma-
terieller Lebensbedingungen für die unteren 20% der Bevölkerung gerühmt.
Das gleiche gilt aber auch für die ehemaligen sozialistischen Länder und so-
gar für die Sozialdemokratien in Nordwesteuropa und Kanada. Also erfolgt
hier ein aggressiver Export von "Privatisierung".
Zu den drei schon behandelten Motivationen tritt eine weitere hinzu:
Wenn wir, die Demokratien, die Nummer eins sind, dann können wir es nie-
mandem gestatten, uns zu übertreffen. Dies zu verhindern, kann auf ver-
schiedene Art und Weise erfolgen. Man bestreitet schlicht eine solche Rang-
ordnung; man verbessert die eigene Demokratie oder zerstört die Nicht-
Demokratie der anderen, isoliert diese vom Welthandel, schikaniert sie. Und,
als letztes Mittel: man interveniert militärisch.
108 Friedenstheorie

Theorem 5: Je demokratischer das Land, desto mehr Menschen sind am Ent-


scheidungsprozess beteiligt; je mehr Menschen am Entscheidungsprozess
beteiligt sind, desto weniger kriegerisch ist das Land.
Das ist die bekannteste Rechtfertigung der verbreiteten These, nach der De-
mokratien weniger kriegerisch sind. Das Problem ist nur, daß keine der obi-
gen Behauptungen haltbar ist (was nicht heißen soll, daß das Gegenteil zu-
trifft). In Vorkriegssituationen trifft in jedem politischen System ein enger
innerer Kreis die Entscheidungen, schon aus Gründen der Geheimhaltung
bzw. Sicherheit. Noch problematischer ist die zweite Behauptung, die besagt,
daß solche Länder weniger kriegerisch sind, in denen Entscheidungen zwi-
schen unterschiedlichen Typen und Ebenen von Entscheidungsträgern geteilt
werden, einschließlich eines möglichen Volksentscheids darüber, ob Krieg
geführt werden soll oder nicht. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, ge-
wöhnliche Menschen seien natürlicher Weise weniger kriegswillig als ihre
Führer.
Wenn der Kreis der Entscheidungsträger von einem Führer auf die Ge-
samtbevölkerung ausgeweitet wird, hängt die Entscheidung zunehmend von
etwas ab, was allen gemeinsam ist, zumindest der überwältigenden Mehrheit,
da soviel auf dem Spiel steht. Dieses Etwas kann nicht struktureller Art sein,
wie z.B. Klasseninteressen, da diese per definitionem nicht allgemein geteilt
werden. Sie können sogar in Widerspruch zueinander stehen, wenn etwa jun-
ge Männer aus der Arbeiterklasse ihr Leben opfern und Waffenfabrikanten
und -händler enorme Profite machen.
Die nationale Kultur ist ein geeigneterer Kandidat. Die kriegswilligsten
Kulturen der Welt scheinen die jüdisch-christlich-islamisch inspirierten Kul-
turen zu sein, mit ihrem Auserwähltheitsglauben, ihrem Singularismus (An-
spruch auf eine einzige Wahrheit) und ihrem Universalismus (Anspruch auf
deren Weltgeltung, wobei der Judaismus hier eine Ausnahme macht). Das
Jüdisch-Christliche bestätigt sich aber auch an einer Kultur, die Demokratien
durch einen kompetitiven Individualismus beflügelt, wie oben schon darge-
legt. So gelangen wir also zu einem gemeinsamen kulturellen Faktor, der
Demokratie mit Bellizismus verbindet und nicht mit dem Pazifismus der
buddhistischen Zivilisation, der weniger individualistisch ist und daher auch
weniger demokratisierend im westlichen Sinne wirkt.

Theorem 6: Je demokratischer das Land, desto mehr Menschenrechte sind


verwirklicht, und je mehr Menschenrechte verwirklicht sind, desto mehr
menschliche Pflichten können daraus abgeleitet werden.
Damit internationale Kriege geführt werden können, muß die Regierung, die
meist aus älteren und relativ gerissenen Männern besteht, junge Männer dazu
bringen, in diesen Kriegen zu kämpfen und unter Umständen zu sterben. Es
gibt drei Möglichkeiten, das zu erreichen: normativ, indem man sie dazu
bringt, aus innerer Überzeugung zu kämpfen; durch Vereinbarungen, indem
Demokratie: Diktatur = Frieden: Krieg? 109

man sie dafür bezahlt oder auf andere Weise belohnt; und durch Zwangsge-
walt, indem man sie zwingt zu kämpfen, und sie vielleicht sogar erschießt,
wenn sie das nicht tun.
Diese drei Möglichkeiten, eine Einwilligung zu erlangen, schließen sich
gegenseitig nicht aus. Es funktioniert offensichtlich am besten, wenn man auf
alle drei setzt; dem Soldaten also gute Gründe gibt zu kämpfen (Eigenliebe
und/ oder Haß auf Andere in Form von Nationalismus oder anderer Arten
von Fundamentalismus; Stolz auf und Liebe für die eigene Armee und Ver-
achtung für und Haß auf die Gegenseite); gute Bezahlung von Söldnern, be-
sonders, wenn sie siegreich sind, und schwere Strafen für Deserteure. Politi-
sche Systeme machen sich meist alle drei Möglichkeiten zunutze.
Da Demokratien definitionsgemäß Menschenrechte zunehmend verwirkli-
chen, verfügen sie über mehr quid, das sich ins quo menschlicher Pflichten
umwandeln läßt. Nach obiger Staatslogik gibt es drei Pflichten: Man muß ei-
ne allgemein positive Einstellung zum etat providence haben, und zwar ins-
besondere gegenüber dem demokratischen Staat als Erweiterung des eigenen
Ichs; man muß Steuern zahlen; und man muß dazu bereit sein, sein Leben zu
opfern, wenn man dazu aufgefordert wird. Also Krieg. Eine quid-pro-quo-
Logik beansprucht "nicht nur, was das Land für mich tun kann, sondern, was
ich für das Land tun kann". Auch nichtdemokratische Länder erwarten Dank-
barkeit für Wohlfahrtstaatspraktiken (Bismarck und Hitler). Der Unterschied
besteht aber darin, daß diese Mechanismen in Demokratien institutionalisiert
sind und nicht je nach Laune der Führer zum Tragen kommen. Wahr-
scheinlich ist ersteres ein erfolgversprechenderes Rezept.

Theorem 7: Je demokratischer das Land, desto mehr innere Machtkonkur-


renz ist vorhanden, und je mehr innere Machtkonkurrenz vorhanden ist, de-
sto größer ist die Verlockung, Unterstützung durch äußere Aggression erlan-
gen.
Dies ist eine Formulierung der berühmten These: "Aggression nach außen,
um inneren Zusammenhalt zu sichern", die, oberflächlich betrachtet, im Wi-
derspruch zum vorangegangenen Theorem zu stehen scheint. Sehen wir sie
uns genauer an.
Zweifellos hat es immer autokratisch Regierende gegeben, die sich diesen
Mechanismus zunutze gemacht haben. Nach der Argumentation des folgen-
den Theorems jedoch gehen sie damit ein großes Risiko ein, da sie über kei-
nen ausreichenden Friedensüberschuß verfügen. Zwischen Repression in
Diktaturen und in Demokratien gibt es einen Unterschied: Vereinfacht aus-
gedrückt, können Diktaturen Menschen in höheren Positionen und Demo-
kratien Menschen in niedrigen Positionen unterdrücken. In einer Diktatur
gibt es miteinander konkurrierende Eliten, die oft von der jeweils machtha-
benden Gruppe vertrieben werden; in einer Demokratie haben sich diese
Gruppen über einen "geordneten", turnusmäßigen Wechsel untereinander
110 Friedenstheorie

verständigt, Z.B. durch Parteiensystem und Wahlen. Darunter kann sich eine
ungeheuer große Aggression und Ausbeutung auf der Linie Rasse, Nation
und Klasse verbergen. Aber Demokratien sind ZweidritteigeseIlschaften, wo-
gegen Diktaturen Eindrittelgesellschaften sind, mit Schwankungen um die
50%. Diktaturen beginnen in der Hoffnung einen Krieg, durch populäre oder
populistische Politik die Unterstützung von über 50% der Bevölkerung zu
bekommen.
Bei diesem Theorem geht es darum, daß Demokratien genauso handeln kön-
nen, "aus innenpolitischen Gründen", wie man so sagt, um damit von schwie-
rigen Fragen abzulenken, immer die nächste Wahl im Auge. Je organischer
und lebendiger die Demokratie, desto mehr wird um die Macht konkurriert.
Demokratien gründen auf Uneinigkeit. Wenn um die Macht wenig oder gar
nicht konkurriert wird (und eine niedrige Wahlbeteiligung kann ein Indiz da-
für sein), dann kann man annehmen, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist.
Wahlen müssen ausgefochten und gewonnen werden. Mit Kriegen können
Wahlen gewonnen werden. Also werden Kriege ausgefochten.

Theorem 8: Je demokratischer das Land, desto größer der innere Friedens-


überschuß, der zu Aktivitäten im Ausland eingesetzt werden kann, seien diese
kriegerischer Natur oder nicht.
Man geht im allgemeinen davon aus, daß Bürger von Demokratien zufrie-
dener sind als Bürger von nichtdemokratischen Ländern. Man erwartet ja,
daß sie, oder zumindest ihre Mehrheit, durch demokratische Prozesse das be-
kommen, was sie wünschen, mit entsprechenden Anpassungen, wenn sich die
Wünsche ändern. Da in Demokratien mehr öffentliche Debatten zugelassen
sind als in Nicht-Demokratien, kann der oberflächliche Betrachter daraus den
Schluß ziehen, daß in ersteren Unzufriedenheit herrscht und in letzteren Zu-
friedenheit. In Demokratien verfügt die Bevölkerung jedoch über Beschwer-
demöglichkeiten. Deshalb dürfen wir erwarten, daß die Menschen in Demo-
kratien im großen und ganzen konservativer sind als in nichtdemokratischen
Ländern, und daß bei ihnen weniger grundlegende soziale Veränderungen
auf der politischen Tagesordnung stehen. Das Gewaltpotential ist in Demo-
kratien zwar nicht gleich null, aber doch niedrig; in Diktaturen ist es hoch, da
ja viel Zwang eingesetzt werden muß, um die autoritäre Repression, auch ge-
gen Revolten, durchzusetzen.
Wem kommt dieser innere Friedensüberschuß zugute, und wie wird er ein-
gesetzt? Theorem 8 behauptet nicht, daß er zu kriegerischen Zwecken im
Ausland eingesetzt wird, nur, daß es ihn gibt; wogegen nicht-demokratische
Länder ein Friedensdefizit haben und ihre Zwangsenergie im Inland einset-
zen müssen. Wenn wir die Existenz einer bestimmten Menge solcher Zwangs-
energie in allen "modernen" Staaten postulieren, dann können wir folgern,
daß der Energieüberschuß, der durch den inneren Friedensüberschuß von De-
mokratien erzeugt wird, zu äußeren Zwecken eingesetzt werden kann, woge-
Demokratie: Diktatur = Frieden: Krieg? 111

gen Diktaturen mehr nach Innen gerichtet sein müssen, bemüht, innere Erhe-
bungen zu unterdrücken. Demokratien können Armeen zu kriegerischen
Zwecken ins Ausland schicken und müssen sich nicht darum sorgen, was in
der Zwischenzeit zu Hause passiert. Diktaturen können das weniger, sie be-
nötigen ihre Kräfte zu Hause. Aus Gründen der Arbeitsplatzsicherung muß
sich das demokratische Militär dagegen sogar manchmal etwas einfallen las-
sen, wenn zu Hause zu wenig zu tun ist.

Theorem 9: Je demokratischer das Land, desto selbstgerechter seine Regie-


renden/seine Bevölkerung; und je selbstgerechter die Regierenden/die Bevöl-
kerung, desto kriegswilliger das Land.
Diese Unterstellung unterscheidet sich von der, in der es darum ging, daß
selbstgerechte Völker, die sich von transzendenten Gottheiten auserwählt
fühlen, oft in Demokratien leben. An dieser Stelle geht es darum, daß Men-
schen, die in Demokratien leben, selbstgerecht sind, eben weil sie in Demo-
kratien leben. Wenn wir davon ausgehen, daß das führende politische System
das der führenden Länder ist, dann hat es einen hohen Prestigewert, in einer
Demokratie zu leben. In einem nichtdemokratischen Land zu leben, ist ein
Stigma, verleiht etwas, wofür man sich schämen muß; es bedeutet, einer in-
ternationalen Paria-Kaste anzugehören und sich auf eine Marginalisierung
durch politischen und ökonomischen Boykott, sogar auf Sanktionen gefaßt
machen zu müssen. In der Folge versuchen Menschen, dem zu entfliehen, um
an der mutmaßlichen Sicherheit und am Prestige von Demokratien teilhaben
zu können.
Auf demokratischer Seite ist man nur zu willig, dem Ruf zu folgen und zu
versuchen, Diktaturen mit Hilfe von politischen und ökonomischen Sank-
tionen auf den richtigen Weg zu bringen, wenn nötig, auch mit militärischen
Mitteln. Ein derartiger Krieg wird mehr als Pflicht denn als Recht betrachtet;
man führt ihn ja nicht aus egoistischen Gründen, sondern um andere Länder
vor gefährlichen, expansionistischen Diktatoren zu retten. Als weiterer Grund
gilt der, daß man den Menschen, die unter solchen Diktaturen leiden, zu Hil-
fe kommen will. Und diese leidenden Menschen werden im allgemeinen
mehr Gehör in der Welt finden, wenn sie den höheren Schichten angehören,
wie z.B. die Opfer sozialistischer Nicht-Demokratien. Nach oben hin zu un-
terdrücken, gar zu töten, schafft internationale Solidarität; nach unten hin zu
unterdrücken und zu töten, bleibt unbemerkt. Demokratien führen also Krieg
gegen bösartige Diktaturen und projizieren auf diese ihre eigene Repressivi-
tät und ihren eigenen Expansionismus, so wie das wahrhaft Selbstgerechte
immer tun.
112 Friedenstheorie

4.3 Schlußfolgerung: Was kann man dagegen tun?


Sehen wir uns erst einmal an, was wir haben. Neun Faktoren sind untersucht
worden als mögliche Bindeglieder zwischen Demokratie als Form innenpo-
litischen Handeins und Belligerenz als Form außenpolitischen Handeins:
(1) eine individualistische, kompetitive, aggressive Kultur;
(2) eine Geschichte, in der anderen Traumata zugefügt wurden;
(3) eine hohe Stellung in der Weltpyramide;
(4) Isomorphie zwischen Binnenstruktur und Weltstruktur;
(5) geteilte Entscheidungsmacht;
(6) Verwirklichung der Menschenrechte;
(7) innerer Machtkampf;
(8) innerer Friedensüberschuß;
(9) Selbstgerechtigkeit von Demokratien als Demokratien.
Diese Faktoren sind nicht leicht veränderbar.
Der erste Faktor bezieht sich auf die gesamten kulturellen Grundlagen der
meisten Länder, die man heute Demokratien nennt. (Japan unterscheidet sich
dadurch, daß es kollektivistisch, kompetitiv und aggressiv ist.) Diese Kultur
ist weit davon entfernt, eine Kultur der Toleranz zu sein - mit Ausnahme der
Toleranz gegenüber anderen, die der gleichen Kultur angehören, d.h. in erster
Linie gegenüber sich selbst; es handelt sich um eine Kultur der Intoleranz,
die zu einem starken Selbst-Andere-Gefälle führt, das gewaltkanalisierend
wirken kann.
Der zweite Faktor bezieht sich auf das grundlegende, schmerzliche Dilem-
ma so vieler Demokratien dieser Welt. Da sie auf höchst undemokratischen,
gewaltsamen Wegen entstanden sind, müssen sie nun befürchten, daß sie von
ihrer Vergangenheit eines Tages eingeholt werden, daß "die anderen uns ei-
nes Tages das antun werden, was wir ihnen angetan haben".
Die folgenden bei den Faktoren spiegeln die gegenwärtige Verteilung von
Macht und Privilegien in der Binnen- und in der Weltgesellschaft wider. Ob-
gleich diese Verteilung gelegentlich Gegenstand einer kritischen Reflexion
ist, hat sich in der jüngsten Geschichte gezeigt, daß sie nicht leicht zu ändern
ist und leicht Gewalt - präemptive, revolutionäre oder konterrevolutionäre
Gewalt - mobilisiert.
Die nächsten vier Faktoren - geteilte Entscheidungsmacht und Verwirkli-
chung der Menschenrechte, innerer Machtkampf und innerer Friedensüber-
schuß - gehören zur eigentlichen Substanz dessen, worauf Demokratien am
meisten stolz sind. Niemand wird daran etwas ändern wollen, trotz der Tat-
sache, daß alle vier zu Mechanismen kriegerischen Verhaltens umgewandelt
werden können. Aus dieser demokratischen Substanz entwickelt sich jedoch
auch die Selbstgerechtigkeit von Demokratien, das Gefühl, zu einem "Bund
der Demokratien" zu gehören, mit dem Recht und der Pflicht, Krieg zu führen.
Demokratie: Diktatur = Frieden: Krieg? 113

Man beachte, daß die neun aufgelisteten Faktoren eine innere historische!
logische Kohärenz besitzen. Aus (1) folgt (2) und aus (2) folgen (3) und (4).
Das gibt uns die Grundlage, den konkreten historisch-kulturellen Kontext
und, ungeachtet aller Rhetorik, den Ausgangspunkt, um demokratische Geo-
politik zu verstehen.
Die nächsten vier Faktoren stehen in einem anderen kausalen Zusammen-
hang, der mit geteilten Entscheidungsprozessen und der Verwirklichung der
Menschenrechte beginnt, dann weitergeht mit der Akzeptanz des Macht-
kampfes und dessen Institutionalisierung, woraus sich schließlich ein Frie-
densüberschuß ergibt. Demokratien haben gute Gründe, stolz, aber nicht
selbstgerecht (9) zu sein, denn durch Selbstgerechtigkeit wird Faktor (1)
verstärkt. Auf diese Weise bekommen wir einen positiven Feedback, der be-
sonders gefährlich ist, da alles Genannte in Belligerenz umgewandelt werden
kann, zumal in Anbetracht des historisch-konkreten kritischen Kontextes von
Herausforderungen, die in der Gegenwartswelt entlang der Linien Rasse, Na-
tion und Klasse verlaufen.
Schlußfolgerung: Mehr Demokratien, mehr kriegerisches Verhalten -
zumindest, wenn letztgenannte fünf Faktoren gegeben sind. Und der innere
(OECD) und innerste (G-7) Kreis wird, falls die eigene Macht und die eige-
nen Privilegien bedroht sein sollten durch weniger mächtige und!oder jün-
gere Demokratien, wahrscheinlich die Regel verletzen, nach der Demokratien
einander nicht angreifen. Was sehr wohl der Fall sein kann, etwa, wenn Chile
kommunistisch (1973)64 oder Algerien islamisch (1992)"' wird.

64 Hierhin gehört das berühmte Zitat Henry Kissingers, seines Zeichen Außenminister
einer Demokratie, der USA: "Ich sehe nicht, warum wir dabeistehen und zusehen
sollten, wie ein Land zum Kommunismus übergeht, allein auf Grund der Unverant-
wortlichkeit seiner eigenen Bevölkerung", The Nation vom 28 März 1994 (in einem
Artikel über den CIA). Die Berühmheit des Satzes wurde noch dadurch gefördert,
daß er in der ersten Auflage von Victor Marchetti und John D. Marks: The CIA and
the Cult o/Intelligence, New York 1974 von der CIA zensiert wurde.
65 Bei den ersten parlamentarischen Wahlen am 26. Dezember 1991 gewann die Islami-
sche Heilsfront (FIS) 188 und die Nationale Befreiungsfront (FNL) nur 15 Sitze -
nachdem letztere 30 Jahre an der Macht war. Der zweite Durchgang war angesetzt
für den 16. Januar 1992, fiel aber aus, ohne daß man große Proteste von den führen-
den Demokratien der Welt gehört hätte.
5 Das Staatensystem: dissoziativ, konföderativ,
föderativ, einheits staatlich - oder eine
aussichtslose Sache?

5.1 Zehn Bruchlinien der conditio humana


Wir Menschen sind Teil der Natur, der "Erde", aus der wir stammen und zu
der wir zurückkehren. Wie kann dieses MenschlNatur-Ganze (holon) in
Harmonie leben, frei von direkter und struktureller Gewalt? Als kleine Grup-
pen menschlicher Sammler (nicht als Jäger, denn diese üben direkte Gewalt
gegen ihre Mitkreaturen aus) in einem hinreichend freigiebigen Naturkon-
text?" Unsere gegenwärtige Wirklichkeit ist weit davon entfernt. Wenn wir
analytisch vorgehen, müssen wir sogar davon ausgehen, daß mindestens zehn
Bruchlinien dieses MenschlNatur-Ganze durchziehen: Menschen/Nicht-Men-
sehen; Geschlecht (Mann/Frau); Generation (alt/jung); Rasse (weißlfarbig);
Klasse (hoch/ niedrig); Nation (hoch/niedrig); Länder (Zentrum/Peripherie);
und dann die drei Ecken des Staat-Zivilgesellschaft-Kapital-Dreiecks, auf ge-
sellschaftlicher wie auf Weltebene.
Die Begriffe Anthropozentrik, Sexismus (Patriarchat), Altersdiskriminie-
rung (oder Gerontokratie), Rassismus, Klassismus, Nationalismus, Territo-
rialismus, Etatismus, Anarchismus, Kapitalismus und Super-Etatismus (Im-
perialismus) transportieren, bei Hinzufügung einiger Klarstellungen'7, unmit-

66 Für eine Untersuchung der Bedeutung von "Primitivität" hinsichtlich des Charakters
der Kriegsführung s. Tom Broch und Johan Gattung: "Belligerence Among the Pri-
mitives", in des letzteren Peace, War and Defense, Essays in Peace Research, Bd. 11,
Kopenhagen 1976, S. 25-37.
67 So könnte man sich vorstellen, daß z.B. der Sexismus sich auf mehr als die beiden
Geschlechter beziehen könnte, worauf Schwule und Lesbierinnen hinweisen würden,
und auch ein Matriarchat (nicht nur matrilineare und/oder matrilokale Formen) wäre
denkbar; heute diskriminieren Menschen mittleren Alters Junge und Alte (ganz junge
Menschen werden durch AbtreibunglInfantizid getötet und ganz alte durch Euthana-
sie); Rassen werden nur durch Pigmente und Physiognomie definiert, aber der Be-
griff Rasse ist objektiv betrachtet in dem Maße unbedeutend, wie er subjektiv auf-
grund des hohen Grades an Sichtbarkeit bedeutsam ist; nationale Gruppierungen
werden definiert durch kulturelle Merkmale, insbesondere durch Religion, Sprache
und gemeinsame Mythen; die Definition des Begriffs Klasse variiert stark je nach
Raum und Zeit; ebenso verhält es sich mit der Bedeutung territorialer Aufteilungen
(Grenzen); der Staat ist eine Organisation, die innerhalb eines Territoriums ein Ge-
116 Friedenstheorie

telbar Konnotationen sowohl zu direkter und struktureller als auch zu kul-


tureller Gewalt. Die Reihenfolge spiegelt die Evolution der conditio humana
wider: erst Nichtmenschliches (Abiota und Biota, die sich aufteilen in Mikro-
organismen, Pflanzen und Tiere), dann Menschen zweierlei Geschlechts, die
sich generationsmäßig fortpflanzen und die möglicherweise als verschiedene
Rassen in verschiedenen Gegenden auftauchen; dann Klassenunterschiede,
als Nomaden erst nichtseßhafte, dann seßhafte Hirten werden in Gebieten mit
Grenzen; dann der Staat als Territorialmacht, der zunächst auf einem be-
stimmten Gebiet über den Nicht-Staat und dann, als Super-Staat, über andere
Staaten herrscht.
Das moderne Territorialsystem besteht aus Ländern mit staatlicher Verfas-
sung, in denen Menschen der gleichen Nationalität leben, Nationalstaaten -
zumindest an der Spitze. Überall Bruchlinien, Widersprüche, finlYang. Bei
einer Analyse dem Territorialismus auf Kosten der anderen neun Begriffe
den Vorrang zu geben, wird nicht nur zu Überraschungen führen, wenn die
soziale Tektonik der weiteren Bruchlinien nicht mehr außer acht gelassen
werden kann," sondern wäre auch intellektuell einfach zu primitiv. Man
kann die Welt nicht einfach als eine Menge von Ländern betrachten. Wenn
wir trotzdem zunächst Territorialismus und Frieden zentral in den Blick neh-
men, so hat das vor allem pädagogische Gründe; das Friedens-/Kriegs-Vo-
kabular muß aus den territorialen Diskursen vorsichtig herausgelöst werden.
Die taoistische Epistemologie, die der Friedensforschung zugrunde liegt,
vermittelt uns ein Gefühl von Bewegung, von Dynamik. Stabilität, bei der
fin und fang miteinander in Harmonie verschränkt sind, ist möglich; die Dy-
namik wird dann von anderen Widersprüchen getragen. Das Mißlingen des
Versuchs, Harmonie herzustellen, zeigt sich in der Zunahme der einen und
im Abnehmen der anderen Seite, bis es zu einem Bruch, einem Wendepunkt
kommt, bei dem sich die Anordnung umkehrt und ein neues Streben nach
Harmonie beginnt. Konkret kann dieser Bruch Krieg, Revolution, coup
d'Etat und die Harmonie einen neuen Gesellschaftsvertrag bedeuten.
Wenn wir Harmonie als Absenz direkter und struktureller Gewalt definie-
ren, wie kann dann das gegenwärtige Staatensystem, das moderne Territorial-
system, zu einem Friedenssystem - oder zumindest einem weniger gewalt-
tätigen System - werden? Einige Antworten, vielleicht eher notwendige als
hinreichende Bedingungen, sollen später in diesem Abschnitt gegeben wer-
den, Antworten, die weitere Widersprüche und Harmonien zwecks Über-
windung der analytischen Begrenztheit des Territorialismus einbringen.

waltmonopol besitzt, und ein Superstaat ist eine Organisation, die das Gewaltmono-
pol innerhalb eines Staatensystems besitzt.
68 Die Rolle des Nationalismus nach Beendigung des Kalten Krieges, einer vierzigjäh-
rigen Übung in Super-Etatismus, kann man schon heute (1996) als klassisch bezeich-
nen.
Das Staatensystem 117

5.2 Dissoziative und assoziative Friedenssysteme


Es gibt zwei traditionelle Antworten: die Länder räumlich auseinanderhalten,
durch Distanz (Meere, Wüsten), Hindernisse (Flüsse, Gebirge) oder Drohun-
gen (defensive oder offensive Abschreckung) - oder sie zusammenbringen,
räumlich durch Überwindung von Entfernungen und Hindernissen mittels
Transport und Kommunikation und sozial durch Kooperation. "Auseinander"
und "zusammen" bezeichnen wir als den dissoziativen und den assoziativen
Ansatz. Während des Kalten Krieges waren sie wohlbekannt als der Falken-
und der Tauben-Ansatz in den Ost-West-Beziehungen.
Eine erste Überlegung wäre, daß dissoziative Ansätze immer irrelevanter
werden, wenn Entfernungen und Hindernisse allmählich durch Transport und
Kommunikation überwunden werden. Drohungen können jedoch als Kom-
pensation verwendet werden - ein Grund für Rüstungsspiralen. Und soziale
Dissoziation wirkt einstellungsmäßig durch Vorurteile und verhaltensmäßig
durch Diskriminierung, als solide Klassenbildung, um "gefährliche Unter-
schichten" in multinationalen Staaten und Imperien in Schach zu halten.
Räumliche Dissoziation ist horizontal und verträgt sich mit gleichzeitiger
Evolution; soziale Dissoziation ist vertikal und klassen- oder kastenorientiert,
ist vertikale strukturelle Gewalt - ein Staat etwa, der seine Bevölkerung, oder
ein Superstaat, der andere Staaten - oder eins wie das andere - unterdrückt.
Bei räumlicher Dissoziation besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß
direkte Gewalt eingesetzt wird, wenn Entfernung, Hindernisse oder Drohun-
gen entfallen oder versagen. Die gesellschaftliche Dissoziation beruht auf
struktureller Gewalt, die präemptive, revolutionäre oder konterrevolutionäre
Gewalt hervorrufen kann. Das sind gute Gründe dafür, die Dissoziation als
unzureichend bei der Suche nach Harmonie und Frieden im Staatensystem zu
betrachten.
Wir können uns aber die Dissoziation als Lösung in vacuo vorstellen.
Wenn wir nicht wissen, wie eine harmonische Beziehung zwischen Staaten,
die hauptsächlich positiven Austausch hätten, aussehen könnte, und wir kei-
nen negativen Austausch, also Disharmonie und Gewalt wollen, dann können
wir uns als ein Minimum mit einer Nicht-Beziehung zufriedengeben. Ein
Paar, das unfahig ist, Harmonie oder ein positives Gleichgewicht zu erlan-
gen, und das bedenkt, wie komplex und vielschichtig das Streben zweier
Menschen nach Harmonie von Körper, Geist und Seele in der Praxis ist,
kommt vielleicht mit einer Nicht-Beziehung (Trennung, Scheidung) besser
zurecht als mit einer negativen Beziehung voller geistiger Gewalt (z.B. wü-
tende innere Dialoge), verbaler Gewalt oder sogar physischer Gewalt, die zur
normalen strukturellen und kulturellen Gewalt der patriarchalen Gesellschaft
noch hinzutritt.
Dissoziativer Frieden ist aber bestenfalls eine Antwort auf das Problem
des negativen Friedens als eines gewaltfreien Systems. Mit positivem Frieden
118 Friedenstheorie

meinen wir ein Kooperationssystem jenseits einer "passiven friedlichen Ko-


existenz", ein Frieden, der positive synergistische Früchte der Harmonie her-
vorzubringen erlaubt. Bezogen auf eine Gruppe von Staaten, führt das zu ei-
nem Kontinuum von totaler Trennung, Dissoziation, bis hin zu totaler Asso-
ziation. Ein Paar kann die totale Vereinigung von Körper, Geist und Seele in
Situationen höchsten Glücks finden, die der sexuellen Vereinigung verbun-
den sind, mit allen Zuständen partieller Erfüllung dazwischen. Es muß nicht
eigens erwähnt werden, daß auch im AssoziativenlHarmonischen/Symbioti-
schen Elemente des Negativen, des DissoziativenlDisharmonischeniAnti-
Biotischen enthalten sein werden. Wir sprechen über Gleichgewicht. Und ei-
ne vollkommene Vereinigung ist vielleicht nicht aufrecht zu erhalten, da sie
zu intensiv, zu eng ist, um mehr zu sein als ein vorübergehendes Hocherleb-
nis. Wie wir später sehen werden, gilt das wahrscheinlich auch für Staaten-
systeme.""

5.3 Fünf Modelle der Assoziation: von Null zur Einheit


Wir werden im folgenden fünf Stufen eines Assoziations-Kontinuums unter-
suchen: dissoziative, assoziative, konföderative, föderative und unitarische
Staatensysteme, wobei die letzten drei avancierte Formen der Assoziation
darstellen.

( 1) Dissoziative Staatensysteme: Anarchie, Hierarchie. Jeder Staat kümmert


sich um seine eigenen Angelegenheiten; es bestehen keine inhärenten asso-
ziativen Bande. Das bedeutet kein Hobbessches bellum omnium contra om-
nes, es sei denn unter ganz besonderen gesellschaftlichen und kulturellen
Voraussetzungen. Eine gegenseitige Isolation bis hin zur Beziehungslosigkeit
ist nicht nur denkbar, sie ist empirisch betrachtet in der Menschheitsge-
schichte meistens vorherrschend gewesen. Gegenwärtig sind wir jedoch so
viele, leben so dicht beieinander und haben so dichtgewobene Verkehrs- und
Kommunikationsnetze, daß man sich nicht um seine eigenen Angelegen-
heiten kümmern kann, ohne ständig anderen ins Gehege zu kommen. Man
kann aber nicht von vornherein davon ausgehen, daß daraus Krieg folgen
muß, wie das so oft im Fach Internationale Beziehungen geschieht. Da es je-
doch eine Asymmetrie der Machtressourcen gibt, kann die Anarchie Elemen-
te von Hierarchie mit sich bringen, d.h. strukturelle Gewalt (was nicht meint,

69 Das gleiche gilt für das negative Extrem der Austauschbeziehungen zwischen Staa-
ten: Ein vollkommener Austausch negativer Akte in alle Richtungen zwischen allen
Mitgliedern des Staatensystems, das totale negative Hocherlebnis, wird auch nur
kurz währen, und zwar nicht nur wegen der Zerstörung, die damit verbunden ist,
sondern auch wegen der dafür nötigen Energieverausgabung.
Das Staatensystem 119

was Hobbes und moderne Hobbesianer denken), in Form von Ausbeutung,


Repression und Kontrolle anderer.

(2) Assoziative Staatensysteme: Verträge - Konventionen - Regimes - Orga-


nisationen. Das Staatensystem ist ein soziales System, in dem die Akteure
Staaten sind, die interagieren. Damit daraus ein System wird, muß ein gewis-
ses Maß an Stabilität eingebaut werden. Verträge und Konventionen sind da-
zu da, das System mit einer Reihe von wechselseitig bindenden normativen
Erwartungen zu versehen. Jedes soziale System braucht solche Erwartungen,
sie dienen dazu, die Welt vorhersehbar zu machen, "das macht man so", "so
haben wir das immer gemacht", "jetzt werden wir das anders machen".
Die Welt wird grundsätzlich stabiler, wenn das Selbst und das Andere,
Ego und Alter, durch ein normatives System verbunden sind (aber nicht un-
bedingt weniger gewalttätig, die Vendetta ist auch ein normatives System).
Damit über die Normen aber ein bestimmtes Verhalten nicht nur vorge-
schrieben, sondern auch vorausgesagt werden kann, müssen diese innerhalb
des kulturellen Systems verinnerlicht sein ("ich halte mich an die Norm, weil
das richtig ist") und/oder (vorzugsweise und) in der sozialen Struktur institu-
tionalisiert sein ("ich halte mich an die Regel, da ich hoffe, dafür belohnt zu
werden, oder weil ich fürchte, bestraft zu werden, wenn ich mich nicht daran
halte"). Verträge und Konventionen sind bi- und multilaterale Anstrengun-
gen, Harmonie durch normative, belohnende und strafende Macht (Erzwin-
gung) herbeizuführen. Universelle Konventionen beziehen (fast) alle Staaten
ein; dem kommen das System der Vereinten Nationen im allgemeinen, die
Charta derselben und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im be-
sonderen sehr nahe.
Unter welchen Bedingungen könnten Verträge und Konventionen zur
Friedensschaffung beitragen? "Gemeinsamer Nutzen" gilt in der Diskussion
oft als erste Voraussetzung; die Negation davon heißt "ungleiche Verträge",
eine Möglichkeit, hierarchische Beziehungen einzufrieren, mit der Hierarchie
zwischen Kriegsgewinner und Verlierer als Sonderfall. Man nennt den Ver-
trag, wie den von Versailles, dann falschlieh "Friedensvertrag", obwohl "Waf-
fenstillstand", "Kriegsbeendigung" oder "strukturelle Gewalt" angemessene-
re Bezeichnungen wären.
Wir werden den Begriff Symbiose hier etwa in der gleichen Bedeutung
verwenden wie "gemeinsamer Nutzen", d.h. alle Beteiligten gewinnen etwas
dabei, was den Grund dafür abgeben dürfte, daß sie den Vertrag bzw. die
Konvention eingehen und diese nicht nur aushandeln, sondern auch ratifi-
zieren, im Rahmen der ihnen intern zur Verfügung stehenden Prozesse.
Wir werden jedoch noch eine zweite Voraussetzung hinzufügen: die Ge-
rechtigkeit, Billigkeit. Zur Schaffung von Harmonie reicht es nicht, daß beide
Parteien "etwas" gewinnen, also keine von beiden schlechter dasteht als vor-
her. Die Übereinkunft muß gerecht sein, nicht-ausbeuterisch, so daß beide etwa
120 Friedenstheorie

den gleichen Gewinn daraus ziehen. Nur in einem solchen Fall könnten wir ei-
nen friedensstiftenden Effekt annehmen, aber auch nur als eine Hypothese.
Die Vertrags- bzw. die Konventionswelt kann universal sein, auf die gan-
ze Welt, oder partikular, nur auf Teile der Welt, eine Region, bezogen, wobei
ein Paar, das bilaterale Verständigung sucht, die kleinste Einheit wäre. Sie
behält aber die jeweilige "Bestimmtheit" des Vertrags bzw. der Konvention,
welche die wechselseitigen Erwartungen definiert. Um zurückzukommen auf
die Analogie menschlicher Paare: wir befinden uns jetzt auf der - ziemlich
spezifischen - Ebene von Kollegen oder Nachbarn.
Hierauf können wir jetzt in zwei Richtungen aufbauen, indem wir die Be-
ziehungen fester und/oder diffuser, aspektreicher, anlegen. Durch ein Regime
wird ein System von Verträgen oder Konventionen dadurch institutionali-
siert, daß Belohnungen und Strafen eingebaut werden. Und eine Organisati-
on regelt ein breites Spektrum von Themen und Aufgaben. Mit dem UN-Sy-
stern wird versucht, Universalität mit einem Maximum an Mitgliedsstaaten,
M, zu erreichen; sehr diffus, da um eine große Anzahl von Themen oder
Aufgaben herumgebaut und gleichzeitig fest institutionalisiert. Es ist natür-
lich nicht nur fraglich, ob diese Kombination durchsetzbar ist (ob diese drei
Aspekte vereinbar sind), sondern auch, ob sie wünschenswert ist. Falls etwa
Zwang die Hauptantriebskraft für das Einhalten von Regeln wird, der Einsatz
direkter Gewalt, dann sind wir sicherlich nicht dabei, Frieden zu schaffen. 70
Friedensstudien geht es aber, das war ja unser Ausgangspunkt, um Friedens-
schaffung mit friedlichen, nicht mit gewaltsamen Mitteln.
Unter welchen Bedingungen wären Organisationen oder Regimes frie-
densschaffend? Was könnten wir der Symbiose und der Gerechtigkeit hinzu-
fügen? Nun, drittens: eine Vielfalt der Parteien. Wenn man eine diffuse Be-
ziehung wünscht, die Zusammenarbeit also viele Dimensionen/Themen/Fra-
gestellungen einbegreifen soll, dann müssen die Beteiligten verschiedenartige
Aktivposten und Ressourcen einbringen, sonst wäre der gegenseitige Nutzen
begrenzt. In der Natur ist Vielfalt Voraussetzung für Symbiose, und beides
zusammen führt zu ökologischer Elastizität.
Vierte Bedingung: Homologie. Sie müssen sich finden, sozusagen ineinan-
dergreifen. In Bezug auf unsere Paar-Metapher gehen wir damit eindeutig
von Beziehungen zwischen KollegenlNachbarn über zu Beziehungen zwi-
schen Freunden, und da muß es gemeinsame Interessen und zugleich Ver-
schiedenheit geben. Damit es zur Zusammenarbeit zwischen Staaten kommt,
muß jeder Bereich des Staates A sein Gegenstück im Staate B finden; was
deshalb kein Problem ist, weil heutige Staaten nach dem gleichen Grundmo-

70 Folglich sollte man den Gebrauch des Terminus "friedensstiftend" bei Zwangsan-
wendung ablehnen. Zwang bleibt Zwang und hat die Tendenz, Gegen-Zwang zu er-
zeugen. Somalia 1993 könnte das erste Beispiel dafür sein, daß ein Volk Gegen-
zwang einsetzt, um sich einer "Friedensschaffung" zu widersetzen.
Das Staatensystem 121

delI gebaut sind (Dreiteilung der Macht, wobei die Exekutive auf ungefähr
gleiche Art und Weise in Ministerien aufgeteilt ist, usw.).
Fünftens: kreative Konfliktläsung. Konflikte sind vorprogrammiert, und
zwar nicht nur zwischen den Parteien (Dispute), sondern auch zwischen ihren
Zielsetzungen und Themen (Dilemmata), von der Kombination beider ganz
zu schweigen. Bei realen Konflikten geht es niemals nur um ein Problem
zwischen zwei Parteien; sie sind viel komplexer. Dadurch bieten sich aber
andererseits auch mehr Gelegenheiten zu einer kreativen Konfliktlösung,
weil Möglichkeiten zu bilateralen, trilateralen, quadrilateralen usw. Tausch-
geschäften bezüglich zweier, dreier oder noch zahlreicherer Streitpunkte be-
stehen. Also haben wir zwei Unterbedingungen:
- der Bereich, die Zahl der Beteiligten m, muß höher als 2 sein.
- der Umfang, die Zahl der Streitfragen n, muß höher als 1 sein.
Sechstens: Mechanismen positiver Einwilligung, d.h. kein oder nur minimaler
Einsatz von Strafen, von Zwang. An Regeln muß man sich weitgehend hal-
ten, sonst funktioniert die Assoziation nicht. Am besten wäre Einwilligung
aus innerer Überzeugung, mit anderen Worten: Verinnerlichung. Auf der per-
sönlichen Ebene bedeutet das, daß man ein gutes oder ein schlechtes Gewissen
hat. Länder dagegen, d.h. Territorien mit einem Staatswesen im Mittelpunkt
und einer uni- oder multinationalen Bevölkerung, mögen zu selbstgerecht sein,
um ein kollektives schlechtes Gewissen zu entwickeln, außer vielleicht unter
extremen Umständen (Deutschland nach dem 11. Weltkrieg?). Sie können ande-
rerseits, und das ist oft der Fall, kollektiv von sich sehr überzeugt sein, leider
häufig aus Gründen, die anderen nicht einleuchten. Dann gibt es die Möglich-
keit der Belohnung (positiv institutionalisiertes Einverständnis), d.h. man be-
lohnt die Zusammenarbeit, anstatt sich auf die Bestrafung für verweigertes Ein-
verständnis zu konzentrieren. Mit anderen Worten: positive Sanktionen, wenn
der Austausch z.B. tatsächlich dem wechselseitigen Nutzen dient.
Siebtens: Transzendenz. Die Vorstellung, daß eine Assoziation mehr ist als
die Summe (richtiger: die Menge) seiner Mitgliedsstaaten, muß konkretisiert
werden. Das könnte in der ad hoc-Form periodischer Konferenzen geschehen
oder mittels eines institutionalisierten Sekretariats, in dem ein Mitarbeiterstab
die Interessen der Assoziation wahrnähme. Die Aufgabe einer solchen Konfe-
renz oder eines solchen Sekretariats ist definiert durch die sechs vorhergehen-
den Punkte.
Diese sieben Punkte also kennzeichnen ein ausgereiftes assoziatives Sy-
stem, das auf Symbiose und Vielfalt beruht. Damit stellen wir offensichtlich
ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten vor, das von Verträgen über Fische-
reirechte in einem Grenzfluß bis zum gesamten UN-System reicht, und Sub-
typologien haben wir schon angedeutet. Innerhalb dieses Paradigmas kann
viel Harmonie und Frieden geschaffen werden.
122 Friedenstheorie

(3) Konföderative Staatensysteme. An welchem Punkt sind wir nun ange-


langt? Wie unterscheidet sich ein konföderatives System, eine Konfödera-
tion, von einer Staatenorganisation, bei der die obigen sieben Grundprinzi-
pien erfolgreich umgesetzt worden sind? Das ist eine entscheidende Frage
und einer der Hauptgründe, weshalb dieser Schritt wichtiger ist als der Un-
terschied zwischen einem Vertrag und einer Konvention bzw. Organisation,
wie eben diskutiert; deshalb sollten wir ein weiteres Mal mit Hilfe der Paar-
Metapher an diese Frage herangehen.
Wir haben verfolgt, wie sich das Paar vom Zustand der Beziehungslosig-
keit (Dissoziation) über das Verhältnis von Kollegen/Nachbarn zur Freund-
schaft (Assoziation) hin bewegt hat, wobei das Gefühl der Verpflichtung ge-
genüber der Verbindung immer stärker geworden ist. Im konföderativen Sta-
dium sind sie aber nicht mehr "nur Freunde". Sie werden als Paar betrachtet.
Dies ist eine höhere Ebene der Beständigkeit, obwohl sie sich immer noch
zur Trennung entschließen können. Sie betrachten ihre Beziehung eher als in
sich gefestigt denn als institutionalisiert im gesamten Staatensystem. Auf der
Paar-Ebene wäre "Kohabitation" heute das entsprechende Modell, "wir ent-
scheiden, nicht die Gesellschaft".
Hinter einer solchen Entscheidung stehen tiefere Beziehungen als eine
Kollegen/Nachbarn-Rationalität, die auf kompatiblen Interessen beruht. Nen-
nen wir es Liebe. Das Verhältnis ist auch sehr vielschichtig, umfaßt viele Be-
reiche, und was sehr wichtig ist: Der Spielraum ist unbegrenzt, es gibt keine
Grenzen für Kooperation. Es existiert keine Kodifizierung, die die Bereiche
wechselseitiger Kooperation festlegt und dadurch alle anderen Bereiche als
irrelevant und in normativer Hinsicht als bedeutungslos erklärt. In einer Kon-
föderation kann alles Gegenstand einer Zusammenarbeit werden; überdies er-
wartet jeder Beteiligte, daß ihn der jeweils andere als bevorzugten Ko-
operationspartner behandeln wird.
Soll dies funktionieren, müssen die Beteiligten in irgendeiner Form zu-
sammenwachsen, muß die Verbindung verinnerlicht werden. Bei einem Paar
müssen beide die Belange des/r jeweils anderen verinnerlichen, so, als wären
es die eigenen. Das Verbindende bewegt sich über den Bereich einer berech-
nenden, auf Nützlichkeit ausgerichteten (egozentrischen) Rationalität hinaus
in den der tiefen Gefühle; es werden tiefere Schichten der Psyche, des Gei-
stes, der Seele angesprochen.
Damit etwas Ähnliches im Rahmen von Staatensystemen geschehen kann,
reicht es nicht hin, daß sich Regierungsvertreter der von ihnen geschaffenen
zwischenstaatlichen Organisation tief verbunden fühlen. Dazu gehört mehr.
Und hier erscheint nun das nicht-staatliche System auf der Bildfläche: die
Bürger aller betroffenen Länder und deren Assoziationen, die nationale und
internationale Zivilgesellschaft. Positive Verbindungen sollen demnach nicht
allein zwischen Regierungen bestehen, sondern auch zwischen Nicht-Regie-
rungen, NGOs, die in das Gesamtsystem alle Arten hauptsächlich positiver
Das Staatensystem 123

Interaktion einspeisen, wodurch dieses sehr dicht, sehr lebendig wird und
über Grenzen hin verflochten. Dies kann man als eine Bedingung formulie-
ren, wie im folgenden geschehen.
Achtens also: Entropie, d.h. eine Verteilung der gesamten Interaktions-
masse auf alle Beziehungen, nicht nur auf die innerhalb von Ländern zwi-
schen Staat und Nicht-Staat oder, außerhalb, zwischen Regierungen. Wie bei
Paaren, die nicht nur durch eine tiefe Sympathie, die es auch in Freundschaf-
ten gibt, verbunden sind, sondern auch durch körperliche Vereinigung und
seelische Gemeinsamkeiten. Heute können die Europäische Gemeinschaft
(vor Abschluß des Maastricht-Vertrages), die Nordische Gemeinschaft (vor
dem Beitritt dreier ihrer Mitglieder zur Europäischen Union) und die Verei-
nigung Südostasiatischer Nationen (ASEAN) als Beispiele für Konföderatio-
nen dienen. Man zieht einen losen Kreis um "uns" und um "die anderen",
wobei manche kommen und andere gehen. In dem Maße, wie dies geschieht,
wird ein neuer Akteur geboren, ein Super-Akteur.

(4) Föderative Staatensysteme. In einer Föderation soll ein solcher Super-


Akteur ewig Bestand haben, wie ein Paar, das verheiratet bleiben soll, "bis
daß der Tod uns scheidet". Das Verhältnis wird innerhalb des Gesamtsystems
institutionalisiert und nicht nur von den Beteiligten verinnerlicht. Lassen sich
Konföderationen zweieiigen Zwillingen vergleichen, dann sind föderale Sy-
steme nicht nur eineiige, sondern in der Tat Siamesische Zwillinge, die le-
benswichtige Organe in dem Ausmaß teilen, daß man sie nicht mehr trennen
kann; trennte man sie dennoch, wäre wenigstens einer von beiden irreparabel
beschädigt. Generell gilt, daß Staaten gerade dort zusammenwachsen, wo es
nötig ist, um im Gesamtsystem ein Super-Akteur zu werden:
politisch: durch eine gemeinsame Außenpolitik (Entscheidungen);
ökonomisch: durch eine gemeinsame Finanzpolitik (Währung, Zentralbank);
militärisch: durch eine gemeinsame Sicherheitspolitik (Armee);
kulturell: durch geteilte kulturelle Identitäten (Werte, Überzeugungen).
So entsteht innerhalb der Föderation ein Zentrum durch Zusammenwachsen,
durch gemeinsame außenpolitische Entscheidungen, eine gemeinsame Wäh-
rung (und eine Zentralbank), eine gemeinsame Armee und durch den Aufbau
einer Super-Nation im Wege der Betonung einer gemeinsamen Kultur ("Ame-
rikaner" für die USA, "der neue Sowjetmensch" für die Sowjetunion, "Euro-
päer" für die Europäische Union, "Südslawen" für Jugoslawien). Zusätzlich
zur Teilhabe an einem gemeinsamen Zentrum kann man viel Kooperation
zwischen den Peripherien unterstellen.
Eine Föderation ist eine intensive Beziehung. Eine Trennung wird jetzt als
"Umsturz" gebrandmarkt, und man wirkt ihr mit Normen entgegen, die bein-
halten, daß die Föderation "ewig" ist. Wie bei einem Paar kann das funk-
tionieren, aber auch nicht, je nachdem, ob die Föderation über Bruchlinien
124 Friedenstheorie

gebaut ist mit nicht zu erkennenden oder zumindest nicht erkannten Harmo-
niestellen, die politische Erdbeben verhindern können - wenn man sie findet.

(5) Einheitsstaatssysteme. Hier wachsen die Staaten, freiwillig oder nicht, zu


einem Staat zusammen, und dies nicht nur im Zentrum, sondern auch an der
Peripherie: vereinheitlichte Wirtschaftssysteme, Erziehungssysteme usw. An
der Peripherie werden keine wichtigen Entscheidungen getroffen, nur Ent-
scheidungen darüber, wie das, was im Zentrum beschlossen wurde, durchge-
führt werden soll. Dies kommt dem Zustand von Paaren, die in vollkomme-
ner Harmonie leben, sogar anfangen, sich ähnlich zu sehen, sehr nahe. Reicht
die Größe aus, können wir sagen, daß ein Super-Staat entstanden ist. Viele
heute bestehende Staaten waren einmal Super-Staaten, aber der Maßstab ver-
ändert sich im Laufe der Zeit.
Wir haben also im wesentlichen fünf Alternativen zu gewalttätigen Staa-
tensystemen: dissoziative, elementar assoziative (mit vier Untertypen) und
fortgeschritten assoziative: konföderative, föderative und einheitsstaatliche.
Die Frage ist nun, in welchem Ausmaß diese Friedenssysteme sind. Die Fra-
ge besitzt offensichtlich einen Innen- und einen Außen-Aspekt: Schafft es
das System, im Inneren Gewalt einzudämmen und Konflikte zu transformie-
ren, und in welcher Beziehung steht das System zum übrigen Staatensystem?
Viele der heutigen Staaten waren einmal Staatensysteme (Deutschland), und
sie können zu diesem Zustand zurückkehren (die Sowjetunion, Jugoslawien);
viele der heutigen Staaten könnten morgen Komponenten von Superstaaten
werden (die fünfzehn Mitglieder der Europäischen Union, die konföderative,
föderative und unitarische Aspekte verbindet).
Es gibt keinen Grund zu glauben, daß Super-Staaten friedlicher sind als
Staaten. Solange sich die Umwelt eines Superstaates nicht verändert hat, führt
die Bildung von Superstaaten nur zu einer Transformation des Gewaltproblems
oder gar des Krieges auf eine proportional höhere Ebene, wenn es sich um ei-
nen Akteur mit Bindekraft, also um ein föderatives oder ein unitarisches Sy-
stem handelt. Ceteris paribus gilt: Je mehr sich die Assoziation einer Einheit
nähert, desto größer wird die Bedrohung derer, die außerhalb stehen.
Wir können die Schlüsselhypothesen wie folgt zusammenfassen:

Staatensystem friedensstiftende friedensbedrohende


Kapazität im Inneren Kapazität nach außen
1. dissoziativ gering gering
2. assoziativ gering bis mittelgroß gering bis mittelgroß
3. konföderativ mittelgroß mittelgroß
4. föderativ groß groß
5. unitarisch sehr groß sehr groß

Das Dilemma ist deutlich: Die Organisation desjenigen Territorialsystems,


das am besten in der Lage ist, im Inneren Frieden zu schaffen, kann gleich-
Das Staatensystem 125

zeitig die Organisation sein, die nach außen den Frieden am meisten bedroht.
Deutschland hat unter den deutschen Territorialeinheiten den Frieden wahren
können," aber um welchen Preis für das übrige Europa? Desgleichen die
USA,72 die die föderative Einheit durch den Bürgerkrieg gefestigt haben,
oder auch die Sowjetunion nach dem Bürgerkrieg von 1918-1922.
Die Logik ist simpel. Der Aufbau einer festen Staatsorganisation im Zen-
trum des Supersystems (also auf Föderations- oder Einheitsstaatsebene, denn
auf den anderen Stufen besteht der Staat als gemeinsame Organisation nur in
embryonaler Form) reguliert die Beziehungen zwischen den Bestandteilen,
und zwar häufig durch kreative Konfliktlösung und positive Einwilligungs-
mechanismen. Aber eben diese Staatsorganisation verleiht dem neuen System
auch Kohärenz nach außen. Eine potentielle Bedrohung des Friedens ist ent-
standen, da einige Staaten einbezogen und andere ausgeschlossen wurden.
Die gleichen Mechanismen, die auf Ebene E friedensstiftend sind, können
auf der Ebene E + I kontraproduktiv werden. Die hochproblematische
Schlußfolgerung lautet: Schließe niemanden aus, mache die ganze Welt föde-
rativ oder unitarisch. Machbar? Wünschenswert?

5.4 Territoriale Friedenssysteme und Rasse - Klasse -


Nation
Die Schwierigkeiten mit einer Weltregierung, sei sie föderativer oder unita-
rischer Art, werden in dem Moment offensichtlich, in dem wir obige Analyse
verkomplizieren und andere Bruchlinien einbeziehen. Wenn ein Territorium
eine Gesellschaft beherbergt, dann müssen Natur für die Produktion, zwei
Geschlechter für die Reproduktion und mehrere Generationen vorhanden
sein. Hier gibt es keine Wahl. Gesellschaften kommen mit diesen drei Bruch-
linien mehr oder weniger gut zurecht. Bezüglich der nächsten drei: Rasse,
Klasse und Nation, gibt es jedoch Wahlmöglichkeiten, gibt es uni- oder multi-

71 Die deutsche Konföderation, der Deutsche Bund, hatte als Nachfolger zwei Ein-
heitsstaaten, Das Zweite Reich (Bisl1Ulrck 1871-1918) und Das Dritte Reich (Hitler
1933-45), und danach eine Föderation, die Bundesrepublik Deutschland, seit 1949.
Eine begründete Vermutung: Das nächste Mal wird Deutschland wieder eine Konfö-
deration.
72 Ursprünglich auf der Grundlage der Articles of Confederation, 1781-89, als Vorbe-
reitung auf eine stärker föderative Verfassung. Die Schweiz begann ebenfalls als
Konföderation von Kantonen, wurde aber seit 1874 gemäß den hier benutzten Krite-
rien zu einer Föderation (die nationalen Autokennzeichen mit CH, Confederatio He/-
vetica, sind nicht korrekt; es sollte FH darauf stehen). Für eine exzellente Analyse
der Schweizer Struktur und Entwicklung, in vielerlei Hinsicht ein Modell für die
Welt, s. Wolf Linder: Swiss Democracy.· Possible Solutions to Conflict in Multicultu-
ral Societies, New York 1994.
126 Friedenstheorie

rassische, Ein- oder Viel-Klassen- und uni- oder multinationale Gesellschaf-


ten."
Wir erhalten acht Kombinationsmöglichkeiten, die alle von Bedeutung sind:

Rasse Klasse Nation Kommentar


1. Uni Uni Uni Geschlechter-/Generationengegensatz?
2. Uni Uni Multi Nationale territoriale Separation?
3. Uni Multi Uni Klassengesellschaft mit großer Mobilität
4. Uni Multi Multi Nationen werden zur Schichtenbildung neigen
5. Multi Uni Uni Rassische territoriale Separation?
6. Multi Uni Multi Die Friedensutopie
7. Multi Multi Uni Rassen werden zur Schichten bildung neigen
8. Multi Multi Multi Rassen und Nationen werden Schichten bilden

Die Kommentare gründen auf der allgemeinen Annahme, daß die menschli-
che Fähigkeit, sehr eng mit denen zu leben, die sehr verschieden sind, be-
grenzt ist; eine Annahme, die selbst Einschränkungen unterworfen ist." Neh-
men wir aber einmal an, sie besäße einige Gültigkeit. In diesem Fall werden
Dissoziationen stattfinden, und zwar auf der gesellschaftlichen Ebene in
Form von Schichtenbildung (oben 4, 7 und 8), und auf der räumlichen Ebene
in Form von Trennungen (2 und 5). Mehr-Klassen-Systeme dienen als Nähr-
boden für Schichtenbildung; Grenzen, die man auf der Landkarte zieht, die-
nen der Entstehung neuer Länder.
In einer Einklassen-Gesellschaft (d.h. einer mit nur wenigen Unterschie-
den in Lebensqualität und -quantität) wird man die territoriale Lösung bevor-
zugen, in einer Mehr-Klassen-Gesellschaft (mit ausgeprägten Unterschieden)
die Schichtenbildung. In der früheren Republik Südafrika kamen beide Mög-
lichkeiten in der Apartheid zusammen, gab es Schichtenbildung und territo-
riale Trennung in einem Land. Nun zu:
1. Uni - Uni - Uni. Die Einwohner sind oder empfinden sich als eine Rasse
und eine Nation und leben grundsätzlich in einer Ein-Klassen-Gesellschaft.
Im Prinzip heißt das, daß drei der Bruchlinien beseitigt sind (die Deutschen

73 Statt "multi-national" wird oft der Begriff "multi-ethnisch" verwendet, wobei das
Problem darin besteht, daß "ethnisch" meist auf den Anderen, nicht auf das Selbst,
angewendet wird, wie in ,,Let's go out and taste some ethnic cooking tonight". Eben-
so ruft die Modebranche von Zeit zu Zeit "ethnische" Kleidungsstile aus ("the ethnic
look").
74 Eine Einschränkung wäre, daß das besonders für den homo occidentalis mit seinem
manichäischen Paradigma gilt, dem eine Dichotomie mit einem starken Gefälle zwi-
schen schwarz und weiß, schlecht und gut fest eingeprägt ist. Anders = schlecht wäre
eine konkrete Lesart dieser Prägung.
Das Staatensystem 127

haben den schönen Ausdruck "aufgehoben"). Die taoistische These aber,


formulieren wir sie als "Widerspruch oder Tod"", würde uns zu der Hypo-
these veranlassen, daß die Dynamik der Gesellschaft von den ersten drei auf
der Liste der Bruchlinien getragen wird oder von der Bruchlinie Staat/Nicht-
Staat.
3. Uni - Multi - Uni. Das wäre eine homogene Gesellschaft mit weichen
Klassengrenzen; weich, weil sie nicht durch Rasse sichtbar oder durch Natio-
nalität hörbar gemacht werden (wenn wir davon ausgehen, daß Sprach-
unterschiede und kulturelle Rituale hörbar sind). Mobilität sollte im Prinzip
einfacher sein als in Gesellschaften, in denen Klassen eine Rassen- und/oder
nationale Grundlage haben, was die Klasse einer Kaste ähnlicher macht. Dies
ist der westliche Prototyp, die nationalstaatliehe Klassengesellschaft.
6. Multi - Uni - Multi. Das wäre die viel gelobte multirassische und multi-
ethnische, aber zugleich Einklassen-Gesellschaft. Sie unterscheidet sich von
(1) darin, daß Rasse und Nation subjektiv und objektiv vorhanden sind, die
Menschen es aber fertigbringen, innerhalb eines Landes und einer Klasse zu-
sammen zu leben. Daß es hierfür auf der Welt keine empirische Beispiele
gibt, sollte man ernst nehmen, aber es sollte nicht dazu führen, daß man auf-
hörte, nach dieser dreifachen Harmonie zu suchen.'·
Wenn man folgert, daß multirassische bzw. -nationale Gesellschaften meist
vertikal gegeneinander isoliert und/oder horizontal separiert sind, dann ist die
nächste Frage: wie sehr? Eine Hypothese wäre, daß multirassische bzw. -na-
tionale Gesellschaften ein besonders steiles Klassengefälle besitzen; eine an-
dere, daß horizontal separierte Föderationen, bei denen die Teile in einem
starken Zentrum zusammenhängen, unzureichend sind.
Mit anderen Worten, multinationale (und multirassische) Föderationen (in
denen Nationen und Rassen sich auf Staaten oder Republiken, oder wie man
sie auch immer nennt, verteilen) sind nicht lebensfähig; sie sind zu unbe-
weglich. Europa hat den Zusammenbruch dreier von ihnen (Sowjetunion, Ju-
goslawien und Tschechoslowakei) innerhalb von zwei Jahren, zwischen

75 Ziemlich anders als die okzidentale Version patria 0 muerte, Vaterland oder Tod, der
Wahlspruch, den Castro berühmt gemacht hat. Patria ist widerspruchsfreier; aber
darum schon den Tod akzeptieren?
76 Um etwas Offensichtliches auch auszusprechen: Die USA sind kein Beispiel hierfür,
aufgrund der Tatsache, daß die eingeborenen Amerikaner ausgerottet wurden, eben-
so wie aufgrund der Art und Weise, in der einwandernde Rassen und Nationen in-
nerhalb eines soliden Klassensystems mit Kasten-Aspekten stratifiziert und dann
"amerikanisiert" werden. Bosnien-Herzegowina war multinational, aber die Kon-
struktion scheint der Diktatur Titos als Bedingung für den Zusammenhalt bedurft zu
haben (oder der Osmanen, der Okkupation/Annexion durch die Habsburger, der
kroatischen Diktatur unter Pavelic).
128 Friedenstheorie

1991-93, gesehen." Es wäre jedoch keine Lösung, wenn sie stattdessen Ein-
heitsstaaten gewesen wären! In diesem Fall hätten Klasse und Nation noch
stärker korreliert. Die genannten Staaten konnten nur mit viel Zwang als Fö-
deration zusammengehalten werden, und es hätte noch größeren Zwanges
bedurft, um die Einheitsstaats-(Nicht-)Lösung durchzusetzen.
Und damit ist zugleich die Frage nach der Lebensfähigkeit einer Weltre-
gierung an der Spitze einer Weltföderation oder eines Welteinheitsstaates be-
antwortet. Alle Bruchlinien bezüglich Rasse, Klasse und Nation verliefen
dann im Innern. Sie stehen schon heute miteinander in Wechselbeziehung
und dürften in einem solchen System noch enger korrelieren. In einem der-
artigen System würde die Machtausübung im wesentlichen nach unten ge-
richtet sein, und das Resultat wären zahllose Fälle, in denen das Zentrum in
der Peripherie intervenieren würde, um die Rasse-Klasse-Nation-Kombina-
tion unter Kontrolle zu halten. 78 Direkte Gewalt würde auf die strukturelle
Gewalt folgen; von oben, also vom Zentrum, aber auch von unten, aus der
Peripherie. Unter dem Strich hätte das mit Frieden nicht viel zu tun.
Das aber gilt auch für das entgegengesetzte Szenario: die totale Trennung,
das dissoziative Modell. In diesem Fall ist horizontale strukturelle Gewalt am
Werk, eine Territorialstruktur, die die Menschen auseinanderhält. Dieser gan-
ze Mechanismus des 20. Jahrhunderts aus Grenzen", Grenzkontrollen, Visa,
Pässen, Stempeln und anderen Ärgernissen verkörpert strukturelle Gewalt,
die den uneingeschränkten Kontakt jedes mit jedem anderen, den gänzlich
anderen eingeschlossen, verhindert. Das Problem ist jedoch, daß für manche
die enge Nähe zum Anderen auch Gewalt bedeutet, und man sollte solche
Menschen deshalb nicht unbedingt als Rassisten, als bigotte, als Antisemiten
usw., abstempeln. Hilfreicher wäre die Einsicht in die begrenzte Verarbei-
tungsfähigkeit der Menschen von Selbst-Andere-Unterschieden und dann -
die Suche nach neuen Ansätzen.
Gewalt also, wenn Menschen auseinandergehalten werden, und Gewalt,
wenn man sie zusammenbringt? Genau. Hier gibt es keinen (logischen) Wi-

77 Und man kann den vorherigen (fast vollständigen) Zusammenbruch des britischen
Empire und des französischen Kolonialsystems zu Systemen eher konföderativer Art,
des Commonwealth of Nations und der Communauu! Franraise, auch als Reaktion
betrachten auf die starke vertikale strukturelle Gewalt, die Föderationen eigen ist.
78 Die UNO-Aktion in Somalia, die gegen Ende des Jahres 1992 als humanitäre Aktion
begann und allmählich zur Frage wurde, wer letztlich die Macht besitzt, kann hier als
Beispiel dienen. Die Geschichte wird das, was geschehen ist, wahrscheinlich weniger
als humanitären Akt, sondern eher als ersten Unabhängigkeitskrieg eines Volkes ge-
gen das, was in der Welt einer Weltregierung am nächsten kommt, die UNO nach
dem Kalten Krieg, klassifizieren.
79 Mittelalterliche Systeme benötigten weniger Kontrolle über den Grenzverkehr von
Personen. Zusammenhalt könnte mit anderen Mittel gesichert werden, durch Ehen
zwischen königlichen Familien etwa und über den mächtigen Einfluss einer über-
greifenden nichtterritorialen Institution, der Katholischen Kirche (pax ecclesiae).
Das Staatensystem 129

derspruch, teils, weil alles Soziale mit Widersprüchen behaftet ist, und teils,
weil wir vielleicht über Gewalt gegenüber verschiedenen Menschen spre-
chen. Die beste allgemeine Lösung, die uns heute zur Verfügung steht, ist
wahrscheinlich das konföderative Schema. Multinationale Konföderationen
zwingen niemanden zur Nähe, erleichtern aber denen das Zusammenkom-
men, die dies wollen, indem sie die Grenzen durchlässig machen, also nicht
nur den Visums-, sondern auch den Paßzwang beseitigen. Darüberhinaus
kann, wie schon oben angedeutet, eine Konföderation leichter neu ausgehan-
delt werden, und es ist grundsätzlich möglich, sie zu verlassen; sie ist weder
zu freizügig noch zu eng, liegt sozusagen in der Mitte.
Was ist dann an einer Konföderation schlecht? Die Schwierigkeit besteht
darin, sie stabil zu halten, sie gegen die Scylla der Föderation und die Cha-
rybdis der elementaren Assoziation zu schützen. Die Konföderation ist nicht
sehr stabil, und es gilt noch, Mechanismen zu entwickeln, die ihr ein stabiles
Gleichgewicht verleihen.
Ich würde also konföderative Lösungen für die meisten Probleme des
territorialen Systems empfehlen, weil Konföderation die Gleichheit aller
impliziert und gleichzeitig ein starkes Zentrum fehlt, das Widerspenstige be-
strafen und Konflikte mit äußeren Akteuren in Gang setzen könnte. Folglich
spricht vieles für
- Bosnien-Herzegowina als Dreierkonföderation;
- Jugoslawien III als Konföderation nach dem Einheitsstaat Jugoslawien I
(1918 - 41) und dem föderalen Jugoslawien 11 (1945-91);
- Südosteuropa (der "Balkan") als Konföderation;
- die Europäische Union als Konföderation, die die föderalen Aspekte nicht
verwirklicht;"O
eine paneuropäische Konföderation vom Atlantik zum Pazifik, gestützt auf
die OSZE, den Europarat und die Economic Commission for Europe der
UNO;
- die Welt als Konföderation durch die Stärkung der horizontalen Bande in
der UNO und die Beibehaltung der schwachen Superstruktur: Global Go-
vernance eher als Weltregierung.
In der Welt von gestern konnte man drei Regionen als multinationale Konföde-
rationen und Friedenssysteme bezeichnen: die Nordischen Länder, die Europäi-
sche Gemeinschaft und die Vereinigung Südostasiatischer Nationen (ASEAN).
Dies bedeutete 5+ 12+6=23 Nationen der bald 190 UNO-Mitgliedsstaaten, die
den internen Krieg zwischen Mitgliedsstaaten zwar nicht "undenkbar", aber

80 Maastricht-Vertrag, Abschnitt V, Artikel J, insbesondere 1,4 und 4,1. Abschnitt 11,


Artikel 3 dieses Vertrages definiert 20 Aktivitäten der EU, welche die einheitsstaat-
lichen Aspekte derselben sehr deutlich machen. Begründete Annahme: Die Lebens-
erwartung dieser multinationalen Föderation wird sehr begrenzt sein.
130 Friedenstheorie

doch höchst unwahrscheinlich gemacht haben. Alle neun obigen Kriterien


waren hier einigermaßen zufriedenstellend erfüllt. Diese Leistung sollte nicht
heruntergespielt werden. Auch sollte die aus nichtstaatlicher Sicht solide In-
frastruktur, die Bürgerorganisationen, die die Mitgliedsstaaten von unten ver-
binden, nicht unterschätzt werden, da sie der achten Bruchlinie entgegen-
wirken, dies vielleicht auch international (im Falle der EU und sogar der UN
als Superstaaten).

5.5 Schlußfolgerung: Was können wir tun?


Oben haben wir einige der relevanten friedensschaffenden und friedensbe-
drohenden Dimensionen gestreift. Hier noch eine weitere: die morpho-
logischen Neigungen der Kulturen. Die unitarische und die föderale Lösung
sind deutlich unizentrisch, die konföderale ist polyzentrisch, die assoziative
Lösung braucht eine Art generellen gesellschaftlichen Bindemittels, um die
Teile zusammenzuhalten, und die dissoziative Lösung hält nichts zusammen.
Wenn wir das, was Länder in einem Staaten system zusammenhält, Gott nen-
nen, dann geht es hier jeweils um monotheistische, polytheistische, panthei-
stische und atheistische Strukturen. Und die allgemeine Behauptung ist dann
offensichtlich die folgende: "Sage mir, welcher Religion du angehörst, und
ich sage dir, an welche Friedensordnung du glaubst." Monotheisten werden
in der Regel für eine Weltregierung sein (der unitarischen oder der föderalen
Art), Poly theisten werden multizentrische Konföderationen bevorzugen, Pan-
theisten werden, wie Gandhi, nach "ozeanischen Kreisen" suchen, die alles
zusammenhalten, und Atheisten werden Ungläubige sein, "Realisten", und
die Staaten, die Teile, auseinanderhalten.
Auf der individuellen Ebene läßt sich das natürlich nicht so einfach vor-
aussagen, aber vielleicht doch auf der Ebene von Welt-Kulturen. Im allge-
meinen würden wir eine Vorliebe für eine Weltregierung und auch für Disso-
ziation im monotheistischen, auch im säkularen, Okzident erwarten und eine
Vorliebe für lockerere Assoziationen im polytheistischen, pantheistischen
und eklektischen Orient. Die Debatte verläuft also nicht unbedingt auf der
friedensrationalen Ebene entlang Kantischer oder Weberscher Argumenta-
tionslinien, sondern sie ist eher Ausdruck schon eingenommener Positionen
der Zivilisationen; daher ist es schwer, hier etwas beizutragen. Somit schlie-
ßen wir mit der These vom Primat der Kultur.
Teil 11: Konflikttheorie
1 Konfliktformationen

1.1 Der Konflikt als schöpferische und als zerstörerische


Kraft
Eine Konflikttheorie ist für Entwicklungsstudien ebenso unverzichtbar wie
für Friedensstudien. Entwickeln heißt schöpferisch tätig sein. Das gilt auch
für den Frieden, aber hier liegt eine besondere Betonung auf der Gewaltmin-
derung und der nicht-gewalttätigen Konflikttransformation. Tief im Inneren
eines jeden Konflikts besteht ein Widerspruch, es gibt etwas, was etwas an-
derem im Weg steht. Mit anderen Worten, es gibt ein Problem. Und was
könnte einem beliebigen Akteur, einem individuellen oder einem kollektiven
Akteur, besser als force motrice dienen als ein Problem, das nach einer Lö-
sung verlangt?
Es gibt aber auch etwas Bedrohliches, insbesondere dann, wenn das Pro-
blem hochgradig lösungsresistent ist. "Etwas, das etwas anderem im Weg
steht." Ich habe ein starkes Verlangen nach etwas, aber ein anderer hat das
auch. Ich habe ein starkes Verlangen nach etwas, aber mich verlangt auch
nach etwas anderem. Diese klassischen Ausgangslagen werden wir die ele-
mentaren Konfliktformationen oder Konfliktatome nennen:
Disput: Zwei Menschen oder Akteure verfolgen das gleiche knappe
Ziel/Gut
Dilemma: Ein Mensch oder Akteur verfolgt zwei nicht miteinander zu ver-
einbarende Ziele/Güter.
Der Disput kann leicht zum Versuch führen, dem Akteur, dessen Streben als
hinderlich empfunden wird, Schaden zuzufügen oder ihn zu verletzen; mit
anderen Worten zur Zerstörung des Anderen. Das Dilemma dagegen kann
dazu führen, daß man versucht, sich selbst etwas zu versagen, mit anderen
Worten, zur Selbstzerstörung. Aber auch im Disput kann es zur Selbstzerstö-
rung kommen (man versagt es sich selbst, ein schwer greifbares Ziel zu ver-
folgen, z.B. die Führung einer Gruppe), und im Dilemma kann es zur Zerstö-
rung des Anderen kommen (man läßt "etwas", die Frustration, an einem an-
deren aus). Wir erleben fast alle täglich beide Versionen. Ein Konflikt er-
zeugt Energie. Die Schwierigkeit liegt darin, diese Energie in konstruktive
Bahnen zu lenken.
134 Konflikttheorie

Das erinnert an die klassische chinesische doppelte Definition von "Krise"


- ein Begriff, der dem des "Konflikts" verwandt ist - als "Gefahr" und
"Chance". Die "Gefahr" steht in enger Beziehung zur "Gewalt", und die
"Chance" kommt der "Herausforderung", der Wurzel allen schöpferischen
Tuns, ziemlich nahe. Eine alte chinesische Weisheit, ganz anders als die ein-
seitige Angst in Bezug auf Konflikte, die zum Versuch führt, diese durch Lö-
sung/AuflösunglÜberwindung loszuwerden, ja sogar, sie zu verstecken, in-
dem man sie "unter den Teppich kehrt", d.h. aus dem persönlichen und so-
zialen Bewußtsein entfernt.
Eine diesem Zugang zur Konfliktproblematik zugrundeliegende These ist
die, daß es zu einer kreativen Konfliktlösung keine brauchbare Alternative
gibt. Die Frage ist, wie man eine solche zuwege bringt.

1.2 Die Dialektik des Manifesten und Latenten und das


Konfliktdreieck

Die Aussage: "hier besteht ein Konflikt", sollte immer als Hypothese be-
trachtet werden, nicht als etwas Offenkundiges oder gar Triviales, worüber
leicht ein Konsens herzustellen ist. Wahr ist, daß oft gefolgert wird, ein
Konflikt sei im Entstehen, wenn bestimmte destruktive Verhaltensweisen, V,
insbesondere in Form von gewaltsamen physischen oder verbalen Handlun-
gen oder einer feindlichen Körpersprache, auf der manifesten, offenkundigen
Ebene wahrgenommen werden können.
Aber: Wir haben gerade argumentiert, daß ein Konflikt, insofern er ein
Problem bezeichnet, auch zu konstruktivem Verhalten führen kann, wie z.B.
zu tiefdringenden meditativen Haltungen, bekannt auch als "innere Dialoge",
und zu "äußeren Dialogen" mit anderen bezüglich der Probleme. Das de-
struktive Verhalten zerstört, verletzt, schadet; das konstruktive Verhalten
baut etwas auf. Beide können zur gleichen Zeit und am gleichen Ort beste-
hen, in derselben Person; sie sind nicht inkompatibel.
Es gibt also keine einfache Beziehung zwischen Konflikt und Kon-
fliktverhalten, wenn man das Doppelwesen des Konflikts im Auge behält.
Ein Beispiel: Wenn man ehemals feindselige Antagonisten beobachtet, wie
sie zusammen und/oder mit einem Konflikthelfer sich auf kreative Weise auf
eine grundlegende Konflikttransformation hin bewegen, kann man hektische
Ausgelassenheit, sichtliche Erregung, tiefes Glück, ja sogar Liebe wahr-
nehmen. Und doch besteht der Konflikt weiter. Zweifellos erleben viele
Menschen ihre Sternstunde, wenn ein Konflikt sich entfaltet. Andererseits
haben wir es vielleicht mit einer neurotischen Persönlichkeit zu tun, wenn
Spannungen für diese zur notwendigen, nicht nur hinreichenden Vorausset-
zung des Wohlbefindens werden. Wenn jemand Konflikte schafft, um eine
Konfliktformationen 135

solche Zufriedenheit zu erlangen, bewegen wir uns vielleicht schon im Be-


reich des Psychotischen. Und wenn der betreffende Mensch darüber hinaus
diese Konflikte nutzt, um seine Lösungen zu diktieren, kann man ihn viel-
leicht als "Psychopathen" bezeichnen.
In allen diesen Fällen und in anderen, in denen Konfliktverhalten zutage
tritt, steckt offensichtlich etwas Bestimmtes dahinter. Nennen wir dieses Ver-
steckte Annahmen (Erkenntnisse) und Einstellungen (Gefühle), und fassen
wir diese unter dem Buchstaben A zusammen. Dann gibt es den Inhalt des
Konflikts, des Pudels Kern, um Goethes Worte zu benutzen, von dem wir an-
nehmen, daß es sich um einen Widerspruch, W, handelt. Beim Widerspruch
muß etwas Gewünschtes im Spiel sein. Nennen wir es ein Ziel und seine Er-
füllung einen Ziel-Zustand. Dann haben wir:
Widerspruch: inkompatible Zielzustände in einem zielsuchenden System;
Konflikt: Annahmen! Einstellungen + Verhalten + Widerspruch/Inhalt.
Mit anderen Worten: Konflikt = A + V + W Der Konflikt ist ein triadisches
Konstrukt. Hat man nur einen der drei Bestandteile im Auge, wird einem
selbst dessen Bedeutung wahrscheinlich entgehen.
Wir werden nur lebende Systeme als zielsuchend akzeptieren, da nur sol-
che in der Lage sind, das Erreichen eines Ziels als Glück (sukha) und dessen
Verfehlen als Leiden (dukkha) zu empfinden. Wir werden also niemals vor-
aussetzen, daß ein Geschlecht, eine Generation, eine Rasse, eine Klasse, eine
Nation, eine territoriale Einheit (eine Gemeinde, ein Verwaltungsbezirk, ein
Land, eine Region oder die Welt insgesamt), ein Staat oder ein Superstaat
Ziele haben können. Sie sind allesamt Abstraktionen. Das Glück, das durch
das Erreichen eines Ziels, und das Leiden, das durch das Nichterreichen des-
selben entsteht, setzen das Vorhandensein eines Subjekts voraus, wie primitiv
dieses auch sein mag, das in der Lage ist, ein sukha-dukkha-Gefälle zu emp-
finden. Somalia hat keine Ziele, auch die USA haben sie nicht, aber be-
stimmte Eliten in beiden Ländern (und nicht nur diese) können sogar sehr
klar formulierte Ziele haben. Mineralien, Wasser, Luft sind keine Abstrak-
tionen, aber wir gehen im allgemeinen kaum davon aus, daß sie das erwähnte
Gefälle wahrnehmen. Beim Konflikt geht es uns um alles Lebende, aber wir
müssen Nicht-Lebendes davon ausnehmen.
Ein Konflikt hat also mit Leben zu tun, es geht um Widersprüche, die le-
bensschaffend und lebenszerstörend sind. Eine Konflikttheorie muß in phä-
nomenologischer Hinsicht auf dieser Ebene angesiedelt werden. Man kann
sich darüber auseinandersetzen, wie nah am Kern des Lebens, aber dieser
Aspekt muß in den Diskursen um den Konflikt, die jetzt entwickelt werden,
immer präsent sein. Wenn der Konflikt für das Leben eine essentielle Bedeu-
tung hat, dann könnte das Leben auch für den Konflikt von essentieller Be-
deutung sein. Ein Konflikt kann GlücklLeiden nicht empfinden. Dennoch
kann ein Konflikt dem Leben vergleichbare Eigenschaften besitzen, wie z.B.
136 Konflikttheorie

einen Lebenszyklus, der in Kapitel 2 untersucht werden soll. Ein Konflikt hat
außerdem eine manifeste und eine latente Seite, wobei der manifeste Aspekt
mit V gleichzusetzen ist und der latente mit A und W.
Auf der manifesten, empirischen, wahrgenommenen Ebene erleben, beob-
achten die Teilnehmer bestimmte Phänomene, V genannt. Dazu kommt
durch A und Weine latente, theoretische, erschlossene Ebene. Zusammenge-
nommen ergeben sie alle das Konfliktdreieck, wie abgebildet in der folgen-
den Tabelle:

Abbildung 2.1: Das Konfliktdreieck

Manifeste Ebene: V, Verhalten


empirisch, wahrgenommen,
bewußt

Latente Ebene:
theoretisch, erschlossen, A, Einstellungen W, Widerspruch
unterbewußt Annahmen

Man kann das Dreieck verwenden, um Bewegungen in alle sechs Richtungen


zu verfolgen und festzumachen, und kann dabei an einem beliebigen Punkt
beginnen. Ein Widerspruch kann also z.B. als Frustration erlebt werden,
wenn ein Ziel durch irgendetwas versperrt wird; das kann zu einer aggressi-
ven Einstellung (A) und zu aggressivem Verhalten (V) führen,81 nach einer
wohlbekannten und fruchtbaren Hypothese,82 die nützlich ist, solange man
sie nicht als ehernes Gesetz begreift. Aggressives Verhalten mag mit den
Glücksvorstellungen der Gegenpartei unvereinbar sein (sofern es sich nicht
um eine sado-masochistische Verbindung handelt), wodurch zum alten Wi-
derspruch ein neuer hinzukommt, der unter Umständen eine aggressive Ein-
stellung und aggressives Verhalten bei allen Beteiligten weiter stimuliert.
Gewalt produziert Gewalt, das Dreieck reproduziert sich als Spirale, die
vielleicht den gleichen Weg nimmt wie ein Feuer: Es erlischt, wenn das Haus
abgebrannt ist. Die Beteiligten können in der Ecke A durch emotionale Er-
schöpfung oder in der Ecke V durch physische Unfähigkeit ausgebrannt sein.
A und V können jedoch auch gezügelt, und/oder der Widerspruch, W, mag
überwunden werden. Es besteht also kein ehernes Gesetz, daß eine bestimmte
Eskalation bis zum bitteren Ende laufen muß, solange noch menschliche We-
sen da sind.

81 Siehe Piero Giorgi: The Origin of Violence by Cultural Evolution in Humans (i.E.).
82 Der klassische Text ist lohn Dollard: Frustration and Aggression, Westport, CT
1980 (erstmals 1944). Siehe auch Aubrey l. Yates: Frustration and Conflict, New
York 1962.
Konfliktformationen 137

Eine grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, daß solche Prozesse auch


in A oder V einsetzen können. Eine Partei mag negative Einstellungen (Ag-
gressivität) angestaut oder über eine negative Verhaltensdisposition (eine
Neigung, Prädisponiertheit zur Aggressivität) verfügen, und wenn dann et-
was "auftaucht", das nach einem Problem aussieht, können A oder V oder
beide aktiviert werden und sich mit dem neuen Problem verbinden. Wenn
sich A als Aggressivität zeigt, sowohl in Form feindseliger Gefühle als auch
negativer Wahrnehmungen ("Feindbild"), dann können wir von negativer
Konfliktenergie reden, die sich an einen Widerspruch bindet, möglicherweise
als Folge akkumulierter Erfahrungen der Vergangenheit, in der man viel-
leicht zu negativ an Konflikte herangegangen ist. Aber nach der obigen In-
terpretation kann die Konfliktenergie auch positiver Art sein, in einer allge-
mein liebevollen, mitfühlenden, den anderen gelten lassenden Einstellung
und einer positiven Wahrnehmung des anderen und des Ich bestehen ("Freund-
bilder"). Akkumulierte Konflikterfahrungen können zu positiven Persönlich-
keitsveränderungen führen, aber sicherlich auch zu negativen Veränderungen
und zu verbitterten Persönlichkeiten, die voller Ressentiment sind.
Wir gehen davon aus, daß vieles hier im Unterbewußtsein abläuft, den
Personen und Akteuren selbst verborgen bleibt. Beim Disput können die bei-
den Akteure jeweils das Verhalten des anderen wahrnehmen und vielleicht
auch ihr eigenes. Anhand von inneren Dialogen können sie ihre eigene
Wahrnehmung von A und W verbessern und mit Hilfe von äußeren Dialogen
ihre Erkenntnisse miteinander überprüfen und sich so gegenseitig dabei hel-
fen, einander besser zu verstehen. Bei einem Dilemma ist der Mensch!Akteur
eher auf sich selbst gestellt. Innere und äußere Dialoge decken sich, und es
ist so, als würde jemand mit sich selbst Schach spielen. Übung kann hilfreich
sein; das Ziel einer solchen Übung des inneren Dialogs ist aber eine ausge-
glichene, keine gespaltene Persönlichkeit.
Wir können jetzt also von auf A, V oder Wausgerichteten Konfliktan-
sätzen und von A-, V- und W-Realitäten sprechen, was eine Summe von acht
Möglichkeiten ergibt:

1. A=O V=O W=O totaler Nicht-Konflikt. Zustand des Todes


2. A V=O W=O Einstellungen/Annahmen gegeben
3. A=O V w=o Verhaltensmuster gegeben
4. A V w=o Einstellungen/Annahmen und Verhalten gegeben
5. A=O v=o W Es gibt einen Widerspruch und sonst nichts
6. A V=O W Die Unterbewußtseinsebene ist präpariert
7. A=O V W ritualistisches Konfliktverhalten
8. A V W ein voll ausgeprägter Konflikt

Jeder Fall erzählt seine Geschichte, wie hier schlagwortartig angedeutet.


Wenn wir die Aufstellung von oben nach unten lesen, können wir über Kon-
138 Konflikttheorie

flikte spekulieren, die auf der Suche nach ihrer vollen Ausprägung oder Ver-
vollständigung sind, wobei wir in jeder beliebigen Ecke anfangen und dann
die anderen hinzufügen können, was augenscheinlich auf sechs verschiede-
nen Wegen geschehen kann. Wir können aber auch von unten nach oben le-
sen und uns Gedanken über die Zergliederung von Konflikten machen, bei
der Einstellungen verschwinden, Verhaltensmuster in Vergessenheit geraten
und Widersprüche sich auflösen. Manchmal geschieht so etwas von selbst,
häufig ist aber eine bewußte Intervention durch das Ich (Wir) oder durch
den/die Anderen vonnöten.
Ein (vollständiger) Konflikt ist ein Syndrom, reflektiert eine dreistellige
Relation. Man muß hier große Vorsicht walten lassen, denn die Aussage:
"Hier besteht ein Konflikt", kann zur "self-fullfilling" oder "self-denying
prophecy" werden. Wenn Menschen gesagt wird, sie befänden sich in einem
Konflikt, dann können sie anfangen, sich entsprechend zu verhalten, entspre-
chend zu empfinden und zu handeln, und können Widersprüche sehen, wo
gar keine sind. Sie können aber auch vor der Artikulation des Konflikts zu-
rückschrecken, z.B. weil sie die Konsequenzen fürchten, die aus der Annah-
me der Konfliktdiagnose folgen. Das Ergebnis kann dann sein, daß sie sich
ihren eigenen Konflikten nie zu stellen wagen.

1.3 Akteurskonflikte und strukturelle Konflikte

Um die Dialektik vom Manifesten und Latenten, die teilweise auch eine Be-
wußtseins-/Unterbewußtseins-Dialektik ist, besser verstehen zu können,
sollten folgende Fragen bedacht werden: Kann man sich einen Konflikt vor-
stellen, der nur auf der manifesten Ebene besteht? Oder nur auf der latenten
Ebene? Die Antwort auf die erste Frage lautet nein und auf die zweite Frage
ja, was folgende Gründe hat.
Selbstverständlich können wir uns auf der V-Ebene einen Menschen/Ak-
teur oder zwei vorstellen, die miteinander in vollkommener Übereinstim-
mung oder Nicht-Übereinstimmung oder beides sind. Wenn kaum Überein-
stimmung besteht, können wir von "Spannung", im entgegengesetzten Fall
von "Ent-Spannung" reden, wobei angemerkt werden soll, daß sich die bei-
den Möglichkeiten nicht gegenseitig ausschließen. Jedoch setzen weder
Spannung noch Entspannung (oder deren positive Seite, Anziehung) voraus,
daß irgendwo ein Konflikt besteht. Menschen können sich je nach Charakter,
der gewiß von Konflikten der Vergangenheit geprägt sein kann, so verhalten,
wie sie sich normalerweise verhalten, nämlich wie Teufel oder Engel, wie
beide oder wie keiner von beiden. Wenn man zwei Menschen, die voller Res-
sentiment sind, zueinandergesellt, wird es zu verbaler und/oder physischer
Animosität kommen. Damit aber die Diagnose "Konflikt" gerechtfertigt ist,
Konfliktformationen 139

muß zwischen den beiden ein identifizierbarer Widerspruch bestehen, den


man zur Formulierung plausibler Hypothesen über die Gesamtformation und
deren Dynamik unter bestimmten Umständen, also deren Transformation,
verwenden kann.
Stellen wir uns dann vor, daß wir einen Widerspruch erkannt haben und
vielleicht auch bestimmte AnnahmenlEinsteIlungen, und daß die Partei(en)
sich nicht darüber im Klaren ist/sind, was in ihr/ihnen und zwischen ihnen
vorgeht. Welche Art von Prognose würde auf eine solche Diagnose folgen?
Die, daß früher oder später Manifestationen desselben im Verhalten auftreten
werden.
Wir können nun den direkten und den indirekten Konflikt bzw. den Kon-
flikt zwischen Akteuren und den strukturellen Konflikt klar voneinander un-
terscheiden, je nach dem Umfang, in dem der Konflikt nicht nur ausgeprägt
ist, sondern auch manifest, d.h. offenkundig, explizit, wahrnehmbar, bewußt
geworden ist. Beginnen wir mit dem Dilemma (eine Partei, zwei Ziele) und
gehen dann weiter zum Disput (zwei Parteien, ein Ziel, "bone of contention",
Zankapfel).
Akteurskonflikt: A und W bewußt.
Struktureller Konflikt: A und W im Unterbewußtsein.
Selbstverständlich ist V, das Verhalten, immer manifest, wahrnehmbar und
nicht nur erschlossen, sonst wäre es kein Verhalten. Wie oben erwähnt, kann
es vollkommen autistisch sein, ohne irgendeinen Bezug zu einem adäquat
aufgebauten AVW-Dreieck. Der Beteiligte verhält sich einfach, etwas ist in
Bewegung; hierzu gehört auch der Sonderfall des Stillstandes. Im Mittel-
punkt des Interesses stehen A und W; wir beginnen mit A, dem "Inneren" des
betreffenden Menschen, seinen Einstellungen und Unterstellungen. Also mit
seiner Persönlichkeit.
Hilfreich ist hier die Unterteilung der Persönlichkeit in Erkenntnisse,
Willensstrebungen und Gefühle. Natürlich stehen intellektuelle Landkarten,
Wünsche und Antriebskräfte sowie Gefühle in enger Beziehung zueinander.
In einem Akteurskonflikt ist der Akteur ein Subjekt, dem bewußt ist, was ist
(Erkenntnis), was er/sie wünscht (Wollen) und deshalb sein sollte, was er/sie
empfindet (Gefühle), nämlich bezüglich des Verhältnisses zwischen ist und
sollte. Wenn das, was sein sollte, auch ist, dann kann er/sie berichten: "Mir
geht es ausgezeichnet, danke", wenn nicht, wäre eine adäquate verbale For-
mulierung des peinigenden inneren Zustandes: "Mir geht es sehr schlecht".
Im Normalfalle gehen wir davon aus, daß Gefühle bessere Wegweiser zu den
wahren Zielen sind als Erkenntnisse.
Wir haben unter A jedoch auch "Annahmen", "Unterstellungen" plaziert
und können diese nun als Prä-Kognitionen, Prä-Volitionen und Prä-Emotio-
nen in den tieferen Schichten der Persönlichkeit interpretieren, zwischen dem
Bewußten und dem Unbewußten, also nicht leicht abrufbar. Hier mag pro-
140 Konflikttheorie

fessionelle Hilfe vonnöten sein. Ein Ansatz wäre, nach Freud, Träume zu
Hilfe zu nehmen, Trümmer aus dem Prozeß der seelischen Archivierung von
ErkenntnissenIWillensbestrebungeniGefühlen der Persönlichkeit (präpariert
durch die Prä-Emotionen, -Volitionen und -Kognitionen), um zu verstehen,
wie diese tieferen Schichten organisiert sind.
Nun zur W-Ecke, zum Widerspruch zwischen Ziel-Zuständen. W ans Ta-
geslicht zu holen, manifest zu machen, heißt, ein Bewußtsein davon schaffen,
wo die Inkompatibilität liegt, d.h. welche Zielzustände einander im Wege
sind. Durch seine/ihre Erkenntnisse verfügt der Akteur/die Akteurin über ei-
ne Art Plan des Widerspruchs. Wir haben es nun mit einem bewußten Men-
schen zu tun, der sich nicht nur über seine eigenen Vorstellungen, seine
Wünsche und seine Gefühle, sondern auch darüber im Klaren ist, was ihnen
im Wege steht. Mit anderen Worten, es handelt sich um ein Subjekt, das be-
reit ist, über einen Satz mit Prädikat und Objekt zu herrschen, also zielgerich-
tet zu handeln und nicht nur sich zu verhalten.
Wie können wir nun diesen Vorgang nennen, bei dem A und Waus dem
Unterbewußten, ja teils sogar aus dem Unbewußten hervorgeholt werden?
Nennen wir ihn mit Paulo Freire8l Bewußtmachung (conscientization) und
den entgegengesetzten Prozeß Unbewußtmachung (deconscientization). Das
ist ein absolut grundlegender Prozeß, denn wie soll ein Konflikt bewußt
transformiert werden, wenn die daran Beteiligten nicht bewußte Subjekte,
echte Akteure sind? Sind sie das nicht, wird der Konflikt den Akteur als Ob-
jekt, als Partei im Konflikt transformieren. Der Akteur ist dann Passagier, der
mitgenommen wird, aber kein Fahrer, der den Prozeß unter Kontrolle hält.
Und doch ist die Bewußtrnachung nur eine notwendige, keine hinrei-
chende Bedingung, wie in Kapitel 3 über Konflikttransformation deutlich
werden wird. Dazu kommt, daß der Akteur zwar sowieso transformiert wer-
den wird, aber bei vollem Bewußtsein eher in der Lage ist, die Transformati-
on in die gewünschte Richtung zu steuern, ihn/sie selbst mit einbegriffen. An
dieser Stelle soll ein sehr simpler Grund erwähnt werden, weshalb die Be-
wußtmachung nur eine notwendige Voraussetzung ist: Die Vorstellung, die
man vom Konflikt hat, kann ganz einfach falsch oder unzureichend sein. Es
gibt so etwas wie ein falsches Bewußtsein, das hat uns Marx gelehrt. Wir, ob
nun am Konflikt beteiligt oder nicht, machen uns von diesem ein Bild, mit A,

83 In seiner Pedagogy of the Oppressed (dt. Pädagogik der Unterdrückten, Stuttgart


1970); wir sollten uns nicht allzuviele Gedanken darüber machen, ob der glücklich
gewählte Begriff, den Freire eingeführt hat, hier in der gleichen Bedeutung verwen-
det wird. Wir hätten auch auf einen Terminus zurückgreifen können, der auf "con-
sciousness" basiert, wie etwa "consciousness-formation" (im Deutschen: Bewußtma-
chung). Dieser Terminus läßt sich jedoch im Englischen schwer nur negieren (im
Deutschen könnte es Unbewußtmachung heißen). Wichtig ist jedoch, daß Freires
Rückgriff auf conscience eher als auf consciousness auch auf Wollen und Gefühl -
und nicht allein auf ErkenntnislWissen - verweist.
Konfliktformationen 141

V und W, auf uns und die andere Partei bezogen. Ob dieses Bild nun im
Kopf der Beteiligten oder eines Beobachters entstanden ist, immer wird es
hypothetisch bleiben und immer und immer wieder geprüft und revidiert
werden müssen. Falsches Bewußtsein meint eine nicht bestätigte Hypothese
oder ein unrealistisches Bild (vom Konflikt), und ein solches können und
werden wir uns alle einmal machen.
Wenn die Bewußtmachung nun so sinnvoll ist, warum halten wir uns dann
begrifflich offen für ihre Negation, die Unbewußtmachung? Nun, nicht nur
weil es faktisch passiert - Konflikte werden vergessen oder verdrängt -, son-
dern auch, weil es notwendig, ja sogar wünschenswert sein kann. Wir können
uns nicht ständig all der Konflikte, an denen wir so oder so beteiligt sind,
bewußt sein. Wir sollten willens und fähig sein, sie neu zu laden (retrieve),
wenn wir sie ab gespeichert haben, um eine passende Computer-Metapher zu
verwenden, die heute Teil der Weltkultur ist. Wir können sie nicht alle glei-
chermaßen zu jeder Zeit und dauerhaft parat haben. Eine gewisse Selektivität
ist eine Bedingung für das menschliche und soziale Überleben. Aber
,abspeichern ' bitte, nicht ,löschen'!
Dann eine Schlüsselfrage, die alles andere als metaphysisch ist: Wer oder
was bringt das alles zustande, wer ist das Subjekt des Bewußtmachungs-
prozesses? Wer bringt Kenntnisse/Willensbestrebungen/Gefühle hinauf ins
Bewußtsein? Es kann nicht das UnterbewußtseinlUnbewußte selbst sein, so-
lange wir unterstellen, daß die Psyche (the mind) unmöglich gleichzeitig so-
wohl Subjekt als auch Objekt dieses Prozesses sein kann. Oder handelt es
sich hier eher um ein begriffliches bzw. linguistisches als um ein psychologi-
sches Problem? Die Antwort, die der Autor vorzieht, ist die, zu den Katego-
rien Körper und Psyche (= Persönlichkeit, Sitz von Prä-Kognitionen, -Vo-
litionen und -Emotionen) noch eine dritte als Konstituens des homo sapiens
hinzufügen: den Geist. Wir können uns den Geist als Ort der Reflexion über
und von allem, was in Körper und Verstand, in Soma und Psyche vorgeht,
vorstellen. 84 Wenn dies Reflexionsvermögen beginnt, auf A, W und Veinzu-
wirken, ist das Resultat im Prinzip eine - auch im Bewußtsein der Akteure -
voll artikulierte Konfliktvorstellung.
Verändert sich dieser Prozeß, je nachdem, ob wir es mit einem Disput
oder mit einem Dilemma zu tun haben? Nicht sehr. Das Dilemma wird einem
einzigen Beteiligten bewußt, durch den inneren Dialog. Beim Disput läuft die
Bewußtmachung bei mehr als einem Beteiligten ab; diese entwickeln mehr
oder weniger realistische Vorstellungen vom Konflikt, an dem sie beteiligt
sind. Sollten wir von ihnen verlangen, daß die Vorstellungen übereinstim-

84 Für uns Menschen wäre es eine angenehme Annahme, daß der Geist die differentia
specijica ist, durch die wir uns von Pflanzen und Tieren unterscheiden. Das mag
richtig sein. Da ich nie ein Delphin war, bevorzuge ich einen agnostischen Stand-
punkt.
142 Konflikttheorie

men? Nein, aber der Vergleich der Vorstellungen im äußeren Dialog ist na-
türlich ein sehr wichtiger Aspekt eines Konflikttransformationsprozesses,
wobei nur am Rande bemerkt werden soll, daß eine Übereinstimmung nicht
unbedingt bedeutet, daß die gemeinsame Vorstellung realistisch ist. Sie kann
z.B. auf die gleiche Art und Weise unrealistisch sein, weil die Beteiligten die
gleichen Prä-Kognitionen haben. 85 Die Überprüfung erfolgt durch das, was
später geschieht.
Wenden wir uns jetzt dem zu, was wir hier einen strukturellen oder in-
direkten Konflikt nennen, bei dem weder A noch W bewußt, sondern im
Unterbewußtsein verankert sind. Es mag schmerzlich, ja sogar fast unmög-
lich sein, sie aus dem Unterbewußtsein hervorzuholen. Es besteht ein Wider-
spruch, dieser wird aber nicht wahrgenommen. Es gibt nicht einmal das Be-
wußtsein eines Ziels, also kein Wollen und folglich auch keine zugänglichen
Gefühle, da kein Bewußtsein einer Sein/Sollen-Übereinstimmung oder -Dis-
krepanz vorhanden ist. Es existiert nicht einmal ein falsches Bewußtsein, da
es überhaupt kein Bewußtsein gibt. Was aber gibt es dann, mit welchem
Recht sprechen wir in einem solchen Fall überhaupt von einem Konflikt?
Bezüglich des Dilemmas eines Menschen ist die Antwort klar, geht es
doch genau um diesen Fall in der gesamten psychoanalytischen Tradition.
Der Widerspruch, z.B. zwischen Es und Über-Ich, liegt in den tieferen
Schichten der Persönlichkeit oder in der Struktur des (inneren) Person-
Systems, eine Formulierung, die im nächsten Absatz ihre Entsprechung hat.
Aber der Widerspruch zwischen diesen Prä-Volitionen ist dem Geist des
Trägers dieses Widerspruchs nicht zugänglich. Das bedeutet nicht, daß es
ihm/ihr nicht sehr schlecht gehen und er/sie sich nicht seltsam verhalten
kann; das Konfliktdreieck ist ihm/ihr aber nicht bewußt, oder wenn doch, so
ist die Vorstellung davon alles andere als realistisch. An der Oberfläche zei-
gen sich aber, für andere oft eher wahrnehmbar als für den Betroffenen
selbst, Verhaltensmuster, die als "Symptome" klassifiziert werden, die also
auf die Existenz von A und W in tieferen Schichten der Persönlichkeit deuten
lassen sollten. Eine Bewußtmachung derselben scheint jenseits der Möglich-
keiten der betroffenen Person zu liegen. Ein Eingreifen in Form professionel-
ler Hilfe kann dann erforderlich sein. Wie fachmännisch eine solche Behand-
lung tatsächlich ist, ist eine andere Frage, die in Kapitel 4 einigermaßen ein-
gehend behandelt werden soll.
Kommen wir nun zum Disput. Hier sind die Beteiligten auf Kollisions-
kurs, es besteht ein Widerspruch. Sie sind sich aber weder des Widerspruchs
noch der Zielzustände bewußt, die den Widerspruch definieren. Die Gefühle,
die sie haben, hängen für sie nicht mit dem Widerspruch zusammen, ihr Geist

85 Die ganze Theorie der Kosmologie, der Tiefenkultur einer Gesellschaft, dient dazu,
sich mit den allgemein geteilten Prä-Kognitionen des kollektiven Unterbewußtseins
zu befassen (in Teil IV).
Konfliktformationen 143

beschäftigt sich nicht einmal damit. Der Widerspruch liegt im System, das sie
zusammenbringt, oder, um die homologe Formulierung zu verwenden: in der
Struktur des sozialen Systems. Betrachten wir die zwei Geschlechter in einem
Patriarchat: Hier besteht eindeutig ein Widerspruch, und er bestand schon,
bevor Henrik Ibsen "Nora oder Ein Puppenheim" schrieb und damit das kol-
lektive Bewußtsein durch einen Quantensprung erweiterte. Auch entstand der
Widerspruch in der Weltsystemstruktur zwischen den USA und Cuba nicht
dadurch, daß Fidel Castro "Unruhe" (eine stark V-zentrierte Kategorie) stifte-
te, sowenig wie der internationale Konflikt zwischen bestimmten einheimi-
schen amerikanischen und angelsächsischen Stämmen in Nordamerika durch
"Indianerunruhen" entstand. Diese waren bloß Manifestationen.
Handelte es sich aber in den letztgenannten Fällen nicht um bewußte Zie-
le? In gewissem Maße ja, aber das gesamte Ausmaß dessen, was auf dem
Spiel stand, war kaum bewußt. Wir brauchen einen Begriff für im Unterbe-
wußtsein angestrebte Ziele, Ziele, die objektiv betrachtet existieren, auch
wenn sich das Subjekt ihrer nicht bewußt ist. Wir werden uns auf sie als In-
teressen beziehen, während wir bewußt angestrebte Ziele Werte nennen wer-
den. Beide können materieller oder nichtmaterieller Art sein. Wir unterstellen
nicht, daß die im Unterbewußtsein vorhandenen Interessen materiell und die
Werte "ideologisch" und damit nichtmateriell sind. Beide können beides
sein; in der Bewußtmachung liegt der Unterschied. 86
Wenn wir wollen, können wir jetzt sagen, daß der Mensch in einem intra-
personellen Konflikt ein Interesse daran hat, dem Es, aber gleichzeitig auch
dem Über-Ich zu seinem Recht zu verhelfen. Das Bewußtseinsniveau ist sehr
niedrig oder gleich null. Durch Bewußtmachung aber können diese Interessen
zu Werten werden, d.h. als Akteur, als Subjekt, kann die Person jetzt beide be-
wußt bewerten, kann feststellen, daß eine Inkompatibilität besteht und sich für
die eine oder die andere Seite entscheiden. Wenn jemand ständig dem Es den
Vorzug gibt, handelt es sich um einen sehr sinnlichen Menschen; bevorzugt
jemand dauerhaft das Über-Ich, haben wir es mit einer sehr weltentrückten
Person zu tun.

86 So soUte man unterscheiden zwischen dem, was die Akteure erklärtermaßen woUen
(hierbei läßt es die Politische Wissenschaft in der Regel bewenden), dem, wovon die
Akteure glauben, daß sie es woUen (hier intervenieren die Historiker und verweisen
auf die möglichen Unterschiede zu dem öffentlich Erklärten), dem, was sie im Un-
terbewußtsein wollen, was sie also woUen, ohne es selbst zu wissen (hier ist dann der
Ort für Vertreter der Psychoananlyse und funktionalistischer Soziologienl Anthropo-
logien) und schließlich dem, was sie vieUeicht - bei besserer Information, genauer
Analyse, höheren Bewußtseinsgraden - eigentlich woUen (hier bieten gern Marxi-
sten, aber auch Anhänger der Realistischen Schule in den Internationalen Beziehun-
gen und andere ihre Hilfe an). Ich unterstütze aUe diese Bemühungen, denen aUe-
samt analytisch wie praktisch Wichtiges entnommen werden kann. Auch wäre Frie-
densforschung nicht frei vom impliziten Moralismus der letzten Perspektive - sie
soUte es zumindest nicht sein.
144 Konflikttheorie

Andere Wortpaare wären somatisch/geistig, materialistisch/idealistisch,


epikureisch/platonisch oder "sinnlich geleitet/ideengeleitet", um Sorokins
Begriffe ("sensate", "ideational") zu verwenden. Sorokin definiert die ausge-
wogene Kombination der beiden Begriffe als "idealistisch" und die unausge-
wogene als eklektisch/amalgamiert/zusammengewürfelt. Freud erfaßt die in-
tegrierende Synthese als Werden eines starken Ich, das in die Persönlichkeit
als ein typisches Kognitions-lWillens-lEmotionssyndrom eingebettet und in der
Lage ist, ein Verhalten zu produzieren und zu reproduzieren, das beiden
Aspekten in einer vernünftigen Balance Raum gibt. Eine unausgewogenen Mi-
schung von Es und Über-Ich, bei der das Ich sehr schwach ist, ist jedoch auch
vorstellbar; aber das alles gehört doch schon zur Transformationstheorie. An
dieser Stelle sollte nur der Begriffsapparat überprüft werden.
Konflikte zwischen Akteuren sind bewußte Konflikte, strukturelle Kon-
flikte sind das nicht; beide können zum Dilemma- oder zum Disputtypus ge-
hören. Und oben wurde schon darauf hingewiesen, daß es einige Zwischen-
typen und abgeflachte Konflikte gibt, die auf der bewußten Ebene nicht voll
oder die überhaupt nicht artikuliert sind. Für unsere Zwecke jedoch reicht
diese Unterscheidung aus.

1.4 Komplexität: elementare und komplexe Konflikte

Wir sind jetzt in der Lage, vieles des oben Angesprochenen in einem übergrei-
fenden Schema zusammenzuführen, das auf zwei einfachen Variablen beruht:
m, die Zahl der Akteure eines Konfliktes, und n, die Zahl der Themen oder Fra-
gestellungen oder ganz einfach Ziele, die in deren (Intraaktions-) Dilemmata
und (Interaktions-) Dispute eingehen. Betrachten wir folgendes Schema:

Tabelle 2.2: Die Zahl der Akteure (m) und die Zahl der Ziele (n)
n=n X (1, n) (2, n) (3, n) (m,n)
n=3 X (1,3) (2,3) (3,3) (m,3)
n=2 X (1,2) (2,2) (3,2) (m,2)
n=1 X (1, 1) (2, 1) (3, 1) (m,l)
n=O (0,0) X X X X
m=O m=1 m=2 m=3 m=m

Die Tabelle ist sehr einfach aufgebaut: wir haben in Spalte (m, n) einen Kon-
flikt mit m Akteuren und n Zielen. Um mit einem (m, n)-Konflikt auf der in-
tellektuellen Ebene umgehen zu können, muß man sich zumindest die m Ak-
teure und die n Ziele vor Augen halten, d.h. m + n Elemente, Bausteine der
Konfliktformation.
Konfliktformationen 145

Wir könnten jetzt die Komplexität, K, eines Konfliktes einfach als m + n


formulieren, aber wir werden die Formel K = m + n - 2 (oder auch K = m x n
- 1) vorziehen:
K < 0: struktureller Konflikt, weder Akteure noch Ziele (0,0);
K = 0: ein Akteur, ein nicht erreichtes Ziel: Frustration (1, 1);
K = 1: elementare Konflikte: Dilemmata (1,2) oder Dispute (2,1);
K> 1: komplexe Konflikte (m, n).
Hier wird eine eindimensionale Perspektive eingeführt, bei der die Komplexität
die Schlüsseldimension des Konflikts ist. Diese eindimensionale Perspektive
verschafft eine beträchtliche Erklärungs- und Handlungsrnacht. Struktureller
Konflikt, Frustration, elementare und komplexe Konflikte zwischen Akteuren,
ob nun vom Typus Dilemma oder Disput oder beides, sind sehr unterschiedli-
che Phänomene. Diese Perspektive hilft uns aber, sie zusammen zu behandeln
und zwar auf eine dynamisch hochrelevante Art und Weise.
Die Transformation vom strukturellen zum Akteurs-Konflikt (und um-
gekehrt) haben wir oben unter dem Titel Bewußtrnachung/Unbewußtma-
chung untersucht. Neu hier ist die Vorstellung, daß diese Transformation ein
Frustrationsstadium durchlaufen kann, in dem ein Akteur ein Ziel hat, der
Zielzustand aber blockiert ist: Es gibt ein Hindernis. Der Konflikt ist gleich
Null, aber bedeutsam genug, um ein wichtiger Teil der allgemeinen Konflikt-
theorie zu sein, unter anderem wegen der Frustrations-Aggressions- (bzw.
Destruktions-) Hypothese und wegen der ebenso wichtigen Frustrations-
Kreativitäts-Hypothese.
Ein Akteur, der nicht gewahr wird, was mit ihm aufgrund der Struktur des
Persönlichkeits-, des Gesellschafts- oder des Weltsystems geschieht, kann als
ein vorübergehendes Stadium ein Frustrationsgefühl haben, bevor die Vor-
stellung eines ausgewachsenen Konfliktes entsteht - wie die Frustration von
Mitgliedern der Arbeiterklasse, weil sie Mittelklassen-Ziele niemals errei-
chen, oder die Frustration von Frauen, weil sie ihre eigene Lage nicht unter
Kontrolle haben. Später können die Betroffenen deutlicher erkennen, daß ih-
nen etwas sehr Konkretes im Weg steht: die Klassengesellschaft, das Patriar-
chat, mit sehr konkreten Akteuren auf der Gegenseite. Die Frustrationsphase
ist vergleichbar einer Eisschicht an einem frostigen Tag, wenn das Bewußt-
sein aus den unterirdischen kalten Wassern hoch in die klare Luft steigt.
Ist aber das Bewußtsein (also der menschliche Geist) erst einmal da, steht
es vor einem ebenso entscheidenden Problem: Vereinfachung versus Kom-
plexifizierung. Hier sind nun drei grundlegende Konflikthypothesen:

These 1: Konflikte im wirklichen Leben sind meist sehr komplex; ele-


mentare Konflikte (1, 2) oder (2, 1) gibt es nur in Lehrbüchern.
These 2: Je komplexer der Konflikt, desto mehr Möglichkeiten gewalt-
loser, kreativer Konflikttransformation bieten sich an.
J46 Konflikttheorie

These 3: In der Hitze der Konfliktspannung ist eines der ersten Opfer die
Konfliktkomplexität.
Die Komplexität wird dann durch den Prozeß der Polarisierung reduziert,
was zur Nacktheit elementarer Konflikte führt, zur grausamen Entscheidung
für dieses oder jenes, für uns oder gegen uns. Offensichtlich enthält These 2
die gute und These 3 die schlechte Nachricht.
Je komplexer die Konfliktvorstellung, desto mehr Gelegenheiten zur Kon-
flikttransformation gibt es, wir werden darauf zurückkommen. Das sollte für
Komplexijizierung sprechen, für das Aufspalten von Akteuren und Zielen in
Unter-Akteure und -Ziele, das Einbringen weiterer Akteure und Ziele, den
Versuch, hier und dort zu transformieren, in der Hoffnung auf einen Sog-
Effekt.
Das Problem, die Skylla, besteht darin, daß die Komplexität so groß wer-
den kann, daß der menschliche Geist nicht mehr damit zurecht kommt. Wenn
wir die magische Zahl 7 als das Maximum an Faktoren betrachten, das die
meisten Menschen auf kreative Weise handhaben können, dann wäre die äu-
ßerste Grenze 3 oder 4 Akteure und 3 oder 4 Ziele, anders formuliert, sollte
K = 4, 5 oder 6 sein. Auch eine Vereinfachung kann also vonnöten sein, mit
der Gefahr, der Charybdis, daß die Vereinfachung zur Polarisierung wird, in
elementaren Konflikten endet. Die Schwierigkeit liegt darin, einen Kurs ein-
zuschlagen, der zwischen Skylla und Charybdis verläuft, d.h. um K = 5.

1.5 Typologie: Konflikträume

Ein Konflikt hat zielsuchende Systeme zur Voraussetzung, zielsuchende Sy-


steme setzen Leben voraus, und Leben gibt es vielerorts. Der Typologie, die
hier entwickelt werden soll, liegen die sechs Räume, die an vielen Stellen
dieses Kurses zu finden sind, zugrunde: Natur, Person, Gesellschaft, Welt,
Kultur und Zeit,87 kombiniert mit der Dilemma-Disput-Unterscheidung, die
wir als intra/inter kennzeichnen werden. Wir haben also folgende Typologie:

87 An manchen Stellen wird "Person" "Selbst", an anderen "Mensch" genannt, hier


aber benutzen wir den Begriff Person, da die Unterscheidung von intrapersonellen
und interpersonellen Konflikten häufig angezeigt ist. Auch könnte die Gesell-
schaftlWelt-Rubrizierung sehr verfeinert werden im Ausgang von der MikrolMe-
solMakro-Unterscheidung, die sich dann weiter spezifizieren ließe in FarnilielHaus-
halt-lokale Ebene-Bezirk -Land-Region-Welt.
Konfliktformationen 147

Tabelle 2.3: Eine Typologie von Konflikträumen


Raum intra: Dilemma inter: Disput
Natur
Person
Gesellschaft
Welt keine Fälle
Kultur
Zeit

Wir haben Dilemmata und Dispute im Falle von Person, Gesellschaft und
Welt schon behandelt, wobei angemerkt werden soll, daß der Inter-Welt-
Disput zur Zeit eine empirisch leere Kategorie ist. Die Inter-Gesellschafts-
Kategorie dagegen ist empirisch gewiß sehr reichhaltig; mit dieser heiklen
Verbindung beschäftigt man sich unter dem Titel der "Internationalen Bezie-
hungen" ("Welt-Studien" wäre eine angemessenere Bezeichnung), wobei die
Beziehungen zwischen Staaten und die zwischen Nationen speziell interes-
sieren.
Über Natur, Kultur und Zeit muß jedoch mehr gesagt werden. Ein Beispiel
für Inter-Natur wäre der Inter-Spezies-Konflikt, dem Darwin durch seine
"survival of the fittest"-Metapher ein übergroßes Gewicht beigemessen hat,
das gemäßigt wird durch Kropotkins "gegenseitige Hilfe". Die Intra-Spezies-
Kombination macht uns auf tiefer liegende Widersprüche aufmerksam, z.B.
solche, die im genetischen Code einer Spezies angelegt sind.
Das gleiche gilt für Intra-Kultur. Damit wir aber das Konfliktparadigma
oder auch nur den Konfliktbegriff anwenden können, werden wir davon aus-
gehen, daß die Kontrahenten des kulturellen Dilemmas (im Falle etwa von
Freiheit versus Gleichheit in der westlichen politischen Kultur) Menschen
sind, wie wir das für interkulturelle Dispute annehmen würden. Der Leser
könnte ja den Versuch machen, die Bibel und den Koran nebeneinander auf
einen Tisch zu plazieren und darauf zu warten, daß in dem einen oder dem
anderen oder zwischen beiden Spannungen entstehen. Täte man das gleiche
(am Tisch statt auf dem Tisch) mit einem christlichen und einem islamischen
Theologen, wäre das Resultat sehr viel dynamischer. Ziele müssen von le-
benden Menschen angestrebt werden, soll wirklich ein Konflikt auftauchen.
Wie sieht es mit der Zeit aus? Eine sehr wichtige Interpretation behandelt
sie als synchronen und diachronen Konflikt, Z.B. als intra- und intergenera-
tionellen Konflikt; letzterer ist im Zusammenhang mit der Umweltzerstörung
von großer Bedeutung. Eine Generation lebt nicht nur auf Kosten der Natur,
sondern auch auf Kosten der Nachwelt, apres nous le deluge 88 •

88 Glaubt man The Concise Columbia Encyclopedia (New York 1983, S. 492), dann
wird dieser Ausspruch zu Unrecht Ludwig XV. (er regierte von 1714 bis 1774) zuge-
schrieben. Doch wer immer in jener Zeit "nach mir die Sintflut" sagte - es war keine
148 Konflikttheorie

Tabelle 2.3 kann zur Erläuterung vieler Prozesse der Entstehung und Ver-
arbeitung von Kontlikten und Kontliktvorstellungen dienen. Die letzte Kon-
sequenz eines intrapersonellen Dilemmas kann der Rückzug sein, der sich
unter Umständen zur Apathie oder Schizophrenie verdichtet und schließlich
in Selbstzerstörung bis hin zur Selbsttötung enden kann. Ebenso kann Rück-
zug das Resultat eines interpersonellen Disputs sein oder aber beständige
Spannung, die schließlich zur Zerstörung des anderen, bis hin zum Mord,
führen kann. Die Prozesse schließen sich gegenseitig nicht aus, sie können
zusammenfallen. Beide können aber in einem Kontlikt auch auf sehr kreative
und lebensverbessernde Art und Weise genutzt werden.
Das intra-gesellschaftliche Dilemma kann dann als intra-personelles Di-
lemma auf kollektiver Ebene betrachtet werden, wie z.B. das französisch-so-
zialistisch-jüdische/deutsch-Nazi-antisemitische Dilemma des französischen
Bürgertums. Das kann zur Apathie führen, wie im Falle der französischen
Reaktion auf die deutsche Invasion im Mai 1940. Nach einiger Zeit jedoch
wird der innere Widerspruch zu einem Widerspruch zwischen zwei Parteien,
in casu zwischen Resistance und Kollaborateuren.
Ähnliches gilt für intra-Welt-Dilemmata, die wir zur Zeit überall auf unse-
rem Planeten finden können: als Wachstum contra Verteilung oder Wachs-
tum contra Umwelt, bisweilen zur Apathie führend, meistens aber zu einer
starken Polarisierung; wie während des Kalten Krieges, als ein kapitalisti-
scher Block dem Wachstum (oft ohne jegliche Verteilung) und ein sozialisti-
scher Block der Verteilung (oft ohne jegliches Wachstum) besonderes Ge-
wicht beimaß. Das Wachstumslager hat den Sieg davongetragen und wird
wohl auch gegen das Umweltlager siegen, trotz oder wegen verbaler Kom-
promisse wie "nachhaltige Entwicklung".
Man hat oft versucht, kausale Prozesse in Tabelle 2.3 (oder ähnlichen
Darstellungen) ausfindig zu machen. Zu erwähnen wären hier insbesondere
Freuds intellektuell heroisches Bemühen, die Wurzeln solcher Prozesse in in-
tra-personellen Widersprüchen (zwischen Es und Über-Ich) aufzuzeigen,
oder Marx' Versuch, deren Wurzeln in intra-gesellschaftlichen Widersprü-
chen (zwischen Kapital und Arbeit, oder, subtiler, zwischen Produktionsmit-
teln und Produktionsverhältnissen) nachzuweisen. Auch wenn kausale Zu-
sammenhänge nicht bestritten werden sollen, sind reduktionistische Ver-
suche, sie alle im gleichen Typus wurzeln zu lassen, zum Scheitern verurteilt.
Man darf jedoch behaupten, daß ein hoher Grad an Isomorphie zwischen ver-
schiedenen Typen von Kontliktprozessen besteht. Wenn man einen davon als
Prototyp verwendet, kann der menschliche Beobachter einer kausalen Ver-

schlechte Prophezeiung. Brach doch fünfzehn Jahre nach Ludwigs Tod die Französi-
sche Revolution aus als einer jener großen Intra-Zeit-Widersprüche (Kairos) mit
enormen Intra-Zeit-Implikationen (Chronos).
Konfliktformationen 149

kettung nachgehen, die ihnen allen denselben (metaphorischen) Prozeßcha-


rakter aufprägt.

1.6 Konfliktformationen und Konflikttransformationen


Oben habe ich viel über Akteure und Ziele gesagt, über deren Anzahl und
darüber, in welchen Beziehungen sie stehen in der Struktur des Persönlich-
keits-, des Gesellschafts- und des Weltsystems (wir können hinzufügen: in
der Natur, in der Kultur und im Verlauf der Zeit). Es ist jetzt Zeit, hervorzu-
heben, daß Ziele ganz sicher nicht inkompatibel sein müssen, und daß Akteu-
re sich nicht unbedingt in Dilemmata oder Disputen oder mehr oder weniger
komplexen Verbindungen derselben befinden müssen.
Nennen wir jegliche Art zielsuchender Systeme einfach eine Formation.
Hierbei handelt es sich nicht einfach um eine Anhäufung oder eine Aufli-
stung von Akteuren und Zielen; die oben behandelten Systeme besitzen eine
Struktur (z.B. eine Interaktionsstruktur). Es besteht Interdependenz. Eine
Formation kann Z.B. bis zu dem Grad harmonisch oder symbiotisch (d.h. ge-
meinsam lebenssteigernd) sein, daß das Erreichen eines Zielzustandes mit
dem Erreichen eines anderen zusammenhängt. Eine harmonische Ehe hat
diese Eigenschaft, das sukha des/r einen steht in enger Verbindung mit dem
sukha des/r anderen. Wenn aber das sukha der einen Person von dem dukkha
(Leiden) der anderen abhängt, dann handelt es sich eindeutig um eine dishar-
monische oder antibiotische Formation, lebensverbessernd für eine Person,
lebenszerstörend eben darum für die andere. Diese Formation ist eine Kon-
fliktformation geworden.
Wir müssen immer wieder auf das Offensichtliche hinweisen: Im wirkli-
chen Leben besitzt jede Formation sowohl harmonische als auch disharmoni-
sche Aspekte. Konflikt und Kooperation - Darwin und Kropotkin - existie-
ren nebeneinander. In einer Konfliktformation dominiert der disharmonische
Aspekt der Formation. Wir dürfen darum aber keinesfalls die kooperativen,
harmonischen Aspekte übersehen, die sehr wohl die Basis sein können, auf
die eine Konflikttransformation bauen kann.
2 Konfliktlebenszyklen

2.1 Tiefenkultur, Zeitkosmologie und


Gesellschaftskosmologie
Wir haben eine Konfliktformation, und wir brauchen eine Konflikttransfor-
mation - dazwischen liegt die Konfliktdynamik, also der Lebenszyklus eines
Konflikts. Dieser Begriff führt uns auf Gedankengebilde wie Geburt/Genese,
ReifungIDynamik und Tod/(Auf-)Lösung. Wie wir unten aber sehen werden,
können diese Begriffe auch sehr irreführend oder zumindest mit kulturell
bedingten Vorurteilen belegt sein.
Die Tiefenkultur oder Kosmologie einer Kultur8• beeinflußt offensichtlich
nicht nur die Wahrnehmung von Konfliktlebenszyklen, sondern auch das tat-
sächliche Verhalten in einem Konflikt und ist von großer Bedeutung für die
Konflikttransformation. Das Wissensniveau sowohl der Beteiligten als auch
der Außenstehenden bezüglich dieses Faktors wird das Ergebnis mitbestim-
men. Dieses Niveau muß bei den Angehörigen der betreffenden Kultur nicht
unbedingt höher sein als unter Außenstehenden, denn die Kosmologie ist de-
finitionsgemäß im kollektiven Unterbewußtsein verwurzelt und nicht im in-
dividuellen Bewußtsein. Ein solches Wissen ist für jeden, der menschliche
Konflikte untersuchen will, von grundlegender Wichtigkeit. 90
Im folgenden sollen zwei Zivilisationen, die harte okzidentale Variante
und die buddhische Zivilisation, hinsichtlich ihrer Vorstellungen von Kon-
fliktlebenszyklen untersucht werden. Das Christentum (zusammen mit dem
Judentum und dem Islam) und der Buddhismus sind in der Tat Mega-
Kulturen, welche Okzident und Orient prägen. Genauere Vorstellungen dar-

89 Hiermit bezeichne ich die kollektiv (wenn auch gewöhnlich nur auf der Ebene des
Unterbewußten) geteilten Unterstellungen einer Kultur hinsichtlich dessen, was als
natürlich und normal gilt - wie die Dinge ganz einfach sind.
90 So haben wir es, wenn in einem Konflikt zwei Personen zusammentreffen, um etwas
auszuhandeln, mit (mindestens) vier Ebenen zu tun: die personae, die Masken, die
sie einander zeigen; die bewußt verfolgten, aber nicht notwendigerweise offengeleg-
ten Strategien; das individuelle Unterbewußtsein beider Parteien; und schließlich das
kollektive Unterbewußte, das übereinstimmen kann, aber nicht muß, je nachdem, ob
beide Parteien derselben Kultur entstammen oder nicht. Eine Konflikttheorie, die
sich nur der Ebenen 1 und 2 annähme, wäre reichlich naiv.
152 Konflikttheorie

über, wie diese grundlegenden Religionen Konflikte wahrnehmen, könnten


uns daher weiterbringen. 91
Wenn wir die Zeitvorstellung als Ausgangspunkt nehmen, kommen wir
schnell zu bestimmten Einsichten. Wenn die christliche Zeit begrenzt ist, ei-
nen Beginn, eine Genese, und ein Ende in der Apokalypse bzw. Katharsis
hat, dann dürfen wir erwarten, daß auch ein Konfliktlebenszyklus als zeitlich
begrenzt begriffen wird. In dieser Sicht hätte ein Konflikt einen eindeutigen
Beginn, gäbe es Geburt oder Genesis, und nach einer Krise ein eindeutiges
Ende, in Form einer Apokalypse oder Katharsis oder von beidem. Die Kos-
mologie wird sich von selbst aufdrängen und ein entsprechendes Verhalten
und entsprechende Einstellungen verlangen.
Im Gegensatz dazu ist die buddhistische Zeit infinit, sie hat praktisch kei-
nen Beginn und kein Ende, obwohl es die Transzendenz des Nirwana gibt,
eine Transformation in andere unbekannte und nicht vorhersehbare Weisen
der Existenz. Dementsprechend können wir hier eine Sichtweise erwarten, in
der der Konflikt als unendlich, als ohne Beginn und ohne Ende erscheinen
wird, wie ein endloser Fluß, von Ewigkeit zu Ewigkeit fließend; vielleicht
hat er irgendwo in unendlicher Ferne ein Delta, wo die in diesem Fluß ange-
sammelten Energien in den Ozean münden und andere Formen annehmen.
Der Konflikt wird transformiert, wenn möglich auf ein höheres (gewaltär-
meres) Niveau, er verschwindet aber darum nicht. 92 Wieder wird sich die
Zeitkosmologie dem Konfliktverständnis aufdrängen und nach einem korre-
spondierenden Bild des Prozesses verlangen; wir können also erwarten, daß
die Akteure und Kommentatoren entsprechend empfinden, sich verhalten, re-
den und schreiben; daß es in ihrer Wahrnehmung keinen Beginn und kein
Ende gibt.
Fügen wir jetzt der Zeitkosmologie ein Element gesellschaftlicher Kosmo-
logie hinzu: individuell vs. kollektiv/gesellschaftlich. Wenn wir hier die Kno-
ten-Netz-Metapher93 verwenden, was entspricht dann eher der Realität, die
Knoten oder das Netz? Da die christliche Seele als einzigartig gilt, wird man

91 Als Einführung in Texte des Buddhismus s. Edward Conze: Buddhist Scriptures,


London 1959. Als elementare Einführung kann dienen Johan Galtung: Buddhism: a
Questfor Unity and Peace, Colombo 1993.
92 Ein Beispiel: Ein Umwandlung multinationaler Staaten in eine Föderation läßt die
Konflikte zwischen nationalen Gruppen nicht verschwinden. Aber etwas Trennung
und Autonomie kann weniger gewalttätige Ansätze erleichtern, wobei das Zentrum
der Föderation als letzte Entscheidungsinstanz fungiert. Da dieser Entscheidungs-
prozeß aber häufig recht vertikal verläuft, bedeutet dies, daß es sich hierbei auch um
eine Übung in struktureller Gewalt handeln könnte. Folglich dürfte es sich bei einer
Konföderation mit einem sehr schwachen Zentrum um eine Transformation auf eine
höhere Ebene handeln, insofern sie sich von der Ausübung struktureller Gewalt ab-
setzt. Unnötig zu betonen, daß es sich hierbei um eine empfindliche Balance handelt.
93 Vgl. Raimon Panikkar: "La notion des droits de l'homme, est-elle un concept occi-
dental?", in: Diogenes, 1982, Nr. 120, S. 87-115.
Konfliktlebenszyklen 153

im Christentum die gesellschaftliche Wirklichkeit eher als individuelle Kno-


ten denn als soziales Netz wahrnehmen. Im Mahayana-Buddhismus besteht
die Wirklichkeit aus der Verbindung des einzelnen mit den anderen, und die
Vorstellung einer separierten, ewigen individuellen Seele ist hier eine Illusi-
on. Realität haben die Netze, nicht die Knoten.
Das wird wieder einen Einfluß auf die Konfliktwahrnehmung haben. Das
Christentum wird dazu neigen, Konflikte zu individualisieren, bis hin zu der
Vorstellung, daß sie ihren Ursprung in einem einzelnen Menschen haben, der
durch einen Konflikt das Leben anderer beeinflußt, wohingegen der Buddhis-
mus den Konflikt als innerhalb eines Kollektivs wichtiger Anderer entste-
hend betrachten würde. Ein solches Kollektiv muß nicht unbedingt synchron
verstanden werden. Nicht der Knoten ist wichtig, sondern das Netz, das sich
zur Seite wie diachron nach vorn und nach hinten erstreckt und dabei das
empfindungsfähige Leben in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ver-
knüpft. Die Wirklichkeit ist grenzenlos, sowohl im Bereich des Sozialen als
auch in der Zeit.
Das Christentum bestreitet nicht das Verbundensein des Individuums mit
anderen, in dem Sinne, daß die Taten eines Menschen einen Einfluß auf das
Leben Anderer haben können. Die ethische Maßeinheit aber ist das Individu-
um, dem ein Wille gegeben ist; das sich folglich nicht einfach verhält, son-
dern handelt. Ein Individuum ist ein Akteur. Im Buddhismus ist die ethische
Maßeinheit das Kollektiv, was nicht heißt, daß es keine individuelle Existenz
und keinen individuellen Willen gibt. Die Verantwortung aber liegt nicht al-
lein beim Individuum.
Um zur Flußmetapher zurückzukehren: Der buddhistische Konfliktfluß
fließt von Ewigkeit zu Ewigkeit, mal schnell, mal langsam; bildet Strö-
mungen, die mal zurückfließen, sich mal kreisförmig bewegen, mal riesige
Wasserfälle bilden, die mal aufwärts fließen, dann wieder nicht, dann wieder
Nebenarme bilden und sich gabeln. Wie das samsara, der Geburt-Wiederge-
burt-Zyklus. Wie sähe eine entsprechende christliche Wasser-Metapher aus?
Vielleicht ein Geysir, der aus bewegtem Wasser aufsteigt, zu einem Höhe-
punkt (vielleicht verdampfend) kommt, sich dann zurückzieht, verschwindet
oder aber sich ausdehnt und andere Geysire zu einer Überschwemmung ver-
anlaßt?
Für die Konflikttheorie und -praxis bedeutet "Konfliktindividualisierung
in einer finiten Zeit" einen ganz anderen Ausgangspunkt als "Konfliktkollek-
tivierung in einer infiniten Zeit". Das erste Bild spiegelt gut den okzidentalen
Atomismus, die nomothetische (verallgemeinernde) Konfliktologie mit de-
duktiver Theoriebildung, die unter Umständen auf einer Typologie von Ak-
teuren beruht. Das zweite Bild bringt die Dialektik des orientalischen Holis-
mus mit seiner ideographischen Konfliktologie zum Ausdruck, für die gilt,
daß es eine einzige zusammenhängende Menschheit oder Art von Leben gibt.
154 Konflikttheorie

2.2 Christliche und buddhistische Zeit- und


Konfliktkosmologie
Diesen allgemeinen Begriffsapparat können wir jetzt auf einige konkrete
Vorstellungen von Konflikttransformation anwenden. Beide Kulturen haben
klare Ansichten über Disharmonie, verbunden mit Vorschriften; beide sind
der Meinung, daß Harmonie demjenigen Menschen zuteil wird, der den letz-
teren - den Zehn Geboten des christlichen Glaubens und dem ,Edlen Acht-
gliedrigen Pfad ,94 des Buddhismus - treu bleibt. Konflikte oder Disharmoni-
en werden dem Menschen zuteil, der vom Gesetz abkommt, im Christentum
vom Gesetz Gottes und im Buddhismus vom Gesetz des Karma. Gott ist all-
gegenwärtig, allwissend und allmächtig, ist causa sui und zieht die Menschen
zur Rechenschaft. Und das Karma ist eine allgegenwärtige Dialektik zwi-
schen einem ethischem Determinismus, bei dem die Menschen sich selbst
Rechenschaft ablegen müssen ("Alles, was Du sagst und alles, was Du tust,
wird früher oder später auf Dich zurückfallen"), und der Möglichkeit, das
Karma durch Willensakte, den individuellen Willen zu verbessern.
Das Gesetz wird von den Menschen empfangen, nicht nur in der Hinsicht,
daß es gehört und verstanden, sondern auch in der Hinsicht, daß es als ver-
pflichtend verinnerlicht wird. Was Moses und Christus für den judäo-christli-
ehen Glauben taten, hat Buddha für den Buddhismus getan; da das Gesetz über
allen steht, gilt es auch für sie. Was sie taten, war, das Gesetz zu verdeutlichen,
in Form von Glaubensartikeln und Geboten, drei und zehn im Christentum (und
fünf in den Säulen des Islam), vier und acht im Buddhismus. Damit war die
moralische Grundlage bzw. der moralische Bezugspunkt geschaffen. Gegen sie
zu verstoßen, führt zu Disharmonie. Wenn man das tut, entstehen Konflikte,
vielleicht mit anderen, ganz sicher mit dem Gesetz, und dadurch auch mit sich
selbst. Im Christentum zusätzlich mit Gott, mit Christus; und im Buddhismus
derart, daß man ein schlechtes Karma schafft, womit sowohl das individuelle
als auch das mit anderen geteilte Karma gemeint ist.

94 Rechtes Sehen, rechtes Wollen, rechtes Reden, rechtes Tun, rechtes Leben, rechtes
Streben, rechtes Bedenken, rechtes Sichversenken. Als eine schöne Diskussion bud-
dhistischer Ethik und Praxis liest sich Robert Aitken: The Practice of Perfection,
New York/San Francisco 1995, besonders S. 28-32. Die buddhistischen Vorschriften
des pancha shila und des pancha dhamma würden - wie die jüdisch-christlich-
islamischen Gebote - auch das Stehlen, den Ehebruch, das Lügen und den Gebrauch
berauschender Substanzen als Gewalt definieren. Dem Ansatz dieses Buches ent-
sprechend, fallen diese Verhaltensweisen unter dessen Definition von Gewalt, wie
alles, was schadet und verletzt, und insbesondere in den Fällen, in denen Grundbe-
dürfnisse mißachtet werden (so schadet bzw. verletzt, um hiermit zu beginnen, die
Einnahme berauschender Substanzen dem/das Selbst). In allen Fällen würden wir
von direkter Gewalt reden, als Akte des Unterlassens (des Versagens, um es beim
Wort zu nennen) wie des Nicht-Unterlassens (Lügen z.B.).
Konfliktlebenszyklen 155

Jeder Verstoß wird entdeckt. Der moralische Wert einer Tat wird immer
von einem allwissenden Gott wahrgenommen; deren Plus- und Minuspunkte
im allgegenwärtigen Karma vermerkt. Gott entscheidet über Rettung oder
Verdammnis. Das Karma wird besser oder schlechter. Was geschieht dann?
Von diesem Punkt an zerfallen die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden
Traditionen. Wir können diese nicht mehr zusammen interpretieren, wir müs-
sen zwei verschiedene Ablaufdiagramme aufsetzen, eines für das Christen-
tum und eines für den Buddhismus. Es gibt Ähnlichkeiten, aber auch auffal-
lende Unterschiede. So besteht Z.B. Ähnlichkeit zwischen dem christlichen
Wunsch, das eigene Ansehen bei Gott zu verbessern, nachdem man eine
Sünde begangen hat, und dem buddhistischen Wunsch, das Karma nach ver-
werflichen Taten zu verbessern. Die Einstellung, daß das auf sich gestellte
Individuum hilflos ist und der Unterstützung durch Gott (Christentum) oder
durch Andere (Buddhismus) bedarf, ist ähnlich. Hier gibt es aber schon in
den Herangehensweisen Unterschiede, und das hat auf die begriffliche Erfas-
sung von Konfliktlebenszyklen eine profunde Auswirkung.
Der christliche Prozeß besteht aus einer komplexen Kette von Sünde, Un-
terwerfung unter Gott, Beichte der begangenen Sünde, Reue, Buße, Sühne
und möglicher Vergebung (durch Gott). Die letzte Entscheidung liegt bei
Gott, und nur bei Ihm, Sein Wille ist Gesetz, Er allein entscheidet mit einem
Gnadenakt über Heil und Verdammnis.
Grundlegend für dieses Paradigma ist seine durchgängige Vertikalität.
Die Sünde, die begangen wurde, geht gegen Gottes Gesetz und gegen Seinen
Sohn: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan." (Matthäus 25, 40; vgl. auch Matthäus 25, 45.) Das
Verhältnis zu Gott muß wiederhergestellt werden, wohingegen das Opfer von
untergeordneter Bedeutung ist. Der moralische Gehalt einer Handlung liegt
in deren Bezug zu Gott, denn Sein ist das Gesetz. Wenn diese Beziehung
wiederhergestellt ist, ist die Sünde aufgehoben, und der Mensch gilt wieder
als unbescholten, als neu geboren.
Das Christentum unterscheidet zwischen peccatum und peccator, zwi-
schen Sünde und Sünder. Ersteres wird verurteilt, letzterem ein Ausweg ge-
boten. Das garantiert Begrenzung in der Zeit und Individualisierung im
Raum. Der Konfliktprozeß beginnt mit einem Akt der Sünde eines fehlbaren
menschlichen Akteurs und endet mit dem Gnadenakt des unfehlbaren Gottes.
Im Mittelpunkt steht die ganze Zeit über der Sünder, derjenige, der gegen das
Gesetz verstoßen hat; alles übrige ist Beiwerk. Die Bühne ist dann bereitet
für die mögliche Wiederholung des Ablaufs, für den Verzicht auf weitere
Sünden oder für die letzte, die Todsünde, den Punkt, von dem aus es kein
Zurück mehr gibt.
Der buddhistische Prozeß erweist sich als eine davon sehr verschiedene
Sequenz. Wenn es keinen Gott gibt, keinen Himmel, keine Hölle, kein ewi-
ges Heil und keine ewige Verdammnis, keine ewige und trennbare indivi-
156 Konflikttheorie

duelle Seele, dann steht eine Verfehlung nicht in Beziehung zu Gott oder zu
einem selbst, sondern zum Netzwerk der betroffenen Anderen. Allein in die-
ser Gemeinschaft kann die Verfehlung ausgelöscht werden. Ein Weg dahin
bestünde im Dialog durch Handeln, im Ungeschehen machen des Bösen als
einer Wiederherstellung der Verhältnisse durch Verdienste. Ein anderer Weg
wäre der verbale Dialog, die Ermittlung dessen, weshalb oder wie sich das
schlechte kollektive Karma entwickelt hat und wie man es auf immer höhere
Niveaus bringen kann - und dann würde entsprechend gehandelt.
Grundlegend für dieses Paradigma ist seine durchgängige Horizontalität.
Das Verwerfliche einer Tat besteht in deren Auswirkung auf andere Formen
empfindungsfähigen Lebens. Die Tat kann nicht ungeschehen gemacht, das
Verhältnis aber kann geändert werden. Die betroffenen Anderen müssen
nicht heute lebende Individuen sein; die Verfehlung kann sich auch auf
schon Totes oder noch nicht (Wieder-) Geborenes erstrecken. Mit anderen
Worten, es gibt keine Möglichkeit, das Verhältnis zu individualisieren. Das
Verhältnis liegt, ob es nun gut oder schlecht ist, in der Kollektivität, und dort
wird es bleiben, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Eine nicht-endliche Zeitperspektive ist geWährleistet durch die Verantwor-
tung nicht nur für Taten der Vergangenheit, sondern für alle verdienstvollen
Taten und für alle Verfehlungen, die dieses Karma betreffen, unangesehen
des Ortes und der Zeit. Nur dadurch, daß man für die Verdienste und Verfeh-
lungen dieser Kollektivität die volle Verantwortung übernimmt, wird die Il-
lusion individueller Separierung und Permanenz ausgeschlossen.
Karma ist ein sehr holistisches Konzept; es transzendiert die individuellen
Lebensspannen in Raum und Zeit. Zugleich ist es auch sehr dialektisch, inso-
fern die Verfehlung, die zu einem Widerspruch im Karma führt, dialogisch
überwunden werden kann, durch verdienstvolle Worte, Handlungen, Taten.
Sieht man die menschliche Lage auf solche Weise, dann bringt es wenig,
Konflikte voneinander zu trennen, sie mit individuellen Namensschildern zu
versehen und in Raum und Zeit einzuklammern. Einen Teil dieses Ganzen
(holon) als schuldig und den anderen als nicht schuldig zu bezeichnen, ist
nicht sinnvoller, als nach einer verbrecherischen Strangulierung mit zwei
Händen die rechte Hand schuldig und die linke unschuldig zu sprechen. Wer-
den Verdienst und Verfehlung gemeinsam getragen, wird ihre Verteilung auf
Individuen zu einer metaphysischen Frage. Jegliches Verdienst habe ich
(teilweise) auch der Veranlassung meiner Brüder und Schwestern (den ein-
schlägigen Anderen) zu verdanken; ebenso jegliche Verfehlung, denn sie
hätten mich davon abhalten sollen, vom rechten Weg abzukommen.
Nicht metaphysisch dagegen ist der Wille, etwas dafür zu tun, ist die Bereit-
schaft eines jeden Teil des Ganzen, das kollektive Ich, dessen Teile sterben und
wiedergeboren werden, durch die komplexe Topologie jenes buddhistischen
Lebensflusses zu navigieren. Der christliche Glaube bietet ewiges Leben in Heil
oder Verdammnis; in der Praxis aber geht es ihm um das endliche Leben zwi-
Konfliktlebenszyklen 157

schen biologischer Geburt und Tod. Der Buddhismus bietet keine resurrectio
camis95 ; dieses unser biologisches Leben endet mit dem Tod des Körpers.
Praktisch nimmt er jedoch das Leben als ewigen Energiefluß von Ewigkeit zu
Ewigkeit wahr, ein Leben, das desto weniger Leiden und desto mehr Glück für
das Ich oder den oder den Anderen beinhaltet, je enger die Verknüpfungen zur
Seite, nach hinten und nach vorne ausfallen. Für den Christen gibt es keine Be-
rufung, denn er hat kein zweiter Leben; der kurze Moment des Lebens hier auf
Erden bestimmt über seine Ewigkeit. Für den Buddhisten ist die Ewigkeit selbst
die Zeitperspektive der Verbesserung des Karma und das Leben eine zusam-
menhängende Kette von Gelegenheiten, dafür tätig zu sein. Nichts ist endgültig,
es wird immer Gelegenheit geben, das Karma zu verbessern.
Wenn man die beiden hier ein wenig überzeichneten Anschauungen ver-
gleicht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Buddhismus
keine Grenze zieht, sondern eine gemeinsame Suche nach den Gründen für
ein schlechtes Karma bevorzugt, während das Christentum die Schuld zu
dichotom anlegt. Wo das Christentum zu asymmetrisch ist, ist der Buddhis-
mus zu symmetrisch. Und während das Christentum grausam ist in seinem
Bestehen darauf, daß das diesseitige, überaus begrenzte Leben das ewige Le-
ben nach dem Tode bestimmt, ist der Buddhismus zu sanft und mild, weil er
uns unbegrenzte Zeit gibt, unser Karma zu verbessern. Man könnte sich in
beiden Fällen Zwischenstufen vorstellen, und vielleicht wäre ein eklektischer
Komprorniß vorzuziehen.
Wir besitzen jedoch nicht die Freiheit, unsere Kulturen selbst zu gestalten;
sie sind uns vorgegeben. Tatsache ist, daß es diese beiden Perspektiven von
Konfliktlebenszyklen gibt; die eine als infinite Zahl finiter Konfliktlebenszy-
kIen zwischen der Geburt als einem Zustand ursprünglicher Sündhaftigkeit
und der Erlösung als göttlichem Gnadenakt, und die andere als finite Zahl
infiniter Lebenszyklen, die nirgends und überall beginnen, ihre Hochs und
Tiefs haben und zuletzt in das endlos bewegte Meer der Ewigkeit eingehen.

2.3 Säkulare Versionen der christlichen und der


buddhistischen Perspektive
So viel zu den christlichen und buddhistischen Perspektiven, die beide reli-
giöser Art sind in dem Sinne, daß sie mit dem da draussen in Verbindung
stehen, mit Gott oder mit dem Karma. Die eine verlangt, daß wir uns Gottes
Willen beugen, die andere, daß wir das Karma unserem Verlangen nach
Sartori, Erleuchtung, unterwerfen. Wie viele und welche Menschen glauben
aber heute noch wirklich, daß es ein Gesetz Gottes und ein Gesetz des Karma

95 Auferstehung des Fleisches, nicht nur der Seele (das Grab Christi war leer).
158 Konflikttheorie

gibt? Sowohl in der christlichen als auch in der buddhistischen Zivilisation


gibt es Prozesse der Säkularisierung, welche beiden Perspektiven viele ih-
rer Inhalte entziehen. Dennoch würden wir gemäß der allgemeinen Kosmo-
logietheorie erwarten, daß die formale Gestalt dieser Perspektiven, wie
z.B. finit-atomistisch versus infinit-holistisch, Veränderungen der Inhalte
überlebt. 96
Die säkulare Perspektive des Okzidents ist bekannt als Westliche
Rechtstradition, die das umfaßt, was der römischen, der deutschen und der
englischen Rechtstradition gemeinsam ist. Man bezieht sich noch auf
Transzendentes, dies aber in ritualisierter Form. Im Prinzip finden sich die
Ursprünge des Rechts bei den Nachfolgern Gottes als des Ersten Bewegers,
d.h. im konstituierenden Rechtsakt eines Königs oder einer Versammlung,
konstituiert kraft eigenen Rechts als Ursachen ihrer selbst und Quelle des
inneren und, im Falle der Vereinten Nationen, des Internationalen Rechts.
Rezipienten sind Nachfolge-Könige, -Versammlungen und -Vollversamm-
lungen; diese schaffen nachrangige Gesetze, mit denen das Gebotene, das
Erlaubte und das Verbotene ausgelegt wird. Eine entdeckte und als verbo-
ten registrierte Tat ist eine Gesetzesübertretung; der Täter wird dann auf
der Grundlage einer anderen Art von Gesetzen, ein ordentliches Gerichts-
verfahren betreffend, verurteilt. Der Richterspruch bleibt gleichermaßen
dichotom: schuldig oder nicht schuldig. Es folgt die Strafe, heute in Form
von Geld (Geldstrafe) oder Zeit (Gefängnis), die dazu dienen kann, die
schuldig/nichtschuldig-Dichotomie abzumildern. Eine schwere Strafe kann
durch Begnadigung gemildert werden. Theoretisch gilt der Mensch nach

96 Plus fa change, plus c'est la mime chose, und die berühmte Philosophie in Guiseppe
Tomasi di lAmpedusas 11 Gattopardo: Wir ändern uns, so daß alles Übrige das Selbe
bleibt ("Perche tutto resti com'~", S. 29; "una di quelle battaglie combattute affinche
tutto rimanga come ~", S. 31 der FeltrineIli-Ausgabe)
Ist es vielleicht kein Zufall, daß beide Beispiele der romanischen Welt entstammen?
Weise und etwas zynisch? Würde ein Deutscher, ein Amerikaner oder ein Skandina-
vier nicht eher unterstellen, daß, wenn sich irgendetwas ändert, diese Änderung Wir-
kung, Konsequenzen zeigen soll? Je mehr sich ändert, desto mehr ändert sich? Wir
ändern uns, damit der Rest der Welt nicht unverändert bleibt? Klingt ein wenig tri-
vial, nicht sehr anspruchsvoll.
Die Kosmologietheorie in Teil IV befaßt sich genau mit den Dingen, die unverändert
bleiben, wenn sich die Oberfläche verändert. Und noch eine Beobachtung des Ver-
fassers: Während Menschen aus romanischen Ländern diese Kosmologietheorie
unmittelbar verstehen, neigen deutschsprachige Rezipienten zum Unverständnis oder
aber, falls sie sie verstehen, zur Ablehnung. In den beiden letzten Fällen sieht man
einen Widerspruch bei einem Autor, der solche Art romanischer Einsichten pflegt
und gleichzeitig so handlungsorientiert bleibt (für mich handelt es sich hier aber um
nichts weniger als um einen Widerspruch, sondern um den Versuch, Realist zu blei-
ben, wenn es um tiefsitzende Annahmen und Verhaltensweisen geht).
Konfliktlebenszyklen 159

Verbüßung seiner Strafe, zumindest aber nach einer Zeit der Bewährung,
wieder als unbescholten.
Kurzum, Übereinstimmungen in allen wesentlichen Punkten. Die Vertika-
lität besteht auch hier; die Sünde, jetzt Verbrechen genannt, wird nach oben
verübt, gegen König/Staat/V olk; das Opfer gerät in Vergessenheit. Die Sühne
aber, jetzt Strafe genannt, ist nur äußerlich, sie wird von außen auferlegt und
trifft den Täter nur äußerlich, nämlich seine Geldbörse oder seinen Körper.
Der komplexe geistige Prozeß, der sich christlichen Lehren verdankte, wurde
in den Gefängnissen noch einige Zeit am Leben erhalten, existiert jetzt aber
praktisch nicht mehr. Bezahlen, im Gefängnis sitzen, quitt sein. Erst in letzter
Zeit gibt es einen Trend, Gesetzesbrecher zu Arbeiten für die Allgemeinheit
einzusetzen und das Opfer zu entschädigen.
Ein vergleichbares Resultat würden wir in den säkularisierten Versionen
des Buddhismus erwarten, wobei das geschriebene Gesetz und der "Täter"
weniger bedeutsam sein sollten als im Westen, einer Versöhnung aber
mehr Gewicht beigemessen würde. Es sieht aber so aus, als ob die Suche
nach Ursachen durch ein In-sieh-gehen, eine Meditation über die Verfeh-
lung und dann der ausdauernde Dialog mit dem, dem man Unrecht getan
hatte, zunehmend auch einer dritten Instanz - in Japan häufig der sprich-
wörtlichen Polizei in der Polizei-Box - überlassen würden. Die Aufgabe
der Verbalisierung, die Suche nach der Konfliktdiagnose, -prognose und -
therapie überläßt man anderen, die zu Konfliktbearbeitern werden, ohne
selbst am Konflikt beteiligt zu sein. Seien diese nun Laien oder Fachleute,
man verläßt sich weniger auf sich selbst, und so werden die Beteiligten
nicht reifer, ihr Karma wird nicht besser, ihr Verhältnis zueinander nur
geglättet. Das Ziel ist äußerlicher (V), nicht innerlicher Wandel (A). Die
metaphysische, geistige Untermauerung des buddhistischen Konfliktpro-
zesses ist im Schwinden begriffen.
Die konzeptionelle Grundstruktur mag in tieferen Schichten immer noch
vorhanden sein: als geringere Neigung, den Konflikt so zu betrachten, als
beginne er mit einer Tat und ende mit einer anderen, als gründe er in einem
Akteur und nicht in einer Beziehung. Die Konfliktvorstellung wird jedoch
allmählich vertikalisiert, und das nicht allein in Japan, das eine lange feuda-
listische Tradition hat, die im Gegensatz steht zum idealen autonomen Dorf
mit "Tempel und Zisterne" des klassischen Buddhismus. In der Folge dürfen
wir erwarten, daß Recht, Juristen und Rechtsstreitigkeiten im buddhistischem
Teil der Welt in dem Maße auf dem Vormarsch sind, in dem die buddhisti-
sche Perspektive säkularisiert wird.
Gibt es eine Zwischenposition zwischen dem häufig sehr obskurantisti-
schen Spiritualismus der Vergangenheit und heutigen Formen der Konflikt-
transformation, gesteuert oft von zynischen Außenstehenden, die überhaupt
keine innere persönliche Bemühung fordern, sondern nur, wenn möglich, ein
Honorar? Im Westen gibt es die sanftere Version des Christentums als milde-
160 Konflikttheorie

rer ,Okzident 11,97, im Orient könnte es möglicherweise zu einem Wiederauf-


leben des buddhistischen Konfliktverarbeitungskonzeptes kommen. Bud-
dhistischer Spiritualismus mag auch den Menschen des Westens, deren Gott
gestorben ist, akzeptabler erscheinen als das Christentum mit einem sehr le-
bendigen Gott dem Osten.

2.4 Einige Folgen auf der internationalen Ebene


Um zu untersuchen, welche Auswirkungen bestimmte Auffassungen von
Konflikt auf internationaler Ebene haben, wollen wir den Vietnamkrieg (den
Zweiten Indochinakrieg) und den Golfkrieg vergleichen. In beiden Kriegen
waren die USA eine der Hauptbeteiligten. Zwischen den beiden Kriegen gab
es aber einen wesentlichen Unterschied. Während des Vietnamkrieges waren
die USA immer weniger davon überzeugt, daß "Nordvietnam" eines Verbre-
chens schuldig war, und sie zweifelten zunehmend an der eigenen Berechti-
gung, Krieg zu führen. Das lag nicht nur daran, daß sie den Krieg verloren,
aus welchen Gründen auch immer (größeres militärisches Talent auf der vi-
etnamesischen Seite, an deren Spitze eines der militärischen Genies dieses
Jahrhunderts stand; der Einsatz von Wehrpflichtigen, unter ihnen auch Col-
lege-Studenten, von denen einige gegen den Krieg mobilisiert waren; Me-
dien, die nahezu wahrheitsgemäß, nicht "patriotisch" berichteten).
Im Golfkrieg dagegen waren die USAlBush von der eigenen Berechtigung
und von der Schuld des Irak/Saddams absolut überzeugt. Da sie möglicher-
weise das christlichste Land der Welt sind, konnte man von den USA erwar-
ten, daß beide Kriege ilUS ihrer Sicht mit "Sünden", Überschreitungen der
Gegenseite begonnen hatten. Ob das von den Entscheidungsträgern auf der
höchsten Ebene wirklich geglaubt wird, spielt eine geringe Rolle, solange der
Konfliktdiskurs in dieser Geisteslage stattfindet. "Den ersten Stein werfen"
kennzeichnet häufig das Verhalten christlicher Staaten, ungeachtet der War-
nung, dies zu unterlassen, wenn man selbst nicht unschuldig ist und im Glas-
haus sitzt: Du könntest dich nämlich selber treffen, wie ein Buddhist (oder
auch Jesus) sofort hinzufügen würde.
Als Hintergrund des Vergleichs mag ein kurzer Blick auf zwei Fälle der
jüngsten Vergangenheit, die dem westlichen Drehbuch folgten, erhellend
sein: USA-Japan und USA-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs.
Überschreitungen markierten den Beginn: Pearl Harbor am 7. Dezember
1941 und der Überfall auf Polen am 1. September 1939. Es gab Handlungen,
die das Ende markierten: die Kapitulationen, die in Rheims am 8. Mai 1945
bzw. in der Tokyo-Bucht am 2. September 1945 unterzeichnet wurden. Da

97 Für eine Definition vgl. Teil IV, Kap. 2.1. Als Illustration kann die mittelalterliche
Periode der europäischen Geschichte dienen.
Konfliktlebenszyklen 161

die bösen Taten so klar definiert waren, war es ein Leichtes, die Initiatoren
dieser bösen Taten auszumachen.
Vertikalisierung wurde nicht allein durch Kapitulation und Waffen-
übergabe als eindeutige Unterwerfungshandlungen durchgesetzt, sondern
auch durch Gerichtsverhandlungen (von denen die Nürnberger und die Pro-
zesse in Fernost die bekanntesten sind), die so etwas ähnliches wie Geständ-
nisse hervorbrachten, die den Konflikt dann mittels des Begriffes von "Kriegs-
verbrechern", die "Verbrechen gegen die Menschheit" begingen, zu indivi-
dualisieren erlaubten. Das Besatzungsverhältnis diente dazu, die Vertikalität
zu institutionalisieren. Die Reparationen waren nur eine Form der Strafe; ei-
ne andere bestand in der Marginalisierung innerhalb der Weltgemeinschaft
dadurch, daß den Besiegten die UN-Mitgliedschaft verweigert wurde.
Da die Achsenmächte abscheuliche Verbrechen begangen hatten, wurden
Beweise für eine grundlegende Änderung ihrer Haltung verlangt. Die Gele-
genheit bot sich während der Berliner Blockade 1948/49 und während des
Korea-Krieges 1950-53, und die beiden besetzten Länder nahmen sie eifrig
wahr, um zu beweisen, daß sie die Sache der Besatzer, besonders der USA,
zu ihrer eigenen gemacht hatten, was nicht so schwierig war, da man ihnen
eine untadelige antikommunistische Haltung bescheinigen konnte. Die Alli-
ierten, zumal die USA, nutzten diese Gelegenheit, um ihr göttliches Privileg
des Gnadenerweises auszuüben und beiden Frieden zuteil werden zu lassen
(jedoch ohne formalen Friedensvertrag mit Deutschland), wodurch sie dann
in die internationale Normalität entlassen wurden (Japan 1951, Deutschland
1954, Österreich 1955).98 Daß der Vorgang allgemeine Zustimmung fand,
lag zweifellos daran, daß man dem westlichen Skript gefolgt war und die Ja-
paner schnell gelernt hatten, wie man sich zu verhalten hat.
Beim Vietnamkrieg fand sich nichts von alledem. Die USA gewannen
nicht, also konnte es keine Sequenz geben, die mit vietnamesischen Unter-
werfungshandlungen begonnen hätte. Die Vietnamesen gewannen aber auch
nicht und konnten daher keine Unterwerfung oder gar Kapitulation der USA
fordern, denen dann ,Washingtoner Prozesse' wegen von Kriegstreibern wie
Lyndon B. Johnson, Robert McNamara, Richard Nixon und Henry Kissinger
verübter vorsätzlicher Verbrechen gegen die Menschheit gefolgt wären.
Es besteht immer noch allgemeine Unsicherheit, wie die Situation nach
dem Vietnam-Krieg zu interpretieren ist. Was läßt sich angesichts zweier
unterschiedlicher Drehbücher und der Rolle des Buddhismus in der ostasiati-

98 Das Motiv hinter der sowjetischen Bereitschaft, die Rückkehr Österreichs zur Nor-
malität zu akzeptieren, war die Hoffnung, daß Vereinigung zusammen mit Neutrali-
tät als Modell auch für Deutschland gelten könnte. Hätte Westdeutschland nur ein
Drittel oder ein Viertel der Größe Ostdeutschlands gehabt, wäre dies vielleicht ein
Motiv der Amerikaner und nicht der Sowjets gewesen.
162 Konflikttheorie

schen san fa (drei Lehren, in Vietnam komplettiert durch den Konfuzianis-


mus und den Nationalismus) hier ausmachen?
Wir würden erwarten, daß die Vietnamesen sich wenig um Schuldeinge-
ständnisse scheren, solange die andere Seite nicht auf ihrer Unschuld be-
steht, und ein großes Interesse daran haben, einen Dialog zu beginnen, der
herausfinden sollte, was schiefgegangen ist, und wie die Beziehungen ver-
bessert werden können. Zweifellos würden die Vietnamesen einen solchen
Dialog, wie die anderen drei mahayana-buddhistischen Länder (China, Ko-
rea, Japan) auch, in säkularen Begriffen führen; der buddhistische Aspekt lä-
ge in der Tiefenstruktur, nicht an der Oberfläche. Man würde von uner-
gründlicher "östlicher Weisheit" reden - "unergründlich" allerdings nur für
diejenigen, die kein Interesse am Ergründen haben. All dies würde, solange
die vorgenannte Regel beachtet wird, ohne allen Groll und mit lächelndem
Gesicht geschehen (obgleich man sich vor Augen halten sollte, daß die Se-
mantik, Syntax und Pragmatik des Lächelns im Orient nicht-westlich sind).
Die wesentlichen Bestandteile bleiben die gleichen: viel innerer Dialog (auch
Meditation genannt), viele äußere Dialoge zwischen den Beteiligten.
Was für einen Eindruck würde das alles auf die USA machen? Zunächst
könnten sie die Bitte um Gespräche als Zeichen ökonomischer Verzweiflung
betrachten, sich aber weigern, darauf einzugehen, damit sie nicht "zu Propa-
gandazwecken" mißbraucht werden - aus Angst vor deutlichen Worten.
Wenn die Vietnamesen nicht mit dem Finger auf die USA zeigen und sagen:
"Ihr seid schuldig", wird man das in einem dichotomen Null-Summen-
Diskurs als Zeichen dafür werten, daß die Vietnamesen ihre Meinung geän-
dert haben und die USA nicht mehr als schuldig und sich selbst nicht mehr
als unschuldig betrachten. Die Tausende von Flüchtlingen bestätigen in die-
ser Sicht grundlegende Mängel im sozialistischen Vietnam. Daraus folgt
nicht, daß die USA recht hatten, aber auch nicht, daß die Vietnamesen recht
hatten. Und das feinsinnige Lächeln könnte als Zeichen einer Vergebung
möglicher Untaten der USA betrachtet werden. Anders formuliert, jeder der
Beteiligten interpretiert das gleiche Phänomen innerhalb des je eigenen
Rahmens, und beide bleiben sich so fremd wie eh und je.
Beim Golfkrieg ist die Sache zumindest bisher weniger zweideutig. Es gab
jedenfalls einen eindeutigen Beginn mit der Angriffshandlung der Okkupati-
on Kuwaits durch den Irak am 2. August 1990. Von einem mustergültigen
Ende könnte man sprechen, wäre es nicht nur zum Rückzug aus Kuwait und
zur Kapitulation einiger irakischer Truppeneinheiten, sondern zur Kapitulati-
on des Ba'ath-Regimes generell und zu einem Baghdad-Tribunal gegen Sad-
dam Hussein und einige andere wegen "Verbrechens gegen die Menschheit"
gekommen, gefolgt von der üblichen Japan-Deutschland-Prozedur. Es hätte
sich das Gefühl einer Vollendung der christlichen Gestalt (dt. i. Orig.) des
Konfliktlebenszyklus eingestellt; man hätte das Buch zuklappen können. Die
Versuchung muß enorm gewesen sein.
Konjliktlebenszyklen 163

Betrachten wir nun den Golfkrieg aus einer buddhistischen Perspektive. In


dieser fehlen weder der 2. August 1990 noch der 17. Januar 1991 noch die
zwölf Sicherheitsratsbeschlüsse im allgemeinen und die Resolution 678 ("mit
allen notwendigen Mitteln") im besonderen. Die Konfliktformation weitet
sich aber aus, zu den Seiten nach hinten und nach vorne, verbindet sich mit
weiteren Akteuren und Beteiligten, mit vergangener Geschichte und zukünf-
tigen Konsequenzen: eine viel komplexere Sichtweise als die Schlichtheit des
internationalen Rechts, das auf die irakische Rechtsverletzung (korrekt) an-
gewendet wurde. Einer solchen rückwärts gewandten Sichtweise haben sich
auch Deutschland (Versailles als Aggressionshandlung) und Japan (ökono-
mische Sanktionen des Westens als Aggressionshandlungen) bedient, aber
zwecks Selbstentschuldung und nicht auf holistische Weise; sie haben nur
das herausgesucht, was ihrem jeweiligen Schuld-Budget diente.
Die engste westliche Annäherung an eine buddhistische Konflikttrans-
formation wäre eine multilaterale Konferenz, vorbereitet durch Meditation
und ohne weitere Vorbedingungen, bei der alle Beteiligten um einen Tisch
säßen und alle Fragen auf den Tisch kämen; und bei der Zeit genug wäre, alle
Konflikte des Systems zu artikulieren und zu bearbeiten. Sehr holistisch und
dialektisch, von Reife zeugend, aber selten während eines Konflikts prakti-
ziert.
3 Konflikttransformationen

3.1 Die Formations-ffransformations-lDeformations-


Dialektik
Bei einem Konflikt besteht irgendwo ein Widerspruch, und bei einem Wider-
spruch gibt es irgendwo eine Dynamik. Die taoistische Vorstellung des finl
fang, gemäß der das eine wächst, während das andere sich zurückzieht auf
der Suche nach einem Harmoniepunkt, ist, wie man auch von der Kausalität
sagt, kein Gesetz, sondern die Form eines Gesetzes. 99 Sie hilft uns aber zu-
mindest dabei, den Konflikt als etwas sich ständig Veränderndes zu betrach-
ten, etwas, das immer in Bewegung ist. Der eine mag gerade in Harmonie mit
sich selbst, der andere im Begriff sein, sich nach außen zu öffnen. Wir haben
den Konflikt intellektuell im Griff, wenn wir in der Lage sind, die Konflikt-
formation zu beschreiben, d.h. folgende Frage zu beantworten: Wer sind die
m AkteureIParteien, welche die n Ziele, was sind die Inkompatibilitäten, die
Widersprüche? Die Konfliktformation ist jedoch nie ganz greifbar; während
wir sie beschreiben, finden schon irgend wo Veränderungen statt vor unseren
(inneren und äußeren) Augen.
In welche Richtung gehen sie? Wie wir im vorangegangenen Kapitel be-
tont haben: Die okzidentale Art zu denken (vgl. auch Teil IV, Kap. 2) macht
uns glauben, es gäbe einen Endzustand (dt. i. Orig.), ein letztes Stadium, in
dem der Konflikt entweder gelöst ist oder als hoffnungslos, langwierig, ewig
dauernd, aufgegeben wird. Eine Konfliktlösung kann man als eine neue For-
mation definieren, die (1) für alle Akteure akzeptabel ist, und die (2) von al-
len Akteuren getragen werden kann. Die allernaivste Konfliktbetrachtung
wäre demnach die zu glauben, daß ein Konflikt gelöst ist, wenn sich die Eli-
ten der Konfliktparteien einig sind, und das mit ihren Unterschriften auf ei-
nem Dokument bekräftigt haben, in dem die neue Konfliktformation umris-

99 "Das fang zieht sich, wenn es seinen Höhepunkt erreicht hat, zugunsten des fin zu-
rück; das fin zieht sich, wenn es seinen Höhepunkt erreicht hat, zugunsten des fang
zurück" (Wan Ch'ung). Das ist eine Beschreibung der Beteiligten an einem Wider-
spruch; man nimmt an, daß sie den (ihnen entgleitenden) Harmoniepunkt nicht fin-
den. Es muß betont werden, daß in dieser Formulierung auch der Taoismus etwas
von der westlichen Tendenz besitzt, Widersprüche nur als zwischen zwei Beteiligten
bestehend zu betrachten; selbstverständlich lassen sich generellere Formeln denken.
166 Konflikttheorie

sen ist. Nicht ohne Grund bezeichnet man ein solches "diplomatisches" Do-
kument als einen "Fetzen Papier". Wieso?
Erstens wäre es möglich, daß die Unterzeichner es nicht ehrlich meinen.
Zweitens, auch wenn sie es ehrlich meinen, wo bleiben die anderen Akteure,
wo bleibt das Volk? Drittens, auch wenn die Bevölkerungen einverstanden
sein sollten, wo sind die Stützen und Kräfte, die eine weniger konfliktuöse
Formation (und nicht wieder genau die alte) hervorbringen können? Eine
weniger widersprüchliche Formation (W) ist gut, sie muß aber durch die
richtigen Annahmen und Einstellungen (A) gestützt werden, sonst kann man
davon ausgehen, daß die Konfliktbeteiligten ihr falsches Verhalten (V) wie-
deraufnehmen und sich noch vorhandenem oder neuem Konfliktmaterial
(sprich: Widersprüchen) zuwenden werden. Eine böse Wiedergeburt!
Leider ist eine derartige Naivität weit verbreitet und das besonders unter
Diplomaten, was wahrscheinlich mit dem feudalen Charakter ihrer Institution
zusammenhängt und mit deren Funktion in einem zwischenstaatlichen Sy-
stem, das eindeutig feudale Züge trägt. Aber auch die entgegengesetzte Nai-
vität, nämlich davon auszugehen, daß nur "das Volk" Konflikte lösen kann,
indem es Akzeptanz und Haltbarkeit garantiert, bietet nicht die Lösung. So-
wohl-als-auch bzw. eine doppeigleisige Diplomatie (Elite-Gleis und Bevöl-
kerungs-Gleis, mit wechselseitiger Interaktion) wäre ein viel besseres Rezept.
Wir haben oben auch darauf bestanden, daß die Tragfähigkeit bzw. Nach-
haltigkeit endogen sein, also in der Formation wurzeln muß. Wenn Außen-
stehende, manchmal Vermittler genannt, Zuckerbrot und Peitsche einsetzen,
d.h. die Beteiligten belohnen, wenn diese einer Lösung zustimmen, und be-
strafen, wenn sie das nicht tun, dann kann man kaum von einer wirklichen
Zustimmung und Tragfähigkeit sprechen, es sei denn, man geht davon aus,
daß die "Vermittler" zur Konfliktformation gehören und nicht außerhalb oder
gar "über" ihr stehen. In dem Falle aber sollten sie ihre Ziele klar formulieren
und sie in die Konfliktformation einbringen, die dann zu einer Konfliktde-
formation werden mag.
In den Konfliktlebenszyklen gibt es ohne Zweifel auch Phasen, die man
"Lösungen" nennen kann, insofern sie beide obigen Kriterien annähernd er-
füllen. 1m Prinzip aber ist die Konflikttransformation ein niemals endender
Prozeß. Alte Widersprüche können wiederauftauchen, neue entstehen. Nega-
tive oder - so kann man hoffen - positive Konfliktenergie vom Typ A oder V
wird kontinuierlich der Formation injiziert. Eine Lösung in Form einer sta-
bilen, dauerhaften Formation ist bestenfalls zeitweilig das Ziel. Viel wichti-
ger ist das Erlangen einer Transformationskapazität, d.h. der Fähigkeit, mit
den Transformationen so umzugehen, daß sie nachhaltig und akzeptabel sind.
Der Weg ist das Ziel, sagte Gandhi. Wir könnten sagen: "Der Prozeß ist das
Ziel", und eine stabile Lösung geht in dem Moment wieder verloren, in dem
wir sie gefunden zu haben glauben. Wer meint, alle Widersprüche auflösen
und so die widerspruchs- und überraschungsfreie Gesellschaft schaffen zu
Konflikttransformationen 167

können, wird die größten Überraschungen erleben. Wie Samen unter Asphalt
oder die Radioaktivität unter dem Tschernobyl-Beton werden unterdrückte
Widersprüche anfangen zu sprießen. Es sei denn, die Formation ist tot.
Auf die Gefahr hin, dieses Argument zu oft zu wiederholen: Konflikte
entstehen nicht durch Parthenogenese, aus dem Nichts, ex nihilo, sie lösen
sich auch nicht in Luft auf, erschöpfen sich nicht von selbst und können auch
nicht durch Konflikteuthanasie vernichtet werden. Selbst wenn sich die drei
Gruppen in Bosnien-Herzegowina gegenseitig umbringen, wird der Konflikt,
wie der Holocaust, als Erinnerung weiterleben und Ex-Jugoslawien, Europa,
die ganze Welt transformieren, und zwar zum Schlechteren hin: ein kolossa-
ler Verfall des Karma. Unsere Verantwortung transzendiert die hier und jetzt
bestehenden Formationen. Wir sind an allen Konflikten beteiligt. Wie sie an
uns.

3.2. Kontlikttransformationen: ein erster Überblick

Transformationen finden in der Zeit statt, und Zeit ist chronos und kairos,
gleichmäßiger fluß der physikalischen Zeit und die Wirbel dieses Flusses, in
denen sich die Zeit sich selbst zuwendet und in einem andauernden Jetzt still-
steht, von dem aus sie zu einem neuen kairos springt. Oben in Kapitel 1 sind
fünf Prozesse mit potentiellem kairos-Charakter definiert und beschrieben
worden:
(Des- )Artikulation: komplettes versus beschnittenes Konfliktdreieck;
(Un- )Bewußtmachung: Erhöhung oder Verminderung des Bewußtseins von
A und W;
Komplexijizierung/ . Erhöhung oder Verminderung von AkteurenlZielen;
Simplijizierung:
(Ent- )Polarisierung: Wahrnehmung der Konflikte als elementar (2, 1)/
(1, 2) oder nicht;
(De- )Eskalation: zunehmende oder abnehmende Gewalt auf der V-
Ebene.
Es besteht eine relativ einfache Beziehung zwischen diesen Prozessen: Arti-
kulation und Bewußtrnachung gehören ebenso zusammen wie Polarisierung
und Eskalation, wohingegen die Vorgänge der Komplexifizierung und Simp-
lifizierung eine komplexe Beziehung zu beiden Prozeßtypen haben.
Mit dem Bewußtsein von A und W ist, definitionsgemäß, das Konflikt-
dreieck vervollständigt. Ein Bewußtsein der inneren und äußeren Widersprü-
che und der eigenen Einstellungen zu diesen wird fast unvermeidlich Verhal-
tenskonsequenzen haben, einschließlich der Null-Konsequenz gewollten
Nicht-Verhaltens. Der Konflikt mag einfach zu überwältigend sein, wie Na-
168 Konflikttheorie

tionalitätenkonflikte in Osteuropa während der sozialistischen Periode. Hier


gab es sowohl ein Bewußtsein der Widersprüche wie der eigenen Einstellun-
gen dazu, aber keine verhaltensmäßige Entsprechungen - der Konflikt war
tabu. Als ein weiteres Beispiel für Null-Verhalten, das gleichwohl Verhalten
ist, kann das ungeheure Schweigen über Klassenkonflikte in den USA gelten.
Polarisierung meint die Reduktion einer Konfliktformation auf ihren ein-
fachsten Level, wobei alle m Parteien zwei Lagern zugewiesen und alle n
Themen zu einem Superthema zusammengepackt werden. Alle positiven, ko-
operativen Beziehungen bestehen innerhalb der Lager und alle negativen
zwischen diesen (obwohl es neutrale Beziehungen sowohl innerhalb der La-
ger wie zwischen ihnen geben mag, solange es keine negativen in ihnen oder
positive zwischen ihnen gibt).
Der Kalte Krieg war das klassische Beispiel, mit der unvermeidlichen
Folge, daß Konflikte innerhalb der Lager heruntergespielt, Konflikte zwi-
schen den Lagern überzeichnet wurden und der Inhalt des Konflikts vom
Westen zum Anti-Totalitarismus und vom Osten zum Anti-Imperialismus
vulgarisiert wurde. Selbstverständlich enthalten solche Formeln auch etwas
Wahres. Man steckt die Konfliktformation damit aber in eine Zwangsjacke;
sie wird so zur Konfliktdeformation. Wenn diese dann gelöst oder vielmehr
aufgelöst, d.h. die Zwangsjacke entfernt worden ist, werden die herunterge-
spielten oder unterdrückten Widersprüche wieder an die Oberfläche dringen.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie Konflikte vielerorts, in positivem wie nega-
tivem Sinne, neugeboren werden, wie sie also weder sterben, noch ewiges
Leben haben, noch reinkarniert werden.
Muß Polarisierung unbedingt zur Eskalation führen, d.h. zu mehr Gewalt
auf der V-Ebene? Das ist immer möglich, geschieht aber nicht immer.
Auf individueller Ebene meint Polarisierung kognitive Vereinfachung;
Vieldeutigkeit wird eliminiert und so der Boden bereitet für schwarz-weiß-,
Freund-Feind-Unterscheidungen und entsprechende Gefühle und Wünsche,
die auf Schlechtes für den/die Anderen und auf Gutes für sich selbst zielen -
einfach darum, weil durch Polarisierung das Ich und der Andere deutliche
Gestalt annehmen.
Auf kollektiver Ebene bedeutet Polarisierung eine Simplifizierung der Or-
ganisation, durch die die Lager und die Sache, für die gekämpft wird, defi-
niert werden. Wenn das Denken der Menschen also auf der kognitiven, emo-
tionalen und Willensebene entsprechend vorbereitet ist und ihre Körper
kollektiv organisiert sind, bedeutet das gewiß "stripping for action"loo. Die
Theorie des Wettrüstens als actio-reactio und nicht als Eigendynamik lOl - in-

100 Dieser treffende Begriff (etwa: sich freimachen zum Handeln - Anm. d. Übers.)
stammt von James S. Coleman.
101 Dieter Senghaas hat diese ausgezeichneten Begriffe und die ihnen entsprechenden
Perspektiven in die Friedensforschung eingebracht.
Konflikttransformationen 169

nerhalb jedes Lagers und aus jeweils endogenen Gründen - geht normaler-
weise aus von einer bipolaren Konfliktformation. Wenn das beide Parteien
tun, d.h. wenn es einen (Rüstungs-)Wettlauf gibt, dann wird eine Dialektik
zwischen gegenseitiger Provokation und gegenseitiger Abschreckung wirk-
sam, wahrscheinlich in Form einer Yin/Yang-Beziehung, und das heißt dann,
es wird zu äußerst bedrohlichen Phasen kommen, in denen die Provokation
die Oberhand behält, und zu weniger bedrohlichen Phasen, in denen die Ab-
schreckung vorherrscht. Das ist trivial, aber viele Autoren, die dieses Gebiet
behandeln, scheinen zu vergessen, daß Gewalt entstehen kann, wenn nur ein
Beteiligter stärker provoziert als abgeschreckt wird, wogegen beide Beteiligte
(und nicht nur der jeweils Andere) abgeschreckt werden müssen, damit "das
Gleichgewicht der Macht" den vielzitierten si vis pacem, para hellum-Effekt
haben kann.
Ebenso trivial, aber auch erwähnenswert: Es kann außer um das umkämpf-
te Ziel und die Gewaltvermeidung noch um andere Werte gehen. Selbstver-
ständlich mag ein Saddam Hussein Kuwait gewollt und dazu noch gehofft
haben, dabei ungeschoren davonzukommen; aber aus seiner eigenen Sicht
hätte er an Ehre, Mutbezeugung und Selbstachtung gewonnen, auch wenn
Kuwait und einiges Andere mehr verloren gehen würde. Es ist eine Menge
Indoktrinierung nötig, um unfähig zu sein, sich eine Kultur vorzustellen, in
der die erstgenannten drei Werte die anderen leicht aufwiegen, so daß selbst
die überwältigende Übermacht der "von den USA geführten Koalition" keine
abschreckende Wirkung mehr hat.
Viel wichtiger als diese Trivialitäten, die natürlich die Ideologie des
Gleichgewichts der Macht unterminieren (insbesondere wenn dazu noch
Faktoren wie Masochismus und Fehleinschätzungen sowohl des Selbst als
auch des Anderen berücksichtigt werden),102 ist die Annahme, es gäbe keine
Alternative zur Gewalt (mit den drei möglichen Ergebnissen "gewinnen",
"verlieren" und "Patt"), oder die, es läge keine Gewalt vor, nämlich im Falle
effektiver Abschreckung. Selbstverständlich gibt es noch das riesige tertium
der Gewaltlosigkeit, das unten in Kap. 5 detaillierter untersucht werden soll.
Die Briten waren der Meinung, die indische svaraj (Selbstregierungs)-
Bewegung hinlänglich durch den üblichen kolonialen Staatsterrorismus abge-
schreckt zu haben; Gandhis satyagraha eröffnete einen neuen Handlungsdis-
kurs (inklusive verbaler Handlungen). Der israelische Zionismus vertrat die-
selben Ansichten bezüglich der Palästinensischen Befreiungsbewegung und
war auf die Intifada geistig ebenso unvorbereitet. In beiden Fällen war man
nur von der Bedrohung durch "taugliche, bewaffnete junge Männer" ausge-

102 Für eine Untersuchung einiger der vielen Voraussetzungen, die gegeben sein müs-
sen, damit die Doktrin vom Gleichgewicht der Macht eine gewisse Plausibilität er-
hält, siehe Johan Galtung: "Balance of Power and the Problem of Perception", in:
Essays in Peace Research, Bd. 11, Kopenhagen 1976, S. 38-53.
170 Konflikttheorie

gangen und hatte die Macht von Frauen (im indischen Fall) und von Kindern
(im palästinensischen Fall) und in beiden Fällen die Macht der Gewaltlosig-
keit außer Acht gelassen. Kurzum, die Annahme, daß sich das Handlungsuni-
versum in gewaltsamen Handlungen und Nicht-Handlungen erschöpft, ist
ebenso falsch wie die Annahme, politische Gewalt müsse die Gestalt einer
räumlich aneinanderstoßenden "Front" annehmen, zeitliche Kontinuität be-
sitzen (traditionelle Kriegsführung) und könne nicht in Form punktueller
Aktivität - mal hier, mal dort (Terrorismus) - auftreten.
Polarisierung ist jedoch wahrscheinlich eine notwendige, wenn auch keine
hinreichende Bedingung für Eskalation, und Eskalation eine hinreichende,
wenn auch nicht notwendige Bedingung für Polarisierung.
Ob eine Komplexifizierung/Simplifizierung stattfindet, hängt offensicht-
lich davon ab, wie ein Konflikt wahrgenommen wird; wir stellen ihn hier dar

°
als Anzahl von Akteuren, m, Anzahl von Themen, n, und insbesondere als
Komplexität, K, definiert als K = m x n -1; wobei gelten soll: m > und n >
° bezüglich der Akteure und Werte; m = 0, wenn es sich nur um Parteien,
und n = 0, wenn es sich nur um Interessen handelt.
Wir hätten auch die einfache Formel K = m+n verwenden können, als die
Anzahl von Posten, die die Beteiligten als absolutes Minimum im Kopf be-
halten müssen, um sich ein Bild von der Konfliktformation machen zu kön-
nen. Die Parteien selbst müssen aber auch in Bezug zu den Themen gesetzt
werden, um dem Konflikt einen Inhalt zu geben, mit anderen Worten, die
Widersprüche zu benennen; das bedeutet, daß der kognitive Plan eine (m,n)
Matrix mit m x n Eintragungen ist (z.B. ,,1 ", wenn Thema Nr. j für die Partei
Nr. i relevant ist, ,,0", wenn das nicht der Fall ist). Das Multiplikationspro-
dukt ist also ein besserer Indikator des geforderten geistigen Einsatzes. Wir
subtrahieren dann 1, um zwischen komplexen Konflikten (K > 1), elementa-
ren Konflikten (K = 1), Frustrationen (K = 0; ein nichtrealer Konflikt) und
strukturellen Konflikten (K < 0; es gibt entweder keine Akteure oder keine
Werte oder beides nicht) unterscheiden zu können.
Das Problem läßt sich nun, wie in Kap. 1 dieses Buches begonnen, fol-
gendermaßen erörtern. Es gibt Skylla und Charybdis, die vermieden werden
müssen. Die Skylla besteht in zu großer Komplexität. Man kann darüber
streiten, wo die Obergrenze für K liegt, d.h. für eine effektive kognitive Ver-
arbeitung durch den menschlichen Verstand (bzw. durch den Verstand eines
Menschen, der einen Computerausdruck auswerten und das Programm kon-
trollieren soll). In der psychologischen Theorie neigt man dazu, K = 7 als
Obergrenze festzulegen, d.h. mund n liegen bei, sagen wir mal, 3 oder 4,
zumindest aber nicht viel höher (wenn wir uns der additiven Formel bedie-
nen).
Die Charybdis besteht in der Reduzierung auf K = 1; das ist eine zu gerin-
ge Komplexität. Das wäre eine Polarisierung, und auf die damit verbundenen
Gefahren wurde oben hingewiesen. So wie eine zu große Komplexität den
Konflikttransformationen 171

Intellekt überfordert, ist eine zu geringe Komplexität eine Unterforderung.


Wenn Eskalation jedoch eine hinreichende Bedingung für Polarisierung ist,
dann kann man davon ausgehen, daß die Akteure, je intensiver der Konflikt
ist, desto eher dazu tendieren werden, direkt auf die Charybdis zuzusteuern;
womit sie die Spannung erhöhen und sich selbst mögliche Auswege einer er-
folgreichen Konflikttransformation versperren.
Die Komplexifizierung hilft, der Charybdis des Reduktionismus zu ent-
kommen; die Simplifizierung hilft, der Skylla einer zu großen Komplexität
zu entkommen. Anders ausgedrückt: Versuche, das zu Komplexe einfacher
machen, aber im Bewußtsein der Gefahren einer Polarisierung! Da weiteres
Konfliktmaterial immer vorhanden sein wird, ebenso wie auch zusätzliche
Akteure und weitere Themen, muß eine Komplexifizierung also keineswegs
künstlich sein.

Zwei Beispiele aus der jüngsten Weltpolitik:


1974 fand in Caracas, Venezuela, eine wichtige Sitzung der United Nati-
ons Conference on the Law of the Sea, UNCLoS, statt. 103 Etwa 5000 Dele-
gierte aus ca. 150 Ländern setzten sich mit einem Katalog von etwa 150
Themen auseinander. Selbstverständlich konnte niemand bei einer derartigen
kognitiven Komplexität den Überblick behalten: 300 (oder 298) nach der
Additionsformel, 22.500 (oder 22.499) nach der Multiplikationsformel. Hier
hilft auch die Datenverarbeitung nicht, denn irgend jemand muß ja die Com-
puterausdrucke auswerten; desweiteren besitzt jedes einzelne Thema für je-
des einzelne Land eine einzigartige Bedeutung.
Eine gewisse Simplifizierung war unverzichtbar. Die kognitive Lösung
bestand in einer Einteilung der Akteure (Länder) und Themen (Streitfragen)
in jeweils drei Gruppen: Länder ohne Zugang zum Meer, Küstenländer, In-
seln (keine Küste, Küste, nur Küste) einerseits, territoriale Grenzen und
Rechte, Rechte auf den Meeresboden und darunter sowie militärische Fragen
andererseits. Bei drei Kommissionen und einer Gruppeneinteilung nach Län-
dern mit ähnlichen Interessen konnte die Komplexität auf 6 (4) im additiven
bzw. 9 (8) im multiplikativen Verfahren vereinfacht werden.
Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine erfolgreiche Komplexifi-
zierung: die Konferenz für Sicherheit und Kooperation in Europa (KSZE) in
Helsinki 1972 (Vorbereitungsphase) und 1973. Der Kalte Krieg war durch
Reduktionismus auf die polarisierte (2,1 )-Formel simplifiziert worden: Osten
(Sowjetunion/WVO), Westen (USAINATO) und ein Thema: Freiheit/Fa-
schismus, je nachdem, wer gerade redete. Diese Art von Propagandasprache

103 Zur Analyse des Verfassers, der Beobachter der norwegischen Delegation war, siehe
dessen "Human Needs, National Interest and World Politics", in: Peace Problems:
Some Case Studies. Essays in Peace Research, Bd. V, Kopenhagen 1980, S. 361-
380.
172 Konflikttheorie

aufzulockern, war eine äußerst wichtige Aufgabe, die in den kältesten Jahren,
vor Stalins Tod und in der Zeit der Angriffe auf Ungarn und die Tschecho-
slowakei, wahrscheinlich nicht durchführbar gewesen wäre. Zwei Methoden
gab es:
Erstens, die Einführung der NeutralenIBlockfreien Länder (NN: Neu-
trallNonaligned Countries) als dritte Gruppe. Sie waren natürlich mehr oder
weniger NN. Zwischen Finnland und der Sowjetunion bestand seit 1948 ein
Pakt, Jugoslawien hatte durch den Balkanpakt von 1953 mit Griechenland
und der Türkei enge Verbindungen zum Westen, der es, auch militärisch, un-
terstützte/ 04 Schweden war logistisch in den Westen integriert, die Schweiz
bespitzelte jeden, der im Verdacht stand, auch nur die geringsten Sympathien
für den Osten zu hegen,IOS usw. Trotz alledem hatten sie als Versammlung
einige unabhängige Standpunkte oder Nicht-Standpunkte, so daß man von
drei Gruppen sprechen konnte.
Zweitens die Auffächerung eines weitgespannten Problemkatalogs in drei
"Körbe": militärisch-politische Fragen (darunter Grenzprobleme), ökonomi-
sche Fragen (unter anderem Joint Ventures) und andere Themen (unter ande-
rem die Menschenrechte). Das Ergebnis war eine Komplexität, so hoch wie
im ersten Beispiel, diesmal aber herbeigeführt durch Komplexifizierung. Und
das Resultat hatte zweifellos für den Kalten Krieg einen gewissen Auftauef-
fekt: Grenzverläufe wurden bestätigt, es entwickelten sich Joint Ventures und
ein Prozeß, die Menschenrechte zu verwirklichen, kam im Ostblock langsam
in Gang. Die Widersprüche wurden ebenso abgeschwächt wie A und V auf
allen Seiten.

3.3 Konflikttransformation bei strukturellen Konflikten;


K<O
In einem strukturellen Konflikt wird, per definitionem, strukturelle Gewalt
ausgeübt. Der Grundwiderspruch/-inhalt des Konflikts liegt in der Vertikal i-
tät der Struktur, im politischen Fall in der Unterdrückung (von Freiheit) und
im ökonomischen Fall in der Ausbeutung (des Wohlbefindens). Diese repres-
sive/ausbeuterische Struktur wird dann von weiteren strukturellen (d.h. un-
abhängig von bestimmten Absichten wirkenden) Vorkehrungen geschützt.
Genauer formuliert durch

104 Vgl. z.B. Michael W. Weitmann: "Zwischen Orient und Okzident: Die Geschichte
der Konfliktregion Jugoslawien", in: Rudolf H. Dittel (Hg.): Ex-Jugoslawien: Ver-
such einer Bestandsaufnahme, Königsbrunn 1993, S. 56.
105 Z.B. den Autor dieser Zeilen, ein weiteres Opfer der "Fichocrates" jenes Landes.
Konflikttransformationen 173

Verhinderung von Bewußtseinsbildung, Bewußtmachung: Penetrierung,


von oben erfolgende Konditionierung des Denkens; Segmentierung, wo-
durch die unten Stehenden die Realität nur begrenzt wahrnehmen können;
Verhinderung der Mobilisierung, des Zusammenschlusses der unten Ste-
henden: Fragmentierung, Auseinanderbringen der unten Stehenden; Mar-
ginalisierung, ihre Trennung vom Rest der Bevölkerung.
Dabei sind Bewußtmachung und Mobilisierung genau die Vorgänge, die nötig
sind, um die Interessen in einem strukturellen Konflikt in bewußt vertretene
Werte umzuwandeln und eine nicht-organisierte, sozusagen formlose Partei (in
einem strukturellen Konflikt) zu einem Akteur (in einem Konflikt) zu machen.
Folglich müssen alle vier Präventionsmaßnahmen überwunden werden, damit
man an die grundlegenden Fragen der Repression und Ausbeutung kreativ her-
angehen kann. Die Frage ist, wie so etwas zuwege gebracht werden kann.
Beiläufig sei erst einmal bemerkt, daß wohlwollendes Handeln von oben
zwecks Abschwächung von Repression und Ausbeutung notwendig, aber
nicht hinreichend sein kann. Eine menschenfreundlichere Struktur, in der die
vier Präventionsmodi immer noch intakt sind, bleibt gewalttätig. Wenn diese
vier neuen Formen der Repression da sind, kann es wieder zur Ausbeutung
kommen, z.B. durch eine weitverzweigte Wohlfahrtsstaatsbürokratie statt
durch eine gierige Oberschicht. Das wäre zwar eine Verbesserung, aber, wie
Kritiker sagen, immer noch sehr vertikal.
Hier nun vier Schritte zur Überwindung struktureller Gewalt:
Konfrontation, das Auswählen eines Problems, in dem der allgemeine Kon-
flikt zum Ausdruck kommt, also z.B. das "Quentehen Salz" für Gandhi im
berühmten Salzmarsch (nach Dandi in Gujarat am 5. April 1930), wodurch
das Problem und das gewünschte Ergebnis klar formuliert werden.
Kampf zur Überwindung von Repression und/oder Ausbeutung. Die Frage
ist, wie dieser Kampf vor sich gehen sollte. Die Antwort der Friedensfor-
schung ist klar: ohne Gewalt, nach der allgemeinen Formel "Frieden mit
friedlichen Mitteln". Das besondere Talent eines Gandhi bestand genau dar-
in, eine Alternative zu bieten zu zwei krassen Gegensätzen: der Unterwürfig-
keit (gegenüber Repression und Ausbeutung) und dem gewaltsamen Kampf,
diese zu überwinden - ein Kampf, der im besten Falle zu schrecklichen Ver-
lusten auf beiden Seiten und zu Racheforderungen führen, langandauernden
Haß säen, neue Widersprüche wegen des Einsatzes von Gewalt entstehen las-
sen würde und im schlimmsten Falle dazu noch verloren werden könnte. Der
Herr (dt. i. Orig.) verfügt zusätzlich zu der seiner Position an der Spitze ent-
sprechenden strukturellen Macht auch über die Macht seiner Ressourcen,
über Zuckerbrot und Peitsche zur Belohnung und als Strafe.
Überdies, und das ist von grundlegender Bedeutung: "Gewinnen" im Sin-
ne einer Umkehrung der Verhältnisse, d.h. das Vertauschen der Rollen von
174 Konflikttheorie

Herr und Knecht (dt. i. Orig.), ist weder notwendig noch wünschenswert. Das
Ergebnis wäre nach der Unterdrückung des Gewalttraumas ein neuer struk-
tureller Konflikt. Camus sagt, er sei mit dem Knecht solidarisch, solange die-
ser Knecht bleibt; danach ergreife er für den neuen Knecht Partei. Das glei-
che kann der Friedensforscher sagen, und zwar aus dem einfachen Grunde,
weil ein Konflikt nur gelöst werden kann, wenn alle Beteiligten der Überzeu-
gung sind, daß sie den/die Anderen nicht zwingen können, sich zu unterwer-
fen. Gewaltlosigkeit, wie die Intifada der Palästinenser, hat diesen Willen der
Bevölkerung Briten und Israelis deutlich gemacht. 106
Entkopplung, das Kappen der strukturellen Bande mit dem Repressor
und/oder Ausbeuter. Das ist Gandhis berühmte Nicht-Kooperation; man soll-
te sich aber klar machen, daß er immer der Meinung war, die Verbindung
zum Menschen auf der anderen Seite - im Gegensatz zum Inhaber einer
strukturellen Position - müsse aufrecht erhalten werden (um einen Dialog zu
beginnen oder weiterzuführen). Es geht weniger darum, den Herrn zu treffen
und ihm zu schaden, indem man ihm (gewöhnlich handelt es sich um einen
Mann) die strukturelle Macht und die materiellen Güter nimmt und ihm die
Unterwürfigkeit versagt, die ihm strukturell von unten zufließen. Der eigent-
liche Zweck ist es, für Autonomie zu sorgen und die Fähigkeit zur Selbstän-
digkeit und Autonomie bei den unten Stehenden zu entwickeln. Damit er-
reicht man, daß diese weniger unterdrück- und ausbeutbar werden, und ver-
deutlicht, daß diejenigen, die an der Spitze stehen, sich dort nicht halten kön-
nen: Ermächtigung, mit einem Wort.
Wiederankopplung, Entkopplung ist langfristig kein Ziel. Auf lange Sicht
geht es darum, eine horizontale Struktur zu schaffen, in der Menschenrechte
an die Stelle der Repression, Gleichheit an die Stelle der Ausbeutung, Auto-
nomie an die Stelle der Penetration, Integration an die Stelle der Segmentie-
rung, Solidarität an die Stelle der Fragmentierung, Partizipation an die Stelle
der Marginalisierung tritt. Worte, Wortpaare. Nur durch Taten kann man das
alles erreichen. Entkopplung dient dazu, diese positiven Strukturen von unten
aufzubauen, Wiederankopplung dient dazu, neue, umfassendere, weniger
gewalthaltige Strukturen zu schaffen.
Derlei ist zwischen den ehemaligen Kolonialmächten und deren Kolonien
immer noch nicht erreicht worden. Die Repression von oben ist zwar redu-

106 Die Intifada ("Abschütteln") wird im Westen meist mit Steinewerfen assoziiert, was,
wenn damit auch nicht immer beabsichtigt wird, jemanden zu treffen, eindeutig ge-
walttätig ist, zumindestens als Ausdruck der Körpersprache; das gilt auch für die das
Werfen begleitenden Worte. Die Intifada bedeutet jedoch sehr viel mehr: General-
streik, geschlossene Läden, eine allgemeine Einstellung und ein Verhaltens syndrom,
das die volonte generale des palästinensischen Volkes sehr gut widerspiegelt. Siehe
Johan Galtung: Nonviolence and IsraellPalestina, Honolulu, HI 1989, S. 61-72:
"Intifada: The Palestinian Fight for Liberation".
Konflikttransformationen 175

ziert worden. Die ökonomische Ausbeutung jedoch könnte sogar unter dem,
was Kwame Nkrumah "Neokolonialismus" nannte, zugenommen haben. Und
die weiteren vier Kriterien bestehen nach wie vor. Kurz gesagt, die Therapie
für pathologische Strukturen ist ein langfristiges Problem und nicht blitzartig
zu lösen. Und Entkopplung ist nur ein Schritt.
Interessanterweise haben die meisten Menschen einen solchen Prozeß
durchlaufen und sind, ohne es selbst zu wissen, Experten für die Transforma-
tion struktureller Konflikte: während der Pubertät nämlich, ob man diese nun
gesellschaftlich oder biologisch definiert. Eine Familie ist nicht immer re-
pressiv und/oder ausbeuterisch. Aber gewiß konditioniert sie das Kind für
den Rest seines Lebens - eine gigantische Gehirnwäsche, bei der durch mas-
sive Beeinflussung eine nationale Gruppenidentität entsteht. Wie viele Eltern
versuchen denn aktiv, ihre Kinder anderen Sprachen und Kulturen als den ei-
genen auszusetzen und ihnen damit eine weitreichendere Kompetenz zu ge-
ben, Wahlmöglichkeiten und eklektische Kombinationen inbegriffen? Wie-
viele Eltern geben ihren Kindern einen vollständigen Einblick in die Fami-
liensituation anstelle ausgewählter, segmentierter, flüchtiger Einblicke?
Weithin werden darüber hinaus Geschwister durch Mechanismen der Bin-
dung an die Eltern gegeneinander ausgespielt in ihrem Kampf um Aufmerk-
samkeit, Liebe und materielle Dinge. Dazu kommt, daß sich die Eltern oft
entziehen und eher unter sich beraten statt im (Familien-)Plenum.
Die Pubertätsrevolte kann individuell, kollektiv im Verbund mit Geschwi-
stern oder im Kollektiv mit anderen Jugendlichen erfolgen. Ein Informati-
onsaustausch findet in jedem Falle statt. Individuelles Bewußtsein entsteht
durch Konfrontation; fast jeder kennt das Türenknallen als hörbaren und den
trotzigen Gesichtsausdruck als visuellen Indikator hierfür. Das neue Bewußt-
sein ist oft Spiegel des elterlichen Bewußtseins, indem es als dessen Negation
auftritt. Gleichzeitig werden horizontale Bindungen zu anderen in der glei-
chen Lage aufgebaut (Jugendgruppen, "Banden"); es entsteht eine jugendli-
che Subkultur, der sich die Jüngeren anschließen, und die die Älteren wieder
verlassen. Es entstehen umfassendere Betrachtungsweisen der Wirklichkeit,
gesellschaftliche Bühnen werden ohne elterliche Anleitung oder Hilfe er-
obert. Eine neue Generation ist entstanden.

3.4 Konflikttransformation von Frustrationen; K = 0

Wie erwähnt, sind Frustrationen konzeptionell an den Rändern von Konflik-


ten angesiedelt. Das grundlegende Merkmal ist vorhanden: Es gibt ein Ziel,
und etwas, das den Zugang dazu blockiert, etwas, das "im Wege" ist. Es gibt
aber keine Bemühungen, andere Ziele zu erreichen, eigene (Dilemma) oder
Ziele anderer (Disput). Wie kann man einen solchen Zustand ändern?
176 Konflikttheorie

Dies hängt natürlich davon ab, um welche Art Ziel und welche Art von
Blockierung es sich handelt. Drei allgemeine Formeln gibt es jedoch, die
auch für die allgemeine Konflikttransformationstheorie gelten.
Transzendenz: Die Blockierung wird überwunden, das Ziel erreicht, wenn
auch vielleicht in etwas abgewandelter Form. Ein Grund dafür kann der sein,
daß die Blockierung nicht ganz so massiv war, wie ursprünglich vermutet,
ein anderer, daß der Akteur im Besitz verborgener Ressourcen war, ein drit-
ter, daß er das Ziel neu zu definieren vermochte. Wenn ein Mensch, der auf
dem Nordpol steht, sich 20 cm weiter bewegen soll, aber nicht in Richtung
Süden, dann entsteht eine Frustration, bis er darauf kommt, daß er diese Zen-
timeter ja springen kann. Er hat dann eine vertikale Körperbewegung ge-
macht; die wichtigste Bewegung erfolgte aber auf geistiger Ebene und be-
stand in einer Erweiterung des Paradigmas, unter das die Frustration fiel. 107
Der Kompromiß: Die Ansprüche werden herabgesetzt, das Ziel wird so redu-
ziert, daß es erreichbar wird. Wenn das Ziel eine gehobenere gesellschaftli-
che Stellung ist oder Macht, Reichtum, Ruhm (oder all dies zusammen),
müssen die meisten Menschen irgend wann im Verlauf ihres Lebens einen
Komprorniß eingehen; das nennt man dann "anfangen, realistisch zu den-
ken".
Der Rückzug: Das Ziel wird einfach aufgegeben, Z.B. weil man meint, es sei
die Mühen nicht wert ("saure Trauben"), und in die tieferen unterbewußten
Schichten der Psyche verbannt (aus denen es dann zu einem späteren Zeit-
punkt wieder auftauchen kann, und dann mit Macht); oder es gelingt, das
Ziel erfolgreich zu eliminieren.
Diese drei sind Rezepte für Lebenskünstler, wenn man sie kombiniert, und
für Lebensstile, wenn man sein Leben nur um eine einzige Formel herum
baut. Der kreative Mensch folgt der Transzendenz als Formel, der angepaßte
dem Komprorniß und der scheue/feige/gedemütigte/einsame dem Rückzug.
Nur auf eine Karte zu setzen, könnte sich jedoch als kontraproduktiv erwei-
sen.

3.5 Konflikttransformation für elementare


Akteurskonflikte ; K =1
Gehen wir davon aus, daß strukturelle Konflikte soweit transformiert worden
sind, daß Interessen zu Werten und Beteiligte zu Akteuren geworden sind,

107 Das nennt man extra-paradigmatisches Denken; Edward de Bono nennt es "laterales
Denken" (in seinem Buch Lateral Thinking, London 1970 und New York 1970).
Konflikttransfonnationen 177

und gehen wir weiter davon aus, daß der Akteur (zu Recht oder Unrecht) der
Meinung ist, daß das Erreichen jenes Ziels (als Wert = bewußt angestrebtes
Ziel) durch ein anderes eigenes oder ein von anderen angestrebtes Ziel blockiert
ist, dann befinden wir uns im Bereich elementarer Akteurskonflikte. Wie schon
erwähnt, gibt es elementare Konflikte zwischen Akteuren hauptsächlich in
Lehrbüchern (wie hier) und kaum im wirklichen Leben. Wirkliche Konflikte
sind gigantische Konfliktmoleküle aus Dilemmata und Disputen, die oft ein un-
glaublich hohes Komplexitätsniveau besitzen. Wenn wir aber davon ausgehen,
daß sie bei ihrer Transformation einen gewissen Simplifizierungsprozeß durch-
laufen, dann werden elementare Konflikte realistischer, als Approximationen.
Und komplexe Konfliktmoleküle können bis zu einem gewissen Grad als aus
elementaren Konfliktatomen zusammengesetzt betrachtet werden, wodurch es
notwendig wird, deren Transformation zu durchschauen.
Hier nun eine elementare graphische Darstellung elementarer Konflikte:

Abbildung 2.4: Basisdiagramm für elementare Konflikttransformation


A2 Z2
[4,5] [1] Transzendenz,
Ausweitung, Wonnepunkt
Vertiefung
[2] Komprorniß

[3] Rückzug Al, ZI


[4,5]
Ausweitung,
Vertiefung

In diesem Diagramm wird eine Konfliktformation mit zwei Akteuren, Al


und A2, und zwei Zielen, Zl und Z2 (Al, A2; Zl, Z2) dargestellt. Wenn Al
= A2 =A ist, dann ist die Formation ein Dilemma (für A; wenn dazu noch Zl
= Z2 ist, dann handelt es sich um eine Frustration), wenn nicht, handelt es
sich um einen Disput; wenn dann Zl = Z2 = Z ist, geht es beim Disput um
das gleiche umkämpfte Ziel ("Mein Bruder und ich sind uns in einer Sache
einig, wir wollen beideMailand.. ).MankanndasDiagrammverwenden.um
eine Trajektorie zu ziehen, d.h. um die Geschichte der Konfliktformation
nachzuvollziehen. Die allgemeine Hypothese lautet, daß die fünf angezeigten
Punkte gute Kandidaten für ein zeitweiliges Gleichgewicht sind, in dem Sin-
ne, daß Akzeptanz und Tragfähigkeit erreicht werden können, wobei aber
darauf hingewiesen werden muß, daß keine Lösung dauerhaft sein kann; da-
her auch der Begriff Transformation. Fast immer werden Konfliktreste in den
A-, V- oder W-Ecken des Konfliktdreiecks übrigbleiben, und diese Reste
werden sich an benachbarte Konfliktformationen heften, auch an Moleküle,
von denen die Konfliktatome Teile sind.
178 Konflikttheorie

An dieser Stelle muß auch vor einer Terminologie gewarnt werden, die im
US-Konfliktjargon einen gewissen Stellenwert hat: daß man die Punkte [1],
[3], [4], [5] als "gewinnen, gewinnen; verlieren, verlieren; gewinnen, verlie-
ren oder verlieren, gewinnen" kennzeichnet. Erstens sind diese Begriffe me-
chanistisch und weisen überhaupt nicht auf die darunter verborgenen Prozes-
se hin. Zweitens - was noch wichtiger ist - suggerieren sie etwas anderes,
nämlich daß ein Konflikt ein Spiel ist, wie z.B. in dem Konfliktdiskurs, der
als "Spieltheorie" bekannt ist (ursprünglich aus der Theorie und Praxis der
U-Boot-Kriegsführung entwickelt). Diese Terminologie wird den Problemen
nicht gerecht; sie vermittelt weder das Gefühl, es gehe um Leben und Tod,
noch bekommt man einen Eindruck von der Intensität des Engagements.
Stattdessen wird eine Gesellschaftsspielen angemessene Geschicklichkeit
aufgeblasen zur Metapher für existentielle Problemlagen, so wie Nachrichten
in den Massenmedien zur Unterhaltung werden (und dies nicht zufällig im
sei ben Land).108
[1] Transzendenz ist das Ergebnis, das mit dem stolzen Titel "kreative Kon-
flikttransformation" belegt werden kann. Etwas Neues, sui generis, gewöhn-
lich Unerwartetes, ist durch diesen Prozeß entstanden, d.h. man hat vom po-
sitiven Aspekt eines Konflikts Gebrauch gemacht, von der Herausforderung,
den zugrunde liegenden Widerspruch zu transzendieren (daher der Ausdruck).
Beide Ziele sind erreicht worden, wenn auch vielleicht in leicht abgewandel-
ter Form. Alle sind glücklich. Schlüsselwort: Kreativität.
[2] Ein Kompromiß ist herbeigeführt worden, wenn sich die Beteiligten hin-
sichtlich beider Ziele mit weniger als dem ursprünglichen Zielinhalt zufrie-
dengeben. Schlüsselwort: Mäßigung.
[3] Rückzug bedeutet, daß man beide Ziele aufgegeben hat, für immer oder
für eine gewisse Zeit, durch Erweiterung des Zeithorizonts. Schlüsselworte:
Apathie, Beharrlichkeit.
Diese drei Ergebnisse sind symmetrisch und meist durch ein gewisses Maß
an kooperativer Steuerung des Prozesses der Zielsuche zustande gekommen;
durch innere Dialoge (bei Dilemmata) und/oder äußere Dialoge (bei Dispu-
ten). Alle drei befinden sich auf der Hauptdiagonalen des Diagramms und
zeugen eher von Harmonie denn von Disharmonie (da sie symmetrisch sind,

108 Auf der anderen Seite hilft die Spieltheorie, wenn wir über die Terminologie hin-
wegsehen bzw. (wie hier geschehen) einen anderen Diskurs einführen, sehr dabei,
seine Gedanken über einen Konfliktprozeß zu ordnen. Jeder Diskurs kann miß-
braucht werden. Wie die Unmenge an Literatur über das Gefangenendilemma zeigt,
kann die Spieltheorie auch zur Klärung von Kooperationsproblemen genützt werden.
Als Mittel der KonfliktIösung wird sie jedoch wohl viel zu sehr gepriesen. Vgl. Ri-
chard B. Braithwaite: Theory ofGames as a Toolfor the Moral Philosopher. An in-
augurallecture delivered in Cambridge on 2 December 1954, Cambridge 1955.
Konflikttransformationen 179

ist es egal, was [4] oder [5] jeweils bedeuten würde). Die anderen beiden
zeugen von Disharmonie und bieten zwei Interpretationsmöglichkeiten.
Erstens sind das die Ecken, in denen sich einer durchsetzt und der andere
nachgibt, z.B. indem er die Fähigkeit oder Motivation des anderen Akteurs,
das Ziel weiter zu verfolgen, eliminiert. Die Sache ausfechten ist oft die ein-
zige Alternative zum Komprorniß im Konflikttransformationsrepertoire vie-
ler Menschen. Schlüsselwort: Gewalt (nicht friedlich).
Zweitens kann es jedoch in diesen Ecken sowohl Akzeptanz als auch
Tragfähigkeit geben, wenn für eine gewisse Kompensation gesorgt wäre. Für
manchen kontraintuitiv, könnten doch andere Konflikte genutzt werden, und
zwar durch Ausweitung, wenn mehr Akteure, und durch Vertiefung, wenn
mehr Streitfragen eingebracht werden, oder durch beides. Schlüsselworte:
erhöhte Komplexität.
Wenden wir uns nun vier Illustrationen dessen zu, was Transzendenz,
Komprorniß, Rückzug und Kompensation in der Praxis bedeuten könnten -
zwei Disputen und zwei Dilemmata, zwei pädagogisch, zwei realistisch ori-
entiert.
Erste Disput-Illustration: zwei Kinder, eine Apfelsine lO9
Die Kinder können natürlich eine Entscheidung mit Hilfe roher Gewalt
herbeiführen, und dies Ergebnis kann akzeptabel und nachhaltig sein, wenn
in der betreffenden Kultur diese Gewalt als Entscheidungsmechanismus ak-
zeptiert ist. Die meisten Kinder aber kämen sicherlich leicht zu einer Kom-
prornißlösung, indem sie die Apfelsine schälen und die Stücke aufteilen, oder
indem sie die Apfelsine aufschneiden und die beiden Hälften auspressen. In
beiden Fällen könnten sie gemeinschaftlich die Teile verwerten, nach der
bewährten Formel: "Du teilst auf und ich suche mir meinen Teil aus".
Die Transzendenz ist ein wenig anspruchsvoller: Man verwendet die Ker-
ne, um Apfelsinenbäume zu pflanzen, um dann zur gegebenen Zeit gemein-
sam die Früchte zu ernten. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Schalen zum
Backen von Kuchen zu verwenden, die man dann gemeinsam verzehrt oder
verkauft und den Profit daraus teilt.
Um diese Resultate zu erreichen, muß man handeln. Beim Rückzug ließe
man die Apfelsine einfach liegen, als Orange an sich, nicht für mich (dt. i.
Orig.). Das wäre vereinbar mit einer anderen Art, die Apfelsine zu konsumie-
ren: nämlich mit den Augen statt mit dem Mund; in diesem Fall genösse man
dann deren ästhetische Eigenschaften, gemeinsam oder parallel (dies ist ein

109 Mein Interesse für dieses Beispiel wurde während eines Aufenthaltes als Gastprofes-
sor in Havanna, Cuba 1972, geweckt. Es ging um Experimente, in denen die Hypo-
these getestet wurde, nach der Kinder, die in privaten Familien aufgezogen werden,
zu asymmetrischen Ergebnissen, und Kinder, die in sozialistischen, öffentlichen
Kindergärten aufgezogen werden, zu kooperativen Ergebnissen kämen.
180 Konflikttheorie

häufig erwähntes Resultat, wenn man das Apfelsinen-Beispiel im Orient


bringt).
Dann gibt es noch die Möglichkeit der Ausweitung: Es kommt ein drittes
Kind hinzu, A3, mit dem beide in Konflikt stehen. Al gibt A2 die Apfelsine
und geht davon aus, daß A2 A3 nachgeben wird und A3 Al, wodurch alle
zufrieden wären. In einem Prozeß der Vertiefung führten Al und A2 einen
weiteren Zankapfel ein. Einer von beiden gibt in diesem Fall nach und be-
kommt als Kompensation die Apfelsine oder vice versa: bekommt die Ap-
felsine und gibt dann nach.
Zweite Disput-Illustration: IsraellPalästina llO
Al und A2 sind Israel und Palästina, Z ist das umkämpfte Gebiet östlich
des Mittelmeers, dessen legitimen Besitz die Israelis reklamieren, weil sie
nach ihrer Theologie das Auserwählte Volk im Gelobten Land sind, und die
Palästinenser, weil sie vor den Israelis da waren.
Offensichtlich wäre eine Zwei-Staaten-Lösung (wie Z.B. vom Palästinen-
sischen Nationalrat in seiner Resolution vom 15. November 1988 vorge-
schlagen) ein Komprorniß, durch den deutlich würde, daß ein Komprorniß
nicht unbedingt ein 50-50-Verhältnis bedeuten muß, sondern auch 70-30
oder 90-10 sein kann, nur nicht 100-0. Ein Rückzug würde bedeuten, daß
beide Beteiligten ihre Ansprüche aufgeben und das Gebiet Dritten (histo-
rische Beispiele wären in diesem Falle das Römische Reich, die Seldschuken,
die Ottomanen, der Völkerbund/die Briten, die UNO/die Briten) überlassen
würden.
Was wäre hier die konkrete Interpretation von Transzendenz? Offensicht-
lich ginge es nicht um zwei Fälle von Selbstregierung, sondern um einen Fall
von "Gemeinschaftsregierung"lII. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten
zwischen dem Kompromiß- und dem Transzendenz-Punkt der vorigen Tabel-
le. 1I2 Wenn der Komprorniß in einem dissoziativen, "anarchischen" System
bestünde, dann wäre ein Beginn die assoziative Kooperation, aufgebaut auf
Verträgen zwischen Israel und Palästina (was, wohlgemerkt, die Unterstel-
lung eines unabhängigen Palästinensischen Staates beinhaltet, wären wir
doch sonst weiterhin in den falschen Ecken der Abbildung 2.4); dann käme

110 Für weitere Details siehe die erste Version hiervon in Johan Galtung: "The Middle
East and the Theory of Conflict", in: Essays in Peace Research, Bd. V, Kopenhagen
1980, S. 77-116 (erstmalig 1971 im Journal 0/ Peace Research veröffentlicht), sowie
die zweite Version, in: ders. Solving Conflicts, Honolulu, HI 1989, S. 37-57: "The
Middle East Conflict".
111 Man beachte, wie plump dieses Wort im Gegensatz zu "Selbstregierung" klingt (im
eng!. Original: "together-rule" vs. "self-rule" - Anm. d. Übers.). Die Sprache wird
noch viel Zeit brauchen, um sich Friedens- und Konfliktstudien anzupassen; bis man
z.B. von "Frieden" im Plural (und nicht nur von Kriegen und Konflikten) sprechen
kann.
112 Näher ausgeführt in Teil I, Kap. 5.
Konflikttransformationen 181

eine Konföderation, dann eine Föderation und schließlich ein Einheitsstaat,


welch letzterer die äußerste Transzendenz darstellte. In den Augen des Ver-
fassers ist diese Position für die Gegenwart unrealistisch (man soll jedoch nie
"niemals" sagen!). Aber für eine Konföderation IsraellPalästina, mit beiden
als gleichberechtigten Partnern in einer politischen, ökonomischen, militäri-
schen und kulturellen Kooperation, lohnte sich auch harte Arbeit, wobei un-
ausgemacht bleiben kann, ob Jordanien als dritter Partner hinzugezogen wür-
de oder nicht.
Erste Dilemma-Illustration: Das ferienplanende Paar
Das Paar hat vier Wochen Urlaub; der Mann bevorzugt die Berge, die
Frau den Strand; sie leben in Dänemark oder in den Alpen. Die beiden Nicht-
Lösungs-Punkte liegen auf der Hand: Man tut, was die eine Person will, die
andere leidet, schweigend oder nicht. Die Kunst besteht nun darin, diese
Punkte in Lösungen zu verwandeln durch Ausweitung ("Du hast das Pro-
blem, daß die Kinder in der Urlaubszeit allein sein wollen, ich habe das Pro-
blem, daß ihr Urlaub zuviel kostet; ich gebe Dir nach, Du läßt die Kinder al-
lein, und die Kinder stutzen ihre Wünsche zurück") oder Vertiefung ("Ich
gehe zu diesem anderen Platz, vorausgesetzt, Du gibst nach in dem Streit,
den wir um die Möbel haben"). Eine Vertiefungsalternative könnte darin be-
stehen, jeweils jedes zweite Jahr in die Berge bzw. an den Strand zu fahren,
was nicht ganz dasselbe wäre wie der Kompromiß "zwei Wochen in die Ber-
ge, zwei Wochen an den Strand".
Ein Transzendenzpunkt könnte Taormina auf Sizilien, mit Strand und Ber-
gen, sein. Dieses Beispiel illustriert den Gebrauch konkreten, empirischen
Wissens: was existiert, ist möglich. Ein Mensch, der durch extensives Lesen
und/oder Reisen in Geographie versiert ist, wäre eine bessere Hilfe in Kon-
flikten als jemand, der dies nicht ist - ein Hinweis auf die Qualifikation eines
Konflikthelfers ganz allgemein. Aber Transzendenz könnte auch dadurch er-
reicht werden, daß man beide fragt, was sie wirklich wollen; und wenn der
Mann klettern und die Frau braun werden will, dann könnte ein modernes
Sommerhotel oder ein moderner Campingplatz für beide gerade das Richtige
sein. Die Ziele ein klein wenig umzudefinieren, kann helfen!
Was Rückzug bedeutet, ist klar: "Wenn wir uns jedes Jahr so wie dieses
Mal streiten, dann kann ich auf meinen Urlaub gleich verzichten!" Oder das
Ausweichen vor dem Dilemma, indem man die der Inkompatibilität zugrun-
deliegende Verbindung kappt: Man fährt getrennt in den Urlaub, also Fis-
sionlDesintegration. l13 Oder andersherum: Fusion/Integration, durch Verzicht
auf den je individuellen Geschmack. 114

113 Natürlich kann dies, wenn es zu einem Habitus wird, zur Trennung in einem tieferen
Sinne führen und zur Scheidung als endgültiger Desintegration des Paares. Eine ent-
sprechende Vermutung wäre, daß in der postmodernen Gesellschaft der gemeinsame
182 Konflikttheorie

Zweite Dilemma-Illustration: der Kampf zwischen Es und Über-Ich


In diesem Fall befinden sich Zl und Z2 im Person-System. Zwei Seelen
wohnen, ach! in meiner Brust, wie Goethe sagt; eine will in diese, die andere
in jene Richtung, eine ist ätherisch, eine sinnlich. Vielleicht gibt es sogar
mehr als zwei! Um noch einmal Sorokins Begriffe zu verwenden: In der ide-
engeleiteten ("ideational") Mentalität dominiert das Über-Ich das Ich voll-
ständig, in der sinnlich geleiteten ("sensate") Persönlichkeit dagegen führt das
Es das Kommando, was bedeutet, daß diese Persönlichkeit die andere Men-
talität unterdrückt. Wenn man im Freudschen Schema bleibt, ist es schwierig,
auszuweiten und zu vertiefen.
Freuds Lösung, sein Reifekriterium, ist natürlich Transzendenz, worunter
er die Ausbildung eines Ich zu verstehen scheint, das fähig ist zu einer Syn-
these, einer Synthese von Biologie und Religion, wie es einmal heißt, unter
Hinzufügung von Individualität. 1l5 Beide bekommen das ihnen Gebührende,
auf eher langweilige Art beim Kompromiß und auf eine vollentwickelte Art
im Falle der Transzendenz - so etwas wie Sozialdemokratie im Falle des ja-
panischen Modells, wenn es zur Integration von Plan und Markt kommt.
Aber die Bewegung kann auch in die entgegengesetzte Richtung erfolgen,
wenn sowohl das Es wie das Über-Ich sich zusammenziehen und keiner von
beiden den Weg für den jeweils anderen freimacht. Selbsttötung? Tod? Oder
eine ernsthafte Geistesstörung?
Die Trennung als ein Ausweg aus dem Dilemma des Paares im vor-
hergehenden Beispiel läßt Bilder der Schizophrenie in unserem Kopf er-
scheinen: der manisch-depressive Mensch, der die Fission zu praktizieren
versucht, der hin und her oszilliert zwischen den von der Diagonale entfern-
ten Ecken des Konfliktdiagramms und weder die Reife der Integration noch
die Ruhe des Todes (so stellen wir uns das jedenfalls vor)116 erreicht. Sollten
Geistesstörungen vielleicht verzweifelte Versuche sein, aus diesem existen-
tiellen Dilemma herauszukommen, wenn man weder im Kompromiß noch in

Urlaub ein Substitut für das gemeinsame Arbeiten in früheren Gesellschaftsordnun-


gen (als Nomaden z.B. oder in der Landwirtschaft) darstellt.
114 Auch wenn sich dieses Dilemma in der Art eines Disputs, ja, eines Streites präsen-
tiert, muß festgehalten werden, daß es sich hier um einen (1, 2)- und nicht um einen
(2, 1)-Konflikt handelt, alldieweil der Widerspruch innerhalb des Paares als eines
Akteurs lokalisiert ist. Offensichtlich verschwindet diese Art von Inkompatibilität,
wenn die Urlaubswahl des einen Teils dieses Paares ganz unabhängig von der des
anderen ist. Und dasselbe gilt, sollten sie zu einer völligen Übereinstimmung hin-
sichtlich ihrer Werte und Interessen gelangen: zur völligen Fusion/Integration in an-
deren Worten.
115 Vgl. Sigmund Freud: The Ego and the ld, New York 1960.
116 The Tibetan Book of the Dead (BostonlLondon 1992) enthält eine der entscheiden-
den Unterstellungen des tibetanischen Buddhismus, Sterben und Tod seien nur Ab-
schnitte auf unserem Weg.
Konflikttransformationen 183

der Transzendenz ein Gleichgewicht findet und dann die Extreme sucht, bis
daß dann äußerster Rückzug zum Gleichgewichtszustand wird?
Zwei Schlußfolgerungen sollte man aus diesen Illustrationen ziehen. Zum
ersten kann das hier entwickelte Paradigma der Konfliktanalyse sehr unter-
schiedliche Fälle unterbringen, von intrapersonalen Konfliktformationen bis
hin zu solchen in sehr unterschiedlichen sozialen Systemen. Dies ist so selt-
sam nicht. Wir befassen uns mit zielsuchenden Systemen, handle es sich hier-
bei um Werte oder Interessen, und solche "Systeme" kann man überall fin-
den, wo immer es Leben gibt und wie komplex auch immer die Organisations-
form ist. Die Balance zwischen Harmonie und Disharmonie mag kippen zu-
gunsten der letzteren. Die Vergleichbarkeiten sind nicht nur erzwungen
durch das Paradigma, es gibt sie auch "da draußen". Zumindest scheint es so.
Zum zweiten jedoch: Transzendenz, Kompromiß, Rückzug, Ausweitung,
Vertiefung, Fission und Fusion sind keine Lösungen in sich, sondern nur die
Formen von Lösungshypothesen; und "Lösungen" sind keine letztlichen Auf-
lösungen und Aufhebungen, sondern nur mehr oder weniger stabile Gleich-
gewichtszustände im Lebenszyklus eines Konflikts. In jedem dieser Ab-
schnitte mag es A- und V-Residuen geben, die nach einem neuen W (Wider-
spruch, Inhalt) suchen, um sich an ihm festzuhaken; es mag auch neues W-
Material geben, das sich aufbaut, indem es Fragmente des alten Inhalts oder
der alten Widersprüche zusammenstückelt (wenn z.B. eine neue Grenze zwar
einige historische Probleme löst, aber nicht das der Sicherheit oder die öko-
nomischen Probleme des Zugangs zu Rohstoffen und Märkten und auch
nicht die der sozialen Zusammengehörigkeit).
Gleichwohl, die fünf Punkte sind nützlich als Richtungsweiser für Bewe-
gungen im Konfliktraum (der generell m Akteure, Al, A2, ... Am und n Zie-
le, Zl, Z2, ... Zn, in anderen Worten: m + n Dimensionen haben wird). Sie
stellen Transformationen der Konfliktformation dar und dienen als solche der
Gewaltvermeidung und als Anziehungskraft für Herausforderungen. Auf
letztere ist gewöhnlich Transzendenz die beste Antwort. Aber ein gewaltfrei-
er Weg zur Transzendenz läßt sich nicht immer leicht finden.

3.6 Konflikttransformation für komplexe Akteurskonflikte;


K>l

Naheliegenderweise ist die einfachste Antwort auf das Problem, wie man mit
komplexen Akteurskonflikten umgehen sollte, die Simplifizierung; mit dem
Begleitproblem allerdings, daß Reduktionismus im Sinne von Polarisierung
hinter der Ecke lauert, mit der Gefahr der Eskalation in seinem Schlepptau.
Aber Polarisierung ist so verführerisch, Polarisierung hinunter auf zwei
Blöcke im sozialen System von Personen, Gruppen, Gesellschaften, Regio-
184 Konflikttheorie

nen usw. (mit allen posItIven Beziehungen innerhalb und allen negativen
zwischen denselben), auf zwei Blöcke auch im Person-System der Werte,
Neigungen, Bilder (und wieder mit allen positiven Beziehungen innerhalb
und allen negativen zwischen denselben), und mit den Freund-Feind-Bildern
im Person-System wird dann das umgebende soziale System strukturiert.
Wie bereits erwähnt, übertreibt der Reduktionismus die Konflikte zwi-
schen und unterschätzt die Konflikte innerhalb der Blöcke und Systeme.
Konkret bedeutet dies, daß, ganz gleich welche Transformation in Richtung
auf Transzendenz, Kompromiß usw. man für einen bestimmten Typ von
Konfliktformation erreicht hat, die Chancen gut sind, daß unterdrückte Kon-
flikte aufblühen werden, sobald die Luft aus dem polarisierten Konflikt her-
ausgenommen worden ist. Nicht nur in Osteuropa brachen nationale Konflik-
te aus, nachdem die Konfliktformation des Kalten Krieges verschwunden
war, nicht zuletzt deswegen, weil diese grotesk überschätzt wurde (so ist bis
heute - 1996 - noch kein Beweis aufgetaucht, daß die Sowjetunion jemals
ernsthaft einen unprovozierten Angriff auf Westeuropa geplant hätte). Hier
gibt es das Argument der Chinesischen Kästchen: Laßt uns zunächst mittels
Reduktion einen komplexen Konflikt so behandeln, als wäre er ein elemen-
tarer; dann diesen transformieren, die Kästchen öffnen, annehmen, daß zwei
neue Konflikte auftauchen, diese lösen, und dann weitermachen, also 2n zu
lösende Konflikte auf jeder Stufe n-l aufarbeiten. Für einen gerade denken-
den, dichotomen Verstand ist dies der natürliche bzw. normale Ansatz.
Die Position, die hier jedoch eingenommen wird, ist die, daß komplexe
Konfliktformationen solche sui generis sind und entsprechend behandelt
werden sollten. Die sieben oben entwickelten Ansätze, basierend auf den drei
Ansätzen von K =0, den zwei weiteren von K = 1 und dann auf Fission und
Fusion, sind gleicherweise bedeutungsvoll auch für komplexe Konflikte, nur
oft schwieriger (so nehmen wir jedenfalls an) durchzuhalten. Bosnien-Herze-
gowina zwischen Serben, Kroaten und slawischen Muslimen zu teilen, unter-
scheidet sich nicht so sehr von der Aufteilung der Krajina zwischen Kroaten
und Serben oder des Kosovo zwischen Serben und albanischen Muslimen.
Dies sind jedoch simplizistische Transformationen, mit niedrigen Graden
an Akzeptanz und Nachhaltigkeit aus all den oben erwähnten Gründen. Tran-
szendenz, z.B. in der Form neuer Typen von Konföderationen, oder konkret
als Konföderation des Europäischen Südostens, wird allgemein besser arbei-
ten bei höheren Komplexitätsgraden, die mehr Möglichkeiten der Auswei-
tung und Vertiefung bieten. Ganz fundamental ist ein Denktraining in Begrif-
fen von drei, vier Akteuren mit jeweils zwei oder drei Zielen, ohne wieder
auf niedrigere Komplexitätsniveaus herunterzugehen. 1I7

117 Es kostete die Internationale Gemeinschaft (was immer das genau ist) mindestens
zwei Jahre gewalttätiger Konflikte, um zu lernen, daß die Serben der Krajina und
Konflikttransformationen 185

Aber es gibt natürlich auch Ansätze, die bilaterale mit multilateralen Ver-
fahren kombinieren. Das Konfliktmolekül kann auf diese Weise gesehen
werden als zusammengesetzt aus Konfliktatomen, aber nicht nur aus zweien,
sondern aus jeder beliebigen Anzahl; wie z.B. Israel, das im Prinzip bilaterale
Konflikte mit allen arabischen Staaten hat, ganz besonders jedoch mit den
vier bzw. fünf, die an Israel (und an den Irak) grenzen. Diese Menge von
Konfliktatomen kann dann geteilt werden in zwei Untermengen: das Zentrum
(der Kern) und die Peripherie (der Rand) des Konflikts. Aus dieser Eintei-
lung ergeben sich dann ganz leicht drei Ansätze:
- ein diachroner Ansatz, der vom Zentrum mit seinen "fundamentalen Ver-
bindungen" ausgeht;
- ein diachroner Ansatz, der von der Peripherie mit ihren "leicht zu verän-
dernden Verbindungen" ausgeht;
- ein synchroner Ansatz, der von all diesen Verbindungen zugleich ausgeht.
Die bei den diachronen Ansätze leiden unter den allgemeinen Unzulänglich-
keiten der Linearität. Die ihnen unterliegenden Annahmen sind vergleichbar:
Vernichte den wesentlichen Widerspruch und der Rest wird sich von ganz
allein entwirren; und: Kläre zunächst die unproblematischen Tagesord-
nungspunkte, und der Rest wird, aufgrund der verbesserten "Atmosphäre",
leicht von der Hand gehen. Die erste Vorstellung beschwört Bilder marxisti-
schen Denkens: der Grundwiderspruch, der in der sozialen Infrastruktur liegt,
zwischen Arbeit und Kapital nämlich (bzw. zwischen Produktionsmitteln und
Produktionsverhältnissen). Die zweite Vorstellung erinnert an liberales Den-
ken: Die Welt ist eine Konflikt-Cafeteria, in der man seine Konflikte sam-
melt und zusammenbringt, um Agenden zu schaffen, wobei man mit den
leichteren Gerichten, den hors d'oeuvres sozusagen, beginnt, um eine "At-
mosphäre" zu schaffen vor dem eigentlichen oeuvre.
Auf Israel übertragen, spricht man vom letzteren Ansatz zuweilen als
"stückweise Frieden" ("peace by pieces"), der Prozeß selbst ist bekannt als
"Friedensprozeß" ("peace process"). Es sollte jedoch wenig Zweifel daran
bestehen, daß das Volk, das am meisten von der Gründung Israels als eines
jüdischen Staates in Mitleidenschaft gezogen wurde, das dort lebende Volk
war, insbesondere also die Palästinenser. Diesen Widerspruch ganz stark zu
machen, entspräche dem ersten Ansatz; wir müßten erst noch sehen, ob die-
ser die Gesamtformation einem stabilen Gleichgewicht eher annähert als der
zweite Ansatz.
Der dritte, mehr synchrone Ansatz wird hier vorgezogen. Etwas Fortschritt
in bezug auf alle Widersprüche ist besser als ein gigantischer Schritt in nur
eine Richtung, der dann zu einer größeren Konfliktdeformation führt. Die

Bosniens Ziele haben könnten, die nicht unbedingt mit den Zielen Belgrads/Serbiens
übereinstimmen müssen (wenngleich sie untereinander kompatibel sein können).
186 Konjlikttheorie

hier in Anspruch genommene Vorstellung von Prozeß ist eher orientalisch,


buddhistisch, und unterstellt, daß kreisförmige, synchrone Beziehungen an-
gemessener die Lebenswirklichkeit auf jedem Organisationsniveau wider-
spiegeln. 1l8 Auch haben wir hier den Vorteil, die Ungewißheiten zu vermei-
den, die sich mit der Einteilung in Zentrum und Peripherie verbinden sowie
mit der Schwierigkeit zu wissen, wo man beginnen sollte.

3.7 Konflikttransformation: ein zweiter Überblick


Konflikttransformation vollzieht sich in der Zeit, der physikalischen, chro-
nos, und der organischen, kairos; wenn die Zeit ganz ruhig fließt, ganz ohne
alle Turbulenzen, aber auch in diesen Turbulenzen. Letztere sind dramati-
scher, lassen uns denken an Unterhändler, die die Nacht hindurch gegen
Termine anarbeiten und dann in den frühen Morgenstunden auftauchen, mit
erhobenen Gläsern und dickem Lob für einander. Aber erstere sollte nicht
unterschätzt werden, neben anderen Gründen schon darum nicht, weil soviel
passiert, wenn chronos fließt. Es gibt eine Grenze, wieviele Konflikte jemand
im Kopf haben, an wievielen er teilnehmen, nicht zu erwähnen, wieviele er
zu lösen versuchen kann. Konfliktermüdung mag einsetzen und einen Kon-
flikt dem Vergessen anheimgeben.
Die zweite Achse des generellen Denkens über Konflikttransformation ist
Komplexität: eine Art von Unidimensionalität, die Phänomenen übergestülpt
wird, die sehr verschieden, aber auch vergleichbar sind. Dukkha entfaltet sich
in sehr unterschiedlichen Rahmen. Man braucht - manchmal sehr viel - Zeit,
sowohl als chronos als auch in der kairos-Form innerer und äußerer Dialoge,
wenn es um Bewegungen in Richtung sukha geht.
Transformationen ereignen sich nicht einfach. Sie werden gewollt, und
nur wenn sie gewollt werden, sind sie real. Sie müssen subjektiv erzwungen
werden, das Subjekt ist und bleibt die force motrice. Die Prozesse der Artiku-
lation und Bewußtmachung sind folglich absolut wesentlich; sie zielen auf
die A-, V- und W-Ecken des Konfliktdreiecks und durchbrechen dabei die
Dunkelheit des strukturellen Konflikts sowie, wenn nötig, auch den Eisdek-
kel des Frustrations-Bildes der Realität.
Problematisch wird es immer, wenn das Bild zu komplex wird, um noch
bearbeitet werden zu können. Hier heißt das Gegengift Simplifizierung,
Simplifizierung jedoch, die eine Polarisierung vermeidet und die Formation
vorsichtig höheren Graden der Transformation zuführt, möglicherweise auch
durch Intervention.

118 Für eine Einführung in C.O. Jungs diesbezügliches Denken siehe Ira Progroff: Jung,
Synchronicity, and Human Destiny, New York 1973.
4 Konfliktinterventionen

4.1 Konfliktintervention in Form von Kommunikation: elf


Ansätze
Nehmen wir an, es bestehe eine Konfliktformation mit m Akteuren und n
Zielen und das Spannungsniveau sei hoch. Der Konflikt verzehrt immer mehr
der eingesetzten Ressourcen (vielleicht sogar mehr, als die Ziele wert sind);
er verzehrt schießlich die Akteure selbst. Die Frage ist nicht mehr, wer am
meisten gewinnt, sondern wer am wenigsten verliert. Die Konfliktwirklich-
keit sieht schon schlimm genug aus, die Prognose verheißt noch Schlimme-
res. Die Akteure sind unfahig, den Prozeß aufzuhalten und umzukehren. Der
Schaden, den die Akteure materiellen Dingen, sich selbst und anderen zufü-
gen, ist unerträglich, auch für Außenstehende. Es gibt triftige Gründe für eine
Intervention von außen, ob die Beteiligten eine solche nun wünschen oder
nicht. Das erinnert an Jugoslawien 1991-199? Weshalb etwas getan werden
muß, ist klar. Aber was sollte getan werden? Wer soll es tun? Wie? Wann?
Wo? Zu wessen Gunsten, auf wessen Kosten?
Ein paar schnelle, oberflächliche Antworten als erste Richtschnur für eine
Intervention:
Weshalb? Um weiteres Leiden und weitere materielle und nicht-materielle
Zerstörung zu verhindern; des weiteren, wenn möglich, um eine Lösung zu
finden, d.h. eine einigermaßen akzeptable und tragfahige Formation zu schaf-
fen.
Was? Hier gibt es drei ziemlich hilfreiche Antworten:
- Friedenssicherung (peace-keeping): Die Akteure müssen unter Kontrolle
gehalten werden, damit sie zumindest aufhören, materielle Werte, andere
und sich selbst zu zerstören (V-orientiert).
- Friedensstiftung (peace-making): Die Akteure müssen in einer neuen
Formation verankert, ihre Einstellungen und Unterstellungen darüber hin-
aus transformiert werden (A-orientiert).
- Friedenskonsolidierung (peace-building): Der Widerspruch an der Wurzel
der Konfliktformation muß überwunden werden (W-orientiert).
188 Konflikttheorie

Wer: Im Prinzip jeder: der Staat (auf - auch zwischenstaatlicher - Regie-


rungsebene), die Zivilgesellschaft (Nicht-Regierungsorganisationen, auch
zwischenstaatlich agierende), das Kapital (Unternehmen, auch multinationa-
le) oder Einzelpersonen jeglicher Provenienz.
Wie: Durch einen Kommunikationsprozeß mit den an der Konfliktformation
beteiligten Akteuren und durch Ausweitung dieser Formation.
Wann: Jederzeit, wenn es nur den negativen und positiven Zwecken der Kon-
fliktintervention dient.
Wo: An jedem beliebigen Ort; nicht unbedingt an einem Tisch und nicht not-
wendigerweise bei gleichzeitiger Anwesenheit aller.
Zu wessen Gunsten: Zugunsten der an der Konfliktformation Beteiligten,
aber auch zugunsten anderer in ähnlichen Formationen.
Au/wessen Kosten: auf Kosten derer, die von weiterer Zerstörung profitieren
(würden).
Um nachvollziehen zu können, wie eine Konfliktintervention funktioniert,
brauchen wir eine Typologie, und zwar eine solche, die aus einemfundamen-
turn divisionis abgeleitet werden kann und die nicht nur Wörter auflistet, die
auf diesem Gebiet herum schwirren (Vermittlung, Schlichtung, Versöhnung,
usw.). Überdies werden wir, wie gewöhnlich, den "Null-Fall" mit einbezie-
hen, also die Nicht-Intervention, die auch verschiedene Formen annehmen
kann. Die Parteien, die von außen dazukommen und beim Konflikt interve-
nieren, werden wir nicht "Dritte" nennen, da dieser unglückliche Begriff den
Eindruck erweckt, es handele sich bei einem Konflikt immer um zwei Partei-
en. Besser sagt man einfach externe Parteien, da sie ja von außen dazukom-
men, sich aber dennoch auf den Konflikt einlassen.
Eine erste Frage wäre die nach deren Zielen. Suchen sie die Herausforde-
rung? Wollen sie Erfahrungen sammeln? Den Friedensnobelpreis oder ir-
gen deinen anderen Preis bekommen? Wollen sie zeigen, wer letztlich der ei-
gentliche Konfliktmanager ist? Wollen sie den Konflikt nutzen, um Konflikt-
ressourcen zu vermarkten, als "Peitschen" (militärische Mittel) zur allgemei-
nen Einschüchterung oder als "Zuckerbrot" (humanitäre Hilfe, technische
Unterstützung), um im Kielwasser des Angebots eine Nachfrage zu schaffen?
All das, um ein hegemoniales System, die Stellung des Hegemons oder des
Hegemonialsystems ganz allgemein zu stärken oder die Interessen anderer
Hegemonen zu besorgen?
Oder wollen sie ganz einfach dienen? Nur handeln, ohne gesehen oder ge-
hört zu werden? Diskret also, in Formen, die weiter unten beschrieben wer-
den? Dafür spricht einiges, würde damit doch erreicht, daß die Ziele der ex-
ternen Parteien die Konfliktformation nicht so entstellen, daß sie zu einer
Konfliktdeformation wird und der ganze Prozeß entgleitet. Ein Beispiel für
Konfliktinterventionen 189

eine solche Deformation wäre die UN-Operation in Somalia 1992 - 199?, bei
der aufgrund eigenartiger Vorgänge das Hauptziel plötzlich die Erhaltung -
nicht einmal die Verbesserung - des UN-Prestiges wurde, für das man die
UN-Interpretation dieses Konfliktes durchsetzte, obwohl diese absurd war.
Wenn die grundlegende Methode aber Kommunikation ist, also die Dimen-
sion, die wir jetzt nutzen werden, um eine Typologie der Konfliktinterventio-
nen aufzustellen, dann bringt das Prinzip "weder gesehen noch gehört wer-
den" allerdings auch nichts.
A: Keine Kommunikation mit externen Parteien
Typ 0: Dissoziation: Auflösung, Spaltung. Die am Konflikt Beteiligten kom-
munizieren nicht miteinander, sondern trennen sich, lösen die Formation auf.
Es gibt keine Kommunikation, weder zwischen den Beteiligten noch mit ex-
ternen Parteien (obwohl letztere dieses Vorgehen empfohlen haben können).
Wenn das Medium die Botschaft ist, dann kann auch das Nicht-Medium Trä-
ger einer Botschaft sein: Die Beteiligten sind zur Zeit vielleicht noch nicht zu
einem Transformationsprozeß jenseits einer Nicht-Formation in der Lage.
Typ 1: Assoziation: Kommunikation innerhalb der Formation. Die Beteilig-
ten sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren; die Kommunikation
verläuft einigermaßen symmetrisch, mag sogar als Dialog vor sich gehen.
B: Asymmetrische Kommunikation mit externen Parteien
Typ 2: Externe Parteien stellen den Verhandlungsort. Hier handelt es sich um
eine minimale Interventionsform; sie ist aber nicht zu verachten. Man stellt ei-
nen neutralen Treffpunkt zur Verfügung (Genf!), bietet Annehmlichkeiten,
kommt vielleicht sogar für die Kosten auf. Sonst im Prinzip wie Typ 1.
Typ 3: Externe Parteien bieten an, einfühlend zuzuhören. Jetzt nehmen sie
teil, aber nur am Rande. Vielleicht sind die Konfliktbeteiligten unfähig, den
Dialog in Gang zu halten, vielleicht sind sie nicht einmal in der Lage, sich
allein in einem Raum zusammen aufzuhalten. Außenstehende können dann
das soziale und kommunikative Bindeglied sein. Die Parteien können nicht
einfach den Raum verlassen, denn die Externen sind ja da; sie können ein
Gespräch nicht einfach beenden, da diese die Gesprächslücken füllen, wenn
auch nur mit einem ermunternden "aha?", ganz zu schweigen von der klassi-
schen Nachfrage: "Würden Sie diesen Punkt bitte etwas genauer erläu-
tern?,,119

119 Ein Modell wäre Rogers' nicht-direkte Beratung (non-direct counseling); siehe z.B.
W. U. Snyder unter Mitarbeit von earl R. Rogers u. a. : Case-book 0/ Non-directive
Counseling, Boston, MA 1947.
190 Konflikttheorie

C: Symmetrische, dialogische Kommunikation mit externen Parteien 120


Typ 4: Externe Parteien beteiligen sich am Dialog über die Konfliktdiagnose.
Typ 5: Wie Typ 4, plus Konfliktprognose.
Typ 6: Wie Typ 5, plus Konflikttherapie.
D: Asymmetrische, von externen Parteien durchgesetzte Kommunikation
Typ 7: Vermittlung (mediation). An diesem Punkt hören sich die externen
Parteien an, wie die Beteiligten D(iagnose), P(rognose) und T(herapie) wahr-
nehmen und stellen dann klar, wie sie sich die Lösung vorstellen; es bleibt
den Beteiligten dann überlassen, ob sie diese Lösung akzeptieren wollen oder
nicht. 121
Typ 8: Schlichtung/Schiedsgerichtsbarkeit (arbitration). Wie Typ 7, aber mit
der vorher von den Parteien übernommenen Verpflichtung, die vorgeschla-
gene Lösung zu akzeptieren.
Typ 9: Rechtsförmige Entscheidung. Wie Typ 8, doch besser vorhersehbar
(aber auch rigider durchgeführt!), da begründet durch rechtliche Vorschrif-
ten, rechtliche Präzedenzfälle usw.
Typ 10: Entscheidung durch Menschen. Hier regiert der Konfliktdiktator, der
den Beteiligten eine Lösung aufzwingt und diese mit Hilfe von Zuckerbrot
und/oder Peitsche durchsetzt, also
- der "sanfte" Konfliktdiktator: Wenn Ihr tut, was ich sage, werdet Ihr be-
lohnt (Bargeld, technische Unterstützung, "Meistbegünstigten"-Status,
usw.); oder
der "harte" Konfliktdiktator: Wenn Ihr nicht tut, was ich Euch sage, wer-
det Ihr bestraft "mit allen erforderlichen Mitteln" in des Wortes militäri-
scher Bedeutung.
Wir haben bewußt den Begriff "Typ" und nicht den Begriff "Schritt" ver-
wendet, da hier kein "Fortschritt" von den niedrigen zu den höheren Zahlen
unterstellt wird und auch keine Zeitfolge, in dem Sinne, daß man an einem
beliebigen Punkt anfangen und dann andere dazunehmen solle. Ein Prozeß
kann irgendwo beginnen. So setzt z.B. Typ 6 nicht Typ 5 voraus (obwohl
einiges für eine solche Reihenfolge spricht). Sie unterscheiden sich darin, daß
die Agenda von Typ 6 reichhaltiger ist. Man kann, zumindest im Prinzip, ir-
gendwo beginnen, dort bleiben, zu anderen Punkten springen, Punkte verbin-

120 Typ 4, 5 und 6 sind hier nicht näher ausgeführt. Da sie das Kernstück der Typologie
bilden, werden sie etwas ausführlicher behandelt in Kap. 4.4.
121 Dies ist die eher technische, harte Version des Begriffes "Vermittlung" (mediation).
Es gibt aber auch eine populärere, weichere Verwendung des Begriffs, der dann alle
Ansätze externer Parteien abdeckt und eher an "Konfliktarbeiter" oder "Konflikt-
helfer" denken läßt. Ich ziehe die technischere Verwendungsweise vor, weil wir ei-
nen Begriff für diese Art Aktivität benötigen. HAkan Wiberg unterscheidet aus diesen
Gründen zwischen "low key" und ,,high key mediation".
Konfliktinterventionen 191

den, den Prozeß verlassen, ganz gleich, an welcher Stelle. Gewichtige Grün-
de sprechen jedoch für oder gegen bestimmte Typen, mit der Einschränkung,
daß zuletzt natürlich alles von den Umständen abhängt.

4.2 Vier Korrelate der Konfliktinterventionsansätze


Wenn wir uns von Typ 0 zu Typ 10 bewegen, begleiten uns eine Reihe von
wichtigen Variablen, die alle für das Ergebnis hochrelevant sind; alle stehen
auf die eine oder andere Weise mit der kommunikativen Beziehung in Zu-
sammenhang.
1. Externe Parteien übernehmen zunehmend die von der Konfliktlösung aus-
gehende Herausforderung.
In Typ 0-2 monopolisieren offensichtlich die Konfliktinsider diese Heraus-
forderung; in Typ 3-6 partizipieren andere daran, wobei ein zunehmender
Anteil an die immer aktiver werdenden externen Parteien geht; in Typ 7-10
monopolisieren die externen Parteien diese Herausforderung. Um das mehr-
fach verwendete Argument noch einmal zu wiederholen: Wenn ein Konflikt
"gut" ist, weil der Widerspruch als force motrice für die kreative Verände-
rung des persönlichen, des sozialen oder des Weltsystems dienen kann, dann
entfällt zunehmend dieser positive Aspekt, wenn wir von Typ 0 zu Typ 10
vorrücken.
In Typ 0-2 haben die Beteiligten Konfliktautonomie; in Typ 3-6 kommen
externe Parteien als Konflikthelfer hinzu; in Typ 7-10 sind sie dann Kon-
fliktmanager oder auch Konfliktdiebe, wenn man mal Klartext reden will. Sie
nehmen den Beteiligten den Konflikt weg. Bezüglich Typ 7 kann man das so
formulieren: "Das ist aber ein interessanter Konflikt, den Ihr da austragt; ich
werde ihn mal für Euch lösen." Bei Typ 10 könnte sich das dann so anhören:
"Ich habe die Nase voll von diesem Blödsinn, ich werde Euch jetzt sagen,
was passieren muß."
1l. In dem Maße, in dem die Vertikalisierung der Konflikttransformationswei-
se zunimmt, nimmt die Machtdistanz innerhalb des Systems zu.
Bezüglich Typ 7-10 kann man annehmen, daß sich der Vermittler, der
Schlichter, der Richter oder der Diktator alle in gehobenen Stellungen befin-
den - um so höher, je mehr Autorität und Ressourcen sie in die Waagschale
werfen können, um den Ausschlag bezüglich des Resultats zu geben. Auch in
Typ 3-6 kann man Ansätze davon finden, vorausgesetzt, die externen Partei-
en setzen Ressourcen ein wie Ausbildung, Fertigkeiten und Erfahrungen, die
sich darstellen
als kognitive Ressourcen (Fähigkeit, aus ähnlichen und andersartigen
Konfliktverarbeitungen gewonnene Einsichten zu übertragen),
192 Konflikttheorie

- als emotionale Ressourcen (Empathie, Sympathie, Mitgefühl) und


als Willensressourcen (Durchhaltevermögen, Fähigkeit, den Transforma-
tionsprozeß zu steuern oder gar voranzutreiben).
Die Summe all dessen ist Autorität. Von außen sich an diesen Prozessen zu
beteiligen, bedeutet in der Regel, die Ressourcen zu vermehren. Hat eine Ge-
sellschaft Mitglieder mit Konfliktkenntnissen und entsprechenden Fertigkei-
ten, verfügt sie als solche bereits über Ressourcen, nur ist das Problem hier
die ungleiche Verteilung derselben. Dann gibt es aber auch den Konflikt-
diktator, von dem vielleicht mehr Zerstörungsmittel (Peitsche) und Aufbau-
mittel (Zuckerbrot) gefordert werden. Das Ergebnis ist gewachsene Macht-
distanz, und die ist um so größer, je höher die Typzahl ausfällt.
111. Mit zunehmender Typzahl kann sich die innere Akzeptanz verringern und
die externe Tragfähigkeit vergrößern.
Wird die Partizipation geringer und mehr von oben diktiert, dann ist klar, daß
sich die Akzeptanz verringern, daß sie sogar sprunghaft zurückgehen kann.
Der innere Prozeß - die Qual, sich Schritt für Schritt zu einer Lösung vorar-
beiten zu müssen und die Nebel zu vertreiben, die sich über alle akzeptablen
Transformationen gelegt haben - ist einfach nicht da. Andererseits können
externe Parteien Ressourcen einbringen, mit deren Hilfe die zum Schluß er-
reichte Konstruktion aufrechterhalten werden kann; sie können diese auch
durch ihre Autorität stützen und implizit oder explizit moralische Macht so
einsetzen, daß es unmoralisch erscheint, in den Plan nicht einzuwilligen
und/oder sich der belohnenden und strafenden Macht nicht zu unterwerfen.
Damit haben wir zwei extreme Erscheinungformen, die wir bei den nied-
rigen Typzahlen einerseits und bei den höheren Typzahlen andererseits fin-
den können: eine Transformation mit so hoher Akzeptanz, daß zu ihrer Auf-
rechterhaltung wenig oder gar keine externe Unterstützung nötig ist, zum ei-
nen, und eine von den Beteiligten innerlich nicht angenommene Transfor-
mation, die von außen aufrechterhalten werden muß, zum anderen. Verein-
facht formuliert: In Typ 0 - 2 haben die Beteiligten moralisch die Einwilli-
gung nur sich selbst zu verdanken, in Typ 3 - 6 sich selbst und den Konflikt-
helfern, in Typ 7 - 10 tun sie es, weil sie es den externen Parteien moralisch
schuldig sind oder weil sie Belohnung/Strafe erwarten.
IV. Bei zunehmender Typzahl wird die Wahrscheinlichkeit größer, daß man
den Zielzustand erreicht, Recht zu haben.
Es kann innerhalb einer Partei das Gefühl geben, daß man im Recht ist
und daher das Recht auf dieses oder jenes hat; es kann zweitens so sein, daß
beide Parteien einer Konfliktformation ähnlich über die Verteilung dieses
wertvollen Guts denken; drittens kann das "Du hast Recht" einer Partei von
oben, vertikal, bescheinigt werden, sogar mit unterschriebenem Zertifikat.
Wenn der Vermittler, Schlichter, Richter oder Diktator mehr für den einen
Konfliktinterventionen 193

als für den/die andere(n) Beteiligten ist, kann das Meta-Ziel des Recht-
Habens ("Siehst Du? Ich hab's Dir ja gesagt!") sogar die Freude darüber, daß
man das ursprüngliche Ziel erreicht hat, in den Schatten stellen. 122 Das ist
wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, daß Leute vor Gericht gehen:
Nicht nur, um das Recht auf dieses oder jenes zugesprochen zu bekommen,
sondern um sich ihre moralische Rechtschaffenheit bestätigen zu lassen.
Ziehen wir aus allem den Schluß, daß wir uns für die niedrigen Zahlen ein-
setzen sollten: Die Herausforderungen sind da, wo sie sein sollten; die Pro-
zesse werden Menschen aller Gesellschaftsschichten zum Handeln ermächti-
gen, nicht nur eine Konfliktmanagerelite; die Akzeptanz wird hoch und die
innere Tragfähigkeit groß sein; der Konflikt wird im Mittelpunkt des Interes-
ses stehen und kein abstrakter Rechtsanspruch, der an Rechthaberei grenzt.
Vielleicht aber werden die Beteiligten nicht in der Lage sein, sich entspre-
chend zu verhalten; sie besitzen vielleicht weder die Fähigkeit dazu noch die
Motivation; es wäre sogar denkbar, daß sie das Erregende eines Konflikts im
allgemeinen und eine steigende Spannung im besonderen präferieren, selbst
wenn sie damit sich selbst und andere zerstören.
Die Typen mit niedrigen Zahlen sind also schön, einige Typen mit höherer
Zahl können aber notwendig sein. Man wird die Beteiligten vielleicht sogar
dazu zwingen müssen, eine Transformation durchzumachen, die Ähnlichkeit
mit einer Lösung hat. Da aber vieles gegen die höheren Zahlen spricht, wenn
man von einer allgemeinen in-medias-res-Einstellung ausgeht, sollten wir
uns auf die Typen 3 bis 6 konzentrieren. Bevor wir das jedoch tun, werden
wir uns als Kontrast, und um uns einige fundamentale Aspekte der Konflikt-
transformation vor Augen zu führen, erst einmal die Typen 0 bis 2 etwas ge-
nauer ansehen.

4.3 Typ 0 - 2: autonome Konflikttransformation

Wann sind die Beteiligten zu einer autonomen Konflikttransformation in der


Lage? Was sind die Vorbedingungen?
Erstens: Sie werden tief im Inneren über eine Art Prognose verfügen, wie
der Prozeß enden, sie werden mehr oder weniger klare Vorstellungen davon
haben, wie das Resultat aussehen wird. Diese sind ihnen selbst vielleicht
nicht ganz deutlich, und noch schwerer kann es sein, sie anderen Parteien zu

122 Eine Form der Konfliktlösung könnte dann sogar darin bestehen, dem einen das
Meta-Ziel und dem anderen das Ziel zu überlassen: "A, Du bist zwar im Recht, ich
werde das Stück Land jedoch B übereignen, da er es dringender braucht, und ich bin
davon überzeugt, daß Du, der Du ja weißt, daß Du im Recht bist, diese Entscheidung
großzügig akzeptieren wirst."
194 Konflikttheorie

vermitteln, denn diese könnten sie auch in der Auseinandersetzung verwen-


den.
Es gibt, langfristig oder kurzfristig betrachtet, die Dimension "Gewinnen -
Verlieren"; je nachdem, wie die Beteiligten mit der V-Ebene zurechtkom-
men. Natürlich wird kurzfristiges "Gewinnen", langfristiges "Verlieren" die
Bereitschaft stärken, einen Dialog einzugehen; die gegenteilige Perspektive
eher nicht.
Es gibt jedoch noch eine andere Dimension: divergierende versus kon-
vergierende Prognosen der Akteure der Konfliktformation. Zwei Akteure
können in vielem sehr verschiedener Meinung sein, dennoch tief in ihrem In-
neren spüren, wer "gewinnen" wird. Oder aber, daß keiner von ihnen gewin-
nen wird. In beiden Fällen gibt es gute Gründe dafür, den Konfliktprozeß zu
verkürzen und einfach zu sagen: "Da die Sache etwa so ausgehen wird, soll-
ten wir versuchen, eine Phase zu umgehen, die für uns alle nur destruktiv wä-
re, und stattdessen direkt die kreativere Phase ansteuern, in der wir zu einem
akzeptablen und dauerhaften Resultat kommen können." Ein Gedanke, der
von Reife zeugt, aber so lange nicht entstehen wird, wie sie verschiedener
Meinung darüber sind, wer "gewinnen" wird, ob sie nun jeweils glauben, das
werden sie selbst sein ("machen wir weiter, dann können wir noch bessere
Bedingungen aushandeln!") oder die anderen ("machen wir weiter, damit wir
wenigstens ehrenhaft unterliegen!").
Die Konvergenz der Prognosen mag leichter von externen Parteien er-
kannt und dann den Beteiligten mitgeteilt werden. Die Akteure selbst können
aber auch intuitiv eine Konvergenz erkennen, z.B. weil sie beide konfliktmü-
de sind, oder weil die Konfliktintensität irgendwie zurückgegangen ist.
Zweitens: Das Schlüsselwort heißt Dialog. 123 Eine solche Verbindung ist
zutiefst horizontal, alle Akteure kommunizieren miteinander. 124 In Kapitel 2
haben wir im Zusammenhang mit den Konfliktlebenszyklen behauptet, daß
das EntschuldigungsNergebungs-Paradigma nur sehr begrenzte Anwendbar-
keit besitzt; es kann sich um reine Lippenbekenntnisse ohne jegliche Gewis-

123 Hinsichtlich einer Definition und Untersuchung des Dialogs, dessen Beziehung zur
Debatte (wie z.B. Brainstorming zur gegenseitigen Bereicherung versus verbale
Spiele, um zu gewinnen) und der These, daß man nicht behaupten kann, Sokrates
hätte Dialoge geführt (der Ausgang war vorprogrammiert), siehe Johan Galtung:
"Dialogues as Development", in: Methodology and Development, Kopenhagen 1988,
Kap. 2, S. 68-92.
124 Das Wort dia bezieht sich nicht auf die Zahl 2, sondern bedeutet "durch" (kann auch
,auseinander', ,entzwei' bedeuten), also durch das Wort, logos. Es können also be-
liebig viele an einem Dialog teilnehmen. Diejenigen, die wortgewandt sind, sind hier
natürlich im Vorteil. Deshalb sollte der nichtverbalen Kommunikation besondere
Aufmerksamkeit zukommen, einschließlich der Körpersprache, und zwar nicht nur in
negativer Hinsicht, d.h. um feindselige Haltungen zu vermeiden, sondern auch in
positiver Hinsicht, zur Schaffung einer Atmosphäre positiver Transformation.
Konfliktinterventionen 195

sensprüfung seitens der Beteiligten handeln, voller Anmaßung '25 vielleicht,


und vor allem: Nach Entschuldigung und möglicher Vergebung sucht man
vielleicht gar nicht mehr nach einer Lösung.
Hilfreicher erscheint die doppelte buddhistische Formel. Erst innerer
Dialog, auf der persönlichen Ebene, auch als Meditation bekannt, um die ei-
genen Standpunkte und Voraussetzungen zu klären, dann äußerer Dialog,
auf der gesellschaftlichen Ebene, Dialog tout court. Wenn man diese Formel
verwendet, muß das nicht heißen, daß nicht auch der christliche Ansatz eini-
ge Gültigkeit besitzen kann. Die Meditation ist aber unverzichtbar. Raum und
Zeit dafür sollten zur Verfügung gestellt werden. Meditation bedeutet Kon-
zentration, und man sollte sie ernst nehmen. Körperhaltung, Atmung usw.
können helfen, ebenso ein Mantra. Zentral aber ist die Klärung der eigenen
inneren Motive und eigenen allgemeinen Konfliktphilosophie, ein oft schmerz-
liches In-sich-gehen, da jeder potentiell sich selbst am besten beurteilen
kann. Wenn man den Konfliktdialog mit nur einem einzigen Gedanken auf-
nimmt, nämlich mit einer klugen Strategie, wie man "gewinnen" könnte,
dann wird das kaum zu einer Lösung beitragen und nicht einmal dazu, daß
man "gewinnt".
Was den äußeren Dialog betrifft, so gibt es bereits ein gutes Modell: das
Seminar. Vielleicht gibt es einen oder zwei oder mehr einführende Vorträge,
generell aber steht die meiste Zeit dem wechselseitigen Brainstorming zur
Verfügung. Die Suche hat begonnen. Im Prinzip benötigt man dafür nur ei-
nen Raum mit einem runden Tisch, an dem alle Akteure sitzen und auf den
alle ThemenlProbleme/Ziele kommen, und ZEIT. Entscheidend ist, den Geist
gemeinsamer Suche aufrecht zu erhalten und daran zu denken, daß alle mehr
davon haben, wenn niemand versucht, zu "gewinnen", indem er den Dialog
zur Debatte macht und dabei andere in die Enge treibt. '26
Menschen sind nicht nur auditive, sondern auch visuelle Wesen, und mit
Hilfe von Diagrammen können Strukturmuster vielleicht besser vermittelt
werden, so wie die verbale Präsentation vielleicht konsequenzlogisches Den-
ken besser vermitteln kann. Viel Papier und volle Füllfederhalter sollten zur
allgemeinen Verfügung stehen. Der gemeinsamen Suche nach kreativen
Auswegen aus einem destruktiven Konflikt steht nichts mehr im Wege.

125 "Wer bist Du denn, daß Du denkst, Du könntest Dich aus dieser Sache durch Ent-
schuldigungen herauswinden?", und auf der anderen Seite: "Wer bist Du denn, daß
Du meinst, Du dürftest Vergebung austeilen?" Dennoch hat dieses Paradigma etwas
Schönes, da es die Möglichkeit zu einem Neubeginn bietet, der allerdings dazu ge-
nutzt werden müßte, sich vorwärts zu bewegen.
126 Die generell- besonders im Okzident - übliche Methode, eine Debatte zu gewinnen,
besteht darin, den anderen auf einen Widerspruch zwischen zwei oder mehr Daten-,
Theorie- oder Wertbehauptungen festzunageln. Bei einem Dialog geht es darum, sich
gegenseitig aus Widersprüchen herauszuhelfen, oder darum, die Widersprüche sinn-
voll zu nutzen.
196 Konflikttheorie

4.4 Typ 3 - 6: dialogische Konflikttransformation


Wir kommen nun zu Typ 3 - 6. Ein Konflikthelfer tritt auf den Plan, von
dem wir annehmen, daß er sich mit dieser Art menschlicher Situation aus-
kennt; der vorzugsweise Erfahrungen hat mit persönlichen, gesellschaftlichen
und Weltsystemen, und nicht nur mit einem von diesen. Wir werden eine sol-
che Person "sie" nennen, wollen deshalb Männer aber nicht unbedingt aus-
schließen. Es gibt jedoch Grund zur Annahme, daß Frauen für eine solche
Rolle geeigneter sind als Männer: Sie sind einfühlsamer und holistischer,
weniger aggressiv in ihrer verbalen Ausdrucksweise und in ihrer Körperspra-
che.
Sie sollte einige Vorgespräche geführt haben zur Klärung grundlegender
Tatsachen in Bezug auf das DPT-Dreieck, wie es von den Konfliktbeteiligten
wahrgenommen wird - unter anderem um herauszufinden, ob sie speziell für
diesen bestimmten Fall geeignet ist. Dabei sollte sie insbesondere auf das
Konvergenzniveau der Prognosen geachtet haben, ohne bei niedrigem Ni-
veau eine weitere Konflikthilfe (conflict facilitation) auszuschließen.
In anderen Worten ist sie mit dem Konflikt bereits vertraut; vielleicht
sollte sie die Beteiligten selbst zu einer ersten Einführung in den Konflikt
nutzen, eher als allgemeine oder auch speziellere Literatur. Deren Lektüre
kann zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Was oben über die Meditation
gesagt wurde, ist für sie ebenso relevant wie für die Beteiligten; damit ordnet
sie ihre Gedanken, versteht ihre eigenen präkognitiven, präemotionalen und
vorwillentlichen Voraussetzungen, die ihre Sensibilität für die positiven und
negativen Aspekte des betreffenden Falls mindern könnten. Eine Metapher:
Säubere vor einer schwierigen Arbeit das dafür benötigte Gerät, wie das jeder
gute Küchenchef oder Chirurg oder jeder andere Handwerker täte. Das ist
sehr schwierig, aber kaum unmöglich.
Die Kernfrage auf dem Weg zu einem annehmbaren und haltbaren Resul-
tat (nicht mit einer Versöhnung zu verwechseln, die eher auf der A-Ebene
liegt) ist die, wie man den Dialog einsetzen kann, um das DPT-Dreieck ab-
zuklären. Wenden wir uns aber erst einmal der Typologie der folgenden Ta-
belle zu:

Tabelle 2.5: Das DPT-Dreieck und die Zeitdimension.


Analyse Praxis
Vergangenheit Diagnose erneutes Durchleben,
das sich an die Faktenl
nicht an die Fakten hält
Gegenwart Beschreibung Vorschrift
Zukunft Prognose Therapie
Konfliktinterventionen 197

In der Regel konzentrieren sich Konfliktteilnehmer auf die Vergangenheit


und auf die Analyse. Dafür gibt es triftige Gründe. Es steht dabei die V-
Ebene im Vordergrund: "Er hat dies getan, und darauf habe ich jenes getan";
man stellt die Lage meist sehr detailliert dar, manchmal einseitig, darum nicht
unbedingt falsch, aber unvollständig. Wenn der Außenstehende ein qualifizier-
ter Zuhörer ist, den Analysen empathisch folgt, sie dann zusammenbringt, kann
er ein ziemlich angemessenes Bild bekommen, vorausgesetzt, er läßt zu, ja
erzwingt, daß sich die Bilder ergänzen.
Wir haben es hier jedoch nicht mit einem sozialwissenschaftlichen Projekt
mit einer historischen Dimension zu tun, bei dem Daten für ein Oral-History-
Projekt gesammelt werden. Bei einer Konflikttransformation kann es um Le-
ben und Tod, die Extreme von Schöpfung und Zerstörung, gehen. Daher
müssen alle, die daran teilhaben, also die ursprüngliche Konfliktformation
und die externen Parteien, die Helfer, auf irgendeine Weise in die entgegen-
gesetzte Ecke gelangen, sich also an der Zukunft und an der Praxis orientie-
ren statt an der Vergangenheit und an der Diagnose. Nicht in dem Sinne nun,
daß eine lineare oder krummlinige Einweg-Trajektorie von der oberen linken
Ecke zur rechten unteren gezogen werden muß. Man kann und sollte zur
Seite, nach hinten oder wohin auch immer springen und gleichzeitig an allen
sechs Kombinationen arbeiten. Aber die allgemeine Erwartung wird wie be-
schrieben sein, d.h. es gilt, die beiden Hürden einer zu großen Betonung der
Vergangenheit einerseits, der Analyse andererseits, zu überwinden.
Beide Hürden gleichzeitig nehmen zu wollen, ist vielleicht ein zu ehrgei-
ziges Unterfangen, obwohl solche Sprünge ("Also, wie können wir das in
Zukunft vermeiden oder lösen?") empfohlen werden können, wenn auf sie
eine Analyse der Vergangenheit folgt. Es ist aber wahrscheinlich eine siche-
rere Methode, Schritt für Schritt, von der Vergangenheit zur Zukunft und von
der Analyse zur Praxis voranzuschreiten.
Die Bewegung von der Vergangenheit zur Zukunft: Diese Bewegung ist
unverzichtbar, da die Vergangenheit Erinnerungen an alles weckt, was schief-
gegangen ist, an alle Formen direkter und struktureller Gewalt. Man kann
davon ausgehen, daß die Akteure in dieser Hinsicht Experten sind. Die Ver-
gangenheit ist die ideale Basis für Schuldverteilungen und zwar sowohl zwi-
schen den Akteuren selbst als auch von oben, da erstere hoffen können, daß
die Helfer "Ihr-habtlIhr-hattet-Recht"-Zertifikate ausstellen und damit nicht
nur eher die Diagnose der einen Seite akzeptieren, sondern auch deren ver-
gangene Taten legitimieren werden, indem sie so den einen die Schuld neh-
men und sie den anderen aufbürden.
Man kann in der Vergangenheit nach Daten schürfen und diese Daten nüt-
zen; ja diese sind sogar unverzichtbar für moralische Prozesse und rechtliche
Verfahren. Das sind aber sehr spezifische Therapieansätze, denn damit wird
die Aufmerksamkeit vom Konflikt zwischen den Beteiligten auf das Verhält-
nis eines oder einiger von ihnen zu höheren Autoritäten gelenkt, z.B. auf ihr
198 Konflikttheorie

Verhältnis zu Gott oder zumindest zum Priester, zur Gerechtigkeit oder zu-
mindest zum Richter.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt eine Eisschicht: die Gegen-
wart, ein schmales Zeitband, welches die Geschichte von der Zukunft trennt.
Die hiermit verbundene Einstellung können wir Präsentismus 121 nennen, der
eine Diagnose erschwert und stattdessen eine Art (journalistischer) Schnapp-
schußdarstellung dessen bietet, was jetzt gerade geschieht; dieser Präsentis-
mus ist blind gegenüber den Wurzeln in der Vergangenheit. Heraus kommen
dabei nur Rezepte, keine für künftige positive und negative Nebenwirkun-
gen sensible Therapie. Die Zukunft aber ist wie die Vergangenheit: Sie dau-
ert lange an.
Gleichwohl sind ein Beharren auf der Vergangenheit (pastism) wie auf der
Zukunft (futurism) nicht viel besser. In der Vergangenheit nach Wurzeln zu
suchen, wird das Verständnis verbessern, daher kann darauf nicht verzichtet
werden. Es kann aber auch zum Trugschluß des tout comprendre, c'est tout
pardonner auf der moralischen Ebene führen sowie zu einer Suche nach ver-
gangenen Lösungen bzw. zu Extrapolationen der Vergangenheit. Da aber in
der Vergangenheit offensichtlich Entscheidendes falsch gelaufen ist, kann sie
unmöglich als hinreichende Basis für den Entwurf einer besseren Zukunft
dienen (wenn sie das könnte, hätten wir diese Zukunft wahrscheinlich schon
längst erreicht; wir haben uns ja lange genug in der Vergangenheit auf-
gehalten). Und der einseitige Fokus auf die Gegenwart verführt zum entge-
gengesetzten Irrtum eines moralischen Urteils, das durch kein Verständnis
gemildert wird. Ein weiteres Mal also Skylla und Charybdis.
Andererseits kann die einseitige Beschäftigung mit der Zukunft zu etwas
führen, das wir mangels besserer Begriffe den "Cafeteria-Fehlschluß" nennen
können: Man denkt, die Zukunft sei offen, man könne sich jedes gewünschte
Lösungs-Gericht aussuchen. Die Zukunft ist vielleicht nicht vollkommen ver-
sperrt, sie kann selbst einem in der Vergangenheit Gefangenen noch eine
positive Öffnung bieten. Aber jeder lebende Organismus besitzt ein Gedächt-
nis, nicht nur Menschen, sondern auch soziale Systeme (vermittelt über Arte-
fakte, etwa Denkmäler) oder Weltsysteme (z.B. Grenzen, Staatsfeiertage).
Die Vergangenheit wird uns immer begleiten, insbesondere die unverar-
beitete Vergangenheit; sie ist in uns, um uns herum, überall. Wie kann man
die Zeitbarriere dann überwinden?
Mein Vorschlag lautet, bei der Analyse zu bleiben und die Teilnehmer
einfach dazu aufzufordern, Prognosen auf der Basis ihrer Diagnosen zu stel-
len. Die analytische Denkweise, gestützt auf Daten und anfechtbare Extra-

127 Diese treffende Formulierung einer bei vielen Außenstehenden des Konflikts in Ex-
Jugoslawien vorherrschenden Einstellung - die die Schatten der Vergangenheit völ-
lig mißachtet, von den Schatten der Zukunft gar nicht zu reden - verdanke ich Pro-
fessor Svetozar Stojanovic.
Konfliktinterventionen 199

polationen aus der Vergangenheit, kann beibehalten werden. Wichtig ist, daß
man das Land der Zukunft gemeinsam betritt. Wenn man sich erst einmal
dort eingefunden hat, kann noch sehr viel erreicht werden, wenn man den of-
fenen Dialog, an dem sich die Helfer ebenso beteiligen sollten wie alle ande-
ren, beständig aufrechterhält; in diesen Dialog sollten Wissen und Meinun-
gen einfließen und niemand sollte sich zurückhalten. Nicht zuviel Diagnose -
die kann später kommen.
Natürlich wird es Widerstände geben. Die Vergangenheit bietet Sicherheit,
nicht allein deshalb, weil die Beteiligten sie zu kennen glauben, sondern
auch, weil sie ihr Konfliktbild stark an der Vergangenheit ausgerichtet haben.
Und dennoch wollen sie dem Vergangenheitsgefängnis entfliehen. Die Ein-
ladung, geleitet von Prognosen, sich mit der Zukunft zu befassen, kann die-
sen Wunsch nach Transzendenz noch intensivieren. Wenn sich alle Beteilig-
ten einig sind, daß sich der Konflikt von selbst erledigen wird, können die
Helfer die Sache abbrechen. Wenn sie sich nicht einig sind, wird sich die
nächste Frage: "Wie können wir den Ereignisablauf so beeinflussen, daß eine
bessere Zukunft entsteht", praktisch von selbst stellen. Wenden wir uns er-
neut der Zukunft zu, durch die Tür der obigen Tabelle.
Der Schritt von der Analyse zur Praxis: Dieser Schritt sollte im Prinzip
leichter zu vollziehen sein, da ja alle Konfliktakteure (nicht nur Parteien) die
meiste Zeit handeln. Die Gegenwart ist aber eine mit starken Gefühlen ver-
minte Hürde, und die Zukunft ist bedrohlich, da das Ergebnis, das irgend wo
dort im Land der Zukunft wartet, vielleicht viel weniger als erhofft bieten
wird. Uns bleibt eine vierte Möglichkeit, die nicht im DPT-Dreieck, wie
normalerweise interpretiert, enthalten ist: die Zurückwendung in die Vergan-
genheit, aber auf der Ebene der Emotion und der Erfahrung und nicht der
Analyse - als erneutes Durchleben der Vergangenheit.
Das kann auf zweifache Weise, faktisch und kontrafaktisch, geschehen.
Stellen wir uns eine sexuelle Belästigung vor oder die Krise zwischen der
Sowjetunion und den USA um Cuba im Herbst 1962. Bringen wir die Akteu-
re zusammen, und zwar nicht nur, um zu analysieren, was damals geschah,
sondern um die Ereignisse nachzuspielen. Das geht natürlich nicht bei Kon-
flikten mit hohen V-Niveaus; die gewalttätigsten Teile könnte man aber aus-
lassen oder nur andeuten. Warum sollte man ein Trauma nochmals durchle-
ben? Um die Vergangenheit zu entmystifizieren, um zu zeigen, daß die Be-
teiligten gewöhnliche, fragile und verwundbare menschliche Wesen mit all
ihren Stärken und Schwächen waren und es da nichts Geheimnisvolles, vom
Himmel Gefallenes gab.
Zentral aber ist das kontrafaktische erneute Durchleben. Man sollte das
Drama bis zur Krise nachspielen und dann die Schlüsselfrage stellen: Was
hätte getan werden können? Im allgemeinen gelangt man irgendwann an ei-
nen Punkt, von dem aus es kein Zurück mehr gibt, einen Punkt, von dem aus
die Entscheidungsfreiheit eines oder mehrere Akteure drastisch beschnitten
200 Konflikttheorie

ist, aus Gründen des Gefühls oder des Interesses oder aus beiden. 128 Mit zu-
nehmendem Abstand von der Krise nimmt das Ausmaß an Entscheidungs-
möglichkeiten zu. Es gab Alternativen, wenn nicht in der A- oder W-Ecke, so
doch auf jeden Fall in der V-Ecke. Man hätte anders handeln können.
Was ist der Sinn einer solchen Übung? Zu zeigen, daß das, was geschah,
keinem Naturgesetz unterlag; daß die Ereignisse einen anderen Verlauf hät-
ten nehmen können. Voraussicht wäre eine Bedingung dafür gewesen, vor
allem aber Empathie, vielleicht sogar Mitleid mit anderen in der Formation,
um die Konsequenzen des eigenen Handeins besser einschätzen zu können.
Und um ein Gefühl der Verantwortung für sich selbst und für andere zu ent-
wickeln. Wenn die Akteure, die an einer solchen Sitzung teilnehmen, gewillt
sind, Ratschläge bezüglich der Vergangenheit von anderen Akteuren anzu-
nehmen, wenn sie bereit sind, das Für und Wider gegeneinander abzuwägen,
ohne zu behaupten, sie hätten keine andere Wahl gehabt, dann ist viel ge-
wonnen.
Der faktische Ansatz setzt ein gutes Erinnerungsvermögen voraus, der
kontrafaktische verlangt Phantasie. Ersteres kann durch Verzerrungen und
Projektionen getrübt sein, letztere ist sehr gefragt, aber oft nicht in ausrei-
chendem Maße vorhanden. Die Aufgabe der Helferin ist es also, Beistand zu
leisten, als sprichwörtliche Hebamme für Erinnerung und Phantasie zu die-
nen, wobei man letztere auch alternative Erinnerung nennen könnte. Sie muß
Fragen stellen und Vorschläge machen, dann wieder Vorschläge machen und
Fragen stellen. Der Zweck des faktischen Ansatzes ist es, die Vergangenheit
zu überwinden, indem man sie erneut durchlebt; der Zweck des kontrafak-
tischen Ansatzes ist es, die Zukunft zu erfinden, indem man die Geschichte
der Vergangenheit verändert. Beide Ansätze werden gebraucht.
Nach solchen Übungen, nach dem Niederreißen der Barrieren zwischen
Vergangenheit und Zukunft und zwischen Analyse und Praxis zumindest
hinsichtlich der Vergangenheit, dürfte das Aufsuchen der Therapieecke in
der obigen Tabelle weniger furchterregend wirken. Und an dieser Stelle ist
der Brainstorming-Dialog-Ansatz wahrscheinlich das beste Rezept. Die Hel-
fer werden natürlich die in Kapitel 3 dargestellten Formeln für eine Kon-
flikttransformation oder vergleichbare Rezepte im Kopf haben und eines oder
mehrere davon zu einem gegebenen Zeitpunkt vorschlagen. 129 Am gün-

128 Vergewaltiger, wie sexuell erregte Männer ganz allgemein, behaupten so etwas häu-
fig. Mit Recht oder nicht?
129 Unter den zahllosen Veröffentlichungen zu diesem Thema könnten Roger Fisher und
William Ury: Getting to Yes, Boston, MA 1982, John W. Burton: Resolving Deep-
Rooted Conflict, Lanham, MD 1987 und E. Victoria Shook, Ho'oponopono, Honolu-
lu, HI 1985, für den Leser hilfreich sein. Ich habe ernsthafte Vorbehalte gegenüber
Fishers Buch, die sich alle auf dessen Untertitel "Negotiating Agreement Without
Giving In" beziehen. Eine nicht-nachgebende Einstellung kann keine gute Grundlage
sein. Andererseits besteht das entsprechende Vorgehen natürlich darin, eine Trans-
Konfliktinterventionen 201

stigsten wäre es aber, gemeinsam zu möglichen Lösungen zu finden, handele


es sich dabei nun um den Typ Transzendenz, Kompromiß, Rückzug, Kom-
pensation, FissionlFusion oder um irgendeinen anderen Typ. Bei größerer
Komplexität kann eine Vereinfachung angebracht sein, bei geringer Kom-
plexität eine Komplexifizierung, immer auf den konkreten Fall bezogen.
Welche Persönlichkeit und welches Verhalten sollte man von Konflikthel-
ferInnen erwarten? Ganz allgemein betrachtet, sind die besten und allen be-
kannten Rollenvorbilder wahrscheinlich Arzt und Priester. Deren gemein-
sames Merkmal ist die Akzeptanz, daß jemand in Nöten ist, Hilfe braucht.
Sie können die Betreffenden wegen deren falschen Entscheidungen kritisie-
ren, danach werden sie sich aber mit deren Problem auseinandersetzen und
ihre Sachkenntnis einbringen. Bezüglich der Konfliktintervention heißt das,
daß die allgemeine Konflikttheorie, vergleichbare Fälle und die Besonderhei-
ten des vorliegenden Falles dem Helfer bekannt sein müssen. "Euer Konflikt
erinnert mich an ... " sollte nur mit Vorsicht eingesetzt werden, denn sonst
könnten die Konfliktbeteiligten einen Identitätsverlust erleiden, wenn sie sich
auf eine allgemeine Formel reduziert fühlen. Ein Konflikthelfer muß auch
durch offengelegtes Wissen Kompetenz ausstrahlen, damit die Beteiligten
das Gefühl bekommen, in ihrer Mitte einen guten Reiseführer für die kom-
plexe Landschaft der Tabelle 2.5 zu haben. Kurz, sie/er braucht Wissen
(insbesondere über Gewaltlosigkeit), Vorstellungskraft (Kreativität), Mitge-
fühl (Empathie) und Beharrlichkeit.

4.5 Typ 7 -10: aufgezwungene Konflikttransformation


Hier haben wir ein ganz anderes Spiel. Die Beteiligten sind einen faustischen
Pakt mit dem Teufel eingegangen, sie müssen sich unterwerfen, damit ihnen
jemand die Lösung bietet. Auch mit dem Konfliktdiktator besteht ein Pakt:
totale Unterwerfung gegen totales Diktat. Es gibt immer die Möglichkeit,
sich zu weigern, das, was der Diktator sagt, zu akzeptieren, anzunehmen oder
gar nur anzuhören, auch wenn der Preis dafür ungeheuer hoch sein kann.
Unterwerfung aber heißt Einwilligung.
Die vier Haupt-Rollenträger in den Paradigmen "Vermittlung", "Schlich-
tung", "Rechtsförmige Entscheidung" und "Entscheidung durch Menschen"
(Typen 7-10) könnten alle viel lernen von den Typen 3 bis 6. Der Vermittler
kann immer noch einen Vorschlag machen, bei dem er es den Beteiligten

zendenz zu suchen, die es allen Konfliktparteien erlaubt, zuzustimmen, ohne sich ge-
schlagen zu geben. Burtons Buch enthält 56 sehr nützliche Regeln, inbesondere
Drittparteien, Sponsoren und Panels betreffend. Und Shooks Buch leistet seine
Dienste als eine Einführung in die Art und Weise, wie die hawaiische Kultur sich
bemüht, mit Konflikten umzugehen.
202 Konflikttheorie

überläßt, ob sie ihn akzeptieren wollen oder nicht. Es ist denkbar, daß sie den
Vorschlag eher akzeptieren, wenn sie alle den Prozeß durchgemacht haben,
der im letzten Abschnitt beschrieben wurde. Das gleiche gilt für den Schlich-
ter: Hier müssen die Beteiligten den Vorschlag akzeptieren; in diesem Fall
kann es aber sein, daß sie ihn befürworten, und daß das Resultat haltbar sein
wird. Wenn die Akteure aber die Repräsentanten kollektiver Akteure sind,
gar sogenannte Führer, ist das einzige, was erreicht worden ist, eine Akzep-
tanz auf der obersten Ebene, mit einigen Unterschriften. Laßt tausend Sit-
zungen stattfinden, wiederholt den Vorgang vielerorts mit maximaler Betei-
ligung. Aber lauft nicht in die "Wie-die-Führer-so-das-Volk" -Falle und
produziert nur wertlose Papiere.
Kann der Richter einen Dialog mit den Beklagten eingehen? Natürlich
kann er das; Z.B. kann er fragen, welche Strafe (Strafrecht) oder Entschei-
dung (Zivilrecht) sie für angemessen halten. Ein solcher Dialog kann unge-
heures Konfliktlösungspotential besitzen; und der Richter hat immer noch die
Möglichkeit, sein eigenes, gut begründetes Urteil zu fällen. Beide Seiten die-
ser vertikalen Konstellation könnten daraus Gewinn ziehen.
Kann der Konfliktdiktator dazu bewegt werden, solche Spiele mitzuma-
chen? Nur dann, wenn man sich seinen Wünschen mit solchen Taktiken wie
der der Nicht-Kooperation oder des zivilen Ungehorsams widersetzt. Nur
dann, wenn die gesamte Konfliktformation geschlossen auftritt (wenn z.B.
Serben, Kroaten und Muslime sich zusammentun würden, um gemeinsam ei-
ne UNINATO-Interventionstruppe zur Durchsetzung eines Sicherheitsratsbe-
schlusses zu bekämpfen), wird der Konfliktdiktator sich früher oder später
für Interventionstypen mit niedrigeren Zahlen entscheiden müssen - oder
sich zurückziehen.
Es gibt für alle genannten Rollenträger gute Gründe, eine dialogische
Konflikttransformation ins Spiel zu bringen. Sie machen sich vielleicht keine
allzu großen Gedanken über den Diebstahl von Herausforderungen; die Fra-
ge, ob sich die Machtdistanz durch eine aufgezwungene Konflikttransforma-
tion vergrößert, ist ihnen aus denselben Gründen wahrscheinlich auch nicht
so wichtig. Aber sie werden sich vielleicht Gedanken machen, wenn ihre Lö-
sung von den Beteiligten nicht akzeptiert wird oder intern nicht haltbar ist,
denn das könnte dem Ruf ihrer Ansätze schaden. Ein Meta- Konflikt um Kon-
fliktintervention also!
Ein zentrales Problem besteht in der geringen Wahrscheinlichkeit, daß
sich die Konfliktbeteiligten bei einer aufgezwungenen Konflikttransformati-
on ehrlich und konstruktiv verhalten werden. Sie müssen ja auf eine be-
stimmte Person Eindruck machen, weil diese Macht über sie hat. Ein ein-
schlägiges Verhalten bestünde darin, Informationen zurückzuhalten, Angst
zu haben, anstatt sich konstruktiv zu verhalten, auf ein Urteil zu warten, an-
statt sich an dessen Entstehung zu beteiligen. Vielleicht zeugen solche Ver-
haltensweisen von den Überresten alter Gesellschaftsordnungen, in denen die
Konfliktinterventionen 203

Weisheit der Obrigkeit oder zumindestens deren Beauftragung durch höhere


Mächte als selbstverständlich angesehen wurde. Der Vermittler und der
Schlichter unterscheiden sich jedoch nicht so sehr von Konfliktlösungsma-
schinen, die nach dem Zufallsprinzip entscheiden 130 - es scheint also noch
viel Vertrauen in Weisheit und Beauftragung zu geben. Eine allgemeine Ho-
rizontalisierung der Konflikttransformation wäre jedoch eine revolutionäre
Veränderung. Rechtsanwälte mögen unbeliebt sein. Aber Aufstände gegen
Richter wird es wohl erst in der Zukunft geben.

4.6 Konfliktinterventionen und das Konfliktdreieck


Kommen wir zum Konfliktdreieck zurück: Was bedeutet ein erfolgreicher
Konfliktinterventionsprozeß, sei er nun getragen von den Beteiligten oder
von externen Parteien oder von beiden in einer symmetrischen kommunikati-
ven Beziehung, für die Ecken des Dreiecks?
Erstens haben wir den friedenserhaltenden Aspekt, wenn V, das Zerstö-
rungsniveau, gesenkt wird. Vielleicht zäumt man aber das Pferd beim Schwanz
auf, wenn man vor Beginn eines Kommunikationsprozesses eine Waffenruhe
oder ganz allgemein gutes Betragen fordert. Man sollte Kommunikations-
kanäle immer für eine mögliche Konflikttransformation offenhalten.
Zweitens haben wir in der A-Ecke den friedens stiftenden Aspekt, die Ver-
änderung von Einstellungen und Unterstellungen, aber auch sehr konkrete
Maßnahmen, um die neue Formation tragfähig zu machen. Die Einstellungen
müssen positiver werden und die Unterstellungen müssen stärker zu einer
friedlichen Koexistenz innerhalb der neuen Formation beitragen. Eine Vor-
bedingung ist wahrscheinlich ein emotionales Ventil; hier kommt die Praxis,
die Vergangenheit noch einmal zu durchleben, in's Spiel. Alle Beteiligten
müssen aber auch einigermaßen überzeugt sein, daß eine tiefgehende Verän-
derung der Unterstellungen erfolgt, so daß eine Wiederholung des gleichen
Konfliktverhaltens gegebenenfalls weniger wahrscheinlich wird. Eine Neu-
programmierung, an der beide Parteien gleichermaßen beteiligt wären, wäre
ideal. (Eine Ausführung dieser Idee findet sich in Kapitel 5 des letzten Teils.)
Drittens haben wir den friedensaufkonsolidierenden Aspekt des Versuchs,
W, den Widerspruch, zu überwinden. In Kapitel 3 haben wir allgemeine
Formeln gegeben; Konfliktinterventionen sind bewußte Bemühungen, diese
zu implementieren. Während solcher Versuche wird und muß eine Bewußt-
machung, eine Anhebung des allgemeinen Bewußtseinsniveaus, stattfinden.
Ziel ist eine akzeptable Formel, die eine neue Formation definiert: neue
Strukturen, neue Institutionen.

130 Siehe Johan Galtung: "Institutionalized Conflict Resolution", in: Essays in Peace
Research, Bd. 111, Kopenhagen 1978, Kap. 14
204 Konjlikttheorie

Dieser Bereich ist der schwierigste und hat daher am wenigsten Beachtung
gefunden; hier kann noch alles schiefgehen.
5 Gewaltfreie Konflikttransformation

5.1 Konflikttheorie, Konflikttransformation - und


Gandhi l3l
Konflikttheorie könnte ihren Ausgang nehmen von einer Inkompatibilität auf
der einen, von den Akteuren und deren Konfliktformation auf der anderen
Seite. Bisweilen ist es möglich, eine Inkompatibilität aufzulösen, ohne dabei
die Akteure oder deren Verhältnis zueinander oder auch nur die Konfliktfor-
mation als solche zu tangieren. Genau das geschieht in einem Komprorniß.
Die Akteure sind noch da, und ihre Beziehung bleibt im Prinzip unberührt.
Der Konflikt wird jedoch dadurch beigelegt, daß beide Parteien nun ihre An-
sprüche herabsetzen können, wodurch ihre jetzt gemäßigten Ziele kompatibel
werden. Ein noch besseres Beispiel ist in gewisser Weise der gegenteilige
Ansatz: Die Grenze des Kompatiblen wird immer weiter hinausgeschoben,
bis sie in den Bereich des Annehmbaren gerät. Die Inkompatibilität selbst
wird dadurch transzendiert.
Beim klassischen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Disput um die Löhne bestün-
de der erste Ansatz in einer neuen Methode zur Teilung eines vorhandenen
Kuchens, der zweite Ansatz dagegen in der Vergrößerung dieses Kuchens,
möglicherweise unter Beibehaltung der alten Teilungsmethode. Beide Ansät-
ze schließen sich gegenseitig nicht aus. Desweiteren gibt es den Rückzug,
aber auch noch andere Ansätze. Man kann die Konfliktformation, ohne die
Akteure selbst zu verändern, grundlegend durch eine Erweiterung des Aus-
maßes der Interaktion zwischen ihnen verändern, indem man die Anzahl der
Konflikte zwischen ihnen vergrößert. Werfen wir hierauf einen erneuten
Blick, um zugleich Gandhi einzuführen.
In den bisher dargestellten Fällen ist das System der Akteure nicht tangiert
worden, aber auch dieses kann erweitert werden, und wenn zu den ursprüng-
lichen beiden Akteuren, durch die ein Konflikt oft definiert ist, weitere hin-
zukommen, gibt es mehr Möglichkeiten. Die Ausweitung eines Konflikts
führt dazu, daß dieser aus dem bilateralen oder gar bipolaren Rahmen her-

131 Dieser Abschnitt basiert auf meinem Buch The Way is the Goal: Gandhi Today, Ah-
madabad 1992. Für weitere Details verweise ich den Leser auf diesen Titel, speziell
auf dessen Kapitel 3.4 "How Nonviolence Works: Some Hypotheses", S. 130-135.
206 Konflikttheorie

ausgelöst werden kann, in dem ein Konflikt oft genug steckenbleibt. Wenn A
in einem Konflikt mit B, B in einem Konflikt mit C und C in einem Konflikt
mit A steckt, dann können sie diese Konflikte alle zusammenwerfen und
vielleicht feststellen, daß sie sich gegenseitig aufheben.
Das System der Akteure kann aber auch statt durch eine Ausweitung durch
eine Kontraktion verändert werden. Es kann etwa von zwei Akteuren auf einen
reduziert werden. Das geschieht bei einer Integration, die nicht nur den Zusam-
menschluß zweier Akteure zu einem (Fusion), sondern auch die Harmonisie-
rung von deren Zielen, d.h. von deren Interessen und Werten, bezeichnet.
Es gibt dann noch eine letzte, aber keineswegs unwichtige Art der Verän-
derung im Akteurssystem: die Auflösung, Fission, Entkopplung. Diese Mög-
lichkeit besteht nur dann, wenn die Beteiligten schon verbunden sind. Bei ei-
nem Konflikt zwischen einem Eindringling und einem Volk ergibt Ent-
kopplung keinen Sinn. Zwischen einem Ausbeuter und den Ausgebeuteten
aber kann sie sehr sinnvoll sein. Und sinnvoll kann sie auch bei horizontalen
Beziehungen sein: Zwei Geschäftspartner können sich entscheiden, getrennte
Wege zu gehen; eine Ehe kann auseinanderbrechen. Kurzum, so wie es bei
Übereinstimmung der Ziele zu einer Fusion kommen kann, kann es bei Dis-
harmonie der Ziele zur Fission kommen.
Damit haben wir sechs Ansätze zur Konfliktlösung: Auflösung der In-
kompatibilität (Transzendenz), Komprorniß, Vertiefung, Ausweitung, Inte-
gration und Desintegration durch Entkoppeln. Hinzu tritt eine andere Familie
von Ansätzen, die nicht darauf abzielt, die Inkompatibilität aufzuheben, son-
dern die den Konflikt einzufrieren, zu verleugnen, in die Länge zu ziehen
versucht - mit allen möglichen Mitteln, einschließlich des Einsatzes struktu-
reller und direkter Gewalt.
Die Beteiligten können sich also mehr nach innen wenden, sich einander
positiv, oder aber auch auf eine negative Art und Weise zuwenden, indem sie
den bestehenden Konflikt durch die Einführung eines neuen in den Hinter-
grund schieben (wenn ich heute Dein Haus in Brand setze, kann es sein, daß
Du vergißt, daß ich Dir gestern die Brieftasche geklaut habe), oder sich ande-
ren Akteuren zuwenden. Und zu guter Letzt kann man Konflikte auch durch
direkte und strukturelle Gewalt "lösen", denn wenn ein Akteur beherrscht
wird, sind ihm seine eigenen Interessen vielleicht gar nicht bewußt, und er ist
schon daher nicht in der Lage, ihnen nachzugehen. Und wenn er "außer Ge-
fecht versetzt" (getötet, isoliert, verbannt) worden ist, wird er sein Ziel nicht
mehr verfolgen und dem anderen Akteur in die Quere kommen.
Nun, wo steht der führende Theoretiker und Praktiker der Gewaltfreiheit,
Gandhi, in bezug auf die Konflikttransformation? Er lehnt die meisten dieser
Ansätze ab. Man kann behaupten, daß Gandhi, wenn es um die Auswahl von
Ansätzen der Konfliktlösung geht, ein Puritaner ist - hier wie bei seinen Nah-
rungspräferenzen sozusagen ein Vegetarier, und zwar weitgehend aus den
gleichen Gründen.
Gewaltfreie Konflikttransformation 207

So würde er eindeutig die letztgenannten beiden Ansätze ablehnen, die


Anwendung direkter und struktureller Gewalt, denn diese liefen seinen gan-
zen Vorstellungen von Gewaltlosigkeit zuwider. Gewaltlosigkeit bedeutet ei-
ne Ermahnung, gegen beide Arten von Gewalt anzukämpfen. Gewaltlosigkeit
bedeutet ebenso strikt, sie auch während dieses Kampfes nicht einzusetzen.
Gandhi würde auch die vier Möglichkeiten zur Verzögerung der Konflikt-
lösung ablehnen, da sie zu seiner Verfügung, Konflikte zu lösen, im Wider-
spruch stünden. Sie bedeuten ein Weglaufen vor dem Konflikt, einen Aus-
weg für diejenigen, die nicht willens sind, sich dem Konflikt voll zu stellen.
Deshalb gehören sie nicht zum satyiigraha, zu Gandhis Weise des Kampfes.
Zum Frieden führt kein Weg, der Frieden ist der Weg - und man muß ihn
jetzt gehen.
Ein Satyiigrahi versucht, gegen das Unrecht anzukämpfen, nicht, es unter
den Teppich zu kehren. Diese Haltung widerspricht nicht dem Einsatz des
Zeitelements beim satyiigraha. Der Kampf darf in die Länge gezogen wer-
den, damit genug Zeit für Veränderungen bei beiden Beteiligten gegeben ist;
er darf aber keineswegs in Vergessenheit geraten, an Bedeutung verlieren.
Von den ersten sechs Ansätzen, bei denen allen es irgendwo um wirkliche
Konfliktlösung geht, würde Gandhi zweifelsohne die Vertiefung und auch
deren Zwillingsschwester, die Ausweitung, ablehnen; und zwar deshalb, weil
hier die Inkompatibilitäten bestehen bleiben. Diese Ansätze etablieren nur
Märkte für den Handel mit Widersprüchen. Bei weniger grundlegenden Kon-
flikten kann derlei zulässig sein. Wenn dergleichen aber als Methode einge-
setzt wird, um mit grundlegenden Ungerechtigkeiten fortzufahren, wie wenn
man als Gegenleistung für eine unerhebliche Bodenreform auf weiterer Aus-
beutung besteht, oder wenn im Austausch für Unabhängigkeit die Teilung
Indiens erfolgt, dann kann man nicht von wirklichem Fortschritt sprechen.
Diese Ansätze können bei geringfügigen Anlässen zulässig sein, aber nicht,
wenn es um grundlegende Werte geht. Und Gandhi ging es im reifen Alter
gerade um Grundsatzkonflikte.
Für Gandhi bleiben also vier unserer zwölf Ansätze - eine erhebliche Re-
duzierung. Alle vier jedoch sind für Gandhis Ansatz außerordentlich wichtig,
und er hat sie alle weiterentwickelt.
Fangen wir unten auf unserer Liste an, mit Desintegration, Entkoppeln,
Fission. Hier tritt die gesamte Theorie der Nicht-Kooperation auf den Plan.
Das ist für Gandhi viel mehr als nur ein einfaches Abbrechen von Beziehun-
gen, wie wenn z.B. diplomatische Beziehungen und Handelsverbindungen
suspendiert werden oder eine Ehe mit Scheidung endet. Für Gandhi handelt
es sich in diesen Fällen nur um eine Entkopplung innerhalb einer Struktur,
die beide verbindet, nämlich der Sozialstruktur. Die tiefere Struktur, in der
die Einheit der Menschen zum Ausdruck komm.t, wäre damit nicht berührt,
und es ist Aufgabe des Satyiigrahi, sich auf dieser Ebene, von Mensch zu
Mensch, noch stärker zu engagieren.
208 Konflikttheorie

Dann die Integration (Fusion). Sie ist das Ziel, das in der Ram Raj-Ver-
einigung, dem Königreich Gottes, deutlich wird. Gandhi unterscheidet sich in
dieser Hinsicht von anderen Denkern, da für ihn keinerlei Grenzen wie Ge-
schlecht, Generation, Rasse, Klasse oder Nation bestehen, vor denen die In-
tegration halt machte. Integration ist universal, transzendiert sie alle. Sie ist
keine Integration gegen jemanden, also eine Allianz bzw. Gemeinschaft zur
Eindämmung struktureller Gewalt oder eine Übung in struktureller Gewalt.
Gandhi meint die Integration der Menschheit. Zudem ist Gandhi optimi-
stisch, was die Annäherung an dieses Ideal, wenn nicht sogar dessen voll-
kommene Erfüllung hier in dieser Welt betrifft. Jeder von uns kann in den
ozeanischen Kreisen der Kooperation seinen Platz finden, jeder hat hier die
gleichen Rechte und Pflichten.
Nun zum Kompromiß. Gandhi war oft für den Komprorniß, auch in Fällen,
in denen es ausah, als könne ein Sieg errungen werden in dem Sinne, daß alle
Mißstände beseitigt, alle Forderungen erfüllt werden könnten. Es ging ihm
nicht darum, die Auseinandersetzung zu gewinnen, sondern darum, sich wäh-
rend des gesamten Kampfes so zu verhalten, daß die bestmögliche Basis für
das Leben nach dem Konflikt gelegt werden würde. Die generelle Neigung,
Kompromisse einzugehen, impliziert jedoch nicht den Willen, hinsichtlich
fundamentaler Dinge Kompromisse einzugehen.
Zu guter Letzt: Auflösung der Inkompatibilität oder Transzendenz. Hier ist
oft Phantasie gefragt. Bezeichnenderweise machte Gandhi von diesem An-
satz Gebrauch, wenn er sich mit einem direkten Konflikt zwischen anderen
Parteien beschäftigte, aber auch, wenn er selbst der Hauptbeteiligte in einem
strukturellen Konflikt war. Der Konflikt wird transzendiert, das, was unver-
einbar erscheint, wird in einer neuen Struktur vereinbar. Beispiele hierfür
sind das horizontale Kastensystem, die Treuhandverwaltung, die Briten, die
in Indien bleiben, aber nicht mehr als Kolonialherren, das (Britische) Com-
monwealth gleichberechtigter und unabhängiger Nationen.
Warum hat Gandhi diese puritanische Einstellung zur Konfliktlösung? Im
Grunde deshalb, weil die Konfliktlösung nur ein Aspekt des gewünschten
Resultats des Konfliktaustrags ist. Mindestens ebenso wünschenswert ist die
positive Wirkung, die der Konflikt auf die daran Beteiligten haben soll. Eine
Konfliktlösung, aus der die Beteiligten unverändert, wenn nicht in noch
schlechterer Verfassung hervorgehen, ist kein Erfolg. Es gibt also drei Krite-
rien für eine erfolgreiche Konflikttransformation: eine neue Gesellschafts-
struktur als Ausdruck der Konfliktlösung im konventionellen Sinne und ein
höheres Selbstreinigungsniveau aller Akteure, sowohl der satyagraha-Gruppe
als auch der Gegner. Nicht allein W-, sondern auch A- und V-orientiert!
Letzteres wollen wir hier als höheres Selbständigkeitsniveau bei allen Be-
teiligten interpretieren; und genau hier führt die Zerstörung einer Ausbeu-
tungsstruktur auch zur Befreiung des Ausbeuters. Dieser war von seinen aus-
beuterischen Praktiken abhängig - durch den Kampf wird auch er lernen,
Gewaltfreie Konflikttransformation 209

selbständig zu werden. Das gleiche gilt für die anderen beiden Komponenten:
Der Kampf verhilft beiden Beteiligten dazu, furchtloser zu werden, und wird,
wenn richtig geführt, deren Bindungen stärken. Nur wenn klar ist, daß für
Gandhi viel weitgespanntere Erfolgskriterien gelten, kann man seine Einstel-
lung zur Konfliktlösung wirklich nachvollziehen.
Für Gandhi kommen zwei Drittel der Standard-Konfliktlösungsmodelle
nicht in Frage; die restlichen vier werden von ihm aber erheblich verfeinert. In
Begriffen moderner Strategien scheint Gandhi ein Anhänger der Doktrin der
stufen weisen und hinausgeschobenen Antwort zu sein. Der anderen Seite muß
Zeit gelassen werden, nachzudenken und die Gesamtsituation anders zu sehen;
ebenso wie die eigene Seite Zeit braucht, umzulernen und die eigene Position
zu transzendieren, um gemeinsam mit dem Gegner A und V zu verbessern.
Als Zusammenfassung kann die folgende Tabelle dem Leser/der Leserin
einen Überblick verschaffen:

Tabelle 2.6: Zwölf Ansätze der Konfliktlösung - und Gandhis vier


System von Konfliktsystem Inkompatibilität Imkompatibilität
Akteuren beseitigt beibehalten
beibehalten beibehalten 1. Transzendenz 7. positive Intraaktion
hinzufügen
2. Kompromiß 8. positive Interaktion
hinzufügen
beibehalten erweitert 3. Vertiefung 9. negative Interaktion
hinzufügen
erweitert beibehalten 4. Ausweitung 10. Interaktion mit
anderen Akteuren
Kontraktion auf einen 5. Integration Wie- 11. Herrschaft
Akteur derankopplunglFusion(strukturelle Gewalt)
entkoppelt 6. Desintegration 12. Unfähigmachen
Entkopplung/Fission (direkte Gewalt)

Es braucht Zeit, Lösungsmöglichkeiten für Unvereinbarkeiten zu finden, die


offensichtlich trotz aller Bemühungen um eine Einigung bestehen. Konflikt-
lösung im Sinne Gandhis kommt nicht in erster Linie durch Gegenüberstel-
lung von Standpunkten, durch Dialog, Handeln und Kompromisse zustande,
sondern durch Experimentieren mit neuen Formen gesellschaftlichen Lebens.
Eine niedrige Konfliktgeschwindigkeit wird derlei eher erlauben und verhin-
dern, daß menschliche und soziale Energie in destruktiven Handlungen ver-
geudet wird. Gewaltlosigkeit braucht Zeit: von 2 zu 1.
In diesem Punkt gibt es jedoch erhebliche Unterschiede - so erheblich,
daß sie zu einer echten Kluft führen - zwischen modemen strategischen
210 Konflikttheorie

Überlegungen und Gandhis Art zu argumentieren. "Gestufte Antwort" heißt


Eskalierung, eine zunehmende Bedrohung des Gegners. Man fängt mit einer
milden Drohung an, setzt diese dann in die Tat um, setzt dies fort auf immer
höheren Ebenen, bis "die Verluste inakzeptabel werden". Der Gegner "wird
weich". Ohne weiter zu verfolgen, weshalb so etwas in der Praxis oft nicht
funktioniert, sondern kontraproduktiv wirkt, müssen wir darauf hinweisen,
daß Gandhis Eskalierung sich so verstehen läßt, daß man selbst und der Geg-
ner mehr Autonomie und Selbständigkeit erlangt, es sich also hier nicht dar-
um handelt, den Grad der dem Gegner zugefügten Verletzungen zu steigern.
Mit anderen Worten: Wenn die satyagraha-Gruppe spürt, daß die Einheit
nicht wiederhergestellt, sondern nur neu hergestellt werden kann, dann ist der
Zeitpunkt gekommen, Autonomie zu erlangen, indem man die Bande der
Abhängigkeit kappt. Das kann für den Gegner wie eine gesteigerte Drohung
aussehen. Für die satyagraha-Gruppe ist das mehr als eine Unabhängigkeits-
erklärung; es bedeutet Unabhängigkeit, aber auch für den Gegner, und es ist
ein bleibendes Angebot, sich nach der Entkopplung, wenn beide Beteiligten
so weit sind, wieder anzukoppeln.
Beiden wird die Möglichkeit gegeben sich weiterzuentwickeln, wenn auch
für eine gewisse Zeit eher jeder für sich und nicht in Kooperation miteinan-
der. In gewisser Weise besteht hier ein Widerspruch zu Gandhis Auffassung,
es sei schlimmer, keine Beziehung zu haben, als eine Beziehung voller Ge-
walt. Dahinter steht aber sicherlich die Idee, so bald wie möglich wieder zu-
sammenzufinden, vielleicht unter anderen Bedingungen, wie Ehepartner, die
es aus irgendeinem Grunde für notwendig halten, eine Weile getrennt zu le-
ben. Die Entkopplung kann nie eine Dauerlösung sein, das Ziel ist Integrati-
on, Vereinigung, Fusion: von 6 zu 5.
Zusammenfassung: vom Komprorniß in untergeordneten Fragen zur
Transzendenz in entscheidenden Fragen; von der Entkopplung (Fission) zur
Wiederankopplung und Integration (Fusion). Dies braucht Zeit. Mit der Zeit
aber verändert sich vieles. Es ist schwer, konsistent zu bleiben. Ist aber Kon-
sistenz so wichtig? Gandhi verlangte durchweg Gewaltlosigkeit von sich
selbst - als Weg wie als langfristiges Ziel. Für ihn war Gewaltlosigkeit
(ahimsa) = Liebe (satya) = Wahrheit = Gott. Andere lud er ein mitzumachen.
Über alles Übrige kann verhandelt werden.

5.2 Gewaltfreiheit und Gewalt

Warum finden wir eigentlich nicht mehr gewaltlosen Kampf in der Welt, ge-
richtet gegen direkte Gewalt und gegen strukturelle Gewalt in den beiden
Standardformen der Repression und Ausbeutung? Die Antwort ist wahr-
scheinlich keine Frage moralischer Werte allein: Viele Menschen würden zu-
Gewaltfreie Konflikttransformation 211

stimmen, daß Ghandi moralisch sowohl Lenin wie Mao Zedong überlegen
ist, wenn diese Macht mit dem gleichsetzten, was aus dem Lauf der Gewehre
kommt. Die Antwort liegt auch in der Praxis der Gewaltfreiheit.
Die Behauptung "Gewaltfreiheit zeigt keine Wirkung" muß angesichts der
verblüffenden Erfolge in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts als unin-
formiert gelten; 132 das belegen
1. Ghandis svaraj-Kampagne seit 1920 für die Unabhängigkeit Indiens;133
2. die Befreiung arrestierter Juden im Februar 1943 in Berlin;
3. Martin Luther Kings Kampagne seit 1956 im Süden der USA;
4. die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg, innerhalb und außerhalb Viet-
nams;
5. das Vorgehen der Mütter gegen das Militär auf der Plaza de Mayo in
Buenos Aires;
6. die "People's Power"-Bewegung auf den Philippinen, 1986;
7. die "Children's Power"-Bewegung in Südafrika seit 1986;
8. die Intifada im besetzten Palästina, seit 1987;
9. die Demokratie-Bewegung in Peking, Frühjahr 1989, und
10. die SolidarnoscIDDR-Bewegungen, die zum Ende des Kalten Krieges
führten.
Natürlich ist kein Fall jemals ganz klar und rein. Aber in den genannten Fäl-
len wurde massive direkte Gewalt abgewehrt, und ebenso wurde größere
strukturelle Gewalt abgewehrt oder reduziert. Andere Faktoren spielten ge-
wiß mit, aber hätten die Bedrohten, die Ausgebeuteten und/oder Unterdrück-
ten anstatt auf Gewaltfreiheit auf die Karte größerer Gewalt gesetzt, dann
hätte dieses Verhalten nicht nur zum Einsatz größerer Gegengewalt Anreiz
gegeben, sondern die bedrückenden Verhältnisse wären wohl unverändert
geblieben. Zwar können wir dies nicht mit Sicherheit wissen, da wir die Ge-
schichte nicht noch einmal ablaufen lassen können. Gleichwohl erscheint
dies hoch plausibel. 134

132 S. z.B. mein Buch Nonviolence and IsraellPalestine, Honolulu, HI 1989, insbesonde-
re Kap. 2: "Principles of Nonviolent Action: the Great Chain of Nonviolence Hypo-
thesis", S. 13-34, sowie meinen Aufsatz "Eastern Europe Fall 1989 - What Happe-
ned, And Why? A Theory Sketch", in: Research in Social Movements, Conflicts and
Change, Greenwich, CT 1992, S. 75-97.
133 Diese schließt die Unabhängigkeit von Pakistan ein, auch wenn die Teilung des Lan-
des sehr stark dem widersprach, was Gandhi selbst wollte.
134 Einige Kommentare zur jeweiligen Komplexität der zehn Fälle:
1. Großbritannien war auch geschwächt durch den Zweiten Weltkrieg und durch
den Widerspruch, daß es einerseits den Autokratismus bekämpfte, andererseits
aber selbst dem Kolonialismus weiter anhing. Gandhis Tun schärfte diesen Wi-
derspruch.
2. Viele Juden kehrten zur Arbeit zurück, nachdem sie freigelassen worden waren,
wurden dann wieder eingesperrt - derart, daß gewaltfreies Handeln viel schwie-
212 Konflikttheorie

Eine Geschichte dieses gewalttätigen Jahrhunderts zu schreiben und seine


Politik zu untersuchen, ohne zugleich seine Gewaltfreiheit zu erforschen,
hieße, dieses Jahrhundert noch weitergehend verleumden. Eine solche Miß-
achtung verrät ideologische Voreingenommenheit und intellektuelle Inkom-
petenz - aus Gründen, die untersucht werden müßten.
Hier ist eine Auflistung von zehn grundlegenden Mechanismen, die hinter
der Gewaltfreiheit stehen:
1. Die Androhung direkter Gewalt oder die Tatsache struktureller Gewalt
ist für bedeutende Gruppen im Lande unerträglich.
2. Eine konstruktive Alternative wurde formuliert und dem/den Anderen
mitgeteilt, in Rede und Schrift, durch Demonstrationen etc.

riger war - und wurden dann getötet. Anderen gelang es, sich zu verbergen. Ge-
waltfreiheit ist keine einmalige Angelegenheit!
3. Während die offizielle Rassentrennung in den USA aufgegeben wurde, ist die
inoffizielle geblieben; noch ein Argument dafür, daß Gewaltfreiheit ein Prozeß
und keine einmalige Aktion ist.
4. Im Grunde gewannen die Vietnamesen einen gewalttätigen Krieg, aber die Ge-
waltlosigkeit schwächte wahrscheinlich die Entschlossenheit auf Seiten der
USA.
5. Da diese Bewegung im wesentlichen führerlos agierte, wurde der Friedenpreis
stattdessen an einen hervorragenden Mann verliehen (Alfonso de Esquivel).
6. Hier handelte es sich wahrscheinlich mehr um ein Mittelklasse- Unternehmen
als um eine Bewegung der - und zugunsten der - wirklich Unterdrückten auf
den Philippinen; daher hätte man es fortsetzen sollen.
7. Hier sollte man den moralischen Einfluß hinzurechnen, den ökonomische Sank-
tionen, die Bloßstellung sowie das positive Beispiel Zimbabwes ausübten.
8. Zwar umfaßte das Handlungsrepertoire der Intifada das Steinewerfen, aber man
könnte argumentieren, daß dieses, gemessen an den regionalen Standards, als
fast gewaltlos gelten muß.
9. Größere Gewalt wurde angewandt von den Kräften der chinesischen Regierung,
aber wahrscheinlich stärker gegen die Gewerkschaftsbewegung der ArbeiterIn-
nen als gegen die Demokratiebewegung der Studierenden.
10. Die Tatsache, daß in Rumänien Gewalt angewandt wurde, läßt die Vorgänge in
Polen und in der DDR nicht weniger gewaltfrei erscheinen. In Ungarn war die
Transformation ein konventioneller, langsamer politischer Veränderungsprozeß,
und die Umwälzungen in der Tschechoslowakei und Bulgarien - ganz zu
schweigen von der Sowjetunion - können wahrscheinlich am besten erfaßt wer-
den als Dominoeffekte der Ereignisse in der DDR und Polen. In der DDR war
die Massenflucht eine bedeutsame gewaltlose Taktik. Auch der gewaltlose Ge-
gen-Coup in Moskau vom August 1991 gehört in diese Reihe, jedoch nicht ganz
zweifelsfrei: nicht weil der Jelzin-Gegencoup nicht gewaltlos gewesen wäre,
sondern weil der Coup als gewalttätiger vielleicht nicht ganz glaubwürdig, son-
dern möglicherweise inszeniert war (z.B., um auf diese Weise Gorbatschow los-
zuwerden, der zu dem Zeitpunkt zwar schon das sowjetische Imperium demon-
tiert hatte, aber noch nicht in die westlichen ökonomischen Forderungen einge-
willigt hatte). Der Coup wurde amateurhaft und halbherzig durchgeführt.
Gewaltfreie Konflikttransformation 213

3. Es besteht die klare und aktuelle Gefahr, daß Gewalt in irgendeiner Form
angewandt wird, wenn aktive Gewaltfreiheit praktiziert wird; mit ande-
ren Worten, das Selbst geht ein reales Risiko ein.
4. Die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit ist klar 13S und erstreckt sich nicht
allein auf Handlungen, sondern auch auf das Reden und, wenn möglich,
auf das Denken.
5. Es gibt im Selbst-Andere(r)-Verhältnis Akte der Freundlichkeit, der Lie-
be.
6. Gewaltfreies Handeln dient dann dazu, dem/den Anderen wie Außenste-
henden zu vermitteln, daß das Selbst niemals aufgeben wird vor der Ty-
rannei, daß es willens ist, die Konsequenzen auf sich zu nehmen, und
daß es eine positive Beziehung wünscht.
7. Die Dissoziation (Nicht-Kooperation und ziviler Ungehorsam) vom An-
deren als Unterdrücker und die Assoziation mit dem Anderen als Person
mag dann die Meinung - und vielleicht sogar das Herz - des Anderen
ändern.
8. Wenn der Bedrücker Gewalt einsetzt, um der Gewaltfreiheit entgegen-
zuwirken, dann mag die Demoralisierung des Anderen, der die Konse-
quenzen seiner Gewalt für seine gewaltfreien Gegner erkennen muß, da-
zu dienen, seine Auffassung zu ändern.
9. Wenn der Andere von fern wirkende Gewalt, eingeschlossen die Institu-
tion des ökonomischen Boykotts, einsetzt, um den Konsequenzen seines
Tuns nicht ins Auge sehen zu müssen, dann müssen auswärtige Parteien
mobilisiert werden, um ihm die Konsequenzen klarzumachen.
10. Wenn die soziopsychologische Distanz zwischen dem Selbst und dem
Anderen darauf basiert, daß letzterer das Selbst dehumanisiert, dann
müßte die Gewaltfreiheit vielleicht Auswärtige einschließen in einer
Großen Kette der Gewaltlosigkeit. 136 Einige der Vermittler werden viele
soziale Eigentümlichkeiten mit den Unterdrückten teilen, andere werden
sozial eher den Unterdrückern verbunden sein. 131

135 Je tiefer diese Verbindlichkeit grundet in fundamentalen, säkularen oder religiösen


Werten, desto wahrscheinlicher ist es, daß gewaltlose Aktivisten nicht zu gewalttäti-
gem Handeln provoziert werden können oder auf eben dieses umschwenken, nur
weil "Gewaltfreiheit nicht funktioniert" habe (wodurch Gewaltfreiheit ja nur als eine
Taktik neben anderen gehandelt würde); desto wahrscheinlicher auch, und das ist
vielleicht noch wichtiger, daß der Andere wirklich glauben wird, daß hier eine Ver-
bindlichkeit jenseits taktischer Erwägungen vorliegt, in anderen Worten, daß die
Gruppe nicht kapitulieren wird.
136 Vgl. Johan Galtung, Nonviolence and IsraellPalestine, Honolulu, HI 1989: "The
Great Chain of Nonviolence Hypothesis", S. 13-34
137 Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die sich durch drei Rangdimensionen aus-
zeichnet (z.B. Geschlecht, Rasse, Klasse) und die klar definierte Unterdrückte, Un-
derdogs (U), und Unterdrücker, Topdogs (T) kennt. Letztere haben das Profil TTT,
erstere UUU. Man nehme desweiteren an, daß Kommunikation über die Kluft dreier
214 Konflikttheorie

An erster Stelle muß die Beachtung der drei grundlegenden Aspekte gewalt-
freier Aktion stehen: daß diese Aktion gerichtet ist gegen das schlechte Ver-
hältnis zwischen dem Selbst und dem Anderen, nicht gegen den Anderen als
solchen; daß das Handeln eher zu Liebe als zu Haß und eher zu friedlichem
als zu gewalttätigem Verhalten führen soll;138 und daß der Andere zu jeder
Zeit eingeladen bleibt, diese bereichernde Erfahrung zu teilen, wozu nicht
zuletzt die Versicherung gehört, daß für ihn immer Platz sein wird in der zu-
künftigen Gesellschaft. Es kommt darauf an, sich so zu verhalten, daß die
Transformation des Konfliktes nach oben gerichtet bleibt. Die Parteien soll-
ten aus dem Konflikt nicht allein mit besseren sozialen Beziehungen hervor-
gehen, sie sollten auch bessere Personen als vorher sein, besser ausgerüstet,
neue Konflikte gewaltfrei durchzustehen. So können diejenigen, die gestern
oder heute noch zur Gewaltanwendung neigten, die Mediatoren von morgen
werden.
Natürlich funktioniert das nicht immer. Das Selbst mag ja die ersten sechs
Punkte unter Kontrolle haben, aber dann kann der Andere es unterlassen, so
zu reagieren, wie in den folgenden vier Punkten erhofft. Eine Möglichkeit
besteht in diesem Fall darin, es noch einmal zu versuchen; eine andere wäre
die Kapitulation, die aber nie als definitiv angesehen werden sollte. Gewalt
zu akzeptieren, ist selbst ein Akt der Gewalt.
Anhänger Ghandis würden die Bedeutung hervorheben, die einer stärke-
ren Reinigung des Selbst im Rahmen der Konflikttransformation zukommt.
Diese Auffassung hat den Vorteil, daß die Last auf das Selbst abgewälzt wird
und auf etwas, das man selber tun kann (z.B. durch Meditation), und sie ist

Rangdimensionen hinweg unmöglich ist, daß sie schwach ist zwischen Gruppen, die
hinsichtlich zweier Rangdimensionen getrennt sind und daß sie recht stark ausfallt
zwischen Gruppen, die sich nur hinsichtlich einer Dimension unterscheiden. Dies
einmal unterstellt, lassen sich leicht sechs Ketten durch diese sozialen Gruppen hin-
durch verfolgen:

3 T Reihen (Unterdrücker)
2 TReihen
1 T Reihe
o T Reihe (Unterdrückter)
In der Praxis werden alle möglichen zusätzlichen Faktoren zu bedenken sein, wie
eheliche Bande oder ideologische Bindungen (so waren in dem Berliner Fall die
Vermittlerinnen deutsche Frauen, die mit deutschen Juden verheiratet waren; im in-
dischen Fall verhielt es sich so, daß Gandhis Freunde in Britannien im großen und
ganzen eher links standen, aber sie waren weiß und gehörten der Mittel- oder Ober-
schicht an.)
138 Das klassische Beispiel, symbolisch anschaulich genug, um von den Medien aufge-
griffen zu werden, ist das Einsetzen von Blumen in die Mündungen der Gewehre der
Polizei bzw. der Soldaten (im Gegensatz etwa zum Verhalten der französischen Stu-
denten im Mai 1968, die Steine warfen und ihren Haß hinausschrien).
Gewaltfreie Konflikttransformation 215

zudem nicht falsifizierbar. ("Es hat keinen Wandel im Herzen des Anderen
gegeben? Dann bist du es, der mehr Selbstreinigung braucht!") Gewiß sollte
man diesen Faktor nicht ausschließen, da Gewaltfreiheit offensichtlich spiri-
tuell funktioniert, von Geist zu Geist. Aber darum braucht man nicht auf po-
litische Arbeit in Bezug auf und mit externe(n) Parteien verzichten. In den
obigen Mechanismen neun und zehn sind sie geradezu spielentscheidend.
Auf alle Fälle sollte man niemanden behaupten lassen, es gäbe keinen
Konflikt - ganz gleich, wie sehr der wechselseitige Haß verinnerlicht, wie
stark gewalttätiges Verhalten institutionalisiert, wie unzugänglich der Wider-
spruch, die Inkompatibilität, das Problem sei -, der nicht transformiert wer-
den könne durch Gewaltfreiheit. Wir behaupten nicht, daß Gewaltfreiheit
immer funktioniert, es gibt hier kein Patentrezept. Aber viele unterdrückte
Gruppen wären wahrscheinlich ihrer Autonomie viel näher gekommen, wä-
ren sie gewaltfrei vorgegangen. 139 Wofür man jedoch argumentieren kann, ist
die Hypothese, daß Gewalt sich niemals auszahlt.
Zunächst einmal muß man die Zahl der Getöteten und Hinterbliebenen in
Rechnung stellen, der Traumatisierten an Körper, Verstand und Geist und
derjenigen, die davon mitbetroffen sind; zuletzt auch den physischen Scha-
den, der dem menschlichen Habitat und der Natur angetan wird. Die meisten
dieser Schäden sind irreversibel. Und hier handelt es sich doch nur um die
sichtbaren Wirkungen der Gewalt, ohne daß man deren fundamentale Ne-
beneffekte zur Kenntnis nähme - wie Mainstream-Ökonomen, die die Ex-
ternalitäten ökonomischen Handeins einfach unberücksichtigt lassen. Nur
weil sie diesen lebenswichtigen Aspekt nicht zur Kenntnis nehmen, können
die Propheten der Gewalt hinsichtlich deren Einsatzes zu positiven Schluß-
folgerungen gelangen.
Wenn Gewalt, das ist das Zweite, zu einer Änderung in den Beziehungen
zwischen dem Selbst und den Anderen führt, dann wird das erreicht, indem
man den Anderen handlungsunfähig macht. Aber eine gewaltsam durchge-
setzte Lösung ist darum nicht tragfähig, weil sie niemals akzeptiert wird; und
sie ist schon darum inakzeptabel, weil ein besiegter Anderer nicht länger
mehr der Andere ist. l40

139 Als Beispiel mögen die Kurden dienen. Ihre Ziele sind legitim - nicht allein Respekt
vor ihren Menschenrechten und Autonomie innerhalb der Länder, in welche die
Grenzziehung stärkerer Mächte (wie die des Persischen und des Ottomanischen Rei-
ches) sie verschlagen hat, sondern auch ein Kurdistan. Aber ihr Einsatz von Gewalt
und speziell der der türkischen Kurden macht es ihren Unterdrückern leicht, die Be-
völkerung gegen sie zu mobilisieren, und verstrickt sie eher in tödliche Zirkel der
Rache, als daß sie von unten aus ein friedliches Kurdistan aufbaut.
140 So wird die "bedingungslose Kapitulation" nur dann zu akzeptablen Ergebnissen
führen, wenn die besiegte Partei ihre Niederlage nicht allein als ihrer militärischen
Unterlegenheit geschuldet interpretiert, sondern in ihr auch ein Zeichen ihrer morali-
216 Konflikttheorie

Zum dritten aber liegt hier keine positive Transformation des Selbst, son-
dern sogar eine negative vor, alldieweil ein Sieg eine Sucht nach Gewalt
auslösen und beim nächsten Mal zu noch mehr Gewalt führen kann. Und
viertens gab es auch keine positive Transformation des Anderen, möglicher-
weise aber eine negative, weil auch diese Niederlage eine Sucht nach Gewalt
auslösen und Rache nach sich ziehen kann - schon weil ein Hindernis hier-
gegen dadurch beseitigt wurde, daß man Objekt von Gewalt war und somit
ein moralisches Defizit auf sich zu nehmen nicht zu befürchten braucht.
Kommen wir zurück zum Ausgangspunkt. Berücksichtigt man den wach-
senden Bankrott von Gewalt und Krieg als Institutionen, mit einer modernen
Technik, die gewiß weder Sieger noch Opfer adelt, sondern beide degradiert,
und berücksichtigt man die signifikanten Erfolge, die mit gewaltfreien Mit-
teln erzielt wurden: Warum sind dann nicht deren mehr im Einsatz? Um
Antworten zu bekommen, müssen wir wahrscheinlich die Tiefenkultur befra-
gen. Hier mag es verborgene Hindernisse geben, die verstanden und dann
angegangen werden müssen - gewaltfrei, versteht sich. Aber es könnte dort
auch verborgene Faktoren geben, die gewaltfreies Handeln eher begünstigen
als verhindern. Die müssen auch identifiziert und verstanden - und dann
vielleicht nur verstärkt werden.

5.3 Tiefenkulturelle Faktoren, die Gewaltfreiheit


verhindern oder begünstigen
Wir wollen im folgenden einige Faktoren untersuchen, die in sieben Räumen
lauern, welche die conditio humana formen. Genauer wollen wir sehen, wel-
che Vorstellungen wir von diesen Räumen haben, und wie das wiederum un-
sere Verhältnisse prägt (viel weiter ausgeführt dann in Teil IV).
Natur: Das Wort "natürlich" bezieht sich offensichtlich auf Natur, die dabei
als Norm in Anspruch genommen wird. Aber die Natur ist kein unzweideuti-
ges Modell für das, was als natürlich und normal gelten könnte. Es gibt
Konflikt und Kooperation, Antibiosis und Symbiosis, Darwin und Kropotkin.
Die westliche Kultur scheint dazu zu neigen, den ersten Term dieser Be-
griffspaare hervorzuheben, und läuft dabei ein beträchtliches Risiko, den
zweiten - und damit die Realität - aus dem Blick zu verlieren.
Die entscheidende Frage besteht jedoch nicht darin, wieviel Gewalt und
wieviel Fürsorge es in der nichtrnenschlichen, sondern wieviel davon es in
der menschlichen Natur gibt. Eine vorurteilsbelastete Ansicht der Natur läßt
Gewalt als "natürlich/normal" erscheinen. Die Gegenposition würde stärker

sehen Unterlegenheit, somit des Wirkens Gottes z.B., erkennt. In säkularen Zeiten
bzw. Zivilisationen sind solche Interpretationen unwahrscheinlich.
Gewaltfreie Konflikttransformation 217

Gebrauch machen von Kropotkin und beim Menschen eher das Spirituelle als
das Tierische unter der Oberfläche hervorheben. Natürlich sind wir beides,
die Frage ist nur, was hervorzuheben wir uns entschließen. 141
Mensch: In der Freudschen Optik erscheint die innere Person als ein Schlacht-
feld, auf dem im Kampf zwischen Es und Über-Ich das Ich entsteht. Diese
Sicht bedeutete einen Durchbruch, gemessen an früheren Bildern von der in-
neren Person als einer tabula rasa, die beschrieben werden sollte mit Glau-
benssätzen, aufgestellt von Kirche und/oder Erziehung. Aber das Freudsche
Bild zeigt auch Defekte. So wird angenommen, Gewalt residiere als Verlan-
gen im Es, und Normsetzungen des Über-Ich verhinderten den Ausbruch all
dieser Gewalt. Das menschliche Wesen erscheint hier als ein Gefaß, in dem
es wimmelt von mehr oder weniger gezähmten Begierden, und hinsichtlich
dessen nur offen bleibt, wie dicht der Deckel hält.
Hierzu gibt es einen alternativen und realistischeren Diskurs (allerdings
nicht den Diskurs der "Realisten"): Man erforscht die Pragmatik und nicht
allein die Moralität von Gewalt und Gewaltlosigkeit. Dies führt zu derselben
Einsicht wie im Falle der Mainstream-Ökonomie: Bedeutende negative Ne-
beneffekte von Gewalt hat man außer Acht gelassen, und wichtige positive
Nebeneffekte der Gewaltlosigkeit sind nicht einmal bedacht worden. Dies
sollte niemanden überraschen. Gewaltfreiheit wird betrachtet als Bestandteil
eines moralischen Über-lchs;42 nicht aber als ernsthafter Vorschlag für prak-
tische Politik; und das Ich erscheint als "blowing in the wind" zwischen zwei
gigantischen Kräften, nicht aber als bewußter Geist, der die Energien von Es
und Über-Ich in neue und bessere Richtungen lenkt. Vielleicht ist das Es da-
bei weniger gewalttätig als das Über-Ich.
Gesellschaft: Die okzidentale Gesellschaft, gleich ob jüdisch, christlich oder
islamisch, ist individualistisch und vertikal aufgebaut, mit starken männli-
chen Wesen an der Spitze. Ereignisse werden leichter zur Kenntnis genom-
men, wenn sie verknüpft werden können mit männlichen, nicht der Unter-
klasse angehörigen Führern wie M. K. Gandhi oder Martin Luther King Jr.
Ein größeres Ereignis, verursacht von schwarzen Unterklassefrauen (wie Ro-
sa Parks) würde nicht so leicht bemerkt von Personen in entgegengesetzten
Status-Positionen. Da aber Frauen in Sachen Gewaltlosigkeit führend sind,
erklärt dieser Faktor allein schon einen Gutteil von deren Unauffalligkeit.

141 Ein gutes Beispiel für ein positives Verständnis der menschlichen Natur ist die unter
der Schirmherrschaft der UNESCO verabschiedete Erklärung von Sevilla, in der eine
Reihe von Sozial- und Naturwissenschaftlern feststellten, daß Gewalt kein der
menschlichen Natur angeborener Bestandteil sei. Natürlich neigen Militäranalytiker
eher zum gegenteiligen, negativen Verständnis.
142 Die schwedische Bezeichnung für Kriegsdienstverweigerer. samvetsöm1IUl. bringt
dies sehr schön zum Ausdruck, indem sie von Menschen mit einem besonders emp-
findlichen Gewissen spricht.
218 Konflikttheorie

Der Okzident ist exzessiv individualistisch und vertikalitätsbewußt. Am


Grunde finden wir eine Vorstellung von Gesellschaft als einer Ansammlung
von Individuen, die sich ihren Weg nach oben erkämpfen. Aber in Wirklich-
keit ist eine Gesellschaft auch eine Struktur, ein Netz, das die Menschen
durch Billionen von Interaktionen zusammenbindet. Diese unsichtbare
Struktur verteilt die Lebenschancen sehr ungleichmäßig. Die Menschen rea-
gieren darauf, und einige diese "Reaktionen" können die Form der Gewaltlo-
sigkeit annehmen, wie aufgeführt in unserer Liste entsprechender Kampa-
gnen. Der Kampf verläuft von unten nach oben, er wird ausgefochten von
Underdogs, Angehörigen der Arbeiterklasse, von Nicht-Weißen und Frauen
und wird unsichtbar gehalten nicht allein aufgrund des niedrigen Status der
Akteure und der Absenz identifizierbarer Führer, sondern auch darum, weil
der Kampf bedrohlich wird. Ein Krieg stößt nicht notwendigerweise eine so-
ziale Ordnung um, möglicherweise bringt er nur einige Ausländer an die
Spitze, im Rahmen einer Okkupation. Eine größere Kampagne jedoch, wie
etwa ein Generalstreik vom Grunde der Gesellschaft aus, verrät, ob gewalttä-
tig oder nicht, eine massive Unzufriedenheit da unten. Lauert die Revolution
schon an der nächsten Ecke?
Betont man, wie üblich, die Akteursorientierung auf Kosten der Struk-
turorientierung, wird man solche Akte vielleicht nicht einmal wahrnehmen
als politische, sondern Z.B. als "fundamentalistische", inspiriert durch mora-
lische Normen eher als durch politisches Denken. In der Folge mögen die
Menschen eines Tages aufwachen und entdecken, daß sie in einer ganz ande-
ren Gesellschaft leben - geformt vielleicht von der feministischen Revoluti-
on, die sich gegenwärtig vollzieht. Vielleicht versuchen sie dann, sich eine
führende Person herauszugreifen und zu befragen, um durch deren Darstel-
lung zu verstehen, was passiert ist. Ein gutes Beispiel gibt die ostdeutsche
Revolte des Jahres 1989, welche die DDR-Gesellschaft erschütterte, aber
auch die der BRD, weil die Vorstellungen der gewaltfreien Revolutionäre
gleichermaßen anwendbar waren auf die kapitalistische Gesellschaft.
Welt: In der Sichtweise des Okzidents und all derjenigen, die diese Sichtwei-
se zu der ihrigen gemacht haben, hat die Welt ein Zentrum im Okzident, eine
Peripherie, die diesen akzeptiert, ja, die sich ihm unterwirft, und dann eine
Sphäre des Bösen, die sich ihm weder unterwirft, noch sich mit den Ver-
hältnissen abfindet. In dem Maße, in dem Gewaltfreiheit sich richtet gegen
die direkte oder indirekte Macht des Zentrums dieser Konstruktion (die Fälle
1, 3, 4, 5, 6, 7, 8 des vorigen Abschnitts), mag diese Gewaltfreiheit ersicht-
lich einer Situation vorzuziehen sein, in der dieselben Leute dieselben Dinge
unter Anwendung von Gewalt tun - gleichwohl bleibt sie subversiv. Jede
moralische wie praktische Überlegenheit hebt sich auf durch ihren Trotzcha-
rakter, ihre Weigerung sich zu unterwerfen; und je wirksamer sie ist, um so
gefährlicher wäre es, wenn andere Gruppen solche Ideen aufgreifen würden.
Gewaltfreie Konflikttransformation 219

Fall Nr. 2 liegt anders. Der Nationalsozialismus war auch der Feind des
Zentrums im Zentrum. Aber die erfolgreiche Anwendung von Gewaltfreiheit
in der Berliner Rosenstraße wirft einige Zweifel auf den militärischen An-
satz, den die koordinierten Zentren im Zentrum, die Alliierten, verwandten,
um die Achsenmächte niederzuwerfen - und besonders auf ihren Versuch,
oder besser das Fehlen desselben, die Juden vor dem Holocaust zu bewahren.
Wäre es besser gewesen, den Nationalsozialismus öffentlich anzuprangern
und innerhalb Deutschlands den Widerstand organisieren zu helfen, beson-
ders den Ghandischen Typus desselben, der ja dem Westen schon in den
dreißiger Jahren gut bekannt war? Oder wurde der in jeder Hinsicht kost-
spielige Krieg gegen den Nationalsozialismus gerechtfertigt durch die Un-
terstellung, es gäbe hier keine Alternative, schon um die Gewissen derjenigen
Deutschen zu beruhigen, die keine Nazis waren? Ist das immer noch der
traurige Stand der Dinge, was Moral und Handlungsbereitschaft betrifft? Und
ist dies vielleicht der Grund, daß die ganze Sache so unbekannt geblieben ist?
Auch Fall Nr. 9 liegt anders: Die chinesische kommunistische Partei war
auch ein Feind des Zentrums im Zentrum. Über die Kampagne wurde, mit
den zu erwartenden Entstellungen, berichtet, ohne das Wort "Gewaltlosig-
keit" zu verwenden. 143
Und schließlich stellt sich, aus verschiedenen bereits erwähnten Gründen,
auch Fall Nr. 10 anders dar. Wenn dies der Weg war, mit dem poststalinisti-
schen Autokratismus ein Ende zu machen, also von innen, was war dann ei-
gentlich die Bedeutung der Maschinerie des Kalten Krieges mit ihren Alli-
anzen, ihren kalkulierten Drohungen, ihrer nuklearen Abschreckung usw.?
Wäre es vielleicht besser gewesen, den Stalinismus öffentlich anzuprangern
und dann internes gewaltloses Tun zu ermutigen? Dieselbe Frage also wie
eben im Falle des Nationalsozialismus. Zweifelsohne gab es ein Zusammen-
spiel verschiedener Faktoren hinter der inneren Erosion, und einer der wich-
tigen war bestimmt der Tribut, den die Wirtschaft für den Rüstungswettlauf
zu zahlen hatte. Gleichwohl hatte die Kombination von MassenfIucht (die
auch vom Westen gefördert wurde), mutigen Demonstrationen l44 und der

143 Eine nach Auffassung des Verfassers korrektere Version der Ereignisse bietet, als
Frucht einer nur wenig später in Peking vorgenommenen Untersuchung, der Ab-
schnitt "What happened in Beijing on 3-4 June 1989: What Happens Now?": in: J.
GaltunglR. Vincent, Global Glasnost, Cresskill, NJ 1992, S. 240-244.
144 Das Schlüsselereignis war die Demonstration, die von der Leipziger Nikolai-Kirche
am 9. Oktober 1989, nach dem traditionellen Montagsgebet, ausging; die Teilnehmer
waren in hohem Maße Frauen, mit Kerzen in der Hand. "Die größte Demonstration
des heutigen Tages fand mit 75 000 Teilnehmern in Leipzig statt, trotz der Drohun-
gen der Partei, ,jegliche Demonstration zu unterbinden, falls nötig mit aller gebote-
nen Macht'. Die Polizei hatte, wie sich herausstellte, Anweisung zu schießen. Alles
bleibt friedlich an diesem Montagnachmittag." (Dirk Philipsen, We Were the People,
Voices From East Germany's Revolutionary Autumn 011989, Durham, NC 1993, S.
394f). Die Teilnehmerzahlen dieser gewaltlosen Demonstrationen, die doch ein be-
220 Konflikttheorie

Formulierung von Alternativen im universellen Diskurs über Menschen-


rechte besonderes Gewicht. 14s
Aber noch wichtiger als all dies: Was geschieht, wenn gewaltfreie Strö-
mungen, die kein Geld, sondern ,nur' Mut, Wissen, Mitleid und Ausdauer
benötigen, sich gegen das Zentrum im Zentrum richten an statt gegen dessen
Feinde? Für Solidarnosc in Polen war dies weniger ein Problem, da die darin
engagierte Bevölkerung hauptsächlich aus ,konventionellen' gewerkschaft-
lich organisierten ArbeiternehmerInnen und katholischen Intellektuellen und
weniger aus nicht im Trend liegenden Grünen ("Ökologen") und Gewalt-
freien ("Pazifisten") bestand. Aber wie sähe das in Deutschland aus?
Die Bewegung der Gewaltlosigkeit ist umstellt von Zweideutigkeiten,
über die man sich früher oder später Klarheit verschaffen muß. Ja, mehr
noch, diese Zweideutigkeiten findet man in der Bewegung selbst und in dem
Schockerlebnis, den ihr Erfolg auslöst. Ihre Mitglieder, daran gewöhnt, eine
kleine Minderheit zu sein, für die sich niemand interessiert, und in gewissem
Maße darin geübt, ihre Ablehnung als Bestätigung ihrer Reinheit zu empfin-
den, fanden sich plötzlich in einer Position, die ihnen die Fäden der Macht an
die Hand gab, ohne daß sie doch für die Ausübung dieser Möglichkeit ge-
kämpft hätten. Weil sie an ihre eigene Macht nicht geglaubt hatten? Oder war
ihre Gewaltfreiheit eher expressiv als instrumentellt46
Zeit: In der sozialen Kosmologie verbindet sich der Kampf gegen das Übel
oft nicht nur mit einem Helden oder Führer, sondern mit einer bestimmten
Zeitkosmologie. Gegen das Dunkel der Unterdrückung beginnt sich Wider-
stand zu regen, dieser wird stärker und stärker und kulminiert in der finalen
Konfrontation bzw. Krise. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten - mach es
oder ertrag es, Sieg oder Niederlage. Weltweit folgen traditionelle Erzählun-
gen und Epen von gewalttätigem Widerstand, endend mit einer Entschei-
dungsschlacht und der Geburt eines Helden als neuen nationalen Führers

trächtliches Risiko beinhalteten, waren am 2. Oktober 20 000, am 9. Oktober 75000,


am 16. Oktober 150000 und am 23. Oktober 300 000. Natürlich gab es im Westen
größere Demonstrationen, doch worauf es ankommt, ist so etwas wie das Produkt aus
Gri)ße, Prominenz der Demonstrierenden und Risikofaktoren.
145 Gemäß einer Studie des Historikers Walter Süss, über welche Der Spiegel (Nr.
49/1994, S. 69-73) berichtete, funktionierte die Gewaltlosigkeit genau so, wie sie es
unterstelltermaßen tun sollte: indem sie die Unterdrücker demoralisierte, und indem
sich einfache Stasi-Mitglieder gegen ihre Vorgesetzten wandten. Etwas Vergleichba-
res passierte auch schon in den Beziehungen Moskaus zur DDR am 7. und 8. No-
vember, bereits vor dem Fall der Mauer; vgl. Der Spiegel Nr. 44/1994, S. 43-46.
146 Als instrumenteller Modus ist Gewaltfreiheit ein Weg zur Erlangung der drei er-
wähnten Ziele: Verbesserung des Selbst, Verbesserung des/der Anderen und Ver-
besserung der Beziehung zwischen beiden. Der expressive Modus stellt ab auf den
Ausdruck von Verzweiflung, von Frustration, vielleicht auch auf die Verbesserung
des Selbst, aber viel weniger auf die beiden anderen Ziele.
Gewaltfreie Konflikttransformation 221

(oder, alternativ, als Märtyrers, der besiegt wurde)147 gewissenhaft diesem li-
nearen, männlichen Erzählmuster. Und am Ende gibt es dann auch immer
jemanden, der die Niederlage eingesteht und dadurch zugleich ein Stopp-
schild setzt. 148
Das hier geltend zu machende Argument besteht darin, daß effektive Ge-
waltlosigkeit einer stärker zyklischen, weiblicheren Zeitkosmologie folgt.
Der Kampf gegen strukturelle Gewalt wie die Neigung, direkte Gewalt ein-
zusetzen, hören niemals auf, sind Bestandteil unseres menschlichen Daseins.
Strukturelle Gewalt reproduziert sich mit Leichtigkeit im Gesellschaftssy-
stem, das seinerseits direkte Gewalt erzeugt, um ihr zu widerstehen oder sie
zu schützen; und ebenso leicht erzeugt sich diese Gewalt in den Person-Sy-
stemen der Mitglieder des Gesellschaftssystems. Wie Liebe muß auch Ge-
waltlosigkeit erneuert, aufgefrischt werden;149 einen ,Sieg' sollte man niemals
als definitiv ansehen, es geht hier nicht um eine punktuelle Angelegenheit. Es
gibt nicht so etwas wie den schließlichen Sieg oder die endgültige Niederla-
ge, daher gibt es auch kein Halteschild. La lotta continua, der (gewaltfreie)
Kampf geht weiter.
Diese Kennzeichen aber lassen gewaltfreies Verhalten als fast hoffnungs-
los ungeeignet erscheinen, um von den Massenmedien behandelt zu werden.
Notwendigerweise gibt es keine Führer, und das Ziel besteht im strukturellen
Wandel und nicht darin, irgend jemandem eine Niederlage zuzufügen. Es
gibt keinen Anfang und gewiß auch kein Ende; die Berichterstattung wird
sich auf die Dramatik der Abschnitte dazwischen zu konzentrieren haben.
Das Transpersonale: Gewalt wird hauptsächlich zugefügt vom Körper, als
physische Gewalt, obwohl der Wille zu kämpfen - die "Moral" - eine bedeu-
tende Rolle spielt. Gewaltfreiheit stützt sich hauptsächlich auf den Geist, ob-
wohl physische Ausdauer und konkretes physisches Handeln auch eine be-
deutende Rolle spielen. Gewaltanwendung basiert auf der Unterstellung, daß
das, was mir schadet, auch dir schaden wird, und gerade diese Einsicht sucht
man auszunutzen. Diese Voraussetzung findet wir aber auch beim gewalt-
losen Verhalten, nur daß hier der Schaden (wie z.B. der Boykott von Waren
und Dienstleistungen oder der Versuch, sich den Herrschern durch Migration
zu entziehen) weniger irreversibel ausfällt.

147 Wie Milos, König der Serben, nach der Schlacht im Kosovo vom 28. Juni 1389; hier
haben wir ein deutliches Beispiel, das sich direkt mit der gegenwärtigen Krise Jugo-
slawiens verbindet.
148 Andere Beispiele für dieses generelIe Muster wären etwa Wahlen und Sportwettbe-
werbe; in beiden Bereichen wird die Arithmetik des Kampfes als ausschlaggebend
akzeptiert.
149 Repressive Regime sagen eigentlich das gleiche: Die Bevölkerung einmal zu terrori-
sieren, reicht nicht aus, um sie unterwürfig zu halten; sie können immer noch damit
beginnen, neue Ideen zu bekommen. Da das Gefäß leck ist, muß der Terror nachge-
fülIt werden: wie im FalIe der Liebe, der Ehe, der Gewaltfreiheit.
222 Konflikttheorie

Beim gewaltfreien Handeln gibt es die Unterstellung, daß das, was meinen
Wert steigert, auch den deinen erhöht. Gewaltfreiheit ist eine Form sanfter
Gewalt und eine Form der Kommunikation, mit einem Sender und einem
Empfänger. Praktisch mag der Kommunikationsprozeß über eine Kette der
Gewaltlosigkeit vermittelt werden müssen. Dieser Austausch beruht auf der
Voraussetzung eines tiefen Gemeinschaftsgefühls zwischen menschlichen
Wesen; auf der Unterstellung z.B., daß der Andere berührt wird durch das
Leiden des Selbst und sich als Ursache dieses Leidens zurückziehen möchte.
Sieht man in der Gewaltfreiheit nur eine Trickkiste, die man im wesentlichen
dazu braucht, das Leben für seine Unterdrücker unangenehm zu machen,
dann verfügt man in der Tat nur über eine sehr flache Version von Gewaltlo-
sigkeit. lso
Eine universelle menschliche Gemeinschaftlichkeit läßt sich postulieren,
dann aber auch eine je spezifische, auf dasselbe kulturelle Idiom bezogene.
Dies spiegelt sich in Europa klar wider: Protestantische Gewaltfreiheit gibt
sich mehr verbal, ernsthaft und individuell, wie im Falle von Luthers hier
steh ich, ich kann nicht anders. Katholische Gewaltfreiheit ist festlicher, ex-
pressiver, kollektiv, wie katholische Prozessionen durch Städte und Dörfer.
Das kulturelle Idiom auf den Kopf zu stellen, kann sich sehr schnell als kon-
traproduktiv erweisen. Das transpersonale Medium wirkt unterschiedlich;
was den einen berührt, muß darum noch lange nicht den anderen berühren.
Das Transpersonale - manchmal nennen wir es Gott - spricht zu uns in
verschiedener Weise. Von grundlegender Bedeutung ist es, ob Gewaltfreiheit
Teil dieses Idioms ist. Für den südasiatischen Buddhismus und Jainismus gilt
Gewaltfreiheit sehr unzweideutig und obligatorisch. Ähnliches kann vom
Hinduismus gesagt werden, jedoch ist dessen varna-Kastensystem eine Form
struktureller Gewalt, die unvermeidlich zweifeln läßt an der Aufrichtigkeit
der ahimsa-Botschaft.
In den drei abrahamitischen Religionen des Okzidents finden wir die
schreckliche Ambiguität eines das ganze Menschengeschlecht umfassenden
und liebenden Gottes, der doch zugleich eifersüchtig auf irgendwelche ande-
ren Götter ist, und der diejenigen bestraft, die Ihn herausfordern. Jesus Chri-
stus hat die gleiche Neigung. Die reiche Tradition der Gewalt im Okzident
wird sich stützen auf den exklusiven, den strafenden Gott; das gewaltfreie
Rinnsal darin (einschließlich u.a. der Quäker und Baha'i-Anhänger) wird
bauen auf die Tradition eines inklusiven, liebenden Gottes, was noch die dem

150 Hieran entzündet sich eine bedeutende Kontroverse innerhalb der Gemeinschaft der
Gewaltfreien, zwischen der Pragmatik der Gewaltlosigkeit nämlich - repräsentiert
durch Gene Sharp und dessem klassischen The Politics 0/ Nonviolent Action, Boston,
MA 1973 - und der Spiritualität der Gewaltlosigkeit, repräsentiert durch die Gandhi-
sche Tradition der Begegnung der Herzen und nicht nur der Köpfe, des "Aufwühlens
der trägen Gewissen". Meine eigene Position würde ich (wie üblich) beschreiben als
eklektisch: sowohl als auch.
Gewaltfreie Konflikttransformation 223

Christus der Passionsgeschichte zugefügte äußerste Gewalt einbezieht. Die


Ambiguität wird nicht aufgelöst durch die zwei Regimenten (dt. i. Orig.),
Gewalt in diesem Leben und Gewaltfreiheit in dem danach. Hier, auf der Er-
de, müssen wir gewaltfreiere Wege finden, um Konflikte zu transformieren.
Die eklektischen religiösen Systeme des Fernen Ostens nutzen, zusätzlich
zum Buddhismus, den Daoismus, den Konfuzianismus und den Shintoismus als
Bausteine. Während die südasiatischen Religionen besonderen Nachdruck auf
ahimsa legen und die okzidentalen Religionen mit Zweideutigkeit durchtränkt
sind, ist die GewaltlGewaltfreiheit-Problematik weniger explizit im Fernen
Osten, außer im Falle der buddhistischen Komponente. Und doch unterscheidet
sich Sun Tzu sehr von Clausewitz, ebenso wie der Daoismus sich sehr unter-
scheidet von den weltumfassenden Megastrukturen, die der Westen aufgebaut
hat. Andererseits sind gewaltlose Arbeiterstreiks auch westlicher Herkunft.
Episteme: Einen speziellen Aspekt der Kultur bildet die Epistemologie: Was
konstituiert sicheres Wissen? Die Antwort darauf unterscheidet sich nun von
einer Kultur zur anderen. Man nehme z.B. die Idee des "Gesetzes", sowohl
im Sinne deskriptiver Regelmäßigkeit als auch im Sinne einer normativen
Vorschrift. Der westliche Zugang zu ersterer ist beeinflußt durch die Natur-
wissenschaften und Laboratoriumsexperimente, durch Regelmäßigkeiten al-
so, die Geltung haben unter reinen, ja künstlich hergestellten Bedingungen.
Kontrolliert man alle wesentlichen Bedingungen, dann stellt man eine biva-
riate Beziehung zwischen X und Y her, als Prototyp eines Gesetzes: X ist da-
bei der Grund/die Bedingung und Y die Wirkung/die Folge.
Die Gesellschaft im allgemeinen und die Komplexität gewaltfreien Ver-
haltens im besonderen öffnen sich nicht solchen simplen Wissensformen.
Hier - wie in allen zu Beginn erwähnten Fällen - haben wir es mit sehr
komplexen Syndromen als X und Y zu tun; zudem sind X und Y Teile von-
einander. Dieses zu erfassen, stellt die Yin/Yang-Zyklizität eine bessere Wis-
sensform dar als die cartesische Linearität, aber da ein solches Verständnis
im Okzident unterentwickelt ist, wirkt die Komplexität überwältigend, er-
scheint eine klare Beziehung zwischen Gewaltfreiheit und der Beendigung
entmutigender Repression und/oder Ausbeutung schwer nachweisbar. Eine
bestimmte Gewißheit jedoch, daß Gewaltfreiheit eine - notwendige, wenn
nicht hinreichende - Rolle spielte, wird ausreichen; es gibt hier keinen Be-
darf an (X, Y-) Laboratoriumsbeweisen.
Die Metapher von der Gewaltlosigkeit als einer Kraft wäre auch darum
wenig glücklich gewählt, als sie die newtonische Physik vom Typ X, Y her-
aufbeschwört. Eine Kraft bewegt hiernach Körper mit einer Beschleunigung,
die sich proportional zur Kraft und umgekehrt zur Masse, (Massen-)Trägheit
(in der Tat kein schlechter Ausdruck für Unterdrückung), verhält, sie prallt
auf andere Körper und überträgt ihre Kraft auf diese. Aber Gewaltlosigkeit
ist holistischer, wirkt dialektisch, zirkulär.
224 Konflikttheorie

Ebenso wie jede Kultur über einen intellektuellen Stil verfügt, verfügt sie
über einen Rechtsstil. 1s1 In Bezug auf Gewaltlosigkeit scheint hier am viel-
versprechendsten die angelsächsische (UK/USA-) Tradition des Gewohnheits-
rechts, für die ein Gesetz oder genauer: eine Gesetzesformulierung nicht als
sakrosankt, sondern als Hypothese gilt, weIche überprüft werden muß. Ver-
letzen viele Menschen das Gesetz, dann folgt in dieser Sicht daraus nicht
automatisch, daß sie moralisch daneben liegen. Ebenso könnte es sein, daß
das Gesetz falsch, inadäquat, überholt und daher änderungsbedürftig ist.
Dieses Verständnis bedeutet eine implizite Einladung zu gewaltfreiem
Verhalten in der Form zivilen Ungehorsams. Natürlich gibt es Gewaltlosig-
keit als massive Nicht-Kooperation, eine Aufkündigung des Konsenses durch
die Beherrschten, weIcher doch die langfristige Bedingung für die Herrscher
ist, ihre Herrschaft auszuüben. Aber hier handelt es sich um gezielten bür-
gerlichen Ungehorsam, der sich gegen spezifische Gesetze oder Verfügungen
richtet, und der sich zweifach ausüben läßt: entweder als mächtiges kollekti-
ves satyagraha oder als individuelles satyagrahi einzelner Menschen, die in
ihrer Person die kollektive Angst zum Ausdruck bringen. Beide Fälle leben
von einer unausgesprochenen Voraussetzung, daß nämlich die Gewaltlosig-
keit kein Ausdruck einer generell nachlassenden Bereitschaft ist, den Geset-
zen zu gehorchen. Darüber hinaus muß eine Bereitwilligkeit bestehen, die
Konsequenzen, Bestrafung also, auf sich zu nehmen, um klarzustellen, daß
dieses Verhalten ernst gemeint ist, und um Prozesse in Gang zu setzen, die
den Gesetzgeber zur Änderung seiner Auffassungen bewegen können.
In anderen Rechtstraditionen (der römischen, der germanischen, der japa-
nischen) mögen Gesetze oder Rechtsformulierungen überzeitlich gemeint
sein, dennoch können sie interpretiert werden, und es können auch gewisse
Rechtspraktiken die Rechtstheorie durchaus unterlaufen. Der Vorteil der
Common-Law-Tradition besteht darin, daß sie klar zu erkennen gibt, daß die
Mißstände abgestellt sind, sobald man eine Gesetzesformulierung geändert
hat. Das bedeutet Sieg und damit ein Haltesignal für die gewaltfreie Kam-
pagne, die sich nun vielleicht anderen Aufgaben zuwenden wird.

5.4 Schlußfolgerung: Was können wir tun?


Obige Theorie enthält die Voraussage des Erfolgs und der Erscheinungswei-
se Ghandis: ein charismatischer Führer von hohem sozialem Rang, der in ei-
ner Kultur lebt mit ahimsa als wichtigem Element, und der zugleich aus ge-

151 Für eine genauere Erforschung dieser Beziehung vgl. Johan Galtung: Human Rights
in Another Key, Oxford 1994, S. 40-49: "Is the Legal Tradition Culture-Blind?".
(Vgl. in der deutschen Ausgabe Menschenrechte - anders gesehen, Frankfurt/M.
1994, S. 65-79: "Ist die Rechtstradition kulturblind?" (Anm. d. Übers.»
Gewalt/reie Konflikttransformation 225

bildet ist in der Common-Law-Tradition. Seine Kräfte maß Ghandi mit dem
vom Westen bewunderten Objekt seines Kampfes, dem britischen Imperia-
lismus. Einen kleineren Preis hatte er zu zahlen: kein Nobelpreis!ls Die
Theorie kann, mit derselben Begründung, auch den Erfolg von Martin Luther
King, Jr. voraussagen; in seinem Fall jedoch zeigte sich das Nobelpreis-
Kommitee seiner Aufgabe gewachsen.
Diese kleine Übung erlaubt uns zwei grundsätzliche Schlußfolgerungen.
Zunächst benötigen wir eine Theorie der Folgen von Gewalt im allgemeinen
und von Kriegen im besonderen, eine Theorie, die sich nicht zufrieden gibt
mit der Feststellung von Sieg und Niederlage, mit dem Zählen der Toten und
Verwundeten ("Verluste") und der Auflistung materieller Schäden. Die gän-
gige Bezeichnung: eine vom Kriege zerrissene Gesellschaft, erhält größere
Tiefe und Aussagekraft, wenn wir vom Krieg zerrissene Personen und Wel-
ten miteinbeziehen.
Zum zweiten sollte Gewaltlosigkeit Teil des normalen Diskurses werden,
insbesondere jedoch Bestandteil einer weniger gewalttätigen politischen Wis-
senschaftls3 , zusätzlich zu ihrer wachsenden Bedeutung als integraler Be-
standteil von Friedensstudien. Wie im Falle jeder menschlichen Bemühung
können auch hier Theorie und Praxis verbessert werden. Wichtiger als weite-
re empirische Studien über gewaltfreie Kampagnen sind kritische Studien
darüber, an welchen Stellen solche Kampagnen gescheitert sind, und kon-
struktive Studien darüber, wie gewaltfreies Verhalten in der Vergangenheit
hätte effektiver sein können, und wie es in der Zukunft wirkungsvoller wer-
den könnte. Und in solchen Studien könnten alle angeführten tiefenkul-
turellen Faktoren positiv gewandt werden, indem man sie an's Tageslicht
hebt und ihre Bedeutung für gewaltfreies Handeln in unserem gequälten
Jahrhundert der Bevölkerung allgemein, den Journalisten aber im besonderen
bewußt macht.

152 1954 führte ich ein Interview mit dem verstorbenen Jacob Worm-Müller, der Kon-
sulent des Nobelpreiskommitees gewesen war. Dieser stand nicht nur skeptisch je-
dem gegenüber, der seinerseits dem britischem Empire gegenüber hochgradig skep-
tisch eingestellt war, er hatte darüber hinaus an Gandhi auszusetzen, daß dieser sich
nicht konsequent gewaltfrei verhalten habe, indem er empfohlen habe, Gewalt der
Feigheit vorzuziehen, und die Soldaten angehalten habe, ihren Beruf auszuüben
(wenngleich sie sich vorzugsweise überhaupt nicht als Soldaten aufstellen lassen
sollten).
153 In seinem Buch To Nonviolent Political Science, From Seasons 0/ Violence, Honolu-
lu, HI 1993, plädiert Glenn D. Paige für eine gewaltfreie Politische Wissenschaft.
Teil 111: Entwicklungstheorie
1 Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und
Praxis

Ein heiß umkämpftes Feld, diese theoretische Disziplin, genannt "Entwick-


lungsforschung", und dieses Politikfeld, genannt "Entwicklungspraxis"!l54
Das theoretische Feld ist mit intellektuellen Bomben vermint, das praktische
mit antistaatlichem Terrorismus und den Instrumenten der staatlichen Folter-
praxis. Warum? Weil wir es damit zu tun haben, wie starke und reiche Län-
der geschaffen werden können, starke und reiche Eliten, aber auch starke
Menschen und Völker - wenn nicht reich, dann doch zumindest in ihren
grundlegenden Bedürfnissen zufriedengestellt.
Wie einfach wäre es doch, wenn diese drei Ziele nicht nur miteinander
kompatibel wären, sondern sogar durch ein und dieselben politischen Maß-
nahmen erreicht werden könnten; wenn der Bau eines modernen Flughafens,
massiver Steuernachlaß für die Eliten sowie ein kostenloses Erziehungs- und
Gesundheitswesen für die Bevölkerung alle in dieselbe Richtung weisen
würden. In der Praxis sind die Eliten, unter Einschluß der MittelschichtenISS ,
vielleicht auf ihre eigene Bereicherung aus, empfindet das Volk die Eliten
womöglich als Hindernis auf seinem Weg, wenn es versucht, seine Lebens-

154 Siehe für eine hervorragende Einführung in viele der entsprechenden Themen und
deren Hintergrund Wolfgang Sachs (Hg.): The Development Dictionary. A Guide to
Knowledge as Power, London 1992. (Dt. Wie im Westen, so auf Erden. Ein polemi-
sches Handbuch zur Entwicklungspolitik, Reinbek bei Hamburg 1993.)
155 Diese werden hier definiert als nicht-manuelle "white-collar"-Arbeiter und als Selb-
ständige mit einigen wenigen Angestellten. Sie stammen vielleicht aus den Arbeiter-
schichten des primären, sekundären oder tertiären Sektors, streben jedoch zu den
oberen Klassen der Reichen, die für ihren Lebensunterhalt nicht arbeiten müssen,
und übernehmen dabei eher die gesellschaftlichen Werte der angestrebten als die ih-
rer Herkunftsklasse. Die lateinamerikanische Erfahrung lehrt, daß, wenn die Arbei-
terschichten versuchen, ihre Situation zu verbessern, die Mittelschichten sich eher zu
den Oberschichten und anderen (politischen, militärischen, kulturellen) Machteliten
schlagen und, wie diese, nach Hilfe aus dem Ausland rufen. Auf Weltebene scheint
dasselbe auch von den Mittelschichtländern zu gelten, die nicht der OECD und nicht
der Dritten Welt angehören, wie die früheren sozialistischen Länder.
230 Entwicklungstheorie

bedingungen zu verbessern, kann der Flughafen von beiden benutzt werden,


um den jeweils anderen zu bombardieren."·
Dies sind sehr reale Probleme der heutigen Welt. Doch die Überschnei-
dung zwischen der Entwicklungsforschung und der Friedensforschung ist
viel weitreichender, als das Beispiel andeutet. Eng definiert, hat die Friedens-
forschung eine negative Bestimmung: die Reduktion direkter Gewalt = die
Reduktion des Leidens, wenn Grundbedürfnisse verletzt werden. Die Ent-
wicklungsforschung reicht hierüber hinaus, nicht nur, indem sie sich mit die-
sen Bedürfnissen befaßt, sondern auch, indem sie sie weiterentwickelt. Doch
an diesem Punkt tritt die Friedensforschung wieder hinzu, wenn sie sich mit
der Verminderung struktureller und kultureller Gewalt beschäftigt. "7 Die Be-
deutung dieses Tuns für die Entwicklungsforschung ist das Thema der fol-
genden fünfzehn kritischen Thesen, die in den Kapiteln 2 und 3 eingehender
untersucht und konstruktiv dann in den Kapiteln 4 und 5 behandelt werden
sollen. Was ich zu zeigen versuchen will: Es gibt Alternativen!

These Nr. 1: Entwicklung - erste Definition:


Entwicklung ist die Entfaltung einer Zivilisation, die Verwirklichung des Co-
des oder der Kosmologie dieser Zivilisation.
Es gibt viele Kulturen in der Welt, sogar Zivilisationen oder Makro-Kulturen,
die weite Bereiche in Raum und Zeit umspannen, so daß eine Konsequenz
der Wahl dieser Definition darin besteht, daß es viele Entwicklungen gibt.
Mit anderen Worten: Zwingt eine Kultur einer anderen ihre Definition von
Entwicklung auf, dann haben wir es eindeutig mit einem wichtigen Fall von
kultureller Gewalt zu tun, mit dem Einpfropfen eines fremden kulturellen
Codes in eine gegebene Kultur, so daß etwas zuvor vielleicht Illegitimes le-
gitimiert wird und umgekehrt; wodurch ein ganzes Volk bestenfalls in Ver-
wirrung gerät, schlimmstenfalls sich einem Kulturozid ausgesetzt sieht, dem
Mord der eigenen Kultur, was zu tiefer Entfremdung und vielleicht sogar zu
physischem individuellen und kollektiven Selbstmord führt. 1s8 Ein Grund

156 Jede dieser drei politischen Maßnahmen ist eine Form des Umgangs mit dem Mehr-
wert, den eine Gesellschaft geschaffen hat. Mehrwert ist ein gemeinsames Erzeugnis
aller, des Volkes und der Eliten, und kann auch von außen stammen (und auch nach
außen absickern). Das Problem: Wer entscheidet, wie es ausgegeben werden soll?
Bekommen Arbeiter für die Arbeit eines ganzen Tages nur einen Hungerlohn, dann
geht der Mehrwert an die Leute ganz oben, da er der Basis nicht zugänglich gemacht
wird. Erfahren die Eliten massive Steuernachlässe, dann entscheiden sie selbst dar-
über, wie der Mehrwert ausgegeben werden soll (und werden ihn üblicherweise nicht
für Volkserziehung und -gesundheit ausgeben - mit Ausnahme einiger Almosen).
Wird Geld eher für Flughäfen als für internationale Autobahnen ausgegeben (Afrika
ist hierfür ein gutes Beispiel), dann werden nur die Eliten profitieren.
157 Vgl. für diese Begriffe Teil IV, Kap. 1.
158 Die Geschichte des größten Völkermordes in der Weltgeschichte, der Eroberung der
westlichen Hemisphäre, kann nicht ohne die Erwähnung dieses zusätzlichen erklä-
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 231

hierfür ist der Glaube, die Wirtschaftswissenschaften seien "kulturunabhän-


gig""9 und daher neutral.
Das Wort "Entfaltung" (unfolding) spiegelt sich sehr deutlich im deut-
schen Entwicklung oder im norwegischen utvikling wider, und auch im engli-
schen develop, wenn dies als Antonym zu envelop betrachtet wird. Nutzen
wir die Metapher von der Blume, soweit sie taugt. Die Entfaltung ist bereits
in den Samen vorprogrammiert, als ein genetischer Code in der Blume, als
kultureller Code oder Kosmologie!'" in der Zivilisation. Es gibt ein Programm,
das verwirklicht werden soll; weder die Blume noch die Zivilisation haben
hier eine echte Wahlfreiheit. Ist das Programm realisiert, hat sich die Blume
vollendet; sie beginnt zu welken und mag aussterben, wenn kein neuer Sa-
men ausgesät wird. Ebenso mag es Zivilisationen ergehen, wenn es ihnen
nicht gelingt, ihren Samen auszusäen, ihren Code zu erweitern oder einen
Code mit offenem Ende zu übernehmen. Wie dies möglich ist, wird in den
folgenden Thesen erörtert werden

These Nr. 2: Entwicklung - zweite Definition:


Entwicklung ist die progressive Befriedigung der Bedürfnisse der menschli-
chen und der nichtmenschlichen Natur, beginnend bei den Hauptbedürjtigen.
Menschen haben Bedürfnisse. Werden diese nicht befriedigt oder wird ihnen
nicht entsprochen, dann sind sie keine menschlichen Wesen mehr, und das
heißt im Hinblick auf die eher materiellen/somatischen Bedürfnisse, daß sie
keine (Lebe-)Wesen, und im Hinblick auf die nicht materiellen/geistigen Be-
dürfnisse, daß sie nicht länger menschlich sind. Wir können hier die körperli-
chen Bedürfnisse mit den physiologischen Funktionen des menschlichen
Körpers identifizieren, unter Einschluß der menschlichen Haut.!·!

renden Faktors geschrieben werden. Siehe David Stannard: American Holocaust,


Oxford 1992.
159 Für eine Untersuchung dieser Thesen s. J. Galtung, K. Käufer, C. O. Scharmer: Eco-
nomics in a New Key, im Erscheinen begriffen, Kap. 2.6: "Culture: Mainstream Eco-
nomics and Occidental Cosmology".
160 Siehe für eine frühe Vorstellung dieses Begriffs: J. Galtung, T. Heiestad und R. Ru-
deng: "On the Last 2500 Years in Western History: And Some Remarks on the
Coming 500", in: Peter Burke (Hg.): New Cambridge Modern History, Companion
Volume, Bd. XIII, Cambridge 1979, S. 318 - 361.
161 Siehe für eine eingehendere Erörterung Johan Galtung: "The Basic Needs Ap-
proach", in: K. Lederer u.a. (Hg.): Human Needs: a Contribution to the Current De-
bate, Cambridge, MA 1980.
232 Entwicklungstheorie

Tabelle 3.1: Menschliche Bedürfnisse und ihre Stillung


Grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigt durch
- Unversehrtheit des menschlichen Körpers Schutz vor Verletzung
- Input an (sauberer) Luft, Wasser und Nahrung Luft, Wasser, Nahrung
- Input (angenehmer) visueller, auditiver, olfaktorischer angenehme Umwelt
Anreize
- Output an Abfall, Ausscheidung Latrinen usw.
- Temperatur, Feuchtigkeit, Beherrschung des Wetters Kleidung, Schutzraum
- Schlaf, Erholung Stille
- Bewegung Raum
- Sex Privatsphäre
- Reproduktion alles Vorherige

Der Entzug der Bedürfnisstiller bedeutet Leiden, und dies umso mehr, je in-
tensiver (totales Defizit für ein Bedürfnis) und extensiver (verschiedene Be-
dürfnisse) der Entzug ist. Diejenigen, die Strafen über menschliche Wesen
verhängen, wissen dies. Das Gefängnis ist der Entzug der letzten drei Be-
dürfnisstiller, ein Konzentrationslager oder ein verschärfter Vollzug fügt die
vorhergehenden fünf hinzu, und Folterung greift den menschlichen Körper
an, um ihm ein Höchstmaß an Trauma zuzufügen, oft ein nicht tödliches und
nicht nachweisbares. Elend enthält Bestandteile aller drei Leidenstypen. Das
Minimum an Entwicklung besteht in der Beseitigung von Elend, wie das
Minimum des Friedens in der Abschaffung des Krieges besteht. I' 2
Die gesamte Natur hat Bedürfnisse. Die ersten fünf oben beziehen sich auf
Pflanzen, die nächsten vier auch auf Tiere. Das Reproduktionsbedürfnis wird
als ontogenetisches (individuelles), nicht als phylogenetisches Bedürfnis der
Spezies auf Nachkommen betrachtet; denn die Spezies ist eine Abstraktion,
die nicht fähig ist, Bedürfnisdefizite zu empfinden. Der Begriff des Bedürf-
nisses bezieht sich auf alle Arten des sensitiven Lebens, im buddhistischen
Denken definiert als all das, was fähig ist, Leiden, dukkha, und sukha, Steige-
rung des Lebens, zu erfahren. l "
Nun kann eine wichtige Schnittstelle im Entzug von Bedürfnisbefriedi-
gung definiert werden. Wie erwähnt, findet sich auf allen Ebenen des Ent-
zugs ein Element des Leidens. Die äußerste Form des Leidens ist Tod, die
Auslöschung eines Individuums; ob nun durch Traumata, die dem Körper
zugefügt wurden (direkte Gewalt), oder durch fehlenden Input (strukturelle
Gewalt). Doch noch vor der Auslöschung des Individuums kommt ein ande-
rer Schlüsselbegriff der Entwicklungstheorie und -praxis zum Tragen, der der

162 Elend ist nicht dasselbe wie Armut. Armut bedeutet, wenig zu haben; Elend
schmerzt.
163 Siehe für eine Untersuchung des Buddhismus Johan Galtung: Buddhism: A Quest/ar
Unity and Peace, Columbo 1993.
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 233

Ausbeutung, hier definiert als der Verbrauch von Leben über dessen Repro-
duktionsfähigkeit hinaus.
Was dies für menschliche Wesen bedeutet, liegt auf der Hand. Reproduk-
tion, das heißt, jeden Morgen, nach SchlafIRuhe, Ausscheidung und Essen,
wiedergeboren zu werden, frisch und fit, bereit zum Beginn eines neuen Ta-
ges. Keine Reproduktion heißt, jeden Morgen etwas weniger sein als am
Morgen zuvor, in einer abwärts weisenden Folge, die früher oder später mit
dem Tod endet. Geschieht dies mit allen Individuen, dann ist die Spezies in
Gefahr, von Ausrottung bedroht. Ein anderer Ausdruck für "Reproduktions-
fähigkeit" (reproducibility) ist "Nachhaltigkeit" (sustainability), doch ist er
von geringerer Vorstellungskraft, da er den Mechanismus verbirgt, die Re-
produktion durch eigene Kräfte, im Gegensatz zum Aufgepäppeltwerden
durch Hilfe, die von außen kommt, usw. "Erneuerungsfähigkeit" (renewabili-
ty) ist ein besserer Begriff und bezieht zudem die unbelebte Natur mit ein. l64
Ist Entwicklung die progressive Befriedigung von Bedürfnissen der
menschlichen und nichtmenschlichen Natur, dann wird das Problem der De-
gradierung der Umwelt vordringlich. Drei Positionen sind relativ deutlich:
Eine homozentrische Entwicklung, durch welche menschlichen Bedürfnissen
auf Kosten der Bedürfnisse der Natur Priorität beigemessen wird (oder ge-
nauer gesagt, auf Kosten der nicht-menschlichen Natur), eine naturzentrierte
Entwicklung, in der den Bedürfnissen der Natur auf Kosten der menschlichen
Bedürfnisse Priorität beigemessen wird, und eine Entwicklung der Balance
von Mensch und Natur, die einen Kompromiß schließt. Doch hinter dieser
wohlbekannten Auseinandersetzung steht eine einfache Tatsache, deren Be-
trachtung für menschliche Wesen höchst unerfreulich ist: Die Natur kann
sehr wohl ohne menschliche Wesen überleben, menschliche Wesen aber nur
eine Minute oder zwei ohne Luft, eine Woche ohne Wasser, höchstens einen
Monat ohne Nahrung.
In Kenntnis dieser Tatsache nimmt die homozentrische Entwicklung heut-
zutage oft die "aufgeklärte" Form des Umweltschutzes an, wobei man be-
dauert, daß die Natur "Wachstumsgrenzen" setze, und darüber räsoniert, wie
die Natur "erhalten" werden könne. Natur wird in diesem Sinne als ,,für
mich", nicht als "an sich" betrachtet. Dem liegt nun wieder eine Haltung ge-
genüber der Natur zugrunde, die derjenigen ganz ähnlich ist, die bestimmte
Eliten gegenüber dem Volk einnehmen: Das Volk ist um unsertwillen da, als
Mittel unserer Reproduktion. los

164 Oder das, was wir als unbelebt definieren. Die Hypothese von Mutter Gaia ändert
dies, indem sie den ganzen Planeten in teleologischer Perspektive betrachtet, mit Er-
neuerung als einem Weg, ein Gleichgewicht zu bewahren.
165 Dies umzudrehen, indem zumindest derartige Fragen gestellt werden, ist ein Ziel der
Tiefenökologie, die als Ansatz und als Bewegung von dem norwegischen Philoso-
phen Arne Naess begründet wurde. Für naturzentrierte Entwicklung könnte als Aus-
gangspunkt sprechen, daß menschliche Wesen, so wie sie sich heute verhalten, derart
234 Entwicklungstheorie

Die körperlichen Bedürfnisse fallen unter zwei Rubriken: Überleben, als


Gegensatz zur Auslöschung, und ein Minimum an Wohlbefinden. Aber
menschliche Wesen haben auch geistige Bedürfnisse, die hier zusammenge-
faßt werden unter den Überschriften der Identität einerseits - etwas, womit
man sich in den Räumen der Natur, des Persönlichen, des Gesellschaftlichen,
der Welt, der Zeit und der Kultur identifiziert und dadurch dem Leben Be-
deutung verleiht; und der Freiheit andererseits, definiert als Mobilität einmal
im Raum der Gesellschaft und der Welt, einmal im inneren, persönlichen
Raum - jeweils mit der Möglichkeit zu wählen. Kennen Tiere und Pflanzen
so etwas auch ? Wer weiß?

These Nr. 3: Entwicklung - dritte Definition:


Entwicklung ist wirtschaftliches Wachstum, doch auf niemandes Kosten.
Diese Definition bringt uns dem Begriff Entwicklung, so wie er gemeinhin
aufgefaßt wird, näher, jedoch mit der wichtigen und problematischen Bedin-
gung, die in der einschränkenden Klausel aufgeführt ist. Die Kosten sind
wohlbekannt. Im Raum der Natur treten sie auf als Raubbau (Vernichtung
belebter und unbelebter Natur) und als (toxische) Verschmutzung; im Raum
des Menschen als auf die menschlichen Bedürfnisse bezogene Defizite bis
hin zur Bedrohung der Reproduktion; im Raum der Gesellschaft, und das
heißt in den Systemen menschlicher Interaktion, als Defizite an Vielfalt und
Symbiose; im Raum der Welt, und das heißt in den Interaktionssystemen von
Gesellschaften, ebenfalls als Defizite an Vielfalt und Symbiose; im Raum der
Zeit (der Zukunft) als Defizite an Reproduktionsfähigkeit (Erneuerungsfähig-
keit, Nachhaltigkeit) und im Raum der Kultur als geistige inadaequatio.'66
Das Problem besteht natürlich darin, ob ökonomisches Wachstum ohne
derartige Kosten möglich, ja, auch nur vorstellbar ist. Wird wirtschaftliches
Wachstum als Pro-Kopf-Steigerungsrate des Bruttosozialproduktes definiert,
wobei das Bruttosozialprodukt vor allem die wirtschaftlichen Aktivitäten wi-
derspiegelt, die als "Industrie" und "Handel" bekannt sind, und neigt die In-
dustrie dazu, anorganischen und/oder synthetisch-organischen Abfall zu pro-
duzieren, der nicht biologisch abbaubar ist, der Handel aber dazu, Ursache
und Wirkung kontinente- und jahrzehnteweit auseinander zu rücken, dann

viel mehr Schaden als Nutzen stiften, daß der Natur und nicht den menschlichen We-
sen Priorität eingeräumt werden sollte, indem man deren Zahl drastisch reduziert.
Der dritte Ansatz würde zu harten Entscheidungen führen, wenn es zu einem Wett-
bewerb zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Leben kommt. Mehr über
Tiefenökölogie bei George Sessions (Hg.): Deep Ecology for the 21st Century, Bo-
ston, MA 1995.
166 Somit lautet eine grundlegende These der vorliegenden Untersuchung von "Entwick-
lung", daß die gängige Wirtschaftswissenschaft als ein Instrument der Theorie wie
der Praxis der Entwicklung schlichtweg inadäquat ist.
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 235

gibt es hier eine Unvereinbarkeit, selbst wenn man nur den Raum der Natur
betrachtet.
Doch deuten wir nun "ökonomisches Wachstum" als "ökonomisches Han-
deln", derart, daß Natur (materielle und energetische Ressourcen sowie Ab-
fallagerung), Produktion (die Verarbeitung von Natur) und Konsumtion Ged-
weder Endverbrauch von Produkten, so daß der Zyklus geschlossen wird und
der Abfall an die Natur zurückgeht) zyklisch verstanden werden, dann bein-
haltet ökonomisches Handeln nicht apriori Kosten. Die Aufgabe besteht dar-
in zu entdecken, wie dies möglich ist.
Offensichtlich sind die drei Definitionen, die wir jetzt von Entwicklung
gegeben haben: kulturzentriert, bedürfniszentriert und wachstumszentriert,
widersprüchlich. Was in der einen Hinsicht Entwicklung sein mag, muß dies
nicht auch für die andere(n) sein. Vielleicht stehen für eine bestimmte Kultur
weder Bedürfnisse noch Wachstum auf der verdeckten Tagesordnung oder
zwar das eine, aber nicht das andere. Frage: Welche Kulturen, Zivilisationen,
wenn überhaupt, sind echte Entwicklungskulturen?

These Nr. 4: Erste grammatische These:


Das Nomen "Entwicklung" kann nur im Plural, als Entwicklungen, nicht im
Singular verstanden werden.
Dies folgt aus der ersten Definition: verschiedene Kulturen, verschiedene
Entwicklungen. Die These ist grundlegend und liefert den Hintergrund einer
Reihe negativer Phänomene in unserer Welt. Wird etwa die Entwicklung ei-
ner Kultur einer anderen aufgezwungen, dann wird sie früher oder später als
Zwangsjacke erfahren, auch wenn sie eine Befreiung darstellt, einige Frei-
heitsgrade in einigen neuen Richtungen bereitstellt. Für Eliten, die diese aus-
ländische, ja fremde Kultur bereits internalisiert haben, wird es kein Problem
geben, außer demjenigen mit ihren "rückständigen Massen". Doch das Volk
wird z.T. mit passiver, unterbewußter Sabotage oder zumindest mit Ineffizi-
enz reagieren, wenn es innerhalb einer sozio-kulturellen Matrix arbeiten soll,
die es nicht als die eigene erfährt, z.T. mit aktivem Widerstand, unter Ein-
schluß von Gewalt, den die dominierende Kultur als "Terrorismus" bezeich-
net. Ein anderer Begriff, den die dominierende Kultur heutzutage gebraucht,
ist "Fundamentalismus", der sich auf Menschen bezieht, die genug an ihre
eigene Kultur glauben, um für sie einzustehen und einer dominierenden
Kultur von außerhalb nicht nachzugeben. Auch aus solchen Überzeugungen
erwächst passiver und aktiver Widerstand.'·'

167 Diejenigen, die andere als naive Gläubige, Fundamentalisten, o.ä. bezeichnen, soll-
ten über ihre eigene Bindung an die größte säkulare Religion in der heutigen Welt
nachdenken, die je nachdem als materialistischer Individualismus, individualistischer
Materialismus, Konsumismus oder einfach als bürgerlicher Lebensstil bezeichnet
wird. Besteht ein Kriterium für Fundamentalismus in der Bereitschaft zu töten, dann
würden sie dem entsprechen, wenn wir etwa annehmen, daß ein Motiv für den Golf-
236 Entwicklungstheorie

These Nr. 5: Zweite grammatische These:


Das Verb" entwickeln" kann nur als intransitives oder reflexives oder rezi-
prokes Verb, nicht als transitives Verb verstanden werden.
Entwicklung ist im wesentlichen Selbst-Entwicklung. Ein Anderer kann nicht
die Ursache einer Entwicklung in einem Selbst sein, ohne die Autonomie die-
ses Selbst zu beschädigen. Autonomie ist ein Entwicklungsziel im Sinne aller
Definitionen. Ich entwickle, ich entwickle mich, wir entwickeln einander.
Man versuche einmal, die eigenen Kinder aufzuziehen, ohne ihnen jemals
die Erfahrung der Selbstbestimmung zu verschaffen. Vielleicht funktioniert
dieses Rezept für die ersten zehn Jahre. Doch danach werden es die Eltern
mit einer reichlich verdienten pubertären Revolte zu tun bekommen. Was
dann geschieht, kann auch grammatisch formuliert werden: Man selbst, ein
eigenes Selbst zu werden, bedeutet, das S in einem indoeuropäischen Stan-
dardsatz SPO (Subjekt - Prädikat - Objekt) zu sein; nicht ewig das O.
Man versuche, ein Kind fast ohne Herausforderungen aufzuziehen. Das
Kind wird nichts aus sich selbst heraus meistern, es wird nur einiges an
Hausarbeiten entsprechend den vorher festgelegten Regeln ausführen, etwa
den Abfalleimer ausleeren, die Betten machen oder ein bißchen putzen. Dies
tue man 70 Jahre und füge ein bißchen Taschengeld hinzu, wenn das ehema-
lige Kind das durchmacht, was ein Lebenszyklus hätte sein können. Das Er-
gebnis wäre tragisch. Tu dies mit ganzen Ländern, und Du erreichst genau
das, worum es bei der Entwicklungshilfe geht - bei dem Versuch nämlich,
jemand anderen zu entwickeln.
Entwicklungshilfe wird zu einem Abkommen, bei dem der Empfänger et-
was Taschengeld für elementare Dienste bekommt und der Spender jenes in-
nere Wachstum, das die Folge aller Herausforderungen ist. Doch Entwick-
lung bedeutet gerade die Übernahme von Herausforderungen durch Dich
selbst, und nicht, sie jemand anderem zu überlassen oder zuzulassen, daß je-
mand anderer Dich ihrer beraubt. "Entwicklungshilfe" ist eine contradictio in
adiecto.

These Nr. 6: Die westliche Zivilisation versteht sich selbst als universelle Zi-
vilisation und universalisiert ihre eigene Geschichte als Entwicklungsge-
schichte für andere, und das heißt:
A Entwicklung = westliche Entwicklung = Modernisierung
B Entwicklung = Wachstum = wirtschaftliches Wachstum =
BSP-Wachstum.
Diese beiden Propositionen verweisen auf zwei grundlegende Aspekte west-
licher Theorien von Fortschritt oder allgemeiner Verbesserung, die schon in

krieg die Angst war, die Kontrolle über das Öl im Nahen Osten, "die Lebensader"
(George Bush), zu verlieren.
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 237

das Wort "Entwicklung" eingebaut sind: Differenzierung und Wachstum. Er-


sterer entsprechend, besteht Fortschritt vor allem in zunehmender Arbeits-
teilung, und das heißt, zunehmender Spezialisierung; letzterem entsprechend,
besteht Wachstum in der steigenden Produktion von Gütern und Dienstlei-
stungen. Manche betrachten erstere als notwendige und hinreichende Bedin-
gung des letzteren. '68
Doch das abendländische Denken, Sitz jener beiden Weltreligionen, die
mit einem Anspruch auf Universalität und (konsequenterweise) als missio-
nierende Religionen (Christentum und Islam) auftreten, und die sich zudem
als singulär (die einzige Wahrheit) und monoprophetisch (Jesus und Moham-
med) geben, '69 ist mit einer Formel nicht zufriedenzustellen, die auf sie selbst
nur Anwendung finden mag oder auch nicht. Jede Formel muß universell
gültig sein, und dies führt zu der oben zitierten allgemeinen These. In ihrem
Gefolge zieht die Modernisierungsformel die westliche, die aristotelisch-car-
tesische Logik nach sich, die Logik des Staates, mit Kabinett, Ministerien,
Zentralisierung usw., und die Logik des Kapitals mit der Konsequenz ökono-
mischen Wachstums.
Hier angekommen, wird das Potential, das dem Begriff "Entwicklung" in-
newohnt, einfach trivialisiert. Es wird in bekömmlicher und hochoperationa-
ler Weise ad absurdum geführt, so daß eine Menge von Projekten im Namen
von Entwicklung in Angriff genommen werden können."o Alle drei Defini-
tionen und die semantischen Thesen werden dabei außer acht gelassen.

These Nr. 7: Die Hauptbedingungen für wirtschaftliches Wachstum sind


harte Arbeit, Sparen/Investieren, Habgier und Rücksichtslosigkeit.
Der Weg zum wirtschaftlichen Wachstum verläuft über Verarbeitung (Indu-
strie) und Vermarktung (Binnen- und Außenhandel). Will man erfolgreich
sein, dann müssen drei Variablen beachtet werden: QIP (höchstrnögliche
Qualität zu niedrigstrnöglichen Preisen); KIN (die höchste Menge an Kultur,
eingeprägt der niedrigsten Menge an "Roh"-Natur; mit anderen Worten: der

168 Dies war eine grundlegende Auffassung, die sehr einflußreiche westliche Makro-Hi-
storiker wie Adam Smith, Herbert Spencer, Emil Durkheim und Max Weber vertreten
haben. Vgl. Johan Gattung und Sohail lnayatullah: Macro-History and Macro-
Historians, im Erscheinen begriffen.
169 Im Gegensatz zum Judentum, als Ursprung der beiden anderen, das sich als singulär
begreift, aber weder universalisierend noch monoprophetisch ist.
170 Die Sache ist ganz einfach die: Wirtschaftliches Wachstum zu erreichen ist nicht
notwendigerweise einfach, doch sind die Schwierigkeiten gering im Vergleich zur
Quadratur des Kreises, nämlich wirtschaftliches Wachstum auf niemandes Kosten zu
erzielen. Nach wirtschaftlichem Wachstum zu streben, ohne nach dem Preis und
demjenigen, der (wenn überhaupt) dafür aufkommt, zu fragen, heißt, sich für den
Weg des geringsten Widerstands zu entscheiden.
238 Entwicklungstheorie

höchstmögliche Grad an Verarbeitung) und F/R (ein gutes Gleichgewicht


zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft).
Für alle drei ist harte Arbeit notwendig, besonders in einer Wettbewerbs-
wirtschaft. Doch auch SparenlInvestieren, also die Bereitschaft, nicht das Ge-
samteinkommen für den materiellen und nicht-materiellen Verbrauch zu nut-
zen, ist notwendig, da sonst kein einmal erzielter Wettbewerbsvorteil gehal-
ten werden kann. Den Kosten viel Aufmerksamkeit zu widmen, etwa hin-
sichtlich der Ausbeutung (der Reproduktionsdefizite) der Natur, des inneren
Proletariats im gesellschaftlichen Raum und des äußeren Proletariats im
Weltrnaßstab und sogar des Selbst,'" wird nur Energien vom eigentlichen
Unternehmen abziehen. Nebenbei bemerkt, ist dies deren Problem. Das Schlüs-
selthema, die überwältigende Motivation hinter all dem Handeln ist einfach:
Habgier.
Es muß in dieser Kultur einen gewissen "Aufschub der Belohnung" ge-
ben: "Arbeite hart, genieße später". Hieraus folgt das Muster von Ferien und
Rückzug aus dem Berufsleben, vermutlich "harte Arbeitlkeine Freude" für
den größten Teil des JahreslLebens, und "keine Arbeit/viel Freude" für einen
Teil des JahreslLebens. Doch jeder Genuß entzieht der harten Arbeit und der
vollen Aufmerksamkeit, die dem Sparen/dem Investieren gewidmet wird, of-
fensichtlich Zeit, so daß die Menge an Zeit, die für Muße aufgewendet wird,
zu einem möglichen Hinweis gerät auf ein Weicher-Werden als Konsequenz
des beginnenden Niedergangs, ob man das nun auf das Römische Reich vor
2000 Jahren oder auf das heutige Japan bezieht.

These Nr. 8: Am stärksten verkörpern die Rücksichtslosigkeit Protestanten,


Männer und Ökonomen, besonders in dieser Verbindung.
Wollten wir dies gründlich untersuchen, dann würde es uns tief in die Theo-
logie, in die Zusammenhänge von Biologie/Kultur/Struktur und in die gän-
gige Wirtschafts wissenschaft verstricken. Hier sollen nur einige Punkte be-
rührt werden.
Erstens, Männer. Bedenkt man, daß 95 - 98% der direkten Gewalt in der
Welt von Männern ausgeübt wird, dann gibt es schon eine solide Tradition
der Rücksichtslosigkeit, "toughness". Männer versuchen, ihre eigene Gewalt-
tätigkeit zu kontrollieren, indem sie direkte Gewalt durch strukturelle und
kulturelle Gewalt ersetzen. Sie bauen sich selbst in Hierarchien ein, um die
Ausübung der direkten Gewalt zu kontrollieren, indem sie diese auf die Ge-
walt von Oben gegen Unten und der Gruppenzugehörigen gegen die Nicht-

171 Die Begriffe internes Proletariat (für die inländische Arbeiterklasse) und externes
Proletariat (für die Außenwelt, die Barbaren, heute die Dritte Welt) stammen von
Toynbee. Ausbeutung wird hier als die überrnässige Ausnutzung des Lebens defi-
niert, und "Leben" wird dann in vier Teile unterteilt: Das Selbst, das die Ausbeutung
vornimmt, die inländische Arbeiterklasse, die äußere bzw. die Dritte Welt und die
Natur.
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 239

Gruppenzugehörigen beschränken; sie schützen so das interne ,hohe Tier'.


Der Archetypus hierfür ist das Militär, und die Ausbeutung des internen und
externen Proletariats ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.
Und Männer ziehen deduktive Systeme wie die christlichen und islamischen
Doktrinen des gerechten Kriegs und das internationale Recht spontanen Ak-
ten menschlichen Mitleids vor. 172
Zweitens, Protestanten. In der Weberschen Tradition 173 (Max Weber war
selbst Protestant) ist viel über deren Gründe gesagt worden, hart zu arbeiten
und zu sparen, oder über den Aufschub an Belohnung ganz allgemein. War-
um sollten sie aber zugleich auch weniger rücksichtsvoll sein? Zwei Faktoren
erscheinen als besonders wichtig.
So war einer der Grundzüge des Lutheranischen Gottesbildes die Konstruk-
tion des Paradieses als einer Mangelware. Der Zugang sollte nicht als durch
irgendeine Formel garantiert gelten, die durch die Menschen selbst kontrol-

172 Dies ist natürlich durch Carol Gilligans In a Different Voice inspiriert. Doch bitte
ich, ein Beispiel geben zu dürfen, das der persönlichen Erfahrung entstammt. 1974
war ich Beobachter in der norwegischen Delegation bei der Konferenz der Vereinten
Nationen über das Seerecht (UNCLoS) in Caracas, Venezuela. Beteiligt waren etwa
150 Staaten zu etwa 150 Themen, und das heißt, daß die gesamte Tagesordnung ei-
nen sehr hohen Grad an Komplexität aufwies. Auch nur das intellektuelle Verständ-
nis der Themen, vom Auffinden von Lösungen ganz zu schweigen, überstieg die
Fähigkeiten der meisten Teilnehmer oder sogar Delegationen bei weitem. Es gab da-
her viele Sitzungen, die im wesentlichen der Reduktion von Komplexität gewidmet
waren.
Eines Tages wurde ich zu einer Sitzung von Sekretärinnen eingeladen. Sie hatten die
Dokumente geschrieben; verfaßt von Männern, getippt von Frauen. Eines der
grundlegenden Probleme war das der Mineralien auf und unter dem Meeresgrund.
Die Männer erörterten die Frage der "Ausbeutung", die Sekretärinnen wollten disku-
tieren, wer von ihnen profitieren sollte. Und ihre Antworten zeigten in Richtung der
notleidenden Frauen und Kinder in der Dritten Welt, in Lateinamerika, in Afrika, in
Südasien - Mitleid, Mitgefühl.
Doch die Männer, und das heißt fast alle Delegierten, hatten andere Perspektiven.
Deren erstes Problem bestand darin, wie man diese möglichen Ressourcen vom
Grund des Meeres, wie z. B. die berühmten Knollen, nahtlos in das Gebäude des in-
ternationalen Rechts einfügen konnte. Dazu bedürfe es viel neuer Forschung, mit an-
deren Worten neuer Institute, vielleicht neuer Doktorgrade, zumindest neuen Per-
sonals, ausgebildet in adäquaten intellektuellen Konstruktionen. Zusätzlich gab es
das Problem, wie nationale Interessen, nämlich die ihrer eigenen eher als die der an-
deren Nationen, und nicht etwa die menschlicher Wesen in irgendeinem direkten
Sinne, bedient werden könnten. Mit anderen Worten, verbale und gesellschaftliche
Hierarchien des Rechts und des Interesses, wie oben erwähnt. Und nicht Mitleid mit
den Bedürftigen.
173 Ebenso wie Das Kapital von Kar! Marx ist auch Max Webers Die protestantische
Ethik und der Geist des Kapitalismus immer noch höchst lesenswert, in Anbetracht
der Brillanz der Autoren wie der Bedeutung ihrer Ausführungen, denn allzusehr hat
sich die Welt seit damals nicht geändert.
240 Entwicklungstheorie

liert würde. Ganz im Gegenteil, wenn Gott Ursache seiner selbst ist, dann
bleibt den Menschen wenig oder gar keine Möglichkeit, den Hebel anzuset-
zen. Dies bedeutet Ungewißheit, doch auch Schlange-Stehen vor den Türen
des Paradieses. Angesichts der Über-Individualisierung der protestantischen
Seele bedeutet dann Schlange-Stehen den Wettbewerb um den Eintritt ins Pa-
radies.
Und dann ein zweiter Zug: der Protestantismus als entmarianisiertes Chri-
stentum; eine Verstümmelung der gewohnten christlichen Quaternität mit
Gottvater, der Mutter Maria, dem Heiligen Geist und dem Sohn Christus,
wobei Maria herausgeschnitten wird. Mit Maria verschwinden Mitleid und
Barmherzigkeit, die grundlegender sind als die göttliche Gnade, die Gott
über die Menschen ausbreitet, sowie generell Tugenden, die als weiblich
gelten. Übrig bleibt eine Trinität aus zwei Männern und einem Wesen zwei-
felhaften Geschlechts, aber keine Heilige Mutter, die ein Wort der Barmher-
zigkeit für einen Sünder einlegen könnte.
Ergebnis: Agonie, begleitet von der Hoffnung, daß Erfolg in diesem Le-
ben die Ankündigung von Erfolg im Nachleben sein könnte.
Drittens, Ökonomen. Die gängige Wirtschafts wissenschaft stellt, wie jede
Wissenschaft, den Versuch dar, bestimmte Aspekt der Realität transparent
und der Verarbeitung durch den menschlichen Geist im allgemeinen und des-
sen Fähigkeiten zur Abstraktion und Generalisierung im besonderen zugäng-
lich zu machen, immer jedoch um den Preis der Verdunkelung anderer
Aspekte der Realität. Es ist eine Besonderheit der Wirtschaftswissenschaften,
daß die unsichtbar gemachten Aspekte gerade im Feld der Ökonomie selbst
liegen: unmittelbare "Nebenwirkungen", positive und negative Konsequen-
zen wirtschaftlichen HandeIns, für die dieses jedoch keine Verantwortung
übernimmt. Mit anderen Worten: die "Externalitäten", so benannt, weil sie
nicht im Mittelpunkt, sondern im Schatten der intellektuellen Überprüfung
stehen oder in deren Jenseits, im Unter- oder Unbewußten der Mainstream-
Wirtschaftswissenschaft.
Dies sind die Löcher oder unentwickelten Gebiete an den Rändern des
ökonomischen Denkens. Es ist möglich, sechs von ihnen sofort zu identifi-
zieren, wenn man sich der Typologie der Räume bedient, auf die in der These
Nr. 3 verwiesen wurde:
- der Raum der Natur, der nicht in seinem Eigenrecht betrachtet wird, son-
dern nur als Ressource und als mögliche Abfallhalde für Schadstoffe;
der Raum des Menschen, verstanden im wesentlichen als Produktionsfak-
toren auf unterschiedlichen Ebenen und als Verbraucherpotential;
der Raum der Gesellschaft, hauptsächlich betrachtet als Ort der Zyklen
von Produktion - Distribution - Konsumtion und als Marktplatz;
- der Raum der Welt, im wesentlichen betrachtet als ein internationaler ge-
sellschaftlicher Raum;
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 241

- Zeit, im Sinne kürzerer Zeithorizonte, nach vorn und zurück,


- Kultur, so hergerichtet, daß sie der Wirtschaft dient, wie sie von den Öko-
nomen konstruiert wurde (und nicht umgekehrt), z.B. durch die Relativie-
rung aller Werte und ihre Vergleichbarmachung durch Monetarisierung,
um Kosten-Nutzen-Analysen zwischen Personen und zwischen Werten zu
gestatten.
Und dann, an der Spitze des Ganzen, das siebte Loch:
- Wissenschaft/Erkenntnis, die mangelnde Fähigkeit, Aufmerksamkeit für
die Löcher im eigenen Denken zu entwickeln, die anderen sechs Löcher
wahrzunehmen.
Man stelle sich nun eine Welt vor, in der ökonomisches Wachstum im mo-
dernen Sinne dieses Wortes, so wie es durch das Pro-Kopf-Bruttosozialpro-
dukt ansprechend operationalisiert erscheint, in jenem Teil Europas seinen
Anfang nimmt, der durch den Protestantismus beherrscht wird, und dies in
einer Epoche eines stark ausgeprägten Patriarchats. Ein enormes Ausmaß an
Gewalt begleitet das Phänomen, wie etwa Sklaverei und der Dreieckshandel
sowie KolonialismuslImperialismus für das externe Proletariat, mit Unter-
drückung der Arbeiterklasse, des internen Proletariats, sobald dieses ver-
sucht, seine Bedingungen zu verbessern.
Woran es hier fehlt, ist das gute Gewissen, das der festen Überzeugung
entspricht, auf dem richtigen rechten und Weg zu sein, auch wenn es unter-
wegs Leiden gibt, besonders am Wegesrand. Die gängige Wirtschaftswissen-
schaft produzierte und reproduziert diese Rechtfertigung, als ein kohärentes,
glänzendes Muster kultureller Gewalt.

These Nr. 9: Es gibt zwei Hauptregionen wirtschaftlichen Wachstums in der


Welt, den jüdisch-christlichen (JC) Nordwesten und den buddhistisch-
konfuzianischen (BK) Südosten.
Lauten die Bedingungen auf harte Arbeit, SparenlInvestieren, Habgier und
Rücksichtslosigkeit, dann besteht wenig Zweifel daran, daß der Nordwesten
der Welt sie erfüllt, mit dem protestantischen Teil im Zentrum, etwas weicher
in den jüdischen und moslemischen Teilen, mit ihrer Betonung der sozialen
Gerechtigkeit, und im katholischen und orthodoxen Christentum, mit der er-
haltenen weiblichen Gottheit.
Doch auch der Südosten der Welt, d.h. Japan - China - Korea - Vietnam,
erfüllt die Bedingungen. Harte Arbeit und eine gewisse Bedürfnislosigkeit
sind in der konfuzianischen Ethik tief verankert, Rücksichtnahme und Soli-
darität in der buddhistischen Ethik, besonders in der Ethik des Mahayana-
Buddhismus mit seiner starken Betonung des größeren, transpersonalen
Kontextes. Dennoch umfasst dieser größere Kontext nicht die ganze Welt.
Nur die abendländischen Unternehmungen, insbesondere das Christentum
und der Islam, beanspruchen universelle Gültigkeit. Der Südosten der Welt
242 Entwicklungstheorie

konzentriert vielleicht die Ausbeutung auf den Rest der Welt, die Welt, die
außerhalb seiner eigenen liegt, und behandelt den eigenen Teil besser. Das
Nettoergebnis mag ungefähr dasselbe sein: wirtschaftliches Wachstum und
nicht Entwicklung im Sinne der These Nr. 3, Entwicklung auf niemandes
Kosten. Doch in der Verbindung des Mahayana-Buddhismus mit dem Kon-
fuzianismus liegt zumindest ein Potential für mehr Gleichheit in der BK-Re-
gion.
Das Hauptland in der Je-Region ist Deutschland mit der Europäischen
Union und mit Osteuropa/der Ex-Sowjetunion als Hinterland (deutsch i.
Orig.); und in der BK-Region Japan mit Ost-/Südostasien als Hinterland.
Frage: Bilden Deutschland - Japan eine Achse für Frieden oder für Krieg?
Und wie wird sich dieses Duo gegenüber den Vereinigten Staaten verhalten?

These Nr. 10: Der Rest der Welt ist zur Zeit zu einem peripheren Status im
System des Weltwirtschaftswachstums verdammt.
Es ist nicht unmöglich, diesem Verdikt zu entgehen. Doch bedarf es dazu
sicherlich harter Arbeit, intensiven Sparens und hoher Investitionen, der
Habgier und vielleicht auch einiger "ausgleichender Rücksichtslosigkeit",
selbst wenn dies ganz ohne Gewalt geschieht. Gandhi organisierte einen
Boykott englischer Handelswaren, insbesondere von Textilien, um den Weg
zu wirtschaftlicher Selbständigkeit zu ebnen, und sammelte sogar Geld, um
britische Kaufleute nicht zu verletzen. Es führte jedoch kein Weg um die
Tatsache herum, daß diese verletzt wurden, indem ihrem Expansionismus
Schach geboten wurde.
In der Welt der Gegenwart sind die beiden Supermächte des Kalten Krie-
ges einander bemerkenswert ähnlich. Habgier und Rücksichtslosgkeit sind
kein Problem, beide sind in diesem Feld hervorragend beleumdet. Doch sind
unter den gegebenen Umständen harte Arbeit und Sparen für beide ein Pro-
blem. Es ist jedoch schwer, die Zukunft vorherzusagen; sowohl die Ameri-
kaner als auch die Russen verfügen über verborgene Stärken, die sich zeigen
könnten, wenn sie einem wirklichen Härtetest unterzogen werden.
Ist dies das Profil auch anderer Bereiche der Weltperipherie, so gibt es
doch Regionen, die das entgegengesetzte Profil aufweisen: harte Arbeit, Spa-
ren als Schutzzaun gegenüber härteren Zeiten, wenig Habgier und Rück-
sichtnahme auf die Natur, das Selbst und den Anderen. Die meisten Eingebo-
renenvölker sind so, und das ist der Grund, warum sie so lange überlebt
haben. Und ebenso der Grund dafür, warum sie langsam ausgerottet werden.
Was die Situation verschärft, ist die allgemeine Homogeneisierung der
Welteliten im Hinblick auf das Thema des ökonomischen Wachstums, worin
sie mehr oder weniger erfolgreich sein mögen. Erfüllen sie nicht alle vier
Bedingungen, dann werden sie dazu tendieren, dem Zentrum zur Seite zu
stehen, indem sie dieses mit Rohnatur, Roharbeit und Rohmärkten versorgen.
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 243

These Nr. 11: Entwicklungshilfe ist das legitime Kind eines westlichen impe-
rialistischen Vaters und einer christlichen missionierenden Mutter, und das
Kind trägt den Code beider.
Entwicklungshilfe ist letztlich ein Weg, über die ganze Welt hinweg die
Reproduktion, ja das Überleben westlicher Kultur und Struktur zu sichern,
indem der soziokulturelle Samen mit diesem besonderen genetischen Code
überall eingepflanzt wird, unter Verwendung der örtlichen Armut und des
örtlichen Elends zu Zwecken der Rechtfertigung. Verfehlt Entwicklungshilfe
das Ziel, das Elend zu verringern, führt sie eher zu dessen Reproduktion,
dann wird dies als ein weiterer Grund dafür betrachtet, die Übung Entwick-
lungshilfe fortzusetzen. Der "Vater" ergreift die Gelegenheit zur Expansion,
diesmal eher ökonomisch und kulturell als nur politisch und militärisch, und
die "Mutter" fühlt sich gut, wenn sie soviel Nächstenliebe in alle Richtungen
verstreut.
Zeigt sich keine Besserung, sondern eine weitere Verschlechterung, dann
werden oft die Empfänger für die armseligen Ergebnisse schuldig gespro-
chen. Sie sind einfach zu "traditionell", ihre Kultur ist nicht die richtige, und
außerdem sind sie faul und/oder korrupt. All dies können richtige Beobach-
tungen sein, einmal unterstellt, daß es Sinn macht, Menschen einer Kultur
mit ihren Entwicklungszielen anhand der Kriterien einer anderen zu beurtei-
len. Die Menschen im Westen haben hiermit normalerweise kein Problem
und produzieren Unmengen "wissenschaftlicher" Berichte über die Entwick-
lungssituation jedes beliebigen nicht-westlichen Teils der Welt; leider ohne
zu verstehen, daß die westliche Wissenschaft, atomistisch und deduktiv, auch
eine Ethno-Wissenschaft ist. Doch Entwicklungshilfe bringt dem Empfänger
Ressourcen, setzt einen Wettbewerb in Gang, ja, sogar einen Kampf um ein
Stück des Kuchens; sie macht die Gewinner korrupt und die Verlierer zu trä-
gen Opfern der Schwächung ihrer eigenen Kultur.

These Nr. 12: Entwicklungshilfe stellt einen außerordentlich kompetitiven


internationalen Markt dar, auf dem Geber- und Empfängerländer ihre Ange-
bote machen, indem sie Projekte unter verschiedenen Schlagwörtern anbie-
ten und annehmen (Vorinvestition, Infrastruktur, Transaktionskosten, Ge-
meindeentwicklung, Partizipation, Import-Substitution, Export-Substitution,
Grundbedürfnisse, für die ärmsten Länder, für die ärmsten Menschen, für die
ärmsten Menschen in den ärmsten liindern, für Frauen, für die ärmsten
Landfrauen, für die Umwelt, für nachhaltige Entwicklung), um ihren Anteil
an dem zu vergrößern, was angeboten und angenommen wird.
Das Maß der Partizipation an dieser Übung ist vielleicht wichtiger als das
Erreichen des Zieles, dessen Proklamation den jeweiligen Slogan ausmacht.
Anders gesagt, es setzt ein Prozess der Bürokratisierung ein, aufgrund dessen
Projekte eher in Begriffen der Quantität der Mittel als in solchen der Qualität
der Ziele beurteilt werden. Dies eröffnet die Möglichkeit zur Zusammenar-
244 Entwicklungstheorie

beit auf hoher Ebene zwischen den miteinander handelnden Eliten der Geber-
und der Empfängerländer: Der Geber kann seinen Anteil vergrößern, wenn
der Empfänger annimmt, und umgekehrt.
Da haben wir sie also, die Entwicklungsagenturen, eine für jede Hügel-
spitze und für jedes Tal, manchmal miteinander zusammenarbeitend und
"koordinierend", manchmal im Wettbewerb miteinander und einander über-
bietend - im Handel mit den örtlichen Eliten, um die Projekte "erfolgreich"
zu machen. Die örtlichen Eliten sind sich ihrer Macht in dieser Hinsicht
ebenso bewußt wie der Wichtigkeit für die Agenturen, etwas vorweisen zu
können. Plötzlich ersinnt eine von ihnen, oft durch Organe der UNO, einen
neuen Slogan, der Möglichkeiten für neue Projekte und neues Geld eröffnen
kann. Doch konkurrierende Agenturen werden die Gefahr wittern und sofort
denselben Slogan akzeptieren (ja, dieselbe "Dekade" ausrufen); und diesen
Slogan vertreten dieselben Menschen, die im Jahr zuvor den entgegen-
gesetzten vertraten. Die ganze Übung ist slogan-unabhängig.

These Nr. 13: Entwicklungshilfe könnte die Form der Beseitigung des haupt-
sächlichen strukturellen Hindernisses annehmen, der Zentrum-Peripherie-
Strukturen, und Herausforderungen an der Peripherie ansiedeln.
Die ärmlichen Ergebnisse einiger Jahrzehnte Entwicklungshilfe können in
einem gewissen Ausmaß auf den grundlegenden Mangel an Verständnis ge-
genüber der oben angeführten zweiten grammatischen These, These Nr. 5,
zurückgeführt werden. Entwicklungshilfe ist der Versuch, jemand anderen zu
entwickeln, wo doch die Hauptanstrengung so offensichtlich von innen her
kommen muß. Der zugrundeliegende Mechanismus gehört zur Theorie der
Externalitäten: Wer greift in Verbindung mit einem Entwicklungsprojekt die
Herausforderung auf? Offensichtlich diejenigen, die die Macht haben, das
Problem zu definieren und es als Rohmaterial zu verwenden, das zu Problem-
lösungen, also zu Handlungsanweisungen umgearbeitet werden muß. Auf-
grund der Definition von technischer Hilfe wird es sich bei diesen Menschen
um die ausländischen, nicht aber um die örtlichen Experten handeln, deren
Expertise den gesamten Begriff der technischen Hilfe in Frage stellen würde.
Doch selbst wenn "entwickeln" als Verb nicht transitiv gefaßt werden
darf, so kann man es doch reflexiv verwenden. Die Geberländer, besonders
diejenigen aus dem Zentrum des Weltwirtschaftssystems, können sich selbst
entwickeln und auf diese Weise zur Entwicklung in anderen Ländern bei-
tragen, durch ein Wachstum zu geringeren Kosten nämlich. Verläuft ein Weg
zu materiellem Reichtum über ein hohes KIN-Verhältnis, dann müssen sich
die unterentwickelten Länder in der Verarbeitung engagieren und dürfen sich
nicht, trotz hoher QIP-Niveaus, mit halb- oder unverarbeiteten Produkten zu-
friedengeben, die ihnen durch die verheerende Doktrin der "komparativen
Vorteile" zugewiesen werden. Ändern die entwickelteren Länder (MDes -
more developed countries) dieses Handicap nicht, dann werden es die wen i-
Entwicklung: fünfzehn Thesen zur Theorie und Praxis 245

ger entwickelten Länder (LDCs - less developed countries) selbst tun, so,
wie dies die South Commission (unter Vorsitz von Julius Nyerere) angedeutet
hat: durch eine Süd-Süd-Zusammenarbeit. Hilfreiche MDCs würden dem
folgen, indem sie herausfordernde Aufträge in den LDCs plazierten.

These Nr. 14: Eine notwendige Bedingung für Entwicklungshilfe ist Rezi-
prozität: Ich helfe Dir, Du hilfst mir; z.B. durch die Bitte an LDCs, Spender
von Entwicklungsberatung für MDCs zu werden.
Die zweite Alternative zur Transitivität ist nach der Reflexivität die Rezi-
prozität, und die übliche Frage in diesem Zusammenhang lautet, wie denn
LDCs helfen können, da sie doch kraft Definition so arm sind. Die Antwort
hierauf, die in den MDCs kaum verstanden wird, ist nicht-materielle Hilfe;
Z.B. das, was MDCs so gerne geben, nämlich erbetene und unerbetene Bera-
tung durch Experten. Die LDCs sind seit langer Zeit Objekte der Forschung
und der Evaluation. Geschieht dies auch andersherum, dann kann das ein
Dialog zwischen Gleichen über gemeinsame Probleme werden, zum Beispiel
über Kinder, die Alten und die Kranken oder über Entfremdung im allgemei-
nen.
Doch sind die MDCs hierfür empfänglich? Man stelle sich vor, was dies in
der Praxis bedeuten könnte. Eine indische Delegation erscheint in Manhattan,
um US-Muster der Fortpflanzung und Familienplanung zu untersuchen, in
der festen Überzeugung, daß, wenn 5% der Weltbevölkerung eine unver-
hältnismäßige Menge der Weltenergie verbrauchen und für unverhältnismä-
ßige Anteile der Weltverschmutzung verantwortlich sind, eine drastische
Verminderung der Bevölkerung nötig ist. Entsprechende Berichte über die
LDCs sind von den MDCs angefertigt worden. Warum nicht von den LDCs
über die MDCs, sogar über WDC (Washington, DC)?
Oder ein anderes Beispiel. Norwegen betrachtet sich selbst als hochent-
wickelt und war immer schon stolz auf seinen Wohlfahrtsstaat. Ein Aspekt
des Wohlfahrtsstaates war die Wohlfahrt für die Alten, inklusive Altershei-
men. Vom Standpunkt anderer Kulturen aus ist es abscheulich, die Alten von
ihren Nachkommen abzusondern. Eine LDC-Delegation kommt nach Nor-
wegen und schlägt eine Anzahl alternativer Maßnahmen vor. Sind die Nor-
weger willens, irgendeine Empfehlung anzunehmen? Oder die Amerikaner?

These Nr. 15: Vermutlich sind die besten Entwicklungshelfer Organisationen


von Freiwilligen, die sich in Dialogen von Mensch zu Mensch und nicht in
Dialogen von Experte zu Experte engagieren, die für stärker an den Grund-
bedüifnissen orientierte Hilfe sorgen, und die bereit sind, Reziprozität zu ak-
zeptieren. Besonders hilfreich sind vermutlich freiwillige Frauenorganisatio-
nen.
Ein Grund ist höchst einfach: Volksorganisationen (von Regierungen als
"Nicht-Regierungsorganisationen" abgestempelt - so, als ob das Volk nur als
246 Entwicklungstheorie

Negation der Regierung existierte, oder als ob man Regierungen als "Nicht-
Volk" bezeichnen würde) verfolgen in Entwicklungshilfezusammenhänge
vielleicht auch eigene Interessen. Doch diese Interessen werden wahrschein-
lich unschädlich, vielleicht sogar positiv sein für den Empfänger. "Geben"
Regierungen Hilfe, dann werden im allgemeinen nationale Interessen mit im
Spiel sein, so wie Regierungen sie verstehen, und diese sind durchaus nicht
unschädlich: Werbung für nationale Produkte, politische Reziprozität in der
Form von Unterstützung, sogar bei Abstimmungen in zwischenstaatlichen
Organisationen, militärische Rechte auf Basen, Abkommen zur gemeinsamen
Verteidigung, usw. All dies wird dem eigentlichen Gehalt von Entwicklung,
der Befriedigung von Grundbedürfnissen von Mensch und Natur einen ande-
ren Akzent verleihen, sogar dem Aspekt ökonomischen Wachstums.
Hinzu kommt der Unterschied zwischen Regierungsexperten und der Ex-
pertise, über die eine freiwillige Organisation verfügt. Erstere sind Experten
für etwas Hochrangiges in ihrem eigenen Land, und daher wird die Produkti-
on dieses Etwas in einem LDC normalerweise um des Exportes willen ge-
schehen. Der Weg vom Experten zum Export ist sehr kurz. Freiwillige Orga-
nisationen dagegen können Erfahrungen auf menschlicher Ebene von den
MDCs an die LDCs übermitteln und wieder zurück, sogar in unmittelbarer
Zusammenarbeit mit Freiwilligen der LDCs. Und es fällt ihnen leichter, dem
Primat der Grundbedürfnisse treu zu bleiben und der Solidarität mit Mensch
und Natur. Und nicht zuletzt: der Reziprozität.
2 Sechs ökonomische Schulen

2.1 Über die Definition von Schulen


Bei aller Skepsis gegenüber den gängigen Wirtschaftswissenschaften kann
doch nicht bestritten werden, daß die Ökonomie, die Organisation der Zyklen
Natur - Produktion - Verbrauch, in jeder Gesellschaft eine bedeutende Rolle
spielt. Aber dasselbe läßt sich auch von der Politik sagen, der Organisation
von Macht; von der Kultur, unter anderem, weil Kultur eine wichtige Rolle
in der Definition dessen spielt, was produziert und verbraucht werden soll
und auf welche Weise; und vom Militär, der Organisation von Zwangsge-
walt.
Die Grundthese dieses Kapitels besagt, daß die Ökonomien überall auf der
Welt in ihrer Organisation einer bestimmten Logik folgen, entsprechend öko-
nomischen Schulen. Zur Erforschung dieser Schulen bedarf es bestimmter
Diskurse, Blickwinkel, unter denen die Schulen betrachtet und ihre grundle-
genden Eigenschaften besser verstanden werden können. Wir werden uns
hierzu des ökonomischen Zyklus und der diesem zugrundeliegenden Kultur
bedienen.
Der ökonomische Zyklus soll bestehen aus den Inputs, den Verarbeitungen
im System, den Outputs und der Verteilung. Wir sprechen über die Produkti-
on von Gütern und Dienstleistungen (und deren Gegenteil: goods and servi-
ces - bads and disservices). Um zu produzieren, braucht man Inputs, Pro-
duktionsfaktoren. Fünf an der Zahl werden Verwendung finden: Natur, Ar-
beit, Kapital, Technologie und Management. Die Produktionsfunktion lautet
Pr = Pr (Na, Ar, Ka, Te, Ma), wobei Pr der Output an Produkten ist. Um Pro-
dukte zu erhalten, benötigt man Produktionsbeziehungen oder Organisation.
Der Ausdruck "Verarbeitung im System" (throughput) ist unbeholfen, doch
bezieht er Inputs auf Outputs. Sodann werden die Produkte verteilt. Sie kön-
nen als Inputs für eine neue Produktion verwendet werden, zur Bevorratung
oder zum Endverbrauch, was darauf hinausläuft, daß nichts als Abfall übrig
bleibt, der an die Natur zurückgegeben wird: der Ausgangs- und der End-
punkt von allem, das Alpha und Omega des ökonomischen Zyklus - ein
Kapital, das durch Recyclingprozesse immer wieder erneuert werden muß
und nicht aufgezehrt werden darf.
248 Entwicklungstheorie

Die Kultur ist wie der Boden, der Nährstoffe für einige Pflanzen und Ge-
wächse eher als für andere bereitstellt. Wir werden uns besonders mit einigen
Entscheidungen, die in und von einer Kultur getroffen werden,174 beschäfti-
gen:

Individualismus versus Kollektivismus


Vertikalität versus Horizontalität
Monetarisierung versus Spezifizierung
Verarbeitung versus Naturbelassenheit
Expansion versus Stabilität.

"Individualismus" privilegiert und betont das Individuum; im "Kollektivis-


mus"l75 sind das Kollektiv, Gruppen, Clans, Stämme, Nationen privilegiert,
und das Individuum tritt in den Hintergrund zurück. Das Netz, nicht die Kno-
ten, werden betont.
"Vertikalität" meint die Neigung zur Hierarchie, zu einer klaren Eintei-
lung in hoch und niedrig; "Horizontalität" ist die Anlage dazu, Dinge, von
welcher Art auch immer, auf ein und derselben Ebene anzusiedeln.
"Monetarisierung" heißt, diesem, irgendeinem oder einem jeglichen Ding
einen Geldwert zuzuweisen, versteht sich, mittels Generalisierung und Ab-
straktion. Das Gegenteil von Monetarisierung in diesem Sinne ist Spezifizie-
rung, das Festhalten am einzelnen und konkreten Charakter von diesem, je-
nem, allem.
"Verarbeiten" bedeutet, etwas mit dem "Natürlichen" zu tun, dem Natürli-
chen eine Form oder Kultur aufzuprägen. Ganz generell befaßt der Begriff
auch Pädagogik oder Erziehung ganz allgemein unter sich, die das menschli-

174 Viele andere Variablen könnten eingesetzt werden. Aber die aufgeführten können di-
rekt genutzt werden, um grundlegende Muster in ökonomischen Systemen zu be-
schreiben. Vertikal können sie gelesen werden als Beschreibungen ,moderner' (im
üblichen Sinne von ,westlicher') versus weniger ,traditioneller' als viel mehr ,primi-
tiver' sozialer Formationen wie etwa nomadisierender Stämme. Es gibt gewisse
Ähnlichkeiten mit TaIcott Parsons Pattern-Variablen (The Social System, Glencoe,
IL 1951), von denen es auch fünf gibt. Aber darunter fallen weder VertikalitätlHo-
rizontalität noch Expansion/Stabilität.
175 Nicht zu verwechseln mit "Nationalisierung" oder "Kollektivierung der Produktions-
mittel" als eine Art und Weise der Organisation der Wirtschaft oder von Teilen der
Wirtschaft. "Kollektivismus", so wie er hier verstanden wird, ist eine viel tiefer lie-
gende Eigenschaft, die in die Kultur eingebettet ist. So bestand ein Problem der frü-
heren sozialistischen Länder in der Kollektivierung von Teilen der Wirtschaft inner-
halb einer individualisierenden Kultur (die Brüder Karamasow kann man in Rußland
immer noch antreffen, und sie sind kaum die ideale Belegschaft für landwirtschaft-
liche oder Industriebetriebe unter staatlicher Leitung). Ein Problem vieler indigener
Völker stellt das entgegengesetzte Muster dar: die Individualisierung von Teilen der
Wirtschaft, während die Kultur fundamental kollektivistisch ist.
Sechs ökonomische Schulen 249

che Gehirn mit Informationen neu versorgen. Das Gegenteil wäre der Zu-
stand der Natur, hier bezeichnet als "Naturbelassenheit". Die französischen
Begriffe le cru und le cuit decken dieselbe Dimension ab, von reiner Natur
zu reiner Kultur.
"Expansion" ist die Neigung, alles zu vermehren. Das Gegenteil ist "Stabi-
lität", da Kontraktion undenkbar ist.
Zum Schluß werden wir noch Natur hinzufügen. Deren Negation ist Nichts.
Wir wollen uns nun hierauf stützen, um etwas über jenes ökonomische Sy-
stem zu sagen, das als Bezugspunkt dienen kann, um sie alle zu diskutieren:
"Smithismus", benannt nach Adam Smith. Wie bei jedem Wirtschafts system
besteht die Aufgabe darin, Inputs in Outputs zu verwandeln und diese dann
zu verteilen. Die Hypothese lautet, daß das kulturelle Profil der Smith'schen
Ökonomie aus Individualismus - Vertikalität - Monetarisierung - Verarbei-
tung - Expansion besteht. Da der Begriff "Kapitalismus" nur den Aspekt der
Monetarisierung einfängt, ist dem des "Smithismus" der Vorzug zu geben. 176
Smiths intellektuelle Agenda war eindeutig inspiriert durch den Versuch ei-
nes wissenschaftlichen Positivismus in der Tradition Galileis und Newtons,
Machiavellis, Vicos und Hobbes', wobei er Schichten von Sentimentalität
und Moralismus abtrug bis hin auf das "Natürliche"177:
- eine Untersuchung der menschlichen Natur, die er letztlich verstand als
wesentlich durch Eigennutz gesteuert, jedoch gemäßigt durch moralisches
Empfinden; J78
- eine Untersuchung des natürlichen Wirtschaftssystems, in dem jeder dem
Eigennutz entsprechend handelt.
- Eine Untersuchung über die Natur und Ursachen des Wohlstands der Na-
tionen,179 beruhend auf der Praxis des natürlichen Wirtschaftssystems.
- Die Unsichtbare Hand: "Indem er (sc. der Mensch) seinen eigenen Nutzen
verfolgt, dient er oft demjenigen der Gesellschaft wirkungsvoller als dann,
wenn er wirklich beabsichtigt, diesem zu dienen" (folgt aus den drei vor-
genannten Untersuchungen).
Aus diesen Gegebenheiten folgen die kulturellen/strukturellen Bestandteile
von Smiths intellektueller Konstruktion. Also:
AI Individualismus, denn nur Individuen können ihrem Eigennutz entspre-
chend handeln. Betrieb und Staat werden als Makro-Individuen betrach-

176 In Analogie zum Marxismus; hierdurch wird der Verfasser insgesamt geehrt und
nicht auf einen Aspekt (s)eines reichen Gedankengebäudes reduziert.
177 Siehe Albert O. Hirschman: The Passions and the lnterests, Princeton, NJ 1977, be-
sonders Teil I.
178 Der Titel von Adam Smiths berühmtem Werk lautete The Theory 0/ Moral Senti-
ments, Erstausgabe London 1759.
179 Der Titel des berühmtesten Buches von Adam Smith, Erstausgabe London 1776.
250 Entwicklungstheorie

tet, was für eine einzelne Person an der Spitze von beiden spricht. Der
Staat besteht aus einer Menge von Individuen und die Welt aus einer
Menge von Staaten. Die Perspektive ist akteurs-, nicht strukturorien-
tiert. ".
A2 Privateigentum setzt eine Teilung der Welt in zwei Mengen voraus: freie
Akteure und Privateigentum, mit einer eins-zu-eins-Eigentumsbeziehung
zwischen freien Akteuren und privaten Besitztümern.
A3 Freiheit im engen wirtschaftlichen Sinne wird zu dem Recht, Privatei-
gentum zu besitzen und Privateigentum zu verwenden, um noch mehr
Privateigentum zu erwerben. Hieraus ergibt sich die grundlegende Rolle
des Staats: Polizei für den Schutz des Eigentums der Individuen und Be-
triebe; Militär für den Schutz (und die Erweiterung) des Eigentums der
Gesellschaft; Gerichtsbarkeit für Auseinandersetzungen zwischen den
Akteuren.
A4 Markt, damit freie Akteure die Nachfrage von Käufern und das Angebot
von Verkäufern artikulieren können; damit sich willige Käufer und Ver-
käufer, unter Einschluß der Produzenten und Verbraucher, treffen und
Geschäfte abschließen können.
Bi Arbeitsteilung zwischen Individuen und zwischen Gesellschaften, mit
unterschiedlichen Aufgaben für verschiedene Individuen und Gesell-
schaften.
B2 Abgestufte Entgelte zur Belohnung von Kompetenz und Risikobereit-
schaft.
B3 Wettbewerb zur Verbesserung der Geschäfte für Käufer und Verkäufer,
handle es sich dabei um Individuen (Haushalte), Firmen oder Länder.
C Monetarisierung all dessen, was eine Rolle in einer Produktionsfunktion
spielt, der Faktoren sowohl wie der Produkte: der Preise für Produkte,
der Pacht für Land (Natur); des Lohns für Arbeit; der Zinsen für flüs-
siges Kapital; der Verzinsung für festgelegtes Kapital; des Verkaufswerts
der Patente und allgemein des Eigentums.
D Verarbeitung (Herstellung), die Prägung der rohen Natur und des
menschlichen ,Rohmaterials' durch Kultur und Information.
E Expansion (Wachstum) in mehrerlei Hinsicht:
- in qualitativer Hinsicht, zumindest als Erweiterung der Vielfalt, der
Produktauswahl;
- in quantitativer Hinsicht, durch die Erweiterung der Produktmengen;
- im Hinblick auf den Wirtschaftsbereich, derart, daß ökonomische
Zyklen umfangreichere Territorien umspannen;
im Hinblick auf die Zielsetzung, durch gesteigerte Differenzierung der
Inputs und Outputs.

180 Siehe Johan Galtung: "Two Perspectives on Society", in: The True Worlds, New
York 1980, S. 41-61.
Sechs ökonomische Schulen 251

Diese Komponenten werden im folgenden als "Syndrome" A, B, C, D und E


aufgeführt.
Das A-Syndrom des Individualismus unterstellt, daß das Individuum der
eigentlich Handelnde sei, ausgestattet nicht nur mit Eigeninteressen, sondern
auch mit der Fähigkeit, entsprechend zu handeln. Zwei andere Akteure, der
Betrieb und das Land (Gesellschaft, Staat), werden aus anthropomorpher Per-
spektive betrachtet. Dieses Bild gibt strukturelle Beziehungen nur schwach
wieder, abgesehen von den Marktbeziehungen qua Geschäfte zwischen Käu-
fern und Verkäufern. Eine Bedingung für Marktverhalten bildet Eigentum,
und in der idealen Welt besitzen diesem Bild zufolge alle Individuen irgen-
detwas und jedes Etwas wird besessen. Es gibt kein kollektives Besitztum,
res communis = res nullius (was jedem gehört, gehört keinem, wie es im
Römischen Recht heißt). Das Recht, Eigentum zu besitzen und es zu nutzen,
um noch mehr Eigentum zu schaffen, ist grundlegend und wird hier als Frei-
heit bezeichnet.
Im B-Syndrom der Vertikalität besteht der Ausgangspunkt in der Arbeits-
teilung, die die Position (den "Job") zum Rang erhebt, in der Nachfolge des
Rangs qua Status ("Geburt"). Unterschiedliche Belohnung ist ein Hauptme-
chanismus des ,Ranking' bzw. der Vertikalität; sie findet ihre Rechtfertigung
in unterschiedlicher Risikobereitschaft. Wettbewerbsmäßiges Verhalten auf
dem Markt eröffnet dann Bewegungsmöglichkeiten, nach oben wie nach un-
ten.
In den Syndromen C, D, und E treten Geld, Verarbeitung und Expansion
hinzu, die in enger Verbindung miteinander stehen. Das Ergebnis besteht
dann in monetarisierten ökonomischen Zyklen mit hohen Verarbeitungsgra-
den von Inputs (ein Hersteller von Chips, eine Universität), Zyklen, die sich
wiederholen und ausgeweitet werden sollen: Im Idealfall entsprechen sich
Angebot und Nachfrage, bezahlte Preise und zu zahlende Löhne. Das Ziel
besteht darin, den Zyklus zumindest sich selbst erhaltend zu gestalten.

Abbildung 3.2:

~ZahlUngvon Löhnen
(
Produktion
Angebot
~. Konsumption

~ Nachfrage

" ' - - - Zahlung von Preisen


252 Entwicklungstheorie

2.2. Die Blaue Schule: Markt und Kapital

Tabelle 3.3: Die Blaue Schule: Markt und Kapital


Produktions- Produktions- Produkte Verteilung
faktoren verhältnisse
Individualismns Privateigentum an Privateigentum Produkte für indi- - Marktmecha-
Natur (oder private viduellen oder auf nismen
- Arbeit Kontrolle) den Haushalt be- - der Nachfrage
- Kapital zogenen Ver- entsprechendes
- Technologie brauch Angebot
- Management - Käufer trifft
Verlcäufer: Ge-
schäft, Handel
Vertikalität - Entscheidung - Entscheidung - Entscheidung - Vetbraucher-
des Eigentü- des Eigentü- des Eigentü- manipulation
mers über den mers über mers über Pro- in der Ver-
Vetbrauch der Menschen und dukte und ihre marktung
Faktoren und Arbeitsbedin- Qualität - Einweg-Kom-
den Mehrwert gungen - Rangordnung munikation
- Mobilität der - Monopol der der Produkte - Monopol der
Faktoren Herausforde- und Preis Herausforde-
- Ausbeutung der rung - Maximierung rung
Peripherie - Ausnutzung vonQIP - Ausnutzung
durch das Zen- der Handels- der Handels-
trum bedingungen bedingungen
- Ausbeutung der - Wettbewerb - Wettbewetb
zukünftigen - Arbeitsteilung nach Qualität
Generationen
Monetarisierung Monetarisierung Produktivität = Monetarisierung- rationales Fällen
aller Faktoren Output : Input aller Produkte von Entscheidun-
gen
Verarbeitung Maximierung von Berabeitung der immer komplizier- immer komplizier-
KIN Probleme auf im- tere Produkte tere Produkte
mer höherer Ebene
Expansion - Einbeziehung - Expanierende - Steigerung der - Weltmarktpro-
auch fernliegen- Organisationen Mengen dukte und-
der Faktoren - Steigerung der - Steigerung der faktoren
- Ausbalancier- Differenzie- Vielfalt - Marktanteil
ung der Fakto- rung - kein Haltesi- - kein Haltesi-
ren - kein Haltesi- gnal gnal
- kein Haltesignal gnal
Natur allgemeine Erschöp- Entleerung und industrielle Ver- Verschmutzung
fung Abwertung der schmutzung durch Haushalte
menschlichen
Beziehungen
Sechs ökonomische Schulen 253

Der Smithismus ist die Grundlage für die Mutter aller Schulen, die Blaue
Schule.'" Natürlich gab es Vorgänger (Merkantilisten, Physiokraten, die mit-
telalterliche Ökonomie, das Römische Reich, prähistorische und nicht-abend-
ländische Ökonomien). Doch für die letzten 200 Jahre dient diese immer
noch herrschende Schule als Anker für Theorie und Praxis.
Im obigen Schema ruht die Logik des Blauen (Smith'schen, kapitalisti-
schen) Systems auf 24 Füßen (die zumeist mehrere Zehen haben). Horizon-
tale Lesarten dienen eher dem Gesamtverständnis des Systems, vertikale Les-
arten eher einem eingegrenzteren ökonomischen Verständnis.
"Individualismus" bringt sich wegen der zugrundeliegenden Unterstellung
der dominio des Römischen Rechts über die Institution des Eigentums zum
Ausdruck. Sowohl die Produktionsfaktoren als auch die Produktionsverhält-
nisse"2 können besessen bzw. kontrolliert werden. Dieser Eigentumstitel be-
zieht sich auf alle Faktoren. Sklaverei - der Besitz menschlicher Arbeitskraft
und die Vermarktung von Sklaven (auf einem Faktorenmarkt) - steht voll-
kommen im Einklang mit der Logik der Blauen Schule. Die Sklavenbefrei-
ung ist eine Anomalie und stieß dementsprechend auf starke Widerstände.
Kampagnen gegen die Sklaverei können jedoch in Begriffen der Blauen Lo-
gik erklärt werden, wenn wir unten in der Spalte "Produktionsfaktoren" nach
einer anderen Schlüsselvariable suchen: der Faktor Mobilität, einschließlich
der der Arbeitskraft. Werden Arbeitskräfte statt Sklaven vermarktet, besteht
der zusätzliche Vorteil, daß Arbeiter oft für die Kosten eines Umzugs von ei-

181 Die Farben für die ökonomischen Schulen sind der europäischen Politik entnommen:
"blau" steht für konservativ, "rot" für kommunistisch, "grün" für grün. "Rosa" oder
"pink" sagt man oft für Sozialdemokraten, wenn weniger Blut und Revolution damit
verbunden werden soll. Wenn hier vom japanischen System als "gelb" gesprochen
wird, dann ist damit nichts rassistisches gemeint, sondern soll eher die "gelbe Ge-
fahr" im Sinne von "die gelbe Herausforderung" assoziiert werden. "Golden" wäre
vielleicht eine angemessenere Beschreibung der Realität, würde aber das Farben-
Schema durchbrechen. Da die Blaue und die Rote Schule die Gelbe konstituieren,
könnte man diese auch als "purpurn" bezeichnen - dunkler und weniger verwässert
als rosa bzw. pink.
182 Diese Begriffe kommen den marxistischen Begriffen der Produktionsmittel und -ver-
hältnisse sehr nahe. Die fundamentale marxistische These über einen möglichen Wi-
derspruch zwischen sich entwickelnden Produktionsmitteln und den starreren Pro-
duktionsverhältnissen kann auf die ersten beiden Spalten der Tabelle 3.3 Anwendung
finden, doch steht dies hier für uns nicht im Mittelpunkt. Auch neigt die marxistische
Theorie dazu, dies Paar zu betonen, und zwar derart, daß die Mittel die unabhängi-
gen und die Produktions-Verhältnisse die abhängigen Variablen darstellen, was die
Fruchtbarkeit dieses Paradigmas des Bruchs (wenn eine Variable starr und die andere
dynamisch ist) beträchtlich beeinträchtigt. Im marxistischen Denken wird die Tech-
nik zu der Maschine, die die soziale Organisation hinter sich herschleift. Was aber,
wenn es starke, für neue Gesellschaftsverhältnisse eintretende soziale Kräfte gäbe, in
deren Schlepptau sich auch neue Technologien entwickelten, die sehr wohl mit der
neuen Gesellschaftsorganisation kompatibel wären?
254 Entwicklungstheorie

ner Produktionsstätte zur nächsten selbst aufkommen. Und afrikanische Ar-


beitskraft konnte auch in situ genutzt werden, d.h. auf Plantagen in Afrika
mit weniger mobilen Faktormärkten.
"Individualismus" tritt auch an den für den individuellen Verbrauch ge-
stalteten Produkten in Erscheinung, wie etwa am Verhältnis zwischen pro-
duzierten PKWs und Bussen ersichtlich wird. Und dann gibt es den Markt,
dieses heftig umkämpfte, nicht tödliche, wirtschaftliche Schlachtfeld, auf
dem Individuen und Makro-Individuen (Firmen, Länder) ihre urwüchsige
Kraft ausspielen können. Unter Wettbewerbsbedingungen kämpfen Verkäu-
fer um den besten Verkauf und Käufer um den besten Kauf. Verkäufer tref-
fen auf Käufer, handeln, und wenn sie zu "willigen" Verkäufern und "willi-
gen" Käufern geworden sind, dann schließen sie den Handel ab - in dieser
Logik ähnelnd einem Liebesakt, ein Ereignis, das das Universum mit seiner
Schönheit erleuchtet.
"Vertikalität" besteht vor allem in der Ausübung der Vorrechte der Eigen-
tümer unter Bedingungen privaten Eigentums (oder privater Kontrolle). Sie
können die Faktoren kontrollieren (unter Einschluß des Kapitals, das sie
selbst erzeugen, des Mehrwerts): die Arbeitsbedingungen in der Organisa-
tion, die Qualität und Quantität der Produkte, unter Einschluß ihrer Anpas-
sung an die Bedürfnisse einer geschichteten Gesellschaft, und schließlich de-
ren Vermarktung, indem sie über den Geschmack der Verbraucher entschei-
den oder diesen zumindest beeinflussen, unter Ausnutzung eines sehr interes-
santen Kennzeichens der Blauen Schule: der Einweg-Werbung in den Medi-
en (auch durch Poster und Aufkleber), bei geringer oder nicht vorhandener
Möglichkeit, diese in Frage zu stellen oder ihr zu widersprechen. I' 3
Es ist eine der Konsequenzen dieses Arrangements, daß Eigentümer (in ei-
nem weiten Sinne) und insbesondere die ersten oder die Eigentümer früherer
Generationen, die Entrepreneurs, die Rolle der Problemlöser einnehmen, und
zwar in dem Maße, daß sie de facto das Monopol auf Herausforderungen er-
halten. Im System treten Probleme auf; die Lösung umgibt ein Schleier der
Ungewißheit. Eine Entscheidung beseitigt diese Ungewißheit und verringert
die Entropie. Doch dieser Akt erfordert einen Input an Energie, die vom Pro-
blemlöser genommen wird. Dafür bekommt er jedoch ein inneres Abfall-
produkt als Gegengabe, nämlich Training im Problemlösen, "Erfahrung".
Ein weiterer Aspekt der Vertikalität ist Ausbeutung oder Ungleichheit, in
der Abbildung unterteilt in vier Typen: ungleicher Tausch zwischen einem

183 Historisch gesehen, muß dieses Muster einen Vorgänger haben, und wenn der Markt
einer der weltlichen Nachfolger Gottes ist (der andere ist der Staat, mit dem Kai-
serlKönig, dem rex gratia dei, dazwischen), dann darf man wohl annehmen, daß die
neuen Priester, die Unternehmer, in ihrem Verhalten den alten Priestern gleichen und
in ähnlichen Strukturen operieren. Einweg-Kommunikation ist in der Kirche immer
noch die Regel und selbst in Demokratien, die im Prinzip doch Schauplätze des
Dialogs darstellen sollten.
Sechs ökonomische Schulen 255

Zentrum, in dem die Faktoren verarbeitet, und einer Peripherie, in der sie be-
schafft werden; ungleicher Tausch zwischen denen, die die Probleme (Her-
ausforderungen) definieren und lösen, und denen, die nach standardisierten
Verfahren ("standard operation procedures") arbeiten;'" ungleicher Tausch
im Handel, der mit dem ersten Typus zusammenfallen kann; und ungleicher
Tausch zwischen Generationen, in denen die späteren um Faktoren gebracht
werden. Zentrum und Peripherie treten hervor als zwei Aspekte des Blauen
Systems."5
"Monetarisierung" besteht in mehr als in der Preisauszeichnung von Fak-
toren und Produkten. Die Implikation, daß alles, was einen Preis hat, zum
Verkauf auf dem Markt steht,"6 macht alles miteinander vergleichbar, und
das heißt, daß alles für alles eingehandelt und auch "weggehandelt" werden
kann. Wird Rationalität als dem Eigeninteresse entsprechendes Handeln defi-
niert, durch das Nettogewinne durch ein Spektrum von Marktaktivitäten und
über eine gewisse Zeit hinweg maximiert werden, dann ist es die Monetari-
sierung, die dies ermöglicht. Gleichzeitig ist der Preis eine quantitative Va-
riable und erleichtert den Aufbau mathematischer Gebäude, die die Logik der
Schule widerspiegeln. 187

184 Die Vorstellung, daß die unterschiedliche Entlohnung in einer Organisation, in der
Praxis also in einem Unternehmen, mit Bauernhöfen und Einzelhandelsgeschäften
als Sonderfallen, auf unterschiedliche Risikobereitschaft zurückgeführt werden
könnte, grenzt ans Absurde. Wer geht denn heutzutage das größere Risiko ein, der
Arbeiter, der als unter dem Strich überflüssig und für entbehrlich erklärt werden
kann, oder ein Unternehmer, der zwar bankrott gehen kann, aber gegen die Ansprü-
che der Kapitalgeber durch "begrenzte Verantwortung", "begrenzte Haftung" (dt. i.
Orig.) geschützt ist? Die hier vorgebrachte These lautet, daß die unterschiedliche
Entlohnung eher auf die Unterschiede bei der Problemlösung zurückzuführen ist;
und dies heißt, daß diejenigen an der Spitze nicht nur ihren Nutzen aus dem Pro-
blemlösen ziehen, sondern auch noch besser bezahlt werden.
185 Es könnte das Argument vorgebracht werden, daß diese bei den sich so sehr vonein-
ander unterscheiden, daß wir es tatsächlich mit zwei Blauen Systemen und nicht nur
mit einem zu tun haben. Unsere These lautet jedoch, daß das Blaue System unwei-
gerlich ein Zentrum und eine Peripherie hervorbringt. Wie die zwei Seiten einer
Münze nicht zwei Münzen ausmachen, so machen die beiden Aspekte des Blauen
Systems nicht zwei Systeme aus. Von der Einführung des "Systems freier Marktwirt-
schaft" in ex-sozialistischen oder Ländern der Dritten Welt zu reden, wenn in Wirk-
lichkeit nur der Peripherie-Aspekt des Blauen Systems eingeführt wird, ist im we-
sentlichen reine Propaganda.
186 So hat etwa Arbeit einen Preis als Sklavenarbeit, Leibeigenenarbeit oder Lohnarbeit.
Und Kapital hat einen Preis, wenn es zeitlich (Zinsen) oder räumlich (Gebühren, be-
sonders über Währungsgrenzen hinweg) in Bewegung gesetzt wird.
187 Dies sollte nicht mit der Widerspiegelung ökonomischer Realität verwechselt wer-
den. Wenn wir annehmen, daß die Realität von Widersprüchen voll ist, dann stellt
sich die Frage, ob eine widersprüchliche Realität (die Wirtschaft) adäquat durch eine
nicht-widersprüchliche Sprache (Mathematik) abgebildet werden kann. Siehe hierzu
Johan Galtung: "Contradictory Reality and Mathematics: a Contradiction", Kap. 4.4.
256 Entwicklungstheorie

"Verarbeitung", das Aufprägen von Kultur (K) auf Natur (N), die Steige-
rung des KIN-Quotienten, hat ebenfalls durchgreifende Konsequenzen. Die
Organisation, das Unternehmen, muß höhere Formen der Verarbeitung wi-
derspiegeln, indem sie eine wachsende Anzahl von ihrerseits zunehmend
,verarbeiteten' Menschen aufnimmt, nämlich Forschungs- und Entwicklungs-
spezialisten. Die Produkte müssen in zunehmendem Ausmaß "elaboriert"
sein. Der Markt selbst muß diese Tendenz widerspiegeln, und zwar durch im-
mer komplexere Transaktionen, von immer komplexeren Produkten, was zu
einer Kostensteigerung für die Transaktionen führt'" und damit auch zum
Auspressen der unbedeutenderen und mehr an der Peripherie angesiedelten
Akteure (Individuen, Unternehmen, Länder)."·
"Expansion" zeigt sich in allen vier Feldern: zunehmende Vielfalt und zu-
nehmender Umfang von Produkten und Transaktionen, ökonomische Zyklen,
die immer größere (und bald auch außerterrestrische) Gebiete umfassen, mit
sich immer mehr ausweitenden und zunehmend differenzierteren ökono-
mischen Organisationen. Ein Mechanismus ist der der Faktormobilität, ver-
bunden mit einem aufwärts gerichteten Austarieren der Faktoren