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2. APRIL 2020 N o 15
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30.03.20 2 14:51

Wie schützen wir die Schwachen? HELFT


ITALIEN!
Deutsche Intellektuelle
Ausnahmezustand in appellieren an die
Regierung, den Süden
Deutschland: Alte und nicht alleinzulassen.
Und Italiens Minister-
Kranke, Kinder und viele präsident Giuseppe
Conte schreibt für
Kleinverdiener sind die ZEIT über
wie verschwunden. die Not seines
Landes
Was sie bewegt Politik und
Feuilleton

und was sie jetzt


brauchen.
IN ALLEN R ESSORTS

Nein ist öde!


Eckart von Hirschhausen
über Politik,
Dummheit und Küsse
Wissen, Seite 35
Titelillustration: Dennis Vernooij für DIE ZEIT

NOTSTANDSGESETZ IN UNGARN WIRTSCHAFTSKRISE


Juli Zeh über
Mordgelüste
Viktors Virus Falsche Feinde Ein Gespräch mit
der Schriftstellerin,
deren Romane eigentlich
Orbán regiert jetzt ohne Parlament – wegen Corona, natürlich. Hilfe für alle bedeutet nicht, dass alles gerecht wird. Der Fall Adidas alle Krimis sind
Das darf Europa nicht hinnehmen  VON MATTHIAS KRUPA zeigt aber, dass nicht jede Kritik berechtigt ist  VON ROMAN PLETTER Recht & Unrecht, Seite 18

G H
elegenheit macht Diebe, aber zurück, ähnliche Maßnahmen seien auch in underte Milliarden Euro werden im Jahr. Man muss kein Mathematikgenie sein, PROMINENT IGNORIERT
macht Gelegenheit auch Dikta- Deutschland oder Frankreich ergriffen worden. nun verteilt an Arbeitnehmer und um zu sehen: Das Bare reicht ohne Umsatz nicht
toren? Das ungarische Parlament Doch was ähnlich aussehen mag, ist noch lange Unternehmer, Gesetze geschrieben lange aus, um die Kosten zu decken. Dabei gibt
hat ein Gesetz beschlossen, das es nicht dasselbe. In rechtsstaatlichen Demokratien zum Schutz von Mietern, Regeln es zurzeit nur drei Länder, in denen der Konzern
Viktor Orbán erlaubt, fortan mit dürfen Grundrechte, wenn überhaupt, nur zeitlich erlassen zum Schutz von Kranken, seine Ware noch verkaufen kann. Anderswo liegt
Notstandsverordnungen zu regieren. Ohne par- befristet außer Kraft gesetzt werden; die Parla­mente und dies alles in wenigen Tagen. Das soll den O ­ pfern sie in Lagern und bei Händlern herum.
lamentarische Kontrolle, ohne zeitliche Begren- müssen weiter tagen; und der Raum für öffentliche der Virus-Wirtschaftskrise schnell helfen. Bei so Es geht Adidas da nicht anders als dem kleinen
zung, dafür mit der Garantie, dass bis auf Wei- Debatten muss offen bleiben. In Ungarn ist das einer Politik auf Speed geht es unweigerlich nicht Unternehmen an der Ecke. Warum nun aber ein
teres keine Nachwahl mehr die knappe Zwei- Parlament vorerst geschlossen; die Notstandsgesetz- immer gerecht zu, worüber noch viel zu reden sein Konzern böse sein soll und nur die kleine Firma
Drittel-Mehrheit der Regierungskoalition ge- gebung gilt bis auf Widerruf (durch das Parlament, wird, damit die Maßnahmen zum Schutz der bemitleidenswert, ist insofern schwer nachzuvoll-
fährdet. Das alles, natürlich, um die Corona-
Epidemie zu bekämpfen.
das nicht mehr tagt); und die Meinungsfreiheit wird
zusätzlich bedroht durch ein Gesetz, das die Ver-
Gemeinschaft sie nicht irgendwann durch Miss-
trauen aus­ein­an­der­trei­ben.
ziehen, als dass es nicht darum geht, reiche Kon-
zerne reicher zu machen, sondern darum, dass bei
Zu den Waffen!
Ungarn? Ach. Die Abgebrühten in Brüssel und breitung von falschen sowie von »wahren, aber ver- Es ist ein Jammer, dass diese wichtige Debatte jedem einzelnen Konzern Tausende Menschen Diebe haben von einem Londoner
Berlin winken ab. So sei er halt, der ungarische zerrt dargestellten Nachrichten« verbietet, falls nun mit einem dankbaren, aber halt auch fal- Arbeit haben. Es wird zudem die Steuereinnah- Sammler Waffen gestohlen, mit
Regierungschef. Immer gehe Orbán ans Limit. diese den Kampf gegen die Epide- schen Feindbild begonnen hat: men aus diesen Arbeitsplätzen brauchen, um für denen ­James Bond geschossen hat,
Manche Christdemokraten und Christsoziale mie behindern. Wer entscheidet, Der Sportartikelkonzern Adidas die Rettungskredite aufzukommen. Das Geld darunter der Revolver Smith &
duzen »den Viktor« noch aus der Zeit, in der welche Nachrichten falsch oder ver- stellt Teile seiner Mietzahlungen stammt ja nicht von den Privatkonten der Minis- Wesson 44 Magnum aus dem Film
dieser ein Freiheitskämpfer gegen den Kommunis- zerrt sind, bleibt offen. Die nächste Ausgabe wegen der Corona-Krise ein. Erst ter – auch wenn im sogenannten politischen Ber- Leben und sterben lassen (1973).
mus war. Aber das ist lange her, und was in Ungarn Die gegenwärtige Krise ist eine Mil­liar­den­ge­win­ne und nun arme lin gerade eine gewisse Rettungsbreitbeinigkeit zu Die Waffen sollen 110.000 Euro
in diesen Tagen geschieht, ist mehr als nur die Versuchung für viele, die in der der ZEIT erscheint vor Vermieter knechten! Da hüpft beobachten ist, die diesen Eindruck erweckt. wert sein. Wie viel wären dann die
jüngste Volte eines notorischen Quertreibers. Demokratie vor allem ihren eige- Ostern schon am Mittwoch, nicht nur das aufgeregte Anti­ Womit man beim Thema ist, um das es hier berühmten Schwerter wert, Sieg-
In Budapest wird auch die Zukunft Europas nen Vorteil suchen. Das gilt für den dem 8. April 2020 kapi­ta­lis­ten­herz. Selbst Verkehrs- in Wahrheit geht: Solidarität. Der Fall Adidas frieds Balmung oder König Artus’
verhandelt – jenes freiheitlich und rechtsstaatlich israelischen Ministerpräsidenten minister Andreas Scheuer (CSU), zeigt, dass immer jemand einen Preis zahlt, Mit- Excalibur? Wenn man nur wüsste,
verfassten Europas, wie wir es bislang kannten. Netanjahu wie für den polnischen der vor wenigen Wochen noch arbeiter, Vermieter oder Aktionäre. Es wird auch wo die Dinger sind. GRN.
Präsidenten Duda. Beide versuchen, den Aus- angeschlagen durch das Bundeskabinett stolper- bei der öffentlichen Hilfe nicht anders sein. Die
Im Zeichen der Seuche spitzt sich nahmezustand zu nutzen, um ihre Macht zu festi- te, haut via Bild-Zeitung drauf: »Ich bin ent- Regierung finanziert sie gerade mit mehr Schul- kl. Fotos: Grassani/The New York Times/Redux/
laif; Gene Glover/Agentur Focus; Interfoto (v. o.)
die Systemfrage zu gen – und nehmen dafür in Kauf, dass die Demo- täuscht von Adidas. Sehr enttäuscht.« den, als es sich die härtesten keynesianischen
kratie in ihren Ländern erodiert. Orbán sieht die Erst mal zu den Fakten. Es kann ja nicht scha- Ökonomen in ihren wildesten Träumen nur aus-
malen konnten. Sie versucht redlich, auf diese Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
Orbáns jüngster Coup fügt sich in eine große Corona-Epidemie offenbar als Chance, den Umbau den, sie zu kennen: Ein eigens geschaffenes Gesetz 20079 Hamburg
Auseinandersetzung. Die liberalen Demokra- des ungarischen Staates, den er vor zehn Jahren erlaubt es Mietern, wegen der Krise ihre Miet- Weise allen Menschen in Deutschland zu helfen. Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
tien standen schon vor der Corona-Krise unter begonnen hat, entscheidend voranzutreiben. zahlung aufzuschieben. Erlassen ist damit nichts. Mit der Goldwaage der Gerechtigkeit anzurü- DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
Druck, herausgefordert von Populisten und­ Orbáns Ungarn ist noch keine Diktatur, aber es Adidas war mit den Vermietern ohnehin schon im cken würde aber zu viel Zeit kosten, um dieses ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
Autoritären. Nun, im Zeichen der Seuche, ist ein autoritär geführtes, unfreies Land. Kein Gespräch über eine Stundung, bevor es das Gesetz Versprechen einzulösen, was wiederum dazu füh- ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
spitzt sich die Systemfrage zu. Menschen dürfen Staat, den die EU heute noch aufnehmen würde. gab. Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang. ren wird, dass hier und da mal jemand profitiert,
ihre Geschäfte nicht mehr öffnen, nicht mehr Dass es so weit kommen konnte, hat vor allem der Hilfe weniger nötig hätte als andere. ABONNENTENSERVICE:
gemeinsam demonstrieren oder beten. Diese die Europäische Volkspartei zu verantworten. Bis Im politischen Berlin ist eine gewisse Diese Krise wird darum auch ein Test werden Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
Einschränkungen fallen autoritären Regimen heute sitzen Abgeordnete von CDU und CSU und Rettungsbreitbeinigkeit zu beobachten für die Verantwortungs-Sonntagsreden vieler E-Mail: abo@zeit.de
wie dem chinesischen nicht schwer, sie entspre- Vertreter der ungarischen Regierungspartei Fidesz Unternehmer, ob sie etwa abgeschöpfte Gewinne
chen ihrem Selbstverständnis. Westliche Demo- im Europaparlament in derselben Fraktion. Auch Die Empörung über den Konzern bis hin zu Boy- zurück in ihre Firmen schießen – oder ob sie ihre PREISE IM AUSLAND:
kratien hingegen trifft die ungeahnte Beschrän- Angela Merkel oder Ursula von der Leyen haben kottaufrufen entfaltete auch deshalb große Wucht, Kosten Schwächeren, zu denen oft ihre Mitarbei- DK 58,00/FIN 8,00/E 6,80/
CAN 7,30/F 6,80/NL 6,00/
kung von Freiheits- und Bürgerrechten ins eine scharfe Abgrenzung von Orbán immer gemie- weil eine ganze Reihe SPD-Politiker meinungsstark ter gehören, aufbürden. Es wird für den sozialen A 5,70/CH 7.90/I 6,80/GR 7,30/
Mark, sie rührt an ihren Fundamenten. den. Unausgesprochen galt: Der Ungar darf zu und faktenarm den Ton verschärften, darunter Frieden ohnehin wichtig sein, dass die Schwächs- B 6,00/P 7,10/L 6,00/H 2560,00

o
N 15
Viktor Orbán hat schon lange vor dem Aus- Hause über die Stränge schlagen, solange er in Justizministerin Christine Lambrecht: »Wenn jetzt ten im Land nicht am wenigsten bekommen.
bruch der Corona-Epidemie von einer »illiberalen Brüssel halbwegs kooperativ bleibt. finanzstarke Unternehmen einfach ihre Mieten Auch Adidas muss sich solchen Fragen stellen
Demokratie« geträumt. Er hat keine Gelegenheit Aber dieses Appeasement funktioniert nicht nicht mehr zahlen, ist dies unanständig.« ­Natürlich und dazu jener, ob der Konzern sich um des­
ausgelassen, die EU zu verhöhnen und die auto- mehr. Wenn die EU den Autoritarismus in ihren hat das einen Subtext, seit sich gierige Banker die öffentlichen Klimas willen nicht früher hätte er-
ritären Herrscher in Peking oder Moskau zu­ eigenen Reihen duldet, kann sie die Auseinander- Boni vom Staat sichern ließen: Die Großen werden klären müssen. Das hätte auch jenen Politikern 7 5. J A H RG A N G C 7451 C
hofieren. Auch jetzt preist er die Hilfe, die sein setzung mit den autoritären Regimen in Peking gerettet, die Kleinen müssen zahlen. das Leben erschwert, die mit dem antikapitalisti-
Land aus China erhalte, und attackiert die »Que- oder Moskau nicht bestehen. Es wird Zeit, Orbán Nur: Die Empörung ist fehl am Platz. Adidas schen Impuls den Populisten von morgen das Feld
rulanten« aus Brüssel: Es sei nicht die Zeit, juris- seine Grenzen aufzuzeigen. hatte tatsächlich Ende 2019 zwei Mil­ liar­
den bereiten – als ob das Virus nicht Feind genug wäre. 15
tische Fragen zu erörtern. Orbán weist jede Kritik Euro flüssige Mittel in der Bilanz. Aber der Kon-
an seiner Selbstermächtigung mit dem Hinweis AA www.zeit.de/audi zern hatte auch fast 22 Mil­liar­den Euro Kosten AA www.zeit.de/audi 4 190745 105507
2 POLITIK 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

Fotos: Fabio Bucciarelli (gr.); Xinhua/Zhang Cheng/laif (kl.)


Eine 88-jährige Covid-19-Patientin im norditalienischen Pradalunga, fotografiert von Fabio Bucciarelli. Ihr Sohn hat entschieden, dass seine Mutter zu Hause und nicht in einem Krankenhaus behandelt wird

Italien an vorderster Front


Der italienische Ministerpräsident G IUSEPPE CONTE schreibt in der ZEIT, was sein Land gerade durchsteht – und wie Europa helfen kann

T
ag für Tag muss ich mich als Mi- konkrete Gesten der Solidarität gezeigt haben. tische Entscheidung jeder unserer Regierungen zur Ich glaube zudem, dass gerade die Länder, die am machen, wenn es doch möglich wäre, dieses Ziel
nisterpräsident mit den schmerz- Dafür danke ich der deutschen Regierung und Bekämpfung des Virus kommt allen europäischen meisten zum europäischen Projekt beigetragen haben, besser durch eine gemeinsame Bewältigung dieses
haften Zahlen meiner Mitbürger dem ganzen Volk. Bürgern und allen europäischen Ländern zugute. so wie Deutschland, diejenigen sind, die eine Haltung Schocks zu erreichen.
aus­ein­an­der­set­zen, die an einer Die Lage in Italien belastet alle Bürger extrem, sie Wer auf einen Teil seiner Freiheit verzichtet und einnehmen können und müssen, die der Heraus- Was für uns gilt, gilt auch für viele andere Länder:
In­fek­tion mit dem Sars-CoV-2- nehmen viele Opfer auf sich. Ein Großteil der Be- zu Hause durchhält, führt einen Kampf der Soli- forderung dieser Zeit auch gerecht wird. Wenn wir eine ­Union sind, dann ist jetzt der Zeit-
Virus sterben. völkerung lebt de facto in Quarantäne, mit Aus- darität und des Respekts zum Wohle aller. Darun- Die Geldpolitik tut alles Nötige, um eine finan- punkt, dies zu beweisen. Unsere Volkswirtschaften
Vor zwei Tagen haben wir in nahme der Menschen – und ihnen sind wir besonders ter sind auch Menschen, die ihren Arbeitsplatz zielle Fragmentierung der Euro-Zone zu vermeiden verfügen über ausreichend personelle und materielle
Italien den Wert von 10.000 Toten überschritten. dankbar –, die dem Land sichern, was unverzichtbar verloren haben oder zu verlieren drohen. und die gemeinsame Währung zu verteidigen. Aber Ressourcen, um die Krise auch aus eigener Kraft zu
Für mich ist das nicht nur eine Zahl. Das sind Na- ist. Vor allem dem medizinischen Personal und de- Wenn es Europa aber gelingt, schnell und ent- zu glauben, Geldpolitik allein könne helfen, wäre ein überwinden. Aber die Anstrengungen selbst der
men, Lebensgeschichten, die vor allem die Genera- nen, die für die Lieferungen von Lebensmitteln und schlossen zu reagieren, wird es gestärkt aus dieser schwerer Fehler. Das würde sie unangemessen belas- stärksten europäischen Volkswirtschaften würden
tion unserer Eltern, der Groß­eltern unserer Kinder, Pharmaprodukten sorgen, sind wir tief verpflichtet. tiefen Krise hervorgehen. An drei Eckpfeilern sollten ten, denn dadurch würde die Phase negativer Zins- sehr bescheidene Ergebnisse bringen im Vergleich zu
betreffen. Das ist die Ge­ne­ra­tion, die nach der Dik- Ich bin stolz darauf, wie die Italiener auf die wir uns orien­tie­ren: eine klare Vision der Zukunft sätze in der Euro-Zone länger andauern. Wirtschaft- dem, was wir erreichen können, wenn wir ein­an­der
tatur und einem Weltkrieg mit Ausdauer und Krea- Restriktionen reagieren, die wegen des medizini- Europas, gemeinsame Ziele, die wir mit vereinten liche Erholung und nachhaltiges Wachstum wären unterstützen. Die Mitgliedschaft in unserer ­Union
tivität gearbeitet hat, bis Italien seinen Platz im Kreis schen Notstandes sogar Grundrechte der Verfas- Kräften erreichen wollen, und die Stärkung der Fähig- aber wiederum nicht gewährleistet, denn diese kön- muss bedeuten, dass wir ihre Stärke nutzen können,
der G7 finden konnte. sung wie etwa die Bewegungsfreiheit und die un- keit der Europäischen ­Union, weltweit auf Augen- nen nur durch entschlossenes und solidarisches euro- um den durch diese Pandemie verursachten Schaden
Italien war zeitlich gesehen das erste europäische ternehmerische Freiheit berühren. Hierbei war mir höhe mit den anderen Großmächten eine führende päisches Handeln entstehen. Vielmehr sollten wir durch eine stabile, langfristige Finanzierung mit den
Land, das von dieser Pandemie getroffen wurde. Aber jedoch immer klar, dass das einzig wirklich »fun- Rolle in Wirtschaft und Politik zu spielen. unsere in großen Schwierigkeiten steckenden Volks- so garantierten niedrigen Zinssätzen zu bekämpfen.
es zeigt sich leider, dass immer mehr Länder erfasst damentale« Recht in unserer Verfassung gerade das Wie die Präsidentin der Europäischen Kommis- wirtschaften sofort unterstützen. Wir brauchen eine Diese Solidarität muss in einem gemeinsamen
werden. Ich denke an Spanien, Frankreich, Deutsch- Recht auf Gesundheit ist. In einer nationalen ge- sion Ursula von der Leyen kürzlich bemerkte: »Un- Strategie des Aufschwungs, die auf eine rasche Er- Plan zum Ausdruck kommen, der durch Transpa-
land, zuletzt Großbritannien. Wir werden von einem sundheitlichen Notlage hat es letztlich Vorrang vor sere wertvollste Ressource ist der Binnenmarkt (...). holung in den am stärksten von der Pandemie be- renz und Strenge allen Beteiligten garantiert, dass
Tsunami überrollt, der – genau wie ein Krieg – die den anderen. Eine Krise ohne Grenzen kann nicht bekämpft troffenen Bereichen zielt, um die Unternehmen in dabei keine »Trans­fer­union« entsteht.
Wirtschaft in Trümmern und die Menschen mit Gleichzeitig musste man berücksich- werden, wenn man zwischen uns wieder dieser schwierigen Zeit vor der Gefahr feindlicher Es geht jetzt darum, eine außergewöhnliche soli-
Traumata hinterlässt. Ich denke in diesen Tagen viel tigen, dass viele von denen, die diesen Grenzen hochzieht.« Die von der Euro- Übernahmen durch Dritte zu schützen. darische Anstrengung zu unternehmen, um dem
darüber nach, was es bedeutet, 60 Millionen Italiener Maßnahmen ausgesetzt waren, nicht auf päischen Zentralbank und der Kommis- Mittelfristig müssen wir die globalen Wertschöp- durch die Pandemie bedingten Notstand und seinen
dazu zu zwingen, zu Hause zu bleiben, während jeden Absicherungen zählen können, die ein sion getroffenen Entscheidungen sind fungsketten Europas stärken und Investitionen und wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen begeg-
Tag im Fernsehen Hunderte von Särgen mit den industrialisiertes Land wie unseres in der ein Zeichen dafür, dass Europa weiß, Maßnahmen fortsetzen, um Europa in die Lage zu nen zu können. Wir müssen geeignete Instrumente
Gefallenen dieses Krieges gegen einen unsichtbaren Regel gewährt. Ich denke an Personen mit dass es stark sein muss. Aber diese – au- versetzen, eine führende globale Rolle bei Innovation für eine beispiellose Situation prüfen, und zwar ohne
Feind gezeigt werden. Es ist eine Schreckenssituation, geringem Einkommen, an die vielen Bür- ßergewöhnlichen – Schritte müssen von und nachhaltiger Wirtschaft zu spielen. Vorurteile und ohne a priori eingelegte Vetos, viel-
von der ich mir nie hätte vorstellen können, sie als ger, die von der Hand in den Mund leben. weiteren Maßnahmen begleitet werden, Jedes europäische Land hat seine Schwächen, mehr mit dem Ziel, dass alle gemeinsam so schnell
Bürger wie als Ministerpräsident erleben zu müssen. Deshalb haben wir vor vier Tagen den Giuseppe Conte, die unsere fiskalischen Anstrengungen sei es die öffentliche oder die private Verschul- wie möglich stärker und geschlossener als vorher aus
Zu keiner Zeit haben wir in Italien die Gefahr Kommunen die notwendigen Mittel zur 55, ist seit 2018 unterstützen. Diese unternehmen wir, dung, eine Verzögerung beim Übergang zu einer der Krise hervorgehen.
unterschätzt. Wir waren äußerst vorsichtig und haben Verfügung gestellt, um – und das sage ich Regierungschef um die Liquidität unserer Unternehmen nachhaltigen Wirtschaft, seien es Immobilienbla- Vergessen wir nicht, dass wir nach Überwinden
sofort Schutzmaßnahmen ergriffen, die maßvoll und ohne Rhetorik – mithilfe von ehrenamt- zu sichern und um vorübergehend ar- sen, unfaire Steuerregelungen oder eine größere der Krise mit einem komplexen geopolitischen Bild
verhältnismäßig immer weiter verschärft wurden. Ab lichen Organisationen das Überleben von beitslose Menschen, um ihr Überleben Belastung durch den Klimawandel. konfrontiert sein werden, dessen gewaltige Probleme
dem 22. Januar, lange bevor die WHO die Corona- Zehntausenden zu sichern. kämpfende Familien und die Schwachen in unserer Gleichzeitig darf kein Land diese Krise aus- wir bereits in den letzten Jahren erlebt haben: Krise
Epidemie zu einer »gesundheitlichen Notlage von Covid-19 ist eine schreckliche Pandemie, die alle Bevölkerung zu unterstützen. nutzen, um Lasten aus der Vergangenheit auf die des Multilateralismus, ökonomische Spannungen,
internationaler Tragweite« erklärte, haben wir die europäischen Länder unausweichlich direkt oder Wir müssen dem gemeinsamen Markt einen Schultern anderer zu legen. Migrationsdruck, Terrorismus. Bei all diesen Proble-
ersten Vorkehrungen getroffen. Die Maßnahmen indirekt trifft. Schauen wir auf unseren Kontinent tieferen Sinn geben, wir müssen Mauern einrei- Dies ist sicherlich nicht die Absicht meiner Re- men werden wir entweder als Europa unsere Stimme
wurden noch restriktiver, als die Auswirkungen des – und wir wissen, dass er nicht allein davon betroffen ßen, nicht bauen. gierung und derjenigen, die mit mir den Brief an den erheben oder gar nicht.
Virus mit größter Härte deutlich wurden. Am ist –, so ist klar, dass die Pandemie schlimme Aus- Ich glaube, dass es noch immer Missverständnisse EU-Ratspräsidenten ­Charles ­Michel unterzeichnet Daher stehen wir heute noch mehr vor einer poli­
8. März beschlossen wir besonders restriktive Maß- wirkungen auf den Binnenmarkt, auf unsere wirt- und Misstrauen gibt, die unseren Ländern eine ge- haben, in dem wir die Notwendigkeit einer solidari- tischen als vor einer wirtschaftlichen Herausforde-
nahmen für den reichsten Landesteil Italiens, die schaftliche Verflechtung haben kann und letztlich meinsame Lösung schwer machen. Die ist jedoch von schen und entschlossenen Reaktion der gesamten EU rung. Aber die Herausforderung wird diese Etappe
Lombardei mit ihrer wirtschaftlichen Spitzenstellung auf unser europäisches Projekt, das uns von der Nach- grundlegender Bedeutung für unsere U ­ nion: Wir vorschlagen. Wie ich bereits mehrfach gegenüber den Europas prägen, eine Etappe, die ich, ohne zu zögern,
und herausragenden Produktivität. Unmittelbar kriegszeit bis heute 75 Jahre Frieden, wirtschaftlichen müssen daran arbeiten, dieses Misstrauen zu über- anderen europäischen Staats- und Regierungschefs historisch nenne, vergleichbar mit dem Fall der Ber-
darauf mussten wir diese und noch strengere Maß- und sozialen Fortschritt gesichert hat. winden. Die europäischen Volkswirtschaften sind betont habe, möchte ich auch an dieser Stelle daran liner Mauer 1989 oder mit der Schaffung der Wäh­
nahmen auf das gesamte Land ausdehnen. Wir stehen keineswegs vor einer Neuauflage der stark integriert. Weit über die Hälfte der Exporte erinnern, dass Italien – im Gegensatz zu dem, was wir rungs­union 1999.
Obwohl das nationale Gesundheitssystem ins- Krise von vor zehn Jahren. Die jetzige Krise entsteht Italiens und Deutschlands gehen in den Europäischen nur allzu oft hören – in den Jahren nach der Staats- Die politische Klasse dieses Kontinents muss sich
gesamt effizient und gut aufgestellt ist, hatte es bald nicht durch finanzielle oder fiskalische Ungleich­ Binnenmarkt, der bilaterale Handel ist sehr umfang- schuldenkrise nicht nur einen schwierigen fiskali- bewusst sein, dass es um die Bewältigung einer his-
Schwierigkeiten, auf einen solchen Gesundheitsnot- gewichte, sie hat ihren Ursprung nicht in falschen reich. Beim Handelsaustausch zwischen unseren schen Anpassungsprozess mit systematischen primä- torischen Aufgabe geht, um nichts anderes. Wir
stand zu reagieren. Sofort begann der Wettlauf um politischen Entscheidungen. In Europa trifft sie uns Ländern wird das Ausmaß der wirtschaftlichen Ver- ren Haushaltsüberschüssen zwischen 2010 und 2019 können die heutige Herausforderung nicht mit der
den Nachschub der notwendigsten medizinischen alle gleichzeitig mit der Wucht einer Naturkatastro- flechtung unterschätzt. Globale Wertschöpfungs- durchlaufen hat, sondern auch die krisengeschüttel- Brille der Vergangenheit angehen. Wir dürfen auch
Ausrüstungsgüter (vor allem Schutzmasken, Ein- phe. Wir sind von einem Tsunami überrollt worden, ketten verbinden unsere Industrien eng mit­ein­an­der, ten europäischen Partner sowohl bilateral als auch nicht glauben, dass alte, für ganz andere Situationen
wegkittel und Beatmungsgeräte). Gleichzeitig befass- während wir noch mit der Heilung der Wunden des auch in der Produktion, die auf Drittmärkte ausge- durch die Teilnahme an gemeinsamen Programmen konzipierte Instrumente die bürokratische Antwort
ten wir uns mit der Ausweitung der Produktionskapa- Finanzschocks von 2008/09 beschäftigt waren. richtet ist; die Wirtschaftszyklen Italiens und (EFSF, ESM) finanziell unterstützt hat. Dieser Weg auf diese epochale Wende sein können. Ich bin zu-
zitäten der wenigen italienischen Unternehmen, die Wie soll unsere Antwort lauten? Deutschlands sind dadurch stark synchronisiert. der umsichtigen Verwaltung unserer Finanzen wird tiefst davon überzeugt, dass Europa aufgrund seiner
diese Güter herstellen, und mit deren Beschaffung Kurzfristig müssen wir, müssen alle EU-Länder Schon das zeigt deutlich, wie unabdingbar eine ge- nach der Überwindung der gegenwärtigen Krise Geschichte, seiner Kultur und seiner Menschen das
auf einem internationalen Markt, der mittlerweile schnell, entschlossen und koordiniert handeln, um meinsame Lösung ist. Wenn hingegen ein EU-Mit- gemäß den gemeinsam festgelegten Regeln fortge- Zeug dazu hat, diese dramatische Situation zu über-
verzerrt und von einigen wenigen skrupellosen Zwi- Menschenleben zu retten sowie unsere hart getrof- gliedsstaat zurückbleibt, weil eine angemessene und setzt werden. winden. Die politische Führung Europas wird in den
schenhändlern durchdrungen war. fenen Volkswirtschaften und unsere Arbeitnehmer solidarische europäische Reaktion ausbleibt, so wird Es wäre ungerecht, unseren Weg der Konsoli- kommenden Jahren daran gemessen werden, wie gut
Wir haben von vielen Ländern Unterstützung zu schützen. Jede Alltagshandlung eines jeden un- uns das alle schwächen. Alle europäischen Staaten dierung durch die Last einer für uns besonders sie in der Lage war, sich koordiniert, rechtzeitig und
erhalten. Deutschland zählt zu den Ländern, die serer europäischen Bürger, jede schwierige poli­ müssen jetzt ihren Beitrag leisten, ohne Ausnahme. schwierigen Naturkatastrophe noch schwerer zu mutig zu bewegen.
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 POLITIK 3
TITELTH EM A : WI E SCHÜTZEN WIR D I E S C H W A C H E N ?

Foto: Antonio Calanni/AP/dpa


Eine Krankenschwester am Ende ihrer Schicht, porträtiert vom Fotografen Antonio Calanni im italienischen Bergamo am 27. März

Plötzlich Elite
In der Krise offenbart sich: Systemrelevant sind die Unterbezahlten. Wie das Virus die soziale Frage neu aufwirft  VON ROBERT PAUSCH , ELISABETH R AETHER UND BERND ULRICH

K
ein Mensch kann mit der gan­ auffüllern auch mal gekündigt wird, wenn sie auf Wer schützt die Schwachen? Die Antwort lau­ Krankenhaus, Äpfelchen für Kita-Kinder schneiden, ihrer Situation als Einwanderer dazu gezwungen.
zen Wahrheit über sich selbst die Idee kommen, einen Betriebsrat zu gründen – tet im Wesentlichen: die Schwachen. den Alten die Füße waschen – was soll daran beson­ Viele steigen entkräftet lange vor der Rente aus. Auch
leben, wahrscheinlich nicht ein­ sind es 250 Euro. Und der Discounter Kaufland ders sein? Bricht nicht gerade eine Pandemie aus,­ die gegenwärtige Bundesregierung hat nicht vor, den
mal mit der halben. Noch weni­ wirbt mit »Sonderzahlungen für Superhelden«. Ausbeutung der Frauen – durch Frauen erscheint es als selbstverständlich, dass diese Dinge Pflegeberuf dramatisch aufzuwerten, sondern sucht
ger kann es eine Gesellschaft, Milde Gaben, immerhin steuerfrei. erledigt sind. So wie die Sonne morgens auf- und nach Ersatz im nahen und vor allem fernen Ausland,
stets müssen Teile der Wirklich­ Der Katastrophenfall, das kann man nun häufig Diejenigen, die in dieser durch ein Virus kenntlich abends wieder untergeht. Zumal viele der Tätigkeiten wo diese Kräfte dann wiederum fehlen werden, denn
keit abgedunkelt, weich gezeich­ hören, sei nicht der richtige Zeitpunkt für Vertei­ werdenden Gesellschaft systemrelevant, schlecht denen ähneln, die Frauen zu Hause auch unbezahlt auch dort wütet die Pandemie. Man gebe den Mi­
net werden, damit die öffentliche Debatte nicht lungsdebatten. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, bezahlt und besonders gesundheitsgefährdet sind, und scheinbar nebenbei erledigen: putzen, kochen, grantinnen doch eine Chance, sagen die einen. Aber
explodiert und die letzte Adresse für Klagen und wenn nicht jetzt, da die Krise den existenziellen Cha­ haben mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine waschen, spülen, kümmern, sorgen, pflegen. es ließe sich auch ganz anders formulieren: Man
Defizite nicht überstrapaziert wird, also die Politik. rakter der Ungleichheit für alle erkennbar offenlegt? weitere Eigenschaft: Es sind ganz überwiegend Allerdings muss man einschränkend sagen: nur macht die grundlegende Versorgung der eigenen
Katastrophen jedoch treiben Wahrheiten her­ Der Status quo jedenfalls stützt sich in diesen Tagen Frauen. bestimmte Frauen. Den anderen drängt sich jetzt Bevölkerung von der Dysfunktionalität bestimmter
vor, die sich dann nicht mehr so leicht moderieren auf Applaus plus Warengutscheine. In den vergangenen Jahren konnte der Eindruck vielleicht, da die Kinder den ganzen Tag zu Hause Länder abhängig und von der Verzweiflung ihrer
lassen. Insofern bringt Corona auch eine mentale entstehen, die öffentliche Auseinandersetzung über sind und die Putzfrauen, Babysitter und 24-Stun­ Einwohnerinnen. Sozial nachhaltig ist die Strategie
Erschütterung mit sich, eine intellektuelle, eine Das Virus ist doch wählerisch Frauen und Männer und die Gerechtigkeit zwischen den-Altenpflegerinnen nicht mehr kommen, ein nicht. Der Verband für häusliche Betreuung und
emotionale. Zu viel Wirklichkeit in zu wenig Zeit. ihnen sei ohne Relevanz in der Wirklichkeit, eine Art höchst unangenehmer Gedanke auf: Beruht meine Pflege warnt jetzt, dass 100.000 bis 200.000 Men­
Plötzlich werden gut behütete Skandale gewisser­ »Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch«, hat Debattierclub: Wer hat die schärfere Zunge? Wer relative Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt schen schrittweise nicht mehr versorgt werden kön­
maßen fällig, hervorgebracht durch neue Begriffe. der Soziologe Ulrich Beck einmal über die Wir­ kann dem anderen ein Argument im Mund verdre­ eigentlich darauf, dass ich andere Frauen ausbeute? nen, allein bleiben oder in die ohnehin überfüllten
Zum Beispiel »systemrelevant«. Virologen und kung von Naturkatastrophen geschrieben. Ist Sars- hen? Die FAZ nannte Feministinnen zum Beispiel Viele bleiben nämlich jetzt auf einem Haufen Kliniken gebracht werden müssen, weil nach den
Ärzte, auf die jetzt die Öffentlichkeit starrt, passen CoV-2 also am Ende ein Gleichmacher, Sozialis­ rhetorisch durchaus kunstvoll »Opferentrepreneure«, Care-Arbeit sitzen und merken, dass die Mühen des Grenzschließungen die Pflegerinnen zurück in ihre
noch ganz gut zu dem Bild, das man sich schon in mus durch Tröpfcheninfektion? Oder ist es viel­ denen durch die abnehmende Ungleichbehandlung häuslichen Alltags gar nicht zwischen den Geschlech­ Heimatländer wollen. Globale Care-Ketten zerreißen
der vorcoronaischen Gesellschaft von den Wichti­ mehr umgekehrt, wird das Biologische durch das die Geschäftsgrundlage entzogen werde. Es werde ja tern aufgeteilt ist. Sie wird einfach von bessergestell­ dann, wenn es darauf ankommt.
gen, den Leistungsträgern machte. Aber Pflegerin­ Soziale überformt? Wählt das Virus doch aus? immer schwieriger, Diskriminierungen auszumachen. ten Frauen an weniger glückliche Frauen weiter­
nen, Verkäuferinnen, Paketboten, Polizisten,­ Einen ungewohnten Begriff musste die Öffent­ Vielleicht ist es unfair, einen einzelnen Artikel gereicht. Sich aus dem Patriarchat herauskaufen, Systemrelevante gegen Systemvirtuose
Erzieherinnen, Lastwagenfahrer? Sieh an: Die Elite lichkeit nun lernen: Vorerkrankung. Ein nüchter­ aus der FAZ zu zitieren, denn die Vorstellung, dass nennt das die Autorin Jessa Crispin.
sitzt also unten. nes Wort, um die nicht altersbedingte Risikogrup­ man Benachteiligungen mit der Lupe suchen müss­ Verwerflich ist das vielleicht nicht unbedingt, Die Kluft zwischen Gleichheit vor dem Gesetz
Das sind also die, auf die es ankommt, wenn pe zu beschreiben. Dazu einige Befunde aus jünge­ te, ist weit verbreitet, unabhängig von Milieu und Männer lassen sich schließlich erst recht bedienen. und Ungleichheit in der Wirklichkeit füllte bis­
es ernst wird. Gewöhnlich finden sie aber nur­ ren Studien des Robert Koch-Instituts: politischer Einstellung. Das Patriarchat ist zu einer Aber man kann es auch nicht Feminismus nennen, lang das unschuldige Wort Leistung. Dass es ein
Beachtung, wenn sie streiken oder – das wirksa­ Ein mittelalter Mann mit niedriger Berufsqua­ Legende geworden, viel hat man davon gehört, wenn Frauen insgeheim darauf setzen, dass andere gerechtes Unten und Oben gibt, wurde mit »Leis­
mere Mittel – AfD wählen. Sie sind zugleich lifikation hat ein achtmal höheres Risiko, auf­ manches vielleicht gelesen, aber lange her, weit weg. Frauen schlecht bezahlt werden und in unsicheren tungsunterschieden« begründet. Doch wenn das
auch die, deren Arbeit für sie selbst besonders grund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung frühver­ Jetzt erst fällt es auf: Der Frauenanteil in system­ Verhältnissen ohne Aufstiegsmöglichkeiten arbeiten. Land noch länger Mut, Disziplin und Selbstlosig­
gesundheitsgefährdend ist und besonders schlecht rentet zu werden, als ein hoch qualifizierter Mann relevanten Berufen liegt bei 75 Prozent. Noch höher Würde Care-Arbeit angemessen entlohnt, hätten die keit an den Supermarktkassen und in Polizeiautos
bezahlt wird. im selben Alter. ist er in systemrelevanten Berufen, die wenig angese­ Männer bald wieder deutlich weniger Konkurrenz in lobt, lässt sich bald nur noch schwer behaupten,
Frauen aus dem unteren Drittel der Gesell­ hen sind und in denen niedrige Löhne gezahlt werden. den Büros. Nun kann man besichtigen, was vorher dass ein geringer Lohn das gerechte Produkt­
Große Gesten, kleines Geld schaft haben ein rund dreimal höheres Risiko, an Krankenpflegerinnen, Hilfen in Arztpraxen, Reini­ eine Ahnung war: Der Frieden zwischen den­ geringer Leistung sei.
einer chronischen Bronchitis zu leiden, als Frauen gungskräfte (das sind die, die nun dreimal am Tag Geschlechtern ist prekär. Was gestern noch halbwegs logisch klang, wirkt
Die Wichtigsten kriegen also am wenigsten? Wie aus dem oberen Drittel. durch die Büros laufen und alles desinfizieren), Ver­ heute ungewollt zynisch. Leistung muss sich wieder
kann das sein? Schnell soll die Sache mit Gesten 13 Prozent der Menschen mit niedrigem Ein­ käuferinnen in Supermärkten und Drogerien – laut Nie war Ungerechtigkeit ineffizienter lohnen? Jaja, aber doch bitte nicht so und nicht jetzt.
und ein wenig Geld wieder zum Verschwinden ge­ kommen bewerten ihre eigene Gesundheit als der sogenannten Magnitude-Prestigeskala, basierend Etwas war zwischen den Systemrelevanten und den
bracht werden. In den Stuckdeckenvierteln der »sehr schlecht oder schlecht«. Bei hohen Einkom­ auf repräsentativen Befragungen durch das Deutsche Und Effizienz und Gerechtigkeit scheinen doch Systemvirtuosen, zwischen den Wohlhabenden und
Republik tritt man allabendlich aus dem Home­ men liegt dieser Wert bei zwei Prozent. Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), liegt das enger, ja fundamentaler zusammenzuhängen als ge­ dem gehobenen Mittelstand einerseits und dem Heer
office, um jenen zu applaudieren, die den Laden, Ein Busfahrer muss sich im Jahr siebenmal häu­ Ansehen dieser Berufe unter dem Durchschnitt. dacht. Die Lieferketten – auch die medizinischen – ihrer schlecht bezahlten Dienstleister andererseits
wie man jetzt sagt, am Laufen halten. Die den Müll figer krankschreiben lassen als ein Professor, eine Berufsgruppen dagegen, die als Männerberufe global zu organisieren, um die Produkte billig zu schon länger aus der Balance geraten.
abholen, die Kranken pflegen, die Kinder der Ärz­ Altenpflegerin viermal häufiger als eine Ärztin. klassifiziert werden (das heißt, in denen weniger machen und die Profite groß, das scheint ja nun gi­ Welche Gesellschaft aber kann es sich leisten, dass
tinnen und Ärzte hüten. Nun ist Gratissolidarität Männer mit geringem Einkommen sterben im als 30 Prozent Frauen arbeiten), machen nur einen gantische Kosten nach sich zu ziehen, von den Men­ alle angemessen entlohnt werden? Wer muss ver­
erst einmal besser als keine Solidarität. Aber nach Schnitt 8,6 Jahre früher als Gutverdiener. kleinen Teil der systemrelevanten Jobs aus. Und sie schenleben ganz zu schweigen. Nach Berechnungen zichten, wenn andere mehr verdienen? Mit ein biss­
wie vielen Tagen Ausnahmezustand klingt der Bei­ Die Chance, die Pandemie zu überleben, steigt genießen durchaus Ansehen, das gilt für IT-Berufe des Ifo-Instituts kostet das derzeitige Herunterfahren chen Beitragserhöhung etwa im Gesundheitssystem
fall nicht mehr freundlich, sondern höhnisch? Was mit dem Einkommen. Wer dagegen weniger wohl­ ebenso wie für die Beschäftigten der Luftfahrt. der Wirtschaft die Deutschen 31 Milliarden Euro. wird es ja wahrscheinlich nicht getan sein. Eher
genau rechtfertigt, dass ich selbst das Vielfache des habend ist (also tendenziell systemrelevant), zählt Ohne Übertreibung kann man wahrscheinlich er­ Jede Woche. Was bedeutet, dass schon nach drei schon steht der ganze Kreislauf infrage: die systemi­
Gehalts derer verdiene, die ich beklatsche? Die mit größerer Wahrscheinlichkeit zur Covid-19- gänzen, dass Männer es vermögen, den Krisen in Monaten Corona-Shutdown das gesamte Jahres­ sche Ausbeutung in unseliger Kom­bi­na­tion mit
Rechnung »fünf Jahre Studium gleich fünffacher Risikogruppe. Das Virus ist nicht egalitär, es ist ihren typischen Berufen Gehör zu verschaffen, ob budget für Gesundheit noch einmal verbraucht ist. Selbstausbeutung, die für andere die Gewinne in die
Verdienst, und das ein ganzes Leben lang« scheint selektiv: Es trifft Supermarktkassiererinnen mit systemrelevant oder nicht: Kohlekumpel, Ange­ War irgendetwas in der Geschichte der Mensch­ Höhe treibt. Die verborgenen Kosten der Privatisie­
an irgendeiner Stelle nicht mehr plausibel zu sein. einer höheren Wahrscheinlichkeit als Software- stellte in der Automobil- und Zuliefererindustrie, heit schon mal so teuer wie die heute fehlende Pfle­ rung treten nun in Gestalt von überlasteten Mitarbei­
Was an den Verhältnissen ist gerecht und was nur Entwickler, Hauptschüler eher als Abiturienten. Geld verarbeitendes Gewerbe. gerin für das Bett auf einer Intensivstation, derent­ tern und unterversorgten Patienten zutage. Kann
Gewohnheit? Schnell kann man auf seinem Balkon Die Gegensätze liegen in diesen Tagen offen. Die Offenbar gibt es eine Korrelation zwischen wegen nun ganze Volkswirtschaften drastisch herun­ sich diese Gesellschaft Profite im Gesundheitswesen
ins Grübeln kommen. soziale Frage der sozialen Distanzierung lautet: Ist Frau und schlecht bezahlt, nicht anerkannt, nicht tergebremst werden müssen? So rächt sich – und zwar noch leisten?
Die Supermarktketten, deren Umsätze in die­ das eigene Zuhause ein Ort von Privatheit, eine gesehen, unentbehrlich. Ist das vielleicht dieses­ ökonomisch –, dass die Löhne in der Pflege so nied­ Es scheint so, als könne sie, wenn diese Krise­
sen Tagen zwar nicht exponentiell, aber beträcht­ Rückzugsmöglichkeit, oder im Gegenteil gefährlich Patriarchat? rig sind und dass es infolgedessen auch nicht genug irgendwann vorbei ist, jedenfalls nicht einfach zu
lich wachsen, versuchen die neuen Fragen in und deprimierend? Distanz war seit je ein Privileg Paradoxerweise liegt gerade in der Unverzichtbar­ Menschen gibt, die sich das in Kombination mit einer Normalität zurückkehren, die zu diesem Aus­
Wohltätigkeit zu wattieren. Real hat seinen Mit­ des Bürgertums. In Ruhe gelassen werden, sich­ keit ein Grund für die geringe Anerkennung. Die immenser Arbeitsbelastung antun wollen. nahmezustand beigetragen hat.
arbeitern versprochen, dass sie an Ostern für 100 besinnen, zu sich kommen – man muss es sich Arbeit, die Frauen leisten, ist so grundlegend, dass Diejenigen, die den Job trotzdem machen, haben
Euro einkaufen können, bei Lidl – wo sonst Regal­ leisten können. man sie nicht wahrnimmt. Die Böden wischen im ein zu großes Herz, oder sie sehen sich aufgrund AA www.zeit.de/audi
4 POLITIK 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

Gegen den
»Rausch des
Ausnahmezustands«
Im nordrhein-westfälischen Heinsberg,
wo alles begann, sucht
Ministerpräsident Armin Laschet
nach Wegen aus dem Stillstand

M
an kann seinen Gesichtsausdruck
hinter der Atemmaske nicht richtig
sehen. An diesem Montagmittag
weiht Armin Laschet ein »virtuelles
Krankenhaus« für die intensivmedizinische Be-
handlung von Corona-Patienten in seiner Heimat-
stadt Aachen ein. Trotzdem wird klar: Für den
nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, po-
tenzieller Kanzlerkandidat der CDU, ist der Kampf
gegen die Pandemie längst mehr als eine medizi-
nische Notlage. »Wir als Politiker sind gut beraten,
jetzt nicht dem Rausch des Ausnahmezustands
und der Tatkraft zu verfallen«, findet Laschet, ohne
Namen zu nennen, und greift nach dem ganz gro-
ßen Besteck: Gerade noch habe man 70 Jahre
Grundgesetz gefeiert, nun sei man dabei, die wich-
tigsten Freiheiten fundamental zu beschneiden.
Über die Frage, wie man da wieder herauskomme,
müsse es doch »ein öffentliches Gespräch geben«.
Da liegt die Telefonschalte mit der Parteispitze, auf

Virengrüße
der bekräftigt worden war, bis zum 20. April alle
Debatten über »Exit-Szenarien« einzustellen, gerade
vier Stunden hinter ihm.
Die Covid-19-Eindämmung als Demokratie-
projekt – für diese ehrgeizige Idee hat Armin La-
schet 50 Kilometer vor seiner Aachener Haustür
jetzt sein eigenes Labor: Es ist die Stadt Heins-
berg, 250.000 Einwohner und mit 1220 Erkrank-

aus Moskau
ten und 31 Toten (Stand Samstag) so etwas wie
der »Ground Zero« des Corona-Virus in Deutsch-
land. Hier hatte, mit der »Kappensitzung« in der
Bürgerhalle am Abend des 15. Februar, alles ange-
fangen. Es war zum Tanz eines Männer-Balletts
im Kreis von 300 Feiernden gekommen, bei dem
»Patient Null« ahnungslos vergnügt das Virus wei-
tergegeben hatte. Seither erleben die Heinsberger,
Der russische Staat und deutsche Rechtsradikale nutzen die ausweislich ihrer Facebook-Nachrichten (Recher-
chen vor Ort verbieten sich derzeit noch), nicht
Corona-Krise, um im Internet Desinformation zu verbreiten. nur Solidarität von ihren Landsleuten. »Heinsberg
Haben sie eine Chance?  VON CHRISTIAN FUCHS, – Partnerstadt von Wuhan«, hat jemand unter ein
Foto des Ortsschilds montiert. Die Heinsberger
LUISA HOMMERICH UND PAUL MIDDELHOFF werden als »Corona-Schleudern« bezeichnet, Au-
tos mit dem Kennzeichen »HS« werden zerkratzt
und die Reifen zerstochen.
Jetzt will Laschet aus dem Paria-Status von
Heinsberg mithilfe der Wissenschaft einen Tri-
umph machen – nicht nur für die Bekämpfung
des Virus, sondern auch für den Schutz der De-
mokratie in Zeiten des Gesundheitsnotstands. Seit
Montag befragt ein Team unter der Leitung von
Hendrik Streeck, Professor für Virologie an der
Universität Bonn, tausend willkürlich aus­gewählte
Probanden in Heinsberg. Zuvor hatte man dort
schon bei Infizierten im Schutzanzug geklingelt,
Blutproben und Rachenabstriche entnommen.
Ein bisschen Toilettenwasser wird in Röhrchen
gefüllt, Luft in Testballons gesaugt, die Türklin-

D
ken abgestrichen, die Oberfläche der Handys ab-
gewischt. »Heinsberg ist das Deutschland von
as Dokument zeich- Der EAD attestiert ihm einen Riesenerfolg in wahl 2016 hatten vom Kreml beauftragte In- sant. Allein in der vergangenen Woche gewann morgen«, sagt Streeck. »Der Landkreis ist der Re-
net das Bild einer den sozialen Netzwerken. Und das nicht ohne ternetaktivisten der russischen Trollfabrik In- dieser Kanal über 10.000 neue Abonnenten. publik immer zwei bis drei Wochen voraus.«
akribisch geplanten Grund: »Eine signifikante Desinformations- ternet Research Agency (IRA) mit Sitz in Mos- Diese Entwicklungen beschäftigen auch das Der 42-jährige Mediziner hat sich einen Na-
Operation: Offizielle kampagne russischer Staatsmedien und Pro- kau Millionen Tweets, Facebook-Kommentare Bundesinnenministerium und die deutschen men als HIV-Forscher gemacht. Er hat an der Uni
Nachrichten-Websites Kreml-Kanäle betreffend Covid-19 läuft«, und Blogposts abgesetzt, um so den Verlauf der Geheimdienste. »Das Coronavirus findet in Bonn die Nachfolge von Christian Drosten ange-
und falsche Online- schreiben die Experten des EAD. Sie sehen Wahl zu stören. Die IRA wurde daraufhin von der rechtsextremistischen Szene große Beach- treten, dem Charité-Virologen, der derzeit die
Accounts kapern Dis­ hinter alldem ein Kalkül: »Diese Bemühungen einem US-Gericht verklagt, Twitter löschte einen tung«, sagte Thomas Haldenwang, der Präsi- Bundesregierung berät. Streeck stellt die Frage, die
kussionen über das decken sich mit der umfassenderen Strategie Großteil der Fake-­Accounts. dent des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Laschet auch stellen will, ob es der Bundesregie-
Coronavirus im Netz. des Kremls, die darauf zielt, europäische­ Jedoch wurden offenbar nicht alle Trollprofile der ZEIT. Die Pandemie werde zum Anlass ge- rung gefällt oder nicht: Wie kommen wir da wie-
In mehreren Sprachen und auf unterschiedlichen Gesellschaften zu unterwandern, indem ihre gelöscht. Die ZEIT hat 41 Accounts aus dem Um- nommen, das Vertrauen in die Bundesregie- der raus? Welche Maßnahmen braucht man wirk-
Plattformen heißt es, Migranten hätten die­ Schwächen und internen Kon­flikt­li­nien ausge- feld der IRA ausgewertet. Sie sind seit Jahren aktiv, rung zu untergraben, »Verschwörungstheorien lich, und welche werden nur im »Rausch des Aus-
Seuche eingeschleppt. Anderswo wird behauptet, nutzt werden.« twitterten 2014 zur Krim-Krise, bewarben 2016 zu verbreiten und Migranten als Überträger nahmezustands« angeordnet?
die westlichen Regierungen ließen ihre Bürger Als Ende Februar die Fälle des Coronavirus den Brexit, schimpften im Vorfeld der letzten des Virus zu brandmarken. Gleichzeitig wer- In Heinsberg wurden beispielsweise sehr früh
im Stich. in Deutschland zunahmen, hatten Nutzer auf Europawahlen auf die EU. Jetzt geht es auf diesen den Untergangsszenarien entworfen, um Zu- Schulen und Kitas geschlossen. Bislang haben die
Neun Seiten umfasst der interne Bericht des Face­book und Whats­App ein­an­der noch weit- Accounts um das Coronavirus: Viele der Nach- stimmung zu radikalen und extremistischen Forscher noch keinen Beleg dafür gefunden, dass
Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) zur gehend harmlose Fake-­ News zugeschickt, richten lassen den liberalen Westen schlecht da- Positionen zu erzeugen.« das geholfen hat.
ausländischen Propaganda in der Corona-Krise. etwa, dass aufgeschnittene Zwiebeln das Virus stehen. Einige der Accounts loben das Krisenma- Noch reagieren die deutschen Sicherheits- Laschet sei ihm dankbar dafür gewesen, dass
Eines der enthaltenen Diagramme zeigt, wie seit aus der Luft filtern. Aber die Informations- nagement von US-Präsident Trump, einer teilt das behörden auf die Störversuche aus Russland Streeck eine Klärung verlangt: »Wohin genau
ANZEIGE kampagnen der Bundesregierung greifen mitt- Video eines italienischen Mannes, der eine EU- mit Gelassenheit. Die Einschaltquoten und wollen wir mit den Maßnahmen? Wollen wir
lerweile, derart simple Falschmeldungen ver- Flagge anzündet. Die Tweets sind mal scharf, mal Klickzahlen der vergangenen Wochen seien ein eine Eindämmung?« Die Bundesregierung han-
fangen nicht mehr so leicht. Seit einigen Wo- hetzerisch, mal neutral formuliert, aber oft weisen Beleg dafür, dass sich die Deutschen in der Kri- dele gut und situativ, aber »wir müssen einen
LESEN SIE IN UNSERER chen jedoch verändert sich die Kommunikati- sie in eine Richtung: Europa packt es nicht, die se überwiegend den klassischen Medien zu- Kompass entwickeln.« Für Streeck bietet Heins-
on im Netz, eine neue Form der Desinformati- Regierungen schützen die Menschen nicht. wandten, lautet ihre Interpretation. Tatsächlich berg eine so perfekte Forschungssituation, dass er
AKTUELLEN AUSGABE: on tritt auf. Es kursieren Meldungen, die da- »Einer der Gründe, warum der kriminelle sahen 9,9 Millionen Menschen am 15. März nicht versteht, warum das der Bundesregierung
rauf zielen, den ge­sell­schaft­lichen Zusammen- tiefe Staat in einem Wahljahr den #Covid19 die Tagesschau, so viele Zuschauer hatte die unterstellte Robert Koch-Institut (RKI) nicht
halt aufzuweichen und das Vertrauen in die Nachrichtensendung seit der Fußball-WM längst vor Ort ist. »Da wär ich doch vor einem
Die Corona- öffentlichen Institutionen zu zerrütten. Sie
biologischen Terror auf uns losgelassen hat: um
unsicherere Wahlmethoden einzuführen«, teilt 2018 nicht mehr. Der tägliche NDR-Podcast Monat schon mit einem Team angerückt!« Auch
werden von russischen Staatsmedien verbreitet ein Nutzer, der sich als Trump-Fan ausgibt. Ein mit dem Virologen Christian Drosten bringt es Streeck hat inzwischen einen Podcast wie der
Exitstrategie oder in rechtsextremen Chatgruppen gepostet.
Andre Wolf, der mit seinem Verein Mimikama
anderer Account mit fast 25.000 Followern und
einem Soldaten als Profilbild beschäftigt sich
bislang auf 15 Millionen Aufrufe. Die Sicher-
heitsbehörden nehmen daher an, dass die
nun allseits bekannte Christian Drosten.
Für Laschet, dessen Landesregierung mit dem
Internetmissbrauch erforscht und derzeit so- mit Angela Merkel: »Sie hat jetzt Angst ein Kil- Deutschen derzeit wenig anfällig für ausländi- Hashtag #NRWkanndas für sich wirbt, ist das der
der Wirtschaft wohl die österreichische als auch die deutsche lervirus zu haben«, schrieb er vergangene Wo- sche Propaganda sind. Beginn eines Demokratieprojekts, in dem eben
Regierung berät, spricht von »staatszersetzen- che, »nachdem sie versucht hat, Europa zu tö- Sorgen macht ihnen eher das Vorgehen des »mehr erklärt wird, als das früher oft der Fall war«.
den Mythen«. ten, indem sie die Grenzen für Millionen Men- Kremls in Italien. Dass dort vergangene Woche Die CDU unter Angela Merkel, unter der das
AB FREITAG IM HANDEL Die Pandemie, so scheint es, eröffnet das schen aufgemacht hat.« Die Tweets sind ein russische Hilfskonvois, geschmückt mit der manchmal wohl nicht so der Fall war, erfreut sich
nächste Kapitel im globalen Informationskrieg. weiteres Indiz dafür, dass der russische Staat die weiß-blau-roten Landesfahne, medizinische Aus­ derzeit kräftig anziehender Umfragewerte. Starke
Der in einem scharfen Ton verfasste Bericht Pandemie für seine politischen Zwecke nutzt. rüstung und Personal lieferten, werten die Exekutive, ein lautes, selbstbewusstes Wir sowie
des EAD kann auch als Si­gnal an Russland ver- Auch das aus Deutschland stammende An- Dienste als Teil einer »hybriden Konfliktfüh- ein Appell an Gemeinsinn und Eigenverantwor-
standen werden. Die EU will damit zeigen, gebot politischer Agitation nimmt zu. Im »Dark rung«. Denn ohnehin kritisierten viele Italiener tung – es wirkt, als wisse die Partei seit Langem
dass sie genau hinschaut, wie sich Moskau in Social«, den geschlossenen Chatgruppen auf angesichts der verheerenden Lage, dass die EU einmal wieder, wer sie ist. Ob die Bürger in dieser
der Krise verhält. Messenger-Diensten wie Whats­App oder Tele- ihr Land im Stich lasse. Eine solche russische Lage allerdings eine Regierung wollen, die jeden
Illustration: Doreen Borsutzki für DIE ZEIT

Aber nicht nur Brüssel warnt vor russischer gram, verbreiten Rechtsradikale zunehmend PR-Aktion vertiefe diesen Eindruck und zerstöre neuen Schritt breit zur Diskussion stellt, ist eine
Einflussnahme. Auch das US-Außenministeri- ihre Thesen zum Virus und zu dessen Ausbrei- das Vertrauen in die europäischen Nachbar­ offene Frage. Laschet selbst fing sich am Montag
um erklärte Anfang März, Moskau nutze tung. Über 250 solcher Telegram-Kanäle gibt es staaten, heißt es in Sicherheitskreisen. jedenfalls erst mal eine höhnische Twitter-Dusche
»Schwärme von falschen Online-Identitäten«, derzeit in Deutschland, einige von ihnen haben Die russischen Staatsmedien flankieren die ein, weil er bei der Einweihung des virtuellen
Anfang des Jahres immer mehr Menschen im­ um in der Corona-Krise die Stimmung im Netz neutrale Namen wie »Coronavirus-Ticker«, ver- Hilfsaktion im Netz. Auf der deutschsprachigen Krankenhauses vergessen hatte, seine Nase unter
Internet nach Informationen über das Virus su- zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dazu werde breiten jedoch Falschinformationen aus der Seite von Russia Today erschien am Montag ein den Mundschutz zu stecken. Den Spott parierte er
chen: eine Kurve, die Ende Februar steil ansteigt. das »gesamte Ökosystem russischer Desinfor- »Reichsbürger«-Bewegung und der amerikani- Text, der die mangelnde Solidarität innerhalb flugs mit einem Gebrauchsanweisungs-Video.
Der Bericht, datiert auf Mitte März, zeigt auch, mation« eingesetzt. Washington hat mit diesem schen Q-Anon-Strömung, auf die sich auch der Europas kritisierte. Deshalb eilten nun »China, NRW kann das.  MARIAM L AU
welche Medien davon profitieren: Russia Today System schon einmal schmerzhafte Erfahrun- Attentäter von Halle bei seiner Tat bezog. Vor Russland und Kuba« der notleidenden Regierung
etwa, der staatliche Auslandssender Russlands. gen gemacht. Im Vorfeld der Präsidentschafts- allem der Channel »Qlobal-Change« wächst ra- in Rom zu Hilfe. AA www.zeit.de/audi
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 POLITIK 5

Torten der Wahrheit


VON K ATJA BERLIN

Was Corona auf einmal möglich


gemacht hat

Innenminister
Horst Seehofer
beim »social
distancing«
während einer
Kabinettssitzung
Foto: Fabrizio Bensch/Reuters/Pool/dpa

Bargeldlos zahlen

Homeoffice

Leuten problemlos den Handschlag verweigern

Dafür gelobt werden, dass man auch bei


Sonnenschein den ganzen Tag Computer spielt

Nah am Herzen
Randgruppen, die nach Corona auf noch
mehr Unverständnis stoßen werden

In der Corona-Krise gibt Horst Seehofer das Tempo vor – auch weil er schon einmal gegen ein Virus gekämpft hat 
VON MARC BROST

D
ieser Mann ist so etwas wie der See- gelockert hat, das öffentliche Leben dann aber Partei wiegt der Schutz der Alten für sie beson- man die Beschränkungen bis zum 20. April auf-
lendeuter der Deutschen: Heinz wegen steigender Fallzahlen ein zweites Mal herun- ders schwer. Gleichzeitig spürt gerade die CDU rechterhalten. Es ist aber auch zu hören, dass das
Bude schrieb Bücher über Angst terfahren muss. »Wenn wir die Einschränkungen den enormen Druck aus der Wirtschaft, die Land erst zum 1. Mai wieder schrittweise in die
und Solidarität, als die meisten aufheben, müssen wir sicher sein können, dass wir strengen Corona-Regeln so früh wie möglich Normalität zurückkehren könnte. Dann wäre Prepper
Bürger noch ziemlich sorglos auf das auch durchhalten. Eine erneute Kehrtwende zu lockern. der Tag der Arbeit in diesem Jahr so etwas wie
die nächsten Jahre schauten. Bude ist Soziologe, wäre für die Wirtschaft fatal und würde das Ver- In der Telefonschalte des CDU-Präsidiums der Tag der Rückkehr zur Arbeit. Impfgegner
thesenstark, sendungsbewusst. Aber eben auch trauen in die Politik beschädigen«, sagt Christoph am Montag ging es Teilnehmern zufolge sehr
Homeschooler
einer, der sich auf Neues einlässt und nicht darauf Schmidt. Deshalb sei es so wichtig, dass die Epi- lange um ein mögliches Datum. Offiziell will Mitarbeit: Mark Schieritz
beharrt, aus den Erfahrungen der Vergangenheit demie wirklich unter Kontrolle sei und in den
alles über die Zukunft zu wissen. Krankenhäusern genug Betten und Personal für die ANZEIGE
Am 19. März bekommt dieser Mann einen An- Versorgung zur Verfügung stünden.
ruf aus dem Innenministerium, von Staatssekretär Parvo Virus B19 – das ist eine Antwort auf
Markus Kerber. Ob er Zeit habe, sich an einer Ex- die Frage, warum ausgerechnet das Innenminis-
pertengruppe zur Corona-Krise zu beteiligen? Bude terium derzeit so aktiv ist. Dieses Virus hätte
sagt zu. Horst Seehofer 2002 fast getötet. Herzmuskel-
Man muss sich Markus Kerber als die politische entzündung, Herzpumpleistung unter zehn Pro-
Ausgabe des Soziologen Bude vorstellen – mei- zent. Die erstbehandelnden Ärzte hatten den
nungsstark, umtriebig, vor allem aber: ähnlich Minister schon auf die Transplantationsliste ge-
neugierig. Kerber hat 2005 für den damaligen setzt. Es hat sein Leben verändert, das erzählt er
CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble die Islam- im kleinen Kreis immer wieder. Seehofer weiß,
konferenz organisiert. Er war Schäubles Abteilungs- wie bedrohlich Viren sein können. Er drang früh

DANKE
leiter im Finanzministerium während der Finanz- auf Grenzkontrollen, um das Eindringen von
krise. Seit März 2018 ist er als Seehofers Staatssekre- Corona nach Deutschland zu unterbinden. Und
tär für Heimat zuständig. Und das bedeutet in er forderte als erster Politiker eine Absage der
diesen Tagen vor allem: dem Land eine Antwort Tourismusbörse ITB.
darauf zu geben, wie es die Corona-Krise bewälti- Markus Kerber, sein Staatssekretär, kann all das
gen kann. gut nachvollziehen. Kurz vor Weihnachten 2006
Wie sagen wir es den Leuten? Das ist die große lag er in der Berliner Virchow-Klinik. Ebenfalls
Frage, die im Augenblick alle Regierungsmitglieder Herzmuskelentzündung. Beide, Seehofer wie Ker-
in Berlin umtreibt. Wie können wir ihnen Hoff- ber, wissen, dass die Krankheit ausgeheilt sein mag,
nung machen, während sich das Virus immer noch aber bleibende Spuren hinterlässt. Dazu gehört die
ausbreitet? Jeder merkt es ja an sich selbst: Nach fast Angst vor einer neuen Entzündung, die mit jeder
zwei Wochen Ausgangsbeschränkung sind viele kleinen Erkältung kommt. Ganz weg ist das Virus
Deutsche isolationsmüde, sie wollen wieder raus, nämlich nie. Es lauert.
wollen ihr altes Leben zurück. Und es ist nur allzu Blickt man in diesen Tagen auf die deutsche
verständlich, dass diese Menschen ein Licht am Krisenpolitik, dann sieht man zwei Geschwindig-
Horizont sehen wollen – und sei es auch nur in keiten. Da ist das sogenannte Corona-Kabinett mit

FÜR SO WENIG
Form eines technischen Begriffs wie »Exit-Szena- mehreren Ministern und Staatssekretären, in dem
rio«. Aber gleichzeitig steigt die Zahl der Infizierten es wie immer in großen Organisationen hierar-
im Land nahezu unvermindert an. Einen »Apollo- chisch und ein wenig langsamer vorangeht. Da sind
13-Moment« für die Regierung nennt das Markus auch die Zwänge des Föderalismus, die Rivalitäten
Kerber, in Anlehnung an die Beinahekatastrophe der Bundesländer, die vieles eher behindern. Um

KONTAKTE WIE
der Nasa-Raumfahrtmission 1970: Man hat ein den Ankauf der dringend notwendigen Schutz-
riesiges Problem – und muss gleichzeitig Zuversicht masken kümmert sich jedes Bundesland selbst,
ausstrahlen, es bald im Griff zu haben. anstatt gemeinsam die beste Versorgung zu organi-
Genau daran arbeitet das Expertenteam des sieren – zu einem günstigeren Preis. Aber gleich-
Innenministeriums. Vergangene Woche wurde ein zeitig arbeiten Teile der Regierung unbürokratischer

MÖGLICH.
Papier bekannt, das aus diesem Kreis kam: »Wie zusammen denn je. »Wenn wir Covid-19 besiegen
wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen«. Darin wollen, müssen wir schneller digitaler werden,
wird ein Wunschszenario (»Schnelle Kontrolle«) müssen wir Datenbanken aufbauen und vernetzen,
durchgespielt, in dem die Industrie nach sechs muss unser staatliches Handeln transparenter auf
Wochen Ausgangsbeschränkung und einem weite- Fakten und Empirie basieren«, heißt es in einer
ren Monat massiver Störungen durch geschlossene weiteren Studie des Expertenteams des Innenminis-
Grenzen langsam wieder hochgefahren werden teriums. Dieser Vorschlag – der Aufbau eines digi-
kann. Dazu aber müssten die Fallzahlen schon bis talen Pools, in den die Daten und Messungen aus
zum Ende der Osterferien deutlich sinken und die allen Krisenbereichen einfließen – wird jetzt kurz-
Testkapazitäten im Land »sehr schnell« ausgebaut fristig umgesetzt.
werden. Ende April, fordern die Experten, müssten Und doch funktioniert noch nicht alles. Eigent­
200.000 Tests täglich möglich sein. Im Augenblick lich hätte Ende dieser Woche die erste deutsche
sind es 300.000 pro Woche. Corona-App verfügbar sein sollen, mit der man per
In dem Papier steht noch mehr. So fordert die
Gruppe die staatliche Beteiligung an Unternehmen
Smart­phone Infektionswege und Infizierte zurück-
verfolgen kann. In Österreich hat das Rote Kreuz JETZT ZÄHLT DAS WIR.
durch einen Staatsfonds, ein größeres Engagement so eine App herausgebracht. Weil man die fertige
Deutschlands in der EU (»politische Schockwellen österreichische Variante nicht übernehmen, son-
kennen keine Grenzen«), aber auch eine entschlos- dern in nationalem Überehrgeiz lieber eine eigene
senere Krisenkommunikation seitens der Regie- deutsche herstellen will, dauert es hierzulande nun
rung, »um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte länger. Regierungsintern ist jetzt von Ende April
zu mobilisieren«. Das Motto, sagt Heinz Bude, die Rede. Manchmal versickern auch die besten
müsse jetzt sein: Wir sehen die Gefahr, aber ver- Ideen immer noch irgendwo zwischen den Mi-
lieren nicht den Stand. nisterien und dem Kanzleramt.
Mehr als ein Dutzend Frauen und Männer um- Wenn 2015 die Flüchtlingsfrage als »Rendez-
fasst die Gruppe, neben Bude unter anderem Chris- vous mit der Geschichte« (Wolfgang Schäuble) galt,
tian Schmidt, den früheren Chef der Wirtschafts- was ist 2020 dann erst Corona? Und wenn man
weisen, Michael Hüther vom Institut der deutschen damals erlebt hat, wie diese Flüchtlingsfrage die
Wirtschaft, den Präsidenten des Robert Koch-In- Gesellschaft entzweite – was wird dann in den kom-
stituts, Lothar Wieler, den Gesundheitsökonomen menden Wochen und Monaten passieren? Auch
Boris Augurzky vom RWI, die Wirtschaftsjuristin solche Fragen hört man in der Hauptstadt jetzt. Je
Denise Feldner und die Wissenschaftler Maximilian länger die Krise und die Beschränkungen andauern,
Mayer und Otto Kölbl, die beide zum chinesischen desto größer wird für den Einzelnen der Gegensatz
Gesundheitssystem geforscht haben. zwischen »noch mehr aushalten müssen« und »nicht Aktuelle Informationen unter www.bundesregierung.de/coronavirus
Eine Entwicklung fürchten die Regierungsbera- mehr länger aushalten können«.
ter noch mehr als einen langen Shutdown: ein Mittendrin in diesem Konflikt steht die Par-
Szenario, bei dem man die Beschränkungen­ tei der Kanzlerin, die CDU. Als christliche
6 POLITIK 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

M
New York als am 11. September, stoßen allerdings auch die besten
üde und verschwitzt streift Sigrid Katastrophenpläne an ihre Grenzen. Ohne weitere Hilfe
Wolfram die OP-Maske und das aus Washington werde es bereits am kommenden Wo-
Schutzvisier vom Kopf. Ihr Kampf chenende zu wenig Beatmungsmaschinen, zu wenig Per-
gegen das Virus ist für heute vorbei, sonal und zu wenig Betten geben, so schildert der Bürger-
jetzt übernehmen ihre Kollegen in meister die Si­tua­tion.
der Notaufnahme des Kings County Hospital in New Die Corona-Krise in den New Yorker Kranken-
York. Es ist kurz vor vier am Freitagnachmittag, als die häusern produziert keine fesselnden Dramen, wie
Oberärztin ihre Sachen zusammenpackt. Sie lehnt die man sie aus Fernsehserien kennt, in denen Ärzte hero-
Pizza ab, die ihr Kolleginnen anbieten. Zum Mittag- ische Operationen durchführen, um Leben zu retten.
essen hatte man keine Zeit gefunden. Wolfram streift Die Covid-19-Behandlung beschränkt sich derzeit auf
den gelben Schutzkittel ab und geht an zwölf Notfall- fiebersenkende Mittel und künstliche Beatmung. Die
betten vorbei, die provisorisch zu Intensivbetten um- Katastrophe, gegen die Sigrid Wolfram und ihre Kol-
funktioniert wurden. Sie sind mit einfachen Glas- legen ankämpfen, hat ganz banale und bürokratische
wänden von­ein­an­der abgetrennt. In jedem Bett liegt Gründe – sie ist eine Versorgungskrise. Leise, schlei-
ein intubierter Corona-Patient. chend gehen die Mittel aus. Spezielle Schutzkleidung
Längst hat das Virus fast alle anderen Krankheiten ist im Kings County Hospital mittlerweile Ärzten und
aus dem Krankenhaus vertrieben. Operationen wer- Pflegern vorbehalten, die im direkten Kontakt mit ei-
den, wenn möglich, aufgeschoben; wegen Schnitt- nem Patienten stehen, weil sie ihn zum Beispiel intu-
wunden oder eines verstauchten Knöchels kommt bieren müssen. Der Rest des Personals muss mit ein-
längst keiner mehr hierher. Neunzig Prozent der 634 fachen OP-Mundschutzmasken und Zellulosekitteln
Betten in ihrem Krankenhaus, schätzt Wolfram, sind über der Krankenhauskleidung auskommen. Sterile
schon mit Corona-Patienten belegt. Tücher sind nicht mehr frei zugänglich, sondern ein-
Das Wartezimmer der Notaufnahme ist so voll, dass geschlossen, damit sie keiner mit nach Hause nimmt.
es unmöglich ist, hier den medizinisch geratenen Min- Man überlegt, die zertifizierten Atemmasken mit Vi-
destabstand zu gewährleisten. Corona-Testkits sind renfilter jetzt über mehrere Tage zu verwenden. Es
dermaßen rar, dass Sigrid Wolfram bei der Dia­gno­se gibt eine bestimmte Falt- und Aufbewahrungstechnik,
ohne sie zurechtkommen muss: Wessen Lungenscan mit der die saubere Seite geschützt werden soll.
keine weißen Flecken aufweist und wer genügend Sauer- Unter solchen Arbeitsbedingungen kann ein falscher
stoff im Blut hat, der wird von ihr in die Heimquaran- Handgriff lebensgefährlich sein. Den vielen überarbei-
täne geschickt. Die anderen Patienten behält sie, auch teten Krankenschwestern in der Stadt macht das Angst.
wenn diese mittlerweile bis zu zwei Tage auf ein Bett Sie verschaffen sich Luft in Face­book-­Grup­pen: »Wir
warten müssen. Herzstillstände wegen Atemversagen sind erst am Anfang der Krise, und die Krankenhäuser
nehmen zu. Die Arbeit sei anstrengender geworden, sind jetzt schon überfordert. Gott, hilf uns, denn ich weiß
nicht nur körperlich, sagt die Oberärztin: »Es ist hart, so nicht, ob jemand auf Erden das kann ...«, schreibt Diana
viele Menschen sterben zu sehen.« Torres, Krankenschwester am Mount Sinai Hospital.
Wolfram drückt eine Tür mit links auf, greift mit Vergangene Woche starb der erste Krankenpfleger in New
der rechten Hand zum Desinfektionsmittelspender, York an Covid-19, 48 Jahre alt, Asthmatiker. Hätte er
pumpt, reibt das Mittel in die Hände. Es sind ge- besseren Schutz gehabt, schrieben seine Kolleginnen,
schmeidige Bewegungen, eine Art Viren-Tai-Chi, das wäre das nicht passiert.
sie sich antrainiert hat. Weil die Testkits so knapp In einer historischen Anstrengung versucht Washing-
sind, werden auch Ärzte erst getestet, wenn sie Symp- ton nun, mit einem Zwei-Billionen-Dollar-Hilfspaket
tome haben. Dass sie natürlich auch vorher schon an- die Probleme des amerikanischen Sozialsystems proviso-
steckend sein könnten, darauf können sie gerade kei- risch zu lösen. Im Rahmen dieses Programms soll der
ne Rücksicht nehmen. Bundesstaat New York für seine Krankenhäuser 3,9 Mil­
Draußen vor der Tür scheint die Sonne, der Him- liar­den Dollar erhalten. Zu wenig, sagt Gouverneur
mel ist strahlend blau, der Bus B12 fährt gut besetzt Cuomo, dessen Haushalt schon vor der Krise ein Sechs-
vorbei, ein obdachloser junger Mann schläft auf einer Milliarden-Dollar-Loch aufwies. Zugleich plant er pa-
Bank. Wolfram desinfiziert ihre Brille, das Handy, die radoxerweise, im Krankenhausbudget seines Bundesstaats
Wasserflasche, alles, was Kontakt mit dem Kranken- um die 200 Millionen Dollar einzusparen.
haus hatte. Zu Hause warten ihre beiden Kinder. Als Sigrid Wolfram sich eben auf den Heimweg
Dort kann sie endlich ein paar Stunden die Augen macht, wird sie von einem Mann angesprochen, der
verschließen vor dieser Stadt, die innerhalb weniger Krankenhauskleidung mit dem Aufnäher »General
Tage zum Epizentrum der Pandemie geworden ist. Hospital Tampa« trägt. Er sei Komiker und Kranken-
Knapp drei Monate nach dem Corona-Ausbruch pfleger, aus Florida. Da seine Auftritte wegen Corona
in Wuhan hat Amerika China als Land mit den meis- abgesagt worden seien, würde er gern in diesem Kran-

Fotos: CP Krenkler für DIE ZEIT


ten Infektionen abgelöst, ein Drittel davon wird in kenhaus helfen. Es hat sich herumgesprochen, dass
New York verzeichnet. Einer Stadt mit untypischer einige Krankenhäuser Pflegern und Schwestern bis zu
Verdichtung, mit lebendigen Stadtvierteln, notorisch 100 Dollar die Stunde zahlen. Wolfram schaut erst
vollen Bürgersteigen, Straßenverkäufern, überfüllten skeptisch, dann tut sie, was in normalen Zeiten unvor-
U-Bahnen und Bussen. Drei große Flughäfen sorgen stellbar gewesen wäre: Sie bringt den Mann in die Per-
für einen Austausch mit der Welt, wie ihn keine andere sonalabteilung.
Metropole kennt. Für ein Virus gibt es in den USA Corona hat New York verändert. Selbst den unge-
keinen besseren Ort. In der Krise ist New Yorks Stärke Nie war Manhatten so leer wie in diesen Tagen: Ein Blick in die 42nd Street, rechts das Chrysler Building liebten Gouverneur des Bundesstaates hat die Stadt
zur Schwäche geworden. ins Herz geschlossen. In normalen Zeiten stieß Cuo-
Der erste Fall wird am 1. März bekannt, eine mos patriarchaler Regierungsstil auf Abneigung. Man
Krankenschwester, 39 Jahre alt, die kurz zuvor im nannte ihn einen »menschlichen Bulldozer«. Jetzt ist
Iran gewesen ist. Leichte Symptome, Isolation zu einer wie Cuomo das, wonach sich die New Yorker
Hause. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in den USA kei- sehnen. Der Gouverneur hat früh den Notstand aus-
ne Möglichkeit, Patienten schnell und massenhaft auf gerufen, seitdem kann er per Dekret regieren. Er hat

»Gott,
das Coronavirus zu testen. Die Regierung in Wa- Ärzte für die Dauer der Pandemie von ihrer Haftungs-
shington spielt das Thema herunter. Der Test, den die pflicht entbunden und Krankenhäuser von vielen
zuständige Behörde entwickelt, funktioniert nicht. Auflagen befreit. Die New Yorker hat er angehalten,
Das Virus verbreitet sich wochenlang unbemerkt. ihre Wohnungen nur für die nötigsten Besorgungen
Gouverneur Andrew Cuomo beruhigt seine Bürger: zu verlassen. Cuomo hat 1100 Häftlinge, die wegen
»Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, leben Sie Ihr geringfügiger Vergehen einsaßen, entlassen, weil das
Leben wie bisher.« Virus sich durch die Gefängnisse frisst. Das gläserne

hilf uns«
Zwei Tage später der zweite Fall, ein 50-jähriger Javits-Kongresszentrum hat Cuomo mithilfe des Mi-
Anwalt, Intensivstation. Weil das Krankenhaus die litärs zum Lazarett umgewandelt. Zusammen mit dem
Corona-Infektion bei dessen erstem Besuch nicht er- Lazarettschiff USNS Comfort, das seit Montag im
kannte, infizierte er 28 Menschen. Nun beginnt die Hudson ankert, sind das 2500 Betten für all jene
Politik zu reagieren: Ein ganzer Vorort wird unter Kranken, die nicht an Covid-19 leiden.
Quarantäne gestellt. Am selben Tag erhält New York Cuomo kämpft täglich um mehr Unterstützung
die Erlaubnis, einen selbst entwickelten Test zu be- aus Washington. Seit er jeden Morgen eine knappe,
nutzen. Bis zum 11. März steigt die Zahl der Infizier- klare Pressekonferenz abhält, kursiert auf Twitter der
ten auf 216. Bürgermeister Bill de Blasio sagt in einer Hash­tag #cuomo4president.
Pressekonferenz jedoch, gesunde Menschen sollten Während die Krankenhäuser rund um die Uhr wie
ihr Leben normal weiterführen und weiterhin in Res- In New York droht den USA die Corona-Katastrophe. Kraftwerke arbeiten, liegt der Rest der Stadt friedlich
taurants gehen. Am 16. März sind es dann 950 Infi- Unterwegs mit einer Ärztin im Kampf gegen da. Straßen und Bürgersteige haben sich geleert, der
zierte, Schulen und Restaurants werden geschlossen. Verkehr ist auf Amazon- und Fed-Ex-Lastwagen zu-
Knapp einen Monat nach dem ersten bekannt gewor- das Virus – und gegen das Versagen des Systems  sammengeschrumpft, die wie fleißige Bienen die Ein-
denen Fall, am Montag, dem 30. März, gibt es in der VON KERSTIN KOHLENBERG käufe in die Wohnungswaben liefern. Allein auf Bau-
Stadt 36.221 Corona-Infizierte und 790 Tote. Allein stellen wurde noch bis zuletzt gearbeitet, als gäbe es
am vergangenen Wochenende starben 161 Menschen das Virus nicht. Die Baubranche ist mächtig in New
an Covid-19. Die Hoffnung, alles werde schon nicht York. Dann jedoch wurden die ersten Bauarbeiter
so schlimm kommen, führte zu einem parteiüber- krank, und ihre Kollegen begannen zu protestieren.
greifenden Politikversagen, an dem sowohl New Yorks Nun hat Cuomo dem Virus auch die Baustellen ge-
demokratischer Bürgermeister als auch D ­onald nommen. Geöffnet sind jetzt nur noch Parks und
Trump Anteil hatten. Trump fürchtete schlechte Bör- Kinderspielplätze. Dorthin strömen nach wie vor die
senwerte, und Bill de Blasio glaubte, geschlossene Erholungssuchenden.
Schulen und Restaurants würden seine politische Ba- Abends um sieben, nachdem Sigrid Wolfram ge-
sis, die sozial Benachteiligten, besonders hart treffen. duscht und endlich etwas gegessen hat, öffnen sich in
Keiner von beiden wollte die politischen Kosten ent- New York Zehntausende Fenster. Menschen in der
schiedener Prävention zahlen. ganzen Stadt beginnen, zwei Minuten lang zu applau-
Unter New Yorks Krankenhäusern sind einige der dieren. Als Dank an das Pflegepersonal und die Ärzte.
besten der Welt. Wenn aber sehr viele Patienten be- Bereits zehn Kollegen von Wolfram sind mit Covid-
handelt werden müssen, offenbart das amerikanische 19-Symptomen zu Hause, es gibt eine Urlaubssperre,
Gesundheitssystem seine Schwächen. Wolfram ist jetzt auch an ihren freien Tagen auf Ab-
Kommen in Deutschland acht Krankenhausbetten ruf. Ein einziges Beatmungsgerät stand heute im
auf 1000 Einwohner, sind es in der Stadt New York nur Krankenhaus noch zur Verfügung, sagt sie. Selbst der
2,7. Das Kings County Hospital, in dem Sigrid Wolfram Wartebereich werde in der kommenden Woche zu­
arbeitet, ist eines der größten städtischen Krankenhäuser einer Krankenstation umgebaut, um Platz für mehr
New Yorks, angeschlossen an das auf der anderen Stra- Betten zu gewinnen.
ßenseite liegende Uni-Klinikum SUNY Down­state. In den kommenden zwei bis drei Wochen, erwartet
Nach dem 11. September 2001 begann man hier, sich sie, werde die Lage sich verschlimmern. Es würden noch
auf Katastrophen vorzubereiten. Es gibt eine eigene viele Menschen sterben. Irgendwann werde man wohl
Covid-Kommandostruktur und spezielle Einsatzpläne. ein Lazarett auf dem Parkplatz aufbauen müssen.
Lernschwestern arbeiten mit geschulten Intensivschwes- Ohne Hoffnung ist sie nicht: Sollten die New Yor-
tern zusammen, Kinderärzte mit Internisten. Werden ker noch einige Monate lang zu Hause bleiben, werde
die Beatmungsmaschinen knapp, können sie mit einem der Anstieg der Neuinfektionen sich verlangsamen,
Verbindungsstück so umfunktioniert werden, dass vier Oberärztin Sigrid Wolfram stagnieren, schließlich zurückgehen. Dann könnten
Patienten von ähnlicher Statur und vergleichbarem arbeitet in der Notaufnahme die Krankenhäuser die Lage wieder bewältigen. Und
Lungenvolumen damit gleichzeitig beatmet werden des Kings County irgendwann werde es einen Impfstoff geben. Sigrid
können. Mit täglich 9000 Notrufen in der Stadt, mehr Hospital in Brooklyn Wolfram hofft, dass sie bis dahin gesund bleibt.
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8 POLITIK 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

DIE WELT
JENSEITS DES VIRUS
Deutschland: EU: Und sie
Rechts räumt auf erweitert sich doch

Lange seien in der AfD keine wichtigen Ent- Als Ursula von der Leyen im September vergan-
scheidungen getroffen worden, denn immer genen Jahres ihre Mannschaft vorstellte, sagte sie:
habe man Rücksicht auf die nächste Wahl »Meine Kommission wird eine geopolitische
nehmen müssen. Zuletzt auf die in Thürin- Kommission sein.« Das klang ziemlich großspurig
gen, in Brandenburg, in Sachsen. Da habe für eine Institution, die weder über ein Außen-
man eben versucht, öffentlichen Streit zu ministerium noch über eine eigene Armee verfügt
vermeiden, um die Wähler nicht zu vergrau- und die in fast allen Fragen völlig abhängig ist
len. So ist es aus dem AfD-Bundesvorstand vom Goodwill der 27 Mitgliedsstaaten.
zu hören. Für eine Partei, die vorgibt, anders Wie stark diese Abhängigkeit ist, musste von
sein zu wollen als die vermeintlich stets der Leyen schnell erfahren. Beim EU-Gipfel im
Fotos: Simon Dawson/Bloomberg/Getty Images (gr.); kl. Fotos: imago (o. l.); Reiner Zensen/imago (o. r.); Artur Widak/NurPhoto/dpa (u. l.); Esam Omran Al-Fetori/Reuters (u. r.)

machttaktisch agierende Konkurrenz, ist das Oktober stand die Aufnahme von Beitritts­
ein bemerkenswertes Eingeständnis, ein be- gesprächen mit Nordmazedonien und Albanien
merkenswert peinliches. auf dem Programm. Doch der französische Prä-
Die nächste Wahl steht erst in einem sident Emmanuel Macron legte sein Veto ein.
Jahr an. Zeit also für den internen Früh- Das löste bei vielen einen Schock aus. Die EU
jahrsputz. Begonnen hat er mit der Auflö- schien sich ausgerechnet in dem Moment von
sung der rechtsextremen Flügel-Bewegung der Geopolitik zu verabschieden, in dem von der
von Björn Höcke – sofern man auflösen Leyen sich dazu bekannte. Und ausgerechnet der
kann, was nie fest verbunden war. An die- Mann, der die Welt gern daran teilnehmen lässt,
sem Dienstag folgten die nächsten Schritte. wie er immerzu in großen Zusammenhängen
Zunächst verkündete das Landesschieds­ Die Aktivistin Vanessa Nakate kämpft
denkt, hatte das zu verantworten. In der südöst-
gericht Baden-Württemberg den Rauswurf in Uganda für den Klimaschutz
lichen Nachbarschaft machen sich derweil die
des Landtagsabgeordneten Stefan Räpple, Konkurrenten der EU breit, in den Warteraum
der selbst im AfD-Kosmos als radikaler Europas vorzustoßen: China, Russland und die

Afrika: Die Gretas für das


Spinner gilt. Kurz darauf setzten die Par- Türkei. Die Chinesen bauen Autobahnen und
teichefs dann den Landesvorstand im Saar- treiben Länder in die Schuldknechtschaft, etwa
land ab. Wegen »schwerwiegender Verstöße Montenegro. Die Türkei ist im Bildungswesen
gegen die Grundsätze der Partei«, wie es im anderer Staaten sehr aktiv. Und Russland gibt
Beschlusspapier heißt. Landeschef Josef
Dörr und sein Vorstand sollen offenbar die
Aufnahme ihnen unliebsamer Antragsteller
Kongo-Becken Störfeuer mit allerlei Geheimdienstaktivitäten.
Auch wegen dieser Vorfälle drängte die Kom-
mission weiterhin auf Beitrittsgespräche. Doch
verzögert und einen Kreisverband gezielt Macron blieb eisern. Sein Argument: Die EU sei
benachteiligt haben. Alle kennen Greta, aber wer sind Vanessa und über die Klimakrise ins Netz gestellt. Muigai machte ein Fotograf der Nachrichtenagentur schon mit 27 Mitgliedern kaum handlungsfä-
Die AfD versucht offenbar, ihre Altlasten Makenna? Mit ihrem Schulstreik für das Klima mobilisiert gegen Plastikmüll und für den AP beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein hig, wie sollte sie es mit 29 oder gar 32 Mit­
loszuwerden: Lange Zeit hat der Bundesvor- hatte die schwedische Schülerin Greta Thun- Schutz des Regenwalds im Kongo-Becken, Gruppenbild von Thunberg, Nakate und ande- gliedern sein? Der Westbalkan hat insgesamt
stand weggeschaut, sodass die Extremisten berg 2018 die Jugendbewegung Fridays for dem zweitgrößten nach dem Amazonas. Ne- ren Aktivistinnen der Klimabewegung. Veröf- sechs Beitrittskandidaten: Nordmazedonien, Al-
und Quertreiber in der Partei keine Konse- Future losgetreten – und ist zum Weltstar ge- benbei erklärt sie, warum Schulstreiks für das fentlich wurde ein Foto, das nur Thunberg und banien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo,
quenzen fürchten mussten. Ein Ausschluss- worden. Kaum bekannt sind dagegen Klima- Klima in afrikanischen Ländern nicht so popu- drei weiße Klimaschützerinnen zeigte. Nakate, Montenegro.
verfahren gegen Räpple ist seit Längerem Aktivistinnen in Afrika, dem Kontinent, der lär sind. »Weil Bildung hier so kostbar ist, dass die einzige Schwarze, war herausgeschnitten Doch die EU ist ein zähes Wesen, sie lässt sich
Thema, erst jetzt wurde es entschieden. Und am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen man nicht einfach den Unterricht schwänzt.« worden. Der folgende Proteststurm hatte sein nicht so schnell abbringen von ihrem Ziel. Ver-
auch die Probleme im Saarland sind nicht hat, aber schon jetzt am schlimmsten davon be- Aufklärung über die Klimakrise beginnt für Gutes: Mehr Aufmerksamkeit für Nakates »Rise gangene Woche einigten sich die Außenminister
neu. Die AfD hatte vor vier Jahren unter der troffen ist – durch Sturmkatastrophen, immer Muigai im Klassenzimmer, nicht auf der Stra- Up Movement«, eine Plattform für junge afri- darauf, nun doch mit Mazedonien und Albanien
damaligen Parteichefin Frauke Petry sogar längere Dürren und zunehmend unberechen- ße. Nur sind auch in Kenia die Schulen inzwi- kanische Umwelt-Aktivisten, und für ihre Pro- zu verhandeln. Und Macron? Der ist besänftigt,
den gesamten Landesverband aufgelöst. bare Regenzeiten: »Wir spüren die Folgen in schen wegen der Corona-Pandemie geschlos- jekte: Sonnenkollektoren für Schulen, Aufklä- weil die Aufnahmebedingungen noch mal ver-
Der neue AfD-Bundesvorstand, seit Kenia schon jetzt«, sagt Makenna Muigai, eine sen. Muigai setzt ihr Umweltengagement folg- rung über Abholzungen im Kongo-Becken. schärft wurden. Das dürfte beim französischen
Ende vergangenen Jahres im Amt, feiert 17-jährige Schülerin aus der kenianischen lich in den sozialen Medien fort – ebenso wie Sie hat jetzt einen Podcast gestartet und Präsidenten die Gewissheit nähren, dass die Bei-
sich jetzt als konsequenter Reinemacher. Hauptstadt Nairobi, in einem Interview der Vanessa Nakate. twittert ununterbrochen. Neben Hashtags wie trittsverhandlungen sich sehr, sehr lange hinzie-
Nur eines hört man kaum: eine Abgren- Nachrichtenagentur Reuters. »Mehr Armut, Die 23-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin #climatechange oder #KeepMamaAfricaGreen hen werden. Geopolitik ist zwar das Denken in
zung zu den inhaltlichen Positionen der Ex- mehr Krankheiten, mehr Konflikte.« Vor eini- aus Uganda erlangte unlängst internationale sind jetzt auch #StayAtHome und #COVID19 großen Räumen – oft aber auch in langen Zeit-
tremen.  PAU L MIDDE LHOFF gen Wochen hat sie ihr erstes YouTube-Video Bekanntheit – auf bittere Weise. Im Januar dazugekommen.  ANDREA BÖHM spannen.  U LRICH LADU RNE R

Israel: Macht teilen, Libyen: Mission


um Macht zu behalten »Bitte nicht retten!«
Was in Israel gerade los ist, bezeichnete ganz nebenbei Blau-Weiß zu spalten). Als Wer immer sich diesen Namen ausge- ten aufhalten, im östlichen Mittelmeer.
die Journalistin Noa Landau in Ab- ehemaliger Generalstabschef ist Gantz dacht hat, besitzt Galgenhumor. »Irini« »Von da kommen die Waffen auch her«,
wandlung eines legendären Fußball-Zi- mehr Soldat und Patriot als Politiker. – »Frieden« auf Griechisch – heißt die sagt der EU-Außenbeauftragte Josep
tats so: Politik ist ein Spiel, das 90 Mi- Netanjahu machte ihm ein Angebot, das neue Libyen-Mission der EU im Mit- Borrell.
nuten dauert – und am Ende gewinnt Patrioten nicht ablehnen können – Wahl- telmeer. Nur nimmt der Krieg in Li- Was stimmt, aber nur die halbe
immer Benjamin Netanjahu. versprechen hin oder her. In Zeiten von byen gerade so richtig Fahrt auf. Ope- Wahrheit ist. Im östlichen Mittelmeer
In drei Wahlen binnen eines Jahres Corona eine Regierung zu haben ist ration Irini soll zu Wasser und aus der kann Irini Nachschublieferungen der
haben nahezu alle Oppositionskräfte wichtiger, als selbst sofort Premier zu Luft das Waffenembargo überwachen, Türkei abfangen, die die Regierung in
versucht, den Premierminister, dem werden. Also willigte Gantz ein: Die ers- das seit 2011 mit Einschränkungen für Tripolis mit Panzerfahrzeugen, Haubit-
wegen Korruption und Bestechlichkeit Ergebnis, dass Bibi nun wieder Premier ten 18 Monate führt Netanjahu die Re- Libyen in Kraft ist und von den auslän- tionalen Unterstützer einen Stopp der zen und Drohnen versorgt – und mit
der Prozess gemacht werden soll, loszu- wird. Will man auf eine Formel brin- gierungsgeschäfte, danach übernimmt dischen Verbündeten der Kriegsparteien Rüstungslieferungen vereinbart – bei Kämpfern aus dem syrischen Bürger-
werden. Das ist vor allem deshalb be- gen, was passiert ist, so lautet die: Coro- Gantz. Dessen Partei bekommt zusätz- schamlos missachtet wird. Aufseiten der vielen, das kann man nun erkennen, krieg, die auf der Soldliste Ankaras ste-
merkenswert, weil die Parteien sonst na-Krise plus politisches Genius gleich lich Schlüsselministerien wie Verteidi- offiziell anerkannten Regierung in Tri- ohne die geringste Absicht, sich daran hen. Chalifa Haftar hingegen wird von
nicht viel eint. Wichtigste Kraft in die- Machterhalt. gung und Justiz (damit es auch wirklich polis ist das vor allem die Türkei, auf- zu halten. den VAE mit Militärgerät vor allem aus
sem Anti-Netanjahu-Projekt ist die Zunächst hat Netanjahu dafür ge- irgendwann zum Prozess gegen Netanja- seiten ihres Gegners, des Generals­ Dass sich die 27 EU-Staaten erst jetzt der Luft beliefert. Deren eklatante Brü-
Zentrumspartei »Blau-Weiß« mit ihrem sorgt, dass der alte Parlamentspräsident hu kommen kann) und womöglich auch Chalifa Haftar, sind es die Vereinigten auf die Mission einigen konnten, lag vor che des Embargos kann Operation Irini
Anführer Benny Gantz. Seinem Ver- die erste Sitzung der neuen Knesset vor- das nun wichtige Gesundheitsressort. Arabischen Emirate (VAE), Ägypten, allem an Österreich und Ungarn. Beide allenfalls dokumentieren, was weder
sprechen, »Bibi« Netanjahu abzulösen, zeitig beendete, sodass ein Gesetz nicht Warum Bibi das macht? Nun, 18 Russland. Länder wollen partout vermeiden, dass den starken Mann des Golfstaates, Mo-
kam Gantz nie so nah wie vor wenigen verabschiedet werden konnte, wonach Monate sind eine sehr lange Zeit in der Zur Überwachung des Embargos Irini-Schiffe Flüchtlinge in Seenot ret- hammed bin Sajed, noch seinen
Tagen, als die Mehrheit der Knesset- kein Angeklagter Premierminister wer- israelischen Politik. Zeit genug jeden- hatte sich die EU auf dem Berliner Li- ten müssen. Aus diesem Grund war die Schützling Chalifa Haftar beeindru-
Abgeordneten Präsident Reuven Rivlin den dürfe. Eine Lex Bibi. Dem Macht- falls für einen politischen Überlebens- byen-Gipfel im vergangenen Januar ver- vorherige Mission, Operation Sophia, cken wird. Haftar sieht nun offenbar
empfahl, ihn, Gantz, mit der Regie- taktiker Netanjahu verschaffte das Zeit, künstler wie Netanjahu, neue Pläne zu pflichtet. Dort hatten die Konfliktpar- gestoppt worden. Also sollen sich die die Gelegenheit, den Krieg für sich zu
rungsbildung zu beauftragen. Mit dem um Gantz mürbezuverhandeln (und schmieden.  ÖZLE M TOPÇU teien eine Waffenruhe und ihre interna- EU-Schiffe nun abseits der Fluchtrou- entscheiden.  ANDREA BÖHM
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 POLITIK 9

A
Nach neun Jahren wird Mosallam K. seinen mutmaßlichen Peiniger wiedersehen
ls die Autos der Geheimpolizei Sondergesandten der Vereinten Nationen, er trägt
heranpreschten, hatten sich die Anzug und Krawatte. Das Gefängnis an der Bag-
Demonstrantinnen im Stadt- dadstraße scheint jetzt sehr weit weg.
zentrum von Damaskus gerade Doch nicht alle glauben an die wundersame
auf den Weg gemacht. Mehrere Wandlung des Assad-Dieners zum Systemgegner.
Männer sprangen heraus und Der Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni etwa,
zerrten Mosallam K. in einen der zeitweilig selbst im Gefängnis an der Bagdad-
Bus. K. hatte die Mitglieder einer Frauenorganisa- straße misshandelt wurde, behauptet: »In ganz
tion gefilmt, die gegen Staatspräsident Baschar al- Damaskus war bekannt, dass Anwar R. der bru-
Assad protestierten, im Demozug lief auch die talste Folterer des Regimes ist.«
Frau von K. mit. Im Sommer 2014 zieht Anwar R. mit seiner
Die Agenten nahmen K. das Handy ab und Familie nach Deutschland, stellt einen Antrag auf
fuhren ihn und einige andere Gefangene in den Asyl und erhält eine Aufenthaltserlaubnis. Im
Nordwesten von Damaskus, zum Gefängnis des Nordosten Berlins finden er und seine Familie eine
Allgemeinen Syrischen Geheimdienstes, wo die Wohnung in einer ruhigen Neubausiedlung. Ein
Wärter sie schon erwarteten. Mosallam K. wusste, schneeweißer Plüschhund lächelt vom Fenster-
wohin man ihn verschleppt hatte: Der Gebäude- brett jeden Besucher freundlich an. Größer könnte
komplex in der Bagdadstraße befindet sich nur ein der Kontrast zum Bürgerkrieg kaum sein.
paar Häuser entfernt vom Haus seiner Eltern. Allerdings hat der Konflikt Spuren hinterlas-
Die Wärter brachten Mosallam K. in den Keller sen. R. leidet seit einigen Jahren unter Bluthoch-
des Gefängnisses, in den Tagen danach schlugen sie druck. Im Februar 2015 sucht er deshalb die Pra-
ihn mit Elektrokabeln auf den Rücken und auf die xis eines syrischen Arztes in Berlin-Tempelhof auf.
Füße, bis die so angeschwollen waren, dass er nicht Als Anwar R. im Wartezimmer sitzt, schaut er aus
mehr laufen konnte, so erzählt er es heute, Jahre dem Fenster. Auf der Straße glaubt er zwei Män-
später, der ZEIT. Am Ende der ersten Woche jagten ner zu erkennen, die auf- und abgehen und ver-
sie ihm Stromstöße durch den nackten Körper, über- dächtig oft in Richtung der Praxis starren. Als er
gossen ihn mit kaltem Wasser und schalteten den die Räume des Arztes verlässt, sind die Männer
Strom erneut ein, Wasser leitet Elektrizität besonders noch immer da, erst als R. sich ihnen nähert,
gut. Einmal führten ihn die Wärter in den ersten springen sie in ein Auto und fahren davon. Haben
Stock. Dort hatte der Mann sein Büro, der offenbar sie Anwar R. beobachtet?

E
all die Qualen verantwortete: Anwar R., der Kom-
mandant des Gefängnisses. Das war 2011. in paar Tage später besucht R. einen
Neun Jahre später werden Mosallam K. und Zahnarzt. Als er am späten Vormittag
Anwar R. erneut aufeinandertreffen. Aber diesmal aus der Praxis tritt, stehen erneut zwei
ist es Anwar R., 57, der im Gefängnis sitzt, in der arabisch aussehende Männer im Weg
Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit. Ende April und starren ihn an, so wird er es später
soll vor dem Oberlandesgericht Koblenz der Pro- zu Protokoll geben. R. ist jetzt überzeugt davon,
zess gegen ihn und einen weiteren ehemaligen dass der syrische Geheimdienst ihn observiert. Er
Geheimdienstmann beginnen. Die Bundesan- erstattet Anzeige bei der Polizei. Und beginnt zu
waltschaft wirft R. vor, für den Tod von 58 Men- erzählen, seine Aussage wird aufgenommen. Die
schen und die Folterung von mindestens 4000 Vernehmungsprotokolle lesen sich, als ob R. vor
Häftlingen verantwortlich zu sein. Mosallam K., allem deshalb mit den Polizisten spricht, um deut-
der zu rund einem Dutzend Betroffener zählt, mit lich zu machen, warum das syrische Regime ihn
denen die ZEIT sprechen konnte, wird als Zeuge nun sucht. Er erzählt von seiner Zeit in Syrien.
auftreten. Vom Geheimdienst. Und von der Abteilung 251.
Der Prozess soll den Opfern Gerechtigkeit Was R. nicht weiß: Für Ermittlungen wegen
bringen. Aber er ist auch ein Signal an den syri- des Verdachts der Spionage ist in Deutschland der
schen Machthaber Baschar al-Assad und an andere Generalbundesanwalt zuständig. Und für Ermitt-
Diktatoren, dass die Welt nicht vergisst. Und dass lungen gegen Kriegsverbrecher auch.
der deutsche Rechtsstaat nicht ohnmächtig ist, Die Bundesanwälte in Karlsruhe prüfen die
wenn er von Taten wie jenen im Foltergefängnis Anzeige, die ihnen das Landeskriminalamt Berlin
von Damaskus erfährt. weitergeleitet hat. Eine Übernahme der Ermitt-
Seit 2002 können Verbrechen gegen die lungen wegen des Spionageverdachts lehnen sie
Menschlichkeit von der deutschen Justiz auch ab: Der Verdacht ist zu vage.
dann verfolgt werden, wenn sie weder in Deutsch- Aber als Anwar R. in einer zweiten Befragung
Foto: Dominik Asbach für DIE ZEIT

land begangen wurden noch Deutsche unter den erneut detailliert über seine Zeit in Syrien berich-
Tätern oder Opfern sind. »Gerade dieses Verfah- tet, leitet der Generalbundesanwalt ein anderes
ren gegen Mitglieder des Assad-Regimes zeigt, dass Ermittlungsverfahren ein – gegen Anwar R.
wir in Deutschland gewillt sind, solche Straftaten selbst, wegen möglicher Verbrechen gegen die
auch künftig konsequent zu verfolgen«, sagt Ge- Menschlichkeit.
neralbundesanwalt Peter Frank der ZEIT. »Wir Nach monatelangen Ermittlungen wird er am
dürfen kein sicherer Hafen für Kriegsverbrecher 12. Februar 2019 festgenommen. Der Mann, der
oder Völkermörder werden.« so lange dem syrischen Geheimdienst diente, der
Die Ermittlungen gegen Anwar R. führen in Ab- sein Büro in einem Foltergefängnis hatte und sich
gründe menschlichen Verhaltens. Sie führen aber nun von Assads Männern bedroht fühlt, hat

Höllenqualen
auch in den zwielichtigen Alltag einer Diktatur, in Schutz bei der deutschen Polizei gesucht – und
dem es nicht immer nur richtig oder falsch gibt. landet selbst im Gefängnis.
Denn Anwar R., 57, geboren in Homs, sieben Auf den Fotos, die die deutschen Ermittler von
Kinder, ist nicht nur ein mutmaßlicher Täter. Ob- ihm nach der Festnahme gemacht haben, guckt
wohl er dem Assad-Regime jahrelang treu gedient Anwar R. nicht unfreundlich, eher etwas über-
hatte, war er auch der erste prominente Deserteur, rascht. War er nicht nach Deutschland geflohen,
der sich aus Syrien absetzte und zur Opposition um sich vom Regime abzusetzen? Anfangs hat er
überlief. Er verfolgte nicht nur, er wurde auch ver- sich noch zu erklären versucht. Hunderte Verneh-
folgt. Als er im Sommer 2014 nach Deutschland mungen hätten in seinem Gefängnis täglich statt-
kam, beantragte er politisches Asyl; auf die Frage, gefunden, sagte Anwar R. den deutschen Ermitt-
was ihm in Syrien drohe, fuhr er sich mit der fla- Mosallam K. wurde wie Tausende Syrer im Auftrag des Assad-Regimes gefoltert. lern, da habe man »nicht immer höflich« bleiben
chen Hand über den Hals und sagte: »Tod.« Aber Jetzt könnte er Gerechtigkeit erfahren, sein mutmaßlicher Peiniger kommt vor Gericht – in Koblenz  können. Wenn jemand einer bewaffneten Opposi-
lässt das seine mutmaßliche Verwicklung in Ver- tionsgruppe angehört habe, seien »strenge Ver-
brechen in anderem Licht erscheinen? VON MOHAMED AMJAHID UND HOLGER STARK nehmungen« durchgeführt worden. Aber es habe
Anwar R. durchlief in Syrien die Bilderbuch- keinen Befehl gegeben, Gewalt anzuwenden. Seine
karriere eines linientreuen Beamten, Ausbildung Leute hätten friedlich bleiben wollen.
an der Universität Damaskus, Polizeiakademie, Wenn Anwar R. über sich und das Gefängnis an
Schichtdienst im Passamt von Aleppo, Streifen- Assads Cousin, der in der Abteilung 251 eine eige­ Schmerz brüllen. Und dann war da noch der Mindestens 58 Menschen seien zwischen dem der Bagdadstraße redet, klingt er kaum anders als sein
gänge an der Grenze zur Türkei. Schließlich rekru- ne Truppe anführte, die berüchtigt für ihre Bruta- »Deutsche Stuhl«, bei dem die Hände hinter einem Beginn des Arabischen Frühlings und Anwar R.s einstiger Präsident. Als Baschar al-Assad von einem
tierte ihn der Allgemeine Geheimdienst, einer von lität war. In der Hand hatte er eine Maschinenpis- beweglichen Metallstuhl gefesselt sind und die Flucht im September 2012 im Gefängnis von Al- Reporter eines russischen Fernsehsenders im Novem-
rund einem Dutzend syrischer Nachrichtendiens- tole oder eine halb automatische Waffe, so genau Wirbelsäule so weit nach hinten überstreckt wird, Chatib umgebracht worden, heißt es in der Anklage­ ber 2019 auf Anwar R.s Festnahme angesprochen
te. Russische Ausbilder trainierten ihn, bevor er in weiß Ejad A. das nicht mehr, jedenfalls feuerte bis die Wirbel herausspringen – oder das Rück- schrift der Bundesanwaltschaft. Die Staatsanwälte und nach den Ermittlungen der deutschen Justiz
die »Abteilung 251« des Dienstes in Damaskus Assads Cousin in die Menge und rief: »Wer den grat bricht. haben bei ihren Ermittlungen in ganz Europa gefragt wird, sagt der Diktator: »Wir praktizieren
eintrat, die zuständig ist für die innere Sicherheit Präsidenten liebt, soll auf die Verräter schießen.« Dem Gefangenen Mosallam K., der die Frauen­ rund hundert Zeugen befragt, ehemalige Bürger- keine Folter. Warum sollten wir die Menschen fol-
des Landes und die das Gefängnis an der Bagdad- Panik brach aus. Fünf der Demonstranten demonstration in Damaskus gefilmt hatte, widme- rechtler und Folteropfer ebenso wie Überläufer. tern? Das ist nicht unsere Politik.«
straße betreibt. Zwischendurch wechselte er inner- sackten tödlich getroffen zusammen, Assads Hä- ten die Wärter besondere Aufmerksamkeit: K. Sie stützen sich zudem auf die gerichtsmedizini- Der ehemalige Häftling Mossallam K. schreckt
halb des Dienstes, ehe er im Jahr 2008 die Unter- scher jagten die Menschen durch die Straßen und stammt aus einer berühmten Familie, sein Groß- sche Untersuchung von rund 28.000 Aufnahmen bis heute nachts hoch und wähnt sich im Folter-
abteilung »Ermittlungen« der Abteilung 251 über- nahmen diejenigen fest, die nicht rechtzeitig ent- vater war in den 1940er- und 1950er-Jahren Teil eines ehemaligen syrischen Militärfotografen mit knast von Damaskus. Nach einiger Zeit wurde er
nahm. Er war jetzt für die Ausforschung der syri- kommen konnten. Die Gefangenen wurden in der syrischen Regierung. K. selbst führte im Um- dem Decknamen »Caesar«, dessen Aufgabe es war, damals in ein anderes Gefängnis verlegt und einige
schen Opposition zuständig, ein Rad im Getriebe Busse gescheucht und in das Gefängnis an der land von Damaskus bis zu seiner Verhaftung ein die Leichen zu fotografieren, und der die Bilder Tage später entlassen, 2013 floh er über den Liba-
von Assads Unterdrückungsmaschinerie. Bagdadstraße gefahren. Kosmetikunternehmen, seine Handcremes wur- außer Landes schmuggelte – darunter auch viele non nach Deutschland; heute lebt er in Nord-

D
In jedem totalitären Staat gibt es Männer wie den in viele arabische Länder exportiert. Fotos von Toten aus Anwar R.s Gefängnis. rhein-Westfalen. Er lernt Deutsch und macht sei-
Anwar R., die Befehle von oben bekommen und ie Haftanstalt besteht aus mehreren Als die Wärter K. zur Vernehmung abholten, Über Jahrzehnte hatte R. den Assads treu ge- nen Führerschein, er hofft, bald wieder arbeiten zu
doch selbst genug Macht haben, um über Leben Gebäuden, die hinter einer hohen gab ihm ein älterer Mithäftling einen Rat: »In die- dient, doch nach dem Beginn des Aufstands im können. Sein Haus und sein Unternehmen haben
und Tod zu entscheiden. Männer, ohne die kein Mauer liegen und miteinander ver- ser Situation hat man nur zwei Möglichkeiten: Frühling 2011 hatte sich die Lage verändert. Er sei Assads Männer zerstört. »Ich habe im Krieg alles
totalitäres System überleben kann. Männer, die für bunden sind. Das Büro von Anwar Entweder die Zähne zusammenzubeißen und von zwei Seiten unter Druck geraten, erzählte er verloren«, sagt er.
ihre Treue belohnt werden. Anfang 2011 wurde R. befand sich im ersten Stock, im Stärke zeigen. Oder die ganze Zeit schreien.« Mos- später den deutschen Behörden, von seinen Ver- Anders als viele der Folteropfer, mit denen die
Anwar R. zum Oberst befördert, jetzt war er einer Erdgeschoss schoben rund 30 Wärter Dienst, eine sallam K. sagt: »Ich habe geschrien wie nie zuvor in wandten, die teilweise im Widerstand aktiv gewe- ZEIT gesprochen hat, sagt Mossallam K., er sei
von jenen Männern. Treppe führt ins Untergeschoss, wo die Zellen lie- meinem Leben.« sen seien – und vom Regime selbst. froh darüber, persönlich an dem Prozess teilneh-
Kurz darauf begann der syrische Aufstand. gen, so schildern es ehemalige Gefangene. Ausge- Im Gefängnis gab es zwei Arten von Geheim- Mehrfach habe er das Gespräch mit seinen Vor- men zu dürfen. Vor der Begegnung mit Anwar R.
Im März 2011 zogen die Syrer zu Tausenden legt ist der Komplex für hundert Insassen. Aber dienstmitarbeitern. Die Wärter, die auf die Gefange- gesetzten gesucht, behauptet R., er habe argumen- habe er keine Furcht. »Dass dieses Verfahren über-
auf die Straßen, zunächst nur in der Kleinstadt nach dem Beginn des Arabischen Frühlings schos- nen aufpassten und sie auf Anweisung misshandelten. tiert, der Staat dürfe kein Interesse daran haben, haupt stattfinden kann, ist für mich eine Form von
Dara, dann überall, ein Hauch von Freiheit wehte sen die Häftlingszahlen in die Höhe, sodass sich im Und die Vernehmer, die mit den Folterwerkzeugen willkürlich Menschen zu verhaften. Aber niemand Gerechtigkeit, für die ich Deutschland danke«,
durch das unterdrückte Land. Verlies im Untergeschoss zeitweise mehr als 400 hantierten wie ein Fleischermeister mit seinen Haken. habe ihm geantwortet. sagt Mossallam K. Die Anwälte von Anwar R. und
In Damaskus rief Staatspräsident Baschar al- Menschen drängten. Manche der Zellen waren »Sie haben dabei oft gelacht«, sagt Mossallam K., »sie Kurz vor Weihnachten 2012 setzt sich Anwar Ejad A. wollen sich zu der Anklage der Bundes­
Assad die Chefs der Geheimdienste, der Polizei derart überfüllt, dass die Häftlinge im Stehen haben es genossen.« Es habe nichts gegeben, was man R. mit seiner Frau und fünf seiner Kinder nach anwaltschaft nicht äußern.
und der Armee zusammen. Am 20. April 2011 schlafen mussten, Toilettengänge waren nur ein- nicht mit den Gefangenen gemacht habe, sagt Ma- Jordanien ab – und vollzieht eine erstaunliche Generalbundesanwalt Peter Frank, der auch
entschied die Runde, den Aufstand mit Gewalt mal am Tag erlaubt, die hygienischen Bedingun- hamad A., 37, der als Wachmann im Gefängnis Wende: Er berät jetzt den syrischen Widerstand Haftbefehle gegen mehrere weitere hochrangige
niederzuschlagen. gen katastrophal. In der Abteilung 251 habe es diente und irgendwann desertierte, weil er die Grau- gegen Assad. Anwar R. sei sogar zum militärischen syrische Geheimdienstler erlassen hat, wirft Anwar
Kurz darauf versammelten sich in Duma, nord- praktisch kein Verhör gegeben, bei dem nicht ge- samkeiten nicht mehr aushielt. Sprecher der Exilopposition ernannt worden, sagt R. vor, sich aus »niederen Beweggründen« des
östlich von Damaskus, Schätzungen zufolge zwischen foltert wurde, heißt es in der Anklageschrift. Die Folter sei erst beendet worden, wenn der Kefa Ali Deeb, die in jener Zeit der Führung des Mordes und der Folter schuldig gemacht zu ha-
3000 und 6000 Menschen zu einer Demonstration Manchmal wendeten die Vernehmer eine Me- Gefangene in Ohnmacht gefallen sei, erinnert sich Widerstands angehörte. Auch das Auswärtige Amt ben. Folgt das Gericht der Anklage, droht R. eine
an der großen Moschee, Menschen, sie tanzten auf thode namens »Dulab« an, bei der die Häftlinge Ejad A., 43, der zweite Angeklagte, der 16 Jahre in Berlin bestätigt »eine aktive und sichtbare Rolle lebenslange Freiheitsstrafe, womöglich sogar mit
der Straße und riefen »Baschar, hau ab!«, so haben es in einen Autoreifen gezwängt und geschlagen und lang in verschiedenen Geheimdienst-Abteilungen des Herrn R. innerhalb der syrischen Opposition«. anschließender Sicherungsverwahrung. Er müsste
die deutschen Ermittler rekonstruiert. getreten werden. Bei einer anderen Foltermetho- diente, ehe er nach Deutschland floh. Der Bundesnachrichtendienst attestiert, R. habe dann den Rest seines Lebens in einem deutschen
Irgendwann fuhr ein dunkler Mercedes vor, er- de, dem »Fliegenden Teppich«, werden die Ge- Die Leichen ließen die Wärter nachts abtrans- sein Insiderwissen aus seinen 18 Jahren beim Ge- Gefängnis verbringen.
zählt der zweite Angeklagte in diesem Verfahren, fangenen an ein Brett gebunden und malträtiert; portieren, eingehüllt in Decken; sie wurden zu einer heimdienst der Opposition preisgegeben. Im Gefängnis an der Bagdadstraße, berichten
Anwar R.s ehemaliger Kollege Ejad A., der damals ein Scharnier erlaubt es, den Unterkörper nach Deponie 40 Kilometer südlich von Damaskus ge- Anwar R. fliegt nach Genf und nach Istanbul, Menschenrechtsorganisationen, wird derweil ge-
dabei war. Dem Mercedes entstieg Hafis Machluf, hinten abzuspreizen, bis die Gefangenen vor bracht und in ausgeschachtete Gräber geworfen. zu den internationalen Friedensgesprächen des foltert wie eh und je.
10 STREIT
»Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.« HELMUT SCHMIDT
2. A P R I L 2020 D I E Z E I T N o 1 5

DIE ZEIT: Seit dem Ausbruch des Coronavirus hilft maßen ein Fiasko. Jeder vernünftige Mensch sollte
die Bundeswehr im Inland – sie liefert etwa Schutz- dafür eintreten, dass wir Militär überall abbauen.
kleidung aus oder geht für Senioren einkaufen. Sind Hammouti: Und ich bin Soldatin geworden, weil
Sie stolz auf die Truppe, Herr Riexinger? ich etwas Sinnvolles für mein Land tun wollte.
Bernd Riexinger: Ich bin grundsätzlich nicht stolz Weil ich Kameradschaft und Engagement für un-
auf das Militärische. Es ist jetzt natürlich sinnvoll, sere Demokratie schätze. Ich sehe in Afghanistan,
wenn die Bundeswehr etwa Kapazitäten in ihren wie Menschen unterdrückt werden, ihre Meinung
Krankenhäusern zur Verfügung stellt. Ich bin aller- nicht frei äußern können, und für ihr Recht dazu
dings dagegen, dass die Armee im Inneren eingesetzt stehe ich ein. Dieses Recht verteidige ich für alle
wird, also praktisch Polizeigewalt bekommt. Die Menschen. Auch für Sie, Herr Riexinger.
klare Trennung hat ja gute historische Gründe. ZEIT: Seit der Aussetzung der Wehrpflicht hat die
Nariman Hammouti: Also, ich bin sehr stolz auf Bundeswehr allerdings ein Nachwuchsproblem,
meine Kameradinnen und Kameraden. Es haben und womöglich nicht nur ein zahlenmäßiges.
sich jetzt unter anderem Tausende Reservisten frei- 2019 wurden laut Wehrbericht 45 Soldaten wegen
willig zum Dienst gemeldet. Sie alle gehen das Risi- Rechtsextremismus vorzeitig aus dem Dienst ent-
ko ein zu erkranken. Hier bei der Marine in Wil- lassen. Rekrutiert sich die Bundeswehr wirklich
helmshaven gehen wir für ältere Bürger einkaufen. noch aus der Mitte der Gesellschaft?
Das ist gelebte Kameradschaft. Sobald wir in diesem Hammouti: Ja. Der Militärische Abschirmdienst
Land gebraucht werden, melden wir uns. und Vorgesetzte sind bestrebt, Radikale herauszu-
Riexinger: Es gibt gerade viel Alltagssolidarität. filtern. Seit dem 1. Juli 2017 wird jeder Soldat si-
Man muss dazu keinen besonderen patriotischen cherheitsüberprüft. Leider erwischen wir noch
Stolz haben. Auch Mitglieder der Linkspartei hel- nicht jeden. Und leider ist die Truppe seit der Aus-
fen älteren Menschen beim Einkaufen. setzung der Wehrpflicht von der Bildfläche ver-
ZEIT: Unionspolitiker wollen den Artikel 35 des schwunden. Dabei wäre es wichtig, hervorzuhe-
Grundgesetzes ändern, damit die Bundeswehr im ben, wie vielfältig und bunt sie ist. Ich denke, das
Inneren nicht nur bei Naturkatastrophen und gro- war ein Motiv unserer Ministerin: zu zeigen, es

Soll die
ßen Unglücken eingesetzt werden könnte, sondern gibt auch schwarze Soldaten, oder Soldatinnen mit
auch bei einer Pandemie. Wäre das richtig? einem arabischen Migrationshintergrund wie
Riexinger: In der CDU wollen manche schon im- mich. In 15 Jahren Bundeswehr habe ich übrigens
mer die Trennung zwischen Polizei und Bundes- deutlich mehr Diskriminierung und Rassismus
wehr aufweichen und nutzen jetzt die Lage. Das ist außerhalb der Truppe erlebt als innerhalb.
weder nötig, noch richtig. Wer den Einsatz der Bun- Riexinger: Natürlich gibt Rechtsextremisten über-
deswehr im Inneren fordert, ist geschichtsvergessen. all in der Gesellschaft. Aber die Bundeswehr zieht
Wir haben die schlimmsten Erfahrungen gemacht durch ihre autoritären Strukturen vermehrt Leute

Bundeswehr
mit dem Einsatz der Reichswehr im Inneren. an, die dafür anfällig sind. 550 laufende Verdachts-
Hammouti: Wir sind die Bundeswehr, nicht die fälle wegen Rechtsextremismus sind eine Menge.
Reichswehr oder gar die Wehrmacht! Wir haben ge- Die Bundeswehr muss sich fragen, ob sie durch
schworen, das Recht und die Freiheit des deutschen ihre Strukturen solches Gedankengut fördert. Sie
Volkes zu verteidigen. Wir wurden auf unser Grund- muss, was das angeht, ihr Immunsystem stärken!
gesetz vereidigt. Das hat nichts mit Nazitum zu tun. ZEIT: Hier sind Sie zwei sich womöglich mal einig.
Riexinger: Deshalb sollten Sie auch nicht in die Hammouti: Beim Kampf gegen Extremismus si-
Lage geraten, im Land eingesetzt zu werden, son- cherlich. Von diesen Leuten darf niemand Zugang
dern eben das Grundgesetz beachten. zu Waffen haben.

in den
Hammouti: Wir achten alle unsere Geschichte. ZEIT: Herr Riexinger, müssten dann nicht gerade
Auch als Vorsitzende des Vereins »Deutscher.Sol- Sie als Militärskeptiker daran interessiert sein, dass
dat.« gehöre ich zu den vielen, die sich gegen Ras- die Armee wieder enger mit der Zivilgesellschaft in
sismus und jegliche Diskriminierung einsetzen. Berührung kommt?
Und ich bin stolzer deutscher Marineoffizier. Die- Riexinger: Ich erwarte, dass die Bundeswehr das
ses Klischeebild vom 1,85 Meter großen Soldaten leistet, ja. Solange es sie gibt, müssen wir darauf
mit kurz geschorenen blonden Haaren, der rechts- achten, dass sie Bestandteil der Demokratie bleibt.
radikal ist – das gibt es in der Realität so gut wie gar Genau das spricht allerdings dagegen, das Militä-
Foto: Philotheus Nisch für DIE ZEIIT; kl. Fotos: Janine Schmitz/Photothek; Michael Löwa/laif

Kasernen
nicht. Klar, auch die Truppe hat schwarze Schafe. rische hervorzuheben, zum Beispiel auch durch
Die gibt es aber auch im Bundestag und überall öffentliche Gelöbnisse.
sonst. Das ist kein Grund, eine Verbindung zwi- Hammouti: Was haben Sie dagegen? Ich war kürz-
schen Wehrmacht und Bundeswehr herstellen. lich Gast beim Gelöbnis vor dem Bundestag. Meine
Riexinger: Ich rede nicht von Vergleichen, sondern Kameradinnen und Kameraden waren stolz darauf,
von historischen Schlussfolgerungen. dort zu stehen und zu schwören, »das Recht und die
ZEIT: Reden wir mal von kleinen Veränderungen. Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen«.
Die Verteidigungsministerin möchte die Streitkräfte Wir sollen also für dieses Land den Kopf riskieren –
öffentlich sichtbarer machen, auch durch Gratis- aber man soll uns nicht sehen? Das regt mich auf!

bleiben?
Bahnfahrten für Bundeswehrangehörige in Uni- Riexinger: Das muss nicht öffentlich passieren.
form. Herr Riexinger, wie fänden Sie es, Frau Ham- Die Bundeswehr kann in ihren Kasernen bleiben,
mouti in Uniform in der Bahn zu treffen? wenn Eide geleistet werden.
Riexinger: Ich hätte gar nichts dagegen. Ich halte Hammouti: Sie wollen ausschließen, was Sie nicht
diese Regelung allerdings für eigenartig. Wenn sehen wollen!
man will, dass bestimmte Leute umsonst Bahn Riexinger: Ich bin gegen die Zurschaustellung von
fahren – und wir als Linke wollen das perspekti- Uniformen, gegen dieses ganze Tamtam, etwa auch
visch für alle –, dann hätte ich eher mit Pflegerin- mit Militärmusik. Die Bundeswehr gerät nicht nä-
nen oder anderen sozialen Berufen angefangen. Es her an die Gesellschaft, indem sie vor dem Bundes-
gibt keinen Grund, Berufssoldaten zu bevorzugen. tag eine Parade abhält. Das ist eine Inszenierung.
Hammouti: Also ich kenne keine Pflegerin, die Hammouti: Es geht um mehr Normalität. Wir
wechselnde Dienstorte vorgeschrieben bekommt sind ja schon froh, wenn wir vom Dienst kommen
und zum Beispiel von Bayern nach Flensburg und nicht angestarrt werden. Bei mir war das in
pendeln muss. Natürlich kann man sagen, dann Corona-Krise hin oder her, Soldaten gehören nicht in den öffentlichen Raum, findet der meiner Nachbarschaft anfangs auch so, wenn ich
müssen Soldaten eben umziehen, aber das geht etwa nach Dienstschluss noch in Uniform in den
vielleicht wegen der Familie nicht. Außerdem ge- Linkspartei-Chef Bernd Riexinger. Oh doch!, entgegnet die Offizierin Nariman Hammouti Laden um die Ecke einkaufen gegangen bin.
hören wir in die Mitte der Gesellschaft, Unifor- ZEIT: Auch Polizisten oder Feuerwehrleute riskie-
men sind ja nichts Schlimmes. Und wenn Pfleger ren ihre Gesundheit für die Allgemeinheit, kom-
und Krankenschwestern auch kostenlos mit der men aber ohne Gelöbnisfeiern aus. Warum
Bahn fahren wollen, na, vielleicht setzt sich dann braucht die Bundeswehr sie?
mal das Gesundheitsministerium dafür ein? Zug einen Notfall gibt, wen rufen Sie? Wenn Sie gegen die Mandate sind. Offen gesagt, reiße ich ter anstrengenden und gefährlichen Bedingungen. Hammouti: Polizisten oder Feuerwehrleute setzt
Riexinger: Die Verteidigungsministerin hat hier wissen, da sitzt ein Offizier, dann doch vielleicht mich nicht darum, in solchen Einsätzen meinen Verdienen sie dafür nicht mindestens genauso viel niemand pauschal mit Mördern gleich.
doch bewusst ein Exempel statuiert und gesagt, wir ihn. Wir sind schließlich alle ausgebildet und müs- Kopf hinzuhalten. Ich war zweimal in Afghanistan Anerkennung wie Polizisten oder Feuerwehrleute? Riexinger: Eines beunruhigt mich sehr, Frau­
wollen ausdrücklich Leute in Uniform in der Bahn sen jedes Jahr unter anderem zum Sanitätstraining. und habe Sachen gesehen, die ich lieber nicht gese- Riexinger: Der Soldatenberuf ist kein Beruf wie Hammouti: dass Sie so ein unkritisches Bild von
sehen. Das war kein sozialer Akt. Es geht darum, im Riexinger: Was nutzt es, wenn Berufsgruppen, die hen hätte. Aber die Soldaten sind nun mal im Aus- jeder andere. Man wird zum Kämpfen und zum der Bundeswehr haben. Von Ihnen als Offizierin
öffentlichen Raum das Militärische zur Selbstver- nicht für die öffentliche Sicherheit zuständig sind, land, Herr Riexinger. Wie andere war auch ich mit Töten ausgebildet. Dieses Berufsbild erfordert kei- erwarte ich mehr kritische Distanz zu Ihrer Arbeit,
ständlichkeit zu machen. Dagegen bin ich. öffentlich Uniform zeigen? Für die Sicherheit der schlechter Ausrüstung unterwegs. Mit einer Schutz- nen besonderen Respekt. Meinen vollen Respekt zu Ihrem Dienst an der Waffe. Es geht mir zu viel
Hammouti: Warum? Wollen Sie eine ganze Berufs- Bürgerinnen und Bürger hat die Polizei zu sorgen. weste, die mir nicht passte, weil es nicht genügend haben die Menschen, die bei der Bundeswehr ar- um Stolz bei Ihnen.
gruppe ausklammern? Bei ihr ist lange zu viel Personal eingespart wor- in meiner Größe gibt. Ich saß in Fahrzeugen, die beiten. Ich habe so viel Respekt vor ihrem Leben Hammouti: Ich bin aber nun mal stolz auf meinen
Riexinger: Nein, ich wende mich gegen eine Be- den, sie muss vernünftig ausgestattet sein. ungenügend gepanzert waren. Wenn ich deswegen und ihrer Gesundheit, dass ich sie davor schützen Beruf und auf mein Land. Gleichzeitig sehe ich
vorzugung. Für eine Gruppe, die nicht zu den so- Hammouti: Schön, dass Sie das sagen. Wenn Sol- ums Leben komme, was sollen dann meine Ange- möchte, in Auslandseinsätze gehen zu müssen. durchaus vieles in der Bundeswehr kritisch. Bei uns
zial Schwächsten gehört, hat man mit Steuermit- daten vom Bundestag in einen Einsatz geschickt hörigen vom Bundestag denken, der mich in den Hammouti: Das verstehe ich nicht. Wenn Sie­ läuft wirklich auch einiges schief.
teln ein Privileg geschaffen, um ein politisches werden, scheinen Sie das anders zu sehen. Im Mo- Einsatz geschickt hat? diese Menschen respektieren und sich um ihr ZEIT: Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee
Signal zu senden. Der Verteidigungsministerin ment müssen wir mit teils 30 Jahre altem Equip- Riexinger: Ich sage doch nicht, dass Sie schlecht Wohlergehen sorgen, müssten Sie dafür sein, sie und Herr Riexinger als Abgeordneter einer ihrer
geht es um Aufrüstung. Die Bundeswehr soll in ment klarkommen. Haben Soldaten weniger An- ausgerüstet werden sollten. Die Bundeswehr be- möglichst gut auszustatten. Haben Sie mal einen Auftraggeber. Haben Sie einen konkreten Wunsch
noch mehr Ländern eingesetzt, mi- recht auf eine gute Ausstattung? kommt dieses Jahr 50 Milliarden Euro. Allein die Truppenbesuch gemacht und sich an ihn, Frau Hammouti?
litärische Lösungen sollen nach Riexinger: Die Linke hat bisher ge- Etat-Erhöhung ist mehr als alle Mittel für Klima- ein Bild davon verschafft, wie mei- Hammouti: Nächstes Jahr gehe ich
vorn gerückt werden. gen alle Auslandseinsätze der Bun- schutz zusammen. Es läuft in der Beschaffung viel ne Kameradinnen und Kameraden wahrscheinlich in den Einsatz nach
ZEIT: Frau Hammouti, Polizisten deswehr gestimmt ... schief: Da arbeiten 11.000 Leute, trotzdem brau- in Mali oder in Afghanistan leben Mali. Besuchen Sie mich dort! Da-
dürfen schon länger kostenlos Bahn Hammouti: Ja, weiß ich! chen sie noch Berater, die viele Millionen kosten. und arbeiten? mit Sie ein besseres Bild von uns
fahren, auch weil sie das Sicher- Riexinger: ... das heißt, es ist nicht Die Verteidigungsministerin will sogar zwei Prozent Riexinger: Ich habe den Wehrdienst haben, wenn es im Bundestag um
heitsgefühl der Passagiere steigern. gerade unsere Aufgabe, zu fordern, des Bruttoinlandsproduktes für die Bundeswehr verweigert, und ich war noch nie uns Soldaten geht.
Würden Sie das von Soldatinnen dass die Truppe besser ausgestattet ausgeben, das wären 85 Milliarden Euro – mehr als beim Militär, aus guten Gründen. Riexinger: Danke, ich werde drüber
und Soldaten auch behaupten? sein muss. Wir sagen vielmehr, die das, was die Atommacht Russland ausgibt. Ich habe keinen besonderen Respekt nachdenken.
Hammouti: Ich weiß nicht, ob ich Bundeswehr hat im Ausland nichts ZEIT: Frau Hammouti geht es wohl nicht allein um vor Leuten, die in den Auslandsein-
in Uniform Sicherheitsgefühle aus- verloren. Geld, sondern auch um Respekt. Soldatinnen und satz gehen. Diese Einsätze, vor allem Das Gespräch moderierten
löse, aber wieso nicht? Wenn es im Hammouti: Ich respektiere, dass Sie Soldaten leben und arbeiten in Krisenregionen un- der in Afghanistan, sind erwiesener- Jochen Bittner und Stefan Schirmer

Bernd Riexinger, 64, Nariman Hammouti, 40,


ist seit 2012 Co-Vorsitzender der Linkspartei. Der Bankkaufmann und langjährige nahe Hannover als Kind marokkanischer Eltern geboren, kam 2005 zur Bundeswehr
Gewerkschaftssekretär aus Stuttgart sitzt seit 2017 im Bundestag. Im vergangenen und ist heute Leutnant zur See. Sie leitet den Verein »Deutscher.Soldat.«, der
Jahr rief er zu Protesten gegen öffentliche Gelöbnisse der Bundeswehr auf für »Vielfalt als Normalität« eintritt. 2019 erschien ihr Buch »Ich diene Deutschland«
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 STREIT 11
TITELTH EM A: WI E SCHÜTZ EN WI R D I E S C H W A C H E N ?

Eingeschlossen
mit dem Peiniger
Wenn die häusliche Gewalt in den kommenden Wochen explodiert,
wird die Bestürzung groß sein. Was für eine Heuchelei  VON ANTJE JOEL

etzt also sorgen sie sich, die Politiker. Und strampeln. geliefert sind, könnte ja jemand auf die Idee kommen, Männergewalt gegen die Partnerin (beziehungsweise die Die Fallzahlen sind nahezu unverändert, seit 40

Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT; kl. Fotos: Marta Faye; Urban Zintel für DIE ZEIT (u.)
Plötzlich wollen sie alles daransetzen, Frauen zu hel- die Politiker seien mit schuld. Form der Gewalt, die der Begriff »häusliche Gewalt« Jahren. Laut Bundeskriminalamt sind sie in den ver-
fen, deren Männer eine Bedrohung für sie sind. Leer Es sterben mehr Männer als Frauen an den unmit- gemeinhin umschreibt) hingegen ist systematisch. Ihr gangenen drei Jahren um zehn Prozent gewachsen.
stehende Hotels könnten angemietet werden, um telbaren Folgen des Virus, so viel ist wahr. In jeder an- Ziel ist Kontrolle, ist Macht. An dem akuten Anstieg, so liest man, sei die Corona-
temporär mehr Frauenhausplätze zu schaffen, schla- deren Hinsicht stehen Frauen auch hier weltweit an der Der englische Begriff coercive control, »Zwangskon- Krise schuld. Als sei es das Virus, das zuschlägt. Als
gen die einen vor. Von einer »Ausnahmesituation« Front. Sie stellen in deutschen Krankenhäusern gut 70 trolle«, beschreibt die systematische Unterwerfung eines seien es nicht Männer. Keine Frage: Mehr Frauen-
sprechen einige Medien. Die durch die Corona-Pan- Prozent des Pflegepersonals. Sie übernehmen die häus- anderen. Anfänglich oft mittels langsam gesteigerter hausplätze werden dringend gebraucht. Deutschland
demie verursachte Unsicherheit, die Isolation und der liche Pflege alter oder kranker Familienmitglieder – da psychischer Gewalt, wie Erniedrigungen, Demütigun- hat sich verpflichtet, sie zur Verfügung zu stellen.
damit verbundene Druck führen zu vermehrter Ge- sie meist eh weniger verdienen als die Männer. Sie gen und finanzieller oder sozialer Isolation. Social Dis- Laut Istanbuler Konvention, jenem Vertrag, mit dem
walt in den Familien. Plötzlich gibt es nicht einmal kümmern sich nach Schließung der Schulen und Kitas tancing beispielsweise gehörte schon vor der Corona- sich die Unterzeichnenden zum Kampf gegen Ge-
mehr stundenweises Entkommen für die Frauen, öfter um die Betreuung der Kinder. Die Behauptung, Krise zum Regelwerk des Gewalttäters. Und das Sich- walt gegen Frauen verpflichten, muss die Bundesre-
plötzlich können ihre Peiniger permanent kontrollie- dass die Pandemie Männer schlimmer treffe als Frauen, zurechtbiegen und Sichzunutzemachen bestehender gierung umgerechnet auf ihre Gesamtbürgerzahl
ren, ob sie am Telefon um Hilfe bitten. In Frankreich ist so falsch wie die immer wiedergekäute Behauptung, Sitten, Regeln und Umstände. Bei einer Notrufstelle in 21.400 Plätze anbieten. Es gibt, auch zwei Jahre nach
haben Frauenrechtlerinnen schon ein Codewort ent- dass Männer auf dieselbe Art Opfer von häuslicher Ge- New York meldete sich eine Frau, deren Partner ihr Deutschlands später, sehr später Ratifizierung des
wickelt: Wenn Frauen in Apotheken nach »Maske walt werden (oder werden könnten) wie Frauen. wiederholt drohte, sie auf die Straße zu setzen, damit Vertrages, gerade mal 6800 Plätze.

D
Nummer 19« fragen, soll die Polizei alarmiert werden. Es geht nicht darum, männlichen Gewaltopfern Hilfe sie sich mit dem Coronavirus infiziere.
In China stieg die Gewalt in der Isolation um das zu versagen. Aber der oft fast reflexhafte Verweis aus Evan Stark sagt auch, dass er in seinen mehr als 30 ie Bundesfamilienministerin hat
Dreifache. Spanien meldet ähnliche Zahlen. In Eng- Gerichten, Presse, Politik, dass Männern »so etwas auch Forschungsjahren auf dem Gebiet nie einem Fall be- jüngst 120 Millionen Euro für neue
land gingen bei den Frauennotrufen schon in den passiert«, entschuldigt und fördert damit Gewalt gegen gegnet sei, in dem die Frau auf die gleiche Art, mit dem Frauenhäuser und Beratungsstellen
Wochen vor der Isolation »deutlich mehr« Hilferufe Frauen. Sie ist nicht zu entschuldigen. Nicht mit der gleichen persönlichkeitsvernichtenden Effekt Gewalt versprochen. Bevor jemand das für
ein als an normalen Tagen. Hier ein Maßstab, was Arbeitslosigkeit der Täter, nicht mit Stress und auch über ihren Mann ausgeübt habe. Eine britische Studie, den Durchbruch hält: Den 120 Mil-
»deutlich mehr« ungefähr bedeutet: An normalen nicht mit der Angst davor, dass Corona Männern die die Männer befragte, die sich als Opfer häuslicher Ge- lionen gegenüber stehen 3,8 Mil­liar­den Euro, die
Tagen fährt die britische Polizei alle 30 Sekunden zu wirtschaftliche Existenz rauben könnte. Und nicht mit walt erlebt hatten, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: häusliche Gewalt und ihre Folgen Jahr für Jahr
einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Ausgangssperren und steigendem Alkoholkonsum. In maximal ein bis zwei Prozent der untersuchten Fälle unsere Gesellschaft kosten. Mit einem Mangel an

F
Ausnahmesituation? Die ist für Millionen Frauen könne man von Zwangskontrolle sprechen. Die For- Geld lässt sich die offenkundige Trägheit nicht­
in Deutschland Alltag. rauen grundsätzlich die Fähigkeit zur Ge- scher machten noch eine Entdeckung: So zurückhaltend begründen.
Ich nenne sie hier noch mal schnell, die langweiligen walt abzusprechen ist falsch. Frauen brül- die Männer waren, ihre eigenen Übergriffe als Gewalt Die Weltgesundheitsorganisation hat die Ursache
Fakten: Jede dritte Frau auf der Welt erfährt wenigstens len. Beleidigen. Sie werfen mit Tassen und zu werten, so schnell fühlten sie sich selbst als Opfer. für die Gewalt schon vor Jahren benannt: Gewalt gegen
einmal in ihrem Leben Gewalt von ihrem Partner oder Tellern. Sie schlagen. Das bestätigen meh- In England wurde Zwangskontrolle als »zielgerich- Frauen sei Ausdruck der historisch ungleichen Macht-
Ex-Partner. Das sind in Deutschland zwölf Millionen rere Studien. Teilweise ziehen diese – Kri- tetes Muster von Vorfällen über den Lauf der Zeit, damit verhältnisse zwischen den Geschlechtern, die zur Vor-
Die Autorin Frauen. Jeden Tag versucht hier ein Mann, seine Ex- minalstatistiken zum Trotz (laut Bundeskriminalamt eine Person Macht, Kontrolle oder Zwang über einen herrschaft von Männern und Diskriminierung von
Antje Joel oder aktuelle Partnerin zu ermorden. Jeden dritten Tag waren im vergangenen Jahr 81 Prozent der Opfer anderen ausüben kann«, 2015 unter Strafe gestellt. Frauen durch Männer und zur Verhinderung des vollen
absolviert an der ist einer erfolgreich. Das haben wir mittlerweile tausend- häuslicher Gewalt Frauen) – daraus den Schluss, die Zweieinhalb Jahre später offenbarte sich dieses Gesetz Fortschritts von Frauen geführt haben.
Universität in undeinmal gelesen und gehört. Und trotzdem scheint Gewalt in Beziehungen sei gleichwertig verteilt. Un- als leere Geste. Von 7034 Festnahmen in England und Häusliche Gewalt ist nur eine Form dieser Ge-
Worcester, UK, die Mehrheit noch nicht alarmiert zu sein. Nachdem populär, aber wahr ist: Es gibt eine Hierarchie der ­Wales waren nur 1157 Täter vor Gericht gestellt und walt. Experten nennen sie ein staatliches Verbrechen.
den Masterstu- die ZEIT im Dezember jede der 122 im Vorjahr von Gewalt. Es gibt einen Unterschied zwischen einer 235 verurteilt worden. In den USA schaffte die Trump- Darüber hätte ich gern mit Frau Giffey gesprochen.
diengang »Under- ihrem Ex- oder Lebenspartner ermordeten Frauen do- Ohrfeige und dem Auf-die-Intensivstation-Prügeln. Regierung den Straftatbestand der Zwangskontrolle Oder mit sonst einem Verantwortlichen. Die ZEIT
standing Domestic kumentiert hatte, kommentierte ein Leser unter dem Es gibt einen Unterschied zwischen Beleidigungen 2018 ab. In Deutschland war diese niemals strafbar. hatte gleich ein paar von ihnen zum Gespräch ein-
Violence and ­ Artikel: »Wir reden hier über 122 Taten bei 80 Mio. und systematischen Erniedrigungen, die zum Ziel Ich hätte die Bundesministerin für Familie und geladen, zum Beispiel auch die Bundesjustizministe-
Sexual Assault« Einwohnern. Das ist eine absolute Nischenzahl, die haben, den anderen zunichtezumachen. Frauen Franziska Giffey (SPD) – oder irgendeinen rin. Alle antworteten sinngemäß: Ist nicht unser Bier.
keinerlei Aussagekraft über das männliche Geschlecht Wer die Gewalt in Beziehungen messen will, muss anderen verantwortlichen Politiker – gern gefragt: Wa- Fragen Sie anderswo. Auch Frau Giffey ließ ausrich-
hat. (...) Warum so ein Männerhass?« Ungleiches unterscheiden, sagt der US-Forensiker Evan rum sehen Sie dem tatenlos zu? Warum tun Politiker ten, dass sie so einem Gespräch »leider nicht zusagen
Ich denke: Besser bringt man die dominierende Stark. Er forscht seit mehr als 30 Jahren dazu, wie Män- auch hierzulande so, als sei häusliche Gewalt in erster kann«. Sie bat um Verständnis. Auch das noch.
Haltung in Gesellschaft und Politik nicht auf den ner im täglichen Leben Frauen als Geiseln nehmen. Die Linie ein privates Problem, eine Kabbelei zwischen zwei
Punkt. Und wenn es nun »die paar mehr« Frauen durch Beziehungsgewalt, die von Frauen ausgeht, ist dem­ Menschen, die es halt nicht gebacken kriegen? Als Von Antje Joel erschien im Januar bei Rowohlt
die Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise er- gegen­über vor allem situativ. Sie ist meist ein auf den könnten wir alle, wenn überhaupt, nur die Symptome das Buch »Prügel. Eine ganz normale Geschichte
wischen wird, wird Politiker wohl vor allem die Sorge Augenblick bezogener, fehlgeleiteter Versuch der »Pro- der Gewalt bekämpfen: Frauenhäuser bauen, Notrufe häuslicher Gewalt« (336 S., 12,– €), in dem
um sich selbst treiben: Jetzt, wo die Frauen auf staatliche blemlösung«. Beispielsweise, wenn ein Mann sagt: »Ich einrichten, ein bisschen Tätertherapie betreiben. Warum die Autorin unter anderem über die Gewalt schreibt,
Anweisung ihrem Peiniger in heimischer Isolation aus- habe dich betrogen«, und die Frau schlägt im Affekt zu. interessieren sich die Politiker nicht für die Ursachen? die sie selbst über Jahre in zwei Ehen erlebt hat

60
ZEILEN

LIEBE
Schluss mit »Bleiben Sie gesund«: Was wir den letzten Verteidigern der Normalität verdanken  VON PETER DAUSEND

Ach, was waren das doch für Zeiten, als die Men- Konventionalisten in meinem An­sehen. Als die letz- der beim ersten Husten regelmäßig kollabiert; wieso kann – schnuppe. Ob der Deutsche Sachbuchpreis
schen zur Begrüßung noch beherzt »Guten Tag« ten Verteidiger der Normalität. die USA, das wirtschaftlich stärkste Land der Erde, nicht doch vergeben werden sollte, ob Videochats nun
sagten und nicht ein besorgt-verzagtes »Wie geht’s Mit den Guten-Tag-Sagern und Auf-­Wie­der­sehen-­ sich nun als gesundheitspolitisches Burkina Faso er- das Lagerfeuer der Moderne sind, ob D ­ onald Trump
dir denn?« herauswimmerten. Und beim Abschied Be­wah­rern, so meine Erfahrung, muss man auch weisen; weshalb Südkorea, Taiwan, Japan so viel bes- oder Jair Bolsonaro nun der größte Corona-Trottel ist,
ein hoffnungsfrohes »Auf Wiedersehen!« erklingen nicht schon wieder über das reden, worüber nun alle ser klarkommen mit dem Virus als Italien, Spanien, den Sars-CoV-2 je ge­sehen hat – einerlei.
ließen und kein verzagt-besorgtes »Bleiben Sie ge- reden. Ob die Kontaktsperre verlängert wird, wie Frankreich – egal. Wann die Bundesliga wieder­ Den Verteidigern der Normalität ist nichts der Rede
Peter Dausend sund!« wünschten. Sie fangen an, mir auf die Nerven lange die Wirtschaft den Shutdown aushalten kann, startet, ob Ursula von der Leyen ihren Krisenhaushalt wert, worüber alle reden. Telefonate mit ihnen – per-
ist Politischer zu gehen, diese Wie-geht’s-denn-Bemutterer und warum man nicht genügend Schutzkleidung für hinbekommt, wann Jürgen Drews endlich wieder sönlich treffen darf man sie in diesen Tagen und Wo-
Korrespondent Bleiben-Sie-gesund-Beter. Mit jedem Tag, an dem Ärzte, nicht genügend Beatmungsgeräte für Patienten nach Mallorca darf – piepenhagen. Ob Dax-­ chen, womöglich Monaten nicht – erweisen sich als
im Hauptstadt- Corona-Sondersendungen und -Brennpunkte ein und nicht genügend Testmaterial für verunsicherte Konzerne ihren Aktionären noch Dividende auszah- Oasen der Erholung. Sie sagen »Guten Tag« und nach
büro der ZEIT bisschen mehr zum ARD-ZDF-Standardprogramm Bürger herstellen kann – kein Wort darüber. Warum len, warum man keine Adidas-Schuhe mehr kaufen etwa einer Viertel-, manchmal auch nach einer halben
mutieren, steigen die Guten-Tag-/Auf-Wiedersehen- die Briten ihren National H
­ ealth Service so verehren, sollte, wann Eric Clapton wieder Konzerte geben Stunde »Auf Wiedersehen«. Der Rest ist Schweigen.

Online mitdiskutieren: Mehr Streit finden Sie unter zeit.de/streit


12 IN DER ZEIT 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

TITELTHEMA
Corona-Krise: Wie schützen wir die Schwachen?

ZEITNAH
POLITIK Handel  Viele Einzelhändler und kleine Reportage  Ein Besuch in Israel

INHALT
Unternehmen kämpfen ums Überleben  bei Jeff Wilbusch, dem Star aus der
Italien  Ein Aufruf von Ministerpräsident
VON ANN - K ATRHIN NEZIK A 21 Netflix-Serie »Unorthodox« 
Giuseppe Conte an die Europäer  2
VON S E BASTIAN KE MPKE N S 47
Wirtschaftspolitik  Wie wird die Welt
Gerechtigkeit  In der Krise offenbart
nach Corona aussehen?  Roman  Frank Witzel »Inniger
sich die soziale Spaltung Deutschlands 
VON FRIE DRICH ME RZ 22 Schiffbruch«  VON MORITZ BAS S LE R 48
VON ROBE RT PAU SCH ,
E LI SABETH R AETHE R U ND Führung  Der Psychologe Niels Van ­ Memoiren  Markus Meckel
BE RND U LRICH A3 Quaquebeke erklärt im Interview, was »Zu wandeln die Zeiten« 
Chefs im Moment leisten müssen  23
Desinformation  Wie russische Staats- VON CHRI STOPH DIECKMANN 48
medien versuchen, Europa in den Zeiten Krisenhilfe  Arbeitsagenturen,
Banken und Behörden müssen einen Interview  Ein Gespräch mit Hetty Berg,
von Corona zu verunsichern  der neuen Direktorin des Jüdischen
VON CHRI STIAN FUCH S , riesigen Ansturm bewältigen 
Museums Berlin  49
LU I SA HOMME RICH U ND VON VIOLA DIEM UND KOLJA RUDZIO 23
PAU L MIDDE LHOFF 4 Mieten  Welche Hilfen der Staat Replik  Warum man Uwe Tellkamp
nun gewährt und wie das funktioniert  unrecht tut 
Armin Laschet  Für den nordrhein-­
VON J E N S TÖNNES MANN 24 VON MARTIN MACHOWECZ 50
westfälischen Minister­präsidenten wurde
Foto: CP Krenkler für DIE ZEIT

der Landkreis Heinsberg in der Corona- Europa  Die Finanzierung der Krise Kolumne  Über den Linden 
Pandemie zum Demokratie-Labor  spaltet den Kontinent  VON GEORG BLUME VON MA XIM BILLE R 50
VON MARIAM L AU A4 U ND MARK SCHIE RITZ 25
Kunst  Eine Ausstellung und ein Buch
Regierung  Das Innenministerium Serie: Die Erste (11)  Judit Polgár war zum 500. Todestag von Raffael 
ist zur treibenden Kraft bei der Krisen­ die erste Schachspielerin, die nur gegen VON ALE X ANDE R CAMMANN 51
bewältigung geworden  Männer antrat 
VON MARC BROST 5 VON MICHAE L ALLMAIE R 26 Pop  Das neue Werk der Elektro-

Arbeiten im Katastrophengebiet New York  Unterwegs mit einer Ärztin,


die in Brooklyn gegen die Epidemie
Musikerin Arca  VON J E N S BALZE R
Film  »Norte, the End of History« von
51

kämpft  VON KE RSTIN KOHLE NBE RG 6


WISSEN
Wie weit kann, darf man zurzeit gehen bei einer Recherche? Vor dieser Frage stand Kerstin Lav Diaz  VON K ATJA NICODE M U S A 51
Eingesperrt  Wie geht es den Kindern
Kohlenberg (li.), Amerika-Korrespondentin der ZEIT, als sie über die Corona-Pandemie in Jenseits der Seuche  Was sonst noch
dysfunktionaler Familien in Zeiten des
auf der Welt geschieht  8
New York schreiben sollte. Zunächst wollte sie alles telefonisch erledigen, traf sich dann aber Corona-Lockdowns?  KINDER- & JUGENDBUCH
Justiz  Ein syrischer Folterknecht
doch persönlich mit ihren Gesprächspartnern. Zu den Treffen radelte sie, um die U-Bahn zu VON J EANNETTE OTTO U ND
LUCHS des Monats  Das Bilderbuch
kommt in Deutschland vor Gericht  JOHANNA SCHOE NE R 27
vermeiden. Schließlich begleitete sie die Ärztin Sigrid Wolfram (re.) sogar in die Notaufnahme VON MOHAME D AMJAHID U ND
»Der Koffer« erzählt die Geschichte einer
des Kings County Hospital in Brooklyn – dort trug sie natürlich Mundschutz  POLITIK , SEITE 6 Ethik  Der Vorsitzende des Ethikrats Flucht und ist ein anrührender Appell an
HOLG E R STARK 9
Peter Dabrock und der Jesuit Klaus Mertes Mitgefühl und Menschlichkeit 
streiten über die Abwägung zwischen VON K ATRIN HÖRNLE IN 53
STREIT Seuchenschutz und Nächstenliebe  29
Gegen den Corona-Lagerkoller: 
Bundeswehr  Sollen Soldaten im Gesundheit  Sollen Gesunde Die LUCHS-Juroren empfehlen
öffentlichen Raum sichtbarer werden? Atemmasken tragen? An dieser Frage zeigt fünf Neuerscheinungen zur gemeinsamen
Ein Streitgespräch zwischen dem Politiker sich die Spannung zwischen politischem Lektüre für Eltern und Kinder 53
Bernd Riexinger und der Offizierin Kalkül und wissenschaftlicher Beweislage 
Nariman Hammouti  10 VON MA XIMILIAN PROBST A 31

Hoffen auf Heilung  Die Suche GLAUBEN & ZWEIFELN 


Häusliche Gewalt  Wenn die Fallzahlen
in den kommenden Wochen explodieren, nach einem Impfstoff geht weiter  Seelsorge  Spanische und italienische
wird die Bestürzung groß sein. Was für VON HARRO ALBRECHT 31 Ärzte leiden, weil sie so vielen Corona-
eine Heuchelei!  Patienten nicht mehr helfen können.
Infografik  Vor 150 Jahren begann
VON ANTJ E JOE L 11 Heinrich Schliemann mit den Die Deutschen bereiten sich auf den
Foto: Dominik Asbach für DIE ZEIT
Foto: Philipp Horak/Anzenberger

60 Zeilen Liebe  Ausgrabungen in Troja. Eine Gegenüber- Ernstfall vor 


VON PETE R DAU S E ND 11 stellung von Mythos und Realität  32 VON K ARIN CE BALLOS BETANCU R ,
EVE LYN FING E R U ND
Anthropologie  Von der Vorstellung
eines übersichtlichen Stammbaums des U LRICH L ADU RNE R 54
DOSSIER Menschen müssen wir uns verabschieden 
Wie geht es den Alten?  Ein Senioren- VON U LRICH BAHN S E N U ND
Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN
heim bei Tübingen. Die Bewohner sind U RS WILLMANN A 33
von der Welt abgeschnitten, allein mit Singles  Normalerweise macht man über
Internat  100 Jahre Schule Schloss Salem 
Immer auf Angriff Gerechtigkeit für Syrien – in Koblenz den Pflegern, die nun versuchen, ihnen
noch mehr Nähe zu geben als sonst – VON MAN U E L STARK 34
Tinder Dates klar. In den Zeiten der
Kontaktsperre lässt sich dort mit Frauen
in ständiger Sorge, dass die Seuche schon Politischer Fragebogen  über die Einsamkeit chatten 
Judit Polgár ist die erste Frau, Weil er gegen das Assad-Regime protestierte, wurde Mosal- da ist  VON MORITZ AI S S LING E R U ND Diese Woche mit dem Arzt und Fernseh- VON ALARD VON KITTLITZ 55
die nur gegen Männer Schach lam K. in Damaskus gefoltert. Nun steht sein mutmaßlicher CATE RINA LOBE N STE IN 13 moderator Eckart von Hirschhausen  35
spielte – und das ganz anders Peiniger in Deutschland vor Gericht. Eine Geschichte aus TV-Serien  Moritz Sachs hat 34 Jahre
lang Klaus Beimer gespielt – bis zum Ende
als erwartet  WIRTSCHAFT, S . 26 dem zwielichtigen Alltag in einer Diktatur  POLITIK , SEITE 9 GESCHICHTE LEO – DIE SEITE FÜR KINDER der »Lindenstraße«. Was kommt jetzt? 
Seuchen  Die Pocken wurden als bisher Bücher-Spiele  Türme stapeln, Möbel VON MORITZ HE RRMANN 57
einzige Virus-Erkrankung weltweit besiegt. bauen, Rennparcours anlegen – sechs Ideen, Das Dekameron-Projekt (2)  Als im
Wie ist das gelungen?  was man mit Büchern tun kann, außer sie
14. Jahrhundert in Europa die Pest wütete,
IN DEN REGIONALAUSGABEN A ZUM HÖREN VON MANFRE D VASOLD 17 zu lesen  VON MARIA ROS S BAU E R 44
schrieb Giovanni Boccaccio seine
ZEIT im Osten Die Journalistin S AB I N E LU BOW Die so gekennzeichneten Bestsellerliste  Die meistverkauften Novellensammlung »Das Dekameron«.
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einem Boot  VO N JANA H E N S E L 17 scheint ihre erste Biografie  Linktipps (Seite 14), Patagonien, Marokko und Lemurien 
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stellerin Juli Zeh über wahre ZEIT Österreich China  Wie das Coronavirus das weltweite
(Seite 52), Bildungsange- Wirtschaftskrise  Wie sich mit Wie es wirklich ist ... 
Mordgelüste, mystische Momente Vizekanzler Werner Kogler im Machtgefüge verändert 
bote und Stellenmarkt Macht, Geld und Big Data die Folgen Gold zu vergraben 
Gespräch über Staatshilfen und
Ein Designheft von und mit und über schreckliche Familien­ (ab Seite 38) VON ADAM SOBOCZYN S KI A 45
Ungarn  VO N CO R I N NA M I LBO R N 16 der ­Pandemie eindämmen lassen  VON ROBE RT VE LTE N 62
der serbischen Künstlerin geheimnisse  18
FRÜHER VON UWE J EAN HEU S E R U ND Aufruf  Intellektuelle, Künstler,
und Designerin Ana Kraš Die Befreiung Wiens von der
ZEIT Schweiz INFORMIERT! FE LIX LILL A 19 Politiker und Ökonomen fordern
NS-Herrschaft vor 75 Jahren  einen Corona-Fonds  45 RUBRIKEN
In der Schweiz und in Die aktuellen Themen
Wo sagt man »zu Hause« VO N J OAC H I M R I E D L 18 Prognose  Der Ökonom Clemens Fuest
Österreich fürchten Spitäler, dass der ZEIT schon am und der Virologe Alexander Kekulé im Zeitenwende  »Alternativlose« Politik? Leserbriefe 16
und wo »daheim«? Unsere ihre ­Pflegerinnen und Ärzte Wie hält es die Informatikerin Mittwoch im ZEIT- Gespräch über die Kosten der Krise – und Die Pandemie macht Schluss mit diesem Stimmt’s? A 34
Deutschlandkarte zeigt es nicht mehr über die Grenze Martina Lindorfer mit dem Brief, dem kostenlosen darüber, wie man aus ihr herauskommt  20 Märchen  VON RICHARD D. PRECHT 46 Die Position 38
kommen VO N Datenschutz während der Krise?  Newsletter
B . AC H E R MAN N U N D R . E I S E N R E I C H 16 VO N FLO R IAN GAS S E R 26 www.zeit.de/brief Medikamente  Der Wettbewerb Klassik  Musiker streamen ihre Konzerte Taschenbuch 48
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2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 DOSSIER
TITELTH EM A : WI E SCH ÜTZ EN WI R DI E SCH WACH EN ?
13

Besuch verboten: Aushang am


Eingang des Altenheims

Einsam

Bedroht
Die Bewohner dürfen das
Haus Raichberg nicht mehr verlassen –

Alt
zu ihrem eigenen Schutz

Corinna Sauter, die Heimleiterin,


trägt so viel Verantwortung
wie nie zuvor

Theresia Steinbinder, 94, hat vor Kurzem


zum ersten Mal per Video telefoniert

Ein Seniorenheim auf der Schwäbischen Alb. Das Virus hat die Bewohner von der Welt abgeschnitten. Nähe geben ihnen nur noch die Pflegerinnen, während die Angehörigen
draußen kaum etwas tun können. Alle quält die Frage: Ist die Seuche vielleicht schon da?  VON MORITZ AISSLINGER UND CATERINA LOBENSTEIN; FOTOS: EVELYN DR AGAN

A
m zehnten Tag des Besuchsver- 46.000 Einwohner, mitten auf der Schwäbischen wohner und zwei Hunde, Käthe und Max. Sie ist eine ten vorhalte für all die Leichen, die womöglich bald sind, die Bürden des Alters erträglich zu machen.
bots sackt Corinna Sauter er- Alb, eine Autostunde südlich von Stuttgart. Es ist große Frau, schlank, das Haar trägt sie kurz und rot zu beerdigen sind. Und in den Nachrichten hat Sau- Wer schwach ist, dem kocht sie Hühnersuppe.
schöpft auf einem Stuhl zu- ruhig, der große Raum ist leer, ganz anders als gefärbt, ihre Hände sind trocken und rissig vom vielen ter von dem Pflegeheim in Würzburg gehört, in dem Wer Schmerzen hat, dem reibt sie den Rücken
sammen, sie streift ihren Mund- sonst. Nur wir Reporter sind für einen kurzen Be- Desinfizieren. Sie hat selten so viel gearbeitet wie in zu dem Zeitpunkt, als wir mit ihr in dem verwaisten mit Salbe oder Franzbranntwein ein. Seit ein
schutz ab und wischt sich Trä- such da, damit wir uns einen Eindruck von Co- den vergangenen Wochen. Draußen dämmert es. Gemeinschaftsraum sitzen, 44 Bewohner und 32 Mit- paar Wochen aber, seitdem das Coronavirus um
nen aus den Augen. Sie sagt: rinna Sauters Heim verschaffen können. Wir sind Corinna Sauters Heim liegt in einer der Re- arbeiter positiv auf Corona getestet wurden. Eine sich greift und die Alten und Kranken bedroht,
»Ich kann nicht mehr.« in Schutzanzüge gehüllt. gionen Deutschlands, in denen bisher die meisten Woche später werden 16 der Bewohner gestorben sein. kann plötzlich fast alles, was Sauter tut, den
Unten im Erdgeschoss ist vor wenigen Stunden Das Dachgeschoss dient eigentlich als Gemein- Corona-Infizierten gezählt wurden. Auf den Kar- Schon seit Langem kommt es Sauter so vor, als Heimbewohnern schaden – und sie im Zweifel
eine Bewohnerin gestorben. Eine schwere Bron- schaftsraum, aber schon seit Tagen findet hier nichts ten des Robert Koch-Instituts ist Sauters Land- ob das Virus ihrem Heim näher und näher rückt. das Leben kosten.
chitis. Das war die Dia­gno­se, die der Hausarzt vor mehr statt. Nicht das gemeinsame Singen und nicht kreis, der Zollernalbkreis, ein dunkelroter Fleck. Nun fragt sie sich, ob es womöglich längst zuge- Schirmt Sauter sie von der Außenwelt ab, sind sie
einigen Wochen stellte. Jetzt ist sich Corinna Sau- die gemeinsame Stuhlgymnastik. Nicht der gemein- Vor dem örtlichen Krankenhaus wurde neulich schlagen hat. Ob die Frau, die gerade gestorben ist, zwar vor dem Virus geschützt, aber der Einsamkeit
ter nicht mehr so sicher. same Kinoabend, den die Bewohner so lieben, keine ein riesiges Zelt aufgestellt, für die Behandlung der vielleicht doch keine Bronchitis hatte. ausgesetzt, die alte Menschen krank machen kann.
Es ist der Dienstagabend der vergangenen­ Sissi-Filme, keine Heimatfilme von Luis Trenker. Corona-Patienten. Der Bestatter von Albstadt hat Sie sagt: »Was, wenn das die Seuche war?« Und bei denen, die dem Ende schon sehr nahe sind,
Woche. Corinna Sauter sitzt im Dachgeschoss des Corinna Sauter ist 46 Jahre alt und Altenpflegerin. Corinna Sauter erzählt, die Klinik habe bei ihm an- Normalerweise versteht es Corinna Sauter als
Altenheimes »Haus Raichberg« in Albstadt, Sie leitet das Haus Raichberg. 84 Mitarbeiter, 78 Be- gerufen. Sie wollte wissen, ob er genügend Kapazitä- ihre Aufgabe, den Menschen, die ihr anvertraut Fortsetzung auf S. 14
14 DOSSIER 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

Einsam, alt, bedroht  Fortsetzung von S. 13 und denen der regelmäßige Besuch der Verwand­ Elisabeth Spörmann ruft jetzt immer wieder im Lebensmut. Und um die, denen der Ausnahme­ Später bekommt Corinna Sauter einen Anruf.
ten so sehr hilft im Kampf gegen das Vergessen. Heim an und fragt die Pflegerinnen, wie es ihm geht. zustand zusetzt, weil er den Kummer der Vergan­ Man teilt ihr mit, dass morgen Sanitäter des Roten
riskiert sie, dass sie ihre Liebsten nicht mehr wieder­ Corinna Sauter weiß, was das Besuchsverbot mit Sie bittet sie, ihm liebe Grüße auszurichten. Näher genheit in die Gegenwart zerrt. Kreuzes ins Heim kommen und alle Bewohner und
sehen, bevor sie sterben. den Pflegekräften macht, die schon vor dem Aus­ kommt sie ihm nicht, selbst ein Skype-­Tele­fo­nat Ein dementer Bewohner, erzählt sie, weine seit Mitarbeiter auf ­Covid-19 testen werden.
Gewährt sie den Bewohnern dagegen Kontakt bruch des Virus oft an die Grenzen der Erschöpfung hätte bei seinem Zustand wenig Sinn. Sie glaubt: »Er zwei Wochen jeden Tag. Er weine, wenn er die In einer Woche, so hofft Sauter, wird sie Ge­
nach draußen, laufen sie Gefahr, sich mit dem gerieten und nun noch länger arbeiten müssen. fühlt sich jetzt von mir bestimmt im Stich gelassen.« Atemschutzmasken der Pflegerinnen sehe und wissheit haben.
Coronavirus zu infizieren. Dann ließe Sauter zu, Und sie weiß, was es für die Angehörigen bedeu­ Neben ihr auf dem Terrassentisch hat sie ein wenn er im Radio von Ausgangssperren und
dass sich womöglich das ganze Heim ansteckt und tet, von denen viele jeden Tag kamen, zum mor­ Körbchen abgelegt, darin ihr Festnetztelefon und Hamsterkäufen höre. Er weine, wenn im Fern­ Brigitte Rominger und Hans-Joachim Falz,
Dutzende alte Menschen einen Tod durch Er­ gendlichen Spaziergang, zum Mittagessen, zum Feier­ ihr Handy. Man hat ihr gesagt, dass das Heim sie sehen die Bilder der Militärkonvois liefen, die in Distanz: Acht Kilometer
sticken erleiden. abend­bier. Für jene Frau etwa, die nur 400 Meter anrufen werde für den Fall, dass sich der Gesund­ Norditalien die Leichen abtransportieren. Er wei­
Die Menschen, um die sich Corinna Sauter vom Heim entfernt verzweifelt darauf wartet, endlich heitszustand ihres Mannes dramatisch ver­ ne und lasse sich nicht trösten, weil er glaube, es sei Heute, hat ihr Vater gestern angekündigt, werde er
kümmert, sind 70, 80, 90 Jahre alt, die älteste Be­ wieder ihren Mann in die Arme schließen zu dürfen. schlechtert. Dann dürfe sie kommen und sich wieder Krieg. um neun Uhr anrufen. Um 8.54 Uhr klingelt ihr
wohnerin feiert demnächst ihren 101. Geburtstag. verabschieden. Man könnte meinen, er habe recht. In der ver­ Telefon.
»Wir brauchen einen verdammten Test«, sagt Elisabeth und Heinz Spörmann, gangenen Woche, sagt Corinna Sauter, sei in ih­ »Hallihallo!«, ruft der Vater aus der Leitung.
Sauter. Distanz: 400 Meter Früh am Morgen, am Tag nachdem Corinna Sauter rem Heim täglich ein Bewohner gestorben, »Alles klaro?«
Sollte die Frau nicht an einer Bronchitis gestorben die erste Station unter Quarantäne gestellt hat, schal­ manchmal waren es sogar zwei. Dass es am Ende »Alles klaro«, sagt die Tochter laut. »Bei dir?«
sein, sondern am Coronavirus, würde das alles än­ Um Viertel vor zwölf war sie da, jeden Tag. Denn um tet sie ihr Handy ein und winkt in die Kamera. Wir des Winters, wenn die Grippesaison ihren Höhe­ Sie sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in
dern. Doch die Kapazitäten der Labore sind knapp, zwölf Uhr gibt es Mittagessen im Haus Raichberg. Reporter werden das Heim nun nicht mehr betreten. punkt erreicht, mehr Todesfälle gebe als sonst, sei dem Dorf Bitz unweit von Albstadt, im Kamin lo­
und in Baden-Württemberg dauert es manchmal Elisabeth Spörmann setzte sich dann zu ihrem Mann Deshalb nimmt uns Corinna Sauter in den nächsten normal. Aber derart viele Bewohner, denen inner­ dern Holzscheite, an den Wänden hängen Er­inne­
sechs Tage, bis das Ergebnis kommt. So bleiben Co­ an den Tisch und reichte ihm das Essen. Löffel für Tagen per Videoanruf mit ins Haus. Sie schwenkt halb derart kurzer Zeit die Lebenskraft schwindet, run­gen an vergangene Reisen, ein Gewehr aus Af­
rinna Sauter vorerst nur Vorsichtsmaßnahmen. Löffel, Schluck für Schluck. Nach dem Essen stand mit der Kamera durch den leeren Gemeinschafts­ das habe sie noch nie erlebt. ghanistan, eine Geige aus Indien, ein Säbel aus Nepal.
Sie steht auf, geht den Gang entlang zum Aufzug sie auf und schob ihn, wenn das Wetter es zuließ, in raum. Auf jedem Tisch steht, noch von der letzten Die Bewohner sind, soweit sie es überblicken Sie hat auf laut gestellt und hält das Telefon nah an
und fährt hinunter ins Erdgeschoss. Dort wird sie seinem Rollstuhl nach draußen an die frische Luft. Veranstaltung, eine Vase mit Tulpen. Blumen, sagt kann, nicht an Covid-19 gestorben. Doch was ihrem Mund. Der Vater hört schlecht. Er ist 92.
gleich die Station betreten, auf der die verstorbene Dann drehte sie mit ihm eine Runde durch die Stadt, Sauter, seien wichtig, jetzt, da der Frühling vor der kann man in diesen Tagen schon überblicken? Co­ »Bei mir alles Klarschiff«, sagt der Vater. Er er­
Frau gewohnt hat und auf der noch elf weitere Men­ danach brachte sie ihn zurück. Sie ging kurz nach Tür stehe, aber die Bewohner das Heimgelände nicht rinna Sauter denkt immer wieder an die verstorbe­ zählt von dem 90. Geburtstag einer Mitbewohne­
schen leben. Sauter wird die Station unter Quaran­ Hause, erledigte, was zu erledigen war, und um halb mehr verlassen dürften. ne Frau, die laut Hausarzt unter einer Bronchitis rin, auf den sie gestern Nachmittag angestoßen
täne stellen. Von nun an dürfen die Bewohner die vier war sie wieder bei ihm. Sie tranken Kaffee und Sie stellt die Vasen auf einen Rollwagen und litt. Mit wem hatte sie vor ihrem Tod Kontakt? haben. Er sagt: »Wir haben gefeiert wie Sau.«
Station nicht mehr verlassen. Die Tür bleibt geschlos­ aßen Kuchen, schauten fern. Um 19 Uhr brachte sie zieht los, um sie an die Bewohner zu verteilen. So Vielleicht mit einem der Bewohner, die in den Hans-Joachim Falz war Lagerist und hat sich zum
sen. Die übrigen Bewohner können sich weiterhin ihn ins Bett, jeden Tag. ein Rundgang, sagt Sauter, sei für sie eine gute Tagen danach starben? Und sind die Pflegerinnen kaufmännischen Angestellten hochgearbeitet. Er
im Haus bewegen. Aber sie dürfen nicht mehr raus, Er ist 84, sie 73. Sie sind seit 48 Jahren verheiratet. Gelegenheit, die Stimmung im Haus zu erspüren. wirklich alle gesund? liebt Orchideen. Als er ins Heim zog, trug er ein
außer in den Garten. Elisabeth Spörmann lässt sich auf einen Stuhl auf Sie versuche, die Ängstlichen zu beruhigen und die Sauter und ihre Kolleginnen müssen nun die ganzes Aquarium voller Orchideen in sein neues Zu­
Es ist nicht die erste Entscheidung, die Corin­ ihrer Terrasse sinken. Sie zieht ihren grauen Schal fest Betrübten aufzumuntern. »Einzelaktivierung« Nähe ersetzen, die die Angehörigen nicht mehr hause. Doch die Orchideen mochten das Heim
na Sauter getroffen hat, um die Menschen im um den Hals, die strahlende Sonne kommt gegen die nennt sie das. geben können. Sie sind die einzigen Bezugsper­ nicht, es war ihnen zu warm. Er hat sie dann draußen
Haus Raichberg zu schützen. Vor drei Wochen eisige Luft nicht an. Ihre Wohnung liegt gleich in der Corinna Sauter richtet ihren Mundschutz und sonen, die den Bewohnern geblieben sind. Sau­ ins Beet gesetzt.
wies sie ihre Kollegen an, einen Mundschutz zu Nähe des Altenheims. Ihr Bruder lebt im selben Haus schiebt den Rollwagen durch die Gänge, vorbei an ter hat zwei Söhne, 18 und 21 Jahre alt, sie woh­ Das Haus Raichberg war seine Idee. Er wollte
tragen. Sie verfügte, dass niemand mehr, wie sonst wie sie. Er ist geistig behindert und kann kaum sehen. grünen Ohrensesseln und alten Bauernschränken. nen beide noch bei ihr. Seit Wochen haben sie dorthin, nachdem seine Frau, Brigittes Mutter, vor
üblich, seine Arbeitskleidung mit nach Hause Elisabeth Spörmann, die ihren echten Namen auf­ Im Café des Heimes, wo die Bewohner sonst mit ihr zuliebe keine Freunde mehr getroffen. Sie vier Jahren gestorben war. Er hatte es nicht ausge­
nimmt. Sie sagte alle Veranstaltungen mit Gästen grund der Umstände verborgen halten will, kümmert ihren Kindern und Enkeln plaudern, trifft sie auf wollen verhindern, dass die Mutter sich und halten, ohne sie, allein im Haus. »Meine Eltern
von draußen ab, verhängte für die Bewohner eine sich auch um ihn. einen einsamen Mann im Karo-Hemd. »Na, Herr dann wiederum die alten Menschen ansteckt. hatten kaum Bekanntschaften, sie genügten sich
Ausgangs- und für die Mitarbeiter eine Urlaubs­ Sie spricht leise, sie ist erschöpft. »Am Freitag Bürkle, alles klar?« Auch zu Hause, sagt Sauter, lebten sie nun »im selbst, sie waren immer ganz eng, immer nur zu
sperre. Am schwersten aber fiel es ihr, eine Maß­ vor knapp zwei Wochen habe ich meinen Mann Sauter setzt sich zu ihm und richtet die Handy­ Notfallmodus«. zweit«, sagt sie. Die einzigen Freunde, die er außer­
nahme umzusetzen, die der Betreiber des Heimes wie immer ins Bett gelegt.« Sie habe ihn zugedeckt kamera auf Herrn Bürkle. Als es noch keine Aus­ Corinna Sauter lässt Herrn Bürkle, dem Mann halb der Familie noch hat, sind seine ehemaligen
Mitte März angeordnet hatte. Da musste sie, qua­ und sich von ihm verabschiedet. gangssperre gab, sagt er, habe er alle paar Tage die mit dem Elektrorollstuhl, eine Blume da und schiebt Nachbarn. Er siezt sie bis heute.
si über Nacht, einen Zettel an die Eingangsschei­ Ihr Mann hat sein Leben lang auf dem Bau ge­ Bestellungen seiner Mitbewohner aufgenommen den Wagen weiter. Sie geht von Zimmer zu Zimmer, »Ich habe eben in den Nachrichten gehört, dass
be ihres Heimes kleben. Auf dem Zettel steht, in arbeitet, er war Hochbaupolier und Schachtmeis­ und sei dann mit den Einkaufszetteln in der Ta­ spricht mit den Bewohnern, verteilt die Tulpen. es in Italien jetzt wegen dem Corona fünf Jahre Knast
dicken schwarzen Buchstaben: Besuchsverbot. ter. Jetzt hat er Pflegegrad 5. Ein Schlaganfall. sche mit seinem Elektrorollstuhl zum Supermarkt Als sie die Tür eines älteren Herrn öffnet, be­ gibt, wenn man rausgeht«, sagt die Tochter durchs
Corinna Sauter hatte nicht einmal genug Zeit, »Als ich am nächsten Tag wiedergekommen bin, gefahren. Er sagt, jetzt sitze er im Café und frage kommt sie einen Schreck. Der Mann liegt mit of­ Telefon.
um die Angehörigen zu informieren. war die Eingangstür verschlossen.« Sie habe den sich, was er bis zum Abend machen solle. fenem Mund im Bett, apathisch, er regt sich nicht, »Aha«, sagt der Vater. »Haben die überhaupt so
Das Besuchsverbot soll das Leben der Bewoh­ Zettel erst gar nicht bemerkt und gewartet. Irgend­ Es gibt die rüstigen Bewohner, die noch die atmet aber noch. Corinna Sauter spricht ihn an. viele Knäste?«
ner schützen. Aber Corinna Sauter weiß, dass es wann sei Corinna Sauter herausgekommen und habe Kraft haben, der Einsamkeit zu trotzen. Sie schrei­ Keine Antwort. Sie desinfiziert sich die Hände, Seit sie sich nicht mehr sehen können, telefo­
das Leben der Bewohner zugleich unerträglich ihr erklärt: Besuchsverbot. Auf unbestimmte Zeit. ben Briefe, sie telefonieren, sie wissen mittlerweile, legt ihre Hand auf seine hohle Wange, fühlt seine nieren sie täglich für ein paar Minuten. Sie plau­
macht. Zum Beispiel das Leben derer, die kaum »Ich hätte meinen Mann so gerne noch darauf wie man S­ kype benutzt. Sie kommen mit der Si­ Stirn. Sie steckt ihm ein Fieberthermometer ins dern. Über Bekannte. Über den Zahnarzt. »Ich
noch sehen und hören können und für die die vorbereitet«, sagt Elisabeth Spörmann. tuation halbwegs zurecht. Sorgen macht sich Co­ Ohr, wartet kurz, liest die Anzeige ab. »Puh«, sagt soll dir Grüße ausrichten von der Zahnarzthelfe­
Berührungen ihrer Kinder und Enkel die wichtigs­ Er kann nicht mehr sprechen, nicht mehr lau­ rinna Sauter um die, denen das Besuchsverbot sie. »Alles gut.« Er hat kein Fieber. Offenbar schläft rin«, sagt die Tochter.
te Form der Zuwendung sind. Oder das Leben je­ fen. Manchmal nickt er oder schüttelt den Kopf, nicht nur die eingespielten Routinen und die Nähe er nur. Aber auch diesem Mann, das merkt Sauter, Ihr Vater sei nie jemand gewesen, der über Ge­
ner, in deren Köpfen sich die Demenz ausbreitet wenn sie mit ihm spricht. Das ist alles. zu ihren Angehörigen nimmt, sondern auch den schwinden die Kräfte. fühle gesprochen habe. Deshalb wisse sie auch

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2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 DOSSIER 15

nicht, ob ihn das, was gerade geschehe, belaste. Was nen Kleinwagens, den Motor hat er ausgeschaltet. Im
sie weiß: Vergangene Woche ging es ihm ganz Fach in der Beifahrertür reihen sich CDs, Herzblatt,
schlecht. Er war zu schwach, um aus seinem Sessel Hitparade, Die Herzen der Volksmusik. Er ist ein kleiner
hochzukommen. Da habe sie ihn zum ersten Mal Mann, eingepackt in einen dicken Strickpullover, auf
überhaupt vom Tod reden hören. »Na ja, für jeden ist dem Kopf trägt er eine Schildmütze. Herbert Weiss ist
halt mal Schluss«, habe er gesagt. Dabei sei es immer 88 Jahre alt und Optimist. Er steigt aus seinem Auto und
sein erklärtes Ziel gewesen, hundert zu werden. stellt sich unter Margaretes Fenster. »Margareti!«, ruft er
»Na gut«, sagt der Vater. »Ruf mal an, wenn’s wie- nach oben. »Margareti!«
der was Neues gibt.« Er sieht, wie sich hinter dem Vorhang etwas tut,
»Mach ich.« 
Um 8.59 Uhr legt Brigitte Rominger sieht ihre weißen Haare, ihre Hände, ihr Zittern. Par-
auf. Sie sagt, sie verdränge den Gedanken, ihren Vater kinson. Margarete Lindner ist 85 Jahre alt und meist
vielleicht nie wiederzusehen. nicht ganz so zuversichtlich wie ihr Freund.
»Kommst runter?«, fragt er.
Ein paar Stunden nach dem Telefonat zwischen Toch- Drinnen: Es klopft im Zimmer von Margarete
ter und Vater klopft Corinna Sauter an die Tür von Lindner. Die Tür geht auf, und Corinna Sauter tritt
Hans-Joachim Falz. Sie hat ein Paket unter den Arm ein. Sie hat die Kamera ihres Mobiltelefons einge-
geklemmt, in der Hand hält sie wieder ihr Handy, da- schaltet. »Hallo, Frau Lindner«, sagt sie. »Kommen
mit wir dabei sein können. Hans-Joachim Falz sitzt in Sie, ich bringe Sie runter zu Ihrem Freund.«
seinem Fernsehsessel, mit Kissen und Decken gepols- Margarete Lindner hat sich schick gemacht. Sie
tert, die Füße hochgelegt. Der Fernseher läuft. Der hat sich ihre geblümte Bluse angezogen, rote Rosen
Ton ist bis zum Anschlag aufgedreht. Das schlechte auf schwarzem Stoff, ihr kurzes weißes Haar ist sorg-
Gehör. Die SWR-Nachrichten schreien ins Zimmer: sam frisiert.
Zahl der Corona-Toten in Italien auf neuen Rekord Sie lernten sich im Reisebüro kennen, Frühjahr
gestiegen. 1998, beide verwitwet. Sie wollte in die Dominikani-
Europol geht gegen Handel mit gefälschten Atem- sche Republik, er nach Caorle, Italien. Es sei Sym-
schutzmasken vor. pathie auf den ersten Blick gewesen, sagt er. Deshalb
Die europäische Wirtschaft wird in diesem Jahr auf- sprach er sie in tiefstem Schwäbisch an: »Wo gange
grund des Coronavirus-Ausbruchs um acht Prozent oder Sie nach?« Sie antwortete. Er staunte: »Mensch, das
mehr schrumpfen. ist aber weit weg von daheim.« Und er fragte nach
Der Hausmeister spielt jetzt
»Ich hab Ihnen was mitgebracht, Herr Falz!«, ruft ihrer Nummer.
besonders oft für die Bewohner
Corinna Sauter durch den Lärm. Er nimmt das Päck- Draußen: Herbert Weiss wartet. Er steht jetzt
auf dem Akkordeon
chen, reißt es auf und wühlt sich durch mehrere La- vor dem Eingang und schaut durch die gläserne
gen Luftpolsterfolie, bis ein Kopfhörer zum Vorschein Tür. Er wohnt zwei Kilometer entfernt, in einem
kommt. »Aha«, sagt er. Häuschen am Waldrand, er hat es selbst gebaut,
Die Nachbarn aus den Zimmern nebenan haben
sich über die Lautstärke des Fernsehers beschwert.
Deshalb haben ihm die Pflegerinnen die Kopfhörer
Drinnen 1970, da war er noch im Außendienst tätig, als Ver-
treter für »Meica macht das Würstchen«. In dem
Haus hat er sie gepflegt, bis es nicht mehr ging.
bestellt. Am liebsten, sagt Falz in Sauters Handy, Für sie, glaubt er, sei die derzeitige Situation viel
schaue er Tiersendungen. »Keine Krimis, kein Mord schwieriger als für ihn. Sie habe Angst vor Corona, er
und Totschlag.« Seit Wochen drehe sich ja alles nur nicht. »Ich habe zu ihr gesagt: Ich habe mein Leben
noch um Krankheit und Tod, Corona hier, Corona gelebt.« Margarete habe geantwortet: »Ich würde­
dort. Egal, wohin er schalte, das Virus sei immer eigentlich schon noch gerne ein bisschen da sein.«
schon da. In den Abendnachrichten hat er gehört, Drinnen: Margarete Lindner stützt sich auf ih-
dass es in Deutschland nicht genug Beatmungsgeräte ren Rollator. Corinna Sauter führt sie zum Aufzug.
gibt. Dass bald Tausende alte Menschen ersticken Gemeinsam fahren sie hinunter ins Erdgeschoss.
könnten. Menschen wie er.
Hans-Joachim Falz leidet seit Längerem unter star-
ken Schluckbeschwerden, eine Erkrankung der Speise-
Draußen Bevor sie das Virus getrennt habe, sagt Margarete
Lindner, habe ihr Lebensgefährte sie jeden Morgen
abgeholt und sie zu einem Spaziergang ausgeführt.
röhre. Manchmal konnte er deswegen kaum essen. Sein »Das fehlt mir.«
Kreislauf schwächelte, und Corinna Sauter musste ihn Bernadette Sauter, die Tochter von Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich. Unsicher setzt
mehrmals mit einem Notarzt ins Krankenhaus schi- Theresia Steinbinder, die auf der ersten Margarete Lindner einen Fuß vor den anderen. Vor
cken, wo er eine Infusion erhielt. Kam er nach Tagen Seite zu sehen ist der Eingangstür bleibt sie stehen und sinkt auf die
wieder zurück ins Heim, ging es ihm meist viel besser. Sitzfläche ihres Rollators. Hinter der Scheibe, im Ge-
Seitdem sich auch das Krankenhaus von Albstadt genlicht, sieht sie ihn. Er sagt etwas, aber seine Stim-
auf den Ansturm der Corona-Kranken vorbereitet, me dringt nicht durch.
müssen sich Sauter und ihre Kolleginnen ohne die Draußen: »Ach, Margareti!«, ruft Herbert Weiss
Hilfe der Krankenhausmedizin um Hans-Joachim nach drinnen. »Komm doch her!«
Falz kümmern, vor allem müssen sie aufpassen, dass Sie darf nicht. Sie sitzt auf ihrem Rollator und
er trotz der Schluckbeschwerden genug zu sich schaut zu ihm. Er tätschelt mit der Hand gegen die
nimmt. Das Krankenhaus versorgt nur noch die drin- Der Verband für häusliche Betreuung und und dunklen Augenbrauen. Es ist das erste Mal Der Sanitäter schiebt schnell ein Wattestäbchen Scheibe, tritt unsicher zurück und wieder vor. »Das ist
gendsten Fälle. Die anderen versucht es schnellstmög- Pflege hat gerade verkündet, man schätze, dass etwa seit Wochen, dass Mutter und Tochter sich se- in den Mund der Frau und lässt es in einer doch blöd, so ohne Anfassen«, sagt er.
lich loszuwerden. 200.000 alte und kranke Menschen, die bisher zu hen. Die meisten Menschen erkennt die Mutter durchsichtigen Röhre verschwinden. Sie ist nur zwei Meter von ihm entfernt, und doch
Am nächsten Morgen biegt ein Rettungswagen in Hause versorgt wurden, um Ostern herum keine nicht mehr, ihre Tochter schon, auch jetzt, bei »Alles gut«, sagt Corinna Sauter zu der Be- ist sie viel zu weit weg.
die Einfahrt des Altenheimes ein. Zwei Sanitäterin- Pflegekraft mehr haben werden. dem ersten Videoanruf ihres Lebens. wohnerin. Kurz zuvor hat sie die Angehörigen Drinnen: Corinna Sauter hilft Margarete Lindner
nen mit Atemschutzmasken öffnen die Hecktür und Damit der Betrieb in den Heimen nicht kol- Am Bildschirmrand sieht Bernadette Sauter abtelefoniert und sich von jedem Einzelnen die wieder auf die Beine. »Gehen wir zurück aufs Zim-
ziehen eine Trage aus dem Wagen. Auf der Trage liegt labiert, hat Gesundheitsminister Jens Spahn von nun auch Corinna Sauter, die in die Kamera ih- Erlaubnis eingeholt, den Test auch gegen Wi- mer, ja?« Sie winken Herbert Weiss zu und sehen, wie
eine dünne Frau, sie ist eingewickelt in eine dicke der CDU bestimmt, die ohnehin niedrigen Be- res Smart­phones winkt. Sie hat ihr Mobiltelefon derstand durchzuführen. Alle Angehörigen ha- er zurückwinkt. Ganz langsam entfernen sie sich wie-
Decke. Nur ihr schmaler Kopf schaut heraus. treuungsschlüssel weiter herunterzusetzen. Noch zur Verfügung gestellt, damit die beiden sich se- ben ihr Okay gegeben. der vom Eingang.
Am Eingang nimmt Corinna Sauter die Frau in Emp- weniger Pfleger sollen sich nun also um noch hen können. Bald sollen generell Skype-­An­ru­fe Während in Albstadt die Bewohner von Draußen: Als sie im Fahrstuhl verschwunden
fang. Sie war wegen eines Oberschenkelhalsbruches im mehr alte und kranke Menschen kümmern. im Heim möglich sein, aber dafür muss noch Haus Raichberg auf das Coronavirus getestet sind, sagt Herbert Weiss, er habe keine Angst, seine
Krankenhaus. Normalerweise wäre sie noch länger ge- Und es könnten weitere hinzukommen. Der einiges organisiert werden – bisher gibt es nicht werden, entbrennt gut 700 Kilometer entfernt, Margarete nie mehr berühren zu können. Er sei ja,
blieben, damit der Knochen weiter heilen kann, doch Präsident der Bundesärztekammer hat gerade in einmal WLAN. »So, Frau Steinbinder, jetzt kön- im Regierungsviertel von Berlin, eine Debatte wie gesagt, Optimist. Und sollte das Virus seine
man musste die Betten leeren. Die Klinik rief Sauter an einem Zeitungsinterview gefordert, Senioren nen Sie mit Ihrer Tochter reden«, sagt Corinna über die Frage, was in den kommenden Mona- Margarete doch treffen, würde er dafür sorgen, dass
und fragte, ob sie noch freie Zimmer habe. abzuschotten und sie statt in ihren Wohnungen Sauter. Die Heimleiterin tritt beiseite, hält nur ten mit den alten Menschen im Land geschehen er sich auch anstecke. »Denn dann legen sie uns in
Wenn ein Bewohner stirbt im Haus Raichberg, zün- in Altenheimen unterzubringen. Niedersachsen noch das Handy und lässt Mutter und Tochter soll. Dass man sie schützen müsse, darin sind ein Doppelgrab. Und dann sind wir wenigstens wie-
den die Pflegerinnen eine Kerze an und stellen sie ins wiederum hat für Pflegeheime einen weitgehen- mit­ein­an­der sprechen. sich alle einig. Einige Politiker aber werfen ein, der zusammen.«
Zimmer des Toten. Die Angehörigen kommen, nehmen den Aufnahmestopp verhängt. »Hallo, Bernadette.« dass die ökonomischen Kosten des Shutdowns
die Bilder von der Wand und holen die Möbel und an- Am Abend, kurz bevor Corinna Sauter nach »Hallo, Mama. Bist du gut versorgt?« die gesundheitlichen Schäden der Seuche weit Am Dienstag, kurz vor Redaktionsschluss, ruft uns
dere Habseligkeiten ab. Der Hausmeister streicht die Hause fährt, läuft ihr eine Pflegerin über den »Ja, alles gut.« übersteigen könnten. Corinna Sauter noch einmal an. Sie steht in ihrem
Wände frisch und tauscht die Vorhänge aus. Die anderen Weg. »Geh mal nach Hause«, sagt Sauter zu ihr. Die Stimmen stocken. Mutter und Tochter Der FDP-Chef Christian Lindner fordert, Büro und schaut in die Kamera, sie hat die Atem­
Bewohner setzen sich zusammen, um gemeinsam Ab- »Kümmer dich um deine Kids.« Die Frau hat fangen fast zeitgleich an zu weinen. eine »Exit-Strategie« zu entwickeln, um mög- maske unters Kinn geschoben. Sie sagt, die letzten
schied zu nehmen, sie beten, trinken Kaffee, erzählen zwei kleine Kinder. Ihr Mann ist Lkw-Fahrer, »Bernadette, es ist so schwer!«, ruft die Mutter. lichst schnell zum normalen Alltag zurückkeh- Tage seien die Hölle gewesen. Sie hat erfahren, dass
sich Geschichten über den Verstorbenen. Erst dann zieht auch er macht angesichts der Krise unzählige »Ja, Mama, ich weiß«, sagt die Tochter und ren zu können. die Bewohnerin, die in der vergangenen Woche ge-
ein neuer Bewohner ein. Eigentlich. Überstunden. Obwohl beide als systemrelevant schnieft. Der Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann storben war, keine Bronchitis hatte. Die Frau hatte
Nun aber muss alles ganz schnell gehen. Für Ab- gelten, haben sie die vom Staat versprochene »Ich fühle mich so allein, Bernadette.« schlägt vor, die Wirtschaft »spätestens nach Os- sich mit dem Coronavirus infiziert.
schiedsgespräche ist keine Zeit mehr. Hilfe bei der Kinderbetreuung bislang nicht be- Die Tochter bekommt kaum mehr ein Wort tern« schrittweise wieder hochzufahren. Danach war im Haus Raichberg nichts wie zu-
Corinna Sauter muss dafür sorgen, dass die Frau kommen. Die Großeltern, Risikopatienten auch raus, starrt mit nassen Augen auf den kleinen Und der Kanzleramtsminister Helge Braun vor. Corinna Sauter musste nicht mehr nur die
aus dem Krankenhaus für die nächsten 14 Tage unter sie, müssen nun tagsüber die Enkel versorgen. Bildschirm. Sie sagt mit zitternder Stimme:­ von der CDU sagt dem Spiegel: »Irgendwann Heimbewohner beruhigen, sondern auch ihre Mit-
Einzelquarantäne gestellt wird. Es gab in der Klinik So oder so ähnlich, sagt Sauter, sei es bei fast »Alles wird gut, Mama.« kommt dann der Zeitpunkt, an dem man zur arbeiter. Viele von ihnen haben Angst vor dem­
von Albstadt zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 60 all ihren Mitarbeitern. Bislang hätten sie es im- sogenannten Umkehrisolation übergeht. Die Virus. Heute aber sei ein guter Tag, sagt sie. »Heute
Corona-Fälle, und Sauter weiß nicht, ob sich die Frau mer geschafft, sich gegenseitig zu helfen und für­ Am Donnerstagmorgen kann man von draußen jüngere, gesunde Bevölkerung kann dann wie- ist niemand gestorben.« Und noch etwas: Von den
dort mit dem Virus angesteckt hat. ein­an­der einzuspringen. Jetzt fragt sie sich, wie beobachten, wie drei vermummte Gestalten vor der zu einem tendenziell normalen Leben 147 Tests, die bei den Bewohnern und Mitarbeitern
Für die Pflegerinnen bedeutet Einzelquarantäne lange ihre Kollegen noch durchhalten. der Eingangstür von Haus Raichberg stehen. übergehen. Aber die älteren und vorerkrank- vorgenommen wurden, seien bisher 135 ausgewer-
Extraarbeit. Sie dürfen das Zimmer nur mit Schutz- Ein Mann und zwei Frauen. Sie tragen Mund- ten Patienten werden auch dann weiter mit tet. Corinna Sauter kann es kaum glauben: Alle 135
kleidung betreten. Alles, was sie aus dem Raum tra- Bernadette Sauter und Theresia Steinbinder, schutz und Gummihandschuhe, die Handschuhe Einschränkungen leben müssen.« sind negativ.
gen, müssen sie gründlich desinfizieren und in einem Distanz: 208 Kilometer haben sie mit grauem Klebeband an ihren wei- Fragt man Corinna Sauter, wie sie diesen
Spezialbehälter aufbewahren, jede Kaffeetasse, jede ßen Schutzanzügen befestigt. Ihre Haare stecken Vorschlag findet, sagt sie nur ein Wort:
Sprudelflasche, jedes benutzte Handtuch. Normaler- Anfangs sei sie sich vorgekommen wie eine Ver- unter grünen Plastikhauben. Sie kommen vom »Schrecklich.« Dann stellt sie Fragen: Ab
weise dauert die Grundpflege eines Bewohners, wa- räterin, sagt Bernadette Sauter, die mit Corinna Roten Kreuz und schieben auf einem Rollwagen wann ist man alt? Wie lange soll das gehen? HINTER DER GESCHICHTE
schen, Zähne putzen, Wäsche wechseln, rund 30 Mi- Sauter nicht verwandt ist. Die eigene Mutter ins einen großen Karton ins Heim. In dem Karton Und ist es mit der Würde der Alten und Kran-
nuten. Für die Frau in Einzelquarantäne werden sie Heim stecken. Sie versuchte, es so lange wie mög- sind die Corona-Testkits. ken vereinbar, diese Gruppe als einzige einfach Ausgangsfrage: Ein Altenheim in der
nun jedes Mal über zwei Stunden brauchen. lich hinauszuzögern. Sie stellte eine private Pflege- Corinna Sauter begrüßt die drei Sanitäter wegzuschließen? »Dieser Vorschlag entspricht Corona-Krise – was bedeutet das konkret für
Kurz danach, so erzählt es Corinna Sauter später, rin nach der anderen ein. Aber irgendwann ging es und verschwindet mit ihnen in Richtung des total dem Klischee, das wir von alten Men- die Pflegekräfte, die Bewohner und deren
ruft wieder das Krankenhaus an. Man müsse morgen nicht mehr. Die Mutter ist 94, und Demenz ist oberen Stockwerks, wo die Mitarbeiter getestet schen haben: Die sitzen im Pflegeheim und Angehörige?
drei weitere Patienten im Heim unterbringen. unaufhaltsam. werden sollen. Als die Bewohner dran sind, sabbern vor sich hin.« Natürlich sei es wichtig,
Sauter hat in den vergangenen Wochen mitbe- Vor vier Wochen brachte Bernadette Sauter schaltet sie uns über ihr Handy dazu. Sie geht dass die Wirtschaft irgendwann wieder in die Bedingungen der Recherche: Eigentlich ist
kommen, dass in vielen deutschen Städten die Leute ihre Mutter ins Haus Raichberg. Es fiel ihr mit den Sanitätern auf die Station, die unter Gänge komme, sagt sie. »Aber die Leute, die das Betreten der meisten Altenheime derzeit
jeden Abend auf ihre Balkone heraustreten und klat- wahnsinnig schwer. Mittlerweile ist sie froh über Quarantäne steht. Manche der Bewohner sind wir jetzt wegsperren wollen, die haben diese strikt verboten. Das örtliche Gesundheitsamt
schen für Menschen wie sie. Der Bundespräsident hat die Entscheidung. »Das Heim, die Mitarbeiter, erleichtert. Einige haben Angst vor den ver- Wirtschaft aufgebaut.« und der private Heimbetreiber fanden eine
ihr und ihren Kolleginnen seine »Hochachtung« ge- das ist alles ganz fantastisch«, sagt sie. mummten Fremden. Viele Heime, erzählt sie, hätten schon vor Wo- Bericht­erstattung aber so wichtig, dass sie der
zollt. Die Kanzlerin sprach ihnen in ihrer Rede an die Am Samstag, dem 14. März, wollte sie ihre Corinna Sauter steht neben einer Bewohne- chen begonnen, die Bewohner vorsorglich in ihren ZEIT erlaubten, das Haus Raichberg für ein
Nation »von ganzem Herzen« ihren Dank aus. Co- Mutter besuchen. Sie wollte bei ihr sein, damit sich rin, die den Kopf störrisch zur Seite dreht. »Den Zimmern zu isolieren. »Einzelhaft« nennt Corinna paar Stunden zu besuchen. Den beiden
rinna Sauter gilt jetzt als systemrelevant. die Mutter leichter an die neue Umgebung ge- Mund auf, ja?«, sagt Sauter. »Nein!«, schreit die Sauter das. »Jemanden in sein Zimmer zu sperren, Autoren wurde vor Betreten des Heimes
Doch Sauter hat vorher genauso mitbekommen, wöhnt. Bernadette Sauter wohnt in Hofheim, alte Dame. Sie ist dement. das ist eine freiheitsentziehende Maßnahme.« So Fieber ­gemessen. Dann durften sie sich, in
wie ebenjenes System kaputtgespart wurde. Die Löh- Hessen, nach Albstadt dauert es mit dem Auto drei Sauter streichelt der Frau über die Hand. etwas sei nur vertretbar, wenn jemand wirklich Schutzkleidung gehüllt und unter strenger
ne, die den meisten Pflegern in Deutschland gezahlt Stunden. Als sie mittags dort angekommen war, »Was man jetzt alles aushalten muss«, sagt sie infiziert sei oder wenn man einen begründeten Ver- Einhaltung des Sicherheitsabstandes, einen
werden, sind schlecht, die Arbeitsbedingungen oft im Ort ihrer Kindheit, steuerte sie ihren Wagen mit ruhiger Stimme zu ihr. dacht habe, dass er es sein könnte. kurzen Eindruck vom Heim machen. In den
noch schlechter. Zehntausende Fachkräfte fehlen. Es direkt zum Heim. Sie hatte Blumen dabei. Einer der Sanitäter beugt sich in seinem darauffolgenden Tagen ließ die Heimleiterin ­
ist eine gewaltige und lebensbedrohliche Lücke, die Am Eingang erfuhr sie, den Strauß in der Hand, weißen Schutzanzug über die Dame und ver- Herbert Weiss und Margarete Lindner, Corinna Sauter sie über Videoanrufe an ihrer
die Bundesregierung zuletzt mit Anwerbekampagnen vom gerade ausgesprochenen Besuchsverbot. sucht, ihr ein Wattestäbchen in den Mund zu Distanz: Zwei Meter Arbeit teilhaben. Das Geschehen vor dem
im Ausland zu füllen versuchte. Nun haben viele Pfle- Zwölf Tage später, abends um kurz nach schieben. Die Frau schreit. Sie verschluckt Heim, etwa die Einlieferung der Patientin mit
ger aus Polen und Rumänien aus Angst vor einer In- sechs, hält sich Bernadette Sauter in ihrer Praxis sich, sie hustet. Draußen: Sein Auto hat er so geparkt, dass er direkt der Oberschenkelfraktur, haben sie von
fektion und der Sorge, ihre Familien nicht mehr zu für Naturheilkunde ein Handy vors Gesicht. Es Sauter nickt einer Pflegerin zu, die dabeisteht auf Margaretes Fenster blicken kann. Ihr Fenster draußen verfolgt. Die Reporter haben alle ­
sehen, das Land verlassen. Das System droht zusam- klingelt lange. Dann erscheint auf dem Bild- und sich nun der Dame von hinten nähert und ist gekippt, erster Stock, das dritte von links. Her- Angehörigen persönlich besucht.
menzubrechen. schirm das Bild einer Frau mit weißen Haaren ihr mit festem Griff das Kinn nach unten zieht. bert Weiss sitzt hinter dem Lenkrad seines silber-
16 LESERBRIEFE 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

DAS LESERZITAT ZUM THEMA CORONA-KRISE: Zur Ausgabe No 13 IM NETZ


»Wenn wir nach Corona nicht alle mit Fußfesseln zu Hause festgesetzt sind Weitere Leserbriefe
und statt des Fernsehers den Kopf wieder eingeschaltet haben, gibt es einiges finden Sie unter
aufzuarbeiten.« Von Rainer Carsten Gerdes blog.zeit.de/leserbriefe

Wie einfältig
von dem Poeten Enttäuscht von Gauck Die Menschheit hat
noch mehr zu tun
Gespräch mit dem Hölderlin- Zur Titelgeschichte: »Die Mensch-
Experten Karl-Heinz Ott  ZEIT NR . 13 Alice Bota/Khuê Pham/Özlem Topçu: »Der Präsident und wir«  ZEIT NR . 13 heitsaufgabe«  ZEIT NR . 13

I
»Hölderlin hatte schon einen an der Waffel, ch war von Joachim Gauck in seiner Vietnam oder die Türkei ausgewandert sind, ge- gibt auch andere. Es passiert dann, dass man sich Wieso ist Corona plötzlich »Die Mensch-
oder?« Ein Interview mit einer derartigen Funktion als Bundespräsident angetan. macht haben. Werden sie dort als Türken, Polen solcher Migranten annimmt und ihnen Ratschläge heitsaufgabe«? Bisher war es doch »Größer,
Frage zu beginnen – das muss man sich erst Nun lese ich den Artikel »Der Präsident oder Vietnamesen wahrgenommen? zur kulturellen Anpassung gibt (Sprache, Stellung schneller, mehr, und noch mehr«.
mal trauen. Ich fand den Einstieg köstlich und wir«, geschrieben von drei Frauen, Ich kann verstehen, dass all das frustrierend ist, der Frau ...) und dann erlebt, dass davon nichts an- Wolfgang Burkhardt, Norderstedt
und habe lange geschmunzelt. Abgesehen da- deren Eltern ihre Heimat Polen, Türkei mich ärgert aber, dass es so geschildert wird, als kommt. Dann darf die Tochter, ausgebildet in un-
von war das Gespräch mit Karl-Heinz Ott, und Vietnam verlassen und ihr Glück in sei dies ein deutsches Problem. serem Schulsystem, nicht hier studieren, sondern Eine »Menschheitsaufgabe« ist der Kampf gegen
dem profunden Kenner der Hölderlinschen Deutschland gesucht haben. Die drei Tobias Böhm, per E-Mail wird in die Verwandtschaft nach Anatolien verhei- den Klimawandel. Corona legt nur die Schwä-
Biografie, ausgesprochen gut. Töchter, allesamt in Deutschland überdurch- ratet, um Kinder zu kriegen. Meine Toleranz solcher chen eines Wirtschaftssystems bloß, das von
Hagen Treutmann, Wüstenrot schnittlich ausgebildet, schildern in einem Buch Wenn es allen Bürgern gleich gut geht und sie Einwanderung gegenüber ist begrenzt. permanentem Wachstum abhängig ist. Nutzen
die Problematik von Migrationskindern. Das kam – auch mit den politischen Verhältnissen – zufrieden Prof. Werner Koetz, per E-Mail wir Einschränkungen durch Corona dafür,
Wie einfältig von dem Poeten, sich eine ideali- bei Joachim Gauck so gut an, dass er 2014 die drei sind, kann man darauf bauen, dass Andersartigkeit darüber nachzudenken, wie wir den klimapoli-
sierte Welt zu erschaffen, die es ja so gar nicht Damen ins Schloss Bellevue einlud. Die Jahre da- toleriert wird. Andersartigkeit heißt etwa Betonung Schon mir (ohne Einwanderungshintergrund) ge- tisch sowieso notwendigen Umbau unseres
gibt. Und auch das Frauenbild, das sich Höl- nach: Rechtsextremisten und Neonazis begehen der eigenen Identität durch äußerlich erkennbare hen die Sprüche und Ansprüche, die neuerdings an Wirtschaftssystems energischer als bisher voran-
derlin mit seiner vergötterten Diotima gemalt Morde, die AfD mit ihrem rechtsextremistischen Merkmale wie das Kopftuch der islamischen Frau- Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen ge- treiben können. Nach Corona sind wir (wieder)
hat, entspricht nicht der Diotima aus Platons Flügel gewinnt im Osten an Stimmen. Alle ver- en oder die Kippa der jüdischen Männer. richtet werden, gewaltig auf die Nerven. Ich habe mitten in der Klimakrise.
Gastmahl! Da hat sich aber einer nicht an die suchen, Ursachen zu ergründen. Wenn aber die Menschen unzufrieden sind, können den Eindruck, dass die Forderung nach Deutsch- Gisela von Mutius, Bonn
Vorgaben gehalten! Nun, im Februar 2020, sieht sich der während Populisten den Unmut aufnehmen und ihn gegen kenntnissen vor allem von Menschen kommt, die
Franz Bergmann, Köln seiner Präsidentschaft so Demokratie stärkend einen vermeintlichen Feind in Stellung bringen. Sie nie selbst in einem Land gelebt haben, dessen Spra- Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll,
redende Gauck bemüßigt, auf eine Partei zuzu­ lenken damit von den eigentlichen Problemen ab. che sie nicht schon auf der Schule gelernt haben. wenn ich höre, dass Wirtschaftsverbände, die
Es scheint mir zu kurz gegriffen, Hölderlin gehen, die völkische Gedanken frei äußert. Das Damit beschreibe ich die in Thüringen und anderen Und ich weiß von ausländischen Kolleginnen, dass bisher den Staat als Störenfried beim Gewinne-
allein aus seiner Rezeptionsgeschichte oder lässt ihn in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Teilen Deutschlands eingetretene Situation.Joachim ihnen Deutsch auch deshalb nach Jahren noch machen beschimpften, nun plötzlich nach
seinem Griechenlandideal verstehen zu wol- Ulrich Schuberth, Fürth Gauck war zur Wendezeit Pfarrer in Rostock. Wer, schwerfällt, weil hilfsbereite Mitbürger gleich ins ebendiesem Staat rufen, auf dass er die durch
len. Hölderlin wurde gebrochen – das zeigen wenn nicht er, kann sich einfühlen in die Mentalität Englische wechseln. Ein spanischer Softwareent- die Corona-Krise verursachten Verluste gefälligst
seine späten Gedichte aus dem Turm in Tü- Man hat den Eindruck, dass die drei ZEIT-Jour- der sich vernachlässigt fühlenden Ostdeutschen? wickler gibt mittlerweile einfach vor, kein Englisch möglichst zügig ausgleichen möge. So sind sie
bingen, die als ein Rückgriff auf konventio- nalistinnen mit Migrationshintergrund auf dem Wenn er bei seinem Gesprächsversuch nicht mit zu können. es ja auch seit Jahrzehnten gewohnt: Gewinne
nelle, manchmal fast kindliche Formen ver- Sofa sitzen und übel nehmen. Man sollte aber unerfüllbaren Forderungen an das Deutschsein der Sabine Moehler, per E-Mail privatisieren, Verluste sozialisieren. Und wirt-
standen werden können. Die Sehnsucht nach Menschen, denen Multikulti und Globalisierung ZEIT-Autorinnen für die Politik der Bundesregie- schaftsliberale Politiker, die stets lauthals Steuer-
einer idealen, besseren Welt begleitet uns al- etwas zu schnell und etwas zu weit gehen, nicht rung wirbt, sollten wir seine Initiative begrüßen. Schade, Joachim Gauck wird wortreich zu Unrecht senkungen und den Abbau der im Haushalt
lerdings bis heute. gleich in die Ecke der Rassisten stellen. Man er- Jürgen Kirschning, Berlin in eine Position gebracht, die seinem Anliegen nicht gebildeten Rücklagen zugunsten der »Leistungs-
Dr. Friedrich Koch, Stadtbergen zeugt da eher einen Trotzeffekt. Genau so sind die gerecht wird. Er hat sich keinesfalls »von der Panik träger« (sprich Unternehmer) gefordert haben,
Äußerungen von Joachim Gauck zu verstehen. Es gibt Migranten wie die Autorinnen, deren Eltern anstecken lassen«. Er versucht in seinem Buch stoßen nun ins selbe Horn, ohne sich zu fragen,
Brigitte Schellnhuber, Ingolstadt sich wohl bewusst für ein Leben in einem liberalen lediglich, einen Teil unserer Gesellschaft aus der wie ein Staat ohne Steuereinahmen und in guten
Land entschieden haben und dafür auch kulturelle Sprachlosigkeit zu holen und konservativ eingestellte­ Zeiten gebildete Rücklagen die geforderten
Altherrengedöns Ich frage mich, welche Erfahrungen Deutsche,
deren Eltern in ein anderes Land wie etwa Polen,
Anpassungen in Kauf zu nehmen bereit sind. Solche
sehe ich uneingeschränkt als Bereicherung an. Es
Menschen wieder in den Dialog einzubeziehen.
Ulrich Wasner, per E-Mail
Wohltaten überhaupt finanzieren könnte. Der
Staat sollte sicherlich versuchen, unverschuldet
in Schwierigkeiten Gekommenen zu helfen,
Martenstein: Ȇber das Perioden- aber auch darauf bestehen, dass es zur guten
produktegesetz ...«  ZEITMAGAZIN NR. 13 Unternehmensführung gehört, selbst für Krisen-

Verführt von Kohl


zeiten vorzusorgen.
Dr. Wolfgang E. Fischer, Prem
Ich bin fassungslos, dass ihr die Kolumne von
Harald Martenstein Ȇber das Periodenpro- Wo sind die liberalen Stimmen, die die Ein-
dukte-Gesetz in Schottland und ein paar Ideen Matthias Geis: »Wir waren so frei«  ZEIT NR . 12 schränkung unserer Grundrechte infrage
für andere staatliche Subventionen« abge- stellen? Warum lese ich nichts über die unter

Z
druckt habt. Was war das Ziel? Klicks und Juristen kontrovers diskutierte Frage der Legi-
Kommentare in den sozialen Medien? Oder um 30. Jubiläum der ersten freien verdrossenheit im Osten kann man bedauern, nicht die Übernahme aller Westgesetze, die im Vergleich timität dieser Maßnahmen? Wenn wir nach
fandet ihr sie originell? Letztes Jahr sind hier Volkskammerwahlen versucht der Au- jedoch verurteilen. zu anderen Transformationsländern radikalere Pri- Corona nicht alle mit Fußfesseln zu Hause
in der Schweiz eine halbe Million Menschen tor, uns glauben zu machen, die Ost- Heidrun Wehnert, per E-Mail vatisierung sowie der Grundsatz »Rückgabe vor Ent- festgesetzt sind und statt des Fernsehers den
auf die Straße gegangen, um sich gegen sol- deutschen seien selbst schuld an der schädigung«, der Investitionen behinderte. Kopf wieder eingeschaltet haben, gibt es eini-
ches Altherrengedöns zu wehren, und ganz Art, wie die Wiedervereinigung er- Ich habe in den Jahren der Wende Supervision in Trotz seiner weitgehend richtigen Erfassung der Aus- ges aufzuarbeiten.
offensichtlich ist das einfach immer noch folgte. Sie hätten wählen können, ob sie dem An- den Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen der gangslage stellt der Autor einige sehr steile – und Rainer Carsten Gerdes, per E-Mail
dringend notwendig. Menstruierende Frauen schluss an den Westen oder einer Föderation mit katholischen Kirche in Meiningen und Erfurt geben historisch nicht haltbare – Thesen auf. Das geht
und inkontinente Haustiere in einem Atem- ihm den Vorzug geben. dürfen. So konnte ich miterleben, wie tief die poli­ schon damit los, 75 Prozent der Ostdeutschen hät- Es ist so schade: Wieder ist für diese »Mensch-
zug zu nennen ist dann doch etwas dicke. Seltsam. Auf den Wahlzetteln stand davon nichts. tischen Veränderungen in das Leben eingriffen: Von ten diesen Weg gewählt. Das unterschlägt, dass die heitsaufgabe« nur ein Mann zuständig ... Ich
Nina Hüppi, Zürich Bundeskanzler Helmut Kohl versprach dem Osten einem Tag auf den anderen wurde Frauen und SPD – welche in den Umfragen vorn lag – einen weiß, dass Sisyphos ein Mann war, aber
»blühende Landschaften«, was auch immer er dafür Männern, die wichtige Aufgaben übernommen deutlich vorsichtigeren Weg vorgeschlagen hatte. kann man denn nicht ein bisschen Fantasie
Wussten Sie, dass Hygieneprodukte für Frauen hielt. Dass er insgeheim einer Kon­fö­de­ra­tion den hatten, zum Teil auch überzeugt waren vom poli­ Das Versprechen eines schnellen Beitritts zur BRD walten lassen bei einem Titelbild im Jahr
in Deutschland bis vor Kurzem in die Vorzug gegeben hätte, war nicht wahrnehmbar. Und tischen System der DDR, der Boden unter den war allein der Wahlkampfschlager der CDU. Mit 2020, wo die Aufgabe nicht unerheblich
Be­steuerungskategorie »Luxusartikel« fielen? es ist auch nicht glaubwürdig, denn die CDU als Füßen weggezogen. Das Ausmaß all dessen hatte diesem Versprechen gelang es Helmut Kohl, den Krankenschwestern, Verkäuferinnen, alleiner-
Das heißt, dass ich als Frau für Menstrua­ Sieger dieser Wahlen hat ja wählen können zwischen man im Westen nur wenig im Blick. Wahlkampf im Osten kurz vor Ende zu drehen. ziehende Mütter betrifft?
tions­ar­tikel 19 Prozent Mehrwertsteuer be- den beiden Optionen – und hat sich für den schnel- Erhard Scholl, Gernach Kohl, der zu diesem Zeitpunkt innenpolitisch­ Ulrike Spies, Marburg
zahlen musste. Seit Januar werden sie als­ len Anschluss entschieden. eigentlich schon abgeschrieben war, setzte dabei
»Artikel des täglichen Bedarfs« (mit sieben Weshalb wurden die beiden Varianten nicht aus- Als Ostdeutschen, der Ende 1990 in den Norden alles auf eine Karte. Es ist davon auszugehen, dass
Prozent Mehrwertsteuer) eingestuft. führlich diskutiert? Schon gar nicht mit Blick auf der Republik zog, beeindruckt mich vor allem ihm die ökonomischen – und in der Folge auch poli­
Ich erwarte keine Gratisangebote vom Staat, den wirtschaftlichen Aspekt? Weil für die Ost- die Formulierung: »Als die Dominanz des Wes- tischen – Risiken dieser Strategie durchaus bekannt
aber ich betrachte meine Periode auch nur­ deutschen »das neue Leben im Westen schon so tens in allen Kapillaren der eigenen Lebenswelt waren. Unter anderen der damalige Bundesbank- IHRE POST
bedingt als »Luxus« ... lange zu besichtigen gewesen war«, wie Matthias spürbar und für viele ehemalige DDR-Bürger zu präsident Karl Otto Pöhl sowie der Rat der Wirt-
Carlotta Schlosser, per E-Mail Geis glauben machen will? Das ist angesichts der einer permanenten Zumutung wurde, geriet die schaftsweisen warnten eindringlich vor den verhee- erreicht uns am schnellsten unter der
vierzigjährigen Reise- und Informationsbeschrän- Tatsache, dass man diese Entwicklung selbst er- renden Folgen der schnellen Währungsunion. Auch E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de
kungen im Osten grotesk! zwungen hatte, in Vergessenheit. Je verstörender Oskar Lafontaine hatte früh gewarnt und wurde von Leserbriefe werden von uns nach eigenem
Wie hätten sie ahnen sollen, was da auf sie zu- der Einbruch der neuen Realität erlebt wurde, der CDU als vaterlandsloser Geselle verunglimpft. Ermessen in der ZEIT und/oder auf ZEIT
BEILAGENHINWEIS kommt: der Ausverkauf oder die Schließung der desto grotesker erschien einem Teil der DDR- Zu schreiben, die drängenden Ostdeutschen hätten ONLINE veröffentlicht. Für den Inhalt der
Betriebe und eine bis dahin unbekannte Massen- Bürger von einst die Vorstellung, sie hätten es Kohl keine Wahl gelassen, ist nicht plausibel. Wel- Leserbriefe sind die Einsender verantwort-
Die heutige Ausgabe enthält folgende Publikationen arbeitslosigkeit. All dies kam einer Vertreibung selbst so gewollt haben können.« Chapeau! ches Druckmittel hätten die Ostdeutschen denn lich, die sich im Übrigen mit der Nennung
in einer Teilauflage: Baden-Württemberg Stiftung gleich: Wer konnte, suchte sich im Westen Arbeit. Kai Seyffarth, Bremen haben sollen, um den 1 : 1-Umtausch und die ihres Namens und ihres Wohnorts
GmbH, 70174 Stuttgart; Gemeinschaftswerk der Die Masse der Daheimgebliebenen jedoch hatte schnelle Einheit zu erzwingen? Die Abstimmung einverstanden erklären.
Evang. Publizistik (GEP) gGmbH, 60439 Frank- außer Häme keine Unterstützung. Jammer-Ossis! Der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft mit den Füßen? Die fand als Folge des Zusammen- Zusätzlich können Sie die Texte der ZEIT
furt am Main; Gladigau Immobilien GmbH, Das hat mitunter für Verbitterung gesorgt. Man- war nicht (nur) eine Folge von 40 Jahren Misswirt- bruchs sowieso statt. Vielmehr sind die Ostdeut- auf Twitter (@DIEZEIT) diskutieren und
20457 Hamburg; In pact media GmbH, 10178 chem ist bis heute nicht klar, wie das Vertrauen der schaft, sondern resultierte auch aus den (Fehl-)Ent- schen – und diesen Vorwurf müssen sie sich gefallen uns auf Face­book folgen.
Berlin; Walbusch Walter Busch GmbH, 42655 So- Ostdeutschen in staatliches Handeln vollmundig scheidungen auf dem Weg zur Einheit. Da wäre der lassen – einem Verführer aufgesessen.
lingen. agierender Politiker enttäuscht wurde. Die Politik- Währungsumtausch im Verhältnis 1 : 1 zu nennen, Stephan Rudolph, Chemnitz/Düsseldorf

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Der Regierende Bürgermeister
von Berlin
Senatskanzlei
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 GESCHICHTE 17

Abb.:[M]: akg-images
und 1866 nur lose organisiert: Der Deutsche
Bund bestand zeitweise aus 40 Gliedstaaten, von
denen jeder in Gesundheitsdingen allein bestim-
men konnte. Diese Staaten entschieden über die
Impfung unterschiedlich, und sie wachten kaum
über die Einhaltung dieses Gesetzes, dazu fehlte
ihnen das Personal. Das Gros der Menschen ver-
hielt sich denn auch eher nachlässig, was das­
Impfen betraf. In der Folge kam es immer wieder
zu größeren und kleineren Epidemien.
In den frühen 1840er-Jahren ließen die Pocken
zwar in Deutschland etwas nach; schon in den
1850er-Jahren aber verdichteten sich da und dort
iese Krankheit verschonte kaum einen: Mozart,­ einzelne Fälle zu Epidemien. Nach 1860 nahm die
Beethoven und Goethe waren von ihr ebenso gezeich- Zahl der Infektionen wieder zu. Die meisten
net wie die Fürsten ihrer Zeit. Ihre Gesichter waren Deutschen waren damals vermutlich nicht gegen
übersät von kleinen Narben und Kerben – eine die Pocken geschützt.
Folge der Pocken, die während des 18. Jahrhunderts Umso schneller war man mit Vorurteilen bei der
so weit verbreitet waren, dass in einigen Steckbriefen Hand, wie es in der langen Geschichte der Seuchen
ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, wenn der immer wieder zu beobachten ist. Insbesondere
Gesuchte keine Pockennarben trug. während der letzten großen Epidemie von 1871 bis
Vom Mittelalter an trat die Krankheit hierzu­lande 1873 meinte man schon bald einen Schuldigen
periodisch auf. Bis sie aus ­Asien nach Europa ­gelangt gefunden zu haben: Französische Gefangene, hieß
war, hatte es aber, anders als im Fall von Covid-19, es damals, hätten die Pocken eingeschleppt. Tatsäch-
Jahrhunderte gedauert. Seuchenzüge, die in A ­ sien lich ­bestanden kleine Pockenherde Ende der 1860er-
ihren Ursprung hatten – wie Pest, Fleckfieber oder Jahre zu beiden Seiten des Rheins.
Cholera –, haben Europa in vormoderner Zeit, als Erst im weiteren Verlauf der Epidemie zeigte sich,
die Menschen noch nicht in Massen mobil waren, dass einmalig Geimpfte weniger stark befallen wur-
oft mit großer Verzögerung erreicht. den als Ungeimpfte. So erlitten Staaten ohne Impf-
Die Pockenerkrankung beginnt mit Schüttel- pflicht besonders hohe Verluste, allen voran das
frost, hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopf-, Königreich Preußen: 1871 starben dort an die 60.000
Glieder- und Kreuzschmerzen. Am zweiten oder Der britische Arzt Menschen an den Pocken, im Jahr darauf weitere
dritten Krankheitstag zeigt sich ein Ausschlag, vor Edward Jenner 66.000. Preußen büßte so zwischen 1871 und 1873
allem an Kopf und Rumpf. Die blassroten Haut- impft seinen Sohn. mehr als 0,5 Prozent seiner Bevölkerung ein – das
veränderungen werden am folgenden Tag zu linsen- Kupferstich nach Königreich Bayern nicht einmal ein Drittel davon,
großen spitzen Knötchen und weitere drei Tage einer Skulptur für obwohl auch hier nur etwa sieben von zehn Personen
später zu erbsengroßen, flüssigkeitsgefüllten, hoch- die Weltausstellung geimpft waren. In den alten »Impfstaaten« – vor­
infektiösen schmerzhaften Blasen mit einer cha- in Paris 1878 allem in Baden, Bayern und Württemberg – verlief
rakteristischen Delle und einem roten Hof, der rasch die ­Pockenepidemie also längst nicht so dramatisch
ver­eitert. Der Ausschlag hält etwa zwei Wochen an. wie in den notorisch impf­unwil­li­gen Staaten und
In den ersten zehn Tagen der Erkrankung sind­ Städten im Norden. In der seit 1815 preußischen
gelegentlich akute toxische Psychosen zu beobach- Stadt Duisburg etwa war die Pockensterblichkeit fast
ten als Folge von Reiz­erschei­nun­gen an den Hirn­ zehnmal so hoch wie im bayerischen Nürnberg.
häuten. Einige der Erkrankten leiden später unter Generell traf die Seuche eher Stadt- als Landbewoh-
Lähmungen, Taubheit oder Erblindung. Sofern eine ner und die Armen stärker als die Wohlhabenden.
Pockenerkrankung tödlich endet, tritt der Tod zu-
meist am achten oder neunten Tag ein. Wobei man Nur einzelne Labore lagern den
diesen gesamten Absatz in die Vergangenheitsform Pockenerreger noch in ihren Giftschränken
setzen darf: Die Pocken sind bislang die einzige­
Infektionskrankheit von historischer Bedeutung, Die Abgeordneten des Deutschen Reichstages­
die vom Erdboden verschwunden ist. zogen aus der Epidemie die Lehre, dass alle Deut-
schen zu einer mindestens zweimaligen Pocken-
Sapere aude! Der große Aufklärer Kant schutzimpfung verpflichtet werden müssten. Im
war ein vehementer Impfgegner Februar 1874 wurde im Reichstag eine ent­
sprechende Gesetzesvorlage eingebracht. Am
Der Weg dorthin war weit. Und er war voller Rück- 8. April setzte Kaiser Wilhelm I. seine Unterschrift
schläge. Einer der letzten großen fiel hierzulande mit darunter. Dieses neue Gesetz sah eine Impfung­
der Gründung des Kaiserreichs zusammen: So wurde aller Neugeborenen innerhalb des ersten Lebens-
just am 18. Januar 1871, als in Ver­sailles nach dem jahres vor; spätestens im Alter von zwölf Jahren
Sieg über Frankreich das Deutsche Reich aus der musste die Impfung erneuert werden. Wer sich

Das besiegte Virus


Taufe gehoben wurde, in einem heruntergekom- weigerte, sich und seine »Schutzbefohlenen« imp-
menen alten Gemäuer an der Pegnitz vor den Toren fen zu lassen, also Frau und Kinder, dem drohte
Nürnbergs ein Notspital für Pockenkranke eröffnet. eine Geldstrafe von 50 Mark – für viele ein halber
Eine schwere Pockenepidemie, die letzte große in Monatslohn – oder drei Tage Haft.
Deutschland, begann sich in dem »mit Blut und Nicht alle modernen Staaten Westeuropas be-
Eisen« geschaffenen Kaiserreich auszubreiten. Sie schritten diesen Weg der Zwangsimpfung. Groß­
forderte rund 180.000 Men­schen­leben, etwa viermal britannien etwa verzichtete darauf. Trotzdem
so viele wie der Krieg gegen Frankreich, der im Som- nahm die Pockensterblichkeit in England und­
mer 1870 begonnen hatte. Wales nach 1904 deutlich ab. Vermutlich lag dies
Das war nichts Ungewöhnliches. Seuchen ver- Die Pocken wüteten in Europa über Jahrhunderte. Um sie niederzuringen, mussten Ärzte und daran, dass seitdem kaum mehr Fälle von Pocken
ursachten im 19. Jahrhundert weitaus mehr Todes- Politiker gegen Ängste und Vorurteile ankämpfen, die bis heute ansteckend sind  vom Kontinent auf die Insel kamen. Die Briten
fälle als die Kriege; die Sterblichkeit lag selbst in­ profitierten also von der sich dort durchsetzenden
Friedenszeiten in der Regel deutlich höher als im VON MANFRED VASOLD Impfpflicht.
20. Jahrhundert während der Weltkriege. Noch die In Deutschland traten die Pocken im 20. Jahr-
Spanische Grippe, die vor hundert Jahren wütete, hundert nur noch selten auf. Einige Einzelfälle ver-
brachte mehr Menschen um als der Erste Weltkrieg: zeichnete man während der Weltkriege. E ­ inen un-
Weltweit ­waren es bis zu 50 Millionen. erwartet heftigen Alarm gab es dann in der Bundes-
Wenn die Pocken oder Blattern, wie sie damals der Sitten. Den Seefahrer, der sich zum Zwecke des Die Impfung mit Kuhlymphe war bedeutend Die gängigen zeitgenössischen Argumente gegen republik, als sich um die Jahreswende 1958/59 he-
auch genannt wurden, in einer Region epidemisch Brot­erwerbs auf das stürmische Meer begebe, könne weniger gefährlich als die mit Menschenpocken und das Impfen finden sich in der von Johann Georg rum in Heidelberg einige Fälle zu einer kleinen­
auftraten, lag der Anteil der Pockentoten dort in der er verstehen, denn der mache den Sturm nicht selbst, setzte sich in einigen deutschen Ländern rasch durch. Krünitz seit 1773 herausgegebenen Oeconomischen Epidemie verdichteten. Ausgelöst hatte sie ein Arzt,
Regel bei 15 oder 20 Prozent aller Verstorbenen. der ihn am Ende vielleicht verschlinge. Wer sich aber Das junge Königreich Bayern erhob die einmalige Encyclopädie trefflich zusammengefasst. Unter dem der kurz zuvor von einer Reise aus Indien zurück-
Medizinische Lehrbücher geben die Höhe der Sterb- freiwillig die Pocken einimpfen lasse, der bringe sich Impfung im Kleinkindalter bereits im August 1807 Stichwort ­»Pocken« heißt es darin unter anderem, gekehrt war und dessen letzte Pockenschutzimpfung
lichkeit unter den Erkrankten mit 30 oder 40 Pro- aus freien Stücken in Todesgefahr. zur Pflicht. Württemberg und andere süddeutsche dass »die absolute Unmöglichkeit an den Kuhpo- lange zurücklag. In Windeseile infizierte er Men-
zent an. Besonders hoch war die Letalität, wenn eine Andere deutsche Gelehrte machten sich für die Staaten folgten. Im Norden konnte sich die Vakzina- cken zu ­sterben« keineswegs erwiesen sei. Zu be- schen aus seiner Umgebung, bevor man die Krank-
Bevölkerung keinerlei Immunität besaß, wie etwa Impfung stark, etwa der Prediger Johann Peter Süß- tion dagegen so gut wie gar nicht durchsetzen. In fürchten sei ferner, dass »mit dem Kuhpockengift heit erkannte und eine strenge Quarantäne verhäng-
die indigenen Einwohner Amerikas im 16. Jahr- milch (1707–1767). Die Pocken, schrieb er, würden Hamburg, vermutet der britische Historiker Richard zugleich auch andere Krankheitsstoffe eingeimpft te. Trotzdem kam es zu zwei Todesfällen: Die eine
hundert. Zu Abertausenden wurden sie von den Po- »durch die Einpfropfung fast ganz unschädlich ge- Evans, trug die kaufmännische Gesinnung des Rates werden«. Nicht zuletzt könne, »da die Kuhpocken Tote war eine ungeimpfte Ärztin, bei der anderen lag
cken hinweggerafft, die die europäischen Konquis- macht«. Von 300 »Eingepfropften« sterbe kaum zur Skepsis bei: Eine flächendeckende Impfung war ursprünglich eine Viehkrankheit sind, durch Mitt- die ­letzte Impfung 50 Jahre zurück. In den frühen
tadoren in die Neue Welt eingeschleppt hatten. einer. Dass ein gewisses Impfrisiko bestand, leug- den Verantwortlichen wohl zu kostspielig, zudem heilung derselben der menschliche Körper gleichsam Sechzigerjahren zählte man noch einzelne Infektio-
Ein Heilmittel gegen diese Krankheit gab es auch nete Süßmilch nicht, wog es aber gegen den Nutzen bedrohte die Krankheit in erster Linie die Armen, die degradirt, und durch die Bey­mischung thierischer nen im Rheinland. Dann war Schluss.
im späten 19. Jahrhundert noch nicht, wohl aber ab: »Ich will zugeben, daß Eltern ihre Kinder nicht in beengten Verhältnissen lebten. Säfte [...] verschlechtert werden«. In Somalia im Osten Afrikas brachen die P ­ ocken
– und das seit langer Zeit – eine vorbeugende Maß- dürfen in Gefahr setzen. Man wird mir aber auch Auf Ablehnung stieß das Impfen vor allem in 1977 noch einmal heftig aus. Seither gab es weltweit
nahme: die Impfung. dagegen müssen zugeben, daß Eltern aus zweyen ANZEIGE den bäuerlichen und unterbürgerlichen Schichten, keinen einzigen Fall mehr. Schon einige Jahre zuvor
So praktizierten englische Ärzte im 17. und Übeln und Gefährlichkeiten das kleinste wählen die kaum des Lesens kundig waren und daher die hatte man die strenge Einhaltung des Pocken-Impf-

JETZT NEU
18. Jahrhundert eine im Osmanischen Reich üb- müssen, wenn beide unvermeidlich sind.« Argumente in den aufgeklärten Intelligenzblättern schutzes in der Bundesrepublik gelockert. Viele, die
liche Methode, die sogenannte Va­rio­la­tion (von Widerstände gegen die Variolation gab es in ganz nicht zur Kenntnis nahmen. Einige Eltern verwei- hierzulande vor 40 oder mehr Jahren geboren wur-

AM KIOSK
lateinisch variola, die Pocken): Sie verwendeten Europa. In Frankreich ließ erst der Tod König Lud- gerten die Impfung, weil sie glaubten, das Schick- den, tragen die leibhaftige Erinnerung an die Imp-
dazu den ­Inhalt von Pusteln, um einen – im Ideal­fall wigs XV. – er starb 1774 an den Pocken – die Zeit- sal ihrer Kinder sei vorgezeichnet, ja sie fürchteten fung allerdings noch auf ihrem Körper: in Form
– kontrollierten, leichten Pockenfall herbeiführen. genossen umdenken. Nicht wenige Fürsten wurden sogar, Gott könne ihnen dies als einen Eingriff in einer kleinen Narbe, zumeist auf dem Oberarm.
Erprobt wurde diese Impftechnik angeblich zuerst seinerzeit Opfer der Krankheit. 1711 starb der Habs- seine Zuständigkeit übel nehmen. Manche hielten Dank der Immunisierung durch Impfung wurden
an zum Tode verurteilten Verbrechern und an burger Kaiser Joseph I. an ihr, 1777 der bayerische einen Ausbruch von Masern oder Scharlach, die die Pocken vollständig besiegt. Nur einzelne Insti-
Waisen­ kindern. Englischen Berechnungen von Kurfürst Max III. Joseph. Von Kaiser Josephs II. kaum weniger schlimm waren als die Pocken, irr- tute und La­bore lagern das Pockenvirus noch in
1727 zufolge lag die Wahrscheinlichkeit, sich die Mutter, Maria Theresia, ist bekannt, dass sie sich die tümlicherweise für eine Folge der Impfung. Ande- ihren Giftschränken – zu Forschungszwecken.
Krankheit zuzuziehen und daran zu sterben, bei Pocken bei der Pflege ihrer Schwiegertöchter zuzog; re hofften, dass die durch Pockennarben gezeich- Wie lange es dauern wird, bis ein Impfstoff gegen
1 : 8,5. Wer geimpft sei, hieß es, habe hingegen ein sie soll danach die Spiegel in ihrer Residenz verhängt ODER neten Kinder nicht zum Militär mussten. das Coronavirus verfügbar ist, kann derzeit niemand
mehr als zehnmal geringeres Risiko – sofern er sich haben, damit sie sich nicht mehr anschauen musste. GRATIS Hinzu kam, dass die Impfung teuer war, viele genau sagen. Das Interesse an vielen anderen Imp-
nicht durch die Impfung selbst schwer infizierte, Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bemerkte der LESEN! kostete sie einen halben bis einen ganzen Tageslohn. fungen, von den Masern bis zur Grippe, ist indes
was durchaus passieren konnte. englische Landarzt Edward Jenner (1749–1823), Gerade in Krisenzeiten war der Widerstand daher nicht allzu groß. Ob die Covid-19-­Epidemie zu­
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde dieses dass Melkerinnen, welche die Kuhpocken – eine stark. Wenn überhaupt, gingen die Ärmeren lieber einem Bewusstseinswandel führen wird? Zu hoffen
nicht ganz ungefährliche Verfahren auch in Mittel- den Pocken ähnliche Erkrankung der Kühe – durch- zu einem Bader zur Impfung als zu einem akade­ wäre es. Denn Geschichte wie Gegenwart zeigen:
europa angewandt. Johann Wolfgang von Goethe gemacht hatten, nicht mehr oder nur noch sehr mischen Arzt, denn der Bader war billiger. Krankheiten lassen sich nur dann erfolgreich­
berichtet darüber in seinem autobiogra­ fischen schwach an den Menschenpocken erkrankten.­ Zusätzliche Zweifel machten sich breit, als man bekämpfen, wenn medizi­nische Forschung, Politik
Werk Dichtung und Wahrheit – und erwähnt auch Daraus entwickelte er eine neue Impfmethode, die bemerkte, dass die Pocken trotz Impfung nicht zu und Bevölkerung ­gemeinsam handeln – und über­
die weitverbreitete Skepsis. Vak­zi­na­tion (von lateinisch vacca, die Kuh). Jenner grassieren aufhörten – was mehrere Ursachen hatte. Staatsgrenzen hinausdenken.
Ein vehementer Impfgegner war etwa der­ veröffentlichte seine Einsichten in einem Buch, das Zum einen bot eine einmalige Impfung noch
Königsberger Philosoph Immanuel Kant: »Wer sich 1799 auch in deutscher Übersetzung erschien: Hier testen: www.zeit.de/zg-heft keinen lückenlosen Immunschutz. Die Impfung Manfred Vasold ist Historiker und hat zahlreiche
die Pocken einimpfen zu lassen beschließt, wagt sein Untersuchungen über die Ursachen und Wirkungen musste wiederholt werden. Zum anderen war Bücher zur Medizin- und Sozialgeschichte der
Leben aufs Ungewisse«, schrieb er in der Metaphysik der Kuhpocken. Deutschland in den Jahrzehnten zwischen 1815 Seuchen verfasst

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2. A P R I L 2020 D I E Z E I T N o 15

RECHT & UNRECHT 18

DIE ZEIT: Liebe Frau Zeh, ich habe den Ein­ ZEIT: Man traut sich nicht, dem Mordversuch

Foto: Gene Glover/Agentur Focus


druck, dass es in Ihren Büchern von Verbrechen diesen Namen zu geben.

»Ich weiß, wie


wimmelt, sie werden bloß nicht als solche bezeich­ Zeh: Richtig, solange man es nicht ausspricht, ist
net. Sie werden auch nicht aufgeklärt und abge­ ja nichts passiert. Da kann man wieder sehen, wie
urteilt – sie finden einfach statt. Würden Sie sich eng Recht und Sprache zusammenhängen. Es
als Kriminalschriftstellerin bezeichnen? kommt immer darauf an, welcher Begriff verwen­
Juli Zeh: Wenn es keine so krasse Gattungstrenn­ det wird. Das hat damit zu tun, dass ein Einzel­
wand gäbe, würde ich einfach sagen: ja. Aber es mensch nicht in der Lage ist, zwischen Recht und

sich das anfühlt«


gibt in Deutschland die Krimis und die »Nicht­ Unrecht zu unterscheiden, denn Sprache braucht
krimis«, und man erwartet bei einem Krimi stets immer mindestens zwei Personen und eigentlich
einen Kommissar. Nach diesen Maßstäben bin ich noch viel mehr. So geschieht es tragischerweise oft
keine Krimi-Autorin. in Familien; da passieren schlimme Dinge, und die
ZEIT: Aber in jedem Ihrer Bücher passieren Beteiligten haben sich sozusagen darauf geeinigt,
schlimme Dinge. Auf manche davon steht»lebens­ diese Dinge nicht als Verbrechen zu betrachten. Es
länglich«. Etwa auf den Mordversuch in Nullzeit. bleibt unter den Familienmitgliedern, die Sprache
Zeh: Nullzeit würde ich wirklich als Krimi oder Ein Gespräch mit der Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh dringt in das Dickicht gar nicht erst vor, es folgt
jedenfalls als Thriller bezeichnen. keine Sanktion, kein Prozess, nichts.
ZEIT: Unterleuten in gewisser Weise auch. über wahre Mordgelüste, mystische Augenblicke und über ZEIT: Jahre später fällt dann der Vorhang.
Zeh: Zumindest passieren auch da Dinge, die kri­ schreckliche Familiengeheimnisse Zeh: Vielleicht. Das ist häufig erst der Fall, wenn
minalistisch relevant wären. ein Betroffener herausgetreten ist aus dem Fami­
ZEIT: Ich frage mich, warum Sie als Volljuristin lienkosmos und das Ganze nun in einem gesell­
und kriminalistisch Interessierte keine Strafrichte­ schaftlichen Licht sieht. Plötzlich sind da andere
rin sind, sondern Romane schreiben. Weil Sie als Leute, die sagen: Was da passiert ist, das ist straf­
Richterin das Millimeterpapier der Strafjustiz über bar! Und mit einem Mal ist das Familiengeheimnis
dieses ganze menschliche ­ Chaos legen müssten oder das »normale« Geschehen am Arbeitsplatz ein
und keine Gelegenheit mehr hätten, sich auf die Verbrechen. Davor hat es in einer anderen Welt
andere Seite, die der Täter, zu stellen? stattgefunden. Darum geht es doch: Etwas wird
Zeh: Ich hatte zunächst vor, Strafrichterin zu wer­ erst in dem Moment zum Verbrechen, wo es aus­
den, und traute es mir auch zu. Was ich nicht ge­ gesprochen wird.
wollt hätte: Rechtsanwalt sein oder Staatsanwalt. ZEIT: Kennen Sie den bayerischen Schriftsteller
Da steht man schon qua Beruf auf einer Seite. Der Ludwig Thoma? Letztlich war er ein Kind, das
Richter und der Autor haben ja etwas gemeinsam, heute in der Jugendpsychiatrie sitzen würde, hoch­
sie sind neutral und sehen alles »von oben«. Der gradig gewaltbesessen, tierquälerisch – aber seine
Richter bekommt alles, was den Fall ausmacht, Lausbubengeschichten sind trotzdem supergute Er­
vorgelegt. Und der Autor steckt sein Gelände zählungen. Das gilt auch für Till Eulenspiegel –
selbst ab: Hier spielt meine Geschichte, und ich der ja menschlich das Allerletzte ist.
stehe in gewisser Weise darüber. Zeh: Ja, harter Tobak.
ZEIT: Warum sind Sie keine Strafrichterin gewor­ ZEIT: Wie versetzen Sie sich in Ihre Figuren? In
den? einen vierjährigen Jungen bei Neujahr, in einen
Zeh: Weil sich das aus Zeitgründen nicht machen impotenten Jüngling bei Spieltrieb? Da frage ich
ließ. Es war eine ganz normale biografische Ent­ mich: How ­dare you?
scheidung. Ich hatte, als ich mit der juristischen Zeh: Das How dare you ist der Knackpunkt – traut
Ausbildung fertig war, schon so viel mit der man sich oder eben nicht. Ich finde das extrem
Schriftstellerei zu tun, dass ich mich zu sehr hätte einfach. Ich versetze mich ja nicht in andere h­ inein,
umstellen müssen, um wirklich ins Richteramt zu sondern nehme bloß Anteile aus meinem eigenen
gehen. Ich weiß auch nicht, ob ich mit dem Druck Empfinden heraus und schreibe sie den Figuren
zurechtgekommen wäre, der sich aus der Überlas­ zu. Dadurch haben meine Empfindungen größere
tung dieses Berufs ergibt. Ich kenne viele Richter, Entfaltungsmöglichkeiten als in meinem eigenen
und ich muss sagen, ich bewundere sie alle aus Leben. Wenn ich – um beim Verbrechen zu blei­
tiefstem Herzen. ben – den Impuls verspüre, jemanden umzubrin­
ZEIT: Sie sagen, Sie seien keine Staatsanwältin gen, dann würde ich diesen Impuls in der Realität
und auch keine Verteidigerin, aber das stimmt sofort einhegen, analysieren, auflösen, eine andere
nicht. Sie sind Staatsanwalt und Verteidiger all Lösung finden, weil ich natürlich keinen umbrin­
Ihrer Figuren gleichzeitig. Die Beschreibungen gen will, darf, soll. Der Impuls würde sofort sub­
sind wie aus einem Schriftsatz: Auf das »Zwar« limiert werden. Wenn ich Hass und Mordlust aber
(und dann wird alles ausgebreitet, was für die in eine literarische Figur hineinlege, ist das immer
Person spricht) folgt ein »Aber« (und es folgt die noch ein ehrlicher Impuls: Ich habe ihn mir nicht
Gegenposition). ausgedacht, ich weiß, wie sich das anfühlt, ich
Zeh: Ich glaube fest daran, dass wir Menschen weiß, warum ich ihn hatte und wie ich in dem
moralisch vorgeprägte Wesen sind, also dass wir Moment gerochen habe. Also das ist ein sinnliches
mit einem Sinn für Moral auf die Welt kommen, Erlebnis meiner selbst. Wenn ich das in eine Figur
der Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu­ hineinlege, kann ich den ganzen Sublimierungs­
unterscheiden. Das kann man schon bei kleinen quatsch weglassen und beobachten, was passiert,
Kindern beobachten. Natürlich wird das kulturell wenn ich dem Impuls freie Hand lasse.
geformt, aber ich bin ganz sicher, dass uns das aus­ ZEIT: Die Sporen gebe.
macht. Wenn man davon ausgeht, dass wir grund­ Zeh: Genau. Dann hat mein Tötungsverlangen ein
sätzlich moralfähig sind, bleibt die Frage: Woher neues Gefäß, in dem kann es sich entwickeln. Mei­
beziehen wir unsere Kriterien für gut und böse? ne anderen Anteile – das brave Mädchen, die­
Das ist eine Grundfrage, die mich umtreibt, seit Juristin – kriegt die Figur nicht mit, sondern nur
ich angefangen habe, Jura zu studieren. Meine diesen vitalen Teil. Ich finde das spannend. Das
Figu­ ren geraten immer wieder ins moralische Juli Zeh lebt in einem Dorf in Brandenburg. Das Milieu, das sie im Roman »Unterleuten« beschrieben hat, dürfte sie gut kennen kann man mit allem machen, auch mit Impotenz.
Dilem­ma, sie müssen schwierige Entscheidungen Ich glaube, wir alle kennen ein bisschen von allem.
treffen nach »Richtig oder falsch?«. Und schon das Man ist ja nicht nur eine Person, jeder von uns ist
Heranziehen eines falschen Parameters kann zu tausend Personen und hat jeden Tag unzählige ver­
einer schlechten Entscheidung führen. Meine Ge­ schiedene Gefühle. Und aus alldem könnte was
schichten sind also kleine Versuchsanordnungen ... lage verschwindet, was bleibt? Nur das Indivi­ scheint unter den Rädern des eigenen Autos der werden. Es wird bloß meistens nichts draus, weil
ZEIT: ... Gesellschaftsspiele, man zieht quasi Über­ duum, das – auf sich allein gestellt – aus meiner Satz »Alles ist Wille« auf der Straße. Das geschieht wir uns immer artig in der Bahn halten, was ja gut
raschungs- und Ereigniskarten ... Sicht absolut unfähig ist, moralische Entscheidun­ Juli Zeh einer Romanfigur in Nullzeit dann auch. ist. Wir wollen ja eine friedliche Gesellschaft sein!
Zeh: ... genau, und ich beobachte den Fortgang gen zu treffen. ZEIT: Klingt wie das Bekehrungserlebnis des Kir­ ZEIT: Hat Ihre Fähigkeit, einen Sachverhalt aus
selber mit Neugier, weil ich in vielen Fällen – bei ZEIT: Und dann kommt das Recht ins Spiel. chenvaters Augustinus. Der hörte ein Kind singen: zwei, manchmal drei Perspektiven zu schildern,
Unterleuten war es definitiv so – den Ausgang Zeh: Wenn wir von den Grundregeln des Zusam­ wurde 1974 in Bonn ­geboren. »Heb auf, und lies«. Er hob ein Buch zu seinen mit Ihrer juristischen Ausbildung zu tun?
selbst nicht kenne. Ich überlege mir vorher nicht, menlebens die Religion subtrahieren, bleibt ja nur Schon früh hatte sie ein beruf­liches Füßen auf – und es war die Bibel. Zeh: Was mich dahin gebracht hat, Strafrichterin
wie es ausgeht, sondern ich folge dem Geschehen. noch das Recht übrig. Deshalb wurde das Recht in Doppelleben: Sie machte ihren Zeh: Genau. sein zu wollen, war dieses Faszinosum, vor Gericht
ZEIT: Fiebern Sie mit? der Wahrnehmung der Leute von heute eine Art Doktor in Jura und arbeitete erfolg­ ZEIT: So wurde Augustinus vom Lustmolch zum mitzuerleben, was passiert, wenn zehn oder zwan­
Zeh: Ich folge voll Spannung, weil sich die Dinge moralische Instanz. Ich halte das für sehr proble­ reich als Schriftstellerin mit Romanen Bischof. zig Leute denselben Fall erzählen. Egal ob als Zeu­
wie im echten Leben aus­ein­an­der ergeben, und matisch, weil die Menschen dadurch ständig frus­ wie »Unterleuten« oder »Neujahr«. Zeh: Mystische Augenblicke, wo das Universum gen, Opfer, Täter – sie wollen eigentlich alle diesel­
wenn man sich offenhält und ein bisschen ziehen triert werden. Die erwarten Gerechtigkeit als­ Ihr literarisches Werk wurde in mehr oder Gott oder wer auch immer einen anfunkt – be Geschichte erzählen. In einem ganz einfachen
lässt, dann kann man die Reise auch als Verfasser Ergebnis eines juristischen Prozesses. Früher war als 30 Sprachen übersetzt. Seit 2019 es ist bestimmt kein Zufall, dass so was in den Fall sind es vielleicht die Minuten von 10.03 Uhr
miterleben. Bei Unterleuten wusste ich am Anfang Gerechtigkeit der Gott im Himmel, aber nicht die ist sie auf Vorschlag der SPD als großen Menschheitserzählungen vorkommt, sol­ bis 10.05 Uhr am 14. Februar. Was ist passiert in
nur, wie die Figuren so drauf sind, aber ich wusste Justiz. Jetzt richtet sich dieser Anspruch eben dort­ ehrenamtliche Verfassungsrichterin in che Sekunden gibt es tatsächlich. Sie sind so auf­ diesen zwei Minuten? Mal angenommen, das ha­
nicht, was sie anstellen werden. hin. Ein Grund für viel Verdrossenheit und Bitter­ Brandenburg tätig. geladen mit Bedeutung, dass für diesen Moment ben jetzt zehn Leute auf verschiedene Art und
ZEIT: Zuletzt kommt in Unterleuten kein Einziger keit, weil die Leute ein falsches Bedürfnis an diese großer Klarheit die eigene Existenz, das Dasein Weise mitgekriegt, der eine war betroffen, der an­
gut weg. In­sti­tu­tion richten. und die Frage »Wie bin ich verortet in diesem un­ dere hat es von Weitem gesehen, der Nächste hat
Zeh: Das muss man sagen. Aber das hat Literatur ZEIT: Zu große Erwartungen an die Gerichte? ANZEIGE glaub­lichen Kosmos?« in einem anderen Licht­ zufällig am Telefon was gehört – alle haben irgend­
meist so an sich, dass es den Protagonisten nicht Zeh: Falsche Erwartungen. Viele Leute, mit de­ erscheinen. Diese Augenblicke bilde ich ab in den etwas wahrgenommen und erzählen es. Und was
allzu gut ergeht. Bücher, worin alle glücklich sind, nen ich rede, die durchaus hochgebildet sind, Büchern. Der Gärtner mit dem Wasserschlauch, kommt dabei raus? Unter Umständen zehn kom­
sind nicht sehr interessant.
ZEIT: Aber Bücher, in denen am Schluss jemand
haben große Schwierigkeiten, einzusehen, warum
Gerechtigkeit im Rahmen von Rechtsprechung
DIE FASZINATION wo der Wind falsch herum weht – das sind kleine plett verschiedene Storys, wo man denkt: Hat das
Botschaften von mir an den Leser. Ich führe ihn überhaupt etwas mit­ein­an­der zu tun? Das erlebt
glücklich ist – das passiert manchmal auch bei­ keine Kategorie sein kann. Sondern nur Rechts­ DES BÖSEN mal kurz an den Spielfeldrand der Geschichte und man ja immer wieder, gerade vor Gericht.
Ihnen, wenn auch auf sehr ungewöhnliche Weise. friede. Halbwegs. sage ihm: Hallo, es ist alles nur eine Erzählung – ZEIT: Verstehen Sie es, wenn jemand Selbstjustiz
In Spieltrieb ist das Ende politisch überhaupt ZEIT: Sie liefern in jedem Buch eine kleine Ir­ri­ta­ nicht nur dieses Buch, das du gerade liest, sondern betreibt und eine Sache in die eigene Hand nimmt?
nicht korrekt: Eine 15-jährige brennt mit ihrem tion, wie man das in modernen Filmen jetzt auch dein ganzes Leben und die Welt, in der wir sind. Zeh: Oh, Rache kann ich mir gut vorstellen. Also
Lehrer durch. manchmal hat, dass irgendetwas physikalisch nicht Alles eine riesige Erzählung. Die Irritationen sind den Impuls dazu, wenn mich persönlich etwas­
Zeh: Ja, und sie fahren in den Sonnenuntergang. stimmt, also etwas eingebautes Irreales. Machen mein Metakommentar: Was ist das Dasein eigent­ getroffen hat, das so unsäglich ist, dass mir quasi
ZEIT: Haben Sie da Ärger bekommen? Sie das absichtlich? Im Roman Neujahr etwa fährt lich für ein krasser Scheiß?! nichts anderes mehr übrig bleibt als Rache. Was
Zeh: Komischerweise nicht. Man weiß bei Spiel­ Ihr Protagonist den Berg hoch, da sprengt jemand ZEIT: Und das von einer Juristin! ich mir nicht vorstellen kann, ist eine Selbstjustiz,
trieb am Ende ohnehin nicht so richtig, ob alles seinen Rasen, doch das Wasser fällt in die falsche Zeh: Ich halte die Rechtswissenschaft für eine nar­ die behauptet, es gebe ein Staatsversagen und des­
ernst gemeint ist. Der Schluss hat einen Stich ins Richtung. Es gibt in jedem Buch irgendwas, wo NEU AM rative Wissenschaft. Die Frage, ob etwas ein Ver­ wegen müssten wir das jetzt mal selber anpacken.
Surreale. Lehrer und Schülerin reisen glücklich sich der Leser sagt: Das kann ja wohl nicht wahr KIOSK! brechen ist oder nicht, hängt doch immer davon Manchmal denke ich, wir sind schon kurz davor in
vereint durchs Verbrechen gen Osten. Trotzdem: sein. Auch die Aura der jungen Linda in Unter­ ab, wie die Geschichte erzählt wird. Das fasziniert unserer Republikwelt, wenn die Leute schreien:
Spieltrieb war das erste Buch, in dem ich mich mit leuten ist so etwas Übernatürliches. und schockiert mich gleichermaßen. Wieder ein »Kinderschänder« nicht abgeurteilt!
der Großfrage beschäftigt habe, was mit einer Ge­ Zeh: Ich erlebe selber im Alltag solche Irritationen, ZEIT: Gehen Sie tatsächlich davon aus, dass die Wieder viel zu wenig Strafe! Das ist eine Art Volks­
sellschaft passiert, die ihre kollektivmoralische mir passieren manchmal Dinge, wo ich ein Gefühl meisten Verbrechen niemals zu den Strafverfol­ zorn, der ist ekelhaft. Das akzeptiere ich nicht.
Grundlage, die Religion, komplett verloren hat, kriege, als hätte sich gerade ein Wurmloch geöff­ gungsbehörden gelangen?
weil dieser keine staatstragende oder gesellschafts­ net und ich wäre in eine andere Realität abge­ Zeh: Die Frage ist doch: Ab wann nennen wir­ Das Gespräch führte Sabine Rückert.
tragende Funktion mehr zukommt. Die Gesell­ taucht. Ganz intensive Momente der Irritation. etwas »Verbrechen«? Viele schlimme Dinge passie­ Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews, das ­
schaft landet dann zwangsläufig beim Rechts­ ZEIT: Wann denn zum Beispiel? Hier direkt bestellen: ren und kriegen niemals das Etikett »Verbrechen«. gerade in der neuen Ausgabe von ZEIT Verbrechen ­
system, weil der religiös autorisierte Überbau weg Zeh: Man fährt auf einer Landstraße mit etwa www.shop.zeit.de/verbrechen ZEIT: Bei Nullzeit geschieht genau das. erschienen ist. Das Magazin ist am Kiosk erhältlich ­
ist. Was ist gut, und was böse? Wenn diese Grund­ 80 Stundenkilometern, und mit einem Mal er­ Zeh: Richtig. sowie unter www.shop.zeit.de/verbrechen

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WIRTSCHAFT
2. A P R I L 2020 D I E Z E I T N o 15

19

AFP/Getty Images
Wo ist hier
der Ausgang?
Wenn die Nationen ihre Macht und ihr Geld geschickt einsetzen, halten sie den Corona-Schrecken in Grenzen  VON UWE JEAN HEUSER UND FELIX LILL

Seoul Passanten in Seoul in der vergangenen Woche – die Bevölkerung Südkoreas ging schon vor den offiziellen Warnungen auf Abstand

R
SÜDKOREA
aus aus dem Lockdown! men der Exporte fiel in den ersten 20 Märztagen Wochen ist die Aussätzigkeit vorbei. Das trägt dazu zu retten, sondern auch, jetzt die Verwaltung zu eine Entscheidung verlangen, ob sie global oder na-
Die Wirtschaft nicht op- nicht etwa, es stieg gegenüber dem Vorjahr um rund bei, dass die Bürger – trotz überwundener Militär- digitalisieren, Planungen und Genehmigungen zu tionalistisch sein will«, sagt Farrar bedrohlich.
fern! Gefährdete isolieren! zehn Prozent an. diktatur und einer gewissen Renitenz gegenüber beschleunigen, Leitungen und Netze zu verbessern. Der Brite weiß, die Pandemie kommt zur Unzeit,
Wieder arbeiten gehen, Südkorea hat dafür niemanden zusätzlich dem dem Staat – ihre Gesundheit und das Wohlergehen Krisenjahre sind eben Hundejahre; aus einem wer- in der sich große Teile der Erde polarisiert und na-
wenn man nicht zu den Corona-Tod überantwortet – genauso wenig wie der Wirtschaft hoch gewichten. den sieben. tionalisiert haben. Dem stemmt er sich entgegen,
Gefährdeten gehört!! An die Taiwaner oder Singapurer. Sie haben früh auf Der Stolz auf den wirtschaftlichen Erfolg in­ Auf diese Weise kann man die Krise vielleicht sucht Hilfe bei den Staatenzusammenschlüssen G7
Wortmeldungen zum »Exit« intelligente Abwehr geschaltet, auch weil sie aus einem Land, das in den 1950er-Jahren noch zu den managen und sich für die Zeit danach stärken. und G20, bei Weltbank und Internationalem Wäh-
aus dem wegen der Coro- Erfahrungen mit tödlichen Viren klüger geworden ärmsten der Welt gehörte, ist riesig. Die meisten Gelöst ist sie damit nicht. Die Suche nach einem rungsfonds – und erlebt doch, wie die Zeit verrinnt.
na-Krise verordneten Still- sind. Das Ergebnis: Vergangenen Sonntag, dem 29. Bürgerinnen und Bürger kennen die aktuellen echten »Exit« orchestriert ein Mann, der fest über- Beim Wellcome Trust hofft man auf die EU samt
stand ist kein Mangel. Das Problem: All diese März, meldeten die koreanischen Behörden nur Wachstumsraten. Rajiv Biswas, leitender Ökonom zeugt ist, dass dieser nur in der Wissenschaft gefun- Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen,
Forderungen spielen an auf einen angeblichen noch 105 neue Fälle – und das in dem Land, das beim Analystenbüro IHS Markit, berichtet sogar den wird. Der Brite Jeremy Farrar, gelernter Medi- einer gelernten Ärztin. Sie soll zusammen mit Deut-
Gegensatz zwischen Menschenleben und Wohl- Anfang März nach China die am zweitstärksten von einer Art Korpsgeist der Verbraucher angesichts ziner und Virenforscher, leitet eine in Corona-Zei- schen, Briten und anderen auf eine internationale
stand. Dieser Konflikt kann aber eine Gesellschaft betroffene Na­tion weltweit war. der Herausforderung durch das Virus: »Die Men- ten extrem wichtige Organisation: den Wellcome Geberkonferenz hinwirken. Acht Milliarden Dollar
sprengen und so am Ende auch der Wirtschaft die Das Krisenmanagement ist wirksam. Die Be- schen bemühen sich, noch relativ viel zu konsumie- Trust in London. Gegründet vor mehr als 80 Jahren sind das erste Ziel, um die Entwicklung und die Tests
Grundlage entziehen. völkerung macht mit. Wenn die Regierung bit- ren, ob im Einzelhandel, in Restaurants oder in vom Pharmamagnaten Henry Wellcome und mit der möglichen Anti-Corona-Mittel zu unterstützen.
Die wahrhaft ökonomische Frage ist daher tet, Ansammlungen zu meiden, bleiben Men- anderen Geschäften.« Weil das nicht reichen wird, rund 30 Milliarden Euro Kapital eine der reichsten Zwar wirkt es so, als sei die Welt schnell. So
eine andere. Es ist die nach mehr Effizienz im schenmassen aus. Statt Hamsterkäufen gibt es wenn die westlichen Kunden der Handelsnation Stiftungen überhaupt, finanziert sie Durchbrüche knackten Chinesen den Gencode des Virus schon
Umgang mit Corona. Sie lautet: Wie lässt sich private Spendenaktionen, um Atemmasken für länger ausbleiben, will die Regierung künftig Ge- in der weltweiten Gesundheitsforschung. Zusam- im Januar, und gut zwei Monate später bekam die
dieser angebliche Gegensatz zwischen Menschen- Bedürftige zu finanzieren. schenkgutscheine an Bürger verteilen und weitere men mit der bekannteren Gates-Stiftung versuchen erste Testperson in Seattle einen Impfstoff. Doch
leben und Wohlstand lindern, wenn nicht gar Konjunkturmilliarden mobilisieren. Farrar und seine Leute die Forschung gegen Corona alles in allem sei die Welt zu langsam, sagt Farrar.
heilen? Kontrollieren, isolieren, Big Data nutzen: Ja, Südkorea ist eine Halbinsel, das erleichtert zu beschleunigen und zu globalisieren, damit alle Corona verbreite sich in Stunden und Tagen, wäh-
Nimmt man die Frage ernst, muss man nach So antworten Länder mit Erfahrung die Abschottung. Der größte Corona-Ausbruch Nationen an möglichen Erfolgen teilhaben können. rend die Nationen sich mit Antworten wochenlang
»Best Prac­tice« suchen, wie Wirtschaftsleute sagen, fand lokal begrenzt bei einer Sekte statt, deren Mit- Zeit ließen. »Wir müssen schneller sein als das Virus,
und herausfinden: Wer beschützt die Menschen und Das liegt auch an einem Vorbeben. Als im Jahr 2015 glieder gut zu identifizieren waren. Billionen für die Wirtschaft und Millionen nicht langsamer«, so der Antreiber der Welt.
sichert zugleich den Wohlstand am ehesten? ein früheres Coronavirus namens Mers grassierte, Doch das Land steht auch für den Erfolg meh- für Forschung? Das passt nicht zusammen Am Ende steht für Farrar eine banale Investiti-
Die erste Antwort findet sich in einem fernöst- starben in Südkorea von nur 186 Infizierten 38 Per- rerer asiatischer Nationen, die gelernt haben, beides onsrechnung: 15 Impfstoffentwicklungen rund um
lichen Industrieland mit fast so vielen Einwohnern sonen an der Atemwegserkrankung. Angesichts des zu schützen: Gesundheit und Wirtschaft. Ihre Ant- Farrars Analyse geht so: Bisher haben die Staaten den Planeten werden schon heute von einer Anti-
wie Italien. Es ist Südkorea. tödlichen Virus waren knapp 17.000 Menschen für wort: kontrollieren, isolieren und Big Data nutzen, Corona ein ums andere Mal unterschätzt. »Jedes Epidemie-Koalition gefördert. Viele weitere sind in
In dieses Land können derzeit weder Touris- zwei Wochen in Quarantäne versetzt worden. Beim wo es geht! Je früher ein Land damit anfängt, desto Land«, sagt er beim Telefongespräch mit der ZEIT Arbeit. Dazu kommen die Medikamente. Doch die
ten noch Reporter einreisen, ohne sich in Qua- zweiten Mal sind solch gravierende Maßnahmen weniger tief stürzt es anscheinend in eine Krise. am Dienstag, »ist übermäßig optimistisch gewesen.« Staaten gäben bisher keine Milliarden, sondern nur
rantäne zu begeben. Aber man kann Unterneh- fast schon Routine, und das System der Infektions- Kann das Virus nicht zurückkehren? Natürlich! Die Mächtigen hätten geglaubt, so schlimm wie in Millionen. Das sei »frustrierend«, sagt der Brite. Es
mer wie Shin Sung Hee anrufen. Um 25 Prozent bekämpfung steht bereit. Öffentliche Plätze werden Samt neuen Beschränkungen für Bürger und Wirt- China könne es nicht werden – bis es schlimmer fällt schwer, ihm zu widersprechen. Billionen für
seien seine Erlöse im vergangenen Monat einge- desinfiziert, jede Person mit Symptomen sowie schaft. Auch dann gilt: Wer das früh erkennt und wurde. Jetzt gingen viele einfach davon aus, dass die die Rettung der Wirtschaft, aber nur Millionen für
brochen, berichtet der Gastronom. »Mein Café deren enge Kontaktpersonen werden getestet, an entschlossen alle Messmöglichkeiten einsetzt, der Infizierten nach überstandener Krankheit lange und die Exit-Option Medizin – es passt nicht zusammen.
liegt genau neben der Stadtbibliothek von Seoul. Grenzen und Kontrollpunkten wird Fieber gemes- schont die Volksgesundheit und die Konjunktur vollständig immun gegen das Virus seien, obwohl Wer auf der Suche nach dem Ausweg Kosten
Seit die zur Verhinderung von Menschenan- sen. Hinzu kommt, dass die Menschen darüber gleichermaßen. Der Lockdown ist dann eher ein das bei der normalen Erkältung nicht so sei und es und Nutzen vergleicht, der müsste auf die globale
sammlungen geschlossen wurde, kommen zu mir informiert sind, wo sich das Virus gerade aufhält. Ausdruck des nationalen Scheiterns als der Tatkraft. bei Corona keine Garantie dafür gebe. Ganz abge- Forschung setzen. Jeremy Farrar hat die Hoffnung,
deutlich weniger Kunden.« Und schon bevor Tracking-Apps zur Lokalisierung der Kranken, Digitalisierung spielt dabei eine wichtige Rolle. sehen davon, dass unklar sei, ob weniger betroffene dass dabei schnell etwas herauskommt. Nicht so
Südkoreas Regierung den Bewohnern des Landes Überwachungskameras und Kreditkartentransaktio- Wenn die Internetverbindung überall steht, wenn Regionen die Ausbreitung nur verzögert oder tat- sehr bei den schon vorhandenen Medikamenten,
riet, sich voneinander fernzuhalten, blieben sie nen speisen anonymisierte Daten in ein System ein, der Umgang mit großen Datenmengen in der Ge- sächlich verhindert hätten, wie der Experte warnt. die eigentlich gegen andere Krankheiten gerichtet
auf Distanz: »Seit Anfang März setzt sich kaum durch das die Nutzer lernen, ob sich in ihrer Nähe sellschaft geübt ist, dann hält man das Virus eher Außerdem könne das Virus nach einer überstande- sind und nun auf ihre Wirksamkeit gegen Corona
einer mehr hin, alle kaufen ihren Kaffee zum eine mit Covid-19 infizierte Person befindet. in Schach – auch in Deutschland. Außerdem ist nen ersten Welle zurückkehren. Solange sich nur getestet werden. Wohl aber bei der Entwicklung
Mitnehmen. Für mein Geschäft ist das eher Niemand muss die Apps nutzen, doch nur damit die Digitalisierung ein strategisches Rezept. Die ein kleiner Teil der Menschheit infiziert und Anti- von Antikörpern für Medikamente, die Covid-19
schlecht«, sagt Shin. könne man sich über Gefahren in der Nachbarschaft Corona-­Krise ist wie alle großen Krisen eine Raserei körper gebildet habe, »ist eine zweite Welle sogar per Hightech lindern sollen. Und schließlich auch
Gemessen an den Gastronomen des Westens, informieren und auch andere schützen, sagt die im Stillstand, Veränderungen kommen im Zeitraf- unvermeidlich«, so Farrar. Die Welt brauche »Dia­ bei Impfstoffen, von denen einer oder mehrere sich
klagt Shin Sung Hee auf hohem Niveau. Weil es Regierung. Also nutzen die meisten diese Smart- fer. Ob Arbeit und Schule übers Netz, Banking gno­se, Medikamente, Impfstoffe«. als wirksam erweisen und ab Sommer in größerem
keine Ausgangssperre gibt, dürfen die Gäste kom- phone-Programme, sogar rund die Hälfte der Men- online, vernetzte Roboter in heimischen Fabriken Bei den Schnelltests macht sie Fortschritte. Aber Umfang getestet werden könnten.
men. Und sie tun es. Shin erzielt noch drei Viertel schen in Quarantäne. oder eben der Umgang mit Big Data – vieles davon zugleich müssten vorbeugende Medikamente und Zeit für Mensch und Wirtschaft können die
seiner üblichen Einnahmen. Den Cafébetreiber Shin Sung Hee besorgt diese kommt nun schneller und geht nie wieder ganz weg. Impfstoffe gefunden werden, es »muss alles parallel Nationen auf zwei Arten gewinnen: Sie können
Auch insgesamt ist Südkoreas Wirtschaft bisher Datensammlung so wenig wie die meisten seiner Der deutsche Wirtschaftsminister hat das ver- geschehen«, erklärt Farrar – und das in einer Art radikal testen und digitalisieren wie die Südkorea-
glimpflich davongekommen. Zwar bieten Schulen Landsleute. »Ich kriege eher Angst, wenn jemand standen und will die heimische Wirtschaft jenseits Menschheitsprojekt, das er mitorganisiert. Seine ner – und die medizinische Entwicklung mit aller
derzeit nur Online-Unterricht an, und Bürojobs mit dem Virus meinen Laden betritt«, sagt er. Dann von Konjunkturprogrammen »revitalisieren«. Dafür, Logik: Kein Land bleibt verschont, und keiner weiß, Macht vorantreiben wie der Wellcome Trust. Eine
werden möglichst aus dem Homeoffice erledigt. nämlich droht ihm vorerst tatsächlich die Schlie- so Peter Altmaier in der Frankfurter Allgemeinen wo wirksame Mittel entstehen. Es sei im aufgeklär- Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber wer beides tut,
Aber die allermeisten Geschäfte sind offen. Ebenso ßung. Die Angst vor Datenmissbrauch ist zudem Sonntagszeitung, müsse Europa bei der Digitalisie- ten Eigeninteresse aller Nationen, bei einer globalen schafft echte Hoffnung.
laufen die Bänder der Fabriken weiter, Halbleiter, gering, weil es kein Kainsmal fürs Leben ist, wenn rung aufholen und bei Pharma und Biotech vorn Forschungsallianz mitzumachen. »Nationalismus
Handys und Autos werden produziert. Das Volu- doch bekannt wird, dass man infiziert ist. Nach zwei dabei sein. Demnach gilt es nicht nur, Bestehendes wäre hier ein Desaster. Corona wird von der Welt AA www.zeit.de/audi

Mehr zum Thema in der Wirtschaft: Ein Ökonom und ein Virologe diskutieren über den Weg aus dem Lockdown (S. 20) / Einzelhändler kämpfen ums wirtschaftliche Überleben (S. 21) / Grundstoffe für Medikamente
werden teurer (S. 21) / Die staatliche Hilfe läuft an (S. 23) / Was gute Chefs jetzt tun (S. 23) / Was Mietern nun hilft (S. 24) / In Europa brechen alte Konflikte ums Geld wieder auf (S. 25)
20 WIRTSCHAFT 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

»Wir können nicht Wuhan kopieren«


Deutschland steckt im Lockdown, die Wirtschaft in der Rezession. Müssen wir uns jetzt entscheiden, was wichtiger ist:
Wohlstand oder Gesundheit? Ein Virologe und ein Ökonom haben bessere Ideen
DIE ZEIT: Herr Fuest, Herr Kekulé, der Bundes- ZEIT: Sie sind also beide der Ansicht, dass man zielt geschützt und schnell getestet werden, damit
finanzminister hat am Sonntag gesagt: »Ich wende nicht im Lockdown ausharren kann, bis der Impf- keine Infektionswelle unter Lehrern und Kinder-
mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, stoff da ist? gärtnern losgeht. Und dann müssen wir das nach
dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen Fuest: Definitiv. Risikogruppen stufenweise hochfahren.
muss, damit die Wirtschaft läuft.« Hat er recht? Alexander Kekulé, Virologe, Kekulé: Das sehe ich genauso. Selbst im absoluten ZEIT: Das heißt, die meist älteren Chefs dürften als
Clemens Fuest: Besonders hilfreich finde ich die- will zuerst die Schulen öffnen Super-Erfolgsfall hätten wir den Impfstoff erst in Letztes zurück, als Erstes die Azubis?
sen Satz nicht. Es besteht doch kein unauflösbarer einem Jahr. Es ist aber keine Option, Europa ein Kekulé: Vielleicht wäre es auch interessant, zu über-
Widerspruch zwischen der Stabilisierung der Jahr lang oder auch nur sechs Monate im Lockdown legen, in welchen Sektoren die Hochrisikogruppen
Wirtschaft und der Stabilisierung der Gesundheit. zu halten. Wir müssen eine langsame Immunität vertreten sind. Menschen über 70 sind ja normaler-
Wir müssen in dieser Krise beides schützen: Ge- ohne Impfstoff hinbekommen. Das ist die unange- weise in Rente, das ist für die Wirtschaft unproblema-
sundheit und unsere wirtschaftliche Existenz. nehme Wahrheit. tisch. Aber darunter wird es Unterschiede geben.
Alexander Kekulé: Ja, der Widerspruch ist künst- ZEIT: Also keine Herdenimmunität, sondern eine ZEIT: Ihr Gemeinschaftsszenario wäre also: Wir las-
lich aufgebaut. Allerdings erzeugen wir tatsächlich Teilimmunität? sen erst die Jüngeren in die Schule, dann öffnen wir
Kollateralschäden in der Wirtschaft während einer Kekulé: Ja. Ich schätze mal, wenn man 50 Prozent Bereiche, in denen die Wertschöpfung hoch ist, etwa
Pandemie. Man muss sich fragen: Wie viele Tote Immune hat, dann ist die Epidemie auf so niedrigem die Industrie, vielleicht noch nach Alter gestaffelt.
nehmen wir in Kauf durch die Pandemie? Schließ- Niveau, dass man die Risikogruppen mit Maßnah- Kekulé: Da müssten wir uns noch mal zusammen-
lich sterben durch die Influenza auch 10.000 oder men schützen kann, die ihre Freiheit nicht zu sehr setzen, um das sauber auszuarbeiten. Aus virologi-
20.000 Menschen in manchem Jahr in Deutsch- einschränken. Natürlich muss man dazu flächen­ scher Sicht ist wichtig: Wir müssen diesen Lock-
land. Und wie viele Tote werden durch die Schäden deckend testen. Wir bräuchten eine ganze Weile ver- down aussitzen, bis das exponentielle Wachstum der
erzeugt, die unsere Gegenmaßnahmen auslösen? stärkte Kapazitäten in der Intensivmedizin. Wir Fälle durchbrochen ist. Dann kommen wir wieder
ZEIT: Dann müsste man die Toten durch das Vi- müssten Mundschutz tragen, wenn wir anderen nä- zurück in die Phase, in der wir in der Lage sind,
rus und die Krise aufrechnen. Das ist kompliziert. her als zwei Meter kommen – einzelne Infektionsketten nach-
Kekulé: Es geht mir nicht nur um die Toten. Wenn dazu habe ich mit einem be- zuverfolgen. Und bis wir an
die Leute jetzt beispielsweise alle zu Hause sind, freundeten Filmproduzenten diesem Punkt sind, der frühes-
dann bewegen sie sich weniger, sie essen mehr, De- gerade eine Kampagne gestartet. »Wir dürfen nicht in tens in drei Wochen erreicht
pressionen nehmen zu. Das müsste man insgesamt Massenveranstaltungen blieben sein wird, müssen wir wahn-
in Wohlergehen bemessen und dann abwägen. verboten. Industriebereiche, in einer Regierung der sinnig viel tun: Wir müssen
ZEIT: Das wollen viele nicht. Sie sagen: Gesund- denen viele Menschen nah zu- erstens die Risikogruppen si-
heit geht immer vor. Können Sie das verstehen? sammenkommen, brauchen be- Virologen enden« chern. Wir müssen zweitens
Kekulé: Nein. Es ist dringend notwendig, wirt- sondere Regelungen. Aber das die Testkapazitäten hochfah-
schaftliche und medizinische Folgen abzuwägen. ist mir lieber, als alle einzusper- Alexander Kekulé, Virologe ren. Und wir müssen drittens
Das ist zu wenig passiert, wir wachen gerade erst ren. Sonst haben wir irgend- Smart Distancing für verschie-
auf. Wir dürfen nicht in einer Regierung durch wann eine Revolution auf den dene Risikogruppen und Be-
Virologen und Epidemiologen enden. Straßen – dann werden alle gleichzeitig krank. reiche betreiben. Wenn wir das in den nächsten drei
ZEIT: Sollte man aus virologischer Sicht nicht im ZEIT: In drei Wochen können wir dann über die Wochen organisieren, dann sind wir am Tag, an
Lockdown abwarten, bis ein Impfstoff da ist? Öffnung nachdenken? dem wir die Türen wieder öffnen können, gut vor-
Kekulé: Das kann ein Jahr dauern, zwei Jahre oder Kekulé: Nein. Darüber nachdenken sollte man jetzt. bereitet. Ich würde dann in vier, fünf Wochen an-
auch fünf Jahre. Bei einem Virus, an dem ganz In drei bis vier Wochen könnte man beginnen zu fangen, die Schulen wieder aufzusperren.
viele sterben, hätte man vielleicht nur diese Opti- öffnen. Bis dahin brauchen wir eine Strategie. Es ist ZEIT: Und wenn dann ein Kind an Covid-19 stirbt?
on. Aber wir haben eine Krankheit, die in vielen wie beim Schachspiel. Sie müssen mindestens drei Kekulé: Das wird vereinzelt passieren, es ist auch
Fällen milde verläuft, gerade bei jungen Leuten – Züge vorausdenken. schon passiert, etwa in Frankreich. Es klingt brutal,
und deshalb haben wir andere Möglichkeiten. Wir ZEIT: Herr Fuest, kann ein langsamer Ausstieg in aber ich glaube, wir haben keine andere Option.
Ärzte wägen immer Gesundheit gegen Gesundheit drei bis vier Wochen beginnen? Auch an der Grippe sterben Kinder.
oder Wohlergehen gegen Wohlergehen ab. Wenn Fuest: Ich bin skeptisch, was dieses Öffnungsdatum ZEIT: Nur die Risikogruppen zu verpflichten, zu
wir die Gesellschaft noch drei Monate oder mehr angeht. Mir sagen Virologen, dass diese Epidemie in Hause zu bleiben, ist ethisch ebenfalls heikel.
im Lockdown halten, dann opfern wir alles, was Deutschland aktuell noch eher eine Skifahrer-Epi- Kekulé: Ja. Ich kenne ältere Menschen, die sagen:
wir unter unserer Identität und Kultur verstehen, demie ist. Das mittlere Alter der Infizierten ist nied- »Jetzt geht mir nicht auf die Nerven. Ich bin schon
dafür, dass wir nicht bereit sind zu akzeptieren, rig, vielleicht haben wir deshalb relativ wenig Todes- so alt. Das Risiko trage ich, bevor ich mich einsper-
dass einzelne Menschen sterben, damit am Ende opfer. Wenn die Epidemie in drei Wochen in den ren lasse.« Wir brauchen darauf eine westliche Ant-
die Mehrheit immun ist. Das finde ich falsch. Pflege- und Altersheimen ankäme, dann wären viel wort. Wir können nicht Wuhan kopieren, nur weil
ZEIT: Sie wollen den Stillstand schnell beenden? mehr Tote zu befürchten. Ist es dann sinnvoll und es dort funktioniert hat. Es kommt darauf an, wel-
Kekulé: Ich will nicht, dass er abgekürzt wird, aber politisch möglich, Lockerungsmaßnahmen zu er- ches Angebot wir den Menschen machen. Da geht
in drei Wochen sollten wir anfangen, den Lock- greifen? Ich habe Zweifel. Gleichzeitig werden im- es nicht um Tracking-Apps, die lehne ich ab. Aber
down langsam wieder zu verlassen. mer mehr Unternehmen in die Insolvenz rutschen, wieso entwickeln wir nicht Apps, mit denen die
ZEIT: Schauen wir auf die ökonomischen Folgen, der wirtschaftliche Druck wird steigen. Menschen automatisch das Essen nach Hause gelie-
Herr Fuest. Wie schlimm ist der Stillstand für die ZEIT: Beim richtigen Zeitpunkt vertrauen Sie aber fert bekommen und medizinische Atemschutzmas-
deutsche Wirtschaft? den Virologen? ken, die diese Risikogruppen ja brauchen?
Fuest: Die ifo-Unternehmensbefragungen zeigen, Fuest: Na ja, wir haben derzeit ja keinen komplett ZEIT: Nehmen wir mal an, Deutschland bekommt
dass wir einen Einbruch der Konjunktur erleben – gesetzlich vorgeschriebenen Lockdown. Viele Fir- die Lage halbwegs unter Kontrolle. Wie sorgen wir
so stark, wie wir es in den letzten 70 Jahren noch nie Clemens Fuest, Ökonom, rät, nach men haben beschlossen, ihre Produktion zu schlie- dafür, dass das Virus nicht wieder eingeschleppt wird?
beobachtet haben. Es ist eine außerordentliche Re- Sektoren vorzugehen ßen, weil es keine Zwischenprodukte gibt oder weil Kekulé: Darüber wird zu wenig gesprochen. Wenn es
zession. Es ist auch eine Art von Krise, über die wir die Mitarbeiter Angst vor Ansteckung haben. Der uns gelingt, diese Epidemie in den Griff zu bekom-
wenig wissen. Es gibt Erfahrungen mit Pandemien, Staat kann deshalb nicht einfach den Schalter um- men, dann müssen wir danach konsequent die Gren-
aber nicht in einer global vernetzten Wirtschaft. legen und sagen: Jetzt ist der Lockdown zu Ende. zen geschlossen lassen, auch zu unseren EU-Nach-
Wir wissen, dass die Krise sich ausbreitet, aber wir VW wird nicht öffnen, wenn die Lieferketten nicht barn, wenn die das noch nicht hingekriegt haben.
kennen nicht die Ansteckungswege und Folgen. stehen. Und es braucht etwas, damit Menschen wie- ZEIT: Geschlossene Grenzen, das ist wirtschaftlich
Kekulé: Ich lerne gerade, dass die Ausbreitung der der bereit sind, zur Arbeit zu gehen. Masken könn- eher schädlich. Oder, Herr Fuest?
Krise in der Wirtschaft einen ebenso epidemischen ten so etwas sein. Wenn man vorschreibt, dass flä- Fuest: Natürlich sollten sie nicht die Regel werden.
Charakter hat wie die Verbreitung des Virus selbst. chendeckend einfache Masken zu tragen sind, das Wenn wir die Industrieproduktion hochfahren wol-
Gibt es bei Ihnen auch einen Kipppunkt, an dem wäre nicht nur medizinisch ein Schutz, sondern len, dann brauchen wir Zwischenprodukte aus Italien
die Folgen aus dem Ruder laufen? auch ein Signal, sich wieder rauszutrauen. oder Frankreich. Wir müssen lernen, die Arbeitstei-
Fuest: Es gibt eine Reihe von Gründen, aus denen ZEIT: Herr Kekulé, was halten Sie davon, einfache lung in Europa wieder in Gang zu bringen trotz einer
wir annehmen müssen, dass die Kosten der Krise im Masken verpflichtend zu machen? gefährlichen Seuche. Dazu bräuchten wir zum Bei-
Zeitablauf überproportional steigen: Den Lock- Kekulé: Das ist absolut sinnvoll. Die sogenannte OP- spiel smarte Grenzschließungen: Verfahren, die Güter
down nach einem Monat um eine Woche zu ver- Maske ist nichts anderes als ein über die Grenze lassen, aber
längern, ist schon teuer, aber wenn das nach drei Stück Stoff, das vor das Gesicht nicht zu viele Menschen. Auch
Monaten kommt, ist es ungleich teurer. Es gibt gebunden wird, um Tröpfchen da muss man die Virologen fra-
auch plötzliche Destabilisierungsentwicklungen, abzuhalten. Das funktioniert »Es ist eine gen: Wie geht das?
etwa wenn eine Bank in Schwierigkeiten gerät. auch, wenn man sich ein Stück Kekulé: Ich würde das so ma-
ZEIT: Könnte der Kipppunkt erreicht sein, wenn von einem alten T-Shirt um außerordentliche chen: Alle Personen, die im Zu-
aus der Krise eine Finanzkrise wird? Nase und Mund bindet. Ich sammenhang mit dem Güter-
Fuest: Der Punkt, an dem ein ganzes System kolla- finde es ganz fürchterlich, dass Rezession« verkehr stehen, dürften einrei-
biert, ist nicht leicht zu bestimmen. Wir haben in das Robert-Koch-Institut im- sen, aber sie würden besonders
Deutschland die Erfahrung der Finanzkrise: Im mer noch daran festhält, dass Clemens Fuest, Ökonom kontrolliert. Das funktioniert
Jahr 2009 schrumpfte die Wirtschaft um mehr als diese Masken nichts brächten. wie bei Flugreisenden aus den
fünf Prozent – hart, aber auszuhalten. Das war al- Das stimmt nicht: Erst einmal Risikogebieten: Da werden Ein-
lerdings eine Krise, die vor allem die Starken traf: schützt man andere. Zum anderen schützt man sich reisekarten ausgefüllt, unter Umständen wird Fieber
Nach den Banken waren das Daimler, BMW, Sie- selbst: nicht zu 100 Prozent, aber zu einem gewissen gemessen, man muss wissen, wo sie sich im Land auf-
mens, die großen Konzerne. Jetzt haben wir eine Grad. Wenn Sie eine Brille haben, ist es noch besser. halten. Das ist unangenehm, aber es ist notwendig.
Krise, die zuerst die Schwachen trifft: Familien- ZEIT: Wie könnte ein Ausstieg sonst noch aussehen, Fuest: Auch da wäre es gut, wenn wir testen würden.
unternehmen, kleine Geschäfte, Soloselbstständige, der auch wirtschaftlich sinnvoll ist, Herr Fuest? Wenn wir wüssten, dass Menschen immun sind,
die wenig Reserven haben. Das ist anders. Fuest: Aus ökonomischer Sicht ist es naheliegend, dann dürften sie fahren. Das wäre auch ein Anreiz
ZEIT: Sie haben Szenarien berechnet, wie es aus- die Sektoren mit sehr hoher Wertschöpfung zuerst für die Beschäftigten, sich testen zu lassen.
gehen könnte. Im schlimmsten Fall kommen Sie zu öffnen. Das ist aber schwierig umzusetzen. Man- ZEIT: Das ist aber eine schöne Zweiklassengesell-
auf einen Wirtschaftseinbruch für das laufende che Sektoren mit hoher Wertschöpfung können gut schaft: die Immunen, die alles dürfen, und die ande-
Jahr um 20 Prozent. Was bedeutet das? digitale Techniken einsetzen, die arbeiten jetzt schon ren, die restriktiv kontrolliert werden.
Fuest: Wenn man ohne Krise ein Einkommen von einigermaßen gut weiter. Andere wie etwa die Auto- Fuest: Die gibt es ja jetzt schon.
100 hat, dann hat man durch die Krise nur noch ein produktion haben sehr hohe Wertschöpfung, funk- Kekulé: Ja, einzelne der Jungen haben heute sogar
Einkommen von 80. Würde sich das über uns alle tionieren aber nicht vom Homeoffice aus. Um dort schon die zynische Strategie: Ich hole mir lieber jetzt
gleich verteilen und hätten wir alle Ersparnisse, öffnen zu können, müsste der Epidemiologe sich das Virus, als dass ich es in einem halben Jahr be-
dann wäre das erträglich. Die Krise konzentriert vorher so eine Fabrik anschauen. komme, wenn die Intensivstationen überlastet sind.
sich aber auf bestimmte Bereiche der Wirtschaft, Kekulé: Aus epidemiologischer Sicht würde ich gar Das können Risikogruppen nicht machen.
und da fällt das Einkommen nicht um 20, sondern nicht in Sektoren denken, sondern in Risikogrup- ZEIT: Zum Schluss eine Einschätzung: Gerade ist
um 100 Prozent. Diese Einbrüche sind so massiv, pen. Ich würde immer sagen, wir müssen die Hoch- das Virus so dominant, dass wir täglich darüber
das kennen wir nur aus der Weltwirtschaftskrise der altrigen über 70 am längsten schützen und natürlich nachdenken. Wann ist das vorbei?
Fotos: Roderick Aichinger für DIE ZEIT

Dreißigerjahre. Die 20 Prozent gesamtwirtschaft­ die klassischen Risikogruppen, die Lungenkranken Kekulé: Aus virologischer Sicht: in einem Jahr.
licher Einbruch sind allerdings unser Worst-Case- und so weiter. Kinder haben das geringste Risiko, Fuest: Die Menschen werden damit zehn Jahre zu
Szenario, zu dem es hoffentlich nicht kommt. die 50-Jährigen schon deutlich mehr, bei den 60-, tun haben. Sie werden nicht jeden Tag daran den-
Überraschend ist, dass dafür viel weniger notwendig 70-Jährigen steigt es steil an. Ich würde also die jun- ken, aber die Schulden, die wir jetzt aufhäufen, die
ist, als man sich vorstellt: drei Monate lang etwa 48 gen Leute als Erstes wieder rauslassen. wirtschaftlichen Verluste werden wir wohl mindes-
Prozent Produktionsausfall und eine schrittweise ZEIT: Jung heißt bei Ihnen unter 50 Jahre? tens ein Jahrzehnt spüren.
Erholung über vier Monate, das hört sich nicht Kekulé: Nein, unter 20. Schulen und Kindergärten,
apokalyptisch an. Wir hätten aber zwei Millionen da würde ich anfangen. Die Menschen, die mit den Das Gespräch führte Lisa Nienhaus
Jobs weniger und sechs Millionen Kurzarbeiter. Kindern dort zu tun haben, müssten natürlich ge- Mitarbeit: Anna Gauto
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 WIRTSCHAFT 21
TITELTH EM A : WI E SCHÜTZ EN WI R DI E SCH WACH EN ?

Wer rettet Frau Büchert?


Während große Ketten Milliardenhilfen vom Staat beantragen, droht Tausenden Einzelhändlern die Pleite  VON ANN - K ATHRIN NEZIK

D
ie Buchhändlerin Jana Bü- genen Tage: Der Modehändler Esprit hat Insol- Buchladen führen die beiden seit 2013 die Bou- für März überweisen. Eigentlich sind Ladenfläche Das glaubt auch Daniel Terberger, Chef der
chert hat Amazon bisher venz angemeldet. Die Elektronikverkäufer Media- tique Angelo’s, einen Laden für hochwertige­ und Lager der Boutique voll mit frisch eingetroffe- Bielefelder Katag AG, eines Unternehmens, das
standgehalten. Sie hat über- Markt und Saturn sowie die Parfümeriekette­ Damen- und Herrenmode. Während Trends und ner Frühjahrsware im Wert von einer Vier­tel­mil­ 350 mittelständische Textilhändler in ganz
lebt, während um sie herum Douglas bemühen sich um Staatshilfe, sie hoffen Kollektionen immer schneller wechseln, ist das lion Euro. Eigentlich würden die Petersdorfs in Deutschland beliefert. Mode sei wie Obst, sagt
die Buchläden verschwan- auf Kredite in Millionen- oder sogar Milliarden- Geschäft der Petersdorfs ein Ort der Entschleuni- den kommenden Wochen auch so viel Umsatz Terberger, sie habe ein Verfallsdatum. Mit jedem
den und auch in ihrem Ge- höhe. Gleiches gilt Medienberichten zufolge für gung. Während Billigketten und Online-Händler machen wie in wenigen anderen Monaten des Jah- Tag, den die Schließungen andauerten, verliere die
schäft der Umsatz schrumpf- den gerade erst fusionierten Warenhauskonzern fast wöchentlich neue Waren anbieten, fährt das res, die Mode ist mehr noch als der Buchhandel oft noch langärmelige oder gefütterte Frühjahrs-
te. Aber nun legt dieses Virus ihren gesamten Kiez Galeria Karstadt Kaufhof, wozu sich das Unter- Ehepaar zweimal im Jahr in die europäischen ein Saisongeschäft. Ihre Angestellten haben die ware an Wert. Wenn die Geschäfte wieder öffnen,
lahm. Und Büchert weiß nicht, wie lange ihr klei- nehmen auf Anfrage nicht äußert. Mode-Metro­ po­
len, um das Sortiment für die Petersdorfs in Kurzarbeit geschickt, bei den Liefe- fürchtet Terberger ruinöse Rabattschlachten. Er
nes Unternehmen das aushält. Anders als viele Dax-Konzerne oder mittelstän- kommende Saison auszuwählen: handgefertigte ranten hoffen sie auf Entgegenkommen. Dennoch vergleicht das mit einem Wochenmarkt, auf dem
Bücherts Laden liegt im Souterrain eines Alt- dische Industrieunternehmen haben die meisten Strickjacken aus Italien, rahmengenähte Schuhe werden sie die Ware aller Voraussicht nach größ- kurz vor Schluss alle Stände alles zu Spottpreisen
baus im Hamburger Grindelvier- anbieten. »Wenn das plötzlich
tel, in einer Straße mit Restau- hundert Händler so machen, gibt
rants, Boutiquen und einem es ein Gemetzel«, sagt Terberger.
Theater. Vor 20 Jahren begann Die Einzelhändler versuchen
Büchert, 44, hier ihre Lehre zur deshalb nun mit aller Macht, ihre
Buchhändlerin. Sie blieb und Kosten herunterzufahren. Neben
übernahm den Laden 2018 von Kurzarbeit setzten die großen
ihren Vorgängern. Sie kam über Ketten fast flächendeckend auf
die Runden, trotz der seit Jahren Mietstundungen. Dutzende, viel-
schwelenden Krise der Buchbran- leicht Hunderte Vermieter dürf-
che. Dann kam Corona. ten davon betroffen sein, schätzt
Neben der Gastronomie und die Immobilienberatung Savills.
dem Tourismusgewerbe trifft der Schlimmstenfalls könne das zu
bundesweite Shutdown den Einzel- einer Kettenreaktion führen: Soll-
handel besonders hart. 300.000 ten die Immobilieneigentümer
Geschäfte erwirtschaften seit zwei ihre Kredite im großen Stil nicht
Wochen so gut wie keinen Umsatz, mehr bedienen können, könnte
hat der Handelsverband Deutsch- das auch die Banken ins Wanken
land (HDE) errechnet. 1,15 Milli- bringen. Vor allem Adidas muss
arden Euro Einnahmen gehen der sich wegen der Mietaussetzungen
Branche verloren. Nicht pro Monat harsche Kritik gefallen lassen.
oder pro Woche, sondern pro Tag. Oben wie unten geht es jetzt
»Die Lage ist desaströs«, sagt HDE- um Verteilungsfragen: Wer kann
Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. die Last alleine tragen? Wem soll
»Die Schließungen treffen uns zum die Bundesregierung helfen? »Es
maximal ungünstigen Zeitpunkt.« darf nicht sein, dass der Sozial-
In Jana Bücherts Regalen und staat von Unternehmen und Kon-
auf den Tischen stapeln sich zernen ausgeplündert wird«, sagt
druckfrische Titel, das Frühjahr ist Orhan Akman, der bei der Ge-
neben dem Herbst die Saison der werkschaft ver.di für den Einzel-
Neuerscheinungen. Eigentlich ist handel zuständig ist.
Büchert darauf angewiesen, dass Etliche Handelsunternehmen
die Menschen gerade jetzt durch sind schon seit Jahren Sanierungs-
den Laden streifen und Bücher fälle. Manche wurden schlecht ge-
entdecken. Das fällt nun weg. managt oder haben sich mit ihrer
Geblieben ist Jana Büchert nur Expansion übernommen. Andere
eines: die Loyalität ihrer Kunden. haben den Internetboom verschla-
Immer wieder klopft es an diesem fen oder kein Geld für einen On-
Vormittag an ihre Tür. Büchert Die Buchhändlerin Jana line-Shop gehabt. Dass sich gerade
eilt nach vorn und greift eine der Büchert muss improvisieren kleine Händler jetzt im Schnell-
Fotos: Charlotte Schreiber für DIE ZEIT

braunen Papiertüten, die am Ein- durchgang digitalisieren, indem sie


gang bereitstehen. Ihr Geschäft über Facebook oder Instagram ver-
funktioniert gerade ähnlich wie kaufen, kann ihre Einbußen abfe-
das einer Pizzeria. Die Kunden dern, aber nicht kompensieren.
geben ihre Bestellungen per Tele- Momentan ist den Deutschen
fon oder E-Mail auf und holen sie nicht nach Anschaffungen wie
im Laden ab. Gezahlt wird per Kleidung zumute, das merken
Überweisung. Etwa zwei Drittel auch Internetkonzerne wie Zalan-
ihres regulären Umsatzes hat Bü- do an der niedrigeren Nachfrage.
chert so in den letzten zwei Wo- Dennoch könnten die Online-
chen erwirtschaftet, schätzt sie. Händler zu den Profiteuren der
Ob das so bleibt, weiß sie nicht. Corona-Krise gehören. Ähnlich
Was, wenn selbst die treuesten Kunden genug Le- Einzelhändler im Aufschwung kaum Rücklagen aus Paris. Ihre Stammkunden wüssten diese Quali- tenteils bezahlen müssen, Vertrag ist Vertrag. Wo- wie 2003 in China. Während der Sars-Epidemie
sestoff für die Abende zu Hause haben? Was, wenn gebildet. Ihr Geschäftsmodell funktioniert wie tät zu schätzen, sagen die Petersdorfs. Die typische her sie das Geld nehmen sollen, wissen sie nicht. fanden die Chinesen Gefallen am Einkaufen im
sie die Rechnungen, die zwischen den Bestellun- eine Drehtür am Eingang eines Warenhauses: Ein- Kundin beschreibt Berit Petersdorf so: »Sie kommt Zusammen mit rund 20 Kleinunternehmern Netz – und blieben dabei. Internetplattformen wie
gen klemmen, nicht sofort bezahlen? nahmen, die hereinkommen, gehen wenig später in den Laden, weil sie eine Hose will, und geht mit haben die Petersdorfs Hamburgs Bürgermeister Alibaba erlebten damals eine Initialzündung, die
Tausende kleine und mittelständische Einzel- wieder raus, für Personal, für Waren, für Mieten. einem Rock und einer Tasche wieder raus.« Peter Tschen­tscher (SPD) einen Brief geschickt. ihr späteres Wachstum erst ermöglichte.
händler, Kioske und Friseure dürften die Krise Bricht der Umsatz plötzlich weg, fällt das Kon- Nun steht mit einem Mal alles infrage, was sich Darin fordern sie »zusätzliche Subventionen im Einen Gewinner gibt es schon: Amazon, der
wohl nicht überleben, schätzt der Ökonom und strukt in sich zusammen. Dann geraten selbst die beiden über Jahre aufgebaut haben. »Wir wis- Sinne eines Rettungsschirms.« Kredite von der weltgrößte Online-Händler, zementiert gerade
Handelsexperte Gerrit Heinemann. Aber auch die wirtschaftlich gesunde Unternehmen innerhalb sen nicht, ob wir es schaffen«, sagt Jan Petersdorf. KfW würden ihnen nur begrenzt helfen, fürchten seine Marktmacht. In den nächsten Monaten will
Großen sind bedroht. Wie ernst die Lage in der kurzer Zeit an den Rand der Insolvenz. Dafür gibt es im Leben der beiden gerade zu viele sie, schließlich müssten sie die irgendwann zurück- der Konzern 100.000 neue Stellen schaffen.
gesamten Branche ist, Supermärkte und Drogerien Berit und Jan Petersdorf erleben das gerade. Ungewissheiten. Eigentlich würde Jan Petersdorf zahlen: Die finanziellen Probleme würden so bloß
ausgenommen, zeigen die Meldungen der vergan- Keine zwei Kilometer Luftlinie von Jana Bücherts den zwölf Mitarbeitern in diesen Tagen ihr Gehalt »in die Zukunft verschoben«. AA www.zeit.de/audi

Am Tropf
Deutschlands Arzneimittelhersteller sind von Importen aus Indien und China abhängig. Das ließe sich ändern, wird aber teuer  VON INGO MALCHER

D
er Lastwagen war schon unterwegs quin im Monat. Es wird bei chronischen Haut- und nur Wirkstoffe. Sie brauchen auch Faltschachteln vertrag ausgeschrieben, der ab April nächsten Jahres Auch sein Parteifreund Bundeswirtschaftsminister
zum Flughafen in Mumbai. Gela- Gelenkerkrankungen verabreicht. Doch seit auch für Tabletten, Glas für Ampullen, Pumpen für die Versorgung der Patienten sicherstellen soll. Doch Peter Altmaier spricht sich hierfür aus. Aber wenn
den hatte er 48.000 Packungen des US-Präsident Donald Trump die Hoffnung genährt Nasensprays. Und bei manchen Produkten, so be- das sorgt für Unmut bei den Generika-Herstellern in in Deutschland mehr produziert würde, hieße das
Medikaments Hydroxychloroquin, hat, das Mittel könne gegen Covid-19 helfen, ist der richtet Stoller, sage der Lieferant: »Ich würde es dir Deutschland. In derart turbulenten Zeiten sei es un- auch, dass die Medikamente teurer würden.
produziert in Indien, bestellt von Absatz auf etwa 35.000 Packungen hierzulande hoch- gerne zum alten Preis geben, aber da stehen zehn möglich, einen Festpreis zu garantieren, noch dazu Warum das so ist, kann Dirk Jung erklären. Er ist
der Berliner Firma Aristo Pharma. Doch dann geschnellt. Und Koch bekommt immer wieder un- andere, die mehr bieten.« über zwei Jahre, heißt es aus der Branche. »Wir Geschäftsführer von Arevipharma in Radebeul bei
verbot die indische Regierung die Ausfuhr des seriöse Angebote: »Wir brauchen 10.000 Packungen, Die Patienten kriegen von alldem kaum etwas mit. möchten hiermit klarstellen, dass pharmazeutische Dresden. Jung schildert den Konkurrenzkampf mit
Präparats, das angeblich die Symptome der­ wir zahlen einen guten Preis«, habe ein Anrufer gesagt. Wer in Deutschland krankenversichert ist, dem kann Unternehmen auf absehbare Zeit (...) keine Pla- den indischen Wettbewerbern am Beispiel des Beta-
Lungenkrankheit Covid-19 mildert, so erzählt es Er lehne so etwas stets ab, da verschreibungspflichtige es egal sein, welchen Preis die Pharmaindustrie für nungssicherheit haben und dass wir Zeiten entgegen- blockers Metoprololsuccinat: Vor drei Jahren stopp-
Stefan Koch, Vorsitzender der Geschäftsführung Arzneimittel in Deutschland nur an Kliniken, Groß- sehen, in denen die Liefer- und Versorgungssicherheit te Arevipharma die Produktion des Stoffes, weil sie
von Aristo Pharma. »Wir versuchen alles, um die händler und Apotheken abgegeben werden dürfen. in Deutschland eingeschränkt sein können«, heißt es nicht mehr rentabel war. Hersteller aus Indien bieten
Ware nach Deutschland zu kriegen«, sagt er. »Bis- Sein Problem ist ohnehin die Beschaffung von in einem Brief des Branchenverbandes Pro-Generika den Stoff für 43 Dollar das Kilo an. »Das ist in etwa
lang vergeblich.« Wirkstoffen für die Eigenproduktion in Deutsch- Nicht nur die Preise an den Spitzenverband Bund der Krankenkassen, der das, was mich die Ausgangsstoffe und die Entsorgung
In der Krise zeigt sich die Abhängigkeit Deutsch- land. Für viele Produkte aus Asien muss Koch der- der ZEIT vorliegt. der Produktionsabfälle kosten«, sagt Jung.
lands von Asien im Medizinbereich. Die dortigen zeit deutlich mehr bezahlen, die Preise mancher für Wirkstoffe steigen, Tim Steimle, Leiter des Arzneimittelbereiches Für Chemieabfälle gibt es in Deutschland strenge
Fabriken produzieren konkurrenzlos billig und haben Präparate seien infolge der Krise zum Teil massiv der Techniker Krankenkasse, wehrt sich gegen die Regeln. Arevipharma hat eine thermische Verbren-
viele hiesige Anbieter aus dem Markt gedrängt. Das gestiegen. auch ihr Transport Kritik. Verträge mit den Herstellern würden die nungsanlage, aber nicht jedes kontaminierte Lösungs-
rächt sich nun. Die Ausgangssperre in Indien und
eine schleppend anlaufende Produktion in China
Christoph Stoller, Deutschland-Chef des israe-
lischen Generika-Herstellers Teva, zu dem die wird schwieriger Versorgung von Patienten sichern. »Im Rahmen
der Verträge gibt es immer die Möglichkeit, dass
mittel kann verbrannt werden. Daher müssen man-
che Abfälle von Fachbetrieben abgeholt werden. All
führen dazu, dass viele aus diesen Ländern stammen- Marke Ratiopharm gehört, hat gerade eine Liefe- sich Unternehmen bei unvorhersehbaren Situatio- das kostet Geld. Jung hält die strengen Auflagen für
de Rohstoffe für Pharmazeutika teurer werden. rung von Schmerzmitteln aus China per Luft- nen an uns wenden. Um eine höhere Liefersicher- richtig. »Wir wissen, was passieren kann, wenn solche
Indien hat nicht nur den Export von Hydroxy- fracht einfliegen lassen, was rund ein Viertel teurer Wirkstoffe oder Vorprodukte bezahlt. In von den heit zu gewährleisten, sind wir dann bereit, höhere Stoffe in die Umwelt gelangen«, sagt er.
chloroquin verboten. Auch die Ausfuhr von Parace- war als die Seefracht. »Priorität hat die Sicherstel- Krankenkassen ausgeschriebenen Rabattverträgen Preise zu akzeptieren«, sagt er. Und trotzdem: Wenn es Länder gibt, in denen
tamol und einer Reihe anderer Präparate wurde ver- lung der Lieferversorgung«, sagt er. Eine gewaltige haben sich die Hersteller dazu verpflichtet, Medika- Angesichts steigender Preise und verwundbarer nicht so penibel auf Mülltrennung geachtet wird,
gangene Woche per Dekret gestoppt. Einer der Herausforderung, denn es verkehren zurzeit viel mente über einen bestimmten Zeitraum zu einem Lieferketten erscheint es logisch, die Produktion habe es keinen Sinn, einen Preiskampf loszutreten,
größten Produzenten des Landes warnte seine Kunden weniger Schiffe zwischen den Kontinenten und festgelegten Preis zu liefern. Die Ausschreibungen von Wirkstoffen und Medikamenten wieder nach sagt Jung. Aus seiner Sicht geht es darum, die rich-
in einem der ZEIT vorliegenden Brief: »Wir können nur ein Bruchteil der Flugzeuge. der Kassen gewinnt, wer die Lieferung garantieren Deutschland zu holen, so wie es Gesundheitsmi- tigen Lehren aus der Krise zu ziehen: »Wenn ich
die nahtlose Belieferung nicht immer garantieren.« Tag und Nacht versuchen die Einkäufer bei kann und möglichst preiswert anbietet. nister Jens Spahn (CDU) fordert. »Wir müssen die sage, ich will autark sein, dann muss ich den Her-
Normalerweise verkauft Aristo Pharma in Teva den Nachschub zu organisieren, damit keine Die Techniker Krankenkasse hat gerade, feder- starke Abhängigkeit Deutschlands von China dis- stellern helfen, diesen Weg zu gehen.« Das bedeu-
Deutschland etwa 7000 Packungen Hydroxychloro- Versorgungsengpässe entstehen. Sie kaufen nicht führend für alle Ersatzkassen, einen neuen Rabatt- kutieren«, sagte Spahn vor einem Monat in Berlin. tet: ihnen mehr bezahlen.
22 WIRTSCHAFT 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

Fotos: Sebastian Wells/Ostkreuz; Tim Hoffmann (u.)


Geld allein hilft nicht
FRIEDRICH MERZ meldet sich zurück. Der Kandidat für den CDU-Vorsitz beschreibt, wie man
nach der Corona-Krise die soziale Marktwirtschaft retten kann

Deutschland am Wochenende: Allein im Görlitzer Park von Berlin

Z
u Beginn dieses Jahres habe ich wichtig deren Hilfen sind. Selten war das Wort von auf ein Drittel der üblichen Leistung aus, fehlen pro viel härtere (partei)politische Diskussion, als wir sie Schocks zusammenfällt. Wir müssen mit den
meine Zuhörerinnen und Zuhö- Max Weber so richtig: Wer in der politischen Ver- Tag rund sechs Milliarden Euro. Wenn die Krise bisher kannten. Und darauf müssen wir uns vorzu- europäischen Institutionen dafür sorgen, dass die
rer in Reden und Vorträgen zu­ antwortung steht, macht sich schuldig, so oder so. »nur« bis Ende April andauern würde, wären das bereiten versuchen – so gut es heute geht! europäische Industrie gerade jetzt zusammen-
einem Gedankenexperiment auf- schon über 200 Milliarden Euro oder sechs Prozent wächst und ihre internationale Wettbewerbsfä-
gefordert: Wie würden wir in zehn Wie könnte das Leben nach Corona aussehen? unseres jährlichen BIP. Dauerte sie bis zur Mitte des Was muss vermutlich geschehen? higkeit bewahrt. Deshalb sollte das europäische
Jahren auf das Jahr 2020 schauen? Die realistische Erwartung an die Politik heute kann Jahres an, sprechen wir von 25 bis 30 Prozent unseres Worauf sollten wir uns also einstellen? Was bedeu- Kartellrecht kein Hindernis sein, die Unterneh-
Ich selbst war überzeugt, dass wir nur sein, ein Szenario zu beschreiben, wie wir mög- BIP. Und da am Tag nach der Krise nicht sofort wie- tet »historische Zäsur«? men in Europa entstehen zu lassen, die unsere
in einer Zeitenwende leben und erst in einigen lichst rasch zur Normalität zurückkehren könnten, der alles bei den alten Werten vor der Krise liegt, wird Corona beschleunigt eine Entwicklung, die wir strategische Souveränität in Zukunft wenigstens
Jahren richtig verstanden haben würden, wie tief in einzelnen Schritten, abhängig von der Eindäm- es weitere Verluste durch eine Anlaufphase geben, schon seit geraumer Zeit beobachten. Der Sozio­loge teilweise sichern.
greifend dieser Wandel in Wirklichkeit ist. mung der Pandemie, beginnend vermutlich mit der selbst wenn es zu diesem Zeitpunkt – was ebenfalls Andreas Reckwitz nennt es die »dreifache Krise des • Wir brauchen als Land mit der höchsten Indus-
Nun legt ein Virus fast die ganze Welt still. Und Wiederöffnung der Schulen. Denn den Schulen unwahrscheinlich ist – keine Einschränkungen im apertistischen Liberalismus«, eine soziokultu­relle triedichte Partner zur Aufrechterhaltung unse-
plötzlich ändert sich alles noch einmal grundlegend, kommt die Rolle der Schrittmacher zu, daran wird öffentlichen Leben mehr geben wird. Last, but not Krise, eine sozioökonomische Krise und eine Krise rer Exportwirtschaft. Wir müssen deshalb bereit
sich alles andere ausrichten.
viel weitreichender, als wir alle es für möglich ­gehalten least: Viele Industrien und Branchen werden die der politischen Institutionen. Mit Corona ist ein bleiben, den europäischen Nachbarn gemein­
hätten. Das Miteinander von Staat und Gesellschaft Und dann werden wir auf eine Volkswirtschaft Produktionszahlen von vor der Krise auf Jahre nicht »Schwarzer-Schwan-Augenblick« hinzugekommen, same Hilfen bereitzustellen. Das Prinzip »Hand-
steht vor einer harten Bewährungsprobe. blicken, die sich tief in der Rezession befindet. Auch wieder erreichen. Die verfügbaren Einkommen die Macht eines höchst unwahrscheinlichen, aber lung und Haftung in einer Hand« darf trotz-
dieses Mal wird es ein Leben danach geben. Allerdings werden sich deutlich reduziert haben, und das Kon- eben doch eingetretenen Ereignisses. Damit wird dem nicht aufgegeben werden. Eurobonds blei-
Wie wird unser Leben mit Corona aussehen? wird dieses »Danach« anders aussehen als etwa nach sumverhalten der Bevölkerung wird sich vermutlich das politische Führungspersonal vor allem in ­Europa ben auch in der Krise der falsche Weg. Es gibt
Haben wir eine Vorstellung, vielleicht einen his- der Finanzkrise. Der Grund dafür liegt in dem un- neu ausrichten. vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. Corona andere Instrumente, besonders betroffenen
torischen Vergleich, wie unser Leben mit der Pan- terschiedlichen Charakter der beiden Krisen. Mit anderen Worten: Dieses Virus löst eine tiefe, ist der historische Augenblick der heutigen politi- Ländern zu helfen.
demie aussieht? Selbst die Spanische Grippe, die Die Finanzkrise war das Ergebnis einer Banken- historische Zäsur aus. Es verändert unsere Welt und schen Generation. • Alle Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden,
vor 100 Jahren weltweit mindestens 30 Millionen krise, die zu einer Staatsschuldenkrise wurde, die aber unser Leben in vielerlei Hinsicht, zum Guten wie zum Allein die ökonomischen Herausforderungen können eine hohe Zahl von Unternehmens­
Menschenleben gekostet hat, war nicht verbunden weitgehend begrenzt geblieben ist auf den Finanz- Schlechten, und viel tief greifender, als wir es zu­ sind gewaltig. An dieser Stelle müssen die Stich- insolvenzen und damit eine hohe Arbeitslosig-
mit einem so umfassenden Shutdown der Unter- sektor. Der Bankensektor musste damals mit großen Beginn des Jahres 2020 ohnehin angenommen haben. worte ­genügen: keit nicht vermeiden. Auch die meisten überle-
nehmen, nicht mit einem solchen Stillstand fast Rettungsschirmen vor dem Kollaps bewahrt werden. benden Unternehmen werden mehr oder weni-
des gesamten öffentlichen Lebens. Es gab nicht Ab 2009 kehrte die Wirtschaft sehr schnell auf den Welche neuen Gemeinsamkeiten entstehen? • Die Verstaatlichung von Aufgaben und von Un- ger große Teile ihres Eigenkapitals verloren­
diese enge Verflechtung der Weltwirtschaft, nicht Wachstumspfad zurück, es begann der längste Auf- Fangen wir erneut mit den guten Nachrichten an. ternehmen wird die Leistungsfähigkeit unseres haben. Die Stabilisierung der produzierenden
so viele Informationen in Echtzeit und vor allem schwung in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Unsere Gesellschaft erfindet sich neu, unser Sozial- Landes nicht stärken, sondern schwächen. Des- Industrie muss daher absoluten Vorrang haben.
nicht diese Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen Das wird nach Corona ganz anders. Diese Krise wesen zeigt sich von der besten Seite. Ich habe es selbst halb sind die jetzt nötigen Eingriffe nur zeitlich Eigentümer und Mitarbeiter müssen zu einem
auf die politische Willensbildung, im Guten wie erfasst die gesamte Realwirtschaft. Sie ist ein gleich- erfahren, aus der Nachbarschaft, dem Freundes- und eng begrenzt vertretbar. Wir müssen die sozial neuen sozialen Miteinander finden, um eine
im Schlechten. zeitiger Angebots- und Nachfrageschock für die Welt- Bekanntenkreis, zum Teil von Menschen, die ich gar verpflichtete und auf privatem Eigentum auf- Basis zu legen für Wohlstand und Arbeitsplätze
Die gute Nachricht lautet: Nicht nur in Deutsch- wirtschaft, und die Maßnahmen, die zum Gesund- nicht persönlich kenne. So wird es vielen gehen. bauende, die Soziale Marktwirtschaft erhalten. der nachfolgenden Generationen.
land, sondern weltweit hat die große Mehrheit die heitsschutz der Bevölkerung auf der ganzen Welt Plötzlich erkennen wir den Wert der sozialen Gemein- • Wir brauchen auch in Zukunft starke kleine, mitt-
von den Regierungen ergriffenen Maßnahmen als ergriffen werden müssen, führen geradewegs in die schaft wieder. Was im Kleinen gut funktioniert,­ lere und große Unternehmen. Niemand sollte die Damit sind wir an dem Punkt angekommen, der
notwendig und richtig anerkannt. Die schlechte weltweite Rezession. Die Bekämpfung der Infektion gelingt auch – vorläufig jedenfalls – im Großen. Wir Staatshilfen stigmatisieren, die er morgen vielleicht wichtiger werden wird als jede ökonomische Frage:
Nachricht ist: Das wird nicht so bleiben. Schon löst die Wirtschaftskrise überhaupt erst richtig aus. sehen ein großartiges Engagement der Ärzte und Pfle- doch braucht. Es war ein Fehler in der Finanzkrise, Wie sichern wir nach Corona den sozialen Frieden
werden die ersten Stimmen laut, das müsse jetzt alles Am Ende des zweiten Quartals 2020 wird die Welt- gekräfte, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den den Banken in Europa – anders als in den USA – und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft?
schnell ein Ende haben. Trotzdem müssen die­ wirtschaft gegenüber dem ersten Halbjahr 2019 um Unternehmen und in den Behörden, der Bediensteten keine Rekapitalisierung aus staatlichen Mitteln an- Schaffen wir es gleichzeitig, die Offenheit, Liberalität,
Regierungen an dem eingeschlagenen Weg festhalten, mehrere Prozentpunkte geschrumpft sein. Wir kön- der Polizei, der Bundeswehr und der Hilfsorganisa- zubieten. Das wird jetzt in großem Umfang für die Toleranz und die demokratischen Prozesse zu­
jedenfalls so lange, bis die Zahl der Neuinfektionen nen von großem Glück sprechen, wenn es im ein- tionen. Wir erleben eine neue »Kultur der Erreich- Industrie notwendig werden. erhalten, an die wir uns so gern gewöhnt haben?
dauerhaft unter dem Niveau bleibt, das unser­ stelligen Prozentbereich bleibt. barkeit. Der Verbindlichkeit« (Matthias Horx). • Wir müssen auf Start-ups und junge Gründer Anders ausgedrückt: Ist unsere Demokratie reif genug
Gesundheitssystem verkraften kann. Anders als die Finanzkrise ist diese Krise daher mit Aber bleibt das so, wenn die Folgen der Krise erst achten. Es besteht die Gefahr, dass Unterneh- für harte Entscheidungen? Ich bin und bleibe zuver-
»Verkraften« ist dabei ein beschönigendes Wort. Geld allein nicht zu lösen. Schon am Beispiel offensichtlich werden? Wir wissen aus der Sozial- men gerettet werden, die ohne die Krise keine sichtlich, aber wirklich wissen werden wir auch dies
Wir werden an die Grenzen kommen und vielleicht Deutschlands wird dies schnell deutlich: Unser Land forschung, dass rund ein Drittel unserer Gesellschaft Überlebenschance gehabt hätten, und gleichzei- erst aus der Rückschau.
auch darüber hinaus. Und dennoch werden die For- erwirtschaftet (2019) ein jährliches Sozialprodukt von für soziale Appelle grundsätzlich nicht erreichbar ist. tig junge, innovative Unternehmen schließen
derungen immer lauter werden, die Betriebe müssten rund 3,4 Billionen Euro. Das sind knapp 10 Milliar- Dieses eine Drittel schweigt im Augenblick angesichts müssen, weil sie durch das Raster der Rettungs-
wieder »normal« arbeiten können. Die Abwägung den Euro am Tag und etwa 41.000 Euro pro Kopf der Dimension des Unbekannten, aber es wird wieder schirme fallen. Merkel-Gegner, Rechtsanwalt,
und die Entscheidung bleiben bei den politischen der Bevölkerung im Jahr. Geht man sehr grob ge- auftauchen, sobald aus der Krise neue Verteilungs- • Auch in der Krise bleibt richtig: So viel Europa Finanz­manager: Friedrich Merz, der
Foto:

Instanzen, nicht bei den Virologen, nicht bei den schätzt von einem Rückgang der volkswirtschaftli- konflikte entstehen. Dieses eine Drittel wird Für- wie eben möglich! Europa darf kein Schönwet- gerade Covid-19 hatte, kandidiert
Ökonomen und nicht beim Deutschen Ethikrat, so chen Leistung in den Tagen und Wochen der Krise sprecher in politischen Parteien finden. Es droht eine ter-Binnenmarkt sein, der unter der Last eines wieder für den CDU-Vorsitz

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2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 WIRTSCHAFT 23
TIT E LT H EM A : WI E SCH Ü TZ EN WIR D I E S C H W A C H E N ?

Im Dauereinsatz
Die Politik verspricht, in dieser Krise den Betrieben
beizustehen – doch eine Flut von Anfragen droht viele
Helfer zu überfordern  VON VIOLA DIEM UND KOLJA RUDZIO

D
as Rettungsprogramm, das tung. Welche Regeln genau gelten, können sich Neben den KfW-Krediten des Bundes gibt es auch

ZEIT-Grafik: Sina Giesecke; Foto: KLU (u.)


die Bundesregierung gestar- Lorenz und ihre Kollegen über ein hauseigenes Darlehen einiger Bundesländer. In Berlin war ein
tet hat, ist gewaltig. Mehr als E-Learning-Portal selbst beibringen. »Das hilft sehr«, Hilfspaket mit zinslosen Überbrückungskrediten für
eine Billion Euro könnte all sagt sie. Und um das IT-System zu entlasten und im kleine und mittlere Unternehmen aber schon nach
das kosten, was der Bund Homeoffice flexibleres Arbeiten zu ermöglichen, einer Woche ausgeschöpft. Der Berliner Senat hatte
jetzt an Hilfen versprochen wurde der offizielle Rahmen für ihre Arbeitszeit auf zuerst 100 Millionen Euro dafür bereitgestellt, dann
hat: Kredite, Soforthilfen
und Kurzarbeitergeld für Unternehmen, die durch
die Corona-Pandemie in wirtschaftliche Not gera-
ten. Doch kommt das viele Geld tatsächlich recht-
3,5 den Zeitraum zwischen 6 und 22 Uhr ausgedehnt.
Bisher war um 19.30 Uhr Schluss.
Die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise
hat gerade erst begonnen, doch innerhalb von
200 Millionen, doch die Summe der angefragten
Kredite bei der Investitionsbank Berlin (IBB) über-
steigt bereits 300 Millionen. Vorerst nimmt die IBB
keine Anträge mehr an.
zeitig bei denjenigen an, die es brauchen? »Ent- Millionen Unterneh- rund zwei Wochen reichten fast eine halbe Million Bei den Krediten des Bundes soll das nicht pas-
scheidend ist, dass wir schnell und unbürokratisch men gibt es in Firmen einen Antrag auf Kurzarbeit ein. Das sind sieren. Die Mittel sind in der Höhe nicht begrenzt.
helfen«, erklärte Bundeswirtschaftsminister Peter Deutschland etwa zwanzigmal so viele wie auf dem Höhepunkt Kerrin Haase rechnet aber damit, dass die große
Altmaier vorvorige Woche. Das dürfte in dieser der Finanzkrise. Damals, im März 2009, meldeten Welle an Anträgen erst kommt. »Dann könnte es
Krise schwieriger sein als etwa nach der Lehman- »nur« 25.000 Betriebe Kurzarbeit an. noch ein bisschen turbulenter werden.«
Pleite im Jahr 2008. Damals mussten Banken und Wie lange es derzeit dauert, bis ein Antrag be-
einige Industriebetriebe um ihre Existenz bangen. arbeitet ist, dazu gibt es keine Statistik. Man müsse Soforthilfen: »Corona sprengt alle
Heute hingegen bedroht der Stillstand der Wirt- schon mal mit 14 Tagen bis zu einer Entscheidung bisherigen Dimensionen«
schaft auch Millionen kleine und Kleinstbetriebe rechnen, heißt es bei der Hamburger Arbeitsagen- Auf die Frage, ob er jetzt auch von Zuhause aus ar-
nahezu aller Branchen – von der Pizzeria bis zum tur. Aber Franziska Lorenz betont: »Der Anspruch beite, sagt Peter Schmid: »Ich bin täglich zwölf Stun-
Taxiunternehmen. Dieser großen Zahl potenziell auf Kurzarbeitergeld gilt rückwirkend, wenn der den hier am Regierungssitz in Landshut, von zu
betroffener Firmen zu helfen, könnte viel schwieri- Antrag bis zum Monatsende bei uns eintrifft.« Hause aus arbeite ich nur am Wochenende.« Schmid
ger werden als die Rettung einiger Banken. Ge-
spräche mit denjenigen, die jetzt die staatlichen
Hilfen verteilen sollen, zeigen: Die Corona-Krise
ist nicht nur ein Belastungstest für das Gesund-
470.000 Kredite: Ein Topf ist schon leer
Seit zwei Wochen fährt Kerrin Haase nicht mehr
ins Büro, sondern arbeitet an ihrem großen Ess-
leitet die Taskforce »Soforthilfe Corona« bei der
Bezirksregierung Niederbayern. In seinem Team sind
knapp 70 Leute – »von denen haben 45 das vergan-
gene Wochenende freiwillig durchgearbeitet«. Bayern
Anträge auf Kurzarbeit sind im
heitssystem. März bei der Bundesagentur für tisch mit Blick auf die Dachterrasse, wo in Hoch- hat, wie andere Bundesländer auch, ein eigenes Pro-
Arbeit eingegangen beeten Kräuter und kleine Buchsbäume und Zy- gramm aufgelegt, über das Firmen in dieser Krise
Kurzarbeit: Eine halbe Million pressen wachsen. Das klingt idyllisch, dabei Soforthilfen bekommen können, keine Kredite,
Anträge in zwei Wochen ist ihr Arbeitsalltag turbulenter als sonst. sondern Zuschüsse, die sie nicht zurückzahlen müs-
»Ich darf Sie nicht hineinlassen«, sagt Franziska Kerrin Haase ist eine von 1000 Firmen- sen. Bis zu 50.000 Euro erhalten Betriebe mit nicht

50
Lorenz am Telefon. »Seit dem 16. März ist die kundenberaterinnen und -beratern, mehr als 250 Beschäftigten in Bayern. Verteilt wird
Arbeitsagentur in Hamburg für den Besucher­ die bei der Hamburger Sparkasse diese Soforthilfe über die Bezirksregierungen, also
verkehr geschlossen.« Dazu arbeiten viele von dafür sorgen sollen, dass die etwa über die Taskforce von Peter Schmid. Sein Team
Franziska Lorenz’ Kollegen von zu Hause aus – in Kredite, die die Bundesre- vergibt auch die Zuschüsse, die der Bund über sein
»Telearbeit«, wie das bei der Bundesagentur für Milliarden Euro will die Bundes- gierung den Unterneh- Soforthilfe-Programm zur Verfügung stellt.
Arbeit (BA) heißt. Ungewöhnlich ruhig sehe es jetzt regierung über Zuschüsse an men versprochen hat, »Wir haben schon Erfahrungen mit solchen So-
in den meisten Geschäftsstellen aus. Doch der Ein- Kleinunternehmen verteilen auch bei den Un- forthilfen«, sagt Schmid. Beim Hochwasser von 2016
druck trügt: Die Arbeitsagenturen erleben einen ternehmen lan- erhielten betroffene Bürger und Firmen in Nieder-
nie da gewesenen Ansturm. Anfang vergangener den. Eine Säule bayern eine ähnliche Unterstützung. »Aber das war
Woche registrierte die BA über zwei Millionen An- im von der Politik eine örtlich und zeitlich beschränkte Katastrophe«,
rufe an einem einzigen Tag. Unter dieser Last brach aufgesetzten Rettungs- sagt der 58-Jährige. »Das Sofortprogramm Corona

8,7
das Telefonnetz der Behörde zusammen. Inzwischen programm sind die Dar- sprengt alle bisherigen Dimensionen.« Allein in
sei es weitgehend stabil, heißt es, zur Entlastung habe lehen der staatlichen KfW Niederbayern lägen schon 23.000 Anträge vor. Täg-
man neue, lokale Telefonnummern freigeschaltet, Bankengruppe. Die Anträge lich kämen etwa 1500 neue dazu. Gut 900 Auszah-
unter denen die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen zu dafür stellen die Unternehmen lungen pro Tag schaffe sein Team, mehr sei nicht zu
erreichen sein sollen. bei Banken und Sparkassen. leisten. Am Dienstag ging eine neue Eingabemaske
Beraterinnen wie Franziska Lorenz. Normaler- Normalerweise vergibt Haase etwa für Anträge online, mit ihr, so hofft Schmid, werde
weise berät sie bei der Berufswahl, ist oft in Schu- Milliarden Euro hat Kredite für Marketingmaßnahmen oder man schneller sein. 
Wer die Soforthilfe beantragt,
len oder auf Berufsmessen unterwegs. Das ruht die KfW notleidenden Baufinanzierungen. Seit knapp zwei Wochen erklärt, dass er durch Corona in wirtschaftliche Not
jetzt alles. Nur zwei von 28 Kollegen in ihrem Be- Firmen schon als fragen Haases Kunden aber vor allem nach Un- geraten ist und dass er auf Anfrage dazu Unterlagen
reich beantworten noch Fragen von Schülerinnen Kredit bewilligt terstützung in Corona-Zeiten. 20 bis 30 Telefonate herausgeben wird. Die Anträge werden zunächst vor
und Schülern, alle anderen helfen, die Flut an An- führe sie am Tag, erzählt sie, doppelt so viele wie allem auf Formfehler geprüft, inhaltliche Angaben
fragen zur Kurzarbeit zu bearbeiten. Lorenz berät sonst, jedes 15 bis 30 Minuten lang. Manche wol- sollen später kontrolliert werden. Bei der Fluthilfe,
Unternehmer, die noch nie mit Kurzarbeitergeld len sich erst mal nur informieren, welche Möglich- sagt Schmid, habe das gut funktioniert.
zu tun hatten. »Das ist eine komplexe Angelegen- keiten es gibt. »Vielen ist die Verunsicherung an- Bayern ist mit seiner Soforthilfe dem Bund zwei
heit«, sagt sie. »Im Handel würde man sagen: Es ist zumerken«, sagt sie. Wochen voraus. Ein Bundesprogramm für Klein-
ein erklärungsbedürftiges Produkt.« Müssen alle Deutschlandweit hat die KfW bis Anfang dieser unternehmen startete Mitte dieser Woche, Zahlen
Überstunden abgebaut sein, bevor man Kurzarbeit Woche knapp 1200 geprüfte Kreditanfragen ver- zur Nutzung gibt es noch keine. Die Erfahrungen aus
anmelden kann? Braucht der Chef die Zustim- meldet, mit einem Volumen von insgesamt über 8,7 Bayern und anderen Bundesländern mit eigenen
mung der Arbeitnehmer? Hat jeder einen An- Milliarden Euro. Es werden noch viele folgen. Kerrin Programmen lassen aber erwarten, dass die Nach-
spruch auf Kurzarbeitergeld? Haase sagt, sie habe mit Dutzenden Unternehmen frage gewaltig sein wird. In Bayern gingen innerhalb
Lorenz erzählt von einem Taxiunternehmer, über einen Kreditbedarf gesprochen. Dass sie bisher von zwei Wochen 200.000 Anträge ein, in Nord-
dessen Fahrer seit Jahrzehnten für ihn arbeiten. »Die gerade mal vier ausgefüllte und positiv geprüfte An- rhein-Westfalen innerhalb von 44 Stunden 150.000.
sind inzwischen im Rentenalter, da musste ich ihm träge an die KfW weitergeleitet habe, liege daran, dass Ob alle diese angeforderten Hilfen so unbüro-
erklären, dass es für sie kein Kurzarbeitergeld gibt. sich die Unternehmen nach der Beratung oft ein paar kratisch und schnell diejenigen erreichen, die sie
Das ist bitter.« Wer nicht in die Arbeitslosenversiche- Tage Zeit nehmen, um sich auf die Kredithöhe fest- brauchen? Es wird von Menschen wie Franziska
rung einzahlt, hat keinen Anspruch auf diese Leis- zulegen und den Antrag gewissenhaft vorzubereiten. Lorenz, Kerrin Haase und Peter Schmid abhängen.

»Auch Chefs laufen zu Hause die Wände hoch«


Teams ziehen ins Homeoffice, Betriebe stehen still: Wie Führungskräfte auch in der Krise einen guten Job machen,
erklärt der Psychologe und Führungsberater Niels Van Quaquebeke

DIE ZEIT: Herr Van Quaquebeke, inwiefern ist ZEIT: In Nachrichten oder auf Social Media äu- Van Quaquebeke: Indem sie kommunizieren, dass Hobbys. In der sozialen Isolation ist es auch der und positiv. Und: Aufgaben verteilen, bei denen
diese Krise für Chefs eine besondere? ßerten sich Unternehmer verzweifelt, manche sie daran arbeiten. Es ist wichtig, dass sie nicht im Job der Führungskraft, zuzuhören. Fortschritte schnell sichtbar sind.
Niels Van Quaquebeke: Zu finanziellen Problemen weinten vor der Kamera. Ist das zu viel Gefühl? stillen Kämmerlein hocken, bis sie eine fertige ZEIT: Und wenn man dafür nicht der Typ ist? ZEIT: Aber viele können gerade nicht arbeiten ...
kommen praktische, etwa das Homeoffice für ein Van Quaquebeke: Wenn es schlecht für ein Unter- Lösung präsentieren können, sondern kleinteiliger Van Quaquebeke: In der Krise kommt man an Kom- Van Quaquebeke: Denen kann man den Auftrag
ganzes Unternehmen zu organisieren. Dann die nehmen aussieht, ist es authentisch, die Wahrheit informieren, was sie gerade machen, selbst wenn es munikation nicht vorbei. Noch viel stärker als off- geben: »Spinnt mal rum, wie es bei uns nach Coro-
soziale Isolation als psychische Belastung für die auszusprechen und Verletzlichkeit zu zeigen. Wer wenig Fortschritt gibt. Abwarten ist für viele Mit- line wird die Online-Welt zeigen, welche Chefs das na komplett anders organisiert werden könnte!«
Mitarbeitenden. Die stehen in viel höherem Maße aber spekuliert, alle könnten ihren Job verlieren, arbeitenden ein Horror, gerade wenn es um Job- nicht können. Sie müssen sich zwingen, sich auf Wenn man das als Führungskraft gut managt, kann
unter Stress; manche verspüren Panik, krank zu ohne es genau zu wissen, treibt es zu weit. Zu Füh- verlust oder Kurzarbeit geht. neue Technologien einzulassen und proaktiv zu man kreatives Potenzial abschöpfen, das sonst nie
werden oder ihren Job zu verlieren. rung gehört es, für Beruhigung zu sorgen. ZEIT: Wie erwirkt man Verbundenheitsgefühl? kommunizieren, sonst werden sie ihre Leute verlie- entdeckt worden wäre. Außerdem wären Weiterbil-
ZEIT: Vielen Chefs geht es wohl nicht anders. ZEIT: Bewähren sich bestimmte Führungsstile in Van Quaquebeke: Man muss Austausch schaffen. ren, und sie werden ihrer Fürsorgepflicht nicht ge- dungen eine Möglichkeit, für Mitarbeiter, aber auch
Van Quaquebeke: Genau. Sie müssen ihre neue Krisenzeiten besser? Für Teams im Homeoffice heißt das: statt dem recht. Niemand muss zum Ehe­berater werden. Aber für die Führungskräfte. Nach der Krise können
Arbeitsstruktur erst finden, vielleicht Kinder be- Van Quaquebeke: Die Forschung zeigt, dass in der Treffen in der Büroküche zum Beispiel einen ­»daily jeder kann nachfragen, wie sich die Leute die Zeit dann alle mehr als vorher.
treuen. Auch Chefs laufen zu Hause schon mal Krise das Bedürfnis nach Autorität zunimmt. Es coffee-chat« bei Zoom einrichten. Und, ganz wich- vertreiben.
die Wände hoch. Wir sind alle Menschen, die braucht einzelne Leute, die in koordinierter Art tig, ein Forum oder Chat, in dem auch über The- ZEIT: Wie gibt man Mitarbeitern in diesen Zeiten Das Gespräch führte Viola Diem
gemeinsam an dieser Krise leiden – das müssen und Weise voranschreiten; den Mitarbeitern muss men abseits von Arbeit gesprochen wird. Da sollte trotzdem noch Möglichkeiten, sich zu beweisen?
Führungskräfte erkennen und rüberbringen. Al- dabei das Gefühl von Kontrolle, Verbundenheit man sich übrigens auch selbst blicken lassen. Van Quaquebeke: Das fällt vielen schwer, aber ist Niels Van Quaquebeke forscht zu
lerdings erlebe ich gerade Unternehmen, die zu- und Kompetenz vermittelt werden. ZEIT: Zum Plauschen? unglaublich wertvoll. Auch in Krisen müssen Führungs- und Organisations-
allererst kühl die neuen Regeln diktieren. Das ist ZEIT: Wie können Führungskräfte Kontrolle ver- Van Quaquebeke: Ja. In einer normalen Arbeits- Menschen spüren, dass sie nützlich sind. Es hilft, psychologie und berät seit 17 Jahren
problematisch. mitteln, obwohl nichts unter Kontrolle ist? welt haben die Mitarbeiter ihre Freunde und häufig Feedback zu geben, vor allem konstruktiv Unternehmen auch in Krisen
24 WIRTSCHAFT 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

Z E IT GE LD

Foto: Ramon Haindl für DIE ZEIT


Sandra Makboul arbeitet in einer Kantine. Jetzt ist ihr Einkommen weggebrochen

Wenn die Bleibe unbezahlbar wird


Wer von der Krise betroffen ist, hat jetzt Kündigungsschutz. Mieter und Vermieter fordern weitere Hilfen vom Staat  VON JENS TÖNNESMANN

S
andra Makboul fragt sich in diesen melden; und auch ein 450-Euro-Job in einem Hotel arbeit gehen müssen, ihren Job oder ihre Aufträge und dem 30. Juni 2020 vor Kündigungen schützt, schickt: Das Mietmoratorium differenziere zu
Tagen oft, wie es weitergehen soll. sei ausgesetzt, erzählt Makboul. verloren haben. Fast 30 Prozent ihres Netto-Einkom- wenn sie ihre Miete infolge der Corona-Krise nicht wenig, es sei »fahrlässig und kurzsichtig«.
Und sie erinnert sich an die Zeit Von einem Monat auf den nächsten sind Mak- mens geben die Menschen in Deutschland im Schnitt zahlen können; je nach Lage kann der Gesetzgeber Tatsächlich sehen sowohl Mietervertreter als auch
mitten in der Finanzkrise im Jahr bouls Einnahmen von 1400 Euro auf knapp die für ihre Kaltmieten aus; in Großstädten und in Ein- den Schutz auch noch mal verlängern. »Das ent- die Wohnungswirtschaft Nachbesserungsbedarf:
2009. Da hat ihr Arbeitgeber sie­ Hälfte zusammengeschmolzen. »Davon kann ich Personen-Haushalten liegt der Anteil noch höher. lastet die betroffenen Mieter erst einmal«, sagt Gemeinsam fordern der Mieterbund und der GdW
einige Wochen lang nicht mehr be- meine Miete und den Strom kaum noch bezahlen«, Schrumpft das Einkommen so deutlich wie bei Sandra Melanie Weber-Moritz, Bundesdirektorin beim einen »solidarischen Sicher-Wohnen-Fonds«, dabei
zahlt – und sie musste abends heim- sagt sie. Für ihre Zweizimmerwohnung bezahlt sie Makboul, dann ist die Schmerzgrenze schnell erreicht. Deutschen Mieterbund. Allerdings müssen Mieter werden sie von einer Reihe anderer Verbände unter-
lich hinter einem Supermarkt nach Lebensmitteln monatlich 460 Euro: 46 Quadratmeter in einem Laut Google sind die Anfragen nach dem Suchbegriff die ausstehenden Schulden zuzüglich Zinsen spä- stützt. Dieser staatliche Fonds soll für die Mieter
suchen. »Das will ich nicht noch mal erleben«, sagt Mehrfamilienhaus, dazu ein Balkon. Sie hat ihrem »Miete aussetzen« seit Anfang März in die Höhe ge- testens bis 30. Juni 2022 nachzahlen, sonst kann unbürokratisch ab der zweiten Miete einspringen,
sie am Telefon und ist den Tränen nahe. »Aber ich Vermieter, der Bayerischen Versorgungskammer, schossen; in Facebook-Gruppen mehren sich Beiträge ihnen doch noch gekündigt werden. Sie verschulden die sie infolge der Corona-Krise nicht mehr selbst
habe Angst, dass es wieder so kommen könnte.« ihre Lage geschildert. »Ich kann ja nichts dafür, ich ratloser Mieter – und auch der Deutsche Mieterbund sich. Und sie müssen glaubhaft machen können, bezahlen können; das Geld solle dann später in ein
Gerade sind der 51-Jährigen aus Veitshöchheim in würde ja gern arbeiten und einen neuen 450-Euro- bemerkt eine wachsende Zahl von Anfragen, ohne dass sie von den Folgen der Corona-Pandemie be- zinsloses Darlehen oder einen Zuschuss umgewan-
Unterfranken wieder ihre Einnahmen weggebro- Job finden«, sagt sie. »Aber bei der Arbeitsagentur genaue Zahlen nennen zu können. troffen sind – etwa durch eine eidesstattliche Ver- delt werden, so die Idee. »Das Modell würde ver-
chen. Eigentlich hat sie einen Teilzeitjob in einer komme ich im Moment gar nicht durch.« Nun gibt es erste Abhilfe: Im Eiltempo haben sicherung oder Dokumente, die einen Jobverlust hindern, dass Mieter zahlungsunfähig werden, und
Kantine. Doch ihr Arbeitgeber musste wegen der Wie Sandra Makboul dürfte es derzeit vielen Men- Bundestag und Bundesrat vergangene Woche ein oder Kurzarbeit belegen. Beim Mieterbund glaubt es würde Vermieter und damit Handwerker und
Corona-Pandemie schließen und Kurzarbeit an- schen gehen, die wegen der Corona-Pandemie in Kurz- Gesetz verabschiedet, das Mieter zwischen dem 1. April man, dass die Immobilieneigentümer das in der Baufirmen davor schützen, dass ihnen das Geld aus-
Regel akzeptieren und Konflikte eher die Ausnahme geht«, sagt GdW-Präsident Gedaschko.
ANZEIGE bleiben dürften. »Wir beobachten, dass viele Mieter Auch beim Mieterbund ist Präsident Lukas
und Vermieter im Moment aufeinander zugehen Siebenkotten überzeugt, dass der Fonds besser
und gemeinsam Lösungen suchen«, sagt dessen Prä- wirken würde als bereits existierende Sozialleis-
sident Lukas Siebenkotten. tungen, die vor einer Bewilligung aufwendig ge-
Tatsächlich zeigen sich gerade größere und ka- prüft werden müssten. »Der Fonds hingegen könn-
pitalstarke Vermieter in der Krise entgegenkom- te schnell auszahlen und dann im Nachhinein
mend. So listet der Spitzenverband der Wohnungs- prüfen, ob ein Mieter von der Corona-Krise be-
wirtschaft GdW eine ganze Reihe von Firmen auf, troffen ist«, sagt Siebenkotten. Mietern mit nied-
die schon vor dem neuen Gesetz angekündigt ha- rigen Einkommen und wenigen Ersparnissen
ben, in diesen Zeiten auf Mieterhöhungen, Kün- würde der Fonds außerdem einen Schuldenberg
digungen und Zwangsräumungen zu verzichten. ersparen, den sie vielleicht bis 2022 gar nicht ab-
»Niemand sollte sich in dieser Situation Sorgen zahlen können.
machen müssen, dass er seine Wohnung verliert«,
sagt GdW-Präsident Axel Gedaschko, »das be- Mietervertreter und Vermieter fordern
schlossene Moratorium für tatsächlich betroffene einen Fonds, der unbürokratisch hilft
Mieter ist deswegen richtig.« Allerdings würde das
allein noch nicht reichen. »Wenn viele Mieter auf Beim Bundesjustizministerium stößt die Idee

S
p reche nS ie
einmal ihre Mieten nicht mehr bezahlen können, bisher nicht auf Gegenliebe. Auf Anfrage zitiert
dann fehlt den Eigentümern Geld, etwa um Hand- das Ministerium die Justizministerin Christine
werker zu bezahlen oder auch ihre Kredite zu be- Lambrecht (SPD) mit den Worten, dass ein
dienen«, sagt Gedaschko und warnt: »Das könnte Fonds »neben den bestehenden Systemen der
eine Kettenreaktion auslösen.« sozialen Sicherung nicht erforderlich« sei. Wer

mitd e
nR ichtig
en
infolge der Krise seine Miete nicht mehr zahlen
Auch für manche Vermieter kann die könne, habe in aller Regel Anspruch auf Sozial-
Krise schnell existenzbedrohend werden leistungen wie Grundsicherung oder Wohngeld.
Für Selbstständige und kleine Unternehmen
Es gibt bereits Vermieter, die fürchten, jetzt in Be- stelle man darüber hinaus Soforthilfen bereit

überG eld.
drängnis zu geraten. So berichtet der Chef einer und helfe unbürokratisch.
Genossenschaft mit mehr als 2000 Wohnungen aus GdW und Mieterbund wollen das nicht akzep-
Sachsen-Anhalt, dass etwa 20 Prozent seiner Mieter tieren. Sie geben sich kämpferisch und berichten
im Niedriglohnsektor beschäftigt seien und ver- von einem wachsenden Rückhalt in der Politik für
mutlich keine Reserven hätten, sollten sie in Kurz- den Fonds; der GdW sieht zudem eine Bereitschaft
arbeit gehen müssen. Deswegen habe man bis auf in der Digitalwirtschaft, bei der technologischen
Notfallreparaturen alle Sanierungen und Bauarbei- Umsetzung zu helfen. Allerdings sei Eile geboten,
ten vorsorglich gestoppt. Ähnliches berichtet der und der Bundestag müsse Mitte April ein entspre-
Vorstand einer Genossenschaft mit 3000 Wohnun- chendes Gesetz auf den Weg bringen, damit der
gen aus dem Raum Stuttgart: Weil es im Moment Fonds ab Mai einspringen könne.
kaum Neuvermietungen gebe, habe er seine Mit- Sandra Makboul wird dann womöglich ihre
arbeiter in Kurzarbeit geschickt und aus Angst vor zweite Monatsmiete aussetzen müssen. Sie trägt
einem finanziellen Engpass einen Neubau vertagt, an ihrem linken Arm den Schriftzug »Hope« als
der eigentlich dieses Jahr begonnen werden sollte. Tattoo. Sie hofft, dass sie ihre Miete schrittweise
»Wenn 20 Prozent unserer Mieter nicht mehr be- abbezahlen kann, wenn sie wieder arbeiten geht.
zahlen können, dann fehlen uns pro Monat Die 51-Jährige kann wohl davon ausgehen, dass
500.000 Euro«, sagt der Chef. sie trotz der angespannten Lage ihre Wohnung
Existenzbedrohend könnte solch ein Engpass nicht verlieren wird. Zwar wartet sie noch auf
W eildieSparkas
s enahist für Privatvermieter werden, die ihre Immobilien eine Antwort ihres Vermieters; doch schon in der
per Darlehen finanziert haben und sonst gerade Krise vor zehn Jahren hatte sich die Versorgungs-
u nda ufGe
ldfra
g endie wenig Einnahmen erzielen. So wie Alexandra Sigg, kammer laut Makboul auf eine Ratenzahlung
richtigenAntwortenhat. die im Raum Freiburg drei Wohnungen und eine
Gewerbeeinheit besitzt, das sei ihre einzige Alters-
eingelassen. Und gegenüber der ZEIT hat die
Behörde angekündigt, man werde bei Notlagen
vorsorge. Der Gastronom im Erdgeschoss habe der Mieter »jeden Einzelfall prüfen und im Rah-
bereits angekündigt, dass er seine Miete nun nicht men unseres treuhänderischen Auftrags Lösun-
mehr zahlen könne, berichtet Sigg, die alleinerzie- gen anbieten, um das jeweilige Mietverhältnis
hend ist und einen 13-jährigen Sohn hat. Jeden fortführen zu können«. Bisher hat die Versor-
Monat müsse sie nun 1500 Euro auf die verbliebe- gungskammer mit ihren 10.500 Wohneinheiten
nen Mieteinnahmen drauflegen, um das Darlehen zwar nur vereinzelte Anfragen von Mietern er-
der Immobilie zu bedienen. Zugleich verdiene sie halten, werde aber von Kündigungen wegen
selbst weniger, weil sie im Moment als Coach und Zahlungsverzug infolge der Corona-Pandemie
Beraterin kaum arbeiten könne und stattdessen absehen; man sei finanziell »solide aufgestellt«
ihren Sohn zu Hause beschule. »Wenn alle Mieten und fürchte keine Liquiditätsengpässe, man stor-
wegfallen, dann würden meine Rücklagen vielleicht niere auch keine Handwerksleistungen oder
sechs Wochen reichen«, sagt Sigg, die jetzt mit ihrer Bau- und Renovierungsaufträge. Ziel sei es,
s
p a
rka
sse.d
e Bank darüber verhandelt, ob sie die Tilgung ihres »Mietverhältnisse in vorübergehenden Krisen-
Darlehens aussetzen kann. Außerdem hat sie eine zeiten stabil zu halten.« Für Sandra Makboul ist
wütende Mail ans Bundesjustizministerium ge- das endlich mal eine gute Nachricht.
2. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 15 WIRTSCHAFT 25
Z E IT GE LD
Fotos: dpa; Hans Lucas/imago (2); ddp (v. l.)

Wochen der Ansprachen: Spaniens Regierungschef Frankreichs Präsident Mark Rutte, Ministerpräsident
Kanzlerin Angela Merkel Pedro Sánchez Emmanuel Macron der Niederlande

Neues Programm, alte Konflikte


Der Streit um die Verteilung der Krisenkosten spaltet Europa. Jetzt schauen alle auf Deutschland  VON GEORG BLUME UND MARK SCHIERITZ

W
enn Jacques Delors sich Zweck der Krisenbekämpfung eingerichtet wer- den Kampf gegen die deutsche »Zurückhaltung« nicht sich ebenfalls dafür aus. Die Kölner Ökonomen haben sätzlichen Kredite leichter zu schultern. Schließlich
zu Wort meldet, dann den. Dieser Forderung haben sich inzwischen aufgeben werde. Man habe der Bundesregierung noch die drei derzeit diskutierten Hilfsinstrumente – neue wird erwogen, die an die Darlehen gekoppelten
kann man davon ausge- neun Länder angeschlossen, darunter Irland, nicht nahebringen können, dass die Einheit Europas Liquiditätsprogramme der EZB, Kredite des ESM und wirtschaftspolitischen Zwangsmaßnahmen zu lo-
hen, dass die Lage ernst Belgien, Spanien und Italien (siehe Seiten 2 und auf dem Spiel stehe und deshalb neue Wege beschrit- Corona-Bonds – verglichen und kommen zu dem ckern. Deren Philosophie ist ein Produkt der Euro-
ist. Der langjährige Prä- 45). Macron will den Beweis erbringen, dass ten werden müssten, heißt es in Paris. Und auch der Ergebnis, dass Letztere am »besten« abschneiden. Ihr Krise. Damals gab es wirtschaftspolitische Fehlent-
sident der Europäischen Europa in der Krise zusammenhält – und so die grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold hält es für Hauptargument: Wenn Staaten die Milliardenhilfen wicklungen in den Mitgliedsstaaten, die durch An-
Kommission in Brüssel euroskeptischen Kräfte schwächen. »grundfalsch«, die französischen Vorstöße rundweg annehmen, dürfe das nicht mit einem Stigma ver- passungsprogramme korrigiert werden sollten. Die
und Wegbereiter des einheitlichen Binnenmarkts An den Details wird noch gearbeitet, aber in abzulehnen. bunden sein. Und es müsse sichergestellt werden, dass Corona-Krise aber gleicht einer Naturkatastrophe,
ist 94 Jahre alt und hat sich aus dem politischen der Diskussion ist ein Modell, bei dem über eine Was die Sache so kompliziert macht: Die Ausei- das Geld auch tatsächlich für den Kampf gegen die sie ist nicht die Folge überhöhter Etatdefizite oder
Geschäft weitgehend zurückgezogen. Bis vergange- solche Anleihe einmalig Finanzmittel in Höhe von nandersetzung verläuft entlang der Konfliktlinien, die Krise verwendet werde. Die Programme der Euro- eines zu großen Sozialstaats.
ne Woche. Da sagte Delors, der Mangel an »euro- tausend Milliarden, also einer Billion Euro auf- schon in der Euro-Krise den Kontinent gespalten päischen Zentralbank aber erlaubten keine Zweck- Denkbar ist, dass die an einem Kredit interessierten
päischer Solidarität« in der Corona-Krise sei eine genommen werden, die dann je nach Bedarf in hatten. Und das löst alte Abwehrreflexe aus. Im Nor- bindung, und an den ESM wendet man sich normaler- Staaten Geld für den Kampf gegen das Virus bekom-
»tödliche Gefahr für die Europäische Union«. die Mitgliedsstaaten fließen. Für die Rückzahlung den wird gern unterstellt, dem Süden gehe es nur um weise nur, wenn die Staatspleite kurz bevorsteht. men und dabei nur die allgemeinen Haushaltsregeln
Tatsächlich kehrt in dieser Krise mit Wucht würden die teilnehmenden Staaten dann gemein- Zugang zu billigem Geld. Und im Süden glauben der EU einhalten müssen. Die sind derzeit krisen­
eine Frage zurück, die Europa bislang mehr oder sam haften. Auf diese Weise würden Länder mit viele, dass der Norden einzig nach Wegen suche, um Bundesbankpräsident Weidmann kann sich bedingt ohnehin ausgesetzt. Bundesbankpräsident
weniger erfolgreich verdrängte: Wie viel finanzielle hohen Schulden von den günstigen Finanzie- seine Sparvorstellungen überall durchzusetzen. gelockerte Kreditauflagen vorstellen Weidmann kann sich solche Modelle vorstellen.
Unterstützung ist in der EU nötig? Und wie kann rungskosten der soliden Länder profitieren. Allerdings bringt die Krise auch neue Allianzen »Eurobonds sehe ich weiterhin skeptisch. Ein Weg
sie organisiert werden? Die deutsche Bundesregierung lehnt solche hervor. Ein Zusammenbruch der Währungsunion So werden jetzt in Berlin und Paris mögliche Kom- könnte aber eine Kreditlinie des ESM sein. Die wirt-
Es stehen sich gegenüber: die von der Epidemie Anleihen bislang vehement ab. In Berlin fürchtet oder ein Ende des Binnenmarkts wäre auch wirt- promisslinien sondiert. Eine Variante läuft darauf schaftspolitischen Auflagen wären dabei nicht so streng
besonders betroffenen und teilweise hoch verschul- man vor allem, dass die zweckgebundene Gemein- schaftlich für Deutschland mit erheblichen Einbußen hinaus, dem ESM sein Stigma zu nehmen. Das ausgestaltet wie bei klassischen Hilfskrediten«, sagt er.
deten Länder des Südens unter der Führung Frank- schaftskasse im Laufe der Zeit in eine allgemeine verbunden. Volkswagen-Chef Herbert Diess fordert könnte erreicht werden, indem alle Euro-Länder Am Ende wird die Frage sein, ob es gelingt, eine Lö-
reichs. Und die finanzpolitisch eher konservativen Gemeinschaftskasse übergeführt wird. Konkret: daher, über die Einführung von Gemeinschaftsanlei- pro forma eine Kreditlinie beantragen, dann wäre sung zu finden, die sich für Italien rechnet und die
Nordländer um Deutschland und die Niederlande. dass durch die Hintertür die wegen ihrer Haf- hen zumindest zu diskutieren, und das arbeitgeber- Italien nicht allein. Auch die Rückzahlungsfristen zugleich in Deutschland politisch vermittelbar ist.
Im Kern geht es in der Auseinandersetzung um tungsrisiken umstrittenen gemeinsamen Euro- nahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln spricht zu strecken ist im Gespräch, dadurch wären die zu- Sicher ist das nicht.
die Verteilung der enormen Kosten, die Corona den bonds eingeführt werden.
Mitgliedsländern der EU aufbürdet. Allein die deut- In der Berliner Koalition hält man es für mög- ANZEIGE
sche Bundesregierung hat mehr als eine Billion Euro lich, dass genau das die radikalen Kräfte stärken
an Zuschüssen, Krediten und Bürgschaften bereit- könne. Das Argument: Das Wirtschaftswachstum
gestellt, um das Gesundheitssystem aufzurüsten und wird zurückgehen, die Arbeitslosigkeit steigen. In
die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown abzufe- einer solchen Situation will man sich nicht dem
dern. Deutschland kann sich das leisten, die Staats- Vorwurf aussetzen, deutsches Steuergeld im Aus-
schuldenquote ist vergleichsweise niedrig, Finanz- land zu verteilen. Schließlich wurde die AfD ur-
minister Olaf Scholz kann sich günstig frisches Geld sprünglich als Anti-Euro-Partei gegründet. Des-
borgen. Andere Länder stehen nicht so gut da. halb soll Ländern in Not über ein anderes Ge-
Das gilt zuerst für Italien, wo besonders viele meinschaftsinstrument geholfen werden, das in
Menschen erkrankt sind und die Schuldenquote der Euro-Krise etabliert wurde. Der Rettungs-
schon vor dem Ausbruch der Krise rund 130 Prozent fonds ESM. Der Vorteil: Es gibt diesen Fonds
der jährlichen Wirtschaftsleistung betrug. Sie könn- bereits, und er verfügt über freie Mittel in Höhe
te Schätzungen zufolge auf 150 bis 170 Prozent von 410 Milliarden Euro, die als Kredite an klam-
steigen – was das Land erdrücken könnte, wie rö- me Staaten vergeben werden können.
mische Experten glauben, zumal die Regierung ihren

50 Jahre
Geldgebern wahrscheinlich irgendwann deutlich Frankreichs Präsident will gegen die
höhere Zinsen bezahlen müsste als heute, wenn sie deutsche Zurückhaltung kämpfen
sich wieder Geld leihen will. Tatsächlich beträgt das
italienische Hilfspaket gemessen an der Wirtschafts- Das Problem ist: In Italien und in anderen Süd-
leistung nach Berechnung der Genfer Vermögens- staaten gilt ein Engagement des ESM als politisch
verwaltung Pictet nur 7,3 Prozent, das deutsche je- nicht vermittelbar, weil der Fonds seine Kredit- Erfahrung, 4 gemeisterte
doch 32,2 Prozent – und das obwohl die Krise Italien programme traditionell an strenge Auflagen
härter trifft als Deutschland.
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knüpft. Conte steht dabei unter einem enormen
Druck durch die Rechtspopulisten der Lega, die Wirtschaftskrisen,
1 Partner,
einen solchen Kredit schon jetzt als ökonomische
Kapitulationserklärung brandmarken. In einer
Videokonferenz der Staats- und Regierungschefs
am vergangenen Donnerstag eskalierte der Streit.
Nach stundenlangen Diskussionen musste Ange-
la Merkel einräumen, dass man sich nicht auf eine
der auch in der Krise
gemeinsame Linie verständigen konnte.
Im Moment besteht zwar kein akuter Hand-
lungsbedarf, weil die Europäische Zentralbank
für Sie da ist.
Liebe Leserinnen und Leser, ebenfalls ein neues Hilfsprogramm aufgelegt hat, Zeit, Geld
in dessen Rahmen sie die Anleihen der Euro- neu zu
bitte beachten Sie, dass die Länder aufkauft. Das verschafft vor allem den bewerten.
Presseverkaufsstellen von den hoch verschuldeten Ländern des Südens zusätzli-
Ladenschließungen ausge- chen Spielraum für das Krisenmanagement der
nächsten Wochen und Monate.
nommen und geöffnet sind.
Doch die meisten Ökonomen gehen davon
Ihre nächstgelegene Verkaufs- aus, dass diese Krise noch viel Geld verschlingen Gerade in Stressphasen haben Sie den Kopf voll mit wichtigen Dingen.
stelle finden Sie unter: wird – und eine dauerhafte Staatsfinanzierung Wir von Fidelity verstehen das nur zu gut. Denn als familiengeführtes Unternehmen
durch die Notenpresse will man vor allem im
mykiosk.com Norden Europas vermeiden, zumal die europäi-
betreuen wir das Geld unserer Anleger mit langjähriger Erfahrung. Rund um die
schen Verträge das nicht erlauben. So sieht man Uhr und rund um die Welt bewerten wir Finanzmärkte jeden Tag aufs Neue.
das auch bei der Bundesbank. »Solidarität ist Wir schauen stets nach den besten Ergebnissen für Sie als Kunden.
wichtig, auch auf europäischer Ebene. Die Noten- Und das machen wir auch in Krisenzeiten bereits seit 50 Jahren.
banken können einen wichtigen Beitrag leisten,
die wirtschaftlichen Folgen der Krise abzufedern.
Sie haben aber ein spezielles, geldpolitisches Man-
Frankreich fordert deshalb einen »europäischen dat, und die Politik sollte dadurch nicht aus der
Marshallplan« für den Wiederaufbau des Kontinents. Verantwortung entlassen werden«, sagte Bundes-
Herzstück ist die Ausgabe sogenannter Corona- bankpräsident Jens Weidmann der ZEIT. Risikohinweise: Die Vermögensanlage in Kapitalmärkte ist mit Risiken verbunden. Der Wert Ihrer Vermögensanlage kann fallen oder steigen. Es kann zum Verlust des einge-
Bonds. Das wären spezielle Anleihen, die die Mit- Deshalb soll nun bis nächste Woche eine Lö- setzten Vermögens kommen. Bitte beachten Sie hierzu die Risikohinweise auf unserer Website unter wealthexpert.fidelity.de/risikohinweise. Herausgeber: FIL Fondsbank GmbH,
Kastanienhöhe 1, 61476 Kronberg im Taunus, Tel. 069/77060-220, wealthexpert.fidelity.de Stand: März 2020 MK10864.
gliedsstaaten zusammen herausgeben. Es würde also sung gefunden werden. Der französische Staats-
eine Art europäische Gemeinschaftskasse für den chef Emmanuel Macron hat klargemacht, dass er
26 WIRTSCHAFT 2. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 15

SER I E: DI E E RST E (11 )

»Du blutest nicht, wenn du verlierst«


Frauen fehle es an Ausdauer und Willensstärke, darum kämen sie nicht an die Spitze im Schach, hieß es einst. Dann kam Judit Polgár
und wurde die erste Frau, die nur noch gegen Männer spielte. Teil 11 der ZEIT-Serie über Pionierinnen VON MICHAEL ALLMAIER

L
ondon im Herbst 2018. Die Zur Wendezeit, sie ist erst 15, steht Judit die
Schachweltmeisterschaft läuft. Man Welt offen. Sie kann genügend Turniererfolge vor-
sollte sich das nicht zu glamourös weisen, um den Titel Großmeister zu führen. Das
vorstellen. Eine frühere Kunst- hat so jung noch niemand geschafft, nicht einmal
schule im Stadtteil Holborn, darin der legendäre Bobby Fischer. Und sie fällt eine
ein paar Hundert Männer, die Entscheidung: nicht länger an Frauenturnieren
schweigend oder höchstens flüs- teilzunehmen. Das hat es in der Geschichte dieses
ternd auf irgendetwas starren. Auf der Bühne, Sports noch nicht gegeben – dass eine Frau, ein
hinter Schallschutzglas, sitzen der Weltmeister und Mädchen, den ihr zugedachten Schutzraum ver-
sein Herausforderer. Sie starren auf ihr Brett. Vor lässt und die Tür hinter sich zuknallt. Polgár sagt:
ihnen sitzen die Fans; sie starren auf die Spieler. Im »Es war logisch. Ich wollte von den Besten lernen,
Presseraum sitzen die Fachleute und starren auf und das waren nun mal keine Frauen.«
ihre Computer. Männer in Cordhosen und Hoo- Sexismus im Schach? »Ja, gibt es, immer wieder
dies, Männer mit Zauselbärten. »Komm mit«, sagt einmal.« Aber dann fällt ihr doch wenig ein. Geg-
ein Journalist zum anderen, »nebenan kommen- ner, die nach einer Niederlage wütend aus dem
tiert Judit«. Er muss nicht sagen, welche Judit. Es Saal stürmten oder sonderbare Erklärungen dafür
gibt nur eine Judit: die bis heute erfolgreichste Frau fanden, wie eine Frau sie übertölpeln konnte.
der Schachgeschichte, die einzige, die es je in die Und was ist mit Anatoli Karpow, dem Welt-
Top Ten der Weltrangliste geschafft hat. meister vor Kasparow? Der hat sie mal während
Im Analyseraum hat Judit Polgár gerade ihr Mi- einer Partie gerügt, weil sie in scheinbar hoff-
krofon angesteckt. Eine lebhafte Frau Anfang vier- nungsloser Stellung einfach nicht aufgeben wollte:
zig mit großen Ohrringen und langem Haar, das »Du weißt schon, dass das sehr unhöflich ist?« In
auf die Schultern ihrer Lederjacke fällt. Polgár er- der Klosterstille eines Schachturniers ist das ein
klärt hier, was in der letzten, entscheidenden Partie bizarrer Übergriff. Man darf seinen Gegner nicht
der Weltmeisterschaft vorgeht, was die zwei Männer anquatschen, schon gar nicht bedrängen.
im Glaskasten wohl gerade denken. Polgár winkt ab: »Ach, der ist so. Zu einem
Sie spricht ein melodisches, schnelles Englisch. jungen Mann hätte er wahrscheinlich das Gleiche
Und noch schneller zeigt sie auf dem Großbild- gesagt.« Sie hat die Partie dann noch gewonnen.
schirm Varianten – die Züge hinter den Zügen. Auf diese Art antwortet sie am liebsten.
Das, was nicht aufs Brett kam, weil es schlecht In den Neunzigern wird sie bei Schachfans zum
gewesen wäre. Oder das, was vielleicht noch Superstar – nicht nur wegen ihres Geschlechts und
kommt. Sie lässt die Figuren fliegen: Kombina- ihrer Rekorde, sondern auch wegen ihrer Art zu
tionen, Figurenopfer, Zwischenzüge und Matt-­ spielen. Prä-Polgár sagte man Frauen nach, es
Angriffe. Großes Kino für Nerds. Zeitweilig hat sie mangele ihnen an Biss. Sie beschützten ihre Figu-
mehr Publikum als die Spieler selbst. ren wie die eigenen Kinder und willigten aus an-
In einer spannenden Angriffsstellung bietet der geborener Friedfertigkeit gerne ins Remis ein.
Weltmeister seinem Gegner Remis an. Der nimmt Judit Polgár nicht. Sie kämpft am Brett, immer
an, verblüfft und erleichtert. Judit Polgár gerät fast aggressiv, immer bereit, den spannendsten Zug zu
in Rage. So viele Ideen, so viel Schönheit – mit machen. »Schach ist letztlich nur ein Spiel«, sagt
einem Handschlag begraben. sie. »Du blutest nicht, wenn du verlierst.« Doch die
Budapest im Frühjahr 1989, wenige Monate vor Profis von heute suchen am Brett nicht Schönheit,
der Öffnung der Grenze. Die Abordnung eines sondern Kontrolle. Judit Polgár lernt auch das, um
deutschen Provinzclubs (darunter der Autor dieser ihr Ziel zu erreichen: einen Platz in den Top Ten.
Zeilen) besucht den MTK Budapest, einen der »Wenn ich am Brett sitze«, sagt sie heute, »wer-
stärksten Schachvereine der Welt. Schach ist eine de ich ein anderer Mensch. Dann sieht man mich
große Sache im Ostblock – ein propagandataugliches nicht mehr lächeln. Ich habe mal in einem indi-
und preiswertes Mittel, den Klassenfeind intellek- schen Waisenhaus gegen mehrere Gegner gespielt.
tuell in seine Schranken zu weisen. Was hier auch Eine Wohltätigkeitsveranstaltung, es gingt um
geschieht. Für den Freundschaftskampf haben die überhaupt nichts, aber ich wollte unbedingt ge-
Budapester ihre Großmeister aufgestellt. Nur die drei winnen. Die Leute sagten hinterher, sie hätten
neuen Stars fehlen: die Polgár-Schwestern, drei mich nicht wiedererkannt.«
Mädchen im Alter von 19, 14 und 12 Jahren. Ihre 2003, mit 26, hat Polgár ihr Lebensziel erreicht:
Teilnahme hätte Geld gekostet, die Rede war von Sie ist Nummer acht der Weltrangliste, Sphären
zehntausend D-Mark. Aber ihr Vater ist gekommen; entfernt von der nächsten Frau und auch von ih-
für sich selbst berechnet er nichts. Ein unscheinbarer ren Schwestern. Sie schlägt einmal sogar Kasparow,
Mann, bis er ins Reden kommt. Dann entwickelt er den Muhammad Ali des Schachs. Es gratuliert
die Aura eines Sektenpredigers. Zwischen Rosetten Yoko Ono – für die Künstlerin ist mit diesem Sieg
und Wimpeln in Grün-Weiß-Rot erzählt er von eine Schlacht geschlagen: Das war’s mit dem My-
seinem »Experiment«. thos vom überlegenen männlichen Verstand.
Genie, erklärt er den Besuchern, sei reine Erzie- Judit Polgár erzählt auch heute noch gern von
hung. Mit der richtigen, seiner Methode, könne dieser unverhofften Fanpost. Aber letztlich prallt das
man alles aus jedem Kind machen. Darum hat er Lob ebenso ab wie Kasparows Pöbelei mit dem dres-
seine Töchter selbst unterrichtet, daheim. Keine sierten Hund. Sie weiß ja, wie es weiterging: Die
Freunde, keine Puppen und nur ein einziges Spiel. nächsten Partien gewann wieder er.
Dabei liegt Schach László Polgár nicht einmal be- Ihr Vater gab sich nicht zufrieden. Er sah seine
sonders am Herzen. Er hat es bloß gewählt, weil jüngste Tochter als kommende Weltmeisterin. »Aber
hier der Genius messbar ist. Ein Mozart am Brett auch zu meiner besten Zeit war ich nicht mal in der
braucht keine Gönner, kein empfängliches Publi- Nähe. Die letzten paar Meter an die Spitze können
kum. Er setzt so lange Gegner matt, bis man ihn zur unheimlich weit sein.«
Kenntnis nimmt. Im Jahr 2000 heiratet sie ihren Freund, einen
Nun kennt die Schachwelt 1989 ein paar Mo- Tierarzt (»Nichts gegen Schachspieler, manche
zarts, aber keine einzige Clara Schumann. Eine Frau sind nett, aber irgendwo ist es genug«), und be-
im Schachclub ist eine Kuriosität. Es gibt ein paar kommt zwei Kinder, 2005 und 2007. Die beiden
weibliche Profis, aber gegen die besten Männer ha- gehen heute auf eine internationale Schule in
ben sie kaum eine Chance. Die meisten Erklärun- Budapest. Kein Schach, kein Privatunterricht.
gen dafür klingen im Rückblick krude und sexis- Das Experiment ist abgeschlossen.
tisch. Nicht nur die von Männern übrigens: Auch
die Damen-Weltmeisterin Nona Gaprindaschwili
Judit Polgár 2014 zieht sich Judit Polgár aus dem Turnier-
schach zurück. »Es fiel mir schwer; ich dachte im-
zum Beispiel war sicher, dass Frauen nie gleichzie- mer, ich würde mein Leben lang spielen. Aber ich
hen könnten – es fehle ihnen einfach an Ausdauer merkte immer mehr, wie viele andere Dinge man
und Willensstärke. 1976 1992 2003 2014 im Leben machen kann.« Sie leitet heute eine Stif-
Vielleicht spornt das den Vater und Versuchslei- Polgár wird in Budapest Im Alter von 15 Jahren wird Sie erreicht Platz 8 der Sie zieht sich aus dem tung, wirbt für Schach an Schulen, trainiert die un-
ter Polgár zusätzlich an: diesen ganzen Unfug über geboren sie Schachgroßmeisterin Weltrangliste Turnierschach zurück garische Nationalmannschaft, lauter Männer.
die Natur des Menschen beiseitezuwischen. Tat- Ein Opfer bringen, das heißt in der Schachwelt
sächlich wurden alle drei Polgár-Schwestern sehr nichts Schlechtes. Man tut das, weil man es will.
starke Spielerinnen. Doch nur Judit, die jüngste, Trennt sich von dem, was verzichtbar ist, um schnel-
schaffte den Durchbruch. seine Figuren hinwegblickt. Schon damals trainierte tigten sie nicht den sozialistischen Glauben an die ler voranzukommen. Judit Polgár hat in ihrem Leben
Dreißig Jahre später lebt Judit Polgár noch immer sie sieben Stunden am Tag. Fühlt sie sich selber als beinahe grenzenlose Erziehbarkeit des Menschen? eine Menge geopfert – Türme, Damen, Tausende
in Budapest; ihr kleines Büro auf dem Gellértberg ein gemachtes Genie, als geglücktes Experiment? Der Vergleich Aber László Polgár war kein Mustersozialist, son- Bauern. Ihre Kindheit für die Karriere, die Karriere
blickt auf die Stadt herab. Es ist vollgestopft mit »Mein Vater liebt große Worte«, sagt Polgár. dern ein Einzelgänger mit jüdischen Wurzeln und für ihre Kinder und ein normales Familienleben.
Trophäen, Urkunden, gläsernen Figuren in Vitrinen, »Sein ›Experiment‹ – ich würde eher von einer Le- 99 gewaltigem Sendungsbewusstsein. Das ließ man Ohne das Coronavirus wäre sie aktuell in Sibi-
Männer sind unter den
Foto: Philipp Horak/Anzenberger; ZEIT-GRAFIK/Quelle: FIDE

alten Fachzeitschriften. Wer Polgárs Lebenslauf bensweise sprechen – mag extrem gewesen sein. Mir die Polgárs spüren, wie seine Tochter erzählt: Mal rien, in Jekaterinburg. Dort lief das Kandidaten-
hundert besten aktiven
kennt, rechnet damit, hier auf einen speziellen Men- kam sie nicht so vor. Du wunderst dich nicht, wa- zogen Behörden ihre Pässe ein, mal wurde Zsuzsa, turnier, aus dem der nächste Herausforderer des
Schachspielern der Welt