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© Thomas Koch 36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne 2

Thomas Koch

36 Strategeme

Erfolgsstrategien der Moderne

Erfolg durch Vermeidung von Misserfolg!

List und Tücke aus 3.000 Jahren


chinesischer Kriegsführung. Angewendet
auf Wirtschaft und Management von
heute.

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Thomas Koch

36 Strategeme
Erfolgsstrategien der Moderne

Erfolg durch Vermeidung von Misserfolg!

List und Tücke aus 3.000 Jahren chinesischer


Kriegsführung. Angewendet auf Wirtschaft und
Management von heute.

Dieses eBuch ist vom Anfang bis zum Ende vom Autor in
Handarbeit erstellt worden.

Der Einband wurde von Cornelia Brockstedt in gewohnt


professioneller Weise erstellt. http://www.cebedesign.de und Frau
Brockstedt kannich Ihnen wärmstens empfehlen, wenn Sie
hervorragende Qualität wünschen.

Die Homepage http://www.36-strategeme.de wurde von Thomas


Kliefoth, acteam interNETional erstellt. Danke, Tommy!

Ich danke allen, die zur Verwirklichung dieses Buches beigetragen


haben. Insbesondere danke ich Uwe Krüger aus Bordesholm, der
mir mit seinen 15 Jahren China-Erfahrung den entscheidenden Tipp
zu diesem Buch gegeben hat.

Ihnen vielen Dank, dass Sie dieses eBook bestellt haben. Ich
wünsche Ihnen viele Erkenntnisse und Freude damit.

24248 Mönkeberg

Thomas Koch

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Alle Rechte der Verbreitung durch Schriften, Fernsehen, Funk,


Film, Video, foto- oder computertechnische sowie durch zukünftige
Medien sind vorbehalten. Bei Zuwiderhandlung und
missbräuchlicher Verwendung kann und wird Schadenersatz
gefordert werden.

Koch, Thomas

36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne

Originalausgabe

Aktuelle Auflage: April 2012

© 2012 by Thomas Koch, Mönkeberg b. Kiel


Stubenrauchstr. 36
24248 Mönkeberg
Telefon: 0431 / 56 01 402
Telefax: 0431 / 56 01 404
eMail: th.koch@36-strategeme.de
INTERNET: http://www.36-strategeme.de

ISBN 978-3-00-034592-0

24248 Mönkeberg

Thomas Koch

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„Eine neue Art von Denken ist


notwendig,
wenn die Menschheit weiterleben
will.“

Albert Einstein

Die vorliegenden Informationen stammen aus


praxisbezogenen eigenen und fremden Quellen, die als
glaubwürdig gelten;
Eine Haftung für die Verbindlichkeit kann jedoch nicht
übernommen werden.
- Der Autor -

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Die 36 Strategeme im Überblick


ab Seite
Präambel 12
Beruf 15
Erfolg 16
Liebe 17
Macht 18
36 Strategeme 22

Strategem 1 23
Den Himmel täuschend das Meer überqueren
Strategem 2 27
Wei, die ungeschützte Hauptstadt des Staates belagern, um Zhao mit
dieser Hilfe zu retten.
Strategem 3 31
Mit dem Messer eines anderen töten
Strategem 4 35
Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten
Strategem 5 39
Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen
Strategem 6 43
Im Osten lärmen, im Westen angreifen
Strategem 7 45
Aus dem Nichts etwas erzeugen
Strategem 8 47
Sichtbar die (beschädigten) Holzstege wieder instand setzen, insgeheim
aber vor beendeter Reparatur nach Chencang marschieren und ihn dort
angreifen
Strategem 9 51
Scheinbar unbeteiligt die Feuersbrunst am gegenüberliegenden Ufer
beobachten
Strategem 10 53
Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen
Strategem 11 57
Den Pflaumenbaum anstelle des Pfirsichbaums verdorren lassen
Strategem 12 61
Mit leichter Hand des (einem unerwartet über den Weg laufende) Schaf
(geistesgegenwärtig) wegführen
Strategem 13 65
Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen
Strategem 14 67
Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen
Strategem 15 71
Den Tiger vom Berg in die Ebene locken
Strategem 16 73
Will man etwas fangen, muss man es zunächst loslassen
Strategem 17 77
Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen

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Seiten
Strategem 18 81
Will man eine Räuberbande unschädlich machen, muss man deren
Anführer fangen
Strategem 19 85
Unter dem Kessel das Brennholz wegziehen
Strategem 20 89
Das Wasser trüben, um Fische zu fangen
Strategem 21 93
Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Strategem 22 97
Die Türe schließen und den Dieb fangen
Strategem 23 101
Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den nahen Feind anzugreifen
Strategem 24 105
Einen Weg (durch den Staat Yu) für einen Angriff gegen (dessen
Nachbarstaat) Guo ausleihen, um nach der Besetzung von Guo auch Yu
zu erobern
Strategem 25 107
Die Tragbalken stehlen, die Stützpfosten austauschen, aber die Fassade
eines Hauses nicht zu verändern
Strategem 26 111
Die Akazie schelten und dabei auf den Maulbeerbaum zeigen
Strategem 27 115
Verrücktheit mimen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren
Strategem 28 119
Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen
Strategem 29 123
Einen (dürren) Baum mit (künstlichen) Blumen schmücken
Strategem 30 127
Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren
Strategem 31 131
Das Strategem des schönen Menschen / der schönen Frau
Strategem 32 135
Das Strategem der Öffnung der Tore, während die Stadt noch gar nicht
verteidigungsbereit ist
Strategem 33 139
Das Agenten-Strategem des Zwietracht säens
Strategem 34 143
Das Strategem des leidenden Fleisches
Strategem 35 147
Das Verkettungs-Strategem
Strategem 36 151
(Rechtzeitiges) Weglaufen ist (bei sich abzeichnender völliger
Aussichtslosigkeit) das Beste
Bildnachweis 155

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Präambel
Die 36 Strategeme sollen Ihnen Einblick in die Strategien
geben, mit welchen Mitteln der psychologischen Kriegsführung
die Chinesen ihr Weltreich geschaffen haben. Immerhin hatten
sie 3.000 Jahre Zeit dazu.

Diese Informationen sind nicht zur Nachahmung, sondern zur


Warnung gedacht, denn was früher in einem "heißen Krieg"
mündete, mündet heute in einer ökonomischen "Schlacht",
ausgetragen auf dem Feld der Weltwirtschaft und dem Parkett
der Weltbörsen. Ob es der Kauf von Land in Afrika ist oder
Produktpiraterie - immer wieder erkennen wir Schemata, wie
strategemisches Denken Polit- und Wirtschaftsprozesse steuert.
Die Amerikaner sind heute bereits abhängig vom Goodwill der
Chinesen - so hoch sind die amerikanischen Schulden im Reich
der Mitte. Die Chinesen haben in Amerika gewiss nicht deshalb
investiert, weil sie so gute Menschen sind oder die Amerikaner
inbrünstig lieben.

Hinterfragt man jedoch die eine oder andere politische Aktion


der Chinesen, kommt man immer wieder zurück auf die
Anwendung von Strategemen. Ich möchte dazu beitragen,
etwas Licht in die Anwendung und Verwendung zu bringen. Und
wer genau liest, findet auch für sich selbst hilfreiche
Anregungen für sein eigenes Leben.

36 Listen für den modernen Manager


Spätestens seit Boris Becker unfreiwillig eine Tochter
gezeugt hat, die in einer Besenkammer nach einem
"Blowjob" mit dem Model Angela Ermakowa entstanden
ist, weiß die Welt schon indirekt, was Strategeme sind.
Nämlich alle Art Listen, um an sein Ziel zu gelangen.

Dass Listen so alt sind wie die Menschheit selbst und "erst" seit
3.000 Jahren akribisch von chinesischen Kaisern und Generälen
ausgedacht, verfeinert und perfektioniert wurden, lässt ahnen,
welchen Sprengstoff sie beinhalten. Ach ja, auch Sprengstoff,
also Schwarzpulver, wurde auch von den Chinesen erfunden
und in die Welt getragen. Nun sind es "36 Strategeme", mit
denen die Welt "beglückt" werden und die überhaupt erst seit
rund 40 Jahren aufgeschrieben werden dürfen. Davor war es
streng verboten und sie wurden nur von einem chinesischen
General zum nächsten ins Ohr geflüstert. Die chinesische
Bevölkerung selbst wird seit ebenso vielen tausend Jahren
schon an der Wiege, im Kindergarten und Vorschulalter mit
Geschichten und Märchen beglückt, die diese Strategeme zum

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Mittelpunkt haben. Ähnlich wie die Mitteleuropäer mit


Aschenputtel, Der Wolf und die Sieben Geislein,
Rotkäppchen und Co. warnend über Märchen mit dem
Bösen konfrontiert werden, bevor sie in die raue Wirklichkeit
entlassen werden - also dem wahren Leben, machen es die
Chinesen eben mit ihren Strategemen. Daher ist es nicht
verwunderlich, dass sie im Umgang mit der westlichen Welt,
die gelbe Nase vorne haben.

Und während sich die Chinesen anschicken, mit Hilfe ihrer


36 Strategeme die Weltherrschaft zurück zu erobern,
(ACHTUNG: Dies ist KEIN Buch über Verschwörungs-
theorien!) denken wir Europäer, und natürlich allen voran
wir Deutsche, dass wir keine Listen brauchen, um unsere
Interessen zu wahren.

Listen (im Sinne von "listig sein") sind doof. Listen sind übel
und wer eine List verwendet, gerät in den Ruch des
Unseriösen. Doch gerade für Manager, die heutzutage
Hornhaut auf ihren Ellenbogen haben müssen, ist es
wichtig, nicht in Fallen zu tappen, die ihnen listig gestellt
wurden.

Zumindest sollte man wissen, woran man gestürzt ist, sollte


man seinen Job in Folge einer List an einen Listigen
verlieren.

Nun könnte man denken, dass auch ein Autor, der sich mit
den "36 Strategemen" beschäftigt, ein schlimmer Finger
sein muss. Doch weit gefehlt, denn es kommt immer darauf
an, wie man sie einsetzt.

Nehmen wir das Beispiel eines Schlosses. Also eines


Apparates zum verschließen von Türen. Dasselbe Schloss
kann eingesetzt werden, um einen Menschen eizusperren,
wegzuschließen und ihn seiner Freiheit berauben. Das
geschieht weltweit Millionenfach in Gefängnissen, aber auch
außerhalb des Rechtssystems. Diese Menschen werden ihres
Grundrechts auf Freizügigkeit und Selbstbestimmung
beraubt. Milliarden andere Menschen wiederum nutzen eben
solche Schlösser, um sich selbst einzuschließen, also um
sich vor solchen Menschen zu schützen, die von außen in
ihren selbstbestimmten Raum eindringen zu wollen.
Dieselbe Technik, dasselbe Material und doch so
unterschiedliche Nutzungsweisen: die eine unter dem
Mantel staatlicher Justiz oder illegaler Selbstjustiz und die
andere mit der zweifelsfreien Schutzfunktion.

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Die meisten älteren Menschen in Deutschland werden noch


Eduard Zimmermann kennen, der jahrelang die Sendung
"XY - ungelöst" moderiert hat. Es gibt von ihm noch eine
zweite Sendung, nämlich "Nepper, Schlepper,
Bauernfänger", die einerseits die Bevölkerung vor üblen
Machenschaften und Angriffen auf den Geldbeutel warnen
sollten, andererseits jedoch Steilvorlagen für Ganoven
jeglicher Couleur boten. Auch "Vorsicht Falle" war eine
Fernsehsendung ähnlichen Inhalts.

In Zeiten des Internets gibt es wiederum neue


Geschäftsfelder, in denen sich Ganoven tummeln. Die
Gazetten sind voller Informationen, dass Leute mit
angeblichen Schnäppchen so schnell über den Tisch
gezogen werden, dass sie die Reibungshitze anfangs als
Nestwärme empfinden. Doch die kalte Dusche folgt schnell
und auf dem Fuße.

Es ist wichtig, dass wir uns wappnen. Damit wir wissen,


dass nicht hinter jedem Menschen, der uns mit
Schmollmund, himmelblauen Augen und Hundeblick sagt:
"Können diese Augen lügen?" auch ein Mensch mit übler
Absicht stecken kann.

Daher besuchen Sie auch unsere Homepage

http://www.36-strategeme.de

und erfahren mehr über schlimme Dinge, die Ihnen


widerfahren können, wenn Sie nicht genug aufpassen. Dort
steht mehr geschrieben, als in diesem eBook.

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Beruf
Woher mag beruflicher Erfolg wohl kommen? Durch Glück?
Durch einen Mentor? Durch Industriespionage? Oder etwa
durch gute Ideen?

Die Unternehmensberatung Gallup hat nach


Untersuchungen festgestellt, dass etwa 70 Prozent aller
Arbeitnehmer „Dienst nach Vorschrift“ machen und etwa 18
Prozent aller Arbeitnehmer innerlich gekündigt haben. Das
muss Ursachen sowohl auf Seiten der Arbeitgeber als auch
der Arbeitnehmer haben.

Bereits in den ersten Tagen meines ersten Lehrjahrs zum


Versicherungskaufmann habe ich ein Erfolgsgeheimnis
entdeckt:

Ich wurde in ein Großraumbüro einer Versicherung mit


Dutzenden Angestellten und zwei Hände voller anderer
Lehrjahrskollegen gesetzt, um am Computer massenhaft
Eingaben zu machen. Schnell stellte ich fest, dass ich dort
„versauern“ würde uns ließ mich nach zwei Monaten in eine
Außendirektion versetzen, in der es je Lehrjahr nur einen
Auszubildenden gab. Dort angekommen habe ich nach
kurzer Orientierung festgestellt, dass die Sachbearbeiter
immer Schwierigkeiten hatten, eine Urlaubsvertretung zu
bekommen, so dass Arbeit liegenblieb, die die Kollegen nach
ihrem Urlaub zusätzlich erledigen mussten. Die
Urlaubsfrische war schnell wieder hin. Also ersuchte ich
unseren Büroleiter um ein Gespräch und erläuterte ihm,
dass ich je nach Urlaubsplanung etwa 4 Wochen vorher in
die Abteilung versetzt werden wollte, in der der Kollege
dann in Urlaub gehen sollte. Dieser arbeitete mich ein, ging
in Urlaub und konnte danach entspannt an seinen
Arbeitsplatz zurückkehren. Bereits nach kurzer Zeit war ich
in der ganzen Direktion beliebt und wurde wie ein
„vollwertiger Mitarbeiter“ behandelt, während meine gut
aussehende Kollegin aus dem 3. Lehrjahr in die Registratur
musste, um die Ablage zu erledigen.

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Informationen lesen, wie Sie Strategie und Taktik für Ihre
Interessen einsetzen können und welches der
36 Strategeme dafür „verantwortlich“ ist.

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Erfolg
Was heißt Erfolg? Woran messen Sie Erfolg und an wem?
Wenn Sie wissen, welchen Erfolg Sie suchen, brauchen Sie
eine Strategie, die Sie zu Ihren Ziel führt. Und wie sagen
die Chinesen: „Auch ein Weg von Tausend Meilen fängt mit
dem ersten Schritt an!“ heißt, dass jeder einzelne Schritt
einer Taktik entspricht. Ist ein Ziel erreicht (also der „erste
Schritt“ gegangen), dann planen Sie den nächsten Schritt
und so weiter. Jeder einzelne Baustein Ihres Erfolgs hat
eine Taktik zur als Grundlage und eine weitere zur Folge.
Mit planmäßigem Handeln behalten Sie jedoch die
Kontrolle über Ihre einzelnen Taktiken.

Wenn Sie Ihre Strategie planvoll mit einzelnen Schritten,


also Ihrer Taktik, durchführen, kennen Sie Ihr Ziel,
können die jeweiligen Einzelerfolge messen und gewinnen
Selbstvertrauen. Planvolles Handeln und Selbstvertrauen
führt dazu, dass Sie auch in sogenannten Krisen den
Überblick behalten. Denn was genau bedeutet „Krise“? Es
bedeutet nur, dass Sie Ihren Weg nicht direkt gehen,
sondern in Zickzack-Schritten oder –Kurven. Jeder weiß
vorher, dass nicht alles glatt gehen kann, sondern gefällte
Entscheidungen immer wieder am Ziel gemessen werden
und ggf. korrigiert werden müssen. Zudem ist der „gerade
Weg“ meist durchschaubar und Menschen mit anderen
Interessen, Konkurrenten oder mißgünstige Mitarbeiter
versuchen diesen zu durchkreuzen. Daher ist es oft
sinnvoll oder sogar Existenz erhaltend, wenn Sie Ihr Ziel,
die Strategie und die verwendete Taktik für Dritte im
Dunklen lassen.

Ob Fußballtrainer, Unternehmenslenker oder aufstrebender


Schulabsolvent – ohne einen Plan geht es nicht. Welche
Strategie Sie verfolgen, hängt vom Wissen der
Möglichkeiten ab.

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Interessen einsetzen können und welches der
36 Strategeme dafür „verantwortlich“ ist.

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Liebe
Andere Länder – andere Sitten
Neulich hatte ich einen geschäftlichen Besuch einer in
Holland geborenen Frau, die in Rom lebt, dort mit einem
Italiener verheiratet ist und mit ihm drei Kinder hat. An ihre
holländische Vergangenheit will sie nicht gerne erinnert
werden, so sehr ist sie mittlerweile Italienerin geworden.
Ich hatte sie zu einer Tasse Kaffee eingeladen, um
entspannt über unsere geschäftlichen Transaktionen zu
sprechen, die wir am Tag darauf bei einem Rechtsanwalt zu
erledigen hatten.

Unvermittelt fragte sie mich, wie es wohl möglich sein


könne, dass deutsche und holländische Männer überhaupt
schaffen, bei einer Frau Interesse zu wecken. Woher wir
Männer es wohl wissen würden, ob bei der Frau Interesse
bestehen würde, wenn wir es nicht austesten.

Ich war sehr erstaunt und mir war etwas unbehaglich, weil
ich plötzlich das Gefühl hatte, in eine Affäre gezogen zu
werden. Doch es klärte sich schnell auf:

Sagen Sie doch einmal einer deutschen Frau oder einem


deutschen Mann, dass sie ihr/ihm Ihre
„Briefmarkensammlung zeigen wollen“. Was denken Sie,
was passiert? Ein ebenso direktes „Ja“, ein Schmunzeln oder
eine Backpfeife?? In Italien ist es etwas anderes. Dort
werden keine Briefmarkensammlungen gezeigt, sondern
zum Kaffee eingeladen und jedermann oder –frau weiß dann
um die Absichten des Fragenden.

Und so ist es überall auf der Welt: Um das Herz eines


Menschen der Begierde erobern zu können, sind Strategien
und Taktiken erforderlich, die einen Erfolg ermöglichen.

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Interessen einsetzen können und welches der 36
Strategeme dafür „verantwortlich“ ist.

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Macht

Wollen Sie mächtig werden? Wirklich und wahrhaftig mächtig?


Wollen Sie in Ihrem Interesse Macht ausüben auf das Verhalten
und Denken sozialer Gruppen oder Personen? Oder wollen Sie
Ihre Fähigkeit optimieren, eigene Ziele zu erreichen und sich
äußeren Ansprüchen nicht unterwerfen zu müssen?

Beide Möglichkeiten setzen eine intensive Betrachtung über die


Frage voraus, was eigentlich „Macht“ genau bedeutet, welche
Ziele Sie verfolgen und wie sie demnach eingesetzt werden
kann. Das Wort „Machtpotenzial“ beinhaltet zwei identische
Wörter in einem neuen, zusammengesetzten Wort. Im
Altdeutschen bedeutet das Wort Macht soviel wir Können,
Fähigkeit oder Vermögen. Das lateinische Substantiv für Macht
lautet potentia, was ebenfalls mit „können“ übersetzt werden
kann. Wie haben Sie also Ihr Potenzial in der Vergangenheit
genutzt? Wie haben Sie Ihr Können, Ihre Fähigkeiten oder Ihr
(Denk-)Vermögen eingesetzt und wie wollen Sie es in der
Zukunft tun?

„Nichts ist mächtiger als eine Idee,


deren Zeit gekommen ist.“
Victor Hugo
Verkäufer lernen in ihren Schulungen, dass gerade das Produkt,
das es zu verkaufen gilt, vom Käufer unbedingt gebraucht wird,
denn sonst würde er es ja nicht kaufen. Verkäufer werden
geschult, suggestive Macht auf ihre Kunden auszuüben, um sie
zum Kauf eines Produktes zu bewegen. Und es ist wirklich nicht
leicht, an das Geld anderer Menschen heranzukommen. Der
Unterschied zwischen Verkäufer und Berater liegt darin, dass
der Verkäufer das latente Bedürfnis wecken muss, den Kunden
zum Kauf zu bewegen. Und dass es dabei nicht immer im Sinne
des Kunden zugeht, wissen wir spätestens seit der weltweiten
Banken- und Finanzkrise 2009. Bereits 2010 haben die Banker
an der Wallstreet dann mehr verdient als jemals zuvor - der
Mensch lernt also nicht aus einen Fehlern.

Der Berater hingegen muss nur noch die Funktionen eines


Gerätes oder einer Software erklären und der Kunde nimmt es
dann mit. Ob es sich dabei um den iPod, das iPhone oder das
iPad handelt: Menschen reagieren wie die Lemminge, wenn sie
sich in den Kopf gesetzt haben, etwas erreichen oder haben zu
wollen, weil andere es auch haben und wir damit für kurze Zeit
Aufmerksamkeit erheischen. Und so hat Victor Hugo Recht,

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wenn er davon spricht, dass nichts mächtiger ist als eine


Idee, deren Zeit gekommen ist. Wenn sie für eine Idee oder
ein Produkt bereit sind, Geld auszugeben, das sie für wenige
Momente in den Mittelpunkt des Interesses stellen. Meist
hält dieser Moment nur so lange an, bis auch der Andere
dieses Produkt besitzt oder dieser Idee nacheifert.

Was auch immer angeboten wird, es findet seine Käufer.


Man muss sie nur finden und manchmal geht es leichter, ein
anderes Mal schwerer. Zugegebenermaßen fällt es leichter,
einem Eskimo eine Heizung und einem Nomaden in der
Sahara einen Kühlschrank zu verkaufen als umgekehrt –
vorausgesetzt, sie haben Strom.

Doch die Bedürfnisse des Menschen sind unbegrenzt und


trachten nach Erfüllung und Befriedigung. In der
Maslowschen Bedürfnispyramide (siehe rechts) ist die
Spitze der menschlichen Befriedigung die
Selbstverwirklichung. Auf dem Weg dorthin müssen
verschiedene Stufen
gegangen werden,
die aufeinander
aufbauen. Erst wenn
die eine Stufe erfüllt
ist, wendet man sich
der nächsten zu. Auf
dem Weg dorthin ist
man nicht immer auf
sich allein gestellt,
denn für das
Bedürfnis nach Sicherheit sind nicht nur Versicherungen
zuständig, sondern auch der Staat. Er sorgt mit seinem
Polizeiapparat und der Armee für innere und äußere
Sicherheit. Wenn wir im täglichen Leben andere Menschen
jedoch angreifen, müssen wir damit rechnen, dass sie
zurückschlagen. Wenn wir Menschen arglistig täuschen,
werden wir damit rechnen müssen, dass sie sich wehren.
Haben wir eine List zum Nachteil eines anderen Menschen
oder eines Unternehmens eingesetzt, werden wir damit
rechnen müssen, dass sie sich erholen und zurückschlagen.

Wer also nachhaltig Sicherheit wünscht, muss mit der List


sorgfältig umgehen. Er darf und muss sogar seinen eigenen
Vorteil suchen – doch darf er nie Menschen schädigen, sie in
ihrer Selbstachtung erniedrigen oder sogar körperliche oder
psychische Gewalt anwenden.

Die Strategeme sind tatsächlich dazu da, eigene Vorteile


optimal auszureizen. Doch die Balance zu finden, die es Ihnen

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ermöglicht, am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen zu


können, hängt von Ihnen selbst ab. Wenn Sie „Soziale
Beziehungen“ wünschen, übrigens eine Voraussetzung für ein
erfolgreiches und erfülltes Leben, dürfen Sie die Strategeme
nicht um ihrer selbst willen einsetzen. Vielmehr dienen sie dazu,
Ihnen bewusst Vorteile zu verschaffen. Dass die 36 Strategeme
in Jahrtausenden von chinesischen Generälen durch Kriege und
kriegsähnliche Auseinandersetzungen gefunden wurden, liegt in
der Kraft der Selbsterhaltung. Sie macht es erforderlich,
Auseinandersetzungen erfolgreich zu bestehen und übt eine
besondere Macht aus.

„Willst du den Charakter eines


Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“
Abraham Lincoln
Durch marzialische Worte wie Machthaber, Machtergreifung,
Machtwechsel oder Machtapparat gehen wir meist davon aus,
dass wir Gewalt gegenüber anderen Menschen oder
Menschengruppen ausüben. Aber sind wir nicht auch mächtig,
wenn wir einen Sieg über uns selbst erringen? Wenn wir mit
dem Rauchen oder Trinken aufgehört haben und damit über die
Zigarette oder die Flasche gesiegt? Waren wir nicht sehr
mächtig über uns selbst und können darauf stolz sein? Sind wir
nicht auch mächtig, wenn wir ein Ziel vor Augen haben, das zu
erreichen sich lohnt? Gutes zu tun und einen mächtigen
Glauben zu haben, hat uns schon Mutter Theresa in Kalkutta
gezeigt. Auch der Glaube an ein größeres Ganzes gibt uns Kraft,
kleine Dinge nacheinander zu tun, wissend, das natürlich nicht
alles geht. Altes Wissen, das sich als nützlich erwiesen hat,
bleibt stets erhalten. Wenn Sie Wissen erlangt haben, das
anderen Menschen hilft, haben Sie ein mächtiges Werkzeug
erschaffen, das Sie unsterblich macht. Denn jeder Gedanke
setzt Energie voraus. Aus dieser göttlichen Energie eines
Gedanken werden Texte wie dieser geschaffen, werden Dinge
wie dieser Computer gebaut und wird Macht über andere
Menschen produziert. Und wie sagte einst William Shakespeare:
„Die Dinge sind weder gut noch böse, erst unsere Gedanken
machen sie dazu.“

Wollen wir unsterblich werden, müssen wir Dinge erschaffen,


die in Menschen weiterleben. Das sind in erster Linie unsere
Kinder, wenn wir es rein physisch betrachten. Die Erfindung des
beliebiges Beispiel, dass Erfindungen in Gedanken entstanden
und in Materie umgewandelt wurden. Somit sind die Gedanken
des Philip Reis, und somit er selbst, unsterblich geworden
Telefons durch den Deutschen Philipp Reis zeigt hier als
.

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Allein die Tatsache, dass nicht jeder Mensch etwas für seine
Nachwelt hinterlassen hat, bedeutet nicht, dass er keinen
Beitrag leistete. Wir wissen nicht, welche unbekannten
Menschen einem Philipp Reis bei seinen Erfindungen Pate
gestanden haben, insbesondere, als es um die Erfindung der
„Rollschlittschuhe“ ging, die man heute als Inline-Skates
kennt. Aber es ist schon erlaubt, bei der Natur oder anderen
abzugucken, um eigene Ideen zu vervollkommnen oder zu
verwirklichen. Dabei helfen Ihnen Strategeme.

Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten, um an sich zu arbeiten und


lernen Sie, gegen sich selbst mächtig zu sein, denn Sie
selbst sind Ihr größter Gegner. Faulheit, Gier, Müßiggang,
Übermaß, Verschlagenheit oder auch kriminelle Energie
bekommen Sie stets zurück.

Doch Sie bekommen auch Gutes wie Barmherzigkeit,


Toleranz, Nächstenliebe und Güte mit Zins und Zinseszins
zurück.

Mit den 36 Strategemen ist es wie mit einem Gift. Gift an


sich schadet nicht und kann heilend wirken, weil es ist nur
die Menge ist, die Schaden anrichten kann. Mit den 36
Strategemen schärfen Sie Ihren Verstand für gute Chancen
und bekommen ein Mittel, Ihre Chancen zu nutzen.
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur
Selbstverwirklichung.
Und wie sagten doch die Chinesen richtig:

„Auch ein Weg


von Tausend Meilen fängt
mit dem ersten Schritt an!“

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36 Strategeme
Die Chinesen haben uns etwa 3000 Jahre Erfahrung in Strategie
und Taktik voraus. Sie haben die Kriegskunst kultiviert und sie
in ihr tägliches Leben übernommen. Hinter dem freundlichen,
fast unterwürfigen Lächeln verbirgt sich stets ein
Hintergedanke. Hintergedanken sind uns Europäern eher dort
bekannt, wo es um Betrug, Ehebruch oder Lüge geht, doch die
Chinesen empfinden dies nicht als negativ, sondern als
Überlebensstrategie.

Chinesen abstrahieren die 36 Strategeme deutlich mehr als wir


Europäer. Während wir in Einzelepisoden und Einzelerlebnissen
denken, sehen die Bewohner des Reichs der Mitte Strategeme
als komplettes Ganzes an und zielen ihre jeweilige Taktik darauf
ab, ob das strategische Ziel damit erreicht werden kann.

Allein aus diesem Grund ist im Umgang mit China besondere


Vorsicht geboten, denn wir Europäer werden bei
Geschäften mit China schon heute so schnell über den
Tisch gezogen, dass wir die Reibungshitze als Nestwärme
empfinden.

Ab der folgenden Seite können Sie lesen, wie


Sie Strategie und Taktik für Ihre Interessen
einsetzen können und welches der
36 Strategeme dafür „verantwortlich“ ist.

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1. Strategem

Den Kaiser/ Himmel täuschen und das Meer überqueren

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Handle so vertrauensvoll, dass Du keine Aufmerksamkeit auf Dich ziehst

Strategemziel: Das Ziel der Handlung tarnen („Zieltarnung“)


Falsche Signale senden
Den tatsächlich eingeschlagenen Kurs verschleiern
(„Kursverschleierung“)
Unsichtbare Ziele verfolgen („Tarnkappenstrategem“)
Coram-Publico-Strategem

Taktik: Es wird eine positiv anmutende bzw. harmlose Fassade aufgebaut, die
den Gegner im Glauben lässt, dass keine Gefahr drohe. Sie wird so
lange aufrecht erhalten, bis sie zu einem vertrauten Bild geworden ist. Im
Hintergrund dieser Fassade werden ungesehen Manöver durchgeführt,
während die tatsächlichen Blicke auf dem Trugbild ruhen.

Wer Freude an alten Piratenfilmen hat, kennt die Situation: Der


Freibeuter erspäht ein Handelsschiff, das er zu kapern gedenkt.
Langsam nähert sich das Piratenschiff dem ahnungslosen Opfer.
Der Steuermann am Ruder und ein paar gelangweilt in die Ferne
blickende Matrosen bevölkern das Deck und das Handelsschiff
macht sich dran, den Flaggengruß durch Dippen der Flaggen
einzuleiten, der auf See bei sich begegnenden Schiffen üblich
ist. Selbstverständlich hat der Pirat keine Totenkopfflagge
gehisst, sondern eine unauffällige Flagge eines dem Frieden

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verbundenen Landes. Das Meer ist ruhig und es scheint ein


schöner Tag zu werden. Doch die Stille trügt, denn beim
Angreifer ist alles andere als „Fofftein“ angesagt, dem
Seemannswort für „Pause“: Vor den Blicken des
vorbeifahrenden Schiffes verborgen, tut sich was auf dem
Oberdeck, denn man hält Enterhaken, Pistolen und Messer
bereit. Im Unterdeck ist man bei den Kanonen, die geladen und
mit bereiter Lunte hinter den Luken nur noch auf den Befehl des
Käpt’n warten. Plötzlich ist der Frieden vorbei und die Besatzung
des Handelsseglers ist schneller Fischfutter als der Tee
trinkfertig.

Die tatsächliche Stimmung hat getrogen und das Offensichtliche


blieb hinter einer Fassade vermeintlich gelangweilter Matrosen
verborgen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


1. Strategem:
Die chinesische Geschichte, die als Grundlage dieses „1.
Strategems“ gedient haben soll, spielte sich im siebten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung in China ab und bezieht sich
auf einen Kriegszug des Tang-Kaisers Tai Zong (626 – 649), der
gegen seinen Willen dazu gebracht wurde, von Osten kommend
das Gelbe Meer zu überqueren, ohne es zu bemerken. Während
des Feldzugs erreichte die Armee von 300.000 Soldaten das
Meer. Dem Kaiser wurde es mulmig vor den Gefahren des
Meeres und er fragte seine Generäle, was sie zu tun gedenken,
um das Meer gefahrlos zu überqueren. Diese sahen sich an und
hatten keine brauchbare Lösung bereit.

Der Feldzug drohte stecken zu bleiben und der Kaiser sprach


schon von Rückzug in die Kaiserstadt, als ein Händler, der nahe
dem Hafen wohnte, eine Idee präsentierte, wie man den Kaiser
über das Meer bringen könne, ohne dass er es bemerken würde.
Sein Plan sah vor, dass er dem Kaiser die Versorgung seiner
Truppen mit Nahrungsmitteln, Ausrüstung und Waffen für
300.000 Mann gewährleistet und den Kaiser für die Modalitäten
sprechen und ihm seinen Plan zeigen wollte.

Als der Kaiser mit seinem Hofstaat eintrat, glaubte er sich noch
weit vom Wasser entfernt, denn nichts deutete darauf hin, dass
der Treffpunkt in der Nähe des Meeres lag. Tatsächlich aber
hatten die Truppen die vermeintlichen Häuser auf Holzboote
gebaut, die sehr stabil waren und sich kaum bewegten. Der
Horizont war geschickt mit Planen und Zelten verdeckt, so dass
alles den Anschein hatte, der Händler würde irgendwo Mitten in
der Stadt leben. Das Haus, in das der Kaiser eingeladen wurde,
war sehr luxuriös. An den Wänden hingen teure Teppiche und
bunte Seidenbilder. Es roch nach schönen Düften und der Kaiser
Tai Zong und sein Hofstaat fühlten sich in diesem Haus sehr
wohl. Man trank, entspannte sich und hatte allerlei

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Zerstreuungen, die dergestalt waren, dass man Zeit und Raum


vergaß.

Doch plötzlich fing es an zu stürmen und der Wind heulte Ohren


betäubend. Das Wasser bäumte sich auf und die Wellen knallten
wie Donnerhall gegen das vermeintliche Haus. Gläser fielen um,
die Teller zerschellten auf dem Boden und niemand konnte mehr
stehen. Der Kaiser war natürlich sehr erschrocken und wies
seinen Kämmerer an, die Vorhänge vor den Fenstern zurück zu
ziehen und war entsetzt, dass er sich mit seinen 300.000
Mannmitten auf dem Meer befand. Er ließ sofort den listigen
General Xue Rengui zu sich rufen, um dem Kaiser zu erklären,
was hier vor sich gehe.

Der General hatte den Fall eingeplant, dass ein starker Wind
blasen würde und hatte zusätzlich zur Errichtung der „Stadt“ auf
dem Meer ein weiteres Schiff bauen lassen, das ebenfalls wie
eine Stadt erschien und es bereits einige Tage vorher auf das
Meer geschickt. Die dort anwesenden Soldaten hatten den
Befehl, sich so zu geben, als gingen Sie einem Tagwerk nach,
sollten Emsigkeit am „Ufer“ zeigen und jedem, der von Weitem
zusah das Gefühl geben, dass es sich um eine Stadt handeln
würde. So geschah es dann auch. Der General Xue Rengui bat
den Kaiser auf das Dach des Hauses, zeigte ihm in der Ferne
das bereits vorher ausgelaufene Schiff, das wie ein sicherer
Hafen aussah und erklärte ihm, dass man sich bereits in sicherer
Nähe eines Hafens befand, der zu des Kaisers Staatsgebiet
zählte. Dieser war sichtlich erleichtert und froh, das Meer endlich
überquert zu haben. Der Kaiser ging wieder in das „Haus“ und
ließ es sich weiterhin gut gehen in der Gewissheit, dass er bald
wieder festen Boden unter den Füßen haben werde. Nachdem
sich der Sturm gelegt und das Wasser wieder beruhigt hatte,
wunderte sich der Kaiser, dass man immer noch auf See sei,
obwohl der Hafen doch so greifbar nahe war. Jetzt erklärte ihm
der General seine List und dass es jetzt egal sei, ob man weiter
ans andere Ufer oder zurück segeln würde. Der Kaiser lenkte
ein, weil er jetzt den Mut hatte, seinen Feldzug erfolgreich zu
Ende zu führen.

Den Kaiser/ Himmel täuschen und das Meer überqueren

Im alten China wurde der Kaiser als „Der Sohn des Himmels“
genannt. In der Literatur wurden demnach „Kaiser“ mit „Himmel“
gleichgesetzt. Damit erklärt sich auch, warum dieses Strategem
auch heißt, „Den Himmel (Kaiser) täuschen, um das Meer zu
überqueren“ oder im militärischen Sprachgebrauch „Den Himmel
(Kaiser) narren, um das Meer zu überqueren“. Es bezeichnet
eine List, die tatsächliche Absicht zu verschleiern und den
Gegner in Sicherheit zu wiegen, bis die Zeit für den wirklichen
Angriff reif ist. In Europa würde man jetzt erwarten, dass der
General für seine List, die ja tatsächlich auf die Vortäuschung

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falscher Tatsachen entsprang, bestraft würde.

Doch anders als in unserer Hemisphäre wurde und wird die List
in China hoch angesehen und der Kaiser dürfte sich über so
einen listigen General gefreut und ihn noch belohnt haben. Sein
„Kollege“ in Europa dagegen dürfte in gleicher Situation, also
des Kaisers Befehle missachten, eher karge Gefängniswände zu
sehen bekommen haben als eine Belohnung. Daher ist es in der
heutigen Zeit besonders wichtig, die Gepflogenheiten der
Chinesen zu studieren, weil die Globalität nicht nur Waren,
Dienstleistungen und Währungen austauscht, sondern auch
Handlungsweisen, die insbesondere für uns Europäer von
besonders starkem Nachteil sein dürften, wenn wir sie nicht
erlernen.

Notizen / Bemerkungen

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2. Strategem

Wei belagern, um Zhao zu retten

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Teile die Kräfte des Feindes, statt sie zu einen. Er soll den ersten
Schuss abgeben und nicht Du. Verbünde Dich mit dem Schwächeren.

Strategemziel: Angriff auf seine ungeschützte Schwachstelle


Überraschungseffekt dort nutzen, wo der Gegner es nicht erwartet
Stoß-ins-Leere-Strategem
Achillesfersen-Strategem
Sieg ohne Kampf

Taktik: Der Gegner wird an seiner schwachen Stelle, seiner sog. Achillesferse
angegriffen, um sein ursprüngliches Ziel nicht mehr verfolgen zu können.
Geschwächt durch seine eigene Verletzbarkeit muss er sich der eigenen
Verteidigung stellen und von seinem Primärziel ablassen.

„Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte!“ ist ein Sprichwort,
das wohl jeder schon gehört hat. Und dieses Sprichwort ist
gerade für das 2. Strategem von besonderer Bedeutung, obwohl
im Zusammenhang mit einem Streit von Freude kaum die Rede
sein kann. Doch im übertragenen Sinne freut es einen (noch)
unbeteiligten Dritten, dass er im Falle eines Streits zwischen

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zwei Parteien die Zeit hat, sich die Stelle in aller Ruhe
auszusuchen, wo der zu bekämpfende Gegner seine
Schwachstelle hat und sie mit geeigneten Mitteln zu bekämpfen.

Da der Gegner in einer konkreten Konfrontation gebunden ist,


hat er wenig Möglichkeiten, sich um sein Hinterland zu
kümmern, von dem er ausgeht, dass dort keine Gefahr droht.
Wird dieses ungeschützte Hinterland im übertragenen Sinne als
seine „Achillesferse“ angegriffen, muss er seine Taktik sofort
ändern und seine eigene Verteidigung einleiten. Die für die
Konfrontation gebundenen Soldaten müssen dort abgezogen
werden, um die Heimatfront zu verteidigen, was zwangsläufig zu
einer Teilung und somit erheblichen Schwächung der
Streitmacht führt.

Ein Beispiel für die Teilung einer Streitmacht gibt der Seekrieg
mit einer stationierten Flotte, die nur im Hafen liegt und auf den
Feind wartet, um ihn an seiner schwächsten Stelle anzugreifen,
einer so genannten „Fleet-in-being“. Hier wird eine Flotte mit
einer bestimmten Anzahl an Streitkräften in einem geschützten
Hafen versammelt und sie ist zum Auslaufen bereit. Sie tut es
aber nicht, weil grundsätzlich kein Grund vorliegt. Ein
potenzieller Feind weiß um die Existenz dieser Flotte und ist nun
gezwungen, seine Kräfte zu teilen: Einerseits um seine
beabsichtigte feindliche Handlung durchzuführen und
andererseits, um die „Fleet-in-being“ in Schach zu halten. Die
feindliche Flotte muss in jedem Fall so groß sein, dass sie der im
Hafen liegende Flotte gewappnet ist, um selbst nicht vernichtet
zu werden. Somit werden Kräfte gebunden, die für andere
Kampfhandlungen dringend benötigt würden. Der Befehlshaber
der im Hafen liegenden Flotte verfügt jedoch über ausgeruhte
Kräfte, die im Gegensatz zu der in Lauerstellung und damit in
ständiger Alarmbereitschaft bestehende Flotte, und kann sich in
Ruhe auf ein mögliches Auslaufen vorbereiten und den Zeitpunkt
dafür bestimmen.

Zudem ist der Gegner noch zu weiteren Maßnahmen


gezwungen: Ein im Hafen liegender Kampfverband bedroht auch
die Schifffahrtswege, so dass der Feind gezwungen ist, Konvois
zu bilden. Diese wiederum müssen sich zunächst finden, was
erhebliche Zeitverluste der zuerst ankommenden Schiffe
verursacht. Dann kann der Konvoi nur so schnell fahren, wie es
das langsamste Schiff vermag. Am Zielgebiet angekommen
verteilen sich die Schiffe auf die jeweiligen Häfen, was zu einem
Stau führen kann, weil die Entladekapazitäten des Hafens für so
viele Schiffe nicht ausgelegt sind. So ist die Versorgung eines
Landes erheblich beeinträchtigt und bindet Kampfschiffe, die zur
Verteidigung bzw. zum Schutz des Konvois eingesetzt werden
müssen.

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Die historische Gegebenheit hinter dem


2. Strategem:

Das Ereignis, das das 2. Strategem begründete fand um 354 v.


Chr. statt. Die Streitkräfte des Staates Wei griffen den Staat
Zhao mit einer erheblichen Übermacht an und belagerten die
Hauptstadt des Staates Zhao.

Der Staat Zhao bat den Staat Qi um Hilfe. Allerdings stand fest,
dass selbst ein Zusammenschluss beider Armeen, also der
Staaten Zhao und Qi in ihrer Gesamtheit nicht ausreichten, um
die Soldaten des Staates Wei empfindlich treffen zu können.

Daher entschieden die Generale des zu Hilfe eilenden Staates


Qi, die feindliche Hauptstadt des Staates Wei anzugreifen. Als
die Frontsoldaten des Staates Wei, die bekanntlich gegen Zhao
zu Felde zogen, dies erfuhren, wurde sofort ein Teil der
Streitkräfte in ihre eigene Hauptstadt befohlen und sie machten
sich in einem erheblichen Tempo auf den Weg. Nun ist China
recht groß und die Elitekrieger mussten zu Fuss rennend ihre
eigene Hauptstadt erreichen, um sie vor der feindlichen
Belagerung zu retten. In ihrer Hauptstadt angekommen waren
sie so erschöpft, dass die Soldaten des zur Hilfe geeilten Staates
Qi die Kämpfer mit Leichtigkeit vernichtend schlagen konnten.
Die um ihre Elite-Soldaten dezimierte Angriffsarmee in Zhao war
ihrerseits wiederum so geschwächt, dass auch die Soldaten des
Staates Zhao die Angreifer aus Wei vernichten konnten.

Notizen / Bemerkungen

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3. Strategem

Mit dem Messer eines anderen töten


Mit geborgtem Schwert töten

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Wenn Du einen Gegner vernichten willst, nutze die Kräfte eines Dritten
und schone Deine eigenen Kräfte wenn möglich.

Strategemziel: ENTWEDER:
Das Ergebnis nicht selbst herbeiführen, sondern einen Dritten dazu
gewinnen
Nutze den Strohmann für Deine Zwecke („Strohmann-Strategem“)
Suche Dir einen Stellvertreter („Stellvertreter-Strategem“)
ODER:
Schädige Deinen Gegner durch indirekte Weise und halte Dich im
Hintergrund
Mache Dich nicht verdächtig („Alibi-Strategem“)
Handle ohne aktives Zutun („Schreibtischtäger-Strategem“)

Taktik: Wende die Kräfte des Gegners gegen ihn selbst an und renne nicht
blindlings auf den Kampf zu. Gefahren und Unsicherheit sind damit
verbunden und Du riskierst eine Niederlage. Reagiere nicht, bewahre
Deine Kräfte und warte ab.

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Seien Sie ein kluger Stratege. Rennen Sie nicht blindlings auf
einen Streit oder Kampf zu, denn das ist nur mit Gefahren und
Unsicherheiten verbunden und Sie riskieren eine Niederlage.
Entspannen Sie sich und bleiben Sie locker. Reagieren Sie
zunächst nicht und bewahren dabei Ihre Kräfte und nicht und
bewahren dabei Ihre Kräfte und beobachten Ihren Gegner und
seinen nächsten Schritt.

Wenn Sie einen Partner oder Verbündeten Ihres Gegners kennen,


nutzen Sie diesen zu Ihrem Vorteil. Spannen Sie diese Person in
Ihren Kampf ein und erhalten dabei Ihre eigenen Kräfte. Erreichen
Sie durch den Verbündeten Ihres Gegners die Ziele, die Sie sich
selbst gesteckt haben – und machen dabei keinen Finger krumm.

Beim 3. Strategem geht es um die Kunst des „leihens“ von


Ressourcen Dritter. Sie können es überall nutzen, wo Sie
Feindseligkeiten ausgesetzt sind. Studieren Sie es gründlich. Je
intensiver Sie es studieren, um so wirkungsvoller werden Sie bei
sich ergebenden Gelegenheiten einsetzen können. Notfalls
verwenden Sie „mehrere Messer“, also mehrere Kräfte zum
Schaden Ihres Gegners. Er könnte sich damit selbst außer
Gefecht setzen oder eine Strategie verwenden, die ihn ins Leere
laufen lässt und Ihnen zum Vorteil gereicht. Rücken Sie Ihren
Feind in ein schiefes Licht und säen innere Zwietracht zwischen
Ihren Gegnern und Sie werden Ihre Vorteile daraus ziehen können.

Das „Buch der Wandlungen“ gibt hier den Hinweis auf die
„Minderung“ mit dem dazu gehörigen Bild: Unten am Berg ist der
See – das Bild der Minderung!

Die Metapher: Der Edle bändigt seinen Zorn und hemmt seine
Gelüste. Der kluge Stratege („Edle“) wirkt aus seiner Kraft heraus (
„dem Berg“) auf den Gegner ( „ dem See“) ein und kontrolliert ihn.
Weder die „Wogen der Wut“, noch „der Stachel der Begierde“
bringen ihn aus dem Takt, denn das Gegenteil ist der Fall: Ist der
Schlachtführer ungestüm und impulsiv, ist er getrieben von der
Gier nach Eroberung und unternimmt in dieser Situation einen
Frontalangriff, dann geht er das Risiko aller Gefahren und
Unwägbarkeiten einer Schlacht ein.

Der gelassene Stratege ist passiv, ohne lethargisch zu sein,


beobachtet das Feld und schätzt die Situation so ein, dass er sich
ihr optimal anpassen kann. Er nutzt seine Vorteile und wendet so
wenig Kraft wie möglich auf und so wenig Risiko wie nötig.

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Die historische Gegebenheit hinter dem


3. Strategem:

Wie Harro von Senger in seinem Werk „Die Kunst der List“ S. 56
anführt, gibt es zur Strategieformel Nr. 3 keine bestimmte
Begebenheit, die sich historisch auf diese Listtechnik bezieht.
Vielmehr gibt es verschiedene Varianten zu diesem Strategem
und die erste urkundliche Erwähnung dieses Strategems fand
um die Ming-Zeit (1368 – 1644) statt. Im Drama „Drei
Glückwunschgründe“ hatte es ein Verschwörer auf einen
Beamten abgesehen und wollte ihn möglichst elegant loswerden.
Also empfahl der Verschwörer diesen Beamten, der ohne
militärische Kenntnisse war, beim Kaiser zum Oberbefehlshaber
der Streitkräfte, weil dieser, also der Kaiser, gerade gesonnen
war, gegen den aufständischen Zhao Yuanhao zu Felde zu
ziehen. Aus Sicht des Verschwörers eine gute Chance, den
ungeliebten Beamten loszuwerden, denn dieser dürfte wegen
seiner geringen militärischen Ausbildung und Kenntnisse dem
gegnerischen Zhao Yuanhao unterlegen sein und durch dessen
Streich zu Tode kommen. Dem Beamten geschieht indes nur
Gutes, denn er erfährt durch die Beförderung zum
Oberbefehlshaber der Streitkräfte zunächst Ruhm und Ehre.
Dann wird er ehrenvoll an die Front befördert und von dort
ehrenvoll direkt ins Jenseits.

Notizen / Bemerkungen

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4. Strategem

Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Schwäche oder vernichte den Gegner/Feind, indem Du ihn in aufwändige


Manöver treibst und dem Treiben aus der Ferne selbst entspannt
zusiehst. Je mehr sich Dein Gegner erschöpft, um so größer wird im
Verhältnis zu ihm Deine eigene Kraft.

Strategemziel: Den Gegner erschöpfen / auszehren („Erschöpfungs-Strategem“)


Die Angelegenheit aussitzen und die Zeit für Dich arbeiten lassen
(„Aussitzungs-Strategem“)

Taktik: Sei zuerst am Ort des Geschehens und erwarte ausgeruht den Gegner,
der sich erst Kräfte zehrend dem Geschehen nähern muss. Nutze den
Orts- und Zeitvorteil und beherrsche die Handlung und den Gegner, statt
selbst beherrscht zu werden.

Sunzi, auch „Meister Sun“ genannt, war ein chinesischer


General, Militärstratege und Philosoph, der um 500 v. Chr. lebte.
Das von Sunzi verfasste Werk „Über die Kriegskunst“, gilt als
frühestes Buch über Strategie und ist bis zum heutigen Tage
eines der bedeutendsten Werke zu diesem Thema. In einem
seiner 13 Kapitel erwähnt Sunzi das 4. Strategem unter der
Rubrik „Leere und „Fülle“, gleichbedeutend erteilt, sich in der

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Nähe des Schlachtfelds aufzuhalten, um (ausgeruht) mit


„schwache“ und „starke“ Punkte. Hier wird bereits der Ratschlag
auf die herannahenden (erschöpften und noch
orientierungslosen) feindlichen Truppen zu warten. Wer zu
diesem taktisch und strategisch günstigen Zeitpunkt mutig und
entschlossen angreift, hat einen erheblichen Vorteil. Daraus
folgt, dass die eigene Festlegung von Ort und Zeitpunkt der
„Schlacht“ ein wichtiger Aspekt dieses Strategems ist, man
selbst das Geschehen und die Bedingungen diktiert und sich der
Gegner dabei zunächst in der Defensive befindet.
Wer seinen Gegner „ausgeruht erwartet“, wird ihn mit List und
Tücke dazu bringen, sich durch eigene Aktivitäten zu
verschleißen oder zu zermürben, während wir unsere Position
behalten und das Geschehen steuern. Ziel dieser
psychologischen Strategie ist die Zermürbung des Gegners.

Mao Zedong wusste dieses vierte Strategem häufig einzusetzen.


Als Kenner des Werks von Sunzi war er meisterlich in der Kunst,
den Gegner zu ermatten. Daraus formulierte er einen Lehrsatz,
der einzig aus sechzehn Schriftzeichen besteht :*

„Der Gegner greift an, wir ziehen uns zurück. Der Gegner sucht
Ruhe, wir sticheln ihn an. Der Gegner ist erschöpft, wir greifen
an. Er zieht sich zurück, wir setzen nach.“

Also: Was an Truppenstärke und Waffentechnik nicht


aufgebracht werden kann, muss man durch Flexibilität und
Schläue wettmachen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


4. Strategem:
In der Frühlings- und Herbst-Periode Chinas ernannte der König
von Ci den Beamten Bao Shu Ya zum General seiner Armee
und befahl ihm, in das Land Lu einzumarschieren. Der König von
Lu indes hörte davon und war von diesem Plan nachvollziehbar
wenig begeistert. Dessen Minister Bo Shih empfahl dem König,
einen Eremiten namens Cao Suei zu überzeugen, die
Verteidigung des Landes zu übernehmen. Nun war dieser Eremit
wenig von diesem Plan begeistert, willigte nach einiger
Überredungskunst dann unter der Maßgabe ein, nur militärischer
Berater zu sein und nicht für die allgemeine Arbeit herangezogen
zu werden.

Bao Shu Ya, General der feindlichen Armee des Königs von Ci,
nahm seinen Gegner nicht ernst, weil er die Armee des Königs
von Lu bereits einmal besiegt hatte. Dieses mal wollte Bao Shu
Ya den König von Lu direkt angreifen und ihn und sein Land
besiegen.

Am Tag der Schlacht riefen Ohren betäubende Klänge der


Trommeln und die Schlachtrufe der Soldaten des Generals Bao

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Shu Ya zum Kampf auf, bereit, die Armee des Königs von Lu
vernichtend zu schlagen. Cao Suei, der Eremit beeindruckte
dieses Geschehen nicht sonderlich und er befahl, noch
abzuwarten. „Warten wir eine Weile. Gerade jetzt ist die Moral
und der Kampfeswille des Feindes besonders hoch und wir sind
dieser Armee hoffnungslos unterlegen. Doch momentan
befinden wir uns in einer strategisch günstigen Position und
müssen uns nur verteidigen, was weniger Kräfte zehrt, als der
Angriff. Wir sollten momentan lieber auf das Geschehen achten
und nicht nachlässig werden.“

Die angreifende Armee des Königs von Ci unter ihrem General


Bao Shu Ya rannte gegen die Verteidigungslinien des Staates Ci
an, ohne sichtlichen Erfolg. Die angreifenden Soldaten wurden
dadurch zunehmend frustriert, so dass sie Bao Shu Ya
entschloss, seine Truppen zu einer anderen Stelle zu führen und
von dort anzugreifen. Auch hier war kein Durchkommen, was
weitere Kräfte verzehrte und die Moral der Truppe noch weiter
senkte. Der feindliche General war der Auffassung, dass er den
Gegner jetzt empfindlich geschwächt hätte und er ihn mit einer
dritten Attacke endgültig besiegen würde. Da war für den
verteidigenden Cao Cuei der Zeitpunkt gekommen, seine
eigenen Trommeln schlagen zu lassen und sich durch einen
Gegenangriff zu wehren. Schon bald brachen die Linien der
feindlichen Armee von Ci ein und sie traten den Rückzug an. Der
König von Lu befahl, die fliehenden Armeen des Feindes zu
verfolgen, doch Cao Cuei empfahl auch hier, lieber abzuwarten,
bis sich der Feind etwas entfernt habe. Man müsse nur den
Wagen- und Pferdespuren beobachten, ob der Feind wirklich
geflohen ist, diesen folgen, ihn einholen und vernichtend
schlagen. „Warum verfolgen wir die fliehenden Armeen nicht
sofort, statt auf einen möglichen dritten Angriff zu warten?“ Cao
Cuei antwortete: „Beim Versuch des dritten Angriffs war die
Moral des Feindes lange nicht mehr so groß wie beim ersten
Mal. Als beim dritten Angriff unsere Trommeln das erste Mal zum
Kampf aufriefen, war die Moral unserer Truppen auf dem
Höhepunkt und wir konnten zurück schlagen. Doch das
überraschte den Feind noch mehr, weil er sich in der Stärke und
uns in der Schwäche sah. Er glaubte, dass wir jetzt endgültig
besiegt werden könnten, weil wir bis dahin keine Anstalten
gemacht haben, die Kampfeshandlungen aktiv zu erwidern.
Dieser Überraschungsmoment war unser Vorteil. Doch die
Flucht des Feindes könnte ebenfalls eine Taktik sein, uns aus
den Stellungen zu locken. So sollten wir die Wege auf ihren
Zustand überprüfen und ob sie das Gewicht von Reiter und
Wagen aushalten können. Der Gegner ist in wilder Panik
geflohen, doch wir sehen ruhig zu, ob die Situation für eine
Verfolgung günstig ist!“

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Fazit des 4. Strategems: Warte ruhig und


gelassen auf den erschöpften Feind
Wenn die Schlacht ihren Beginn nimmt, ist es nicht erforderlich,
den mächtigen Gegner sofort zu bekämpfen. Manchmal kann
man ihn einfach durch eigene Untätigkeit und Vermeidung eines
direkten Kampfes schwächen. Warten Sie ab und schonen Sie
Ihre eigenen Kräfte, während sich Ihr Gegner aufreibt und
erschöpft. Dies ermöglicht Ihnen, die Kräfteverhältnisse zu
relativieren und im folgenden Kampf auszugleichen.

Notizen / Bemerkungen

* “36 Strategeme für Erfolg und Wohlstand” von Gianluca Magi, Seite 57.

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5. Strategem

Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Die Schwäche, Not, Schwierigkeiten, Krise eines Gegners nutzen, um ihn
anzugreifen. Das dort vorhandene Chaos für den eigenen Vorteil nutzen.

Strategemziel: Den Gegner in Katastrophen stürzen, ihn in die Knie zwingen um selbst
anzugreifen. Sich durch die vorübergehende Schwäche des Gegners
selbst stark machen. Aasgeier-Strategem

Taktik: Den Gegner in Schwierigkeiten bringen oder vorhandene Schwierigkeiten


nutzen, um ihn zu schwächen und ihn leicht zu besiegen. „Innere“ und
„äußere“ Krisen schwächen den Gegner und machen ihn zu einem
leichten Opfer. Wenn sich der stärkere Gegner sich in einer Notsituation
oder Krise befindet, müssen wir die Chance ergreifen und die Situation zu
unserem Vorteil nutzen, indem wir ihn dann angreifen, wenn er am
schwächsten ist.

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen: Dieses Strategem


ist keine Aufforderung zu kriminellen Handlungen, denn
Gelegenheiten dieser Art kommen auch ohne eigenes Zutun:
Eine tatsächliche Feuersbrunst verhindert eigenes
wirtschaftliches Handeln. Als Konkurrenzunternehmen springen
Sie als möglicher Lieferant an die bisherigen Kunden des
Gegners gerne ein und zeigen Ihre Vorteile in besonderer
Weise.

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Gutes Beispiel war die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in


Südafrika, als sich der Kapitän der Deutschen Fußball-
Nationalmannschaft, Michael Ballack, so stark verletzte, dass er
selbst nicht an diesem bedeutendsten Fußballturnier der Welt
teilnehmen konnte. Als sein Nachfolger Philipp Lahm sich in das
Spiel eingefunden und die Mannschaft unerwartete Erfolge
erzielte, machte dieser seine dauerhaften Ansprüche auf dieses
einflussreiche Amt geltend und verdrängte den bisherigen
„Capitano“ dauerhaft.

Dieses Strategem zeigt im übertragenen Sinne, dass man sich


im Falle des Chaos beim Gegner schnell entscheiden muss,
seine eigenen Vorteile darin zu sehen und sie unbedingt
auszunutzen. Treten Sie entschieden auf und konfrontieren Sie
Ihren Gegner mit Ihrer Stärke. Jede uns bekannte Kampfkunst
setzt darauf, den Augenblick der Schwäche des Gegners
auszunutzen und zum eigenen Sieg zu nutzen. Nutzen wir diese
Schwäche –und damit unsere eigene relative Stärke nicht zum
Sieg, kann sich der Gegner wieder erholen und Ihnen gefährlich
werden. Es bieten sich nicht oft Chancen, seinen starken Gegner
zu besiegen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


5. Strategem:
In der Frühlings- und Herbst-Periode befanden sich die Könige
der Länder Wu und Yue, seit Jahren miteinander im Krieg.
Anfangs besiegte Fu Chai, der König von Wu, seinen Gegner
Gou Jian, der König von Yue war. Gou Jian musste sich dem
König Fu Chai beugen und wurde sein vermeintlich treuer Vasall.
Doch Gou Jian war nicht wirklich besiegt, denn im Geiste sann
er nach Rache und Vergeltung. Jeden Tag lief Gou Jian die
Gallenblase vor Ärger über und er wurde immer wieder an seine
Niederlage erinnert. Sein Rachedurst stieg mit den Jahren
mächtig an und er begann, sein Land wieder militärisch
aufzurüsten und den Gegenschlag zu planen. 20 Jahre dauerte
es , bis Gou Jian seine Chance gekommen sah. Der Staat Wu
wurde mittlerweile von korrupten Beamten regiert und ihr König
Fu Chai war arrogant und dekadent geworden, unfähig zu
regieren. Fu Chai richtete sogar führende Beamte hin, die
dessen Lebensführung kritisiert und ihn vor Gou Jian gewarnt
hatten. Krankheiten machten sich im Lande Wu breit und es
starben viele Menschen. Zudem legte eine Dürreperiode die
Flüsse trocken.

Fu Chai konnte nicht zum Einlenken bewegt werden, weil er


seine eigene Stärke arrogant als übermächtig ansah. Zudem
wollte er allen zeigen, dass er noch in der Lage war, andere
Länder zu erobern und deren Könige zu besiegen, so dass er
seine Arme in einen Angriffskrieg führte, während sein Land im
Chaos versank. Seinem Feind Gou Jian erschien dies ein
günstiger Moment, das Land Wu anzugreifen und seine

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Schmach von vor 20 Jahren zu tilgen. Und so rächte sich Gou


Jian am König von Wu, Fu Chai, in einem Moment dessen
momentaner Schwäche.

Notizen / Bemerkungen

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6. Strategem

Im Osten Lärm machen – im Westen angreifen

Kategorie: Überlegenheitsstrategie

Sinnhaftigkeit: Einen Angriff für einen Ort (sinnbildlich für „Osten“) ankündigen und an
einem völlig anderen Ort (sinnbildlich für „Westen“) angreifen.
Dieses Strategem basiert auf Ablenkungsmanöver, um die tatsächliche
Absicht zu verschleiern („Ablenkungs-Strategem“ oder „Verschleierungs-
Strategem“).
Der angegriffene Ort wird nur zum Schein angegriffen, um den
tatsächlichen Angriff an anderer Stelle vorzubereiten bzw. einzuleiten
(„Scheinangriffs-Strategem“)

Strategemziel: Ziel dieses Strategems ist die Verwirrung des Gegners mit dem Ziel, dass
dieser die Lage nicht mehr richtig einzuschätzen vermag. Durch die
Stiftung von Verwirrung wird der Gegner gezwungen, seine Deckung zu
verlassen, um sich verwirrt zu orientieren und zu versuchen, den
Überblick zu gewinnen. Diese Verwirrung muss der Angreifer nutzen

Taktik: Erstelle eine Finte, um dem Gegner Glauben zu machen, dass ein Angriff
im „Osten“ stattfindet, während der Angriff tatsächlich im „Westen“
durchgeführt wird. Der Gegner wird dort angegriffen, wo er es nicht
vermutet, nachdem an anderer Stelle ein „Warnschuss“ abgegeben oder
ein „Scheinangriff“ stattgefunden hat. Auf diese Art findet ein
Überraschungsangriff statt.

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Besonnenheit, Ruhe und Gelassenheit war schon immer die


Stärke von erfolgreichen Strategen. Bricht man die Ruhe durch
einen Angriff an einer Stelle, die der Gegner nicht erwartet, dann
stiftet dies Unruhe und der Gegner ist gezwungen, sich neu zu
orientieren. Selbst bei besonnener und gelassener Betrachtung
des Schlachtfelds dient das Strategem dem Überfall an anderer
Stelle, die der Feind nicht beachtet. So steht es im „Buch der
Wandlungen“: Der See ist oberhalb der Erde. Greife den
Gegner an, wenn er darauf nicht vorbereitet ist und an einem
Punkt, an dem er Dich nicht erwartet (frei nach Sun Zi).

Die historische Gegebenheit hinter dem


6. Strategem:
Während sich im Jahre 205 v. Ch. Siang Yu auf einer Erkundung
im Staat Ci befand, überquerte Liou Bang den Gelben Fluß. Wei
Bao, der König von Wi, putschte gegen Liou Bang, obwohl er
Jahre zuvor in einem Krieg kapitulieren musste. Darauf hin
entsandte Liou Bang seinen General Han Sin, um die Revolte zu
beenden.

Während dessen ernannte Wei Bao den General Bo Jhih zum


Oberbefehlshaber seiner Truppen und verlegte sie nach Pu Ban,
einer Stadt am östlichen Ufer des Gelben Flusses, um die Armee
von Han Sin zu beobachten. Dieser lagerte auf dem Westufer
des Flusses und sammelte Hunderte von Schiffe, um den Fluß
zu überqueren. Nachts konnte man überall am Ufer Fackeln auf
Schiffen sehen, die jederzeit zur Flußüberquerung bereit waren.
Selbstverständlich bemerkte dies Bo Jhih, der General des
Staates Wei, und ordnete seine Truppen so entlang des Gelben
Flusses, dass sie die Boote jederzeit zerstören konnten, falls sie
den Fluß überqueren sollten. Bo Jhih bemerkte jedoch nicht,
dass Han Sin den Hauptteil seiner Truppen nach Sia Yang
befohlen hatte, einer Stadt 80 Kilometer stromabwärts. Dort
setzten die Soldaten mit ihrem Material auf einer provisorischen
Brücke aus Fässern und leeren Flaschen über. Während die
Truppen von Ban Pu flußauwärts auf einen Angriff der dort
liegenden Schiffe warteten, hatte Han Sin seinerseits bereits den
Fluß überquert und die Hauptstadt des Staates Wei angegriffen.
Als Bo Jhih die Strategie bemerkte, war es für die Rettung der
Hauptstadt von Wei zu spät. In einer Schlacht konnte Bo Jhih
lebend gefangen werden.

Notizen / Bemerkungen

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7. Strategem

Aus dem Nichts etwas erzeugen/erstellen

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Erstellen Sie etwas aus dem Nichts


Etwas aus dem Nichts hervorbringen
Etwas schaffen, was vorher Nichts war

Strategemziel: Dem Gegner eine offenkundige Lüge dauerhaft so präsentieren, dass er


sie nicht mehr ernst nimmt, seine Aufmerksamkeit nachlässt und so den
Angriff zu spät bemerkt, weil er die nunmehrige Wahrheit nicht erkennt.
Einen Vorteil daraus erzielen, dass der Gegner die offenkundige Lüge
durchschaut und seine Aufmerksamkeit dadurch nachlässt.
Den Gegner durch eine offenkundige Lüge bzw. Übertreibung das Gefühl
der Überlegenheit geben, weil er sich sicher ist, die List durchschaut zu
haben, jedoch die wirkliche Absicht nicht erkennt.

Taktik: Aus einem offensichtlichen Trugbild eine potenzielle Gefahr erzeugen.


Einen Vorteil daraus ziehen, dass der Gegner sich in seiner (falschen)
Einschätzung sicher fühlt und seine Aufmerksamkeit nachlässt.

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Das 40. Kapitel des Buches von Tao Te King beschreibt das 7.
Strategem wie folgt:
„Die (zehntausend) Dinger dieser Welt entstehen aus dem Sein,
das Sein entsteht aus dem Nicht-Seienden“, was so viel
bedeutet, dass jedes Ding, bevor es entstand, inexistent war,
also gewissermaßen aus dem Nichts entstanden ist.
Mit diesem Strategem wird der Bereich der „bewussten
Täuschung“ betreten. Inszenierte Lügen ohne wirklich
existierende Grundlagen veranlassen den Gegner dazu, an
unreale Dinge so zu glauben, als ob sie wirklich da seien. Er
verwechselt „Sein“ mit „Schein“ und beurteilt die wirkliche Lage
falsch.

Die historische Gegebenheit hinter dem


7. Strategem:
Im 14. Jahr der Regierungszeit der Tang-Dynastie (ca. 755 n.
Chr.) des Kaisers Xuanzong , revoltierte An Lushan, ein
beliebter Beamter des Kaisers.

Schon bald wurde die Stadt Yongqui von Ling Hu Chao, einem
General von An Lushan, belagert. Der damalige Kommandant
der Verteidigungskräfte war Lhang Syun. Die Lage seiner Stadt
war nahezu aussichtlos, weil sie weder eine genügend große
Garnison hatte, noch genügend Munition, um sich lange gegen
eine Belagerung verteidigen zu können. Jhang Syun war sich im
Klaren, dass er im offenen Kampf keinerlei Chancen hatte und
dass ihn nur ein kluger Plan retten könne. So ließ er tausend
lebensgroße Strohpuppen herstellen und sie schwarz kleiden,
mit einem Helm auf dem Kopf und einem Holzschwert am Gürtel.
Unter dem schwachen Mondlicht im Rücken und dem Schutz der
Nacht, wurden die Dummies an Seilen die Stadtmauern
hinabgesenkt. Das blieb beim Feind nicht unbemerkt, so dass
dieser zum Angriff überging. Mit Pfeil und Bogen bewaffnete
Scharfschützen schossen mit Pfeilen und durchbohrten viele
feindliche „Soldaten“. Als sie bemerkten, dass es sich um
Strohpuppen handelte, ließen sie vom Angriff ab und zogen sich
in ihre Quartiere zurück. Jhang Syun ließ die Puppen
hochziehen, so dass sie genügend Pfeile für die Verteidigung
hatten.

Einige Nächte später kam der Mond in derselben Weise zum


Vorschein, wie in der vorangegangenen „Nacht der Pfeile“. Es
herrschte hektische Betriebsamkeit auf den Zinnen der Stadt und
unterhalb von diesen. Ling Hu Chao lachte darüber, dass Jhang
Syun wieder denselben Trick anzuwenden versuchte und befahl
seinen Soldaten, die „Strohpuppen“ zu ignorieren. Während sich
die Aufmerksamkeit der angreifenden Soldaten auf die Tore der
Stadt richteten, gerieten sie in den Hinterhalt der „500
Strohpuppen“ und sahen sich plötzlich zweier angreifender
Fronten gegenüber. In der Folge besiegte Jhang Syun den
feindlichen General Yong Chau und rettete die Stadt Yongqui.

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8. Strategem

Den Weg reparieren und heimlich vorrücken

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Aktivitäten offen an der einen Stelle zeigen und heimlich an anderer
Stelle operieren.
Aktivität vortäuschen, um heimliche Operation zu verbergen

Strategemziel: Den Gegner durch offene Aktivitäten Glauben machen, dass etwas an
dieser Stelle passieren wird, während das tatsächliche Ziel durch eine
geheime und verborgene Operation und an anderer Stelle erreicht
werden soll. Dadurch wird der Gegner irritiert und abgelenkt, während er
durch erreichen der insgeheimen Ziele vor vollendete Tatsachen gestellt
wird bzw. ein Gegenschlag zu spät erfolgt.

Taktik: Das eigentliche Vorhaben durch eine vorgetäuschte Marschrichtung


verschleiern (Verschleierungs-Strategem) Das geplante Vorhaben durch
einen Umweg verschleiern (Umweg-Strategem) Innerhalb des „normalen
täglichen Geschäfts“ Betriebsamkeit vortäuschen und die tatsächlichen
Ziele so vorausplanen, dass das Ziel erreicht ist, bevor der Gegner die
geheime Operation bemerkt.

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Ich war Bezirksdirektor einer großen Versicherungsgesellschaft


und wollte mein berufliches Glück in einer Internetfirma finden.
Doch einen Beruf mit großen zeitlichen wie fachlichen
Anforderungen ausfüllen zu können hätte alle Aktivitäten zur
Selbstständigkeit vereitelt. So habe ich damit begonnen, für
meine damaligen Kunden einschlägige Fachinformationen
auszuarbeiten und ihnen zur Verbesserung ihres Wissens
auszuhändigen. Gleichzeitig wurde diese Informationen genutzt,
um die eigene Fachdatenbank damit zu füllen. Dieser Weg der
hektischen Betriebsamkeit blieb meinem damaligen
Vorgesetzten selbstverständlich nicht verborgen. Doch da es
sich um dienstliche Belange handelte, die zudem mein
Geschäftsergebnis maßgeblich positiv beeinflusste, erhielt ich
noch eine Vielzahl lobender Worte und Gehaltserhöhungen von
der Firma. Drei Jahre lang arbeitete ich an den
Fachinformationen, aktualisierte sie, verbreitete sie und meine
Vorgesetzen waren sehr zufrieden mit mir.

Zwischenzeitlich suchte ich mir einen Programmierer, der die


Software schrieb, die ich für mein Vorhaben brauchte. Als
sowohl die Fachinformationen fertig geschrieben und die
Software installiert war, suchte ich mir die ersten Kunden. Als
das Geschäft tragfähig war und mein damaliger Vorgesetzter
misstrauisch wurde, kündigte ich meine bisherige Tätigkeit und
nahm die Selbstständigkeit dort auf, wo sie drei Jahre zuvor
unter dem Blick meines Vorgesetzten begonnen hatte.

Die historische Gegebenheit hinter dem


8. Strategem:

Liou Bang wusste, dass Siang Yu, König von Guan Jhong, ihm
misstraute, als er nach einer verlorenen Schlacht den Rückzug
antreten musste. Doch er sann nach Vergeltung und Rückkehr
an die Macht, die er verloren hatte. So brachte er seine Truppen
nach Hanzhong, einer Stadt im Staate Shaanxi, und verbrannte
auf dem Rückzug die Brücken und Holzwege entlang des
Gebirges, über den sie marschierten und die die einzige direkte
Verbindung zum Nachbarstaat waren. Auf diese Weise
verhinderte Liou Bang, dass die Truppen von Siang Yu ihm auf
diesem Weg in den Rücken fallen konnten und er sorgte für
Vertrauen bei Siang Yu, denn dieser sollte glauben, dass von
Liou Bang keine direkte Gefahr mehr ausgehe.

Nach einigen Jahren der Ruhe rüstete Liou Bang seine Truppen
wieder auf und führte einen neuen Angriff auf Siang Yu durch.
Zunächst schickte er Truppen ins Gebirge, um die zerstörten
Brücken und Holzwege mühsam zu reparieren, was Siang Yu im
Glauben ließ, ein Angriff stünde noch lange nicht unmittelbar
bevor. Was Jhang Han, der General von Siang Yu, der die

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Truppen befehligte, jedoch nicht ahnte, war die dahinter


steckende Finte. Denn während Liou Bang die Reparaturen im
Gebirge vortäuschte und die Aufmerksamkeit Jhang Han darauf
lenkte, zog die Hauptstreitmacht über einen anderen, geheimen
und mühseligen Weg nach Chen Cang. Als General Jhang Han
dies bemerkte und in die Stadt Chen Cang zurückeilte, war alles
zu spät und die erschöpften Truppen von Siang Yu erlitten eine
vernichtende Niederlage. Liou Bang beendete die Besatzung
von Chen Cang und die Armee von Jhang Han musste
kapitulieren.

Dieses Strategem ist mit dem 6. Strategem (LINK) „Im Osten


lärmen und im Westen angreifen“ vergleichbar. Jedoch ist die
Fokussierung auf die Taktik unterschiedlich. Während im 6.
Strategem die verdeckte Operation des eigentlichen Ziels
zugrunde lag, liegt im 8. Strategem der Weg des Angriffs im
Fokus. Der trügerische Weg wird offen dargestellt und der
Gegner weiß um einen bevorstehenden Angriff, während
tatsächlich eine andere Route zum direkten Angriff führt.

Notizen / Bemerkungen

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9. Strategem

Die Feuersbrunst am anderen Ufer beobachten

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Die Aktivitäten des Gegners scheinbar teilnahmslos beobachten


Die Krise in Ruhe beobachten. Sich den Ereignissen in Ruhe anzupassen
und mit dem Fluss zu schwimmen

Strategemziel: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wenn sich zwei Parteien im
Streit gegenseitig schwächen und einer den anderen besiegt, hat es ein
dritter Gegner sehr leicht, den angeschlagenen Sieger zu besiegen.

Taktik: Zwei streitende Gegner beobachten, nicht in das Geschehen eingreifen


(Abwarte-Strategem), die Streitigkeiten aussitzen (Hinhalte-Strategem)
und dann zuschlagen, wenn die eigene Situation / Position günstig ist.

Wenn zwei sich streiten, freut sich meist der Dritte. Wenn sich
zwei Enten um einen Brocken Brot streiten, kommt garantiert
die Möwe und schnappt sich den Bissen.

Wenn sich ein Unternehmen gegen die feindliche Übernahme


durch ein Unternehmen wehren muss und zudem der Markt
durch eine Finanz- und Wirtschaftskrise zusammenbricht, hat es

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ein unbeteiligter Dritter leicht, den angeschlagenen Sieger zu


übernehmen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


9. Strategem:
In der Zeit der „Streitenden Reiche“ lebte ein bekannter Berater
namens Chen Jhen. Einmal besuchte dieser das Königreich Cin
und dessen König Cin Huei bat Chen Jhen um Schlichtung in
einem Konflikt der Länder Han und Wei, die sich im Krieg
miteinander befanden. Dazu erzählte Cehn Jhen dem König von
Cin eine Geschichte darüber, wie Bian Jhuang Zih einen Tiger
tötete.

Die Geschichte handelte also von einem Mann namens Bian


Jhuang Zih, der zwei um eine Kuh kämpfende Tiger sah. Gerade
wollte er mit seinem Schwert auf die Tiger losgehen und sie
töten, als er durch einen weisen Diener gehindert wurde. Der
Diener sagte: „Herr, warten sie einen Augenblick. Sehen sie,
zwei Tiger kämpfen um dieselbe Kuh und einer der beiden wird
vom anderen getötet. Wenn dieser blutige Kampf beendet ist,
wird es einen toten und einen verwundeten, geschwächten Tiger
geben. Nun müssen sie aber nur noch einen Tiger töten und
nicht zwei. Zudem ist der verbleibende Tiger durch den langen
Kampf, den Blutverlust und seine Wunden geschwächt und sie
haben es leicht, zu siegen.“

Als die Geschichte zu Ende erzählt war, fuhr Chen Jhen fort:
„Wenn die Länder Han und Wei wie Tiger gegeneinander
kämpfen, wird der Schwächere früher oder später vom Stärkeren
besiegt werden.“ Und so geschah es dann auch wie Chen Jhen
es vorhergesagt hatte. Als der Konflikt zwischen Han und Wei
beendet war, konnte Chi den geschwächten Sieger im Krieg
leicht besiegen.

Generell bedeutet dieses Strategem, sich durch keinerlei


Aktivitäten oder Aktionen im Streit zwischen zwei Parteien
einzumischen, bis sich die Situation bereinigt hat. Allerdings ist
es nicht leicht zu erkennen, wann die Situation bereinigt ist und
die „Gunst der Stunde“ günstig. Wer geduldig beobachtet und
den richtigen Zeitpunkt erkennt, wird am Ende den Sieg
davontragen.

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10. Strategem

Verberge den Dolch hinter einem Lächeln

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Lassen Sie Ihren Gegner sich in Sicherheit wiegen und arbeiten an Ihren
geheimen Plänen. Schreiten Sie zur Tat, ohne dass der Gegner das
Vertrauen in Sie verliert.

Strategemziel: Gewinnen Sie das Vertrauen des Gegners und handeln erst dann, wenn
er nicht mehr auf der Hut ist.

Taktik: Lassen Sie Ihren „Tiger“ lächeln, wie die Chinesen diese Strategie auch
nennen. Mit welcher Art „Lächeln“ der Gegner getäuscht wird, hängt vom
jeweiligen Charakter ab. Jeder Mensch ist in seiner Weise für
Schmeicheleien empfänglich. So müssen eitle und bornierte Menschen
anders behandelt werden, als bescheidene oder zurückhaltende
Menschen. Auch sog. „Erbsenzähler“ haben ihren „roten Knopf“, der nur
betätigt werden muss, um ihre Gunst zu erlangen.

Egal ob wir jemanden auf die Palme bringen oder ihn


besänftigen wollen, ihn kränken oder begeistern: Jeder Mensch
hat in seinem tiefsten Inneren einen Punkt, den man
sprichwörtlich nur drücken muss, um genau das zu erreichen,
was man möchte.

Im Vertrieb von Waren oder Dienstleistungen gibt es ein 4-


Farben-Schema, nach dem man einen Menschen grob

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einordnen und seine Angriffspunkte ermitteln kann. Dabei steht


jeweils eine Farbe für einen bestimmten Charaktertyp und die
dazu gehörenden äußeren Merkmale.

Die Grundlagen dazu hat der Psychologe William Marston 1930


gelegt, als er das „Performax System entwickelt hat. Dabei ging
er davon aus, das menschliche Verhalten könne entsprechend
der Reaktion einer Person in eine positive (=günstige) oder
negative (=feindliche) Umgebung eingeordnet werden. Dabei
benutzte er vier verschiedene Verhaltensstile und übertrug sie in
ein zweiachsiges Vierquadranten-Modell mit den
Schwerpunkten:

Dominant – Initiativ – Stetig – Gewissenhaft


Daraus folgend entwickelte Marston Wortgruppen, die die vier
Verhaltensweisen beschrieben und der Farben zugeordnet
wurden. Um dieses Thema näher zu beleuchten, lohnt sich die
Investitionen in Bücher zu diesem Thema.

Die historische Gegebenheit hinter dem


10. Strategem:

In den frühen Jahren der Zeit der Streitenden Reiche war der
Staat Cin noch nicht ein starkes Land. Um den Einfluß und die
Macht seines Landes zu stärken, rekrutierte sein König Cin Siao
Gong Berater mit genug Talent, ihm beim Regieren seines
Landes zu helfen. Shang Yang war einer jener Berater, die in
das Land Cin kamen, um Cin Siao Gong bei seinen Reformen zu
beraten. Für seine erworbenen Verdienste verlieh Cin Siao
Gong seinem Berater Shang Yang Land und Titel.

Um 340 v. Chr. ernannte Cin Siao Gong Shang Yang zum


General und übertrug ihm Armeen, um das Land Wei
anzugreifen. Der König von Wei entsandte Prinz Wei Mao, der
die Verteidigung leiten sollte. Shang Yang war sehr froh, als er
das hörte. Unverzüglich schrieb er einen Brief an Wei Mao.
Shang Yang schrieb: "Die Zeit, die wir in Wei zusammen
verbracht haben, hat mir sehr kostbare Erinnerungen an dich
geschenkt. Und obwohl wir verschiedenen Königen dienen,
schätze ich unsere Freundschaft sehr und stehe dir nicht
feindlich gegenüber. Warum treffen wir uns also nicht, um
miteinander zu reden und eine für uns beide akzeptable Lösung
zu finden, wie wir diesen Konflikt ohne Anwendung von Gewalt
in einem Friedensvertrag münden lassen können?" Als der Prinz
Wie Mao dies las, war er naiv genug, den Worten seines
„Freundes“ zu glauben und nahm die Einladung zu einer
Unterredung an. Sie trafen sich und hatten ein sehr angenehmes
Gespräch. Doch als das Gespräch beendet war, und sich Mao
Wei auf den Heimweg machte, geriet er in einen Hinterhalt und
wurde gefangen genommen. Shang Yang nutzte diese

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Gelegenheit, um einen Angriff gegen Wei zu starten und


erreichte einen großen Sieg, in dessen Folge der König von Wei
die Gebiete westlich des Gelben Flusses an Cin abtreten
musste.

Notizen / Bemerkungen

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11. Strategem

Opfere den Pflaumenbaum statt des Pfirsichbaums

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Gelegentlich ist es erforderlich, ein Teilopfer zu bringen, um den


Gesamtsieg davon zu tragen

Strategemziel: Konzessionen machen, um das Gesamtziel zu erreichen.


Opfer bringen und für einander einstehen, um den Sieg davon zu tragen.

Taktik: Die List besteht darin, dass man das Kräfteverhältnis verschiedener
Gruppen zueinander so verschiebt, dass die Niederlage einer Gruppe
und dem anschließenden Zusammenführen der verbleibenden Gruppen
zu einer insgesamt stärkeren Streitmacht führt, die trotz großer Verluste
den Gesamtsieg davonträgt.

Wir kennen viele Spiele, die Opfer erforderlich machen, um über


den Weg eines strategischen Verlusts den Sieg zu erzielen.
Beispielsweise beim Schach, wo ein Bauer geopfert wird
(„Bauernopfer“), um den Turm zu retten. Auch beim Skat kennt
man das „Schnippeln“, indem man eine minderwertige Karte
einer Farbe vorlegt und den mittleren Spieler veranlasst,
entweder mit der „10“ zu übernehmen, die dann jedoch vom

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dritten Spieler mit einem AS oder einem Trumpf geschlagen


wird, oder der dritte Spieler eine überflüssige Karte abwirft, um in
der nächsten Runde diesmal das mögliche „AS“ vom mittleren
Spieler mit einem Trumpf zu stechen. Es gilt daher, kurzfristige
Ziele preiszugeben (den Bauern oder Karten zu opfern), um das
langfristige Ziel zu sichern (Schachmatt oder die „10“ oder das
„AS“).

Dieses Strategem spricht die stets gegensätzlichen Kräfte des


YIN und YANG an, die stets gleich stark vorhanden sein sollten.
Sind Verluste unvermeidlich, so reduziert man das YIN, indem
man etwas von geringem Wert opfert, um das YANG zu stärken
und damit etwas Wichtigeres zu retten.

Die historische Gegebenheit hinter dem


11. Strategem:

Während der Frühlings- und Herbst-Periode gab es im Land Jin


einen Mann namens Tu An Jia, der ein beliebter Lakai des
Königs Jin Ling Gong war. Dieser König war jedoch ein Tyrann
und wurde von einem Vetter des damaligen Premierministers
Jhao Dun getötet.

Durch Tu An Jia’s Einfluss auf das Tribunal, das den Mord an


den König Jin Ling Gong aufklären sollte, wurde auch der
Premierminister Jhao Dun beschuldigt, an der Ermordung des
Königs beteiligt gewesen zu sein. Tu An Jia behauptete, dass
Jhao Dun ein Mitverschwörer bei der Ermordung Jin Ling Gong
war und schlug vor, die gesamte Familie Jaho wegen des
Verbrechens der Ermordung des Königs hinzurichten. Jin Lin
Gongs Sohn mit dem Namen Jin Jing Gong war damals noch
sehr jung und unerfahren und glaubte die Geschichte von Tu Jia.
So gab er Tu An Jia die volle Autorität, den Jaho-Clan komplett
zu exekutieren.

Die Truppen machten sich ran, das Massaker durchzuführen und


töteten alle Familienmitglieder des Jaho-Clans. Doch wie durch
ein Wunder überlebte die schwangere Frau des Sohns von Jhao
Dun, die den Namen Jhao Shuo trug und flüchten konnte. Später
gebar die Frau einen Jungen, der letzte männliche Nachfahre
des Jhao-Clans. Durch einen Spion erfuhr Tu An Jia davon und
setzte alles daran, den Jungen töten zu lassen. Das Baby war
also in größter Gefahr und musste gerettet werden. Einer der
Begleiter von Jhao Shuo mit dem Namen Chen Ying hatte eine
Idee, wie der Sohn von Jhao Dun’s Sohn gerettet werden
könnte: Anstatt des gefährdeten Sohnes gab er seinen eigenen
Sohn her, um ihn gegen das letzte Jhao-Baby auszutauschen,
wissend, dass sein eigener Sohn dann von den Schergen Tu An
Jias getötet würde. So kam es auch und das Waise Jhao war
gerettet. Es wurde von Chen Ying in die abgelegenen Berge
gebracht und dort fünfzehn Jahre lang aufgezogen.

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Dies war die historische Geschichte des Letzten der Orphan-


Jhao, durch die mit der „Opferung der Pflaume der Pfirsich-
Baum gerettet wurde“. Sie bedeutet heute im übertragenen
Sinne, etwas von geringerem Wert zu opfern, um am Ende
etwas Wertvolles zu erhalten bzw. zu bekommen.

Notizen / Bemerkungen

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12. Strategem

Das Schaf/Die Ziege immer mitnehmen, wenn sich


die kleinste Gelegenheit bietet

Kategorie: Gegenangriff

Sinnhaftigkeit: Es ist jede Chance zu nutzen, die sich einem bietet, denn meist kommt
sie nicht so schnell wieder.

Strategemziel: „Viele Sandkörner auf einem Haufen ergeben auch eine Pagode.“
(Chinesisches Sprichwort)„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers
nicht wert!“ (Deutsches Sprichwort)

Wo immer sich kleine Gelegenheiten bieten, müssen sie zum eigenen


Vorteil genutzt werden.

Taktik: Auf die Fehler des Gegners achten und aus Gelegenheiten, einen
eigenen Vorteil ziehen. Die Summe kleiner Vorteile machen am Ende
einen großen Vorteil.

Ein kleiner Junge hatte im Haushalt die Aufgabe, morgens die


Teller für die Katzen zu füllen und dabei die heruntergefallenen
Stücke des Trockenfutters wieder auf den Teller zu legen. Eines
Tages sprach er zu seinen Eltern und sagte: „Ich möchte gerne
für die Katzen eine Schüssel mit einem hohen Rand haben,
damit keine Stücke des Trockenfutters mehr daneben liegen, die

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ich dann aufsammeln muss!“ Die Eltern waren erstaunt über den
Vorschlag, denn die Teller waren hübsch und unbeschädigt,so
dass sie keinen Grund sahen, die Faulheit des Sohnes zu
unterstützen. Darauf entgegnete er: „Ich soll jeden Tag die
Katzennäpfe auffüllen. Für die heruntergefallenen Stücke des
Trockenfutters brauche ich täglich etwa zwei Minuten – nicht viel
Zeit also. Doch innerhalb eines Jahres brauche ich dafür 365
mal zwei Minuten, also insgesamt 12 Stunden. Diese Zeit
möchte ich lieber nutzen, um für die Schule zu lernen, statt
meine kostbare Zeit mit dem unsinnigen Auflesen von
heruntergefallenem Trockenfutter zu verplempern.“ Noch am
selben Tag hatten die Katzen neue Fressnäpfe!

Es müssen also nicht immer raffgierige Chancen sein, die man


zu Ungunsten eines Dritten nutzt, um eigene Vorteile zu
erlangen. Insgesamt soll man bedenken, dass der Tag voller
Möglichkeiten ist, die verfügbare Zeit mit wertvolleren Dingen zu
füllen.
Oder tatsächlich auf die Suche nach Möglichkeiten gehen, für
das vorhandene Geld möglichst viel Güter oder Dienstleistungen
zu erhalten. Anderenfalls ist es auch sinnvoll, ein bestimmtes
Ziel mit möglichst geringen Mitteln zu erreichen.

In der Wirtschaft spricht man hier vom „ökonomischen Prinzip“


und ist Gegenstand aller wirtschaftlichen Maßnahmen.
Insbesondere, da die Lebenszeit begrenzt ist. Jeder Tag hat für
jeden Menschen nur 86.400 Sekunden und ein Ende ist absolut
sicher. Doch was er mit diesen 86.400 Sekunden täglich macht,
ist ihm meist selbst überlassen und viele Menschen verplempern
dieses kostbare Gut mit sinnlosen Dingen wie Fernseh gucken
oder vor dem PC oder der Spielekonsole „abhängen“. Innerhalb
dieser 86.400 Sekunden gibt es viele Gelegenheiten, mehr
daraus zu machen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


12. Strategem:

Etwa 354 v. Chr. plante König von Wei mit dem Namen Wei Huei
einen Angriff auf den nördlichen Nachbarstaat Jhao. Zu diesen
Zweck ernannte er Pang-Juan zu seinem General. Zwei Jahre
später kämpfte sich die Armee von Pang-Juan durch das Land in
Richtung Handan, der Hauptstadt von Jhao. Die Truppen
richteten ihre Zelte außerhalb der Stadtmauern auf, um diese zu
belagern. Die Bürger von Jhao waren verzweifelt und sie sahen
wenig Chancen, dem drohenden Niedergang zu entkommen und
baten daher den Nachbarstaat Chu, der über eine mächtige
Armee verfügte, um Hilfe. Nachdem der Premierminister von
Chu die Bitte vernommen hatte, wollte er dem Land Jhao zu
Hilfe kommen, doch ein Berater namens Jing Sie hatte andere
Pläne, die er dem König von Chu mitteilte. Jing Sie schlug vor,
Truppen unter dem Vorwand der Rettung von Jhao in Marsch zu

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setzen, um mit vereinten Kräften Wei zu besiegen. Geschwächt


von der langen Belagerung und dem Kampf gegen Wei sollte
anschließend das geschwächte Jhao eingenommen werden.Jing
Sie wurde für die Entsendung der Truppen zur Rettung von Jhao
eingesetzt und kämpfte mit ihnen gegen Wei. Während der
Kämpfe wurde bekannt, dass die Hauptstadt von Wei von
Armeen des Staates Ci angegriffen wurden und der General von
Wei, Pang-Juan, begann eilig, sich zurück zu ziehen. Dabei
gerieten sie aber in einen Hinterhalt und wurden durch die
feindlichen Pfeile stark geschwächt. Der Kampf um die
Hauptstadt forderte neue Opfer, doch am Ende konnten die
Truppen die Hauptstadt verteidigen.

Während dieser Zeit waren beide Länder, also Wei und Jhao
stark geschwächt und kein gefährlicher Gegner für jeden Feind.
Diese „Gunst der Stunde“ nutzte Chu, sowohl gegen Wei, als
auch gegen Jhao zu kämpfen und siegten mit leichter Hand. Das
Schaf, das jetzt mit leichter Hand weggeführt werden konnte,
waren die Länder Wei und Jhao.

Notizen / Bemerkungen

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13. Strategem

Auf das Gras schlagen,


um die Schlange aufzuscheuchen

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Wer (sprichwörtlich) auf das Gras schlägt und dabei die Schlange
aufscheucht, hat einen Überblick darüber, ob und ggf. wo sie sich gerade
befindet und kann die Vertreibung der Gefahr planen.

Strategemziel: Den Gegner warnen / abschrecken / einschüchtern


Den Gegner durch Erregung und Provokation „aus der Deckung locken“
Einen „Versuchsballon“ starten

Taktik: Auf das Gras zu schlagen ist eine Methode, dem möglichen Gegner /
Feind zuvor zu kommen, um ihn zu einer Reaktion zu zwingen / zu
bewegen, bevor er seine eigenen möglichen Angriffsgelüste in die Tat
umsetzen kann. Der Gegner wird vor dem wirklichen Angriff provoziert,
um seine Reaktion zu studieren und um Rückschlüsse auf seine Stärke
zu ziehen.

In einem Internat war es unter pubertierenden Schülern üblich,


sich ohne ersichtlichen Grund anzupöbeln, eine ohne Zweifel
unangenehme Art, die heutzutage als „Mobbing“ geahndet wird.
Damals war es also so, dass man sich „spaßeshalber“ und
sowohl grund- als auch folgenlos verbal attakierte, denn meist
folgte aus der wüsten Beschimpfung keine handfeste

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Auseinandersetzung. Während dieser Zeit gab es in der Klasse


ein Liebespaar, das bereits mehrere Monate höchst verliebt
„turtelte“ und kaum voneinander ließ. Eines Tages stand der
Freund in der ersten Etage im Fenster und sah auf den Innenhof
hinunter, wo gerade ein Klassenkamerad entlang ging. „Hey
Lucky, willst Du was auf die Fresse, dann komme einfach zu mir
hier nach oben“, waren die damals üblichen Worte, weil man vor
lauter Langeweile offenbar keinen anderen Zeitvertreib kannte.
Kurze Zeit später erschien die „verliebte“ Freundin vor dem
Freund und beichtete ihm, dass sie gerade etwas mit „Lucky“
hatte und sie sich nicht vorstellen konnten, woher der Freund
das wissen konnte. Aber jetzt, da er es ja wüsste, sei der
Seitensprung ja bekannt und die Freundschaft beendet.

Ja, so kann es kommen, wenn man die Schlange aufscheucht


und sich jemand ertappt fühlt und zur „Beichte“ geht. Sie kann
unangenehme Folgen haben.

Die historische Gegebenheit hinter dem 13.


Strategem:
Während der Cing Dynastie gab es einen Bezirksrichter mit dem
Namen Wang Shou Yu, der einen Stellvertreter namens Jhao Bo
Ren hatte. Der Stellvertreter war in der Vergangenheit einige
Male mit dem Richter aneinander geraten und sann auf
Vergeltung. Eines Tages bestach Jhao Bo Ren einen
Wachmann und bat ihn darum, das Richter-Siegel zu stehlen.
Kurze Zeit später fand Wang Shou Yu heraus, dass das Siegel
gestohlen war und hatte seinen Stellvertreter in Verdacht, dem
er jedoch nichts nachweisen konnte. Ohne das Siegel konnte
Wang Shou Yu allerdings nicht richten. Der Assistent konnte mit
dem Siegel nichts anfangen, denn er wollte nur die Reaktion des
Richters prüfen und ihm das Siegel bei günstiger Gelegenheit
wieder zurück geben. Jhao Bo Ren hatte einen Plan, indem er
ein Feuer legte und jedermann verpflichtete, beim Löschen zu
helfen. Während der Feuersbrunst lief Wang Shou Yu in das
Gebäude, um das Siegel zu „retten“ und händigte seinem
Stellvertreter die Kiste mit dem Siegel vor aller Augen aus und
befahl ihm, diese zu schützen und ihm am nächsten Tag
vorzulegen. Da das Siegel zwar gestohlen, die Kiste jedoch sehr
schwer war, dachte der Jhao Bo Ren, dass sich ein Stein darin
befinden müsse und traute sich nicht, die Kiste nicht vor den
Augen der Leute zu öffnen.

Am nächsten Tag rief Shou Wang Yu jeden in das


Gerichtsgebäude, der an der Brandbekämpfung teilgenommen
hatte, um sich bei ihnen zu bedanken. Auch Jhao Bo Ren war
anwesend, die Kiste mit dem Siegel in der Hand. Er übergab die
Kiste an den Richter Wang Shou Yu, der diese sofort öffnete und
nach dem Siegel sah. Der Stein, der die Kiste zuvor schwer
gemacht hatte, war wieder durch das gestohlene Siegel ersetzt
worden.

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14. Strategem

Einen Leichnam für die Rückkehr der Seele borgen

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Einen toten Hund tritt man nicht. Spanne einen unscheinbaren oder
unverdächtigen Menschen für deine Zwecke ein. Gieße alten Wein in
neue Schläuche.

Strategemziel: Sich hinter einer Person oder Sache verbergen, die keinen Argwohn
auslöst und seine eigenen Zwecke verfolgen, bis die Person oder Sache
überflüssig geworden ist und abgelöst werden kann

Taktik: Kontrolliere einen Menschen, dem es an der Fähigkeit, Intelligenz oder


Wissen mangelt, sich deiner Manipulation zu widersetzen. Nutze ein
Mittel, das für Dritte an sich als nutzlos gilt und von ihnen nicht begehrt
wird, um über diesen harmlos erscheinenden Weg eigene Zwecke zu
verfolgen.

Es gibt unzählige Fernsehsendungen, die in einer


ungewöhnlichen Atmosphäre wie dem Dschungel, einer
einsamen Insel oder einem Kochstudio stattfinden und in der so
genannte „D“-Prominente meist um Geld mitspielen und sich
einen Teil des Ruhmes abschneiden möchten, den sie längst
verloren haben. Die Fernsehanstalten nutzen diese an sich nicht

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© Thomas Koch 36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne 57

mehr im Rampenlicht stehenden Promis dazu, eigene


Einschaltquoten zu erzielen. „D“-Prominente sind preiswert zu
bekommen und sich oft nicht zu schade, sich peinlichen,
ekelhaften oder genierlichen Prüfungen, Rätseln oder Aufgaben
hinzugeben. Auch über Casting-Shows machen sich
Möchtegern-Talente „zum Affen“, um den Fernsehsendern
Quoten und somit hohe Werbeeinnahmen zu gewähren.
Auch in der Getränkeindustrie werden bereits abgeschriebene
Marken nach vielen Jahren „re-animiert“, nachdem das
Schlechte daran vergessen und das Gute daran verstärkt
beworben wurde.

Die historische Gegebenheit hinter dem


14. Strategem:
Etwa 234 n. Chr. gab es in der Provinz Shu den General Jhu Ge
Liang, der nach langer Krankheit im Sterben begriffen war. Er
wusste, dass die Armee des Staates Wei die Gelegenheit nutzen
würde, Shu anzugreifen und plante eine List, um dies zu
verhindern. Er beauftragte also den Ches des Stabes, Yang Yi,
die Nachricht von seinem Tod gegenüber seinen Soldaten so
lange zurück zu halten, bis sie sich sicher auf ihr Gebiet
zurückgezogen hatte. Selbst für den Fall von Angriffen auf die im
Rückzug begriffenen Armee gab er zur Verteidigung
Instruktionen.

Shi Ma Yi, der General des Staates Wei war ein Experte in
Astrologie und glaubte zu wissen, dass sein Erzrivale auf der
anderen Seite verstorben war, doch wusste er es naturgemäß
natürlich nicht. Um also sicher zu gehen, dass Jhu Ge Liang
wirklich verstorben und sein Tod nicht nur vorgetäuscht war, um
die Armeen von Wei anzugreifen, schickte er Späher ins Land,
um die Bewegungen der gegnerischen Armeen auszuspionieren.
Zu ihrem Erstaunen stellten sie fest, dass sich die Armeen von
Shu komplett zurückgezogen hatten. Somit war Shi Ma Yi
überzeugt, dass Jhu Ge Liang wirklich tot war und setzte seine
Truppen zu einem Feldzug gegen die Provinz Shu in Marsch.
Die Armeen von Shu wusste nicht, dass ihr General verstorben
war und somit war der vermeintliche Rückzug ihrer Armee eine
taktische Variante, für die ihr General bekannt war. Sie brachten
sich gegen die Armee von Wei in Stellung und warteten auf die
feindlichen Soldaten. Die Soldaten von Wei ritten siegesgewiß
gegen Shu, als sich plötzlich gegnerischen Kanonendonner
hörten, der sich gegen ihre eigenen Kameraden sichtete und
rieben sich sprichwörtlich die Augen, als sie mehrere Generäle
hinter einem Wagen herreiten sahen, auf dem sich der General
Jhu Ge Liang befand. Shi Ma Yi rief laut: „Wir wurden betrogen!“
und befahl den sofortigen Rückzug seiner Armeen, die von den
Soldaten Wei’s nunmehr verfolgt und geschlagen wurden, nicht
wissend, dass sich auf dem Wagen nur eine Holzpuppe auf dem
Wagen befand, die nur in der Rüstung des tatsächlich
verstorbenen Generals gesteckt wurde und den Eindruck

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erweckte, es handele sich wirklich um den lebenden General.


Die List bestand darin, sich noch zu Lebzeiten des sterbenden
Generals den „Leichnam“ in Form einer ausgestopften Rüstung
zu „borgen“ und ihn gegen die gegnerischen Truppen mit dem
Ziel einzusetzen, diese damit zu täuschen und die Verwirrung
zu nutzen, um sie vernichtend zu schlagen.

Notizen / Bemerkungen

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15. Strategem

Den Tiger aus den Bergen locken

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Den Gegner aus seinem gewohnten Umfeld in eigenes Terrain locken
oder ihn von ihm wichtigen Helfern trennen.

Strategemziel: Den Gegner zum Kampf in eigenes Terrain locken und ihm damit
überlegen sein.

Taktik: Einen Helfer als „Köder“ einsetzen und den Gegner in Schwierigkeiten
bringen. Anschließend auf den Gegner zugehen, ihm „Hilfe“ anbieten und
ihn dazu zu verleiten, auf das eigene Gebiet / Terrain zu wechseln.

Wir wissen es vom Fußball und es gilt für jede andere Sportart:
Die Heimmannschaft ist deutlich im Vorteil. Gerade beim Fußball
sagt man, die Heimmannschaft spiele mit dem „12. Mann“. Und
so wird jeder Angriff des „Tigers“ auf seinem angestammten
Terrain zu einem unwägbaren Abenteuer, das durchaus im
Chaos enden kann.
Selbst Großmächte wie die Vereinigten Staaten von Amerika in
Vietnam oder die Sowjetunion in Afghanistan zeigen Schwächen
auf fremden Hoheitsgebiet, weil ihnen dort die notwendige
Übersicht fehlt, um ihre Waffen schlagkräftig einzusetzen. Dies
waren Gründe, warum sie seinerzeit diese Kriege verloren

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© Thomas Koch 36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne 60

haben. Doch den Gegner aus seiner Höhle zu locken kann sich
als sehr schwer erweisen. Man muss herausfinden, wie der
Gegner „tickt“ und ihm einen Köder vorlegen, auf den er
anspringt. Heutige Schlagworte sind „Al Kaida“ oder „Osama Bin
Laden“, bei denen Großmächte stets nervös werden und schnell
handeln. Wer durch Vorspiegelung falscher Tatsachen versucht,
Unruhe zu stiften hat es leicht, das Urteilsvermögen zu trüben.
Viele Beamte reagieren reflexartig, ohne auf die
Hintergrundinformationen zu warten und bieten somit die
Gelegenheit der Unruhe, die man vermeintlich zu seinem
eigenen Vorteil nutzen kann – wenn man überhaupt die
Gelegenheit dazu bekommt. Umgekehrt reagiert das Regime im
Iran in gleicher Weise, wenn es sich um die USA handelt, der zu
schaden die Regierung trachtet.

Die historische Gegebenheit hinter dem


15. Strategem:
Als Liou Bank die Han-Dynastie gründete, übernahm er ein
feudalistisches System, das seine Generäle mit Land und Titel
im Verhältnis zu den Verdiensten in der Schlacht belohnte.
Dieses System diente dazu, die Generäle zu befrieden und
damit von einem Krieg gegen den Herrscher abzuhalten. Im
Ergebnis herrschten die Generäle über große Ländereien und
ebenso große Armeen, die unter ihnen dienten. Als sich die
politische Lage stabilisiert hatte, begann Liou Bang sich Sorgen
um seine Zukunft zu machen, zu stark waren die Generäle
geworden und er fürchtete sich vor einer Revolte und zu sehr
war er ihnen ausgeliefert. Besonders Han Sin hatte sich die
meisten Verdienste in Schlachten erworben und war somit zu
einem der mächtigsten Bedrohungen für Liou Bang geworden.
Ein Berater Liou Bangs mit dem Namen Chen Ping erarbeitete
einen Plan um Han Sin zum Verlassen seiner Festung zu
bewegen, in der er von seinen Armeen geschützt war und in der
er ohne eine verlustreiche Schlacht nicht gefasst werden konnte.
Unter dem Vorwand einer Jagd wurde Han Sin zu Liou Bang
eingeladen. Dort wurde ihm jedoch eröffnet, dass Spione
gemeldet hätten, Han Sin würde einen Aufstand gegen Liou
Bang planen und ließ ihn verhaften. Vor die Wahl gestellt, wegen
Hochverrats gehenkt zu werden oder sich im Range eines
Marquis mit deutlich weniger Land und Truppen zufrieden zu
geben, wählte Han Sin das „kleinere Übel“ und ließ die
Konfiszierung von Land und Truppen gegen sich gefallen.

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16. Strategem

Fange den Fisch, indem Du ihn vom Haken lässt

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Um Blutvergießen zu vermeiden muss man den Gegner gewähren


lassen, um seine Kraft zu schmälern. Wütende oder in die Ecke
gedrängte Gegner mobilisieren alle Kräfte um zu flüchten oder zu
kämpfen.

Strategemziel: Den Gegner so oft entkommen lassen, bis er so schwach geworden ist,
um ihn ohne Blutvergießen schlagen zu können.
Deeskalations-Strategem: Den Gegner in gegebenen Grenzen
„austoben“ lassen, bis seine Kraft erschöpft und sein Widerstand
gebrochen ist und ihn erst dann angreifen.

Taktik: Abwarten. Dann abwarten. Und am Ende nochmals abwarten, bis der
Gegner mit keinem Angriff mehr rechnet und dann mit geringen Mitteln
geschlagen werden kann. Spürt ein Gegner einengende Gegenwehr und
hat keine Chance zur Flucht, wird er instinktiv den Kampf aufnehmen und
seine gesamten Kräfte mobilisieren, um der drohenden Niederlage zu
entrinnen. Läßt man ihn in Maßen gewähren, wird er seine Kraft zur
Konfliktlösung einsetzen und somit geringere Mittel der Gegenwehr
einsetzen. Somit ist er leichter zu schlagen.

Bei gewalttätigen Demonstrationen ist es oft feststellbar, dass


die Polizei den Mob sich erst austoben lässt, bevor sie

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einschreitet. „Deeskalation“ nennt sie die Strategie,


Sachschäden in Kauf zu nehmen, um eine gefährlich
aufschäumende Stimmung zu dämpfen, die Hauptgruppe in
kleinere, leichter zu übersehende Gruppen zu teilen, um dann
die Staatsmacht punktuell einsetzen zu können.

Auch die „Montagsdemonstrationen“ der früheren DDR hielten


einen gefährlichen Funken latenter Gewalt in sich, der leicht
hätte entzündet werden können, hätte sich die DDR-Staatsmacht
nicht zurückgehalten. Am 17. Juni 1953 sah es anders aus.
Sowjetische Streitkräfte schossen auf deutsche Demonstranten
und am Ende waren mindestens 55 Todesopfer zu beklagen,
weil die deutsche Bevölkerung massiv gegen eine Erhöhung der
Arbeitsnormen protestiert hatte und die Situation eskalierte. Erst
durch den massiven Einsatz von 20.000 Sowjetsoldaten und
6.000 Polizisten konnte der Widerstand der Protestanden
gebrochen werden.

Das 16. Strategem rät, die Kräfteverhältnisse umzukehren und


rät zur Zurückhaltung, statt den Gegner unverzüglich vernichten
zu wollen und dessen massive Reaktion zu provozieren und
eigene Kräfte zu verschleißen. Bei diesem Strategem spielt
„psychologische Kriegsführung“ eine große Rolle: Der Stärkere
lässt den Gegner zunächst los, um ihn dann noch besser packen
zu können, anstatt ihn in die Ecke zu drängen und eine
verzweifelte Gegenwehr zu provozieren und eigene Kräfte zu
verschleißen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


16. Strategem:
In den frühen Jahren der Han-Dynastie ermordete im Staat
Syong Nu der Prinz Mao Dun seinen Vater und setzte sich selbst
als König auf den Thron. Die Regierung des Nachbarlandes
Dong Hu wollte wissen, welcher Gesinnung der neue König sei
und schickte einen Abgesandten nach Syong Nu, um das Pferd
des getöteten Königs zu fordern. Die offiziellen Vertreter von
Syong Nu missbilligten diese Forderung, doch König Mao Sun
lächelte nur und sagte: „Dong Hu ist unser Nachbarland. Wie
können wir deren wichtige Freundschaft nur wegen eines
Pferdes verlieren?“ So gab er das Pferd dem Land Dong Hu.
Einige Zeit später sandte Dong Hu erneut einen offiziellen
Vertreter, der die Königin von Syong Nu forderte. Deren Offizielle
protestierten erneut. Aber Mao Dun lächelte erneut und sagte:
„Ich möchte die Freundschaft des Nachbarlandes nicht verlieren
– nur wegen einer Frau.“ Also gab er die Königin nach Don Hu.

Drei Monate später stellte Dong Hu erneut eine Forderung: Ein


Stück Land wollte man von Syong Nu haben. Doch diesmal war
Mao Dun sehr verärgert. Er schnellte von seinem Thron auf und
sagte wütend: „Land ist die Grundlage eines jeden Staates. Wie

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können wir es weggeben?“ So befahl er die Arrestierung des


Abgesandten und ordnete einen Angriff auf Dong Hu an, so
schnell es eben möglich sei. So kam es, dass Mao Dun das
Nachbarland Dong Hu ohne die geringste Vorwarnung angriff
und das unvorbereitete und verblüffte Land Dong Hu in kürzester
Zeit besetzte.

Diese Geschichte zeigt, dass man Grenzen nicht überschreiten


darf, die den Gegner so stark in die Enge treiben, dass er
unkontrolliert reagiert. Zunächst sollte er seine Kräfte aufzehren.
Man greift ihn erst an, wenn die Moral und seine Kräfte ganz
unten sind und erreicht einen Sieg mit geringem eigenen
Aufwand

Notizen / Bemerkungen

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17. Strategem

Einen Ziegel werfen und einen Jadestein gewinnen

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Das Werbegeschenk-Strategem: Mit einem minderwertigem Gegenstand


oder einer minderwertigen Leistung einen höheren Profit, eine
höherwertige Sache oder höherwertige Dienstleistung zu erzielen bzw. zu
erhalten.

Strategemziel: Mit geringem Einsatz ein höheres Ziel erreichen

Taktik: Geschenke machen, den Gegner ködern, sich beliebt machen, internes
Wissen anbieten um ein persönlich und individuell unterschiedlich
höherwertiges Ziel zu erreichen.

Dass Geschenke die Freundschaft erhalten ist hinlänglich


bekannt. Das hängt damit zusammen, dass wir unser
Nomadentum als Jäger und Sammler noch nicht ganz abgelegt
haben und immer noch auf das „Schnäppchen“ reflektieren.
Dass große Kaufhäuser in der Werbung darauf hinweisen, dass
man mit besonders günstigen Preisen das besonders
hochwertige Gerät genau dort erwerben kann und ansonsten
doch „blöd“ ist, können wir täglich vernehmen.

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Doch in welcher Form der Köder ausgelegt wird, ob als


überzuckerte Praline oder als Trojanisches Pferd hängt mit dem
Ziel zusammen, das Sie verfolgen. Grundsätzlich geht es in
diesem Strategem darum, mit wenig Aufwand ein möglichst
hohes Ziel zu verfolgen. Aus der ökonomischen Lehre kennen
wir das „ökonomische Prinzip“, das bei gegebenen Mitteln
(„Ziegelstein“) ein möglichst großes Ziel (den in China
hochwertige „Jadestein“) zu erreichen oder umgekehrt ein
gegebenes Ziel mit möglichst geringen Mitteln zu erlangen
versuchen.
Aus der Versicherungs- und Finanzwirtschaft kennen wir die
„Bausteinvorsorge“ (www.bausteinvorsorge.biz) bei der
Interessierten eine umfangreiche Beratung und Analyse nebst
einem Vorsorgeordner und Ordnung in ihren Unterlagen
angeboten wird („Ziegelstein“). Gleichzeitig spart der Kunde aus
der Finanzoptimierung viele Tausend Euro und der
Versicherungs- bzw. Finanzmakler erzielt ein Einkommen aus
seiner Beratung („Jadestein“).

Hier herrscht eine sog. „Win-Win“-Situation vor. Beide Partner


gewinnen, indem der „Ziegelstein“-Werfende mit dem
Bausteinvorsorgeordner und der damit verbundenen
Optimierung der finanziellen Angelegenheiten eine Vorleistung
(„Ziegelstein“) bringt und bei erfolgreicher Finanzoptimierun ein
Einkommen erzielt („Jadestein“). Der Begünstigte Kunde erhält
im Rahmen der Beratung und Optimierung seiner Finanzen
nicht nur einen individuellen Finanzordner, sondern spart i der
Regel auch viel Geld durch eine Optimierung der Verträge oder
Ausschöpfung staatlicher bzw. Steuerlicher Mittel.

kostenlose Baustein-Vorsorgeordner
nach Finanzoptimierung mit der Bausteinvorsorge
www.bausteinvorsorge.biz

Einen simplen Ziegelstein gegen einen Jadestein einzutauschen


ist mit Sicherheit eine gelungene Transaktion, bei der es meist
jedoch nur einen Gewinner gibt. Zudem muss man seinen
Gegner erst einmal dazu bringen, in ein solches Geschäft
einzusteigen. Daher legen sie einen Köder aus, der für den
Gegner zunächst vorteilhaft und verlockend erscheint und als

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leichte Beute zu erhalten ist. Als Gegenleistung erhalten wir ein


viel wertvolleres Gut, wobei die Frage gestattet ist, ob es auch
für den Gegner wertvoll ist.

So haben sich beispielsweise Tauschbörsen von


Haushaltsartikel etabliert, deren Ziel es ist, aus einem einfachen
Gegenstand wie beispielsweise einem Kugelschreiber oder
einem Bild einen höchstmöglichen Gewinn zu erzielen, der
durchaus auch in Form eines hochwertigen Autos oder einer
Luxusreise bestehen könnte. Dieses Verfahren ist auch eine
gute Übung für alle, die sich darin üben möchten, Scheu vor
Verhandlungen abzulegen.

Eine weitere Möglichkeit, einen Ziegelstein gegen einen


Jadestein einzutauschen besteht darin, das ursprüngliche Gut
(„Ziegelstein“) so wertvoll zu verpacken, dass es wie ein teures
Geschenk aussieht, während der Beschenkte sich nicht „lumpen“
lassen möchte und ein Gegengeschenk („Jadestein“) macht, das
dem vermeintlichen Wert des ursprünglichen Gutes weit
übersteigt. Allerdings beruht diese Taktik darauf, dass der
Beschenkte die List nicht durchschaut und postwendend einen
Ziegelstein zurück schickt.

Weitere diesbezügliche Transaktionen sind Schlussverkäufe,


Preisaktionen, „Nullzins“ bei Ratenkäufe, Rabattaktionen etc.)
Aktuelles Beispiel für missglückte Preissenkungsaktionen liefert
die Firma Rossmann, der von der Verbraucherzentrale
Hamburg vorgeworfen wurde, Kunden mit vorgeschobenen
Preissenkungen anzulocken. Bei den Aktionen wurden Preise
durchgestrichen, die angeblich der vorherigen Preishöhe
entsprachen und mit aktuellen Preisen unterschrieben. Kunden
wurden jedoch hinters Licht geführt, weil die ursprünglichen
Preise die „Unverbindliche Preisempfehlung (UVP) des
Herstellers“ darstellte. Die Verbraucherzentrale Hamburg
kritisierte, dass mit diesen Lockvogelangeboten Kunden in die
Märkte geholt und getäuscht würden.

Meldung vom 2. Februar 2011:


http://www.welt.de/wirtschaft/article12422336/Verbraucherschuet
zer-werfen-Rossmann-Trickserei-vor.html

Nullzinsaktionen liefert die Firma Mediamarkt, um im hart


umkämpften Markt der technischen Artikel hohe Umsätze zu
erzielen. Dass agressive Werbung auch trotz „Ziegelstein“ auf
Dauer nicht funktionieren muss, zeigt der Rauswurf ihrer
bisherigen Multimedia-Agentur wegen sinkendem Umsatz:

http://www.shortnews.de/id/871310/Ich-bin-doch-nicht-bloed-
Media-Markt-feuert-Werbeagentur-wegen-sinkendem-Umsatz

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Die historische Gegebenheit hinter dem


17. Strategem:
Tang Tai Zong war ein glühender Verehrer von Kalligraphien
(Wikipedia: „…..die Kunst des „Schönschreibens“ von Hand, mit
Federkiel, Pinsel, Tinte oder anderen Schreibutensilien.“) und in
diesem Zusammenhang hatte es ihm eine ganz besonders
angetan, dessen Titel „Der Vorort von Lanting“ lautete. Diese
Kalligraphie befand sich im Besitz eines Mönchs mit dem Namen
Bian Cai und Tang Tai Zong hatte keine Hoffnung, dass der
Mönch ihm das Bild verkaufen würde. Daher ersann er eine List,
um sich in den Besitz des Bildes zu bringen.

Er verkleidete sich als armer Gelehrter, der Wandgemälde in


Tempel studierte und bat im Kloster um einige Tage Unterkunft
und um die Möglichkeit, die dort vorhandenen Bilder zu
studieren. Im Gepäck hatte er zwei Kalligraphien des sehr
bekannten Künstlers Er Wang, die jedoch wesentlich
geringwertiger waren als die Kalligraphie „Der Vorort von
Lanting“. Allerdings hatte er von dieser eine Kopie angefertigt,
um sie gegen das Original auszutauschen, wenn sich eine
Gelegenheit böte.

Während mehrerer Gespräche zwischen Tang Tai Zong und


dem Mönch Bian Cai kam das Gespräch auch auf den
genannten Künstler und Tang Tai Zong erwähnte, dass er zwei
Kalligraphien von diesem Künstler hätte und auch noch einige
andere Exponate einer schönen Sammlung – so z. B. auch „Der
Vorort von Lanting“. Der Mönch war sehr neugierig, diese Werke
zu sehen und sehr erstaunt, weil er das Original des Werkes
„Der Vorort von Lanting“ habe und es bereits seit sieben
Generationen von einem Meister zum nächsten weitergegeben
würde. Er bot an, die Werke miteinander zu vergleichen und er
versprach, das gewünschte Werk am nächsten Tag zum
Vergleich mitzubringen.

Nach einiger Zeit des Gesprächs stellte Bian Cai fest, dass die
beiden (minderwertigen) Werke des Er Wang tatsächlich
authentisch waren und sah Tang Tai Zong tatsächlich als
wissenden Gelehrten auf diesem Gebiet an. Dieser schenkte
dem Mönch Bian Cai eines der beiden Werke als Dankeschön
für die Unterkunft und Verpflegung. Während der Mönch den
Raum wegen einer Besorgung verließ, tauschte Tang Tai Zong
das Original gegen die sehr gut gemachte Kopie und verließ das
Kloster, während der Mönch das vermeintliche Original an
seinen angestammten Platz brachte und die Verwechslung nicht
sofort bemerkte.

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18. Strategem

Den Gegner unschädlich machen,


indem man ihren Anführer fängt

Kategorie: Angriffslist

Sinnhaftigkeit: Die Kraft oder Organisation zerfällt, wenn der Anführer unschädlich
gemacht wird.

Strategemziel: Den wichtigsten Teil einer zusammenhängenden Gruppe identifizieren


und gezielte Maßnahmen ergreifen, um dessen Kopf unschädlich zu
machen.

Taktik: Geschenke machen, den Gegner ködern, sich beliebt machen, internes
Wissen anbieten um ein persönlich und individuell unterschiedlich
höherwertiges Ziel zu erreichen.

Das wohl spektakulärste Beispiel dieses Strategems bietet der


russische Oligarch Michael Chodorkowski, der dem russischen
Präsidenten Putin Forderungen abringen wollte und von diesem
in einem sibirischen Arbeitslager kaltgestellt wurde.

Nachdem der sowjetische Ministerpräsident Michail


Gorbatschow nach seiner Machtübernahme 1985 eine

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Lockerung der Meinungsfreiheit und Presse durchgesetzt hatte,


wurden um 1990 auch erste private Unternehmensgründungen
erlaubt. Besonders bevorzugt waren die „roten Direktoren“, die
staatliche Betriebe aufgrund ihrer Stellung im Unternehmen in
die eigenen Hände privatisierten und zu Milliardären wurden.
Durch ihren Reichtum und der damit verbundenen Macht war es
ihnen möglich, auch politische Forderungen zu stellen, die den
späteren russischen Präsidenten Putin ein Dorn im Auge waren.
Da diese so genannten Oligarchen jedoch Schlüsselpositionen in
Öl-, Medien- und Schwerindustrien inne hatten, war es ihm nicht
möglich, alle gleichzeitig unschädlich zu machen. Daher wählte
er den stärksten, mächtigsten und einflussreichsten Oligarchen
aus, und ließ ihn unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung
festnehmen, den Prozess machen und für viele Jahre in ein
sibirisches Arbeitslager inhaftieren: den 1963 geborenen Michael
Chodorkowski. Andere wiederum wie Boris Beresowski oder
Wladimir Gussinski wurden durch Druck dazu bewegt, ihre
Imperien abzutreten und als freie Männer ins ausländische Exil
zu wandern.

Auch führende Mafiaköpfe sind ebenso stets Ziel italienischer


Staatsanwälte, um die sizilianische Mafia nicht zu mächtig
werden zu lassen oder gar auszuschalten, wie es die
Drogenbosse für mexikanische Staatsanwälte sind.
Seit Jahren wird nach Osama bin Laden gefahndet, um Al Kaida
als Gefahr für die Weltsicherheit auszuschalten.

Der irakische Diktator Hussein und seine korrupte Familie wurde


Ziel alliierter Truppen um die USA und Groß Britannien, die den
Irak unter dem Vorwand besetzten, die Iraker stünden
unmittelbar vor der Fertigstellung einer Atombombe.

Ohne ihren Kopf ist eine Organisation oder ein Staat nicht
überlebensfähig. Ähnlich wie die Wurzel einer Pflanze, die nach
deren Beseitigung eingeht, geht es auch den Strukturen in einer
korrupten Organisation oder einem korrupten Staat –sie sind
leicht zu übernehmen bzw. zu zerschlagen. Wichtig ist
allerdings, dass man nicht nur die Führungspersönlichkeit
beseitigt, sondern auch deren gesamte Führungsriege. Bereits
Machiavelli schrieb in seinem Buch „Der Fürst“ davon, einen
Staat zu beherrschen, indem es „hinreichend ist, die Familie
ihrer vorherigen Beherrscher auszurotten“, was bekanntlich auch
mit der russischen Zarenfamilie während der russischen
Revolution passiert ist. In vorherigen Jahrhunderten ist man nicht
sehr zimperlich mit den Adligen umgegangen, wenn man ihr
Land überfallen hat. Nach heutigen Maßstäben wird der „Kopf“
eher in politischer und wirtschaftlicher Kaltstellung rollen, als
tatsächlich.

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Die historische Gegebenheit hinter dem


18. Strategem:
Während der Tang-Dynastie fand die so genannte „An Shih
Rebellion“ statt. Jhang Syun war während der Schlachten
siegreicher General über die Rebellen. Doch obwohl sie
erhebliche Verluste erlitten und dezimiert waren, weigerten sie
sich, aufzugeben und den Widerstand abzubrechen. Jhang Syun
war als brillianter Stratege bekannt und erkannte schnell, dass
eine Niederwerfung des Aufstandes nur dadurch möglich war,
indem er den Rebellenführer namens Yin Ji Zih tötete.

Allerdings war es dem General nicht bekannt, wer jetzt der


Rebellenführer war. So entschloss er sich zu einer List: Er ließ
aus getrockneten Weizenhalmen spitze Pfeile fertigen und sie
auf die Rebellenarmee abfeuern. Diese erkannte die
Unwirksamkeit dieser als Waffe und sammelten sie lachend auf,
um sie ihrem Führer zu zeigen. So liefen die Bogenschützen mit
den Weizenhalm-Pfeilen in das Lager zurück, um deren Führer
Yin Ji Zih Bericht zu erstatten.

General Jhang Syun ließ diese „Truppenbewegungen“


unbemerkt beobachten und seine eigenen Bogenschützen in
Stellung bringen, um auf diejenige Person Pfeile zu schießen,
der die Weizenhalmpfeile gezeigt würden. So traf ein „richtiger“
Pfeil den gegnerischen General im linken Auge und verwundete
ihn so sehr, dass die Rebellen führerlos auseinanderliefen und
von der Armee des Generals Jhang Syun besiegt werden
konnten.

Notizen / Bemerkungen

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19. Strategem

Das Feuerholz unter dem Kessel stehlen

Kategorie: Listen für Scheinangriffe und wirre Situationen

Sinnhaftigkeit: Um das Unkraut zu beseitigen muss man es mit der Wurzel entfernen

Strategemziel: Die Grundlage des Gegners zerstören und sich seiner Stärke nicht
widersetzen. Dieses Strategem ist anzuwenden, wenn der Gegner im
Vorteil ist und man seine Ressourcen erschöpfen und seine Moral
schwächen will.

Taktik: Wenn der Gegner mächtig und stark ist, sollte man sich nicht mit ihm
anlegen, sondern seinen wunden Punkt zu suchen und diesen
systematisch zu bearbeiten

Um Forderungen von Arbeitnehmervertretungen gegen starke


Arbeitgeber durchzusetzen, treten nicht alle Mitarbeiter in den
Streik, sondern nur einige Schlüsselbereiche, wie beispielsweise
Kraftfahrer, die Nachschub in die Werke bringen müssen. Auch
Zulieferbetriebe der Automobilindustrie werden bestreikt, weil
Fahrzeuge bereits nicht ausgeliefert werden können, wenn nur
kleine Teile fehlen. Da bereits bis zu 70 Prozent eines
Personenwagens mit Teilen von Zulieferbetrieben
zusammengebaut werden, gibt es hier viel Potenzial.

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Auch im öffentlichen Dienst wird oft zuerst die Müllabfuhr


bestreikt, weil der Müll auf der Straße am offensichtlichsten ist.
Reicht das nicht aus, sind die Kindergärten und die Schülerhorte
dran. Nach dem „Daumenschrauben“-Prinzip werden die
Maßnahmen immer mehr gesteigert. Am ersten Tag bleibt der
Müll liegen. In der kommenden Woche zwei und in der dritten
Woche drei Tage. Besonders infektiöse Abfälle aus
Krankenhäuser werden entsorgt. Doch der Müll in Gegenden mit
wohlhabenden Bewohnern führt gerade in heißen Tagen zu
unerwünschten Geruchsbelästigungen und in der Folge zu
Protesten bei der Stadtbehörde. Diese knickt dann nach einiger
Zeit ein und ist erneut zu Verhandlungen und Zugeständnissen
bereit.

Sich mit einem starken Gegner anzulegen ist potenziell immer


gefährlich und sollte wohl durchdacht sein. Diese Erkenntnisse
durften auch die spanischen Fluglotsen im Dezember 2010
erfahren, als sie für die Durchsetzung ihrer Forderungen in einen
wilden Streik traten. Die Folge war ein weitgehendes
Zusammenbrechen des Flugverkehrs über dem Urlaubsland
Spanien. Erst als das Militär eingriff und die Fluglotsen an ihre
Arbeitsplätze zwang, konnten die etwa 300.000 festsitzenden
Passagiere in ihre Heimat zurückgeflogen werden. Die
spanische Regierung hatte Härte gezeigt und die Fluglotsen
unter Militärrecht gestellt. In der Folge konnten Fluglotsen wegen
Befehlsverweigerung in einem militärischen Schnellverfahren zu
langjährigen Haftstrafen verurteilt werden.

Die historische Gegebenheit hinter dem


19. Strategem:
Im vierten Jahr der Regierungszeit des Kaisers von Han, der
Sian-Jian-An-Periode, stand dessen General Cao Cao dem
starken Land Yuan Shao gegenüber. Im Jahr darauf fochten
beide Länder die Schlacht am Yang Wu aus. Allerdings war Cao
Cao’s Armee viel kleiner, als die 100.000-Mann zählende Armee
von Yuan Shao. Außerdem waren die Truppen von Cao Cao
müde, schlecht versorgt und die Nahrungsmittel waren knapp.
Eine denkbar schlechte Ausgangslage für Cao Cao. Während
dieser zeit gab es unerwartet einen Überläufer zu Cao Caos‘
Truppen mit dem Namen Syu You, der bis dahin Berater in Yuan
Shao war. General Cao Cao befragte ihn nach einer Strategie,
wie er gegen Yuan Shao gewinnen könne. Einen Frontalangriff
schloss er von vorne herein aus und forderte einen listigen Plan.
Syu You sah die beste Strategie im Angriff auf die Lebensmittel-
und Waffenvorräte des Gegners. Sie seien leicht zu erreichen
und schwach bewacht. So sandte Cao Cao einen Trupp
Soldaten in das feindliche Land, um die Vorratslager in Brand zu
setzen.

Während die Flammen an verschiedenen Orten lichterloh in den


Himmel stoben, versuchten die Soldaten den Brand zu löschen.

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Doch der unorganisierte Abzug und Verteilung der


Rettungskräfte an verschiedenen Orten schwächte die gesamte
Armee, so dass es für Cao Cao ein Leichtes war, die
zahlenmäßig überlegene Armee von Yuan Shao zu schlagen
und die Regierung von Yuan Shao zu stürzen.

Notizen / Bemerkungen

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20. Strategem

Fische im trüben Wasser fangen

Kategorie: Listen für Scheinangriffe und wirre Situationen

Sinnhaftigkeit: Das Unglück Anderer zum eigenen Vorteil ausnutzen

Strategemziel: In misslichen Zeiten bieten sich immer wieder Gelegenheiten zum


eigenen Vorteil. Es gilt, das Beste aus einem Unglück herauszuholen
oder von absichtlich herbeigeführten Unglücksfällen zu profitieren.

Taktik: Wenn der Gegner schwach, hilflos und orientierungslos ist, die Situation
zu eigenen Gunsten ausnutzen

Er aber sprach zu ihnen:


„Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier.„

Bibel, Lukas 18, Vers 37

Um einmal mehr hervorzuheben: Die 36 Strategeme sind KEINE


Aufrufe zu kriminellen Handlungen, sondern lediglich Metaphern,
wie Situationen des täglichen Lebens Vorteile verschaffen,
ungeachtet ethischer oder moralischer Grundsätze. Das Ziel
dieser Arbeit besteht also darin, den Sinn für derartige
Situationen zu schärfen. Daraus folgt, dass man entweder alles
tut, um einen eigenen Unglücksfall gar nicht erst entstehen zu

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© Thomas Koch 36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne 75

lassen oder aus dem Unglück Anderer Vorteile zu erzielen.

Wer will schon einen Unfall erleiden oder Bankrott gehen?


Niemand. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die
gewissenlose Mitbürger zum eigenen Vorteil ausnutzen. Manche
Situationen kann man nicht oder nur wenig beeinflussen. Doch
wer durch eigenes Verschulden einen Unfall erleidet und unter
Schock steht, muss sich nicht wundern, wenn während der
Rettungsmaßnahmen die Geldbörse, das Mobiltelefon oder der
Minicomputer entwendet wird. Durch eine umsichtige und
defensive Fahrweise kann man also dazu beitragen, selbst
verschuldete Unglücksfälle zu vermeiden.

Wenn der Gegner schwach, hilflos und orientierungslos ist, gibt


es immer wieder Menschen, die diese Situationen auszunutzen
verstehen. So sind so genannte Kriegsgewinnler oder
Schnäppchenjäger immer wieder Beispiele für Personen, die
Wirren des eigenen Vorteils willen ausnutzen. Gerade in
Literatur, die den Zweiten Weltkrieg beschreibt oder in dessen
Folge entstanden sind, gibt es Geschichten über
Kriegsgewinnler, die die aufgelösten Strukturen im
niedergeschmetterten Deutschland zu ihrem Vorteil nutzten. So
wird im Roman „Hurra, wir leben noch!“ von Johannes Mario
Simmel die Geschichte des Jakob Formann beschrieben, der
aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Linz in
Österreich kommt und dort als Dolmetscher für die US-
amerikanische Armee arbeitet. Dort nutzt er seine neuen
Kontakte, um sich selbstständig zu machen: Er ergaunert sich
bei den Amerikanern 40.000 angebrütete Eier und schafft daraus
eine Hühnerfarm. In schnellen Schritten steigt Formann
daraufhin zum erfolgreichen Konzernchef der jungen
Bundesrepublik auf.

Wer kennt sie nicht, die professionellen „Haushaltsauflöser“ und


„Schnäppchenjäger“, die nach Todesfällen und Konkursen die
verbleibenden irdischen Güter zu geringen Preisen aufkaufen,
um sie später teuer wieder zu verkaufen? So manches seltene
Porzellan wurde dabei unter Wert abgegeben, weil man sich
wegen seines Schmerzes nicht die Mühe mehr machen wollte,
alles genau untersuchen und schätzen zu lassen. Ganze
Büroeinrichtungen, erst neu angeschafft, wurden zu einem
Bruchteil des ursprünglichen Preises abgegeben.
Manche börsenorientierte Unternehmen wurden systematisch in
den Bankrott getrieben, nur weil sich in der Konkursmasse
begehrte Patente befunden haben, die dann zu einem
Ramschpreis mit übernommen und anschließend teuer verkauft
wurden.

Auch die Schwäche von verschuldeten Staaten (z. B.


Griechenland, Irland, Portugal, Spanien) führt dazu, dass
Spekulanten auf sinkende Kurse wetten und diese Staaten
systematisch noch weiter in ihr Unglück stürzen lassen und um

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so mehr daran verdienen, je größer das „Unglück“ ist. In den


Wirren dieser Zeiten müssen Entscheidungen getroffen werden,
die oftmals nicht genug durchdacht sind und dann zu noch
größeren Unglücken führen.

Wer gerade in Zeiten der internationalen Finanzkrise in Gold


investiert hat, hat aus der weltweiten Verunsicherung viel Geld
gewinnen können. Denn gerade Gold ist eine Ersatzwährung in
Zeiten großer Verunsicherung. Doch Gold alleine wirft keine
Zinsen ab, sondern steigt oder fällt im Wert. Gewinner sind die,
die zuerst investiert haben und deren Depotwerte ins
Unermessliche gestiegen sind, während diejenigen, die erst spät
oder sogar zu spät eingestiegen sind, bei sich entspannender
Wirtschaftslage und dem damit verbundenen Kursrückgang der
Goldpreise weiter ins Unglück stürzen könnten.

Dieses Strategem bedeutet also, im „aufgewühlten Wasser“, also


in Zeiten von unglücksbedingter Orientierungslosigkeit, zu
fischen, um sich diese allgemeine Lage von Verwirrung und
Chaos zunutze zu machen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


20. Strategem:
Einmal schickte Jin Wu Di eine Armee von zweihunderttausend
Soldaten, um das Land Wu anzugreifen. Die Armee wurde vom
großen General Du Yu angeführt. Als die Armee die Stadt Yue
Siang belagerte, die direkt neben dem Fluss Jangtse lag, setzte
dessen Befehlshaber Jhou Shih mit einer Begleitung von
zweihundert Reitern, die in den Uniformen der feindlichen Wu-
Soldaten des nachts über den Fluß. Außerhalb der Stadt legten
sie sich in einen Hinterhalt.

Am folgenden Tag führte der General der verteidigenden Stadt


Sun Sin seine Armeen außerhalb der Stadtmauern gegen die
Belagerer aus Jin. Die Schlacht ging verloren und die Wu-Armee
besetzte die Stadt, in der an mehreren Stellen Feuer loderten.
Um keine Brandruinen zu erobern, begann die Armee damit, die
Feuer zu löschen.

Zwischenzeitlich hatten sich die 200 Reiter, die nachts über den
Fluß gekommen waren, unter die feindlichen Soldaten aus Wu
gemischt. Im Chaos der Schlacht ritten sie zurück zum
Hauptquartier der Armee von Wu, überwältigten dort deren
Führer Sun Sin und nahmen ihn lebend gefangen. So geschah
es, dass nunmehr Jin Wu Di innerhalb von fünf Monaten vom
kleineren und schwächeren Land Wu erobert wurde.

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21. Strategem

Die Zikade streift ihren goldenen Panzer ab

Kategorie: Listen für Scheinangriffe und wirre Situationen

Sinnhaftigkeit: Den Gegner durch falschen Schein in die Irre führen oder den Schein
wahren, um die eigene Macht zu erhalten

Strategemziel: Die Zikade streift ihre Larvenhülle ab, die im Sonnenlicht golden glänzt.
Die Aufmerksamkeit des Gegners liegt auf dem Glanz der leeren Hülle,
während sich die Zikade bereits davon gemacht hat

Taktik: Einen falschen oder verwirrenden Eindruck schaffen, um sich dem Zugriff
des Gegners zu entziehen oder durch die abgelenkte Aufmerksamkeit
einen Angriff auf Dritte vorzunehmen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsse im Leben


alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge,
Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben
sind, durch die wir wachsen und reifen.

Antoine de Saint-Exupéry, französischer Humanist und


Schriftsteller, 1900 – 1944

„Schatz, es ist nicht so, wie es scheint!“ lautet eine oft benutzte
Redewendung, wenn man auf frischer Tat bei einer illegalen
oder moralisch verwerflichen Situation ertappt wurde. Und damit
so etwas nicht passiert, weil man die daraus entstehenden
Folgen tragen muss, verwendet der Listige von vorne herein

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einen „goldenen Zikadenpanzer“, um von dem eigentlichen


Vorhaben abzulenken. Und dieses Strategem wird natürlich nicht
nur gegen „Schatz“ angewandt, sondern auch gegenüber dem
Chef, dem Konkurrenten, dem Finanzamt etc.

Da wäre die angebliche Dienstreise in eine andere Stadt, um


sich zu einem „konspirativen Treffen“ mit einer anderen Firma
oder Person zu treffen. Die Dienstreise wird vorgeschoben, weil
man sein Vorhaben vor dem Hintergrund einer anderen,
augenfälligen Aktivität verbergen will.

Wer im Außendienst arbeitet, kann einen entfernt gelegenen


Kundentermin als Vorwand nehmen, einen privaten Besuch am
Ziel oder auf dem Weg dorthin vorzunehmen.

Wer sich bei einem fremden Unternehmen bewerben will, kann


einen Dienstgang, eine Dienstfahrt oder einen Urlaubstag dazu
verwenden, um sich unauffällig einen neuen Dienstherrn zu
suchen.

Agenten, das sind die Klassiker, täuschen eine familiäre, solide


und bodenständige Existenz vor, während sie im Untergrund
agieren und um Geheimnisse auszuforschen versuchen.
Es soll ein Schein erweckt werden, um eigene Aktivitäten
ungestört planen und durchführen zu können. Der Kern dieser
Strategie besteht darin, den Gegner durch Schein zu täuschen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


21. Strategem:
Im Jahr 1206 n. Chr. schickte der Kaiser der Song Dynastie eine
Armee gegen den Staat Jin. Dieser Gegner war jedoch deutlich
mächtiger als erwartet und so zeichnete sich eine Niederlage ab.
Daher beriet sich Bi Zai Yu, der General von Song, mit seinen
Beratern und fragte, wie man sich ohne Niederlage zurückziehen
könnte.

Einige Zeit später war die Lösung gefunden und er erteilte drei
Befehle: Erstens werden keine Flaggen eingezogen, zweitens
werden keine Zelte abgebaut und drittens dürfen die
Schlachttrommeln nicht aufhören zu schlagen. Als alles geregelt
war, befahl Bi Zai Yu den Rückzug im Schutze der Nacht.
Während der nächsten Tage war es still im Lager von Song, mit
Ausnahme der Trommeln, die unermüdlich schlugen. Doch der
Gegner wurde misstrauisch, weil im Lager keinerlei Bewegung
zu vernehmen war. So schickte er einen Späher ins Lager, um
herauszufinden, was sich dort abspielen würde. Als der Späher
mit der Nachricht zurück kam, dass das Lager völlig leer sei,
fragte er nach dem Grund der Trommelwirbel. Er schickt diesmal
eine Gruppe von Soldaten, um von hinten in das Lager
einzudringen, um den Grund zu erforschen. Als die Soldaten
zurückkamen, berichtete sie ihrem General: Der gegnerische

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General Bi Zai Yu hatte mehrere Ziegen fangen und an den


Hinterbeinen so hoch an einen Baum binden lassen, dass ihre
Füße gerade noch den Boden berühren konnten. Um sich zu
befreien, schlugen sie mit ihren Vorderhufen auf den Boden, auf
dem der General Trommeln hatte auslegen lassen. Auf diese
schlugen nun die Vorderbeine der Ziegen und verursachten
diesen „tierischen Trommelwirbel“.

Notizen / Bemerkungen

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22. Strategem

Die Türe schließen und den Dieb fangen

Kategorie: Listen für Umzingelungs-, Einkreisungs- bzw. Einkesselungen

Sinnhaftigkeit: Den schwächeren und ungefährlicheren Gegner in eine schwierige oder


ausweglose Situation bringen

Strategemziel: Einen unterlegenen "Dieb" (Gegner) so einengen, umzingeln, einkesseln,


dass es mit minimalem Aufwand an Energie und Personal erfolgt und
entschlossen zugreifen, wenn der Moment optimal gekommen ist - ihn
also sprichwörtlich "schachmatt setzen".

Taktik: Den Gegner in eine Situation bringen, die für ihn ausweglos ist, also in
eine Falle locken, die für ihn unentrinnbar ist und keinerlei
Fluchtmöglichkeit mehr bietet.

Wenn Du den Feind und dich selbst kennst, brauchst


du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu
fürchten.
Sunzi / Sun Wu (um 544 v. Chr.- † um 496 v. Chr.)

Es gibt Strategeme für "jede Gelegenheit" und insbesondere für

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die "großen Schlachten", die geschlagen werden müssen.


Weniger spektakulär ist das Fangen eines Diebes und somit
auch der damit zu betreibende Aufwand. Je kleiner der Dieb, um
so geringer auch der Erfolg bei seiner Ergreifung. Also muss er
mit möglichst geringen Mitteln ergriffen werden können. Hat man
ihn jedoch in der Falle, ist Zögern und Zaudern tödlich und kann
einen großen Fehler bedeuten: Nämlich wenn der vermeintlich
schwächere Dieb sich stärkt und dann auf Rache sinnt. Um ihn
schachmatt setzen zu können, müssen wir ihn in eine
Umgebung locken, in der wir die Türen und Tore hinter ihm
verschließen und sämtliche Fenster verrammeln können. Da
dies natürlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist, locken
wir ihn selbstverständlich in eine mentale Falle, aus der es kein
Entrinnen mehr gibt.

Man muss allerdings bedenken, dass sich der aktuell


schwächere Gegner nicht so ohne Weiteres in die Falle locken
lässt. Daher ist ein kluges und seinem Wesen, seiner
allgemeinen Umstände und seiner Gemütsverfassung Handeln
erforderlich, um ihm nicht die Chance zu geben, sich zu erholen
und nach Rache sinnend zurück zu schlagen. Kalkulieren wir
daher besser auch seinen Standpunkt, seine Wünsche und
Ängste mit ein, um gleich mit einem Streich erfolgreich zu sein.
Ist der "Dieb" in der Falle und haben wir sie zuschnappen
lassen, dürfen wir ihm keinerlei Chance zur Gegenwehr mehr
geben, keine Luft zum Atmen und müssen seine Unterlegenheit
mit absoluter Gewinnmentalität überwältigen - eine für den
Triumph ganz wesentliche Voraussetzung. Ist der Gegner
stärker als wir, müssen wir seine Kräfte teilen und ihn somit in
der Gesamtheit schwächen und ihn dann schlagen.
Wir wissen, dass Menschen und Tiere, die sich in die Enge
getrieben fühlen, unerhörte Kräfte mobilisieren können, um sich
aus der Bedrängnis zu befreien. Lassen Sie es nicht zu und
verriegeln alle Schlupflöcher wie das Gitter vor dem Käfig, in
dem der Löwe in der Falle sitzt und höchstens Fauchen kann.
Sieht der Gegner auch nur die geringste Chance zum
Entkommen, wir er wie ein Löwe weiterkämpfen und sich erst
ergeben, wenn es keinerlei Rettung oder Ausweg für ihn mehr
gibt.

Lassen wir ihn entkommen und sammelt er seine Kräfte, wir er


auf Rache sinnen und zurückschlagen, sobald er die Chance
dazu sieht. Möglicherweise schlägt er dann zu, wenn wir selbst
nicht auf der Höhe sind und bedauern den Moment des
zaghaften Zauderns.

Die historische Gegebenheit hinter dem


22. Strategem:
Während der Regierungszeit der Kaiserin Wu Ze Tian in der
Tang-Dynastie gabe es zwei Minister, die Lai Chen Juni und
Jhou Sing hießen und von der Kaiserin begünstigt wurden. Ihr

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Auftrag war es, besonders effektive Folterinstrumente und -


techniken zu entwickeln, um ihre Gegner "gesprächig" zu
machen. Um die Effektivität ihrer Methoden zu überprüfen,
wurden auch unschuldige Zivilisten und Beamte gefoltert, bis sie
dem Scherz erlegen waren und falsche Geständnisse ablegten.

Eines Tages erfuhr die Kaiserin von einem geplanten Aufstand


ihres Ministers Jhou Sing. Sie ließ den anderen Minister Lai
Chen Juni zu ihr kommen und befahl im, nicht nur den
abtrünnigen Minister zu verhaften, sondern auch heraus zu
bekommen, wer sonst noch hinter dem Komplott stecke. Dieser
Auftrag brachte Chen Lai Juni in Verlegenheit, denn sie waren
nicht etwa Freunde, sondern auch Jhou Sing war ein Experte auf
dem Gebiet der Foltermethoden und würde bestimmt nicht
einfach sein, ihm die entsprechenden Geheimnisse zu entlocken
und ihn zu entlarven.

So lud Chen Lai Juni seinen ahnungslosen Ministerkollegen zu


einem Abendessen ein, um ihn um einen Rat zu fragen und
wickelte ihn in ein Gespräch zur allgemeinen Politik ein. Das
Gespräch nahm seinen geplanten Verlauf, als Chen Lai Juni
erwähnte, dass die Kriminellen der jüngsten Vergangenheit
immer aufgeklärter seien und sich trotz der bislang bewährten
Methoden der jeweiligen Folter entziehen konnten, ohne das
gewünschte Geständnis zu offenbaren und ob Jhou Sing nicht
einen Vorschlag für eine effiziente Folter hätte. "Oh ja", erwiderte
Jhou Sing sichtlich erfreut über das Interesse seines Kollegen,
"wir testen gerade eine völlig neue und sehr effektive Methode,
die jeden gesprächig machen würden: Man setze ihn in ein
großes Gefäß mit Wasser, zünden ein Feuer darunter an und
warten auf seine Gesprächigkeit. Ab einer bestimmten Hitze
spricht jeder, das versichere ich Ihnen!" plauderte sich Jhou Sing
um Kopf und Kragen.

Lai Chen Juni war höchsterfreut und klatschte in die Hände -


doch nicht etwa vor Freude, sondern weil seine dienst hinein
kamen, die Fenster und die Tür verriegelten und mit einem Topf
voller Wasser sowie einer Feuerstelle hineinkamen und es zum
Kochen brachte. Als es so schön dampfte wandte sich Lai Chen
Juni an Jhou Sing und sagte zu ihm: "Wir haben Dich im
Verdacht, einen Komplott gegen unsere Kaiserin zu schmieden.
Bekenne dich und Mittäter oder ich sehe mich gezwungen, Dich
in dieses heiße Gefäß zu werfen und zu warten, bis Du redest!"
In dieser Situation und angesichts der vor ihm stehenden
schmerzhaften Folter gestand Jhou Sing, verriet seine Mitwisser
und wurde mit ihnen gemeinsam auf weniger schmerzhafte
Weise hingerichtet.

Hier sah Jhou Sing keinerlei Chance mehr, sich aus dem
Würgegriff der (Folter-)Argumente zu entwinden und konnte das
Fehlverhalten nur noch zugeben und seine Strafe empfangen.

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Notizen / Bemerkungen

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23. Strategem

Sich mit Partnern aus der Ferne verbünden,


um seinen Feind in der Nachbarschaft anzugreifen.

Kategorie: Strategem der temporären Fernfreundschaft / Fernbündnis, Hegemonie-


Strategem

Sinnhaftigkeit: Zweckfreundschaften mit dem Ziel knüpfen, diese Freundschaft nur so


lange aufrecht zu erhalten, bis andere, naheliegende Ziele erreicht sind.

Strategemziel: Muss man eines großen Sieges wegen viele kleine Einzelsiege erringen,
so muss man sich den stärksten und am weitesten entfernten Gegner
zum Freund machen. Anschließend wendet man sich den vielen kleinen
Gegnern zu und vernichtet diese. Geschickt angewandt merkt der ferne
Freund erst spät, dass sich die Schlinge um seinen Hals immer fester
zuzieht, bis es für ihn zu spät ist. Durch die kleinen Siege ist die eigene
Position so sehr gestärkt, dass man dem fernen Feind ebenbürtig oder
sogar überlegen geworden ist.

Taktik: Zunächst strategische Freundschaften knüpfen, dann kleine Gegner /


Konkurrenten aufkaufen, einverleiben oder in den Ruin treiben,
um sich am Ende gegen den strategischen Freund zu wenden

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und ihn vernichtend zu schlagen und ihn in sein eigenes Reich


einzuverleiben.

Meine Tochter ist 14 Jahre alt und in einem anstrengendem


Alter: Der Pubertät. Es gibt so ziemlich drei Themen, um das
sich alles rankt: Wie sehe ich aus? Was halten die Anderen von
mir? Wie süß ist der Typ denn da?? "Lecker" gurrt sie noch und
ich erkenne mein Baby gar nicht mehr wieder. Und weil wir sehr
offen miteinander umgehen, erzählt sie mir auch Dinge, die
kaum ein Erwachsener von seinen Kindern je hören würde: Sie
erzählt über ihr Gefühlsleben und wie sie oder ihre Freundinnen
den Typen anbaggern, der ihnen gerade gefällt. Dass ich es mir
mittlerweile abgewöhnt habe, mir alle Namen zu merken,
versteht sich von selbst. Doch eines ist hängen geblieben: Die
Taktik, mit der die Kids heute vorgehen: Können sie den
Herzbuben nicht im Frontalangriff erobern, greifen sie zur List:
Sie machen dem Kumpel vom Herzbuben vorerst schöne Augen
und freunden sich mit ihm an. Dabei ist Händchen halten im Kino
das höchste der Gefühle, am will ja nicht in eine bestimmte Ecke
gedrängt werden und riskiert seinen guten Ruf nur ein wenig.
Ziel der Begierde ist natürlich der Kumpel vom Kumpel, also der
Herzbube. Und über den Kinobesuch bekommt man Zugang zu
Clique und nicht selten auch zum Herzbube-Herzen. Soweit die
Pubertät.

Im Wirtschaftsleben ist es ähnlich. Man hat das große Ziel der


Übernahme eines mächtigen Gegners, an dem man sich im
Frontatlangriff so verschlucken würde, wie Porsche an
Volkswagen oder die Schaefflers an der Continental AG. Mit
diesem 23. Strategem kann man einen vorerst übermächtigen
Gegner nur durch strategische Bündnisse herausfordern und in
die Knie zwingen. Dazu ist eine gründliche Vorplanung
erforderlich, denn wenn wir uns auf das übermächtige Terrain
begeben, ohne Asse im Ärmel zu haben, geraten wir ins direkte
Visier und kämpfen auf fremdkontrolliertem Gebiet, gehen
unkalkulierbare Risiken ein und binden Kräfte, die an anderer
Stelle viel besser eingesetzt wären. Klüger wäre es also, den
Partner der Begierde mit freundschaftlichen
Kooperationsangeboten einzulullen und jegliche
Übernahmeabsicht zu verschleiern. Möglicherweise sichern wir
uns deren Unterstützung oder im schlechtesten Fall deren
Neutralität, was einem direkten Gegner mögliche Bündnispartner
nimmt. Konzentrieren wir uns also auf den direkten Gegner und
isolieren ihn in unserer direkten Nachbarschaft. Diese könnten
Zulieferer von Ersatzteilen, Rohstoffen, aber auch Patente oder
zugehörige Firmen sein, die mit dem gewünschten
Übernahmekandidaten in einem direkten Geschäftsverhältnis
stehen.

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Ein Beispiel dieser Art liefert der französische Unternehmer und


Absolvent der französischen Elite-Universität und Karriere-
Schmiede Polytechnique Claude Bébéar. Er schuf aus dem
kleinen provinziellen Versicherungsverein "Mutuelles Unies" den
größten Versicherungskonzern der Welt: Der AXA-Versicherung
durch eine Reihe von Zukäufen in Europa. In der Regel waren
die Zukäufe deutlich größere Unternehmen, bis sich Bébéar an
einen ganz großen Brocken machte - aber davon später.. 1980
lag der Umsatz der von ihm geführten Unternehmen 150
Millionen Euro - als er 20 Jahre später den Stab an Henri de
Castries übergab, waren es 75 Milliarden Euro, 2010 sogar 90
Milliarden Euro. AXA verwaltet ein Vermögen von 1,1 Billion
Euro (Stand: 31. Dezember 2010) und das Ergebnis der
operativen Geschäftstätigkeit betrug 2010 rund 3,9 Milliarden
Euro (Quelle: Wikipedia). So wagte er 1991 die Übernahme des
US-Versicherungsvereins "Equitable Life", seinerzeit die
Nummer fünf der USA und damals am Rande der Pleite
befindlich. Der erfolgreiche Unternehmer Bébéar schaffte die
Wende und machte aus dem Versicherungsverein eine profitable
Aktiengesellschaft. Fünf Jahre später übernimmt die AXA die
deutlich größere UAP und wird zur Nummer eins in Europa. Mit
im Paket der UAP befanden sich auch zwei traditionsreiche
deutsche Erst- und Industrie-Versicherer: Die Colonia-
Versicherung und die Nordstern-Versicherung, die der AXA (die
während einer Übergangszeit AXA-Colonia hieß) den breiten
Zugang zum deutschen Markt ermöglichte. Ausgestattet mit
einer breiten Finanzbasis konnte die AXA in Deutschland auch
die Albingia-Versicherung kaufen und gab 2006 den Kauf der
schweizerischen Winterthur-Versicherung von der Credit-Suisse
für 7,9 Milliarden Euro bekannt.

Wer also ein großes Ziel hat, eine große Geschäftsidee hat und
sich an den ganz Großen reiben will, sollte sich dieses 23.
Strategem einmal genauer betrachten. Für dieses Strategem gibt
es eine Vielzahl von Beispielen, die hier im Laufe der Zeit
erarbeitet und vorgestellt werden.

Die historische Gegebenheit hinter dem


23. Strategem:
Gegen Ende der Zeit der "Streitenden Reiche" hatte sich die
politische Lage so entwickelt, dass es nur noch sieben ernst zu
nehmende Reiche in China gab. Das Land war aber nicht geeint,
so dass in der Zeit von 359 - 350 v. Chr. von Shang Yang, einem
bedeutenden chinesischem Staatsmann, Reformen eingeleitet
wurden, die den Staat Qin von Tag zu Tag stärker werden
ließen. Gemeinsam mit Herzog Xiao führte er eine Reihe
legalistischer Reformen durch, die Qin zu einem mächtigen
zentralisierten Land machten. Die Förderung des Militärs und die
Erhebung des Angriffskriegs zur Staatspflicht führte Unweigerlich
dazu, dass der spätere König Cin Jhao in Planungen überging,

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die sechs verbleibenden Reiche zu erobern, um China zu


vereinen. Erstmalig in Chinas Geschichte lag es greifbar nahe,
ein einheitliches Reich zu bilden. Im Jahr 270 v. Chr. wollte
König Cin Jhao das Land Ci direkt erobern, doch sein
Premierminister Fan Suei riet von dieser Strategie ab. Vielmehr
präsentierte er König Cin Jhao eine List, sich mit dem stärksten
und weitesten entfernten Gegner anzufreunden und die
Nachbarländer direkt anzugreifen.

Unter den sechs verbleibenden Ländern war Ci das stärkste und


am weitesten weg von Qin. Statt also Ci anzugreifen und dazu
die dazwischen liegenden Länder durchqueren zu müssen,
entschied man sich, zunächst die Freundschaft von Ci zu suchen
und damit dieses Land vorläufig zum Schweigen zu bringen.
Statt also durch die Gebiete Han und Wei zu marschieren und
dabei auf Widerstand zu stoßen, entschied man sich, die
Truppen zu schonen, ein Nachbarland nach dem anderen
anzugreifen und in das Reich Qin einzuverleiben. So verschob
sich die Grenze von Qin langsam Richtung Ci, das sich ob der
Freundschaft zu Qin sicher wähnte. Vielmehr erklärte es die
Feinde Qin zu Feinden Ci, sodass auch hier keine Verstärkung
und Unterstützung der angegriffenen Länder zu erwarten war.

Es folgten in der Geschichte Chinas einzigartige Feldzüge, die


am Ende zur Einheit Chinas führten: 230 v. Chr. Eroberung von
Han, 225 v. Chr. von Wei, gefolgt von der Eroberung von Chu in
223 v. Chr. Es folgte 222 v. Chr. Zhao und Yan, bis 221 v. Chr.
Qi, der letzte Verbündete fiel. Am Ende der Schlachten und
Eroberungen und innerhalb von nur 10 Jahren waren alle
Gegner Qins besiegt und in das Reich einverleibt.

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24. Strategem

Die Durchreise zum Angriff auf Guo nutzen

Kategorie: Doppelziel-Strategem, Endziel-Verschleierungsstrategem

Sinnhaftigkeit: Wer zwei Feinden gegenübersteht, sollte sie nacheinander angreifen und
sich dabei den zweiten Feind zunutze machen.

Strategemziel: Will jemand ein bestimmtes Ziel erreichen und hat dabei zwei Gegner, die
wiederum miteinander in Konkurrenz stehen oder verfeindet sind, so
greift man den ersten Feind an und nutzt dabei die gemeinsame
Gegnerschaft, den zweiten Gegner zu Taten zu veranlassen, die ihm
später zum Verhängnis werden

Taktik: Einer der (beiden oder weiterer) Gegner wird zu etwas veranlasst, das
dem gemeinsamen Feind schaden, schwächen oder vernichten hilft. Der
Helfende wird gerne helfen, weil er dazu beitragen kann, einen Feind
oder Konkurrenten aus dem Wege zu räumen (selbstverständlich nicht
physisch, sondern im übertragenen Sinne).

Die historische Gegebenheit hinter dem


24. Strategem:
Während der Frühlings- und Herbst-Periode grenzten die kleinen

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Staaten Yu und Guo am größeren Staat mit dem Namen Jin. Jin
trachtete schon längere Zeit danach, diese beiden
Nachbarstaaten zu annektieren und suchte nach Möglichkeiten
dazu.

Eines Tages schickte der König von Jin, Jin Sian Gong, eine
Delegation mit Geschenken, schönen Pferden und Schmuck
nach Yu, um den Herzog von einem Geschäft zu überzeugen:
Jin beabsichtigte nämlich, den Staat Guo anzugreifen und erbat
einen freien Durchzug durch das Lang Yu. Als Lohn würde der
Herzog alle die mitgebrachten Geschenke erhalten und damit ein
stolzer und reicher Fürst sein. Der eitle Herzog von Yu nahm das
Angebot an und entsandte sogar Truppen, die den richtigen Weg
zum gemeinsamen Feind zeigten und die feindliche Armee
anführte. In der Folge wurde die ahnungslose Stadt Sia Yang
angegriffen und ohne Widerstand erobert.

Drei Jahre später bat Jin den Herzog von Yu um denselben


Dienst, weil er nun das gesamte Land Guo erobern wollte.
Dessen Berater mit dem Namen Gong Jhih Ji warnte den
Herzog und riet ihm, diesen Wunsch abzuschlagen und sagte:
"Yu ist für Guo wie die Lippen für die Zähne: Ohne Lippen
werden die Zähne der Kälte ausgesetzt, schmerzen und fallen
aus!" Der kluge Beamte erläuterte dem Herzog die gegenseitige
Abhängigkeit zwischen Yu und Guo und hoffte, dass der Herzog
von Yu den Durchmarsch der Truppen verweigern würde.
Stattdessen sollte man lieber das Land Jin mit dem Land Guo
zusammen bekämpfen. Doch trotz der Warnung von Gong Jhih
erteilte der Herzog von Yu die Erlaubnis des Durchmarschs
durch sein Land. Damit war sein Todesurteil gefällt, denn es trat
ein, was der Beamte Gong Jhih vorhergesehen hatte, der
zwischenzeitlich mit seiner Familie in ein anderes Land geflohen
war.

Tatsächlich wurde Guo binnen eines Jahres von Jin erobert. Auf
dem Rückweg durch Yu folgte ein Überraschungsangriff auf das
ahnungslose Gastland. Durch die Leichtgläubigkeit von Yu
wurde es von Jin erobert. Der Herzog von Yu wurde vor ein
Gericht gestellt, das ihn zum Tode verurteilt. Kurze Zeit später
rollte sein Kopf...

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25. Strategem

Die Firstbalken stehlen und Stützpfeiler ersetzen

Kategorie: Aushöhlungs-Strategem, Entkernungs-Strategem

Sinnhaftigkeit: Etwas die Seele nehmen, aber den Körper intakt lassen.

Strategemziel: Im übertragenen Sinne die "Firstbalken und "Stützpfeiler" des Gegners


angreifen, austauschen, mürbe machen oder so beschädigen, dass
dessen innere Strukturen mürbe werden, dass sie einem gegnerischen
Angriff nicht mehr Stand halten und zusammenbrechen.

Taktik: Durch Infiltrierung oder Sabotage der gegnerischen Machtstrukturen


wichtige Elemente der gegnerischen Verteidigung ausschalten. Das
"Gewölbe der Macht", also Bündnisse mit wichtigen Partnern oder
zentrale innere Organisationsstrukturen, beschädigen und sie beim
geplanten Angriff einstürzen lassen.

Jedes Unternehmen, jede Streitmacht und jede Organisation


dieser Welt lebt von Loyalität und starken inneren Strukturen.
Wer hier angreifen will, muss Situationen schaffen, die die
Stärke des Gegners unterhöhlen. Dies gelingt, indem
Schlüsselpositionen des Gegners durch eigene Leute besetzt
werden. Wer Einfluss auf Berater und Dienstleister des Gegners
nehmen kann, kennt dessen innere Strukturen und weiß um die
Taktiken des Gegners. Diese zu durchkreuzen und der Lage
immer einen Schritt voraus zu sein ist der "Lohn" dieses
Strategems.

Wer nicht nur seine eigenen Kräfte richtig einzusetzen vermag,


sondern auch die Psyche seines Gegners kennt, nimmt einen
großen Einfluss auf den Verlauf der gewünschten Situation. Er

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kann Kräfte gezielt einsetzen, eigene Kräfte schonen und dann


zuschlagen, wenn er es nach Lage der Dinge für geboten hält.

Die historische Gegebenheit hinter dem


25. Strategem:
Ming Shih Zong war ein sehr abergläubischer Kaiser und ließ
sich regelmäßig die Zukunft vorhersagen. Seine bevorzugte
Wahrsagerin hieß Lan Dao Sing, die, einmal von ihm einer
Prüfung unterzogen, sein dauerhaftes Vertrauen genoss. Was
allerdings nicht bedeutete, dass er sie nicht auch zwischendurch
einmal auf ihren Wahrheitsgehalt testen ließ.

So schickte er eines Tagen einen Eunuchen zu Lan Dao Sing,


um ihr ein vertrauliches Schreiben zu übermitteln. Als der Mann
bei der Wahrsagerin ankam, nahm der Kämmerer den Brief an
sich und verbrannte ihn ungeöffnet vor den Augen aller
Anwesenden. Dann sagte er zu Lan Dao Sing: „Dieses
Schreiben enthielt einige Fragen des Kaisers an Dich. Als
Meisterin der Magie weißt Du die Antworten gewiß, auch ohne
die Fragen gelesen zu haben. Ich werde dem Kaiser Deine
Antworten übermitteln lassen!“

Dies brachte Lan Dao Sing naturgemäß in Panik. Sie antwortete:


„Woher um alles in der Welt soll ich wissen, welche Fragen der
Kaiser an mich gerichtet hat, ohne sie gelesen zu haben. Dafür
wird er meinen Kopf rollen lassen.“ Dann kam der Wahrsagerin
eine Idee, um zu retten, was zu retten war und begleitete den
Eunuchen zurück zum Kaiser. Lan Dao Sing sagte zu Ming Shih
Zong, dem Kaiser: „Es war mir leider nicht möglich, die
übernatürlichen Kräfte zu einer Antwort zu bewegen, denn der
Eunuche, den du mir gesandt hast, war nicht unterwürfig und
ergeben genug, um diese Botschaft reinen Herzens zu
übermitteln. Sende einen anderen Boten. Einen Boten, der Dir,
mein Kaiser, völlig ergeben ist und mir Deine Botschaft
unbeschmutzt übermittelt.“ Daraufhin ließ der Kaiser den
angeblich unzuverlässigen Eunuchen auch noch um den Kopf
bringen und sandte einen neuen Boten an die Wahrsagerin.
Diese war jetzt jedoch gewarnt und es gelang ihn, den Eunuchen
abzulenken. So konnte sie den Brief mit den Fragen an sich zu
nehmen und ihn heimlich gegen einen anderen kaiserlichen
Umschlag auszutauschen. Statt dem übersandten Brief zu
verbrennen, warf sie die Fälschung in die Flammen. So hatte sie
den Brief mit den Fragen bei sich und konnte sie problemlos
unter angeblicher zu Hilfenahme der Götter beantworten. Ming
Shih Zong fühlte sich auf der sicheren Seite und durchblickte
diese List nicht. Als der Eunuche die Antworten auf die „richtig
vorhergesehenen“ Fragen überbrachte, war der Kaiser vollends
von den Kräften der Wahrsagerin überzeugt und sein Vertrauen
war uneingeschränkt groß.

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Im Strategem 25 wird eine gefälschte Botschaft statt dem


Original übermittelt bzw. geliefert. Der Gegner glaubt, die
wirkliche Botschaft in den Händen zu halten, die jedoch vorher
durch eine List ausgetauscht wurde.

Notizen / Bemerkungen

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26. Strategem

Auf den Maulbeerbaum zeigen und dadurch die Akazie schelten.

Kategorie: Strategem der versteckten Kritik, Strategem des verdeckten Angriffs,


Mobbing-Strategem, Prügelknaben-Strategem

Sinnhaftigkeit: Will man das Verhalten des Gegners ändern, ohne ihn direkt angreifen zu
wollen bzw. zu können, bedient man sich einer indirekten Taktik. Sie wird
auf indirekte Art oder durch jemand anderen (Prügelknabe) durchgeführt.

Strategemziel: Kann man einen mächtigen Gegner (symbolisch: Akazie) nicht direkt
angreifen, mimt man eine andere, weniger heikle Situation (symbolisch:
Maulbeerbaum), um dem Gegner deutlich zu machen, was der falsch
macht, ohne selbst angreifbar zu sein.

Taktik: Kann man den mächtigen Gegner nicht direkt angreifen, werden durch
ständige Sticheleien, Bemerkungen, Veröffentlichungen etc., die sich auf
scheinbar harmlose oder unbedeutende Ereignisse, Geschehnisse oder
Personen beziehen, der Gegner indirekt angegriffen und mürbe gemacht
bzw. zu Fehlern gereizt.

Chinesen lieben es nicht, eine direkte Konfrontation einzugehen.


Lieber sprechen sie durch die Blume oder sprechen über eine
abwesende Person, obwohl ein Anwesender gemeint ist. Direkte
Konfrontation birgt immer das Risiko eines Streits, den es

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unbedingt zu vermeiden gilt, will man keinen unabwägbaren


Ausgang riskieren. Es geht auch um die unbewusste
Manipulation des Gegners, indem man unerwünschte
Verhaltensweisen allgemein kritisiert, ohne den Gegner direkt
anzugreifen, aber alle Teilnehmer wissen zu lassen, wer oder
was gemeint ist. Man spielt ein Theaterstück, trägt eine Maske
und teilt damit genau das mit, was man sagen möchte, ohne
eine Strafe oder Ermahnung zu riskieren.

Wer sich direkt angegriffen fühlt, fällt unweigerlich in eine


Abwehrhaltung und schottet seine Empfänglichkeit für
Ratschläge ab. Das Gegenteil ist oft der Fall, weil sich der
Betroffene in der Defensive befindet. Will man jemanden also
direkt zu einer Handlung motivieren ("Akazie"), nimmt man für
dessen schlechte Eigenschaft den Untergang oder den Schaden
eines Dritten ("Maulbeerbaum"), um den direkt gemeinten zum
gewünschten Handeln zu bewegen. Will man ein Produkt oder
eine Dienstleistung verkaufen, sagt man dem Kunden oder
Interessierten nicht, dass er selbst ohne dem Angebotenen
Nachteile erleidet, sondern dass andere gravierende Nachteile
erlitten hätten, weil sie das angebotene Produkt nicht genutzt
haben. So soll der Angesprochene über deren Scheitern
nachdenken, um eigenes Scheitern zu vermeiden.

Die historische Gegebenheit hinter dem


26. Strategem:
Ming Sian Zong war ein inkompetenter Kaiser und vertraute
seinem Eunuchen mit dem Namen Wang Jhih. Dieser wiederum
hatte das tatsächliche Sagen im Land, weil sich der Kaiser um
Nichts kümmerte. Wang Jhih hatte noch zwei weitere Eunuchen
mit den Namen Wang Yue und Chen Rong an seiner Seite und
gemeinsam begangen sie viele Untaten im Land, ohne zur
Rechenschaft gezogen zu werden. Die Beamten des Staates
fürchteten diese Dreier-Gang und wagten nicht, dem Kaiser von
den Gräueltaten zu berichten, zu groß war deren Einfluß auf den
Kaiser und man fürchtete um den Kopf.

Zu dieser Zeit gab es einen weiteren Eunuchen, der den Namen


A-Chou trug und ein Multitalent in Sachen Humor und Witz war.
Der Kaiser mochte ihn sehr und verzieh im so manche derbe
Posse. Eines Tages forderte der Kaiser A-Chou und seine
Truppe an, um vor ihm zu spielen. Das Stück, das er zeigen
wollte, hieß „Besoffen“ und A-Chou mimte einen betrunkenen
Beamten im Land des Kaisers Ming Sian Zong. Die Show
begann und A-Chou betrat torkelnd und Witze erzählend die
Bühne. Schon nach kurzer Zeit hatte er sein Publikum mit seinen
vorzugsweise politisch unkorrekten Witzen so sehr in den Bann
gezogen, dass sich sie die Bäuche hielten vor Lachen. Zur Show
gehörte dann auch, dass ein Passant die Bühne betrat und einen
Minister ankündigte: „Der Minister ist auf der Durchreise zu
einem offiziellen Termin. Macht den Weg frei uns schweigt!“

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Doch der betrunkene A-Chou antwortete: „Wen interessiert es,


ob es ein Minister ist oder nur ein kleiner Beamter? Wen
interessiert es, ob es ein weißer oder ein schwarzer Hund ist?
Du gehst deinen Weg und ich gehe meinen Weg. Tatsächlich
war ich zuerst hier und so seid Ihr es, die um mich herumgehen
solltet.“ Daraufhin antwortete der Passant auf’s Neue: „Der
Kaiser ist hier!“ worauf A-Chou lachend entgegnete: „Ha, der
Kaiser? Der sitzt doch nur auf seinen Thron und träumt. Seine
Sinne sind benebelt und er ist meist besoffener, als ich es jetzt
bin. Wäre er klaren Verstandes, würde er wissen, was um ihn
herum geschieht und welche Gräueltaten in seinem Namen in
seinem Reich verübt würden.“ Daraufhin der Passant: „Du Narr,
wie sprichst du über den Kaiser? Ich werde dich lehren, dass
man über ihn nicht spotten darf und rufe jetzt seinen Eunuchen,
Wang Jhih auf die Bühne!“. Es erscheint ein Schauspieler, der
aussieht wie der Vertraute des Kaisers, der sein Übel über das
Volk bringt. Der betrunkene A-Chou wirft sich vor dem Minister
des Kaisers auf die Knie und rief: „Gnade, Gnade oh mächtiger
Wang Jhih, ich wollte euch nicht beleidigen. Schlagt mich nicht,
köpft mich nicht und übergießt mich nicht mit heißem Fett, so wie
ihr es sonst immer tut! Ich werde dem Kaiser auch nichts von
Euren Taten im Land erzählen!“
Auf diese Weise bekam der Kaiser Ming Sian Zong die
Information, dass es in seinem Land Dinge gibt, die er nicht
ungesühnt lassen darf und ließ die Dreierbande gefangen
nehmen und köpfen.
Ziel des Strategems liegt darin, eine direkte Konfrontation zu
vermeiden, eine Warnung zu geben oder andere unangenehme
Wahrheit zu verbreiten. Stattdessen greifen Sie zu Humor,
Analogien oder Anspielungen, um jemanden eine Botschaft zu
übermitteln, ohne gleichzeitig den Namen eines Betroffenen zu
nennen.

Notizen / Bemerkungen

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27. Strategem

Stelle Dich dumm, sei aber nicht verrückt, sondern schlau

Kategorie: Strategem, bei dem ein geistiger oder körperlicher Mangel vorgespielt
wird, Narretei-Strategem, Schein-Überlegenheits-Strategem

Sinnhaftigkeit: Sich dumm stellen, um die Aufmerksamkeit des Gegners abzulenken.

Strategemziel: Durch gespielte Dummheit, Verrücktheit und Unüberlegtheit den Gegner


im Glauben lassen, dass man es mit einem harmlosen Gegner zu tun hat.
Erst im Kampf zeigt der einst "Dumme" seine Überlegenheit und sorgt
somit für einen Sieg.

Taktik: Für das 27. Strategem sind zwei Beteiligte erforderlich, die sich "die
Bälle" gegenseitig geschickt so zuspielen, dass der Gegner so in die Irre
geleitet wird, wie ein Taschen- oder Hütchenspieler seine Erbse
verschwinden lässt. Allerdings muss dieses Strategem dosiert ausgeführt
werden, um keinen Argwohn zu erwecken.

Wer stark ist, dem wird mehr abverlangt als derjenige, der
schwach ist. Wer selbstbewußt daherkommt, wird eher mit

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einem rauhen Ton rechnen müssen, weil sich das Gegenüber


selbst behaupten will. Wer sich aber dumm stellt, wird es im
Alltag leichter haben. Wer ein einfaches Gemüt zeigt, dem wird
im Alltag mehr geholfen als demjenigen, der anscheinen alles
kann. Man wird auch nicht so oft angegriffen, weil man für
andere keine Gefahr darstellt. Im Beruf kann eine solche
Einstellung hilfreich sein, weil niemand hinter einer einfachen
Fassade Ungemach vermutet.

Umgekehrt kann Zurückhaltung beim Gegenüber auch den


Wunsch auslösen, sich zu öffnen, seine Meinung offen zu sagen
und eigene Schwächen einzugestehen. Auch kreative Menschen
lösen sich sehr oft, wenn das Gegenüber nicht so erdrückend
dominant ist. Wer das Wechselspiel von Zurücknehmen und
dann stark ist, wenn die Anforderung danach besteht, erfüllt
dieses Strategem bravourös zu seinem eigenen Nutzen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


27. Strategem:
Verberge Dich hinter einer Krankheit und lasse alle Aktivitäten
ruhen. Das entwaffnet Deine Feinde und macht Dich für Angriffe
und Anfeindungen uninteressant. Warte auf den richtigen
Moment und schlage zurück.

Während der Periode der „Drei Staaten“ berief der sterbende


Kaiser Wei Ming einen Vertrauten mit dem Namen Cao Shuan
zu sich. Er bat ihn, sich nach seinem Tode um seinen acht Jahre
alten Kronprinzen zu kümmern und für ihn die Staatsgeschäfte
zu lenken, bis dieser volljährig geworden sei. Nachdem der
Kaiser gestorben war, hatte Cao Shan jedoch andere,
ehrgeizigere Pläne. Nachdem also Wei Ming gestorben war,
wollte Cao Shuan die Macht an sich reissen, indem er den
Thronrat davon überzeugen wollte, den Kronprinzen zu
entmachten und stattdessen Sih Ma Yi zum Premierminister zu
machen. Cao Shuan hoffte, dass er selbst zum General über die
Armeen des Landes ernannt würde, wenn der den General Sih
Ma Yi zum Premier verhelfen würde. Auf diese Weise könnte
Cao Shuan seine Vertrauten auf Schlüsselpositionen verteilen
und die komplette Macht an sich reißen, wenn die Zeit
gekommen wäre.

Sih Ma Yi wusste, dass Cao Shuan momentan zu stark war, um


sich ihm zu widersetzen. Um eine Konfrontation zu vermeiden
und um etwas Zeit für einen Gegenplan zu gewinnen, stellte sich
Sih Ma Yi krank.

Als Cao Shuan benachrichtigt wurde, dass Sih Ma Yi krank sei,


war Cao Shuan nicht überzeugt, dass er krank sei und schickte
Li Sheng zu ihm, um die Wahrheit herauszufinden. Als Li Sheng
bei Sih Ma Yi eintraf, fand er einen abgemagerten bettlägerigen
Mann, der von einer Magd gefüttert wurde. Er war zu schwach,

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um Li Sheng im Wohnzimmer zu empfangen, so dass das


folgende Gespräch im Krankenzimmer stattfand. Li Sheng sagte
zu Sih Ma Yi: „Ich bin dazu ernannt worden, als Beamter in die
Provinz Jing zu reisen und meinem Herrn dort eine Zeitlang zu
dienen. Heute komme ich zu Ihnen, um Ihnen meinen Respekt
zu zollen, meine Gebühren zu zahlen und ihnen gute Besserung
zu wünschen.“ Daraufhin erwiderte Sih Ma Yi mit einem
besorgten Gesicht: „Die Provinz Bing liegt sehr nahe an einem
Gebiet mit vielen Barbaren. Seien Sie dort nur vorsichtig.“ Irritiert
antwortete Li Sheng: „ Ich sagte nichts von der Provinz Bing,
sondern ich fahre in die Provinz Jing,“ worauf Sih Ma Yi
entgegnete: „Ach, Sie fahren auch in die Provinz Jing?“ In
diesem Moment betrat die Magd das Krankenzimmer und hielt
die Medizin in der Hand, die Sih Ma Yi einnehmen sollte. Mit
zittriger Hand führte sie ihm den Löffel zu seinem geöffneten
Mund. Doch statt die Medizin zu schlucken, sabberte er und der
größte Teil lief im die Mundwinkel herunter. Gleichzeitig
verdrehte er die Augen und zuckte wie in einem Anfall.
Nun war Li Sheng vollends überzeugt, dass Sih Ma Yi
übergeschnappt und nicht mehr Herr seiner Sinne sei und reiste
zurück, um Cao Shuan zu berichten. „Ich bin davon überzeugt,
dass Sih Ma Yi fertig ist. Der ist keine Gefahr mehr für Euch und
seine Tage sind gezählt. Ihr braucht Euch um ihn nicht mehr zu
kümmern,“ wusste der Berichterstatter zu erzählen. Als Cao
Shuan dies erfuhr, lachte er laut los und freute sich über diese
für ihn gute Nachricht. Von diesem Moment an maß er Sih Ma Yi
keinerlei Bedeutung mehr zu und nahm keine Notiz mehr von
ihm.

Im nächsten Frühjahr befand sich Cao Shuan auf einer


Pilgerreise zu einem heiligen Schrein, als der plötzlich
„genesene“ Sih Ma Yi die Macht in einem Staatsstreich zurück
eroberte und den Hinterhalt von Cao Shuan gegenüber dem
Kronprinzen offenlegte. Cao Shuan wurde festgenommen und
gemeinsam mit seinen Schergen exekutiert. Somit gab Sih Ma Yi
die Macht und die politische Gewalt zurück an die rechtmäßigen
Herrscher.

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28. Strategem

Entferne die Leiter, wenn der Feind aufs Dach gestiegen ist

Kategorie: Rückzugsauschluss-Strategem, Sackgassen-Strategem, Reusen-


Strategem

Sinnhaftigkeit: Den Gegner durch vermeintliche Vorteile zum Verrückten verlocken.


Nachdem jeder Ausweg versperrt wurde, schnappt die tödliche Falle zu.
Aber auch, sich selbst in eine ausweglose Situation bringen, um den
Kampf motiviert aufzunehmen.

Strategemziel: Wer mit dem Rücken zur Wand kämpft, will mit eisernem Willen
überleben. Wer nur unter absolutem Erfolgsdruck arbeiten kann, braucht
dieses Strategem. Täusche den Feind und lasse ihn im Glauben, eine
Chance zu haben, um zu entkommen.

Wer kennt sie nicht, die Redewendung: "Dann machen wir den
Sack zu!" Tatsächlich handelt es sich im Fall, dass man
jemanden "in den Sack gelockt" und ihn "zugebunden" hat, um
dieselbe Funktion: Der Gegner wird angelockt und sobald er in
der Falle sitzt, wird ihm der Fluchtweg abgeschnitten. In diesem
Fall steht die Leiter symbolisch für den Köder, mit dem wir den
Gegner locken, ihn also auf das Dach locken wollen. In
manchem Film mit Alpenpanorama wird dieses Strategem oft

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gezeigt: Die vollbusige blonde Dame lockt den brünftigen


Jüngling am Fenster. Dieser wiederum besorgt sich eine Leiter,
um ans Fenster oder auf den Balkon zu gelangen. Er ist so
besessen vom "Erfolg" seines Balzens, dass er dabei alle
Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lässt und blind hinaufklettert.

Nicht selten erwarten ihn dort andere Ereignisse als die Gunst
der Dame in blond, während ihm unten sprichwörtlich die Leiter
weggezogen wird und er am Fenstersims baumelt.

Jeder Köder muss so ausgelegt werden, dass er das Interesse


des Gegners entspricht. Ist er brünftig, bedarf es einer
entsprechenden Gelegenheit, ihn blind werden zu lassen. Ist er
habgierig, ist es die Aussicht auf einen schnellen Gewinn. Ein
hochmütiger Gegner wird durch die vermeintliche Schwäche des
Opfers in unbedachte Situationen gebracht und der Dummkopf
ist leicht in einen Hinterhalt zu locken. Das Ziel muss also so
ausgewählt werden, dass der Gegner genau das macht, was wir
vorausgesagt und geplant haben. Wenn dre genau die
beabsichtigten Züge macht, brauchen wir ihm nur noch den
Rückweg abschneiden, um zu unserem Ziel zu gelangen.
Wir können es aber auch auf unsere eigene Situation anwenden.
Bringen wir unsere eigenen Leute (Soldaten, Mitarbeiter etc.) in
ausweglose Lagen ohne Rückzugs- oder Fluchtmöglichkeit,
dann werden sie verbissener und nachhaltiger "kämpfen", als
wenn diese Situation nicht eingetreten wäre.

Allerdings können nicht alle Folgen im Voraus geplant werden


und es gibt gewisse Unwägbarkeiten, wenn die "Leiter" erst
einmal weggestoßen wurde. Die Ereignisse können außer
Kontrolle geraten, wie gut auch immer geplant wurde. Auch die
Arbeitsbereitschaft wird in Zeiten der Krise (nachdem die Leiter
weggestoßen wurde) zwar deutlich gesteigert - gleichzeitig sinkt
aber auch die Moral der weniger belastbaren Mitarbeiter. Somit
sollte dieses Strategem besonnen eingesetzt werden.

Die historische Gegebenheit hinter dem


28. Strategem:
Während der Südlichen und Nördlichen Dynastien lebte ein
Richter mit dem Namen Yang Jin in der Provinz Ci. Eines Tages
wurde ein reisender Händler überfallen und all seines Hab und
Gutes beraubt. Er meldete den Überfall dem Richter, der ihn
nach Einzelheiten wie Statur, Kleidung und andere
Auffälligkeiten befragte. Während der Händler alle Fragen
beantwortete, stellte er auch fest, dass der Täter keinen lokalen
Akzent spräche und von außerhalb kommen müsste.

Der Richter sammelte seine Polizisten um sich herum und ließ


durch sie im Land die Botschaft verkünden, dass jemand
ermordet worden sei und man jede Menge wertvoller
Gegenstände bei ihm gefunden habe, die jetzt an den

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© Thomas Koch 36 Strategeme - Erfolgsstrategien der Moderne 101

rechtmäßigen Erben abzugeben seien. Dabei gaben sie die


Täterbeschreibung desjenigen an, der den Händler überfallen
hatte.

Schon wenige Stunden später hatte sich die Nachricht im


ganzen Land herumgesprochen und es erschienen mehrere
Leute beim Richter, um die Habseligkeiten des Getöteten zu
beanspruchen. Der Richter forderte die Personen auf, einige
detaillierte Fragen zu beantworten, um den wahren Erben
herauszufinden. Dabei wurde übereinstimmend ein Mann aus
einer Region nordwestlich der Stadt genannt, auf den sowohl die
Personen- als auch die Kleidungsbeschreibung passte. Nun
schickte der Richter seine Polizisten in den angegebenen
Wohnort, um sich dort auf die Lauer zu legen und den
Verdächtigen gefangen zu nehmen. Nach einigen Stunden kam
der Dieb zu seinem Haus. Dort wurde er von den Polizisten
festgenommen und sein Haus durchsucht. Dabei fanden sie die
fehlenden Gegenstände des überfallenden Geschäftsmannes
und weiteres Diebesgut aus früheren Überfällen und Einbrüchen.
Aufgrund der drückenden Beweislast musste er die Taten
gestehen, um wenigstens ein mildes Urteil erwarten zu können.

Notizen / Bemerkungen

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29. Strategem

Den dürren Baum mit Blumen schmücken

Kategorie: Aufbausch-Strategem, Attrappen-Strategem, Vortäusch-Strategem,


Scheinwelt-Strategem

Sinnhaftigkeit: So wie Grigorij Aleksandrowitsch Potjomkin (auch Potemkin genannt)


seiner Zarin Katharina den jämmerlichen Eindruck ihres Zarenreichs
dadurch ersparen wollte, indem wer durch die Erstellung von Attrappen
ein reiches Land suggerieren wollte, gibt es unzählige Gelenheiten, sich
mit "fremden Federn" mit dem Zweck zu schmücken, mehr zu sein, als
man ist.

Strategemziel: Der Umwelt durch Erweckung des Scheins von Schönheit, Reichtum,
Gelassenheit oder Lockerheit über eigene Fehlbarkeiten oder Armut
hinweg täuschen.

"Mehr Schein als Sein" spottet so ein Spruch aus des deutschen
Michels Munde. Aber auch "Wie Du kommst gegangen, wirst Du
auch empfangen!" ist allgemein bekannt und geläufig und zeigt
den Grundtenor dieses Strategems: Auch in Zeiten der
Schwäche so tun, als ob das Konto so prall wie der Bauch ist.

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Kleidung zu tragen wie ein König und aus dessen Fuhrpark


einen Wagen zu fahren, der wahrscheinlich für den Bruder des
deutschen Michel, den Otto Normalverbraucher allein schon
unerschwinglich wäre. In Zeiten kriegerischer
Auseinandersetzungen wäre es fatal, eine Schwäche zu zeigen,
denn das könnte für den Gegner der Moment sein,
zuzuschlagen, obwohl man seine Kräfte für andere Zwecke
bräuchte und einsparen wollte. Um vor Kraft zu strotzen könnte
man sich also auch die Kräfte eines benachbarten
freundschaftlich gesonnenen Landes "ausborgen" und damit die
eigene Kraftlosigkeit zu kaschieren.

Es gibt unzählige Möglichkeiten zu glänzen und den Gegner


einen falschen Schein vorzuführen. Dazu gehört auch Prunk,
Festivitäten und Gesangeseinlagen, deren Fröhlichkeit dem
Gegner signalisieren soll, dass es einem gut ginge.
Der zentrale Inhalt dieser List zeigt die Kraft des schönen
Scheins.

Die historische Gegebenheit hinter dem


29. Strategem:
Dieses Strategem war einem Baum entnommen, der seine
Blüten mit Punkten versah, um sie größer erscheinen zu lassen,
als sie tatsächlich waren. Dadurch wurden Insekten angelockt,
die seine Blüten bestäuben sollten. Diese Illusion wurde
übernommen, um Vorteile zu suggerieren, die es tatsächlich gar
nicht gab. Man nutzt äußere Bedingungen wie die örtlichen
Gegebenheiten, das Wetter oder einflussreiche Freunde, um
einen Gegner zu täuschen und größere Macht und Einfluß zu
suggerieren. Der Gegner wird dadurch getäuscht, indem er
annimmt, das Opfer sei größer, stärker und einflußreicher als
ursprünglich angenommen und der Gegner wird sich erschreckt
abwenden.

Es lebte ein Jäger mit seiner Frau in einem kleinen, einfachen


Haus direkt am Meer. Wie so viele Abende war der Mann auf der
Jagd und seine Frau Cuei Hua alleine zu Hause. Oft blieb er
mehrere Tage in der Wildnis, weil er einem Stück Wild nur
verwundet hat und seiner Spur folgte, um es zu erlegen. Eines
Tages bemerkte sie eine Person auf ihrem Grundstück und
wollte ins Haus fliehen, um sich zu verbarrikadieren, denn es war
nicht zu erwarten, dass ihr Mann schnell zu Hause sein würde.
Allein der ungebetene Gast war schneller und folgte ihr ins Haus.
Er befahl ihr, sich im Wohnzimmer auf einen Stuhl zu setzen und
sagte zu ihr: „Verehrte Frau, es wird gleich dunkel und ich habe
kein Quartier. Bitte lass mich über Nacht hier schlafen und ich
werde morgen in der Frühe aufbrechen. Cuei Hua dachte bei
sich: „Mein Mann wird nicht so schnell nach Hause kommen und
ich habe gegen die Kraft des Eindringlings nichts zu entgegnen.
Was soll ich bloß tun?
Sie sah sich um und sah durch den Vorhang ins

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Nachbarzimmer. Dort standen seine Schuhe und die von einigen


Freunden, die ihren Mann gelegentlich bei der Jagd begleiteten.
Im Laufe der Zeit waren immer wieder Schuhe vergessen
worden, so dass sie einige Schuhe verschiedener Größen sah.
Da kam ihr eine Idee und sie sagte zum Ganoven: „Freunde zu
haben ist für Reisende sehr wichtig. Nehme zuerst eine Tasse
Tee und ich werde dir warmes Wasser bringen, um deine Füße
zu waschen.“ Der Eindringling war mit diesem Vorschlag
einverstanden. Cuei Hua ging in die Küche, um heißes Wasser
zu holen. Dann ging sie ins Nachbarzimmer, um die Schuhe
unter dem Bett ihres Mannes hervor zu holen und sie vor den
Kamin zu stellen. Der Dieb verfolgte das Geschehen und war
darüber irritiert. „Ein paar Schuhe reichen mir, ich brauche keine
sechs Paar Schuhe. Außerdem brauche ich auch nicht so viel
Wasser,“ sagte er und sie antwortete: „Ja, ein Paar sind für dich
und im Bottich sollen auch Deine Füße gewaschen werden.
Doch die anderen Schuhe sind für meinen Mann und seine
Freunde! Sie sind auf der Jagd und wollten eigentlich schon
längst wieder hier sein. Ich erwarte sie jeden Moment.“ Der
Eindringlich war plötzlich sehr verunsichert und blickte um sich,
weil er befürchtete, dass ihn ihr Mann wegen seines Eindringens
bestrafen würde. „Mache es dir bequem und fühle dich wie zu
Hause. Ich werde unterdessen in die Küche gehen und das
Abendbrot vorbereiten. Du musst wissen, dass mein Mann ein
Riese ist und nach der Jagd einen unendlich großen Hunger hat.
Wenn er nicht das Richtige zu Essen bekommt, wird er sehr
schnell zornig.“

Dem Dieb war es nicht mehr so geheuer, was er da hören


musste und wähnte sich in großer Gefahr. Würde ihr Mann mit
seinen fünf Freunden jetzt nach Hause kommen, würde es ihm
gewiß nicht gut ergehen. Mit einem Blick in die Küche bemerkte
er, dass sie tatsächlich eine Menge Essen vorbereitete und
verließ das Haus grußlos. Das Diebesgut ließ er zurück und
essen wollte er auch nichts mehr.

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30. Strategem

Tausche die Rolle des Gastes mit dem Gastgeber

Kategorie: Ausboot-Strategem, Kuckuksei-Strategem

Sinnhaftigkeit: Durch Rollentausch von "Gast" in "Gastgeber" von Passivität in Aktivität


wechseln und das Haus des Gastgebers übernehmen.

Strategemziel: Wer es von "Gast" zu "Hausherrn" bringen will, muss strategisch wichtige
Positionen des Hausherrn mit eigenen Kräften besetzen, ohne dass es
der "Hausherr" bemerkt. Zunächst muss er sich erst einmal in die Rolle
des "Gastes" ("Angreifer") begeben, also die Tür sprichwörtlich einen
Spalt öffnen, um an die strategisch wichtigen Positionen des Feindes
("Gastgebers") zu gelangen.

Im Umland einer norddeutschen Stadt gab es viele Jahre lang


ein renommiertes Fitness-Studio, das sich wachsender
Beliebtheit erfreute. Der Gründer hatte das Geschäft aufgebaut
und zu einer ansehnlichen Anzahl Kunden gebracht. Dann
entschloss er sich, zu expandieren und aus dem reinen Fitness-
Studio einen Wellness-Tempel mit allem zu machen, was dem
Kunden gefallen könnte: Vergrößerung der Sportfläche, neue
Sportgeräte, Meditationsräume, Yoga-Angebote, Schwimmbad,
Sauna-Anlage und vieles mehr. Das Investitionsvolumen sollte
mehrere Millionen Euro betragen, so dass sich der

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Geschäftsinhaber einen Finanzier suchte, um das Vorhaben zu


realisieren. Schnell wurde er fündig und Umsetzung dieser
ehrgeizigen Ziele wurden in Angriff genommen. Und wie es so
üblich ist, wurden im Laufe der Baumaßnahmen Änderungen
durchgeführt, die zu Verteuerungen des Gesamtvorhabens
führte. Selbstverständlich gab es Verträge und Vereinbarungen,
die sowohl die Eigentumsrechte als auch die Rolle des
Finanziers klar regelten. Der Fitness-Studio-Besitzer
("Gastgeber") machte dann einen Fehler und investierte einen
Teil des Finanzierungsvolumens für sein eigenes Wohnhaus,
was dem Finanzier ("Gast") die Möglichkeit gab, die
Vereinbarung zu kündigen und das investierte Geld zurück zu
fordern. Die Situation war klar und der Gastgeber in eine
passive, ausweglose Situation und in der Folge aus dem
Geschäft gedrängt. Mit einer Abfindung, die in keiner Weise dem
zu erwartenden Geschäftserfolg entsprach, musste der
Gastgeber dem Gast das Terrain überlassen, das dieser mit
eigenen Leuten besetzte.

So tauschte der Gast die Rolle mit dem Gastgeber

Das Strategem 30 sieht vor, den Rollentausch in mehreren


Schritten zu vollziehen. Zunächst ist es erforderlich, sich
überhaupt in die Rolle des Gastes zu bringen. Folgend ist es
seine Absicht, das Terrain zu erkunden und "die Tür" für weitere
Aktivitäten einen Spalt aufzustoßen. "Terrain erkunden" bedeutet
in diesem Fall, die Achillesferse des Gastgebers ("Feind")
ausfindig zu machen. Mit der dritten Stufe wird "der Fuß in den
Türspalt" gesetzt, seine eigene Position zu festigen und den
Schwachpunkt des Gegners ausfindig zu machen. Diese können
Gier oder die Aussicht auf schnellen Gewinn sein. Nachdem die
Motivation des Gastgebers erkundet wurde erschleicht sich der
Gast auf dieser Basis im vierten Schritt das Vertrauen des
Gegners, um dessen Entscheidungen nach eigenen Interessen
zu beeinflussen. Im letzten Schritt übernimmt der "Gast" den
Schlüssel des Hauses, um selbst "Gastgeber" zu werden.

Die Gefahr des Tauschs von "Gast" in "Gastgeber" ist unter


anderem immer dann gegeben, wenn man externe Partner in
sein eigenes Unternehmen aufnimmt, um sich dessen Kräfte zu
sichern. Sie können Segen sein, sich aber auch als genau das
Gegenteil erweisen, wenn man ihn zu stark werden lässt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich das nur zu genau: Als ich mein
erstes Unternehmen gründete, war ich noch Angestellter in
einem Versicherungsunternehmen und somit nicht in der
Situation, berufsbegleitend zu arbeiten. Ich suchte mir daher
einen Partner, der so lange die Geschäftsleitung übernehmen
sollte, bis das Unternehmen in der Lage sein würde, mich als
Geschäftsführer zu ernähren. Als Gegenleistung sollte der
Partner eine lebenslange, geldwerte Unternehmensbeteiligung
erhalten. Wie es bei Geschäftsgründungen üblich ist, stellten

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sich im Laufe der Zeit Schwierigkeiten ein, vorzugsweise


finanzieller Art. Zudem bewegte ich mich auf dem 1997 noch
absolut jungen Internetzeitalter und wollte ein IT-
Dienstleistungsunternehmen zur Blüte führen. Im Laufe der
Monate wurden die Schwierigkeiten größer und der Partner
forderte einen immer größer werdenden Teil des
Unternehmenserfolgs als lebenslange Beteiligung ein, der
anfangs auch stattgegeben wurde. Ab einem Punkt wurde es
dann auch für mich uninteressant, die Idee des Unternehmens
weiter zu führen. Ich beabsichtigte, den Partner in einem Status
Quo festzufrieren, der eine Fortführung der Unternehmensidee
ermöglichte, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit weiterer
Forderungen verwehrte. Diese Situation nahm er nicht an,
sondern setzte seinerseits selbst ein Ultimatum: Entweder
25.000 Euro zu zahlen oder die bis dahin erfolgten
Programmierungen, also den gesamten
Unternehmensgegenstand zu löschen. An diesen Folgen der
Annahme dieser Forderung litt das Unternehmen noch viele
Jahre und verwehrte Nachhaltig die positive Entwicklung.

Die historische Gegebenheit hinter dem


30. Strategem:
Ein Diebestrio war auf Raubzug und beschloss, in ein Haus
eines reichen Kaufmanns einzubrechen und sein Silber und sein
Gold zu stehlen. Während der Chef der Gang in das Haus
eindrang, standen die beiden anderen auf dem Dach und zogen
die in Beutel eingepackte Beute mit einem Seil nach oben. Nach
dem dritten Gang war es den beiden auf dem Dach genug und
sie wollten mit dem Diebesgut zu fliehen und den Dritten
zurücklassen, damit sie nicht teilen mussten. Aus dem Haus
erscholl die Stimme des Kumpanen: „Hey ihr da oben. Ich habe
eine Holzkiste mit wertvollem Silber und Gold entdeckt. Wenn ihr
die Kiste hochgeholt habt, werden wir weiter ziehen. Die beiden
auf dem Dach sahen sich an und einschlossen sich, den großen
Schatz nicht mit ihrem Partner teilen zu wollen. Sie hoben die
Kiste auf das Dach und verschwanden von dort mit der
gesamten Beute in die Nacht. Es dämmerte und die Sonne zog
auf, als es den beiden Dieben so erschien, als ob sie jetzt genug
Strecke gegangen seien und wollten sich einen Überblick
darüber verschaffen, welche schweren Schätze sie da wohl in
den Händen trugen. Immerhin war die Kiste verdammt schwer
und auch die ersten drei Beutel mit dem Diebesgut hatte ein
ordentliches Gewicht. Sie stellten die Kiste auf die Erde und
wollten sie gerade öffnen, als Reiter nahten. Sie stoppten die
beiden ungewöhnlichen Diebe und fragten sie nach ihrem Weg.
Das hörte natürlich auch der Kopf der Gang, denn er war es, der
sich in der Kiste befand und sie so schwer machte. „Hilfe, Hilfe!“
rief er aus der Kiste, „ich wurde beraubt und entführt. Bitte befreit
mich hier aus dieser Kiste, denn ich bekomme keine Luft mehr.“
Die beiden anderen Diebe sahen sich ertappt und flohen in
wilder Panik ins Gelände. Die Reiter indes öffneten die Kiste und

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der Gangsterboß erzählte die Geschichte so, als ob er der


Hauseigentümer gewesen wäre, der überfallen, bestohlen und
entführt worden sei.

Daraufhin wurde dem Gangsterboß das gesamte Diebesgut


ausgehändigt und er zog reich davon.

Notizen / Bemerkungen

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31. Strategem

Schöne-Menschen-Strategem

Kategorie: Venusfallen-Strategem, Adonis-Strategem, Strategem der schönen


Menschen

Sinnhaftigkeit: Einsatz von Sexualität zur Durchführung seiner Ziele

Strategemziel: Sexualität, Geltungssucht und Machtstreben sind Faktoren, mit denen zur
Durchführung eines Zieles gespielt wird. Zum Einsatz kommt dabei ein
"Lockvogel", der dem Beuteschema des Opfers entspricht und ihm dabei
Geheimnisse entlockt

Zu diesem Thema irgendetwas zu schreiben, ist "eigentlich"


überflüssig. Siehe nach rechts und nach links im Leben: Überall
lauern Attacken auf den Teil des Gehirns, den man(n) gerne mal
ausschaltet, nämlich dann, wenn es um eine oder gar mehrere
blonde aber auch andersfarbige Schönheit(en) geht. Gerne
werden sie eingesetzt, um gar zu widerborstige Politiker weich

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zu machen (ok, eigentlich ja umgekehrt....) oder um


Erpressungen des in flagranti ertappten Mannes zu ermöglichen.
Die Werbung nutzt gefühlte Quadratkilometer zur Schau
getragene Haut, um die eine oder andere Werbebotschaft an
den Mann - und seit dem Höhepunkt der Emanzipation auch an
die Frau - zu bringen, Ronaldo, Beckham und Co. lassen
grüßen.....

Wie "frau" dieses Strategem in eigener Sache einzusetzen


vermag, weiß die Weltöffentlichkeit spätestens, seit das Model
Angela Ermakowa eine kurze Liebesaffäre nutzte, um mit
Tennisstar Boris Becker, von ihm ungewollt die gemeinsame
Tochter Anna zu zeugen. Wie die Medien berichteten, nutzte die
ziel- und strategemorientiert handelnde Frau einen Moment
mentaler Schwäche des Tennisstars, um sich dessen Spermien
nach seiner oralen Befriedigung "einzuverleiben". In der Folge
entstand die Tochter Anna, die dem Star so ähnlich sieht, dass
ein Vaterschaftstest keine andere Erkenntnis gebracht hätte
(oder brachte), als die bloße optische Wahrnehmung.

Also Männer: Aufgepasst, wenn sich euch eine Frau nähert, die
nicht in eure "Liga" passt - dann ist Vorsicht angesagt und ihr
solltet genau hinterfragen, warum gerade ich. Gerade während
öffentlichkeitswirksamer Ereignisse rund um den Fußball oder
um Rennen in der Formel 1 fragt man sich gelegentlich (oder
meist???), was haben die Männer, das man selbst nicht hat und
die Antwort ist klar: Geld, Ruhm, Macht. Noch Fragen?

Die historische Gegebenheit hinter dem


31. Strategem:
Während der Shih-Rebellion der Tang-Dynastie wurden die
regulären Regierungstruppen vom General Li Guang Bi und die
Rebellenarmee vom General Shih Sih Ming geführt. Beide
Armeen waren auf den jeweiligen Ufern entlang des He Yang-
Flusses aufgestellt. Die Rebellenarmee hatte über Tausend
schöne Pferde und befand auch sonst in einem deutlich
besseren Zustand als die Regierungstruppen.

Jeden Tag kamen Soldaten der Rebellenarmee direkt ans Ufer,


um die Armeepferde zu Baden. Während der Regierungsgeneral
Li Guang Bi diese Szenen täglich beobachtete, kam ihm eine
brilliante Idee. Er ordnete an, dass die Regierungssoldaten
sämtliche Stuten aus der Herde selektieren sollten. Insgesamt
werden es rund Fünfhundert gewesen sein. Anschließend befahl
er, die Fohlen der Stuten aus der Stadt zu führen, um sie weit
weg von den Stuten in einem Gatter einzuschließen. Am
folgenden Tag wurden die Pferde der Rebellenarmee wieder ans
Flußufer geführt, um gebadet zu werden. Mittlerweile waren alle
Stuten direkt ans Ufer in ein abgeschlossenes Gatter gebracht
worden und fingen an, nach ihren Fohlen zu rufen. Das blieb den
Hengsten der Rebellenarmee selbstverständlich nicht verborgen

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und sie fühlten sich von den wiehernden Stuten magisch


angezogen. Wie von Furien gehetzt galoppierten sie durch das
Wasser auf das andere Flußufer zu und die Rebellensoldaten
konnten sie nicht daran hindern. Doch nicht nur die Hengste
waren weg - auch deren Stuten folgten den Hengsten und die
Rebellenarmee war ihre Pferde los. Den Pferden folgte der
Verlust des Kampfgeistes, denn der Verlust von tausend
Rebellen-Pferden an die Regierungstruppen machen die einen
schwach und die anderen stark. Diese Geschichte wurde
berühmt als "Pretty Mares Trap".

Notizen / Bemerkungen

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32. Strategem

Das verlassene Castell - in leere Tore eintreten

Kategorie: Illusions-Strategem, Irritations-Strategem, Leere-Strategem

Sinnhaftigkeit: Den Gegner unter Vortäuschung falscher Tatsachen in die Irre locken

Strategemziel: Die eigene Schwäche durch entwaffnende Ehrlichkeit so offenbaren,


dass der Gegner sie für einen Bluff hält.

"Totale Überzeugungskraft bei absoluter Ahnungslosigkeit!"


könnte man manchem Versicherungsvertreter attestieren, der
einen Sachverhalt so klar und deutlich vorträgt, dass die Fakten
überhaupt keinen Zweifel zulassen. Unterschreibt man dann, hat
die mögliche Falle zugeschnappt und man ist im
Versicherungsvertrag gefangen. Oftmals wird erst im
Schadenfall deutlich, dass der besagte Vortrag nur den Anschein
der Sicherheit für Fakten bot, wie sie anscheinend glaubwürdig
vorgetragen wurden.

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Dieses Strategem wird für die vier Formen der Illusion


eingesetzt:

1.) Fülle zeigen, wo Leere vorhanden ist; also Stärke zeigen,


wo Schwäche ist

2.) Leere zeigen, wo Stärke ist; also den Gegner in die Falle
locken, weil er einen schwachen Gegner vermutet

3.) Fülle zeigen, um den Gegner zu veranlassen, an Leere


zu glauben

4.) Leere zeigen, um den Gegner zu veranlassen, an Fülle


zu glauben.

Angewendet wird dies Strategem immer dann, wenn man den


Gegner über die eigene Stärke bzw. Schwäche im Unklaren
lassen will, um ihn durch falsche Annahmen zu einem
fehlerhaften Schritt zu bewegen.

Wenn man selbst schwach ist und wir unsere eigene Schwäche
drastisch übertreiben, wird der Gegner stutzig und nimmt an,
dass er es hier mit einer maßlosen Übertreibung als Mittel der
Illusion zu tun hat. Weil er aber nicht weiß, woran er wirklich ist,
wird er den Angriff im Zweifel abbrechen, um eigene Kräfte
keinem Risiko auszusetzen und von einem weiteren Angriff
absehen.

Im Allgemeinen wird diese besondere Zurschaustellung der


eigenen Stärke / Schwäche den Gegner irritieren und ihn in den
Glauben versetzen, dass eine Falle drohe. In diesem Fall ziehen
wir den Gegner in unsere eigene Taktik hinein und lassen ihn
selbst aktiv Akteur werden.

Dieses Strategem sollte nur im äußersten Notfall eingesetzt


werden, weil ein hohes Risiko besteht, dass der Gegner die
richtigen Schlußfolgerungen zieht, insbesondere, wenn er durch
Spitzel im Unternehmen Kenntnisse von Ihren realen
Verhältnissen besitzt.

Die historische Gegebenheit hinter dem


32. Strategem:
Während der Schlacht von Jie Ting erlitt die Armee von Shu um
General Ma Su riesige Verluste und war nahe dabei, komplett
aufgerieben zu werden. Die strategisch wichtige Stadt Jie Ting
war bereits verloren musste aufgegeben werden. Um sich zu
sammeln, neue Kräfte zu tanken und den Nachschub zu
organisieren, zog sich die Armee zurück und hinterließ ein

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Kontingent von annähernd Fünftausend Kämpfern, die den


geordneten Rückzug schützen sollten und deren Befehlshaber
Jhu Ge Liang war. Während sich die Offiziere berieten, wie alles
organisiert werden solle, platzte eine neue Hiobsbotschaft in die
Besprechung: Der feindliche General Sih Ma Yi ritt mit rund
150.000 frischen Männern gegen das Militärlager, um die Armee
von Shu nun endgültig vernichtend zu schlagen.

Jeder kann sich vorstellen, in welcher Furcht die Armee war,


denn sie hatte nicht die geringste Chance gegen die 30-fache
Überzahl. Doch Jhu Ge Liang, der Befehlshaber, behielt die
Nerven und ordnete an, dass sämtliche Hinweise auf die Armee
und die vorangegangene Schlacht entfernt werden sollten.
Weder Fahnen, noch Schwerter oder Pferde durften gezeigt
werden oder sich bemerkbar machen. Sämtliche vier Tore des
Castells wurden geöffnet, so dass jedermann ungehindert hätte
eintreten können. Zu jedem Tor wurden 20 Soldaten in
Zivilkleidung geschickt, die zudem den Auftrag hatten, sich wie
dumme Bauernlümmel zu benehmen. Kein einziger Soldat durfte
reden oder sich anderweitig laut bemerkbar machen und
Zuwiderhandlungen würden mit dem sofortigen Tod geahndet.
Anschließend bestieg er gemeinsam mit zwei Lakaien den einen
Turm und begann, nachdem er einige Räucherkerzen
angezündet hatte, seine Laute zu spielen.

Als der feindliche General nahe an das Castell herangekommen


war und das Szenario vor ihm sah, wurde er misstrauisch.
Einerseits lud das offene Castell zwar dazu ein, es sofort in
Besitz zu nehmen, doch andererseits war der Befehlshaber Jhu
Ge Liang als verschlagener und gewiefter Offizier bekannt, was
den Gegner vermuten ließ, dass im Castell ein Hinterhalt lauerte.
Alles war zu ruhig und zu friedlich, so dass dieser Umstand als
Gefahr wahrgenommen wurde. Als der General Sih Ma Yi dann
auch noch den lächelnd Laute spielenden Jhu Ge Liang sah, war
ihm klar, dass ein Hinterhalt drohte und ließ seine Armee mit den
150.000 Mann kehrt machen und in die Kasernen zurückkehren.
General Sih Ma Yi sagte zu seinem Sohn, der als Offizier
beteiligt und gegen den Rückzug war: " Jhi Ge Liang ist ein
nachdenklicher und einfallsreicher Mann. Er würde niemals ein
so großes Risiko eingehen, wenn er sich seiner Stärke nicht
bewusst wäre. Im Castell muss ein Hinterhalt lauern, denn
warum sonst sollte er seine Laute mit solcher Leichtigkeit und
kühler Gelassenheit spielen?"

Hier verwirklichte sich eine kühne und höchst riskante Strategie


der psychologischen Kriegsführung. Wenn Ihre Stärke im
Verhältnis zum Gegner zu schwach ist, beenden Sie alle
Vertragsverhandlungen und handeln so, als ob Sie das Ergebnis
oder der Erfolg nicht interessieren würde. Diese Beiläufigkeit
wird den Gegner irritieren und ihn glauben machen, dass Sie
Etwas im Schilde führen. Durch diese Irritationen wird der

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Gegner zögerlich und zieht sich zurück oder Sie gewinnen Zeit.

Notizen / Bemerkungen

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33. Strategem

Die Kunst der Spionageabwehr

Kategorie: Doppelagenten-Strategem, Irritations-Strategem, Infiltrations-Strategem

Sinnhaftigkeit: Dem Gegner einen Doppelagenten schicken, der gefälschte


Informationen übergibt.

Strategemziel: Wer von einem Agenten weiß, der doppeltes Spiel treibt, eben dem
Doppelagenten, der lässt den Doppelagenten im Glauben, man wisse
nichts von seinem doppelten Spiel. Spielt man ihm gefälschte
Informationen zu, die den Gegner auf eine falsche Fährte locken soll,
dann weiß man darum, da sie vom Doppelagenten im Glauben
übergeben werden, sie seien für seinen zweiten Auftraggeber von großer
Wichtigkeit und Bedeutung.

Ob militärische Spionage oder Industriespionage, sie ist wohl


das zweitälteste Gewerbe der Welt. Denn ohne verlässliche
Informationen über den Gegner kann man weder einen
militärischen noch einen wirtschaftlichen Sieg erringen. Will man
sich selbst nicht in Gefahr begeben, benutzt man willige oder
unwillige Helfer, die die Schmutzarbeit für einen verrichten.

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Es gibt fünf verschiedene Arten von Spione, die alle ihre


Besonderheiten aufweisen:

1) der lokale Spion, angeworben aus der örtlichen


Bevölkerung

2) der innere Spion, angeworben unter den Führungskräften


/ Offizieren des Gegners

3) den Doppelagenten (ein feindlicher Spion, der zu uns


übergelaufen ist)

4) den todgeweihten Spion (er soll unter den Spionen des


Gegners falsche Informationen streuen. Würde er
enttarnt, droht ihm tödliches Ungemach)

5) den überlebenden Spion (er kundschaftet den Gegner


aus und kommt ins eigene Lager zurück)

Für das 33. Strategem wird der Doppelagent gebraucht, denn


dieser glaubt, er sei ein Überläufer in unser Lager, berichtet aber
gleichzeitig an den Feind bzw. Gegner. Diesen Umstand kann
man sich zu Nutze machen, indem man ihn wissentlich mit
falschen Informationen ausstattet und weiß, dass diese
Fehlinformation genau dort hinkommt, wo man sie hin haben
möchte, um falsche Nachrichten gezielt streuen zu können.

Die historische Gegebenheit hinter dem


33. Strategem:
Cao Cao war ein Feldherr mit großem strategischem Geschick.
Auf dem Wasser war er jedoch besiegbar und erlitt gegen Jhou
Yu, einem General des Staates Wu, eine empfindliche
Niederlage. Seine diesbezüglichen Defizite erkennend rekrutierte
er zwei aus Wu übergelaufene Generäle mit den Namen Mao
und Cai Yun Jhang, um seine Armee in die Kunst der
Seegefechte und Seestrategien zu unterrichten. Gleichzeitig
zweifelte er an der Loyalität seiner beiden neuen Generäle und
schickte Jiang Gan zum Quartier des Generals Jhou Yu, um
herauszufinden, ob die beiden Generäle wirklich von dort
desertiert und dort auch wirklich in Ungnade gefallen seien. Wie
es der Zufall so wollte, waren der General Jhou Yu und Jiang
Gan aus Zeiten bekannt, als Jhou Yu noch kein General war und
er empfing den Gast mit großen Ehren. Allerdings war der
General auch etwas misstrauisch ob der Absichten Jiang Gans,
zu dessen Ehren er sogar ein Fest gab und ihn an seiner Seite
an der Tafel sitzen ließ. Es war ein sehr lustiger Abend mit viel
Gelächter, Musik, Tanz und Wein. Letzteres genossen die
beiden Hauptpersonen des Abends in reichlichem Maße, wobei
Jiang Gan echten Wein erhielt und sich Jhou Yu jedes zweite

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Glas mit Wasser füllen ließ. Als gegen Mitternacht der


allgemeine Aufbruch erfolgte, bestand Jhou Yu darauf, dass
Jiang Gan als sein alter Freund das Bett mit ihm teilen sollte,
was damals ein Ausdruck besonderer Verehrung darstellte.

Während sich Jhou Yu sofort schnarchend auf die Seite legte,


hielt sich Jiang Gan noch wach und im Wissen der Sicherheit,
dass Jhou Yu schliefe, durchsuchte er den Schreibtisch des
Generals und wurde hocherfreut findig: Er kam in Besitz eines
Schreibend von Jhou Yu, das von den beiden zu Cao Cao
übergelaufenen Generälen unterschrieben war und sie eindeutig
zu Agenten von Jhou Yu machte.

Am nächsten Tag reiste Jiang Gan ab und freute sich darüber,


dass Jhou Yu nichts bemerkt habe, so freundlich hatte dieser
gelächelt....

Bei Cao Cao angekommen, übergab Jiang Gan das Schreiben


an den General, der die beiden Überläufer zu sich bringen und
ohne weitere Möglichkeit der Verteidigung köpfen ließ. Später
erfuhr er von dem gefälschten Schreiben, doch es war zu spät.
Um die strategisch wichtigen Köpfe der beiden Generäle
beraubt, fuhr die nunmehr weiterhin unausgebildete Flotte von
Cao Cao in ihr Verderben und wurde vernichtend geschlagen.
Cao Cao entging nur knapp durch Flucht dem Tod.

Notizen / Bemerkungen

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34. Strategem

Strategem der Selbstverstümmelung

Kategorie: Selbstverstümmelungs-Strategem, Scheinopfer-Strategem

Sinnhaftigkeit: Durch eigen verursachte körperliche und psychische Pein beim Gegner
den Eindruck erwecken, einen hasserfüllten Überläufer zu bekommen,
der alle Geheimnisse seines bisherigen Herrn ausplaudert.

Strategemziel: Unter Duldung eigener Schmerzen, Verwundung und Pein eine gespielte
Opferhaltung einnehmen und den Feind / Gegner in der Annahme
stärken, dass er einen Verbündeten bekommt. Der Feind / Gegner lässt
seine Vorsicht außer Acht und gibt dem Gepeinigten die Gelegenheit, in
die Tiefen der gegnerischen Taktik eingeweiht zu werden.

Wer das Selbstverstümmelungs-Strategem anwendet, muss


schon in großer Not sein. Es wird nur dann angewendet, wenn
das Leben vom Gelingen einer bestimmten Aktion abhängt und
man die Pläne des Gegners oder Feindes kennenlernen will.
Manche benutzen es auch, um über Betrug die Leistungen einer
Privaten Unfallversicherung zu erschleichen. Davon muss jedoch

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in jedem Fall abgeraten werden, denn es ist nicht nur illegal,


sondern die Möglichkeiten der Entlarvung sind heute größer
denn je. Schnittkanten, Art der Verletzung und die äußeren
Umstände müssten so perfekt aufeinander abgestimmt werden,
dass weder Mediziner, noch der Angestellte der Versicherung
Verdacht schöpfen. Es ist jedoch mit heutigen Mitteln der
Recherche fast nicht mehr möglich, einen solchen Unfall
vorzutäuschen, ohne dass das entsprechende Körperteil wieder
angenäht werden kann. Würde ein Körperteil "sauber
abgetrennt", kann man es immer wieder annähen und Schmerz,
Blutverlust und Gefahr wären zu groß. Gerade bei Verletzungen
der Hände sind die Versicher besonders aufmerksam, weil das
die "gefahrloseste" Art ist, Versicherungsleistungen zu
erschleichen. Wer würde schon bereit sein, ein Auge zu opfern
oder ein Bein, wenn das Risiko einer völligen Erblindung oder
eines Verblutens unverhältnismäßig groß wäre. Also Finger weg
von derartig blöden Ideen. Arbeitet lieber mit Eurem Verstand
und nutzt diese universelle Energie für konstruktive Dinge, bei
denen Ihr Eure ganzen Finger einsetzen könnt und trotzdem
mehr Geld verdient, als mit der meist aussichtslosen
Anspruchnahme einer privaten Unfallversicherung.

Um dieses Strategem aus nachvollziehbaren Gründen


einzusetzen, muss der "Lohn" entsprechend hoch sein. Denn
wer geht schon sofort davon aus, dass ein am Boden liegender
Verwundeter selbst Urheber dieser Verletzung war? Allerdings
soll dieses Strategem für Mitleid bei der Person erregen, die Ziel
des Strategems ist. Wenn es ein Gegner oder Feind ist, dann
wird er nach allen Regeln menschlichen Handelns nicht noch die
Klinge wetzen, um den Verwundeten zu töten. Im Gegenteil,
denn nach Regeln, die sogar im Krieg gelten sollen, dürfen
gesunde Soldaten zwar getötet werden, verwundete darf man
aber nicht töten, sondern muss ihnen eine medizinische
Versorgung zuteilwerden lassen. Ein verwundeter Soldat ist
demnach in einer komfortableren Situation als ein gesunder. Wer
jedoch so kaltblütig ist, sich eine große Verstümmelung selbst
beizubringen, um beim Gegner oder Feind Mitleid und Milde zu
erregen, der wird nach erfolgter Genesung seinen Auftrag mit
um so größerer Kaltblütigkeit durchführen, sofern es die letzte
Chance zum Überleben überhaupt ist.

Ziel ist es also, Schwäche vorzutäuschen, um im richtigen


Moment zuzuschlagen und die Kampfkraft des Feindes
entscheidend zu schwächen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


34. Strategem:
Nachdem Cao Cao die beiden gegnerischen Admiräle hat
köpfen lassen (in Strategem 33 beschrieben), gab sich General
Zhou Yu öffentlich absolut überzeugt, dass seine eigene
Streitmacht die von Cao Cao vernichtend schlagen wird, obwohl

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die eigenen Leute zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Für


ihn war die Niederlage Cao Cao besiegelte Sache und er wollte
den Vorstoß planen, als ihm einer seiner treuesten Admiräle mit
Namen Huang Gai widersprach und stattdessen Rückzug und
Kapitulation empfahl. Das erboste den General so sehr, dass der
Admiral sofort geköpft werden sollte. Doch die anderen Offiziere
waren von diesem Vorschlag entsetzt und fielen auf die Knie, um
für das Leben des verdienten Admirals zu beten.

Erst nach langem Bitten und Betteln ließ sich General Zhou Yu
erweichen, die Todesstrafe in 100 Peitschenhiebe zu
verwandeln, den Admiral zu degradieren und ihn für den Rest
seines kümmerlichen Lebens in einen Kerker zu sperren. Nach
50 Peitschenhieben waren das bloße Rückgrat und Rippen in
einem Matschhaufen von Fleisch und Blut zu sehen und die
Offiziere fielen erneut auf die Knie, um für das Leben des alten
und verdienten Admirals zu flehen. Auch diesmal gab der
General nach und befahl, den Admiral einen Tag lang dort in der
Sonne liegen zu lassen. Einen Tag nun lag der Admiral, vor
Schmerzen gekrümmt, in der Sonne und sein Leben schien fast
ausgehaucht, als ihn seine treuen Gefolgsleute nach der
abgelaufenen Zeit vom Platz des Auspeitschens in ein
Krankenbett bringen konnten um ihn zu pflegen.

Nachdem der Admiral wieder ein wenig bei Sinnen war, rief er
seinen getreuesten Gefährten zu sich, um ihn zu bitten, ein
Schreiben an den gegnerischen General zu verfassen und dann
persönlich zu übergeben. Darin bot er ihm seine Dienste an und
wies dabei auf die erlittene Pein und die Unfähigkeit seines
eigenen Generals hin, eine ausweglose Situation zu erkennen
und dagegen etwas zu unternehmen. In der nun folgenden
Seeschlacht würde er, Admiral Huang Gai, sein Wissen in die
Dienste das Generals Cao Cao stellen und dessen
Seestreitkräfte befehligen.

Cao Caos Spion Cai Jhong wurde daraufhin beauftragt, den


Wahrheitsgehalt des Admirals zu prüfen und gelangte auf
"wundersame Weise" in die Nähe des Admirals, der immer noch
mehr tot als lebendig gekrümmt auf seinem Krankenbett lag. Der
sonst sehr misstrauische Cao Cao war danach überzeugt, im
Admiral einen wichtigen Verbündeten zu haben. Außerdem
machte ihn die Verlegenheit nach dem unnötigen Tod seiner
beiden vermeintlichen Verräter-Admiräle keine geeignete
Führungskraft in den eigenen Reihen zu haben, die seine Flotte
befehligen konnte.

Zwischen dem Admiral Huang Gai und Cao Cao wurde


vereinbart, dass der Admiral am Tag der Schlacht in einem Boot
zur Flotte Cao Caos überlaufen solle. Als äußeres Zeichen sollte
es die alte Standarte mit dem grünen Drachen des Admirals
tragen. Anschließend sollte der Admiral das Oberkommando der
feindlichen Seestreitkräfte übernehmen.

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Als erste Aktion gab der Admiral dem Cao Cao einige wichtige
Informationen zur strategischen Kriegsführung auf See. Es
waren eher Allgemeinplätze, wie man heute sagen würde, und
eher geeignet, General Cao Cao zu beeindrucken, anstatt ihm
wirkliche strategische Details zu verraten. Außerdem war die
Vielzahl der Einzelinformationen zu viel, als dass sich ein
einzelner Mensch sie sich hätte merken können, wenn man sie
erstmalig hört.

Beiläufig erwähnte der Admiral, dass Schiffe besser im Wasser


lägen und manövrierfähig seien, wenn man sie aneinanderketten
und Planken darauf befestigen würde. Dann könnten sogar
berittene Reiter schnell von einer zur anderen Seite wechseln
und die Flotte wäre deutlich schlagkräftiger. Das leuchtete Cao
Cao ein und er befahl, Ketten zu schmieden und die Schiffe
miteinander zu verbinden.

Nachdem das geschehen war, ließ der Admiral die feindlichen


Schiffe hintereinander in eine Schlachtformation aufstellen und
einen bestimmten Kurs auf dem Fluß steuern. Es sollte
sichergestellt werden, dass man auf diese Weise optimal auf den
Angriff seines früheren Generals Zhou Yu reagieren konnte, der
ihn so grausam verstümmelt hatte. Um die Befehle besser geben
zu können, verlangte der Admiral ein kleineres Schiff, das durch
handverlesene Offizieren befehligt wurde. Flußaufwärts näherten
sich auch schon einige Schiffe der kleinen Streitmacht von
General Zhou Yu. Cao Cao war voller Zuversicht, dass sich nun
das Blatt zu seinen Gunsten wenden würde. Doch dann
überschlugen sich die Ereignisse. Die großen, schwerfälligen
Schiffe von Cao Cao hatten für diesen Teil des Flusses zuviel
Tiefgang und fuhren auf die dort vorhandenen Sandbänke, die
nur der Admiral genau kannte. Die Schiffe, die hinter der Flotte
von Cao Cao den Fluß hinab fuhren, waren keines weg mit
Soldaten gespickte Kriegsschiffe, sondern größere flache Boote,
die Öl und andere flüssige Stoffe enthielten, die man gegen die
aneinander gekettete, gestrandete und festliegend Flotte von
Cao Cao führte und in Brand setzte. Günstige Winde ließen die
Feuer von einem Schiff auf das nächste übergehen und die
komplette Flotte von Cao Cao brannte nieder und leitete
endgültig seinen Niedergang ein.

Tatsächlich war die Verstümmelung des Admirals eine


Absprache mit seinem General Zhou Yu, dem er immer treu
ergeben war. Um diese Seeschlacht gewinnen zu können,
musste dieses drakonische Mittel gewählt werden, um Cao Cao
im Glauben zu lassen, dass der Admiral wirklich allen Grund
hatte, den General Zhou Yu zu hassen und ihm alles Schlechte
zu wünschen. Diese Absprache zwischen den beiden musste
absolut geheim gehalten werden, um den Erfolg dieser Aktion
nicht zu gefährden. Aus Loyalität setzte der Admiral nicht nur
seine Gesundheit aufs Spiel, sondern sogar sein Leben war
konkret in Gefahr, so drakonisch war die Vorgehensweise.....

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35. Strategem

Die Kriegsschiffe des Feindes zusammenketten

Kategorie: Verkettungs-Strategem, Verknüpfungs-Strategem

Sinnhaftigkeit: Durch die Verknüpfung verschiedener Strategeme wird der Gegner


kampfunfähig gemacht und vernichtend geschlagen.

Strategemziel: Es sind nicht immer nur 36 Strategeme, die einzelne Listen darstellen,
um einen Sieg zu erringen. Vielmehr bietet es sich in manchen
Situationen an, verschiedene Listen miteinander zu verknüpfen. In ihrer
Gesamtheit wiederum stellen sie gegen einen Gegner eine starke Waffe
dar.

Komplexe Situationen erfordern komplexes Handeln. Je stärker


ein Gegner oder Feind ist, um so größer die Herausforderung,
diesen zu besiegen. Wenn man einen Angriff gestartet und sich
für ein Strategem entschieden hat, muss es immer einen "Plan
B" oder "Plan C" geben, sofern "Plan A" nicht greift oder
scheitert. Das setzt auch voraus, dass man Verluste einkalkuliert
und so flexibel ist, auf andere Strategeme ausweichen zu
können. Für die erfolgreiche Anwendung dieses Strategems sind

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Wissen, Erfahrung, Können, Intuition, Gedächtnis, Kreativität


und Wachsamkeit erforderlich. Nur im Zusammenspiel
verschiedener Kräfte gelingt der Sieg. Allerdings setzt die
Anwendung dieses Strategems Kenntnisse um die übrigen
Strategeme voraus und es kann somit nie für sich alleine stehen.
Ferner braucht man Erfahrung im Umgang mit Strategeme und
muss ein wachsames Auge auf Details haben, mögen sie noch
so unwichtig erscheinen. Eine falsche Person angegriffen oder
eine falsche Information gestreut kann einen Kumul- oder
Kolateralschaden ohnegleichen anrichten.

Wachsamkeit ist erforderlich, um sich mit ganzer Energie auf das


erklärte Ziel zu stürzen. Dabei kann der "Gegner" auch man
selbst sein, gegen den man kämpfen muss. Will man in seinem
Leben etwas ändern, ist es nicht allein erforderlich, vielleicht den
Job oder den Partner zu wechseln. Vielleicht sind es auch Ess-,
Trink- oder Rauchgewohnheiten, über die man durch Änderung
der Anwendung ein neues, schöneres Leben begehrt. In diesem
Fall wendet man Strategeme gegen sich selbst in der Hoffnung,
seinem Leben wieder mehr Sinn zu geben und die "Vernichtung
des Feindes" darin besteht, durch Selbstüberlistung den
gewünschten Erfolg oder Sieg zu erringen. In diesem Fall sind
Strategeme sinnvolle Ergänzungen zu einem
"Selbstverwirklichungs-Masterplan".

Die historische Gegebenheit hinter dem 35. Strategem:

Wir erinnern uns an das Strategem 34, in dem sich die List
darauf konzentriert, aus der zahlenmäßigen Überlegenheit des
Feindes und seiner Unkenntnis über die strategische
Seekriegsführung einen Angriffspunkt zu machen. Ziel ist es
dabei, die erkennbare Schwachstelle des Gegners zu nutzen,
um ihn so zu schwächen, dass seine Gesamtstärke eher
hinderlich denn förderlich ist. Allein das Unwissen über den
Seekrieg des General Cao Cao hat zu seinem Untergang
geführt. Da nützten ihm auch seine große Streitmacht, seine
berittenen Krieger oder die große Anzahl von Bogenschützen
nichts, wenn sie gegen Feuer, Untergang und Ertrinken kämpfen
müssen.

Die folgende historische Gegebenheit ist dieselbe, wie sie


auch in Strategem 34 Verwendung findet:

Nachdem Cao Cao die beiden gegnerischen Admiräle hat


köpfen lassen (in Strategem 33 beschrieben), gab sich General
Zhou Yu öffentlich absolut überzeugt, dass seine eigene
Streitmacht die von Cao Cao vernichtend schlagen wird, obwohl
die eigenen Leute zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Für
ihn war die Niederlage Cao Cao besiegelte Sache und er wollte
den Vorstoß planen, als ihm einer seiner treuesten Admiräle mit
Namen Huang Gai widersprach und stattdessen Rückzug und
Kapitulation empfahl. Das erboste den General so sehr, dass der

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Admiral sofort geköpft werden sollte. Doch die anderen Offiziere


waren von diesem Vorschlag entsetzt und fielen auf die Knie, um
für das Leben des verdienten Admirals zu beten.

Erst nach langem Bitten und Betteln ließ sich General Zhou Yu
erweichen, die Todesstrafe in 100 Peitschenhiebe zu
verwandeln, den Admiral zu degradieren und ihn für den Rest
seines kümmerlichen Lebens in einen Kerker zu sperren. Nach
50 Peitschenhieben waren das bloße Rückgrat und Rippen in
einem Matschhaufen von Fleisch und Blut zu sehen und die
Offiziere fielen erneut auf die Knie, um für das Leben des alten
und verdienten Admirals zu flehen. Auch diesmal gab der
General nach und befahl, den Admiral einen Tag lang dort in der
Sonne liegen zu lassen. Einen Tag nun lag der Admiral, vor
Schmerzen gekrümmt, in der Sonne und sein Leben schien fast
ausgehaucht, als ihn seine treuen Gefolgsleute nach der
abgelaufenen Zeit vom Platz des Auspeitschens in ein
Krankenbett bringen konnten um ihn zu pflegen.

Nachdem der Admiral wieder ein wenig bei Sinnen war, rief er
seinen getreuesten Gefährten zu sich, um ihn zu bitten, ein
Schreiben an den gegnerischen General zu verfassen und dann
persönlich zu übergeben. Darin bot er ihm seine Dienste an und
wies dabei auf die erlittene Pein und die Unfähigkeit seines
eigenen Generals hin, eine ausweglose Situation zu erkennen
und dagegen etwas zu unternehmen. In der nun folgenden
Seeschlacht würde er, Admiral Huang Gai, sein Wissen in die
Dienste das Generals Cao Cao stellen und dessen
Seestreitkräfte befehligen.

Cao Caos Spion Cai Jhong wurde daraufhin beauftragt, den


Wahrheitsgehalt des Admirals zu prüfen und gelangte auf
"wundersame Weise" in die Nähe des Admirals, der immer noch
mehr tot als lebendig gekrümmt auf seinem Krankenbett lag. Der
sonst sehr misstrauische Cao Cao war danach überzeugt, im
Admiral einen wichtigen Verbündeten zu haben. Außerdem
machte ihn die Verlegenheit nach dem unnötigen Tod seiner
beiden vermeintlichen Verräter-Admiräle keine geeignete
Führungskraft in den eigenen Reihen zu haben, die seine Flotte
befehligen konnte.

Zwischen dem Admiral Huang Gai und Cao Cao wurde


vereinbart, dass der Admiral am Tag der Schlacht in einem Boot
zur Flotte Cao Caos überlaufen solle. Als äußeres Zeichen sollte
es die alte Standarte mit dem grünen Drachen des Admirals
tragen. Anschließend sollte der Admiral das Oberkommando der
feindlichen Seestreitkräfte übernehmen.

Als erste Aktion gab der Admiral dem Cao Cao einige wichtige
Informationen zur strategischen Kriegsführung auf See. Es
waren eher Allgemeinplätze, wie man heute sagen würde, und
eher geeignet, General Cao Cao zu beeindrucken, anstatt ihm

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wirkliche strategische Details zu verraten. Außerdem war die


Vielzahl der Einzelinformationen zu viel, als dass sich ein
einzelner Mensch sie sich hätte merken können, wenn man sie
erstmalig hört.

Beiläufig erwähnte der Admiral, dass Schiffe besser im Wasser


lägen und manövrierfähig seien, wenn man sie aneinander
ketten und Planken darauf befestigen würde. Dann könnten
sogar berittene Reiter schnell von einer zur anderen Seite
wechseln und die Flotte wäre deutlich schlagkräftiger. Das
leuchtete Cao Cao ein und er befahl, Ketten zu schmieden und
die Schiffe miteinander zu verbinden.

Nachdem das geschehen war, ließ der Admiral die feindlichen


Schiffe hintereinander in eine Schlachtformation aufstellen und
einen bestimmten Kurs auf dem Fluß steuern. Es sollte
sichergestellt werden, dass man auf diese Weise optimal auf den
Angriff seines früheren Generals Zhou Yu reagieren konnte, der
ihn so grausam verstümmelt hatte. Um die Befehle besser geben
zu können, verlangte der Admiral ein kleineres Schiff, das durch
handverlesene Offizieren befehligt wurde. Flußaufwärts näherten
sich auch schon einige Schiffe der kleinen Streitmacht von
General Zhou Yu. Cao Cao war voller Zuversicht, dass sich nun
das Blatt zu seinen Gunsten wenden würde. Doch dann
überschlugen sich die Ereignisse. Die großen, schwerfälligen
Schiffe von Cao Cao hatten für diesen Teil des Flusses zuviel
Tiefgang und fuhren auf die dort vorhandenen Sandbänke, die
nur der Admiral genau kannte. Die Schiffe, die hinter der Flotte
von Cao Cao den Fluß hinab fuhren, waren keines weg mit
Soldaten gespickte Kriegsschiffe, sondern größere flache Boote,
die Öl und andere flüssige Stoffe enthielten, die man gegen die
aneinander gekettete, gestrandete und festliegend Flotte von
Cao Cao führte und in Brand setzte. Günstige Winde ließen die
Feuer von einem Schiff auf das nächste übergehen und die
komplette Flotte von Cao Cao brannte nieder und leitete
endgültig seinen Niedergang ein.

Tatsächlich war die Verstümmelung des Admirals eine


Absprache mit seinem General Zhou Yu, dem er immer treu
ergeben war. Um diese Seeschlacht gewinnen zu können,
musste dieses drakonische Mittel gewählt werden, um Cao Cao
im Glauben zu lassen, dass der Admiral wirklich allen Grund
hatte, den General Zhou Yu zu hassen und ihm alles Schlechte
zu wünschen. Diese Absprache zwischen den beiden musste
absolut geheim gehalten werden, um den Erfolg dieser Aktion
nicht zu gefährden. Aus Loyalität setzte der Admiral nicht nur
seine Gesundheit aufs Spiel, sondern sogar sein Leben war
konkret in Gefahr, so drakonisch war die Vorgehensweise.....

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36. Strategem

Wenn alles scheitert: Rückzug und Flucht

Kategorie: Weglauf-Strategem, Rückzug-Strategem

Sinnhaftigkeit: Zeichnet sich eine absolut aussichtslose Lage ab und es besteht


rechtzeitig die Chance dazu, dann ist Rückzug die beste Verteidigung.

Strategemziel: Wie sagte Mao Zedong: "Wenn die Schlacht zu gewinnen ist, dann
schlag sie. Andernfalls geh ihr aus dem Weg." Rückzug birgt immer die
Möglichkeit, neu anzugreifen. Sei kein Held, sondern clever!

Wir im Westen lieben Hollywood-Filme, in denen der Held


gewinnt. Er kriegt zwar meist "eins drauf", kommt aber immer
wieder auf die Füße. Meistens zumindest. Der Held kämpft bis
zum letzten Blutstropfen oder kapituliert, was meist in einer
totalen Niederlage endet und in den verschiedensten Genres
nicht vorgesehen ist, sieht man einmal von Historiendramen ab.
Das gilt auch für Verhandlungen mit dem Feind und insofern
handelt es sich hierbei zumindest um eine halbe Niederlage.
Am wenigsten kann ein Held punkten, wenn er sich durch Flucht
einem heldenhaften Ende entzieht. Doch genau hier setzt das

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36. Strategem an, auf Rückzug oder Flucht.

Mao Zedong wird mit dem Satz zitiert: "Wenn die Schlacht zu
gewinnen ist, dann schlag sie. Andernfalls geh ihr aus dem
Weg."

Den Gegner zu bekämpfen setzt eine gewisse Siegchance


voraus. Ist diese von vorne herein nicht gegeben, sollte man sich
zurückziehen und auf bessere Möglichkeiten warten. Damit
verliert niemand sein Gesicht, sondern schont seine Kräfte und
sammelt sie für einen nächsten, größeren Angriff. Den richtigen
Zeitpunkt für eine Flucht zu erkennen, bedeutet auch ein
gewisses Maß an taktischem Talent, das nicht jeder besitzt und
darf nicht mit Kapitulation gleichgesetzt werden. In Wirklichkeit
wird durch Flucht der Kampf lediglich unterbrochen und gibt dem
Verlauf der Aktion eine neue Chance, siegreich zu enden.
Rückzug und Flucht können auch einen Strategiewechsel
einleiten und die Möglichkeit erhöhen, den Gesamtsieg davon zu
tragen.

Die historische Gegebenheit hinter dem


36. Strategem:
Als Kaiser Wei Tai aus dem Staat Wu die Nachricht ereilte, dass
der berühmte Song-General Tan Dao Ji seine Truppen
nordwärts gegen sein Land führte, rief er seine beiden Generäle
Shu Sun Jian und Gong Sun Sao Sheng zu sich. Er fragte sie,
wie diese das Land verteidigen wollten, ohne es kampflos
aufzugeben, wo doch die Truppen von Song zahlen- und
kräftemäßig total überlegen seien.

Die Heere der beiden Generäle vereinigten sich und schlugen


sich in der Schlacht von Li Cheng wacker gegen die Truppen
General Tan Dao Ji's. Wegen der Überlegenheit der Song-
Truppen zeichnete sich eine Niederlage ab und die Generäle
überlegten, wie sie es geschickt zurückziehen könnten, ohne
dass der Feind ihnen nachstellt. Ziel dieser Strategie war es,
durch den Rückzug Zeit zu gewinnen, um die Kräfte neu zu
bündeln. Während der Schlacht konnten einige Kriegsgefangene
aus Song gemacht werden. Diese sprachen einheitlich von der
Lebensmittelknappheit, unter der die die Song-Armee litt und die
Kampfeskraft schwächte. Nur noch für drei Tage sollte es
reichen und dann gab es für die Soldaten keine Nahrung mehr.
Der feindliche General Tan Dao Ji hatte sogar schon
beschlossen, sich zurückzuziehen, um sich mit neuen
Lebensmitteln einzudecken und dann erneut anzugreifen.
Als der Wu-General Shu Sun Jian das hörte freute er sich und
sah seine goldene Chance, die Song-Armee bei ihrem Rückzug
zu schlagen. Er rechnete sich aus, dass Truppen bei einem
Rückzug ohnehin geschwächt sind und man es sich in der Song-

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Armee wegen der Lebensmittelknappheit zudem nicht leisten


konnte, sich in Kämpfe einzulassen und weitere Kraft zu
verlieren. Das wusste selbstverständlich auch der Song-General
Tan Dao Ji und griff zu einer Rückzugstaktik, die die
nachstellende Armee davon abhielt, den Song-Truppen
nachzustellen.

General Tan Dao Ji befahl seinen Soldaten, im Lager


Abendessen zuzubereiten. Sie sollten Feuer anzünden und Reis
kochen, sowie gut riechende Zutaten zu reichen. Überall duftete
es nach leckerem Essen, was natürlich auch den Wu-Generälen
nicht verborgen blieb und von Lügen ausgingen, die die Song-
Gefangenen verbreitet hätten. Sie stoppten den geplanten
Vormarsch und schickten Späher zum feindlichen Lager, um
weitere Informationen zu erhalten. Da General Tan Dao Ji davon
ausging, dass er ausgespäht werden würde, befahl er seinen
Offizieren, lautstark die Säcke zu zählen, in die das Reis
abgefüllt wurde. Es waren jeweils 200 Kilogramm-Säcke, die
Stück für Stück gezählt wurden und man kam insgesamt auf
über einhunderttausend Kilogramm. Außerdem sollten die
Soldaten beim Befüllen der Säcke nicht so ordentlich sein und
viel Reis auf dem Fußboden verteilen und darauf laufen.
Mittlerweile hatte sich schon ein ansehnlicher Berg an
Reissäcken gebildet und die Späher meldeten dem General Shu
Sun Jian, das Gesehene. Der General entschied daraufhin,
keinen Angriff auf die rückziehenden Sung-Truppen
vorzunehmen, sondern auf den nächsten Tag zu warten.

Am Folgetag saß Wu-General Shu Sun Jian in voller Rüstung


auf seinem Pferd und wollte den Angriff einleiten. Doch aus dem
Sung-Lager drangen Ohren betäubender Trommelwirbel zur Wu-
Armee hinüber. Man sah General Tan Ji Dao lässig auf seinem
Kampfwagen sitzen und sich auf die Schlacht vorzubereiten.
Überall waren Song-Fahnen zu sehen, die in geordneter
Kampfformation gegen die Wu-Armee marschierte. Als Sun Jian
Shu das sah, glaubte er nicht mehr daran, dass die Sung-
Truppen in irgend einer Weise geschwächt seien und ordnete
den Rückzug seiner eigenen Truppen zehn Kilometer tiefer ins
Binnenland. Auf diese Weise konnten die Truppen von Wei ohne
Kräfte verzehrende Kämpfe den geordneten Rückzug
vornehmen, ohne von den Wu-Truppen verfolgt zu werden.

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