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ALEXANDRU OŞCA

JENSEITS DES
RUBIKON
1989 – Timişoara – 1990
ALEXANDRU OŞCA

JENSEITS DES
RUBIKON
1989 – Timişoara – 1990

IRRD Verlag
Bucureşti, 2016
Übersetzung: www.traduce.re
Techno-Redakteur: Alina Vlăsceanu
Namensverzeichnis: Valentin Marin

Fachberater:
Memorial der Revolution vom 16.-22. Dezember
1989,
Timişoara
Der Verein “Victoria”, Timişoara
Der Verband “ALTAR”, Timişoara
Dumitru Tomoni
Adrian Kali

© 2016, Editura IRRD, București


Toate drepturile asupra acestei ediții sunt rezervate
IRRD

Descrierea CIP a Bibliotecii Naţionale a României


OŞCA, ALEXANDRU
Jenseits des Rubikon : 1989 - Timişoara - 1990
= Dincolo de Rubicon : 1989 - Timişoara - 1990 /
Alexandru Oşca. - Bucureşti : Editura Institutului
Revoluţiei Române din Decembrie 1989, 2016

ISBN 978-606-8684-14-7

94(498 Timişoara)

94(498)”1989”
HINZUFÜGEN

Anmerkung zur auflage.................................................................7


I. Einführung................................................................................9
II. Die vorrevolutionäre Geistesverfassung.............................67
III. Der Ausbruch des Aufruhrs, der Verlauf und der Sieg der
Revolution.....................................................................................99
III. 1. Der Ausbruch des Aufruhrs.....................................99
III. 2. Vom Protest zur generalisierten Revolution.......118
III. 3. Vom Aufruhr zur Revolution. 20. Dezember 1989,
Sieg der Revolution in Timişoara….........................................182
IV. Die ausländische Wahrnehmung der rumänischen
Revolution...................................................................................254
V. Die Einführung der neuen, postrevolutionären Einrich-
tungen .........................................................................................284
VI. Anhänge................................................................................353
VI. 1. Die Auswirkungen der Aktionen der Gewaltstrukturen
des kommunistischen Regimes.................................................353
VI. 2. Liste der verhafteten Personen.......................................382
VII. Bibliographie .....................................................................395
VIII. Namensverzeichnis ..........................................................401

5
ANMERKUNG ZUR AUFLAGE
 

Das Buch „Jenseits des Rubikon. Timişoara in der


Revolution vom Dezember 1989“ ist eine überarbeitete Auflage
des gleichnamigen Werkes, welches im Jahre 2011 beim Sitech
Verlag in Craiova veröffentlicht wurde.
Zur Erleichterung der Lektüre wurden einige Kapitel
umgestaltet und die Abbildungen aktualisiert.
Hinsichtlich einiger beschriebenen Umstände wurden
die neuen in der Publizistik veröffentlichten Informationen
berücksichtigt und der ursprüngliche Text verbessert oder
ergänzt, insofern diese Angaben durch Hinweise durch
unbestreitbare Dokumente begründet waren.
Es wurden, außerdem, neue Texte und Gedanken über
die Mitwirkung oder die Haltung von Rumäniendeutschen
oder der von diesen frequentierten Kreisen in der Zeit vor oder
während der Revolution eingeführt. Die im Text aufgezeichneten
Namen von Persönlichkeiten wurden nicht gemäß den in den
Massenmedien im Umlauf gebrachten Aussagen über ihre
mögliche Verbindung mit der ehemaligen Securitate gewählt.
Auf diesen Umstand wurde keine Bezugnahme gemacht,
angesichts dessen, dass bekannter Weise die nationalen
Minderheiten unter einer strengen Überwachung seitens der
rumänischen Geheimdienste standen.
Von größtem Nutzen für Ausarbeitung des Textes waren
mir – außer der am Ende des Buches dargestellten Bibliogra-
phie – die Gespräche mit den unmittelbaren Teilnehmern an
den Straßenzusammenstößen mit den Repressionskräften,
mit Offizieren der Militäreinheiten, welche ursprünglich
an der Verteidigung des kommunistischen Regimes und
nachträglich an der Verteidigung der Revolution mitwirkten,
mit Spitzengestalten der Revolution, welche nach dem Sieg
der Revolution Verantwortlichkeiten in der politischen und

7
administrativen Führung der Stadt und des Landkreises
übernahmen, sowie mit Autoren von Beiträgen und Studien
über die Revolution von Timişoara.
In diesem Sinne gebührt ein besonderer Dank
insbesondere dem verstorbenen Lorin Fortuna – Vorsitzender
der Rumänischen Demokratischen Front, aber auch den
Herren Claudiu Iordache, Traian Orban, Virgil Hosu. Unter
den Autoren waren mir die Gespräche mit Adrian Kali,
Miodrag Milin und, insbesondere, mit Frau Anneli Ute
Gabanyi von größtem Nutzen. Äußerst nützlich waren auch
die Informationen, welche vom Herrn Marius Mioc, mit
Großzügigkeit, auf seinem persönlichen Blog zur Verfügung
gestellt wurden.
 
                                                                    
Alexandru OȘCA

8
I. EINFÜHRUNG

Die rumänische Revolution vom Dezember 1989 und
der darauffolgende Ablauf der Ereignisse waren Vorgänge,
welche sich unter den sozialpolitischen und ökonomischen
Entwicklungen des ehemaligen europäischen Sowjetblocks des
letzten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts einreihen.
Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Geschehnissen
der Jahre 1989-1991 in der ehemaligen Sowjetunion, in den
anderen europäischen sozialistischen Staaten und in Rumänien:
die kommunistischen Regimes – und die von ihnen errichteten
Sozialsysteme – brachen eines nach dem anderen zusammen
und die osteuropäischen Gesellschaften optierten an ihrer Stelle
für demokratische Regime und Systeme. Das bedeutet nicht,
dass es zwischen der Art, in welcher dieser Zusammenbruch
in Rumänien zustande kam – durch eine Volksbewegung und
eine authentische Revolution, beziehungsweise jener aus den
anderen „Schwesterstaaten“ keine Unterschiede gab.
In Rumänien ist das Konzept der Revolution – als
grundlegende, durchgreifende Veränderung eines sozial-
politischen Systems (welche in den anderen ehemaligen
kommunistischen Staaten, in welchen dieses Ereignis mehr
oder weniger friedlich zustande kam, angenommen wurde)
mit dem fatalen Gewaltschlag der entrüsteten Bevölkerung
gegen die kommunistischen Einrichtungen verbunden sowie
auch mit dem Blut, welches von den Demonstranten in ihren
Auseinandersetzungen mit dem Unterdrückungsapparat
des Regimes vergossen wurde. Das Ergebnis dieser
Auseinandersetzungen – welche (in verschiedenen Formen!)
vor und nach der Verjagung des Diktators zutrugen, bestand in
über 1179 Toten1 und über 3000 Verwundeten. Daraus resultiert
1
Alexandru Grigoriu, Eroi martiri în statistici (Märtyrer-Helden in
Statistiken), Bukarest, Verlag IRRD, 2013, passim. Der Autor bezieht sich auf
die Märtyrerstädte. Ursprünglich identifizierte er 1165, später recherchierte
er weitere zwei Städte und kam damit zu der im Text angeführten Anzahl.

9
eine Einzigartigkeit und die Unterschiedlichkeit zwischen dem
revolutionären Prozess im osteuropäischen Raum und jenem
in Rumänien. Nachträglich hat diese öffentliche Wahrnehmung
auch die theoretischen Ansätze beeinflusst, welche sich auf
die Entzifferung der Wesenszüge, des Inhaltes, der Dauer
und der Tiefe der Änderungen im Rumänien der Jahre 1989-
1992 konzentrierten. Manche Autoren beschränken die Dauer
der Revolution auf die „Feuer-Woche“: 16. Dezember, in
Timişoara – 22. Dezember 1989, in Bukarest. Das, was sich
nach diesen Tagen ereignete wäre demnach bedeutungslos,
Vorkommnisse geringeren Wertes als die Ereignisse an den
Tagen der Revolution, ja sogar Versuche, das alte Regime
wiederherzustellen. Auf Grund dieser Logik sind Tatsachen
überwältigender Bedeutung für die demokratische Option
Rumäniens, welche nach dem 22. Dezember 1989 stattfanden,
irgendwie außerhalb des Interesses der Historiker geblieben
oder subjektiv ausgelegt und im Sinne der Interessen des einen
oder anderen neuen Protagonisten des nach Dezember 1989
erschienenen politischen Spektrums abgestempelt worden.
Auf die für die Forschung eines solchen Themas am
besten geeignete Methode möchte ich nicht bestehen. Ich
bleibe der Ansicht, dass die Problematik der Revolutionen aus
dem Jahren 1989-1991 im Allgemeinen aus der Sicht und mit
den Methoden jedweder Strömung der Geschichtsschreibung
angegangen werden kann: es ist schon eine beträchtliche Zeit
vergangen, so dass auf Grund der für das Ende einer Ära
im Dasein Europas spezifischen Tatsachen und Ereignisse
sogar historische Synthesen oder Beurteilungen erstellt
werden können, obgleich die ausführlichen Beschreibungen
der Vorgänge, so wie sie tatsächlich stattfanden (nach dem
positivistischen Modell) nach wie vor von Interesse bleiben.
„Die vergangene Zukunft” – ein vom namhaften deutscher
Historiker Reinhart Koselleck gefördertes Konzept, erklärt
die Art, in welcher die Vergangenheit für die Gegenwart von
Bedeutung ist und weiterhin zu einem Modell für die Zukunft
wird2. Dieses Konzept kann al sein Glaubensbekenntnis dieses
2
Reinhart Kosalleck, Conceptul de istorie (Konzept der Geschichte), Univ.
Verlag Iaşi, 2005 (Übersetzung: Victor Neuman, Patrick Lavrits)

10
Historikers festgehalten werden, als Wissenschaftler aber auch
als Bürger, welcher sich dessen bewusst ist, dass sein Werk
sowohl dem Verstehen der Gegenwart als, vor allem, der
Vorhersage der Zukunft dient. Hier kann auch eine Betrachtung
von A.J.P. Taylor3 über die Rolle des Geschichtsschreibers in die
Diskussion gebracht werden: „Es ist jedenfalls nicht die Aufgabe
des Historikers zu sagen, was hätte getan werden müssen. Seine
einzige Verpflichtung besteht darin, zu entdecken, was und
weshalb getan wurde.”4 „Es kommt oft vor, sagt Taylor an einer
anderen Stelle, dass den Historikern das Ereignete nicht gefällt
oder dass sie wünschen, dass es sich anders ereignet hätte.
Aber in dieser Hinsicht kann nichts getan werden. Sie müssen
nur die Wahrheit behaupten, so wie sie sie sehen, ohne sich
das Problem zu stellen, ob sie schockieren oder existierende
Vorurteile bestätigen”5.
Diese Ausführungen erachtete ich für notwendig im
Sinne eines besseren Verständnisses der Ereignisse aus den
schwierigen Jahren in welchen ein Paradigma, ein existentielles
Modell, welches Europa noch seit 1917 prägte, beseitigt
wurden.
Über ein Vierteljahrhundert später können wir, auf
Grund der Regel des Epilogs, die Tiefe der Struk-
turveränderungen auf dem europäischen Kontinent infolge
des Zusammenbruches des kommunistischen Systems in
Osteuropa in den Jahren 1989-1991 klarer beurteilen. Über
die im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ausgelösten
radikalen, grundlegenden Veränderungen in den ehemaligen
sozialistischen Staaten ist viel geschrieben worden. So wie
wir wissen, brach ein System zusammen und, zusammen mit
diesem, eine auf einer artifiziellen Ideologie aufgebaute Realität.
Es brachen Einrichtungen zusammen, welche in der Zeit
3
Alan John Percivale Taylor (25. März 1906 – 7. September 1990), bekannter
britischer Historiker der 19.-20.Jahrhunderte. Eines seiner bekanntesten
Werke (welches auch ins Rumänische übersetzt wurde) ist: The Origins of
the Second World War (Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges).
4
A.J.P. Taylor, The Origins of the Second World War (Die Ursprünge des
Zweiten Weltkrieges), Bukarest, Aideea Verlag, 2004, S. 18.
5
Ibidem, S. 5.

11
erstarrt zu schein schienen, es fand ein Bewusstseinswandel
statt (selbst, wenn wir mit dem langsamen Tempo dieses
Wandels noch unzufrieden sind)6.
Wirtschaftsstrukturen und -verhältnisse, welche
für eine Ewigkeit durch tausenden von Fäden miteinander
verbunden zu sein schienen, stürzten wie eine Sandburg
zusammen, die zwischenmenschlichen Beziehungen befreiten
sich von Zwängen jeder Art.
Von einem Ende Zentral-und Osteuropas zum
anderen ereigneten sich Geschehnisse und Sachverhalte
einer besonderen Tiefgründigkeit, mit einer beschleunigten
Dynamik, in und aus einer von niemandem erwarteten
Richtung.

Das Konzept des „providentiellen Staates” –
in der kommunistischen Variante7 – hatte seine
6
Siehe, unter anderem, ausführlich: Adrian Pop, Originile şi tipologia
revoluţiilor est-europene (Ursprünge und Typologie der osteuropäischen
Revolutionen), Bukarest, Enzyklopädischer Verlag, 2010; Ioan Scurtu,
Revoluţia română din decembrie 1989 în context internaţional (Die
rumänische Revolution vom Dezember 1989 im internationalen Kontext),
Bukarest, Enzyklopädischer Verlag und IRRD Verlag, 2006. Siehe auch
die zweite Auflage (Bukarest, 2009) und die Fassungen in englischer,
französischer und spanischer Sprache; Peter Siani Davis, Revoluţia Română
din decembrie 1989 (Die rumänische Revolution vom Dezember 1989),
Bukarest, Humanitas Verlag, 2006; Stelian Tănase, Istoria căderii regimurilor
comuniste. Miracolul revoluţiei (Geschichte des Sturzes der kommunistischen
Regimes. Das Mirakel der Revolution), Bukarest, Humanitas Verlag, 2009;
Teodora Stănescu-Stanciu, Structuri politice în Europa Centrală şi de Sud- Est
(Politische Strukturen im Zentral- und Südosteuropa), 2. Auflage, Bukarest,
România de Mâine Verlag, 2008.
7
Tony Judt, Europa postbelică, o istorie a Europei de după 1945
(Nachkriegseuropa, eine Geschichte Europas nach 1945), Bukarest, Polirom
Verlag, 2008, S. 335-337. Das Konzept des im Westen geförderten
Assistenzstaates wird von vielen Analytikern erwähnt. Tony Judt bezieht
sich auf die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und vergleicht die
Valenzen des Assistenzstaates mit jenen der Marktwirtschaft. “Auf dem
Höhepunkt des Assistenzstaates… war ein bemerkenswerter Konsens
erreicht worden: die allgemeine Meinung war, dass der Staat unter allen
Umständen dem freien Markt zu bevorzugen war, und dieses nicht nur, um
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, um das Landesgebiet zu verteidigen
oder Güter und Dienstleistungen zu verteilen, sondern auch im Sinne
des Durchsetzens von Strategien für den sozialen Zusammenhalt, die
moralische Unterstützung und die kulturellen Werte. Der Gedanke, dass

12
Glaubwürdigkeitsressourcen erschöpft; damit wurde ein
Wettbewerb auf Grund von Wertvorstellungen eröffnet, welche
bis dahin, in den betreffenden Ländern, als rückschrittlich
betrachtet worden waren. In der Welt des kommunistischen
Blocks funktionierten die nationalen und COMECON Märkte
nicht mehr, die Krise war allgegenwärtig, die Inflation drei-
oder vierstellig, die spärlichen individuellen Einsparungen
waren schnell aufgebraucht8.
Obgleich der Sachverhalt in den ehemaligen
sozialistischen Staaten in hunderten von Studien und Werken
ausgelegt wurde, haben sich die Abfassungen über die
Auswirkungen dieser radikalen Änderungen auf den Westen
auf einfache Behauptungen mit wenigen Argumentationen
beschränkt. Rückblickend ist es jedoch klar, dass diese
Auswirkungen existiert haben und günstig waren. Der Osten
Europas ist heute, tatsächlich, von allen Gesichtspunkten
grundverschieden von jenem des Jahres 1989, doch ist der
demokratische Westen auch nicht unveränderlich geblieben.
Der par excellence flexible Westen, mit seiner Fähigkeit, ohne
explosive Spannungen ökonomische, soziale und sonstige
Unruhen aufzunehmen, „freute sich“ des historischen Sieges
in der Konfrontation mit einem zurückgewiesenen Modell,
doch schien dieses Ende des Kommunismus unglaubwürdig,
unglaublich leicht.
Kurzfristig waren, auf politischer Ebene, die zwei
spektakulärsten Konsequenzen des Sturzes des Kommunismus
in Europa das Ende des „Kalten Krieges” und die
Wiedervereinigung Deutschlands – wobei letztere auch die
ersten – mittlerweile als unbegründet erwiesene Besorgnisse,
erregte. Auf dieser Weise waren zwei der am Ende des Zweiten
diese Angelegenheiten dem persönlichen Interesse und den Mechanismen
des freien Marktes der Waren und Ideen überlassen werden könnten, wurde
in den politischen und akademischen Kreisen Europa als ein bizarres Relikt
des Vor-Keynes-Zeitalters betrachtet, im besten Fall als eine Unfähigkeit, aus
den Lektionen der Großen Krise zu lernen, und im schlimmsten Fall als ein
Anlass für Konflikte und als ein Ansprechen der niedersten menschlichen
Instinkte... Überall war der Erfolg des Kapitalismus im Nachkriegseuropa
gleichbedeutend mit der verstärkten Rolle des öffentlichen Sektors.“
8
Siehe auch: Alexandru Oşca (Koord.), 1989- Decisive Year in the History of
Europe, Piteşti, Paralela 45 Verlag, 2008. Introduction.

13
Weltbrandes resultierten Probleme gelöst – oder schienen gelöst
zu sein. Manche Analytiker der gegenwärtigen Geschichte
vergleichen die Folgen des Sturzes des Kommunismus in
Europa vom politisch-staatlichen Standpunkt mit jenen am
Endes des Ersten Weltkrieges.
Zur Zeit des Höhepunktes der Krise des sozialistischen
Systems9 war auch der Westen in keiner sehr guten Lage
aus ökonomischer Sicht. Die Produktion stagnierte, die
grenzübergreifenden Konzerne suchten fieberhaft nach
Absatzmärkten für ihre Vorratsproduktion, die für die
Modernisierung der Technologien eingesetzten Aufwendungen
waren beträchtlich, die großzügigen Lohn- und Sozialpolitiken
waren nicht mehr tragfähig. Ein baldiges Überwinden dieser
Situation war nicht in Sicht, obgleich die Identifizierung
angemessener Lösungen durch die marktwirtschaftlichen
Mechanismen erwartet wurde. Heute stellen wir fest, dass
die Fetischisierung der marktwirtschaftlichen Valenzen
ähnliche Auswirkungen haben kann wie das bedenkenlose
Vertrauen kommunistischer Ideologen in den Tugenden einer
überzentralisierten Planwirtschaft, welches den Bankrott
des kommunistischen Wirtschaftsmodells zur Folge hatte.
Im Kontext der Wirtschaftskrise der Jahre 2007-2009 wurde
beobachtet, wie viele Regierungen entwickelter kapitalistischer
Staaten – trotz der liberalistischen Theorie – einräumten, mit
öffentlichen Mitteln eingreifen zu müssen, um von der Krise
betroffene private Unternehmen zu retten (im Bankwesen, zum
Beispiel!). Normalerweise hätten solche Unternehmen – der
Logik der Marktwirtschaft folgend – Bankrott gehen müssen.
Unter den Umständen des letzten Jahrzehntes des
vergangenen Jahrhunderts stellte der Zusammenbruch der
Märkte der ehemaligen sozialistischen Staaten eine Chance für
die großen westlichen Wirtschaften, welche Schwierigkeiten
hatten; wir waren Zeugen einer massiven Verschiebung
des westlichen Handels mit Produkten, die vom Markt
9
In einer vereinfachten Form erscheinen diese Betrachtungen auch in
der „Einleitenden Studie“ zur Arbeit „1989 – an decisiv în istoria Europei“
(„1989- ein entscheidendes Jahr in der Geschichte Europas“) Cluj-Napoca,
Mega Verlag, 2008.

14
nicht absorbiert worden waren, zu den in einer tiefen Krise
befindlichen ehemaligen kommunistischen Ländern in
Zentral-und Osteuropa. Dieses erlaubte eine Wiederbelebung
des westlichen Geschäftsmilieus, eine Erhöhung des Interesses
für die Kapitalisierung und deren Diversifizierung, eine
Erweiterung des Marktes in einem konkurrenzfreien Raum, der
bis dahin durch endlose politische und ideologische Schranken
versperrt worden war und nun in kompletter Verwirrung lag.
Somit kann praktisch behauptet werden, dass die Folgen der
Krise in der Marktwirtschaft – welche sich am Horizont der
90ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts offenbarten – um zwei
Jahrzehnte verschoben wurden. Leider musste Rumänien – nach
den Qualen der Jahre 1989-1990 – auch jene der im Jahr 2007
ausgelösten Krise, welche ganz Europa umfasste, durchmachen.
Allem Anschein nach war zur betreffenden Zeit
die Rettung aus der Klemme zulasten eines riesigen,
destrukturierten, außer Kontrolle geratenen Marktes von
Vorteil für die Freie Welt (zwei Jahrzehnte später sollte sich eine
ähnliche Entwicklung in einem weiteren, anderen Gesetzen
unterworfenen geopolitischen Raum – dem arabischen
– wiederholen.) Eine Krise bringt jedoch, außer ihren
schmerzhaften Folgen – insbesondere für die Interessen von
Einzelpersonen oder kleinen Berufsgemeinschaften – auch die
Gelegenheit einer Restrukturierung auf makroökonomischer
Ebene mit sich und stellt erneut zur Debatte die Konzepte
oder Modelle, welche für die Schwierigkeiten der Gesellschaft
zu einem bestimmten Zeitpunkt zuständig waren. Die
Missachtung einer solchen Anforderung – ein eisernes
Gesetz der Marktwirtschaft und ein wichtiges Instrument
für die Anpassung der ökonomischen Mechanismen – kann
verheerende Folgen haben. Darin besteht eine der Erklärungen
für die Geschehnisse in vielen EU-Mitgliedstaaten nach dem
Jahr 2008.
Betrachten wir, kurz, die Entwicklung der Ereignisse
in Osteuropa, im Kontext der vom Sturz des Kommunismus
verursachten radikalen Umwälzungen.
Auf politischer Ebene kann festgestellt werden, dass
in fast allen Ländern des kommunistischen Ostens ähnliche

15
Entwicklungen stattfanden (im dem Sinne, das die Führer
des kommunistischen Regimes – die ultrakonservativen oder
jene, welche die Logik der Reformatoren in Moskau verfolgten
– in einer oder anderen Form von der Führung beseitigt
wurden), wobei die neuen Führungsechelons ihre Positionen
infolge freier Wahlen konsolidierten: in Polen fanden die
Wahlen im Juni 1989 statt und wurden von der „Solidarität”
gewonnen (auf Grund einer vorherigen Vereinbarung wurde
die Macht mit der kommunistischen Partei geteilt), wobei
ein nichtkommunistischer Ministerpräsident ernannt wurde
(Tadeusz Mazowiecki)10; in Ungarn brachten die Wahlen
im März-April 1990 die Liberalen an die Macht, während
die ehemaligen Kommunisten auf der politischen Bühne,
aber in der Opposition blieben11; in Rumänien (wo der
Wandlungsprozess später, plötzlich und in dramatischer Weise
zustande kam), fanden die Wahlen im Monat Mai 1990 statt (und
synchronisierte sich praktisch mit den ähnlichen Ereignissen
aus den ehemals „verbrüderten” Staaten). Als Folge dieser
Wahlen bestätigte die Front zur Nationalen Rettung (F.S.N.)
(welche am Anfang des Jahres 1990 als Unterstützungsstruktur
des Rates der Front zur Nationalen Rettung (C.F.S.N.) und
seiner nach der gewaltsamen Beseitigung des kommunistischen
Regimes hervorgegangenen Regierung gebildet worden war)
seine Position wieder. Die änderungsunfähige Kommunistische
Partei wurde praktisch aus dem öffentlichen Leben
ausgeschlossen; in der Tschechoslowakei fanden die freien
Wahlen im Juni 1990 statt und wurden von Havels Anhängern
gewonnen; in Deutschland wurden die Wahlen am 2 Oktober
1990 organisiert (ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer,
vom 9. November 1989), und zwar gleichzeitig und auf Grund
desselben Gesetzes sowohl in der DDR, als auch in der BRD. Es
siegten die Christlich-Demokraten. Am darauffolgenden Tag
10
Aliycia Sowinska-Krupka, Drumul Poloniei spre democraţie (Polens Weg
zur Demokratie), 1981-1991, in: Alexandru Oşca, 1989, an decisiv în istoria
Europei („1989- ein entscheidendes Jahr in der Geschichte Europas“, Cluj-
Napoca, 2008, S. 95-106.
11
Zoltan Ripp, Dezintegrarea sistemului comunist şi tranziţia negociată (Die
Auflösung des kommunistischen Systems und die ausgehandelte Transition),
in: Idem, S. 107-116.

16
(3. Oktober 1990) verschwand die DDR, durch Integrierung
in der Bundesrepublik Deutschland, welche sich nach Osten
ausdehnte und eine einheitliche staatliche Struktur bildete.
In Bulgarien erzielte die Kommunistische Partei (welche
Sozialistische Partei geworden war) die Mehrheit bei den
Wahlen im Juni 1990, aber anderen Wahlen (im November
1990) konnte die Union der Demokratischen Kräfte einen
knappen Sieg erzielen12. Ähnliche Entwicklungen, mehr oder
weniger zeitlich verzögert, fanden in Jugoslawien und in
Albanien statt.
So verschwanden, nach und nach, alle
„volksdemokratischen” Regimes. Infolgedessen verlor die
UdSSR ihren aus den Satelitenstaaten in Europa gebildeten
„Schutzgürtel”, welcher nach dem Zweiten Weltkrieg zustande
gekommen war. Der Warschauer Pakt und der Rat für
Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) sollten auch, von alleine,
verschwinden (förmlich wurde der Pakt im Jahr 1991 und der
RGW am 28.Juni 1991 aufgelöst).
Gleichzeitig wurde die Karte des Ostens neu gezeichnet,
auf Grund der Rekonfiguration der zentral- und osteuropäischen
staatlichen Entitäten, insofern ein Teil von diesen als artifizielle
Gebilde betrachtet wurden, aus Gründen der – politischen
oder geostrategischen – Opportunität. Die Tschechoslowakei
teilte sich friedlich in zwei Republiken: die Tschechei und
die Slowakei (1992), die UdSSR verschwand als Akteur auf
der politischen Bühne der Welt; auf ihren Ruinen erschienen
unabhängige Staaten, welche bis dahin Unionsrepubliken
gewesen waren (darunter die Russische Föderation, ihrerseits
ein buntes Konglomerat, zusammengesetzt aus 89 autonomen
Entitäten: 21 Republiken, 49 getrennte Regionen, 5 Territorien,
2 Städte mit föderativem Statut, weitere zwei autonome
Regionen mit Sonderstatut, 10 autonome Bezirke.13 Innerhalb
12
Jordan Baev, Plamen Petrov, Factori interni şi internaţionali care au
determinat retragerea lui Jivkov în Bulgaria (Interne und internationale
Faktoren, welche in Bulgarien zu Schiwkows Rücktritt führten), in Idem, S.
71-79.
13
Die Russische Föderation versucht heutzutage, Teile des Raumes des
ehemaligen Reiches wiederzugewinnen. Vorläufig hat sie die Krim integriert.
Weitere Territorien werden an der Grenze mit Georgien, beziehungsweise

17
der Föderation sind 20 Millionen Einwohner keine Russen, sie
haben eine andere Religion, andere Bräuche und Mentalitäten
als diese.). Später teile sich auch Jugoslawien (infolge eines
verheerenden Bürgerkrieges) in unabhängige Staaten, welche
bis dahin Republiken oder autonome Regionen innerhalb
der Föderation gewesen waren. Nur Polen, Rumänien,
Ungarn, Albanien und Bulgarien behielten ihre durch die
Friedensverträge in Paris (1946-47) bestätigte Integrität. Die
von der amerikanischen Verwaltung ein halbes Jahrhundert
lang verfolgte Containment-Politik (Eindämmungspolitik),
welche den Zweck hatte, die Sowjets in ihren Ambitionen zu
entmutigen, ist gegenstandslos geblieben; dafür hat die Roll-
Back- Strategie – eine seinerzeit zugunsten des Containments
aufgegebene Alternative – unverhofft einfach Wirkungen
gezeigt14.

Auf wirtschaftlicher Ebene erwiesen sich der
Ehrgeiz und die Hoffnungen der neuen Leader des
Ostens (ermutigt oder nicht von westlichen Beratern, die
Marktwirtschaftsmechanismen zügig umzusetzen) eher als
illusorisch: diese mussten sehr bald feststellen, dass die
Gesetze der Marktwirtschaft viel strenger sind und deren
Nichtbeachtung katastrophale Folgen haben kann. In der
UdSSR. scheiterte Gorbatschow in seinem Versuch, die
Wirtschaft der Union im Rahmen der von den kommunistischen
Grundkonzepten gezogenen Grenzen zu reformieren. Nach
ihm wählte Yeltsin ausdrücklich den Weg der Marktwirtschaft;
dieses geschah, meint Jean-Baptiste Douroselle15, aus dem
Wunsch und der Hoffnung heraus, Russland in den erlesenen
Klub der reichsten Staaten des Planeten zu platzieren. Zur
Verfügung standen ihm ein Volk von 150 Millionen, ein nach
mit der Ukraine, disputiert.
14
F.G. Dreyfus, A. Jourcin, P. Thibault, P. Milza, Istoria universală
(Weltgeschichte), 3. Band, Evoluţia lumii contemporane (Entwicklung der
zeitgenössischen Welt), Univers enciclopedic Verlag, Bukarest, 2006, S. 495-
496.
15
Jean-Baptiste Dourouselle, Andre Kaspi, „Istoria relaţiilor internaţionale,
1948 – până în zilele noastre ((Geschichte der internationalen Beziehungen,
1948 bis zu den heutigen Tagen), 2.Band, Bukarest, Ed. Ştiinţelor Sociale şi
Politice (Verlag für sozialpolitische Wissenschaften), 2006, S. 282-283.

18
der Auflösung der UdSSR. gebliebenes weit ausgestrecktes
Land, mit beneidenswerten Bodenschätzen, eine komplexe
(wenn auch nicht entsprechend leistungsfähige) Industrie,
geschulte und billige Arbeitskräfte. Nach nur einem Jahr
verzeichnete Yeltsin jedoch den gleichen Misserfolg: im Jahr
1992 sinkt das BIP in Russland um 14% und in den folgenden
Jahren bleibt das Wachstum weiterhin negativ (8,7% - 12,6%,
usw., bis 1998). Die Inflation geriet total außer Kontrolle: im
Jahr 1992 lag diese bereits bei 25,08%, in 1998 erholte sie sich
weitgehend, jedoch nur bis 84%. Auf sozialer waren die Folgen
desaströs: die Lebensverhältnisse verschlechterten sich immer
mehr, die Gehälter wurden monatelang nicht mehr bezahlt,
die Produktionsbetriebe konnten sich – mangels Kapital – die
erforderlichen Rohstoffe nicht mehr sichern, der Tauschhandel
wurde zu einem unverzichtbaren Instrument in der Wirtschaft
und das Land war zu einer „Insel der Industrie-Wracks”
geworden16. Dieses Phänomen war fast überall im Osten zu
finden: in diesem Kontext kann es nicht überraschen, dass
in Rumänien ein postrevolutionärer Premierminister (Petre
Roman) der Ansicht war, dass die Industrie seines Landes „ein
Haufen Alteisen” war. Aus dem familiären Zusammenhang
gerissen, ohne Kapital und ohne ein erfahrenes Management
sahen sich die „Akteure” der ehemaligen kommunistischen
Ökonomien unfähig, in eigenständiger Weise in einem
wettbewerblichen Umfeld zu reagieren und mussten, in
Unkenntnis der Mechanismen der Marktwirtschaft, der Reihe
nach ihren Betrieb einstellen.

Nach dem Krieg konnten wir zweien Integra-
tionsmodellen mitansehen: das kommunistische und jenes
im demokratischen Westen (the britische Antwort – die
Europäische Freihandelsassoziation – auf die Lösung der
europäischen Gemeinschaften – erwies sich seinerseits als
teilweise wirksam). Im östlichen Raum wurde dieses Modell – aus
Gründen, welche eine gesonderte Analyse verdienen – (wenn auch
nicht von Anfang an) von den betroffenen staatlichen Entitäten
abgelehnt, um letzten Endes zu scheitern, zu misslingen.
Moskaus Misstrauen und Hegemonie-Versuchung machten
jedwede mutigen Initiativen auf dem Gebiet der Integration
16
Ibidem, S. 287.

19
(siehe die Pläne von Waleew, Ampoliow usw.) unmöglich. Viele
Beobachter erklären den Brexit durch ähnliche in der letzten
Zeit auf der Ebene der Europäischen Union verzeichnete
Tendenzen.
Der Zusammenbruch der totalitären kommunistischen
Regimes bedeutete auch das Verschwinden der politisch-
militärischen Organisation, welche zu ihrem Fortbestand
beigetragen hatte. Die Auswirkungen des Verschwindens des
Warschauer Paktes auf den europäischen Westen und auf Europa
im Allgemeinen waren ungeheuer groß: die alten Zielsetzungen
der Planer in Brüssel blieben ohne Sinn, so dass sich die NATO
als Organisation mit universellen Zielen umdefinierte.
In den 90ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
erschloss das westliche Modell des europäischen Aufbaus
neue Dimensionen, Sinne und Dynamiken. Die Dilemmas
des europäischen Aufbaus blieben weiterhin bestehen.
Andre Kaspi bemerkte: „Seit dem Beginn des europäischen
Aufbaus haben die Meinungsverschiedenheiten nicht
aufgehört. Im letzten Jahrhundert haben diese einen noch
ernsteren Charakter angenommen. Wäre mehr Europa
notwendig? ... Auf keinen Fall, antworten andere, Europa ist
sowieso zu weit gegangen”17. Auf alle Fälle hatten im letzten
Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts die europäischen
Gemeinschaften eine total andere Architektur als jene,
welche von ihren ursprünglichen Schöpfern erdacht worden
waren. Durch sukzessive Integrationsrunden wurde von
den sechs Gründungsmittgliedern der drei ursprünglichen
Gemeinschaften (für Kohle und Stahl, für Energie und für
Wirtschaft) zu 12 Mitgliedern im Jahr 1986 übergegangen. Am
1. Januar 1995 sollten weitere drei Staaten die Union ergänzen.
So komplex sie auch waren und so verschieden sie sich von
Etappe zu Etappe auch erwiesen, gingen die Prozesse der
Integration, der Aufnahme neuer Staaten (in die Europäische
Union nach dem Jahr 1993) immerhin von der Tatsache aus,
dass die Bewerber im Wesentlichen die gleichen grundlegenden
Werte teilten sowie über ähnliche ökonomische und soziale
Systeme verfügten, was die Integration erleichterte und keine
großen Unruhen im System verursachten.
17
Idem, S. 328.

20
Der Europäische Rat beschloss am 22. Juni 1993 in
Kopenhagen, dass sich die Europäische Union (die neue
Benennung der Gemeinschaften nach Maastricht, 1992)
auch nach Osten erstrecken sollte und damit endlich den
Bestrebungen der revolutionären Bewegungen von 1989
gerecht werden sollte. Auf dieser Weise wurde die Union zu
einer sehr mächtigen ökonomischen Entität, obgleich sie –
nach dem Ausdruck von Jean-Baptiste Douroselle – noch „ein
politischer Zwerg” blieb. Es sollte nicht viel Zeit vergehen,
bis die Bemühungen zur Überwindung dieser Behinderung
Früchte tragen konnten.
Es ist interessant zu beobachten, wie sich das Konzept
des gemeinsamen europäischen Hauses entwickelte. Dieses soll,
laut manchen Autoren (Ştefan Lache), Charles de Gaulle18
gehören, wurde aber erst später vom Michail Gorbatschow
eindringlich gefördert. Dieser hegte bereits in 1987 die
Überzeugung, dass „die Idee des gemeinsam-europäischen
Hauses bereits den Bereich der praktischen Politik betreten
hat”19. In Malta (2.-3. Dezember 1989) bestand Gorbatschow
auf dem Konzept des Gemeinsamen Hauses Europas in seinen
Besprechungen mit Präsident Bush, welchen er über seinen
Wunsch informierte, dass die Prozesse im Osten gleichzeitig
und konvergent mit jenen aus dem Westen stattfinden und
„keine neue Teilung in Europa hervorrufen”20. Sollte es sich um
ein drittes Integrationsmodell gegangen sein, welches noch vor
seiner Implementierung aufgegeben wurde? Gorbatschow hat
diesem Konzept aus politischer Sicht nicht überlebt21, daher ist
uns nicht bekannt, wie er sich dieses Haus konkret vorstellte22.
18
Ştefan Lache, România în relaţiile internaţionale (Rumänien in den
internationalen Beziehungen), 1939-2006, Bukarest, România de mâine
Verlag, 2007, S. 321.
19
Ibidem.
20
Ibidem.
21
Anlässlich seiner Besprechungen mit Gorbatschow in Bukarest (7.-8.
Juli 1989) zeigte sich Nicolae Ceauşescu eher skeptisch hinsichtlich der
Valenzen des vom sowjetischen Führer geförderten Konzeptes und des
Gedankens der Erneuerung des Sozialismus. Siehe: Adrian Pop, zitierte
Werke, S. 315.
22
Adrian Cioroianu, Geopolitica Matrioşkăi. Rusia postsovietică în noua
ordine mondială, vol. 1, (Geopolitik der Matryoschka. Das postsowjetische

21
Meiner Ansicht nach setzten die perestroikistischen
Planer eher auf eine auf den Grundsätzen des Europarates
gestützte Konstruktion, welche die Fähigkeit gehabt hätte,
sämtliche Gemeinschaften – aus dem Osten und aus dem
Westen – „zusammenzuschmelzen“. Die UdSSR. hätte,
selbstverständlich, einen kräftigen Pol in einer solchen
Konstruktion dargestellt. Bedauerlicherweise für den letzten
sowjetischen Führer verliefen aber die Dinge nicht so. Es konnte
sofort festgestellt werden, dass, während sich die ehemalige
Sowjetunion in eine illusorische Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten (GUS) umgewandelt hatte, sich, im Gegenteil dazu,
die ehemaligen Gemeinschaften im Westen zusammenlegten
und zu einer starken Europäischen Union wurden, welche
für die neuen Demokratien ziemlich gut strukturiert und
attraktiv war. Meine Meinung bleibt, dass sowohl die USA als
auch die UdSSR. – wenn auch aus verschiedenen Gründen –
eine auf der O.S.Z.E. gestützte europäische Konstruktion, mit
zugänglicheren und günstigeren Paritäten, bevorzugten23.
Nach dem Jahr 1989 hatte Europa die Möglichkeit,
wieder das zu werden, was Albert Jourcin in folgender Art
beschrieb: „... seine Beziehungen mit den alten Dämonen des
nationalen Egoismus wiederaufzunehmen und sich in einem
abwegigen Talibanismus zu vertiefen, welcher es bereits zweimal
in einen Krieg gestürzt hat und seinen Untergang beschleunigt
hat [...]. Der Kontinent kann sich um den Pol umstrukturieren,
Russland in der neuen Weltordnung, Band I) Curtea Veche Verlag, Bukarest,
2009, S. 57-63.
23
Ideen und Initiativen, um, auf verschiedenen Wegen, sämtliche Völker
Europas in einer einzigen staatlichen Entität zu vereinigen, gab es bereits im
Altertum und insbesondere im frühen Mittelalter. In der neueren Geschichte
sind die Projekte einer europäischen Konstruktion bekannt, welche in der
Zwischenkriegszeit unter anderen von Cudenhove-Kalergi, von Briand oder
von Tardieu gefördert wurden. Obgleich diese Projekte, aus verschiedenen
Gründen, nicht verwirklicht wurden, blieben ihre Ideen in den Reihen
der Nachfolger wach. Über das deutsche Projekt einer neuen Ordnung in
Europa wird nicht viel geredet; dieses wurde aus Opportunitätsgründen
geheim gehalten. Mihai Antonescu versuchte seinerzeit zu verstehen und zu
entziffern, was für eine Rolle Rumänien in dieser politischen Konstruktion
reserviert worden war. In diesem Kontext entwickelte er die Idee einer
lateinischen Achse, welche das vorwiegende deutsche Element ausgleichen
sollte.

22
welcher von den Zwölfen aus Mittel-und Osteuropa dargestellt
wird; dieses setzt voraus, dass die interessierten Regierungen
Doppelschritte zur Sicherung des Fortschrittes der Union tun
müssen“, bemerkte weiterhin Jourcin24.
Welche waren aber die Wesenszüge der Auswirkungen,
welche die Umwälzungen im Osten des Kontinentes auf
das europäische Einigungswerk hatten? Die europäische
Integration wurde im Kontext des Kalten Krieges und der
kommunistischen Bedrohung ausgelöst. Heute sind beide
diese Faktoren verschwunden. Es hätte die Möglichkeit der
Wiedergeburt eines mehrpoligen und konfliktreichen Europas,
ähnlich jenem der Zwischenkriegszeit des vergangenen
Jahrhunderts, gegeben. Ein vereinigtes und industriell starkes
Deutschland hätte diese Tendenz bekräftigen können. Gewählt
wurde jedoch ein vernünftiges europäisches Einigungswerk
und die Maximierung der Integrationsbemühungen.
Der entscheidende Schritt zur EU wurde förmlich
durch die Einheitliche Europäische Akte von 1987 getan; der
Prozess beschleunigte sich nach dem Ende des Kalten Krieges.
Die Verträge von Maastricht (1992) und Amsterdam (1997)
trieben die Union zu ehrgeizigen institutionellen Engagements
voran. Nach der Zurückweisung des Verfassungsvertrages
– ein noch zu fortgeschrittenes politisches Projekt – wurde
der Reformvertrag (von Lissabon) angenommen – eine vom
Verfassungsmodell nicht stark entfernte Replik.
Der Vertrag von Maastricht, welcher auf Anforderungen
gebaut war, die von den neuen Demokratien schwer zu
befriedigen waren, hatte einige Nebenwirkungen. Die erste
bezieht sich auf die NATO, auf welche die Osteuropäer ihre
Hoffnungen setzten nachdem sie feststellen mussten, dass sie
für die EU-Integration noch nicht vorbereitet waren. Vorläufig
musste infolge der vielfältigen zu erfüllenden Bedingungen der
Traum der Reformatoren in Osteuropa, welche die Aufnahme
im selekten Klub der EU anstrebten, in Klammern gesetzt
werden. Unter diesen Umständen erkannte die neue politische
Klasse im Osten, dass der Beitritt zur NATO. zugänglicher und
schneller sein konnte. Auf der anderen Seite räumte der Westen
24
F. G. Dreyfus, A. Jourcin, P. Thibault, P. Milza, Zitierte Werke. S. 757.

23
diese Möglichkeit als eine Art „Trostpreis” ein, so dass sich die
jungen Demokratien eilig auf dem Weg zur NATO. machten.
Für den Osten gab es keine Alternative zu der
Zugehörigkeit zum demokratischen Europa. Seitens Brüssel
gab es jedoch eine verschiedene Auffassung in dieser Hinsicht.
Das europäische Projekt war, formell, allen Europäern
zugänglich. Vom funktionellen Standpunkt war die EU
jedoch exklusiv. Hier stellte sich nicht die Frage des Beitrittes
(wie bei der NATO), sondern jene der Integration, was eine
Souveranitätsübertragung seitens der staatlichen Entitäten
auf überstaatliche Einrichtungen erforderlich machte. Die
öffentliche Meinung in den östlichen Staaten, welche sich kaum
aus den Zügeln des „größeren Bruders” befreit hatten, war
noch nicht bereit, eine neue Bevormundung für den Osten, sei
es auch seitens der westlichen Demokratien, zu ermutigen.
Mit jedem neuen Abkommen oder Vertrag wurden die
Bedingungen zur Integration immer komplizierter, mit der
Auferlegung von Beschränkungen, Konditionierungen und
Regelungen. Mit dem acquis communautaire (gemeinschaftlichen
Besitzstand) wurde ein neues Hemmnis auf dem Wege zur
Integration gesetzt, nicht für Österreich oder die nordischen
Staaten, natürlich, sondern für jene im Osten. Es gab Ursachen:
sogar die reichsten osteuropäischen Staaten – Slowenien
und die Tschechei – waren deutlich ärmer als jedwede
Mitgliedstaaten der EU.
Zwischen dem Westen und dem Osten gab es eine
riesige Kluft. Es wurde eingeschätzt, dass im Falle der EU-
Aufnahme von Ungarn, der Slowakei, Litauen und Polen
unter den gleichen Bedingungen wie für ihre Vorgänger, die
EU infolge der Kosten für Subventionen, Regionalbeihilfen
sowie für Infrastrukturfonds Bankrott gegangen wäre. Die
östlichen Staaten benötigten einen Marshall-Plan, welcher von
niemandem angeboten wurde; vielleicht war dessen Formel
veraltet.
Es ging jedoch nicht nur darum, dass der Osten sehr
kostspielig war; die Umstellung der Wirtschaften in diesem
Raum auf ein neues Modell war ein schmerzhafter und
langwieriger Prozess. Ihre Rechts- und Verwaltungssysteme
waren korrupt und nichtfunktional, ihre Führer waren

24
ohne Erfahrung, opportunistisch in ihren Handlungen und
Haltungen, unvorhersehbar, ihre Währungen waren instabil,
ihre Landesgrenzen durchlässig. Die verarmten aktiven Bürger
des ehemals kommunistischen Ostens, welche zwar beruflich
geschult waren, aber die strengen Regel der Marktwirtschaft
nicht kannten, wählten den Weg nach Westen, in der Hoffnung,
bessere Lebensbedingungen zu finden. Damit musste die in
ihren Ländern unbedingt notwendigen Reformen – welche
ohnehin kostspielig und in Abwesenheit von entsprechenden
Finanzmitteln und Verfahren schwer durchzusetzen waren,
auch ohne den motiviertesten Humanressourcen stattfinden.
Es herrschte die allgemeine Meinung, dass das
Westeuropa für die östlichen Staaten Wunder tun konnte,
die Frage war jedoch: was konnten die östlichen Staaten für
die EU tun? Dem ersten Augenschein nach, sehr wenig. Und
dennoch...
Wir kommen zurück auf die Bedeutung der Ereignisse,
welche im Dezember 1989 und im Folgejahr in Rumänien
stattfanden; diese können nur auf Grund einer aufmerksamen
Untersuchung der Ereignisse in Ti­ mişoara verstanden
werden, weil diese Stadt nicht nur im Sinne der Auslösung der
Revolution selbst eine entscheidende Rolle hatte; diese Stadt
verstärkte - und regte sogar, nach dem Sieg der Revolution,
Ereignisse auf nationaler Ebene an, welche in dem von uns
als revolutionärer Prozess genannten Verfahren eingegliedert
werden können, der erst gegen Ende des Jahres 1991 (als die
erste Verfassung nach dem Dezember 1989 angenommen
wurde) als abgeschlossen betrachtet wird.
Die entscheidende Rolle der Stadt Ti­mişoara in der
Auslösung der Revolution von 1989 wird im Allgemeinen
nicht bestritten; es gibt allerdings Autoren von Studien oder
Werken, welche an die Absicht einiger Bürger erinnern, am
14. Dezember 1989 die Bevölkerung der Stadt Iaşi zum Protest
gegen das Regime aufzufordern25. Es geht um eine erfolglose
25
Cassian Marian Spiridon, Gheorghe Florescu, Iaşi, 14 decembrie 1989.
Începutul Revoluţiei Române (Iaşi, 14. Dezember 1989. Der Beginn der
Rumänischen Revolution), Oradea, Cogito Verlag, 2000, passim. Siehe auch
Adrian Pop, zitiertes Werk, S.324. Der Autor gibt vorherige Einschätzungen
und Interpretierungen wieder, gemäß denen die Aufforderung dieser

25
Handlung, oder, genauer gesagt, um eine, welche von den
Behörden noch vor ihrer effektiven Auslösung gestoppt wurde.
Andere erinnern an die explizite öffentliche Demonstration
gegen den Chef des Regimes, welche im November 1987 in
Braşov stattfand, oder an den Streik der Bergarbeiter im Jiu-
Tal, im Monat August 1977. Die Wahrheit ist, dass es eigentlich
viele Äußerungen der Würde und Furchtlosigkeit gab (welche
der Öffentlichkeit unbekannt geblieben sind) welche, genauso
wie diese Ereignisse, die von den Vertretern des Regimes nicht
einfach vertuscht werden konnten, und den Zweck hatten, „die
Grundlagen des Regimes zu untergraben“. Die Hauptgestalten
dieser Geschehnisse gingen, selbstverständlich, enorme
Risiken ein26. Unter diesen darf die Geste des jungen Mannes
in Braşov, Liviu Corneliu Babeş, nicht unerwähnt bleiben:
dieser versuchte die Öffentlichkeit im Ausland sensibilisieren
und zündete sich auf der von vielen ausländischen Touristen
besuchten Skipiste in der Poiana Braşov an.
Im Falle der meisten Ansätze werden allerdings die
Bürger von Ti­mişoara als diejenigen anerkannt, welche einen
entschiedenen und festen Protest auslösten, der nicht nur eine
Verbesserung oder „Kosmetisierung“ des alten Regimes zum
Ziel hatte, sondern schlicht und einfach einen Regimewechsel
bezweckte27.
Die Opfer von Ti­ mişoara, welche das Anerkennen
der Ortschaft als „erste Stadt in Rumänien frei von der
Gruppe – welche als Front zur Nationalen Rettung unterzeichnet war –
vom KGB-Büro in Chişinău „geliefert” worden wäre. „Die Beteiligung und
Mitwirkung der Sowjets in diesem ersten Versuch einer Volksbewegung ist
– sagt der Autor – übrigens gut belegt.” Auch die Theorie mit der Einreise
von Touristengruppen, welche ...“... durch mehrere Grenzübergangsstellen“
„extrem spät in der Nacht eindrangen, um die Volksmassen zum Aufruhr
anzustiften“ wird hier wiederholt. Diese Angaben werden vom Autor von
Andrei Păsăreanu, Demers către adevăr. România, decembrie 1989 (Vorgehen
zur Wahrheit. Rumänien, Dezember 1989), Bukarest, Speteanu Verlag, 2008,
S. 66 übernommen. Letzterer gibt die Herkunft seiner Angaben nicht an.
26
Stejărel Olaru, 15 noiembrie 1987, Braşov (15. November 1987, Braşov),
Zeitschrift 22, vom 12.-18. November 2002.
27
Stejărel Olaru, 15 noiembrie 1987, Braşov (15. November 1987, Braşov),
Zeitschrift 22, vom 12.-18. November 2002. Siehe Emil Constantinescu,
Păcatul originar, sacrificiu fondator (Erbsünde, Gründungsopfer), 1. Band.,
Bukarest, Minerva Verlag, 2009.

26
kommunistischen Diktatur“ am 20. Dezember 1989 erlaubt
haben, wären aber mit Sicherheit umsonst gewesen, wenn sich
die Bürger aus zahlreichen Ortschaft im Banat, in Siebenbürgen
und, schließlich, in der Hauptstadt und in anderen Städten
des Landes ihrerseits nicht erhoben hätten um den Diktator
zur Machtabgabe zu zwingen. Heutzutage, wenn wir die
Entwicklungen in Syrien oder in Nordafrika – insbesondere
in Libyen - vor den Augen haben, können wir eine Übung
kontrafaktischer Geschichte riskieren und eine Analogie
zwischen den Einwohnern von Bengasi, beziehungsweisen von
Ti­mişoara des Jahres 1989 – deren Aufruhr sich nach Bukarest
erstrecke, aufstellen.
Es ist jedoch ganz klar, dass die Energien aus Ti­
mişoara (sogar im wahrsten Sinne des Wortes) den Willen der
Gemeinschaften in den anderen Märtyrerstädten Rumäniens
bekräftigten, welche sich (einige Tage nach den Einwohnern
von Ti­mişoara) gegen das Regime aussprachen. Daraufhin,
während des ganzen Jahres 1990, waren es ebenfalls die
Einwohner von Ti­ mişoara jene, welche die notwendigen
Ressourcen fanden, um im unklaren und unsicheren Klima,
welches nach dem 22. Dezember 1989 landesweit herrschte,
etwas Licht zu verschaffen.
Die Reihe von – sehr wichtigen und aussagekräftigen -
kollektiven oder individuellen Ereignissen und Gesten gegen
das Regime, welche sich auf nationaler Ebene bis zum Dezember
1989 abspielten, stellten eher Ereignisse unterwegs, Augenblicke
der Ansammlung von Unzufriedenheit und der Erkennung der
Grenzen eines Systems dar. Sie können nicht vernachlässig
werden, dennoch muss akzeptiert werden, dass keine von ihnen
die Dimensionen der – ununterbrochenen und entschiedenen
– Massenbewegungen in Ti­mişoara, in der Zeit vom 16. zum
22. Dezember 1989, erreichten. In jenen Tagen entstand in der
Stadt an der Bega eine Protestbewegung welche heranreifte,
wobei sich die Ansprüche der Demonstranten ganz schnell
weiterentwickelten, von einfachen Anforderungen für würdige
Lebensbedingungen, welche im eigenen Namen oder im
Namen kleiner Berufsgemeinschaften an die lokalen Behörden
gerichtet wurden, bis zur ausdrücklichen Formulierung von
politischen Klauseln seitens einer neu-gebildeten politischen

27
Formation (die Rumänische Demokratische Front), welche
vor den zentralen Behörden, die für Verhandlungen nach Ti­
mişoara geschickt worden waren, gebracht wurden. Schon
alleine durch seine Existenz bedrohte die neue Formation die
Grundlagen das diktatorische politische Ein-Parteien-System.
Wenn auch die Analyse der Slogans und Losungen, welche
in jener Zeit28 auf den öffentlichen Marktplätzen ausgerufen
wurden, zur Feststellung führt, dass die Demonstranten
nicht unbedingt explizit und übermäßig antikommunistische
Ausdrücke verwendeten, um ihren Willen, das Regime zu
stürzen, auszudrücken, bedeutet dieses nicht, dass sie dieses
nicht implizit wünschten. Die Losung „Herunter mit dem
Kommunismus!“, zum Beispiel, wird in den Unterlagen, in
den Memoires oder den Zeitschriften, welche in den auf dem
20. Dezember folgenden Tagen verfasst wurden, als spärlich
skandiert erwähnt. In der Proklamation der Rumänischen
Demokratischen Front vom 21. Dezember 1989 kann diese
Anforderung nicht explizit ausgedrückt vorgefunden werden,
und in der Finalen Resolution der Volksversammlung in Ti­
mişoara, vom 22. Dezember, auch nicht. Der Ausdruck als
solcher, sowie auch der Begriff von Revolution, fehlen auch
im Kommuniqué an das Land, welches in der Nacht von
22. Dezember vom Rat der Front zur Nationalen Rettung
herausgegeben wurde29.
Diese Forderung (der Beseitigung des kommunistischen
diktatorischen Regimes) wurde sofort nach dem 22. Dezember
1989 explizit und wurde im Folgejahr kräftig. Im Kontext der
Vorbereitungen für freie Allgemeinwahlen (20. Mai 1990),
welche jede der neugegründeten oder wiedergegründeten
wetteifernden Parteien gewinnen wollte, bestanden einige
Führer des Rates der Front zur Nationalen Rettung darauf,
ihrerseits eine politische Formation zu gründen; in dem
Versuch, ihre Gewinnchancen zu maximieren, dachten sie
daran, diese „Front zur Nationalen Rettung“ zu nennen.
Diese Benennung erfreute sich tatsächlich der
Sympathie der Wählerschaft, welche die Front al seine
Emanation der Revolution betrachtete, als eine Garantie,
28
Zeitschrift CLIO 1989, nr. 1-2, 2005.
29
Siehe Seite...

28
dass das Diktatur-Regime in Rumänien nicht wiederinstalliert
werden konnte. Diese Überlegung erwies sich kurzfristig als
richtig; am 20. Mai 1990 war der politische Gewinn für die Führer
der Front offensichtlich. Langfristig verlor jedoch diese auf der
linken Seite des politischen Spektrums positionierte Formation
den Kampf selbst im Verhältnis mit ihrer eigenen Identität;
sehr bald begann sie sich zu teilen, nach mehr oder weniger
verlustbringenden Strategien umzugruppieren, um letzten
Endes (im Jahr 1996) den politischen Kampf im Wettbewerb mit
anderen, rechtsorientierten Formationen zu verlieren.
Bis zur Gründung der Partei wurde der Rat der Front
als eine – die wichtigste – Struktur im System der Gewalten
im Staat betrachtet, mit der Rolle einer Einrichtung der
Staatsverwaltung (das Parlament und der Staatsrat waren
aufgelöst worden). Die sich heranbildende politische Klasse
sanktionierte die Maßnahmen dieser Verwaltung so wie sie
konnte, konzentrierte sich jedoch auf den politischen Kampf für
die Sicherung eines Sieges in den anstehenden Wahlen. Der Rat
– welcher nach den Wahlen verschwinden sollte – stellte keine
Zielsetzung dar. Nach der Bekanntmachung der Gründung
der politischen Formation mit der Benennung „Front zur
Nationalen Rettung” (Frontul Salvării Naționale, FSN), welche
die Absicht hatte, sich an den Wahlen zu beteiligen, begannen
die Führer des Rates, welche der FSN beigetreten waren,
umstritten, verleumdet, entlarvt usw. zu werden. Der Versuch
zu beweisen, dass die Front zur Nationalen Rettung etwas
anderes als der Nationalrat der Front war, war vergeblich: die
Konfusion wurde schon durch die Gesetzesverordnung über
die Organisierung der Front, vom 27. Dezember, begünstigt:
„Die Front zur Nationalen Rettung ist gegründet worden und
stellt die Vereinigung aller patriotischen und demokratischen
Kräfte des Landes für das Stürzen des diktatorischen Ceaușescu-
Clans, für das Konzentrieren der Bestrebungen der weiten
Volksmassen des Landes nach einem freien und würdigen
Leben und dem Rahmen für deren Behauptung.
Im Sinne der Errichtung der Demokratie und der
Freiheit, der Behauptung der Würde des rumänischen Volkes,
wurde der Rat der Front zur Nationalen Rettung, als höchstes
Gremium der Staatsgewalt, gegründet.

29
Der Rat der Front zur Nationalen Rettung vereint
Vertreter sämtlicher patriotischer Kräfte des Landes, aller
Gesellschaftsschichten und aller Nationalitäten”30.
Daraus folgt, dass die Front eher als ein Forum gedacht
war, welcher alle politische und demokratische Kräfte vereinte
(die politischen konnten nicht erwähnt werden, da sie noch
nicht existierten). Doch selbst unter diesen Umständen hätte
die Front, auf Grund der Logik der Gesetzesverordnung, die
Demokratische Front in Timişoara, die einzige vorhandene
politische Formation, einschließen müssen. Die Führung
der Formation in Timişoara hatte übrigens, gleich vielen
öffentlichen, gemeinschaftlichen und beruflichen Entitäten,
ihre Unterstützung für die Front zur Nationalen Rettung klar
präzisiert.
Der Gedanke, dass die Front zur Nationalen Rettung bei
seiner Berufung als Forum zur Debatte und zur Vereinigung
aller demokratischen Kräfte bleibe, wurde von den Führern des
Rates der Front mehrfach wiederholt. Bei der ersten Tagung
des Rates, am 27. Dezember, erklärte Ion Iliescu folgendes:
„Wir wollen uns von den Fetischen der Vergangenheit befreien,
wir wollen eine Vereinigungsplattform für alle schaffen, eine
echte Entwicklung der Werte sichern, wir wollen das aufbauen,
was für die Menschen notwendig ist, es sollen grundlegende
Ideen sein; die Programmplattform soll einen Konsens
darstellen, auf Grund des Zusammenspiels der allgemeinen
Interessen; auf Grund eines Studiums und des rumänischen
Beitrages zum diesem Prozess im heutigen Rumänien, und
in Unterstützung des politischen Pluralismus werden wir
mit interessanten Ideen kommen können. Die Front soll den
Näherungsfaktor darstellen. Einige grundlegende Elemente
sollten wir, unabhängig von der Entwicklung dieser Bewegung,
beibehalten, wir sollten für die Front die anerkannten Ideen
beinhalten, es sollte eine weite Plattform aller, mit gemeinsamen
Ideen sein.”
Die Front sollte also eher ein Debatte-Forum sein,
eine Stelle, in welcher Konzepte aus dem ganzen politischen
30
Ion Calafeteanu, Revoluţia română din decembrie 1989. Documente (Die
rumänische Revolution vom Dezember 1989. Dokumente), Cluj-Napoca,
Mega-Verlag, 2009, S. 727-728.

30
Spektrum vorgestellt und aufgenommen werden sollten.
Einige Gruppierungen, welche sich für die Gründung
oder Wiedergründung politischer Parteien vorbereiteten,
ermutigten diese Tendenz, in der Überzeugung, dass die Front
keine Absicht hatte, die Macht zu behalten, sondern sich auf
die Organisierung der Allgemeinwahlen konzentrieren werde,
in Folge deren die Macht an die siegende Formation oder
Koalition übertragen werden sollte. Am Anfang des Jahres
1990 (als die Gründung der Partei mit dem Namen „Front
zur Nationalen Rettung” bekanntgegeben wurde) warfen
einige Führer der Opposition Ion Iliescu vor, sein Wort nicht
gehalten zu haben. Aus dem folgenden Absatz der gleichen
Aussage (vom 27. Dezember, also vor dem Beschluss aus dem
Monat Januar) geht jedoch die Absicht des Vorsitzenden des
Rates hinsichtlich der Front ausdrücklich hervor: „Außerdem
müssen wir uns für die Wahlen vorbereiten; in vier Monaten
werden wir freie Wahlen haben... Wir werden uns bei den
Wahlen als Front vorstellen müssen (Hervorhebung durch den
Verfasser), mit einer Plattform für den Aufstieg der wertvollsten
Vertreter unserer Nation, auf Grund der Ideen der Freiheit
und der Konkretisierung dieser Elemente für die Zukunft. Aus
dieser Sicht kommt der Entwicklung dieser Plattform sowie der
Hauptausrichtungen eine besondere Rolle zu. Die Plattform
muss auch in Taten, nicht nur in Worten ausgedrückt sein, sie
muss Probleme für die Menschen lösen. In diesen ersten fünf
Tagen haben wir schon einiges in diesem Sinne geleistet”31.

So unübersichtlich die öffentliche Ausübung der
Macht in den ersten Tagen nach ihrer Übernahme durch die
neuen Obrigkeiten war, scheint die obige Ausdruckweise ganz
eindeutig: die Front sollte sich an den Wahlen beteiligen,
obgleich noch Unklarheit hinsichtlich der Form dieser
Beteiligung herrschte (als ein Bündnis von Gruppierungen
mit verschiedenen Ideologien, auf Grund einer weiten,
allumfassenden Plattform, oder als eigenständige Partei, mit
einer für die demokratische Linke spezifischen Plattform).
31
Ibidem.

31

Etwas später (im Februar 1990), nach
spannungsgeladenen Besprechungen mit Führern anderer
neu- oder wiedergegründeten politischen Formationen, welche
sich in der Opposition gruppiert hatten, setzte sich die Formel
eines Provisorischen Rates der Nationalen Einheit durch („das
kurze Parlament”), in welchem sich der Rat der Front zur
Nationalen Rettung die Macht sicherte (nachdem er einen
Anteil von 50% der Mitglieder hatte, wobei die andere Hälfte,
auf Grund einer originellen Formel, in gleichen Anteilen unter
alle in Rumänien unlängst gegründete Parteien, einschließlich
der Front zur Nationalen Rettung, verteilt wurden.)

Merkblatt Nr. 1
Gesetzesverordnung
betreffend die Gründung, Organisierung und Funktionsweise
des Provisorischen Rates der Nationalen Einheit
und der provisorischen Territorialräte der Nationalen
Einheit

Angesichts des offenen Charakters der Zusammensetzung


des Rates der Front zur Nationalen Rettung – als höchstes aus der
Revolution vom Dezember 1989 hervorgegangenes Machtorgan,
dessen Charakter in der am 22. Dezember 1989 bekanntgegebenen
Programmplattform dargestellt wurde,
In Anbetracht dessen, dass
(…)
sich die Front zur Nationalen Rettung selbst in eine
eigenständige politische Formation umgewandelt hat;
Unter Berücksichtigung der am 1. Februar 1990 zustande
gekommenen Übereinstimmung zwischen den Vertretern des
Rates der Front zur Nationalen Rettung und den Vertretern der
an der Besprechung teilnehmenden Parteien und politischen
Formationen
(...)
O r d n e t der Rat der Front zur Nationalen Rettung
folgendes a n:
Art.1: - Zum Datum der vorliegenden Gesetzesverordnung
ändert der Rat der Front zur Nationalen Rettung seine Struktur
und organisiert sich auf paritätischer Grundlage, im Sinne, dass

32
die Hälfte der Anzahl seiner Mitglieder aus dem gegenwärtigen
Rat stammen und die andere Hälfte aus Vertretern der Parteien,
der politischen Formationen und der Organisationen der
nationalen Minderheiten, welche im Rat herangezogen werden,
gebildet wird.
(…)
Der gemäß dem vorliegenden Artikel neugebildete Rat
der Front zur Nationalen Rettung wird Provisorischer Rat der
Nationalen Einheit genannt werden.
………………………………………………………
Art.3 – Die nationalen, regionalen, kreishauptstädtischen,
städtischen und Gemeinderäte der Front zur Nationalen Rettung
werden mit Vertretern der auf nationaler Ebene eingetragenen
Parteien, politischen Formationen und Organisationen der
nationalen Minderheiten ergänzt (mit je einem bis drei
Mitgliedern), über die derzeit in den lokalen Räten existierende
Anzahl von Mitgliedern, wobei die Anzahl dieser Vertreter bis
50% der Gesamtanzahl der Mitglieder der betreffenden Räte
darzustellen hat.
Die auf dieser Weise gebildeten Räte ändern ihre
Benennung zu Provisorische Räte der Nationalen Einheit.
………………………………………………
Der Rat der Front zur Nationalen Rettung32

Was kann hier bemerkt werden? Praktisch wurde


dieses neue Gremium der Staatsmacht, formell, durch die
32
Teodora Stănescu-Stanciu, Activitatea Consiliului Provizoriu de Uniune
Naţională (Tätigkeit des Provisorischen Rates der Nationalen Einheit, 1.
Band, Cluj-Napoca Mega Verlag, 2009, S. 118-119. Die Gesetzesverordnung
wird vollständig in den Anlagen veröffentlicht. Interessanterweise ist diese
Gesetzesverordnung von der „Front der Nationalen Rettung”, nicht vom
Vorsitzenden der Front unterzeichnet. Die Befugnisse der Position des
Staatsoberhaupts wurden übrigens von keiner bestimmten Persönlichkeit
explizit übernommen. Irgendwie wurde damit die Situation aus dem
Dezember des Jahres 1947 wiederholt. Die bis dahin vom König ausgeübten
Befugnisse wurden von einem Präsidium der Rumänischen Volksrepublik
übernommen, und ab April 1948 von einem Präsidium der Großen
Nationalversammlung (19 Personen). Die Gesetzesverordnungen wurden
vom Vorsitzenden des Präsidiums der Rumänischen Volksrepublik,
beziehungsweise der Großen Nationalversammlung, unterzeichnet. Die
Position des Präsidenten Rumänien wurde im Jahr 1974 eingeführt.

33
Erweiterung des existierenden Rates der Front zur Nationalen
Rettung „erhalten”, in einer leicht verschiedenen Weise, als
bei der Dialog-Besprechung am 1. Februar 1990 vereinbart
worden war. Dort hatten die Vertreter der Parteien die
Bildung eines neuen, vom existierenden verschiedenen
Gremiums gefordert. Warum hatten sich die Frontisten in
Bukarest für diese Lösung entschieden? Die Erklärung gibt
uns die Übersicht, welche für den Vorsitzenden anlässlich
der ersten Tagung des Provisorischen Rates der Nationalen
Einheit erstellt wurde: „Die Gesetzesverordnung muss nicht
explizit zur Debatte gestellt werden, weil dieses die Gefahr
der Anfechtung sämtlicher gegenwärtigen Strukturen, sowohl
vom Standpunkt ihrer Zusammensetzung, als auch von jenem
ihrer Befugnisse mit sich bringen würde. Aus diesem Grund ist
die Vervielfältigung und Verteilung der Gesetzesverordnung,
welche zu seiner seine Infragestellung anregen könnten, nicht
zu empfehlen”33.
Das neue Gremium übte, seinerseits, seine Tätigkeit
in permanenten Führungsstrukturen und in Kommissionen
aus. Der Vorsitzende wurde „beraten”, die Sitzungen in einer
Art und Weise zu führen, welche den Vorsitz der Front in
mindestens den folgenden Kommissionen sichern sollte: die
Kommission für Außenpolitik, die Kommission für Kultur,
jene für Lokalverwaltung, die organisatorische Kommission
und für die Bevollmächtigten des Rates. Auf jedem Fall
wurde die Lösung der Erweiterung des existierenden Büros
des Rates der Front zur Nationalen Rettung versucht, und
nicht jene der Wahl eines neuen Büros. Auf lokaler Ebene
musste die Parität nicht unbedingt gesichert werden, wobei
die Anzahl der Mitglieder, welche die alten Landeskreisräte
der Front zur Nationalen Rettung ergänzten (sowie auch die
kreishauptstädtischen, städtischen und Gemeinderäte) bis 50%
der Anzahl der Mitglieder der neuen Räte darstellen konnte.
In diesem Kontext begannen die Oppositionsparteien
die Front anzugreifen, mit dem Zweck, ihre Glaubwürdigkeit
zu schwächen, und kamen, unter anderem, mit folgenden zwei
Behauptungen:
33
Eadem S. 132

34
1) – es sei nicht wahr, dass die Front zur Nationalen
Rettung ein Verdienst in der Revolution hatte; eigentlich sei
die Front außerhalb der Revolution gegründet worden, die
Diktatur wäre nicht beseitigt, gelungen sei nur die Beseitigung
von Ceauşescu und des ersten Echelons; praktisch habe der
zweite Echelon der Kommunistischen Partei – welcher sich
mittlerweile in der Front integriert hatte – die Revolution
gestohlen (beschlagnahmt!), und
2) – die Front sage eigentlich nicht die Wahrheit: im
Dezember 1989 sei es eigentlich keine Revolution gewesen,
sondern ein einfacher Staatsstreich, die wahre Revolution
habe jetzt stattzufinden, durch die Beseitigung der Front zur
Nationalen Rettung, deren Verdienste nicht vorhanden sein.
Der Kampf gegen den Kommunismus (ein in den Reihen der
Wählerschaft populäres Thema) sei fortzusetzen, die Losung
„Runter mit dem Kommunismus!” sei solange zu wiederholen,
bis die Front (welche die Opposition bei jeder Gelegenheit als
die neugetaufte ehemalige Kommunistische Partei beschrieb)
die Macht abtrete.
Es ging, selbstverständlich, um Losungen, welche im
Wahlkampf lanciert und erlaubt waren; umsonst bewiesen die
Führer der Front, dass die meisten von ihnen, ganz im Gegenteil,
sogar Opfer des Regimes gewesen waren, und dass Mitglieder
der kommunistischen Partei in allen Parteien, nicht nur in der
Front gefunden werden konnten. Letzten Endes setzte ein Teil
der Wählerschaft ihr Vertrauen in den Oppositionsparteien
(welche, zusammen, fast 35% der Stimmen gewannen, was im
Kontext der betreffenden Periode einen Erfolg darstellte!)
Wichtiger ist, dass die damals formulierten
Behauptungen auch nach dem 20. Mai 1990 im öffentlichen
Raum fortbestanden und eigentlich auch heutzutage vorhanden
sind: die Anfechtung der Revolution (über welche behauptet
wird, dass sie ein einfacher Staatsstreich gewesen sei) und die
Bestreitung der Rolle der Front zur Nationalen Rettung (über
welche behauptet wird, dass die die Revolution beschlagnahmt
oder gestohlen haben, ohne zu präzisieren, von wem).
Auf diesem Hintergrund begannen einige politische
und Bürgergruppierungen, welche in Ti­mişoara nach dem 1.
Januar 1990 (als sich das politische Leben einigermaßen auf den

35
Grundsätzen der Demokratie gesetzt hatte) gegründet worden
waren, ihre Botschaften zu nuancieren: in dem neuen Kontext
radikalisierten einige in Ti­mişoara (und in anderen Städten des
Landes) gegründete politische Formationen oder Vertreter der
Zivilgesellschaft, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit
anerkannten Verdiensten in der Revolution, ihre Programme
und ihre Haltung, und forderten in ausdrücklicher Weise die
Ausmerzung des Kommunismus als sozialpolitisches System.
Diese Radikalisierung ist auch durch die besonderen
Entwicklungen in Ti­mişoara zu erklären, wo, nach einigen
erfolglosen Versuchen, der Vorsitzende des Kreisrates der
Front zur Nationalen Rettung, Lorin Fortuna (Führer der
Rumänischen Demokratischen Front), durch ein geschickt
geführtes Manöver gezwungen wurde, seine Absicht, von
seinem Amt zurückzutreten, zu verkünden. Als Folge der
„Wahlen” vom 27.-29. Januar 1990 wurde die Rumänische
Demokratische Front aus den lokalen Einrichtungen beseitigt.
Die sehr empfindliche Gemeinschaft in Timişoara konnte den
Sinn dieser Änderung nicht übersehen, welche als Versuch der
Rückkehr zu der vor der Revolution herrschenden Situation
wahrgenommen wurde.
Von hier auch die Verwirrung, welche in manchen
Schriftstücken zu bemerken ist, deren Autoren der Ansicht
sind, dass die wahre antikommunistische Revolution erst später
stattfand und auch andeuten, dass sich im Dezember 1989 ein
einfacher Aufruhr oder Aufstand der von ihren materiellen
Lebensbedingungen unzufriedenen Bevölkerung zugetragen
hätte. Die „Gesellschaft Timişoara”, zum Beispiel, die am meisten
geschätzte Komponente der Zivilgesellschaft in Timişoara
nach dem Dezember 1989, stellte am 11. März 1990, von
40.000 Anhängern, eine Proklamation vor, mit einer radikalen
Botschaft, ähnlich jener anderen Programme, Kommuniqués
und Proklamationen, welche von den neuen politischen
Formationen und Bürgerorganisationen zwischen dem 26.
Dezember 1989 und dem Monat Mai 1990 erlassen wurden. Der
Bericht der Präsidentiellen Kommission für die Untersuchung
der Kommunistischen Diktatur betrachtet diese Proklamation
als das wahre Dokument der rumänischen Revolution. Wir
sehen vom bizarren Umstand ab, dass wir akzeptieren müssten,

36
das seine von unten nach oben begonnene Revolution (zum
Unterschied von der Französischen Revolution von 1789) ihr
grundlegendes Dokument erst Monate später geschrieben
hätte. Es ist jedoch schwer anzunehmen, dass die Einwohner
von Timişoara – entschlossene und standhafte Menschen, trotz
ihrer sprichwörtlichen Geduld, bis im März 1990 gewartet
hätten, dass ihre Führer ihre Botschaft und das politische
Programm vorstellten, für welche sie bereits mit ihrem Blut
bezahlt hatten und auch später noch bezahlen konnten.
Übrigens wird auch im Text der Proklamation der Gesellschaft
„Timişoara” erklärt, dass im Dezember 1989 in Timişoara eine
echte Revolution stattfand.
Was für einen Wert und was für einen Sinn hatte in dem
Fall der Aufruhr der Bevölkerung von Timişoara gegen das
Regime, welches vor dem 22. Dezember 1989 stattfand?
Aus dem Studium der Publizistik und Memorialistik,
einschließlich der von der Führung der Revolutionäre
oder den Gewaltstrukturen des alten Regimes ausgestellten
Dokumente geht klar hervor, dass die Bewegung in Timişoara,
welche die rumänische Revolution auslöste, eindeutig gegen
das politische System gerichtet war und dessen Beseitigung
und Ersatz verfolgte. Nicht auf einmal (wie das in Bukarest
geschah), weil in einer Provinzortschaft die Meinung herrscht,
dass die Staatsstrukturen so stark und strenggläubig sind, dass
sie jeden Versuch eines gewaltsamen Sturzes verunmöglichen
können, sondern allmählich – so wie im Falle der gleichartigen
Vorgänge in den Nachbarländern, durch das Verpflichten
des Regimes, Liberalisierungs-, Umstrukturierungs- und
Transparenzmaßnahmen zu treffen, welche letzten Endes zu
seiner vollen Negierung führen sollten. Die Proklamation der
Rumänischen Demokratischen Front vom 21. Dezember 1989
enthält diese Botschaft.
Wir untersuchen die Proklamation der Rumänischen
Demokratischen Front in einem anderen Kapitel,
beziehungsweise die Liste der Forderungen der Delegation,
welche beim Kreisparteikomitee mit dem amtierenden
Ministerpräsidenten, Constantin Dăscălescu, verhandelte.
Schon bei der ersten Lesung kann festgestellt werden,
dass die Forderungen der Revolutionäre – wenn sie auch

37
nicht (möglicherweise aus taktischen Überlegungen) die
Forderung der Beseitigung des kommunistischen Systems
als solche enthielten, direkt gegen die Substanz/das Wesen
des Kommunismus gerichtet waren. Sie verlangten, so wie
die Demonstranten auf den öffentlichen Marktplätzen, den
Rücktritt des Führers des Regimes, den Rücktritt der Regierung
(das Bürgerkomitee beim Kreisparteikomitee), freie Wahlen,
usw. Das Durchsetzen der Organisierung freier Wahlen,
der Achtung der Menschenrechte, der Gewissensfreiheit
und der Freizügigkeit bedeutete aber, theoretisch, aber auch
praktisch, die Änderung der Regimegrundlage, das Ersetzen
des Systems mit einem anderen, auf eine echte Demokratie
basierten System. Aus diesem Grund komme ich auf eine
anderswo34 gemachte Behauptung zurück und bekräftige
sie: ich betrachte die Revolution vom Dezember 1989 von
Timişoara als antikommunistisch im Geist und in der
Tat, angefangen vom Augenblick, in welcher sie ausgelöst
wurde35; alle übrigen Aktionen – und insbesondere die
Dokumente, welche nachträglich von politischen Strukturen
und Organisationen oder von jenen der Zivilgesellschaft
ausgestellt wurden, betrachte ich als unterwegs erschienene
Aktionen und Dokumente, welche ihrerseits sehr wichtig
waren, angesichts dessen, dass sie auf eine Richtung und einen
Sinn hinwiesen und den Inhalt der Änderungen betonten und
nuancierten, aber dieses geschah, offensichtlich, im Rahmen
des revolutionären Prozesses, welcher vom Protest, der Revolte
und der Revolution vom Dezember 1989 ausgelöst worden
war. Die betreffenden Dokumente helfen eher zum richtigen
Verständnis der Tiefsinnigkeit und der Dynamik des im
Dezember 1989 begonnenen und nachträglich fortgesetzten
revolutionären Prozesses.
34
Oşca Alexandru (Koordinator), 1989, an decisiv… (1989, ein entscheidendes
Jahr), S. 14.
35
Lorin Ioan Fortuna, einer der Führer der Revolution von Timişoara,
behauptet, dass sich die Revolution am 20. Dezember (Gründungsdatum
der Rumänischen Demokratischen Front) auslöste. Bis zu dem Zeitpunkt
(vom 16. bis zum 20. Dezember) ging es eher um eine Revolte gegen das
Regime. Diese Auffassung wird von vielen Einwohnern von Timişoara
geteilt.

38
Viele Autoren behaupten, dass die rumänische
Revolution vom 1989 ein voraussehbares Ereignis war. War
es das? Sie kann, freilich, nicht mit dem von Charles Pouthas
im Zusammenhang mit der Revolution von 1848 verwendeten
Ausdruck36 („die wundervolle Überraschung der Zeiten”)
charakterisiert werden, weil die radikalen Änderungen in
Rumänien in einer gewissen Weise durch den Zusammenbruch
des Regimes in den ehemaligen europäischen Staaten im Laufe
des Jahres 1989 angekündigt worden waren. Trotzdem können
wir nicht umhin, anzuerkennen, dass die Destrukturierung
des kommunistischen Systems in Europa sogar für die
zuversichtlichsten antikommunistischen Analytiker eine
Überraschung darstellte, und dass die Ereignisse in Rumänien
die ganze Welt durch ihren Radikalismus und den Mut seiner
Bürger beeindruckten.
Bei sehr vielen Gelegenheiten wird einem öffentlichen
Gefühl der Frustrierung Ausdruck gegeben, weil die Revolution
vom Dezember 1989 nicht die notwendige Akkuratesse hatte,
um den Historikern zu helfen, sie ohne Schwierigkeiten
zu beschreiben. Wie könnte jedoch ein Phänomen dieser
Komplexität leicht zu entziffern sein? Die im Falle der Revolution
von 1989 konfuse Dominante ist übrigens nicht singulär. Pierre
Guiral, zum Beispiel, beschrieb die Revolutionen von 1848 wie
folgt: „Revolutionen, welche sowohl in ihrer Entfaltung, als
auch in ihren Zielsetzungen konfus waren, sowohl nationaler
als auch sozialer Art; großzügige Revolution, welche, wohl oder
übel, von diesem Geist des Jahres 1848 geprägt waren – vielleicht
zu freimütig, um konstruktiv zu sein; letzten Endes, mehr
oder weniger schnell, niedergeschlagene Revolutionen (unsere
Hervorhebung)”37. Guiral warnt, allerdings, über den Sinn des
Ausdruckes niedergeschlagene Revolution: „Übertreiben wir
jedoch den Ausmaß der Niederschlages nicht, die Bilanz ist
nicht komplett negativ”38.
36
Pierre Guiral (Koordinator), Democraţie, reacţiune, capitalism (1848-
1860) (Demokratie, Reaktion, Kapitalismus (1848-1860), 1. Band, Bukarest,
Prietenii Cărţii Verlag, 2007, S. 13.
37
Ibidem, S. 7.
38
Ibidem. Siehe auch: Ionuţ Şerban, Ideea de Revoluţie la români (Der
Gedanke der Revolution bei den Rumänen), Craiova, Sitech Verlag, 2010,

39
Über die Ereignisse in Timişoara vom Dezember 1989
wurden zahlreiche Studien geschrieben, viel mehr im Vergleich
mit gleichartigen Studien über ähnliche Ereignisse aus anderen
Ortschaften oder Zonen des Landes. Dieses bedeutet aber nicht,
dass das Thema erschöpft ist und dass künftige Produktionen
der Herausgeber nicht rechtfertigt sein werden. Auch vor
Kurzem wurden einige Schriftwerke veröffentlicht, welche den
Gegenstand der Ergänzung unserer historiographischen Studie
darstellen.
In der nächstfolgenden Periode (in den Jahren 1990-1994)
bestand der Großteil der Werke, welche speziell der Revolution
von Timişoara gewidmet waren oder welche sich durch
maßgebliche Kapitel auf diese bezogen, aus memorialistischen
Schriftstücken, ausführliche Beschreibungen, welche Eindrücke
der unmittelbar an den Ereignissen Beteiligten wiedergaben,
mit Einzelheiten, welche für die später ausgearbeiteten Studien
äußerst nützlich waren. Diese können als Chroniken jener Zeit
betrachtet werden, in der Logik der von den Präsenteisten
durchgesetzten Anforderungen.
Obgleich das Bruchstück der Realität in einer
limitiert objektiven Weise dargestellt wird, erfassen die
betreffenden Autoren das Wesen der Geschehnisse, an
denen sie sich beteiligen, und versuchen, in unverzerrter
Weise einen bestimmten Umfang von genauen – wenn auch
unvollständigen – Informationen über die in Abwicklung
befindlichen Ereignisse zu übermitteln.
Wie in jedem memorialistischen Werk sind die
Darstellungen, offensichtlich, subjektiv, sie bezwecken keine
komplexe Herstellung von Verbindungen mit anderen
zusammenhängenden Tatsachen und beziehen sich
ausschließlich darauf, was die betreffenden Personen gesehen
oder gehört haben. Aus diesem Grunde dürfen die ersten
Veröffentlichungen dieser Art nicht unbeachtet bleiben; sie sind
für eine umfangreiche Analyse der in revolutionären Ereignisse
in Timişoara notwendig. Wir schließen in dieser Analyse auch
die Essays über die Revolution in Timişoara ein, mit ihren
unterschiedlichen aber bedeutenden, subtileren Valenzen in
passim.

40
Richtung der Auslegungen und Erklärungen. Schriftstücke
dieser Art geben Überlegungen und Erinnerungen der Autoren
dar, sowie das Wiedererleben von Gefühlen, welche in ihrem
Gedächtnis lebendig geblieben sind und insbesondere auf die
Erwartungen, den Glauben der Revolutionäre an eine bessere
Gesellschaft, grundverschieden von jener, welche sie beseitigen
wollten, hinweisen39 Ich möchte hier auch einen rezenten
Beitrag – Die Revolution der Rumänen40 – erwähnen, in
welchem der Autor, nach langen Überlegungen, Erinnerungen
und Wiedererlebensepisoden, die spezifische Atmosphäre
jener bewegten Tage im Timişoara des Dezemberendes 1989
mit Objektivität wiedergibt.
Die persönlichen Betrachtungen und Einschätzungen
hinsichtlich der Bedeutung mancher nach dem Jahr 1989
stattgefundenen Ereignisse sind ebenfalls interessant und
enthüllen wiederum die Eigenschaften des Menschen als
soziales Wesen, des Kämpfers, welcher mit den Menschen und
mit ihren Handlungen im Dezember 1989 solidarisch bleibt41.
Der interessanteste Beitrag, insbesondere vom Standpunkt
der Bedeutung der Ereignisse nach der Machtübernahme
in Timişoara und in Bukarest, wird von Singur între ro­mâni
(Allein unter Rumänen) dargestellt42.
Er ist insbesondere für die tiefsinnigen, zutreffenden,
entschiedenen Betrachtungen wichtig, welche der Autor
in seiner Eigenschaft als Hauptdarsteller eines Stückes, in
welchem er, förmlich, auch Befugnisse eines Regisseurs ausübte,
anstellt. Tatsächlich war Claudiu Iordache, zwangsläufig, ein
39
Die Liste der Schriftstücke dieser Art ist sehr wichtig. Erwähnenswert
sind insbesondere die besonderen Beiträge von Claudiu Iordache (Isus
s-a născut la Timi­şoara (Jesus wurde in Timi­şoara geboren), O Românie de
câştigat (Ein Rumänien zu gewinnen), Polul de putere (Der Machtpol), Singur
între români (Allein unter Rumänen) und, aus der neuen Zeit, Revoluţia
Românilor (Die Revolution der Rumänen).
40
Claudiu Iordache, Revoluţia Românilor (Revolution der Rumänen),
Bukarest, IRINI Verlag, 2010). 
41
Ibidem (siehe die Bezugnahmen bei der Auszeichnung des ehemaligen
Pastors Laszlo Tökes).
42
Claudiu Iordache, Singur între români (Allein unter Rumänen), Bukarest,
IRINI Verlag, 1997.

41
mäßigendes Element im fragilen Machtmechanismus auf
der Ebene des Kreises in der nachrevolutionären Periode,
aber er sah sich veranlasst, auch die Position als Vorsitzender
der Filiale Timiş der neuen Partei „Front zur Nationalen
Rettung” und auch jene als erster Vorsitzender dieser Partei
auf nationaler Ebene anzunehmen. Bei einem aufmerksamen
Lesen des Buches ist augenscheinlich, dass die fehlende
politische Erfahrung von den erprobten Eigenschaften eines
Mannes im öffentlichen Dienst ersetzt wurden, welcher
sowohl die Versuchungen, als auch die für den politischen
Raum spezifischen Angewohnheiten ablehnte. Es war sichtbar
wie es ihm – von bescheidenen Verwaltungsstellungen aus,
gelang, die wertvollen Kräfte Timişoaras anzuspornen und
unmittelbar in die Schaffung von Alternativen zu involvieren,
und dieses auch jenseits der politischen Umfeldes, auch auf
bürgerschaftlichem oder publizistischem Gebiet (er war da und
hatte Lösungsvorschläge bei der Gründung der Gesellschaft
„Timişoara” und der gleichnamigen Zeitung). Das Buch ist
eine lebendige Chronik einer Zeit, über welche wir in der
Vergangenheit sprechen, mit mehr oder weniger vergessenen
Gestalten und mit unerklärlichen Begebenheiten, welche am
Anfang der 90ger Jahre an der Tagesordnung waren.
Die Autoren welche es gewagt haben, sich der Leserschaft
nach 10 oder 15 Jahren von der Revolution anzuvertrauen, sind
bei der Darstellung der Geschehnisse vorsichtiger geworden;
sie haben ihre Berichte auf Ereignisse erweitert, an denen
sie sich nicht unmittelbar beteiligten und haben sich bereits
eine Meinung gebildet über die Ursachen, die Auslösung, die
Entfaltung und die Finalisierung der Ereignisse, sowie über
die Persönlichkeiten, welche damals Verantwortungen und
Risiken auf sich nahmen. In ihren Berichterstattungen haben
die Losungen eine geänderte Priorität und Gewichtung. So
wird, zum Beispiel, die Losung Runter mit dem Kommunismus
– welche in den ersten Jahren nach der Revolution kaum
genannt wurde, jetzt unter den ersten von den Demonstranten
skandierten Losungen erwähnt. Aber diese Schriftstücke können
auch nicht ausgelassen werden, da sie zahlreiche Korrekturen
bezüglich der Aufeinanderfolge der ursprünglich dargestellten
Ereignisse oder hinsichtlich des genauen Zeitpunktes, der

42
Ausmaße und der Konsequenzen der revolutionären Aktionen
oder deren Unterdrückung durch das kommunistische Regime
ermöglichen.
Ziemlich bald begannen die evokativen,
wissenschaftlichen Werke über die Revolution in Timişoara zu
erscheinen, sogar Sammlungen von Dokumenten, welche oft
mit einer gewissen Eile zustande gekommen waren und nicht
unbedingt mit viel Können hinsichtlich einer ausgeglichenen
Darstellung der Perioden, der involvierten organisationalen
Entitäten, hinsichtlich der Hervorhebung des Charakters
der betreffenden Dokumente, ihrer Struktur und des sie
generierenden Kontextes, bezüglich ihrer Empfänger, ihres
Ausstellungs- und Empfangszeitpunktes oder ihrer Folgen.
Obgleich es in den ersten Jahren nach der Revolution
zu früh war, eine korrekte Auslegung zu versprechen, haben
sich viele Autoren vom öffentlichen Interesse für das Thema
verführen lassen und den Lesern Interpretierungsvarianten
von Fragmenten (Auszügen) von (auf verschiedenen Wegen
besorgten) Dokumenten zur Verfügung gestellt, ohne dass
diese Dokumente den Dritten vollständig zugänglich waren
und ohne eine obligatorische kritische Bewertung derselben.
Diese weisen keine großen Ausmaße auf, enthalten nicht
die Gesamtheit der Ereignisse und erschöpfen in keiner
Weise die Zusammenhänge, die Bestimmungs- oder
Kausalitätsverhältnisse zwischen den Fakten. Die Autoren der
betreffenden Schriftstücke bemühen sich, möglichst rigoros
zu sein, sie entscheiden über Geschehnisse oder Personen
(welche sie in gut oder schlecht, wahr oder falsch, schuldig oder
unschuldig teilen), zu welchen sie über Angaben verfügen, die
sie als sicher betrachten, obgleich sie ihre Quelle nicht enthüllen,
sie äußern mutmaßliche Einschätzungen über noch ungeklärte
Aspekte. Wie erwähnen hier, unter anderen, die Reihe von
Schriftstücken über die Rolle der Armee in der Revolution (mit
erklärlichen Grenzen, angesichts – unter anderem – der noch
nicht konsolidierten Sichtweise hinsichtlich dieser Themen),
koordiniert vom General Costache Codrescu, über die Rolle
der Miliz und der Sicherheitspolizei in den Ereignissen
vom Dezember 198943, die Werke von Sergiu Nicolaescu,
43
Cos­tache Codrescu (Koordinator), Armata română în revoluţia din

43
Vorsitzender der Senatskommission für die Untersuchung
der Ereignisse vom Dezember 1989 (der Zeitraum 1990-
1992), welcher mehrere Studien auf Grund der Informationen
aus der zur Verfügung stehenden Dokumentation und der
Aussagen der angehörten Personen veröffentlichte. Interessant
für unsere Arbeit waren insbesondere die Informationen und
Schlussfolgerungen aus Lupta pentru Putere. Decembrie 1989
(Der Kampf um die Macht. Dezember 1989), Bukarest, BIC
ALL Verlag, 2005, von Valentin Gabrielescu (der Zeitraum
1992-1996) und von Şerban Săndulescu (welcher den Beitrag
Decembrie 1989 – lovitura de stat a confiscat revoluţia română
(Dezember 1989 – der Staatsstreich hat die rumänische
Revolution beschlagnahmt), Bukarest, Omega Press Verlag,
veröffentlichte)44. Die Parlamentskommissionen und ihre
Berichte wurden von mehreren Revolutionären und Verbänden
derselben angefochten; für den Forscher ist es wichtig, die von
den anfechtenden Parteien gebrachten Argumente festzuhalten,
welche zusätzliche Informationen und Einzelheiten für die
Kenntnis der Realität während der Revolution mit sich bringen,
wenn auch manche Bemerkungen subjektiv geprägt sind. Der
vom Standpunkt der Kenntnis der Realität größte Verlust
kam vom Beschluss einiger Revolutionäre aus Timişoara, den
betreffenden Kommissionen keine Informationen zu liefern,
insbesondere auf Grund der Tatsache, dass sie eine extrem
verlässliche Primärquelle darstellten. Jenen, welche sich für
das Boykott aussprachen, trat auch der Pastor Tökes bei,

decembrie 1989. (DierumänischeArmeeinderRevolutionvomDezember1989), Bukarest,


Militärverlag, 1994; Constantin Sava, Constantin Monac: Revoluţia din
Decembrie 1989 percepută prin documen­tele vremii (Die Revolution vom
Dezember 1989, wahrgenommen durch die Dokumente der Zeit), Bukarest,
Axioma Edit Verlag, 2000.
44
Sergiu Nicolaescu, Un senator acuză (Ein Senator klag an), Bukarest,
PRO-Verlag, 1996, Re­voluţia, Începutul adevărului. Un raport personal (Die
Revolution. Der Beginn der Wahrheit. Ein persönlicher Bericht) TOPAZ
Verlag, Bukarest, 1995, Lupta pentru putere. Decembrie 1989 (Der Kampf um
die Macht. Dezember 1989), Bukarest, ALL-Verlag, 2005, Sergiu Nicolaescu
acuză! Dosar ”Comunismul” (Sergiu Nicolaescu klagt an! Die „Kommunismus”
Akte), Bukarest, PRO-Verlag, 1998, Recviem pentru adevăr (Requiem für die
Wahrheit), Mangalia, TOPAZ Verlag, 1999 und, seit kurzer Zeit, Mămăliga a
explodat (Der Maisbrei ist explodiert), Bukarest, IRRD-Verlag, 2010.

44
welcher – meiner Kenntnis nach – auch im Gerichtsverfahren
des Timişoara Loses nicht als Zeuge aufgerufen wurde.

Eine bemerkenswerte Bibliographie vereint
Schriftstücke, welche die Ereignisse in Timişoara als
Bruchstücke eines von außen oder von innen vorbereiteten
Staatsstreiches betrachten45. William G. behauptet, zum
Beispiel, dass die von solchen Autoren verwendeten
Dokumente „in einer genialen Weiser gesiebt werden”.46 Für
einen Forscher sind die Informationen aus den betreffenden
Büchern interessant und wichtig, jedoch kann ihre
Anwendung nur nach einer Gegenüberstellung mit den darin
zitierten Originaldokumentenerfolgen. Diese Bemerkung
wird nur gemacht, um darauf hinzuweisen, dass in einigen
Schriftstücken der letzten Zeit zahlreiche Informationen und
Interpretierungen – unkritisch, wie wenn sie außer Zweifel
wären – aus diesen Büchern übernommen worden sind, oft
sogar im Stil ihres Autors. Selbstverständlich wird hier nicht
die Option, die Ereignisse aus dem Dezember 1989 in einer
45
In diesem Sinne erwähnen wir die Bücher von Alex Mihai Stoenescu,
ein Liebhaber sensationeller Themen. Der Autor zeichnet sich durch seine
Fähigkeit aus, „geheime“ Mechanismen, Gestalten, Pläne zu „entdecken“
(oder zu vermuten), welche – aus seiner Sicht – obligatorischer Weise
jede soziale Unruhe begleiten, welche er – nach eigenen Kriterien – als
Staatsstreich, Insurrektion, Aktion ausländischer Geheimdienste usw.
bezeichnet). Er wählt mit großer Aufmerksamkeit die Details aus, welche ihm
zur Demonstration einer im Vorhinein festgelegten Aussage dienen, beseitigt
die übrigen ohne jede Erklärung und erzielt eine literarische Konstruktion,
welche interessante Eigenschaften als Novellist beweisen.
46
Adevărul, 31. Januar 2010. Die Bezugnahme ist auf Alex Mihai Stoenescu.
Siehe, insbesondere, „ Din culisele luptei pentru putere, 1989-1990. Prima
guvernare Petre Roman” (Hinter den Kulissen des Kampfes um Macht, 1989 –
1990. Die erste Regierung von Petre Roman”, (Kap.II und Kap.III), Bukarest,
RAO Verlag, 2005, welche den Rat der Front zur Nationalen Rettung – in der
wohlbekannten Manier des Autors – als eine provisorische, von Ehrgeizen,
Konspirationen und Misstrauen erodierte Einrichtung darstellt. Vor
Kurzem ist auch ein von Emil Constantinescu unterzeichnetes Schriftstück
erschienen, mit dem Titel „Erbsünde, Gründungsopfer“ erschienen –
Minerva Verlag, 2009, in welchem viele der Angaben, Schlussfolgerungen
und Informationen aus einem anderen Buch von Alex. Mihai Stoenescu,
Cronologia evenimentelor din decembrie 1989 (Chronologie der Ereignisse
vom Dezember 1989), Bukarest, RAO Verlag, 2009, wiederaufgenommen
werden.

45
bestimmten Art zu definieren und zu klären, in Frage gestellt –
jeder hat das Recht, sich darüber auszusprechen. Das Problem
besteht in den Beweisgründen zur Untermauerung einer
Behauptung und in deren Benutzung, welche derart erfolgen
muss, um dem Leser das Erkennen der Realität zu ermöglichen.
Wenn in den betreffenden Büchern über Ti­mişoara die Rede
ist werden Informationen angeführt, welche auf Grund einer
neueren Vorgehensweise („aus Quellen”) erhalten werden;
diese ist wohl auf dem Gebiet der Presse effizient und
zumutbar, aber in der Forschung nicht akzeptabel. Die in la
Ti­mişoara anwesenden Ausländer, von denen behauptet wird,
den Protest in der Stadt geschürt und angeregt zu haben, sind
– gemäß den Schlussfolgerungen des Autors: 1. in einer einige
Male größeren Anzahl als im Vorjahr; 2. in organisierter Weise,
mit genauen Zielsetzungen eingereist. Diesen Standpunkt
finden wir auch bei Filip Teodorescu (allerdings nicht in seiner
Aussage während des Gerichtsverfahrens – dort behauptete
er etwas Anderes!) oder bei Nicolae Mavru, im Allgemeinen
in später, nach dem Abschluss der Ereignisse veröffentlichten
Schriftstücken, unter der Unterschrift ehemaliger Angestellten
der repressiven Kräfte, Anhänger derselben oder ehemaliger
Amtsträger des Regimes.
Dem Forscher stehen aber zu diesen Aspekte
offizielle Dokumente aus primären Quellen zur Verfügung:
die eidesstattliche Erklärung des Leiters des Landkreis-
Verfolgungsamtes, des Leiters des Landkreis-Sicherheitsdienstes,
jene von Filip Teodorescu selbst, sowie auch das auf amtlichen
Wege, auf Grund des Antrags des Gerichtshofes (General
Bădoiu) vom Innenministerium erhaltene Dokument, in
welchem eine Statistik der Ein-und Ausreisen der ausländischen
Touristen in Rumänien für Dezember 1988, beziehungsweise
für Dezember 1989 dargestellt wird. Aus dieser Statistik geht,
im Gegenteil, hervor, dass der Touristenfluss im Dezember
1989 geringer als im Dezember 1988 (oder November 1989)
war. Ich bestehe darauf, weil viele Werke in unkritischer
Weise die Daten und Begründungen der Bücher von Filip
Teodorescu, Nicolae Mavru, des Berichtes des Rumänischen
Informationsdienstes über die Ereignisse im Dezember
übernommen haben. In seiner neulichen Veröffentlichung,

46
Ursprünge und Typologien der osteuropäischen Revolutionen,
hält Adrian Pop eine Behauptung fest, welche in einem älteren
Schriftstück von Adrian Păsăreanu gemacht wurde, gemäß
derer die Anzahl der Touristen im Dezember 1989 tatsächlich
kleiner als im Dezember 1988 war (231.976, im Vergleich zu
300.879), wobei jedoch innerhalb dieser Zahlen die Anzahl der
Russen und Ungarn von 30.879 auf 67.530 gestiegen wurden
sei47.
Es gibt auch Berufshistoriker48, welche bei der
Beschreibung und Erklärung der Ereignisse Methoden der
wissenschaftlichen Forschung angewendet haben und sich, mit
entsprechendem Vorbehalt, angesichts der Unzugänglichkeit
und Unzulänglichkeit der direkten Quellen und deren
prekären Bearbeitungszustandes, hauptsächlich auf indirekte
Quellen gestützt haben. Professor Ioan Scurtu widmet den
revolutionären Ereignissen in Timi­şoara ein ganzes Kapitel in
47
Adrian Pop, Originile şi tipologia revoluţiilor (Ursprünge und Typologien
der Revolutionen). Der Autor zitiert aus dem (obenerwähnten) Schriftstück
von Andrei Păsăreanu, S. 27, und übernimmt die Einschätzung, gemäß
derer im Dezember 1989 in einigen Ortschaften: Caraş-Severin, Covasna,
Timiş, Brăila, ein ungewöhnlicher Zufluss von Touristen verzeichnet wurde.
Bis zur Dokumentierung ihrer Beteiligung an dem Aufruhr können wir
als Erklärung der steigenden Anzahl von Touristen folgendes festhalten:
1. Ungarn und die UdSSR. hatten sich, insbesondere vom Standpunkt des
Personenverkehrs, liberalisiert; 2. Dezember ist der Monat in welchem die
Touristen gewöhnt sind, verschiedene Sehenswürdigkeiten, Verwandte
oder Freunde zu besuchen; 3. In Timişoara war eine Konsumgütermesse
organisiert, in welcher sich, selbstverständlich, zahlreiche Verkäufer und
Käufer aus dem naheliegenden Ausland und dem benachbarten Gebiet (die
Messe war einige knappe Tage vor der Revolution geschlossen worden, so
dass die Neuangekommenen, welche über den betreffenden Beschluss nicht
informiert worden waren, versuchen mussten, ihre Waren dennoch zu
verkaufen und durch die benachbarten Ortschaften zogen.) Mangels seiner
autorisierten Quelle in dieser Hinsicht bleiben wir daher zurückhaltend
bezüglich einer Schlussfolgerung hinsichtlich des Anteils der Touristen aus
Ungarn, beziehungsweise aus der UdSSR.
48
Das Thema der Revolution hat, im Allgemeinen, die Aufmerksamkeit
weniger Historiker erregt. In diesem Kontext möchte ich auf den Aufruf des
Herrn Claudiu Iordache an die Geschichtsschreiber hinweisen („Caietele
Revoluției” (Die Hefte der Revolution), nr. 2/2011), durch welchen er diese
aufforderte, sich mit der Bedeutsamkeit der Ereignisse von 1989 gründlicher
zu befassen.

47
seiner Synthese Revoluţia română din decem­brie 1989 în con­text
internaţional (Die Rumänische Revolution vom Dezember 1989
im internationalen Kontext) (Kapitel III, mit dem Unterkapitel
Die Ereignisse in Timi­şoara). Die Bedeutung dieses Werkes hängt
insbesondere mit der Identifizierung der Zusammenhänge
zwischen den sozialpolitischen Änderungen im Osten Europas
und jenen in Rumänien, sowie auch mit der umfangreichen
diesem Kapitel vorangehenden historiographischen Studie
zusammen. Der Verfasser dieses Werkes hat übrigens mehrere
bedeutende Beiträge über die Rumänische Revolution
vom Dezember 1989, im Allgemeinen, sowie auch in der
Fachpublizistik (die Zeitschrift Clio 1989, Caietele Revoluției
(Die Hefte der Revolution), Magazin istoric (Historisches
Magazin), Dosarele istoriei (Die Akte der Geschichte) (zur Zeit
deren Veröffentlichung), Istorie şi civili­zaţie (Geschichte und
Zivilisation), Revista istorică (Historische Zeitschrift), Document
(Dokument)(Bulletin des Militärarchivs), usw.
Außerdem möchte ich den Beitrag des Herrn
Dragoş Petrescu hervorheben (welcher im Jahr 2010 beim
Enzyklopädischen Verlag veröffentlicht wurde – ein Verlag
welcher, unter Achtung seines eigenen Status, in einem
einzigen Jahr zwei wertvolle Werke über die Ereignisse in
1989 veröffentlichte: eine des Herrn Petrescu und die jene des
Herrn Adrian Pop, auf welche weiter oben Bezug genommen
wurde): Explaining the Romanian Revolution of 1989. Culture,
Structure and Contingency. Die fünf Kapitel des Werkes, sowie
die darin entwickelten Schlussfolgerungen (das Buch umfasst
453 Seiten, einschließlich einer umfangreichen Bibliographie
und eines Namensverzeichnisses) behandeln die allgemeine
Problematik der Rumänischen Revolution in einer, wenn nicht
originellen, auf jeden Fall interessanten Weise, dank deren
die englischsprachigen Leser die wichtigsten in der (nicht
nur!) rumänischen Geschichtsschreibung zirkulierenden
Meinungen über die Ereignisse im Dezember 1989 erfahren.
Interessant sind die Diskussionen über die (struktur- und
konjunkturbedingten) Faktoren, welche für die Ereignisse
vom Dezember verantwortlich waren, sowie auch die
Fragen, welche der Autor über Art dieser Ereignisse stellt:
„What happened in December 1989 in Romania? Was it a

48
revolution or a more or less concealed coup d’etat? If it was
a true revolution – in as much as the 1989 events in ECE can
be characterized as revolutions – why it started in Timisoara,
and why precisely in December 1989?” („Was geschah im
Dezember 1989 in Rumänien? War es eine Revolution oder ein
mehr oder weniger getarnter Staatsstreich? Wenn es eine echte
Revolution war – insofern die Ereignisse des Jahres 1989 in
Zentral- und Osteuropa als Revolutionen charakterisiert werden
können – warum begann sie in Timişoara und warum gerade
im Dezember 1989?”) (S. 9). Die vergleichende Betrachtung der
im Laufe der Zeit ausgelösten Revolutionen und der Elemente,
welche die Revolution von 1989 partikularisieren (Kap. I) ist,
insbesondere durch die vorgeschlagenen Definitionen, von
Interesse. Das Buch wird noch attraktiver durch die Einfügung
von Dokumenten, welche Fakten der Lebensrealität oder
Auseinandersetzungen zwischen Protagonisten verschiedener
Geschehnisse wiedergeben, wie zum Beispiel der Dialog
zwischen Gorbatschow und Ceauşescu, in welchem letzterer
seinen Gesprächspartner fragte, ob er wisse, was Lenin in
1903 gesagt hatte. Gorbatschow antwortete, offensichtlich: „I
am afraid not!” (Leider nicht!), zur verborgenen Genugtuung
des „Gelehrten” von Bukarest (S. 202). Ein interessantes
Unterkapitel (S. 383 – 389) bezieht sich auf die geänderte
Haltung der Armee, von einer konjunkturbedingten Gewalt
der Repression im alten Regime zu einer unterstützenden
Kraft für die Verteidigung und den Sieg der Revolution, mit
interessanten Betrachtungen über den Status der Offiziere, den
Zustand der Truppen und den Gemütszustand der Armee zur
Zeit der Revolution.
Unter den ausländischen Historikern widmete Peter
Siani Davis (Revoluţia română din decembrie 1989 (Die
Rumänische Revolution vom Dezember 1989), Bukarest,
2006) den Ereignissen in Timișoara ein wichtiges Kapitel.
Der angesehene Autor zeichnet sich durch sein besonderes
Vermögen aus, jüngste Ereignisse zu interpretieren und
Annahmen ohne eine reale Grundlage zu vermeiden.
Im Schriftstück des Professors Ion (Revoluția română
din Decembrie 1989 în context internațional (Die Rumänische

49
Revolution vom Dezember 1989 im internationalen Kontext)
werden die Vorwürfe eines anerkannten Journalisten
erwähnt – Michel Castex (Un mensonge gros comme le siecle.
Roumanie, histoire d’une manipulation, Paris, Albin Michel
Verlag, 1990, S. 191), welcher auf die Irreführungen hinwies,
denen sich viele Berufskollegen hinsichtlich der Ereignisse von
Timișoara und Bukarest hergaben.
Von den rumänischen Historikern, welche sich
insbesondere auf die Ereignisse in Timişoara konzentriert
haben, erwähnen wir Miodrag Milin (mit mehreren
Beiträgen, siehe das beigelegte Verzeichnis). Alesandru
Duţu (Revoluţia română din decembrie 1989. Cronologie (Die
Rumänische Revolution vom Dezember 1989. Chronologie),
Bukarest, 2007, mit einer zweiten, beim Sitech-Verlag im
Jahr 2010 veröffentlichten Auflage) bringt, seinerseits, neue
Angaben und Informationen für ein besseres Verständnis der
Geschehnisse in Timişoara. Zu erwähnen sind auch Stelian
Tănase und Constantin Hlihor, welche interessante und
mutige Interpretationen über den geopolitischen Rahmen und
der Handlungsweise der Gewaltstrukturen (mit Bezug auf die
Armee und nicht nur auf diese) erstellen.
Außer den Beiträgen dieser Autoren gibt es eine sehr
reiche Literatur, welche von mehr oder weniger angeregten
oder interessierten Journalisten hervorgebracht wurde.
Obwohl sie kritisch übernommen werden müssen können
diese Beiträge nicht übersehen werden, umso mehr als,
trotz der Voreingenommenheit ihrer Schlussfolgerungen, in
den betreffenden Schriftstücken auch Informationen oder
Einzelheiten verwendet werden, zu welchen manchmal
nur Journalisten kommen können. Ich erwähne hier
die Pressekampagnen in den nationalen oder lokalen
Veröffentlichungen (Ziua, România Liberă, Jurnalul Național,
Adevărul, Armata Poporului, Victoria, Renașterea (Luptătorul)
Bănățeană, Timișoara usw.), welche insbesondere zum Jahrestag
der Revolution oder im Kontext der Gerichtsverhandlungen
der Beschuldigten in den Prozessen der Revolution geführt
wurden49. Zur Veranschaulichung der Nützlichkeit der
49
Dieses bedeutet nicht, dass ich die Auffassungen dieser Autoren oder die in
den betreffenden Artikeln ausgedrückten Spekulationen/Verdächtigungen

50
Benutzung dieser Quellen erwähne ich hier das Buch von
Brândușa Armanca (Media culpa), welches beim Curtea Veche
Verlag im Jahr 2006 veröffentlicht wurde, in welchem die
Autorin – ein Untersuchungsjournalist – der Revolution von
Timișoara ein ganzes Kapitel widmet, unter dem Titel: Wenn
es Timișoara nicht gegeben hätte.
In den in diesem Kapitel (und nicht nur in diesem)
enthaltenen Studien enthüllt die Autorin einige während
der Vernehmungen der Beschuldigten und der Zeugen im
Prozess des Timişoara Loses festgestellten, aber auch aus
den dem Gerichtshof zur Verfügung stehenden Unterlagen
hervorgehenden Wahrheiten (wenn diese auch nur teil- und
bruchstückweise bearbeitet wurden). Armanca bringt in das
Licht der Öffentlichkeit ein Fragment aus dem sogenannten
Protokoll der operativen Aktionen, mit dem Codenamen Gloria,
in welchem über die Anwesenheit einiger ausländischen
Diplomaten in Timişoara die Rede ist (einschließlich mit
Angabe der Kennzeichen ihrer PKWs), eine Information,
welche mit jener im Protokoll der Division 18, Mechanisiert,
gemäß deren die Verfolgung der betreffenden Fahrzeuge
angeordnet wurde, in Verbindung gebracht werden kann.
An einem weißen ARO-Geländewagen (eines ausländischen
Attachés, mit C.D. (diplomatisches Korps) Kennzeichen – wobei
jedoch die Kennzeichen leicht zu wechseln waren) erinnern
sich auch die Revolutionäre, welche über Umstände berichten,
in denen aus einem solchen Fahrzeug (nicht unbedingt
demselben) auf die Demonstranten geschossen wurde.
Eine ausgezeichnete Darstellung der Theorien, welche
in der Fachliteratur und in der Presse über die Ereignisse
im Dezember 1989 zirkulierten wird, von Ruxandra
Cesereanu, im Buch „Decembrie’89, Deconstrucţia unei
Revoluţii Dezember ’89. Dekonstruktion einer Revolution50
durchgeführt. Wir beharren nicht auf den von der Autorin
vorgenommenen Klassifizierung der Revolutionen von 1989
(welche, übrigens, für jede Forschungsarbeit sehr nützlich
teile, doch kann ich sie nicht unbeachtet lassen.
50
Ruxandra Cesereanu, Decembrie ’89, Deconstrucţia unei Revoluţii
(Dezember ’89. Dekonstruktion einer Revolution, Bukarest, Polirom Verlag,
2004.

51
ist), weil wir die Überzeugung haben, dass sich die Adjektive
(mit der Rolle eines Etiketts), welche das Substantiv Revolution
begleitet haben (insbesondere hinsichtlich der Rumänischen
Revolution) nicht auf die Ereignisse von Ti­mişoara beziehen.
Das Misstrauen in Bezug auf das Wesen der Ereignisse wurde
erst etwas später, nach der Machtübernahme in Bukarest durch
den Rat der Front zur Nationalen Rettung genährt, als sich die
Anfechtungen verstärkten. Die einzige Tatsache, welche von
den Anhängern der Theorie eines ausländischen Eingriffes
in den Aufruhraktionen in Ti­mişoara angeführt wird, stützt
sich auf die jener Zeit (tatsächliche) Feststellung, dass in der
betreffenden Zeit in der Stadt oder in ihrer Nähe sehr viele
Ausländer verkehrten (oder stationiert waren), insbesondere
aus der ehemaligen UdSSR.
Ich bleibe der Meinung, dass deren einfache
Anwesenheit in der Zone nicht (unbedingt) bedeutet, dass sie
die Revolution in Timișoara gemacht haben51. Übrigens wurde
51
Durch diese Behauptung möchte ich mich wieder (wie auch im Beitrag
Revoluția Română în Banat (Die Rumänische Revolution im Banat), der
beim Sitech-Verlang im Jahr 2009 veröffentlicht wurde), nicht unbedingt
von anderen Gesichtspunkten, sondern eher von den von ihren Autoren
zu ihrer Unterstützung verwendeten Argumente, abgrenzen. Zum Beispiel,
die Behauptungen des Herrn Virgil Măgureanu, in seinem Dialog mit Alex
Mihai Stoenescu. Ich greife hier auf eine ältere Behauptung des Herrn
Măgureanu zurück, welche viel deutlicher ist: „Von vornerein möchte ich
Ihnen sagen, dass diese Beeinflussung von außen in Timișoara existiert hat,
einschließlich der Einmischung von zuvor im Ausland für den Eingriff in
einen eventuellen Aufruhr vorbereiteten Gruppierungen... Es ist, also, der
Zeitpunkt gekommen, dass ich es sage: die Einmischung wurde bewiesen.”
(Hervorhebung des Autors). Im Folgenden erklärt Herr Măgureanu auch,
durch wen diese Einmischung vorgenommen wurde: „... es ist bekannt,
dass viele Rumänen oder Ungarn, rumänische Staatsbürger, nach Ungarn
ausgerissen waren und sogar in bestimmten Lagern von dort festgehalten
wurden... die genauen Verhältnisse in diesen Lagern kenne ich nicht,
diese Sache habe ich nicht untersucht, aber ich weiß, dass manche von
ihnen speziell vorbereitet wurden, um zu einem gewissen Zeitpunkt
zurückzukommen.” Herr Măgureanu enthüllt nicht, was für Quellen er
untersucht hat, er präzisiert auch nicht, woher er das weiß, und auch nicht,
in welcher Art diese sehr wichtige und interessante Behauptung bestätigt
werden kann. Wir wissen nicht, ob diese Behauptung von den ungarischen
Behörden bestätigt wurde. Es ist ganz möglich, dass sie wahr ist, aber in der
dargestellten Form bleibt sie eine einfache Aussage. (Siehe: Iosif Costinaș,
Întrebări cu și fără răspuns (Fragen mit und ohne Antworten), Timișoara,

52
unter den in der Zeit 17.-25. Dezember 1989 in Timișoara52
verhafteten, verwundeten oder getöteten Personen kein als
solcher aufgezeichneter Ausländer gefunden. Wir wollen eine
solche Hypothese nicht gänzlich ausschließen (und sie ist bei
vielen Autoren bewährter Glaubwürdigkeit wiederzufinden,
von denen ich nur Professor Gheorghe Buzatu erwähne,
welcher, unter anderem, ein vor weniger Zeit veröffentlichtes
und außerordentlich gut dokumentiertes Werk veröffentlicht
hat: Nicolae Ceaușescu, biografii paralele (Nicolae Ceaușescu,
parallele Biographien), Iași, Moldova Verlag, 2011, wobei sie
aber auch in einigen von Behörden ausgestellten Dokumenten
jener Zeit enthalten ist53). Indessen kann nur eine Forschung
ausländischer Archivquellen die für solche kategorischen
Behauptungen notwendige Gewissheit sichern54.

Der besondere Wert des Buches der Frau
Cesereanu besteht einschließlich in dem darin vollbrachten
umfangreichen und professionellen historiographischen
Streifzug, wobei hauptsächlich auf Memorialistikwerke Bezug
genommen wird. Von Bedeutung sind die Betrachtungen
der Ruxandra Cesereanu über den Wert der Proklamation
der Rumänischen Demokratischen Front, welche sie als eine
regelrechte symbolische Verfassung des Landes einschätzt,
welche noch vor dem Sturz des Regimes verfasst wurde55. In
der gleichen Serie gliedern wir auch den Beitrag von Stelian

2001, S. 46, ein vom Herrn Virgil Măgureanu dem Journalisten John
Simpson gewährtes Interview, aufgezeichnet vom britischen Historiker
Dennis Deletant).
52
In Arad wurde ein ungarischer Staatsbürger verzeichnet, welcher am
23. Dezember, in der nach der Auslösung der Terroristen-Diversion
entstandenen Verwirrung, getötet wurde.
53
Romeo Bălan, zum Beispiel, spricht über solche Gruppierungen, welche
aber separat von der Masse der Revolutionäre agiert haben sollen. „Es
ist gut bekannt, dass jene, welche Schaufester einschlugen eigenständige
Gruppierungen darstellen, welche sich von der Masse der Demonstranten
differenzierten.
54
Für die Hypothesen, siehe Filip Teodorescu (Un risc asumat... (Ein
aufgenommenes Risiko), Nicolae Mavru (Revoluția din stradă (Die Revolution
auf der Straße), Bukarest, RAO Verlag, 2004), Alex Mihai Stoenescu (mit
den erwähnten Beiträgen), usw.
55
Ruxandra Cesereanu, zitiertes Werk, S. 53.

53
Mândruț, Revoluția din decembrie 1989 în istoriografia
română și străină (Die Revolution vom Dezember 1989 in
der rumänischen und ausländischen Geschichtsschreibung)
(Bibliografie selectivă 1990/2005 (Ausgewählte Bibliographie
1990-2005), veröffentlicht im „Memorial 1989” nr. 1/2007,
Wissenschaftliches Bulletin, herausgegeben vom Verband
„Gedenkstätte der Revolution 16.-22. Dezember 1989 von
Timișoara”.
Erst später erscheinen die ersten Arbeitsinstrumente
auf diesem Gebiet (thematische Verzeichnisse, Sammlungen
von Dokumenten, Chronologie, usw.). IRRD (Das Institut der
Rumänischen Revolution vom Dezember 1989), beziehungsweise
der Verband „Gedenkstätte der Revolution von Ti­mişoara”
sind im Besitz eines beeindruckenden Schatzes von
Dokumenten, Fotografien und dreidimensionalen Objekten,
Veröffentlichungen und Presse aus Ti­mişoara und sonstigen
Ortschaften aus Rumänien und dem Ausland, welche für die
geschichtliche Forschung außerordentlich nützlich sind. (Jede
dieser Anstalten verfügt über einen Dokumentarbestand. In
jenem von Ti­mişoara, zum Beispiel, wird der Bericht über die
Ereignisse in der Stadt Ti­mişoara in der Zeit 15.-18. Dezember,
unterzeichnet von Radu Bălan (damaliger Erster Sekretär der
Partei des Landeskreises Timi­ş), aufbewahrt. Unlängst wurde
die Serie der Bände mit den Stenogrammen der Vernehmungen
im Prozess der Revolution von Timi­ şoara abgeschlossen56.
Festzuhalten sind außerdem die vier Bände von Dokumenten,
welche vom IRRD veröffentlicht wurden (einer von ihnen
koordiniert vom Herrn Prof. Ion Calafeteanu57 und drei
koordiniert von Frau Prof. Teo­dora Stănescu-Stanciu58), mit
zahlreichen Einzelheiten über die Einrichtung der neuen,
56
Die ersten Bände wurden von einem vom Prof. Miodrag Milin koordinierten
Team abgefasst, mit der Unterstützung der Gedenkstätte der Revolution von
Timi­şoara und des Instituts der Rumänischen Revolution vom Dezember
1989.
57
Ion Calafeteanu (Koordinator), Revoluţia română din decembrie 1989,
Documente, (Die Rumänische Revolution vom Dezember 1989, Dokumente),
Cluj-Napoca, Mega Verlag, 2010.
58
Teo­dora Stănescu-Stanciu, Alexandru Oșca, Gheorghe Neacșu, Consiliul
Provizoriu de Uniune Națională (Der Provisorische Rat der Nationalen
Einheit), Bände 2 und 3, Cluj-Napoca, Mega Verlag, 2009.

54
zentralen und lokalen, Behörden nach dem Zusammenbruch
des kommunistischen Regimes. Genauso wichtig sind auch die
ausgewählten Dokumente der Monographie Revoluţia română
din decembrie 1989 în Banat (Die Rumänische Revolution vom
Dezember 1989 im Banat)59, mit sehr vielen Einzelheiten über
die Ereignisse in Timişoara.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf den besonderen
Wert einer unerschöpflichen Quelle von Informationen,
welche den Interessenten von Marius Mioc auf seinem Blog
zur Verfügung gestellt wird. Besonders interessant sind beim
Herrn Mioc die Transkriptionen der Reden der Revolutionäre
vom Balkon der Oper, vom 20., 21. Und 22. Dezember 1989,
welche die Wichtigkeit direkter, von späteren Eingriffen
unbeeinträchtigten Quellen haben.
Sehr viele Dokumente – insbesondere Berichte
der Teilnehmer an den Ereignissen, einschließlich an den
Geschehnissen in den Hafteinrichtungen – werden vom
Verband „ALTAR” in Timişoara aufbewahrt. Der Wert der
Berichte aus den ersten nachrevolutionären Jahren, aus dem
Dokumentarbestand dieses Verbandes, ist umso größer,
als die betreffenden „Erklärungen” aus eigener Initiative
gemacht wurden, desinteressiert (das Problem der Gewährung
irgendwelcher Rechte stellte sich nicht), ohne Ausübung von
Druck oder irgendwelchen „Anregungen”, noch lange bevor
das Misstrauen den reinen Charakter der Revolution zu
beeinträchtigen begann.
Es muss außerdem auf die Bedeutung der verschiedenen
Darstellungen der zeitlichen Abfolge der Revolution vom
Dezember 1989 hingewiesen werden, wobei drei von diesen im
Jahr 2010 veröffentlicht wurden: Cronologia evenimentelor din
decembrie 1989 (Die Chronologie der Ereignisse vom Dezember
1989) (A.M. Stoenescu, mit einigen Einfügungen, welcher
nachträglich auch von anderen Autoren in ihren Schriften
übernommen wurden), Revoluţia din decembrie 1989.
Cronologie (Die Revolution vom Dezember 1989. Chronologie),
zweite Auflage (Alesandru Duţu), Păcatul Original… (Erbsünde,
59
Alexandru Oşca (Koordinator), Ioan Munteanu, Dumitru Tomoni, Emil
Şimăndan, Revoluţia română din decembrie 1989 în Banat (Die Rumänische
Revolution vom Dezember 1989 im Banat), Craiova, Sitech Verlag, 2009.

55
...), (Emil Constantinescu), doch sind auch die von zahlreichen
anderen Autoren (siehe, wieder, Marius Mioc, Virgil Hosu
und Adrian Kali) in ihren Büchern angegebenen sequentiellen
Chronologien sehr genau.
Die vom ehemaligen Zentralkomitee der Rumänischen
Kommunistischen Partei übernommene Dokumentation
bietet ebenfalls viele Informationen über die in den Tagen
der Revolution in den Machtkreisen herrschende Spannung.
Was Timi­ şoara anbelangt, interessieren insbesondere die
Stenogramme der Sitzungen des Politischen Exekutivkomitees,
der Telekonferenzen aus der Zeit 17.-21. Dezember 1989, die
Register der Empfänge zur Audienz bei Nicolae Ceauşescu,
die Berichterstattungen der Führer der Machtstrukturen,
die vom Staatschef erhaltenen Telegramme von den in
verschiedenen Hauptstädten akkreditierten Botschaftern
Rumäniens, usw. Äußerst wichtig sind die Dokumente des
ehemaligen Parteikomitees des Landkreises Timiş, welche
bei den Landkreisarchivs zur Verfügung gestellt wurden,
insbesondere die Dossiers mit den Parteiinformierungen, die
Führungsdossiers des Ersten Parteisekretärs, sowie die Dossiers
mit organisatorischen und Propaganda-Dokumenten. Eine
sehr gründliche Untersuchung der Dokumente dieser Kategorie
wurde vom Herrn Professor Ioan Munteanu vorgenommen.
Seine Schlussfolgerungen wurden im Schriftstück Revoluţia
Română în Banat (Die Rumänische Revolution im Banat), in
einem gesonderten Kapitel veröffentlicht. Im vorliegenden
Schriftstück haben wir Informationen aus diesem Kapitel
verwendet – mit Angabe des Autors, welcher sie entdeckt hat,
welche wir analysiert und in einer neuen Art ausgelegt haben.
Von großer Bedeutung sind auch die Aufzeichnungen
in den offiziellen Akten, welche von den Militärstrukturen
erstellt wurden, die in der Repression von Timi­şoara vor dem
22. Dezember 1989 involviert waren; überraschend ist die
Zurückhaltung oder Oberflächlichkeit der strafrechtlichen
Ermittlungsorgane hinsichtlich der Untersuchung der
interessanten Informationen über die Handlungen
einiger spezialisierten Gruppen, welche – wie aus solchen
Aufzeichnungen ersichtlich ist – in den öffentlichen
Marktplätzen walteten (wo sie in mehreren Geschäften

56
Zerstörungen verursachten, sowie in der Nähe der Kasernen,
der Waffenlager, usw. Die Revolutionäre drückten ihre Meinung
über diese in ausgeübter Weise agierenden Gruppierungen aus,
welche sie als Angehörige der Securitate (des Sicherheitsdienstes)
betrachteten. Ihr Ziel hatte darin bestanden, die Bevölkerung zu
einer Haltung gegen die Demonstranten zu mobilisieren oder die
Einschaltung der Einheiten der Armee zu bewirken, um später
die repressiven Maßnahmen der Behörden zu rechtfertigen.
Auf jedem Fall wurde festgehalten, dass diese Gruppierungen
separat von den Kolonnen von Demonstranten agierten und
sich hüteten, mit den echten Demonstranten in Kontakt zu
treten oder zu bleiben.
Die beiden zur Verfügung stehenden Archivbestände –
der Bestand der Senatskommissionen zur Untersuchung
der Ereignisse vom Dezember (welche sich beim Parlament
befinden) und der Bestand „Die Rumänische Armee in der
Revolution vom Dezember“ (welcher sich beim Historischen
Amt der Armee befindet), ergänzen die Möglichkeiten der
Nachforschungen zum Thema der Revolution; zu diesen
kommt ein für die wissenschaftliche Forschung noch nicht
vorbereiteter Bestand hinzu, der aus den Dossiers der
Revolutionären gebildet wird, welcher beim Staatssekretariat
für die Angelegenheiten der Revolutionäre (S.S.P.R.)
aufbewahrt werden.
Außerdem gibt es eine interessante Sammlung von
Interviews, welche später von A.M. Stoenescu mit verschiedenen
Verantwortungsfaktoren vom Dezember 1989 realisiert
wurden und welche den Forschern beim Geschichteinstitut
Nicolae Iorga der Rumänischen Akademie zur Verfügung
stehen; hier sind auch andere Dokumente zu finden, welche
von diesem von verschiedenen Donatoren erhalten wurden
(einschließlich eines maschinengeschriebenen Briefes von Ion
Iliescu, den dieser – im März 1989 – ins Ausland zu schicken
versuchte).
Gewisse Forschungsmöglichkeiten wurden auch
in den Archivs der Militäranwaltschaften eröffnet, doch
ist die betreffende Dokumentation – welche noch für die
Vorbereitung von Gerichtsverfahren in Anwendung ist – nicht
wissenschaftlich klassifiziert und erfasst, um in angemessener

57
Weise benutzt werden zu können. Aus diesem Grund sind die
Bemühungen des Verbandes Asociaţia 21 decembrie 1989 (21.
Dezember 1989) hervorzuheben, angesichts dessen, dass die
von ihnen zur Geltung gebrachten Informationen, welche aus
den in Kopie von der Militäranwaltschaft erhaltenen Dossiers
stammen, viele Neuigkeiten mit sich bringen.
Die Dokumentation, die von der Sonderkommission
erstellt wurde, welche mit der Genehmigung des
Ministerpräsidenten Petre Roman infolge seines Treffens
mit den Vertretern des Aktionsausschusses für die
Demokratisierung der Armee (C.A.D.A.) zustande
gekommen war, ist, insbesondere hinsichtlich Timişoara,
vom besonderen Interesse. Die betreffende Kommission
hatte – unter den damaligen Umständen – außerordentliche
Forschungsmöglichkeiten und auch Zugang zu unbearbeiteten
Primärquellen; außerdem waren, soweit wir wissen, die in der
Erstellung des Berichtes involvierten Spezialisten kompetent
und sachkündig. Ein Teil der von dieser Kommission
zusammengestellten Dokumentation kann beim Memorial der
Revolution (Memorialul Re­voluţiei) in Timişoara untersucht
werden. Eine Kopie dieser Dokumente wird (nicht in ihrer
Ganzheit) beim Dokumentarbestand des Instituts der
Rumänischen Revolution vom Dezember 1989 aufbewahrt.
In den Anlagen zum vorliegenden Beitrag erwähne ich einige
Dokumente dieser (unvollständigen) Sammlung, welche
das Korrigieren einiger früheren Irrtümer hinsichtlich der
Aufeinanderfolge der Ereignisse erlauben, aber gleichzeitig
auch die gespannte Atmosphäre in der Stadt wiedergeben,
die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen, die
Einbeziehung der Militärstrukturen in der Bekämpfung
eines Phänomens, für welches sie weder Übung, noch die
erforderlichen Fähigkeiten hatten. Manche Einzelheiten über
die Zielsetzungen und Handlungen des Aktionsausschusses für
die Demokratisierung der Armee (C.A.D.A.) finden wir im
Beitrag von Nicolae Durac, Neliniştea ge­neralilor (Unruhe der
Generale), Timişoara, MPS Verlag, 1990, und insbesondere in
dem beim Institut der Rumänischen Revolution vom Dezember
1989 befindlichen Dokumentar, welcher u.a. den Beschluss
zur Gründung der Kommission zur Ermittlung der Wahrheit,

58
sowie die Ergebnisse deren Aktivität umfasst, einschließlich
Vorschlägen zur Verfolgung mehrerer Verantwortungsträger
des vorigen Regimes.
Die Informationsquellen der ehemaligen Brigade der
Securitate und der Grenzsoldateneinheiten von Timişoara
sind, zum Teil, noch bekannt; diese Strukturen agierten
zwar nach spezifischen Methoden, welche von jenen der
Einheiten der Armee verschieden waren, doch erstellten
auch sie Anordnungen, Berichte, Sachverhaltsdarstellungen,
Protokolle” ihrer Kampfaktionen60, oder sie zeichneten in
historischen Registern die Ereignisse in deren Abfolge auf.

Eine die existierenden Informierungsquellen
vollständig erschöpfende Untersuchung müsste auch zu
den Informationen in den Archiven der Geheimdienste
jener Staaten kommen, von denen behauptet wird, dass sie
sich an der Auslösung, der Entwicklung und dem Sieg der
Rumänischen Revolution beteiligt haben. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt werden solche Informationen nur aus indirekten
und voreingenommenen Quellen festgehalten – in der Regel
aus Berichten des Personals der rumänischen Geheimdienste –
welche subjektiv und unmöglich zu kontrollieren sind. Der
in Rumänien im April 2010 für eine okkasionelle Aktivität
anwesende Michail Gorbatschow wurde über das Interesse
der Sowjets in den Ereignissen in Rumänien befragt. Dieser
verneinte jede Involvierung der moskauischen Sonderdienste
in den Ereignissen von Timişoara oder Bukarest. Der seinerseits
am 22. Oktober in Bukarest anwesende US-Vizepräsident,
Joe Biden, redete über die Rumänische Revolution, pries die
Revolutionäre für deren Mut an, erwähnte aber kein Wort über
60
In vielen Schriftstücken werden die Notizen der Generalstaboffiziere
Protokoll der Kampfaktionen genannt (Protokoll der militärischen
Aktionen – diese war ihre Benennung in den Militärverordnungen in
1989). In Wirklichkeit wird ein solches Aktenstück des Generalstabs nach
einem komplizierten Verfahren ausgearbeitet, da e sein integrierendes
Dokument darstellte, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt, wenn die
Mobilisierung oder der Kriegszustand erklärt wurde, geöffnet wurde. Diese
Präzisierung wurde bei der Revolution nicht gemacht, daher wird das, was
wir heute verwerten, von – selbstverständlich nur teil- und bruchstückweise
vorhandenen – Aufzeichnungen verschiedener Generalstaboffiziere – in
der Regel, der Leiter der Operationen – dargestellt.

59
eine eventuelle Mitwirkung der amerikanischen Dienste an
diesen Ereignissen (wurde aber auch nicht danach gefragt).
Die Aussagen und die Erklärungen der Zeugen oder der
Beklagten im Prozess der Revolution von Timişoara, welche
in verschiedenen Beiträgen festgehalten oder kommentiert
werden, sind ebenfalls nützlich, und unvermeidlich, wobei
hierzu bemerkt werden muss, dass jeder (Beschuldigte, Zeuge,
Anwalt) sein eigenes pro domo Plädoyer entwickelt, was in
solchen Fällen zu verstehen ist. Die Staatsanwaltschaft hat
der historischen Forschung nicht alle Akte, Beweismittel und
zugehörigen Dokumente des Gerichtsverfahrens zur Verfügung
gesetzt, welche dem Geschichtsschreiber erlaubt hätten, zu
Informationen oder Schlussfolgerungen zu kommen, welche
vom Gerichtshof nicht berücksichtigt wurden61.
Anneli Ute Gabany konzentrierte sich in einem
beträchtlichen Maße auf das Studium der Fragen der
Revolutionen in den osteuropäischen Staaten, und,
insbesondere, aus Rumänien. Eine besondere Aufmerksamkeit
verdienen ihre Mitteilungen bei wissenschaftlichen und
Gedenktagungen, welche in Timişoara organisiert wurden
(18.-19. Dezember 1996 – Ein sieben Jahre alt werdendes
Enigma –, beziehungsweise 18.-19. Dezember 1999. Zwei Jahre
später veröffentlichte Iosif Costinaş die betreffenden Studien
61
Außer den Bänden mit Stenogrammen der Vernehmungen im Prozess
der Revolution von Timişoara erwähnen wir den Beitrag von Marius
Mioc: Procesele Revolu­ţiei din Timişoara (1989). Documente istorice (Die
Prozesse der Revolution von Timişoara (1989). Historische Dokumente),
Timişoara, Artpress Verlag, 2004. Hier wiedergibt der Autor einen Teil
der Urteile, der Anklageschrift, der Berufungen und des Briefwechsels
zwischen verschiedenen stattlichen Einrichtungen in Bezug auf das
Gerichtsverfahren des „Timişoara-Loses”, mit zahlreichen angemessenen
Kommentaren hinsichtlich verschiedener Behauptungen, welche von den
Beklagten zu ihrer Verteidigung verwendet wurden. Die Anfechtung dieser
Behauptungen erfolgte oftmals durch Behauptungen, welche die Betroffenen
vorher gemacht hatten. In diesem Kontext wird auch das Buch des Generals
Ion Coman erwähnt (Timişoara. Zece ani de la sângerosul decembrie 1989
(Timişoara. Zehn Jahre nach dem blutigen Dezember 1989), Bukarest, Sylvi-
Verlag, 2000), in welcher der Autor seine Unschuld beteuert, indem er
sich auf Behauptungen von Doru Braia beruft, über die Absichten einer
Gruppe von Freunden aus Deutschland, die Ordnungskräfte in Timişoara
herauszufordern.

60
in einer Sammlung62. Nach einer Schilderung der Typologien
der Revolutionen von 1989 folgert die Autorin: „Gemäß den
Kriterien der Definierung einer Revolution – gewaltsamer
Sturz des Regimes, die Umwandlung der Eliten und der
Institutionen – hat sich in Rumänien eine wahre Revolution
zugetragen. Wenn auf die (...) Notwendigkeit der Gewalt im
Rahmen einer Umwälzung bestanden wird, dann war die
rumänische Revolution, vielleicht, die einzige authentische
Revolution in Zentral- und Osteuropa”63.
Die in der Sammlung enthaltenen Studien sind
sehr interessant, insbesondere durch ihre Vielfältigkeit.
Mihai Decean, zum Beispiel, behauptet: „In Rumänien
begann die Perestroika in Timişoara, im Dezember 1989,
auf dem Hintergrund der allgemeinen Unzufriedenheit der
Bevölkerung des ganzen Landes hinsichtlich des täglichen
Lebens”64. Cristian Mititelu behauptet seinerseits folgendes:”...
beim renommiertesten Institut für osteuropäische Fragen,
welches sich in München befand, sagte mir der damalige Leiter
der Abteilung, welche sich mit Rumänien befasste, dass der
einzige ernstzunehmende Dissident im Lande Silviu Brucan
sei”65.
Das Schriftstück Timişoara 15-21 decem­ brie ’89
Timişoara, 15.-21. Dezember ’8966 des Professors Miodrag
Milin stellt eine der ersten Beschreibungen der Ereignisse in
Timişoara dar. Der Autor brachte ihr später noch zahlreiche und
substantielle Ergänzungen. Es geht um einen Beitrag, der in den
ersten Monaten nach der Revolution erschien (wahrscheinlich
im September 1990). Der Verlag wird nicht genannt, und es ist
beinahe sicher, dass der Autor erhebliche Anstrengungen für
seine Veröffentlichung machte. Die Übersetzung ins Englische
wurde von Constantin Chevereşan gesichert.
62
Iosif Costinaş, Întrebări cu şi fără răspuns. Decembrie, 1989 (Fragen mit
und ohne Antwort. Dezember, 1989), Timi­şoara, 2001.
63
Ibidem, S. 39.
64
Ibidem S. 25.
65
Ibidem, S. 15.
66
Miodrag Milin, Timişoara 15-21 decem­ brie ’89 (Timişoara, 15.-21.
Dezember ’89), Timi­şoara, Gedenkstätte der Revolution, 2001.

61
Das Buch beginnt mit einem „Argument”, eine
Einführung in das Thema des Interviews, welches Mircea
Munteanu mit Professor Miodrag Milin realisierte67. Der Autor
benutzte seine Erfahrung als Historiker, um das Wesen, den
Sinn, die Kausalität und die Konsequenzen der Ereignisse
an den verschiedenen Schauplätzen der Stadt an der Bega zu
ermitteln. Auf dieser Weise wurden Portraits zahlreicher an der
Revolution beteiligten Persönlichkeiten verewigt. Die späteren
Studien stützten sich auf diese Primärinformationen über die
Umstände, in denen sich die Menschen zu einem bestimmten
Zeitpunkt befanden, über die skandierten Losungen oder über
die von den verschiedenen „Akteuren” auf der großen Bühne
der Revolution verspürten Gefühle. Interessant und präzise ist
die Beschreibung des Besuches des ehemaligen Ersten Sekretärs
des Kreises Timiş beim Betrieb ELBA. Das Portrait, welches
diesem kommunistischen Würdenträger vom Autor gemacht
wurde ist außerordentlich korrekt. Der 20. Dezember, der Tag,
an dem Timişoara die erste vom Kommunismus befreite Stadt
Rumäniens wurde, wird vom Autor mit
seinen grundlegenden Angaben geschildert. Ohne
„große Worte” zu verwenden beschreibt dieser mit strenger
Genauigkeit die Geschehnisse in den verschiedenen
Stadtvierteln, in Marktplätzen, in kleinen Berufsgemeinschaften
und sogar in Familien der Einwohner von Timişoara.
Titus Suciu ist, ohne Zweifel, einer der rigoros exakten
Autoren, welche über die Revolution in Timişoara geschrieben
haben68.
Ein Buch, welches der ersten im Feuer der Revolution
erschienenen politischen Formation gewidmet ist, wurde
in Timişoara, unter der Koordinierung von Lorin Fortuna
67
So überzeugend war er in der Darstellung der Einzelheiten, dass manche
Autoren – aus lauter Eile oder Unaufmerksamkeit – Professor Milin unter
den Demonstranten einschlossen, welche am Maria Platz, am Opernplatz
oder gar an den Besprechungen mit den Amtsträgern aus Bukarest, am
20.Dezember, anwesend waren, obgleich bekannt ist, dass dieser an den
betreffenden Tagen nicht in der Stadt war.
68
Titus Suciu, Reportaj cu sufletul la gură (Traseele revoluţiei) (Reportage
außer Atem (Die Wege der Revolution), Timi­şoara, Facla Verlag, 1990. Siehe
auch Lumea bună a balconului (Die feine Gesellschaft des Balkons), Auflage
2008, Bukarest, I.R.R.D. Verlag.

62
veröffentlicht69. Den Autoren der darin enthaltenen Studien
gelingt es, eine angemessene, übertreibungslose Bewertung der
Bildung der Rumänischen Demokratischen Front zu machen,
sowie der Bedeutung dieser politischen Struktur im Kontext
der Ereignisse vom Dezember 1989 und des Beitrages der
Persönlichkeiten aus der Führung dieser Partei zu dem Sieg der
Revolution in Timişoara. „...Die Rumänische Demokratische
Front, heißt es in dem Buch, stellt eigentlich die komprimierte
Essenz des rumänischen Willens für Veränderung, welche
aus den Seelen von zehntausenden Seelen der Einwohner von
Timişoara in den beiden offizialisierten Foren der Balkons der
Revolution akklamiert wurden beim Kreisparteikomitee und
bei der Oper”70. Marinela Veronica Ţariuc macht, ihrerseits,
Enthüllungen in Verbindung mit den ersten Momenten der
Bildung der Rumänischen Demokratischen Front, mit ihren
Führern und die Beziehungen mit dem Rat der Front zur
Nationalen Rettung, welcher zwei Tage später in Bukarest
gegründet wurde. Die Autorin ist der Ansicht, dass es einen
„lichten, wahren und authentischen Teil der Rumänischen
Revolution gegeben hat, welcher bis am Abend des 22.
Dezember dauerte”, und ist darüber empört, dass im ersten
Rat der Front zur Nationalen Rettung keine einzige Person aus
Timişoara eingeschlossen war71,72.
Die Memorialistik über die Ereignisse in Timişoara vom
Dezember 1989 umfasst auch Bekenntnisse aus dem anderen
Lager. Es gibt, tatsächlich, einige Offiziere der Securitate, der
Miliz, der Ministeriums für Nationale Verteidigung, einige
hohe Würdenträger des alten Regimes, welche bereit sind, ihre
69
Lorin Fortuna (Koordinator), Rolul Frontului Democratic Român în ca­
drul Revoluţiei române din decembrie 1989 (Die Rolle der Rumänischen
Demokratischen Front im Rahmen der Rumänischen Revolution vom Dezember
1989), Timişoara, Artpress Verlag, 2006.
70
Ibidem, S. 19.
71
Ibidem, S. 13.
72
Siehe die Sammlung der Veröffentlichung Victoria (Der Sieg). Die
Organisierung dieser Wahlen erfolgte nach einem Sonderverfahren, welches
von einer selbsternannten Wahlkommission entwickelt worden war. Es gab
auch Auseinandersetzungen zwischen dieser Kommission und dem noch
amtierenden Kreisrat der Front der Nationalen Rettung.

63
Eindrücke – regelrechte Plädoyers pro domo – einer Leserschaft
zu beschreiben, welche jedes Mal gewarnt wird, dass das
Geschriebene die absolute Wahrheit darstellt. Von diesen
erwähne ich hier Re­voluţia din stradă (Die Revolution auf der
Straße); Omul se duce, faptele rămân (Der Mensch vergeht, die
Taten bleiben); Interviuri despre Revoluţie (Interviews über die
Revolution)73. In der gleichen Kategorie schließe ich auch den
Beitrag Antonias Rados Com­plotul securităţii. Revoluţia trădată
din România (Die Verschwörung der Securitate. Rumäniens
verratene Revolution)74, für das Kapitel Timişoara (S. 39-55).
Fast alle diese Beiträge haben als gemeinsamen Nenner den
Versuch, die Strukturen, aus denen die Autoren hervorgehen,
oder diese selbst zu entlasten (mit Ausnahme von Antonia
Rados, selbstverständlich), und müssen aus diesem Grund
mit großer Aufmerksamkeit bewertet werden. Ion Coman,
zum Beispiel, widerholt im oben-erwähnten Buch eine Reihe
von (auch bei anderen Gelegenheiten75 niedergeschriebenen)
Erklärungen hinsichtlich der Repression in Timi­ şoara, in
welchen er mit sehr vielen Einzelheiten die Leser darüber
informiert, was er in Timişoara nicht gemacht hat (er hat keine
repressive Maßnahmen angeordnet, er hat keine einheitliche
Befehlsstelle organisiert, usw.), ohne die minimalsten für den
Forscher notwendigen Informationen darüber zu liefern, was
er in Timişoara gemacht hat.

Die in den Monaten Dezember 1989, beziehungsweise
im Januar-Februar 1990 in Timişoara oder in anderen
Ortschaften erschienene Presse, welche die Ereignisse in
Timişoara behandelte, stellt eine wichtige Quelle für das
Verstehen der Entwicklungen nach Dezember 1989 dar, auch
73
Ion Coman, Omul se duce, faptele rămân (Der Mensch vergeht, die Taten
bleiben), Bukarest, Meditaţii Verlag, 2007; Nicolae Mavru, Revoluţia
din stradă (Die Revolution auf der Straße), Timişoara, 2005; Alex Mihai
Stoenescu, Interviuri despre Revoluţie (Interviews über die Revolution),
Bukarest, RAO Verlag, 2004.
74
Antonia Rados, Complotul securităţii. Revoluţia trădată din România (Die
Verschwörung der Securitate. Rumäniens verratene Revolution), Seculum
Verlag, Bukarest, 1999.
75
Ion Coman, Timişoara – 10 ani de la sângerosul decembrie 1989 (Timişoara
– 10 Jahre nach dem blutigen Dezember 1989), Bukarest, Sylvi Verlag, 1999.

64
wenn die Einschätzungen über die wirklichen Ursachen der
Ereignisse selbstverständlich voreingenommen sind. Es sehr
viele Informationen auch in der Presse aus Italien, Deutschland,
Ungarn, Jugoslawien, Russland, Frankreich, Österreich,
Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika76.
Miodrag Milin realisierte eine Sammlung eine Sammlung der
Sendungen und der Korrespondenz der Rundfunkstation Freies
Europa (bis einschließlich zum 19. Dezember 1989; manche
Beiträge sind in deutscher, beziehungsweise in englischer
Sprache)77; etwas später machten Lucian-Vasile Csabo und
Gino Rado eine Auswahl der von George Şerban in der Zeitung
Timişoara unterzeichneten Artikel, welche sehr interessant
für das Verständnis der Entwicklung der Gesellschaft in
Timişoara nach dem 22. Dezember 1989 (insbesondere in
den akademischen und kulturellen Milieus der Stadt) sind.
Aus dieser Sammlung von Artikeln gehen ganz klar die
Auswirkungen der Aktivitäten der Ti­mişoara Gesellschaft auf
die politischen und bürgerschaftlichen Entwicklungen auf
nationaler Ebene hervor78.

76
Sie auch die von Gino Rado unterzeichnete Studie in: Alexandru Oșca
(Koordinator): 1989 / an decisiv în istoria Europei (1989 – ein entscheidendes
Jahr in der Geschichte Europas), Mega Verlag, Cluj-Napoca, 2008.
77
Miodrag Milin, Timișoara în Arhivele Europei Libere (Timișoara in den
Archiven vom Freien Europa), Bukarest, Academia Civică Stiftung, 1999.
78
George Șerban, Panică la Cotroceni (Panik in Cotroceni), Timişoara,
Verband Gedenkstätte der Revolution 16.-22. Dezember 1989, 2010.

65
II. DIE VORREVOLUTIONÄRE
GEISTESVERFASSUNG

Der aufrührerische Zustand in einer Stadt der


Größe Timişoaras kann nur durch das Zusammenspiel der
verhängnisvollen Auswirkungen verschiedener Faktoren –
angefangen mit jenen wirtschaftlicher Natur, bis zu den
politischen, kulturellen, psychologischen, internen, externen
u.a. Faktoren – erklärt werden.
In der Regel beginnt eine Analyse solcher Elemente
mit der Hervorhebung / Betonung jener wirtschaftlichen Art.
Eine solche Herangehensweise ist, zweifelsohne, gerechtfertigt,
unter der Bedingung, dass sie nicht 1) fetischisiert und 2) als
einziger verantwortlicher Faktor betrachtet werden. Ansonsten
ist die Geistesverfassung ein Bestandteil einer so empfindlichen,
komplexen und mehrfach beeinflussten sozialen Realität,
dass es nicht klar ist, in welchem Maße 1) sie in der ganzen
Zeit, in welcher die sie im betreffenden Zustand bringenden
Faktoren unverändert bleiben, positiv bleibt und, 2) welche
der sie bestimmenden Faktoren prioritär und welche sekundär,
welche wesentlich und welche unwesentlich, beziehungsweise
welche haupt- und welche nebenbedeutend sind. Wir wollen
diese Theorie hier nicht zu viel entwickeln (sie ist wohl für eine
separate Analyse geeignet) und nur die Tatsache erwähnen,
dass die Einwohner von Timişoara – welche ebenfalls enorme
materielle Entbehrungen erleiden mussten – dennoch in dieser
Hinsicht nicht zu der am meisten betroffenen Bevölkerung in
Rumänien zählte; Gemeinschaften aus anderen Zonen machten
eine viel schmerzlichere Qual durch und waren trotzdem nicht
die ersten, welche sich auflehnten.
Die ökonomische Krise, in welcher sich Rumänien
am Ende des neunten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts
befand, stellte nur eine der Komponenten der allgemeinen
Krise des sozialpolitischen Systems, in welcher sich die

67
kommunistische Welt in ihrer Gesamtheit befand, dar. Nach
einer Existenz mit verschlungenen Entwicklungen, welche, in
verschiedenen Zeitintervallen, sektorielle Krisen verzeichnete
(deren Überwindung nur mit Hilfe propagandistischer Mittel
oder mit Gewalt, je nach dem Fall, möglich war) geriet das
totalitäre sozialistische System (welches in ungeeigneter Weise
kommunistisch genannt wurde)1 in Kollaps.
Jeder Versuch der Reformierung oder Rettung des
Systems erwies sich als unmöglich, er wurden von ganzen
Gemeinschaften und, letzten Endes, von der Gesellschaft in
ihrer Gesamtheit, abgestoßen2.
Wir halten einige wesentliche Aspekte des
angefangen mit dem Jahr 1948 herangebildeten rumänischen
Wirtschaftsmodells fest (wobei einige Elemente dieses Modells
bereits in den vorhergehenden Jahren existiert hatten).
In erster Linie muss hervorgehoben werden, dass die
Wirtschaft vom staatlichen Sektor dominiert war, welcher einer
übermäßigen Kontrolle, sowie einer zentralisierten Steuerung
ausgesetzt war; seine technische Grundlage entwickelte sich
nur schwerfällig und konnte mit der neuen Technologie nicht
Schritt halten; diese wurde mühsam assimiliert oder die mit
ihrer Umsetzung verbundenen Kosten waren schwer zu tragen;
die Produktivität blieb immer niedrig, die Produkte waren
nicht wettbewerbsfähig und auf einem freien Markt schwer zu
verkaufen. Auf Grund der Logik der Verwaltung des Regimes
1
Ioan Scurtu, Revoluţia română în context internaţional (Rumänische
Revolution im internationalen Kontext), Bukarest, Verlag der
Veröffentlichungen für das Ausland, 2009, S. 21-23. Prof. Scurtu
argumentiert, warum es, aus geschichtlicher Sicht, nicht richtig ist, das
politische Regime in Rumänien als kommunistisch zu bezeichnen. Die
Terminologie nach Dezember 1989 bestätigte jedoch diese Benennung, so
dass seine Anwendung keine Verwirrung verursacht.
2
Timişoara war vor dem Krieg einer der Größten Städte Rumäniens, mit
einer bedeutenden allgemeinen Entwicklung, gewesen. Im Jahr 1936 gab
es hier 120 Industrieunternehmen und 20 Kreditanstalten. Die industrielle
Entwicklung der Stadt war auch von der negativen Seite dieses Phänomens
begleitet: 1316 Bürger der Stadt waren im Jahr 1935 als arbeitslos registriert,
wobei in demselben Jahr auch 120 Selbstmorde registriert wurden. Siehe:
Vasile Dudaş (Koordinator), Din cronica Judeţului Timiş (Aus der Chronik
des Landkreises Timiş), 2. Auflage, Timişoara, Orizonturi Universitare
Verlag, 2006, S. 218-219.

68
fiel der Schwerpunkt auf die Herstellung großer Mengen von
Erzeugnissen – unabhängig davon, ob deren Absatz gesichert
war oder nicht (die Parteipropaganda hatte zahlreiche Losungen
hierzu – viele von ihnen eigenartig oder naiv – erfunden),
unabhängig der dafür entstehenden Produktionskosten
(welche sehr hoch waren) oder des erforderlichen Rohstoff-
und Energieverbrauchs.
Viele Investitionen wurden ausschließlich aus
politischen Gründen gemacht, wobei die entstandenen Verluste
oft von den Arbeitern, deren Gehälter auf einem niedrigen
Niveau blieben, getragen wurden. So wurde eine regelrechte
Psychologie der Arbeit der Angestellten aus der Industrie,
der Landwirtschaft, dem Handel, usw. „geboren“, welche
sich in deren Interessenlosigkeit hinsichtlich der ausgeübten
Aktivitäten materialisierte. Trotz der aggressiven Propaganda
zugunsten der Förderung des produktiven Potentials blieben
dessen Ressourcen im Verhältnis zu ihrem reellen Wert
untererschöpft und die Einkommen der Bevölkerung konnten
ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse kaum decken.
Insbesondere in den 80ger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts war es zu einer beträchtlichen Senkung des
Lebensstandards des größten Teils der Bevölkerung gekommen.
Der Ausdruck „Wir tun so, als ob wir arbeiten würden, sie tun so,
als wenn sie uns bezahlen würden“ widerspiegelt diese Realität
am besten. Trotz der Anstrengungen der Parteiaktivisten im
Sinne der Indoktrinierung und ideologischen Manipulation
der Bevölkerung konnte diese Realität nicht mehr verborgen
werden; wenn die Maßnahmen zur Durchsetzung der
kommunistischen Doktrin keine Unterstützung mehr
fanden wurde ihre Implementierung durch Veraltungs- oder
Überzeugungsmaßnahmen versucht. Und wenn auch diese
beiden Wege nicht mehr genug waren wurde der ausgefeilte
Repressionsapparat ins Spiel gebracht, in welchem die Securitate
(der Sicherheitsdienst) „des Volkes“ eingriff und auch die letzten
Hindernisse der Resistenten beseitigte, welche die „Vorteile“
eines Regimes, in dem sie sich nicht mehr wiederfanden,
ablehnten. Jenseits der Gefängnismauern, im Universum
des konzentrationären Systems, in den Zwangsarbeitslagern
funktionierten die wahren „Überzeugungslabors“, in denen die

69
Angst und der Schrecken vor einem allmächtigen, abusiven
und intoleranten, scheinbar ewigen und unveränderbaren
politischen Regime, genährt wurden.
Über das kommunistische politische Regime in
Rumänien kann und wurde vieles gesagt. Wie wurde dieses
jedoch im Landkreis Timiş und insbesondere in Timişoara
wahrgenommen?
Die Implementierung der Regeln und Gesetze
kommunistischer Herkunft in dieser Zone hatte, wie überall
in Rumänien, eine radikale Änderung des traditionellen
wirtschaftlichen Lebens zur Folge; in sehr kurzer Zeit nach
deren Durchsetzung wurde das Staatseigentum vorherrschend
und von allen Seiten unterstützt. Für das Gebiet des Landkreises
Timiş war dieses ungeheuer nachteilig, da die übermäßige
Zentralisierung jede private Initiative einschränkte und sogar
zunichtemachte. Wie bekannt war jedoch die private Initiative
für die Einwohner des Banats jahrhundertelang der Motor
der Entwicklung dieser Region gewesen3. Die Verachtung des
privaten und persönlichen Besitzes war total: diese in keiner
Form mehr geschützten Eigentumsformen – welche nun dem
Gutdünken rudimentärer Geiste überlassen waren und als
Quelle/Ursache alles Bösen betrachtet wurden - standen jetzt,
wie auch ihre Eigentümer, unterlagen nun dem Ermessen der
abusiven Einrichtungen des Staates.
Es kann nicht behauptet werden, dass den Einwohnern
der Stadt die für den allgemeinen Fortschritt der Ortschaft
erforderliche Intelligenz, Tüchtigkeit und Fähigkeit, oder der
entsprechende Wille fehlte. Im Gegenteil! Die Ehrgeize der
Planer vom Zentrum stimmten jedoch mit diesen nicht überein
und nutzten die echten Valenzen der Einwohner von Timişoara
nicht aus. Die Industrie des Kreises Timiş war, insbesondere
nach dem Jahr 1965, überdimensioniert, von einer extensiven
Dynamik charakterisiert, sie verwendete insbesondere
Rohstoffe aus anderen Zonen des Landes, Humanressourcen
aus anderen Regionen sowie eine im Allgemeinen veraltete
technische Ausstattung, und sie produzierte, mit hohen

3
Victor Neuman, Istoria Banatului (Geschichte des Banats), Bukarest, Verlag
der Rumänischen Akademie, 2015, passim.

70
Aufwendungen, Güter oft schwacher Qualität, welche sich
im Vertrieb als nichtkonkurrenzfähig erwiesen. Es wurden
weite Industrieparks errichtet, welche eine große Anzahl
von Arbeitskräften beschäftigten, große Energieverbraucher
darstellten und im Verhältnis zu den getätigten Investitionen,
wirtschaftlich ineffizient waren, so dass sie vom Staathaushalt
finanziell unterstützt wurden, nur um die großartigen Erfolge
und Möglichkeiten der sozialistischen Ordnung beweisen zu
können.4

Das Gleiche geschah in der Landwirtschaft: hier
wurden kleine Wirtschaft, die Privatinitiative, die im Leben
des Dorfes in der Timiş Gegend, welches die Marktplätze
der Stadt belieferten, tief verwurzelt waren, vernichtet und
mit Einheiten sozialistischen Typs ersetzt5. Die staatlichen
landwirtschaftlichen Einheiten, welche durch wiederholte
Enteignungen von landwirtschaftlichen Nutzflächen von
ihren Eigentümern zustande kamen, stellten im Kreis Timiş,
vom Standpunkt der bewirtschafteten Oberfläche, einen fast
doppelt so großen Anteil (37,2% der landwirtschaftlichen
Fläche) im Vergleich zum Landesdurchschnitt (von 21,4%)
dar. Die kleinen Wirtschaften behielten nur noch 6,7% der
landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landkreises, d.h. fast halb
so wenig wie der Landesdurchschnitt (12,1%)6, in der Regel
in unproduktiven Zonen. Auf der anderen Seite beobachten
wir hier eine im kommunistischen Rumänien fast singuläre
Erscheinung: jene der massiven Umsiedlung von Familien
(Angehörige der serbischen Volksgruppen, Rumänen, und
nicht nur diese) in das Bărăgan Gebiet, in den 50ger Jahren
des vergangenen Jahrhunderts, welche, zusammen mit der
Bürde des Systems der obligatorischen Quota, zu denen die

4
Ion Munteanu, Rodica Munteanu, Timişoara. Monografie, Mirton Verlag,
Timişoara, 2002, S. 291-292.
5
Vasile Dudaş (Koordinator), zitierte Werke., S. 221. Gemäß den statistischen
Angaben des Jahres 1937 teilten sich die Grundbesitzer dieses Landkreises
wie folgt ein: 18.537 besaßen bis zu einem Hektar Boden; 28.034 besaßen
bis zwei Hektar; 16.693 besaßen bis drei Hektar, 18.915 bis acht Hektar und
16.332 bis zehn Hektar Boden.
6
I. Munteanu, Rodica Munteanu, Timişoara.... Monografie, S. 159

71
Bauernwirtschaften gezwungen wurden, die wirtschaftliche
Kraft der Dorfeinwohner abschwächte, deren Spitzenvertreter
(welche als Klassenfeinde, bereicherte, wohlhabende Bauern
betrachtet wurden) entmutigte und eine beträchtliche
Senkung des Lebensstandards sowie der Lebenserwartung
der Einwohner zur Folge hatten. Die landwirtschaftlichen
Kooperationsgenossenschaften (LPGs), welche formell
Vereinigungen der Grundbesitzer darstellen, wurden, durch
ihre Organisierungsform, in das System der gesteuerten
Wirtschaft integriert und wandelten sich damit, in ihrer
Mehrheit, in unrentable Produktionseinheiten um, welche dem
Staat bestimmte Produktmengen7 liefern sollten, die durch
fiktive Berichte aufgebauscht wurden und ohne Vorteile für die
Erzeuger waren. Unter diesen Umständen sank das Interesse
der Einwohner für die landwirtschaftliche Produktion gewaltig
und das außerordentliche Potential des Banater Bodens konnte
nicht verwertet werden.
Das in Timişoara und in den umgebenden Ortschaften
bis zur Errichtung des kommunistischen Regimes8 existierende
private Handelsnetzwerk wurde abgebaut und durch staatliche
Handelseinheiten ersetzt; die Tätigkeit dieser Einheiten hing
von den Warenquota ab, welche auf Grund der „sozialistischen
Planung“ verteilt wurden, sowie gemäß den Produktmengen,
welche von den Zentralbehörden für den inländischen
Verbrauch bestimmt wurden. Das Gesetz der Nachfrage und
des Angebotes wurde total missachtet, die Preise wurden
zentralisiert festgelegt. Der – ebenfalls geplante – Verbrauch
war weit davon entfernt, seine stimulierende Rolle zu spielen,
die angebotenen Erzeugnisse waren unzureichend, die
Bedienung war erbärmlich.
Aus vielfachen Überlegungen wurde, 30 Jahre nach dem
Ende des Krieges, der Verkauf von Gütern an die Bevölkerung
wieder rationalisiert, unter Anwendung eines Kartensystems,
durch welches die Bevölkerung von Timişoara (mit Ausnahme
der Lokalnomenklatura) wieder gedemütigt wurde. Nach einer
zeitweiligen Verbesserung des Sachverhaltes (in den 60ger-
7
Ibidem, S. 160.
8
Ibidem, S. 172.

72
70ger Jahren) wurde in der Periode 1980-1989 eine dramatische
Einschränkung des inländischen Verbrauchs aufgezwungen.
Die in einer ungünstigen regionalen und Weltkonjunktur
stehende zentrale
Führung der kommunistischen Partei Rumäniens,
welches über eine Wirtschaft verfügte, die nicht fähig war,
ein niedriges Produktivitäts- und Kompetitivitäsniveau zu
überschreiten, ambitionierte sich, die Auslandsschulden
des Landes durch den Export von verkaufsfähigen
landwirtschaftlichen Nahrungsmittelprodukten und,
infolgedessen, durch die Rationalisierung deren Verbrauches
im Inland zu liquidieren.Die Entbehrungen wurden akut
und beeinträchtigen das alltägliche Leben der Menschen,
indem sie dessen Unsicherheit betonten. Die Auswirkungen
auf die Einwohner von Timişoara waren umso größer, als
die Begründung dieser Maßnahmen von der Mehrheit der
Bevölkerung logisch nicht nachvollzogen werden konnte.
Die Krise des kommunistischen Regimes erschien
nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung
dieses Sozialsystems; praktisch wurde das Regime während
seines ganzen Bestehens von der Krise begleitet. Es gab,
selbstverständlich, auch Perioden in denen diese weniger
spürbar war, so dass ihre Auswirkungen getarnt werden
konnten. Die Krise wurde jedoch in der zweiten Hälfte der 80ger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer mehr ausgeprägt,
als die Wirtschaft einen schnellen Rückschlag durchmachte,
welcher sich in einem verallgemeinerten, unumkehrbaren
Rückgang umwandelte.
Diese – durch den regionalen und internationalen
Kontext betonte – Krise hatte interne grundlegende Ursachen,
welche aus der kommunistischen Herangehensweise der
Wirtschaftsführung resultierten, die auf eine übertriebene
Zentralisierung und eine unflexible Steuerung der Ökonomie
basierte, auf die untergeordnete Bedeutung der Effizienz-,
Produktivitäts-, Rentabilitäts- und Profitabilitätsanforderungen
im Verhältnis zu den ideologischen Begründungen, auf die
fehlende Konkurrenzfähigkeit.
Der schöpferische Geist der Einwohner von
Timişoara zeichnete sich aber selbst unter diesen Umständen

73
aus. In diesem Sinne erwähnen wir einige Angaben der
letzten der Revolution vorangehenden Jahre: im Jahr
1985 wurde beim Betrieb Electromotor die erste Gruppe
von Robotern mit einem hohen Funktionsgrad, für das
Bildröhrefertigungsunternehmen in Bukarest, realisiert;
ebenfalls im Jahr 1985 wurde bei der Glasfabrik (Tomeşti),
zum ersten Mal in der Welt, das polymetallische phosphatische
Glas hergestellt; in dem gleichen Jahr war bei Electromotor
eine Premiere auf dem Gebiet der Industrieroboter zu
verzeichnen: die erste flexible Fertigungsstraße, welche von
REMT Industrierobotern bedient wurde. Am Anfang des Jahres
1983 (am 18. Januar) landete auf dem Flughafen der Stadt das
erste rumänische Flugzeug, ROMBAC 1-11, in seinem ersten
Flug mit Passagieren am Bord. Auf einem anderen Gebiet
bewies auch das (im Jahr 1978 errichtete) Kombinat für die
Fleischproduktion und -Verarbeitung voll seine Nützlichkeit:
Florentin Cârpanu, der Direktor des Unternehmens, berichtete
dem sich (in 1980) auf Besuch befindenden Ceauşescu, dass das
Kombinat in zwei Jahren über eine Million acht Hundert fünfzig
Tausend Schweine (weit mehr als geplant) geliefert hatte. Leider
aber wurde die Produktion dieser Einheit hauptsächlich für
den Export realisiert und die Rumänen mussten sich mit dem
zufriedengeben, was über den Plan produziert wurde.
Am Anfang des Jahres 1987 war der Anteil des
Landkreises Timiş an der rumänischen Wirtschaft wie
folgt: nach dem Anlagevermögen stand er an 16. Stelle,
nach landwirtschaftlichen Einheiten: an 3. Stelle, nach der
industriellen Gesamtproduktion: an 18. Stelle, nach der
allgemeinen landwirtschaftlichen Produktion: an 1. Stelle, nach
dem Einzelhandelsumsatz: an 4. Stelle. Unsere Zielsetzung ist
es nicht, diese Angaben zu analysieren. Eine derartige Analyse
müsste mehrere Faktoren berücksichtigen, einschließlich
der Fehlermarge im Zusammenhang mit der gut bekannten
Gewohnheit der fiktiven Berichte. Es darf nicht vergessen
werden, dass viele anderen Investitionen übertrieben waren,
ohne Deckung in den hergestellten Erzeugnissen, welche mit
einer riesigen Vergeudung von materiellen und finanziellen
Mitteln realisiert wurden. Auf Grund dieser Denkweise wurden
in Timişoara einige Industrieeinheiten von nationalem oder

74
regionalem Interesse errichtet, mit zahlreichern Mitarbeitern,
welche die Parteiführung als verpflichtet betrachtete, das ihnen
„Begünstigungen“ bietende Regime zu unterstützen. Letzten
Endes waren es genau die Massen von Angestellten („die
Arbeitsklasse“) der Industrieplattformen der Stadt, welche dem
Regime, welches in ihrem Namen, durch Lüge und Verachtung
regierte, den Todesstoß versetzten.
Vom statistischen Standpunkt hatte die kommunistische
Partei eine beträchtliche Anzahl von Mitgliedern in der Zone.
Im Jahr 1984 zählte die Parteiorganisation des Landkreises
110.000 Parteimitglieder, welche insbesondere in Timişoara und
Lugoj konzentriert waren. Eine Statistik des Jahres 1974 zeigt,
dass Timişoara eine Stadt mit 210.000 Einwohnern war. Im
gesamten Landkreis gab es 84 Großbetriebe, darunter 62 vom
nationalen Niveau9. Andere Angaben werden von der Statistik
über das Gesundheitssystem (ein Arzt für 179 Einwohner)
und das Bildungssystem, welches, wie überall in Rumänien,
verpflichtend und generalisiert war, wobei eine Universität in
13 Fakultäten gegliedert war, mit 14.000 Studenten und 1334
Lehrkräften, 40 Lyzeen, usw.
Das Interesse der zentralen Führung für Timişoara
war, formell, gut ausgeprägt in vielen Arten ausgedrückt, nicht
unbedingt durch Maßnahmen im Interesse der Bevölkerung.
Die allgemeine Wahrnehmung im Lande war jedoch,
dass das Lebensniveau der Einwohner von Timişoara höher als
jenes der Einwohner anderer Regionen war. Hohe Würdenträger
des Regimes machten häufig Besuchte und beteiligten sich an
Ereignissen, die durch verschiedene Partei-, Berufs-, Kultur-,
Unterrichts- oder kulturelle Milieus organisiert wurden. In
den letzten vorrevolutionären Jahren nahmen, zufällig, gerade
jene Personen, welche im Dezember 1989 für die Repression
der Einwohner Timişoaras verantwortlich wurden, in einer
oder anderen Form am Leben der Stadt teil. Nicolae Ceau­şescu
besuchte die Stadt im Jahr 198810, begleitet von Elena Ceau­
9
Vasile Dudaş, Ioan Haţegan, Sorin Berghian, Constantin Gomboş,
Mariana Cernicova, Din Cronica judeţului Timiş (Aus den Chroniken des
Landkreises Timiş), 2. Auflage, Timişoara, Orizonturi universitare Verlag,
2006, S. 293-294.
10
Auflage, Timişoara, S. 293.

75
şescu, Emil Bobu, Constantin Olteanu, Silviu Curticeanu, in der
Zeit, als Ilie Matei an der Führung der Stadt war. Der Staatschef
besuchte genau die Betriebe, deren Angestellten ein Jahr später
auf die Straße gehen sollten: die Mechanischen Werke, der
Betrieb Industria Lânii, I.A.E.M., der PKW-Herstellungsbetrieb,
usw. An der Kreisparteikonferenz des Jahres 1984 beteiligte ein
Spitzenwürdenträger, Manea Mănescu, welcher bevollmächtigt
wurde, die Kommunisten des Kreises Timiş bei Kongress der
Partei zu vertreten – genau so, wie das auch 5 Jahre später passierte
(am 13. November 1989), al sein neuer Erster-Sekretär gewählt
wurde (Radu Bălan). Am 5. Dezember 1987 beteiligte sich der
General Vasile Milea11 an der Außerordentlichen Konferenz der
Kreisparteiorganisation, und erhielt ebenfalls die Vollmacht, die
Kommunisten aus Timiş bei der Nationalkonferenz zu vertreten.
Später, während der Revolution, scheute sich Milea nicht, die
aberranten Anordnungen des Diktators zu übermitteln und
mobilisierte gegen die Bevölkerung von Timişoara – darunter
auch Parteimitglieder – starke repressive Kräfte, welche er mit
Schusswaffen und echter Munition ausrüstete.
Viele andere Ereignisse fanden in der Stadt an der Bega,
in der Anwesenheit hoher Würdenträger aus der Hauptstadt,
statt. Leider war es aber so, dass diese entweder den reellen
Sachverhalt in der Stadt nicht zur Kenntnis nehmen wollten,
oder diesen kannten und sich mit dem stürmischen Applaus für
den „geliebten Führer“ zufriedengaben.
Tatsache ist, dass in der Zeit, in welcher über die
„endlose“ Sorge für die Sicherung aller Lebensbedingungen
für die Einwohner Timişoaras geredet wurde, praktisch ständig
neue und strenge Beschränkungen hinsichtlich der Gewährung
von Dienstleistungen eingesetzt wurden. Weniger als ein Jahr vor
der Außerordentlichen Konferenz der Kreisparteiorganisation
(am 18. Mai 1986) wurde die Umsetzung des Programmes
betreffend die Sicherung und Rationalisierung der Produktion
von elektrischer und Wärmeenergie, sowie auch des Erdgases,
eingeleitet. Es wurden strenge Maßnahmen getroffen, bis hin
zum letzten Verbraucher, im Sinne der strikten Einhaltung
der festgelegten Quota, auch durch die Reorganisierung der
11
Ibidem, S. 312.

76
Kultureinrichtungen, mit dem Zweck der größtmöglichen
Reduzierung des Energieverbrauches in den Spitzenzeiten;
reduziert wurde die öffentliche Beleuchtung, jene in den
Geschäften und Schulen, in den privaten Häusern (um 50%), in
Krankenhäusern, in Büros.
Die Einwohner Timişoaras machten über vier Jahre lang
eine dramatische Erfahrung durch; der bevorstehende Winter
entsetzte sie. Ein heimlicher, immer stärkerer Hass sammelte
sich an; dieser war insbesondere gegen den Präsidenten
gerichtet, umso mehr, als die Presse unkluger Weise die beiden
Ceauşescus weiterhin als Retter der Nation darstellte. Die Leute,
welche dieses schon satthatten, beachteten die unerträgliche
Propaganda nicht mehr und verfolgten mit Interesse die
Sendungen der Fernsehstationen der Nachbarländer und die
ausländischen Rundfunkstationen in rumänischer Sprache, von
welchen sie Informationen über den unmittelbar bevorstehenden
Sturz der kommunistischen Regimes in ganz Europa erhielten.
Die Dokumente der ehemaligen kommunistischen
Verwaltung des Landkreises und der Stadt sind in dieser
Hinsicht aussagefähig. Am wichtigsten sind die Informationen
aus den Dokumenten, die von den damaligen Gremien des
Kreises Timiş stammen, welche die ökonomischen Aktivitäten
steuerten und die Geistesverfassung der Einwohner
überwachten; es geht insbesondere um Dokumente, welche
von den ehemaligen (Kreis- oder Stadt-) Parteikomitees
ausgestellt oder aufbewahrt wurden, sowie um jene der
spezialisierten Überwachungsorgane, der Miliz und der
Securitate. Ungeachtet mancher Behauptungen, gemäß denen
die Führer des Regimes die Realität außerhalb ihres Kreises
von Machthabern nicht kannten, können wir bestätigen, dass
die lokalen bürokratischen Stellen über Instrumente und
Mechanismen verfügten, durch welche sie die wirtschaftliche
Lage und die Geistesverfassung in der Stadt gut erfassten,
sowohl mittels der Parteiinformierungen, als auch mittels
der Berichte der Securitate und der Miliz, welche monatliche
geheime Vermerke12 schickten. Alle diese Dokumente bieten ein
anderes Bild als jenes, welches öffentlich propagiert wurde, ein
12
I. Munteanu, Rodica Munteanu, Timişoara.... Monografie, S. 172.

77
viel wahrheitsgetreueres Bild über die Realitäten der Stadt in
der Zeit des kommunistischen Regimes. Diese Realität stellte
die Ursache der systematischen und betonten Verschlechterung
der Geistesverfassung der Einwohner Timişoa­ras dar. Sie erklärt
die Massenerhebung der Bevölkerung gegen das Regime, im
Monat Dezember des Jahres 1989.
Welche waren – kurzgefasst – die Ursachen und in
welchem Kontext trug diese Realität zur Verschlechterung der
Geistesverfassung der Einwohner der Stadt an der Bega bei?
Die erste dieser Ursachen bestand (ohne die
erste in einer Prioritätsliste zu sein) in den prekären
Versorgungsleistungen der Behörden an die Bevölkerung,
welche nicht zureichend waren, um einen minimalen Komfort
und ein dezentes Leben zu sichern. Im Laufe des ganzen
Jahres waren die Familien verzweifelt, wenn die Energie-,
Erdgas- oder Warmwasserversorgung unterbrochen wurde.
Solche Maßnahmen generierten viel Unzufriedenheit, welche
mit Diskretion und Zurückhaltung eher im Freundeskreis
ausgedrückt wurde. Wenn diesen jedoch im Winter geschah
und von der Unterbrechung der Wärmeversorgung begleitet
wurde, dann wurde die Unzufriedenheit laut, einschließlich
am Arbeitsplatz, ausgesprochen. Die Verpflichtung, über
diese zu informieren, kam gerade den Vertretern des
Regimes im Territorium zu. So schickte, zum Beispiel,
Cornel Pacoste, Erster-Sekretär der Partei auf der Ebene des
Landkreises, (am 17, Januar 1985) den folgenden Vermerk
an die Parteiführung: „Dank (!!!) des geringen Druckes des
Erdgases konnten alle Industriebetriebe des Landkreises,
welche Industriedampf verwenden, seit dem Anfang dieses
Jahres nicht arbeiten, was die Erfüllung der Planaufgaben
für diese Periode beeinträchtigt hat. Aus diesem Grund haben
wir besonders große Schwierigkeiten bei der Herstellung der
Wärmeenergie, sowohl für die Wirtschaftseinheiten, als auch für
die Bevölkerung. Wir weisend darauf hin, dass das Warmwasser
für den Haushaltsgebrauch nicht einmal für einen Tag geliefert
wurde, was zu Unzufriedenheit in den Reihen der Bevölkerung
geführt hat13“. In den folgenden Jahren war keine Verbesserung
13
Apud: Ioan Munteanu, welcher (im Kapitel III des Werkes Revoluţia română
în Banat (Die Rumänische Revolution im Banat) Primärquellen, so wie im

78
des Sachverhaltes festzustellen, sondern ganz im Gegenteil.
Wie wir sehen, war der Würdenträger in erster Linie von der
Situation der Produktionsplanerfüllung, und nur nebenbei
vom Schicksal der Einwohner besorgt. Es gibt kein Wort über
jene, welche an dieser Situation schuld waren oder darüber,
was zu ihrer Berichtigung gemacht werden konnte.
Die kommunistischen Behörden waren von der
Erzielung – unter jedweden Bedingungen – von großen
Produktionen von Industrie-, Agrar-, Forst-, Bergbau- u.a.
Erzeugnissen. Meistens aber sicherten die Lieferanten von
Materialien, Energie, Ersatzteilen und Rohstoffen diese nicht
rechtzeitig oder in den erforderlichen Mengen. Aus diesem
Grund wurden die meisten Industriebetriebe des Kreises
Timiş und der Stadt in den letzten zwei Jahrzenten des
kommunistischen Regimes mit dramatischen Situationen
konfrontiert.14 Angesichts dessen, dass die Wirtschaft von
Timişoara in der Nationalwirtschaft integriert war, führte der
allgemeine ökonomische Niedergang auf nationaler Ebene zu
einer drastischen Reduzierung der Reserven von Rohstoffen,
welche für die Betriebe in der Stadt notwendig waren. Die
Möglichkeit, diesen Bedarf aus anderen Quellen zu sichern,
auf Grund der Initiativen der Führungen der Betriebe, bestand
nicht; alles wurde vom Zentrum geplant und gesteuert. Die
Unterbrechung der Arbeiten inmitten des Tages, wegen
fehlenden Rohstoffen, war in Timişoara zu einer gewöhnlichen
Sache geworden. Dafür aber wurde nach der verspäteten
Lieferung der Materialien in einem ungewöhnlichen Tempo,
mit verlängerten Schichten und selbst am Sonntag gearbeitet,
alles in dem Wunsch, die Planvorgaben zu erfüllen. Wenn der
Plan auch unter diesen Umständen nicht erfüllt wurde, dann
kam es zur entsprechenden Sanktionierung der Arbeiter, durch
die Verminderung ihrer Gehälter.
Die Parteiaktivisten auf der Ebene des Kreises und der
Stadt erhielten, im Laufe der Jahre, zahlreiche Informationen
über die Schwierigkeiten, welche vom Mangel an Rohstoffen

vorliegenden Fall, zitiert: Kreisarchiv Timiş, Bestand: Comitet județean Timiș


al P.C.R. (Kreiskomitee Timiş der R.K.P.), Dossier 13/1985, Bl. 6.
14
I. Munteanu, Rodica Munteanu, Timişoara.... Monografie, S. 149-150.

79
und leistungsfähigen technologischen Ausrüstungen
im ordnungsgemäßen Ablauf der Tätigkeit der Betriebe
hervorgerufen wurden.

Wir erwähnen, kurz, einige Beispiele15: 1. Beim
Betrieb Electromotor wurde eine Exportproduktion (gegen
harte Währung) im Werte von USD 700.000 verloren, weil
die erforderlichen Materialien nicht bedarfsmäßig geliefert
wurden: 2. Beim chemischen Betrieb Solventul konnte eine
Produktion von Lei 50 Millionen nicht fertiggestellt werden,
weil der Mindestbedarf von 1500 Tonnen Schwefelsäure
dafür nicht gesichert wurde (es wurden nur 233 Tonnen
geliefert!); 3. In den Monaten Januar-Februar 1989 blieb beim
Textilbetrieb 1 Iunie -Textila eine Produktion im Werte von
Lei 20 Millionen aus einem ähnlichen Grund nichtrealisiert;
4. In einem offiziellen Bericht des Kreiskomitees der R.K.P.
wurde, im Monat Oktober 1988, zugegeben, dass die Industrie
des Landkreises die Planvorgaben für die Hälfte der operativ
verfolgten Produkte nicht erfüllt hatte und damit beim
Export (40% der Produktion des Landkreises) lediglich 11%
realisiert worden waren. 5. Beim Betrieb Electromotor wurden
im Februar 1989, von dem auf Lei 75 Millionen festgelegten
Produktionsplan, nur 6 Millionen erfüllt. Aus diesem Grund
„...waren in den Reihen der 1.000 Werktätigen der Abteilung
10 des Betriebes negative Kommentare zu hören, welche
Befürchtungen hinsichtlich möglichen sozialen Auswirkungen
ausdrückten“. Die Milizdirektion des Landkreises informierte
ihrerseits, durch eine geheime Note (S/30350) vom 19.
Januar 1988, dass der in diesem Industriebetrieb existierende
Sachverhalt zu Kommentaren geführt hatte, welche in
Protestaktionen entarten konnten; 6. Bei der Fabrik Memorii
(in welcher eine Spitzentechnologie verwendet wurde) wurde
eine ganze Schicht (die dritten) zeitweilig eingestellt; 7.
Beim Betrieb Modern konnten die Qualitätsstandards wegen
den veralteten Ausrüstungen und der nicht angemessenen
Fertigungstechnologie nicht mehr erreicht werden. Die
Ausschüsse stellten 30% der Tagesproduktion dar. In einem
15
Die Beispiele wurden aus jenen des Kapitels III des bereits anderswo
zitierten Buches Revoluţia română în Banat (Die Rumänische Revolution im
Banat), S. 100-126) ausgewählt.

80
Informationsschreiben der Securitate vom 8. Februar 1988
wird darauf hingewiesen, dass eine Firma aus der B. R.
Deutschland eine Lieferung von Modern-Produkten wegen
nichtentsprechenden Qualitätsstandards abgelehnt hatte; 8.
Bei der Glasfabrik (Fabrica de sticlă) in Tomeşti wurde die
Produktion des Jahres 1988 nur zu einem Anteil von 50%
der Planvorgaben realisiert, angesichts dessen, dass von
den erforderlichen 420 Tonnen Brennstoff nur 205 Tonnen
gesichert worden waren. Die Sicherheitspolizei warnte, dass
der Betrieb im Begriff war, seine Tätigkeit einzustellen16 und
dass die Angestellten unzufrieden und besorgt waren.
Wenn wir uns nur auf diese wenigen Beispiele beziehen
können wir feststellen, dass die Industrieproduktion des
Kreises Timiş – und, zusammen mit dieser, auch die Gesamtheit
der produktiven Bereiche und der Versorgungsdienstleistungen
– von einer tiefgehenden Krise geprägt war. Aus diesem Grunde
war der Zustand der Unzufriedenheit, der Ungewissheit und
Unsicherheit überall da.
Von hier bis zum Aufruhr war nur noch ein Schritt.
Es folgten aberrante Maßnahmen, durch welche der
Haushaltsverbrauch von Heizmitteln und, insbesondere, von
Elektroenergie reduziert wurde. Diese Maßnahmen wurden
angefangen mit dem Jahr 1985 für die Einwohner der Stadt
immer schwieriger zu ertragen. Priorität hatte die Sicherung der
Produktion, selbst auf die Gefahr hin, Leiden der Menschen, in
Krankenhäusern, in Schulen, in Sozialanstalten, zu verursachen.
Bald waren diese Opfer nicht mehr genug, so dass auch bei
der Versorgung der Industrieeinheiten entsprechend reduziert
wurde. Im kommunistischen System, in welchem die Propaganda
den Bankrott oder die Arbeitslosigkeit nicht anerkannte, waren
die angewendeten Lösungen artifiziell und die Verluste fanden
ihren Niederschlag in der Verminderung der Einkommen der
Angestellten, welche außerdem unerträgliche Erniedrigungen
und Schikanen dulden mussten; so, zum Beispiel, wurden die
Erholungstage auf rotierender Basis programmiert (so dass
manche Betriebe sonntags arbeiteten), die Produktion wurde
„intensiv“ realisiert, in 3-5 Arbeitstagen pro Woche (fiktiv,
16
Idem, Note Nr. S/3246, vom 21. März 1988.

81
natürlich!) und in anderen Situationen mussten die Angestellten
stundenlang darauf warten, das „der Strom kam“, um ihre Arbeit
wieder aufzunehmen, und wurden dann, ohne jede Erklärung,
nachhause geschickt. Selbstverständlich wurden auch ihre
Einkommen entsprechend vermindert. In einer Note vom 30.
November 1989 informierte die Securitate über den Zustand
der Unzufriedenheit beim Betrieb Electrobanat, welcher davon
verursacht wurde, dass die Gehälter von Monat zu Monat
um bis Lei 700-800 vermindert wurden, mit der Begründung
der Nichterfüllung der Planvorgaben (für welche, wie weiter
oben dargestellt, nicht die Angestellten schuldig waren!). Diese
Situation wirkte sich auf über 2.300 Werktätige aus17.
Die Reduzierung des Stromverbrauches beeinflusste auch
die öffentlichen Verkehrsleistungen und die Versorgung mit
Lebensmitteln. Dieses brachte manche Einwohner dazu, sich
öffentlich, offen und ungestüm zu äußern, umso mehr, als der
Transport zum Arbeitsplatz und zurück nach Hause eine Qual
war: die Anzahl der im Verkehr befindlichen Straßenbahnen
wurde von 286 auf 235, und jene der Trolleybusse von 191 auf
153 herabgesetzt. Sogar die Angehörigen der Securitate mussten
einsehen: „Infolge dieser Reduzierung wird, stellenweise, auf
den Treppen der Verkehrsmittel gefahren. Außerdem sind die
Wartezeiten in den Haltestellen gestiegen; dadurch drängen sich
immer mehr Fahrgäste zusammen, welche Drohungen ausstoßen
und negative Kommentare machen, wobei die Gefahr deren
Entartung in Unruhen besteht”18.

Abbildungen


Die Unfähigkeit, ein leistungsfähiges Management
der Industriekolosse im Landkreis Timiş zu sichern,
zusammen mit den wiederholten Herabsetzungen der Gehälter
der Angestellten hatten eine totale Interessenlosigkeit für
die Qualität der geleisteten Arbeit zur Folge. Die Securitate
informierte am 31. August 1988, dass die Geistesverfassung
in den Reihen der Arbeiter unangemessen war, und stellte die
17
Idem.
18
Idem, S. 110.

82
Einstellung der Nachlässigkeit in der Herstellung der Waren,
sowie das Verzeichnen eines sehr großen Prozentsatzes von
Ausschüssen19, fest.
Obgleich Timişoara als eine Stadt zählte, in welcher die
Industriekapazitäten, die Kultur- und Unterrichtsanstalten sowie
die Dienstleistungen und die Verwaltung den Vorrang hatten,
muss festgehalten werden, dass das Dasein der Stadt, in der
einen oder anderen Form, von der Lage der Landwirtschaft in
den umgebenden Gemeinden, von der Lage der Landwirtschaft
im gesamten Landkreis abhängig war. Viele Einwohner der
Stadt, Spezialisten auf verschiedenen Gebieten, Lehrer, usw.
pendelten zu kleineren Ortschaften in der Zone, genauso, wie
viele Einwohner der Dörfer täglich nach Timişoara, zu ihren
Arbeitsplätzen kamen. Ohne besonderer Bezugnahme auf den
Sachverhalt in den umgebenden Gemeinden muss gesagt werden,
dass die dörflichen Gemeinschaften ihrerseits in einer furchtbaren
Armut lebten; beinahe alles, was die Landwirte durch ihre Arbeit
realisierten ging in die Scheunen des Staates. Viele Einwohner
Timişoaras hofften, ihren Verbrauchsbedarf mit „Sachen vom
Lande“ zu ergänzen, doch war unter diesen Umständen auch
dieser Weg geschlossen. Darin besteht eine der Erklärungen
der Solidarisierung vieler ländlichen Gemeinschaften mit den
Demonstranten von Timişoara, angefangen schon vom 18.
Dezember 1989.
Einen klaren Zustand der Unzufriedenheit generierte
auch der Export von Agrar- und Lebensmittelerzeugnissen. Die
Unzufriedenheit kam daher, dass der Export zum Nachteil der
Versorgung der Bevölkerung der eigenen Stadt vorgenommen
wurde. Trotzdem fanden die Einwohner Timişoaras Wege,
sich besser als jene anderer Städte zu ernähren. Dieses befreite
sie jedoch nicht von der Sorge des kommenden Tages. In
Timişoara kamen täglich beträchtliche Massen von Menschen
aus der Moldau und aus Oltenien, mit den sogenannten
Hungerzügen, um das unbedingt Notwendige zu erwerben.
Infolge dieser Wirtschaftspolitik – die sowohl dem
Fortschritt der Gesellschaft als auch der Sicherung normaler
Lebensbedingungen angefeindet war – hatten die Einwohner
19
Idem, S. 111.

83
des Landes zu leiden. Von einem Jahr auf das andere wurden,
angefangen mit der Mitte des achten Jahrzehnts, die Mengen
der für den Verbrauch durch die Bevölkerung reservierten
Produkte drastisch reduziert – obgleich die Propaganda das
Gegenteil behauptete. Die fiktiven Berichte hinsichtlich der
„großartigen“ Produktionen und Errungenschaften auf allen
Gebieten sind berühmt geblieben, so dass eine auf diese
basierte Analyse heutzutage zu einem riskanten Unterfangen
wird. Gemäß diesen Berichten überschritt die Produktion
des Landkreises bei Weitem den Bedarf dessen Einwohner,
und aus diesem Grunde wurde ein großer Teil derselben in
andere Landkreise oder zum Export geschickt. Gegen Ende
der 80ger Jahre des vorigen Jahrhunderts sahen sich die
Behörden dennoch genötigt, die immer klareren Anzeichen
einer tiefgehenden Krise zu erkennen. Die Handelsdirektion
des Landkreises, zum Beispiel, berichtete im ersten Viertel des
Jahres 1989 „eine alarmierende Abnahme der Bestände“20 und
präzisierte, dass die Rückstände bei den Konsumgütern „noch
nie dagewesene Niveaus“ erreicht hatten, deren Wert Lei 291,7
Millionen betrug21.
Mit was für Lösungen kamen die Verantwortlichen
des Regimes zu diesen lebenswichtigen Problemen? Jemand,
der sie täglich über die „elterliche Sorge der Partei“ für das
Lebensniveau der Werktätigen reden hörte, hätte erwartet, dass
sie die humanitären Belange im höchsten Grad beschäftigten.
Stattdessen verlangten die Würdenträger auf zentraler und
lokaler Ebene eine strengere Überwachung der Einwohner
durch die spezialisierten Kräfte des Innenministeriums,
und die Parteiorganisationen wurden aufgefordert, ihre
Propagandatätigkeit zu intensivieren, um die Menschen
über die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft zu
überzeugen. Im Jahr 1987 wurde der Securitate im Kreis Timiş
angeordnet, ihr informatives Netzwerk in einer effizienteren Weise
zu verwenden, um die Kenntnis und Vorbeugung „... jedweder
Absichten, Taten, Sachverhalte und Umstände, welche die
20
Ibidem.
21
Ibidem.

84
Interessen der Verteidigung der Staatssicherheit beeinträchtigen
konnten“ zu sichern22.
Die Securitate musste insbesondere die Unzufriedenheit
der Angestellten der Industrie und Verwaltung aufspüren,
um die Einleitung feindseliger und gefährlicher Äußerungen
vorzubeugen23. Im November 1989 erhielt die Securitate
des Landkreises die Anweisung, mit der Miliz, mit den
Sicherheitstruppen und der Feuerwehr zusammenzuarbeiten,
die Geistesverfassung zu erkennen und jedwede negative
Entwicklungen vorzubeugen, sowie auch Elemente, welche zu
turbulenten, feindseligen Äußerungen anregten, zu beseitigen.24
Schon im Monat Januar des Jahres 1989 war beim rumänischen
Staatssicherheitsdienst ein Plan ausgearbeitet worden (Der
Maßnahmenplan Nr. D/001247), auf Grund dessen die
Überwachung der verdächtigen Elemente verstärkt wurde25.
Nachdem festgestellt wurde, dass sich die Unzufriedenheit und
die Feindseligkeit generalisiert hatten, wurde, am 2. Dezember
1989, ein neuer Maßnahmenplan angenommen, auf Grund
dessen die Überwachung auf ganze Gemeinschaften erweitert
wurde und ohne eine vorherige Genehmigung erfolgte, mit dem
einzigen Zweck, für feindselige oder anarchische Aktionen in
Frage kommende Elemente zu entdecken und zu vernichten26.
Unter diesen Umständen ist es schwer anzunehmen, dass
der wahre allgemeine Sachverhalt im Lande von der obersten
Führung nicht gekannt wurde. In Wirklichkeit konnten die
Organe der Miliz und der Securitate, und, gleichzeitig mit ihnen,
die Organe der Partei, die Ansammlung der Unzufriedenheit und
deren Umwandlung in eine immer explosivere Geistesverfassung
feststellen. Die informativen Noten, welche auf Grund der
Überwachung der Einwohner erstellt wurden, bestätigen
die allmähliche Entstehung dieser der kommunistischen
Politik zutiefst feindlich gesinnten Geistesverfassung, welche
22
Marius Oprea, Banalitatea răului. O istorie a Securităţii în documente
(Die Banalität des Bösen. Eine Geschichte der Securitate in Dokumenten),
Iaşi, Polirom Verlag, 2002, S. 479.
23
Ibidem, S. 503.
24
Ibidem, S. 524.
25
Ibidem, S. 498.
26
Ibidem, S. 528.

85
sich auf verschiedene Arten offenbarte: durch individuelle
Ausdrucksformen; durch Kommentare in verschiedenen
Gemeinschaften; durch verbale Androhungen; durch die
Verweigerung, sich am Arbeitsplatz einzufinden; durch die offene
Verurteilung der von den Behörden getroffenen Maßnahmen;
durch die illegale Überschreitung der Grenze und die Flucht in
den Westen; durch direkte Bezugnahmen auf das Fehlen der
Freiheit in Rumänien, usw.
In Timişoara wurde die Unzufriedenheit zu einer
dauerhaften Gemütsverfassung, zu welcher zahlreiche
Fakten beitrugen: die Erhöhung der Wohnungspreise um
25%; das Fehlen der Agrar- und Lebensmittelerzeugnisse
und die Nichtbefriedigung der Bedürfnisse der
Bevölkerung; die Preiserhöhungen für zahlreiche Waren; die
Personalreduzierungen in zahlreichen ökonomischen Einheiten;
die drastische Rationalisierung des Strom-, Heizmittel- und
Brennstoffverbrauches27. Hinsichtlich dieser Unzulänglichkeiten
machten die Bürger nicht nur feindselige, sondern auch scharfe,
sarkastische Kommentare, wie, zum Beispiel: durch das Fehlen der
Grundnahrungsmittel „sorgt die Führung der Kommunistischen
Partei dafür, dass die Werktätigen kein Cholesterin erhalten“28.
Bei einem Durchlesen der Noten, welche von der Securitate
geschickt wurden, kann festgestellt werden, dass die Angestellten
am Anfang ihre Worte mit Sorgfalt wählten, so dass sich die
„Genossen“ nicht ärgerten, doch dass gegen Ende des Jahre 1989
diese Sorgfalt verschwand. Andere Male schoben sie die Sätze,
welche sie der Zentrale übermitteln wollten, auf hypothetische
Böswillige ab. In einer Note informierten sie über das Verhalten
einer ausländischen Person, die von ihren Verwandten in
Timişoara aufgenommen wurde; diese hätte behauptet: „Was
ich hier gesehen habe ist erschreckend, unerträgliche und
unmenschliche Bedingungen. Für meine Mutter, welche krank
ist, ist alles ein Problem: die Versorgung mit Holz, das Fehlen des
Trinkwassers, des Toilettenpapiers, einer Zitrone im Hause, um
vom Fleisch, dem Zucker und den Milchprodukten nicht mehr
27
Alexandru Oșca (Koordinator) Revoluţia… (Die Revolution...), Kap. III.
Ioan Munteanu zitiert: N.A.-Tm, Bestand C., Kreis Tm., Dossier 256/1981,
Bl. 75.
28
Idem, Dossier 256/1981, Bl. 44.

86
zu reden“29. Diese Behauptungen waren absolut wahr. Diese
Realität wird auch von den Kommentaren der Angestellten im
Handelssektor bestätigt: „Es ist bedauernswert, zuzusehen, wie
Leute über 80, Frauen mit kleinen Kindern in ihren Armen
um 3.00-4.00 Uhr morgens schon Schlange stehen, und wie
manche von ihnen gar nicht dazu kommen, zu kaufen. All
dieses kann kein gutes Ende haben“30.
Von den Kommentaren und individuellen Äußerungen
wurde allmählich, schon vom Beginn des neunten Jahrzehntes,
zu Kollektiven Aktionen und Unruhen übergegangen. In
einer geheimen Note vom 16. Juli 1989 wird gezeigt: „Die
Unzulänglichkeiten in der Versorgung mit Agrar-und
Lebensmittelprodukten führen zu einer immer stärkeren
Unzufriedenheit, welche oft in unüberlegte Handlungen,
in negative Kommentare, in tendenziöse Bewertungen und
Vergleiche mit dem Lebensniveau in anderen Staaten oder gar
in feindselige Äußerungen bezüglich der Innenpolitik unserer
Partei und des Staates entarten“31.
Vor dem Hintergrund dieser Geistesverfassung
löste sich das Phänomen der täglichen Verspätungen der
Arbeitermassen beim Arbeitsprogramm eines jeden Morgens.
Die Menschen stellten sich an der Reihe vor den Geschäften,
um das Mindeste an notwendigen Erzeugnissen kaufen zu
können, und erschienen erst nachher an ihren Arbeitsstellen.
Die Informanten der Securitate präzisierten, dass dieser
Umstand in den Betrieben bekannt war aber, stillschweigend,
akzeptiert wurde, ohne dass Disziplinarmaßnahmen getroffen
wurden.
Die Feindseligkeit gegenüber der kommunistischen
Partei wird in der zweiten Hälfte der 80ger Jahre immer
augenscheinlicher und häufiger. Während der Wahlkampagne
des Jahres 1985 benutzten die Einwohner Timişoaras,
trotz aller Kontrollmaßnahmen, die Gelegenheit, um
Lösungen vorzuschlagen, welche der allgemeinen Politik
29
Idem, Dossier 256/1981, Bl. 29.
30
Idem.
31
Idem.

87
der Regierungspartei zuwiderliefen. Die von den Bürgern
bei den „Debatten” im Rahmen der Wahlkampagne von
1985 gemachten Vorschläge zeigen deutlich, welche die
Geistesverfassung der Bevölkerung im Kreis Timiş war.
Die Einwohner Timişoaras verlangten, unter Anderem: das
Zurückkommen auf das alte Übertragungsprogramm der
Sendungen des rumänischen Fernsehens; die angemessene
Versorgung mit grundlegenden Bedarfsgütern, die Verbesserung
der öffentlichen Dienstleistungen, usw.

Obgleich aus den dargestellten Argumenten die
Bedeutung der ökonomischen Komponente in der Gesamtheit
der Faktoren hervorgeht, die zur Entstehung einer revolutionären
Situation in Timişoara führten, beweisen die Gespräche mit
Protagonisten der Ereignisse vom Dezember 1989 auch die
Tatsache, dass diese Faktoren alleine nicht genug gewesen wären,
um einen Aufruhr der Bekannten Ausmaße auszulösen. Weiter
oben wurde auf das rege geistige Leben der Stadt hingewiesen,
auf die Besuche bedeutender, auf nationaler Ebene anerkannter
Kulturpersönlichkeiten, auf die zahlreichen Veranstaltungen in
den Kulturinstitutionen, in der Universität und in den Lyzeen,
in welchen mehr oder weniger explizite und engagierende.
Botschaften erlassen und kommentiert wurden, die
von verschiedenen Medien leicht zu übernehmen waren, von
lokalen Schriftstellern, deren Wert und Kampfgeist auch jenseits
der Stadtgemeinschaft bekannt waren, bis zu Regisseuren und
Schauspielern des Staatstheaters oder der Gemeinschaft der
bildenden Künstler, welche ihre Botschaft mit ihrem spezifischen
Geschick dissimulierten. Damit kann gesagt werden, dass die
Einwohner Timişoaras bewusst waren, dass eine der Ursachen
der explosiven Umstände aus dem Dezember 1989 in der von
den Behörden aufgezwungenen Atmosphäre bestand, in welcher
sich die gewöhnlichen Leute oder die starken Persönlichkeiten
nicht frei ausdrucken durften; das Fehlen der Freiheit wurde
in seiner konkreten Form wahrgenommen (das Abhören
von Telefongesprächen, die ständige Überwachung, diskrete
Anweisungen zur Änderung der Haltung oder des Verhaltens, das
Verbot, bestimmte ausländische Rundfunkstationen anzuhören,
die Untersagung von Kontakten mit ausländischen Personen,
die lange Wartezeit für die Genehmigung von Auslandsreise,

88
usw.), und das insbesondere in den gebildeten Milieus, in den
Reihen der Intellektuellen, in den Reihen der Jugendlichen. Die
Informierungsnoten des Innenministeriums bestätigen diesen
Umstand. Ein solcher Umstand ist ausgesprochen glaubwürdig
und erklärlich.
Es ist allgemein bekannt, dass Timişoara eine Kulturstadt
war und ist. Natürlich wurden zur Zeit des kommunistischen
Regimes hier auch viele und starke Industrieeinheiten und
-plattformen geschaffen. Es wurden Arbeiter aus verschiedenen,
selbst entfernten Zonen des Landes gebracht. Zahlenmäßig
wurde der Anteil der technischen Arbeiter im Verhältnis zu
jenem der Intellektuellen größer. Das Paradox besteht darin,
dass, obgleich diese Realität statistisch bestätigt wird, Timişoara
dennoch die charakteristischen Merkmale einer Stadt mit einem
reichen und erlesenen Kulturleben behalten hat, in welche die
verschiedensten Schaffens – und Interpretierungsgenres zum
Ausdruck kamen. In solchen Milieus war jeder Versuch der
Einschränkung des freien Geistes zum Scheitern verdammt
oder hatte sogar den gegenteiligen Effekt. Auch wenn die
sarkastischen Botschaften nach raffinierten Formeln verborgen
waren wurden sie perfekt verstanden und vom Publikum
oder der Leserschaft genossen. Im Laufe der Zeit drangen
diese Botschaften in das Unterbewusstsein der Menschen ein,
festigten sich dort und halfen ihnen, in den entflammten Tagen
des Dezembers 1989, ihre Angst zu überwinden. Übrigens waren
die Angestellten aus der Industrie – von denen viele Ingenieure
oder Betriebswirte mit einer bemerkenswerten intellektuellen
Ausbildung waren (ehemalige Studenten der Universität von
Timişoara, welche von den Spitzenabsolventen ausgewählt
worden waren, ansonsten hätten sie schwierig eine Stelle in einer
Stadt dieser Größe „erwischt“) – bei den Kulturveranstaltungen
in der Stadt immer zugegen, sie blieben im Dialog mit den
Schriftstellern, den Schauspielern und den Künstlern der Stadt
und manche von ihnen reihten sich ihnen ein. Fernerhin
brachten diese den Geist der Zusammentreffen in der Stadt
in ihre Betriebe mit. Immer mehr Personen bezogen sich auf
die Situation aus Polen, auf die „Solidarität“ – Gewerkschaft
und ihre Aktivitäten. Es war kein Zufall, dass in den großen
Kulturzentren des Landes Persönlichkeiten der Kultur aus

89
verschiedenen Schaffensbereichen an der Spitze der Ereignisse
standen und eine Zeitlang die neuen in den Landkreisen und
Ortschaften gebildeten Gremien führten. Das geschah, zum
Beispiel, in Cluj-Napoca, in Arad, in Craiova, in Bukarest und,
selbstverständlich, in Timişoara.
Zur Argumentierung der Bedeutung der geistigen
Komponente in der Gesamtheit der Faktoren, welche den
Aufstand der Bevölkerung von Timişoara im Dezember 1989
ermöglichten, werden wir einige Veranstaltungen dieser Art,
welche in den 80ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der
Stadt an der Bega stattfanden, darstellen. Unabhängig davon, ob
diese von den Schriftstellern der Stadt, von Schauspielern, von
bildenden Künstlern oder von Vertretern der Kirche organisiert
waren, stellten diese Veranstaltungen eine Gelegenheit für
unkonventionelle Reden im öffentlichen Raum dar, bei welchen
Meinungen zum Ausdruck gebracht wurden, Fragen gestellt
und Antworten vorgeschlagen wurden, welche die Gedanken
der Mitbürger, der Jugendlichen oder der Einwohner über in
einen in ständiger Verschlechterung begriffenen Sachverhalt
enthielten.
So wurde, zum Beispiel, am 15. März 1986 in Timişoara das
Nationale Kulturwettbewerb Mihai Eminescu (die 28. Ausgabe)
organisiert; dieses vereinte Literaturkritiker, Experten auf dem
Gebiet des Studiums von Eminescus Werk und Schriftsteller
aus Timişoara, aber auch aus den wichtigsten Kulturzentren
des Landes. Unter den Teilnehmern waren wichtige Namen
der rumänischen Kultur: Puia Florica Rebreanu, Margareta
Labiş, Zoe Dumitrescu Buşulenga. Einen Monat später (am
16. April) organisierte der Schriftstellerverband in Timişoara
eine Hommage-Tagung zu Ehren von Nichita Stă­nescu. Bei
dieser Gelegenheit wurde ausführlich über den Zauber der
Werke dieses Dichters sowie über den engagierenden Charakter
seiner Botschaft an die Zeitgenossen gesprochen. Gegen Ende
des Jahres (4.-7. November), beherbergte das Staatstheater
eine Gala der rumänischen Dramaturgie, an welcher sich das
Publikum – gemäß den Aufzeichnungen der lokalen Zeitung
– mit Begeisterung beteiligte. Im Monat April des folgenden
Jahres hielt der Dichter Marin Sorescu vor den Studenten
und Professoren der Universität in Timişoara (Fakultät für

90
Sprachwissenschaften) ein Vortrag und traf sich mit den
Mitgliedern des Schriftstellerverbandes der Stadt. Aus späteren
Berichten geht hervor, dass die Debatte über die Situation des
Schriftstellers in der Gesellschaft, über seine Schaffensfreiheit
und die von den Behörden zu erwartende Unterstützung
seiner Bemühungen besonders lebendig und, in bestimmten
Augenblicken, sogar entflammt war.
Eine gute Gelegenheit für die Herstellung von Kontakten
mit Intellektuellen aus dem Ausland wurde von der rumänisch-
tschechoslowakischen philatelistischen Ausstellung geboten,
die vom Museumkomplex des Landkreises Timiş im Oktober
1986 organisiert wurde. An denselben Tagen traf auch der
Literatenkreis Ars Poetica zusammen, welcher von Ion Jurca
Rovina geleitet wurde. Der Literatenkreis wurde mit einem
Medaillon George Bacovia, in Erinnerung des bekannten
symbolistischen Dichters, im Beisein des Sohnes desselben,
Gabriel Bacovia, Kustos des Memorialhauses George Bacovia in
Bukarest.
Einen bestimmten Eindruck machte der Besuch
einer sowjetischen Militärdelegation, welche, außerhalb des
militärischen Programmes den Wunsch äußerte, auch kulturelle
Sehenswürdigkeiten der Stadt Timişoara zu besichtigen. Beim
Museumkomplex Timiş waren die Sowjets von den Ausmaßen
des Personenkultes von Nicolae Ceauşescu und Elena Ceauşescu
überrascht. In den Besprechungen mit den rumänischen Militärs
beschrieben diese die Art, in welcher das von Gorbatschow im
vorhergehenden Jahr eingeführte Reformprogramm in der
Sowjetischen Armee umgesetzt wurde. Man kann sagen, dass
damals die „magischen“ Worte (Perestroika, Glasnost), welche
in einigen Jahren auf dem ganzen Kontinent bekannt werden
sollten, in Timişoara öffentlich ausgesprochen wurden.
Das geistige Leben der Stadt war auch weiterhin sehr
animiert. Im Jahr 1987 wurde der Literatenkreis um die
Zeitschrift Orizont bekannt, in welchem Marcel Tolcea oft
Werke lokaler Dichter im Beisein anderer Kollegen vorstellte.
Im Monat März des gleichen Jahres stellten die Mitglieder des
Ateliers 35 aus Ti­mişoara ihre Werke in der Kunstgalerie Helios
aus. Zwei Monate später wurde der Maler Panait Stănescu-
Bellu mit dem Europäischen Stern ausgezeichnet; diese den

91
Künstler ehrende Auszeichnung wurde ihm von der Akademie
der Literatur, Wissenschaft und Kunst zu Neapel gewährt.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Ausstellung Große
rumänische Schriftsteller (des Karikaturisten Ştefan Popa-Popas)
eröffnet und der Schriftstellerverband organisierte ein Treffen
mit den Dichtern Adam Puslojici und Ioan Florea, welche ihre
Gedichtbände Apă de băut (Trinkwasser), beziehungsweise
Starea de foc (Feuerzustand) lancierten. In der darauffolgenden,
sehr lebendigen Debatte schalteten sich auch Srba Ignjatovici,
Cornel Ungureanu, Crişu Dascălu, Marian Odangiu ein.
Ein Ereignis, welches von Einwohnern Ti­mişoaras mit
viel Sympathie und Achtung empfangen wurde, war das Feiern
des Malers Iulius Podlipny zu seinem 90. Geburtstag, wobei
diesem, für sein gesamtes Werk, der Sonderpreis des Verbandes
der Bildenden Künstler in Rumänien verliehen wurde. Die
Fachpresse wiedergab mit Großzügigkeit die herzlichen
Botschaften, welche dem Meister von den Einwohnern der Stadt
adressiert wurden.
Eine im Kontext der Zeit gewissermaßen singuläre
Aktivität fand bei der Metropolitan Kathedrale, am 27.
November 1988, in der Anwesenheit des Metropoliten, aber
auch verschiedener Amtsträger der Stadt Ti­mişoara, statt: die
Gedenkausstellung „70 Jahre seit der Großen Vereinigung von
1918. Beiträge der Kirche an der Großen Vereinigung“. Die
Ausstellung wurde von einem zahlreichen Publikum besucht,
da sie sofort nach dem Anhalten der Liturgie eröffnet wurde.
Im Jahr der Revolution gibt es in der Presse weniger
Aufzeichnungen kultureller Veranstaltungen; wir halten
dennoch den außerordentlichen Erfolg des Graphikers Vasile
Pintea fest, welcher in berühmten Galerien in Paris und
Wien ausstellte, sowie die intensive Tätigkeit des deutschen
Theaters in Ti­ mişoara, mit einigen Uraufführungen, denen
sowohl deutschsprechende Zuschauer beiwohnten, als auch
rumänisches Publikum.
Ein nennwertes Merkmal der Stadt Ti­mişoara besteht
in ihrem kosmopolitischen Charakter, welcher in einer
bemerkenswerten Synthese verschiedene Traditionen, Bräuche
und Lebensweisen harmonisierte. In der Einschätzung des
Professors Neumann war es dem Kommunismus nicht

92
gelungen, den aus dem österreichischen Kosmopolitismus
des 18. Jahrhunderts hervorgehenden spezifischen
Zivilisationszustand zu beeinträchtigen, so dass sich, am
Ende des 20. Jahrhunderts, die deutschen, rumänischen,
ungarischen, serbischen, jüdischen Gemeinschaften voll (doch
nicht in Gegenstellungen!) weiterhin voll manifestierten.32
In diesem Kontext muss die Ausdrucksfähigkeit und -Vielfalt
der künstlerischen Gruppe Sigma, der Aktionsgruppe Banat
(für die deutschsprachigen Schriftsteller), der mehrsprachigen
Literatenkreise des Schriftstellerverbandes oder der Phoenix
Musikband festgehalten werden. Die Sigma Gruppe setzte
sich aus wertvollen Intellektuellen aus Ti­mişoara zusammen.
Ursprünglich (im Jahr 1966) bildeten mehrere Persönlichkeiten
auf dem Gebiet der bildenden Künste die Gruppe 111, welche
sich durch eine überraschende Anpassungsfähigkeit an die
Neuigkeiten ihres Tätigkeitsbereiches, aber auch verwandter
Gebiete auf europäischer Ebene auszeichneten. Nach der
Auswanderung eines der Gründer (Roman Cotoşman) in die
Vereinigten Staaten bildeten die Gebliebenen die Sigma Gruppe
(in welcher, unter anderen, Ştefan Bertalan, Constatin Flondor,
Dietrich Sayler tätig waren, sowie Lehrer vom Lyzeum für
bildende Künste in Ti­mişoara, denen auch ein Mathematiker
beitrat.)Die betreffende Gruppe und ihre Anhänger (Lyzeum-
Schüler) interessierten sich scheinbar ausschließlich für die
Kunst, aber sie lasen und kommentierten militante Literatur
und westliche Philosophie, sie betrachteten sich als Menschen
des 20. Jahrhunderts und ignorierten das offizielle ideologische
Modell. Im Jahr 1969 erregten sie bei der Biennale in Nürnberg
Aufsehen durch ihre Kapazität, sich mit den europäischen
Tendenzen und Standards auf dem Gebiet zu synchronisieren.
Wir wollen die soziale Komponente der Tätigkeiten der
Gruppe nicht unterschätzen, umso mehr, als ihre Ausstellungen
ausgezeichnete Gelegenheiten für intensive Gespräche unter
Intellektuellen aus Ti­mişoara zu sehr mannigfaltigen Themen
darstellten.
Wenn sich die Sigma Gruppe als exklusivistisch äußerte,
ohne die Absicht zu haben, die Aufmerksamkeit jenseits des
32
Siehe, ausführlich, Victor Neumann, Ideologie şi fantasmagorie (Ideologie
und Phantasmagorie), Bukarest, Polirom Verlag, 2001

93
intellektuellen Milieus auf sich zu lenken, so manifestierte
sich die Aktionsgruppe Banat, ganz im Gegenteil, in militanter
Weise auf sozialer, politischer, ja sogar ideologischer Ebene.
Die Gruppe war aus jungen deutschsprachigen Schriftstellern
gebildet und funktionierte als ein Literatenkreis („Universitas“)
des Studentenkulturhauses (zu der Gruppe gehörten, unter
anderen, William Totok, Richard Wagner, Ernest Wichner,
Anton Sterbling, Rolf Bossert, Anton Bohn, Werner Kremm,
Johann Lippet, Gerhardt Ortinau). Eine starke Persönlichkeit,
mit einer kritischen Haltung gegenüber des Regimes, war jene
der Schriftstellerin aus Ti­mişoara Herta Müller, spätere Trägerin
des Nobelpreises für Literatur33.
Die Dicht- und Prosawerke der betreffenden Autoren
waren in den Veröffentlichungen in rumänischer oder in
deutscher Sprache nicht nur in Timişoara, sondern auch in Braşov,
Sibiu, Cluj-Napoca und sogar in Bukarest (in der Kulturpresse)
zu finden. Selbstverständlich konnte eine solche – zumindest
nonkonformistische – Verhaltensweise von den Organen der
Securitate nicht außer Acht gelassen werden. Die Gruppe wurde
seit dem Jahr 1973, auf Grund des Verdachtes einer Verschwörung
gegen das Regime, unter Überwachung gestellt. Dabei wurde
festgestellt, dass das Werk der betreffenden Schriftsteller mit den
33
Die Securitate charakterisierte sie wie folgt: „die Obengenannte gehört
zu einem Kreis deutschsprachiger Schriftsteller, welche für ihre feindselige
Haltung gegenüber unserem Staate bekannt sind; sie selber nimmt in
ihren Schriften ebenfalls eine solche Haltung an. Sie behandelt in ihren
Schriftstücken Themen mit sozial-ökonomischem Inhalt, in denen sie
interpretative und tendenziöse Ideen hinsichtlich unseres Staates einfließen
lässt. So auch im Prosaband Niederungen, welches beim Kriterion Verlag
in Bukarest, im Jahr 1982 veröffentlicht wurde, in welchem Texte wie „Das
Schwäbische Bad“ (Baia şvăbească), enthalten sind. Dieser Text wurde in der
Zeitung „Neuer Banater“ veröffentlich und wurde in negativer Weise von
den Lesern kommentiert.
Ein anderer Text ist „Meine Familie“ (Familia mea), welcher die Situation
der Familie in der rumänischen Gesellschaft darstellt.
In Dorfchronik (Cronica satului) werden Aspekte geschildert, aus denen
der vollständige Niedergang eines deutschen Dorfes im Banat hervorgeht.
Im betreffenden Dorf „...gibt es nur noch 11 Schüler mit vier Lehrern. Auf dem
Markt wurde früher viel Vieh verkauft, jetzt herrscht hier die Armut ”. (Apud:
https://mariusmioc.wordpress.com/2009/10/09/securitatea-romana-
despre-herta-muller/).

94
politischen Ideen in Österreich und Deutschland verbunden war.
Die Mitglieder der Gruppe kritisierten durch ihre Schriften den
Populismus und die unverschämte Propaganda des Regimes, sie
verurteilten die Unentschiedenheit der Bevölkerung, Stellung
zu nehmen sowie die Interesselosigkeit hinsichtlich der immer
stärkeren Degradierung der Lage des Menschen, sie wiesen
den Konformismus und Opportunismus ab. Die Gruppe war,
im Wesentlichen, eine protestierende Gruppe, wenn auch
der Protest von marxistischen Standpunkten erfolgte (die
deutsche Presse war überrascht, festzustellen, dass in Rumänien
sogar auch die deutschen Marxisten abgelehnt wurden34. Die
Aktivitäten der Gruppe fanden sich in den 90ger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts im bürgerschaftlichen Geist der
Einwohner des Kreises Timiş – bei Weitem der reinsten und
am besten strukturierte im Rumänien der ersten Jahre nach der
Revolution – wieder.
Dieses sind nur ein Teil der Aufzeichnungen, welche
ich den Lesern, insbesondere jenen aus Timişoara, in
Erinnerung bringen wollte; diese entsinnen sich sicherlich
des – trotz der Einschränkungen aller Arten - lebendigen
Geistes der dargestellten Veranstaltungen. Die Einwohner von
Timişoara erlebten Augenblicke geistiger Genugtuung indem
sie sich im Genießen einer Theatervorstellung oder einer
Gemäldeausstellung vertieften, beziehungsweise indem sie sich
die Werke der Schriftsteller aus Timişoara oder anderen Städten
anhörten oder lasen.
Eine andere in der Stadt intensiv kommentierte
Erscheinung bestand in der illegalen Grenzüberschreitung durch
immer mehr Einwohner der Stadt. Mangels der erforderlichen
Transparenz wurden solche Geschehen in verschiedenen
Weisen interpretiert, und oft entstanden auf ihren Kosten
Legenden. Der Grund, aus welchem solche Geschehen, welche
ursprünglich isoliert waren, die Ausmaße eines Phänomens
erwarben, bestand in der fehlenden Freiheit, in der ständigen
Verletzung der Menschenrechte, im abusiven Verhalten der
kommunistischen Behörden, in den Rationalisierungen aller
Arten, welche unerträglich geworden waren. Diese Erscheinung
34
Apud: Victor Neumann, zitierte Werke, passim.

95
wird vom Professor Ioan Munteanu wie folgt synthetisiert: „In
nur zwei Monaten (1. Juli – 31. August 1987) wurden auf dem
Gebiet des Landkreises Timiş 319 Personen identifiziert, welche
die Absicht hatten, aus dem Land zu fliehen. In Wirklichkeit
stieg die Anzahl dieser Personen auf 452, einschließlich jener,
denen es schon gelungen war, im Ausland zu gelangen“35. Diese
Zahl war sogar größer, weil die Grenzsoldaten nicht über alle
Ereignisse an der Grenze Bericht erstatten pflegten. Das Los der
Flüchtlinge war nicht immer ein glückliches, aber die Menschen,
die zu dieser Lösung griffen, waren verzweifelt. Jene, welche in
Jugoslawien gelangten, wurden festgehalten und wurden nach
Rumänien zurückgeschickt, wo sie unbeschreibliche Qualen
dulden mussten, auch wenn sie nicht gefangen gehalten wurden.
Diejenigen, welche jenseits der Grenze blieben, wurden im
Lager von Padinska Skela interniert36 .Um uns die Ausmaße
dieses Phänomens vorzustellen ist es genug, festzuhalten, dass
alleine in den Monaten Juli-August 1987 den rumänischen
Grenzsoldaten 252 Personen zurückgeschickt wurden, davon
89 Personen mit dem Arbeitsplatz und dem Wohnsitz im Kreis
Timiş. 60 von diesen waren Arbeiter, 7 waren Lyzeum-Schüler,
4 waren Beamte, 4 hatten Hochschulstudien und 14 gehörten
anderen sozialen Gruppen an37. Die Chancen dieser Personen,
in ihrer Karriere gefördert zu werden, waren nun gleich null.
Übrigens vertrat der Sicherheitsdienst des Kreises Timiş schon
im Jahr 1987 den Standpunkt, dass die an der Grenze getroffenen
Sondermaßnahmen das Phänomen nicht eindämmen konnten
und dass „häufig im Sinne der illegalen Grenzüberschreitung
agiert wird”38. Die wichtigsten Stellen, an denen die Grenze
illegal überschritten wurde, waren jene an den Gemarkungen der
Grenzortschaften: Jim­ bolia, Jamu Mare, Cruceni, Gherman,
Giera, Partoş, Stamora Germană, Moraviţa, Beba Veche, Cenei,
Lunga, Pordeanu, Foeni, Livezile, Banloc, usw.
Im folgenden Jahr (1988) erreichte dieses Phänomen
noch größere Ausmaße. In einer geheimen Note vom 6. Juni gab
35
Alexandru Oşca, Ioan Munteanu, Dumitru Tomoni, Emil Şimăndan,
zitierte Werke, S.123-125.
36
Ibidem.
37
Ibidem.
38
Ibidem.

96
die Securitate des Kreises zu, dass „...die Anzahl der Personen,
welche als Touristen in die Bundesrepublik Deutschland gereist
sind und ihre Rückkehr verweigert haben gestiegen ist”39.
In den folgenden Monaten des Jahres 1989 wurden
weitere 321 Personen festgenommen, als sie versuchten, illegal
nach Jugoslawien überzugehen; dazu kommt die Anzahl der
Personen, denen die Grenzüberschreitung gelang und deren
Anzahl nicht bekannt ist. Tatsächlich wurden nicht alle
Flüchtlinge von den rumänischen Grenzsoldaten erwischt.
Beim Pikett von Teremia-Vest entdeckten die Grenzsoldaten
drei Pfade, welche von nichtidentifizierten Personen, denen
der Grenzüberschreitung gelang, verwendet wurden. Anderen
Personen, welche in Jugoslawien festgenommen waren, gelang
es, bis Österreich und Italien zu gelangen und von dort in
andere westliche Länder zu flüchten.
Wenn wir die Zahl weiter oben mit der Anzahl der aus
Jugoslawien zurückgekehrten Rumänen zusammenzählen,
stellen wir fest, dass innerhalb von nur fünf Monaten
mindestens 773 rumänische Bürger die Absicht hatten, das
Land illegal, durch das Grenzgebiet des Banats, zu verlassen.
Die meisten von ihnen stammten aus dem Kreis Timiş und,
selbstverständlich, aus Timişoara.
Die Ereignisse in Timişoara vom Dezember 1989 haben
demnach klar definierte Ursachen, sowohl wirtschaftlicher, als
auch politischer und kultureller Natur. Die Unzufriedenheit im
Zusammenhang mit der Unsicherheit ihres Arbeitsplatzes (auf
welche wir nicht näher eingegangen sind, welche aber unter
den Umständen des kommunistischen Regimes eine Neuigkeit
darstellte und im Jahr 1989 in Timişoara zu einer Realität
geworden war), die materielle Deprivation und die von den
Behörden auferlegten Beschränkungen, das moralische Elend,
der Zustand ständiger psychischer Spannung, in welchem der
Großteil der Einwohner lebte, die Umstände aus dem Ausland,
wo überall radikale Änderungen und erneuernde Umwälzungen
aufgezeichnet wurden, stellen Faktoren dar, welche für die
explosive Situation am Ende des Jahres verantwortlich waren:
„Diese grausamen Realitäten beherrschten die rumänische
39
Ibidem.

97
Gesellschaft über vier Jahrzehnte lang; aus ihnen entsprangen
die reellen Ursachen der Revolution, welche im Dezember 1989
in Timişoara ausgelöst wurde“40.
Aus diesem Grund vertrete ich den Standpunkt, dass
die Behauptung, gemäß derer die Einwohner von Timişoara im
Dezember 1989 einfache Zuschauer eines anderswo geplanten
Theaterstückes, oder eine amorphe Manövrierungsmasse
darstellten, welche sich gemäß den „Festlegungen“ der Planer
eines Staatsstreiches bewegten, in keiner Weise gerechtfertigt
ist. Es ist offensichtlich, dass im
Dezember 1989 die Einwohner von Timişoara – welche
entrüstet und am Rande der Erträglichkeit gelangt waren,
dem Regime einen tödlichen Schlag versetzten. Wie wir im
Folgenden sehen werden, nahmen sich diese Menschen nicht
vor, eine Führungsmannschaft eines totalitären Regimes mit
einer anderen, der gleichen politischen Formation zu ersetzen,
ohne das System als solches zumindest zu stören. Sie opferten
sich für den Wechsel des Systems an und für sich. Was hätten
sie denn gewonnen, wenn sich die mit vielen Opfern endenden
Straßenkämpfe auf einen einfachen Regierungswechsel
beschränkt hätten? Ich bestreite nicht das Vorhandensein eines
solchen Projektes, welches unter bestimmten geopolitischen
Umständen oder von verschiedenen Gruppierungen im
Lande entwickelt wurde. Was aber beim heutigen Stand
der Dokumentierung feststeht ist, dass die Einwohner von
Timişoara den Willen, die Entschlossen und die tiefgehenden
(und, wie es sich zeigen wird, dringenden) Motive hatten, um
sich zu erheben und ein in der Zeit erstarrtes Regime, welches
allmächtig und ewig zu sein schien, zu beseitigen.

40
Ibidem, S. 125.

98
III. DER AUSBRUCH DES AUFRUHRS,
DER VERLAUF UND DER SIEG DER
REVOLUTION

III. 1. Der Ausbruch des Aufruhrs

Im vorigen Kapitel wurden einige der in der


Geschichtsschreibung ausgedrückten Standpunkte hinsichtlich
der wirklichen Gründe, der unmittelbaren und der tiefgehenden
Ursachen, welche den Ausbruch des Aufruhrs und dann
einer Revolution in Timişoara ermöglichten, dargestellt.
Eine Analyse dieser Standpunkte kann den Gegenstand eines
separaten Schriftstückes darstellen; auf dieser Weise könnten
alle (oder die meisten der) internen Ursachen identifiziert
werden, sowie auch die Konjunktur, die direkten ausländischen
Einflüsse, welche in den letzten zwei Jahrzenten des letzten
Jahrhunderts auf die rumänische Gesellschaft einwirkten.
Eine gesonderte Behandlung dieser Aspekte, in voneinander
getrennter Form, kann vorgenommen werden, jedoch nur für
didaktische Zwecke, da, in Wirklichkeit, diese beiden Ebenen
ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen.
Die Herangehensweisen hinsichtlich der Ursachen und
der Protagonisten der Ereignisse, auf welche wir uns beziehen,
teilen die Forscher – und nicht nur diese – in zwei Lager:
die einen, welche die internen, ja sogar lokalen Ursachen als
prioritär und bestimmend für die Auslösung und den Verlauf
der Ereignisse betrachten, und die anderen, welche überzeugt
sind, dass die Ereignisse von außerhalb des Landes ausgelöst
wurden und ein dort entwickelten Szenarium verfolgten,
durch Protagonisten, die von verschiedenen interessierten
Regierungen gesteuert wurden, wobei die Einwohner von
Timişoara, mit oder ohne ihrem Wissen, in diesen Ereignisse
mitreißen ließen und auch die größten Risiken eingingen.

99
Letztere Herangehensweise ähnelt der Theorie und den
Erklärungen, welche der Diktator selbst seinen Nächsten und
der ganzen Bevölkerung, durch Rundfunk und Fernsehen gab,
als er verzweifelt versuchte, das Regime zu retten. Erinnern wir
uns an die Rede des Staatschefs, welche vor seinen Nächsten –
und später vor der ganzen Nation – gehalten wurde, betreffend
die Ursachen des Aufruhrs in Timişoara, aus welcher wir
folgendes festhalten:

Merkblatt Nr. 2
Auszüge aus den Reden von Nicolae Ceauşescu bei den
Sitzungen des Politischen Exekutivkomitees
(17. – 22. Dezember 1989)

„... Es ist notwendig, allen Staatsbürgern, noch an diesem


Abend, zu erklären, dass alle diese ernsten Zwischenfälle in
Timişoara von revancharden, revisionistischen Kreisen, von
ausländischen Spionage-Diensten organisiert und gesteuert
wurden, mit dem klaren Ziel, Unordnung zu verursachen,
die Situation in Rumänien zu destabilisieren, im Sinne
der Zerstörung der Unabhängigkeit und der territorialen
Souveränität Rumäniens.“
(...)
„Ich richte mich heute Abend an das ganze Volk
unseres sozialistischen Vaterlandes, in Verbindung mit den
ernsten Ereignissen, welche in den letzten Tagen in Timişoara
stattgefunden haben.
Am 16. Und 17. Dezember organisierten einige
Gruppierungen hooliganischer Elemente, unter dem Vorwand,
die Vollstreckung einer gerichtlichen Entscheidung verhindern
zu wollen, eine Reihe von Aktionen und Aktionen und
Zwischenfällen, griffen dann einige staatliche Institutionen an,
zerstörten und plünderten eine Reihe von Geschäftshäusern, von
öffentlichen Gebäuden, um, am 17. Dezember, ihre Aktionen
gegen die Staats- und Parteieinrichtungen, einschließlich eine
militärische Einheit, zu intensivieren.
Aus dem Verlauf der Ereignisse und den Erklärungen
von Teilnehmern geht hervor, dass diese Gruppierungen den
Zweck hatten, Unordnung und die Zerstörung der allgemeinen

100
Institutionen und Güter der Stadt hervorzurufen und das
Zeichen für ähnliche Aktionen in weiteren Zentren zu geben...“
Was stellen wir hier fest? Wenn der Diktator bei seinen
ersten Besprechungen mit seinen Helfershelfern ausschließlich
Laszlo Tökes für die Ereignisse in Timişoara verantwortlich
machte, informierte dieser, bei den nachträglichen Treffen mit
den Mitgliedern des Politischen Exekutivkomitees (und im
Rahmen der ersten Telekonferenz mit den Ersten-Sekretären),
dass die Ereignisse durch das konzentrierte Handeln der
spezialisierten Dienste aus dem Westen und aus dem Osten
hervorgerufen waren. Tökes war beinahe vergessen. Dem Volk
gegenüber wurde jedoch das Thema der Ungehorsamkeit und
der Nichtbeachtung der Gesetze seitens des Pastors viel länger
aufrechterhalten, einschließlich in der fernsehübertragenen
Rede vom 20. Dezember (19.00 Uhr). Dieses Thema wird in den
öffentlichen Reden erst am 21. Dezember aufgegeben, als bei der
Volksversammlung am Palastplatz nichts mehr über den Pastor
erwähnt wurde und die ganze Aktion auf die ausländischen
Kreise abgeschoben wurde, welche das Land destabilisieren
und von ihrem Fortschritt auf dem Weg der sozialistischen
Entwicklung aufhalten wollten.Ein soziales Phänomen von
den Ausmaßen jenes im Rumänien des Jahres 1989 hätte, mit
Sicherheit, ohne einem begünstigenden externen Kontext nicht
existieren können. Doch die kommunistischen Regimes des
europäischen Raumes waren schon, vor 1989, sogar gewaltsam
herausgefordert worden, ohne aber zusammenzubrechen.
Der ausländische Faktor hatte damals in sichtbarer Weise
funktioniert (durch Truppeneingriffe) und hatte mit dem
Zweck der Aufrechterhaltung des Systems eingewirkt1. Die
Versuche der Polen, Ostdeutschen und Ungarn in den 50ger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sich von der Kontrolle
Moskaus zu emanzipieren, endeten mit vielen Opfern (im
Jahr 1956, in Ungarn, wurden tausende von Menschen
getötet – manche Quellen reden von 2700), aber das Regime
blieb bestehen. In den folgenden Jahrzehnten fanden weitere
Versuche mit ähnlichen Zwecken statt (die Tschechoslowaken,
in 1968; die Rumänen, in 1964, 1977, 1987, in Aktionen mit
1
Polen, Ungarn, DDR.

101
verschiedenen Zielsetzungen und Protagonisten; und wieder
die Polen, am Anfang der 80ger Jahre), doch wurden diese mit
bescheidenen Erfolgen oder mit Misserfolgen finalisiert.
Überall war es offensichtlich, dass der im
kommunistischen Osten experimentierte Gesellschaftstyp dem
Bankrott nahe war; zwischen dem marxistischen theoretischen
Modell des 19. Jahrhunderts und der Praxis des folgenden
Jahrhunderts gab es enorme Unterschiede; kein Amtsträger des
Regimes wagte es, die Unzulänglichkeiten der marxistischen
Lehre der die rudimentäre Vorstellung der sowjetischen Führer
über die Konzepte der marxistischen Theorie zu zuzugeben.
Ab und zu gab es Initiativen, durch welche eine Reform des
Systems versucht wurde, ohne jedoch dessen Grundlage, dessen
Kern zu berühren. Durch diese Vorgehensweise schlossen
sich die betreffenden Gemeinschaften noch mehr ein, sie
entdeckten noch schneller ihre strukturellen Begrenzungen,
beschleunigten ihr Ende.
Es wird in sehr vielen Werken behauptet, dass sich
Michail Gorbatschow, bei seiner Installierung im Kreml, dieser
Realität bewusstwurde und versuchte, diese zu ändern, in einer
tiefgehenden Weise zu reformieren. Es geht aber von nirgends
hervor, dass er sie auch revolutionieren wollte. Gemäß dem
schon vorhin im System existierenden Usus wurden die Ideen
des neuen Führers im Kreml nach ihrer Vorstellung sofort
weitergeleitet, um im der sowjetischen Einflusszone umgesetzt
zu werden. Die Moskauer Bürokraten bestanden darauf, dass
sie in allen Satellitenländern sofort in Praxis umgesetzt werden.
Und dieses, selbstverständlich, durch neue, reformierende
Mannschaften, da die alten Führer nicht die Fähigkeit hatten,
eine so mutige und vorhersehbare Übung durchzuführen.
Es gibt, im Allgemeinen, wenige direkte Quellen
(die anderen sind lediglich Spekulationen), welche diesen
Eingriff erkennen: förmlich, offiziell wurde er abgestritten; in
den meisten Medien wird sogar auf die Idee bestanden, dass
Gorbatschow selbst gefordert hätte, dass jeder verbündete
kommunistische Staat sein System nach dem Wunsch einer
jeden Führung reformierte, ohne einen Eingriff seitens
Moskau, wobei die viel-belästerte „Breschnew-Doktrin“
schon Geschichte war. Anlässlich der Besprechungen von

102
Malta, zwischen Bush und Gorbatschow, soll letzterer einen
besonderen Satz zu diesem Thema ausgesprochen haben.
Wir verfügen aber auch über zwei sehr wertvolle Aussagen,
deren eine aus der unmittelbaren Nähe der sowjetischen
Führung kommt: es handelt sich um Valeri Muschatow,
ehemaliger Stellvertreter des Leiters der Internationalen
Abteilung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion2. Laut
diesem bedeutete das Aufgeben der „Breschnew-Doktrin“
nicht, dass die Sowjets auf jede Form der Einmischung, der
Beeinflussung oder der Bestimmung der Realitäten in den
Satelliten-Ländern verzichteten; sie verzichteten nur auf den
sichtlichen, kostspieligen militärischen Eingriff, welcher ihnen
ohnehin einen riesigen Imageschaden auf internationaler
Ebene verursachte. Und zu diesem Punkt hatten es die
Sowjets nötig, viel nachzuholen und ein Sympathiekapital
aufzubauen; daher mussten sie ihre Reformen akzeptabel und
glaubwürdig („sympathisch“), einschließlich außerhalb ihres
„Verantwortungs“-Bereiches erscheinen lassen. Die übrigen
(unmilitärischen!) Einflusskanäle blieben im Betrieb, ja wurden
sogar verstärkt eingesetzt. Denken wir, zum Beispiel, an die
Beseitigung von Schiwkow von der Spitze des Zentralkomitees
der bulgarischen Kommunisten. Das Verfahren wird von
Jordan Baev und Plamen Petrov erklärt, die eine direkte
Quelle zitieren, aus welcher die unmittelbare Involvierung
des sowjetischen Botschafters in Sofia hervorgeht. „Das war
nicht die Hand des KGB – sagt der russische Botschafter in
Sofia, Viktor Scharapow. Ich sprach mit Schiwkow in meiner
Eigenschaft als Botschafter, und nicht als Person, die für das
KGB gearbeitet hatte. Das, was geschah, war eine natürliche
Entwicklung und war nicht zu vermeiden. Am wichtigsten
war es, dass so wenige Opfer wie möglich existierten. Nach
den Besprechungen mit Schiwkow, mit meinen bulgarischen
Kollegen und Freunden, schien die Sache möglich zu sein.
Wir sprachen nur darüber, wie dieses realisiert konnte, so
2
Lorin Ioan Fortuna (Koordinator), Accentuarea crizei de regim în ţările
socialiste europene (1980-1990) (Betonung der Krise des Regimes in den
europäischen sozialistischen Ländern), Timişoara, Artpress Verlag, 2009, S.
35-37.

103
dass möglichst wenige Unruhen zustande kommen und die
Dinge so günstig wie möglich für die bulgarische Gesellschaft
aussehen“.3
Was Rumänien anbelangt wurden die Einwirkungshebel,
welche von den Sowjets in allen verbündeten Hauptstädten
gebaut und konserviert worden waren, nicht auch in Bukarest
im gleichen Maße beibehalten – oder, auf alle Fälle, nicht bis
zum Potential der Bestimmung der vom „größeren Bruder“
eingeleiteten Änderungen „an der Spitze“. Meiner Meinung
nach sind die Umwälzungen in Rumänien nicht – im gleichen
Maße wie in den anderen „verbrüderten Ländern“ – unmittelbar
und sehr eng mit den Entwicklungen im europäischen
kommunistischen Block verbunden. Ich sage nicht, dass
diese Einflüsse völlig gefehlt haben, stelle jedoch fest, dass
sie sich in einer anderen Form, auf einem anderen Wege, in
einem anderen Tempo, mit anderen Protagonisten und mit
anderen Ergebnissen offenbarten. Die von Gorbatschow
lancierten reformistischen Konzepte riefen in Bukarest keine
offene Debatte vor, das Regime lehnte sie ab und machte alles
Mögliche, dass diese dem weiten Publikum unbekannt blieben.
Es stimmt zwar, dass Rundfunkstationen wie Europa liberă
(Freies Europa), B.B.C. (oder jene der benachbarten Länder)
die Änderungen aus der kommunistischen Welt ausführlich
darstellten, so dass ein Teil der rumänischen Bürger von ihnen
erfuhr. Die Informationen waren aber ziemlich ungenau und,
auf alle Fälle, für die Rumänen nicht von unmittelbarem
Interesse. Mit Ausnahme der Aussagen von Ceauşescu beim
letzten Kongress der kommunistischen Partei, welche sich auf
allgemeine Bemerkungen limitierte, über die Gefahr, welche die
Aktion der „reaktionären Kräfte” gegen das kommunistische
System darstellte, äußerte sich kein kommunistischer
Amtsträger dazu in öffentlicher Weise, keiner bezog sich auf
bekannten gorbatschowisten Thesen: Perestroika, Glasnost,
Uskarenie, Novoie Mischlenie usw., welche in den Mass-Media
der benachbarten Länder und sogar des Westens so anwesend
waren.
3
Alexandru Oşca (Koordinator), 1989 – an decisiv… (1989 – entscheidendes
Jahr...), S. 69.

104
Vielleicht war auch aus diesem Grunde der Weg
Rumäniens zur Demokratie – durch eine blutige Revolution –
anders als in den anderen ehemals sozialistischen Staaten;
auf alle Fälle haben diejenigen, welche sich in Rumänien
gegen das Regime erhoben haben, dieses nicht getan, um
die Führer in Bukarest zu zwingen, Folge zu leisten und dem
Beispiel Moskaus nachzugehen; in den ersten Programmen der
Revolutionäre wird nicht explizit auf die Änderungen in der
UdSSR. verwiesen, und die Bezugnahmen auf die die anderen
europäischen sozialistischen Staaten sind allgemeiner Art.
Dieses bedeutet nicht, dass es zwischen den
Entwicklungen in Rumänien und jenen der anderen
„Schwester”-Staaten keine Ähnlichkeit vom Standpunkt der
Etappen des Einsatzes des demokratischen Regimes, nach
der Beseitigung der Diktatur, gibt. Es gab aber auch sehr viele
Unterschiede; die Zerstörung der Strukturen des alten Regimes
erfolgte in einer verschiedenen Art und Weise, wobei sich die
Bevölkerung und die neuen Behörden, förmlich, auf kein
vorheriges Modell beriefen4.
Der Wunsch nach Veränderung war in allen Milieus zu
spüren (einschließlich auf der Ebene mancher Mitglieder der
kommunistischen Partei), doch war er eher mit der Hoffnung
der Beseitigung von Ceauşescu verbunden, es wurde nicht
darüber geredet, was oder wie es nach ihm werden sollte.
Bereits im Sommer des Jahres 1989 waren in den wichtigsten
Städten Rumäniens große Erwartungen im Zusammenhang
mit der Möglichkeit der Ausscheidung von Nicolae Ceauşescu
von der Führung der Kommunistischen Partei, anlässlich des
14. Parteitages (im November 1989) entstanden. Hinsichtlich
seiner Beseitigung aus dem Amt wurden mehrere Varianten
unterstellt (die am häufigsten zirkulierte von ihnen bestand
in seinem Ersatz durch Nicu Ceauşescu, sein jüngerer
Sohn, welcher zur damaligen Zeit Erster-Sekretär des
4
Meiner Ansicht nach überschätzt Mihail Decean die Rolle dieses
Konzeptes in der Auslösung der Ereignisse in Timişoara. „In Rumänien“,
meint Decean, „begann die Perestroika in Timişoara, im Dezember 1989,
am Hintergrund der allgemeinen Unzufriedenheit der Bevölkerung des
ganzen Landes hinsichtlich des täglichen Lebens“ (Iosif Costinaș, Întrebări...
(Fragen...), S. 25)

105
Kreisparteikomitees in Sibiu war). Um jedwede Gerüchte und
Spekulationen zu diesem Thema auszuräumen, veranlasste die
unbeugsame kommunistische Bürokratie in Bukarest, dass
der Vorschlag zur Ernennung des Generalsekretärs der Partei
vor dem Beginn des Kongresses, von jeder Parteiorganisation
diskutiert wurde.
Wiederum eine dumme Übung, durch welche der
Persönlichkeitskult so weit wie möglich getrieben wurde,
wobei die Duplizität und der Formalismus jede Grenze
überschritten. Der Vorschlag bezog sich, selbstverständlich, auf
die Wiederwahl von Nicolae in der obersten Stelle der Partei.
Es wurde eine einstimmige und enthusiastische Unterstützung
dieses Vorschlages seitens „des gesamten Volkes” erhofft5.
Entgegen den Erwartungen entstand, in einigen
Arbeitsgemeinschaften der großen Industrieplattformen des
Landes, ein Gefühl der Frustration und der Ohnmacht, der
Unzufriedenheit über das Verfahren des Aufdrängens einer
Person für die betreffende Stelle, als auch über die Person
selbst, welche ihr Leben für weitere fünf Jahre führen sollte.
Den Organen des Sicherheitsdienstes und dem Parteiapparat
gelang es, die Bevölkerung für den Augenblick zu beruhigen,
umso mehr, als die Auseinandersetzungen insbesondere auf
der Ebene der Parteimitglieder stattfanden.
Aber der Zustand der Spannung und der Verwirrung
blieb bestehen und verbreitete sich bis zum Parteitag in den
weitesten Medien, um sich nach dem Kongress zu verstärken.
Auf diesem Hintergrund wurden bereits vom 10.-11.
Dezember 1989 (in Timişoara, Iaşi, Suceava, Sibiu, Cluj – Na­
poca, Bukarest) Flugblätter gegen Ceauşescu verteilt, welche
die Leute mobilisierten, sich öffentlich gegen das Regime
auszusprechen: „Herunter mit der Diktatur!”, „Herunter mit
der Tyrannei von Ceaușescu!”, „Tod dem Diktator!”

5
An der Konferenz der Parteiorganisation des Kreises Timiş, vom 5.
Dezember 1987, nahm, als Vertreter des Zentrums, der General Vasile Milea
teil, welchen die Kommunisten aus Timişoara bevollmächtigten, sie bei der
Nationalkonferenz der Partei zu vertreten. (Vasile Dudaș (Koordinator),
Din cronica județului Timiș (Aus der Chronik des Kreises Timiş), 2. Ausgabe,
Timişoara, Orizonturi universitare Verlag, 2006, S. 312)

106
Am 14. Dezember 1989 richtete eine den Behörden
unbekannte politische Formation (Die Rumänische Volksfront
oder Front zur Nationalen Rettung) in Iași einen Aufruf an die
Bevölkerung, welche eingeladen war, sich vor dem Kulturpalast
zu einer Kundgebung zu versammeln, um gegen die Regierung
zu demonstrieren. Der „Aufruf ” war sehr konkret und bezog
sich auf die Verbesserung der Lebensbedingungen in der
Perspektive eines schrecklichen Winters für die Einwohner
von Iaşi. „Lasst uns dem Hunger, der Kälte, der Angst und der
Dunkelheit, welche seit 25 Jahren herrschen, ein Ende setzen“,6
hieß es in dem „Aufruf “. Die Bezugnahme war offensichtlich, es
wurde auf das Regime der letzten 25 Jahre verwiesen, es wurde
nicht die ganze kommunistische Periode aberkannt. „Es steht in
unserer und nur in unserer Macht, uns vom grässlichsten Joch
zu befreien, welches unser Land je gehabt hat“7. Der Versuch
scheiterte, stellte aber trotzdem einer der Auslösung der Revolte
der Einwohner von Timişoara vorangehende Aktion, obgleich
den Einwohnern Timişoaras (und anderer Städte) diese
Initiative nicht bekannt war, weil es den kommunistischen
Behörden gelungen war, sie vom informationellen Standpunkt
zu blockieren8.
6
Zur Aktion in Iași siehe auch Einzelheiten in: Cassian Maria Spiridon,
Gheorghe I. Florescu, zit. Werke, passim. Siehe auch Adi Cristi, Revoluția la
Iași (Die Revolution in Iași), TipoMoldova, 2006.
7
Idem.
8
Es gibt mehrere „Akteure“ welche behaupten, die Initiative des
Zusammenrufens dieser Versammlung gehabt zu haben. Auch hinsichtlich
der Benennung der Formation gibt es mehrere Versionen. (Es zirkulierten
zwei Benennungen: Die Rumänische Volksfront, beziehungsweise Die Front
zur Nationalen Rettung. Interessanterweise wurden nachträglich beide
Benennungen, im Kontext der Machtübernahme nach der Beseitigung des
kommunistischen Regimes, erwähnt: „F.S.N.“-Die Front zur Nationalen
Rettung, ist wohlbekannt, doch vor der Gründung der F.S.N. sprach Petre
Roman vom Balkon des ehemaligen Zentralkomitees der Kommunistischen
Partei im Namen der Rumänischen Volksfront.) Die Versammlung scheint
die Idee der Gebrüder Stoica gewesen zu sein. Diese riefen, durch
Flugblätter, die Bevölkerung zu einer Versammlung auf, welche am 16.
Dezember, um 18.00 Uhr stattfinden sollte. Andere Flugblätter riefen die
Einwohner für den 14. Dezember, um 16.00 Uhr, ein. Diese Aktion wurde
von Ştefan Prutianu, Titi Iacob und Cassian Maria Spiridon vorbereitet.
Eine weitere Versammlung wurde durch Flugblätter dreier Studenten, für

107
Merkblatt Nr. 3
Aufruf an alle gutgläubigen Rumänen

Die Zeit unserer Entfesselung ist da.


Lasst uns dem Hunger, der Kälte, der Angst und der
Dunkelheit, welche seit 25 Jahren herrschen, ein Ende setzen.
Lasst uns dem Terror der Diktatur von Ceaușescu, welche
das ganze Volk bis zur Schwelle der Verzweiflung gebracht hat, ein
Ende setzen.
Wir sind das letzte Land in Europa geblieben, in welchem
der von einer inkompetenten, böswilligen Führung verstärkte
stalinistische Alptraum fortbesteht.
Lasst uns beweisen, dass wir, die Letzten, die Ersten sein
können.
Es steht in unserer und nur in unserer Macht, uns vom
grässlichsten Joch zu befreien, welches unser Land je gehabt hat.
Zu diesem Zweck rufen wir alle gutgläubigen Bürger
auf, am Samstag, 16. Dezember, um 18.00 Uhr, an einer
Protestdemonstration teilzunehmen, welche am Unirii Platz
stattfinden wird.
Wir möchten, dass die Demonstration in völliger Stiller
verläuft, und dass wir uns um 19.00 zum Kulturpalastplatz
begeben, wo das Ende der Demonstration stattfinden wird, wobei
wir uns am Samstag, den 23. Dezember, zur selben Zeit und an
derselben Stelle wiedertreffen werden. Die letzte Demonstration
wird am 30. Dezember, um 18.00 Uhr stattfinden, wenn wir die
Beseitigung von Ceauşescu und seiner Familie von der Führung
des Staates fordern werden.
Wir fordern die Armee, die Miliz und die Securitate auf,
Mut, Patriotismus und politische Klarsicht zu beweisen und uns
in unserem Bestreben, dieses Volk zu retten, zu unterstützen“9.
Fast alle Studien, Mitteilungen und Beiträge über
die Ereignisse vom Dezember in Timişoara erwähnen die
Tatsache, dass der Vorwand (nicht als Ursache) des Ausbruches
den 10. Dezember, um 16.00 Uhr, vorgeschlagen.
9
Cassian Maria Spiridon, Iaşi, 14 decembrie 1989. Începutul Revoluţiei
Române (Iași, 14. Dezember 1989. Der Beginn der Rumänischen Revolution),
Timpul Verlag, Iaşi, 1994, S.15-16.

108
des Aufruhrs in der ersten Stadt Rumäniens, in welcher
die Revolution ausbrach, eine aberrante Entscheidung der
Behörden darstellte, die in unangemessener Weise gegen einige
zu nichtviolenten Demonstranten gewordene Kirchengänger
reagierte. Einige reformierte Gläubiger und gelegentliche
Anhänger derselben versammelten sich vor der Kirche an dem
Tag, an welchem der Interimspastor (Laszlo Tökes), infolge
einer Anordnung von seinem Vorgesetzten und auf Grund
einer gerichtlichen Entscheidung, evakuiert werden und sich
zu einem neuen Arbeitsplatz begeben sollte. An seiner Stelle
war ein erfahrener Pfarrer ernannt worden, welcher alle
Bedingungen für einen Aufstieg in der Karriere erfüllte. Aber
der Interimspastor (Tökes) vermutete, dass diese Maßnahme
seinem Erzbischof von den weltlichen Behörden aufgezwungen
worden war, welche Tökes der Kollaboration mit ausländischen
(ungarischen) Sonderdiensten verdächtigten. Der Pastor war
übrigens eine öffentliche Person, welche vom Fernsehen in
Budapest als einen Kämpfer für die Verteidigung der Rechte
der ungarischer Minderheit in Rumänien vorgestellt wurde,
und die reformierte Gemeinschaft in Timişoara wünschte
nicht, dass er ersetzt werde. So benachrichtigte dieser seinen
Vorgesetzten, dass es sich verweigerte, dessen Anordnung
Folge zu leisten und auch die Wohnung, welche Eigentum der
Kirchgemeinde war, nicht verlassen wollte10.
Aus diesem Grund richtete sich der Erzbischof von
Oradea an die Justiz und erhielt eine gerichtliche Entscheidung
für die Evakuierung der Wohnung, welche Eigentum der
Kirchgemeinde darstellte und in welcher der neue Pastor
umziehen musste. Aus den Stenogrammen der Sitzungen des
Exekutivkomitees und der Telekonferenzen mit den Ersten-
Sekretären der Landkreise vom 17., 20. Und 21. Dezember,
sowie aus den Reden Nicolae Ceauşescus aus dieser Periode
geht hervor, dass es dem Diktator recht war, die ernsten
10
In einem Nicolae Ceauşescu im Monat November 1989 geschickten Brief
beschwert sich Laszlo Tökes, dass ihn der Erzbischof von Oradea und die
Stadtbehörden verfolgen. Er verlangt „seiner Eminenz” Nicolae Ceauşescu
Maßnahmen zur Einstellung der Schikanen gegen ihn und die reformierten
Gläubiger in Timişoara zu treffen. (Siehe das Posting am Blog von Marius
Mioc, 01.09.2016).

109
Ereignisse in der Stadt durch das Verhalten des reformierten
Pastors zu erklären, umso mehr, als er ergänzend behauptete,
dass die Unruhen seitens der Großmächte aus dem Westen und
aus dem Osten unterstützt wurden, welche eine Aggression
gegen den Sozialismus, der Souveränität und der territorialen
Unversehrtheit ausgelöst hatten. Es war die einzige Theorie,
welche ein extrem bürokratisiertes, eingesteiftes und
ermüdetes Staats- und Parteiapparat mobilisieren konnte.
Der Nationalismus wurde mit großer Beharrlichkeit gefördert
und für das Tarnen einer schwierigeren Realität verwendet.
Der Diktator konnte, selbstverständlich, in seinen Reden die
wahren Gründe des Aufruhrs der Einwohner von Timişoara
nicht zugeben; er konnte seinen Nächsten nicht sagen - und
der Bevölkerung Rumäniens umso weniger – dass die Bürger
der Stadt an der Bega das ineffiziente, antidemokratische und
unmenschliche Regime, welches von Bukarest aufgezwungen
wurde, nicht mehr aushalten konnten, dass sie ihn und seine
Familie an der Führung des Landes nicht mehr aushalten
konnten, dass das Leben in einem vom internationalen
Standpunkt isolierten Rumänien unmöglich geworden war.

Das Gebäude, in welchem sich auch


die reformierte Kirche befindet

Er zog es vor, die ganze Schuld für das, was in Timişoara


geschah, dem Verhalten einer Person zuzuschieben, welche sich
weigerte, die Gesetze zu beachten, und seinen herausfordernden
Handlungen gegenüber den Behörden zuzuschieben. Bevor die
Ereignisse total außer Kontrolle gerieten wurden der Pastor
und seine Frau, trotz der Versicherungen der Lokalbehörden

110
und auf Grund der ausdrücklichen Anordnung des Diktators,
zwangsweise in die Ortschaft Mineu, Landkreis Sălaj, in welche
ihn der Erzbischof ernannt hatte, evakuiert. Aus diesem Grund
beteiligte er sich praktisch nach der Nacht vom 16. Zum 17.
Dezember in keiner Weise mehr an den Aufruhr.
Interessanterweise wurden die Behauptungen, auf
welche der Diktator im Dezember 1989 seine unsinnigen
Entscheidungen basierte – welche vom Standpunkt seiner
Interessen erklärlich waren – von einer Reihe von Autoren,
welche später Beiträge über die Rumänische Revolution
veröffentlichten (einschließlich der Stadt Timişoara gewidmete
Studien), als Argumente verwendet. Ohne sich dieses in
expliziter Weise vorzunehmen, tun diese nichts anderes, als die
Behauptungen von Nicolae Ceauşescu, welche von diesem aus
Opportunitätsgründen ausgesprochen wurden, zu bestätigen.
Ohne zu wollen machte Ceauşescu eigentlich den Pastor zu
einem Helden der Revolution; sein Name wurde übrigens
an jenen Tagen von den internationalen Media und in der
offiziellen Korrespondenz der westlichen Diplomaten am
häufigsten erwähnt. Er wurde auf der Liste der 39 Mitglieder des
ersten Rates der Front zur Nationalen Rettung eingeschlossen
und erhielt eine Medaille („Franklin Delano Roosevelt”,
welche auch Havel verliehen wurden); ihm wurde (nach den
Wahlen vom 29. Januar 1990) der Ehrenvorsitz des Rates der
Front zur Nationalen Rettung im Kreis Timiş angeboten, und
er wurde noch 20 Jahre nach dem Sieg der Revolution von
den rumänischen Behörden als solcher behandelt: anlässlich
eines Jubiläums (im Dezember 2009), wurde dem ehemaligen
Pastor eine wichtige Auszeichnung des rumänischen Staates
gewährt, welche ihm vom Staatspräsident Rumäniens für seine
Rolle während der Ereignisse vom Dezember in Timişoara
verliehen wurde11.
11
Vor kurzem wurde seine Auszeichnung vom rumänischen Staatspräsident
Klaus Johannis wegen loyalitätsloser Haltung gegenüber dem rumänischen
Volk aberkannt. Schon die Verleihung dieser Auszeichnung war von
Vorwürfen begleitet gewesen. Es wurde eingeschätzt, dass andere Kämpfer
der Revolution eher berechtigt waren, diese Auszeichnung zu erhalten.
So gibt es, zum Beispiel, eine Liste der Verwundeten, es gibt auch
ziemlich genaue Informationen über jene, welche im Gefängnis Qualen
dulden mussten, und es sind auch jene bekannt, welche in den ersten

111
Zurückkommend, muss gesagt werden, dass alle
Argumente den Standpunkt konsolidieren (welchen ich im
Verhältnis zur Realität als korrekt betrachte), dass die am 16.
Dezember 1989 begonnenen Ereignisse in Timişoara tiefere
Ursachen und Gründe hatten und den explosiven Zeitpunkt
einer Reihe von Geschehen darstellen, welcher früher oder
später ein Ende finden mussten. Das bedeutet nicht, dass die
Ereignisse vom 15. Dezember 1989 und vom darauffolgenden
Morgen, vor der reformierten Kirchgemeinde, für die
Revolution keine Bedeutung haben. Ganz im Gegenteil: sie
gehören einer Reihe von Anti-Regime-Ereignisse an, sie stellen
sogar deren Schlussmoment dar, den letzten Missbrauch seitens
der Behörden, welchen die Einwohner Timişoaras nicht mehr
dulden wollten. Ansonsten werden Proteste der Gläubiger,
welche sich über die Entscheidung des Ersetzens eines von
der Gemeinschaft geschätzten Pfarrers entrüsten, häufig und
bei allen Kulten verzeichnet, ohne dass dadurch Revolutionen
ausgelöst werden12.
Die angespannte Lage war in Timişoara immer mehr
spürbar, und dieses schon aus der Zeit der Vorbereitung
und während des Verlaufes der Arbeiten des Kongresses der
Rumänischen Kommunistische Partei (im November 1989).
Trotz aller Risiken wurde über die Opportunitäten dieser
Veranstaltung gesprochen, welche sonst den gewöhnlichen
Bürgern völlig gleichgültig gewesen wäre, welche von der
Großsprecherei, die diese begleitete, langweilt und entrüstet
waren. Im August und im September 1989 schrieben eine
Gruppe von Jugendlichen, mit improvisierten Mitteln, Texte
und Losungen gegen Ceau­şescu auf den Mauern13. Ein Teil

Führungsmannschaften der Rumänischen Demokratischen Front und


des Bürgerkomitees am 20. Dezember tätig waren. Sehr wenige von ihnen
erhielten eine derart beehrende Auszeichnung.
12
Laszlo Tökes erklärt die Umstände, in denen er zum Protagonist dieser
Ereignisse wurde, in einem in rumänischer Sprache erschienenen Buch,
Asediul Timişoarei (Die Belagerung von Timişoara), Episcopiei Verlag
Oradea, 1999.
13
Iosif Costinaş, Întrebări… (Fragen...), S. 19. Der Anführer der Gruppe war
Adrian Kali, welcher am 17. Dezember bei der Decebal Brücke verwundet
wurde.

112
der Arbeiter von U.M.T. (Mitglieder und Nichtmitglieder der
Partei) stellte, am letzten Tag des Kongresses der R.K.P., die
Arbeit in einer der Abteilungen (die mechanische Abteilung)
ein, forderten die Auszahlung der ausstehenden Gehälter und
bekundeten, gleichzeitig, dass sie mit der Wiederwahl von
Ceau­şescu als Generalsekretär der Partei (am 23. November)
nicht einverstanden waren. Sie wurden identifiziert und blieben
unter Überwachung, wobei sie zu einem späteren Zeitpunkt
die drastischsten Folgen für ihre Haltung erleiden sollten.14
Etwas später entdeckten die Organe der Securitate in der Stadt
antikommunistische Flugblätter. Am 15 November wandelte
sich die Kolonne der Fußballfans für das Spiel Rumänien-
Dänemark in eine Straßendemonstration um; diese blieb beim
Sitz des Kreisrates stehen und skandierte „Freiheit! Freiheit“
(gemäß manchen Aussagen auch „Runter mit Ceauşescu!“),
sowie auch die Namen einiger Spieler. Die Kolonne wurde von
infiltrierten Agenten der Securitate geschickt weitergeführt,
bis sich die Menschenmenge zerstreute. Es folgten
Untersuchungen welche, mehr als sicher, gegen Jahresende mit
Strafen finalisieren sollten15.
Nach dem Parteitag, Mitte Dezember, wurden in
ganz Timi­ şoara auf die gegen Revoltierten zu treffenden
Maßnahmen sowie auch auf die Namen der – unter
verschiedenen Umständen revoltierten – Personen, welche
Untersuchungen ausgesetzt werden sollten. Die Besorgnis hatte
fast alle beruflichen Gemeinschaften und Vierteln der Stadt
erfasst, und auch die Familien und Freundeskreise, welche sich
bewusst waren, dass sie die Securitate ins Visier genommen
hatte.
In dieser Zeit, in welcher auf die Gewaltmaßnahmen
der Behörden gewartet wurde, erregte die Gruppe einiger
Gläubiger, welche sich am 15. Dezember vor der reformierten
14
Ibidem. Siehe den Fernsehserienfilm über die Revolution, welcher
von Vasile Bogdan (Redakteur bei TV Timi­şoara) realisiert wurde, in
welchem Personen vorgestellt werden, die sich zur Organisierung von
Protestaktionen in der Zeit des Aufruhrs von Timi­şoara bekannten, und
welche bis zur Ausstrahlung der Reportage unbekannt waren (von Lorin
Fortuna zur Verfügung gestellte Information).
15
Iosif Costinaş, Întrebări… (Fragen...), Idem, S. 21.

113
Kirchgemeinde auf der Timotei Cipariu Straße versammelt
hatte, die Neugierde der Passanten in diesem sehr (viel
frequentierten) Teil der Stadt, umso mehr als, zu ihrer
Verblüffung, die Ordnungskräfte mit einer an dem Tag
zum ersten Mal getragenen Ausrüstung – weiße Stöcke und
Schilde, eine Neuigkeit für die Leute aus Timi­ şoara! – in
herausfordernder Weise erschienen und die paar Gläubiger
aufforderten, die Zone zu verlassen. Dieses machte die
gelegentlichen Passanten neugierig und entrüstete sie auch, so
dass sie solidarisch mit den bedrohten Personen und gegen die
Aggressoren zu reagieren begannen.
Auf Grund der Informierung über den Grund der
Revolte (die Entscheidung hinsichtlich der Evakuierung des
Pastors) wurden hier mehrere Amtsträger geschickt, an der
Spitze mit Petre Moţ – der Bürgermeister der Stadt, um zu
versuchen, die Revolte aus dem Wege zu schaffen bevor sie
sich erweiterte. Der Bürgermeister verlangte dem Pastor, sein
Protest aufzugeben, und versicherte ihn, dass auf die Maßnahme
seine Evakuierung verzichtet worden war16. Als Ergebnis des
Einredens und der Druckausübungen auf den Pastor bat dieser
die Personen, die zu seiner Unterstützung gekommen waren,
nach Hause zu gehen, da sein Antrag genehmigt worden war
und ihr Verharren zu Schwierigkeiten in seinen Beziehungen
mit den Behörden geführt hätte17.
16
In der Nr. (7) des Buletinului ştiinţific şi de informare al Memorialului
Revoluţiei… (Wissenschaftlichen und Informierungsbulletins der
Gedenkstätte der Revolution), aber auch in anderen Beiträge wird darauf
hingewiesen, dass sich am 15. Dezember, um 16.00 Uhr, Radu Bălan selbst
an Ort und Stelle kam, die etwa 100 Gläubiger ansprach, diese beschimpfte
und bedrohte (Emil Constantinescu, zit. Werke, S. 40). Die Information
wurde aus der Vernehmung von Radu Bălan im Prozess des Loses von
Timişoara übernommen.
17
Emil Constantinescu, zit. Werke., S. 40. Der Autor zitiert die Aussage,
welche von Radu Bălan während des Prozesses des Timişoara Loses machte;
dieser behauptet, dass der Bürgermeister den Pastor schriftlich über diese
Entscheidung versicherte. In anderen Studien wird die Möglichkeit nur
erwähnt, ohne dass sie als finalisiert dargestellt wird. Über die Rolle des
Pastors Tökes in den Ereignissen vom Maria Platz gibt es viele Bekundungen.
Die wichtigste wird von der Aussage des Pastors selbst dargestellt, welcher
dieser gegenüber Doktor Traian Orban, Marius und Gino Rado machte
(diese veröffentlichten ein ausgiebiges Interview mit dem Pastor. Über
die berufliche Situation des Pastors und seine Beziehungen mit den

114
Die Anwesenden achteten jedoch nicht auf seine
Bitte (da sie den Verdacht hegten, dass sie unter dem Druck
der Behörden gemacht worden war!)18, sie versammelten
sich weiterhin an verschiedenen Stellen, auf Straßen und
Marktplätzen und kommentierten die Repression, der sie
ausgesetzt worden waren. Die Gespräche zwischen den Leuten
waren nicht mehr in Verbindung mit dem Sachverhalt bei der
reformierten Kirche, die Menschen bereiteten sich vor, wieder
– und mit mehr Entschlossenheit – den Ordnungskräften
entgegenzustehen.

Laslo Tökes und Petre Moţ, welcher zur Wohnung


des Pastors ging und diesen versicherte,
dass er nicht evakuiert werde,
Er verlangte dem Pastor, den 200
Gläubigern mitzuteilen, dass sie nach
Hause gehen sollten19.
Vorgesetzten – siehe den Beitrag von Petre Petrişor, in Titus Suciu, Lumea
... (Die Welt...), IRRD Verlag, 2008, S. 263 – 264. In anderen Werke wurde
Tökes – mit Hervorhebung der Unterschiede – mit Vater Gapon verglichen.
Dieser stellte sich an der Spitze der revoltierten Massen und führte sie
zum Winterpalast, gegen den Zaren, 12 Jahre vor dem Ausbruch der
bolschewikischen Revolution (Siehe: Mariana Cernicova, Noi suntem...
(Wir sind...), S. 24-25. Siehe auch George Galloway, Bob Wylie, Prăbuşirea
(Der Zusammenbruch), S. 108 – 116, (Der bibliographische Hinweis bezieht
sich auf die ganze Haltung und die Situation des Pastors in unmittelbarer
Nähe der Revolution), Der Pastor Tökes hatte, selbstverständlich, nie den
Anspruch, eine solche Geste getan zu haben.
18
Eine Gruppe von Demonstranten, darunter Doktor Barany und Adrian
Kali, drangen übrigens in die Wohnung des Pastors ein, um sich über seine
Situation zu überzeugen.
19
Gemäß mancher Quellen soll der Pastor um ungefähr 11.15 Uhr, im
Beisein der Vertreter der Miliz, welche seine Wohnung überwachten,
mit einem amerikanischen Diplomaten geredet haben (Denis Currie, II.

115
Anstatt entschärft zu werden wurde der Konflikt am
nächsten Tag verstärkt und dehnte sich aus. Die wiederholten
Aufforderungen des Pastors, welche den Anwesenden verlangte,
nach Hause zu gehen, weil er „frei sei“, wurden nicht mehr
geglaubt. Eine Gruppe von Jugendlichen gingen hinauf, in die
Wohnung des Pastors, um sich zu überzeugen, dass es dort keine
Agenten des Sicherheitsdienstes gab, die ihn zu dazu zwangen,
Erklärungen zu machen. In Erwartung des Ergebnisses,
blockierten die etwa 400 Anwesenden die Straße und hielten
zwei Straßenbahnen am Maria Platz an. Dadurch füllte sich der
Platz mit Passanten, von denen viele aus den Straßenbahnen
ausgestiegen waren, auf der Linie, welche vom Schriftsteller
Ion Monoran blockiert worden war; dieser hatte sich einfach
vor einer Straßenbahn gestellt, die damit in ihrer Haltestelle am
Maria Platz geblieben war. Währenddessen schalteten Mircea
Zăgănescu und Tiberiu Kovacs den Stromabnehmer ab.
Es wurden Losungen skandiert und es wurde Deşteaptă-
te române (Erwache, Rumäne) gesungen.
Angefangen mit 18.30 Uhr begannen sich Kolonnen
von Demonstranten zu bilden, welche durch die Stadt gingen,
um mehrere Menschen zusammenzubringen.20 Während ihrer
Bewegung durch die Stadt gelangten die Demonstranten,
um 20.45-21.00 Uhr, trotz der Versuche des Bürgermeisters,
sie aufzuhalten, auch beim Kreisrat der Partei. Vor dem
Gebäude, welches die Beamten schon verlassen hatten,
wurden Losungen gegen das Regime skandiert: „Wir wollen
nur Weihnachtszimmer und keine verrückten Führer!“, „Wir
wollen Wärme!“, „Wir wollen Essen!“

Sekretär). Die Information wurde von Gh. Radu (Direktion 1 der Securitate)
unterbreitet.
20
Eine Kolonne von einigen Hunderten Demonstranten begab sich
zum Splaiul Tudor Vladimirescu, wo sich die Studentenheime befanden.
Um 20.00 wurde das Licht unterbrochen, aber die Kolonne setzte ihren
Weg im Dunklen fort, und zog neue Passanten mit sich heran. Während
des Marschierens zerstörten die Demonstranten die kommunistischen
Losungen auf den Straßen. Sie skandierten: “Runter mit Ceaușescu!“,
„Runter mit der Kommunistischen Partei!“, „Runter mit der Diktatur!“,
„Jetzt oder nie!“

116
Die wütende Menschenmenge drang in das Gebäude
ein und vandalisierte einige Räume im Erdgeschoss. Zwei
Jugendliche kletterten auf den Mauern des Gebäudes und
versuchten die Logos der Rumänischen Kommunistischen
Partei und der Sozialistische Republik Rumänien
herunterzureißen. Die am Eingang stehenden Fahnen mit den
Wappen des Staates und der Partei wurden herausgerissen und
den Demonstranten zugeworfen.
Nach einigen Augenblicken der Verwirrung war
die Reaktion der Ordnungskräfte sehr hart: es wurden
zusätzliche Ordnungskräfte, Feuerwehrfahrzeuge und Hunde
herbeigebracht. Ihr Eingriff war brutal, so dass sich die
Demonstranten in Gruppen verteilt zurückzogen: die eine
Gruppe in Richtung Oper und Maria Platz, die andere zur
Michelangelo Brücke, in Richtung des Studentenviertels. Diese
Gruppen wurden von den Ordnungskräften verfolgt, welche
die Passanten misshandelten und Verhaftungen vornahmen.
Folgende sind die Zonen, in welchen Verhaftungen
durchgeführt wurden:
– Die Zone neben dem Sitz des ehemaligen
Kreiskomitees der R.K.P. (heutzutage Sitz der Präfektur), wo
am Abend des 16. Dezember Verhaftungen gemacht wurden;
– Am Opernplatz, wo die meisten Festnahmen
angefangen mit dem Abend des 16. Dezember vorgenommen
wurden;
– In der Zone de Maria Platzes, wo, angefangen mit
dem Abend des 16. Dezembers, Verhaftungen begannen und
in der Nacht vom 16. zum 17.Dezember fortgesetzt wurde;
– Die Dacia – Circumvalutiunii Zone, in welcher am
Abend des 16. Dezember Festnahmen erfolgten.
– Gemäß den Aussagen der Verhafteten, können die
Verhaftenden in vier Kategorien eingeteilt werde, welche in
einigen Fällen zusammenwirkend handelten:
– Zivil bekleidete Personen, allem Anschein nach
Angestellte des Innenministeriums, welche verdeckt agierten;
manche Zeugenaussagen definieren diese als „Securisten“
(Mitglieder der Sicherheitspolizei) oder „Milizisten“;
– Angehörige des Ministeriums für Nationale
Verteidigung, alleine oder unter Befehl von Offizieren
handelnde Soldaten;

117
– An gehörige des Innenministeriums, in ihrer
spezifischen Uniform, in manchen Fällen Schildträger-
Gardisten;
– Patriotische Garden, welche nie alleine agierten.
Zivil bekleidete Personen agierten in verschiedenen
Punkten der Stadt mit Fahrzeugen (vom Dacia-PKW oder
ARO-Geländewagen-Typ), welche in der Nähe isolierter
Demonstranten oder kleiner Gruppen anhielten, und diese
gewaltsam zwangen (indem sie ihnen mit Holzpfählen,
Gummistöcken, den Fäusten oder Beinen heftige Schläge
versetzten) in die Fahrzeuge einzusteigen, um zur
Polizeidirektion des Landkreises oder um Gefängnis gebracht
zu werden21.
Spät am Abend (insbesondere nach der Rückkehr
vom Kreisrat), kam eine im höchsten Maße motivierte
und entschlossene Kolonne von etwa 2000 Demonstranten
zum Marian Platz zurück. Beim Zusammentreffen mit den,
inzwischen ergänzten, Ordnungskräften fanden hier richtige
Straßenkämpfe statt. Alle in den Konfrontationen mit den
Ordnungskräften hineingezogenen Personen begannen,
ohne sich vorher gekannt zu haben und, auf alle Fälle, ohne
sich von vornerein dieses vorgenommen zu haben, gegen
die angreifenden Kräfte und gegen einige sinnbildliche
Einrichtungen des Regimes zu agieren.

III. 2. Vom Protest zur generalisierten Revolution

Infolgedessen eskalierte der Konflikt am 16. Dezember.


Ohne jeden Grund wurde die Straße vor der reformierten
Kirche um 8.00 Uhr morgens von den Ordnungskräften wieder
blockiert, was die Neugierde der Bürger weckte. In nur zwei-
drei Stunden versammelten sich in der Zone einige Hunderte
Demonstranten, welche sich weigerten, den Maria Platz zu
befreien und den Ordnungskräften trotzten22.
21
Dokumentarstudium, welches sich im Archiv des Instituts der
Rumänischen Revolution vom Dezember 1989 (IRRD) befindet (und von
Adrian Kali realisiert wurde).
22
Diese Aussage ist nicht in vielen Beiträgen zu finden. Die Stenogramme
der Sitzungen des Politischen Exekutivkomitees verzeichnen übrigens

118
Die vom Ersten-Sekretär des Kreises zur Beruhigung
der Gemüter getroffenen Maßnahmen hatten keine Wirkung.
Wie wir gesehen haben, wurde auch die Aufforderung des
Pastors abgelehnt, nach Hause zu gehen, da er wieder „frei sei”.

den Ausbruch des Aufruhrs und bringen ihn im Zusammenhang mit der
Reaktion der Menschen hinsichtlich der Entscheidung zur Evakuierung
des Pastors. Der Diktator übernahm geschickt diese Begründung, welche
ihm recht war. Alle ausländischen Presseagenturen und Rundfunkstationen
bringen die Ereignisse in Timişoara ebenfalls mit dem Geschehen vom
Kirchgemeindehaus, vom 15. Und 16. Dezember 1989, im Zusammenhang.
Der Pastor gibt zu, dass er nicht daran gedacht hatte, dass seine Haltung eine
so bedeutende und konkrete Konsequenz haben würde (siehe das Interview,
welches er Doktor Traian Orban gewährte). Es gibt aber auch Autoren,
welche die Unterschiede zwischen den Aktionen beim Kirchgemeinden-
Haus und dem eigentlichen Verlauf des Aufruhrs bemerkt haben. „Wenn es
um die Chronologie der Ereignisse geht, ist es an der Zeit, einige wesentliche
Präzisierungen zu machen – sagte Nicolae Bădilescu. Ich behaupte – sagt
dieser im Folgenden – dass die Revolution nicht von der reformierten
Kirche, sondern vom Maria Platz ausgebrochen ist. Für die Zeit, in welcher
unter den Fenstern der Wohnung des Pastors verweilt wurde, kann über
eine Solidaritätshaltung gesprochen werden, Ich beziehe mich hier auf
das Verhalten der Menschenmenge. Die Leute wollten die Macht daran
verhindern, einen ihrer Mitmenschen zu sanktionieren. Du wirst sagen,
dass dort Losungen ausgerufen wurden. Es stimmt. Aber genauso stimmt
es, dass zu dem Zeitpunkt die Menschen nicht mehr für Tökes dastanden.
Die Geistesverfassung war eine andere geworden. Der Gedanke, dass wir
endlich jemandem an die Gurgel springen konnten, war aufgekeimt, was
sage ich da – war reif geworden.” (Titus Suciu, Lumea bună a Balconului
(Die feine Gesellschaft des Balkons), Bukarest, IRRD Verlag, 2008, S. 103).
Emil Constantinescu glaubt, dass etwa 400 der Demonstranten von Radu
Bălan mobilisierte Angestellte waren, welchen angeordnet worden war,
die Gruppe von Gläubigern auseinander zu bringen. Gemäß dem Autor
(E. Constantinescu, zit. Werke, S. 41-43), waren, auf Anordnung der
Partei, etwa 400-500 Angestellte von Radu Bălan geschickt worden, und
weitere 70 von Moţ, eine große Anzahl von Angehörigen der Securitate in
Zivilbekleidung (deren Anzahl gegen 16.00 Uhr vergrößert wurde), welche
unter den Demonstranten infiltriert waren. Trotzdem, präzisiert der Autor,
befanden sich hier insgesamt etwa 500 Demonstranten (andere?), von
deren er 8 Demonstranten namentlich hervorhebt (es wird keine Quelle
angeführt, aus welcher resultieren könnte, auf Grund welcher Kriterien die
8 Demonstranten ausgewählt wurden. Unter den erwähnten erscheint auch
Miodrag Milin, ein Geschichtsschreiber, welcher sich sehr viel der Kenntnis
der Realitäten der Revolution widmete, welcher sich aber zu dem Zeitpunkt,
entsprechend seinen eigenen Aussagen, nicht in Timișoara befand).

119
„Geht nach Hause, sagte ihnen der Pastor, besorgt, setzt euer
Leben nicht ins Gefahr für mich!”
Es ist der Zeitpunkt gekommen, hier auf einen
Umstand hinzuweisen, welcher als unerklärlich erscheint,
insbesondere angesichts des „Ruhmes”, welchen sich die
Gewaltinstrumente des Regimes erfreuten: die Strukturen
und Einrichtungen des Staates, welche klare Verpflichtungen
auf dem Gebiet der Sicherheit und der Verteidigung hatten,
erwiesen sich von einem unglaublichen Immobilismus. Es
gibt wenige Informationen über die Reaktion an der Spitze des
Innenministeriums (einschließlich der Securitate), aber bei der
Verteidigung funktionierte das Oberkommando (generische
Benennung), insbesondere am Anfang, ausgesprochen prekär.
Das Studium der Unterlagen und die enthüllten Erinnerungen
heben das lahme Funktionieren der Militärechelons, die
beträchtlichen Unzulänglichkeiten im Fluss der Informationen,
im Treffen der Entscheidungen, im Geben und Durchführen
der Befehle hervor. Der Führer des Obersten Generalstabes,
zum Beispiel, wurde über die Ereignisse wie folgt informiert: ...
„ungefähr um 21.30 Uhr (Samstag, den 16. Dezember, unsere
Hervorhebung), durch den Offizier vom Dienst, auf Anordnung
des Ministers für Nationale Verteidigung. Ich wusste nicht, was
los war. Der Minister informierte mich, dass es in Ti­mişoara,
infolge der Versetzung eines Pastors, Laszlo Tökes, zu Unruhen
gekommen war. Ich fragte, ob es notwendig war. Maßnahmen
militärischer Art zu treffen. Er befahl mir, auf nachträgliche
Anordnungen zu warten... Ich überprüfte, ob die Stellvertreter
und die Direktionsleiter zuhause waren, nachher begab ich
mich zur Ruhe (unsere Hervorhebung). Der Minister schlief, auf
alle Fälle, in jener Nacht nicht”23.
Doch was machte der Minister?
23
N-a fost triumful minciunii. Pavel Coruţ în dialog cu generalul Ştefan
Guşe (Es war nicht der Sieg der Lüge. Pavel Coruţ im Dialog mit General
Ştefan Guşe) (der falsch geschriebene Name des Generals Guşă wurde vom
Gegenspionagemajor Pavel Coruţ selbst verzeichnet, der Vertreter der
Securitate, welcher zur Informationsdirektion des Obersten Generalstabes
geschickt wurde, welcher uns zu anderen Anlässen zu überzeugen versucht,
wie rigoros die in diesen Ämtern angestellten „Spezialisten” waren. Bukarest,
Canova Verlag, ohne Autor, S. 14-15

120
Das erzählt uns derselbe Gușă (in der Interpretierung von
Pavel Coruț, dessen Bericht jedoch bis zu einem Punkt ähnlich
ist mit jener, welche in einem Buch erscheint, das infolge der
Bemühungen der Tochter des Generals herausgegeben wurde)24:
„Er ordnete eine verstärkte Verteidigung der Militärobjekte an,
um jedwede Vorfälle vorzubeugen. Außerdem, die Bildung
von operativen Gruppen in Timişoara und in den Armee- und
Waffenkommandos... Am Morgen des 17. Dezember 1989
wurde ich informiert, dass, auf Anordnung des Ministers,
eine operative Gruppe vom Obersten Generalstab, geführt
vom Oberst Ionescu, bereits mit einem Militärflugzeug nach
Timişoara gereist war... Sie sollten genau feststellen, was dort
los war und ob eine Gefahr für die Zielsetzungen der Armee,
beziehungsweise des Landes, existierten. Die Angehörigen der
mechanisierten Division in Timişoara waren schon gewarnt,
wussten aber nicht, was, konkret, vorging“25.
Ich bestehe nicht auf die Einzelheiten der Darstellungen
dieses Autors (Pavel Coruţ), welche auf General Guşă abgewälzt
werden. Sie werden hier nur festgehalten, weil sie mit den
Anfangsereignissen in Timişoara verbunden sind. Was geht
hier hervor? Erstens einmal, dass sich der Führer des Obersten
Generalstabes „zur Ruhe begab“, während sich sein Minister
(normalerweise eine Person mit politischen Verpflichtungen)
die ganze Nacht nicht schlief und, an seiner Stelle, Maßnahmen
operativer Art traf, einschließlich hinsichtlich der Bildung
einer operativen Gruppe aus dem Kommando des Generals
Guşă und deren Entsendung nach Timişoara (von denen der
General nur in der Früh, beim Erwachen, erfuhr.) War Milea
ein abusiver Minister? Misstraute oder missbilligte er den
General Guşă? Alle Quellen weisen auf ein volles Vertrauen
des Ministers in seinen ersten Stellvertreter. Tatsache ist: der
Führer des Obersten Generalstabs wusste nicht, dass der
Minister, auf Antrag von Bă­lan, bereits den Eingriff der Armee
in der Repression genehmigt hatte, auf Grund des Berichtes des
24
Daniela Veronica Guşă de Drăgan, Condamnat la Adevăr. Generalul
Ştefan Guşă (Zur Wahrheit verurteilt. General Ştefan Guşă), RAO Verlag,
2004, S. 40-41.
25
Ibidem, S. 15.

121
Generals Dumitru Roşu von Craiova (es wurden Patrouillen
von Kadern und Soldaten gebildet, welche sich die ganze Nacht
mit Gruppen von Demonstranten konfrontierten, Personen
mit oder ohne Zusammenhang mit den Ereignissen belästigten
und verhafteten, usw.) Über die Entscheidung, dass Truppen
durch die Straßen streiften, wurde General Guşă von seinem
Vorgesetzten informiert, welcher ihn im Vorfeld nicht
konsultiert hatte26.
Im Verlauf der Ereignisse der folgenden Tage erwähnen
die Demonstranten (mit wenigen Ausnahmen) den Namen
des Pastors nicht mehr (vielleicht auch deswegen, weil dieser
inzwischen nach Mineu, Kreis Sălaj versetzt worden war27.
Nach dem 20. Dezember, als die Stadt bereits in den Händen
der Revolutionäre war, schickte jemand eine Botschaft an die
26
Ich komme hier mit einem Kommentar zu diesem „Interview”-Buch
zurück, welches die schwierige Position des Historikers beweist, welcher
auf solche angeblich authentische „Konstruktionen” zurückgreift. Dass
Herr Pavel Coruţ eine reiche Phantasie hat ist keine Neuigkeit. Hier haben
wir es aber mit einer Kostprobe von Desinformationstechnik zu tun,
durch welcher der Autor, durch scheinbar zugunsten des Dialogpartners
verwendete Sätze, diesen mit Nonchalance diskreditiert. Guşă hätte gesagt:
„Gruppen von Menschen, besser gesagt von Judenglichen, welche, in einem
Viertel der Stadt mit Steinen warfen... Ich verstand ihre Entrüstung: es war
geschossen worden, es waren Menschen gestorben. Aber ich hatte Mitleid
mit den Soldaten, auf denen sie hinschlugen.” Mit anderen Worten hatte der
General kein Mitleid mit den Jugendlichen, welche gestorben waren. Er hatte
Mitleid mit den Soldaten, welche mit Steinen beworfen wurden... Vielleicht!
Und dann setzt der Autor, mit einer beneidenswerten Erfindungskraft,
dem General einige aus seinem eigenen „Arsenal” übernommenen Ideen
in den Mund: „Ich sage euch mit voller Verantwortung (hätte der General
gesagt), unser Schicksal wurde in Malta bestimmt!... So wie es, einige
Jahrzehnte vorher, in Yalta bestimmt worden war. Ein unglückseliger Reim.”
Unglückselig, in der Tat (und, natürlich, unwahr vom geschichtlichen
Standpunkt), aber selbstverständlich sehr leicht auf Guşă abgeschoben. (S.
25). Oder, einige Seiten weiter: „Der 18. Dezember... Am Abend ereignete
sich die unangenehme Episode bei der Kathedrale. In der Zone starben
einige Jugendliche...” (S. 49). Der erfindungsreiche Novellist will also
sagen, dass der General den Tod einiger Jugendlichen al seine einfache
„unangenehme” Episode betrachtete. (Der Beitrag wurde nach dem Tod des
Generals veröffentlicht).
27
Es gibt sehr viele Berichte über die Auslösung der Gewalttaten vom 16.
Dezember. Wir empfehlen, ohne zu behaupten, dass sie am vollständigsten
seien, die Aussagen aus: Titus Suciu, Lumea....(Die Welt...), S. 153-155).

122
Führer der Rumänischen Demokratischen Front, welche sich
am Balkon der Oper befanden, mit der Bitte, die Behörden
über das Schicksal des Pastors zu fragen. Die Botschaft wurde
der Menschenmenge am Platz gar nicht mitgeteilt28.

In der Nähe der reformierten Kirche gruppierte Menschen,


nach dem Blockieren der Straßenbahnen.

Gruppierung von Ordnungskräften, welche das Boulevard


blockieren, auf welchem die Demonstranten einher zogen.

28
Mariana Cernicova, Noi suntem poporul (Wie sind das Volk), Reşiţa,
InterGraf Verlag, 2004, S. 25.

123
Die Ordnungskräfte – darunter die Schildträger-
Gardisten – schafften es nicht, vom ersten Moment an die
Menschenmenge zu zerstreuen. Die entrüsteten Demonstranten
setzen die roten Fahnen auf mehreren offiziellen Gebäuden
in Brand, aber auch ein Feuerwehrfahrzeug, welches die
Manifestanten durch Wasserstrahlen auseinanderjagen wollte29.
Den Ordnungskräften gelang es letzten Endes, den Platz um die
Kirche zu blockieren, so dass die Evakuierung des Pastors (etwa
um 04.00 Uhr) ohne Schwierigkeiten erfolgen konnte.
Ich komme mit einigen Einzelheiten über den Verlauf
der Ereignisse vom Nachmittag des 16. Dezember zurück.
Eine Gruppe von Demonstranten blieben, nachdem sich die
Kolonnen auf verschiedenen Wegen zum Kreisrat bewegten,
beim Maria Platz stehen.
Nachdem der Angriff auf den Kreisrat zurückgewiesen
wurde ordneten sich die Demonstranten in zwei Kolonnen,
welche letzten Ende am Opernplatz gelangten. Eine dieser
Kolonnen ging vom Kreisrat aus, über die Michelangelo
Brücke, marschierte mehrere Kilometer, wobei sie friedlich
demonstrierte (mit wenigen Ausnahmen, sogar in der Nähe
einer Milizstelle), und an einige Fabriken vorbei: Banatul,
Electrotimiş, andere Fabriken aus der Calea Girocului Zone.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt schlug ein Demonstrant mit
einem außergewöhnlichen Aussehen (bärtig und mit einer
heiseren, aber starken Stimme!) den Demonstranten vor, sich
29
Über die Anwesenheit von kompakten Gruppierungen – welche oft
als homogenen Alters, Haarschnittes, Bekleidung und Handlungsweisen
beschrieben werden – gibt es Informationen in einigen Schriftstücken,
welche Dokumente von den Einheiten der Armee, des ehemaligen
Sicherheitsdienstes und der Miliz verwenden; außerdem gibt es auch Berichte
der Revolutionäre. Die Zeugen oder die Beklagten der Prozesse der Revolution
schildern ebenfalls Episoden aus der Aktivität solcher Gruppierungen.
Die Securitate und die Miliz, die Angehörigen des politischen Apparates
betrachteten diese als Agenten ausländischer Geheimdienste, welche nach
Rumänien geschickt worden waren, um das politische Regime des Landes
zu destabilisieren. Die Revolutionäre, hingegen, vertreten die Ansicht, dass
die Urheber der Zerstörungen Angehörige des Sicherheitsdienstes des
Staates waren, welche diese Zerstörungen mit dem Zweck verursachten, die
Einwohner von Timișoara dazu zu bringen, sich gegen die Demonstranten
zu richten (welche von den Behörden als Hooligans bezeichnet wurden)
und die Armee gegen die Demonstranten heranzuziehen.

124
zu organisieren und ein Komitee bestehend aus 5 Personen zu
bilden. Schließlich gelangte diese Kolonne bei der Kathedrale
und am Platz des Nationaltheaters (der Oper). Von hier aus
bildeten sich andere Gruppen oder sogar Kolonnen, welche sich
auf verschiedenen Wegen verbreiteten und die Bevölkerung
aufriefen, Widerstand zu leisten. Eine dieser Gruppen ging in
die nördlichen Viertel der Stadt; sie sangen und skandierten
die Losung: Rumänen, kommt mit uns! Ihre Route war:
Circumvalalaţiunii Straße, Calea Lipovei, Opernplatz, Calea
Torontalului und Calea Aradului. Die Kolonne ging am alten
Gebäude der Fakultät für Elektrotechnik vorbei, auf dem Weg
zur Fakultät für Bauwesen und Architektur. Beim Viadukt
unter der Eisenbahnlinie (neben der ehemaligen Fakultät für
Bauwesen), zerstörten die Demonstranten die Plakate mit
kommunistischen Propagandalosungen, welche am Viadukt
geschweißt waren. Auf ihrem Weg zur Calea Torontalului fand,
in der Nähe einer Fahrzeugservicewerkstatt, eine Konfrontation
mit den Anti-Terror-Truppen statt (durch die Stadt verkehrten
auch Milizpatrouillen in gepanzerten Fahrzeugen!),
infolge deren Verwundete resultierten und Verhaftungen
unternommen wurden. Jene, die entkommen konnten kehrten
zum Opernplatz zurück. Eine andere Konfrontationszone
war auf den Straßen und den kleinen Plätzen zwischen dem
Militärkrankenhaus und dem Krankenhaus für Dermatologie
und venerische Krankheiten, am Parkplatz des “Timişoara”
Hotels, wo sehr viele Bürger angehalten, misshandelt und
verhaftet wurden.
Der Zeitpunkt der Eskalation des Aufruhrs wird mit
dem Zerbrechen der Schaufenster der Schäfte am Opernplatz
verbunden – Taten, welche als Ausrede für die Erhöhung der
repressiven Maßnahmen gegen die Demonstranten verwendet
wurden. Die Urheber dieser Zerstörungen bis zum heutigen Tage
unbekannt geblieben. In diesem Kontext beruft man sich auf
die nicht rechtfertigte Anwesenheit von russischen „Touristen“
und mancher inkognito aus dem Westen zurückgekehrten
ehemaligen Landesleute in der Zone. Es wurden keine Toten
verzeichnet, aber es gab viele Verwundete und es wurden
zahlreiche Verhaftungen vorgenommen, die meisten von
ihnen willkürlich. Unter den Verwundeten und Verhafteten

125
wurden aber keine Ausländer oder Überläufer gefunden30, so
dass bis zur entgegengesetzten Probe diese Geschehen nur als
Hypothese auf sie abgewälzt werden können.
Die Behörden agierten bei der Unterdrückung dieses
Aufruhranfanges in einer atypischen Weise. In 45 Jahren
kommunistischen Regimes gab es mehrfach Situationen, in
denen sich Bürger, Einzelpersonen oder ganze Gemeinschaften,
gegen dieses revoltierten. Die Maßnahmen zur Verdrängung
der Revolte beruhten auf die Anwendung beträchtlicher
Umfänge repressiver Kräfte, obgleich, insbesondere in
den 50ger Jahren, der Eingriff der Sicherheitsdienste mit
Opfern endete. In Iaşi, zum Beispiel, verhafteten die – richtig
informierten – Ordnungskräfte am 14. Dezember 1989 die
Urheber der Bewegung und erstickten die Aktion ohne jedes
Opfer31.
Der Verdienst der Einwohner Timişoaras bestand darin,
dass sie sich im offenen Kampf mit den Repressionskräften
engagierten und nicht aufhörten bis zum Augenblick, als
sie siegten. Dieser ist einer der Gründe, aus welchen ich der
30
Es gibt Dokumente und Aussagen über die Anwesenheit der Ausländer
in der Zone. In welchem Maße sie sich in konkreten Aktionen involvierten
ist nicht klar. Annahmen gibt es, aber ohne Argumente. Ich habe eine
Aufzeichnung aus dem Beitrag Revoluţia din Decembrie percepută în
documentele vremii (Wahrnehmung der Revolution vom Dezember in den
Dokumenten der Zeit) (Autoren Constantin Sava und Constantin Monac),
hinsichtlich der Ereignisse vom 21. Dezember in Caransebeş festgehalten,
wo es, auf S. 122, heißt: „Die Sicherheitsorgane identifizieren unter den
aggressiven, zur Gewalt anstiftenden Elementen, ehemalige Überläufer,
welche in ihrem Augenmerk geblieben waren und auf unbekannten Wegen
aus dem Ausland zurückgekehrt waren.” Erwähnt wird kein Name. Nach
so vielen Jahren hat sich kein Revolutionär aus dieser Kategorie gemeldet.
31
Die Miliz berichtete, am 16. Dezember, um 04.40 Uhr, dass e seine Anzahl
von 180 Verhaftete gab. Es war eine unvollständige Berichterstattung, in
Wirklichkeit war die Anzahl der Verhafteten viel größer (Anlage). Zwischen
dem 16. Und dem 19. Dezember wurden 978 Personen festgehalten. Apud:
Marius Mioc, “Îndreptări necesare” (Notwendige Berichtigungen), in: Bogdan
Murgescu, Revoluţia română din decembrie 1989. Istorie şi memorie (Die
Rumänische Revolution vom Dezember, 1989. Geschichte und Gedächtnis),
Bukarest, Polirom Verlag, 2007, S. 179-185, welches im bibliographischen
Verzeichnis enthalten ist. Der Autor war einer der Verhafteten, er blieb im
Arrest bis zum 22. Dezember 1989.)

126
Ansicht bin, dass Timişoara tatsächlich der Sprengzünder der
rumänischen Revolution war.
Wie reagierten die Behörden und die Ordnungskräfte
in dieser ersten Etappe der Gewalttätigkeiten, in keinen,
dennoch, niemand ums Leben kam?
Am 16. Dezember 1989, vor 20.00 Uhr, war es den
Lokalbehörden klargeworden, dass die Handlungen der
Stadteinwohner politische Zielsetzungen verfolgten, welche die
Grundlagen des kommunistischen Regimes selbst bedrohten.
Infolgedessen richteten sich sowohl der Erste Parteisekretär
des Kreises, als auch die anderen lokalen Behörden an ihre
übergeordneten Strukturen, und baten um Hinweise und
Unterstützung. Von diesem Augenblick an wandelt sich der
Protest der Menschenmasse (welche anscheinend nur die
Annullierung der Evakuierung des Pastors verlangte) in
eine Revolte um, welche aber nicht gegen eine gerichtliche
Entscheidung, sondern gegen ein Regime gerichtet ist.

Ob dieser der Augenblick der „Überschreitung des
Rubikon“ war?
Radu Bălan, der Erste-Sekretär des Kreisrates Timiş,
rief in aller Dringlichkeit Petre Moţ, den Bürgermeister von
Timişoara, und den Stabschef der Patriotischen Garden,
Oberst Cristea Petre, zu sich, und befahl ihnen, 204
Kämpfer der Patriotischen Garden zu mobilisieren. Ein Teil
dieser Kämpfer wurde für die Bewachung einiger Objekte
eingesetzt, die anderen versammelten sich, zusammen mit
Parteiaktivisten, beim Stadtkomitee der Partei, von wo sie sich
auf dem Weg zum Maria Platz machten, um den Protesten der
Demonstranten entgegenzuwirken. Ob dieses die Personen
waren, welche von vielen Revolutionären beschrieben wurden,
die vom unnatürlichen Aussehen dieser Leute, „ältere Militärs,
welche in Mäntel bekleidet waren und ihre Kappen und
Waffen in nachlässiger Weise trugen”, überrascht waren? Die
Militärstaatsanwälte und der Gerichtshof haben sich nicht
interessiert gezeigt, die Identität der Personen mit einem
solchen Aussehen zu erfahren, obgleich sie ernste Gründe
dafür hatten (angesichts dessen, dass diese für einen Teil der
Opfer verantwortlich waren).

127
Währenddessen schickte auch Popescu Ion, Chef-
Inspekteur der Kreisdirektion des Innenministeriums, ungefähr
100 Angestellte der Miliz und der Securitate zum Maria Platz,
um die Situation zu evaluieren und die Demonstranten
auseinanderzutreiben. Auch zwei Feuerwehrfahrzeuge werden
zur Zerstreuung der am Marienplatz befindlichen Massen
geschickt. Es fanden die ersten Auseinandersetzungen zwischen
den Ordnungskräften und den Demonstranten statt. Wir haben
schon gesehen, wie die Demonstranten zum anscheinend
unbewachten Sitz des Kreisrates gelangten. Hier wurden sie
aber von einem Eingriffspeloton des Innenministeriums - mit
Hauben, Schildern und Stöcken – erwartet, welche jedoch den
haltlosen Demonstranten nicht standhalten konnten. Weitere
Angestellten der Securitate und der Miliz kamen den Soldaten
zur Hilfe; als er bemerkte, dass sich die extrem revoltierten
Demonstranten auf dem Weg zum Kreisrat machten,
ordnete Popescu an, dass noch drei Untereinheiten von der
Sicherheitsbrigade und zwei Untereinheiten von der Brigade der
Grenzsoldaten zum betreffenden Gebäude geschickt werden.
Vor dem Kreisparteikomitee wurden die Demonstranten
von den Ordnungskräften mit Wasserstrahlen, und dann
mit Stöcken und Schildern empfangen. Die mit zusätzlichen
Effektiven verstärkten Verteidigungskräfte griffen äußerst
heftig und gewaltsam ein und verwendeten einschließlich
Tränengas. Trotzdem gelang es einigen Demonstranten – wie
weiter oben geschildert – in das Gebäude einzudringen und
kleine Zerstörungen zu machen, doch sie zogen sich nach
kurzer Zeit zurück. Es war das Ereignis, welches den Führern
der Kreisparteileitung Schrecken einjagte und Ceauşescu
entsetzte. Es wurden die ersten Verhaftungen vorgenommen
und die Massen von Menschen zogen sich, unter Druck, auf
zwei verschiedenen Wegen zurück, um sich in Richtung des
Marienplatzes neu zu gruppieren.
Radu Bălan war von den Ausmaßen der Revolte, welche
er ursprünglich für unbedeutend gehalten hatte, beeindruckt,
und rief Oberstleutnant Constantin Zeca, den Stellvertreter
des Kommandanten der Division 18 – Mechanisiert – an, um

128
die Armee um Hilfe zu rufen, indem er behauptete, dass die
Kräfte des Innenministeriums mit den Demonstranten nicht
fertig werden konnten. Mit der Genehmigung vom Minister
Milea, welche durch seinen Vorgesetzten in Craiova (General
Dumitru Roşu) erhalten wurde, ordnete Oberstleutnant Zeca
die Bildung einiger Eingriffsgruppen und Patrouillen an
(ursprünglich fünf, dann zehn, welche aus je 10 Kadern und
Wehrdienstpflichtigen zusammengesetzt waren. Das Gleiche
unternahm auch die andere große Einheit, deren Kommando
in Timişoara versetzt war – die Division 34 für die Luftabwehr
des Territoriums.)
Zur Zerstreuung der Demonstranten auf der Traian
Brücke griffen Kräfte des Innenministeriums und drei
Feuerwehrfahrzeuge ein, aber die Menschenmenge gab nicht
nach, sondern griff die betreffenden Fahrzeuge an. Eines von
diesen, welches sich nicht rechtzeitig zurückzog, wurde von
den Demonstranten ergriffen und zerstört.
Vor Mitternacht hatten sich über 1000 Demonstranten
vor der Kathedrale wiedergruppiert. Sie gingen wieder,
in Kolonnen, zu dem Studenten-Campus und den
Industrieplattformen los. Diese Gruppen von Demonstranten
wurden durch die Arbeiter der zweiten Schicht vergrößert,
welche eben ihre Arbeit beendet hatten. Eine der Kolonnen
kehrte zur Oper zurück. Die Wut der Menschenmenge war
nicht aufzuhalten. Es wurden fast alle Geschäfte in der Gegend
zerstört. Die Zusammenstöße mit den Ordnungskräften
dauerten die ganze Nacht; dabei wurden zahlreiche
Verhaftungen vorgenommen, auf Geratewohl, auch durch
Ordnungskräfte, welche dazu nicht befugt waren, einschließlich
durch Patrouillen der Armee.
Die Absicht der Behörden war, eine unkontrollierte
Entwicklung der Ereignisse in jeder Form aufzuhalten, so dass
am Morgen alles wieder in perfekter Ordnung sei. Ursprünglich
gingen die lokalen Verantwortlichen – wie auch jene vom
Zentrum – vom Gedanken aus, dass es hier um einen Vorfall
ohne Entwicklungspotential ging. Als sie von Ceauşescu
mitten in der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees gefragt

129
wurden, warum den Truppen auf der Straße keine Waffen
verteilt worden waren, antworteten der Verteidigungsminister,
der Innenminister und sogar der Chef des Sicherheitsdienstes
einfach: „Wie dachten nicht, nicht es soweit kommen wird“.
Zurückblicken können einige Zwecke und Zielsetzungen
der Aktion der Revolutionäre festgehalten werden, mit der
Bemerkungen, dass sie sich von einem Augenblick auf den
anderen weiter klärten und entwickelten.
Ihr konstantes Anliegen war, in erster Linie, die
Isolierung von der Mehrheit der Bevölkerung von Timişoara
zu vermeiden. Die Strategie der Parteiorgane und der
Ordnungskräfte verfolgte gerade das, von aller Anfang an.
Nicolae Ceauşescu verwendete in seinen öffentlichen Auftritten
schwere Ausdrücke, mit denen er die Demonstranten in
Timişoara bezeichnete (Hooligans, dem Ausland verkaufte
Menschen, usw.), und bei den Sitzungen des Politischen
Exekutivkomitees verlangte er seinen Helfershelfern, die
revoltieren Menschen auf der Straße als solche zu betrachten;
bei den Belehrungskursen mit dem politischen Apparat des
Landkreises verwendeten Radu Bălan, Ilie Matei, Petre Moţ
die gleichen Worte, um sich auf ihre Mitbürger zu beziehen,
welche sie auf den Straßen und auf den Boulevards anfochten;
bei den Versammlungen, die in den Betrieben auf Anordnung
der Kreisparteiführung am 18. Dezember 1989 veranstaltet
wurden, wurden die Angestellten aufgefordert, die Ereignisse in
gleicher Weise zu interpretieren (festzuhalten ist die Ausnahme
beim Projektierungsinstitut, wo Claudiu Iordache dem Direktor
in voller Sitzung widersprach und erklärte, dass die Menschen
auf der Straße keine Hooligans, keine Ausländer, sondern
Einwohner von Timişoara waren); der General Ilie Ceauşescu
erteilte den Parteiaktivisten und die Kommandanten , beim
Sitz der mechanisierten Division, dieselben Informationen;
auch der Verteidigungsminister, der Innenminister und der
Chef des Sicherheitsdienstes teilten ihren Untergeordneten, auf
ihren spezifischen Kanälen, die gleichen Ideen mit.

130
Schaufenster der Geschäfte am Opernplatz, welche während der
Zusammenstoße in der Nacht vom 16. Zum 17. zerbrochen wurden.

Die Behörden hofften, dass die Zerstörung der Geschäfte


in einigen zentralen Zonen die Bürger der Stadt dazu bringen
würde, die Aktion der Demonstranten zu missbilligen32. Beim
Sitz der Miliz war eine „Ausstellung“ in Vorbereitung, von
Gegenständen und Instrumenten, welche für den Einbruch
in die Geschäfte verwendet worden waren, sowie von Gütern,
welche gestohlen und von den Demonstranten „rückgeholt“
worden waren.

32
Hinsichtlich der Urheber dieser Zerstörungen, welche für die Bürger der
Stadt eine Herausforderung darstellten, gibt es verschiedene Meinungen.
Die Literatur über diese Taten ist umfangreich, und aus diesem Grund muss
die Forschung sogar auch in ausländischen Archiven erweitert werden. Die
meisten Aussagen der ehemaligen Angehörigen der Securitate identifizieren
die „Einbrecher“ als gut ausgebildete Ausländer, welche über spezielle
Mittel verfügten. In den Pressekampagnen mancher Veröffentlichungen
werden diese Herausforderungen der Securitate zur Last gelegt, wobei sie
den Zweck gehabt hätten, die Repression auszulösen.

131
Für das Zerbrechen der Schaufenster von Geschäften und
Buchhandlungen verwendete Gegenstände

Die Miliz machte Einschätzungen der verursachten


Schäden, welche, selbstverständlich, den „Verantwortlichen“
zugerechnet werden sollten. Mehrere Institutionen filmten die
betreffenden Zerstörungen in einer „professionellen“ Art und
bereiteten „Montagen“ vor, welche der Bevölkerung gezeigt
werden sollten. Die kurze Dauer des Sturzes des Regimes ließ
alle diese Absichten unfinalisiert.
Es gab eine kurze Zeit, in welcher das Abstempeln
der Demonstranten als „Hooligans“ und ausländische
Agenten verwirrend war. Die Militärkommandos, welche
über keine Möglichkeiten, Verfahren und Mittel verfügten,
um die Realität auf der Straße unmittelbar zu kennen,
betrachteten die Informationen, welche sie zusammen mit
der Anordnung der Einleitung der Vorbereitungen erhielten,
als wahrheitsgetreu und handelten dementsprechend. Der
Zustand der Verwirrung führten zu schweren Verstößen
und Fehlern mancher Angehöriger der Armee – welche sich
andere Kräfte, die in unsichtbarer Weise agierten, zunutze
machten - die in vielen Toten, Verwundeten, Belästigten und
Verhafteten resultierten. Nachdem er das Vorhandensein eines
Informationsdefizits feststellte (welchen die lokalen Strukturen

132
des Sicherheitsdienstes oder der Miliz – die über alle Angaben
verfügten – in keiner Weise zu decken beabsichtigten) ordnete der
General Guşă das Heranziehen von 41 Kundschaftern aus einer
spezialisierten Einheit der Direktion für Militärinformationen
an (diese trafen am 18. Dezember in Timişoara ein). Aus
anderen Quellen geht nicht hervor, wie nützlich ihre Tätigkeit
in Timişoara war (sie waren dafür ausgebildet, Informationen
aus den Tiefen des feindlichen Lagers zu sammeln), aber später
wurde sie vom General geschätzt. Auf alle Fälle agierten die auf
der Straße gebliebenen Militärkräfte in der folgenden Nacht
(18./19.) mit mehr Koordinierung und die Anzahl der Opfer
war geringer (Schuss-Opfer wurden einschließlich bis am
19. Dezember verzeichnet – Curic Veronica und Reiter Edita
Irina. Weitere 6 Demonstranten wurden unter den gleichen
Bedingungen verwundet.) Gleichzeitig damit beseitigten die
informativ gut vorbereiteten Gewaltstrukturen der Miliz, des
Sicherheitsdienstes oder der Sicherheitstruppen sofort jede
Person unter den Demonstranten, welche zu einem autoritären
Führer werden konnte, indem sie sie verhafteten oder, ganz
einfach, bei erster Gelegenheit umbrachten.
Bereits in der ersten Nacht (16. Dezember) gelang
es den Militärpatrouillen mit ihren zahlreichen Soldaten
und, insbesondere, den experimentierten Kräften des
Innenministeriums, die Demonstranten gegen Morgen, als
sich diese zurückzogen, zu überwältigen.
Am nächsten Tag verliefen die Ereignisse in ähnlicher
Weise; in der Regel zogen sich die meisten Demonstranten nach
Mitternacht zurück, so dass bis zum Morgen des 18. Dezember
die Anzahl der Demonstranten im Vergleich zum vorigen
Tag nicht größer war. Am Morgen versuchten die Behörden
die Spuren der nächtlichen Zusammenstöße zu entfernen;
die zerbrochenen Fenster wurden ersetzt, das öffentliche
Transportwesen wurde organisiert und die Anwesenheit der
Angestellten an ihren Arbeitsplätzen wurde in den Betrieben
streng überwacht, wobei Versprechen bezüglich der Erhöhung
ihrer Einkommen erwähnt wurden.
Um 04.00 Uhr (am Morgen des 17. Dezember) wurde –
auf ausdrücklicher Anordnung von Nicolae Ceauşescu, der
Pastor zusammen mit seiner Familie (seine Frau) evakuiert.

133
Die dem Pastor am Abend vorher vom Bürgermeister Petre
Moţ gegebenen Versprechen und Versicherungen wurden
damit gebrochen. Der ehemalige Erste-Sekretär Ilie Matei, der
inzwischen Sekretär des Zentralkomitees der Partei geworden
war und sich zufällig in der Stadt befand, beteiligte sich direkt
am ganzen Vorgang, zusammen mit Ion Cumpănaşu, von der
Abteilung für religiöse Angelegenheiten. Entweder wurde
dieser ganze Vorgang in einer sehr professionellen Weise,
absolut diskret durchgeführt, oder hatten die Demonstranten
nun andere, ehrgeizigere Zielsetzungen, denn niemand
mobilisierte sich, um diese Zwangsevakuierung zu verhindern.
Der dramatischste unter den Tagen der Revolution
in Timişoara erwies sich der 17. Dezember 1989, angefangen
mit den ersten Nachmittagsstunden. Die Reaktion der
Repressionskräfte war total unverhältnismäßig und illegal
sogar in Bezug auf die kommunistische Gesetzgebung jener
Zeit33. Auch hinsichtlich der Verhaftungen in der Nacht vom 16.
zum 17. Dezember und in den folgenden wurde widerrechtlich
vorgegangen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sehr
viele Festnahmen absolut zufällig und unrechtfertigt waren34.
Die sehr ernsten Ereignisse begannen sofort nach
Mitternacht, in der Nacht 16./17. Dezember. Hier ist eine
aufschlussreiche Aussage eines Revolutionärs (Sorin Oprea),
welcher in der Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1989 die
Jugendlichen aufforderte, eine Kolonne zu bilden und in
die Stadt zu gehen: „Es war ungefähr Mitternacht... unsere
Route war folgende: Kathedrale, Oper, Michelangelo Brücke,
Studenten-Campus, Ion Vidu Lyzeum, Michelangelo Brücke,
Kathedrale, Kinderkrankenhaus, Fakultät für Bauwesen, Calea
Circumvalaţiunii, Dacia Platz. Und hier – es war gegen 04.00

33
Siehe Marius Mioc, Procesele Revoluţiei (Die Prozesse der Revolution)…
Der Autor argumentiert: Der klare Übergriff der Behörden sogar im
Verhältnis zur Gesetzgebung des sozialistischen Rumänien.
34
Artikel 31 der letzten sozialistischen Verfassung: „Keine Person kann
festgehalten oder verhaftet werden, wenn es gegen sie keine Proben oder
gründliche Beweismittel dafür gib, dass sie eine vom Gesetz vorgesehen
und bestrafte Tat begangen hat (...) Niemand kann anders als auf Grund
eines vom Gericht oder vom Staatsanwalt erlassenen Haftbefehls verhaftet
werden.

134
Uhr – wurde die Demonstration vernichtet“35. Die Aussage wird
mit sehr konkreten Einzelheiten fortgesetzt: „Wir gingen von
der Kathedrale... etwa 600-700 Jugendliche ... (andere Zeugen
reden von einer etwas kleineren Anzahl, unsere Anmerkung).
Ich benahm mich wie eine Glucke. Ich passte die ganze Zeit
auf die jungen Leute auf, auf die Adoleszenten, insbesondere
auf die Kinder, denn unter uns gab es auch Knaben von 14-15
Jahren – ich hatte mir so eine Mannschaft von Boten gebildet;
vier Jungen von 18-20 Jahren waren ständig in meiner Nähe, ich
schickte sie ständig mal hin, mal her, nach hinten, nach vorne,
um die Menschen aufzufordern, nicht auseinander zu gehen,
denn mir schien es sehr wichtig, dass wir eine homogene,
kompakte Gruppe blieben“36.
Was machten diese Kolonnen? Kommen wir auf die
Aussage von Sorin Oprea zurück – sie scheint die größte
Aussagekraft zu haben, doch ist sie ähnlich mit anderen
Berichten: „Wir haben keine Schaufenster zerbrochen, aber
was die kommunistischen Plakate anbelangt, oder die Bilder
der Ceaușescus anbelangt ... da ist uns keins entgangen. Ab
und zu blieben wir stehen, aus organisatorischen Gründen. Bei
der Oper hob ich zum ersten Mal die Hand, ich stieg auf dem
Sockel eines Pfeilers, um zu sehen, ob wir uns nicht verstreut
hatten und, selbstverständlich, um den Leuten einiges zu
sagen, um ihr Moral zu heben, um sie in Schwung zu bringen,
nachdem...”37.
Gegen Morgen war der gespannte Zustand überall da,
aber die Ruhe war, scheinbar, wiederhergestellt. Ein Teil der
Militärpatrouillen wurden in den Kasernen zurückgezogen,
aber die Überwachung der Stadt wurde, in diskreter Weise,
fortgesetzt. Während der Nacht machte Ceauşescu, aufgelöst,
zusammen mit seinen nächsten Mitarbeitern, Analysen über
Analysen, in dem Versuch, den Aufruhr zu unterdrücken.
Indem er sie der Inaktivität beschuldigte hatte der Staatschef
(bei der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees am
Nachmittag desselben Tages, den 17. Dezember) folgenden
Dialog mit den Ministern der Gewaltorgane:
35
Titus Suciu, Lumea bună... (Die feine Gesellschaft...), S. 187.
36
Ibidem, S. 188.
37
Ibidem.

135
„Nicolae Ceauşescu: Ich habe mit euch auch heute Nacht
gesprochen, ich habe auch 2 und um 3 und um 4 Uhr in der
Früh mit euch darüber gesprochen, was ihr zu tun habt... Ich
habe mit euch die ganze Nacht, mehrere Male gesprochen.
Tudor Postelnicu: So ist es, mindestens 15 mal.
Nicolae Ceauşescu: Und im Laufe des Morgens noch
einige Male. Ich war hier, im Gebäude, dann bin ich gegangen,
um zu scheuen, was in der Stadt los ist, und es wurde mir
mitgeteilt, dass sie sich wieder im Zentrum versammelt haben.
Und es war bekannt, was getan werden musste“38.
Timişoara sah, im Morgenlicht des 17. Dezember, trotz
aller Bemühungen der Behörden, das Unheil zu verbergen, wie
eine vom Krieg verwüstete Stadt aus. Zerbrochene Schaufenster,
Glasscherben und Pflastersteine überall. Die Arbeiter der
Stadtverwaltung, zusammen mit Handwerkern von den
Betrieben, ersetzten die zerbrochenen Fenster, reparierten die
verwüsteten Geschäfte und reinigten die Stadt, in dem Versuch
der Behörden, der Stadt ein normales Aussehen zu verleihen.
Die Bevölkerung der Stadt sah jedoch, was es zu sehen gab.
Folgendes ist hier festzuhalten: Ursprünglich gaben
die zentralen Behörden den Eindruck, dass sie das Ereignis
als ein lokales Geschehen behandeln werden, welches an Ort
und Stelle zu lösen war, nachdem es auf nationaler Ebene keine
Relevanz hatte.
Eine solche Lösung war zwei Tage vorher mit Erfolg in
Iaşi angewendet worden. Nachträglich beschloss Ceauşescu,
wahrscheinlich auf Grund der erhaltenen Informierungen und
der eigenen Einschätzungen, die Führungen aller Landkreise
über den Grund und die Art der Ereignisse in Timişoara
aufmerksam zu machen. In mehre Landkreise wurde – auf
Grund von Kriterien, die wir nicht kennen – Sekretäre des
Zentralkomitees geschickt, um die lokalen Ersten-Sekretäre
bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen, welche
in den betreffenden Kreisen scheinbar keine Logik hatten:
so wurde die Organisierung eines permanenten operativen
Dienstes in den Institutionen, Betrieben usw. angeordnet.
38
Stenogramm der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees vom 17.
Dezember 1989.

136
Alle Kader der Armee wurden aus dem Urlaub
zurückgerufen, in den Einheiten wurde ein zusätzlicher Dienst
mit zusätzlichem Personal organisiert, es wurden die Waffen,
die Kampfausrüstungen, die Munition, die Geheimdokumente
überprüft. Ohne Erklärungen... Aber mit war für Auswirkungen?
Der Staatschef hatte, ohne zu wollen, das Ereignis in Timişoara
„popularisiert“ und im ganzen Land bekannt gemacht. Eine
Telekonferenz mit den Ersten-Sekretären, am Nachmittag des
17. Dezember, „vollendete“ das Werk ihres Führers. Gemäß
der bekannten Praxis riefen auch die Ersten-Sekretäre ihr
„Apparat“ und gaben in betonter Weise die Hinweise von
Ceauşescu weiter. Und diese führten, selbstverständlich, die
„Botschaft“ weiter. In Unkenntnis der Begründung mancher
merkwürdiger, atypischen Maßnahmen, verbreiteten die
Angehörige der Armee und ihre Familien äußerst phantasievolle
Gerüchte. Auf diesem Hintergrund fielen die auf verschiedenen
Wegen gekommenen Informationen über Timişoara bei den
Angestellten der Betriebe, in den lokalen Gemeinschaften, in
den intellektuellen Milieus, in Familien auf gutem Boden. Auf
dieser Weise half Ceauşescu, ohne Absicht, den Anführern der
Demonstranten in Timişoara, welche sich sehnlich wünschten,
dass ihre Aktion im ganzen Land bekannt werden.
Die Reaktion der politischen Behörden war – nach
einigen Stunden der Verwirrung – trotz der scheinbaren
Oberflächlichkeit koordiniert, strukturiert und relativ gut
gesteuert, wenn auch ohne Flexibilität und Initiative auf der
unteren Ebene. Etwas weiter oben haben wir festgestellt,
dass das operative Kommando der Repression dämlich
war. Nach Timişoara wurden, in aufeinanderfolgenden
Wellen, hochrangige Amtsträger der zentralen Macht, sowie
Mannschaften von Spezialisten geschickt, um die Aktionen
der lokalen Gewaltstrukturen zu führen, zu unterstützen
und zu koordinieren. Diesen fehlte jedoch die Homogenität,
da sie auf Grund zufälliger Kriterien gewählt worden waren;
demzufolge handelten sie, an Ort und Stelle, in separater
Weise, je nach dem Ministerium, dem sie angehörten, jeder
seinen internen Befehlen folgend, mit eigenen Informations-
und Analysesystemen, was ihre Unwirksamkeit und das
Durcheinander ihrer Aktionen und Entscheidungen zur Folge

137
hatte (in der Anklageschrift für den Prozess von Timişoara
gelang es den Staatsanwälten trotzdem, einige Elemente
der Kooperation zwischen den Entscheidungsträgern zu
identifizieren, welche aber weit davon entfernt waren, was die
Kohärenz der Mitarbeit innerhalb eines Militärkommandos
voraussetzt).
Die ersten Vertreter der zentralen Behörden kamen
am Morgen des 17. Dezember an. Bis zu dem Zeitpunkt
war die Führung der Operationen auf lokaler Ebene, in
nichtintegrierter Weise gesichert worden, wobei jeder lokale
Befehlshaben seine eigenen Kräfte geführt hatte (Armee,
Sicherheitsdienst, Miliz, Grenzsoldaten, Patriotische Garden).
Der Erste-Sekretär des Kreisrates, welcher, nach Gesetz,
als Vorsitzender des Verteidigungsrates fungierte, war weit
davon entfernt, den Anforderungen des Augenblickes zu
entsprechen. Ohne minimale Militärkenntnisse zu haben
(Radu Bălan hatte seine Wehrdienstpflicht nicht erfüllt!),
ohne Erfahrung (er war neu in seiner Stelle) setzte er sich
bei den Befehlshabern der Garnison schwer durch. Er war
nicht interessiert gewesen, die Kapazität, die Art und die
Verantwortlichkeiten der Gewaltstrukturen des Landkreises zu
kennen (den Leiter der mechanisierten Division – Befehlshaber
der wichtigsten Gewaltstruktur in der Zone – kannte er nicht
persönlich und wusste nicht recht, wie er ihm Befehle erteilen
konnte). Das Oberhaupt über alle lokalen Strukturen des
Innenministeriums, Oberst Ion Popescu, war neu ernannt in
seiner Position (nach der Ernennung war ihm ein Urlaub, bis
zum 15. Dezember, genehmigt worden!), er kannte die Stadt
und den Landkreis nicht und hatte keine Autorität über seine
Mitarbeiter, welche ihn als einen Neuankömmling von außen
betrachteten, der auf Grund politischer, nicht professioneller
Kriterien ernannt worden war. Bei der Ankunft des Sekretärs
des Zentralkomitees, Ion Coman, war der Erste-Sekretär des
Landkreises, Radu Bălan, nur zu „froh“, diesem die Führung zu
überlassen, obgleich Ceauşescu ihn zu motivieren versuchte,
indem er ihn erinnerte, dass, vom gesetzlichen Standpunkt, er
der Führer sämtlicher Gewaltkräfte war. So wurde dieser auf
Grund der ihm laut Gesetz zukommenden Verantwortlichkeiten
verfolgt und verurteilt, obgleich seine Anordnungen an die

138
Gewaltstrukturen nach dem Nachmittag des 17. Dezember
praktisch nicht existierten. Er behielt einige Initiativen in der
Führung des Partei- und Verwaltungsapparates, aber auch
hier wurde er von den Gesandten aus Bukarest „verdrängt“
(Matei, Pacoste, Coman, Nicolae Mihalache, welcher von Emil
Bobu schon am vorigen Abend hergeschickt worden war – die
um 18.10 Uhr, zusammen mit dem Vertreter der Abteilung
für religiöse Angelegenheiten, Cumpănaşu, angekommen
waren). Bei den Gesprächen des Ministerpräsidenten mit
den Demonstranten (am 20. Dezember), sagte er kein
Wort, verpflichtete sich durch nichts, versprach nichts (er
redete mit Vertretern der Revolutionäre nur dann, wenn der
Ministerpräsident nicht mehr anwesend war)39.
Die ersten, welche in Timişoara ankamen (um 06.30,
vom Oberst Deheleanu beim Nordbahnhof erwartet) waren
die Offiziere einer operativen Gruppe des Innenministeriums,
unter der Führung des Generalmajors Mihale Velicu,
Stellvertreter des Führers der Generaldirektion der Miliz. Zur
Gruppe gehörten noch: Oberst Ghircoiaş Nico­lae, Direktor
des Institutes für Kriminologie, Oberst Roşiu, Leiter der
Rechtsdirektion, Oberst Onţanu, Stellvertreter des Leiters der
Direktion für strafrechtliche Untersuchungen, Oberst Ştefan,
Stellvertreter des Leiters der Verkehrsdirektion, Oberstleutnant
Voicu Ilie, Stellvertreter des Leiters der Wirtschaftsdirektion,
Oberst Obăgilă, Stellvertreter des Leiters der Bewachungs-
und Ordnungsdirektion und andere Offiziere.
Um 07.00 kam in Timişoara, mit dem Zug, eine
andere operative Gruppe an, bestehend aus 12 Offizieren vom
Staatssicherheitsdienst, unter der Leitung von Macri Emil,
Leiter der Abteilung für Ökonomische Spionageabwehr40.
39
Procesul de Timişoara. Documente (14 martie-12 mai 1990) (Der Prozess
von Timişoara. Dokumente (14. März-12.Mai 1990), 3. Band, Timişoara,
Mirton Verlag, 2005, S. 1410 -1514.
40
In einem Interview, welches im Dokumentarbestand des Institutes der
Rumänischen Revolution vom Dezember 1989 aufbewahrt wird, besteht
der General Macri auf die Reihenfolge, in welcher die beiden Mannschaften
des Innenministeriums in Timişoara gelangten. Er erklärt auch den Grund,
aus welchem diese Mannschaften separat kamen: „Ich habe Ihnen noch
nicht gesagt, dass am Morgen des 17. Dezember der General Mihalea
für die Angelegenheiten der Miliz, für die Probleme auf der Straße nach

139
Zur Gruppe gehörten, unter anderen: Oberst Teodorescu
Filip, Stellvertreter des Leiters der Spionageabwehrdirektion,
Oberst Anastasiu Gabriel, Stellvertreter des Leiters der
Inlandsinformationsdirektion, Oberstleutnant Dan Nicolae,
Oberstleutnant Gheorghe Glăvan, von USLA (die spezielle Anti-
Terror-Einheit), Major Pop Vasile, von Inlandsinformationen.
Um 09.30 Uhr kam beim Kommando der
mechanisierten Division, mit einem Sonderflugzeug, eine
operative Mannschaft vom Großen Generalstab (unter der
Führung von Oberst Ionescu Dumitru) an, welche auch
Offiziere des C.P.S.A. (Hoher Politische Rat der Armee), des
C.A.A.T (Kommando für die Flugabwehr des Territoriums),
der Direktion für Militärmusikgruppen sowie der 3. Armee
umfasste. Diese Mannschaft verließ Bukarest am Morgen des
17. Dezember, mit der scheinbaren Aufgabe, die Parade der
Truppen durch die Stadt vorzubereiten. Der Chef des Großen
Generalstabs, General Guşă, erfuhr von der operativen Gruppe
in seinem Kommando nach deren Abreise. Der operativen
Gruppe wurde keine andere, genaue, Aufgabe anvertraut
(welche nach der Parade der Truppen ausgeführt werden
sollte) und der General Milea sagte ihr nur Allgemeinheiten
(„Geht hin und schaut, worum es geht!”).
In Timişoara befand sich außerdem der stellvertretende
Generalstaatsanwalt, Gheorghe Diaconescu, zusammen mit
anderen Staatsanwälten, welche entweder bereits angekommen
waren oder erwartet wurden, um die erforderlichen
Untersuchungen zu unternehmen und die Haftbefehle für die
festgenommenen Personen auszustellen. Die Mannschaft der
Staatsanwälte wurde durch zusätzliche ergänzt, welche entweder

Timişoara kam.
„Er kam vor Ihrer Mannschaft?”
„Er kam nicht mit mir. Zwischen seiner Ankunft und meiner war ein
Unterschied von etwa einer halben Stunde. Ich und meine Mitarbeiter kamen
mit dem Motor des Ministers... Dieses Mal hatte ich keine Möglichkeit
mehr, rechtzeitig in Timişoara anzukommen, ich hatte den Zug verpasst,
mit welchem Mihalea und seine Gruppe von Offizieren reisten, so dass ich
mit Tudora sprach, dieser redete mit Aron... Dieser gab die Genehmigung:
Er stellte mir den Motor zur Verfügung, und so gelangten wir in Timişoara.
Ja, Mihalea war hier.”

140
aus den benachbarten Kreisen oder aus Bukarest gebracht
wurden. In der Zone befand sich auch der stellvertretende
Justizminister, Bracaciu.
Dieser war ein Teil der Unterstützungsmaßnahmen,
welche von Bukarest den lokalen Behörden für die schnelle und
brutale Unterdrückung des Konfliktes zur Verfügung gestellt
wurden. Im Lichte dieser Sachverhalte (und zahlreicher anderer,
natürlich), resultiert sehr klar, dass die Zentralbehörden in
Bukarest, letzten Endes, das Gefahrpotential von Timişoara
richtig einschätzte. Diese Konzentrierung von Kräften
wäre auf keinem Fall gerechtfertigt gewesen, wenn – so wie
Ceauşescu ursprünglich behauptet hatte, die Rede nur von
der Evakuierung eines rebellen Pastors, der sich mit seinem
Vorgesetzten gestritten hatte, gewesen wäre. Warum misslang
dann ihre Aktion?
Kommen wir aber auf die Tatsachen zurück.
Unerklärlicherweise ordnete Ceauşescu (welcher sehr
aufgeregt und die ganze Zeit von seinen Mitarbeitern geärgert
worden war) an, dass am Morgen des 17. Dezember eine
„Demonstration” durchgeführt werde. Obwohl er Oberster
Befehlshaber der Streitkräfte war (eine Zeit lang hatte er die
Stelle als Stellvertreter des Streitkräfte-Ministers, mit dem
Grad eines Generals, als politischer Chef bekleidet), war sein
Wortschatz auf militärischem Gebiet limitiert, so dass er von
den verantwortlichen Stellen des Verteidigungsministeriums
falsch verstanden wurde. Während er eine Vorführung
der Gewalt vorzunehmen beabsichtigte, welche jeden
Destabilisierungsversuch in der Zone entmutigen sollte,
verstanden der Minister Milea und seine Mitarbeiter
(einschließlich der General Ilie Ceauşescu, sein politischer
Stellvertreter und Bruder des Diktators), dass eine
Militärparade organisiert werden sollte, im Rahmen welcher
einige Militäreinheiten mit Blasmusik und patriotischen
Liedern auf den Straßen der Stadt marschieren sollten. Es war
eine übliche Praxis bei Angelegenheiten, an denen eine wichtige
Nationalfeier bevorstand, und das Publikum fühlte sich von
solchen Veranstaltungen weder gestört, noch beunruhigt, weil
es sie erwartete.

141
Auf Grund der erhaltenen Anordnung gingen die
Befehlshaber in Timişoara zur Organisierung einer Militärparade
über, wie wenn man ein Ereignis historischer Bedeutung gefeiert
hätte. Zur Überwachung der Vorbereitung und des Verlaufs
der Parade kamen nach Timişoara ein politischer Offizier
und einer von der Direktion der Militärmusikgruppen (in der
Mannschaft des Oberst Ionescu vom Großen Generalstab).
Die Parade fand statt, hatte jedoch eine den Erwartungen von
Ceauşescu entgegengesetzte Wirkung. Praktisch war es so,
dass, wenn es vielleicht noch Bürger gegeben hätte, welche von
den stattgefundenen Ereignissen nichts wussten, so erfuhren
sie das jetzt, aus Neugierde, weil sie nicht begriffen, zu was für
einer „Feier“ sie eingeladen waren. In aller Eile und, irgendwie,
improvisiert, weil sie den Sinn einer solchen Veranstaltung
auch nicht verstanden, marschierten einige Einheiten (vier) –
mit Waffen, Kampfflagge und Blasmusik – am Morgen des 17.
Dezember, unter den stutzigen oder missbilligenden Blicken der
Stadteinwohner, auf den Straßen. Auf ihrem Weg wurden, in
einigen Zoen, die Militärs der mechanisierten Einheit (etwa 200
Personen), von Zivilisten beschimpft und bedroht. Die übrigen
Einheiten kehrte ohne Vorfälle in ihre Kasernen zurück.
Daraufhin bedrohte Ceauşescu den
Verteidigungsminister, Vasile Milea, direkt, und teilte diesem
mit, dass er, wenn die Militärs ihre Pflicht nicht erfüllten, die
Arbeiter zur Hilfe rufen würde, so wie er in 1945 getan hatte.
Das Beispiel, welches Ceauşescu seinen anwesenden
Mitarbeitern gab, als er von den vergangenen Zeiten erzählte,
war ziemlich unbeholfen und ungeschickt gewählt: „...als sie
schossen, war ich mit Doncea und Pătrăşcanu, und ich
lief nicht davon.” Der Diktator bezieht sich auf die von
der kommunistischen Partei und den Sowjets gesteuerten
Straßenzusammenstößen vom Februar 1945, welche den Zweck
hatten, General Rădescu zu zwingen, die Regierung zu verlassen.
Ohne zu wollen gab Ceauşescu zu, dass die Anwendung von
Feuer keine Lösung war, angesichts dessen, dass, als in der
Vergangenheit das Feuer gegen die Partisanen angewendet
worden war (auf die wahren Urheber der Anwendung des
Feuers in der damaligen Zeit will ich hier nicht eingehen, doch
wurde diese ungerechterweise der rumänischen Armee zur Last
gelegt), die kommunistischen Sympathisanten auf der Straße

142
diese nicht verließen. Wiese konnte er sich vorstellen, dass die
Demonstranten jetzt vor dem Feuer davonlaufen würden?
Zwei Tage später wurde auch diese Lösung versucht:
es wurden Arbeiter aus Oltenien mobilisiert, um die
Demonstranten in Timişoara in der Nacht vom 20. zum 21.
Dezember zu bekämpfen. Aber vergeblich, es wurde genau
die entgegensetzte Wirkung erzielt, die betreffenden Arbeiter
solidarisierten sich mit den Demonstranten und brachte, bei
der Rückkehr in ihrer Heimstadt, die Botschaft der Revolution
mit sich.
Sehen wir aber, wie es zu den Tatsachen kam, welche
den „Genossen” so stark ärgerten.
Unsere Absicht ist es nicht, auf die (sehr
interessanten!) Einzelheiten der Zusammenstöße zwischen
den Repressionskräften und den Demonstranten vom
17.Dezember – dem dramatischsten Tag der Revolution von
Timişoara – einzugehen. Solche Beschreibungen sind bereits
in sehr vielen Beiträgen enthalten. Wir interpretieren aber die
betreffenden Ereignisse, wir identifizieren ihren wesentlichen
Sinn, wir stellen die notwendigen Zusammenhänge her und
schätzen deren Konsequenzen für einen bestimmten Typ der
Entwicklung, der radikalen Änderungen in der Gesellschaft, ab.
Trotzdem möchten wir für die Leser einige dieser denkwürdigen
und dramatischen Geschehen, in einer vereinfachten Form,
wiedergeben, damit unser Vorgehen leichter zu verstehen ist.
Die gewaltsamen Auseinandersetzungen begannen
diesmal beim Kreisrat und dann während des Marschierens
der Gruppen zum Opernplatz (etwa um 12.30-13.30 Uhr);
die kleinen Marktplätze und die Straßenkreuzungen auf
dem Weg wurden, der Reihe nach, die Szenen dramatischer
Zusammenstöße.
Die spontan versammelte (von der „Blasmusik“
mobilisierte!) Menschenmenge vor dem Operngebäude
beschloss, sich zum Kreisrat zu begeben, um mit den Behörden
zu sprechen. Der darüber in Kenntnis gesetzte Postelnicu (der
Innenminister), machte die Truppen des Innenministeriums
aufmerksam, dass sie sich in dem in der Anordnung 002600
vorgesehenen Sachverhalt Nr. 2 befanden und agieren mussten.
Ungefähr um 14.00 Uhr begaben sich einige Tausende
Demonstranten, in Kolonnen, zum Parteirat des Kreises

143
Timiş, in einer erbitterten, aber friedlichen Stimmung. Ihre
Route umfasste auch dieses Mal den Studenten-Campus und
dann die Michelangelo Brücke. Beim Hotel „Continental“
war das Boulevard, in Richtung des Kreisrates, blockiert
(angehaltene Straßenbahnen und Militärkräfte, plus zwei
Wasserkanonen der Feuerwehr, ein Feuerwehrfahrzeug und
zwei Militärkraftwagen).
Eine Auseinandersetzung kam auf der Brücke zustande,
als zwei Feuerwehrfahrzeuge versuchten, die Demonstranten
aufzuhalten. Letztere waren durch Reden gelegentlicher Leader,
durch Losungen, durch revolutionäre und patriotische Lieder
motiviert.

Michelangelo Brücke: Feuerwehrfahrzeuge


sind für den Empfang der Demonstranten vorbereitet

Militärkräfte blockieren den Weg zum Kreisrat.

144
Ursprünglich zogen sich die Reihen der Militärkräfte
zurück, während die Menschenmenge „Freiheit!“, „Heute in
Timişoara, morgen im ganzen Land“, „Rumänen, kommt mit
uns!“, „Runter mit Ceauşescu!“, „Wir wollen Essen für unsere
Kinder!“, „Kommt heraus und redet mit uns!“ skandierte. In
der gespannten Atmosphäre auf der Straße wollte der Erste-
Sekretär Radu Bălan die Verantwortung eines Dialogs mit den
Demonstranten nicht auf sich aufnehmen. Die Militärkräfte
griffen gewaltsam gegen die Demonstranten ein. Die empörte
Menschenmenge schlug zurück, und, in kurzer Zeit wurden
eine Wasserkanone und einige LKWs der Armee von den
Demonstranten aufgegriffen. Sie wurden in Brand gesetzt
und zur Blockierung des Victoria Boulevards verwendet. Die
Militärs verließen ihre ursprüngliche Stellung, so dass die
Demonstranten freien Weg zum Kreisrat hatten. Ziemlich
viele von ihnen (im Vergleich mit dem Abend davor) drangen
in den Sitz des Kreisrates ein, riefen Zerstörungen hervor und
setzten einige Räume im Erdgeschoß in Brand.
Jene, die im Gebäude beschäftigt waren, verließen es
in Eile, indem sie von den hinteren Fernstern des Gebäudes
und über die beiden hohen Zäune des Hofes sprangen. Die
Demonstranten warfen Parteidokumente, Propaganda-
Broschüren und von Ceauşescu unterschriebene Bücher zum
Fenster hinaus; die Bilder von Ceauşescu wurden auf die
Straße geworfen und dann zerstört, verbrannt; die Fahne der
Rumänischen Kommunistischen Partei wurde auch in Brand
gesetzt, und am Balkon des ersten Stockwerkes erschien eine
junge Frau, welche die Trikolore, aus welcher der Wappen
herausgeschnitten worden war, flattern ließ.
Nach einigen Augenblicken der Verwirrung kamen die
Repressionskräfte zurück und lösten die blutigste der während
der Revolution stattgefundenen Aktionen aus. Truppen der
Securitate schlugen auf die Menschen mit ihren Waffen, mit
dem Bajonett und Schaufelheften ein, verfolgten sie und
kreisten sie ein. Es wurden die Panzerfahrzeuge der Armee
und Streitkräfte derselben herbeigebracht.
Die Menschenmenge konnte sich nur schwer in zwei
Richtungen zurückziehen: ein Teil zur „Decebal“ Brücke und
den „Neptun“ Bädern, während sich der andere Teil, kämpfend,

145
zum „Continental“ Hotel und dann weiter, zum Victoria-Platz
und zum Opernplatz zurückzog. Viele Menschen wurden
mitten auf der Straße verhaftet und misshandelt.
In dieser ersten Etappe des massiven Eingriffes
der Truppen wurden diese wie folgt verteilt: Truppen des
Sicherheitsdienstes (Securitate) und der Grenzsoldaten –
beim Kreisrat der Kommunistischen Partei; Truppen des
Sicherheitsdienstes – bei der Decebal-Brücke; Truppen
des Sicherheitsdienstes – beim Stadtparteikomitee und der
Orthodoxischen Kathedrale; die große Flugabwehreinheit – beim
Hotel „Continental“ und bei der Post; die große mechanisierte
Einheit – beim Kreisrat, beim Hotel „Continental“, beim
Bahnhof, beim Bega Einkaufszentrum, bei der Zentralen Post
und der Nationalbank. Die Organe des Innenministeriums
verfügten über Gruppen von je 3-4 Unteroffizieren und
zwei Militärgruppen beim Kreiskrankenhaus, beim Traian-
Platz, dem Betrieb ,,Electrotimiş”, bei der Calea Lipovei –
Lebensmittelkomplex, auf dem Boulevard 6 Martie- Sinaia und
am Dacia-Platz.
Es ist leicht festzustellen, dass – obgleich für ihre
mangelhafte Tätigkeit kritisiert – die beiden Minister
(der Verteidigung und für innere Angelegenheiten) ihren
Untergeordneten alle Anordnungen gegeben hatten, so
dass die Konfrontationen besonders stark waren. Im Laufe
der Nacht wurde die Demonstration unterdrückt, aber
nach der Militärparade versammelte sich eine Gruppe von
Demonstranten wieder, vor der Orthodoxischen Kathedrale.
Die davor gewarnten Ordnungskräfte erhielten Befehl, tätig
zu werden. Die Menschenmasse beschloss, auf dem Republicii
Boulevard zum Viadukt in Circumvalaţiunii zu gehen, und
dann auf der Calea Aradului, der Calea Lipovei und wieder
zurück, zur Oper und der Kathedrale. In der Nähe des Dacia-
Platzes wurden die Demonstranten von den Repressionskräften
eingekreist. Seitens der Calea Aradului griffen die Militärs der
Grenzsoldatentruppen ein, während seitens der Gheorghe Lazăr
Straße Militärs des Ministeriums für Nationalverteidigung
erschienen. Die Militärs wurden in ihren Handlungen von
Angestellten der Miliz und der Securitate unterstützt, so dass
die Demonstranten, letzten Endes, kräftig angegriffen und
zerstreut wurden.

146
Auf dem ganzen Weg – Calea Aradului, Dacia Platz,
Circumvala­ţiunii, 700 Platz und in der zentralen Zone der
Stadt – wurden massive Verhaftungen vorgenommen. Die
Demonstranten, welche versuchten, weg zu laufen oder sich zu
verstecken, wurden in den Gärten, in den Höfen der Häuser,
in den Wohnblocks gesucht, verprügelt und verhaftet. Die
Angestellten der Miliz und des Sicherheitsdienstes, welchen
den zentralen Teil der Stadt in PKWs durchstreiften, nahmen
außerdem zufällige Verhaftungen vor. Die Menschen wurden
bestialisch geschlagen und in den Hof der Direktion für Innere
Angelegenheiten und an anderen improvisierten Stellen gebracht.
Wie kam es denn zu den Auseinandersetzungen am
Libertăţii Platz? Angereizt und herausgefordert kamen
verschiedene Gruppen von Demonstranten, welche sich
aus dem Kampf mit den Repressionskräften beim Kreisrat
zurückgezogen hatten, am Libertăţii Platz an, vor dem
Kommando der Mechanisierten Division und der Befehlsstelle
der Garnison an. Hier reagierten sie weiterhin in heftiger
Weise, jedoch nicht gegen die Militärs in den beiden
Gebäuden, sondern gegen jene, welche vom „Continental“
Hotel aus Druck ausübten: sie setzten einen Zeitungskiosk
und eine Straßenbahnsteuerstelle in Brand und zerstörten ein
PKW (welcher dem Oberst Predonescu gehörte). Gleichzeitig
versuchten die Demonstranten, das Herannahen der zur Hilfe
gerufenen gepanzerten Amphibienfahrzeuge aufzuhalten,
zerbrachen erneut Schaufenster und drangen in öffentliche
und Geschäftsräume ein.

Merkblatt Nr. 4
Auszug
aus dem „Tagebuch“ des Generals Emil Macri

„1. Beherrschung der Straße.


- Erkundungspatrouillen – Miliz und Sicherheitsdienst.
2. Besondere Aufmerksamkeit den Studenten widmen.
3. Anwesend mit Ermittlungskräften.
4. Anordnungen an die Grenzübertrittsstellen hinsichtlich
der Ausländer, welche einreisen – wohin sie gehen. Uniform in
der Zone.

147
(…)
7. Pelotons + 100 Kader:
Bedarf: 400 Schilde;
400 Stücke;
Einheiten stärken.
8. Verwundete: Direktion – 10 Offiziere, 10 Unteroffiziere;
Feuermänner – 1 Wehrdienstpflichtiger, verschwunden –
Bejenaru, aus Lugoj;
9. Festgehaltene Elemente – 215;
- 175 bei der Miliz;
- 32 im Gefängnis;
- 8 bei der Garnison;
- Es waren fast 8500 Elemente tätig.
Wir, mit 12.000 Kadern und Wehrdienstpflichtigen.
Verhältnis: 1/8 – wie haben gesiegt.
10. Was muss behandelt werden:
- Ein Pfarrer wurde aus disziplinären Gründen von seinen
Vorgesetzten versetzt.
- Nachdem er (?) nicht hatte, musste er auch für Indisziplin
versetzt werden.
- Der reformierte Erzbischof richtete sich an das
Amtsgericht, um diesen zu zwingen, die Wohnung zu verlassen.
- Der Erzbischof hatte Recht. Der Pfarrer organisierte
eine Gruppe von Menschen zu seiner Unterstützung, welche
die Ordnung störten. Die Staatsorgane griffen im Sinne der
Verteidigung des Gesetzes ein. Alle müssen das Gesetz beachten,
nur er nicht.
- Es ist bedauerlich, dass in dieser Sache auch Leute
mitgerissen wurden, welche nichts hatten.
- Die Organe griffen ein und setzten die Beachtung des
Gesetzes durch.
- Die Maßnahmen sind morgen zu treffen.
11. Heute: - mit den Schülern: es wurden die Eltern, durch
die Schule, benachrichtigt und sie werden darauf hingewiesen,
was getan werden muss. – Sie übernehmen die Schüler, mit
Sorgfalt.
- Studenten - exmatrikuliert.
- Arbeiter, außerhalb der Stadt.

148
- 10,00 (Uhr) – Totalverkehrsfilter, mit Aufzeichnung
aller Eintragungskennzeichen der Fahrzeuge in Richtung Arad,
Jimbolia, Moraviţa, Lugoj.
- Patrouillenstreifen durch die Stadt, zur Entdeckung
von Gruppenbildungsversuchen.
12. 10,00 –Auf der Gh. Doja Straße, hinter dem Haus
von T.L., haben sich 20-30 Gläubige – alte Personen und Frauen
– versammelt. Die Milizkräfte sollen kommen, um diese zu
zerstreuen.
10,05 – Ankunft einer Mannschaft von der
Generalstaatsanwaltschaft, unter der Führung des Genossen
Diaconescu.
- 322 – 390 – 410 – 81 Freuen, 329 Männer.
10,30 –Auf der Gh.Doja Straße haben sich etwa 150
Personen versammelt.
- Oberstleutnant Bunoaica, mit 1 Peloton, greift ein, um
diese zu zerstreuen.
- Zugegen ist auch Gen. Gl. Mihalea V. und Oberstleutnant
Corpodeanu.
13. - 10,37 – Gen. Erster-Sekretär:
- An der Bega gibt es Kleinhändler – es war Oberst
Fărcaşu.
- Bei der Reformierten Kirche wird gegen die Versammelten
gehandelt.
- 10,50 Genosse Erster-Sekretär. 500 Personen ziehen
vom Maria-Platz zur Kathedrale. Auf Anordnung des Gen.
Ersten-Sekretärs
Moţ ist der Verkehr unterbrochen worden.
- 2 Pelotons sollen eingreifen.
- Der Verkehr wurde unterbrochen. Anordnung des
Genossen
Moţ.
14. - 11,05 – Gen. Erster-Sekretär: Wie viele der 215 sind
Frauen?
- Genosse Kapitän Negru, Kommandant des Gefängnisses,
teilt mit: es wurden 390 Elemente aus der „Vasile”-Aktion
gebracht.
15. - 10,10 – Genosse Oberst Sima ist in der Zone
angekommen und stellt fest, dass nicht entschieden genug

149
gehandelt wird, bei der Regionalen Eisenbahndirektion wird
stationiert.
16. - 11,05 Genosse Minister T. Postelnicu:
- Genosse Velicu soll bleiben.
- Oberst Ciocoiu – bleibt dort.
- Ich soll, für eine ½ Stunde hingehen, um eine Informierung
für die Militärs, welche sich beteiligt haben, zu machen: auf den
Hintergrund des Verstoßes gegen die Gesetze, haben anarchische,
undisziplinierte Elemente, unter dem Einfluss anderer Elemente,
….
17. - 16,00 Hinweise an Mihalea şi Nuţă hinsichtlich der
auszuübenden Aktivität erteilen.
- Diaconescu muss kommen, um seitens der Führung der
Partei zu telefonieren.
- Der Rahmensachverhalt vom Genossen Nuţă
vorzustellen.
- Auch im Geiste der Partei zu besprechen.
- Versammlungen bei den Studenten durch unsere Organe
durchzuführen. Für Dezember – Hinweis der Genossin Elena
Ceauşescu.
- Der Genosse Erster-Sekretär muss auch wissen.
18. - 12,00 Oberstleutnant Bunoaica berichtet, dass er
die Situation in der Zone „Vasile” in Griff hat.
- Wir verfügen über 15 Pelotons, davon 12 eingesetzt.
- 3 Pelotons in der Kaserne.
- Wir werden noch 5 Pelotons von Arad und Orăştie
bekommen und damit 20 Pelotons haben.
- Wir haben auch 9 Pelotons von Grenzsoldaten.
- Zu schicken: 200 Schilde, 150 Stäbe.
19. Oberstleutnant Păun, von der Division – ob
erforderlich ist, mit Streitkräften einzugreifen.
20. - 12,25 – Bei der Kathedrale und am Opernplatz
haben sich etwa 500 Personen versammelt, welche skandieren.
- 1 Sicherheitspeloton Oberst Comănici.
- 3 Pelotons Grenzsoldaten – vom Theater.
- 400 Wehrdienstpflichtige vom Ministerium für
Nationalverteidigung.
- Eingriffskräfte werden beim Tor gewechselt und beim
Kreisrat + Hunde.

150
- Eingriffskräfte zu ändern, 2 Feuerwehrfahrzeuge
heranziehen.
21. - 12,40 – An Gen. General Nuţă Bericht erstattet.
- Es soll mit aller Kraft agiert werden.
12,50 - Gen. General Nuţă hat Gen. Minister T. Postel­nicu
Bericht erstattet, welcher anordnet, dass wir alle Maßnahmen
zur Unterdrückung nehmen sollen.
- Ich setze weitere 2 Grenzsoldaten-Pelotons ein.
22. - 13,00 – Gen. Erster-Sekretär teilt seitens Gen.
Oberstern Befehlshaber mit: Es ist Notstandslage, wenn sie sich
nicht zurückziehen, werden sie verhaftet.
- Ich soll an alle Untergeordneten weiterleiten: in
Timişoara wurde Belagerungszustand erklärt, wenn sie sich
nicht fügen, wird das Gesetz angewendet.
23. Der General Mihalea soll den Genossen Minister
anrufen.
24. 13,25 – Die Kolonne von 600 Personen ist vor dem Hotel
„Continental“ angekommen, in Richtung des Kreisparteikomitees
- General Velicu, General Macri.
Oberstleutnant. M. Sas, Oberst. Deheleanu.
25. - 13,30 Gen. Postelnicu: Isoliert die Kinder von der
großen Masse, dass sie nicht verwundet werden, auf Anordnung
des Genossen Oberbefehlshaber.
- Es wird ein Warnschuss geschossen”41.
Aus dem obigen Text gehen die Ausmaße der
eingesetzten Repressionskräfte des Innenministeriums
vom 17. Dezember bis zum Augenblick des Angriffes auf
das Kreisparteikomitee hervor: die Sicherheitsbrigade aus
Timişoara, mit 15 Pelotons, davon 12 effektiv eingesetzt und 3
in Reserve; es wurden weitere Pelotons von Arad und Orăştie
erwartet, also insgesamt 20, zu denen noch 9 Pelotons von
Grenzsoldaten hinzukamen. Für diese sollten 200 Schilde und
150 Stöcke gebracht werden. Dazu kommen die Angehörigen
und Ausrüstungen der Feuerwehr.
Als Bilanz der Auseinandersetzungen im Laufe der
Nacht zeichnet der General Macri, wie ein authentischer,
im Feuer des entscheidenden Kampfes stehender „Stratege“,
auf: „Wir, mit 12.000 Kadern und Wehrdienstpflichtigen.
Verhältnis: 1/8 – wie haben gesiegt...“
41
Zeitschrift Evenimentul zilei, Jahr I, Nr. 32, vom 29. Juli 1992.

151
Tatsächlich gab es bis am Nachmittag des 17. Dezember
keine Tote, aber es wurden 215 „Elemente“ festgehalten, davon
175 bei der Miliz, 32 im Gefängnis, 8 bei der Garnison. In
einem anderen Punkt des „Tagebuches” (um 10.00 Uhr) wird
die Ankunft des Staatsanwalts Diaconescu verzeichnet, gefolgt
von einer Reihe mehrerer Zahlen ohne Erklärung: 322 – 390 –
410 – 81 Frauen, 329 Männer. Wenn wir die Befugnisse von
Diaconescu in Betracht ziehen, dann müssen sich diese Zahlen
auf die festgehaltenen Personen beziehen. Eine Stunde später
(11.05) fragt der Erste-Sekretär des Kreisparteikomitees,
welches das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bei
den ihm bekannten 215 Festgenommenen sei. Infolgedessen
blieben die politischen Amtsträger bei dieser Zahl, welche
selbstverständlich viel kleiner als die tatsächliche war, über
welche die Staatsanwaltschaft, der Sicherheitsdienst und die
Miliz informiert waren. Um die gleiche Zeit (11.05) wird
auch ein Bericht des Kapitäns Negru (Kommandant des
Gefängnisses) verzeichnet, durch welchen dieser informiert,
dass er 390 „Elemente” aus der „Vasile”-Aktion erhalten habe
(entweder aus den Reihen jener, welche an anderen Stellen
während der Nacht verhaftet und festgehalten worden waren,
welche inzwischen ins Gefängnis geschickt worden waren,
oder andere, welche am helllichten Tag am 17. Dezember, bis
um 11.05 Uhr in der Nähe der reformierten Kirche verhaftet
wurden). Von hier die verschiedenen Zahlen, welche die
Geschichtsschreiber über die Verhafteten der Nacht vom
16. zum 17. Dezember und des Morgens des 17. Dezember
erwähnen: 410 (81 Frauen und 329 Männer, oder 410, zu denen
die vom Gefängnis bekannt gegebenen hinzugefügt werden;
390, also insgesamt 800, oder sogar mehrere, 978)42.
Weiter unten die Maßnahmen, die man getroffen
hätte, wenn die Demonstration nicht wiederaufgenommen
worden und vom Angriff auf das Kreisparteikomitee, von
der Neutralisierung der Repressionskräfte und dem Sieg der
Revolution gefolgt worden wären:
„– Die Schüler: ihre Eltern sollten benachrichtigt und
die Schule sollte sie aus dem Gefängnis übernehmen;
42
Alexandru Oşca, Ioan Munteanu, Dumitru Tomoni, Emil Şimăndan,
Revoluţia Română… (Rumänische Revolution...), S. 314-317.

152
– Die festgehaltenen Studenten sollten exmatrikuliert
werden;
– Die Arbeiter sollten außerhalb Timişoara versetzt
werden“43.
Anstatt sich zu vereinfachen wurde die Situation
in der Stadt – zur Verzweiflung von Nicolae Ceauşescu -
immer komplizierter. Er war sofort über den Angriff vom
Kreisparteikomitee informiert.
Interessanterweise wurde der Staatschef, zur
Unzufriedenheit der Organe des Sicherheitsdienstes, über
den Sachverhalt zunächst entweder von Radu Bălan, oder von
Mihalcea (ein Amtsträger aus der Entourage von Emil Bobu,
welcher am vorigen Abend speziell nach Timişoara geschickt
worden war) informiert, und nicht vom Chef der Securitate.
Ceauşescu rief eilig mehrere aufeinanderfolgende
Sitzungen zusammen: des Politischen Exekutiven Politischen
Bureaus (um 10.00 Uhr) und des Exekutiven Politischen
Bureaus (etwa um 13.30 Uhr), wo er eine simplistische und
konfuse Darstellung der Ereignisse machte, dem General Vasile
Milea, Tudor Postelnicu und Iulian Vlad vorwarf, dass sie der
Lage nicht gewachsen waren und sie mit der Amtserhebung
und dem Hinrichtungskommando bedrohte. Er verlangte
ihnen, dringend neue Verantwortliche mit Entscheidungskraft
in die Zone zu schicken und beauftragte Ion Coman, Sekretär
des Zentralkomitees der Partei, ebenfalls nach Timişoara zu
gehen.
Im Rahmen einer operativen Sitzung des Führungsrates
des Ministeriums für Nationale Verteidigung ordnete Vasile
Milea an, dass sich zwei seiner Stellvertreter (der vierte war
unlängst gestorben) seitens der Armee sofort nach Timişoara
reisen sollten. Der dritte (der General Ilie Ceauşescu) sollte ein
Tag später (am 19. Dezember) hinfahren44.
Ähnliche Maßnahmen wurden auch beim
Innenministerium getroffen, wo beschlossen wurde, dass
der General Nuţă, welcher die Generaldirektion der Miliz
führte, und einige andere Kader Ion Coman begleiten
43
Dokumentarbestand des IRRD, Interview mit General Emil Macri.
44
Ilie Ceauşescu unternahm eigentlich eine längere Tour, welche – nach
Timişoara – die Städte Arad, Oradea und Cluj-Napoca umfasste.

153
sollten. In dieser Weise sollten die letzten hohen Amtsträger,
mit einem Sonderflugzeug, um 16.10 Uhr, mitten in den
Auseinandersetzungen, in Timişoara gelangen.
Inzwischen wurden die Anordnungen von Bukarest
im kontinuierlichen Fluss nach Timişoara übermittelt, ohne
dass die Delegation der Amtsträger, welche sich nun unterwegs
zur Zone befanden, darüber informiert wurden. Die beiden
Minister, der General Milea und Postelnicu, befehlen der
Armee, beziehungsweise den Ordnungskräften – nachdem
diese im Kampfzustand gebracht worden waren – mit mehr
Entscheidung gegen die Demonstranten einzugreifen. In
diesem Sinne wurden die ersten Panzer in die Stadt geschickt,
und die Kommandanten wurden vom Verteidigungsminister
(um 13.30 Uhr) direkt informiert, dass der Oberste Befehlshaber
in Timişoara Notstandslage erklärt hatte. Die Kräfte des
Innenministeriums und des Sicherheitsdienstes organisierten
sich auch in entsprechender Weise.
Die Zwischenfälle streckten sich in mehrere Zonen
aus: ein Panzer wurde von den Demonstranten am Libertăţii
angehalten und blockiert, und wurde nur mit Schwierigkeit
von den Militärs der Sicherheitstruppen wiedererlangt (hier
fand der Vorfall statt, in welchem der Oberleutnant Ion
Bănicioiu, Kommandant des Panzers, von Demonstranten
geschlagen wurde); später wurden weitere fünf Panzer auf der
Calea Girocului, in der Nähe der Poststelle des Viertels, am
Ende der Linie 15 der öffentlichen Verkehrsmittel, angehalten
und blockiert45.
45
Der Kommandant der Kampfstruktur war der Major Gheorghe Badea.
Dieser gibt zu, dass er das Anhalten der Panzer (etwa um 18.55 Uhr)
angeordnet hat, weil er nicht über die Demonstranten, die den Weg blockiert
hatten, fahren konnte. (Constantin Sava, Constantin Monac, Revoluţia...
(Revolution...), S.102). Wir haben auch die Aussage eines der Revolutionäre,
welche der Kolonne folgten und die betreffenden Panzer blockierte:
„Tatsache ist, dass ich mich plötzlich mit dieser Stange in den Händen sah,
welche in unserer damaligen Lage eine schreckliche Waffe war. (...) Ich hatte
in den Händen ein Eisen, mit welchem man viele Schläge versetzen konnte ...
man konnte sogar auf die Gelenke, die schwachen Punkte des Ungeheuers
hauen... Es ist die Zeit gekommen, eine wichtige Präzisierung zu machen:
die wichtigste Rolle beim Blockieren der Panzer hatten die Jugendlichen und
die Kinder (unsere Hervorhebung). Sie liefen zwischen ihnen wie die Kreisel,
sie führten allerlei Dinge in die Raupenketten, in jedwelchen Öffnungen
ein... Ich glaube, dass ich der älteste von ihnen war...Kurz gesagt gelang es

154
Die Panzer wurden spät in der Nacht zurückgeholt, infolge
des Zusammenstoßes zwischen den zusätzlich geschickten
Unterstützungskräften (die Einheiten von Lugoj und Arad) und
den Demonstranten, welcher mit Opfern endete.
Der Sturmangriff der Demonstranten auf das
Kreisparteikomitee am helllichten Tag (am 17. Dezember)
war besonders heftig und wirkungsvoll; praktisch gelang
es Demonstranten, sich für einige Dutzende von Minuten
des Gebäudes zu bemächtigen, Die Amtsträger mussten das
Gebäude in aller Eile verlassen.
Die Verantwortlichen des Regimes wurden sich endlich
der Art und Ausmaße der Gefahr bewusst; infolgedessen
erhielten alle Streitkräfte in der Stadt (außer den obengenannten
wurden von der Armee noch andere, aus Lugoj, Arad,
Buziaş, und später aus Vînju Mare, Caracal, Buzău) Kampf-
Kennzeichen (Radu cel Frumos – angefangen mit 14.15 Uhr
– partielle Kampf-Warnung) und wurden aus den Kasernen
herausgeholt.
uns, sie zu blockieren... Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, den Finken (die
Panzerleute, unsere Erklärung) herunterzuziehen. Während wir uns mit den
Panzerleuten befassten schleppten andere die Fässer mit Dieselöl herunter,
zerbrachen sie. Sie versuchten, diese in Brand zu setzen, aber sie brannten
nicht, dafür entstand ein ganz erstickender Rauch... Da passierte etwas, was
ich mir nicht erklären kann. Zu einem bestimmten Zeitpunkt schlug ich auf
dem Panzer mit einem schweren Schmiedehammer. Jemand hatte ihn mir
gegeben...Ich schlug und schlug und, letzten Endes, gelang es mir, etwas
zu schaffen: ich zerstörte die Maschinengewehre und den Scheinwerfer.”
(Bericht von Eustaţiu Cornel Laurenţiu, welcher aus Titus Suciu, Lumea...
(Die Welt...), S. 15-16 übernommen wurde. Der Berichterstatter sagt, dass
es in der Kolonne sechs Panzer gab.) Eine originelle (aber ähnliche) Aussage
wurde uns vor Kurzem vom Herrn Lorin Fortuna zur Verfügung gestellt,
welchem während der Versammlung am Nationaltheater-Platz ein Zettel
von einem in den Zusammenstößen mit den Panzern involvierten Kämpfer
geschickt wurde: .... eine andere, von Constantin Borca gemachte Aussage,
stellt den Kontext dar, in welchem dessen Sohn, Ilie Borca, im Alter von
14 Jahren, ebenfalls an dem Kampf auf der Calea Girocului teilnahm.
Und wir halten auch die Einschätzung des Verfolgungsberichtes fest, in
welchem es heißt: „Die auf Calea Girocului gebildeten Gruppen bestanden
hauptsächlich aus Jugendlichen bis 23 Jahren, und sie waren sehr aggressiv
und mit Brandflaschen ausgestattet. (Blog von Marius Mioc, „Documentele
Revoluţiei de la Timişoara”, „Raport de filaj” (Dokumente de Revolution von
Timişoara”, „Verfolgungsbericht”, unterzeichnet „Mavru”).

155
Die gewaltsam beseitigten Demonstranten sammelten
sich auf den umgebenden Straßen, in der allgemeinen Richtung
zum Opernplatz. Es wurde ununterbrochen „Freiheit!“,
„Runter mit Ceau­şescu!“, „Wir wollen freie Wahlen!“ gerufen.
Zwei Hubschrauber von der Flugeinheit in Caransebeş flogen
über die Stadt und erhöhten damit die bestehende Verwirrung
und Spannung.
Sowohl die Gruppen von Revolutionären, als auch
die Behörden setzten ihre heftigen Auseinandersetzungen
ohne jede Zurückhaltung fort, ohne auf den Weg des Dialogs
zurückzugreifen.
Zum Zeitpunkt des Sturmangriffes auf das
Kreisparteikomitee, ein Gebäude, welches den Sitz der Macht
symbolisiertem zogen sich Radu Bălan, Cumpănaşu Ion und
Mihalache Nicolae, zusammen mit anderen Parteiaktivisten,
zur Kreisdirektion des Innenministeriums zurück. Von hier
aus telefonierte Bă­lan mit Ceauşescu und informierte ihn über
das Vorgefallene (und zwar aus dem Büro des Obersts Sima,
denn im Büro des Chef-Inspekteurs befand sich der General
Macri, welcher zu dem Zeitpunkt den Sachverhalt an General
Vlad berichtete).
Auf Befehl von Nicolae Ceauşescu traf der
Verteidigungsminister, Vasile, neue Maßnahmen zur Erhöhung
der Kampfkapazität der Truppen und kündete wieder an, dass
in Timişoara Notstandslage sei. Wie wir sehen werden wurde
diese Anordnung förmlich erst später gegeben, und nicht nur
für Timişoara, sondern für den ganzen Landkreis Timiş (am
20. Dezember), beziehungsweise für das ganze Land (am 22.
Dezember).
Infolgedessen ordnete gegen Abend der Oberstleutnant
Constantin Zeca, bevollmächtigter Befehlshaber der
Mechanisierten Division, die Wiederbildung der Kampfstruktur
durch die Militärkräfte an. Die Truppen des Ministeriums
für Nationale Verteidigung agierten als mobile Patrouillen in
folgende Richtungen: Kaserne – Michelangelo Straße – Studenten-
Campus – „1.Mai“ Sportplatz – Cluj Straße – Studenten-Campus –
„Continental“ Hotel – Kreisvolksrat – Libertăţii Platz. Insgesamt
wurden, sukzessiv, über 1.100 Militärs auf den Straßen gebracht.
Vor dem Kreisparteikomitee wurden sieben gepanzerte
Amphibienfahrzeuge gebracht.

156
Etwas früher, um 14.05 Uhr, warnte der General Milea
das Panzerregiment (die Militäreinheit 01115) direkt und befahl
dem Kommandant, Kampfausrüstungen zu den wichtigsten
Objekten in der Stadt zu schicken. Eine Panzerkompanie
agierte in der Richtung: Kaserne – Kreisrat.
Ebenfalls auf Befehl des Ministers für Nationale
Verteidigung galt für das gesamte Regiment 90 – Mechanisiert
(von Lugoj) eine partielle Kampf-Warnung, und ein Kontingent
wurde vorbereitet, um für den Schutz und die Verteidigung
ziviler Ziele in Timişoara einzugreifen. Dieses Kontingent
bestand aus: 12 gepanzerte Amphibienfahrzeuge, ein ARO-
Geländewagen, drei DAC-LKWs, ein Werkstattwagen, 34
Offiziere, 7 Unteroffiziere, 118 Militärs, welche dem Major
Vasile Paul, Kommandant der Einheit untergeordnet waren.
Den gleichen Befehl erhielt auch das Regiment 19 –
Mechanisiert aus Arad (welches zur Division in Oradea
gehörte), welches dringend nach Timişoara geschickt wurde,
mit einem Vorläufer-Kontingent, welches vom Regiment-
Kommandant, Major Marcu geführt wurde, und einem
anderen, später gebildeten Kontingent, unter der Führung des
Majors Iercoşan.
Wie weiter oben dargestellt zogen sich die
Demonstranten nach einer Zeit, als Folge des Eingriffs der
Armee, aus dem Gebäude des Kreisrates zurück. Radu Bălan
kehrte zum Kreiskomitee zurück und verlangte, dass der Sitz
gereinigt und die Ordnung wiederhergestellt werden sollte.
Im obigen haben wir uns auf die Umstände bezogen,
unter welchen die Revolutionäre beim Libertăţii Platz gelangten
(wo sich der Sitz der Division und der Garnisonbefehlsstelle
befanden). Ihre Absicht war es – zumindest ursprünglich – nicht
gewesen, militärische Ziele anzugreifen; ihre Aufmerksamkeit
war auf die Angreifer gerichtet (von der Division griff niemand
an!), welche sie gezwungen hatten, sich in diese Richtung zu
bewegen. Am Libertăţii Platz hatten die Demonstranten
einen Zeitungskiosk, eine Verkehrs-überwachungsstelle
und den PKW des Obersts Predonescu in Brand gesetzt,
waren aber auch in ein Altwarengeschäft eingebrochen und
dieses ausgeplündert. Um sie zu überzeugen, den Platz vor
der Division zu verlassen – aus Angst, dass die Befehlsstelle

157
angegriffen werden könnte – wurden aus dem Gebäude (von
zwei Stellen aus) einige Trommelfeuer geschossen (16.30
Uhr).46 Die Reaktion der Demonstranten war schnell: sie griffen
den Sitz der Division 18 – Mechanisiert – an (genauer gesagt:
das Erdgeschoss, die Räumlichkeiten der Militärgaststätte
und des Hauses der Armee, sowie eine Lagerstelle bei der
Garnisonbefehlsstelle.)
Infolge des Trommelfeuers aus dem Gebäude wurde
eine Frau, Lepa Bărbat, tödlich erschossen (das erste durch
Waffenschuss getötete Opfer); dieses geschah unter den
Augen ihres Mannes und ihres minderjährigen Kindes (ein
zwölfjähriges Mädchen), welche ebenfalls verwundet wurden47.
Es war das erste Opfer, das während der Ereignisse in Timişoara
durch Erschießen getötet wurde. Andere 21 Personen wurden
durch Erschießen verwundet. In diesem Teil der Stadt
(während des Rückzuges zur Oper, dem 700-Platz und dem
Unirii-Platz) wurden Miroslav Todorov (dessen Aufnahme
beim Militärkrankenhaus verweigert wurde), Belici Radian
und Tăşală Remus Marian (ursprünglich verwundet, dann,
während des Krankenhausaufenthaltes, unter verdächtigen
46
Memorial ’89, Buletin ştiinţific şi de informare, nr. 1(8)/2011
(Wissenschaftliches und Informationsbulletin, nr. 1(8)/2011, S. 15. In anderen
Studien wird als Uhrzeit der Feuereröffnung 15.30 Uhr angegeben.
47
Ibidem, S. 14. Die Familie Bărbat, welche sich auf der hinteren Seite
rechts des Platzes befand, war in der Konfrontation nicht involviert. Das
vom Offizier Joiţa geschossene Trommelfeuer wurde mehr oder weniger
auf Geratewohl ausgelöst; wenn er auf die Zone geschossen hätte, in
welcher sich viele Demonstranten zusammengedrängt hatten, wäre die
Anzahl der Opfer viel größer gewesen. Für das minderjährige Mädchen
folgte eine unbeschreibliche Qual: das leicht verwundete Mädchen
begleitete ihren schwer verwundeten Vater (die Kugeln waren durch seinen
Rücken eingedrungen und durch den Magen herausgekommen) in einem
Krankenwagen, in welchem sich mehrere Verwundete befanden. “Ich musste
einen von ihnen unterstützen, erzählt das Mädchen, sonst wäre er die ganze
Zeit über mein Vater gestürzt, und ich hatte Angst, dass er ihn damit töten
konnte:” Stellen wir uns vor, was in der Seele dieses Kindes vorging, was für
Traumen ihr dadurch verursacht wurden, dass sie ihre Mutter tot und ihren
Vater am Sterben sah, dass sie die Nacht im Krankenhaus verbringen musste
(es wurde ihr schlecht, als sie so viel Blut und so viele Verwundete war,
und sie gelangte, zufällig, auch in das Leichenhaus!)…von allen vergessen.
Unter solchen Umständen ist es normal, sich zu fragen, wofür und wem der
rumänische Staat Auszeichnungen verleiht?

158
Umständen tot) getötet. In der gleichen Zeit wurde auch der
Sergeant Adrian Zaharia, aus der Bewachungsgruppe der
Divisionsbefehlsstelle, verwundet.
Die auf dieser Weise angegriffenen Demonstranten
zogen sich in Richtung des Nationaltheaters und der Kathedrale
zurück.
Aus dem Obigen geht hervor, dass die Gewalttaten
bereits ausgelöst waren, als die vom Ceauşescu zur Lösung des
Konflikts gesandte Mannschaft hoher Amtsträger in Timişoara
gelangte. Wegen den Gewaltakten kamen diese vom Flughafen
zu ihren verschiedenen Zielen mit einer gewissen Verspätung
an. Die Mannschaft war mit einem Sonderflugzeug nach
Timişoara geflogen, wobei die ernannten Personen erst beim
Abflug (in Bukarest) bemerkten, wer ihre Kollegen waren:
Coman Ion, Sekretär des Zentralkomitees der Partei für
Fragen der Verteidigung, der Sicherheit und des Rechtswesens,
der General Nuţă, Chef der Generaldirektion der Miliz, der
General-Major Guşă Ştefan, Chef des Großen Generalstabs,
der Generalleutnant Stănculescu Victor, erster Stellvertreter
des Verteidigungsministers, der Generalleutnant Chiţac Mihai,
Kommandant der Chemischen Truppen, der General-Major
Cârneanu Flo­rea, von der Flugabwehr-Befehlsstelle, der Oberst
Gheorghe Radu, der Oberstleutnant Marchiş. Für den Anfang
begaben sich ein Teil der Amtsträger zur Generaldirektion des
Innenministeriums, wo ihnen Oberst Sima, der Führer des
Sicherheitsdienstes des Landkreises, eine 15-Minuten lange
Informierung machte.
Der General Nuţă gelangte zur Direktion des
Innenministeriums und übernahm die Führung der in der
Stadt konzentrierten Aktionskräfte dieses Ministeriums.
Coman Ion, welcher separat vom Flughafen kam,
gelangte nur schwierig beim Kreisparteikomitee. Er blieb
zunächst am Flughafen, um Ceauşescu anzurufen, so wie ihm
dieser während der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees
verlangt hatte. Interessanterweise wurde Coman diese
Anordnung nicht vom Ersten-Sekretär des Kreisparteikomitees
mitgeteilt (dieser wusste nicht einmal davon), sondern vom
Chef der lokalen Miliz, im Auftrag des Generals Macri, welcher,
seinerseits, vom General Vlad informiert worden war.

159
So wie wir oben erklärten war die Führung in Bukarest
von der Entwicklung der Ereignisse überrascht. Der Diktator
hatte ursprünglich versucht, die Gefahr zu minimalisieren, und
hatte seinen Nächsten das Ganze wir einen Vorfall vorgestellt,
dessen Folgen leicht zu beseitigen waren. Er hatte schon
Anordnungen in dieser Hinsicht gegeben und, wie wir gesehen
haben, einige Vertreter der zentralen Macht zur Unterstützung
der lokalen Behörden geschickt. Aus den späteren Berichten der
Mitglieder des ehemaligen Politischen Exekutivkomitees geht
hervor, dass diese keinen Augenblich korrekte und vollständige
Informationen über die Ausmaße der Ereignisse in Timişoara
gehabt hatten, alles, was ihnen bekannt war, waren die von
Ceauşescu im Laufe der Sitzungen und der Telekonferenzen
gegebenen Informationen.
Die Reaktion der Behörden gegenüber den Ereignissen
in Timişoara kann auf mindestens drei Ebenen verfolgt werden:
politisch, administrativ, vom Standpunkt des repressiven
Apparates. Die Aktionen und Entscheidungen der drei Ebenen
greifen und fließen ineinander, sie nähren sich gegenseitig,
und aus diesem Grund bin ich davon ausgegangen, dass hier
nicht der Platz für eine separate Analyse einer jeden Ebene ist.
Zusammenfassend halten wir einige Aspekte fest:
a) Die Entscheidung, nach Ti­ mişoara eine neue
Mannschaft wichtiger Amtsträger zu schicken, beweist, dass
Ceauşescu der Natur und der Ausmaße des Konflikts bewusst
war. Die Mannschaft hätte, förmlich, von Ion Coman geführt
werden sollen, aber sie verließ Bukarest total unvorbereitet und
landete in Ti­mişoara „im vollen Krieg“.
Auch wenn sie eine Anordnung (eher eine Präzisierung,
einen Hinweis von Ceauşescu an Ion Coman, welche bei der
Telekonferenz mit den Ersten-Sekretären, am 17. Dezember48,
ausgesprochen wurde) oder die Absicht hatten, sich später zu
einer einheitlichen Befehlsstelle zusammenzuschließen, wurde
diese nie verwirklicht. Fast alle Beschlüssen standen unter
dem Zeichen der Verwirrung und des Provisoriums. Co­man,
Stăn­culescu ließen sich beim Kreisparteikomitee nieder, Nuţă,
48
Ion Calafeteanu, Revoluţia română din decembrie 1989. Documente (Die
Rumänische Revolution vom Dezember 1989. Dokumente), Cluj-Napoca,
Mega Verlag, 2009, S. 125-135.

160
Macri, Mihale und andere Sicherheitsdienstoffiziere begaben
sich zur Direktion des Innenministeriums, und die Generale
Ştefan Guşă und Chiţac gelangten, nach einigen Vorfällen, bei
der Befehlsstelle der Division 18 – Mechanisiert. Im Laufe des
Morgens waren bereits bei der Befehlsstelle der Division 18 –
Mechanisiert (wie wir gesehen haben) auch andere Offiziere
des Großen Generalstabs, des Hohen Politischen Rates und des
Kommandos der 3. Armee (das höhere Echelon der Division
18) eingetroffen.
Im Laufe der Ereignisse koordinierte Coman
direkt, oder durch Stănculescu und Macri, die Division
34 für die Flugabwehr des Territoriums, die Gruppe der
Fallschirmspringer von Caracal sowie die Sicherheitsbrigade,
und indirekt, durch Guşă, Nuţă und den Ersten-Sekretär der
Partei, die übrigen Streitkräfte.
Guşă war der unmittelbare Führer der Kräfte der
mechanisierten Division, die von Arad, Lugoj, Buziaş und
Buzău herangezogenen Truppen.
b) So prekär dieses Kommando auch organisiert war,
wurde (von den Untersuchungsorganen und den Führern der
Revolutionäre) dennoch erachtet, dass es, de facto, existiert
hatte, so dass ihm die Verantwortung der Repression zukam.
Das Repressionskommando wurde später mit anderen
Vertretern der Exekutivgewalt (wie zum Beispiel Cornel
Pacoste, Stellvertretender Ministerpräsident, welcher am 23.00
Uhr ankam, Ion Toma, Minister für die Angelegenheiten
der Jugendlichen und andere) und mit lokalen Amtsträgern
ergänzt und verdoppelt.
c) Eine erste Untersuchung des Sachverhaltes in
Timişoara wurde, auf zentraler Ebene, bei der Sitzung des
Exekutiven Politischen Rates vorgenommen (diese wurde um
16.00 Uhr zusammengerufen, eine bis zwei Stunden nach dem
Sturmangriff auf das Kreiskomitee der Partei und eine halbe
Stunde nach der Rückkehr der Kreisbehörden zu ihrem Sitz.)
Die Sitzung wurde von einer Telekonferenz mit den
Ersten-Sekretären der Landkreise gefolgt, bei welcher Nicolae
Ceau­şescu behauptete: „…hier haben sich ausländische Kreise
eingemischt (...), ausländische Spionagekreise (...), die Sachen
sind eigentlich bekannt. Übrigens ist auch die Tatsache bekannt,

161
dass sowohl im Osten, als auch im Westen alle darüber reden,
dass sich die Dinge in Rumänien ändern sollten“49.
Infolgedessen beseitigte der Staatschef, bereits, aus den
Gesprächen mit seinen nächsten Mitarbeitern den Gedanken,
dass der Pastor für die Zerstörungen in der Stadt verantwortlich
sei, aber er blieb bei seinen Behauptungen über die Involvierung
ausländischer Kräfte in den betreffenden Ereignissen. In
der öffentlichen Kommunikation (die Rede von 19.00 Uhr,
vom 20, Dezember) bleibt diese These noch bestehen. Sie
verschwindet aber auch aus der öffentlichen Kommunikation
einen Tag später, beziehungsweise bei der Volksversammlung
vom 21 Dezember. Selbstverständlich erwähnte Ceauşescu
keinen Augenblick die wirklichen Ursachen des Aufruhrs der
Bevölkerung: die schlechte materielle Lage und das Fehlen
der Grundrechte. Ganz im Gegenteil: er gab Anweisungen zur
angemessenen Organisierung der Tätigkeit in den Betrieben,
im Sinne der Erfüllung der festgelegten Planvorgaben, so wie
wenn nichts geschehen wäre.
War Ceauşescu informiert oder bewusst, dass die Zeit
der Umwälzungen auch für Rumänien gekommen war und
dass er die Macht aufzugeben hatte? Bisher wurden noch
keine Dokumente gefunden, die eine kategorische Antwort auf
diese Frage erlauben. Bekannt ist, dass manche ausländischen
Delegierte zum 14. Kongress der Partei, dessen Tagung vor
kurzem geendet hatten, genaue Botschaften geschickt und
auch Vorschläge gemacht hatten.
Bei der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees (vom
17. Dezember) fand auch die viel kommentierte Szene statt, in
welcher Nicolae Ceauşescu einen Vorwand schaffte, entweder
um zurückzutreten, oder um sich einen möglichen Rücktritt
zu rechtfertigen, oder um die Treue seiner engsten Mitarbeiter
zu prüfen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt verlangte er die
Zustimmung des Politischen Exekutivkomitees zur Entlassung
des Verteidigungsministers, des Innenministers und des Chefs
des Sicherheitsdienstes. Unter anderen Umständen wäre es
genug gewesen, dass ein derartiger Wunsch ausgesprochen
wird, um ihn sofort zu erfüllen. Diesmal fassten die Anwesenden
49
Ibidem.

162
den Sinn der Worte ihres Vorgesetzten nur als eine strenge,
aber mobilisierende, konstruktive Kritik auf. Sie verhielten
sich so, wie wenn sie sich ihrem Vorgesetzten, der ihre drei
Kollegen tadelte, anschließen wollten, um diese zu motivieren,
entschlossener und beharrlicher in der Erfüllung dessen
Anordnungen zu sein. In der Regel wurden solche Kritiken
nicht vom sofortigen Maßnahmen gefolgt. Unter den ersten,
welche andeuteten, dass solche Maßnahmen nicht angemessen
waren, zählten Dăscălescu und Gogu Rădulescu. Den gleichen
Standpunkt vertrat auch Manea Mănescu (als er gefragt wurde).
Dieses Mal waren die anwesenden Mitglieder des Politischen
Exekutivkomitees von Ceauşescus Entschiedenheit überrascht;
er schätzte ihre Haltung als eine der Fronde ihm gegenüber und,
infolgedessen, verkündete er ausdrücklich: „... in diesem Fall
wählt euch einen anderen Generalsekretär“. Die Worte wurden
von der Tat gefolgt: er stand auf , richtete sich zum Ausgang
des Saales und legte eine bestimmte Strecke zurück (der Raum
war sehr groß, so dass dieses einige Momente dauerte), in einer
Stille, welche von niemandem gestört wurde; doch da brach
der Chor seiner Helfershelfer aus: alle baten ihn eindringlich –
und wetteiferten dabei miteinander, während sie sich sorgfältig
versicherten, dass ihre Haltung von Elena Ceauşescu bemerkt
wurde – dass er bleibe und sie dafür verzeihe, dass sie es gewagt
hatten, an eine andere Lösung zu denken als jene, welche vom
Generalsekretär vorgeschlagen worden war. Ceauşescu kehrte
zurück – indem er von seiner Frau beruhigt wurde – aber
bestand nicht mehr auf seinen Vorschlag, so dass die drei ihre
Ämter behielten.
Persönlich bin ich der Meinung, dass Ceauşescu im
Sinne der Aufrechterhaltung des Regimes an diese Lösung
dachte. Er hoffte, dass das Opfern einiger Figuren – wenn auch
einer der schwersten – zu einer Entschärfung des Konfliktes
beigetragen hätte, auch unter Anwendung einer gut gezielten
Propaganda (um die Menschen zu manipulieren), und indem
die gesamte Schuld für den bis dahin entstandenen Verderb
auf die beseitigten Personen abgewälzt wurde. Ceauşescu
annullierte aber seine ursprüngliche Entscheidung, er behielt
die drei Würdenträger in ihre Ämter, mit der Absicht, ihnen
noch eine Chance zu geben. Und dann trat er seinen offiziellen

163
Besuch nach Teheran an, mit der Überzeugung, dass die
Repressionskräfte „ihre Pflicht” tun würden und man für die
verwerflichen Taten nicht ihn verantwortlich machen konnte.
Um 17.45 Uhr fand die Telekonferenz mit den Ersten-
Sekretären der Landkreise statt, an welcher sich, aus Timişoara,
Coman Ion, Radu Bă­ lan, Matei Ilie, Mihalache Nicolae,
der Oberst Cristea Petre, der General Macri und der Oberst
Popescu Ion beteiligten. Als er feststellte, dass die Generäle der
Armee nicht zugegen waren, machte Ceau­şescu Coman darauf
aufmerksam, diese sofort herzubringen; er ordnete ihm an, in
seinem Namen zu handeln, und dass ohne Verzögerung Waffen
gegen die auf der Straße befindlichen Einwohner von Timişoara
verwendet werden sollten50. In dem Moment war es klar, wer
die Repression führte... der Erste-Sekretär des Landkreises übte
nicht mehr alleine die Befugnisse als Befehlshaber des Kreises
aus, umso mehr, als Ion Coman eine starke Persönlichkeit hatte
und als ein sehr erfahrener General galt.
Inzwischen wurden in der Stadt regelrechte Kämpfte
zwischen den Demonstranten und den Repressionskräften
geführt. Bei der Division 18 – Mechanisiert – war das
Kennzeichen „Radu cel Frumos” erhalten worden, welcher
allen Militäreinheiten der Garnison geschickt worden war.
Der General Ştefan Guşă, welcher beim Sitz der Division
angekommen war, übernahm das Kommando der Kräfte des
Ministeriums für Nationale Verteidigung und ordnete die
Verteilung von Kriegsmunition an: „Beim Angriff wird in die
Luft geschossen, dann auf die Beine“, war sein Hinweis.
Die dem Innenministerium untergeordneten Militärs
(Grenzsoldaten), welche das Rathaus der Stadt bewachten,
öffneten ebenfalls das Feuer gegen die Demonstranten, die sich
neben der Kathedrale befanden.
Um 19.00 Uhr waren in Timişoara die meisten
Militäreinheiten, welche sich auf dem Gebiet des Landkreises
befanden, zusammen mit den Arad, Lugoj, Buziaş, Orăştie,
Săcălaz und Lipova angekommenen Truppen, tätig. Die Zonen,
in denen am Nachmittag und am Abend des 17. Dezember
Streitkräfte der Armee verwendet wurden, waren: der Stadtrat –
50
Der Text des Stenogramms wird in der ANLAGE veröffentlicht.

164
die Kathedrale – der Opernplatz – der 700-Platz – der Li­bertăţii
Platz – der Kreisrat – die Decebal Brücke, Calea Lipovei, Calea
Girocului51. Zu diesen kamen Pelotons der Grenzsoldatentru-
ppen, die Sicherheitsbrigade, Offiziere der Miliz und der
Securitate hinzu.
Es gab mehrere Versuche der Demonstranten, erneut
zum Kreisrat zu gelangen. Ungefähr um 19.00 Uhr näherte
sich eine aus der Richtung des Studenten-Campus kommende
Kolonne, welche bei der Decebal Brücke gelangte; hier schossen
die Repressionskräfte ohne Warnung, aus der Entfernung, auf die
Demonstranten. Es resultierten Tote und Verwundete.
Eine andere Kolonne machte den gleichen Versuch,
aber in der Nähe des Tineretului Parks, auf der „Decebal”–
Brücke. Beide Versuche wurden zurückgewiesen und es
51
In der Anlage wird ein Auszug des sogenannten Protokolls
wiedergegeben, welches von der Division 18 – Mechanisiert erstellt
wurde; es geht eigentlich um eine Zusammenfassung aller Ereignisse
sowie der gegebenen Anordnungen der Armeeechelons, welche in diesem
Kommando konzentriert waren, in welchem sich auch der Chef des Großen
Generalstabs befand. Beim Lesen dieses Dokumentes kann folgendes
festgestellt werden: 1. Die Größe, die Zielsetzungen und die Aktionsweise
der Truppen; 1. Die Begründungen, welche für das Heranbringen neuer
Truppen verwendet wurden; 3. Die Organisierung der Befehlsstelle; 4. Das
Verhalten der Offiziere und der Truppe; 5. Der Status der verwendeten
Kampfmittel, aus welchem, unter anderem, hervorgeht, dass: - die
Munition auf Befehl verteilt wurde; - in den Betrieben existierten Waffen,
und General Guşă verlangte, dass diese zurückgezogen werden, was die
Vorfälle vom 18. Dezember vom Betrieb „6 Martie“ (um 7.00 Uhr morgens
öffnete die Armee das Feuer, verlangte aber gleichzeitig auch Unterstützung
vom Stadt- und vom Kreisrat, um die Menschen zu beruhigen. So kann die
Anwesenheit der Aktivisten in den Betrieben, am 18. und 19. Dezember,
erklärt werden), sowie auch jene vom 19. Dezember, vom Betrieb ELBA,
verursachte; 6. Das Verhalten der Demonstranten. Die Armee machte einen
Unterschied zwischen den gewaltsamen Gruppen – welche „terroristisch“
genannt wurden oder jenen mit einem „wilden Verhalten“ (ein vom General
Guşă verwendeter Ausdruck), welche Kasernen angriffen, und den anderen
Demonstranten; 7 – Die Involvierung der Armee bei der Festhaltung der
Demonstranten (am 17. Dezember, zum Beispiel, wurden 19 Personen
festgehalten, welche Ausweispapiere bei sich hatten, und 19 ohne
Ausweispapiere. Interessanterweise berichtete der Leiter der Fahrerschule
in Săcălaz, dass es 300 Festgenommene unterbringen konnte. Aus den
Dokumenten geht nicht hervor, ob dieser Standort für die Verhafteten
verwendet wurde.)

165
resultierten Tote und Verwundete. Geschossen wurde am Li­
bertăţii Platz (2 Tote und 20 Verwundete), am Opernplatz (9
Tote und 12 Verwundete), auf der Calea Lipovei (6 Tote und
26 Verwundete). Bei der Kathedrale wurden folgende getötet:
Gârjoabă Dumitru Constantin, Istvan Andrei, Balmuş Vasile,
Stanciu Ioan und Iosub Constantin. Ebenfalls am Abend des
17. Dezember wurden bei der Oper folgende totgeschossen:
Haţegan Petru, Choroşi Alexandru, Cruceru Gheorghe, Avram
Ioan Vasile, Opre Gogu, Czmarik Ladislau, Tako Gabriela
Monica, Osman Dumitru und Ioţcovici Gheorghe Nuţu.
Auf der Calea Girocului wurden durch die Demonstranten
fünf Panzer, welche vom benachbarten Panzerregiment zum
Stadtzentrum bewegten, blockiert. Die Demonstranten wussten
nicht, dass diese über reelle Munition verfügten, so dass ihr
Brand die Gefahr starker und unkontrollierter Explosionen mit
sich gebracht hätte. Aus diesem Grund wurden in diese Zone
beträchtliche Streitkräfte geschickt (eine Einheit des Regiments
aus Lugoj und andere Streitkräfte des Regiments aus Arad), um
die Panzer zurückzuholen und zur Kaserne zurückzubringen.
Der Zusammenstoß zwischen diesen Streitkräften und den
Demonstranten endete mit 10 Toten und 25 Verwundete,
darunter: Apro Mihai, Jugănaru Dumitru, Ferchel Ştefan,
Lungu Cristina, Aparaschivei Valentin, Vărcuş Ioan Claudiu,
Mariş Ştefan, Luca Rodica und Ion Maria.
Viele andere Zonen waren die Szene richtiger Kämpfe
zwischen den Demonstranten und den Repressionskräften:
Der Traian Platz, Calea Lipovei, die Zone des Nordbahnhofs,
die Decebal Brücke, der Maria-Platz, wo regelrechte Schlachten
durchgeführt wurden.
Außer der sehr großen Anzahl von Toten und
Verwundeten gab es auch viele Verhaftungen, welche in einigen
„heißen“ Zonen vorgenommen wurden:
– Die Zone des ehemaligen Kreiskomitees der
Rumänischen Kommunistischen Partei, wo am Abend des 17.
Dezember Verhaftungen durchgeführt wurden;
– Die Zone des Libertăţii Platzes, wo sich der Sitz
der Militärgarnison befand; hier wurden die Verhaftungen
insbesondere durch die Militärs in der Garnison, zwischen

166
01.00-11.00 Uhr am Morgen des 17. Dezember, sowie am
Nachmittag desselben Tages vorgenommen;
– Die Zone Zentralpark – Kathedrale, mit Verhaftungen
am Nachmittag und am Abend des 17. Dezember; einige
Festnahmen wurden am Morgen durchgeführt;
– Die Zone neben dem Continental Hotel, mit
Verhaftungen am Morgen des 17. Dezember (zwischen 02.00-
05.00 Uhr), sowie am Nachmittag und am Abend des gleichen
Tages (angefangen mit 13.30 Uhr);
– Die Zone des Opernplatzes, wo die meisten
Festnahmen im Laufes des ganzen Tages vom 17. Dezember
stattfanden;
– Die Zone des Maria-Platzes, wo Verhaftungen in der
Nacht vom 16. zum 17. Dezember, und dann wieder Abend des
17. Dezember durchgeführt wurden;
– Die Zone des Maria-Platzes, wo in der Nacht vom
16. zum 17. Dezember Verhaftungen stattfanden, und dann
wieder, am Abend des 17. Dezember;
– Die Zone des 700-Platzes, wo die meisten Verhaftungen
am Morgen des 17. Dezember, zwischen 0.00-05.00 Uhr
vorgenommen wurden; eine Serie neuer Verhaftungen wurde
am Abend begonnen;
– Die Piatra Craiului Straße (in der Nähe des Cina
Restaurants), wo die Verhaftungen insbesondere in der Früh
und am Abend des 17. Dezember stattfanden;
– Die Zone Dacia – Circumvalaţiunii, wo die
Verhaftungen am Morgen des 17. Dezember durchgeführt
wurden;
– Die Zone neben dem heutigen Krankenhaus Louis
Ţurcanu – zwischen 01.00 und 04.00 Uhr, am Morgen des 17.
Dezember;
– Die Zone neben den Clinicile Noi (Die neuen Kliniken),
am Morgen des 17. Dezember, um 03.30-06.00 Uhr;
– Die Zone des Josefin-Marktes; nach einigen
Verhaftungen um die Mittagszeit, am 17. Dezember, folgte eine
neue Serie, in der Nacht vom 17. zum 18. Dezember“52

52
In den Anlagen ist auch die von Adrian Kali erstellte Statistik der Toten,
Verwundeten und Verhafteten enthalten.

167
Am 17. Dezember – der tragischste Tag – wurden
die meisten Opfer verzeichnet: 66 Tote und 196 Verwundete
(gemäß den Verzeichnissen der Militäranwaltschaft Timişoara).
Für die ganze Periode der Auseinandersetzungen wurden 73
Tote, 296 Verwundete und andere 978 festgehaltene Personen
verzeichnet53.
Die Verluste in den Reihen der Repressionskräfte sind
auch heute nicht vollständig bekannt: die Armee berichtete
über 10 Verwundete.
In der Nach schätzten der General Ştefan Guşă und
Ion Coman, in separaten Sitzungen, jeder in seinem Sitz,
dass die Situation wieder unter Kontrolle war und sich alles
beruhigt hatte. Die beiden besuchtem, zusammen mit anderen
Amtsträgern, „das Kampffeld“ (mit einem gepanzerten
Amphibienfahrzeug und einem Lastkraftwagen), um sich
dessen zu überzeugen.
Der 18. Dezember kann als Tag der Konsolidierung
der Ergebnisse als Folge der Auseinandersetzungen betrachtet
werden; jedes der beiden Lager hatte den Eindruck, als Sieger
hervorgegangen zu sein. Diese Schlussfolgerung überzeugte
Ceauşescu, seinen offiziellen Besuch in Iran nicht auszugeben.
53
Ion Pitulescu (Koordinator), Şase zile care au zguduit România.
Ministerul de interne în Decembrie 1989 (Sechs Tage, welche Rumänien
erschütterten. Das Innenministerium im Dezember 1989). Band I, Bukarest,
1995, S. 111-113. Hinsichtlich der in Timişoara verhafteten Personen
teilte die Militäranwaltschaft in Timişoara am 22. August 1994 mit, dass
im Zeitraum 16.-22. Dezember 1989 978 festgehalten wurden, davon
944 im Gefängnis der Stadt Timişoara, 33 im Arrest der Milizdirektion
und eine Person im Arrest der Garnison. In den Aufzeichnungen des
Innenministeriums erschienen 832 Personen, welche im Zeitraum 16.-19.
Dezember festgehalten wurden, davon; Männer: 700, Frauen: 132. Nach der
Nationalität: 716 Rumänen, 82 Ungarn, 18 Deutsche, 4 Serben, 2 Slowaken,
1 Jude, 8 – andere Nationalitäten. Vom Standpunkt des Alters waren 467
zwischen 18 und 25 Jahre alt, 224: zwischen 25 und 35, 98: zwischen 35
und 40,43: über 45. Vom beruflichen Standpunkt waren 335 Arbeiter, 86
Studenten, 2 Lehrkräfte, 19 Dipl.-Ingenieure, 4 Ingenieure, 1 Architekt, 1
Arzt, 19 Beamte, 19 Pensionisten, 19 Hausfrauen, 2 Wehrdienstpflichtige,
29 Nichterwerbstätige, 116 andere Kategorie. Die übrigen Verhaftete,
ungefähr 150, waren minderjährig. Nach der politischen Angehörigkeit
waren 53 Mitglieder der Rumänischen Kommunistischen Partei, 413
Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes und 366 ohne politische
Angehörigkeit.

168
Es wurden intensivere Maßnahmen zur Überwachung der
Straßen und Marktplätze, durch feste und mobile Einheiten,
getroffen. Die Behörden versuchten, den Anschein zu wahren
und affichierten, am ersten Arbeitstag nach dem freien
Sonntag, eine Stimmung der Normalität. Zwei Ereignisse sind
für diesen Tag zu verzeichnen: die unglaubliche Reaktion
der Militärs gegen eine Gruppe von Demonstranten vor der
Orthodoxischen Kathedrale, beziehungsweise der Versuch der
Behörden, die „Werktätigen“ zu mobilisieren, um die von den
„Hooligans“ gemachten Zerstörungen zu verurteilen.
Gleichzeitig müssen auch die ersten Reaktionen in der
ausländischen Presse bemerkt werden, welche begonnen hatte,
unbestätigte Nachrichten über die Ereignisse in Timişoara zu
verbreiten.
Am Morgen des 18. Dezember wurde bei der
Kreisdirektion des Innenministeriums dazu geschritten,
gemischte Eingriffskräfte (D 1 – 8) und mobile Truppen (Z 1 –
5) zu bilden, deren Aufgabe hauptsächlich in der Überwachung
der verdächtigen Zonen und Personen in der Stadt (aber auch
in der Eröffnung des Feuers, im Falle der Ungehorsamkeit oder
des Gegenschlages) bestand. Auf Befehl des Generals Nuţă
wurden in der Stadt acht Kampfeinrichtungen gebildet: am
Opernplatz „D“ 1, am Libertăţii Platz ,,D” 2, am Dacia Platz
„D“ 3, auf der Calea Aradului „D“ 4, am Traian Platz „D“ 5,
beim Betrieb Electrotimiş ,,D” 6, beim Kreiskrankenhaus „D“
7, beim Kuttl Platz „D“ 8.
Vor Tagesanbruch wurden die beeinträchtigten
Plätze und Boulevards wieder saubergemacht, ein Teil der
zerbrochenen Fenster wurden zurückmontiert und die
Lebensmittelgeschäfte wurden geöffnet, um den Einwohnern
von Timişoara das Gefühl zu geben, dass sich über Nacht
nichts ereignet hatte.
Als er feststellte, dass er die Informationen über die
Ereignisse nicht im entsprechenden Ausmaße und nicht schnell
genug erhielt, ordnete der General Ştefan Guşă einer Abteilung
des Bataillons 404 der Direktion für Militärinformationen
(einer in der Ermittlung und Erhebung von Information sowie
in Diversion spezialisierte Einheit, mit dem Sitz in Buzău) an,
nach Timişoara zu kommen. Diese kam am Morgen des 18.

169
Dezember 1989 mit einem Sonderflugzeug, unter dem Befehl
von Major Ghergulescu, Kommandant der Einheit, an54.
Diese - als eine Elite-Abteilung betrachtete Struktur teilte
sich in 8 Mannschaften, von je 5 Militärs, welche in verschiedene
Zonen der Stadt geschickt wurden, um Informationen über die
Bewegungen der Kolonnen von Demonstranten zu erheben
und weiterzuteilten. Die im Verhältnis mit ihrer Aufgabe
und Ausbildung in unangemessener Weise verwendeten
Militärs, welche außerdem in einer feindlichen und vorhin
unerforschten Umgebung handeln mussten, hatten keinen
besonderen Beitrag zur Kenntnis des Sachverhaltes. Obendrauf
wurden nachträglich über ihre Aufgaben viele Vermutungen
gemacht, einschließlich jene, dass sie die Waffen, mit denen
sie ausgerüstet waren, verwendeten oder dass sie Diversions-
Aufträge organisierten55. Bis zum heutigen Tag ist kein
54
Die Abteilung des Bataillons 404 von Buzău (Militäreinheit 01171),
welche der Direktion für Militärinformationen untergeordnet war, kam
am 18. Dezember, um 07.30 Uhr, am Flughafen Giarmata an. In einem
späteren Interview erwähnt Ghergulescu 07.00 Uhr als Ankunftszeit. Der
Major Truţulescu, welcher sich später, durch bedauerliche Taten ohne
Zusammenhang mit seinem Beruf, einer ungewünschten „Notorietät”
erfreuen sollte, blieb in Buzău. Er führte einen Teil der Truppen des Bataillons,
aber in Bukarest. Einige der Autoren, welcher in der „Zeit des Ruhmes“
dieser Person schrieben, erwähnten – vermutlich aus Publizitätsgründen
– auch ihn unter den in Timişoara eingetroffenen Ermittlungsspezialisten.
Eine der 8 Mannschaften (welcher unter der Führung des Kapitäns Emil
Olaru stand), agierte beim Kreiskrankenhaus. Die Kundschafter trugen
Waffen, welche sie jedoch, so wie der Kommandant präzisierte, „nur zur
Verteidigung, durch Warnschuss” verwenden durften (Constantin Sava,
Constantin Monac, Revolu­ţia…(Revolution...), S. 107- 108.). Andere
Autoren (wie Lorin Fortuna, zum Beispiel) sind der Ansicht, dass die
betreffenden Militärs die Verantwortung tragen für die Morde, welche
gegen die Verwundeten ausgeübt wurden, die zum Kreiskrankenhaus
zur Behandlung gebracht worden waren, aber in den Aufzügen, während
ihres Transportes von einer Abteilung zur anderen, umgebracht wurden
(oder von diesen Kenntnis hatten) (der Fall des in den Kopf erschossenen
Märtyrers Remus Tăşală).
55
In einigen Schriftstücken ist behauptet worden, dass jene, welche die
Schaufenster der Geschäfte am Opernplatz zerbrachen Angehörige dieser
Abteilung waren. Als Argument sind die Informationen einer Person vom
Flughafen verwendet worden, welche sich erinnert hat, dass bei der Abreise
der Militärs vom Flughafen (nach dem 22. Dezember), die Hände ziemlich
vieler von ihnen bandagiert waren. Die Information ist interessant, aber

170
Strafverfahren gegen diese Personen eröffnet worden. Im Geiste
der Genauigkeit der Informationen werden in den Anlagen
ein Teil der Aussagen des Befehlshabers dieser Abteilung
dargestellt, welche dieser im Rahmen eines Interviews machte,
mit der Präzisierung, dass diese in großen Zügen den Aussagen
vor der Senatskommission für die Untersuchung der Ereignisse
vom Dezember 1989 entsprechen56.
Gleichzeitig bereiteten sich die Behörden für die
Verhinderung einer potentiellen Wiederaufnahme und
Eskalation des Konfliktes. Radu Bălan, Ilie Matei und Cornel
Pacoste riefen die lokalen Parteiaktivisten (um 08.00 oder,
nach anderen Quellen, um 10.00) beim Rathaus zusammen.
In manchen Beiträgen wird eine andere Einberufung, jene der
Betriebsdirektoren der Stadt, in der Nacht vom 16. zum 17.
Dezember, um 22.00 Uhr, ebenfalls beim Rathaus, erwähnt.
Sergiu Ştirbu, Direktor des Polygraphischen Betriebes,
bemerkte, dass sich Bălan an dieser Sitzung nicht beteiligte),
wobei darauf bestanden wurde, dass in der Stadt und in den
Betrieben ein Zustand der Normalität wiedereingeführt
werden sollte, mit Wiederaufnahme der Aktivitäten und der
Identifizierung der Anführer des Aufruhrs. Bei der Universität
fand eine ähnliche Sitzung statt, in welcher beschlossen wurde,
dass die Studenten ihre Kurse sofort beenden und gehen sollten.
Der Realität trotzend wurde ferner entschieden, dass in den
Unternehmen und Betrieben Versammlungen der Angestellten
organisiert werden sollten, mit dem Ziel, die Handlungen
der Demonstranten zu verurteilen. Aber an manchen Stellen
hatte dieses Folgen, welche den Absichten ihrer Planer total
entgegengesetzt waren (Projektierungsinstitut).
nicht ausreichend, um die Identität oder die Angehörigkeit dieser Personen
zu bestimmen. Lange Zeit wurde angenommen, dass es die Kundschafter
von Buzău waren. Andererseits ist bekannt, dass die 41 Kundschafter am 18.
Dezember, um 07.30 Uhr nach Timişoara kamen, während die Schaufenster
am 16. und am 17. Dezember zerbrochen worden waren. Außerdem steht
fest, dass die Abteilung von Buzău mit dem Flugzeug anreiste, aber mit dem
Zug abreiste. Wer waren, in dem Fall, die Personen, welche der Vertreter des
Flughafens mit bandagierten Händen gesehen hatte (angenommen, dass
die betreffenden Wunden vom Zerbrechen der Schaufenster verursacht
gewesen wären) und beim Boarding behilflich war?
56
Apud: Die Zeitung Jurnalul Naţional, vom 04.03.2004.

171
Merkblatt Nr. 5
Interview mit Claudiu Iordache

„Claudiu Iordache: In der Früh ging ich zum


Projektierungsinstitut, wo ich tätig war, und welches im
Zentrum der Stadt stand. Ich konnte mir sofort Rechenschaft
geben, wie dieses Zentrum aussah. Alles war durcheinander.
Ich kam an beim Institut. Einige Stunden später rief uns der
Direktor dieses Instituts, Doktor Roth, ehemaliges Mitglied der
Großen Nationalversammlung, ein kommunistischer öffentlicher
Beamter bedeutenden Ranges in der lokalen Nomenklatur, zu
einer Sitzung, in welcher er uns zu überzeugen versuchte, dass
Timişoara eigentlich einem Angriff der Hooligans und der
ausländischen Agenten ausgesetzt worden war, und dass man
entsprechend der Erfordernisse der zustande gekommenen
Umstände reagiert hatte. Es waren einige Hunderte Mitarbeiter
anwesend. Sie verlangen mir, es zu berichten.
(…)
Claudiu Iordache: … Ich stand auf und sagte diesem
Mann (dem Direktor des Projektierungsinstitutes, unsere
Anmerkung), dass dieses nicht stimmt, dass dort das rumänische
Volk erschossen worden war, dass solche Vorfälle vermeidbar
gewesen wären, wenn die Hochmut der kommunistischen
Behörden nicht existiert hätte, dass diese sich fast einen solchen
Vorfall gewünscht hätten, dass ich am Tag vorher um mich
Menschen sterben gesehen hatte und dass ich dieses nicht
vergessen konnte, so wie, angefangen von jenem Moment,
niemand dieses vergessen konnte, und dass das, was sie uns
aufzwingen wollten (ihren Standpunkt) von niemandem mehr
unterstützt werden konnte. Ich verlangte eine Schweigeminute
zum Gedenken an jene, welche auf den Straßen von Timişoara
erschossen worden waren und, zu meinem außerordentlichen
Glück, zu meiner riesigen Freude folgten mir meine Mitarbeiter;
sie standen auf und wir hielten diese Gedenkminute ab. Dieser
Mann versuchte zu erwidern, genau in dem Augenblick, als
auf der Paris Straße, wieder, Gewehrschüsse hörbar wurden.
Ich verlangte diesem Institutsdirektor, sich die Gewehrschüsse
anzuhören, wenn diese Gewehrschüsse gaben die Antwort zur
Auseinandersetzung zwischen uns. Ich war, selbstverständlich,

172
auf Repressalien gefasst, weil er, wie gesagt, eine wichtige Person
im Parteiapparat war. Es scheint jedoch, dass er sich von links
und rechts beraten ließ und zur Einsicht kam, dass es damals
nicht die richtige Zeit war, Maßnahmen zu treffen. Von dem
Zeitpunkt an begannen sehr viele Kollegen im Institut Vertrauen
zu haben. Am 20.Dezember in der Früh, als die Nachricht kam,
dass sich die Betriebe im Zentrum der Stadt versammeln würden,
verlangten sie mir, mit ihnen zusammen zu gehen.
Kommentar von Mihai Tatulici: Der Fall von Claudiu
Iordache ist gut bekannt, war aber nicht isoliert. In fast allen
Unternehmen in Timişoara gab es Menschen oder Gruppen
von Menschen, welche begonnen hatten, das, was die dachten
laut auszusprechen. Auch wenn sie damit Strafmaßnahmen
riskierten, welche damals jederzeit möglich waren. Timişoara
heutzutage hinsichtlich der damaligen Taten zu untersuchen
bedeutet, uns daran zu erinnern, dass wir, in Bukarest, zum
Beispiel, uns furchtsam „Freies Europa“ anhörten, und nicht
mehr taten. Ceauşescu war an der Macht und Timişoara
wollte sich ihm nicht mehr fügen. Aus diesen individuellen oder
Kleingruppen-Widerständen entstand die riesige Bewegung vom
20. Dezember 1989. Da waren nicht tausende anwesend, es
waren über 100.000. Von diesem Weg gab es kein Zurück. Und
das haben wir Timişoara zu verdanken57.
Obgleich die Situation fern davon war, sich zu
normalisieren, wurde der Diktator, um 06.00 Uhr, informiert,
dass in Timişoara die Ruhe wiederhergestellt worden war und
keine Gefahr mehr existierte. Der Preis für diese „Normalität“
war aber – wie weiter oben dargestellt – von den Demonstranten
sehr teuer bezahlt worden.
Auf diesem Hintergrund der Hoffnung hinsichtlich
des Aufhörens des Aufruhrs verließ Ceau­şescu das Land, um
den geplanten offiziellen Besuch nach Iran zu unternehmen.
Der Staatschef stand vor einem Dilemma: das Unternehmen
einer Auslandsreise zu einem Zeitpunkt hoher Krise bedeutete,
ein Risiko einzugehen, indem die Ereignisse außer Kontrolle
gerieten; eine Verschiebung der Reise hätte das Anerkennen
57
Titus Suciu, Lumea bună... (Die feine Gesellschaft...), S. 40-41. Aussage
des Claudiu Iorda­che. Siehe auch Orizont, nr. 1, 27. Dezember 1989, der
Artikel „Un Document” („Ein Dokument”).

173
der Ausmaße und der Gefährlichkeit der Krise, sowie seiner
eigenen Ratlosigkeit bedeutet.
Die Entscheidung zielte vor allem auf das Ausland
ab, um dieses zu überzeugen, dass in Bukarest das Regime
stabil und Herr der Lage war. Er entschied sich für die Reise...
Unerklärlicherweise überließ er Elena Ceau­şescu und Manea
Mănescu die Kontrolle, obgleich der Ministerpräsident im
Lande war. Die Handlungsweise des Diktators gegenüber
seinen wichtigsten Mitarbeitern ist, im Kontext der Ereignisse
von Timişoara, schwer zu erklären: die Minister Milea und
Postelnicu, zum Beispiel, waren, wie wir gesehen haben, mit
dem Hinrichtungskommando bedroht worden; er hatte auch
die Entlassung des Chefs des Sicherheitsdienstes verlangt und
verkündet, dass er die Führung sämtlicher Kräfte übernehmen
werden. Dann hatte er sie „verziehen” und zu einer neuen
Einweisung zu sich gerufen, wie wenn nichts passiert hätte;
und dann beschloss er, seinen offiziellen Besuch anzutreten.
Kurze Zeit nach der Abreise des Diktators trafen sich
der General Nuţă, der General Macri und Coman Ion beim
Parteikomitee des Kreises Timiş und sprachen über die Art,
in welcher in der Stadt die Ordnung aufrechterhalten werden
konnte.58
Die restlichen Verantwortlichen für die repressiven
Strukturen übten unbeirrbar ihre Befugnisse aus. Der
Oberst Ghircoiaş Nicolae, Direktor des Institutes für
Kriminologie im Rahmen der Generaldirektion der Miliz,
schickte vier Kriminalisten-Offiziere zum Leichenhaus
des Kreiskrankenhauses, um Fotografien, Fingerabdrücke
und andere Identifizierungsdaten der Leichen zu erheben.
Gegen Mittag war der Zugang zum Krankenhaus nicht mehr
möglich, wegen der durch die Miliz und Militärs hergestellten
Absperrung, durch welche der Eintritt jedweder Person
verboten wurde.
Beim Gefängnis begann die Gruppe der 24 Staatsanwälte,
unter der Führung des Stellvertretenden Oberstaatsanwalts
Diaconescu Gheorghe, die Untersuchung der Demonstranten,
58
Es wurden acht „D“ Kampfeinrichtungen gebildet. Diese wurden etwa
um 15.00 Uhr funktionell. Gleichzeitig waren auch 5 mobile Patrouillen (Z
I – Z 5) tätig.

174
welche ohne offizielle Papiere verhaftet worden waren.
Auch die Offiziere des Sicherheitsdienstes begannen, beim
Kreiskrankenhaus, die Untersuchung der Verwundeten59.
Währenddessen hatten die Einheiten des Ministeriums
für Nationale Verteidigung ungefähr 1.500 Militärs in allen
wichtigen Zonen der Stadt aufgestellt.
Das Verhalten der Angestellten der Unternehmen
und Betriebe bei der Aufnahme der Arbeit (nach der Pause
am Sonntag) stellte für die Behörden eine Unbekannte
dar. Bis dahin hatten die Demonstranten auf der Straße
keine Angehörigkeit zur einen oder anderen beruflichen
Gemeinschaft erklärt, sie schienen aus keiner vorherigen
gemeinsamen Aktivität zu kennen und jeder agierte gemäß
seiner eigenen Entscheidung. Die lokalen Verantwortungsträger
waren aber überzeugt, dass sich sehr viele Angestellte der
lokalen Betriebe unter den Demonstranten befanden; manche
von ihnen konnten tot, verwundet oder verhaftet sein, was bei
der Wiederaufnahme der Arbeit bemerkt werden konnte und
in den Berufsgemeinschaften Aufregung, Unruhe, aber auch
Solidarisierungen zur Folge haben konnte.
Radu Bălan, Ion Coman, Petre Moţ, Pacoste Cornel und
andere Aktivisten gingen zu den großen Betrieben der Stadt,
um mit den Arbeitern zu sprechen. Sie wurden mit Misstrauen
und Ungläubigkeit empfangen.
In der Abwesenheit von Nicolae Ceauşescu beschlossen
Elena Ceauşescu und Bobu Emil, dass die Beweise der
Anwendung von Waffen in Timi­şoara verschwinden mussten.
So ordnete Elena Ceauşescu an, dass eine Lösung gefunden
werden sollte, um die Leichen der am vorherigen Tag getöteten
Personen unter strengster Geheimhaltung zu verbrennen.
59
In dem von Emil Constantinescu unterschrieben Buch Păcatul
originar, sacrificiu fondator (Erbsünde, Gründungsopfer) heißt es, dass
am 18. Dezember, um 07.00 Uhr, auch der Oberst Tudor Stănică, Leiter
der Abteilung für Strafrechtliche Ermittlungen der Miliz Bukarest in
Timişoara ankam; dieser soll „über hundert Haftbefehle für Akte von
Hooligans” ausgestellt haben (S. 76). Das Verfahren der Untersuchung
der festgehaltenen Personen ist heute bekannt. Die Anwesenheit dieser
unheilvollen Gestalt in Timişoara (er soll auch den Dissidenten Gheorghe
Ursu untersucht haben, welcher ein Jahr vor der Revolution im Gefängnis
getötet worden war) wird jedoch von anderen Quellen nicht bestätigt.

175
Leichen der getöteten
Demonstranten, vorbereitet
für die Beförderung zum
Krematorium „Cenuşa“
in Bukarest
Militärkräfte blockieren
den Weg zum Kreisrat.

Den Interessierten sollte mitgeteilt werden, dass die


verschwundenen Personen über die Grenze geflohen waren.
Der General Nuţă, zusammen mit Ion Coman und Macri,
beschließen die Beförderung der Leichen nach Bukarest, um
beim Krematorium „Cenuşa” verbrannt zu werden.
Zur Gewährleistung eines ruhigen und sicheren
Betriebes wurden beim Kreisparteikomitee zusätzliche
Streitkräfte aufgestellt: sechs Pelotons von der Brigade des
Sicherheitsdienstes, drei von den Grenzsoldatentruppen und
zwei Fallschirmspringerpelotons (vom Regiment in Caracal);
außerdem verlangte Ion Coman das Heranziehen einer
Einheit der Anti-Terror-Sondertruppen. Die Stadt war von
Kampfeinrichtungen besät (ob sichtbar oder dissimuliert), die
wichtigsten Plätze waren blockiert, die Zugangswege wurden
sorgfältig überwacht. In der Stadt waren fast 2.000 Militärs
im Auftrag da, außerdem zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge
und Panzer. In bestimmten Zeitintervallen überflogen zwei
Hubschrauber die kritischsten Zonen, um über eventuelle
Konzentrierungen von Demonstranten zu berichten.
Die auf dieser Weise versicherten Bukarester und lokalen
kommunistischen Verantwortungsträger versuchten, die
Parteiaktivisten, die Militärkommandos und die Angestellten
der großen Industrieplattformen zu mobilisieren: um 08.00
erfolgte beim Stadtkomitee (beim Kreiskomitee war es nicht

176
mehr möglich) eine Einweisung der Parteiaktivisten (an welcher
sich auch die Betriebsdirektoren beteiligten). Dabei wurde
angeordnet, in den Betrieben öffentliche Versammlungen zu
organisieren, um die Handlungen der als „Hooligans“ und
Landesverräter bezeichneten Demonstranten zu verurteilen.
Eine solche Versammlung wurde, wie bereits gezeigt, bei
der Universität (mit den Parteisekretärs und den Dekanen)
organisiert; an dieser beteiligte sich Cornel Pacoste. Es wurde
beschlossen, dass die im Campus gebliebenen Studenten –
welche noch in den Ferien gefahren waren – gefordert werden
sollten, den Campus sofort zu verlassen.
Gleichzeitig wurden Maßnahmen für die Überwachung
der Kollektive von Angestellten getroffen60. Coman, Ilie Matei,
Radu Bălan, andere Aktivisten der Partei auf Stadt- und
Landkreisebene, gingen in die Betriebe und führten Gespräche
mit deren
Führungskräften. Die Angestellten waren aber von den
Gerüchten, die sie hörten, immer mehr geärgert, und legten
über keinen Wert mehr auf das Versprechen der Behörden, dass
sie Gehälter vollständig und rechtzeitig bezahlt werden sollten.
Eigentlich gaben sich die Behörden nicht Rechenschaft, dass
die Bezahlung der Gehälter – früher ein Grund unendlicher
Auseinandersetzungen und Unzufriedenheit – inzwischen
völlig belanglos geworden war.
Mit einer gewissen Vorsicht und Achtsamkeit,
insbesondere am Anfang, begannen die Gruppen von
Demonstranten zu reagieren und sich wiederzubilden. Um
etwa 16.30 Uhr gelangt eine Gruppe von Jugendlichen bei
der Kathedrale und einer von ihnen lässt die Fahne mit dem
herausausgeschnittenen Wappen in der Luft flattern. Ihnen
schließen sich auch andere Einwohner von Timişoara an (ihre
Anzahl wächst auf 500), obgleich Notstandslage erklärt worden
war und in der Zone zahlreiche Repressionskräfte – sowohl vom
Innenministerium, als auch vom Ministerium für Nationale
60
Einen Tag später wurden einige Kundschafter des Bataillons 404, welche
ohne jede Vorbereitung in Betriebe eingeführt worden waren, von den
Arbeitern erwischt und den betreffenden Führungen übergeben. Später
erklärte Ştefan Dinu, der Führer der Direktion, dass nur zwei-drei gefangen
worden waren und sich die übrigen den Auftrag erfüllen konnten.

177
Verteidigung – aufgestellt worden waren. Auf den Treppen der
Kathedrale zünden die Jugendlichen Kerzen an, singen und
skandieren Losungen: Freiheit! Wir sind das Volk! Runter mit
Ceauşescu! Die Kampfstrukturen in der Zone werden aktiv und
versuchen, die Gruppe mit Gewalt auseinander zu bringen.
Es werden Verwundete und sogar Tote verzeichnet, was die
Verzweiflung der Demonstranten hervorruft, die keine so
gewaltsame Reaktion erwarten hatten, angesichts dessen, dass
sie sich absolut friedlich verhalten hatten. Entsetzt, versuchen
sich diese im Park hinter der Kathedrale zu verstecken, aber sie
verfolgt und gejagt. Nach einigen Augenblicken der Verwirrung
gruppieren sich mit viel Mut vor der Kathedrale wieder.
Um 17.30 Uhr, wenn es schon dunkel geworden ist,
kommt der General Chiţac in einem ARO-Geländewagen
(in Kampfbekleidung und bewaffnet, in Begleitung von zwei
Offizieren) und ordnet die Zerstreuung der Demonstranten
an. Es wird wieder Feuer eröffnet. Geschossen wird sowohl
aus den gepanzerten Amphibienfahrzeugen, als auch von den
Absperrungsreihen der Militärs. Es werden Gift- und Tränengase
verwendet. Und es werden mehrere Demonstranten getötet
(darunter der junge Sorin Leia). Die Menschen versuchen sich
in der Kathedrale und in den Parkanlagen in der Umgebung
zurückzuziehen. Die Demonstranten wurden einfach in den
Parkanlagen gejagt, geschlagen und verhaftet61.
Angefangen mit 18.00 Uhr war die Ruheperiode,
welche die Behörden als gesichert betrachteten, zu Ende: in der
ganzen Stadt brachen die Konfliktherde wieder aus, doch der
Angriff der Repressionskräfte wurde viel heftiger. Die Versuche
der Demonstranten, mit Gewalt in öffentliche Institutionen
einzudringen, waren erfolglos.
Auf der Calea Girocului wurden aus gepanzerten
Amphibienfahrzeigen Trommelfeuer geschossen. Die
Demonstranten reagierten, indem sie mit Steinen und
Brandflaschen warfen. Es griffen auch Soldaten der Struktur
„D7“ ein, unter der Führung des Majors Veverca, welche das
61
Clio 1989, nr. 1-2 vom 2010, S. 291-295. (Artikel unterschrieben von: de
Dumitru Tomoni: “Probleme controversate ale Revoluţiei de la Timişoara.
Catedrala ortodoxă în decembrie 1989” („Umstrittene Fragen der Revolution
von Timişoara. Die Orthodoxische Kathedrale im Dezember 1989”).

178
Feuer gegen die Jugendlichen eröffnete, welche einen Bus
des Unternehmens COMTIM in Betrieb setzen wollten, um
eine Barrikade auf der Straße zu bauen. Dabei wurde ein
Jugendlicher tödlich erschossen.
Die Behörden hatten auf den öffentlichen Plätzen
beträchtliche Militärkräfte gebracht, um die Demonstranten
in ihren Handlungen zu entmutigen, mussten aber, zu ihrer
Überraschung, feststellen, dass sie genau die entgegengesetzte
Wirkung erzielt hatten: gereizt, organisierten sich die Bürger in
massiven Gruppen, sie bauten Barrikaden, rissen mit Gewalt
die Absperrungsreihen der Soldaten und näherten sich den
Sitzen der Behörden.
Gleichzeitig drangen die Kolonnen der Demonstranten
wieder in den Platz vor der Orthodoxischen Kathedrale
ein, zündeten Kerzen an, zum Gedenken an die auf deren
Treppen getöteten Jugendlichen, und skandierten: Runter mit
Ceauşescu! Freiheit, Freiheit!, Heute in Timişoara, morgen im
ganzen Land! Spät in der Nacht umfasste die Ruhe die Stadt
(scheinbar) wieder; es war die Ruhe vor dem Sturm.
Es bestehen noch immer Fragen, in den Reihen
der Revolutionäre, aber auch in jenen der Zivilgesellschaft,
hinsichtlich der Autoren der Repression, welche mit so vielen
Toten und Verwundeten endete. Die Antwort auf diese Frage
ist komplex: auf der einen Seite muss ganz klar festgelegt
werden, wer einen Gewehrschuss getätigt hat, infolge dessen
Tote und Verwundete resultiert sind, auf der anderen müssen
die Umstände ermittelt und festgestellt werden, unter
denen das Feuer eröffnet wurde, ob und in welchem Maße
es provoziert wurde, ob die derzeit gültige Gesetzgebung
betreffend die Anwendung von Waffen62 beachtet wurde, wer
die Eröffnung des Feuers anordnete, usw. Der Diktator selbst
erkannte öffentlich – durch eine der politischen Redensweise
spezifische, konfuse Aussage, wer die Autoren und die für diese
Aktion verantwortliche Einrichtung waren: „Unter diesen
schweren Umständen, sagte er, am Abend des 17. Dezember,
haben die Militäreinheiten, welche angegriffen wurden,
62
Die Zusammenfassung der aus den Untersuchungen der
Militäranwaltschaft in der Zeit 1990-1994 hinsichtlich der Ursachen
der Ereignisse vom Dezember 1989 resultierenden Aspekte, Kapitel I,
Einleitende Betrachtungen.

179
mit Warnungsschüssen gegen jene erwidert, welche ihre
Handlungen gegen die Militäreinheiten sowie die Staats- und
politischen Einrichtungen fortsetzten.
Angesichts dessen, die Aktionen der antinationalen,
terroristischen Gruppierungen fortgesetzt wurden, waren
die Militäreinheiten – gemäß der Verfassung und in
Übereinstimmung mit den Gesetzen des Landes – verpflichtet,
sich selber, die Ordnung und das Vermögen der ganzen
Stadt, mit anderen Worten, die Ordnung im ganzen Land zu
verteidigen. (...)
Ich möchte mit aller Verantwortung erklären, dass
die Einheiten unserer Armee, welche die Aufgabe haben, die
Unabhängigkeit und die Souveränität unseres Vaterlandes zu
verteidigen, viel, sehr viel Geduld bewiesen haben. Sie haben
nicht erwidert, nicht einmal dann, als die Soldaten und Offiziere
geschlagen wurden, sondern nur dann, als sich die Situation
derart verändert hatte, dass sie von den terroristischen Banden
angegriffen wurden und die grundlegenden Institutionen, die
Ordnung in diesem Landkreis gefährdet wurden.
Die Armee hat vollauf ihre Pflicht für das Vaterland,
das Volk und die Errungenschaften des Sozialismus erfüllt!“63
Infolgedessen erkannte der Staatchef öffentlich die
Mitwirkung der Einheiten der Armee in Auseinandersetzungen
in denen – zu Verteidigungszwecken – Gewehrschüsse
verwendet wurden. Er hatte sogar die Dreistigkeit, sein
Bedauern auszudrücken (es geht nicht ganz klar hervor,
wofür!), lässt aber die wahren Täter der Morde unschuldig
davonkommen. „Wie bedauern sehr, dass es zu einer solchen
Situation gekommen ist, aber diese wurde nicht durch die
Ordnungskräfte und die Militäreinheiten verursacht, welche
zwei Tage lang die höchste Geduld und Verständnis gegenüber
den Aktionen der terroristischen, faschistischen Elemente in
Timişoara bewiesen haben, sondern durch jene, welche sich
in den Dienst ausländischer Agenturen gestellt haben und
vorsätzlich und in wohl vorbereiteter Weise die Auslösung
dieser ernsten Ereignisse in Timişoara herbeigeführt haben!”64
Die am Ende gemachte Behauptung (Die Armee hat
vollauf ihre Pflicht für das Vaterland...erfüllt...), welche für den
63
Rede von Nicolae Ceauşescu vom 20. Dezember 1989
64
Ibidem.

180
öffentlichen Gebrauch gemacht wurde, steht im Widerspruch
zu den schwerwiegenden, wiederholten und beleidigenden
Vorwürfen, welche Ceauşescu direkt, vor anderen Mitgliedern
des Politischen Exekutivkomitees, Vasile Milea machte.
Am 19. Dezember (um 12.00-13.00 Uhr) kam
der andere Stellvertreter des Verteidigungsministers (der
politische Chef) nach Timişoara: der General Ilie Ceauşescu,
Bruder des Diktators. Zu jenem Zeitpunkt waren in Timişoara
alle drei Stellvertreter des Verteidigungsministers anwesend,
wobei in Bukarest nur der Minister – ebenfalls auf Befehl
von Elena Ceauşescu in der Hauptstadt blockiert - geblieben
war. Aus späteren Berichten ist bekannt, dass der über diesen
Besuch unterrichtete General Guşă in keiner Weise davon
begeistert war. Zur gleichen Zeit reiste auch ein Team von der
Fernsehsendung der Armee in der Stadt an, mit der Aufgabe,
die Zerstörungen für eine potentielle Reportage zu filmen.

Der erste Kontakt von Ilie Ceauşescu war nicht mit
seinen Mitarbeitern vom Ministerium. Er stellte sich bei Coman
vor und ging nachher zur Kreisdirektion der Miliz, um sich
von Constantin Nuţă über die Situation informieren zu lassen.
Nachher begab er sich zur Division und verlangte General
Ştefan Guşă, mit der Einberufung der Aktivisten und der
Befehlshaber, mit dem Zweck einer politischen Informierung,
einverstanden zu sein65.
Bei der Befehlsstelle der Division 18 – Mechanisiert
(andere Quellen nennen Räumlichkeiten bei der Kaserne
Oituz), versuchte Ilie Ceauşescu, die Offiziere zu überzeugen,
dass Rumänien Opfer einer ausländischen Verschwörung war,
und verlangte der Armee, auf der Straße zu bleiben, um den
Demonstranten entgegenzustehen. Im Laufe der Nacht zog
aber der General Guşă die Kampffahrzeuge und einen Teil
der Truppen von den Straßen zurück. Aktiv bleiben nur die
Patrouillen und einige Untereinheiten.
65
Der General verwendete ein aus Belgrad gekommenes Telegramm, aus
welchem resultierte, dass ein serbischer General in Reserve in offiziellen
ungarischen Kreisen gehört hatte, dass sich in Rumänien eine konzertierte
Aktion mit dem Zweck der Beseitigung der Staatsführung und der Auflösung
des Staates vorbereitete. Dieses Telegramm wurde in den folgenden Tagen
in Arad (mit den Aktivisten aus dem Landkreis und den Befehlshabern der
Garnison), in Oradea und in Cluj-Napoca besprochen.

181
III. 3. Vom Aufruhr zur Revolution.
20. Dezember 1989 – Sieg der Revolution in Timișoara
Weiter oben haben wir das Verhalten der
Repressionskräfte sowie der Verantwortlichen der Zentral- und
Lokalbehörden bis und nach dem 20. Dezember beschrieben.
Im Folgenden wollen wir sehen, was mit den
Revolutionären geschah.
Aus meiner Sicht können und müssen die Ereignisse
des 19. Dezember (welche ich nicht gesondert behandeln
werde) im Zusammenhang mit jenen des folgenden Tages
gesehen werden, welcher, ohne jeden Zweifel, der wichtigste
Tag der Revolution von Timişoara war. Ihr wesentlicher Sinn
besteht in der Verbreitung des Protestes der Stadteinwohner
von der Straße in die Berufsgemeinschaften der Unternehmen
und Einrichtungen. Praktisch können schon am 19. Dezember
die ersten Anzeichen des Verlustes der Kontrolle der Behörden
über die Massen von Angestellten, auf welche sie bis dahin
ohne Reserven, trotz aller Unzufriedenheit zählen konnten,
beobachten.
Zunächst aber ist ein Kurzes Kommentar hinsichtlich
zweier außerordentlicher Geschehnisse (welche in einem
anderen Kontext eine erweiterte, separate Behandlung
verdienen würden) notwendig:
Eines von diesen habe ich bereits erwähnt: mit Wissen
einiger Vertreter der Partei, des Sicherheitsdienstes und der
Miliz findet eine abscheuliche Tat statt – eine der verwerflichsten
in der Geschichte der Revolution: das Entwenden von 43
Leichen vom Leichenhaus des Kreiskrankenhauses (davon,
ursprünglich, vier nichtidentifiziert (Operation „Rose“,
dann „Zollamt“), um nach Bukarest befördert und beim
Krematorium „Ce­nuşa” verbrannt zu werden66. Das Entwenden
wurde vom General Nuţă vor Mitternacht organisiert (wir
benutzen das Wort „Entwenden“, obgleich die Leichen mit
66
Es existiert praktisch kein Studium oder Beitrag über die Rumänische
Revolution in Timişoara, welche diese – unserer Meinung nach gravierendste
– Tat nicht kommentieren sollte. Die Einstellung der Justiz – welche dieses
Ereignis nicht in besonderer Weise untersucht hat – ist nicht zu verstehen,
umso mehr, als in einer anderen Situation (Aktivitäten mit öffentlich
sichtbaren Akteuren!) dieselbe Anstalt so beharrlich wie nur möglich ist.

182
Wissen der Leitung des Kreiskrankenhauses übernommen
wurden; dennoch ist, solange die Übernahme insgeheim, durch
Verstoß gegen die Gesetze, ohne entsprechende Dokumente
erfolgte, das Wort „Entwenden“ meiner Meinung nach richtig
gewählt). Eine aus Oberst Ghircoiaş, Oberst Corpodeanu und
sechs anderen Offizieren der Miliz Ti­miş zusammengesetzte
Mannschaft kam zum Kreiskrankenhaus, wo auch ein vom
Kapitän Ciucă geführtes Kühllastkraftwagen gebracht wurde. In
der Anwesenheit von Dr. Golea, Direktor des Krankenhauses,
wurden die Leichen, gemäß den Anleitungen des Oberst
Ghircoiaş, in den Kühllastkraftwagen aufgeladen. Das Licht im
Hof des Krankenhauses wurde abgeschaltet. Die ganze Aktion
wurde um etwa 04.00 Uhr abgeschlossen.
Im Gedenken der Märtyrhelden, welche unter diesen
Umständen endeten, hat der Verband „Das Memorial der
Revolution von Timişoara“ dafür gesorgt, den Platz, in
welchem ihre Asche geworfen wurden einzurichten, so dass
in jedem Jahr die Familien, die Vertreter des Verbandes (aus
Timişoara) sowie des Instituts der Rumänischen Revolution
(aus Bukarest) ihr Andenken ehren können.

Ablegen von Blumenkränzen zu Ehren der Märtyrhelden, deren


Asche in einem Abfuhrkanal in Popeşti Leordeni geworfen wurde

183
Das zweite: Ein Teil der Verwundeten, welchem zum
Kreiskrankenhaus gebracht worden waren, um gepflegt zu
werden, obgleich sie nur leichte Wunden hatten, starben nicht
wegen den Wunden, sondern weil sie hier im Krankenhaus,
von Personen, welche bis heute noch unentdeckt geblieben
sind, in den Kopf erschossen wurden67.
Sehen wir nun wie es zu den Ereignissen des 20.
Dezember kam, welche ziemlich verschieden von jenen der
vorigen Tage waren.
Am Morgen des 19. Dezember verweigerten sich die
Angestellte des Betriebes E.L.B.A. – trotz der Bemühungen der
Parteiaktivisten – zu arbeiten (sie traten, praktisch, in Streik,
obgleich sie dieses nicht ausdrücklich erklärten).
Die Geste hatte eine verheerende Wirkung für die
lokalen kommunistischen Behörden, und sogar für die
zentralen. Sie bedeutete sehr viel im Sinne dessen, was die
anderen Berufsgemeinschaften machen sollten. Das Personal
von E.L.B.A. versammelte sich im Hof des Betriebes, verlangte
Informationen über die Toten sowie auch den Rückzug
der Armee in die Kasernen. Der Streik von E.L.B.A.68, in
Verbindung mit der Aufregung in anderen Unternehmen,
war von der Verwirrung und der Unruhe der Angestellten,
den Gerüchten, die über Morde, Verwundete und Verhaftete
zirkulierten, von der Abwesenheit mancher Mitarbeiter von der
Arbeit oder dem Verschwinden mancher Familienmitglieder
der Angestellten aus ihren Heimen verursacht. Außerdem
wurde am 19. Dezember die Entscheidung getroffen, den
Patriotischen Garden in den Betrieben die Waffen zu
nehmen69. Die Ankunft eines Militärkraftwagens beim Betrieb
67
Die davon informierten Ermittler erklärten sich zu diesem Punkt
machtlos, sie verurteilen öffentlich diese Tat, machten aber nichts, um sie
zu untersuchen und die Täter zu finden.
68
Ioan Ianăş beschreibt dieses Ereignis in folgender Art: „Am Morgen des
19. Dezember 1989 ordnete ich dem Vorarbeiter Zămescu Octavian an, seine
Leute in den Hof zu bringen und „Runter mit Ceauşescu” zu skandieren.
Genau so ging ich auch mit dem Vorarbeiter Pârlogea Florin und mit
Fodor Mihai, von der Abteilung 200, vor.” Siehe: Archiv des I.R.R.D., Fond
documentar (Dokumentarbestand), Denkschrift des Herrn Ioan Ianăş.
69
Procesul de la Timişoara… (Der Prozess von Timişoara), 5. Band, S.
1805-1806: Die Aussage des Zeugen E. Diaconu, von den Patriotischen

184
„Electrobanat“, zu diesem Zweck, erhöhte die Unruhe noch
mehr; die Angestellten verweigerten sich, die Abnahme der
Gewehre zu erlauben, mit der Begründung, dass diese gegen
die Demonstranten in der Stadt verwendet werden konnten.
In dem Versuch, die Atmosphäre bei „Electrobanat“ etwas zu
entspannen, kam Radu Bălan auf einem Besuch in den Betrieb;
hier wurde er sofort von Angestellten mit Fragen über den
Sachverhalt in der Stadt umstürmt.
Außerhalb der Fabrik (am Josefin-Markt) versuchte
eine Gruppe von Judenglichen, mit den Protestierenden
im Betrieb Kontakt zu nehmen. Gerade zu der Zeit fuhren
zwei gepanzerte Amphibienfahrzeuge in der Gegend vorbei
(vermutlich auch im Zusammenhang mit dem Befehl des
Zurückziehens der Waffen, welcher nicht durchgeführt werden
konnte). Die Demonstranten blockierten die Straße mit einem
Traktor und mit brennenden Autoreifen, um das Heranfahren
der metallischen Bolide an der Fabrik zu verhindern. Auf
die betreffende Gruppe von Demonstranten wurde, aus
entgegengesetzten Richtungen, geschossen, was mehrere Tote
und Verwundete zur Folge hatte (Reiter Edita Irina, getötet,
und Metea Liana, verwundet. Auf der Brücke seitens des
1.Mai-Platzes wurde Fan Odette verwundet).
Angesichts dessen, dass sie sich bedroht fühlten,
verlangten die Menschen Radu Bălan, die Armee aus dem
Betrieb und von den Straßen zu entfernen. Dieser ist der
Kontext, in welchem der Erste-Sekretär der Partei Ion
Coman verlangte, den Rückzug der Armee von den Straßen
der Stadt zu befehlen. Coman erwiderte ihm, dass die
Handlungen der Armee nicht sein Anliegen darstellen sollte,
er tat so, wie wenn er einige Maßnahmen getroffen hätte,
aber die Situation blieb, im Allgemeinen, unverändert; auf
den Straßen, auf den Plätzen sowie bei einigen Objekten der
Stadt blieben die militärischen Einheiten – welche aus allen
Gewaltstrukturen herrührten – weiterhin anwesend. Die
„D1 – D8“ Einrichtungen, die mobilen „Z“-Patrouillen des
Garden. Der Zeuge erklärt, dass er am 19. Dezember den Befehl erhielt,
Munition in die Betriebe zu tragen, einen Auftrag, den er etwa um 11.00
Uhr durchführte. Es wurde Munition in 6 Betriebe gebracht. Am nächsten
Tag wurde die Munition zurückgeholt

185
Innenministeriums agierten in den festgelegten Zonen, die
Agenten der Securitate setzten ihre Informationserhebungs-
und Verfolgungsaktionen fort, während das Ministerium für
Nationalverteidigung einen wichtigen Teil der hier eingesetzten
Truppen in der Stadt verteilt behielt. Beim Gefängnis wurde
mit der Untersuchung der Verhafteten der vorherigen Tage,
sowohl durch die Staatsanwälte, als auch durch Miliz- und
Sicherheitsdienstoffiziere70 fortgefahren.
Trotz der Bemühungen der Vertreter der Parteiführung
erstreckten sich die Demonstrationen gegen das Regime aus
der Straße auch in andere Unternehmen („6 Martie”, „Azur”,
„Solventul”, „Optica“ usw.). Diese waren die Richtung und der
Sinn der Verbreitung der Revolution: von der Straße zu den
Industrieplattformen und, von hier, zurück in die Straßen
und Plätze. Bei „Electrobanat“ arbeitete schon seit 07.00 Uhr
niemand mehr, während beim Opernplatz die Miliz und die
Securitate, für den Augenblick, den ganzen Raum in Besitz
nahmen.
Die Ereignisse auf den Plätzen und auf der Straße
interessierten die militärischen Verantwortungsträger, aber
diese wussten nichts über die Geistesverfassung der Angestellten
der Großbetriebe, welche damals zehntausende Menschen
umfassten, deren Einstellung für das Schicksal des Regimes
ausschlaggebend war. Bis zum 19. Dezember wurde in den
meisten Unternehmen noch gearbeitet. Um die Atmosphäre
in den Betrieben besser zu kennen genehmigte der General
Guşă die Infiltrierung der von Buzău gebrachten und in der
Erhebung von Informationen spezialisierten Kundschafter in
den Betrieben. Der General hatte bemerkt, dass er in dieser
Hinsicht über keine verlässliche Information verfügte (die dazu
befugten Strukturen des Staates lieferten sie nicht, obgleich in
den Betrieben auch Sicherheitsdienstoffiziere, mit weiten und
konsolidierten Informanten-Netzwerken, existierten), um die
70
Es waren 30 Untersuchungsmannschaften gebildet worden. Von
Bukarest waren (am Morgen des 17. Dezember) Gheorghe Diaconescu,
Mihai Ionescu, Gheorghe Mocuţa, Ioan Onofrei und Ion Mihai Alexandru
gekommen. Siehe: Virgil Hosu, Adrian Kali, ALTAR 89, Revoluţia din
Decembrie: Primii paşi (Die Revolution vom Dezember. Die ersten Schritte),
Timişoara, 2008, S. 246.

186
Aufträge und die Kampfeinrichtungen zu gestalten. Er war,
praktisch, in der Lage, ohne eine genaue Kenntnis der Lage zu
entscheiden, und war daher, am Morgen des 19. Dezember, mit
dieser Aktion, welche vom Kommandant der Kundschafter,
Ghergulescu, vorgeschlagen worden war. Die betreffenden
Militärs waren einen Tag vorher angekommen (18. Dezember,
um 07.30), mit dem Auftrag, die Geistesverfassung der
Bevölkerung zu kennen. Einige der Kundschafter wurden
von den Arbeitern entlarvt (Ghergulescu hatte nur Offiziere
geschickt); sie waren den Betriebsführungen übergeben
und von der Garnison zurückgeholt worden. Die restlichen
kamen jedoch mit richtigen und vollständigen Daten und
Schlussfolgerungen zurück, aus denen hervorging, dass sich
die Arbeiter, trotz den Bemühungen der Betriebsführungen,
verweigerten, die Arbeit wiederaufzunehmen.
Weiter oben habe ich mich auf die Bemühungen der
Aktivisten hinsichtlich des Überzeugens der Arbeiter, die
Arbeit wiederaufzunehmen, und auch auf die verheerende
Wirkung der Anwesenheit der Armee in der Nähe der Betriebe
bezogen. Aus einem gepanzerten Amphibienfahrzeug wurde,
in scheinbar urerklärlicher Weise, in der Nähe des Betriebs
„Electrobanat” geschossen. Eine Frau und ein Kind wurden
dabei schwer verwundet (nach einigen Aussagen wurden die
beiden getötet). Die Frau wurde von einem Arbeiter auf den
Armen getragen und zum Krankenhaus gebracht.71 Es war
genug, um die Geistesverfassung zu entflammen. Wie bereits
erwähnt befand sich Radu Bălan gerade im Betrieb; dieser
sah dem Vorfall zu und, rief, ohne in das Büro des Direktors
hinaufzugehen, Coman, im Beisein der Angestellten, an, um
ihm zu verlangen, die Militärs aus der Nähe des Betriebes
zurückzuziehen. Sehr bald erschien im Betrieb auch der
General Ştefan Guşă, den Coman mit dem Auftrag geschickt
hatte, Radu Bălan zurückzuholen –angesichts dessen, dass man
über ihn gehört hatte, dass er mit Gewalt von den Angestellten
festgehalten werde. Der Chef der Kreisparteiführung hatte
71
In einer dem Institut der Rumänischen Revolution vom Dezember 1989
(IRRD) geschickten Denkschrift erklärt der Dipl.-Ing. Ioan Ianăş diesen
Vorfall, sowie auch das ganze Geschehen vom 19.Dezember im Hof des
Betriebes ganz ausführlich.

187
jedoch das Unternehmen eben verlassen (um 11.30). Der am
Tor des Betriebes angekommene General Guşă bestand darauf,
hineinzugehen, obgleich er gewarnt wurde, dass Angestellten
sehr unruhig waren. Er wurde von den Arbeitern mit Fragen,
Anschuldigungen („Mörder”), Beschimpfungen umstürmt. Er
sagte ihnen, dass die Armee nicht auf die Bürger geschossen
hatte und dass er die Streitkräfte und Ausrüstungen in die
Kasernen zurückziehen werde und verließ schließlich den
Betrieb in einer konfusen, unsicheren und für seine offizielle
Stellung peinlichen Atmosphäre. Das Peloton, welches zu
seiner Unterstützung herbeigeschickt worden war, zog sich
zurück, und der Wagen, der ihn zum Betrieb gefahren hatte,
verließ ihn. Der General wurde bis zum Sitz des Kreisrates von
einem Offizier der Patriotischen Garden gebracht, aber dieser
verließ ihn ebenfalls, so, dass er von hier bis zu Division von
einem Angestellten des Sicherheitsdienstes gebracht werden
musste.
Die Episode der Eröffnung des Feuers, bei welcher
der Eindruck entstand, dass dieses eine Frau und ein Kind
auf der Brücke tötete, ein Ereignis, welches den Versuch
Radu Bălans, sich am 19. Dezember mit den Angestellten
von „Electrobanat” zu verständigen, total behinderte, ist noch
immer unklar geblieben. Lorin Fortuna erzählt, wie es einigen
seinen Mitarbeitern vom Polytechnischen Institut mit einem
Magnetfeldmessgerät gelang, die Frequenz zu identifizieren, mit
welcher die infiltrierten Agenten der Securitate kommunizierten,
und auch in ihrem Radionetz zu empfangen. Einer der Agenten
informierte seine Vorgesetzten, dass „ungefähr um 12.00 Uhr
beim Tor des „Electrobanat”– Betriebes, auf der Seite zum Agrar
– und Lebensmittelmarkt, eine Gruppe von Demonstranten
gebildet worden war, welche die Unruhe schürten”72. Der
auf Grund dieser Information an Ort und Stelle gekommene
Fortuna sah, zwischen der Brücke und dem Markt, eine
Gruppe von 20-30 Personen, welche die Menschenmenge und
die Arbeiter im Hof der Betriebes aufforderte, auf den Platz
herauszukommen. Um Aufmerksamkeit zu erwecken wurde
der Anhänger eines Traktors genau auf der Verbindungsbrücke
72
Miodrag Milin, Timişoara în Revoluţie şi după (Timişoara während und
nach der Revolution), Timişoara, Marineasa Verlag, 1997, S. 87.

188
zwischen den beiden Ufern der Bega in Brand gesetzt. Nicolae
Bădilescu erklärte ebenfalls das von ihm direkt beobachtete
Geschehen: „Dienstag, ungefähr um Mittagszeit (die von den
Memorialisten für manche Geschehen angegebenen Uhrzeiten
sind, erklärlicherweise, nicht immer genau) befand ich mich
am Josefin-Markt, vor der Brücke von E.L.B.A. Aus einem
ARO-Geländewagen stiegen drei Militärs aus. Nach ihren
Jacken zu urteilen schienen sie Offiziere zu sein, obgleich ihre
Bekleidung mit keinen Gradkennzeichen vorgesehen war.
Sie verlangten uns, wegzugehen... Eine Frau schaltete sich ins
Gespräch ein... der Offizier zog die Pistole heraus und schoss,
wobei der sie in den Kopf traf. Die Frau starb auf der Stelle...
Dieses geschah um etwa 13.00 Uhr“73. (Aus der Art, in welcher
er berichtet, geht hervor, dass er dabei war, doch steht die von
ihm gelieferte Information im Widerspruch mit der Aussage
des Dipl.-Ing. Ia­noş, welcher überzeugt ist, dass die Frau ins
Krankenhaus gebracht wurde, also nicht an Ort und Stelle
starb. Es sein denn, dass es um ein anderes Ereignis geht,
obgleich bisher über keine zwei Ereignisse, an derselben Stelle,
zur selben Zeit und mit den gleichen Hauptgestalten geredet
wurde.) Derselbe Bădilescu berichtet weiter, wie, eine halbe
Stunde später, ein junger Mann (in einer schwarzen Stoffjacke)
sein zweijähriges Mädchen, das er bisher in seinen Armen
getragen hatte, für kurze Zeit einer Frau übergab. Daraufhin
ging er zur Brücke, setzte einige Autoreifen in Brand, sprang in
einem Traktor (nachdem er dessen Fahrer hinuntergestoßen
hatte), zog das Fahrzeug über dem Feuer, stieg aus, sauste zu
einem Nutzfahrzeug von COMTIM, brüskierte den Fahrer,
nahm ihm die Schlüssel und kam mit dem Nutzfahrzeug
neben dem Traktor, bis das Nutzfahrzeug ebenfalls Feuer fing.
Angesichts dessen, dass in der Nähe ein weiterer Traktor mit
zwei Anhängern stand, der gerade einen GOSTAT-Laden
versorgte, sprang der junge Mann auf dem Dach eines Kiosks
neben der Hall, sprang direkt in die Kabine des Traktors,
beseitigte den Fahrer und steuerte den Traktors in so einer
Weise, dass dieser die Brücke blockierte. Daraufhin kamen zwei
gepanzerte Amphibienfahrzeuge, die das Feuer eröffneten,
73
Ibidem, S. 77.

189
und die Leute „zerstreuten“ sich. Wir bezweifeln das Erzählte
nicht obgleich sie, bei einem jetzigen Lesen, unglaubwürdig
erscheint. Wenn sie der Wirklichkeit entspricht (und die
Wahrheit ist, dass das Ereignis in großen Zügen auch von
anderen Quellen bestätigt ist), dann war der betreffende junge
Mann von einer unglaublichen Gewandtheit, Motivierung und
Stärke. Es ist nicht bekannt, ob er zurückkam, um sein Kind
zurückzunehmen, oder ob er erschossen wurden (anders wäre
aber nicht zu erklären, warum er in späteren Episoden nicht
wiederauftaucht).
Überrascht, dass die Demonstrationen genau zum
Zeitpunkt wiederbegonnen hatten, als alles sich zu beruhigen
schien, so dass der Staatspräsident bei seiner Rückkehr
nicht alles gelöst finden konnte, rief Elena Ceauşescu
ihre Untergeordneten zusammen und beschloss, wütend,
Emil Bobu und Con­ stantin Dăscălescu zur Lösung der
Situation nach Timişoara zu schicken. In Vorbereitung
dieses Auftrages werden die Streitkräfte in Timişoara mit
300 Fallschirmspringern aus Caracal ergänzt (um 16.30 Uhr
landen 8 A.N.24 Flugmaschinen)74, sowie mit Militärs aus
dem Regiment 114-Mechanisiert (Vînju Mare), welches zur
Division 2-Mechanisiert in Craiova gehörte.
Wie weiter oben dargestellt wurden in der Nacht vom
19. zum 20.Dezember in der Stadt nur 13 mobile Patrouillen,
zur Überwachung der Plätze und Objekte, behalte, wobei aber
während des Tages die Kampfstrukturen wiederhergestellt
wurden, einschließlich mit Panzertechnik.
Am Morgen des 20. Dezember erstreckte sich der von
den Arbeitern ausgelöste Streik auf alle Betriebe in Timişoara.
Radu Bălan, Vasile Bolog, Ion Rotărescu, Sofronie Florea,
welche sich aufgemacht hatten, eine Gegendemonstration
zu organisieren, stellten fest, dass die keine Autorität mehr
hatten; sie versuchten, den Protest aufzuhalten, wurden aber
ausgebuht und verjagt. Bei „Electrotimiş“ bereiteten sich die
im Hof versammelten Angestellten, in die Stadt zu gehen. Vor
manchen der Betriebe hatten sich Gruppen von Demonstranten
versammelt, welche die Reaktion und das Kommen der Arbeiter
74
Emil Constantinescu, zit. Werke, S. 95.

190
auf der Straße erwarteten. Bei I.A.T. (das Agronomische Institut
Timișoara) wurde der Luftangriff-Alarm ausgelöst, welcher
einen ohrenbetäubenden Lärm verursache und sie Arbeiter
der anderen Unternehmen noch mehr mobilisierte. De Alarm
wurde schließlich mit Hilfe des Chef-Ingenieurs abgeschaltet.
Die jungen Demonstranten und die Angestellten der Betriebe
zerstörten alle Losungen und kommunistischen Symbole auf
den Dachgiebeln der offiziellen Gebäude.

Die Kolonne der Angestellten von „Electromotor“ auf dem


Weg zum Stadtzentrum

Die Angestellten der Betriebe „E.L.B.A.“, „6 Martie”,


U.M.T., „Electrotimiş”, „Solventul”, „Electromotor” und A.E.M.
öffneten mit Gewalt die Tore der Betriebe und gingen auf
die Straße, wo sie ihre Protestdemonstration begannen. Die
nach ihren Betrieben in Kolonnen organisierten über 10.000
Einwohner von Timişoara gingen, in geordneter Weise, in
Richtung des Parteikreiskomitees und des Opernplatzes. Vor
ihnen kamen, um etwa 09.30 Uhr, die Angestellten des „Optica“
Betriebes (welche beim Ertönen des Alarms herausgekommen
waren) auf der Straße.
Es wurde eine ordentlich organisierte Kolonne gebildet,
welcher sofort die Angestellten von „Electrotimiş“ und I.A.E.M.
beitraten, die mit Trikolore-Fahnen (ohne Wappen) und mit
schwarzen Halstüchern zum Zentrum marschierten. (Beim
letzteren Betrieb war bekannt, dass einige ihrer Mitarbeiter
in den vorhergehenden Tagen erschossen worden waren.

191
Darunter waren: Bînciu Leontina, Metea Liana, welche sehr
vielen der Angestellten gut bekannt waren). Der Direktor des
Betriebes (Gheorghe Târpe) hatte, erfolglos, versucht, die Leute
aufzuhalten. Die Geistesverfassung in einer solchen beruflichen
Gemeinschaft (in welcher 80% des Personals Frauen waren)
war unbeschreiblich. Weitere Angestellten verließen die
anderen Betriebe: „Banatul”, „I.A.T.”, „Detergenţi”(Reinigu
ngsmittelfabrik), „Azur”, „Ambalajul Metalic” (Metallische
Verpackungsmaterialien), die Genossenschaft „Progresul” und
„Guban”. Von der Industrieplattform auf der Calea Buziaşului
ging die Kolonne weiter und am Schlachthaus vorbei; ein Teil
der Kolonne bewegte sich zum Stadtzentrum, der andere Teil
gelangte beim Krankenhaus auf dem Victor Babeş Boulevard,
und skandierte; „Aveţi grijă de copii!” („Sorgt auf die Kinder!“).
Die Kolonne blieb auch beim Orthopädischen Krankenhaus
auf dem Mihai Viteazul Boulevard stehen, wo zahlreiche
Verwundete interniert waren. Hier wurde „Deşteaptă-te
române!” („Erwache, Rumäne!“) gesungen.
Die massive und gut organisierte Kolonne (mit besonders
ernannten Demonstranten, um keine Infiltrierungen oder
Herausforderungen zu erlauben) ging einen langen Weg bis
zum Zentrum der Stadt: Calea Buziaşului, Eroilor Blvd., Mihai
Viteazul Blvd., Romulus Straße, Gh. Doja Straße, Victor Babeş,

Kolonne der Angestellten von U.M.T. (Mechanische Werke Timișoara)


(wahrscheinlich vom 21. Dezember)

192
Odobescu Straße, 6 Martie Blvd., Nordbahnhof, Republicii
Blvd., Politehnicii Straße, Săvineşti Straße, Opernplatz Gegen
11.15 Uhr wurden die Kolonnen der Demonstranten, welche
von den Industrieplattformen Timişoaras herbeiströmten –
U.M.T., Calea Buziaşului, Calea Şagului, Nordbahnhof, usw.
zum Opernplatz, beziehungsweise zum Kreisrat gesteuert. Eine
Kolonne von Demonstranten ging auch am Jugoslawischen
Konsulat vorbei, wo eine geschriebene Botschaft hinterlassen
wurde, und marschierte dann weiter, zur Kathedrale. In der
Nähe des Konsulats wurde das Skandieren intensiver und
das diplomatische Personal drückte, in diskreter Weise, seine
Sympathie für die Sache und die Aktion der Demonstranten
aus. Die Leader der Demonstranten baten den Konsul, die
internationale Gemeinschaft über ihren Protest und ihre
Forderungen zu informieren. Das Personal des Konsulates,
welches von seinem Diplomatenstatus eingeschränkt war,
empfahl, dass der Postkasten verwendet werde, von wo aus die
Wünsche der Demonstranten übernommen und weitergeleitet
werden konnten75.
Die Kolonne vereinigte sich sodann mit jener, welche
von Angestellten von der Plattform des Nordbahnhofs gebildet
war (von ,,Solventul”, E.L.B.A., „Electromotor” und „C.F.R.”
(der Rumänischen Eisenbahngesellschaft). In der Nähe der
Kathedrale waren schon sehr viele Leute. Um etwa 12.00 Uhr
knieten die Demonstranten vor der Kathedrale und sagten im
Chor das „Vater unser“; dann gingen sie weiter – die meisten
zur Oper und ein anderer Teil zum Kreisrat der Partei (wo
auch das Kreiskomitee der Partei seinen Sitz hatte). Andere
Demonstranten setzten ihren Weg hinter dem „Continental“
Hotel, in Richtung des Kreissitzes der Partei fort.

75
Caietele Revoluţiei (Die Hefte der Revolution), nr. 4-5 (29-30) /2010.
Bericht von Mirko Atanackovic, jugoslawischer Konsul zu Timişoara.

193
Kolonne von Angestellten von der Nordbahnhofplattform.

In der ganzen Stadt wurde „ „Jos Ceauşescu” („Runter


mit Ceauşescu“) „Libertate”(„Freiheit!“), „Cea­ uşescu şi soţia,
ne-au distrus copilăria”(„ Cea­ uşescu und seine Frau haben
unsere Kindheit zerstört!),„Să fie judecat, pentru morţii din
Banat”(„Haltet die Richter parat für die Toten im Banat“), „Există
Dumnezeu“ („Es gibt einen Gott!”), „Vrem saloane de Cră­ciun,
nu conducător nebun” (Wir wollen nur Weihnachtszimmer und
keine verrückten Führer!), „Jos Comunismul”(„Herunter mit dem
Kommunismus“), „Fără violenţă”(„Ohne Gewalt!), „Armata e cu
noi” („Die Armee ist mit uns!“) usw.
Die Memorialisten beschreiben, im Zusammenhang
mit diesem Moment, eine interessante Tatsache, deren
Bedeutung, unserer Meinung nach, überschätzt wird: einige
Jugendliche kletterten auf einem gepanzerten Transportwagen
(es gab einige davon bei der Einfahrt am Platz) und drangen
auf dieser Weise auf dem Opernplatz ein, wobei sie eine Fahne
mit ausgeschnittenem kommunistischen Wappen trugen.

194
Demonstranten auf einem gepanzerten Amphibienfahrzeug, indem
sie durch den Opernplatz zu Kreisrat fuhren.

Demonstranten dringen in den Opernplatz ein.

195
Könnte dieser der Augenblick gewesen sein, in welchem
die Armee „den Rubikon überschritt“? Ich, persönlich,
bezweifle das, insbesondere angesichts der Erfahrungen der
letzten Zeit in einigen arabischen Staaten! Beobachten wir die
Situation in Ägypten, in Syrien oder in Libyen: die Truppen der
Armee sind nicht auf die Seite der Revolutionäre übergegangen
(mit einigen Ausnahmen, in Libyen!), obgleich die meisten
Soldaten aus der armen Bevölkerungsschicht herkommen.

Militärische Struktur und Demonstranten am Opernplatz.

Die Geschichte (mit den Revolutionären auf dem


gepanzerten Amphibienfahrzeug) wurde viele Male wiederholt
und tatsächlich mit der Idee der Solidarisierung der Armee
mit den Revolutionären verbunden. Angesichts der Ereignisse
der folgenden Tage habe ich einige Vorbehalte in dieser
Hinsicht. Ich möchte nur folgendes in Erinnerung bringen: das
Operngebäude war nach wie vor von der Armee verteidigt; der
Sitz der Kreisparteiorganisation war unter Militärbewachung
und blieb es auch später so (am 21. und 22. Dezember). Die
Druckerei war in den Händen der Soldaten, usw. Niemand
von der Befehlsstelle aus Bukarest, der in Timişoara anwesend
war, und keiner der Befehlshaber in Timişoara nahm Kontakt
mit den Anführern der Demonstranten, so dass die Losung

196
„Armata de cu noi!“ („Die Armee ist mit uns!“) eher einen
Wunsch als eine Wirklichkeit darstellte.
Die um die Oper aufgestellten Truppen mussten die
Zone verlassen, nachdem Claudiu Iordache, an Spitze einer
Menschenmenge, die Druck ausübte, in einer Geste der
Missachtung und des Mutes den Soldaten verlangte, entweder
den Durchgang der Massen zu erlauben, oder ihn zu erschießen.
Die von den Ereignissen der Vortage beeinflussten
Soldaten folgten dem Befehl des Majors Vasile Paul, zogen
sich zurück und übten keinen Gegenstand aus. Um Claudiu
Iordache herum skandierte die Menschenmasse: „Noi suntem
poporul” („Wir sind das Volk“), „Voi pe cine apăraţi” (Wen schützt
ihr!), „Li­bertate, Libertate” (“Freiheit, Freiheit“), „Armata e cu
noi“ (Die Armee ist mit uns“), „Să fie judecat, pentru morţii din
Banat” („Haltet sein Richter parat für die Toten im Banat“), „Jos
Ceauşescu” (“Runter mit Ceauşescu“).
Das Problem der Solidarisierung (Fraternisierung?)
der Angehörigen der Armee mit den Revolutionären bleibt,
meiner Ansicht nach, umstritten.
Der General Ştefan Guşă bezieht sich auf die Episode
von E.L.B.A. (vom 19. Dezember) als er, infolge des Druckes
der Arbeiter, gezwungen war, den ihn begleitenden Soldaten zu
befehlen, die Zone zu verlassen. Dall sollen die Arbeiter zum
erstem Mal „Armata e cu noi!“ („Die Armee ist mit uns!) skandiert
haben. Eigentlich war es nur das erste Mal, als diese Losung
in seiner Gegenwart skandiert wurde, denn, in Wirklichkeit,
hatte man diese Losung schon in vorhergehenden Umständen
skandiert. Auf alle Fälle ist der General der Ansicht, dass zu
dem Zeitpunkt die Armee auf die andere Seite der Barrikade
überging.76 Es ist, selbstverständlich, eine subjektive Meinung.
Ein anderes, von diesem Standpunkt relevanteres
Ereignis (das wir schon erwähnt haben) fand am 20. Dezember
statt, während des Marsches der Kolonnen von Demonstranten
zum Stadtzentrum, als die in Absperrungsreihen
positionierten Soldaten deren Durchgang, ohne Widerstand
zu leisten, erlaubten, und insbesondere als in den Opernplatz
eingedrungen wurde. Über dieses Ereignis gibt es mehrere
76
Daniela Veronica Guşă de Drăgan, zit. Werke., S. 51-52.

197
Berichte. Einige Demonstranten waren auf gepanzerte
Amphibienfahrzeige geklettert und drangen, tatsächlich, wie
erwähnt, in den Platz ein: „Bei der Kreuzung des Victoria Blvd.
mit der Oneşti Straße (die heute den Namen „20 Decembrie“
Straße trägt) waren drei gepanzerte Amphibienfahrzeuge – mit
laufenden Motoren – stationiert, erzählt Aurelian David Mihuţ;
– wir umgingen sie von der Seite und kletterten auf sie hinauf...
Dann machten wir uns auf dem Weg zur Oper, begleitet von
dem betreffenden Amphibienfahrzeug. Es war das erste Zeichen,
dass die Armee mit uns war (unsere Hervorhebung). ...Eine
ziemlich große Gruppe von Demonstranten begab sich zum
Eintritt in die Oper... Die Militärs leisteten keinen Widerstand,
im Gegenteil, es war so, wie wenn sie bestätigen wollten, dass
die Armee mit uns war“77. Wir sollten aber das Wunschdenken
der Demonstranten – welche unter der Bedrohung der Waffen
lebten – nicht als Realitäten betrachten...
Es gibt außerdem einige Episoden, welche von den
Demonstranten bemerkt und den Militärchefs erkannt wurden,
als sich manche Einheiten, am 20. Dezember, in verschiedenen
Punkten der Stadt ohne Waffen und ohne jedwede Absicht,
sich in den Straßenbewegungen zu involvieren, befanden.
Die Demonstranten fassten auch diese als Anzeichen der
Solidarisierung der Armee mit ihren Aktionen auf. Die
Wahrheit über diese Einheiten besteht jedoch darin, dass
beim Kommando auf Kreisebene (Ion Coman) – aus lauter
Verzweiflung und in Missachtung der Realität – entschieden
wurde, an welcher sich Arbeiter aus Betrieben und Soldaten,
welche bis dahin an den Zusammenstößen nicht teilgenommen
hatten, unbewaffnet, beteiligen sollten. Laut Plan sollten
sich die Teilnehmer auf dem Sportplatz versammeln (Macri
erzählt, dass er dort das Installieren eines Lautverstärkers
angeordnet hatte) oder, je nach den Umständen, zum
Opernplatz marschieren (wo ein zweiter Lautverstärker
aufgestellt war); dort sollte Dăscălescu, welcher, zusammen
mit Emil Bobu, Bukarest bereits verlassen hatte, eine Rede
halten. Der Platz war schon am frühen Morgen von Kräften
der Miliz, des Sicherheitsdienstes und der Armee besetzt, um
77
Miodrag Milin, Timișoara..., S. 100.

198
nicht von anderen Demonstranten besetzt zu werden. Die
Betriebsdirektoren und die Parteisekretäre wurden zum Sitz
der Kreisparteiorganisation für Präzisierungen einberufen78.
Den Aktivisten gelang es nicht einmal einen Zivilisten zu
mobilisieren. Die unbeabsichtigt gebliebenen Angestellten
versammelten sich vor ihren Betrieben, jedoch nicht für eine
Demonstration für das Regime, sondern genau für eine gegen
das Regime. Die als „Dekor“ geschickten Soldaten stationierten
an verschiedenen Stellen bis sie den Befehl erhielten, sich
zurückzuziehe, weil die ganze Aktion abgesagt worden war.
Die Lastkraftwagen, welche sie transportierten, machten einen
Umweg durch die statt, die Demonstranten machten ihnen
das Siegeszeichen und sie antworteten in der gleichen Weise.
Dieses blieb den damaligen Augenzeugen als ein Zeichen der
Solidarisierung in Erinnerung. Das geschah, selbstverständlich,
ohne eine richtige Begründung, weil die betreffenden Militärs
weder ihren Auftrag, noch ihre Befehlsstelle verlassen hatten.
Die mutige Geste des Majors Viorel Oancea, welcher
sich am 22. Dezember (vor der Flucht des Diktators) vom
Balkon der Oper an die Menschenmenge richtete, hat seine
eigene Bedeutung in der Definierung des Konzeptes in Frage,
aber sie stellt ebenfalls einen isolierten Fall dar und fand,
ohnehin, erst nach dem 20. Dezember statt. In seinen späteren
Berichtet erinnert sich Oancea, dass er schon am 21. Dezember
mit mehreren Mitarbeitern diskutiert hatte, ein Memorandum
an den übergeordneten Echelon zu schicken um zu verlangen,
dass die Armee nicht mehr auf die Demonstranten schieße.
In einem in der Zeitschrift Orizont veröffentlichten Interview
erzählt der Befehlshaber von Viorel Oancea, dass er sich an
dieser Initiative beteiligte und die öffentliche Geste von Viorel
Oancea unterstützte.
Wahrscheinlich standen alle diese bis zum 20.
Dezember kumulierten Aspekte, im Zusammenhang mit
der Tatsache, dass nach diesem Datum in der Stadt keine
Gewehrschüsse mehr gefeuert wurden und, selbstverständlich,
auch unter Berücksichtigung des totalen (unbestreitbaren)

78
Siehe die Gegendemonstration von Kairo, welche von den Sympathisanten
von Mubarak, angefangen mit dem 1. Februar 2011, organisiert wurde.

199
Engagements der Armee bei der Verteidigung der Revolution
nach der Flucht des Diktators, den späteren großzügigen
Einschätzungen zugrunde, welche sich auf die positive Rolle
der Armee in der Revolution bezogen.
Im Folgenden wollen wir die Art, in welcher sich diese
Einschätzungen heranbildeten und entwickelten, darstellen.
Es ist unbestreitbar, dass verschiedene Einheiten und
Kommandos der Armee mobilisiert wurden und die Anordnung
erhielten, bei der Unterdrückung der Demonstrationen in
Timişoara mitzuwirken. Die Einwohner der Stadt haben keine
Zweifel, dass unter den Täter der Morde vom 17., 18. Und 19.
Dezember 1989 auch Angehörige der Armee waren. Jedes Mal,
als die Demonstranten Militärs in Kampfstrukturen – mit oder
ohne technischer Ausrüstung - begegneten wurde, außer den
gewöhnlichen Losungen, auch „asasinilor, asasinilor!“ („Mörder,
Mörder!“) skandiert. Kurz vor dem Feuern von Gewehrschüssen,
am 17. Dezember in der Früh, wurden einige Militäreinheiten,
welche durch die Stadt marschierten von einigen Stadtbürgern
angegriffen, wobei die Soldaten aufgefordert wurden, sich
nicht mehr zu fügen und ihre Befehlshaber zu töten. Keine
Spur von Solidarität, von Fraternisierung. Die Demonstranten
konfrontierten sich im offenen Kampf mit den Militärs, welche
in offensichtlicher Weise agierten (sie waren mit spezifischen
Ausrüstungen ausgestattet, konnten sich nicht verstecken);
ihre Ausrüstungen wurden zerstört, einige Gewehre wurden
gewaltsam übernommen. Wie bereits weiter oben dargestellt,
wurde den unerwarteter Weise bei E.L.B.A. angekommene
General Guşă hinsichtlich der Involvierung der Armee in
den Konfrontationen angesprochen, vor ihm wurde „asasinii,
asasinii!“ („Mörder, Mörder!“) skandiert.
Es ist augenfällig, dass die kommunistischen Behörden
zumindest einen schlechten Einfall hatten, als sie für die
Repressalien zur Armee griffen. Vor kurzer Zeit konnte
ich beobachten, wie die ägyptische Armee während den
Demonstrationen in Kairo vorging (Februar 2011): sie wurde
in Verteidigungsstrukturen bedeutender Objekte aufgestellt,
und auf den Straßen agierten die Polizei und die Gendarmen.
In Timişoara, andererseits: 1. Ordnete Vasile Milea an, für jede
Division in der Stadt (es gab zwei Divisionen) je 10 Patrouillen

200
von je 10 Militärs zu bilden, welche, nachts, durch die Stadt,
in den Plätzen und Boulevards streifen musste. Die Soldaten
hatten, selbstverständlich, nicht einmal die minimalsten
Kenntnisse oder Einweisungen für einen Auftrag dieser Art. 2.
Unter dem Obdach der Militärstrukturen agierten Sonderkräfte
in Zivilbekleidung und mit entsprechenden Fahrzeugen in
der Nacht vom 16. zum 17. Dezember und in den folgenden
Nächten in aller Freiheit, nachdem sie wussten, dass sich die
öffentliche Opprobration nur gegen jene richten würde, welche
in sichtbarer Weise handelten. 3. Aus diesem Grund richtete
sich der Hass der Hass der Bevölkerung auch gegen die Armee,
welche nicht mehr als eine neutrale Kraft betrachtet wurde –
sie schlug und wurde geschlagen, als Teil des Konfliktes. An
den folgenden Tagen beteiligte sie sich an die Morde, riskierte
die Zerstörung ihrer Ausrüstungen und muss die berechtigten
Beschuldigungen seitens der geschlagenen oder bedrohten
Menschen dulden.
In den ersten Dokumenten der Revolution von Timişoara
(Die Liste der Forderungen von den Verhandlungen mit dem
Ministerpräsidenten und die Proklamation der Rumänischen
Demokratischen Front) wurde verlangt, dass jene, welche
befohlen hatten, auf die Bevölkerung zu schießen, identifiziert
und rechtlich verfolgt wurden. Über eine Solidarisierung der
Armee mit den Demonstranten wurde nicht geredet. Sogar
später, in der Abschlusserklärung der Volksversammlung vom
22. Dezember wurde verlangt: „Das die ... Henker, welche die
Befehle zum Beschießen der Zivilbevölkerung gegeben und
ausgeführt haben... zur Rechenschaft gezogen werden.“ Hier
kommt jedoch auch eine Nuancierung hinzu: „sowie jene,
welche für die Hinrichtung der Militärs schuldig sind, die die
Ausführung der Befehle zur Beschießung der Zivilbevölkerung
verweigerten... Die Versammlung begrüßt die Soldaten unserer
tapferen Armee, welche sich den mörderischen Befehlen, auf
die Bevölkerung zu schießen, nicht gefügt haben, und ruft
sie auf, zusammen mit dem ganzen Volk zur Vollendung
der Demokratisierung und Liberalisierung des Landes
beizutragen... auch wenn es notwendig sein wird, dass wir uns
dazu mit Waffen in den Händen der Diktatur widersetzen“.

201
Vor hier gehen einige ganz neue Erkenntnisse hervor: 1. Es
resultiert, dass es Soldaten gab, welche für die Nichtausführung
von Befehlen erschossen wurden, und 1. Es gab tapfere
Soldaten der Armee, welche den mörderischen Befehl, auf die
Bevölkerung zu schießen, nicht ausführten. Es wird also eine
Behauptung gemacht (welche nicht überprüft wurde und daher
während der strafrechtlichen Untersuchungen weder bestätigt,
noch verneint wurde), und zwar, dass es Militärs gab, welche für
die Verweigerung der Ausführung von Befehlen getötet wurden.
Es gibt keine Antwort seitens der strafrechtlichen Ermittler
zu diesem Thema. Es gibt nur die Aussage eines Angestellten
vom Leichenhaus des Kreiskrankenhauses, welcher bekennt,
dass unter den Bekleidungsstücken der Toten, welche für die
Beförderung zum Krematorium vorbereitet wurden, auch
militärische Bekleidung war. Auf alle wurde am 22. Dezember
(vor der Flucht des Diktators) an diesem extrem gravierenden
Aspekt geglaubt, welcher noch immer unerforscht geblieben
ist. Wir wissen genau, dass bis zum 22. Dezember in Ti­mişoara
kein getöteter Soldat verzeichnet wurde. Ein solcher Umstand
hätte so lange Zeit nicht unbekannt bleiben können.
Ebenfalls in Timişoara wurde in einem später erstellten
Dokument (Die Proklamation vom 11. März 1990, auf welcher
wir in einem Beitrag zurückkommen werden, für welchen
derzeit noch Untersuchungen erfolgen: „Timişoara in der
Nachrevolution“) folgendes gesagt: „Am 20. Dezember 1989
wurde Timişoara endgültig von der Bevölkerung in seine
Gewalt genommen... An jenem Tag fraternisierte die Armee
mit den Demonstranten und beschloss, zusammen mit diesen
den erzielten Sieg zu verteidigen (unsere Hervorhebung)“79.
Es ist, zweifelsohne, eine einfache politische Botschaft, so
wie, übrigens, das ganze Dokument politisch ist. Die Armee
hatte ihre anerkannten Verdienste in Verbindung mit der
Verteidigung des Sieges der Revolution, sie erfreute sich nun
der Glaubwürdigkeit, und aus diesem Grunde versuchten
die Vertreter der Zivilgesellschaft ihre Sympathie gewinnen,
wenn auch solche Behauptungen – im Lichte der obigen
Darstellungen – nicht der Wahrheit entsprachen.

79
George Şerban, Panică la Cotroceni (Panik in Cotroceni), Timişoara, 2010,
Auswahl, Herausgabe und Vorwort von Lucian-Vasile Szabo, S. 185-194.

202
Meine Meinung ist, dass bis zum 22. Dezember,
um 12.30 Uhr, die Solidaritäts- oder Sympathiegesten
mancher Angehöriger der Armee in Bezug auf die Sache der
Demonstranten (welche erinnerungs- und begrüßungswert
sind, da sie in einem anderen Kontext für ihre Autoren
schwerwiegende Folgen haben konnten) nur isolierte Akte
waren, welche in keiner Weise den Übergang der Armee, weder
in ihrer Ganzheit, noch in einem wesentlichen Anteil, auf die
Seite der Demonstranten kennzeichnen.“
Wir halten folgendes fest:
1. Kein wichtiger Befehlshaber in Timişoara (wo sich
auch die drei Stellvertreter des Verteidigungsministers, der
Führer der Miliz, zahlreiche Offiziere des Sicherheitsdienstes
und der Staatsanwaltschaft, drei Divisions- und
Brigadebefehlshaber, mehrere Befehlshaber von Regimenten
und kleineren Einheiten befanden) hat mit den Anführern
der Revolutionäre Kontakt genommen; die Gespräche waren
zur zufällig und nur zwischen direkt in Kontakt gekommenen
Soldaten und Demonstranten;
2. Die am 20. Dezember aus manchen Objekten,
Straßen oder Plätzen zurückgezogenen Militäreinheiten sowie
Truppen der Miliz und des Sicherheitsdienstes blieben an den
angeordneten Stellen und fügten sich ihren – lokalen und
zentralen – Vorgesetzten. Ja noch mehr, es wurden zusätzliche
Streitkräfte gebracht (vom Regiment von Vînju Mare), während
jene aus Arad zurückgezogen wurden (weil es inzwischen auch
doch Anzeichen gab, dass die Revolte ausbrechen werde).
Am 21. Dezember gab es bei der Druckerei zwei Pelotons
von Grenzsoldaten, welche eine Überwachungsstruktur
bildeten. Über diese kam – stürmisch und gewaltsam – eine
Luftlandetruppe von Fallschirmspringern von Caracal, welche
den Direktor und die Arbeiter bedrohten und zwei zufällig dort
befindliche Besucher (in dienstlichem Interesse) festhielten.
Der Befehlshaber der Fallschirmspringer bedrohte sogar den
Offizier der Grenzsoldaten und verlangte die Genehmigung von
Coman, um das Feuer gegen die Demonstranten zu eröffnen
(1000 Personen, die am Opernplatz gekommen waren, um die
Druckereiarbeiter zu verteidigen, welche wegen ihrer Absicht,
die Proklamation der Rumänischen Demokratischen Front zu
drucken, unter Bedrohung standen). Die Fallschirmspringer

203
zogen sich erst am 22. Dezember zurück, als das Objekt wieder
den Grenzsoldaten und den Militärs des mechanisierten
Regiments aus Vînju Mare übergeben wurde.
3. Der Oberstleutnant Constantin Zeca kam, nach der
Flucht des Diktators, am Balkon der Oper; er wurde von den
Leadern der Revolutionäre empfangen und sprach die Menschen
am Opernplatz an. Trotz des Grolls und des Misstrauens wurde
er gut aufgenommen. Die Führungskräfte der Securitate und
viele Verdächtige wurden von den Revolutionären der Armee
übergeben, welche (viele von ihnen) freisetzte, ohne die Führer der
Revolutionäre darüber zu informieren, während der ehemalige
Erste-Sekretär, Radu Bălan, bei der Druckerei beherbergt wurde,
von wo aus er, nach wie vor, mit den Führern der Front verhandelte
und mit den Betriebsführungen Kontakt hielt.
Wir kommen aus zwei wichtige Geschehen zurück,
welche parallel (ungefähr gleichzeitig) miteinander, jedoch
an verschiedenen Stellen stattfanden: die Bildung der ersten
Mannschaften von Leadern, welche von den Demonstranten
anerkannt waren, und die Kristallisierung der ersten
Programmelemente derselben. Wir werden sie einer Analyse
unterziehen, weil diese Geschehen den Sprung vom Stand des
gewaltsamen Protestes, dann Aufruhrs von Gruppierungen,
welche von der Reaktion oder den Maßnahmen der lokalen
Behörden aus dem einen oder anderen Gebiet unzufrieden
waren, zur jenem der Revolution darstellt, in welchem die
Bevölkerung der ganzen Stadt reagierte, um die Gesamtheit des
Systems, das Regime in seiner Ganzheit anzufechten.
Wir wollen festhalten, dass am 20. Dezember die
Kolonnen der Demonstranten nach dem Grundsatz ihres
Arbeitsplatzes organisiert wurden, von ihnen anerkannte,
bekannte und gefolgte Führer hatten und mit wenigen, aber
klaren Losungen kamen. Bis dahin waren die Kolonnen
aus Demonstranten zusammengesetzt worden, welche sich
einander aus keiner gemeinsamen Tätigkeit kannten und nur
durch ihren Hass gegen das Regime oder die Notwendigkeit,
sich gegenseitig gegen Schläge oder Verhaftungen zu schützen,
miteinander verbunden waren.
Neulich habe ich Szenen der Demonstrationen in Tunis
und Kairo gesehen. Diese waren ähnlich mit jenen, welche in

204
Timişoara bis am 19. Dezember, und in Bukarest bis am 21.
Dezember am Nachmittag und in der Nacht stattfanden. Ich habe
keine organsierten Menschenmengen gesehen, welche gruppiert
von den Industrieplattformen der zwei Hauptstädte kamen, und
wir wissen nicht viel über die Solidarisierung ihrer Bevölkerung
mit jener aus anderen Metropolen. Wenn die Aktionen der
Demonstranten im Norden Afrikas erfolgreich waren sind die
Erklärungen, selbstverständlich, einer anderen Natur.
Nach dieser großen Klammer kommen wir auf die
Ereignisse des 20. Dezember zurück. Die Demonstranten
von den Industrieplattformen gingen also los, in Kolonnen,
gruppiert nach Betrieben und mit einer gesonderten
Organisierung. Für sie stellte das ungenehmigte Verlassen der
Betriebe, gegen die zwingende Anordnung deren Führungen
eine Entscheidung ohne Zurück dar. Wenn wir eine Metapher
anwenden, können wir sagen, dass die Entscheidung der
Angestellten, in symbolischer Weise, eine Überschreitung des
Rubikon bedeutete. Ein Zurückkommen auf das, was vorhin
gewesen war, war nicht mehr möglich.
a) Ich habe schon erklärt, wie eine Gruppe von
Demonstranten auf dem Balkon der Oper eingedrungen waren,
mit der Absicht, diesen zu verwenden, um die beeindruckende
Versammlung von Menschen anzusprechen.

Der Balkon des Nationaltheaters, von wo die Leader, angefangen mit


dem 20. Dezember 1989, 13.00 Uhr, die Demonstranten ansprachen

205
Die Folgen dieses – scheinbar einfachen – Ereignisses waren
gewaltig. Die wichtigste Konsequenz dieser ausgezeichneten
Initiative war die Bildung einer neuen politischen Formation,
welche im Gegensatz zur kommunistischen Partei stand: die
Rumänische Demokratische Front. Seine Führer beeilten sich zu
verkünden, dass die Gewalt in Timişoara übernommen wurde
und dass die Stadt an der Bega auf dieser Weise die erste Stadt
in Rumänien frei von der kommunistischen Diktatur geworden
war. Dieser Augenblick kann ebenfalls als Zeitpunkt einer
Entscheidung ohne Zurück, also der wahren Überschreitung
des Rubikon, betrachtet werden
b) Eine Delegation von Vertretern einer anderen Gruppe
von Demonstranten (welche sich in einem Bürgerkomitee
vereint hatten), die sich an einer anderen Stelle versammelt
hatten (vor dem Sitz des Kreisparteikomitees), überzeugte
den Ministerpräsident (welcher eben in der Stadt eingetroffen
war), Verhandlungen zu akzeptieren und sich die Forderungen
der Demonstranten, welche extrem radikal waren, anzuhören.
Dieser Umstand beschleunigte das Zustandekommen des ersten
strukturierten Satzes von Forderungen, welche der von Elena
Ceau­ şescu nach Timişoara geschickte hohe Würdenträger
des Regimes und die ihn Umgebenden Personen entsetzt zur
Kenntnis nahmen. In dieser Liste von Forderungen und in der
Proklamation der Rumänischen Demokratischen Front wurde,
von Augenblick zu Augenblick, das Programm der Revolution
gestaltet, welches von einem Tag zum anderen immer radikaler
und komplexer wurde.

Merkblatt Nr. 6
Liste der Forderungen80 des Bürgerkomitees, welche in den
Besprechungen mit dem Ministerpräsident Constantin
Dăscălescu vorgestellt wurde
1. Rücktritt des Präsidenten Ceauşescu.
2. Rücktritt der Regierung.
3. Freie Wahlen.
4. Bildung einer Untersuchungskommission für die
Klärung der Ereignisse in Timişoara.
80
Caietele Revoluţiei (Die Hefte der Revolution), nr. 5 (7) 2006, S. 48.

206
5. Das Ziehen der Schuldigen zur strafrechtlichen
Verantwortung.
6. Die sofortige Befreiung der politischen Gefangenen.
7. Wer erteilte den Befehl, in Timi­şoara zu schießen?
8. Die Rückgabe der Toten an ihre Familien, um in
christlicher Weise begraben zu werden.
9. Das Erscheinen von Ceauşescu im Fernsehen,
am gleichen Abend, um die Öffentlichkeit über den wahren
Sachverhalt in Timi­şoara zu informieren.
10. Freiheit der Presse.
11. Freiheit des Rundfunks und des Fernsehens.
12. Reform des Unterrichtswesens.

Demonstranten im Balkon des Kreisrates

Delegierte des Bürgerkomitees am Balkon des Kreisrates,


20. Dezember 1989

207
Wie verliefen die Ereignisse am Opernplatz und was für
Meinungsverschiedenheiten können in ihrer Hinsicht erwähnt
werden?
In diesem Fall gehen wir von mehreren direkten
Zeugenaussagen aus, darunter jene von Lorin Fortuna,
Claudiu Iordache, Nicolae Bădilescu und eines Angestellten
des Theaters, Ioan Covaci (welcher gerade für die ganze
Einrichtung im Dienst war). Mehrere Demonstranten lösten
sich von der in einer beeindruckenden Masse am Opernplatz
versammelten Menschenmasse und drang in das Gebäude der
Oper, durch zwei separate Eingänge, ein. Es war 12.30 Uhr.
(Hinsichtlich der Uhrzeit gibt es verschiedene Meinungen,
was, angesichts der Spannung und Aufregung eines solchen
Moments verständlich ist).
Eine der Gruppierungen der Demonstranten (an der
Spitze mit Lorin Fortuna) beschloss, die Haupttür – welche
blockiert war – mit Gewalt zu öffnen. Zur gleichen Zeit
versuchte eine andere Gruppe (in der sich Claudiu Iordache
und Ioan Chiş befanden) durch eine andere Tür, welche
offen, aber von Soldaten bewacht war, hineinzugehen (die
Soldaten leisteten keinen Widerstand, ermahnten jedoch
ursprünglich die Demonstranten, nicht hineinzugehen.) Mit
der Zustimmung von Vasile Bledea (Verwalter des Theaters)
wurde auch die Haupttür des Gebäudes geöffnet, wobei die
Direktorin ebenfalls anwesend und beängstigt war, dass es zur
Vandalisierung des Gebäudes kommen konnte, so wie es an
den vorhergehenden Tagen mit anderen Gebäuden passiert
war. Nach einigen Minuten erschienen auf dem Balkon des
Theaters (der Oper) mehrere Leader der Demonstranten,
darunter: Lorin Fortuna, Ioan Chiş, Claudiu Ior­dache, Traian
Vrăneanţu, Ştefan Ivan, Adrian Sanda und andere. Um das
unendliche Hereinströmen der Menschenmenge aufzuhalten
wurde sofort ein eigener Bewachungsdienst organisiert
(welcher ursprünglich von Traian Vrăneanţu gesichert wurde),
der darauf sorgte, dass nur eine limitierte Anzahl von – vorher
kontrollierten - Personen (entsprechend der Größe des Foyers
und des Balkons) hereinkamen. Es wurde sogar zugelassen,
dass der Bürgermeister Petre Moţ hereinkam, welcher das,
was da vorging, feststellte und bestürzt hinausging. Er war

208
„...bleich, beängstigt ... doch er ging weg, ohne Vorfälle
hervorzurufen“81. Der Lautverstärker, welcher für Constantin
Dăscălescu vorbereitet worden und nur einige Minuten von
zwei Technikern des Telefonunternehmens montiert worden
war, wurde sofort angeschaltet. Es wurden kurze, direkte,
unkonventionelle Reden gehalten, in folgender Reihenfolge:
Lorin Fortuna, Ioan Chiş, Claudiu Iordache, Mihaela
Munteanu, Maria Trăistaru82.

Merkblatt Nr. 7
Die Aufzeichnung der ersten, am 20. Dezember 1989 vom
Balkon des Nationaltheaters (der Oper) gehaltenen Reden

00:00 Lorin Fortuna (wird schwach gehört): Bürger von


Timişoara!
00:02 Beifallrufe
00:11 Lorin Fortuna: (unverständlich) das ganze Land!
(Beifallrufe, es wird skandiert: „Heute in Timişoara, morgen im
ganzen Land!”)
00:44 Lorin Fortuna: „Ruhe, bitte! Bürger von Timişoara,
wir, diese, die ihr da seht, haben uns in einem Aktionskomitee
der Rumänischen Demokratischen Front zusammengeschlossen.
(Ohne Gewalt! Beifallrufe) Die Rechte und die Freiheit werden
in einer organisierten Weise errungen! (Man skandiert: „Ohne
Gewalt!”) Wir bitten euch, zerbrecht keine Schaufester mehr,
ruft keine Schlägereien hervor, greift die Armee nicht an! Die
Armee wirkt mit, ihr habt gesehen! (Beifallrufe, man skandiert:
„Die Armee ist mit uns!“) Wir warten, dass die Vertreter der
Behörden kommen, um in organisierter Weise mit ihnen
zu sprechen. (Beifallrufe, Ausruf: „Wir sind das Volk!“ Man
skandiert: „Runter mit Ceauşescu!”)
Bürger von Timişoara!
Die erste Bedingung, die wir der rumänischen Regierung
stellen, ist herunter mit der Familie Ceauşescu! (Beifallrufe,
man skandiert: „Runter mit Ceauşescu!”)!
81
Miodrag Milin, Timişoara..., S. 109.
82
Timişoara în Revoluţie şi după (Timişoara in der Revolution und nachher)
S. 117.

209
Aber dafür werden wir friedlich kämpfen, friedlich,
vergesst nicht, friedlich 
Die zweite Bedingung: wir verlangen die sofortige
Befreiung der Verhafteten! (Beifallrufe, jemand ruft: „Wo sind
unsere Toten?“)
Die dritte Bedingung, die dritte Bedingung: die
Identifizierung der Toten. (Beifallrufe) Ich bitte, in diesem
Augenblick, um eine Schweigeminute zum Gedenken an die
Opfer von Timişoara! Auf den Knien, alle! Auf den Knien! ...Die
Armee... soll stehen bleiben! Die Armee soll stehen bleiben!
(vereinzelte Stimmen aus der Menge: „Die Armee soll stehen
bleiben!“ Es wird relativ still.)
04:24 Stimme aus der Ferne! Die Ratten sind
davongelaufen! Die Ratten sind davongelaufen!
04:28 Stimme aus der Ferne: Bălan haben sie eingesperrt
(?) Radu Bă­lan ist hier!
04:38 Starke Stimme: Er soll herkommen!
04:39 Eine andere Stimme: Die Schuldigen sollen
herkommen! Die Schuldigen sollen kommen! Die Schuldigen
sollen herkommen!
04:45 Man skandiert: „Bălan!”
04:56 Man skandiert: „Herunter mit Ceauşescu!”
05:12 Mann: Tod den Mördern!
05:13 Lorin Fortuna: Bitte organisiert euch jetzt nach
Betrieben. Jeder Betrieb, groß oder klein, soll sein Aktionskomitee
der Rumänischen Demokratischen Front bilden. (Beifallrufe).
Bitte! Die Komitees, welche gegründet werden bleiben, ab jetzt,
permanent, und mit und mit uns in Kontakt. Bis die Behörden
kommen. Ich werde auch anderen Mitgliedern des Komitees
das Wort geben. Ein Vertreter der Burg von „Electrotimiş“
(Beifallrufe).
05:55 Ioan Chiş: Liebe Landsleute! Ich habe nie gedacht,
dass wir bis hier kommen werden. Ich habe nicht gedacht, dass
zwischen uns so viel Kraft existiert. Wir sind nicht vorbereitet,
dieses zu tun... und dass all dieses Unglück nicht passiert...
Deswegen verlange ich, für das erste Problem, verlange ich
seitens des Kreiskomitees... dass Genosse Radu Bălan das Wort
ergreift (Beifall, jemand skandiert leise: „Bălan!”). Vielleicht
denken manche an Genossen Matei (Buhrufe; ein Mann sagt:

210
„Er redet Unsinn.“) Bitte Ruhe bewahren und warten. (Man
skandiert: „Zum Landkreis!) Wir warten auf Bălan
(Stimme: „Bălan soll kommen!“) So. Wir dürfen es nicht
übereilen, wir müssen ganz ruhig und besonnen sein. So wie wir
heute waren. Ich danke euch!
07:34 Lorin Fortuna: Im Namen der Intellektuellen
von Timi­ şoara. Er wird sich alleine vorstellen. (Beifallrufe,
Händeklatschen.)
07:45 Claudiu Iordache: Ich heiße Claudiu Iordache
und ich bin ein rumänischer Schriftsteller. (Beifallrufe). Ich bin
sehr stolz auf die Kraft und den Mut die ihr in Verbindung mit
Rechten, die euch seit Jahrzehnten fehlen, beweist. (Beifallrufe).
Ich bin stolz, dass wir die Angst vergessen haben, die uns eine
so lange Zeit gekennzeichnet hat, und dass wir hier gekommen
sind, um in friedlicher Weise unsere Forderungen als freie Wesen
auszudrücken! (Beifallrufe, man skandiert: „Freiheit“)
So lebt die Kraft eines Volkes! In diesem Augenblick redet
ihr im Namen des ganzen rumänischen Volkes! (Beifallrufe).
Das gesamte rumänische Volk erwartet von hier die Bewegung,
die uns vom Schrecken, von schrecklichen Unehrlichkeiten (?)
durch die wir unversehrt gehen müssen! (Man skandiert: „Heute
in Timişoara, morgen im ganzen Land!“) Vereint (?) kann uns
nichts passieren. Die Armee gehört dem rumänischen Volk. Die
Armee muss uns verteidigen. (Beifallrufe, Ausrufe: „Mörder!“)
Die Armee wird uns verteidigen! Wir können nicht enden... wir
haben die Wahrheit auf unserer Seite! Und die Wahrheit ist auf
unserer Seite! Versucht und habt den Mut für diesen Augenblick83
Was kann aus dieser Aufzeichnung festgehalten werden?
(ich habe einige Forderungen des Programmes, welche in der
Proklamation wiedergefunden werden, in fetten Buchstaben
hervorgehoben):
1. Lorin Fortuna verkündete, dass ein Aktionskomitee
der Rumänischen Demokratischen Front gebildet worden
war, um die Demonstranten zu organisieren, und verlangte
– aufmerksam! – dass in jedem Betrieb ein solches Komitee
gebildet werde.
83
Der Blog von Marius Mioc: Revoluţia de la Timişoara în înregistrări audio
video (Die Revolution von Timişoara in Audio-Video-Aufnahmen) – „20
Dezember 1989“.

211
2. Die Behörden wurden zu organisierten Besprechungen
gerufen (demzufolge wurde nicht deren Weggang verlangt).
3. Es wurde verlangt, dass die Familie von Nicolae
Ceau­şescu von der Macht beseitigt wird; vorläufig kommt die
restliche Führung des Staates nicht in Frage.
4. Es wurde verlangt, dass die Verhafteten befreit und
die Toten zurückgegeben werden.
5. Die Armee sollte dortbleiben, wo sie war. Dieses
bedeutete, dass:
a) manche Militärkräfte den Markt noch nicht verlassen
hatten, und
b) die Leader der Demonstranten wollten unbedingt
solidarisieren, sie wollten die Armee auf ihrer Seite locken.
6. Die Demonstration sollte so friedlich wie möglich
sein.
Aus der Rede von Ioan Chiş – der Vertreter von
Electrotimiş -halten wir den Aufruf fest, Radu Bălan
herzubringen, um vor den Demonstranten zu reden. Die
Reaktion der Demonstranten zu diesem Vorschlag war etwas
unklar, aber sie lehnten ihn nicht ab.
Claudiu Iordache sprach im Namen der Intellektuellen
und stellte sich als Schriftsteller vor. Er ist der einzige, welcher
die Gründe, für welche gekämpft werden sollte, erwähnte:
„dass wir Rechte verteidigen, die seit Jahrzenten fehlen...
wir haben Kraft und Mut...; dass wir unsere Forderungen als
freie Wesen in friedlicher Weise ausdrücken...; ihr sprecht im
Namen des ganzen rumänischen Volkes...; vereint kann uns
nichts passieren...; wir haben die Wahrheit auf unserer Seite...“
Das Gründungskomitee der Front umfasste je zwei-drei
Vertreter eines jeden am Platz anwesenden Betriebes; praktisch
wandelte sich das Aktionskomitee in ein Organisierungskomitee
um (welches mit Mihaela Munteanu und Maria Trăistaru
ergänzt wurde); dann erweiterte sich die Führungsmannschaft
der Front, indem sofort Vertreter vom Platz, je drei pro Betrieb,
eingeschlossen wurden.
Im Folgenden ist die Niederschrift einer Audio-
Aufnahme der Reden vom 20. Dezember 1989, vom
Gründungsmoment und mit der Zusammensetzung des
Komitees:

212
„22:00 Lorin Fortuna: Ich bitte um etwas
Aufmerksamkeit! In diesem Augenblick wurde das
Aktionskomitee gebildet, konkret mit Namen, nach Betrieben,
nach Vertretern der Betriebe. Wir werden euch alle ihre
Namen sagen, den Betrieb, den sie vertreten (Beifallrufe),
und wir werden verlangen, dass ihr abstimmt! Sehr wichtig!
(Beifallrufe). Wenn ihr einem von ihnen nicht vertraut, sagt
nein, und nein wird es bleiben! Aber es wird eure Front sein!
22:40. Ausruf: Name!
22:42 Lorin Fortuna: Lasst mich sprechen! Ich habe
mich schon einmal vorgestellt, wenn ihr mich nicht kennt!
Ich lese jetzt die Liste mit dem Komitee vor, bitte sehr.
Hört zu (Stimmen: „Lauter!“ „Wer war das?“ „Lass das, wer
war das?“) Vorsitzender: Fortuna Lorin, Polytechnisches
Institut Timişoara (Ausrufe: „Wir wollen ihn sehen!“)
Stellvertretender Vorsitzender: Eustaţiu Cornel, von O.G.A.
Timişoara (Ausrufe: „Wir wollen ihn sehen!“), Sekretär:
Claudiu Iordache (Ausrufe: Wer ist das?), Mitglieder:
Ciura Alexandru, Regionale Eisenbahndirektion
(verworrenes Getöse der Menschenmenge), Chiş Ioan,
Electrotimiş, Vrăneanţu Traian, Dinamo [es geht um die
Handwerksgenossenschaft Dinamo], (Aufrufe: „Wo ist
er?“ „Wir wollen ihn sehen!“), Florescu Viorel, U.C. Timiş
(Beifallrufe), Bădilescu Nicolae, Schriftsteller (Beifallrufe),
Munteanu Mihaela, von I.C.S.A.P. (Stimmen: „Wir wollen
sie sehen!“), Săsăran Gruia, I.J.T.M. (Stimme eines Mannes:
„Wir unterstützen dich!“), Simioana Gheorghe, „1 Iunie”
(Beifallrufe), Predonean (?) Adriana (Frauenstimme:
„Studentin“), Kandia [Schokoladefabrik solider Tradition
in Timişoara. Nach der Revolution wurde sie von der
Firma „Excelent“ aus Bukarest gekauft und aufgelöst. Die
Schokolade mit der Marke „Kandia“ existiert noch auf dem
Markt, wird aber nicht mehr in Timişoara hergestellt.]
(Beifallrufe, Aufruf: „Die Schokolade!“), Dunca Romeo,
I.M.A. Timiş. Diese Personen sind da, um ihre Betriebe zu
vertreten. Wenn es noch andere Vertreter großer Betriebe
gibt, sollen sie her kommen!”84.
84
Ibidem, 20. Dezember. Komitee der Rumänischen Demokratischen Front

213
Nach einiger Zeit lieferte ein andere Leader eine sehr
interessante Information über die Tätigkeitsstelle und die reelle
Anzahl der Personen der Führungsstruktur der Rumänischen
Demokratischen Front:
„04:18 Mihai Tatulici: In etwa wie viele?
04:20 Alexandru Ciura: 17, glaube ich, Herr Tatulici,
und ich werde auch sagen, wieso ich diese Zahl auch genau
weiß. Die, die wir blieben... wir hatten eine Regel festgelegt,
die, welche blieben, sollten jenseits einer Schnur, die es
dort gab, gehen, sie war dort...eine Schnur, so wie sie in den
Ausstellungssälen zu finden sind. Es wurde eine Liste gemacht,
auf der Rückseite eines zerrissenen Plakats, auf welcher jeder
seinen Namen schrieb, und dann nahm jeder das Mikrofon
und ging vor der Menschenmenge, um sie anzureden und
zu ermutigen. Liebe Herren, ich muss zugeben, dass ich nicht
bedauere, geboren worden zu sein... Jene Augenblicke waren
ohne Gleichen! Ich glaube nicht, dass viele Menschen das Gefühl
jener Augenblicke spüren kann, in welchen man sich, nach mehr
als 40 Jahren Ängstlichkeit, entfesselt und der Welt offen sagen
kann, was man fühlt! Liebe Herren, dort starb unsere Angst!“85
Zum Unterschied zu dieser Situation, wurde in Bukarest
(unter anderen Umständen) der Rat der Front zur Nationalen
Rettung auf Grund einer Liste von Dissidenten und bekannten
Personen gebildet, die bei der Gelegenheit anwesend waren nicht,
wobei ein Teil von ihnen nicht einmal vorher gefragt wurden.

Die Kolonnen von Demonstranten sagen „Vater unser“.

85
Ibidem. Dokumente der Revolution von Timişoara.

214
Das Schlüsselwort war „Gewaltfreiheit“ und die
Aktionsform war der allgemeine Streik, welcher offiziell
am folgenden Tag (21. Dezember) um 07.00 Uhr ausgelöst
werden sollte. Wie weiter oben beschrieben wurde zunächst
ein Aktionskomitee gegründet (in anderen Quellen wird der
Begriff „Permanentes Bureau“ verwendet), mit der Rolle, die
Aktivität im Foyer der Oper (wo sich sehr viele Protestierende
versammelt hatten) zu organisieren und die Demonstration zu
führen. Lorin Fortuna, der de facto Leader der Revolutionäre
aus dem Sitz der Oper, hatte bereits die Gründung einer neuen,
gesonderten politischen Formation verkündet, welche von der
kommunistischen Partei verschieden und dieser entgegensetzt
war: Die rumänische Demokratische Front. Um etwa 13.30 Uhr
erklärte er, im Namen dieser politischen Formation, „Timişoara
eine Stadt frei von der kommunistischen Diktatur, und verlangte
den Führern der öffentlichen Dienstleistungseinheiten und
der Betriebe, ausschließlich den Anordnungen der Führung
der Front Folge zu leisten und entsprechende Bedingungen
für dem Betrieb der Einrichtungen und Sektoren, welche die
öffentlichen Ressourcen und Dienstleistungen sicherten, zu
schaffen.
Nach mehreren Stunden des Dialogs zwischen den
am Balkon des Nationaltheaters befindlichen Leadern der
Demonstranten, wurde zur Erstellung einer Proklamation
der Front übergegangen. Während der Nacht wurde die
Proklamation vollendet, getippt, fotokopiert und zu den
Bahnhofstellen geschickt, um auch in andere Ortschaften
geschickt zu werden. Am Morgen wurde sie, angefangen mit
09.00 Uhr, jede Stunde vom Balkon der Oper durch mehrere
Führer der Front, im Beifall der Menschenmenge, vorgelesen.
Sie gelangte auch zu den Demonstranten in Arad, durch
eine Gruppe von Revolutionären aus Timişoara, welche von
Ioan Beni Oprea, Adrian Sanda und Dinu Buhăianu geführt
wurden86.
Der Gedanke der Erweiterung der revolutionären
Bewegung von Timişoara stand übrigens immer im Augenmerk
der Rumänischen Demokratischen Front. Dieses erklärt auch
86
Alexandru Oşca (Koordinator), Revoluţia română în Banat… (Die
rumänische Revolution im Banat…), S. 228-229.

215
die Anwesenheit einer Gruppe von Personen aus Timişoara bei
der Volksversammlung vom 21. Dezember in Bukarest, wobei
diese unter den ersten waren, welche die vom Diktator am
Palastplatz einberufene Volksversammlung unterbrachen.

Merkblatt Nr. 8
Proklamation
der Rumänischen Demokratischen Front

Im Auftrag des Aktionskomitees der Rumänischen


Demokratischen Front lesen wir die folgende Proklamation vor:
I. Die Rumänische Demokratische Front ist eine
politische Organisation, welche in Timişoara zur Realisierung
eines Dialogs mit der rumänischen Regierung, mit dem Zweck
der Demokratisierung des Landes, gegründet worden ist.
Die Rumänische Demokratische Front macht das
Beginnen dieses Dialogs vom Rücktritt des Präsidenten Nicolae
Ceauşescu abhängig.
II. Als Gesprächsgrundlage schlagen wir der rumänischen
Regierung folgende Forderungen vor:
Die Organisierung freier Wahlen.
Die Freiheit des Wortes, der Presse, des Rundfunks und
des Fernsehens.
Das sofortige Öffnen der Staatsgrenzen.
Die Integrierung Rumäniens in den Reihen der Staaten,
welche die grundlegenden Menschenrechte garantieren und
achten.
Die unverzügliche Befreiung aller politischen Gefangenen
und Dissidenten in Rumänien.
Die Revitalisierung der Nationalwirtschaft.
Die Reform des Unterrichtswesens im demokratischen
Geist.
Das Recht, frei zu demonstrieren.
Die echte Glaubensfreiheit der verschiedenen Kulte.
Die Verbesserung der Gesundheitsfürsorge und der
öffentlichen Lebensmittelversorgung.
III. Hinsichtlich der Ereignisse von Timişoara:
1. Wir verlangen nachdrücklich, dass jene, welche
den Befehl gegeben haben, auf das Volk zu schießen, zur
Verantwortung gezogen werden.

216
2. Wir verlangen die Rückgabe der Toten, damit diese
traditionsgemäß und mit Staatstrauer begraben werden.
3. Wir verlangen die umgehende Befreiung aller infolge
der Demonstration verhafteten Personen.
4. Wir verlangen, dass in der Zukunft jedwede
Repressalien gegen die Teilnehmer an den Demonstrationen in
Timişoara aufhören.
5. Die fordern den Behörden die offizielle Anerkennung
des Aktionskomitees der in Timi­şoara gegründeten Rumänischen
Demokratischen Front, sowie die Einleitung eines Dialogs.
6. Wir danken dem Kollektiv des Nationaltheaters in
Timi­şoara für die geleistete Unterstützung.
IV. Die Rumänische Demokratische Front richtet den
folgenden Aufruf an das ganze Land:
1. Wir fordern das ganze Rumänische Volk auf, such
uns, in unserem gerechten Kampf für die Demokratisierung des
Landes, anzuschließen.
2. Bildet in allen Städten des Landes, in Unternehmen
und Einrichtungen, Komitees der Rumänischen Demokratischen
Front, welche die Koordinierung der Bewegung zur nationalen
Demokratisierung gewährleisten werden.
3. Fordert eure verfassungsmäßigen Rechte in friedlicher
Weise und ohne Gewalt!
4. Tretet im allgemeinen Streik angefangen von heute,
21. Dezember 1989, bis zum endgültigen Sieg, mit Ausnahme
der Grundsektoren, in denen die Tätigkeit nicht unterbrochen
werden kann.
V. Die Rumänische Demokratische Front dankt allen,
welche neben uns waren sind und sein werden.87

Trotz aller Versuche, sie zu drucken (sie wurde nur


von Adrian Sanda, beim Polytechnischen Institut, mit den
technischen Mitteln der Zeit, kopiert) konnte dieses nur
am 22. Dezember, nach der Flucht des Diktators erfolgen.
87
Die Proklamation wurde in vielen Beiträgen und Veröffentlichungen
bekannt gegeben. Siehe Clio 1989, Nr. 1-2/2005, Ion Calafeteanu,
Revoluţia… (Revolution...), S. 226-227; Alexandru Oşca (Koordinator),
Revoluţia Română în Banat… (Die Rumänische Revolution im Banat...), S.
372-373.

217
Die Proklamation wurde in der Form eines Flugblattes
veröffentlicht; „DIE TYRANNEI IST GESTÜRZT“, hieß der
Titel, der in rumänischer, aber auch in deutscher, serbischer
und ungarischer Sprache geschrieben war.
Die Proklamation hat drei Teile: 1. Ein politisches
Programm, im Wesentlichen, für die Demokratisierung der
Gesellschaft, ohne einen genauen ideologischen Inhalt; 2.
Obligatorische und sofortige Maßnahmen, welche von den
amtierenden Behörden dringend im Zusammenhang mit den
in Timişoara stattgefundenen Ereignissen bis zum betreffenden
Zeitpunkt getroffen werden müssen; 3. Ein Aufruf an das Volk,
durch welchen die Rumänen aufgefordert wurden, sich im
Sinne der Entwicklung und Verbreitung der Bewegung auf
nationaler Ebene zu organisieren.

Demonstranten lesen die Proklamation der Rumänischen


Demokratischen Front

Es war nicht ganz klar, wie die betreffende Formation


funktionieren sollte. Etwas später sah sie der Vorsitzende
der Rumänischen Demokratischen Front als eine „politische
Massenorganisation... welche die Führung des Aufruhrs
übernehmen sollte... deren Entscheidungsfaktor darstellen

218
sollte, mit der Fähigkeit, mit der Regierung ein Dialog zu
führen und, möglicherweise, zu einer Gruppierung zu werden,
welche die gesamte die Opposition in Rumänien konzentrieren
sollte, also etwas Ähnliches mit den in der letzten Zeit im
ganzen Westen geschaffenen Oppositionsgruppierungen. Ich
sah diese Organisation als ein Forum, eine Front, ein Bündnis,
welches, beträchtliche Massen von Menschen vereinigend, die
Regierung zwingen konnte, den Weg der Demokratisierung des
Landes zu gehen. (unsere Hervorhebung). Ich erkannte noch
nicht die Möglichkeit einer gewaltsamen Trennung von der
Vergangenheit (sah sie nicht durchführbar) – von der Art
einer Revolution, sondern nur jede eines, gewissermaßen
friedlichen, Überganges zur Demokratie, so wie das in anderen
Nachbarländern geschehen war... Damals dachte ich, dass
alles, was erhofft werden konnte, die Beseitigung des Diktators
war, gefolgt von einer Interimsregierung, auf welcher Druck
ausgeübt werden musste, um die Öffnung zur Demokratie
zu erzwingen. Ich ahnte nicht und getraute mich damals
nicht, zu hoffen, dass man die vollständige Beseitigung des
Kommunismus von der internen politischen Bühne erreichen
konnte“88.
Hier ist also die explizite Beschreibung der Option für
einen ähnlichen Vorgang wie in den Ländern des ehemaligen
kommunistischen Blocks. Wir können nicht wissen, ob die
Option auch in Rumänien entwicklungsfähig, so wie in den
anderen Staaten in Europa, die ein kommunistisches Regime
gehabt hatten, weil die Ereignisse in Bukarest den Sturz des
kommunistischen Regimes herbeiführten, ohne ihm auch die
Chance einer Umgestaltung von innen zu geben.
Die Benennung der politischen Formation war nicht
endgültig festgesetzt worden; sie änderte sich von einem
Augenblick auf den anderen, aus den verschiedensten Gründen
(man versuchte die Übernahme von Benennungen aus dem
Arsenal der kommunistischen Partei zu verhindern). Mit
wenigen Ausnahmen wurde der Kern der Führung beibehalten.
Die Formation wurde ursprünglich „Frontul Democrat Român“
(Rumänische Demokratfront), nachher „Frontul Democratic
88
Miodrag Milin, Timişoara..., S. 106.

219
Român“ (Rumänische Demokratische Front), und wurde unter
letzterer auch bekannt. Die erste Benennung wurde später von
einer politischen Partei übernommen.)
Ich kommen auf den 20. Dezember 1989 zurück, um
einige Betrachtungen über die Aufgabe der nach Timişoara
geschickten Regierungsformation zu machen. In ihrem
Versuch, die Situation zu lösen, schickte Elena Ceau­şescu also
Constantin Dăscălescu und Emil Bobu, wahrscheinlich um mit
den Leadern der Demonstranten zu sprechen; die beiden kamen
aber nach 14.00 beim Kreiskomitee an. Zu dem Zeitpunkt war
der Opernplatz von Demonstranten besetzt, ihre Anführer
befanden sich am Balkon und kommunizierten ungestört
mit den Demonstranten, indem sie genau den Lautverstärker
verwendeten, welcher für den Ministerpräsidenten verwendet
worden war.
Der Augenblick der Ankunft der kommunistischen
Würdenträger beim Sitz des Kreisparteikomitees fiel mit
der Rückkehr von Nicolae Ceauşescu aus seinem offiziellen
Besuch in Iran zusammen. Aus einem Bericht des Generals
Iosif Rus (der Kommandant des Flugzeugs), welches sich
im Dokumentarbestand des I.R.R.D. befindet, ist uns
bekannt, dass Ceauşescu ständig, einschließlich während
des Fluges, Nachrichten über die Ereignisse und die von den
Verantwortlichen in Bukarest getroffenen Maßnahmen erhielt.

Militärstruktur und Demonstranten vor dem Gebäude des


Kreisparteikomitees

220
Vor dem Parteikomitee des Landkreises Timiş befanden
sich sehr viele Einwohner der Stadt Timişoara, insbesondere
Angestellte von U.M.T. (Mechanische Werte Timişoara), welche
in organisierter Weise und ohne jede Absicht der Gewalt
demonstrierten.

Die kommunistischen Würdenträger versuchen, mit den


Demonstranten vor dem Kreisparteikomitee ein Dialog zu führen.

Infolge der Aufforderung des Ministerpräsidenten,


dass zwei-drei Menschen hereingeschickt werden, damit
ihre Wünsche angehört werden konnten, verließen einige
Demonstranten die Menschenmenge (Petre Petrişor, Ioan
Savu, Ion Marcu, Ion Curuţiu, Petru Hurezan, Cornel Eustaţiu,
Marin Pisică, Sorin Oprea, Petre Boroşoiu, Ion Săsăran,
Victoria Vasoi, T. Barna, Rodica Stima, Ion Monoran, Nicolae
Vârlan, Aurel Ghile) und begaben sich in den Sitzungsaal. Hier
bildeten sie ein Ad-hoc-Bürgerkomitee.
Ursprünglich waren die Forderungen, welche separat
von jedem Vertreter ausgesprochen wurden, vor allem sozialer
oder ökonomischer Natur und wurden dem Ministerpräsident
mit etwas Vorbehalt und Angst mitgeteilt. Dieser schrieb
sie „fleißig“ nieder, indem er die lokalen Verantwortlichen
kritisierte, weil sie bis dahin keine Maßnahmen für die
Erfüllung der Forderungen genommen hatten, die er als
durchaus “berechtigt“ fand. Mittlerweise erstelle Petre

221
Petrişor (in manchen Beiträgen wird diese Initiative Ioan Savu
zugeschrieben) eine Liste radikaler Maßnahmen politischer
Art, welche er Dăscălescu und Bobu vorstellte. Wie wir gesehen
haben verlangte das Bürgerkomitee: den Rücktritt von Ni­co­
lae Ceauşescu, den Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, die
Rückgabe der Toten an ihre Familien, um nach der christlichen
Tradition begraben werden zu können, die Befreiung der
Verhafteten. Es folgten lange Besprechungen, Meinungsstreite und
Bedrohungen. Ab und zu ging einer der Mitglieder der Delegation
(am häufigsten Ioan Savu) auf den Balkon des Gebäudes hinaus,
um die Demonstranten über den Gang der Verhandlungen zu
informieren, und warf den Würdenträger vor, dass sie die Dinge
mit Absicht verzögerte, damit es dunkel wurde.
Der bestürzte Dăscălescu ordnete nur die Befreiung der
Verhafteten an (für welche er Genehmigung von Ceauşescu
hatte) und verkündete, dass er die Verhandlungen unterbreche,
um sie an der von Ceauşescu geführten Telekonferenz, welche
für 18.00 Uhr angesetzt war, zu beteiligen. Zu diesem Zweck
zog er sich in das Büro des Ersten-Sekretärs zurück. Die
Telekonferenz wurde von der über Rundfunk und Fernsehen
ausgestrahlten Rede des Staatschefs gefolgt, in welcher dieser die
Demonstranten in Timişoara wieder als Hooligans bezeichnete,
welche an ausländische Sicherheitsdienste verraten hatten und
den Sozialismus in Rumänien zerstören wollten.

Die Ereignisse beschleunigten sich von Minute
zur Minute und die unbeugsamen kommunistischen
Machtstrukturen wurden von Panik ergriffen. Trotz der von
den Behörden getroffenen Maßnahmen erstreckte sich der
Aufruhr auf die benachbarten Landkreise (Arad und Caraş-
Severin), und selbst im Kreis Timiş revoltierten sich mehrere
städtische und ländliche Ortschaften. Die bedeutendsten
Aktionen wurden in Lugoj ausgelöst89. Aus diesem Grunde
ordnete der Staatschef im Landkreis Timiş die Notstandslage
an, wobei in Timişoara ein Militärkommandant ernannt
wurde (Aufmerksam; nicht der General Ştefan Guşă, welcher
das höchste militärische Amt bekleidete, noch Ion Coman,

89
Alexandru Oşca (Koordinator), Revoluţia în Banat… (Die Revolution im
Banat...), S. 164-182.

222
der wichtigste politische Würdenträger, sondern Victor
Stănculescu. In dem Wunsch, sich der Verantwortung zu
entziehen, meldete sich dieser jedoch krank, so dass der
betreffende Erlass – welcher noch während seiner Erstellung
von der Präsidentenkanzlei telefonisch übermittelt wurde –
vom Balkon des Parteikomitees den Passanten, welche – mit
oder ohne Verbindung mit den Ereignissen – zufällig durch
die Zone vorbeigingen, mit einer lächerlichen Betonung vom
General Mihai Chiţac vorgelesen wurde. (Wir haben keine
Aussagen darüber, aber ist nicht ausgeschlossen, dass sich
eine hier vorbeigehende Person, welche über das Geschehen
nicht gewarnt gewesen wäre, beim Anblick des in einer
lächerlichen und peinlichen Geste ins Leere sprechenden
Generals bekreuzigt hätte und Gott gebeten hätte, den General
zu verzeihen!)

Merkblatt Nr. 9
Präsidentenerlass betreffend die Erklärung der
Notstandslage auf dem Gebiet des Kreises Timiş

Angesichts des ernsten Verstoßes gegen die öffentliche


Ordnung im Landkreis Timiş, durch terroristische Straftaten,
Vandalismus und die Zerstörung des öffentlichen Vermögens,
dekretiert der Präsident der Sozialistische Republik Rumänien,
auf Grund des Artikels 75, Punkt 14 der Verfassung der
Sozialistischen Republik Rumänien, folgendes:
Art.1. – Auf dem ganzen Gebiet des Landkreises Timiş
wird die Notstandslage erklärt. Alle Einheiten der Armee, des
Innenministeriums und der Patriotischen Garden sind im
Alarmzustand.
Art.2. – Während der Notstandslage werden alle
öffentlichen Versammlungen, sowie der Verkehr in Gruppen von
mehr als fünf Personen verboten.
Der Verkehr während der Nacht, angefangen mit 23.00
Uhr, ist verboten, mit Ausnahme der Personen, welche in der
Nachtschicht arbeiten.
Art.3. – Alle sozialistischen Einheiten im Kreis Timiş sind
verpflichtet, sofortige Maßnahmen für den normalen Verlauf
der Produktionsverfahren, für die Bewachung des öffentlichen

223
Vermögens, für die strikte Einhaltung der Ordnung, der Disziplin
und des Arbeitsprogramms zu treffen.
Art.4. – Die kommunalen, städtischen und
Gemeindevolksräte des Kreises Timiş sind verpflichtet, die strenge
Einhaltung der öffentlichen Ordnung, die Bewachung der Güter,
welche Staats- oder gemeinschaftliches Eigentum darstellen,
die Versorgung der Bevölkerung unter guten Bedingungen,
die normale Durchführung der Transporte, die Organisierung
und reibungslose Abwicklung der gesamten ökonomischen und
sozialen Tätigkeit zu sichern.
Art.5. – Die ganze Bevölkerung des Landkreises Timiş
ist verpflichtet, die Gesetze des Landes sowie die öffentliche
Ordnung und Ruhe streng einzuhalten, das öffentliche Vermögen
zu schützen und sich aktiv an der normalen Abwicklung der
ökonomisch-sozialen Aktivität zu beteiligen.
Nicolae Ceauşescu
Präsident der Sozialistischen Republik Rumänien90

Ein unnötiger Akt, angesichts dessen, dass: 1.Die


Einheiten sämtlicher Gewaltstrukturen bereits seit dem
17. Dezember im Alarmzustand waren. Es ist möglich,
dass eine weitgehendere Mobilisierung der patriotischen
Garden beabsichtigt wurde, aber in dieser Hinsicht wurde
keine besondere Anordnung erlassen, mit Ausnahme der
Heranziehung von Truppen aus anderen Zonen; 2. Es eine
Unmöglichkeit war, den Verkehr von Gruppen größer als 5
Personen zu untersagen: was für Gewaltkräfte konnten die
Einhaltung eines solchen Beschlusses durchsetzen? Übrigens
muss gesagt werden, dass, obgleich während der Nacht vom
20. zum 21. Dezember die Anzahl der am Opernplatz in
Timişoara gebliebenen Revolutionäre sehr klein, die Gewaltkräfte
es vermieden, gegen diese zu agieren. 3. Die Verpflichtung
der Aufrechterhaltung der Ruhe wurde als Aufgabe der
„kommunalen, städtischen und Gemeindevolksräte“ erteilt
(nicht aus des Kreisrates), obgleich die Notstandslage den
Landkreis Timiş, als Ganzes, betraf.
Interessant ist die Motivierung dieser Maßnahme: „der
ernste Verstoß gegen die öffentliche Ordnung im Landkreis
90
“Scînteia”, Jahr LIX, Nr.14725 vom 21. Dezember 1989.

224
Timiş, durch terroristische Straftaten, Vandalismus und die
Zerstörung des öffentlichen Vermögens”. Über Terrorismus
sollte später viel gesprochen werden, selbstverständlich in
einem anderen Kontext.
Durch das Erlassen dieses Aktes erkannten die
Verantwortlichen des Regimes, dass sich der Aufruhr und die
Revolution in alle Ortschaften des Landkreises schon seit dem
20. Dezember erstreckt hatten.
Trotz der Realität, welche die Schwächen des
Regimes immer deutlicher machte, zeigte sich dessen Führer
unbeugsam. „Ich will offen zugeben, dass ich das vom Volk
geschenkte Vertrauen nicht rechtfertigen würde, wenn ich
nicht alles tun würde, um die Integrität, die Unabhängigkeit,
die Souveränität Rumäniens, sowie das volle Recht unseres
Volkes, seine Entwicklung in selbständiger Weise, ohne jede
Einmischung von außen zu verteidigen”91. Mit anderen Worten
war Ceauşescu weit davon entfernt, sich mit der Situation
abzufinden, und bereitete sich vor, die Krise in Timişoara in
der Art zu lösen, die er am besten kannte.
Bei seiner Rückkehr aus dem offiziellen Besuch nach
Iran (am 20. Dezember, 14.00 Uhr) stellte Ceauşescu die
betonte Verschlechterung der Situation in Timi­ şoara fest
und beschloss, die Repression gegen die Demonstranten
aufmerksamer vorzubereiten.
Dieses war umso mehr notwendig, als in vielen anderen
Städten des Landes die Bürger bereits ihre Solidarität mit der
Bevölkerung von Timi­ şoara ausdrückte. Wie weiter oben
beschrieben erklärte er, zunächst, die Notstandslage auf dem
ganzen Gebiet des Kreises Timiş. In einem Gespräch mit seinen
Helfershelfern beschloss er, in Bukarest, für den nächsten Tag
(den 21. Dezember), eine Volksversammlung zu organisieren,
in der Hoffnung, auf diese Weise, durch Manipulation und
Desinformation, den Großteil der Bevölkerung Rumäniens
an seine Seite zu ziehen und damit die allgemeine Akzeptanz
für die Repressionsmaßnahmen, die er gegen die revoltierten
Einwohner von Timi­şoara nehmen wollte, zu gewinnen. Zu
diesem Zweck rief er den General Victor Athana­sie Stănculescu
91
Rede von Nicolae Ceauşescu vom 20. Dezember. Siehe in: Ion Calafeteanu,
Revoluţia… (Revolution…), S. 194-199.

225
aus Timi­ şoara zurück, um ihn Verteidigungsminister zu
nennen anstelle des Generals Vasile Milea, den er als zögernd,
ermüdet, unentschlossen und ohne organisatorische Fähigkeit
betrachtete.
Ceauşescu berücksichtigte die Meinung seiner nächsten
Mitarbeiter (welche sowieso nicht zählte) nicht und bereitete
auch andere politische Maßnahmen vor (wahrscheinlich sogar
einen Regierungswechsel), um die Situation zu entspannen und
dem ganzen Land einige Schuldige zeigen zu können, jedoch
nicht aus dem Kreis seiner nächsten Mitarbeiter. Alle diese
Maßnahmen sollten nach der Unterstützungs-Volksversammlung
in Bukarest umgesetzt werden, um dem Ausland und den
Rumänen das Bild eines politischen Mannes zu bieten, der sich
des Vertrauens erfreute und Herr der Lage war.
Sehen wir nun, in welchem Maße die Losung Timişoara
– die erste Stadt Rumäniens frei von der kommunistischen
Diktatur – eine Realität ausdrückte.
In erster Reihe muss festgestellt werden, ob sich
Timişoara am 20. Dezember, also zwei Tage vor dem Aufgeben
der Macht seitens des Diktators Ceauşescu, de facto (in einem
gewissen Maße) von der Autorität des Regimes in Bukarest
entkoppelt hatte.
In zweiter Reihe muss untersucht werden, in welchem
Maße die Behörden in Bukarest die neue Situation, welche
sich durch die teilweise Übernahme der Verantwortlichkeiten
der Stadt durch die Anführer der Demonstranten, verstanden
und akzeptierten. Nach fünf Tagen wiederholter (aber
erfolgloser) Versuche, den Aufruhr zu ersticken, gab es genug
Anhaltspunkte anzunehmen, dass die Macht in Bukarest die
Kontrolle über die Stadt verloren hatte, oder, im Gegenteil, dass
sie sich vorbereitete, die komplette Autorität über die Stadt
wiederherzustellen.
Die meisten Informationen zeigen, tatsächlich, dass am
20. Dezember die Einwohner von Timişoara das Schicksal in
die eigenen Hände genommen hatten. Die dezentralisierten
Einrichtungen des Staates und die lokalen Behörden konnten
nicht mehr alle ihre gewöhnlichen Hebel für das Führen,
Kontrollieren und Steuern der laufenden Produktions-,
Verwaltungs-, Handels- und sozialen Aktivitäten der Stadt

226
verwenden. Die Unternehmen und Betriebe waren im
Streik (ob erklärt oder nicht), die Angestellten waren auf der
Straße. Dieses bedeutet jedoch nicht, dass die Leader der
Revolutionäre bereits über die organisatorische Kapazität und,
insbesondere, über die erforderlichen Instrumente verfügten,
um die komplette Führung der Angelegenheiten der Stadt zu
übernehmen92.
Und trotzdem, wie war es dazu gekommen?
In dieser Hinsicht sind drei Aspekte hervorzuheben:
1. Der Eintritt der beruflichen Gemeinschaften der
großen Industrieplattformen auf die Bühne des Konfliktes93.
Die Stadt Timi­şoara ist insbesondere als eine wichtige kulturelle
und Universitätsstadt bekannt. Aus diesem Grund hat die
Stadt immer eine große Anzahl von Menschen aus anderen
geographischen Zonen des Landes angezogen. Außer den
traditionellen Betrieben – darunter die Fabrik „GUBAN“ –
erschienen in der Stadt einige Unternehmen von nationalem
Interesse, welche eine große Anzahl von Arbeitern und
Ingenieuren konzentrierten, darunter „Electrobanat“, U.M.T.,
„Solventul“ die bekanntesten waren213. Außerdem waren eine
große Anzahl von Einwohnern der Stadt bei COMTIM tätig.
Die Unterrichts-, Forschungs- und Handelseinrichtungen der
Stadt beschäftigten ebenfalls viele Bürger der Stadt. Von diesem
Standpunkt hatte Timi­şoara den Status einer Burg nationalen
Ranges, welche praktisch jenen einer bescheidenen Provinzstadt
überschritt.
Wenn zwischen dem 15. und dem 20. Dezember 1989
der Protest der Bürger Timi­şoaras Demonstranten ohne eine
ausgesprochene Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen
dieser Betriebe umfasse, so erstreckte sich, angefangen mit
dem 20. Dezember, der Aufruhr weiter, und umfasste fast alle
Angestellten auf den Industrieplattformen der Stadt.
Das Signal wurde vom Unternehmen „Electrobanat“
gegeben, dessen Angestellten sich am 19. und, insbesondere, am
20. Dezember verweigerten, die Arbeit wiederaufzunehmen.
Der Erste-Sekretär der Parteiorganisation des Kreises, Radu
92
Lorin Fortuna, zit. Werke., S. 39
93
Claudiu Iordache, zit. Werke, S. 229

227
Bălan (und, vor ihm, der Bürgermeister Petre Moţ), welcher von
Ion Coman dringend geschickt94 wurde, um die Angestellten
zu überzeugen, die Arbeit wieder aufzunehmen, erklärte sich
machtlos. Weiter oben haben wir erklärt, in welchem Kontext
dieses geschah95. Die Angestellten verlangten dem Führer des
Landkreises, auf Fragen zu antworten, welche sich nicht auf
die Produktion oder die Gehälter, sondern auf die in der Stadt
stattgefundenen Ereignisse bezogen: wer hatte befohlen, auf die
Bevölkerung zu schießen, wo waren die Toten Timi­şoaras, warum
waren unschuldige Menschen verhaftet worden. Der General
Ştefan Guşă, Chef des Großen Generalstabes der Armee, welcher
die Aktionen der Armee gegen die Demonstranten geführt
hatte, wurde, bei seiner Ankunft im Betrieb, von den Arbeitern
gezwungen, den Rückzug der Militärs anzuordnen96. Nach
einem gespannten und uneffizienten Dialog kehrte der General,
verärgert und niedergeschlagen, zur Befehlsstelle zurück.
Die Nachricht über die Ereignisse vom 19. Dezember
vom Betrieb „Electrobanat“ gelangter mit großer
Geschwindigkeit zu den anderen Betrieben, deren Angestellten,
ihrerseits, beschlossen, den Generalstreik zu erklären.
Die Bemühungen der Nomenklatur, die Angestellten zur
Wiederaufnahme der Arbeit zu überzeugen, waren umsonst.
Am nächsten Tag (dem 20. Dezember) bildeten die Angestellten
organisierte Kolonnen, welche sich, gruppiert, zum Opernplatz
begaben und Menschen von allen Betrieben mit sich brachten.
Der Ausbruch des Streikes bei U.M.T. (Die Mechanischen
Werke Timi­şoara) – das größte Unternehmen der Stadt, flößte
den Angestellten der anderen Industrieplattformen Mut ein.
Die ersten, welche das Gelände ihres Betriebes verließen, waren
jene von Optica. Um 12.00 Uhr herum war der Opernplatz
schon von Demonstranten97 besetzt, welche sich diesmal
einander kannten und nach dem Prinzip ihres Arbeitsplatzes
organisiert waren. Ein Teil der Demonstranten marschierten in
kompakten Kolonnen zum Kreisparteikomitee.
94
Lorin Fortuna, zit. Werke., S. 104.
95
Ion Coman, Omul se duce, faptele rămân (Der Mensch geht, die Taten
bleiben)), Bukarest, Meteor Press Verlag, 2007, passim.
96
Daniela Veronica Guşă de Drăgan, Zit. Werke, passim.
97
Lorin Fortuna, Rolul Frontului… (Die Rolle der Front...), S. 9-10.

228
Die Verbreitung des Aufruhrs in den beruflichen
Gemeinschaften stellte, tatsächlich, einen wichtigen Faktor
dar, welcher den Weg zum Sieg der Revolution kennzeichnete.
Dieses bedeutet nicht, dass wir dem Beitrag der Straße eine
sekundäre Rolle zuordnen; dieser war von ausschlaggebender
Bedeutung. Wir halten, zum Beispiel, fest, dass sich am 20.
Dezember die beeindruckende Masse, die auf den beiden
Hauptschauplätzen der Revolte gekommen waren, am Abend
zurückzogen, wobei am Balkon der Oper und auf dem Platz vor
deren Gebäude nur eine Handvoll kühner Menschen blieben
(200-300), die zu jenen gehörten, die auch bis dahin mit den
Repressionskräften gekämpft hatten. Praktisch sicherte diese
kleine Gruppe die Kontinuität und stellte die Verbindung
zwischen den Ereignissen vom 20. und 21. Dezember,
beziehungsweise vom 22. Dezember her.
2. Die endgültige Gefährdung jedwelcher Möglichkeit
eines Dialogs und einer friedlichen Lösung der Situation. Am
16. und 17. Dezember 1989 machte die Repression viele Opfer
unter den Demonstranten. Es wurden 73 Demonstranten
getötet, Frauen, ältere Personen, Kinder, Erwachsene, und es
wurden über 900 Personen verhaftet – viele von ihnen ohne
jeden Zusammenhang mit den Ereignissen98.
3. Der auf offiziellen Besuch nach Iran gereiste
Staatschef von Bukarest hatte die Befugnisse der Macht in den
Händen seiner Frau, Elena Ceauşescu (unterstützt von Manea
Mănescu) gelassen. Die Frau des Diktators, ein rudimentäres
Wesen, ohne jedwelche politische und humanitäre Valenzen,
benutzte das Partei- und das Repressionsapparat in ihrem
Versuch, den Herd der Revolte von Timişoara gewaltsam zu
vernichten. Die größte Niederträchtigkeit war der Befehl,
98
Marius Mioc, Revoluţia de la Timişoara aşa cum a fost... (Die Revolution von
Timişoara so wie sie war), Kapitel Revoluţia în date statistice (Die Revolution in
statistischen Daten). Die am besten ausgearbeitete Studie ist jene von Adrian
Kali, im Rahmen des Forschungsprojektes Revoluţia română din decembrie
1989 în Banat (Die Rumänische Revolution vom Dezember 1989 im Banat).
Die neuste Studie zu diesem Thema gehört ebenfalls dem Historiker aus
Timişoara an, welcher – zusammen mit Virgil Hosu - România anului 1990
între democraţie şi violenţă (Rumänien des Jahres 1990, zwischen Demokratie
und Gewalt), Timişoara, SAOL Verlag, 2010. In der Anlage zu diesem Werk
wird die neuste Version der Studie von Adrian Kali veröffentlicht.

229
die Leichen der 43 Revolutionäre zu entwenden und sie zum
Krematorium in Bukarest zu bringen, um sie zu verbrennen
und die Spuren zu löschen99.
Am 18. und 19. Dezember ließ die Intensität des
Aufruhrs scheinbar nach, aber die Spannung in der Stadt
hatte bei Weitem nicht nachgelassen. Wir haben gesehen, wie
Elena Ceauşescu am nächsten Tag Constantin Dăscălescu und
Emil Bobu in die Stadt schickte, um mit den Demonstranten
zu sprechen und den Weg der Verhandlungen zu versuchen.
Die lokalen Behörden hatten für den Ministerpräsidenten
drei Stellen vorbereitet, von denen er sich an die Bevölkerung
richten konnte.
Um 14.00 Uhr landete das Flugzeug mit den
Würdenträgern aus Bukarest in Timişoara und diese kamen,
etwas später, beim Kreisparteikomitee an.
Wenige Zeit vorher hatten sich, unter dem Druck der
Demonstranten, die Ordnungskräfte, welche das Gebäude der
Oper verteidigten, von ihren Positionen zurückgezogen, so dass
die Leader der Demonstranten in das Gebäude eingedrungen
waren, in das Foyer des Theaters und den Balkon, wo den
Lautverstärker bereits installiert vorfanden und in Betrieb
setzten. Es war klar, dass Dăscălescu von hier nicht mehr
sprechen konnte.
Beim Kreiskomitee waren andere Demonstranten, die
sich in einer sehr großen Anzahl vor dem Gebäude versammelt
hatten, Losungen gegen die Regierung und das Regime
skandierten und Dăscălescu verlangten, für Besprechungen am
Balkon zu kommen.
Beim Nationaltheater wurde, gleichzeitig mit der
Erarbeitung der ersten Maßnahmen für die Organisierung
der Aktion, auch das Aktionskomitee gebildet. Lorin Fortuna
verkündet die Bildung der Rumänischen Demokraten Front.
Auf Vorschlag von Claudiu Iordache wurde, zur Ausschaltung
der historischen Negativen Konnotationen dieser Benennung,
jene von „Rumänische Demokratische Front“ zu wählen. Wir
99
Diese Information ist in sehr vielen Quellen zu finden. Siehe, zum Beispiel,
Ioan Scurtu, Revoluţia română… (Die Rumänische Revolution...); Alesandru
Duţu, Revoluţia română din de­cembrie 1989. Cronologie (Die Rumänische
Revolution vom Dezember 1989. Chronologie), IRRD-Verlag, Bukarest,
2007, S. 129 (und in der zweiten Auflage, 2010, Siteh Verlag).

230
haben bereits gesehen, wie ihre Führung gebildet wurde. Die
Leader dieser Front - Lorin Fortuna, Claudiu Iordache, Ioan
Chiş, Mihaela Munteanu, Ni­colae Bădilescu, Maria Trăistaru,
Traian Vrăneanţu, Sabin Maries, Silvian Baicon, Ion Monoran,
Ştefan Predan, Adrian Sanda, Ioan Beni Oprea, Liviu Jurcovan,
Eugen Moţăţeanu, Cornel Jurca, Ioan Ianaş erstellen die
erste Liste von Forderungen, welche eine Delegation zum
Kreiskomitee brachte, und dem Ministerpräsident verlangte,
dringend auf dem Platz zu kommen, um die Forderungen zu
diskutieren100. Die komplette Liste der Zusammensetzung
des ersten Führungskomitees ist, vorläufig, nicht bekannt,
aber sie ist sicherlich umfangreicher als jene, welche bisher
zirkuliert wurde (die obengenannten 17 Personen), wenn wir
nur daran denken, dass jeder der mindestens 20 auf dem Platz
anwesenden Unternehmen und Betriebe je zwei Vertreter
schickten (insgesamt 40 Personen, plus die Leader der Straße
– 9) oder vielleicht sogar drei (insgesamt 60 Personen, plus 9
Leader der Straße).

Am Platz des Nationaltheaters versammelte Demonstranten,


20. Dezember 1989

100
Ausführlich über die Bildung der Front in: Lorin Fortuna, Rolul
Frontului... (Die Rolle der Front…)., passim, Claudiu Iorda­che, zit. Werke;
Florin Medeleţ, zit. Werke.; Titus Suciu, Lumea bună a balconu­lui..., (Die
feine Gesellschaft des Balkons...) passim, Mariana Cernicova, zit. Werke.,
passim.

231
Beim anderen Gebäude beschleunigten sich die
Ereignisse und die Ungeduld der Demonstranten sollte bald ihr
Ende erreichen. Ein Aktivist (gemäß manchen Berichten: der
Ministerpräsident selbst, gemäß anderer: Radu Bălan) redete die
Leute an und verlangte, dass drei Vertreter der Demonstranten
in das Gebäude gehen, um mit dem Ministerpräsidenten
zu sprechen. Die Entscheidung der Behörden, welche bis
dahin jeden Dialog abgelehnt hatten, überraschte die die
Demonstranten, die in aller Eile eine Gruppe von mehreren
Bürgern bilden, welche sich in das Gebäude begeben, um
den Ministerpräsident zu treffen. Dieser versucht zunächst,
mit den Vertretern der Demonstranten in einer bedrohlichen
und gewaltsamen Art zu verhandeln, um sich dann, formell,
nachgiebiger und gewillt zu zeigen, einige ihrer materiellen
Wünsche zu erfüllen. Tatsächlich bezogen sich ursprünglich
die dort anwesenden Vertreter nur auf solche. Nach einem
Moment der Verwirrung fassen die Vertreter der Revolutionäre
Mut und stellen dem Ministerpräsident Fragen strafrechtlicher
Natur und Verantwortlichkeit. Wir haben gesehen, wie die
Forderungen sozialer Natur (Kochgasbehälter, Wohnungen,
Pässe) verständnisvoll vom Ministerpräsident notiert wurden,
wobei dieser, mit einer gespielten Bereitschaft, versprach, sie
so schnell wie möglich zu lösen. Nach einigem Zögern kamen
Forderungen politischer Art auf dem Tisch. Diese waren
überraschend radikal und mutig.
Nachdem Petre Petrişor die Liste der Forderungen
der Demonstranten vorgelesen hatte zeigte sich Constantin
Dăscălescu empört und besorgt und zog sich zurück
(vermutlich, um mit Ceauşescu zu sprechen). Dann kam er
zurück und verkündete, dass er die Befreiung der Verhafteten
angeordnet hatte. Hinsichtlich der Tote ließ er die anwesenden
Vertreter wissen, dass er nichts versprechen konnte; er
begründete das, in dem er sagte, dass er nur seit einigen Stunden
in der Stadt angekommen war und über keine genügenden
Informationen verfügte. Währenddessen schickte die das
Bürgerkomitee bildende Gruppe der Verhandlungsführer
Botschaften an das jugoslawische Konsulat (die Liste mit den
Namen der Komiteemitglieder und die Liste der Forderungen),
sowie an die Leader der Revolutionäre am Opernplatz, welche

232
sie eindringlich herbeiriefen, um die Verhandlungsmannschaft
zu ergänzen. Diese zögerten jedoch, in dem Glauben, dass
der Kraftkern der Revolution am Opernplatz war. Ab und
zu kam ein Delegierter am Balkon des Sitzungssaales heraus
und informierte die Demonstranten über die Ergebnisse der
Besprechungen. Die Demonstranten reagierten durch Beifall
oder missbilligende Losungen, je nach dem Fall, und übten
damit einen ungeheuerlichen Druck auf die Gesandten aus
Bukarest aus.
Um 18.00 Uhr organisierte Ceauşescu eine Telekonferenz
mit den Ersten-Sekretären der Landkreise, so dass die
Verhandlungen unterbrochen wurden, mit dem Versprechen,
nach der Konferenz wieder aufgenommen zu werden. Um
19.00 Uhr hielt Ceauşescu eine vom Fernsehen ausgestrahlte
Rede, welche das Bürgerkomitee für eine Antwort auf die von
ihm gestellten Bedingungen hielt. Mittels einer technischen
Fazilität konnte die Rede auch von der Menschenmenge vor
dem Kreisparteikomitee gehört werden, welche hauptsächlich
von Angestellten (Arbeiter und Ingenieure) von U.M.T.
zusammengesetzt war (die Rede wurde auch am Opernplatz
gehört).

Die vom Fernsehen ausgestrahlte Rede von Nicolae Ceauşescu,


vom 20. Dezember 1989, 19.00 Uhr

233
Seine Rede enthielt jedoch kein Wort über die
Verhandlungen beim Kreisparteikomitee. Ganz im Gegenteil
machte Ceauşescu, ohne jedes Zeichen der Nachgiebigkeit, den
Fehler, die Einwohner von Timişoara wieder „Hooligans“ und
„minderwertige Elemente“ zu nennen. Er erwähnte nur ganz
nebenbei den Vorfall von der reformierten Kirchengemeinde.
Die benutzten „Attribute“ riefen eine Protestwelle und
eine allgemeine Unzufriedenheit aus.
Die Rede hatte sofort Auswirkungen, sowohl in dem
einen Lager von Verhandlungsführern, als auch in dem
anderen: die Vertreter der Massen konnten die Verhandlungen
mit Vertretern eines Regimes, dessen Chef sie „Hooligans“
nannte, nicht fortsetzen, obgleich Dăscălescu in unmittelbarer
Weise feststellen konnte, dass er vor bemerkenswerte und
verantwortungsvolle Personen vor sich hatte, welche von den
Demonstranten auf seinen eigenen Wunsch hergeschickt
worden waren. Der Ministerpräsident musste seinerseits die
Verhandlungen unterbrechen, weil er nicht mit Vertretern
der Demonstranten weitersprechen konnte, welche sein
Vorgesetzten eben „Hooligans“ genannt hatte. Er zog sich
zurück und die Besprechungen verzögerten sich, da sie nun
total wirkungslos vom Ersten-Sekretär Bălan und von Cornel
Pacoste, der Vertreter der Behörden von Bukarest, geführt
wurden. Um 03.00 Uhr (in der Nacht) verließen Dăscălescu
und Bobu, unter dem Schutz der Fallschirmspringer, den Sitz
der Kreisparteiorganisation und reisten zurück nach Bukarest.
Inzwischen hatten Lorin Fortuna, Claudiu Iordache
und andere Leader der Rumänischen Demokratischen Front
akzeptiert, zum Sitz des Kreisparteikomitees, für Besprechungen
mit dem Ministerpräsidenten, zu kommen. Dieser hatte
jedoch die mit den Vertretern des Bürgerkomitees begonnenen
Verhandlungen verlassen, so dass sich die Leader vom
Opernplatz auf Auseinandersetzungen mit Radu Bălan, Cornel
Pacoste und Ion Toma beschränken. Claudiu Iordache und
Lorin Fortuna machten den kommunistischen Würdenträger
Vorwürfe für die Opfer der Repression, verlangten die sofortige
Befreiung der Verhafteten und forderten Radu Bă­lan, die Macht
aufzugeben und sofort auf die Seite der Revolutionäre zu treten.
Die Würdenträger erwiderten mit Anschuldigungen und

234
Bedrohungen: für all das Geschehene und für die potentiellen
Sabotagen in der Industrie (in gefährlichen Sektoren, wie, zum
Beispiel, beim Chemiewerk „Solventul“) wurden die Leader
der Demonstranten verantwortlich gemacht. Das einzige
konkrete Ergebnis war die Wiederbestätigung des Versprechens
hinsichtlich der Befreiung der verhafteten Revolutionäre. Das
Treffen endete unter sehr kalten Bedingungen und in einer
gespannten Atmosphäre.
Gegen Ende der Besprechung informierte eine
„wohlwollende Person“ Claudiu Iordache, dass die Organe
des Sicherheitsdienstes im Begriff waren, die Familien der
Leader zu verhaften (später sollten deren Nachbarn das
Stationieren von Streitkräften der Miliz bei den betreffenden
Wohnungen bestätigen). In diesem Kontext verlangte Lorin
Fortuna dem Ersten-Sekretär des Kreises, von Aktionen gegen
die betreffenden Familien abzusehen. Gleichzeitig versicherte
er ihn, dass, im Falle des Sieges der Revolution, die in der
Repression nicht involvierte Familie von Radu Bălan nicht
leiden werde.
Was für Schlussfolgerungen gehen aus diesem Dialog
hervor?
In erster Reihe geht hervor, dass am Ende des
20. Dezember 1989 zahlreiche Hebel der Macht noch in
den Händen der damaligen Behörden waren; die Leader
der Revolutionäre verlangten dem Ersten-Sekretär und
dem Ministerpräsidenten, die Befreiung der Verhafteten
anzuordnen, ein Zeichen dafür, dass die beiden noch Autorität
über die Miliz, die Staatsanwaltschaft, den Sicherheitsdienst
und die Armee hatten.
Gleichzeitig war sich Lorin Fortuna dessen bewusst,
dass er die Kontrolle über die revoltierten Einwohner von
Timişoara hatte und dass der Sieg der Revolution eine
Gewissheit geworden war, nachdem er sich die Freiheit erlaubte,
das Leben der Familie des Ersten-Sekretärs für den Fall eines
günstigen Verlaufes der Protestbewegung zu garantieren.
4. Das vierte Element wird von der Fähigkeit der
Leader der Revolution, ein politisches Projekt zu entwickeln,
dargestellt. Bis dahin waren die gelegentlichen Anführer
der Demonstrantengruppen entweder verhaftet und in

235
Gefängnissen festgehalten worden, oder durch Parkanlagen
und öffentliche Plätze gehetzt, oder aber getötet oder
verwundet. Sie hatten keine Möglichkeit, konstant und ständig,
in Ruhe miteinander zu kommunizieren. Ja noch mehr: sobald
der eine oder der andere von den Demonstranten als Leader
erkannt wurde, wurde er leicht und sicher auch ein Ziel für die
Repressionsorgane.
Bis zum 20. Dezember marschierten die (kleineren oder
größeren) Gruppen von Demonstranten durch die Boulevards und
öffentlichen Plätze und skandierten Losungen gegen den Diktator
Ceauşescu, für die Freiheit, gegen das kommunistische Regime.
In der Regel konzentrierten sich die betreffenden
Gruppen nachmittags am Opernplatz oder in der Nähe der
Kathedrale und beriefen sich auf Namen von Dissidenten oder
Opponenten von Nicolae Ceauşescu. In diesem Kontext wurden
einschließlich die Namen von Gorbatschow, Cor­neliu Mănescu
oder Ion Iliescu skandiert.
Jetzt aber bot der Balkon der Oper die Möglichkeit einer
weiteren Perspektive über den ganzen Raum zwischen dem
Gebäude des Nationaltheaters und der Kathedrale, der von
Demonstranten überfüllt war. Außerdem stellten sich die Leader
der Demonstranten jetzt vom Balkon der Oper vor, indem sie
Lautverstärkungsmittel verwendeten und ihre Namen, ihren
Wohnsitz und die Angehörigkeit zu einem Unternehmen oder
Betrieb angaben. Dutzende von Demonstranten blieben über
Nacht am Opernplatz.

Über die Nacht (20./21. Dezember) am Opernplatz gebliebene


Demonstranten.

236
Weiter oben haben wir den Kontext dargestellt, in
welchem sich die neue politische Formation bildete. Es muss
uns nicht überraschen, dass sich ihre Benennung häufig
änderte; dieses ist eines der Argumente der These, dass die
ganze Aktion nicht im Vorhinein in einer bestimmten Gruppe
von Leadern vorbereitet und vereinbart worden war. Es ist war,
dass die Demonstranten ein Banner in der Luft bewegten, auf
welchem „Rumänische Demokrat-Front“ stand. Daraufhin
wurde die Benennung durch „Rumänische Demokratische
Front“ ersetzt, doch sind in den Dokumenten der Zeit101
beide Benennungen zu finden. Die Führung der betreffenden
politischen Formation kristallisierte sich gegen Ende des 20.
Dezember 1989 und die ersten Dokumente wurden angefangen
mit dem Morgen des 21. Dezember 1989 veröffentlicht. Die
wichtigsten dieser Dokumente sind die „Proklamation der
Rumänischen Demokratischen Front“ vom 21. Dezember
1989 und die „Finale Resolution der Volksversammlung in
Timişoara“102 vom 22. Dezember 1989 (wenn auch im Text über
die betreffende politische Formation nichts erwähnt wird)103.
Im Text der Finalen Resolution, zum Beispiel, wird
über die Beseitigung des „Ceau­ şescu Clans“ geredet, ein
Ausdruck, welcher sofort nach der Flucht des Diktators gehört
wurde, welcher nach einigen Stunden auch von der Front
zur Nationalen Rettung übernommen wurde. Die Benutzung
eines solchen Ausdruckes deutete an, dass sich alles auf eine
Konfrontation zwischen Clans beschränkt hätte, in welcher
einer verlor und einer gewann. So etwas ist weder in der
Proklamation der Rumänischen Demokratischen Front, noch
in der Liste der Forderungen des Bürgerkomitees zu finden!
101
Lorin Fortuna, Rolul Frontului… (Die Rolle der Front...), S. 52-55.
102
Ibidem, S. 52-54
103
Die Resolution wurde in aller Eile vom Professor Radu Motica erstellt
und wurde im Kontext der Abgabe der Macht seitens Ceauşescu vorgestellt.
Ein Teil der Anwesenden auf dem Platz (an dem Tag viel zahlreicher als
an den vorhergehenden Tagen) wussten noch nichts von der Existenz der
Rumänischen Demokratischen Front (anscheinend auch Radu Motica
nicht, weil im Text die Front nicht erwähnt wird!). Andererseits konnten die
Angehörigen der Front, unter den neuen Umständen, alle Entwicklungen
am Platz des Theaters auch nicht mehr verfolgen oder überwachen.

237
Die Tatsache, dass es die Rumänische Demokratische
Front gab, war von außerordentlicher Bedeutung: sie sicherte den
Leadern die Glaubwürdigkeitsressourcen und die öffentliche
Unterstützung für die Verhandlungen mit der in Bukarest noch
existierenden Macht. Der Text der Proklamation selbst macht
eine gesonderte Analyse erforderlich. Diese Analyse wurden in
mehreren Veröffentlichungen gemacht (insbesondere jener des
Institutes der Rumänischen Revolution vom Dezember 1989
und der Gedenkstätte der Revolution von Timişoara), aber
auch in anderweitigen gesonderten Beiträgen und Studien.
Eine allgemeine Einschätzung des Inhaltes der
Proklamation führt zur Schlussfolgerung, dass die neue
politische Formation das Aussehen einer Formation in
Opposition zur allmächtigen Kommunistischen Partei – bis
dahin die einzige im rumänischen Staat anerkannte politische
Kraft (deren Formel erstmalig in der Verfassung von 1952
erwähnt wurde) – annahm. Auch wenn der Text eines jeden
Artikels nicht ausdrücklich antikommunistisch klingt, ist
der Sinn des Dokumentes, zweifelsohne, gegen das Regime
gerichtet. Durch diese programmatischen Dokumente wurde
folgendes gefordert: die Organisierung von freien Wahlen,
der Rücktritt des Diktators Ceauşescu, die Achtung der
Menschenrechte, usw104. All diese Forderungen konnten aber
nur in einem demokratischen Regime realisiert werden, in
welchem die Rumänische Kommunistische Partei, als bis
dahin einzige Partei in der Gesellschaft, diese Rolle nicht mehr
behalten konnte.
Die von einem solchen politischen Projekt zu
generierenden politisch-administrativen Strukturen waren
grundverschieden von jenen, welche bis dahin existiert hatten.
Das Projekt setzte ein mehrparteiisches System voraus, dem
Bürger zu Verfügung stehende öffentliche Einrichtungen,
die Gewaltentrennung im Staat usw. Aus der Proklamation
– ein regelrechtes Programm der betreffenden Partei – geht
hervor, dass die Front die Realisierung eines Dialogs mit der
kommunistischen Macht, mit dem Zweck der Demokratisierung
des Landes, beabsichtigte. In einer ersten Form des Dokumentes
(ein Entwurf des Programmes) wurde genau diese Benennung
104
Ibidem.

238
– die Macht – verwendet; nachträglich wurde dieser Begriff (mit
dem Bleistift durchgestrichen) mit einem genaueren ersetzt: die
Regierung, und, damit keine Zweifel existieren, wurde auch ein
Satz hinzugefügt, welcher ausdrücklich darauf hinwies, dass
die Voraussetzung dieses Dialogs vom Rücktritt von Nicolae
Ceauşescu dargestellt wurde.
Man kann sagen, dass, angefangen vom 21. Dezember,
Timişoara über eine politische Kraft verfügte, welche
(wenn auch nicht förmlich) von allen Einrichtungen der
Stadt anerkannt wurde. Gleichzeitig aber funktionierten
auch die alten Behörden, welche zumindest einen Teil der
dezentralisierten Einrichtungen weiterhin kontrollierten.
Inwieweit verstanden oder akzeptierten die Behörden
in Bukarest den Verlust der Kontrolle über Timişoara und
inwieweit waren sie gewillt, dieses zu tun?

Aus meiner Sicht war die Gruppe von Aktivisten in
der unmittelbaren Nähe des Diktators Ceauşescu weit davon
entfernt, den Verlust der politischen Kontrolle über Timişoara
zu akzeptieren, und Ceauşescu war umso weniger dazu bereit.
Die Geistesverfassung von Timişoara hatte sich verbreitet und
hatte den ganzen Landkreis und sogar einige Städte außerhalb
dieses Kreises umfasst. In manchen Gemeinden wurden die
Rathäuser von den Einwohnern mit Gewalt übernommen,
während sich manche Bürgermeister zu den revoltierten
Einwohnern gesellten.
Logoj, eine 60 km weit von Timişoara gelegene Stadt,
solidarisierte sich mit dieser. In Reşiţa wurden am Nachmittag
des 21. Dezember, in einer öffentlichen Versammlung,
Losungen gegen den Diktator skandiert, wobei in Arad,
am Morgen des 21. Dezember, die Bürger der Stadt einen
friedlichen Marsch vor dem Sitz der Kreisorganisation
der Kommunistischen Partei organisierten. Die Anführer
der Demonstranten bilden, nach dem Muster jener von
Timişoara (und als Folge der Aufforderung der Gesandten
des Aktionskomitees der Rumänischen Demokratischen
Front) die Rumänische Demokratische Front. In dieser Weise
erstreckte sich die Revolution in eine weitere Stadt – Hauptstadt
eines Landkreises – und die Einwohner von Arad treten der
Proklamation der Rumänischen Demokratischen Front bei.

239
Es gibt einige Anzeichen welche zum Gedanken führen,
dass die Repression gegen Timişoara schrecklich werden
sollte. Nach mehr als einem Viertel Jahrhundert können
die Ereignisse klarer eingeschätzt werden, insbesondere da,
heutzutage, in der Welt ähnliche Ereignisse stattfinden. Es
bestand die Gefahr, dass die Einwohner von Timişoara die
gleiche Qual erleben wie später die Einwohner von Bengazi
und andere Städte im Osten Libyens, in der Zeit, in welcher
die Hauptstadt (und andere Städte) unter der Kontrolle des
Gaddafi-Regimes blieben; praktisch wandelte sich dort das
ganze Land in einem Theater von Militäroperationen um. In
Rumänien wurde dieses Szenarium ausgeschlossen: Bukarest –
und andere wichtige Städte – revoltierten sich ebenfalls (einige
Tage nach dem Aufruhr der Einwohner Timişoaras!), und
vereitelten damit jeden Versuch des Regimes, an der Macht zu
bleiben. Siehe was in Syrien passiert, wo sich der Bürgerkrieg
verallgemeinert hat.
Weiter oben haben wir gesehen, wie, nach einer Zeit,
die Revolutionäre die Militärs überzeugten, beiseite zu stehen
oder sich in die Kasernen zurückzuziehen. Der General
Ştefan Guşă selbst befahl den Militäreinheiten, den Kolonnen
von Demonstranten, welche am Morgen des 20.Dezember
von den Industriebetrieben zum Stadtzentrum kamen,
keinen Widerstand zu leisten (während der Nacht hatte er
mehrere Patrouillen und auch Panzertechnik in die Kasernen
zurückgezogen.)

Die Militärs
ziehen sich,
angefangen mit
dem Nachmittag
des 20. Dezember,
von den
Straßen zurück.
Interessanterweise
symbolisieren ihre
Geste den Sieg (!)

240
Trotzdem bekannte sich bis am Morgen des 22.
Dezember kein Angehöriger der Armee öffentlich auf der
Seite der Revolutionäre. Der einzige, welcher diese Geste
vor der Flucht des Diktators machte, war der Major Viorel
Oancea, aber sein Dienstgrad (nur Major) und die Einheit,
aus welcher er stammte (eine Reparaturstelle) führen nicht zur
Idee, dass dieses die Option der Befehlsstelle von Timişoara
war. Alle übrigen Repressionskräfte waren in verschiedenen
Räumlichkeiten und warteten auf Befehle, um erneut zur Tat
überzugehen. Nur die Fallschirmspringer von Caracal waren
in ihrer Position geblieben (sie waren im Zwischenfall bei der
Druckerei involviert und ließen nicht zu, dass die Absicht der
Revolutionäre, die Proklamation zu drucken, verwirklicht
wurde!), so wie auch die Kundschafter von Buzău und die
Infanteristen von Vânju Mare. Gleichzeitig wurden in anderen
Zonen des Landes (Oltenien) Einheiten von patriotischen
Garden gebildet, welche mit 14 Triebzügen nach Timişoara
geschickt wurden, um gegen die Demonstranten zu kämpfen.
Ceauşescus Versuch, durch die Volksversammlung am
21. Dezember die Unterstützung der Bukarester zu erzielen, war
ein Misserfolg. Es war ein Beweis dafür, dass die rumänischen
Würdenträger für die Bedürfnisse der Bürger längst kein
Gespür mehr hatten. Zur großen Enttäuschung des Diktators
besiegten die Bukarester, welche, wie gewöhnlich, gezwungen
worden waren, zur Versammlung zu kommen, ihre Angst und
revoltierten sich ihrerseits – unter dem Einfluss der aus Timişoara
gekommenen Vertreter der dortigen Revolutionäre - ebenfalls.
Das, was als eine Unterstützungsversammlung vorbereitet
worden war, wandelte sich in eine Protestversammlung
um. Die vom Platz vor dem Zentralkomitee der Partei in
Gruppen losgegangenen Demonstranten trafen sich dann an
anderen Stellen und engagierten sich in offenen und blutigen
Auseinandersetzungen mit den eilig herbeigebrachten
Repressionskräften. Der ständig von Nicolae und Elena Ceau­
şescu unter Duck gesetzte Minister Vasile Milea ging mehrere
Male zur Militärstruktur im Zentrum der Hauptstadt, um den
unteren Offizieren und den Unteroffizieren direkt Befehle zu
erteilen, indem er die verantwortlichen Echelons überging.
Spät in der Nacht zogen sich die Revolutionäre, nachdem die

241
Barrikade von Hotel „Intercontinental“ von den Panzern zerstört
wurde, aus dem Stadtzentrum zurück.
Am Morgen des 22. Dezember schien die Revolte der
Bukarester niedergeschlagen zu sein. Auf den wichtigsten
Boulevards und auf den Plätzen herrschte die Ruhe. Aber die
Angestellten der großen Bukarester Betriebe beschlossen,
zum Sitz des Zentralkomitees der Partei zu kommen und den
Diktator von der Macht zu beseitigen. Auf dieser Weise wurde
das von Ceauşescu vorbereitete Manöver vereitelt. Timişoara –
„die erste freie Stadt Rumäniens” - wurde auf dieser Weise von
einer sicheren Zerstörung gerettet.
Zurückkommend auf Ti­mişoara: ein besonderer Plan,
an welchem bereits ab dem 20. Dezember gearbeitet wurde,
blieb nur auf Papier. Das Ziel des Planes war das Festhalten der
Führung der Rumänischen Demokratischen Front am Balkon
der Oper. Der am Nachmittag des 22.Dezember in Bukarest
eingetroffene General Guşă erklärte im Fernsehen: „Ich
komme von Ti­mişoara, wo ich das Zustandekommen eines
Blutbades verhindert habe!“ Es ist möglich, dass er sich auch
auf diese Absicht bezog. Aus der Art, in welcher er sprach, ging
gut hervor, dass er sich der Risiken im Zusammenhang mit der
Durchführung eines solchen Befehles bewusst war.
Über die Vorbereitungen für diese Aktion – auf
welche ich hier nicht eingehen möchte – wurde in vielen
Beiträgen berichtet. Sie bleibt in der Geschichte nur als eine,
nicht finalisierte, Absicht, nicht unbedingt, weil sich die
Entscheidungsträger über die Irrsinnigkeit einer solchen
Maßnahme bewusst geworden wären (obgleich sich alle
in der Vorbereitung dieser Aktion post factum auf dieses
Argument berufen haben), sondern eher, weil sie mit anderen
synchronisiert werden musste: mit der Volksversammlung
vom Platz des Palastes (am 21. Dezember), mit dem
Handlungsbeginn der Einheiten der patriotischen Garden,
mit der Wiederherstellung der Moral der in die Kasernen
zurückgezogenen Truppen, mit dem Ersetzen mancher von
ihnen und dem Heranziehen neuer Kräfte, usw.
Die Mobilisierung der Einheiten der Patriotischen
Garden aus Oltenien war eine voluntaristische Aktion gewesen,
welche mit einem bestimmten Zweck vorgenommen wurde,
aber letzten Endes Auswirkungen wider die Erwartungen hatte.

242
Die Kämpfer der Patriotischen
Garden aus Oltenien werden von den
Demonstranten mit Lebensmitteln
empfangen.

Die Idee von einem Kommentar aus, den Nicolae


Ceauşescu bei der Sitzung des Politischen Exekutivkomitees
vom 20. Dezember machte, als er, von der unwirksamen
Aktion der Repressionskräfte verärgert, an eine Erfahrung
erinnerte, welche er 45 Jahre früher (im Februar 1945) erlebt
hatte. Damals konfrontierten sich die mobilisierten Gruppen
von Kommunisten, unter dem Schutz der sowjetischen
Besatzungsarmee, mit den Ordnungskräften, welche zum
Schutz der Nicolae Rădescu Regierung auf den Straßen
gebracht worden waren (richtiger gesagt wäre, dass sie diese
herausforderten).
Die kommunistische Bürokratie, welche im Jahre
1989 ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, führte dazu, dass
die Organisierung der Aktion fehlerhaft, improvisiert
und verspätet war; aus diesem Grund funktionierten die
zeitliche Koordinierung mit anderen Aufträgen, sowie die
Kommunikation zwischen den Strukturen vom Zentrum
und der Befehlsstelle in Ti­ mişoara nicht. (Gemäß der
Aussage von Radu Bălan hatte dieser nur am Vortag ihrer
Ankunft vom Kommen der Patriotischen Garden gehört,
und zwar von Ion Traian Ştefănescu, dem Ersten-Sekretär
des Kreises Dolj. Die betreffenden Einheiten kamen aus
Betrieben aus den Kreisen Dolj, Olt, Gorj und Mehe­dinţi). Das
Zusammenrufen und das Ausrüsten der Einheiten erfolgten in
höchster Eile, das Zusammenstellen der Züge genauso; aber

243
niemand verfolgte den Plan der Bewegungen der Sonderzüge,
so dass manche Züge aus diesem Grunde stundenlang in
den Rangierbahnhöfen auf die Ankunft der anderen Züge
warten mussten. Außerdem war der Lokalverwaltung die
Anzahl der Kämpfer, der Zeitpunkt ihrer Ankunft, den Platz
ihrer Unterkunft, deren Verpflegungsweise, die Dauer ihres
Aufenthaltes usw. total unbekannt. Ştefan Guşă, welcher vom
Minister beauftragt wurde, das Unterbringen dieser Kämpfer
in Militäreinheiten zu sichern, musste, zu seiner Überraschung,
feststellen, dass ihm niemand die für die Durchführung dieses
Auftrages notwendigen Informationen geben konnte: wann
sie kamen, wie viele es waren, was für Aufträge sie hatten, mit
was für Mitteln und zu welchem Zeitpunkt diese durchgeführt
werden mussten. Der Gedanke war, auf alle Fälle, der, dass die
betreffenden Einheiten an verschiedenen Stellen untergebracht
wurden und dann abwarteten, zu einem bestimmten Zeitpunkt,
gleichzeitig mit der Auslösung der Aktion anderer Kräfte,
in Aktion gegen die Demonstranten eingeführt zu werden.
Vom Generalstab der Patriotischen Garden, welcher dem
Zentralkomitee der Kommunistischen Partei untergeordnet
war, kam nach Ti­mişoara ein Offizier (Oberst Iliuţă), welcher
sich Ion Coman zur Verfügung stellte und diesem mehrere
Varianten zur Anwendung der Kämpfer vorschlug, welche aber
von diesem angelehnt wurden105.
Die Nachricht über die Ankunft der Züge mit
Patriotischen Garden gelangte auch beim Aktionskomitee der
Rumänischen Demokratischen Front. Dieses wurde sich der
Gefahr bewusst – die Oltener konnten manipuliert werden und
gegen die Demonstranten geschickt werden – und schickten
sogleich massive Mannschaften (sogar 1000 Demonstranten!)
zu mehreren Bahnhöfen von Ti­mişoara, und mit den Kämpfern
der Patriotischen Garden Kontakt zu nehmen (diese warteten in
den Zugwaggons, bevor sie aussteigen durften, um sich zu den
Kasernen zu begeben) und ihnen den wahren Sachverhalt zu
erklären. Die Vertreter der Demonstranten kamen recht leicht
im Dialog mit den Arbeitern aus Oltenien, sie luden einen Teil
von diesen ein, sie bis zum Opernplatz zu begleiten, erklärten
105
Procesul de la Timişoara (Der Prozess von Timişoara), Band III, S. 1474-
1475.

244
ihnen wer die Menschen auf den Straßen und die Gründe ihres
Aufruhrs waren und machten, praktisch, deren Einsatz in einer
Aktion zur Vernichtung des Protestes unmöglich106.
Darüber hinaus organisierten die Arbeiter von den
großen Industrieplattformen in Craiova, Târgu-Jiu, Slatina,
Drobeta Turnu-Seve­rin, bei ihrer Rückkehr nach Hause und
bevor Ceauşescu die Macht verließ, in ihren Städten ähnliche
Proteste. In Craiova, zum Beispiel, wurde der Protest am
Morgen des 22. Dezember ausgelöst, wobei die Kolonne, die
zum Sitz der Kreisparteiorganisation marschierte genau die
Angestellten an der Spitze hatte, welche am Tag vorher den
Opernplatz in Ti­mişoara „besucht“ hatten107.
Die für die Aktion der Garden (die mit „industriell“
gefertigten Keulen ausgerüstet waren) vorbereiteten
Entgegenwirkungs-Maßnahmen wurden gleichzeitig mit den
Bemühungen für die Organisierung der Führungsstruktur der
Rumänischen Demokratischen Front und der Erstellung deren
ersten Dokumente getroffen.
Wir eröffnen hier eine Diskussion hinsichtlich zwei
Aspekten, welche wir für wichtig halten: 1) die Behauptung
und die Bewährung der Leader, der Organisierungsformen
und der wiederholten Änderungen in den Führungsstrukturen
der Rumänischen Demokratische Front; 2) die Entwicklung
der Ideen aus dem Programm der Revolution und ihre
Konkretisierungsform. Ebenfalls interessant ist die
Organisierung des Bewachungs – und Schutzdienstes der
Führung der Front bis zum 22. Dezember 1989.
In Bezug auf den ersten Aspekt muss die Tatsache
hervorgehoben werden, dass die im Foyer des Theaters
gelangten Personen, genauso wie jene, welche beim
Kreiskomitee eintraten, um mit der Regierung zu verhandeln,
aus keiner gemeinsamen Aktivität einander kannten und, auf
alle Fälle, nicht vorher vereinbart, was dort zu tun war. Die
meisten Personen aus der Gruppe waren nicht einmal den an
106
Ibidem.
107
Toma Velici, Craiova, 22 decembrie 1989. Nevoia de adevăr (Craiova,
der 22. Dezember 1989. Das Bedürfnis nach Wahrheit), Craiova, Scrisul
românesc Verlag, 2009, passim. Der Autor legte das Manuskript seines
Werkes beim IRRD vor.

245
jedem der beiden Standorte versammelten Demonstranten
bekannt.
Wie weiter oben angeführt adressierten sich die
ersten, die im Foyer des Nationaltheaters ankamen, den
Demonstranten, indem sie ihren Namen, Arbeitsplatz,
Wohnsitz und sonstige noch für notwendig erachteten
Elemente (Beschäftigung, Bildungsniveau, usw.) angaben.
Lorin Fortuna machte wiederholte Aufrufe an seine Kollegen
vom Polytechnischen Institut (wo er Lehrkraft war), um
neben ihm zu kommen. Letzen Endes kamen: Dipl.-Ing.
Mircea Capotescu, Adrian Sanda und Cătălin Raicu. In der
Gruppe kannte er noch Traian Vrăneanţu. Die Leader vom
Bürgerkomitee (Standort: Sitz der Kreisparteiorganisation)
erstellten, ihrerseits, eine Liste mit ihren Namen, bevor sie
zu den Verhandlungen gingen, und ließen sie (zum Schutz
gegen Repressalien) bei den Personen, welche vor dem Sitz
der Kreisparteiorganisation standen. Diese schickten die Liste,
auf verschiedenen Wegen, zum jugoslawischen Konsulat, um
im Falle von Vergeltungsmaßnahmen der internationalen
Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt zu werden.
In der gleichen Weise gingen auch die Demonstranten
bei der Oper vor, welche demselben Konsulat eine Liste mit
20 Personen schickten (in zwei Exemplaren, welche separat,
durch je einen Vertreter, Adrian Misarăş und Beni Oprea,
übergeben wurden). Es ist sicher, dass die betreffenden Namen
der Öffentlichkeit nicht durch ausländische Media-Kanäle
mitgeteilt wurden. Dieses ist dadurch zu erklären, dass die
betreffenden Listen entweder nicht weitergeschickt wurden,
oder dadurch, dass, obgleich die Namen der Personen den
ausländischen Rundfunkstationen mitgeteilt wurden, deren
Redakteure der Ansicht waren, dass ihre öffentliche Kundgabe
nicht angemessen war, um sie von den Repressalien des
Regimes zu schützen. Auf alle Fälle war die Liste, wie schon
weiter oben hervorgehoben, nicht vollständig gewesen.
Was überrascht ist die Tatsache, dass zwischen den
Anführern der Revolutionäre sofort eine Art Wettbewerb
in Bezug auf die Rolle eines jeden in der Führung der Front,
sowie der Demonstration im Allgemeinen begann. Auf alle
Fälle war die ganze Aktion noch weit davon, zu ihrem Vorteil
finalisiert zu werden, so dass die betreffenden Leader nach wie

246
vor der Gefahr ausgesetzt waren, verhaftet zu werden. Einige
Meinungsverschiedenheiten waren im Zusammenhang mit
dem Komitee oder dem Ausschuss, welcher für die Führung
der Demonstration gebildet worden war: Lorin Fortuna,
Vorsitzender, Chiş und Iordache, Stellvertretende Vorsitzende,
Mihaela Munteanu und Trăis­taru, Mitglieder.
Was stellen wir fest? Obgleich die Handlungen der
Gruppen von Angestellten der Industrieplattformen sehr
wichtig gewesen waren, waren die, welche die Führung
der Demonstration effektiv übernahmen die Leader der
Straßendemonstrationen der vergangenen Tage, welche
viel motivierter und mutiger waren. Auch beim Sitz der
Kreisparteiorganisation, wo die Demonstranten zum größten
Teil Angestellte von U.M.T. waren, kamen einige der sich an
den Verhandlungen beteiligenden Vertreter von außerhalb
der U.M.T. Dăscălescu rief die Betriebsdirektoren (welche in
einem benachbarten Raum warteten) herein, um ihre Leute zu
identifizieren, so dass sie leichter beherrscht werden konnten,
jedoch ohne großen Nutzen.
Die Kontakte zwischen den zwei Gruppen von Leadern
(vom Sitz der Kreisparteiorganisation und von der Oper)
waren, anfangs, zufällig; beim Sitz der Kreisparteiorganisation
gab es keine Voraussetzungen für die Bildung einer politischen
Formation; auf alle Fälle dachten die Leute, die hier versammelt
waren, nicht daran. Nach dem Beginn der Verhandlungen
schickte das Komitee beharrliche Botschaften an die Leader
von der Open, dass sie die Verhandlungsmannschaft ergänzten,
doch forderten diese, im Gegenteil, dass Dăscălescu zur Oper
komme. Sie bereiteten sogar einen Korridor für ihn vor, und
die Menschenmenge zeigte sich gewillt, ihn zu empfangen.
Ich komme auf die Absicht der Behörden zurück,
dem Ministerpräsident und Emil Bobu eine Tribüne zu
sichern, von wo aus die Einwohner von Timişoara anreden
konnten. Die lokalen Behörden hatten drei Stellen für eine
Begegnung zwischen Dăscălescu und der Bevölkerung, die die
Parteiaktivisten zu mobilisieren erhofften, vorbereitet. Emil
Macri (Direktionsleiter im Rahmen des Sicherheitsdienstes)
berichtet in einem Interview, wie er persönlich bei der
Vorbereitung dieser Stellen vom Standpunkt der Sicherheit

247
der hohen Würdenträger mitwirkte. Unter den Varianten
war auch jede des Opernplatzes, wo er Spezialisten zur
Installierung der Lautverstärkungsanlage schickte (gemäß
Macri waren die beiden anderen Stellen der Sportplatz und der
Olimpia Saal. Ion Coman erzählt in einem Interview (welches
im Dokumentarbestand des Institutes der Rumänischen
Revolution vom Dezember 1989 – I.R.R.D. – aufbewahrt wird),
dass er sowohl mit Elena Ceauşescu als auch mit Emil Bobu
darüber diskutiert hatte, nachdem diese nicht verstanden,
warum nicht alles auf einem Sportplatz organisiert werden.
„Warum ist es notwendig, auch bei der Oper und auch beim Sitz
der Kreisparteiorganisation je eine Anlage zu haben?“ sollen
diese gefragt haben. „Installiert eine am Sportplatz und bringt
alle Leute hin!“ Wir wissen heute, dass die Mobilisierung der
Sympathisanten des Regimes unmöglich gewesen wäre (weder
Coman, noch die Parteiaktivisten von der Kreisorganisation,
welche im Prozess des Timişoara Loses vernommen wurden,
sprachen von dieser misslungenen Mobilisierung).
Noch ungeklärt bleibt der Umstand, in welchem das
Exekutiv-Bureau der Rumänischen Demokratischen Front
beschloss, um etwa 15.30 Uhr eine erste Delegation (mit
Bădilescu und Adrian Sanda), welche, aus Sicherheitsgründen,
von einer Gruppe von Demonstranten begleitet wurde, zu Sitz
der Kreisparteiorganisation zu schicken. In großer Eile wurde
auch eine Liste von Forderungen erstellt (an erster Stelle stand
der Rücktritt von Nicolae Ceauşescu), welche diese in den
Besprechungen mit dem Ministerpräsidenten verwenden sollte.
Die Delegation kam beim Sitz der Kreisparteiorganisation
an, ging hinein (wo sich noch die Vertreter des Komitees
befanden), öffnete das Gespräch mit Dăscălescu (welches kurz,
entschlossen und direkt war), erklärte ihm, dass die Forderungen
der Menschen am Opernplatz grundsätzlich dieselben waren,
wie jene, die der Ministerpräsident von den Kollegen im Saal
notiert hatte, und forderten ihn auf, zum Nationaltheater zu
kommen; der Ministerpräsident verlangte ihnen jedoch, zu
warten, weil Ceauşescu eine vom Fernsehen ausgestrahlte
Rede halten sollte. Einer der Delegierten (Bădilescu) war mit
dieser Antwort nicht zufrieden, im Gegenteil: er sagte dem
Ministerpräsident, dass für die Demonstranten Ceauşescu
nicht mehr Staatspräsident sei. Die Delegation kam zur

248
Oper zurück und konnte, in diesem Kontext, die Leader der
Rumänischen Demokratischen Front überzeugen, dennoch zum
Sitz der Kreisparteiorganisation, für Verhandlungen, zu gehen.
Nachdem sichergestellt wurde, dass die Menschen am Opernplatz
bleiben würden, ging daher, um etwa 17.00 Uhr, eine größere
Delegation zum Sitz der Kreisparteiorganisation hinüber.
In Abwesenheit der Vertreter der zentraleren Behörden
(welche sich stürmisch zurückgezogen hatten!) verließ die
Delegation der Front-Anführer ebenfalls den Sitz der Partei und
ging zurück zur Oper. Nach der im Fernsehen ausgestrahlten
Rede des Staatschefs (welche eine für ihn und für das Regime
verheerende Wirkung hatte) wurden die Verhandlungen
abgebrochen, das Bürgerkomitee musste das Gebäude verlassen
und begab sich, mit einem Teil der Demonstranten, zur Oper,
wo es ins Foyer hinaufstieg und die Besprechungen mit den
Anführern der Rumänischen Demokratischen Front begann.
Die Leute, welche vor dem Sitz der Kreisparteiorganisation
geblieben waren, fühlten sich verlassen und reagierten in
entsprechender Weise; sie verlangten den Leadern, dort
zu bleiben, um dem Ministerpräsident nicht zu erlauben,
fortzugehen. Einige Revolutionäre aus der Delegation von
der Oper (darunter Claudiu Iordache), welche eben die
Besprechungen mit Bălan, Pacoste und Toma abgeschlossen
hatten, versuchten die Demonstranten zu versichern, dass
sie nicht verlassen waren. Nachdem es ihm gelang, einen
besonderen (vom Stress und der Ermüdung verursachten)
Gesundheitszustand zu überwinden, kehrte Claudiu Iordache
zur Oper zurück.
In der Nacht traten die ersten Unstimmigkeiten
zwischen den Leadern auf. Die erste Auseinandersetzung war
mit der Ergänzung des Bureaus mit weiteren zwei Mitgliedern
des Bürgerkomitees, welches mit Dăscălescu verhandelt hatte,
verbunden. Es wurde vereinbart, dass die beiden Ioan Marcu
und Cornel Eustaţiu, als Mitglieder, seien. Damit blieben
jedoch die anderen Personen des Bürgerkomitees (darunter So­
rin Oprea, Petru Boroşoiu, Florin Marton u.a.) außerhalb der
Führungsmannschaft, so dass diese nachträglich versuchten,
ebenfalls in der Führung der Front aufgenommen zu werden.
Die Wahl der Vorsitzenden stellte ebenfalls eine
Gelegenheit für Meinungsverschiedenheiten dar. Nicolae

249
Bădilescu schlug Cornel Eustaţiu vor. Lorin Fortuna widersetzte
sich (er war als Stellvertretender Vorsitzender vorgeschlagen
worden und hatte sich auch diesem Vorschlag widersetzt), mit
der Präzisierung, dass er die Wahl einer Person, welche nicht
an Anfang an in der Führung der Front gewesen war, nicht
akzeptierte. Schließlich wurde Lorin Fortuna als Vorsitzender
gewählt. Das Komitee war nun aus 7 Personen gebildet:
Lorin Fortuna, Cornel Eustaţiu, Claudiu Iordache, Mihaela
Munteanu, Chiş Ioan, Ioan Marcu, Maria Trăistaru108.

Am nächsten Tag änderte sich die Zusammensetzung
der Führung wieder, weil sich manche Leader zurückzogen
und andere an ihrer Stelle gewählt wurden. Gegen Morgen
des 21. Dezember (laut Lorin Fortuna war es um etwa 05.30
Uhr) gab es noch einen Versuch zur Änderung der Führung,
welcher von Sorin Oprea, der Leiter der Bewachung,
eingeleitet wurde, der sich die Abwesenheit des Vorsitzenden
zunutze machen wollte (dieser war zum Bahnhof gegangen,
um die Informationen über die Ankunft der Züge mit den
Patriotischen Garden aus Oltenien zu überprüfen und war
noch nicht zurückgekommen)109. Der Versuch scheiterte bei
dessen Rückkehr.

Der Balkon des Nationaltheaters in den ersten Augenblicken


nach der Flucht von Nicolae Ceauşescu

108
Gemäß mehreren Aussagen. In manchen Beiträgen erscheinen in diesem
Komitee auch andere Revolutionäre.
109
Idem.

250
Der Augenblick der erzwungenen Flucht von Nicolae
und Elena Ceauşescu, mit dem Hubschrauber, vom Dach
des (von Demonstranten überfluteten) Zentralkomitees der
Rumänischen Kommunistischen Partei, vom Fernsehen live
übertragen, wurde von den Demonstranten am Opernplatz in
Timişoara mit einer riesigen Freude empfangen.

22 Dezember 1989, 12.09 Uhr, Opernplatz:


Begeisterung und Freude beim Erfahren der
Nachricht über den Verzicht auf die Macht seitens
Nicolae Ceauşescu

In den ersten Stunden nach der Beseitigung des


Diktators, als die Rumänische Demokratische Front in
förmlicher Weise die Führung in Timişoara und im Landkreis
übernahm, wurde entschieden, dass eine Delegation von

251
Leadern der Front nach Bukarest fliege, um mit der neuen
Führung Kontakt zu nehmen. Zur Delegation gehörten: Lorin
Fortuna, Săsăran, Gruia, Tudorin Burlacu, Constantin Ghica,
Viorel Florescu. Bis zur Rückkehr des Vorsitzenden aus der
Hauptstadt wurde die Führung der Front durch Claudiu
Iordache, als Stellvertretender Vorsitzender, gesichert. Die
Delegation kam aber nur bis Arad (das Flugzeug konnte seinen
Flug nicht fortsetzen). Am gleichen Abend kehrte nur Lorin
Fortuna zurück, mit einem ungarischen Fahrzeug, welches
Hilfsmittel brachte, unter den Schüssen der „Terroristen“ und
gerade zur rechten Zeit, um einen neuen Versuch – seitens des
ehemaligen Ersten-Sekretärs des Landkreises - die Führung an
sich zu reißen, zu vereiteln. Ein neuer Versuch, nach Bukarest
zu reisen, erfolgte (diesmal mit Erfolg, aber mit Abenteuern) in
der nächsten Nacht (am 23. Dezember), als eine von Tudorin
Burlacu geleitete Mannschaft in Bukarest gelang, den Beschluss
der Kollegen von der Rumänischen Demokratischen Front, der
Front zur Nationalen Rettung beizutreten, mitteilte und sich
mit Ion Iliescu beim Sitz des Rumänischen Fernsehens traf.

Weiter oben wurde der Versuch erwähnt, den
ehemaligen Führer des Landkreises, Radu Bălan, an der Macht
zu behalten. Dieser ereignete sich sofort nach der Flucht des
Diktators und wurden von Journalisten (darunter Teodor Bolza)
von der ehemaligen Zeitung der Partei unterstützt („Drapelul
roşu” (Rote Flagge), welche inzwischen „Luptătorul bănăţean”
(Der Banater Kämpfer), wie in den 50ger Jahren, und später
„„Renaşterea bănăţeană” (Banater Wiedergeburt) wurde). Diese
versuchten den ehemaligen Ersten-Sekretär an der Führung
der Front zu bringen- eine Option, welche heute zumindest
merkwürdig und, angesichts ihrer Konsequenzen, auf alle Fälle
unglaubwürdig scheint. Es ist wahr, dass Radu Bălan (welcher
nicht aus Timişoara stammte) als ein toleranterer lokaler
Chef, mit mehr Verständnis für die Probleme der Einwohner
Timişoaras wahrgenommen wurde. Er war vor kurzer Zeit (im
November) an der Führung des Landkreises ernannt worden,
als Ersatz für Ilie Matei (ein strenger und rachesüchtiger
kommunistischer Würdenträger, welcher zu den zentralen
Behörden befördert wurden war). Nach der Auslösung des
Aufruhrs wurde der Eindruck erweckt, dass Bălan keine Schuld
hatte, nachdem die Aktionen von Verantwortungsträgern

252
vom Zentrum, über seinen Kopf oder gegen seinen Willen
gesteuert wurden. Während der Verhandlungen mit dem
Ministerpräsidenten hatte er sich in den Besprechungen mit
den Vertretern des Bürgerkomitees nicht eingemischt, aber
die etwas später (als sich Dăscălescu und Bobu zurückgezogen
hatten) zum Sitz der Kreisparteiorganisation gekommenen
Delegierte der Front nahmen Kontakt mit ihm und mit
Pacoste. Fortuna erinnert sich, dass er mit ihm „sowohl am
Donnerstag, als auch am Freitag” mit ihm redete110. Am 20.
Dezember, verlangte er ihm (in einem gesonderten Gespräch),
beim Sitz der Kreisparteiorganisation, seine Funktion
aufzugeben und sich den Revolutionären beizutreten. In seiner
in den ersten Momenten (am 20. Dezember) vom Balkon der
Oper gehaltenen Rede bestand Chiş darauf, dass auch Bălan zu
ihnen herbeigebracht werde.

Eine neue Änderung in der Führung der Rumänischen
Demokratischen Front erfolgte anlässlich dessen Integrierung
in der Front zur Nationalen Rettung (am 23. Dezember). Bei
dieser Gelegenheit wurde ein Kommuniqué erlassen (welches
einfach: „Lorin Fortuna“ unterzeichnet war), durch welches,
unter Punkt 2, informiert wurde, dass sich die Rumänische
Demokratische Front in der Front zur Nationalen Rettung
integrierte; unter dem folgenden Punkt wird das Einschließen
des Exekutiv-Bureaus der Rumänischen Demokratischen
Front im Nationalkomitee der Front zur Nationalen Rettung
verkündet (welche nicht erfolgte), während unter Punkt 4
präzisiert wurde: „Das auf dieser Weise gebildete Komitee
der Front zur Nationalen Rettung von Timişoara wird vom
folgenden Exekutiv Bureau geführt: Lorin Ioan Fortuna,
Vorsitzender, Claudiu Iordache, Stellvertretender Vorsitzender,
Mihaela Munteanu, Sekretärin, Ştefan Ivan und Petrişor Morar,
Mitglieder“111. In einem späteren Kapitel werde ich auf den
Zeitpunkt der effektiven Machtübernahme seitens der Leader
der Rumänischen Demokratischen Front, im Landkreis und
in der Stadt, sowie auf die Art, welche diese ausgeübt wurde,
zurückkommen.
110
Miodrag Milin, Timişoara…, S. 137.
111
Alexandru Oşca (Koordinator), Revoluţia română în Banat... (Die
rumänische Revolution im Banat...), S. 377.

253
IV. DIE AUSLÄNDISCHE
WAHRNEHMUNG DER RUMÄNISCHEN
REVOLUTION

Die Situation in Rumänien, vor und nach der Revolution,


war ein Thema von allgemeinem Interesse für die Würdenträger
der Großmächte, aber auch für die internationalen Mass-
Media. Im vorliegenden Kapitel werden wir eine Auswahl von
Stellungnahmen des Auslands zur Rumänischen Revolution
im Allgemeinen und insbesondere zu den Ereignissen in
Timişoara wiedergeben.
Die Ereignisse in Timişoara haben von aller Anfang
die westliche Öffentlichkeit, aber auch jene der Nachbarländer
beeindruckt. Ursprünglich war die Reaktion gemäßigt, weil die
Informationen über außergewöhnliche Taten und Ereignisse
schwer zu überprüfen oder widersprüchlich waren; die
westlichen Länder – und nicht diese – waren in erster Reihe
interessiert, die Wahrheit zu kennen, und eine gemeinsame
Haltung gegenüber den Behörden in Bukarest vereinbaren.
Im Allgemeinen betonten die offenen Quellen – die meisten
von ihnen in Jugoslawien und in Ungarn, aber auch in
Österreich, Deutschland und Frankreich oder die UdSSR. – die
Konsequenzen der Repression, und gaben fürchterliche Zahlen
hinsichtlich deren Opfer an.
Beachtenswert ist die Tatsache, dass die Ereignisse in
Timişoara nicht nur nicht unbemerkt blieben, sondern sofort in
den Vordergrund des internationalen Interesses rückten, indem sie
manche Ereignisse von beträchtlicher geopolitische Bedeutung
in der Zone in den Schatten stellten, darunter: wesentliche
Bewegungen und Änderungen in sehr vielen politischen
oder bürgerschaftlichen Formationen von bereits am Weg der
Demokratie engagierten Ländern, oder für die Sicherheit des
Kontinentes bedeutende Fragen, welche ansonsten die erste
Seite der Mass-Media tagelang beherrschten.

254
Die Frage an der Tagesordnung – welche die
Interessenzone des Kontinentes überschritt – wurde,
zweifelsohne, von der Wiedervereinigung Deutschlands
dargestellt, insbesondere nachdem der Bundeskanzler Kohl
sein Zehn-Punkte-Programm vorlegte. Die Europäer waren,
selbstverständlich, an diesem Problem interessiert, aber die
Treffen, welche diesem Thema gewidmet wurden (und es
waren viele – angefangen mit dem Treffen in Kiew, zwischen
Mitterand und Gorbatschow, dem Wiedertreffen – nach 18
Jahren – des Alliierten Kontrollrates, in Westberlin, den Treffen
und Stellungnahmen des britischen Ministerpräsidenten,
Margaret Thatcher, usw.) wurden in den Hintergrund gedrängt,
um den Ereignissen in Timişoara Platz zu machen.
In was allen Hauptstädten der Länder in Zentral-und
Osteuropa fanden Ereignisse von maximalem Interesse statt:
in Ungarn, Deutschland, Jugoslawien und Bulgarien fanden
Kongresse oder Konferenzen der ehemaligen kommunistischen
Parteien statt, welche ihre Rolle, Ideologie und Strategie
neudefinierten; in der UdSSR. fanden die Arbeiten des
Kongresses der Volksabgeordneten statt; in Polen war der Sejm
einberufen worden. Diese öffentlichen Treffen wurden von
starken Demonstrationen begleitet, von Positionswechsel –
von Stunde zu Stunde – seitens politischen Formationen oder
Leader, welche, alle, Auswirkungen auf die Entwicklungen
auf dem Kontinent und sogar in der Welt hatten und den
Journalisten die Wahl des richtigen Themas für die Agenda des
Tages schwermachten.
Gegenüber all diesen traten – und das behaupten nicht
wir – die Ereignisse von Timişoara in den Vordergrund1; am
Anfang geschah das mit etwas Vorbehalt und Überraschung,
nur in einigen offiziellen Kreisen und Presse-Milieus, in
einigen Städten; dann aber in ganz betonter Weise und in fast
allen europäischen Hauptstädten (und nicht nur), in allen
politischem Sicherheits- oder Wirtschaftseinrichtungen, auf
kontinentaler und internationaler Ebene. Aus diesem Grund
kann mit Gewissheit gesagt werden, dass im Dezember 1989,
1
Miodrag Milin, Timişoara în arhivele Europei libere. 17-20 decembrie 1989
(Timişoara in den Archiven des Freien Europas. 17.-20. Dezember 1989),
Bukarest, Fundaţia Academia Civică, 1999, S. 7-9.

255
Timişoara – welche vom informationellen Standpunkt von allen
übrigen städtischen Zentren des Landes isoliert war und alleine
mit dem repressiven Apparat der Regierung kämpfte – von den
europäischen Bürgern und politischen Verantwortungsträgern
nicht unbeachtet blieb. Das Problem Timişoaras war, eine
Zeitlang, ein (zumindest) europäisches Problem.
Weiter oben wurde erwähnt, dass am 15. Dezember ein
amerikanischer Diplomat (in Begleitung) mit dem Pastor Tökes
redete. Dieser und andere westliche Diplomaten versuchten
mehrere Male, nach Timişoara zu gelangen. Ein Beweis dafür
ist die Übermittlung seitens des Großen Generalstabes des
Kennzeichens Vigilenţa” (Wachsamkeit) (eine übliche Praxis in
den Fällen, wenn manche Diplomaten in verschiedene Zonen
des Landes reisten), mit der Präzisierung der Route Bukarest,
Craiova, Timişoara, die allen Militäreinheiten auf diesem Weg
bekannt gemacht wurde. Die Notwendigkeit von Informationen,
welche von den Diplomaten direkt an Ort und Stelle erhoben
wurden, ergab sich aus der mangelhaften Kommunikation und
der fehlenden Transparenz der rumänischen Würdenträger.
Die ausländischen Informationsdienste konnten gegenüber
der Unruhe an der Spitze des Regimes nicht gleichgültig bleiben
(ungewöhnliche, aufeinanderfolgende Sitzungen des Politischen
Exekutivkomitees bei späten Stunden der Nacht), oder
angesichts des Umstandes, dass entweder Verantwortungsträger
der Partei (drei Sekretäre des Zentralkomitees), oder Vertreter
der Regierung, der Securitate (Direktions- und Abteilungsleiter)
oder der Armee (der Chef des Großen Generalstabes, zwei
Minister-Stellvertreter) die Stadt Timişoara stürmisch verlassen
mussten. Als sie Erklärungen verlangten warfen ihnen die
rumänischen Würdenträger vor, dass sie sich „in den inneren
Angelegenheiten des Landes“ einmischten.
Am 18. Dezember wurden die über mehrere Kanäle
lokal erhobenen Angaben verarbeitet und, um 15.30 Uhr,
wurden sie von den Botschaftern der N.A.T.O Staaten, die
in Bukarest akkreditiert waren, beim Sitz der Botschaft der
Vereinigten Staaten besprochen. Es wurde vereinbart, vorerst
keine öffentliche Haltung einzunehmen2.
2
Emil Constantinescu, zit. Werke, S. 82.

256
Die wichtigste ausländische Stellungnahme zu den
Ereignissen in Timişoara wurde in Brüssel (am 19. Dezember)
verzeichnet; dort nahm der Ministerrat der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft (welcher Außenminister der
Mitgliedstaaten vereinte) eine Erklärung zur Beurteilung
der gewaltsamen Unterdrückung der Demonstranten in
Timişoara an. Es war eine wichtige Geste, umso mehr, als
keine gewöhnliche Praxis dieser Treffen war, sich über einen
Nationalstaat außerhalb der Gemeinschaft in dieser Weise
auszusprechen (die Sitzung wurde speziell für die Vorstellung
dieser Erklärung unterbrochen).
Außerdem wurde die Regierung in Bukarest darauf
aufmerksam gemacht, dass durch ein derartiges Verwalten
der Krise in Timişoara die gegenüber der Kommission zur
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa aufgenommenen
Verpflichtungen verletzt wurden. Diese Beschuldigung stellte
einen wichtigen Schritt zur Annahme von Sanktionen dar
(und diese blieben nicht lange aus). Auf alle Fälle konnte diese
offizielle öffentliche Stellungnahme nicht ohne Folgen bleiben:
in den westlichen Hauptstädten wurden die rumänischen
Diplomaten vorgeladen, um Erklärungen abzugeben und die
offizielle Stellungnahme der Staaten, wo sie akkreditiert waren,
zur Kenntnis zu nehmen. Die öffentliche Stellungnahme der
betreffenden Staaten wurde, zunächst, durch Erklärungen in
eigenem Namen seitens bestimmter Würdenträger (oder ohne
dass diese präzisierten, dass sie im Namen ihrer Regierung
sprachen), oder sogar durch Beschlüsse nationaler Parlamente3
bekannt gegeben.
In den folgenden Tagen vermehrten sich die
offiziellen Stellungnahmen aus dem Ausland, sie wurden
öffentlich und direkter. Der gerade in Ostberlin anwesende
Präsident Mitterand verurteilte öffentlich, im Rahmen einer
Fernsehsendung, das Regime in Bukarest, „dessen Tage, hoffe
ich, gezählt sind“. In der Französischen Nationalversammlung
wird eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer von
Timişoara gehalten, wobei der Vorsitzende der Versammlung
(Laurent Fabius), der Ministerpräsident (Michel Rocard) und
3
Der polnische Sejm, zum Beispiel, nahm einen solchen Beschuss an.

257
einige Abgeordnete den Kampf de Einwohner Timişoaras
für Demokratie offen unterstützen. Der österreichische
Außenminister (Alois Mock), der Bürgermeister von Wien
und, wiederholte Male, Margaret Tutwiler, Wortführer des
amerikanischen Außenministeriums, kommentierten die
Informationen, die sie über die Ereignisse in Timişoara hatten,
für Fernsehdienste oder die gedruckte Presse.
In der Vereinigten Staaten beschuldigte das Helsinki-
Komitee im amerikanischer Kongress die rumänische
Regierung in direkter Weise für die Gräueltaten in Timişoara
(Dennis Decincini und Stan Hoyer) und in anderen Regionen
des Landes. Christopfer Smith und Woolf Frank – bekannte
Militanten für Menschenrechte – verlangte der internationalen
Gesellschaft und der UdSSR., zur Unterstützung der Einwohner
von Timişoara einzugreifen.
Eine sehr wichtige internationale Körperschaft von
Weltbedeutung auf dem Gebiet der Verteidigung sprach
sich ebenfalls über die Ereignisse in der Stadt an der Bega
aus: der in Brüssel tagende N.A.T.O.-Rat verurteilte den
Angriff der rumänischen Behörden gegen die grundlegenden
Menschenrechte und -werte.
Alle diese Aktionen und Haltungen begannen,
praktische Auswirkungen zu haben: der österreichische
Kanzler, Frank Vranitsky, verkündete die Entscheidung seiner
Regierungen, die wirtschaftlichen Beziehungen mit Bukarest
einzuschränken. Auch andere seiner Kollegen bereiten sich
vor, ihm zu folgen.
Die rumänischen Botschafter informierten die zentrale
Führung über die ungewöhnliche und peinliche Situation,
in der sie sich befanden, und verlangten Klärungen und
Aktionshinweise. Die Leiter der diplomatischen Missionen
bekamen zwar einen solchen Hinweis, aber keine Informationen
über die Realität in Timişoara: „Falls man euch über die
sogenannten Ereignisse in Timişoara fragt (wir widerholen:
nur, wenn man euch fragt), antwortet ihre ganz klar, dass ihr
keine Kenntnis darüber habt“4.
4
Dumitru Preda, Mihai Retegan, 1989, principiul dominoului (1989, das
Domino-Prinzip), Bukarest, Editura Fundaţiei Culturale Române (Verlag
der Rumänischen Kulturellen Stiftung), 2000, S. 94.

258
Die sowjetischen Amtsträger waren ursprünglich in
Bezug auf die Ereignisse in Timişoara ziemlich zurückhaltend,
da sie versuchten, ihren Status als Verbündete Rumäniens
zu beachten; die Moskauer Journalisten, welche nach
Sensationsnachrichten jagten, wollten ihren westlichen
Kollegen nicht nachstehen. Der in Brüssel anwesende Eduard
Schewardnadse (der sowjetische Außenminister) sagte der
Presse, dass er keine Informationen über die Ereignisse
in Timişoara hatte, dass solche Ereignisse, unabhängig
davon, wo sie passieren, nur die Völker, die Parteien und die
gesellschaftlichen Organisationen der Länder, in welchen
sie zustande kommen, etwas angehen; außerdem begnügte
er sich zu sagen, dass er, im Falle, wenn in Timişoara Opfer
existierten, dieses „zutiefst bedauerte“. Er verurteilte also
weder die Repression an sich, noch die Behörden in Bukarest.
Sogar unter diesen Umständen ließen die rumänischen
Verantwortungsträger die
Gelegenheit nicht verstreichen, dem sowjetischen
Minister vorzuwerfen, dass er die Unterstellungen der
Reporter nicht entschieden abgelehnt hatte und die Regierung
in Bukarest nicht verteidigt hatte.

Von Moskau werden täglich aufeinanderfolgende
Informierungen und Berichte, unterzeichnet vom Botschafter
Ion Bucur, nach Bukarest geschickt. Dieser informiert
über die Einzelheiten, welche im Zusammenhang mit den
Demonstrationen in Timişoara in der Presse veröffentlicht
werden (Trud, Izvestia, die TASS Agentur, usw.); diese
werden von westlichen oder ungarischen Presseagenturen
übernommen, oder aus Berichten der lokal akkreditierten
Presse-Korrespondenten: aus Bukarest (D. Diakow), Sofia
(V. Hrustalew), Belgrad (A. Paroschin) oder Budapest (A.
Komrakow)5.

5
Ibidem, S. 481.

259
Mihail Gorbatschow George Bush

Helmut Kohl Margaret Thatcher François Mitterand

Die ersten offiziellen Informationen von Moskau


hinsichtlich der Wahrnehmung der Ereignisse von Timişoara
wurden von der rumänischen Botschaft am 18. Dezember, um
12.35 Uhr übermittelt6. Der Botschafter berichtete über die
Schwierigkeiten in der Umsetzung des Beschlusses, die Grenze
für die russischen Touristen, die Rumänien besuchen wollten,
zu schließen. Die Botschaft musste sich mit den unzähligen
Telefonanrufen der russischen Bürger konfrontieren, welche
sich an der Grenze befanden und nicht begriffen, warum
sie auf eine geplante und bezahlte Reise verzichten mussten.
Am Abend des gleichen Tages verkündete der Ansager einer
Fernsehsendung, dass, gemäß einer von MIT (die ungarische
Presseagentur) übernommenen Nachricht, „in der Stadt
Timişoara Zusammenstöße zwischen den Ordnungskräften
6
Ibidem, S. 448.

260
und den Demonstranten stattgefunden hatten..., dass Losungen
gegen die Führung in Rumänien und das existierende System
ausgerufen wurden“7. Die Informationen wurden ebenfalls
im Fernsehen am Morgen des folgenden Tages wiederholt.
Am 19. Dezember veröffentlichte Izvestia eine kommentierte
Nachricht aus Bukarest, welche von ihrem eigenen
Korrespondenten (V. Volodin) geschickt worden war. Diese
hatte folgenden Inhalt: „Am Samstag und Sonntag wurde die
im Westen von Rumänien gelegene Stadt Timişoara die Arena
von Massenunruhen“8. Der russische Journalist präzisierte
im Folgenden: „...Am Samstag fand vor dem Gebäude des
städtischen Parteikomitees eine Demonstration statt, an welcher
sich ungefähr fünf Tausend Personen beteiligten. Gemäß
inoffiziellen Informationen wurden gegen die Demonstranten
Wasserstrahlen eingesetzt. Sonntagnacht, um etwa 2.00 Uhr,
bildeten Gläubiger, mit brennenden Kerzen, eine lebende Kette
um die reformierte Kirche, und drückten damit ihren Protest
gegen die Aktionen der städtischen Behörden aus. Diesen
traten Gruppen von Jugendlichen bei, welche Losungen
skandierten und den Wechsel der Führung des Landes
verlangen. Gemäß inoffiziellen Quellen (welche Volodin nicht
enthüllt, unsere Hervorhebung), führten die Versuche der Miliz,
die Menschenmenge zu zerstreuen, zu Auseinandersetzungen,
während welchen die Schaufenster einer Reihe von Geschäften
zerbrochen wurden“9. Wir können feststellen, dass die
Informationen ziemlich gut mit der Realität übereinstimmten
und, angesichts des konfusen und in seiner Komplexität schwer
zu verstehenden Sachverhaltes, überraschend klar waren. Ob
sich Volodin an Ort und Stelle befunden hatte? Wir wissen es
nicht. Das TASS Bulletin (mit begrenzter Auflage) informierte
ebenfalls: „...es gibt Nachrichten über ernste Zusammenstöße
zwischen den Sicherheitskräften und den Teilnehmern an
eine gegen die Regierung gerichtete Demonstration, welche
in Timişoara stattfand“10. Die Agentur, welche die Nachricht
7
Ibidem, S. 460-461.
8
Ibidem, S. 461.
9
Ibidem.
10
Ibidem.

261
nur für wenige Personen übermittelte, identifizierte unter den
Repressionskräften die Securitate (den Sicherheitsdienst) und
charakterisierte die Demonstration als gegen die Regierung
gerichtet, nicht als einen einfachen Protest der Einwohner
gegen die Führung der Stadt. Ansonsten stellen wir fest, dass
die Informationen den Geschehnissen in der Stadt ziemlich
nahe waren.
Zwei Tage später (am 21. Dezember) kam die
rumänische Botschaft mit drei sukzessiven Berichten, in
ganz kurzen Zeitabständen voneinander (um 07.35 Uhr, der
zweite um dieselbe Uhrzeit, aber mit einem anderen Inhalt,
und der dritte um 08.00), welche diesmal viel umfangreicher
waren11. Die Berichte bezogen sich auf die Ereignisse der
vorigen Tage, so wie sie in der moskauischen Presse – welche
bei der Veröffentlichung von Nachrichten über Rumänien
keine Einschränkungen mehr hatte – widerspiegelt wurden.
Es wurde nach dem bewährten gewöhnlichen Verfahren
vorgegangen: man berief sich auf Informationen, die von
anderen Presseagenturen übernommen worden waren, zum
Beispiel: BTA (Bulgarien), in denen Vorfälle an der Grenze
mit Rumänien hervorgehoben wurden, von wo die Reisenden
zurückkehren mussten (es wurden auch entsprechende
Abbildungen dargestellt), TANUG (über die Zwischenfälle in
Timişoara, welche mit Toten und Verwundeten geendet hatten.
Es wurde darauf hingewiesen, dass ähnliche Zwischenfälle
in Arad und Oradea existierten.), MIT (über die intensiven
Demonstrationen, die mit Hunderten von Opfern endeten).
Von Bukarest aus wurde eine Mitteilung des Nationalen
Reisebüros (O.N.T.) gemacht, durch welche das Schließen der
Grenzen bekanntgemacht wurde. Außerdem wurde in der
Zeitung Scînteia ein Artikel veröffentlicht, durch welchen die
Staatsbürger darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie die
Verpflichtung hatten, die Gesetze einzuhalten. Die Titel der
Artikel in der russischen Presse waren suggestiv: Spannungen
mit den Nachbaren - Strengere Bedingungen für das Überschreiten
der Grenzen, Spannung in Rumänien, Spannungen an den
Grenzen Rumäniens, Unordnung in Rumänien usw.
11
Ibidem, S. 473.

262
Unter diesen Bedingungen leitete Ion Bucur schon
am Abend des 20. Dezember Kontakte mit den russischen
Verantwortungsträgern ein und protestierte hinsichtlich der
Haltung der Presse im Allgemeinen (und, insbesondere im
Gespräch mit G. Gorinowitsch, Leiter der Generaldirektion
für Beziehungen mit den sozialistischen Staaten, hinsichtlich
des stellvertretenden Chef-Redakteurs von Novoie Vremea,
V. Kulistinow.) Am Abend des gleichen Tages wurde der
rumänische Botschafter zu einer Audienz bei I. P. Aboimow,
Stellvertreter des Außenministers, eine der einflussreichsten
Personen in der Umgebung von Gorbatschow, eingeladen.
Der sowjetische Diplomat informierte den rumänischen
Botschafter, dass die russische Presse tatsächlich die Ereignisse
von Timişoara ausgiebig dargestellt hatte, indem sie von
anderen Agenturen übermittelte Nachrichten verwendeten. Es
war möglich, dass diese nicht unbedingt die richtigsten waren.
Aus diesem Grund wurde die rumänische Partei gebeten, selbst
die Wahrheit über diese Ereignisse mitzuteilen, angesichts
dessen, dass die sowjetische Regierung die Beantwortung der
Fragen der Journalisten, sowie der Interpellationen der in voller
Session befindlichen Abgeordneten nicht mehr verzögern
konnte. Er verlangte eine Informierung, „…zumindest eine
in einem geschlossenen Kreis“. Der russische Amtsträger
erklärte sich überrascht, dass die rumänische Partei einseitig
beschlossen hatte, die Grenze mit der UdSSR. zu schließen,
ohne das Außenministerium davon zu benachrichtigen, so
dass die russischen Reisenden nun ihre rechtzeitig geplanten
und bezahlten Reisen nicht mehr unternehmen konnten.
Am nächsten Tag (den 21. Dezember, 12.00 Uhr) stattete
Ion Bucur Aboimow einen Besuch, aus eigener Initiative, ab12.
Der russische Diplomat erwartete, die Antworten zu den
während der vorhergehenden Audienz gestellten Fragen zu
bekommen. Stattdessen stellte ihm der rumänische Botschafter
die Rede Nicolae Ceauşescus vom Abend des 20. Dezember
„in aller Ausführlichkeit“ vor. Aboimow kommentierte,
selbstverständlich, in keiner Weise, stellte aber einige Fragen,
welche dieses Mal sehr präzise waren: „...hatte es in Timişoara
12
Ibidem, S. 477.

263
menschliche Opfer gegeben? Welche war nun der Sachverhalt
in der Stadt“. Wir müssen und erinnern, dass Timişoara bereits
eine von der kommunistischen Diktatur befreite Stadt erklärt
worden war. Der sowjetische Würdenträger zeigte sich bestürzt
von der von Ceauşescu ausgesprochenen Beschuldigung,
dass die Ereignisse in Timişoara im Vorhinein im Rahmen
des Warschauer Paktes geplant gewesen wären, oder dass die
UdSSR. die Absicht hätte, in Rumänien militärisch einzugreifen.
„Solche Beschuldigungen – sagte er – haben einen so
gravierenden Charakter, dass sie mit großer Aufmerksamkeit
überprüft werden müssen“13. Er präzisierte nicht, wer, mit
wem, zu welchem Zweck und in welcher Form sie überprüfen
musste.
Die Moskauer Presse veröffentlichte weiterhin
Nachrichten, welche für das Bukarester Regime immer
alarmierender und inkriminierender waren. Die rumänischen
Diplomaten versuchten ihrerseits, möglichst diverse
Meinungen aus den russischen offiziellen Kreisen nach Hause
mitzuteilen. In diesem Kontext wird eine sehr interessante
Besprechung festgehalten, zwischen Valeri Muschatow,
Stellvertretender Leiter der Internationalen Abteilung des
Zentralkomitees der Sowjetischen Kommunistischen Partei
(eine nach dem Verschwinden des KOMINTERNS und des
KOMINFORMS sehr wichtige Abteilung) und N. Stânea. Valeri
Muschatow soll, im Wesentlichen, folgendes gesagt haben:
die in den sozialistischen Staaten stattfindenden Prozesse
sind objektiver Art, haben aber einen widersprüchlichen
Charakter; in Polen und Ungarn hatten diese die ursprünglich
vorausgesehenen Grenzen überschritten, die Kommunisten
hatte die Kontrolle verloren. In Bulgarien und in der D.D.R.
wurde die Aufrechterhaltung der Kontrolle mit sehr hohen
Kosten versucht. „Die Haltung gegenüber den ehemaligen
Führungen ist bedauerlich, manche wurden beschuldigt und
werden verurteilt werden, die Haltung gegen die Kommunisten
ist schon maßlos geworden. Wir machen uns Sorgen wegen
des Schicksals unseres Bündnisses“14. Es ist bekannt, dass in
13
Ibidem, S. 478.
14
Ibidem, S. 480. Siehe die Studie von Valeri Muschatow: Accentuarea

264
den engsten Kreisen der sowjetischen Macht viele Aktivisten
mit Gorbatschow nicht einverstanden waren und ihn für
die Entwicklung der Ereignisse zum Nachteil der Sowjets
verantwortlich machten. Muschatow war, wahrscheinlich,
einer von diesen.
Der letzte der Berichte von Moskau, mit direkter
Bezugnahme auf Timişoara, war eine Informierung, in welcher
der Erlass zur Erklärung der Notstandslage im Kreis Timiş sowie
die dazu angeführten Gründe erwähnt wurden. Im gleichen
Geiste informierte die Botschaft über die Berichte hinsichtlich
des katastrophalen Misserfolges der Volksversammlung vom
21. Dezember, nach welchem sich die Berichte auf Ereignisse
in Bukarest konzentrierten.
Die Botschafter Rumäniens in den anderen europäischen
Hauptstädten bemerkten und teilten den zentralen Behörden
in Rumänien immer reserviertere Haltungen gegenüber Lande,
das sie vertraten, mit. Der (am 20. Dezember) eben aus Teheran
zurückgekehrte Ceauşescu bestellte den Geschäftsbeauftragten
der UdSSR. zu sich (der Botschafter war nicht an seiner Stelle),
und warf ihm vor, dass dieser Staat, zusammen mit anderen
Partnern des Warschauer Paktes, feindselige Aktionen gegen
Rumänien koordinierte. Im Laufe des Tages rief der rumänische
Außenminister, seinerseits, die Botschafter der Warschauer
Pakt- und RGW-Länder zusammen und verlangte ihnen, in
den Ereignissen in Timişoara nicht einzugreifen.
Die Presseagenturen und die internationale Presse
schrieben über die Unruhen in „Timişoara und Arad“
(das war interessant, da zu dem betreffenden Zeitpunkt
in Arad überhaupt keine Unruhen existierten), aber die
Nachrichten waren konfus und wurden ganz zurückhaltend
dargestellt. Gleichzeitig mobilisierte die zivile Gesellschaft aus
verschiedenen Ländern (Ungarn, Frankreich, Bulgarien, Polen,
Tschechoslowakei, D.D.R., Jugoslawien, Österreich, usw.) zu
Protestdemonstrationen vor den Botschaften Rumäniens. So
wurde, zum Beispiel, am Abend des 18. Dezember (ungefähr
um 20.00 Uhr) vor der rumänischen Botschaft in Budapest

crizei regimului comunist (Die Betonung der Krise des kommunistischen


Regimes), Timişoara, Art.Pres Verlag, 2009, S. 32-47.

265
eine gewaltsame Demonstration organisiert. Der davon
unterrichtete Vasile Milea ordnet eine erhöhte Wachsamkeit
und die Überprüfung der operativen Pläne für die westliche
Grenze von Rumänien an.
Eine sehr virulente Demonstration wurde vor der
Botschaft Rumäniens in Paris (am Abend des 21. Dezember)
organisiert. Der rumänische Botschafter informierte die
Zentralbehörden, dass sich an der Demonstration zwei
Minister (Brice Lalonde und Bernard Kouchner) sowie mehrere
Abgeordnete beteiligt hatten. Sie verlangten, unverzüglich vom
Botschafter empfangen zu werden.
Als Ergebnis des Kontaktes zwischen den Revolutionären
und dem jugoslawischen Konsul in Timişoara (Mirko
Atanatkovitsch), schickte dieser ihre Botschaft in sein Land,
an mehrere Partei-, Staats- oder soziale Einrichtungen. Auf
Grund der erhaltenen Informationen nahmen diese Haltung
der Beurteilung der Repression in Timişoara an. Die folgenden
waren die Empfänger der Botschaften von Atanatkovitsch:
Das Präsidium der Sozialistischen Föderativen Republik
Jugoslawien;
Das Präsidium des Zentralkomitees des Bundes der
Kommunisten in Serbien;
Das Präsidium der USPM (Sozialistische Union des
Arbeitenden Volkes) in Vojvodina;
Der Verband der Sozialistischen Jugend in Jugoslawien;
Der Studentenverband in Belgrad.
Diese Liste wurde noch nicht veröffentlicht, aber etwas
später präzisierte der ehemalige Diplomat, dass er die Liste
15

und das Programm der Forderungen, die er erhalten hatte,


sicherlich verteilt hatte16.
Wie wir gesehen haben übergaben damals die
Revolutionäre mehrere Listen mit ihren Namen, damit
sie im Ausland der Öffentlichkeit bekannt wurden. Aus
diesem Grund kann ich mir den Umstand nicht erklären,
15
Diese Information wurde anlässlich einer Beteiligung an dem vom
Institut der Rumänischen Revolution vom Dezember 1989 organisierten
Symposium, am 20. Dezember 2009, gegeben.
16
Caietele Revoluţiei (Hefte der Revolution), nr. 4-5/2010, S. 5-6.

266
dass weder die internationalen Media noch die westlichen
Verantwortungsträger die Namen der Leader von Timişoara
niemals in ihren Botschaften erweckten. Dafür würden die
Namen von Pastor Tökes, von Doina Cornea und von Dumitru
Mazilu erwähnt.
Die Öffentlichkeit, die Behörden und die Presse in
Belgrad waren, im Allgemeinen, in enger Verbindung mit der
Atmosphäre in Timişoara. Für den Anfang entschuldigten
sich die Vertreter des Bundes der Kommunisten, im Namen
der Führung, weil die Belgrader Presse, sogar die Parteipresse,
kritische und beleidigende Bemerkungen hinsichtlich der
rumänischen kommunistischen Führer gemacht hatten. Als
Antwort auf eine Anfrage des rumänischen Botschafters
antwortete Ibrahim Gikitsch, der Bundesaußenminister,
folgendes: „Ich kann Sie versichern, dass die vom
Fernsehreporter gemachten Einschätzungen das Ergebnis
seiner persönlichen Interpretierung einer Diskussion
darstellen... Ich finde auch, dass der Reporter tendenziös
war. Ich möchte Sie versichern, dass sich die Stellung des
Bundesaußensekretariats in Bezug auf die Beziehungen mit
Rumänien in keiner Weise geändert hat.... Ich gebe zu, dass in
der jugoslawischen Presse eine Reihe von unsachlichen und
übertrieben Artikeln erschienen sind. Dieses ist das Ergebnis
der Tatsache, dass die Presse in Jugoslawien vollständig außer
Kontrolle geraten ist, und die Journalisten in keiner Form für
das Geschriebene Verantwortung tragen. ... Jugoslawien wird
sich nie erlauben, andere Staaten zu belehren, angesichts der
ernsten Probleme, mit denen es sich selber konfrontiert, aber
auch weil es ansonsten eines Tages möglich wäre, dass andere
versuchen, Jugoslawien zu belehren“17.
Die Position Jugoslawiens gegenüber der Situation in
Rumänien entwickelte sich schnell, und nach nur einigen Tagen
war es soweit, dass der Bund der Kommunisten in Jugoslawien
– welcher sich in vollem Umstrukturierungsprozess befand –
die Unterbrechung jedweder Kontakte mit der Rumänischen
Kommunistischen Partei verkündete und die Einladung
17
Ion Calafeteanu, zit. Werke, S. 416.

267
der rumänischen Delegation zum Kongress des Bundes der
Kommunisten in Jugoslawien zurückzog.
Ebenfalls in Belgrad fand, am 21. Dezember, um 13.45
Uhr, eine Protestversammlung mit etwa 500 Teilnehmern
statt. Die Demonstranten trugen Plakate mit Losungen gegen
die rumänische Führung und hängten in den Bäumen vor der
rumänischen Botschaft Birnen auf.
Die rumänische Presseagentur (AGERPRESS) und die
diplomatischen Vertretungen hielten die hohen Würdenträger
in Bukarest auf dem Laufenden mit den Nachrichten und
Kommentaren der ausländischen Presse über die Ereignisse
im Lande. Die Botschaften in Belgrad, Budapest, Moskau,
Berlin, Sofia und Warschau informierten in Einzelheiten
über die politische Situation in den betreffenden Ländern
sowie über die Natur des Interesses der neuen politischen
Akteure gegenüber Rumänien. Wie schon bemerkt fielen die
Demonstrationen in Timişoara mit wichtigen Veranstaltungen
(Kongressen) ehemals kommunistischer Formationen,
die an der Macht gewesen waren (Ungarn), oder die
Verantwortung der Regierung hatten (Jugoslawien), oder sich
mit Entwicklungen fast außer Kontrolle konfrontierten, wie
im Kongress der Abgeordneten des Volkes (in der UdSSR.). In
einer Fernsehsendung in Moskau wurde (am 21. Dezember)
über den Erlass betreffend die Erklärung der „Notstandslage“
im Kreis Timiş berichtet. Dabei wurde behauptet, dass die
Fabriken nicht mehr arbeiteten und dass die Angestellten die
Wiederaufnahme der Arbeit vom Rückzug der Truppen aus
der Stadt abhängig gemacht hatten (einer überraschend genaue
Information, welche nur von einer Person erfahren werden
konnte, die an Ort und Stelle anwesend war), sowie auch
vom Rücktritt der Führung. Es wurde weiterhin informiert,
dass die Armee bereits begonnen hatte, die Ortschaft zu
verlassen (ebenfalls eine korrekte Information, die nur von
einer auf dem Gebiet fachkundigen und interessierten Person
verarbeitet werden konnte. Und, aufmerksam! Es war keine
Information, die durch direkte Beobachtung erhoben werden
konnte (der Rückzug der Truppen hatte noch nicht begonnen),
sondern eher aus Angaben vom Entscheidungsträger abgeleitet
werden konnten (die Einheiten bereiteten sich vor, die Stadt

268
zu verlassen). Zudem wurden die Informationen in Echtzeit
übermittelt.
Freies Europa informierte seine Hörer über die
Ereignisse in Timişoara und sendete (am 18. Dezember) ein
Kommuniqué seitens des Königs Mihai, zur Unterstützung der
Demonstranten.
Das Thema der nach dem 22. Dezember geschickten
Botschaften war radikal verändert: die meisten von ihnen
begrüßten die Änderung in Bukarest und hatten Vertrauen in
der neuen Führung, andere warteten relevantere Gesten der
neuen Akteure in Rumänien ab, bevor sie sich entscheiden
konnten. Es gab - einschließlich offizielle – Stimmen, die den
Vorschlag eines ausländischen Eingriffs in Rumänien machten,
mit dem Zweck, den Versuch der Terroristen, den ehemaligen
Chef des kommunistischen Regimes wieder an der Macht zu
bringen, zu blockieren.
Ein berechtigtes Anliegen der neuen Behörden in
Bukarest war das Erreichen der internationalen Anerkennung
und Unterstützung. Ich kenne kein Beispiel rumänischen
diplomatischen Personals, welches nach dem 22. Dezember
im Dienste von Ceauşescu geblieben wäre. Es wurden,
öffentlich, keine Fälle verzeichnet, in denen sich rumänisches
diplomatisches Personal vom alten Regime vor seiner
Beseitigung desolidarisiert hätte. Ein Teil der Schwierigkeiten
des Personals der Botschaften resultierten nun aus deren
Unfähigkeit, die Öffentlichkeit des betreffenden Landes von
der Ehrlichkeit der Geste zu überzeugen, durch welche sie
plötzlich verkündeten, dass sie die Interessen des neuen
Regimes vertraten.
Was die Anerkennung der Autorität der Front zur
Nationalen Rettung als repräsentatives Organ des rumänischen
Staates anbelangt, so wurde diese zwischen dem 24. und dem
27. Dezember 1989 verzeichnet. In einem Telegramm (vom
25. Dezember) sagte Petre Gigea, Botschafter Rumäniens in
Frankreich, folgendes: „...Die französischen Behörden haben
am 24. Dezember die Front zur Nationalen Rettung anerkannt.“
Durch das gleiche Telegramm wurde die zentrale Führung in
Bukarest informiert, dass Roland Dumas, der Außenminister,
bei TV5 erklärt hatte, dass „zu einem dringenden Eingriff

269
geschritten werden muss“ und dass der Grundsatz der
Nichteinmischung in innere Angelegenheiten in den Fällen, wenn
es um die Verteidigung der Menschenrechte ging, aufgegeben
werden musste. Er wies darauf hin, dass Frankreich einem
Eingriff der UdSSR. und der Mitgliedstaaten zur Unterstützung
der Revolution zustimmen werde.
Infolgedessen: 1. war Frankreich bereit, einem
sowjetischen Eingriff in Rumänien zuzustimmen und diesen
zu begleiten; und, 2. verwendete Frankreich das Beispiel
Rumäniens, um ein neues Konzept in das internationale
Leben einzuführen: das Aufgeben des Grundsatzes der
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates,
wenn damit die Verteidigung der Menschenrechte gesichert
wird, welche von den Behörden eines Staates verletzt werden.
Zum betreffenden Zeitpunkt schien diese Angelegenheit
unglaublich und, auf alle Fälle, rechtswidrig im Verhältnis
mit der internationalen Praxis. Bis dahin wurden Eingriffe
dieser Art über diskrete Wege gemacht, oder wurden (wenn
sie in offensichtlicher und gewaltsamer Weise erfolgten) von
der internationalen Gemeinschaft verurteilt. In späteren
Jahren (heutzutage, zum Beispiel!) wurde diese Praxis zu
einer Gewöhnlichkeit, was zu einer sichtbaren Instabilität auf
Weltebene führte.
Die direkteste und entschiedenste Botschaft in dieser
Hinsicht kam seitens der ungarischen Regierung. Diese
verlangte (am 22. Dezember) die dringende Einberufung des
Sicherheitsrates, um das Schicksal Rumäniens zu besprechen
und zu entscheiden. Der Antrag fand keine Anhänger,
muss aber festgehalten werden! In der Botschaft wurde „das
organisierte Niedermetzeln des rumänischen Volkes“ verurteilt
und verkündet, dass die ungarische Regierung die Absicht
hatte, „ein organisiertes Helfen des rumänischen Volkes durch
alle Mittel“ zu sichern. Was überraschte war die Mitteilung,
dass dieses Helfen „bereits seit einigen Tagen fortdauere“, ohne
dass präzisiert wurde, worin die Hilfe bestand und genau seit
wie vielen Tagen sie geleistet wurde.
Washington schickte zwei Botschaften: die eine (am
26. Dezember) als das Anerkennen der Front zur Nationalen
Rettung verkündet wurde, und der Botschafter Alan Green

270
Hinweise in diesem Sinne erhielt, und die zweite, einen Tag
später, als Präsident Bush die Bildung der neuen Regierung
begrüßte und sich engagierte, diese konditioniert zu
unterstützen; er versicherte die Regierung seiner Sympathie,
„lobte das Vorhaben, freie Wahlen zu organisieren“ und
erklärte seine Bereitschaft, mit der neuen rumänischen
Regierung „zum Ausbau bilateraler Beziehungen auf Grund
eines gemeinsamen Engagements“, im Sinne einer reellen
demokratischen Entwicklung, beizutragen.
Es ist die einzige auf amtlichem Wege von oberster
Ebene geschickte Botschaft, welche an die Ereignisse in
Timişoara erinnert. „Die Tragödie von Timişoara wird nie
vergessen werden – heißt es in der Botschaft. Sie wird uns
daran erinnern, dass das Streben nach den grundlegenden
Menschenrechten nicht durch Waffengewalt unterdrückt
werden kann. Die Vereinigten Staaten sind bereit, so wie
sie es immer waren, bessere Beziehungen mit Rumänien
zu haben (die Meistbegünstigungsklausel war nicht mehr
wirksam, unsere Hervorhebung). Wenn Rumänien den Weg
einer ehrlichen demokratischen Reform geht, dann versprechen
die Vereinigten Staaten ihre Unterstützung und kräftigen
Beistand. Wir hoffen, dass Rumänien den Bestrebungen der
anderen Länder im Zentrum und Osten Europas, welche in ein
neues Zeitalter der Kooperation zwischen dem Osten und dem
Westen geschritten sind, beitreten wird18.
Die Botschaft der amerikanischen Verwaltung war am
klarsten strukturiert, kohärent und ohne Andeutungen:
a) „Eine schreckliche Last scheint sich von den
Schultern des rumänischen Volkes gehoben zu haben – die
Last eines diktatorialen Regimes. Die Vereinigten Staaten von
Amerika teilen die Freude der rumänischen Nation und stehen
an ihrer Seite, in der Hoffnung eines friedlichen Überganges zur
Demokratie“. (Unsere Hervorhebung. Hier ist der Inhalt des
Prozesses!)
b).”Wir bedauern die tragischen und sinnlosen Verluste
von menschlichen Leben in der letzten Woche und wünschen,
dass der Gewalt ein Ende gesetzt wird!“ (Unsere Hervorhebung:
18
Die Zeitung“Adevărul”, Jahr I, Nr.1, vom 25. Dezember 1989.

271
Hier ist eine der Erwartungen und Anforderungen der
amerikanischen Amtsträger gegenüber den neuen Behörden
in Bukarest!)19.
Die Position der Moskauer Amtsträger scheint
die interessanteste zu sein, leicht konfus, außerhalb des
gewöhnlichen Schemas und scheinbar unzusammenhängend:
Ein Teil ihrer Botschaften waren mit interner Adressabilität (für
die offiziellen und die sowjetischen Pressemilieus, im Sinne,
dass das, was in Rumänien geschehen war der sowjetischen
Strategie der Reformierung und Festigung des Sozialismus in
Europa entsprach, so dass es für das sowjetische Volk keine
Besorgnisgründe gab!). Ein anderer Teil hatte eine externe
Adressabilität (das heißt: die Ereignisse in Rumänien verlaufen
in dem von uns gewünschten Sinn, wir haben die Kontrolle
über das Geschehen, es ist nicht nötig, dass jemand anderer
eingreift, es ist nicht der Fall, dass wir militärisch eingreifen, die
„Breschnew“-Doktrin ist Sache der Vergangenheit, „wir sind
bereit, es als geschenkt zu betrachten“. Um noch überzeugender
zu sein sagte Aboimow bei einer Pressekonferenz, in
Beantwortung einer Frage, folgendes: „Schon vom Anfang (er
präzisierte nicht, welchen Anfang, unsere Anmerkung) wurden
durch die Botschaft der UdSSR. in Bukarest Kontakte mit der
Front zur Nationalen Rettung hergestellt, und diese Kontakte
werden weitergeführt“. Um keinen Raum für Interpretierungen
zu lassen setzte er fort: „Diese Kontakte wurden durch den Rat
der Front eingeleitet. Wir haben uns interessiert, was für Hilfe
wir leisten können. Als wir dieses Problem gestellt haben wurde
uns geantwortet, dass sie politische Unterstützung benötigen.
Wir sichern bereits Beihilfe in der Form von Medikamenten,
Lebensmitteln“.
Eine andere Richtung der sowjetischen Botschaft wurde
durch die rumänische Gesellschaft dargestellt (im folgenden
Sinne: Ceauşescu interessiert uns nicht, wir erkennen die Front
an, wir sind bereit, Hilfemittel zu schicken.)
19
Vor kurzem haben Vertreter der ehemaligen Securitate (der ehemalige
Oberst Paul Teodorescu vom Nachrichtenabwehrdienst) behauptet, dass
die USA ein Sonderflugzeug nach Bukarest geschickt hatten, um Ceauşescu
zu retten. Diese Behauptung wird jedoch durch kein Argument und keine
dokumentare Quelle unterstützt.

272
Die Botschaft an die Leader in Bukarest und das
rumänische Volk enthält allerdings ein neues Element – im
Vergleich mit der in der kommunistischen Welt gewöhnlichen
Praxis, welches unbemerkt geblieben ist. In den bisher
veröffentlichen Beiträgen und Studien „fokussierten“ sich
die Autoren auf den – spektakulären – Gedanken, dass
die Sowjets aufgefordert wurden, in Rumänien militärisch
einzugreifen, aber dass diese – den neuen Grundsätzen
treu – dieses ablehnten. Bei der erwähnten Pressekonferenz
machte der sowjetische Stellvertreter des Außenministers,
Aboimow, folgende Aussage: „...der Staatssekretär der U.S.A.
und die Außenminister von England und Frankreich haben
erklärt, dass sie die Gründe der UdSSR. verstehen werden,
falls diese militärische Hilfe nach Rumänien schicken wird,
Die Antwort der sowjetischen Partei dazu war, dass „sie in die
inneren Angelegenheiten eines anderen Staates nicht eingreift,
unabhängig davon, ob es um einen verbündeten oder einen
anderen Staat geht“20.
Was kann aus dieser Antwort festgehalten werden?
1. Die Sowjets haben mit Sicherheit diese „Erlaubnis“
seitens der ehemaligen Gegner aus der Zeit des kalten Krieges
bekommen. In den schweren Jahren jenes Phänomens war der
Kampf ums Image ganz hart, jeder der Protagonisten beutete
die Fehler seines Gegners auf mediatischer Ebene aus. Ein
offensichtlicher militärischer Eingriff auf einem fremden Gebiet
brachte beträchtliche mediatische Kosten mit sich. Moskau war
gerade dabei, das Image seines Regimes zu kosmetisieren und
es auf der Ebene der westlichen Demokratien, wo der Anteil
und die Glaubwürdigkeit der kommunistischen Parteien,
auf die sie sich stützen konnten, das tiefste Niveau erreicht
hatten, „sympathischer“ zu machen. Die westlichen Mächte
versicherten die Sowjets, dass sie diesmal eine solche Situation
nicht zu ihren Gunsten verwenden würden. Roland Dumas
(der französische Außenminister) verkündete: „Frankreich
wird einen Eingriff der UdSSR. und der Mitgliedstaaten des
Warschauer Paktes billigen“21.
20
Ion Calafeteanu, zit. Werke, Telegramm unterzeichnet von: Ion Bucur, 26.
Dezember 1989
21
Idem. Telegramm des rumänischen Botschafters in Paris, 25. Dezember

273
2. Die sowjetischen Amtsträger bemühten sich zu
erklären, warum sie die so expliziten Anregungen zu einem
militärischen Eingriff in Rumänien ablehnten. Die Argumente
von Aboimow haben wir weiter oben gesehen. Er sagte den
Journalisten: „Das Problem eines Eingriffes jeder Art in die
inneren Angelegenheiten jedwelchen souveränen Staates ist
ein besonderes Problem.“ Demzufolge stellte sich nicht das
Problem, dass es rechtswidrig war, so wie es eigentlich in der
internationalen Gesetzgebung jener Zeit war.
3. Eine andere Erklärung stützte sich auf „die
Überzeugung der verbündeten Staaten, dass das rumänische
Volk das Schicksal des Landes in seinen Händen genommen
hatte und, trotz des erbitterten Widerstandes der Kräfte des
Totalitarismus, im Kampf für Freiheit und Demokratie siegen
sollte. Gerade in Anbetracht dieses Umstandes war zu verstehen,
dass es wünschenswert war, jede Form einer kollektiven
Aktion, welche an die Praxis der Vergangenheit erinnert hätte,
zu vermeiden. Die UdSSR. machte auch mit anderen Staaten
einen Meinungsaustausch über die Situation in Rumänien,
„nachdem die Solidarität mit den Rumänen gegenwärtig eine
moralische Verpflichtung der gesamten Weltgemeinschaft
darstellt“. Es ist gut möglich, dass sich diese „Überzeugung“
auch infolge der Antwort von General Guşă „festigte“, welche
von diesem auf die ärgerlichen Fragen der sowjetischen und
ungarischen Militäramtsträger in der Nacht vom 22. zum 23.
Dezember gegeben wurde.
Ich bleibe, dennoch, bei meiner Meinung, dass die
Bedeutung dieser Haltung überschätzt wurde: wenn die
Sowjets den Eingriff geplant hatten und ihn für notwendig
hielten, dann konnten sie über den Willen des Generals, ohne
Probleme, hinweggehen. Die Geste an und für sich muss,
sicherlich, festgehalten werden, sie erscheint sogar als mutig in
dem gegebenen Kontext. Auf alle Fälle fand eine Beratung des
Politischen Konsultativkomitees des Warschauer Paktes zur
Analysierung des Sachverhaltes in Rumänien nicht mehr statt.
„Wird das konsultative Treffen der Außenminister der Staaten
des Warschauer Paktes hinsichtlich der Situation in Rumänien
noch stattfinden?“, wurde ein russischer Amtsträger gefragt.
Und dieser antwortete: „Es wurde über ein solches Treffen

274
gesprochen, aber, angesichts der Entwicklung der Lage, wurde
es nicht als notwendig erachtet“22.
Ohne am guten Glauben der Moskauer Amtsträger in
der Nähe von Gorbatschow Zweifel zu haben müssen wir noch
einige der offiziellen Position widersprechende Informationen
festhalten, welche vorläufig noch nicht geklärt worden sind.
Es ist wahr, dass die neue sowjetische politische Klasse weit
entfernt war vom „genossenschaftlichen Geist“ und der
„Monolith-Einheit um den Führer“ der vergangenen Zeiten,
so dass es nicht ausgeschlossen ist, dass manche „Genossen“
ernstlicher Weise an die Notwendigkeit und die Möglichkeit
eines Eingriffes dachten. Ein solches Vorhaben muss gründlich
vorbereitet und begründet werden, um, in erster Reihe, von der
russischen Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, die nach dem
Experiment „Glasnosti” und „Perestroika” immer bunter und
„liberalisierter“ wurde. Es gab, vielleicht, noch nostalgische
sowjetische Leader, welche sich gewünscht hätten, einen heftigen
Eingriff in die Ereignisse in Rumänien durchzusetzen; so kann
der Inhalt der Erklärung der offiziellen Presseagentur „TASS“
erklärt werden, welcher vom Kommuniqué des sowjetischen
Außenministeriums (radikal) verschieden ist23. Die Erklärung
erinnert an die ältere Strategie der Sowjets, welche, vor den
„großartigen Gesten“, welche die Verteidigung des bedrohten
Kommunismus voraussetzte, die Agentur heranzog, um den
apperzeptiven Hintergrund dazu zu schaffen.

Merkblatt Nr. 10
ERKLÄRUNG DER TASS Agentur

23. Dezember 1989, Moskau


Aus Bukarest kommen alarmierende Nachrichten
hinsichtlich des Umstandes, dass in einigen Teilen der Stadt
bewaffnete Zusammenstöße fortgeführt werden. Gruppen von
22
Ion Calafeteanu, zit. Werke, S. 683-685.
23
Ion Chiper, Documente privind poziţia conducerii U.R.S.S. faţă de
Revoluţia Română (23-24 decembrie)(Dokumente betreffend die Position der
UdSSR. hinsichtlich der Rumänischen Revolution (23.-24. Dezember); Clio
1989, Jahr I, Nr.1-2, 2005, S. 204-206.

275
Gegnern der Änderungen, welche im Lande stattgefunden haben,
greifen die Sitze des rumänischen Rundfunks und Fernsehens an,
in denen sich die Mitglieder des Rates der Front zur Nationalen
Rettung aus Rumänien befinden. Infolge der Handlungen dieser
Formation befand sich in der Rückzugszone (wessen Rückzug?
unsere Hervorhebung), zufällig, ein Wohnhaus, in welchem sich
die Familien der Mitarbeiter der sowjetischen Handelsvertretung
befinden. Bewaffnete Personen drangen in das Gebäude ein und
schießen von dort (wohin und auf wen? unsere Hervorhebung).
Im Gebäude sind Brände ausgebrochen, das Leben sowjetischer
Bürger, darunter Frauen und Kinder, ist ernsten Gefahren
ausgesetzt.
Die Sowjetunion kann gegenüber dem Schicksal der
sowjetischen Bürger nicht gleichgültig bleiben und verlangt
deshalb jenen, welche die erwähnten Aktionen eingeleitet und
das Leben sowjetischer Bürger in Gefahr gesetzt haben, sofort
aufzuhören“24.
Eine typische Erklärung – nach der sowjetischen Logik,
und ein absolut hinreichender Grund, damit die UdSSR. – die
tatsächlich gegenüber der Ermordung seiner eigenen Bürger
nicht gleichgültig bleiben konnte – einherkam, um seine
in Todesgefahr befindlichen Mitbürger zu verteidigen (bei
anderen Anlässen war sogar mit schwächeren Begründungen
eingegriffen worden!). Vom Standpunkt der Media waren die
Voraussetzungen geschaffen worden, einige Vorfälle in der
Nähe der Grenzen konnten auch nicht übersehen werden und
die ehemaligen Gegner der Sowjets waren bereit, eine solche
Aktion zu begrüßen.
Wie kann, letzten Endes, wenn also alles vorbereitet
war, die Zurückhaltung der Sowjets erklärt werden? Eine
Antwort auf diese Frage wird nur dann möglich sein, wenn alle
dokumentarischen Quellen verfügbar sein werden.

Aus meiner Sicht können die Erklärungen dazu
folgende sein:
1. Die interne Lage in der Sowjetunion war weit
davon entfernt, stabil zu sein; eine zusätzliche Krise – jenseits
der Grenzen – wäre schwer zu bewältigen gewesen und
24
Ion Calafeteanu, zit. Werke, S. 606

276
setzte finanzielle Mittel voraus, welche zu dem betreffenden
Zeitpunkt unmöglich zugewendet werden konnten (aus
diesem Grunde ist auch die Behauptung unglaubwürdig, dass
30.000 KGB-Agenten nach Rumänien geschickt worden waren
und ein Jahr lang hier in Mission blieben. Diese Zahl wurde
später revidiert und von den Autoren ständig verkleinert, bis
es einige Dutzende blieben. Auf alle Fälle war die betreffende
Anzahl durch kein Dokument, ob russisch oder rumänisch,
unterstützt! Man kann sich schwer vorstellen, wo diese Leute
schliefen, wie sie sich ernährten, wie sie bezahlt wurden, usw.)
2. Eine Koordinierung mit den Verbündeten des
Warschauer Paktes war nicht möglich; die Einheit dieses
Militärblocks war bereits zur Fiktion geworden; einige Partner
verfolgten ihre eigenen Interessen oder förderten Interessen
von außerhalb des Bündnisses.
3. Es steht fest, dass ein Eingriff der Sowjets in
Rumänien nur gleichzeitig mit einen französischen oder
einem französisch-und-englischen Eingriff erfolgen konnte
(die Amerikaner hatten sich in dieser Hinsicht nicht geäußert).
Dabei wussten die Moskauer Leader (wenn auch unter den
sowjetischen Verantwortungsträgern auch Voluntaristen oder
Nostalgiker existierten!), dass sie in dieser Weise jede Kontrolle
über den rumänischen Raum verlieren konnten oder dass, auf
alle Fälle, die Entwicklungen in der rumänischen Gesellschaft
zusammen mit anderen Machtzentren entschieden werden
konnten. Wir müssen uns daran erinnern, dass es im Dezember
1989 wenige gab, welche es wagten, ein schnelles Ende des
sowjetischen Königreiches vorauszusehen.
Die Franzosen waren übrigens sehr aufdringlich in
Bezug auf den Eingriff in Rumänien. Im Folgenden ist eine
Auswahl von Ideen aus den Berichten des rumänischen
Botschafters in Paris: „R. Dumas hat darauf hingewiesen,
dass die französische Regierung, auf Antrag, Rumänien auch
mit anderen Produkten helfen kann. Er zeigte, außerdem,
dass Frankreich eine eventuelle militärische Hilfe seitens
der UdSSR. unterstützen würde, falls diese es für notwendig
erachten würden. (unsere Hervorhebung). Andere Politiker
verlangen, dass die westlichen Staaten in Rumänien eingreifen,
weil es nicht eine interne Angelegenheit von Rumänien,

277
sondern eine europäische sei (unsere Hervorhebung) ...Roland
Dumas erklärte, dass Frankreich humanitäre Notfallhilfe
schicken werde (Arzneimittel, medizinische Geräte. Es wurde
präzisiert, dass das Rumänische Fernsehen Videokameras und
technische Ausrüstung benötigte). Es sind auch patriotische
Garden vorbereitet (unsere Hervorhebung)... der französische
Außenminister erklärte: „Alle die, die von der Lage in Rumänien
motiviert sind, spüren das Bedürfnis, zu kämpfen. Deswegen
muss zum „Noteingriff “ geschritten und der Grundsatz der
Nichteinmischung beseitigt werden, um die Menschenrechte
verteidigen zu können. Die Lage in Rumänien macht die
Einführung dieses neuen Begriffes in das internationale juristische
Arsenal notwendig“. Diesem würde, als Großmacht, auch sein
Land beitreten. Dieser „Noteingriff “ könnte auch in der Form
einer internationalen Brigade vorgenommen werden... (unsere
Hervorhebung). Heute, 24.12., fliegen nach Rumänien, über
Sofia, zwei Flugzeuge mit 70 Tonnen medizinischen Produkten
und 60 auf dem Gebiet der Medizin tätige Personen, um der
Stadt Bukarest zu helfen, auch mit Feldkrankenhäusern....
Der französische Leader Jacques Chirac sprach sich, am 24.
Dezember, für die Gewährung einer militärischen Hilfe für
Rumänien“25.
Aus meiner Sicht werden die Einstellung und das
Verhalten der Sowjets während der Krise (zumindest)
durch diese drei Elemente erklärt. Ansonsten singt es genug
Informationen, aus denen hervorgeht, dass an manchen Stellen,
insbesondere an der östlichen Grenze, gefährliche Ereignisse
und Vorfälle vor sich gingen26.
25
Ibidem, S. 647-648.
26
Adi Cristi, Revoluţia la Iaşi (Die Revolution in Iaşi), Iaşi, TipoMoldova,
2006, S. 277-278. Es wird das Gespräch zwischen dem neuen Führer des
Landkreises - Doru Ţigău – und dem Oberst Cioară, von der Mechanisierten
Division in Iaşi, wiedergeben. Ein russischer General hat verlangt, im
Namen der sowjetischen Macht, uns zu helfen, mit Truppen einzudringen,
wir sollten ihm die Logistik bis Bukarest sichern, Öl, Dieselöl, was sie sonst
noch brauchten... denn er hat einen Anruf von Bukarest bekommen, die
rumänische Revolution zu verteidigen.... Der Oberst Cioară sagte dem Führer
des Landkreises: „Ich bin mit so einer Sache nicht einverstanden. Ich habe
an General Guşă Bericht erstattet, und er war auch nicht einverstanden...
Wenn ich das jetzt erzähle – sagt Ţigău - klingt es theatralisch, überholt und

278
Es ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Kreise in
der sowjetischen Armee versucht hatten, eine Entscheidung
des Kremls zu erzwingen oder – noch mehr – ihn vor einer
vollendeten Tatsache zu stellen, umso mehr, als sie in jedem
Augenblick „Gehilfen“ finden konnten, auf welche sich die
russischen Truppen, nach ihrem Eindringen in Rumänien,
stützen konnten.
Der andere – und wichtigste – Aspekt, welcher in
den Botschaften der Sowjets überrascht ist gerade ihr Inhalt
und ihre Form. Es wurde bei vielen Anlässen behauptet, dass
die Änderungen in Rumänien nur „Fassade“ waren, dass sie
das Wesen des Regimes, das sich „demokratisierte”, aber in
seinen grundlegenden Merkmalen kommunistisch blieb,
nicht beeinträchtigten. In dieser Situation befand sich (bis
zum Jahr 1991) das Regime in Moskau; die von Gorbatschow
eingeleiteten Reformen nahmen sich vor, das kommunistische
System zu modernisieren, und nicht zu beseitigen.
Wenn wir akzeptieren, dass die Änderungen in
Bukarest „zur Fassade” waren, unter der Kontrolle oder der
Eingebung von Moskau, und wenn das kommunistische
System nicht in Gefahr war, dann wäre es selbstverständlich
gewesen, dass die sowjetischen Kommunisten, welche noch an
der Macht waren, ihre rumänischen Kollegen – zumindest um
den Schein zu wahren – „genossenschaftlich” begrüßten und
die innerhalb des sozialistischen „Lagers” bewährten „Zutaten”
und Gepflogenheiten anwendeten. Doch was geschah in
Wirklichkeit?
1. Zu einer Zeit, in welcher sich in Rumänien die
Angestellten, in manchen Unternehmen, noch immer mit
„Genosse” anredeten, waren die Botschaften aus Moskau an
die „Herrn” rumänischen Leader gerichtet (mit Ausnahme
des Treffens der rumänischen Leader mit dem sowjetischen
Botschafter, vom 27. Dezember 1989!) Heute scheint eine solche
Bemerkung belanglos, doch damals konnte das Fehlen dieses
Wortes bedeuten, dass im Kreml bereits davon ausgegangen
schmalzig, aber es geschah genauso. Wir umarmten uns, küssten einander,
er ging zu seiner Armee, ich – zu meinen Revolutionären.”

279
wurde, dass sich die rumänische Gesellschaft in eine andere
Richtung bewegte.
2. Die Ermutigungen, die Erfolgswünsche und
das Unterstützungsversprechen, welche vom Führer der
sowjetischen Kommunistischen Partei und der sowjetischen
Regierung nach Bukarest übermittelt wurden enthielten keine
Bezugnahme auf die Errichtung des Sozialismus (nicht einmal
eines reformierter Art!). Die angewendeten Begriffe waren:
„der Weg der demokratischen Erneuerung“, „tiefgehende
Umwälzungen“, „Die sowjetischen Menschen sind solidarisch
mit dem rumänischen Volk, welches die Ideale der Freiheit, der
Demokratie und der Würde anwendet.“ (also nicht die Ideale
des Sozialismus oder Kommunismus, unsere Anmerkung).
Die UdSSR. beeilte sich übrigens nicht, den Rat der
Front zur Nationalen Rettung anzuerkennen; die ersten der
östlichen Staaten, welche die neue Verwaltung in Bukarest
anerkannten, waren die Deutsche Demokratische Republik und
Ungarn. Aboimow beantwortete die Frage eines Journalisten zu
diesem Thema, indem er sagte, dass die sowjetische Regierung
den Rat der Front zur Nationalen Rettung stillschweigend
anerkannt hatte und dass es kein Problem wäre, dieses, wenn
notwendig, auch förmlich zu tun. Als er (am 26. Dezember)
gefragt wurde, ob Gorbatschow mit Ion Iliescu geredet hatte,
antwortete der sowjetische Amtsträger, dass die Regierung mit
dem Rat der Front zur Nationalen Rettung durch die Botschaft
in Verbindung steht, aber dass die beiden bis dahin direkt nicht
gesprochen hatten27.

Merkblatt Nr. 11
Telegramm
Von Michail Gorbatschow an Ion Iliescu
(26. Dezember 1989)

Bitte empfangen Sie meinen herzlichen Glückwunsch für


Ihre Wahl als Vorsitzendes des Rates der Front zur Nationalen
27
Sie sollten am nächsten Tag miteinander sprechen (am 27. Dezember,
gerade während der ersten Tagung des Rates der Front zur Nationalen
Rettung. Ion Iliescu informierte sofort alle Mitglieder des Rates über dieses
Gespräch.)

280
Rettung von Rumänien. Sie stehen an der Spitze der Führung
Ihres Landes in einer für dieses schwierigen Zeit, wenn sich die
rumänischen Patrioten entschlossen für die Rettung der Nation
von den Kräften der Willkür und des Terrors, für die echte
Behauptung der demokratischen Ordnung auf ihrem Boden
ausgesprochen haben.
Im vollen Verständnis der ganzen Komplexität und
Bedeutung der Aufgaben, welche vor der Front zur Nationalen
Rettung stehen, möchte ich Sie versichern, dass das befreundete
rumänische Volk auf seinem Weg der Erneuerung Unterstützung
seitens der Völker und der Führung der Sowjetunion finden wird.
Unsere Länder sind durch alte und dauerhafte
Bündnisbeziehungen miteinander verbunden, sie unterhalten
nachhaltige ökonomische und kulturelle Beziehungen (kein Wort
über die ideologischen oder militärischen, unsere Anmerkung).
Ich bin überzeugt, dass nun neue und weite Möglichkeiten für die
Erweiterung und Konsolidierung der sowjetisch-rumänischen
Zusammenarbeit eröffnet werden, im gegenseitigen Interesse
unserer Völker, im Interesse des Friedens und der Stabilität in
Europa. (Kein Wort über das gemeinsame Interesse hinsichtlich
des Sieges des Sozialismus oder dessen Verteidigung, unsere
Anmerkung)28.
Weiter unten wird ein Artikel aus einer amerikanischen
Zeitung wiedergeben, aus welchem die Wahrnehmung der
amerikanischen Media gegenüber den Ereignissen in Rumänien
hervorgeht. Der Artikel ist vor allem deshalb von Interesse, weil
– während sich andere Veröffentlichungen auf die Ereignisse
in Bukarest konzentrierten (und nach deren Auslösung die
Ereignisse in Timişoara vergessen wurden), Baltimore Sun den
Sinn und den tragischen Charakter der Ereignisse in Timişoara
auch nach der Auslösung der Ereignisse in Bukarest erkannte,
so wie das auch Präsident Bush machte.

28
“Adevărul”, Jahr 1, Nr.3, vom 27. Dezember 1989

281
Merkblatt Nr. 12
“Wiedergeburt einer Nation“29

„Das tyrannisierte und verarmte rumänische Volk


hat für seine Freiheit mehr gezahlt, als seine Nachbarn. Wie
leicht wurde die Macht von den kommunistischen Regimes
in Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen, Bulgarien und
Ostdeutschland aufgegeben!
Die Rumänen haben Opfer gemacht, die sich andere
Völker im Osten Europas nur vorstellen können, um, nach ihren
Hoffnungen, zum gleichen politischen Status zu kommen.
Die Opfer von Timişoara (unsere Hervorhebung), die
gemarterten Kinder und die nicht identifizierten Leichen
haben für die Überlebenden diesen Tag der Freiheit, sowie die
Chance einer ganzen Nation auf ein dezentes Leben gewonnen.
Ihre Opfer verpflichten die Überlebenden zu einer besonderen
Verantwortlichkeit. Das von Ion Iliescu zusammengebastelte
provisorische Regime darf sich nicht an die Macht klammern,
es muss, ganz im Gegenteil, gegenüber jenen, welche kein
Vertrauen in der Regierung haben, Toleranz ausüben. Die
schnelle Bestrafung der beiden Ceauşescus scheint den
Morgen des Weihnachtsfeiertages geschändet zu haben.
Ihre summarische Hinrichtung schwärzte das Konzept des
Gerichtsverfahrens an und ersparte ihnen zu leicht die verdiente
öffentliche Demütigung. Aber sie war entscheidend. Sie setzte
dem Widerstand einen Halt, ließ die Menschen frei atmen
und erweckte die Hoffnung, dass ein neuer Anfang möglich
ist. Die dringendste Maßnahme, welche der Regierung, Herrn
Iliescu verlangt wird, ist, das Blutvergießen und die Racheakte
zu stoppen.
Herr Ceauşescu errichtete die Herrschaft des Terrors
und starb so, wie er führte, aber dieses muss jetzt enden.
Rumänien braucht politische Toleranz – welche den „ruhigen“
Revolutionen in Ungarn und in der Tschechoslowakei

29
Ein von der Zeitung Baltimore Sun am 27. Dezember 1989 veröffentlichter
Artikel

282
so charakteristisch war. Rumänien braucht Lebensmittel,
Heizung, Licht, alle Bedürfnisse eines Lebens, die von
Ceauşescu verweigert wurden. Die Wahlen sind für den April
versprochen worden. Vor einigen Tagen hatte Rumänien
kein politisches Leben. Heute gibt es in Rumänien mehrere
Oppositionsparteien, außer der Front zur Nationalen Rettung.
Vor Weihnachten hatte Rumänien keine freie Presse
und kein freies Fernsehen, und Politiker mit Erfahrung in
einer freien Gesellschaft gab es nicht. Während sich die Armee
und die Restbestände der Kommunistischen Partei Mühe
geben, im Zentrum zu bleiben, ist die Bevölkerung ungläubig.
Dieses bedeutet nicht, dass die Wahlen verschoben werden
müssen. Die Wahlen müssen abgehalten werden, unabhängig
ihrer Ergebnisse, und müssen wieder abgehalten werden,
wenn sich das politische Leben revitalisiert, wenn eine neue
Verfassung geschrieben worden ist und die Rumänien ein
politisches System zu kristallisieren beginnen. Im Jahr 1900
war Rumänien der drittgrößte Hersteller von Weizen in
der ganzen Welt. Die gegenwärtige Armut wurde nicht von
geographischen Bedingungen, sondern von den Folgen des
Kommunismus verursacht. Rumänien hat tolerante Menschen
und eine unter ausländischer Herrschaft und inländischer
Unterdrückung entwickelte nationale Tradition. Die Rumänen
haben bisher überlebt. Jetzt haben sie die Chance, tatsächlich
ein neues Rumänien aufzubauen, aber dafür müssen sie sich
auf sich selber verlassen“30.

30
Apud: Revoluţia Română văzută de ziarişti americani şi englezi (Die
Rumänische Revolution aus der Sicht amerikanischer und englischer
Journalisten), S. 42.

283
V. DIE EINFÜHRUNG DER
NEUEN, POSTREVOLUTIONÄREN
EINRICHTUNGEN

Die Führung eines Staates umfasst Perioden der Stabilität


und Übergangsperioden, welche einander abwechseln. In der
Übergangsperiode – welche zeitmäßig verschieden sein kann –
sind die Phänomene sehr komplex. Der Übergang kann die
Übertragung der Prärogativen der Stellung als Staatschef von
einer Person auf die andere bedeuten, aber er kommt auch
in den Fällen häufig vor, wenn, infolge einer demokratische
Übung, eine Änderung der Regierung zustande kommt. Der
Begriff ist außerdem im laufenden Sprachgebrauch anwesend,
wenn wir einen von einer Regierung oder einem politischen
Leader eingeleiteten umfassenden Änderungsprozess in der
politischen, ökonomischen, sozialen Führung analysieren.
In diesem Sinne haben manche
Machtübertragungsperioden einen zwingenden Charakter, sie
werden von bestimmten Bedürfnissen gefordert, von einer neuen,
von vielen Standpunkten von der vorherigen Realität verlangt.
In der Regel setzt der Übergang von einem politischen
System zu einem anderen eine Transitionsperiode voraus, in
welcher sich die Machtstrukturen neu definieren oder auf neuen
Grundlagen setzen, wobei die Macht, im Prinzip, personalisiert
ist. Wir haben aber auch das Beispiel des Überganges von einem
demokratischen Regime zu einer monarchischen Autorität,
im Februar des Jahres 1938, als die Überleitung der Macht –
organisiert von der gleichen Person, die sie vorhin geführt
hatte – Karl II. – ohne sichtbaren Erschütterungen erfolgte.
Bei einer vergleichenden Untersuchung der
beiden neueren Machtübertragungsperioden (1947-1948,
beziehungsweise 1989-1990) können einige sehr interessante
Elemente überraschen. Die Machtübertragung hatte, in
diesen beiden Perioden, einige ähnliche Merkmale, aber auch

284
zahlreiche Unterschiede. Auch hinsichtlich der Ausübung der
Macht in der Übergangszeit können Unterschiede sowohl in
der Form, als auch im Wesen festgestellt werden. Es wird im
Allgemeinen vorausgesetzt, dass die Ausübung der Macht im
Staat während den Stabilitätsperiode von einem komplizierten
gesetzlichen und Normungsrahmen geregelt wird, so dass die
Missbräuche oder die voluntaristischen Gesten der Behörden
beschränkt sind und, je nach dem Fall, bestraft werden. In den
Übergangsperioden, wenn der gesetzliche Rahmen umstritten
oder umstreitbar ist, und die Änderung gerade vor ihrer
gesetzlichen Regelung erfolgt, dann nimmt die provisorische
Einrichtung riesige Verantwortlichkeiten auf sich auf. So
kommt es, dass, paradoxerweise, die Macht einer Behörde
während der Übergangszeit größer als in den ruhigen Zeiten ist,
und, selbstverständlich, auch von mehreren – beabsichtigten
oder unbeabsichtigten – Missbräuchen begleitet, insbesondere
wenn die Personen, welche sie ausüben, nicht einmal eine
minimale Erfahrung im öffentlichen Dienst haben.
Der (interne und externe) Kontext, in welchem in
den beiden genannten Perioden die Überleitung der Macht
erfolgte, war sehr komplex und, selbstverständlich, für jede
der betreffenden Perioden verschieden. Ab Oktober 1944
wurde Rumänien – mit der Zustimmung der westlichen
demokratischen Kräfte (Großbritannien) in der sowjetischen
Einflusszone aufgenommen1. Die Sowjets hatten die Freiheit,
einen Weg zu finden, um in Rumänien ein neues Regime,
eine ihren Interessen entsprechende Person als Präsident
des Rates, eine politische Formation, die bereit war, ihr
System zu akzeptieren und eine diesem System passende
Staatsform durchzusetzen. Die Monarchie war eine mit dem
kommunistischen System inkompatible Einrichtung, gebraucht
wurde eine Republik, aber nicht irgendeine, sondern eine
1
Siehe: Encicopedia istoriei politice a României, ediţie Stelian Neagoe
(Enzyklopädie der politischen Geschichte Rumäniens, Ausgabe Stelian
Neagoe), Bukarest, ISPRI Verlag, 2003, S. 358. Es wird das Ergebnis des
Treffens Churchill – Stalin aus dem Zeitraum 9.-18. Oktober 1944, in
Moskau, dargestellt, als das berühmte Prozentsatz-Abkommen hinsichtlich
der Einflusszonen in Europa erreicht wurde. Die Sowjets besaßen 90% des
ausländischen Einflusses in Rumänien.

285
Volksrepublik. Langsam, aber sicher bildeten die Sowjets im
Lande Stützpunkte für ihr Vorhaben, insbesondere nach dem
stürmischen Durchsetzen der Regierung von Dr. Petru Groza,
in welcher die Kommunisten die wichtigsten (nicht unbedingt
die meisten!) Hebel besaßen.
Der 30. Dezember 1947 war ein ereignisreicher Tag,
an dem sich alles in einer äußerst schnellen Aufeinanderfolge
abspielte: die Audienz beim König (während derer Petru
Groza und Gheorghiu-Dej dem König die Unterzeichnung
der Abdankungsurkunde aufzwangen), die Regierungssitzung
(in welcher die betreffende Urkunde vorgestellt wurde),
und die Einberufung der Abgeordnetenversammlung
(welche sie genehmigte und Rumänien als Volksrepublik
erklärte). Die Aufgaben eines Staatschefs wurden von einer
Mannschaft (von 5 Persönlichkeiten – C. I. Parhon, Mihail
Sadoveanu, Ştefan Voitec, Gheorghe Stere, Ion Niculi)
übernommen, welche Präsidium der Volksrepublik Rumänien
genannt wurde, beziehungsweise, ab April 1948 (nach der
Annahme der neuen Verfassung), Präsidium der Großen
Nationalversammlung (zusammengesetzt aus 19 Personen).
Die Gesetzesverordnungen wurden von C. I. Parhon, in seiner
Eigenschaft als Präsident des Präsidiums (nicht der Republik)
unterschrieben, jedoch nur nachdem sie in diesem Gremium
abgestimmt wurden. Nach der Abschaffung des Präsidiums der
Großen Nationalversammlung wurde die Verantwortung eines
Staatschefs auf einen Staatsrat übertragen (21. März 1961),
und blieb dort auch nachdem die Funktion des Präsidenten
der Republik eingeführt wurde (im April 1961), welche, in
willkürlicher und extrem autoritärer Weise, von Nicolae Ceau­
şescu ausgeübt wurde.
Durch das Kommuniqué des Rates der Front zur
Nationalen Rettung an das Land (vom 22. Dezember 1989,
23.00 Uhr), wurden das rumänische Volk und das Ausland
informiert, dass der Ceauşescu-Klan von der Macht beseitigt
worden war. Praktisch wurde Ceauşescu zusammen mit
seinem Amt beseitigt, denn Ion Iliescu (welcher das betreffende
Kommuniqué als einer der 39 Mitglieder des Rates vorstellte)
maßte sich keinen Augenblick die Funktion als Präsident

286
Rumäniens (nicht einmal zeitweilig!) an, bis zu den Wahlen
vom 20. Mai 1990.
Einige Stunden lang wurde (am Nachmittag des
22. Dezember) versucht, verschiedene Führungslösungen
durchzusetzen. Diese wurde, der Reihe nach (nach einigen
Minuten oder Stunden) abgelehnt, entweder, weil es nicht
gelang, ihre Glaubwürdigkeit und Mitarbeitsfähigkeit mit den
noch funktionierenden Institutionen des Staates zu beweisen,
oder weil sie von der Menschenmenge aus dem Gebäude des
Zentralkomitees oder vom Palastplatz angefochten wurden.
Auf Grund derselben Logik wurde versucht, die
Mannschaft um Ion Iliescu durchzusetzen – und es gelang.
Ich möchte hier auf die Gebrechlichkeit der Anfangsmomente
der Machtübernahme durch diese Mannschaft nicht
eingehen (ich erinnere an die Abstoßungsreaktion, welche
im Augenblick bemerkbar wurde, als sich Ion Iliescu mit der
Anredeform „Genossen“ an die Menschenmenge richtete,
als „Ohne Kommunisten“ skandiert wurde); ihrem Leader
– ein geschickter Politiker, gelang es, letzten Endes, diese zu
überwinden.
Hitzige Diskussion gab es sogar hinsichtlich der
Benennung der Einrichtung, die das Funktionieren des Staates
bis zu den freien demokratischen Wahlen sichern musste, und
deren Programmes.
Schließlich wurde für die Benennung „Front zur
Nationalen Rettung“ optiert2. Die Position von Ion Iliescu im
Rahmen des Rates der Front zur Nationalen Rettung (als „Erster
unter Gleichen“) passte einigen Ehrgeizigen in seiner Nähe,
welche überzeugt waren, dass sie keine Chance gehabt hätten,
sich alleine zu behaupten, und die Hoffnung hegten, ihn gemäß
ihren individuellen oder Gruppeninteressen manipulieren zu
können. Ihre Hoffnungen wurden in einem geringen Maße
bestätigt, da die rumänische Politik, nach einigem – unter den
2
Hinsichtlich der Wahl der Benennung für die neue Einrichtung in Bukarest
halten wir auch die (nicht finalisierte!) Absicht fest, die Benennung von
Timişoara (Rumänische Demokratische Front – F.D.R.) zu übernehmen.
Der Vorschlag wurde, während der heftigen Diskussionen zu diesem
Thema, von Ion Iliescu selbst gemacht, aber von den anderen Teilnehmern
an der Debatte nicht unterstützt.

287
damaligen Umständen erklärlichen Zögern – einen anderen
Weg wählte.

Einige Tage lang (22.-27. Dezember) unterzeichnete
Ion Iliescu als Vorsitzender des Rates der Front zur Nationalen
Rettung, und wurde in dieser Stellung sowohl von der
beschränkten Mannschaft, die ihn umgab, als auch von der
Bevölkerung, die ihn nicht anfocht, akzeptiert.
Aus Sicherheitsgründen wurde der Rat erst am 27.
Dezember komplett einberufen. Bei der Gelegenheit wurde Ion
Iliescu in impliziter Form als Vorsitzender des Rates bestätigt.
Das Ausland erkannte ihn ziemlich schnell als Staatschef, sogar
vor der ersten Sitzung des Rates der Front zur Nationalen
Rettung.
Angesichts dessen, dass im Kommuniqué verkündet
worden war, dass die Strukturen des alten Regimes aufgelöst
waren (über die Aussetzung der Verfassung wurde nicht
ausdrücklich gesprochen!), und die Macht vom Rat der Front
zur Nationalen Rettung übernommen wurde, wurde, implizit,
auch verstanden, dass der Vorsitzende des Rates auch Staatschef
ist. Etwas später (am 9. Februar 1990), als sich der Provisorische
Rat der Nationalen Union bildete, wurde Ion Iliescu als dessen
Vorsitzender gewählt, unterzeichnete jedoch nur Akte, welche
vorhin vom Bureau des Rates der Front zur Nationalen Rettung
– später Provisorischer Rat der Nationalen Union – abgestimmt
worden waren, an deren Sitzungen er sich, als Vorsitzender des
Rates der Front zur Nationalen Rettung, beziehungsweise des
Provisorischen Rates der Nationalen Union, beteiligte.
Eine Darstellung der Übernahme der Macht im Kreis
Timiş und in der Kreishauptstadt Timişoara muss im Kontext der
gleichartigen Ereignisse (Machtübernahme auf lokaler Ebene)
erfolgen, welche nach dem überstürzten Abzug von Ceauşescu
(die ein Aufgeben der Macht symbolisierte) im ganzen Land
stattfanden. Dieses geschah ohne beträchtliche Probleme,
aber doch nicht ganz einfach, angesichts der Episode mit den
„Terroristen“ und der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit
der Wiedereinstellung der Ruhe und der Wiederaufnahme des
normalen Laufes des alltäglichen Lebens. Das auf zentraler
Ebene nach dem Zeitpunkt gebildete Machtvakuum rief auch
auf lokaler Ebene die gleiche Erscheinung hervor, nachdem

288
die Macht von den Ersten-Sekretären der Landkreise, Städte
und Gemeinden, die auch Verwaltungsaufgaben gehabt
hatten, freiwillig oder aufgezwungen aufgegeben wurde. Bis
zur Einführung und Konsolidierung einer neuen Machtform
gab es eine – längere oder kürzere – Periode der Verwirrung
und sogar der Anarchie, gleichzeitig mit einer des allgemeinen
Enthusiasmus, nach welcher eine Übergangsperiode folgte –
die ihrerseits konfus, oft arbiträr und widersprüchlich war –
und welche von Landkreis zu Landkreis, ja sogar von Ortschaft
zu Ortschaft, individuelle Merkmale erwarb.
Nach der Beseitigung der kommunistischen Behörden
in Bukarest und der Übernahme der Macht durch den Rat
der Front zur Nationalen Rettung stellten sich für die Leader
der Revolution von Timişoara neue Aufgaben: der lokale
politische und Verwaltungsapparat hatte die Ämter verlassen,
die dezentralisierten Institution kannten den Sachverhalt der
jeweiligen Dachorganisation nicht, die Betriebe waren gewöhnt,
auf Grund der Anweisungen von der Landkreisführung zu
arbeiten und in der Stadt war die Aktion für die Ausschaltung
der Terroristen im vollen Gange. Zur Vermeidung des
Durcheinanders und des Chaos was es unbedingt erforderlich,
dringende Maßnahmen zur Übernahme der Verwaltung und
dem Wiederanlauf der Wirtschaft zu treffen.
Es ist wahr, dass die Rumänische Demokratische Front
(schon am 20. Dezember) Timişoara als „Stadt frei von der
kommunistischen Diktatur“ erklärt hatte, aber an der Führung
vieler Institutionen, einschließlich des Parteikreisrates und
des Rathauses, hatte sich, bis zum Abzug des Diktators, nichts
geändert. Einige von der Front (bis am 22. Dezember) gegebene
Anordnungen wurden von den alten Direktoren mancher
Betriebe stillschweigend akzeptiert; obgleich sie weiterhin
die Vorgaben ihrer Vorgesetzten einhalten musste, belieferten
diese, diskret, die Demonstranten mit Betriebsmedien und
Lebensmittel. Die meisten von ihnen wurden von den Leadern
der Demonstranten anerkannt und akzeptiert. In den Fällen, in
denen Informationen über Übergriffe eines Betriebsdirektors
existierten, wurde den Angestellten des betreffenden Betriebes
verlangt, diesen zu ersetzen.

289
Die ursprüngliche Absicht der Rumänischen
Demokratischen Front war, unter den gegebenen Umständen,
nicht die sofortige Übernahme der lokalen Macht, sondern
eher das Zwingen der lokalen Verantwortungsträger – und
auch jener der zentralen Behörden – zur Akzeptierung von
Reformen, um den Weg der rumänischen Gesellschaft zur
Demokratie zu ebnen.
Nach dem 22. Dezember wurde diese Zielsetzung der
Rumänischen Demokratischen Front plötzlich geändert; es
war notwendig, dass die neue politische Formation, welche
erst zwei Tage vorher gegründet worden war (und keinen
eigenen erfahrenen Apparat hatte) die Verantwortung der
lokalen Führung auf sich nahm, ohne über die erforderliche
Führungserfahrung zu verfügen. Aus diesem Grund war die
Rumänische Demokratische Front anfangs genötigt, eine
Zusammenarbeit mit der Armee und sogar mit der alten
Verwaltung zu improvisieren.

Konfrontation der Bevölkerung und der Armee mit Terroristen, nach


dem 22. Dezember 1989

290
Militärische Struktur kontrolliert verdächtige Personen

Die Errichtung der neuen Machtstrukturen in


Timişoara und im Kreis Timiş erfolgte nach den gleichen
Verfahren wie in den anderen Zonen des Landes, aber mit
einigen Besonderheiten. Unter anderem halten wir fest, dass,
während in anderen Landkreisen die neuen Behörden sofort
in die Gebäude der ehemaligen Verwaltungen einzogen (und
deren Logistik übernahmen), in Timişoara die neue Führung
des Landkreises und der Stadt (oder ein Teil dieser Führung)
bis am 25. Dezember im Gebäude der Oper blieb. In anderen
Ortschaften des Landes ließen sich, in den ersten Minuten nach
dem Abzug der lokalen Führung, einige – mehr oder weniger
bekannte – Leader aus der Menschenmenge in den Büros
der „ehemaligen“ nieder und begannen sich zu organisieren,
indem sie Strukturen mit verschiedenen Benennungen
bildeten: Komitees, Ausschüsse, Bureaus, usw. Am nächsten
Tag (23. Dezember) erhielten alle diese Strukturen3 die
Benennung von Lokalräten der Front zur Nationalen Rettung
und wurden dem Rat der Front zur Nationalen Rettung in
Bukarest untergeordnet. Hinsichtlich ihrer Rolle wurde im
3
Adi Cristi, zit. Werke., S. 264.

291
Kommuniqué des Rates der Front zur Nationalen Rettung an
das Land folgendes gesagt:
„Im Territorium werden Landeskreis-, Kreishauptstadt-,
Stadt- und Gemeinderäte der Front zur Nationalen Räte, als
Organe der lokalen Macht, gebildet.
Die Miliz ist gerufen, zusammen mit den Bürgerkomitees
die öffentliche Ordnung zu sichern.
Diese Organe werden alle notwendigen Maßnahmen
treffen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln,
mit elektrischer Energie, mit Heizung und Wasser, mit
Transportmöglichkeiten, sowie die Gesundheitsfürsorge und ein
komplettes Handelsnetzwerk zu sichern“4.
Was kann aus dieser minimalen „Anweisung“
festgehalten werden?
1. Die Räte der Front zur Nationalen Rettung im
Territorium, wurden als Organe der Staatsmacht (nicht der
Verwaltung) betrachtet; ihre Aufgaben waren aber eher
exekutiver Art.
2. Die Einrichtungen wurden unter Einhaltung des
territorialen Prinzips gegründet; trotz der Anweisung wurden
aber solche Räte auch in Unternehmen und Institutionen
gebildet, welche die Aufgaben der ehemaligen Parteiorgane
übernahmen und sich in der Führung involvierten.
3. Die öffentliche Ordnung wurde von der Miliz
gesichert, die sich unter der Führung der Armee befand,
„zusammen mit den Bürgerkomitees“, welche als Strukturen in
keiner Weise definiert wurden.
Einige Klärungen und Präzisierungen wurden
vom Rat der Front zur Nationalen Rettung auch mit Hilfe
des Rumänischen Fernsehens, welches sehr glaubwürdig
geworden war5, übermittelt. Eine solche Mitteilung wurde am
4
In den ANLAGEN veröffentlicht.
5
Adi Cristi, Zit.Werke., S. 184. Doru Ţigău berichtet: „…einen Monat lang
telefonierte niemand aus Bukarest nach Iaşi, um sich zu erkundigen, was
für Probleme, was für Bedürfnisse da waren, was in Iaşi vor sich ging ...
wir können sagen, dass zu dem Zeitpunkt das Land enthauptet war...Wir
führten den Landkreis in einer merkwürdigen Weise: die alte Gesetzgebung
funktionierte nicht mehr, eine neue Gesetzgebung gab es nicht, es war wie
das Steuern eines Schiffes ohne Kompass, auf der wütender See, mit einer
Mannschaft, welche noch nie davor ein Schiff manövriert hatte.“

292
24.Dezember ausgestrahlt, aber ihre Bestimmungen waren
viel zu allgemein und konfus. „Die Einrichtungen der neuen
Strukturen der Demokratie müssen dringend die Aktivität
der Wiederherstellung des Landes beginnen, sie müssen
entschlossen gebildet werden, sofort dem Rat untergeordnet
werden und, zusammen mit diesem, die für die ersten Etappen
des Wiederausbaus notwendigen politischen, sozialen,
administrativen und ökonomischen Maßnahmen treffen“6.
Am 26. Dezember fühlte der Vorsitzende des Rates
der Front zu Nationalen Rettung das Bedürfnis, direkt an
die Bevölkerung zu richten, und sagte, in der Hoffnung,
zumindest einen Teil des Bedarfes an Kommunikation mit
dem Territorium zu decken, folgendes: „...ich wende mich
an die Kreisräte der Front, an die lokalen Räte, mit der Bitte,
zu diesem Zeitpunkt eine besondere Aufmerksamkeit den
konkreten Problemen zu schenken. Gehen wir von der Etappe
der allgemeinen Anliegen – das Programm haben wir, bitte,
vorgestellt – zur Sicherung der Kontinuität eines normalen
Lebens, durch deren Reorganisierung auf neuen Grundlagen,
über. Deswegen sollten wir die Ausübung dieser Aktivität nicht
unterbrechen, indem wir die Einrichtungen stören, welche die
lokalen ökonomischen Probleme lösen müssen, die Probleme
der Versorgung der Bevölkerung, des Transportes, des Handels,
usw., sowie der ökonomischen Aktivitäten in den Betrieben.“
Nachdem er sich bewusst war, dass eine im Fernsehen
ausgestrahlte Rede nicht genügte, um die erwähnten negativen
und gefährlichen Erscheinungen zu verhindern, informierte
der Vorsitzendes des Rates die Bevölkerung, dass ein Dekret
vorbereitet worden war, in welchem die Befugnisse der neuen
Behörden genauer definiert wurden: „Wir haben den Entwurf
einer Gesetzesverordnung für die Strukturierung der Tätigkeit
unseres Rates vorbereitet. Außer den programmatischen
Elementen der ersten Plattform, welche wir veröffentlicht
haben, kommen wir nun mit klareren Regelungen und Normen
hinsichtlich der Funktionsweise des Rates auf zentraler
Ebene, sowie auch der lokalen Räte. (unsere Hervorhebung).
6
Idem, S. 264. Der Leader von Iași, zum Beispiel, erinnert daran, dass
die erste Benennung der von ihm geführten Formation „Komitee zum
Wiederaufbau des Kreises Iași“ war.

293
Wir möchten, außer der allgemeinen Tätigkeit, mit der
Gesamtheit der Ratsmitglieder, mehrere Kommissionen, auf
einigen Gebieten, gestalten, darunter die eine, über welche
wir eben sprachen, und andere für Fragen der Wirtschaft, des
Unterrichtswesens, der Kultur, der Außenpolitik, usw“7.
Tatsächlich wurde am 27. Dezember die
Gesetzesverordnung betreffend die Gründung, die
Organisierung und das Funktionieren des Rates der Front zur
Nationalen Rettung, sowie der territorialen Räte der Front zur
Nationalen Rettung. Auf den detaillierten Inhalt dieser Akte,
welche einen atypischen Aufbau hatte, werde ich hier nicht
eingehen. Im Dekret wurden Ideen aus dem Kommuniqué
des Rates wiederaufgenommen: Die Front zur Nationalen
Rettung stellte die Vereinigung sämtlicher politischen und
demokratischen Kräfte dar.
Es wurde diese allgemeine Ausdrucksweise gewählt, weil
es sonst angemessen gewesen wäre, zumindest eine dieser Kräfte
zu erwähnen, die Rumänische Demokratische Front, welche
eben ihre Bereitschaft, mit dem Rat der Front zur Nationalen
Rettung zusammenzuarbeiten, bekannt gemacht hatte. Es
wurden wieder die 10 Punkte des Programmes aufgezählt,
und in anderen 10 Artikeln wurde folgendes festgelegt: der
Name des Landes, die Nationalflagge, die Gründungs- und
Funktionsweise des Rates der Front zur Nationalen Rettung auf
zentraler und lokaler Ebene, die Befugnisse des Vorsitzenden
des Rates. Auf Grund dieser Gesetzesverordnung war die Polizei
nicht mehr der Armee unterstellt und wurde unmittelbar dem
Rat der Front zur Nationalen Rettung untergeordnet.
Unter dem Artikel 7 des Dekretes wurde die Struktur
der territorialen Räte präzisiert, während unter Artikel 8 ihre
Aufgaben dargestellt wurden, wie folgt:
„Art.7. Die territorialen Räte der Front zur Nationalen
Rettung haben die folgende Zusammensetzung:
– die Räte der Landkreise und jener der Hauptstadt
Bukarest: zwischen 35 und 51 Mitglieder;
– die Räte der Kreishauptstädte: zwischen 15 und 27
Mitglieder;
7
Ion Iliescu, Revoluţia trăită (Die erlebte Revolution), Presa naţională
Verlag, 2001, S.63-68.

294
– die städtischen Räte und jene der Sektoren von
Bukarest: zwischen 11 und 21 Mitglieder;
– die Gemeinderäte: zwischen 9 und 15 Mitglieder.
Die Territorialräte der Front zur Nationalen Rettung
wählen, von ihren Mitgliedern, ein Exekutiv Bureau aus,
bestehend aus einem Vorsitzenden, zwei stellvertretenden
Vorsitzenden, einem Sekretär und 3-5 Mitgliedern.
Der Vorsitzende des Rates ist auch Vorsitzender des
Exekutiv-Bureaus.
Art. 8. Die Territorialräte der Front zur Nationalen
Rettung sind, auf lokaler Ebene, für die Organisierung und
die Abwicklung der ökonomischen und kommerziellen
Aktivitäten, der Gesundheitsfürsorge, des Unterrichtswesens
und der Kultur, der Bau- und Haushaltsdienstleistungen, sowie
für den Schutz des Volksvermögens und der Bürgerrechte, für
die Sicherung der Gesetzmäßigkeit und die Aufrechterhaltung
der öffentlichen Ordnung in ihren administrativ-territorialen
Einheiten zuständig.
In der Ausübung ihrer Befugnisse treffen die territorialen
Räte Entscheidungen, welche einfacher Mehrheit der Stimmen
ihrer Mitglieder angenommen werden.
Die Territorialräte der Front zur Nationalen Rettung
führen ihre Tätigkeit in Tagungen, sowie durch spezialisierte
Kommissionen durch.
Der eigene Apparat der der Exekutivkomitees und
-Bureaus der ehemaligen Volksräte, jener der lokalen
Fachorgane der Staatsverwaltung, sowie auch der lokalen
sozial-kulturellen Einrichtungen, werden ihre Tätigkeit in
ihrer gegenwärtigen Struktur ausüben“8.
Aus den Besprechungen der Teilnehmer an der
ersten Tagung des Rates der Front zur Nationalen Rettung
(vom 27. Dezember 1989), welche sich auf dem Inhalt des
Dekretes konzentrierten, möchte ich einige Eingriffe, für ihre
Auswirkungen auf dem Aufbau und dem Funktionieren der
lokalen Verwaltung, festhalten.
In erster Reihe wurde von den meisten Rednern
zugegeben, dass im Territorium die Notwendigkeit klarerer
8
Rumänisches Amtsblatt, Jahr I, nr. 4, vom 27. Dezember 1989

295
Regelungen hinsichtlich der Arbeitsweise der neuen Strukturen
der Macht und Staatsverwaltung gespürt wurde:
„Bogdan Teodoriu: Der Artikel 13 besagt, dass der
Territorialrat der Front zur Nationalen Rettung auf lokaler
Ebene für die Ausübung von Tätigkeiten auf allen Gebieten
zuständig ist. In der Ausübung ihrer Befugnisse erlassen diese
Räte Entscheidungen. Ein ganzes Land erwartet ein Gesetz, auf
Grund dessen es sich organisieren kann; dieses muss auf der
Ebene des Landes, der Stadt, des Betriebes gemacht werden. Ich
habe Zweifel hinsichtlich der Kommission für Außenpolitik.
Ist das alles, was wir ihnen zu ihrer Tätigkeit sagen können?
Es herrscht Ambiguität hinsichtlich der Ausübung ihrer
Befugnisse.
Ion Iliescu: Ich glaube, dass er Recht hat. Es ist zu
knapp; es sind auch andere Bezugnahmen auf die lokalen Räte
erforderlich; die Leute spüren das Bedürfnis, klarere, genauere
Sachen zu haben. Die Trennung der Befugnisse der legislativen
Organe von jenen der richterlichen (wahrscheinlich der
administrativen, unsere Anmerkung) muss klarer zum
Ausdruck kommen.
Voinea Gheorghe: Geben wir den Menschen eine
Richtlinie, ein Gesetz, damit sie wissen, was sie tun sollen.
Bogdan Teodoriu: Was bedeutet „territoriale Ebene“?
Ion Iliescu: Wenn Sie einverstanden sind, können wir
das Exekutivkomitee bevollmächtigen, genauer zu untersuchen,
Vorschläge von Timişoara verlangen (unsere Hervorhebung),
von Braşov, Iaşi, Cluj. Und vielleicht kann, von diesem
Gesichtspunkt, dem Gesichtspunkt hinsichtlich der Anzahl der
Mitglieder, diese vergrößert werden, noch nicht genau festgelegt
werden, damit eine ausgeglichene Struktur erzielt wird.
Wenn Sie einverstanden sind? (...) Ein anderes Problem
ist mit dem verbunden, was hinsichtlich der Landkreisräte
besprochen wurde. Außer den zusätzlichen Präzisierungen zum
Gesetz schlage ich vor, eine Kommission für die Anweisung
der Landkreisräte zu schaffen. Machen wir das jetzt; mit
einigen Dienstreisen des Rates können wir, nachdem wir noch
Unterlagen sammeln, solche Richtlinien erstellen. Ich bitte Sie
also, das Bureau zu bevollmächtigen, eine solche Kommission
zu bilden“.

296
In Timişoara war es, demnach, in erster Linie notwendig,
dass das neue Gremium, welches sowohl deliberative, als auch
administrative Befugnisse hatte, den ordnungsgemäßen Ablauf
des täglichen Lebens im Landkreis und in der Stadt sicherte,
was schwierig war, solange das Gremium keinen eigenen
Apparat und Spezialisten mit Erfahrung auf dem Gebiet der
Verwaltung hatte und die Zusammenarbeit mit der ehemaligen
Verwaltung problematisch war.
In zweiter Linie erfolgten die Übernahme und die
Ausübung der Macht im Kontext eines starken Druckes, durch
Manövrieren und Diversionen, seitens der Kräfte, welche
daran interessiert waren, die alten Angestellten in ihren Stellen
zu behalten., einschließlich durch das Eröffnen des Feuers
seitens „Terroristen“ und das Verbreiten von alarmistischen
Gerüchten.
Dieser Sachverhalt existierte auch in anderen Kreisen
und Städten des Landes, so dass ein neues Kommuniqué des
Rates der Front zur Nationalen Rettung (vom 26. Dezember)
notwendig wurde. In diesem wurde folgendes präzisiert:
„Angesichts dessen, dass auch nach der Verurteilung und
Hinrichtung der Diktatoren Nicolae und Elena Ceauşescu die
Terroraktionen einiger isolierten Elemente, welche zu Verlusten
an Menschenleben und materiellen Schäden führen, fortgesetzt
werden, beschließt der Rat der Front zur Nationalen Rettung
folgendes:
1. In der Hauptstadt und in allen Landkreisen werden
außerordentliche Militärgerichte gegründet, welche über alle
Fälle von Terroraktionen urteilen werden.
2. Die Verfolgung wird im Eilverfahren erfolgen und
die Durchsetzung der Urteile wird sofort erfolgen.
3. Die terroristischen Elemente, welche bis Donnerstag,
28. Dezember, um 17.00 Uhr die in ihrem Besitz befindlichen
Waffen und Munition nicht abgeben, werden von diesen
außerordentlichen Militärgerichten im Eilverfahren verfolgt
und verurteilt werden“9.
In Timişoara wurde keine solche Struktur gebildet,
aber eine der ersten Entscheidungen des Rates der Front zur
9
Ion Calafeteanu, Zit. Werke, S. 688-689.

297
Nationalen Rettung Timiş war die Gründung der Einheitlichen
Landkreisbefehlsstelle, welche die Aufgabe hatte, Maßnahmen
zur Einhaltung der Ordnung, sowie zur Durchsetzung und
Beachtung des Gesetzes zu treffen.
Zu dieser Befehlsstelle gehörten:
- Nicolae Predonescu – seitens der Armee;
- Viorel Paşca – seitens der Staatsanwaltschaft;
- Leonida Pastor – seitens des Kreisgerichtes Timiş;
- David Niţoiu – seitens der Miliz;
- Petre Petrişor – seitens des Kreisrates der Front zur
Nationalen Rettung.
Tatsächlich gab es keine methodologische, quasi-
gesetzliche Grundlage hinsichtlich der Art, in welcher die
Macht auf lokaler Ebene übernommen oder ausgeübt werden
sollte, durch wen, innerhalb welcher Grenzen, und auf Grund
welcher Verhältnisse zu den Einrichtungen und Gremien der
zentralen Macht. Die Präzisierungen von Bukarest kamen
der Reihe nach, verwirrend, widersprüchlich. Erst nach
der ersten Tagung des Rates der Front (am 27. Dezember)
wurde die Ausübung der Macht kohärenter und es wurde
eine institutionelle Kontaktnahme zwischen der zentralen
Verwaltung und den lokalen Verwaltungen erzielt. Von dem
Zeitpunkt an individualisierte sich die Lage von Timişoara
nicht mehr – mit Ausnahme einiger Fälle, wobei die Stadt und
der Landkreis von den Zentralbehörden genau wie die übrigen
Kreise und Ortschaften des Landes behandelt wurden.
Als der Diktator die Flucht ergriff (am 22. Dezember,
12.08 Uhr), nutzten die einigen kommunistischen
Verantwortungsträger, die noch beim Sitz des Kreisrates
und beim Rathaus geblieben waren, den Enthusiasmus der
Menschenmenge am Opernplatz aus, um ungestört die
Gebäude zu verlassen. Dasselbe versuchten auch jene, welche
aus Bukarest zur Vernichtung des Aufruhr-Herdes in Timişoara
gekommen waren. Manchen gelang es, anderen nicht, nachdem
sie von der Menschenmenge festgehalten wurden – wie wir im
Folgenden sehen werden.
Kurze Zeit nach der Flucht des Diktators kamen zum
Nationaltheater (der Oper) von Timişoara, der Reihe nach,
Vertreter der Armee (Zeca und Predonescu) und der Erste-

298
Sekretär Radu Bălan, begleitet von Teodor Bulza, der Chef-
Redakteur von „Drapelul Roşu” (Die Rote Flagge) (laut einigen
Aussagen soll dieser das Gebäude des Nationaltheaters jedoch
nicht betreten haben).
Ihre Anwesenheit wurde von der Menschenmenge
begrüßt und sie genossen einen warmen Empfang,
insbesondere der ehemalige kommunistische Führer des
Kreises. Überrascht, verkündete dieser, dass er sich persönlich,
und mit dem gesamten ihm untergeordneten Apparat, der
Revolution zur Verfügung stellte. Er sagte dieses nicht im
Sinne einer Übernahme der Führung, aber die Leute um ihn
(aus dem ehemaligen politischen und Verwaltungsapparat),
welche an der Beibehaltung ihrer Stellungen interessiert waren,
versuchten, seine Popularität auszunutzen und ihn in das neue
Führungsgremium zu platzieren.
Die Gelegenheit hatte sich im Kontext geboten, dass
ein Teil der Leader unterwegs zur Hauptstadt waren und die
Menschenmenge darüber in Panik war, dass die „Terroristen“
das Feuer wiedereröffnen konnten; Claudiu Iordache, welche
an der Führung geblieben war und beschäftigt war, auf die
laufenden Anfragen zu antworten, die Fragen der nun in
der Stadt sehr zahlreichen Journalisten zu beantworten,
konfrontierte sich mit der heftigen und gefährlichen Reaktion
der Gegner und wurde von jenen, die mit der Bewachung der
Oper beauftragt waren, beharrlich bewacht und geschützt, um
nicht von den Terroristen umgebracht zu werden.

Merkblatt Nr. 13
Aussage von Bălan Radu
vor dem Spruchkörper im Prozess des Timişoara Loses

(Der Auszug bezieht sich auf seine Anwesenheit am


Opernplatz)
„...Freitag in der Früh, am 22.Dezember, kam der Chef-
Redakteur, um Genehmigung zu verlangen, dass die Liste der
Toten in der Presse veröffentlicht wurde... Ich gab ihm diese
Genehmigung... Bei dieser Gelegenheit schlug er mir vor, mich mit
einer Gruppe von Revolutionären auf einer bestimmten Straße
zu treffen. Dieses geschah ungefähr um 09.00 Uhr morgens... Ich

299
sagte ihm, dass ich zu dem Zeitpunkt den Sitz nicht verlassen
konnte, er solle aber gehen und ihnen mitteilen, dass ich ihnen
beistehe... Um etwa 12.00 Uhr verließ ich den Sitz... Ich ging
hinaus, dort erwarteten mich vier dieser Vertreter, und wir
gingen auf der Mitte der Straße bis zur Oper. Ich blieb dort bis
der Abzug von Ceauşescu verkündet wurde; an dem Nachmittag
las ich eine Erklärung vor der Menschenmenge, durch welche
auch ich meine Freude im Zusammenhang mit dem Sieg der
Revolution, mit der Flucht von Ceauşescu ausdrückte, und ich
wurde mit besonderem Beifall empfangen...Angefangen von
dem Zeitpunkt involvierte ich mich in der Tätigkeit der Front,...
die Leader, eigentlich...angefangen vom 20., am Nachmittag,
arbeitete ich im Rahmen der Demokratischen Front, am 22.
Schlugen sie mir vor, ihr Führer zu werden. Ich sagte ihnen, dass
ich kein Führer werden konnte, angesichts dessen, dass ich nicht
direkt an der Revolution teilgenommen hatte, und dass ich mit
ihnen zusammenarbeiten wollte, um die Ideen der Revolution zu
verwirklichen oder weiterzuführen.
In der Presse stand am nächsten Tag, dass mich die
Bürger als Leader wollten. Ich arbeitete mit ihnen zusammen,
einschließlich an der Bildung der Front zur Nationalen Rettung“10.
Es muss festgehalten werden, dass ein Teil der von Radu
Bălan erwähnten Geschehen am 22. Dezember während der
Zeit stattfanden, als der Vorsitzende der Front, Lorin Fortuna,
10
Procesul de la Timişoara (Der Prozess von Timișoara), 3. Band…, S. 1489.
Aus einem Bericht (von Decean, aus einer Sammlung von Aussagen, die dank
der Bemühungen von Iosif Costinaş veröffentlicht wurden) geht hervor,
dass zwischen der Verwaltung und der Rumänischen Demokratischen
Front bereits um 09.00, am 22. Dezember eine Kontaktnahme gab. Decean
beschrieb die Begegnung wie wenn er sich unmittelbar an ihr beteiligt hätte,
Professor Dumitru Tomoni klärte diesen Umstand ganz klar – auf Grund
einer Studie, die er mir, freundlicherweise, zukommen ließ: “Am Morgen
des 22. Dezember teilte Radu Bălan dem Aktivisten Florea mit, dass er,
auf Anordnung von Coman, zusammen mit dem Bürgermeister Moţ mit
den Leadern der Rumänischen Demokratischen Front in Kontakt treten
mußte, um ihnen die Übergabe der Lautverstärkungsanlage zu verlangen,
mit der Begründung, dass sich mehrere Bürger die Unzufriedenheit über
die Störung der öffentlichen Ruhe ausgedrückt hätten. Die Übergabe wurde
abgelehnt und den beiden Botschaftern wurde die Programm-Plattform der
Front ausgehändigt, damit sie auch von Ion Coman gekannt werde.”

300
unterwegs nach Bukarest war. Die Rede des ehemaligen Führers
des Landkreises am Opernplatz wurde übrigens – gemäß den
Aufzeichnungen des Korrespondenten von România liberă viel
später, also um 19.3011 Uhr gehalten (es ist möglich, dass sich
Radu Bălan mehrere Male an die Demonstranten richtete!)
Nach der Vertreibung von Nicolae Ceauşescu begaben
sich einige Leader der Front zur Garnison, für eine erste
Kontaktnahme mit den militärischen Führern. Am Anfang
zögerten diese, zeigten sich überrascht und, unter den
Umständen, verlegen, dann akzeptierten sie die Begegnung
und erklärten mit viel Eifer (sogar mit lächerlichen Gesten!)
ihre Unterstützung für den Sieg und die Verteidigung der
Revolution. Die Besprechungen dauerten sehr wenig, weil der
Vorsitzende der Front zum Flughafen gelangen musste, um
nach Bukarest zu fliegen. Nach kurzer Zeit wurde eine Gruppe
von Offizieren auf dem Balkon der Oper gebracht, von wo sie
sich an die Bevölkerung richteten und sich engagierten, die
Revolution zu verteidigen.
Im Flugzeug, im welchem die Delegation der
Rumänischen Demokratischen Front eingestiegen war,
befanden sich auch zwei der wichtigsten Peiniger, welche von
Bukarest gekommen waren, um den Aufruhr in Timişoara zu
unterdrücken (die Generale Velicu Mihalea und Constantin
Nuţă). Aus verschiedenen Gründen musste das Flugzeug
in Arad landen, und, nachdem die beiden Generale vom
Innenministerium im Hotel unterkommen konnten, wurde in
der Stadt eine starke Diversion ausgelöst. Der Vorsitzende der

11
Aus einer im Dokumentarbestand des I.R.R.D. aufbewahrten
Aufzeichnung geht hervor, dass, während die Demonstranten am Opernplatz
die Vertreibung von Ceauşescu voller Enthusiasmus begrüßten, die Leader
der Rumänischen Demokratischen Front im Foyer des Theaters, im Beisein
der Vetreter der Garnison, mit Radu Bălan sprachen. Das Heranbringen des
ehemaligen Chefs des Kreises auf dem Opernplatz war von jenen, welche ihn
an der Spitze des Kreises behalten wollten, gut vorbereitet worden: es wurde
eine Legende im Raum geworfen – geschickt von Teodor Bulza eingeführt
und sogar von einigen Leadern der Demonstranten übernommen, gemäß
derer er sich den vom Ceauşescu angeordneten Repressionsmaßnahmen
widersetzt hätte. Dem Vorschlag eines Revolutionärs folgend akzeptierte
Bălan, den Demonstranten einige Worte zu sagen, und wurde diesen vom
Vorsitzenden der Front selbst vorgestellt.

301
Front, Lorin Fortuna, kehrte nach Timişoara zurück, gerade
rechtzeitig, um einzugreifen und die Situation der Frontführung
wiederherzustellen, nachdem sie von den Anhängern des
ehemaligen Ersten-Sekretärs, auf dem Hintergrund der
Auslösung der terroristischen Diversion, gefährdet worden war.
Die in einer beeindruckenden Anzahl am Opernplatz
versammelten Menschen wurden von Enthusiasmus ergriffen
und sie blieben dort bis spät in der Nacht. Vom Balkon richteten
sich verschiedene Persönlichkeiten den Demonstranten auf
dem Platz, während sich die Führung der Rumänischen
Demokratischen Front Mühe gab, die ersten laufenden
Probleme der Stadt zu lösen.
Im Folgenden wiedergeben wir die Rede, welche Bălan,
etwa um 19.30 (oder 19.00) Uhr vor der Menschenmenge hielt:

Merkblatt Nr. 14
Die Ansprache von Radu Bălan am Opernplatz (22.
Dezember), welche in einigen zentralen und lokalen
Zeitungen unter dem Titel „Erklärung der Rumänischen
Demokratischen Front von Timişoara
veröffentlicht wurde:

„Liebe Landsleute,
Ich spreche euch aus Timişoara, der historischen
Hauptstadt des Banats, die große rumänische Stadt, in welcher
die heroische Flamme des Ideals und des höchstmöglichen
nationalen Opfers entfacht wurde, welche, durch die von den
Kindern und Jugendlichen, von seinen Bürgen gebrachten
Opfer, eine der schrecklichsten in der Geschichte der Menschheit
bekannten Tyranneien gestürzt hat, welche, während fast einer
Vierteiljahrhunderts, unser gutes, würdiges und großzügiges
Volk verdunkelt und mörderisch terrorisiert hat.
Diese unglaubliche, auf Lüge basierte Tyrannei, auf
Zwietracht unter Gleichen, auf den Verrat der heiligsten
Interessen der Nation und auf das Dunkle, hat die Bestialität
auf unglaublichen Gipfeln gebracht, bis hin zum abstoßenden
Massenmord und der Vernichtung unschuldiger Menschen.

302
Sooft sie die Worte Freiheit, Gerechtigkeit und Brot hörte,
schäumte diese abscheuliche Hydra mit zwei paranoischen
Köpfen vor Wut und bewarf eine wundervolle Tradition der
Arbeit und des geistigen Schaffens, eine erhebende nationale
Geschichte, ein mutiges und so hart geprüftes Volk mit Schmutz.
Liebe Landsleute,
Zu diesem Zeitpunkt der Wende und der Wahrheit, fühle
ich mich verpflichtet, euch zu sagen, dass das Blutvergießen
auf Grund der irrsinnigen Befehle zustande kamen, welche
im letzten Winden des Tyranns ausgesprochen wurden, in der
wahnsinnigen Hoffnung, sein jämmerliches Spielkartenschloss zu
retten, welches auf dem bitteren Sand der dunkelsten Perioden
unserer heiligen Vergangenheit gebaut war; sie wurden mit der
Arroganz und der Missachtung, die ihn charakterisierten erteilt,
und die lokalen Behörden wurden unter Bedrohung gezwungen,
nicht dagegen zu handeln.
Wenn das Blut der Unschuldigen, in erster Reihe der
hunderte von Kindern, den Boden unserer bedeckte, geschah
es, dass, trotz der wiederholten Anordnungen aus derselben
irrsinnigen Quelle, die Menschen guten Willens, die echten
Patrioten aus den Reihen der Offiziere und unserer Armeekräfte,
welche sich über die wahren Feinde unserer Volkes Rechenschaft
gaben, das Aufhören des Schießens veranlassten. Auf dieser
Weise konnte die Demonstration, mit welcher sich die ganze
Bevölkerung, die Kollektiven von Werktätigen aus allen
Unternehmen und Betrieben der Stadt und der benachbarten
Ortschaften solidarisierten, bis zum finalen Sieg friedlich und in
voller Ordnung erfolgen.
Durch dieses Verhalten bewiesen sie, keine Hooligans,
keine Faschisten oder Land- und Volksverräter zu sein, so wie
sie der Henker in seiner beleidigenden und abscheulichen Art
charakterisierte, und dass sie, durch ihre vereinigten Kräfte,
die Güter und das Vermögen der Gesellschaft, die ethischen
und moralischen Werte, die den Gemeinsinn charakterisieren,
verteidigen können.
Liebe Landsleute,
Wir haben gewonnen!
Timişoara, die Einwohner dieser stolzen und würdigen
Ecke des rumänischen Landes, erleben nun die Freude des wahren

303
Sieges. Damit die wirtschaftliche und soziale Aktivität wieder
normal anläuft, auf dem wahren Weg der Behauptungsfreiheit
der Arbeits- und schöpferischen Kraft, wurden bereits
Selbstverteidigungsstrukturen organisiert, und funktionieren.
Auf den Aufruf der Rumänischen Demokratischen Front
haben bereits alle geantwortet, zum ordnungsgemäßen Ablauf
der Arbeit und in den Einheiten mit kontinuierlichem Betrieb,
in Lebensmittelversorgungseinheiten, bei den öffentlichen
Dienstleistungen und der Gesundheitsfürsorge“12. (der letzte,
etwas sinnlose Satz ist auch im Originaltext falsch).
In der Zeitung Luptă­ torul bănăţean (Der Banater
Kämpfer) vom 23. Dezember, die gleiche Zeitung, in welcher
auch der Text der Finalen Resolution der Volksversammlung
in Timişoara erschien, wurde der ehemalige Erste-Sekretär der
Parteiorganisation Timiş wie folgt dargestellt: „Radu Bă­lan,
Leader der Rumänischen Demokratischen Front Timişoara,
Rumäne von Leib, Banater von Seele“. Der Artikel nahm die
rechte Hälfte der Seite ein (Bild mit Gestalt am Arbeitstisch),
wobei auf der anderen Hälfte (links) die erwähnte Finale
Resolution in fetten Buchstaben gedruckt war13.
Die Rede des ehemaligen Ersten-Sekretärs haben wir
vorgestellt – ein Muster der Hypokrisie, des „schöpferischen“
Gefasels, wahrscheinlich von den lokalen kommunistischen
Pressemedia zusammengetragen, angesichts dessen, dass die
derart strukturierten Sätze eher für Leser als für Hörer gedacht
waren und viele „edlen“ Ausdrücke nicht für die mündliche
Kommunikation an eine beschwingte Hörerschaft passten. In
den Zeitungen România liberă und Scânteia poporului erschien
die Rede als Erklärung der Rumänischen Demokratischen Front,
welche, im Namen des Frontkomitees, von Radu Bălan gelesen
wurde. Aus der Art der Mitteilung ist die Absicht der Anhänger
des „ehemaligen“ offensichtlich.
12
România liberă vom 23. Dezember 1989. Siehe auch Scânteia
poporului vom 23. Dezember 1989. In der gleichen Nummer der Zeitung
Luptătorul bănăţean wurden die Leser (im Artikel „Erfüllte Hoffnungen“)
informiert, dass in der Hauptstadt ein Nationalkomitee der Demokratie
gebildet worden wäre, welches sich vom Balkon des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei, sowie von den Rundfunk- und Fernsehstationen,
an die Demonstranten gerichtet hätte.
13
Es gab zwei Varianten der Finalen Resolution.

304
In seiner Aussage beim Prozess konnte sich Radu Bălan
an vielen Einzelheiten des Tages nicht erinnern, und über die
Erklärung behauptete er, dass diese „am Nachmittag“ vorgelesen
worden war, ohne die Uhrzeit zu nennen14. Er behauptete, dass
er vom Sitz der Kreisparteiorganisation vor dem Sturz von
Ceauşescu (also spätestens um 12.00 Uhr), zu Fuß, zur Oper
gegangen war, dass er direkt zum Opernplatz ging, wo die
Menschenmenge bei seiner Rede sofort gejubelt hatte. Aber:
1. Die Strecke bis zur Oper wird, zu Fuß, in höchstens einer
halben Stunde zurückgelegt, das heißt, dass er dort frühestens
um 12.30 angekommen wäre, obgleich er behauptete, dass er
die Nachricht über die Flucht seines obersten Vorgesetzten,
um 12.09 Uhr, dort gehört hatte; 2. Es stellt sich die Frage,
wo er sich bis 19.00 Uhr aufhielt, denn er konnte nicht wie
jeder Demonstrant am Platz verweilen, ohne von niemandem
erkannt zu werden; 3. Gemäß der Regel der Zeit war die
Rede vor vorhin vorbereitet worden. Für diese Vorbereitung
war mindestens eine Stunde notwendig. Wenn auch der
Stil und die Sprache von den damaligen kommunistischen
Gepflogenheiten beeinträchtigt sind, wurden die Botschaften
gut überlegt und hervorgehoben, es geht hier keineswegs um
eine improvisierte Rede. Die Anredeform „Liebe Landsleute“
hatte den Zweck, den Unterschied zu den abgedroschenen
„Liebe Genossen und Freunde“ zu kennzeichnen, und der
Anfang Idee führt zur Schlussfolgerung (wir haben keine
anderen Daten zu diesem Aspekt!), dass die Erklärung für eine
Rundfunkübertragung vorbereitet worden war: „Ich spreche
euch aus Timişoara, der historischen Hauptstadt des Banats,
die große rumänische Stadt, in welcher die heroische Flamme
des Ideals und des höchstmöglichen nationalen Opfers entfacht
wurde, welche, durch die von den Kindern und Jugendlichen, von
14
Nachträglich wies er darauf hin, dass er die Erklärung um 17.00 Uhr
gelesen hätte. Siehe: Procesul… (Der Prozess...), 3. Band, S. 1488. Die
zentralen Zeitungen (Scânteia poporului vom 23. Dezember) erwähnen
eine spätere Uhrzeit: 19.00. Beim Rumänischen Fernsehen wurde genau
um 19.00 Uhr angesagt, dass am Theaterplatz in Timişoara eine Erklärung
der Demokratischen Front gelesen wurde. Es wurden auch einige Auszüge
davon zitiert. Siehe: Mihai Tatulici, Zit. Werke, S. 98. Es war genau die Rede
von Radu Bălan.

305
seinen Bürgen gebrachten Opfer, eine der schrecklichsten in der
Geschichte der Menschheit bekannten Tyranneien gestürzt hat...“
Was für einen Sinn hatte es, die Menschen am zentralen Platz
der Stadt anzureden und ihnen zu sagen, dass er aus Timi­şoara
sprach?
Ich möchte hier nur einige der „Schlüsselgedanken”
der Rede festhalten. 1. Dass die lokalen Behörden, unter
Bedrohung, gezwungen wurden, nicht zugunsten der Menschen
zu handeln; 2. Dass die Demonstranten als Hooligans und
Faschisten bezeichnet wurden; 3. Dass zum Zeit, als da Blut der
hunderte von Kindern zu fließen begann, die Menschen guten
Willens aus der Armee, die patriotisch gesinnten Offizieren
das Schießen aufhörten (bedeutet das. Dass die Rede bei der
Garnison ausgearbeitet wurde?)
In der ersten Nummer der Zeitung Luptătorul bănăţean
wurde die Bevölkerung tatsächlich informiert, dass der Führer
der Front Radu Bălan war (die wahren Leader Front wurden
nicht einmal beiläufig erwähnt!), da die an dieser Aktion
Interessierten die Umstände auszunutzen versuchten und die
reelle Führung der Rumänischen Demokratischen Front vor
der vollendeten Tatsache stellen wollten. Radu Bălan erwähnt,
übrigens, selber in seiner Aussage vor dem Spruchkörper, dass
man ihm seitens der Führer der Front vorgeschlagen hätte, zu
ihrem Chef zu werden; er hätte der Vorschlag abgeschlagen,
„weil er sich nicht an der Revolution beteiligt hatte”, hatte
jedoch seine Hilfe versprochen und seinen gesamten
Verwaltungsapparat zur Verfügung gestellt. Andere Berichte
sind hinsichtlich der Rolle und Tätigkeit des Ersten-Sekretärs
reservierter: aus ihnen geht hervor, dass Radu Bălan nach der
Flucht von Ceauşescu zum Opernplatz ging, in das Foyers
des Theaters stieg, bejubelt wurde, mit den Anführern der
Rumänischen Demokratischen Front sprach, eine Erklärung
vorlas und sich dann zur Druckerei begab, von wo aus er, in
den folgenden Tagen, mit den Führern der Einrichtungen in
der Stadt Kontakt hielt und Botschaften an die Leader der
Front schickte. Die Personen aus seiner nächsten Umgebung
machten alles Mögliche, um ihn „nach vorne zu stoßen”. Das
Manöver war von der Leitung der Garnison unterstützt, aber
es gab auch Revolutionäre, welche sich mit der Übernahme der

306
Macht durch Radu Bălan einverstanden erklärten. Zu diesem
Thema entstanden unter den Leadern der Rumänischen
Demokratische Front auch Meinungsverschiedenheiten.
In einem in Luptătorul bănăţean veröffentlichten
Artikel wurde über den ehemaligen kommunistischen Führer
des Landkreises folgendes gesagt: „Radu Bălan ist der Leader,
den sich Timişoara gewünscht hat, er ist der Mann, auf dessen
außerordentlichen Eigenschaften sich nun unser neues wahres
Licht stützt”15.
In der Nacht (vom 23. zum 24. Dezember) fand, bei
der Druckerei, ein Treffen zwischen Radu Bălan (welcher von
einem auf seine Seite getretenen Revolutionären begleitet
wurde!) und einer Delegation von Führern der Rumänischen
Demokratischen Front (darunter Claudiu Iordache und
Ştefan Ivan). Es wurde die anteilige Beteiligung der Vertreter
der Rumänischen Demokratischen Front, jener des alten
Kreisverwaltungsapparates, beziehungsweise der Armee am
Rat der Front zur Nationalen Rettung vereinbart, aber die
Ergebnisse des Treffens wurden von der Führung der Front
nicht akzeptiert. Die laufenden Probleme übten einen immer
größeren Druck aus, so dass sich am nächsten Morgen (25.
Dezember) der Vorsitzende der Rumänischen Demokratischen
Front, diesmal direkt, mit Radu Bălan traf (bei der Garnison,
so dass die Militärs diesmal die Rolle von Vermittlern spielten),
mit dem Zweck, ein weiteres Gremium für die Führung des
Landkreises zu bilden16. Fortuna kam in Begleitung von Claudiu
Iordache und Constantin Ghica. Der ehemalige Chef des Kreises
kam mit einem einfachen Schema für die Zusammensetzung
der Front zur Nationalen Rettung des Kreises, welches,
praktisch, die Rolle der Rumänischen Demokratischen Front
in der Ausübung der Macht verminderte: 5 Mitglieder der
15
Luptătorul bănăţean, Jahr I, Nr.1, vom 22.Dezember 1989; siehe auch:
Ioan Iancu, Paşaport pentru niciunde. Timişoara, Decembrie 1989 (Reisepass
nach nirgendwo. Timişoara. Dezember 1989), Timişoara, Signata Verlag,
1990, S. 378; Marius Mioc, Revoluţia din 1989 şi minciunile din Jurnalul
Naţional (Die Revolution vom 1989 und die Lügen aus der Zeitung „Jurnalul
Național”), Timişoara, Marineasa Verlag, 2005, S. 94.
16
Radu Ciubotea, După Revoluţie, târziu... (Nach der Revolution, spät...).,
Timişoara, „Almanahul Banatului” Verlag, 1995, S. 160.

307
neuen Einrichtung sollten Angehörige der Rumänischen
Demokratischen Front sein, 5 sollten vom alten politischen
Apparat kommen und weitere 5 Offiziere des Ministeriums für
Nationale Verteidigung sein. Außerdem sollten im betreffenden
Gremium auch Führer von Unternehmen und Einrichtungen
eingeschlossen werden, welche, selbstverständlich, von der
alten Verwaltung abhängig waren. Angesichts der Einsprüche
der Delegation von Revolutionären wurden noch einige Stellen
„für die Jugendlichen von Timișoara” akzeptiert. Zu diesem
Zweck war ein neues Treffen erforderlich, welches für den
Nachmittag desselben Tages, beim Kreisrathaus festgelegt
wurde.
Zur gleichen Zeit wurde die frische Führungsmannschaft
von Gerüchten über die Absicht der „Ehemaligen”, ihre
Stellungen wiederzugewinnen, „bombardiert”. Wenn gefragt,
verneinten diese jedwede solche Absicht und erklärten
sich – ohne Reserven und Ansprüche – der Rumänischen
Demokratischen Front, für den Sieg der Revolution, zur
Verfügung. Wir haben gesehen, unter welchen Umständen sie
in der lokalen Zeitung das von der Front verlangte Dementi
hinsichtlich der tatsächlichen Position von Radu Bălan
veröffentlichten.
Trotzdem wurde, kurze Zeit nach dem letzten Treffen
zwischen den Revolutionären und Radu Bălan, erfahren, dass
dem ehemaligen Ersten-Sekretär die von seinen Nächsten,
mit Hilfe einiger Redakteure von Luptătorul bănăţean,
instrumentierten Manöver nicht gerade fremd waren. Unter
diesen Umständen wurde durch den Vorsitzenden der Front zur
Nationalen Rettung (und der Rumänischen Demokratischen
Front) eine dringende Sitzung des Exekutivkomitees der
Rumänischen Demokratischen Front einberufen, bei welcher
er die Beendigung der Zusammenarbeit mit der Mannschaft
von Radu Bălan verkündete; einige Kollegen widersetzten sich
aber, so dass noch kein endgültiger Beschluss gefasst werden
konnte.
Die beim Rathaus geplante Sitzung für die Ernennung
des Kreisrates der Front zur Nationalen Rettung war hinsichtlich
der Absicht der Bălan Gruppe relevant: im Gegensatz zu
dem, was ursprünglich festgelegt wurden war, kam dieser in

308
Begleitung mehrerer Anhänger und versuchte, die Führung
der Rumänischen Demokratischen Front unter Druck zu
setzen. In dieser Weise verlor Bălan jede Glaubwürdigkeit,
und der Vorsitzende der Rumänischen Demokratischen Front
verkündete, dass die von Bălan für den Rat der Front zur
Nationalen Rettung vorgeschlagenen Personen nicht akzeptiert
worden waren.
Es war der erste (misslungene) Versuch, die
Rumänische Demokratische Front von der Führung des
Landkreises und der Stadt zu beseitigen. Der neue Kreisrat
wurde ohne Parteiaktivisten und ohne einen Teil der Führer der
Betriebe gebildet. Der Misserfolg von Radu Bălan bedeutete,
gleichzeitig, die Trennung der neuen lokalen Führung von den
Spitzenstrukturen des Kreises und der Kreishauptstadt aus der
kommunistischen Zeit.
Später sollte einer der Leader der Revolution (Lorin
Fortuna) folgendes sagen: „Charakteristisch für Timişoara,
zum Unterschied von der Hauptstadt, ist die Tatsache, dass es
hier gelang, einen Führungskern zu bilden und durchzusetzen,
welcher die Rumänische Demokratische Front gründete,
die Betriebe organisierte, den allgemeinen Streik auslöste
und den Aufruhr in eine Revolution auf effektiv friedlichem
Wege umwandelte... Diese neue Mannschaft ging nachher zur
Führung des Kreises über – was in Bukarest nicht geschah“17.
Zwischen der Art, in welcher die Demokratische Front
in Timişoara und jene zur Nationalen Rettung in Bukarest
entstand gibt es Unterschiede. Ich möchte nur einen von diesen
anführen: während die Gründungsmitglieder der Rumänischen
Demokratische Front von den am Opernplatz anwesenden
Demonstranten gewählt wurden, wurde der Rat der Front
zur Nationalen Rettung in Bukarest durch die Aufnahme auf
einer Liste (von 39 Persönlichkeiten) gebildet, welche sowohl
Demonstranten umfasste (wenige), aber auch Persönlichkeiten,
welche für ihre Opposition oder Dissidenz gegenüber dem
Regime bekannt waren, von denen aber Teil nicht einmal
darüber gefragt wurden. Der Rat der Front zur Nationalen
Rettung traf sich in der betreffenden Zusammensetzung erst
17
Miodrag Milin, Timişoara…, S. 146.

309
am 27. Dezember. Die Leader von Timişoara konnten sich auf
der Liste nicht finden (das wäre nicht möglich gewesen, da am
Abend des 22.Dezember ihre Namen in Bukarest nicht bekannt
waren). Nur Laszlo Tökes wurde auf der Liste des ersten Rates
der Front zur Nationalen Rettung eingeschlossen, aber er war
nicht mehr in Timişoara, sondern in Mineu, und in seiner Rede
bei der ersten Tagung des Rates (vom 27. Dezember) bezog er
sich nicht auf die Einwohner von Timişoara.
Zurückkommend auf den Sachverhalt in Timişoara
muss hervorgehoben werden, dass die erste Machtstruktur (eine
sehr beschränkte Mannschaft) sowohl auf Landkreisebene,
als auch auf Kreishauptstadtebene die gleiche war (eine
Zeitlang zirkulierte, in anderen Zonen des Landes, auch die
merkwürdige Bezeichnung von „Kreisbürgermeister“.)
Angesichts dessen, dass in den Mass-Media
der Zeit zahlreiche Botschaften seitens verschiedener
Berufsgemeinschaften zur Unterstützung der Plattform des
Rates der Front zur Nationalen Rettung veröffentlicht wurden
(nach deren Vorlesen durch Ion Iliescu im Fernsehen, in der
Nacht vom 22 Dezember), fanden die Leader der Rumänischen
Demokratischen Front – obgleich darüber geärgert, dass sie sich
von Bukarest vernachlässigt fühlten, dass es im Interesse der
Revolution war, in gleicher Weise vorzugehen (es muss daran
erinnert werden, nach die Terroristen noch immer tätig waren,
einschließlich in Timişoara); aus diesem Grund erstellten sie
eine erste Erklärung in der Freiheit:

Merkblatt Nr. 15
Die Erklärung des Komitees
der Rumänischen Demokratischen Front von Timişoara

Angesichts der Gründung der Front zur Nationalen


Rettung, in der Hauptstadt, beschließt das Komitee der
Rumänischen Demokratischen Front in Timişoara folgendes:
1. Das Anschließen der Rumänischen Demokratischen
Front an das Programm der Front zur Nationalen Rettung.
2. Die Integrierung der Rumänischen Demokratischen
Front im Rahmen der Front zur Nationalen Rettung.

310
3. Das Einschließen des Komitees von Timişoara der
Rumänischen Demokratischen Front in das Nationalkomitee der
Front zur Nationalen Rettung.
4. Das auf dieser Weise gebildete Komitee der Front zur
Nationalen Rettung in Timişoara wird vom folgenden Exekutiv
Bureau geführt:
1. Lorin Ioan Fortuna – Vorsitzender;
2. Claudiu Iordache – Stellvertretender Vorsitzender;
3. Mihaela Munteanu – Sekretärin;
4. Ştefan Ivan – Mitglied;
5. Petrişor Morar – Mitglied;
Samstag, 23. Dezember 1989.
Lorin Ioan Fortuna18.

Diese war, praktisch, die erste Führungsmannschaft in


der Stadt und im Landkreis (welche, in erweiterter Form, durch
Spezialisten aus der ehemaligen Verwaltung und Angehörigen
der Armee ergänzt wurde); dennoch blieb der ehemalige
Führer des Kreises, aus seinem in der Druckerei eingerichteten
Büro, weiterhin, und ohne das Wissen der neuen Führung, mit
den Dienstleistungs- und Industrieunternehmen der Stadt in
Verbindung.
Eine neue Führungsstruktur wurde, wie oben
beschrieben, am 26. Dezember (für den Landkreis) und am
27. Dezember (für die Kreishauptstadt) eingesetzt, unter den
Benennungen Kreisrat der Front zur Nationalen Rettung (51
Personen), beziehungsweise Kreishauptstadtsrat der Front
zur Nationalen Rettung (33 Personen), von den Mitgliedern
der Rumänischen Demokratischen Front, den Vertretern
der Militärs und von Nichtaffiliierten. Am Anfang blieb der
Arbeitsstelle der Führungsmannschaft bei der Oper (dem
Nationaltheater). Aus diesem Grund wurde das
Gebäude, bis zum 25. Dezember, einem besonderen
Schutzregime unterworfen. Später bildete sich der Kreisrat der
Front zur Nationalen Rettung im Rahmen einer beim Rathaus
organisierten Sitzung (um sich dann, am 26. Dezember, im
ehemaligen Sitz des Parteikreisrates niederzulassen), während
18
„Caietele Revoluţiei” (Hefte der Revolution), nr. 2(4)/2006, S. 28.

311
der Kreishauptstadtsrat der Front im Rahmen einer beim
Kreisrat organisierten Sitzung, am 27. Dezember, gegründet
wurde, und sich dann den Sitz im Rathaus festlegte.
Was stellen wir fest?
a) Der Beschluss der Führer der Rumänischen
Demokratischen Front zu deren Integrierung in die Front
zur Nationalen Rettung war ein bewusster Akt, welcher in
gutem Glauben, einseitig, ohne vorhin mit jemandem aus
dem Rat der Front zur Nationalen Rettung besprochen zu
werden vorgenommen wurde. Die Eile der Mitteilung dieses
Beschlusses wird durch den Druck erklärt, den die „Ehemaligen“
– durch verschiedene „Vermittler“ – in verschiedenen Zonen
ausübten, um die Führung des Kreises zu übernehmen, indem
sie fragwürdige Beziehungen mit Bukarest im Spiel setzten und
andeuteten, dass sie die Unterstützung der Front zur Nationalen
Rettung hätten.
b) Die Rumänische Demokratische Front schloss sich
dem Programm der Front zur Nationalen Rettung an und gab
damit sein eigenes Programm – das ohnehin nicht mehr aktuell
war – auf. Diese Aufgabe bedeutete nicht der Verzicht auf
Grundsätze der Rumänischen Demokratischen Front, sondern
die Feststellung, dass diese auch im Kommuniqué der Front
zur Nationalen Rettung an das Land enthalten waren;
c) Die Maßnahmen 2 und 3 sind eng miteinander
verbunden und bedingen sich einander: die Integrierung
der Rumänischen Demokratischen Front in der Front zur
Nationalen Rettung, beziehungsweise des Komitees der
Demokratischen Front in den Rat der Front zur Nationalen
Rettung. Angesichts dessen, dass diese Maßnahme nicht
realisiert wurde, begannen die Leader in Timişoara Abstand zu
nehmen und hinsichtlich der Führung der Front zur Nationalen
Rettung in Bukarest vorsichtig zu sein. In diesem Kontext gelang
es einer Delegation der Rumänischen Demokratischen Front,
nach Bukarest zu kommen, konnte aber die Führung des Landes
über die Notwendigkeit eines privilegierten Status der Leader von
Timişoara innerhalb des Nationalrates der Front zur Nationalen
Rettung nicht überzeugen (eigentlich waren sie nicht einmal auf
dem gleichen Vertretungsniveau anderer Kreise vertreten)19.
19
Victoria, Januar 1990. In einem Interview von Gheorghe Crişan mit

312
Zur gleichen Zeit begannen Anregungen bezüglich der
Notwendigkeit der Übernahme der Kreisführung durch eine
neuere, repräsentativere Verwaltung zu erscheinen – ohne, noch,
die Legitimität der Rumänischen Demokratischen Front in Frage
zu stellen. Die Anregungen kamen ebenfalls von der ehemaligen
Zeitung der Kommunistischen Partei Timiş (Drapelul roşu,
später Luptătorul bănăţean), welche der neuen Führung viele
Schwierigkeiten machte und diese dazu bewegte, (etwas später)
den Chef-Redakteur und einen Teil dessen Teams zu ersetzen,
wegen des Verwirrungszustandes, den sie, mit Vorsatz, innerhalb
der Gemeinschaft von Timişoara verursachten.
Unter diesen Umständen wurde eine neue, der
Rumänischen Demokratischen Front zur Verfügung stehende
Veröffentlichung geschaffen, Victoria, welche eine korrekte
Informierung der Bevölkerung sichern sollte (die erste Nummer
der Victoria erschien am 27. Dezember). Zum gleichen Zweck
wurde auch die Zeitung Timişoara gegründet. In ihrer ersten
Nummer (vom 23. Januar 1990) veröffentlichte diese einen
Beschluss des Kreisrates der Front zur Nationalen Rettung,
hinsichtlich der Praktiken und der Lage der ehemaligen
lokalen kommunistischen Zeitung: „Als Folge zahlreicher
Anzeigen, Klagen und Protesten wegen wiederholter Fehler,
unzureichender und parteischer Informierungen, sowie auch
der Tatsache, dass bestimmte moralisch kompromittierte
Redakteure der ehemaligen Zeitung Drapelul roşu weiterhin
Artikel in der Zeitung Renaşterea bănăţeană unterschreiben,
aber auch auf Grund der vor dem Kreisrat der Front zur
Lorin Fortuna sagte letzterer: „Nachdem die Revolution auch in Bukarest
ausgebrochen war, erachteten wir es als notwendig, uns vollständig in die
Front zur Nationalen Rettung zu integrieren, auf Grund der Überlegung,
dass nur durch eine einheitliche Führung, auf zentraler Ebene, mit dem
Sitz in Bukarest die besten Voraussetzungen für den endgültigen Sieg
der Revolution sichern konnten... Wir traten der Plattform der Front zur
Nationalen Rettung bei und wir werden uns darin bis zu den Wahlen
integrieren; dann beabsichtigen wir eine eigene Plattform, seitens einer
unabhängigen politischen Formation vorzustellen. Wir haben, übrigens,
in Bukarest die Erstellung einer gemeinsamen Plattform mit der Front
zur Nationalen Rettung vorgeschlagen, mit der Beibehaltung des Namens
der Rumänischen Demokratischen Front – als Zeichen der Anerkennung
dessen Rolle bei der Auslösung der Revolution, welche zum Sturz der
verhassten Diktatur geführt hat.”

313
Nationalen Rettung, vor der Redaktion der Zeitung Renaşterea
bănăţeană (Luptătorul bănăţean, bis am 31. Dezember)
und vor dem Polygraphischen Betrieb Timişoara öffentlich
ausgedrückten Unzufriedenheit, hat das Exekutiv Bureau
des Kreisrates der Front zur Nationalen Rettung den somit
entstandenen Sachverhalt analysiert und das Ersetzen des
Chef-Redakteurs der Zeitung Renaşterea bănăţeană, Ion
Dancea, mit einem provisorischen Führungskomitee, welcher
von der Gesellschaft der rumänischen Schriftsteller im Banat
zu ernennen ist, beschlossen“20.

In der gleichen Veröffentlichung wird auch der
Standpunkt der neuen kollektiven und provisorischen Führung
der Zeitung ausgedrückt: „Die Öffentlichkeit in Timişoara
hat, durch Protestversammlungen, ihre Enttäuschung über
die professionelle Tätigkeit der ehemaligen Redaktion der
Tageszeitung Renaşterea bănăţeană ausgedrückt und die
Gruppenkündigung derselben verlangt. Die ehemalige
Redaktionsmannschaft hat die sozial-administrative Lage
unseres Kreises destabilisiert, indem in der obenerwähnten
Tageszeitung widersprüchliche, ungenügend überprüfte und
oft tendenziöse Informationen veröffentlicht wurden. Die auf
provisorischer Grundlage gebildete Redaktionsmannschaft
nimmt sich folgendes vor:
- Die Bewahrung einer echten Unabhängigkeit gegenüber
aller sozial-administrativen und politischen Strukturen: die
Front zur Nationalen Rettung, die Staatsanwaltschaft, die
Polizei, die Armee, politische Parteien;
- Sämtliche Kommuniqués, Aufrufe und amtliche
Beschlüsse, sowie alle Anzeigen von Privatpersonen werden
unter der Garantie und Verantwortung ihrer Ersteller
veröffentlicht werden;
- Zur Sicherung einer prompten Einbeziehung der
Zeitung in allen Fragen allgemeinen, wichtigen und dringenden
Interesses bitten wir die Leser, sich mit Vertrauen an die
Redaktion zu richten“.
Sehr interessant, elegant und großzügig war die Geste
jener von der Konkurrenzzeitung, Timişoara, welche, in der
20
Lorin Fortuna, Rolul frontului...(Die Rolle der Front...), S. 94.

314
ersten Nummer der Zeitung den Aufruf der Kollegen aus der
neuen Führung der Renaşterea bănăţeană auf der ersten Seite
veröffentlichten!
Den ehemaligen Redakteuren gelang es, die Ideen
ihrer ehemaligen politischen Chefs, welche sie weiterhin
unterstützten, einzufädeln, und sie als „unschuldig“ und
„guten Glaubens“ vorzustellen.

Merkblatt Nr. 16
Ein in der Zeitung Luptătorul Bănăţean Nr. 3,
vom 24. Dezember 1989 erschienener Artikel

Es ist eine absolute Notwendigkeit, dass auch im Kreis


Timiş ein (provisorisches) Landkreiskomitee der Front zur
Nationalen Rettung gegründet wird. An diesem demokratischen
Gremium werden sich Vertreter aller sozialer Kategorien
beteiligen, ungeachtet ihrer Nationalität oder ihres Glaubens aus
allen Organisation und Gruppierungen, welcher in heldenhafter
Weise für ein freies und würdiges Leben gekämpft haben,
Mitglieder der Rumänischen Demokratischen Front, die in den
schweren Tages des Kampfes in Timişoara gebildet wurde, Arbeiter,
Bauern, Intellektuelle, Junge und Alte, Studenten, Lehrkräfte,
Schöpfer aus allen Bereichen, gesunde Persönlichkeiten des
ökonomischen und sozialen Lebens, Journalisten, wobei die
gesamte Bevölkerung, dringend, mit Urteilsvermögen und
sozialer Verantwortlichkeit, namentliche Vorschläge in diesem
Sinne zu machen hat.
Dieser Artikel – ohne Unterschrift und ohne
Überschrift – stellt, aus folgenden Gründen, ein Muster von
Desinformation und schlechten Willen dar:
a) Ein Tag vorher waren die Gründung des Komitees
der Front zur Nationalen Rettung von Timişoara, sowie der
Beitritt der Rumänischen Demokratischen Front zum Rat
der Front zur Nationalen Rettung verkündet worden. Es
wurden Verhandlungen mit Vertretern der Garnison und
der ehemaligen Verwaltung geführt; diese fanden, in einer
mehr oder weniger diskreten Weise, bei der Druckerei, bei
der Garnison und, letzten Endes, beim Rathaus statt, obwohl
einige Revolutionäre, die von davon erfahren hatten (und zu

315
den Anhängern des ehemaligen Ersten-Sekretärs zählten),
verzweifelte Anstrengungen machten, um in das betreffende
Gebäude einzudringen und bei den Gesprächen dabei zu sein.
Dieses waren die Umstände, unter welchen, unter den Leader
der Rumänischen Demokratischen Front, Argwohn entstand,
welcher von den interessierten Parteien geschickt geschürt
wurde.
b) Ohne es direkt zu sagen war der Autor des Artikels
eigentlich mit dieser Mannschaft nicht einverstanden und
suggerierte daher, dass „die ganze Bevölkerung“ Vorschläge
machte (diesmal mit „Urteilsvermögen und sozialer
Verantwortlichkeit“). Wie hätte man das machen können? Die
Zeitung sagte nicht darüber, aber es ist offensichtlich, dass,
in Abwesenheit von Wahlen (welche in jener Atmosphäre
unmöglich zu organisieren waren), die Redaktion sich zur
Verfügung stellte, um die „Vorschläge der Bevölkerung“ zu
zentralisieren“ und ihr Ergebnis bekannt zu machen.
In dem Zustand der Verwirrung, welcher an den ersten
Tagen nach der Aufgabe der Macht durch die ehemalige
Verwaltung herrschte, war es nicht schwer, die Interessen einer
Gruppierung zu fördern, welche „den Krieg verloren hatte, aber
den Frieden zu gewinnen hoffte“: auf der einen Seite nahm das
Leben mit endlosen Schwierigkeiten seinen Lauf wieder auf;
manche Leute – welche durch die in Renaşterea bănăţeană
geführte Propaganda angestachelt wurden, zweifelten an der
Fähigkeit der Rumänischen Demokratischen Front, im Kontext
der terroristischen Diversionen und der Unzulänglichkeiten
aller Arten- die laufenden Probleme zu lösen. Auf der anderen
Seite war die Mannschaft der Rumänischen Demokratischen
Front von der Kohäsion einer gut strukturierten und in der
öffentlichen Übung erfahrenen Formation weit entfernt.
Es erwies sich, dass, wenn die Führung der Menschen
in der Revolution Mut, Entschlossenheit und Glauben
erforderlich gewesen waren (Eigenschaften, welche die
Leader der Front sicherlich hatten), für die Zeit der Stabilität
Management-Kenntnisse, zivilgesellschaftliche Erfahrung,
Weisheit und ein gutes Verständnis aller Bedürfnisse und
Probleme notwendig waren. Bei einem Teil der Revolutionäre
waren diese Fähigkeiten noch nicht ausgebildet.

316
Aber sogar unter diesen Umständen gelang es der
Mannschaft der Rumänischen Demokratischen Front, den
„Putsch“-Versuch seitens der „Ehemaligen“ zu vereiteln.
Weiter unten ist die Liste des Kreisrates der Front
zur Nationalen Rettung, welcher am 26. Dezember gebildet
wurde; wir werden aber sehen, dass die am 27. Dezember
(ein Tag später) formulierten Anweisungen aus Bukarest
von den interessierten Parteien verwendet wurden, um neue
Änderungen in der Zusammensetzung der lokalen Front zur
Nationalen Rettung zu verlangen:

Merkblatt Nr. 17
Kommuniqué betreffend die Gründung des Kreisrates Timiş
der Front zur Nationalen Rettung
26. Dezember 1989

Am 26. 12.1989 wurde, in Timişoara, der Kreisrat


der Front zur Nationalen Rettung des Landkreises Timiş
gebildet, als Folge des Beschlusses der Allgemeinversammlung
der Rumänischen Demokratischen Front in Timişoara zur
Integrierung in die Front der Nationalen Rettung. Dieser Rat hat
die folgende Zusammensetzung:
1. Fortuna Lorin – Vorsitzender (Rumänische
Demokratische Partei – R.D.P.)
2. Burlacu Tudorin - Stellvertretender Vorsitzender,
zuständig für organisatorische Fragen (R.D.P.)
3. Morar Petrişor – Stellvertretender Vorsitzender,
zuständig für ökonomische Fragen (R.D.P.)
4. Ivan Ştefan – Sekretär (R.D.P.)
5. Atanasiu Lucia – Mitglied
6. Barna Ionel (R.D.P.)
7. Băcana Liviu (R.D.P.)
8. Bordoş Ioan
9. Barna Bodo
10. Cârpanu Florentin
11. Constantin Viorel
12. Curuţiu Dorel (R.D.P.)
13. Cnejevici Florin

317
14. Ciura Alexandru (R.D.P.)
15. Dunca Romeo (R.D.P.)
16. Dragomirescu Mihai
17. Florescu Viorel (R.D.P.)
18. Giurgev Arcadie
19. Gârdan Ion
20. Ghica Constantin (R.D.P.)
21. Haidău Mihai (R.D.P.)
22. Iordache Claudiu (R.D.P.)
23. Ionescu Radu
24. Iliescu Filomenia
25. Marcu Ioan (R.D.P.)
26. Misarăş Adrian (R.D.P.)
27. Mândrilă Daniel (R.D.P.)
28. Milutin Luminiţa (R.D.P.)
29. Munteanu Cristina (R.D.P.)
30. Munteanu Mihaela (R.D.P.)
31. Negoescu Nicolae
32. Oprea Sorin (R.D.P.)
33. Pintea Vasile
34. Popa Manole
35. Popa Constantin
36. Petrişor Petre (R.D.P.)
37. Petre Cristea (Armee)
38. Predonescu Nicolae (Armee)
39. Puri Gherhardt
40. Popescu Gheorghe (Armee)
41. Rădoi Mihail (Armee)
42. Săsăran Gruia (R.D.P.)
43. Stroe Constantin
44. Sobol Dan (R.D.P.)
45 Trăistaru Maria (R.D.P.)
46. Ursulescu Ionel (R.D.P.)
47. Vozianu Corneliu (Armee)
48. Vartolaş Ioan
49. Vintilă Ion
50. Vârtan Valentin (R.D.P.)
51. Vlădesan Emil (R.D.P.)

318
Rumänische Demokratische Front
Präsident: Lorin Ioan Fortuna21

Die oben-angeführte erste (beschränkte) Mannschaft


war vier Tage lang für die Führung des Kreises und der
Stadt zuständig, bis am 26. Dezember, als der Kreisrat Timiş
der Front zur Nationalen Rettung gebildet wurde. Von
den 51 Mitgliedern dieses Rates waren 27 Mitglieder der
Rumänischen Demokratischen Front (eine dünne Mehrheit)
und 24 Unaffiliierte oder Vertreter der Armee.
Die Änderungen im Vergleich mit der ersten
Kurzliste (welche nur die Führungsmannschaft umfasste)
sind augenscheinlich: als stellvertretender Vorsitzender
erscheint Tudorin Burlacu (Claudiu Iordache, der gewesene
stellvertretender Vorsitzender, welcher am 25. Dezember
seinen Rücktritt erklärt hatte, erscheint als Mitglied, in
der Position 22m und Mihaela Munteanu ist nicht mehr
Sekretärin). Wir können feststellen, dass im Rahmen des
Kreisrates der Front zur Nationalen Rettung die Angehörigkeit
zur Rumänischen Demokratischen Front hervorgehoben wird;
von hier geht hervor, dass die vorher verkündete Integrierung
nicht als eine Auflösung der Rumänischen Demokratischen
Partei in der Front zur Nationalen Rettung gedacht war. Vier
der fünf Führungsstellungen gehören übrigens Mitgliedern
der Rumänischen Demokratischen Front: Lorin Fortuna,
Vorsitzender, Tudorin Burlacu, stellvertretender Vorsitzender,
zuständig für organisatorische Fragen, Petrişor Morar,
stellvertretender Vorsitzender zuständig für ökonomische
Fragen, Ştefan Ivan, Sekretär. Die nächsten Mitglieder
waren: 5 von der Armee, ein ehemaliger Amtsträger hohen
Ranges (Florentin Cârpanu, Generaldirektor bei Comtim,
welcher später sogar als Präfekt ernannt wurde), Vertreter der
wirtschaftlichen Milieus, des Unterrichtswesens, der Kultur.
Es geht aus keinem Beitrag oder Dokument hervor, wie diese
Liste erstellt und abgestimmt wurde.
Am nächsten Tag (27. Dezember) wurde auch der
Kreishauptstadtsrat der Front zur Nationalen Rettung gebildet;
21
Lorin Fortuna, Rolul Frontului… (Die Rolle der Front…), S. 59. Siehe
auch: Caietele Revoluţiei (Hefte der Revolution), nr. 5 (7), 2006, S. 56-57.

319
dieser bestand aus 33 Mitgliedern, geführt von Ivan Ştefan,
Vorsitzender, Marcu Ioan, Alămureanu Pompiliu, Stellvertreter
des Vorsitzenden, Aurel Ghilea, Sekretär und die neue exekutive
Führung aus der Ebene der Kreishauptstadt.

Merkblatt Nr. 18
Liste des ersten Kreishauptstadtsrates
der Front zur Nationalen Rettung

- Ivan Ştefan – Vorsitzender


- Ioan Marcu – Stellvertretender Vorsitzender
- Pompiliu Alămoreanu – Stellvertretender Vorsitzender
- Aurel Ghilea – Sekretär
Mitglieder: Dan Albuţiu, Georgică Arsenescu, Nicolae
Barbu, Constantin Caloghera, Livius Ciocârlie, Viorel Drăgan,
Vasile Gioară, Emeric Gnandt, Ioan Haiduc, Victor Horotan,
Emil Ilea, Mihai Iliescu, Petru Juravle, Ionel Marchiş, Gabriel
Marinescu, Caius Muţiu, Angela Mirt, Diodor Nicoară, Nicolae
Opris, Păun Otiman, Marin Purice, Svetlana Pomorisat, Sorin
Radosavlevici, Nicolae Ruşan, Gheorghe Simioane, Karol
Singer, Ioan Traleş si Radu Vâlcean.
Wir halten auch in diesem Fall fest, dass in der
Zusammensetzung der beiden Räte aufeinanderfolgende
Änderungen vorgenommen wurden, welche durch objektive,
organisatorische Ursachen motiviert wurden (Anweisungen
von Bukarest hinsichtlich der Funktionsweise), aber auch
subjektive Gründe hatten, im Zusammenhang mit dem Wunsch
mancher Leader, zurückzutreten, mit dem professionellen