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Nr.

7/8
Juli/August 2019
Bad Segeberg
72. Jahrgang
Herausgegeben von
der Ärztekammer
Schleswig-Holstein

SOZIALE MEDIEN

Tweets, Blogs und Videos


T H E M E N

11
Studie weist
Wege zu höheren
Impfquoten

14
im Dienst der Gesundheit
Bundespflege- Ärzte sind in sozialen Medien aktiv, achten aber auf die Trennung beruflicher und
kammer in Sicht privater Aktivitäten im Netz. Permanentes Engagement erfordert personelle Ressourcen.

D
18 ie sozialen Medien haben längst
das Gesundheitswesen erreicht.
on in den Kliniken. Auch schleswig-hol-
steinische Ärzte beteiligen sich und in-
Euphorisch sind die meisten Ärzte
dennoch nicht, wenn es um neue Medi-
Deutsche und Immer mehr Einzelpersonen formieren Kollegen, andere Berufe im en geht – aus guten Gründen. Der Ein-
Schweden im und Einrichtungen sind auf Twit- Gesundheitswesen und die breite Öf- satz in Klinik und Praxis erfordert per-
Demenz-Dialog ter, YouTube oder Instagram ak- fentlichkeit über ihre Wahrnehmungen sonelle Ressourcen, über die die meis-
tiv. Auch Körperschaften wie die im beruflichen Umfeld. ten nicht verfügen. Für die Vermittlung
21 Ärztekammer Schleswig-Holstein
folgen dem Trend und informieren Mit-
Der PJ‘ler Jonathan Musmann hat
in diesem Jahr die App Doctorsgate auf
komplexer Sachverhalte sind viele neue
Medien nicht geeignet.
25 Jahre Förder-
kreis Qualitäts­ glieder und die Öffentlichkeit über diese den Markt gebracht, die bislang rund Hinzu kommt, dass Grundsätze wie
sicherung Kanäle als Ergänzung neben den klassi- 1.000 Nutzer verzeichnet. Über die App die ärztliche Schweigepflicht, die Gren-
schen Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit. können Ärzte kommunizieren, Daten zen des Arzt-Patienten-Verhältnisses

38 Wie rasant die Entwicklung auf die-


sem Sektor ist, zeigen zwei aktuelle
Trends aus dem Medizinsektor. Auf
austauschen und besondere Fälle be-
sprechen. Musmann hat für die Ent-
wicklung des Produktes sein Medizin-
und Datenschutzbestimmungen auch
im Netz beachtet werden müssen. Und:
Die Dynamik auf diesem Sektor lässt
Symposium in
Lübeck: Inflam­ Twitter sind Nutzer seit einigen Mona- studium unterbrochen, inzwischen Prognosen, welcher Trend sich mittel-
matory Disorders ten unter dem Hashtag Twankenhaus hat er sogar Anfragen aus Asien zu sei- fristig etabliert, kaum zu.
vernetzt und berichten über die Situati- ner App. ▶ W EI T ER AUF SEI T E 6
T IE R E N S IE U N S F Ü R E IN E
AK
E R R E IC H E N . K O N T T.
E A L L E Ä R Z T E IM N O R D E N
C H E N Ä R Z T E B L A T T E R S C H E IN
E IG IN IS
M IT E IN E R A N Z N D IM S C H L E S W IG -H O L S T E
HAMBURGER U
A N Z E IG E , D IE IM

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JMUALI I /2 A0 U
1 9G U| SATU2S0G1A9B |E A5U S G A B E 7 / 8 E D I T O R I A L // 3

„Aufbruchstimmung
und Fragen“

Bei neuen Entwicklungen lohnt manchmal ein Blick in die Vergangenheit – oft ist der
Fortschritt dann gar nicht mehr so aktuell. Das zeigt sich auch bei einigen Trends, die wir
gerade in der Medizin diskutieren:
 Fernberatung durch Ärzte: Bereits seit 1850 in Deutschland im Angebot, als Patienten
fern der eigenen Praxis von Ärzten angeschrieben wurden, um ausschließlich posta-
lisch ohne Patienten-Arzt-Kontakt beraten und gegebenenfalls behandelt zu werden.
 Übermittlung von Befunden: Anfang des 20. Jahrhunderts sandte Kollege Einthoven
seine nach ihm benannten EKG-Ableitungen telegrafisch weiter.
 Versandhandel durch Apotheken: Bereits ab 1910 wurde Salvarsan als Medikament zur
Behandlung der Syphilis direkt zum Patienten geschickt, ohne vorhergehenden Patien-
ten-Arzt-Kontakt – übrigens zur Wahrung des Patientengeheimnisses, heute würden
wir Datenschutz sagen.
 Ausschließliche Fernbehandlung über Kommunikationsmedien: Seit 1931 durch Ärzte
des Krankenhauses Cuxhaven über Seefunk mit Schiffen praktiziert, wo der Kapitän für
die medizinische Versorgung zuständig war.
Bei vielen dieser Versorgungsformen hat die ärztliche Selbstverwaltung schon in der Ver-
gangenheit Stellung bezogen, einen Abgleich mit der Berufsordnung vorgenommen, auf
Gefahren hingewiesen und Entscheidungen dazu getroffen. Seit der grundsätzlichen Än-
derung unserer ärztlichen Berufsordnung zur ausschließlichen Fernberatung und Fernbe-
handlung im vergangenen Jahr ist es erwartungsgemäß zu einer Aufbruchstimmung ge-
kommen, die immer wieder neue Fragen aufwirft. Die ärztliche Selbstverwaltung ist mit
allen Partnern im Gesundheitswesen gefordert, Fehlentwicklungen aufzuzeigen, Anpas- „Die Themen
sungen vorzunehmen, aktiv Versorgung zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und
sinnvolle Weiterentwicklungen voranzubringen – immer vor dem Hintergrund der Pati- sind zwar nicht
entensicherheit im Zeitalter der digitalen Transformation und Globalisierung.
Um die besten Lösungen zu erreichen, brauchen wir eine transparente, ergebnisoffene
immer neu, aber
Diskussion. Die ärztliche Selbstverwaltung ist die geeignete Institution, um diesen Dis-
kurs zu ermöglichen: Demokratisch gewählte, ehrenamtliche Vertreter ihrer Profession,
drängender und
die den ärztlichen Alltag kennen und ausüben, sind am besten in der Lage, diese Debat-
ten zu führen und mit ihren Entscheidungen die zukünftige medizinisch-ärztliche Versor-
vielfältiger.“
gung positiv zu gestalten. Wir als Ärztekammer wollen diese Veränderungsprozesse in un-
seren Gremien und insbesondere in unserer Kammerversammlung aktiv begleiten, immer
im demokratischen Ringen um die beste Entscheidung, wie es schon im hippokratischen
Eid steht: Nach bestem Vermögen und Urteil. Die Themen sind zwar nicht immer neu,
aber drängender und vielfältiger. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit, die wir prägen
können und die die junge Arztgeneration auch prägen möchte – darauf freue ich mich!

Freundliche Grüße
Ihr
Foto: Jörg Wohlfromm

Dr. Henrik Herrmann


Präsident
4 // N A C H R I C H T E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

Inhalt Musik und Kultur für Ärzte

I
m kommenden Jahr findet Doc's Arts, und Drum Circle sollen angeboten wer-
N AC HRIC HT EN 4 ein Festival für Ärzte und Angehörige den. Der Festivalstandort liegt am Ram-
Musik- und Kulturfestival für Ärzte 4 medizinischer Berufe, in Goslar statt. melsberg vor der Kulisse der histori-
Mit organisiert wird das nach eige- schen Altstadt Goslars auf dem Gelän-
Privatkliniken wollen neue Vergütung erproben 4 nen Angaben weltweit erste Mediziner de der dortigen Jugendherberge. Für die
Heilberufe luden zum Parlamentarischen Abend 5 Musik- und Kulturfestival (11.-14. Juni Workshops und Konzerte sind zahlrei-
2020) von der Lübecker Allgemeinme- che attraktive Räume vorgesehen, die
Ärztegenossen erarbeiten Leitlinien 5
dizinerin Anke Jacobs, die auch Kultur- Altstadt wird Konzertort für Open Air-
Kurz notiert 5 wissenschaftlerin ist. Aktivitäten.
Angesprochen sind Einzelpersonen Die Organisatoren des Mediziner
TITELTHEM A 6 und Ärzte-Ensembles genauso wie ge- Musik- und Kulturfestivals zielen mit ih-
mischte Gruppen unter Beteiligung von rem Angebot auch auf die Arztgesund-
Soziale Medien in der Medizin 6 Medizinern, Fast-Profis, Freizeitmusi- heit, stellen Musik und Tanz als gesund-
Interview: Twankenhaus-Ärzte wollen verändern 8 ker, aber auch Ärzte ohne Vorkenntnis- heitsfördernd heraus. Der Preis für Ärzte
se. In verschiedenen Workshops erar- inklusive Catering beträgt 399 Euro, Stu-
G ES UN DHEIT S P OLIT IK 1 0 beiten die Teilnehmer unter professio- dierende zahlen 290 Euro. Anmeldun-
neller Leitung gemeinsame Musikwerke, gen sind bis 30. November 2019 erforder-
KV Abgeordnete tagen in Bad Segeberg 10 tanzen, trommeln oder singen. Work- lich, es gibt Mindest- und Höchstzahlen
Arzt stellt Studie vor, wie sich Impfquoten erhöhen lassen 11 shops für Orchester, Kammerorchester, für die Teilnahme. Weitere Informatio-
gemischte Chöre, Chöre für Jazz/Rock/ nen und die Möglichkeit zur Anmeldung
Serie: Modelle für die ambulante ländliche Versorgung 12
Pop, Bigband Jazz, internationalen Tanz unter www.docs-arts.de (pm/RED)
Pflegeberufe bereiten Bundespflegekammer vor 14
Landespflegekonferenz in Neumünster 15
Vdek diskutiert über Prävention 16
Neue Modelle in der Schlaganfall-Nachsorge 17

I M N OR DEN 18
Deutsch-schwedisches Symposium zu Demenz 18
Kinderärztinnen setzen auf ländlichen Standort 20
Förderkreis Qualitätssicherung besteht seit 25 Jahren 21
Hamburg diskutiert über Zuckerreduktion 22
Jubiläumsbilanz des Pflegenottelefons 24
Palliativ-Fachtagung zum Thema Schmerz geplant 25
Schwierige Diagnose: Demenz und geistige Behinderung 26
Eine App, die Leben retten hilft 27
Serie: Die Anfänge der KV in Schleswig-Holstein 28

PE RS ON A LIA 3 2
ME DIZ IN & W IS S ENS C H A F T 34
„Das intelligenteste Netzwerk der Welt: Das Gehirn“ 34
Vibrionen: Gefahr durch warme Ostsee 35
Privatkliniken wollen Vergütung ändern
R EC HT 3 6

D
Schlichtungsfall 36 er Bundesverband Deutscher Privat- sierten Fehlanreize durch die derzeitigen
kliniken (BDK) hat auf seinem Bun- Diagnose-Fallpauschalen würden entfal-
Kurz notiert 37 deskongress in Kiel sein Konzept für len und der von allen bemängelte büro-
ein neues Vergütungsprinzip im sta- kratische Abrechnungsaufwand des ak-
F OR TB ILDU NGEN 3 8 tionären Sektor diskutiert. Statt der der- tuellen Systems würde minimiert“, hieß
zeit üblichen diagnosebezogenen Ge- es in Kiel.
Symposium in Lübeck zu entzündlichen Erkrankungen 38
bühren und Fallpauschalen schlägt der Entwickelt wurde das Modell, das
54. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft 40 BDK Versorgungspauschalen für jeden die Privatkliniken in Abstimmung mit
Termine 42 Versicherten vor, unabhängig davon, ob den Kostenträgern in mehreren Pilotre-
der Versicherte in der Klinik behandelt gionen erproben möchten, vom BDK ge-
KVSH 4 4 wurde oder wie aufwendig die Behand- meinsam mit Gesundheitsökonom Prof.
Titelbild: Horstmann

lung war. Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Insti-


Foto: DOC'S ARTS

Nach Ansicht des Verbandes könnte tut für Wirtschaftsforschung. Lob für das
AN ZEIG EN 4 5 das Modell zur Sicherstellung in der Flä- Modell gab es laut BDK von Staatssekre-
che beitragen und dem Fachkräfteman- tär Matthias Badenhop aus dem Kieler
TELEFON V ERZEIC HNIS /I M P R E S S U M 5 0 gel entgegenwirken. „Die häufig kriti- Gesundheitsministerium. (pm/RED)
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Beste Aussichten für KURZ NOTIERT

den Nachwuchs UKSH benötigt mehr Geld


Ein zusätzlicher Finanzbedarf in Höhe von 400 Millionen
Euro für das UKSH ist Ende Juni ermittelt worden. Dies
gab die Landesregierung nach einer gemeinsamen, nicht-
öffentlichen Sitzung von Bildungs,- Finanz- und Sozial-
ausschuss mit UKSH-Chef Prof. Jens Scholz bekannt. Laut
Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) sind davon 250
Millionen Euro in der Finanzplanung berücksichtigt. Zuvor
war ein Brandbrief von UKSH-Chefärzten wegen fehlender
Mittel an die Öffentlichkeit gelangt. Die Landesregierung
sprach von einem „Kraftakt“ der erforderlich sei. (pm/rED)

Migräne trifft meistens Frauen


Frauen bekommen fast fünf Mal so häufig Triptane verordnet
wie Männer. Laut Gesundheitsreport der Techniker
Krankenkasse (TK) wurden im vergangenen Jahr im Schnitt
25 Frauen je 1.000 Versicherte Präparate gegen Migräne
verordnet. Bei den Männern waren es im Schnitt nur fünf
Steht im ständigen Dialog mit den Heilberufen: Landesgesundheitsminister Dr. rer. pol. Heiner
Garg bei seiner Rede auf dem Parlamentarischen Abend der IDH in Kiel. je 1.000 Versicherte. Auch beim Blick auf die Altersgruppen
zeigen sich deutliche Unterschiede: Frauen im mittleren
Alter zwischen 45 und 54 Jahren sind besonders häufig

D
er gemeinsame Parlamentarische tigkeitsfeldern bieten beste Aussichten betroffen. Hier kommen im Schnitt 32 Migränepatientinnen
Abend der Heilberufe ist nach An- für den Nachwuchs“, machte Herrmann mit Triptane-Verordnung auf 1.000 Versicherte. Bei den
sicht von Landesgesundheitsminis- deutlich. Eine hochqualifizierte Ausbil- über Sechzigjährigen und unter 19-Jährigen ist der Anteil
ter Dr. rer. pol. Heiner Garg ein Bei- dung in den Gesundheitsfachberufen sei deutlich geringer. „Die Doppelbelastung durch Beruf und
spiel für den guten Zusammenhalt zwi- jedoch wichtig, genauso ein frühzeitiges Familienleben der sogenannten „Sandwich-Generation“
schen Politik, Heilberufen und Kosten- Engagement in den allgemeinbildenden könnte eine Erklärung für die häufigen Verordnungen
trägern in Schleswig-Holstein. Zugleich Schulen. Und auch nach der Ausbildung im mittleren Alter sein“, sagte Sören Schmidt-Bodenstein,
benannte Garg Herausforderungen für müssten wertorientierte Arbeitsplät- Leiter der TK in Schleswig-Holstein. (pm/rED)
die Politik: Damit die verschiedenen Be- ze geschaffen werden. „Wir brauchen in
rufe im Gesundheitswesen ihre Arbeit der Praxis Arbeitsplätze, bei denen die
ordentlich durchführen können, müsse Ausgebildeten verantwortungsvoll und Ausgezeichnete Prävention
Politik für einen geordneten rechtlichen wertgeschätzt ihre erworbenen Kompe-
Die Klasse 9c der Christian-Timm-Schule in Rendsburg hat
Rahmen sorgen. tenzen einsetzen und weiterentwickeln
den Hauptpreis im bundesweiten Wettbewerb zur Förderung
Dr. Henrik Herrmann, Präsident können“, forderte Herrmann im Namen
des Nichtrauchens „Be Smart – Don't Start“ gewonnen.
der Ärztekammer Schleswig-Holstein, der IDH.
Bei dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche
wies in seiner Begrüßung auf die Prob- Die in der Gemeinschaft zusam-
Aufklärung veranstalteten Wettbewerb verpflichten sich die
leme der Nachwuchsgewinnung im Ge- mengeschlossenen acht Organisationen
teilnehmenden Klassen, ein halbes Jahr lang nicht zu rauchen.
sundheitswesen hin. „Gerade die Heil- aus fünf Heilberufen (Ärzte, Apothe-
Die Siegerklasse war bereits vier Mal dabei. Nach Angaben
berufe mit ihren vielfältigen Möglich- ker, Zahnärzte, Tierärzte und Psycho-
von Prof. Reiner Hanewinkel, Leiter des Kieler Instituts für
keiten, dem umfassenden Engagement therapeuten) hatten in diesem Jahr rund
Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT), nimmt jede
der selbstständigen Arbeitgeber und der 120 Vertreter aus Politik, Verbänden des
dritte Schulklasse wiederholt teil. Insgesamt hatten sich im
größeren Einrichtungen sowie ihren so- Gesundheitswesens und der Medien zu
gerade beendeten Schuljahr 7.112 Klassen aus dem ganzen
zialen und menschenzugewandten Tä- Gast in Kiel. (pm/RED)
Bundesgebiet beteiligt. Laut Bundeszentrale ist der Anteil
der 12- bis 17-Jährigen, die noch nie geraucht haben, aktuell
mit 81 Prozent so hoch wie nie. Der Wettbewerb wird seit
Leitlinien für die Genossen über 20 Jahren von der Bundeszentrale sowie von der Stiftung
Deutsche Krebshilfe, dem AOK Bundesverband und weiteren

D
Institutionen gefördert und vom IFT koordiniert. (pm/rED)
ie Ärztegenossenschaft Nord hat auf  das Wir-Gefühl der ärztgenossen-
ihrer diesjährigen Generalversamm- schaftlichen Gemeinschaft stärken.
lung Leitlinien für ihre künftige Ar- Die Genossenschaft ist derzeit in vier Rücken oft Ursache für AU
beit vorgestellt. Hierzu wurden die Ärztezentren in Schleswig-Holstein mit
Etablierung neuer, intersektoraler und der Geschäftsführung beauftragt: auf Muskel- und Skeletterkrankungen verursachen nach Angaben
interprofessioneller Kooperationen und Pellworm, in Silberstedt, in Lunden so- der AOK Nordwest unverändert die meisten Fehltage in
die Organisation einer patientenzen- wie in der kommunalen Eigeneinrich- Schleswig-Holstein. Mit 22,7 Prozent liege deren Anteil an den
trierten, zeitgemäßen Versorgung ge- tung der Gemeinde Büsum, wo auch die gesamten Fehltagen mit großem Abstand an erster Stelle, so die
nannt. Weitere Punkte sind: diesjährige Generalversammlung statt- Krankenkasse. Allein auf Rückenschmerzen entfallen nach ihren
 Praxen von administrativen und bü- fand. Die Einbindung der Ärzte in die Angaben über 350.000 Ausfalltage. Deren Anzahl sei gegenüber
rokratischen Aufgaben durch intelli- Versorgungskonzeption soll nach Anga- dem Vorjahr um fast 5.000 Ausfalltage weiter gestiegen. Auf den
gente Delegationsmodelle, technische ben der Genossen auch weiterhin zen- weiteren Plätzen folgten psychische Erkrankungen (12,7 Prozent),
Foto: Horstmann

Hilfestellungen und rationelle Dienst- traler Baustein aller regionalen Versor- Atemwegserkrankungen (11,7 Prozent) und Verletzungen (11,1
leistungsangebote entlasten. gungsprojekte sein. Primäres Ziel bleibe Prozent). AOK-Vorstandschef Tom Ackermann riet dazu,
 eine verlässliche finanzielle Zukunfts- die Suche nach regionalen Lösungsan- gezielte Präventionsangebote in Anspruch zu nehmen. (pm/rED)
absicherung der Mitglieder gestalten. sätzen, wurde betont. (pm/RED)
6 // T I T E L T H E M A J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

SOZIALE MEDIEN

Raute mit Risiken und


Nebenwirkungen
Soziale Medien bieten Milliarden von Nutzern weltweit neue Formen der Informationsbeschaffung.
Steigender Einfluss auf die Politik. Zunehmende Verbreitung auch im Gesundheitswesen.

D
ie Bilder des Gemüsehändlers Mo- sehen sollte. Auch Patienten sind in- nen über diesen Kanal transportieren
hamed Bouazizi, der sich aus Pro- volviert. Ihr Ziel ist, über die tatsächli- wollen, müssen sie sich auf Schlagworte
test gegen Polizeiwillkür selbst an- che Situation in Krankenhäusern auf- konzentrieren. Verknüpfung von Know-
zündete, verbreiteten sich rasant zuklären. Die Ideenschmiede möch- how oder die Vermittlung erklärungsbe-
und global. Der Protest für Frei- te neue Wege in der Kommunikation dürftiger Informationen braucht ande-
heit und Bürgerrechte fand auf gehen und an konkreten Lösungen für re Medien.
den Straßen statt. Die Idee und die die Mitarbeiter mitwirken (siehe In- Facebook verbindet die vorangestell-
Motivation dafür wurden jedoch über terview ab Seite 8). ten Möglichkeiten der anderen Plattfor-
die sozialen Medien transportiert – und  Doctorsgate: Der 26-jährige PJ‘ler Jo- men und ist einer breiten Masse ein Be-
rund um den Erdball in Echtzeit für alle nathan Musmann aus Hannover hat griff. Für Krankenhäuser und Praxen

Twitter
Menschen direkt erfahrbar. Spätestens eine Smartphone-App unter die- ist Facebook oft die Plattform der Wahl.
mit dem Arabischen Frühling im Jahr sem Namen entwickelt. Sie soll eine Auf Facebook ist mittlerweile vor allem
2011, der mit den Bildern von Bouazizi schnellere Kommunikation und einen die Gruppe der über 30-Jährigen ver-
seinen Anfang nahm, wurde die Bedeu- sicheren Datenaustausch zwischen treten. Jüngere Menschen bewegen sich
Twitter begrenzt die
tung der sozialen Medien den meisten mögliche Länge der Ärzten ermöglichen. Die seit Februar heute mehr und mehr auf Instagram, ei-
Menschen klar. Nachrichten auf 280 2019 zugängliche App hat 1.000 Nut- nem Netzwerk, das sich für das Teilen
Auch die CDU-Kritik von Rezo Zeichen – Nutzer zer aus dem Gesundheitswesen, größ- von Bildern eignet.
per YouTube-Video zeigte kürzlich, wie müssen ihre State- tenteils Ärzte. Sie können Daten zu Die Beispiele zeigen, dass man trotz
schnell sich Ideen online inzwischen ments auf den Punkt schwierigen oder seltenen Fällen ver- der oft hohen Nutzerzahlen auch über
bringen.
verbreiten können und wie sich die Me- öffentlichen und per Chatfunktion soziale Medien nur einen Ausschnitt der

Insta
dienlandschaft entwickelt hat. Sein mil- über mögliche Therapien diskutieren. gewünschten Zielgruppe erreicht. Hin-
lionenfach geklicktes Video trug dazu  Xing, LinkedIn, Twitter, Facebook und zu kommt, dass nicht die Nutzer al-
bei, dass sich die zweitgrößte deutsche Instagram – die neuen Medien wirken lein Informationen filtern. Im Hinter-
Volkspartei massiver Kritik stellen muss- sich auf die Arbeit in den schleswig- grund laufende Algorithmen sorgen für
Am 16. Juli 2010 wur-
te und anschließend ihre Einstellung zu holsteinischen Krankenhäusern aus. eine Auswahl, die sich an unserem Nut-
de das erste Foto auf
Themen, die jungen Wählern wichtig Instagram gepostet. Der Wettbewerb unter den Kliniken zungsverhalten orientiert. Andere The-
sind, zumindest in Teilen hinterfragte. Im Juni 2018 verzeich- führt dazu, dass diese sich im Netz men, andere Meinungen, oft schon die
Zwei Beispiele für die Rolle, die sozi- nete Instagram erst- präsentieren; auch Fachkräfte wollen reine, sachliche Nachricht treten in den
ale Medien heute für unsere Gesellschaft mals eine Milliarde umworben werden. Die Krankenhäu- Hintergrund – wir bewegen uns in einer
Nutzer.
spielen. Die bei ihnen mögliche Interak- ser wollen sichtbar sein, für die Bevöl- „Blase“. Die kritische Auseinanderset-

YouTube
tion zeigt unmittelbar, wenn Menschen kerung und für potenzielle Bewerber. zung mit anderen Meinungen und eine
unzufrieden sind und etwas verändern Jede Plattform hat ihre eigenen media- Meinungsbildung aufgrund vielschichti-
möchten, und sie ermöglichen zugleich, len Schwerpunkte und Zielgruppen, aber ger Informationen werden erschwert.
dass sich gleichgesinnte Menschen fin- auch Risiken. Fest steht auch: Die unterschiedli-
den und zusammenschließen. Jede Minute wer- YouTube ermöglicht das Hochladen chen Kanäle müssen mit Inhalten gefüllt
den 400 Stunden Vi-
Auch im Gesundheitswesen haben deomaterial auf die von Videoclips, eignet sich also für eine werden, die Follower verlangen Content.
soziale Medien längst Einzug gehalten, Server von YouTube Vielzahl von Inhalten. Auf einem profes- Das stellt viele Akteure und Einrichtun-
wie die folgenden Beispiele zeigen: hochgeladen. sionellen Level ist das jedoch mit hohen gen im Gesundheitswesen vor ein Pro-
 Twankenhaus: Was als Austausch zum Kosten verbunden. Nicht jedes Kran- blem, weil ihre personellen Ressourcen
Thema Krankenhaus über Twitter be-
gann, entwickelte sich zu einer größ-
tenteils von Medizinern geführten
virtuellen Diskussion über Klinikthe-
Facebook
Ein Ranking der Fa-
kenhaus kann kontinuierliche Videopro-
duktionen stemmen.
Twitter setzt auf kurze Statements.
Deshalb nutzen vor allem Politiker und
cebookseiten von Kli- politische Bewegungen diese Plattform.
begrenzt sind.
Das Westküstenklinikum in Heide
und Brunsbüttel ist dennoch auf Face-
book, Instagram und YouTube vertreten.
men. Daraus entstand eine interdiszi- Für den Leiter der Pressestelle, den ge-
plinär angelegte Bewegung, die seit- niken listet insge- Die einst als Limit gesetzten 140 Zeichen lernten Tageszeitungsjournalisten Sebas-
samt 481 Einrichtun-
dem steigende Aufmerksamkeit er- gen. Der Altersdurch-
wurden inzwischen verdoppelt, tiefge- tian Kimstädt, sind die sozialen Medien
fährt. Das Twitterkrankenhaus steht schnitt der Facebook- hende Informationen sind damit aber eine Weiterentwicklung der klassischen
für eine Utopie, wie der perfekte Ar- Nutzer steigt. nicht vermittelbar. Wenn Einrichtun- Medienarbeit. Seit Jahresbeginn veröf-
beitsplatz in einem Krankenhaus aus- gen im Gesundheitswesen Informatio- fentlicht das WKK Videos auf YouTube.
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 T I T E L T H E M A // 7

Eine ihrer Kampagnen ist „Wir Pfle-


gen“. Hierzu wurden 21 Kurzclips gedreht
und über das Jahr verteilt hochgeladen.
Potenzielle Bewerber können so Infor-
mationen über den möglichen Arbeitge-
ber sammeln.
Auch die Sana-Kliniken greifen auf
die Erfahrungen von Journalisten zu-
rück. „All the news that's fit to print“, de-
finiert Patrick Engelke, Leiter der Unter-
nehmenskommunikation der Sana-Kli-
niken in Deutschland, die Voraussetzung
für Inhalte, die in den sozialen Medien
seines Konzerns veröffentlicht werden.
Den Kliniken ermöglichen diese Ka-
näle einen direkten Austausch mit ihren
Followern. Zugleich können sie über die-
sen Weg Themen ansprechen, deren In-
halt einer normalen Redaktion zu dünn
wäre. Es können Veranstaltungen be-
worben, Dank für Spenden oder Wo-
chenenddienste ausgedrückt, das Leis-
tungsspektrum dargestellt und das Per-
sonal und bestimmte Berufsgruppen ge-
würdigt werden. Das sind häufig The-
men, die für eine Pressemitteilung zu
kurz und für klassische Medien nicht in-
teressant genug sind, von den Kliniken
jedoch wertgeschätzt werden wollen. Für
Informationsveranstaltungen und Pati- Jonathan Musmann hat sein Medizinstudium unterbrochen, um die App Doctorsgate zu entwickeln. Inzwischen verzeich-
entenseminare, die von Ärzten geleitet net er rund 1.000 Nutzer.
werden, werden Mediziner des jeweili-
gen Krankenhauses in den Vordergrund
gerückt. Sie sind das Gesicht zur jewei- privater Aktivitäten im Netz. Ihr Ac-
ligen Veranstaltung, können auf Messen count lässt keine Rückschlüsse auf ihre DAS SAGT DIE
Fragen vor Ort beantworten und sind die Person und ihren Beruf zu. „Ich kenne
fachlichen Ansprechpartner. Auch die viele Ärzte, die das machen“ erzählt sie. BUNDESÄRZTEKAMMER
Mitarbeiter der Krankenhäuser nehmen Wofür man heute stehe, müsse in zehn Die Bundesärztekammer veröffentlichte bereits im Jahr 2014
die sozialen Medien ihrer Arbeitgeber Jahren nicht mehr der eigenen Meinung eine Handreichung, die Ärzten und Medizinstudenten Tipps
wahr und informieren sich hier über Ak- entsprechen. Dann sind die Informati- und Tricks zum Verhalten in sozialen Medien gibt. Klar hebt
tuelles aus dem Haus. onen jedoch im Internet – und das ver- die BÄK die Vorteile der Nutzung für die Patienten und für
Auch Arztpraxen kommunizieren gisst bekanntermaßen nie. die Ärzte hervor, weist aber zugleich auf die bestehenden Risi-
über die sozialen Medien. Ein Beispiel In ihrer Freizeit nutzt sie die sozia- ken hin.
ist die Praxis von Dr. Michael Emken len Medien, um sich über standespoliti- Die BÄK rät u. a., den Umgang mit Patienten in sozialen Me-
aus Bad Segeberg. Viele Kollegen spüren sche Inhalte zu informieren: „Ich selbst dien stets professionell zu halten und ausschließlich allgemein
laut Emken jedoch, dass eine professio- habe so meine ein bis zwei Podcasts, die gültige Gesundheitsaussagen wie etwa Erklärungen zu Er-
nelle und kontinuierliche Pflege der Ka- ich höre, nutze Twitter und andere Foren. krankungen zu tätigen. Auch sollte darauf geachtet werden,
näle zeitintensiv ist. „Diesen Aufwand Die benutze ich oft zu Fortbildungszwe- dass Patienten nicht dazu verleitet werden, persönliche Daten
können viele Praxen nicht leisten“, so der cken.“ Römpke selbst sah in der Bericht- und Erkrankungen öffentlich auf einer Plattform zu posten,
Facharzt für Allgemeinmedizin. Seine erstattung über den Ärztestreik im Früh- um eventuelle Hasskommentare schon im Vorwege zu vermei-
Praxis hat eine Facebook-Seite. „Anspre- jahr dieses Jahres Nachholbedarf: „Wenn den. Um in Problemsituationen trotzdem abgesichert zu sein,
chen möchten wir alle Menschen, die über einen Streik von über 5.000 Ärz- rät die BÄK, sich vor Äußerungen in den sozialen Medien stets
unsere Praxis kennen oder sich für sie ten in Frankfurt im Fernsehen nicht be- nach der Haftung bei der eigenen Versicherung zu erkundigen.
interessieren“, so Emken. Besondere Öff- richtet wird, dann müssen wir das eben Zu den Regeln der BÄK für Ärzte in sozialen Medien zählen:
nungszeiten, geplanter Urlaub oder wei- selbst machen.“  Ärztliche Schweigepflicht beachten
tere Neuigkeiten aus der Praxis werden Informationsbeschaffung und Me-  Keine Kollegen diffamieren – Netiquette beachten
hier veröffentlicht. Manchmal informiert diennutzung haben sich in den vergan-  Berufliches und privates Profil voneinander trennen
die Praxis auch über aktuelle medizini- genen Jahren stark verändert. In den so-  Grenzen des Arzt-Patienten-Verhältnisses nicht überschrei-
sche oder gesundheitspolitische Themen. zialen Medien konnten sich zwar längst ten
Wichtig ist dem niedergelassenen Arzt, nicht alle Trends und Ideen durchsetzen.  Keine berufsrechtliche Werbung über soziale Medien
dass über die sozialen Medien keine in- Der Wille der Nutzer, sich mitzuteilen,  Datenschutz und Datensicherheit beachten
dividuelle ärztliche Beratung durchge- ist aber geblieben. In Zeiten, in denen  Selbstoffenbarung von Patienten verhindern
führt wird. Damit folgt er den Ratschlä- sich Informationen und Meinungen se-  Zurückhaltung bei produktbezogenen Aussagen
gen der Bundesärztekammer, die 2014 kundenschnell verbreiten, ist besondere  Haftpflichtversicherung checken
eine Handreichung zur Nutzung der Sorgfalt bei der Meinungsäußerung und
neuen sozialen Medien durch Ärzte ver- im Umgang mit diesen Medien gefragt. Die gesamte Handreichung kann auf der Internetseite der
öffentlichte. Das gilt für jede Berufsgruppe und jede Bundesärztekammer unter www.bundesaerztekammer.de ein-
gesehen werden.
Foto: Privat

Die angehende Ärztin Janine Römp- Einrichtung, auch im Gesundheitswesen.


ke ist im Twankenhaus aktiv, achtet aber Stephan Göhrmann Astrid Schock
strikt auf die Trennung beruflicher und Mitarbeit: Pia Hofer
8 // T I T E L T H E M A J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

Janine Römpke arbeitet im Krankenhaus. In ihrer Freizeit engagiert sie sich im Twankenhaus.

Frau Römpke, in Ihrer Freizeit sind Sie


im Twankenhaus aktiv. Was verbirgt
INTERVIEW

„Wir wollen was


sich hinter diesem Begriff wer macht
da mit?
Janine Römpke: Das Twankenhaus
ist ein Zusammenschluss verschiede-
ner Berufsgrupen, die sowohl stationär,
als auch ambulant tätig sind. Wir kom-

verändern“
men aus unterschiedlichen gesundheits-
beruflichen Bereichen aus ganz Deutsch-
land, hauptsächlich Ärzte, Rettungsas-
sistenten, Pflegekräfte und Therapeu-
ten. Wir haben auch Patienten in un-
seren Reihen. Das ist uns wichtig. Der
Name ergibt sich aus den Worten 'Twit-
ter' und 'Krankenhaus', denn wir sind Janine Römpke ist Ärztin in Weiterbildung und arbeitet in einem
als eine Twitter-Gruppe gestartet. Auch Kieler Krankenhaus. Nebenbei ist sie im Twankenhaus aktiv.
wenn der Name vermuten lässt, dass wir
uns auf das Krankenhaus beschränken, Was das ist, erklärt sie im Interview mit Stephan Göhrmann.
haben wir viele Mitglieder aus dem nie-
dergelassenen bzw. den ambulant tätigen
Bereichen. Twankenhaus ist weit mehr
als ein Wortspiel, es steht für die Uto- wurde größer und im Februar diesen Jah- #MeinEinsatzFürDich und #Vereinbar-
pie eines perfekten Arbeitsplatzes, eines res gab es ein erstes Treffen in Hamburg. keit haben wir Berichte und Lösungsvor-
Wunscharbeitsplatzes, an dem unsere Hier wurden erste persönliche Kontak- schläge gesammelt und kommuniziert.
Probleme, die wir im Alltag haben, nicht te geknüpft und erste Ideen formuliert. Die erste Themenwoche befasste sich mit
existieren. Wir verstehen uns als Ideen- Uns verbindet, dass wir unserer Proble- dem Thema Vereinbarkeit von Privat-
schmiede, die die Probleme der Mitar- me selbst in die Hand nehmen und etwas leben und Beruf. Wir konnten relevan-
beiter des Gesundheitswesens und der ins Rollen bringen wollen. te Inhalte in einem Positionspapier arti-
Patienten sammelt, bündelt und an kon- kulieren und haben gezeigt, dass der Dis-
kreten Lösungsansätzen arbeitet, die wir Welche Ziele verfolgen Sie? kurs über das Gesundheitswesen auch
öffentlich zur Verfügung stellen. Römpke: Twankenhaus möchte Pro- über Twitter möglich ist.
bleme und Wünsche ansprechen und öf-

60
Wie ist die Bewegung entstanden? fentlich diskutieren. Es gibt bislang leider Welche strukturellen Probleme sieht die
Römpke: Den Gedanken, sich zu keine berufsgruppenübergreifende Ver- Bewegung? Was kritisiert Twankenhaus
vernetzen, gab es schon länger. Konkret tretung und wir verstehen uns auch nicht am Klinikalltag?
ging es im Dezember letzten Jahres mit als solche. Dennoch füllen wir eine Lü- Mitglieder stehen im Römpke: Im Twankenhaus wer-
einer Twitter-Gruppe los. Man schrieb cke und verstehen uns als Sprachrohr für Zentrum des Twan- den Probleme und Kritiken an unse-
sich und stellte fest, dass man mit ähnli- die Betroffenen auf allen Seiten. Darüber kenhauses, die ihre rem Gesundheitssystem gebündelt. Da
chen Problemen im Alltag konfrontiert wollen wir die Gesellschaft informieren. unterschiedliche Ex- kommt schon was zusammen. Wir kön-
pertise in den Arbeits-
Foto: Göhrmann

war. Es kam der Vorschlag, sich näher Dazu starteten wir auf Twitter ver- gruppen zu bestimm- nen eine Reihe von Problemfeldern fest-
kennenzulernen. Der Name Twanken- schiedene Themenwochen zu unter- ten Themen einbrin- machen. Etwa die personelle Unterbeset-
haus war damals schon gefunden – klar, schiedlichen Inhalten. Unter den jeweili- gen. zung. Wenig Personal bedeutet, dass Pa-
das Twitter-Krankenhaus. Die Gruppe gen Hashtags #WunschUndWirklichkeit, tienten nur noch „abgefertigt“ werden
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 T I T E L T H E M A // 9

können. Gleichzeitig ist der bürokratische gen kann. Als Ideenschmiede sprechen der bringt sich soviel ein, wie er kann und
Aufwand enorm: Nicht dokumentiert be- wir uns ab, welche Themen wir in der Öf- möchte. Eine gute Resilienz ist wichtig,
deutet nicht gemacht. Hinzu kommt die fentlichkeit ansprechen wollen. Bei hei- gerade in Zeiten der Arbeitsverdichtung.
Ausübung von fachfremden Tätigkeiten, ßen politischen Themen diskutieren wir
da Personal gespart wird. Es bleibt selbst ausführlich und schauen, wie die Mehr- Wie geht es weiter?
kaum Zeit für die eigene Fort- und Wei- heitsmeinung ist. Eine eindeutige Hierar- Römpke: Am Anfang war ganz viel
terbildung. Wie soll man sich da Kapazi- chie gibt es dabei nicht. Die Accountfüh- auf einmal, alles war in Bewegung. Mit
täten für die Ausbildung anderer schaf- rung wechselt, je nachdem, wer Zeit hat der Zeit wurde es ruhiger. Das ist gut – so
fen? Da muss sich etwas verbessern. Ein und welche Themen gerade kommuni- können wir uns ordnen und unsere Ar-
guter Kontakt zwischen Patient und be- ziert werden. beit strukturieren. Für die Zukunft pla-
handelndem Mediziner oder Pflegekräf- nen wir ein größeres Treffen, nicht zu-
ten ist so nicht mehr möglich. Das führt Was unterscheidet das Twankenhaus letzt, um die neuen Mitglieder kennen-
zu Unbehagen, beim Personal und den von anderen Akteuren im Gesundheits- zulernen. Das Tempo geht zurück. Das
Patienten. Klar muss ein Krankenhaus wesen? Twankenhaus ist ein Verein in Gründung.
wirtschaftlich sein, aber im Kern ist un- Römpke: Uns zeichnet aus, dass wir Da wir uns nun weitgehend konsolidiert
ser Auftrag die Versorgung unserer Pati- sämtliche Disziplinen vereinen und Pati- haben, möchten wir jetzt in den Dialog
enten. enten ins Boot holen. Durch den Kontakt mit anderen Akteuren im Gesundheits-
zu Patienten in den eigenen Reihen und wesen treten. Für etablierte Interessen-
Wie kann die Bewegung diesen Proble- über Twitter kommt ihre Meinung direkt vertretungen liegt im Austausch mit dem

18.12.18
men begegnen? Wie ist die Bewegung bei uns an. So schaffen wir die Möglich- Twankenhaus eine echte Chance zum
strukturiert? keit der Selbstreflexion und der kritischen Perspektivwechsel. Somit können wir
Römpke: Das Twankenhaus ist gut Auseinandersetzung mit dem eigenen wichtige Impulse und konkrete Ideen zur
strukturiert. Das Kernteam besteht aus 60 Berufsstand. Außerdem ist sind wir nicht war Startdatum für Verbesserung geben. Der Bevölkerung ist
Personen, wobei diese ihre unterschied- profitgesteuert. Das ist uns ganz wich- das Twankenhaus. Gesundheit wichtig, aber vielen ist nicht
liche Expertise in den Arbeitsgruppen tig. Ich glaube, deshalb hat der YouTuber Was als Gruppe von klar, unter welchen Bedingungen wir teil-
zu bestimmten Themen einbringen. Die Rezo so viel Anklang gefunden: weil er im Gesundheitswe- weise arbeiten. Wir möchten also Aufklä-
Gruppen sind nach Expertise aufgebaut. nüchtern und ohne Profitgier Probleme sen tätiger Menschen rung leisten und das Thema Gesundheit
startete, hat sich ein
Wenn es also um Pflege geht, ist eine Pfle- angesprochen und seine Inhalte verständ- halbes Jahr später zu im öffentlichen Raum und nicht hinter
gefachkraft federführend. Mitmachen lich und frisch vermittelt hat. Das ma- einem Verein entwi- verschlossenen Türen thematisieren.
kann jeder. Es stellt sich schnell heraus, chen wir auch. Alles, was im Twanken- ckelt.
in welchem Bereich man sich einbrin- haus passiert, ist privates Engagement. Je- Vielen Dank für das Gespräch.

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KVSH tionsformen die ambulante Versorgung


in der Fäche künftig sichergestellt wer-

„Nicht nur Kopf


den kann. Das Konzept der kommuna-
len Eigeneinrichtung wird dabei eine
Ausnahme bleiben. Zwei solcher Zentren
(Büsum und Lunden) unterstützt die KV
finanziell, ein weiteres hält Schliffke für
denkbar — mahnt aber zur Zurückhal-
tung. „Falls sich weitere bilden, müssen

durch die Wand“


wir Zuschüsse nicht beibehalten.“ Auch
KV-Eigeneinrichtungen seien „nicht ihr
Ding“, wie sie betonte. Die geplante Mo-
dell-Telepraxis in Dagebüll sei ebenfalls
eine Ausnahme.
Die Gesetzesflut aus dem Bundesgesundheitsministerium beschäf- Schliffke traf diese Klarstellungen
nach einer Anfrage. In den vergangenen
tigt die KV im Norden. Versorgung vor Ort künftig im Team. Monaten war unter manchen Praxisin-
habern in Schleswig-Holstein der Ein-

W
druck entstanden, die KV setze einsei-
enn es unter Standespolitikern Zu den von Schliffke positiv bewer- tig auf Modelle, die die Einzelpraxis er-
um die Bewertung der zahl- teten Details von Spahns Arbeit zählt da- setzen. Schliffke betonte, dass dies nicht
reichen Gesetzesvorlagen aus gegen der geplante Systemwechsel beim der Fall sei. Wohl aber sieht sich die KV
dem Bundesgesundheitsmi- MDK, der zu einer eigenständigen Kör- in der Pflicht, über Alternativmodel-
nisterium geht, dominiert in perschaft umgewandelt und damit unab- le nachzudenken, wenn Einzelpraxen
aller Regel die Kritik. Als Dr. hängiger von den Krankenkassen wer- nicht mehr nachbesetzt werden können.
Monika Schliffke in der jüngs- den soll. Ein mögliches Modell wird in Bad Sege-
ten Abgeordnetenversammlung der KV Was Spahns Aktivitäten konkret an berg unter dem Arbeitstitel „Teampra-
Schleswig-Holstein eine differenzierte- Nachteilen für die Versorgung bewirken xis“ diskutiert. Darunter versteht die KV
re Betrachtung anstellte, stießen manche können, zeigte Schliffke auch am soge- lokale Gesundheitszentren in ärztlicher
Formulierungen auf Verwunderung, die nannten Faire-Kassenwahl-Gesetz. Dort Hand. Ein mindestens drei bis fünf Ärz-
zu Nachfragen aus den Reihen der Ab- ist geplant, die DMP-Programmpau- te starker hausärztlicher Kern mit qua-
geordneten führten. schale, die den Krankenkassen derzeit lifiziertem Personal und bei Bedarf mit
Grund waren Passagen aus Schliff- im Risikostrukturausgleich separat pro Andockstation weiterer fachärztlicher
kes Bericht zur Lage, in dem sie Spahns Teilnehmer gezahlt wird, zu streichen. Kompetenz durch Zweigpraxis- oder Vi-
Gesetzesaktivitäten Punkt für Punkt ab- Diese Pauschalen aber sind die wesentli- deooption. Ob sich die Ärzteteams in
arbeitete und einer Bewertung unter- che Grundlage für die Finanzierung der Berufsausübungsgemeinschaften oder
zog. In dieser Bewertung sagte Schliff- DMP-Verträge. Schliffke befürchtet nun, MVZ bilden, ist für die KV nicht ent-
ke etwa: „Da gibt es immer noch ge- dass die Krankenkassen dies zum An- scheidend. Wichtig ist, dass die Teams
nug und auch wesentliche Kritikpunkte, lass nehmen, auch die DMP zu streichen. die Peripherie abdecken, sich durch Kos-
auch noch große Unwägbarkeiten, aber Was das für die Versorgung im Norden teneffizienz ein Praxismanagement leis-
auch gute Ideen. Hier will jemand dem bedeuten würde, machte die KV-Che- ten können und Angestelltenverhältnis-
Gesundheitswesen einen enormen In- fin an Zahlen deutlich: 2.300 Ärzte aus se, Weiterbildungsassistenten und Teil-
novationsschub verpassen, nicht nur mit Schleswig-Holstein beteiligen sich an zeitstellen für Nachwuchsärzte ermög-
dem Kopf durch die Wand, auch durch- DMP, sie haben 215.000 Patienten ein- lichen — für Ärzte, die sich in dieser Re-
aus im Dialog.“ Schliffke bescheinig- geschrieben. Das aus DMP generierte gion möglichst dauerhaft etablieren
te dem Bundesgesundheitsminister au- Umsatzvolumen beträgt 21,6 Millionen möchten. Schliffke räumte ein, dass da-
ßerdem: „Hier traut sich auch jemand in Euro. Erzielt wurden damit laut Schliff- mit eine gewisse Zentralisierungsten-
vermintes Gelände, siehe gematik“ und
sagte an anderer Stelle: „Hier ist ein Ma-
cher am Werk.“
Offensichtlich zu viel Lob für einen
Ärzteteam
Unter dem Arbeits­
titel „Teampraxis“
ke „gravierende Versorgungsverbesse-
rungen“. Ihr Appell war unmissverständ-
lich: „Hier darf gar nichts aufs Spiel ge-
setzt werden.“
denz und eine unternehmerische Her-
ausforderung verbunden sei — „ohne die
man aber auch Selbstständigkeit nicht
erhalten kann.“
Minister, der von niedergelassenen Ärz- DMP sieht sie auch beim Entwurf „Wir sehen uns die regionalen Ver-
könnten von Ärzten
ten bislang hauptsächlich negativ be- entwickelte Konzep­ für das Gesetz Digitale Versorgung tan- sorgungsbereiche deutlich unterhalb der
wertet wurde. Auf Nachfrage stellte die te entstehen, wie sie giert. Danach soll Krankenkassen er- bedarfsplanerischen Mittelbereiche, also
KV-Chefin noch einmal deutlich her- in der Fläche koope­ laubt werden, zwei Prozent ihrer Rück- in den Nahbereichen an, und wir sehen
aus, dass sie etwa das von Spahn zu ver- rieren. Ob BAG oder lagen in die digitale Entwicklung bis hin das Alter der Ärzte“, erklärte Schliffke.
antwortende Teminservice- und Versor- MVZ ist dabei zweit­ zu Joint Ventures mit Firmen zu inves- Daraus indentifiziere die KV Regionen,
rangig. Wichtiger
gungsgesetz (TSVG) unter dem Strich ist, dass Kosten ge­ tieren. Folge laut Schliffke: „Die Kassen die in den kommenden Jahren kritisch
für eine Zumutung für Ärzte hält. Schon teilt und Organisati­ werden sich mit der Bereitstellung von werden könnten.
in ihrer Bilanz hatte Schliffke zuvor er- onsformen geschaffen Programmen unmittelbar in die ärztli- Das Interesse an solchen Modelle
klärt, das TSVG bleibe für sie „generell werden, mit denen che Behandlung einmischen können.“ zeigten die Nachfragen aus den Reihen
Anstellung, Teilzeit
eine Respektlosigkeit gegenüber dem Die KV-Chefin schloss nicht aus, dass der Abgeordneten. Deren Wunsch nach
und Weiterbildung in
Arztberuf, die man mit Geld gar nicht der ländlichen Ver­ es als Folge in fünf Jahren keine DMP- konkreteren Plänen zeigte aber ein Miss-
zudecken kann.“ Auch ihr Vorstands- sorgung möglich wer­ Schulungen mehr geben wird, weil dies verständnis: Die KV will und kann für
kollege Dr. rer. nat. Ralph Ennenbach den. Dies erfordert interaktiv per Youtube oder App erfolgt. solche Ärzteteams keine Blaupausen lie-
sah keinen Anlass zu einer Neubewer- von den sich zusam­ Sie forderte deshalb: „Wenn diese Op- fern. Wie die Modelle funktionieren, ist
menfindenden Ärz­
tung des in der Abgeordnetenversamm- ten Flexibilität und
tion für die Kassen, dann bitte auch für stark von den Gegebenheiten der jewei-
lung schon mehrfach kritisierten Geset- unternehmerisches die KVen.“ ligen Region und den handelnden Perso-
zes, nur weil dieses an manchen Stellen Denken. Auf der Agenda der KV steht seit nen abhängig.
finanzielle Vorteile für Ärzte verspricht. Jahren die Frage, mit welchen Organisa- Dirk Schnack
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 G E S U N D H E I T S P O L I T I K // 1 1

IMPFEN

Ärztliche Aufrufe
helfen der Impfquote
Eine Studie zeigt, dass die Bevölkerung auf
Aufrufe von Ärzten und Krankenkassen
reagiert und sich impfen lässt – an der
grundsätzlichen Einstellung zum Impfen
ändert sich damit aber nichts.

W
elche Maßnahmen können hel-
fen, die Impfquote zu erhö-
hen? Aufschlüsse in dieser der-
zeit auch politisch diskutierten
Frage liefert eine Studie, die Dr.
Kevin Schulte von der Klinik
für Nieren- und Hochdruck-
krankheiten am UKSH in Kiel vergange-
nen Monat im Deutschen Ärzteblatt pu-
bliziert hat.
Die Studie ergab, dass chronisch nie- Dr. Kevin Schulte
renkranke Menschen mit rund 45 Pro-
zent eine zu geringe Grippeimpfrate auf- tienten scheint die bloße Erinnerung her als die einer Arztpraxis und damit
weisen. Sie zeigt aber auch, welche Maß- zu sein. eine flächendeckende Umsetzung leich-
nahmen im Bemühen um eine bessere  Ein Impfaufruf der Kassenärztlichen ter realisierbar. Eine redundante Etablie-
Impfrate Wirkung zeigen, und ist da- Vereinigung an die Vertragsärzte führ- rung von Erinnerungssystemen wäre im
mit interessant auch für die allgemeine te zu keiner Erhöhung der Impfquote. Gegensatz zum Impfaufruf durch Ärz-
gesundheitspolitische Diskussion über Schulte geht davon aus, dass die In- te ausgeschlossen. Krankenkassen kön-
dieses Thema. Die wichtigsten Ergebnis- formationsübermittlung in der Studie nen sich eine Adressierung von Risiko-
se der Studie: nicht eindringlich genug war, um im personen wie etwa Kinder, denen noch
 Ein vom Arzt ausgehender schriftli- Praxisalltag der Vertragsärzte wahr- die zweite Masernimpfung fehlt, vorstel-
cher Impfaufruf kann die Impfquo- genommen zu werden, oder dass die len, dies erfordert jedoch eine Änderung
te von nierentransplantierten Patien- Aufforderung nicht beachtet wurde, des SGB V.
ten verbessern. Die in der Studie ge- weil ihr bislang nicht bekannte Umset- Schulte könnte sich darüber hinaus
testete Intervention führte zu einer zungsbarrieren entgegenstehen. gut vorstellen, dass man zielgerichtet auf
Zunahme der Impfquote um 8,3 Pro-  Eine Impferinnerung durch eine die im Vorjahr nicht geimpften Personen
zentpunkte im Vergleich zur Kontroll- Krankenkasse kann die Impfquote etwa mit digitalen Erinnerungssystemen
gruppe. Um eine zusätzliche Impfung steigern, aber weniger stark als ein zugeht. Eine Schlüsselrolle kommt dabei

Info
zu erreichen, waren also 13 Interven- vom Arzt ausgehender Impfaufruf. nach seiner Ansicht der elektronischen
tionsschreiben durch den behandeln- Um eine zusätzliche Impfung zu er- Gesundheitsakte zu, wie sie Kranken-
den Arzt erforderlich. Betrachtet man reichen, waren 32 Postaussendungen kassen ab 2021 verpflichtend einführen
ausschließlich die Druck- und Porto­ durch die Krankenkasse erforderlich. müssen: „Dieser Ansatz würde Impfauf-
Weniger als die Hälf­
kosten, entstehen für eine zusätzliche te der chronisch nie­
Berücksichtigt man wiederum nur die klärung erstmalig großflächig individua-
Impfung Zusatzkosten von zehn Euro. renerkrankten Patien­ Kosten für Druck und Porto, waren lisieren – anstatt Aufklärung in Massen-
Schulte verweist in diesem Zusam- ten erhält laut Studie 25 Euro Aufwand für einen zusätzlich medien zu betreiben, könnte adressaten-
menhang auf Ergebnisse internatio- eine Grippeschutz­ geimpften Patienten erforderlich. gerechtes Aufklärungsmaterial zielgrup-
naler Studien, die ebenfalls einen po- impfung. Nur ein „Unsere Studie legt nahe, dass Ärzte über penspezifisch verteilt werden.“
Impfaufruf, der un­
sitiven Effekt einer Impferinnerung mittelbar an die Pa­
eine unmittelbare Impfaufforderung hi- Die Deutsche Gesellschaft für Ne-
durch den behandelnden Arzt zeigen. tienten adressiert ist, naus auch durch eine schriftliche Imp- phrologie sieht angesichts der Ergebnis-
 Die Intervention änderte nichts an der führte in der Studie ferinnerung die Impfquoten ihrer Pati- se „dringenden Handlungsbedarf “, um
Einstellung der Patienten im Hinblick zu einer Zunahme der enten steigern können. Um bundesweit die Influenza-Impfquote bei chronisch
auf Nebenwirkungsrisiken oder Er- Impfquote. Ein an die die Impfquoten zu steigern, scheint es je- nierenkranken Patienten zu erhöhen.
behandelnden Ärzte
krankungsschwere. Um die Impfquo- gerichteter Appell doch pragmatischer, Impferinnerungs- Sie kündigte eine Informationskampa-
te zu erhöhen, ist also offenbar keine hatte dagegen keinen systeme in den Krankenkassen zu etab- gne an, mit der man die Patienten errei-
Einstellungsänderung notwendig. lieren“, heißt es in der Studie. Denn: Die chen will.
Foto: di

positiven Effekt.
Von größerer Bedeutung für die Pa- Reichweite einer Krankenkasse ist hö- Dirk Schnack
1 2 // G E S U N D H E I T S P O L I T I K J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

SERIE

An mehreren
Orten präsent
Mehrere Ärzte, mehrere Standorte: Die Überörtliche Berufsausübungsgemein-
schaft (ÜBAG) ermöglicht das Arbeiten im Team und an wechselnden Orten
und ist geeignet, junge Ärzte für die ländliche Versorgung zu begeistern.

Dr. Robert Lawrenz, Dr. Reinhold Turek, Ullrich Krug, Jürgen Aschmann und Dr. Angela Pape (von links) arbeiten mit drei weiteren Kollegen in ei­
ner überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft an vier ländlichen Standorten.

Info
Ü
berörtliche Berufsausübungsge- Entstanden ist der Zusammenschluss Genau dies nennen Experten immer
meinschaften ermöglichen ein aus einer dreiköpfigen Gemeinschafts­ wieder als einen wichtigen Vorteil von
breites Angebot an Versorgungs- praxis, die schon seit 1982 in Groß Voll­ Überörtlichen Berufsausübungsgemein-
Überörtliche Be­ leistungen und können eine Pra- stedt existierte. Inzwischen haben die schaften: Junge Mediziner entscheiden
rufsausübungs­ xis überregional etablieren. Sie meisten Ärzte gewechselt und das Alter sich gerne für solche ambulanten Ver-
gemeinschaften
(ÜBAG) sind zu­ helfen aber auch, Versorgung vor der fünf Partner reicht heute von 38 bis bünde, weil diese ihnen Teamarbeit und
lassungsrechtlich Ort zu sichern. Wie das gelingt, 69 Jahren. Neben dem jüngsten Allge- auch das Arbeiten an verschiedenen
Gemeinschafts­ zeigt das Beispiel einer allgemeinmedi- meinmediziner Dr. Robert Lawrenz und Standorten ermöglichen. Zudem ist es
praxen. Ihre Be­ zinischen ÜBAG im Raum Mittelhol- dem hausärztlichen Internisten Dr. Rein- für einen Verbund leichter, den fachli-
sonderheit: Die
beteiligten Ärzte
stein. Keimzelle dieser ÜBAG ist die Ge- hold Turek, der seinen Ausstieg zum Jah- chen Ansprüchen von Weiterbildungs-
praktizieren nicht meinde Groß Vollstedt. In dem kleinen resende plant, gehören noch die Allge- assistenten gerecht zu werden. Ein wei-
an einem, son­ Ort mit 1.000 Einwohnern befindet sich meinmediziner Dr. Angela Pape und Ull- terer Vorteil für die beteiligten Ärzte ist
dern an mehre­ der Stammsitz der Gemeinschaft mit rich Krug sowie die hausärztliche Inter- die gegenseitige Vertretungsmöglichkeit
ren Orten. Die de­ insgesamt vier Standorten (Groß Voll­ nistin Dr. Juliane Rump zu den Partnern. bei Krankheit oder im Urlaub.
zentrale Koopera­
tion kann so orga­
stedt, Nortorf, Rendsburg und Aukrug), Angestellt sind die Allgemeinmediziner Zurück nach Groß Vollstedt: Auch
nisiert sein, dass acht Kassenarztsitzen und 24 Mitarbei- Dr. Kristina Lüken, Dr. Christine Körbä- Rump hat als angestellte Ärztin an ei-
Ärzte wechselsei­ tern. Die ÜBAG besteht nicht wie die cher und Jürgen Aschmann sowie zwei nem der Standorte des Zusammen-
tig an den Stand­ Mehrzahl dieser Organisationsformen Weiterbildungsassistenten. Das jedoch schlusses in Mittelholstein angefangen
orten tätig wer­ aus Spezialisten für einzelne Fachgebie- kann sich ändern. Lawrenz etwa war zu- und ist inzwischen Partnerin der ÜBAG
den, sie können
aber auch jeder te, sondern aus Fachärzten für Allge- nächst Weiterbildungsassistent in dem – wie ihr Kollege Lawrenz. „Als ange-
ihren ständigen meinmedizin; sie organisieren die haus- Verbund und später angestellter Arzt, als stellter Arzt hat man nie hundertpro-
ärztliche Versorgung in einer ganzen Aschmann noch Partner war. Inzwischen zentige Sicherheit über den Standort, an
Foto: di

Sitz behalten.
Region. haben die beiden die Rollen getauscht. dem man langfristig arbeiten wird. Das
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 G E S U N D H E I T S P O L I T I K // 1 3

war mir als junger Familienvater wichtig, gen. Die bisherigen Partner würden sich
außerdem wollte ich mitgestalten und freuen, wenn ihm weitere junge Kolle-
mitbestimmen“, nennt Lawrenz seine gen folgen oder sich für eine Anstellung
Motive für den Einstieg als Partner. interessieren. AMBULANTE VERSORGUN G
Aschmann dagegen war froh, ei- Eine hausärztliche ÜBAG ist zwar
nen jungen Kollegen gefunden zu ha- nicht die Regel, es gibt aber weitere Bei- AUF DEM LAND
ben, der langfristig hilft, die Versorgung spiele in Schleswig-Holstein, die zeigen,
in der Region aufrechtzuerhalten. Denn dass Allgemeinmediziner über verschie- Wie lässt sich die ambulante Versorgung
die Hausärzte sehen sich in der Verant- dene Orte hinweg unter einem Namen auf dem Land organisieren? Vor die­
wortung, die Versorgung mit zu gestal- zusammenarbeiten. So gibt es etwa den ser Herausforderung stehen derzeit vie­
ten, nicht nur in Groß Vollstedt, son- Praxisverbund Hüttener Berge, der mit le Bundesländer, aber wenige haben da­
dern auch an ihren anderen Standorten. den sechs Allgemeinmedizinern Carl rauf so vielfältige Antworten wie Schles­
Dass ausgerechnet der kleinste dieser Culemeyer, Dr. Hendrik Schönbohm, wig-Holstein. Neben den klassischen
Standorte der Stammsitz mit einer über Dr. Jens-Uwe Asmussen, Sonja Walter, Einzelpraxen und Berufsausübungs­
300 Quadratmeter großen Praxis ist, er- Daniel Hauth und Dr. Margret Hinrichs gemeinschaften gibt es zum Beispiel
klären die Ärzte mit den gewachsenen sowie mit zwei Weiterbildungsassisten- Zweigpraxen oder Medizinische Versor­
Strukturen – die neuen Standorte sind ten an den drei Standorten Ascheffel, Alt gungszentren in unterschiedlichen Aus­
im Laufe der Jahre hinzu gekommen. Duvenstedt und Groß Wittensee Patien- prägungen. Fast alle bieten den Ärzten
Es könnten noch mehr sein, wie Ull- ten versorgt. die Möglichkeit, sich zwischen selbst­
rich Krug berichtet: „Uns wurden weite- In der ambulanten fachärztlichen ständiger und angestellter Tätigkeit zu
re Kassenarztsitze angeboten, aber uns Versorgung ist die Zusammenarbeit in entscheiden. In dieser Serie stellen wir
fehlen die Ärzte“, sagt er. Hinzu kommt solchen Praxisketten schon seit Jahren Ihnen ausgewählte Beispiele für Organi­
der organisatorische Aufwand, den die keine Seltenheit mehr. Zu den größeren sationsformen in der ambulanten Ver­
Ärzte betreiben, um in vier unterschied- Verbünden in Schleswig-Holstein zählt sorgung vor, die in Schleswig-Holstein
lichen Orten präsent zu sein und sich etwa die MedBaltic, die Standorte in Al- praktiziert werden. Die Serie endet mit
dennoch regelmäßig auszutauschen und tenholz, auf Fehmarn, in Heide, Kalten- dieser Folge. So haben wir in den voran­
dem 24-köpfigen Team ein Wir-Gefühl kirchen, im Kieler Zentrum, in Krons- früheren Ausgaben berichtet :
zu vermitteln. Ärzte und Teams kom- hagen, Leck, Mönkeberg und Neumüns- ▶ März: Kommunales MVZ als Ärzte­
men dafür regelmäßig zusammen und ter unterhält. Der vor zehn Jahren ge- zentrum für die Region
werden bei Bedarf auch wechselseitig gründete Verbund aus Orthopäden, Un- ▶ April: Nachwuchs für die Landarzt­
eingesetzt. „Alle Bedürfnisse des Teams fallchirurgen, Neurochirurgen und praxis
unter einen Hut zu bringen, ist eine He- plastischen Chirurgen behandelt nach ▶ Mai: Die kommunale Eigeneinrich­
rausforderung“, räumt Krug ein. Das be- eigenen Angaben rund 11.000 Patien- tung als Blaupause
trifft etwa die Urlaubsplanung, eine Auf- ten im Quartal. Insgesamt haben sich 14 ▶ Juni: Die Zweigpraxis
gabe, die Dr. Angela Pape übernommen Fachärzte aus den genannten Gebieten
hat. Organisatorisch leichter wäre es für in der MedBaltic zusammengeschlossen.
den Verbund, die jeweils zwei Arztsit- Ein Beispiel aus dem augenärzt-
ze aus Rendsburg und Aukrug zu ver- lichen Bereich ist das Augenzentrum
legen und in Groß Vollstedt und Nor- Schleswig-Holstein von Drs. Heisler, KOMPETENZZENTRUM
torf zu integrieren. Das aber ist nicht Prüter, Klatt, die neben ihren Operati-
nur planungsrechtlich schwierig, son- onszentren in Rendsburg, Neumüns- WEITERBILDUNG IN DER
dern auch den Patienten in diesen Orten
kaum vermittelbar – und um die geht es
ter, Kiel und Tellingstedt auch Praxen in
Preetz, Leck, Hohenwestedt, Trappen-
ALLGEMEINMEDIZIN
den Hausärzten. kamp, Kiel und auf Helgoland unterhal- Damit sich junge Mediziner für die
Für junge Kollegen ist der Verbund ten. Die Ärzteliste des augenärztlichen Landarzttätigkeit entscheiden können,
dennoch attraktiv. „Wir haben ein brei- Verbunds umfasst laut Website 18 Kol- ist Nachwuchs in der Allgemeinmedizin
tes Spektrum, jeder Arzt hat seine eige- legen. erforderlich. Das Kompetenzzentrum
nen Spezialisierungen“, nennt Turek ei- Die für die ÜBAG gewählte Gesell- Allgemeinmedizin Schleswig-Holstein
nen der Vorteile. Ein anderer ist die schaftsform ist in der Regel die Gesell- – gegründet durch die Landesärzte­
Möglichkeit, an den vier Standorten un- schaft bürgerlichen Rechts (GbR) – ähn- kammer, die KV Schleswig-Holstein und
terschiedliche Bedingungen der Nie- lich wie bei Gemeinschaftspraxen unter die Lehrstühle für Allgemeinmedizin
derlassung kennenzulernen. Auch der einem Dach. Wer die Haftung für Alt- der Universitäten Kiel und Lübeck – be­
Verdienst ist attraktiv: Im Verbund be- schulden ausschließen will, kann alter- gleitet die Weiterbildung im Fach Allge­
kommt jeder Partner den gleichen An- nativ – bei entsprechender Vertragsge- meinmedizin mit dem Ziel, die Qualität
teil aus der Praxistätigkeit ausgezahlt staltung – die Partnerschaftsgesellschaft und Effizienz in der Weiterbildung zum
– unabhängig davon, wo er eingesetzt wählen. Die ÜBAG kann zwar ein eher Facharzt für Allgemeinmedizin zu stei­
war und wie viele Patienten er behan- lockerer Zusammenschluss sein, der es gern und dem Hausärztemangel entge­
delt hat. „Junge Ärzte müssen sich ein- Ärzten ermöglicht, sich sogar ohne vor- genzuwirken. Das Zentrum bietet au­
arbeiten und brauchen länger. Sie arbei- herige Bewertung des Praxiswertes zu- ßer Train-the-Trainer-Kursen für die
ten aber genauso viel und bekommen sammenzuschließen. Die Partnerschaft Weiterbildungsbefugten Unterstützung
deshalb auch den gleichen Anteil“, sagt in einer überörtlichen Gemeinschaft- durch Mentoren und Schulungstage für
Krug. Mit dieser Regelung sind nicht spraxis kann aber auch zur Ausgangsba- Ärzte in Weiterbildung an.
nur alle Partner zufrieden, die Umsät- sis einer noch engeren Kooperation un- Interessierte Ärzte können sich beim Ins­
ze sind auch hoch genug, um nahezu alle ter einem gemeinsamen Namen werden, titut für ärztliche Qualität in Schleswig-
Investitionen der vergangenen Jahre aus wie Experten betonen. Zum Beispiel, Holstein anmelden: Andrea Neitzel ,
dem laufenden Betrieb zahlen zu kön- wenn es gelingt, die ÜBAG nach außen Telefon 04551 893 7231
nen. Für Lawrenz war dies ein weiterer über Praxismarketing gut zu positionie-
Pluspunkt für den Einstieg als Partner: ren und damit auch Patienten zu steuern
Er konnte in einen wirtschaftlich kern- und zu binden.
gesunden Zusammenschluss einstei- Dirk Schnack
1 4 // G E S U N D H E I T S P O L I T I K J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

D
ie Pflegekräfte in Deutschland ha- tise beigesteuert werden kann und weil
ben seit Mitte Juni eine neue Inte- der DPR auch in den Bundesländern, in
ressenvertretung auf Bundesebe- denen noch keine Landespflegekammer
ne. Die Pflegekammerkonferenz gegründet wurde, gut vernetzt ist.
wurde von den drei schon beste- Zu den inhaltlichen Schwerpunkten,
henden Landespflegekammern in die von der Bundesvertretung transpor-
Schleswig-Holstein, Rheinland- tiert werden sollen, wird nach Überzeu-
Pfalz und Niedersachsen sowie vom gung Drubes auch die Zusammenarbeit
Deutschen Pflegerat (DPR) gegrün- mit den Ärzten zählen. „Wir brauchen
det. Die Pflegekammerkonferenz gilt als eine andere Art der Kooperation“, sagt
Vorläufer einer Bundespflegekammer. Drube. Bei den Ärzten will sie noch be-
Den Begriff wählen die Standesvertreter stehende Skepsis überwinden, indem sie
bislang aber bewusst nicht, weil sie die auf die zu erwartende Entlastung und
Zahl von drei Kammern auf Länderebe- damit auf die erhoffte Konzentration auf
ne noch für zu gering halten. Das könn- ärztliche Kernkompetenzen hinweist.
te sich ändern. In Baden-Württemberg Allerdings fordert sie dafür auch mehr
und Nordrhein-Westfalen ist bereits ab- Entscheidungskompetenz für Pflege-
sehbar, dass Landespflegekammern ge- kräfte. „Damit könnten wir zu sinnvol-
gründet werden. Alle künftig noch ent- leren Arbeitsabläufen in der Versorgung
stehenden Landespflegekammern sol- kommen.“ Weitere wichtige Themen,
len in der Konferenz mitwirken können. die nach Angaben Drubes auf Bundes-
Voraussetzung ist allerdings, dass deren ebene vorangetrieben werden müssen
Unabhängigkeit durch Mitgliedsbeiträ- und von der neuen Vertretung beein-
ge gesichert ist. Außerdem müssen sie flusst werden sollen, sind die Personal-
über eine Mitgliederzahl verfügen, die bemessung und die Lohnangleichung
den Großteil der Berufsgruppe im je- von Pflegekräften im Krankenhaus und
weiligen Bundesland umfasst. „Die Ver- in der Altenpflege. „Wenn beide zu ei-
einigung der Pflegenden in Bayern er- nem Berufszweig zusammengefasst wer-
füllt beide Voraussetzungen nicht“, hieß den, muss es auch eine einheitliche Be-
es hierzu von den Partnern. zahlung geben“, steht für Drube fest.
Selbstbewusst sprechen die bishe- Offen zeigt sich die Pflegekammer-
rigen Partner schon von einem „neu- konferenz für eine Zusammenarbeit mit
Patricia Drube en Kapitel der beruflichen Selbstverwal- Gewerkschaften und Berufsverbänden.
tung der Pflegefachberufe auf Bundes- „Nur gemeinsam können wir die Situa-
ebene“. Fest steht, dass die Konferenz tion der Pflege in Deutschland nachhal-
sich auf Bundesebene politisch positio- tig verbessern“, betonten die Vertreter
PFLEGE nieren wird. Sie soll an pflege- und ge- des neuen nicht eingetragenen Vereins
sundheitspolitischen Diskussionen teil- zur Gründung in Berlin. Sie forderten
nehmen, Gesetzgebungsprozesse beein- alle Akteure auf, „gemeinsam nach Lö-

Neue
flussen und dabei die Belange der rund sungen zu suchen, um den drängends-
1,3 Millionen Pflegefachkräfte vertreten ten Problemen der Pflege zu begegnen“.
und verbessern. Die dafür erforderliche Gewerkschaften, die die Gründung von
Abstimmung erfolgt über einen regel- Pflegekammern wie berichtet kritisie-
mäßigen Austausch der bisher vier Part- ren, wurden in der Mitteilung als „un-

Berliner
ner. Zu den aus Schleswig-Holstein in verzichtbar“ für Tarifverhandlungen be-
Berlin präsenten Personen zählt die Prä- zeichnet. „Berufsverbände“, hieß es wei-
sidentin der Pflegeberufekammer, Patri- ter zur Gründung, „führen seit Jahren
cia Drube. „Unsere Mitglieder erwarten, erfolgreich pflegefachliche und gesund-
dass wir uns auf Bundesebene für sie heitspolitische Diskussionen. Aber nur
einsetzen und politische Entscheidun- Pflegekammern können den Beruf wei-

Vertretung
gen nicht einfach über uns ergehen las- terentwickeln, um damit die pflegeri-
sen. Deshalb brauchen wir eine Vertre- sche Versorgung der Bevölkerung auch
tung vor Ort“, sagte Drube. Sie ist über- langfristig zu sichern.“
zeugt, dass die Konferenz auch als An- Spannend dürfte sein, wie die Kriti-
sprechpartner wahrgenommen wird ker von Pflegekammern mit dem neuen
und dass entsprechende Anfragen ge- Player auf Bundesebene umgehen. Denn
Die drei schon bestehenden stellt werden, wenn Pflegethemen be- ein wichtiger bisheriger Kritikpunkt an
handelt werden. den Pflegekammern war neben den Mit-
Landespflegekammern gründen eine Für Entscheidungen der Konferenz gliedsbeiträgen, dass eine Interessenver-
Pflegekammerkonferenz. Ziel ist eine haben die Partner Einstimmigkeit ver- tretung über die Länderkammern nicht
einbart. Die Präsidenten der beteilig- wirksam genug sei und über eine bun-
bessere Lobbyarbeit auf Bundesebene. ten Institutionen sind gleichberechtig- desweite Vertretung erfolgen müsse. Zu
te Sprecher der Konferenz. Wenn aus- den Kosten wird es voraussichtlich wei-
schließlich Kammerbelange betroffen tere Kritik geben. Die beteiligten Institu-
sind, müssen nur die Vertreter der Lan- tionen finanzieren die Bundeskonferenz
despflegekammern einer Meinung sein. zu gleichen Teilen. Drube ist überzeugt,
Den Deutschen Pflegerat haben die dass dieses Geld sinnvoll angelegt ist:
Kammern bewusst als Partner hinzuge- „Der Ertrag ist höher als der dafür erfor-
nommen, weil aus den dort versammel- derliche Aufwand.“
Foto: di

ten Berufsverbänden hohe Fachexper- Dirk Schnack


J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 G E S U N D H E I T S P O L I T I K // 1 5

PFLEGE

Rückenwind aus Berlin


für die Pflege gefordert
Landespflegekongress in Neumünster mit Teilnehmerrekord. Akteure aus den wichtigsten
Bereichen der Pflege waren vertreten. Besonderes Augenmerk galt dem Nachwuchs.

S
tarke Pflege weist den Weg – Ge-
sundheit für alle! So lautete das
diesjährige Motto des Landespfle-
gekongresses, der zum zweiten
Mal in Neumünster stattfand. Das
erste Treffen von Verbänden und
Gewerkschaften der Pflegeberufe
fand vor neun Jahren in Neumünster
statt. Das diesjährige Novum: Erstmalig
wurde der Kongress vom Verein Landes-
gesundheitsprojekte gemeinsam mit der
Pflegeberufekammer Schleswig-Hol-
stein und in Kooperation mit dem Fo-
rum Pflegegesellschaft e. V., dem Deut-
schen Berufsverband für Pflegeberufe
(DBfK) Nordwest und der DRK-Schwes- Patricia Drube (Präsidentin Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein), Christine Vogler (Vizepräsidentin Deutscher Pfle­
ternschaft organisiert. Damit waren Ak- gerat), Jutta Schümann (Vorsitzende Landesgesundheitsprojekte e. V.), Anette Langner (Mitglied des Vorstands Forum
teure aus allen wichtigen Bereichen der Pflegegesellschaft e. V.) und Pflegewissenschaftlerin Prof. Renate Tewes auf dem Landespflegekongress in Neumünster (v. l.)
Pflege – Arbeitnehmer und Arbeitge-
ber, Verbände und Kammer – im Kon- Dass Pflegethemen zurzeit politische zahlung und ausreichend Zeit für Pflege
gress vereint. Popularität haben, spürt auch Jutta gewährleisten. Besonderes Augenmerk
Landesgesundheitsminister Dr. Schümann. Die erste Vorsitzende der galt in diesem Jahr dem Nachwuchs;
rer. pol. Heiner Garg, Schirmherr der Landesgesundheitsprojekte e. V. und rund die Hälfte der Anmeldungen kam
diesjährigen Veranstaltung, hatte sich Mit­organisatorin des Pflegekongres- von Schülern und jungen Pflegenden. In
schon einen Tag zuvor auf dem Parla- ses sagte: „Pflege hat Rückenwind. Jetzt einer abschließenden Diskussionsrun-
mentarischen Abend der Interessenge- braucht es nur noch Rückenwind aus de wurden die sieben Sessions des Nach-
meinschaft der Heilberufe (IdH) für ein Berlin.“ Um konkrete Veränderungen mittags besprochen. Das Plenum „Junge
stärkeres Selbstbewusstsein der Pfle- zu bewirken, fordert sie, alle Beteiligten Pflegende gestalten die Zukunft“ der AG
geberufe ausgesprochen, nicht zuletzt, einzubinden. Schümann zufolge können Junge Pflege des DBfK Nordwest richtete
um das Ansehen des Berufsstandes in föderale Strukturen viel bewegen, aber sich im Vortrag ebenfalls an die Pflege-
der Gesellschaft nachhaltig zu verbes- auch vieles ausbremsen: In den Einrich- schüler und verdeutlichte die Bedeutung
sern und dem Nachwuchs attraktiver tungen vor Ort komme demnach nichts der Verbandsarbeit.
zu machen. Auch in seinem schriftli- an. Den Landespflegekongress sehen die „Verbandsarbeit ist sexy“, meinte Lisa
chen Grußwort widmete der Minister Organisatoren als Zeichen dafür, dass Wolter, Mitglied im nach eigenen Anga-
sich diesem Thema: „Jede Pflegekraft die Pflegenden in Norddeutschland Ver- ben größten Fachverband für Pflegebe-
ist unverzichtbar und leistet eine unge- änderungen selbst anstoßen. rufe in Deutschland. Die 23-Jährige ist

300
mein wertvolle Arbeit. Dies den Men- Der Landespflegekongress bietet selbst noch nicht lange beim DBfK, aber
schen klarzumachen, ist ganz wichtig.“ dazu jährlich allen Beteiligten die Mög- der festen Überzeugung, dass die orga-
Die 300 Anmeldungen zum diesjäh- lichkeit und ist Plattform für Dialoge, nisierte Arbeit im Verband den Pflege-
rigen Kongress zeigen, dass sich unter Anmeldungen gab Diskussionen rund ums Thema Pflege berufen auf politischer Ebene nur Gu-
Foto: Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein

den Pflegenden in Schleswig-Holstein es zum diesjährigen sowie den fachlichen und politischen tes tun kann. Schüler, Studierende und
ein wachsendes Bewusstsein zur Stär- Landespflegekongress Austausch. Während der ganztägigen Berufseinsteiger sollten sich nach ih-
kung der eigenen Positionen mit stan- in Neumünster — Veranstaltung konnten die Interessier- rer Ansicht in den Verbänden engagie-
dies ist nach Angaben
despolitischer Vertretung ausbreitet. der Veranstalter Teil­ ten in Workshops Informationen zu den ren, um den Berufsstand zu stärken. Zu-
„Pflegefachpersonen sind weltweit die nehmerrekord. Der Themen Resilienz und Fehlerkultur im sammen mit Pflegeberufekammer, Ge-
tragende Säule im Gesundheitswesen, Kongress will aktuel­ Arbeitsalltag sowie Berufs- und Weiter- werkschaften und Verbänden könnten
darauf dürfen und sollten wir stolz sein. le Debatten rund um bildungsordnung sammeln. Auch Garg sie sich mehr Gehör verschaffen. Für sie
Diesen Stolz zeigen wir auch durch Ver- das Thema Pflege be­ möchte den Beruf attraktiver gestal- steht fest: „Wir sollten nicht länger Be-
fördern, Impulse set­
anstaltungen wie den Landespflegekon- zen und Anregungen ten. Dazu müssen nach Ansicht des Mi- rufs- und Fachfremde über unsere Köp-
gress“, sagte Patricia Drube, Präsiden- für eine progressive nisters Rahmenbedingungen geschaffen fe hinweg Entscheidungen über unseren
tin der Pflegeberufekammer Schleswig- Pflegepolitik geben. werden, die Ausbildung, Fort- und Wei- Berufsstand treffen lassen.“
Holstein. terbildungsmöglichkeiten, eine faire Be- Stephan Göhrmann
1 6 // G E S U N D H E I T S P O L I T I K J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

P
rävention soll Krankheiten vermei-
den, bevor sie entstehen. Wird die-
PRÄVENTION
ses Ziel in Deutschland erreicht?

Von der Alkohol-


Mit dieser und weiteren Fragestel-
lungen rund um Prävention und
Gesundheitsvorsorge beschäftig-
te sich das diesjährige „Gespräch
am Wasser“ des Ersatzkassenverbandes,
das traditionell zur Kieler Woche ausge-

bilanz ernüchtert
richtet wird.
Ein gemischtes Fazit auf die Ein-
gangsfrage zog Prof. Reiner Hanewin-
kel. Der Leiter des Instituts für Thera-
pie- und Gesundheitsforschung (IFT-
Nord) in Kiel ist auch Vorstandsmitglied
des Bundesverbandes Prävention und Gespräch am Wasser des Vdek Schleswig-Holstein. Prävention mit
Gesundheitsförderung. Er bilanzier-
te, wie weit Deutschland bei der Vorsor-
durchwachsener Bilanz. Experten warnen vor überhöhten Erwartungen.
ge gegen die Erkrankungsursachen Ni-
kotin, Alkoholkonsum, mangelnde Be-
wegung und ungesunde Ernährung ge- Preisen, die zum Teil deutlich unter Unter dem Strich aber sind die Er-
kommen ist. denen etwa skandinavischer Länder folge im Kampf gegen Nikotinkonsum
 Durchwachsen fiel seine Bilanz zum liegen. Aber auch darin, dass Werbung so spürbar, dass aus Sicht des Exper-
Thema Bewegung aus. Insbesondere für Alkohol in Deutschland auf breiter ten darüber nachgedacht werden soll-
Männer im mittleren Alter sind nach Front zulässig und die Ware rund um te, ob die bewährten Maßnahmen nicht
seiner Beobachtung häufig Bewe- die Uhr erhältlich ist – wohl auch ein als Blaupause für den weniger erfolgrei-
gungsmuffel – und nehmen sich selbst Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit. chen Kampf gegen Alkoholkonsum die-
aber nicht als solche wahr. Neben dem Als weiteren Punkt nannte Hanewin- nen sollten.
eigenen Verhalten hat aber auch die kel die uneinheitliche Regelung zur Durchmischte Präventionserfolge
Verhältnisprävention in Deutschland Promillegrenze am Steuer. Während also – ein Grund, die Maßnahmen auf
Luft nach oben. Die Bedingungen, um für Fahranfänger null Promille gelten, den Prüfstand zu stellen? Bei dieser Fra-
Bewegung im Alltag zu erleichtern, ist diese Grenze für erfahrenere Füh- ge warnte Hanewinkel vor zu hohen Er-
könnten besser sein, wie Hanewinkel rerscheininhaber bei 0,5 Promille ge- wartungen, die oft an Präventionsmaß-
am Beispiel des im Vergleich zu an- setzt. nahmen gestellt werden. Bevor ein mess-
deren europäischen Ländern schlecht Deutlich erfolgreicher, weil konse-
 bar geringerer Konsum eintritt, kommen
ausgebauten Radwegenetzes deutlich quenter, hat Deutschland den Kampf oft Zwischenschritte, die durchaus als
machte. gegen Nikotin geführt. Hanewinkel Erfolge angesehen werden dürfen. Zum
 Ähnlich das Urteil über die Ernäh- erinnerte in diesem Zusammenhang Beispiel vermehrtes Wissen und eine
rung. Auch hier gibt es zwar den an die Situation vor zwei Jahrzehnten, erste Sensibilisierung der Bevölkerung
Wunsch und bei vielen Menschen als es in Deutschland in nahezu jeder für das Problem.
auch das Bemühen, auf gesunde Er- Lebenssituation üblich war, auf rau- Auch Michael Kraus, im Öffentli-
nährung zu achten. Dies könnte aber chende Mitmenschen zu treffen: Im chen Gesundheitsdienst der Stadt Flens-
durch entsprechende Rahmenbedin- Restaurant, in öffentlichen Verkehrs- burg als Gesundheitsplaner tätig, warn-
gungen erleichtert werden. Hanewin- mitteln, auf der Straße, im Auto und te vor überzogenen Erwartungen, ins-
kel nannte als konkrete Möglichkei- zu Hause. Auch Werbung für Zigaret- besondere von Kostenträgern. "Geld nur
ten eine Ampel, die Aufschluss über ten war damals – wie heute für Alko- gegen Nachweis" - diese Formel funktio-
gesunde oder ungesunde Nahrungs- hol – allgegenwärtig. Der Rückgang niere in der Prävention zumindest nicht
mittel geben könnte sowie eine „Zu- des Nikotinkonsums ist für Hanewin- kurzfristig, gab Kraus zu bedenken. Er
ckersteuer“. Beide Möglichkeiten wer- kel auf das Maßnahmenbündel zu- verwies in diesem Zusammenhang auf
den in Nachbarstaaten schon genutzt, rückzuführen, das seitdem in mehre- Verhaltensweisen, die sich Menschen
gab Hanewinkel zu bedenken. Hin- ren Stufen umgesetzt wurde. Neben über Jahrzehnte angewöhnt haben. Die-
zu kommen Bedenken des Staates, mit den massiven Einschränkungen in der se mit ein paar Kursen zu ändern, gehe
solchen Maßnahmen zu stark in die Werbung nannte Hanewinkel u.a. die an der Realität vorbei. Kraus, der 2007
Lebenswelten der Menschen einzu- gestiegenen Preise, die Nichtraucher- als Gesundheitsplaner noch Pionier war,

Info
greifen. schutzgesetze, die Warnhinweise auf sieht personelle Ressourcen als ein wich-
 Ernüchternd fiel die Bilanz des Ex- den Zigarettenschachteln, das herauf- tiges Hindernis, um Prävention stär-
perten bei der Alkoholprävention aus. gesetzte Alter für die Abgabe von Zi- ker in den Lebenswelten der Menschen
Zwar gibt es heute einen aufgeklär- Die Ersatzkassen ver­ garetten und Aufklärungskampagnen zu verankern. "Wir brauchen Moto-
teren Umgang mit dem Thema und folgen mit ihren Prä­ wie zum Beispiel „Be smart – don´t ren", forderte Kraus in der Diskussions-
Aufklärung hat den Alkoholkonsum ventionsbemühun­ start“. Mit Maßnahmen der Verhält- runde. Denn Wissen und Kompetenz
in bestimmten Bereichen wie etwa in gen einen Settingan­ nisprävention konnte also das Verhal- der Menschen in Sachen Prävention und
satz - er setzt dort an,
der Arbeitswelt auch deutlich zurück- wo die Menschen le­ ten der Menschen deutlich geändert Gesundheitsvorsorge könnten sich erst
gedrängt – der Gesamtkonsum gilt ben. Als entscheidend werden. Hanewinkel verschwieg den- mit steigendem Fachpersonal, das diese
aber nach wie vor als zu hoch. „Wir betrachtet der vdek noch nicht, dass es weiter Luft nach Kompetenz vermittelt, auch verbreiten.
haben in unserer Gesellschaft ein Al- die Kombination von oben gibt. Zum Beispiel durch Anglei- Vdek-Referatsleiter Sebastian Zie-
koholproblem“, steht für Hanewin- Verhaltens- und Ver­ chung der Maßnahmen zwischen den mann wünscht sich solche Motoren etwa
hältnisprävention so­
kel fest. Die Ursachen sind vielschich- wie die Vernetzung Bundesländern. Den Nichtraucher- in Pflegeheimen. Dort könnten Fachleu-
tig. Eine der wichtigsten ist die ge- von Akteuren und schutz in Bayern bewertete Hanewin- te die Betroffenen, aber auch deren An-
sellschaftliche Akzeptanz für dieses Aktivitäten. kel besser als den in Schleswig-Hol- gehörige und die Pflegenden selbst errei-
Suchtmittel. Diese äußert sich u.a. in stein. chen. Dirk Schnack
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 G E S U N D H E I T S P O L I T I K // 1 7

SCHLAGANFALL

In der Region
gut vernetzt
In mehreren Regionen sind Kompetenznetze
entstanden, die Lösungen für die Versorgung von
Schlaganfallpatienten erarbeiten. Schlaganfall-
Ring als Dachmarke der regionalen Netze.

D
er vor fünf Jahren gegründete jeweiligen Region auf. Beteiligen kön-
Schlaganfall-Ring (SAR) Schles- nen sich alle, die sich in der Versorgung
wig-Holstein hat sich in der Bera- von Schlaganfall-Patienten engagieren:
tung von Betroffenen und Ange- Arztpraxen, Krankenhäuser, Therapeu-
hörigen und als organisatorischer ten, Organisationen wie etwa Praxisnet-
Zusammenschluss aller 34 Selbst- ze oder Unternehmen wie etwa Sanitäts-
hilfegruppen in Schleswig-Hol- häuser. „Es findet ein interprofessionel-
stein und Hamburg schnell etabliert. In- ler Austausch statt“, sagt Langemeyer
zwischen ist auch der anfänglich skep- über die Kompetenznetze, die sich zu ei-
tisch verfolgte Ansatz, Mitverantwor- ner Marke für Qualitätsversorgung in
tung für Gestaltung und Optimierung der Region entwickeln.
Jürgen Langemeyer
der flächendeckenden Schlaganfallver- Teilnehmen kann jeder, der in die-
sorgung in den beiden Bundesländern sem Bereich aktiv ist – Exklusivität be-
zu übernehmen, erfüllt. Ein Beispiel da- steht nicht. Die Netzwerkpartner arbei- für eine Blaupause für die Versorgung
für ist das vor rund zwei Jahren gestarte- ten gemeinsam an regionalen Versor- chronisch kranker Menschen in der Re-
te Bemühen, die regionale Zusammen- gungskonzepten, bilden bei Bedarf Ar- gion“, sagt er.
arbeit in der Schlaganfall-Nachsorge zu beitsgruppen zu bestimmten Themen Einzelne Themen sind in jeder Regi-
verbessern. und betreiben gemeinsame Öffentlich- on aktuell. Ein Beispiel ist der Fachkräf-
Mit Unterstützung der Damp-Stif- keitsarbeit. Jedes Netz arbeitet unter- temangel, ein anderes die Heilmittelver-
tung ist es dem Schlaganfall-Ring gelun- schiedlich und setzt die Schwerpunk- ordnung. „Wir haben festgestellt, dass
gen, in vier Regionen des Landes Netz- te, die in seiner Region wichtig sind. In viele verordnende Ärzte hierüber nicht
werke für die Schlaganfallversorgung zu Rendsburg etwa legt man Wert darauf, alles wissen“, sagt Langemeyer. In Zu-
etablieren. Neben den Regionen Rends-
burg, Plön/Ostholstein, Lübeck und Pin-
neberg/Elmshorn, in denen die Betei-
ligten vor Ort schon aktiv sind, werden
möglichst viele Menschen zu erreichen,
damit die Versorgungsmöglichkeiten be-
kannt werden. In Pinneberg geht es dar-
um, die interprofessionelle Zusammen-
sammenarbeit mit der Kassenärztlichen
Vereinigung hat der SAR deshalb ein In-
formationsblatt mit Verordnungstipps
für Haus- und Fachärzte erstellt, das
Info
Weil es für Schlagan­
fall-Patienten keine
in weiteren Regionen Gespräche zu sol- arbeit zu optimieren, Ostholstein legt über den Bedarf an Heilmitteln inner-
chen berufsübergreifenden Zusammen- großen Wert auf das Thema Kurzzeit- halb des ersten Jahres und ein Jahr nach Patentlösungen gibt,
strebt der Schlagan­
schlüssen geführt. pflege. Der SAR wiederum übernimmt Ausstellung der Erstverordnung infor- fall-Ring nach pass­
„Es war ein Wagnis. Wir wussten Organisation und Koordination, küm- miert. Es wird u. a. über den besonderen genauen Lösungen,
nicht, ob überhaupt jemand mitmacht, mert sich auf Wunsch um die Erstel- und den langfristigen Versorgungsbe- die in den Regionen
weil wir außer der Idee nichts zu bieten lung von Werbemitteln, steht als Ratge- darf informiert, erklärt, wie korrekt ver- durch berufsübergrei­
fende Kompetenznet­
hatten“, berichtet der Gründer und Vor- ber bereit und bietet den Mitarbeitern ordnet wird, und an Beispielen verdeut-
ze erarbeitet werden.
sitzende des Schlaganfall-Rings, Jür- der Netzpartner kostenfrei die Ausbil- licht. Ärzte, die Interesse an den Verord- Ziel ist es, bedarfs­
gen Langemeyer, im Gespräch mit dem dung zum Schlaganfall-Helfer an. Ein- nungstipps haben, können diese über gerechte, individu­
Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. gebunden ist auch das Institut für All- den Schlaganfall-Ring beziehen. (siehe elle, innovative, res­
Die Resonanz auf die Einladungen in gemeinmedizin an der Kieler Christian- Info-Leiste). sourcenaktivierende
und kosteneffiziente
den vier genannten Regionen zeigt, dass Albrechts-Universität. Es begleitet die Auch Langemeyers Resümee zur Ar- Lösungen zu finden.
die Skepsis unangebracht war. Zwischen Entwicklung der Kompetenznetze mit beit des SAR insgesamt fällt positiv aus. Weitere Info: www.
50 und 60 Menschen kamen jeweils zu wissenschaftlicher Evaluierung in Form Der Bedarf und das Interesse an dessen schlaganfall-ring.de.
den regionalen Treffen, die vom SAR or- einer Analyse der Prozess- und Ergeb- Arbeit zeigt sich u. a. an der Zahl der Be- Die Verordnungstipps
können unter www.
Foto: Göhrmann

ganisiert wurden. Inzwischen treten die nisqualität. sucher auf der Website des Vereins: Zwi-
srsh.de/Verordnungs­
Zusammenschlüsse in den Regionen un- Die Resonanz auf die Kompetenz- schen 1.500 und 2.000 Menschen gehen tipps heruntergeladen
ter dem Logo des Schlaganfall-Rings als netze hat Langemeyers Erwartungen täglich auf die Seite, um sich zu infor- werden.
„Kompetenznetz“ mit dem Namen der übertroffen. „Manche halten das sogar mieren. Dirk Schnack
1 8 // I M N O R D E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

DEMENZ

Angekommen im
Leben + in Kliniken
Deutsch-schwedisches Symposium in Flensburg zu Pflege, Diagnostik und neuen
Therapieansätzen für Demenzerkrankte. Demenzsensible Krankenhäuser sind
möglich, erfordern aber einen langen Atem. Hoffnung auf neue Techniken.

K
rankenhäuser sind denkbar weniger essen, werde von Angehörigen
schlechte Orte für Demenzkranke kaum bemerkt oder als normale Begleit-
– aber es gibt Wege, um den Klinik- erscheinung des Alters akzeptiert – und
aufenthalt erträglicher zu machen. tatsächlich sinken Kalorienbedarf und
Das war ein Ergebnis eines geriatri- Appetit bei Hochaltrigen. Dennoch wird
schen Symposiums in Flensburg, zu oft die Schwelle zum Mangel überschrit-
dem das Malteser Krankenhaus St. ten, ohne dass der Betroffene selbst oder
Franziskus eingeladen hatte. In der Ver- sein Umfeld das Problem sehen. Da-
anstaltung mit deutschen und schwedi- bei sind am fehlenden Appetit oft Dinge
schen Gästen gab es neueste Erkenntnis- schuld, die sich verändern ließen: Sitzen
se über Ursachen und Behandlung de- die Zähne richtig? Werden Medikamen-
menzieller Krankheiten. te genommen, die den Geschmack von
Demenz kommt in den besten Fami- Speisen verfälschen? Ist kräftig genug ge-
lien vor: Die schwedische Königin Sil- würzt? „Wir müssen das Essen interes-
via erlebte die Krankheit bei ihrer Mut- santer gestalten“, sagte Meffert.
ter und gründete daraufhin die Silvia- Doch bevor die Behandlung begin-
hemmet-Stiftung, die sich für Grund- nen kann, ist es im ersten Schritt wichtig,
lagenforschung, Therapie und Behand- Demenzkranke überhaupt zu erkennen.
lung der Betroffenen einsetzt. Ziel der Denn sie finden sich längst nicht nur in
Stiftung ist es, Angehörige und Fachper- Prof. Lars-Olof Wahlung der Geriatrie, sondern auch in inneren
sonal zu befähigen, demenziell Erkrank- oder unfallchirurgischen Stationen. In
te bestmöglich zu begleiten. Vor zehn Flensburg wird dazu bei der Aufnahme
Jahren baute das Flensburger Kranken- ein Fragebogen abgearbeitet, in dem der
haus eine Silviahemmet-Station auf, in Umgebung Krankenhaus schonend zu Patient etwa seinen Geburtstag und das
der mit einem neuen Ansatz versucht gestalten, schaffen Demenzkranke den aktuelle Jahr nennen soll. Gibt es hier
wird, die Menschen besser durch die für Übergang leichter. Lücken, wird genauer geschaut. Auch
sie ungewohnte und verwirrende Situa- Eine besondere Weiterbildung für gelten einige Diagnosen wie Schenkel-
tion in der Klinik zu bringen (das Schles- Fachleute bietet das schwedische Ka- halsbruch als „Trigger“, die auf eine bis-
wig-Holsteinische Ärzteblatt berichte- rolinska Institut an, eine Einführung her noch nicht erkannte Demenz hin-
te). Bei dem Symposium, das aus Anlass dazu gab Projektkoordinator Kristof- weisen könnten.
des Jubiläums stattfand, berichteten Dr. fer Mörtsjö: Zwei Jahre lang werden The- Weil sah eine Verbesserung zu frü-
Klaus Weil, Chefarzt der Geriatrie in St. rapeuten, Pflegekräfte und andere Pro- heren Jahren, „als man unterstellte, De-
Franziskus, und Dr. Ursula Sottong, Lei- fis in internetbasierten Fernkursen ge- menzkranke hätten in Krankenhäusern
terin der Fachstelle Demenz aller Malte- schult, am Ende gibt es neben viel Fach- nichts zu suchen“: „Demenz ist im Le-
ser-Einrichtungen in Deutschland, über wissen auch ein Diplom, das Königin ben und in den Krankenhäusern ange-

43 %
Arbeitsweise und Erfolge der Silviahem- Silvia überreicht. Der nächste der eng- kommen“, stellte er fest. Aber der Um-
met-Stationen. „Ein demenzsensibles lischsprachigen Kurse startet im Novem- gang sei oft immer noch schwierig, und
Krankenhaus ist keine Kunst, verlangt ber, noch sind Plätze frei. in der Regel verschlechtere sich der Zu-
aber einen langen Atem“, so Sottong. Aber nicht nur die Beschäftigten, stand von Patienten durch einen Kran-
der demenzkranken
Zum Konzept gehören kleine Grup- Patienten erleiden auch die Architekten von Klinikgebäu- kenhausaufenthalt. Stürze, Delir, stärke-
pen, Ruhe und vor allem geschultes Per- durch einen Klinik- den müssen sich auf Demenzkranke ein- re Verwirrtheit und Verlust von Alltags-
sonal. Das bezieht nicht nur Pflegekräf- aufenthalt einen De- stellen. Gerade Wege und klare Farben fähigkeiten sei oft die Folge. Auf den Sta-
te und Ärzte auf den Stationen ein, son- lir. Die meisten De- sorgen dafür, dass Menschen sich einfa- tionen fallen demenziell Verwirrte durch
dern auch weitere Personen, die im Kli- menzkranken finden cher zurechtfinden. Über den wichtigen Aggression, Weinen oder Klagen auf. Mit
Foto: Geisslinger

sich auf geriatrischen


nikbetrieb mitarbeiten. Eine besonders Stationen, Betroffene Punkt Essen berichtete Katrin Susanne einem Konzept, das die Krankheit be-
wichtige Gruppe sind dabei Rettungssa- gilt es aber auf allen Meffert, Oberärztin der Klinik für Ger- wusst integriert, ließen sich dagegen so-
nitäter: Gelingt es ihnen, die Fahrt aus Stationen. iatrie und Früherkennung des St. Fran- gar Fähigkeiten verbessern, berichte-
der vertrauten Wohnung in die neue ziskus-Hospitals. Dass ältere Menschen te Weil. Er setzt darauf, dass Delir-Ver-
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 I M N O R D E N // 1 9

Prof. Lars-Olof Wahlund, Mona Jepsen, Prof. Daniel Ferreira, Klaus Weil, Ursula Sottong, Kristoffer Mörtsjö, Prof. Bosco Lehr, Katrin Susanne Meffert (v. l.).

meidung eine vergütungsrelevante, abre- Spur zu kommen. Eine genaue Diagnose terscheiden: „Welche Neurotransmit-
chenbare Leistung wird: „Dann kommt sei auch im frühen Stadium der Krank- ter sind beteiligt? Welche Therapie kann
Musik ins Spiel.“ heit wichtig, war Jepsen überzeugt: „So helfen?“
Hilfe in der Therapie kann durch können die Menschen Vorsorge treffen, Aktuell zeigt die Forschung mehr of-
neue Techniken kommen, berichtete ihre Dinge regeln.“ fene Fragen als Antworten. So gibt es
Prof. Bosco Lehr von der Europa Uni- In den Beratungsgesprächen geht es Alzheimer-Formen, bei denen der Cor-
versität Flensburg, wo er das Institut für entsprechend nicht nur um die Diagnose tex stark betroffen ist, in anderen Fällen
eHealth leitet. „Wir sprechen vom Pfle- selbst, sondern um Tipps für das Leben gibt es dort keine Ausfälle. Bei Männern
gekräftemangel, aber eigentlich herrscht mit der Krankheit. Längst nicht jeder, und Frauen treten die einzelnen Sub-
schon Notstand. Es muss darum gehen, der Anzeichen einer Demenzkrankheit typen unterschiedlich oft auf, aber bei-
mit technischen Mitteln die Pflegekräf- zeigt, hat übrigens wirklich die Krank- de Geschlechter können betroffen sein.
te zu entlasten“, sagte Lehr. Aber auch heit. Rund 17 Prozent leiden an anderen Offenkundig ist aber, dass Bildung eine
die Betroffenen selbst können mitarbei- Problemen, unter anderem an Depressi- wichtige Rolle spielt, um den Krank-
ten – schon in der heutigen Generati- onen, die zu ähnlichem Verhalten füh- heitsverlauf zu beeinflussen: „Je mehr
on der Älteren können viele mit einfa- ren können. Ressourcen da sind, desto besser“, beton-
chen Tablets oder anderen Geräten um- Mit Methoden der Diagnose auf bio- te Ferreira.
gehen. Praktische Hilfsmittel im „smar- logischer Basis befasst sich Prof. Dani- Seit über 30 Jahren forscht Senior-
ten“ Haus sind Fallteppiche, Lichtsenso- el Ferreira vom Lehrstuhl für Neurobio- Prof. Lars-Olof Wahlund am Karolins-
ren und Sensoren zur Ganganalyse. Aber logie, Pflegewissenschaften und Gesell- ka-Institut zu degenerativen Störungen
auch Alarm-Apps, die an Medikamen- schaft des Karolinska-Instituts in Stock- im Gehirn. „Wenn Sie fragen, was ein
te oder regelmäßiges Trinken erinnern, holm. Als er angefangen habe, sich mit Senior-Professor ist – jemand, der älter
können Patienten wie Angehörigen das Demenzkrankheiten zu befassen, sei ist als 67.“ Wahlund hat sich unter ande-
Leben erleichtern. Ein aktuelles Projekt er „jung und naiv gewesen und habe ge- rem mit der Amyloid-Kaskaden-Theo-
der Universität Flensburg, das den Ein- dacht, alles sei ganz einfach“, berichtete rie befasst, einer Erklärung, wie es zum
satz von Technik im Pflegeheim unter- Ferreira. Er untersucht biologische Mar- Auftreten einer Demenz kommt. Dabei
sucht, soll mittelfristig auch in der häus-
lichen Pflege eingesetzt werden.
Über die Frühdiagnostik im St.
Franziskus-Hospital berichtete die Neu-
16 %
der Patienten im St.
Franziskus-Hospital
ker, um den genauen Krankheitstyp zu
erkennen. Denn ähnlich wie andere fort-
schreitende Krankheiten, etwa Multiple
Sklerose, gibt es innerhalb des Alzhei-
geht es um Proteine, die sich ungeregelt
zersetzen und am Ende Plaque erzeugen.
In aufwendigen Versuchen wurde diese
Kaskade bei Mäusen ausgelöst und die
ropsychologin Mona Jepsen. In der Re- waren im Jahr 2013
mer-Typs verschiedene Verläufe, teils erkrankten Tiere wurden mit Antikör-
gel gibt es im Vorfeld eine Zusammen- an Demenz erkrankt. sprunghafte Verschlechterungen, teils pern behandelt. Der Erfolg: gering, bes-
arbeit mit der hausärztlichen Praxis, die eine stetige Entwicklung. Wie die Spit- tenfalls uneindeutig. „Wir wissen vie-
bereits Aufnahmen des Gehirns veran- ze eines Eisbergs zeige sich nach außen les einfach noch nicht“, gab Wahlund

27 %
lasst. Bei der Sprechstunde in der Tages- nur das veränderte Verhalten des Er- zu. Aktuell gilt Alzheimer als komple-
klinik setzt Jepsen auf eine Kombination krankten, etwa der Verlust von Gedächt- xe Krankheit mit vielfältigen Ursachen.
mehrerer Tests, die an das Bildungsni- nis- oder Sprachfähigkeiten. Doch was „Wir hoffen auf die Präzisionsmedizin
veau und Alter der Ratsuchenden ange- sich auf pathobiologischer Ebene genau und die individuelle Behandlung“, sag-
passt sind. Hinzu kommen körperliche der bislang in 2019 im dahinter verberge, sei daraus nicht abzu- te der Forscher. Wichtig sei der Lebens-
Foto: Geisslinger

St. Franziskus-Hos-
Untersuchungen und die Auswertung pital behandelten Pa- lesen, und das erschwere die Diagnostik, wandel der Patienten, inklusive Sport
der Bilder vom Gehirn, um Tumoren, tienten sind an De- so Ferreira. Es gehe darum, die biologi- und Ernährung, die die Krankheit be-
Schlaganfällen oder Flüssigkeitsman- menz erkrankt. schen Grundlagen der Krankheit zu er- einflussen könnten.
gel als Ursachen der Verwirrtheit auf die kennen und die einzelnen Typen zu un- Esther Geisslinger
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Vier Pädiaterinnen, die die ambulante kinderärztliche Versorgung in und um Kropp herum sichern: Weiterbildungsassistentin Therese Freund, Praxischefin Marlies Werbke,
die angestellte Ärztin Merle Preikszas (derzeit Beschäftigungsverbot wegen Schwangerschaft) und Praxischefin Katja Overmoyer (von links).

LÄNDLICHE VERSORGUNG

Von Frau zu Frau


Für die ambulante kinderärztliche Versorgung in Kropp sind Frauen zuständig. Sie
expandieren und kümmern sich frühzeitig um den langfristigen Fortbestand.

Ä
rzte bevorzugen es, sich in Städ- Die Infrastruktur in Kropp ist in- dungsassistentin Therese Freund, die die
ten niederzulassen. Insbesondere takt, auch eine ganze Reihe von Ärzten BAG im Verbund mit der Helios-Klinik
Frauen scheuen zudem die Inves- unterschiedlicher Fachrichtungen ha- in Schleswig beschäftigt. Geplant ist au-
tition, die mit einer eigenen Nie- ben sich dort niedergelassen. Schon seit ßerdem, später eine Entlastungsassisten-
derlassung verbunden ist. Diese Jahrzehnten wird die kinderärztliche tin einzustellen. Merle Preikszas hat der-
Vorstellungen dominieren bis heu- Praxis dort von einer Frau geführt. 1995 zeit wegen ihrer Schwangerschaft Be-
te die gesundheitspolitische Dis- übernahm Renate Anders den pädiatri- schäftigungsverbot. Sie war Weiterbil-
kussion. Tatsächlich gibt es viele Ärz- schen Sitz, 2003 trat Marlies Werbke im dungsassistentin in der Praxis am alten
tinnen, die eine Anstellung der eigenen Rahmen eines Job-Sharings ein und er- Standort, hatte nach Redaktionsschluss
Niederlassung zunächst vorziehen, weil hielt nach zehn Jahren einen eigenen ihre Facharztprüfung, und die Chefin-
diese Kombination es nach ihrer Über- Sitz, mit dem die Praxis erweitert wur- nen hoffen auf ihre Rückkehr nach der
zeugung am ehesten erlaubt, Arbeit und de. 2019 übernahm Katja Overmoyer Babypause.
Familie miteinander zu vereinbaren. den Sitz von Anders. In den fünf voran- Genügend ärztliche Ressourcen also,
Fakt ist aber auch: Es gibt Ärztin- gegangenen Jahren gelang es den Ärztin-

Info
Mut zur Investition in neue Räume und
nen, die in eigener Praxis in ländlicher nen, das Einzugsgebiet der Praxis zu er- eine wachsende Praxis in ländlicher Um-
Region die Versorgung sichern und mit weitern und die Patientenzahl deutlich gebung – damit entspricht die pädiatri-
ihrem Praxismodell dafür sorgen, dass zu steigern. sche Berufsausübungsgemeinschaft in
junge Frauen diesen Weg als attraktiv er- Die seit Jahrzehnten Die Ärztinnen sind heute Arbeitge- Kropp nicht den gängigen Vorstellun-
bestehende pädiatri-
leben und auch als Praxischefin die ei- sche Praxis in Kropp ber für sieben Medizinische Fachange- gen. In einem Punkt aber stimmt sie da-
genen Vorstellungen verwirklicht ha- wird von Ärztinnen stellte (MFA). Auch der langfristige Fort- mit doch überein: Die neuen Kollegin-
ben – inklusive Familiengründung. Ein geführt, die frühzeitig bestand der Praxis ist gesichert: Zu Mo- nen werden auch deshalb in der Praxis
solches Beispiel findet sich in Kropp. die Weichen für die natsbeginn bezogen die Ärztinnen eine gebraucht, damit Werbke und Overmoy-
In dem Ort zwischen Rendsburg und Zukunft gestellt ha- neue Praxis mit fünf Sprechzimmern, er nicht jeden Tag in der Woche arbeiten
ben. Die neue Praxis
Schleswig leben rund 6.500 Menschen, kann bei Ausscheiden die von Marlies Werbkes Mann gebaut müssen und durch die Sprechstunden-
hinzu kommt ein großes Einzugsgebiet einer Partnerin von und an die Ärztinnen vermietet wurde. zeiten an die Praxis gebunden sind. „Ziel
– die kinderärztlichen Praxen in Schles- der zweiten Partnerin Die Verträge sind so gestaltet, dass die ist es, mehr Freizeit zu haben“, räumt
wig und Rendsburg sind jeweils fast 20 übernommen werden. Praxis auch nach Werbkes Ausscheiden Werbke im Gespräch mit dem Schles-
Kilometer entfernt. Außerdem kommen Junge Ärztinnen ler- den Standort behalten kann und Over- wig-Holsteinischen Ärzteblatt ein. Das
nen die Praxen über
Eltern mit Kindern aus einem weiteren Anstellungen schon moyer als Praxischefin ein Vorkaufsrecht war in der Zeit des Umzugs kaum zu re-
Umfeld in die pädiatrische Praxis nach in der Weiterbildung eingeräumt bekommt. alisieren. Der wurde allein organisiert
Kropp. Ohne diese Praxis wäre die Ver- kennen. In der Praxis arbeitet neben den bei- und mit Hilfe des Praxispersonals bewäl-
sorgung also weiträumig ärmer. den Chefinnen derzeit die Weiterbil- tigt. Dirk Schnack
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FKQS

Gegen die Kluft zwischen


Kapital + Sozialrecht
25 Jahre Förderkreis Qualitätssicherung im Gesundheitswesen e.V. in Schleswig-Holstein
(FKQS). Nächstes Symposium am 13. November in Kiel: Wie sicher ist die Sicherstellung?

D
er Kompromiss von Lahnstein, und wird dies über mehrere Wege:
Einführung der Budgetierung und  Beitragsgelder der Mitglieder fließen
der Kollektivhaftung für nieder- in Maßnahmen der ärztlichen Qua-
gelassene Ärzte: Die erste Hälf- litätssicherung, die vom Förderkreis
te der 1990er Jahre waren beweg- ausgesucht werden.
te Zeiten für Vertragsärzte. Die  Ein im Zwei-Jahres-Rhythmus verge-
wurden durch die Politik in eine bener Qualitätspreis würdigt beson-
Zwickmühle gebracht: Auf der einen Sei- dere Leistungen auf dem Gebiet der
te mussten sie bei Überschreitung von Qualitätssicherung mit innovativem
Budgets haften. Auf der anderen Sei- und wissenschaftlichem Ansatz.
te wurden Vorwürfe von verschiedenen  Jährliche Symposien tragen mit ge-
Seiten - auch von der Politik - laut, weil sundheitspolitischen Diskussionsrun-
sie weniger verordneten. den dazu bei, die Positionen aller im
Vieles von dem, was der damalige FKQS vertretenen Mitglieder in die
Bundesgesundheitsminister Horst See- Fachöffentlichkeit zu transportieren.
hofer (CSU) politisch umsetzte, wirkt bis Die Symposien beleuchten aktuel-
heute nach. Geblieben ist u. a. das Ge- le Themen aus der Gesundheitspolitik.
fühl, dass Politik sich manchmal über le- In diesem Jahr wird es am 13. November
gitime Interessen von Leistungserbrin- in Kiel um die Frage „Wie sicher ist die
gern hinwegsetzt und zugleich einzelne Sicherstellung“ gehen. Die von Landes-
Gruppen gegeneinander ausspielt. gesundheitsminister Dr. rer.pol. Heiner
Eine Folge war damals, dass sich im- Garg zugesagte Teilnahme zeigt, dass der
mer mehr Pharmaunternehmen bei den FKQS auch in der Landespolitik wahr-
Kassenärztlichen Vereinigungen um genommen und seine Bedeutung einge-
Termine bemühten, um auszuloten, wie ordnet wird. Die gesundheitspolitischen
man auf die neue Gesetzeslage reagie- Sprecher der Landtagsparteien gehören
ren könnte. In Schleswig-Holstein setz- zu den Stammgästen. Die Liste der dies-
ten die Beteiligten schon damals auf den jährigen Referenten macht deutlich, wie
Austausch. Weil Termine mit jeder Fir- verankert der Verein in der schleswig-
ma aber schon rein zeitlich nicht mög- holsteinischen Versorgungslandschaft
lich waren, wurde 1993 ein Gesprächs- ist: Neben Kassen- und KV-Vertretern
kreis für Ärzte und Pharmaindustrie ge- werden Ärzte, Zahnärzte und Apothe-
gründet, aus dem ein Jahr später offi- ker, die in der Versorgung tätig sind, in
ziell ein eingetragener Verein mit dem Kiel diskutieren und aus ihrem Alltag Dr. Franz Bartmann, hier bei einem Symposium im Jahr 2016, engagiert
Namen „Förderkreis Qualitätssiche- berichten. sich seit dem Jahr 1999 im Förderkreis Qualitätssicherung.
rung im Gesundheitswesen in Schles- Neben solchen Veranstaltungen sind
wig-Holstein e.V.“ (FKQS) entstand. Zu es die handelnden Personen, die trotz entierte Unternehmen, auf der anderen
den Gründungsmitgliedern zählten am wechselnder politischer Landschaften Seite dem Patienten verpflichtete Ärz-
6. Juli 1994 die Kassenärztliche Vereini- und immer wieder neuer Gesetze dafür te - diese Kluft ist ja eher größer gewor-
gung, die Ärztekammer Schleswig-Hol- sorgen, dass der Förderkreis aktiv blei- den. Der Förderkreis schlägt eine Brü-
stein und eine Reihe von Unternehmen ben konnte. Bartmann selbst stieß schon cke über diese Kluft. Diese Brücke bleibt
aus der Pharmabranche. Beide Körper- in den ersten Jahren zum Förderkreis, für uns eine permanente Aufgabe“, sagt
schaften sind bis heute Mitglieder des
Vereins.
Entstanden war eine in dieser Form
einzigartige Institution in Deutschland.
als er als Leiter der Akademie für me-
dizinische Fort- und Weiterbildung tä-
tig war. Im Jahr 2000, also noch vor Be-
ginn seiner späteren Amtszeit als Präsi-
Bartmann.
Zu den Mitgliedern zählen inzwi-
schen auch die Ärztegenossenschaft
Nord sowie derzeit 30 Unternehmen aus
13.11.19
Ab 18 Uhr beginnt
an diesem Tag das
„Der FKQS versucht, die Kluft zwischen dent der Ärztekammer (2001 bis 2018), der Industrie. Deren Verbleib ist we-
dem Kapital verpflichteten Unterneh- wurde er Vorsitzender des Förderkrei- gen ständig neuer Gesetze mit daraus re- FKQS-Symposium im
Kieler Hotel Steigen-
men und dem Sozialen verpflichteten ses. Er engagierte sich über einen so lan- sultierenden Compliance-Regeln nicht berger. Einzelheiten
Ärzten zu überwinden“, beschreibt der gen Zeitraum, weil der ursprüngliche selbstverständlich - gelingt aber auch unter www.foerder-
Foto: Di

Vorsitzende des Vereins, Dr. Franz Bart- Gedanke nichts an seiner Aktualität ver- wegen der handelnden Personen. kreis-qs.de
mann, die Zielsetzung. Erreicht wurde loren hat. „Auf der einen Seite Dax-ori- Dirk Schnack
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ERNÄHRUNG

Kein Zucker-
schlecken mehr
für die Industrie

15 %
der drei- bis 17-jäh-
rigen Kinder und
Nährwertampel, Verbot irreführender Werbung, verbindliche Reduktionsziele
Jugendlichen in für Zucker: Auf der Tagung „Bitte nicht zu süss“ stellte Hamburgs
Deutschland sind
übergewichtig. Davon
Gesundheitssenatorin konkrete Forderungen.
geht der Berufsver-
band der Kinder- und
Jugendärzte aus.

D
ie Warnhinweise auf Zigaretten- bensmittel und Ernährung warf den ner „Zuckerreduktionsstrategie“. Sie be-

80 %
So stark sank der Ab-
satz von „Alkopops“,
schachteln sind seit Jahren Alltag
in Deutschland. Was wäre, wenn
die Lebensmittelhersteller von
Produkten mit hohem Zucker-
Lobbyisten vor, mit Unwahrheiten zu ar-
beiten. Sie begrüßte deshalb ausdrück-
lich „konsequentes politisches Handeln“,
wie es auf dem Strategietag Hamburgs
inhaltet folgende Maßnahmen:
 Ab dem Jahr 2021 soll auf die Ausga-
be von gezuckerten Getränken in Kin-
dertagesstätten ganz verzichtet wer-
nach dem diese im gehalt ebenfalls zu Warnhinwei- Gesundheitssenatorin Cornelia Prü- den.
Jahr mit einer Son- sen verpflichtet werden? Zum Bei- fer-Storcks (SPD) forderte. Denn sie hat  In allen Kindertagesstätten und Schu-
dersteuer belegt wur- spiel „Zucker macht zahnlos“ auf einer die Geduld mit der Lebensmittelindust- len der Hansestadt soll Trinkwas-
den. Aus dieser Er- Packung mit Süßigkeiten oder „Vorsicht rie verloren. „Auf Selbstverpflichtungen ser kostenlos verfügbar sein. An den
fahrung fordert Ham- hoher Zuckergehalt: Diabetes kann zu und den guten Willen der Industrie zu Schulen werden Trinkwasserbrunnen
burgs Gesundheitsse-
natorin Cornelia Prü- Amputationen und Erblindung führen“, setzen, wie die Bundesregierung es tut, schrittweise eingeführt.
fer-Storcks jetzt eine begleitet mit entsprechenden Schockfo- reicht nicht“, sagte sie auf dem Strategie­  Zuckergesüßte Milchgetränke sollen
stärkere Besteuerung tos. Diese Anregungen sind zwar nicht tag. Sie forderte die Einführung einer aus der Schulmilchförderung heraus-
von stark zuckerhalti- ganz neu, stießen aber bei vielen Teil- Zuckersteuer und einer Nährwertam- genommen werden.
gen Lebensmitteln. nehmern der Strategietagung „Bitte pel auf Lebensmittelverpackungen so-  Lehrkräfte, Erzieher, Eltern, Kinder
nicht zu süß“, die von der Hamburger wie das Verbot von Werbung, die gesüß- und Caterer sollen für das Thema sen-

90 %
Gesundheitsbehörde veranstaltet wurde, te Kinderprodukte als gesund verkauft. sibilisiert werden.
auf positive Resonanz. In Babynahrung sollte Zucker laut ihrer Ein wichtiger Schritt für die Sensibili-
Vor solchen harten Bandagen wie Forderung komplett verboten und für sierung war der Strategietag, auf dem
Foto: Adobe Stock Kerim

Warnhinweisen schreckt Silke Schwar- Fertiglebensmittel und Getränke sollten Prüfer-Storcks für eine niedrigere Be-
der Eltern in Deutsch-
land unterschätzen
tau von der Verbraucherzentrale Ham- verbindliche Zuckerreduktionsziele fest- steuerung gesunder Lebensmittel ein-
den Zuckergehalt in burg nicht zurück, weil sie schon zu vie- gelegt werden. trat. Sie verwies auf erfolgreiche Bei-
Nahrungsmitteln wie le negative Erfahrungen mit der Lobby­ All dies sind Maßnahmen, die auf spiele: „Nachdem die Politik 2004 die
etwa Fruchtjoghurts. arbeit der Lebensmittelindustrie ge- Bundesebene passieren müssten. Auf bei Jugendlichen beliebten Mischge-
sammelt hat. Die Abteilungsleiterin Le- Landesebene reagiert Hamburg mit ei- tränke „Alkopops“ mit einer Sonder-
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steuer belegte, sank der Absatz binnen


eines Jahres um 80 Prozent.“ Beispie-
le aus Frankreich und Großbritannien
zeigten außerdem, dass nach einer hö-
heren Besteuerung die Zuckergehal-
te innerhalb von ein bis zwei Jahren um
bis zu 65 Prozent gesunken seien.
Dr. Thomas Fischbach, Vorsitzender
des Berufsverbandes der Kinder- und
Jugendärzte in Deutschland, hat den
Eindruck, dass die Lebensmittelindus-
trie auf Zeit spielt – was für die Kinder
fatal ist: „Wir werden die Erwachsenen
kaum ändern, sondern müssen die jun-
gen Menschen erreichen“, sagte Fisch-
bach und drängte: „Es muss schnell ge-
hen.“ Er verwies in diesem Zusammen-
hang auf den Anteil an adipösen Kin-
dern in den pädiatrischen Praxen. Auch
der Hamburger Ernährungsmediziner
Dr. Matthias Riedl betonte den Hand-
lungsdruck: „Kinder sind schon geprägt,
wenn sie in die Kita kommen, und zwar
von ihren Eltern.“ Er begrüßte das Ein-
treten Hamburgs für reduzierten Zu-
ckerkonsum. Für ihn ist Deutschland
ein „Gemüse- und Ballaststoffmangel-
land“, nicht wegen mangelnder Ver-
fügbarkeit, sondern weil sich die Deut-
schen schlicht falsch ernähren. Zu den
schlimmsten Fehlern zählt für ihn ne-
ben dem Verzicht auf Gesundes auch
ein zu hoher Zuckerkonsum. Der wird
bei vielen Menschen nicht nur über Sü-
ßigkeiten und versteckten Zucker in
Fertiggerichten erreicht, sondern u. a.
auch durch zuckerreiches Obst wie Ba-
nanen und Weintrauben, durch Tro-
ckenobst oder gezuckerte Getränke.
Um den Konsum zu senken, rät Riedl
u. a. dazu, sich täglich auf drei Mahlzei-
ten zu beschränken und auf Zwischen-
mahlzeiten zu verzichten. Auch ver-
nachlässigen viele Menschen nach sei-
ner Beobachtung ausreichendes Trin-
ken und verspüren zum Teil Hunger,
weil sie nicht genug getrunken haben.
Weitere Ratschläge des Ernährungsme-

Info
diziners:
 Essen mitnehmen – kein Gebäck to go
 Selber kochen und selber backen statt
Fertiggerichte
Einzelne Einrichtun-
 Zuckerersatz vermeiden, so oft es gen wie die Elbkin-
geht der-Kita in Hamburg
 Zuckerarme Beeren und Äpfel bevor- erreichen, dass Kin-
zugen der nicht an stark zu-
ckerhaltige Lebens-
 Nüsse oder Gemüsesticks statt Süßig-
mittel gewöhnt wer-
keiten den. Dort gibt es zu
Dass solche Bemühungen Erfolg ha- den Mahlzeiten kei-
ben können, berichtete Ökotrophologin ne klassischen Süssig-
Traute Wolf. Nach ihren Angaben isst keiten mit Ausnahme
von Speiseeis. Beson-
die Elbkinder-Kita zuckerarm, ohne et- dere Anlässe können
was zu vermissen. In der Kita lernen die mit einem maßvollen
Kinder sparsam gesüßte Speisen ken- Angebot an Süßigkei-
nen. Zwar sei die Vorliebe für den sü- ten verbunden wer-
ßen Geschmack angeboren, räumte den. Es gibt klare Re-
geln zum Umgang mit
Wolf ein, aber: „Wie süß ein Lebensmit- Süßigkeiten, die mit
tel empfunden wird, hängt allein vom Eltern und Kindern
Foto: Di

Erfahrungslernen ab.“ besprochen werden.


Dr. Matthias Riedl Dirk Schnack
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PFLEGE

Ausweg nach Anruf:


Hotline gegen Gewalt
20 Jahre Pflegenottelefon Schleswig-Holstein. Nach anfänglicher Skepsis steht heute auch
die Politik hinter dem Angebot. 1.000 Ratsuchende bislang. Bedarf besteht weiterhin.

E
igentlich wollte die Ehefrau ihren keine eigene Versorgung, und in Bera-
Mann verlassen – da erlitt er einen tungsstellen oder bei Angeboten, die für
Schlaganfall. Sie blieb und pfleg- alle offen stehen, kommen die Alten zu
te ihn. Doch der Streit schwelte wei- kurz.“ Denn sie bräuchten für jedes Ge-
ter, und nach verbalen Attacken des spräch und jede Hilfe mehr Zeit, die sich
Mannes „hab ich ihm eine vor den die Fachleute meist nicht nehmen würden.
Kopf gehauen“, gestand die Frau spä- Hirsch sieht die Hausärzte als wich-
ter in Tränen aufgelöst. Nur ein Fall von tigste Partner der Alten: „Denen vertraut
Gewalt in der Pflege, von dem der Kri- jeder, die sehen alle.“ Es gehe nicht dar-
minologe Dr. phil. Thomas Görgen, Pro- um, dass der Allgemeinmediziner jede
fessor an der Deutschen Hochschule der Frage beantwortet, aber als zentrale An-
Polizei, zum Jubiläum des Pflegenotte- lauf- und Informationsstelle seien die
lefons in Schleswig-Holstein berichtete. hausärztlichen Praxen immens wichtig:
Vor 20 Jahren wurde die Hotline für An- „Fast noch wichtiger als der Arzt sind die
gehörige, Pflegebedürftige und Beschäf- Angestellten, die die Patienten ja eben-
tigte in Pflegeeinrichtungen eingerichtet; falls sehen.“ Sie könnten Info-Blätter zu
damals gab es Bedenken, ob das Modell regionalen Angeboten an die Älteren
funktionieren könnte. verteilen, Angehörige auf Beratungen
Auf drei Monate war das Projekt im hinweisen. Wichtig sei eine gute Diag-
Jahr 1999 angelegt. Das Sozialministe- nostik, gerade im Bereich Demenz: „Der
rium unterstützt den Modellversuch fi- Hausarzt darf nicht einfach Medikamen-
nanziell, auch wenn die damalige Mi- te verschreiben, sondern muss an eine
nisterin Heide Moser (SPD) das Thema Gesundheitsminister Dr. rer. pol. Heiner Garg und Projektkoordinatorin Gedächtnissprechstunde verweisen, um
für unwichtig hielt: „Gewalt in der Pfle- Anke Buhl von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) freuten sich bei der Jubilä- eine Diagnose zu stellen.“ Als zweite re-
umsfeier in Kiel über 20 Jahre Pflegenottelefon in Schleswig-Holstein.
ge gibt’s doch gar nicht, schließlich wol- levante ärztliche Profession sieht Hirsch
len doch Menschen, die in der Pflege tä- die Psychiater. Er setzt auf Zusammen-
tig sind, anderen helfen“, habe die Mi- te übernahmen jeweils einige Stunden arbeit zwischen Haus- und Facharzt und
nisterin damals gesagt, erinnerte Anke pro Woche den Telefondienst, die zent- rät dazu, „einfach mal bei den Kollegen
Buhl, Projektkoordinatorin des Notte- rale Nummer musste wie bei einer Staf- anzurufen und gemeinsam zu beraten“.
lefons bei der AWO Schleswig-Holstein, felübergabe immer an die nächste Stel- Doch es bleibt ein Problem: Wenn es
während der Feier in Kiel. Doch die le weitergeschaltet werden. So viele Be- um Gewalt in der Pflege geht, sind selbst
Wirklichkeit sah anders aus: Bereits im teiligte, zudem die Wohlfahrtsverbände aufmerksame Ärzte oft machtlos, denn
Dreimonatstest stellte sich heraus, dass als Träger von Pflegeeinrichtungen dabei sie spielt sich meist hinter verschlosse-
eine Hilfehotline dringend notwendig ist. – „das kann nicht klappen“, prophezei- nen Türen in den Familien ab. Weil die

Info
Die Hotline ist dank der Stiftung te damals Prof. Dr. phil. Dr. Rolf Dieter Gewalttäter „böse“ seien oder weil die
Pflegebrücke durchgängig zu erreichen. Hirsch. Der Geriater und Facharzt für Pflege eben so unendlich anstrenge –
Über das Telefon lassen sich Hausbesu- Nervenheilkunde gratulierte im Namen beide Erklärungen lehnt Kriminologe
che vereinbaren und es gibt dezentrale des Bundesverbandes der Krisentelefo- Görgen als zu einfach ab: „Es kommt da-
01802 49 48 47 lau-
Beratungen durch acht Pflegestützpunk- tet die zentrale Ruf- ne zum 20. Jubiläum, längst ist er vom rauf an, wie die Qualität der Beziehung
te im Land, die Tipps für die jeweilige nummer des Netzwer- schleswig-holsteinischen Modell über- vor der Pflegesituation war.“
Region geben können. kes für das Pflegenot- zeugt: „Ehrenamt allein kann diese Auf- Immer noch gibt es einen gewis-
„Das Nottelefon hat sich zu einem telefon, dem rund 50 gabe nicht leisten, es braucht die Koope- sen Erwartungsdruck der Umwelt, sich
echten, verlässlichen Eckpfeiler entwi- Gruppen und Verei- ration mit den Trägern und Profis“, sagte um Eltern oder Partner selbst zu küm-
ne angehören. Darun-
ckelt“, sagte Sozial- und Gesundheitsmi- ter sind die Alzheimer Hirsch. Schleswig-Holstein sei mit dem mern. Sich Hilfe holen, Hilfe zulassen sei
nister Dr. rer. pol. Heiner Garg (FDP). Er Gesellschaft, die Be- Konzept heute bundesweit Vorbild für wichtig, sagen alle Beteiligten. „Die Lage
freute sich darüber, dass die Hilfe-Hot- ratungsstelle Demenz andere Krisenberatungsangebote. scheint ausweglos“, sagte Anke Buhl.
line inzwischen auch über das Internet und Pflege in Kiel, der Überflüssig werde die Arbeit des „Aber es gibt Hilfe, und es gibt Auswege.“
Sozialverband Schles- Pflegenottelefons aber nicht, bedauerte Manchmal sind es die scheinbaren Klei-
zu erreichen ist und auch über diesen
Foto: Geisslinger

wig-Holstein, das Fo-


Kanal viele Meldungen eingehen. Die rum Pflegegesellschaft Hirsch, der in eigener Praxis tätig ist. Ak- nigkeiten: „Bewegung, vor allem Tan-
Anfänge waren bescheidener: Frauen- und die Pflegeom- tuell seien Ältere oft unterversorgt, so zen“, rät Hirsch und verweist auf sein
notruf, Sozialverband, AWO, Alzheimer budsfrau. Hirsch: „In der Zeitspanne vor der Pfle- liebstes Rezept: „Humor!“
Gesellschaft und einige weitere Beteilig- gebedürftigkeit gibt es für alte Menschen Esther Geisslinger
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PALLIATIVMEDIZIN

Verkanntes Problem
Erster palliativer Fachtag zum Thema Schmerz in Kiel geplant. Initiatoren wollen sich mit der
Versorgung Schwerstkranker auseinandersetzen. Zusammenwirken verschiedener Disziplinen.

W
as schwerkranke Menschen
umtreibt, ist fast nie die Angst
vor dem Sterben an sich. Es
ist die Angst, unerträgliche
Schmerzen zu erleiden. Oder
die Sorge, seinen Angehörigen
auf unzumutbare Weise zur
Last zu fallen. Entsprechend breit aufge-
stellt ist das erste Küstensymposium Pal-
liativ, das sich am 7. September in Kiel
an haupt- und ehrenamtliche Kräfte aus
diesem Bereich wendet.
Den Betroffenen in der letzten Pha-
se ihres Lebens die Gewissheit zu ge-
ben, umfassend versorgt zu sein, das er-
fordert das Zusammenwirken zahlrei-
cher Disziplinen. Und die müssen „wie
Zahnräder ineinandergreifen“, sagt Ste-
fan Gross, Homecare Manager des Hilfs-
mittelanbieters GHD.
Das Unternehmen gehört ebenso zu
den Verantwortlichen dieses auf 120 bis
Prof. Dieter Siebrecht vom UKSH, Katharina Kuhlmann-Becker von der Diakonie Altholstein, Arne Kulm von der Hof-
150 Teilnehmende ausgerichteten Fach- Apotheke in Kiel sowie Stefan Gross, Homecare Manager bei GHD (von links), stehen hinter dem ersten Fachtag, der sich
tages wie die Hof-Apotheke in Kiel. Die am 7. September in Kiel dem Thema palliative Versorgung widmet.
verfügt als eine der wenigen Apotheken
in Deutschland über eine eigene Steril-
abteilung, in der Medikamente zur The- Das erste Küstensymposium am der Eindämmung von Nebenwirkungen
rapie oder zur Schmerzlinderung indi-
viduell hergestellt werden können. Auch
das ist eine entscheidende Vorausset-
zung zur ambulanten Palliativarbeit,
Info
Das erste Küsten-
symposium findet am
7. September steht unter dem Thema
„Schmerz – das verkannte Problem“. Ne-
ben Schwäche ist Schmerz in der pallia-
tiven Krankheitssituation „immer noch
einer Chemotherapie erreichen.
Ein weiteres Thema der Tagung ist
passive Sterbehilfe – oft eine Quelle für
Missverständnisse und Fehlinterpre-
weiß der für diese Abteilung verantwort- das häufigste und auch eines der belas- tationen. Als Experte kommt Palliativ-
Sonnabend, 7. Sep-
liche Apotheker Arne Kulm und fügt tember, von 9.30 bis tendsten Symptome“, sagt Prof. Dieter mediziner Dr. Marcus Schlemmer vom
hinzu, dass damit zuweilen außerordent- 16.30 Uhr in der Spar- Siebrecht, Leiter der Interdisziplinären Krankenhaus Barmherziger Brüder in
licher Aufwand verbunden sein kann: kassenakademie im Schmerz- und Palliativstation des Uni- München. In Vortrag und Workshop
„Wenn sich Schmerzen akut und drama- Faluner Weg 6 in Kiel versitätsklinikums Schleswig-Holstein geht er auf die rechtlichen und begriffli-
statt und steht unter
tisch verschlimmern, kann es sein, dass dem Thema „Schmerz
in Kiel. Oft geht es dabei nach seiner Er- chen Feinheiten dieses Themas ein, aber
man auch nachts oder am Wochenende – das verkannte Prob- fahrung um Verzweiflung über das nä- mehr noch auf die praktischen Erfah-
neue Wirkstoffe anfertigen muss.“ lem“. Die Tagung rich- her rückende Ende der eigenen Lebens- rungen. Die nämlich gestalten sich we-
Für den Fachtag ist es egal, welcher tet sich vorrangig an zeit und die damit verbundenen Verluste. niger dramatisch als die aufgeregten öf-
Disziplin jemand angehört, meint Ka- medizinisches, phar- „Auch solche Aspekte müssen unbedingt fentlichen Diskussionen vermuten las-
mazeutisches und
tharina Kuhlmann-Becker, Fachbe- pflegerisches Fachper-
berücksichtigt werden“, betont der Arzt. sen. Wenn Schwerstkranke nach Sterbe-
reichsleiterin für Palliativversorgung bei sonal. Ehrenamtliche Nicht ohne Grund spielt im Vor- hilfe verlangen, spielt laut Siebrecht fast
der Diakonie Altholstein: „Wir haben und Interessierte aus tragsprogramm des Symposiums das immer Angst die entscheidende Rol-
es mit so vielen Ängsten und manch- den Hospizinitiati- Thema Cannabis eine herausgehobene le. Erfahren die Betroffenen dann aber
mal auch Fehlinformationen zu tun, dass ven sind willkommen. Rolle. Seit die gesetzlichen Möglichkei- von der Möglichkeit der palliativen Se-
Anmeldungen sind bis
einfach jeder auf dem aktuellen Stand 30. August unter ku- ten im Jahr 2017 erweitert wurden, sind dierung, die durch notfalls sehr hoch do-
der Dinge sein sollte.“ Genau diesem estensymposium@di- die Verschreibungszahlen „exorbitant sierte Schmerzmittel Leiden vermeiden
Anliegen soll das Küstensymposium die- akonie-altholstein.de gestiegen“, berichtet Kulm, der ebenso kann, verschwindet diese Forderung fast
nen, das aus Sicht der Beteiligten im möglich. Informatio- wie Siebrecht dafür plädiert, das Thema immer.
Grunde überfällig ist. „In Kiel gibt es bis- nen zum Programm nüchtern zu betrachten. Als allgemei- Weitere Schwerpunkte des Sympo-
und den Kosten unter
her keinen großen Fachtag, obwohl wir diakonie-altholstein. nes Schmerzmittel funktioniert Canna- siums sind die Pädiatrische Schmerz-
Foto: Geist

eine hohe Dichte an stationärer und am- de/de/kuestensym- bis nach Siebrechts Erfahrung „nicht so behandlung und kulturelle Aspekte des
bulanter palliativer Versorgung haben“, posium gut“, wohl aber ließen sich positive Ef- Umgangs mit dem Leiden.
hebt Kuhlmann-Becker hervor. fekte etwa bei Appetitlosigkeit oder bei Martin Geist
2 6 // I M N O R D E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

DEMENZ sind Sie im Vorteil“, sagte Hundsdörfer.


Denn in vielen Einrichtungen leben die

Schwierige
Menschen mit Behinderungen schon
seit vielen Jahren, ihre Biografie, Vor-
lieben und Abneigungen sind daher be-
kannt.
Wenn sie denn dort bleiben kön-
nen – in vielen Einrichtungen stellt sich

Diagnose
die Frage, wo geistig Behinderte mit De-
menz am besten untergebracht sind: im
vertrauten Wohnheim oder doch in ei-
ner Altenpflege?
Aus der Praxis berichteten Diplom-
Pädagogin Maria Leube und Sozialar-
beiter Knud Sönnichsen aus der Kie-
Geistige Behinderung und Demenz: Durch den demografi- ler Stiftung Drachensee. Die Organisati-
on betreibt in Kiel insgesamt elf Wohn-
schen Wandel in Heimen tritt die Krankheit vermehrt auf. heime an verschiedenen Standorten
und eine ebenfalls über mehrere Stand-

E
orte verteilte Werkstatt für Menschen
s begann mit kleinen Vergesslichkei- Wenig untersucht sind Demenzen mit Behinderungen sowie Freizeit- und
ten. Doch eines Tages stand die Frau bei anderen Formen geistiger Behinde- Fortbildungsangebote. Sie hat in den
vor dem Tagestreff, den sie seit Jah- rung. „Generell steckt das Thema noch vergangenen Jahren Konzepte entwi-
ren besuchte, und erkannte das Ge- in den Kinderschuhen, es gibt wenig Li- ckelt, damit die langjährigen Bewohner
bäude nicht wieder. Spätestens jetzt teratur“, bedauerte Hundsdörfer. auch bei Pflegebedarf bis zu ihrem Tod
war den Betreuern im „Senioren- Ein großes Problem ist, die Krank- in der Einrichtung bleiben können. So
haus“ der Kieler Stiftung Drachen- heit im frühen Stadium richtig zu dia- gibt es inzwischen ein eigenes Wohn-
see klar: Die Frau, die mit dem Gende- gnostizieren. Denn viele Symptome ei- heim für Ältere, das auch für Demenz-
fekt Trisomie 21 geboren wurde, litt unter ner Demenz treten auch bei einer geisti- kranke ausgestattet ist.
einer Demenz. gen Behinderung auf, sind also nicht ge- Dass dies wichtig ist, zeigen die Zah-
Die Kombination von geistigen Be- nau abzugrenzen. Dennoch riet Hunds- len, die Sonja Leube präsentierte. So
hinderungen und demenziellen Störun- dörfer dazu, bei einem Verdacht eine gab es 1987 keinen einzigen Bewohner
gen ist bisher wenig erforscht, wird aber möglichst frühe und möglichst genaue über 60 Jahren im Drachensee, im Jahr
angesichts älter werdender Belegschaften Diagnose einzufordern. Ein wichti- 2019 sind von rund 200 Plätzen in den
in Wohnheimen und Werkstätten für die ger Grund: Nicht immer ist das, was auf Wohnheimen 60 von Über-60-Jährigen
Einrichtungen immer wichtiger. Bei einer den ersten Blick für eine Demenz gehal- belegt. Im Jahr 2035 werden es etwa dop-
Fortbildung der Alzheimer Gesellschaft ten wird, auch tatsächlich eine. Manch- pelt so viele sein.
Schleswig Holstein, die im vergangenen mal sind eine Stoffwechselstörung, ein Gerade in Wohnheimen, in denen
Monat in Neumünster stattfand, brach- Tumor oder andere körperliche Ursa- Mitbewohner verändertes Verhalten be-
ten sich Fachleute aus Alten- und Behin- chen Schuld an der geänderten Verhal- merken, sei es wichtig, die Diagnose zu
derteneinrichtungen auf den neuesten tensweise oder an einem verwirrten Zu- stellen und sie in der Gruppe zu bespre-
Stand der Forschung zu diesem Thema. stand des Patienten. Und auch wenn chen, riet Hundsdörfer. „Mitbewohner
„Wir erleben die erste große Welle eine Demenz erkannt wird, sollte fest- werden neidisch, wenn eine Person an-
von Menschen, die mit Behinderung äl- gestellt werden, um welchen Typ es sich ders handelt, beispielsweise von Arbeit
ter werden“, sagte Diplom-Sozialpäda- handelt. Denn manchmal können psy- in der Wohngemeinschaft befreit wird.
gogin Ines Hundsdörfer, Referentin der chotische Symptome auftreten, die mit Gleichzeitig spüren sie natürlich auch,
Alzheimer Gesellschaft. Wie in der rest- atypischen Neuroleptika behandelt wer- dass sich jemand verändert, und wollen
lichen Bevölkerung steigen mit dem Al- den, „und die vertragen sich schlecht die Gründe dafür erfahren, sie machen

Info
ter der Pflegebedarf und die Zahl an De- mit einer Lewy-Körper-Demenz“, warn- sich schließlich auch Sorgen.“ Mit einfa-
menzkrankheiten. Sie kommen bei geis- te Hundsdörfer. chen Worten und Bildern lässt sich auch
tig Behinderten ähnlich häufig vor wie in Ist die Krankheit erst diagnostiziert, Menschen mit Behinderung erklären,
der Gesamtbevölkerung. Eine Ausnah- Ab dem 35. Lebens-
gelten für den Umgang mit den Betrof- um was für eine Art der Erkrankung es
me bilden Menschen mit dem Down- jahr können sich bei fenen ähnliche Verhaltensweisen wie bei sich handelt und wie die anderen damit
Syndrom: Bei ihnen treten Demenz- Menschen mit die- Erkrankten ohne geistige Behinderung. umgehen sollen.
krankheiten, vor allem vom Alzheimer- sem Gendefekt Sym- Hundsdörfer stellte die Methode der Va- „Ein Vorteil ist, dass die Bewohner
typ, deutlich häufiger und vor allem ptome einer Demenz lidation vor, eine Art der Kommunika- oft schon sehr lange zusammen in ei-
zeigen. Die Krank-
deutlich früher auf als bei Personen ohne heit verläuft in der tion, bei der auf die Patienten eingegan- ner Einrichtung leben und damit eine
diesen Defekt. Regel schneller als bei gen wird. Statt einer Frau, die sich mit- Menge Toleranz entwickelt haben“, sag-
Ein Grund könnte sein, dass das Menschen ohne Tri- tags mit der Gabel die Haare kämmt, te Sozialarbeiter Sönnichsen während
Chromosom 21 ein Protein trägt, aus somie 21. Bei den das Besteck wegzunehmen, könnte ein der Fortbildung in Neumünster. Dinge
dem sich bei fehlerhaften Prozessen Über-65-Jährigen lei- freundliches Lob helfen: „Oh, Sie ma- wie Intelligenz, Bildung, berufliche Fä-
den 56 Prozent unter
Plaque bildet, das bei einer Demenz Tei- der Krankheit. Vier- chen sich hübsch!“ Nie von oben herab, higkeiten oder Status seien in Behinder-
le des Gehirns lahmlegt. Entsprechend mal höher selbst eine nicht zu viele Informationen auf einmal teneinrichtungen weniger wichtig. „Wer
lässt sich bereits bei Kindern mit Triso- Demenz zu bekom- – im Grunde also genau das, was in Ein- ohnehin nur wenig lesen und schreiben
mie 21 eine Plaque-Produktion feststel- men ist das Risiko von richtungen der Behindertenhilfe ohne- kann, verliert nicht zu viel, wenn die Fä-
len. Vermutet wird darüber hinaus eine Frauen, die im jün- hin zum Alltag zählt. higkeit verschwindet“, sagte Sönnichsen
geren Lebensalter ein
genetische Prädisposition, denn auch Kind mit Down-Syn- Wichtig sei auch bei Menschen mit in diesem Zusammenhang. Er gab aber
Mütter von Kindern mit dem Down- drom zur Welt brin- geistiger Behinderung, dass die Biogra- auch zu bedenken: „Die Emotionen aber
Syndrom haben ein erhöhtes Risiko, an gen. fie des Patienten bekannt ist und immer bleiben mit Demenz.“
Alzheimer zu erkranken. wieder einbezogen werden kann. „Hier Esther Geisslinger
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V
on einem Schlag zum anderen
hört das Herz auf zu schlagen –
der Puls setzt aus, der Atem ver-
sagt, die Pupillen weiten sich, die
Haut verfärbt sich grau. Ohne so-
fortige Wiederbelebung wird aus
dem Herzstillstand ein plötzlicher
Herztod, und dabei kommt es auf Sekun-
den an. Um die Überlebenschancen zu
verbessern, sorgen Smartphone-Apps
dafür, ausgebildete Ersthelfer schneller
zu Bewusstlosen zu führen. Im Rahmen
eines Modellversuchs, hinter dem der
Landesverband des Arbeiter-Samariter-
Bundes (ASB) steht, haben schon 6.000
Freiwillige in Schleswig-Holstein den di-
gitalen Alarmknopf installiert.
„Mich erschreckt am meisten, dass
fast immer andere Leute beobachten,
wenn jemand mit einem Herzstillstand
zusammenbricht, aber selten eingreifen“,
sagt Bea Klatte. Die 19-jährige Abituri-
entin leitet ehrenamtlich für den ASB
Schulungen für künftige freiwillige Erst-
helfer. Deutschland tut sich immer noch
Bea Klatt leitet ehrenamtlich Schulungen für künftige Ersthelfer, die per App alarmiert werden.
schwer mit den sogenannten Laienret-
tungen: Während in Holland und den
skandinavischen Ländern fast immer ein
Umstehender mit der Wiederbelebung
beginnt, traut sich in Deutschland nur in
ERSTE HILFE
unter 40 Prozent der Fälle ein Laie einen

Digitaler Alarm
Rettungsversuch zu. Denn gerade An-
gehörige, die am häufigsten Zeuge eines
Herzstillstands werden, sind durch die
Notfallsituation „meist emotional be-
lastet“, sagt Sebastian Wenk, Disponent
in der Rettungsleitstelle Süd. Indem die
Leitstelle die ehrenamtlichen Ersthelfer
informiert, „stellen wir uns sozusagen 6.000 Freiwillige beteiligen sich in Schleswig-Holstein an einem Modell,
im Namen des Bewusstlosen an die Stra- bei dem sie per App als Ersthelfer zum Einsatz gerufen werden.
ße und rufen um Hilfe“.
Bundesweit gibt es mehrere Ersthel-
fer-Apps, mit denen ausgebildete Frei- ist froh, dass „Saving Life“ und „Mei- Angabe von Gründen einen Ruf ableh-
willige über die Rettungsleitstelle infor- ne Stadt rettet“ beide von der Münche- nen. Die ehrenamtlichen Ersthelfer sind
miert und zu einem Bewusstlosen gelei- ner Firma Ecorium entworfen wurden, während des Einsatzes versichert, erhal-
tet werden. In Schleswig-Holstein sind sodass sie dieselbe technische Plattform ten aber keine Entschädigung für etwai-
zwei in Betrieb: „Meine Stadt rettet“, die verwenden. Gräsner wünscht sich Syste- gen Lohnausfall. „Aber wenn wir in Un-
zuerst in Lübeck erprobt wurde, und me, die bundesweit funktionieren: „Nie- ternehmen Wiederbelebungstrainings
aktuell im Modellbetrieb „Saving Life“. mand möchte verschiedene Apps.“ veranstalten und die Saving-Life-App
Wissenschaftlich wird das Projekt vom Wenn es technisch passt, erscheinen vorstellen, erhalten wir eigentlich im-
Institut für Rettungs- und Notfallmedi- die Smartphones, die die App installiert mer die Zusage, dass Leute ohne Nach-
zin (IRuN) des UKSH in Kiel begleitet. und eingeschaltet haben, als Signale auf teile zum Rettungseinsatz gehen dürfen“,
Institutsleiter Prof. Jan-Thorsten den Bildschirmen der Rettungsleitstel- sagt Stephan Andersen vom ASB-Lan-
Gräsner ist von dem Konzept begeistert: le. Läuft dort ein Notruf ein, können die desverband.
„Trainierte Ersthelfer sind Gold wert.“ Disponenten erkennen, ob Ersthelfer in Im Idealfall werden drei Ersthelfer
Denn die Menschen, die sich die App der Nähe eines Bewusstlosen oder Ver- zu einem Bewusstlosen geschickt: Der
installieren, „haben sich auf jeden Fall unglückten sind, und sie alarmieren. erste beginnt mit der Herz-Lungen-Wie-
schon mit dem Gedanken vertraut ge-
macht zu helfen“. Das UKSH prüft bei al-
len, die sich die App herunterladen wol-
len, welche Art von Kursen oder Ausbil-
190
Erste Hilfe-Trainings
bietet der ASB im
Um geeignete Freiwillige zu fin-
den, bietet der ASB im Rahmen des Mo-
dellprojekts 190 Erste-Hilfe-Trainings.
Ebenso viele Kurse bietet die ebenfalls
derbelebung. Der zweite holt einen De-
fibrillator, dessen Standorte ebenfalls
auf der App verzeichnet sind. Der dritte
Helfer kann Angehörige beruhigen oder
dung sie besitzen: „Wer da zu Wildfrem- Rahmen eines Mo-
beteiligte Dansk Folkehjælp (Dänische dem Notarzt den Weg zeigen. Durch die
den geht, um sie wiederzubeleben, darf dellprojektes an. Ge- Volkshilfe) auf dänischer Seite an. Ziel- Zusammenarbeit mit dem Rettungs-
nicht nur vom Helfen beseelt sein.“ Im nauso viele Kurse hat gruppen sind Menschen, die sich mit wesen in Dänemark soll es mittelfristig
Rahmen einer Doktorarbeit wird aus- die dänische Volkshil- Notfallsituationen auskennen, etwa Feu- möglich sein, im Grenzgebiet Ersthelfer
gewertet, wie sich die Überlebensraten fe im Angebot. Ziel ist erwehrleute oder Ehrenamtliche des aus beiden Staaten zu alarmieren. An-
Foto: Geisslinger

es, dass die Erstretter


durch den Einsatz der Helfer verändern, auf beiden Seiten der Technischen Hilfswerks. Die App kann dersen wünscht sich, dass die App von
aber auch, wie die Freiwilligen ihre Ein- Grenze zum Einsatz zeitweise deaktiviert werden, etwa wäh- anderen übernommen wird: „Nachma-
sätze erleben. Mit Ergebnissen sei zum kommen. rend der Arbeitsstunden. Die Helfer chen erlaubt!“
Jahresende zu rechnen, so Gräsner. Er dürfen darüber hinaus jederzeit ohne Esther Geisslinger
2 8 // I M N O R D E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

SERIE

Anfänge der KV in
Schleswig-Holstein
Ärzte als unorganisierte Einzelkämpfer, die Dumpingpreisen von Krankenkassen ausge-
liefert waren: Diese Situation gab es vor Gründung der KV auch in Schleswig-Holstein.

N
icht nur Besucher sondern auch res. Abwägende, kluge Analysen waren schäftsstelle in der am Segeberger See ge-
alteingesessene Bad Segeber- jedoch im Jahr 1935 nicht der Grund für legenen Villa im Klosterkamp 12, einer
ger sind erstaunt, wenn sie erfah- die Verlagerung der Ärztekammer und Seitenstraße der nach Norden führenden
ren, dass Ärztekammer, Kassen- des Provinzialverbands Schleswig-Hol- Kurhausstraße, ausreichten. Auch als die
ärztliche Vereinigung und ande- stein als Vorläufer der Kassenärztlichen Körperschaften in der Nachkriegszeit
re schleswig-holsteinische ärztli- Vereinigung aus Kiel über Neumünster größer wurden, blieben sie dem Nordos-
che Organisationen sich nicht in nach Bad Segeberg. Es war der Wech- ten Bad Segebergs treu. Die Kassenärzt-

Info
der Landeshauptstadt oder in einer an- sel in der Leitung der beiden Körper- liche Vereinigung und die Ärztekammer
deren schleswig-holsteinischen Groß- schaften von Frauenarzt Dr. Hans Köh- fanden 1965 nach einer Interimszeit in
stadt, sondern in Bad Segeberg be- ler, Neumünster, zum chirurgischen der Eutiner Straße 3 Grundstücke in der
finden. Wie konnte es kommen, dass Nach 1945 wurde auf Chefarzt Dr. Hans Rinne, Bad Segeberg. Bismarckallee am Rande des Kurparks in
sich die schleswig-holsteinische Ärzte- Veranlassung der bri- In Bad Segeberg blieben die ärztlichen unmittelbarer Nachbarschaft zum Otto-
schaft für ihre wichtigsten Organisati- tischen Militärre- Organisationen auch, als nach der NS- Flath-Haus.
onen weitab von der Landesregierung gierung nur die Ärz- Zeit im Juni 1945 der Kieler Arzt Dr. Die Vorgeschichte von Kassenärzt-
tekammer aktiv, da
und anderen schleswig-holsteinischen dringender Bedarf
Berthold Rodewald Chef der ärztli- licher Vereinigung und Ärztekammer
Verbänden ausgerechnet Bad Segeberg für ihre Tätigkeit be- chen Einrichtungen wurde. Auch späte- ist eng verbunden. Beide waren deswe-
ausgesucht hat? Einige Gründe ließen stand. Die Verwal- re Vorsitzende und Präsidenten aus Lü- gen bis weit in die Nachkriegszeit auch
sich leicht finden. Bad Segeberg liegt tungsstelle der Kas- beck und Kiel änderten nichts mehr an für die Ärzte kaum auseinanderzuhalten.
günstig zwischen Kiel, Neumünster, senärztlichen Verei- der Ortswahl. Am Kriegsende waren die beiden Or-
nigung Deutschlands
Hamburg und Lübeck und verfügt über (KVD) wurde damals Größe und Mitarbeiterzahl der bei- ganisationen Provinzverwaltungen der
eine gute Infrastruktur, wie z. B. höhe- in die Ärztekammer den ärztlichen Körperschaften waren al- Reichsärztekammer und Kassenärztli-
re Schulen, überzeugende Freizeitan- eingegliedert. lerdings Mitte der dreißiger Jahre noch chen Vereinigung Deutschlands (KVD)
gebote, die Kreisverwaltung und ande- nicht beeindruckend, sodass die Ge- für Schleswig-Holstein. Nach 1945 wur-
de jedoch auf Veranlassung der briti-
schen Militärregierung nur die Ärzte-
kammer aktiv, da dringender Bedarf für
ihre Tätigkeit bestand. Die Verwaltungs-
stelle der KVD wurde damals einfach in
die Ärztekammer eingegliedert. Folge-
richtig gab es für beide eine gemeinsa-
me Leitung. Die Ärztekammer hatte kei-
ne eigenen Mitarbeiter, sondern die Kas-
senärztliche Vereinigung stellte Perso-
nal, Räume und Infrastruktur gegen Ent-
schädigung zur Verfügung. Die KV war
gegenüber der Ärztekammer die weit-
aus größere und finanzstärkere Einrich-
tung. Die Ärztekammer hatte überge-
ordnete berufspolitische Funktionen für
die Gesamtheit des Berufsstandes in Pra-
xis, Krankenhaus und öffentlichem Ge-
sundheitsdienst wahrzunehmen, also
Aufgaben, die während der NS-Zeit zen-
tral von der Reichsärztekammer bearbei-
tet wurden und die nicht unbedingt im-
Foto: Ratschko

mer direkte Auswirkungen auf die tägli-


che Arbeit der Ärztinnen und Ärzte hat-
ten. Insofern bestand damals kein großer
Das Gebäude der Privatärztlichen Verrechnungstelle Schleswig-Holstein heute. Personalbedarf.
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 I M N O R D E N // 2 9

lichkeiten im Gesundheitswesen nutzen.


Ihr Sitz ist im Zentrum Bad Segebergs in
der Bahnhofstraße.

Entstehung der Kassenärztlichen


Vereinigung
Die angemessene Honorierung ärztli-
cher Leistungen war schon früher für
die freiberuflich tätigen niedergelasse-
nen Ärzte wichtig, auch wenn dieser As-
pekt in der Vergangenheit möglichst zu-
rückhaltend in der Öffentlichkeit ange-
sprochen wurde, was Ärztestreiks am
Anfang und in den zwanziger Jahren des
20. Jahrhunderts jedoch nicht ausschloss.
Ärztliches Handeln sollte bei den Pa-
tienten vorrangig nicht als von wirt-
schaftlichen Gesichtspunkten der Ärz-
te bestimmt angesehen werden. Mit der
Durchsetzung wirtschaftlicher Interes-
sen der Ärzteschaft befasste Organisati-
onen entstanden so erst gegen Ende des
19. Jahrhunderts, die Ärztegewerkschaft
Marburger Bund sogar erst in der Nach-
kriegszeit 1947/48.3
Das Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung in der Bismarckallee heute.
Die Ärzte begannen bereits knapp
hundert Jahre früher, Ärztevereine re-
Dagegen war die Kassenärztliche Anfang 1938 wurde aus dem Verein eine gional zur Wahrnehmung ihrer be-
Vereinigung ganz praktisch für das täg- Verwaltungsstelle der Reichsärztekam- ruflichen Interessen zu bilden. Zie-
liche Brot, die Honorierung der nieder- mer. Stationen der ständig wachsenden le waren allgemeine Ordnungsfunkti-
gelassenen Kassenärzte zuständig. Kas- Einrichtung waren der Klosterkamp 13, onen innerhalb der Ärzteschaft, ärztli-
senärztliche Vereinigungen bestehen die Eutiner Straße 3 und mit einem Teil che Fortbildung, Bekämpfung des Kur-
heute aufgrund von Regelungen im So- des Betriebs das Blunksche Haus in der pfuschertums sowie die Alters- und
zialgesetzbuch (SGB V), während Ärz- Moltkestraße 1. Im August 1948 wur- Hinterbliebenenfürsorge und die ange-
tekammern schon seit ihrer Gründung de sie, wie damals auch die Kassenärzt- messene Honorierung ärztlicher Leis-
mit Ausnahme der NS-Zeit Länderange- lichen Vereinigung, aus der Ärztekam- tungen. In Schleswig-Holstein gab es be-
legenheit waren. Allerdings verschwam- mer herausgelöst und wieder ein Verein. reits in der dänischen Zeit einige weni-
men damals die Grenzen zwischen Kam- 1951 wurde ein neu errichtetes Gebäude ge ärztliche Vereine, z. B. in Altona, Kiel,
mer und KV bei den Ärzten und in der in der Moltkestraße 1-3 bezogen, in dem Schleswig und Süderdithmarschen, aber
öffentlichen Wahrnehmung. damals immerhin schon 75 Mitarbeiter keinen mit überregionaler Bedeutung
Als dritte große ärztliche Organisati- Platz fanden1. Das Gebäude wurde zwi- für die beiden Herzogtümer. Einer der
on ist die Privatärztliche Verrechnungs- schen 1951 und 2011 erweitert, renoviert ersten Ärztevereine in Deutschland wur-
stelle Schleswig-Holstein/ Hamburg und an die jeweiligen Anforderungen de am 23. Oktober 1809 in der jedoch
(„Die PVS“) zu nennen. Die Honorie- angepasst. 1985 entstand durch Über- erst seit 1937 zu Schleswig-Holstein ge-
rung der privatärztlichen Tätigkeiten al- nahme der Abrechnungsstelle Hamburg hörenden Hansestadt Lübeck gegrün-
ler Arztgruppen, also der niedergelasse- die PVS Schleswig-Holstein/Hamburg. det.4 Für Bad Segeberg gab es seit 1865
nen Ärzte wie auch der Krankenhausärz- Die PVS SH/HH hat heute über 100 Mit- den südost-holsteinischen ärztlichen
te, war weder Angelegenheit der Kam- arbeiter, Zweigstellen in Hamburg und Verein, später den Segeberger Ärztever-
mer noch der KV. Sie erfolgt durch di- Bad Doberan und rund 3.500 Kunden. ein, der nach der NS-Zeit 1945 unter dem
rekte Abrechnung der Ärzte mit den Sie zieht pro Jahr ungefähr 1,8 Millionen Vorsitz von Dr. Erwin Reiner (1888-1953)
Privatpatienten oder mit der Hilfe pri- Arztrechnungen ein.2 wieder zum Leben erweckt wurde.
vatärztlicher Abrechnungsstellen, von Der Marburger Bund ist der Berufs- Erst nach der Herauslösung der Her-
denen sich die für Schleswig-Holstein verband der angestellten und beamteten zogtümer aus dem dänischen Gesamt-
wichtigste auch in Bad Segeberg, in der Ärztinnen und Ärzte und setzt sich po- staat wurde anlässlich einer Versamm-
Moltkestraße befindet. Im Gegensatz zu litisch für die Verbesserung der berufli- lung des Vereins baltischer Ärzte in Kiel
Ärztekammer und Kassenärztlicher Ver- chen Situation der Ärzte ein. Als Ärzte- am 8. Juni 1865 der Verein Schleswig-
einigung sind die Privatärztliche Ver- gewerkschaft führt er die Tarifverhand- Holsteinischer Ärzte gegründet. In dem
rechnungsstelle sowie der im Weite- lungen für die meist im Krankenhaus tä- Einladungsschreiben wurden u. a. auch

Info
ren noch zu nennende Marburger Bund tigen angestellten Ärztinnen und Ärz- die wirtschaftlichen Motive deutlich.
und die Ärztegenossenschaft Nord kei- te. Seine Geschäftsstelle befindet sich Der ärztliche Stand sollte „für die ihm
ne Körperschaften öffentlichen Rechts. ebenfalls im Nordosten Bad Segebergs zugemutheten erhöhten Leistungen ent-
Mit 17 Ärzten als Mitgliedern hat die Bad Segeberg wurde in der Esmarchstraße in einem Gebäu- sprechend durch Verbesserung seiner
PVS 1926 als „Ärztliche Verrechnungs- zum Standort ärztli- de der Ärztekammer. Im Gegensatz dazu materiellen Leistungen entschädigt und
stelle Ostholstein e. V.“ in einer Dach- cher Organisationen: ist die Ärztegenossenschaft Nord ein Zu- durch die seinen Leistungen gebührende
kammer in der Bad Segeberger Kelting- Neben Ärztekammer sammenschluss von etwa 1.800 nieder- Achtung geehrt“ werden.5 Diese berufs-
straße begonnen. Begründet wurde sie und KV siedelten sich gelassenen Ärztinnen und Ärzten. Sie politische Zielvorstellung, hier zunächst
Foto: Göhramann

hier auch die PVS, der


von Dr. Hans Rinne und Dr. Erwin Rei- Marburger Bund und will von staatlichen Reglementierungen für den in Entstehung befindlichen Ver-
ner. Nach dem Zusammenschluss mit die Ärztegenossen- unabhängig die Interessenvertretung ein formuliert, galt künftig mehr oder
der Flensburger PVS entstand am 1. Ja- schaft Nord an. gegenüber Krankenkassen und Politik weniger für alle ärztlichen Verbände
nuar 1937 die PVS Schleswig-Holstein. wahrnehmen und neue Vertragsmög- und Organisationen in Schleswig-Hol-
3 0 // I M N O R D E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

stein als Leitlinie. Der Verein Schleswig- zehnte dauernden heftigen Konfronta- sen sich in den Folgejahren dem Cartell-
Holsteinischer Ärzte (künftig kurz: Pro- tion zwischen der Ärzteschaft und den Verband an. Bezweckt wurde die Ab-
vinzialverein) wurde für die nördlichste Krankenkassen.10 Auf Reichsebene war wehr der Übergriffe der Krankenkassen,
preußische Provinz ein Kristallisations- die Gründung des „Verbandes der Ärz- im Ergebnis richtete sich die Aggression
punkt ärztlicher Berufspolitik mit an- te Deutschlands zur Wahrung ihrer wirt- der ärztlichen Basis aber bald auch ge-
fangs 142 Mitgliedern. Später haben etwa schaftlichen Interessen“ die Folge, des gen den Provinzialverein. Der Streit es-
drei Viertel der ständig steigenden Zahl „Leipziger Verbandes“, der ab 1923 Hart- kalierte, insbesondere die vom Cartell-
praktischer Ärzte der Provinz zum Ver- mannbund genannt wurde, am 13. Sep- Verband beklagte starke Repräsentanz
ein gehört, ein bei freiwilliger Mitglied- tember 1900 durch Dr. Hermann Hart- von beamteten Ärzten in den Leitungs-
schaft beeindruckender Organisations- mann (1863-1923). Dazu kam, nicht zum strukturen des Provinzialvereins und der
grad.6 1890 gab es in Schleswig-Holstein Vorteil der politischen Situation der Ärz- Ärztekammer wurde immer wieder kri-
17 selbstständige regionale Vereine, 1925 teschaft, auf Reichsebene ein sich zu- tisiert. Ende 1899 gelang dem Cartell-
waren es 22. Sie hatten 1890 in der Regel spitzender Konflikt zwischen dem mehr Verband und dem Verein schleswig-hol-
zwischen zehn und zwanzig Mitglieder, den ärztlichen Standesproblemen zuge- steinischer Ärzte jedoch in Erkenntnis
der Ärzteverein in Altona und die drei wandten Ärztevereinsbund und dem auf der Tatsache, dass der Gegensatz zwi-
Kieler Vereine ragten mit einer deutlich die wirtschaftlichen Interessen der Ärzte schen beiden schleswig-holsteinischen
höheren Mitgliederzahl heraus. Die Ärz- verpflichteten Leipziger Verband. Verbänden ein für die Ärzteschaft kon-
tevereine waren später meistens auch die Schleswig-Holstein war da schon traproduktiver Zustand sei, mit großer
organisatorische Grundlage für die Ab- weiter. Eine solche Entwicklung gab Mehrheit eine Kommission einzusetzen,
rechnung mit den gesetzlichen Kranken- es schon fast ein Jahrzehnt früher zwi- die eine Integration des Cartell-Verban-
kassen. schen dem Verein Schleswig-Holstei- des in den Provinzialverein durch eine
In der Zeit der Entstehung der nischer Ärzte und dem 1890 zunächst Neuorganisation vorbereiten sollte. Auf
Bismarck‘schen Sozialgesetzgebung mit von einigen Ärztevereinen gegründe- Reichsebene gelang es Hartmann mit
Errichtung der gesetzlichen Krankenver- ten „Cartell-Verband Schleswiger Ärz- dem Leipziger Verband, mit dem Mittel
sicherung (1883), der Unfall- (1884), In- te-Vereine“.11 Ein Beitrag in Heft 12 der „Cavete“-Liste“13 wirksam die Kassen
validitäts- (1889) und Rentenversiche- der „Mit­theilungen des Vereins schles- an der Nutzung des ihnen 1892 einge-
rung (1891)7 erwies es sich besonders in wig-holsteinischer Ärzte“ im Dezem- räumten Rechtes zu hindern. Die meis-
wirtschaftlicher Hinsicht als nachtei- ber 1890 zeigte dies sehr deutlich. Erst- ten Ärzte folgten dem Ruf und schlos-
lig, dass die freiwillige Mitgliedschaft malig wird auf eine drohende Spaltung sen mit so betroffenen Kassen keine Ver-
zu ärztlichen Vereinen nicht alle Ärz- in der schleswig-holsteinischen Ärz- träge ab. Ein wirksames Mittel, die wirt-
tinnen und Ärzte erfasste. Eine Lösung teschaft hingewiesen. Unter dem Titel schaftlichen Interessen durchzusetzen,
wurde in Preußen 1887 in der Schaffung „Kleine beachtenswerte Ereignisse“ fin- war gefunden.14
von Provinzärztekammern als Körper- det sich folgender Bericht: „Im Herzogt- Die Einigung zwischen dem Provin-
schaften öffentlichen Rechts gesehen. hum Schleswig will es ein Neues wer- zialverein und dem Cartellverband, die
Die Kammern sollten sich mit allen Fra- den! Es hat sich daselbst ein 'Cartell-Ver- hier im Einzelnen nicht dargestellt wer-
gen und Angelegenheiten des ärztlichen band Schleswiger-Ärzte-Vereine' gebil- den soll, erweiterte die politischen Hand-
Berufes sowie der öffentlichen Gesund- det, dem bis jetzt der Angler, der Flens- lungsmöglichkeiten der Ärzteschaft: Die
heitspflege beschäftigen. Zu ihren Auf- burger und der Nordost-Schleswigsche von der schleswig-holsteinischen Ärzte-
gaben sollte aber auch gehören, für die Verein angehören.“12 Zu den Aufgaben kammer auch 1903 wieder eingerichte-
Wahrung elementarer wirtschaftlicher des neuen Verbandes sollten insbeson- ten zwei Vertragskommissionen erstell-
Belange am Anfang einer jeden Wahl- dere die Wahrnehmung und Förderung ten für die Ärzte verbindliche Richtli-
periode Ausschüsse einzusetzen, die die der materiellen ärztlichen Interessen wie nien. Nicht die einzelnen Ärzte, die von
zwischen Ärzten und Krankenkassen Aufbesserung des Honorars, das Verhält- den Krankenkassen gegeneinander aus-
abgeschlossenen Verträge zu überwa- nis zu den Krankenkassen und die Lei- gespielt werden konnten, sondern ärztli-
chen hatten.8 tung des Existenzkampfes in standes- che Kommissionen sollten die Beziehun-
Die Eingaben und Beschlüsse der würdige Bahnen gehören. Hierzu woll- gen der Ärzte zu den Krankenkassen re-
Ärztetage und -vereine für die Erhal- te man Material für Verhandlungen des geln, wobei besonders die ungenügen-
tung der Freiheit des Ärztestandes schei- Provinzvereins und der Ärztekammer de Honorierung und die nicht bestehen-
terten jedoch regelmäßig auf Reichse- vorbereiten. Ganz offenkundig hatte der de freie Arztwahl im Vordergrund stehen

Info
bene an dem „seit Bismarcks Abgang Verein Schleswig-Holsteinischer Ärz- sollten. Problematisch war dabei, dass
ungehemmten Sozialisierungsdrang te die durch die Krankenkassengesetz- die Richtlinien von den einzelnen Ärz-
des Reichsregierung und des Reichs- gebung des Reiches größer werdenden ten dann nicht beachtet wurden, wenn
tags“, wie es der Vorsitzende des Vereins In Schleswig-Holstein existenziellen Sorgen der praktizieren- sie für sich Nachteile befürchteten. Um
Schleswig-Holsteiner Ärzte, Dr. Wil- kann der Cartell-Ver- den Ärzte in der Provinz nicht wahrge- ein solches Verhalten möglichst zu ver-
helm Henop, in seinem Bericht über die band als Keimzel- nommen. Der Unwille der am Patienten hindern, wurden vom Leipziger Verband
Jahre 1865 bis 1925 seines Vereins fest- le der heutigen KVSH tätigen Ärzte, die durch die weitgehend „Schutz- und Trutzbündnisse“ gebildet.
angesehen werden,
stellte.9 Die Spannungen zwischen den auch wenn noch ungehinderte Machtausübung der regi- Die beteiligten Ärzte mussten ein Revers
Krankenkassen und der Ärzteschaft 40 Jahre bis zu ih- onalen Krankenkassen gegeneinander unterzeichnen und sich ehrenwörtlich
wurden größer, als 1892 in einer Novel- rer Gründung durch ausgespielt wurden, schaffte sich durch zu solidarischem Verhalten verpflichten.
le zum Krankenversicherungsgesetz die eine Notverordnung Bildung einer auf der Struktur der Regi- Der Druck der regionalen Ärzteverei-
Krankenkassen das Recht erhielten, über des Reichspräsiden- onalvereine beruhenden Parallelorgani- ne auf die Ärzte zur Unterzeichnung sol-
ten Hindenburg am
die Einstellung einzelner Ärzte allein zu 8. Dezember 1931 ver- sation Raum. cher Revers war erheblich. War ein sol-
entscheiden. Damit hatten sie die Defini- gehen sollten. Weite- In Schleswig-Holstein kann der cher „Ehrenwortschein“ unterschrie-
tionsmacht über die Inhalte der Verträge re Vereine schlossen Cartell-Verband als Keimzelle unse- ben, konnte – so war die damals vorherr-
mit den einzelnen Ärzten und die Mög- sich in den Folgejah- rer heutigen KVSH angesehen werden, schende, aber rechtlich unzutreffende
lichkeit, die Honorare immer weiter zu ren dem Cartell-Ver- auch wenn noch ziemlich genau 40 Jah- Meinung – der betreffende Arzt ehrenge-
band an. Bezweckt
drücken. Die hieraus entstehende star- wurde die Abwehr der re bis zu ihrer Gründung durch eine richtlich verfolgt werden. In den preußi-
ke Stellung der Krankenkassen und die Übergriffe der Kran- Notverordnung des Reichspräsidenten schen Provinzen beteiligten sich etwa 30
schwache Stellung des einzelnen Arz- kenkassen. Hindenburg am 8. Dezember 1931 ver- bis 80 Prozent an der Aktion.15 Ob es in
tes führten zu einer über etwa zwei Jahr- gehen sollten. Weitere Vereine schlos- Schleswig-Holstein diesbezüglich Ehren-
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„Die Vorgeschichte von Kassenärztlicher


Vereinigung und Ärztekammer ist eng
verbunden. Beide waren deswegen bis weit
in die Nachkriegszeit auch für die Ärzte
kaum auseinander zu halten.“
gerichtsverfahren gegeben hat, ist bisher bundes bezeichnete Verband blieb je- gelung nach fünfzigjährigem Kampf für
noch nicht untersucht worden. doch nach wie vor ein privater Verein. den „Reichskommissar der ärztlichen
Die Zusammenfassung der Zweige Im Ergebnis gab es jedoch weiterhin Spitzenverbände“, den späteren „Reichs-
der Sozialversicherung in einer Reichs- ein kleinteilig funktionierendes Neben- ärzteführer“ Dr. med. Gerhard Wagner
versicherungsordnung vor dem Ersten einander einer Vielzahl ärztlicher Struk- keinen vernünftigen Anlass zu grund-
Weltkrieg sah zur Enttäuschung der or- turen, Abrechnungsstellen und regiona- sätzlichen Änderungen. So kam es durch
ganisierten Ärzteschaft weder die Ein- ler gesetzlicher Krankenkassen, die ih- die Verordnung des Reichsarbeitsminis-
führung der freien Arztwahl noch die rerseits auch noch in Orts-, Betriebs-, ters vom 2. August 1933 zu verkraftba-
Einzelleistungshonorierung noch den Innungs- und Landwirtschaftliche Kran- ren neuen Vorschriften. Das war zum ei-
Abschluss von Kollektivverträgen vor. kenkassen sowie Ersatzkassen und be- nen die Gründung einer Kassenärztliche
Ständig wurde seitens der Krankenkas- sondere Kostenträger aufgeteilt wa- Vereinigung Deutschlands (KVD) als
sen durch den Abschluss von Verträ- ren. Die Abrechnung mit den gesetzli- Körperschaft des öffentlichen Rechts,19
gen mit einzelnen Ärzten eine Art „Ho- chen Krankenkassen erfolgte durch 21 die Zulassung von Ärzten zur Kassen-
norardumping“ betrieben. Streiks droh- auf Kreisebene bestehende Kassenärztli- praxis allein durch die Ärzteschaft und
ten, Kassenverträge wurden gekündigt, che Vereinigungen mit eigenen Verrech- die Verteilung der in einem Gesamtho-
der Leipziger Verband hatte bereits ei- nungsstellen.17 norar an die KVD gezahlten Kopfpau-
nen Streikfonds eingerichtet. Einen Die Verschlechterung der wirt- schale unter den Ärzten nach einem den
Tag vor Weihnachten 1913 gelang es der schaftlichen Situation in Deutschland Leistungen entsprechenden Punktesys-
Reichsregierung gerade noch rechtzei- durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 tem.20 Die Aufgaben und Rechte der bis
tig vor dem Inkrafttreten der Reichsver- führte zu einer auch den Beruf der Ärzte dahin auf privatrechtlicher Grundla-
sicherungsordnung (RVO) am 1. Januar betreffenden Notverordnung des Reichs- ge bestehenden kassenärztlichen Ver-
1914, eine Einigung zwischen den Kon- präsidenten Hindenburg. Am 8. Dezem- einigungen wurden nunmehr von der
trahenten im sogenannten „Berliner Ab- ber 1931 wurden offiziell Kassenärztliche KVD wahrgenommen. Aus Einrichtun-
kommen“ herbeizuführen. Durch die Vereinigungen und Spitzenverbände auf gen beruflicher Selbstverwaltung wa-
Übergabe der Zulassungsautonomie der Landes- und Reichsebene geschaffen. ren staatliche Aufsichts- und Kontroll-
Kassen in paritätisch besetzte Vertrags- Die Verordnung beruhte nach einer ent- organe geworden.21 In Schleswig-Hol-
und Registerausschüsse wurde der ers- sprechenden Beschlussfassung des Deut- stein entstand aus dem Ärztlichen Pro-

Info
te Schritt zu einer Zusammenarbeit zwi- schen Ärztetages 1931 in Köln auf einer vinzialverband des Hartmannbundes im
schen Kassen und Ärzten vollzogen, mit Einigung zwischen den Spitzenverbän- August 1933 eine Provinzstelle Schleswig-
dem die freie Arztwahl und Kollektiv- den der Ärzteschaft und den gesetzli- Holstein der KVD. Amtsleiter wurde
verträge später möglich wurden. Mit chen Krankenkassen. Im Wesentlichen der Gauobmann des schleswig-holstei-
dem Berliner Abkommen kam es zu ei- Die Zusammenfas- wurde die Einführung einer Kopfpau- nischen Nationalsozialistischen Deut-
sung der Zweige der
ner entscheidenden Wende für die Ärz- Sozialversicherung schale, ein Regelbetrag für Arzneimit- schen Ärztebundes (NSDÄB) Dr. med.
teschaft, mit der das Ringen um Selbst- in einer Reichsversi- tel, eine Regelung zur Eingrenzung ei- Hans Köhler (1878-1961), Neumünster.
verwaltung und Berufsautonomie auch cherungsordnung vor nes Übermaßes an Krankschreibungen Für die im Lande niedergelassenen Ärz-
mithilfe des Staates einen vorläufigen dem Ersten Weltkrieg sowie zur Schaffung besserer Aussich- te änderte sich durch diese organisatori-
sah zur Enttäuschung
Abschluss fand. 16 der organisierten Ärz-
ten für den ärztlichen Nachwuchs eine schen Veränderungen wenig, da die Ab-
Schon vorher, am 25. März 1913, er- teschaft weder die Senkung der Verhältniszahl von Arzt rechnungsstellen blieben und auch die
folgte in Schleswig-Holstein die Grün- Einführung der freien zu Versicherten vereinbart. Die Abrech- Umstellung auf Bezirksstellen 1934 nicht
dung eines Zweckverbandes der kassen- Arztwahl, die Einzel- nungen mit den regionalen gesetzlichen zu nennenswerten Belastungen führ-
ärztlichen Vereinigungen als Unterglie- leistungshonorierung Krankenkassen erfolgte zwar weiterhin te. Das Büro des bisherigen Provinzial-
noch den Abschluss
derungen des Hartmannbundes. Die- von Kollektivverträ-
durch die auf Kreisebene bestehenden verbandes wurde am 28. August 1933 aus
ser Termin kann als Gründungsdatum gen vor. Ständig wur- Kassenärztlichen Vereinigungen, nun Kiel nach Neumünster verlegt. In Kiel
18

des Vorläufers unserer heutigen Kassen- de seitens der Kran- aber im Rahmen von zwischen Spitzen- blieben in der Caprivistraße 24 noch für
ärztlichen Vereinigung angesehen wer- kenkassen durch den verbänden und Ärzten abgeschlossenen kurze Zeit die Ärztekammer, die Pensi-
den. 1918/19 wurden seine Aufgaben mit Abschluss von Ver- Mantelverträgen. onskasse der Ärzte sowie die regional zu-
trägen mit einzelnen
den beiden Vertragskommissionen der Ärzten eine Art „Ho- ständige Bezirksstelle Kiel der Kassen-
Ärztekammer zunächst durch den Kie- norardumping“ be- Die Provinzstelle Schleswig-Holstein ärztlichen Vereinigung.22
ler niedergelassenen Arzt Sanitätsrat Dr. trieben. Streiks droh- der KVD in Bad Segeberg
Mose, dann hauptamtlich durch Ober- ten, Kassenverträge Im Hinblick auf die Ereignisse nach der Literatur beim Verfasser
stabsarzt a. D. Dr. Karl Hüne (1871-1960) wurden gekündigt, Machtübernahme durch die Nationalso- Dr. Dr. phil. Karl-Werner Ratschko,
der Leipziger Ver-
auf Betreiben des Kieler Sanitätsrats Dr. band hatte bereits ei- zialisten war die Einigung 1931 zwischen Bad Segeberg
Julius Weisner im Kieler Ärztebüro ko- nen Streikfonds einge- Ärzteschaft und gesetzlichen Kranken- Zweiter Teil: September
ordiniert. Der ab 1923 als Provinzialver- richtet. kassen gerade noch rechtzeitig erfolgt.
band Schleswig-Holstein des Hartmann- Es gab wegen der einvernehmlichen Re-
3 2 // P E R S O N A L I A J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

G EB U RT STAGE Bergholz mit neuer Technik


Veröffentlicht sind nur die Namen der Jubilare, trischen Notfall angewendet. Bei der
die mit der Publikation einverstanden sind. transumbilikalen laparoskopisch assis-
tierten Appendektomie, kurz TULAA,
wird der Bauch nur über einen klei-
Prof. Hermann Schneider, Sylt, OT Keitum, nen Schnitt wie bei der minimal-invasi-
ven Chirurgie geöffnet. Weitere Schnitte
feiert am 05.08. seinen 85. Geburtstag. für das Einbringen von minimal-inva-
siven Instrumenten für den Operateur
entfallen, da man mit einem Spezialge-
Prof. Dieter Jocham, Lübeck, rät nur über diesen einen Schnitt gleich-
feiert am 08.08. seinen 70. Geburtstag. zeitig die Kamera und die Instrumen-
te in den Bauch einbringen kann, für
die man früher drei Schnitte gebraucht
Dr. Birger Heinzow, Kiel, hat. Meistens benötigt man nur noch
ein zusätzliches Instrument statt zwei
feiert am 09.08. seinen 70. Geburtstag. und kann mit diesem die Appendix mo-
bilisieren und über den kleinen Schnitt
im Bauchnabel nach draußen ziehen
Dr. Josef Althaus, Lübeck PD Dr. Robert Bergholz und dann entfernen. Mit der Weiterent-
feiert am 11.08. seinen 70. Geburtstag. wicklung der minimal-invasiven Chir-

P
D Dr. Robert Bergholz, neuer Lei- urgie verringert sich laut Bergholz auch
ter der Kinderchirurgie in der Klinik das Risiko für Komplikationen wie zum
Dipl.-Psych. Matthias Freidel, Kaltenkirchen, für Allgemeine-, Viszeral-, Thorax-, Beispiel Verwachsungen im Bauch-
Transplantations- und Kinderchirur- raum. Bergholz leitet die Kinderchirur-
feiert am 11.08. seinen 70. Geburtstag. gie am Kieler UKSH, hat dort eine neuen gie am Campus Kiel wie berichtet seit
Operationstechnik bei einem pädia- April 2019. (PM/rED)
Prof. Stefan Wässer, Geesthacht,
feiert am 13.08. seinen 80. Geburtstag. Pulkowski mobilisierte über 1.000 Läufer
Dr. Wolfgang Rumpf, Sehestedt,
feiert am 17.08. seinen 70. Geburtstag.

Dr. Stefan Jost, Handewitt,


feiert am 19.08. seinen 70. Geburtstag.

Prof. Walter Jonat, Molfsee,


feiert am 21.08. seinen 70. Geburtstag.

Dr. Frank Krämer, Fahrdorf,


Prof. Ulrich Pulkowski (links) und der aus Ver-
feiert am 23.08. seinen 75. Geburtstag. letzungsgründen nicht beim Imland Lauf star-
tende Ministerpräsident Daniel Günther.

Dr. Andreas Küllmer Bad Malente-Gremsmühlen,

P
feiert am 24.08. seinen 80. Geburtstag. rof. Ulrich Pulkowski, Chefarzt am ter nahmen 325 Sportler in Angriff, über
imland Krankenhaus in Rendsburg, fünf Kilometer gingen 575 Läufer an den
konnte zur achten Auflage des von Start und den Bambinilauf bewältigten
ihm organisierten Imland Laufes er- 132 Nachwuchsläufer.
Dr. Burkhard Hübner, Drage,
neut mehr als 1.000 Läufer auf die drei Pulkowski ist selbst leidenschaftli-
feiert am 27.08. seinen 70. Geburtstag. unterschiedlich langen Strecken schi- cher Läufer und war selbst auf der Stre-
cken. Unterstützung erhielt er in diesem cke. Den Lauf organisiert der Chef-
Jahr von Ministerpräsident Daniel Gün- arzt der Neurologie mit Stroke Unit in
Dr. Norbert Dührkop, Kiel, ther, der wegen einer Achillessehnenrei- Rendsburg schon seit 2012, mittlerwei-
feiert am 29.08. seinen 80. Geburtstag. zung selbst nicht laufen konnte, aber die le zählt er zu den größten Laufveran-
Schirmherrschaft für die Veranstaltung staltungen im Land. Mit dem Bene-
übernommen hatte. fizlauf wird die ehrenamtliche Tätig-
Fotos: UKSH / imland

Jürgen Ansorge, Rodenbek, Schon zum dritten Mal hatten Pul- keit der Deutschen Multiplen Sklero-
kowski und seine Mitstreiter es am se Gesellschaft unterstützt. Die Arbeit
feiert am 31.08. seinen 75. Geburtstag. 21. Juni geschafft, mehr als 1.000 Läu- des DMSG-Landesverbandes wird zu 95
fer für den Benefizlauf zu mobilisieren. Prozent aus Spenden und Zuwendun-
Die längste Strecke über 10,5 Kilome- gen ermöglicht. (PM/rED)
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 P E R S O N A L I A // 3 3

IDH-Medienpreis an GEBURTSTAGE

Hörfunkjournalisten Veröffentlicht sind nur die Namen der Jubilare,


die mit der Publikation einverstanden sind.

Dr. Viola-Dagmar Hinzpeter, Ratzeburg,


feiert am 03.09. ihren 75. Geburtstag.

Dr. Dieter Undeutsch, St. Peter-Ording,


feiert am 08.09. seinen 90. Geburtstag.

Dr. Heinz Jürgen Schröder, Husum,


feiert am 09.09. seinen 80. Geburtstag.

Dr. Albert Zapp, Bad Malente-Gremsmühlen,


feiert am 13.09. seinen 70. Geburtstag.

Jochen Paulus Dr. Michael Niemann, Bönebüttel,


feiert am 16.09. seinen 85. Geburtstag.

D
ie Hörfunkjournalisten Jochen Pau- gen und Arztkontakt herstellen können.
lus (Foto) und Martina Keller sind Für den Preis wurden insgesamt 20 Dr. Hans-Joachim Zielinski, Sylt, OT Westerland,
im Juni mit dem IDH-Medienpreis Beiträge von 15 Journalisten eingereicht.
2018 ausgezeichnet worden. Der mit Drei weitere Beiträge waren nomi- feiert am 17.09. seinen 70. Geburtstag.
2.500 Euro dotierte Medienpreis der In- niert und wurden ebenfalls gewürdigt.
teressengemeinschaft der Heilberufe Ein fünfköpfiges Team des NDR (Ju- Dr. Carsten Wahn, Kaltenkirchen,
(IDH) wurde im Rahmen ihres Parla- lia Schumacher, Christian Schepsmeier,
mentarischen Abends in Kiel verliehen. Constantin Gill, Patrick Baab und Eike feiert am 18.09. seinen 70. Geburtstag.
Keller und Paulus haben für ihr Fea- Lüthje) schaffte es in die Nominierung-
ture „Fernbeziehung. Über Teledokto- mit einer trimedialen Serie über Pfle- Dr. Ingo Göken, Oldenburg
ren und Computertherapeuten“, das im genotstand. Vorjahressieger Christian
vergangenen Jahr im Deutschlandfunk Trutschel von den Kieler Nachrichten feiert am 19.09. seinen 75. Geburtstag.
ausgestrahlt wurde, eine Reise durch wurde für die Vielfältigkeit seiner ein-
halb Deutschland angetreten, auf der sie gereichten Beiträge gewürdigt. Er hat- Dr. Rüdiger Lyhs, Itzehoe,
die neuen Möglichkeiten der Telemedi- te sich im vergangenen Jahr mit The-
zin kennenlernten und den Hörern de- men aus unterschiedlichen Bereichen
feiert am 20.09. seinen 75. Geburtstag.
ren Einsatzmöglichkeiten, Grenzen und der Medizin beschäftigt. Trutschels Kol-
die Probleme bei der Umsetzung und legin Saskia Bücker wurde für einen Eberhard C. Schaal, Rellingen,
Anwendung schilderten. Start und Ende Printbeitrag in den Lübecker Nachrich-
feiert am 20.09. seinen 75. Geburtstag.
des Features ist in der Hausarztpraxis ten gewürdigt, für den sie die Landärz-
von Dr. Ulrich von Rath in Travemün- tin Dr. Janine Feurer in ihrem berufli-
de, der für die Versorgung seiner Pati- chen Alltag begleitet hatte. Dr. Melita Mucha, Schwarzenbek,
enten wie berichtet auf Telemedizin und Der IDH-Medienpreis wird seit
feiert am 20.09. ihren 70. Geburtstag.
Delegation setzt. Mitarbeiterinnen von 2001 für unabhänige, kritische und fun-
Rath besuchen Patienten mit einem „Te- dierte Berichterstattung über Gesund-
lerucksack“, mit dessen Hilfe sie am Pa- heitsversorgung in Schleswig-Holstein Dr. Eberhard Buß, Wentorf,
tienten ermittelte Werte direkt übertra- vergeben. (PM/RED) feiert am 21.09. seinen 75. Geburtstag.

Dr. Dirk-Uwe Leiber, Klein Wesenberg,


feiert am 23.09. seinen 75. Geburtstag.
W I R G EDE NKE N DE R VE RST O RBE NEN
Fritz Höynck, Flensburg, Andreas Liebetrau, Münsterdorf, Prof. Günter Frank, Nebel/Amrum,
geboren am 12.01.1936, geboren am 08.09.1959,
verstarb am 06.03.2019. verstarb am 28.05.2019. feiert am 25.09. seinen 75. Geburtstag.

Monika Wiß, Wittdün/Amrum, Prof. Hermann Uthgenannt, Lübeck- Priv.-Doz. Dr. Lutz Kleine, Heringsdorf,
geboren am 05.03.1962, Travemünde,
geboren am 22.04.1922, feiert am 26.09. seinen 75. Geburtstag.
verstarb am 30.03.2019.
verstarb am 12.06.2019.
Dr. Elisabeth Margarete Gehse, Gelting,
Foto: Horstmann

Dr. Irene Rüdig, Lübeck, Dr. Ingeborg Lichtenauer, Lübeck,


geboren am 19.02.1924, geboren am 13.03.1939, feiert am 28.09. ihren 70. Geburtstag.
verstarb am 14.05.2019. verstarb am 19.06.2019.
3 4 // M E D I Z I N & W I S S E N S C H A F T J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

HIRNFORSCHUNG

Die Gefahr des


confirmation bias
Ärztliche Entscheidungsfindung hängt auch vom Hirnzustand ab: Bericht aus einer
Vorlesung in der Reihe: „Das intelligenteste Netzwerk der Welt: Unser Gehirn“.

Ä
rztliche Entscheidungen sind ver- wir (wann?) eher entschlussfreudig, im- tengespräch ermöglichen, anhand die-
mutlich im Vergleich mit Ent- pulsiv, wann brauchen wir mehr Zeit? ses diagnostischen Merkmals auf eine
scheidungen anderer Berufsgrup- Zwei große Fragen untersucht die in- weniger rationale als emotionale Ent-
pen oft rationaler und zweckmä- terdisziplinäre Forschungsgruppe von scheidung zu schließen. Es könnte etwa
ßiger – aus naheliegenden Grün- Donner derzeit im Labor mithilfe der sein, dass der Hirnstamm die Gewich-
den: lange, hochqualifizierte Aus-, Magnetenzephalografie (MEG) an Pro- tung von zuverlässigem Vorwissen und
Weiter- und Fortbildung, eine banden: Wie sind wir zu einer bestimm- aktueller Evidenz so verändert, dass die
tendenziell disziplinierte und resiliente ten Entscheidung gekommen? Hätten spontane Antwort des Patienten auf die
Einstellung, überdurchschnittliche Ent- wir uns in einem anderen Zustand an- Arztfrage nach Einwilligung in einen
schlusskraft durch wechselnde prakti- ders entschieden? Bei der ersten Frage riskanten Eingriff wenig durchdacht er-
sche Anforderungen und Einfühlungs- sind meist visuelle Reize der Ausgangs- scheint. Bei Patienten mit neuropsych-
vermögen in Patienten. Doch „Luft nach punkt, die zu einem genauen Abbild im iatrischen Erkrankungen seien aller-
oben“ gibt es immer, dazu einige An- visuellen Cortex des Hirns führen. Was dings die modulatorischen Hirnstamm-
regungen aus einem kürzlichen Refe- nehme ich wahr, was wahrzunehmen systeme gestört. Daran müsse der be-
rat des Hirnforschers Prof. Tobias Don- entscheide ich mich – das ist auch die handelnde Arzt bei der Einschätzung
ner (UKE) über „Hirnzustand und Ent- primäre Frage in der ärztlichen Diagnos- von Entscheidungen von Patienten mit
scheidungsfindung“. In der Vorlesungs- tik. Bei unklaren Signalen helfe die län- Altersdemenz oder M. Parkinson den-
reihe „Das intelligenteste Netzwerk der gere Beobachtung, so wie wir am Steu- ken. Umgekehrt kann der Hirnstamm
Welt: unser Gehirn“ der Akademie der er eines Autos durch die stark verregne- zu positiven „Bauchentscheidungen“
Wissenschaften in Hamburg hatten zu- te Windschutzscheibe nach und nach die führen – „sonst hätte die Evolution ihn
vor Prof. Christian Gerloff vom UKE wiederholte Beschilderung einer Auto- nicht so lange erhalten.“
über gemeinsame Symptome neurologi- bahnausfahrt erkennen können. So auch Schließlich wies der Referent auf ei-

Info
scher Erkrankungen und Prof. Brigitte denkbar bei einer nicht eiligen, sorgfäl- nen zwar generell bekannten, aber in
Röder (Universität Hamburg) über die tigen Sonografie: „Wir integrieren oder der täglichen, auch der ärztlichen Praxis
Plastizität neuronaler Netzwerke zum akkumulieren Evidenz in der Zeit.“ Ne- wohl viel zu wenig beachteten Störfaktor
Rahmenthema beigetragen. ben dem visuellen Cortex arbeiten im bei Entscheidungen hin, den „confirma-
Der Akademie der
Donner ist seit 2015 Inhaber einer Gehirn mehrere Zentren eng vernetzt tion bias“. Wer von der Richtigkeit einer
Wissenschaften in
Heisenberg-Professur der Deutschen Hamburg gehören he- zusammen, wie der motorische Cortex, lange praktizierten Therapie überzeugt
Forschungsgemeinschaft und Stellver- rausragende Wissen- der präfrontale Cortex (Selbstkontrolle) ist, nimmt neue Bedenken, abweichende
tretender Direktor des Instituts für Neu- schaftlerinnen und oder der Scheitellappen. Es gibt also kein Studienergebnisse und Gegenargumen-
rophysiologie des UKE. Seine Ausgangs- Wissenschaftler aller einzelnes Entscheidungszentrum, wie te weit weniger wahr als Bestätigungen.
Disziplinen aus Nord-
these: Oft entscheiden wir mal so, mal deutschland an. Sie
noch Descartes annahm (Zirbeldrüse). Was tun gegen einen solchen „Aufmerk-
so, auch wenn die Fakten nicht anders trägt dazu bei, die Hätten wir aber in einem anderen samkeitsfilter“? Scheinbar „sicheres
sind. Unser Urteil hänge vor allem da- Zusammenarbeit Zustand anders entschieden? Der Ge- Wissen“ hinterfragen, zumindest offen
von ab, in welchem Zustand sich unser zwischen Fächern, samthirnzustand werde von vielen Fak- sein für zweifelnde Fragen oder Hinwei-
Gehirn gerade befinde. Bei einem Arzt, wissenschaftlichen toren beeinflusst. Besonders wichtig: se von Kollegen, Mitarbeiterinnen, Pa-
Hochschulen und an-
so dürfte man ergänzen, könnte sein Be- deren wissenschaftli- der Hirnstamm, speziell der locus cae- tienten, Angehörigen und „bewusst auf
handlungsvorschlag in dem einen Fall chen Institutionen zu ruleus, von dem aus Neurotransmitter abweichende Faktoren achten und mög-
„wait and see“, in einem anderen, weitest- intensivieren. Sie för- wie Noradrenalin in diverse Areale des lichst in gemischter Gruppe besprechen“.
gehend identischen Fall ein Heilmittel- dert Forschungen zu ganzen Gehirns geschickt werden. „Wir Und: „Wir kennen den confirmation bias
versuch wie z.B. Physiotherapie und im gesellschaftlich bedeu- versuchen noch zu erklären, wie Verän- schon lange, wissen aber nicht, wie er im
tenden Zukunftsfra-
dritten Fall eine probatorische Medika- gen und wissenschaft- derungen im Botenstoffsystem unter- Gehirn zustande kommt – noch nicht.“
tion sein. Schon diese unbestimmte Ent- lichen Grundlagen- schiedliche Entscheidungen herbeifüh- Fazit: Der Arzt kann besser entschei-
scheidungsfindung zeigt die Wichtigkeit problemen und macht ren.“ Die Aktivität des locus caeruleus den, wenn er sich nicht bloß einer allge-
der Frage, oder, wie Donner formulier- es sich zur besonde- sei wegen seiner tiefen Lage bisher nicht meinen Unbestimmtheit der menschli-
te: „Die Entscheidungsfunktion ist die ren Aufgabe, Impul- messbar, jedoch indirekt durch Erwei- chen Entscheidungsfindung bewusst ist,
se für den Dialog zwi-
Kernfunktion unseres Gehirns, ohne sie schen Wissenschaft terung der Pupillen. Dies sei, so Don- sondern nach neuem Forschungsstand
wären wir handlungsunfähig.“ Es lohnt und Öffentlichkeit zu ner, etwa bei schwierigen Entscheidun- auch der Komplexität, Variabilität und
sich also für jeden, sich mit seiner Ent- setzen. gen der Fall. Das würde, so könnte man Interdependenz.
scheidungspraxis zu beschäftigen: Sind weiter annehmen, dem Arzt im Patien- Horst Kreussler
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 M E D I Z I N & W I S S E N S C H A F T // 3 5

VIBRIONEN

Warme Ostsee erhöht


das Vibrio-Risiko
Das Infektionsrisiko durch Vibrionen steigt mit der Wassertemperatur. Bei Verdacht auf eine akute
Vibrio-Infektion sollte unverzüglich eine mikrobiologische Diagnostik und Therapie erfolgen.

I
m Sommer des vorigen Jahres sorg- tur an der Ostsee- und Nordseeküs- krosen führen, sodass die Amputati-
te eine mögliche Infektionsgefährdung te normalerweise nachweisbar sind, on von Fingern oder Zehen notwen-
durch Vibrionen aus der Ostsee für kann man generell davon ausgehen, dig werden kann. Bei Übertritt in das
Beunruhigung unter Urlaubern an der dass beim Baden eine Exposition mit Blut kann sich rasch eine Sepsis mit
Küste. Der sommerliche Nachweis von Vibrionen erfolgt. hoher Letalitätsrate entwickeln. Nach
Vibrionen im Nord- und Ostseewas-  Übertragung: Die Übertragung von Verzehr roher Meeresfrüchte sind
ser ist zwar ein Normalbefund und kein Vibrionen auf Menschen erfolgt Verläufe als Sepsis oder Gastroente-
Grund für ein allgemeines Badeverbot. durch Badewasser in offene Wun- ritis möglich. Bei Verdacht soll nach
Ältere Patienten mit Immunsuppressi- den. An Steinen oder Muschelscha- der Materialgewinnung (Wundab-
on und/oder chronischen Erkrankun- len können beim Baden oberflächli- striche, Blutkulturen) und vor Erhalt
gen bei Vorliegen offener Wunden sol- che Schnittverletzungen entstehen, des mikrobiologischen Befundes un-
len den Meerwasserkontakt allerdings in die Vibrionen eindringen können. verzüglich eine Antibiotika-Therapie
meiden. Bei Wundinfektionen oder Auch bei der Verarbeitung von Mu- mit Drittgenerations-Cephalospori-
Sepsisverdacht nach sommerlichem Ba- scheln ist über Schnittverletzungen nen, Doxycyclin oder auch Chinolo-
den im Meer muss die Möglichkeit ei- und bei Verzehr roher Meeresfrüchte nen begonnen werden.
ner akuten Vibrio-Infektion berück- die Übertragung möglich. Folgende Maßnahmen sind zu emp-
sichtigt werden und eine unverzügliche  Risikopersonen: Als gefährdet gelten fehlen:
mikrobiologische Diagnostik und Anti- ältere Patienten mit Immunsuppres- 1. Gefährdete Personen mit offenen
biotikatherapie erfolgen. Folgende Fak- sion, Patienten mit medikamentöser Wunden sollen im Meerwasser weder
ten in Zusammenhang mit Vibrionen Krebstherapie oder mit chronischen baden noch waten.
sind zu beachten: Erkrankungen der Leber, des Herzens 2. Gefährdete Personen mit Immunsup-
 Erreger: Vibrionen sind halophile oder mit Diabetes mellitus, bei denen pression oder Diabetes sollten auch
(Salz liebende) Gram-negative Bak- offene, nicht heilende Wunden vor- ohne offene Wunden nur gegarte
terien, die Toxine bilden können. Vi- liegen und die mit Meerwasser Kon- Meeresfrüchte verzehren.
brio vulnificus ist in diesem Zusam- takt haben. Für Kinder, Schwangere 3. An Badestellen sollten die Betreiber
menhang die wesentlichste Spezi- oder Menstruierende ist dagegen kein auf das Infektionsrisiko für besonders
es. Zusätzlich kommen Vibrio para- erhöhtes Risiko bekannt. gefährdete Personen hinweisen.
haemolyticus und sogar Vibrio cho- In Süddeutschland ist die Annah- 4. Umweltuntersuchungen sind nicht
lerae infrage, bei denen aber das Gen me weit verbreitet, die Heilung offe- relevant, da es sich bei dem Vib-
für das Choleratoxin nicht nachweis- ner chronischer Wunden werde durch rio-Nachweis aus dem Meerwas-
bar ist und somit keine Choleragefahr das Baden in Nordsee- oder Ostseewas- ser im Sommer um einen Normalbe-
besteht. Die Erreger werden bei Pati- ser gefördert. Diese Annahme ist mög- fund handelt und Grenz- oder Maß-
enten vor allem aus Blutkulturen und licherweise in Analogie zum Baden im nahmenwerte nicht definiert werden

20°C
aus Kulturen von Wundabstrichen Toten Meer entstanden. Zur Förderung können.
nachgewiesen. der Wundheilung durch Nordsee- oder 5. Eine Meldepflicht liegt zwar nicht
 Vorkommen: Diese Vibrionen sind Ostseewasser liegen keine wissenschaft- vor; Erkrankungsfälle mit dem Nach-
weltweit verbreitet, besonders im lichen Erkenntnisse vor, aber die Ge- Ab dieser Wassertem-
weis von Vibrionen sollten aber als
Brackwasser, wo Meerwasser durch fährdung von Risikopersonen durch peratur wird das Bak- „weitere bedrohliche Krankheit“
Süßwasser verdünnt wird und somit das Baden mit offenen Wunden ist ein- terium der Gattung nach IfSG § 6 Absatz 1, 2 Nr. 5 an das
ein relativ niedriger Salzgehalt vor- deutig. Vibrio deutlich akti- Gesundheitsamt gemeldet werden,
liegt. Dies liegt im Bereich von Fluss-  Erkrankungen: Durch Vibrionen ver. Menschen mit of- sodass ein bundesweiter Überblick
fenen Wunden und
mündungen, Förden, Fjorden und werden seltene, sporadische Erkran- einem geschwächten generiert werden kann. Weiterhin
Bodden vor. Zur effizienten Vermeh- kungsfälle vor allem bei immunge- Immunsystem sollten ist von einer starken Untererfassung
rung der Vibrionen im Wasser sind schwächten Risikopersonen mit of- ab dieser Temperatur auszugehen.
Temperaturen von mindestens 20°C fenen Wunden und Meerwasserkon- beim Baden im Meer Prof. Helmut Fickenscher, Institut
notwendig. An der Ostseeküste un- takt hervorgerufen, besonders bei vorsichtig sein. Ärz- für Infektionsmedizin mit
te sollten die Möglich-
terstützt die niedrige Wassertiefe an Männern. Infolge von Wundinfektio- keit einer akuten Vi- Medizinaluntersuchungsamt und
den Stränden die schnelle Erwär- nen kommt es zu Hautulzera und Bla- brio-Infektion in Be- Landesmeldestelle,
mung des Wassers. Da Vibrionen im senbildung. Die lokale Infektion kann tracht ziehen. Christian-Albrechts-Universität zu
Sommer bei ausreichender Tempera- rasch fortschreiten und zu tiefen Ne- Kiel und UKSH, Kiel
3 6 // A R Z T & R E C H T J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

SERIE erfolgte keine ärztliche Untersuchung in


den frühen Morgenstunden. Das ist als
fehlerhaft zu bewerten, zumal keine An-
gaben dazu vorliegen, dass die dienst-

Fehlerhaft gestörte Kommu- habenden Ärzte etwa durch eine ander-


weitige Notfallbehandlung völlig unab-
kömmlich waren. Dass im Rahmen der

nikation im Krankenhaus
Oberarztvisite keine neue Abschätzung
der Suizidalität vorgenommen wurde, ist
ebenfalls als fehlerhaft zu bezeichnen.
Im vorliegenden Fall waren Män-
gel in der Befunderhebung festzustellen.
Von Fall zu Fall: Aus der Praxis der Schlichtungsstelle für Arzt- Hier kommt es unter folgenden Voraus-
haftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. setzungen zu einer Umkehr der Beweis-
last zugunsten der Patientenseite:
1. Es wurden Befunde nicht erhoben, die
dem Standard gemäß hätten erhoben
Kasuistik sorgung einschließlich Rollstuhl war er- werden müssen.
Ein 26-jähriger Patient war bei drogen- forderlich. Es hätte sowohl bei der Aufnahme als
induzierter Psychose stationär psychiat- auch in der Nacht nach der Operation
risch behandelt worden. Gleich nach der Beanstandung der ärztlichen und am frühen Morgen eine Anamne-
Entlassung fügte er sich eine Schnitt- Maßnahmen se bezüglich der psychiatrischen Er-
wunde am linken Arm in suizidaler Ab- Patientenseitig wurde das Unterlassen krankung erfolgen müssen.
sicht zu und wurde zur chirurgischen ärztlicher Hilfeleistungen und organisa- 2. Bei standardgemäßer Untersuchung
Versorgung der Chirurgischen Abtei- torischer Maßnahmen zum Schutz des hätte man mit hinreichender Wahr-
lung einer Klinik der Akut- und Regel- Patienten als grob behandlungsfehler- scheinlichkeit einen abklärungs- be-
versorgung zugeführt. Dort wurde er haft angesehen. ziehungsweise behandlungsbedürfti-
nach akuter Suizidalität befragt. Er ver- gen Befund erkannt. Der Bundesge-
neinte zu diesem Zeitpunkt suizida- Stellungnahme der Ärzte der Klinik richtshof hat den Begriff „hinreichend“
le Absichten und wurde aufgefordert, Der Patient sei bei Aufnahme zur Suizi- nicht weiter definiert. Die Oberlan-
sich zu melden, falls es ihm psychisch dalität befragt und darauf hingewiesen desgerichte definieren das Maß aber,
schlechter gehe. Nach operativer Ver- worden, dass er sich melden solle, damit unwidersprochen vom Bundesge-
sorgung verblieb der Patient über Nacht man ihm helfen könne. Er habe zu die- richtshof, als überwiegende Wahr-
im Aufwachraum. Ab 0:30 Uhr klag- sem Zeitpunkt die Suizidalität verneint. scheinlichkeit, also mehr als 50 Pro-
te er wiederholt über psychische Prob- zent.
leme und verlangte nach Hilfe. Das be- Gutachten Wäre in den frühen Morgenstunden
treuende Pflegepersonal erlebte den Pa- Der Gutachter, Facharzt für Psychiatrie eine ärztliche Untersuchung – auch
tienten als psychisch stark angeschlagen und Psychotherapie, hat folgende Kern- durch einen Nichtpsychiater – erfolgt,
und verständigte den ärztlichen Bereit- aussagen getroffen: Hier sei fehlerhaft wäre mit überwiegender Wahrschein-
schaftsdienst. Die Pflege dokumentierte gehandelt worden. Zwar sei die Suizida- lichkeit die von den Pflegekräften be-
um 1:30 Uhr nachts wörtlich: „keine Re- lität bei der Aufnahme geprüft worden, nannte psychische Notlage erkannt
aktion ärztlicherseits erfolgt, Ignoranz dies hätte jedoch in der Folge wiederholt worden.

Info
der Problematik.“ werden müssen. Auch für die morgend- 3. Das Unterlassen der Behandlung in
Der Oberarzt wurde am Morgen ge- liche Oberarztvisite sei eine Prüfung der Kenntnis der richtigen Diagnose wür-
beten, den Patienten deshalb möglichst Suizidalität nicht dokumentiert. de eine erhebliche Standardunter-
früh zu visitieren. Um 9:15 Uhr wurde Die Prüfung von Suizidalität sei je- schreitung und damit einen schweren
festgehalten, dass der Patient sehr wort- Die norddeutsche doch nicht ausschließlich Psychiatern Behandlungsfehler darstellen.
Schlichtungsstelle ist
karg gewesen sei. Weitere Angaben zum zuständig für Ber- vorbehalten. Eine entsprechende Ex- In diesem Fall nicht mit Sicherungsmaß-
psychischen Zustand wurden nicht do- lin, Bremen, Bran- ploration sei vielmehr Gegenstand des nahmen in Form von zum Beispiel einer
kumentiert. Der Patient solle im Auf- denburg, Hamburg, Staatsexamenswissens. Aus der Sicht ex Eins-zu-eins-Betreuung zu reagieren,
wachraum bleiben. Unmittelbar dar- Mecklenburg-Vor- ante hätten sich angesichts des schweren wenn denn schon keine entsprechen-
auf öffnete der Patient ein Fenster und pommern, Nieder- Suizidversuchs im Vorfeld der Aufnah- den mechanischen Sicherungen an Fens-
sachsen, Saarland,
sprang hinaus. Beim Sturz zog er sich Sachsen-Anhalt, me deutliche Hinweise für eine Gefähr- tern und Türen vorhanden sind, würde
ein epidurales Hämatom zu, das in einer Schleswig-Holstein dung ergeben. in Anbetracht der Risiken einen schwe-
Notfalloperation entlastet wurde. Dazu und Thüringen. Seit Dem pflegerischerseits mitgeteilten ren Fehler darstellen.
kamen ein mittelschweres gedecktes Gründung 1976 ha- psychischen Zustand des Patienten sei Vor dem Hintergrund der Beweis-
ben mehr als 100.000
Schädel-Hirn-Trauma mit Kontusions- Patienten ihre Diens-
außerdem ärztlicherseits keine Beach- lastumkehr reicht es für den Kausalitäts-
blutung, ein traumatisches Querschnitt- te in Anspruch ge- tung geschenkt worden. Dass den Bitten nachweis aus, dass die zu unterstellen-
syndrom ab C5 bei HWK-7-Luxations- nommen. Die Schlich- des Pflegepersonals, in diesem Fall tätig de fundamentale Verkennung des zu er-
fraktur, eine Orbitadach- und Seiten- tungsstelle bietet Pa- zu werden, nicht nachgekommen wor- wartenden Befundes oder die Nichtre-
wandfraktur und ein Thoraxtrauma mit tienten, Ärzten und den sei, sei nicht nachvollziehbar. aktion darauf generell geeignet ist, einen
Haftpflichtversiche-
Brustbeinfraktur. rern eine Plattform
Durch diesen zweiten Suizidversuch Schaden der tatsächlich eingetretenen
Bei seiner Entlassung war der Pati- für die außergericht- sei es zu dem Schädel-Hirn-Trauma und Art herbeizuführen. Das Unterlassen der
ent voll orientiert bei unauffälliger Be- liche Klärung von einer lebenslang bestehenden hochgra- oben genannten Sicherungsmaßnahmen
wusstseinslage. Die Motorik an den obe- Arzthaftungsstreitig- digen Querschnittslähmung gekommen. war generell geeignet, den Suizidversuch
ren Extremitäten wies Kraftgrade von 3 keiten. Ziel ist, allen zu ermöglichen. Daher wurden die Ver-
Beteiligten eine ob- Bewertung der Haftungsfrage
bis 5 auf, die unteren Extremitäten wa- jektive, kompetente letzungen, die sich der Patient durch den
ren plegisch. Es bestanden Blasenentlee- Streitbeilegung zu er- Die Schlichtungsstelle schloss sich dem Sturz zugezogen hat, sowie die damit
rungsstörungen und Defäkationsproble- möglichen. Gutachten im Ergebnis an. Trotz Bitten verbundenen Behandlungen und Beein-
me. Eine umfangreiche Hilfsmittelver- des Patienten und des Pflegepersonals trächtigungen als fehlerbedingt bewertet.
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 A R Z T & R E C H T // 3 7

Fazit
Eine Fixierung hätte nach dem BVerfG-
on des Hintergrunddienstes zu jeder Ta-
ges- und Nachtzeit auf solche Anforde- KURZ NOTIERT
Urteil vom 25.07.2018 (AZ 2 BVR 309/15 rungen wie in diesem Fall erfolgt. Dies
und 2 BVR 502/16) jedenfalls heute eine gilt über den Kreis der psychiatrischen Geldstrafen für Frauenärztinnen
Eins-zu-eins-Betreuung ebenso erfor- Erkrankungen hinaus. Wenn durch Be-
derlich gemacht, auch wenn die Aus- handler der Hintergrunddienst angefor- Wegen Verstoßes gegen das kürzlich reformierte Werbeverbot
dehnung auf nicht psychiatrische Klini- dert wird, muss dieser reagieren. Die Or- für Schwan­gerschafts­abbrüche (Paragraf 219a Strafgesetz-
ken noch nicht ausgeurteilt ist und die ganisation, die dies sicherstellt, gehört buch) sind zwei Berliner Frauenärz­tinnen im Juni vom
Entscheidung des Verfassungsgerichts haftungsrechtlich in den Bereich des Amtsgericht Berlin-Tiergarten zu Geldstrafen ver­urteilt
zum Zeitpunkt des Schadensereignisses vollbeherrschbaren Risikos. Die Schädi- worden. Wie mehrere Medien berichteten, hatten die Frauen
noch nicht vorlag. Eine individuelle Be- gung erfolgte in einem Bereich, dessen auf der Website ihrer Praxis darüber informiert, dass in ihrer
treuung wäre auch geeignet gewesen, die Gefahren medizinisch voll beherrscht Praxis Schwangerschaftsabbrüche mit der medikamentösen
Ängste des Patienten zu mindern. Aber werden können und müssen. Der Scha- Methode möglich sind. Auch nach der Reform des Paragrafen
wenn schon die mechanische Sicherung den entsteht dann nicht in der „Risiko- 219a ist es laut Gericht nicht erlaubt, die Methode der
der Räume nicht gegeben war, hätte auch sphäre“ des Patienten, sondern in der Abtreibung auf der eigenen Website zu nennen. Die Richterin
damals schon mindestens eine kontinu- des Krankenhauses. Daher besteht eine betonte laut einer Meldung im „Deutschen Ärzteblatt“, dass
ierliche Überwachung des Patienten er- Fehlervermutung zu Lasten des Kran- sie das Gesetz nicht für verfassungswidrig hält, wohl aber
folgen müssen, bis eine Verlegung in kenhauses. Um sich von dieser Fehler- für ein politisch kontroverses Thema. Ihrer Ansicht nach
eine psychiatrische Klinik hätte durchge- vermutung zu entlasten, ist vonseiten ist das durch die Ärztinnen verübte Unrecht nur „sehr, sehr
führt werden können. des Krankenhauses zu beweisen, dass gering“. Die beiden Ärztinnen wurden zu jeweils 2.000 Euro
Auch war der Dokumentation zu- der Hintergrunddienst so organisiert Geldstrafe verurteilt. Sie haben angekündigt, notfalls bis zum
folge ein dringender Handlungsbedarf wurde, dass er seine Aufgaben erfüllen Bundesverfassungsgericht gegen die Entscheidung zu klagen.
durch den ärztlichen Hintergrunddienst kann. Vor Beginn der Verhandlung hatte es eine Protestaktion
erkennbar. Insofern kam es hier zusätz- Dr. Manfred Koller, Christine vor dem Gericht gegeben, auf der mehrere Organisationen
lich zu einem Organisationsfehler. Die Wohlers, Prof. Walter Schaffartzik, einen Freispruch für die Ärztinnen forderten. (rED)
Geschäftsführung der Klinik hat in Zu- Schlichtungsstelle für Arzthaft-
sammenarbeit mit den jeweiligen Chef- pflichtfragen der norddeutschen IKK kritisieren Eingriffe
ärzten sicherzustellen, dass eine Reakti- Ärztekammern
Nicht nur Ärzte kritisieren Eingriffe in ihre Selbstverwaltung:
Die Innungskrankenkassen machen seit kurzem auf der
Website ihrer Interessenvertretung (www.ikkev.de) mit
Beispielen darauf aufmerksam, mit welchen Gesetzen Bundes-
ANzeige
gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aus ihrer Sicht in die
gemeinsame Selbstverwaltung eingreift. Als Beispiele werden
neben dem auch unter Ärzten kritisierten Terminservice- und
Versorgungsgesetz (TSVG) u. a. das MDK-Reformgesetz und

CAUSACONCILIO das Versichertenentlastungsgesetz genannt. Dieses greife in


die Finanzautonomie der Krankenkassen ein und verpflichte
sie zum Abschmelzen ihrer Finanzreserven, kritisieren die
RECHTSANWÄLTE
Innungskrankenkassen. Sie bemängeln außerdem, dass
das Bundesgesundheitsministerium plant, in Einzelfällen
per Ermächtigungsgesetz selbst zu entscheiden, welche
Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe künftig von
der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden
Sie sind für Ihre müssen. Die Innungskrankenkassen haben nach eigenen
Patienten da – Angaben bundesweit 5,2 Millionen Mitglieder. (rED)
wir für Ihr Recht!
Bundesrat verabschiedet Novelle
Der Bundesrat hat vergangenen Monat eine Neuregelung der
Unsere Fachanwälte für Medizinrecht … zahnärztlichen Approbationsordnung verabschiedet. Das
KIEL: Frank Schramm Zahnarztstudium gliedert sich künftig in einen viersemest-
Deliusstraße 16 · 24114 Kiel Dr. Paul Harneit
rigen vorklinischen und einen sechssemestrigen klinischen
Tel. 0431/6701-0 · kiel@cc-recht.de Studienabschnitt. Aus den Ländern hatte es gegenüber dem
Sven Hennings
HAMBURG: Entwurf der neuen ZApprO Widerstände gegeben, die sich
Neuer Wall 41 · 20354 Hamburg Christian Gerdts maßgeblich auf die angeblich mangelnde Finanzierbarkeit
Tel. 040/355372-0 · hamburg@cc-recht.de Prof. Dr. Dr. Thomas Ufer bezogen. Zwei Mal war die Verordnung im Bundesrat geschei-
FLENSBURG: Stephan Gierthmühlen tert und schließlich auf Druck des Bundesgesundheitsminis-
Marie-Curie-Ring 1 · 24941 Flensburg Dr. Kai Stefan Peick teriums auf die Tagesordnung gekommen. Die verabschiedete
Tel. 0461/14109-0 · flensburg@cc-recht.de Fassung wurde vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte
Dr. Jana Spieker
SCHÖNBERG: als „lediglich halbe Novelle“ bezeichnet, weil der Bereich der
Wiebke Düsberg
Eichkamp 19 · 24217 Schönberg ersten fünf vorklinischen Semester ausgenommen wurde.
Tel. 04344/413973-3 · schoenberg@cc-recht.de Linda Kuball Dieser Bereich soll erst mit dem Masterplan 2020 Medizin neu
... sowie Arbeitsrecht, Bau- und Architektenrecht, Erbrecht, geregelt werden. Der Verband bezeichnete die Novelle deshalb
Familienrecht, Gewerblicher Rechtsschutz, Handels- als „Stückwerk“. Er setzt nun darauf, dass sich der Masterplan
und Gesellschaftsrecht, Miet- und Wohnungseigentumsrecht, 2020 nicht verzögert. Zufrieden zeigte sich der Verband
Steuerrecht und Verkehrsrecht. damit, dass die zahntechnische und prothetische Ausbildung
im Zahnmedizinstudium erhalten bleibt. (pm/rED)
www.causaconcilio.de
3 8 // F O R T B I L D U N G E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

SYMPOSIUM

Entzündliche
Erkrankungen

D
er aktuelle Stand der Wissenschaft
und neue Aspekte in der Diagnos-
tik und Therapie von entzündli-
chen Systemerkrankungen stan-
den im Mittelpunkt des 2 ½ -tägi-
gen „International Symposium on
Multisystem Inflammatory Disor-
ders – Diagnostic and Therapeutic Ap-
proaches“ an der Lübecker Universität.
Am ersten Veranstaltungstag standen re-
nale Erkrankungen und der systemische
Lupus erythematodes im Mittelpunkt.
Die Reduktion der Proteinurie und die
Verhinderung eines terminalen Nieren-
versagens wurden als die beiden wich-
tigsten Therapieziele in der Behandlung
der membranösen Nephropathie her-
ausgestellt. In der MENTOR Studie er- Teilnehmer während des internationalen Symposiums in Lübeck.
wies sich eine remissionsinduzierende
Therapie mit dem Anti-CD20 Antikör- werden (Sethi, Department of Patholo- mittelte Stimulierung regulatorischer T-
per Rituximab einer Therapie mit Cyc- gy, Rochester). Schließlich wurden die Zellen Remissionen bei zwölf Patienten
losporin A bei einer Beobachtungsdau- neuen EULAR Empfehlungen zur The- mit zuvor therapieresistenten Verläufen
er von 24 Monaten als nicht unterlegen. rapie des systemischen Lupus erythema- Remissionen erzielt werden (Humrich,
Unter Rituximab wurden im Vergleich todes (SLE) vorgestellt, die auch Emp- Klinik für Rheumatologie und klinische
zur Therapie mit Cyclosporin A weni-
ger Rezidive und Nebenwirkungen be-
obachtet (Fervenza, Division of Neph-
rology and Hypertension, Rochester).
fehlungen zur Therapie mit den Biologi-
ka Rituximab und dem Anti-B-Zell-ak-
tivierenden Faktor (BAFF)-Antikörper
Belimumab bei therapieresistenten Ver-
Immunologie, UKSH Lübeck).
Diagnostische Algorithmen, Bio-
marker und Organbeteiligungen bei ent-
zündlichen Systemerkrankungen stan-
125
Teilnehmer verzeich-
nete das dreitägi-
Mittels massenspektrometrischer Un- läufen beinhalten (Ytterberg, Division of den im Fokus des Vormittages des zwei-
tersuchungen konnte kürzlich die Exos- Rheumatology, Rochester). Neben an- ten Veranstaltungstages, während die ge Symposium „In-
ternational Sympo-
tosin 1 / Exostosin 2-assozierte memb- tikörperbasierten Therapien könnte zu- Diagnostik und Therapie von Arthriti- sium on Multisystem
ranöse Nephropathie als neue Entität künftig auch die niedrigdosierte Inter- den und Vaskulitiden die Schwerpunkt- Inflammatory Disor-
neben der Anti-PLA2R-positiven und leukin-2 Therapie einen therapeutischen themen des Nachmittages bildeten. An- ders – Diagnostic and
der Anti-Thrombospondin Typ 1 Dö- Ansatz beim SLE darstellen. In einer ei- ti-Neutrophile zytoplasmatische Auto- Therapeutic Approa-
Fotos: UKSH

ches“ an der Lübecker


mane 7A (THSDA7A)-positiven mem- genen Proof-of-concept Studie (PRO- antikörper (ANCA) sind in der Diagnos-
Universität.
branösen Nephropathie charakterisiert IMMUN) konnte durch eine IL-2-ver- tik von ANCA-assoziierten Vaskultiden
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Referenten und Vorsitzende des Internationalen Symposiums (von links nach rechts): Prof. Robert Vassallo (Rochester), Prof. Kenneth Warrington (Rochester), Associate Prof.
John Davies (Rochester), Assistant Prof. Ashima Makol (Rochester), Dr. Bernhard Nölle (Kiel), Prof. Steven R. Ytterberg (Rochester), Assistant Prof. Hilary DuBrock (Roches-
ter), Prof. Ulrich Specks (Rochester), Prof. Peter Lamprecht (Lübeck). Prof. Gabriela Riemekasten (Lübeck), Prof. Diamant Thaci (Lübeck), Prof. Bernhard Hellmich (Kirch-
heim), PD Dr. Martin Nitschke (Lübeck).

(AAV) sowie als Prädiktoren von Rezidi- sion of Rheumatology, Rochester). Hier-
ven von großer Bedeutung. Daten einer bei können beispielsweise okkuläre Ma-
neuen Studie (PEXIVAS) zeigten kei- nifestationen wie die Uveitis im Rahmen
nen zusätzlichen Nutzen einer Plasma- von entzündlichen Systemerkrankungen
separation zusätzlich zur remissionsin- eine Indikation für die systemische The-
duzierenden Standardtherapie mit Ri- rapie bzw. Therapieintensivierung dar-
tuximab oder Cyclophosphamid bei stellen (Nölle, Klinik für Ophthalmolo-
AAV (Specks, Division of Pulmonary gie, UKSH Kiel). Abgerundet wurde der
and Critical Care Medicine, Rochester). zweite Tag durch drei Fallpräsentatio-
Mit dem Anti-IL-6R Antikörper Tocili- nen mit der Vorstellung einer Infektions-
zumab steht für die Therapie der Riesen- komplikation mit atypischen Mykobak-
zellarteriitis (RZA) erstmals eine zielge- terien bei AAV, Therapieresistenz bei RA
richtete steroidsparende Rezidivprophy- mit Lungenbeteiligung und einer RZA-
laxe als Biologikatherapie zur Verfügung. Mimik bei temporaler und nuchaler
Die Steroidmonotherapie gehört bei der Schmerzausstrahlung infolge einer ho-
RZA aufgrund ihrer in der GiACTA Stu- hen zervikalen Spondylodiszitis (Findei-
die gezeigten hohen Rezidivrate im Ver- sen, Jendrek, Ivan; alle Klinik für Rheu-
gleich zur Toclizumab-Therapie der Ver- matologie und klinische Immunologie,
gangenheit an (Warrington, Division of UKSH Lübeck).
Rheumatology, Rochester). Bei der The- Pulmonale Manifestationen ein- Die Referenten Prof. John Davis, Prof. Robert Vassallo und Prof. Steven
rapie der Sarkoidose sind abhängig von schließlich der diffusen alveolären Hä- R. Ytterberg (alle Mayo Clinic, Rochester, USA) im Pausengespräch in
der Schwere des Verlaufs und Organ- morrhagie (DAH) und der pulmonalen Lübeck.
beteiligung steroidsparende Therapie- arteriellen Hypertonie sowie die syste-
optionen einschließlich Tumor-Nekro- mische Sklerose waren die Themen des stimmenden Organbeteiligungen bei der
se Faktor (TNF)-inhibierender Antikör- abschließenden Veranstaltungstages. sytemischen Sklerose ist die interstitiel-
per wie Infliximab und Adalimumab in AAV stellen die häufigste Ursache einer le Lungenerkrankung. In verschiedenen

Info
Erwägung zu ziehen (Vassallo, Division DAH bei den autoimmunen Erkrankun- Studien konnte die Wirksamkeit von
of Pulmonary and Critical Care Medi- gen dar und sollten Anlass zur soforti- Immunsuppressiva (Cyclophosphamid,
cine, Rochester). In der Diagnostik und gen Einleitung einer immunsuppressi- Mycophenolat Mofetil), Biologika (Ri-
Therapie von Myositiden kommt auto- ven Therapie mit Prednisolon und Ri- tuximab) und jüngst eines Tyrosin-Ki- Das Symposium wur-
antikörper-definierten Untergruppen tuximab sein (Specks, Division of Pul- nase-Inhibitors (Nintedanib) aufgezeigt de von der Klinik für
mit Blick auf die assoziierten Organbe- monary and Critical Care Medicine, werden (Makol, Division of Rheumato- Rheumatologie und
teiligungen, Prognose und notwendi- Rochester). Bei therapieresistenter eo- logy, Rochester). Die pulmonale arteri- klinische Immunolo-
ge Therapieintensität eine zunehmen- sinophiler Granulomatose mit Polyan- gie am UKSH Cam-
elle Hypertonie schließlich erfordert als
pus Lübeck und der
de Bedeutung zu (Ytterberg, Division giitis konnte in der MIRRA Studie eine prognostisch ungünstige Organmanifes- Mayo Klinik, Roches-
of Rheumatology, Rochester). Abhän- Wirksamkeit des Anti-IL-5 Antikörpers tation den kombinierten Einsatz von En- ter, Minnesota USA,
gig von der Krankheitsaktivität, extraar- Mepolizumab gezeigt werden (Hellmich, dothelin-Rezeptorantagonisten (Bosen- unter Leitung von
tikulären Organbeteiligungen, Therapie- Klinik für Innere Medizin, Rheumatolo- tan, Ambrisentan, Macitentan), Phos- Prof. Gabriela Rie-
mekasten, Prof. Peter
ansprechen und -verlauf ist in der The- gie und Immunologie, Medius Kliniken phodiesterase-5 Inhibitoren (Sildenafil, Lamprecht (beide Lü-
rapie von Arthritiden wie der rheuma- Kirchheim). Die mit der sytemischen Tadalafil), Guanylatzyklase Stimulato- beck) und Prof. Ulrich
toiden Arthritis (RA), Psoriasisarthritis Sklerose assoziierten Anti-G-Protein- ren (Riociguat) und Prostazyklinderiva- Specks (Mayo Clinic,
(PsA) und axialer Spondyloarthritis (ax- gekoppelte Rezeptor (GPCR) Autoanti- ten (Iloprost) (DuBrock, Division of Pul- Rochester, USA) aus-
SpA, Morbus Bechterew) ebenfalls ein körper erwiesen sich u. a. als prädiktiv monary and Critical Care Medicine, Ro- gerichtet. Beide Klini-
ken kooperieren ins-
individualisierter Therapieansatz zu ver- in Bezug auf die notwendige Therapiein- chester). besondere auf dem
Fotos: UKSH

folgen, der eine Therapie mit Biologika tensität (Riemekasten, Klinik für Rheu- Prof. Peter Lamprecht, Klinik für Gebiet der Vaskulitis-
und Janus Kinase (JAK)-Inhibitoren (bei matologie und klinische Immunologie, Rheumatologie und klinische Immu- forschung.
RA und PsA) einschließt (Davies, Divi- UKSH Lübeck). Eine der prognosebe- nologie, Universität zu Lübeck
4 0 // F O R T B I L D U N G E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

DIABETES das von Gesunden an, führe dies zu ei-


ner Verbesserung der Insulinsensitivität;
das unterstreiche die kausale Bedeutung

Aktionsplan
des Mikrobioms bei der Adipositas- und
Diabetesentstehung. Über welche Me-
chanismen das Mikrobiom den mensch-
lichen Stoffwechsel verändere, sei Ge-
genstand der aktuellen Forschungen des
Kieler Teams, erklärt Laudes. Dabei ver-

gegen Tsunami
folge man drei unterschiedliche Ansätze:
Das Mikrobiom löst erstens durch den
Kontakt mit der Darmwand eine Ent-
zündung in der Darm-Mukosa aus, die
sich dann systemisch ausbreitet, verän-
dert zweitens das Muster der Gallensäu-
ren, was sowohl metabolische als auch
54. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Warnung vor inflammatorische Prozesse in Gang setzt,
den Folgen von ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung. und setzt drittens bakterielle Stoffwech-
selprodukte frei, die in den menschli-
chen Körper aufgenommen werden und

A
dann systemisch wirken. Allen Ansätzen
ppelle an die Politik, Maßnahmen sorgungsnetzes durch niedergelassene werde in verschiedenen, unter anderem
gegen den heraufziehenden „Di- Haus- und Fachärzte Teil einer nationa- von der EU geförderten Projekten nach-
abetes-Tsunami“ zu ergreifen, be- len Diabetesstrategie sein, so die DDG. gegangen, so Laudes.
stimmten die 54. Jahrestagung der Es müsse eine angemessene Behandlung Welche metabolischen Konsequen-
Deutschen Diabetes Gesellschaft und Pflege von Menschen mit Diabetes zen ein zu kurzer und gestörter Schlaf
(DDG) genauso wie die Diskussi- im Krankenhaus und in Pflegeeinrich- hat, erörterte Prof. Sebastian Schmid aus
on um neue Diagnose- und The- tungen, moderne Medikamente sowie der Medizinischen Klinik I des UKSH,
rapiemethoden. Die Themen Digitalisie- ein deutschlandweites Diabetesregister Campus Lübeck, beim Kongress in Ber-
rung und Telemedizin bildeten hier ei- geben; auch der Beruf der Diabetesbe- lin. „Aktuelle Studien belegen, dass vor
nen Schwerpunkt. An der Fortbildungs- rater sollte bundesweit einheitlich aner- allem quantitative und qualitative Ver-
veranstaltung Ende Mai in Berlin nah- kannt werden. änderungen des Schlafrhythmus signi-
men rund 7.000 Experten teil, darunter Mit den Grundlagen der Krankheits- fikant mit einer erhöhten Prävalenz von
auch zahlreiche Wissenschaftler aus entstehung befasst sich das Team von Adipositas einhergehen. Zudem können
Schleswig-Holstein. Prof. Matthias Laudes vom UKSH-Cam- eine eingeschränkte Schlafdauer und
„Wenn es uns nicht gelingt, den An- pus Kiel. Schwerpunkt seiner Arbeit sind -qualität eine verminderte Glukosetole-
stieg von Diabetes Typ 2 aufzuhalten, chronische Entzündungsprozesse bei der ranz und Insulinsensitivität bewirken
haben wir im Jahr 2040 bis zu zwölf Mil- Entstehung von Stoffwechselerkrankun- und damit ein erhöhtes Diabetesrisiko
lionen Erkrankte in Deutschland“, er- gen; diese werden auch als metabolische mit sich bringen.“
klärte Prof. Dirk Müller-Wieland aus Inflammation bezeichnet. „Früher ging Schlaf stellt biologisch betrachtet
Aachen. Bei der Zahl müsste eigentlich man davon aus, dass die Adipositas Ent- ein bestimmtes Muster von neuroche-
jeder Gesundheitsminister Panik be- zündungen bedingt und dass diese Ent- mischen und elektrischen Prozessen im
kommen, so der DDG-Präsident. Be- zündungen dann sekundär Insulinresis- Hirn dar, die über das Hormonsystem
reits jetzt würden hierzulande zwölf Pro- tenz, Typ 2 Diabetes und Arteriosklerose und das vegetative Nervensystem auch
zent der Gesundheitsausgaben für die auslösen. Seit einigen Jahren wissen wir Stoffwechsel- und Immunprozesse steu-
Behandlung der Stoffwechselerkran- aber, dass die Adipositas selbst auch ent- ern. Schlafmangel und gestörter Schlaf
kung aufgewendet. „Aber wir können zündliche Prozesse in ihrer Pathogenese sind weit verbreitet, insbesondere in der
diesen Diabetes-Tsunami noch aufhal- hat“, erläuterte Laudes, der den Bereich westlichen Welt. Große Auswirkungen
ten. Ein Großteil der neuen Fälle wäre Endokrinologie, Diabetologie und kli- hat die Schlafdauer auf die metabolische
vermeidbar – wenn es gelingt, dass sich nische Ernährungsmedizin leitet. In ei- Gesundheit. Bereits in früheren Unter-
die Menschen besser ernähren und we- ner MRT-Studie konnte die Arbeitsgrup- suchungen haben Schmid und seine Ar-
niger übergewichtig sind.“ pe bei Adipositas-Patienten eine Entzün- beitsgruppe gezeigt, dass Probanden sich
Das könne jedoch nicht die Medizin dung im Hypothalamus nachweisen, die infolge von Schlafmangel deutlich weni-

12 Mio.
bewirken, hier sei die Politik gefordert, die Appetit- und Sättigungsregulation ger bewegen und die Ausschüttung von
so DDG-Präsident Müller-Wieland. Die stört. „Wir gehen davon aus, dass es erst relevanten Hormonen für den Glukose-
DDG fordert vier Sofortmaßnahmen, einen anderen ursächlichen Reiz gibt, stoffwechsel gestört ist.
um den Anstieg von nichtübertragba- Menschen könnten der die Entzündung primär auslöst, und Schlafmangel ist epidemiologischen
ren Krankheiten wie Diabetes und Herz- nach Prognosen im dass sich dann auch die Adipositas se- Studien zufolge auch eindeutig mit ei-
kreislauf-Erkrankungen aufzuhalten: Jahr 2040 in Deutsch- kundär mit Typ 2 Diabetes und Arterio- nem höheren Risiko für Diabetes mel-
eine sogenannte Zucker- und Fettsteu- land an Diabetes er- sklerose parallel entwickeln.“ litus Typ 2 assoziiert. Einer Studie mit
er, das Verbot von an Kindern gerichte- krankt sein, wenn Bei diesem primären entzündlichen über 8.000 amerikanischen Erwachse-
nicht gegengesteu-
te Werbung für ungesunde Lebensmit- ert wird. Schon jetzt Reiz spiele das Mikrobiom, die Gesamt- nen zufolge stieg das Risiko für eine Dia-
tel und Getränke, verbindliche Quali- werden laut Angaben heit aller Mikroorganismen im Men- betes-Erkrankung um 57 Prozent, wenn
tätsstandards für die Kita- und Schulver- auf der DDG-Jahres- schen, eine wesentliche Rolle, so Laudes, die Schlafdauer über einen Zeitraum von
pflegung sowie täglich mindestens eine tagung zwölf Prozent da Entzündungen im allgemeinen oft zehn Jahren bei unter fünf Stunden pro
der Gesundheitsaus-
Stunde Bewegung in Kita und Schule. gaben für die Behand-
durch Bakterien ausgelöst werden und Nacht lag. In eigenen Untersuchungen
Darüber hinaus müsse die Verbes- lung der Stoffwechsel­ Menschen mit Adipositas und/oder Typ haben die Lübecker Wissenschaftler ex-
serung der sektorenübergreifenden me- erkrankung aufge- 2 Diabetes signifikante Mikrobiomver- perimentell nachgewiesen, dass bereits
dizinischen Versorgung, der Mediziner­ wendet. änderungen aufweisen. Gleiche man das eine Nacht mit gekürztem Schlaf aus-
aus- und -weiterbildung sowie des Ver- Mikrobiom von Typ 2 Diabetikern an reichend ist, um die Insulinsensitivität
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 F O R T B I L D U N G E N // 4 1

deutlich zu verschlechtern; das Schlaf-


defizit wirkt sich ungünstig auf den Zu-
ckerhaushalt aus. Der Glukosespiegel
steigt und auch die Insulinausschüttung
wird angekurbelt – trotzdem gelingt es
dem Organismus nicht, ausreichend Zu-
cker in die Körperzellen zu schleusen.
„Eine solche diabetogene Stoffwechsella-
ge sieht man klassischerweise im Früh-
stadium einer Diabeteserkrankung“, er-
klärte Schmid im Gespräch mit dem
Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt.
Die Hormone Leptin und Ghrelin
sind wesentlich für die Regulation von
Hunger und Appetit. Auch ihre Konzen-
tration wird durch die Schlafdauer be-
einflusst. Das Sättigungshormon Lept-
in sendet dem Gehirn Signale aus dem
Fettgewebe, die anzeigen sollen, wie vie-
le Energiereserven noch gespeichert Prof. Sebastian Schmid aus dem UKSH in Lübeck berichtete auf der DDG-Jahrestagung in Berlin.
sind. Gegenspieler Ghrelin ist ein klassi-
sches Hungersignal, das von den Zellen
der Magenschleimhaut freigesetzt wird. ten und die Möglichkeit der Beratung. meisten Ambulanzen angesichts der
Bei zu wenig Schlaf, so Schmid, ver- „Grundlagen für diese Art der Teleme- stark steigenden Patientenzahlen nicht
schiebt sich das hormonelle Gleichge- dizin hat ohne Zweifel die kontinuierli- genug Zeitfenster oder auch Fachperso-
wicht hin zu mehr Hunger und Appetit. che Glukosemessung (CGM) gelegt. Die nal für die Beratung. Telemedizin könn-
Auch bevorzugen Menschen mit Schlaf- kontinuierliche Aufzeichnung von Glu- te hier eine Lücke füllen, indem kürze-
mangel energiedichte Lebensmittel wie kosedaten in Kombination mit Informa- re Termine in häufigerer Frequenz und
Chips oder Schokoladenriegel; auf Ka- tionen zu Insulin, Kohlenhydraten und ohne Belastung der Familien durch Fahr-
rotten oder andere gesunde Lebensmit- Bewegung hat zu einem grundlegend ten in die Klinik und Wartezeiten durch-
tel haben sie weniger Lust. neuen Verständnis der Glukoseströme geführt werden.“ In der vom Innovati-
Ausreichend Schlaf ist für die immu- im Körper und damit der Diabetesthera- onsfonds des G-BA geförderten Studie
nologische, psychische und metaboli- pie geführt“, erläuterte von Sengbusch. „Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder
sche Gesundheit von großer Bedeutung. Die CGM- und Insulindaten ste- und Jugendliche“ (ViDiKi) werde der-
Voraussetzung hierfür ist laut Schmid hen gespeichert in einer Software-Cloud zeit bei 240 Kindern aus Schleswig-Hol-
ein möglichst ausgeglichenes Schlaf- zur Verfügung und erlauben Patient und stein und Hamburg der Effekt von Tele-
muster – Schichtarbeiter mit häufigem Arzt eine Analyse der Daten zu jedem medizin als Ergänzung zur Regelversor-
Wechsel des zirkadianen Rhythmus ha- Zeitpunkt. Damit biete sich die Chan- gung untersucht; erste Ergebnisse wer-
ben ein deutlich erhöhtes Risiko für me- ce, dass Patientengruppen, die häufige- den noch 2019 erwartet.
tabolische Erkrankungen – und eine re Beratungen benötigen (zum Beispiel In einem weiteren Vortrag ging von
dem individuellen Optimum angepass- Schwangere, neu an Diabetes erkrank- Sengbusch auf die Lebenssituation von
te Schlafdauer, die bei den meisten Men- te und instabile Patienten), diese auch Kindern und Jugendlichen mit Diabe-
schen zwischen sieben und acht Stunden zeitnah erhalten könnten, so von Seng- tes ein. Laut Deutscher Diabetes Gesell-
liegt. „Eine Verbesserung der Schlafqua- busch. Die Beratung anhand von CGM- schaft sind 32.500 junge Menschen bis 19
lität und der physiologischen Schlafhy- Daten könne dabei telefonisch, per E- Jahre von Diabetes Typ I betroffen. Die
giene ist ein wichtiger Ansatz in der Prä- Mail oder Videosprechstunde erfolgen. Lebenssituation von Kindern mit Typ 1
vention und Therapie des metabolischen Letztere Variante biete die Chance, ne- Diabetes hänge erheblich von einer ge-
Syndroms.“ Schmid hält die Entwick- ben Ton- auch Bildinformationen (Ges- lungenen Inklusion in Kita und Grund-
lung von optimierten Arbeitszeitmo- tik, Mimik, Gesamteindruck) zu ver- schule ab; die Diabetesdiagnose eines
dellen, individuell angepassten Bewe- werten. Die CGM-Daten könnten vom Kindes habe weitreichende psychosozia-
gungs- und Ernährungsmodellen sowie Arzt vorab mit Patienteneinverständnis le Folgen für die ganze Familie. Jugendli-
die Vermeidung von Störfaktoren der aus der Datencloud geladen, ausgewer- che mit Diabetes wünschen sich Hilfe bei
Schlafqualität für vielversprechende the- tet und verschlüsselt per E-Mail zurück- der Bewältigung von Herausforderun-

32.500
rapeutische Ansatzpunkte. geschickt werden, sodass Patient und gen im Alltag und bei der psychischen
Wie Telemedizin die Beratung von Arzt dieselben Informationen zur Verfü- Bewältigung der Erkrankung. Ihr Fazit:
Menschen mit Diabetes ergänzt, darüber gung hätten. „Diabetes Typ 1 ist eine ernste Erkran-
berichtete Dr. Simone von Sengbusch, Vor allem Kinder und Jugendliche junge Menschen un-
kung, die massiv in das Leben der Kinder,
Oberärztin in der Klinik für Kinder- mit Typ-1-Diabetes benötigen mindes- ter 19 Jahren sind von der Jugendlichen und ihrer Familien ein-
und Jugendmedizin des UKSH, Cam- tens einen Termin pro Quartal, deren Diabetes Typ I betrof- greift. Daher müssen wir mehr Anstren-
pus Lübeck, und Leiterin der „Mobilen Anzahl bei Bedarf entsprechend erhöht fen. Die Lebenssitua- gungen unternehmen, sie angemessen in
Diabetes-Schulung Schleswig-Holstein“ werden muss, so von Sengbusch. Intensi- tion der Kinder hängt der Krankheitsbewältigung zu unterstüt-
stark von einer gelun-
während des Kongresses. Hinter dem vere Beratung sei nötig während Wachs- genen Inklusion in zen. Dazu gehören für mich eine kosten-
Sammelbegriff lassen sich verschiedene tumsphasen, bei Infekten, nach Dia- Kita und Schule ab. deckende ambulante Langzeitbetreuung
Versorgungsstrukturen und Beratungs- betesmanifestation, wenn die Eltern ler- Jugendliche wünschen mit Sicherstellung ausreichender Res-
modelle für an Diabetes erkrankte Men- nen müssten, rasch eine Vielzahl von me- sich mehr Hilfe bei sourcen für die psychosoziale Unterstüt-
schen abbilden, wie zum Beispiel ein te- dizinischen Entscheidungen zu treffen, der Bewältigung von zung der Familien, Hilfen insbesonde-
Herausforderungen
lemedizinisches Konsil oder die video- und in der Phase der Pubertät, wenn die im Alltag, etwa in der re für den Kita- und Schulbesuch und der
gestützte Ambulanzberatung. Telemedi- Stoffwechsellage sich meist verschlech- Zugang zu modernen Beratungsformen
Foto: UKSH

Kommunikation mit
zin ermögliche unabhängig von Ort und tere und die Jugendlichen Beratung und Krankenkassen. und innovativen Diabetestechnologien.“
Zeit dem Arzt einen Blick auf die Da- Coaching benötigen. „Es gibt in den Uwe Groenewold
4 2 // F O R T B I L D U N G E N J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

Fortbildungstermine bei der Ärztekammer


ÄRZTLICHE FORT- UND WEITERBILDUNG FORT- UND WEITERBILDUNG FÜR MEDIZINISCHES ASSISTENZPERSONAL
AUGUST/SEPTEMBER AUGUST/SEPTEMBER
2. – 24. AUGUST Betriebliches Gesundheitsmanagement 2. – 24. AUGUST Betriebliches Gesundheitsmanagement
Beginn: 14:00 Uhr Beginn: 14:00 Uhr

Sachkunde gem. § 5 und § 8 nach MPBetreibVO 8. AUGUST. Tipps zum Ausbildungsstart


16. AUGUST – Beginn: 9:00 Uhr
7. SEPTEMBER Beginn: 9:00 Uhr

9. AUGUST Controlling in ärztlich geleiteten Einrichtungen


21. AUGUST – Balint-Gruppe Mittwoch Beginn: 14:00 Uhr
11. MÄRZ Beginn: 16:30 Uhr

14. AUGUST Aktualisierung der Kenntnisse/Fachkunde im


23./24. AUGUST Hygiene/ Aktuelle Richtlinien und Grundlagen Strahlenschutz
Beginn: 15:00 Uhr Beginn: 9:00 Uhr

16. AUGUST – Sachkunde gem. § 5 und § 8 nach MPBetreibVO


Akupunktur Blöcke F + G, Teil 1 7. SEPTEMBER Beginn: 9:00 Uhr
23. – 25. AUGUST
Beginn: 17:00 Uhr

16. AUGUST – Schnittstellenmanagement


21. SEPTEMBER Beginn: 14:00 Uhr
24. AUGUST – Hypnose Aufbaukurs
21. SEPTEMBER Beginn: 9:30 Uhr

16. AUGUST – Fachzertifikat Ambulantes Operieren


28. SEPTEMBER Beginn: 15:00 Uhr
30./31. AUGUST Geriatrische Grundversorgung Modul 1
Beginn: 16:00 Uhr

23./24. AUGUST Hygiene/ Aktuelle Richtlinien und Grundlagen


Beginn: 15:00 Uhr

INTERPROFESSIONELLE FORTBILDUNGEN
23. AUGUST Praxisnahes Telefontraining
AUGUST/SEPTEMBER Beginn: 15:00 Uhr
2. – 24. AUGUST Betriebliches Gesundheitsmanagement
Beginn: 14:00 Uhr
26. – 30. AUGUST Durchführung der Ausbildung
Beginn: 9:15 Uhr
16. AUGUST – Sachkunde gem. § 5 und § 8 nach MPBetreibVO
7. SEPTEMBER Beginn: 9:00 Uhr

30. AUGUST – Fachzertifikat Wundmanagement


28. SEPTEMBER Beginn: 14:00 Uhr
23./24. AUGUST Hygiene/ Aktuelle Richtlinien und Grundlagen
Beginn: 15:00 Uhr

30. AUGUST – Geriatrische Syndrome und Krankheitsfolgen im


6. SEPTEMBER Alter / Diagnoseverfahren
Beginn: 15:00 Uhr

Kontakt 31. AUGUST – Impfen leicht gemacht - Kompakt


7. SEPTEMBER Beginn: 9:00 Uhr
Akademie der Ärztkammer Schleswig-Holstein
Telefon 04551 803 700
E-Mail akademie@aeksh.de
J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8 F O R T B I L D U N G E N // 4 3

FORTBILDUNGSTERMINE AUS DEM NORDEN Akupunktur Blöcke F + G, Teil 1


SEPTEMBER Die Seminarreihe Akupunktur zur Erlangung der Zusatzwei-
terbildung Akupunktur wird nach der Weiterbildungsordnung
2. – 6. Klinische Fächer kompakt! – Schiffsarztlehrgang GbR Kiel
Expertenwissen für Praxis, info@schiffsarztlehrgang.de der Ärztekammer Schleswig-Holstein in Anlehnung an das
SEPTEMBER neue Kursbuch ‚Akupunktur’ der BÄK angeboten. Zwingend
Schiff & Krankenhaus, www.schiffsarztlehrgang.de
Schiffsarztlehrgang – Punkte beantragt ist der Beginn mit Block A. Die Blöcke A - G müssen über ei-
Advanced Course nen Zeitraum von mindestens 24 Monaten besucht werden
und umfassen 24 Stunden Grundkurs (Block A) und 96 Stun-
den Aufbaukurse (B-E) sowie 60 Stunden praktische Aku-
punkturbehandlung (Block F) und 20 Stunden Fallseminare
(Block G). Die Blöcke werden in der Akademie und z. T. in der
2. – 6. Evidenzbasierte Medizin – EbM Kurse EbN Kurs Praxis des Kursleiters Dr. Hans-Ulrich Hecker in Kiel durch-
SEPTEMBER 22. Lübecker Grundkurs Telefon 0451 500 51201 geführt.
41 Fortbildungspunkte Telefon 0451 929 95111 23. – 25. August 2019
sebastian.roelle@uksh.de Freitag, 17:00 — 20:30 Uhr
Evidenzbasierte Medizin – marco.sander@uksh.de Samstag, 8:30 — 18:30 Uhr
20. Lübecker Aufbaukurs www.luebeck.ebm-ebn.de Sonntag, 8:30 — 14:00 Uhr
41 Fortbildungspunkte Punkte beantragt
Gebühr: 323 Euro
Ansprechpartnerin: Susanne Müller
Evidenzbasierte Medizin –
2. EbM Kurs Systematische
Reviews und Metaanalysen
30 Fortbildungspunkte Hypnose Aufbaukurs
Dieser Kurs wird als Baustein für den Erwerb der Facharzt-
6./7. 19. Summerschool UKSH, Klinik für Innere
kompetenz FA/FÄ für Psychosomatische Medizin und Psycho-
SEPTEMBER Transplantationsnephrologie Medizin IV, Nieren- und
therapie, FA/FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie und der
Hochdruckkrankheiten
Telefon 0431 500 230 01 Zusatzbezeichnung Psychotherapie – fachgebunden von der
barbara.ueberle@uksh.de Ärztekammer Schleswig-Holstein anerkannt. Wiederholun-
www.uksh.de/nephrologie-kiel gen ermüden nur, deshalb wird ein kurzer Rückblick auf den
Punkte beantragt Einführungskurs genügen. Spannender wird es sicher sein,
wenn die Kursteilnehmer über eigene Therapieversuche be-
richten und Erfahrungen zum Austausch kommen. Gemein-
12. – 14. Clinical Skills Laboratory UKSH, Klinik für Hals-, Nasen- sam werden wir im Anschluss hypno-spezifische Wirkmecha-
SEPTEMBER for Beginners und Ohrenheilkunde und Kopf- nismen und Besonderheiten im Kollegenkreis üben; Kreativi-
Hals-Chirurgie, Lübeck tät und Gestaltung erhalten weiten Raum, wenn es um Utilisa-
Telefon 0451 500 42 020 tion , Ressourcen, Refraiming, Dissoziation, Assoziation, Re-
petra.schuhr@uksh.de gression und Progression und deren Nutzen geht.
Punkte beantragt 24. August und 21. September 2019
Samstag, 9:30 — 16:45 Uhr
Gebühr: 224 Euro
20./21. Mikroskopierkurs UKSH, Institut für Pathologie Ansprechpartnerin: Nina Brunken
SEPTEMBER 8. Kieler Lymphomkurs Sektion für Hämatopathologie
Lymphknotenregister
Telefon 0431 500 15 717 Sachkunde gem. § 5 und § 8
susanne.pietz@uksh.de
www.uksh.de/ nach MPBetreibVO
haematopathologie-kiel
Punkte beantragt Das Seminar Sachkunde gemäß §5 und §8 nach MPBtreibVO
richtet sich an Arzthelfer/innen, MFA und Angehörige wei-
25. Sonographie UKSH, Institut für Experimentelle terer medizinischer Assistenzberufe in der ärztlichen Praxis,
SEPTEMBER und Klinische Pharmakologie, die mit der Instrumentenaufbereitung betraut sind. Es werden
Telefon 0431 500 22476 Grundkenntnisse für die Aufbereitung von Medizinprodukten
oder 0431 500 22453 vermittelt, die gemäß §5 und §8 MPBetreibVO und Richtlinien
www.uksh.de/onestepahead des Robert-Koch Institutes und des BfArM gefordert werden.
2 Punkte 16. — 17. August jeweils 9:00 — 16:30 Uhr,
30. August von 9:00 — 16:30 Uhr,
31. August von 9:00 — 16:00 Uhr
7. September von 9:00 — 16:30 Uhr
28. Der Begriff der tragischen NGAT
Schuld als existentielles Thema Telefon 04381 1640 (tagesaktuelle Änderungen vorbehalten)
SEPTEMBER
der Psychotherapie sekretariat@ngat.de Gebühr: 500 Euro
www.ngat.de Ansprechpartnerin: Bärbel Dargel-Mikkelsen
Punkte beantragt

Kontakt
Akademie der Ärztkammer Schleswig-Holstein
Weitere Informationen bei den Veranstaltern. Alle Angaben ohne Gewähr.
Telefon 04551 803 700
E-Mail akademie@aeksh.de
4 4 // M I T T E I L U N G E N D E R K A S S E N Ä R Z T L I C H E N V E R E I N I G U N G J U L I / AU G US T 2 0 1 9 | AUS GA B E 7 / 8

Amtliche Bekanntmachung der Kassenärztlichen


Vereinigung Schleswig-Holstein
Veröffentlichung gemäß § 16b Abs. 4 Ärzte-ZV der Feststellungen des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in
Schleswig-Holstein
Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat am 05.06.2019 entsprechend § 103 Abs. 1 bis 3 SGB V in Verbindung mit der Bedarfspla-
nungs-Richtlinie (Bpl-Rl) die Versorgungsgrade in den einzelnen Planungsbereichen überprüft und in nachfolgenden Planungsbereichen für die an-
gegebenen Fachgruppen die Zulassungssperren aufgehoben, wobei der Beschluss mit den Auflagen versehen ist, dass
1. Zulassungen oder Anstellungen nur im aufgeführten Umfang erfolgen dürfen,
2. die rechtsverbindlichen Zulassungs- bzw. Anstellungsanträge bis zum 02.09.2019 beim Zulassungsausschuss für Ärzte in Schleswig-Holstein,
Bismarckallee 1 - 3, 23795 Bad Segeberg, einzureichen sind,
3. nach Fristablauf eingehende Zulassungs- bzw. Anstellungsanträge berücksichtigt werden können, sofern zum Zeitpunkt des Eingangs dieser nicht
fristgerechten Anträge beim Zulassungsausschuss nach Berücksichtigung der vorrangigen fristgerecht und vollständig gestellten Anträge hinaus
noch Zulassungsmöglichkeiten gemäß den nachfolgenden Festlegungen bestehen.

Fachgruppe Planungsbereich Anzahl


Hausärzte Mittelbereich Neumünster 3,5 a)
Hausärzte Mittelbereich Itzehoe 1,0 a)
Hausärzte Mittelbereich Metropolregion Südost 0,5 a)
Kinder- und Jugendpsychiater ROR SH Süd-West 1,0

a) In diesen Planungsbereichen erfolgten teilweise Öffnungen wegen der Anwendung des in § 9 BPl-Rl erläuterten Demografiefaktors. Nach Absatz 8
dieser Vorschrift soll der Zulassungsausschuss in geeigneten Fällen darauf hinwirken, dass möglichst solche Bewerber Berücksichtigung finden, die
zusätzlich zu ihrem Fachgebiet über eine gerontologisch/geriatrische Qualifikation verfügen.

Die Bewerbungsfrist ist gewahrt, wenn aus der Bewerbung eindeutig hervorgeht, für welchen Niederlassungsort (Straße, Hausnummer, PLZ, Ort) die
Zulassung bzw. die Anstellung beantragt wird und ein Arztregisterauszug beigefügt wurde. Darüber hinaus ist ein unterschriebener Lebenslauf einzu-
reichen.
Folgende Kriterien sind laut § 26 Abs. 4 Bpl-Rl für die Auswahl durch den Zulassungsausschuss maßgeblich, wobei die Gewichtung der einzelnen Kri-
terien dem Zulassungsausschuss obliegt:
 berufliche Eignung,
 Dauer der bisherigen ärztlichen Tätigkeit,
 Approbationsalter,
 Dauer der Eintragung in die Warteliste gemäß § 103 Abs. 5 Satz 1 SGB V,
 bestmögliche Versorgung der Versicherten im Hinblick auf die räumliche Wahl des Vertragsarztsitzes,
 Entscheidung nach Versorgungsgesichtspunkten (z. B. Barrierefreiheit).
Hinweis:
Für die folgenden Planungsbereiche hatte der Landesausschuss in der Vergangenheit die Zulassungssperre für die aufgeführten Fachgruppen bzw.
Mindestversorgungsanteile aufgehoben, so dass diese weiterhin für die Zulassung bzw. Anstellung in der angegebenen Anzahl geöffnet sind:
Fachgruppe Planungsbereich Anzahl
Hausärzte Mittelbereich Husum 11,5
Hausärzte Mittelbereich Meldorf 2,0
Hautärzte Kreis Nordfriesland 1,0
HNO-Ärzte Kreis Nordfriesland 0,5
ärztliche Psychotherapeuten Kreis Dithmarschen 0,5 b)
Kinder- und Jugendpsychiater ROR SH Nord 1,0
Nuklearmediziner Schleswig-Holstein 3,0
Teilnahme an der QS-Vereinbarung „Schmerztherapie“ Raumordnungsregion entweder SH Nord oder SH Süd-West 1

b) In diesen Planungsbereichen hat der Landesausschuss festgestellt, dass die Mindestanteile gemäß § 25 Abs. 1 Bpl-Rl (ein 25-prozentiger Anteil
von psychotherapeutisch tätigen Ärzten und ein 20-prozentiger Anteil für die Leistungserbringer, die gemäß § 18 Abs. 2 ausschließlich Kinder
und Jugendliche psychotherapeutisch behandeln) nicht erfüllt sind, so dass die aufgeführte Anzahl von Zulassungen bzw. Anstellungen trotz
festgestellter Überversorgung in der Gruppe der Psychotherapeuten möglich ist.

Erteilt der Zulassungsausschuss für Ärzte in Schleswig-Holstein Zulassungen bzw. Anstellungen aufgrund dieses Beschlusses in der jeweils oben
genannten Anzahl, werden für den entsprechenden Planungsbereich Zulassungsbeschränkungen nach § 103 Abs. 1 SGB V angeordnet, ohne dass es
einer erneuten Beschlussfassung des Landesausschusses bedarf.
Bad Segeberg, den 05.06.2019
STELLEN- UND RUBRIKANZEIGEN
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STELLENANGEBOTE

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sicherung Bund – Klinik Föhrenkamp (Hauptindika-
tion: Gastroenterologie und Stoffwechsel),
193 Betten, ist die Stelle eines/einer

Assistenzarztes/-ärztin in
Weiterbildung Innere Medizin /
Allgemeinmedizin
oder Physikalische und
Rehabilitative Medizin
in Voll- oder Teilzeit zum 01.10.2019 zu besetzen.

Tätigkeit:
> Leiten des Arbeitsablaufes einer Station
> Durchführen aller üblichen klinischen Unter-
suchungen
> Erstellen von Therapieplänen und Kontrolle
der durchzuführenden Behandlungen
> Führen der Krankengeschichten
> Entwerfen von Entlassungsberichten
> Durchführen von Sonderaufgaben
Diese Ausgabe enthält eine Beilage von
BEILAGENHINWEIS: OrthoConsulting Dr. Stefan Schneider
Weiterbildungsermächtigungen:
> 2 Jahre Innere Medizin / Allgemeinmedizin
> 1 1/2 Jahre Diabetologie
> 1 Jahr Sozialmedizin
> 1 Jahr Orthopädie
> 3 Jahre Physikalische und Rehabilitative Medizin

Bei Rückfragen steht Ihnen die Ärztliche Direktorin


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nen/-ärzte des Fachgebiets Urologie zur Erweiterung Rentenversicherung Bund (TV DRV-Bund). Wir haben
unseres urologischen Behandlungsspektrums mit dem uns die berufliche Förderung von Frauen zum Ziel
Fokus auf laparoskopische Operationen, Laser- gesetzt und freuen uns besonders über Bewerbun-
Anwendungen (z.B. Holmium Laser Resektionen) gen von Frauen. Schwerbehinderte Menschen im
und kinderurologische Operationen.
Sinne von § 68 SGB IX werden bei gleicher Eignung
bevorzugt berücksichtigt.
Die Ausschreibung erfolgt gemäß §103 Abs. 7 SGB V.
Bewerbungen mit Lebenslauf, Lichtbild und ausführ-
Falls ein Belegarztvertrag mit einem im Planungsbereich lichen Unterlagen bitten wir bis zum 13.08.2019 zu
niedergelassenen Vertragsarzt nicht zustande kommt, kann richten an:
der Krankenhausträger mit einem nicht niedergelassenen
geeigneten Arzt einen Belegarztvertrag abschließen. Dieser
ermöglicht eine auf die Dauer der belegärztlichen Tätigkeit Deutsche Rentenversicherung Bund
beschränkte Zulassung. Frau Prof. Dr. med. Zietz
Reha-Zentrum Mölln, Klinik Föhrenkamp
Anfragen oder schriftliche Bewerbungen mit den üblichen Birkenweg 24, 23879 Mölln
Tel.: 04542/802-161 oder Fax 04542/802-199
Unterlagen richten Sie bitte an die

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lena.radtke@helios-gesundheit.de ANZEIGENSCHLUSSTERMIN: Heft Nr. 09 20. August 2019
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AUS GA B E 7 / 8 | J U L I / AU G US T 2 0 1 9 S T E L L E N - U N D R U B R I K A N Z E I G E N // 4 7

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K O N TA K T Z U R Ä R Z T E K A M M E R
Ärztekammer Schleswig-Holstein Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt
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F A C H B E R AT E R

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