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Philosophische Fakultät

Institut für Philosophie


Lehrstuhl für Theoretische Philosophie
Dr. Holm Bräuer MBA

4. Wissenschaftstheorie

965
966
ERKENNTNISTHEORIE VS.
WISSENSCHAFTSTHEORIE

967
Die Wissenschaftstheorie thematisiert die
Wissenschaft als eine Tätigkeit zur Vermehrung des
Wissens und der Wahrheit.

Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsgeschichte, Wissenschafts-


politologie

968
Das Problem des Wahrheitsnachweises und der
Begründung von Erkenntnis sind auch zentrale
Themen der Erkenntnistheorie.

969
Ist die Wissenschaftstheorie nur ein spezieller
Zweig der Erkenntnistheorie?

970
Was als Erkenntnis und Wissen gilt, wird heute
hauptsächlich in den Wissenschaften entschieden.

971
Ist die Wissenschaftstheorie eine Erbin der
Erkenntnistheorie?

972
Erkenntnistheorie

Wissenschaftstheorie

spezielle WT allgemeine WT Naturphilosophie

Biologie Begriffe Freiheit

Physik Theorien Determinismus

Geschichte Erklärungen Raum & Zeit

Mathematik Evidenzen Geist/Körper

Psychologie Prognosen Materie

... ... ...


973
1. Wissenschaftliche Erklärungen

2. Bestätigung wissenschaftlicher Theorien

3. Was ist eigentlich eine Theorie?

974
WISSENSCHAFTLICHE
ERKLÄRUNGEN

975
„Das charakteristische Ziel der Wissenschaft ist die
Angabe systematischer und zuverlässig untermauerter
Erklärungen.“

Ernest Nagel

976
Was ist überhaupt eine wissenschaftliche Erklärung?

Welche Struktur hat sie?

Wann gilt sie als „zuverlässig untermauert“?

977
ERKLÄRUNGEN SIND
ANTWORTEN AUF WARUM-
FRAGEN.

978
Frage
Warum erscheint das Licht entfernter

Galaxien in einer Rotverschiebung?

--- beantwortet ----

Weil sich das Universum ausdehnt.

Antwort
979
Explanandum
Das Licht entfernter Galaxien erscheint in einer
Rotverschiebung.

--- erklärt (unterstützt, beweist, legt nahe ...) ---

Das Universum dehnt sich aus.

Explanans
980
AUCH ERKLÄRUNGEN SIND
ARGUMENTE!

981
Beweis Rechtfertigung

Prämissen r Gründe r
s s
-------------beweisen---------------- -------------stützen/rechtfertigen-------------

Konklusion p Überzeugung p

r, s enthalten (logisch) p r, s sind Gründe für p

Erklärung Bestätigung

Antworten r Evidenzen r
s s
---------------erklären----------------- ---------------stützen/bestätigen-----------------

Frage p Gesetz/Theorie p

r, s erklären p r, s bestätigen p
982
ZUR LOGIK
WISSENSCHAFTLICHER
ERKLÄRUNGEN
Carl Gustav Hempel

983
Carl Gustav Hempel (1905-1997)

Vertreter des Logischen Empirismus. Zu seinen


Lehrern gehörte Rudolf Carnap; er war mit Hans
Reichbach und Paul Oppenheim befreundet – alles
führende Wissenschaftstheoretiker seiner Zeit.
Seine wichtigsten Beiträge stammen aus den
Gebieten der wissenschaftlichen Erklärungen und
der Theorie der Bestätigung.

„A Purely Syntactical Definition of Confirmation“ (1943); „Studies in the Logic of Confirmation“


(1945); „Studies in the Logic of Explanation“ (1948); Aspects of Scientific Explanation (1965);
Philosophy of Natural Science (1966)
984
DAS DEDUKTIV-NOMOLOGISCHE
MODELL

D-N-Schema; Hempel-Oppenheim-Schema; Covering Law Modell

985
Eine
Eiskunstläuferin
rotiert sehr langsam
um ihre eigene
Achse.

Plötzlich zieht sie die


Arme eng an ihren
Körper an und
beginnt sich sehr
schnell zu drehen.
986
Wie lässt sich das erklären?

987
1. Die Eiskunstläuferin legt die Arme eng an ihren Körper an.

2. Wenn eine Eiskunstläuferin ihre Arme eng an ihren Köper


anlegt, dann reduziert sie ihre träge Masse.

3. Der Drehimpuls eines Körpers ist das Produkt aus träger


Masse und Winkelgeschwindigkeit und bleibt ohne Einwirkungen
einer äußeren Kraft konstant.

4. Die Eiskunstläuferin erfährt keine Einwirkung einer äußeren


Kraft.

988
erklären zusammen …

989
Die Winkelgeschwindigkeit der Eiskunstläuferin
vergrößert sich.

… sie dreht sich schneller

990
Das Explanandum ist die Konklusion eines
Arguments.

991
Die dritte Prämisse besteht aus der Anführung eines
Naturgesetzes (Impulserhaltungssatz):

Der Drehimpuls eines Körpers ist das Produkt aus


träger Masse und Winkelgeschwindigkeit und bleibt
ohne Einwirkungen einer äußeren Kraft konstant.

992
Die weiteren Prämissen bilden die sogenannten
Randbedingungen.

Die Eiskunstläuferin erfährt keine Einwirkung einer


äußeren Kraft.

Die Eiskunstläuferin reduziert ihre träge Masse.

993
Das Argument ist logisch valide, d.h. das
Explanandum folgt aus den Prämissen.

Die Winkelgeschwindigkeit der Eiskunstläuferin


vergrößert sich (sie dreht sich schneller).

994
(1) Allgemeines Gesetz
Falls Ereignisse des Typs A, des Typs B, ... und des Typs N eintreten,
dann wird ein Ereignis des Typs X eintreten.

(2) Initial-/Randbedingungen
Es treten die Ereignisse a des Typs A, b des Typs B, ... und n des Typs
N ein.

(3) Erklärtes Ereignis


Ereignis x des Typs X tritt ein.

995
"...the scientific explanation of a fact consists, from a
logical point of view, in showing that it is an instance of
a general law. "

Mario Bunge. Causality and Modern Science. New York 1979.

997
Im D-N-Modell einer Erklärung wird das Explanandum
E als logisch valide Konklusion eines Arguments
dargestellt, dessen Prämissen

(a) eine oder mehrere korrekte Verallgemeinerungen


(Naturgesetze L1 ... Ln), und

(b) die entsprechenden Rand- oder Initialbedingungen


(C1 ... Cn) enthalten.

998
ADÄQUATHEITSBEDINGUNGEN
WISSENSCHAFTLICHER
ERKLÄRUNGEN

999
(1) Das Explanandum muss eine logische
Konsequenz des Explanans sein, d.h. die Erklärung
muss die Form eines logisch gültigen, deduktiven
Arguments besitzen.

1000
(2) Das Explanans muss mindestens ein allgemeines
Gesetz enthalten, das eine wesentliche Rolle in der
Erklärung spielt.

Eine Prämisse besitzt eine wesentliche Rolle in einem Argument, wenn


das Argument nach Weglassen der Prämisse nicht mehr logisch gültig
wäre.

1001
(3) Das Explanans muss empirischen Gehalt besitzen,
d.h. es muss sich im Prinzip empirisch testen lassen.

1002
(4) Die Explanans-Sätze müssen wahr sein.

wahre vs. potentielle Erklärungen

1003
WAS IST EIN NATURGESETZ?

1004
1. In jedem geschlossenen
2. Jeder Apfel in meinem
System bleibt die Summe
Kühlschrank ist rot.
der Energie erhalten.

3. Keine Signale können


4. Keiner der Äpfel in
schneller als
meinem Kühlschrank ist
Lichtgeschwindigkeit
grün.
übertragen werden.

1005
Jeder dieser Sätze besitzt entweder die Form „Alle A
sind B“ (1&2) oder „Kein A ist B“ (3&4).

wahre Verallgemeinerungen

1006
Trotzdem unterscheiden sich 1) und 3) wesentlich von 2)
und 4). Die einen betrachten wir als Naturgesetze; die
anderen sind nur (zufällig wahre) Verallgemeinerungen.

Worin unterscheiden sich Naturgesetze von zufällig wahren


Verallgemeinerungen, wenn sie sich nicht ihrer Form nach
unterscheiden lassen?

1007
Kontrafaktisches Kriterium

Gesetze unterstützen kontrafaktische Schlüsse. Sie


„gelten“ auch für Fälle, die momentan nicht vorliegen.

1008
1 Wenn dieser Druckbehälter hier ein geschlossenes
System wäre, dann würde die Summe der Energie
innerhalb dieses Druckbehälters konstant bleiben.

3 Wenn jetzt jemand Signale zum Jupiter übertragen


würde, dann bräuchten diese Signale mindestens so
lange, wie das Licht für diese Distanz braucht.

gültig

1009
2 Wenn dieser Apfel da drüben in meinem
Kühlschrank läge, dann wäre er rot.

4 Wenn dieser Apfel da drüben in meinem


Kühlschrank läge, dann wäre er nicht grün.

ungültig

1010
Problem

Frage: Warum könnte es sein, dass ein Apfel in


meinem Kühlschrank nicht rot (bzw. grün) ist?

Antwort: Weil es gegen keine physikalischen


Gesetzmäßigkeiten verstößt.

zirkulär

1011
Modales Kriterium

Gesetze unterstützen modale Sätze über


Notwendiges und Mögliches.

1012
1 Es ist nicht möglich, dass sich die Summe der
Energie in einem geschlossenen System ändert.

3 Es ist nicht möglich, Signale schneller als mit


Lichtgeschwindigkeit zu übertragen.

gültig

1013
2 Es ist nicht möglich, dass sich in meinem
Kühlschrank Äpfel befinden, die grün (d.h. nicht rot)
sind.

4 Es ist nicht möglich, dass sich in meinem


Kühlschrank Äpfel befinden, die grün sind.

ungültig

1014
Problem

Frage: Warum ist es möglich, dass sich in meinem


Kühlschank grüne Äpfel befinden?

Antwort: Weil es gegen keine physikalische


Gesetzmäßigkeit verstößt.

zirkulär

1015
Die Frage, was möglich und notwendig ist, und die
Frage, welche kontrafaktischen Situationen zulässig
sind, hängt davon ab, welche Regelmäßigkeiten als
physikalische Gesetze angesehen werden und
umgekehrt.

1016
FAZIT

Es scheint kein klares Unterscheidungskriterium


zwischen Naturgesetzen und anderen, gewöhnlichen
Verallgemeinerungen zu geben, außer dem, dass wir
manche als Gesetze behandeln und andere nicht.

1017
PROBLEME DES D-N MODELLS

1018
Der Fahnenmast

1019
Auf einem ebenen Boden ragt senkrecht ein
Fahnenmast empor. Er ist 4,0 m hoch. Die Sonne
scheint aus einem Winkel von 60°. Und der Mast wirft
einen Schatten von 4,4 m Länge.

1020
Wenn wir fragen, warum der Schatten 4,4 m lang ist,
dann lässt sich das ganz einfach mit ein wenig
Trigonometrie (deduktiv) herleiten. Das Ergebnis ist
eine D-N-Erklärung der Schattenlänge.

1021
Wir könnten durch Ausnutzung desselben Schemas
und genau derselben Gesetze erklären:

1022
… warum der Mast 4 m hoch ist

Trigonometrie, Länge des Schattens, Sonnenwinkel

1023
… warum die Sonne in einem Winkel von 60° zur Erde
steht

Trigonometrie, Schattenlänge, Höhe des Mastes

1024
Erklärungen sind asymmetrisch

Wenn A B erklärt, dann kann B nicht A erklären.

1025
Das Barometer und der Sturm

1026
Wenn das Barometer schnell fällt, dann können wir
einen Sturm vorhersagen. Dennoch erklärt das Fallen
des Barometers das Auftreten des Sturmes nicht,
denn das Fallen des atmosphärischen Druckes ist
sowohl verantwortlich für das Fallen des Barometers
wie auch des Aufkommens eines Sturmes.

1027
Wenn zwei Wirkungen eine gemeinsame Ursache
besitzen (Sturm und Fallen des Barometers), können
wir nicht die eine Wirkung durch die andere erklären.

1028
Sonnenfinsternis

1029
Vom jetzigen Stand der Sonne sowie einer Anzahl von
Gesetzen über die Planetenbewegungen können
Astronomen eine zukünftige Sonnenfinsternis
vorhersagen.

1030
Aufgrund eben derselben Daten und Gesetze lassen
sich aber auch vorangehende Sonnenfinsternisse
„voraussagen“.

1031
Wir führen keine gegenwärtigen oder zukünftigen
Bedingungen an, wenn wir vergangene Ereignisse
erklären.

1032
Eine Antibabypille für den Mann?
1033
Schmidt erklärt sich die Tatsache, dass er nicht
schwanger wird damit, dass er regelmäßig die
Antibabypille seiner Frau genommen hat. Und er nutzt
dafür das folgende Naturgesetz:

„Männer, die die Antibabypillen nehmen, werden nicht


schwanger.“

1034
Das Erklärmuster hat zwar die Form einer D-N-
Erklärung, zitiert aber irrelevante Sachverhalte.

1035
Die Adäquatheitsbedingungen für D-N-Erklärungen
sind zu schwach (sie verlangen zu wenig).

1036
Der Tintenfleck

1037
Auf einem Teppich in der Nähe des Schreibtisches
befindet sich ein schwarzer Fleck. Wie kann das
erklärt werden?

1038
Zum Beispiel so:

Gestern stand auf dem Rand des Schreibtisches ein


offenes Tintenfass. Der Professor hat sich
versehentlich am Schreibtisch gestoßen. Darauf hin
fiel das Fass herunter. Die Tinte ergoss sich auf den
Teppich.

1039
Obwohl diese Erklärung keine allgemeinen
Gesetzmäßigkeiten enthält, stellt sie dennoch eine
erfolgreiche Erklärung dar.

1040
Die Adäquatheitsbedingungen sind nicht nur zu
schwach, sondern auch zu stark (sie verlangen zu
viel).

1041
KAUSALE ERKLÄRUNGEN

1042
Es scheint, dass Erklärungen dann erfolgreich sind,
wenn sie die Ursachen für ein Ereignis nennen.

Die Höhe des Fahnenmastes und die Länge seines Schattens sind nicht
Ursachen für den Sonnenstand.

Der Sturm ist nicht Ursache für das Fallen des Barometers.

Die gegenwärtige Konstellation der Planeten ist nicht Ursache vergangener


Sonnenfinsternisse.

Das Nehmen der Antibabypille ist nicht Ursache dafür, dass Männer nicht
schwanger werden.

1043
Wir können Vermutungen zu den Ursachen eines
bestimmten Ereignisses haben, ohne ein genaues
Gesetz zu kennen, das beide miteinander verbindet.

Das Herunterfallen des Tintenfasses ist Ursache für den Fleck auf dem Teppich.

1044
DIE KRITIK AM
KAUSALITÄTSBEGRIFF

1045
David Hume (1711-1776)
Hume gilt als einer der wichtigsten Vertreter des
klassischen, britischen Empirismus. Er vertrat eine
Philosophie des gesunden Menschenverstandes und
wendete sich gegen die traditionelle Metaphysik, die er als
Quelle des Irrtums ablehnte. In der Wissenschaftstheorie
haben vor allem seine kritischen Ausführungen zur
Kausalität und Induktion eine durchschlagende Wirkung
gehabt.

A Treatise of Human Nature (1739/40); An Enquiry Concerning Human Understanding


(1748); An Enquiry Concerning the Principles of Moral (1751); Dialogues Concerning Natural
Religion (1779)
1046
Eine weiße Billardkugel bewegt sich auf eine blaue Billardkugel zu. Sie
kollidieren. Danach bleibt die weiße Billardkugel stehen und die blaue
bewegt sich in einer bestimmten Richtung fort.

1047
Der Stoß der weißen Billardkugel gegen die blaue in
einem bestimmten Winkel war die Ursache der darauf
folgenden Bewegung der blauen Kugel.

1048
Humes Kritik

Verursachung ist kein empirischer, sondern ein


metaphysischer Begriff. Kausalität kommt in unserer
Erfahrung nicht vor.

1049
Was können wir tatsächlich beobachten?

(1) eine temporale Asymmetrie zwischen Ursache und Wirkung


Die Bewegung der weißen Kugel ging der Bewegung der blauen Kugel voraus.

(2) eine raum-zeitliche Nähe zwischen Ursache und Wirkung


Die weiße Kugel hat die blaue Kugel berührt.

(3) einen wiederholbaren Ablauf der Ereignisse

Wenn ich den Ablauf genau so wiederhole, dann passiert dasselbe.

1050
Diese tatsächlichen Evidenzen zeigen nicht, dass
eine kausale Verbindung zwischen den Ereignissen
besteht. Allenfalls, dass es bisher immer so war, dass
das eine Ereignis dem anderen folgt.

Kausalität wird stipuliert.

1051
„Schwache“ Interpretation von Kausalität

Kausalität besteht lediglich in einer wiederholbaren


Folge von Ereignissen. Solche Beziehungen stützen
Verallgemeinerungen der folgenden Art:

Für alle E1, E2: Falls E1 eintritt, dann tritt auch E2 ein.

1052
L: Für alle E1, E2: Falls E1 eintritt, dann tritt auch E2
ein. (gesetzmäßige Verallgemeinerung)

C: E1 ist eingetreten. (Randbedingung)

E: E2 ist eingetreten (Konklusion)

Kausale Erklärungen, wenn sie sich nur auf einen schwachen


Kausalitätsbegriff berufen, sind D-N-Erklärungen.

1053
DAS INDUKTIV-STATISTISCHE
MODELL

(I-S-ERKLÄRUNGEN)

1054
In D-N-Erklärungen besteht zwischen den Prämissen
und der Konklusion der Erklärung eine logische
Folgebeziehung.

1055
In I-S-Erklärungen wird die Konklusion durch die
Prämissen nur als wahrscheinlich dargestellt. Diese
Beziehung des Stützens kann verschieden stark sein.

1056
L Fast jede Streptokokken-Infektion kann durch
Penicillin geheilt werden.

C1 Jane hatte eine Streptokokken-Infektion.

C2 Jane erhielt Penicillin.


-----------------------erklären------------------------------- [r]

E Jane wurde geheilt.

1057
Deduktion ist erosionsbeständig

Universelle Gesetze gelten für alle Individuen,


unabhängig von weiteren Merkmalen. Wenn gilt, dass
alle A auch B sind, dann gilt ebenso, dass alle Dinge,
die A und C sind, ebenfalls B sind.

Zusatzinformationen ändern nichts.

1058
Deduktion ist erosionsbeständig

Wenn alle Menschen eine Mutter haben, dann haben


auch alle Menschen, die an Krebs erkrankt sind, eine
Mutter.

Zusatzinformationen ändern nichts.

1059
Für statistische Gesetze gilt das nicht

Selbst wenn gilt, dass die meisten Menschen in fünf


Jahren noch leben werden, folgt daraus nicht, dass die
meisten Menschen, die an Krebs erkrankt sind, in fünf
Jahren noch leben werden.

1060
Bedingung der maximalen Spezifität

I-S-Erklärungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie


das gesamte zur Verfügung stehende Wissen
berücksichtigen, denn Zusatzinformationen können
zur Erosion des Zusammenhanges führen.

Was passiert mit der obigen Erklärung, wenn wir erfahren,


dass Jane eine penicillin-resistente Streptokokken Infektion
hatte?

1061
L Fast jede Streptokokken-Infektion kann durch
Penicillin geheilt werden.

C1 Jane hatte eine Streptokokken-Infektion.

C2 Jane erhielt Penicillin.

C3 Es handelte sich um eine penicillin-resistente


Streptokokken-Infektion.
-----------------------erklären------------------------------- [r]

E Jane wurde geheilt.

1062
PROBLEME

1063
Syphilis und Paresis
Eine Paresis (eine teilweise Lähmung) kann mit einer Wahrscheinlichkeit
von 25% auftreten, falls eine Syphilis unbehandelt bleibt.

1064
L Unbehandelte Syphilis führt manchmal zu Paresis.

C Schmidt hatte eine unbehandelte Syphilis.

----------------erklären---------------------[.25]

E Schmidt leidet unter Paresis.

1065
L Unbehandelte Syphilis führt manchmal zu Paresis.

C Schmidt hatte eine unbehandelte Syphilis.

----------------erklären---------------------[.75]

E Schmidt leidet nicht unter Paresis.

1066
Während die Stützung für die Konklusion im zweiten
Beispiel statistisch gesehen viel höher ist als für die
Konklusion im ersten Beispiel, scheint das zweite
Beispiel keine akzeptable Erklärung abzugeben; das
erste schon.

Wie kann das sein?

1067
Determinismus

1068
25 % der Opfer unbehandelter Syphilis bekommen
Paresis.

Schmidt hatte eine unbehandelte Syphilis.

---------------erklären----------------------------[.25]

Schmidt bekommt Paresis.

1069
95 % der Opfer unbehandelter Syphilis, die ein P-
Merkmal besitzen, bekommen Paresis.

Schmidt hatte eine unbehandelte Syphilis.

Schmidt hatte das P-Merkmal.

---------------erklären----------------------------[.95]

Schmidt bekommt Paresis.

1070
Alle Opfer unbehandelter Syphilis, die ein P-Merkmal
und ein Q-Merkmal besitzen, bekommen Paresis.

Schmidt hatte eine unbehandelte Syphilis.

Schmidt hatte das P-Merkmal.

Schmidt hatte das Q-Merkmal.

Schmidt bekommt Paresis.

1071
Determinismus

... ist die Doktrin, dass alles, was in unserem


Universum passiert, vollständig durch vorangehende
Bedingungen (allgemeine Gesetze und
Randbedingungen) determiniert ist.

1072
Falls der Determinismus wahr wäre, dann wäre jedes
Ereignis deduktiv erklärbar und jede I-S-Erklärung wäre
nichts weiter als eine unvollständige D-N-Erklärung,
zurückzuführen auf unser unvollständiges Wissen.

Ist der Determinismus wahr? Gibt es irreduzible I-S Erklärungen?

1073
Psychotherapie für Bruce Brown
1074
Bruce Brown leider unter Depressionen. Er geht zu
einer Psychotherapie. Kurz darauf verschwindet die
Depression.

Können wir das Verschwinden der Depression damit


erklären, dass Bruce Brown zur Psychotherapie
gegangen ist?

1075
Nein

Falls die meisten Menschen mit Depressionen


spontan, d.h. unabhängig von einer Therapie
gesunden, dann ist diese Erklärung nicht legitim.

Eine hohe Wahrscheinlichkeit ist nicht hinreichend für eine


gelungene Erklärung.

1076
Ja

Selbst dann, wenn die Rate der Menschen, die nach


der Therapie gesunden, sehr gering ist, wäre die
Erklärung korrekt, falls die Genesungsrate mit
Behandlung größer wäre als ohne.

Eine hohe Wahrscheinlichkeit ist nicht notwendig für eine


gelungene Erklärung.

1077
Die Höhe der Wahrscheinlichkeit für einen
statistischen Zusammenhang ist nicht entscheidend
für den Erfolg einer Erklärung. Statt dessen müssen
wir die relevanten von den irrelevanten Einflüssen
unterscheiden. Nur die relevanten Einflüsse machen
eine statistische Erklärung erfolgreich!

1078
Das Hauptproblem des I-S-Modells besteht darin,
dass nicht die Wahrscheinlichkeit sondern die
statistische Relevanz der ausschlaggebende Faktor
zu sein scheint.

1079
STATISTISCHE RELEVANZ

1080
Betrachten wir Bruce Brown. Er leidet unter
Depressionen. Unter allen, die darunter leiden und
nicht zur Therapie gehen, gibt es eine gewisse
Wahrscheinlichkeit Ws, spontan zu genesen.

1081
Ws = S / X
S … Anzahl der spontan Genesenden

X … Gesamtgruppe

Falls 30% derjenigen, die nicht zur Therapie gehen, spontan


genesen, dann beträgt diese Wahrscheinlichkeit 0,3.

1082
Für die Gesamtzahl der Genesenden, welche auch
diejenigen einschließt, welche mit Psychotherapie
behandelt wurden, können wir eine andere
Wahrscheinlichkeit Ws+p annehmen. Diese setzt sich
zusammen aus den spontan Genesenden plus
denjenigen, die nach einer Therapie genesen.

1083
Ws+p = S+ P / X

S … Anzahl der spontan Genesenden

P … Anzahl der mit Psychotherapie Genesenden

X … Gesamtgruppe

Falls die Erfolgsrate einer Therapie bei Depressionen 25%


beträgt, dann beträgt diese Wahrscheinlichkeit 0,25.

1084
Die Psychotherapie ist positiv relevant für die
Genesung, falls:

Ws < Ws+p

Psychotherapie erhöht die Aussichten auf Heilung.

1085
Die Psychotherapie ist negativ relevant für die
Genesung, falls:

Ws > Wp+s

Psychotherapie verschlechtert die Aussichten auf Heilung.

1086
Die Psychotherapie ist irrelevant für die Genesung,
falls:

Ws = Ws+p

Psychotherapie hat keinen Einfluss auf die Heilung.

1087
Fazit

Die Höhe der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten


Zusammenhanges bestimmt nicht den Erfolg einer I-S-
Erklärung. Sie muss in Bezug auf die
Wahrscheinlichkeit ihrer Alternativen der relevante
Faktor sein.

1088
ZUSAMMENFASSUNG

1089
D-N-Modell I-S-Modell
Das zu erklärende Ereignis folgt Das zu erklärende Ereignis wird aus
logisch aus Naturgesetzen und einem statistischen Zusammenhang
dazugehörigen Randbedingungen. induktiv abgeleitet.

Es gilt universal: P  Q Mit Wahrscheinlichkeit r gilt: P  Q

P P
[r]
Q Q

Determinismus?

Probleme Probleme
Kausale Asymmetrie Maximale Spezifität

Kausal irrelevante Faktoren Statistisch irrelevante Faktoren


1090