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Inhalt

8 Vorwort von Serge Halimi

1
10
Kapitel: Neue Weltkunde
Einleitung von Joseph E. Stiglitz
3
70
Kapitel: Die Zukunft der Energie
Einleitung von Sven Giegold
12 Das US-Imperium bekommt Konkurrenz 72 Klimafaktor Mensch
14 Warum die Menschheit immer älter wird 74 Die Rettung ist finanzierbar
16 Migration – viele Gründe, viele Grenzen 76 Kohle bleibt ein Dauerbrenner
18 Arme Länder, gute Ernten, großer Hunger 78 Das billige Erdöl ist verbraucht
20 Der vergeudete Rohstoff-Boom 80 Der letzte Tropfen wird zu teuer
22 Der Kampf um das Wasser 82 Europas Erdgas aus dem Osten
24 Fundamentalisten sind überal 84 Machtkampf am kaspischen Meer
26 Das seltsame Innenleben der Nato 86 Öl und Armut in der arabischen Welt
28 Rüstung bietet jeden Tod 88 Afrikas Ölquellen locken alte Bekannte
30 Terrain für bewaffnete Gruppen 90 Neue Märchen von der Atomkraft
32 Cyberterrorismus – eine Gefahr, die noch keine ist 92 Der grüne Boom trägt weit in die Zukunft
34 Das Handy drängt ins Internet 94 Europa kann sich selbst versorgen
36 Die Europäische Union auf dem Weg zur Großmacht 96 Ergiebige Winde über dem Meer
38 USA – eine Marke ist beschädigt 98 Die Vision vom Wüstenstrom
40 Lateinamerika entzieht sich den USA
42 China und Indien – zwei Riesen verändern die Welt
4 Kapitel: Viele Hauptstädte, viele Ansichten

2
44
Kapitel: Kapitalismus in der Krise
Einleitung von Bettina Gaus
100 Einleitung von Philippe Rekacewicz
102 Eine Welt mit vielen Zentren
104 Die USA spüren ihre Grenzen
46 Krisen und wer dafür bezahlt 106 Berlin, die neue Mitte Europas
48 Versagen ohne Reue: die Ausreden der Marktradikalen 108 Polen ist längst nicht mehr verloren
50 Steuerzahler als Bankenretter 110 Das zaghafte Europa
52 An der Schnittstelle von Staat und Bank 112 Moskau blickt unsicher nach Osten
54 Kleine Wagen mit großer Zukunft 114 Die Arktis, letzte Grenze der Globalisierung
56 Eine neue internationale Arbeitsteilung 116 Stolz und Stärke in Teheran
58 Welthandelsrunde im Langzeitkoma 118 Neu-Delhi übersieht seine Nachbarn
60 Staatsfonds, die neuen Geldgeber 120 Peking hat die besten Karten
62 Die Krise erreicht IWF und Weltbank 122 Japans unschuldige Gesichter
64 Geld-Wechsel in der Weltwirtschaft 124 Geschwächte Macht am Nil
66 Mehr Geld als Waren in der Welt 126 Vertane Chancen am Kap
68 Der Neoliberalismus belohnt seine Fürsprecher

6
5 Kapitel: Kompliziertes Afrika
128 Einleitung von Prof. Kum’a Ndumbe III.
6 Kapitel: Ungelöste Konflikte
166 Einleitung von Volker Perthes
130 Ungewisse Zukunft nach dem großen Umbruch 168 Schrecken ohne Gleichgewicht
132 Ein Wirtschaftswachstum, das den Armen nicht hilft 170 Millionen Flüchtlinge erhalten keine Hilfe
134 Soziale Proteste aus Notwehr 172 Kosovo und Bosnien, zwei Versuche der Staatsgründung
136 Auswandern – aber wohin? 174 Wie die Eliten des Maghreb den Terrorismus nutzen
138 Megastädte, Megaslums 176 In Westsahara hört die junge Generation nicht mehr
auf die alten Autoritäten
140 Kontinent der Kinder
142 Machtkämpfe im ethnischen Gewand 178 Aus dem Gazakrieg lernen
144 Wettlauf der Religionen 180 Gefährliche Ruhe im Libanon
146 Aufbau in zerstörten Ländern 182 Kurdistan, der Traum vom eigenen Staat
148 UN-Einsatz in Afrika, eine gemischte Bilanz 184 Unversöhnliche Gegner im Südkaukasus
150 Darfur, Chronologie einer Tragödie 186 Tschetschenien bleibt Republik von Moskaus Gnaden
152 Demokratische Anfänge im Kongo 188 Syriens Schlüsselrolle im Nahen Osten
154 Unstaaten am Horn von Afrika 190 Der Irak ist längst noch kein stabiler Staat
156 Die neuen Führungsmächte 192 In Afghanistan kann die Nato nicht gewinnen
158 Im Blickfeld des Pentagon 194 Indien und Pakistan, misstrauische Nachbarn mit Bombe
160 Asien im Afrikafieber 196 Sri Lanka: Kein Frieden nach dem Sieg
162 Alte Schulden, neues Geld 198 Die Volksrepublik China ist nicht für alle Völker da
164 Der lange Weg zur Demokratie 200 Nordkorea, Volksrepublik unter Verschluss
202 Bruchlinien in der Andenregion

204 Kartenverzeichnis
206 Autorenverzeichnis
208 Quellen der Karten

7
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Von Serge Halimi

Z u Beginn des Jahres 2008 hätte kaum jemand darauf


gewettet, dass ein junger schwarzer Senator aus Illinois
im November zum Präsidenten der USA gewählt würde. Ebenso
Der Irrglaube breitet sich trotzdem immer weiter aus.
Die Schuldenkrise – ausgelöst durch die berüchtigten Subprime-
Kredite, die rückzahlungsunfähige Verbraucher in die Klemme
wenig hätte man vermutet, dass noch ein ganz anderes Ereignis brachten – ließ die Nachfrage der Zahlungskräftigen einbrechen.
dem Jahr den entscheidenden Stempel aufprägen würde. 2008 Und was soll jetzt Abhilfe schaffen? Ausgerechnet die
sollte für Barack Obama, sein Land und den gesamten Planeten Anhäufung gigantischer Schulden! Die neoliberalen
das Jahr werden, in dem das Weltfinanzsystem erschüttert Fundamentalisten entdecken auf einmal John Maynard Keynes
wurde. Mit ihrer zerstörerischen Kraft hält die Krise seitdem wieder, und ihre ideologische Verwirrung geht so weit, dass
unserem wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Modell Newsweek schon Karl Marx feiert. Die amerikanische
den Spiegel vor, einem Modell, das der Atlas der Globalisierung Wochenzeitschrift stellte einem Hintergrundartikel über die
von Le Monde diplomatique in all seinen Facetten und Krise einen Satz aus dem Manifest der Kommunistischen Partei
Auswirkungen darstellt. als Motto voran: »Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so
Anfang 2008 schienen die sprunghaft ansteigenden Energie- gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat,
preise die Umwälzungen in der Welt zu beschleunigen. Vom gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten
Preisanstieg profitierten ausgerechnet strategische Gegner der nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.«
USA wie Russland, Venezuela und Iran. Ende 2008 war der Dieser Text ist von 1848. Er wirkt insgesamt weniger veraltet
Ölpreis, der im Juli 147,50 Dollar pro Barrel erreicht hatte, als die Analysen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im
wieder unter 40 Dollar und damit auf den Stand von 2003 November 2008 sagte der IWF für 2009 ein weltweites Wachstum
gefallen. Die Finanzkrise, die an der Wallstreet in New York von 2,2 Prozent voraus. Zwei Monate später wurde die
begonnen hatte, hat in den westlichen Ländern einen Einbruch Voraussage korrigiert: Es sei doch nur mit 0,5 Prozent zu
im Kreditgeschäft, den Rückgang der globalen Nachfrage und rechnen. Im April 2009 waren es 1,3 Prozent – aber im Minus.
den Preissturz bei den Energiepreisen ausgelöst. Die Angst vor Und im Juni lag die Prognose bei minus 1,4 Prozent. Mitte
Inflation und Verschuldung ging zumindest teilweise in der August hieß es dann, das Ärgste sei überstanden, in Deutschland
Angst vor Deflation und Massenarbeitslosigkeit unter. Für und Frankreich wachse die Wirtschaft sogar wieder. Somit
kurze Zeit drohte die grüne Energie, die bei einem Ölpreis von erweisen sich die laut Selbstauskunft »besten Ökonomen der
150 Dollar pro Barrel rentabel wurde, zur nächsten Spekulations- Welt«, die unverbesserlichen Architekten der verfehlten
blase zu werden – so wie die Tulpenkrise im 17. Jahrhundert, die neoliberalen Politik, obendrein als unfähig, vorherzusagen,
New-Economy-Blase im Jahr 2000 und eben der Immobilien- was noch im Jahr ihres Orakels geschehen wird.
Hype in den USA bis 2007. »In vierzig Jahren Studium der Wirtschaft der Großmächte
Dabei hätte 2008 das Jahr der »Entkoppelung« werden sollen. habe ich nie erlebt, dass sich die Zahlen so oft und in
Der Niedergang des Imperium Americanum würde, so hieß es, solchen Dimensionen veränderten«, erklärte der Historiker
dem wieder erstarkenden Russland und den neuen Giganten Paul Kennedy. Paradoxerweise ergeben die Vorhersagen auf
Brasilien, Indien und China den Weg frei machen. Ein paar lange Sicht ein konsistenteres Bild. Denn wenn man
Monate später war auch diese Prognose infrage gestellt. Obwohl den Zeitraum der letzten dreihundert oder fünfhundert
die USA das Epizentrum des Börsencrashs bildeten, sank der Jahre anschaut, so Kennedy weiter, »dann nähert sich die
Dow Jones »nur« um ein Drittel und damit weniger als die Kurse amerikanische Abhängigkeit von ausländischen Investoren
an anderen Weltfinanzplätzen. Der Dollar hat im Verhältnis immer mehr dem Niveau der Auslandsverschuldung, die wir
zu einem repräsentativen Korb großer Währungen sogar um Historiker gewöhnlich mit Philipp II. von Spanien und
10 Prozent zugelegt. Ludwig XIV. in Verbindung bringen«.
Auch auf die ideologische Entkoppelung warten wir bis Zeitlich für uns viel näher ist die Tatsache, dass jenseits
heute. Von ein paar frommen Ratschlägen und Versprechen der schwankender Energiepreise der heutige Zustand der
Besserung abgesehen, haben die folgenden G-20-Gipfel in Umwelt die Warnungen von vor dreißig Jahren bestätigt:
Washington und London nur bekräftigt, dass die Prinzipien des Die Meeresspiegel steigen, der Strom der Klimaflüchtlinge
Marktradikalismus nach wie vor das allgemeine Credo sind. schwillt an und der Regenwald am Amazonas schrumpft
Diesen Standpunkt vertraten dort auch angeblich linke jedes Jahr um 10 000 Quadratkilometer. Das sind so sichere
Regierungen wie die Brasiliens, Argentiniens und Südafrikas. Vorhersagen, dass sogar der IWF sie wagen könnte, ohne
Das hindert freilich niemanden, schon gar nicht die USA, sich zu blamieren!
Vereinbarungen zu brechen, sobald die jeweiligen nationalen Mit ebensolcher Verlässlichkeit kann man schon vorher-
Interessen dies erforderlich machen. Es ist ein bisschen so, sagen, dass etliche im neoliberalen Dogma festgeschriebene
als würde jemand, um gegen seinen erlahmenden Glauben Methoden bald wieder auf der Oberfläche auftauchen werden.
anzukommen, sich mechanisch immer wieder die alten Noch sind die Stimmen leise: Gegen die Rückverlagerung
Gebete vorsagen. von Produktionsstätten aus dem Ausland, wo doch deren

8
Verlagerung in Billigländer die Löhne in eine Abwärtsspirale
gedrückt hat; gegen die Verstaatlichung der Banken, die
schließlich sicherstellen soll, dass Milliarden öffentlicher
Gelder eher in die Kreditvergabe fließen statt als Dividenden an
die Aktionäre ausgeschüttet zu werden; gegen die zusätzliche
Versteuerung hoher Einkommen, wo selbst Henri Guaino, ein
Berater des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, »einen
breiten Aufruhr der unteren und mittleren Schichten gegen die
Einkommensunterschiede« erkennt, »die ein seit dem
19. Jahrhundert nicht mehr dagewesenes Maß erreicht haben«;
und schließlich gegen die Inflation, mit deren Hilfe die
Staatsschulden abgeschmolzen werden könnten.
Von nun an lautet die Frage nicht mehr nur, ob das System
in der Lage ist, sich selbst zu korrigieren, sondern wie lange es
sich noch halten kann, zu welchem Preis und auf wessen Kosten.
Die Antwort wird eine zugleich politische und soziale sein: Da
die Linke keine Alternativen zu bieten hat, steht außer Zweifel,
dass die enormen Defizite, die seit Ende 2008 aufgehäuft worden
sind, um die Banken zu retten und die Finanzindustrie wieder
in Gang zu bringen, den Vorwand liefern für starke Einschnitte
bei den Sozialausgaben.
Die Bruchlandung des Neoliberalismus könnte somit
die nächste Runde an neoliberalen Rezepten einläuten. Die
Europawahlen vom Juni 2009 haben bereits gezeigt, dass die
Rechte aus dem erwiesenen Scheitern ihrer Politik noch Kapital
schlägt, indem sie mit dem eingetretenen Notfall argumentiert,
um noch härtere Einschnitte durchzusetzen.
Die größte Wirtschaftskrise seit 1929 wird vieles verändern,
aber sie erklärt längst nicht alles. Die Kriege im Nahen Osten
und in Afghanistan, die Zerreißprobe im iranischen Regime,
die Konflikte im Kaukasus – sie haben mit der Finanzkrise kaum
etwas zu tun. Aber sie haben eine enorme destabilisierende
Wirkung in einer Welt, die noch nicht weiß, ob die sich
abzeichnenden Risse ins schwarze Loch des Chaos oder
auf die Baustelle einer neuen Ordnung führen werden.
Dieser Atlas ist kühn genug, die Frage zu stellen, und
klug genug, um zu wissen, dass keine Karte die (ganze)
Antwort enthält.

Serge Halimi ist Direktor von Le Monde diplomatique, Paris

9
Damit nicht alles
beim Alten bleibt
von Joseph E. Stiglitz

S eit dem Herbst 2008 erleben wir nicht nur die schlimmste
globale Wirtschaftskrise seit 1945, sondern auch den
ersten schweren Einbruch der Weltkonjunktur im Zeitalter
dessen, was die USA und Europa praktizieren. Das stärkte diese
Volkswirtschaften nicht, sondern schwächte sie, weshalb die
Finanzinstitutionen, die solche Hilfen an Entwicklungsländer
der Globalisierung. Die Finanzmärkte der USA haben ihre vergeben, auf solche Auflagen in Zukunft verzichten sollten.
wesentliche Aufgabe, das Risikomanagement zu kontrollieren Im Übrigen sollten sich die reichen Industrieländer
und das Kapital dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird, verpflichten, 1 Prozent ihrer Konjunkturprogramme für die
verfehlt. Die Globalisierung hat dazu beigetragen, die Entwicklungsländer abzuzweigen. Diese Mittel sollten dann
Auswirkungen dieses Versagens über die ganze Welt zu über verschiedene Kanäle verteilt werden, etwa über regionale
verbreiten. Spätestens der 11. September 2001 hat gelehrt, Institutionen oder auch über einen zu schaffenden Kreditfonds,
dass sich mit der Globalisierung auch schlechte Dinge über in dessen Leitungsgremien neue Geberländer (aus Asien und
den Globus ausbreiten. Der 15. September 2008 – der Crash Nahost) wie auch die Empfängerländer stärker vertreten sind.
an der Wallstreet – hat diese Lehre schwarz unterstrichen. Zwar hat die G 20 erhebliche Anstrengungen unter-
Ein globaler Konjunktureinbruch verlangt eine globale nommen, das Kreditprogramm des IWF – zum Beispiel durch
Antwort. Doch unsere Reaktionen beschränken sich meist auf neue »Sonderziehungsrechte« – auszuweiten. Doch von
die nationalen Ebenen und nehmen zu wenig Rücksicht auf diesen Geldern wird am Ende zu wenig bei den ärmsten
die Auswirkungen in anderen Ländern. Die ökonomischen Ländern ankommen.
Anreizprogramme sind zu unkoordiniert und nicht umfangreich Viel effektiver wäre es, Entwicklungsländer vor protek-
genug, weshalb der Abschwung länger dauern und der Auf- tionistischen Maßnahmen der reichen Länder zu schützen.
schwung langsamer vonstatten gehen wird. Und es wird mehr Ein Beispiel: Die USA haben in ihre Konjunkturpakete eine
unschuldige Opfer geben, unter denen viele Entwicklungsländer »buy American«-Klausel eingebaut, von der aber viele
sein werden. Industrieländer nicht betroffen sind, weil ein WTO-Abkommen
In den USA hat sich eine Finanzkrise zu einer Krise der Real- sie gegen Benachteiligung bei der Auftragsvergabe schützt.
wirtschaft entwickelt, in vielen Entwicklungsländern erzeugt Letztendlich trifft diese Maßnahme also die ärmeren Länder
die Wirtschaftskrise eine Finanzkrise – eine Abwärtsspirale, die besonders hart.
sich nur aufhalten lässt, wenn die Globalisierung nicht einfach Auch Subventionen und Zölle verzerren die Bedingungen
so weitergeht. Das hat die G 20 offenbar nicht verstanden. eines freien und fairen Handels, wobei Subventionen die
Bislang hat sie jedenfalls weder für die kurzfristigen Probleme Entwicklungsländer besonders hart treffen, weil sie sich selbst
noch für eine langfristige Restrukturierung überzeugende keine leisten können. Die massiven Staatsgarantien und
Vorschläge entwickelt. Einige der G-20-Staaten würden am Rettungspakete, die in den USA und anderen reichen Ländern
liebsten alles beim Alten lassen. Vor allem die reichen für bestimmte Unternehmen beschlossen wurden, verschaffen
Industrieländer wollen nicht, dass die Kritik an ihren Banken, diesen einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Für Firmen aus
die die Krise verursacht haben, allzu scharf ausfällt. ärmeren Ländern ist es schon schwierig, gegen kapitalstarke
Nun mögen Länder wie die USA in der Lage sein, ihre US-Unternehmen zu konkurrieren – gegen Washington
Banken zu retten und ihre Volkswirtschaft anzukurbeln, aber anzutreten, ist noch eine ganz andere Sache.
die Entwicklungsländer sind es nicht. Andererseits waren Auch der Aufbau von Strukturen, die eine wirksame Aufsicht
gerade sie in letzter Zeit ein wichtiger Motor für das Wachstum und Regulierung des Finanzsystems gewährleisten, wird ohne
der Weltwirtschaft, weshalb eine globale Erholung ohne ihre globale Zusammenarbeit nicht möglich sein. Die G 20 beschloss
Mitwirkung kaum denkbar ist. Alle Regierungen sollen jetzt, zwar ein paar überfällige Maßnahmen gegen undurchsichtige
so die allgemeine Forderung, ihre Wirtschaft ankurbeln. Aber Offshore-Banking-Zentren – die allerdings für die aktuelle Krise
vielen der ärmeren Entwicklungsländer fehlt diese Möglichkeit. mehr oder weniger unbedeutend waren. Für die Entwicklungs-
Schon in den Industriestaaten geht heute die Sorge um, wie die länder viel wichtiger ist die Frage des Bankgeheimnisses, das
aufgehäuften Schulden je wieder abgetragen werden sollen. bislang weitgehend unangetastet geblieben ist. Geheime
Die öffentlichen Haushalte von Ländern, die noch immer unter Bankkonten – ob in Offshore-Zentren oder in der Schweiz –
der Last alter Schulden leiden, werden zusätzliche Schulden begünstigen die Korruption, weil sie eine sichere Adresse für
erst recht nicht verkraften. Deshalb muss man diesen gestohlene Staatsgelder sind. Um solche Gelder zurückfordern
Ländern mit Subventionen und nicht einfach mit neuen zu können, bräuchten die Entwicklungsländer zunächst einmal
Krediten weiterhelfen. Informationen über die geheimen Konten.
In der Vergangenheit hat der IWF seine Finanzhilfen stets Die Liberalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte und die
an Auflagen geknüpft. In vielen Fällen verlangte er von den Lockerung der Bankenaufsicht haben für den Ausbruch der
betreffenden Ländern, ihre Leitzinsen anzuheben und ihr Krise in den USA wie für deren Übergreifen auf die Entwick-
Haushaltsdefizit mittels Ausgabenkürzungen und/oder lungsländer eine entscheidende Rolle gespielt. Doch die
Steuererhöhungen zu reduzieren – also genau das Gegenteil Industrieländer tun sich schwer mit dem Eingeständnis, dass

10
gerade die neoliberalen Rezepte, die sie den Entwicklungs-
ländern eisern aufgedrängt haben, zu dieser Krise maßgeblich Kapitel
beigetragen haben. Wenn das System der Weltwirtschaft
besser funkionieren soll, brauchen wir also institutionelle
Strukturen, die mehr Länder einbeziehen und mehr
repräsentative Elemente enthalten. Das könnte zum
Beispiel ein globaler ökonomischer Koordinationsrat
im Rahmen der Vereinten Nationen sein, der nicht nur
die Konjunkturprogramme der einzelnen Länder zu
Neue Weltkunde
koordinieren, sondern auch strukturelle Mängel der
internationalen Wirtschaftsinstitutionen zu erkennen und zu
korrigieren hätte. Der IWF wäre für diese Aufgabe der Falsche,
weil in ihm die Gläubigerländer das Sagen haben. Genauso gut
könnte man die US-Banken beauftragen, ein anständiges
Insolvenzgesetz zu formulieren.
Am allerwichtigsten wäre aber eine Reform des – immer noch
auf dem Dollar basierenden – Weltfinanzsystems, wie sie eine
von der UN einberufene Beraterkommission fordert. Sie plädiert
für die Schaffung einer neuen globalen Reservewährung, da das
alte System selbst zur globalen Instabilität beigetragen hat.
Unterstützung für diesen Vorschlag kam bereits von den
BRIC-Ländern (Brasilien, Russland, Indien und China), deren
Skepsis gegen den Dollar als globale Reservewährung zunimmt.
Auch wenn wir die Zeit gern zurückdrehen würden, wir
können uns die Rückkehr zu den Verhältnissen vor Ausbruch der
Krise nicht leisten. Es ist höchste Zeit, die Strukturen unseres
globalen Wirtschafts- und Finanzsystems von Grund auf zu
verändern, um es insgesamt stabiler zu machen und die Früchte
des Wohlstands gerechter zu verteilen. Das ist keine Aufgabe, die
sich von heute auf morgen erledigen ließe, aber wir müssen sie
anpacken – sofort.
© Le Monde diplomatique, Berlin

Joseph E. Stiglitz lehrt an der Columbia University,


New York. Für seine Studien über die Informationsökonomie
erhielt er 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftwissenschaften.

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Das US-Imperium bekommt Konkurrenz
Während des Kalten Kriegs haben
Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Milliarden US-Dollar
die Vereinigten Staaten ihre 60 000 Welt-BIP
Asienkrise, 1997–1998: Beginn im Juli 1997 in Thailand, fast alle 54 300 Milliarden US-Dollar
militärische und ökonomische 50 000 anderen asiatischen Finanzplätze stürzen mit ab, schließlich
auch Russland und Lateinamerika. Sonstige Länder
Vormachtstellung kontinuierlich Abschwung, 1980–1985: Zweiter Ölschock 1979,
40 000
ausgebaut. Zwanzig Jahre nach dem Verdoppelung des Rohöl-Preises, Schuldenkrise der
Entwicklungsländer und erster Liberalisierungsschub.
Mauerfall ist die internationale 30 000

Sicherheitsarchitektur zwar immer 20 000 Industrieländer, gesamt

noch auf die USA ausgerichtet.


10 000
Aber die sind längst nicht mehr das Brasilien, Russland,
0 Indien, China (BRIC)
einzige Machtzentrum der Welt. 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2008

Produktionsentwicklung seit 1950

D ie bipolare Weltordnung, in der sich


USA und UdSSR als Supermächte für
ein knappes halbes Jahrhundert gegen-
besondere an Vietnam (1946–1975), Korea
(1950–1953), Indonesien (1965–1975), Kam-
bodscha (1971–1979), Angola (1975–2002)
Position und verfügten sowohl in den
Hochtechnologiesektoren als auch in der
Konsumgüterindustrie und der Landwirt-
überstanden, war ein Ergebnis des Zwei- und Afghanistan (1979–1989). schaft über entscheidende Wettbewerbs-
ten Weltkriegs und der in Jalta im Februar In Wahrheit hat das strategische Gleich- vorteile. Während des gesamten Kalten
1945 ausgehandelten Kräfteverhältnisse. gewicht die Asymmetrie zwischen den Kriegs war das Pro-Kopf-BIP in den USA
Strategisch zeichnete sie sich durch das so beiden Blöcken nur verdeckt. Als weltweit vier Mal so hoch wie in der Sowjetunion –
genannte Gleichgewicht des atomaren größte Industriemacht und internationa- trotz der dort angestrengt vorangetriebe-
Schreckens, das Wettrüsten und die Bil- les Finanzzentrum seit Anfang des 20. Jahr- nen Industrialisierung.
dung zweier feindlicher Blöcke aus. Die hunderts mussten die USA nie einen Bruch, Die USA wurden früh zum Kernland ei-
»gesicherte gegenseitige Zerstörung« (Mu- nie eine Zerstörung ihrer Produk- ner nach Expansion strebenden kapitalis-
tual Assured Destruction, MAD) sorgte tionskapazitäten hinnehmen, mehr noch: tischen Weltwirtschaft. Sie verstanden es,
zwar dafür, dass es beim »kalten« Krieg zwi- Sie waren die einzige kriegführende Nati- Westeuropa und Nordostasien in stabile
schen Ost und West blieb, doch der Wett- on, die während des Zweiten Weltkriegs rei- Abhängigkeitsverhältnisse einzubinden.
lauf der beiden Supermächte führte in den cher wurde und einen Anstieg des Bruttoin- Sie wurden zu den weltweit größten Inves-
ehemaligen Kolonien zu etlichen Stellver- landsprodukts (BIP) um 50 Prozent erlebte. toren und internationalisierten so ihre
treterkriegen, bei denen Millionen Men- Bei Kriegsende befanden sich die USA Wirtschaft. Auch mit der militärischen In-
schen ums Leben kamen. Erinnert sei ins- somit in einer wirtschaftlich dominanten ternationalisierung kam man dank der
seit 1945 auf der Welt verteilten Stützpunk-
te gut voran. Damit war das Fundament
Die bipolare Welt der 1980er-Jahre gelegt für die Sicherheitsbündnisse des
Kalten Kriegs: Vereinte Nationen, South
Grenzlinie der Blockkonfrontation
Kanada East Asia Treaty Organization (Seato),
USA Atommächte
Middle East Treaty Organization (Bagdad-
Japan Pakt), das 1951 geschlossene Anzus-
Abkommen zwischen Australien, Neusee-
Sowjet-
union land und den USA.
Taiwan
China Philippinen Wie insbesondere der Historiker Bruce
Nicaragua
Kuba Cumings und der Sozialwissenschaftler
Grossbritannien
Neuseeland Robert Cox gezeigt haben, waren die ver-
Frankreich
schiedenen Aspekte der Pax Americana
Irak eng miteinander verflochten. Die Vereinig-
Australien
Algerien Libyen Israel ten Staaten förderten die Reindustrialisie-
Chile Südjemen
Mali rung Japans und Westeuropas und dessen
Äthiopien Einbindung in die Weltwirtschaft. Diese
Brasilien Ostblock Sicherheits- und Wohlstands-»Gurte« soll-
Warschauer-Pakt-Staaten ten sowohl die Ausbreitung des sowjeti-
Angola
Westblock Sozialistische Länder schen Lagers in Zaum halten als auch den
Mosambik ohne Bündnis mit der UdSSR Einfluss der USA auf ihre wichtigsten Ver-
Nato-Mitglieder
Ostblock-Verbündete bündeten sichern, und zwar sowohl die al-
Nato-Verbündete (mit militärischem Beistandspakt) (mit militärischem Beistandspakt)
ten Verbündeten Frankreich und Großbri-

12
Nordamerikanisches
Freihandelsabkommen (Nafta)
Karibische Gemeinschaft (Caricom)
Gemeinsamer Zentral-
amerikanischer Markt (MCCA)
Andengemeinschaft (CAN)
Freihandelsabkommen zwischen
Gemeinsamer Markt Südamerikas (Mercosur; Venezuela hat seinen Beitritt 2006 unterzeichnet, Australien und Neuseeland (Anzcerta)
die formelle Aufnahme steht aus) und assoziierte Staaten (Bolivien, Chile, Kolumbien, Ecuador und Peru.
Verband südostasiatischer Staaten (Asean)
Golf-Kooperationsrat (CCG)
Beobachterstatus bei der Asean:
Europäischer Wirtschaftsraum (EWR) Arabische Maghreb-Union (UMA) Osttimor und Papua-Neuguinea
Gemeinschaft Unabhängiger Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Cedeao) Schanghaier Organisation für
Staaten (GUS) Zusammenarbeit (OCS)
Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft (SADC)
Organisation für Demokratie und Beobachterstatus bei der OCS:
Wirtschaftsentwicklung (GUAM) Zentralafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (CEEAC) Indien, Iran, Mongolei und Pakistan

Regionale Wirtschaftsräume in der globalisierten Welt

tannien wie auch die neue Bundesrepublik Der von der radikalen Privatisierungs- wachs Chinas, am Wiedererstarken eines
und Japan. politik Boris Jelzins begleitete Zerfall des autokratischen russischen Staates, am Wi-
Dann kam die Wirtschaftskrise der Warschauer Pakts und der Sowjetunion in derstand der lateinamerikanischen Län-
1970er-Jahre samt Inflation und Wäh- den Jahren 1989 bis 1991 verschob das der, an der festgefahrenen militärischen
rungsanarchie; Europa und Japan wurden strategische Gleichgewicht: Seither be- Situation in Afghanistan und im Irak, an
ihrerseits zu starken wirtschaftlichen herrschen die USA unangefochten die in- der Schwächung des US-Dollars als inter-
Mächten; die Blockfreien gewannen an ternationalen Sicherheitsstrukturen. nationaler Leitwährung und an der wach-
Einfluss und stellten die Nachkriegsord- Als die mit Abstand größte Militärmacht senden Bedeutung regionaler Organisatio-
nung infrage; in Vietnam erlebten die USA leisten sie sich einen Verteidigungshaus- nen (Mercosur, Asean plus drei usw.). Hin-
ihre bitterste militärische Niederlage – halt, der knapp die Hälfte der weltweiten zu kommt die von den USA ausgehende
und doch konnten die USA diese ganze Zeit Militärausgaben ausmacht. Diese beispiel- weltweite Finanzkrise – mit der womöglich
über ihre Vormachtstellung behaupten. lose Konzentration von ökonomischer und das letzte Kapitel in der Geschichte des Im-
Währenddessen machte auch das Sow- militärischer Macht (hard power) hat so- perium Americanum geschrieben wird.
jetsystem schwere politische und wirt- wohl den – von Regierung zu Regierung un-
schaftliche Krisen durch: Es kam zum Zer- terschiedlich ausgeprägten – Unilateralis-
würfnis zwischen Moskau und Peking; mit mus als auch die Geringschätzung gegen- www
dem Einmarsch in die Tschechoslowakei über internationalen Institutionen und International Relations and Security Network
wurde der Prager Frühling gewaltsam be- die militärischen Interventionen der USA an der ETH Zürich (auf Englisch):
endet; seit den 1970er-Jahren befand sich (Irakkrieg 2003) beflügelt. isn.ethz.ch
Basisinformationen zum Kalten Krieg bei der
die sowjetische Industrie in einem für alle Doch während die Sicherheitsstruk- Bundeszentrale für politische Bildung:
Welt erkennbaren Niedergang – mit dem turen noch unipolar auf die USA ausgerich- bpb.de
Ergebnis, dass Michail Gorbatschow sei- tet sind, haben in den internationalen Be- Interdisziplinäre Forschung zu Russland und
dem eurasischen Raum an der Harvard University
nem Land in den 1980er-Jahren Reformen ziehungen die Zeiten der Multipolarität (Davis Center for Russian and Eurasien Studies):
verordnete, die nie umgesetzt wurden. längst begonnen. Das liegt am Machtzu- http://daviscenter.fas.harvard.edu

13
Warum die Menschheit
Anteil an der Weltbevölkerung
in Prozent
20

immer älter wird 10

0
Europa

1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150

10
Nordamerika
Jahre 5
Nie ist die Weltbevölkerung so schnell 60 0
Prognose 1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150
gewachsen wie in den letzten zwei
Jahrhunderten. Heute schon leben Japan
10
lateinamerika
5
mehr als die Hälfte der Menschen in 0
1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150
Städten, vor allem in denen der 50
Entwicklungsländer. Südkorea
20
Afrika
10

Frankreich 0
40
1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150
Deutschland 5
Ozeanien
0
1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150

Pakistan
60
30

50

40
Mali
20 30

20

weltweiter Durchschnitt 10

Asien
0 0
1950 60 70 80 90 2000 10 20 30 40 50 1800 1850 1900 1950 2000 2050 2150

Das Durchschnittsalter steigt deutlich Weniger Europäer, mehr Afrikaner

E in Bewusstsein davon, dass die demo-


grafische Entwicklung aus dem Ruder
laufen könnte, entstand schon bald nach
die Bevölkerungszahl auf einem stabilen
Niveau eingependelt hat. Wo die Geburten-
ziffer schließlich unter die Sterbeziffer
che in Mexiko und um das 13- bis 15-Fache
in Kenia).
Die Wachstumsgeschwindigkeit einer
dem Zweiten Weltkrieg. Damals erwartete sinkt, kommt es zu einem Bevölkerungs- Bevölkerung hat einen direkten Einfluss
man eine »Bevölkerungsexplosion«, die rückgang. auf ihre Altersstruktur. Die Länder, die als
umso bedrohlicher erschien, als ihre Gegenwärtig ist der demografische Über- Erste einen demografischen Wandel
Grenzen unabsehbar waren. Ein halbes gang, wenn auch in unterschiedlichen durchmachten, Europa oder die Länder
Jahrhundert später sind die Mechanismen Stadien, in fast allen Ländern der Welt zu mit mehrheitlich europäischstämmigen
besser bekannt. Zur Erklärung des Bevöl- beobachten. Wie lange die beiden Phasen Einwohnern (Nordamerika, Australien,
kerungswandels in den europäischen Län- jeweils dauern und wie groß der Abstand Neuseeland), haben heute eine alternde
dern – hier trat er erstmals auf – wurde ein zwischen Geburten- und Sterberate ist, Bevölkerung: Das Durchschnittsalter be-
Modell des »demografischen Übergangs« entscheidet über das Ausmaß des Bevölke- trägt 35 bis 41 Jahre. In Ostasien, wo der in
entwickelt, d.h. des Übergangs von hohen rungswachstums. Ein früher und langsa- den 1970er-Jahren begonnene Übergangs-
zu niedrigen Sterbe- und Geburtenraten. mer Übergang hat in Frankreich zu einer prozess gerade an sein Ende gelangt, steigt
Der Übergang beginnt mit einer mehr Verdopplung der Bevölkerungszahl inner- das Durchschnittsalter rasant und liegt im
oder weniger langen Periode, in der die halb von zwei Jahrhunderten geführt, in Moment bei etwa 35 Jahren. Im übrigen
Sterberate sinkt, während die Geburtenra- Schweden ist sie in 150 Jahren um das Drei- Asien, in den meisten lateinamerikani-
te unverändert hoch bleibt. In dieser ers- einhalbfache gestiegen. Die gegenwär- schen Ländern, im Nahen Osten und im
ten Phase wächst die Bevölkerung in dem tigen demografischen Übergänge werden – Maghreb, wo der demografische Übergang
Maße, wie der Abstand zwischen Fertilität begünstigt durch den medizinischen Fort- derzeit seine zweite Phase durchläuft, liegt
und Mortalität zunimmt. Danach verlang- schritt und die ganz anderen sozialen und das Durchschnittsalter zwischen 23 und
samt sich das Bevölkerungswachstum. kulturellen Kontexte – schneller verlaufen 28 Jahren.
Diese zweite Phase ist beendet, wenn sich und zu stärkerem Bevölkerungswachstum Die Mehrzahl der Länder im subsaha-
beide Raten angeglichen haben und sich führen (beispielsweise um das 7- bis 8-Fa- rischen Afrika befindet sich noch auf der

14
Durchschnittsalter
2006
15–19
19–24
24–30
30–38
38–46
keine Angaben

Junger Süden, greiser Norden

Schwelle zur zweiten Phase des demogra- mehr gewährleisten und sind folglich zu- leben. Mehr als 2,2 Milliarden Städter, das
fischen Übergangs. Sie haben in den letz- nehmend auf Zuwanderung angewiesen. sind sieben von zehn Stadtbewohnern,
ten Jahrzehnten das schnellste Bevölke- Der zwischen Ländern und Regionen un- leben in Zukunft in einem Entwicklungs-
rungswachstum ihrer Geschichte erlebt, gleichzeitige demografische Übergang hat land. Dies ist eine völlige Umkehrung frü-
das sich allerdings gegen Ende des im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wie- herer Verhältnisse: 1950 wohnten ledig-
20. Jahrhunderts wieder verlangsamte. Die der dazu geführt, dass die Verteilung der lich vier von zehn Städtern in einem Ent-
Entwicklung spiegelt sich in der Alters- Bevölkerung auf den Raum wechselte. wicklungsland. Von den zwanzig größten
struktur dieser Regionen wider: Der Alters- 1950 lebten 29 Prozent der Erdbewohner Ballungsgebieten der Welt befinden sich
durchnitt der Bevölkerung liegt bei 16 bis in Europa oder in der »Neuen Welt« (USA, heute dreizehn in Asien und Latein-
18 Jahren. Doch auch in diesen »jungen« Kanada, Australien, Neuseeland), in die amerika.
Ländern findet bereits ein Alterungs- viele Europäer ausgewandert waren.
prozess statt. Dieser Anteil ist gegenwärtig auf 17 Pro-
Im 21. Jahrhundert wird der demogra- zent gesunken, und nach den Vorhersagen
fische Übergang weltweit an sein Ende der UNO fällt er bis 2050 auf 12 Prozent
kommen, und die Zahl der auf der Erde le- (nicht einberechnet der Einfluss der Mi-
benden Menschen wird sich aller Voraus- gration). Dagegen werden dann in Afrika www
sicht nach bei 10 bis 11 Milliarden stabi- (ebenfalls ohne Einbeziehung der Migrati- Max-Planck-Institut für demographische Forschung
lisieren. Das 21. Jahrhundert wird auch onszahlen) 22 Prozent der Erdbevölkerung (mit online-Datenbanken):
das Jahrhundert einer beschleunigten leben, während es 1950 9 Prozent waren demogr.mpg.de
Daten zur Bevölkerungsentwicklung bei der UNO:
Bevölkerungsalterung sein. Trotz unter- und gegenwärtig 14 Prozent sind. http://esa.un.org/unpp/
schiedlicher Bedingungen können sowohl Auf allen Kontinenten lebt heute ein Informationen und Statistiken, nach Ländern und
die Staaten Nordamerikas wie auch die eu- wachsender Anteil der Bevölkerung in Themen beim Population Reference Bureau:
prb.org
ropäischen Länder aus sich selbst heraus Städten. Weltweit werden bis 2010 mehr Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (NGO):
die Erneuerung ihrer Bevölkerung nicht Menschen in den Städten als auf dem Land dsw-online.de

15
Migration – viele Gründe,
viele Grenzen
Nordamerika
95,3
In der Hoffnung auf ein besseres
Leben haben Menschen seit jeher
64 % d e s w e l t w e i t e n To u r i s m u s b e i 15 % d e r We l t b e v ö l ke ru n g
ihre Heimat und ihre Familien
verlassen. Im 21. Jahrhundert ist
Migration zur Selbstverständlichkeit
geworden. Auswanderer sind ein Europa Asien
484,4 184 ,3
Lateinamerika
Motor der Globalisierung – und eine und Karibik
wichtige Stütze für die Ökonomie 47,1

ihrer Heimatländer. Nordafrika 47,6


16,3 Golfstaaten und Naher Osten

W ährend in der Vergangenheit nur be-


stimmte Regionen von Zu- oder Ab-
wanderung betroffen waren, sind es heute
Subsaharisches Afrika
28, 2 1600
Anzahl der Touristen
Millionen

1200 1 Milliarde
– ob als Herkunfts-, Aufnahme- oder Tran- im Jahr 2010
800
sitland – praktisch alle Länder der Welt. Anzahl der Touristen
Angesichts dieser neuen Situation wird es 2007, in Millionen 400

für die Staaten immer schwieriger, zum ei- 0


1950 2000 2020
nen ihre Grenzen zu kontrollieren und Wer sich das Reisen leisten kann
zum andern festzulegen, wie das Zusam-
menleben ihrer Bürger funktionieren soll.
Die gegenwärtigen Migrationsbewegun- waren es insgesamt fast 320 Milliarden ten Unabhängigkeit von einer besseren Zu-
gen haben mehrere Ursachen. Da sind zu- Dollar, deutlich mehr als die weltweite kunft geträumt hatte, Enttäuschung breit-
nächst die enormen Einkommens- und staatliche Entwicklungshilfe. Seit Aus- gemacht hat. Zunehmende Bedeutung ge-
Vermögensunterschiede zwischen Nord bruch der Finanzkrise gehen die Rück- winnt auch die Pendelmigration, bei der
und Süd, die zusammen mit dem demo- überweisungen von Migranten zurück, Leute, die über die entsprechenden Vo-
grafischen Ungleichgewicht einen Gegen- was die bestehenden Probleme in vielen raussetzungen verfügen (Dauervisum,
satz schaffen zwischen den reichen und al- Herkunftsländern weiter verschärft. Mehrfachvisum, doppelte Staatsbürger-
ternden Industrieländern (Europa, Japan) Hinzu kommen die vielen neuen Mög- schaft), regelmäßig zwischen ihrem Her-
und den mehr oder weniger armen und lichkeiten des Reisens. Die Tourismus- kunfts- und dem Zielland hin- und her-
jungen Schwellen- und Entwicklungslän- büros in den Industrieländern locken ihre wechseln.
dern in Asien, Afrika und Lateinamerika. Kunden mit Billigflügen und Rundum- Angesicht sich verschärfender Krisen
Trotzdem macht sich ein großer Teil der sorglos-Paketen (2008 stieg die Zahl der (Afrika, ehemaliges Jugoslawien, Naher
weltweit 191 Millionen Migrantinnen und internationalen Touristen auf 924 Millio- Osten, Kurdengebiete), religiöser Konflik-
Migranten nicht auf den Weg in den Nor- nen, mehr als zwei Drittel davon entfallen te und durch den Klimawandel unbewohn-
den oder Westen. Fast die Hälfte der welt- auf Europa und Nordamerika). Die Reise- bar gewordener Gebiete sind mittlerweile
weiten Migration findet zwischen den Län- büros in den armen Ländern bieten hinge- Millionen Menschen auf der Flucht, ohne
dern des Südens statt: Schätzungen zufol- gen Routen zur illegalen Einwanderung, dass ihr Status als Flüchtlinge anerkannt
ge leben mehr als 47 Prozent der aus Ent- falsche Papiere und zuweilen auch eine in- wäre (siehe Seiten 170–171).
wicklungsländern stammenden Migran- offizielle Arbeit am Bestimmungsort an. In liberalen Wirtschaftssystemen besitzt
ten in anderen Entwicklungsländern. Der Gleichzeitig schotten die reichen Länder die Mobilität der Menschen, vergleichbar
Weltbevölkerungsbericht von 2006 geht ihre Grenzen gegen Einwanderer aus der mit dem freien Verkehr von Kapital, Waren
übrigens davon aus, dass 95 Millionen der Dritten Welt immer stärker ab – ausge- und kulturellen Ausdrucksformen, einen
internationalen Migranten Frauen sind. nommen die wenigen wohlhabenden und hohen Wert. Die Länder konkurrieren so-
Eine wichtige Rolle für die Mobilität gut ausgebildeten Migranten –, was das gar miteinander um die Eliten. Insbeson-
spielt auch die Information. Die Fernseh- Geschäft mit dem Grenzübertritt nur noch dere Länder mit rückläufigen Bevölke-
sender der reichen Länder übermitteln die lukrativer macht. rungszahlen haben längst erkannt, dass
Lebens- und Konsumgewohnheiten auf Seit dem Untergang der Sowjetunion ha- Mobilität eine Quelle der Kreativität und
die Bildschirme in aller Welt. Die Gegen- ben die grenzüberschreitende und die eth- der wirtschaftlichen und sozialen Dyna-
stände, die Migranten ihren Familien mit- nische Migration zugenommen, nicht zu- mik ist.
bringen, wecken ebenso Wünsche wie das letzt weil sich in der Bevölkerung, die nach In den meisten Aufnahmeländern gilt
Geld, das sie nach Hause schicken – 2007 dem politischen Umsturz und der erreich- Zuwanderung aber als Bedrohung und löst

16
i n d i e USA
Nordamerika Japan
russischer
Ferner Osten
Mexiko
Südkorea

Russland
Philippinen
n a ch J a p a n China
Mittelamerika und Karibik Zentralasien
Südostasien
Venezuela Westeuropa

Peru und Kolumbien Türkei Australien


Nordafrika

Indischer Subkontinent
Bolivien Golfstaaten
Westafrika
Paraguay
Ostafrika
Argentinien
Einwanderungsländer
Auswanderungsländer
südliches Afrika
Niedrig qualifizierte Migranten
Höher qualifizierte Migranten

Starke Binnenmigration

Südafrika Si eh e au ch Kar ten au f


Sei te 111 un d 17 0 – 17 1

Auf der Suche nach Arbeit

Migranten leisten Entwicklungshilfe


Ängste vor »Identitätsverlust« aus. Vor al-
lem rechte Medien beklagen »Überfrem- Anteil der Rücküberweisungen
am Bruttonationaleinkommen
dung« und fordern noch mehr Grenzkon- in Prozent (2007)
trollen sowie Abschreckung und Repres- 0–1 5–10
sion gegenüber illegalen Einwanderern.
1–5 10–35
Gleichzeitig ermöglichen viele Länder
ihren ausländischen Community – insbe- keine Angaben
sondere in den Metropolen, wo sie teils ei-
gene Kirchen, Schulen, Vereine, Geschäfte
und Restaurants haben – das Festhalten an
ihrer Herkunftskultur.
Verschiedene Organisationen plädieren
bereits seit einiger Zeit dafür, die Migra-
tionsströme besser zu steuern. Wenn sich
Experten, Politiker und Verbände zusam- Rücküberweisungen in der Krise
mentun und darauf konzentrieren wür- prozentuale und absolute Veränderung
den, die Migrationsbewegungen zu beglei- mittlerer Verlauf
ten, statt sie mit allen Mitteln und auf Kos- Länder mittleren Einkommens
ten von Menschenleben zu verhindern, Länder niedrigen Einkommens
wäre viel erreicht. schwerer Verlauf
Milliarden US-Dollar Prozent Milliarden US-Dollar
350 30 300
weltweit
300
www 250
20 225
Zahlen zu Migration und Rücküberweisungen im
»Migration and Remittances Factbook« unter: 200 Länder mittleren
worldbank.org Einkommens 10 150
150
Datenbank bei der Bundeszentrale für Politische Bildung:
bpb.de/wissen/ZWKGUJ,0,0,Experten_Migration.html 100
Länder niedrigen 0 75
Interaktive Karten zur europäischen
50 Einkommens mittlerer Verlauf
Abschottungspolitik auf:
transitmigration.org Entwicklungsländer schwerer Verlauf
0 -10 0
Welttourismusorganisation: 1995 2000 2005 07 2006 07 08 09 10 2011
unwto.org/

17
Arme Länder, gute Ernten,
großer Hunger
Asien
200 Japan,
Nordamerika
Viele Entwicklungsländer nutzen 1 EU
Australien,
5, 5 Neuseeland
ihre großen Anbauflächen nur für 22 96 5
Lateinamerika subsaharisches Afrika
den Weltmarkt. Deswegen müssen
Lebensmittel für den Eigenbedarf
Arbeiter auf 100 Hektar
teuer importiert werden. Um
Ernährungskrisen zu verhindern,
darf der Norden nicht darüber 24 76 9
bestimmen, was auf den Äckern 10 1
des Südens wächst. 133

Traktoren auf 1000 Hektar

Angaben aus den Jahren 2002 bis 2005

G etreide ist das Hauptnahrungsmittel


der Armen. Von 1997 bis 2005 stieg die
Getreideproduktion allerdings nur um 6,3 99 250
150
Prozent, während die Weltbevölkerung um
9
10,5 Prozent anwuchs. Inzwischen stagnie- 89 240
ren in den Industrieländern die landwirt-
schaftlichen Erträge, und in den Entwick- Düngereinsatz pro Hektar (in Kilogramm)
lungsländern hat sich ihr Zuwachs verlang-
samt. Dennoch rechnet die FAO, die Ernäh- Landwirtschaft im Vergleich: Agrartechnik ersetzt Arbeitskraft
rungs- und Landwirtschaftsorganisation
der UNO, für 2009 mit der zweitbesten Ge-
treideernte aller Zeiten; die beste war in der globalen Krise das Geld fehlen, sich rung der ohnehin belasteten Umwelt nur
2008. Doch am Hunger ändert das nichts: diese Lebensmittel zu kaufen. verstärkt.
Den Menschen, sagt die FAO voraus, wird In Ländern mit niedrigen Einkommen Auch nützt es für die Ernährung der
werden 45 Prozent des Haushaltseinkom- Weltbevölkerung nichts, wenn die Staaten
Krisen machen das Essen teurer mens für Nahrungsmittel ausgegeben, un- des Südens den Anbau von Exportkulturen
ter den Ärmsten sogar bis zu 80 Prozent. In fortsetzen. Denn ihre Produkte müssen sie
1960 = 100
200 den reichen Ländern sind es dagegen nur aufgrund der Subventionspolitik des Nor-
erste Ölkrise 12 Prozent. Zwei Drittel der weltweit 963 dens oder einiger Schwellenländer wie
Millionen chronisch Unterernährten und Brasilien zu Schleuderpreisen verkaufen,
175
die Mehrheit der Armen, die weniger als ei- und umgekehrt wiederum Grundnah-
nen Dollar pro Tag zur Verfügung haben, rungsmittel für den Eigenbedarf einfüh-
150 gehören zur 2,5 Milliarden Menschen um- ren. Wenn man von Brasilien, Argentinien
zweite Ölkrise fassenden Landbevölkerung der Entwick- und Thailand einmal absieht, hat diese
lungsländer. Die Deutsche Welthungerhil- Politik seit 1973 in den Entwicklungslän-
125
Beginn der
US-Immobilienkrise fe fürchtet, dass 2009 die Zahl der Unter- dern zu einer sich verschärfenden Lebens-
ernährten auf über eine Milliarde steigt. mittelknappheit geführt – dort fehlten be-
11. September 2001 Es stellt sich also die akute Frage: Wie reits im Jahr 2004 Nahrungsmittel im Wert
100
ernähren wir den Planeten? Sicher nicht, von 29 Milliarden Dollar. Die FAO kalku-
indem wir zulassen, dass multinationale liert, dass der Preisrückgang von 2008/09
75 Konzerne wie Monsanto mit viel Geld und den armen Ländern Einsparungen beim
genetisch veränderten Organismen große Import von Nahrungsmitteln im Wert von
Agrarunternehmen in den Entwicklungs- 226 Milliarden Dollar gebracht hat. Diese
50
Rohstoffpreisindex (inkl. Erdöl) ländern fördern. Hilfreich ist auch nicht, Zahl gibt eine Vorstellung davon, wie viel
dass Konzerne aus China und Südkorea sie vorher zusätzlich ausgeben mussten,
Index der Lebensmittelpreise riesige Flächen quasi industriell beackern nachdem die Spekulanten ab 2007 den zu-
25
lassen, um das Getreide ins eigene Land zu sammenbrechenden Immobilienmarkt
importieren oder auf dem Weltmarkt zu und die Aktienbörse verließen und sich
0
1960 1970 1980 1990 2000 2008
verkaufen. Dadurch wird die Massen- den Termingeschäften mit Agrarproduk-
arbeitslosigkeit der Bauern und die Zerstö- ten zuwandten.

18
Auf einem von der FAO organisierten
Gipfeltreffen zur Lebensmittelkrise im
Juni 2008 fiel den Teilnehmern nichts Bes-
seres ein, als eine verstärkte Liberalisie-
rung des Handels zu fordern und die real-
wirtschaftlichen Gründe der Preisexplo-
sion kleinzureden: den Rückgang der Le-
bensmittelproduktion für den einheimi-
schen Bedarf und den Boom der Biotreib-
stoffe. Besonders Letzterer hat den welt-
weiten Bestand an Ölpflanzen und Getrei-
de reduziert. Zusätzlich konnten die von
den Preisveränderungen bei Lebensmit-
teln lebenden Investitionsfonds sowie die
Lebensmittelunternehmen des Nordens
und Brasiliens neue Spekulationsgewinne
einfahren. Wertschöpfung pro Arbeitskraft
Die Entwicklungsländer sind vor allem 2005, in US-Dollar, zu konstanten Dollarpreisen von 2000
deshalb so abhängig von den Nahrungs-
mittellieferungen aus den Industrielän- 63–1000 1000–5000 5000 – 10 000 10 000 – 19 000 23 000 – 54 000 keine Angaben
dern, weil sie sich viel schlechter als die
USA und die EU vor den heruntersubven-
tionierten Importen schützen können.
Das Gerede des Nordens und der inter-
nationalen Organisationen von der Not-
wendigkeit der Liberalisierung soll immer
nur für den Süden gelten.
Nötig wäre vielmehr eine Regulierung
des Handels, die auf Ernährungssouve-
ränität basiert, das heißt auf dem Recht,
den eigenen Binnenmarkt zu schützen,
um eine ökonomisch, sozial und ökolo-
gisch nachhaltige Entwicklung zu gewähr-
leisten. In den entsprechenden Abkom-
men müsste festgelegt sein, dass benach-
teiligte Entwicklungsländer Anspruch auf
bevorzugten Zugang haben, sobald sich Anteil der Landwirtschaft am BIP
zeigt, dass steigende Exporte den Klein- 2005–2007, in Prozent
bauern zugutekommen und nicht die be-
nachteiligten Verbraucher bestrafen. Um Siehe auch Karte auf Seite 21 0–5 5–10 10–20 20–30 30–64 keine Angaben
das zu erreichen, muss die Landwirtschaft
dem Einfluss der WTO entzogen werden. Landwirtschaftliche Extreme: Agrarindustrie im Norden, Selbstversorgung im Süden
Die Hungerrevolten von 2008 haben den
Entwicklungsländern endlich die Augen
geöffnet. Sie haben sich geweigert, die Ver-
handlungen der Doha-Runde abzuschlie- gulierung des Handels von Landwirt- schließlich nur einen Planeten und nicht
ßen. Angesichts der extremen Preis- schaftsprodukten würde die Möglichkeit drei – die bräuchten wir nämlich spätes-
schwankungen haben sie die Notwendig- bieten, trotz der Klimaerwärmung die tens dann, wenn 2050 alle Menschen den
keit erkannt, sich von Nahrungsmittelim- 9,3 Milliarden Menschen zu ernähren, die Lebensstil der reichen Industrieländer
porten und -exporten weniger abhängig zu es im Jahr 2050 geben wird. Man müsste übernehmen wollten.
machen. Die Preise für die traditionellen auch die bisherige Strategie aufgeben, Bio-
Weltmarktgüter Baumwolle und Kaffee treibstoffe zu produzieren. Die Spekulati-
sind übrigens viel weniger gestiegen und on mit Lebensmitteln auf den Termin-
seit dem Sommer 2008 stärker gesunken börsen, wie sie in den letzten zwei Jahren
als die für Grundnahrungsmittel, die in zu beobachten war, muss untersagt und
großem Umfang von den Entwicklungs- die Länder sollten dabei unterstützt wer- www
ländern eingeführt werden und gerade die den, Mindestvorräte an Getreide anzule- Bauernbündnis für Ernährungssouveränität:
viacampesina.org
Budgets der ärmsten Familien schwer gen. Außerdem muss der Norden den Kon- UN-Organisationen:
belasten. sum von Fleisch und Milchprodukten wfp.org, www.fao.org, www.undp.org
Nur eine auf Ernährungssouveränität deutlich einschränken, zumal sein Ernäh- Forum für internationale Agrarpolitik:
bukoagrar.de
basierende Umgestaltung der Landwirt- rungsmodell inzwischen im Süden, vor al- Hunger und Krise:
schaftspolitik und der multilateralen Re- lem in China, kopiert wird. Wir haben welthungerhilfe.de/jahresbericht_2008.html

19
Der vergeudete Rohstoff-Boom
Viele arme Länder haben trotz neue Industrialisierung bereits dazu ge- und trug dazu bei, dass sich die Schulden
der hohen Erlöse aus ihren führt, dass erste Importe durch eigene der Dritten Welt noch mehr erhöhten.
Produkte ersetzt werden konnten. Durch 2001 kehrte sich dieser Trend um. Zu-
Rohstoffexporten nicht genug für
die Kredite konnten sich die Geldgeber nächst stiegen die Preise für Metalle und
ihre Entwicklung getan. Von der enorme Gewinne sichern, und über die Energie sprunghaft an, dann wurden auch
Liberalisierung profitierte die Vergabekriterien verschafften sie sich zu- Landwirtschaftsprodukte und Lebensmit-
Bevölkerung kaum. Und in der Krise dem Einfluss auf wirtschaftliche und poli- tel teurer. Bis Anfang 2007 stiegen die
tische Entscheidungen in den Ländern der Weltmarktpreise für Lebensmittel um
haben selbst die gesunkenen Preise
Dritten Welt, deren Regierende nebenbei 50 Prozent, die für Energie und Metalle
für importierte Lebensmittel die auch noch saftige Kommissionen einste- verdreifachten sich. Schließlich folgte
Lage nicht verbessert. cken durften. eine regelrechte Preisexplosion: Zwischen
Für die Rückzahlung mussten sich diese März 2007 und März 2008 verdoppelten
Länder auf ein oder zwei Exportprodukte sich die Preise für Reis und Weizen, Mais
festlegen, von denen sie folglich stark ab- kostete über ein Drittel mehr. Die arme Be-

I n den 1960er- und 1970er-Jahren wur-


den die Länder des Südens, Hauptliefe-
ranten von Agrarprodukten und Erzen,
hängig wurden. Durch die zunehmenden
Exporte machten sie sich jedoch gegen-
seitig Konkurrenz, als die Nachfrage im
völkerung traf die Teuerung besonders
hart. In mehreren Dutzend Entwicklungs-
ländern kam es zu Demonstrationen, Hun-
förmlich dazu getrieben, sich zu verschul- Norden nach der Krise von 1973 bis 1975 gerrevolten und Generalstreiks.
den. Offiziell sollten sie so ihre Entwick- sank. Ende der 1970er-Jahre setzte bei den Einer der Gründe sind die höheren Kos-
lung finanzieren. Tatsächlich wollten die Rohstoffpreisen ein insgesamt deutlicher, ten für Transporte. Bis Mitte 2008 ver-
Gläubiger aus dem Norden ihren Einfluss wenn auch ungleichmäßiger Verfall ein, sechsfachten sich die Preise für Energie
zurückgewinnen, nachdem viele Staaten der bis zum Beginn des neuen Jahrtau- gegenüber 2001, was sich auch auf die
Asiens und Afrikas ihre Unabhängigkeit er- sends anhielt. Er verschlechterte die Han- Preise für Dünger auswirkte. Spürbar war
langt hatten. In Lateinamerika hatte die delsbedingungen der Rohstoffexporteure auch die wachsende Nachfrage aus China

Regierungen unter Druck: Wo die Menschen hungern

Marokko
Ägypten
Mauretanien
Haiti Mali
Mexiko Bangladesch
Senegal Niger Philippinen
Jemen
Burkina Faso
El Salvador Guinea
Elfenbeinküste
Nigeria
Kamerun Kenia
Indonesien
Mosambik

Simbabwe

Unterernährte
Argentinien Veränderung in Prozent zwischen
1990–1992 und 2003–2005
keine Angaben
-90 -30 -1 0 2 50 100 277
Hungerunruhen 2008
Länder, die am meisten von der weltweiten
Lebensmittelteuerung und -verknappung 2008 betroffen waren

20
und Indien. Gleichzeitig hat die Entwick- Fünf Jahre lang hatten die Staatshaus- systeme, dem Verzicht auf die Selbst-
lung der Biotreibstoffe 2007 dem Nah- halte vieler armer rohstoffexportierender versorgung mit Getreide, der Reduzierung
rungsmittelmarkt mehr als 100 Millionen Länder von den Spitzenpreisen, insbeson- der Sozialausgaben sowie der Abschaffung
Tonnen Getreide entzogen. dere für Bergbauprodukte, profitiert. Doch von staatlichen Subventionen für Brot und
Seit mehreren Jahrzehnten wurden auf dann fielen sie noch schneller als die andere Grundnahrungsmittel. Der Boom
Druck der internationalen Finanzinstitu- Importpreise für Lebensmittel. Ein neuer- bei den Preisen für Bergbauprodukte, Öl
tionen obendrein die Anbauflächen für licher Anstieg von Verschuldung und und Gas hätte in den letzten Jahren – quasi
Nahrungsmittelpflanzen reduziert, um Ex- Armut ist die Folge. Dabei waren manche als späte Dividende für die vorher erlitte-
porte zu fördern, die den Schuldenabbau er- Optimisten zunächst davon ausgegangen, nen Nachteile – die wirtschaftliche Lage
möglichen sollen. In erster Linie ist der dass Länder, die eher schwach in die Welt- der Bevölkerung in den schwach ent-
Preisanstieg von 2007/2008 jedoch auf mas- wirtschaft integriert sind, weniger unter wickelten Exportländern deutlich verbes-
sive Spekulationen der Fonds zurückzufüh- den Folgen der Krise leiden werden. Doch sern können. Doch der Druck, die Aus-
ren, die nach dem absehbaren Platzen der die ausländischen Direktinvestitionen sin- landsschulden zurückzuzahlen, die Ab-
Immobilienblase auch auf Terminmärkte ken, und die Wirtschaftskrise in den wanderung von Unternehmensgewinnen
für Rohstoffe auswichen oder Rohstoffpa- Industrieländern führt dazu, dass eine ins Ausland und die Bereicherung der
piere in ihre Finanzprodukte mischten. nennenswerte Erhöhung der Entwick- nationalen Eliten haben diese Chance zu-
Als dann die Finanzkrise die Industrie- lungshilfe, ohnehin schon kaum wahr- nichtegemacht.
länder in die Rezession stürzte, fehlte es scheinlich, praktisch ausgeschlossen ist.
den Fonds an Liquidität, und sie stiegen Zugleich werden die von der Krise eben-
wieder, oft verbunden mit Verlusten, aus falls betroffenen Arbeitsmigranten in den
den Rohstoffbörsen aus. Auch die von der Industrieländern ihren Familien weniger
www
Preisentwicklung:
Finanzkrise ausgelöste Rezession der Real- Geld überweisen können. hwwi-rohindex.org/
wirtschaft ließ die zu erwartende Nach- Grundsätzlich wurde die enorme www.markt-daten.de/charts/imf/index.htm
frage nach Metallen und Öl sinken. Ein all- Schwankungsbreite der Rohstoffpreise www.indexmundi.com/c ommodities/
Folgen:
gemeiner Kursrutsch war die Folge. Bis erst durch den vom Internationalen Wäh- www.epo.de (Wirtschaft/Rohstoffe anklicken)
Anfang Januar 2009 halbierten sich die rungsfonds und der Weltbank seit 1980 www.africaneconomicoutlook.org
Preise für Metalle, die für Rohöl fielen um forcierten Liberalisierungskurs möglich: Institutionen:
www.unctad.org/Templates/
zwei Drittel, die für Lebensmittel um ein mit seiner Abschaffung von Zollschran- Page.asp?intItemID=1532&lang=1
Drittel – bei weiterhin fallender Tendenz. ken, dem Ende der Preisstabilisierungs- www.bgr.bund.de

Die meisten armen Länder bleiben von Lebensmittelimporten abhängig

Unterernährte 600
Veränderung in Millionen zwischen 400
1990–1992 und 2003–2005
40 200
Überschuss
0
Defizit
Zentralafrika 200
30
400
Indien
600
Ostasien (ohne China)
20 800 Handelsbilanz
Naher Osten mit Lebensmitteln
1000
Ostafrika
Millionen US-Dollar
Südasien (ohne Indien) 1200
10 Westafrika

0
Birma
Lateinamerika
Äthiopien
-10
Haiti
Sudan
Südostasien Afghanistan
Senegal
-20

Jemen
Dem. Rep. Kongo
-30 Malawi
Bangladesch
Angola
-40

Lesotho
-50
China

21
km 3 pro Jahr
2500

Der Kampf um das Wasser 2250

2000

1750

Bis 2015 soll, so die Forderung der Nordamerika Europa Asien 1500

Millienniumsziele, die Zahl der 1250


Menschen ohne Zugang zu sauberem
1000
Trinkwasser halbiert werden.
750
Dafür müssen die Industrieländer
Afrika
mehr Know-how und Geld zur 500
Lateinamerika
Australien und Ozeanien
Verfügung stellen. 250
entnommene Wassermenge
tatsächlich verbrauchte Wassermenge 0

Die große Verschwendung

D er Klimawandel bringt nicht nur alle


meteorologischen Modellrechnungen
durcheinander, er greift auch in den Kreis-
17 Prozent zunehmen. Ein entscheidender
Faktor für die künftige Verfügbarkeit von
Süßwasser sind somit die Intensität der
weltweite Wasserverbrauch mehr als dop-
pelt so schnell wie die Bevölkerung. Je hö-
her der Lebensstandard der Menschen,
lauf des Wassers ein. Denn er verändert Bewässerung und die Entwicklung von umso mehr Wasser wird im Haushalt ver-
die Verfügbarkeit von Oberflächenwasser, Techniken, mit denen sich die benötigte schwendet. Ein Europäer von heute ver-
den Feuchtigkeitsgehalt der Böden und Wassermenge reduzieren lässt. braucht achtmal so viel Süßwasser wie
den Grundwasserspiegel. Häufiger auf- In den 31 Ländern der Welt, die von vo- seine Großeltern.
tretende Überschwemmungen, Dürren, rübergehender oder anhaltender Wasser- Ein erheblicher Teil dieser Verschwen-
Erdrutsche und Hurrikans gefährden die knappheit betroffen sind, leben derzeit dung wäre vermeidbar: Nur 55 Prozent des
landwirtschaftlichen Erträge sowohl in 500 Millionen Menschen. Laut UN-An- entnommenen Wassers wird wirklich ver-
den Entwicklungsländern als auch in den gaben werden 2050 1,8 (von den prognosti- braucht, der Rest geht durch Versickern,
Industriestaaten. zierten 9,3) Milliarden Menschen in Gegen- tropfende Hähne, Verdunsten bei der Be-
Um die Weltbevölkerung ernähren zu den ohne Wasserversorgung leben, weitere wässerung oder durch undichte Stellen in
können, muss die Landwirtschaft ihre Pro- fünf Milliarden in Ländern, wo es schwie- den Verteilungsnetzen verloren.
duktivität steigern. Dafür müsste in den rig wird, den Wasserbedarf zu decken. Je höher der Wasserverbrauch, umso
nächsten zwanzig Jahren die Bewässerung Schon heute besteht ein Missverhältnis mehr Abwasser fällt an. Nach Schätzungen
landwirtschaftlicher Flächen – auf ihr zwischen der verfügbaren Süßwasser- der Weltgesundheitsorganisation werden
Konto gehen derzeit 70 Prozent des welt- menge und der ständig wachsenden Nach- in den Entwicklungsländern 90 Prozent
weiten Wasserverbrauchs – um weitere frage. Zwischen 1950 und 1990 stieg der des Abwassers ungeklärt weitergeleitet

Sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen auf dem Land

Wenig Fortschritt seit 2000


Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat
keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser
und Abwasserentsorgung.
Sehr schlechte sanitäre Bedingungen,
für 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung leicht
verbesserter Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Schlechte sanitäre Bedingungen, für
75 bis 90 Prozent der Bevölkerung deutlich
verbesserter Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Bessere sanitäre Bedingungen, 25 bis 40 Prozent
der Bevölkerung haben keinen gesicherten Zugang
zu sauberem Trinkwasser.
Gute Versorgung mit sauberem Trinkwasser,
akzeptable sanitäre Bedingungen
(über dem weltweiten Durchschnitt).
Mehr als 95 Prozent der Landbevölkerung
haben Zugang zu sauberem Trinkwasser
und Abwasserentsorgung.

Keine Angaben.

Weltweit haben 25 Prozent der Landbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 40 Prozent leben ohne sanitäre Infrastruktur.

22
und 70 Prozent der Industrieabfälle unbe-
handelt »entsorgt«, sodass sie ins Oberflä-
chenwasser gelangen und die Trinkwas-
serreserven verschmutzen können.
Es gäbe durchaus Möglichkeiten, um
den Wasserverbrauch zu reduzieren und
die Verluste zu begrenzen: Man könnte bei
der Bewässerung gezielt wassersparende
Techniken einsetzen, die Produktions-
und Verteilstrukturen für Trinkwasser ver- 0
bessern, Kläranlagen installieren und eine
ebenso wirksame wie nachhaltige Preis- 0,3
gering
politik für die Verbraucher durchsetzen.
0,5
Doch dafür müsste viel mehr in Technik,
mäßig
Infrastruktur und in die Ausbildung qua- 0,7
lifizierter Arbeitskräfte investiert werden. stark
Aber einstweilen stellen die vom Klima- 1,0
wandel ebenfalls betroffenen Industrie- sehr stark
und mehr
länder ihr Entwicklungsmodell nicht in- Der Wasserstress-Index gibt Auskunft über das Verhältnis zwischen dem
Wasserstress-Index Wasserbedarf und der Verfügbarkeit von sich erneuerndem Süßwasser.
frage, sondern treten eine Flucht nach
vorn an, indem sie immer aufwändigere Verknappung einer lebenswichtigen Ressource
Technologien einsetzen: Entsalzung von
Meerwasser, Verwendung der Abwässer
für Landwirtschaft und Freizeit, ja sogar zung gesprochen, aber die staatliche Ent- berem Wasser führt schon heute zu inter-
für die Versorgung der Haushalte. Durch wicklungshilfe für die armen Länder er- nationalen Konflikten. Es liegt auch im In-
die Annahme der Millenniumsziele haben lebt gerade in diesem Bereich einen Rück- teresse der Industriestaaten, den Kampf
sich alle Länder der Welt verpflichtet, bis gang. In den letzten Jahren haben die gro- um das Wasser nicht eskalieren zu lassen.
2015 den Anteil der Menschen, die keinen ßen Geberländer ihr Engagement ständig
dauerhaften Zugang zu einwandfreiem reduziert. Wenn zugelassen wird, dass die
Trinkwasser und zu sanitärer Basisversor- Entwicklungsländer mit ihrem starken www
gung haben, um die Hälfte zu senken. Bevölkerungswachstum und den vielen Weltwasserforum:
Um das zu erreichen, hat der UN-Beirat Megacitys in ihren Abfallproblemen ver- www.worldwatercouncil.org
für Wasser- und Sanitärversorgung (UNS- sinken, besteht die Gefahr, dass über kurz Bei den Vereinten Nationen:
www.unwater.org
GAB) unter anderem folgende Wege aufge- oder lang die Mehrheit der Weltbevölke- Internationale NGO zum Schutz der Flüsse:
zeichnet: Da über 90 Prozent der weltwei- rung in Kloaken lebt. www.internationalrivers.org
ten Wasserversorgung über Rohrleitungs- Ein Land, das nicht genug Wasser hat, Bei Brot für die Welt:
www.menschenrechtwasser.de
netze in den Händen staatsnaher Versor- kann weder seine Bevölkerung ernähren Hashimoto-Aktionsplan (als pdf):
gungsunternehmen liegen, müssen die Be- noch sich entwickeln. Der Zugang zu sau- www.unsgab.org/docs/HAP_de.pdf
hörden und regionalen Wasserversorger
unterstützt werden. Denn schon durch
kleine Managementverbesserungen las- Perspektive 2050: Wo Überschwemmungen und Dürren drohen
sen sich oft große Fortschritte erzielen. Da
Wasser- und Sanitärinfrastrukturen nicht
umsonst zu haben und zu betreiben sind,
sollte auch die Weltbank den regionalen
Behörden unter die Arme greifen. Vor Ort
müssten nachhaltige und gerechte Gebüh-
rensysteme eingeführt werden. Um das Be-
wusstsein für die knappe Ressource Was-
ser zu schärfen, sollten alle Länder Bewirt-
schaftungspläne für ihre Wasservorräte
aufstellen.
»Es ist an der Zeit zu handeln. Wir dürfen über 20 % mehr
nicht zögern«, erklärte der ehemalige UNS-
GAB-Vorsitzende Ryutaro Hashimoto. So- 0–20 % mehr
fortmaßnahmen können Leben retten und
die Lebensverhältnisse verbessern. »Sie 0– 20 % weniger
sind unverzichtbar, wenn wir alles Leben
über 20 % weniger
und unsere Heimat – unseren empfindli-
chen Planeten Erde – schützen wollen.« Veränderter Wasserzu- und -abfluss
Nie zuvor hat man so viel vom Wasser in Prozent, Vergleich zwischen dem Durchschnitt der
Jahre 1961–1990 und dem mittleren IPCC-Szenario für 2050
und seiner effizienten, sparsamen Nut-

23
Fundamentalisten sind überall
Eine Zeitlang sah es so aus, als
würden religiöse Überzeugungen K eine der großen Weltreligionen – we-
der die drei monotheistischen noch
die kosmischen Religionen des indischen
1. International Sikh Youth Foundation (ISYF).
Sikh-Unabhängigkeitsbewegung: 1984 in
allmählich zur Privatsache. Doch der
Subkontinents und des Fernen Ostens – ist Großbritannien gegründet; zuvor hatte die
Einfluss der Religion auf die Politik ihrem Wesen nach fanatisch oder vertritt indische Armee den Goldenen Tempel im
Pandschab gestürmt.
nimmt welweit zu. Seit den 1990er- eine fundamentalistische Weltanschau-
Jahren werden immer mehr religiöse ung. Doch Glaubensüberzeugungen kön- 2. Al-Aqsa-Stiftung: Islamische Hilfsorganisation
nen sich zur militanten religiösen Ideo- mit dem Hauptziel, die humanitäre Not im
Fanatiker zu Terroristen. Westjordanland und im Gazastreifen zu lindern;
logie verfestigen. Dabei werden stets grobe unterstützt angeblich die Hamas finanziell.
Vereinfachungen vorgenommen, die sich
schließlich in Hetzkampagnen oder einer 3. Hofstadgruppe: Netzwerk junger nieder–
ländischer Muslime, deren Mitglied auch
Verklärung und Radikalisierung des eige- Mohammed Bouyeri, der Mörder des Filme-
nen Andersseins äußern können. machers Theo van Gogh, gewesen sein soll.
Schwarz-Weiß-Denken hat es zwar
4. Volksmudschaheddin: In den 1960er-Jahren im
schon immer gegeben, zumeist spielte es irakisch-iranischen Grenzgebiet entstandene
aber weder in den Gesellschaften noch in iranische Organisation (Sitz seit den 1980er-
den internationalen Beziehungen eine Jahren: Paris), die einen marxistisch inspirierten,
schiitischen Islamismus vertritt. Sie war an der
wichtige Rolle. Dank der Koexistenz der iranischen Revolution von 1979 beteiligt und
großen Religionen im Nahen Osten und strebt inzwischen den Sturz des Regimes im Iran
ihrer Einflüsse und Vernetzungen bis nach an sowie die Gründung einer demokratischen,
sozialistischen, islamischen Republik.
Asien hinein war der religiöse Fundamen-
talismus lange Zeit kein sehr gefährliches 5. Netzwerk sunnitisch-islamistischer Gruppen mit
Phänomen. Ablegern im Nahen Osten, Afrika, Zentralasien
und den USA; 1988 in Afghanistan von Ussama
Seit einigen Jahrzehnten und erst recht Bin Laden im Kampf gegen die sowjetische
seit Anfang der 1990er-Jahre lässt sich ein Besatzung gegründet, seit dem Sturz der Taliban
Aufschwung des Fundamentalismus und 2001 in Afghanistan vermutlich nicht mehr aktiv.

dessen zunehmende Instrumentalisie- 6. Volksfront zur Befreiung Palästinas – General-


rung durch die Politik beobachten. Dies kommando (Popular Front for the Liberation of
hat seine Wurzeln in historischen Zusam- Palestine – General Command, PFLP-GC): 1968
aus einer Abspaltung der Popular Front for the
Kampf der Kulturen? menhängen, die ihm Auftrieb verliehen Liberation of Palestine (PFLP) hervorgegangene
Eine weltweite Umfrage haben und bis in die Zeit unmittelbar nach palästinensische Untergrundorganisation mit
der Kolonialisierung des Nahen Ostens Sitz in Damaskus.

Was sind Ihrer Meinung nach die und Asiens durch die europäischen Groß- 7. Palästinensische Befreiungsfront (Palestine
Hauptursachen für die Spannungen zwischen mächte zurückreichen – damals haben Liberation Front, PLF): 1968 aus einer Abspaltung
dem Westen und dem Islam? der PFLP hervorgegangene palästinensische
sich viele der bis heute wirksamen Bilder
Bewegung, deren Mitgliederbasis derzeit
kulturelle und religiöse Unterschiede und Erinnerungen tief eingeprägt.
Durchschnitt Der Kolonialismus war ein Gemein-
Interessenkonflikte, politische Konflikte schaftswerk von Feldherren, Kaufleuten
Durchschnitt und Missionaren. Die westliche Christen-
in Prozent heit war seit jeher vom Wunsch beseelt ge-
80 60 40 20 0 20 40 60 80 wesen, das Evangelium in die Welt zu tra- nisch-religiöse Reinheit der Gesellschaft
Niger gen. Das änderte sich auch nach der herzustellen beziehungsweise zu wahren.
Kenia Abspaltung der protestantischen Kirchen Das trifft sowohl auf das 1932 gegründete
USA nicht, und so begleiteten evangelische Pas- Königreich Saudi-Arabien zu, wo mit dem
Philippinen
toren und katholische Missionare gern Wahabismus eine damals marginale Spiel-
und eifrig die europäischen Eroberer. art des puritanischen Islams zur Staatsreli-
Deutschland
Diese Allianz überlebte auch die Trennung gion wurde, als auch auf Pakistan (wörtlich
Polen
von Kirche und Staat in den meisten »Land der Reinen«), das die indischen Mus-
Frankreich Kolonialmächten. lime 1947 unter schrecklichem Blutvergie-
Grossbritannien Für die Entwicklung des Fundamentalis- ßen durch Abspaltung von ihrem Mutter-
Indien mus ist historisch zweitens von Bedeu- land gründeten. Es gilt für die Gründung
Italien tung, dass im 20. Jahrhundert moderne des jüdischen Staates Israel im Jahr 1948,
China Staaten entstanden, die sich ausschließ- der zu Lasten der ortsansässigen Bevölke-
Mexiko lich auf eine einzige religiöse Identität be- rung auf dem größten Teil des palästinen-
Libanon
riefen. Für sie besteht die Aufgabe der sischen Territoriums errichtet wurde,
Staatsmacht darin, den göttlichen Geset- ebenso wie für den Iran, wo die Revolution
zen Geltung zu verschaffen und die eth- von 1979 mit Chomeinis »Herrschaft des

24
Stichting Al-Aqsa 2

Hofstadgroep 3

ISYF 1 Revolutionäre Volksbefreiungspartei


Real Irish Republican Army Islamische Front der Großorientkämpfer
Continuity Irish Republican Army Falken des freien Kurdistan
Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK)
Volksmudschaheddin 4 Islamische Bewegung Usbekistans
17. November
Islamischer Dschihad
ETA
Nuclei Hizbul Mudschahideen
Holy Land Foundation for Relief and Development PKK Jaish-e-Mohammad
Jamaa Islamiya 5 Babbar Khalsa Aum
Islamische Kampgruppe Marokkos al-Dschihad al-Qaida
Khalistan Zindabad Force
al-Qaida im Maghreb Harakat-ul-Mujahadin
Lashkar-e-Taiba
Islamische Kämpfer Kommunistische Partei
Lashkar-e-Jhangvi
der Philippinen
al-Takfir
Paramilitärverband (ehemals Vereinigte al-Qaida im Irak Tamil Tigers
Nationale Befreiungsarmee Abu Sajaf
Selbstverteidigung Kolumbiens A.U.C.) Ansar al-Islam
Jemaah Islamiya
FARC

Leuchtender Pfad

Abu-Nidal -Organisation 8
Asbat al-Ansar FPLP-GC 6
Hisbollah FLP 7

Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden
Hamas Kahane Chai 9
Terrororganisationen
Islamischer Dschihad in Palästina FPLP
laut USA und Europäischer Union
laut USA
laut Europäischer Union

Si eh e au ch Kar te Sei te 31

angeblich im Libanon und in Syrien liegt und die dem Tod ihres Anführers Sabri Khalil al-Banna alias US-amerikanischen Rabbi Meir Kahane, tritt für
von 1990 bis zum Sturz Saddam Husseins 2003 Abu Nidal in Bagdad als inaktiv. die Umsiedlung der Araber und die Schaffung
ihren Sitz in Bagdad hatte. eines jüdischen Staates auf der Grundlage der
9. Kahane Chai (»Kahane lebt«), alias Kach: Religionsgesetze und innerhalb der biblischen
8. Abu Nidal: 1974 gegründete Abspaltung der Nationalreligiöse israelische Organisation, Grenzen Israels (»Erez Israel«) ein.
Palästinensischen Befreiungsorganisation, gilt seit gegründet von dem 1990 ermordeten

Die militarisierte Mission – bewaffnete Gruppen aller Art

Rechtsgelehrten« (welayat-e faghieh) den nach Tschetschenien und beteiligten sich limischen Welt, die ihre Religion bedrängt
schiitischen Klerus zur Kontrollinstanz an den dortigen Kämpfen. und verhöhnt sieht, die Fantasie wilde Blü-
über die staatlichen Institutionen erhob. Nach dem 11. September 2001 wurde die ten. Die Religion muss als Erklärung jegli-
Den dritten historischen Kontext ominöse islamistische al-Qaida schnell cher Gewalt auf der Welt herhalten. Sie
schließlich bilden die Anschläge vom zum einzigen öffentlichen Feind der west- wird verfälscht, fremden Zwecken unter-
11. September 2001 und die dadurch aus- lich geprägten internationalen Öffentlich- worfen – und dient nicht zuletzt zur Recht-
gelösten Reaktionen der USA. Die Dschi- keit. In einem neuen »Kreuzzug« drangen fertigung von mehr oder weniger wahnsin-
hadisten, die für die Planung und Durch- ausländische Truppen erst nach Afghanis- nigen Machtfantasien.
führung der Attentate verantwortlich ge- tan, dann in den Irak ein. Auf das seiner-
macht werden, waren zuvor in arabischen zeit durch die Sowjetunion verkörperte
beziehungsweise muslimischen Ländern, »Reich des Bösen« folgte im US-Diskurs
darunter Pakistan und Saudi-Arabien, re- nun die »Achse des Bösen«, bestehend aus
krutiert, trainiert, bewaffnet und mit Geld Nordkorea sowie Iran und Irak, denen www
ausgestattet worden, damit sie – mit vorgeworfen wurde, den islamistischen Zu Glaubensfragen allgemein (mit Linkliste):
Washingtons Segen – in Afghanistan ge- Terrorismus der al-Qaida zu unterstützen. http://religion.orf.at
Zu Islam und westliche Welt (Diskussionsbeiträge,
gen die Sowjetarmee kämpften. Danach Seither treibt sowohl im jüdisch-christ- Veranstaltungen etc., auf Englisch):
zogen sie weiter in die Balkanstaaten und lichen Westen wie in der arabisch-mus- http://centerfordialogues.org

25
Das seltsame Innenleben der Nato
Für die USA ist das Militärbündnis, Es unterstreicht die Unteilbarkeit der halte des wiedererstarkten Russland sowie
dem immer mehr europäische Länder transatlantischen Sicherheit, billigt der Einwände von Frankreich und Deutsch-
Europäischen Sicherheits- und Verteidi- land haben dazu geführt, dass deren Auf-
beitreten, ein Instrument zur
gungspolitik (ESVP) einen Platz zu und er- nahme vertagt wurde. Die Mehrheit der
Durchsetzung eigener Ziele. Globale weitert die Aufgaben der Nato auf Entwaff- ukrainischen Bevölkerung ist gegen einen
Missionen der Nato sind durchaus nung von Konfliktparteien und die Nicht- Beitritt, und die georgische Regierung,
erwünscht – sofern sie dem Pentagon weiterverbreitung von Massenvernich- obwohl prowestlich, gilt seit ihrer militä-
tungswaffen. Das eröffnet dem Bündnis rischen Eskapade vom Sommer 2008 als
Arbeit abnehmen und europäische
die Möglichkeit von Einsätzen außerhalb unberechenbar.
Sonderwege verhindern. Europas. Zwar müsste debattiert werden, Inzwischen ist die Nato im Zuge des US-
ob die ungebremste Erweiterung und die amerikanischen Interventionsdrangs und
Funktion als Instrument der US-Außen- des »Kampfs gegen den Terror« zu einer

S eit zwanzig Jahren, seit dem Ende des


Ostblocks, sucht die Nordatlantikpakt-
Organisation (Nato) eine neue Daseinsbe-
politik noch wünschenswert ist. Doch an
diesem Status quo werden die politischen
Gespräche über eine dritte Aktualisierung
polymorphen Organisation geworden. Sie
bildet das Rückgrat von gemeinsamen
Operationen auf dem Balkan und in Afgha-
rechtigung und eine »neue Strategie«. Bis- des Nato-Konzepts, die 2009 begonnen nistan – wo ihre Glaubwürdigkeit auf eine
her gab es keine klaren Entscheidungen haben, kaum etwas ändern. harte Probe gestellt wird –, und zeigte auch
über die Neudefinition ihrer Aufgaben. Die Erweiterung ging rasant schnell. im Irak und in Afrika Präsenz. Dabei mach-
Das unter großem Zeitdruck 1991 überar- 1994 vergrößerte zunächst die Partner- te sie sich unkritisch die Prioritäten des
beitete, aus dem Jahr 1950 stammende schaft für den Frieden, eine geschmeidige Pentagon zu eigen, statt zuerst nach den
»Strategische Konzept für die Verteidigung Struktur zur Einbeziehung zahlreicher politischen Zielen zu fragen, die mit den
des Nordatlantik« wurde 1999 nach gro- Staaten, die Einflusssphäre der Nato. 1995 Einsätzen verfolgt werden sollten. Daher
ßem Hin und Her erneut aktualisiert. wurden die zu erreichenden Ziele für künf- rühren die schlechte Planung und die zwei-
tige Mitglieder definiert: echte Demokra- felhafte Legitimität mancher Nato-Aktio-
tie, Marktwirtschaft, Minderheitenschutz, nen, beispielsweise der ohne Zustimmung
Wenig fürs Bündnis, viel fürs Militär keine ungelösten Konflikte mit den Nach- des UN-Sicherheitsrates durchgeführten
barländern und ein militärischer Beitrag Bombardierung Serbiens 1999.
Militärhaushalte der Nato-Staaten
in Mio. Euro zur Allianz. Diese Voraussetzungen ermög- Der Eifer der osteuropäischen »Konver-
lichten die Aufnahme der Staaten Mittel- titen« hat das Gewicht der USA in der Nato
600 000 und Nordosteuropas, die auf der Suche weiter gestärkt. Auch die vollständige
nach einer Sicherheitsgarantie waren, weil Rückkehr Frankreichs in die integrierte
13 % in ihren Augen einzig Washington sich Nato-Kommandostruktur, die Präsident
Haushalt der Nato 3,4 % einer russischen Einflussnahme entgegen- Sarkozy im Frühjahr 2009 verkündete,
in Mio. Euro 500 000 stellen würde. Tschechien, Ungarn und wird der US-Dominanz keinen Abbruch
2000 6,7 %
andere Länder
Polen traten 1999 bei, 2004 folgten Est- tun. So geschlossen die Nato nach außen
28 %
land, Lettland, Litauen, Rumänien, Bul- auch auftritt, intern stößt die anmaßende
1800 7,4 % garien, die Slowakei und Slowenien. Haltung der USA doch auf Kritik. Nach den
5,2 %
Aus diesen Beitritten wird ersichtlich, Anschlägen vom 11. September 2001 woll-
400 000
1600 dass für die Allianz vor allem politische te die Bush-Regierung den in Artikel 5
Kriterien zählen; militärische und wirt- des Nato-Vertrags beschriebenen Bünd-
1400 schaftliche stehen hintan. Innerhalb von nisfall, der das Recht auf »kollektive Selbst-
Italien
7% knapp zehn Jahren sind alle ehemaligen verteidigung« formuliert und am 4. Okto-
1200 Gross- 300 000 Verbündeten der UdSSR in Europa und ber 2001 zum bisher ersten und einzigen
12 % britannien drei ehemalige Sowjetrepubliken – die bal- Mal durch den Nato-Rat beschlossen wur-
tischen – zu Vorposten der USA geworden. de, lieber doch nicht anwenden, um ein
1000
Frankreich
Seit 2004 gibt es zudem Aktionspläne für Mitreden der Nato bei den anstehenden
13 % Partnerschaften mit Georgien, Aserbai- Militäroperationen zu verhindern. Auch
800 200 000
dschan, Armenien, Kasachstan und Mol- der Aufbau des Antiraketenschildes auf
dawien – alles Staaten, die Moskau mit Nato-Territorium, durch den sich Russ-
600 17 %
Deutschland hegemonialem Unterton als zum »nahen land bedroht fühlte, wurde einseitig be-
Ausland« gehörig betrachtet. schlossen und von den willigen Helfern in
400 100 000 Auch auf dem Balkan kommt die Nato Tschechien und Polen unterstützt.
mit der Arrondierung voran: 2009 traten Die Georgienkrise von 2008 erscheint
USA
22 % 64 % Kroatien und Albanien bei, und die Auf- deshalb wie eine Strafe für die zügellose
200
nahme Makedoniens verhindert, wegen Osterweiterung, die einige europäische Re-
0 0
des Namens, nur ein griechisches Veto. An- gierungen und neokonservative Think-
ders die Ukraine und Georgien – die Vorbe- Tanks in Washington so begeisterte. Das

26
Sh emy a Isl an d

Japan Mitglieder, Kandidaten, Partner


Nato-Mitgliedsländer
Nordkorea
A l aska Beitrittskandidaten
akzeptiert Beitritt unklar
Länder des Programms
»Partnerschaft für den Frieden«

China Länder des Mittelmeerdialogs


Istanbul-Initiative mit Staaten
Russland 1 Birma der arabischen Halbinsel
B e al e
Thul e
( Kali fo rni en )
( D än em ark ) Vard ø Derzeit für die USA die am stärksten
( N o r w e g en ) Besorgnis erregende Region
Enkl ave K aliningr ad Indien
Weissrussl and Pakistan
Koselsk Afghanistan
Ukraine 2
USA Polen Georgien 3
Tschechien Nordpolarmeer
Iran
Fylin g d a l e s Irak
( Gro ßb ri tanni en ) Norwegen
Syrien
Kroatien
Albanien Deutschland B o mb ardi erun g
Kuba Saudi-Arabien Niederlande S e r b i ens ( 19 9 9 )
Atlantischer Ozean Mazedonien Tschechien
Grossbritannien
Belgien
Libyen
Polen
Sudan
Ukraine
Venezuela
Brüssel Kroatien Ungarn
(Nato-Hauptquartier)
Portugal Frankreich Kosovo Schwarzes
Meer
Die zehn größten Militärbudgets 2008
Ein Kästchen entspricht 20 Milliarden US-Dollar Rüstungsausgaben Spanien
Mittelmeer Italien Türkei
Militärpräsenz der Nato Simbabwe
Griechenland
aktuelle Stationierung abgeschlossene Einsätze Albanien
Mazedonien
Einsatzgebiet von Nato-Flotteneinheiten Flu g v erb o t üb er B osni en un d H er ze g o win a ( ab 19 92 )
Fri e d ens tru p p e in B osni en un d H er ze g o win a ( 19 95-20 04 , mi t Russl an d )
Große Stützpunkte der Nato in Europa
(vorhanden, geplant)
Standorte von US-Atomwaffen (150 bis 240 Fliegerbomben B61,
Sprengkraft 0,3 bis 170 kT TNT-Äquivalent)
1. Nato-Russland-Rat (seit 2002).
Stützpunkte für das US-Raketenabwehrsystem (vorhanden, geplant) 2. Nato-Ukraine-Charta (1997, seither Programme)
3. Nato-Georgien-Kommission (2008)
Russisches Gegenprojekt, Militärbasen (vorhanden, geplant)
Zahl der Mitgliedsländer
Länder, die seit Beginn der 1990er-Jahre als Schurkenstaaten oder feindlich galten
26 28
16 19
12 14 15

1949 1952 1955 1982 1990 1999 2004 2009

Griechenland und Türkei Bundesrepublik Deutschland Spanien Kroatien, Albanien


12 Länder unterzeichnen des Nordatlantikpakt: die USA, Kanada, Großbritannien, Territorium der ehemaligen DDR Ungarn, Polen, Tschechien
Island, Norwegen, Dänemark, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Italien, Portugal baltische Staaten, Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Slowenien
Ursache neuer Spannungen: Erweiterung im östlichen Europa

»alte Europa«, dem viel an einer Macht- bezieht die kleinen Golfemirate (Kuwait, zum Global Player würde materielle, perso-
balance mit Russland liegt, betrachtete Bahrein, Vereinigte Arabische Emirate, nelle und Planungskapazitäten binden
diese Politik reservierter. Ob sich US-Präsi- Katar) ein sowie als Beobachter Saudi-Ara- und damit auch die Entwicklung der euro-
dent Obama vom militärpolitischen Unila- bien und Oman, während der Mittelmeer- päischen Verteidigungsgemeinschaft be-
teralismus, dem Handeln auf eigene Faust, dialog seit 1994 den nordafrikanischen hindern, die für die USA so unerwünscht
abwenden und der Nato mehr abverlangen Maghreb und den Nahen Osten einbindet. ist.
wird als die Erledigung von Aufträgen aus Der Generalsekretär der Allianz schließt
dem Pentagon, hängt auch von der Glaub- die Erweiterung auf alle »Demokratien« www
würdigkeit der Nato-Partner ab. Vor allem (Japan, Neuseeland, Südkorea, Australien Institutionen:
die Verteidigungshaushalte sollen steigen, usw.) mit neuen Aufgaben nicht aus – da- www.nato.int
www.eda.europa.eu
wünscht sich die US-Seite. bei kann es sich um Wiederaufbau-Projek- Nato-Initiativen:
Trotz allem zeichnet sich eine, schon te, die Überwachung des Seehandels, www.nato.int/issues/pfp/index.html
durch ihr eigenes Gewicht in Schwung ge- Cyberdefense und die ominöse, weil www.nato.int/ici/home.htm
Kritiker:
brachte, »globale Nato« ab. Die Istanbuler interventionsverdächtige Energiesicher- www.bits.de
Initiative zur Zusammenarbeit von 2004 heit handeln. Eine solche Entwicklung www.friedenskooperative.de

27
Rüstung bietet jeden Tod
Massenvernichtungswaffen sind im fen in den letzten zwanzig Jahren insge- ßen Länder zusammen. Diese Vormacht-
Krieg das ultimative Mittel. Doch samt verringert. Diesen Rückgang kom- stellung erklärt die Bedeutung amerikani-
pensierten die Großmächte durch die ge- scher Unternehmen bei Produktion und
weitaus mehr Menschen sterben
steigerte Effizienz ihres Waffenarsenals. Vertrieb von Waffen: Von den 100 weltweit
durch herkömmliche Munition. Darin steckt eine neue Gefahr: Je genauer größten Rüstungsfirmen stammen 44 aus
Was immer eine Regierung für ihre eine Atombombe trifft und je weniger groß- den USA. Sie haben 2007 Rüstungspro-
Militärs bestellen will – Konzerne der flächig ihre Zerstörungen sind, umso mehr dukte im Wert von 212 Milliarden Dollar
sinkt die Hemmung, sie einzusetzen. verkauft und erreichten damit einen
Nato-Länder dominieren das Angebot.
Doch die Verbreitung von konventionel- Marktanteil von 61 Prozent des Umsatzes
len Waffen ist nicht weniger beunruhi- der Top-100-Verkäufer.

I n der Diskussion über die weltweite Ver-


breitung von Rüstungsgütern liegt das
Augenmerk häufig auf den Massenvernich-
gend. Die Entwicklung der Rüstungs-
konzerne zeugt vom schnellen Ausbau der
Produktionskapazitäten. Die weltweit 100
32 europäische Firmen setzten Waffen
für 108 Milliarden Dollar ab und bestrei-
ten damit 31 Prozent des Marktes. Trotz
tungswaffen. Sie dienten als Vorwand für größten Waffenhersteller verkauften 2007 des Wiedererstarkens Russlands (sieben
den Einmarsch der US-Truppen 2003 in Waffen im Wert von 347 Milliarden Dollar; Hersteller, 8,2 Milliarden Dollar) und der
den Irak und die Sanktionen des UN- das ist gegenüber 2002 ein inflationsberei- wachsenden Bedeutung neuer Produzen-
Sicherheitsrates gegen den Iran. nigter Anstieg von 37 Prozent. ten (Japan, Israel, Indien, Südkorea, Singa-
Oft ist nicht ganz klar, was Massenver- Der Anstieg verläuft parallel zu dem der pur) gibt es eine auffällige Konzentration
nichtungswaffen genau sind. Denn der Be- Rüstungsausgaben, die 2008 bei 1 464 Mil- der Rüstungskapazitäten in den Mitglieds-
griff umfasst sowohl Waffensysteme, die liarden Dollar lagen, inflationsbereinigt ländern der Nato – 92 Prozent.
vollständig verboten sind (chemische und plus 45 Prozent seit 1999. Global werden Allerdings sind keine Zahlen über chine-
biologische Waffen), als auch solche, de- nun 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung sische Rüstungskonzerne erhältlich. Ein
ren Besitz eingeschränkt ist (Nuklearwaf- für militärische Zwecke ausgegeben. Ne- Vergleich mit den USA hilft weiter, falls das
fen), sowie Trägersysteme (also Raketen) ben Russland haben auch Südasien und Verhältnis von US- und chinesischem Rüs-
für konventionelle Sprengköpfe. der Nahe Osten ihre Rüstungsausgaben tungshaushalt grob auf den Umsatz ihrer
Obwohl zu den Atommächten nicht nur deutlich erhöht, ferner Algerien und Brasi- großen Waffenkonzerne übertragbar ist.
die fünf ständigen Mitglieder des UN-Si- lien. Stagnierend oder rückläufig sind die- Chinas Militärbudget liegt bei rund 11 Pro-
cherheitsrates gehören, sondern auch se Budgets nur in West- und Mitteleuropa. zent desjenigen der USA. Bei 212 Milliar-
Israel sowie seit 1998 Indien und Pakistan, Allein der Militärhaushalt der USA hat den Dollar Rüstungsumsatz von US-Kon-
hat sich der Bestand an strategischen Waf- einen Umfang wie der der 23 nächstgro- zernen ergäbe sich ein Rüstungsumsatz
chinesischer Großbetriebe von 23 Milliar-
den Dollar. Auf der Liste der Top 100 müss-
Woher die Raketen in den Entwicklungsländern kommen ten demnach auch vier oder fünf chine-
sische Betriebe zu finden sein. Aber auch
Exportierte Raketen (1991–2006)
bei dieser überschlägigen Kalkulation ent-
0 2000 4000 6000 8000
fällt noch mehr als die Hälfte des Welt-
USA
marktes auf US-Konzerne und ein Viertel
Russland auf europäische Hersteller.
Frankreich, Deutschland, Noch deutlicher zeigt sich die Konzen-
Grossbritannien und Italien
tration bei den Kampfflugzeugen. Von
Andere Europäische Staaten
Boden-Luft-Raketen 1992 bis 2006 wurden weltweit 2 822 Ma-
China
Boden-Boden-Raketen schinen ex- bzw. importiert. Davon wurden
Rest der Welt Antischiffsraketen laut UN-Register für konventionelle Waf-
fen mehr als die Hälfte, nämlich 1 518, von
Die zehn größten Waffenhändler der Welt den USA exportiert, 678 von Russland
Milliarden US-Dollar (2007)
und der Ukraine und 626 von den euro-
0 5 10 15 20 25 30 päischen Staaten Frankreich, Großbritan-
Boeing (USA) nien, Deutschland, Italien und Schweden.
BAE Systems (Grossbritannien) Die Lieferungen gingen vor allem in Span-
Lockheed Martin (USA) nungsgebiete oder Regionen mit immer
Northrop Grumman (USA) wieder aufflackernden Konflikten. Neun
General Dynamics (USA) Länder erwarben mehr als die Hälfte der
Raytheon (USA) verkauften Flugzeuge: die beiden Nato-
EADS (Europa)
Mitglieder Türkei und Griechenland (zu-
L-3 Communications (USA)
sammen 382 Maschinen), die süd- und
Finmeccanica (Italien)
nur militärischer Anteil am Konzernumsatz, ostasiatischen Staaten Indien, China und
Thales (Frankreich) ohne chinesische Firmen
Taiwan (465 Maschinen) sowie der Nahe

28
Norwegen
Deutschland Russland
Grossbritannien Österreich
Pazifischer Ozean
Irland Albanien
Luxemburg
Frankreich Japan
Spanien
USA China
San Marino Israel
Heiliger Stuhl Minen und Kriegsschäden
Atlantischer Ozean Minen
Mexiko
Niger Laos Kriegsschäden
Pakistan Indien
Sierra Leone 100 nukleare Sprengköpfe

Indischer Ozean

Streubomben
Pazifischer Ozean Herstellerländer
Gebiete mit Blindgängern
Vierzehn Staaten haben das Übereinkommen über Streumunition (CCM)
ratifiziert. Das Verbot tritt nach der 30. Ratifikation in Kraft. Weitere 94 Staaten
haben das CCM unterzeichnet (Stand: August 2009).

Planet voller Gefahren

Osten mit Saudi-Arabien, Israel, Ägypten tung für das, was mit den Waffen ge- weniger Schiffe durch die sri-lankische Ar-
und den Vereinigten Arabischen Emiraten schieht, trägt nicht nur der Käufer, son- mee führte zu einer Unterbrechung der
(570 Maschinen). dern auch der Verkäufer. Waffenlieferungen über See an die tami-
Ähnlich sieht es bei den Raketen aus. Die militärpolitische Analyse zeigt, dass lischen Aufständischen. Daraufhin ent-
Von 1991 bis 2006 haben dem US-Kongress das größere Problem nicht die Massenver- schied sich die Regierung gegen eine poli-
zufolge die weltweit wichtigsten Hersteller nichtungswaffen sind, die wegen ihrer tische und für eine militärische Lösung
26 000 Boden-Luft-Raketen, 500 Boden-Bo- apokalyptischen Bedrohung immer im des Konfliktes. Dies mündete im blutigs-
den-Raketen und mehr als 2 700 Seeziel- Vordergrund stehen. Weit mehr Menschen ten Konflikt des Jahres 2008.
flugkörper in Entwicklungsländer ver- werden mit konventionellen, leichten und
kauft. Zwar belegen die USA und Russland kleinkalibrigen Waffen tödlich verletzt;
auf der Liste der Lieferanten die vorderen dazu gehören auch die international ge- www
Plätze, doch auch die europäischen Län- ächteten Antipersonenminen und Streu- Rüstungskontrolle:
www.sipri.org/yearbook
der spielen eine erhebliche Rolle. munition.
disarmament.un.org
Zur Verbreitung von Waffen und zur Auf- Das Kapitel über Waffenlieferungen www.smallarmssurvey.com
rüstung von Staaten gehören immer auch nach Sri Lanka im Jahrbuch 2009 des Frie- www.clusterconvention.org
die Länder, die diese Waffen liefern. Waf- densforschungsinstituts Sipri beschreibt, Informationsstelle Militarisierung:
www.imi-online.de
fenhandel ist ein wirtschaftlicher Vorgang welche Folgen auch kleinere Rüstungs- Rüstungsausgaben, aktuelle Konfliktanalysen (engl.):
mit mehreren Beteiligten. Die Verantwor- beschaffungen haben können. Der Kauf www.globalsecurity.org

Waffenhandel: Von heimlich bis offen

Brasilien Als Grundlage dienen internationale Handelsstatistiken


Israel Südkorea und amtliche Veröffentlichungen über den Rüstungsexport.
Russland Portugal
Transparenz des Handels Ukraine Japan Mexiko Kanada Schweden Italien
mit leichten Waffen und Munition, Rumänien Belgien Australien Serbien Schweiz
0 = völlig verborgen, 25 = völlig offen. Thailand Österreich Finnland USA

0 5 10 15 20 25

Iran Südafrika Singapur Polen Kroatien Spanien Slowakei


Nordkorea Türkei Grossbritannien
Saudi-Arabien Tschechien Frankreich
Pakistan Deutschland
Bulgarien Norwegen
China Bosnien und Herzegowina

29
Terrain für bewaffnete Gruppen
Der Bush-Regierung ist es nicht
gelungen, die amerikanischen Werte E in Zitat von 2007: »Vor zehn Jahren war
Europa noch das Epizentrum der ame-
rikanischen Außenpolitik. Inzwischen ist
Truppen keinen Schritt vorankommen. Im
Irak vermischt sich der Kampf gegen die
ausländischen Besatzer mit religiösen und
in den Ländern des »Großen Mittleren
alles anders. Für Präsident George W. Bush ethnischen Auseinandersetzungen. Der
Ostens« durchzusetzen. Im Gegenteil – und Außenministerin Condoleezza Rice Libanon erlebte im Sommer 2006 einen
nach acht Jahren neokonservativer nimmt der Nahe Osten den Platz ein, den von Israel geführten zerstörerischen Krieg.
Außenpolitik befinden sich mehrere Europa im 20. Jahrhundert bei den jewei- In Palästina haben jüdische Siedlungen,
ligen US-Regierungen einnahm, und das der Sperrzaun und politische Repressio-
Staaten der Region in Auflösung,
wird auch für deren Nachfolger gelten.« So nen die Aufteilung des Territoriums und
und Milizen und Piraten breiten beschrieb der damalige Staatssekretär im die Spaltung der Gesellschaft ebenso be-
sich aus. US-Außenministerium, Nicholas Burns, ein schleunigt wie der Krieg gegen Gaza in der
Jahr vor dem Ende der Bush-Ära die Welt Jahreswende 2008/2009. In die Reihe der
aus der Sicht von Washington. Der »Große verwüsteten Regionen gehören auch So-
Mittlere Osten«, der von Marokko über das malia und Darfur, auch die Attentate in
Horn von Afrika bis Pakistan reicht, war in- Pakistan und die dortigen Kämpfe gegen
nerhalb weniger Jahre zum Hauptschau- die Taliban sowie die terroristische Bedro-
platz US-amerikanischer Machtentfaltung hung in Marokko, Algerien und Tunesien.
geworden. Wegen ihrer Ölvorkommen, Die Formen der Kämpfe sind vielfältig,
ihrer strategischen Lage und wegen Israel die Beziehungen zwischen den Konflikt-
stand die Region zwar schon immer auf herden zahlreich. Waffen, Kämpfer, Takti-
der Prioritätenliste der USA weit oben. ken und Strategien passieren die zuneh-
Doch seit den Anschlägen von 2001 ver- mend durchlässigen Grenzen, manchmal
folgt Washington die politischen und so- sogar im Gefolge der hunderttausenden
zialen Vorgänge in diesem Gebiet ähnlich Flüchtlinge, die von der Grausamkeit der
minutiös wie einst die Vorgänge in seinem Kämpfe ins Exil getrieben werden. So ver-
»Hinterhof« Lateinamerika. breiten sich etwa in Algerien oder Afgha-
Der »Greater Middle East« hat sich, nach nistan andere Kampfformen, wie zum Bei-
der Anzahl der gleichzeitig stattfindenden spiel Selbstmordattentate (die es hier zu
blutigen Konflikte und der direkten Betei- Zeiten der sowjetischen Besatzung zwi-
ligung westlicher Armeen zu urteilen, fast schen 1979 und 1989 noch nicht gab, die
durchgängig in eine Kriegszone verwan- damals aber von Palästinensern in Israel
delt. Afghanistan versinkt im Chaos, wäh- verübt wurden). Gleichfalls in Afghanistan
rend die US-amerikanischen und die Nato- werden unkonventionelle Spreng- und
Brandvorrichtungen (improvised explosive
devices, IED) gegen Truppentransporter
Die Wege der »Gotteskrieger« eingesetzt, wie dies zuvor im Irak verbrei-
tet war. So entstand in den Köpfen US-ame-
a u s G r o ßb r i t a n n i e n , Fr a n k r e ic h , Sp a n i e n u n d D e u t s c h l a n d rikanischer Strategen, denen die Erfolge
Ts c h e t s c h e n i e n Usbekistan der asymmetrischen Kriegsführung zu-
Kirgisistan
setzten, die Vorstellung, dass heute von Al-
Türkei
gerien über den Libanon bis Afghanistan
Syrien tausende im Irak ausgebildete arabische,
Marokko Tunesien
Libanon Irak pakistanische und zentralasiatische
Palästina
Iran Kämpfer ausschwärmen.
Afghanistan
Algerien In der Region kommen alle erdenkli-
Libyen Pakistan
Westsahara chen Formen politischer Auflösungspro-
Ägypten Ver. Arab. Emirate
zesse vor. Somalia als »gescheiterter Staat«
Oman ist dabei nur ein Extremfall, zu dem sich
Mauretanien
Eritrea
Saudi-Arabien
aber auch Afghanistan entwickeln könnte.
Sudan Jemen Im Libanon mit seinen politisch-religiö-
sen Gruppen bleibt die Lage prekär. In
Somalia
Palästina überlebt die Autonomiebehörde
Länder und Regionen, gegen die sich der
dank militärischer und wirtschaftlicher
US-»Krieg gegen den Terror« richtet
Äthiopien
Hilfe aus dem Ausland und der Unter-
Politische Fernverbindungen stützung der israelischen Regierung. Gan-
Wege von Kämpfern, Waffen und Ideen ze Territorien, vom irakischen Kurdistan
bis zum Gazastreifen, wurden autonom

30
Rumänien Russland Aralsee
Kaspisches
Serbien Meer
Noworossiisk Ts c h e t s c h e n i e n Aktau Kasachstan Almaty
Montenegro Schwarzes Meer
Bulgarien Abchasien
Bischkek
Mazedonien Istanbul Georgien Südossetien Usbekistan
Aserbaidschan Taschkent
Tbilissi Kirgisistan
Albanien Armenien Eriwan Baku
Ankara
Türkisch- Turkmenistan China
Türkei Kurdistan Berg-Karabach Duschanbe
Griechenland Tadschikistan
Täbris Aschkabad
Ceyhan
Masar-i-Scharif Siachen-
Mossul Teheran Machhad Stammes
Nikosia Syrien Gletscher
Zypern gebiete
Kirkuk Iranisch-Kurdistan Kabul
Libanon Herat Peshawar
Damaskus Baiji
Mittelmeer Beirut Bagdad Qom Afghanistan Ka s c h m i r
Tel-Aviv Irak Iran Islamabad
Palästina Amman Kerbala Lahore
Jerusalem Kandahar
Israel Nadschaf Quetta Wasiristan
Kairo Si n a i
Jordanien
Kuwait Pakistan
Kuwait Schiras
Golf Bandar-i-Abbas
Libyen Bahrein Indien
Ägypten Saudi-Arabien Belutschistan
Manama Katar Gwadar
Doha Karatschi
Medina Riad Golf von Oman
Abu Dhabi Maskat
Ver. Arab. Emirate

Mekka
Rotes
Meer
Oman
Najran
Tschad
Khartoum Eritrea Sanaa Jemen
Asmara
Darfur
Socotra Indischer Ozean
Sudan Aden (Jemen)
Golf von Aden
Dschibuti Sanaag
Dschibuti Berbera
Hargeisa Sool
Addis Abeba Somaliland
Zentral- Südsudan Puntland
afrikanische Rep. Krisenherde
Äthiopien
aktueller Konflikt eingefrorener Konflikt

Somalia »Feindstaaten« der USA


Staaten ohne wirksame Zentralgewalt, in denen
Mogadischu bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen
Uganda
Kenia potenzielle Expansion von Krisenherden
Dem. Rep. Kongo Gebiete, die sich der Kontrolle der Zentralgewalt entziehen
Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, die im
»Krieg gegen den Terror« an der Seite der USA stehen
Tansania
US- und britische Militärpräsenz häufige Piraterie
permanent oder temporär Energiereserven
genutzte Militärbasen
Erdöl- und Gasvorkommen
500 km Kriegsschiffe/Flugzeugträger
strategisch wichtige Meerenge

»Greater Middle East«: Geografie der Konflikte

und beleben damit andere Unabhängig- stärkste westliche Armee in Schach. In in Somalia Fuß fassen konnten, zeigt nur,
keitsbestrebungen, von den türkischen Afghanistan erweist sich die Nato als un- wie destabilisierend die »Demokratisie-
Kurden bis zu den Belutschen im Iran und fähig, ihnen das Handwerk zu legen. Im rungsmission« der USA im Greater Middle
in Pakistan. Libanon hat die Hisbollah der israelischen East gewirkt hat.
Nie waren bewaffnete Gruppen so ein- Militärmacht ihre Grenzen aufgezeigt. Die
flussreich wie heute – was auch das Ver- politische Sackgasse in Palästina, das
handeln komplizierter macht. In Afghanis- Machtvakuum in den zerfallenden Staaten
tan wie im Irak und in Somalia geben sie und die militärischen Interventionen der www
überhaupt den Ton an. In Teilen des Liba- USA lieferten al-Qaida mehr Argumente, Konzept:
mepi.state.gov
non bestimmt die Hisbollah, der Gaza- als sie brauchte. Dass so viele Gruppen, die www.al-bab.com/arab/docs/international/gmep2004.htm
streifen ist fest in der Hand der Hamas. sich auf den Heiligen Krieg berufen, im Analysen:
Nichtstaatliche militärische Einheiten ha- Irak und in Afghanistan entstanden sind www.bpb.de/publikationen/
Q6E4BX,0,Demokratisierung_des_Greater_Middle_East.html
ben bereits eine furchterregende Effizienz und sowohl in den palästinensischen La- www.blaetter.de/artikel.php?pr=1811
an den Tag gelegt. Im Irak hielten sie die gern im Libanon als auch im Maghreb und mondediplo.com/2004/04/04world

31
Cyberterrorismus – eine Gefahr,
die noch keine ist
Die Aufregung um terroristische wenngleich seltener, Attacken auf Server, ren Verbündeten abzuhören, haben die
Angriffe auf das Internet hat sich bei denen diese durch Überlastung blo- Entwicklung eines Programms angekün-
ckiert werden. digt, das ihnen die Vorherrschaft im Cyber-
gelegt. Militär und Geheimdienste
Angriffe dieser Art gehen jedoch meist space sichern soll. Es orientiert sich am
beschäftigen sich mehr mit von eher jugendlichen Hackern oder klei- Manhattan-Projekt, das dem Bau der ers-
Cyberkrieg, digitaler Spionage und nen fanatischen Gruppen aus und haben ten Atombombe galt, und verfolgt mehrere
Online-Propaganda. Aber niemand noch keine gravierenden Schäden verur- Ziele: Überwachung von Suchmaschinen
sacht oder gar Todesopfer gefordert. Statt und des weltweiten Internethandels; Ent-
weiß, an welcher Schwachstelle
im Internet unkalkulierbaren, mehr oder wicklung von Trojanern, um jeden beliebi-
Terroristen ansetzen könnten. weniger virtuellen Schaden anzurichten, gen Computer kontrollieren zu können;
töten Terroristen auch vierzehn Jahre nach Erfindung eines Simulators, mit dem An-
der »Explosion« des Netzes immer noch griffs- und Verteidigungsszenarien er-
wirkliche Menschen mit wirklichen Bom- probt und militärische Cyber-Einheiten
ben. So können sie – unterstützt durch die trainiert werden können.

B ereits 1993, als das Internet noch kein


universales Medium war, sagte der
Zukunftsforscher Alvin Toffler voraus,
Medien – sehr viel mehr Angst und Schre-
cken verbreiten.
Nach Meinung vieler Experten sind das
Aber trotz der Verlagerung hin zu Cyber-
krieg, Blockaden von Websites und digita-
ler Wirtschaftsspionage behalten die Mili-
dass Terroristen eines Tages versuchen weitaus größere Problem der Cyberkrieg tärs in aller Welt die Bedrohung durch »di-
würden, die informations- und kommuni- und seine Auswirkungen auf Kampffähig- gitale Anschläge« im Auge. Schließlich
kationstechnische Infrastruktur der USA keit und Logistik der regulären Armeen. kann die rasante technische Entwicklung
anzugreifen. Trotz der zahllosen Untersu- Im April und Mai 2007 wurden beispiels- auch den Cyberterroristen in die Hände
chungen, die seither veröffentlicht wur- weise die Server estnischer Banken und spielen.
den, streiten Experten bis heute darüber, Behörden mit massenhaften sinnlosen
was Cyberterrorismus überhaupt bedeu- Anfragen so stark belastet, dass die Online-
tet. Während die einen immer wieder vor Infrastruktur des Landes tagelang lahm-
einem »elektronischen Pearl Harbor« war- gelegt war und wichtige Geschäfte behin-
nen, erinnern die anderen daran, dass bis- dert wurden. Inzwischen hat sich die Ju-
lang noch kein einziger cyberterroristi- gendorganisation des Kreml – für die Est-
scher Anschlag stattgefunden hat. land sofort die russische Regierung verant-
In seinem 2006 erschienenen Buch über wortlich gemacht hatte – zu diesen Sabota-
Mythos und Realität des Cyberterrorismus geakten bekannt. Im Gegenzug hat Est-
erklärt der französische Wissenschaftler land diesen Angriff genutzt, um die Nato
Céderic Thévenet, Cyberterrorismus gebe zu alarmieren. Diese hat seitdem zwei
es bislang noch nicht, obwohl man an Cyberdefense-Zentren eingerichtet, eines
Hochschulen und Universitäten die in Brüssel, das andere in Tallinn.
»Kunst des Hackens« lernen könne und auf Wie sehr die Kontrolle von Informatio-
internationalen Konferenzen ständig da- nen und Informationstechnologien die
rüber debattiert werde. Vormachtstellung einer Armee absichern
Die US-Marineakademie Naval War Col- kann, hatte der erste Golfkrieg 1991 ge-
lege führte im Jahr 2002 eine Übung na- zeigt. Damals musste das Pentagon sein
mens »Digital Pearl Harbor« durch. Dabei Vorhaben aufgeben, die Computersysteme
stellte sich heraus, dass Cyberpiraten für des irakischen Finanzwesens anzugreifen,
einen umfassenden Angriff auf das World weil die Gefahr bestand, dass damit die
Wide Web an die 200 Millionen Dollar und europäischen Geldautomaten lahmgelegt
obendrein ganze fünf Jahre Zeit bräuchten. würden – die irakischen Systeme waren
Terroristen nutzen das Internet vor al- mit denen in Frankreich verbunden. Auf- www
lem dafür, ihre Propaganda über Websei- grund dieser Erfahrung bereiten sich in- Studien:
ten, Foren oder Videobotschaften zu ver- zwischen die Armeen etlicher Länder auf www.terrorisme.net, Suchwort: Thevenet
breiten, neue Anhänger zu werben und einen potenziellen Cyberkrieg vor. daudre.club.fr/load/das_igct03.pdf (Vacca)
Echelon:
bekannter zu werden. Die Geschichte des Die Vereinigten Staaten, die während www.heise.de/tp/r4/special/ech.html
Internets kennt mittlerweile zahlreiche des Kalten Krieges ihr gewaltiges Spiona- Estland:
politisch motivierte Manipulationen von genetz »Echelon« aufgebaut hatten, um die searchsecurity.techtarget.com/news/interview/
0,289202,sid14_gci1265720,00.html
Internetseiten (insbesondere von Militär- militärische und diplomatische Kommu- www.wired.com/politics/security/magazine/
oder Regierungseinrichtungen), und, nikation zwischen der Sowjetunion und ih- 15–09/ff_estonia

32
Wa iho p a i Neuseeland
Das Abhörnetz Echelon

Echelon dient der Spionage in öffentlichen und privaten, nationalen und


internationalen Telekommunikationsnetzen. Abgehört wird mit Radarstationen
und Satelliten, ausgeforscht werden militärische, politische und wirtschaftliche
Informationen. In den letzten Jahren liegt ein Schwerpunkt auf der Suche nach
Pazifischer Ozean
terroristischen Aktivitäten und Drogenhandel. Das System wird von fünf
angelsächsischen Ländern betrieben.

Australien Hauptakteure
USA: National Security Agency
Gerald ton
Großbritannien: Government Communications Headquarters
Shoal Bay Kanada: Centre de la sécurité des télécommunications
Australien: Defense Signals Directorate
Neuseeland: Government Communications Security Bureau
Frenchelon ist ein Echelon ähnliches, aber kleineres Spionagenetz.
Indonesien

Nutznießer

Echelon-Satelliten

Bodenstationen

des Echelon-Netzes des Frenchelon-Netzes

Indischer Ozean
Indien

Mayotte

Südkorea
Japan China Pakistan

Nordkorea
M i sawa
Iran

Syrien
Georgien
Russland Türkei

Libyen
Estland

Bad Aibling

Deutschland
Norwegen
Nordpolarmeer Grossbritannien
Menwith Hill Frankreich
Mor w e n s tow Cyberwelt
Weitere Staaten, die sich mit Cyberkrieg befassen
Gebiet des französischen Spionagenetzes Frenchelon
Atlantischer Ozean Länder, die angeblich Cyberterrorismus unterstützten
Länder, die Opfer von Cyberattacken wurden

Kanada
Kou rou
(Gu yan a)
Leitrim Sai nt-Bar th él e my

Ya k im a Fir ing Ce nt e r USA


S ugar Grove

Mexiko

Pazifischer Ozean

33
Das Handy drängt Netz-Nutzer

ins Internet
Nutzer profitieren von der
Die digitale Revolution hat den nicht auf nationale Netze beschränkte In- schnellen Resonanz
ständigen Verfügbarkeit
globalen Weltmarkt erst möglich ternet private, berufliche und kommerziel- großen Reichweite
le Beziehungen auch über die Kontinente wechselseitigen Information
gemacht. Informations- und
hinweg knüpft und aufrechterhält. Doch
Kommunikationsnetze sind selbst dringt in dieses »Informationsparadies« Öffentlichkeit
zum weltumspannenden Geschäft zunehmend die sich ausbreitende Cyber- Studierende
geworden. Internet und Handy kriminalität ein, die eine Bedrohung der Forscher
Funktionalität des Systems darstellt.
haben sich in den Industrieländern Einzelpersonen
Die Zahl der Internet-Server ist inner-
durchgesetzt – aber noch längst halb von fünfzehn Jahren von einer Hand- Aktivisten
nicht im globalen Maßstab. voll auf nahezu sechs Millionen weltweit Reisende
gestiegen. Doch im internationalen Ver- Künstler
gleich gibt es viele Ungleichheiten. Im glo-

S eit mehr als zehn Jahren verschmelzen


die Informations- und Kommunikati-
onsnetze zunehmend mit dem Internet.
balen Durchschnitt haben 22 Prozent der
Menschen Zugang zum Internet. In Nord-
amerika sind es 74, in Europa 48 und in
Journalisten
Fernreisende
Nachdem es sich anfangs den technischen Asien 15 Prozent. In den reichen Ländern im Ausland Arbeitende
Gegebenheiten angepasst hatte, nahm das werden Fernsehen und Netz inzwischen zu
World Wide Web bald seinerseits großen gleichen Teilen als Informationsmedien
Einfluss auf die Weiterentwicklung der genutzt. Der Erfolg der kritischen Blogs Medien
Technik. Die Übertragung von Texten, Tö- und neuer, dezentraler Formen des schnel- Kulturindustrie
nen und Bildern gleicht sich mehr und len Informationsaustausches wie Twitter (Musik, Kino, Bücher, Spiele)
mehr an. Die Netze sind überall und längst steht für das demokratische Potenzial des Finanzsektor
nicht mehr nur ein Privileg der Industrie- Web und sorgt auch bei Industriekritikern (Banken, Versicherungen, Anlageberatung)
länder. Sie spielen eine wesentliche Rolle für Akzeptanz, solange die Informationen
bei der Integration des Weltmarkts und unbehindert und kostenlos erhältlich Unternehmen
der Produktion neuer Konsumgüter. sind. Autoritäre Regime versuchen, durch Makler
Dank sinkender Kosten wurde das digitale Zensur die Verbreitung missliebi- Personalvermittlung
Handy zum wesentlichen inländischen ger Ansichten und Nachrichten zu unter- Handelsunternehmen
Kommunikator, während das normierte, binden. Werbung
Meinungsumfragen

Afrika surft am teuersten


Nichtregierungsorganisationen

Internationale Organisationen
Parteien, Gewerkschaften,
Verbände

Institutionen und Staat

Bürgernahe Dienstleistungen
(Gesundheit, Erziehung, Soziales, Steuern)

Polizei
Armee

Weltweit wichtigste Websites


Preis für 20 Stunden Internetverbindung
Top 3
( je 10 in Haupt- und Nebenzeiten, günstigster Tarif)
US-Dollar
Top 10
mehr als 50 30–50 15–30 weniger als 15 keine Angaben

Weltweite Durchschnittskosten 2007: 22 Dollar für 20 Stunden

34
Netz-Nutzung

Microsoft
Kaufen
eBay
Amazon

Google
Suchen
Kein Markt wächst so schnell wie der für schlaggebende Faktor ist die demogra-
Baidu (China)
Internet-Soft- und -Hardware, die sowohl fische Entwicklung. Sie führt dazu, dass
Windows Live
von individuellen Verbrauchern nachge- die Dominanz des Englischen sowie der
Google News
fragt werden als auch auf industrieller Ebe- Anteil der in den USA installierten Server
ne mit Serverzentren und der dazugehöri- kontinuierlich abnimmt. Hinzu kommt,
BBC gen Software eine große Rolle spielen. Mit dass ein großer Teil der Datenströme in-
Nachrichten interkontinenaler Online-Datenverarbei- zwischen nicht mehr durch die USA fließt.
CNN tung und Auftragsabwicklung über das In- Für die Weltmacht wirft das neue geostra-
New York Times ternet sind ganz neue Wirtschaftszweige tegische Fragen auf. Immerhin hat sie die
entstanden. Doch die digitale Kluft ist tief. Entwicklung von Kommunikationssyste-
Yahoo News In Afrika haben lediglich 5,3 Prozent der men wie dem Spionagenetz Echelon und
MSNBC Bevölkerung Zugang zum Internet. Hier ihrer geheimdienstlichen Aufklärung zu
wirkten insbesondere die Monopole für einem zentralen Element ihrer militä-
Yahoo
Telefon- und Netzanbieter verheerend. All rischen Vorherrschaft gemacht.
Online-Portale
das verschärft die ohnehin bestehenden Mit Zahlen lässt sich jedoch nur ein Aus-
MSN
Probleme des Kontinents – schließlich ist schnitt der Internetnutzung beschreiben.
Sina (China)
ohne funktionierende Internet-Kommuni- Das Netz bietet viele neue Ausdrucksmög-
FE2 (Japan)
kation kaum noch ein Zugang zu den inter- lichkeiten, jeden Tag kommen weitere
Gmail
nationalen Märkten möglich. Blogs, Websites etc. hinzu. In der Industrie
Yahoo!Mail
Auch zwischen den asiatischen Ländern setzen sich innovative Anwendungen dage-
Mail
bestehen große Gefälle: In Japan und Süd- gen sehr viel langsamer durch. Die Unter-
Hotmail
korea nutzen 70 Prozent der Bevölkerung nehmen haben längst nicht alle neuen
GG (China)
das Internet. Seit Juni 2008 ist China mit Möglichkeiten der Produktion, Koordina-
@mail.ru (Russland)
19 Prozent das Land mit den meisten Nut- tion und Transaktion umgesetzt.
zern. In Indien mit seiner starken IT-In- Für die Schwellenländer öffnen Soft-
Wikipedia dustrie steigt die Zahl der User ähnlich ware-Innovationen, die sich im Nu über
Information stark. Die Internet-Durchdringung liegt den Globus verbreiten, womöglich neue
trotzdem bei nur 5,2 Prozent, und damit Chancen: Wenn sie es schaffen, deren
IMDb knapp unter dem afrikanischen Wert. Der Anwendungsmöglichkeiten für sich zu
Vergleich mit Russland (23 Prozent), Brasi- nutzen, können sie auch wirtschaftlich
YouTube lien (24 Prozent), Südafrika (10 Prozent) und politisch den Anschluss an die Indus-
Datenaustausch oder Nigeria (20 Prozent) zeigt die Unter- trieländer finden. Der schnelle digitale
Flickr schiede zwischen den Schwellenländern. Anschluss weiter Teile des ehemaligen
Rapidshare Während sich in den westlichen Län- Ostblocks hat dies gezeigt. Auch China
dern der Breitbandanschluss immer mehr schreitet voran und hat eine eigene Mobil-
MySpace
durchsetzt und Fernsehsendungen und Vi- funktechnik auf den Markt gebracht. Weil
Facebook deos auch im Internet übertragen werden, sich das Handy nicht nur in den Industrie-
Soziale Netze liegt im globalen Maßstab der Schwer- ländern, sondern global zum vorerst wich-
hi5 punkt des Netzgebrauchs beim weniger tigsten Endgerät des digitalen Zeitalters
datenintensiven Chatten und Bloggen. entwickelt, könnten die chinesischen
Vkontakte (Russland) Das kalifornische Unternehmen Google Produkte zu den Schlüsseltechnologien
besitzt inzwischen ein Quasimonopol bei des kommenden Jahrzehnts aufsteigen.
Twitter den Suchmaschinen. Ausnahmen sind
Direktkommunikation China, wo 61 Prozent der Anfragen an die
Skype Suchmaschine Baidu gerichtet werden,
PartyPoker
Südkorea, wo Naver mit 73 Prozent, und www
Russland, wo Yandex mit 44 Prozent die Statistik:
Spiele meistfrequentierten Suchmaschinen sind. www.internetworldstats.com
Auch sprachlich bildet das Netz Konzen- www.alexa.com
GameSpot
Institutionen:
trationsprozesse ab: 29,4 Prozent der In- www.itu.int, www.intgovforum.org, www.idate.org
Wordpress ternetbenutzer schreiben auf Englisch. www.icann.org
Blogs Chinesisch holt wie in allen Bereichen Nachrichten:
www.heise.de/newsticker
Blogger rasant auf und wird mittlerweile von Digitale Kluft:
18,9 Prozent der User verwendet. Der aus- socio.ch/intcom/t_vandepol.htm

35
Die Europäische Union auf
dem Weg zur Großmacht
Die EU sucht weiterhin nach ihrer bund noch Bundesstaat. Vor allem aber sion, die von Washington inspiriert wurde.
Identität. Dabei müht sie sich wird sie üblicherweise als »politischer Sie läuft darauf hinaus, den nach 1945 in
Zwerg« betrachtet. Westeuropa begonnenen und nach 1989–
um Einigkeit und Ausgleich.
Letztere Einschätzung resultiert in ers- 1991 in Richtung Osten fortgeführten Sta-
So kann sie die Spielregeln in ter Linie aus einem impliziten oder explizi- bilisierungs- und Demokratisierungspro-
der Welt mitbestimmen. ten Vergleich mit den USA. Der pflicht- zess zu vollenden. Ihr Fernziel ist, den ge-
schuldige Bezug auf den amerikanischen samten Kontinent unter dem Dach der EU
Verbündeten ist in der EU zu einer derart zu integrieren, und zwar unter Einschluss
festen Größe geworden, dass er selbst der Türkei und der Kaukasusregion, aber
noch die wirtschaftspolitische Zielsetzung unter Ausschluss Russlands.
der so genannten Lissabon-Strategie inspi- Es wäre also höchste Zeit, dass die Euro-
riert, die mit ihrer Förderung eines nach- päer sich selbst darüber klar werden, wie

E uropa in Gestalt der Europäischen


Union ist ein eigenartiges Gebilde. Die
EU weckt mittlerweile bei vielen ihrer Bür-
haltigen und auf »Humankapital« setzen-
den Wachstums aus Europa einen eben-
bürtigen Partner der Wirtschaftsmacht
sie sich die Zukunft ihres Kontinents und
dessen Grenzen vorstellen, zumal die Zei-
ten der Supermacht USA – deren Interven-
ger ein Gefühl von politischer und kultu- USA machen will. Ähnliches gilt für das tionsbilanz nicht gerade überzeugend
reller Zusammengehörigkeit, sie hat eini- Verfassungsprojekt der Union, das einige wirkt – ohnehin vorbei zu sein scheinen.
ge föderale Strukturmerkmale ausgebil- ihrer Verfechter mit der 1787 in Philadel- Ein ermutigendes Zeichen war die euro-
det, und ein Kern von Mitgliedsländern phia verabschiedeten amerikanischen Ver- päische Beobachtermission in Georgien
verfügt sogar über eine gemeinsame Wäh- fassung vergleichen. im Herbst 2008. Ihr lag eine andere Logik
rung. Gleichwohl ist die Union weder ein Auch die räumliche Erweiterung der EU zugrunde, auch wenn sie in gewisser Weise
Staat noch eine Nation, weder Staaten- orientiert sich an einer strategischen Vi- die Fortsetzung von siebzehn europä-
ischen Auslandsoperationen darstellt (da-
von fünf als militärische Interventionen),
Ein Kontinent und seine Institutionen die in den zehn Jahren seit der französisch-
britischen Initiative von Saint-Malo statt-
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE ) gefunden haben. In ihrer Deklaration von
(57)
Nordatlantikpakt-Organisation (Nato, 28) 1998 forderten Paris und London die »au-
tonome Handlungsfähigkeit« der Union
Europarat Albanien Bosnien und Herzegowina auch auf militärischem Gebiet. Dies mar-
(47) Kroatien Armenien
Türkei Aserbaidschan kierte den Beginn einer europäischen Ver-
Georgien teidigungspolitik, mit der die EU zu einem
Schengenraum Island Schweiz Liechtenstein
(29) Norwegen Mazedonien entscheidenden Akteur bei der Stabilisie-
Moldawien rung von Krisen jenseits ihrer Grenzen
Europäische Union (28 + 3) Russland
wurde.
Vatikanstadt Finnland Belgien Andorra Montenegro Kosovo Ein zweiter Faktor, der die Handlungsfä-
Malta Deutschland Monaco
Österreich Frankreich San Marino higkeit der Europäer einschränkt, hat mit
Griechenland der einzigartigen und ungewöhnlichen Po-
Italien
Luxemburg sition der EU innerhalb der geopolitischen
Niederlande Landschaft zu tun, wobei Letztere noch
Portugal
Slowakei stark an das Konzert konkurrierender Na-
Slowenien tionalstaaten Ende des 19. Jahrhunderts
Eurozone (16 + 6) Spanien
erinnert. Mit einem Satz: Die Welt von
Schweden Dänemark Serbien
Estland Ukraine 2008 ist insgesamt eben nicht so organi-
Lettland siert wie die EU.
Litauen
Polen Im Grunde stehen sich zwei Welten ge-
Tschechien genüber. Auf der einen Seite die klassische
Ungarn
Ebene nationaler Interessenvertretung –
Irland Bulgarien im Wechselspiel von offener Rivalität und
Zypern Grossbritannien
Rumänien Ausgleich durch Verhandlungen –, auf der
die großen, voneinander abhängigen Ak-
Kanada Kasachstan Turkmenistan teure (USA, China, Indien, Russland) als
USA Kirgistan Usbekistan Partner und Gegner zugleich agieren. Auf
Tadschikistan Weissrussland
der anderen Seite eine regionale Organisa-

36
Zivile oder militärische EU-Missionen,
laufend oder abgeschlossen
Kanada
Bilaterale Einzelabkommen
Afrikanische Friedensfazilität
USA (Mittel für die Afrikanische Union)
Mexiko
Asien-Europa-Treffen

Russland

China
Karibik
Georgien
Europa
Afghanistan
Indien Aceh
Irak Iran
Indonesien
Golfstaaten
Palästinensisches Autonomiegebiet
Jemen
Guinea-Bissau Sudan
Brasilien Horn von Afrik a Si eh e au ch Kar te au f Sei te 111
Darfur
Tschad
Europäische Union
Europäischer Wirtschaftsraum
Dem. Rep. Kongo Schengen-Raum und Nordeuropäische Passunion
Erweiterung
Strategische Partnerschaft, Abkommen über Beitrittskandidaten
Wirtschaft, Entwicklung und Zusammenarbeit Bewerberländer mit Stabilisierungs-
Transatlantische Partnerschaft und Assoziierungsabkommen
Südafrika
Partnerschafts- und Kooperationsabkommen Die EU ist und war in zahlreichen Missionen in Bosnien und Herzegowina,
Mazedonien und Kosovo aktiv, ferner in Georgien und Moldawien.
Euro-mediterrane Partnerschaft; Union für das Mittelmeer, südliche Anrainer
Missionen außerhalb Europas: Demilitarisierung in Aceh (Indonesien),
Abkommen über Zusammenarbeit mit dem Golf-Kooperationsrat Krisenintervention im Kongo, Sudan und Tschad, Rechtsstaatsmission im
Irak, Polizeimission in Afghanistan, Überwachungsmissionen in Palästina
Östliche Partnerschaft und Guinea-Bissau, Militärmission gegen Piraterie vor der Küste Somalias.
Cotonou-Abkommen mit 79 AKP-Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifiks Kuba und die EU haben ihren politischen Dialog wieder aufgenommen, ein
neuer Wirtschaftsdialog mit Israel hat begonnen.
Traceca (Transport Corridor Europa-Caucasus-Asia), »neue Seidenstraße«

Europas Verträge mit der Welt

tion ganz eigener Art, die auf Rechtsstaat- Festlegung EU-verbindlicher Wettbewerbs- voran. In einer Welt, in der die Macht zu ei-
lichkeit und Kompromissfindung zwi- regeln, wenn etwa die EU-Kommission ner relativen Größe geworden ist, hat die
schen den Mitgliedstaaten gründet und in Microsoft wegen seiner Monopolprakti- EU gute Chancen, die unentbehrlichen in-
einem mühsamen Prozess ihre gemein- ken bestrafen oder gemeinsame Stan- ternationalen Regeln maßgeblich mitzu-
samen Interessen ermittelt und entspre- dards bis hin zu einheitlichen Buchhal- gestalten. Und sei es nur, weil sie der größ-
chend handelt. tungsregeln beschließen kann. te Markt der Welt ist und darauf verweisen
Diese beiden limitierenden Faktoren er- Normativen Ehrgeiz zeigt die EU auch kann, dass sie die weitaus größte Erfah-
klären, weshalb sich die EU zuallererst als bei Verhandlungen im Rahmen der Welt- rung mit demokratisch legitimierten, re-
zivile Macht versteht, auch wenn sie heute handelsorganisation (WTO) oder wenn sie gionalen Integrationsprozessen hat. Die
so viele Truppen wie nie zuvor in militä- einen Rahmen für die europäische Ener- ökonomische und politische Integration
rische Auslandseinsätze geschickt hat, sei giesicherheit entwirft. Auch in anderen in- der EU mag noch längst nicht abgeschlos-
es im Rahmen eines Nato-Mandats oder ih- ternationalen Gremien ist die EU bestrebt, sen sein, aber Prozesse zeichnen sich da-
rer eigenen gemeinsamen Sicherheits- gemeinsame Positionen einzubringen. durch aus, dass sie eine Richtung haben.
und Verteidigungspolitik (ESVP) oder Zum Beispiel in der Diskussion über Men-
auch der UN. Was ihre Aktionen aber vor al- schenrechte auf UN-Ebene, in der eine ver-
lem kennzeichnet, ist deren normative eint auftretende EU – zusammen mit den
www
Institutionen:
Basis. Die EU handelt vorzugsweise als nor- Staaten Lateinamerikas – eine echte Vor- europa.eu
mative Macht, also mit klarer rechtlicher reiterrolle übernommen hat. europarl.de
Definition ihrer Aufträge. Woran es noch immer mangelt, ist die epp.eurostat.ecv
europa.eu
Die Fixierung auf rechtliche Regeln zeigt Artikulation und Durchsetzung gemein- www.coe.int
sich auch in der Umweltpolitik der EU, samer europäischer Interessen. Aber auch www.osce.org
wenn sie mit den anderen Staaten über bei dieser Aufgabe kommt die EU, obwohl Darstellungen und Analysen:
www.robert-schuman.eu
Ziele verhandelt, die zuvor von 27 Mitglied- sie diese in ihrem ersten Strategiepapier www.attac-netzwerk.de/eu-ag/
staaten beschlossen wurden, oder bei der von 2003 nur zweimal erwähnt, allmählich www.bpb.de

37
USA – eine Marke ist beschädigt
George W. Bush hat Barack Obama
das Land in einem denkbar W ährend seines Wahlkampfs plädier-
te der amerikanische Präsident für
eine »sanfte« Einflussnahme. Er forderte
heit der Auffassung, die USA spielten eine
positive Rolle in der Welt. In Nato-Ländern
wie Deutschland, Großbritannien und
schlechten Zustand übergeben.
eine »bescheidene« Außenpolitik, die »das Frankreich waren 70 und mehr Prozent der
Die Zeit der »hard power« ist damit amerikanische Wesen spiegelt, die Be- Befragten vom Gegenteil überzeugt. Zwi-
vorbei. »Soft power« soll nun das scheidenheit wirklicher Macht, die Demut schen 60 und 80 Prozent der Pakistaner,
Ansehen der USA in der Welt wahrer Größe«. Er beteuerte, mit der Arro- Türken und Libanesen betrachteten die
ganz seines Vorgängers brechen zu wollen, USA sogar als Feind. »Alle wollen geliebt
verbessern. Es reicht aber nicht,
der »Amerikas Bündnisse geschwächt, werden«, kommentierte das US-Außen-
dass ein populärer Präsident seinen seine Freunde verprellt und seine Gegner ministerium die Umfragewerte am 2. April
Respekt für den Islam bekundet. Nötig bestärkt« habe. Von wem stammen diese 2008 scheinheilig gegenüber BBC: »Aber
ist auch eine verantwortungsvolle Worte? Von Barack Obama? Nein, von wir sind eine Supermacht, wir tragen eine
George W. Bush, der im Wahljahr 2000 enorme Verantwortung. (…) Deshalb be-
internationale Wirtschaftspolitik.
den Amtsinhaber Bill Clinton der Über- obachtet der Rest der Welt uns auch schär-
heblichkeit, der Inkompetenz und des un- fer als jedes andere Land.« Ronald Reagan
freiwilligen Paktierens mit dem Feind pflegte zu sagen: »Wir wollen nicht geliebt,
bezichtigte. wir wollen respektiert werden.«
Doch Bushs Präsidentschaft brachte Aber sowohl in der Diplomatie wie im
nicht nur das Scheitern der auf die Mecha- Geschäftsleben ist es oft nützlich, nicht
nik der Macht setzenden hard power, die allzu sehr verhasst zu sein, zumal wenn
durch die Finanzkrise sowie den militä- man nicht mehr gefürchtet wird. Nach und
rischen Misserfolg im Irak und in Afgha- nach greift die Ahnung um sich, dass die
nistan erschüttert wurde. Clintons Nach- USA in zwanzig Jahren nicht mehr die vor-
folger verursachte auch den rasanten herrschende Weltmacht sein werden, dass
Prestigeverlust des »amerikanischen We- das »amerikanische Jahrhundert«, das
sens« im Ausland. Am Ende von Bushs nach dem Ersten Weltkrieg begann, sich
zweiter Amtszeit war das Ansehen der USA seinem Ende nähert und von einer asiati-
derart gesunken, dass Verteidigungsmi- schen Ära abgelöst wird.
nister Robert Gates das Entstehen einer Am Ende von Bushs zweiter Amtszeit war
»multipolaren Welt« zugeben musste. Ihm der Respekt gegenüber den USA und ihrem
blieb auch gar nichts anderes übrig, als im Präsidenten weitgehend verspielt. Die
November 2008 die G-20-Länder, darunter Statue of Liberty als Symbol der Freiheit
Brasilien, Russland, Indien und China, in und der Auftrag, die Demokratie in der
Washington zusammentrafen, um über Welt zu verbreiten – ein solches Selbstver-
Maßnahmen gegen das durch die Wall ständnis ist unvereinbar mit den Zustän-
Street verursachte ökonomische Desaster den in den Gefängnissen von Abu Ghraib
zu beraten. und Guantánamo, mit Folter und der Auf-
Im Frühjahr 2008 war lediglich noch in fassung, amerikanisches Recht stünde
Indien und Niger eine Bevölkerungsmehr- über internationalem Recht.

Wie die Bush-Jahre dem Image der USA geschadet haben

Positive Einstellung gegenüber den USA in Die Einstellung gegenüber den USA im Verlauf der Jahre 2000 bis 2008, in Prozent
ausgewählten Ländern, Befragte in Prozent Verbesserung
90 Libanon 2
Tansania 2
+ 20 Südkorea Nigeria
80 Russland
+ 10
70 Indien 1
Japan 0
2
60 – 10 Südafrika
2
Deutschland Jordanien
1
50 Grossbritannien – 20 Brasilien
Mexiko Spanien
40 – 30 Japan Polen
Frankreich Argentinien Frankreich Positive Einstellung 2008, in Prozent:
30 – 40
Grossbritannien
Argentinien mehr als 50
– 50 Indonesien
20
Türkei Türkei 30 bis 50
– 60 Deutschland
10 weniger als 30
Verschlechterung
0
2000 2002 2004 2006 2008 1. Umfragen überwiegend unter Stadtbewohnern. 2. Verlauf der Jahre 2002 bis 2008.

38
Auslandsstudenten an US-Universitäten seit 1955
Hunderttausend
7

Kanada Südkorea 6
Grossbritannien Drei Prozent der insgesamt
Frankreich China in den USA Studierenden
Japan
USA Türkei
Nepal 5

Taiwan
Saudi-Arabien Hongkong 4
Mexiko Indien
Vietnam
Kolumbien 3
Nigeria
Thailand Zwei Prozent der insgesamt
Brasilien in den USA Studierenden
Indonesien 2
95

50
1
30
10
0
1955 1960 1970 1980 1990 2000 2007
Anzahl der in den USA eingeschriebenen Studenten
in Tausend

Pädagogik
Naturwissenschaften und Medizin Kunst und Architektur
Betriebswirtschaft Ingenieurwissenschaften Sozialwissenschaften Gesundheitsberufe Agrarwissenschaften

20 17 9 9 8 6 5 5 3 3 2
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 %
Beliebteste Fächer von Auslandsstudenten 2007/2008 Mathematik und Informatik Geisteswissenschaften
Englisch
Wo die ausländischen Studierenden in den USA herkommen

Kein Wunder, dass die USA auch von Frauenzeitschrift Elle formulierte: »Seit schaftssystem. Davon sind die USA aber
ihrer soft power einiges eingebüßt haben. Obama zum Präsidenten gewählt wurde, noch sehr weit entfernt.
Internationale Juristen, meldete die New besitzt der Stil der USA wieder eine ver-
York Times 2008, bezögen sich in ihren Ur- rückte Note!« www
teilen mittlerweile weniger auf US- Doch Popularität ist eine flüchtige Ange- Soft Power:
www.huffingtonpost.com/joseph-nye/barack-obama-and-
Beschlüsse, sondern verstärkt auf Entschei- legenheit. Viel schwerer ist es, Einfluss zu- soft-pow_b_106717.html
dungen des Europäischen Gerichtshofs. rückzugewinnen. Dieser setzt Respekt vo- www.whitehouse.gov
Ähnlich sieht es beim radikalen Wirt- raus, und den hat Obama gegenüber den Medien:
www.thenation.com
schaftsliberalismus der Chicagoer Schule arabischen und islamischen Ländern www.michaelmoore.com
aus, der auch nicht mehr richtungsweisend durch seine Rede in Kairo im Juni 2009 www.motherjones.com
ist. bewiesen. Aber zu Einfluss gehört auch Think-Tanks und Analysten:
www.worldpublicopinion.org
Stellen wir uns einmal vor, sämtliche Macht – und die erfordert, wenn sie soft www.pewresearch.org
Koryphäen aus der Werbe- und Kommuni- und nicht hard sein soll, ein solides Wirt- www.foreignpolicy.com
kationsbranche der USA würden sich ver-
sammeln, um darüber nachzudenken, wie
die amerikanische soft power – der Begriff Was die größten Medienkonzerne der Welt einnehmen
stammt vom US-Politologen John Nye – wie-
USA Umsatz 2007
derherzustellen sei. Diese Experten hätten
andere in Mrd. US-Dollar
die Entwicklung der »Marke Amerika« ana-
0 5 10 15 20 25
lysiert. Sie hätten ein beschädigtes, zerstör- Disney
tes Image entdeckt. Und wie hätte ihr Vor-
Time Warner
schlag gelautet? Obama for president.
Sony (Japan)
Nun versuchen die USA, ihr Image vom
News Corp.
willkürlichen, repressiven, unilateralen
DirectTV Group Inc.
Staat zu bereinigen. Der junge Präsident,
noch dazu ein Afroamerikaner, verkündet Nintendo (Japan)

das Ende der Arroganz, die neue Ideologie NBC Universal


der »Vielfalt« und will zu Kompetenz und Vivendi Universal (Frankreich)
Pragmatismus zurückfinden. Schnell CBS Corp.
scheint die »Marke Amerika« rehabilitiert Bertelsmann (Deutschland)
zu werden oder, wie es die französische

39
Lateinamerika entzieht sich den USA
Jahrzehntelang war Lateinamerika reich: Als im Juli 2009 der gewählte linke Die links regierten Länder Kuba, Boli-
ein Nebenschauplatz des Kalten Präsident Zelaya durch einen Putsch ver- vien, Nicaragua, Venezuela (und auch
trieben wurde, lagen zumindest die inter- Honduras) haben sich geopolitisch einen
Krieges, auf dem sich Revolten,
nationalen Sympathien auf Seiten des ge- eigenen Raum eröffnet: die Bolivariani-
Staatsstreiche und Diktaturen wählten Staatschefs. sche Alternative für Amerika (ALBA). Die
abwechselten. Die 1990er-Jahre Die zwanzigjährige Ära des Neoliberalis- Nähe dieser Abkürzung zur spanischen Be-
brachten mehr Demokratie, mus geht zu Ende. Die Karten sind neu zeichnung ALCA für die Gesamtamerikani-
gemischt. Dabei schaffen diese neuen Re- sche Freihandelszone FTAA ist durchaus
aber auch eine brachiale
gierungen keineswegs den bürgerlichen beabsichtigt.
neoliberale Wirtschaftspolitik. Staat ab, sondern respektieren insgesamt Es gibt aber auch gemeinsame Projekte
Heute befindet sich der einstige den Privatbesitz von Produktionsmitteln mit den »Gemäßigten«, wie die im Jahr
Hinterhof der USA im Aufbruch und die Regeln der Demokratie. 2007 gegründete, aber noch nicht tätige
Die Länder der eher sozialliberalen Ach- Bank des Südens (Banco del Sur), die die
zu eigenen und unabhängigen
se, zu der Chile, Brasilien, Uruguay, Argen- Abhängigkeit von IWF und Weltbank min-
regionalen Organisationen. tinien und Paraguay zählen, machen in Sa- dern soll und an der Argentinien, Brasi-
chen Menschenrechte große Fortschritte lien, Uruguay, Paraguay, Ecuador, Vene-
und unterfüttern ihre Wirtschaftspolitik zuela und Bolivien beteiligt sind. TeleSUR,
mit zahlreichen sozialen Maßnahmen. Al- ein internationaler lateinamerikanischer

S eit Beginn des Jahrtausends regieren


in Lateinamerika immer mehr Vertre-
ter der Linken und linken Mitte. Mit dem
lerdings finden weitergehende Forderun-
gen der Volksbewegungen – wie etwa der
Bewegung der Landlosen in Brasilien oder
Fernsehkanal, der das Monopol der Privat-
medien aufbrechen soll, sendet aus Cara-
cas und wird wegen seiner gegen die USA
Wahlsieg des ehemaligen »Armenbischofs« der Indigenen in Chile – oft nicht ausrei- gerichteten Tendenz auch als »al-Bolivar«
Fernando Lugo 2008 in Paraguay setzte ein chend Gehör. Doch auch die »gemäßigten« bezeichnet. Insgesamt findet Lateinameri-
weiteres Land der unseligen Tradition von Regierungen sind starke Bollwerke gegen ka allmählich zu einer neuen Haltung, die
Autokratie und Einparteienherrschaft ein die Rechte. Zusammenarbeit, Solidarität und Respekt
Ende. Die weiter links angesiedelten »Radika- vor nationaler Souveränität fördert.
Wer hätte sich Anfang der 1990er-Jahre len« propagieren einen »Sozialismus des 2003 protestierten Chile und Mexiko als
vorstellen können, dass in so vielen Län- 21. Jahrhunderts«, wobei sich nationalis- gewählte Mitglieder im Sicherheitsrat der
dern – Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chi- tische und internationalistische Töne ver- Vereinten Nationen gegen die Resolution,
le, Ecuador, Kuba, Nicaragua, Paraguay, mischen. Dank der Teilverstaatlichung der die den Einmarsch in den Irak billigte.
Uruguay, Venezuela – tatsächlich mehr Ölindustrie können sich Regierungen wie Deshalb verweigerten die USA damals dem
oder weniger linke Staatschefs demokrati- die von Venezuela oder Bolivien umfang- Chilenen José Miguel Insulza bei seiner
sche Wahlen gewinnen und sich an der reiche Sozialprogramme leisten. Damit Wahl zum Generalsekretär der Organi-
Macht halten würden, ohne dass im In- machen sie sich allerdings – mangels einer sation Amerikanischer Staaten (OAS) ihre
nern das Militär oder von außen eine frem- langfristigen alternativen Wirtschaftspoli- Stimme. Auch das Lieblingsprojekt
de Macht interveniert hätte. Insofern ist tik – weitgehend von der Dynamik der Öl- Washingtons, die Freihandelszone FTAA/
der Fall Honduras besonders aufschluss- preise abhängig. ALCA, die einen riesigen Markt mit

Große und kleine Länder … mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft … haben mit ihren Exporten …

Wichtigste Zielländer
der Exporte
USA
Lateinamerika
1150–3000 Lateinamerika,
gefolgt von den USA
Bevölkerung 3000–5000 (mindestens 30%)
in Millionen 5000–8000 Europäische Union
8000–11 500 Europäische Union,
gefolgt von den USA
11 500–13 000 (mindestens 20%)
Bruttosozialprodukt pro Kopf Asien
10 50 100 190
kaufkraftbereinigt, in US-Dollar Sonstige

40
800 Millionen Menschen bilden sollte, hat
inzwischen Schiffbruch erlitten. Ein Kontinent vernetzt sich
Dagegen wurde am 23. Mai 2008 in
Aktuelle Regierungen
Brasília die Gründungsurkunde für die
Rechte oder Mitte-rechts-Regierungen
Union Südamerikanischer Nationen un-
Wahlsiege von linken oder Mitte-links-Parteien seit 2000
terzeichnet. Zur ersten Vorsitzenden der
Kommunistisch, seit 1959 im Visier der USA
Unasur, die einen autonomen politi-
schen und wirtschaftlichen Zusammen- Regionale Vereinigungen
schluss darstellt, wurde die chilenische Union Südamerikanischer Nationen (Unasur)
Präsidentin Michelle Bachelet bestimmt. Mercosur
Schwieriger ließen sich die Verhandlun-
Andengemeinschaft (Comunidad Andina, CAN)
gen über die Einrichtung des Südamerika- USA Kuba Bolivarianische Alternative für Amerika (ALBA)
nischen Verteidigungsrates (CSD) an, der
weniger als Militärbündnis denn als multi-
lateraler Mechanismus gedacht ist, um
Konflikte zu verhindern oder sogar zu lö-
Miami
sen. Das Projekt wurde von Hugo Chávez Bahamas
Golf von Mexiko
angestoßen und von Lula da Silva voran- Atlantischer Ozean
getrieben, was ein Grund dafür ist, dass
Kuba Dominikanische
Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe die Be- Haiti Republik
Mexiko
teiligung ablehnt. Belize
Honduras Dominica
Auch ältere regionale Institutionen wie
Guatemala Nicaragua
die Andengemeinschaft (CAN) und der ge- El Salvador San Caracas
meinsame Markt Mercosur gewinnen wei- André s 1 Georgetown
Panama nach
ter an Bedeutung. Dabei machen sich aller- Costa Rica Venezuela
Paramaribo
Spanien
Guyana
dings immer wieder die Unterschiede und Pazifischer Ozean Panama Medellín
(Frankreich)
Misshelligkeiten zwischen »Radikalen« Bogotá
Surinam
Cali
und »Gemäßigten« bemerkbar, zum Bei- Guyana
spiel beim Rückzug des argentinischen Kolumbien
Quito
Vizechefs aus der TeleSUR-Sendezentrale Ecuador
Konflikte und Spannungen
in Caracas. Auch die Rivalitäten, die sich
Grenzanlagen der USA: Amazonien
an Brasiliens expansiver Energiepolitik Mauern, Zäune, Überwachung
entzünden, bergen einigen Zündstoff. durch elektronische und Peru
Infrarot-Detektoren (geplant
Für die Zukunft kann man davon ausge- ist der Bau einer 4,5 Meter
hen, dass die modifizierte US-Außenpoli- hohen Mauer auf einer Länge
von 1150 Kilometern) Lima
Brasília
tik von Präsident Obama nicht ohne Ein-
Eingefrorene Konflikte oder Bolivien
fluss auf die Konfliktlinien in Lateiname- Grenzstreitigkeiten La Paz Brasilien
rika bleiben wird. Im Zuge dieser Entwick- Andauernde bewaffnete Konflikte
lung ist zu befürchten, dass die Auseinan- Zielrichtung US-amerikanischer Rio de Janeiro
dersetzung zwischen dem radikalen und Destabilisierungsversuche Paraguay
dem gemäßigten linken Lager an Schärfe São Paulo
Migrationsströme Asunción
zunimmt. Begehrte Ressourcen
Chile

Zu schützendes Weltnaturerbe wegen seiner Argentinien


Wasserressourcen und Biodiversität, Uruguay
ihre Staatsfinanzen stabilisiert für das US-Agrarbusiness (Gen-Soja)
Santiago
strategisch wichtige Region
Buenos Aires Montevideo
Kohlevorkommen
Erdöl- und Erdgasförderung

0 1. zu Kolumbien gehörig, von Nicaragua beansprucht


2. zu Großbritannien gehörig, von Argentinien beansprucht 1000 km

www
Aktuelles auf Deutsch: Falklands/Malvinen 2
www.npla.de
Bankreserven Aktuelles auf Spanisch und Englisch:
in Mrd. US-Dollar www.alainet.org
200 Monatszeitschrift mit Archiv:
www.lateinamerikanachrichten.de
75
Informationsstelle Lateinamerika:
20 www.ila-web.de
5
1 Mercosur:
www.mercosur.int
keine Angaben

41
China und Indien – zwei Riesen
verändern die Welt
Die beiden bevölkerungsreichsten rück. Zwar haben diese Riesenländer et- den chinesische und indische Banken von
Länder der Welt sind noch immer von liche Milliardäre – 2007 waren es 53 in In- der Krise insgesamt profitieren.
dien und 49 in China. Aber 47 Prozent der Besondere politische Bedeutung kommt
Armut geprägt. Aber in der Geopolitik
Chinesen und 80 Prozent der Inder leben einem Krisenfonds zu, in den bis Ende
führt kein Weg mehr an ihnen vorbei. von weniger als zwei Dollar am Tag. 2009 dreizehn asiatische Länder rund
Und die Wirtschaftskrise stärkt ihr Von der Finanz- und Wirtschaftskrise 90 Milliarden Euro einzahlen wollen –
Selbstbewusstsein. blieben auch diese beiden Länder nicht neben Japan, Südkorea und China auch
verschont. China konnte allerdings schon die zehn Mitglieder der südostasiatischen
aus der Asienkrise lernen, die 1997/1998 Asean-Gruppe. Ziel ist die Verhütung er-
Japan und die asiatischen Tiger- und Dra- neuter Zahlungsengpässe und hoher
chenstaaten erschüttert hatte. Das veralte- Wechselkursschwankungen, wie 1998, als

M it dem Aufstieg Chinas und – etwas


später – auch Indiens ist innerhalb
von nur dreißig Jahren eine neue Weltkun-
te Bankensystem wurde modernisiert und
der Finanzsektor ausgebaut. Dennoch
brach das Wachstum ab Mitte 2008 auf die
einige Länder der Region die übereilten
und falschen Auflagen des Internationa-
len Währungsfonds (IWF) umzusetzen
de der weltweiten Produktion von Wohl- Hälfte ein. Immerhin behielt Peking sein suchten. Daraufhin hatte die 2000 gegrün-
stand entstanden. Nach einer Weltbank- Bankensystem fest in der Hand und hat dete Chiang-Mai-Initiative bereits im Jahr
Studie von 2008 steht China, gemessen an enorme Devisenreserven angesammelt. 2003 das Modell für eine Kriseninterven-
seiner Kaufkraft, mit 9,7 Prozent der Welt- Sie lagen 2008 bei 1 800 Milliarden Dollar. tion aus eigener Kraft vorbereitet.
wirtschaftsleistung inzwischen auf Platz Das eröffnet Handlungsspielräume, etwa Manche erblicken in dem Krisenfonds
zwei. Zwar bleibt China weit hinter den um Staatsfonds in den Industrieländern erste Anzeichen einer künftigen asia-
USA mit ihren 22,5 Prozent zurück, hat investieren zu lassen oder der US-Regie- tischen Währungsunion nach europä-
aber Japan mit 7,1 Prozent auf Platz drei rung das Haushaltsdefizit zu finanzieren, ischem Vorbild, aber diese Schlussfolge-
und Deutschland auf Platz vier verwiesen. indem en gros Staatsschuldpapiere aufge- rung ist verfrüht. Immerhin zeugt er aber
Sogar Indien hat mit 4,3 Prozent die ein- kauft werden. Viel wichtiger ist aber etwas nicht nur von einem Misstrauen gegen-
stige Kolonialmacht Großbritannien (3,4) anderes: Weil ein Großteil der komplizier- über dem IWF, sondern beweist auch die
überrundet. ten Wertpapiergeschäfte, die die Geldhäu- politische Dynamik der Region. Die Vor-
Die Bevölkerungszahlen stellen diese ser der Industrieländer ruiniert haben, in stellung, dass aus der Chiang-Mai-Ini-
Rangliste allerdings auf den Kopf. Beim den beiden Schwellenländern entweder tiative angesichts der unterschiedlichen
Pro-Kopf-Einkommen nach Kaufkraft fällt nicht möglich waren oder von den Finanz- Interessen der Teilnehmerländer jemals
China auf Platz 86, Indien auf Platz 108 zu- marktaufsichten verboten wurden, wer- etwas Konkretes entstehen würde, war vor
ein paar Jahren im Westen noch belächelt
worden.
Asiens Handel mit den Weltregionen Die Neuordnung der Welt ist keine rein
wirtschaftliche Angelegenheit. Sie spielt
Exporte von Waren und Dienstleistungen 4355
sich auch auf diplomatischer und militä-
in Mrd. US-Dollar
EU
2200 rischer Ebene ab – zwei wichtige Aspekte
1000
in der neuen nationalistischen Rhetorik in
Asien. Während Japan aus historischen
150 Gründen politisch ein Zwerg geblieben ist,
Nordamerika
Naher und Mittlerer Osten sind China und Indien sowohl regionale
GUS 2
als auch globale Schwergewichte. China ist
Afrika
ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat
und übernimmt zunehmend internatio-
400
nale Verantwortung, wie seine Beziehun-
Asie n 1 Mittel- und Südamerika gen zu Nordkorea und dem Iran zeigen.
200 20 000 Indien strebt eine ähnliche Verantwor-
Überschuss Exporte von Waren und Dienstleistungen 18 000 tung an und kann dabei auf die Unterstüt-
0 in Mrd. US-Dollar 15 000 zung der US-Regierung zählen, die ihrer-
Defizit Welt 12 000 seits Wert darauf legt, den chinesischen
Asien
200 Handelsbilanz 9000 Aufschwung in Grenzen zu halten. In der
in Mrd. US-Dollar 6000 Hoffnung, Neu-Delhi als Gegengewicht
3000 auftreten zu lassen, hat Washington der
1. Der Kreis zeigt den innerregionalen Handel Asiens.
2. Zwölf Nachfolgestaaten der UdSSR außer baltische Republiken. 0 indischen Regierung den in der internatio-
1998 2008
nalen Politik respektablen Status einer an-

42
Sachalin
Russland ( Ru s s l a n d )

aus We s t sib iri en

Ku r i l e n
Russland

Ulan-Bator
Kasachstan
Mongolei
vo m Kasp isch en M e er D i e s e s S e e g e b i e t w i r d v o n To k i o
»J a p a n i s c h e s M e e r« , v o n S e o u l
Nordkorea » O s t m e e r« g e n a n n t .
Peking
Dokdo-Inseln
( Ta ke s h i m a )
Usbekistan Kirgisistan Xinjiang Japan Pazifischer Ozean
Qingdao Südkorea
Turkmenistan Tadschikistan
Siachen-Gletscher
China
A k s a i Ch i n Schanghai

Afghanistan Ka s c h m i r
Tibet
S e n k a ku - I n s e l n
( D i a oy u )
Iran Pakistan
Nepal Bhutan Kunming Okinawa
(Japan)
Q u e m oy - u n d - Taiwan
Bangladesch A m oy - I n s e l n
vo m Vietnam B a s h i -S t r a ße
Per sisch en Gw a d a r Ch i t t a g o n g
Laos Nördliche Marianen
Go l f ( U SA )
Indien Birma Vientiane H a i n a n
Sittwe
Rangun Guam
Pa r a c e l s
Manila ( U SA )
( Xi s h a )
Ko k o s - Thailand VI I . U S - Fl o t t e
Golf von Oman inseln i m We s t p a z i f i k
Golf von Kambodscha
Bengalen Philippinen
Bangkok
Fi e r y - Cro s s
Spratley-
V. U S - Fl o t t e i m I n d i s c h e n Inseln Mindanao Föderierte Staaten
O ze a n , Pe r s i s c h e n G o l f Sri Lanka Isthmus ( Nansha) von Mikronesien
u n d i m Ro t e n M e e r v o n Kr a
Hambantota Bachok
Yan Brunei
Malediven Malaysia Palau
Malé
S t r a ße v o n M a l a k k a Singapur
Marao Malaysia
aus Af rika
Diego Garcia Indischer Ozean
( G r o ßb r i t a n n i e n ) aus L a tein am erika

Seegebiete Konfliktherde Indonesien


Papua-Neuguinea
von China beansprucht schwere Konflikte Osttimor
von Japan beansprucht gewaltsame politische Auseinandersetzungen
von Indien beansprucht Gebietsstreitigkeiten
Militärpräsenz
mögliche Ausdehnung der indischen Wirtschaftszone USA China
auf den Kontinent-Schelf jenseits der 200-Meilen-Zone verbündete Staaten entstehende oder geplante Militär-
umstrittene Seegebiete Energielieferungen Militäreinrichtungen einrichtungen Chinas, Abkommen mit
Hauptrouten alternative Routen Kriegsmarine verbündeten Staaten
projektierte Energiekorridore chinesische Kriegsmarine
1000 km
projektierte alternative Öl- und Gaspipelines Si eh e au ch Kar ten au f Sei te 119 , 120 un d 19 4

Interessensphären und Militärpräsenz

erkannten Nuklearmacht angeboten. Der die Rüstung (2,0 Prozent seines BIP) und weise nur deswegen die Atombombe will,
Trick: Indien braucht, um diesen Status zu steht damit weltweit auf dem zweiten Platz um sie gegen Lebensmittel für seine Bevöl-
erwerben, den Atomwaffensperrvertrag hinter den USA mit 607 Milliarden Dollar kerung eintauschen zu können – nachdem
nicht zu unterzeichnen, stimmt aber In- (4,0 Prozent des BIP). Auf Platz 7 folgt die Führung in Pjöngjang endlich die Auf-
spektionen durch die Internationale Atom- Japan mit 46,3 Milliarden Dollar (0,9 Pro- merksamkeit des neuen US-Präsidenten
energiebehörde zu, die dem Standard für zent des BIP), und auf Platz 10 liegt Indien Obama erregt hat.
Atommächte entsprechen. Doch der Plan mit 30 Milliarden Dollar (2,5 Prozent des
ging nicht auf – 2008 wurde ein Jahr der BIP). Südkorea auf Platz 11 gab 2008 rund
politischen Annäherung zwischen China 22,3 Milliarden Dollar (2,7 Prozent des www
und Indien. Auch Japan hat seine Kontakte BIP) aus. Und in Pakistans Ausgaben von Institutionen:
www.aseansec.org
mit den beiden Giganten intensiviert. 4,2 Milliarden Dollar stecken nicht nur www.apec.org
Wie wichtig diese bilateralen und multi- 3,1 Prozent der nationalen Wirtschaftsleis- www.sipri.org
lateralen Dialoge sind, zeigt sich an den ex- tung, sondern auch die Kosten für die Forschung und Information:
www.asienhaus.de
orbitanten Militärausgaben. China inves- Atombombe. Gar keine Zahlen gibt es für www.ifw-kiel.de
tierte 2008 rund 85 Milliarden US-Dollar in Nordkorea, das, so scheint es, paradoxer- www.feer.com

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