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Doppelausgabe Winter 2010/11

• Mildes Urteil gegen Nazischläger Reimann 3

gamma 189
• Österreichische Nazis im Leipziger Exil 4
• Rückzug in die Provinz aus Freude am Wehrsport 6
• Sachsens Rechtsparteien in der Krise 10
• Des Fußballs Metastasen 12

antifaschistischer Newsflyer Leipzig & Umgebung gamma.noblogs.org


Liebe lesende AntifaschistInnen, wir haben
pünktlich zum Jahresende die bisher umfang-
reichste GAMMA-Ausgabe zusammengestellt.
Für uns ist das ein gelungener Übergang in
den bereits 14. Jahrgang. Gemeinsam
freuen wir uns nun auf Silvester und fragen
uns, ob es wieder Ausschreitungen geben
wird. Nein, nicht am Connewitzer Kreuz, son-
dern im Stadtteil Großzschocher, wo Leipzi-
ger Neonazis in den vergangenen zwei Neu-
jahrsnächten randaliert und unter anderem
eine besetzte Straßenbahn in Brand gesetzt
und das Interieur einer Sparkassen-Filiale de-
moliert haben (siehe GAMMA #188).
Zum Anschauen: http://gamma.noblogs.org

Maik Scheffler (l.) am 16. Oktober bei der Nazikundgebung vor dem Leipziger Hauptbahnhof.
Nach Leipzig ist vor Dresden Zu ihm gesellt sich Arndt Hohnstädter (r.) – für die Veranstalter der Anwalt des Vertrauens.

Der 16. Oktober in Leipzig war ein Vorgeschmack auf den


kommenden „Trauermarsch“ in Dresden: Bisher liegen
für den 13. Februar (Sonntag) eine und für den 19. Feb-
Rechts-Staat: Leipziger Anwälte
ruar 2011 (Sonnabend) drei (!) Aufmarsch-Anmeldungen
vor. Falls erfolgreich blockiert wird, drohen die Nazis mit verteidigen Nationalsozialismus
„Spontanaufmärschen“. Durch ihr Mobilisierungspotential

F
(2010: ca. 6000 Teilnehmer) und die koordinierte Bus- ür Neonazis, die mit dem Gesetz in Kon- Die schiere Anwendung dieser Paragrafen
anreise ist das nicht undenkbar. Aber durch antifaschistische flikt gekommen sind, ist sie die Anlauf- sorge bereits dafür, dass „die Verfassung letzt-
Gegenaktionen können diese Pläne durchkreuzt werden.
stelle Nummer eins: Die Leipziger Rechtsan- lich zwischen den unterschiedlichen politischen
Daher mobilisieren wieder mehrere linke Bündnisse in die
Landeshauptstadt. Tipp: informiert euch zeitnah bei den waltskanzlei Braeske, Hohnstädter, Thomas. Strömungen zerrieben wird“ – eine These, für
GenossInnen aus Dresden:  venceremos.sytes.net Ihre repräsentative Geschäftsadresse nahe des die der faschistische Staatsrechtler und „Kron-
Dittrichrings darf nicht täuschen, denn die jurist des Dritten Reiches“, Carl Schmitt, he-
Kanzlei fungiert mittlerweile als juristischer rangezogen wird. Die These lautet übersetzt:
Arm der organisierten rechten Szene. In einer Nazis für ihr Handeln vor Gericht zu stellen
Solidarische Lektüre Vielzahl von Prozessen – und verstärkt seit widerspricht der „Verfassungsmäßigkeit“ deut-
 Nachbereitung: Das Antifa-Bündnis Roter Oktober Beginn des Jahres 2010 – hat die Kanzlei die schen Rechts. Schließlich würden dadurch die
hat einen Nachbereitungstext zu den Naziaufmärschen reihenhafte Strafverteidigung von Neonazis „Freiheitsrechte der Angeklagten“ beschnitten.
am 16.10. herausgegeben. Unter dem Titel „Für die Zu- übernommen. Obwohl diese bekanntlich nicht
kunft seh‘n wir rot“ werden auch einige direkte Aktionen die zahlungskräftigsten Klienten sind, zieht die Für die Freiheit… zum Faschismus
gegen Nazis dokumentiert: 1610.blogsport.de
Kanzlei Profit aus der Marktlücke ganz rechts.
 Ablehnung I: Das Alternative Kultur- und Bildungs- Aber das Engagement der Leipziger Anwäl- Mit anderen Worten interessiert sich die Kanzlei
zentrum (AKuBiZ) aus Pirna hat am 9. November den mit te und ihres Ablegers in Grimma ist mehr als nicht für die ideologische Breite und strafrecht-
10.000 Euro dotierten „Sächsischen Demokratiepreis“
Geschäftsgebahren. Es gibt zweifelsohne eine liche Relevanz neonazistischen Treibens – son-
abgelehnt. Alle nominierten Initiativen sollten eine du-
biose „Anti-Extremismus-Klausel“ unterzeichnen. Das ideologische Schnittmenge mit den Klienten, dern nur für den Umstand, dass sich die Rechts-
Statement des AKuBiZ und viele Solidaritätserklärungen die auf der Kanzlei-Website unter dem Punkt sprechung überhaupt solcher Taten annimmt.
gibts online: ablehnung.blogsport.de „politisches Strafrecht“ sogar erläutert wird. Tatsächlich war die Neuregelung des Volks-
Dort heißt es: „Der Hauptgrund für den exorbi- verhetzungs-Paragrafen vorgenommen wor-
 Ablehnung II: Der antirassistische Verein Internatio-
nale Gärten Dresden hat am 12. November den „Säch- tanten statistischen Anstieg politisch motivierter den als Reaktion auf eine Welle hunderter
sischen Integrationspreis“ aus Kritk an der Asylpolitik ab- Straftaten in Deutschland seit der Wiederverei- antisemitischer Angriffe in der jungen BRD.
gelehnt. Mehr dazu: www.gegen-ausgrenzung.de nigung dürfte weniger in einem Anstieg politisch Zuletzt wurde der Paragraf im Jahr 2005 er-
motivierter Gewalttaten als in einer extremen weitert um einen Passus, der die Billigung,
 Broschüre: Die Initiative chronik.LE hat Ende No-
vember eine neue „Leipziger Zustände“-Broschüre zu Ausweitung der diesbezüglichen Straftatbestän- Rechtfertigung oder Verharmlosung des NS
verschiedenen Formen der Diskriminierung veröffentlicht. de […] liegen.“ Gemeint sind hier insbesondere ausdrücklich unter Strafe stellt. In der Kanzlei
Gibts zum Mitnehmen und unter: www.chronikle.org die Paragrafen 130 (Volksverhetzung) und 86a hegt man jedoch Zweifel über die „hinreichende
(Verwendung von Kennzeichen verfassungs- Bestimmtheit“ – das heißt die Gültigkeit – des
 Spaltung: Die neue Ausgabe des AIB berichtet
widriger Organisationen). Diese Paragrafen Paragrafen, schließlich schränke er die Mei-
ausführlich über das Zerwürfnis von Leipziger NPD und
„Freien Kräften“. Zankapfel ist das „Nationale Zentrum“ seien durch „Unbestimmtheit und damit Belie- nungsfreiheit ein.
in Lindenau. Bestellen: www.antifa-infoblatt.de bigkeit“ gekennzeichnet.  weiter auf Seite 2 
gamma
189 Leipziger Anwälte verteidigen Nationalsozialismus (Fortsetzung von Seite 1)

Freilich ist die pauschale Berufung auf die Mei- zwölf Mal auf der Verteidigerbank, als gegen Neo- allerdings die finanzielle Unterstüzung des Vereins
nungsfreiheit eine sehr übliche Verteidigungstak- nazis verhandelt wurde – nicht nur wegen Volks- durch namhafte Unternehmen aus der Region frag-
tik von Neonazis, wenn sie sich – falls es überhaupt verhetzung, sondern auch wegen Bedrohungen, lich.
so weit kommt – für die Inhalte ihrer Propaganda Körperverletzungen und Verstößen gegen das Ju- Nicht fraglich sind die Verstrickungen der Kanz-
rechtfertigen müssen. gendschutzgesetz. lei in die Neonaziszene. Die sind nicht nur über an-
In mehreren Plädo- Eine ähnliche Statistik weist Arndt Hohnstädter waltliches Geschäftsinteresse erklärbar – sondern
yers hat Rechtsanwalt auf – Tommy Hart („HC-maggot“) empfahl den bei mutmaßlich über eine Gesinnung, von der manche
Arndt Hohnstädter dieser Klientel bewährten Juristen aus eigener Er- sagen, dass sie keine Meinung, sondern ein Verbre-
bereits seinen entspre- fahrung im „Thiazi“-Forum allen „nationalen Ange- chen ist. ☐
chenden Standpunkt klagten“ im Raum Leipzig. Im Gegensatz zu Mario
referiert, die juristi- Thomas vertritt Hohnstädter vorrangig bekannte
 Gestatten:
sche Verfolgung seiner Leipziger Nazikader wie Nils Larisch oder Istvan
Sebastian „Johnny“ Ristau
Mandanten sei nichts Repazcki, der wegen eines Überfalls auf Besucher-
als „staatlicher Anti- Innen des AJZ Bunte Platte in Grünau am 6. Mai Ein neuer Name zu
faschismus“, der sich 2007 angeklagt war. Bereits 2009 verteidigte Hohn- einem schon länger
bekannten Gesicht:
Arndt Hohnstädter gegen ihre Meinungs- städter den bekannten Bremer Neonazi Hendrik
Der 20-jährige Sebas-
freiheit wende. Was Ostendorf (nicht zu verwechseln mit seinem Bruder tian Ristau aus Gohlis
Hohnstädter bestimmt weiß, aber nicht erwähnt: und „Kategorie C“-Sänger Hannes Ostendorf) bei ist seit einem Jahr auf
Seine Mandanten sind in der Regel keine Advokaten dem Prozess gegen die Indizierung der Rudolf-Heß- fast allen Naziauf-
der Meinungsfreiheit, sondern machen Menschen “Gedenkseite“ www.46jahre.de. Anfang desselben märschen in und um
Leipzig zu sehen,
mit abweichenden Meinungen regelmäßig zum Op- Jahres klagte Hohnstädter zudem im Namen der
nimmt aber auch
fer ihrer Anrgiffe. Hohnstädter aber schützt die Täter Fraktion des NPD-nahen Vereins „Nationales Bünd- an allen wichtigen
nicht nur juristisch, sondern will sie als Träger „legi- nis Dresden“ gegen den dortigen Stadtrat, um die überregionalen Events
timer“ Meinungen auch moralisch aufwerten. Zuerkennung des Fraktionsstatus zu erwirken. Da- teil – etwa an der „Mobilisierungswoche“ für
bei musste Hohnstädter gegen die Einschätzung des den „Antikriegstag“ in Dortmund. Bereits 2009
unter dem Label „Autonome Nationalisten Leip-
Einschlägige Statistiken Landesamtes für Verfassungsschutz argumentieren,
zig“ mit Straight-Edge-Attitüde in Erscheinung
die Mitglieder des „Nationalen Bündnis“ setzten sich getreten, sieht sich der im Hardcore/Metalcore-
Gemeinsam mit Mario Thomas ist Hohnstädter das aus „Mitgliedern rechtsextremer und fremdenfeindli- Style auftretende Autolackierer ideologisch der
treibende Rad bei diesem Versuch. Der ebenfalls zur cher politischer Gruppierungen zusammen.“ NPD nahe.
Kanzlei gehörende Torsten Otto ist in diesem Zusam-
menhang noch nicht in Erscheinung getreten – dafür Ideologische Nähe
sein Kollege Mark Braeske. In diesem Jahr verteidigte
er den Front-Records Betreiber Thomas Persdorf und Die Nähe Hohnstädters zu diesen Gruppierungen er- Mehr Infos zu Leipziger Neonazis
NPD-Stadtratskandidaten Helmut Herrmann, beide gibt sich aber nicht nur aus seiner Arbeit – er sucht gibts im demnächst erhältlichen
wegen Volksverhetzung. Der 38-jährige Mario Tho- die Nähe auch selbst. Am 16. Oktober war er bei-
mas hat sich scheinbar spezialisiert auf Gewalttäter spielsweise als „Rechtsbeistand“ bei der „Recht auf Leipziger Braunbuch
aus dem Spektrum der Leipziger Neonazi-Hooligan- Zukunft“-Kundgebung vor dem Leipziger Haupt- Dieses „Who is who“ der örtlichen
Szene.  Viele seiner Mandanten sind Anhänger der bahnhof persönlich anwesend (siehe Foto S. 1). Mit Neonazi-Szene informiert im Wes-
„Blue Caps LE“ und weiterer Schlägertrupps aus dem Nazi-Organisatoren wie Maik Scheffler hat er offen- tentaschen-Format über Akteure
Umfeld des 1. FC Lokomotive Leipzig (siehe Gamma bar ein gutes Auskommen. und Strukturen der „Freien Kräfte“,
#186). Darunter waren bisher auch der NPD-Stadt- Das würde man auf den ersten Blick nicht vermu- NPD und Hooligans.
ratskandidat Andreas „Bowale“ Siegel, Annemarie ten, sitzt der freundlich dreinschauende Hohnstädter
Kunze, Freundin des „Blue Caps LE“-Gründer En- doch im Kuratorium und, genau wie Kollege Mario Auf 36 Seiten werden Namen, Fo-
rico Böhm, sowie Böhms Handlanger Christian Op- Thomas, im Vorstand des gemeinnützige Vereins tos und Hintergründe informativ
pelt und Benjamin Schölzel. Am medienwirksams- „Kinderlachen Leipzig“, der aus der Kanzlei heraus aufbereitet.
ten war bislang die Verteidigung Robert Ihbes, der verwaltet wird. Ob in diesem Verein zur Unterstü- Das Braunbuch ist kostenlos und
in Brandis am Angriff auf Fans und Spieler des Roten zung hilfsbedürftiger Kinder bekannt ist, welche überall erhältlich, wo ihr auch das
Stern Leipzig beteiligt war (siehe Gamma #186). Auffassungen ihre Vorstandsmitglieder zum Nati- GAMMA findet!
Allein im Jahr 2010 saß Mario Thomas immerhin onalsozialismus haben, ist unbekannt. Dann wäre

Gans am Rande…
Wer versteckt sich da am 16. Oktober (1)
unter dem Vordach des Hauptbahnhofes?
Die blonde Frau namens Annette Garn war
mit Mügelner Jugendlichen zur Nazikund-
gebung nach Leipzig gereist. Bereits am 24.
April 2010 tat sie sich beim Auswärtsspiel
des Roten Stern Leipzig gegen Mügeln als
Vorsängerin des Heimblocks hervor (4) und
stimmte des „U-Bahn-Lied“ („…bis nach
Auschwitz“) an. Auch beim RSL-Spiel gegen
Dahlen am 31. Oktober wurde sie gesehen
(3). Jüngste Sichtung: Bei der Nazikundge-
bung am 6. November in Döbeln (2).    
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antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung
Aus den Gerichtssälen
 Eine „wirklich letzte Reimann floskelhaft bei
seinem Opfer. Im Ge-
 Chance“ für Albert Reimann
richtssaal raunten die
Am 7. Mai 2010 wurde der 15-jährige Florian an einer Nazis derweil Drohun-
Tankstelle in Geithain von Albert Reimann mit einen gen gegen Florians Mut-
Tritt auf den Brustkorb und einen Schlag ins Gesicht ter („Halts Maul“).
angegriffen und schwer verletzt (siehe GAMMA #187). Der Staatsanwalt plä-
Weil der Überfall durch eine Überwachungskamera dierte für eine Verurtei-
dokumentiert wurde, konnte Reimann aus Elsdorf bei lung wegen gefährlicher
Lunzenau zehn Tage später festgenommen werden; er Körperverletzung zu
kam in U-Haft in die JVA Zwickau. Solidaritätsbekun- einer Haftstrafe von 20 Albert Reimann (l.) am 6. November in Döbeln. Direkt vor ihm: David Starke aus
dungen der regionalen Naziszene gab es kurze Zeit spä- Monaten. Der Angeklag- Rosswein. Rechts mit Fahne: Frank Hirche aus Döbeln. Foto: Recherche Ost.
ter, u.a. bei einem Spontanaufmarsch in Bad Lausick. te gehöre einer Grup-
Am 29. Oktober 2010 kam es vor dem Amtsgericht pierung an, „die politisch Andersdenkende verfolgt“. Schon eine Woche nach seiner Freilassung be-
Chemnitz zur Verhandlung gegen den 19-jährigen Verteidiger Alexander Held plädierte für eine Bewäh- suchte der Verurteilte eine Nazikundgebung in Dö-
Reimann. Die erste Reihe des Gerichtssaals war mit rungsstrafe. Die U-Haft habe seinen Mandanten zum beln. Dort beteiligte er sich an dem „Ausbruch“ von
Nazis besetzt. Neben dem Geithainer NPD-Stadtrat, Nachdenken gebracht, er wolle sein Gewalt- und Alko- etwa 50 Nazis aus der Kundgebung, um einen Spon-
Freies-Netz-Kader und Leipziger Jurastudenten Ma- holproblem angehen und seine Lehre als Maler/Lackie- tanaufmarsch durchzuführen. Reimann hat derweil
nuel Tripp verfolgten Sebastian Öhme und Andy rer beenden. Das Urteil des Richters Gräwe: 20 Monate einen weiteren Gerichtsmarathon vor sich: Wegen
Krumbiegel die Verhandlung. Der Angeklagte war be- Haft auf drei Jahre Bewährung. Zudem muss Reimann Beteiligung an einem Brandanschlag auf den Probe-
reits sieben Mal verurteilt worden, davon allein fünf einen Anti-Aggressions-Kurs besuchen, 40 Arbeitsstun- raum einer Punkband in Burgstädt im Januar 2009
Mal wegen gefährlicher Köperverletzung. Einsicht? den leisten, Entschädigung zahlen und sich in die Obhut muss er sich neben drei weiteren Neonazis, z.T. aus
Fehlanzeige: Vor Gericht trug Reimann einen Pullo- von Suchtberatung und Bewährungshelfer begeben. dem Umfeld der verbotenen Kameradschaft Sturm
ver mit der Aufschrift „Volksgemeinschaft. Einer für Bejubelt von seinen Kameraden schritt der glimpf- 34, verantworten. ☐
alle, alle für einen.“ Denselben Pullover hat er auch lich davongekommene Nazi-Schläger mit breitem
während der Tat getragen. Vor Gericht begründete Grinsen aus dem Gerichtssaal und wurde u.a. von Über den Prozess gegen Reimann berichtete
auch der MDR. Im Beitrag zu sehen sind die
er sein Handeln damit, dass er sich vom Betroffenen Manuel Tripp umarmt. Kurze Zeit später begossen
herzlichen Umarmungen mit “Kameraden” –
provoziert gefühlt habe, weil dieser aus der Tankstelle Reimann und seine Unterstützer das Prozess-Ende mit u.a. Manuel Tripp – nach dem Ende der Ver-
heraus gewunken habe. Mehrmals entschuldigte sich Bier an einer Chemnitzer Tankstelle. handlung: http://goo.gl/5ZtLQ

Back to the Roots: Kurzmeldungen


„Kameradschaft und Loyalität“  Buttersäure: Am Morgen des 4. Dezem-
ber wurde im Eingangsbereich (Treppen) des

Z u den zahlreichen mehr oder weniger per- marschieren“, bis sie „etwas erreichen“. Der näch- Connewitzer Kulturprojekts „Zoro“ Butter-
sonell unterfütterten Neonaziwebseiten im te Aufmarsch soll am 18. Dezember 2010 um 16 säure verspritzt. Dadurch sollte vermutlich
ein für den Abend desselben Tages geplan-
Landkreis Leipzig gesellt sich eine weitere: „Ka- Uhr am Bahnhof der ostthüringischen Stadt Al-
tes Konzert verhindert werden. Dieses wur-
meradschaft und Loyalität“, abgekürzt „K.u.L.“, tenburg beginnen – und ihre Organisatoren in der de von den „Diablos“ – einer oft als „links“
nennt sich die Gruppe, die erstmalig bei einem eigenen Szene endgültig lächerlich machen. Im angesehenen Fangruppierung der BSG
Aufmarsch am 20. November 2010 in Erscheinung „Thiazi“-Forum überwiegt der Tenor, dass es wich- Chemie – aus Anlass ihres zehnjährigen Be-
getreten ist. Dabei marschierten unter dem Motto tigere Themen gebe, da ohnehin jeder „vernünftige stehens veranstaltet. Der Angriff kam nicht
überraschend – bekannt ist, dass beispiels-
„Kinderschänder sind nicht therapierbar“ etwa 70 Mensch gegen Kinderschänder“ sei. Manuel Tripp
weise Tommy Hart, der bereits an einem
Menschen durch die Stadt Borna. („FK-GHA“) forderte die „peinliche Truppe“ auf, Überfall auf „Diablos“-Mitglieder beteiligt
Hinter „K.u.L.“ stehen eine Handvoll übermo- „erstmal Nachhilfe in der deutschen Sprache“ zu gewesen ist (siehe Seite 12), Buttersäure be-
tivierter Provinz-Boneheads, darunter Torsten nehmen. In Borna war Tripp dennoch vor Ort, zu- sitzt. (Siehe GAMMA 187)
Schütz aus Rötha, Dajana Köckert aus Frohburg, sammen mit weiteren Neonazis u.a. aus Geithain
ihr Freund Markus Wilms sowie Manuel Rü- und Borna, die das Fronttransparent mitbrachten  Pleite: Ihre Website kam dem „Akti-
bestahl aus Borna. Schütz muss sich größere Re- – obwohl das „Freie Netz Borna“ zuvor explizit be- onsbündnis Leipzig“ (vormals „Freies Netz
Leipzig“) Anfang Dezember abhanden. Sie
sonanz erhofft haben, denn den Borna-Aufmarsch tont hatte, die Demo nicht zu organisieren.
hatten die Rechung nicht beglichen. Das
hatte er für 1500 TeilnehmerInnen angemeldet. Die In der organisierten Neonaziszene scheint die sah dann so aus:
Polizei hatte nach dem Kooperationsgespräch mit „K.u.L.“ jedenfalls keine Anerkennung zu finden
immerhin 750 Menschen gerechnet und war mit – weder im Umfeld des jugend- und aktionsorien-
einem entsprechenden Aufgebot vor Ort. Schütz tierten NPD/JN-nahen „Freien Netzes“, noch bei
verarbeitete seinen Ärger, indem er allen Ernstes NS-Hardlinern. Die 70 TeilnehmerInnen des Auf-
behauptete, ein sich auf dem Weg nach Borna be- marsches in Borna jedenfalls indes nicht nur aus
findlicher Bus sei von „Punks“ überfallen worden umliegenden Dörfern und Leisnig, sondern laut
und ausgebrannt. Eigenangaben auch aus „Erfurt, Weimar, Gera und
Dementsprechend lassen sich „K.u.L.“ auch Leipzig“. Mobilisiert hatte zuerst eine Neonazi-
nicht entmutigen und wollen „von Stadt zu Stadt Webseite aus Nordhausen. ☐
gamma 189 aus aller welt

Die inter-nationale Achse


Donau–Pleiße
Für einige österreichische Nazis ist Leipzig zum lukrativen Exil geworden:
Nazikader aus dem Nachbarland haben gute Kontakte in die Region geknüpft.
Und hiesige Nazis unterstützen die „Ostmärker“ mit Rat, Tat – und Geld.

M ehr als 500 Kilometer liegen


zwischen Leipzig und der
Grenze zu Österreich, das deutsche
te die FPÖ eine Ersatzveranstaltung
für das Ulrichsbergtreffen. Dort ist
Gottfried Küssel, der gelegentlich
Nazis noch immer als „Ostmark“ an Aufmärschen in Deutschland
heimholen wollen. „Das Deutschtum teilnimmt, gemeinsam mit einem
wird bei uns seit 3000 Jahren gepflegt“, anderen Urgestein aufgetaucht:
sagte der Wiener Gottfried Küssel Riccardo Sturm (siehe GAMMA
bei einem Vortrag, den er am 6. Juni #186). Als dritter im Bunde gesellte
2009 vor Leipziger Nazis gehalten hat. sich Hans-Jörg Schimanek jr. zu
Küssel muss es wissen: Der 52-Jährige Gottfried Küssel Jörg Schubert Marcus Großmann ihnen. Der Sohn eines gleichnami-
ist eine zentrale Figur der Naziszene gen FPÖ-Funktionärs ist ein Weg-
in Österreich. Er pflegt nicht nur gute gefährte Küssels und ebenfalls ein
Kontakte nach Sachsen – einige seiner bekannter Naziaktivist in Öster-
Kameraden nutzen die Region sogar reich. Sein Rückzugs- und Arbeits-
als Exil, um der Strafverfolgung zu ort heißt jedoch Leipzig.
entgehen. Die österreichische Tagespresse
Die steht jetzt wieder an: Sechzehn hat bereits über mögliche Finanz-
Wohnungen österreichischer Nazis, ströme zwischen Pleiße und Donau
darunter das Anwesen Küssels, wur- spekuliert, denn neben Küssel gilt
den Anfang November durchsucht. auch Schimanek als Verantwort-
Dabei wurden u.a. automatische licher für „alpen-donau.info“. Der
Sturmgewehre („Kalaschnikows“) ehemalige Zeitsoldat mischte seit
sichergestellt. Die Polizeiaktion galt spätestens 1990 in Küssels „Volks-
den mutmaßlichen Betreibern der treuer außerparlamentarischer Op-
Website „alpen-donau.info“ und eines position“ (Vapo) mit. Beide haben
zugehörigen Forums. Dort wird seit Februar 2009 betrieben. Einer der Administratoren ist Jörg Schu- seinerzeit Wehrsportübungen (samt „Halsschnitt-
gehetzt: Erst kürzlich wurde unter dem Titel „Das bert, Ex-Kreisvorsitzender der Chemnitzer NPD und Training“) organisiert – die laut „alpen-donau.info“
Reich kommt wieder“ eine Aktion in Wien doku- früherer Administrator des „Nationalen Forums“. bis heute fortgesetzt werden, und zwar in Ungarn
mentiert, bei der Transparente mit der Aufschrift Technischen Support leistet Marcus Großmann (26, und unter Beteiligung deutscher Neonazis.
„Nein zur Judenrepublik“ aufgehangen worden sind. Sangerhausen), einst zuständig für das „Freie Netz Für ihr politisches Treiben saßen Schimanek
Hinzu kommen „Steckbriefe“, die zur Gewalt gegen Sangerhausen“ und aktiv in Security-Kreisen. Groß- und Küssel ab 1994 im Gefängnis, beide festigten
AntifaschistInnen aufrufen. Und Kuriosa wie ein mann war Inhaber des „Mitteldeutschen Musikver- dort Kontakte zur „Hilfsgemeinschaft für nationale
Kommuniqué, in dem mit „Kameraden aus Böhmen/ sands“ in Halle/Saale. Für Teile seines Sortiments politische Gefangene“ (HNG) jenseits der Grenze.
Mähren“ (Tschechien) „vereinbart“ wird, die Beneš- muss sich Großmann derzeit vor dem Amtsgericht Diese Grenze überschritt Schimanek ebenfalls 1994,
Dekrete aufzuheben und das Sudetenland wiederzu- Halle verantworten. Daneben ist er Vorsitzender des kurz vor seinem Haftantritt. Reiseziel: Leipzig. Hier
gründen. NPD-Kreisverbandes Mansfeld-Südharz und arbei- bekam er einen Job bei der „Baubetreuung in Mit-
tet für die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag. teldeutschland Gmbh“ (BBM). Geschäftsführer des
Hilfe aus Deutschland Die personellen Verstrickungen sind intensiv: Immobilien- und Renovierungs-Unternehmens war
Beim traditionellen Ulrichsbergtreffen – einem re- damals Reinhard Rade (46) – ein Innsbrucker und

D as Vorbild dieses Gefasels sind offenbar „Freie


Kräfte“ aus Deutschland, immerhin wird an
prominenter Stelle das „Freie Netz Mitteldeutsch-
visionistisches Veteranen-Schaulaufen, vergleichbar
mit Mittenwald – tauchten in den vergangenen Jah-
ren an der Seite österreichischer Kameraden wieder-
trainierter Wehrsportler, der Ende der 1980er von
München aus als „DDR-Koordinator“ für die Repub-
likaner agierte und sich schließlich in Leipzig nieder-
land“ verlinkt. Mehr noch: Um Spuren zu verwischen, holt Leipziger Nazis auf, unter anderem René Böhm ließ – auch, weil Österreich ein zeitweiliges Aufent-
wird „alpen-donau.info“ sogar von Deutschland aus (29, „Freies Leipzig“). Im September 2009 organisier- haltsverbot gegen ihn verhängt hat.
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antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung

Aus den Republikanern wurde nichts, dort ist wurde in den 1980er Jahren ermittelt – weil er unter ist Schimanek trotz Karriere nicht: Bei dem Küssel-
Rade Mitte der 90er Jahre ausgeschlossen worden. anderem auf Arbeit ein Sturmgewehr geklaut und Vortrag in Leipzig nahm er neben seinem langjäh-
Aber durch billig verschleudertes Volkseigentum daheim eine Kartei über politische Gegner und „Ju- rigen Vertrauten auf dem Podium Platz, referierte
wurde Rade ein reicher Mann. Zwar hat er seinen den“ angelegt hatte. 2001 stellte die BBM zudem Ni- über die österreichische „Gesinnungsjustiz“ und
Wohnsitz mittlerweile nach Südafrika verlegt, aber colas Peucelle an, einen französischen Neonazi und den angeblichen Mord am 2008 verstorbenen FPÖ-
noch heute gehören ihm Immobilien in Leipzig. Zu- engen Freund Rades. Beide gingen schon 1993 dem Vorsitzenden Jörg Haider. Ähnliche Thesen kolpor-
letzt machte er 2002 öffentlich von sich reden, als bayrischen Zoll mit 1200 Hakenkreuz-Aufnähern tiert er im Neonazi-Forum „Thiazi“.
er ausgemusterte Bundeswehrhubschrauber in den im Kofferraum ins Netz. In Deutschland ist Schimanek damit bisher nicht
Nahen Osten und nach Afrika verschieben wollte. Den Geschäften hatte das krude Treiben nichts an, angeeckt. Ob er für seine Mitwirkung an „alpen-do-
doch manche Geschäftspartner waren vielsagend: nau.info“ zur Verantwortung gezogen werden kann,
Illustre Geschäftspartner Der ehemalige Rechtsterrorist Karl-Heinz Hoff- müssen die in Österreich noch laufenden Ermittlun-
mann (siehe nächste Seite), der ebenfalls mit Immo- gen zeigen. Besagte Baufirmen in Leipzig würden

N och 1994 sind Rade und sein neuer Ge-


schäftspartner Schimanek Gesellschafter der
„Condor Projektentwicklung GmbH“ geworden,
biliengeschäften in Ostdeutschland reich geworden
ist, war einer davon. Angeblich soll Hoffmann –
selbst Gründer einer Reihe von Bauunternehmen in
sich dann als seriöse Fassade des so umtriebigen wie
unauffälligen Schimanek anbieten. „Condor“ und
BBM existieren nämlich noch. Allerdings führen
die auf Immobilienhandel und Abbrucharbeiten Thüringen und Sachsen – als guter Kompagnon in die Geschäftsadressen in der Virchowstraße und am
spezialisiert ist. Es war eine finanzielle Absicherung den 90ern einen Porsche aus dem „Condor“-Fuhr- Coppiplatz zu Briefkästen in Wohnhäusern. ☐
für die Zeit nach dem Knast, die für Schimanek park erhalten haben, den er noch heute fährt. Die
dank vorzeitiger Entlassung schon 1999 begann. Firmenwagen waren seinerzeit mit Nummernschil-
Zum Nachlesen:
Seinen Job bei der BBM hat er sofort wiederbekom- dern der Sorte „L-AH…“ ausgestattet.
men, anschließend wurde er Geschäftsführer der Dass Schimanek ab 1999 auch intensive Ge- Im Jahr 2003 erschien von Andrea Röpke und
„Condor“ – und ist es bis heute. schäftskontakte nach Chemnitz aufgebaut hat, Berny Vogl der Artikel Rechte Glücksritter
Diese Karriere war kein Zufall: Bei der Condor könnte erklären, warum sich nun ausgerechnet ein in Ostdeutschland. Auf den Spuren der
rechten Aufbauhelfer-Ost. Siehe Antifa-In-
kam auch der Neonazi Franz Aigner unter. Gegen Chemnitzer NPD-Mann für eine österreichische foblatt (AIB) Nummer 60 (Herbst 2003) bzw.
den ehemaligen österreichischen Gardesoldaten Nazi-Website engagiert. Und unpolitisch geworden http://goo.gl/q9NSr

Fotos am Rande der FPÖ-Ulrichsberg-Kundgebung 2009: Mit Protektorenhandschuhen taucht Riccardo Sturm auf. Er begleitete Hans-Jörg Schimanek (mit
Latzhose) und Gottfried Küssel (unten rechts). Ein Hingucker ist Sturms Basecap mit der Aufschrift “White Boy-Club 106 Leipzig”. Die Beschriftung ist eine
Anspielung auf die “Standarte” bzw. “Sturmbann 106 Leipzig” – eine SA-Einheit, die später als “SA-Brigade 35 Leipzig” maßgeblich an Angriffen auf Op-
positionelle und an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden beteiligt war. In Österreich “beließ” Sturm es bei einem tätlichen Angriff auf einen Journalisten.
gamma 189 spezial

Die Flucht
aufs platte Land
Neonazis konzentrieren sich wieder auf das Leipziger Umland
und taumeln zwischen Versteckspiel und Wehrsport: Sie reden
von einer Heimat, die stirbt, bauen nationale Zentren, die
keine sind, und huldigen einem Naziterroristen, der die
rechte Szene anheizt. – GAMMA berichtet aus der Angstzone.

„Leipzig ist nicht rot“, erklärten Neonazis des „Ak- „Aktionsmonat“:


tionsbündnis Leipzig“ vollmundig vor ihrem Auf- Erfolge, die keine waren
marsch-Versuch am 16. Oktober. „Leipzig ist eine
deutsche Stadt.“ Doch die Öffentlichkeitswirksamkeit
der „Freien Kräfte“ in der Messestadt ist in den ver-
gangenen Monaten an einem Tiefpunkt angelangt.
Z u den Erfolgen ihres „Aktionsmonats“ rechnen
Neonazis auch eine Kundgebung mit 50 Teil-
nehmern am 9. Oktober in Geithain, außerdem die
Vorbei die Tage, an denen Worch Leipzig zur „Front- beiden Spontanaufmärsche am 16. Oktober in Borna
stadt“ erklärte, die „um jeden Preis gehalten“ werden und Geithain. Diese hätten „erheblich besseren Bür-
müsse. Das Vorhaben, wenigstens am 16. Oktober gerkontakt und Außenwirkung“ ermöglicht als her-
Bahnhofs-Aktion des “Freien Netzes” in Bad Lau-
„um jeden Preis zu marschieren“: gescheitert. Neben kömmliche Demonstrationen – auch wenn sich die
sick: Der Bahnhofstunnel wurde blutrot beschmiert,
sporadischen Versammlungen in der Odermann- Nazis hierin uneins sind. Genau eine Woche später, in der Mitte die Silhouette eines Toten aufgemalt
straße 8, wie jüngst eine Feier zu ihrem zweijährigen am 23. Oktober, gab es in Borna jedenfalls wieder – offenbar ein Hinweis auf den berüchtigten “Volks-
tod”.
Bestehen, passiert in Leipzig gerade: nichts. eine „herkömmliche“ Kundgebung mit 50 Teilneh-
mern. Am 30. Oktober zog der Wanderzirkus nach

G anz anders sieht es im Umland aus. Im Ok-


tober riefen Neonazis des „Freien Netzes“ zu
einem „Aktionsmonat“ auf. Mit dabei: „nationale
Frohburg. Motto: „Der Weg aus dem System – in die
Zukunft“. Bei der Kundgebung schauten zukunfts-
weisende 40 Nazis vorbei.
„schockierend schlecht“ gewesen, wurde nachher in
einem Naziforum geraunt. Die Veranstaltung wurde
außerdem schon nach einer Stunde wieder beendet:
Sozialisten aus Geithain, Kohren-Sahlis, Borna und Unter ihnen auch das „Freie Frohburg“. Jene Ka- „Insgesamt war der Tag ein Fehlschlag und das gilt es
Frohburg“. Ihr Motto: „Unsere Heimat stirbt“. Zur meradschaft, die im Internet auch als „Nationale sich auch mal ehrlich einzugestehen.“
Auftaktkundgebung am 2. Oktober erschienen in Sozialisten Frohburg“ firmiert, war Ende 2009 zum Nicht ganz erfolglos war allerdings ein „Aus-
Kohren-Sahlis zwar nur 35 Personen. Aber der rech- ersten Mal aufgetaucht und steht dem Vernehmen bruchsversuch“ in Döbeln, um wenigstens ein paar
te Aktionismus ist ungebrochen. Als Anspielung auf nach dem „Freien Netz“ nahe, wird von ihm auch Meter zu gewinnen. Daran beteiligte sich auch Al-
den „Volkstod“ haben Nazi-Aktivisten in der Nacht als „Bündnispartner“ anerkannt. Außerdem leistet bert Reimann aus Lunzenau, der nur wenige Tage
vom 5. zum 6. Oktober den Bad Lausicker Bahn- der Leipziger Neonazi Jan Häntzschel tatkräftige zuvor mit einer glimpflichen zweijährigen Bewäh-
hofs-Tunnel mit blutroter Farbe vollgeschmiert. Das Aufbauhilfe. Häntzschel war im Umfeld der Kund- rungsstrafe auf freien Fuß gekommen war. Zudem
„Freie Netz Borna-Geithain“ erklärte zeitgleich, die gebung auch an einem Angriff auf Gegendemonst- antworteten die Nazis auf das Verbot ihres Aufmar-
„Widerstandsbewegung im Leipziger Land“ wolle „die rantInnen beteiligt. sches erneut mit Spontanmärschen, und zwar in
momentane demografische Katastrophe in anschauli- Nächster Streich im Kleinstadt-Aktivismus war Leisnig mit 80 (Eigenangabe: 120), Delitzsch mit 50
cher Weise in die Öffentlichkeit zu tragen.“ ein für den 6. November angemeldeter Aufmarsch und in Mittweida mit ebenso vielen Teilnehmern.
Einige Tage später verbreitete das „Freie Netz“ in Döbeln unter dem Motto „Steht auf gegen die Aber als „Erfolg“ werteten die Organisatoren
über Twitter den hämischen Hinweis, dass die Poli- Übermacht der Demokraten“, der sogleich verboten auch diesen Coup nicht. Stattdessen protzten sie im
zei „noch keine Spuren“ zur Bahnhofs-Aktion habe. worden ist. Die Mobilisierung wurde nicht abgebro- Internet mit einem „eindrucksvollen“ Marsch durch
chen, stattdessen folgende Tageslosung ausgegeben: „Leipzig-Leisnig“ – einen Ort, den es schon aus geo-
„Seid Kreativ und denkt an Leipzig!“ Tatsächlich grafischen Gründen nicht gibt. In einem Naziforum
erschienen bei der Standkundgebung am Döbelner wurde passend von einer „Phantomdemo“ gespro-
Bahnhof 110, nach Eigenangaben 140 Kameraden. chen. Vor Beginn erfanden sie außerdem einen wei-
Die aber hatten wenig Spaß: Nach dem 16. Oktober teren Spontanaufmarsch in Colditz mit angeblich 80
in Leipzig sei Döbeln „eine zweite Chance, eine wei- Teilnehmern. Ziel war offenbar, Polizei und Antifa-
tere Bewährung“ gewesen. Doch die Kundgebung sei schist_innen in die Irre zu führen, denn in Colditz
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antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung

„Nordsachsen
wird Muster-
und Modell-
region gegen
die Volks-
verräter“
Innen hui, außen eine Kleingarten-Pachtgaststätte: das „nationale Zentrum“ in Eilenburg. Zur Eröffnung dörflichen Ortsteil. Dennoch ließ Scheffler die rechte
Ende November kamen 60 Kameraden (Eigenangabe: 120) und hörten einen Vortrag über „Geschlech- Weltnetz-Gemeinde wissen, dass „das organisato-
terpolitik“ im Zeichen des „Volkstods“.
rische Netz der nationalen Jugendarbeit“ nun „noch
engmaschiger“ werde. „Nordsachsen wird damit zu
einer Muster- und Modellregion, die den politischen
Widerstand gegen die Volksverräter von unten nach
oben wachsen läßt.“
Scheffler ist ein Mann der Taten und eröffnete
Ende Oktober gleich das nächste „nationale Schu-
lungszentrum“, und zwar in Eilenburg. Dort seien
zur Einweihung 120 begeisterte Kameraden erschie-
den. In Wirklichkeit war es die Hälfte. In Wirklich-
keit ist dieses „nationale Schulungszentrum“ zudem
nur eine Pacht-Gaststätte in einer Gartensparte.
Noch ausstehend ist nun die Eröffnung eines dritten
„nationalen Schulungszentrums“ in Oschatz. Dabei
Tony Keil Mathias König Kai Rzehaczek wird es sich nach GAMMA-Recherchen um einen
schon länger bekannten und von NPD und „Freien
Kräften“ gleichermaßen genutzten Treffpunkt an ei-
gab es an diesem Tag keinen Aufmarsch. Diese Insze- heit: Der „Heldengedenkmarsch“ in Wurzen zum nem Steinbruch handeln.
nierung war noch nicht fadenscheinig genug: Selbst Volkstrauertag am 14. November. Wenigstens dieser
zwei Indymedia-Beiträge, die sich „schockiert“ über Aufmarsch sollte „professionell“ wirken und wurde „Nachwuchs“:
die „rechten Erfolge“ an diesem Tag zeigten, waren daher vom Leipziger Tommy Naumann in seiner Kameraden aus Kohren-Sahlis
offenbar von Nazis verfasst worden. Funktion des Chefs des JN-Landesverbandes ange-

„Nationale Schulungszentren“:
Mehr Schein als Sein
bemeldet. Versammlungsleiter war Mathias König
aus Wurzen, „Führer“ der JN-Gruppe im Muldental.
Unter dieser „professionellen“ Regie tanzten tatsäch-
K ein „Fake“ sind dagegen die interessanten Um-
triebe der bislang kaum in Erscheinung getrete-
nen „Freien Kräfte Kohrener Land“. Deren Mitglieder-
lich knapp 200 Neonazis an. zahl kann man zwar noch an zwei Händen abzählen,

W ie immer man die rechten „Aktionswochen“


in der Provinz einschätzen mag, einige Din-
ge machen sie deutlich: Organisationskapazitäten,
Die Rolle der NPD, etwa des Kreisverbandes
Nordsachsen, bei der Mobilisierung nach Wurzen
erklärt sich auch damit, dass der Verband eine One-
trotzdem wurden sie Mitte Oktober ins „Freie Netz“
aufgenommen. Grund: Die Kameraden aus Kohren-
Sahlis haben einen in Nazikreisen äußerst promi-
Aufmarschstrategien und Mobilisierungspotential Man-Show des Vorsitzenden Maik Scheffler (Foto nenten Fürsprecher. Der heißt Karl-Heinz „Mickey“
– man beachte die außerordentlich geringen Teil- S. 1) aus Delitzsch ist. Scheffler ist zudem Anführer Hoffmann (73), besitzt in Kohren-Sahlis das „Ritter-
nehmerzahlen – stoßen auch dort auf ihre Grenzen, des „Freien Netzes“. Als Multifunktionär kann er mit gut Sahlis“ – und ist ein verurteiler Rechtsterrorist.
wo es kaum oder keine antifaschistische Gegenwehr seinen Polit-Labels beliebig hantieren. Von 1973 bis zu ihrem Verbot 1980 führte Hoffmann
gibt. Dafür zeigen die „Aktionswochen“ aber auch Und das nutzt Scheffler auch aus. Beispielsweise die berüchtigte „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG)
inhaltliche Spannungen auf, etwa die zwischen gab er schon am 25. September die Eröffnung ei- an und bildete dort in Freikorps-Manier mehrere spä-
„Freien Kräften“ und NPD. Denn die Partei ließ sich nes „nationalen Schulungszentrums“ der NPD in tere Mörder und Bombenattentäter aus.
bei den Kundgebungen, die allesamt vom Bornaer Delitzsch bekannt. Laut Schefflers Angaben werde Darüber durfte „der Chef“, wie Hoffmann ge-
NPD-Mitglied und Freies-Netz-Kader Tony Keil das Projekt durch den NPD-Landtagsabgeordneten meinhin gekost wird, am 11. September bei einer
(siehe GAMMA #186) angemeldet wurden, überhaupt Jürgen Gansel finanziell unterstützt. Viel investiert Veranstaltung des „Freien Netzes“ im Gasthof Zoll-
nicht blicken. hat Gansel scheinbar nicht, denn das betreffende Ob- witz in Hausdorf (bei Colditz) referieren („Der Chef
Die NPD und ihre Kader holen nur die Eisen aus jekt ist eine stark baufällige Bruchbude. Diese liegt spricht“). Der Freies-Netz-Aktivist und Geithainer
dem Feuer. So geschehen bei der nächsten Gelegen- auch nicht in der Stadt Delitzsch, sondern einem NPD-Stadtrat Manuel Tripp, der an der Univer-
gamma 189
 „Die Flucht aufs platte Land“ (Fortsetzung von Seite 7)

Das Ziel:

Karl-Heinz Hoffmann in seiner “aktiven Zeit” (besonderes Kennzeichen:
Zwirbelbart) und heute. Der Mann ist gealtert, aber nicht geläutert.

sität Leipzig noch immer Jura studiert, hatte dafür onenvermögen erwor-
per Handy die Anreise von knapp 100 Kameraden ben haben. Als er 2004
koordiniert. Das kassierte Eintrittsgeld floss an das Rittergut Sahlis
Hoffmanns Rittergut, das er als Vorsitzender einer samt Herrenhaus und
gemeinnützigen, subventions-geeigneten Stiftung Stallungen kaufte, er-
verwaltet. Ein vergleichsweise marginaler Zuschuss klärte Hoffmann ge-
zu den staatlichen Fördergeldern, die Hoffmann für genüber der Leipziger
die Sanierung des Rittergutes bereits erhalten hat. Volkszeitung (LVZ):
Beim Vortrag pries Hoffmann eine „disziplinierte „Ich betätige mich seit
militärische Organisationsform“ – worin ihm die im langem nicht mehr
„Freien Netz“ versammelten militanten Neonazis politisch und werde Die Idylle trügt: Das Rittergut Sahlis – hier in einer älteren Aufnahme zu sehen
– gehört Karl-Heinz Hoffmann. Für die Sanierung und Instandhaltung des Anwe-
nicht widersprechen werden. Nur Gerede? In der das auch in der Töpfer- sens kassierte der verurteile Naziterrorist bereits staatliche Fördermittel.
Nacht darauf wurden in Jena vier Neonazis vorläufig stadt oder der Region
festgenommen und das dortige „Braune Haus“ von nicht tun.“
der Polizei durchsucht. Die Festgenommenen – sie Trotzdem gab es am 24. September einen außer- vor allem in Bayern eine kleine Privatarmee – inklusive
sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß – waren zum gewöhnlichen „Arbeitseinsatz“ auf dem Rittergut, Fallschirmjäger-Abteilung – heran. Zu Höchstzeiten
Hoffmann-Vortrag gefahren. Dringender Tatver- über den auf der Website der „Freie Kräfte Kohre- soll die WSG etwa 440 Mitglieder (allesamt mit mili-
dacht: Erwerb vom Sprengstoff und Anschlagspla- ner Land“ folgendermaßen berichtet wurde: „Die tärischen Rängen versehen) und zahlreiche Orts- und
nungen auf eine Linke-Politikerin. Offenbar hatten Leistung wurde von fünf idealistischen, national ge- Nachahmer-Gruppen im damaligen Bundesgebiet be-
die Verhafteten auf dem Heimweg von Hausdorf per sinnten jungen Männern aus der näheren Umgebung sessen haben. Bei einer Durchsuchung auf Hoffmans
Mobilelefon über Sprengstoff gesprochen. Die Telefo- freiwillig und unentgeltlich erbracht. Vorangegangen Anwesen nach dem Verbot 1980 wurden 18 Lastwagen-
ne wurden „live“ abgehört. war ein Vortrag, bei dem ein entsprechender Appell ladungen Kriegsgerät sichergestellt, darunter scharfe
Der Vortrag hat Staub aufgewirbelt, er soll dem- an die vornehmlich aus jungen national eingestellten Waffen und Munition, Granaten und zwei Kilogramm
nächst auch auf DVD im Nordsachsen-Versand des Männern zusammengesetzte Zuhörerschaft gerichtet TNT. Wegen seines anhaltenden Faibles für Sprengstoff
Eilenburger NPD-Stadtrates und Scheffler-Gefolgs- worden war.“ Die Sahliser Kameraden hätten beim wurde zuletzt Anfang Oktober ein Haus Hoffmanns
manns Kai Rzehaczek erhältlich sein. Auf einer Putzen des Hoffmannschen Rittergutes einen „eh- nahe Erlangen durchsucht, zeitgleich weitere Wohnun-
Nazi-Website wurde jedoch vorsorglich verkündet, renhaften Dienst an den Interessen der nationalen gen von Neonazis in Thüringen und Sachsen.
Hoffmann werde nicht mehr politisch aktiv werden, Solidargemeinschaft“ vollbracht. Auch das Rittergut Sahlis und der Gasthof Zoll-
„da er sich zum teil vom NS distanziert und Weltan- Diese Zeilen hat wohlgemerkt Hoffmann selbst ver- witz in Hausdorf wurden bei der Polizeiaktion durch-
schaulich auf einigen Ebenen nicht unserer Gesinnung fasst. Man mag sich die mögliche Gegenleistung für kämmt. Und das spricht gegen die Behauptung, dass
entspricht.“ Es sei „ein Wunder das es überhaupt die jungen Kameraden vorstellen, wenn man bedenkt, Hoffmann polit-abstinent lebt. Auf seiner eigenen
nochmal zu diesem Vortrag kam.“ dass Nazis aus Borna, die vor drei Jahren Hausmeister Website betont er zwar, dass von ihm „keiner mehr re-
und Streifendienst für die mittlerweile geschlossene alpolitische Einmischung zu befürchten“ habe. Aber das
„Der Chef“: „Gedächtnisstätte“ gespielt hatten, sich dort im Gegen- hat er schon immer behauptet und bemüht sich daher
Ein „unpolitischer“ Nazimörder zug regelmäßig treffen durften. um ein Verschweigen der von ihm begangenen oder
Hoffmann ist zudem ein Kaliber, das selbst eini- angestifteten Fememorde und eine Verniedlichung

A ber ein Wunder war es so wenig, wie Hoff-


manns Distanzierung glaubwürdig ist. Der
„Chef“ hatte nach der Wende Immobilien in Ost-
gen Nazis nicht geheuer ist: Seine „Wehrsportgruppe“
übernahm anfänglich Ordner- und Saalschutz-Auf-
gaben für die NPD – wie heute das „Freie Netz“. Der
der WSG. Diese habe in seiner Erinnerung eine „rein
sportliche, militärisch ausgerichtete Struktur“ besessen,
sei aber „prinzipiell gesetzestreu“ und – natürlich! –
deutschland aufgekauft und soll dadurch ein Milli- 1937 geborene Kriegsdienstverweigerer zog sich dafür „unpolitisch“ gewesen.
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antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung

die nationale
Machtergreifung
„Kein Wehrsport“: anlastet, selbst für Nachrichtendienste tätig gewesen
Nur gewöhnliche Gewalt zu sein, wird er von Sachsens Neonazis für die Taten Zum Nachlesen:
gefeiert, die er leugnet oder als „harmlos“ verstanden

M
Über Neonazis im Leipziger Umland berich-
it dem Versuch, die WSG allen Ernstes als wissen will. Er strickt damit am eigenen Mythos. Und
tete das GAMMA auch in den vergangenen
Pfadfinder-Gruppe mit Vorliebe für gegen- hiesigen Nazis kommt er zupass, wenn sie – wie bei der beiden Ausgaben Ausgaben (188, 187).
seitige Ertüchtigung auszugeben, war es Hoffmann JN seit Jahren üblich – zu ihren „Lagerfahrten“ in den Online: http://gamma.redirectme.net
schon 1980 gelungen, sich mit seinem letzten Dutzend Wald aufrufen. Mitte November brach das „Freie Netz
Gefolgleute zur PLO in den Libanon abzusetzen, wo Borna/Geithain“ zum „Herbstlager“ in den Thümm- Zur jüngsten Serie von Brandanschlägen
in Sachsen gibt die Herbst-Ausgabe der
er dann einen abtrünnigen Kameraden wegen „De- litzwald (zwischen Grimma/Leisnig/Colditz) auf –
Leipziger Zustände – News des Projekts
sertionsverdachts“ zu Tode gefoltert hat. Gefragt, teilweise in Bundeswehr-Kampfanzügen. Resümee chronik.LE einen kompakten Überblick.
welche Ziele er eigentlich verfolge, sagte Hoffmann der Veranstalter: „Es wird die Zeit kommen, in der das Mehr dazu: www.chronikle.org
im selben Jahr in einem Spiegel-Interview: „Ich bin Erlernte notwendig und hilfreich sein wird.“
nicht bereit, darüber viel zu referieren. Wenn ich es Kurz zuvor hatte auch das „Freie Netz Zwickau“ Zu Tendenzen des Rechtsterrorismus in
Deutschland empfehlen wir das Buch Braune
täte, setzte ich mich der Gefahr einer Strafverfolgung („Nationale Sozialisten Zwickau“) für den 10. Okto-
Kameradschaften. Die neuen Netzwerke
aus.“ Ein paar Sätze später rutschte ihm dann doch ber zu einem „Geländespiel“ eingeladen. „Es handelt der militanten Neonazis von Andrea Röpke
sein Ziel heraus: „Machtergreifung.“ sich hierbei natürlich nicht um eine Wehrsport-Veran- und Andreas Speit. Erschienen 2004 im
1981 wurde Hoffman verhaftet, 1984 zu neunein- staltung“, wurde auch auch dieser Einladung vorsorg- Ch. Links Verlag, Berlin.
halb Jahren Haft verurteilt, doch schon 1989 kam er lich hinzugefügt. Ob diese Beteuerung so glaubwür-
Zur “Wehrsportgruppe Hoffmann” bietet
wegen „guter Führung“ und „günstiger Sozialpro- dig wie Maik Scheffler ist, wissen wir nicht. Aber dass das Webportal HaGalil eine lesenswerte
gnose“ wieder frei. Dem Spiegel sagte er damals zu Brandanschläge bereits zum Repertoire sächsischer Zusammenfassung: www.hagalil.com/
seinen künftigen Vorhaben: „Ich könnte es mir auch Neonazis gehören (siehe GAMMA #188), ist sicher. ☐ archiv/2006/01/hoffmann.htm
nicht mehr leisten, etwa eine neue Organisation […]
zu gründen. Das entfällt ja schon deswegen vollkom-
men, weil man sofort behaupten oder unterstellen  Stichwort „Reenactment“
würde, daß eine Ersatzorganisation für die verbotene Nicht mit Wehrsport zu verwechseln, aber
Wehrsportgruppe ins Leben gerufen wird. A l l e i n ähnlich kritisch zu bewerten sind so genannte
aus diesem Grunde würde ich dies nicht tun.“ Reenactment-Gruppen, die (militär-) historische
Szenen – inklusive „Lagerleben“ – in Uniformen
So argumentiert Hoffmann noch heute. Auf seiner von Wehrmacht und SS „nachspielen“. Solche
Website grenzt er sich in beinahe jedem Text von Neo- Kostüm-Gruppen gibt es im ganzen Bundes-
nazis ab – obwohl er hinsichtlich des NS ausdrücklich gebiet. Sie sind meist in Vereinen organisiert,
wie auch das „Panzergrenadierregiment 192
„die für die damalige Zeit beachtliche Sozialrevolution e.V.“ aus Markkleeberg (s. Foto rechts). Dessen
und enorme Wirtschaftskraft als fortschrittlich an- Mitglieder treffen sich zu „Geländespielen“
erkennt.“ Auch vom Oktoberfest-Attentat, bei dem und Biwaks und posieren dabei nicht nur mit
Kriegsgerät (bis hin zu Schützenpanzerwagen),
1980 dreizehn Menschen durch einen WSG-Anwärter sondern auch mit den Insignien und Symboliken
getötet wurden, distanziert sich Hoffmann – weil er des Nationalsozialismus.
rückblickend die „Tötung mehrerer Volksgenossen“ Mit einer historisch adäquaten Darstellung hat
für „überzogen“ hält. Und wie steht er zu den „Freien das nichts zu tun: Im Mittelpunkt steht die Ro-
mantisierung des Wirkens deutscher Soldaten,
Kräften“? Sie sind ihm wiederum nicht radikal genug:
nicht die Aufarbeitung der von ihnen began-
„Alles was ich bisher in Schrift und Vortrag der Freien genen Verbrechen. Solchen Vorwürfen und der
Kräfte der Erwähnung wert fand, ist deckungsgleich mit Gefahr, letztlich doch „Wehrsport“ zu betreiben,
begegnen „Reenactment“-Fans meist mit der
den Parolen der CDU.“
Behauptung, ihr „Hobby“ sei unpolitisch. Das
Auch wenn Hoffmann seit Jahren der Vorwurf behaupten Wehrsportler bisweilen auch.
gamma 189 dossier

Der Versenkung nahe


Entsteht eine neue Partei zwischen CDU und NPD? Seit Sarrazin und dank salonfähigem
Islam-Hass bewegt diese Frage die Medien. Das ist unverständlich – denn es gibt bereits eine
kleine Armada rechter Splitterparteien, die in nationalistischen Wässern nach WählerInnen
fischen. Doch in Sachsen stehen diese Parteien fast sämtlich vor dem Zusammenbruch.

L ebenszeichen sind selten. Zu einer „Bürgerver-


sammlung“ unter dem Motto „Sachsen lebt“ hat-
te beispielsweise die wenig bekannte „Freiheitliche
Partei Deutschlands“ (FPD) mit ihrem noch nie in Er-
scheinung getreteten „Stadtverband Leipzig“ am 30.
September in die Gaststätte „Schwarzes Ross“ in Lie-
bertwolkwitz eingeladen. Auf einem Flyer wurden un-
ter anderem ein Vortrag über die „Parteiendiktatur“ –
ein antidemokratischer Kampfbegriff – angekündigt.
Zur Teilnahme aufgerufen hat die „Sächsische demo-
kratische Opposition“ – ein informelles Bündnis, an
dem sich neben FPD auch die Deutsche Soziale Union
(DSU), die Sächsische Volkspartei (SVP), das „Bünd-
nis Arbeit, Familie, Vaterland“ (BAFV) und die „Hu-
manwirtschaftspartei“ beteiligen.
Aus diesem Bunde bringt es in Sachsen nur die DSU
auf eine dreistellige Mitgliederzahl. Ignorieren sollte
man sie deswegen nicht. Denn besagte Parteien haben
sich unlängst einem „Bündnis für Freiheit und De-
mokratie“ (BFD) angeschlossen, das Ende November
einen Landesverband in Sachsen gegründet hat. Das sa mm lung“ Bundestag saß, aus der
BFD fungiert als Sammlungsbewegung – analog zu des BFD in Leip- CDU ausgetreten. Nitzsche
den westdeutschen „Pro“-Parteien, nach Vorbild von zig, diesmal im Hotel (51) war insbesondere in die Kritik
Neugründungen wie „Die Freiheit“ von René Stadtke- „Merseburger Hof“ (Lindenau). Einge- geraten, weil er behauptete, Deutschland werde „von
witz (Ex-CDU-Mitglied und Angehöriger des Berliner laden hatte diesmal die DSU. Bei der Veranstaltung Multikultischwuchteln in Berlin regiert“.
Abgeordnetenhauses) oder Partei-Fusions-Initiativen referierte der betagte Alexander von Waldow (87) aus Nitzsches 10-Punkte-Parteiprogramm ist ähnlich
wie „Gesamtrechts“. Eckernförde unter dem sperrigen Titel „Weg zum Frie- markig. Auf die soziale Frage gibt es eine nationale
Das Programm des BFD, der als Verein registriert den: Hoffnungsland zwischen Deutschland und Polen Antwort: „Nur durch einen gesunden Nationalstolz
ist, lautet schlicht: „Unser Ziel ist es, […] die Grundlage ‚Zentropa‘“. Inhaltlich ging es um die „annektierten und ein erneuertes Gemeinschaftsgefühl sind beste-
für eine neue Partei zu schaffen“, dafür die „zahlrei- deutschen Ostgebiete“ und um „Entschädigungs“- hende moralische, ökonomische und gesellschaftliche
chen Kleinparteien im freiheitlich-konservativen und Forderungen so genannter „Vertriebener“, die der Probleme zu lösen.“ Unter dem Punkt „Heimatschutz“
patriotischen Lager“ zusammenzuführen und schließ- Unternehmer Waldow in der revanchistischen „Preu- heißt es: „Wir fordern die Durchsetzung des Rechts
lich „eine freiheitlich-konservative Partei aufzubauen, ßischen Treuhand“ vertritt. auf Sicherheit der Bürger durch verstärkten Schutz
um damit die Zersplitterung und Uneinigkeit zu be- Auch die „Kooperationsverbände“ der Vortragsver- innerhalb Deutschlands und an seinen Grenzen, auch
enden.“ Und was steckt dahinter? Ein Kommentator anstaltung sind vielsagend. Dazu gehörten Waldows vor kriminellen Ausländern.“ Punkt „Arbeit“: „Ar-
auf der Website „Gesamtrechts“ (jetzt „Deutschland „Eigentümerbund Ost“, der „Zentralrat der vertriebe- beitenlassen muss sich lohnen“. Punkt „Demokratie“:
Echo“) meinte: „Dieses Bündniss hat aktive Mitglieder nen Deutschen“, eine rechte Abspaltung des „Bundes „Brechung der Parteienherrschaft“.
die antivölkisch und auch welche die antisemitisch/is- der Vertriebenen“, außerdem der Verein „Heimatver- Allesamt Inhalte, für die sich Martin Hohmann
raelkrisch eingestellt sind, dass ist eine extrem schlechte drängtes Landvolk“ sowie der „Grundeigentümer- – wegen seiner antisemitischen Rede am 3. Oktober
Kombination. […] Also NPD ohne Ethno-Nationalisis- bund der Vertriebenen“. Eine interessante Mixtur – 2003 war er aus der CDU ausgeschlossen worden – als
mus.“ und ein genauerer Blick auf die Mitglieds-Parteien des Ehrenmitglied gewinnen ließ.
Und dafür sprechen die bescheidenen Aktionen des „Bündnis für Freiheit und Demokratie“ macht klar, Das BAFV ist seit den Kreistagswahlen 2008 als
Bündnisses – etwa eine gemeinsame Kranzniederle- woher der Wind weht: Fraktion im Bautzner Kreistag vertreten, seit 2009 auch
gung für die „deutschen Bombenopfer“ am 13. Feb- in einigen Gemeinderäten. Einer von acht BAFV-Re-
ruar 2010 auf dem Dresdner Heidefriedhof. Mit dabei Bündnis Arbeit, Familie, Vaterland (BAFV) gionalverbänden wurde im Dezember 2008 in Leipzig
waren Vertreter von BAFV, DSU, FPD und SVP. Über gegründet. Der hiesige Vorsitzende heißt Kai Karsten
ihre ideologischen Schnittmengen ist damit schon viel Das BAFV ist identisch mit der „Liste Henry Nitzsche“, Gürtelmeier (43), war vormals Pressesprecher und
gesagt. Aber es wird noch viel illustrer: die das ehemalige CDU-Mitglied 2008 gegründet hat. Schriftführer des Republikaner-Landesverbandes. 2009
Am 19. November gab es eine zweite „Bürgerver- Zuvor war der Oberlausitzer, der von 2002 bis 2009 im ist er für die DSU zur Kommunalwahl angetreten.
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antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung

Sächsische Volkspartei (SVP) Humanwirtschaftspartei (HWP) insgesamt 15 Kleinstparteien, dann trat die DSU aus
– das Projekt war ihr zu „links“ geworden.
Seit 2006 gibt es die SVP, gegründet wurde sie vom Ebenfalls zur „sächsischen demokratischen Oppositi- Bei der „Allianz“ verblieben ist übrigens die FPD.
aktuellen Parteivorsitzenden Mirko Schmidt (44) aus on“ gehört der seit 2005 bestehende sächsische HWP- Deren Leipziger Mitglied Ralf Steinhof betreut noch
Meißen. Schmidt war zunächst 2004 über die Landes- Landesverband. Kernstück ihres Programms ist die immer eine zugehörige Website.
liste der NPD in den Landtag gekommen, hat Partei Familie als „Keimzelle der Nation“: „Als Grundbau- Doch die Bestrebungen, Potential im Rechtsaußen-
und Fraktion aber schon im Jahr darauf verlassen stein, ja man könnte sagen als Muster für die gesamte Spektrum abzuschöpfen, sind auch bei der DSU nicht
und war noch bis 2009 fraktionsloser Landtagsab- Gesellschaft betrachten wir die Familie. Was in der abgebrochen: Mitte August 2010 besuchte Manfred
geordneter. Als Grund für den NPD-Austritt nannte Familie über Jahrtausende im Kleinen funktioniert Rouhs (45) von „pro Köln“ die Leipziger DSU und traf
Schmidt deren „offenes Bekenntnis zum Nationalso- hat, kann in der Gesellschaft im Großen nicht falsch hier mit ihren Kreistagsmitgliedern Mirko Zötzsche
zialismus“. Das vermeidet Schmidts SVP – aber nicht sein.“ Unnötig zu sagen, dass „über Jahrtausende im (41, Rechtsanwalt) und Karl-Heinz Obser zusammen.
die NPD-typische Rhetorik: So wirbt die Partei ne- Kleinen“ vor allem die Unterdrückung von Frauen Rouhs wollte bei dem Treffen für eine Mitarbeit bei
ben absurden Forderungen wie Schuluniformen mit und die Züchtigung von Kindern „funktioniert hat“. „Pro Deutschland“ werben. In Chemnitz wurde die
einem „Zuwanderunsstopp für Asylanten“ und mehr Mittlerweile hat die Partei nach Eigenangaben Republikaner-Ratsfraktion bereits kurz vor der Kom-
„Sicherheit im Grenzgebiet“. Verbände – so genannte „Stützpunkte“ – in Leipzig, munalwahl in „pro Chemnitz.DSU“ umbenannt.
Das sagte der DSU zu, zur vergangenen Landtags- Leipziger Land und Nordsachsen. Die HWP-Mit- Das Chemnitzer Ratsmitglied Martin Kohlmann
wahl gab es daher gemeinsam mit Republikanern und glieder sind allesamt Anhänger der so genannten (33; er war bei den Republikanern und ist nun „pro
SVP eine gemeinsame und überaus erfolglose Wahl- Freiwirtschaftslehre des 1930 gestorbenen Sozialdar- Chemnitz“-Vorsitzender) wohnte dem Leipzig-Mee-
liste. Der Bündnis-Versuch – bis hin zu dem Plan, winisten, „Geldreformers“ und „Zinskritikers“ Silvio ting ebenso bei wie der Radebeuler Detlev Spangen-
SVP und DSU zu verschmelzen – war besonders für Gesell. Heutige Vertreter seiner Theorien werden re- berg (BAFV). „Pro Deutschland“ bezeichnete den
letztere folgenreich (siehe unten). Und in der SVP tut gelmäßig des Antisemitismus beschuldigt. „Gessprächskreis“ als „Führungsgremium konserva-
sich seitdem nicht mehr: Seit Monaten ist angeblich tiver Kräfte aus Ost- und Mitteldeutschland“.
ein „Regionalverband Nordsachsen“ in Gründung. In Deutsche Soziale Union (DSU) Einziger Beschluss des „Führungsgremiums“:
diesem Gebiet gibt es seit 2008 lediglich den von einer Eine unter DSU- und Pro-Label aufgezogene Pro-
Einzelperson betriebenen „Kreisverband Taucha“. Die bekannteste Kraft im „Bündnis für Freiheit und test-Postkarten-Aktion gegen den EU-Beitritt der
Demokratie“ ist die DSU. Doch deren sächsischer Türkei. Die Postkarten sollen nach Eigenangaben in
Freiheitliche Partei (FP Deutschlands) Landesverband ist seit der letzten Vorstandssitzung Leipzig verteilt worden sein.
am 18. September in Leipzig stark angeschlagen: Bei
Auch die FPD ist ein Phantom: Ihre „Bundesge- dieser Sitzung trat Karl-Heinz Obser (62) – das ein- Die Republikaner
schäftsstelle“ in Hoyerswerda ist eine Postfach- zige populäre Mitglied – als Landesvorstand zurück.
Adresse, die Landesverbände Sachsen und Sachsen- Obser saß für die DSU von 1999 bis 2009 im Leipziger Mangels Aktivität nicht zum BFD gehören die häufig
Anhalt existieren nur auf dem Papier, respektive im Stadtrat, gehörte außerdem zur CDU-Ratsfraktion totgesagten REPs. Deren letzte Auferstehung ging
Internet. In die Medien kam die FPD 2006 – damals und machte sie damit eine Zeit lang zur stärksten im Februar 2007 gründlich schief: Die Gründung
hatten sich Jürgen Schön (62) aus Leipzig und Klaus Kraft im Stadparlament. eines neuen Kreisverbandes Leipzig (siehe GAMMA
Baier (50) aus Annaberg-Buchholz der Partei ange- Davon abgesehen ist die DSU, die sich stark auf #176). Der ist mittlerweile „tot“, öffentliche Auftrit-
schlossen. Ebenso wie Mirko Schmidt waren auch ihre 89er-Traditionen beruft, personell immer stärker te – wie seinerzeit die Gründungsveranstaltung in
diese damaligen Landtagsabgeordneten nach weni- ausgedünnt. In ihren Reihen ist zwar auch der Anti- der Kneipe „Käfer“ – gibt es nicht, die Website ist
gen Monaten aus der NPD ausgetreten – gegen Baier kommunist und Burschenschafts-Freund Bernd-Rü- verwaist, der Landesverband sendet keine Mittelun-
standen u.a. Verfassungsschutz-Vorwürfe im Raum. diger Kern, Jura-Professor an der Universität Leipzig, gen mehr aus und die Jugendorganisation „Repub-
Das Intermezzo der beiden NPD-Dissidenten bei den aktiv. An der politischen Bedeutungslosigkleit der likanische Jugend“ hat in Sachsen erfreuliche null
„Freiheitlichen“ dauerte aber ebenfalls nur wenige DSU ändert das nichts. Mitglieder gewonnen.
Monate. Gefallen hat ihnen aber sicher das Parteipro- Obser ist offenbar infolge einer Diskussion um den Eine schlechte Bilanz, wegen der HTWK-Student
gramm: Im Stil der „Reichsbürger-Bewegung“ wird Zusammenschluss mit der SVP (s.o.) von seinem Amt Toralf Grau (24), der bisherige Landesvorsitzende,
dort eine „Verfassung für Deutschland“ anstelle des zurückgetreten. Das gemeinsame Wahlbündnis war am 17. November seinen Rücktritt von allen Ämtern
Grundgesetzes gefordert. erfolglos, zudem bestanden innerparteilich Zweifel und den umgehenden Austritt aus der Partei be-
Das letzte Mal äußerte sich die FPD im Jahr 2008 an Stärke und „Verfassungstreue“ der Partnerpartei. kannt gab. Auf seiner Website schrieb er: „In Sachsen
öffentlich. Damals wurde zu wöchentlichen Kundge- Obsers Nachfolger als Landesvorsitzender ist sein sind die Republikaner damit weder mit Abgeordne-
bungen in Leipzig gegen die Regierungskoalition und bisheriger Stellvertreter, Tobias Keller (46) aus Leip- ten noch mit funktionierenden Verbandsstrukturen
die Verhandlungen um den Lissaboner EU-Vertrag zig. Die Parteistrukturen sollen bei einem Parteitag präsent.“ Der stellvertretende Bundesvorsitzende
aufgerufen. Die beworbenen Kundgebungen haben im Frühjahr 2011 konsolidiert werden. Thomas Völker (32) aus Oelsnitz (Vogtland) hat nun
jedoch nie stattgefunden, der „Stadtverband Leipzig“ Und in diesem Prozess spielt Obser nach wie vor die kommissarische Leitung des Landesverbandes
geht auf das Engagement einer Einzelperson zurück. eine entscheidende Rolle. Schon im Oktober 2006 rief übernommen. Im Frühjahr 2011 steht regulär ein
Klaus Baier ist mittlerweile bei der DSU untergekom- Obser Sachsens „Freiheitliche Szene“, zu denen da- Landesparteitag an. Womöglich wird der Landes-
men, Jürgen Schön wieder parteilos. mals auch noch die „Republikaner“ gehörten, zu ei- verband aber noch vorher von der Parteileitung
ner gemeinsamen Wahlinitiative „Bündnis für Sach- aufgelöst. Das wäre das Anständigste, was man als
Bild links: Antikommunistische “Wende-Parolen” sen“ auf. Ziel: Der NPD ein paar Stimmen abnehmen. „Republikaner“ tun kann. ☐
sind beliebte Wahlwerbung der DSU. Aber auch Das „Bündnis für Sachsen“ firmierte als „Allianz
andere Motive zählen dazu: Für Schlagzeilen Demokratischer Parteien und Organisationen“ und Nachtrag: Kurz vor Redaktionsschluss, am 27.11.,
sorgten 2009 Plakate in Görlitz mit der Aufschrift lud die DSU-Oberlausitz zu einer “gemeinsamen
“Sicherheit statt Polenkult”. In Leipzig wurde ist ein Vorläufer des heutigen „Bündnis für Freiheit Veranstaltung konservativer Kräfte Sachsens” mit
dereinst “Für nationale Solidarität” geworben. und Demokratie“. Und die „Allianz“ verzeichnete da- BAFV, SVP und FPD nach Bautzen ein. Auf der
Apropos: Karl-Heinz Obser ist Mitglied im “Johan- mals kleine Erfolge: Im November 2006 traten Jürgen Einladung war vermerkt: “Wir wollen die patri-
niskirchturm e.V.” – dem Verein, der das Vermögen otischen Kräfte in Sachsen bündeln und bei den
des Neonazi-”Kulturverein Leipzig-West” im Falle Krumpholz, ehemaliger Chef der Görlitzer NPD, und Landtagswahlen 2014 als eine gemeinsame, kon-
seiner Auflösung erhält (siehe GAMMA #187). einige Gefolgsleute zur DSU über. Zur Allianz stießen servativ-patriotische Partei antreten.”
gamma 189 letzte worte

I m Jahr 1999 gründete sich die Hooligan-Gruppie-


rung „Des Fußballs Metastasen – Chemie Leipzig“,
damals noch als Verbund von Oi-Skins und nicht-
rechten Jugendlichen, die sich gerne prügeln wollten.
Ihre erste Fahne wurde vor dem 99er Derby im Con-
ne Island gemalt. Heute, mehr als zehn Jahre später,
ist aus dieser Anfangszeit nichts geblieben: Nur drei
der zehn Gründungsmitglieder sind noch aktiv und
statt der unpolitischen Attitüde prägt diese Gruppe
ein Nazi-Lifestyle samt Thor-Steinar-Outfit.
Ihren Ruf, „politisch neutral“ zu sein, konnten
die mittlerweile etwa 20 Metastasen nicht halten:
Beim Regionalligaspiel des FC Sachsen gegen den “Metastasen”-Mitglieder bei einem Spiel des FC Sachsen gegen FSV Zwickau. Mit TS-Jacke (l.) Frank Seemann,
mit Megafon Stephan Reimann, davor Christian Teschner. Vor ihm in Weiß: Elke Pinger, darüber Tino Finger.
FC St. Pauli im Mai 2004 liefen die Metastasen ge-
schlossen mit T-Shirt-Aufdrucken „Wir Leutzscher
wir sind arisch, teutonisch und barbarisch“ auf. Der
Spruch bezog sich auf den „Heimatstadtteil“ des FC
Des Fußballs Metastasen:
Sachsen Leipzig und war eine „Idee“ des 32-jährigen „arisch, teutonisch, barbarisch“
Jens „Ende“ Endmann. Der Nazi mit Ku-Klux-Klan-
Rückentattoo verschweigt seine politische Meinung „dummen Kommentaren“ seiner Fußball-Kumpels. Außerdem kamen sie mit einer erneuten T-Shirt-
nicht und geht gern mit „Old School Racist 18“- Man habe ihn „Vaterlandsverräter“ genannt – „auch Aktion zu „Ruhm“: Mit weißen Hemden reisten die
T-Shirt zum Fußball. Dort hielten sich die Metasta- noch, als wir schon wieder aus Rumänien zurück wa- Metastasen im November 2009 zum Oberligaspiel nach
sen zwar auffällig zurück, stießen dadurch aber auch ren“, erklärte Thümmler in der LVZ. Zwickau. Auf dem Rücken stand „Edi-Eht“ geschrie-
auf Akzeptanz, durften etwa bei der Bewirtung des Seit dem Weggang der „Diablos Leutzsch“ zur BSG ben – eine versächselte Variante des Nazi-Zahlencodes
Alfred-Kunze-Sportparks und der dazugehörigen Chemie Leipzig im Jahr 2008 zerbrach der Schein des „88“. Nachdem die ag.doc dies öffentich dokumentiert
Gaststätte „Sachsenstube“ aushelfen. Metastasen- Antirassismus beim FC Sachsen vollends. Die Metas- hatte, gab es zwar Kritik im Kreise des FC Sachsen. Ge-
Mitglieder arbeiteten in Faninitiativen mit und leiten tasen übernahmen eine Führungsposition in der Fan- ändert hat dies an den antisemitischen und homophob-
bis heute die Abteilung Volkssport des FC Sachsen. szene – und wurden wieder „auf der Straße“ aktiv, ben Sprüchen der „Metastasen“ nichts, im Gegenteil:
Vorfälle mit Metastasen-Beteiligung werden von etwa am 13. Februar in Dresden (wie Tobias „Meni“ Das Auftreten einiger ihrer Jungmitglieder entspricht
der Gruppe dargestellt als „Einzelaktionen, die nix Mennicke oder Christian Teschner). Bei einer Spon- dem der „autonomen Nationalisten“. Trotzdem spielen
mit unserer Gruppe zu tun haben! Die Metastasen tankundgebung vor der Odermannstraße 8 gegen die Metastasen keine große Rolle in der Leipziger Na-
sind unpolitisch!“ Dass sie und ihre Freunde das nie eine Kundgebung des „Ladenschlussbündnis“ 2008 ziszene. Sie sind dennoch eine Vereinigung zwar nicht
waren, zeigt ein Artikel über den 34-jährigen Meta- tauchte Stephan „Hasi“ Reimann auf. Und 2009 ha- immer politisch aktiver, aber prinzipiell gewalttätiger
stasen-Mitgründer Stefan „Thümmi“ Thümmler aus ben die Metastasen zusammen mit Nazis wie Tommy Nazis. Dies zeigt eine Reihe von Übergriffen in den ver-
der LVZ von 1998. Damals war er mit einem Street- „HC Maggot“ Hart, Stephan „Nowo“ Nowotny oder gangenen Jahren, bei denen die „Metastasen“ gemein-
work-Team für eine Spendenaktion nach Rumänien André Riedl in Lausen und Miltitz Mitglieder der sam mit Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig und
gefahren. Als er wiederkam, berichtete er von den „Diablos“ angegriffen. anderen braunen Gestalten aufgefallen sind. ☐

Weiterer Nazi-Brandanschlag, Vor zehn Jahren: ten auf die Kriminalisierungsversuche mit Spontanak-
diesmal in Limbach-Oberfrohna §129-Ermittlungen in Leipzig tionen und einer Antirepressionsdemo („System Check:
unser Staat ist in Ordnung!“) im Oktober 2001. Schon
Die Serie rechter Brandstiftungen in Sachsen, Seit April 2000 führte die Leipziger Staatsanwaltschaft im August 2000 berichtete das GAMMA über eine
über die wir in der vergangenen GAMMA-Ausga- ein Ermittlungsverfahren gegen AntifaschistInnen. Gruppe namens „Antifas gegen Repression“ (AgR), die
be berichtet haben, reißt nicht ab: In der Nacht
zum 13. November brannten die Räume eines Vorgeworfen wurde den Betroffenen ein Verstoß ge- auf diesem Wege mitteilen ließ:
Vereins in Limbach-Oberfrohna. Vorausgegangen gen den berüchtigten Paragraph 129 – „Bildung einer „Sollte der richterliche Beschluß aufrecht erhalten werden,
war ein gewalttätiger Angriff örtlicher Neonazis kriminellen Vereinigung“. Die Ermittlungen dauerten würden die Betroffenen nicht mehr aufzufinden sein. Dies be-
auf acht Jugendliche. Anschließend sammelten
sich weitere Nazis vor einem Jugendtreff. Diese ein Jahr und wurden erst im Mai 2001 – kurz vor der träfe auch alle weiteren eventuellen Fälle, in denen zwangswei-
Gruppe zog dann durch die Stadt, kurze Zeit spä- Einstellung mangels hinreichenden Tatverdachts – der se DNA–Erhebungen versucht würden. Die Repressionorgane
ter bracht Feuer im Vereinsdomizil aus. Die Poli- Öffentlichkeit und den Betroffenen bekannt. In der müßten damit rechnen, daß die so Verfolgten abtauchen“.
zei hat mehrere Tatverdächtige ermittelt.
Zwischenzeit war es in Leipzig zu einer Serie von Haus- Obwohl alle Vorwürfe haltlos waren, wurde zur sel-
Der betroffene Verein bittet um Spenden: durchsuchungen und Zwangsentnahmen von Blut- und ben Zeit die „Soko MAG“ („Militante Autonome Ge-
Soziale & Polit. Bildungsvereinigung Speichelproben gekommen. Antifas in Leipzig reagier- walttäter“) als Gegenstück zur „Soko Rex“ gegründet. ☐
Limbach-Oberfrohna
Kontonummer: 351 401 65 09
Bankleitzahl: 870 500 00
Sparkasse Chemnitz Infos über Neonazis nimmt die Antifa-Recherchegruppe entgegen: recherche-leipzig@riseup.net

Redaktionelles (Stand: 06.12.2010) Mehr zu Nazi-Aktivitäten:

• E-Mail: gammazine@no-log.org • Leipzig:  www.chronikle.org • Nordbayern: www.art-nb.de


• Dresden: venceremos.sytes.net/artdd.html • Recherche Nord: www.recherche-nord.com
• WWW: http://gamma.noblogs.org
• RDL: aardl.blogsport.de/investigatives • Recherche Ost: www.recherche-ost.com
Ihr könnt euch das GAMMA auf Wunsch bei • Dessau: www.infothek-dessau.de • Antifa-Infoblatt (AIB): www.antifainfoblatt.de
Erscheinen einer neuen Ausgabe zumailen • Berlin & bundesweit: www.apabiz.de • Der Rechte Rand: www.der-rechte-rand.de
lassen. Schreibt uns einfach eine E-Mail. • München: www.aida-archiv.de • Lotta (NRW): projekte.free.de/lotta/