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Die Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen an

öffentlichen Grundschulen – zur Kündigung der öffentlich-


rechtlichen Anstellung von Herrn Abgottspon an der OS
Stalden, Kanton Wallis

Rechtsgutachten
vom 14. Januar 2011

Erstattet zuhanden
Valentin Abgottspon
Zur Kirche
3933 Staldenried

von

Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M.


Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht

Alexander Suter, MLaw


Wissenschaftlicher Assistent

Juristische Fakultät
Universität Basel
Peter Merian-Weg 8
Postfach
4002 Basel
Inhaltsverzeichnis
A. Sachverhalt und Gutachtensfragen ............................................................................................ 1
I. Sachverhalt .......................................................................................................................... 1
II. Gutachtensfragen ................................................................................................................. 2
B. Glaubens- und Gewissensfreiheit im öffentlichen Grundschulunterricht............................... 3
I. Der Verfassungsrechtliche Rahmen..................................................................................... 3
1. Verhältnis Kirche – Staat im Schweizerischen Bundesstaat...................................... 3
1.1. Bundesrechtliche Vorgaben und kantonale Kompetenzen ........................... 3
1.2. Verhältnis von Kirche und Staat im Kanton Wallis...................................... 4
2. Glaubens- und Gewissensfreiheit............................................................................... 5
2.1. Individualrechtliche Ansprüche .................................................................... 5
2.1.1. Rechtsquellen und Schutzbereich ................................................. 5
2.1.2. Schranken der Glaubens- und Gewissensfreiheit ......................... 7
2.2. Grundsatz der Neutralitätspflicht des Staates ............................................... 8
2.2.1. Allgemeines .................................................................................. 8
2.2.2. Religiöse Neutralität an öffentlichen Grundschulen..................... 9
2.3. Ansprüche von Lehrpersonen, Schülern und deren Eltern.......................... 12
2.3.1. Ansprüche von Lehrpersonen ..................................................... 12
2.3.2. Ansprüche von Schülern und deren Eltern ................................. 13
II. Konkrete Fragen im vorliegenden Fall .............................................................................. 13
1. Zulässigkeit von Art. 3 des kantonalen Schulgesetzes............................................. 13
2. Zulässigkeit eines Kruzifix in Schulräumen ............................................................ 16
2.1. Wirkung des Kruzifix ................................................................................. 16
2.2. Bedeutung des Kruzifix .............................................................................. 17
2.3. Platzierung des Kruzifix ............................................................................. 18
2.3.1. Allgemeines ................................................................................ 18
2.3.2. Kruzifix in Lehrerzimmern......................................................... 19
3. Zulässigkeit der Verpflichtung zur Vorbereitung von Kultushandlungen ............... 20
C. Treuepflicht von öffentlich-rechtlich angestellten Lehrpersonen .......................................... 21
I. Begriff und Umfang der Treuepflicht ................................................................................ 21
1. Allgemeines zum Begriff ......................................................................................... 21
2. Umfang der Treuepflicht.......................................................................................... 22
2.1. Öffentliche Meinungsäusserungen von Lehrpersonen................................ 22
2.2. Pflicht zum Vollzug der dienstrechtlichen Anordnungen........................... 23
II. Grenzen der Treuepflicht ................................................................................................... 23
1. Allgemeines ............................................................................................................. 23
2. Meinungsfreiheit ...................................................................................................... 24
2.1. Allgemeines ................................................................................................ 24
2.2. Konkrete Äusserungen im vorliegenden Fall.............................................. 25
2.2.1. Form der Äusserungen................................................................ 25
2.2.2. Inhalt der Äusserungen ............................................................... 26
3. Rechtswidrigkeit dienstlicher Anordnungen............................................................ 28
3.1. Allgemeines ................................................................................................ 28
3.2. Dienstrechtliche Anweisungen im konkreten Fall ...................................... 28
D. Zusammenfassung ...................................................................................................................... 30
I. Glaubens- und Gewissensfreiheit im öffentlichen Grundschulunterricht.......................... 30
1. Der Verfassungsrechtliche Rahmen......................................................................... 30
2. Zu den Gutachtensfragen ......................................................................................... 31
2.1. Art. 3 des kantonalen Schulgesetzes ........................................................... 31
2.2. Kruzifix in Schulräumen............................................................................. 31
2.3. Verpflichtung zur Vorbereitung von Kultushandlungen............................. 32
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 1
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

II. Treuepflicht von öffentlich-rechtlich angestellten Lehrpersonen...................................... 33


1. Begriff und Grenzen der Treuepflicht...................................................................... 33
2. Öffentliche Äusserungen und Grundrecht der Meinungsfreiheit............................. 33
3. Vollzug von rechtswidrigen Dienstanordnungen..................................................... 34
E. Schlussergebnis ........................................................................................................................... 35
Literaturverzeichnis.................................................................................................................................. I
Fallverzeichnis ...................................................................................................................................... VI
Materialienverzeichnis ......................................................................................................................... VII
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 1
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

A. Sachverhalt und Gutachtensfragen schiedene, allgemeine Fragen zur Stellung


von Kirche und Religion an öffentlichen
I. Sachverhalt Walliser Schulen und deren rechtliche
Grundlagen im Besonderen. Eine persönli-
Herr Abgottspon war seit Oktober
che Kommentierung dieses Gespräches ver-
2006 an der öffentlichen Orientierungsschule
öffentlichte Herr Abgottspon am 23. August
Stalden im Kanton Wallis (OS Stalden) als
2010 auf der Internetseite der Freidenkerver-
Lehrperson tätig. In dieser Funktion unter-
einigung des Kantons Wallis.
richtete er Schülerinnen und Schüler im
Rahmen ihrer obligatorischen Schulpflicht Am 25. August 2010 wandte sich
vom 7. bis 9. Schuljahr. Herr Abgottspon mit verschiedenen Forde-
rungen an die Schuldirektion Stalden. Er
Im Schulbetrieb der OS Stalden neh-
ersuchte die Entfernung sämtlicher Kruzifixe
men christliche Symbole und Praktiken ei-
aus den von ihm zur Lehrtätigkeit benutzten
nen gewissen Stellenwert ein. In verschiede-
Räumlichkeiten, seine Dispensation von der
nen Klassenzimmern wie auch im Lehrer-
Teilnahme an der wöchentlichen Schulmesse
zimmer sind Kruzfixe an den Wänden ange-
sowie von der Verpflichtung zur Bestim-
bracht. Teil des wöchentlichen Schulpro-
mung von Messdienern und Lektoren aus
gramms sind Schulmessen und Meditation,
seiner Schülerschaft.
von der Schülerinnen und Schüler fremder
Konfessionen oder Glaubensrichtungen dis- Am 10. September gelangte der Prä-
pensiert werden können. Die Schulmessen sident der Gemeinde Stalden an den Staatsrat
werden von katholischen Geistlichen geleitet. des Kantons Wallis. Er wies auf die gegen-
über der lokalen Schulkommission vorge-
Im Frühjahr 2009 entfernte Herr Ab-
brachten Forderungen hin und kommentierte
gottspon das in seinem Klassenzimmer auf-
diese. Dabei wurde Herr Abgottspon nicht
gehängte Kruzifix und übergab es während
persönlich identifiziert, sondern es wurde
einer Sitzung der Schuldirektion. Als Be-
allgemeine von Vorbringen einer Lehrperson
gründung gab er an, dass er im Sinne eines
gesprochen.
religionsneutralen Schulunterrichts und aus
persönlicher Überzeugung keine christlichen Das Gesuch von Herrn Abgottspon
Symbole in seinem Unterrichtsraum wün- vom 25. August 2010 an die Schuldirektion
sche. Diesem Anliegen widersprach die Stalden wurde am 15. September 2010 von
Schuldirektion nicht, und das Kruzifix wurde der Regionalen Orientierungsschulkommis-
fortan in einem Schrank des Lehrerzimmers sion und den Regionsgemeinden (handelnd
aufbewahrt. Zusätzlich traf Herr Abgottspon durch die Gemeindepräsidenten) vollum-
mit seinen Lehrerkollegen Abmachungen fänglich abgelehnt. Sie stützten sich dabei
darüber, dass diese ihn beim Gang in die auf Art. 3 des Kantonalen Gesetzes über das
Schulmesse vertreten konnten. In der Zwi- öffentliche Unterrichtswesen vom 04. Juli
schenzeit beaufsichtigte er die von der Mes- 1962, wonach die Schüler durch die Schule
se dispensierten Kinder. u.a. auf ihre Aufgaben als Christen vorberei-
tet werden müssen. Herr Abgottspon wurde
Am 11. August 2010 fand auf Ersu-
darauf hingewiesen, dass sein persönliches
chen von Herrn Abgottspon ein Gespräch
Gedankengut in Glaubensfragen nicht in den
mit zwei Vertretern der Dienststelle für Un-
Unterricht einfliessen und die Schule nicht
terrichtswesen des Departements für Erzie-
mehr durch öffentliche Auftritte seinerseits
hung, Kultur und Sport des Kantons Wallis
geschädigt werden dürfe. Zusätzlich wurde
statt. Dieses Gespräch führte Herr Ab-
er dazu aufgefordert, das im Frühjahr 2009
gottspon in seiner Funktion als Präsident der
entfernte Kruzifix bis am 20. September
Walliser Freidenker-Vereinigung, die er mit
2010 wieder in seinem Klassenzimmer an-
Gleichgesinnten am 1. Mail 2010 gegründet
zubringen.
hatte. Gegenstand des Gesprächs waren ver-
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 2
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Dieses Schreiben beantwortete Herr Erziehung, Kultur und Sport bestätigt und
Abgottspon mit Brief vom 21. September Herrn Abgottspon am 19. Oktober 2010 zu-
2010, den er an die Schulpräsidentin der OS gestellt.
Stalden adressierte. Im Wesentlichen wie-
derholte er darin seine bereits am 25. August
2010 an die Regionale Orientierungsschul- II. Gutachtensfragen
kommission gerichteten Forderungen und Aus dem bei den Akten liegenden
verlangte, dass ihm alternativ eine anfecht- Schriftverkehr zwischen Herrn Abgottspon
bare Verfügung mit Rechtsmittelbelehrung und dem Gemeinwesen sowie aus internen
eröffnet werde. Dokumenten des Gemeinwesens wird nach-
Am 08. Oktober 2010 kündigte der vollziehbar, welche Gründe zur Auflösung
Regionalrat der Orientierungsschule Stalden des Arbeitsverhältnisses geführt haben. Bis
das Arbeitsverhältnis von Herrn Abgottspon kurz vor der Freistellung drehte sich die
mit sofortiger Wirkung. Der Entschluss zur Auseinandersetzung ausschliesslich um die
fristlosen Kündigung war von der Regiona- Rolle religiöser Praktiken und Symbole an
len Orientierungsschulkommission und den den öffentlichen Schulen des Kantons und
Gemeindepräsidenten der Schulregion Stal- die damit verbundene öffentliche Diskussion.
den am 28. September anlässlich einer ge- So wurde – auf Hinweis des Adjunkts der
meinsamen Sitzung beschlossen worden. Dienststelle für Unterrichtswesen des kanto-
nalen Erziehungsdepartementes – von der
Im entsprechenden Sitzungsprotokoll Schulbehörde erst am Tag der Kündigung
findet sich eine chronologische Zusammen- entschieden, „auf zwei Schienen“ zu fahren
fassung der Ereignisse, die zur Sitzung und und für die Begründung der Entlassung auch
dem anschliessenden Entscheid geführt ha- die noch offen stehenden Qualifikationen
ben. Dabei werden als problematische The- von Herr Abgottspon heranzuziehen.
men ausschliesslich die atheistische Einstel-
lung, die öffentlichen Meinungsäusserungen Bei dieser Sachlage ist davon auszu-
von Herrn Abgottspon und die damit ver- gehen, dass die ursprünglichen Differenzen
bundenen Ereignisse erwähnt. Die Verfü- über die Kruzifixe in den Schulräumen und
gung nennt als Gründe für die Entlassung Herrn Abgottspons öffentliche Äusserungen
jedoch das gestörte Vertrauensverhältnis als Präsident der Freidenkervereinigung,
zwischen Herrn Abgottspan und der Regio- obwohl im Kündigungsschreiben nicht ex-
nalen Orientierungsschulkommission sowie plizit genannt, der Grund für die fristlose
seine noch unbeendete Ausbildung. Das ge- Auflösung des Arbeitsverhältnisses waren.
störte Verhältnis sei auf verschiedene Vor- Dadurch stellen sich mit Blick auf verfas-
kommnisse in den Schuljahren 2009/2010 sungsmässig garantierte Grundrechte und
und 2010/2011 zurückzuführen, ohne dass Grundprinzipien verschiedene Rechtsfragen.
diese in der Verfügung näher konkretisiert Zunächst muss der Frage nachgegan-
wurden. Im Weiteren seien die von der gen werden, ob die geschilderten Vorkomm-
Schulkommission im Schreiben vom 15. nisse zu Verletzungen der Glaubens- und
September 2010 an Herrn Abgottspon ge- Gewissensfreiheit geführt haben. Konkret
stellten Forderungen (Wiederaufhängen des muss geprüft werden, ob von Herrn Ab-
Kruzifixes und Unterlassung öffentlicher gottspon verlangt werden durfte, in einem
Äusserungen) nicht erfüllt worden. Vielmehr Unterrichtsraum mit Kruzifix zu unterrichten
seien inakzeptable Gegenforderungen (Ent- und Vorbereitungen für Kultushandlungen
fernung des Kruzifixes auch in den verblei- durchzuführen. Insbesondere ist dabei der
benden Räumlichkeiten der Schule wie dem Frage nachzugehen, ob von Herrn Ab-
Lehrerzimmer) gestellt worden. gottspon verlangt werden durfte, das Kruzi-
Die Kündigung wurde am 13. Okto- fix in seinem Schulraum wieder aufzuhän-
ber vom Vorsteher des Departements für gen.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 3
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Im zweiten Teil des Gutachtens wird B. Glaubens- und Gewissensfreiheit


der Fokus auf die grundrechtlich garantierte im öffentlichen Grundschulunter-
Meinungsfreiheit gelegt. Neben dem Streit richt
um das Kruzifix haben insbesondere die öf-
fentlich geführte Diskussion und die dadurch I. Der Verfassungsrechtliche Rahmen
befürchteten negativen Konsequenzen für
das Gemeinwesen zur Kündigung von Herrn 1. Verhältnis von Kirche und Staat im
Abgottspon geführt. Darauf lässt nicht zu- Schweizerischen Bundesstaat
letzt der Umstand schliessen, dass das besag-
te Kruzifix schon über eineinhalb Jahre vor 1.1. Bundesrechtliche Vorgaben und
der Freistellung aus dem betreffenden Unter- kantonale Kompetenzen
richtszimmer entfernt worden war, ohne dass Die Schweiz kennt kein einheitlich
in der Zwischenzeit seine Wiederanbringung ausgestaltetes Verhältnis zwischen Gemein-
gefordert worden wäre. Dies wurde erst dann wesen und Glaubensgemeinschaften.1 In der
zum Problem, nachdem sich Herr Ab- geltenden Bundesverfassung und ihren Vor-
gottspon öffentlich zum Verhältnis zwischen gängern wurde nie eine einheitliche Staats-
Kirche und Staat im Kanton Wallis geäussert kirchenordnung vorgeschrieben, weshalb die
hatte. Kantone für die Beziehung zwischen Kirche
Es stellt sich deshalb die Frage, ob er und Staat zuständig sind. Diese Kompetenz
durch seine Äusserungen in der Öffentlich- wurde in den Bundesverfassungen von 1848
keit gegen die ihm als öffentlich-rechtlich und 1874 aus der subsidiären Generalkom-
angestellte Lehrperson auferlegte Treue- petenz der Kantone gemäss Art. 3 abgeleitet2
pflicht verstosse hat, oder ob sie vom Grund- und ist heute in Art. 72 Abs. 1 BV deklarato-
recht auf Meinungsfreiheit gedeckt waren. risch festgehalten3.

Aus Sicht der Treuepflicht ist weiter So begannen parallele Entwicklungen


relevant, ob die Weigerung zur Vornahme in den Kantonen, die von lokalen Traditio-
der Dienstanweisung, das entfernte Kruzifix nen in unterschiedlicher Weise beeinflusst
wieder im Unterrichtszimmer anzubringen, wurden. 4 Dies führte zu den heute 26 ver-
eine Verletzung darstellt. schiedenen Regulierungssystemen in der
Schweiz, die von einer strikten Trennung
Von der Beantwortung dieser Fragen zwischen Kirche und Staat bis hin zur Aner-
wird abhängen, ob die Kündigung von Herr kennung einer Kirche als kantonale Instituti-
Abgottspons Anstellungsverhältnis mit der on reichen.5
Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie der
Meinungsfreiheit vereinbar war. Seit Erlass der ersten Bundesverfas-
sung von 1848 waren diese Entwicklungen
Wie die nachfolgende Analyse zeigt, jedoch verfassungsrechtlichen Schranken
macht es aus grundrechtlicher Sicht im Er-
gebnis keinen Unterschied, ob die Auflösung
des Anstellungsverhältnisses aufgrund einer
1
ordentlichen oder einer fristlosen Kündigung EHRENZELLER, Zukunftsperspektive: Trennung
erfolgte. Das vorliegende Gutachten diffe- von Kirche und Staat, S. 187; LORETAN, Das kan-
tonale Staatskirchenrecht, S. 95.
renziert deshalb nicht entsprechend. 2
HAFNER, Trennung von Kirche und Staat, S. 230.
3
CAVELTI/KLEY, Art. 72 BV, N3.
4
CAMPICHE, Die Religion - Distanznahme des
Staates?, S. 23.
5
HAFNER, Vielfalt, nicht Einheit, S. 6f.; HENRICI,
Verhältnis Staat – Kirche, S. 19; CAMPICHE, Die
Religion - Distanznahme des Staates?, S. 25; LO-
RETAN, Das kantonale Staatskirchenrecht, S. 95.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 4
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

unterworfen. 6 So wurden die Kantone ge- EMRK und Art. 18 des UNO-Pakt II erge-
mäss Art. 44 BV (1848) dazu angehalten, die ben sich jedoch keine zusätzlichen Anforde-
Kultusfreiheit für Angehörige christlicher rungen an das kantonale religionsrechtliche
Konfessionen zu beachten. Mit der Totalre- System.11
vision der Bundesverfassung wurde dieser
Schutz mit Art. 49 und 50 BV (1874) zu Die Glaubens- und Gewissensfreiheit
einer nicht nur auf Kultushandlungen christ- tendiert im Grundsatz auf eine Trennung von
licher Konfessionen beschränkte, sondern Kirche und Staat. 12 Der verfassungsrechtli-
viel weitere Glaubens-, Gewissens- und Kul- che Vorbehalt von Art. 72 BV zugunsten
tusfreiheit ausgedehnt.7 einer engeren Verschränkung der Kantone
mit gewissen Religionsgemeinschaften stellt
In den folgenden Jahrzehnten entwi- deshalb eine Einschränkung dieses Grund-
ckelte sich die schweizerische Religions- rechts dar. Angesichts der unterschiedlichen
landschaft zu einem zunehmend heterogenen kantonalen Regelungen ist es unabdingbar,
Gebilde. Für den Staat ging es immer weni- die rechtliche Regelung des Verhältnisses
ger bloss darum, zwischen christlichen Kon- von Staat und Religionsgemeinschaften im
fessionen zu vermitteln, sondern er wurde Kanton Wallis näher zu beleuchten.
vermehrt gefordert, seine Haltung gegenüber
einer ganzen Reihe von religiösen und welt-
anschaulichen Einflüssen zu klären. 8 1.2. Verhältnis von Kirche und Staat im
Schliesslich wurden die genannten Garantien Kanton Wallis
durch die Nachführung im Jahre 1999 mit Anlässlich der Totalrevision der Wal-
Art. 15 in modernisierter und gestraffter liser Kantonsverfassung im Jahre 1907 wur-
Form in die aktuelle Bundesverfassung ü- de mit Art. 2 Abs. 1 folgende Bestimmung
bernommen.9 übernommen: „Die römisch-apostolisch-
Weitere Schranken bei der Regelung katholische Religion ist die Staatsreligion“.13
des Verhältnisses zu Glaubensgemeinschaf- Im Grossen Rat wurden damals Bedenken
ten werden den Kantonen durch den Grund- über die Verfassungsmässigkeit dieser Be-
satzes rechtstaatlichen Handelns (Art. 5 BV) stimmung geäussert, da sie sich nicht mit der
sowie dem Rechtsgleichheits- und dem Dis- durch Art. 49 und 50 BV (1874) gewährleis-
kriminierungsverbot (Art. 8 BV) gesetzt. 10 teten Glaubens-, Gewissens- und Kultusfrei-
Neben diesen bundesrechtlichen Vorgaben heit vertrage. 14 Diese Bedenken wurden
enthalten auch völkerrechtliche Überein- indes nicht von der Mehrheit der Grossräte
kommen für die Schweiz verbindliche Be- geteilt. Die Bestimmung sollte nach Ansicht
stimmungen zur Glaubens- und Gewissens- dieser Mehrheit keine tatsächliche Wirkung
freiheit. Aus der heutigen Praxis zu Art. 9 entfalten, sondern lediglich als Ausdruck für
die im Kanton Wallis historisch gewachsene
Wechselwirkung zwischen Staat und Kirche
6
dienen. Im Übrigen galt im Kanton der
Vgl. aber HAFNER, Glaubens- und Gewissens- Grundsatz der Trennung zwischen Kirche
freiheit, N34, der festhält, dass die Kantone trotz
der vereinzelten Vorgaben weitgehend frei sind in
der Ausgestaltung ihres Verhältnisses zu den Re-
ligionsgemeinschaften.
7 11
SAHLFELD, Aspekte der Religionsfreiheit, S. 41. LORETAN, Das kantonale Staatskirchenrecht, S.
8
CAMPICHE, Die Religion - Distanznahme des 94.
12
Staates?, S. 24. EHRENZELLER, Zukunftsperspektive: Trennung
9
BIAGGINI, Art. 15 BV, N1; Vgl. Punkt B.I.2, S. 5, von Kirche und Staat, S. 188; NAY, Positive und
für eine umfassende Darstellung der heutigen negative Neutralität des Staates, S. 217.
13
Gehalte von Art. 15 BV. BBl 1907 V 615.
10 14
HANGARTNER, Überblick Religionsfreiheit, S. TROGER, Geschichte der Verfassung des Kantons
450; CAVELTI/KLEY, Art. 72 BV, N4. Wallis, S. 110.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 5
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

und Staat. 15 Keine Kirche war öffentlich- im Kanton Wallis, wie auch in diversen an-
rechtlich anerkannt. Dennoch war der Kan- deren Kantonen, keine weiteren Glaubens-
ton Wallis der einzige Stand im 20. Jahrhun- richtungen öffentlich-rechtlich anerkannt.22
dert, der eine bestimmte Religion zur Staats-
religion erklärte.16 Von der Bundesversamm- Die damit verbundene rechtliche Pri-
lung wurde die Kantonsverfassung denn vilegierung einzelner Gemeinschaften durch
auch nur unter Vorbehalt der Glaubens-, Zuerkennung eines öffentlich-rechtlichen
Gewissens- und Kultusfreiheit gewährleis- Status ist gemäss nationaler wie internatio-
tet.17 naler Lehre und Praxis jedoch nicht verbo-
ten. 23 Die Vorgaben der Bundesverfassung
Bei einer kantonalen Volksabstim- gebieten keine rechtliche Beziehungslosig-
mung im Jahre 1974 wurde ein überarbeite- keit von Staat und Kirchen. Die verfassungs-
ter Art. 2 KV-VS vom Volk angenommen.18 rechtlichen Voraussetzungen werden dann
Die wichtigsten Neuerungen waren der Ver- erfüllt, wenn die öffentlich-rechtliche Aner-
zicht auf eine Staatsreligion und die öffent- kennung auch anderen Glaubensgemein-
lich-rechtliche Anerkennung der römisch- schaften offen steht.24
katholischen und evangelisch-reformierten
Kirchen.
2. Glaubens- und Gewissensfreiheit
Die Umsetzung dieses Volksent-
scheides stellte den kantonalen Gesetzgeber 2.1. Individualrechtliche Ansprüche
jedoch vor grosse Probleme, so dass die neue
Verfassungsbestimmung erst 1993, also 2.1.1. Rechtsquellen und Schutzbereich
neun Jahre nach der Volksabstimmung, ge-
In der Schweiz sind die Grundrechte
meinsam mit den gesetzlichen Ausführun-
der religiösen oder weltanschaulichen Über-
gen19 in Kraft treten konnte. Seither genies-
zeugung und Entfaltung sowie des Gewis-
sen die anerkannten Kirchen insbesondere
sens durch innerstaatliche und völkerrechtli-
finanzielle Vorteile. So werden sie bei Be-
che Garantien in vielfältiger Weise ge-
darf und auf Gesuch hin durch Beiträge der
schützt: Sie werden von allen Kantonsver-
Gemeinden und des Kantons finanziert und
fassungen 25 gewährleistet, von den Art. 15
können andererseits auch eine Kultussteuer
und 72 BV, von Art. 9 EMRK, Art. 14 KRK
bei ihren Angehörigen erheben. 20 Diese
und den Art. 18 und 27 UNO-Pakt II; zudem
Rechte stehen auch anderen Konfessionen
sind sie auch in Art. 10 EGRC aufgeführt. In
offen, sofern sie durch ein kantonales Gesetz
solchen Garantien kommt die Erfahrung zum
anerkannt werden. 21 Bisher wurden jedoch
Ausdruck, dass der Mensch in seinem Glau-
ben einen wesentlichen Kern seiner Existenz
15 erlebt, in welchem er vom Machtanspruch
BBl 1974 II 995.
16
TROGER, Geschichte der Verfassung des Kantons des Staates oder anderer sozialer Kräfte im-
Wallis, S. 110.
17
BBl 1974 II 996; vgl. Art. 51 Abs. 2 BV.
18
BBl 1974 II 994.
19
Gesetz über das Verhältnis zwischen Kirchen und wenn der Begriff der Konfession weit und nicht
Staat vom 13. November 1991, SGS 180.1; Aus- nur mit Bezug auf das Christentum verstanden
führungsreglement zum Gesetz über das Verhält- wird.
22
nis zwischen Kirchen und Staat im Kanton Wallis CAVELTI/KLEY, Art. 72 BV, N11.
23
vom 7. Juli 1993, SGS 180.100. SAHLFELD, Aspekte der Religionsfreiheit, S. 111;
20
Vgl. Art. 13, 14 und 16 GVKS/VS und Art. 22f. MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 281 mit wei-
RVKS/VS. teren Hinweisen.
21 24
Vgl. Art. 3 GVKS/vs, wo ausdrücklich von Kon- HAFNER, Glaubens- und Gewissensfreiheit, N34;
fessionen und nicht Religionsgemeinschaften die Für eine nähere Umschreibung des Begriffs der
Rede ist. Mit der Neutralitätspflicht vereinbar ist Neutralitätspflicht, siehe Punkt B.I.2.2, S. 7ff.
25
diese kantonale Gesetzesbestimmung nur dann, Vgl. Art. 2 KV/VS.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 6
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

mer wieder bedroht ist und daher geschützt bensüberzeugungen, wenn sie „eine genü-
werden muss.26 gend grundsätzliche, gesamtheitliche Sicht
der Welt zum Ausdruck bring(en)“32.
Der sachliche Schutzbereich völker-
rechtlicher Bestimmungen geht nicht über Unter Religionsfreiheit versteht die
jenen der Bundesverfassung hinaus. 27 Er Bundesverfassung auch die Freiheit der
umfasst zunächst die Glaubens- und Gewis- Weltanschauungen. Diese erheben keine
sensfreiheit. Als Glaube ist grundrechtlich (objektiven) Absolutheitsansprüche, sind
jede Beziehung des Menschen zu letztver- keine Wissens- oder Glaubenssysteme, son-
bindlichen Gehalten geschützt28, unabhängig dern – auch bruchstückhafte – Deutungen
von ihrer quantitativen Verbreitung29. Neben der Welt für das menschliche Lebensver-
theistischen Glaubensrichtungen fallen auch ständnis.33
etwa agnostische, freidenkerische, atheisti-
sche und rationalistische Überzeugungen Schliesslich ist auch das Gewissen
darunter.30 Auch das Bundesgericht fasst den geschützt, d.h. jene kritische Instanz, die
Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit dem Leben und Handeln des Einzelnen ethi-
weit und zählt „grundsätzlich alle Arten von sche oder moralische Massstäbe setzt. Im
Vorstellungen über die Beziehung des Men- Gegensatz zur Meinung, die sich als Argu-
schen zum Göttlichen beziehungsweise zum ment der Auseinandersetzung mit anderen
Transzendenten“31 zu den geschützten Glau- Menschen stellt, zeichnet sich die Gewis-
sensentscheidung durch ihre innere, subjek-
tiv erlebte Letztverbindlichkeit und Unbe-
26
BGE 114 Ia 129 E2.a S. 132 (Laubhüttenfest); dingtheit aus, durch ihre Funktion, dem je-
MÜLLER, Religionsfreiheit, S. 1ff. weiligen menschlichen Dasein Individualität
27
CAVELTI/KLEY, Art. 15 BV, N5; die völkerrecht- und Sinn zu geben.34
lichen Bestimmungen sind unter gegenseitigem
Einfluss entstanden und haben deshalb grössten- Neben der Glaubens- und Gewissens-
teils die gleichen Gehalte. Art. 9 EMRK beruht
auf und entspricht weitgehend Art. 18 UNO-Pakt freiheit ist in Art. 15 Abs. 2 BV auch die
II, vgl. SAHLFELD, Aspekte der Religionsfreiheit, Kultusfreiheit geschützt. Sie schützt kollek-
S. 93; Art. 10 EGRC entspricht wörtlich Art. 9 tive religiöse Handlungen wie Gottesdienste,
EMRK und hat deshalb eine entsprechende Be- Prozessionen usw., aber auch individuell
deutung und Tragweite, vgl. GAITANIDES, Art. 10 ausgeübte Kultushandlungen (z.B. Beichte,
EGCR, N14.
28
AUBERT, Bundesstaatsrecht II, N2014: „Die Meditation, Gesundbeten). 35 Ein Kultus
Glaubens- und Gewissensfreiheit [...] bedeutet zeichnet sich in der Regel durch eine in ritu-
das Recht für jedermann, seine eigene Meinung eller Form geäusserte Glaubensüberzeugung
über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch aus. Sowohl Einzelne als auch Religionsge-
zu haben, an den Gott der Christen - Katholiken, meinschaften können sich darauf berufen.36
Protestanten oder Sekten -, an den Gott der Juden
oder der Mohammedaner, an mehrere Götter oder Nicht nur die Freiheit, eine bestimmte
an keinen Gott zu glauben“.
29
BGE 119 Ia 178 E4b S. 184 (Schwimmunter- Glaubensrichtung oder Weltanschauung zu
richt); BGE 134 I 49 E2.3 S. 51 (Buchs); BGE
134 I 56 E4.3 S. 60 (Birr); vgl. auch BGE 123 I
296 E2b/aa S. 300f. (Kopftuch). zum UNO-Pakt II siehe JO-
30
MRA Leirvåg v. Norway, 1155/2003 (2004) Ziff. SEPH/SCHULTZ/CASTAN, ICCPR, N17.02; MRA
14.2; EGMR Kuznetsov v. Russia, 184/02 (2007), General Comment No. 22 (1993) Ziff. 2.
32
N56; EGMR Angeleni v. Sweden, 10491/83 BGE 125 I 369 E1b S. 372 (Scientology Basel).
33
(1986) N3; vgl. auch KRISHNASWAMI, UN Report Zum Begriff der Weltanschauung vgl. etwa RHI-
- religious rights and practices, N1. NOW, Religionsfreiheit heute, S. 46.
31 34
BGE 119 Ia 178 E4b S. 183 (Schwimmunter- MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 259.
35
richt); Zur Umschreibung, was «Religion» im Sin- EHRENZELLER, Glauben, Gewissen und Weltan-
ne der EMRK und des UNO-Pakt II bedeutet, sie- schauung, N18.
36
he TAYLOR, Freedom of Religion; spezifisch zur BGE 97 I 221 E3c S. 227f. (Neuapostolische
EMRK siehe KILKELLY, Art. 9 EMRK, S. 426f; Kirche).
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 7
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

haben, sondern auch die Möglichkeit, diese fentliches Interesse vorausgesetzt. Die Ein-
zu praktizieren, ist grundrechtlich ge- schränkung hat zudem verhältnismässig zu
schützt. 37 Unter die Freiheit, den religiösen sein, d.h. der Eingriff muss für das Erreichen
oder weltanschaulichen Überzeugungen ge- des öffentlichen Interesses geeignet und der
mäss zu leben, fallen z.B. Bekleidungs- und betroffenen Person zumutbar sein, ohne dass
Essensvorschriften und andere Verhaltensre- ein weniger einschneidendes Mittel zur Ver-
geln, die Ausdruck dieser Überzeugung sind. fügung stehen würde.42
Weiter gelten auch die Verbreitung der eige-
nen Glaubensansichten, die Werbung neuer Auch die völkerrechtlichen Bestim-
Anhänger und die Kritik an anderen Glau- mungen in Art. 9 EMRK sind gewissen
bensauffassungen, als geschützte Glaubens- Schranken unterworfen. Hier gelten jedoch
betätigung.38 keine allgemeinen Schranken im Sinne von
Art. 36 BV, sondern die Zulässigkeitsvor-
Der Kerngehalt der Glaubens- und aussetzungen für einen Eingriff sind für das
Gewissensfreiheit wird in Art. 15 Abs. 4 BV betreffende Grundrecht selbst geregelt. So
ausgeführt: Niemand darf gezwungen wer- erlaubt Art. 9 Ziff. 2 EMRK nur jene Ein-
den, einer Religionsgemeinschaft beizutreten schränkungen, „die gesetzlich vorgesehen
oder anzugehören, eine religiöse Handlung und in einer demokratischen Gesellschaft
vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu notwendig sind für die öffentliche Sicherheit,
folgen. Dieser innerste Bereich der religiö- zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Ge-
sen und ethischen Selbstverantwortung, das sundheit oder Moral oder zum Schutz der
forum internum 39 , soll jedem staatlichen Rechte und Freiheiten anderer“. Da die Pra-
Zugriff entzogen sein.40 xis im Bezug auf diese Schrankenregelung
weitgehend jener zu Art. 36 BV entspricht,
wird im Folgenden nicht einzeln darauf ein-
2.1.2. Schranken der Glaubens- und Ge- gegangen.43
wissensfreiheit
Die Eingriffsvoraussetzungen werden
Art. 36 BV legt die Voraussetzungen jedoch nicht uniform angewandt. Personen
für die Beschränkung der Freiheitsrechte in einem sog. besonderen Rechtsverhältnis44,
generell fest.41 So wird für Einschränkungen die in einem besonderen Verhältnis zum
eine genügende gesetzliche Grundlage und Staat stehen, haben zusätzliche Pflichten. Sie
ein die Interessen am Schutz der Glaubens- müssen sich deshalb weitergehende Ein-
und Gewissensfreiheit überwiegendes öf- schränkungen als die übrigen Grundrechts-
träger gefallen lassen. 45 Insbesondere sind
hier die Anforderungen an die gesetzliche
37
MAHON, Art. 15 BV, N7; BIAGGINI, Art. 15, N7f;
Für die Frage, in wie weit sich Lehrpersonen an
42
öffentlichen Schulen auf diesen Anspruch stützen SCHEFER, Beeinträchtigung von Grundrechten, S.
können, siehe Punkt B.I.2.3.1, S. 11. 53ff.
38 43
TAYLOR, Freedom of Religion, S. 25f., 53f., RHINOW/SCHEFER, Schweizerisches Verfassungs-
sowie 111-114; EVANS, Freedom of Religion, S. recht, N1232.
44
108-111; MAHON, Art. 15 BV, N7. In der älteren Lehre und Rechtsprechung ist dies-
39
Zur Ambivalenz dieses Konzepts siehe EVANS, bezüglich oft von einem sog. Sonderstatusver-
Freedom of Religion, S. 72-79; eine eingehende hältnis die Rede. Dazu gehören Personengruppen
Auseinandersetzung mit der Praxis des EGMR bei wie Beamte (inkl. Lehrpersonen öffentlicher
TAYLOR, Freedom of Religion, S. 198-202. Schulen), Strafgefangene, Studierende oder An-
40
MAHON, Art. 15 BV, N11; EHRENZELLER, Glau- gehörige der Armee, RHINOW/SCHEFER, Schwei-
ben, Gewissen und Weltanschauung, N44, 51; zerisches Verfassungsrecht, N1211.
45
Urteil 1P.149/2004 E3.1. Vgl. Punkt B.I.2.3.1., S. 11, für eine eingehende
41
Für eine eingehende Darstellung der Dogmatik zu Darstellung der Auswirkungen eines Sondersta-
Art. 36 BV, siehe SCHEFER, Beeinträchtigung von tusverhältnisses für öffentlich-rechtlich angestell-
Grundrechten, S. 1ff. te Lehrpersonen.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 8
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Grundlage differenzierter zu beurteilen46. Zu gleichheitsgebot 52 und gebietet sich auch


beachten ist jedoch, dass bei Vorhandensein deshalb, weil mit einer einseitigen Stellung-
einer nur ungenauen gesetzlichen Grundlage nahme des Gemeinwesens eine Wertung
die weiteren Voraussetzungen des öffentli- anderer, nicht vom Staat geförderten Über-
chen Interesses und der Verhältnismässigkeit zeugungen verbunden ist.53
um so strenger geprüft werden müssen.47
Andererseits soll nicht das Ziel ver-
folgt werden, das Religiöse oder Weltan-
2.2. Grundsatz der Neutralitätspflicht schauliche völlig aus der Staatstätigkeit aus-
des Staates zuschliessen. 54 Verlangt wird vielmehr die
„unparteiische, gleichmässige Berücksichti-
2.2.1. Allgemeines gung der in einer pluralistischen Gesellschaft
auftretenden religiösen und weltanschauli-
Die Pflicht des Staates zur religiösen chen Überzeugungen“.55 Der Staat darf reli-
Neutralität und Toleranz gegenüber ver- giöse oder weltanschauliche Überzeugungen
schiedenen Glaubensbekenntnissen ergibt dann berücksichtigen, wenn dies unpartei-
sich als Ausfluss der in Art. 15 BV statuier- isch geschieht (positiv). Damit stehen die
ten Glaubens- und Gewissensfreiheit 48 und beiden Wirkungsweisen des Neutralitätsge-
aus dem Verbot nach Art. 8 Abs. 2 BV 49 , bots in einem unvermeidlichen Spannungs-
wegen der religiösen und weltanschaulichen verhältnis.56
Überzeugung zu diskriminieren. Die genann-
ten Bestimmungen umschreiben neben Der EGMR anerkennt die Neutrali-
grundrechtlichen Individualansprüchen auch tätspflicht als Ausfluss von Art. 9 EMRK57
ein staatliches Ordnungsprinzip, das sich auf und in den General Comments58 zu Art. 18
das institutionelle Verhältnis des Staates zu UNO-Pakt II hält der UNO-
einer oder mehreren Glaubensgemeinschaf- Menschenrechtsausschuss fest, dass der
ten bezieht. 50 Dieses Ordnungsprinzip stellt Staat nicht ausgehend von einer bestimmten,
einen Teilaspekt der staatlichen Neutralitäts- durch eine einzelne Glaubensrichtung ge-
pflicht dar und enthält positive und negative prägten Tradition andere Glaubensrichtun-
Gehalte.51 gen benachteiligen darf. Die Neutralitäts-
pflicht ist also national wie international auf
Einerseits darf der Staat nicht einsei- verbindliche Weise festgeschrieben. Über
tig Partei für eine bestimmte, religiös oder die Geltung als Ordnungsprinzip hinaus
weltanschaulich ausgerichtete Gruppierung stellt das Neutralitätsprinzip auch ein verfas-
einnehmen (negativ). Dieser Gehalt beinhal-
tet das Nichtidentifikations- und Rechts-

52
HANGARTNER, Kooperation von Staat und Reli-
gionsgemeinschaften, S. 101.
46 53
Vgl. SCHEFER, Beeinträchtigung von Grundrech- BGE 116 Ia 252 E7b S. 262 (Kruzifix); so wohl
ten, S. 67ff. auch EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 (2009) N50.
47 54
TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit EHRENZELLER, Zukunftsperspektive: Trennung
in der Schule, S. 1423f. von Kirche und Staat, S. 188; NAY, Positive und
48
BGE 118 Ia 46 E4e/aa S. 58 (infoSekta); BBl negative Neutralität des Staates, S. 218.
55
1997 I 156. BGE 118 Ia 46 E4e/aa S. 58 (infoSekta); BGE
49
HANGARTNER, Überblick Religionsfreiheit, S. 123 I 296 E4b/bb S. 308 (Kopftuch).
56
450; MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 269. BVerfG 93, 1, S. 22 (Deutscher Kreuz-Entscheid).
50 57
TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit EGMR Hasan & Chaush v. Bulgaria, N62; SAHL-
in der Schule, S. 1415; NAY, Positive und negati- FELD, Aspekte der Religionsfreiheit, S. 109f;
ve Neutralität des Staates, S. 217. KILKELLY, Art. 9 EMRK, S. 430.
51 58
NAY, Positive und negative Neutralität des Staa- General Comment No. 22 über Art. 18 UNO-Pakt
tes, S. 216. II, N8.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 9
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

sungsmässiges, von Einzelnen einklagbares le Prägung stark in den Hintergrund getreten


Recht dar.59 ist und von der Allgemeinheit nicht (mehr)
wahrgenommen wird. 64 Dies darf jedoch
Die Neutralitätspflicht gilt indes nicht nicht leichthin angenommen werden, da sich
absolut, was sowohl das Bundesgericht60 als traditionelle Religionen sonst in umfassender
auch der EGMR 61 anerkennen. Der Staat Weise darauf berufen könnten, womit Sinn
darf in gewissen Grenzen einzelne Religi- und Zweck der Neutralitätspflicht umgangen
onsgemeinschaften bevorzugen. 62 So er- würde.65
scheint die öffentlich-rechtliche Anerken-
nung gewisser Glaubensgemeinschaften
dann als mit der Neutralitätspflicht vereinbar, 2.2.2. Religiöse Neutralität an öffentli-
wenn sie anderen Gemeinschaften nicht auf- chen Grundschulen
grund unzulässiger Kriterien verweigert
wird.63 Wenn Berührungspunkte zwischen
einer staatlichen Tätigkeit und dem indivi-
Weitere Grenzen der Neutralitäts- dualrechtlichen Schutzbereich der Glaubens-
pflicht ergeben sich aus Regelungen, die und Gewissensfreiheit bestehen, wiegt ein
ihren Ursprung in der religiös geprägten Abweichen von der staatlichen Neutralität
Entwicklung des jeweiligen politischen Ge- besonders schwer. 66 In dieser Hinsicht be-
meinwesens haben. Hier sind es jedoch nicht sonders empfindlich ist der Bereich öffentli-
die religiösen Gehalte, sondern die daraus cher Schulen.67 Hier tritt das staatliche Ge-
entstandenen kulturellen Prägungen, die eine meinwesen den noch jungen, sich mitten in
gewisse Abkehr von der Neutralität legiti- ihrer Persönlichkeitsentwicklung befindli-
mieren können. Dies jedoch nur dann, wenn chen Schülerinnen und Schülern gegenüber.
die religiöse Konnotation durch die kulturel- Diese sind – obschon sie in einem besonde-
ren Rechtsverhältnis zum Staat stehen – auf-
grund ihrer noch ungefestigten Anschauun-
59
BGE 116 Ia 252 E1 S. 254 (Kruzifix); BGE 118 gen und unausgebildetem Kritikvermögen in
Ia 46 E3b S. 53 (infoSekta); BGE 123 I 296 einer Position besonderer Schutzbedürftig-
E4b/bb S. 308 (Kopftuch); BIAGGINI, Art. 15 BV,
N14; MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 269;
keit. 68 Weiter steht dem staatlichen Ge-
BORGHI, Art. 27 Abs. 3 BV (1874), N78; NAY, meinwesen auch der Anspruch Erziehungs-
Positive und negative Neutralität des Staates, S. berechtigter gegenüber, gemäss Art. 303
218. ZGB selber über die religiöse Erziehung
60
BGE 116 Ia 252 E5d S. 258 (Kruzifix); BGE 123 ihrer schulpflichtigen Kinder zu verfügen.
I 296 E4b/bb S. 308 (Kopftuch); BGE 118 Ia 46
E4e/aa S. 58 (infoSekta).
61
Die Strassburger Rechtsprechung kennt die sog.
64
„margin of apreciation“, in deren Rahmen den Dies hat beispielsweise für die Sonntagsruhe zu
Vertragsstaaten ein gewisser Spielraum bei der gelten, siehe MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S.
Durchsetzung der in der EMRK garantierten 272.
65
Rechte zugestanden wird. So wird explizit aner- MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 272.
66
kannt, dass Rechtstraditionen und moralische NAY, Positive und negative Neutralität des Staa-
Standards die Vertragsstaaten legitimieren kön- tes, S. 217; MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S.
nen, einzelne Religionsgemeinschaften staatlich 278.
67
anzuerkennen und mit gewissen Privilegien aus- TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit
zustatten, vgl. SAHLFELD, Aspekte der Religions- in der Schule, S. 1415; siehe auch EGMR Lautsi
freiheit, S. 237; EGMR Cha’are Shalom Ve Tse- v. Italy, 30814/06 (2009) N48.
68
dek vs. France, N84. Siehe Punkt B.I.2.3.2, S. 12, für Ausführungen
62
BBl 1997 I 156. zum Sonderstatusverhältnis und den konkreten
63
Vgl. MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 283, wo Ansprüchen von Schulkindern und deren Erzie-
zumindest die fehlende Legitimität einer Religi- hungsberechtigter; TAPPENBECK/DE MORTANGES,
onsgemeinschaft als unzulässiges Kriterium für Religionsfreiheit in der Schule, S. 1416; vgl. auch
die Verweigerung einer öffentlich-rechtlichen BVerfGE 93, 1, S. 20 (Deutscher Kreuz-
Anerkennung genannt wird. Entscheid).
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 10
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Verstärkt werden diese Ansprüche durch das 15 BV enthalten, der gemeinsam mit dem in
Obligatorium des Grundschulunterrichts für Art. 19 BV gewährleisteten Anspruch auf
das Kind 69 , da sich der Schulbesuch Grundschulunterricht und den in Art. 62 BV
zwangsmässig durchsetzen lässt.70 statuierten Grundsätzen des öffentlichen
Schulwesens gelesen werden muss.74
Die Bundesverfassung von 1874 trug
diesen Umständen in Art. 27 Abs. 3 BV Auch auf internationaler Ebene ist die
(1874) Rechnung, wo ausdrücklich garan- Neutralitätspflicht für das öffentliche Schul-
tiert wurde, dass öffentliche Schulen „von wesen ebenfalls verankert. Neben dem von
den Angehörigen aller Bekenntnisse ohne der Schweiz nicht unterzeichneten 1. Zu-
Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Ge- satzprotokoll der EMRK75 findet sich in Art.
wissensfreiheit besucht werden können“. Die 18 Abs. 4 UNO-Pakt II die Verpflichtung,
Grundidee dieser Bestimmung war, dass der „die Freiheit der Eltern und gegebenenfalls
Schulunterricht, mit Ausnahme des fakulta- des Vormunds oder Pflegers zu achten, die
tiven Religionsunterrichts, gegenüber den religiöse und sittliche Erziehung ihrer Kin-
verschiedenen Glaubensrichtungen neutral der in Übereinstimmung mit ihren eigenen
sein sollte. 71 Damit stellte die Bestimmung Überzeugungen sicherzustellen“. Eine ähnli-
ein für das öffentliche Bildungswesen gel- che Formulierung findet sich in Art. 14 KRK.
tendes lex specialis dar, obschon ihr Gehalt Auch internationale Garantien verbieten es
von dem allgemeinen Grundsatz bereits er- also, den öffentlichen Schulunterricht auf
fasst war. 72 So wurde diese „überflüssi- oder gegen eine bestimmte, von der Glau-
ge“ Bestimmung denn auch nicht in die neue bens- und Gewissensfreiheit geschützte Ge-
Bundesverfassung übernommen. 73 Der An- sinnung auszurichten.
spruch auf religiös neutralen Grundschulun-
terricht ist seither nur noch in der allgemei- Die Geltung des Grundsatzes religiös
nen Glaubens- und Gewissensfreiheit in Art. und weltanschaulich neutraler Schulen ist an
keine Voraussetzungen gebunden, sondern
hat als Teilgehalt des staatlichen Organisati-
69
onsprinzips der religiösen Neutralität vor-
Vgl. Art. 62 Abs. 2 Satz 2 BV; EHRENZEL- aussetzungslose Geltung. Der Umfang der
LER/SCHOTT, Art. 62 BV, N25ff.
70
Es gibt indes keine Verpflichtung, eine öffentli- Neutralitätspflicht darf grundsätzlich nicht
che Schule zu Besuchen, vgl. EHRENZEL- von der in Frage stehenden Schulstufe und
LER/SCHOTT, Art. 62 BV, N28; BIAGGINI, Art. 15 dem Alter der Schülerinnen und Schüler
BV, N6; Das deutsche Bundesverfassungsgericht abhängig gemacht werden. 76 Dieser Gehalt
hat sich in seinem Kreuz-Entscheid zum Umstand war bereits in der Bestimmung von Art. 27
geäussert, dass sich eine durch religionsgebunde-
ne öffentliche Schulen ausgehende, ungewünsch- Abs. 3 BV (1874) enthalten. 77 Auch eine
te Beeinflussung der Schulkinder durch den Be- weitgehend homogen zusammengesetzte
such einer Privatschule umgehen liesse. Zu Recht
hat es festgehalten, dass sich diese durch ein ei-
74
gens aufzubringendes Schulgeld finanzieren, was EHRENZELLER/SCHOTT, Art. 62 BV, N1; PLOTKE,
sich ein Grossteil der Bevölkerung nicht leisten Schweizerisches Schulrecht, S. 192; MÜL-
könne. Die Mehrheit der Schulkinder ist damit LER/SCHEFER, Grundrechte, S. 273; MAHON, Art.
faktisch zum Besuch einer öffentlichen Schule 15 BV, N15.
75
gezwungen, die entsprechend religionsneutral Art. 2 des 1. Zusatzprotokolls der EMRK sieht
aufgebaut sein muss, vgl. BVerfGE 93, 1, S. 18 vor, dass die Staaten im Rahmen der Schulbil-
(Deutscher Kreuz-Entscheid). dung das Recht der Eltern schulpflichtiger Kinder
71
BURCKHARDT, Art. 27 Abs. 3 aBV, S. 200. zu respektieren haben, selber über deren religiöse
72
BORGHI, Art. 27 Abs. 3 BV (1874), N64; MÜL- Erziehung zu entscheiden.
76
LER/SCHEFER, Grundrechte, S. 272; NAY, Positi- PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S. 192;
ve und negative Neutralität des Staates, S. 220; TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit
HAFNER, Glaubens- und Gewissensfreiheit, N31. in der Schule, S. 1416; kritisch: KARLEN, Religi-
73
Botschaft über eine neue Bundesverfassung vom öse Symbole in öffentlichen Räumen, S. 17.
77
20. November 1996, BBl 1997 I 156. BORGHI, Art. 27 Abs. 3 BV (1874), N65.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 11
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Schülerschaft vermag den Staat nicht von meinwesens, Kinder und Jugendliche in ihrer
seiner Neutralitätspflicht zu befreien. Gerade Entwicklung zu selbständigen und sozial
dort, wo nur kleine Minderheiten einer ande- verantwortlichen Personen zu fördern. 85 Da
ren Glaubensrichtung angehören, ist ein es in der Schule unvermeidbar ist, dass die
neutrales Gemeinwesen besonders wichtig.78 unterschiedlichen religiösen und weltan-
Toleranz wird primär jenen geschuldet, de- schaulichen Überzeugungen der Schüler und
ren grundrechtliche Ansprüche bedroht ihrer Eltern besonders intensiv aufeinander
sind. 79 Im Weiteren hat das Bundesgericht treffen86, sollte der Staat keinen areligiösen
explizit festgehalten, dass die Neutralitäts- Unterricht anstreben. Vielmehr sollten die
pflicht eines Gemeinwesens nicht davon verschiedenen Ausprägungen des religiösen
abhängig gemacht werden darf, ob entspre- mit den Schülern - unter Wahrung der Neut-
chende Ansprüche geltend gemacht wer- ralität – im Hinblick auf den Bildungsauftrag
den.80 Aufgrund fehlender Beschwerden darf thematisiert werden.87
nicht darauf geschlossen werden, dass sich
niemand in seinen religiösen oder weltan- Grundsätzlich gilt aber auch im öf-
schaulichen Gefühlen verletzt fühlt und der fentlichen Bildungswesen die Neutralitäts-
Staat deshalb nicht an die Neutralitätspflicht pflicht nicht absolut. So erscheint es ange-
gebunden wäre.81 sichts der persönlichen Überzeugungen der
Lehrpersonen kaum möglich, einen in jeder
Damit ist es einem Gemeinwesen Hinsicht neutralen Unterricht zu gewährleis-
nicht gestattet, den Unterricht an seinen öf- ten; eine gewisse persönliche Färbung des
fentlichen Schulen, deren Unterrichtsmetho- Unterrichts erscheint unvermeidbar. So kann
dik oder Organisationsform systematisch auf von einer Lehrperson nicht verlangt werden,
oder gegen bestimmte Glaubens- oder Ge- dass diese bei jedem Wort überlegt, ob es die
wissensgesinnungen auszurichten. 82 Hinge- Glaubens- und Gewissensfreiheit ihrer Schü-
gen wird areligiöser Unterricht als rechtmäs- ler tangiert. 88 Diese Rücksicht darf jedoch
sig erachtet83, obwohl hier die Gefahr einer nicht für die Unterrichtsmethoden oder die
antireligiösen Haltung besteht, die dem Unterrichtsmittel gelten. Eine nicht persönli-
Grundsatz der Neutralität nicht entsprechen che, sondern institutionalisierte religiöse
würde84. Zu beachten ist hingegen der sich Parteinahme würde gegen den Anspruch auf
aus Art. 61a Abs. 1 i.V.m. Art. 41 Abs. 1 lit. religiöse Neutralität verstossen und wäre
g BV ergebende Bildungsauftrag des Ge- nicht zulässig.

78
HANGARTNER, Überblick Religionsfreiheit, S.
448; PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S.
191f; BVerfGE 93, 1, S. 24 (Deutscher Kreuz-
Entscheid); EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 N55
(2009).
79
SAHLFELD, Aspekte der Religionsfreiheit, S. 116.
80
BGE 123 I 296 E4a S. 305 (Kopftuch); BGE 116
Ia 252 E6b S. 261 (Kruzifix); vgl. auch TAPPEN-
BECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit in der
85
Schule, S. 1425. BIGLER-EGGENBERGER, Art. 41 BV, N77.
81 86
Vgl. HANGARTNER, Kooperation von Staat und BVerfGE 93, 1, S. 21 (Deutscher Kreuz-
Religionsgemeinschaften, S. 98. Entscheid).
82 87
BGE 116 Ia 252 E6b S. 261 (Kruzifix); BGE 125 Ob es für ein Gemeinwesen dennoch zulässig ist,
I 347 E4b S. 356 (Freie Schule Freiburg); BIAG- seine öffentlichen Schulen auf die Vermittlung
GINI, Art. 15 BV, N14. von „christlichen Grundwerten“ oder anderen, re-
83
BORGHI, Art. 27 Abs. 3 BV (1874), N68. ligiös oder weltanschaulich geprägten Werten
84
BGE 123 I 296 E4b/bb S. 308 (Kopftuch); TAP- auszurichten, wird in diesem Gutachten separat
PENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit in behandelt, siehe Punkt B.II.1., S. 12.
88
der Schule, S. 1425. BORGHI, Art. 27 Abs. 3 BV (1874), N69.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 12
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

2.3. Ansprüche von Lehrpersonen, nahme einer Lehrperson auf die Schüler, die
Schülern und deren Eltern sich die Schule in gewissem Masse zurech-
nen lassen muss.94 Hier trifft den Staat eine
2.3.1. Ansprüche von Lehrpersonen Schutzpflicht, die Schülerinnen und Schüler
vor einer unrechtmässigen Grundrechtsbe-
Für Lehrpersonen an öffentlichen
einträchtigung durch seine Angestellten zu
Schulen müssen die aufgezeigten Gehalte
schützen. 95 Die Rücksichtnahme auf die
von Art. 15 BV getrennt behandelt werden.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehr-
So haben die individualrechtlichen Ansprü-
personen findet deshalb dort ihre Grenzen,
che eine andere Schutzrichtung als die Neut-
wo das öffentliche Interesse an der Neutrali-
ralitätspflicht des Staates. Erstere dienen
tät der Schule überwiegt.96
dem Schutz der Glaubens- und Gewissens-
freiheit Einzelner, die zweite darüber hinaus In dieser kurzen Darstellung wird er-
auch dem Schutz des religiösen Friedens.89 sichtlich, dass sich Beeinträchtigungen der
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehr-
Grundsätzlich können sich auch
personen insbesondere durch die Neutrali-
Lehrpersonen auf die Garantien des Art. 15
tätspflicht des Staates rechtfertigen lassen.
BV berufen.90 Durch ihre Stellung als Ange-
Wenn sich jedoch Lehrpersonen selbst auf
stellte des Gemeinwesens müssen sie jedoch
die Neutralitätspflicht berufen, um gegen
gewisse Einschränkungen hinnehmen, die
unneutrale Einflussnahmen des Gemeinwe-
sich durch ihre Treuepflicht91 und ihr beson-
sens vorzugehen, vermögen die Treuepflicht
deres Rechtsverhältnis zum Staat92 rechtfer-
und das besondere Rechtsverhältnis zum
tigen lassen.
Staat die Ansprüche nicht zu relativieren.
Ihre Tätigkeit ist mit der Pflicht ver- Mit dieser Geltendmachung eines Teilge-
bunden, die Ziele der Schule mitzutragen. halts der Glaubens- und Gewissensfreiheit
Sie unterstehen deshalb einer besonderen wird gerade versucht, einen verfassungsmäs-
Verpflichtung, den religiösen Frieden und sigen Zustand herzustellen. Lehrpersonen
die religiöse Neutralität zu wahren.93 Dieses werden deshalb nicht dabei eingeschränkt,
Ziel scheint dort gefährdet, wo das Ausleben die Neutralitätspflicht des Gemeinwesens
ihrer grundrechtlich geschützten Glaubens- geltend zu machen. Gewisse Grenzen wer-
und Gewissensfreiheit der religiösen Neutra- den ihnen jedoch durch die Treuepflicht da-
lität entgegenlaufen. Denkbar ist beispiels- bei gesetzt, wie sie diese Ansprüche – insbe-
weise eine spezifische religiöse Einfluss- sondere im Hinblick auf die Öffentlichkeit –
geltend machen.97
89
BGE 123 I 296 E4a S. 305. (Kopftuch).
90
Vgl. BGE 123 I 296 E4b S. 305f. (Kopftuch);
PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S. 201.
91
Der Begriff Treuepflicht ist auf Bundesebene in
Art. 20 Abs. 1 BPR umschrieben: „Die Angestell-
ten haben die ihnen übertragene Arbeit mit Sorg-
94
falt auszuführen und die berechtigten Interessen MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 275.
95
des Bundes beziehungsweise ihres Arbeitgebers MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 278f.
96
zu wahren.“; für eine eingehende Behandlung der NAY, Positive und negative Neutralität des Staa-
Treuepflicht von kantonal angestellten Lehrper- tes, S. 225, mit Hinweis auf BGE 123 I 296 E4b
sonen siehe Punkt C, S. 21ff. S. 305f. (Kopftuch); EPINEY/MOSTERS/GROSS,
92
Zum Begriff und den rechtlichen Implikationen, Kopftuch und religiöse Neutralität, S. 138f.; siehe
insb. im Hinblick auf die damit verbundene er- Punkt B.I.2.3.1., S. 11, für weitere Ausführungen
leichterte Einschränkung von Grundrechten, siehe zur Einschränkung grundrechtlicher Ansprüche
Punkt B.I.2.1.2, S. 6. von Lehrpersonen.
93 97
TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit Vgl. Punkt C.II.2., S. 24ff., wo die Beschränkung
in der Schule, S. 1423; BGE 123 I 296 E4b S. der Kommunikationsgrundrechte durch die
305f. (Kopftuch). Treuepflicht behandelt wird.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 13
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

2.3.2. Ansprüche von Schülern und deren KRK explizit fest, dass auch das Recht des
Eltern Kindes auf Gedanken-, Gewissens- und Re-
ligionsfreiheit von den Vertragsstaaten zu
Die Ansprüche von Schulkindern und achten ist.102
deren Eltern sind von denjenigen der Lehre-
rinnen und Lehrer zu unterscheiden. Weder
Eltern noch Kinder unterstehen einer Treue- II. Konkrete Fragen im vorliegenden
pflicht, die sie zu befolgen hätten. Wohl ste- Fall
hen die Kinder in einem besonderen Rechts-
verhältnis zur Schule 98 ; sie haben dadurch 1. Zulässigkeit von Art. 3 des kanto-
jedoch keinen verringerten Grundrechts- nalen Schulgesetzes
schutz hinzunehmen. Sie befinden sich viel-
mehr in einer besonders schützenswerten Vorliegend wurde Herr Abgottspon
Position 99 , was die Voraussetzungen des von der regionalen Schulkommission und
öffentlichen Interesses und der Verhältnis- den zuständigen Gemeindepräsidenten auf-
mässigkeit eines allfälligen Rechtseingriffs gefordert, das von ihm entfernte Kruzifix
stark verschärft. wieder in dem Klassenzimmer anzubringen.
Nachfolgend ist die Zulässigkeit dieser An-
Zu beachten ist jedoch, dass die reli- ordnung näher zu prüfen. Gestützt wurde sie
giöse Erziehung der Schülerinnen und Schü- auf Art. 3 des Gesetzes über das öffentliche
ler bis zum Erreichen des 16. Lebensjahres Unterrichtswesen (Schulgesetz)103:
Sache der Erziehungsberechtigten ist. 100
Art. 3 Allgemeine Aufgabe der Schule
Damit sind die Kinder erst ab diesem Zeit-
punkt religionsmündig und selber berechtigt, Die allgemeine Aufgabe der Walliser Schule
besteht darin, die Familie bei der Erziehung
über ihre religiöse Betätigung zu entscheiden. und Ausbildung der Jugend zu unterstützen.
Schon vor diesem Zeitpunkt muss jedoch das
Bewusstsein und das Kindeswohl beachtet Zu diesem Zwecke erstrebt sie die Zusam-
menarbeit mit den öffentlich-rechtlich aner-
werden, was Abweichungen von der eher kannten Kirchen (nachfolgend Kirchen ge-
hohen Altersgrenze zulässt.101 So hält der für nannt). Sie bemüht sich, die sittlichen, geis-
die Schweiz verbindliche Art. 14 Abs. 1 tigen und körperlichen Anlagen des Schülers
zur Entfaltung zu bringen und ihn auf seine
Aufgabe als Mensch und Christ vorzuberei-
98 ten.
TAPPENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit
in der Schule, S. 1415. Nur eine verfassungsmässige und
99
Vgl. SCHEFER, Beeinträchtigung von Grundrech-
ten, S. 69. konventionskonforme Bestimmung stellt
100
So festgehalten in Art. 303 Abs. 1 ZGB: „Über eine genügende Rechtsgrundlage für eine
die religiöse Erziehung verfügen die Eltern.“, Abs. Anordnung dar, die in grundrechtlich ge-
3: „Hat ein Kind das 16. Altersjahr zurückgelegt, schützte Positionen Einzelner einzugreifen
so entscheidet es selbständig über sein religiöses vermag. Problematisch erscheint im vorlie-
Bekenntnis.“ Dieses Recht der Eltern ist ein Teil-
gehalt ihrer aus Art. 15 BV garantierten Glau- genden Zusammenhang insbesondere der
bens- und Gewissensfreiheit, vgl. BREITSCHMID, Passus nach Art. 3 Abs. 2 des Schulgesetzes,
Art. 303 ZGB, N1. wonach sich die Walliser Schulen bemühen,
101
Im Weiteren soll nicht näher auf die Abgrenzung die Schüler auf ihre „Aufgabe als […] Christ
der Ansprüche von Eltern und ihrer Kinder ein- vorzubereiten“.
gegangen werden. Für die hier zu behandelnden
Fragen ist es unerheblich, ob einem staatlichen
Handeln die Glaubens- und Gewissensfreiheit der
Schülerinnen und Schüler oder diejenige ihrer El-
102
tern gegenüber stehen. Für eine ausführliche Be- FRÜH, UNO-Kinderrechtskonvention und
handlung siehe SAHLFELD, Aspekte der Religi- schweizerisches Schulrecht, S. 166ff.
103
onsfreiheit, S. 339; BREITSCHMID, Art. 303 ZGB, Gesetz über das öffentliche Unterrichtswesen des
N1ff. Kantons Wallis vom 4. Juli 1962, SGS 400.1.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 14
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Verschiedene kantonale Schulgesetze überwiegend kritisiert. 108 Unabhängig von


enthalten ähnlich formulierte Bestimmun- der Berechtigung dieser Kritik, kann die vor-
gen. 104 Der Bundesrat beurteilte in einem liegend zu beurteilende Bestimmung nicht
Entscheid aus dem Jahr 1984 eine gesetzli- mit der Begründung, wie sie dem bundesrät-
che Regelung des St. Galler Volksschulge- lichen Entscheid zugrunde liegt, gerechtfer-
setzes, das festhielt, dass die Volksschule tigt werden.
„nach christlichen Grundsätzen ge-
führt“ werde. 105 Der Bundesrat hielt dabei Der Bundesrat macht in seinem Ent-
fest, dass diese Bestimmung im Rahmen der scheid deutlich, dass eine Ausrichtung der
übrigen Ziele des Volksschulgesetzes gele- Grundschule an christlichen Grundsätzen,
sen werden müsse, wonach die Schüler zu die nicht auch als allgemeine ethische Prin-
lebensbejahenden, tüchtigen und gemein- zipien verstanden werden können, mit der
schaftsfähigen Menschen erzogen werden Garantie religiöser Neutralität des Staates
sollten, ihnen Anleitung zu selbständigem nicht vereinbar wäre. Es wird also zwischen
Denken und Handeln zu geben sei und die zulässiger Wertevermittlung und unzulässi-
Erziehung nach den Grundsätzen von De- gem Glaubensbekenntnis unterschieden. Mit
mokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit der kantonalen Bestimmung sei nicht eine
im Rahmen des Rechtsstaates zu verantwor- Hinführung zu konfessionellen Verhaltens-
tungsbewussten Menschen und Bürgern zu weisen, sondern vielmehr die Vermittlung
erfolgen habe. 106 Nur in diesem Rahmen von in unserem Kulturkreis anerkannten
käme das Anliegen zum Tragen, dass die ethischen und zwischenmenschlichen Nor-
Erziehung nach christlichen Grundsätzen zu men gemeint.109 Zu klären ist deshalb, ob der
erfolgen habe. fraglichen Bestimmung von Art. 3 Abs. 2
des kantonalen Schulgesetzes ein Gehalt
Aus diesem Zusammenhang werde zugemessen werden kann, der sie von einer
deutlich, dass es sich bei diesem Passus nicht spezifisch religiösen Stellungnahme entkop-
um ein spezifisch religiöses Bekenntnis pelt.
handle, sondern um eine allgemeine mensch-
liche Haltung, auf der die Erziehung aufbau- Die allgemeine Aufgabe der Volks-
en soll, und um ethische Prinzipien, die zu schule wird in Art. 3 des Gesetzes umschrie-
vermitteln ihr Ziel sei. „Dass dafür der Aus- ben. Die Hier relevante Bestimmung lautet
druck ‚christliche Grundsätze‘ gewählt wur- wie folgt: „Sie [die Walliser Schule] bemüht
de“, so der Bundesrat, „rechtfertigt sich aus sich, die sittlichen, geistigen und körperli-
der Tatsache, dass die abendländische Kultur chen Anlage des Schülers zur Entfaltung zu
in hohem Masse durch christliches Gedan-
kengut geprägt ist“.107 Diese Argumentation
108
des Bundesrates wird in der neueren Lehre Positiv äusserten sich noch TAPPENBECK/DE
MORTANGES, Religionsfreiheit in der Schule, S.
1417; vgl. auch PLOTKE, Schweizerisches Schul-
recht, S. 193, der betreffende Bestimmungen als
104
Vgl. § 2 des Gesetzes über die Volksschule des rechtmässig bezeichnet, weil sie „nur scheinbar
Kantons Thurgau vom 29. August 2007: „In Er- konfessionelle Anstriche“ hätten; In neueren
gänzung zum Erziehungsauftrag der Eltern er- Lehrmeinungen wird die Rechtsprechung jedoch
zieht sie die Kinder nach christlichen Grundsät- zunehmend kritisiert, vgl. BORGHI, Art. 27Abs. 3
zen und demokratischen Werten zu selbständigen, aBV, N73; MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S.
lebenstüchtigen Persönlichkeiten und zu Verant- 272ff.
109
wortungsbewusstsein gegenüber den Mitmen- BGE 116 Ia 252 E6b S. 261 (Kruzifix); VPB 51.7,
schen und der Umwelt.“; für weitere Beispiele St. Galler Schulgesetz, NII.4; TAPPENBECK/DE
siehe PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S. MORTANGES, Religionsfreiheit in der Schule, S.
193. 1417; vgl. auch PLOTKE, Schweizerisches Schul-
105
VPB 51.7, St. Galler Schulgesetz. recht, S. 193, der betreffende Bestimmungen als
106
VPB 51.7, St. Galler Schulgesetz, EII.4. rechtmässig bezeichnet, weil sie „nur scheinbar
107
VPB 51.7, St. Galler Schulgesetz, EII.4. konfessionelle Anstriche“ hätten.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 15
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

bringen und ihn auf seine Aufgabe als spezifisch als Christen vorzubereiten, nimmt
Mensch und Christ vorzubereiten“. Sie ver- er klar Stellung zugunsten der christlichen
pflichtet damit die Schule zunächst allge- Konfessionen. Dies kommt deutlich im ers-
mein darauf, die Schüler in ihren sittlichen, ten Satz von Art. 3 Abs. 2 zum Ausdruck,
geistigen und körperlichen Fähigkeiten zu wonach die Volksschule mit den öffentlich-
fördern. Damit sollen sie auf ihre künftigen rechtlich anerkannten Kirchen, d.h. der rö-
Aufgaben als „Mensch und Christ“ vorberei- misch-katholischen und der evangelisch-
tet werden. Das Gesetz verfolgt damit reformierten Kirche, zusammenarbeiten
grundsätzlich zwei Ziele, nämlich die Vorbe- soll.110 Art. 3 Abs. 2 richtet mit dem hier in
reitung der Schüler auf die Herausforderun- Frage stehenden Passus die Grundschule auf
gen ihrer künftigen Existenz als Menschen die christlichen Konfessionen aus. Eine
im Allgemeinen und als Christen im Beson- solch klare, spezifisch christliche Ausrich-
deren. Dazu sollen sie in ihren sittlichen, tung der Grundschule steht im Widerspruch
geistigen und körperlichen Fähigkeiten ge- zur Garantie religiöser Neutralität und ist
schult werden. deshalb dem Staat verboten.
Unproblematisch erscheint das erste, Daran vermag nichts zu ändern, dass die
allgemeine Ziel, die Schüler auf ihre Aufga- heutige Kultur der Schweiz und insbesonde-
ben als Menschen vorzubereiten. Das zweite re des Kantons Wallis durch die christliche
Ziel, die Vorbereitung auf ihre Aufgaben als Vergangenheit geprägt ist. Diese Prägung ist
Christen, kann nun nicht in dem Sinn ver- aus Sicht der staatlichen Neutralität insoweit
standen werden, als dass damit eine spezifi- wenig problematisch, als sie Teil einer all-
sche menschliche Haltung, die unabhängig gemeinen, nicht mehr religiös konnotierten
von besonderen religiösen Überzeugungen Kultur geworden ist. Beispiele dafür stellen
wäre, in den Kindern gefördert werden soll. heute wohl insbesondere die Bestimmungen
Dieser Aspekt ist im Passus enthalten, wo- über die Sonntagsruhe dar, die kaum mehr
nach sie auf ihre Aufgabe „als Mensch“ vor- spezifisch religiöse Bedeutung haben. Wo
zubereiten sind. Die Vorbereitung auf ihre allerdings – wie vorliegend – spezifisch die
„Aufgabe als Christ“ tritt nach klarem Ge- christliche Religion hervorgehoben wird,
setzeswortlaut vielmehr zum allgemeinen kann dies nicht mit Hinweis auf die christli-
Erziehungsziel hinzu. Sie verlangt, dass die che Prägung der hiesigen Kultur gerechtfer-
Kinder insbesondere in ihren sittlichen und tigt werden.
geistigen Fähigkeiten so zu schulen sind,
dass sie als Erwachsene in der Lage sein Entsprechend hält das Bundesgericht in sei-
werden, ihre Aufgaben, die ihnen spezifisch ner Praxis fest, dass konfessionell ausgerich-
als Christen – und nicht als Muslime, Ange- tete öffentliche Schulen nur dann zulässig
hörige anderer Religionen oder als Atheisten wären, wenn ein Gemeinwesen für alle in
oder Agnostiker – zukommen, zu erfüllen
vermögen. Anders als im erläuterten Ent-
scheid des Bundesrates zum St. Galler 110
Art. 3 Abs. 3 des Gesetzes über das Verhältnis
Schulgesetz kann im vorliegenden Fall die- zwischen Kirchen und Staat im Kanton Wallis
ser Aspekt des Walliser Schulgesetzes nicht vom 13. November 1991, SGS 180.1 lässt zu,
dass zusätzlich zu der römisch-katholischen und
in einem religiös unkonnotierten Sinne gele-
der evangelisch-reformierten Kirche „die anderen
sen werden. Konfessionen […] nach Massgabe ihrer Bedeu-
tung im Kanton durch Gesetz öffentlich-rechtlich
Die staatliche Neutralitätspflicht gebietet es anerkannt werden“ können. Bis heute ist aller-
dem Staat, insbesondere in der Grundschule, dings keine weitere Konfession anerkannt worden.
alle religiösen Überzeugungen in vergleich- Anzumerken bleibt, dass dem Begriff der „Kon-
baren Situationen gleich zu behandeln und fession“ ein weiter Gehalt zugemessen werden
sich nicht mit einem bestimmten Glauben zu müsste und er insbesondere nicht auf christliche
Konfessionen beschränkt werden dürfte.
identifizieren. Verpflichtet er seine Volks-
schule darauf, die Kinder auf ihre Aufgaben
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 16
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

seinem Einzugsgebiet vorhandenen Konfes- kantonale Gesetzesgrundlage die Anordnung


sionen je eigene, gleichwertige Schulen zur nicht rechtfertigen, ein Kruzifix im Unter-
Verfügung stellen würde. Da dies aus finan- richtsraum aufzuhängen.
ziellen und organisatorischen Gründen nicht
realistisch ist, kommt das Gericht zum Die schweizerische 113 , internationa-
Schluss, dass sich alle öffentlichen Schulen le 114 und höchstrichterliche 115 Rechtspre-
einer konfessionellen Ausrichtung zu enthal- chung des Auslands wie auch die Lehre ha-
ten haben. 111 In die gleiche Richtung zielt ben sich zu religiösen Symbolen in Schulen,
etwa der UNO-Menschenrechtssausschuss in insbesondere dem Kruzifix, verschiedentlich
seiner Praxis, wonach die Subventionierung geäussert. Das Bundesgericht hat festgehal-
einzelner religiöser Schulen mit der Glau- ten, dass Schülerinnen und Schüler einer
bens- und Gewissensfreiheit nach Art. 18 öffentlichen Grundschule hinter dem An-
UNO-Pakt II nicht vereinbar ist.112 bringen eines Kruzifixes in einem Unter-
richtsraum den Willen ihrer Schule erkennen
Die Anordnung der Schulbehörde, das Kru- können, „die Auffassungen der christlichen
zifix wieder im Klassenzimmer aufzuhängen, Religion im Unterrichtsstoff zu verwenden
kann sich deshalb nicht auf die Bestimmung oder den Unterricht unter den Einfluss dieser
von Art. 3 Abs. 2 stützen, wonach sich die Religion zu stellen“. 116 Damit wird eine
Walliser Schule bemüht, die Schüler auf ihre nicht zulässige Identifikation mit einer be-
Aufgabe als Mensch und Christ vorzubreiten. stimmten Glaubensrichtung und somit auch
Daran würde sich auch dann nichts ändern, eine Verletzung der Neutralitätspflicht des
wenn der Annahme gefolgt würde, die kan- Staates begründet, die von allen genannten
tonale Bestimmung sei verfassungsmässig, Parteien geltend gemacht werden kann.
weil sie nur auf die Vermittlung von in unse-
rem Kulturkreis anerkannten ethischen und Das Bundesgericht hält es auch nicht
zwischenmenschlichen Normen ziele. Eine für ausgeschlossen, dass sich Einzelne in
von ihren spezifischen religiösen Gehalten ihren religiösen Überzeugungen verletzt füh-
entleerte Norm könnte keine Grundlage da- len, wenn in der Schule dauernd ein Symbol
für bieten, um ein religiöses Symbol einer einer Religion gegenwärtig ist, der sie nicht
bestimmten Glaubensrichtung in Schulzim- angehören. 117 Dies insbesondere deshalb,
mern zu legitimieren.

113
2. Zulässigkeit eines Kruzifix in BGE 116 Ia 252 (Kruzifix); BGE 123 I 296
(Kopftuch).
Schulräumen 114
EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 (2009); EGMR
Dahlab v. Switzerland, 42393/98 (2001).
2.1. Wirkung des Kruzifix 115
BVerfGE 93, 1 (Deutscher Kreuz-Entscheid).
116
BGE 116 Ia 252 E7b S. 262 (Kruzifix), mit Zitat
Weiter stellt sich im vorliegend zu aus der Übersetzung in ZBl 1991, S. 71-79;
beurteilenden Fall die Frage, ob es mit der PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S. 203.
117
Glaubens- und Gewissensfreiheit vereinbar BGE 116 Ia 252 E7b S. 262 (Kruzifix), mit Hin-
ist, dass eine öffentliche Grundschule in ih- weisen auf die praktisch gleichlautende Argu-
mentation des amerikanischen Supreme Court in
ren Räumlichkeiten, insbesondere in Unter- einem Fall, in dem das Anbringen der Zehn Ge-
richtsräumen, Kruzifixe anbringt. Würde bote in Schulzimmern als Widerspruch zu der im
dadurch die Glaubens- und Gewissensfrei- I. Amendment der Verfassung garantierten Glau-
heit verletzt, könnte auch eine genügende bensfreiheit beurteilt wurde, vgl. Stone vs. Gra-
ham, 449 US 39/1980; in den Entscheiden ist nur
von den Besuchern einer öffentlichen Schule,
nicht jedoch der Lehrpersonen die Rede. Auch
111
BGE 125 I 347 E4b S. 356ff. diese können jedoch, wenn auch in geringerem
112
MRA Waldman v. Canada, 694/1996 (1999) Masse, durch die Präsenz eines religiösen Sym-
N10.6. bols in ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit be-
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 17
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

weil mit dem Anbringen eines spezifischen are placed in a situation from which they
Glaubenssymbols ein Werturteil zugunsten cannot extract themselves if not by making
der betreffenden und zulasten aller anderen disproportionate efforts and acts of sacrifice.
Religionen verbunden ist. Das Bundesge- […] The Court considers that the compul-
richt erachtet deshalb neben der Neutrali- sory display of a symbol. Of a particular
tätspflicht auch die individualrechtlichen faith in the exercise of public authority in
Gehalte als verletzt, weshalb Kruzifixe in relation to specific situations subject to gov-
Unterrichtsräumen öffentlicher Schulen ernmental supervision, particularly in class-
nicht zulässig seien. rooms, restricts […] the right of schoolchil-
dren to believe or not believe. It is of the
Sehr ähnlich argumentiert auch der opinion that the practice infringes those
EGMR in einem neueren Entscheid 118 mit rights because the restrictions are incompati-
Bezug auf eine italienische Schule 119 . Der ble with the State’s duty to respect neutrality
Gerichtshof hält insbesondere fest, dass „the in the exercise of public authority, particu-
presence oft the crucifix may easily be inter- larly in the field of education.”120
preted by pupils of all ages as a religious
sign, and they will feel that they have been In gleichem Sinne äusserte sich auch
brought up in a school environment marked das deutsche Bundesverfassungsgericht. Es
by a particular religion. What may be en- hielt prägnant fest: „Zusammen mit der all-
couraging for some religious pupils may be gemeinen Schulpflicht führen Kreuze in Un-
emotionally disturbing for pupils of other terrichtsräumen dazu, dass die Schüler wäh-
religions or those who profess no religion. rend des Unterrichts von Staats wegen und
That risk is particularly strong among pupils ohne Ausweichmöglichkeit mit diesem
belonging to religious minorities. Negative Symbol konfrontiert sind und gezwungen
freedom of religion is not restricted to the werden, ‚unter dem Kreuz‘ zu lernen“121.
absence of religious services or religious
education. It extends to practices and sym-
bols expressing, in particular or in general, a 2.2. Bedeutung des Kruzifix
belief, a religion or atheism. That negative Gegen diese Rechtsprechung wurden
right deserves special protection if it is the verschiedene Argumente vorgebracht. So
State which expresses a belief and dissenters wurde, wie schon im Hinblick auf die Be-
stimmungen der kantonalen Schulgesetze,
argumentiert, das Kruzifix habe keine auf
rührt werden, vgl. KARLEN, Religiöse Symbole in eine spezifische Religion oder Konfession
öffentlichen Räumen, S. 15. bezogene Bedeutung, sondern sei vielmehr
118
EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 (2009) N48ff.
Der Entscheid wurde an die Grosse Kammer wei-
Ausdruck der in unserer Gesellschaft kultu-
tergezogen und ist deshalb nicht rechtskräftig. rell bedingten, ethischen und zwischen-
119
Der Entscheid des EGMR stützt sich sowohl auf menschlichen Normen.122 Das Bundesgericht,
Art. 9 EMRK als auch auf Art. 2 des 1. der EGMR wie auch das deutsche Bundes-
ZP/EMRK; letzteres hat die Schweiz nicht ratifi- verfassungsgericht haben sich in ihren Ent-
ziert, weshalb es für die Schweiz keine Verbind-
lichkeit beanspruchen kann. Auf die vorliegende
scheiden klar von einem solchen Verständnis
Fragestellung hat dies jedoch keinen Einfluss, distanziert.
weil Art. 2 des 1. ZP/EMRK spezifisch das Recht
der Eltern schützt, „die Erziehung und den Unter-
richt entsprechend ihren eigenen religiösen und
weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustel-
120
len“. Vorliegend steht aber nicht das Recht der EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 (2009) N55, 57.
121
Eltern, sondern jenes der Schüler und insbesonde- BVerfGE 93, 1, S. 18 (Deutscher Kreuz-
re der Lehrer in Frage. Der Entscheid des EGMR Entscheid).
122
ist deshalb allein unter dem Gesichtspunkt von Entscheid des Bundesrates vom 29. Juni 1988
Art. 9 EMRK relevant. N11 S. 24 (Kruzifix).
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 18
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Im Schweizer Kruzifix-Fall verstand 2.3. Platzierung des Kruzifix


das Bundesgericht ohne weitere Auseinan-
dersetzung das Kruzifix klar als Symbol spe- 2.3.1. Allgemeines
zifisch des Christentums. 123 Das deutsche
Ein weiteres Argument, das für eine
Bundesverfassungsgericht setzte sich einge-
Relativierung des Verbots von Kruzifixen in
hend mit der Frage auseinander, ob das
öffentlichen Schulen herangezogen wurde,
Kreuz – und nicht nur das Kruzifix – nur
ist der Einfluss ihrer räumlichen Platzierung.
Ausdruck der vom Christentum geprägten
Das Bundesgericht hat darauf hingewiesen,
abendländischen Kultur (wie dies die Baye-
dass das von ihm erlassene Urteil vielleicht
risch Regierung und die Evangelisch-
anders hätte ausfallen müssen, wenn „die
Lutherische Kirche Bayerns geltend machte),
Gegenwart des Kruzifix in Schulräumen für
oder aber als Symbol einer bestimmten reli-
den allgemeinen Gebrauch zu beurteilen
giösen Überzeugung zu verstehen sei. Es
gewesen wäre, wie zum Beispiel in der Vor-
beantwortet die Frage klar: „Das Kreuz ist
halle, den Gängen, der Kantine oder natür-
Symbol einer bestimmten religiösen Über-
lich in einem allfällig für den Gottesdienst
zeugung und nicht etwa nur Ausdruck der
vorgesehenen Raum oder in einem Zimmer,
vom Christentum mitgeprägten abendländi-
in dem der freiwillige Gottesdienst erteilt
schen Kultur“124. Es bezeichnete das Kreuz
wird“.127
als „Glaubenssymbol schlechthin“, das für
gläubige Christen in vielfacher Weise einen Ähnlich argumentierte das deutsche
Gegenstand der Verehrung und der Fröm- Bundesverfassungsgericht, wenn es dem
migkeitsübung darstellt. Vorsichtiger ent- Kreuz in Unterrichtsräumen eine in Dauer
schied der EGMR, indem er dem Kruzifix und Intensität höhere Beeinflussung zuge-
verschiedene Bedeutungen zuerkennt, jedoch steht, als wenn sich das Symbol in anderen
gleichzeitig festhält, dass die religiöse Be- Bereichen befinden würde, in denen es in der
deutung als Symbol des Katholizismus klar Regel nur zu flüchtigen Zusammentreffen
überwiegt.125 komme.128 Auch der EGMR weist darauf hin,
dass das Anbringen von religiösen Symbolen
Hinsichtlich der klar religiösen Kon-
gerade in Unterrichtsräumen in besonderem
notation eines Kruzifixes besteht demnach
Masse in die von der Konvention garantier-
Einigkeit in der hier diskutierten Rechtspre-
ten Rechte eingreifen kann.129 Zumindest für
chung. Damit ist die zu Beginn skizzierte
die in den Unterrichtsräumen angebrachten
Argumentation nicht haltbar, wonach das
Symbole muss deshalb gelten, dass diese die
Symbol nicht für eine spezifische Glaubens-
Garantien der Glaubens- und Gewissensfrei-
richtung, sondern als allgemeiner Ausdruck
heit verletzen und sich nicht rechtfertigen
unserer abendländischen Gesellschaft ste-
lassen.130
he.126

127
BGE 116 Ia 252 E7c S. 263 (Kruzifix); vgl. TAP-
PENBECK/DE MORTANGES, Religionsfreiheit in
der Schule, S. 1418, die aus dieser Formulierung
des Bundesgerichts m.E. fälschlicherweise darauf
schliessen, dass ein Kruzifix ausserhalb der Un-
123
BGE 116 Ia 252 E7b S. 262 (Kruzifix). terrichtsräume als „erlaubtes Symbol der abend-
124
BVerfGE 93, 1, S. 19 (Deutscher Kreuz- ländisch-christlichen Kultur“ verstanden werden
Entscheid). könne.
125 128
EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 N51, 56 (2009). BVerfGE 93, 1, S. 18 (Deutscher Kreuz-
126
So auch etwa KARLEN, Religiöse Symbole in Entscheid).
129
öffentlichen Räumen, S. 15ff; MÜLLER/SCHEFER, EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 N51, 57 (2009).
130
Grundrechte, S. 272ff; NAY, Positive und negati- Die Platzierung in anderen, für die Schülerinnen
ve Neutralität des Staates, S. 223; CAVELTI/KLEY, und Schüler zugänglichen Räumlichkeiten, spielt
Art. 15 BV, N15; BIAGGINI, Art. 15 BV, N14. für den diesem Gutachten zugrunde Fall keine
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 19
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

2.3.2. Kruzifix in Lehrerzimmern Auf der andern Seite ist jedoch zu


bedenken, dass Lehrerzimmer regelmässig
Lehre und Rechtsprechung haben sich die einzige Rückzugsmöglichkeit für Lehr-
in der Frage nach der Zulässigkeit von Kru- personen darstellen, um ihren Unterricht
zifixen in Lehrerzimmern nicht festgelegt. vorzubereiten und miteinander ins Gespräch
Damit sind jene Räumlichkeiten einer Schu- zu kommen. Durch die Anbringung eines
le gemeint, die Lehrpersonen als Aufent- Kruzifixes wird den Lehrpersonen deutlich
haltsraum und zur Vorbereitung des Unter- gemacht, dass der Staat – ihr Arbeitgeber –
richts dienen, den Schülerinnen und Schü- einseitig zugunsten christlicher Konfessio-
lern jedoch nicht zugänglich sind. nen Stellung nimmt. Angehörigen nicht-
Zumindest die individualrechtlichen christlicher Religionen, Atheisten oder Ag-
Ansprüche der Schüler und deren Erzie- nostikern wird dadurch von Staates wegen
hungsberechtigter sind hier nicht vorrangig bedeutet, dass ihre religiösen oder a-
betroffen. Durch die Anbringung eines religiösen Überzeugungen als zweitrangig
Kreuzes oder Kruzifixes im Lehrerzimmer eingeschätzt werden. Der Staat bringt ein
bringt der Staat – wie wenn er es im Unter- Werturteil zulasten ihrer Überzeugungen
richtsraum anbringt – zum Ausdruck, dass er zum Ausdruck.
sich den christlichen Konfessionen beson- Diese Abweichung vom Anspruch
ders verbunden fühlt. Mit Bezug auf die auf religiöse Neutralität muss gerechtfertigt
Aussagekraft, die davon ausgeht, besteht werden können, damit sie mit der Glaubens-
praktisch kein Unterschied zur Anbringung und Gewissensfreiheit vereinbar ist. Die
in Unterrichtsräumen. Die Anbringung von Förderung christlicher religiöser Überzeu-
Kruzifixen in Lehrerzimmern betrifft des- gungen stellt keine zulässige Rechtfertigung
halb die Glaubens- und Gewissensfreiheit dar. Andere Interessen sind hinter der An-
der Lehrer. Die Frage aber, wie sich dies auf bringung von Kruzifixen in Lehrerzimmern
die davon Betroffenen – d.h. die Lehrer – aber nicht ersichtlich; sie können insbeson-
auswirkt, stellt sich anders als bei der An- dere, wie erwähnt, nicht einfach als Ermah-
bringung in Unterrichtsräumen. nung zu menschlichem und ethischem Ver-
Zunächst sind die Lehrer als erwach- halten gedeutet werden. Auch als Anstoss
sene Menschen weniger stark der Beeinflus- für die Lehrer zu Diskussionen über die ethi-
sung in religiösen Dingen von aussen ausge- sche Ausrichtung ihres Unterrichts erschei-
setzt. Anders als bei Primarschülern er- nen sie nur unzulänglich geeignet. Um dar-
scheint ihre religiöse Überzeugung – oder auf hinzuwirken, dass die Lehrpersonen im
die Abwesenheit einer entsprechenden Über- Rahmen ihrer Tätigkeit ethischen und mora-
zeugung – eher als gefestigt. Die Auswir- lischen Grundsätzen nachleben und sie in
kungen auf ihre religiöse Entwicklung dürf- ihren Unterricht einfliessen lassen, hat der
ten im Allgemeinen erheblich geringer Staat vielfältige Möglichkeiten zur Hand, die
sein.131 in keinem Spannungsverhältnis zum Erfor-
dernis religiöser Neutralität stehen.
Es ist deshalb nicht ersichtlich, mit
weitere Bedeutung und soll deshalb nicht einge- welchen nicht-religiösen Gründen die An-
hender behandelt werden, vgl. aber PLOTKE, bringung von Kruzifixen in Lehrerzimmern
Schweizerisches Schulrecht, S. 204, der darauf gerechtfertigt werden könnte. Es erscheint
hinweist, dass sich Schüler in allen Räumlichkei-
ten der Schule durch religiöse Symbole beein- unseres Erachtens deshalb nicht zulässig,
flusst fühlen können.
131
Dennoch ist sie nicht zu vernachlässigen. In der
Lehre wird das Beispiel des überzeugten Atheis-
ten vorgebracht, der religiöse Symbole zutiefst versucht, vgl. KARLEN, Religiöse Symbole in öf-
verabscheut und ihnen aus dem Weg zu gehen fentlichen Räumen, S. 15.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 20
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

solche Symbole in Lehrerzimmern anzubrin- Teilnahme an deren Vorbereitungen ge-


gen. zwungen werden dürfen. 135 Selbst blosse
Vorbereitungen von Schulmessen werden
vom Schutzbereich der Glaubens- und Ge-
3. Zulässigkeit der Verpflichtung zur wissensfreiheit und damit von der staatlichen
Vorbereitung von Kultushandlun- Neutralitätspflicht erfasst. Die Pflicht zu
gen religiöser Neutralität gilt mit Bezug auf jun-
Im Rahmen seiner Tätigkeit war Herr ge Schüler zwar in besonders strenger Form,
Abgottspon verpflichtet, Messdiener und kommt aber auch gegenüber Lehrpersonen
Lektoren aus der von ihm betreuten Schüler- zum Tragen. Eine Lehrperson dazu zu ver-
schaft für die fast wöchentlich stattfindenden pflichten, an Vorbereitungshandlungen zu
Schulmessen zu bestimmen. Es ist deshalb Kultushandlungen teilzunehmen, ist deshalb
der Frage nachzugehen, in welchem Umfang nur dann zulässig, wenn eine genügende
es einer Lehrperson zugemutet werden darf, Rechtfertigung vorliegt. Eine spezifische
bei der Vorbereitung und Durchführung ei- Grundlage im Gesetz erscheint insbesondere
ner für sie fremden, religionsgebundenen deshalb nicht erforderlich, weil sich der Leh-
Schulmesse mitzuwirken. rer in einem besonderen Rechtsverhältnis
zum Staat befindet und deshalb nicht jede
Mit Hinweis auf den in Art. 15 Abs. 4 einzelne Dienstverpflichtung gesetzesrecht-
BV umschriebenen Kerngehalt der Glau- lich geregelt sein muss.
bens- und Gewissensfreiheit ist festzuhalten,
dass niemand gezwungen werden darf, eine Fraglich ist jedoch, welche Interessen
religiöse Handlung vorzunehmen. Das Recht, eine Mitwirkungspflicht, und entsprechend
an einer religiösen Messe teilzunehmen oder eine Abweichung vom Grundsatz religiöser
nicht, wird als Teilaspekt der Kultusfreiheit Neutralität, rechtfertigen können. Es liesse
ebenfalls von dieser Garantie erfasst. 132 Da sich etwa denken, dass die Lehrperson den
Kerngehalte absolut gelten133 darf niemand, engsten Kontakt zu den Schülerinnen und
auch keine Lehrperson, zur Teilnahme an Schülern hat und deshalb am einfachsten die
einer Schulmesse gezwungen werden. Die nötigen Einteilungen vornehmen kann. Da
Teilnahme dürfte deshalb in keinem Fall Teil der Gottesdienst jedoch nicht von den Lehr-
einer Dienstanweisung sein.134 personen, sondern von Klerikern durchge-
führt wird, kann auch von ihnen verlangt
Die rechtliche Beurteilung der Vorbe- werden, dass sie beispielsweise im Religi-
reitungshandlungen, insbesondere das hier in onsunterricht die entsprechenden organisato-
Frage stehende Bestimmen einzelner Perso- rischen Massnahmen ergreifen. Zudem kann
nen aus der Schülerschaft zu Messedienerin- es nicht Aufgabe der neutralen staatlichen
nen und Messedienern, ist weniger offen- Schule sein, einer oder wenigen ausgewähl-
sichtlich. In der Lehre wird immerhin fest- ten Konfessionen bei der Durchführung ihrer
gehalten, dass Schülerinnen und Schüler Kultushandlungen behilflich zu sein.
neben Schulgottesdiensten auch nicht zur
Nach unserem Dafürhalten ist es des-
halb mit der staatlichen Pflicht zur religiösen
Neutralität nicht vereinbar, Lehrpersonen an
132
HAFNER, Glaubens- und Gewissensfreiheit, S. staatlichen Grundschulen zu verpflichten, an
709, N5; MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 267. der Auswahl von Schülerinnen und Schülern
133
SCHEFER, Beeinträchtigung von Grundrechten, S.
95. für gewisse Chargen bei der Durchführung
134
Gleiches muss auch für das Erteilen von Religi- religiöser Kultushandlungen mitzuwirken.
onsunterricht gelten, was von einer Lehrperson
ebenfalls nicht gegen ihren Willen verlangt wer-
den darf, siehe PLOTKE, Schweizerisches Schul-
135
recht, S. 201. PLOTKE, Schweizerisches Schulrecht, S. 205.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 21
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Eine entsprechende Verpflichtung von Herrn sieht Art. 7 Abs. 2 des Beamtengesetzes des
Abgottspon erscheint mit der Glaubens- und Kantons Wallis vor, dass öffentlich-rechtlich
Gewissensfreiheit nicht vereinbar. Angestellte ihre „dienstlichen Obliegenhei-
ten gewissenhaft und mit Sorgfalt zu erfül-
len“ haben.140
C. Treuepflicht von öffentlich-
rechtlich angestellten Lehrperso- Gegenstand der Treuepflicht darf nur
nen menschliches Verhalten, nicht eine Gesin-
nung sein.141 Erst wenn sich eine Gesinnung
I. Begriff und Umfang der Treue- nach aussen offenbart, kann sie unter dem
pflicht Gesichtspunkt der Treuepflicht relevant
werden. 142 Beispielsweise darf die staats-
1. Allgemeines zum Begriff feindliche Gesinnung einer öffentlich-
rechtlich angestellten Person so lange keine
Die dienstrechtliche Treuepflicht be-
Rolle spielen, bis sie sich gegen aussen auf
deutet, dass Staatsangestellte bei der Erfül-
eine Weise offenbart, welche die Treue-
lung ihrer Aufgaben über die eigentliche
pflicht verletzt. Insbesondere die blosse Zu-
Arbeitsleistung hinaus, d.h. neben den aus-
gehörigkeit zu unbeliebten Vereinigungen
drücklich statuierten Haupt- und Neben-
wird dabei in der Regel nicht genügen.143
pflichten, die Interessen des Gemeinwesens
zu wahren haben. 136 Diese bestehen insbe- Die in der Treuepflicht enthaltenen
sondere in einem korrekten, unparteiischen spezifischen Pflichten lassen sich nicht all-
und wirksamen Gesetzesvollzug im Interesse gemein umschreiben. Vorliegend sind je-
der Betroffenen und der Allgemeinheit. 137 doch zwei Teilaspekte relevant: Das im Be-
Die Treuepflicht dient deshalb als eigentli- zug auf öffentliche Äusserungen von Lehr-
ches Auffangbecken für alle ungeschriebe- personen zu erwartende Verhalten und ihre
nen Pflichten der Angestellten.
Sie stellt einen allgemeinen dienst-
rechtlichen Rechtsgrundsatz dar und bedarf
deshalb keiner expliziten Grundlage im Ge- pflicht für privatrechtliche Arbeitsverhältnisse
setz; sie ist dem öffentlich-rechtlichen An- folgendermassen umschrieben ist: „Der Arbeit-
stellungsverhältnis inhärent. 138 Dennoch ist nehmer hat die ihm übertragene Arbeit sorgfältig
auszuführen und die berechtigten Interessen des
sie zumindest in der Form einer General- Arbeitgebers in guten Treuen zu wahren“.
klausel in verschiedenen kantonalen und 140
Gesetz betreffend das Dienstverhältnis der Beam-
eidgenössischen Erlassen enthalten. 139 So ten und Angestellten des Staates Wallis vom 11.
Mai 1983 (Beamtengesetz/VS, SGS 172.2).
141
SCHIBLI, Einschränkung der Meinungsfreiheit des
Bundespersonals, S. 86f.
136 142
Zur Kritik des Begriffs „Treuepflicht“ und Hin- HANGARTNER, Treuepflicht und Vertrauenswür-
weisen auf die neue Lehre, welche überwiegend digkeit der Beamten, S. 392. Der Schutz des fo-
von „Interessenwahrungspflicht“ spricht, siehe rum internum gilt absolut; dies ist nicht nur im
SCHIBLI, Einschränkung der Meinungsfreiheit des schweizerischen Verfassungsrecht, sondern auch
Bundespersonals, S.86. im internationalen Recht fraglos anerkannt, vgl.
137
HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N213. ARAI, Art. 10 EMRK, S. 474ff.; JO-
138
HANGARTNER, Treuepflicht und Vertrauenswür- SEPH/SCHULTZ/CASTAN, ICCPR, N18.02.
143
digkeit der Beamten, S. 388; HÄNNI, Öffentliches Vgl. EGMR Vogt v. Germany (GC), 17851/91
Dienstrecht, S. 112f. (1995), in diesem Fall hat der EGMR die Entlas-
139
So z.B. Art. 20 Abs. 1 des Bundespersonalgeset- sung einer deutschen Lehrerin, die ein Mitglied
zes (BPG, SR 172.220.1): „Die Angestellten ha- der Kommunistischen Partei (DKP) war, als mit
ben die ihnen übertragene Arbeit mit Sorgfalt Art. 10 EMRK unvereinbar erachtet. Entschei-
auszuführen und die berechtigten Interessen des dend für das Gericht war, dass sie die Schüler in
Bundes beziehungsweise ihres Arbeitgebers zu keiner Weise indoktriniert hatte, sondern nur ihre
wahren.“; vgl. auch Art. 321a OR, wo die Treue- aktive Mitgliedschaft in der Partei bekannt war.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 22
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Pflicht zum Vollzug dienstlicher Anordnun- Glaubwürdigkeit vermitteln und das Ver-
gen. trauen der Eltern gewinnen müssen, kommt
ihrer Treuepflicht ein besonderes Gewicht
und ein besonderer Gehalt zu.149 Grundsätz-
2. Umfang der Treuepflicht lich werden sich Lehrpersonen deshalb bei
öffentlich geführten, gesellschaftspolitischen
2.1. Öffentliche Meinungsäusserungen Diskussionen in besonderem Masse an eine
von Lehrpersonen sachliche Argumentation zu halten haben.
Mit Bezug auf öffentliche Meinungs- Dies hat insbesondere in kleinen Gemeinden
äusserungen von öffentlich-rechtlich Ange- zu gelten, wo eine Lehrperson durch polemi-
stellten ist grundsätzlich anerkannt, dass sich sche Äusserungen rasch einen grossen Teil
die Betroffenen in der Art und Weise, wie der Bevölkerung gegen sich haben kann.150
sie gegenüber dem Arbeitgeber, ihren Mitar- Dies bedeutet aber nicht, dass sie weniger
beitenden oder Vorgesetzten Kritik üben, intensiv am politischen Prozess teilnehmen
eine gewisse Zurückhaltung auferlegen müs- dürfte. Einschränkungen ergeben sich primär
sen.144 Was dies im Einzelnen bedeutet, ist je bei der Form ihrer öffentlichen Äusserungen,
kontextabhängig zu bestimmen.145 nur sehr begrenzt beim Inhalt.

Für die Konkretisierung muss zu- Ebenfalls zu beachten ist, ob eine


nächst der individuelle Bezug eines Arbeit- problematische Äusserung innerhalb oder
nehmers zum Gemeinwesen beachtet wer- ausserhalb der Dienstpflicht gemacht wurde.
den.146 So ist die hierarchische Stellung, die Grundsätzlich bezieht sich die Treuepflicht
Funktion, die Verantwortung, die Nähe zum nur auf dienstrechtlich relevantes Verhalten.
politischen Prozess oder das dem Betroffe- Äusserungen ausser Dienst werden nur dann
nen zustehende Ermessen zu berücksichti- von der Treuepflicht erfasst, wenn sie in
gen.147 Von Bedeutung ist auch, ob eine be- einem qualifizierten Konnex zur Ausübung
stimmte Tätigkeit nur oder nur insbesondere der amtlichen Stellung des Betroffenen ste-
im öffentlichen Dienst möglich ist. In den hen. 151 Das Bundesgericht führt dazu fol-
letztgenannten Fällen würde eine anstel- gendes aus: „Der Beamte darf sich im aus-
lungsrechtliche Massnahme – im Extremfall serdienstlichen Bereich an der Diskussion
die Entlassung – zufolge Verletzung der über gesellschaftspolitische Fragen beteili-
Treuepflicht besonders schwer wiegen.148 gen. Er kann grundsätzlich auch Standpunkte
vertreten, die nicht mit den vorherrschenden
Auch die Stellung von Lehrpersonen Auffassungen übereinstimmen; denn es wäre
ist in besonderem Masse zu berücksichtigen: in einer Demokratie unannehmbar, den Be-
Da sie für einen erfolgreichen Unterricht den amten auf eine (Mehrheits-)Meinung ver-
Schülerinnen und Schülern eine gewisse pflichten zu wollen. Der Schutz der verfas-
sungsmässigen Meinungsäusserungsfreiheit
soll gerade den Vertretern von Minderheits-
144
MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 405. meinungen gewährt sein. […] Eine Verlet-
145
RAUSCH, Meinungsäusserungsfreiheit der Staats- zung der Treuepflicht […] ist […] nicht
angestellten, S. 102; HANGARTNER, Treuepflicht leichthin anzunehmen.“ 152 Durch ausser-
und Vertrauenswürdigkeit der Beamten, S. 386.
146 dienstliches Verhalten kann die Treuepflicht
HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N214.
147
Vgl. MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 405, deshalb nur dann verletzt werden, wenn es
FN401, wo als relevante Faktoren zusätzlich die
hierarchische Stellung, die Funktion, die Verant-
149
wortung, die Nähe zum politischen Prozess oder HÄNNI, Öffentliches Dienstrecht, S. 114.
150
das dem Betroffenen zustehende Ermessen ge- So entschieden in BGE 98 Ia 467 E4 S. 472.
151
nannt werden. MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 405.
148 152
HANGARTNER, Treuepflicht und Vertrauenswür- BGer Urteil vom 22. Dezember 1983 E5c S.
digkeit der Beamten, S. 395. 315ff. (Bürger-Blatt).
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 23
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

die ordnungsgemässe Aufgabenerfüllung der aufgrund ihres besonderen Rechtsverhältnis-


betreffenden Person beeinträchtigt oder der ses, ihrer Treue- und Schweigepflicht einen
Glaubwürdigkeit und dem Ansehen des Ge- besonderen Gehalt an. 157 Etwas vereinfacht
meinwesens schadet. 153 In der Rechtspre- kann gesagt werden, dass an die Rechtferti-
chung wird festgehalten, dass zumindest jene gung von Grundrechtsbeschränkungen ge-
Äusserungen dem Ansehen des Gemeinwe- stützt auf die Treuepflicht von Arbeitneh-
sens schaden, „die zu den in der Verfassung mern an die gesetzliche Grundlage geringere
verankerten Grundwerten schlechterdings im Anforderungen zu stellen sind als an die Be-
Gegensatz stehen“.154 einträchtigung von Grundrechten von Pri-
vatpersonen.158

2.2. Pflicht zum Vollzug der dienst- Das für eine Grundrechtsbeschrän-
rechtlichen Anordnungen kung vorausgesetzte öffentliche Interesse
besteht in der Wahrung der Funktionstüch-
Öffentlich-rechtlich angestellte Lehr- tigkeit der öffentlichen Verwaltung. Die
personen unterstehen einem Weisungsrecht rechtliche Grundlage ist durch die erwähnte
ihrer Vorgesetzten. Im Rahmen einer Anstel- Generalklausel des kantonalen Gesetzes ge-
lung beim Gemeinwesen ergehen diese Wei- geben. Ihre niedrige Normdichte erscheint
sungen in der Form von dienstrechtlichen nach heute noch herrschender Ansicht im
Anordnungen, die von den Angestellten mit Rahmen eines besonderen Rechtsverhältnis-
Sorgfalt zu vollziehen sind.155 So sieht Art. 7 ses als genügend. 159 Insbesondere im Hin-
Abs. 2 des Beamtengesetzes des Kantons blick auf ausserdienstliches Verhalten muss
Wallis 156 vor, dass Staatsangestellte ihre jedoch die Wirkung der Treuepflicht kritisch
„dienstlichen Obliegenheiten gewissenhaft und von Fall zu Fall beurteilt werden. 160
und mit Sorgfalt zu erfüllen“ haben. Damit ist es letztlich oft eine Frage der anvi-
sierten öffentlichen Interessen und der Ver-
hältnismässigkeit, ob das Verhalten einer
II. Grenzen der Treuepflicht
öffentlich-rechtlich angestellten Person ge-
1. Allgemeines stützt auf die Treuepflicht sanktioniert wer-
den darf. Der Eingriff muss für das Errei-
Grundsätzlich stehen den öffentlich- chen des öffentlichen Interesses geeignet
rechtlich Angestellten die gleichen Individu- und der betroffenen Person zumutbar sein,
alrechte zu wie andern Personen. Die Treue- ohne dass ein weniger einschneidendes Mit-
pflicht findet ihre Grenzen deshalb dort, wo tel zur Verfügung stehen würde. Die Treue-
die aus ihr abzuleitenden Pflichten zur unzu- pflicht darf jedoch nicht so hoch gewichtet
lässigen Beschränkung von Grundrechten werden, dass sie „aus dem Beamtenstand
führen. Unrechtmässig ist eine Beschrän- eine Kaste von Subalternen macht, unter
kung dann, wenn die verfassungsmässigen denen der Bürgersinn abstirbt“161.
Eingriffsvoraussetzungen des Art. 36 BV
nicht erfüllt werden. Diese Voraussetzungen
157
nehmen für Angestellte des Gemeinwesens HÄNNI, Öffentliches Dienstrecht, S. 113.
158
Vgl. BGE 120 Ia 203 E3a S. 205 (Motorfahr-
zeugverbot für Beamte); KÄMPFER, Ausserdienst-
liche Meinungsäusserungsfreiheit, S. 488.
153 159
SCHIBLI, Einschränkung der Meinungsfreiheit des RAUSCH, Meinungsäusserungsfreiheit der Staats-
Bundespersonals, S. 87. angestellten, S. 102.
154 160
VPB 61.80 N9a (Nichtwiederwahl rechtsextremer Für eine kritische Auseinandersetzung mit der
Beamter). gesetzlichen Grundlage der Treuepflicht für Bun-
155
HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N209. despersonal siehe SCHIBLI, Einschränkung der
156
Gesetz betreffend das Dienstverhältnis der Beam- Meinungsfreiheit des Bundespersonals, S. 50-61.
161
ten und Angestellten des Staates Wallis vom 11. RAUSCH, Meinungsäusserungsfreiheit der Staats-
Mai 1983 (Beamtengesetz/VS, SGS 172.2). angestellten, S. 103.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 24
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

2. Meinungsfreiheit ausserschulischen Verhaltens beträchtlich


gestört wird.165 Es besteht keine allgemeine
2.1. Allgemeines Pflicht von öffentlich-rechtlichen Angestell-
ten zu sachlicher, nicht polemischer Äusse-
Das Grundrecht der Meinungsfreiheit
rung in der Öffentlichkeit.166
nach Art. 16 Abs. 1 und 2 BV stellt die all-
gemeinste Gewährleistung freier Kommuni- Weiter ist danach zu unterscheiden,
kation dar: Diese Grundrechtsgarantie ob sich die Äusserung auf ein Thema von
schützt kommunikative Äusserungen unab- gesellschaftlichem Interesse bezieht oder
hängig von ihrem Inhalt, vom Zweck und einen Sachverhalt von untergeordneter oder
Forum, in dem sie erfolgen, oder vom Medi- gar nur persönlicher Bedeutung themati-
um, das sie benützen.162 siert.167 Eine allgemeine Kritik an der Tätig-
keit einer Behörde des Gemeinwesens muss,
Für die Beurteilung von Äusserungen
sachlich argumentiert, um so eher möglich
muss – wie erwähnt – zwischen ihrem Inhalt
sein. 168 Bezieht sich die Kritik jedoch auf
und der Form, in der sie gemacht wurden,
interne Missstände, die der Angestellte in
unterschieden werden. Gibt der Inhalt einer
der Ausübung seiner amtlichen Funktionen
Äusserung Anlass zur Einschränkung der
zu erkennen glaubt, muss er zunächst eine
Meinungsfreiheit, gelten besonders strenge
interne Lösung anstreben. Eine beim Ge-
Anforderungen an die Rechtfertigung. 163
meinwesen angestellte Person darf sich erst
Dies gilt ebenso für öffentlich-rechtliche
dann an die Öffentlichkeit wenden, wenn sie
Angestellte. Auch ihnen muss grundsätzlich
zuvor mit den ihr zur Verfügung stehenden
möglich sein, zu allen Themen von gesell-
Mitteln vergeblich versucht hat, gegen die
schaftlichem Interesse in der Öffentlichkeit
Missstände anzukämpfen. 169 Dieser interne
Stellung zu nehmen. Die Treuepflicht darf
Weg muss dort nicht zwingend eingehalten
nicht so weit verstanden werden, dass gewis-
werden, wo bereits ein Spannungsverhältnis
se Themen von ihnen gar nicht mehr öffent-
zu den vorgesetzten Stellen besteht und des-
lich angesprochen werden dürfen.
halb eine interne Thematisierung keinen Er-
Weiterreichende Einschränkungen folg verspricht.
können sich für öffentlich-rechtlich Ange-
Für das Bestehen einer Treuepflicht
stellte aber im Hinblick auf die Form erge-
kommt es im Übrigen auch darauf an, ob
ben, in welcher eine Äusserung gemacht
wird. Auch hier gilt jedoch, dass nur dort
Einschränkungen zulässig sind, wo die frag- 165
MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 408f.
166
liche Äusserung oder das entsprechende Das Bundesgericht wendet jedoch für Lehrperso-
Verhalten die Amtsführung beeinträchti- nen im Hinblick auf unsachliche Äusserungen ei-
nen strengen Massstab an. Siehe z.B. seine Ar-
gen.164 Im vorliegend zu behandelnden Fall
gumentation im Fall BGE 98 Ia 467, wo eine
müsste als entsprechende Beeinträchtigung Lehrperson ihre Vorgesetzten in einem Schreiben
verlangt werden, dass eine konkrete Gefähr- „dans des termes souvent injurieux et diffamatoi-
dung der physischen oder psychischen Integ- res“ kritisierte und das Gericht deshalb folgendes
rität der Schülerinnen und Schüler vorliegt festgehalten hat: „En raison de l'état de tension
créé dans la commune par les pamphlets du re-
oder der Schulbetrieb wegen des konkreten
courant, […] on conçoit facilement que la reprise
de l'activité pédagogique du recourant à l'école de
Z. devait être évitée, pour le bien même des élè-
162
In diesem weiten Sinn sind auch die Art. 10f. ves“.
167
EMRK und Art. 19f. UNO-Pakt II zu verstehen, HÄNNI, Öffentliches Dienstrecht, S. 120.
168
vgl. MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 437. BGE 108 Ia 172 E4b/bb S. 176; HÄNNI, Die
163
MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 361. Treuepflicht, S. 130.
164 169
BGE 108 Ia 172 E4b/aa S. 175 (Züricher Jugend- MÜLLER/SCHEFER, Grundrechte, S. 406; RAUSCH,
unruhen); HÄNNI, Öffentliches Dienstrecht, S. Meinungsäusserungsfreiheit der Staatsangestell-
114. ten, S. 101.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 25
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

eine Äusserung von der Öffentlichkeit einer diese Äusserungen Fragen der Ausgestaltung
beim Staat angestellten Person zugerechnet des schulischen Unterrichts betrafen, machte
werden kann.170 Wenn dies nicht der Fall ist, sie Herr Abgottspon nicht in seiner Eigen-
können Meinungsäusserungen nicht in glei- schaft als Lehrer, sondern ausserdienstlich.
chem Masse aufgrund der Treuepflicht ein- Dass ein enger Konnex zu seiner dienstli-
geschränkt werden. Unter diesen Vorausset- chen Tätigkeit bestand, ändert daran nichts.
zungen dürfen an die Form und den Inhalt
einer Äusserung, obwohl sie von einer staat- Es stellt sich deshalb die Frage, ob
lich angestellten Person ausgegangen sind, diese ausserdienstlichen Äusserungen die
keine in besonderem Masse erhöhten An- dienstrechtliche Treuepflicht verletzen und
sprüche gestellt werden. Eine Ausnahme ihre Sanktionierung mit der Meinungsfrei-
davon ist dort zu machen, wo der Inhalt der heit vereinbar ist.
fraglichen Äusserung einer Schweigepflicht Von Bedeutung können dabei nur je-
untersteht. ne Äusserungen sein, die vor dem Entlas-
sungsentscheid der Regionalen Orientie-
rungsschulkommission und der Gemeinde-
2.2. Konkrete Äusserungen im vorlie-
präsidenten der Schulregion Stalden am 28.
genden Fall
September 2010 gemacht wurden. Dies des-
2.2.1. Form der Äusserungen halb, weil nur die Rechtmässigkeit der vor-
gebrachten Kündigungsgründe Gegenstand
Die von Herrn Abgottspon auf der des vorliegenden Gutachtens ist. Konkret
Website der lokalen Freidenkervereinigung sind deshalb die von Herrn Abgottspon ver-
sowie in verschiedenen regionalen Medien öffentlichte Kommentierung des erwähnten
gemachten Äusserungen zum Verhältnis von Gesprächs, darauf bezogene Stellungnahmen
Staat und Kirche, der Rolle der Kirche im für einen lokalen Radiosender 173 und eine
öffentlichen Schulunterricht im Kanton Wal- lokale Tageszeitung174 zu beurteilen.
lis und dem Anbringen von Kruzifixen in
deren Unterrichtsräumen werden vom Dabei ist zu beachten, dass sich Herr
Schutzbereich der Meinungsfreiheit nach Art. Abgottspon in den ersten öffentlichen Äus-
16 BV und Art. 10 EMRK erfasst171. Diese serungen nicht als vom Kanton Wallis ange-
Äusserungen waren eine Reaktion von Herrn stellte Lehrperson, sondern als Präsident der
Abgottspon auf ein Treffen, das er in seiner lokalen Freidenkervereinigung zu Wort ge-
Eigenschaft als Präsident der lokalen Frei- meldet hat. Dies änderte sich erst, nachdem
denkervereinigung mit zwei Vertretern der sich der Präsident der Gemeinde Stalden am
Dienststelle für Unterrichtswesen des Depar- 10. September zu den vorgebrachten Punk-
tements für Erziehung, Kultur und Sport des ten öffentlich geäussert hatte und dabei er-
Kantons Wallis geführt hatte. 172 Obwohl wähnte, dass die Diskussion von einer in der

170
Vgl. HÄNNI, Öffentliches Dienstrecht, S. 118, wo
ein unveröffentlichter Entscheid des Bundesge-
richts vom 29. Oktober 1987 behandelt wird, in http://wallis.frei-denken.ch/?p=591 (zuletzt be-
dem das Vertrauen in eine Lehrerin insbesondere sucht am Mittwoch, 05.01.2011).
173
deshalb als gestört bezeichnet wurde, weil sie im Beiträge des Radio Rottu Oberwallis vom 26.
Zusammenhang mit ihren umstrittenen Äusserun- August und 13. September 2010, abrufbar unter
gen zum Holocaust bekannt machte, dass sie als http://official.fm/tracks/146557 (zuletzt besucht
Gymnasiallehrering Geschichtslektionen erteile. am Mittwoch, 05.01.2011).
171 174
Die fraglichen Äusserungen werden vorne bei der Artikel im „Walliser Boten“ vom 16. September
Zusammenfassung des relevanten Sachverhaltes 2010, abrufbar unter
kurz dargestellt, siehe Punkt A.I., S. 1f. http://www.scribd.com/doc/37536102/Schule-
172
Der Kommentar findet sich auf der Website der und-Religion-im-Wallis (zuletzt besucht am
Vereinigung Freidenker Wallis unter: Mittwoch, 05.01.2011).
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 26
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Gemeinde tätigen Lehrperson losgetreten richt stellt ein Thema von zentralem gesell-
wurde.175 schaftlichem Interesse dar. Dies zeigen nicht
nur die intensiven Auseinandersetzungen in
In der Folge kam es in regionalen der Schweiz seit dem Kruzifix-Urteil des
Medien zu verschiedenen, sich abwechseln- Bundesgerichts, sondern auch etwa die Re-
den Meinungsäusserungen von Herrn Ab- aktionen im benachbarten Bayern auf das
gottspon, dem Gemeindepräsidenten und entsprechende Urteil des deutschen Bundes-
Rechtsexperten. Die Diskussion wurde dabei verfassungsgerichts. Auch die Reaktionen
stets mit sachlichen Argumenten geführt, so sogar des italienischen Ministerpräsidenten
dass zumindest im Hinblick auf die Form der auf das Kruzifix-Urteil des EGMR zeugen
Äusserungen keine Gründe ersichtlich sind, von der grossen gesellschaftlichen Spreng-
die eine Einschränkung der Meinungsfreiheit kraft dieses Themas. Entsprechend sind Ein-
rechtfertigen oder eine Verletzung der schränkungen von öffentlichen Äusserungen
Treuepflicht begründen könnten. zu diesem Thema nur unter sehr restriktiven
Voraussetzungen zulässig.
2.2.2. Inhalt der Äusserungen An die öffentlichen Interessen zur
Im Hinblick auf den Inhalt der Äusse- Einschränkung solcher Äusserungen sind
rungen wurde festgehalten, dass hier beson- besonders hohe Anforderungen zu stellen.
ders hohe Hürden für ihre Beschränkung Aus den den Gutachtern vorliegenden Akten
durch die Treuepflicht zu gelten haben. In geht hervor, dass die Schulbehörden auf-
diesem Zusammenhang muss auch beachtet grund der entsprechenden Äusserungen von
werden, ob mit der Äusserung eine breite Herrn Abgottspon eine Beeinträchtigung des
Diskussion zu einem gesellschaftlich rele- Ansehens der OS Stalden befürchteten und
vanten Thema angestossen oder ein Einzel- den geordneten Schulbetrieb bedroht sahen.
akt des Gemeinwesens kritisiert werden soll- Kritische Äusserungen einer Lehrper-
te. son in der Öffentlichkeit über den Religions-
Die ersten öffentlichen Äusserungen bezug ihrer Schule vermögen für sich allein
von Herrn Abgottspon hatten die grundsätz- das Ansehen der Schule jedoch nicht erheb-
liche Rolle der Kirche im Unterrichtswesen lich zu vermindern. Gerade von Lehrperso-
des Kantons Wallis zum Thema und nahmen nen wird erwartet, dass sie sich mit Themen
nicht auf konkrete Einzelakte Bezug. In der von gesellschaftlichem Interesse kritisch
Folge hat sich eine breite öffentliche Diskus- auseinandersetzen und öffentlich dazu Stel-
sion entwickelt, die sich erst mit der Zeit auf lung nehmen. Auf diese Weise leben sie ih-
die besondere Problematik mit dem Kruzifix ren Schülern jenen staatsbürgerlichen Sinn
und dessen Präsenz in den von Herrn Ab- vor, der für ihre Erziehung zu aktiven Teil-
gottspon verwendeten Unterrichtsräumen nehmern am demokratischen Diskurs unab-
zuzuspitzen begann. Diese Fokussierung auf dingbar ist. Darauf nimmt auch das Walliser
einen Einzelakt ist insbesondere auf die öf- Schulgesetz Bezug, wenn es die Volksschule
fentliche Diskussion und weniger auf die darauf verpflichtet, die Schüler auf ihre Auf-
konkreten Äusserungen von Herr Ab- gabe als Mensch vorzubereiten.
gottspon zurück zu führen. Die Rolle der Dass sich die kritische Auseinander-
Religion insbesondere im Grundschulunter- setzung mit wichtigen Themen von gesell-
schaftlichem Interesse oft auch an etablierten
175 politischen Orthodoxien reibt, erscheint un-
Siehe Beitrag des Fernsehsenders „Kanal9 Ober-
wallis“, abrufbar unter http://www.kanal9.ch/tele- vermeidbar. Sie ist aber gerade dort, wo sol-
oberwallis/sendungen/grossrat-kompakt/10-09- che Orthodoxien auch historisch tief veran-
2010/grossrat-kompakt-10-09-10.html (zuletzt kert sind, für eine lebendige Demokratie
besucht am Mittwoch, 05.01.2011). besonders notwendig. Auch mit Bezug auf
die vorliegend zu beurteilenden Äusserungen
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 27
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

zeigt sich die Bedeutung der klassischen und der Gemeindepräsidenten der Schulregi-
Formulierung des EGMR, wonach das Recht on Stalden geltend gemacht wurde, dass sich
auf Meinungsäusserung „nicht nur für die besorgte Eltern bei der Schule diesbezüglich
günstig aufgenommenen oder als unschäd- gemeldet hätten. Konkrete Interventionen
lich oder unwichtig angesehenen Informati- von Seiten besorgter Eltern lassen sich aus
onen, oder Gedanken [gilt], sondern auch für den Akten jedoch nicht erkennen. Falls sol-
die, welche den Staat oder irgendeinen Be- che vorliegen würden, wären sie in die Ak-
völkerungsteil verletzen, schockieren oder ten aufzunehmen. Allein ein protokollari-
beunruhigen. So wollen es Pluralismus, To- scher Hinweis auf angebliche Meldungen
leranz und Aufgeschlossenheit, ohne die es kann nicht genügen.
eine demokratische Gesellschaft nicht
gibt“. 176 Die vorliegend zu beurteilenden Zudem bleibt darauf hinzuweisen,
Äusserungen thematisieren zudem eine Fra- dass auch solche Interventionen von Seiten
ge, die Gegenstand intensiver juristischer besorgter Eltern nur zurückhaltend dazu he-
Auseinandersetzung gerade auch durch die rangezogen werden dürfen, um die in Frage
Gerichte ist. Herr Abgottspon zielte mit ih- stehenden Äusserungen von Herrn Ab-
nen in dieselbe Richtung wie die Verfas- gottspon dienstrechtlich zu sanktionieren.
sungsrechtsprechung des Bundesgerichts, Gerade kontroverse Themen von gesell-
des deutschen Bundesverfassungsgerichts schaftlichem Interesse, wie sie insbesondere
und des Europäischen Gerichtshofs für Men- in neuerer Zeit der Umgang der öffentlichen
schenrechte, um nur einige europäische Ge- Schule mit Religion darstellt, rufen regel-
richte zu erwähnen. mässig kontroverse Reaktionen hervor.
Würde die Tatsache, dass eine öffentliche
Es ist den Gutachtern nur schwer ver- Äusserung von Lehrpersonen von Seiten der
ständlich, wie in solchen Äusserungen die Eltern zum Teil mit Ablehnung aufgenom-
Gefahr liegen könnte, dass sie das Ansehen men wird, für das Ergreifen dienstlicher
der Schule in Frage stellen könnten. Falls der Sanktionen genügen, würde es den Lehrper-
Ansehensverlust darin erblickt werden sollte, sonen faktisch verunmöglicht, gerade zu den
dass mit solchen Äusserungen eine verfas- wichtigsten politischen Themen Stellung zu
sungsrechtlich fragwürdige Praxis der nehmen. Eine dienstrechtlich relevante Be-
Schulbehörden publik gemacht wurde, läge drohung des geordneten Schulbetriebs auf-
die angemessen Reaktion der Schulbehörden grund solcher Äusserungen darf deshalb erst
in der Änderung dieser Praxis und nicht in dann angenommen werden, wenn eine kon-
der Sanktionieren derjenigen Person, die krete, nicht mehr behebbare schwere Störung
darauf hingewiesen hat. des Schulbetriebs nachgewiesen ist. Dies ist
vorliegend aufgrund der den Gutachtern vor-
Wie erwähnt machen die Schulbehör- liegenden Akten nicht erstellt.
den ebenfalls geltend, die fraglichen Äusse-
rungen bedrohten einen geordneten Schulbe- Den Gutachtern drängt sich aufgrund
trieb insbesondere deshalb, weil das Ver- der Akten der Eindruck auf, dass die Störung
trauensverhältnis zwischen Herrn Ab- des Schulbetriebs ihren Grund weniger in –
gottspon und den Eltern einiger Schüler dar- aktenmässig nicht erstellten – Interventionen
unter litt. Aus den Akten geht diesbezüglich von Seiten der Eltern findet, sondern viel-
einzig hervor, dass anlässlich der Sitzung der mehr Folge der Missbilligung von Herrn
Regionalen Orientierungsschulkommission Abgottspons Äusserungen durch die Schul-
behörden ist.
176
Gemäss konstanter Formulierung seit EGMR Wie oben dargelegt, schützt die Mei-
Handyside v. The United Kingdom, 5493/72 nungsfreiheit die vorliegend in Frage ste-
(1976) N49, zitiert nach der Übersetzung in henden Äusserungen. Dies bedeutet insbe-
EuGRZ 1977, S. 42. sondere, dass die Schulbehörden allein des-
halb, weil sie diese Äusserungen inhaltlich
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 28
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

nicht teilen, keine Sanktionen ergreifen dür- Rechtsmässigkeit überprüfen. 179 Das Bun-
fen. Von den Schulbehörden wird von Ver- desgericht verfolgt in dieser Hinsicht mit
fassungs wegen verlangt, dass sie trotz in- Bezug auf das Bundespersonal eine restrikti-
haltlicher Differenzen mit Lehrpersonen ve Rechtsprechung. Es hat festgehalten, dass
weiterhin beförderlich zusammenarbeiten. eine dienstliche Anweisung allenfalls dann
nicht befolgt werden müsse, wenn die ange-
Im Ergebnis sind die in Frage stehen- wiesene Person des raisons évidentes habe,
den Äusserungen durch die Meinungsfreiheit dass damit unrechtmässige Ziele verfolgt
geschützt und vermögen keine Verletzung würden.180 Was darunter konkret zu verste-
der Treuepflicht zu begründen. hen ist, hat das Bundesgericht nicht weiter
ausgeführt.
3. Rechtswidrigkeit dienstlicher An- In der Wissenschaft ist entsprechend
ordnungen anerkannt, dass offensichtlich rechtswidrige
Anordnungen nicht vollzogen werden müs-
3.1. Allgemeines sen. Offensichtliche Rechtswidrigkeit kann
Aus der Treuepflicht ergibt sich keine dort angenommen werden, wo zur Begehung
Pflicht zu blindem Gehorsam.177 Es ist nicht eines Verbrechens oder Vergehens aufgefor-
im Interesse eines Gemeinwesens, dass seine dert wird, eine Anordnung die Menschen-
Angestellten alle Anordnungen ohne kriti- würde oder Grundrechte verletzt oder gegen
schen Bürgersinn, blind und unreflektiert die freiheitlich-demokratische Grundord-
vollziehen. Dies äussert sich etwa darin, dass nung gerichtet ist. 181 In jedem Fall ist die
die Treuepflicht nicht den Vorgesetzten, vorgesetzte Stelle über den verweigerten
sondern dem Gemeinwesen als ganzes ge- Vollzug einer Dienstanweisung zu informie-
schuldet ist.178 ren.182

In diesem Sinne lässt die Treuepflicht Bestehen einfache Zweifel über die
Raum für eine kritische Distanznahme durch Rechtmässigkeit von Anordnungen, hat der
den Angestellten, wenn die Interessen des Bedienstete seinen Vorgesetzten darüber zu
Gemeinwesens durch dienstliche Anordnun- orientieren. Führt diese Rücksprache zu kei-
gen Vorgesetzter gefährdet werden. Gerade nem Ergebnis, ist der Dienstbefehl zu befol-
der vorliegend zu beurteilende Fall macht gen, wobei der Verantwortung alsdann aus-
die Notwendigkeit eigenständiger Beurtei- schliesslich bei den Vorgesetzten liegt.183
lung durch den Angestellten deutlich: Es
wäre höchst widersprüchlich, einerseits der
3.2. Dienstrechtliche Anweisungen im
Schule aufzutragen, ihre Schüler auf ihre
konkreten Fall
Aufgaben als Mensch vorzubereiten, den
Lehrpersonen aber zu versagen, diese Auf- Am 15. September 2010 erliess die
gabe als Erwachsene wahrzunehmen und Schuldirektion der OS Stalden eine Reihe
entsprechend am demokratischen Diskurs dienstrechtlicher Anordnungen gegenüber
teilzunehmen. Herrn Abgottspon. Unter anderem wurde
angeordnet, dass das aus dem Klassenzim-
Angestellte dürfen in gewissem Rah-
mer entfernte Kruzifix bis zum Montag, 20.
men dienstliche Anweisungen auf ihre

179
HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N209;
180
BGE 100 Ib 13 E4b S. 17.
177 181
HAFNER, Öffentlicher Dienst im Wandel, S. 491. HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N209.
178 182
HANGARTNER, Treuepflicht und Vertrauenswür- BELLWALD, Dienstrechtliche Verantwortlichkeit,
digkeit der Beamten, S. 392f; HÄNNI, Die Treue- S. 60f.
183
pflicht, S. 83, FN209. HÄNNI, Personalrecht des Bundes, N209.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 29
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

September 2010, dort wieder anzubringen gründung, weitgehend unbestritten. Dazu


sei. Herr Abgottspon weigerte sich, dieser kommt, dass rund ein Jahr vor der Weige-
Forderung nachzukommen. In einem Ant- rung von Herrn Abgottspon, das Kruzifix
wortschreiben vom 21. September 2010 hielt wieder im Unterrichtsraum anzubringen,
er fest, dass bei Befolgung der Anordnung auch der Europäische Gerichtshof für Men-
seine Glaubens- und Gewissensfreiheit so- schenrechte ein entsprechendes Urteil gefällt
wie auch die religiöse Neutralitätspflicht des hat. Es besteht heute kein Zweifel, dass es
Staates verletzt würden. Von der Schulbe- mit der Neutralitätspflicht des Gemeinwe-
hörde verlangte er eine Bestätigung seiner sens nach Art. 15 BV und Art. 9 EMRK un-
rechtlichen Beurteilung der Anordnung oder, vereinbar ist, Kruzifixe in Klassenzimmern
falls an der Anordnung festgehalten werde, öffentlicher Schulen anzubringen. Die An-
eine anfechtbare Verfügung inkl. Rechtsmit- ordnung der Schulbehörden, das Kruzifix
telbelehrung. wieder aufzuhängen, durfte von Herrn Ab-
gottspon ohne Zweifel als offensichtlich
Im Hinblick auf die allgemeinen Aus- rechtswidrig beurteilt werden.
führungen muss zunächst der Frage nachge-
gangen werden, ob es sich bei der Anord- Dazu kommt, dass sich Herr Ab-
nung, das aus dem Unterrichtsraum entfernte gottspon nicht, wie es mit der Treuepflicht
Kruzifix wieder anzubringen, um eine offen- vereinbar gewesen wäre, der Anordnung
sichtlich rechtswidrige Anweisung handelt einfach nur faktisch widersetzt hatte, son-
und ihre Nichtbefolgung deshalb keine Ver- dern die vorgesetzten Behörden über seine
letzung der Treuepflicht darstellt. Zweifel informierte und eine anfechtbare
Verfügung verlangte. Damit brachte er zum
Wie erläutert, kann eine offensichtli- Ausdruck, dass er nicht zu einer Art Selbst-
che Rechtswidrigkeit insbesondere dann justiz greifen, sondern seine wohlbegründe-
angenommen werden, wenn mit der Ausfüh- ten Zweifel an der Rechtmässigkeit der An-
rung der Anordnung eine Verletzung grund- ordnung in den dafür offenstehenden Ver-
rechtlicher Ansprüche verbunden ist. Im fahren geltend machen und einer rechtlich
ersten Teil dieses Gutachtens wurde zu die- verbindlichen Klärung zuweisen würde.
sem Punkt ausführlich Stellung bezogen,
wobei abschliessend festgehalten wurde, Aus den Akten geht hervor, dass die
dass Kruzifixe, insbesondere in den Räum- Schulbehörde eine Woche nach Herrn Ab-
lichkeiten einer öffentlichen Schule, eine gottspons Verlangen nach einer Verfügung
Verletzung der individualrechtlichen An- die Kündigung beschloss. Dieser Zeitablauf
sprüche der Glaubens- und Gewissensfrei- deutet darauf hin, dass Herr Abgottspons
heit darstellen. 184 Darüber hinaus ist ihre Velangen nach einer Verfügung den letzten
Präsenz auch im Hinblick auf die religiöse Ausschlag für die Kündigung gab. Es darf
Neutralitätspflicht des Gemeinwesens nicht einem öffentlich-rechtlichen Angestellten
verfassungsmässig. jedoch nicht zum Nachteil gereichen, wenn
er im Rahmen seines Arbeitsverhältnisses in
Die Offensichtlichkeit der Rechtswid- nicht missbräuchlicher Art und Weise von
rigkeit ergibt sich nur schon daraus, dass das seinen Rechten Gebrauch macht. Vorliegend
Bundesgericht in seinem Urteil aus dem Jahr ist das Verlangen nach einer Verfügung in
1991 genau diesen Sachverhalt beurteilt hat keiner Weise rechtsmissbräuchlich. Dies als
und zu einem klaren Ergebnis gekommen letzten Anstoss für die Kündigung zu neh-
war. Diese Rechtsprechung fand in der Leh- men, wäre unzulässig.
re breite Unterstützung und ist auch heute
noch, rund zwanzig Jahre nach ihrer Be- Dazu kommt, dass durch dieses Ver-
halten der Schulbehörden verunmöglicht
184
Siehe Punkt B.II.2., S. 15ff.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 30
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

wurde, den Konflikt um das Kruzifix einver- D. Zusammenfassung


nehmlich, dialoghaft 185 zu lösen, und es
stand Herrn Abgottspon auch kein interner I. Glaubens- und Gewissensfreiheit
Beschwerdeweg mehr offen. Damit blieb im öffentlichen Grundschulunter-
ihm letztlich nur noch, mit seinem inhaltlich richt
berechtigten Anliegen an die Öffentlichkeit
zu gelangen, diese auf die bestehenden 1. Der Verfassungsrechtliche Rahmen
Missstände aufmerksam zu machen und so Das Verhältnis zwischen Gemeinwe-
zu einer Besserung der verfassungsrechtli- sen und Kirchen wir von den Kantonen ge-
chen Situation an der OS Stalden beizutra- regelt. Diese in Art. 72 BV festgehaltene
gen.186 Ordnung stellt eine Einschränkung der in der
Bundesverfassung und internationalen Über-
einkommen wie der EMRK und dem UNO-
Pakt II gewährleisteten Glaubens- und Ge-
wissensfreiheit dar. Die Kompetenzen nach
Art. 72 BV sind deshalb mit dem Grundrecht
der Glaubens- und Gewissensfreiheit in
praktische Konkordanz zu bringen.
Die Glaubens- und Gewissensfreiheit
vermittelt zunächst individualrechtliche An-
sprüche und dient dem Schutz wesentlicher
Aspekte menschlicher Existenz, insbesonde-
re der persönlichen Haltung zu letztverbind-
lichen Gehalten. Geschützt sind alle theisti-
schen, agnostischen, freidenkerischen, a-
theistischen und rationalistischen Überzeu-
gungen, diese Überzeugungen zu haben oder
nicht zu haben, sie individuell oder kollektiv
zu praktizieren, zu verbreiten oder daran
Kritik zu üben.
Neben diesen individualrechtlichen
Gehalten beinhaltet die Glaubens- und Ge-
wissensfreiheit ein staatliches Organisati-
onsprinzip, wonach der Staat nicht einseitig
Position für oder gegen bestimmte, religiös
oder weltanschaulich ausgerichtete Gruppie-
rungen einnehmen darf. Für empfindliche
Bereiche staatlicher Tätigkeiten wiegt dieses
Neutralitätsprinzip besonders schwer. Dies
gilt insbesondere für den Bereich öffentli-
cher Schulen, wo der Staat Schülerinnen und
Schülern gegenüber tritt, die sich aufgrund
ihrer noch ungefestigten Anschauungen und
unausgebildetem Kritikvermögen in einer
Position besonderer Schutzbedürftigkeit be-
finden. Besonders schwer wiegt die Neutrali-
185
HAFNER, Öffentlicher Dienst im Wandel, S. 493. tätspflicht im Rahmen des obligatorischen
186
HÄNNI, Die Treuepflicht, S. 135f. Grundschulunterrichts. Die staatliche Pflicht
zu religiöser Neutralität stellt zudem einen
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 31
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

vom Einzelnen direkt durchsetzbarer Grund- Fraglich ist, ob der entsprechende Art. 3,
rechtsgehalt dar. insbesondere die Verpflichtung, die Schüle-
rinnen und Schüler auf ihre „Aufgabe als
Das Gemeinwesen hat sich vorausset- Mensch und Christ vorzubereiten“, den
zungslos an die Neutralitätspflicht zu halten. Grundsatz religiöser Neutralität respektiert.
Ein Kanton darf deshalb die Unterrichtsme-
thodik, die Organisationsform oder die Lern- Gestützt auf die Bestimmung haben
inhalte an öffentlichen Schulen nicht syste- die öffentlichen Schulen zwei Ziele zu ver-
matisch auf oder gegen bestimmte Glaubens- folgen, nämlich die Vorbereitung der Schü-
oder Gewissensgesinnungen ausrichten. ler auf die Herausforderungen ihrer Existenz
als Menschen im Allgemeinen und Christen
Unvermeidbar ist hingegen, dass ver- im Besonderen. Die Schülerinnen und Schü-
einzelt persönliche Überzeugungen der ler sind demnach, neben den allgemeinen
Lehrpersonen in den Unterricht einfliessen. Ansprüchen des menschlichen Lebens, ins-
Lehrpersonen sind jedoch im Rahmen ihrer besondere auch auf jene vorzubereiten, die
Unterrichtstätigkeit gewissen Einschränkun- ihnen spezifisch als Christinnen und Chris-
gen ihrer individuellen Grundrechtsansprü- ten zukommen. Damit nimmt die Bestim-
che unterworfen. Solche Schranken ergeben mung klar Stellung zugunsten christlicher
sich etwa daraus, dass sie als Repräsentanten Konfessionen, was mit der Neutralitäts-
des Staates im Unterricht selbst Gewähr für pflicht nicht vereinbar ist.
die religiöse Neutralität bieten müssen. Aus
diesem Grund erachtet das Bundesgericht Die Anordnung der Schulbehörde ge-
etwa das an eine muslimische Lehrerin ge- genüber Herrn Abgottspon, das Kruzifix
richtete Verbot, während des Unterrichts ein wieder im Unterrichtsraum aufzuhängen,
Kopftuch zu tragen, als zulässig. In der kann sich demnach nicht auf diese gesetzli-
Dogmatik des öffentlichen Personalrechts che Grundlage stützen. Eine andere Grund-
kommen diese weitergehenden Verpflich- lage im Gesetz ist nicht ersichtlich.
tungen in der Form der Treuepflicht zum
Ausdruck.
2.2. Kruzifix in Schulräumen
Die personalrechtliche Treuepflicht
entkleidet die öffentlich-rechtlichen Ange- Zudem ist die Frage zu klären, ob
stellten jedoch nicht ihrer Grundrechte, son- sich die Präsenz von Kruzifixen in Unter-
dern erlaubt nur, diese unter weniger restrik- richtsräumen öffentlicher Schulen mit den
tiven Voraussetzungen einzuschränken, als Garantien der Glaubens- und Gewissensfrei-
dies ausserhalb besonderer Rechtsverhältnis- heit rechtfertigen lässt. Wird dies verneint,
se zulässig wäre. Insbesondere steht es auch vermag auch eine ansonsten genügende ge-
öffentlich-rechtlich angestellten Lehrperso- setzliche Grundlage die Anordnung nicht zu
nen an öffentlichen Grundschulen offen, sich tragen, im Schulzimmer das zuvor abge-
auf die individualrechtlichen Ansprüche aus hängte Kruzifix wieder aufzuhängen.
der Pflicht des Gemeinwesens zu religiöser Das Bundesgericht wie auch interna-
Neutralität zu berufen. tionale Gerichte und höchstrichterliche
Rechtsprechung des Auslands sind sich einig,
2. Zu den Gutachtensfragen dass das Anbringen eines Kruzifixes in ei-
nem Unterrichtsraum einer öffentlichen
2.1. Art. 3 des kantonalen Schulgesetzes Schule eine einseitige Parteinahme des Ge-
meinwesens zugunsten des Christentums
Ob von Herrn Abgottspon verlangt darstellt. Dadurch wird die Neutralitäts-
werden darf, in einem Unterrichtsraum mit pflicht des Staates verletzt. Ebenfalls wird
Kruzifix zu unterrichten, hängt zunächst von anerkannt, dass Einzelne durch die Präsenz
der gesetzlichen Grundlage ab, auf welche eines derart stark religiös konnotierten Zei-
das Gemeinwesen diese Forderungen stützt. chens in ihren religiösen Überzeugungen
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 32
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

verletzt werden können. Neben der allge- Lehrerzimmer der OS Stalden ein Kruzifix
meinen Neutralitätspflicht ist deshalb auch aufzuhängen.
für die individualrechtlichen Ansprüche an-
erkannt, dass sie durch die unausweichliche
Präsenz eines Kruzifixes verletzt werden. 2.3. Verpflichtung zur Vorbereitung
von Kultushandlungen
Im vorliegenden Fall ist zudem zu
klären, ob Kruzifixe allenfalls in Lehrer- Weiter ist die Frage zu klären, ob es
zimmern öffentlicher Grundschulen aufge- mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit
hängt werden dürfen. Auch damit bringt der von Herrn Abgottspon vereinbar ist, ihn im
Staat – wie auch im Fall der Unterrichtsräu- Rahmen seines regulären Unterrichts zu
me – zum Ausdruck, dass er sich mit dem Vorbereitungen von Kultushandlungen (Be-
Christentum besonders verbunden fühlt. Mit stimmung von Messdienern und Lektoren
Bezug auf die Aussagekraft eines entspre- für die Schulmesse aus dem Kreis der Schü-
chenden Kruzifixes besteht kein Unterschied lerschaft) zu verpflichten.
zu den Unterrichtsräumen. Im Hinblick auf den in Art. 15 Abs. 4
Lehrpersonen als erwachsene Men- BV enthaltenen Kerngehalt der Glaubens-
schen lassen sich jedoch im Allgemeinen und Gewissensfreiheit ist festzuhalten, dass
weniger stark von religiösen Symbolen be- die Teilnahme an Kultushandlungen, bei-
einflussen als Schulkinder, die sich diesbe- spielsweise der Schulmesse, auf keinen Fall
züglich noch in der Entwicklung befinden. verlangt werden darf.
Sie sind einem im Lehrerzimmer platzierten Blosse Vorbereitungshandlungen,
Symbol jedoch in ähnlich unausweichlicher beispielsweise das Bestimmen von Messdie-
Weise ausgesetzt wie die Schülerinnen und nern und Lektoren für die Schulmesse, stel-
Schüler in ihren Unterrichtszimmern, da es len nach Ansicht der Gutachter jedoch nur
in der Regel die einzige Rückzugsmöglich- einen leichten Eingriff in den grundrechtli-
keit für Lehrpersonen darstellt, in dem sie chen Schutzbereich der Glaubens- und Ge-
ihren Unterricht vorbereiten und miteinander wissensfreiheit von Lehrpersonen dar. Diese
ins Gespräch kommen können. bedürften hinsichtlich des besonderen
Die Abweichung vom Grundsatz reli- Rechtsverhältnisses von Lehrpersonen zum
giöser Neutralität durch die Anbringung ei- Gemeinwesen keiner expliziten gesetzlichen
nes Kruzifixes im Lehrerzimmer wäre allen- Grundlage.
falls dann zulässig, wenn das Gemeinwesen In anderem Licht erscheint die Ver-
damit Interessen von erheblichem Gewicht pflichtung zur Auswahl von Messdienern
verfolgt und es diese Interessen nicht in glei- und Lektoren aus Sicht der Pflicht des Staa-
chem Masse in neutraler Weise erreichen tes zu religiöser Neutralität. Von Herrn Ab-
kann. In Frage kommt insbesondere das Inte- gottspon wird verlangt, in Ausübung seines
resse, die Lehrpersonen dauerhaft darauf Amtes eine Handlung mit direktem Bezug zu
hinzuweisen, dass im Schulunterricht auch einem spezifischen Kultus vorzunehmen.
ethische und moralische Werte vermittelt Diese einseitige religiöse Einbindung des
werden müssen, um das Ziel zu erreichen, Lehrers vermag allenfalls Interessen admi-
die Schüler auf ihr künftiges Leben vorzube- nistrativer Einfachheit zu fördern. Dies ge-
reiten. Dieses Interesse verlangt aber keine nügt jedoch nicht, um die Pflicht zu religiö-
Stellungnahme des Gemeinwesens zuguns- ser Neutralität zu relativeren. Die Verpflich-
ten einer Religion, sondern kann gerade so tung Herrn Abgottspons, im Rahmen seiner
wirksam – vielleicht gar wirksamer – mit Tätigkeit als Lehrer aus der Schülerschaft
religiös neutralen Vorkehren gefördert wer- Messdiener und Lektoren für die Schulmesse
den. Nach Ansicht der Gutachter ist es des- zu bestimmen, hält vor der Garantie staatli-
halb im vorliegenden Fall nicht zulässig, im cher Neutralität nach Art. 15 BV und Art. 9
EMRK nicht stand.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 33
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II. Treuepflicht von öffentlich- aufgrund unsachlicher oder polemischer


rechtlich angestellten Lehrperso- Äusserungen leicht Schaden nehmen kann.
nen
Diese Pflicht kann jedoch nicht wei-
1. Begriff und Grenzen der Treue- ter gehen, als es mit grundrechtlich garan-
pflicht tierten Meinungsfreiheit (Art. 16 BV, Art. 10
EMRK) vereinbar ist. Aus der Treuepflicht
Die dienstrechtliche Treuepflicht be- können sich legitime Einschränkungsgründe
deutet, dass Staatsangestellte bei der Erfül- ergeben, die ausserhalb dienstrechtlicher
lung ihrer Aufgaben über die eigentliche Verhältnisse nicht bestehen würden. An der
Arbeitsleistung hinaus die Interessen des Geltung der Meinungsfreiheit ändert die
Gemeinwesens zu wahren haben. Diese be- Treuepflicht nichts, nur allenfalls am Um-
stehen im korrekten, unparteiischen und fang ihres Schutzes im konkreten Fall. Es
wirksamen Gesetzesvollzug im Interesse der stellt sich deshalb die Frage, ob Herr Ab-
Betroffenen und der Allgemeinheit. So hält gottspons Äusserungen mit seiner Treue-
Art. 7 Abs. 2 des Beamtengesetzes des Kan- pflicht vereinbar waren, die ihrerseits nur im
tons Wallis fest, dass öffentlich-rechtlich Rahmen der Meinungsfreiheit gelten kann.
Angestellte ihre „dienstlichen Obliegenhei-
ten gewissenhaft und mit Sorgfalt zu erfüllen Entscheidend für den Schutz, den die
haben“. Diese Pflicht erstreckt sich insoweit Meinungsfreiheit gewährleistet, sind zu-
auch auf ausserdienstliches Verhalten des nächst Inhalt und der Form der fraglichen
Amtsträgers, als davon Auswirkungen auf Äusserung. Eine polemische Äusserung ei-
die Wahrnehmung seiner dienstlichen Tätig- nes Lehrers wird weniger weitgehend ge-
keiten ausgehen. schützt als eine sachliche. In inhaltlicher
Hinsicht sind Äusserungen zu Fragen von
Die Treuepflicht gilt nicht absolut, gesellschaftlichem Interesse in weitergehen-
sondern findet ihre Grenzen insbesondere dem Masse geschützt als solche zu rein per-
dort, wo die aus ihr abzuleitenden Pflichten sönlichen oder wirtschaftlichen Angelegen-
zu unzulässigen Beschränkungen von heiten.
Grundrechten führen.
Von Bedeutung ist weiter, ob die
Äusserung einer beim Staat angestellten Per-
2. Öffentliche Äusserungen und son von der Öffentlichkeit als amtliche oder
Grundrecht der Meinungsfreiheit als private Äusserung verstanden wird, oder
ob die Öffentlichkeit gar nicht darüber in-
Für den vorliegenden Fall stellt sich formiert ist, dass ein staatliches Anstellungs-
die Frage, ob Herr Abgottspon durch seine verhältnis besteht. Wenn das bestehende
Äusserungen in der Öffentlichkeit gegen die Arbeitsverhältnis nicht öffentlich bekannt ist,
ihm als öffentlich-rechtlich angestellte Lehr- stehen entsprechende Äusserungen unter
person auferlegte Treuepflicht verstosse hat, weitergehendem Schutz.
oder ob sie vom Grundrecht auf Meinungs-
freiheit gedeckt waren. Die von Herrn Abgottspon in ver-
schiedenen Medien gemachten Äusserungen
Aus der Treuepflicht ergibt sich zu- fallen in den Schutzbereich der Meinungs-
nächst, dass sich öffentlich-rechtliche Ange- freiheit. Unter Beachtung der genannten
stellte in der Form und im Inhalt, wie sie Voraussetzungen an Form und Inhalt der
gegenüber dem Arbeitgeber, ihren Mitarbei- Äusserungen verletzen sie die Treuepflicht
tenden oder Vorgesetzten Kritik üben, eine nicht.
gewisse Zurückhaltung auferlegen müssen.
Dies gilt insbesondere für Lehrpersonen, da Zunächst wurden nur sachliche Ar-
sie in besonderem Mass auf ein Vertrauens- gumente vorgebracht, was insbesondere im
verhältnis zu ihren Schülerinnen und Schü- Hinblick auf die Form keine Verletzung der
lern sowie deren Eltern angewiesen sind, das Treuepflicht darstellt.
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 34
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Darüber hinaus sind die Äusserungen Anlass für eine Kündigung geben. Dies wür-
im Hinblick auf ihren Inhalt grundrechtlich de gegen die Meinungsfreiheit verstossen.
besonders intensiv geschützt. Herr Ab-
gottspon hat eine grundsätzliche Diskussion
zum Verhältnis von Kirche und Staat ange- 3. Vollzug von rechtswidrigen Dienst-
stossen, die sich in ihrem Umfang erst mit anordnungen
der Zeit (und insbesondere erst nach seiner Aus Sicht der Treuepflicht ist eben-
Freistellung) auf das Kruzifix in seinem falls relevant, ob die Weigerung zur Vor-
Schulzimmer und damit einen Einzelakt der nahme der Dienstanweisung, das entfernte
Verwaltung zugespitzt hat. Kruzifix wieder im Unterrichtszimmer anzu-
Schliesslich war es auch nicht Herr bringen, eine Verletzung darstellt.
Abgottspon zuzurechnen, dass er in der Öf- Die Treuepflicht beinhaltet grund-
fentlichkeit nicht nur als Präsident der loka- sätzlich die Pflicht zum Vollzug dienstlicher
len Freidenkervereinigung, sondern als öf- Anordnungen. Öffentlich-rechtlich angestell-
fentlich-rechtlich angestellter Lehrer erkannt te Lehrpersonen unterstehen einem Wei-
wurde. sungsrecht ihrer Vorgesetzten. Fraglich ist,
Diese Punkte vermögen in ihrer Ge- ob Herr Abgottspon die an ihn gerichtete
samtheit Herr Abgottspon in seiner grund- Anweisung, das entfernte Kruzifix wieder in
rechtlichen Position zu schützen. Die Treue- dem Unterrichtsraum anzubringen, zur Wah-
pflicht stellt deshalb keine rechtmässige rung seiner Treuepflicht hätte ausführen
Grundlage für eine Sanktionierung der von müssen.
ihm gemachten Äusserungen dar. Die Treue bezieht sich auf das Ge-
Die von den Schulbehörden geltend meinwesen, nicht auf die vorgesetzte Person,
gemachten Interessen an der Aufrechterhal- von der die Anordnungen ausgeht. Die Voll-
tung eines Vertrauensverhältnisses zwischen zugspflicht findet ihre Grenzen deshalb dort,
Herrn Abgottspon und den Eltern seiner wo die Anordnungen offensichtlich rechts-
Schüler sind grundsätzlich geeignet, Ein- widrig sind, da damit die Interessen des Ge-
schränkungen der Meinungsfreiheit zu recht- meinwesens verletzt würden. Offensichtlich
fertigen. Aus den Akten ergeben sich jedoch ist die Rechtswidrigkeit beispielsweise dann,
keine konkreten Anhaltspunkte, wonach das wenn durch das Ausführen der Anweisung
Verhältnis zwischen Herrn Abgottspon und wesentliche Grundrechtsgehalte verletzt
den Eltern seiner Schüler durch seine öffent- werden. Bei blossen Zweifeln über die
lichen Äusserungen erschüttert worden wäre. Rechtswidrigkeit hat die Angestellte Person
Rücksprache mit ihren Vorgesetzten zu
Das weiter geltend gemachte Interes- nehmen, und kann die Ausführungen nicht
se, das Ansehen der Schule zu wahren, ist einfach von sich aus verweigern.
grundsätzlich ebenfalls geeignet, die Mei-
nungsfreiheit von Lehrpersonen in gewissem Aufgrund der klaren Rechtsprechung
Masse einzuschränken. Wird das Ansehen des Bundesgerichts und des Europäischen
der Schule aber dadurch in Frage gestellt, Gerichtshofs für Menschenrechte zur Unzu-
dass auf verfassungswidrige Praktiken der lässigkeit von Kruzifixen in Unterrichtsräu-
Schulbehörden hingewiesen wird, liegt das men öffentlicher Grundschulen war es für
rechtmässige Mittel zum Schutz des Anse- Herrn Abgottspon offensichtlich, dass die
hens nicht in der Einschränkung entspre- Anordnung, das Kruzifix wieder aufzuhän-
chender öffentlicher Äusserungen, sondern gen, rechtswidrig war.
in der Herstellung verfassungskonformer Es kann somit Herr Abgottspon nicht
Zustände. als Verletzung seiner Treuepflicht angelastet
Herr Abgottspons öffentliche Äusse- werden, dass er der Anweisung, das Kruzifix
rungen durften im vorliegenden Fall nicht
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten 35
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

wieder in seinem Unterrichtszimmer anzu- fixe in öffentlichen Schulen des Kantons


bringen, nicht umgehend nachgekommen ist. Wallis, seiner Weigerung, das Kruzifix wie-
der aufzuhängen und seiner wiederholten
Zudem hat Herr Abgottspon diese Mahnungen an die Schule, die religiöse
Anordnung nicht einfach eigenmächtig Neutralitätspflicht einzuhalten, mit der
missachtet, sondern, indem er eine anfecht- Glaubens- und Gewissensfreiheit nach Art.
bare Verfügung verlangte, deutlich gemacht, 15 BV und Art. 9 EMRK und der Meinungs-
dass er die zur Klärung der rechtlichen Si- freiheit nach Art. 16 BV und Art. 10 EMRK
tuation offenstehenden Verfahren einzu- nicht vereinbar.
schlagen gedachte. Darin liegt keine Verlet-
zung der Treuepflicht. Bei diesem Ergebnis braucht nicht
nähe darauf eingegangen zu werden, dass im
E. Schlussergebnis vorliegenden Fall nicht nur eine ordentliche,
sondern eine fristlose Kündigung ausgespro-
Insgesamt erscheint die Kündigung chen wurde.
von Herrn Abgottspon wegen seiner öffent-
lichen Äusserungen zum Problem der Kruzi-

Basel, 14. Januar 2011

Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. Alexander Suter, MLaw


Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten I
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Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten VI
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Fallverzeichnis
Entscheide Bundesrat
Entscheid des Bundesrates vom 29. Juni 1988 zur Glaubens- und Gewissensfreiheit, Gemein-
deautonomie und dem Schulwesen, übersetzt in: ZBL 1/1989, S. 19-25.
zit. Entscheid des Bundesrates vom 29. Juni 1988 (Kruzifix)
Entscheide des Bundesgerichts
BGE 97 I 221 (Neuapostolische Kirche)
BGE 98 Ia 467
BGE 100 Ib 13
BGE 108 Ia 172 (Züricher Jugendunruhen)
BGE 114 Ia 129 (Laubhüttenfest)
BGE 116 Ia 252 (Kruzifix), Übersetzung in ZBl 1991, S. 71-79
BGE 118 Ia 46 (infoSekta)
BGE 120 Ia 203 (Motorfahrzeugverbot für Beamte)
BGE 123 I 296 (Kopftuch)
BGE 125 I 369 (Scientology Basel)
BGE 134 I 49 (Buchs)
BGE 134 I 56 (Birr)
BGE 136 I 332
Urteil 1P.149/2004
Entscheide des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
EGMR Cha’are Shalom Ve Tsedek vs. France, 27417/95 (2000)
EGMR Angeleni v. Sweden, 10491/83 (1986)
EGMR Hasan & Chaush v. Bulgaria, 30985/96 (2000)
EGMR Kuznetsov v. Russia, 184/02 (2007)
EGMR Lautsi v. Italy, 30814/06 (2009)
EGMR Dahlab v. Switzerland, 42393/98 (2001)
EGMR Vogt v. Germany, 17851/91 (1995)
EGMR Handyside v. The United Kingdom, 5493/72 (1976), übersetzt in EuGRZ 1977, S. 42.
Entscheide des deutschen Bundesverfassunsgerichts
BVerfGE 93, 1 (Deutscher Kreuz-Entscheid)
Entscheide des UNO-Menschenrechtsrates
MRA Waldman v. Canada, 694/1996 (1999)
MRA Leirvåg v. Norway, 1155/2003 (2004)
Glaubens- und Gewissensfreiheit von Lehrpersonen: Rechtsgutachten VII
von Prof. Dr. Markus Schefer, LL.M. und Alexander Suter, MLaw

Materialienverzeichnis
Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung betreffend die Gewährleistung der
revidierten Verfassung des Kantons Wallis vom 1. November 1907, BBl 1907 V 611ff.
zit. BBl 1907 V
Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Gewährleistung der geänder-
ten Verfassungen der Kantone Unterwaiden nid dem Wald, Basel-Landschaft, Appenzell-
Ausserrhoden, Graubünden und Wallis vom 23. Oktober 1974, BBl 1974 II 994ff.
zit. BBl 1974 II
Botschaft über die Gewährleistung der geänderten Verfassungen der Kantone Zürich, Luzern,
Freiburg, Schaffhausen, Graubünden, Waadt und Wallis vom 29. Mai 1991, BBl 1991 II
1593ff.
zit. BBl 1991 II
Botschaft über eine neue Bundesverfassung vom 20. November 1996, BBl 1997 I 1ff.
zit. BBl 1997 I
Entscheid der Eidgenössischen Personalrekurskommission vom 24. Februar 1997, Nichtwie-
derwahl von Beamtinnen und Beamten wegen rechtsextremer Aktivitäten, Verwaltungspraxis
der Bundesbehörden, 61.80.
zit. VPB 61.80, Nichtwiederwahl rechtsextremer Beamter
Entscheid des Bundesrates vom 11. Januar 1984 bzgl. einer Beschwerde gegen die Bestim-
mung eines kantonalen Gesetzes (St. Gallen), wonach die Volksschule nach christlichen
Grundsätzen geführt wird, Verwaltungspraxis der Bundesbehörden, 51.7.
zit. VPB 51.7, St. Galler Schulgesetz
General Comment No. 22, The right to freedom of thought, conscience and religion (Art. 18
UNO-Pakt II) vom 30. Juli 1993.
zit. General Comment No. 22 über Art. 18 UNO-Pakt II