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Rezension: Thomas Kuhn [1]

Christian J. Feldbacher & Stefan H. Gugerell

2009 erschien das vorliegende Buch Thomas Kuhn in der Reihe nach-
Gedacht  Moderne Klassiker im Verlag Mentis. Es umfasst 111 Sei-
ten. Die Autoren sind Daniela BailerJones und Cord Friebe. Erstere
war Privatdozentin für Philosophie und Leiterin der EmmyNoether
Nachwuchsgruppe am Philosophischen Seminar der Universität Heidel-
berg und ist 2006 verstorben. Letzterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Lehrstuhl für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie der Univer-
sität Bonn. Ziel der Reihe ist es, eine Einführung in die Werke prägender
Wissenschafter zu geben. Im Speziellen ist es Ziel des vorliegenden Ban-
des, eine Einführung für Studierende und interessierte Laien in das Werk
von Thomas Kuhn, näherhin in The Structure of Scientic Revolutions,
zu geben. Nimmt man allerdings die Behauptung im einleitenden Text
zur Reihe beim Wort, dann handelt es sich bei Kuhns Hauptwerk nach
Auassung der Reihenherausgeber um einen Klassiker der Analytischen
Philosophie. Wir teilen diese Meinung nicht, obgleich wir denken, dass
es ein Klassiker der Wissenschaftstheorie ist  dies ist ein Grund für uns,
diese Einführung zu Kuhns Hauptwerk zu rezensieren.
Im Buch werden hauptsächlich vier Themen, eingeteilt in vier Kapi-
tel, behandelt: (1) Eine Kurzbiographie zu Thomas Kuhn, (2) eine kurze
Darstellung von Kuhns Thesen, (3) eine Diskussion der Kuhnschen The-
sen von Karl R. Popper, Imre Lakatos und Paul Feyerabend, und (4) ein
Blick auf die weitere Entwicklung in der Wissenschaftstheorie nach einer
historizistischen Phase. Der Text zu den ersten zwei Kapiteln stammt
aus dem Nachlass von BailerJones, die beiden letzten Kapitel wurden
von Friebe verfasst. Wir nehmen im Folgenden aus Gründen der Einfach-
heit mit `die Autoren' Bezug auf den Verfasser der jeweils besprochenen
Textstelle. Wir überspringen die bibliographische Notiz zu Kuhn mit
dem Vermerk, dass eine Professur in Berkeley, Princeton und am MIT,
fünf Monographien und eine erkleckliche Anzahl an Artikel in renom-
mierten Zeitschriften, keine unauällige akademische Existenz (vgl. [1,
p.10]) auszeichnen, und behandeln (2) und (3) zusammengefasst. Zum
Schluÿ machen wir noch eine kurze Anmerkung zu (4).
Die Autoren weisen gleich zu Beginn der Darstellung von Kuhns The-
sen darauf hin, dass alle wissenschaftstheoretischen Positionen bestimm-

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te Eigenschaften haben: Einige Positionen sind rein normativ, einige rein


deskriptiv und einige sind sowohl normativ als auch deskriptiv (vgl. [1,
pp.11f]). Rudolf Carnap z.B. habe in seinen Werken Vorschläge dazu ge-
macht, wie wissenschaftliche Theorien begründet werden sollen (Begrün-
dungszusammenhang), habe aber z.B. nicht beschrieben, wie bestimm-
te Theorien tatsächlich entstanden sind (Entdeckungszusammenhang).
Carnaps Position, zu Beginn die des logischen Positivismus, später die
des logischen Empirismus, sei daher rein normativ. Kuhn hingegen habe
u.a. die Entstehung und Änderung von Theorien beschrieben (vgl. [1,
p.12]). Seine Position sei deshalb u.a. deskriptiv.

Dass eine Unterscheidung von Positionen anhand dieser Eigenschaf-


ten fruchtbar ist, ist leicht einzusehen: Wenn Popper z.B. behauptet,
dass jeder empirische Wissenschafter versuchen soll, Theorien zu falsi-
zieren, und wenn Kuhn z.B. behauptet, dass empirische Wissenschafter
im Allgemeinen nicht versuchen, Theorien zu falsizieren, dann behaup-
ten Popper und Kuhn nichts sich Widersprechendes. Wenn nun aber
Kuhn zusätzlich behauptet, dass nur wenige empirische Wissenschafter
versuchen sollen, Theorien zu falsizieren, dann kann der Groÿteil der
empirischen Wissenschafter nicht beide Vorschläge befolgen. Nicht im-
mer machen die Autoren klar, ob sie eine Behauptung von Feyerabend,
Kuhn, Lakatos oder Popper normativ oder deskriptiv verstehen. Wir
versehen im Folgenden Thesen, von denen wir glauben, dass die Auto-
ren sie rein normativ verstehen, mit einer vorangestellten Box (`2'), und
Thesen, von denen wir glauben, dass die Autoren sie rein deskriptiv ver-
stehen mit einem vorangestellten Strich (`−'). Als gemischt aufgefasste
Thesen versehen wir mit beiden Zeichen (z.B. versehen wir den Satz `Al-
le empirischen Wissenschafter versuchen, Theorien zu falsizieren.' mit
einem vorangestellten `2−', sofern wir glauben, dass damit sowohl die
Tatsachenbehauptung, dass alle empirischen Wissenschafter versuchen,
Theorien zu falsizieren, als auch z.B. die Norm `Alle empirischen Wis-
senschafter sollen versuchen, Theorien zu falsizieren!' aufgestellt wird).

Die Autoren stellen die Position Kuhns durch Erläuterung von zen-
tralen Ausdrücken und durch Angabe der zentralen Thesen der Position
dar. Wir versuchen diese Ausdrücke und Thesen anhand von verstreuten
Behauptungen und Bemerkungen im vorliegenden Band zu explizieren.
Z.B. nden sich relevante Behauptungen zum Gebrauch von `Normal-
wissenschaft' in [1, pp.25], weiter expliziert wird der Ausdruck erst
später in der Diskussion in [1, ab p.58]. Zwar wird dadurch ein genau-
eres Verständnis der Ausdrücke und Thesen erschwert, ein Verständnis
in heuristischer Weise wird jedoch didaktisch wertvoll vermittelt.
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Die zentralen Ausdrücke der Position Kuhns sind `Paradigma', `Nor-


malwissenschaft', `Anomalie', `Paradigmenwechsel', `inkommensurabel',
`wissenschaftliche Revolution' und `Zyklus'. Die Autoren halten fest, dass
der wichtigste Ausdruck, nämlich `Paradigma', von Kuhn mehrdeutig
verwendet wird (vgl. [1, p.49]). Sie heben zwei Verwendungen von Kuhn
hervor: (i) `Paradigma einer Wissenschaftsgemeinde' zur Bezeichnung
der Menge aller Überzeugungen, Werte und Techniken, die die Wissen-
schafter der Wissenschaftsgemeinde teilen (vgl. [1, p.50]) und (ii) `Pa-
radigma einer Wissenschaftsgemeinde' zur Bezeichnung der Menge von
typischen Problemen und typischen Problemlösungen, die in der Wis-
senschaftsgemeinde diskutiert oder angewendet werden (vgl. [1, pp.50f]).
Wir bemängeln, dass die Autoren die mehrdeutige Verwendung von `Pa-
radigma einer Wissenschaftsgemeinde' von Kuhn zwar ansprechen, selber
aber oen lassen, an welchen Stellen sie den Ausdruck im Sinne von (i)
und an welchen Stellen sie den Ausdruck im Sinne von (ii) verwenden.
Im Folgenden geben wir Bedeutungspostulate und Denitionen zu
den zentralen Ausdrücken, erschlossen aus dem vorliegenden Band, wie-
der. `Paradigma' verwenden wir im Allgemeinen dreistellig: `ist ein Pa-
radigma einer Wissenschaftsgemeinde in einem Zeitintervall', manchmal
aber auch einstellig, wobei die letzten zwei Stellen als existenziell weg-
quantiziert gedacht werden sollen. Zwei Zusammenhänge zwischen Pa-
radigmen und Wissenschaftsgemeinden sind:

Bedeutungspostulat(e) 1 (Paradigma im Sinne von (i) oder (ii)).


• Es gibt Wissenschaftsgemeinden ohne Paradigma (vgl. [1, p.26]).
D.h.: Es gibt Wissenschaftsgemeinden und Zeitintervalle derart,
dass kein Paradigma ein Paradigma der Wissenschaftsgemeinde
in dem Zeitintervall ist.
• Wissenschaftsgemeinden, die einmal ein Paradigma haben, haben
immer ein Paradigma (vgl. [1, p.34]). D.h.: Wenn es ein Paradig-
ma gibt, das ein Paradigma einer Wissenschaftsgemeinde in einem
Zeitintervall ist, dann gibt es für alle Zeitintervalle ein Paradigma,
das ein Paradigma der Wissenschaftsgemeinde im jeweiligen Zeit-
intervall ist.
Bedeutungspostulat(e) 2 (Normalwissenschaft).
• In der Normalwissenschaft gibt es ein vorherrschendes Paradig-
ma (vgl. [1, p.12 und p.27f]). D.h.: Wenn ein Wissenschaftsbe-
trieb einer Wissenschaftsgemeinde eine Normalwissenschaft in ei-
nem Zeitintervall ist, dann gibt es genau ein Paradigma, das ein
Paradigma der Wissenschaftsgemeinde in dem Zeitintervall ist.
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• In der Normalwissenschaft glaubt man, dass es für alle Probleme


des Paradigmas eine Lösung im Paradigma gibt (vgl. [1, p.28]).
D.h.: Wenn ein Wissenschaftsbetrieb einer Wissenschaftsgemein-
de eine Normalwissenschaft in einem Zeitintervall ist, dann gilt für
die Mehrzahl der Mitglieder der Wissenschaftsgemeinde und für al-
le Probleme, die ähnlich zu typischen Problemen des Paradigmas
der Wissenschaftsgemeinde in dem Zeitintervall sind: Die Mitglie-
der glauben, dass es für das Problem mindestens eine Problem-
lösung im Paradigma der Wissenschaftsgemeinde im Zeitintervall
gibt.

Unter `Problem' verstehen wir einen echten Fragesatz (das ist ein
Fragesatz, dessen Voraussetzungen alle wahr sind). Unter `Problemlö-
sung' verstehen wir einen Aussagesatz, der eine Antwort auf mindestens
ein Problem ist.

Denition 1 (Anomalie (vgl. [1, pp.30f])).Etwas ist eine Anomalie hin-


sichtlich eines Paradigmas einer Wissenschaftsgemeinde in einem Zeit-
intervall gdw

• es ein Phänomen ist, das von mindestens einem Mitglied der Wis-
senschaftsgemeinde beobachtet wurde, und

• wenn es für ein Problem, das eine Frage zum beobachtbaren Phä-
nomen ist, keine Problemlösung im Paradigma der Wissenschafts-
gemeinde im Zeitintervall gibt.

Denition 2 (Paradigmenwechsel (vgl. [1, p.12 und p.38])). Etwas ist


ein Paradigmenwechsel einer Wissenschaftsgemeinde von einem Para-
digma in ein anderes gdw es eine zweigliedrige Folge von Wissenschafts-
betrieben ist, und wenn es ein Zeitintervall gibt, sodass

• das erste Glied der Folge der Wissenschaftsbetrieb der Wissen-


schaftsgemeinde in dem Zeitintervall ist, und

• das erste Glied eine Normalwissenschaft ist, und

• das eine Paradigma ein Paradigma der Wissenschaftsgemeinde in


dem Zeitintervall ist, und

• es ein auf das Zeitintervall folgendes Zeitintervall gibt, sodass das


andere Paradigma ein Paradigma der Wissenschaftsgemeinde in
dem folgenden Zeitintervall ist, und
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• das zweite Glied der Folge der Wissenschaftsbetrieb der Wissen-


schaftsgemeinde in dem folgenden Zeitintervall ist.
Bedeutungspostulat(e) 3 (inkommensurabel).
• Man kann nicht gleichzeitig zwei inkommensurablen Paradigmen
verhaftet sein (vgl. [1, p.13]). D.h.: Wenn ein Paradigma mit ei-
nem anderen Paradigma inkommensurabel ist, dann gibt es keine
Wissenschaftsgemeinde und kein Zeitintervall, sodass das eine Pa-
radigma ein Paradigma der Wissenschaftsgemeinde in dem Zeitin-
tervall ist und das andere Paradigma ein Paradigma der Wissen-
schaftsgemeinde in dem Zeitintervall ist.
• Alle inkompatiblen Paradigmen sind inkommensurabel (vgl. [1, p.54]).
D.h.: Wenn es Problemlösungen gibt, die sich logisch widersprechen
und eine davon eine Problemlösung in einem Paradigma ist und die
andere eine Problemlösung in einem anderen Paradigma ist, dann
sind beide Paradigmen inkommensurabel.
• Inkommensurabilität tritt nur dann auf, wenn man sich nicht über
Regeln und Bedeutungen einig ist (vgl. [1, p.14, p.39 und p.54].
D.h.: Wenn ein Paradigma mit einem anderen Paradigma inkom-
mensurabel ist, dann gibt es keine objektiven Kriterien für eine
vergleichende Bewertung der Paradigmen).
Denition 3 (wissenschaftliche Revolution (vgl. [1, p.12, p.41])). Et-
was ist eine von einem Paradigma zu einem anderen Paradigma führende
wissenschaftliche Revolution in einer Wissenschaftsgemeinde gdw
• es ein Paradigmenwechsel der Wissenschaftsgemeinde von dem einen
Paradigma in das andere Paradigma ist, und wenn
• beide Paradigmen inkommensurabel sind.
Denition 4 (Zyklus (vgl. [1, p.13])). Etwas ist ein Zyklus in ei-
ner Wissenschaftsgemeinde gdw es eine dreigliedrige Folge von Wissen-
schaftsbetrieben der Wissenschaftsgemeinde ist, sodass es drei aufeinan-
derfolgende Zeitintervalle gibt, derart:
• Das erste Glied ist eine Normalwissenschaft der Wissenschaftsge-
meinde im ersten Zeitintervall, und:
• Das zweite Glied ist ein Wissenschaftsbetrieb der Wissenschafts-
gemeinde im zweiten Zeitintervall, und die Mehrzahl der Wissen-
schaftsgemeinde kennt mindestens eine Anomalie hinsichtlich des
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Paradigmas der Wissenschaftsgemeinde im zweiten Zeitintervall,


und:
• Das dritte Glied ist eine Normalwissenschaft der Wissenschaftsge-
meinde im dritten Zeitintervall, und:
• Es gibt eine vom Paradigma der Wissenschaftsgemeinde im ers-
ten Zeitintervall zum Paradigma der Wissenschaftsgemeinde im
dritten Zeitintervall führende wissenschaftliche Revolution in der
Wissenschaftsgemeinde.
Die zentralen Thesen der Position Kuhns sind:

These 1 (Wissenschaftsbetrieb). 2− Der GesamtWissenschaftsbetrieb


einer Wissenschaftsgemeinde, das ist die Menge aller wissenschaftlichen
Handlungen aller Mitglieder der Wissenschaftsgemeinde, lässt sich voll-
ständig in Zyklen der Wissenschaftsgemeinde einteilen.
Wir glauben, dass die Autoren These 1 in [1, p.83] rein deskriptiv
und in [1, p.84] rein normativ oder gemischt verstehen. Aus These 1 und
Denition 3 folgt eine These der Inkommensurabilität:

These 2 (Inkommensurabilität). (vgl. rein deskriptiv in [1, p.16]; rein


normativ wird nahegelegt in [1, p.93, Punkt 2.]) 2− Wenn etwas ein
Paradigmenwechsel einer Wissenschaftsgemeinde von irgendeinem Pa-
radigma in irgendein anderes Paradigma ist, dann sind die beiden Para-
digmen inkommensurabel.
Nachweis. Mit These 1 folgt, dass jeder Paradigmenwechsel einer jeden
Wissenschaftsgemeinde von irgendeinem Paradigma in irgendein ande-
res Paradigma eine, von dem einen Paradigma zum anderen Paradigma
führende, wissenschaftliche Revolution in der Wissenschaftsgemeinde ist.
Mit Denition 3 folgt die Behauptung.

Mit dem Nachweis wird, wie wir denken, sehr schön gezeigt, dass die-
se schwache These der Inkommensurabilität nicht trivial wahr ist: Man
ist vielleicht geneigt, da Kuhn `Zyklus' mit `wissenschaftliche Revoluti-
on' und `wissenschaftliche Revolution' wiederum mit `inkommensurabel'
charakterisiert, anzunehmen, dass eine These der Inkommensurabilität
denitorisch wahr ist. Der Nachweis zeigt jedoch, dass man zur Stützung
der hier formulierten These der Inkommensurabilität, zumindest für die-
sen Nachweis, noch These 1 als wahr voraussetzen muss, und da These
1 nicht analytisch ist, ist auch die hier formulierte These der Inkommen-
surabilität nicht analytisch.
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Unter der Zusatzannahme, dass Theorienbewertung und Paradig-


menbewertung objektiv ist:

Bedeutungspostulat(e) 4 (Paradigmenbewertung (vgl. [1, p.41 und


p.45])). Ein Paradigma ist nur dann besser oder fortschrittlicher als ein
anderes Paradigma, wenn es objektive Kriterien für eine vergleichende
Bewertung der Paradigmen der Wissenschaftsgemeinden in Zeitinterval-
len gibt.
folgt mit den Bedeutungspostulaten 3 und These 2, dass es keinen
wissenschaftlichen Fortschritt gibt:

These 3 (Wissenschaftlicher Fortschritt). (vgl. rein deskriptiv in [1,


p.14] und rein normativ in [1, p.82]) 2− Kein Paradigma einer Wis-
senschaftsgemeinde in einem Zeitintervall ist besser oder fortschrittlicher
oder nicht besser oder nicht fortschrittlicher als ein anderes Paradigma
der Wissenschaftsgemeinde im darauolgenden Zeitintervall.
Nachweis. Mit These 2 folgt, dass zwei Paradigmen, die Paradigmen ir-
gendeines Paradigmenwechsels irgendeiner Wissenschaftsgemeinde von
dem einen Paradigma in das andere Paradigma sind, inkommensurabel
sind. Mit den Bedeutungspostulaten 3 folgt, da beide Paradigmen inkom-
mensurabel sind, dass es keine objektiven Kriterien zur vergleichenden
Bewertung der zwei Paradigmen gibt. Mit Bedeutungspostulat 4 folgt
die Behauptung.

Anmerkung zu Bedeutungspostulat 4: Die Autoren behaupten, dass


ein Unterschied zwischen der logisch empiristischen Position und der
Kuhnschen Position darin liegt, dass Vertreter der logisch empiristi-
schen Position davon ausgingen, dass Beobachtungssprache sinnvoller-
weise auch theorieunabhängig verwendet werden kann, während Kuhn
davon ausgehe, dass Beobachtungssprache theoriebeladen ist, d.h. nur
sinnvollerweise relativ zu einer Theorie verwendet werden kann (vgl. [1,
p.17]). Mit unserer Formulierung `eine Beobachtungssprache kann theo-
rieunabhängig sinnvollerweise verwendet werden' meinen wir genauer ge-
sagt: Die beobachtungssprachlichen Ausdrücke der Beobachtungssprache
werden von allen Sprachbenützern der Beobachtungssprache ohne Deni-
tionen (einer Theorie) verstanden. Die Autoren legen weiters nahe, dass
Kuhn der Ansicht sei: Wenn und nur wenn eine Beobachtungssprache
sinnvollerweise theorieunabhängig verwendet werden kann, dann sind die
Wahrheitswerte von einigen Sätzen der Beobachtungssprache ein objek-
tives Kriterium zur Theorien oder Paradigmenbewertung (vgl. [1, p.17
und p.45]). Diese Behauptungen sind ähnlich zu Bedeutungspostulat 4.
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Ein Vergleich der Thesen 1 bis 3 mit Thesen von Positionen von
Popper, Lakatos und Feyerabend führt die Autoren zu folgendem Er-
gebnis (für diese vereinfachte Übersicht ist vorausgesetzt, dass man in
den Thesen `Theorie', `Paradigma' und `Forschungsprogramm' teilweise
gegenseitig substituiert):

Position von These 1 These 2 These 3


Kuhn 2− 2− 2−
Popper (vgl. [1, p.66]) −
Lakatos (vgl. [1, p.70 und p.73]) 2−
Feyerabend (vgl. [1, p.82 und p.87]) 2− 2−

Besonders hervorheben möchten wir die klare Darstellung der Posi-


tion von Lakatos hinsichtlich These 3: Lakatos deniert die Prädikate
`progressiv' und `degenerativ' aus einer Menge von Forschungsprogram-
men. Aus Gründen der einfacheren Darstellung vereinfachen wir unsere
Sprechweise, indem wir nicht von Forschungsprogrammen sondern von
Paradigmen sprechen wollen. Sehr verkürzt ausgedrückt ist ein Paradig-
ma progressiv relativ zu einem anderen Paradigma genau dann, wenn
darin alle Probleme erklärt werden können, die auch im anderen Pa-
radigma erklärt werden können, und wenn darin mehr Probleme vor-
hergesagt werden können, als mit dem anderen Paradigma vorhergesagt
werden können (vgl. [1, pp.73f]). Diese klare Darstellung  noch einmal
verkürzt ausgedrückt als: Ein Paradigma ist progressiv relativ zu einem
anderen genau dann, wenn es mindestens gleichen Erklärungsgehalt als
das andere und gröÿeren Vorhersagegehalt als das andere hat  hat eine
Ähnlichkeit zu einer von Poppers Denitionen zur Wahrheitsnähe. Dies
wiederum werten wir bestätigend für die, wenngleich auch nicht neue,
Behauptung der Autoren, dass Lakatos' Position eine Art Vermittlung
zwischen den Positionen von Kuhn und Popper sei (vgl. [1, p.70]).
In den Ausführungen zur weiteren Entwicklung in der Wissenschafts-
theorie nach Kuhn stellen die Autoren, sehr gut beobachtet, fest: In der
Entwicklung der modernen Wissenschaftstheorie wurden Experimente
zur wissenschaftstheoretischen Bewertung von empirischen Theorien als
immer weniger relevant angesehen. Sie stützten dies mit der Behaup-
tung, dass bei Popper Experimente nur mehr relevant hinsichtlich einer
Begründung empirischer Theorien seien, bei Kuhn sogar letztere Rele-
vanz wegfalle (vgl. [1, p.96]). Wir ergänzen: U.a. vor Popper wurde von
hartgesottenen Induktivisten vertreten, dass Experimente auch relevant
hinsichtlich einer Entdeckung empirischer Theorien sind  im Sinne von
`Induktion als Methode für die Bildung von Hypothesen'.
Christian J. Feldbacher & Stefan H. Gugerell: Rezension 99

Im Ausblick zur Entwicklung in der Wissenschaftstheorie führen die


Autoren die relevanten wissenschaftstheoretischen Positionen an, u.a.
die strukturalistischen Positionen von Joseph D. Sneed und Wolfgang
Stegmüller, aber auch den Bayesianismus. Eine Prognose der Autoren
zur Entwicklung von letzterem mithilfe der Positionen von Popper und
Kuhn erachten wir als zum Schmunzeln anregenden Schluss.
Das Buch bietet einen einfachen Einstieg in das Hauptwerk von und
die Diskussion um Kuhn. Es ist, nicht unüblich hinsichtlich Literatur zum
selben Gegenstandsbereich, heuristisch. Als Kennzeichen für heuristische
Texte erachten wir u.a.:

• Groÿteils allgemeine Ausdrucksweise im Text (wechselnder Gegen-


standsbereich wie z.B. in [1, p.16]: Paradigmen [sind] inkommensu-
rabel und in [1, p.57]: Inkommensurabilität von Theorien, wech-
selnde Stellenzahl von Prädikaten, etc.);

• Häuges Vorkommen von Metaphern und Analogien im Text (auch


zur Erläuterung zentraler Ausdrücke wie z.B. in [1, p.45]: Die Welt
ändert sich und bleibt doch auch wieder dieselbe für `Die Beob-
achtungssprache ist theoriebeladen.', gleichso in [1, p.62]: [Eine]
Allaussage alleine vor das Tribunal der Erfahrung tritt für `Ein
Beobachtungssatz ist ein potentieller Falsikator einer Allaussa-
ge.');

Obwohl dieses Buch diese Eigenschaft hat, nden sich darin detaillierte-
re Ausführungen (z.B. in [1, p.61], wo sehr genau auf einen Unterschied
zwischen einer Verwendung von `gilt als falsiziert' und `ist falsizierbar'
geachtet wird). Zudem erlaubt es auch, wie wir ansatzweise zu zeigen ver-
sucht haben, eine weiterführende Präzisierung. Im Groÿen und Ganzen
erachten wir das Buch als eine gute Einführung und empfehlen es dem
Laien hinsichtlich Kuhns Position mit dem Wunsch: Mögen in ihm bei
der Lektüre weitere Präzisierungsvorschläge reifen!

Literatur
[1] Daniela Bailer-Jones und Cord Friebe. Thomas Kuhn. Mentis, Pa-
derborn, 2009. 111 Seiten, 14,80A
C[D], ISBN: 978-3-89785-503-8.