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sciencefiles.org/2020/02/29/wer-solche-wissenschaftler-hat-der-braucht-keine-ideologen-trotz-
hufeisentheorie-kein-gluck-beim-denken
February 29,
2020

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Am 19. Februar 2020 hat sich jemand namens Johannes Wallat in einem Text mit dem
Titel „Extremismus – links ist nicht gleich rechts “ von n-tv.de in den Dienst der
Verbreitung von fake news gestellt (oder stellen lasen), deren Urheber der seit 2010 im
Ruhestand befindliche Hajo Funke ist, der vor seinem Übergang in den Ruhestand
Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin lehren und betreiben sollte.

Die FU Berlin stellt noch immer eine Seite für Hajo


Funke bereit, obwohl er seine Anstellung beim
Kultusministerium in Berlin seit nunmehr zehn
Jahren nicht mehr inne hat. Dennoch wird er auf
den entsprechenden Seiten der FU Berlin ebenso
wie von Johannes Wallat, dem Verfasser des oben
genannten Textes auf n-tv.de, als „Professor
Funke“ dargestellt, was einen Mißbrauch von
Titeln und Kennzeichen darstellt, denn „Prof.“
bezeichnet ja eben das Angestelltenverhältnis
eines Hochschullehrers und ist kein akademischer
Titel. Wer nicht als Hochschullehrer an einer
Hochschule angestellt ist bzw. eine Anstellung mit
Bezahlung nach entsprechender Gehaltsliste
innehat, der ist kein „Professor“. Der höchste
akademische Titel , den Herr Funke führt und als
solchen unabhängig von einem
Angestelltenverhältnis führen darf, lautet „Dr.“

Offensichtlich basiert die Titelwischerei, die hier betrieben wird, auf der Annahme vieler
Ewiggestriger, nach der irgendjemand jemand anderem einfach deshalb glauben würde,
was er von sich gibt, weil er an einer Hochschule angestellt ist und nach Professorentarif
bezahlt wird. Und dieser Auffassung entspricht der Verweis auf der Dr. Funke-Seite der
FU Berlin, dass man doch „Interviewanfragen an Prof. [!] Funke […] bitte an die FU-
Pressestelle [richten]“ solle.

Dem Ruheständler Dr. Funke werden auf der Seite der FU Berlin die folgenden
(ehemaligen) „Arbeitsschwerpunkte“ zugeschrieben:

• Vergleichende Politische Kulturforschung


• Autoritarismus, Rechtsextremismus
• Migration, Fremdendenfeindlichkeit und Antisemitismus
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• Verarbeitung der beiden deutschen Diktaturen
• Analyse von Staatsautoritarismus und Genozidpolitik

Wallat bezeichnet Dr. Funke in seinem Text als „Politikwissenschaftler und


Extremismusforscher“, und unterschlägt dabei, dass Dr. Funke kein Extremismusforscher
ist (ich würde auch Ersteres bestreiten, aber dazu später), sondern jemand, der sich
überhaupt nicht für Extremismus als solchen interessiert, sondern ausschließlich für
Rechtsextremismus. Die Publikationsliste, die für Dr. Funke auf der entsprechenden FU
Berlin-Seite präsentiert wird, belegt dies auf eindringliche Weise:

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Publikationen
Eigene Publikationen
• Gott Macht Amerika. Ideologie, Religion und Politik der us-amerikanischen Rechten.
Berlin, 2006, Verlag Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 7.
• Der amerikanische Weg. Hegemonialer Nationalismus in der US-Administration. Berlin,
2003, Verlag Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 5.
• Paranoia und Politik: Rechtsextremismus in der Berliner Republik. Berlin, 2002, Verlag
Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 5.
• Zusammenhänge zwischen rechter Gewalt, Einstellungen in der Bevölkerung sowie der
Verantwortung von Öffentlichkeit und Politik”, in: Christoph Butterwegge/Georg
Lohmann: Jugend, Rechtsextremismus und Gewalt. Analysen und Argumente (Opladen:
Leske & Budrich, 2001), S. 61 – 80.
• “Wir haben sechs Juden erschossen: So steht es im Tagebuch. Ich weiss es nicht.” In
Schuld verstrickt, die nicht tilgbar ist?”, in: Hildegard Kramer (Hrsg.), Die Gegenwart der
NS- Vergangenheit (Berlin: Philo Verlag, 2001).
• Hajo Funke, Thomas Skelton-Robinson, “Versenkt das Schlachtschiff Auschwitz.”
David Irving – eine Karriere im braunen Netz. Berlin, 2002 (im Erscheinen)
• Hajo Funke, Alexander Rhotert, Unter unseren Augen: Ethnische Reinheit. Die Politik
des Milosevic- Regimes und die Rolle des Westens. Berlin: Verlag Das Arabische Buch
(Schriftenreihe Politik und Kultur am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der
Freien Universität Berlin, Bd. 2, 1999)
• “Die Republikaner”, in: Jens Mecklenburg (Hrsg.), Die braune Gefahr (Berlin: Elefanten
Press, 1999).
Co-Publikationen mit Dr. Lars Rensmann
• Hajo Funke, Lars Rensmann, Micha Brumlik, Umkämpftes Vergessen: Walser-Debatte,
Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik (Berlin: Das Arabische Buch
(Schriftenreihe Politik und Kultur am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Bd.3, 2000).
• Hajo Funke, Lars Rensmann: “Kinder der Einheit: Die soziale Dynamik des
Rechtsextremismus”, Blätter für deutsche und internationale Politik 9 (2000), S. 1069 –
1078.
• Hajo Funke, Lars Rensmann, Hans-Peter Waldhoff: “Neuer Rechtsextremismus in
Deutschland: Zeitgenössische Erscheinungsformen, Ursachen, Dynamiken”, (Berlin 2002,
im Erscheinen)

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Konnten Sie eine Arbeit zu „Extremismus“ als
solchem finden oder speziell zu
Linksextremismus? Nein? Ich auch nicht. Dr.
Funke mag ausschließlich die „braune
Gefahr“ beschwören, aber keine „rote“ oder
„grüne“. Das sagt, wenn nicht alles, so doch
sehr viel, und ist als Hintergrundinformation
zu den „fake news“, die Wallat Dr. Funke für
n-tv.de verbreiten lässt, unerläßlich.

Nun zum Text von Wallat auf n-tv.de. Der


Text dient allein dazu, den Lesern von der
vermeintlichen Autorität, die sich aus einer
ehemaligen Anstellung an einer Universität
und einer „Extremismus“-Publikationsliste
mit erheblicher ideologischer Schlagseite
erschöpft, mitteilen zu lassen, dass
Linksextremismus ganz anders sei als
Rechtsextremismus. Damit das Ganze
wissenschaftlich klingt, wird eine „Hufeisentheorie“ beschrieben, die Dr. Funke so
beschreibt (wohl im mündlichen oder schriftlichen Interview; das bleibt unklar):

„In diesem Modell ziehen sich die beiden extremen Enden des politischen Spektrums an
oder ergänzen sich sogar und bewegen sich wie Magnete aufeinander zu. Man unterstellt,
dass rechts ist wie links, rechtsextrem wie linksextrem und dass beide für Gewalt und
gegen den Verfassungsbogen des demokratischen Zentrums oder der demokratischen
Mitte sind”.

So weit, so gut, auch, wenn es für einen angeblichen Wissenschaftler ziemlich


ungewöhnlich ist, von “unterstellen“ mit Bezug auf eine wissenschaftliche Theorie zu
sprechen (– “unterstellt” werden normalerweise die Prämissen, auf denen Theorien und
Hypothesen beruhen, während Theorien aufgestellt oder formuliert werden). Man darf
unterstellen, dass die Verwendung des Verbes „unterstellen“ im Text von Wallat ein
Ausdruck der Ablehnung der so beschriebenen Theorie ist.

Und tatsächlich:

„Unter Politikwissenschaftlern und Extremismusforschern gilt das Modell weithin als


überholt und als zu eindimensional, um die politische Realität zu beschreiben. Trotzdem
wird die Hufeisentheorie immer wieder herangezogen”.

So verkündet Wallat; löblicherweise wollte sich zu dieser vollmundigen – und sachlich


falschen – Behauptung Dr. Funke nicht hergeben. Dass die Behauptung sachlich falsch
ist, darf man schon deshalb vermuten, weil es Wallat nicht gelungen ist, auch nur einen

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einzigen der angeblich vielen „Politikwissenschaftler und Extremismusforscher“, die
angeblich dieses Modell „überholt“ finden, und eine einzige entsprechende Arbeit zu
finden.

Vielleicht hat er es auch gar nicht versucht. Vielleicht hat er dem Fehlschluss ad
auctoritatem den Fehlschluss der falschen Generalisierung hinzugesellt, sofern Dr. Funke
Anlass gegeben haben sollte, die starke Behauptung wie oben zitiert, zu suggerieren. Hat
er? Nein. Das hat er tatsächlich nicht. Vielmehr fährt Wallat fort mit

„Beliebt ist sie vor allem in rechten Kreisen mit bipolarer Weltsicht, erklärt Funke:

“In Deutschland ist sie unter anderem verbunden mit dem


rechtskonservativen Theoretiker Eckhard Jesse, der aus
einem Kalten-Kriegs-Verständnis der 80er- und frühen
90er-Jahre heraus argumentiert und den
Rechtsextremismus wie auch die AfD relativiert. Dieses
Konzept tut so, als sei es ganz neutral, tatsächlich richtet es
sich aber vor allem gegen die Linke. Es kann die
Unterschiede zwischen einer pragmatischen Linken, einer
extremen Linken und einer gewaltbereiten Linken nicht
erfassen”

Weder Wallat noch Funke sind also willens oder im Stande,


auch nur einen einzigen Beleg dafür vorzubringen, dass
angeblich „[u]nter Politikwissenschaftlern und
Extremismusforschern […] das Modell weithin als überholt
und als zu eindimensional [gilt]“. Statt dessen wird als Kritik an der „Hufeisentheorie“ von
Dr. Funke – wie die Anführungszeichen anzeigen – genannt, dass es verbunden sei mit
jemandem, den Dr. Funke „rechtskonservativ“ findet und den er anscheinend – deshalb
?! – nicht mag, und dass das „Konzept“, das gerade noch eine Theorie war –
Wissenschaftler kennen normalerweise den Unterschied –, ein hinterlistiges, böses
kleines Konzept ist, das Leute täuscht, indem es vorgibt, „neutral“ zu sein, aber es
eigentlich gar nicht ist, denn es richte sich angeblich „vor allem gegen Linke“ – „Linke“
wohlgemerkt, nicht gegen „Linksextreme“, wie man meinen würde, wenn Dr. Funke die
Hufeisentheorie richtig beschrieben haben sollte.

Aber wo erläutert Dr. Funke den Lesern den Unterschied zwischen einer pragmatischen
Rechten, einer extremen Rechten und einer gewaltbereiten Rechten? Hier ermangelt es
ihm anscheinend an differenziertem Denken, ist er – um die logisch falsche Formulierung
von Wallat zu entleihen – „zu eindimensional“ (logisch falsch, denn etwas ist entweder
eindimensional oder mehrdimensional, es kann nicht „zu“ eindimensional sein!).

Ihr Geschimpfe gegen ein anscheinend belebtes Konzept, das eine Theorie ist (oder auch
nicht), aber jedenfalls böse, weil gegen „Linke gerichtet“, ist, erschien unseren neutralen
Gesinnungsaufklärern Wallat und Funke wohl selbst nicht besonders überzeugend, denn
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Wallat setzt in seiner argumentativen Hilflosigkeit nach:

„Kritiker der Theorie sind sich einig: Die Unterschiede zwischen Rechts- und
Linksextremismus sind größer und wiegen schwerer als ihre Gemeinsamkeiten, etwa in
Bezug auf Verfassungsfeindlichkeit, Gewalt oder Antisemitismus“

Abgesehen davon, dass Wallat wieder ein argumentum ad auctoritatem versucht, aber
keinen einzigen „Kritiker“ dieser „Theorie“, die doch gerade eben in ein „Konzept“ mutiert
wurde, nennen kann, wird ein anderer billiger rhetorischer Trick angewendet – ob
wissentlich oder aus genuiner kognitiver Beschränkung heraus, bleibt unklar:

Um vorzutäuschen, dass ein allgemeiner Satz von der Unterschiedlichkeit zweier Dinge
belegt werden könne, wird eine Reihe spezieller Merkmale genannt, und in der Reihe
stehen diejenigen, die das Gegenteil belegen oder die Unähnlichkeit fragwürdig
erscheinen lassen, vorne, während hinten als gedanklicher „Anker“ dasjenige bleibt, was
am ehesten dazu geeignet ist, sozusagen per definitionem nicht anders kann als einen
Unterschied zu suggerieren. Und deshalb gehen Wallat bzw. Dr. Funke – wen, bitte, soll
das überraschen!? – nicht auf Verfassungsfeindlichkeit oder Gewalt ein, sondern auf
Anti-Semitismus:

„Für Hajo Funke ist der Unterschied etwa beim Antisemitismus groß:“Antisemitische
Straftaten werden heute zu neun Zehntel von Rechtsextremen begangen. Wenn man nun
sagt, es gibt gleichermaßen linken wie rechten Antisemitismus, so ist das auch inhaltlich
meist falsch. Unter linken oder extremen Linken gibt es einen auf Israel bezogenen
Antisemitismus, wenn etwa die Kritik an Israel bezogen wird auf die eigene
nationalsozialistische Geschichte und das gleichgesetzt wird“

Das Hintertürchen, das hier benutzt wird, besteht in der Wahl des Wortes „inhaltlich“,
denn ja, „Antisemitismus“ ist ein Inhalt, und Antisemitismus mag unter Linksextremen
seltener sein als unter Rechtsextremen. Der Inhalt „Antikapitalismus“ ist ein anderer
Inhalt, und er ist geradezu ein charakterisierenden Merkmal von Linksextremen, aber
nicht oder nur teilweise von Rechtsextremen.

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Ein Konzept wie „Extremismus“ ist aber eben das – ein
Konzept. Wenn es irgendeine Relevanz für die reale Welt
haben soll, muss es durch konkrete Inhalte
operationalisiert werden, z.B. Antisemitismus oder
Antikapitalismus, Gewaltbereitschaft, Bereitschaft,
Freiheitsrechte einzuschränken, etc. Wenn ich
ausschließlich Inhalte wähle, die typisch sind für das, was
man mit Rechtsextremismus verbindet, aber keine, die
typisch sind für das, was man mit Linksextremismus
verbindet, dann „gibt“ es keinen Linksextremismus; ich
habe ihn gerade hinwegdefiniert. Das ist entweder ein
absichtliches Täuschungsmanöver oder ein peinlicher
Anfängerfehler, jedenfalls nichts, was einem
Wissenschaftler normalerweise unterläuft, denn ein
Wissenschaftler kennt sein Handwerkszeug.

Tue ich Wallat und Funke vielleicht Unrecht? Immerhin


geht es weiter im Text mit :

„Ähnlich verhält es sich für den Extremismusforscher


beim Thema Gewalt“

Aha. Wer meint, es würden nunmehr Belege für die Nicht-


Existenz von Gewalt durch Linksextreme angeführt oder
für irgendwie weniger oder weniger schlimme Gewalt
durch Linksextreme angeführt, der irrt. Der Text fährt
statt dessen mit dem Versuch fort, allgemeine Sätze durch
ein einziges Beispiel belegen zu wollen, diesmal in der
dümmlichen Variante der „Mit Blick“-Sätze:

„Mit Blick auf die Situation in Thüringen rund um die


Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten,
wo Linke und AfD vor allem von Vertretern von CDU
und FDP als gleichermaßen extremistisch bezeichnet
werden, zeige sich, dass man die Lager eben häufig nicht
gleichsetzen könne: “Björn Höcke entwirft in seinem
Kampfbuch ‘Nie zweimal in den gleichen Fluss’ eine
Strategie der Gewalt, wenn er an der Macht ist. Er will mit
‘wohltemperierter Grausamkeit’ Millionen von Migranten
aus dem Land verbannen. Das geht nicht ohne extreme
Gewalt. Das finden wir bei der pragmatischen Linken,
also etwa der Partei Die Linke, nicht“.

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Dr. Funke hat anscheinend weder von den Opfern des Stalinismus noch von den
massiven Sachbeschädigungen durch Linksextreme anläßlich des G20 in Hamburg noch
von den Todesschüssen an der Mauer der DDR noch Phantasien der vielversprechenden
jungen Generation, Erwachsene, die entsprechend (eben wie Erwachsene) denken, an die
Wand zu stellen, gehört. Dr. Funke ist wie oben bereits berichtet seit zehn Jahren im
Ruhestand – mag das eine Erklärung sein für die Übernahme seiner kognitiven Vorgänge
durch ideologischen Blödsinn statt realer Fakten?!

Und dann kommt die Stelle, an der Dr. Funke im Text „die Bombe“ fallen lässt: Die
„Hufeisen-Annahme“, die jetzt, nachdem sie Unterstellung, dann Theorie, dann Konzept
war, eine „Annahme“ ist, ist „absurd“, denn:

„Wenn wir der Hufeisen-Annahme folgen, haben wir das erste Mal die Situation, dass die
Mehrheit extrem ist und deshalb keine mehrheitsfähige Regierung zustandekommt. Das
ist absurd.“

Die „Hufeisen-Annahme“ beinhaltet m.W. keine Aussage über das zahlenmäßige


Verhältnis von Linksextremen, Mitte und Rechtsextremen. Ganz so, wie einige
Zeitgenossen vom Spott der Menschen in Deutschland unabgeschreckt behaupteten, die
„Mitte“ sei inzwischen „rechts“, müsste es – bei entsprechender inhaltlicher
Operationalisierung – möglich sein, dass die „Mitte“ inzwischen linksextrem geworden ist,
oder!?

Das Problem ist hier wieder das inhaltliche


Denken bzw. das Denken, nach dem dann,
wenn eine „Mehrheit“ einen Standpunkt
habe, dieser Standpunkt eben deshalb,
weil die Mehrheit ihn hat, nicht extrem sein
könne. Hier verwechseln Wallat und Dr.
Funke Extremismus als Konzept mit
extremen Werten in einer statistischen
Verteilung bzw. einer
Häufigkeitsverteilung. Wenn beides
gleichzusetzen wäre, dann wäre der lange
Marsch durch die Institutionen, wie
Linksextreme ihn zwecks spätestens
Systemüberwindung seit den 1960er- Folgen von Kommunismus:
People dead from starvation during the
Jahren angestrebt haben, nichts anderes
Holodomor, Ukrainian famine/genocide dead
from starvation on the streets of Kharkiv 1933

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als eine statistische Normalisierung (links-)extremistischen Gedankengutes und
entsprechender Gesellschaftspolitik, und die Nationalsozialisten wären keine Extremen
irgendeiner Art gewesen, da sie sich nach allem, was wir aus zeitgeschichtlicher
Forschung – einer Subdisziplin der Politikwissenschaft! – wissen, mit der Deportation von
Juden, ihrer Ermordung, der Denunziation von politisch Andersdenkenden, den
Rassengesetzen etc. in Übereinstimmung mit der Mehrheit der damaligen Bevölkerung
in Deutschland (und nicht nur dort!) befanden. Das ist nicht absurd, sondern war
todtraurige Realität.

Aber, wie ich nicht müde werde, festzuhalten: Wissenschaft ist kein Bauchladen! Wenn
man mit Konzepten hantiert, dann muss man sie entsprechend der Regeln
wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens behandeln und nicht als Stichwortgeber für
wirre Assoziationen aller Art, die ständig in etwas anderes mutieren und nur insofern
stabil sind, als sie als verbale Kampfmittel im sogenannten Meinungskampf streng auf
ideologischer Linie gehalten werden.

Und deshalb muss die/das „Hufeisen“-Theorie/-Annahme/-Konzept für Wallat bzw. Dr.


Funke ein böses agens sein. Sie bringen es für den Leser auf den Punkt:

„Ein Festhalten an der Theorie [gemeint ist: die „Hufeisen“-Annahme!?!?!] mache


politisches Arbeiten unmöglich und spiele letztendlich den Rechten in die Hände …“,

denn dann müssten Linksextreme als Linksextreme und ihre Taten als linksextrem
motivierte Taten gelten und als solche mit Rechtsextremen und rechtsextrem
motivierten Taten verglichen werden, und sie müssten an denselben Maßstäben
gemessen werden – Gewaltbereitschaft, Verhältnis zu Individualrechten etc. –, und dann
würde sich erweisen, dass sie einander in der Tat deutlich näher stehen als freiheitlich
orientierten Demokraten, dass es keinen „Block“ der Linken vs. einen „Block“ der
Rechten gibt, sondern nur einen „Block“ der eine freiheitliche Verfassung und
Gesellschaft samt Individualrechten bekämpfenden Extremisten verschiedener
inhaltlicher Ausprägungen vs. einen Block von Demokraten, die sich für eine freiheitliche
Verfassung und Gesellschaft und die Wahrung von Individualrechten einsetzen.

Und siehe da: Dr. Funke spricht sich am Ende des Textes tatsächlich dafür aus,

„… das Blockdenken aufzugeben und stattdessen zu einem pragmatischen Umgang


miteinander zu kommen“

Wie schade, dass vom Versuch, das „Blockdenken“ zu überwinden, in der


Publikationsliste von Dr. Funke keine Spur zu finden ist. Entweder Dr. Funke wurde am
Ende wider Erwarten von Altersweisheit ereilt, oder er hat ein Interesse daran,
„Blockdenken“ zu überwinden, seit klar ist, dass Linksextreme in denselben „Block“
gehören wie Rechtsextreme.

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Ach ja, fast hätte ich vergessen, Belege hierfür anzufügen, die im Übrigen zeigen, dass
die Phantasien von Wallat und Funke über die Einschätzung der „Hufeisen“-Theorie einer
angeblichen Vielzahl oder gar Mehrheit von „Politikwissenschaftlern“,
„Extremismusforschern“ oder „Kritikern“ der Theorie eben das sind: Phantasien, und das
ist das freundlichste Wort, das ich für das, was Wallat und Funke der Öffentlichkeit in
diesem Text zugemutet haben, finden kann.

Wie auch immer man es noch bezeichnen könnte; in jedem Fall handelt es sich zum „fake
news“, denn es gilt:

Extremismus: Links ist ziemlich gleich Rechts!

Es folgen Argumentationen und empirische Befunde zur Ähnlichkeit von Links- und
Rechsextremen – die ein „Politikwissenschaftler und Extremismusforscher“ kennen sollte:

Auf ScienceFiles erschienen:

ScienceFiles-Serie “Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet Rechte und


Linke?”
Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet Rechte und Linke?
Aggressiv und unterwürfig: Was Links- und Rechtsextremisten auszeichnet
Rechte und Linke in Ost- und Westeuropa

Sonstige Literatur:
Benjamin, Arlin James, Jr., 2014: Chasing the Elusive Left-wing Authoritarianism: An
Examination of Altemeyer’s Right-Wing Authoritarianism and Left-Wing Authoritarianism
Scales. National Social Science Journal 43(1): 7-13.

Crawford, Jarret T. & Pilanski, Jane M., 2014: Political Intolerance, Right and Left. Political
Psychology 35(6): 841-851.

Dallago, Francesca & Roccato, Michele, 2010: Right-Wing Authoritarianism, Big Five, and
Perceived Threat to Safety. European Journal of Personality 24(2): 106-122.

Eysenck, Hans J., 1954: The Psychology of Politics. London: Routledge & Kegan Paul.

Lindner, Nicole M. & Nosek, Brian A., 2009: Alienable Speech: Ideological Variations in the
Application of Free-Speech Principles. Political Psychology 30(1): 67-92.

Milburn, Michael A., 1991: Persuasion and Politics: The Social Psychology of Public
Opinion. Pacific-Grove: Brooks-Cole.

Nelson, Noelle M., 2007: Authoritarian Personality. In: Baumeister, Roy F. & Vohs,
Kathleen D. (eds.): Encyclopedia of Social Psychology, Volume 1.Thousand Oaks: Sage, pp.
81-83.

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Rokeach, Milton, 1960: The Open and Closed Mind: Investigations into the Nature of
Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological
Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence
from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing
Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology.
Political Psychology 27(5): 769-293.

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