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ZEIT ONLINE, Handelsblatt - 13.

Juli 2009
http://www.zeit.de/online/2009/29/kapitalismus-malik-finanzkrise

FINANZKRISE

"Der Kapitalismus ist gescheitert"


Banken begehen alte Fehler, Regierungen und Notenbanken sind hilflos gegen die
Rezession: Der Managementexperte Fredmund Malik über die Krise, die noch nicht
vorbei ist

Frage: Herr Malik, die Banken suchen erneut das Risiko, selbst dicke Boni
werden wieder gezahlt. Haben Banker ein kurzes Gedächtnis und nichts aus der
Finanzkrise gelernt?

Fredmund Malik: Ja, aber nicht nur wegen des kurzen Gedächtnisses, sondern
weil weiterhin mit althergebrachten Methoden gearbeitet wird, die ungeeignet
sind, die Komplexität der Krise zu beherrschen. Es ist, als würden Sie ein Schiff
weiter mithilfe eines Sextanten steuern, statt moderne Satelliten-Navigation zu
verwenden. Frage: Täuscht der Eindruck, dass auch den Staatschefs wenig Neues
einfällt? Auf dem G8-Gipfel hielten sie sich erstaunlich bedeckt ...

Malik: Wahrscheinlich ist, dass der Gipfel von der allgemeinen Hilflosigkeit
ablenken sollte. Die Versuchung ist groß, sich einer Politik zuzuwenden, die zwar
populär, aber völlig ideenlos ist. Die bisherigen Maßnahmen greifen kaum.

Frage: Was läuft denn schief?

Malik: Ich denke zum Beispiel an die Frage nach der Haftung von Managern, aber
auch an finanzielle Maßnahmen. Zum Teil verschlimmert man die Situation sogar,
etwa durch Zinssenkungen. Niedrige Zinsen haben die Krise doch maßgeblich
mitverursacht.

Frage: Rund um den Globus investieren die Staaten kräftig in Hilfsprogramme.


Bringt das denn nichts?

Malik: Wir wiederholen genau jene Fehler, die die Japaner in den 90er-Jahren
gemacht haben. Dort hat man seitdem etwa 15 große Pakete verabschiedet, um
die Konjunktur anzukurbeln. Sie haben alle nichts genutzt. Das Geld kam in der
Realwirtschaft nicht an. Und das zeigt sich jetzt auch. Höchstens fünf Prozent
der beinahe 1000 Milliarden Dollar, die die Amerikaner in Konjunkturpakete
investieren, kommen in der Wirtschaft an; in Deutschland ist es weniger als ein
Prozent.

Frage: Es gibt aber bereits Anzeichen für eine Erholung der Wirtschaft. Auch an
der Börse sind die Kurse gestiegen.

Malik: Wer jetzt Entwarnung gibt, hat anscheinend nicht die Krise der 30er-Jahre
studiert. Die aktuelle Erholung an der Börse ähnelt der von 1930, als auf den
Crash im Oktober 1929 eine sensationelle Rally bis hinein in den April folgte. Zu
diesem Zeitpunkt gaben alle Auguren der damaligen Zeit Entwarnung. Man glaubte
auch an die Wirksamkeit der Fed-Maßnahmen. Dabei begann das Debakel erst.
Am Ende stand der Dow Jones im Jahr 1932 bei 40 Punkten.

Frage: Und heute?

Malik: Der gegenwärtige Bullenmarkt hat seinen Ursprung im Jahr 1982. Damals
stand der Dow Jones bei 1000 Punkten. Das ist auch die Fallhöhe, mit der wir
rechnen müssen.

Frage: Inwieweit ist die Situation der 30er-Jahre mit der heutigen überhaupt
vergleichbar?

Malik: Ein Unterschied liegt im Volumen, das heute ein Vielfaches größer ist. Die
Mechanik der Märkte ist aber vergleichbar. Die Börse hat zwei Triebfedern. Die
eine ist die Gier. Oder anders ausgedrückt der Glaube, dass man ohne Arbeit
immer reicher werden kann. Der zweite Punkt ist, dass die Börse nur dann so stark
steigt, wenn Schulden gemacht werden.

Frage: Sie halten wohl nicht viel von der Börse.

Malik: Im Gegenteil. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung auf den Finanzmärkten, und
zwar auf den allerheißesten Märkten. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an den
Börsen engagiert bin.

Frage: Sind Sie gierig?

Malik: Das habe ich mir abgewöhnt. Ich hatte das Glück oder das Pech, dass ich
mit meinem ersten Aktiengeschäft einen Gewinn von 160 Prozent gemacht hatte.
Ich war 23 Jahre alt und über Nacht "reich". Ich war auch "berühmt", denn ich
konnte meinen Mund nicht halten, habe es jedem erzählt, und alle wollten Tipps
von mir haben. Das hat mich dann wieder einiges an Geld gekostet, aber mir
unendlich viel Erfahrung gebracht.

Frage: Sie haben die Ursachen des Finanzcrashs analysiert. Hätte man die Krise
vermeiden können?

Malik: Die Krise kam zwangsläufig, aber sie hätte nicht diese Formen annehmen
müssen. Wenn Alan Greenspan behauptet, man könne eine Blase nicht erkennen,
bevor sie platzt, dann ist das selbstverständlich falsch. Man hätte diese falsche
Entwicklung sehr leicht erkennen können. Es gab genügend Anzeichen.

Frage: Welche?

Malik: Die Wirtschaft der USA ist groß, aber sie ist schon lange nicht mehr
stark. Inzwischen ist sie in vielen Bereichen verrottet. Man sieht es am
Außenhandelsdefizit. Natürlich gibt es auch ein paar gute Firmen in den USA, aber
die meisten sind nicht konkurrenzfähig. Die Investitionen der Unternehmen sind
lächerlich niedrig, so niedrig wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Man sieht es
auch an der immensen Verschuldung der Privathaushalte. Das Einzige, was in den
USA in den letzten Jahren blühte, war die Wall Street - und die hat sich nun selber
umgebracht.

Frage: Haben die Finanzmärkte dann überhaupt eine Zukunft?

Malik: Die Finanzmärkte sind um ein Vielfaches größer, als die Realwirtschaft dies
für ihre Investitionen und ihren Handel braucht. Die Volumina sind so aufgebläht,
dass sie im Zuge dieser Krise deutlich zurückgehen werden - um mindestens ein
Drittel, wahrscheinlich auch zwei Drittel. Viele Banker und Broker werden nichts
mehr zu tun haben. Bankberatung braucht man im Moment sowieso nicht. Man
sollte sein Geld einfach liegen lassen, durch die Deflation wird es jeden Tag mehr
wert.

Frage: Es ist also völlig unrealistisch, wenn Deutsche-Bank-Chef Ackermann eine


Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel ausgibt?

Malik: Wenn er das schafft, dann ist das eine tolle unternehmerische Leistung.
Die Frage ist nur, wie kommt diese Rendite zustande und was fängt er damit an?
Ist seinen Kunden damit gedient? Richtige Unternehmensführung beginnt und
endet beim Kunden. Die Bank sollte in das eigene Unternehmen investieren und
Gewinne sparsam an die Aktionäre auszahlen. Leider wird bei den meisten Firmen
zu wenig an die Zukunft gedacht.

Frage: Warum das?

Malik: Die Leistung eines Unternehmens wird nur noch an Finanzkennziffern


gemessen. Das ist die schlechteste Methode, um ein Unternehmen zu bewerten.
Dadurch entsteht ein sich selbst zerstörendes System. Schnelle Gewinne zu
machen ist eine Leichtigkeit, wenn man nicht auf die Zukunft achten muss. Man
fährt Ausgaben für Innovationen, Marketing und Ausbildung zurück und der
Börsenkurs explodiert. Entscheidend ist die Frage: Was tut das Management für
die Zukunft des Unternehmens.

Frage: Und wie lässt sich das System ändern?

Malik: Alle Dax-Firmen sollten sich sofort vom deutschen Corporate-Governance-


Kodex und der Idee des Shareholder-Values verabschieden. Zweitens muss
man die Bonussysteme ändern. Nicht abschaffen - gute Manager sollten gut
verdienen. Die Boni müssen für die besten Manager möglicherweise höher sein als
heute. Aber sie müssen vollkommen abgekoppelt sein von Finanzkennzahlen und
Börsenkursen.

Frage: Die eigentliche Idee der Börse ist doch, dass sich jeder am Kapital und dem
Erfolg eines Unternehmens beteiligen kann. Gleichzeitig kann man mitbestimmen.
Ist diese Idee überholt?

Malik: Den klassischen Shareholder gibt es heute gar nicht mehr, es gibt nur noch
Shareturner. Die meisten sind professionelle Investoren, die überhaupt nicht an
einem Unternehmen interessiert sind. Sie kommen auf die Hauptversammlung,
stimmen ab und wählen natürlich Leute ihres Geistes. Wenige Wochen danach
verkaufen sie die Papiere.

Frage: Was wäre denn die Alternative?

Malik: Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen.
Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die
Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem
gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die
Führung des Unternehmens haben.

Frage: Was werden wir aus dieser Krise lernen?

Malik: Der Kapitalismus ist genauso gescheitert wie der Sozialismus. Diese Krise
ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine
neue Welt. So etwas hat in der Geschichte möglicherweise noch nie stattgefunden.
Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen
kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir
werden eine neue Menschlichkeit erleben. Das neue Kapital ist Wissen, während
Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird
sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.

Die Fragen stellte Jörg Hackhausen . Erschienen auf handelsblatt.com

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