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Paul C.

Roud

Diagnose: Unheilbar,
Therapie: Weiterleben

Zwölf Geschichten von Menschen,


die als unheilbar galten.
Die Geschichte ihrer Heilung zeigt:
Wunder sind kein Zufall.

Kreuz Verlag
Die amerikanische Originalausgabe ist 1990 unter dem Titel »Making Miracles. An Ex-
ploration Into The Dynamics Of Self-Healing« bei Warner Books, Inc., New York, er-
schienen.

Paul C. Roud ist Psychologe. In seiner Praxis hat er sich auf die Betreuung von Patien-
ten spezialisiert, die an tödlichen Krankheiten leiden. Zusammen mit seiner Familie lebt
er in Conway in Massachusetts, USA.

Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw.
Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und
mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Sie bieten keinesfalls Ersatz für kompetenten
medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser sollte für das eigene Tun und Lassen auch
weiterhin selbst verantwortlich sein. Daher erfolgen Angaben in diesem Buch ohne jeg-
liche Gewährleistung oder Garantie des Verlags oder des Autors. Eine Haftung des Ver-
lags oder des Autors für etwaige Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausge-
schlossen, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.

Die Deutsche Bibliothek — Cip-Einheitsaufnahme

Roud, Paul C:
Diagnose: unheilbar, Therapie: weiterleben / Paul C. Roud.
Aus dem Amerikan. übers, von Olga Rinne. — 1. Aufl. —
Stuttgard : Kreuz-Verl., 1992
(Die neue Gesundheit)
Einheitssacht.: Making miracles <dt.>
ISBN 3-7831-1142-0
1. Auflage
© 1992 by Kreuz Verlag Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Christine Paxmann, München
Satz: DIGITAL Satz und Druck GmbH, Schrobenhausen
Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm
ISBN 3 7831 1142 0

Scanned by Nevergrey
Inhalt

5 -> Danksagung
6 -> Vorwort von Bernie S. Siegel
9 -> Einleitung

19 -> Raymond Berté

41 -> Phina Dacri

59 -> Norman Cousins

69 -> Joe Godinski

88 -> Lindsey Reynolds

120 -> Walter Purington

135 -> Kurt Metzler

155 -> Leo Perras

178 -> Barbara Dawson

198 -> Carole Matthews und Betty Preston

212 -> Schlußbetrachtungen

225 -> Anhang I


Muster des Fragebogens, den die Ärzte der Befragten ausfüllten.

226 -> Anhang II


Die Antworten der Ärzte

238 -> Literatur


In manchen Fällen wurden identifizierende Einzelheiten, Personen- und Ortsnamen ein-
geschlossen, verändert, weil einige meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspart-
ner den Wunsch hatten, anonym zu bleiben.

Meiner Mutter, Bernice Roud, die mich als erste lehrte, was es bedeutet,
mutig zu sein und zu lieben.
Danksagung

Ellen Grobmans Intelligenz, Sensibilität und Liebe machten dieses Projekt möglich.
Professor Jack Widemans Vertrauen, daß ich meinen eigenen Weg finden würde, war
die eigentliche Quelle dieser Arbeit. Die Botschaft der Professoren Ted Slovin und Don
Banks, daß das Streben nach vorzüglichen akademischen Leistungen mit der spirituel-
len Suche glücklich koexistieren könne, erfüllte meine Reise mit Sinn und Freude.

Einige freundliche und sehr fürsorgliche Ärzte unterstützten mich mit ihrem fachlichen
Wissen: Paul Flandreau, Sid Baher, Dave Sherman, Bernie Siegel, Paul Berman,
Wayne Gavryck, Steve Eipper und Kit French.

Ich danke meinen Freundinnen und Freunden Michael Shandler, Gail Shufrin, Steve
Berman, Barbara Levy, Eva Gumprecht, Nina Shandler, Steve Orlov, Sebern Fisher,
Margaret Gosselin, Debbie Abrams und vielen anderen. Jahrelang hörten sie sich meine
Gedanken und Fragen über Menschen mit außergewöhnlichen Heilungs- und Überle-
benserfahrungen an. Ihre Überzeugung, daß die Arbeit an diesem Thema wertvoll sei,
hielt mich und hielt das Projekt während einiger sehr schwieriger Momente aufrecht.

Ohne Agnes Birnbaums zähe Beharrlichkeit wäre dieses Buch nicht geschrieben wor-
den. Und ohne Fredda Isaacsons editorische Anleitung wäre es nicht so gut oder nicht
so leicht lesbar geworden.

Ich finde kaum Worte, um den Menschen, die mir ihre Heilungs- und Überlebenserfah-
rungen mitteilten, zu danken. In vieler Hinsicht war meine Rolle, wenn ich sie gut erfüll-
te, nur die eines Zwischenträgers, der anderen ihre Erfahrungsberichte zugänglich zu
machen bestrebt war. Diese Menschen vermittelten mir eine Vision der Möglichkeiten,
die wir potentiell alle in uns tragen. Der Versuch, diesen Einblick weiterzugeben, hat
mein Leben zutiefst verändert.

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Vorwort

Ich glaube nicht, daß Heilung ein Zufall ist. Ich habe herausgefunden, daß ein Mensch,
der eine nach allgemeinen Maßstäben an ein Wunder grenzende Heilung erlebt, fast im-
mer eine drastische Wandlung in Richtung eines mit mehr Liebe und Akzeptanz erfüllten
Lebens vollzogen hat.

Wunder geschehen auf der unbewußten, der archetypischen Ebene; sie entstammen
nicht dem kühlen Intellekt. Das ist einer der Gründe, warum Ärzte Schwierigkeiten
haben, Wunder zu »sehen«. Um sehend zu werden, muß man glauben können. Im
Medizinstudium wird einem beigebracht, jeden Menschen wie eine statistische Zahl zu
behandeln. Wenn etwas geschieht, was nicht in das statistische Profil hineinpaßt, wird
es nicht gesehen. In Fällen, in denen ein Patient oder eine Patientin sich erstaunlich gut
erholt, erweist niemand der Person Achtung und sagt, daß sie oder er etwas Einzigarti-
ges erreicht hat. Statt dessen fragen die Ärzte sich, ob hier ein Fehler in der Diagnose
vorlag. Wenn der Fall nicht als Fehldiagnose abgetan werden kann, wird die außerge-
wöhnliche Heilung als »spontane Remission« etikettiert, eine Floskel, die Ärzten nichts
über den Heilungsvorgang sagt und die nicht dazu anregt, seine Hintergründe zu er-
kunden. Ein Mount Everest wertvollen Wissens bleibt unerforscht, weil das medizinische
Establishment sagt, er sei nicht vorhanden. Erfolg wurde nie studiert.

Durch das Schreiben und Sprechen über außergewöhnliche Patienten hatte ich Gele-
genheit, viele Menschen kennenzulernen, die von vermeintlich unheilbaren Krankheiten
geheilt wurden. Ich halte die Auseinandersetzung mit diesen Menschen und ihren Er-
fahrungen für eine wichtige Arbeit, die uns allen zugute kommen kann. Es ist dringend
notwendig, bei den Menschen, die sich von der Schwelle des Todes zurückgerissen
haben, anzuklopfen und zu fragen: »Was taten Sie? Wie fühlten Sie sich? Wie erklären
Sie sich, daß Sie es so gut schafften? Warum blieben Sie am Leben, als die Ärzte annah-
men, daß Sie sterben würden?«

Das ist die Schönheit dieses Buches; Paul Roud hörte konzentriert zu, als Überlebende
ihm ihre Geschichten erzählten. Die zentralen Erfahrungen dieser Menschen sind in
ihren eigenen Worten wiedergegeben, gefolgt von einer verständnisvollen und sinnrei-
chen Interpretation ihrer Erlebnisse. Ich unterstütze Rouds Forderung, bei der bloßen
Lektüre nicht stehenzubleiben. Nehmen Sie die Geschichten in sich auf und finden Sie
heraus, welche Bedeutung für Sie selbst darin liegt, denn es steckt immer eine Lektion
hinter der Geschichte derer, die wider alle Erwartungen am Leben blieben. Es ist kein
Zufall, keine glückliche Fügung, keine »spontane Remission«. Diese Menschen erzählen
uns, daß sie unglaublich hart daran arbeiteten, nicht zu sterben. Sie trafen Entschei-
dungen, veränderten ihr Leben in psychischer und spiritueller Hinsicht und lernten, sich
der Angst zu stellen. Sie fanden einen Grund, weiterzuleben, und sie wollen weiterhin
lieben und ihrem Leben einen Sinn verleihen.

Ich möchte daran erinnern, daß die Sterblichkeitsrate für unser aller Leben hundert
Prozent ausmacht. Manche Leute setzen sich unter einen unvorstellbaren Druck, indem
sie denken: »Wenn ich in der Therapie hart genug arbeite, mich selbst genug liebe oder
genug meditiere, werde ich ewig leben.« Das ist eine Absurdität, die nur zum Scheitern
führen kann. Man kann nicht alles heilen. Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen,

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wenn es um das Unbewußte und seine Beziehung zum Heilen geht. Man kann lieben,
joggen, Gemüse essen - und trotzdem sterben. Die Botschaft lautet: Heile dein Leben,
und als Nebenprodukt wird sich auch auf der physischen Ebene etwas verändern. Die
Frage ist nicht: »Warum ich?«; statt dessen sollte die Einstellung lauten: »Ich nehme
die Herausforderung an!«

Paul Rouds Interviews bestätigen das, was ich in meiner eigenen Praxis beobachtet
habe. Das grundlegende Problem, mit dem die meisten Patienten konfrontiert sind,
mit dem wir alle konfrontiert sind, ist die Unfähigkeit, uns selbst zu lieben, weil wir in
irgendeiner entscheidenden Phase unseres Lebens von anderen nicht genug geliebt
worden sind. Wenn ein anderer Mensch uns bedingungslos liebt, kann uns das helfen,
zu erkennen, daß wir es wert sind, geliebt zu werden. Daher ist es ein grundlegendes
Element meiner Beziehung zu meinen Patienten, sie bedingungslos zu lieben, denn ich
weiß, wenn mir das gelingt, können sie vielleicht ihren eigenen Selbstwert, ihre Liebe
zu sich selbst entdecken. Positive Gefühle verändern die Biochemie des Körpers, und
das kann, als Nebenprodukt, zu einer physischen Heilung führen.

Für einen Chirurgen ist das Leiden keine Abstraktion; es liegt direkt vor ihm, im Kran-
kenhausbett oder auf dem Operationstisch. Wenn man sehen kann, wird man Zeuge,
mit welcher Würde und Schönheit Menschen durch ihr Leiden gehen. Ihre Versehrtheit
und ihre Behinderungen liegen offen zutage; vielleicht fehlen ihnen Körperteile oder sie
hängen an Dutzenden von Schläuchen, und trotzdem, wenn man sie anschaut, sind ihre
Augen immer noch voller Leben. Man sieht ihre Ganzheit, nicht ihre Versehrtheit, und in
ihrem Gebrochensein sind sie stark. Sie sind heil, auch wenn sie nicht kuriert sind. Es
ist möglich, spontan Liebe für Menschen zu empfinden, weil sie uns so stark berühren.
Ich glaube, daß dies die eigentliche Substanz der Heilungsbeziehung zwischen Arzt und
Patient ist. Wie ich aus »The Velveteen Rabbit« (Das Plüschkaninchen) lernte: Wenn du
einmal zu deiner eigentlichen Wirklichkeit gefunden hast, kannst du nicht mehr häßlich
sein, außer für jene, die nichts verstehen.

Einer der wichtigsten Beiträge dieses Buches liegt darin, daß es bestätigt, was wir in un-
serem tiefsten Herzen bereits wissen: Es gibt immer Grund zur Hoffnung. Glaube heilt,
und die Menschen in diesem Buch demonstrieren, wie machtvoll er wirken kann. Sie
glauben an Möglichkeiten, nicht an Wahrscheinlichkeiten. Es ist wichtig, auf die gewähl-
te Behandlung zu vertrauen und dann mit einer positiven Einstellung weiterzugehen.
Es ist der innere Konflikt, der die Kräfte verbraucht. Wenn Sie Ihre Form des Heilungs-
prozesses wählen, wenn Sie mit Ihrem Arzt und Ihrer Behandlung einverstanden sind,
reagiert Ihr Körper ganz anders, als wenn Sie sich im Konflikt befinden. Wenn Patienten
mir vertrauen und die Beziehung als eine Heilerfahrung betrachten, überstehen sie ihre
Operation ohne Schmerzen. Ihr Glaube heilt sie, aber ich bekomme die Anerkennung,
daß ich ein großartiger Chirurg bin.

Vielleicht lesen Sie dieses Buch, um Antworten für sich selbst zu finden, vielleicht, um
einem anderen Menschen zu helfen. Ich denke, Sie werden im einen wie im anderen
Fall eine grundlegende Wahrheit entdecken, die für die kranken und die Gesunden glei-
chermaßen gilt: Liebe macht das Leben lebenswert, ganz gleich, wie lange das Leben
dauert. Ich meine auch, daß Liebe die Wahrscheinlichkeit einer physischen Heilung
erhöht, aber das ist eine Dreingabe. Das Entscheidende ist, zu lieben, weil Liebe wohl-
tut, nicht weil sie uns ermöglicht, ewig zu leben. Aber bitte, warten Sie nicht, bis eine
Katastrophe Ihnen die Augen öffnet.

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Das Problem ist nicht, daß wir den Weg nicht wüßten; das Problem ist, wie wir auf
diesen Weg kommen: Spiritualität, bedingungslose Liebe und die Fähigkeit, zu erken-
nen, daß Schmerzen und Probleme Möglichkeiten zum Persönlichkeitswachstum und
zur Neuorientierung eröffnen, — diese Elemente erlauben uns, aus der Zeit, die uns
zur Verfügung steht, das Beste zu machen. Dann erkennen wir, daß der gegenwärtige
Augenblick alles ist, was wir haben, aber er ist unendlich.

Ein altes indisches Sprichwort sagt: »Als du geboren wurdest, weintest du, und die
ganze Welt war voller Freude. Lebe dein Leben so, daß, wenn du stirbst, die ganze Welt
weint und du voller Freude bist.«

Bernie S. Siegel

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Ich erlangte mein Verständnis der fundamentalen Gesetze des Universums nicht durch
den rationalen Verstand.
ALBERT EINSTEIN

Einleitung

Vor fünf Jahren sagten die Ärzte meinem Vater, daß sein Prostatakrebs, eine Krankheit,
die beinahe ein Jahrzehnt lang unter Kontrolle geblieben war, sich ausbreitete. Der
Krebs hatte Metastasen in seinen Nieren, seiner Leber und - das Schrecklichste - in
seinem Schädel gebildet. Die Ärzte erklärten, sie könnten nichts für ihn tun - er werde
in Kürze sterben. Zweifellos, auch darin stimmten sie überein, gäbe es nichts, was der
Patient selbst oder seine Familie tun könne. Allem Anschein nach bestand die Aufgabe
darin, ihm das Sterben zu erleichtern.

Meine Familie beratschlagte voller Unsicherheit, ob man meinen Vater ermutigen solle,
einen anderen Spezialisten aufzusuchen, oder ob es sinnvoll sei, einen »alternativen«
Ansatz zu erproben. Wir dachten über Ernährungsprogramme nach, über Akupunktur
und Imagination. Aber die Experten, die viel erfahrener waren, was unheilbare Krank-
heiten anging, blieben unbeirrbar. Es gäbe keine Hoffnung, sagten sie. Im wesentlichen
warteten wir also einfach ab.

Nach dem Tod meines Vaters blieb eine bohrende Frage in mir zurück: Gibt es Men-
schen, die eine »unheilbare« Krankheit überleben? Die Antwort, die ich fand, lautet Ja.
Eine kleine Zahl der Patientinnen und Patienten, die an unheilbaren Krankheiten leiden,
überlebt dennoch; manche führen sogar ihr normales Leben weiter. Es gibt in der Tat
einige wenige Patienten, die ihre Krankheit vollständig überwinden. Die Leute, die in
diesem Buch zu Wort kommen, sind der lebende Beweis.

Manchen Menschen erscheinen die hier dokumentierten Fälle wie ein Wunder. Für die
mehr wissenschaftlich orientierten repräsentieren sie eine »signifikante Abweichung
von den allgemein anerkannten medizinischen Normen«. Diese unterschiedlichen Be-
nennungen sind jedoch unwichtig, gemessen an dem Konsensus, zu dem die meisten
Leserinnen und Leser nach der Lektüre dieses Buches gelangen werden. Bloßer Zufall
oder Glück sind offenbar nicht der Grund für so sensationelle Genesungsprozesse. Es
scheint, daß die Patienten selbst ihre Wunder geschehen ließen.

Bevor wir etwas Großes zu erreichen versuchen, orientieren wir uns üblicherweise an
Menschen, die den Weg vorher erfolgreich zurückgelegt haben. Nachdem wir ihre Leh-
ren verinnerlicht und zu einer persönlich sinnvollen Form gewandelt haben, mobilisie-
ren wir alle Kräfte, um das erwünschte Ziel zu erreichen.

Aber um ernste Erkrankungen zu überwinden, verhalten wir uns im allgemeinen so,


als sei es — vom Arztbesuch einmal abgesehen - das Beste, passiv zu bleiben und
abzuwarten, was geschehen wird. Selbst wenn uns gesagt wird, daß die westliche Me-
dizin nichts mehr tun kann, wird kaum jemand andere Menschen aufsuchen, die von
derselben Krankheit geheilt wurden. Natürlich gibt es keine Garantie, daß Leute, die

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außergewöhnliche Genesungsprozesse erlebten, etwas Wertvolles mitteilen werden.
Aber wenn man bedenkt, wie wenig wir zu verlieren haben, - warum machen wir nicht
wenigstens den Versuch, von ihnen zu lernen?

In einer Hinsicht gibt es dafür eine simple Erklärung. Viele Leute wissen gar nicht, daß
außergewöhnliche Heilungsprozesse tatsächlich vorkommen. Das Hauptziel dieses Bu-
ches ist, diese Informationslücke zu schließen. Auf den folgenden Seiten werden Sie
die Geschichten von Frauen und Männern finden, die überwältigende medizinische Hin-
dernisse überwanden. Bei vielen wurden letale Krebserkrankungen diagnostiziert, und
man gab ihnen höchstens noch ein paar Jahre zu leben. Der Lungenkrebs einer Frau
hatte metastasiert und machte es ihr praktisch unmöglich, zu atmen. Der Familie wurde
mitgeteilt, man müsse mit ihrem baldigen Tod rechnen. Heute führt diese Frau ein nor-
males Leben als Hausfrau und Mutter. Ein Mann erlangte die Fähigkeit, seine Beine zu
gebrauchen, nachdem er zwanzig Jahre gelähmt in einem Rollstuhl verbracht hatte.

Norman Cousins, berühmt durch seine Selbstheilung einer degenerativen Bindege-


webserkrankung (über die er in »Anatomie einer Krankheit« schrieb), schildert die
Überwindung einer noch aussichtsloseren Situation. Cousins Hausarzt schrieb: »Ich
muß gestehen, ich selbst habe Schwierigkeiten zu glauben, daß jemand, der einen My-
okardinfarkt mit kongestivem Herzversagen erlitten hat, diese Erfahrung überstehen
kann, wie es bei ihm der Fall war.« Alle Menschen, die in diesem Buch zu Wort kommen,
machten weitaus bessere Fortschritte, als die anerkannten medizinischen Auffassungen
voraussagten, obwohl der Kampf mit der Krankheit nicht bei allen beendet ist. Zwei
Menschen berichten von ihrem immer noch andauernden bewundernswerten Überle-
benskampf.

Die völlige Heilung einer Frau von einer gravierenden psychischen Erkrankung bezeugt
auf anrührende Weise die heilende Kraft der Liebe und der Hoffnung. Trotz ihrer zahlrei-
chen Selbstmordversuche, die oft in letzter Sekunde vereitelt wurden, trotz des le-
bensbedrohlichen Gewichtsverlusts durch Anorexia nervosa und einer sehr schlechten
Prognose ist diese Frau jetzt körperlich und seelisch völlig gesund.

Die medizinische Wissenschaft untertreibt maßlos, wenn es um das Vorkommen außer-


gewöhnlicher Heilungen geht. In medizinischen Texten wird zum Beispiel behauptet,
daß der spontane Rückgang von Krebserkrankungen außerordentlich selten sei; angeb-
lich ereignet er sich nur in einem von 60000 bis 100000 Fällen. (Von Spontanheilung
oder spontanem Rückgang spricht man, wenn ein bösartiger Tumor verschwindet oder
sich bedeutend verkleinert und die medizinische Behandlung keine adäquate Erklärung
für den Besserungszustand bieten kann). Die Zahl der Menschen mit medizinisch un-
erklärbarem Rückgang von Krebserkrankungen, die ich auffinden konnte, weist jedoch
darauf hin, daß dieses Phänomen weitaus häufiger in Erscheinung tritt, als gemeinhin
angenommen wird. Zwei Wissenschaftler aus den Niederlanden, Marc J. de Vries und
Daan C. van Baalen, bestätigten diesen Eindruck. Gestützt auf gerade veröffentlichte
Untersuchungen äußern diese beiden Mediziner, daß Spontanheilungen sehr viel häufi-
ger vorkommen, als die Literatur behauptet, da sie mit »relativer Leichtigkeit« sieben
Fälle für ihre eigene Studie fanden. Die meisten außergewöhnlichen Geschichten wer-
den jedoch in der Öffentlichkeit nicht bekannt, da sie - anders als die von de Vries und
Baalen studierten oder die hier aufgezeichneten Fälle — nie in medizinischen Journalen
oder an irgendeinem anderen Ort dokumentiert werden.

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Ein weiterer Faktor hält die statistischen Zahlen niedrig. Wenn bei einer Person eine
schwerwiegende Krankheit diagnostiziert wird und die Krankheit dann verschwindet,
ohne medizinische Intervention, die zur Eliminierung dieser Krankheit als ausreichend
betrachtet wird, schließen die Experten oft daraus, daß eine Fehldiagnose vorlag.

Da die medizinische Wissenschaft weiß, daß es Fälle außergewöhnlicher Heilungen gibt-


wie hoch die exakte Zahl auch sein mag -, warum wurde nie der Versuch gemacht, von
dieser Patientengruppe zu lernen? Allein die Regierung der Vereinigten Staaten gibt
jedes Jahr mehr als zwei Billionen Dollar für die Krebsforschung aus, mehr als fünfhun-
dert Millionen für die Erforschung von Herzkrankheiten und mehr als zweihundertfünfzig
Millionen für die Erforschung psychischer Krankheiten - mit relativ geringem Erfolg. Es
existiert jedoch eine kleine Gruppe von Menschen, die ihre Krankheiten weitaus besser
bewältigten oder überwanden, als die Experten je erwarteten, und niemand denkt dar-
an, sie zu fragen, wie sie es schafften.

Das heutige medizinische Denken betrachtet Körper und Geist als zwei unabhängige,
klar voneinander geschiedene Bereiche, und es liegt auf der Hand, wohin eine so mons-
tröse Fehleinschätzung führt. Dieser konventionellen Auffassung nach kann der Geist
das physische Wohlbefinden nicht entscheidend beeinflussen. Patienten müssen folglich
machtlos sein und unfähig, ihre Heilung willentlich zu beeinflussen. Gedanken, Gefühle
und Verhaltensweisen, die der Intuition eines Patienten entstammen, was seinen - oder
ihren - Körper heilen wird, betrachtet man auf den Krankheitsverlauf bezogen als irre-
levant. Die Erfolge der außergewöhnlichen Patienten werden als statistische Merkwür-
digkeiten gesehen, als Zufallsereignisse, auf die das Individuum keinen Einfluß hat.
Folglich gibt es keinen Grund, anzunehmen, daß diese Leute Forschern, Ärzten oder
anderen Patientinnen und Patienten etwas Wertvolles mitzuteilen haben. Sie hatten
einfach Glück.

Norman Mages, ein Professor der Psychologie, und Gerald Mendelsohn, ein Professor
der Psychiatrie, gaben, als sie vor einem professionellen Publikum über Krebs spra-
chen, der vorherrschenden Einstellung gegenüber schwerwiegenden Erkrankungen im
allgemeinen Ausdruck:

»Die Krankheit ist zwar im eigenen Körper lokalisiert, aber im psychologischen Sinn liegt
Krebs außerhalb des Selbst. Er kann durch Selbstbeobachtung nicht verstanden oder
beeinflußt werden; vielmehr erhält ein Patient durch die medizinisch-diagnostischen
Prozesse und das Fachwissen anderer Informationen über die Art, das Ausmaß und die
wahrscheinliche Entwicklung der anstehenden Probleme. Außerdem, da die physischen
Veränderungen im Gefolge der Krebserkrankung kein Produkt der eigenen Gedanken
oder Gefühle sind, können sie durch innerpsychische Vorgänge wie Verdrängung oder
Sublimation weder beseitigt noch kontrolliert werden. Das bedeutet nicht, daß Patien-
ten völlig passiv bleiben müßten, aber es bedeutet, daß sie durch andere handeln müs-
sen, nämlich durch die entsprechend geschulten medizinischen Fachleute.«

Es ist bemerkenswert, daß solche Äußerungen, die das konventionelle medizinische


Denken widerspiegeln, ausgerechnet von Wissenschaftlern kommen, deren Spezialge-
biet die geistig-seelischen Prozesse sind, denn niemand hat signifikante Daten erhoben,
die beweisen, daß Gedanken und Gefühle mit der Entwicklung von Krebs uns einem
Fortschreiten nicht in Beziehung stehen. Tatsächlich gibt es bei den meisten schweren
Krankheiten wenig Anzeichen und überhaupt keine Beweise, daß sie von Emotionen
unabhängig sind.
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Experten, die dogmatisch darauf beharren, daß psychische Faktoren auf schwerwiegen-
de Krankheiten keinen Einfluß haben, ohne ihren Anspruch auf etwas anderes stützen
zu können als historische Präzedenzfälle, zeigen, wie bedrohlich dieser Bereich für das
medizinische Establishment ist. Die Möglichkeit, daß manche Patientinnen und Patien-
ten ihre außergewöhnlichen Heilungen selbst in die Wege leiten, ist die äußerste Bedro-
hung. Eine Frau, die eine akute monozytische und myelozytische Leukämie überlebte,
weiß aus persönlicher Erfahrung, wie desorientierend eine Heilung wie die ihre auf me-
dizinische Experten wirken kann. Sie berichtet:

»Mein Vater ist Wissenschaftler. Er kann mit meiner Genesung nicht umgehen. Da steht
es doch, in den medizinischen Lehrbüchern, in den Fachzeitschriften: Niemand überlebt
die Krankheitserfahrungen, die ich machte. Er liebt mich sehr. Ich bin seine Tochter.
Aber meine Genesung bringt sein gesamtes wissenschaftliches Weltbild ins Wanken.«

Viele Menschen, die außergewöhnliche Heilungen erlebten, können es kaum fassen,


daß sie nicht zum Mittelpunkt medizinischer Neugier werden. Oftmals stellten ihre Ärzte
-dieselben, die ihnen vorher gesagt hatten, daß sie bald sterben würden — ihnen nicht
einmal eine einzige Frage darüber, was mit ihnen geschah. Eine Frau, deren Überleben-
schancen von einem Onkologen auf 1:1000 geschätzt wurden, beschrieb die Reaktion
ihres Arztes auf ihren Krankheitsverlauf:

»Er scheint mich mit Argwohn zu betrachten, obwohl der Krebs sich längst nicht so
schnell ausbreitete, wie er gedacht hatte. Aber anstatt sich für mich zu freuen, schien
er darüber verstimmt zu sein. Es war sehr unangenehm für mich, die Ärzte aufzusu-
chen. Ich wollte mit jemandem reden, der in bezug auf meine Gesundheit in einer Auto-
ritätsposition war, der sich für alles engagierte, was vielleicht helfen könnte. Ich wollte
über die Dinge sprechen, die ich ausprobierte. Statt dessen hatte ich das Gefühl, gegen
die medizinischen Autoritäten ankämpfen zu müssen. Ich hatte nie das Gefühl, daß sie
wirklich auf meiner Seite waren oder mit mir zusammenarbeiten wollten. Ich glaube, an
diesem Punkt wurde mir klar, daß ich alternative Wege suchen mußte.«

Nachdem sie eine Unmenge alternativer Behandlungsansätze erprobt hatte, fand sie,
es sei das Beste, einen Onkologen zu finden, der ihren Fall beobachtete und begleitete.
Ihre Erfahrungen mit dem neuen Arzt unterschieden sich jedoch nicht sehr von denen,
die sie mit dem letzten machte:

»Dieser Onkologe war sehr aggressiv, als ich zuerst zu ihm kam. Er hielt mich für
eine Irre. Er erzählt mir dauernd, daß ich irgendwie anders bin. Bei mir verläuft die
Krebserkrankung völlig anders als in allen anderen Fällen, die er kennengelernt hat. Es
ist eine sehr langsam wachsende Form von Krebs - bis jetzt. Er kann es nicht lassen,
mir das immer wieder zu sagen. Ich mag das überhaupt nicht. Er sagt: >Sie müssen
das und das jetzt nehmen. Es ist das einzige Mittel, das hilft. Sie haben sich einfach
auf Ihre Verweigerungshaltung versteift.< Ich habe das Gefühl, er ist wütend auf mich.
Er macht mir ganz schön Angst. Jedesmal, wenn ich zu ihm gehe, sagt er: >Sind Sie
jetzt bereit, das Tamoxifen zu nehmen?< Und ich sage: >Nein.< Ich weiß, wenn ich
sein Sprechzimmer verlassen habe, fühlt er sich nicht allzu toll. Er will mir etwas geben.
Wenn er mir nichts geben kann, macht ihn das hilflos, glaube ich. Es ist beinahe so, als
täte ich ihm etwas Schlimmes an — ein furchtbares Gefühl. Hin und wieder sage ich
mir: >Ich werde nie wieder zu ihm gehen.< Aber dann lache ich und denke: >Na ja,
vielleicht wird dieser Mann schließlich etwas daraus lernen.<«

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Als diese Frau versuchte, ihren Arzt mit ihren Gedanken und Gefühlen zu konfrontieren,
überwies er sie sofort an einen Kollegen. Die Bedrohung, die einen Arzt daran hindert,
sich am unerwarteten Erfolg einer Patientin mitzufreuen, oder die einen Vater und
Wissenschaftler davon abhielt, ungeteiltes Glück über die Genesung seiner Tochter zu
empfinden, sitzt sehr tief.

Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte hilft verstehen, warum die Vorstellung, daß
Körper und Geist getrennte Bereiche seien, sich zu einem so machtvollen medizinischen
Modell entwickeln konnte. Letzten Endes ist dieses Modell der Wahrheit vielleicht nicht
näher als der archaische Glaube, daß Krankheit auf den Einfluß böser Geister zurückzu-
führen sei. Aber die Vorstellung der Getrenntheit von Geist und Körper setzte sich aus
guten Gründen durch. Sie beruhte auf einer Art der Naturbetrachtung, die den Weg für
spektakuläre medizinische Erfolge ebnete.

Unsere Vorfahren verfügten über ein — wie primitiv auch immer geartetes - Verständnis
der holistischen Natur von Krankheiten. Heiler berücksichtigten die Gesamtheit der Ein-
flüsse, insbesondere die Überzeugungen, Einstellungen und persönlichen Beziehungen
des Patienten, um Genesung zu bewirken. Aber etwa vom sechzehnten Jahrhundert an
begannen medizinische Forscher mehr und mehr über die autonomen Funktionen des
Blutkreislaufs, der Atmung und des Verdauungssystems in Erfahrung zu bringen. Un-
abhängig von der wissenschaftlichen Exaktheit ihrer Entdeckungen bedeutete allein das
Bemühen, herauszufinden, wie spezifische Komponenten des Körpers arbeiteten, daß
der Körper nicht mehr als unteilbares Ganzes betrachtet werden konnte. Im siebzehn-
ten Jahrhundert erklärte Rene Descartes, eine Krankheit sei am besten dadurch zu ver-
stehen, daß man sie in ihrer elementaren Form studiere, unabhängig von anderen Ein-
flüssen. Mit dem Aufkommen der Chirurgie gewann die Vorstellung, daß eine Krankheit
ein lokale Fehlfunktion sei, das Versagen eines spezifischen Teils des Körpers, weiter an
Boden. Als sich um 1850 der Gebrauch von Betäubungsmitteln durchsetzte, wurde es
zunehmend üblich, daß Ärzte Körperteile, die nicht richtig arbeiteten, entfernten oder
»reparierten«.

Weniger als vierzig Jahre später wurde entdeckt, daß bestimmte Infektionskrankheiten
durch Mikroorganismen übertragen werden. Steven Locke und Douglas Colligan schil-
dern, was sich in der Folge ereignete:

»Krankheiten, die Geißeln der Menschheit gewesen waren, fielen in Scharen, durch
eine magische Kugel nach der anderen. Im Jahr 1911 entwickelten Wissenschaftler
ein spezielles Arsenpräparat, Salvarsan, das erfolgreich gegen viele Formen der Sy-
philis eingesetzt werden konnte. In den zwanziger Jahren wurde Insulin isoliert, und
Insulinspritzen verlängerten fortan das Leben von Diabetespatienten. In den dreißiger
Jahren erschienen die Sulfonamide und damit ein Heilmittel für bakterielle Lungenent-
zündung, Meningitis, Gonorrhöe und Blaseninfektionen. Um 1940 wurden die Sulfon-
amide weitgehend durch noch wirkungsvollere Medikamente ersetzt, die Antibiotika,
eine Entwicklung, die durch die Entdeckung des Penicillins möglich geworden war. Es
schien, als gäbe es keine Krankheit mehr, mit der die medizinische Wissenschaft nicht
fertig werden könne.«

Darin lag nicht nur das Versprechen, daß es für alles, was uns plagt, ein Heilmittel
gibt. Die Verführung für die Konsumenten lag in der Vorstellung von einer Heilung, die
keinerlei persönliches Engagement oder seelischen Kraftaufwand erforderte. Alles,

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was man tun mußte, war, eine Pille zu schlucken oder sich einer Operation zu un-
terziehen. Im Austausch gegen die Garantie auf Gesundheit gaben wir unser Verant-
wortungsgefühl uns selbst gegenüber und unsere individuelle Kraft bereitwillig auf.

Aber das Versprechen konnte nicht gehalten werden. Die medizinische Wissenschaft
hat wenig Erfolg, wenn es um die Beseitigung oder auch nur Beeinflussung von Krank-
heiten geht, die heute die Hauptursachen von Tod und Behinderung sind. Krebs, Herz-
krankheiten, Arthritis, Alkoholismus, schwere psychische Störungen und chronische Er-
krankungen der Atemwege wüten weiter, und es besteht wenig Hoffnung, daß in naher
Zukunft bedeutsame Fortschritte gemacht werden.

Da das konventionelle medizinische Denken unsere modernen Heimsuchungen nicht


erklären, geschweige denn heilen kann, sieht es sich mit zunehmender Ernüchterung
konfrontiert. Ein neues medizinisches Modell, eines, das den Menschen als Ganzheit
respektiert, ist notwendig, um unsere größten medizinischen Herausforderungen in
Angriff zu nehmen. Wir können die bedrohlichsten Krankheiten nicht besiegen, ohne
die psychischen und spirituellen Dimensionen des menschlichen Lebens mit einzube-
ziehen, zugleich mit den physischen Dimensionen. Faktoren wie Lebensstil, Ernährung,
zwischenmenschliche Beziehungen und sogar unsere Fähigkeit zu lieben und uns lieben
zu lassen müssen erkundet werden, bevor wir im Bereich des Heilens eine neue Morgen-
röte erblicken.

Die konventionelle Medizin denkt jedoch nicht daran, schnell und taktvoll von der
Bühne abzutreten. Das sollten wir auch nicht erwarten, denn die medizinische Wissen-
schaft hat in der Vergangenheit große Leistungen hervorgebracht, und jene, die dank
dieser vergangenen Erfolge Macht und Prestige genießen, bemühen sich, den Status
quo aufrechtzuerhalten. Manchen Ärzten, die sich hervorragend auf ihr Handwerk ver-
stehen, fehlen aber vielleicht die notwendigen menschlichen Fähigkeiten, um in Kran-
ken heilende psychische und spirituelle Kräfte zu mobilisieren. Um diese immateriellen,
aber wirklich heilenden Kräfte wirksam zu machen, muß der Arzt sich auf eine sinner-
füllte und liebevolle Beziehung zu der oder dem Kranken einlassen.

Leider werden Bewerberinnen und Bewerber um Studienplätze in Medizin nicht aufgrund


ihrer psychologischen Reife oder ihrer Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, ausgewählt,
oder weil sie spirituell hochentwickelte Menschen sind. Medizinstudenten werden nicht
in heilsam wirkenden Kommunikationskünsten ausgebildet und erhalten keine Anlei-
tung, wie sie die innere Weisheit ihrer Patienten am besten fördern können. Die weitaus
meisten Ärzte können aus einem großen Fundus medizinischen Wissens schöpfen, die
meisten können die objektiven physiologischen Faktoren kompetent analysieren und
deuten. Aber außergewöhnliche Heilungsprozesse erfordern die Mitwirkung von Fakto-
ren, die jenseits der rationalen Vernunft liegen.

Große und einflußreiche Institutionen wie medizinische Ausbildungsstätten, Pharma-


konzerne, staatliche Gesundheitsorgane und Krankenhäuser haben ebenfalls starkes
Interesse daran, das System der Gesundheitsfürsorge im wesentlichen unverändert zu
erhalten. Ausgefallene Forschungsvorhaben durchzuführen oder Medizin in einer Weise
zu praktizieren, die angesichts gewisser festverwurzelter Prinzipien - wie der Geist-Kör-
per-Spaltung - eine Häresie darstellen, beinhaltet ein professionelles Risiko. Aufgrund
solcher Zwänge glauben manche Mediziner, daß psychologische Methoden, die Hei-
lungsprozesse günstig beeinflussen, nur verdeckt eingesetzt werden können.

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Charles Weinstock führte eines der seltenen Forschungs-Projekte über Spontanheilun-
gen bei Krebserkrankungen durch. Er kam zu dem Schluß, daß Psychotherapie in ho-
hem Maße lebensverlängernd wirken kann, aber, so gibt er offen zu, der Psychiater muß
gewarnt werden, daß er mit starken Vorurteilen von seiten der Ärzteschaft zu rechnen
hat und daß er gut daran tut, die lindernde Natur seines Engagements zu betonen und
dem Arzt gegenüber die Hoffnung auf tiefergreifende Veränderungen nicht zu erwäh-
nen.

Weinstock veröffentlichte seine Arbeit in einer seriösen medizinischen Zeitschrift, die


jedoch der esoterischen Richtung angehört. Herausgeberische Kontrolle über die wich-
tigsten medizinischen Journale ist das Mittel, dessen sich die konventionelle Medizin
bedient, um sicherzugehen, daß nur Ideen, die mit der gegenwärtigen Ideologie über-
einstimmen, zu weiter Verbreitung gelangen. Letztendlich ist die Macht eines aner-
kannten medizinischen Fachjournals, wissenschaftliche Studien zur Veröffentlichung
anzunehmen oder sie abzulehnen, der Weg, über den die etablierte Medizin manche
Forschungsergebnisse als wissenschaftliche Tatsachen heiligt und andere Ideen in den
Status der Folklore verweist.

Sehen wir uns als Beispiel an, wie das New England Journal of Medicine (NEJM), eine
medizinische Fachzeitschrift, die angeblich weltweit das höchste Prestige genießt, das
Thema außergewöhnlicher Heilungen behandelt oder, genauer gesagt, nicht behan-
delt. Im Juni 1985 berichtete die amerikanische Presse, wie sie es häufig tut, über
Forschungsergebnisse, die im NEJM veröffentlicht worden waren. Viele der größten
Zeitungen des Landes brachten Schlagzeilen wie »Wissenschaftler stellen fest: Psy-
chische Faktoren haben keinen Einfluß auf Krebs«. Die Autoren dieser Studie, die 359
Patientinnen und Patienten mit Krebs in fortgeschrittenem Stadium untersucht hatten,
kamen zu der Schlußfolgerung: »Die der Krankheit inhärente biologische Dynamik al-
lein bestimmt die Prognose; sie hat Vorrang vor dem potentiell mildernden Einfluß psy-
chosozialer Faktoren.« Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch einmal an einer gravie-
renden Form von Krebs erkrankt ist, hat er oder sie nicht die Möglichkeit, den Verlauf
der Krankheit zu beeinflussen.

Falls Sie zu diesem Zeitpunkt an einer Krebserkrankung litten, werden Sie sich ver-
mutlich an diese Studie erinnern. In meiner eigenen psychotherapeutischen Arbeit mit
Krebspatienten konnte ich feststellen, daß die Berichterstattung der Presse über diese
Forschungsergebnisse auf einige Menschen geradezu vernichtend wirkte. Die Wissen-
schaft hatte »bewiesen«, daß sie machtlos waren und ihre Krankheit nicht beeinflussen
konnten. Die »wissenschaftlich erwiesenen« Ergebnisse der Studie lösten in diesen
Menschen Hilflosigkeitsgefühle und tiefe Depressionen aus.

Der Nimbus der Unangreifbarkeit, der dem Fachjournal NEJM anhaftet, sorgt dafür,
daß der Wert seiner Forschungsberichte selten in Frage gestellt wird. Tatsächlich muß
man in diesem Fall jedoch nicht sehr tief graben, um festzustellen, daß die Ergebnisse
dieser Studie genauerer Überprüfung nicht standhalten. Die Wissenschaftler führten
die Interviews mit Menschen durch, bei denen kurz zuvor Krebs in fortgeschrittenem
Stadium diagnostiziert worden war. Dann prüften sie, ob es zwischen der Lebensdauer
der Patienten (oder der Zeit bis zur Verschlimmerung der Krankheit) und der Art, wie
die Befragten auf die Fragebögen reagierten, irgendwelche Korrelationen gäbe. Da sie
keine Korrelationen fanden, kamen die Wissenschaftler zu dem Schluß, daß psychische
und soziale Faktoren keinen Einfluß auf die Krankheit hätten.

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Um das Experiment zu verstehen, stellen Sie sich vor, man hätte Sie gerade davon in
Kenntnis gesetzt, daß Sie an Krebs in fortgeschrittenem Stadium leiden und daß Sie
bald sterben werden. Während Sie noch unter dem Schock dieser Nachricht stehen,
fordern Wissenschaftler Sie auf, einige Fragebögen auszufüllen. Sie werden nach Ih-
rer Zufriedenheit im Beruf gefragt, nach der Qualität ihrer sozialen Beziehungen, nach
Ihren Hilflosigkeits- und Hoffnungslosigkeitsgefühlen und nach Ihrer Einstellung zum
Leben im allgemeinen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, sie hätten durch diese
Frage ein psychologisches Profil Ihrer Persönlichkeit ermittelt, obwohl Sie im Verlauf
der vorangegangenen drei Wochen den schrecklichsten Schock Ihres Lebens erlitten
haben. Vor allem aber räumen sie nicht die Möglichkeit ein, daß Ihre Gefühle sich in den
kommenden Monaten wandeln könnten. Vielleicht finden Sie bald zu Ihren persönlichen
Kraftquellen, entdecken die Schönheiten Ihres Lebens neu, werden sich Ihrer eigenen
Stärken bewußt und finden Gründe, um am Leben zu bleiben. Aber die Wissenschaftler
werden davon nie etwas erfahren. Sie führen weder mit Ihnen noch mit anderen Men-
schen in ähnlichen Situationen weitere Interviews durch. Auf der Basis ihrer ersten,
einmaligen Befragung stellen sie die Behauptung auf, daß Lebenseinstellungen keinen
Einfluß auf Krankheiten haben.

Sie müssen kein Psychologe oder Psychiater sein, um zu erkennen, daß ein Mensch, bei
dem gerade eine tödliche Krankheit entdeckt worden ist, in den Wochen nach dieser
Diagnose einen wilden Gefühlsaufruhr durchmacht. Offenbar kam es den Autoren der
Studie und den Herausgebern von NEJM nie in den Sinn, daß Interviews mit Menschen,
die gerade erfahren haben, daß sie bald sterben müssen, eine psychologisch einzigar-
tige Extremsituation spiegeln, die bald dramatische Lebensveränderungen nach sich
ziehen wird. Das Konzept der Studie basierte auf der Prämisse, daß menschliche Wesen
im Grunde statische, unveränderliche Organismen sind.

In den folgenden Erfahrungsberichten schildern Betroffene die Entwicklung ihrer psy-


chischen Befindlichkeit. Zuerst, nachdem sie die Prognose erfahren hatten, waren die
meisten in großer Verzweiflung. Aber diese erste Reaktion unterschied sich von dem
emotionalen Zustand, in dem sie einige Monate später waren. Als diese Menschen mit
lebensbedrohenden Krankheiten konfrontiert waren, wurden die tiefsten und folgen-
reichsten seelischen Veränderungen möglich. Ein Mann von über siebzig Jahren, der
erfolgreich gegen seinen Lungenkrebs ankämpfte, sagte: »Zuerst hatte ich das Gefühl,
daß meine Stunde gekommen sei und daß ich mich damit abfinden müsse. Ich brauchte
eine ganze Weile, um zu dem Schluß zu kommen, daß ich eigentlich noch leben woll-
te.« Er glaubte, seine Krankheit weise ihn darauf hin, daß er in seinem Leben einige
bedeutsame Veränderungen vornehmen müsse. Um am Leben zu bleiben - so wußte
er nun -, mußte er lernen, sich selbst zu mögen, seine Familienbeziehungen anders zu
gestalten und eine Arbeit zu finden, die ihm Freude bereitete. Dieser alte Mann setzte
seine Veränderungsvorstellungen sehr schnell in die Tat um; er vollzog in wenigen Mo-
naten eine Wandlung, die gewöhnlich Jahre, manchmal eine ganze Lebensspanne voll
intensiven Bemühens erfordert. Als ich ihn fragte, wie ihm das möglich gewesen sei,
antwortete er: »Ich hatte die Wahl, mich entweder zu verändern oder zu sterben. Mit
dieser Art von Stimulus lerne ich wirklich schnell.«

Aber die traditionelle medizinische Vorstellung, daß Menschen wenig Einfluß auf ihr
seelisches und körperliches Wohlergehen haben, drückte der Konzeption - und in vie-
ler Hinsicht auch den Ergebnissen - der in NEJM veröffentlichten Studie von vornher-
ein ihren Stempel auf. Diese Konzeption bot tatsächlich keine Möglichkeit, die Dinge

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herauszufinden, die die Menschen in diesem Buch zu sagen haben: Es gibt keine Ga-
rantie für das Überleben, aber es gibt vielleicht einen Faktor, der die Überlebenden aus-
zeichnet: ihre Fähigkeit zur Wandlung und zur Persönlichkeitsentfaltung.

Die Suche nach Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen

Um die Menschen aufzufinden, die in diesem Buch über ihre außergewöhnlichen Er-
fahrungen berichten, waren viele Ansätze nötig. Ärzte in fünf Bundesstaaten wurden
kontaktiert. Die meisten dieser Ärzte waren höflich und drückten ihr Interesse an dem
Projekt aus, erklärten aber, daß sie keine entsprechenden Patientinnen oder Patienten
benennen könnten. Einige Ärzte reagierten mit offener Feindseligkeit und bezeichneten
das Projekt als unmöglich oder unseriös.

Schließlich sagten sechs Ärzte, die unterschiedlichen Fachrichtungen angehören, dem


Projekt ihre Unterstützung zu. Sie nannten die Namen potentieller Interviewpartnerin-
nen und -partner, baten Kolleginnen und Kollegen um entsprechende Vorschläge, teilten
medizinische Hintergrundinformationen mit, stellten, wenn nötig, Verbindungen zu Kol-
legen oder medizinischen Institutionen her und gaben sogar praktische Unterstützung
bei der Durchführung der Interviews.

Hinweise kamen auch von persönlichen Bekannten, aus Zeitungsberichten und Zeit-
schriftenartikeln. Aber aus den unterschiedlichsten Gründen war es manchmal unmög-
lich, die außergewöhnlichen Heilungsprozesse von Menschen zu dokumentieren, die
nicht von Ärzten benannt worden waren. Daher konnten ihre Geschichten nicht in die-
ses Buch aufgenommen werden.

Für die Interviews wurde keine zeitliche Begrenzung festgelegt. Da über diese Grup-
pe von Menschen so wenig bekannt ist, war das Ziel, soviel wie möglich in Erfahrung
zu bringen und herauszufinden, wie sie sich selbst ihre bemerkenswerten Heilerfolge
erklärten. Nach dem Abschluß der Interviews wurde jede Person gebeten, den Arzt zu
benennen, der mit ihrem Fall am besten vertraut war. Diese Ärzte wurden dann ange-
sprochen und gefragt, ob der Krankheitsverlauf der Patientin oder des Patienten in ihrer
Sicht außergewöhnlich gewesen sei oder nicht. Wenn möglich, wurden sie aufgefordert,
mit Hilfe einer Skala zu bestimmen, wie ungewöhnlich die Zustandsveränderung der
Patientin oder des Patienten war. Zur Dokumentation der Außergewöhnlichkeit dieser
Fälle verwendete ich im wesentlichen dieselbe Methode, die von einem wissenschaft-
lichen Gutachterteam gebilligt worden war, als ich für meine Dissertation zu diesem
Thema recherchierte.

In jedem einzelnen Fall wurde von einer medizinischen Autorität bestätigt, daß die
Überlebensdauer der Person außergewöhnlich war. In fünf Fällen nannten Ärzte die
Heilungsgeschichte des Patienten oder der Patientin ausdrücklich »ein Wunder« oder
eine Chance von 1:1000. Detaillierte medizinische Informationen wurden nicht ver-
langt, da das Urteil des Arztes als Kriterium benutzt wurde, um festzustellen, was als
außergewöhnlich zu betrachten sei. Die Ergebnisse der Befragung der Ärzte werden im
Anhang wiedergegeben.

Ich möchte noch einmal besonders hervorheben, daß die Ärzte um ihre Meinung ge-
beten wurden. Aussagen über die Wahrscheinlichkeit von Krankheitsentwicklungen

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beziehungsweise Überlebenschancen haftet immer etwas Willkürliches an, und die
Schätzungen der Ärzte haben keinen absoluten Wert. Ein anderer Arzt könnte die Wahr-
scheinlichkeit einer Heilung in einem bestimmten Fall höher oder geringer einschätzen.
Es ging vor allem darum, zu zeigen, daß die Genesungsfortschritte einer Patientin oder
eines Patienten aus der Sicht eines medizinischen Experten außergewöhnlich waren.

Ein Wort der Warnung

Meine größte Angst bei der Veröffentlichung dieses Buches ist die, daß es dazu benutzt
werden könnte, die emotionale Distanz zwischen den Schwerkranken und den physisch
Gesunden zu vergrößern. In aller Regel betrachten diejenigen unter uns, die gesund
sind, die Kranken und insbesondere die Sterbenden als »anders als wir«. Wir gehen da-
von aus, daß wir verschont bleiben, daß wir uns nie eine gefürchtete Krankheit zuziehen
werden oder, falls doch, daß es etwas geben wird, was wir tun können, um sie zu über-
winden. Die Distanzierung von den Kranken dient uns dazu, vor der Gewißheit unseres
eigenen Todes die Augen zu verschließen. Es wäre jedoch eine absolute Verzerrung der
von den Überlebenden in diesem Buch geäußerten Überzeugungen, anzunehmen, daß
jede schwerkranke Person notwendigerweise gesund werden müsse, wenn sie - oder
er - sich nur mehr bemühte, vernünftigere Diät hielte, perfekter visualisierte, mehr
Schönheit im Leben entdeckte oder sich spirituell weiterentwickelte.

Die Begrenzungen dieses Buches sind vielfältig. Da der Hauptakzent auf Heilungserfah-
rungen liegt, mag es so scheinen, als wäre das »Besiegen« der Krankheit die einzige
würdevolle Lösung. Norman Cousins erinnert uns daran, daß »nicht der Tod das Tragi-
sche im Leben ist, sondern das, was in uns stirbt, während wir noch am Leben sind«.
Viele Menschen sterben oder bleiben krank, obwohl sie die Qualitäten, die von den
Geheilten als lebensspendend beschrieben werden, vollkommen verwirklicht haben.
Da ich mit vielen der Überlebenden und Geheilten sehr vertrauten Kontakt habe, sind
die medizinischen Erfolge für mich nicht der wichtigste und erstaunlichste Aspekt ihrer
Erfahrungen. Weitaus tiefer beeindruckt mich ihre Entscheidung, die Krankheit als Mög-
lichkeit zur Erkenntnis ihres innersten Seins zu nutzen und dadurch neuen Lebenssinn,
Freude und Liebe zum Leben zu entdecken.

Leserinnen und Leser, die nach einfachen Antworten suchen, werden enttäuscht sein.
Weder die individuellen Erfahrungsberichte noch das Buch als Ganzes haben schemati-
sche Heilrezepte zu bieten. Ich fragte alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner,
welchen Rat sie Menschen geben könnten, die mit schweren Krankheiten konfrontiert
sind. Ihre Erfahrungen haben ihnen gezeigt, daß im Umgang mit der Krankheit, wie im
Leben, jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muß.

Jedem Erfahrungsbericht schließt sich eine Analyse an. Als Leitfaden kann diese Analy-
se nützlich sein, aber sie ist nur ein Weg, die Erfahrung zu verstehen. Als Leserin oder
Leser sollten Sie sich nicht scheuen, Ihre eigene Interpretation zu versuchen. Letztlich
liegt der einzige Wert der hier vorgelegten Berichte in dem Sinn, den Sie selbst ihnen
entnehmen.

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RAYMOND BERTÉ

»Lebenseinstellungen als solche haben eine außerordentlich starke Wirkung auf das Immun-
system. Du veränderst dich und bist nicht mehr dieselbe Person, die sich die Krebserkran-
kung zuzog. Wenn du dich zu einer anderen Persönlichkeit entwickelst, verändert sich
vielleicht das Umfeld, in dem der Krebs wuchs; es kann so unempfänglich werden, daß der
Krebs sich zurückbildet.«
MICHAEL LERNER

An Krebs zu erkranken ist eine Zerreißprobe, die für ein Leben ausreicht. Im Lauf seines
Lebens an fünf verschiedenen Arten von Krebs zu erkranken scheint den Rahmen der
menschlichen Leidensfähigkeit zu sprengen. Raymond Berté hat fünf voneinander unab-
hängige Krebserkrankungen durchlitten - und überwunden. Drei seiner Krankheitserfah-
rungen werden hier diskutiert. Das vielleicht Bemerkenswerteste ist, daß er jetzt, ohne
seine Schmerzen zu verleugnen oder zu verharmlosen, sagen kann: »Ich möchte diese
Erfahrungen nicht missen.«

Vor achtzehn Jahren entdeckte ein Team von Spezialisten, daß Berté an einer sehr
seltenen Form von Kehlkopfkrebs litt. Die Behandlung der Wahl war die chirurgische
Entfernung des Kehlkopfes. Es wurde erwartet, daß Berté, der Professor für Rehabili-
tationsberatung war, seiner permanenten Behinderung wegen in den Ruhestand gehen
würde. Weder die College-Leitung noch die Ärzte konnten sich vorstellen, daß er je
wieder Vorlesungen halten könnte.

Unterstützt durch seine langjährigen Erfahrungen mit Gesangs- und Stimmbildungsun-


terricht lernte er schnell, sich der ösophagealen Sprechweise zu bedienen. Bald kehrte
er in seine frühere Position zurück und war einer der renommiertesten Professoren
seines Colleges.

Sein Kampf mit dem Krebs war jedoch noch lange nicht überstanden. Drei Jahre später,
1976, wurde zwischen seinen Schulterblättern ein bösartiger Tumor entdeckt. Ein tiefes
Loch wurde in seinen Rücken geschnitten, als man den Tumor operativ entfernte. Da es
sich um einen primären Tumor handelte, versicherten die Ärzte Berté erneut, weitere
Probleme im Zusammenhang mit dieser Erkrankung seien nicht zu erwarten.

Ein Jahr später stellte Berté fest, daß sich seitlich an seinem Hals ein Knoten gebildet
hatte. Innerhalb weniger Tage stand die Diagnose fest: Er hatte zum dritten Mal Krebs.
Aber diesmal war das Lymphsystem betroffen. Ein chirurgischer Eingriff konnte die bös-
artige Entwicklung nicht beenden.

Wie Bertés Onkologe, mit dem ich Kontakt aufnahm, bestätigte, war der medizini-
sche Konsensus, daß Raymond an dieser Krebserkrankung sterben werde. Man sagte
Raymond, daß er nur noch sechs bis achtzehn Monate zu leben habe. Aber jetzt, zehn
Jahre später, ist er vollkommen frei von Krebs und wahrhaft lebendig.

Ray trug nur eine Badehose, als er mich an der Tür seines hypermodernen Land-
hauses begrüßte. Da ich wußte, daß er Psychotherapeut und College-Professor war,
überraschte mich dieser völlige Mangel an Formalität. »Ich bin gerade beim

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Frühstück«, erklärte er. »Kommen Sie doch mit mir auf die Terrasse. Wir können uns
unterhalten und dabei die Sonne genießen.«

Ray war dunkel und attraktiv. Sein Körper wirkte eher wie der eines muskulösen Fünf-
unddreißigjährigen; sein tatsächliches Alter von zweiundfünfzig sah man ihm nicht an.
Bevor ich ihn traf, befürchtete ich, daß ich Schwierigkeiten haben könnte, seine Sprech-
weise zu verstehen. Aber obwohl seine Stimme sehr tief war und einen ausgesprochen
rauhen Klang hatte, war seine Artikulation perfekt.

Die Sonnenterrasse bot einen weiten Blick über die Landschaft. In der Ferne sah man
einen Traktor über eine gemähte Wiese fahren. Ray zeigte auf ein angeschlossenes
Studio, in dem seine Frau, eine Künstlerin, arbeitete. Die beiden Kinder der Bertes sind
erwachsen und führen ihr eigenes Leben.

Ray ließ sich in einem Segeltuchstuhl nieder und griff nach den Getreideflocken, von
denen er gerade gegessen hatte. »Darf ich Ihnen etwas anbieten?« fragte er. »Obst,
oder vielleicht Orangensaft?«

Ich sagte ihm, daß ein Glas Orangensaft nach meiner langen Reise genau das Richtige
sei. Zu meinem Entsetzen beugte Ray sich vor und reichte mir das Glas herüber, aus
dem er gerade selbst getrunken hatte.

Als ich vor fast acht Jahren mit meiner Suche nach Menschen mit außergewöhnlichen
Heilungsverfahren begann, hatte ich keine Ahnung, welche Dämonen aus meinem eige-
nen Inneren mir dabei gegenübertreten würden. Aber in diesem Augenblick, zwei Mi-
nuten nachdem ich meinen ersten Gesprächspartner kennengelernt hatte, war ich mit
meinen schlimmsten Ängsten in bezug auf Krebspatienten — selbst solchen, die als
geheilt galten - konfrontiert. Intellektuell wußte ich natürlich, daß Krebs nicht anste-
ckend ist. Aber auf einer tiefen unbewußten Ebene hatte ich Angst, wenn ich einem
solchen Menschen zu nahe käme, könnte ich mich irgendwie mit seinem Krebs infizie-
ren. Ich nahm das Glas ohne sichtbares Zögern entgegen und zwang mich, den Inhalt
hinunterzuschütten.

Ich glaube, daß Ray mich unbewußt einem Test unterwarf. Bevor er mir seine Geschich-
te erzählte, mußte er wissen, ob er mir vertrauen konnte, denn im Lauf der nächsten
Stunden würde er sein innerstes menschliches Sein vor mir offenlegen. Ray begann:

»1972 bat mich mein engster Freund, der an der Universität von New Hampshire als
Professor lehrt, in einem seiner Seminare einen Gastvortrag zu halten. Etwa nach der
Hälfte der Zeit begann ich plötzlich, einen exzessiven Speichelfluß zu entwickeln. Ich
konnte mir nicht erklären, warum das passierte. Dann wurde ich heiser, und die Heiser-
keit hielt mehrere Wochen lang an. Da ließ ich schließlich meinen Hals untersuchen. Ich
erinnere mich genau an das erste Mal, als der HNO-Spezialist sich meinen Hals ansah.
Das erste, was er sagte, war: >Na ja, zumindest ist es kein Krebs.< Ich sprang vom
Stuhl auf wie von der Tarantel gestochen; dieser Gedanke war mir nie gekommen. Ich
hatte nie an Krebs als Möglichkeit gedacht, weil ich Nichtraucher bin, und ich trinke
auch keinen Alkohol, und das waren angeblich die beiden wichtigsten Risikofaktoren.
Der Arzt meinte, vielleicht sei eine Virusinfektion auf die Stimmbänder geschlagen. Also
setzte er mich auf Antibiotika.

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Mehr als einen Monat später war das Problem immer noch da. Ich hatte keine Schmer-
zen, aber die Heiserkeit ging nicht weg. Ich ging wieder in die HNO-Klinik und ließ mei-
nen Hals von einem anderen Arzt untersuchen. Er geriet total in Panik, aber er wollte
nicht sagen, was seine Befürchtungen waren. Dann sagte er: >Doktor Soundso muß
Sie unbedingt noch ansehen, aber er ist im Augenblick nicht da.< Wie kann man mit ei-
nem Patienten solchen Mist machen — Angst und Panik vermitteln und ihm dann sagen,
er müsse später wiederkommen! Da sitzt man dann und versucht, mit der Höllenangst
fertig zu werden.

Schließlich untersuchte ein dritter Arzt meinen Hals. Er sagte mir: >Da ist eine Verdi-
ckung. Wir müssen eine Biopsie machen.< Also wurde ich ins Krankenhaus eingewie-
sen, und die Biopsie wurde vorgenommen. Das Resultat war negativ. Nichts Bösartiges.
Man sagte mir, ich solle weiterhin die Medikamente nehmen, aber die Heiserkeit wurde
immer schlimmer. Nach einer Weile gab mein Arzt auf: >Ich weiß nicht mehr, was ich
tun soll. Ich schlage vor, Sie gehen nach Boston und suchen einen Spezialisten auf, den
Mann, der mich ausgebildet hat.<

Also ging ich nach Boston. Der Spezialist, ich nenne seinen Namen nicht, sagte, er wolle
selbst eine Biopsie vornehmen. Wieder war das Resultat negativ. Sechs Monate waren
vergangen, - keine definitive Antwort, keine klare Richtung. Also gehe ich ins Mass-Ge-
neral-Krankenhaus, und sie machen einen Test nach dem anderen. Schließlich rücken
sie damit heraus. Der Arzt dort sagte mir: >Es ist bösartig - Kehlkopfkrebs.<

Es gibt eine Menge schwer zugängliche Bereiche im Hals, die man nicht wirklich sehen
kann. Durch die Biopsien waren diese Bereiche nicht erfaßt worden. Aber irgendwie
hatten die Ärzte herausgefunden, daß es Krebs war.

Nachdem ich drei oder vier Tage im Krankenhaus war, fing es an, daß fast täglich Teams
von Ärzten und medizinischem Personal hereinkamen. Ich hatte das Gefühl, wie ein
Stück Protoplasma behandelt zu werden. Gruppen von Weißkitteln kamen in mein Zim-
mer, guckten mir in den Hals, versammelten sich am Fußende meines Bettes und dis-
kutierten über mich, als wäre ich nicht anwesend, als wäre ich nicht einmal ein Mensch.
An einem bestimmten Punkt hatte ich schließlich die Schnauze voll und sagte: >Hey,
jetzt guckt mir hier keiner mehr in den Hals! Und wenn Sie über mich reden wollen,
machen Sie, daß sie rauskommen, oder sprechen Sie mich direkt an!<

Jetzt kommt ein sehr wichtiger Teil der Geschichte, obwohl ich das damals nicht wußte.
Man sagte mir, eine radikale Laryngektomie sei >die Methode der Wahl<. >Wir werden
Ihnen den gesamten Kehlkopf und das umliegende Gewebe herausschneiden, und Sie
müssen sich darüber im klaren sein, daß Sie für den Rest Ihres Lebens sprachbehindert
und ein Halsatmer sein werden.< Ich finde diese unsensible Art, mit Begriffen um sich
zu werfen, einfach ungeheuerlich. Darüber könnte ich mich stundenlang aufregen.

Ich nahm die Diagnose und den Behandlungsvorschlag auf eine sehr duckmäuserische
und gefügige Art an. Mein Kehlkopf wurde entfernt. Nach diesem chirurgischen Eingriff
wurde mir gesagt: >Operation gelungen, Prognose prima, keine Metastasen, alles in
Ordnung.< Weiter erfuhr ich noch, daß es in der medizinischen Literatur nur vier do-
kumentierte Fälle gab, in denen diese spezifische Art von Krebs sich, wie bei mir, am
Kehlkopf entwickelt hatte. Mein Fall war der erste dieser Art seit dreißig Jahren. Daher
bekam der Chirurg, der mich operiert hatte, Anrufe aus allen Teilen der Welt. Er hielt

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Vorträge über meinen Fall in Europa und an verschiedenen Orten in Amerika. Ich sage
das ohne jeden Stolz. Es bedeutet mir überhaupt nichts.

Ich erinnere mich an den Tag, als der Verband entfernt wurde. Ich zitterte vor Angst.
Der Chirurg sagt mir: >Es sieht gut aus.< Als er gegangen ist, trete ich vor den Spie-
gel, um selbst nachzusehen. Was ich sehe, ist abstoßend. Mein Adamsapfel ist weg,
und da, wo er war, ist ein Loch. Ich kann nicht aufhören zu zittern und denke: >Was
wird June wohl empfinden? Sie liebt das Ästhetische so sehr, und ich bin häßlich wie die
Sünde.<

Als ich schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hielten June und ich unter-
wegs an einem Restaurant am Massachusetts Turnpike an, um zu Mittag zu essen. Ich
bestellte eine Muschelsuppe, die sehr heiß war. Automatisch versuchte ich, sie durch
Pusten auf den Löffel abzukühlen, und hatte dann einen langen, lautlosen Lachanfall,
der in einen Weinkrampf überging. June fragte mich, was ich hätte. Ich schrieb auf ei-
nen Zettel: >Ich bin jetzt ein Halsatmer. Meinst du, es wäre unfein, wenn ich meinen
Löffel an meine künstliche Halsöffnung hielte, um auf meine Suppe zu pusten?< Dann
lachten wir beide.

Die Zeit, in der ich zu Haus war und darauf wartete, daß die Sprechtherapie anfing,
war sehr schwierig. Eines Tages fuhr ich unsere achtjährige Tochter mit einigen unserer
engsten Freunde an einen See. Sie wollte eigentlich das Wochenende dort verbringen.
Aber sie wurde krank und blieb im Ferienhaus, während die anderen schwimmen gin-
gen. Es ging ihr immer schlechter, und sie rief zu Haus an, weil sie Hilfe brauchte. Ich
war allein zu Haus. Das Telefon hörte nicht auf zu läuten. Da ich die Dringlichkeit spür-
te, nahm ich schließlich den Hörer ab, aber ich konnte natürlich nicht sprechen.

Sie weinte kläglich: >Bist du das, Daddy? Ich bin krank, Daddy, es tut so weh! Ich will
nach Haus, Dad, bitte!<

Ich hängte auf, sprang ins Auto, holte June unterwegs in der Stadt ab und fuhr dann
an den See, um unsere Tochter nach Haus zu holen. Ich habe so geweint wie noch nie
zuvor in meinem Leben.

In >guter Absicht< hatte mein Arzt mir die Information vorenthalten, daß es für Men-
schen, denen der Kehlkopf entfernt wurde, elektronische Sprechhilfen gibt. Ich wußte
nicht, daß solche Geräte existierten. Er dachte, wenn ich eins benutzte, wäre ich nicht
mehr so stark motiviert, das ösophageale Sprechen zu erlernen.

Als ich zu meiner nächsten Untersuchung ging, hatte ich ein brandneues Sprechgerät
an einer Schnur um den Hals hängen. Mein Arzt kam herein, warf einen Blick auf das
Servox-Gerät und fragte: >Was ist das?<, obwohl er sehr wohl wußte, was das war. Als
Antwort drückte ich das Gerät an meinen Hals und sprach die ersten Worte mit mei-
ner elektronischen Stimme aus: >Sie gottverdammter Mistkerl! Warum haben Sie mir
nichts über diese Geräte gesagt?<

Es war wirklich nicht seine Sache, diese Entscheidung zu treffen. Hätte ich von Anfang
an von diesen Geräten gewußt, wären mir eine Menge Leid und Schwierigkeiten erspart
geblieben. Kurz nach der Operation fragte mich einer der Ärzte aus dem Team, was ich
vorhätte, wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde. Ich schrieb: >Ich verstehe

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die Frage nicht.< Er sagte: >Es ist doch klar, daß Sie Ihre Lehrtätigkeit nicht wieder
aufnehmen können. Selbst wenn Sie es schaffen, das ösophageale Sprechen zu lernen,
dauert es zwei Jahre, bis Sie es beherrschen. Und dann können Sie höchstens zehn
oder fünfzehn Minuten lang sprechen, weil es so anstrengend ist.<

Ich begreife einfach nicht, welchen Nutzen es für Patienten haben soll, ständig zu hö-
ren: >Sie können dies nicht mehr, Sie können das nicht mehr, Sie werden jenes nie
mehr können.. .< Ich meine, Ärzte müssen erkennen, welche hypnotische Wirkung ihre
Worte auf Patienten haben. Statt zu sagen >Selbst wenn Sie es schaffen.. .< hätte er
sagen können >Wenn Sie das ösophageale Sprechen lernen.. .<.

Na ja, jedenfalls brauchte ich drei Monate, um die ösophageale Sprechweise zu meis-
tern. Jetzt halte ich regelmäßig Lehrveranstaltungen von drei Stunden ab, mit nur fünf-
zehn Minuten Pause dazwischen.

Aber als ich ans Springfield College zurückkehrte, benutzte ich zuerst die elektronische
Sprechhilfe. Ich war voller Angst. Würden meine Studentinnen und Studenten sich auf
irgendetwas anderes konzentrieren können als auf den merkwürdigen Klang der künst-
lichen, elektronischen Stimme? Ich bin sicher, daß sie meine Nervosität bemerkten, und
ich bat sie, mir zu sagen, ob sie mich verstehen könnten. Daraufhin kam ein Zuruf nach
dem anderen aus dem Auditorium: >Machen Sie weiter, Professor!<; >Sie hören sich
gut an, Doc.<; >Wir hören Sie laut und deutlich, Ray! < Der Raum war mit Liebe erfüllt.
Als ich meine Vorlesung beendete, standen meine Studenten auf und applaudierten.

Elisabeth Kübler-Ross nennt es die erste bedeutsame Erkenntnis ihres Lebens, daß ein
einziger Mensch, der uns wirkliche Liebe entgegenbringt, den ganzen Unterschied zwi-
schen Leben und Tod ausmachen kann. An diesem Tag hatte ich einen ganzen Hörsaal
voller solcher Menschen.

Ungefähr drei Jahre nach meiner Kehlkopfoperation saß ich mit meiner Frau am Strand.
Sie sah mich an und sagte: >Du, hör mal, Raymond, du hast da eine Schwellung zwi-
schen deinen Schulterblättern. Was mag das wohl sein?< Es gibt eine Redewendung,
die Krebspatienten benutzen, und ich glaube, sie trifft zu: Einmal Krebspatient, immer
Krebspatient. Man macht sich Sorgen bei jedem Magenknurren, fragt sich bei jedem
kleinen Schmerz: Könnte es Krebs sein? Meiner Meinung nach wissen Krebspatienten
fast grundsätzlich, daß sie Krebs haben, bevor sie die Diagnose erhalten. Irgend etwas
ist da in der menschlichen Seele, das einem die Botschaft vermittelt.

Aber natürlich sagte ich zu meiner Frau, um ihre Ängste zu beschwichtigen: >Ach, weißt
du, das ist wahrscheinlich nur eine Fettgewebegeschwulst. Die kommen sehr häufig vor.
Mach‘ dir deshalb keine Sorgen.<

Als ich vom Strand zurückkam, ging ich zu Michael, einem Freund in Springfield, der
Chirurg ist. Er sah es sich an, tastete es ab und sagte selbst auch: >Ach, vermutlich
ist es nichts Ernstes. Aber vielleicht solltest du nach Boston gehen und es von einem
Spezialisten untersuchen lassen.<

Ich ging also zu einem Chirurgen in Boston, der mir sagte: >Wir werden erstmal
drei Monate abwarten und dann sehen, ob irgendwelche Veränderungen eingetreten
sind< — das typische Gerede, man kennt das ja. Ich kam aus Boston zurück und

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fragte mich: >Was zum Teufel sollst du jetzt machen, Ray? Wie sollst du drei Monate
lang mit der Angst leben, daß es ein Tumor ist, der immer weiter wächst?< Also ging ich
zurück zu meinem Chirurgen in Springfield. Er ist ein guter Freund. Ich sagte: Michael,
nimm eine Gewebeprobe von dem verdammten Ding. Laß es uns unter dem Mikroskop
ansehen. Er schnitt also etwas heraus, sah es sich an und sagte mir, es sei ein bösarti-
ger Tumor. Ein paar Tage vergingen, und er rief mich zu sich.

Er sagte: >Also, Ray, ich habe mit meinen Kollegen darüber gesprochen, wir haben es
auf der Tumor-Konferenz diskutiert.< In den größeren medizinischen Einrichtungen ha-
ben sie jede Woche diese Tumor-Konferenzen; die Ärzte kommen zusammen, um ihre
Fälle und die Wahlmöglichkeiten für die Behandlung zu diskutieren. Er fuhr fort: >Die
Methode der Wahl ist, das Gewebe zwischen deinen Schulterblättern herauszuschnei-
den, etwa in diesem Umfang und soundso tief, und das Ding herauszuholen.< Hier,
Sie können es sehen... (Ray drehte sich um und zeigte mir ein tiefes, vernarbtes Loch
zwischen seinen Schulterblättern, das jetzt von stark ausgebildeten Muskeln umgeben
war).

Zum zweiten Mal akzeptierte ich nun die >Methode der Wahl<, ohne nachzufragen.
Der Hohepriester hatte gesprochen. Ich nahm die Diagnose an und unterwarf mich der
Operation.

Nach dem chirurgischen Eingriff sagten sie mir, es sei alles in Ordnung. Es war ein
weiterer Primärtumor. Sie stellten fest, daß es nicht mein Kehlkopfkrebs war, der nun
etwa Metastasen im Rücken gebildet hatte. Na, wunderbar, denke ich, sie haben alles
herausgeholt.

Es vergeht etwa ein Jahr, da entdecke ich seitlich an meinem Hals einen Knoten. Ich
fühle das verdammte Ding. Innerlich weiß ich sofort: >Verflucht nochmal, der Krebs hat
sich ausgebreitet.< Ich gehe zu meinem Chirurgen und sage ihm: >Schneid es heraus.
Sehen wir es uns an.< Also lasse ich es ambulant entfernen; es ist ein Lymphknoten.
Er schneidet etwa drei davon heraus. Natürlich bin ich dabei nur örtlich betäubt und
bekomme alles mit. Er hält sie in der Hand und sagt: >Sie sehen harmlos aus, Ray.<
Ich sage: >Abwarten!< und denke mir: >Zur Hölle damit!<

Ein paar Tage später wird mir mitgeteilt, daß diese Lymphknoten von Krebs befallen
sind. Jetzt habe ich also Krebs im lymphatischen System. Michael schlägt vor, daß ich
einen anderen Onkologen konsultiere, um weitere Tests vornehmen zu lassen und blah,
blah, blah. Ich gehe also zu diesem anderen Onkologen, zufällig arbeitet meine Nich-
te in seiner Praxis. Er macht einige weitere Tests. Er läßt eine Knochenmarksbiopsie
machen und teilt mir dann die Diagnose mit. Ich hatte Knochenmarkskrebs im vierten
Stadium.

Bei der Krebsdiagnose teilen sie den Körper in Felder und Sektionen ein, - oberer lin-
ker Quadrant, unterer rechter Quadrant, und so fort. Dann wird der entdeckte Krebs
nach Stadien klassifiziert: Erstes Stadium - gute Prognose. Zweites Stadium ist na-
türlich schon ernster. Drittes Stadium ist tödlich. Viertes Stadium: Aus - weg von der
Platte. Tatsächlich war es das, was sie mir sagten. Krebs im Endstadium. Sie rieten
mir, meinen Frieden mit Gott zu machen, da ich nicht mehr lange leben würde. Ich
fragte meinen Onkologen: >Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?< Er sag-
te: >Massive Chemotherapie und massive Bestrahlung.< Ich sah ihn an und fragte:

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>Woher kommen diese Vorschläge?< Er antwortete: »Nun, in der Diskussion mit Kolle-
gen.. .<, und dann kam es zum dritten Mal: >Die Therapie der Wahl.. .< Das war der
Augenblick, in dem ich die Arme hochwarf und sagte: >Ach, leckt mich doch alle... !<
>Was ist denn los mit Ihnen ?< wollte er wissen.

Ich sagte: >Wissen Sie, ich bin in einer kulturellen Umgebung aufgewachsen, die den
Wissenschaften im allgemeinen und den medizinischen Berufen im besonderen hohe
Wertschätzung entgegenbringt. Ich habe diese Einstellung auch nicht aufgegeben. Es
ist nur, daß ich von Ärzten ständig höre: >Die Therapie der Wahl ist das und das. Nie-
mand hat mir je gesagt: >Dies sind einige der Wahlmöglichkeiten — wir glauben, daß
diese Dinge helfen könnten. Was meinen Sie dazu, Ray? Ich wurde nie in irgendeinen
der Entscheidungsprozesse einbezogen.< Ich sagte zu meinem Onkologen: >Steve,
von jetzt an will ich die genauesten medizinischen Informationen, die ich bekommen
kann. Und ich werde die Entscheidungen treffen!< Ich war sehr kritisch geworden.

Ich kam zu dem Schluß - und das ist nicht wissenschaftlich-, daß ich auf irgendeine
Weise selbst meinen Krebs verursachte. Für mich war das wirklich eine weise Erkennt-
nis. Die Schwierigkeit, die Außenstehende oft mit dieser Aussage haben, ist die, daß sie
das Übernehmen von Verantwortung mit Scham, Selbstvorwürfen oder Schuldgefühlen
gleichsetzen. Das ist aber nicht mein Ansatzpunkt. Ich glaube, daß man sich entschei-
den kann, ob man in dieser Welt und im eigenen Leben auf der Ursachen- oder auf der
Wirkungsseite stehen will. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur angenommen,
ich sei dem Wirken höherer Mächte unterworfen, - dem Schicksal, Gott oder Jahwe.
Nun, ich hörte auf, das zu glauben, und sagte mir: >Auf irgendeine Weise bin ich selbst
die Ursache dafür. Und wenn ich selbst die Ursache bin, dann kann ich auch etwas da-
ran ändern.< Ich sagte mir: >Verdammt noch mal, Ray, du hast es verursacht. Wenn
das so ist und wenn du es wirklich glaubst, dann kannst du auch damit fertig wer-
den. Was du hervorgerufen hast, kannst du auch wieder zurücknehmen. Du kannst das
ändern.<

An diesem Punkt kam die entscheidende Wende. Da fing ich an, mich mit alternati-
ven Methoden der Krebsbehandlung zu beschäftigen. Ich ging allen möglichen Themen
nach, die mit Streß zu tun hatten, Streßbewältigung, Ernährung, das ganze Paket.

Ich fing an, mein Leben grundlegend zu verändern. Zu diesem Zeitpunkt dachten meine
Frau und ich daran, diese Farm hier zu kaufen. Wir wollten aus der Stadt heraus. Bevor
ich diese Erkenntnis gewonnen hatte, sagte ich mir: >Was für eine Verschwendung! Ich
sterbe an Krebs. Was für ein Unfug, einen Hauskauf zu planen und June und die Kinder
mit einer Hypothek und einer großen Farm zurückzulassen.<

Aber als meine Einstellung und mein Glaubenssystem sich geändert hatten — das eige-
ne Glaubenssystem ist ausschlaggebend, wenn man den festen Glauben hat, klappt es;
wenn man den Glauben nicht hat, wird es einfach nichts -, da sagte ich: >Wir müssen
unser Leben so weiterleben, als würde ich hundert Jahre alt. Wir werden die Farm kau-
fen.< Und wie Sie sehen, taten wir das auch, wir kauften die Farm. Das alles hier gehört
uns, so weit Sie sehen können.

Der Diagnose nach wurden meine Lebenschancen an der unteren Grenze auf sechs
Monate geschätzt; die obere Grenze waren achtzehn Monate. Jedesmal, wenn ich
mich untersuchen ließ, - ich ging alle drei Monate zur Krebsuntersuchung - saß mein

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Onkologe da, schüttelte immer nur den Kopf und sagte: >Das verstehe ich nicht. Ich
verstehe das nicht!<

Anfangs bekam ich von seiten der Ärzte keine Unterstützung für das, was ich machte.
Tatsächlich hatte ich in meiner gesamten Umgebung wenig Unterstützung, abgesehen
von einem sehr lieben Freund, einigen guten Freunden und meiner Frau, die sagten:
>Hör mal, wie du dich entscheidest, was immer deiner Meinung nach das Beste für dich
ist, du weißt, daß wir voll hinter dir stehen!< Und ich brauchte das.

Aber alle anderen fanden das, was ich tat, völlig absurd. >Mein Gott, Ray!<, sagten
sie. Die Krankenschwester, die in der Praxis des Onkologen arbeitete, war meine Nichte.
Nach jeder Untersuchung sah sie sich die Ergebnisse an. Sie weinte immer, wenn sie
mich anrief.

Ich sprach mit meinem Onkologen, und er sagte immer wieder: >Sehen Sie, wenn Sie
die Chemotherapie akzeptieren, können wir Sie vielleicht drei oder vier Jahre länger
am Leben erhalten.< Sie begriffen es nicht. Ich sagte: >Verdammt nochmal, Sie reden
davon, mir drei oder vier Jahre Aufschub zu geben. Das interessiert mich nicht. Drei
oder vier Jahre mehr sind nicht mein Ding! Ich will aus der Sache rauskommen.« Ray
hob die Arme und stieß einen Kampfschrei aus. »Ich setze auf Sieg!«

Diese Einstellung half mir, am Leben zu bleiben. Aus der Perspektive der Transaktions-
analyse ist es das ungestüme, trotzige kleine Kind in uns, das sich da äußert. Es ist
dieses Drängen zum Leben, dieser Lebenswille. Es ist dieses Suchen nach Wegen zum
Überleben. Steh es durch! Geh mitten durch oder spring drüber weg! Aber du kannst
es schaffen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Da war dieser Typ, der eine Treppe hinunterstürzte und sich
schwer verletzte. Man sagte ihm, er werde sich nie wieder bewegen können. Nachdem
er die Meinung der Ärzte gehört hatte, sagte er etwas Interessantes: >Wie zum Teufel
kann man einen Kampf gewinnen, wenn man ihn schon mit der Erwartung der Nieder-
lage beginnt?< Er tat etwas Unglaubliches. Er stellte sich vor, er könnte lernen, einen
Zeh zu bewegen, das sollte der Anfang sein. Er konzentrierte sich ständig auf seinen
großen Zeh. Er lenkte seine gesamte Energie in seinen großen Zeh. Seine Mutter kam
ihn eines Tages besuchen. Er sagte: >Mutter, schau auf meinen großen Zeh!< Immer
wieder sagte er: >Schau ihn dir an, beobachte ihn.< Und sie beobachtete ihn. Und er
sagte: >Siehst du etwas?<

>Nein<, sagte sie, >ich sehe nichts.<


>Bist du sicher?«
Sie sagte: >Ich sehe wirklich nichts.<
Er sagte: >Schau ihn weiter an, beobachte ihn!<
Sie sagte: >Ich sehe keine Bewegung.<

Aber dann, plötzlich, bemerkte sie etwas anderes. Einer seiner Finger, ich glaube, es
war sein Daumen, hatte angefangen, sich zu bewegen. Das war der Durchbruch. Er
schaffte das scheinbar Unmögliche. Heute ist dieser Mann, der an allen vier Extremi-
täten vollständig gelähmt war, frei beweglich und kann seine Arme und Beine wieder
gebrauchen. Die Geschichte hat einen vertrauten Klang. Sie sehen, ich wollte wirk-
lich gesund werden. Mein größtes Liebesabenteuer ist die Liebe zum Leben. Im Leben

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liegen alle Hoffnungen. Im Tod liegt wirklich gar keine Hoffnung. Das ist keine Verleug-
nung des Lebens nach dem Tod oder wie immer man es nennen will. Ich glaube tatsäch-
lich daran, daß wir in irgendeiner Form weiterexistieren, wenn wir diese Welt verlassen,
und das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber ich möchte so lange hierbleiben, wie ich kann.
Ich liebe das Leben. Ich habe noch zuviel zu tun, um jetzt schon abzutreten.

Ich habe immer so unheimlich viel vor - Projekte, die ich verwirklichen will, Orte, die
ich aufsuchen, und Leute, die ich sehen will. Ich glaube, wenn die Zeit zum Sterben
kommt, werde ich ein Gefühl der Vollständigkeit oder der Vollendung haben, eine ferti-
ge Gestalt, oder wie immer man es nennen will. Aber vorerst habe ich immer noch das
Gefühl: Teufel nochmal, da ist noch so viel zu tun.«

Ohne Vorwarnung sprang Ray plötzlich auf und raste in die angrenzenden Felder hin-
ein. Nach sekundenlangem Zögern rannte ich ihm nach, obwohl ich nicht wußte, was er
vorhatte. Ray war etwa zwanzig Meter vor mir, als ich sah, daß er hinter seiner Katze
her war und versuchte, sie einzufangen. Er machte einen Sprung nach vorn und stürz-
te bäuchlings zu Boden, die Arme weit vorgestreckt, aber er hatte die Katze knapp
erwischt. Als ich näher kam, wurde mir der Sinn der Aktion klar: Die Katze hatte eine
Feldmaus im Maul. Ray war schnell, aber sanft. Er öffnete die Kiefer der Katze und ließ
die Maus frei. Wir gingen schweigend zur Terrasse zurück.

»Da es in meiner Familie keine Vorgeschichte von Krebserkrankungen gab, weder in der
Elterngeneration noch in der Generation davor, nicht einmal in der Zeit vor der Einwande-
rung, dachte ich viel darüber nach, wie es möglich war, daß ich mir Krebs zugezogen
hatte. Lawrence LeShan sagt in seinem Buch >Psychotherapie gegen den Krebs<, daß
er bei Leuten aus der Generation, die in die Vereinigten Staaten einwanderte, viele
übereinstimmende Merkmale fand. Er meint, daß es vermutlich bestimmte kulturelle
Einflüsse waren, die es in den alten Ländern nicht gegeben hatte, und die hier, in die-
sem Land, zu Krebs führten. Einer dieser Faktoren ist Streß. Ernährung ist ein weiterer
Faktor. Wir stehen sehr viel stärker unter Streß, und wir essen auch anders als die Leute
auf einem Bauernhof in Italien. Aber ich rede nicht von Meinungen. Es ist eine Tatsache,
daß die Ernährung eine sehr wichtige Rolle spielt bei der Entstehung von Krebs und
auch bei der Genesung, bei der Heilung von Krebserkrankungen.

Ich bin davon überzeugt, daß diese Faktoren entscheidend zu meiner Krebserkrankung
beitrugen. Erstens konnte ich nicht gut mit Streß umgehen; ich ließ mich von mei-
nen Belastungen zerreißen. Zweitens hatte ich grauenvolle Ernährungsgewohnheiten.
Kaffee und ein gefüllter Krapfen waren mein Frühstück. Mein Mittagessen bestand aus
einem Hot Dog und einer Cola - und jedermann weiß, daß Cola ja so munter und leben-
dig macht.« Wir lachen beide.

»Wenn ich klüger gewesen wäre, hätte ich die Anzeichen schon viel früher be-
merkt. Als Kind hatte ich eine Erkältung nach der anderen. Und ich hatte so oft
Hautausschlag, — es war mir furchtbar unangenehm. In meinem Fall kam das von
ernährungsbedingten Mangelzuständen. Ich finde es geradezu faszinierend, daß viele
Leute mich jetzt als Sonderling betrachten, weil ich so esse, wie ihre Großeltern aßen.
Sie aßen frisches Obst und frisches Gemüse damals, keine vorbehandelten Lebensmit-
tel. Ich las einen Artikel von Albert Schweitzer, der mich sehr beeindruckte. Bei seinem
Studium afrikanischer Stämme beobachtete er, daß generative Krankheiten sich unter
ihnen auszubreiten begannen, je mehr sie mit der westlichen Zivilisation in Berührung

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kamen. Bei den Stämmen, die an der primitivsten Lebensweise festhielten, war Krebs
nahezu unbekannt, aber unter denjenigen, die sich der modernen westlichen Lebens-
weise angepaßt hatten, breiteten Krankheiten sich in einem enormen Ausmaß aus.
Statt hinauszugehen und auf Bäume zu klettern, um sich ihre Nahrung zu holen, fingen
sie an, Konserven und vorbehandelte Lebensmittel zu verwenden. Außerdem waren sie
vermutlich größerem Streß ausgesetzt.

Für mich hieß es, anders mit Streß umzugehen, wenn ich leben wollte. Ich entdeckte
das Kind in mir. Dieses Kind in einem selbst braucht Freiräume und Zeit für Spaß, Zeit
für Entspannung. Jeder muß für sich selbst herausfinden, was das Richtige ist. Für mich
ist es Musik, meine Liebe zur Musik, und Lesen und Körpertraining. Mann, beim Training
lege ich richtig los. Die Jungs in meinem Fitneßclub können immer noch nicht glauben,
daß dieser Körper zweiundfünfzig Jahre alt ist.

Nachdem ich Krebs bekommen hatte, gab ich mir selbst die Erlaubnis, die Dinge zu tun,
die ich tun wollte. Vorher erlaubte ich vielen Dingen, mich an der Befriedigung meiner
wahren Bedürfnisse zu hindern. Meine Beziehungen zu allen Menschen, an denen mir
liegt, verbesserten sich. Meine Sensibilität, mein Bewußtseinsniveau, meine Fähigkeit,
mit anderen Menschen zusammenzusein, steigerten sich enorm. In dieser Hinsicht habe
ich eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Ich bin sicher, das hatte eine heilende
Wirkung auf mich.

Ich hatte immer die Gabe - das hört sich jetzt vielleicht hochtrabend an -, mich in Men-
schen einzufühlen und mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich habe viel Mitgefühl mit
anderen Menschen. Ich weiß, das klingt furchtbar schmalzig oder kitschig. Das wird auf
meinem Grabstein stehen - nein, das nehme ich zurück, ich werde keinen Grabstein
haben. Ich habe beschlossen, einen Beitrag zur Ökologie zu leisten und mich verbren-
nen zu lassen. Die Asche wird verstreut. Aber wenn ich einen Grabstein hätte, sollte das
Wort >mitfühlend< darauf einen Platz haben.

Ich glaube, jede Tugend wird zu einem Fehler, wenn sie ins Extrem getrieben wird.
Ich ging mit meinem Mitgefühl so weit, daß es für mich destruktiv wurde. Bei mei-
nen Krebserkrankungen fand ich es notwendig - fälschlicherweise -, allen anderen ihre
Angst um mich zu nehmen und sie zu beschwichtigen. Statt dessen hätte ich mich mehr
um meine eigenen Gefühle kümmern sollen. Eine Sache, die mir geradezu entgegen-
sprang, bei Freunden und auch bei Familienmitgliedern, war, daß meine Krebskrankheit
ihnen plötzlich ihre eigene Sterblichkeit bewußtmachte. Sie kamen fast um vor Angst.
Niemand hätte das laut ausgesprochen, aber ich fühlte es. In den Beratungsgesprächen
bei der Rehabilitation nennen wir das die Notwendigkeit zu trauern. Menschen haben
ein Bedürfnis, Kranke in ihrer Umgebung elender und tragischer zu machen, als sie es
in Wirklichkeit sind, um ihr eigenes Gefühl von physischer Unversehrtheit zu stärken.
Wenn ich den anderen als krank und tragisch ausmache, mehr als er tatsächlich ist,
dann geht es mir besser.

Ein Zwischenfall brachte das wirklich klar zutage. Kurz nachdem ich zum ersten Mal
aus dem Krankenhaus kam, nach meiner Kehlkopf Operation, stand ich da mit meiner
Frau, meiner Schwester und ihrem Mann. Es war beim Geburtstag meiner Schwester.
Aus dem Augenwinkel sah ich eine meiner Tanten. Die Szene steht so lebendig vor mir
— o Gott, es war furchtbar. Sie beugte sich vor, guckte, und schlängelte sich an mich
heran. Sie starrte mich an, so« — Ray verzieht sein Gesicht zu einer jammervollen

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Miene - »sah mir in die Augen und sagte: >Bist du das, Ray?< Ich hätte ihr am liebsten
mitten ins Gesicht gekotzt, wenn ich das auf Abruf gekonnt hätte. Es war diese >Ach-
du-armes-Schwein<-Szene -, abwertendes Mitleid. Sie hatte das Bedürfnis, mich als
armes Schwein auszumachen, damit sie sich besser fühlen und sich ihrer eigenen Ge-
sundheit versichern konnte. Merkwürdig ist das, aber ich habe es einige Male erlebt.

Genau wie diese negativen Gefühle die Gesundheit beeinträchtigen, wirken positive
Gefühle heilend. Humor war sehr wichtig für mich. Das ist nicht nur meine persönliche
Vorstellung, es gibt Untersuchungen darüber, und es ist keine Frage, daß Humor heilen-
de Wirkungen hat. Ich sehe jetzt viel Witziges, was mir vorher entgangen ist. Ich sehe
in vielen Dingen den komischen Aspekt.

Ich erinnere mich an den ersten Tag, als sie mich aus dem Bett holten, nachdem ich
am Kehlkopf operiert worden war. Ich sollte mich bewegen, aber da ich noch am Tropf
hing, mußten die Schläuche und das ganze Drum und Dran mitgenommen werden. Also
mußten zwei Krankenschwestern mich von beiden Seiten stützen. Im Mass General
Krankenhaus haben sie diesen riesigen Korridor, und er erinnerte mich an die Aschen-
bahn in einem Sportstadion. Ich dachte, was für ein toller Platz für einen Hundert-Me-
ter-Lauf. Natürlich konnte ich nicht sprechen, aber ich dachte es. Die Schwestern gin-
gen mit mir bis zum anderen Ende des Korridors und wollten mich dann zurückbringen.
Aber ich hatte noch etwas anderes vor. Ich ging in die Startposition wie ein Läufer und
gab ihnen durch Gesten zu verstehen: >Zurück laufen wir um die Wette.<

Wenn jemand, den ich liebe - ein Familienmitglied, ein Freund, einer meiner Studen-
ten - Krebs bekäme, würde ich in jedem Fall Hoffnung vermitteln und die Vorstellung
weitergeben, daß Krebs, im Gegensatz zur populären Mythologie, kein Todesurteil ist.
Sie müssen ihre eigenen Ressourcen mobilisieren, im Zusammenhang mit den besten
medizinischen Informationen, die sie bekommen können. Ich denke, für Krebspatienten
ist es von ausschlaggebender Bedeutung, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihren Le-
bensstil zu überprüfen, insbesondere ihren Umgang mit Streß. Es ist absolut wichtig,
daß sie ergänzende Vitamin- und Mineralgaben erhalten. Nach allem, was ich mir an
Wissen über diese Dinge angeeignet habe, gibt es bestimmte, sehr wichtige Spurenele-
mente, Vitamine und Mineralien, die von grundlegender Bedeutung sind, insbesondere
für Krebspatienten. Ich glaube nicht, daß die traditionelle Medizin allein etwas ausrich-
ten kann, wenn man diese anderen Dinge nicht beachtet.

Der größte Teil der konventionellen Krebstherapie ist reine Symptombehandlung. Man
hat einen Tumor, und sie schneiden ihn heraus. Die Ursachen der Krankheit - warum
der Tumor sich überhaupt bilden konnte — bleiben im Dunklen. Für jede Art von Krebs
gibt es gute medizinische Therapien. Aber es ist dennoch ein Kurieren an Symptomen.
Ich denke, man muß sich mit den Ursachen befassen.

Es ist sehr wichtig, einen Arzt zu finden, mit dem man sich gut versteht. Was meine ei-
gene Behandlung angeht, muß der Arzt im Hinblick auf Offenheit und Flexibilität so sein
wie ich. Wenn ich mit einem Arzt zusammenarbeiten müßte, der sich in verschiedenen
Fragen unkooperativ verhielte, würde ich mir einen anderen suchen. Ich möchte nicht
den Eindruck vermitteln, ich wäre generell gegen die Schulmedizin, denn das bin ich
nicht. Es gibt einige wirklich gute Leute im medizinischen Bereich, denen ihr Ego nicht
im Weg steht. Diese Ärzte lernen etwas von ihren Patienten.«

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Ray hob plötzlich seinen Arm, fing eine Fliege aus der Luft und zerschmetterte sie klat-
schend auf dem Tisch. Er hielt einen Augenblick inne. »Das ist der kleine Hitler in mir.«
Wieder schwieg er. »Nein, ich bin nicht ohne Widersprüche, aber ich nehme mir meine
Widersprüchlichkeit nicht mehr so übel wie früher.

Die Krankheit war sehr wichtig für mich. Ich mag mich jetzt mehr. Ich möchte die Er-
fahrung nicht missen, aber es wäre eine Lüge, zu behaupten, ich würde sie nicht wieder
rückgängig machen, wenn ich meine Stimme wiederhaben könnte. Beim Singen konnte
ich früher wirklich abheben. O Gott, es wäre mir völlig egal, ob es anderen gefällt oder
nicht. Ich konnte mich selbst in Begeisterung versetzen; es lief mir heiß und kalt den
Rücken herunter. Ich habe zwanzig Jahre lang meine Stimme ausgebildet. Ich war auch
objektiv gut. Man sagt, daß ein Licht am hellsten brennt, kurz bevor es ausgeht. Die
beste Gesangsleistung meines Lebens erreichte ich kurz bevor ich den Kehlkopfkrebs
bekam, und manchmal kann ich nicht anders, — ich muß einfach daran denken, was ich
auf dem Gebiet hätte erreichen können, wenn ich nicht an Krebs erkrankt wäre. Dem
trauere ich vielleicht am meisten nach. Aber ich kann mich daran nicht festhalten.

Es gibt einen Grund, warum ich Kehlkopfkrebs bekommen habe, und darüber wird in
keinem Medizinstudium etwas vermittelt. Es hat etwas mit meinem Vater zu tun. Das
klingt jetzt vielleicht, als ginge ich in sehr tiefe unbewußte Bereiche hinein, aber ich
bin überzeugt, daß es da eine Verbindung gibt. Wir können andere wirklich auf den Trip
schicken. Wir legen Samen, die sich sehr destruktiv auswirken können, insbesondere
wenn wir anderen zu Zeiten, in denen sie am verletzlichsten sind, bestimmte Dinge sa-
gen oder sie in einer bestimmten Weise behandeln. Es gibt Studien über die besondere
Anfälligkeit bestimmter Organe oder Körperteile für Krankheiten. Wenn jemand von
Kindheit an gesagt bekommt, er habe kein Rückgrat, wird er irgendwann Rückenmarks-
krebs bekommen. Wenn man jemandem ständig sagt, er sei ein Arschloch, kriegt er
Krebs am Darmausgang. Mein Bruder hat sich nie mit seinen schlechten Stimmungen
oder negativen Gefühlen konfrontiert. Er sprach immer davon, daß ihm Probleme auf
den Magen schlagen. Er starb an Magen-Darm-Krebs.

Mein Vater ging immer auf mich los, wenn ich mit den anderen Kindern spielte. Er
schimpfte wie ein Wilder, vor allen anderen: >Warum höre ich immer nur dich? Wie
kommt es, daß du von allen Kindern hier in der Straße das größte Maul hast?< Wenn er
mich aus der Ferne zu sich rufen wollte, stieß er einen schrillen Pfiff aus. Er steckte zwei
Finger in den Mund und pfiff so laut, daß man es eine halbe Meile weit hören konnte. Ich
blieb wie angewurzelt stehen — von wegen Konditionierung! Ich erstarrte förmlich zur
Salzsäule. Ich drehte mich um, und dann hob er die Hand und griff an seine Kehle, so:
(Ray umfaßte seine Kehle mit der Hand). Die Botschaft war: >Ich erwürge dich! Setz
deinen Hintern in Bewegung und komm sofort hierher!<

Und als ich in den Operationssaal gefahren wurde...« Rays Augen füllten sich mit Trä-
nen. Einige Minuten vergingen, bevor er weitersprechen konnte. »... Als ich in den
Operationssaal gefahren wurde, hörte ich tief in meinem Inneren eine kleine, verängs-
tigte Stimme sagen: >Jetzt wirst du meine Stimme nicht mehr hören müssen, Dad.<«
Ray weinte. Er schwieg lange, bevor er weitererzählte.

»Ich war bei Elisabeth Kübler-Ross, und sie sagte, daß es keine Zufälle im Leben gibt.
Das ist etwas, woran ich glaube und was mir sehr wichtig ist. Es war kein Zufall, daß
ich Krebs bekam. Ich glaube nicht, daß ich auf der intellektuellen Ebene einen Sinn

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daraus entnehmen kann, es sei denn, man sagt, hinter allem steht irgendeine Absicht,
irgendeine Ursache. Vielleicht verfolgt eine über dem Menschen stehende Macht eine
Absicht mit meiner Krebserkrankung. Ich meine damit nicht, daß Gott mit dem Finger
auf mich zeigte und sagte: >Du sollst Krebs bekommen!< Aber vielleicht liegt der Sinn
darin, daß ich einen wichtigen Beitrag leisten kann. Ich glaube, das ist zumindest teil-
weise der Grund, warum ich noch hier bin. Ich habe anderen Menschen eine Menge zu
geben, eine Menge mitzuteilen. Also sage ich mir: >Tu es!<

Meine Gefühle liegen offen zutage. Es gibt keine Verstellung mehr. Wenn ich wütend
bin, werden Sie es merken. Wenn ich einfach nur schlechte Laune habe, werden Sie es
merken. Und wenn ich liebevolle Gefühle habe, werden Sie es auch sofort wissen. Was
ich empfinde, zeige ich.

Vor Jahren hätte ich mich bedeckt gehalten, auch was diese Gefühle für meinen Vater
betrifft. Ich verberge meine Gefühle nicht mehr. Was andere Menschen von mir mitbe-
kommen, alles, was sie sehen, das bin ich - gut, schlecht oder alles, was dazwischen
liegt.«

Beobachtungen

Raymond Berté veränderte sich, nachdem bei ihm »Krebs im Endstadium« diagnos-
tiziert worden war. Er veränderte seine konkreten Lebensbedingungen. Er verließ die
Großstadt und zog aufs Land - ein Schritt, den er schon lange tun wollte. Aber noch
wichtiger waren die inneren Veränderungen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten
Menschen unter dem Eindruck, die Kontrolle über ihren Körper verloren zu haben, ins
Taumeln geraten würden, entdeckte Raymond neue individuelle Kraft und neue Frei-
räume. Die Haltung, die er seinem Leben gegenüber einnahm, daß er für alles, was
mit ihm geschah, selbst die Verantwortung übernahm, motivierte ihn, seine persön-
lichen Beziehungen neu zu gestalten, seine Ernährungsgewohnheiten zu ändern, sich
eingehend über seine Krebserkrankung zu informieren und seine Behandlung selbst zu
bestimmen. Statt schwer auf ihm zu lasten wie ein Kreuz, das er zu tragen hatte, ver-
setzte dieses Gefühl des Verantwortlichseins ihn in die Lage, ein »Liebesabenteuer mit
dem Leben« einzugehen. Wie der Psychologe Albert Ellis sagt, sind »die besten Jahre
deines Lebens diejenigen, in denen du entscheidest, daß deine Probleme deine eigene
Sache sind. Du machst nicht deine Mutter, die Umwelt oder die Regierung dafür verant-
wortlich. Du erkennst, daß du selbst dein Schicksal bestimmst.«

Ich hatte von Raymond Berté schon ein Jahr bevor ich ihn kennenlernte gehört. Aber was
ich über ihn wußte, hatte nichts mit Krebs oder seiner außergewöhnlichen Heilungser-
fahrung zu tun. Ich arbeitete in einem psychiatrischen Zentrum, etwa hundert Kilo-
meter von Raymonds Wohnsitz entfernt, und gehörte einem Team an, das graduierte
Bewerberinnen und Bewerber für das Medizinalpraktikum im folgenden Jahr auswählte.
Drei Studenten, die sich für das praktische Jahr beworben hatten, kamen aus dem Col-
lege, an dem Raymond lehrte. Eine der Standardfragen der Auswahlinterviews lautete:
»Welche Person hat Sie während Ihrer Ausbildung am stärksten beeinflußt? Beschrei-
ben Sie diese Person als Helfer.« Alle drei Studenten nannten Raymond Berte. Das Aus-
wahlkomitee hatte nie erlebt, daß derselbe Hochschullehrer mehr als einmal benannt
wurde, und hörte aufmerksam zu, als die Studenten schilderten, wie Raymonds

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Ansprüche an ihr Niveau ihr Leben beeinflußt hatte. Er wurde als mitfühlend und ehrlich
beschrieben, als kritisch und streitlustig, aber dennoch sehr liebevoll. Sie sagten, daß
Raymond sie bis an ihre Grenzen getrieben habe, damit sie sich selbst und ihre Motive,
anderen zu helfen, besser verstehen lernten.

Raymond ist charismatisch, sowohl in seinem Wesen als auch in seinem Persönlich-
keitsstil. In alles, was er tut, bringt er sich mit Leib und Seele ein, ob er eine Lehrver-
anstaltung abhält, mit einem Krebspatienten ein Beratungsgespräch führt oder einen
Waldlauf macht. Sein Selbstvertrauen und seine kraftvolle Ausstrahlung machen ihn
zu einem eindrucksvollen Gegenüber. Dennoch scheut er sich nicht, seine offensichtli-
che Sehnsucht nach Nähe zu demonstrieren. Wie seine Studenten war ich von diesem
Mann, der so viel von sich selbst zeigte, angerührt und beeindruckt.

Zweifellos haben sich diese Persönlichkeitsmerkmale nicht alle erst nach seiner Krebser-
krankung herausgebildet. Aber wie viele andere Menschen, die tödliche Krankheiten
überlebten, vollzog Raymond Veränderungen, die so tief gehen, daß sie eine existenti-
elle Wandlung darstellen. Der Persönlichkeitszug, der mich am tiefsten an ihm beein-
druckte, scheint sich als Folge seiner Heimsuchung durch Krebs entwickelt zu haben:
Mehr als alle anderen Menschen, die ich kenne, spricht und handelt Raymond aus sei-
nem Herzen heraus.

Raymond hat einen glühenden Lebenswillen. Seine Entscheidung, die empfohlene Be-
handlung nicht passiv hinzunehmen, demonstriert seinen Wunsch zu leben und gleichzei-
tig auch seine Eigenwilligkeit. Raymond weigerte sich, in einen Plan einzuwilligen, dem
letztlich die Erwartung zugrunde lag, daß er sterben werde. Er war überzeugt, daß
der Glaube an die Heilung ausschlaggebend ist: »Wenn man daran glaubt, klappt es;
wenn man nicht daran glaubt, wird es einfach nichts.« Um seine Hoffnung aufrechtzu-
erhalten, mußte er jedem widersprechen, der ihm sagte, er werde es nicht schaffen,
- insbesondere einem »erfahrenen Spezialisten«. Das »Ach, leckt mich doch alle...« an
seinen Arzt war kein Akt trotzigen Widerstandes und kein Ausdruck unreflektierter Ver-
weigerung. Er bekräftigte damit seinen Willen, am Leben zu bleiben, und seine Energie.
»Als man meine Krebserkrankung als letal diagnostizierte, akzeptierte ich es einfach
nicht. Das ist keine Verleugnung der Realität. Es bedeutet, daß ich keinem Experten
gestatte, das Todesurteil über mich zu sprechen. Wenn ich mich darauf einlasse, ist es
der Anfang vom Ende.«

Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit Raymond zu dem Schluß kam, daß er für
sein Leben und seine Krankheit selbst verantwortlich sei und daß er folglich auch die
Entscheidungen über seine Behandlung selbst treffen werde. Damals wurde eine solche
Haltung als bizarr und sogar selbstmörderisch betrachtet. Inzwischen wächst jedoch die
Erkenntnis, daß eine Lebenshaltung, die davon ausgeht, daß man große Macht über das
eigene Leben hat, tatsächlich sehr viel Kraft verleiht. Raymond hat inzwischen ein Buch
über seine Laryngektomie veröffentlicht: To Speak Again: Victory over Cancer (»Die
Sprache wiederfinden - Sieg über den Krebs«).

Raymonds Position wird auch von einigen führenden Managementberatern vertreten.


Michael Shandler sagt seinen Klienten aus der Unternehmenswelt: »Sie sind zu hundert
Prozent für alles verantwortlich, was sich in Ihrem Leben ereignet. Andere Menschen
und die Umwelt tragen Null Prozent dieser Verantwortung. Es kommt nicht darauf an,
ob diese Aussage objektiv richtig ist oder nicht. Die Frage ist: Wird es Ihre Kräfte und

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Fähigkeiten steigern, dieses Hundert-Prozent/Null-Prozent-Konzept der Verantwortung
als innere Haltung anzunehmen?«

Auf die Frage, ob und wie dieses Konzept auf Krebspatienten angewandt werden könne,
antwortete Shandler:

»Es ist durchaus nicht einfach, es unter normalen Bedingungen anzuwenden, zum Bei-
spiel während eines Streits mit Ihrer Frau, geschweige denn unter der Belastung durch
eine schwere Krankheit. Und natürlich wird es Augenblicke des Zweifels geben, ob Ihr
Handeln wirklich richtig ist. Aber alles, was in Ihrer praktischen Lebensphilosophie un-
ter hundert Prozent Verantwortung liegt, kann Sie dahin führen, anderen die Schuld
zuzuweisen oder Ihr Verhalten durch >Sachzwänge< zu rechtfertigen. Wenn Sie den-
ken, daß andere verantwortlich sind oder daß Sie nicht handeln können, solange diese
furchtbare Situation andauert, bleibt der Status quo bestehen.«

Wenn Patienten zum ersten Mal mit dem Konzept der hundertprozentigen Verantwor-
tung für das eigene Leben konfrontiert werden, protestieren einige: »Aber es liegt doch
gar nicht in meiner Macht!« Wenn man in Raymonds Situation ist, wie kann man da
hundertprozentige Verantwortung übernehmen, ohne über hundert Prozent Einfluß-
möglichkeiten zu verfügen? Sheldon Kopp, der Autor des Buches If You Meet Buddha
on the Road, Kill Him! (»Triffst du Buddha unterwegs ...«), gibt eine unbequeme Ant-
wort:

»Es mag ungerecht erscheinen, daß ein Mensch die vollständige Verantwortung für sein
eigenes Leben übernehmen muß, ohne die vollständige Macht darüber zu haben, aber
für wie gut oder schlecht man das nun auch halten mag, - mir scheint, es ist einfach
so.«

Das Bemühen um die beste medizinische Beratung und Versorgung ist ein wesentlicher
Aspekt der Eigenverantwortung. Raymond benutzte seine Ärzte als Berater. Er holte die
Meinungen und den Rat von Experten ein, wog ihre Empfehlung sorgfältig ab und traf
dann seine eigenen Entscheidungen. Da er nicht willens war, der geduldige Patient zu
sein, stieß er auf erheblichen Widerstand, nicht nur von Seiten der Ärzteschaft, sondern
auch von Freunden und Familienmitgliedern, die fürchteten, daß er selbstdestruktiv
handelte.

»Es reicht nicht, daß Ihr Arzt aufhört, Gott zu spielen. Sie selbst müssen sich von Ih-
ren Knien erheben«, sagt Marvin Belsky in seinem Buch How to Choose and Use Your
Doctor (»Über die Wahl von und den Umgang mit Ärzten«). Das Problem des entmach-
teten Patienten ist eine Frage des Systems, und die Patienten sind dafür nicht weniger
verantwortlich als die Ärzte. Kranke wünschen sich, ihr Arzt möge allmächtig und all-
wissend sein, und Ärzte reagieren darauf. Offenbar wollen Menschen glauben, daß da
irgend jemand ist, der die existentiellen Fragen beantworten kann, daß es jemanden
gibt, der wirklich klüger und stärker ist als wir selbst. Was Sheldon Kopp über die Dy-
namik zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten sagt, gilt auch für Die Arzt-Pa-
tient-Dynamik allgemein:

»Zu Beginn der Behandlung denken die Patienten auch nicht im entferntesten dar-
an, daß jede und jeder von uns sich selbst retten muß. Wenn wir nach den Ursachen
dieser routinemäßig auftretenden Unebenbürtigkeit zwischen Wahrheitssucher und

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Guru fragen, ist das Wie ebenso bedeutsam wie das Warum. Daß ich als Therapeut
immer stärker und weiser erscheine, ist eine Funktion der Selbstenteignung des Pati-
enten, der die Verantwortung für seine eigene Stärke und Weisheit abgibt und diese
Qualitäten per Projektion meinen gar nicht so breiten Schultern auferlegt. ... Ich bin in
Versuchung, auf den Handel einzugehen, aber letztlich kommt nie etwas Gutes dabei
heraus. ... Ich kann mich so leicht täuschen, daß es die Pflicht des Patienten ist, diese
Möglichkeit im Auge zu behalten.«

Die Art, wie Menschen in helfenden Berufen, besonders Mediziner, ausgebildet wer-
den, fördert autoritäre Verhaltensweisen. Studierende lernen die »angemessenen
Interaktionsformen«, indem sie die Haltung imitieren, die ihre Professoren und Men-
toren ihnen gegenüber einnehmen. Ein System, das Studierende wie Kinder behandelt
und sie als Personen kaum respektiert, vermittelt die Botschaft, daß dies die richtige Art
sei, mit anderen Menschen umzugehen. Die Ausbildung von Psychologinnen und Psy-
chologen, die allgemein als weniger entwürdigend gilt als das, was Medizinstudentinnen
und -studenten durchmachen, kann die natürliche Einfühlungsfähigkeit von Menschen
nachhaltig schädigen. Eine Studie demonstrierte, daß die empathischen Fähigkeiten
von Studierenden in der Zeit, in der sie zu Diplompsychologinnen und -psychologen
ausgebildet wurden, tatsächlich nachließen.

In meiner eigenen Ausbildung erlebte ich einen Augenblick erniedrigender Abhängig-


keit, nachdem ich meine Assistententätigkeit und mein praktisches Jahr beendet hatte.
Ich ging durch das Abschlußexamen, das der Zulassung als Psychologe vorausgeht,
ein Ritus, der legal und symbolisch das Ende meines Ausbildungsstatus markierte.
Im Lauf dieses vierstündigen Examens durfte man die Toilette nur in Begleitung eines
aufsichtsführenden Beamten aufsuchen. Nach drei Stunden Prüfung bildete sich eine
lange Warteschlange angehender Psychologen, die darauf warteten, ihre Blase entlee-
ren zu dürfen. Als ich schließlich an die Reihe kam, beschloß der Beamte, die Sache zu
beschleunigen und zwei Leute gleichzeitig mitzunehmen. Mein Mitstudent ging zuerst
in die Kabine. Als er herauskam, ging ich hinein. Aber als ich wieder in den Vorraum
hinaustrat, war der Beamte verschwunden. Er hatte den anderen Kandidaten in den
Examensraum zurückbegleitet. Ich war in der Herrentoilette gestrandet und war mir
nicht sicher, wie die Mitglieder der Prüfungskommission reagieren würden, wenn sie
mich beim unbeaufsichtigten Verlassen des Örtchens erwischten. Ich überlegte noch,
was ich tun sollte, als plötzlich der Vorsitzende des Prüfungsausschusses hereinkam.
Bis zum heutigen Tag blieb mein Kontakt mit diesem distinguierten Herrn, der für alle
Psychologen dieses Bundesstaates die übergeordnete Instanz darstellt, auf die Frage
beschränkt: »Darf ich die Toilette jetzt verlassen?«

Raymond machte sich keine Sorgen, daß er unter Schuld- und Schamgefühlen oder
Selbstvorwürfen leiden könnte, wenn er die Verantwortung für seinen Zustand über-
nahm, aber dennoch nicht gesund würde. Diese Haltung stimmt mit der alltäglichen
Erfahrung überein. Wir empfinden tiefe Reue über Herausforderungen, denen wir uns
nicht gestellt haben. Dagegen leiden Menschen - unabhängig von den Resultaten — sel-
ten unter Schuldgefühlen, wenn sie überzeugt sind, alles getan zu haben, was in ihren
Kräften steht.

Merkwürdigerweise neigen manche professionellen Helfer dazu, Patienten von der Über-
nahme der Eigenverantwortung abzuraten, aus Angst, der oder die Betroffene werde
sich schuldig fühlen, wenn die Heilung nicht gelingt. Aber würde man einem Sportler

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raten, an einem Wettkampf nicht teilzunehmen, weil er sich schlecht fühlen könnte,
wenn er verliert? Welcher Ehepartner würde dem anderen raten, sich um eine Beförde-
rung nicht zu bemühen, weil es zu schwierig werden könnte, eine eventuelle Zurück-
weisung zu ertragen? Würden Sie einem Freund nahelegen, sich in einer neuen Bezie-
hung nicht zu engagieren, weil es sein könnte, daß nichts Rechtes daraus wird?

Ein Mann, der an einer akuten monozytischen und myelozytischen Leukämie litt, er-
zählt von einem Gespräch mit seinem Arzt. Er hatte dem Arzt gesagt, er sei ganz und
gar bereit, sich der empfohlenen Behandlung zu unterziehen. Zusätzlich werde er eine
strenge Diät einhalten, täglich meditieren und einmal wöchentlich zur Psychotherapie
gehen. Sein Arzt, ein freundlicher und wohlmeinender Mensch, sagte, daß er sich Sor-
gen mache. »Wenn Sie all diese Dinge tun und selbst die Verantwortung für Ihre Krank-
heit übernehmen, - werden Sie sich dann nicht schuldig fühlen, wenn Ihnen der Erfolg
versagt bleibt?« Der Kranke versicherte seinem Arzt: »Wenn mir der Erfolg versagt
bleibt, werde ich mich nicht schuldig fühlen. Ich werde mich tot fühlen!«

Durch das Engagement für sich selbst hat man nichts zu verlieren. Durch das Überneh-
men der Verantwortung für das eigene Leben wird die Qualität dieses Lebens sich in al-
ler Regel steigern. Und das kann zu Erkenntnisprozessen und Handlungsweisen führen,
die sich heilend auswirken.

Das Konzept der Eigenverantwortung kann jedoch auch schädigend sein, wenn in un-
angemessener Weise davon Gebrauch gemacht wird. Familienmitglieder und Freunde
sind oft tief betrübt und verängstigt, weil ein Mensch, den sie lieben, möglicherweise
sterben wird. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sie auf die kranke Person, die diese Ge-
fühle auslöst, wütend sind. Aber Angehörige und Freunde erhalten in der Regel weitaus
weniger emotionale Unterstützung, als sie brauchen, und anstatt ihre Angst und ihre
Trauer direkt zu äußern, drücken sie ihre Wut vielleicht durch eine Haltung aus, die dem
oder der Kranken die Schuld zuweist: »Sie will nicht gesund werden, sonst würde es
ihr jetzt schon besser gehen.« Natürlich ist diese Einstellung absurd, aber sie erlaubt
den Gesunden, die Illusion aufrechtzuerhalten, daß die menschlichen Möglichkeiten un-
begrenzt sind. Wenn unsere Gesellschaft den Tod als einen natürlichen Bestandteil des
Lebens sähe, würde man weder Kranken die Schuld für ihre Krankheit zuweisen, noch
würden die Kranken selbst sich ihrer Krankheit wegen schuldig fühlen; diese Probleme
träten gar nicht auf.

Ähnlich wie viele andere Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen, mit


denen ich sprach, ging Ray so weit, zu sagen, daß er für die Entstehung seiner Krank-
heit selbst verantwortlich war. Diese Überzeugung — die gleichzeitig die Voraussetzung
für seinen ungeheuren Kräftezuwachs war - führte nicht zu Schuldgefühlen oder Selbst-
vorwürfen. Carl Simonton erklärt, woran das liegt. Er sagt: »Wir entwickeln unsere
Krankheit aus akzeptablen, ehrenwerten Gründen. Auf diesem Weg sagt uns der Kör-
per, daß unsere Bedürfnisse, nicht nur unsere physischen, sondern auch unsere emo-
tionalen Bedürfnisse, nicht befriedigt werden, und die Bedürfnisse, die wir uns durch
unsere Krankheit erfüllen, sind außerordentlich wichtig.«

Andere widersprechen dieser Auffassung. Harold Benjamin von der Wellness Commu-
nity, einer Organisation, deren erstes Ziel es ist, Krebskranke bei der Mobilisierung
ihrer Lebensenergien zu unterstützen, hält eine solche Haltung für problematisch, da
sie mit dem Potential für Selbstanklagen und Schuldgefühle befrachtet sei. Meiner

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Auffassung nach ist die Frage, ob die individuellen Gewohnheiten oder die emotionale
Haltung eines Menschen zu seiner Krebserkrankung beitrugen, nur soweit relevant, wie
sie als Leitlinie für künftige Veränderungen genutzt werden kann. Unglücklicherweise
werden manche Menschen ihre Krebserkrankung nur als ein weiteres Zeichen dafür be-
trachten, daß sie wertlos oder schlecht sind. Wenn keine Besserung eintritt, wird das
als Beweis dafür gewertet, daß die schlimmsten Gefühle, die sie sich selbst gegenüber
hegen, gerechtfertigt sind. Um die psychologischen Voraussetzungen für eine Heilung
zu schaffen, muß man diesen Menschen helfen, zu begreifen, daß ihre Krankheit keinen
wie auch immer gearteten Defekt ihres Wesens darstellt.

Als er krank wurde, kümmerte Ray sich mehr um seine eigenen Bedürfnisse und Wün-
sche. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse kollidierte nicht mit den Ansprüchen und Wün-
schen anderer. Im Gegenteil: Seine Umwelt profitierte davon. Die zentralen Qualitäten,
die er sich in seinen Beziehungen wünschte - Authentizität, Achtung, Ehrlichkeit und
Wärme -, sind die fundamentalen Elemente jeder bedeutungsvollen zwischenmensch-
lichen Interaktion. Die lebendige Herausforderung und die Freude, die er bei seinem
Bemühen um liebeerfüllte Beziehungen erfuhr, teilte sich den ihm nahestehenden Men-
schen, die daran beteiligt waren, mit.

Raymond war nicht zimperlich, wenn er seine Wut auf Menschen äußerte, deren vor-
gebliches Mitgefühl eigentlich der Versuch war, sich selbst zu schützen. Er ärgerte sich
über die Reaktion seiner Tante, weil das, was sie ausdrückte, gönnerhaftes Mitleid war,
und keine echte Besorgnis. In ihrem Buch »Wie kann ich helfen?« treffen Paul Gorman
und Ram Dass eine wichtige Unterscheidung. Sie sagen: »Mitleid und Mitgefühl sind
durchaus nicht dasselbe. Während sich im Mitgefühl die Sehnsucht des Herzens spie-
gelt, nahezukommen und einen Teil des Leidens mitzutragen, ist Mitleid ein Komplex
kontrollierter Gedanken, die dazu dienen, den Abstand zu sichern. Mitgefühl ist der
spontane Ausdruck der Liebe, Mitleid der unwillkürliche Reflex der Angst.«

Anders als die meisten Menschen verfügte Raymond über die intellektuelle Einsicht, daß
bestimmte Formen zwischenmenschlicher Dynamik, wie die Reaktion seiner Tante, de-
struktiv wirken. Aber er muß nicht alles durch seinen Intellekt filtern, bevor er sich zu
einem Schritt entschließt. Er vertraut seinen Instinkten und macht sie zur Basis seines
Handelns.

Raymond weiß, daß er Menschen braucht, die wirklich präsent sein können. Ram Dass
und Paul Gorman schildern treffend, warum das für den außenstehenden Besucher
kranker Menschen oft so schwierig ist:

»Statt auf die Situation zu reagieren, so wie sie ist, kommen wir mit unseren festge-
legten Reaktionsmustern herein und suchen nur nach Möglichkeiten, uns zu schützen.
Wir stellen uns vor, daß Menschen in einer bestimmten Weise leiden, die so vielleicht
gar nicht zutrifft: Ach, du Armes, das muß ja schrecklich für dich sein! Soll ich nicht lie-
ber jemanden rufen? Nimm doch etwas gegen die Schmerzen! Wir zucken zusammen,
wenn jemand eine Injektion bekommt. Wir projizieren unser Unbehagen auf Menschen,
die uns hilflos erscheinen, obwohl sie es nicht notwendigerweise sind, oder wir sind
nicht fähig, den Charakter des Leidens, das tatsächlich da ist, wahrzunehmen.«

Wir verfallen leicht der allgemein menschlichen Neigung, uns in die Situation des
anderen zu versetzen, uns vorzustellen, wie wir uns darin fühlen würden, und dann

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anzunehmen, daß es auch für den anderen genauso sein müsse. Aber die Realität ist
anders. Wir wissen nicht wirklich, wie wir auf eine Situation reagieren würden, bevor
wir sie am eigenen Leib erleben, und außerdem müssen andere Menschen nicht ge-
nauso reagieren wie wir.

Im letzten Sommer hatte ich eine Begegnung mit einem vierzehnjährigen Jungen,
der an einer unheilbaren Form von Muskeldystrophie leidet. Seine physische Mobilität
verkümmert immer mehr. Er konnte nur noch einige Finger bewegen, mit denen er sei-
nen elektrisch angetriebenen Rollstuhl steuerte. Er tat mir unendlich leid, weil er mir
so hilflos erschien, so machtlos und ausgeliefert. Auf der Schwelle der Adoleszenz, wo
eigentlich seine volle Kraft in Erscheinung treten sollte, entglitten ihm die letzten Reste
seiner vitalen Energie.

Es war ein warmer Sommertag, und wir saßen im Freien. Ich fühlte, wie mich etwas am
Nacken kitzelte, und schnippte reflexhaft mit den Fingern danach. Wie sich herausstell-
te, war es eine Hornisse, die nicht bereit war, ihren Platz widerstandslos aufzugeben.
Während ich den anschwellenden Stich mit doppeltkohlensaurem Natron behandelte,
vermittelte dieser »hilflose« Patient mir einen Einblick in seine Sichtweise der Dinge.
Er fragte: »Wollen Sie wissen, warum ich nie gestochen werde?« Ich sagte: »Ja.« Er
erklärte mir: »Wenn eine Wespe oder Hornisse auf mir landet, sitze ich einfach ganz
ruhig da.«

Wissenschaftliche Anmerkungen

Dorothy Smith, eine Professorin des Rutgers Universitätsinstituts für Krankenpflege-


ausbildung führte unter Patientinnen und Patienten, die gerade schwere Krankheiten
überstanden hatten, eine Umfrage durch. Eine der Fragen lautete: »Was tun Sie, um
Ihre Genesung zu fördern?« Die Tatsache, daß die Befragten dazu kaum etwas zu sagen
hatten, ist das vielleicht bedeutsamste Ergebnis der Studie. Die Umfrage ergab, daß
neunundachtzig Prozent der schwerkranken medizinisch-chirurgischen Patienten auf
diese Frage überrascht reagierten und mit der Antwort zögerten. Die häufigste Antwort
war: »Ich tue das, was die Ärzte und Krankenschwestern mir sagen.«

Ist die Bereitschaft der Patienten, ihre eigene Autorität aufzugeben, eine Folge der
Krankheit, oder handelt es sich um ein allgemeines Phänomen? Stanley Milgram, Pro-
fessor an der Universität Yale, führte eine Serie von Experimenten durch, die beunruhi-
gende Schlüsse nahelegen.

Vierzig Versuchspersonen aus einem breiten Spektrum von Berufsfeldern meldeten sich
freiwillig zur Teilnahme an einem Experiment. Man sagte ihnen, der Versuch diene der
Lernforschung; man wolle feststellen, welche Wirkung Strafen auf die Gedächtnisleis-
tung haben. Der wirkliche Gegenstand der Studie war jedoch die Frage, wie weit Ge-
horsam gegenüber Autoritäten geht. Die Versuchspersonen erhielten den Auftrag, die
Bestrafungen zu vollziehen. In einem angrenzenden Raum saß ein anderer »Versuchs-
teilnehmer«, in Wahrheit ein Mitglied des Forschungsteams, der angeblich Lernmate-
rial memorierte. Jedesmal, wenn der »Lernende« eine falsche Antwort gab, wurde die
Versuchsperson aufgefordert, ihn mit einem Elektroschock zu bestrafen, dessen
Intensität bei jeder erneuten falschen Antwort erhöht werden sollte. Es wurde ein simu-
lierter Generator benutzt, mit einer Skala, die von fünfzehn bis vierhundertfünfzig Volt

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ging. Jede Stufe der Skala trug eine schriftliche Kennzeichnung, von »leichter Schock«
bis zu »Gefahr! Schwerer Schock«. Das Forschungsteam berichtete über die ersten
Resultate:

»Nachdem die Versuchspersonen den Befehl erhalten hatten, gingen sie unbeküm-
mert bis zum Ende der Skala; die Kennzeichnungen >extremer Schock< oder >Gefahr!
Schwerer Schock« ließen sie offenbar völlig kalt. Für eine graduelle Einstufung von Ge-
horsamstendenzen hatten wir somit keine adäquate Basis.«

Die Wissenschaftler entschlossen sich also, Proteste von seiten der »Opfer«, die hinter
einer Glasscheibe sichtbar waren, in das Experiment einzuführen, um zu sehen, unter
welchen Bedingungen die Versuchspersonen sich weigern würden, die Elektroschocks
zu verabreichen:

»Bei fünfundsiebzig Volt beginnt der >Lernende< zu ächzen und zu stöhnen. Bei hun-
dertfünfzig Volt verlangt er, aus dem Experiment entlassen zu werden. Bei hunder-
tachtzig Volt schreit er auf, er könne die Schmerzen nicht mehr ertragen. Bei dreihun-
dert Volt weigert er sich, weitere Antworten auf den Gedächtnistest zu geben, besteht
darauf, daß er an dem Experiment nicht weiter teilnehmen werde, und verlangt ver-
zweifelt, man solle ihn befreien. Als Reaktion auf diese letzte Taktik weist das Mit-
glied des Forschungsteams, das den leitenden Wissenschaftler« spielt, die unwissende
Versuchsperson an, eine fehlende Antwort wie eine falsche Antwort zu behandeln und
mit der Schockprozedur weiterzumachen. Der »leitende Wissenschaftler« verleiht die-
sem Befehl mit den Worten Nachdruck: >Sie haben keine andere Wahl. Sie müssen
weitermachen!« Wenn die Versuchsperson sich weigert, den nächsthöheren Grad des
Schocks anzuwenden, wird das Experiment als beendet betrachtet.«

Milgram schildert den Verlauf des Experiments: »Zu unserer Bestürzung ließ ein großer
Teil der Versuchspersonen sich nicht einmal durch die heftigsten Proteste der >Opfer<
daran hindern, die härtesten Bestrafungsmaßnahmen auszuführen.« Der Wissenschaft-
ler, der über die Resultate seines Experiments selbst zutiefst erschüttert war, kam zu
dem Schluß: »Eine beträchtliche Zahl von Menschen tut, was ihnen gesagt wird, unab-
hängig davon, was aus ihrem Handeln folgt, und ohne Beschränkungen durch ihr Ge-
wissen, solange der Befehl von einer in ihrer Sicht legitimen Autorität ausgeht.«

Diese klassische Studie demonstriert, wie bereitwillig Menschen sich der Autorität un-
terwerfen, selbst wenn sie wissen, daß diese Autorität sie auffordert, schweres Unrecht
zu begehen. Damit soll nicht gesagt werden, daß in der traditionellen Medizin autoritäre
Persönlichkeiten dominieren, die von ihren Patienten völlige Unterwerfung verlangen.
Unter alternativen Heilern trifft man diese Haltung ebenso häufig an. Es ist auch nicht
gemeint, daß man sich nicht auf seinen Arzt verlassen solle. In aller Regel ist Vertrau-
en in den Arzt der Heilung förderlich. Ein vernünftiges und erstrebenswertes Ziel wäre
aber, jeden Schritt, den wir unternehmen, bewußt und aus eigener, freier Willensent-
scheidung zu tun.

In einer Broschüre der American Cancer Society (»Amerikanische Gesellschaft für Krebs-
forschung«) ist zu lesen, daß ein Mensch, an dem eine Laryngektomie vorgenommen
wurde, »keine schweren Lasten heben oder ähnliche physische Anstrengungen
bewältigen kann, da er nicht mehr in der Lage ist, wie früher den Atem anzuhalten«.
Einer der Ärzte, die Raymond Berté behandelten, nannte noch einen weiteren Grund,

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warum er bestimmte Formen des Krafttrainings meiden müsse: »Wenn Sie Gewichte
über Ihren Kopf heben, werden die Schlüsselbeinknochen nach vorn gepreßt und drü-
cken Ihre künstliche Halsöffnung zu.« Aber Raymond akzeptierte die Aussagen von Ex-
perten nicht mehr, ohne sie selbst zu überprüfen. Er machte sich den Bewegungsablauf
klar und stellte fest, daß ein Gewichtheber die Gewichte nur sekundenlang über seinen
Kopf hält. Obwohl Raymond sich vor seiner Operation nie mit Gewichtheben befaßt
hatte, wurde diese Trainingsform danach sehr wichtig für ihn. Abgesehen von der mus-
kelaufbauenden Wirkung der Übung war das Gewichtheben für Raymond der sichtbare
Beweis, daß er wirklich eine gewisse Macht über seinen Körper und dessen Kraft und
Erscheinungsbild hatte.

Generell findet man bei Menschen, die regelmäßig Körpertraining betreiben, oft ein
ausgeglicheneres Persönlichkeitsprofil. Körpertraining ist ein wirkungsvolles Mittel ge-
gen Streß und Depressionen - beides Formen der psychischen Belastung, die mit einer
Schwächung des Immunsystems einhergehen. Intensives Training, wie Raymond es be-
treibt, kann die Körpertemperatur bis zu drei Grad über normal erhöhen. Die Wirkung
ähnelt der Immunreaktion in einer akuten Phase (das heißt der Art, wie der Körper
reagiert, wenn er eine Infektion abwehrt). Wissenschaftler, die das Phänomen unter-
suchten, sind der Meinung, daß diese Reaktion die Vermehrung von Bakterien und Viren
hemmt. In Experimenten wurde Ratten das Blut von Menschen injiziert, die über einen
langen Zeitraum Körpertraining praktiziert hatten. Diese Ratten zeigten alle Anzeichen
einer akuten Immunreaktion: Sie bekamen Fieber, im Blutbild wurden niedrige Zink-
und Eisenwerte und eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen festgestellt.

Forschungsergebnisse weisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Bewe-


gungsmangel und Krebserkrankungen hin. 1921 verglichen zwei Wissenschaftler,
Silvertsen und Dahlstrom, die Todesursachen und die Art der Berufstätigkeit bei
86 000 Menschen. Krebs als Todesursache tauchte am seltensten bei Menschen auf,
deren Berufstätigkeit mit der höchsten physischen Beanspruchung verbunden war. Wie
Raymond erwähnte, sind Krebserkrankungen in »primitiven« Kulturen wenig verbreitet.
Manche Wissenschaftler vertreten die Auffassung, daß die generelle Abnahme physi-
scher Aktivitäten in »zivilisierten« Gesellschaften ein Faktor ist, der zur Krebsentwick-
lung beiträgt.

In einem von Hoffman, Paschkis und Cantarow durchgeführten Experiment wurden


lebenden Mäusen Krebszellen implantiert. Einer Gruppe der Versuchstiere wurde ein Ex-
trakt von gut durchtrainiertem Muskelgewebe injiziert. Die andere Gruppe erhielt eine
Injektion mit dem Extrakt untrainierten Muskelgewebes. Bei der ersten Gruppe verlief
die Krebsentwicklung bedeutend langsamer, und bei einigen Mäusen verschwand der
Krebs tatsächlich völlig.

Carl und Stephanie Simonton, Pioniere des holistischen Ansatzes der Krebsbehandlung,
sind davon überzeugt, daß - im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Auffassung
- viele, wenn nicht die meisten Krebspatienten ein normales Niveau von physischen Ak-
tivitäten aufrechterhalten können. Ihre Studie kam zu dem Ergebnis, daß die Mehrzahl
der Befragten, die in medizinischer Sicht als »unheilbar« galten, physisch in demselben
Maß aktiv blieben, wie sie es vor der Diagnose gewesen waren. Nach Absprache mit
dem behandelnden Arzt ist für nahezu alle Patienten Körpertraining in irgendeiner Form
möglich.

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Manche Patienten der Simontons erzielten bemerkenswerte physische Leistungen;
ein Patient mit Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium nahm erfolgreich an einem
Sechsundzwanzig-Meilen-Marathon teil.

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PHINA DACRI

»Was mich nicht umbringt. macht mich stärker«

FRIEDRICH NIETZSCHE

Mein erstes Gespräch mit Phina Dacri fand an einem erinnerungsschweren Jahrestag
statt. Genau fünf Jahre zuvor hatte ihr Arzt ihr mitgeteilt, daß sie ein Adenokarzinom
der Lunge habe. In seinem Brief an mich schrieb der Onkologe: »Ihr Karzinom war
inoperabel, weil es überall in der Brust Metastasen gebildet hatte. Der Patientin wur-
de mitgeteilt, daß die Krankheit unheilbar sei.« Der Onkologe schätzte die Chancen,
daß Phina die nächsten drei Jahre, vom Datum der Diagnose an, überleben werde, mit
5 : 100 ein. Gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit blieb Phina dennoch am Leben,
aber statistische Zahlen allein können ihre Einzigartigkeit nicht vermitteln.

Phina war zum Zeitpunkt unseres ersten Gesprächs siebenundfünfzig Jahre alt und
hatte ihr ganzes Leben in Worcester in Massachusetts verbracht. Ihr Vater war fünf
Monate vor ihrer Geburt gestorben. Obwohl die Familie auf Sozialhilfe angewiesen war,
beschrieb sie ihre Kindheit als glücklich: »Wir waren arm, aber jeder konnte herein-
kommen und ein Stück Brot mit Butter haben oder was immer im Haus war. Meine
Schwester sagte immer: >Ich möchte meinen Kindern all das geben, was ich nicht
hatte.< Aber ich sehe das anders. Ich wollte meinen Kindern immer genau das geben,
was wir hatten, nämlich Wärme und Verbundenheit.«

Phina ging mit sechzehn von der Schule ab, um zu heiraten. Mit achtzehn bekam sie
ihr erstes Kind und wenige Jahre später ein zweites. Sie arbeitete dreizehn Jahre lang
in einer Spinnerei am Ort als Garnspulerin. In den darauffolgenden fünfundzwanzig
Jahren war sie als Kassiererin in Kaufhäusern beschäftigt, erst bei Woolworth und dann
bei Grant. Bevor sie aufhörte, hatte sie sich zur Hauptkassiererin hochgearbeitet, der
zwanzig andere Angestellte unterstanden.

In Jogginganzug und Turnschuhen vermittelte Phina das Bild permanenter Beweglich-


keit. Das Tempo ihrer Sprache paßte zu diesem Bild. Tatsächlich ergab das Transskript
eines sechsstündigen Interviews mit ihr mehr getippte Seiten als andere Interviews,
die doppelt so lange dauerten. Ihre Worte schienen von einer besonderen Vitalität und
einem Gefühl großer Dringlichkeit erfüllt zu sein. Sie war eine Frau, die sich entschlos-
sen hatte, jeden Augenblick ihres Daseins bewußt zu erleben.

Ihr Gesprächsstil grenzte an den »stream of consciousness«, den assoziativen Bewußt-


seinsstrom; offenbar zensierte sie ihre Äußerungen nicht und hatte auch gar nicht das
Bedürfnis, sie zu zensieren, ganz gleich, wie intim und enthüllend sie waren. Als wir das
Interview beendeten, dankte sie mir, daß ich ihr Gelegenheit gegeben hatte, endlich
ihre ganze Geschichte zu erzählen, und freute sich, anderen Kranken damit vielleicht
helfen zu können.

In emotionaler Hinsicht war Phina offen und ohne Hemmungen. Sie weinte, als sie über
ihre enttäuschende Ehe sprach, und lächelte, als sie von ihren Enkelkindern erzählte,
die so sehr wünschten, daß sie gesund würde. Obwohl wir unser Gespräch in einem

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freien Raum in der onkologischen Abteilung des städtischen Krankenhauses führten,
war Phina so entspannt, als säße sie mit einem Freund an ihrem eigenen Küchentisch.
»Soll ich Ihnen sagen, was mir neulich nachts passiert ist? Ich hab‘ es dem Doktor er-
zählt, und er sagte: >Ach Phina, Sie sind verrückt!< Ich gehe schlafen, keuche furcht-
bar, krak, krak, krak, wie ein Gackern, und ich sage mir, das ist das Todesrasseln. Ich
stehe auf und schreibe einen Brief an meinen Sohn. Ich sage: >Ich war glücklich, mehr
als je zuvor. Niemand ist an irgendwas schuld. Du warst immer ein guter Junge, und
ich liebe dich.« Am nächsten Morgen war ich immer noch am Leben. Also zerriß ich den
Brief.« Phina lacht.

»Ich möchte nicht, daß irgend jemand sich schuldig fühlt, wenn ich nicht mehr da bin;
sie sollen sich wegen der Dinge, die sie mit mir gemacht haben, nicht schlecht fühlen.
Vorbei ist vorbei. Na ja, für meinen Schwiegersohn gilt das vielleicht nicht, - aber egal,
trotzdem: Vergeben und vergessen.

Meine Tochter und ihr Mann boten uns an, in ihr Haus einzuziehen, in eine Wohnung
die ihnen gehörte. Mein Mann sagte, wir sollten es nicht tun, und wir hätten es auch
nicht tun sollen. Als wir eingezogen waren, sagt mein Schwiegersohn: >Ihr werdet wie
Mieter behandelt< und es ging sofort los mit Mieterhöhungen von zehn Dollar, dann
zwanzig Dollar jedes Jahr.

Ich war eines Tages da, als meine Tochter mit dem Baby nach Haus kommt. Meine
Tochter war irgendwie unglücklich und weinte, und ich sagte: >Hey, Ken, siehst du
nicht, daß es ihr schlecht geht?< Und er sagt: >Raus!< Einfach so. Und ich ging. Er hat
mich rausgeworfen. Ich ging nach Haus und weinte die ganze Zeit. Es war hart. Mein
Mann sagte, er würde nie wieder hingehen, aber ich ging immer wieder hin und ließ
mich so behandeln.

Jetzt ist es anders. Ich kann ich selbst sein, während ich vorher immer alles zurückhal-
ten mußte und mich fragte: >Wird es sie auch nicht verletzen? Mache ich auch keine
Schwierigkeiten?< Das ganze Leben bestand aus Regeln: >Du kannst dies nicht ma-
chen, du kannst das nicht machen...< Jetzt tue ich, was ich will und wann ich will.

Wenn mich jetzt jemand verletzt, sage ich klipp und klar, was ich davon halte. Vor Jah-
ren, wenn mein Schwiegersohn oder meine Schwiegertochter mich verletzten, sagte ich
gar nichts. Heute sage ich es ihnen, ob es ihnen paßt oder nicht. Ja, und plötzlich haben
sie mehr Respekt vor mir!

Ich glaube, anfangs gefiel meiner Familie diese Unabhängigkeit gar nicht. Neulich sagte
meine Tochter zu mir: >Du bist wirklich verdammt stark.< Ich bin nicht sicher, ob sie
damit sagen wollte >das ist gut< oder ob es ein Verbrechen ist. Ich bin ein unabhän-
giger Mensch. Vielleicht steckt da auch ein bißchen Trotz drin: >Ich werd‘s euch schon
zeigen, daß ich es schaffe!< Ich denke, diese Einstellung hilft einem wirklich bei jeder
Krankheit.

Ich war immer stolz. Ich sagte meiner Schwester, wenn sie ins Krankenhaus kommt
und sieht, daß ich sterbe, soll sie mir die Haare am Kinn auszupfen, wenn sie anfangen
zu wachsen.« Phina lacht. »Und zu meinem Sohn sagte ich: >Wenn du mich besuchst
und ich liege im Sterben, dann bleibst du draußen sitzen! Komm einmal in der Stunde
zu mir rein und sag >hallo<, aber sitz nicht da und sieh mir zu, wie ich abtrete. Ich

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habe sogar ein Testament aufgesetzt, denn ich will nicht, daß irgend jemand mit Chris
herumschreit, wenn ich weg bin. Er braucht nur das Testament zu zeigen. Ich habe ihm
gesagt, wo er dies und das findet. Zuerst wurde er wütend auf mich, aber jetzt versteht
er es.

Ich habe keine Angst zu sterben, aber ich bin noch nicht bereit. Ich habe so vieles,
wofür es sich zu leben lohnt. Ich will keine Weltreise machen; es sind die kleinen Din-
ge, für die ich leben will, meine Familie, meine Enkelkinder. Manchmal muß ich lachen:
Erst wollte ich meine Enkelkinder aufwachsen sehen; jetzt sind sie groß; der Älteste ist
achtzehn. Und nun möchte ich miterleben, wie sie heiraten. Wenn sie geheiratet haben,
möchte ich sehen, wie sie das erste Kind bekommen. Wissen Sie, mich wird man ein-
fach nicht los! Jedes Jahr wird es irgend etwas geben, was ich miterleben möchte. Ich
möchte meinen ersten Urenkel sehen. Ich will Urgroßmutter werden und dann Urur-
großmutter. Ich klammere mich an diese Dinge, und eines Tages ist es soweit, daß ich
abtreten muß, aber ich werde nicht an Krebs sterben. Ich werde so sterben wie andere
Leute auch, an... ja, an Lungenentzündung. Das ist es.

Meine Tochter lacht; ich habe ein Zeitschriftenabonnement für fünf Jahre verlängert,
weil das billiger ist. Sie sagt: >Donnerwetter, du bist optimistisch!< Es ist wahr. Ich
glaube, tief in meinem Inneren wußte ich, daß es mir wieder besser gehen würde, ob-
wohl ich alle diese Vorbereitungen getroffen habe für den Fall meines Todes.

Aber das war nicht immer so. Ich erinnere mich, wie es war, als sie es mir sagten. Ich
war im Krankenhaus, mit Angina. Im Jahr davor war ich auch schon mal da. Ich war als
neue Patientin bei Dr. Russell, und da sagt er mir ganz freundlich: >Phina, würden Sie
aufhören zu rauchen?< Wenn er gesagt hätte >du mußt<, hätte ich es nie getan. Aber
er traf genau den richtigen Ton. Ich rauchte nicht einmal eine letzte Zigarette. Ich gab
es auf.

Dann sagte ich zu ihm: >Wissen Sie was, vielleicht wird es mit meinen Bronchien bes-
ser, und dann kommt garantiert etwas anderes!< Also, im nächsten Jahr fangen diese
Schmerzen in der Brust an, und ich denke, ich habe einen Herzanfall. Mein Mann fährt
mich zur Notaufnahme und setzt mich da ab; er macht sich Sorgen um sein Auto, ein
altes Ding, Baujahr 73. Er sagt: >Macht es dir was aus, wenn ich das Auto erstmal ab-
stelle?< Ich sage: >Ist das dein Ernst? Du willst mich allein hineingehen lassen?< So
ist er mit seinem Auto. Es ist nur Metall, man kann ein neues kaufen, aber einen Men-
schen kann man nicht so leicht ersetzen.

So war das am Anfang; diese Dinge helfen einem nicht gerade, aber ich ließ mich davon
nicht unterkriegen. Ich sagte mir, daß ich doch wohl noch ein bißchen was Besseres bin
als ein Auto. Dies ist das erste Mal, daß ich mich überhaupt darüber aufrege, weil es
wirklich bitter war.

Er ist also draußen und parkt das Auto, während sie mich einweisen und mit der Be-
handlung auf Herzanfall anfangen. Ich sehe ihn nicht mehr, bis ich in meinem Zimmer
liege.

Dr. Russell kommt herein. Sie hatten mich im fünften Stock untergebracht, und ich has-
se diesen Raum, weil ich es dort erfahren mußte. Ich glaube, es war fünfundzwanzig
Minuten nach fünf. Ich habe immer gesagt, wenn ich Krebs hätte, wollte ich es nicht

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wissen, aber meinem Arzt gegenüber hatte ich das nie erwähnt. Er sagt: >Phina, Sie ha-
ben etwas an der Lunge, und wir glauben, daß es bösartig ist.< Er sagte es geradeheraus.
Ich sah, wie ihm die Tränen über die Wangen rollten, er weinte. Ich nahm mich zusam-
men, solange er da war. Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Als er gegangen war,
fing ich furchtbar an zu weinen, und das Mädchen, mit dem ich zusammenlag - wir wur-
den später gute Freundinnen -, weinte mit mir. Ich weinte und weinte, den ganzen Tag.
Sie wollten eine Biopsie machen, und das taten sie auch, und es war Krebs. Ich glaube,
danach weinte ich nochmal, aber das war es dann. Ich wurde nie depressiv, und ich
verstehe selbst nicht, warum. Mein berühmter Ausspruch ist: >Ich war zu dumm, um
Angst zu haben.<

Gott hat mich in eine Art Schockzustand versetzt, und ich hoffe wirklich, dabei bleibt es
auch für den Rest meines Lebens, weil es schön ist. Ich glaube, ich fühlte mich so gut,
weil meine Kinder schon eigene Wege gingen; sie waren verheiratet, ich mußte mir kei-
ne Sorgen machen. Wenn ich kleine Kinder zu Haus gehabt hätte, wäre es vermutlich
anders gewesen. Mein Sohn ist sechsunddreißig, meine Tochter vierzig. Es ist komisch,
daß in meiner Familie niemand zusammenbrach, als sie es erfuhren. Ich weiß, daß sie
wirklich traurig waren, aber ich glaube nicht, daß sie sich vorstellen können, was Krebs
eigentlich ist, vielleicht weil ich nie bettlägerig war. Ich hatte auch nie Schmerzen, das
kam erst nach der Bestrahlung. Mit den Kindern und Großkindern spreche ich über
Krebs wie über Bonbons; ich sage >Krebs< so, wie ich sage >ich gehe spazieren<. Ich
gehe ganz offen damit um, und das ist gut so.

Nur mein Mann ... - ich meine, er ist nicht herzlos, aber er ist nicht der Typ, der viel
geben kann. Ich hatte nie das Gefühl, mich zu Haus aussprechen zu können. Wenn ich
über meine Krankheit sprach, wurde er ganz unruhig, als wenn er Krebs hätte oder so.
Also, wenn ich irgend etwas darüber sagte, sah er mich an, als redete ich über nichts
anderes und er könnte es nicht mehr hören. Aber ich lasse mich von ihm nicht herun-
terziehen, und er weiß es. Ganz gleich, was er tut. Ich habe eine Rückenverletzung,
Krebs, Arthritis, Gallenprobleme und meine kaputte Halswirbelsäule; - ich muß mich an
die Tür hängen, um Erleichterung zu kriegen, und er denkt, nach all dem kann er mir
noch was anhaben. Nee, tut mir leid!

Wenn ich zugelassen hätte, daß er mich herunterzieht, wäre ich am Ende gewesen. Frü-
her habe ich oft darüber geweint, aber jetzt weine ich vielleicht einmal im Monat. Und
Sie würden es nicht glauben - ich weine, und dann sage ich mir: >Wozu soll das gut
sein? Morgen hast du nur geschwollene Augen<, also höre ich auf. Ehrlich.

Alles hat sich so sehr verändert. Wenn er sauer wird, tut‘s mir irgendwie leid, Sie wis-
sen, was ich meine, aber das Leben ist zu kurz. Stellen Sie sich vor, wie ich mich fühlen
würde, wenn ich eine wirklich tolle Beziehung hätte.« Phina kichert. »Mein Gott, ich
wäre im siebenten Himmel. Halb bin ich schon da, aber mit einer guten Beziehung wür-
de es mir viel besser gehen.

Am Anfang legte ich mich auf die Couch, mit Kissen um mich herum, und wenn ich et-
was wollte, sagte ich nie, bitte bring mir dies oder das. Ich wälzte mich von der Couch
und holte es mir selbst. Zum Teil war das mein Eigensinn, und zum Teil wollte ich mir
auch sein Blah Blah Blah nicht anhören. Ich habe immer das Abendessen gekocht.
Wenn es sein muß, findet man einen Weg.

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Ich wollte gesund werden; ich wollte nicht bettlägerig sein. Es war genauso, als ich
meine Rückenverletzung hatte. Ich war in einem Riesenstreckverband, bis hier (Schul-
terhöhe). Damit kann man sich nicht bücken, aber ich bin hartnäckig. Ich ließ mich auf
Hände und Knie nieder, um das Bett zu machen, und zog die Laken glatt, während ich
um das Bett herumkroch.

Der Unterschied zwischen meinem Mann und mir ist der: Er hat etwas im Rücken,
und er ist zu nichts mehr fähig. Nun habe ich den schlimmsten Rücken, den man sich
vorstellen kann. Wenn ich herumsitze und grübele, bringt mich das auch nicht weiter.
Jetzt behauptet er, daß er nicht essen kann. Er hat siebzehn Pfund abgenommen, weil
er sich ständig den Kopf darüber zerbrochen hat. Es war nichts. Ich sage ja auch nicht:
>O Gott, was wird wohl morgen passieren?< Wenn der nächste Tag kommt und es ist
noch da, kann ich immer noch weinen. Wenn ich anfange zu weinen, sage ich: >Laß
mich nicht weinen, sonst brennen mir morgen früh die Augen.< Ich sage: >Gott, bitte,
ich will jetzt schlafen. Morgen früh soll geschehen, was du willst.< Ich überlasse Gott
die ganze Verantwortung; glauben Sie mir, das ist wundervoll; - wenn die Menschen
doch einfach so leben könnten! Also schlafe ich ein statt zu weinen.

Die Krankheit hat mein Leben völlig verwandelt, mehr als andere Dinge es je verändert
haben könnten. Wenn man dem Tod nahekommt, zählt jede Minute. Solange ich atme,
habe ich alles, worauf es ankommt. Ich tue jetzt alles, was ich will. Wenn jeder so leben
könnte...; - es ist wunderschön.

Vorher war ich ein sehr nervöser Typ. Es war furchtbar. Ich machte mir um alles Sor-
gen, um jede Kleinigkeit. Wenn meine Tochter schlechte Laune hatte, machte mich das
nervös. Damit ist jetzt Schluß, ich mache das nicht mehr. Verstehen Sie mich nicht
falsch: Es geht nicht völlig weg; ein bißchen davon bleibt immer, aber ich verschwende
meine Zeit nicht mehr damit, so wie früher. Ich finde etwas anderes, woran ich denken
kann. Jetzt vertraue ich alle meine Sorgen Gott an. Es ist ein wundervoller Ausweg. Ich
brauche mir keine Sorgen mehr zu machen. Er nimmt mir alles ab.

Ich wurde eine wiedergeborene Christin nach dem Krebs. Ich denke, der Glaube ist
entscheidend. Als ich durch meine Krankheit ging, fing ich an zu glauben. Ich knie ein-
fach nieder und sage: >Ich lege es in deine Hände<, und das ist es. Ich kann Ihnen
versichern: Wenn Sie nicht glauben, wird nichts daraus. Ich bin sicher, Gott hat meine
Gebete erhört, immer wieder.

Sie wissen ja, wie sie einen berühren bei den Gottesdiensten, die Prediger, und die Leu-
te fallen einfach zu Boden. Na ja, ich habe das im Fernsehen gesehen, und ich mußte
lachen, weil ich dachte, der Prediger hat ihnen einen Schubs gegeben. Aber eines Tages
saß ich da, und der Prediger ging vorbei und berührte mich, und ich wurde ohnmächtig
auf dem Stuhl. Es kam über mich. Sicher lag es daran, daß ich so sehr wollte, daß es
geschieht. Es ist der Glaube.

Wenn mir jetzt etwas Sorgen macht, lege ich alles in Gottes Hand, oder ich überlasse
es dem Arzt. Ich stelle meinen Ärzten nie Fragen. Ich habe mein ganzes Vertrauen in
sie gesetzt, und ich denke, das ist ein wichtiger Teil meiner Geschichte.

Ich werde nie wieder Fragen stellen. Das habe ich einmal getan, zwei Monate nachdem
ich von meinem Krebs wußte. Alle sagten mir, ich sollte Fragen stellen. Also sagte ich

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zu Dr. Sherman: >Warum wird Lungenkrebs die Killerkrankheit genannt?< Und er sagt:
>Lungenkrebs ist das Schlimmste. Neunzig Prozent sterben daran.< Und ich sagte
mir: >Ich wäre mit meinem Leben ganz gut zurechtgekommen, ohne das zu wissen.<
Dann sagte ich: >Also, meine Freundin hat auch Lungenkrebs gehabt, und sie wurde
operiert. Warum haben Sie mich nicht operiert?< Er sagt: >Weil Sie es auch überall im
Brustkorb haben.< Ich sage: >Auch das hätte ich nicht unbedingt wissen müssen.<
Aber dann denke ich mir, na ja, meine Freundin ist jetzt tot; vielleicht macht es doch
nicht soviel aus, daß sie nicht operieren können.

Ich wußte nicht, daß es die schlimmste Form ist, als sie mir sagten, daß ich Krebs habe.
Ich habe es innerlich abgeblockt; damals wollte ich es nicht wissen. Manche Dinge muß
man nicht unbedingt wissen, also stelle ich keine Fragen mehr. Ich mache das, was sie
mir sagen.

Zuerst war ich darauf vorbereitet, daß ich sterben würde, und ich dachte, in sechs bis
acht Monaten bin ich tot. In den ersten zwei oder drei Monaten war ich sicher, ich würde
sterben. Ich habe keinem Menschen etwas davon gesagt. Aber ich sage es Ihnen.

Jedesmal, wenn ich zu Dr. Sherman kam, gab er mir Hoffnung. Wenn ich in die Klinik
ging, machten sie die Tür auf, und es war nicht so, als ob man zur Krebsbehandlung
ginge. Es war, als wenn ich nette Leute besuchte. Sie sind sehr, sehr nett hier. Es
ist keine trübselige Atmosphäre. Man wird als Person gesehen, wissen Sie, was ich
meine? Sie lassen mich hier nie links liegen. Ich komme herein, und hier bin ich
Mrs. Dacri. Alle sind Freunde hier. Es ist, als wären wir gute Nachbarn. Ich habe zwei
wundervolle Ärzte, Dr. Sherman und Dr. Russell. Meine beiden Ärzte sind die Welt für
mich.

Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, aber sie sind freundlich dabei. Sie machen mir
keine falschen Hoffnungen und sagen nicht: >Sie werden gesund.< Aber Dr. Sherman
hat mir immer wieder gesagt: >Es sieht erstaunlich gut aus, aber ich kann Ihnen nichts
versprechen<, was ja auch stimmt.

Er gab mir Hoffnung, denn am Anfang, als er mir die Behandlung erklärte, stellte er
einen Zwei- oder Dreijahresplan auf. Also dachte ich mir, vielleicht habe ich doch noch
ein bißchen Zeit. Er gab mir das Startzeichen, und das war das Entscheidende. Er hat
mir nie das Gefühl gegeben, daß ich bald sterben müßte.

Wenn wir miteinander sprachen, planten wir immer voraus. Wir unterhielten uns nie
über den Tod, wir sprachen das Wort nie aus, und das half mir sehr. Zuerst sagte er
immer: >Kommen Sie im nächsten Monat wieder<, und ich dachte mir: >Hey, ich habe
noch einen Monat. Toll! Ich packe es beim Schopf und nehme, was ich kriegen kann.<
Dann waren es drei Monate. Jetzt ist es jedes Jahr, einfach zur Vorsorge.

Glaube ist das Wichtigste. Wie ich schon sagte, sie brachten mich auf den Weg. Da un-
ten in der Universitätsklinik gibt es eine Station, wo sie die Leute auf den Tod vorberei-
ten. Wenn sie mich damals auf diese Station gelegt hätten, dann hätte ich gewußt, daß
ich sterben muß. Ich glaube, das kann einen umbringen. Ich bin wirklich nie in Panik
geraten. Ich war beunruhigt, glauben Sie mir, ich war beunruhigt! Aber wenn man es
genau nimmt, wußte ich wahrscheinlich immer, daß ich damit fertig werden konnte. Ich
wußte, daß es meine Verantwortung war.

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Dr. Sherman nimmt mir die Angst. Man kommt rein, er schüttelt einem erstmal die
Hand. >Na, wie ist es Ihnen ergangen?< Ich erzähle von meiner Familie, er erzählt von
seiner Familie, und nach einer Weile vergesse ich, warum ich überhaupt gekommen bin.
Genauso eine Beziehung zwischen Arzt und Patientin habe ich mir immer gewünscht.

Im Lauf der Jahre sind wir gute Freunde geworden, und ich bin sicher, daß er mit allen
so umgeht. Ich kenne eine Menge Leute, die zu ihm gegangen sind, und sie lieben ihn.
Als ich zuerst zu ihm kam, waren wir dreizehn oder vierzehn. Jetzt sind die anderen alle
nicht mehr am Leben. Der arme Doktor! Manchmal tut mir Dr. Sherman so leid, weil er
so viele sterben sieht. Es muß sehr befriedigend für ihn sein, einige zu sehen, die noch
auf den Beinen sind. Wunder kommen nicht so häufig vor. Und ich bin wahrscheinlich
eins. Ein wandelndes Wunder. Als ich das letzte Mal bei Dr. Sherman war, alberte er mit
Dr. Russell herum, und sie sagten: >Wissen Sie, Phina, eigentlich dürften Sie ja gar
nicht mehr da sein.<

Unter all den Leuten da hatten sie wirklich unheimlich viel Mitgefühl. Dr. Russell und
Dr. Sherman nehmen sich diese Krebsgeschichte wirklich zu Herzen. Ich nenne
Dr. Russell immer einen richtigen Schnüffler - liebevoll natürlich -, weil er alles findet.
Er arbeitet jetzt an dem Gallenproblem mit mir. Er ist ein junger Mann, der seinen Beruf
wirklich ernst nimmt. Man findet nicht viele wie ihn. Wissen Sie, was Dr. Russell eines
Tages getan hat? Ich bin fast umgefallen. Ich hatte ihm erzählt, daß Dr. Sherman etwas
entdeckt hatte, was er sich genauer ansehen wollte. Also, zwei Tage später klingelt das
Telefon. Es war Dr. Russell. Er wollte wissen, wie ich zurechtkomme. Ich sagte: >Ach,
wenn Sie wüßten, wie ich mich freue! Kein Arzt hat mich je angerufen und sich Sorgen
um mich gemacht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Anruf von einem
Arzt bekommen!<

Sie sind unglaublich stolz auf mich. Zum Beispiel als Dr. Sherman mich anrief und sag-
te, daß Sie mit mir sprechen wollten, da sagte ich zu meiner Tochter: >Dr. Sherman hat
mich wahrscheinlich vorgeschlagen, weil seine anderen Krebspatienten alle gestorben
sind. Er nimmt mich, weil ich die letzte bin, die noch lebt.<

Es gibt sicher einen Grund, warum ich noch am Leben bin. Gott hat mich hierbehalten,
weil er irgend etwas mit mir vorhat. Als Dr. Sherman anrief wegen des Interviews, sag-
te ich mir: >Vielleicht ist das der Grund.< Wenn ich mit Menschen sprechen könnte,
die Krebs haben, würde ich ihnen sagen: >Macht euch nicht zu viele Sorgen.< Das
ist wahnsinnig schwierig, aber wirklich, die ständige Angst kann einen umbringen. Ich
würde ihnen sagen: >Seht die Krankheit nicht als Tod an, - schaut auf das Leben!<
Gott hat mich in irgendeiner Absicht hiergelassen, und eines Tages finde ich heraus,
was es ist.«

Das zweite Interview mit Phina fand fünf Jahre nach dem ersten statt. Ich traf sie in
ihrer neuen Wohnung, einem subventionierten Hochhausappartement für ältere Men-
schen. Wir begrüßten einander, nicht wie alte Freunde, aber mit dem Bewußtsein, daß
wir einmal ein Gespräch geführt hatten, wie es offener und intimer nicht denkbar ist.
Die Tatsache, daß wir uns wiedersehen konnten, bekräftigte die Überzeugung, daß die-
se erste Begegnung einen Sinn gehabt hatte.

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Obwohl es Dienstag war und kein Feiertag in Sicht, war Phinas Wohnung vom Duft
eines brutzelnden Truthahns erfüllt. In ihrer Küche fanden sich die üblichen Beilagen,
die zu einem traditionellen Thanksgiving- (Erntedank-) Mahl gehören, in verschiedenen
Stadien der Vorbereitung. Sie erklärte, sie habe den Truthahn billig bekommen, und sie
habe sich gedacht, es würde Spaß machen, fünf oder sechs ihrer älteren Nachbarn zum
Essen einzuladen, da sie schon einmal dabei war.

Bevor das eigentliche Interview begann, hatten wir beide noch einige unerledigte Fra-
gen zu klären. Ich war neugierig, ob andere Wissenschaftler seit meinem letzten Besuch
Kontakt mit ihr aufgenommen hatten. Es war jetzt zehn Jahre her, seit bei Phina Krebs
in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert worden war, und es konnte kein Zweifel
bestehen, daß sie eine außergewöhnliche Patientin war, deren Fall zu studieren sich
lohnte. Als sie verneinte, fragte ich sie, ob sie über dieses mangelnde Interesse nicht
erstaunt sei. »Nein«, sagte sie. »Es ist dasselbe wie mit den Nachrichten. Sie zeigen
lieber das Schreckliche.«

Ihre Frage an mich bestätigte, wie nahe ihr das erste Interview gegangen war, wie sehr
sie darum gekämpft hatte, ihre Erfahrung für sich selbst zu deuten. Sie wollte wissen,
ob ich mich erinnerte, ihr die Frage gestellt zu haben: »Glauben Sie, die Krankheit
überwinden zu können?« Dann sagte sie mir: »Sie haben den Nagel auf den Kopf ge-
troffen. Ich glaube, ich wußte immer, daß ich es schaffen könnte.«

Da ich mich an den genauen Zusammenhang nicht erinnern konnte, holte ich die alte
Aufnahme und hörte sie mir noch einmal an. Im Unterschied zu ihren sonst schnellen
Reaktionen während dieses Interviews hatte Phina an dieser Stelle gezögert, bevor sie
die Frage beantwortete: »Wissen Sie, tief in meinem Inneren habe ich das Gefühl, das
ist es, was mich am Leben erhält. Darüber habe ich vorher noch nie nachgedacht. Ir-
gendwo in meinem Hinterkopf muß ich mir vorgestellt haben, verdammt nochmal, ja,
ich werde es schaffen!«

Dann erzählte Phina mir von den wichtigsten Veränderungen in ihrem Leben, die sich
seit unserer letzten Begegnung ereignet hatten:

»Eines Tages stand ich auf und sagte mir: >Da Gott dich am Leben gelassen hat, wollte
er sicher nicht, daß du ein Packesel bist. Er kann nicht gewollt haben, daß du so lebst.<
Also machte ich eine ganz neue Wendung. Ich nahm dieses Appartement hier auf gut
Glück. Die Vermieterin fragte: >Wollen Sie es sich nicht erst einmal ansehen?< Ich
sagte: >Ich nehme es auf jeden Fall.< Jetzt ist es, als wäre ich hier geboren. Hier kann
ich ich selbst sein.

Mein Mann hat nicht geglaubt, daß ich Ernst machen würde. Der Rechtsanwalt sagte
mir: >Sind Sie sicher, daß Sie das tun wollen, nach einundvierzig Jahren?< Ich sage:
>Ich bin fest entschlossen. Ich kann es verkraften.< Ich glaube nicht, daß Gott mich
durch diese Krankheit gebracht hat, damit ich mich hier wie ein Trottel aufführe. Er läßt
mich nicht hier, um diesen ganzen Quatsch mitzumachen. So ist Gott nicht. Mit anderen
Worten: Ich mußte Ihm zurückzahlen, was Er für mich getan hat.

Oh, es war schlimm. Ich mußte es tun, und ich hatte Angst, aber die Krankheit konn-
te mich nicht zurückhalten. Mit meinem Mann konnte ich kaum darüber sprechen. Als
ich mir den Rückenwirbel gebrochen hatte, stöhnte ich nachts vor Schmerzen, aber er

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kam nie zu mir und sagte: >Was ist mit dir, - bist du ok?< Ungefähr zwei Wochen
bevor ich zum Rechtsanwalt ging, war es sehr kalt. Die Leute konnten alle ihre Autos
nicht starten. Und mein Mann auch nicht. Also sage ich zu ihm: >Vielleicht ist es die
Batterien Aber er rief die Werkstatt an und sagte ihnen: >Holen Sie das Auto ab und
erneuern Sie alles, was gemacht werden muß.< Wir reden hier aber über einen alten
Schlitten Baujahr 73, nicht über einen Rolls Royce. Meine Tochter erzählte mir, daß er
das Haushaltsgeld genommen hat, um die Reparatur zu bezahlen. Das hat mich derar-
tig auf die Palme gebracht, daß ich meine Sachen packte und ging. Ich blieb vier Nächte
im Holiday Inn.

In den Wochen, in denen ich zu entscheiden versuchte, was ich tun sollte, sprach mein
Mann kein Wort mit mir. An dem Tag vor meinem Scheidungstermin kniete ich nieder
und sagte: >Gott, gib mir einen Wink, ob ich das Richtige tue.< Am nächsten Morgen
stehe ich auf und sage etwas zu meinem Mann, und Yak, Yak, Yak, Yak, meckerte er
mich an. >Danke, Gott, - ich gehe!< Am ersten April, es war Karfreitag, wurden wir
geschieden.

Manche Leute denken, die Ehe ist eine Sache von fünfzig zu fünfzig. Ich glaube das
nicht, weil manche Menschen besser geben können als andere. Mir macht es Spaß,
mich um andere zu kümmern. Also würde ich mit Vergnügen neunzig Prozent geben,
wenn ich zehn bekäme. Aber die kriegte ich nicht.

Ich würde nur dann wieder heiraten, wenn ich jemanden träfe, der mein Herz schneller
schlagen läßt. Aber ich werde nicht bügeln, ich werde nicht nähen, und ich werde nicht
kochen; - wer sollte mich also heiraten? Ich gehe keinen Schritt zurück; das Leben, das
ich jetzt führe, ist zu gut. Ich liebe es, ich finde es toll! Ich bin nie so glücklich gewe-
sen.

Oh, ich habe eine Menge Probleme, aber ich halte mich nicht daran fest. Ich habe ver-
sucht, mich als Freiwillige anzubieten, also rief ich die Gesellschaft für Krebsforschung
an und sagte, daß ich mit zwei Fingern tippen kann. Ich dachte, sie könnten mir ein
paar Sachen geben, die ich hier zu Haus tippen kann, aber sie sagten nein. Ich kann
keiner regulären Arbeit nachgehen, weil ich seit einiger Zeit Epstein-Barr (virusbeding-
te Lymphknotenschwellungen) habe. An manchen Tagen liege ich flach und schlafe die
ganze Zeit.

Ich glaube, ich kann alles ertragen, solange man mir nicht die Zunge herausschneidet,
weil ich dann nichts mehr hätte, wofür ich leben könnte. Dann würde ich sterben wol-
len. Jetzt bin ich ein richtiges Großmaul, aber früher war ich furchtbar unsicher.

Als ich Krebs bekam, wollte ich in eine Gruppe gehen, weil ich zu Haus nicht über mei-
ne Krankheit sprechen konnte. Aber es gab keine Gruppe für Krebspatienten, also ging
ich zu den Weight Watchers. Ich brauchte Leute, mit denen ich reden konnte, und ich
mußte auch abnehmen. Also sagte ich mir: >Was soll‘s.<

Ich habe mein Leben lang neunundfünfzig Kilo gewogen, aber mit dem Krebs kam ich
plötzlich auf über neunzig. Alle anderen nehmen ab, wenn sie Krebs haben - ich nicht.
Ich habe mit Leuten gesprochen, die Epstein-Barr-infiziert sind. Sie wußten alle, daß sie
es haben, weil sie Gewicht verloren. Aber ich nehme durch nichts ab.

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Ich esse wahnsinnig gern. Als ich im Krankenhaus mit diesem Mädchen zusammenlag,
bestellten wir uns immer doppelte Portionen zum Abendessen und hoben die Hälfte für
nachts auf. Man merkt gar nicht, wieviel man zunimmt, bis man wieder zu Haus ist.
Mein Arzt wurde wütend auf mich, weil ich mir Sorgen über mein Gewicht machte. Es ist
komisch, wenn man so nahe am Tod ist, sollte man sich eigentlich sagen: >Was soll‘s,
ich esse, soviel ich will.< Aber ich machte mir dauernd Gedanken. Wenn es für mich ir-
gendeine Chance gab, gesund zu werden, was sollte ich machen? Erstmal nach Hause
gehen und fünfzig Kilo abnehmen?

Damals wurde ein Foto gemacht von Dr. Sherman und mir. Vor ein paar Jahren sagte
ich ihm: >Kann ich das Foto haben, auf dem ich so fett bin?< Er sagte: >Nur, wenn ich
ein anderes kriege.<

Ich brauchte eineinhalb Jahre, um sechsundzwanzig Kilo abzunehmen, aber wir haben
uns köstlich amüsiert in der Gruppe. Ich gewöhnte mir alle meine Lieblingssüßigkeiten
ab und ließ bei allem das Fett weg. Aber das war, um abzunehmen; es hatte nichts mit
dem Krebs zu tun.

Ich finde, diese Gruppen sind etwas Tolles. Bevor ich Krebs hatte, war ich sehr schüch-
tern. Ich kann jetzt sehr viel besser sagen, was ich denke. Wie neulich -, da ging ich
mit meiner Freundin zu >Honey Farms<. Ich hatte sechs leere >Slice<-Flaschen, die
ich zurückgeben wollte. Die Frau dort sagt: >Diese Sorte >Slice< verkaufen wir nicht.<
Ich sage: >Die Firma ist sicher froh, die Flaschen zurückzubekommen, egal welche Sor-
te.< Sie fängt an, Blah, Blah, Blah, und macht ein Riesentheater, aber schließlich nimmt
sie die Flaschen. Dann sage ich: >Ich hätte gern ein Lotterielos.<

Sie wird ganz sarkastisch: >Bitte, - welche Art wäre denn genehm?<
Schließlich sage ich zu ihr: >Mein Gott, wie kann man Sie bloß auf die Kunden
loslassen !<
Meine Freundin sagt: >Arbeiten Sie allein hier?<
Ich sage: >Klar, - wer hält es mit ihr aus?<
Sie sagt zu mir: >Auf Sie kann ich jedenfalls verzichten!<
Und ich sage: >Keine Sorge, mich werden Sie hier als Kundin nicht wiedersehen.<

Ich kann das nicht leiden. Wenn man mit Kunden zu tun hat, kann man sich nicht so
aufführen. Ich weiß noch, als ich bei Woolworth und bei Grants arbeitete, konnte ich
manche Kunden nicht ausstehen, aber ich mußte trotzdem freundlich sein.

Seit ich offen sage, was ich denke, haben meine Beziehungen sich verändert. Zwischen
meiner Tochter und mir fliegen manchmal kurz die Fetzen, aber dann merken wir plötz-
lich, was wir machen; wir sprechen uns aus, und dann sind die Dinge wieder klar zwi-
schen uns. Vorher gingen wir uns wochenlang aus dem Weg, und in mir gärte es. Das
würde ich jetzt nicht mehr ertragen. Für solche Dinge habe ich keine Zeit mehr.

Oh, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe meine schlechten Tage. Meine Schwägerin
ist gerade an Krebs gestorben. Ich habe furchtbar viele Menschen verloren dieses Jahr.
Mein Bruder ist gestorben. Es ging mir sehr nahe, aber er war zum Skelett abgemagert;
das Herzversagen war wirklich eine Erlösung, weil er gar keine Kraft mehr hatte und
nicht mehr aufstehen wollte.

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Ich habe meinen besten Freund verloren, meinen Neffen. Das war der härteste Schlag.
Als ich mich scheiden ließ, war er der erste, der sagte: >Ich bin immer für dich da.<
Wir waren zusammen auf dem Friedhof, und kurz danach, als er wieder zu Haus war,
fällt er plötzlich um und ist tot.

Wir gingen jedes Jahr zusammen auf den Friedhof und besuchten alle Gräber. Einmal
dachten wir, wir ständen am Grab seines Vaters, und wir pflanzten Blumen und beteten
für ihn. Haben wir gelacht, als wir merkten, daß wir am falschen Grab standen! Wir
hatten immer viel Spaß miteinander.

Als wir auf dem Rückweg vom Friedhof in seiner Wohnung ankamen, muß er sich schon
schlecht gefühlt haben, denn er sagte: >Hey, mein Herz wummert ja so! Das liegt an
dir, Tante Phina, du jagst mir solche Angst ein.< Wir lachten. Ich erinnere mich, daß
er sich vorbeugte, seinen Bauch ansah und sagte: >Donnerwetter, Rick, hast du eine
Wampe!< Das zeigt, wie er die Dinge nahm. Als ich nach Haus kam, riefen sie mich an
und sagten mir, daß Ricky einen schweren Herzinfarkt hatte. Er starb direkt vor den
Augen seines neunjährigen Jungen. Die Ärzte sagten, er war schon tot, bevor er zu
Boden fiel.

Ich meine, jetzt ist alles vorbei, aber irgendwie ergeben die Dinge einen Sinn. Ich habe
eine Schwester, die mich mag, und eine, die mich nicht mag. Jetzt ist die, die mich nicht
mochte, gestorben. Das war Rickys Mutter. An dem Tag, an dem sie starb, rief sie mich
an. Ich kam gerade aus der Dusche und war tropfnaß. Ich hatte mir nur ein Handtuch
übergeworfen, aber sie sprach so lieb mit mir, daß ich nicht auflegen konnte. Ich wußte,
daß wir uns sehr nahe kamen.

Sie ging normalerweise nie mit, wenn ich mit Ricky auf den Friedhof ging, Blumen zu
pflanzen. Aber an dem Tag, als Ricky starb, rief sie ihn an. Er sagte: >Wenn du nett
zu Tante Phina bist, kannst du mitkommen.< So war sie mit ihrem Sohn noch einmal
zusammen, an seinem letzten Tag.

Ich habe so ein Gefühl, daß da oben etwas Schönes auf mich wartet, wenn ich sterbe,
ein großer, schöner Ort, wo alle Freunde sind. Ich werde meine Mutter wiedersehen,
aber sie wird Helen sein, nicht meine Mutter, und Ricky wird Ricky sein, wir werden
nicht als Neffe und Tante zusammenkommen. Alle sind Freunde da oben, und alle sind
glücklich miteinander.

Aber man wird nicht seine eigene Familie sehen, denn Gott wird keinesfalls wollen,
daß meine Schwester von da oben mit ansehen muß, wie Rickys Frau sich hier unten
benimmt, sich herumtreibt und die Kinder vernachlässigt. Glauben Sie, Gott würde zu-
lassen, daß sie das sieht? Gott würde niemanden so strafen, auf keinen Fall! Wenn man
stirbt, soll man Frieden finden.

Was mich angeht, - ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich bin noch nicht
bereit. Ich liebe das Leben, ich liebe es, ich liebe alles, was dazu gehört. Seit die-
se Krebsgeschichte passierte, habe ich zu mir selbst gefunden. Jetzt mag ich mich
wirklich. Ich liebe mich. Und wenn man sich nicht selbst liebt, kann man auch an-
dere nicht lieben. Ich bin verdammt stolz auf mich, ja, das bin ich. Ich bin stolz auf
mich. Jedes Jahr finden sie etwas Neues; dieses Jahr war es das Epstein-Barr-Virus.
Und wenn sie nächstes Jahr nichts finden, werde ich wahrscheinlich enttäuscht sein.

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Jedesmal, wenn sie etwas Neues finden, macht mich das nur stärker. Mein Leben ist
jetzt schön. Früher wachte ich auf und sagte: >Ach je, schon wieder ein Tag.< Jetzt
wache ich auf und sage: >Danke, Gott.<«

Beobachtungen

Als Albert Einstein gefragt wurde: »Was ist die wichtigste Frage, mit der die Menschheit
konfrontiert ist?«, antwortete er: »Ist das Universum freundlich?«

Phina Dacris Universum ist freundlich. Die Macht, die ihr irdisches Dasein beherrscht,
Gott, ist liebevoll und gütig. Selbst der Tod ist für Phina nicht furchterregend, da das
Leben nach dem Tod, das Gott ihr bereiten wird, nur durch sein unendliches Mitgefühl
bestimmt sein kann.

Für Phina ist es Gottes Wille, daß Menschen ein sinnerfülltes Leben, Glück und Gesund-
heit finden. Wenn es ihr gelingt, mit dem Willen Gottes in Übereinstimmung zu sein,
kann sie loslassen und alles in seine Hände geben; sie wird ihre Erfüllung finden. Phi-
nas Hingabe an einen Gott, der im Himmel wohnt, der wünscht, daß sie ihr gesamtes
Potential verwirklicht, ist eine Hingabe an ihr eigenes Selbst.

Ihr Wunsch, alles in Gottes Hände zu legen, wirkt auf den ersten Blick vielleicht passiv
und wie ein Verzicht auf jede Eigenverantwortung, aber in Wahrheit ist ihr Bemühen,
diesem Credo gemäß zu leben, ein schwieriger und disziplinierter Prozeß. Das eigene
Ego für etwas loszulassen, das man als höhere Wahrheit anerkennt, erfordert innere
Überzeugung und Glauben. In Phinas Situation liegt ein Paradox: Um zu erreichen, was
sie erreichen will, muß sie das Abgeben der Eigenverantwortung vor sich selbst verant-
worten. Sie drückte das einmal so aus: »Ich strenge mich mehr an als je zuvor. Früher
zum Beispiel, wenn ich in einen Laden gegangen wäre, und sie hätten mir fünf Dollar
zuviel herausgegeben, hätte ich mir gesagt: >Toll, mein Vorteil!< Aber heute würde ich
sie nicht nehmen. Ich sagte, ich strenge mich mehr an, aber andererseits tue ich das
Gegenteil. Ich lege alles in Gottes Hand. Gleichzeitig erfülle ich meinen Teil.«

Bevor Phina an Krebs erkrankte, war sie bereit, in einer unbefriedigenden Ehe zu leben,
unter der sie litt und an der sie verzweifelte. Aber als sie krank war, sah sie es als ihre
Verpflichtung Gott gegenüber an, sich selbst zu respektieren und das Geschenk des Le-
bens zu würdigen. Daher entschloß sie sich zur Trennung und schließlich zur Scheidung,
nach vierzig Jahren Ehe, trotz finanzieller Schwierigkeiten, schwerer Beeinträchtigung
durch verschiedene Krankheiten und der Ungewißheit, ob sie sterben oder am Leben
bleiben würde - zu einem Zeitpunkt also, an dem die meisten Menschen sich mehr denn
je an eine Beziehung klammern würden.

Am Tag vor dem Scheidungstermin bat sie Gott, ihr ein Zeichen zu geben, ob die Auf-
lösung ihrer Ehe notwendig sei. Psychologisch kann man das so interpretieren, daß
sie ihre eigenen unbewußten Wünsche auf ein anderes, allwissendes Wesen projizier-
te. »Gott« wirkte also als vermittelnde Instanz, die ihr den direkten Zugang zu ihren
inneren Bedürfnissen und Wünschen eröffnete. Die Antwort, die sie erhielt, kam also
im Grunde aus ihrem eigenen tiefsten Wesenskern. Das innerste Selbst (unser aller
innerstes Selbst) ist unendlich liebend und allwissend. Macht es da etwas aus, ob die

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Botschaft aus ihrem eigenen göttlichen Kern oder von einem außerhalb ihres Wesens
existierenden Gott kam?

Anders als die meisten Menschen, die sich zu einer Scheidung entschließen, war Phina
nicht zusätzlich zu ihrer Trauer von Selbstzweifeln gequält. Was sie tun mußte, stimm-
te sie traurig, aber sie litt weder unter Unentschlossenheit mit ihrer üblichen Begleit-
erscheinung, der Depression, noch unter Schuldgefühlen wegen ihres Handelns. Ihre
direkte Kommunikation mit Gott erlaubte ihr, oder mehr noch, bestärkte sie darin, eine
Beziehung zu beenden, die sich auf ihr seelisches und körperliches Gleichgewicht de-
struktiv auswirkte. »Ich glaube nicht, daß Gott mich durch diese Krankheit gebracht
hat, damit ich mich wie ein Trottel aufführe.« Obwohl sie ihre Ehe als heilige Pflicht be-
trachtete, erhielt ihre Hingabe an Gott und Gottes Willen schließlich Vorrang vor allen
anderen Gelübden, die sie abgelegt hatte.

Es gibt viele Ärzte, Philosophen und geistige Lehrer, die - ebenso wie Menschen mit
außergewöhnlichen Heilungserfahrungen - davon überzeugt sind, daß die Kraft des
Glaubens, wie sie sich in Phina äußerte, wirklich Berge versetzen kann. Placebo-Studien
demonstrieren, wie außerordentlich wirkungsvoll der Glaube an die eigene Heilung sein
kann. In seinem Buch »Prognose Hoffnung« erzählt Bernie Siegel von einer Patientin
mit Pankreaskrebs in fortgeschrittenem Stadium, die aus dem Krankenhaus entlassen
wurde und nach Haus zurückkehrte, um zu sterben. Als sie Monate später wieder in der
Praxis auftauchte - völlig geheilt -, wurde sie gefragt, was geschehen sei. Ihre Antwort
hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Phinas Erklärungen. Sie sagte: »Ich beschloß,
hundert Jahre alt zu werden und meine Sorgen Gott zu überlassen.« Durch seine Erfah-
rungen mit Krebspatienten ist Siegel davon überzeugt, daß diese seelische Sicherheit
so gut wie alles heilen kann. Der Glaube ist offenbar das Ausschlaggebende: »Eine ein-
fache Lösung und doch für die meisten Menschen zu schwer, um sie zu praktizieren.«

Eine Krebsstation, in der Strahlentherapie durchgeführt wird, mit dem Himmel zu ver-
gleichen scheint beinahe unvorstellbar, und dennoch gebrauchte Phina für die Beschrei-
bung beider Orte auffällig ähnliche Worte und Bilder. Sie schilderte den Himmel als
einen »großen, schönen Ort«, wo alle Freunde sind und alle miteinander glücklich sind.
Manchen mag diese Vision ein wenig zu pragmatisch erscheinen, aber die Auflösung
trennender Barrieren zwischen den Menschen stellt zweifellos ein universelles Ideal dar.
In ihrer Strahlentherapiestation sind - wie im Himmel - die Barrieren, die Menschen
sonst voneinander trennen, ohne Bedeutung. »Alle sind Freunde«, »es ist, als wären
wir gute Nachbarn«. Der Arzt erzählt von seiner Familie, sie erzählt von ihrer Familie.
Sie hat das Gefühl, daß die Fürsorge ihr als Person gilt und nicht nur ihrer Krankheit.

In einigen entscheidenden Punkten glichen Phinas Gefühle für ihre Ärzte ihren Gefüh-
len für Gott. Mehr als einmal nannte sie Gott und ihre Ärzte in einem Atemzug und ließ
keine Zweifel an der großen Bedeutung ihrer Beziehung zu ihnen: »Meine beiden Ärzte
sind die Welt für mich.« Unbekümmert teilt sie uns mit, daß sie ihr »ganzes Vertrauen«
in die Ärzte setzt. Daß sie ihnen überhaupt Fragen stellte, lag offenbar nur daran, daß
die Umwelt Druck auf sie ausübte. Und da sie nicht aus eigener Initiative nachfragte,
ist es nicht überraschend, daß sie es vorgezogen hätte, die Antworten nicht hören zu
müssen.

Ihre Orientierung scheint der aufkommenden neuen Auffassung vom »eigenverant-


wortlichen Patienten« also diametral entgegenzustehen. Phinas Geschichte ist ein

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wundervolles Beispiel für die Erkenntnis, daß es keinen alleinseligmachenden Weg gibt,
der für alle Menschen richtig ist. Außerdem sollte nicht übersehen werden, daß Phinas
Vertrauen angesichts der offensichtlichen Qualitäten ihrer beiden Ärzte weder naiv noch
unangemessen war. Es waren kompetente und gut ausgebildete Praktiker. Darüber hin-
aus waren sie reife Menschen, die sich wirklich um ihren Zustand sorgten, sich an ihren
Erfolgen mitfreuten und an ihrem Lebensschicksal Anteil nahmen.

Norman Cousins sagt: »Die zentrale Frage, die man stellen muß, wenn es um Kran-
kenhäuser geht — oder auch um Ärzte -, ist, ob sie dem Patienten das sichere Gefühl
geben, daß er in guten Händen ist, ob sie dem Patienten ermöglichen, denjenigen, die
ihn heilen wollen, zu vertrauen; kurz: ob man die Erwartung hegt, daß etwas Gutes
geschehen wird.«

Phinas Erfahrungen mit Dr. Sherman waren ausschließlich positiv: »Jedesmal, wenn ich
zu Dr. Sherman ging, gab er mir Hoffnung.« Sein persönlicher Stil und seine Art, mit
Menschen umzugehen, trugen dazu bei, daß ihre Zuversicht wuchs. An einer anderen
Stelle hebt Cousins den emotionalen und medizinischen Wert der »Krankenbett-Um-
gangsformen« eines Arztes hervor:

»Die Fähigkeit, eine korrekte Diagnose zu stellen, ist ein guter Gradmesser für die me-
dizinische Kompetenz. Die Fähigkeit, Patienten zu sagen, was sie wissen müssen, ist
ein guter Maßstab für ärztliche Kunst. ... Ist es möglich, eine negative Information so
zu vermitteln, daß sie von der oder dem Betroffenen nicht als Todesurteil, sondern als
Herausforderung verstanden wird? Hier ist nicht die Frage, ob man die Wahrheit sa-
gen soll, sondern wie man die Wahrheit sagt. Die Wahrheit kann in einer Weise gesagt
werden, die der Person Kraft verleiht oder sie vernichtet. Sie kann dazu führen, daß
alle Kräfte mobilisiert werden oder daß die Szenerie für eine vernichtende Niederlage
geschaffen wird.«

Im Lauf der Jahre habe ich eine Reihe von Krebspatienten interviewt, die bei Dr. Sher-
man in Behandlung waren. Ihre Aussagen stimmen überein. Er hat die bemerkenswerte
Gabe, die Karten offen auf den Tisch zu legen, ohne die Krankheit, so ernst sie auch
sein mag, hoffnungslos erscheinen zu lassen. Phina zum Beispiel gab er zu verstehen,
daß sie ihre Angelegenheiten regeln solle, und dennoch vermittelte er durch seine de-
taillierte Erläuterung eines langfristigen Behandlungsplans die Botschaft, daß er sie
keinesfalls aufgegeben habe und noch lange mit ihrer Anwesenheit rechne.

Da ich neugierig geworden war und diese lebensstärkende Kraft besser verstehen woll-
te, interviewte ich Dr. Sherman. Ich wollte wissen, woher seine Fähigkeit kam, in Pati-
enten Hoffnung zu erwecken, obwohl er ihnen die statistische Trostlosigkeit ihrer Prog-
nose mit völliger Offenheit enthüllte. Ich fragte ihn, ob er diese Weisheit einem Mentor
oder einem besonderen, herausragenden Teil seiner Universitätsausbildung verdanke.
Aber ihm fiel kein solches Beispiel ein. Einige Wochen nach diesem Interview plauder-
ten wir miteinander und erzählten uns Kindheitsgeschichten. Er erzählte mir, daß er als
Kind ein schwerer Legastheniker war (und es im formalen Sinn immer noch ist). In den
letzten Grundschuljahren sagten die Pädagogen ihm und seinen Eltern immer wieder,
daß diese Lernstörung eine ernstzunehmende Behinderung darstelle. Er könne nie ein
Studium absolvieren, erklärten sie. Allenfalls könne er einmal einen handwerklichen
Beruf erlernen. Seit er an der McGill-Universität den Magister machte, an der
Universität Boston sein Medizinstudium abschloß und seine Assistenzzeit an der

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Harvard Medical School absolvierte, stellt die Macht der Hoffnung für diesen Arzt weit-
aus mehr dar als eine Abstraktion.

In der Vergangenheit hatte Phina für ihre Umwelt eine Fassade errichtet, die zu ihren
wahren Gefühlen im Widerspruch stand. Während der Jahre, in denen sie als Kassie-
rerin bei Woolworth und Grant arbeitete, trug sie ständig ein Lächeln auf den Lippen,
auch wenn sie mit Kunden zu tun hatte, die sie nicht ausstehen konnte. Phinas eigene
Metapher »es gärte in mir« könnte eine präzise Beschreibung dafür sein, wie ihre auf-
gestauten Emotionen ihre physische Gesundheit unterminierten. In vielen populären
Filmen wird diese Art des Selbstverrats und ihre Wirkung auf die Gesundheit angespro-
chen. Woody Allen sagt an einer Stelle in seinem Film Manhattan: »Ich werde nicht
wütend - ich lasse mir einen Tumor wachsen.« In Doktor Schiwago sagt eine der han-
delnden Personen: »Die Gesundheit leidet unweigerlich darunter, wenn du Tag für Tag
das Gegenteil von dem sagst, was du fühlst, wenn du vor dem, was du verabscheust, zu
Kreuze kriechst und Freude über Dinge heuchelst, die dich ins Unglück bringen. Unser
Nervensystem ist keine Fiktion; es ist ein Teil unseres physischen Körpers, und unse-
re Seele existiert und ist in uns wie die Zähne in unserem Mund. Wir können sie nicht
ständig ungestraft vergewaltigen.«

Nachdem Phina an Krebs erkrankt war, veränderte sie ihr Leben in einer Weise, die ihr
erlaubte, mehr sie selbst zu sein. Manche dieser Veränderungen waren sehr konkreter
Natur und betrafen ihre äußere Lebenssituation. Aber ebenso wichtig waren die inneren
Veränderungen, die sie vollzog und die ihr Selbstgefühl betrafen. Zum ersten Mal konn-
te sie Liebe zu sich selbst empfinden. Es fiel ihr leichter, anderen ihre wahren Gefühle
zu zeigen, als sie mehr Zutrauen zu ihrem eigenen Wert als Person gewann. Da sie sich
mochte, sich liebend annehmen konnte, hatte sie weniger Grund, auf der Hut zu sein.
Sie öffnete sich den Schönheiten und Freuden ihres Daseins. Sie war für alles, was das
Leben zu bieten hatte, empfänglicher geworden und hatte mehr Grund, am Leben zu
bleiben.

Vermutlich könnte niemand mit Gewißheit sagen, wie weit Phinas veränderte Lebensein-
stellung ihre Genesung beeinflußte. Aber sie linderte zweifellos ihre physischen Schmer-
zen. Die verschiedenen Krankheiten und Komplikationen, die sie durchmachte, sind
für gewöhnlich mit erheblichen Schmerzen und körperlichen Beschwerden verbunden.
Oft sind Menschen dadurch bis zur Handlungsunfähigkeit geschwächt. Aber Phina be-
wältigte ihr Leben mit einer Energie, die selbst bei Gesunden ungewöhnlich ist. Martin
Buber erzählt die Geschichte eines chassidischen Rabbi, der zeit seines Lebens starke
Schmerzen erdulden mußte:

»Rabbi Jizchak Eisik war von der Jugend bis ins Alter von einem schweren Übel geplagt,
von dem bekannt war, daß es mit maßlosen Schmerzen verbunden war. Einst fragte ihn
der Arzt, wie es ihm möglich sei, daß er ohne zu stöhnen und zu klagen die Schmerzen
ertrage. Er antwortete: >Das könnt Ihr leicht verstehen, wenn Ihr nur darauf achtet,
daß die Schmerzen die Seele durchscheuern und durchlaugen. Da kann es doch gar
nicht anders sein, als daß der Mensch sie mit Liebe empfängt und nicht wider sie murrt.
Ist aber erst eine Zeit vergangen, dann hilft ihm noch die so gewonnene Lebenskraft,
die Schmerzen des gegenwärtigen Augenblicks ertragen. Und es ist ja immer nur ein
Augenblick, denn die vergangenen sind doch nicht mehr vorhanden, und wer wird sich
mit künftigen Schmerzen befassen!<«

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Auch Phina griff dem Leiden nicht vor: »Ich sage nicht: O Gott, was wird wohl morgen
passieren? Wenn der nächste Tag kommt und es ist noch da, kann ich immer noch wei-
nen.« Ihr Kontrakt mit Gott schloß klugerweise eine Regelung ein, die sie davon befrei-
te, sich Sorgen um künftige Schmerzen zu machen: »Ich sage: Gott, bitte, ich will jetzt
schlafen. Morgen früh soll alles geschehen, was du willst... Also schlafe ich ein, statt zu
weinen.«

Phinas Umgang mit ihren Schmerzen führte zu denselben Resultaten wie die Techniken,
die von der Schmerzforschung und den Experten für Schmerzbewältigung empfohlen
werden. Der Arzt und Wissenschaftler John Kabat-Zinn zum Beispiel ermutigt Schmerz-
patienten, die Schmerzempfindung leidenschaftslos zu beobachten. Die Patienten ler-
nen, ihren Schmerzen gegenüber eine andere Haltung einzunehmen, ähnlich der, zu
der Phina von sich aus fand: die Schmerzempfindungen als das zu akzeptieren, was
sie sind, ohne sich Sorgen um eine mögliche Verschlimmerung zu machen und ohne
ihnen eine symbolische Bedeutung beizulegen. Der oder die Kranke sagt sich zum Bei-
spiel nicht mehr: »Vielleicht werden die Schmerzen bald unerträglich«, oder: »Ich habe
schweres Unrecht begangen, diese Schmerzen sind die Strafe«, sondern nimmt den
Zustand so an, wie er ist. Menschen, die diese Veränderung des Bewußtseins an sich
vollziehen können, leiden in aller Regel weniger unter ihren Schmerzen.

Wissenschaftliche Anmerkungen

Nach der Theorie der »Krebspersönlichkeit« verfügen Menschen, die an Krebs erkran-
ken, im allgemeinen nicht über adäquate Möglichkeiten, ihre Gefühle, insbesondere
ihre aggressiven Gefühle auszudrücken. Wenn an dieser Theorie etwas Wahres ist,
wirft sie eine wichtige Frage auf: Kann der offene Ausdruck von Emotionen die Krank-
heitsentwicklung positiv beeinflussen? Lydia Temshok von der University of California
führte eine Untersuchung mit Patienten durch, die an Melanomen leiden. Sie verglich
die Raten des Tumorwachstums bei Patienten, die ihre Gefühle offener ausdrückten, mit
den Raten von Patienten, die im Ausdruck ihrer Gefühle gehemmter waren. Im Rahmen
der Studie wurden die Patientinnen und Patienten gebeten, von einem Ereignis in ihrer
jüngsten Vergangenheit zu berichten, das sie wütend machte. Die Versuchspersonen
reagierten sehr unterschiedlich: »Manche sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je wü-
tend gewesen zu sein, während andere sich regelrecht hineinsteigerten und sogar mit
den Zähnen knirschten und mit den Fäusten auf den Tisch schlugen.«

Die Studie, die im Journal of Psychosomatic Research veröffentlicht wurde, kam zu dem
Ergebnis, daß bei denjenigen unter den Versuchspersonen, die ihre Gefühle offener aus-
drückten, die Zellteilungsrate geringer und die Anzahl der Lymphozyten höher war. Bei-
des waren objektiv meßbare Faktoren, die darauf hinwiesen, daß der Krankheitsverlauf
bei der emotional expressiveren Gruppe günstiger sein würde. Andere Wissenschaft-
ler berichten über ähnliche Ergebnisse. Leonard Derogatis und Martin Abeloff kamen
zu dem Schluß, daß Frauen mit metastatischem Brustkrebs, die ihre aggressiven und
feindseligen Gefühle offen ausdrückten, länger lebten als sanfte und fügsame, weniger
selbstbewußte Frauen.

Intuitiv kommen wir vielleicht zu dem Schluß, daß Phinas Lebensfreude nicht nur zu
einer höheren Lebensqualität, sondern auch zu einem längeren Leben führte. Neuere
wissenschaftliche Entdeckungen bestätigen diese Intuition. Sieben Jahre lang

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studierte Sandra Levy eine Gruppe von Frauen mit Brustkrebs in fortgeschrittenem Sta-
dium. Sie fand heraus, daß man anhand des Maßes an Lebensfreude, das die Patientin-
nen zeigten, tatsächlich voraussagen konnte, wie lange sie leben würden. Die Anzahl
der Metastasenorte war ein weniger zuverlässiger Voraussagefaktor für das Überleben
einer Patientin. Es muß ausdrücklich betont werden, daß wir hier nur von authentischen
Gefühlen sprechen. Wenn die kranke Person versucht, vor der Umwelt einen glücklichen
Eindruck zu machen, obwohl sie sich nicht so fühlt, wirkt das destruktiv; sie schneidet
sich damit von ihren wahren Empfindungen ab und fühlt sich isoliert. Ähnlich negativ
wirken unerbetene Ratschläge von Freunden und Verwandten, die dem Kranken sagen,
wie er zu fühlen habe und daß er glücklich sein müsse; sie erweisen ihm damit einen
schlechten Dienst. In seiner an der Universität von Florida als Dissertation vorgelegten
Studie über Lungenkrebspatienten fand Mark Raymond Otis heraus, daß die Vortäu-
schung positiver Gefühle in negativer Beziehung zu den Überlebensschancen der von
ihm befragten Patienten stand.

In meiner eigenen Beratungsarbeit mit Krebspatienten fange ich an, mir ernsthaft Sor-
gen zu machen, wenn eine Patientin oder ein Patient einen schweren Verlust erleidet,
insbesondere durch eine Scheidung oder den Tod einer nahestehenden, geliebten Per-
son. Was die neuere Forschung zeigt, fand ich durch meine eigenen Beobachtungen
bestätigt: Verlusterfahrungen beeinträchtigen das Immunsystem. Den Durchbruch auf
diesem Gebiet brachte eine Studie, die 1977 von R.W. Bartrop und Mitarbeitern in Aus-
tralien erstellt wurde. Bartrop und seine Mitarbeiter führten bei Männern und Frauen,
deren Ehepartner kurz zuvor gestorben waren, Blutuntersuchungen durch. Die Ergeb-
nisse der ersten Bluttests, die zwei Wochen nach dem Tod des Partners vorgenommen
wurden, wichen nicht wesentlich von den Normalwerten ab. Aber schon vier Wochen
später zeigten die Kontrolluntersuchungen bei den Versuchspersonen Anzeichen einer
Schwächung des Immunsystems. In dem Bericht, der in der Zeitschrift Lancet veröf-
fentlicht wurde, heißt es: »Hier konnte zum ersten Mal nachgewiesen werden, daß psy-
chischer Streß meßbare Anomalien in den Funktionen des Immunsystems hervorruft,
die offensichtlich nicht auf hormonellen Veränderungen beruhen.«

In einer Nachfolgestudie untersuchten Steven Schleifer und Mitarbeiter von der Mount
Sinai Medical School in New York die Auswirkungen von Trauer auf Männer. Die Gruppe, die
sie studierten, bestand aus Männern, deren Ehefrauen an unheilbaren Erkrankungen im
letzten Stadium litten. Die Wissenschaftler testeten die Funktionsfähigkeit des Immunsy-
stems der Ehemänner vor und nach dem Tod ihrer Partnerinnen. Zwei Monate nach dem
Verlusterlebnis war die Immunabwehr der Männer deutlich geschwächt. Im Lauf der Zeit
normalisierten sich die Funktionen des Immunsystems, aber selbst ein Jahr später war die
Abwehrkraft bei einigen Männern noch geringer als in der Zeit vor dem Tod ihrer Ehefrauen.

Phina machte in den fünf Jahren, die zwischen dem ersten und dem zweiten Inter-
view lagen - in einer Zeit also, in der die Rückfallgefahr besonders groß war -, meh-
rere schwere Verlusterfahrungen durch. Ihr Bruder und ihre Schwester starben, sie
verlor einen Neffen, der gleichzeitig ihr bester Freund war, und sie wurde geschie-
den. Obwohl es sich um gravierende Verluste handelte, erlitt sie in bezug auf ihre
Krebserkrankung keinen Rückfall, und sie war auch nicht von Trauer überwältigt, wie
es die den zitierten Studien zugrundeliegende Theorie eigentlich nahelegen würde.
Aber die Forschung beschäftigt sich mit typischen Reaktionen auf Verluste. Wir kön-
nen bei menschlichen Erfahrungen nicht immer von der statistischen »Normalität«
ausgehen, denn dann unterschätzen wir die sehr realen individuellen Unterschiede.

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Manche Verluste, wie die Auflösung einer unglücklichen Ehe oder das Ende einer kon-
flikthaften Geschwisterbeziehung, können tatsächlich als Erleichterung empfunden wer-
den und heilend wirken.

Um Phinas Erfahrungen zu verstehen, muß man sich deutlich machen, wie ungemein
freundlich ihr Universum ist. Die fraglose Anerkennung der großen Zusammenhänge ist
die treibende Kraft in ihrem Leben. Von diesem Standort aus betrachtet, haben schwie-
rige Lebensumstände - und sogar der Tod - nichts Furchterregendes. Denn in allem,
was geschieht, liegt ein Sinn und ein Ziel.

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NORMAN COUSINS

Dies ist das wahre Lebensglück: Für ein Ziel verwendet werden, das du selbst als das
richtige erkennst, dich vollkommen ausgeben, bevor du auf den Abfallhaufen geworfen
wirst, eine Naturgewalt sein statt eines fiebrigen, selbstsüchtigen kleinen Klumpens von
Gebrechen und Kümmernissen, der sich beklagt, daß die Welt sich nicht der Aufgabe
weiht, ihn glücklich zu machen.

GEORGE BERNHARD SHAW

1964 erkrankte Norman Cousins an der Bechterewschen Krankheit, einer chronischen


Entzündung der Rückenwirbel, die zu einer fortschreitenden Versteifung der Wirbel-
säule führt. Nach der Meinung von Spezialisten standen die Chancen für eine
Heilung 1: 500.

Nachdem er sich den medizinischen Standardprozeduren für kurze Zeit unterzogen hat-
te, entwarf Cousins seinen eigenen Behandlungsplan. Gegen den Rat der Spezialisten
verließ er das Krankenhaus und zog in ein Hotel. Lachen war seine Therapie der Wahl.
Er stellte eine Krankenschwester ein, die ihm Marx-Brothers-Filme und Ausschnitte aus
Candid Camera vorführte und ihm aus verschiedenen humoristischen Büchern vorlas.
Zusätzlich ließ er sich hohe Dosen Vitamin C intravenös verabreichen. Er hatte die Be-
deutung und die heilenden Wirkungen des Vitamins studiert. Entgegen den Voraussagen
der medizinischen Experten war seine Heilung praktisch vollkommen.

Cousins ist der amerikanischen Öffentlichkeit vor allem dadurch bekannt, daß er seit
vierzig Jahren bei der Zeitung Saturday Review das Ruder führt. Außerdem setzte er
sich im Auftrag der amerikanischen Regierung und anderer internationaler Institutionen
mehrfach für Friedensmissionen ein. Unter anderem gewann ihn Papst Johannes XXIII
dafür, sich an der Befreiung katholischer Kardinäle aus osteuropäischen Gefängnissen
zu beteiligen. Heute ist Cousins der führende Sprecher der holistischen Bewegung in
der Medizin, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Kluft zwischen »wissenschaftlichen« und
»alternativen« Heilmethoden zu überbrücken.

Norman Cousins war mit seiner Handlungsfähigkeit und seiner Kraft, etwas in der Welt
zu bewirken, in Berührung gekommen, lange bevor er je schwer erkrankte. Anders als
die meisten Patienten konnte er als Kranker sein Gefühl persönlicher Macht aufrecht-
erhalten und es sogar stärken. Jetzt stärkt er andere, indem er ihnen das Bewußtsein
vermittelt, etwas bewirken zu können:

»Wenn ich mit Patienten arbeite, beweise ich ihnen, daß sie über weitaus größere
Kräfte verfügen, als ihnen bewußt ist. Ich demonstriere das, indem ich ihnen zeige,
daß sie die Fähigkeit haben, die Durchblutung ihres Körpers zu beeinflussen. Ich führe
sie Schritt für Schritt durch ihren Körper, während sie sich vorstellen, wie das Blut sie
durchströmt, und lasse sie zum Schluß das Blut in ihre Hände leiten. Wenn sie sehen,
daß sie die Macht haben, die Oberflächentemperatur ihrer Haut um zehn Grad und mehr
zu steigern, verändert sich ihr Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihrer Krankheit.

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Sobald es gelungen ist, Patienten vom Gefühl der Hilflosigkeit zu befreien, ist die Befrei-
ung von der durch Hilflosigkeit hervorgerufenen Depression nur noch ein kleiner Schritt.
Unter den Faktoren, die zur Schwächung der Immunabwehr führen, spielt die Depres-
sion eine sehr wesentliche Rolle. Wie wir bei unseren Patienten nachweisen konnten,
führt die Befreiung von der Depression zu einem beinahe automatischen Aufschwung in
der Produktion krankheitsabwehrender Zellen.«

In dem folgenden Interview berichtet Norman Cousins von seinen außergewöhnlichen


Genesungsfortschritten nach einem schweren Herzinfarkt. Auf dem Hintergrund seines
erfolgreichen Kampfes gegen die Bechterewsche Krankheit und seines umfangreichen
medizinischen Wissens kreierte Cousins eine neue, unorthodoxe Behandlungsmethode.
Ein zweites Mal stand der bemerkenswerte Verlauf seiner Genesung in krassem Gegen-
satz zu den Voraussagen der kompetentesten Spezialisten.

Bill Hitzig, Cousins Arzt, verglich den Genesungsprozeß seines Patienten mit der Hei-
lung von der Bechterewschen Krankheit, die dieser in »Anatomy of an Illness« (Anato-
mie einer Krankheit) so eindringlich schilderte. Hitzig sagt: »Sein Herzinfarkt 1980 war
bedenklicher als die Krankheit, die er 1964 überwand, und der Genesungsprozeß, den
er jetzt durchläuft, ist meiner Meinung nach sogar noch erstaunlicher als der letzte.«

Norman Cousins beginnt seine Geschichte mit der Schilderung seines Lebensstils vor
der Krankheit:

»Ich habe den Herzinfarkt wirklich heraufbeschworen. Ich reiste in der ganzen Welt
umher und kämpfte mit den Zeitverschiebungen und mit der Schlaflosigkeit. Es war ein
permanenter Streß, von einem Ort zum anderen zu hetzen, kreuz und quer durch das
ganze Land zu rasen, um Termine wahrzunehmen, die ich dann doch nicht immer einhal-
ten konnte. Ich hatte mir ein Arbeitspensum aufgebürdet, das jenseits des menschli-
chen Durchhaltevermögens lag.

Der Herzinfarkt war sehr gravierend. Ein Enzymtest, durch den man das Ausmaß der
Zerstörung von Herzmuskelgewebe feststellen kann, demonstrierte, daß die Schwere
des Infarkts weit über dem Durchschnitt lag. Glücklicherweise hatte ich genügend Vor-
erfahrungen, um der schlimmsten Bedrohung meines Lebens entgegenzutreten.

Ich war immer der Meinung, daß die meisten Infarktpatienten das Krankenhaus des-
halb nicht mehr lebend erreichen, weil die Panik, die der Herzinfarkt auslöst, genauso
gefährlich sein kann wie die Krankheit selbst. Panik ist häufig der Faktor, der das Herz
über sein Toleranzniveau hinaus belastet. Panik ruft eine Art von hormonaler Über-
flutung hervor, die das Herz weiter destabilisiert und die Blutgefäße zusammenzieht.
Also muß das Herz, das ohnehin in einem prekären Zustand ist, Blut durch die vereng-
ten ten Gefäße pumpen, was zu einer zusätzlichen, untragbaren Belastung führt.

Ich hatte meinen Studenten (an der UCLA School of Medicine) immer wieder einge-
schärft, daß beim Herzinfarkt zwei Probleme, zwei Bedrohungen auftreten. Die eine
liegt in der Krankheit selbst, die andere in der Panik, die sie auslöst. Wenn man die
Panik in den Griff bekommt, sind die Chancen, ein Infarktgeschehen zu überstehen,
wesentlich höher. Generell ist die Gefahr einer Kettenreaktion, bei der die Panik den
Schmerz intensiviert und der stärkere Schmerz größere Panik erzeugt, einer der unse-
ligsten Aspekte schwerer Erkrankungen.

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Zuerst muß man den Patienten von der Panik befreien. Nachdem ich meinen Studenten
und mir selbst das immer wieder eingehämmert hatte, wußte ich, als der Herzinfarkt
kam, daß ich meine Überlebenschancen erhöhen würde, wenn es mir gelänge, aus der
Panik herauszukommen.

In unserem Haushalt gibt es ein kleines Sauerstoffgerät, aus demselben Grund, aus
dem es auch einen Feuerlöscher gibt: Es ist gut, solche Dinge im Notfall bei der Hand zu
haben. Also konnte ich, als der Anfall kam, meiner Frau sagen, sie solle mich daran an-
schließen, und ich wußte, daß mein Herz mit dem nötigen Sauerstoff versorgt wurde.

Als die Ambulanz kam, konnte ich die Sanitäter im Zaum halten und mir ihr Heldentum
ersparen. Auf der Fahrt zum Krankenhaus sagte ich ihnen, sie sollten die Sirene und
das Blaulicht ausschalten und langsamer fahren, denn in einem solchen schwankenden
Vehikel herumgeschüttelt zu werden, mit heulenden Sirenen, erzeugt mehr Panik als
alles andere in der Welt.

Als ich im Krankenhaus ankam, erwarteten der Dekan der medizinischen Fakultät und
einige andere Ärzte mich bereits. Sie waren nervös, denn ich hatte auch noch kongesti-
ves Herzversagen, ich spuckte Blut, und ich hatte eine schwere Dysfunktion des linken
Ventrikels. Trotz all dieser Komplikationen war ich absolut zuversichtlich. Ich konnte sie
beruhigen und ihnen sagen, daß sie es hier mit dem verdammt größten Genesungs-
wunder zu tun hätten, das je auf ihre Intensivstation gerollt wurde. Nachdem ich mir
dieses Ziel gesetzt hatte, wollte ich es auch beweisen.

Die Ärzte nannten meine absolute Zuversicht Verweigerung, aber es kann nützlich sein,
sich zu verweigern, das Verdikt zurückzuweisen, das dem eigenen Gefühl nach mit
einer Diagnose verbunden ist. Wenn man erkennt, daß die Diagnose eine Herausfor-
derung ist und kein Verdikt und daß es Hilfsquellen gibt, mit denen man arbeiten kann
und die nicht alle außerhalb des eigenen Selbst liegen, dann kann man den Körper von
den komplizierenden Faktoren, die durch Angst hervorgerufen werden, befreien. Mir
scheint, daß dadurch das körpereigene Heilpotential - was immer das sein mag - frei-
gesetzt und aktiviert wird und daß man so die Voraussetzungen schafft, unter denen
eine medizinische Behandlung am besten anschlagen kann.

Ich denke, für Ärzte ist es wichtig, ein bißchen bescheiden zu sein und zu sagen, daß
sie nicht genug wissen, um Voraussagen zu machen, die für jeden einzelnen Fall zutref-
fen. Sie sollten auch keine Sprache gebrauchen, die alle Hoffnungen abwürgt, und den
Patienten die Chance lassen, geistig durchzuatmen.

Meine innere Zuversicht versetzte mich in die Lage, auf das Lysin und das Morphin zu
verzichten, die gewöhnlich notwendig sind, um das schlimmste Stadium zu überbrü-
cken, aber man bezahlt einen hohen Preis dafür. Ich weiß, daß die Krankheit einen
Zusammenbruch des körpereigenen Heilsystems darstellt. Medikamente sind nur ein
grober Ersatz für das, was der Körper eigentlich selbst leisten sollte. Panik, Angst und
Depressionen hindern den körpereigenen Apotheker daran, seine Aufgaben richtig zu
erfüllen. Ich versuchte, mich an den realen, fundamentalen Gesetzen der Medizin zu
orientieren. Die Behandlungsmodalitäten in der Medizin verändern sich ständig. Vor
fünf Jahren wurden Magengeschwüre völlig anders behandelt als heute. Und dennoch
wird von den Leuten erwartet, daß sie sich mit der neuen Methodik einverstanden er-
klären. Das einzig Konstante ist das, was im Körper selbst vor sich geht.

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Ich lehnte die Behandlung ab, die von den Ärzten als äußerst dringlich und absolut not-
wendig betrachtet wurde. Sie hatten eine Herzoperation vorgesehen. Sie sagten, ohne
diesen chirurgischen Eingriff würde ich nicht am Leben bleiben. Es sei soviel Herzmus-
kulatur zerstört, daß die normalen Herzfunktionen nicht mehr gewährleistet seien. Es
könne jeden Augenblick mit mir zu Ende gehen.

Hilflosigkeit ist ein Produkt unserer Erziehung. Wir sind offenbar davon überzeugt, daß
eine schwere Erkrankung in einer festgelegten Richtung verläuft und immer weitergeht,
bis sie durch irgendwelche äußeren Mittel unterbrochen wird. Diese Art von Erziehung
bereitet uns eher auf Schwäche vor als auf Kraft. Wir werden nicht im Bewußtsein der
grundlegenden Widerstandskraft des Körpers erzogen. Folglich erscheint der Sieg über
die Krankheit als eine sehr fernliegende Möglichkeit.

Ich kann mich genau an den Augenblick erinnern, in dem ich wußte, daß ich es schaffen
würde. Das war während eines Gesprächs mit meinem Kardiologen. Er sagte mir, ich
müsse mich der Operation unterziehen, weil meine Arterien blockiert seien. Ich fragte:
>Ist das irreversibel?< Er sagte: >Auf jeden Fall ist die Situation als solche irrever-
sibel.< In dem Augenblick, als ich das hörte, fühlte ich eine Welle von Energie in mir
aufsteigen. Ich konnte es einfach nicht verhindern, daß sich ein Lächeln auf meinem
Gesicht ausbreitete. Er fragte: >Habe ich etwas Komisches gesagt?< Ich sagte: >Nein,
Stuart, ich habe nur gerade gedacht: Jetzt geht‘s wieder rund!<

Der Begriff irreversibel brachte mich innerlich zum Glühen. Ich kann diese unglaubliche
Energieaufwallung immer noch spüren. Es war ein gewisses Maß an Freude damit ver-
bunden, die aus dem Wissen kommt, daß du gewinnen wirst, ganz gleich, was dir dafür
abverlangt wird.

Ich muß gestehen, daß mich die ganze Erfahrung faszinierte. Die Faszination begann
mit der Vorstellung der Irreversibilität. Ich wußte, daß ich vielleicht nicht in der Lage
sein würde, meine Arterien wieder durchlässig zu machen, aber ich konnte kompensa-
torisch verstärkte Zirkulation innerhalb des Herzens entwickeln.

Dennoch hatte ich das Gefühl, daß die Behandlung und der Rat meines Kardiologen von
großer Bedeutung waren. Er klärte mich darüber auf, mit welchen Schwierigkeiten ich
zu kämpfen hatte. Ich wollte über alle Fakten informiert sein, um auf dieser Basis meine
Entscheidungen zu treffen, und ich wollte nicht, daß diese Fakten beschönigt wurden.
Ich erkenne auch an, daß mein Kardiologe nicht versuchte, mich als dumm hinzustel-
len. Er wurde nicht wütend. Vielleicht war er nicht meiner Meinung, aber er respektier-
te, was ich zu sagen hatte.

Im Krankenhaus bestärkten mich nicht alle darin, so aktiv zu sein, wie ich war. Mein
Hausarzt war furchtbar besorgt. Er hatte selbst einen Herzinfarkt gehabt, der nicht so
schwer war wie der meine, aber schwer genug. Er machte mir Vorschriften. Ich sollte
nicht schreiben - ich schrieb in der Zeit an einem Theaterstück —; ich sollte mich nicht
so aufregen, nicht so ermüden. Ich sollte nicht lesen. Ich sollte mir nicht einmal selbst
die Zähne putzen. Als er seinen Herzinfarkt hatte, mußte er fast sechs Wochen lang
unbeweglich im Bett liegen. Aber ich war mit dieser Therapie nie einverstanden.

Nach meinem Herzinfarkt kam er mich im Krankenhaus besuchen. Als er das Zimmer
betrat, richtete ich mich im Bett auf. Er drohte mir mit dem Finger: >Das dürfen Sie

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nicht tun!< Er riet mir auch, nicht zu lachen. Offenbar fand er, daß ich recht hatte, als
ich in »Anatomie einer Krankheit« sagte, daß Lachen eine Art inneres Jogging ist. Am
Tag nach meinem Infarkt rief er mich an und warnte mich vor den Dingen, die ich vor-
her getan hatte, vor allem vor dem Lachen.

Nach diesem Gespräch kam meine Frau herein, und ich bat sie, mir aus der Morgen-
zeitung vorzulesen. Sie stieß zufällig auf die Geschichte eines Zeitungsredakteurs aus
der Umgebung von Los Angeles, der mit einem Stadtverordneten in Fehde lag. Er hatte
den Stadtverordneten als »griechischen Demagogen« bezeichnet. Der Stadtverordnete
protestierte und sagte, er betrachte das als eine ethnische Verunglimpfung. Ein Repor-
ter der »Los Angeles Times« rief den Redakteur an und fragte ihn: >Werden Sie sich
entschuldigen?< >Auf gar keinen Fall<, antwortete der Redakteur. >Ich habe mich nur
etwas undeutlich ausgedrückt. Eigentlich hätte ich schreiben sollen, daß er ein redseli-
ges Arschloch ist.< Ich brach in lautes Gelächter aus und wußte in diesem Augenblick,
daß das Lachen immer noch mein Freund war. Von da an habe ich dauernd gelacht.
Humor wirkt heilend auf mich, aber ich würde das, was ich tat, nicht jedem empfehlen.
Ich glaube nicht, daß es bei jedem funktioniert.

Das bringt mich auf ein Grundprinzip, nämlich, daß die statistische Betrachtungsweise
von Krankheiten keine absolute Geltung hat. Bis zu einem gewissen Grad drückt jedes
Individuum der Krankheit seinen eigenen Stempel auf. Der kluge Arzt erkennt, in wel-
chem Maß das der Fall ist, und handelt danach. Der Arzt muß zuhören. Der Arzt muß
reden. Der Arzt muß sich engagieren. Heutzutage gibt es zu viele Ärzte, die nur reden.
Fürs Zuhören werden sie nicht bezahlt. Die Kassen zahlen die höchsten Sätze für den
Einsatz der medizinischen Technologie und für die Durchführung von Labortests; also
wird der Arzt zu einer Haltung gedrängt, die dem Wohlergehen des Patienten abträglich
ist.

In den ersten sechs Monaten nach meinem Herzinfarkt arbeitete ich nicht. Ich machte
zweimal am Tag einen kurzen Spaziergang. Zuerst mußte ich mich setzen, wenn ich
fünfzig Meter gegangen war. Nachts hatte ich oft etwas Atemnot, und bei der geringsten
Anstrengung bekam ich Herzrhythmusstörungen. Ich wußte, daß die Gesundung des
Herzens ein langer, kontinuierlicher Prozeß ist. Es dauert seine Zeit, und ich war bereit,
die erforderliche Zeit zu investieren. Ich dehnte meine Spaziergänge allmählich bis zu
sechs Kilometer pro Tag aus. Ich mußte auch meinen Cholesterinspiegel senken. Meine
Frau legt großen Wert auf gesunde Ernährung, und sie ergriff die Gelegenheit, unsere
Lebensgewohnheiten in dieser Hinsicht auf eine andere Basis zu stellen. Ich brachte
meine Cholesterinwerte von zweihundertfünfundachtzig auf hundertsiebzig herunter,
durch Diät und durch die Dinge, die mir Spaß machten. Meine Frau war die ganze Zeit
sicher, daß ich mich wieder erholen würde. Sie ist für Katastrophenstimmungen abso-
lut unempfänglich. Zum Beispiel: Als wir an der Ostküste lebten, fuhr ich täglich mit
der Bahn ins Büro, und sie brachte mich mit dem Auto zum Zug. Wenn wir zu spät
dran waren, sagte sie: >Wir kriegen ihn an der nächsten Station<, und drückte aufs
Gaspedal, um den Zug einzuholen. Wenn wir am nächsten Bahnhof ankamen und der
Zug war schon abgefahren, sagte sie: >Aber an der nächsten Station kriegen wir ihn
bestimmt<, und wir brausten wieder los. Natürlich fuhren wir auf diese Weise oft den
ganzen Weg bis nach New York.

Sie gibt nicht auf. Und es wäre ihr gar nicht möglich, zu glauben, daß irgend etwas mit
mir geschieht, was irreversibel ist.

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Ich hatte Glück. Niemand lag mir mit Argumenten in den Ohren, um mich in eine ande-
re Richtung zu drängen. Ich hätte ja auch leicht eine Frau haben können, die zu hysteri-
schen Weinkrämpfen neigt: >Oh, Norman, der Arzt sagt, du schaffst es nicht, wenn du
das und das nicht tust. Du mußt es tun, Norman, bitte, du mußt es tun! Bitte Norman,
tu, was der Doktor sagt!<

Statt dessen sagte meine Frau: >Mach, was du für richtig hältst.< Es war nicht nur der
Versuch, mich aufzurichten. Sie hatte schon lange genug mit mir gelebt und wußte, daß
ich recht hatte.

Das Wissen, daß Menschen um mich waren, denen mein Wohl am Herzen liegt - meine
Frau, meine Familie, meine Freunde -, bedeutete mir sehr viel. Es war sehr wichtig für
meine Genesung. Auf einer Skala von eins bis hundert läge dieser Faktor für mich bei
hunderteins. Ich muß sagen, daß die Flut von Karten und Briefen, die bei mir anrollte,
enorm aufbauend war.

Aber ich hatte nicht oft Lust, Leute zu sehen. Nicht weil ich ungesellig war, sondern
weil Zeit für mich das größte Kapital im Leben ist. Es ist eine Frage des Abwägens von
Prioritäten — ich wollte das Beste aus dieser Erfahrung machen.

Meine Krankheit festigte die Beziehungen, die für mich bedeutungsvoll sind, und weni-
ger wichtige Beziehungen rückten noch weiter an den Rand. Ich glaube, die Krankheit
brachte mich meinen Freunden näher, weil ich mehr Zeit mit ihnen verbringen konnte.

Ich hatte auch mehr Zeit, Golf zu spielen. Im Jahr nach meinem Herzinfarkt wurde ich
in unserem Golfclub zum Spieler mit dem größten Leistungszuwachs des Jahres erklärt.
Dadurch konnte ich wieder einiges von meiner Behinderung abstreichen. Ich spiele wie-
der Golf, jetzt spiele ich auch wieder Tennis, und ich reise wieder. Mein Herz macht all
die Dinge mit, zu denen es eigentlich nicht fähig sein sollte.

In manchen Bereichen, in denen es sein muß, habe ich mich gebremst, und dort, wo
ich es mir leisten konnte, habe ich an Tempo zugelegt. Vor drei Wochen zum Beispiel
sah ich meinen Terminkalender bis Ende Juli durch. Es standen einige Termin an, die ich
sehr gern wahrnehmen wollte. Ich war eingeladen, auf der Sondersitzung der Vereinten
Nationen zur Frage der Abrüstung eine Ansprache zu halten. Ich war zum Vorsitzenden
der Delegation amerikanischer Schriftsteller, die zu einem Treffen mit führenden russi-
schen Schriftstellern nach Moskau reisen sollte, gewählt worden. Ich hatte Vorstands-
sitzungen bei der Kettering Foundation und der Mott Foundation. Ich strich das einfach
alles. Vor dem Herzinfarkt wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen. Der Grund, warum
ich es jetzt tat, war nicht, daß ich fürchtete, es nicht zu schaffen, sondern ich hatte das
Gefühl, daß ich auch ohne all diese Verpflichtungen leben kann.

Die Krankheit war eine Schwellenerfahrung; sie veränderte mein Bewußtsein. Vorher
hätte ich mir nicht jeden Donnerstagnachmittag freigenommen, um Golf zu spielen,
wie ich es jetzt tue. Und ich tue es mit dem größten Wohlbehagen, ohne eine Spur von
schlechtem Gewissen. Ich lebe mein Leben nicht mehr so, daß ich mir Dinge versage,
die mir Freude machen.

Meine Krankheitserfahrungen tun mir nicht leid. Ich habe nicht das Gefühl, daß Gott
mich lieblos behandelt hat. Ich habe auch nicht das Gefühl, daß mir etwas genommen

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wurde. Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn mir beide Krankheiten erspart
geblieben wären, aber da ich sie nun einmal durchmachen mußte, habe ich etwas dar-
aus gelernt. Ich habe durch meine Krankheitserfahrungen sehr viel Kraft gewonnen,
und ich glaube, dadurch war es mir möglich, eine neue Lebensstufe zu erreichen.

Wir leben in einem riesigen Universum. Bisher hat niemand herausgefunden, wieviel
Lichtjahre es braucht, um von einem Ende zum anderen zu gelangen, oder ob es so et-
was wie einen Anfang und ein Ende gibt, oder ob überhaupt eine Begrenzung existiert.
Unendlichkeit ist eine wahrhaft eindrucksvolle Vorstellung. Wenn ich über das Unendli-
che meditiere, dämmert mir eine letzte Wahrheit: Menschliches Leben ist der höchste
Preis, den das Universum zu vergeben hat. Da ich dieses Geschenk des Lebens empfan-
gen habe, werde ich es nicht preisgeben, bis meine Zeit wirklich abgelaufen ist.«

Beobachtungen

Nachdem ich Norman Cousins bei zwei verschiedenen Gelegenheiten interviewt hatte,
wußte ich, daß er über ein bemerkenswertes Maß an Selbstbeherrschung verfügte und
daß seine Integrität über jeden Zweifel erhaben war. Dennoch konnte ich nicht umhin,
mich zu fragen, ob seine Erinnerungen an die Ereignisse während der Krise den tat-
sächlichen Gegebenheiten entsprachen. Schließlich hatte er einen Herzinfarkt mit kon-
gestivem Herzversagen erlitten; der plötzliche Herztod war eine drohende Gefahr, und
bei seinem umfangreichen medizinischen Wissen war er sich dieser Gefahr zweifellos
bewußt.

Die Literatur, die sich mit der Psychologie der Angst befaßt, ist eindeutig in ihren
Aussagen: Die »Kampf-oder-Flucht«-Reaktion (die - abgesehen von einigen anderen
physiologischen Veränderungen - das Herz stark belastet), ist die natürliche mensch-
liche Reaktion auf Bedrohung und Gefahr. Drei Ärzte bestätigten, daß Cousins völlig
anders reagierte als die meisten Menschen, die sich auf dem Höhepunkt einer lebens-
bedrohenden gesundheitlichen Krise befinden: Er blieb ruhig und schaffte es sogar, die
Situation selbst im Griff zu behalten. Omar Fareed schildert das:

»Man stelle sich folgende Szene in der Notaufnahme des UCLA-Krankenhauses vor:
Professor Sherman Mellinkoff, Dekan der medizinischen Fakultät der UCLA, und meh-
rere Spitzenkardiologen der Abteilung erwarten die Ankunft der Ambulanz mit einem
Patienten, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat. Der über Funktelefon durchgege-
bene Bericht der Sanitäter ist alarmierend: Der Patient hustet Blut, ein verhängnisvoller
Hinweis auf kongestives Herzversagen. Die Schwingtüren des Notaufnahmeraums öff-
nen sich; eine fahrbare Trage wird hereingeschoben. Der Patient richtet sich auf, hebt
grüßend die Hand, grinst und sagt: >Meine Herren, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie
es hier mit dem verdammt größten Genesungswunder zu tun haben, das je auf Ihre
Intensivstation gerollt wurde.<«

Cousins erstaunliche Haltung auf dem Höhepunkt der Krise setzte sich während des
Rehabilitationsprozesses fort. Er tat alles, was in seinen Kräften stand, um seine
Überlebenschancen zu erhöhen. Opfer waren dabei natürlich unvermeidlich, aber sein
Bemühen um Genesung bedeutete nie, daß er sein Interesse an einem aktiven und
sinnerfüllten Leben aufgab. Im Gegenteil, das Genießen der guten Dinge des Lebens
war für das Behandlungsprogramm, das er für sich selbst entwarf, von ebenso

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fundamentaler Bedeutung wie Körperübungen und Diät. Sein Vorgehen war unorthodox,
aber nie leichtsinnig. Er wog alle verfügbaren Informationen sorgfältig ab, bevor er eine
wichtige Entscheidung traf. Manche seiner Entscheidungen hätten ihn in gesundheitli-
cher Hinsicht in Gefahr bringen können, denn seine Interpretation der medizinischen
Fakten war nicht das einzige Kriterium für die Entscheidungsfindung. Sein Handeln
mußte mit seinen grundlegenden Wertvorstellungen übereinstimmen. Die Ärzte baten
Cousins, vorsichtiger zu sein, aber selbst wenn sie mit seinen Entscheidungen nicht ein-
verstanden waren, respektierten sie seine Entschlossenheit, der Qualität seines Lebens
Priorität einzuräumen. Als Cousins‘ Kollege David Cameron, ein Kardiologe, erfuhr, daß
Cousins sein anstrengendes Tennistraining wieder aufgenommen hatte, sagte er: »Es
ist wahrscheinlich ebenso gut, daß ich nicht dort bin und es nicht mit ansehen muß,
denn wahrscheinlich würde ich selbst einen Herzinfarkt bekommen, wenn ich sehen
müßte, wie jemand, der vor kurzem ein kongestives Herzversagen hatte, aus Leibes-
kräften über den Tennisplatz rennt.«

Und weiter sagte dieser Arzt: »In Anbetracht der Schwere seines Herzinfarkts könnte
kein Kardiologe sagen, daß er nicht mehr in Gefahr ist, einen weiteren Infarkt oder so-
gar den plötzlichen Herztod zu erleiden. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist,
daß er in allen Bereichen, die für ihn von vitaler Bedeutung sind, hervorragend zurecht-
kommt und daß er aus allem, was ihm möglich ist, das meiste und Beste herausholt.«

Norman Cousins konnte in seiner Krankheit auf weitaus größere persönliche und insti-
tutionelle Ressourcen zurückgreifen als der durchschnittliche Patient. Er verfügte über
ein umfangreiches Wissen in bezug auf den menschlichen Körper im allgemeinen und
auf Herzkrankheiten im besonderen. Sein Vertrauen in die grundlegende Widerstands-
fähigkeit des menschlichen Körpers - eine Überzeugung, die sich bei jeder schweren
Erkrankung als wirksame Gegenwehr erweist -, war Jahre zuvor durch seinen Kampf
gegen die Bechterewsche Krankheit auf die Probe gestellt und durch seinen Erfolg
bestätigt worden. Durch sein berufliches Netzwerk stand er mit einigen weltweit an-
erkannten Herzspezialisten in Verbindung. Diese persönlichen Beziehungen waren die
Garantie für eine hervorragende medizinische Versorgung. Sein Status als prominente
Persönlichkeit und der Respekt, den seine Ärzte ihm entgegenbrachten, ließen ihm die
denkbar größte Freiheit, er selbst zu sein, ohne daß er befürchten mußte, herablassend
behandelt oder lächerlich gemacht zu werden. Ein anderer Patient, der sich kerzenge-
rade aufrichtet und den Ärzten verkündet, er sei »das verdammt größte Genesungs-
wunder«, das sie je erblickt hätten, würde vermutlich als psychotisch bezeichnet. Ein
Arzt führte Cousins Entscheidung, die Bypass-Operation abzulehnen, auf sein »ausge-
prägtes Gefühl für seine körperliche Integrität« zurück; bei einem anderen Patienten
wäre diese Entscheidung vielleicht als massive Realitätsverleugnung abgetan worden.

Obwohl Cousins‘ Hilfsquellen und Erfahrungen alles andere als alltäglich waren, läßt
sich doch etwas für die alltägliche Erfahrung daraus ableiten. Seine gelassene Haltung
und sein Sinn für Humor in einer Situation, in der er um das nackte Überleben kämpf-
te, mögen heroisch erscheinen, aber durch ein wenig Planung kann man die traumati-
sche Wirkung der meisten medizinischen Notfälle mildern. Wenn alle Familienmitglieder
darüber unterrichtet sind, wie eine etablierte Notfallmaßnahme abläuft, und wenn die
wichtigsten Telefonnummern in der Nähe des Telefons bereitliegen, ist die gefährdete
Person durch das Wissen beruhigt, daß für die wichtigsten, lebensnotwendigen Dinge
vorgesorgt ist. Der Gedanke an ein Sauerstoffgerät mag vielen fernliegend erschei-
nen, aber jene, die Gefahr laufen, in eine gesundheitliche Notlage zu kommen,

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die Sauerstoffgaben erfordert, können mit der Hilfe eines Arztes und ein wenig An-
leitung leicht lernen, ein solches Gerät zu bedienen. Und obwohl es zweifellos selten
vorkommt, daß ein Patient sich mit einer Krankheit konfrontiert sieht, über die er vor
Medizinstudenten Vorträge gehalten hat, kann jede Leserin und jeder Leser dieses Bu-
ches sich das medizinische Grundwissen über ihre oder seine Krankheit und die Grund-
prinzipien der Behandlung aneignen.

Aus Cousins‘ Erfahrungen läßt sich sehr viel lernen, aber die Botschaft ist nicht, sein
Verhalten einfach nachzuahmen. Vermutlich war er der erste aus einer wissenschaftli-
chen Tradition hervorgegangene einflußreiche Wortführer, der sagte, daß »jedes Indivi-
duum der Krankheit seinen eigenen Stempel aufdrückt«.

Als Cousins in »Anatomie einer Krankheit« über das Lachen schrieb, ging es ihm um
eine metaphorische Interpretation. Lachen war die Metapher für den therapeutischen
Wert aller positiven Emotionen. Manche Leute nahmen seine Geschichte jedoch wört-
lich und leiteten daraus eine simple Formel ab: Lachen als Patentrezept, das auf jede
denkbare Situation anwendbar ist.

Ein Kollege erzählte mir von einem jungen Mann, der in Therapie kam, weil er emotional
tief verzweifelt und physisch krank war. Er hatte kurz zuvor geheiratet, und seine Frau
war in den ersten Ehewochen plötzlich erkrankt und gestorben. Einige Monate nach
dem Tod seiner Frau beschloß er, daß es an der Zeit sei, seine Trauer zu beenden. Stän-
diges Trauern, sagte er sich, sei Energieverschwendung und nutzloses Selbstmitleid;
er müsse sich wieder dem Leben zuwenden. Nachdem er Norman Cousins‘ »Lach-Kur«
entdeckt hatte, verbrachte er Stunden damit, Witzbücher zu lesen und sich komische
Filme anzuschauen. Genau nach Cousins‘ »Rezept« besorgte er sich Marx-Brothers-Fil-
me und Szenenausschnitte aus Candid Camera. Nach mehreren Monaten »Lach-The-
rapie« entwickelte der junge Mann ein Magengeschwür, schwere Schlafstörungen und
Appetitlosigkeit.

Seine Bemühungen, die eigenen Gefühle in die Richtung zu zwingen, die er für ange-
messen hielt, forderten ihren Tribut. Im Fall dieses Mannes wäre Weinen weitaus wich-
tiger gewesen als Lachen. Er wurde erst wieder gesund, als er den Mut fand, Gefühle
auszudrücken, die zwar sehr leidvoll, aber authentisch waren.

»Anatomie einer Krankheit« war das erste Buch dieser Art, das in medizinischen Fach-
kreisen auf ernsthaftes Interesse stieß und auch eine breite Schicht von Laien erreichte.
Cousins‘ anekdotenhafter Bericht, untermauert von Forschungsergebnissen, die zu die-
sem Zeitpunkt (1979) vorlagen, liefert eindringliche wissenschaftliche Argumente für
den Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Befindlichkeit. Seither wurde
die unbezweifelbare Existenz dieser Verbindung durch Tausende von Nachfolgestudien
bewiesen. Heute beschäftigt die Forschung sich mit dem Ausmaß, in dem diese Zusam-
menhänge wirken, und mit den spezifischen Variablen, die damit verbunden sind.

Eine Forschungsrichtung befaßt sich mit dem Problem der multiplen Persönlichkeits-
spaltung, einer sehr seltenen psychiatrischen Störung. Im Fall der multiplen Persönlich-
keitsspaltung existieren zwei oder mehr klar voneinander geschiedene Persönlichkeiten
innerhalb desselben Individuums, und das Verhalten des oder der von der Störung
Betroffenen kann sich dramatisch verändern, je nachdem, welche der Persönlichkeiten
gerade die Führung übernommen hat. Untersuchungen ergaben, daß ein einziges

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Individuum mit multiplen Persönlichkeiten tatsächlich unterschiedliche physische Cha-
rakteristika aufweisen kann, die der jeweils dominierenden Persönlichkeit zugeordnet
sind. Selbst objektiv meßbare Faktoren wie Hirnwellenmuster oder die Krümmung der
Hornhaut des Auges können sich verändern. In einem Artikel, der in der Zeitschrift
American Journal of Clinical Hypnosis veröffentlicht wurde, schildert Bennett Braun den
Fall eines Patienten, der eine heftige allergische Reaktion auf den Saft von Citrusfrüch-
ten hatte, mit Juckreiz, Bläschenbildung und Hautausschlag, wenn eine seiner Persön-
lichkeiten in den Vordergrund trat, aber keinerlei Reaktion zeigte, wenn eine andere
Persönlichkeit dominierte. In einer zweiten Fallstudie beschreibt Braun eine Frau, die
unter einer schweren Katzenallergie litt, wenn sie von einer ihrer Persönlichkeiten be-
herrscht war. Trat eine andere Persönlichkeit in den Vordergrund, konnte dieselbe Frau
dasitzen und geraume Zeit mit einer Katze spielen, sogar von der Katze gekratzt und
geleckt werden, ohne daß die mindeste allergische Reaktion sichtbar wurde.

Eine weitere Studie der multiplen Persönlichkeitsstörung dokumentiert den Fall einer
Frau, deren Diabetes sehr schwer zu behandeln war. Die Krankheit selbst und der Insu-
linbedarf der Patientin waren einer starken Fluktuation unterworfen, je nachdem, wel-
che ihrer Persönlichkeiten dominierte. In einer dritten Untersuchung wird der Fall eines
Mannes dargestellt, der in einer Persönlichkeit farbenblind war und in der anderen eine
völlig normale Farbenwahrnehmung hatte.

Forschungsergebnisse wie diese bieten zwar keinen eindeutigen Beweis dafür, ob Emo-
tionen den Heilungsprozeß eines bestimmten Individuums beeinflussen können oder
nicht, aber sie bestätigen, wie Cousins Erfahrungen, die Existenz der machtvollen Ver-
bindung zwischen Körper und Geist.

68
JOE GODINSKI

Kreativität ist mein Leben. Wenn ich das in irgendeiner Weise verleugne, töte ich
einen Teil meiner selbst.
JOE GODINSKY

Als man bei Joe Godinski eine besonders bösartige Form von Lungenkrebs feststellte,
sagten die Spezialisten, daß er bald sterben werde. Diese Prognose stützte sich auf
statistische Erkenntnisse, die aus der Beobachtung von Tausenden ähnlicher Fälle ge-
wonnen worden waren. Ein Arzt schrieb über Joes Krankheitsverlauf: »Nachdem wir bei
dem Patienten Lungenkrebs (Haferzellkarzinom) festgestellt hatten, wurde ein Lobus
seines linken Lungenflügels operativ entfernt; er stimmte der Strahlenbehandlung zu,
lehnte die Chemotherapie jedoch ab. Ein Jahr später bildete sich eine Gehirnmetastase,
die durch Bestrahlung behandelt wurde. Als sich hinter seinem rechte Auge ein Tumor
entwickelte, unterzog er sich erneut einer Strahlentherapie. Die Wahrscheinlichkeit,
daß Joe auch nur ein weiteres Jahr lang überleben würde, lag bei 1:1000.«

Seit mehr als zehn Jahren ist bei Joe Godinski keine Spur von Krebs mehr zu finden;
seine vollständige Heilung ist medizinisch nachgewiesen. Sein Arzt erklärte: »Seine
Heilung kann man nur als ein Wunder bezeichnen.«

Joe Godinski und ich hatten ausgemacht, daß wir uns vor dem Washington-Denkmal
treffen würden. Ich hatte mir sein Äußeres nicht beschreiben lassen, aber da wir bei-
de erwartungsvoll dastanden, erkannten wir einander leicht. Aus den medizinischen
Berichten wußte ich, daß er fünfundvierzig war, und in Anbetracht seiner Krankheits-
geschichte rechnete ich mit einem alt aussehenden Fünfundvierzigjährigen. Ich weiß
nicht, ob es sein weicher, elastischer Gang war oder sein faltenloses Gesicht, aber auf
mich wirkte Joe weitaus jünger als ein Mann in den mittleren Jahren. Nachdem wir uns
begrüßt hatten, fragte er mich, ob ich schon gefrühstückt hätte, obwohl es etwa ein
Uhr mittags war. Während wir uns in Bewegung setzten, erklärte Joe, daß sein Auftritt
in der letzten Nacht sich sehr lange hingezogen habe und daß er gerade erst aufgestan-
den sei. Als er mich in ein großes Delikatessengeschäft mit angeschlossener Cafeteria
führte, war ich gespannt, was er bestellen würde. Er war erst die vierte Person, die ich
interviewte, aber in den Gesprächen mit meinen anderen Interviewpartnern hatte ich
bereits einige gemeinsame Muster entdeckt. Das auffälligste war, daß sie alle radikale
Veränderungen vollzogen und unter anderem ihre Ernährung vorwiegend auf »Natur-
kost« umgestellt hatten. Wir gingen zum Tresen, wo Joe sein Frühstück orderte: Eier
mit Schinken, Toast mit Butter und Konfitüre, Kaffee mit zwei Stücken Zucker. Ein wei-
terer Kaffee und ein Schokoladenkeks bildeten das Dessert.

Als ich in dem vollen und sehr lauten Cafe meinen Kassettenrecorder hervorholte und
das Mikrophon auf dem Tisch aufstellte, war ich mir nicht sicher, ob unter diesen Um-
ständen überhaupt ein brauchbares Interview zustande kommen würde. Aber die über-
eifrige Serviererin, der Geräuschpegel im Hintergrund und selbst das junge Paar, das
sich am Nebentisch stritt, waren letztlich nur unwesentliche Ablenkungen.

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Daß ich so völlig gebannt zuhörte, hatte ebensoviel mit Joes Art zu erzählen zu tun wie
mit dem Drama, das sich vor mir entfaltete. Es war eindeutig, daß Joe seine Geschichte
nicht einstudiert hatte. Ich fragte mich tatsächlich, ob er sie je zuvor einem Menschen
vollständig erzählt hatte, denn die meiste Zeit schien er selbst nicht zu wissen, was als
nächstes kommen würde. Aber er war offensichtlich bereit, über sich selbst und das
Kindheitsschicksal, das ihn begleitete, zu sprechen, ohne etwas zu verleugnen oder zu
beschönigen. Joe begann:

»Wenn ich an diese Erfahrung zurückdenke, läuft es mir selbst jetzt noch heiß und kalt
den Rücken herunter. Ich war oben im Haus und spielte Klavier. Meine Mutter saß mit
einer Freundin unten im Wohnzimmer. Plötzlich fing ich aus irgendeinem Grund an zu
lachen. Ich sage Ihnen, dieses Lachen kam direkt aus meinen Eingeweiden, aus dem
tiefsten Inneren, und als ich einmal damit angefangen hatte, konnte ich nicht mehr
aufhören. Ich rollte mich am Boden vor Lachen. Nach einigen Minuten kamen meine
Mutter und ihre Freundin die Treppe heraufgerannt. Sie dachten, mir wäre etwas pas-
siert. Als sie feststellten, daß ich lachte, fanden sie mein Benehmen wahrscheinlich et-
was merkwürdig, aber sie gingen einfach wieder hinunter. Ich lachte und lachte. Es war
eine enorme, wilde, befreiende Lacherfahrung. Ich weiß bis heute nicht, worüber ich
eigentlich lachte, aber mir ging dabei der Gedanke durch den Kopf: >Was ist das alles
für ein grandioser Witz!< Alles. Plötzlich wurde mir klar: Ich bin völlig in Ordnung, so
wie ich bin, - und das war wirklich das erste Mal, daß ich so empfand.

Das ist die Art von Erlebnissen, die bei mir etwas bewirkten, die mich heilten. Ich habe
immer geglaubt, daß bei mir eine Menge nicht in Ordnung war. Das hat man mir als
Kind beigebracht. Manchmal trifft man Leute, die so viel Glück hatten. Man sieht, daß
sie ihr Leben lang geliebt wurden. Sie hörten von klein auf, daß sie großartig sind, und
sie wurden ermutigt, Wagnisse einzugehen und etwas aus sich zu machen. Da sie ge-
liebt wurden, wissen sie, was Liebe ist. Schön ist das. Ich beneide diese Menschen. Ich
wünschte, so wäre es bei mir auch gewesen, aber es war nicht so.

Ich glaube nicht, daß ich wirklich verstehe, was Liebe ist. Intellektuell verstehe ich es
schon, aber ich kenne das Gefühl nicht. Und trotzdem habe ich diese Heilungserfah-
rung, die in einer sehr intimen, persönlichen Weise wirklich viel mit Liebe zu tun hat.
Ich bin von der Liebe also sehr tief berührt worden, aber in einem allgemeinen Sinn.
Ich habe diese höchste Gefühlsintensität in der Beziehung zu einem einzelnen anderen
Menschen nie kennengelernt. Ich meine, ich liebe die Erde, auf der wir leben, ich liebe
die Menschheit. Ich bin mir nur nicht sicher, was ich für andere Leute empfinde.« Joe
lacht.

»Meine Eltern wurden geschieden, als ich noch ein kleines Kind war. Mein Bruder blieb
bei meinem Vater. Meine Mutter kam mit meiner Schwester und mir hierher nach New
York. Sie hatte keinen Job oder irgend etwas in der Art. Ich war drei Jahre alt, und mei-
ne Schwester war zehn. Wir kamen in ein katholisches Internat, und es war der reinste
Alptraum. Die Nonne, die das Internat leitete, war ein widerliches Biest. Sie liebte es,
anderen Schmerzen zuzufügen und Befehle zu erteilen. Sie verprügelte uns, daß die
Fetzen flogen. Das ist keine Übertreibung.

Als ich sechs war, wurde ich in die Gruppe der »großen Jungen« befördert. In dieser
Zeit wurde es noch schlimmer mit den Mißhandlungen. Ich war sehr rebellisch als Kind.
Ich kriegte das meiste ab, weil ich mich weigerte, klein beizugeben. Aber je mehr ich

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versuchte, mich zur Wehr zu setzen, desto schlimmer verletzte sie mich. Diese Nonne
stieß mich ständig herum und prügelte mir die Seele aus dem Leib und versetzte mir
Tritte, wenn ich am Boden lag. Ihr Lieblingstrick war, hier in die Muskeln zu greifen« —
Joe hob den Unterarm hoch - »ihre Fingernägel hineinzugraben und fest zuzudrücken.
Das war Mißhandlung. Ich wurde wirklich mißhandelt, das können Sie mir glauben!

Ich habe später vier oder fünf andere Leute wiedergetroffen, die als Kinder auch auf
diesem Internat waren. Sie hatten allesamt ihren Schaden davongetragen.

Es war niemand da, der dem ein Ende gemacht hätte. Als Kind hat man einfach Angst.
Ich sagte meiner Mutter nie etwas darüber. Jetzt, als Erwachsener, kann ich sagen,
daß es wirklich lächerlich war, das alles zu verschweigen, aber was weiß man als Kind
schon? Ich glaubte, ich hätte es verdient, daß ich so behandelt wurde. Erwachsene, und
Nonnen insbesondere, würden nicht so auf einem herumprügeln, wenn man es nicht
verdient hätte.« Joe lacht.

»Ich kam zu dem Schluß, daß bei mir etwas falsch ist, daß ich ein öffentliches Ärgernis
bin - alle lassen mich im Stich. Mein Vater ist weggegangen, meine Mutter kommt mich
fast nie besuchen, und ich werde ständig von dieser Nonne verdroschen. Das war die
Wurzel meiner Krebskrankheit.

Ich kam in dieses Internat, als ich etwa vier Jahre alt war, und blieb dort, bis ich sie-
ben oder acht war. Dann kam ich für ein Jahr heraus, aber meine Mutter schickte mich
zurück, weil ich mich schlecht benahm. Sie sagte, ich könne mich zu Haus nicht einord-
nen. Ich glaube, ich war neun, als ich das Internat verließ.

So wurde also der Rahmen geschaffen, in dem mein weiteres Leben verlief. Ich glaubte
all das Zeug über mich, was man mir eingetrichtert hatte, und viele, viele Jahre lang
konnte ich mich selbst nicht ausstehen. So, wie ich aufgewachsen war, haßte ich alles
und jeden.

In all diesen Jahren speichert der Körper die negativen Botschaften, die man eingeso-
gen hat, und der Körper läßt nicht ohne weiteres wieder los. Ich meine, man muß ein
Übermensch sein, um dieses Zeug loszuwerden, sich völlig davon zu befreien. Es ist
eine so monumentale Aufgabe, daß vielleicht einer unter zwölf Millionen es schaffen
kann. Therapie ist eine Möglichkeit, aber oft scheint sie so wenig zu bewirken.

Selbst jetzt habe ich noch eine Menge Arbeit zu leisten. Ich bin immer noch nicht bereit,
anderen Menschen mit wirklicher Offenheit zu begegnen. Ich bin geheilt, aber ich bin
kein Guru. Ich habe Angst. Ich bin unruhig. Letzten Endes weiß ich, daß es sich lohnt,
aber es ist ein verdammt hartes Stück Arbeit, sich zu verändern, wirklich.«

Joe hatte sein Frühstück beendet und fragte mich: »Stört es Sie, wenn ich rauche?« Ich
lachte, weil ich glaubte, das sollte ein Witz über die jungen Leute am Nebentisch sein,
die beide nach dem Essen rauchten. Da er aber weiterhin auf meine Antwort wartete,
wurde mir klar, daß er es ernst meinte. Ich gab meiner Verwunderung Ausdruck. Joe
erklärte:

»Mein Krebs war nicht durch äußere Einflüsse bedingt. Rauchen hatte nichts damit zu
tun, daß ich Krebs bekam; die Ursachen waren seelischer Art. Wenn äußere Einflüsse

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zu meiner Krankheit geführt hätten, wäre die Lösung völlig anders gewesen. Es gibt
gewisse Dinge, die ich in Angriff nehmen muß. Das Rauchen gehört sicherlich dazu.
Andere Leute, von denen ich hörte, haben durch ihre Krankheit mehr Sensibilität für
ihren Körper entwickelt, aber bei mir war das nicht der Fall. Ich habe wirklich überhaupt
nichts getan. Keine Diät, keine Körperübungen. Ich kaue mein Essen gründlicher, das
ist wirklich der einzige Unterschied. Ich esse langsamer und kaue besser. Aber ich halte
keine besondere Diät. Wie Sie sehen, könnte ich ein paar Kilo weniger haben, aber ich
esse wahnsinnig gern. Meine Mutter ist eine phantastische Köchin. Es ist wundervoll.
Ich liebe gutes Essen.

Als ich klein war, habe ich meinen Vater einmal besucht; ich muß sieben oder acht ge-
wesen sein. Danach sah ich ihn sehr lange nicht. Später, als ich studierte, war ich in
den Semesterferien oft bei ihm. Ich half ihm im Geschäft. Aber das waren keine sehr
angenehmen Zeiten. Er hatte viel Sinn für Humor, aber mit seinen Kindern konnte er
wirklich nicht umgehen.

Mein Bruder hatte es nicht sehr gut bei meinem Vater. Er hatte immer wieder furchtbare
Schwierigkeiten mit ihm. Mein Bruder und ich konnten früher nie miteinander reden;
jetzt plötzlich, nach meiner Krankheit, sind wir uns sehr nahe gekommen.

Wir sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ich könnte Ihnen erzählen, was er
macht, vielleicht sagt Ihnen das etwas: Er war achtzehn Jahre lang beim Militär. Er weiß
nicht, wer ich bin und was ich will. Er ist nicht künstlerisch begabt oder sensibel für
solche Dinge. Aber er ist ein großzügiger und warmherziger Mensch.

In meiner Familie scheine ich der einzige zu sein, der künstlerische Ambitionen und
Sinn für Ästhetik hat und der sich Fragen über das Leben stellt. Es war niemand da,
kein Onkel oder Cousin, mit dem ich hätte reden können. Oder wenn es sie gab, haben
sie sich zweifellos gut versteckt gehalten.

In meiner Kindheit fühlte ich mich immer von allen anderen isoliert. Weil mich alles so
tief berührte und weil ich geschlagen und seelisch mißhandelt wurde, konnte ich kei-
ne innere Stabilität entwickeln und war unfähig, mit anderen in Kontakt zu treten. Ich
konnte mein Anderssein nicht annehmen, meine Kreativität, mein Interesse an Musik
und Malerei nicht genießen. Ich litt darunter. Ich haßte es, anders zu sein. Mein ganzes
Leben lang, bis ich Krebs bekam, habe ich gegen dieses Anderssein angekämpft.

In meiner Kindheit, als ich mich durchkämpfen mußte, und sogar noch als Erwachsener
war ich in meiner Musik nie diszipliniert. Ich wollte spielen, sabotierte mich aber immer
selbst. Ich nahm ein Jahr Klavierunterricht, gab es dann für zwei Jahre auf, übte wieder
ein halbes Jahr und hörte wieder ein Jahr auf. Ich war nie konsequent.

Seit drei Jahren übe ich jeden Tag. Es macht mir Spaß, also bleibe ich dran. Ich ziehe
jetzt wesentlich mehr Befriedigung aus dem Spielen als früher. Ich liebe Musik. Das ist
es, was mich trägt. Bevor ich krank wurde, war ich mir nicht darüber im klaren, wel-
che ungeheure Bedeutung Kreativität für mich hat. Aber jetzt weiß ich, daß Kreativität
mein Leben ist. Wenn ich das in irgendeiner Weise verleugne, töte ich einen Teil meiner
selbst. Meine Bereitschaft, mich darauf einzulassen und sie zu nutzen, spielte für den
Heilungsprozeß wahrscheinlich eine wesentliche Rolle. Es hilft mir immer noch.

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Mit zweiunddreißig, nach vielen, vielen Gelegenheitsjobs und dem Militärdienst, ver-
suchte ich, ernsthaft mit meiner Musik voranzukommen. Ich verließ New York und
ging nach Valencia in Kalifornien. Ich wollte an der Disney School elektronische Mu-
sik studieren. Um das Studium zu finanzieren, beantragte ich die Auszahlung meiner
Sozialversicherungsbeiträge aus der Militärzeit. Ich hatte Anspruch auf mehrere tau-
send Dollar. Aber aus irgendeinem Grund bekam ich das Geld nie, also blieb ich nur
durch das Wohlwollen eines Professors an der Musikhochschule. Andere Studenten be-
schwerten sich, als sie erfuhren, daß ich gratis studierte. Ich mußte gehen.

Nachdem ich die Hochschule verlassen hatte, mußte ich meinen Lebensunterhalt ver-
dienen. Also verkaufte ich Enzyklopädien. Im ersten Jahr ging es ganz gut, im zweiten
und dritten Jahr wurde es immer schlechter. Ich meine, von Haustür zu Haustür zu
gehen und Enzyklopädien zu verkaufen ist nicht meine Sache. Es ist hart, sich in Kali-
fornien auf diese Art über Wasser zu halten, und nicht nur dort - es ist überall schwer.
Während dieser Zeit rauchte ich eine Menge Marihuana.

Als ich damit anfing, konnte ich gar nicht fassen, daß das Leben so ganz anders ausse-
hen konnte. Es war eine unglaublich aufregende Erfahrung - so befreiend! Was machte
ich also in den nächsten sieben Jahren? Ich kiffte jeden Tag. Das ist typisch für mich,
ich habe eine ausgeprägte Suchtstruktur. Ich staune selbst, daß ich nie versucht habe,
mich umzubringen. Aber wenn ich Gras geraucht hatte, war es absolut toll; ich spielte
Klavier, konnte alles spielen, was ich wollte, und fühlte mich gut dabei. Es war eine sehr
heilsame Erfahrung; ich konnte mich in vielen Bereichen wirklich öffnen. Leider über-
spannte ich den Bogen, wie mit vielen Dingen dieser Art. Wenn ich es ein paar Monate
oder sogar zwei oder drei Jahre betrieben hätte, wäre es gut gewesen, aber ich konnte
nicht damit aufhören und trieb es wirklich zu weit.

Ich wurde depressiv und konnte nicht mehr losgehen und Bücher verkaufen. Ich war
nicht mehr fähig, wieder an eine Tür zu gehen, anzuklopfen, guten Tag zu sagen und
auf die Leute einzureden. Ich konnte es einfach nicht mehr. Also verdiente ich kein Geld
mehr. Ich verlor mein Auto - gepfändet. Ich verlor mein Klavier, mein Aufnahmegerät,
Teile meiner musikalischen Ausrüstung - gepfändet.

Es ging rapide bergab. Ich machte keine Musik mehr. Ich war extrem einsam und hatte
große Schwierigkeiten, irgendwelche freundschaftlichen Kontakte zu knüpfen. Ich war
die ganze Zeit allein.

Ich hustete viel und fühlte mich hundeelend. Ich glaubte, ich hätte Tuberkulose; meine
Lunge war nicht in Ordnung, und ich hustete Blut. Ich dachte immer öfter an den Tod
und konnte mich gar nicht mehr von dieser Vorstellung lösen. Ich hatte Angst. Es war
die finsterste Zeit meines Lebens. Nichts klappte. Ich war todunglücklich. Ich entschloß
mich, nach New York zurückzugehen.

Zu Haus suchte ich einen Arzt auf und ließ einen Monat lang alle möglichen Untersu-
chungen über mich ergehen. Es waren unglaublich schmerzhafte Prozeduren.

Ich war im Krankenhaus. Sie hatten meinen Brustkorb geöffnet, um zu sehen, ob sie
irgend etwas finden. Meine Mutter war im Zimmer, als der Arzt hereinkam. Er sagte mir,
daß sie einen Teil meiner Lunge entfernt hätten. Er erklärte die Einzelheiten und sagte,
daß ich Strahlenbehandlung brauchte. Dann teilte er mir die Prognose mit: Er sagte,

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ich hätte noch etwa fünf Jahre zu leben. Ich kämpfte mit den Tränen. Ich hatte furchtba-
re Angst um mein Leben und fragte mich, warum mir das passieren mußte. Wie konnte
das geschehen? Es waren viele widersprüchliche Gefühle, die auf mich einstürzten. Ich
fing an zu weinen, und ich weiß noch, daß ich mich deswegen sehr schämte. Als der
Arzt gegangen war, sagten meine Eltern mir, daß er schon vorher mit ihnen gesprochen
hätte. Der Arzt hatte ihnen gesagt, ich hätte nur noch ein halbes Jahr zu leben.

Zuerst, als die Ärzte mir sagten, daß ich bald sterben würde, wehrte ich mich nicht
dagegen. Ich weinte viel. Ich ging durch die »Warum ich?« und »O Gott, das darf doch
nicht wahr sein«-Phase. Ich erholte mich aber ziemlich schnell von der anfänglichen
Depression. Obwohl die Krankheit gerade erst begann, erlebte ich einen magischen
Sommer. Ich war meistens allein; es war sehr friedlich. Ich meditierte viel. Ich saß ein-
fach da und lauschte. Ich mag das, still dasitzen und auf die Töne und Geräusche der
Umgebung horchen. Es war in einem Haus auf dem Land, das meiner Mutter und mei-
nem Stiefvater gehört, - ein sehr schönes Haus. Die Landschaft war wundervoll, üppige
grüne Wiesen und Bäume und wunderschöne Blumen.

Bald nach meiner Ankunft dort hatte ich ein erstaunliches Meditationserlebnis. Ich me-
ditierte erst seit einigen Monaten. Es war spät abends; meine Eltern waren schon schla-
fen gegangen, aber ich war noch nicht müde. Ich entschloß mich, noch einmal in die
Meditation hineinzugehen, bevor ich mich schlafen legte. Nach zwei oder drei Minuten
hatte ich eine unglaubliche körperliche Empfindung: ein intensives Glücksgefühl. Ich
hatte das nie zuvor in meinem Leben erfahren, und es dauerte vielleicht eine Se-
kunde, aber es erschien mir sehr viel länger. Ich war so erfüllt davon, und es war so
intensiv -von einer fast sexuellen Intensität -; es war einfach überwältigend. Vielleicht
war das der Augenblick, in dem die Heilung geschah.

Aber ich bin skeptisch, was >plötzliche Heilungen< angeht, ich meine solche Augen-
blicke der Einsicht, von denen man glaubt, daß sie einen für immer verändern. Sie tun
es nicht wirklich. Aber ich nehme an, daß sie auf lange Sicht akkumulieren. Vielleicht
ernte ich die Früchte, wenn ich neunzig bin.

In diesem Sommer bekam ich viel Unterstützung von meiner Familie, von meiner Mut-
ter, meinem Stiefvater und meinen Cousins. Meine Familie ist merkwürdig, aber als ich
sie brauchte, waren sie da. Durch meine Krankheit kriegte ich eine Menge Streichelein-
heiten. Es war das erste Mal, soweit ich mich erinnern kann, daß sie mich unterstütz-
ten. Es gab einen Swimmingpool hinter dem Haus; meine Cousins kamen jeden Tag,
und wir gingen schwimmen.

Etwa um diese Zeit nahm der holistische Arzt, bei dem ich in Behandlung war, ein Ton-
band für mich auf. Es hatte eine ungeheure Wirkung auf mich. Liebe und Vergebung
waren die zentralen Themen, und die Musik ging mir unglaublich nahe, was bei mir
natürlich nicht allzu schwer zu erreichen ist. Ich fing an zu weinen, und ich weinte und
weinte, - einen ganzen Monat lang. Ich war so dünnhäutig in diesem Monat, ich weinte
bei jedem Anlaß.

Etwa eine Woche nachdem er mir das Tonband gegeben hatte, war mir nachts sehr kalt,
und ich zitterte, zitterte am ganzen Körper vor Kälte und Nervosität. Ich konnte einfach
nicht warm werden.

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Schließlich weckte ich meine Eltern. Mein Stiefvater, zu dem ich nicht immer die beste
Beziehung hatte - und er auch nicht zu mir -, kam in Unterhosen in mein Zimmer. Er
setzte sich zu mir aufs Bett, sagte kein Wort und legte seinen Arm um mich, und ich
fing an zu weinen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Drei geschlagene Stunden
lang weinte ich ununterbrochen. Meine Mutter war natürlich fassungslos. Sie saß auf
der anderen Seite des Bettes. Ich glaube nicht, daß sie wirklich verstand, was da vor
sich ging, und sie konnte auch nicht damit umgehen, aber Roy konnte es. Was er in
dieser Nacht für mich tat, hätte ich nie von ihm erwartet. Er ist sonst ein sehr schroffer
Mensch. Er hat viel Gefühl, aber er zeigt es nicht. Er saß einfach da, sagte kein Wort
und hielt mich im Arm, und dann wurde mir allmählich warm, und alles war in Ordnung.
Es war eine wirklich heilende Erfahrung für mich - für uns beide. Danach waren wir
nicht mehr dieselben Menschen wie zuvor. Wir waren uns viel näher, viel stärker bereit,
einander etwas zu geben.

Es sind diese Erfahrungen, die mich heilen, diese emotionalen Erlebnisse, bei denen
ich alles herauslassen kann. Seit ich Kind war, habe ich alles in mir aufgestaut, und ich
meine, Krebs ist wirklich die Selbstzerstörung des Körpers. Und das ist es genau, was
passiert - es ist selbstzerstörerisch, wenn man den ganzen Mist in sich behält; man
muß es herauskommen lassen.

Aber wie ich schon sagte, etwa einen Monat lang weinte ich ständig, bei der geringsten
Kleinigkeit. Ich wußte nie, daß ich so viele Tränen in mir hatte. So wie in dem Song,
wissen Sie ->Cry me a River<.

Ich las viel. Ein Freund lieh mir >Seth Speaks< (Gespräch mit Seth). Das Buch gab
meinem Denken eine völlig andere Richtung. Ich fing an, mich mit dem Gedanken zu
beschäftigen, daß ich in irgendeiner Weise für meine Gesundheit verantwortlich bin. So
hatte ich die Dinge nie gesehen. Als ich über mich nachdachte, fing ich an zu begreifen,
welche Rolle ich dabei wahrscheinlich gespielt hatte.

Ich machte mir Gedanken über die Ursachen der Krebserkrankung. Es gab da gewisse
Dinge, die mein Vater und ich gemeinsam hatten, in emotionaler Hinsicht, die weder
für ihn noch für mich sehr gut waren. Er starb an derselben Art von Krebs, die ich dann
auch bekam. Ich weiß, es hört sich kindisch an, aber vielleicht war der Krebs meine Art
zu sagen: >Daddy, schau, ich habe dieselbe Krankheit bekommen wie du. Vielleicht
wirst du mich jetzt lieben?< Ein Denken in der Art von >New Age<, wissen Sie? Ich
weiß nicht, ob etwas daran ist, aber es ist eine Möglichkeit.

Na ja, jedenfalls wurde während dieser Zeit der obere linke Lappen meiner Lunge ent-
fernt, und ich bekam Strahlenbehandlung. Danach schien die Lunge ok zu sein. Nach
dieser ersten Serie von Strahlenbehandlungen rieten die Ärzte mir zu Chemotherapie.
Ich konnte mir nicht mal den Namen des verdammten Medikaments merken.

Methotrexate ist jetzt ein bekanntes Mittel, das überall eingesetzt wird, aber damals
war es noch in der Erprobungsphase. Das wenige, was ich darüber wußte, machte mir
angst. Ich erfuhr, daß es Leberschäden und Nierenschäden und alles mögliche andere
hervorrufen konnte. Als ich dalag und das Zeug in mich hineingepumpt wurde, graute
mir davor. Ich sagte zu dem Arzt: >Ich will keine Leber- oder Nierenschäden. Ich kann
es einfach nicht mehr mitmachen.< Also stieg ich nach vierundzwanzig Stunden aus
und weigerte mich, die Chemotherapie fortzusetzen. Diese Entscheidung mußte ich

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selbst treffen; es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich selbst die Verantwortung
für meine Gesundheit übernahm.

Als das alles anfing, war ich in medizinischer Hinsicht sehr naiv. Ich meine, ich kann
mich nicht erinnern, daß ich vorher jemals in ärztlicher Behandlung war. Also verstand
ich nicht wirklich, wie das medizinische Establishment funktioniert. Nach drei Jahren
lernte ich es.

Ich kam auf eine sehr einfache Sache. Es hört sich vielleicht komisch an, aber es ist
ganz simpel: Ärzte sind Menschen. Wir statten sie in unserer Phantasie mit soviel Macht
und magischen Kräften aus. Wir geben uns in ihre Hände und vertrauen darauf, daß sie
uns heilen. Und wenn sie es nicht tun, müssen wir selbst entscheiden, wieviel Macht wir
ihnen geben wollen.

Ich war im VA-Krankenhaus. Es ist eine Ausbildungseinrichtung, und das bedeutet, daß
junge Ärzte direkt nach dem Abschluß ihres Studiums dort eingesetzt werden, um Er-
fahrungen zu sammeln. Sie kommen und gehen alle drei Monate. Es gibt keine Möglich-
keit, sich jemanden herauszupicken und zu fragen: >Wie schätzen Sie meine Situation
ein?< Man kriegt niemanden richtig zu fassen. Die Beziehungen zu den Ärzten und dem
medizinischen Personal hatten emotional keine heilende Wirkung. Es sind einfach zu
viele Patienten da. Ich meine, lieber Himmel, die Krankenhäuser sind total überfüllt. So
ist es nun mal in unserem Gesundheitssystem. Die Ärzte glauben, daß sie sich selbst
schützen müssen: >Man darf sich nicht zu sehr engagieren. Man kann sich nicht völlig
verausgaben.<

Der Krebs dehnte sich auf mein Gehirn aus, was bei Männern, die Lungenkrebs haben,
häufig vorkommt, - vorausgesetzt, sie leben lange genug. Die Ärzte entschlossen sich,
wieder mit Strahlentherapie heranzugehen, - eine ziemlich starke Dosis. Dahinter stand
die Vorstellung: Man kann ohnehin nicht erwarten, daß er überlebt, und beim letzten
Mal hat er es gut verkraftet, also geben wir ihm eine ordentliche Ladung!

Als ich dann ein Jahr später den Tumor hinter dem Auge bekam, sagte ich mir: >Das ist
einfach absurd. Das kann doch nicht mein Leben sein, einmal im Jahr Krebs zu kriegen.
Mir reicht‘s, Schluß mit dem Mist!<

Ich dachte an die Ordnung des Universums und sagte mir, daß ein Sinn in den Dingen
liegt, daß es Gesetzmäßigkeiten gibt, ein gewisses Maß an Stabilität. Als ich also Krebs
hatte und hörte, wie schlimm es um mich stand, ergab es für mich einfach keinen Sinn,
daß ich mein Leben lang gelitten haben sollte, um dann einfach zu sterben. Es ergab
überhaupt keinen Sinn. Also sagte ich mir: >Das ist völlig absurd, das mache ich nicht
mit! Ich werde jetzt gesund!<

Ich dachte ernsthaft daran, nach Mexico zu gehen, um an Laetril heranzukommen. Ein
Freund hatte mir Tonbänder mit Entspannungs- und Visualisierungsübungen von den
Simontons gegeben. Ich mußte mich entscheiden. Aus irgendeinem Grund wählte ich
die Simontons. Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Ich nahm den Amtrak nach Fort Worth. Die Bahnfahrt war einfach toll. Ich lernte ein
paar Typen kennen, und wir freundeten uns schnell an. Sie waren auf dem Weg nach
Las Vegas, sie wollten ein bißchen spielen. Es war phantastisch. Wir redeten die ganze

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Zeit und spielten Karten. Es war ein Riesenspaß. Jetzt ist mir klar, daß wir alle Glücks-
spieler waren, - nur für mich ging es um ganz andere Einsätze.

Die Simontons waren wundervoll zu mir. Es war eine sehr liebevolle Umgebung; sie
gaben mir ein enormes Maß an Unterstützung und Bestätigung. Zu Menschen in Bezie-
hung zu treten war eins meiner größten Probleme - und ist es vermutlich immer noch.
Die Welt und die Menschen machten mir buchstäblich Todesangst. Also blieb ich immer
allein. Ich war einsam.

Ich leistete ein schweres Stück Arbeit dort in Texas. Gruppentherapie war eine der
Grundlagen des Behandlungsprogramms. Ich konnte sagen, was ich wollte und worum
es mir ging, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben. Zuerst verunsicherte mich das
sehr, aber schließlich tat ich es doch. Ich hatte immer geglaubt, ich wäre einfach ein
Sonderling, aber dann stellte ich fest, daß es auch noch andere Leute gab, die sich ge-
nauso fühlten wie ich. Ich hielt mich auch nicht mehr für total bescheuert oder einfach
ein Arschloch. Jetzt kann ich mich sehr viel besser annehmen als früher und fühle mich
stärker.

Einer meiner Mitpatienten, ein Mann von Ende Vierzig oder Anfang Fünfzig, erzählte von
seinen leidvollen und schwierigen Erfahrungen mit seiner Mutter. Ich hatte das Gefühl,
daß er es nicht schaffen würde. Er konnte sich aus seinem Haß und seiner Wut auf sie
einfach nicht lösen. Für mich war es lehrreich, weil ich meiner Mutter gegenüber so vie-
le negative Gefühle hatte. Es half mir, meinen Frieden mit ihr zu machen. Sie ist ihren
Weg gegangen, ich bin meinen Weg gegangen. Sie versteht mich nicht, ich verstehe
sie nicht, aber das ist ok. Ich sah, daß sie ihre eigenen Probleme hatte; die Art, wie sie
mich behandelte, hatte mit mir als Person nichts zu tun. Es war nicht ihre Absicht, mich
zu verletzen. Sie konnte es einfach nicht besser machen.

Bei den Simontons lernte ich die Technik der aktiven Imagination. Das Bild, das ich
benutzte, waren schwarze und weiße Punkte - nicht sehr phantasievoll, nicht sehr far-
benfreudig, aber damit arbeitete ich. Ich visualisierte mein Auge, denn das war die
Stelle, wo der Tumor saß. Ich konnte eine Menge schwarzer Punkte sehen, das waren
die Krebszellen, und sie waren von weißen Punkten umgeben, den Immunzellen, und
ich sah, wie sie die Krebszellen überwältigten, töteten und durch den Blutkreislauf aus
dem Körper herausspülten. Es ist ein sehr natürlicher Prozeß, sehr einfach.

Mir wurde auch durch die anderen Krebspatienten etwas Interessantes klar. Es gibt
offenbar einen gemeinsamen Nenner bei Krebskranken: Sie tun nicht das, was sie um
ihrer selbst willen eigentlich tun müßten. Sie tun Dinge für Geld oder für andere Leute,
aber sie machen nicht das, was sie wirklich wollen. Ich glaube, daß Leute gesund wer-
den, weil sie schließlich anfangen, das zu tun, was für sie selbst richtig ist - und nicht
was sie nach der Meinung anderer Leute tun sollten oder was Mami oder Papi von ihnen
wollten.

Aber wenn man sich selbst nicht so toll findet und das Leben nicht so toll findet, dann
schiebt man dieses Eigentliche, was man wirklich tun will, immer wieder vor sich her.

Für die Art von Arbeit, die ich früher machte, konnte ich nie Energie aufbringen; ich
langweilte mich zu Tode. Ich hatte nicht dieselbe Arbeitsethik wie mein Stiefvater, und
er haßte mich dafür. Leider hat er nicht mehr erfahren, daß ich den ganzen Tag mit

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ungeheurer Intensität arbeiten kann, wenn es um meine Musik und meine anderen
künstlerischen Aktivitäten geht. Ich liebe diese Arbeit, und deshalb bin ich mit Leib und
Seele dabei. Sie erfüllt mich mit Stolz und Befriedigung.

Nach der Stechuhr zu arbeiten oder Enzyklopädien zu verkaufen ist der Tod für mich.
Andere können es und machen sich nichts daraus, aber für mich ist es tödlich.

Das Simonton-Programm war ein großartiges Experiment für mich. Es war wirklich der
Wendepunkt. Aber wenn ich darauf zurückblicke, denke ich, daß es bei der Heilung vor
allem auf den Glauben ankommt. Ob man ein Jahr lang Makrobiotik betreibt oder Kör-
ner ißt, oder zu den Simontons geht, — es läuft im wesentlichen immer auf das gleiche
hinaus: Alles, was erforderlich ist, ist der Glaube, daß es funktioniert, und dann wird
es auch funktionieren. Du kannst zu den Simontons gehen, und wenn du nicht daran
glaubst, nützt es überhaupt nichts. Wenn du dann zurückkommst und dich mit voller
Überzeugung der Makrobiotik zuwendest, bis du vielleicht plötzlich geheilt.

Ich danke Gott für den Krebs. Wenn ich die Krankheit nicht bekommen hätte, wäre ich
jetzt wahrscheinlich tot. Ich war so völlig verschlossen - es war eine enorm wichtige
Lektion, die ich lernen mußte. In mancher Hinsicht finde ich sogar, ich hatte großes
Glück, daß es mir passierte. Ich glaube, ich bin dadurch aufgewacht. Die Krankheit hat
mir gezeigt, wie verletzlich ich als Mensch bin, wie verletzlich wir alle sind. Das Gefühl
der Verletzlichkeit ist ein motivierender Faktor, denn es gibt bestimmte Dinge, die ich
erreichen möchte, und wenn ich morgen sterben muß, komme ich nicht mehr dazu.

Als ich jünger war, glaubte ich immer, ich hätte unendlich viel Zeit zur Verfügung. Viel-
leicht habe ich noch viel Zeit - vielleicht auch nicht. Niemand kann das für sich voraus-
sagen. Ich denke, es ist gut für mich, so zu handeln, als ob meine Zeit begrenzt ist. Wir
haben immer nur den nächsten Augenblick. Was haben wir sonst wirklich?«

Im Lauf der nächsten fünf Jahre hörte ich mir die Bandaufnahme dieses ersten Inter-
views mit Joe sehr oft an und hatte das Gefühl, ihn immer besser kennenzulernen.
Tatsächlich hatten wir in diesen Jahren keinerlei persönlichen Kontakt. Als ich Joe an-
rief und ihn um ein zweites Interview bat, hoffte ich, wir könnten unser Gespräch te-
lefonisch führen, denn wir waren zu diesem Zeitpunkt nahezu fünfhundert Kilometer
voneinander entfernt, und ich glaubte damals, das Wesentliche seiner Geschichte ver-
standen zu haben. Joe ließ mich wissen, daß er sehr gern bereit sei, mit mir zu reden,
aber persönlich. Am Telefon wollte er über diese Dinge nicht sprechen. Er lud mich in
seine Wohnung ein.

Joe lebte in einem Arbeiter- und Studentenviertel. Er bewohnte das oberste Stockwerk
eines alten dreistöckigen Mietshauses. Er hatte mir gesagt, ich solle von der Straße aus
hochrufen, da die Türklingel nicht funktionierte. Aber als ich ankam, erwartete er mich
an der Haustür.

Die Wohnung war bescheiden und zu sparsam eingerichtet, um unordentlich zu wirken.


Als ich ihm durch sein Schlafzimmer in seinen Arbeitsraum folgte, blieb mir der Mund
offenstehen; der Anblick eines Elefanten hätte mich nicht mehr überraschen können.
Das Haus war baufällig, die Treppe zum dritten Stock war eng und zugig, und das Zim-
mer war winzig. Aber mitten darin stand ein Konzertflügel. Joe lachte, als er meine Re-
aktion sah. Er erzählte, daß er einen Kran gemietet und ein Fenster samt den Rahmen

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herausgenommen hatte, um seinen alten Freund heraufzuholen. Ehe ich das Tonband
anstellte, hatte Joe mir noch etwas zu sagen. Er hatte vor einigen Jahren das Rauchen
aufgegeben. Halsschmerzen und eine schwere Bronchitis hatten ihn drei Wochen lang
am Rauchen gehindert, und nach dieser Entwöhnungsphase hatte er nicht wieder an-
gefangen. »Ich danke Gott für diese Bronchitis«, sagte er, als er seine Geschichte be-
endete.

Das Dominierende in Joes Wohnung waren seine Musikinstrumente und seine Gemälde.
Wir gingen in die Küche und setzten uns an einen Tisch, auf dem sich Kohlezeichnungen
stapelten. Wir kamen leicht ins Gespräch, denn wir hatten bereits ein kleines Stück
gemeinsamer Geschichte.

Ich kämpfte ein bißchen mit mir, aber dann ließ ich mein Interviewprogramm beiseite
und konzentrierte mich auf Joes Musik und Malerei. In dem Augenblick, als ich seine
Wohnung kennenlernte, verstand ich in einer Weise, die mir vorher nicht möglich war,
welche ungeheure Bedeutung Kunst und Ästhetik in seinem Leben hatten. Wenn ich
wirklich wissen wollte, wer Joe war und wie er sich seine Heilung erklärte, hörte ich mir
am besten an, was er über Kreativität zu sagen hatte. Joe begann mit der Schilderung
seines Alltags:

»Ich liebe es wirklich, morgens aufzustehen, mich an den Flügel zu setzen und zu üben.
Es ist wundervoll. Nachmittags gebe ich Unterricht und übe auch noch, wenn mir genug
Zeit bleibt. Seit wir uns zum letztenmal gesehen haben, übe ich jeden Tag, außer in den
Ferien. Und in den Ferien spiele ich auch, wenn ich kann. Seit acht Jahren praktiziere
ich das jetzt. Und ich denke, ich werde es bis an mein Lebensende tun.

Durch meine Heilung bekam ich Zugang zu meinen Gefühlen, und das drückt sich auch
in meiner Musik aus. Oder vielleicht wurde ich auch geheilt, weil ich mich meinen Ge-
fühlen öffnete. Wie habe ich es Ihnen beim letzten Mal erzählt?« Joe lacht: »Ich habe
sehr intensive Gefühle, und sie finden ihren Ausdruck in meiner Musik und in meiner
Malerei. Und das steigert sich immer mehr.

Ich habe einen neuen Klavierlehrer. Mein erster Lehrer war ein Techniker. Er brachte
mir bei, wie man es macht, was man tun und was man lassen muß; diese Grundlagen
brauchte ich. Im sechsten Jahr fing ich an, bei diesem anderen Mann zu studieren, der
von seinen eigenen Gefühlen ausgeht, wenn er lehrt. Ich bin jetzt viel mehr bereit,
meine Gefühle über das Instrument auszudrücken, als ich es vorher war. Es fällt mir
nicht leicht, aber es entwickelt sich allmählich. Man hat mich talentiert genannt, aber
talentiert sind wir alle. Es kommt darauf an, die eigene Form zu finden.

Wenn ich wirklich meine ganz ureigenen Dinge ausdrücke, ist es mir im nachhinein im-
mer peinlich. Sehr sogar. Ich habe das Gefühl, mich vor anderen entblößt zu haben. Ich
halte dann meine Umgebung nicht mehr aus. Ich muß den Raum verlassen.

Wenn ich mein Ego hineinlege, macht es mir nichts aus, dazubleiben und den Applaus
entgegenzunehmen und all diesen Kram. Und wenn ich mit irgendeiner Art von Emo-
tion gespielt habe, wenn ich mein Bestes getan habe, Gefühl hineinzulegen, ist es mir
peinlich. Aber gleichzeitig ist das der Augenblick, in dem Musik wirklich schön wird.
Nichts macht mir soviel Angst, aber andererseits kenne ich auch nichts, was mir mehr

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Befriedigung gibt. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als zu spielen - nichts. Nur
darum geht es. In solchen Augenblicken sehe ich mich zum ersten Mal in meinem Le-
ben vor mir selbst enthüllt, wie ich wirklich bin. Dabei fällt mir ein Konzert von Keith
Jarrett in der Symphony Hall ein, das ich miterlebte. Er spielte zum Schluß als Zugabe
ein Stück, das mich zu Tränen rührte. Ich hatte nie etwas so Schönes, so Sensibles, so
Lebendiges gehört. Es war ein absolut unglaubliches Erlebnis. Ob er in dem Augenblick
so empfunden hat, weiß ich nicht, und es ist auch nicht wirklich wichtig. Aber ich nehme
an, daß es so war. Man kann diese Art von Intensität nicht empfinden, wenn der Spie-
lende sie nicht aussendet.

Das ist die höchste und unmittelbarste Form der Kommunikation, die überhaupt denk-
bar ist. Sie ist sehr schwer zu erreichen, und nicht jedes Stück war so. Ich glaube, das
ist auch gar nicht möglich.

Es gibt nichts Schöneres als so zu arbeiten, so zu kommunizieren.

Das ist es, worum es beim Menschsein geht. Seit meiner Krankheit bin ich meinem
natürlichen menschlichen Selbst sehr viel näher gekommen. Das Selbst ist voller Krea-
tivität, voller Intelligenz, voller Gefühl und Geistigkeit. Wir alle tragen diese natürliche
Weisheit in uns, aber im Lauf der Zeit wird sie durch soviel Mist überdeckt, daß wir den
Zugang zu ihr verlieren. Wenn wir dieses innere Selbst wiederentdecken, können wir
plötzlich Dinge tun, die uns vorher unmöglich waren. Es geschieht auf ganz natürliche
Weise. Je mehr du dich selbst liebst, desto mehr kommst du mit dem in Berührung, was
du im Grunde deines Wesens bist.

Es wäre eine Schande gewesen, wenn ich an Krebs gestorben wäre, denn ich habe
seit meiner Krankheit soviel dazugelernt. Ich hätte die Chance verpaßt, zumindest ein
Stück weit zu entdecken, wer ich wirklich bin. Was mich angeht, wäre ich froh, wenn
ich nie sterben müßte. Aber ich fühle mich besser mit dem Wissen, daß ich etwas getan
habe, um dem Leben einen Sinn zu entnehmen.

Ich gehe langsam voran und vorsichtig, aber ich bin auf dem Weg.«

Beobachtungen

Joe betrachtet Krebs als die Selbstzerstörung des Körpers. Für ihn war es klar, was er
tun mußte, um zu überleben: Er mußte »den ganzen Mist« loswerden. Er brauchte ein
Ventil für die negativen Gefühle, die ihn vergifteten, und er brauchte ein anderes, bes-
seres Selbstgefühl. Die Brisanz der Situation befreite ihn und zwang ihn, die Metamor-
phose zu beginnen, die seinem Empfinden nach die Voraussetzung für sein Weiterleben
war.

Musik war Joes wichtigstes Ausdrucksmittel, um seine innersten Gefühle mitzuteilen


und nach außen zu bringen, was er in sich aufgestaut hatte. Auf dem Weg des krea-
tiven Ausdrucks konnte er die negativen Gefühle ausstoßen, die an ihm fraßen, und
darüber hinaus Verbindung mit seiner Umwelt aufnehmen. In der Vergangenheit hatte
er immer den Wunsch gehabt, Musik zu machen, hatte aber jeden dauerhaften Erfolg
in irgendeiner Weise selbst sabotiert. Daß er dieser vitalen Kraft nun freien Lauf ließ,

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bedeutete auch, daß er mit sich selbst nicht mehr im Krieg lag. Die Energien, die er
vorher in seinem permanenten Kampf gegen sich selbst verausgabt hatte, konnten nun
in den Heilungsprozeß einfließen.

Joe gab sich auch große Mühe, offener mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Seine
Schilderung des bitteren Moments, in dem er die Diagnose erhielt, zeigt deutlich, wie
sehr er zu diesem Zeitpunkt von seinen Gefühlen abgeschnitten war. Trotz des vernich-
tenden Schocks, den diese Nachricht darstellte, versuchte er, sich zusammenzunehmen,
und schämte sich seiner Tränen. Joe ist mit dem Niveau seiner Beziehungsfähigkeit
immer noch nicht zufrieden, aber die Art, wie er zu anderen in Kontakt tritt, hat sich
entscheidend gewandelt. Tatsächlich zeigt schon seine Bereitschaft, zu enthüllen, wie
verschlossen er früher war, seinen starken Wunsch, sich zu öffnen und mehr von sich
zu zeigen.

Am meisten hat Joe sich in seinem Selbstgefühl verändert. Um seine eigene Metapher
zu gebrauchen: Seit ihm klar wurde, daß er »nicht total bescheuert oder einfach ein
Arschloch« ist, konnte er den »Mist«, den er mit sich herumtrug, loswerden. Er weiß,
daß er noch an sich arbeiten muß, was sein Selbstwertgefühl angeht, aber er ist auf
dem Weg. Er versucht, seine unterschwelligen destruktiven Gefühle der Unzulänglichkeit
durch die intellektuelle Erkenntnis zu überwinden, daß er ein wertvolles menschliches
Wesen ist. Durch die Meditation übt er, sich selbst anzunehmen, ohne Urteile und ohne
Verhaftung an die Bilder der Vergangenheit.

Vor seiner Krebserkrankung hatte Joe wenig Grund, das Leben zu lieben. Er war dep-
ressiv, hatte keine befriedigenden Beziehungen, keine sinnerfüllte Arbeit, keine Ziel-
vorstellungen. Es schien, als könnte es nicht mehr schlimmer kommen, - bis er erfuhr,
daß er Krebs hatte und daß die Ärzte mit seinem baldigen Tod rechneten. Angesichts
dieser Bedrohung wurden alle anderen Ängste gegenstandslos. Er hatte nichts mehr
zu verlieren. Dieses Leben ohne Angst vermittelte ihm ein eigenartiges neues Gefühl
der Freiheit. Die meisten von uns stellen sich vor, daß sie in der Zeit nach einer solchen
Diagnose nur in Angst und Schrecken leben könnten, aber Joe erlebte einen Sommer,
der von Frieden und stillem Zauber erfüllt war.

Eine außergewöhnliche Heilung - oder vielleicht jede Heilung — ist ein kreativer Akt.
Das Kranke transformiert sich zum Gesunden, ein neuer Daseinszustand wird geschaf-
fen. Nach den Worten Pablo Picassos ist »jeder Schöpfungsakt zuallererst ein Akt der
Zerstörung«. Bevor Joe sein neues Selbst erschaffen konnte, mußte sein altes Selbst
zerstört oder zumindest für nicht lebensfähig erklärt werden. Er dankte Gott für die
Krebserkrankung, weil ihm dadurch klar wurde, daß sein Leben verödet war und daß er
auch physisch nur überleben konnte, wenn er sich wandelte.

Bisher entzieht sich die heilende Kraft der Kreativität wissenschaftlicher Meßbarkeit,
aber sie wird durch Erfahrungsberichte und Geschichten über Künstler eindrucksvoll
bestätigt. Norman Cousins berichtet von einem Besuch bei dem greisen Pablo Casals,
der an einer schweren Arthritis litt, die seine Finger anschwellen ließ und seine Hände
verkrümmte. Cousins schreibt:

»Er streckte seine Arme nach vorn und spreizte seine Finger. Seine Wirbelsäule straffte
sich, er stand auf und ging zu seinem Cello. Dann begann er zu spielen. Seine Finger,
Hände und Arme bewegten sich in vollkommener Koordination; sie gehorchten den

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Forderungen seines Geistes nach der kontrollierten Schönheit von Bewegung und
Klang. Jeder dreißig Jahre jüngere Cellist wäre auf eine so außergewöhnliche techni-
sche Beherrschung seines Instruments stolz gewesen. Zweimal an einem Tag hatte ich
dieses Wunder gesehen. Ein Mann von fast neunzig Jahren, mit der Gebrechlichkeit
des hohen Alters behaftet, war in der Lage, zeitweilig zumindest, seine physischen
Gebrechen abzuwerfen, weil er wußte, daß er etwas zu tun hatte, das vorrangige Be-
deutung besaß. Für ihn war nichts Mysteriöses daran, weil es jeden Tag geschah. Pablo
Casals mobilisierte sein körpereigenes Cortison durch seine Kreativität. Es ist zu be-
zweifeln, ob irgendwelche entzündungshemmenden Medikamente, die er hätte nehmen
können, so stark gewirkt hätten oder so unschädlich und sicher gewesen wären wie
die Substanzen, die er selbst durch die Interaktion seines Geistes mit seinem Körper
produzierte ... Er war ganz in seine eigene Kreativität vertieft, gefangen von seinem
Wunsch, ein bestimmtes künstlerisches Ziel zu erreichen, und die Wirkung war authen-
tisch und unübersehbar.«

Das Ziel der Musik, der Kunst, der Heilkunst und des Lebens überhaupt ist es, zu einer
Wahrheit zu finden, die den eigenen Wesenskern zum Mitschwingen bringt. Im krea-
tiven Prozeß erfahren wir, daß wir von dieser Wahrheit erfüllt und umgeben sind. Joe
lernte aus seinen künstlerischen Erfahrungen mit der Jazz-Improvisation, daß es keine
einzig richtige Art, eine Melodie zu spielen, keine von allen gleich wahrgenommene
Realität, keine alleingültige Heilmethode für Krankheiten gibt. Roger von Oech erzählt
in seinem Buch A Whack on the Side of the Head (»Ein Schlag an den Kopf«) eine Sufi-
Geschichte, die diese Erkenntnis illustriert:

Zwei Männer hatten einen Streit. Um die Sache beizulegen, gingen sie zu einem Sufi-
Richter, um seinen Schiedsspruch zu hören. Der Kläger trug seine Beschwerde vor. Er
war sehr eloguent und überzeugend in seiner Beweisführung. Als er geendet hatte,
nickte der Richter zustimmend und sagte: >Ganz recht, ganz recht.<

Als der Beklagte das hörte, sprang er auf und rief: >Einen Augenblick, Herr Richter, Sie
haben meine Seite noch gar nicht gehört!< Also forderte der Richter den Gegner auf,
seine Argumente vorzubringen. Auch er war sehr überzeugend und eloguent. Als er
geendet hatte, sagte der Richter: >Ganz recht, ganz recht.<

Als der Gerichtsdiener das vernahm, sprang er auf und rief: >Aber Herr Richter, Sie
können doch nicht beide recht haben!< Der Richter sah den Gerichtsdiener an und sag-
te: >Ganz recht, ganz recht.«

Joe legte sich nicht einseitig auf die Schulmedizin oder auf »holistische« Ansätze fest,
was seine Behandlung betraf. Er ging nach innen, nahm eine persönliche Einschätzung
vor und kam dann zu einer Entscheidung, welche Form der Behandlung notwendig war.
Chemotherapie erschien ihm nicht richtig, aber die Bestrahlung nahm er in Kauf. Auf
gesunde Ernährung oder Naturkost legte er keinen besonderen Wert, aber Visualisie-
rung und Meditation bedeuteten ihm sehr viel.

Er sagte mit großer Bestimmtheit, daß seine Krebserkrankung nicht durch äußere Ein-
flüsse bedingt war, sondern ihre Wurzeln in seelischen Vorgängen hatte. Angesichts
der Tatsache, daß es keine konkreten Anhaltspunkte für die Richtigkeit seiner Behaup-
tung gab, waren die Entschlossenheit und die Tatkraft, mit der er dieser Überzeugung
gemäß handelte, überaus bemerkenswert. Seine Stärke springt noch mehr ins Auge,

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wenn man sie mit dem Gefühl der Machtlosigkeit vergleicht, das ihn vor seiner Krank-
heit erfüllte. Dazu nur ein Beispiel: Vor seiner Krebserkrankung ging seine depressive
Resignation so weit, daß er nicht fähig war, die Pfändung seiner Musikinstrumente, des
Symbols und Werkzeugs seiner Kreativität, zu verhindern. Aber als er von einer tödli-
chen Krankheit bedroht war, — zu einem Zeitpunkt also, zu dem selbst sehr optimis-
tische Menschen ihre Fähigkeit, ihr Leben umzukrempeln, in Zweifel ziehen -, erklärte
Joe mit absoluter Autorität, daß er genesen werde.

Ob man die Ursachen einer so komplexen Krankheit wie Krebs je mit hundertprozen-
tiger Sicherheit feststellen kann, bleibt eine offene Frage. Aber wie Joe selbst andeu-
tete, war die »Richtigkeit« seiner Einsichten vielleicht weniger bedeutsam als die Kraft
seines Glaubens an sich selbst. Vielleicht schufen seine Überzeugungen ihre eigene
Realität; - eine Realität, in der seine Heilung geschehen konnte.

Eine abschließende Anmerkung zu Joes starken Intuitionen und zu seinem Entschluß,


die Chemotherapie abzusetzen: Es wäre ein Fehler, aus seiner Erfahrung allgemeine
Schlüsse zu ziehen. Joe kam für sich zu der Erkenntnis, daß er aufhören mußte, aber er
würde anderen nicht grundsätzlich raten, dasselbe zu tun. Tatsächlich wurde ihm später
klar, daß insbesondere die harten Strahlendosen zu seinem Besten waren. Gregory A.
Curtis, der Leiter der Abteilung für Krebsbehandlung im National Cancer Institute, nennt
einige zwingende Gründe, bei den medizinisch empfohlenen Behandlungsmethoden zu
bleiben: »In den fünfziger Jahren wurden etwa dreißig Prozent aller Krebserkrankungen
durch chirurgische Eingriffe und Strahlentherapie geheilt. Im Lauf der letzten dreißig
Jahre führten Verbesserungen in der Strahlenbehandlung und die wichtige Erkenntnis,
daß Medikamente (Chemotherapie) bei Krebserkrankungen in fortgeschrittenem Sta-
dium erfolgreich eingesetzt werden können, zu einer Steigerung der Heilungsraten auf
fünfzig Prozent.«

Curtis‘ Aussagen stehen nur scheinbar im Widerspruch zu der Tatsache, daß im Kampf
mit dem Krebs keine wirklichen Fortschritte erzielt worden sind. 1983 wurden in den
USA 855000 neue Krebsfälle registriert, und 440000 Menschen starben an Krebserkran-
kungen. Danach war eine ständige Zunahme der Krebserkrankungen zu verzeichnen;
1988 waren es 985000 Neuerkrankungen und 494000 Todesfälle. Die Fortschritte in
den Behandlungsmethoden konnten mit der wachsenden Zahl der Krebserkrankungen
nicht Schritt halten.

Vor rund zweitausend Jahren postulierte der griechische Arzt Galen, daß depressive oder
melancholische Frauen häufiger als andere an Brustkrebs erkranken. Seither trugen Wis-
senschaftler und praktische Ärzte immer wieder die Auffassung vor, daß zwischen Krebs
und Persönlichkeitstypen eine Verbindung existiert. Obwohl die Charakteristika dieser
Persönlichkeitstypen ziemlich übereinstimmend beschrieben werden, herrscht in der
medizinischen Welt kein allgemeiner Konsensus in der Frage, ob bestimmte Emotionen
bei Menschen zu einer Prädisposition für Krebs führen oder die Heilung beeinflussen.

Die Hypothese, daß zwischen Persönlichkeitstypus und der Entwicklung von Krebs oder
anderen Krankheiten möglicherweise Verbindungen existieren, führt in einen Bereich,
in dem man sich mit großer Vorsicht bewegen muß. Das Potential für Mißbrauch ist
groß. Wenn diese Konzeption dazu führt, daß man Kranken die Schuld an ihrem Zu-
stand zuweist (oder daß Kranke selbst sich schuldig fühlen), stellt das zweifellos eine
überaus destruktive Verzerrung dar. Die Tatsache, daß eine Krebserkrankung bei

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manchen Menschen mit psychischen Faktoren in Zusammenhang steht, muß nicht not-
wendigerweise für jeden individuellen Krebspatienten Implikationen haben. Während
meiner eigenen Arbeit mit Krebspatientinnen und -patienten habe ich viele Menschen
kennengelernt, die keinerlei Merkmale der »typischen Krebspersönlichkeit« zeigten.
Trotz dieser Einwände wäre es kurzsichtig, auf eine Diskussion dieser persönlichen
Variablen zu verzichten, da die allgemeinen Erkenntnisse, die diesem Konzept zugrun-
de liegen, sowohl den Kranken als auch den Gesunden wertvolle Einsichten vermitteln
können.

Auf der Basis seiner langjährigen Arbeit mit Krebspatienten entwickelte Lawrence
LeShan ein allgemeines Profil der Krebspersönlichkeit. An einer seiner Studien, die
er gemeinsam mit einem Kollegen erstellte, nahmen zweihundertfünfzig Krebspati-
entinnen und -patienten als Versuchspersonen teil. Die Wissenschaftler stellten fest,
daß die folgenden Muster bei zweiundsechzig Prozent der Krebspatienten auftraten,
im Vergleich zu nur zehn Prozent bei den Versuchspersonen der Kontrollgruppe. Joes
individuelle Daten stimmen mit den Postulaten der Studie nahezu vollständig überein:

»Im Alter von etwa sieben Jahren ereignet sich ein schweres Trauma, das die Zerstö-
rung des Urvertrauens zur Folge hat. Selbsthaß entwickelt sich.«

Joes Eltern trennen sich. Im Lauf dieser Entwicklung wird Joe auch von seinem Bruder
getrennt. Seine Mutter gibt ihn in ein sehr restriktives konfessionelles Internat, wo er
mißhandelt wird. Joe nimmt an, er sei schlecht und verdiene diese Behandlung.

»Die Beziehung zur Mutter und/oder zum Vater ist distanziert und feindselig. Das Kind
lernt, daß intime persönliche Beziehungen nicht möglich sind.«

Joe sieht seine Mutter selten und seinen Vater praktisch gar nicht. Er hat niemanden,
mit dem er wirklich in Beziehung treten kann.

»Als junge/r Erwachsene/r etabliert die Person eine Objektbeziehung, die einzigartige
Bedeutung annimmt (zu einem Beruf, einer Person, einem Projekt), und wird von dieser
Beziehung emotional stark abhängig.«

Die Musik wird zu Joes Lebensmittelpunkt.

»Verlust dieser Beziehung, begleitet von extremen Depressionszuständen.«

Joe gibt das Musizieren auf; seine Instrumente werden gepfändet. Er sieht keinen Aus-
weg mehr.

Darüber hinaus sind viele Krebsexperten der Meinung, daß Krebspatienten permanent
ihre Emotionen unterdrücken, insbesondere ihre Aggressions- und Wutgefühle. In einer
Studie, die fünfhundert Krebspatienten umfaßte, kam LeShan zu dem Schluß, daß alle
von ihm Befragten ein gemeinsames Merkmal aufwiesen: inadäquate Möglichkeiten,
ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Da der Medizin mindestens hundert verschiedene Arten von Krebs bekannt sind,
stellt sich die Frage: Stimmen die Persönlichkeitsmerkmale einer Person, welche an
Lungenkrebs erkrankt, mit dem Persönlichkeitsprofil von Patienten überein, die an

84
anderen Krebsarten leiden? David Kissen richtete seine Forschung ausschließlich auf
das psychologische Profil von Lungenkrebspatienten aus. Er stellte fest, daß auch sie
in emotionaler Hinsicht verschlossen waren und große Schwierigkeiten hatten, ihre Ge-
fühle auszudrücken.

Ob die genannten Persönlichkeitsmerkmale Menschen für Krebserkrankungen prädis-


ponieren oder ob sie den Heilungsprozeß beeinflussen, ist nicht bekannt. Wenn wir Joes
Heilungsprozeß zu verstehen versuchen, liegt jedoch auf der Hand, daß die Haltungen
und Eigenschaften, die er im Lauf seines Kampfes gegen die Krankheit veränderte,
auch diejenigen sind, die gewöhnlich der Krebspersönlichkeit zugeschrieben werden.
Das Wichtigste ist jedoch, daß Joe einen Weg fand, seine Gefühle und seine Persön-
lichkeit auszudrücken. Der intime Ausdruck von Gefühlen findet gewöhnlich zwischen
zwei Menschen statt, aber Joe schien in seiner Beziehung zur Musik die Erfüllung seiner
Bedürfnisse zu finden. Wenn es um Intimität in einer Beziehung geht, lauten die ent-
scheidenden Fragen: Wagen wir es, einander unsere Verletzlichkeit zu zeigen? Gibt die
Beziehung uns die Möglichkeit, unser wirkliches Selbst auszudrücken? Joe kommt durch
seine Musik in der Tat mit seinem innersten Selbst in Berührung und entdeckt darüber
hinaus Facetten seiner Persönlichkeit, die ihm vorher unbekannt waren: »Ich sehe mich
zum erstenmal in meinem Leben vor mir selbst enthüllt, wie ich wirklich bin.«

Auch wenn Joe keine enge, intime Beziehung mit einem anderen Menschen lebt, gibt
seine Musik ihm die Möglichkeit, zu seiner eigenen inneren Wahrheit zu finden. Und das
ist es, wie Joe uns sagt, worum es beim Menschsein wirklich geht.

Joe suchte Hilfe und erhielt auch wichtige Unterstützung auf seinem Weg. Zu dem Zeit-
punkt, an dem er mit dem größten Engagement um seine Genesung kämpfte, sich aber
auch im schwersten Stadium seiner Krankheit befand, suchte er das Simonton-Center
auf, das seinen Sitz heute in Pacific Palisades in Kalifornien hat. Damals war es eines
der wenigen anerkannten holistisch orientierten Behandlungszentren für Krebserkran-
kungen.

Der Schwerpunkt der Behandlung liegt (wie auch das Buch der Simontons »Wieder
gesund werden« deutlich herausstellt) in der Hilfe zur Selbsthilfe: Den Patienten soll
ermöglicht werden, ihr Selbstbild zu verändern und Zuversicht zu entwickeln, daß es
Heilungschancen gibt. Der offene Ausdruck der eigenen Gefühle wird als wesentliche
Voraussetzung betrachtet. Der Behandlungsansatz der Simontons schließt Beratung,
Meditation, aktive Imagination, Diät und Körpertraining ein. Sie empfehlen ihren Pati-
enten auch, sich Zeit für spielerische Aktivitäten zu nehmen.

Die Simontons führten mit hundertneunundfünfzig Krebspatientinnen und -patienten


im Endstadium, die in ihrer Klinik behandelt wurden, eine Studie durch. Zu dem Zeit-
punkt, als sie ihre Resultate veröffentlichten, waren dreiundsechzig dieser Patienten
am Leben, mit einer durchschnittlichen Überlebensdauer von 24,4 Monaten. Die sechs-
undneunzig Patienten, die gestorben waren, hatten im Durchschnitt 20,3 Monate lang
überlebt. Wenn dieselben Patienten nur mit konventionellen medizinischen Mitteln be-
handelt worden wären, hätte man ihre Überlebensdauer auf zwölf Monate geschätzt.
Das vermutlich erstaunlichste Resultat war jedoch, daß von den Patienten, die noch am
Leben waren, einundfünfzig Prozent dasselbe Niveau von Aktivitäten wieder aufgenom-
men hatten, das vor der Diagnose »Krebs im Endstadium« typisch für sie war. Da das
Behandlungsprogramm sich auf Theorien über die heilende Macht des menschlichen

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Geistes beruft, überrascht es nicht, daß der Simontonsche Ansatz mit beißender Kritik
bedacht wurde. Einige Kritiker sprachen den Forschungsergebnissen der Simontons die
wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ab, mit dem Argument, ihre Patienten seien stärker
motiviert und vermutlich in besserer physischer Verfassung als der durchschnittliche
Patient mit der Diagnose »Krebs im Endstadium«. Da ihre Patienten aus allen Landestei-
len der USA, ja aus allen Erdteilen kämen, seien sie offensichtlich gesund genug, sich
anstrengenden Reisen zu unterziehen. Vermutlich wollen die Kritiker den Begründern
der Einrichtung unehrenhafte Motive unterstellen, wenn sie herausstreichen, daß die
Behandlung exorbitant teuer sei. Mit 3 250 Dollar für den fünfeinhalbtägigen Aufenthalt
von zwei Personen (die Patientin oder der Patient muß von einer helfenden Person be-
gleitet werden) ist das Programm tatsächlich sehr teuer, aber das trifft auf die meisten
Behandlungsformen zu. Das der Harvard-Universität angeschlossene McLean-Kranken-
haus berechnet zum Beispiel 18 000 Dollar für ein fünfwöchiges Behandlungsprogramm
bei stationären psychiatrischen Patienten - ein Tagessatz, der dem des Simonton-Zen-
trums vergleichbar ist. Und die Behandlungskosten beider Einrichtungen belaufen sich
nur auf etwa die Hälfte des Tagespflegesatzes bei stationärer Behandlung in den meis-
ten großen Krankenhäusern in den USA.

Bei den Simontons fand Joe eine liebevolle Umgebung und Unterstützung bei der Ver-
wirklichung seiner tiefsten Sehnsüchte. Um am Leben zu bleiben und zu genesen, muß
man einen Grund zum Leben haben. Rollo May, ein Existentialpsychologe, der selbst
eine lebensbedrohliche Krankheit überwand, glaubt, daß Patienten, die sich intensiv
für etwas oder jemanden engagieren, die besten Heilungschancen haben. May sagt,
leidenschaftliches Interesse, wie Joes Hingabe an seine Musik, kämpft gegen den Tod
an, kämpft immer darum, seine eigene Vitalität zu behaupten, akzeptiert kein »es steht
3:10« oder irgendeine andere Begrenzung des Lebens.

Joe wollte leben, nicht zum geringen Teil, um weiter musizieren zu können. Vielleicht
hat leidenschaftliches Engagement Katalysatorfunktion für den Lebenswillen.

Es ist weise, auf die Stimme des Herzens zu hören. Nur liegt das Problem oft darin,
die Sprache des Herzens auch zu verstehen, besonders wenn es um die Wahl einer Le-
bensaufgabe geht. Viele Menschen wissen nicht, was sie wirklich tun wollen. Jene, die
mit ihrem wahren Lebenswunsch in Berührung kommen, stellen vielleicht fest, daß er
sich nicht ohne einen angsteinflößenden Bewußtseinssprung verwirklichen läßt. Aber
es lohnt sich, die anstrengende Aufgabe anzunehmen, denn alles andere wird nur Un-
zufriedenheit erzeugen. Wie Abraham Maslow, der Vater der Selbstverwirklichungstheo-
rie, uns sagt: »Ein Musiker muß Musik machen, ein Maler muß malen, ein Dichter muß
schreiben, wenn er schließlich Frieden mit sich selbst finden will. Was ein Mensch sein
kann, muß er sein.«

Wissenschaftliche Anmerkungen

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, daß zwischen der Entwicklung von Krebserkran-
kungen und der emotionalen Verfassung von Menschen ein Zusammenhang besteht.
Drei Langzeitstudien sind besonders aufschlußreich:

Ein Forschungsprojekt der John Hopkins Medical School, das 1946 ins Leben gerufen
wurde, befaßte sich ursprünglich mit Herzkrankheiten. Caroline Thomas postulierte,

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daß — da bestimmte physische Voraussetzungen (wie hoher Blutdruck) es erlaubten,
künftige Herzprobleme zu prognostizieren -psychische Faktoren möglicherweise eben-
falls Voraussagewert haben. Um diese Hypothese zu verifizieren, führte sie mit 1337
Studentinnen und Studenten, die zwischen 1948 und 1964 ihr Medizinstudium absol-
vierten, Persönlichkeitstests durch. Als sie um die Mitte der siebziger Jahre das Material
auswertete, fünfundzwanzig Jahre nachdem sie begonnen hatte, den Lebensweg der
Versuchspersonen zu verfolgen, waren die Resultate überraschend und bedeutungsvoll.
Das Auffälligste waren die Gemeinsamkeiten in der Persönlichkeitsstruktur der ehe-
maligen Studenten, die später an Krebs erkrankten. Thomas entdeckte, daß sie selten
starke Gefühle zeigten. Der Mangel an familiären Bindungen, insbesondere die große
Distanz zu den Eltern, war ebenfalls ein hervorstechender gemeinsamer Zug dieses
Personenkreises.

Eine weitere Langzeitstudie wurde von Wissenschaftlern der Universität Chicago, der
Yale Medical School und der Harvard Medical School (Richard Shekelle und Mitarbeiter)
durchgeführt. Von 1957 an nahmen 2 020 Männer an psychologischen Tests teil. Ihr
Gesundheitszustand beziehungsweise ihre Krankengeschichten wurden während der
nächsten siebzehn Jahre kontinuierlich verfolgt. Die Wissenschaftler fanden heraus,
daß Männer, die Anzeichen von klinischer Depression zeigten, doppelt so häufig an
Krebs starben wie die anderen Versuchspersonen. Selbst nachdem die Statistiken durch
Faktoren wie Alter, Beruf, familiäre Vorgeschichte von Krebserkrankungen, Zigaretten-
und Alkoholkonsum modifiziert worden waren, erwiesen sich diese Daten noch als zu-
treffend.

Am Kings College Hospital in London verfolgten H. Steven Greer und Tina Morris fünf
Jahre lang die Krankengeschichten von Brustkrebspatientinnen. Den schlimmsten Ver-
lauf nahm die Krankheit bei Patientinnen, die resigniert hatten oder sich stoisch verhiel-
ten (eine Haltung, die im wesentlichen darauf hinausläuft, keine Gefühle zu zeigen). Die
Patientinnen, denen es am besten ging, zeigten eine entschlossene Haltung und waren
in der Regel überzeugt, die Krankheit überwinden zu können.

87
LINDSEY REYNOLDS

Während der nächsten fünf Jahre lebte ich den überwiegenden Teil der Zeit so, als wür-
de mein Inneres von Füchsen aufgefressen. So scharf und anhaltend war der Schmerz.
Das war kein hochstilisiertes Leiden, keine Rebellion und kein Theater. Es war einfach
qualvoll.

LINDSEY REYNOLDS

Die Psychiater, die Lindsey Reynolds behandelten, kamen übereinstimmend zu der Di-
agnose »Schizophrenie«. Aber in der Welt der Psychiatrie ist die Diagnostik eher eine
Kunst als eine Wissenschaft. Wenn ein Fall schwer einzuschätzen ist - und Lindsey
Reynolds Fall war sehr schwierig -, stellen Ärzte ihre eigene Meinung oft zurück und
schließen sich eher der Auffassung des Kollegen an, der die letzte Einschätzung abgab,
als einen Konflikt zu riskieren. Es gibt einen weiteren Grund, der die Diagnose »Schi-
zophrenie« in Lindsey Reynolds Fall fragwürdig erscheinen läßt: Ihr letzter Aufenthalt
in einer psychiatrischen Klinik liegt fünfundzwanzig Jahre zurück, und zu diesem Zeit-
punkt war »Schizophrenie« (und ist teilweise heute noch) eine Sammelbezeichnung,
die benutzt wurde, wenn der behandelnde Neurologe keine präzisere Diagnose stellen
konnte.

Lindsey Reynolds ist mittlerweile selbst Psychotherapeutin. Sie meint, das der Terminus
»Borderline-Störung« ihrem früheren Zustand besser gerecht wird. Nachdem ich ihren
mehr als hundert Seiten starken Krankenbericht gelesen und mit ihrem früheren Psy-
chotherapeuten gesprochen hatte, stimmte ich ihrer Einschätzung zu.

Da die meisten Spezialisten, die mit Lindsey Reynolds Fall vertraut sind, in bezug auf
das Wesentliche nicht voneinander abweichen, ist es nicht notwendig, detaillierter auf
die Diagnose einzugehen. Denn in einer Frage herrschte Einmütigkeit: Lindsey litt an
einer schweren psychischen Störung, und die Prognose war äußerst düster.

Ich bat drei angesehene, hochkompetente Kollegen, alle Psychotherapeuten, sich das
Fallmaterial anzusehen. Lindseys Genesungsprozeß erschien allen als außerordentlich
bemerkenswert. Dann fragte ich die Therapeuten nach vergleichbaren Fällen aus ihrer
eigenen Praxiserfahrung. Keiner von ihnen hatte je bei einer Patientin oder einem Pa-
tienten einen so ungewöhnlichen Heilungsprozeß beobachtet. Lindseys Geschichte ragt
also heraus, vor allem, weil sie uns zeigt, daß selbst Menschen, die an schwersten psy-
chischen Störungen leiden, ihre geistig-seelische Gesundheit wiedererlangen können.

Ich verbrachte viel Zeit mit Lindsey und ihrer Familie, alles in allem mehr als hun-
dertfünfzig Stunden. Ihre Ehe mit Steven, die zu Beginn ihrer Genesung geschlos-
sen wurde, hat allen Stürmen standgehalten; sie besteht seit dreiundzwanzig Jahren.
Ich sprach mit Menschen aus ihrem unmittelbaren beruflichen und persönlichen Um-
feld. Meine Einschätzung ihres gegenwärtigen Niveaus von Realitätsbewältigung und
Handlungsfähigkeit basiert also auf einer Menge von Daten. Karl Menninger sagt über
bestimmte Menschen, sie seien »gesünder als gesund«. Gemeint sind Personen, die
eine sehr schwere Krankheit überwunden haben und danach eine ganz neue Kraft und
Vitalität an den Tag legen. Wir alle kennen dieses Phänomen an uns selbst auf

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irgendeiner Ebene. Bei einer körperlichen Verletzung, einer Hautabschürfung oder
Schnittwunde, entwickelt sich als letztes Stadium der Heilung eine Narbe. Diese neue,
vernarbte Haut ist stärker als das ursprüngliche Hautgewebe. Wenn wir die Windpo-
cken, Masern oder ähnliche Infektionskrankheiten durchgemacht haben, werden wir
durch den Heilungsprozeß physisch widerstandsfähiger; wir sind gegen diese spezielle
Krankheit fortan immun. Menninger hätte vielleicht über Lindsey gesagt, daß sie in
psychischer Hinsicht »gesünder als gesund« ist. Menschen, die sie gut kennen, nennen
sie eine »weise Frau«.

Lindsey ist heute die geschäftsführende Leiterin einer kleinen psychiatrischen und psy-
chotherapeutischen Einrichtung. Obwohl Verwaltungsaufgaben viel von ihrer Zeit in
Anspruch nehmen, berät sie andere Psychotherapeuten durch Supervision und arbeitet
auch selbst weiterhin mit einer begrenzten Zahl von Patienten. Ein Therapeut der Ein-
richtung drückte absolutes Vertrauen in Lindseys berufliche und menschliche Qualitäten
aus, als er sagte: »Wenn ich je das Gefühl hätte, über die Klippe zu gehen und in den
Wahn abzustürzen, wäre Lindsey die entscheidende Person, die ich in meiner Nähe wis-
sen möchte.«

Die Fähigkeit, die mich an Lindsey am meisten beeindruckte und die vielleicht am
schwersten in Worte zu fassen ist, war ihr unnachgiebiges Bemühen, den Sinn des
Vergangenen zu erschließen. Sie erzählte nicht einfach ihre Geschichte. Sie verarbei-
tete die Ereignisse, indem sie darüber sprach; sie stellte neue Verbindungen her, zog
Schlüsse, kam zu neuen Einsichten über sich selbst. Sie verwendet dieselbe vitale Kraft
darauf, andere zu verstehen, ohne zu urteilen oder zu bewerten.

Lindsey ist groß, schlank und von klassischer Schönheit. Ihr Gesicht mit den hohen
Wangenknochen und den dunkelbraunen Augen ist entspannt und alterslos; es trägt
keine Spuren vergangener Qualen, bis auf eine haarfeine Narbe, die sich von einer Au-
genbraue ausgehend quer über die ganze Stirn zieht.

Lindsey begann ihre Geschichte mit einem Rückblick auf ihre Kindheit:

»Die Verwirrtheit, in der ich aufwuchs, beruht unter anderem darauf, daß meine Kind-
heit nach außen hin immer so gut aussah - für mich selbst und für alle anderen. Die
Probleme in meiner Familie waren verdeckt und subtil. Meine Eltern waren nette Men-
schen. Es gab keine Mißhandlung, keinen ernsthaften Mißbrauch, aber sie waren nicht
wirklich präsent, um ihre Kinder zu schützen oder ihnen Halt zu geben. Sie legten zu-
viel Wert darauf, das schöne junge Paar zu sein, mit hübschen und netten Kindern, die
anderen gefallen sollten.

In unserem Haushalt gab es immer Hausmädchen; ich war also nicht völlig ohne Für-
sorge. Sie waren diejenigen, die sich um meine Beulen und Kratzer kümmerten und mir
etwas zu essen machten, wenn wir Kinder nicht mit den Erwachsenen zusammen im
großen Eßzimmer aßen. Meine Bindung an diese Frauen war sehr intensiv, aber irgend-
wann gingen sie immer; sie wurden entlassen oder zogen einfach weiter.

Alkohol floß immer in Strömen. Alkohol war der Beziehungsmodus zwischen mei-
nen Eltern und das verbindende Element in ihrem Freundeskreis. Sie betranken sich
und verloren ihre Hemmungen. Mein Vater machte dann vielleicht eine anzügliche
Bemerkung, sagte mir, wie hübsch meine Beine seien, oder machte seine Freunde

89
darauf aufmerksam. Es war weit von wirklichem sexuellem Mißbrauch entfernt, aber
ich hatte nie das Gefühl, daß die Grenze sehr klar war. Als ich etwa zehn Jahre alt war,
wurde ich von unserem Familienanwalt, einem Mann namens Harry, sexuell belästigt.
Er griff nach mir, küßte mich und streichelte mich, nichts Schlimmeres als das, aber es
versetzte mich in Angst und Schrecken.

Vor etwa fünf Jahren erzählte ich meiner Mutter über Harry. Ihre Antwort, ihre ganze
Antwort war: >Überrascht mich gar nicht. Harry war die ganze Zeit hinter mir her.< Da
war kein Erstaunen, kein Entsetzen, keine Frage, kein Bewußtsein davon, daß Mütter
ihre Kinder normalerweise vor solchen Dingen beschützen.

Ich glaube, daß in meiner Familie eine Inzeststruktur herrschte. Ich erfuhr, daß mein
Bruder meine Schwester sexuell bedrängt hatte. In einer Familie, in der es klare sexu-
elle Grenzen gibt, passiert das nicht. Als Erwachsener erklärte mein Bruder mir einmal,
daß er sich früher sexuell von mir nicht angezogen fühlte, weil ich Übergewicht hatte.
Er sagte es so, als wolle er meine Gefühle nicht verletzen, und ließ damit durchblicken,
daß es sonst zwischen uns auch geschehen wäre.

Ich war kein glückliches Kind. Die problematische Entwicklung zeigte sich schon, als ich
fünf oder sechs Jahre alt war. Ich verübte kleine Diebstähle in Geschäften, in der Schule
und bei Freunden zu Haus. Ich wurde oft erwischt, aber meine Mutter wischte es vom
Tisch. Sie wurde wütend, sagte aber dann, das gehöre einfach zu den normalen Unar-
ten von Kindern, was natürlich nicht stimmt. Ich glaube, meine Mutter und mein Vater
nutzten das, um mich nicht zu verstehen. Solange sie mich nicht verstanden, mußten
sie nichts unternehmen.

Ich war als Kind nicht beliebt. Da ich fett war, nehme ich an, daß ich permanent geges-
sen haben muß. Ich ging zum Zahnarzt und hatte rund dreißig Karieslöcher in den Zäh-
nen. Später habe ich mich gefragt, ob nicht eigentlich der Versuch dahinter stand, mir
selbst das Essen unmöglich zu machen. Ich erinnere mich an Zeiten, wo andere Kinder
Steine nach mir warfen, weil ich so dick war. Es war wirklich grauenhaft.

Das einzige, was ich in glücklicher Erinnerung habe, war das Schwimmen in unserem
Country Club. Ich war eine sehr gute Schwimmerin und bekam dafür von meinen Eltern
und ihren Freunden viel Anerkennung. Ich entwickelte intensive Phantasien, daß wir
in die Nähe des Country Clubs ziehen würden. Eines Tages nach der Schule erzählten
meine Eltern mir, daß wir umziehen würden, dorthin, in diese Gegend. Ich denke, das
war wirklich der Auslöser dafür, daß sich bei mir die Überzeugung entwickelte, ich kön-
ne Dinge verursachen, indem ich einfach fest an sie glaubte. Ich war auch davon über-
zeugt, daß wir umzogen, weil meine Eltern sich meiner schämten, und daß wir wegen
meiner kriminellen Neigungen die Stadt verlassen mußten.

Als wir umzogen, war ich zehn Jahre alt. Ich erinnere mich an eine meiner Cousinen,
die sehr hübsch und bei allen beliebt war. Ich beobachtete sie und dachte: >Ich werde
jetzt auch so wie sie.< Ich traf die ganz bewußte Entscheidung, meine Persönlichkeit
zu verändern, kontaktfreudig zu sein, meinen Sinn für Humor zu nutzen, um an der
neuen Schule beliebt zu sein. Ich fand es dort wundervoll. Die Lehrer und die anderen
Kinder mochten mich. Wir hatten ein riesiges Landhaus. Zum Country Club war es nicht
weit, ich konnte zu Fuß hingehen. Ich war sehr glücklich, mein Leben war in Ordnung.

90
Dieser Wechsel in unseren Lebensverhältnissen bedeutete auch, daß meine Eltern wirk-
lich auf dem Weg nach oben waren, finanziell und sozial. Mein Bruder erinnert sich
noch, daß damals in unserem Haus jede Woche eine Party stattfand. Berühmte Leute
kamen. Es wurde immer viel getrunken. Die Atmosphäre war sehr aufgeladen.

Die Umstände, die den Tod meines Vaters umgaben, waren einfach entsetzlich. Es war
ein furchtbarer Verlust. Ich fing gerade das zweite Jahr auf dieser Privatschule an, als
unsere Lehrerin, eine Engländerin, uns mitteilte, daß ein Mädchen aus unserer Klasse
ein Flugzeugunglück knapp überlebt hatte. Sie hatte neben ihrer Mutter gesessen, als
das Flugzeug abstürzte, und die Mutter wurde bei dem Absturz getötet. Die Lehrerin
forderte uns alle auf, zu diesem Mädchen besonders liebevoll und aufmerksam zu sein.
Ich war von der unglaublichen Dramatik dieser Geschichte tief beeindruckt und emp-
fand weitaus mehr Faszination als Mitgefühl für dieses Mädchen, obwohl das empa-
thische Moment sicherlich auch eine Rolle spielte. Ich wollte auch in ein Drama dieser
Größenordnung verwickelt sein. Also fing ich an, mir in meiner Phantasie ein solches
Drama auszumalen.

Ein Verlust, der für mich so tragisch wäre, stellte ich mir vor, wäre der Tod meines Va-
ters. Ich entwickelte also aktive Phantasien über seinen Tod. Als er dann starb, war ich
sicher, daß ich die Ursache war. Ich hatte ihn getötet.

Mein Vater starb bei einem Urlaub mit meiner Mutter auf den Inseln. Sie tanzten bei
einer Party, als er plötzlich sagte, daß er müde sei. Er ging hinauf, um sich hinzulegen.
Als meine Mutter eine Stunde später hinaufging, war er tot.

Von der Insel aus rief meine Mutter eine Freundin an und bat sie, mich von der Schule
abzuholen und mir zu erzählen, was passiert war. Stattdessen rief diese Freundin mich
in der Schule an, sagte mir am Telefon, daß mein Vater tot sei, und ließ mich im Schul-
gebäude stundenlang warten, bevor sie mich abholen kam.

Der Tag, an dem mein Vater beerdigt wurde, war kalt, regnerisch und stürmisch. In
der Kirche fragte ich meine Mutter, ob ich weinen dürfe, vor den anderen Leuten, in
der Öffentlichkeit. Sie sagte ja, aber ich denke, allein meine Frage zeigt, wie sehr es in
meiner Familie verpönt war, Gefühle zu zeigen.

Eine Menge Leute kamen zu seinem Begräbnis. Nachdem der Sarg hinuntergelassen
worden war, gingen sie alle in kleinen Gruppen zusammen weg. Ich blieb allein zurück.
Niemand kam zu mir. Der Pfarrer, den ich nicht besonders mochte, sah mich allein am
Grab sehen, kam aber nicht zu mir herüber. Ich war wie versteinert. Diese Nachlässig-
keit der Erwachsenen — mehr war es nicht — bestärkte mich in dem Glauben, daß ich
meinen Vater getötet hatte. Auf irgendeiner tiefen Ebene glaubte ich, daß die Leute es
alle wüßten und mich deshalb allein stehen ließen.

Die Phantasie, am Tod meines Vaters schuld zu sein, setzte sich immer tiefer in mir
fest - ein entsetzliches Geheimnis, das sich schließlich in Wahnvorstellungen Bahn
brach. Wir hatten in gesicherten Verhältnissen gelebt, aber jetzt sah unsere Situation
überhaupt nicht mehr rosig aus. Es gab keine Lebensversicherung. Meine Mutter muß-
te einen Job annehmen. Alles mußte sich ändern. Ich erinnere mich an eine furchtbar
demütigende Situation, als ich wieder zur Schule ging. Im Sportunterricht wurden wir
jeden Monat gewogen. Man mußte sich in einer in einer Reihe anstellen; es war eine

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öffentliche Angelegenheit. Als ich auf die Waage stieg, sagte meine Sportlehrerin: >Sehr
gut, du hast nicht abgenommen. Ich deutete das für mich so: Wenn ich mir aus dem
Tod meines Vaters wirklich etwas gemacht hätte, also eine gute Tochter gewesen wäre
anstatt einer Mörderin, hätte ich abgenommen. Tatsächlich nahm ich zu, weil ich meine
entsetzlichen Ängste dadurch kompensierte, daß ich die ganze Zeit aß.

Niemand außer ein paar Freundinnen ahnte etwas von meinen Schwierigkeiten. In der
Mittelstufe der High School ging ich durch eine Phase massiver Rebellion. Ich schwänzte
ständig die Schule und wurde beinahe hinausgeworfen. Aber im folgenden Jahr, in der
Oberstufe, verbesserten sich meine Leistungen trotz meines inneren Aufruhrs. Und die
Beurteilungen der Lehrer waren positiv.

Meine Noten wurden besser, weil ich in den Sommerferien bei Howard Johnson, einem
Selbstbedienungsrestaurant an der Schnellstraße, gearbeitet hatte, mit Eiscreme bis zu
den Ellbogen und ohne Klimaanlage. Ich sagte mir, wenn ich in der Schule nicht besser
würde, käme ich bei keinem guten College an, und es wäre mein Schicksal, für immer
bei Howard Johnson zu arbeiten, was meine Definition der Hölle war.

Alle äußeren Anzeichen täuschten darüber hinweg, was innerlich in mir vorging. Mein
Aussehen veränderte sich drastisch. Ich suchte den Arzt meines Vaters auf. Diese
Kurpfuscher, die Wundermittel zum Abnehmen verschrieben, waren damals sehr popu-
lär. Er verordnete mir Amphetamine, Speed. Ich nahm zwanzig Kilo ab. Ich trug Größe
vierundvierzig, als ich in die Oberstufe kam, und beim Examen trug ich ein Kleid in
Größe sechsunddreißig. Plötzlich wurde ich von Männern bestürmt. Für mich hatte es
keinen allmählichen Übergang in diese Welt gegeben, also begriff ich gar nicht, was da
vorging. Als ich nach Bryn Mawr kam, schlug ich mich mit entsetzlichen Selbstzweifeln
herum, wußte nicht, wer ich eigentlich war, und fragte mich, warum ich mich so sehr
von anderen isoliert fühlte.

Ich lernte eine sehr reiche Familie kennen und verbrachte viel Zeit mit diesen Leu-
ten. Ich bin sicher, auf der unbewußten Ebene war das der Versuch, meinen früheren
privilegierten Status wiederzuerlangen. Die Frau war ein wundervoller Mensch. Sie war
unglaublich liebevoll und hatte mich wirklich gern. Sie ahnte nichts von den Dingen, die
sich da abspielten. Ihr Ehemann beutete mich sexuell aus. Ich wußte nicht, was ich tun
sollte; es machte mich verrückt. Er brachte mich dazu, Fellatio an ihm zu praktizieren.
Ich war entsetzt und angewidert, fühlte mich schmutzig und dachte, ich sei die einzige,
die so etwas tat. Trotz meiner furchtbaren Ängste kam ich von diesen Leuten nicht los,
weil sie mir trotz allem ein gewisses Gefühl der Sicherheit gaben. Ich weiß jetzt, daß
meine gesamte Kindheit mich in gewisser Weise auf diese Situation vorbereitet hat-
te. Ich steckte ziemlich tief im Dreck. Ich brach den Kontakt ab, als er anfing, meine
Freundinnen zu bedrängen. Später erfuhr ich, daß dieser Mann schließlich im Gefängnis
landete, weil er kleine Kinder sexuell mißbraucht hatte.

Ich lernte einen gutaussehenden Jungen aus Tufts kennen. Mit ihm hatte ich zum ers-
ten Mal regelrechten Geschlechtsverkehr, aber im Grunde war es eine Vergewaltigung.
Wir waren verabredet, er fiel über mich her, wir vögelten, und am nächsten Morgen
versuchte ich mir einzureden, daß ich in ihn verliebt sei. Aber er war extrem abweisend
und stieß mich weg.

92
Es hatte den Anschein, daß meine schlimmsten Ängste immer durch äußere Ereignisse
bestätigt wurden. Ich ging in eine Literaturklasse, und der Professor sagte in bezug auf
eine Novelle, die wir lasen, eine Frau, die sich verführen lasse, sei einfach dumm.

In den Weihnachtsferien erfuhr ich, daß Gloria, meine beste Freundin, nicht nach Bryn
Mawr zurückkehren würde; sie ging nach Austin Riggs, in eine psychiatrische Klinik.
Damals war meine Vorstellung von psychiatrischen Einrichtungen die Horrorfilmvarian-
te - Schlangengrube, so etwas in der Art. Es machte mir wahnsinnige Angst, weil ich
wußte, daß auch ich nicht daran vorbeikommen würde. Gloria und ich hatten oft dar-
über gesprochen, und wir waren beide der Meinung, daß ich noch stärker gestört war
als sie.

Meine Horrorvisionen über psychiatrische Kliniken verschwanden sehr bald, als ich
Gloria in Austin Riggs besuchte. Die Einrichtung wirkte eher wie ein erstklassiges Hotel.
Ich verbrachte die Nacht dort, illegal, sie wußten nicht, daß ich da war. In dieser Nacht
rauchte ich meinen ersten Joint. Ich erinnere mich auch, daß ich sah, wie eine Frau eine
Cola-Flasche zerschmetterte und sich mit den Scherben in die Handgelenke schnitt.

In Bryn Mawr machte ich einen Selbstmordversuch mit Schlaftabletten, aber ich tat es
direkt vor den Augen einer Freundin. Man pumpte mir den Magen aus, und ich erfand
irgendeine absurde Ausrede für meine Handlungsweise. Das wiederholte sich noch ei-
nige Male, und es war einfach verblüffend, mit welcher Bereitwilligkeit die Leute im
Krankenhaus einem die absurdesten Geschichten abkauften. Ich weiß nicht mehr, was
ich erzählte, aber allzu brillant kann es nicht gewesen sein. Ich zerschlug Fensterschei-
ben in der Schule, um mir die Pulsadern aufzuschneiden, und sagte dann, ich hätte
einen furchtbaren Alptraum gehabt, und es sei versehentlich passiert.

Ich zog einen Professor in dieses ganze Drama hinein. Ich erzählte ihm, was mit mir
los war, und nahm ihm das Versprechen ab, darüber zu schweigen, worauf er sich nie
hätte einlassen dürfen. Also dauerte es ziemlich lange, bis alles herauskam. Ich lief vor
Autos. Ich erinnere mich, daß ich während dieser gesamten Zeit Amphetamine nahm.
Schließlich rief dieser Professor den Psychiater. Ich war völlig durchgedreht, und er hat-
te keine andere Wahl. Er warf mich aus der Schule.

Ich hatte jede Nacht bei meiner Mutter angerufen; ich weinte am Telefon und sagte:
>Laß mich nach Haus kommen, laß mich nach Haus kommen!< Sie antwortete immer,
ich solle doch das Schuljahr noch zu Ende machen.

Als ich von der Schule geflogen war, erzählte ich ihr, was der Psychiater gesagt hatte.
Sie antwortete: >Ach, das ist ja lächerlich! Du brauchst einfach nur etwas Ruhe.< Völ-
lig verzweifelt wandte ich mich selbst an eine psychiatrische Klinik, aber sie weigerten
sich, mich auf eigenen Wunsch aufzunehmen, weil ich noch nicht volljährig war.

Schließlich stimmte meine Mutter zu, daß ich einen ihrer Freunde aufsuchte, der Leiter
der psychiatrischen Abteilung des Riverview-Krankenhauses war. Der Mann war sehr
gut zu mir. Er sagte, daß ich dringend Therapie brauchte, und meine Mutter hörte auf
ihn. Sie meldeten mich bei Richard Jameson zur ambulanten Therapie an. Er war Assis-
tenzarzt in der psychiatrischen Abteilung. Nach drei Wochen wurde ich in Riverview ein-
gewiesen, nachdem ich mir die Handgelenke mit Glasscherben aufgeschnitten hatte.

93
Ich sprach kein Wort mit Jameson. Zum Teil lag das an meiner wachsenden Verzweif-
lung. Zum Teil hieß es: >Komm und bemüh‘ dich um mich. Laß mich nicht die Haupt-
arbeit tun, komm und lock mich aus der Reserve, bemüh‘ dich um mich<, was er nicht
tat. Er bemühte sich in dem Maß, in dem er dazu in der Lage war, aber das war ziemlich
wenig.

Ich hatte nichts dabei zu gewinnen, wenn ich mich änderte. Meine Realität war, daß ich
in dieser immensen Qual lebte, und daran würde sich nichts ändern, konnte sich nichts
ändern. Veränderungen von meiner Seite hätten bedeutet, daß ich nicht in der Klinik
sein könnte, daß ich wieder zu Haus sein müßte, und das hieß wieder in Unsicherheit
leben.

Ich war ein so wertloser Mensch, so verabscheuungswürdig, so minderwertig und be-


fleckt. Ich betrachtete mich nicht als krank, weil das die Möglichkeit des Gesundwer-
dens beinhaltet hätte.

Ich agierte mich aus, in der typischen Art, wie es Jugendliche tun, und nur dann ging
es mir wirklich gut. Abgesehen von den Beruhigungsspritzen fand ich nur in diesem
Ausagieren Erleichterung. Ich schmuggelte Alkohol in die Klinik oder riß aus, oder führ-
te mich einfach unerträglich auf. Dann wurden sie wütend und sagten mir in einem
unverblümten, strengen Ton, das müsse jetzt aufhören. So kam ich in den Genuß des
erwünschten konsequenten Elternverhaltens. Diese Augenblicke waren wundervoll für
mich.

Die meiste Zeit, die ich da war, hielten sie mich in Isolation. Das ist nicht so schlimm
wie es sich anhört. Ich hatte eine Menge Menschen um mich. Tatsächlich war die Auf-
merksamkeit dort konzentrierter und zuverlässiger als irgendwo sonst.

Aber es gab dort auch einen sexuellen Zwischenfall. Einer der Mitarbeiter wartete, bis
abends das Schlafmittel wirkte, und dann geschah, was eben geschah. Ich habe nur
vage Erinnerungen daran, aber es war etwas Sexuelles. Wieder war es jemand, den
ich wirklich mochte, der das tat. Jedesmal, wenn wieder etwas in dieser Art passierte,
war es eine erneute Bestätigung dafür, daß die Schuld bei mir lag. Es kam mir nie in
den Sinn, daß es anders sein könnte. Alle möglichen Dinge kamen zusammen und be-
stärkten mich in meiner Überzeugung, daß etwas Furchtbares in mir war, daß ich ein
perverses, verführerisches, mörderisches Geschöpf war. In anderen Bereichen hatte ich
keine Probleme mit meinem Selbstbild.

Mein Bruder kam mich manchmal besuchen und holte mich für ein paar Stunden aus
der Klinik heraus. Bei einem dieser Ausflüge besorgte ich mir eine Rasierklinge. Ich kam
zurück in die Isolierzelle und versteckte sie unter einer losen Bodenfliese. Einige Nächte
später fügte ich mir damit ziemlich üble Verletzungen zu. Ich schnitt mir die Handge-
lenke und die Arme auf. Die Wunden mußten genäht werden, zwölf und fünfzehn Stiche
waren es in diesem Fall. Sie wurden dann sehr wütend und wollten mich bestrafen, also
nähten sie meine Wunden oft ohne Betäubung. In meiner damaligen Situation waren
diese selbstzerstörerischen Gesten der Versuch, mehr aus dem System herauszuholen
oder den Leuten, an denen mir wirklich lag, mehr Aufmerksamkeit zu entlocken. Sie
fragten mich, wo ich die Rasierklinge versteckt hätte, denn ich war in meinem Pyjama
in einer Isolierzelle. Sie verstanden es nicht, denn der Raum war leer, bis auf das Bett.
Ich zeigte ihnen die lose Kachel.

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Eines Tages saß ich in der Isolierzelle und fing an, alle anderen Bodenfliesen zu lö-
sen. Als sie kamen, um nach mir zu sehen, hatte ich sie alle an den Wänden entlang
gestapelt. Sie flippten aus, sie waren völlig fertig! In dieser Art des Agierens fand
ich immer ein bißchen Frieden und Normalität. Für niemanden sonst hatte es diese
Bedeutung, - nur für mich. Aber danach kam es nur um so schlimmer, weil jemand, den
ich mochte, fast gefeuert wurde, weil er mich nicht sorgfältig genug überwacht hatte.

Sie verlegten mich in einen anderen Raum, in dem nur eine Matratze auf dem Boden
lag, und darauf wurde ich festgeschnallt. Das war der Beweis, daß ich das elendste,
am tiefsten gesunkene Geschöpf an diesem Ort war, daß ich schlimmer litt als irgend
jemand sonst, und darin lag eine gewisse Genugtuung. Aus denselben Gründen war es
natürlich auch furchterregend.

Das einzige Mal, daß ich mich mit Jameson wirklich in Kontakt fühlte - und ich bezweifle,
daß er es bemerkte -, war, als ich all die Bodenfliesen abgerissen hatte. Er kam herein
und war stinksauer. Er hielt mir einen unglaublichen Vortrag über die Art, wie ich mich
aufführte, und sagte mir, er hätte die größten Schwierigkeiten, mich überhaupt in der
Klinik zu behalten. Offenbar versuchte er mit allen Mitteln zu verhindern, daß sie mich
nach Bellevue schickten. In diesem Augenblick fühlte ich mich tief mit ihm verbunden.
Natürlich führte das dazu, daß ich noch mehr agierte, denn das war genau die Art von
Kontakt, die ich brauchte.

Ich glaube, sie befürchteten, daß ich ein aussichtsloser Fall sei. Vermutlich betrachteten
sie mich als privilegiert, verwöhnt und sehr schwer gestört. Sie vermittelten mir diese
Hoffnungslosigkeit auch. Ich meine, Jameson, mein Psychiater, kam herein und ver-
wendete ganze zehn Minuten auf den Versuch, mich zu erreichen. Wenn er im Lauf von
zehn Minuten nicht zu mir durchdringen konnte — und die Zeit wurde immer kürzer -,
gab er es auf und ging. Ich war passiv, depressiv und abwesend. Ich war wütend und
verschlossen. Wenn er nicht viel Energie in die Beziehung hineinlegte, hatte ich auch
nichts, was ich zurückgeben konnte. Ich meine, er hätte die Vorgaben machen müssen.
Dazu war er nicht fähig oder wußte nicht, wie er es machen sollte. Schließlich verlegte
er sich auf Elektroschockbehandlung.

Die Elektroschocks waren keine Hilfe. Ich glaube nicht, daß sie in irgendeiner Weise
gerechtfertigt waren. Mein Therapeut wußte nicht, wie er mich behandeln sollte, also
griff er zu einem letzten, verzweifelten Mittel. Mein Aufenthalt in Riverview ging seinem
Ende entgegen. Sie behalten Patienten nur für drei Monate da. Jameson befürchtete
vermutlich, daß ich auf lange Zeit hospitalisiert werden würde, wenn die Behandlung
keine Erfolge zeigte - und so kam es ja dann schließlich auch.

Sie sagten mir, wenn ich nicht freiwillig in die Mountain-Brook-Klinik ginge, würden sie
einen Gerichtsbeschluß herbeiführen und mich zwangseinweisen lassen. Die gesetzli-
chen Bestimmungen für Zwangseinweisungen waren damals ziemlich lax. Es genügte,
wenn zwei Psychiater bestätigten, daß die Hospitalisierung notwendig sei, und das wäre
in meinem Fall kein Problem gewesen.

Ich griff zu allen möglichen Drohungen: >Lebend kriegt ihr mich nie dorthin! Ich werfe
mich aus dem Krankenwagen!< Ich zeigte wirklich dramatisches Talent. Aber im Ernst,
ich meine, daß auf der Helferseite Irrtümer entstehen können, wenn man dramati-
sche Auftritte schlicht als Verlangen nach Aufmerksamkeit interpretiert. Die Neigung zu

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dramatischen Inszenierungen ist ein Zeichen von Vitalität, vorausgesetzt, man bringt
sich dabei nicht um. Sie hat etwas mit der Fülle des Lebens zu tun und ist nicht nur
negativ zu verstehen.

Meine dramatischen Inszenierungen waren von der Art, daß ich mich sinnlos betrank
oder mich aus einem Auto warf, oder mir Schnittwunden zufügte. Was ich damit erreich-
te, war ein sekundärer Krankheitsgewinn; ich hoffte, daß es sich in irgendeiner Weise
auszahlte. Aber meine Aktionen waren auch von einem enormen Maß an Verzweiflung
und Selbsthaß erfüllt. Ich war eine Gefahr für mich selbst, das ist keine Frage.

Sie setzten mich unter schwere Sedativa und verfrachteten mich mit einer Kranken-
schwester, die ich sehr mochte, auf den Rücksitz des Autos meiner Mutter. Sie verrie-
gelten die Türen. Ich wurde nach Mountain Brook transportiert. Ich sage Ihnen, Moun-
tain Brook war ein ziemlicher Schock.

Einem Außenstehenden ist es kaum zu vermitteln, aber die Beziehung, die ich dort zu
einem Therapeuten entwickelte, war der Grundstein zu meiner Heilung. Wenn ich diese
Geschichte erzähle - und ich habe die Geschichte einige Male erzählt —, denken die
Leute, daß Mountain Brook das Ende meiner Prüfungen bedeutete, weil es eine sehr
wichtige Zeit war. Aber tatsächlich war es erst der Anfang.

Als ich dort ankam, führte mich eine ziemlich seriös aussehende Krankenschwester
in die geschlossene Abteilung. Ich glaube, ich war enttäuscht, weil sie, wie alle an-
deren Krankenschwestern, normale Kleidung trug. Es gab keine Schwesterntrachten,
die der Krankheit Weihe verliehen hätten. Ich kam in einen Gruppenraum, der unter
permanenter Beobachtung stand. In diesem Gruppenraum waren einige sehr verrückte
Frauen, - ich selbst eingeschlossen. Da Mountain Brook eine der wenigen Privatkliniken
war, die noch geschlossene Abteilungen hatten, waren dort eine ganze Menge wirklich
schwer gestörter Menschen versammelt.

Als ich ankam, war Will Goodman, der Mann, der mich psychiatrisch betreuen sollte, in
Urlaub. Viele Patientinnen und einige der Krankenschwestern sagten mir, er sei einer
der besten Neurologen der Einrichtung. Durch das informelle Nachrichtensystem der
Klinik erfuhr ich, warum er nicht da war: Sein Bruder, der Mensch, der ihm auf dieser
Welt am nächsten stand, war vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Die Psychiater, die mich vorher behandelt hatten, Jameson in Riverview und Larry Nash
in Mountain Brook, der als Vertretung da war, bis Goodman zurückkam, sahen zufällig
beide sehr gut aus; also erwartete ich jemanden, der mindestens wie ein Hollywood-
Star aussehen würde. Ich kam aus einer ziemlich privilegierten, wenn auch später nicht
mehr reichen Familie aus Greenwich in Connecticut, die sehr kultiviert war. Als Will
Goodman das Sprechzimmer betrat, war ich also zutiefst schockiert. Er war unschein-
bar, hatte schütteres blondes Haar, trug eine Brille und sprach mit einem auffälligen Mid-
western-Akzent. Ich dachte: >O mein Gott, was haben sie mir denn da angeschleppt?
Das kann nie etwas werden, mit diesem Provinzler von wer-weiß-woher.<

Ich hatte gelernt - in der Weise, wie man sich eine Landschaft einprägt, man bemerkt
es nicht, studiert es nicht bewußt, sondern weiß es einfach —, ich hatte also in meiner
Zeit in der Psychiatrie gelernt, daß Psychiater es sehr gern haben, wenn man Angst
ausdrückt und eine Menge Affektivität zeigt. Diese Art, sich auszudrücken, wurde in
subtiler Weise verstärkt. Ich hatte das Gefühl, daß sehr selten reale Kommunikation

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stattfand. Die Kommunikation bestand darin, daß man seine Krankheit vorführte, und
sie lieferten die Kommentare dazu.

Ich erinnere mich, daß ich in meinem ersten Gespräch mit ihm sagte: >Ich liebe meine
Mutter.< Ich wiederholte das viele Male. Schließlich antwortete er: >Das sagten Sie
bereits.< Ich war völlig verblüfft über diese Echtheit. Es klang ein bißchen scharf und
ungeduldig, überhaupt nicht den psychoanalytischen Prinzipien der Reserviertheit und
der Distanz gemäß, die zu diesem Zeitpunkt so populär waren. Er brachte mich aus der
Fassung. Ich glaube, ich mochte ihn von dem Augenblick an, in dem er das sagte.

In den Kliniken herrschten auch unterschiedliche Normen. Riverview war New York,
großstädtisch, jüdisch-puertoricanisch geprägt, eine der Universität angeschlossene
Einrichtung. Das hier war der Bundesstaat New York, die Ostküste, hier herrschte der
WASP*- Stil, alles wurde in ruhiger und beherrschter Weise gehandhabt. Agieren in der
Form, wie ich es kannte, wurde hier kaum toleriert.

Goodman nahm mich sofort in den Griff. Er werde keine Risiken eingehen, sagte er.
Wenn ich anfinge zu agieren, würde ich nach Carlson II verlegt. In Mountain Brook gab
es viele Abstufungen. Ich war in einer Abteilung, die sie Carlson I nannten. Die einzige
Abteilung, die noch schlimmer war, hieß Carlson II; sie war so etwas wie das Bellevue
von Mountain Brook.

Es ging um meine Sicherheit, meinen Schutz, und darum, wer das Sagen hatte. Das
brachte er sehr schnell auf den Punkt. Während unseres zweiten Gesprächs sagte
Goodman mir, ich würde zwei Jahre in der Einrichtung bleiben. Ich war sowohl
berunruhigt als auch erleichtert. Mit Jameson hatte ich ein zu leichtes Spiel gehabt. Ich
konnte ihn wirklich manipulieren, in der übelsten Form, wie ein verzogenes Kind. Good-
man sah das und hatte für meine Oberschicht-Allüren nicht viel übrig. Das hatte zum
Teil mit dem kulturellen Hintergrund zu tun. In New York, wo Jameson lebte, war meine
Aufsässigkeit nichts Ungewöhnliches. Aber jetzt hatte ich es mit einem Mittelwestler zu
tun, der das nicht mochte. Er duldete das nicht. Ich brauchte jemanden, der das Heft in
der Hand behielt, der konsequent war und sich nicht beirren ließ. Hätte ich irgendeinen
Riß in der Rüstung entdeckt, wäre ich in Panik geraten.

Gleich zu Anfang hatten wir einige Zusammenstöße. Ich war unter permanenter Be-
obachtung - Suizidüberwachung -, was bedeutete, daß die Krankenschwestern mich
sogar zur Toilette begleiteten. Ich bekam nicht nur Verstopfung, ich konnte nicht ein-
mal pinkeln. Ich stritt mit ihm herum und verlangte, daß die permanente Überwachung
aufgegeben werde.

Er sagte: >Nein, das Risiko ist mir einfach zu groß. Es kommt nicht in Frage.«
Ich protestierte: >Das wird aber langsam gefährlich!«
Er sagte: >Keine Sorge, Sie werden pinkeln. Sie werden sich daran gewöhnen.«
Ich wollte unbedingt aus dem Gruppenraum heraus, weil da eine Frau war, die ent-
setzlich schnarchte. Aber darauf ließ er sich auch nicht ein. Das einzige Zugeständnis,
das er machte, war, daß ich abends Beruhigungsmittel zum Schlafen bekam, teilweise,

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*White Anglo-Saxon Protestants; protestantische Amerikaner britischer oder nordeuropäischer Abstam-
mung; Bezeichnung für die privilegierte und gesellschaftlich einflußreiche alte Einwandererschicht der
Ostküste.
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weil ich ohnehin zu Schlafstörungen neigte, und teilweise, weil er wußte, daß diese
Marathon-Schnarcherin im Zimmer war. Durch unsere Verhandlungen wurde mir klar,
daß er sehr hart und konsequent war, aber es standen keine starren Prinzipien dahinter,
sondern Überlegung und Fürsorglichkeit. Das gab mir sehr schnell ein starkes Gefühl
der Sicherheit. Mein ganzes Leben lang, besonders nach dem Tod meines Vaters, hatte
ich den Eindruck gehabt, daß niemand da war, der die Dinge im Griff hatte, der mich
beschützte.

Ich agierte mich selten in der früheren Weise aus. Es war nicht nötig. Er wußte, daß ich
keine Kontrolle über mich hatte, und das machte er eindeutig klar. Ich mußte es ihm
nicht noch beweisen. Ich hatte dreimal in der Woche meine Therapiestunde bei ihm; die
Norm war zweimal in der Woche. Das gab mir den Status der schwer gestörten Patien-
tin. Die Sicherheitsvorkehrungen bei meinen Sitzungen, die soviel rigider waren als bei
anderen Patienten, und die Tatsache, daß er meinen Aufenthalt in Mountain Brook auf
zwei Jahre festgelegt hatte, das alles vermittelte mir, daß er verstanden hatte.

Ich glaube, seine Art der Kommunikation, seine Persönlichkeit, die Struktur der Institu-
tion selbst, die Tatsache, daß ich von meiner Familie weg war und daß er die elterliche
Autorität übernommen hatte, - all das reduzierte meine Ängste auf ein tolerierbares
Maß.

Ich kam im Juli dort an, und erst im November, zum Thanksgiving- (Erntedank-) Fest,
besuchte ich zum ersten Mal meine Familie. Ich kam von diesem Besuch als ein abso-
lutes Wrack zurück. Ich war zerrissen, völlig zerfetzt von Ängsten; ich konnte kaum
still sitzen. Ich wußte nicht, was mit mir vorging. Ich erschrak vor dem Ausmaß meiner
eigenen Ängste.

Ich nahm heimlich Gläser aus der Küche. Ich wickelte sie in ein Handtuch und zerschlug
sie. Dann schluckte ich die Glasstückchen. Bis vor einigen Jahren habe ich niemandem
je davon erzählt. Es war kein demonstrativer Akt, um andere auf mich aufmerksam zu
machen. Ich glaube, es war der Versuch, das, was ich in mir fühlte, real zu machen,
eine Rechtfertigung dafür zu schaffen, daß ich mich so schrecklich fühlte. Ich hatte das
Gefühl, mich innerlich in Stücke zu reißen. Ich hatte das Gefühl, meine eigene Seele zu
Staub zu zermahlen. Ich glaube, das war der Grund, warum ich es tat, und das wird mir
erst jetzt, in diesem Augenblick, vollständig bewußt.

Will sah, in welcher Verfassung ich war, und obwohl er von dem Glasstückchen-Schluk-
ken nichts wußte, ließ er mich jeden Tag zur Therapie kommen und verzichtete dafür
lange Zeit auf seine Mittagspause. Er drückte die feste Überzeugung aus, daß wir ge-
meinsam die Quelle meiner unkontrollierbaren Ängste finden könnten.

Während einer dieser Sitzungen wurde mir klar, daß ich in meinen Phantasien meiner
Mutter den Tod wünschte. Dann stellte ich mir vor, daß sie tatsächlich gestorben sei.
Die furchtbaren Ängste wurden durch meine Vorstellung ausgelöst, daß ich sie durch
diese Phantasien töten könnte oder töten würde, so wie ich meinen Vater getötet hatte.
Sobald es mir bewußt geworden war, daß ich ihr den Tod wünschte, trat plötzlich eine
große Erleichterung ein. Es war ein entscheidender Durchbruch, und ich wurde zu einer
überzeugten Anhängerin der Psychotherapie.

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Ich hatte diese Thanksgiving-Krise kaum überwunden, als ich erfuhr, daß der Leiter von
Austin Riggs, ein Psychiater von Weltruf, nach Mountain Brook kommen würde, um dort
für die Assistenzärzte ein Trainingsseminar abzuhalten. Will war aufgefordert worden,
seine Arbeit vorzustellen, und er hatte darum gebeten, mich präsentieren zu dürfen. Er
sagte: >Sie brauchen nicht nervös zu sein; bei dieser Gelegenheit werde ich geprüft,
nicht Sie. Ich spreche über Sie, bevor Sie hereinkommen, dann stellt man Ihnen einige
Fragen, und dann gehen Sie wieder.<

Ich kam in diesen Konferenzraum, den ich nie zuvor betreten hatte; es war eine sehr
formelle Umgebung. Eine Menge Männer, alles Psychiater, waren um einen großen Tisch
versammelt. Ich glaube, es war keine einzige Frau dabei. Dieser Mann, den ich nie ge-
sehen hatte, fragte mich, ob ich meinen Vater manchmal im Sarg vor mir sähe, ob ich
erwartete, ihm nach meinem Tod im Himmel wiederzubegegnen. Er hatte ganz eindeu-
tig die Theorie, daß meine Selbstmordneigungen auf der Vorstellung der Wiederverei-
nigung mit dem Vater beruhten, und wollte die Richtigkeit seiner These beweisen. Er
erwähnte Gloria, die in Austin Riggs Patientin war, und spielte darauf an, daß er eine
lesbische Beziehung zwischen uns vermutete. Aber die Fragen, die mich am meisten
aufregten, waren die über meinen Vater. Ich war wirklich aufgewühlt und durcheinan-
der, als ich den Konferenzraum verließ.

Ich sagte zu Will: >Warum hat er mir solche Fragen gestellt? Ich fand diese Fragen
ziemlich grausam.<
Er antwortete: >Ich weiß es nicht. Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich
es nicht getan.<

Es ist sicherlich sehr verführerisch für einen jungen Assistenzarzt, aus einer solchen
Situation Gewinn zu ziehen, sie zu nützen, um sich vor einer Patientin aufzuspielen.
Vielleicht wußte Will mehr, als er sagte, aber seine Antwort war sehr wichtig für mich.
Er hielt zu mir. Ich mußte nicht das Gefühl haben, von einem verschworenen Club von
Psychiatern, zu denen er auch gehörte, abgeurteilt und ausgeschlossen zu werden.

Nach einem kurzen Besuch zu Haus, zu Weihnachten, setzten bei mir ungewöhnlich
starke menstruale Blutungen ein, die nicht mehr zum Stillstand kamen. Das Problem
wurde nicht beachtet; da ich so viele somatische Beschwerden hatte, ignorierten sie es.
Als sie Goodman endlich benachrichtigten, hatte ich schon sehr viel Blut verloren. Ich
wurde auf die Intensivstation gebracht, und dann ging alles sehr schnell.

Ich erinnere mich, daß Goodman hereinkam und sagte: >Mein Gott, Sie haben sich
so oft schwere Schnittwunden zugefügt, - Sie werden sich nicht auf diese Art zu Tode
bluten.< Es war unglaublich, wie stark ich blutete. Es gab keine medizinische Erklärung
dafür; es war einfach eine plötzliche hormoneile Störung. Obwohl Goodman und ich
nicht in psychosomatischen Termini darüber sprachen, wußten wir, glaube ich, beide,
daß der Zeitpunkt kein Zufall war. Ich hatte unmittelbar nach meiner Rückkehr von zu
Haus angefangen, unkontrollierbar zu bluten. Ich denke, es war eine körperliche Mani-
festation meiner seelischen Qualen.

Es kamen Leute aus dem Bezirkskrankenhaus, um mir eine Bluttransfusion zu geben.


Aber Goodman wollte es selbst machen. Direkt vor meinen Augen wurde er furchtbar
wütend auf diesen anderen Arzt, weil er mir die Transfusion geben wollte. Ich fühlte

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mich geschmeichelt. >Sie glauben, wir sind keine richtigen Ärzte hier!< sagte er. Aber
die Blutkonserven kamen aus dem Bezirkskrankenhaus, und der Arzt bestand darauf,
es selbst zu machen.

Diese Dinge stärkten die Beziehung zwischen Will und mir. Ich fühlte mich gut dabei.
Ich glaube, ich wurde ihm wichtig.

Ich mußte eine Ausschabung machen lassen und kam ins Bezirkskrankenhaus. Good-
man besuchte mich dort und brachte mir Zeitschriften mit, Sportzeitschriften. Er sagte:
>Ich weiß nicht, welche Art von Zeitschriften Sie mögen, also habe ich einfach die ge-
nommen, die mir gefallen.< Das fand ich sehr anrührend.

Es wurde Februar; irgendwie war nicht viel los, und mir fiel die Decke auf den Kopf. Ich
organisierte Jux und Tollerei auf der Abteilung, und Goodman sagte mir, ich solle mich
bremsen.

Meine Retourkutsche war dann: >Wieso, das hier ist ein Ort für Verrückte, also können
wir uns auch verrückt aufführen.< Es gab dauernd Beschwerden über mich, aber we-
gen geringfügiger Dinge.

Wir hatten eine Nachtschwester, die niemand mochte. Sie war nicht bösartig, aber in-
kompetent, schwierig und pickelig. Eines Nachts bauten wir uns alle vor dem Schwes-
ternzimmer auf und fingen an, rhythmisch gegen die Glasscheiben zu trommeln, was
sie in Angst und Schrecken versetzt haben muß. Am nächsten Tag nahm Goodman
mich ins Gebet und warf mir Grausamkeit vor. Er sagte, für diesen Vorfall gäbe es keine
Rechtfertigung, und er wolle keine Erklärung und keine Diskussion. >Das können Sie
einfach nicht machen!< Er hatte keine Schwierigkeiten damit, Strafpredigten zu halten.
>Anständige Menschen führen sich nicht so auf. Bilden Sie sich ein, Sie wären die einzi-
ge auf der Welt, die leidet?< Es war wirklich die moralische Erziehung, die ich zu Haus
nie bekommen hatte.

Ein anderes Mal organisierte ich auf der Station eine Art Baseballspiel. Es ging ziemlich
hoch her. Wie dem auch sei, ich warf einen Ball quer durch den ganzen Tagesraum und
warf ihn ungeschickt. Er traf eine Lampe neben einer Frau namens Betty, ein großmüt-
terlicher Typ; sie war manisch-depressiv. Urplötzlich wechselte sie aus ihrer Lethargie
in den manischen Zustand über; sie rannte wie eine Wilde durch die ganze Abteilung.
Das war furchtbar für mich, weil das eine Frau war, die ich sehr mochte. Daß die Lampe
kaputtging, war keine große Sache, aber es war schlimm, daß ich Betty das angetan
hatte. Und ich hatte große Angst vor Goodmans Wut, wenn er es erfuhr.

Ich versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, aber es ging nicht. Er war wütend. Damals
hatten sie noch kein Lithium, um Manisch-Depressive zu behandeln. Also war ihr plötzli-
cher Eintritt in die manische Phase ein wirkliches Problem. Sie hatten keine andere
Wahl, als sie nach Carlson I zu verlegen und unter hochdosierte Beruhigungsmittel zu
setzen. Goodman war um alle seine Patientinnen und Patienten sehr besorgt, und Betty
war seine Patientin.

Ich bekam mehr und mehr Angst, daß ich die einzige Beziehung zerstört hatte, die
zwischen mir und meinem Selbsthaß stand. Ich wußte, daß sich etwa acht Wochen vor-
her in Mountain Brook jemand erhängt hatte. In meinem Zimmer war ein gebogenes

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Leitungsrohr, das über meinem Bett entlangführte. Merkwürdig, daß sie so etwas in den
Räumen hatten; es muß ein Teil der Sprinkleranlage gewesen sein. Ich nahm ein rotes
Hemd, drehte es zusammen, knüpfte eine Schlinge und schlang es um das Leitungs-
rohr. Ich stand auf dem Bett, und dieses Bett hatte Rollen. Sobald ich die Schlinge um
den Hals hatte, wollte ich es unter mir wegstoßen. Ich fing gerade an, mir die Schlinge
um den Hals zu legen, als das Bett in Bewegung geriet und von der Wand abrutschte.
Ich stürzte zwischen dem Bett und der Wand zu Boden. Ich fing an zu weinen und wein-
te fünf Stunden lang ohne Unterbrechung. Die Schlinge hing noch vom Leitungsrohr
herab, als die Frau, mit der ich das Zimmer teilte, hereinkam. Sie flippte aus und rannte
schreiend den Flur entlang.

Goodman handelte sehr schnell, aber ich bin sicher, er hatte es sich reiflich überlegt,
bevor er sagte: >Ich schicke Sie in die geschlossene Abteilung hinunter.< Ich bettelte
und bettelte. Ich erinnere mich, daß ich mich in einer Zimmerecke verkrochen hatte,
wie ein verängstigtes Kind oder ein Tier, das man in die Enge getrieben hat. Ich glaube,
als er meine Reaktion sah, war es schwierig für ihn, konsequent zu bleiben. Ich sagte:
>Wenn Sie mich unbedingt hinunterschicken müssen, lassen Sie mich nach Carlson I
gehen!< Es war eine erbärmliche Szene; ich hatte solche Angst. Selbst jetzt zerreißt
es mir noch das Herz, wenn ich daran denke. Er sagte: >Ich würde es tun, wenn ein
Bett frei wäre, aber es ist kein Bett frei.< Das zeigte mir wieder, daß er nicht einfach
grausam war, sondern aus Verantwortung handelte.

Sie schickten in solchen Fällen immer einen mit Segeltuch ausgeschlagenen Rollwa-
gen, in dem alle persönlichen Gegenstände abtransportiert wurden. Der Wagen wurde
hereingebracht, als Goodman noch da war. Ich bat ihn: >Dann schicken Sie mich nur
auf Besuch hin!< Das bedeutete, daß man bald auf sein Zimmer zurückkommen würde.
Er sagte: >Das geht nur für zwei Tage, und das ist nicht lange genug. Ich werde Sie
jeden Tag besuchen< Er tat wirklich, was er konnte.

Also verlegten sie mich nach Carlson II. In den Isolierzellen arbeiteten sie die ganze
Zeit mit Eisbeuteln; sie fuhren schwere Geschütze auf. Wie sich herausstellte, war es
nicht so furchterregend wie in meinen Phantasien, aber es war alles andere als ein an-
genehmer Ort.

Er fing auch an, mich mit einem Medikament zu behandeln, das damals gerade erst ent-
wickelt worden war, Prolixin. Es war das neueste Antipsychotikum auf dem Markt. Ich
bekam es injiziert, und eine Dosis reichte für zwei Wochen. Aber sie wußten nicht viel
über Dosierungen damals; sie wußten überhaupt nicht viel. Ich reagierte sehr heftig auf
Prolixin. Es machte mich so ruhelos, daß ich buchstäblich nicht stillsitzen konnte. Am
Tag nach der ersten Injektion spielte ich siebzehn Stunden lang Ping Pong. Sie können
sich vorstellen, wie stark die Wirkung war. Nach zwei Wochen war ich dann allmählich
soweit, daß ich mich hinsetzen konnte. Dann kamen sie, um mir eine neue Injektion
zu geben. Wenn ich sie kommen sah, versuchte ich, wegzulaufen. Ich stritt mit Good-
man und bat ihn inständig, das Mittel abzusetzen. Ich glaube, er war so wütend über
die Sache mit Betty und so erschrocken über meinen Selbstmordversuch, daß er es
nicht wirklich durchdacht hatte. Sie gingen davon aus, daß die Schockbehandlung sich
abgenutzt hatte; also versuchten sie es mit Prolixin. Aber in meiner Sicht war es eine
persönliche Krise zwischen mir und ihm.

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Meine Mutter kam mich über Ostern besuchen. Sie half mir sehr in dieser Krise; es war
das erste Mal, daß sie mir zu Hilfe kam, daß sie die Dinge richtig sah und er unrecht
hatte. Ich glaube auch, ich ließ es ihn nicht so leicht vergessen. Nach einem Gespräch
mit dem Chefarzt, dem er unterstand, setzten sie das Prolixin schließlich ab.

Obwohl ich nur sechzehn Tage lang auf Carlson II war, bekam ich bis Mitte Mai meine
persönlichen Sachen nicht zurück. An einem sehr heißen Tag im Mai wollte ich mit drei
Freundinnen ein Picknick machen. Es war einer dieser merkwürdig schwülen Tage, wie
man sie in dieser Gegend im Frühling manchmal hat. Wir nahmen etwas Bier und Wein
mit und gingen über die Nautilus-Brücke, eine Brücke, die über den Hudson River führt.
Wir hatten ein sehr schönes Uferstück entdeckt, aber um dahin zu kommen, mußten
wir durch schwarzen, stinkenden Schlamm waten.

Auf dem Rückweg wollte ich nicht noch einmal durch diesen übelriechenden Matsch
waten. Ich fand es einfach zu ekelhaft. Also beschloß ich, durch den Hudson zu schwim-
men. Jennifer, eins der Mädchen, die dabei waren, wollte mit mir hinüberschwimmen.
Die beiden anderen nahmen unsere Schuhe und Strümpfe. Wir sprangen ins Wasser,
und Jennifer, die keine so gute Schwimmerin war wie ich, wurde von der starken Strö-
mung mitgerissen. Sie trieb flußabwärts, und ich hatte Angst, daß sie ertrinken würde.
Ich rief ihr zu, sie solle keine Panik aufkommen lassen, aber das Rauschen des Was-
sers war unheimlich laut da draußen. Sie wurde direkt unter der Brücke vom Wasser
mitgerissen, wo die Strömung am stärksten war. Ich schrie immer wieder, sie solle sich
treiben lassen. Ich dachte, solange sie nicht in Panik geriete, würde sie schließlich ir-
gendwo an Land kommen. Bevor ich unter die Brücke gespült wurde, kam ich an einen
Pfeiler, und die Kraft der Strömung, besonders im Frühling, war enorm. Ich bahnte mir
einen Weg zu einer breiten, flachen Stelle des Flusses, wo das Wasser sich verlief. Da
gab es keine Strömung, und ich konnte mich einfach hinsetzen. Ich hatte erst Angst um
mich und dann Angst um Jennifer. Wieder einmal war es passiert, wieder war ich durch
mein unüberlegtes Handeln für den Tod eines Menschen verantwortlich.

Wir schafften es beide bis zum anderen Ufer. Einige Männer, die an den Elektrizitätslei-
tungen arbeiteten, riefen die Polizei, als sie uns sahen. Die Polizisten kamen, stellten
uns alle möglichen Fragen und brachten uns dann nach Mountain Brook zurück.

Ich fand eine Nachricht vor, daß Goodman mich sehen wollte, sobald ich mich umgezo-
gen hatte. Ich wußte, was auf mich zukam — das heilige Donnerwetter! Ich hatte etwas
sehr Dummes und Unüberlegtes getan, aber es war kein Akt bewußter Rebellion. Ich
hatte einfach nicht mit der starken Strömung gerechnet und auch nicht bedacht, daß
der Fluß durch Industrieabwässer schwer verseucht war.

Goodman wetterte über unsere Dummheit. Er rief die Stelle für Seuchenbekämpfung
und toxische Krankheiten an, um herauszufinden, welche Injektionen wir brauchten.
Wir bekamen mehr Spritzen als die Teilnehmer einer Tropenexpedition. Er sagte: >Wißt
ihr, das einzige, was mich beruhigt, ist die Vorstellung, wie viele Spritzen ihr ertragen
müßt!< Er war wirklich sauer, aber seine Wut störte mich nicht, weil immer Fürsorge
dahinterstand. Wir stritten uns, aber wir waren nicht in Gefahr, uns zu entfremden.

Etwa um diese Zeit teilte meine Mutter Goodman mit, daß sie meinen Klinikaufenthalt
nicht mehr finanzieren könne. Mountain Brook war damals teuer, sehr teuer, es kostete
um 30 000 Dollar pro Jahr. Sie wandte sich an meine Großeltern, aber die sagten, sie

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solle mich in eine staatliche Klinik schicken. Ich war völlig vernichtet, als Goodman mir
mitteilte, daß ich Mountain Brook verlassen müßte. Ich klagte ihn an und warf ihm vor,
sich nicht genug für mich eingesetzt zu haben. Ich fing an zu drohen, ich würde Kar-
bolsäure trinken oder mich von der Nautilusbrücke stürzen. Ich war so verzweifelt; ich
wußte, ich war nicht bereit, in die Welt entlassen zu werden.

Ich glaube, er versuchte wirklich, sich einzureden, daß ich es schaffen könnte. Ich sag-
te: >Was soll ich denn machen? Ich weiß gar nicht, was ich jetzt anfangen soll.< Er
sagte: >Was machen Mädchen in deinem Alter normalerweise?< >Ich denke, sie gehen
aufs College oder arbeiten. Ich kann das nicht. Und wo soll ich wohnen?<

Goodman sagte, ich könne nicht zu Haus leben. Ich war wieder wie ein völlig verängs-
tigtes kleines Kind. Ich fühlte mich total verlassen. Ich hatte sogar Dissoziationszu-
stände, in denen ich nicht wußte, wo ich war. Das Glasscherben-Schlucken nahm auch
wieder zu, glaube ich, aber ich erzählte niemandem etwas davon. Ich geriet wieder in
tiefe Verzweiflung, weil ich wußte, daß ich nicht in Ordnung war.

Goodman sagte, daß diese Drohungen ihm angst machten. Wenn ich nicht damit auf-
hörte, hätte er keine andere Wahl, als mich in eine staatliche Einrichtung zu schicken.
Ich wußte, daß es in staatlichen Kliniken keine Psychotherapie gab. Therapie war in-
zwischen für mich sehr wichtig geworden. Ich hatte ihre Wirkung kennengelernt und
wußte, daß sie mir guttat. Aber wie ich Psychotherapie von der Persönlichkeit Will
Goodmans trennen sollte, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Also
hörte ich mit den Drohungen auf.

In unserer letzten Sitzung sprach er über seine Liebe zu mir, und daß sich daran durch
die Entfernung nichts ändern würde. Es hörte sich nicht so an wie etwas, das er routine-
mäßig sagte oder das ihm leicht von den Lippen ging. Da er meinen Hintergrund kannte
und wußte, daß ich sexuell mißbraucht worden war, sagte er irgendwann im Lauf dieses
Gesprächs explizit, daß diese Liebe nie sexuelle Formen annehmen werde. Es tröstete
und beruhigte mich, daß er das sagte.

Ich kam nach Hause. Eine andere Möglichkeit schien es nicht zu geben, und ich war
verschlossen, depressiv, unsicher und ängstlich. Ich tühlte mich einsam. Die meisten
meiner früheren Freundinnen waren auf dem College, hatten Jobs oder führten einfach
ein anderes Leben. Meine einzigen wirklichen Freundinnen waren in der Psychiatrie.
Und ich ging wieder zu Jameson in Therapie, was sehr problematisch war. Meine Mutter
machte mich mit einem jungen Assistenzarzt des Roosevelt-Krankenhauses bekannt.
Sie kannte seine Familie, und ich verabredete mich mit ihm zum Essen. Er war sehr
groß und kräftig, und ich war sehr von ihm beeindruckt. Ich ging mit auf sein Zimmer,
um vor dem Essen einen Aperitif zu trinken, und er vergewaltigte mich. Dann stand er
auf, ging ins Bad und wusch sich; als er wieder herauskam, bat er mich um Verzeihung.
Ich ging mit ihm essen, dachte aber den ganzen Abend darüber nach, wo ich mein Auto
gelassen hatte und wie ich wieder aus New York City herausfinden sollte. Ich war be-
stimmt mehr als zweihundert Mal in meinem Leben nach New York hineingefahren und
wieder hinaus, aber ich war durch dieses Erlebnis völlig verstört. Ich schämte mich und
fühlte mich für das, was passiert war, verantwortlich.

Als ich Jameson davon erzählte - ihm, dem Psychiater, der mir sagte, daß ich mich ase-
xuell kleidete und der mich fragte, warum ich den Kontakt mit Männern mied -, sagte

103
er mir, was an diesem Abend geschah, sei meine Schuld gewesen. Ich war überzeugt,
daß er recht hatte. Ich glaube, von da an begann ich darüber zu brüten, wie ich mich
umbringen würde. Ein Teil der Krankheit ist der völlige Verfall der Fähigkeit zur Alterna-
tivenbildung. Es war mir absolut nicht möglich, zu sehen, daß es auf der Welt vielleicht
noch einen anderen Therapeuten gab, daß ich mich verteidigen könnte oder daß nicht
alles, was Jameson sagte, richtig war.

Ich fing an zu trinken, und vor meinen Therapiesitzungen mit Jameson trank ich sehr
viel, aber ich glaube nicht, daß er es je bemerkte. Ich sagte ihm, daß ich unglücklich
sei und keinen Sinn in meinem Leben sähe. Aber da ich einen Job hatte und allein
lebte - ich hatte mir eine eigene Wohnung gemietet -, sagte er: >Es läuft doch alles
phantastisch.< Das war mir keine Hilfe; er hörte einfach nicht zu. Er blendete meine
Realität aus und setzte dafür das rosige Bild ein, das er sehen wollte. Meine Verzweif-
lung wuchs und wuchs.

Ich bat Jameson, mir ein Schlafmittel zu verschreiben. Nachdem ich ihn immer wieder
bearbeitet hatte, gab er mir schließlich ein Rezept für fünf Portionen Tuinol. In der Nacht
fälschte ich das Rezept mit großer Sorgfalt. Als ich morgens zur Arbeit ging, steckte
ich das Rezept ein, aber ich verlor es. Sie können sich vielleicht ein Bild machen, an
welchem Punkt der Verzweiflung ich angekommen war, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich
Mülltonnen am Broadway durchwühlte, unter den Augen der Stadtstreicherinnen, die
mich mißtrauisch beobachteten. Schließlich lief ich zurück zu dem Ort, an dem ich mei-
ne Teepause gemacht hatte. In einer Ecke lag ein Haufen Müll, den sie gerade wegfegen
wollten. Ich stürzte darauf zu und bemerkte ein kleines Stück weißes Papier. Es war
mein Rezept; ich war so erleichtert. Ich ging in den Drugstore und lenkte den Apotheker
ab, damit er keinen Verdacht schöpfte und nicht bei Jameson anrief.

Ich hatte seit vier Tagen ein Zimmer in meiner Wohnung vermietet, und meine neue
Mitbewohnerin sagte mir, sie würde bis elf Uhr abends in der Bibliothek arbeiten. Etwa
um halb acht nahm ich zehn Schlaftabletten. Ich hatte furchtbare Angst. Um mit der
Panik fertig zu werden und die Sache zu Ende zu bringen, nahm ich die restlichen
dreißig Tabletten. Es war eine tödliche Dosis. Ich war völlig narkotisiert; kurz bevor ich
bewußtlos wurde, rief ich Jameson an. Er sagte mir, ich solle in zehn Minuten wieder
anrufen.

Meine Mitbewohnerin kam zufällig früher zurück; sie hatte ein Buch vergessen. Jame-
son rief an. Sie sagte: >Lindsey kann jetzt nicht mit Ihnen sprechen. Sie liegt in ihrem
Zimmer und schluchzt.< Das Schluchzen, das sie hörte, war in Wirklichkeit mein keu-
chendes Atmen.

Jameson rief die Ambulanz, und sie brachten mich ins Krankenhaus. Ich war drei Tage
ohne Bewußtsein. Später sprach ich mit dem Notarzt, der mir sagte, als ich eingeliefert
wurde, sei mein Zustand auf Messers Schneide gewesen. Offenbar waren sie sich gar
nicht sicher, ob sie mich durchbringen würden.

Als ich zu mir kam, war ich immer noch im Rausch. Aber als die Wirkung des Mittels
nachließ, fühlte ich nur noch Verzweiflung und Leere. Ich war wütend, daß es mir nicht
gelungen war, mich umzubringen. Ich wollte einfach sterben. Es war keine Erleichte-
rung, noch am Leben zu sein. Sie beschlossen, daß ich wieder Langzeitbehandlung

104
brauchte und in eine Klinik eingewiesen werden müßte, und irgendwie war Geld für
meine Behandlung da. Allerdings wollten sie mich nicht nach Mountain Brook zurück-
schicken. Seit ich selbst in diesem Bereich arbeite, weiß ich, wie Psychiater oft mit sol-
chen Dingen umgehen. Vielleicht glaubten sie, ich hätte nur versucht, nach Mountain
Brook zurückzukommen. Aber hinter diesem Selbstmordversuch stand eine wirkliche
Tötungsabsicht; es war nicht nur eine verzweifelte Geste, ein Hilfeschrei an die Umwelt.
Ich meine, wie man das macht, wußte ich auch, aber in diesem Fall war es keine Insze-
nierung.

Sie brachten mich ins Adolescent Treatment Center, ATC (Psychiatrisches Behandlungs-
zentrum für Jugendliche), eine neue, experimentelle Einrichtung, die von einem sehr
angesehenen Krankenhaus in New York finanziert wurde. Dieser Ort war höchst eigen-
artig. Er hatte mit Mountain Brook nicht die mindeste Ähnlichkeit. Es gab ein ungeheu-
res Maß an Aufruhr, Vandalismus, Alkoholmißbrauch, Ausreißen. Der Konkurrenzkampf
um den Status der Verrücktesten war enorm. Eine junge Frau wurde eingeliefert, weil
ihr >Symptom< Prostitution war. Sie brachte den anderen ihre Kniffe bei. Einer der
Jungen dort warf sich vor die U-Bahn. Er überlebte, verlor aber Arme und Beine. Mein
bester Freund dort war ein junger Mann namens Tim. Er beging Selbstmord, kurz nach-
dem er das Zentrum verlassen hatte.

Eigentlich war es in meinem Fall keine Frage, daß ich eine Hauptkandidatin für Psycho-
therapie war. Aber in dieser Einrichtung hatten sie von der Arbeit mit psychisch Kran-
ken überhaupt keine Ahnung. Ich kenne niemanden, der dort irgendwelche Fortschritte
machte. Ich hatte einen Therapeuten, einen ausländischen Psychiater, der kaum Eng-
lisch konnte und meinen Namen nicht verstand. In den ersten drei Monaten - ich war
neun Monate da - nannte er mich >Linseed<. Während unseres ersten Gesprächs sagte
er mir: >Wenn Sie schwere Ängste bekommen, bevor Sie sich selbst verletzen oder
etwas zerschlagen, benutzen Sie das hier< - und drückte mir eine Trillerpfeife in die
Hand, eine Trillerpfeife für Kinder, aus rotem Plastik, die an einem Bändchen hing. Ich
war verwirrt, verblüfft, peinlich berührt; vor allem aber machte es mir angst, daß ein
Mensch, der so dachte, für meine Behandlung verantwortlich sein sollte.

Eine schwer gestörte junge Frau, mit der ich das Zimmer teilte, war verheiratet.
Stephen, ihr Mann, wollte sie besuchen, aber sie erlaubten es nicht. Irgendwie fand
er heraus, welches Fenster zu unserem Zimmer gehörte. Anders als in den meisten
Einrichtungen, in denen ich war, ließ dieses Fenster sich öffnen, allerdings nur einen
schmalen Spalt, durch den höchstens eine Katze hätte entkommen können. Durch die-
sen Fensterspalt sprach er also mit Candy. Da Candy die Abteilung nicht verlassen durf-
te, ich aber hinauskonnte, suchte ich Stephen auf und sagte ihm, er solle sich nicht die
Mühe machen, heimlich zum Fenster hochzuklettern, um mit ihr zu sprechen, sondern
einfach auf seinem Besuchsrecht bestehen. Ich glaube, Candy war nicht länger als zwei
oder drei Wochen da. Sie war sehr schwer gestört, aber Stephen bekam von ihrer Fa-
milie keine Hilfe, und er konnte es sich einfach nicht leisten, ihren Aufenthalt dort zu
bezahlen. Nachdem sie fort war, fing ich an, sie und Stephen zu Haus zu besuchen; ich
brauchte etwa eine Stunde bis zu ihrer Wohnung. Das war natürlich völlig illegal. Aber
wir kamen alle mit diesen Dingen durch.

Da in dieser Einrichtung nur etwas in Bewegung geriet, wenn man agierte, steigerte
ich mich in dieser Hinsicht bis ins Extrem. Als Antwort darauf setzten sie mich unter
Drogen. Es ging von Sodiumamytal-Injektionen, siebenhundert Milligramm alle vier

105
Stunden - genug, um einen Elefanten einzuschläfern -, bis zu tausendzweihundert Milli-
gramm Thorazin. Ich lief wie ein Zombie herum, bis ich mich daran gewöhnte. Ich hörte
auf zu essen. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages während einer Therapiesitzung in
Gegenwart meines Psychiaters essen sollte. Ich verhielt mich wie ein Kleinkind: Wenn
er nicht hinsah, stopfte ich das Kartoffelpüree, die Erbsen und das Hühnerfleisch unter
das Kissen. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt.

Es war einfach grauenhaft in dieser Klinik. Aber es waren zwei Männer da, die mir hal-
fen. Einer war ein Berater, der andere ein Pfleger. Ich ging so tief in die infantile Re-
gression, daß es wahrscheinlich für ein ganzes Leben reicht. Ich lebte alles aus. Aber
es wurde allmählich gefährlich, daß ich nicht aß. Ich versteifte mich einfach darauf und
verweigerte drei Monate lang die Nahrung. Sie versuchten es mit Zwangsernährung,
was zu sehr unangenehmen Kämpfen führte.

Es war ständig jemand zu meiner Bewachung da, aber eines Tages lenkte ich die Person
ab, lief zum Fenster und schlug die Scheibe ein, wobei ich mich schwer am Arm verletz-
te. Zufällig ging unten gerade der Leiter der Einrichtung vorbei.

Sie schickten mich in die Gracie-Square-Klinik, was eine Art Bellevue für Reiche ist. Ich
kam in die medizinische Abteilung. Ich fand die Behandlung da grausam. An dem Ort,
den ich gerade verlassen hatte, herrschte trotz aller Mängel - und das waren nicht we-
nige — eine gewisse Wärme. Unter den Menschen dort gab es ein gewisses Maß wirkli-
cher Wärme. In der Gracie-Square-Klinik waren sie kalt und permanent wütend auf die
Patienten, die sie versorgen sollten.

Ich drehte die Glühbirnen heraus, zerbrach sie und aß die Glassplitter. Einmal aß ich
praktisch ein ganzes Glas auf. Eine Krankenschwester kam herein, als ich gerade ein
Stück in den Mund steckte. Sie regten sich sehr darüber auf, machten Röntgenaufnah-
men und Tests, aber sie konnten nichts machen. Ein Chirurg kam herein, ein sehr sa-
distischer Typ, der mir in allen Einzelheiten ausmalte, wie ich sterben würde. Er sagte,
während des Verdauungsprozesses würden die Glasscherben meine Magenwände in
Fetzen reißen und ich würde an inneren Blutungen zugrunde gehen. Aber nichts derglei-
chen geschah. Ich kann mich nicht erinnern, durch die Glasesserei je physischen Scha-
den davongetragen zu haben, von Bauchschmerzen abgesehen.

Ich hatte dort meinen ersten psychotischen Schub; ich wußte nicht, wo ich war. Ich
glaubte, ich wäre auf einer Kegelbahn. Ich aß immer noch nicht. Ich stand unter
Medikamenten. Ich war extrem unterernährt, aber ich verlor nicht weiter an Gewicht,
weil ich unter Verstopfung litt. Ich kam in einen Zustand schwerer Selbstintoxikation.

Eine Krankenschwester sagte: >Sie können keinen Haferbrei essen und kein Apfelmus,
aber Sie können Glas essen!< Jedenfalls fing ich wieder an zu essen, nahm ein bißchen
zu, und sie schickten mich ins ATC zurück.

Ich glaube, ich hatte langsam genug von diesem Ort. Ich wollte da raus. Nach acht oder
neun Monaten wurde ich entlassen. Ich ging zurück in die Wohnung, die ich vorher ge-
habt hatte, und war für kurze Zeit wieder bei Jameson.

Stephen, Candys Mann, kam mich besuchen. Er hatte sich von ihr getrennt, nachdem
sie eines Nachts versucht hatte, ihn zu kastrieren, als er schlafend dalag. Er war auf

106
der Suche nach einer Wohnung, einem neuen Job, einem Neuanfang in New York. Sein
Leben war ein einziges Chaos. Er versuchte, sich eine neue Existenz aufzubauen und
als alleinerziehender Vater für ein kleines Kind zu sorgen. Wir hockten zusammen und
waren wirklich nur Freunde. Ich war zu durcheinander, um es als eine Liebesbeziehung
zu betrachten, aber ich fing an, ihn sehr zu mögen.

Meine Mutter unterstützte die Beziehung, ich glaube, weil sie endlich nicht mehr allein
für mich verantwortlich sein wollte, aber auch, weil sie Stephen sehr gern hatte. Sie
hatte hohe moralische Maßstäbe, aber sie arrangierte trotzdem zwei Reisen für uns,
einmal nach Florida und einen Skiurlaub, während Stephen noch verheiratet war. Sie
übte beharrlich und auf subtile Weise Druck auf mich aus - und in gewisser Weise auch
auf ihn -, eine sexuelle Beziehung einzugehen. Aber es war nicht alles eitel Sonnen-
schein.

Es gab Hunderte von Episoden, aber dies ist vielleicht die verrückteste. Stephen regt
sich immer noch darüber auf, wenn er daran denkt, daß ich es tun konnte, während er
im Nebenzimmer war. Es war in meiner Wohnung; ich stand vor dem Spiegel und woll-
te mein Gesicht völlig entstellen. Ich sah mein Gesicht im Spiegel an, nahm ein Glas,
zerschmetterte es und schlug mir den gezackten Rest mit voller Wucht ins Gesicht. Im
allerletzten Moment veränderte ich die Zielrichtung und traf meine Stirn. Das Blut floß
in Strömen. Es war eine furchtbare Wunde.

Ich wurde von der Polizei ins Krankenhaus gebracht. Ich erinnere mich an den Polizisten,
der bei mir war. Er schwitzte, während er versuchte, die Wunde zusammenzudrücken.
Er war sehr nervös, weil ich soviel Blut verlor. Wieder war ich in einem furchtbaren Kon-
flikt, weil er so lieb zu mir war und dachte, ich hätte einen Unfall gehabt. Ich hatte ihm
gesagt, ich sei gestürzt. Er hatte keine Ahnung, daß ich mir die Wunde selbst zugefügt
hatte. Aber ich wußte es. Der Chirurg, der mich behandelte, war hervorragend, aber die
Narbe auf meiner Stirn sieht man immer noch.

Jameson glaubte die Geschichte mit dem Unfall nicht, aber ich sagte ihm nie die Wahr-
heit. Kurz nach diesem Zwischenfall sagte er mir, daß er mich nicht mehr behandeln
könne. Jason Gold, der frühere Leiter von Riverview, der meine Mutter damals über-
zeugt hatte, daß ich Hilfe brauchte, sagte mir, daß ich meine Möglichkeiten allmählich
erschöpft hätte. Psychiater und Psychotherapeuten wollten nicht mehr mit mir arbeiten,
weil ich als ein zu großes Risiko betrachtet wurde. Schließlich stimmte Novick, ein be-
kannter Psychiater, zu, mich zu behandeln.

Stephen besuchte mich jeden Tag, aber über einen langen Zeitraum war ich so dane-
ben, daß ich nicht einmal wußte, ob er dagewesen war oder nicht. Er ging selbst durch
eine sehr schwere Phase. In seinem Job war er gekündigt worden, sein Kind war in
Pflege, und seine Ehefrau war verrückt. Er war am Boden zerstört.

Eines Abends ging Stephen in eine Kneipe und ließ sich ziemlich vollaufen. Als er die
Kneipe verließ, kaufte er irgendwo einen Blumenstrauß und wollte ihn um Mitternacht
in der Klinik abgeben. Weil es so spät war, weigerte der Pförtner sich jedoch, die Blu-
men anzunehmen. Aber Stephen ließ sich nicht beirren. Auf der anderen Straßenseite
war eine Baustelle, wo gerade ein neuer Flügel der Klinik errichtet wurde. Er wußte,
daß er durch den unfertigen Neubau das Fenster der Isolationszelle erreichen konnte,
in der ich untergebracht war.

107
Er schlich sich am Wachmann vorbei und ging die Treppe hinauf, die bis zum dritten
Stock fertiggestellt war. Ich war im achten Stock. Dann nahm er eine Bauleiter und
erstieg die nächsten Stockwerke, indem er jedesmal die Leiter hinter sich hochzog. Er
schaffte es bis zum siebenten Stock, wo eine überdachte Passage gebaut wurde, die
beide Gebäudeteile verbinden sollte. Er kletterte auf das Dach der Passage und lehnte
die Leiter gegen die Wand, direkt unter dem Fenster der Isolationszelle. Er stieg auf die
Leiter und schaffte es, sich dem Fenster bis auf einen halben Meter zu nähern. Inzwi-
schen war es vermutlich ein Uhr morgens; er war völlig betrunken und balancierte acht
Stockwerke hoch mit einem Blumenstrauß in der Hand auf einer wackeligen Leiter.
Außerdem waren wir in New York — ein Mann, der nachts auf Dächern herumklettert,
kann dort leicht erschossen werden.

Ich bin in der Isolierzelle, kann wie üblich nicht schlafen und höre plötzlich, wie mein
Name gerufen wird: >Lindsey, Lindsey, Lindsey.< Ich höre es immer wieder und gehe
zu dem Pfleger, der Nachtwache hat und vor sich hindöst. Ich sage zu ihm: >Jemand
ruft meinen Namen.< Er sagt: >Ach, gehen Sie wieder schlafen, Sie haben eine Hallu-
zination.< Stephen mußte wieder hinunterklettern, von Stockwerk zu Stockwerk, die
Leiter hinter sich herziehend. Er schlich sich wieder am Wachmann vorbei und legte die
Blumen an der Tür der Klinik ab.

Auch das ist eine romantische Liebesgeschichte, aber ich weiß nicht, ob es die Art Ge-
schichte ist, die man später seinen Enkeln erzählt.

Während dieses Klinikaufenthalts war ich ziemlich psychotisch. Ich glaube, daß es auch
diesmal etwas mit meiner Nahrungsverweigerung zu tun hatte. Während eines Schubs
sah ich mich über dem Wasser stehen und wollte mich mit einem eleganten Kopfsprung
hineinstürzen. In Wirklichkeit stand ich auf dem Bett, hatte die Hände hinter dem
Rücken verschränkt und machte einen Kopfsprung auf den Fliesenboden. Ich wurde
bewußtlos. Stunden später wachte ich angeschnallt auf einer Trage auf. Die einzige
Person, die ich aus meiner Position heraus sehen konnte, war eine sehr alte Frau, die
durch Schläuche in der Nase künstlich ernährt wurde. Ich wußte, daß sie wegen meiner
Nahrungsverweigerung nervös wurden, und bildete mir ein, ich sei diese alte Frau. Ich
fing an zu glauben, sie wäre ich.

Raten Sie mal, wer zur Tür hereinkommt? Jameson! Und wessen Patientin ist diese
fünfundachtzigjährige Frau? Seine! Jetzt bin ich völlig davon überzeugt, daß ich diese
Frau bin. Er bleibt neben der Trage stehen — ich bin festgebunden — und sagt:

>So trifft man sich also wieder<, oder etwas ähnlich Absurdes. >Was tun Sie hier?<
Ich sage: >Ich bin senil.<
Er sagt: >Wie alt sind Sie?<
>Fünfundzwanzig.<
>Ein bißchen jung, um senil zu sein.<

Und er geht zu der alten Frau, was mich absolut in dem Glauben bestärkt, daß ich das
bin. An diesem Punkt war ich völlig sicher, daß ich die Klinik nie verlassen würde. Ich
kann mich nicht erinnern, dort je gebadet zu haben. Ich trug die ganze Zeit meine
Jeans. Ich glaube, sie hatten es aufgegeben, mich zu einem Kleiderwechsel zu bewe-
gen. Ich schlief in meinen Jeans. Ich war psychotisch. Eines Tages wurde ein neuer
Patient eingeliefert, ein Mann, der während meines Aufenthalts in Mountain Brook dort

108
Psychiater gewesen war. Das gab mir wirklich den Rest. Ich konnte innere und äußere
Realität nicht mehr auseinanderhalten.

Eines Morgens beschloß ich, den Isolierbereich zu verlassen. Ich setzte mir das Ziel,
zwei Stunden lang draußen zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt schlossen sie mich nicht
mehr ein; ich war so total verängstigt, daß sie mich gar nicht hinausbekamen.

Ich verließ den Isolierbereich und setzte mich zu einer Gruppe von Freunden aus der
Klinik. Celeste, eine Frau, die manisch-depressiv war, erzählte mir immer, was ich mach-
te und was mit mir los war, wenn ich zu sehr daneben war, um es selbst zu merken.
Sie sagte, ich hätte Schreie von mir gegeben wie ein Schwein, das geschlachtet wer-
den soll. Sie sagte, es seien die schrecklichsten Laute gewesen, die sie je von einem
menschlichen Wesen gehört habe.

Plötzlich kam eine Gruppe von Ärzten vorbei und verschwand hinter den Türen der
geschlossenen Abteilung. In Panik rannte ich ihnen nach und hämmerte gegen die ver-
schlossene Tür, um wieder hineinzukommen. Sie bereiteten eine Schockbehandlung
vor und waren sehr wütend über die Störung. Ich war zurückgekommen, und sie waren
sauer. Ich drehte mich um und wollte in mein Zimmer gehen, und da stand ein kleiner
alter Mann vor mir, splitternackt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Ich stieß einen gellen-
den Schrei aus, und eine Krankenschwester, die in der Nähe war, machte sich über mich
lustig: >Haben Sie wirklich noch nie einen nackten Mann gesehen?< Ich kämpfte gegen
das Bedürfnis an, zu halluzinieren. Es war fast orgiastisch, nicht in einem angenehmen
Sinn, aber genauso machtvoll. Es war so stark wie ein elementares biologisches Bedürf-
nis. Und das ist die beste Erklärung, die ich jemandem geben kann, der das nie durchge-
macht hat. Ich versuchte, diesen Drang im Zaum zu halten, bis ich an einem sicheren
Ort war, wo ich den Halluzinationen ungehindert freien Lauf lassen konnte.

Es gab da einen Pfleger namens Russell; es war ein imposanter älterer Schwarzer, der
einfach wundervoll zu mir war. Er sah, in welchem Zustand ich mich befand. Er brachte
den nackten Mann irgendwo anders hin und sagte: >Es tut mir leid, Lindsey. Wir be-
reiten diesen Mann gerade für die Schockbehandlung vor. Sie können jetzt nicht in Ihr
Zimmer gehen.< Russell fand ein anderes Zimmer für mich. Er wußte, was in mir vor-
ging und daß ich allein sein mußte. Er schloß die Tür. Dann fingen die Halluzinationen
an. Mein Kopf und mein Körper lösten sich voneinander. Mein Kopf blieb auf dem Kissen
liegen, während mein Körper in der Luft schwebte, immer dünner und durchsichtiger
wurde und sich in Rauch auflöste. Novick, der Psychiater, kam in mein Zimmer und sag-
te: Erzählen Sie mir ganz genau, was jetzt mit Ihnen vorgeht.< Ich erzählte es ihm. Er
sagte: >Das ist keine Halluzination, das ist eine Phantasie<, was nicht stimmte, aber
er sagte es. Dann fragte er mich: >Wollen Sie nach Haus?<

Es war, als würde ein Schalter umgelegt. Ich war aus der Psychose heraus. Ich konnte
nach Haus. Mit ein paar Sätzen hatte er die Realität total verändert. Dann ging ich mit
vollen Segeln in die manische Phase. Ich platzte vor Energie. Ich lachte und weinte ab-
wechselnd. Ich duschte und wusch mir das Haar. Mein Haar war so verfilzt, daß Celeste
zwei Stunden brauchte, um es durchzukämmen. Als Novick das alles sah, entschied er,
mich nicht sofort zu entlassen, sondern einen allmählichen Übergang zu schaffen. Ich
fing an, tagsüber in meine Wohnung zu gehen, und abends kehrte ich in die Klinik zu-
rück, was sich als guter Plan erwies.

109
Ich glaube, ich sagte mir damals, daß ich alles getan hatte, was Irre tun. Ich hatte wirk-
lich das gesamte Repertoire des Verrücktseins durchgespielt. Natürlich war ich immer
noch weit davon entfernt, gesund zu sein, aber diese Erfahrung war abgeschlossen.

Ich wurde aus der Klinik entlassen, war aber physisch in einem ziemlich kritischen Zu-
stand. Ich wog nur noch zweiundvierzig Kilo, und Novick sagte, wenn ich noch zwei Kilo
abnähme, würde ich sterben. Ich sah aus wie ein KZ-Opfer. Ich konnte nicht sitzen, weil
mein Hinterteil nur noch aus Knochen bestand. Es sah also so aus, als ob ich zwar das
Verrücktsein hinter mir hätte, aber nun an den Folgen der Magersucht sterben müßte.
Novick ließ mich die Medikamente absetzen. Er sagte: >Man warnt mich, wenn ich Ih-
nen die Medikamente nicht mehr gebe, werden Sie sich umbringen.< Als sie das letzte
Mal abgesetzt wurden, hatte ich all das Glas gegessen. >Aber wenn Sie die Mittel weiter
nehmen, werden Sie sterben.<

Also setzte er alles ab. Sie schickten mich zu einem Schlucktest nach Mount Sinai und
stellten fest, daß die Peristaltik gestört war. Ich konnte mit Mühe kauen, aber was ich
schluckte, kam mir wieder zum Mund heraus. Ich fing an, Phenothiazine zu nehmen.

Ich ging nach Haus, in meine Wohnung. Ich nahm allmählich zu, war aber in einer ziem-
lich schweren Depression. An meinem ersten Sonntag zu Haus packte Stephen einen
Picknickkorb, fuhr mit mir an den Fluß und fragte mich, ob ich ihn heiraten wolle. Meine
Antwort auf diesen Antrag war: >Du hast wohl einen Sprung in der Schüssel!< Ich sag-
te ihm: >Ich verstehe nicht, warum du mich heiraten willst, nachdem du dich endlich
aus der Beziehung zu dieser anderen Verrückten befreit hast.<

Ich glaube, er war durch meine Antwort teils beleidigt, teils erleichtert. >Verglichen mit
ihr bist du höchstens eine drittklassige Neurotikerin!< Ich denke, Stephen hat mein
Potential, gesund zu sein, immer erkannt.

Aber letzten Endes war es ganz selbstverständlich, daß wir heirateten. Ich liebte
Stephen. Ich glaube nicht, daß ich in meiner Liebesfähigkeit je grundlegend beeinträch-
tigt war. Ich hatte auch das Gefühl, meiner Mutter gegenüber eine Schuld abtragen zu
müssen. Sie hatte durch mich viel zu leiden gehabt, und ich mußte etwas dagegen tun.
Durch meine Ehe mit Stephen wollte ich sie versöhnen.

Ich versuchte, ein Kind aufzuziehen, und war dafür ungefähr so gut ausgestattet wie ein
kleines Mädchen. Tatsächlich milderte es aber meine Schuldgefühle, als der Therapeut,
zu dem ich damals ging, mir sagte: >Da versuchen Sie nun, ein Kind zu versorgen, und
sind eigentlich selbst noch ein Kind.<

Es war eine harte Zeit. Ich stand oft am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Ich
sah die Leute zur Arbeit gehen. Ich sah sie an, und sie erschienen mir fast wie überna-
türliche Wesen. Stephen nahm mir in dieser Zeit alle Pflichten und Belastungen ab.

Ich sah zwei Filme, die mich tief beeindruckten. In The Night of the Iguana (>Die Nacht
des Leguan<) spielt Richard Burton einen aus seinem Amt ausgestoßenen Priester, der
durch das Delirium Tremens geht. In dieser Nacht finden zwei wichtige Gespräche statt,
eins mit einer altjüngferlichen Frau, die mit ihrem alten Vater die ganze Welt bereist
hatte. Der ausgestoßene Priester fragte sie, ob sie je ein sexuelles Erlebnis gehabt

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habe. Sie sagt, nur eins: Ein Gondoliere bat sie um ein Stück ihrer Unterwäsche und
vergrub sein Gesicht darin. Der Priester sagt: >Das ist ekelerregend.< Und ich erinnere
mich an ihre Antwort: >Nichts Menschliches ist ekelerregend.< Ich hatte mich immer
ekelerregend gefühlt. Der Gedanke, die Idee, daß nichts Menschliches ekelerregend ist,
war wundervoll für mich.

An einer anderen Stelle dieses Films spricht Ava Gardner mit Richard Burton; sie ver-
sucht, ihm zu helfen, daß er die Nacht durchsteht. Sie sagt ihm: >Das Ziel des Lebens
ist, zu überleben.< Ich dachte: >Mein Gott, das habe ich getan.< Es war das erste Mal,
daß ich das Gefühl hatte, etwas richtig gemacht zu haben, genug getan zu haben. Ich
denke, das war der Wendepunkt, der mich aus der Depression herausführte.

In der Woche darauf sah ich Suddenly Last Summer (>Plötzlich im letzten Sommer<).
Der Film zeigt, wie Familien ihre Kinder verrückt machen können. Obwohl ich in der
Therapie lang und breit über meine Mutter, meine Eltern, meine Familie gesprochen
hatte, glaubte ich wirklich, ich sei an all den Problemen schuld, ich sei tief in meinem
Wesenskern irgendwie defekt. Die wirkliche Irre in dem Film war die Mutter, aber in der
Tochter manifestierten sich die Symptome; sie war diejenige, die vom Rest der Welt für
verrückt gehalten wurde. Ich dachte: >Oh, mein Gott ...< Allmählich begann sich der
Nebel zu lichten. Die Depression löste sich langsam auf.

Ich holte mein Studium nach. Ich fand einen guten Therapeuten. Ich engagierte mich po-
litisch in der Achtundsechziger-Bewegung. Ich wußte, daß ich nie wieder eine psychiatri-
sche Klinik von innen sehen würde. Außer in meinen Träumen, oder um jemanden zu
besuchen, kam ich auch nie wieder hinein.«

Lindseys Reflexionen über ihren Heilungsprozeß

Lindsey ist in der besonderen Position, ihren bemerkenswerten Genesungsprozeß selbst


kommentieren zu können. Sie war achtzehn Jahre lang in Psychotherapie, um ihre
Problematik zu verstehen und durch den Prozeß des Verstehens ihre seelische Gesund-
heit wiederzuerlangen. Lindsey arbeitet jetzt selbst als Psychotherapeutin und ist die
administrative Leiterin einer Einrichtung für psychisch schwer gestörte Menschen. Sie
ist mit psychischen Heilungsvorgängen emotional und intellektuell zutiefst vertraut.

»Manchmal frage ich mich: Wie krank war ich eigentlich? Ich mache mir Gedanken
darüber, ob ich vielleicht eine Aufschneiderin war und mit allen Mitteln versuchte,
Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Da psychische Erkrankungen sich nicht in kon-
kreten physischen Symptomen manifestieren, durch Tumore oder Veränderungen im
Blutbild, nehmen wir in unserer Kultur manchmal an, sie seien nicht real. Eine sehr
liebe Freundin, die Psychotherapeutin ist und viel von meiner Geschichte weiß, half mir
in diesem Punkt. Sie sagte: >Ich weiß nicht, was deine Definition von Verrücktheit ist,
aber jemand, der bis zu solchen äußersten Extremen geht, um Aufmerksamkeit zu be-
kommen, ist ganz schön verrückt.<

Als ich diese spontan einsetzenden extremen Blutungen hatte, an denen ich fast starb,
war es beinahe eine Erleichterung. Es war etwas Konkretes, das für mich selbst und an-
dere sichtbar war. Nach meinem Besuch zu Haus litt ich so furchtbar, daß ich es einfach
zum Ausdruck bringen mußte. Ich denke, in diesem speziellen Fall war das Ausmaß

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von Wut und Schmerz so groß, und die emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten waren
so unzureichend, daß mein Körper reagierte und durch das strömende Blut ein Ventil
schuf.

Sich selbst Schnittwunden zuzufügen ist mehr als ein Hilfeschrei an eine taube Umwelt,
daß man in großen Schwierigkeiten ist. Es hilft, den Schmerz greifbar und handhabbar
zu machen. Der physische Schmerz solcher Verletzungen ist relativ geringfügig; er ist
oberflächlich. Der Schmerz konzentriert sich auf eine bestimmte Stelle und wird so
verständlich. Seelischer Schmerz ist so andersartig und so allumfassend, daß er sich
dem Begreifen entzieht. Ich denke, die primitive, unbewußte Absicht, die hinter dem
Sich-Schneiden steht, ist einem Aderlaß vergleichbar; zeitweilig wird eine Entgiftung,
eine Entlastung erreicht.

Manchmal sagten die Leute zu mir: >Sieh dir doch mal all die schönen Dinge an, die das
Leben dir bietet. Freu dich darüber!< Aber das machte alles noch schlimmer für mich.
Ich hatte kein Recht, so daneben zu sein, eigentlich durfte ich nicht krank sein. Meine
Lieblingsplatitüde war: >Schau doch mal, was andere Leute zu leiden haben!< Da ich
jemand war, der gar keine Barrieren, gar keine Grenzen zwischen dem eigenen Leiden
und dem anderer errichten konnte, war dieser Spruch wirklich eine tolle Hilfe!

Ich habe diese Taktik nie verstanden. Ich vermute, dahinter stand die Auffassung, daß
manche Leiden real sind - Hunger oder schwere körperliche Krankheiten —, während
meine ohne weiteres beendet werden könnten, wenn ich nur an Gott glaubte oder mir
mehr Mühe gäbe, oder meine Eltern mehr liebte.

Willensentscheidungen riefen als roter Faden durch meinen gesamten Heilungsprozeß.


Willenskraft war sehr wichtig, aber ich könnte sie nicht an bestimmten Ereignissen
festmachen und analysieren. Ich erinnere mich an eine einzige bewusste Willensent-
scheidung: meinen Entschluß, die Isolierstation für zwei Stunden zu verlassen. Sicher
gab es noch einige solche Momente. Aber ich konnte keinen besonderen Mut darin se-
hen. Ich fühlte mich wie der Abschaum der Menschheit und fand, ich sollte eigentlich
tot sein. Ich war nur aus Feigheit noch am Leben.

Ich glaube, die Tennessee-Williams-Verfilmungen halfen mir, weil sie mir die Erkenntnis
vermittelten, daß es vielleicht wirklich ein Wagnis war, das Mut erforderte, am Leben zu
bleiben, obwohl ich mich wie der letzte Abschaum fühlte.

Ich möchte herausfinden, wo Novick ist, und ihn nach seiner Intervention befragen -
>Wollen Sie nach Haus?< Wie kam er darauf? Ich meine, nur einer unter einer Million
Psychotherapeuten würde so etwas sagen. Er traf mich mitten in einer ausgewachsenen
psychotischen Halluzination an. Es war Genie, oder Glück, - ich weiß es nicht.

Ich gebrauche diesen Ausdruck nur zögernd, aber es war wie Schocktherapie. Er inter-
venierte, als ich den verrücktesten Zustand erreicht hatte, und normalisierte mich im
Handumdrehen. Er gab der Sache einfach einen anderen Namen, denn es war wirklich
eine Halluzination, keine Phantasie. Das gesamte System, aus dem meine Psychose
sich speiste, ging zum Teufel. Plötzlich war ich in einer völlig anderen Realität. Ich
meine, sie war nicht rosig, aber sie war anders, und mein Verhalten veränderte sich
drastisch. Ich wurde manisch, und fünf Stunden später ging ich nach Haus, zu Besuch,
und jagte allen Angst ein mit meiner seltsamen Verfassung. Aber der manische Schub

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dauerte nicht lange; ich glaube, ich war einfach fertig mit dem Verrücktsein. Ich hatte
diese Erfahrung bis zum Exzeß ausgelebt, und es gab nichts Neues mehr zu lernen.
Danach verfiel ich gut drei Monate lang in eine schwere Depression. Ich glaube, ich war
depressiv, weil ich wußte, daß meine Zeit als Psychiatriepatientin abgelaufen war. Ich
konnte mich nicht mehr in das Verrücktsein flüchten.

Für mich war die geschlossene Abteilung mein Zuhause; es war der einzige Ort, an dem
ich mich heimisch fühlte. In gewisser Weise bedeutete mein veränderter Zustand, daß
ich nie mehr nach Haus zurück konnte. Oft denke ich an meine arme Mutter, wenn ich
so darüber spreche. Wie entsetzt und schockiert wäre sie, wenn sie das hörte!

Ähnlich wie bei meiner Erfahrung mit Novick kann das Heilende oft aus den merkwür-
digsten Ecken kommen. Durchbrüche passieren gerade dann, wenn sie am wenigsten
erwartet werden. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall. Da war ein kleiner Englän-
der, ein pickeliger Junge, der katatonisch war, sich also in einer Phase der Schizophrenie
befand. Er hatte ein Einzelzimmer und wurde von allen darum beneidet. Alle Patienten,
fünfunddreißig an der Zahl, mußten zusammen in einem winzigen Speisezimmer es-
sen. Wir waren furchtbar beengt in diesem Raum, und es gab permanent Szenen. Eines
Tages hatte eine sehr dicke Frau einen ausgewachsenen Anfall. Sie kippte den ganzen
Tisch um; das Essen flog den Leuten ins Gesicht. Ein sarkastischer Typ, der neben mir
saß, sagte, ohne eine Miene zu verziehen, ohne die Spur eines Lächelns: >Das Essen
ist schlecht, aber so schlecht nun auch wieder nicht.<

Jedenfalls mußte dieser kleine Katatoniker aus irgendeinem Grund nicht mit den ande-
ren zusammen im Speisezimmer essen. Ich haßte ihn, und ich bin sicher, daß sich darin
der Haß einer Menge anderer Leute spiegelte. Jeder murrte über ihn, aber niemand
unternahm etwas. Ich konnte mich wahnsinnig über ihn ärgern, wenn er dastand und
so überlegen wirkte - dieser arme Junge, der wahrscheinlich so elend dran war.

Also rannte ich vom anderen Ende des Korridors aus auf ihn los und griff ihn an. Er flog
in die Luft, aber er landete auf mir und fing an, mich mit seinen Fäusten zu bearbeiten.
Er schlug wirklich heftig auf mich ein. Wenn ich daran denke, kann ich es fast noch auf
meinem Rücken fühlen. Dabei brüllte er aus Leibeskräften. Ein Jahr lang hatte er kein
Wort gesprochen, und jetzt schrie er wüste Beschimpfungen. Das war ein Auftritt! Die
Krankenschwestern hätten mich am liebsten umgebracht, und wahrscheinlich war das
eine der Gelegenheiten, bei denen ich in die Isolierzelle kam. Es war eine Riesensze-
ne.

Der Junge wurde entlassen. Später, als ich in der Abteilung herumspazierte, kam sein
Psychiater zu mir und sagte: Versprechen Sie mir, daß Sie niemandem erzählen wer-
den, was ich Ihnen jetzt sage?< Ich versprach es. Er sagte: >Ich glaube nicht, daß
irgend etwas ihm mehr hätte helfen können. Er läuft herum und redet die ganze Zeit.<
Es war ein enormes, erlösendes kathartisches Erlebnis für ihn, wie Novicks Intervention
für mich. Ich hatte absolut keine altruistischen Motive, als ich den Jungen angriff; ich
war aggressiv und feindselig, aber er wurde geheilt.

An dem Bedürfnis, am Leben zu bleiben, ist wirklich überhaupt nichts Abstraktes. Es


hängt vom Zugehörigkeitsgefühl und Verbundenheitsgefühl mit anderen Menschen ab.
Als ich diesen Jungen attackierte, was natürlich im allgemeinen nicht die Art von Kon-
takt ist, den wir uns erhofften, trat er wieder mit der Welt in Verbindung. Manche

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Menschen wollen vielleicht weiterleben, weil sie sich mit Gott verbunden fühlen oder
mit der Natur, oder mit Tieren. Aber für die meisten von uns ist das nicht genug. Es
müssen Menschen sein oder eine bestimmte Person. Das ist es, was einem Lebenswil-
len gibt. Darin liegt die Heilung.

Liebe hat viel mit meiner Heilung zu tun. Als Kind wurde ich von meinen Eltern geliebt,
das ist keine Frage. Diese Liebe rieselte jedoch dünn, wie durch ein Sieb. Sie konnten
nicht über ihren Narzißmus hinaus lieben; ich war eine Verlängerung ihrer selbst.

In meiner Beziehung zu Will Goodman gab es keine Verstrickung. Seine Grenzen waren
immer klar. Er liebte mich wirklich, obwohl er vielleicht eine andere Sprache spricht
als ich. Und daß ich ihn liebte ist gar keine Frage. Ein Hauptthema unserer Diskus-
sionen - und manchmal auch Auseinandersetzungen - war die Frage, ob diese Liebe
Übertragungscharakter hatte oder real war. In den letzten Jahren haben wir beide ge-
nügend Abgeklärtheit entwickelt, um diese Unterscheidung aufzugeben und zu erken-
nen, daß vermutlich jede Liebe zu einem guten Teil auf Übertragung beruht.

Ich internalisierte die Beziehung zu Goodman und hielt an ihr fest, auch als ich schon
nicht mehr bei ihm in Behandlung war. Seine Präsenz in meinem Leben widersprach all
den negativen Botschaften, daß ich ein hoffnungsloser Fall, eine Mörderin, eine Verfüh-
rerin war, unmoralisch, verrückt, rettungslos verloren.

Ich las über einen kleinen Jungen, der seinen Hirntumor durch Visualisierung besiegte.
Er stellte sich Raumschiffe vor, die auf den Tumor schossen und ihn zerstörten. Mein
analoger Prozeß war, Goodman zu visualisieren und ihn mir innerlich zu vergegenwär-
tigen. Für den krebskranken Jungen waren Raumschiffe das heilende Symbol. Für mich
war es dieser liebende, machtvolle, autoritäre und absolut beschützende Vater.

Es ist komisch; ich muß aus zwei Gründen anonym bleiben: Der erste ist das sehr
reale Vorurteil in meinem Berufsfeld gegen Leute mit meiner Vorgeschichte, die Psy-
chotherapie betreiben. Der zweite hängt mit der Art zusammen, wie ich meine Arbeit
als Psychotherapeutin verstehe. Ich denke nicht in Begriffen des Kurierens und Wie-
der-Funktionstüchtig-Machens. Ich frage mich: Wie kann in diesem Leben Liebe mög-
lich werden? Wenn ich gefragt werde >Wie arbeiten Sie?<, erwähne ich das nicht. Ich
gebrauche psychodynamische Termini, denn diese andere Art zu denken ist in unserem
Beruf sehr verpönt. Vielleicht würden manche Leute mich am liebsten dafür hängen,
aber ich denke in Begriffen der Liebe — es geht darum, die furchtbaren Schamgefüh-
le zu überwinden, daß man krank wurde, krank ist. Es geht darum, den Menschen zu
vergeben, die einem das Leben zur Hölle gemacht haben, und sich selbst zu vergeben.
Das macht Liebe möglich.«

Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Aufenthalt in Mountain Brook hält Lindsey Reynolds
immer noch an ihrer Beziehung zu ihrem früheren Therapeuten Will Goodman fest.
Obwohl sie nie wieder bei ihm in Behandlung war, schreibt sie ihm regelmäßig oder be-
sucht ihn mehrmals im Jahr.

Heute ist Will Goodman der klinische Leiter von Mountain Brook, einer der angesehens-
ten psychiatrischen Einrichtungen in den USA. Als ich Dr. Goodman um ein Gespräch
bat, in der Hoffnung, Lindseys Krankheit und ihre Heilungserfahrung besser zu ver-
stehen, stimmte er zu, aber nur unter der Bedingung, daß Lindsey bei dem Gespräch

114
anwesend war. Die ärztliche Schweigepflicht und das Vertrauen zwischen Arzt und Pa-
tientin sind ihm heilig; er wollte sicher gehen, daß es keine Mißverständnisse, keinen
Vertrauensbruch gab.

Bevor wir uns mit Dr. Goodman trafen, führte Lindsey mich in Mountain Brook herum.
Als klinischer Psychologe habe ich meine Lehrzeit in psychiatrischen Einrichtungen ab-
geleistet. Aber ich kenne vor allem staatliche Einrichtungen oder, um Lindseys Meta-
pher zu gebrauchen, die »Schlangengrubenvariante«. Mountain Brook sah aus wie ein
vornehmes Ostküsten-College: wundervolle Parkanlagen und alte Klinkerbauten, die
etwas zu dicht beieinanderstanden, um entweder ihre Strenge oder ihren architektoni-
schen Reiz voll zur Geltung zu bringen. Lindsey zeigte mir die inzwischen restaurierten
Gebäude, in denen früher Carlson I und Carlson II untergebracht waren, und den for-
mellen Konferenzraum, in dem interne Ausbildungsseminare stattfanden.

Will Goodman schloß Lindsey zur Begrüßung herzlich in die Arme und gab auch mir
das Gefühl, ein willkommener Gast zu sein, als er mir die Hand schüttelte. Ich kannte
Lindseys hohe Meinung über Will, und was ich in psychotherapeutischen Kreisen über
ihn gehört hatte, vermittelte höchste Bewunderung für seine Person und seine Arbeit.
Er ist als menschlich integer, bescheiden und konsequent bekannt. Obwohl ich ihm also
bereits mit hohen Erwartungen gegenübertrat, war ich von seiner Wärme und seiner
absoluten Authentizität überrascht.

Lindsey schien sich vollkommen wohlzufühlen, als Will begann, über ihre Krankheit und
ihren Aufenthalt in Mountain Brook zu sprechen. Obwohl meine Anwesenheit eine leich-
te Unebenheit darstellte, befanden die beiden sich auf vertrautem Terrain. Im Lauf der
Jahre haben sie viele Stunden in intensiven Gesprächen verbracht, um die Ursachen
von Lindseys Krankheit, die Gründe für ihre Genesung und die Natur ihrer Beziehung
zu verstehen.

Will Goodmans Reflexionen

»In einem gewissen Sinn waren Lindsey und ich immer Kollegen. Ich hatte nie das
Gefühl, der allwissende Psychiater zu sein. Alles, was Lindsey zu tun hatte, war, mir
einige Assoziationen zu liefern, und ich stellte die Verbindungen her. Damals war ich
ein junger Mann und sowohl im medizinischen als auch im psychiatrischen Bereich re-
lativ unerfahren. Vielleicht wäre es schwieriger gewesen, wenn ich mehr Erfahrung ge-
habt und geglaubt hätte, mehr zu wissen, als es wirklich der Fall war. Für mich war es
ganz natürlich, zu sagen: >Ich habe einen kleinen Wissens- und Erfahrungsvorsprung,
aber eigentlich sitzen wir hier zusammen, um etwas herauszufinden, das sehr wichtig
ist, - obwohl ich sicher bin, daß ich mich manchmal anhörte wie ein wandelndes Lehr-
buch oder ein Artikel aus dem Reader‘s Digest, den ich in der Nacht zuvor gelesen
hatte.

Lindsey hatte mit einer außerordentlich schwerwiegenden Problematik zu kämpfen. Es


war besorgniserregend, sehr besorgniserregend und rätselhaft. Ich war nicht sicher,
wie ihre Krankheit sich entwickeln würde, aber ich glaube, ich betrachtete sie nicht als
unheilbar. Ich rechnete auch nicht mit einem tödlichen Ausgang oder einer irreversiblen
Schädigung. Diese Zuversicht beruhte nicht auf den wahrnehmbaren Fakten, denn ihr
Krankheitsprozeß war sehr bösartig; sie hatte mit Lindseys Persönlichkeit zu tun.

115
Was war an Lindsey, das sie von anderen unterschied? Entschlossenheit. Selbst wenn
sie sehr verzweifelt war oder wütend, oder beides, war dieser Antrieb immer da. Sie
gab nie völlig auf. Jedesmal, wenn ich Lindsey sah, hatte ich das Gefühl, daß sich irgend
etwas ereignen, irgend etwas in Bewegung geraten würde.

Ich sehe diese Qualitäten im Vergleich zu einer beträchtlichen Anzahl anderer Patien-
tinnen und Patienten, mit denen ich arbeite und die in ihrem Verhalten oder in ihrer
Realitätseinschätzung nicht so schwer gestört sind, wie Lindsey es damals war. Aber sie
haben auch nicht diesen starken Antrieb, dieses Bedürfnis, zu begreifen, diesen Drang,
mit anderen in Beziehung zu treten und andere zu beeinflussen.

Lindseys Intelligenz ist offensichtlich. Aber es gibt eine Unmenge intelligente Leute.
Was Lindsey auszeichnet, ist ihre hochentwickelte Fähigkeit, Verbindungen herzustellen
und Schlüsse zu ziehen, und ihre intensive intellektuelle Neugier, die sie zur Selbster-
forschung und zur Selbsterkenntnis antrieb. So ist sie und so mußte sie sein; es war ein
Kampf, den sie nicht aufgeben konnte. Und ich denke, dadurch war sie gezwungen, ihr
Leben in den Griff zu bekommen.

Wie Sie wissen, gab es in Lindseys Leben einige sehr schwierige und belastende Ereig-
nisse. Für Lindsey waren es nicht einfach Tragödien oder Bedrohungen; ihre Sicht der
Dinge war sehr viel komplexer. Sie setzte sich permanent mit diesen Ereignissen aus-
einander, in einer Weise, die für sie selbst und für ihre nächste Umgebung manchmal
bis an die Grenzen des Erträglichen ging.

Es gab Gründe dafür, warum Lindsey und ich sofort einen Draht zueinander fanden. Sie
trauerte um ihren Vater; der Verlust machte ihr offensichtlich schwer zu schaffen. Und
ich hatte, kurz bevor sie eingewiesen wurde, meinen Bruder durch einen Autounfall
verloren. Ich stand diesem Bruder außerordentlich nahe. Ich denke, die meisten Brü-
der stehen sich nahe, aber wir waren als Kinder ständig zusammen und machten alles
gemeinsam. Wir spielten immer miteinander, wir machten lange Wanderungen durch
den Yellowstone-Nationalpark. Damals war der Tod meines Bruders völlig unfaßbar für
mich, ein Ereignis, das mich in meinen Grundfesten erschütterte. Als ich aus Iowa zu-
rückkehrte, war Lindsey meine nächste Patientin. Sie denken vielleicht, daß ich nicht
so offen oder vollständig präsent war, weil ich trauerte und versuchte, mit dem Verlust
fertig zu werden. Aber ich glaube, in mancher Hinsicht war ich dadurch sogar stärker
präsent, lebendiger, neugieriger, zu sehen, wie Lindsey mit ihrer Problematik umging,
während ich die meine zu bewältigen versuchte.

Man könnte das alles sicher auch in den Termini einer psychiatrischen Theorie ausdrü-
cken, aber, um ehrlich zu sein, ich glaube, Lindsey berührte etwas in mir als Person.

Manchmal gehe ich in meiner Arbeit nicht gerade zimperlich vor. Ich glaube, ich bin
ziemlich direkt, ziemlich ehrlich. Ich will mich selbst und meine Welt verstehen, genau
wie Lindsey. Ich versuche, mir nicht allzu viel vorzumachen, vor allem auch, was mich
selbst betrifft. Das hat mir in meiner Arbeit als Psychiater sehr geholfen. Die Patienten
sind bereit, einem vieles zu verzeihen. Sie verzeihen nur eines nicht: wenn man jemand
zu sein versucht, der man nicht ist.

Inzwischen bin ich älter geworden, kann mich selbst besser annehmen und mache mir
nicht mehr so viele Gedanken um psychiatrische und psychotherapeutische Techniken.

116
Aber damals versuchte ich, mich viel stärker zurückzunehmen und so zu handeln, wie
ein Psychiater in meiner Sicht handeln sollte. Nach meiner Lehranalyse war die Versu-
chung groß, mich wie ein Bilderbuch-Freudianer aufzuführen. Mit Lindsey war ich mehr
ich selbst als mit anderen Patientinnen und Patienten, und ich denke, das hatte mehr
mit ihr zu tun als mit mir. Lindsey erkannte mich in bestimmten Momenten ganz klar
als die Person, die ich bin. Sie wußte, wann ich wütend war und wann ich besorgt war.
Sie wußte es wirklich. Ich glaube, das war gut für den Therapieprozeß, für sie und auch
für mich.

Viele meiner Interventionen hatten weniger mit meiner psychiatrischen Ausbildung zu


tun als mit meiner Kindheit unter der Obhut von zwei erfahrenen Landärzten und einer
handfesten Krankenschwester. Mein Großvater praktizierte siebenundfünfzig Jahre lang
als Landarzt und mein Vater zweiundvierzig Jahre lang. Meine Mutter war als Kranken-
schwester ausgebildet und arbeitete in der Praxis mit. Sie hatten alle eindeutige Vor-
stellungen davon, was richtig und was falsch war und wo man Grenzen ziehen mußte.
Lindsey brachte das stärker in mir zum Vorschein, benötigte das mehr als andere Pati-
enten, die mich in dieser Hinsicht nicht so forderten.

An bestimmten Punkten ging es in unserer Interaktion hart auf hart. Ich bin sicher, das
war in gewisser Weise beruhigend für dich« -Will dreht sich zu Lindsey um -, »aber
manchmal mußt du dir auch gesagt haben: >Gut, ich weiß, daß ihm an mir liegt, aber
wenn er in dieser Form auf mich losgeht, kann er mich doch unmöglich verstehen!<
Trotzdem glaube ich, irgend etwas in dir spürte immer, daß ich verstand, was in dir
vorging.

Ich bin sehr besitzergreifend, wenn es um meine eigenen Patienten, meine eigene Fa-
milie und mein eigenes Selbst geht. Vor Jahren fuhr ich einmal mit meinem Sohn auf
den Potomac River hinaus zum Angeln. Er war damals erst fünf Jahre alt, und er fiel
aus dem Boot. Ich sprang ins Wasser, packte ihn am Gürtel und zog ihn heraus. Er sah
mich an und sagte: >Du hast mir das Leben gerettet<, was ein bißchen dramatisch
ausgedrückt war. Später, als er schon fast erwachsen war und in Houston lebte, hatte
ich den Eindruck, daß er in Schwierigkeiten war, und ich sagte ihm: >Hör zu, Ed, ich
habe deinen Hintern damals nicht aus dem Potomac herausgezogen, um dich hier in
Texas zu verlieren.< Mit Lindsey hatte ich dieselben Gefühle.«

Will wendet sich wieder direkt an Lindsey: »Es gab sehr machtvolle Energien, die dich
zerstörten oder ins Chaos stürzten, und ich glaube, im Grunde gab ich dir zu verstehen,
manchmal, indem ich mich an dein Unbewußtes wandte: >Das lasse ich nicht zu!<

Lindsey nahm das auf; sie verstand mich besser als ich selbst. Ich glaube, ich verließ
mich fast darauf. Die Botschaft lautete: >Verdammt nochmal, Lindsey, du weißt, was
du da anstellst, und du hörst sofort damit auf!< Lindsey sah mich in solchen Momen-
ten wirklich wütend oder entsetzt an und sagte: >Warum drischst du so auf mich ein?
Ich weiß doch nicht, was ich tue!< Meine Antwort, auf einer bestimmten Ebene, war:
>Schön, wenn du es nicht weißt, erfährst du es jetzt. Du läßt diese verrückten Dinge
in Zukunft bleiben. Ich dulde nicht, daß du in den Hudson hinausschwimmst und unter-
gehst.<

Wenn einem Vertrauen entgegengebracht wird in der Art, wie Lindsey mir vertraute,
löst das Resonanz aus. Es bringt die guten Energien in einem selbst zum Vorschein.

117
Lindsey löste in mir eine Klarheit aus, für die ich ihr sehr dankbar bin. Es war nicht
immer leicht. Sie ließ mir keine halbherzige Reaktion durchgehen. Ich forderte sie auf,
sich mit bestimmten Dingen zu konfrontieren, und in gewisser Weise tat sie dasselbe
mit mir. Es war in unserem Kontakt nicht möglich, Gefühle durch Platitüden oder simple
Erklärungen glattzuschmirgeln. Das ließ sie bei mir nicht zu, und ich bin ihr dankbar
dafür. Es war eine gute Arzt-Patientin-Beziehung, aber es war auch viel mehr als das;
es war eine lebendige Begegnung von Mensch zu Mensch.

Ich habe eine Menge Erklärungen dafür gelesen, wie diese Art von Liebe oder Bin-
dung im Körper biochemische und physiologische Veränderungen hervorruft. Ich bin
sicher, daß es diese Vorgänge gibt, aber ich bin nicht sicher, ob sie durch die Idee der
Transformation vom Emotionalen ins Biologische ausreichend erklärt werden können.
Es ist keine Frage, daß Patienten mit >unheilbaren< physiologischen Erkrankungen,
die, wenn man es denn in eine Rubrik einordnen kann, einen Grund zum Leben haben,
sehr viel besser zurechtkommen. Ich habe auch einige Patientinnen und Patienten mit
sehr schweren Denkstörungen, Schizophrene, die trotzdem sehr gut mit ihrer Krank-
heit leben. Es gibt jedoch auch andere Patienten mit weitaus weniger schwerwiegenden
Störungen, die durch ihre Krankheit enorm beeinträchtigt sind. Wenn man einen Grund
zum Leben hat und einen Menschen, mit dem man sich intensiv austauschen kann,
macht das schon einen großen Unterschied.

Lindsey hat mir sehr viel beigebracht. Ich lernte viel aus unserer Interaktion. Ich glau-
be nicht, daß ich der Psychiater wäre, der ich heute bin - gut oder schlecht -, wenn ich
Lindsey nicht begegnet wäre. Da bin ich ganz sicher.«

Das Gespräch mit Dr. Goodman dauerte mehr als eine Stunde, und mir wurde dabei
deutlich bewußt, daß die Beziehung zwischen ihm und Lindsey Reynolds eine wirkliche
Liebesbeziehung war. Ich sagte beiden, was ich empfand.

Will Goodman: »Ich habe diese Sprache absichtlich nicht gebraucht wegen der eroti-
schen Assoziationen, die sich dabei einstellen. Ich sagte zu Lindsey, daß ich auf die-
ser Ebene keinerlei Mißverständnisse wolle. Und Lindsey schrieb mir einige Briefe, in
denen dieser Punkt eindeutig geklärt wurde. Sie sagte, es kann eine Liebesbeziehung
geben — und die ist eindeutig da -, ohne daß die Therapeut-Patientin-Beziehung
verletzt wird. Im Grunde drückte sie damit aus: >Sei doch nicht so verdammt
ängstlich !<« Er wendet sich Lindsey zu: »Ich weiß, daß du es vermutlich nie in diesen
Worten ausgedrückt hättest, aber darauf lief es im Wesentlichen hinaus.«

Lindsey Reynolds: »Ich finde dich manchmal wirklich komisch. In manchen Dingen bist
du so typisch männlich, - in der Art, wie du über die Liebe sprichst zum Beispiel. Ich
weiß, wie sehr du mich liebst, und ich weiß, wie sehr ich dich liebe. Es ist da. Du neigst
dazu, es ein bißchen beiseite zu schieben. Als wir aufhörten, als ich Mountain Brook
verließ, hast du mich fest in die Arme genommen. Ich war noch ein ganz junges Mäd-
chen, und du sprachst über deine Liebe zu mir. Wir haben versucht, es zu analysieren,
du und ich. Ich weiß, daß es diese psychischen und psychodynamischen Realitäten gibt.
Als ich damals hierherkam, glaubte ich, ich hätte einen Hund, der mich liebte. Erinnerst
du dich an Tracey?«
Will: »Oja!«
Lindsey: »Als ich ging, hatte ich einen anderen...«
Will: »Hund?«

118
Lindsey: »Ich hatte einen Menschen, der mich liebte.«
Will: »Weißt du, wenn ich es nicht ausdrücken kann, ohne alles durcheinanderzubrin-
gen, heißt das — wie du sehr wohl weißt - noch lange nicht, daß es nicht da ist. Du
nennst diese Unfähigkeit >typisch männlich<. Ich glaube nicht, daß es soviel mit dem
>typisch Männlichen< zu tun hat; es hängt mehr damit zusammen, wie dieser >typi-
sche< Mann aufwuchs. In unserer Familie gab es überhaupt keine Umarmungen - bis
mein Bruder starb. Wir gaben uns immer nur die Hand. So habe ich es gelernt. Ich
hatte keine so großen Schwierigkeiten, mein Interesse und meine Liebesgefühle verbal
auszudrücken. Als ich am zwölften Juli den Anruf bekam und Larry Nash mich um zwei
Uhr früh zum Flughafen fuhr ...« Er wendet sich von Lindsey ab und spricht direkt zu
mir: ... »Ach übrigens, dabei fällt mir ein: hat mich das auf die Palme gebracht, daß sie
in Larry den kultivierten, gutaussehenden Ostküstentypen sah, und Will Goodman war
der Provinzler aus dem Mittelwesten! Sie sagte sich: >Mein Gott, ein bißchen attrak-
tiver hätte der Psychiater, der mich behandelt, doch wohl sein dürfen!< Ich bin sicher,
sie dachte: >Wen, zum Teufel, haben sie mir denn da angehängt?<

Na ja, jedenfalls als ich aus dem Flugzeug stieg, waren mein Vater und meine Mutter
da. Mein Vater kam weinend in meine Arme. Das war das erste Mal in unserem Leben,
daß wir uns umarmten; man tat das einfach nicht. Also, als ich dich umarmte, Lindsey,
bedeutete es wirklich etwas.«

Lindsey: »Ich weiß, welche Gefühle du für mich hattest, und das war immer wichtig für
mich. Als ich damals das Tuinol nahm, bei diesem sorgfältig geplanten Selbstmordver-
such, als ich Jameson anrief, was mich letztendlich rettete, soviel ich weiß, wußte ich,
daß mein Hilfeschrei im Grunde nicht an Jameson als Person gerichtet war. Ich wußte,
daß du mich liebst, und ich hatte das Gefühl, daß diese Liebe bedingungslos war. Ich
mußte nichts Besonderes sein oder tun. Du liebtest mich so, wie ich war, und das hielt
mich zusammen, selbst in den dunkelsten Momenten.«

119
WALTER PURINGTON

Dem Anfängergeist stehen viele Möglichkeiten offen,


dem Expertengeist aber nur wenige

SHUNRYU SUZUKI

Als ich Walter Purington anrief, um einen Interviewtermin mit ihm zu vereinbaren, hör-
te ich ihn heftig atmen, als er den Hörer abnahm. Ich vermutete, daß sein schweres
Atmen ein Symptom seiner Krebserkrankung sei, oder vielleicht die Nebenwirkung von
Medikamenten. Aber ich irrte mich. Walter war außer Atem, weil er von draußen ins
Haus gelaufen kam, um ans Telefon zu gehen. Er hatte im Hinterhof Holz gehackt.

In einem örtlichen Krankenhaus hatte man bei Walter meningeale Karzinose diagnos-
tiziert, und ein landesweit anerkannter Spezialist von der Duke-Universität hatte die
Diagnose bestätigt. Der Onkologe, der Walter behandelte, schrieb, daß seine Chancen,
drei weitere Jahre zu überleben, 1: 1000 standen.

Ein zweiter Arzt setzte seine Überlebenschancen noch geringer an. Er schätzte die
Wahrscheinlichkeit, daß Walter nur noch ein Jahr weiterlebte, auf 1: 1000.

Walter erhielt Strahlenbehandlung, aber nur, weil er darauf bestand. Seine Ärzte waren
nicht der Meinung, daß irgendeine Form von Behandlung helfen könne. Ein Arzt bestä-
tigte das durch die folgende Notiz: »Nach der Beendigung der Strahlentherapie wurde
der Patient mit einer sehr schlechten Prognose entlassen. Er wurde in eine Pflegekli-
nik für Schwerkranke verlegt und erhielt Akupunkturbehandlung gegen seine Schmer-
zen.«

Die Puringtons leben am äußeren Rand einer ländlichen Kleinstadt. Walter und seine
Frau Lillian bereiteten mir in ihrem Haus einen herzlichen Empfang. Ihre älteste Toch-
ter bereitete das Abendessen zu, und die beiden jüngsten Kinder sahen sich einen Film
im Fernsehen an. Während meines Besuchs konzentrierte sich die gesamte Familie auf
Walter; sie schienen sich geradezu um ihn zu drängen.

Wir saßen am Küchentisch, als wir unser Gespräch führten. Walter war Mitte Fünfzig,
lang und schlaksig, hatte braunes Haar, das langsam zu ergrauen begann, und eine
helle Haut. Er trug ein rotes Flanellhemd, Jeans und schwere Arbeitsstiefel. Es war
ein hartes Stück Arbeit, ihn zum Reden zu bewegen; er überlegte lange, bevor er auf
meine Fragen antwortete. Schwierigkeiten, sich darzustellen, hatte er offensichtlich
nicht - er hatte lediglich kein großes Bedürfnis, es zu tun. Seine Frau Lillian nahm wäh-
rend des größten Teils der Zeit an unserem Gespräch teil. Mir fiel auf, wie ausgeglichen
und stabil sie wirkte - physisch und emotional. Lillians Redeweise war weniger bedächtig
und besonnen, aber meistens ließ sie ihrem Mann den Vortritt, bevor sie antwortete.

Ich ging behutsam vor bei diesem ersten Interview, weil die Diagnose, daß Wal-
ters Krankheit tödlich sei, erst achtzehn Monate zurücklag. Und obwohl sein Über-
leben bereits zu diesem Zeitpunkt als außergewöhnlich betrachtet wurde, war nicht

120
vorauszusehen, was vor ihm lag. Langsam begann er, seine Geschichte zu erzählen:
»Ich bin kein kränklicher Mensch. In zweiunddreißig Jahren habe ich nicht mehr als ei-
nen Tag bei der Arbeit gefehlt, unten in der Fabrik. Von den anderen dort wußte auch
niemand, daß ich gesundheitlich nicht auf der Höhe war, bis auf den Kollegen, mit dem
ich jeden Tag zusammenarbeitete. Zweiunddreißig Jahre lang arbeitete ich neun Stun-
den am Tag und sechs Tage in der Woche in der Spinnerei.

Es fing damit an, daß es mir zwischen den Schulterblättern weh tat. Es waren wirklich
starke Schmerzen. Ich ging sofort zum Arzt. Er untersuchte mich von Kopf bis Fuß und
schickte mich dann wieder nach Haus. Tagsüber konnte ich die Schmerzen noch aushal-
ten, aber nachts waren sie unerträglich. Es wurde jeden Tag schlimmer.

Mit solchen Schmerzen kann man nicht schlafen. Ich versuchte, in der Badewanne zu
schlafen, in heißem Wasser. Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles versuchte, um zu
schlafen, aber mit solchen Schmerzen kann man einfach nicht schlafen.

Ich arbeitete immer noch neun Stunden am Tag in der Spinnerei. An dem Tag, als ich
da aufhörte, war‘s das. Ich bin seitdem nicht mehr arbeiten gegangen.

Es wurde Donnerstag, und der Arzt konnte bei mir nichts finden. Ich rief ihn an und
fragte, was er so lange machte. Er sagte: >Ich überweise Sie Montag ins Kranken-
haus.< Ich sagte ihm: >Nein, so nicht! Sie überweisen mich heute, oder ich gehe selbst
hin.< Also sagte er: >Gut, Sie kommen heute abend ins Krankenhaus.< Das war am
20. August 1981. Alles, was sie im Johnson machten, war, mich unter Drogen zu set-
zen.< Er wendet sich an Lillian: »Wie lange war ich im Johnson-Krankenhaus?«

Lillian beantwortete seine Frage und ergänzte Walters Schilderung dann durch weitere
Einzelheiten.

Lillian: »Walter war übers Wochenende im Johnson. Das Wochenende ist keine gute
Zeit, um im Krankenhaus zu sein. Dann, am darauffolgenden Dienstag, wurde er ins
Mercy-Krankenhaus verlegt. Sobald er dort war, fingen sie mit den Tests an, und die
Dinge kamen in Bewegung. Die ganze Zeit hatte er immer noch starke Schmerzen. Er
konnte nicht liegen. Er saß in einem Sessel oder ging umher. Am Freitag hatten sie
dann alles diagnostiziert, was bei ihm nicht in Ordnung war.«

Walter: »Ich hätte nie geahnt, daß ich Krebs hatte. Schließlich zapften sie meine Wir-
belsäule an, und da fanden sie den Krebs, in der Rückenmarksflüssigkeit - ich nehme
an, es ist eine Flüssigkeit, ich weiß es nicht.«

Lillian: »Ich kann mich nicht Wort für Wort daran erinnern, was der Doktor mir sagte,
aber es war entsetzlich. Er sagte, daß Walter seine Angelegenheiten in Ordnung brin-
gen sollte. Sie sagten, er könnte sich behandeln lassen oder auch nicht. Sie glaubten
nicht, daß irgend etwas helfen würde.«

Walter: »Sie sagten mir, was es war. Sie sagten es auch allen anderen. Ich hätte nie mit
einer tödlichen Krankheit gerechnet, nie! Ich hatte nie das Gefühl, daß ich bald sterben
würde. Vielleicht sollte ich es haben. Ich wußte, daß es ernst war, aber mir war nicht
klar, daß ich nur noch so wenig Zeit haben sollte.«

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Lillian: »Es ist schwer zu sagen, was die Ursachen waren. Die Ärzte wollten wissen, ob
Walter mit Chemikalien gearbeitet hat. Sie hatten Asbest in der Spinnerei, wie in all
diesen alten Gebäuden. Sie haben es inzwischen entfernt. Es ist schwer zu sagen. Er
raucht ja auch nicht.«

Walter: »Also, Lillian sagte immer, daß ich zu viele Süßigkeiten esse. Nach allem, was
ich höre, ist das ungefähr das Schlimmste, was man essen kann.«

Lillian: »Der Arzt sagte mir, was man tun könnte. Dann sprachen wir es durch, Walter
und ich. Wir kannten Leute, die Bestrahlung hatten und davon furchtbar krank wurden,
also entschlossen wir uns, daß wir das nicht wollten. Aber Walter hatte solche Schwie-
rigkeiten mit seinen Augen, er konnte nicht gut sehen. Er hatte Schmerzen im ganzen
Gesicht. Also überlegten wir nochmal und entschieden schließlich doch, daß wir es ma-
chen würden, daß die Behandlung vielleicht helfen würde. «

Walter: »Wir wollten in jedem Fall etwas tun, auch wenn es für mich keine Möglichkeit
gab, wieder gesund zu werden. Wir wollten so lange wie möglich überleben. Sie über-
wiesen mich dann ins...«

Lillian: »...ins Baystate Medical Center. Du hattest am Samstag deine erste Strahlenbe-
handlung. Sie glaubten nicht, daß die Behandlung wirklich helfen würde.«

Walter: »Normalerweise machen sie samstags keine Behandlungen. Aber ich sagte ih-
nen, daß ich es wollte, also holten sie dafür extra eine Krankenschwester.«

Lillian (sieht Walter an): »Du warst so entschlossen. Obwohl es so hoffnungslos schien,
setzte er trotzdem alle möglichen Dinge in Gang. Aus irgendeinem Grund wußte er
genau, was er wollte. Für mich hat der Doktor immer recht. Das ist der Unterschied
zwischen uns, glaube ich. Wenn der Doktor zu mir sagt: >So sieht es aus<, dann ist es
das für mich. Aber Walter nahm das nicht einfach hin.«

Walter: »Zuerst gaben sie mir ein schäbiges Zimmer, aber dann - ich weiß nicht, wer
dafür sorgte, Lillian oder mein Bruder — dann verlegten sie mich in ein besseres, neues
Zimmer. Nachts hatte ich furchtbar viele Halluzinationen von den Schmerzmitteln. Am
nächsten Tag ging es mit den Halluzinationen weiter. Aber ich ging trotzdem zur Toilette
und lief herum. Das war gegen den Willen meiner Frau.«

Lillian: »Er ist einfach dickköpfig und war es immer.«

Walter: »Ich hatte Verstopfung, und dieser eine Pfleger, der mir den Einlauf machen
sollte, ging entsetzlich grob mit mir um. Sie ließen das natürlich nicht von einer Kran-
kenschwester machen. Nach dem Einlauf hatte ich diese schlimmen... wie heißt das
noch?«

Lillian: » Hämorrhoiden.«

Walter: »Hämorrhoiden. Das war wirklich schmerzhaft. Ich hatte eine Krankenschwes-
ter, die mir jedesmal wehtat, wenn sie mich behandelte. Die anderen Schwestern taten
das nicht. Schließlich sagte ich es ihr, und sie nahm sich zusammen. Aber sonst hatte
ich hervorragende Pflege im Krankenhaus. Ich hatte auch nette Gesellschaft. Ich lag

122
mit einem Mann zusammen, der Herzprobleme hatte. Er sollte nicht rauchen. Eines
Tages steckte er sich gerade eine Zigarette an, als seine Frau zur Tür hereinkam. Sie
sah ihn groß an. Dann machte sie auf dem Hacken kehrt und kam nie wieder.« Walter
und Lillian lachen. »Das war schon ziemlich merkwürdig, aber sie wollte nicht, daß er
rauchte.«

Lillian: »Er hatte wirklich gute Pflege, ganz wunderbar, ich konnte mich nicht beklagen.
Sie sind sehr fürsorglich und liebevoll in Baystate und Mercy. Er bekam von allen Seiten
enorm viel Unterstützung. Unsere Verwandten und alle unsere Freunde kamen ihn be-
suchen. Es gab Gebete aus Kalifornien, Maine, Vermont und New Hampshire, aus dem
ganzen Land, und das war eine große Hilfe. Unsere Freunde und Verwandten baten
Leute in anderen Kirchen, für ihn zu beten. All diese liebe half, daß es Walter besser
ging.«

Walter: »Ja, da muß was dran sein. Viele beteten direkt hier, hier im Haus. Es scheint,
das hat geholfen. Sogar oben in Alaska beteten sie für mich, in der Kirche, wo Onkel
Julius hingeht. Ich bekam so viele Briefe und Karten, einen ganzen Karton voll. Hier, ich
zeige es Ihnen. Eines Tages werde ich sie alle noch einmal lesen.«

Lillian: »Ja, du hast viel Trost bekommen. An einem Tag war der ganze Raum voller
Leute. Vierzehn Leute standen um sein Bett herum.«

Walter: »Hauptsächlich Verwandte. Mein Bruder kam aus Georgia angereist. Ich hatte
mehr Besuch als alle anderen. Mir kam es jedenfalls so vor.«

Lillian: »Als er Baystate verließ, hatten sie ihm an diesem Tag keinen Termin für die
Strahlenbehandlung gegeben. Aber er bestand auf seiner Behandlung. Es war zu spät,
um es in Baystate zu machen, also riefen sie im Cooley-Dickinson-Krankenhaus an, und
er bekam seine Bestrahlung da, auf dem Nachhauseweg.«

Walter: »Sie hatten meinen Termin für diesen Tag abgesagt. Ich konnte mir gar nicht
vorstellen, warum sie sich solche Mätzchen erlaubten. Also nahm ich sie mir vor und
sagte ihnen, daß ich meine Behandlung wollte, bevor ich nach Haus ging. Nachdem ich
aus dem Krankenhaus entlassen war, fuhr ich jeden zweiten Tag zur Bestrahlung hin.«

Lillian: »Alles in allem hatte er zweiundzwanzig Bestrahlungen, vierzehn davon am


Kopf, weil er einen Tumor an der Schädelbasis hatte. Er bekam die höchstmögliche
Dosis. Jetzt darf er nie wieder damit behandelt werden. Nach der Strahlenbehandlung
sagte der Arzt, Walter hätte nicht darauf reagiert. «

Walter: »Mein Arzt sagte, die Bestrahlung hätte nicht geholfen. Aber ich wollte wenigs-
tens den Versuch machen. Ich hatte starke Schmerzen nach der Bestrahlung. Sehen
Sie mein Gesicht? Alles hing schlaff herunter - so, sehen Sie? Meine Augen wurden tro-
cken. Das fing an, als ich wieder zu Haus war. Die Augen taten mir wahnsinnig weh. Sie
funktionierten nicht mehr, ich konnte sie nicht mehr schließen. Eine Zeitlang war ich in
einem furchtbaren Zustand.«

Lillian: »Seine Augen schlossen sich nicht. Sie trockneten aus. Nachts mußten wir sie
mit Heftpflaster zukleben.«

123
Meine Augen waren hier« - Walter hält seine Hand einige Zentimenter vor seine
Augen -, »als ich anfing, zu ihm zu gehen. Es schien zu helfen. Er setzte mir die Na-
deln. Er sagte immer: >Tief einatmen<, und dann, wenn man die Luft rausließ, Zack,
waren sie drin. Aber nach einer Weile gewöhnte ich mich so daran, daß ich es nicht
mehr machen mußte. Ich sagte ihm einfach: >Hauen Sie sie rein, wann Sie wollen!<
Ich erinnere mich, daß er mir eine Nadel direkt unter die Oberlippe setzte. Ich sagte:
>Die da hat mehr weh getan als alle anderen vorher. Ich glaube, Sie haben es nicht
richtig gemacht.< Beim nächsten Mal setzte er sie sofort auf den richtigen Punkt, statt
viermal anzusetzen.

Die Akupunktur war sehr wichtig, obwohl ich nicht glaube, daß sie die Krankheit be-
seitigt hat. Wir empfehlen ihn sehr, obwohl vielleicht nicht jeder mit ihm klarkommen
würde. Wir mögen ihn, ich mag ihn.«

Lillian: »Was meinst du damit, daß nicht jeder mit ihm klarkommen würde? Du meinst
wohl, nicht jeder mag die Akupunkturbehandlung, denn John ist so ein netter Mensch;
ich bin sicher, daß jeder ihn mögen würde. Ich glaube, es half auch, mit ihm zu spre-
chen, während Walter die Behandlungen hatte. Er ist sehr ruhig, wirklich ein lieber
Mensch!

Eine andere interessante Sache: Walter ging zu einem Augen- und Hals-Nasen-Oh-
ren-Spezialisten in Springfield. Er wurde untersucht, und der Arzt sagte ihm, daß auf
diesem sehr feinen Instrument, mit dem man Nervenimpulse mißt, keine Reaktion zu
sehen war. Walter ging erst seit drei Wochen zur Akupunktur, als er wieder anfing, seine
Gesichtsmuskeln zu bewegen. Das besserte sich wirklich ziemlich schnell.«
Walter: »Er verlangte nur zehn Dollar für zwei Stunden. Erstaunlich. Ich glaube, ande-
ren Leuten nimmt er mehr ab.«

Lillian: »Das sollte er auch! Das ist zu wenig, für zwei Stunden Behandlung nur zehn
Dollar zu nehmen.«

Walter: »Die Schmerzen ließen immer mehr nach, und schließlich ging ich nicht mehr
hin. Neulich rief ich ihn an und sagte: >Ich komme vorbei, nur so, zu Besuch.< Aber
er liebt es, seine Nadeln in Leute zu stecken, und wenn man ihn besuchen geht, findet
man sich plötzlich in seinem Behandlungszimmer wieder, und überall gucken die Nadeln
raus. Es tut gut. Und John brachte mich auch zu Dr. Dhonden.«*

Walter: »Wir mochten ihn. Er nahm eine Urinprobe und konnte einem schon fast alles
sagen, was los war, indem er sie nur ansah. Er war ein guter Arzt.«

Lillian: »Er sagte zu John (dem Akupunkteur), er könnte Walter innerhalb von zwei Jah-
ren heilen. Und Walter nahm die Medizin regelmäßig, bis nichts mehr davon da war, und
wir konnten sie nicht nachbekommen. Na ja, vielleicht hat es geholfen, wer weiß?«

Walter: »Er sagte mir, Süßigkeiten wären ungefähr das Schlimmste, was ich essen
könnte. Jetzt esse ich also praktisch keine Süßigkeiten mehr. Ich trinke keinen Alkohol.
Früher habe ich hin und wieder getrunken, nicht ständig, nur wenn wir am Samstaga-
bend ausgingen. Und ich trinke keinen Kaffee. Das ist so etwa alles.
____________________________________________________________________
*Zur Zeit des Interviews war Yeshi Dhonden der Leibarzt des Dalai Lama.

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Er war ein guter Arzt. Ich nahm diese Pillen eine ganze Weile - es ist reine Kräuterme-
dizin. Er sagt, man kann Krebs heilen, während die Leute von hier sagen, man kann
es nicht. Wissen Sie, wenn er nicht daran geglaubt hätte, dann hätte ich es wohl auch
nicht getan.

Und ich ging zu der Frau meines Cousins, die Leute durch Konzentration auf ihre Hän-
de heilt. Sie hält einem die Hände direkt über den Körper, besonders über die kranken
Stellen. Man kann es fast fühlen, die Übertragung von..., nein, Hitze ist es nicht, — es
ist eine Übertragung von Energie. Es ist schwer zu glauben, aber man kann es fast füh-
len. Sie zeigte Lillian, wie man es macht. Lillian hat es dann auch einige Male auspro-
biert. Sie konnte aber nicht soviel Begeisterung dafür aufbringen wie dieses Mädchen.
Die Frau meines Cousins ist wirklich davon überzeugt. Sie bringt es anderen bei.

Lillian war es ziemlich egal, ob ich diese Behandlung bekam oder nicht, aber ich ließ sie
nicht in Ruhe. Sie mußte mir die Hände auflegen. Ich wollte nie das Handtuch werfen.

Sie fragten, warum ich länger durchgehalten habe als die meisten anderen Leute, die
diese Art von Krebs haben. Wissen Sie, ich mache mir nicht viel Kopfzerbrechen. Ich
lasse die Dinge einfach nicht so nahe an mich herankommen und mache mir keine
Sorgen. Ich war immer ziemlich ausgeglichen. Ich habe nie herumgebrüllt und Leute
angeschrien. Das mache ich auch jetzt nicht. Ich ließ mich nie entmutigen. Ich habe nie
geglaubt, daß ich nicht wieder gesund würde. Vielleicht ist das der Grund, weil ich ge-
lassen bleibe und die Dinge nicht so schwer nehme. Ich habe einen Freund, der hat mir
ein Tonband mitgebracht, das ich ziemlich viel benutze. Ich werde es Ihnen vorspielen.
Es heißt ... Meditation.

Ich vergesse vieles. Ich glaube, als sie mir die Strahlen durch den Kopf jagten, haben
sie einen Teil meines Gehirns rausgeblasen.« Walter lacht. »Aber auch darüber mache
ich mir keine Sorgen.«

Walter führte mich ins Schlafzimmer. Ein Tonbandgerät stand auf einem Stuhl ne-
ben seinem Bett. Die Bandaufnahme, die er mir vorspielte, war eine Tonkassette mit
Simonton-Übungen. In dem Teil, den ich mir anhörte, wird der Hörer systematisch
angeleitet, die Konzentration in bestimmte Körperpartien zu leiten und sie zu entspan-
nen.

»Ich höre es mir zweimal am Tag an. Danach ist der ganze Körper entspannt. Ich kom-
me in jedem Fall mehr dazu, mich zu entspannen, als früher. Ich bin ein großer TV-Fan
und verbringe den Vormittag meistens vor dem Fernseher. Nachmittags gehe ich raus
und mache irgendwas im Freien. Ich halte mich in Bewegung.

Sehen Sie sich die Kuckucksuhr da drüben an! Nachdem ich aus dem Krankenhaus
entlassen wurde, habe ich angefangen, alte Uhren zu reparieren. Das macht mir Spaß.
Hier ist eine antike Großvateruhr, an der ich gearbeitet habe, seit ich krank wurde. Ich
kann das Schlagwerk in Bewegung setzen, aber das Laufwerk konnte ich noch nicht re-
parieren. Ich habe aufgehört, daran zu arbeiten, als das Wetter gut wurde. Jetzt werde
ich sie bald fertig haben.

Ich fühle mich eigentlich gut - solange die Krankheit nicht schlimmer wird. Ich habe
Spaß an den Dingen, die ich jetzt tue. An der Arbeit, die ich vorher gemacht habe,

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hatte ich keinen Spaß. Ich kann mich jetzt mit so vielen Dingen beschäftigen, für die
ich vorher nie Zeit hatte, als ich sechs Tage in der Woche und neun Stunden am Tag in
der Fabrik arbeitete.

Ich habe ziemlich viel Energie, aber wenn ich abends lange aufbleibe, bin ich am nächs-
ten Tag schneller erschöpft. Ich kann eine Menge Dinge tun, aber nicht alles. Ein Nach-
bar zog einen Dachstuhl hoch, und ich habe versucht, ihm zu helfen. Aber ich konnte
einfach nicht in die Hocke gehen und auf dem Dach arbeiten.«

Ein Augenblick hoher Intensität entstand in unserem Gesprach, als ich Walter fragte:
»Als Sie so krank waren, - warum wollten Sie leben? Welche Gründe hatten Sie?« Walter
unterbrach mich, das einzige Mal in all den Stunden, die wir zusammen verbrachten:

»So krank war ich nicht! O ja, ich war wirklich krank, aber ich habe den Willen, gesund
zu werden, nie aufgegeben. Ich habe all die Dinge, die wir tun, viel mehr schätzen ge-
lernt. Vor ein paar Monaten fuhr ich hoch nach Alaska, zum Fischen. Mein Bruder, mein
Sohn und ich gingen auf Lachsfang. Wir wanderten direkt am Ufer des Wildbachs ent-
lang, es ging zwei Meilen steil bergauf, und ich konnte mit den anderen Schritt halten.
Ich weiß nicht, woher ich diese Energie nahm. Es war wundervoll, wir haben es alle sehr
genossen.«

Zum Abschluß unseres Gesprächs fragte ich Walter, was seiner Meinung nach dazu ge-
führt habe, daß er - entgegen allen Voraussagen - seine Krankheit in den Griff bekom-
men hatte.

»Alles hat geholfen. Das ist ganz klar. Aber ich schwöre Ihnen, wir waren uns vorher
nie sicher.«

Etwa sechs Monate nach meinem Besuch bei den Puringtons sprach ich mit einer Gruppe
ehrenamtlicher Hilfskräfte, die in Pflegeheimen für unheilbar Kranke tätig waren. Dabei
lernte ich zufällig einen älteren Mann kennen, der mit Walter gearbeitet hatte. Dieser
Mann erzählte mir, daß Walter, selbst als er schwer krank war und unter furchtbaren
Schmerzen litt, oft über die Aktivitäten sprach, denen er sich in Zukunft widmen wollte,
zum Beispiel fischen in Alaska und lernen, Motorschlitten zu fahren. Der ehrenamtliche
Pfleger sagte, daß er, wie jeder andere, der mit dem Fall vertraut war, damals annahm,
Walter verleugne den Ernst seiner Lage.

Wie sich später erwies, war Walter der erste Patient, der je dieses Pflegeheim lebend
verließ. Als die Frau des ehrenamtlichen Helfers nach einem Herzinfarkt ins Kranken-
haus kam, kehrten sich die Rollen des Helfenden und des Hilfeempfangenden um: Wal-
ter fuhr den Mann ins Krankenhaus, tröstete ihn und bot ihm seine Unterstützung an.

In unserem zweiten Interview behandelten wir im wesentlichen dieselben Themen wie


im ersten. Aber die Atmosphäre war eine völlig andere. Inzwischen waren fünf Jahre
vergangen, und die Krebserkrankung stand nicht mehr als akute, omnipräsente Bedro-
hung im Raum. Von der Spannung, unter der ich während unseres ersten Gesprächs
gestanden hatte, der Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, war beim zweiten
Interview nichts mehr zu spüren. Ich fühlte mich frei, Walters bemerkenswerte Ge-
schichte mit Interesse aufzunehmen und die warmherzige Yankee-Atmosphäre bei den
Puringtons zu genießen.

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Walter war kein großer Redner, aber was er auf der nonverbalen Ebene vermittelte, war
klar und eindeutig. Bevor wir mit dem eigentlichen Interview begannen, machte Walter
mir deutlich, daß er gern bereit sei, mir alles mitzuteilen, was ich über ihn und seine
Erfahrung wissen wollte. Er führte mich in Haus und Garten umher und hinunter in den
Keller, zeigte mir den Kräutergarten, den Lillian angelegt hatte, die Destillieranlage, in
der sein Sohn Bier braute, und den großen Holzofen, den er, Walter, gebaut hatte und
der das ganze Haus beheizte.

Ein Aspekt der Schönheit, die Walters Wesen ausstrahlte, war die Direktheit seines
Handelns. Er demonstrierte buchstäblich seine Bereitschaft, mir alles zu vermitteln,
was in ihm vorging. Als wir wieder am Küchentisch saßen, nahm er ein Wattestäbchen
aus einer Schachtel und erklärte mir, seit der Strahlenbehandlung habe er Probleme mit
seinen Ohren. Stolz zeigte er mir seine eigene, persönliche Technik, seine Ohren mit
einem speziellen Öl zu reinigen. Diese Technik, sagte er, sei der, die ihm ein Arzt gezeigt
hatte, weit überlegen. Wie zum Beweis förderte er ein Stückchen Ohrenschmalz zutage
und hielt es mir zum Betrachten hin. Mit derselben Unbefangenheit öffnete Walter mir
sein Inneres. Der Zugang dazu war jedoch nicht leicht, da seine Tendenz, zu handeln,
statt zu reflektieren, sich mit seiner zunehmenden Genesung noch steigerte.

Ich fragte, ob seine Kinder seit unserem ersten Treffen das Elternhaus verlassen hät-
ten. Er forderte mich auf, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. In etwa dreihundert
Meter Entfernung sah ich ein kleines weißes Cape-Cod-Haus. »Das haben meine Toch-
ter und ihr Mann gebaut.«

»Jetzt gehen Sie rüber und schauen Sie aus dem anderen Fenster.« Oben auf einem
nahegelegenen Hügel stand ein weiteres neues Haus. »Das gehört meiner anderen
Tochter. Sie war in New York, als ich krank wurde, zog dann aber wieder hierher, als sie
es erfuhr.« Walter fuhr fort: »Und die Maultiere, haben Sie die Maultiere gesehen, als
Sie von der Hauptstraße abbogen? Also, die gehören meinem Sohn und seiner Frau. Sie
wohnen in der Nähe, ein kleines Stück die Straße hinunter. Er zieht jetzt nach Maine;
ich denke, er weiß, daß ich wieder ok bin.«

Walter erzählte, daß er immer noch dieselben Eßgewohn-heiten habe wie vor fünf Jah-
ren - eine ausgeglichene Diät und wenig Alkohol. Er aß jetzt wieder Süßigkeiten, aber
längst nicht soviel wie vor seiner Krebserkrankung. »Es kommt kaum vor, daß ich mehr
als einen Schokoladenriegel auf einmal esse.«

Er ging mit mir durchs Haus und über das ganze Grundstück und führte mir vor, wie er
jetzt lebte. Er zeigte mir die Motorschlitten, die er und Lillian im vergangenen Jahr ge-
kauft hatten. Er schien überrascht, als ich ihn fragte, ob auch er Motorschlitten fahre.
Für ihn gab es offenbar nur einen Grund, sich diesem anstrengenden Wintervergnügen
nicht zu widmen: »Na ja, bisher war es schlecht mit dem Schnee dieses Jahr, aber wir
hoffen, daß wir noch mehr bekommen.«

Walter erzählte mir, daß es mit seiner Genesung nicht stetig und kontinuierlich auf-
wärtsgegangen sei:

»Fast hätten Sie mich nicht mehr angetroffen. Es ging mir verdammt schlecht. Als
ich die Bestrahlung bekam, ging es mir direkt in den Kopf, es setzte die Hirnanhang-
drüse außer Gefecht, sie ging kaputt dabei. Und von dem Tag an ging es bergab mit

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meinem Körper, ständig bergab, fünf Jahre lang. Wenn Sie mich vor einem Jahr gese-
hen hätten...; ich konnte kaum noch kriechen. Na ja, ich bin nicht wirklich gekrochen,
aber der Arzt sagte, eigentlich wäre es soweit gewesen. Meine Hypophyse versorgte die
Schilddrüse nicht mehr.

Ich stand eines morgens auf und konnte nicht mehr sprechen. Nur irgendwelche un-
verständlichen Laute kamen heraus. Ich ging rüber zur Couch und legte mich hin. Zwei
Mädchen kamen herein, die ich seit einigen Jahren nicht gesehen hatte, und ich wurde
sofort munter und richtete mich auf. Aber ich wußte, daß ich in Schwierigkeiten war.

Ich rief Dr. Morrow an und machte einen Termin bei ihm. Er untersuchte mich von Kopf
bis Fuß, von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen. Er brauchte ungefähr eine Stun-
de, bis er mit beiden Seiten fertig war. Dann fing er an, meinen Hals zu untersuchen. Er
konnte die Schilddrüse nicht finden. Alles andere war in Ordnung. Schließlich schickte
er mich zu Dr. Shaw.«

Lillian kam dazu und beteiligte sich am Gespräch:

»Das war im letzten Frühjahr. Dr. Shaw fand es erstaunlich, daß Walter in seine Praxis
hereinspaziert kam, obwohl seine Schilddrüse in einem so schlechten Zustand war. Of-
fenbar waren die Hormone noch eine Weile da, aber die Schilddrüse produzierte immer
weniger, und deshalb ging es Walter so schlecht. Die Onkologen prüften, ob der Krebs
sich ausgebreitet hatte, aber das war es nicht. Dr. Shaw erkannte das Problem sofort.
Er war sich völlig sicher, daß es die Schilddrüse war, und verschrieb Walter Schilddrü-
senmedikamente, noch bevor er die Ergebnisse der Blutuntersuchung hatte. Seit dem
Sommer geht es Walter viel besser.«

Walter: »Nachdem sie das mit der Schilddrüse herausgefunden hatten, daß sie durch
die Bestrahlung nicht mehr arbeitete, bestiegen Lillian und ich den Mount Monadnock.
Wir schafften es nicht bis auf den Gipfel, aber wir kamen ziemlich nahe heran.

Nur aus Spaß - würde es Sie interessieren, was ich jeden Tag nehmen muß?« Walter
geht zu einem der Wandschränke und holt vier Tablettenröhrchen heraus. Er zeigte mir
die fünf Tabletten, die er jeden Tag einnehmen mußte.

»Eigentlich bin ich kein Pillenschlucker, wissen Sie? Früher wußte ich gar nicht, wie man
Pillen nimmt. Die hier schlucke ich alle auf einmal. Außerdem soll ich immer noch ein
Aspirin nachwerfen, damit das Herz nicht eines Nachts verrückt spielt.

Einige meiner alten Kumpel sind in diesem Jahr abgetreten. Alle haben geglaubt, daß
ich der erste sein würde.

Als ich wieder zu Dr. Case ging, erzählte er mir, daß es im Krankenhaus eine Sonder-
besprechung über meinen Fall gab. Er sagte, die Ärzte konnten sich nicht vorstellen,
wo sie einen Fehler gemacht hatten. Er sagte, sie sahen alle Unterlagen durch, und
sie kamen alle zu demselben Schluß: daß ich es eigentlich nicht schaffen konnte. Also
schickten sie die Computerausdrucke, die Testergebnisse, die Röntgenaufnahmen und
alles an die Duke-Universität. Dort kamen sie zu derselben Diagnose wie im Kranken-
haus: Sie sagten, ich konnte es eigentlich gar nicht schaffen. Ich habe das erfahren, als
es mir schon ziemlich gut ging.«

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Am Ende des Interviews stellte ich Walter dieselbe Frage wie fünf Jahre zuvor: »Woran
liegt es Ihrer Meinung nach, daß Sie es so gut geschafft haben?« Walter antwortete:

»Ich habe nie aufgegeben. Ich wollte nicht sterben; ich will immer noch nicht. Selbst
heute glaube ich, daß ich doch noch einige Jahre, gute Jahre, vor mir habe.«

Lillian: »Es ist wahr. Seine Geisteshaltung spielt wahrscheinlich eine große Rolle. Es
schien auch nie so, als wäre er deprimiert. Er hat einfach durchgehalten, immer weiterge-
macht.«

Walter: »Ich hätte nicht mal was dagegen, die ganze Sache nochmal zu versuchen - nur
diesmal sollten sie das Problem mit der Schilddrüse schneller erkennen.«

Beobachtungen

Auf den ersten Blick könnte man aus den Fakten und Daten schließen, daß Walter ein
eher unwahrscheinlicher Kandidat für alternative Heilmethoden war. Er hatte mehr als
dreißig Jahre lang denselben Beruf, arbeitete in derselben Fabrik. Er lebte seit fünfzig
Jahren in derselben ländlichen Kleinstadt, war seit achtundzwanzig Jahren mit dersel-
ben Frau verheiratet. Vor seiner Krebserkrankung war er äußerst selten in ärztlicher
Behandlung, und diese wenigen Erfahrungen beschränkten sich auf die Schulmedizin.
Woraus läßt sich also seine Bereitschaft erklären, Heilmethoden zu erproben, die sich
über die gesamte Skala von traditionell bis zu exotisch erstreckten?

Walters Persönlichkeit und die Situation, mit der er sich konfrontiert sah, geben einen
ersten Deutungsansatz. Lillian erklärte - und Walter bestätigte durch sein Verhalten -,
daß Durchhaltevermögen und Entschlossenheit zentrale Merkmale seines Charakters
sind. Als er krank wurde, konzentrierte er sich mit seiner ganzen Willenskraft auf das
Gesundwerden. Es gab keine Ambivalenz, die an seinen Lebensenergien gezehrt hätte.
Er war bereit, alles zu probieren, was sich bot, um gesund zu werden.

Vielleicht war seine Unerfahrenheit mit Krankheiten ein günstiges Vorzeichen. Da Wal-
ter ein »Anfänger« war, hatte er keine vorgefaßten Meinungen darüber, was man tun
muß, um schwere Erkrankungen zu überwinden. Anders als seine Onkologen, die auf
ihr Repertoire von Chemotherapie, Strahlenbehandlung und Chirurgie festgelegt waren,
resignierte Walter nicht und hatte nie das Gefühl, daß es keine anderen Wege gäbe. Da
Walter nie geglaubt hatte, traditionelle medizinische Praktiken seien die einzige Mög-
lichkeit, war die Erklärung der Ärzte, daß sie keine Lösung wüßten, für ihn kein Todesur-
teil. Er glaubte immer noch, daß sie ihm etwas Wertvolles zu bieten hätten. Tatsächlich
hatte er mehr Vertrauen in den Wert ihrer Methoden als sie selbst und bestand daher
auf der Strahlenbehandlung. Aber Walter sah auch keinen Grund, sich total auf die
Schulmedizin zu verlassen, wenn deren Vertreter explizit sagten, daß die Genesung, die
er sich so sehr wünschte, jenseits ihrer Möglichkeiten läge.

In dem Wissen, daß er »Heilung brauchte«, machte Walter sich auf, Heilung zu finden.
Er war jedoch viel zu krank, um weite Reisen zu unternehmen oder aktiv nach Alter-
nativen Ausschau zu halten. Seine Willenskraft drückte sich vielmehr darin aus, daß er
neuen Möglichkeiten mit völliger Offenheit begegnete, wenn sie auf ihn zukamen. Als
sein Hausarzt Akkupunktur vorschlug, ging Walter bereitwillig darauf ein und hielt

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zweiundfünfzig Sitzungen lang konsequent daran fest. Als sein Akupunkteur ihm von
einem berühmten tibetischen Arzt erzählte, nahm Walter eine ziemlich beschwerliche
Reise auf sich, um diesen Arzt zu konsultieren, und hielt sich dann strikt an die Er-
nährungsumstellung und die Kräuterkur, die Yeshi Dhonden ihm verordnete. Als er
erfuhr, daß eine junge Verwandte durch Handauflegen heilte, oder als ein Nachbar die
Simonton-Übungen empfahl, ging Walter mit Eifer und Engagement auf diese Möglich-
keiten ein, in der festen Hoffnung, daß sie ihm Heilung bringen könnten.

Für einen so schwerkranken Mann blieb Walter in seiner Rolle als Patient in den un-
terschiedlichsten Situationen bemerkenswert durchsetzungsfähig. Als eine Kranken-
schwester ihn grob und respektlos behandelte, wies er sie zurecht und erreichte, daß
sie ihr Verhalten änderte. Er zögerte nicht, seinen Akupunkteur zu kritisieren, als er das
Gefühl hatte, daß dieser beim Einstich der Nadel die richtige Stelle verfehlte. Und als
die Krankenhausbürokratie verfügte, daß er am Tag seiner Entlassung keine Strahlen-
behandlung erhalten sollte, ließ er sich davon nicht beeindrucken; er verlangte seine
Behandlung und bekam sie.

Offensichtlich tat Walter alles, was in seinen Kräften stand, um den Verlauf seiner
Krankheit zu beeinflussen. Was die Besonderheit und das Interessante seiner Persön-
lichkeit ausmacht, ist jedoch die Kombination von Willenskraft und Akzeptanz. Auf Wal-
ters Kampf mit dem Krebs paßt eine Verszeile aus der Bhagavad Gita, die von Krischna
gesprochen wird: »Wappne dich für den Krieg mit Frieden im Herzen.« Er war ein fried-
licher Kämpfer, der für Bedrohungen und auch für Auswege stets ein waches Auge hat-
te, aber dennoch seine menschlichen Begrenzungen akzeptierte. In dem Wissen, daß
er bei seinen Bemühungen um Heilung alles getan hatte, was ihm möglich war, konnte
er jedes Resultat akzeptieren. Wir sahen im Verlauf des Interviews ein bemerkenswer-
tes Beispiel dafür. Nachdem er zum drittenmal erfolglos versucht hatte, sich ein Wort,
das ihm entfallen war, ins Gedächtnis zurückzurufen, folgerte Walter, die Strahlenbe-
handlung habe wohl einen Teil seines Gehirns »rausgeblasen«. Aber statt über einen so
ernsten Verlust unglücklich zu sein, sagte Walter: »Auch darüber mache ich mir keine
Sorgen.«

Wir können Walters Fähigkeit, im Kampf um sein Überleben sein inneres Gleichgewicht
zu bewahren, nur dann vollkommen würdigen, wenn wir uns den Gesamtzusammen-
hang vergegenwärtigen. Walter mußte sich nicht nur mit den seelischen Aspekten der
Diagnose »Krebs im Endstadium« auseinandersetzen. Die physischen Schmerzen und
Belastungen, die er zu ertragen hatte, waren extrem. In Jean Paul Sartres Novelle
Huis Clos finden sich drei Personen plötzlich zusammen in einem Raum vor, ohne zu
wissen, wo sie sind und wie sie dorthin kamen. Im weiteren Verlauf der Geschichte
beginnen wir zu vermuten, daß sie in der Hölle sind. Wenn wir erfahren, daß sie keine
Augenlider haben, so daß nicht einmal ein Moment der Ruhe möglich ist, bestätigt sich
unser Verdacht.

Walters Zustand war eine ähnliche Hölle. Der Schmerz war intensiv, und er konnte
seine Augenlider nicht ohne Hilfe schließen. Die These, daß Krankheit und Schmerz
subjektiv unterschiedlich erlebt werden, wird durch Walters Antwort auf die Frage: »Als
Sie so krank waren, warum wollten Sie leben?« eindringlich bestätigt. Wenn er sagt:
»So krank war ich nicht«, wissen wir, daß seine Realität sich sehr von der Realität un-
terschied, die andere wahrnahmen.

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Walters Meinung nach trug die liebende Zuwendung, die er von Lillian und von sei-
ner nächsten Umgebung, vor allem aber von Lillian erhielt, viel zu seiner Genesung
bei. Lillians Teilnahme an den Interviews — zu der ich sie nicht eigens aufgefordert
hatte - spiegelt ihre totale innere Beteiligung an allen Phasen der Krankheit und der Be-
handlung. Tatsächlich ging Lillians Verbundenheit mit Walter so weit, daß sie nicht das
Gefühl hatte, die Behandlung beträfe nur ihn allein. »Also überlegten wir nochmal, und
entschieden schließlich doch, daß wir es machen würden, daß die Behandlung vielleicht
helfen würde«, sagte Lillian, als es um die Strahlentherapie ging. Walter vermittelte
dieselbe Einstellung. Lillian und er bildeten eine Einheit; sie demonstrierten eine ausge-
prägte Paaridentität, der sie offensichtlich hohen Wert beimaßen: » Wir wollten in jedem
Fall etwas tun, auch wenn es für mich keine Möglichkeit gab, wieder gesund zu werden.
Wir wollten so lange wie möglich überleben.« Für Walter war die Aufrechterhaltung der
Beziehung ein wichtiger Grund, am Leben zu bleiben.

Walters Wettbewerbsgeist äußerte sich in subtilen Formen, aber er war konstant, stark
und tief eingewurzelt. Er verglich sich mit anderen, um festzustellen, wie er abschnitt.
Die Tatsache, daß er mehr Besuch hatte als alle anderen, bestätigte ihm, daß er ge-
schätzt wurde und daß seine Umwelt an ihm interessiert war. Er war stolz darauf, daß
er nicht der erste in seinem Freundeskreis war, der »abtrat«, trotz seiner tödlichen
Krankheit. Sein Wettbewerbsgeist war eine weitere Motivation, nicht aufzugeben, als er
so krank war, und etwas zu erreichen, was andere vor ihm nicht geschafft hatten.

Die Unterstützung, die Walter aus seinem Umfeld erhielt, war zum Teil vielleicht das
Resultat günstiger Umstände oder glücklicher Zufälle. Aber es ist wichtig, zu erkennen,
daß Walter das günstige Milieu, das er brauchte, selbst miterschuf. Zum Beispiel gab
es anfangs, von ihm selbst abgesehen, praktisch niemanden, der an sein Überleben
glaubte. Er mußte jemanden finden, der seine Hoffnung auf Heilung nährte, um letztlich
nicht doch in Verzweiflung und Resignation zu verfallen. In Yeshi Dhonden fand er eine
Quelle der Hoffnung. Walter drückte das mit den Worten aus: »Er sagt, man kann Krebs
heilen ... Wenn er nicht daran geglaubt hätte, dann hätte ich es wohl auch nicht ge-
tan.«

Trotz Walters Neu-England-Provinzialismus hatte die Begegnung mit einem fernöstli-


chen Heiler nichts Befremdliches für ihn, sondern rührte in entscheidenden Punkten
durchaus an Vertrautes. Ähnliche Wertvorstellungen bildeten den gemeinsamen Nen-
ner. Walter, ein Mann, den man als typischen alten Yankee charakterisieren könnte,
ging mit sich selbst und mit anderen ehrlich und direkt um. Ein Grundsatz seiner Le-
bensphilosophie lautete: »Jede Arbeit, die sich lohnt, ist es wert, daß man sie so gut
wie möglich macht«, - unabhängig davon, ob es sich um eine alltägliche Aufgabe oder
um die Aufgabe des Am-Leben-Bleibens handelte. Wir sehen Walters Streben nach Voll-
kommenheit - wie illusionär ein solches Ziel auch immer sein mag - in seiner bemer-
kenswerten Äußerung: »Ich hätte nicht mal was dagegen, die ganze Sache nochmal zu
versuchen, nur diesmal...«

Yeshi Dhondens Lebenseinstellung ist vielleicht bewußter und stärker religiös geprägt
als die Haltung, die Walter zum Ausdruck bringt, aber was beide Männer gemeinsam
haben, ist das Streben nach dem Besten, das leidenschaftliche Engagement für das
Leben selbst. In seinem Buch Mortal Lessons (etwa: »Lektionen für Sterbliche«) be-
schreibt Richard Selzer die Art, wie Yeshi Dhonden Medizin praktiziert:

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»Auf dem schwarzen Brett in der Eingangshalle des Krankenhauses, in dem ich arbeite,
erschien eines Tages die Ankündigung: >Yeshi Dhonden wird am Morgen des 10. Juni
um sechs Uhr seine Visite machen ...< Ich bin kein so eingefleischter Skeptiker, daß
ich einen Abgesandten der Götter bewußt ignorieren würde. Ein solches Desinteresse
wäre vielleicht nicht nur dem irdischen Wohlbefinden abträglich, sondern könnte sich
möglicherweise auch ungünstig auf die Ewigkeit auswirken. Also schließe ich mich der
Gruppe von Weißkitteln an, die sich am Morgen des 10. Juni in einem kleinen Konfe-
renzraum neben der Station, die für die Visite ausgewählt wurde, versammelt hat. Um
Punkt sechs Uhr materialisiert er - ein kleiner, goldfarbener, gedrungener Mann, der
eine ärmellose Robe in Ocker und Dunkelrot trägt. Sein Kopf ist kahlgeschoren; die ein-
zig sichtbaren Haare an seinem Körper sind die spärlichen Brauen über den leicht ver-
hangenen schwarzen Augen. Er verbeugt sich zur Begrüßung; ein junger Dolmetscher
spricht die einführenden Worte. Yeshi Dhonden, so erfahren wir, wird eine Patientin
oder einen Patienten untersuchen, eine Person, die von einem der anwesenden Ärzte
ausgewählt wird. Die Diagnose ist Yeshi Dhonden ebenso unbekannt wie uns selbst.
Weiter wird uns mitgeteilt, daß Yeshi Dhonden sich während der letzten beiden Stunden
durch Baden, Fasten und durch das Gebet gereinigt hat ...

Yeshi Dhonden tritt neben das Bett, während wir, die Gruppe von Ärzten, etwas abseits
stehen und beobachten. Er schaut die Frau lange an ... Auch ich betrachte sie genau.
Es sind keine physischen Anzeichen oder offensichtlichen Symptome zu erkennen, die
über die Natur ihrer Krankheit Aufschluß geben könnten.

Schließlich nimmt er ihre Hand in seine beiden Hände. Er steht jetzt in einer geduck-
ten Haltung über das Bett gebeugt, das Kinn im Kragen seiner Robe vergraben. Seine
Augen sind geschlossen, als er nach ihrem Puls tastet. Er hat die Stelle augenblicklich
gefunden, und während der nächsten halben Stunde verharrt er so, über das Bett der
Patientin gebeugt wie ein exotischer goldener Vogel mit angelegten Schwingen, den
Puls der Frau unter seinen Fingerspitzen, ihre Hand in seiner Hand ruhend. Die gesam-
te Energie des Mannes scheint sich in diesem Fühlen zu konzentrieren. Das Pulsfühlen
ist hier zum Ritual erhoben ... Ich sehe ihre Hände nicht, die in einzigartiger, intimer
Kommunikation ineinander verschränkt sind, erkenne nicht, wie seine Fingerspitzen die
Botschaft ihres kranken Körpers empfangen, der durch das rhythmische Pulsieren an
ihrem Handgelenk zu ihm spricht. Urplötzlich bin ich neidisch; nicht auf Yeshi Dhonden,
seiner wundervollen Ausstrahlung wegen, sondern auf die Frau. Ich möchte so ange-
faßt, so berührt, so empfangen werden. Ich weiß, daß ich, der ich Hunderttausende von
Pulsen mit meinen Fingern berührte, nicht einen wirklich gefühlt habe.

Schließlich richtet Yeshi Dhonden sich auf, legt die Hand der Frau sanft auf die Bettde-
cke und tritt zurück. Der Dolmetscher reicht ihm eine kleine Holzschale und zwei Stäb-
chen. Yeshi Dhonden gießt etwas von der Urinprobe in die Schale und beginnt den Urin
mit den Stäbchen aufzuschlagen. Er setzt das einige Minuten fort, bis Schaum entsteht.
Dann beugt er sich über die Schale und nimmt in drei Atemzügen den Geruch auf. Wäh-
rend der gesamten Prozedur hat er kein einziges Wort gesprochen ...

>Danke, Doktor<, sagt die Frau und berührt das Handgelenk, das er gehalten hat, mir ih-
rer anderen Hand, so als wollte sie etwas einfangen, was dort gerade noch präsent war ...

Wir sitzen wieder im Konferenzraum. Jetzt spricht Yeshi Dhonden zum ersten Mal.
Er spricht von Winden, die durch den Körper der Frau jagen, von Strömen, die sich

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an Barrieren brechen, von Wirbeln und Strudeln. Diese Strudel sind in ihrem Blut,
sagt er; - die äußersten Anstrengungen eines unvollkommenen Herzens. Lange, lange
bevor sie geboren wurde, kam ein Wind, drang zwischen die Kammern ihres Herzens
ein und stieß durch sein Blasen tief innen ein Tor auf, das nie geöffnet werden darf.
Durch dieses Tor rauschen die Ströme ihres Körpers wie angeschwollene Bergflüsse
nach der Schneeschmelze, die alles mitreißen und das Land unterspülen, und überflu-
ten ihren Atem. Das sind seine Worte, und nun schweigt er.

>Können wir jetzt die Diagnose haben?< fragt ein Professor. Der Gastgeber der Runde,
der Arzt, der die Diagnose kennt, gibt die Antwort: >Angeborener Herzfehler<, sagt er.
>Interventrikularer Defekt des Septums, mit Herzversagen als Folge.<

Ein Tor, tief zwischen den Herzkammern, das nie geöffnet werden darf, denke ich. Durch
dieses Tor drängen sich die angeschwollenen Ströme ihres Körpers, die ihren Atem
überfluten. So! Hier ist also der Arzt, der dem Rauschen und Strömen im Körperinnern
lauscht, Tönen, für die wir anderen alle taub sind. Er ist mehr als ein Arzt. Er ist ein
Priester. Ich weiß, ich weiß: Der Arzt der Götter ist reines Wissen, reine Heilkraft.

Dann und wann geschieht es, wenn ich selbst bei der Visite meine Runde mache, daß
ich den Klang seiner Stimme höre, wie ein altes buddhistisches Gebet, dessen Bedeu-
tung längst vergessen ist, - nur der Klang ist geblieben. Dann ergreift mich ein inneres
Jubeln, und ich fühle mich von etwas Göttlichem berührt.«

Wissenschaftliche Anmerkungen

Trotz der hoffnungslosen Prognose glaubte Walter nie, daß er der Krankheit unterliegen
würde. Viele Studien geben indirekte Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Hoff-
nung und Heilung.

In einem Experiment wurden Ratten in Situationen versetzt, die entweder hoffnungslos


waren oder Raum für Hoffnung ließen. Obwohl der Sadismus der Wissenschaftler das
Experiment äußerst fragwürdig erscheinen läßt, sind die Ergebnisse aufschlußreich.
Nachdem die Ratten ins Wasser eingetaucht wurden, beobachteten die Wissenschaftler,
wie lange es dauerte, bis sie starben. Der Tod trat durch bioelektrische Abnormitäten
ein (etwa einem Herzanfall oder Herzinfarkt vergleichbar), nicht durch Ertrinken. Die
Ratten, die von den Wissenschaftlern fest in der Hand gehalten wurden - was ihnen
keine Hoffnung auf Überleben ließ -, starben am schnellsten.

In der Regel trat bei den wilden Ratten der Tod zwischen einer Minute und fünfzehn Mi-
nuten nach dem Eintauchen ins Wasser ein. Die Wissenschaftler fanden jedoch heraus,
daß Ratten, die ins Wasser eingetaucht und dann wiederholt gerettet wurden, weitaus
länger überlebten, - bis zu einundachtzig Stunden. Daraus kann die Hypothese abge-
leitet werden, daß die Ratten »wußten«, daß Hoffnung auf Rettung bestand, und daher
nicht aufgaben.

Vermutlich wurde Walters Immunabwehr durch seine Fähigkeit gestärkt, selbst auf trau-
matische Lebensereignisse friedlich und gelassen zu reagieren. Obwohl die Forschung
noch keinen definitiven Beweis für die Verbindung zwischen der Entwicklung von Krebs
und Streß gefunden hat, erscheint diese Verbindung naheliegend. In den vergangenen

133
Jahren ist eine große Anzahl von Studien erschienen, die demonstrieren, daß Streß-
faktoren der unterschiedlichsten Art die Immunabwehr schwächen. An der Ohio State
University School of Medicine fanden Wissenschaftler heraus, daß ein Streßfaktor (aka-
demische Prüfungen) die Fähigkeit des Körpers unterdrücken konnte, T-Lymphozyten,
die sogenannten Killerzellen, zu bilden. Killerzellen besitzen die Fähigkeit zur Fremd-
zellenzerstörung und helfen dadurch, die Entwicklung von Tumoren zu verhindern. Die
Wissenschaftler Alfred Amkraut und George Solomon, die Mäuse mit einem Virus impf-
ten, um Tumore zu induzieren, entdeckten, daß bei Tieren, die unter Streß standen (sie
erhielten Elektroschocks) die Tumore schneller wuchsen als bei der Kontrollgruppe, die
keinem Streß ausgesetzt war.

In einer anderen Studie sagten Wissenschaftler tatsächlich voraus, welche Individu-


en in einer Gruppe von Versuchspersonen Krebserkrankungen entwickeln würden.
Einundfünfzig Frauen, deren histologische Tests bei der gynäkologischen Krebsvorsor-
geuntersuchung eine atypische cervikale Zytologie zeigten »verdächtige« Zellen, die auf
ein höheres Risiko von Krebserkrankungen hindeuten), wurden interviewt und nahmen
an einer Serie von psychologischen Tests teil. Die Autoren der Studie, Arthur Schma-
le und Howard Iker, stellten die Hypothese auf, daß Frauen, die einen hilflosen und
hoffnungslosen Eindruck machten, Krebs entwickeln würden, die anderen hingegen
nicht. Obwohl sie nur von diesem einen Kriterium ausgingen, erwiesen ihre Voraussa-
gen sich in 73,6 Prozent der Fälle als korrekt.

Der Versuch, die Wirkung einer liebeerfüllten Paarbeziehung wie der, die Walter und
Lillian verbindet, zu messen, wäre zwar interessant, würde aber zwangsläufig zu einer
übermäßigen Vereinfachung führen. Die Ergebnisse entsprechender Studien legen je-
doch nahe, daß Menschen, die in intakten Ehen leben, Krebserkrankungen weitaus bes-
ser durchstehen als Alleinlebende. Eine Studie, die im Journal of the American Medical
Association 1987 veröffentlicht wurde, verglich die Daten von 27 779 Krebsfällen aus
dem New Mexico Tumor-Register. Es stellte sich heraus, daß die Überlebensraten von
Verheirateten um 23 Prozent höher lagen als die von Alleinstehenden.

Walter Goodwin, der wissenschaftliche Leiter des Projekts, erklärte, daß Krebserkran-
kungen bei Verheirateten in der Regel früher diagnostiziert werden, und Früherkennung
erhöht die Heilungschancen. Aber selbst wenn man diesen Faktor unberücksichtigt läßt,
ist bei Verheirateten die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre Krebserkrankungen überleben,
immer noch höher. »Dafür haben wir keine Erklärung«, sagte Goodwin, aber er stellte
die Vermutung an, daß die emotionale Unterstützung, die diese Menschen von ihren
Ehepartnern erhielten, den Unterschied ausmache.

Daß Walter von Lillian emotionale Unterstützung erhielt, steht außer Frage, aber eben-
so wichtig war die Tatsache, daß die Ehe mit ihr Walters Leben mit Sinn erfüllte. Sie gab
ihm Grund, am Leben zu bleiben.

134
KURT METZLER

Wenn Sie wissen wollen, wie es sich anfühlt, holen Sie tief Luft, atmen Sie bis zur Hälf-
te aus, und nun versuchen Sie, wieder einzuatmen. So fühlt es sich die ganze Zeit an.
Für mich ist es das Normale.

KURT METZLER

Ich erfuhr von Kurt Metzler durch eine Freundin, die Karate als Sport betreibt und den
braunen Gürtel hat. Sie erzählte, daß vor etwa sieben Jahren ein junger Mann in ihrem
Karatekurs auftauchte. Dieser Mann nahm nicht annähernd so oft am Training teil wie
andere ernsthaft Interessierte, aber seine Fähigkeit, sich auf die Übungen zu konzent-
rieren, und seine klare Einschätzung der Möglichkeiten und Begrenzungen seines Kör-
pers hoben ihn vor allen anderen hervor. Weil er oft stark hustete und immer wieder
längere Zeit nicht zum Training erschien, vermutete meine Freundin, daß er an irgendei-
ner Krankheit leide, aber sein sportliches Können stand diesem Eindruck entgegen. Sie
war überrascht, als sie von einem anderen Mitglied ihrer Gruppe erfuhr, daß Kurt an
Mukoviszidose leide und wahrscheinlich nur noch wenige Jahre zu leben habe.

Die Befürchtungen der Umwelt, daß Kurt bald sterben werde, hatte es gegeben, seit er
fünf Jahre alt war. Während unseres Interviews nannte Kurt mir viele Beispiele dafür.
Das jüngste dieser Art: »Im letzten Monat ging ich zu einem Klassentreffen meiner al-
ten High School. Meine ehemaligen Klassenkameraden waren sehr überrascht, mich zu
sehen. Ich wußte nicht warum, da niemand mit mir darüber gesprochen hatte, aber da-
mals ging an der ganzen Schule das Gerücht um, daß ich nicht älter als zwanzig werden
würde. Alle rechneten damit, daß ich bald den Löffel aus der Hand legen würde.«

Die Vorwegnahme seines baldigen Todes gründete sich damals - und zu allen spä-
teren Zeitpunkten - auf statistische Wahrscheinlichkeit. Der Spezialist, der mit Kurts
Krankheitsverlauf am engsten vertraut ist, erklärte, Kurts Chancen, sein dreißigstes
Jahr zu überleben, lägen bei 1: 1000. Ein zweiter Arzt, der bestätigte, wie außerge-
wöhnlich Kurts Überleben sei, wurde gefragt, worauf er diesen erstaunlichen Prozeß
zurückführe. Er wußte keine Antwort. »Glück?« spekulierte er.

Bevor ich Kurt traf, wußte ich nicht viel über Mukoviszidose. Aber nach dem wenigen,
was ich über die Verheerungen gehört hatte, die diese Krankheit anrichtet, rechnete ich
damit, einem angegriffenen, kränklichen Menschen gegenüberzutreten.

Als ich bei Kurt zu Haus ankam, öffnete er die Tür, schüttelte mir die Hand und nahm
mir dann die Tasche mit den Aufnahmegeräten ab. Er sah aus wie ein Sportler. Sein
Händedruck war fest, sein Gang vital und elastisch, selbst während er meine schwere
Tasche trug. Er hatte O-Beine, aber die Krümmung wirkte nicht wie die Deformation
durch eine Krankheit, sondern eher wie die typische Körperlichkeit eines Fußballspielers
oder Gewichthebers, die sich im Lauf der Jahre so entwickelt hat, um ein Maximum an
Stabilität und Kraft zu garantieren. Es mag seltsam erscheinen, aber erst als wir unser
Gespräch begonnen hatten und Kurt die Krankheit und ihre Auswirkungen beschrieb,
wurde mir bewußt, daß er nur etwa 1,60 Meter groß war und höchstens fünfundfünfzig
Kilo wog.

135
Er hatte Charme, aber nichts Kokettes: die Art von Charme, die jemand ausstrahlt, der
genug Selbstvertrauen hat, um seiner Verspieltheit freien Lauf zu lassen. Sein Lächeln
war strahlend, und er war sich seiner Männlichkeit sicher genug, um anderen Einblick
in seine Verletzlichkeit zu gewähren. Ich war beeindruckt von den mörderischen physi-
schen und seelischen Anstrengungen, die Kurt Tag für Tag durchhielt.

Das Interview fand im Haus seiner Eltern in Greenfield in Massachusetts statt. Kurt hat
in Greenfield eine eigene Wohnung, hütete aber den Winter über das elterliche Haus.
»Meine Eltern sind mit ihrem Camping-Anhänger unterwegs, quer durch das ganze
Land«, erklärte er. »Sie werden älter, und sie haben sich entschlossen, die Dinge zu
tun, die sie immer tun wollten, solange sie es noch können.« Er dachte einen Augenblick
nach und sagte dann lachend: »Ich glaube, genau das tue ich auch.« Die Geschichte,
die er erzählt, zeigt, wie wahr seine Worte sind:

»Ich bin ein Besessener. Manche Leute sind von Geld besessen oder von Ruhm, also
richten sie ihre gesamten Energien auf dieses eine Ziel. Ich bin vom Gesundsein be-
sessen. Ich muß es sein. Den Antrieb habe ich von meinen Eltern; sie gaben mir diese
Haltung mit auf den Weg. Mein Vater ist ein besessener Arbeiter. Er hat die Uhr dort
gemacht, die Möbel, auf denen wir sitzen-, er baut Geigen. Er hat die elektrischen Lei-
tungen im ganzen Haus verlegt, er kann tischlern und schweißen. Alles, was er macht,
macht er gut. Er hat eine Energie, um die ich ihn beneide; ich glaube, in meiner Kindheit
beneideten wir ihn alle darum. Wäre ich gesund gewesen, - ich wäre genauso geworden
wie er, hätte dieselben Fähigkeiten entwickelt. Aber da ich diese Krankheit habe, setzte
ich meine gesamten Energien ein, um dagegen anzukämpfen und so gesund zu bleiben
wie möglich.

Manchmal, wenn die Leute in meinem Bekanntenkreis abends ausgehen, fragen sie
mich: >Kommst du mit?< Ich möchte mitgehen, Freunde treffen, reden, lachen, mich
entspannen. Aber ich weiß, ich kann es nicht; - das trifft mich am härtesten. Ich muß
tun, was ich tun muß. Ich muß nach Haus gehen und auf mir herumtrommeln.

Ich mache diese Selbstbehandlung zweimal am Tag. Ich liege auf einem Brett, mit dem
Kopf nach unten, und schlage mir auf die Brust, um etwas von dem Zeug aus meiner
Lunge herauszukriegen. Ich kann alles selbst machen, bis auf den Rücken. Dafür habe
ich eine Maschine, einen Kompressor, an den ein Vibrator angeschlossen ist - hört sich
ein bißchen sexy an -, eine Art Perkussionsinstrument, das ich an meinen Rücken halte.
Es hilft.

Als ich geboren wurde, hieß es, die durchschnittliche Lebenserwartung für jemanden,
der Mukoviszidose hat, läge bei acht Jahren. Ich bin jetzt einunddreißig Jahre alt. In
meinem Fall haben sich die Ärzte offensichtlich geirrt.

Ich muß jeden Tag raus ins Freie und trainieren. Ich gehe jeden Abend raus und mache
mein Lauftraining; wenn es sehr kalt ist, laufe ich drinnen, aber ich muß es jeden Tag
tun. Jogging ist für mich von grundlegender Bedeutung. Ich laufe jetzt etwa einen Ki-
lometer pro Tag. Vorher bin ich vier Kilometer gelaufen, aber meine Lunge mochte das
nicht. Sie fing an zu bluten. Wenn ich das nicht mehr machen würde, wenn ich mit dem
Training aufhören würde, wäre ich vermutlich in vier Monaten nicht mehr da.

136
Es ist ein Drahtseilakt. Zuviel Training ist schädlich, und zuwenig Training ist auch
schädlich. Also jongliere ich ständig, um das richtige Maß zu finden.

Ich habe im Lauf der Jahre eine Menge Leute mit MV gesehen, die nicht die Energie
hatten, ständig dabeizubleiben, und sie sind nicht mehr da. Es gab fünf Leute in dieser
Gegend, die Mukoviszidose hatten und in derselben Klinik behandelt wurden wie ich.
Der letzte starb vor acht oder neun Jahren. Sie zu sehen, zu sehen, daß es ihnen nicht
so gut ging wie mir, war mir eine ständige Mahnung. Ich wollte nicht auch so enden.

Ich kannte einen anderen, der es auch sehr, sehr gut schaffte. Als ich jünger war, ging
ich mit ihm in diese Klinik... O Gott, ich habe seinen Namen vergessen, wie hieß er
doch? Rossberg! Alle paar Monate gingen wir zusammen hin, also kamen wir uns ziem-
lich nahe. Er war ein paar Jahre älter als ich. Durch ihn kam ich in meiner High-School-
Zeit zum Trainieren und zum Gewichtheben. Er hielt sich sehr gut.

Ich besuchte ihn im Krankenhaus etwa vier oder fünf Tage vor seinem Tod. Er sah gar
nicht so schlecht aus. Als wir das Krankenhaus verließen, sagte meine Mutter: >Weißt
du, er wird sterben.« Ich sagte: >Was?< >Er liegt im Sterben. Er schafft es nicht mehr.
Der Arzt sagt, er hat vielleicht noch eine Woche.<

Es war ein Schock für mich damals, aber als er gestorben war, sagte ich mir: >Also, das
ist wieder ein Zeichen. Wenn du aufhörst, wirst du dafür bezahlen.<

Als er nach Hawaii aufs College ging, hörte er mit der Therapie und mit dem Training
auf. Ich weiß nicht, warum. Ich wette, er würde heute noch leben, wenn er nicht auf-
gehört hätte.

Ich glaube, sein Tod hat etwas in mir bewirkt. Es war ein Zeichen, und vielleicht hat es
mich noch mehr angespornt, meine Routine beizubehalten.

Es gab Unterschiede zwischen Rossberg und mir. Ich war immer ziemlich stark an mein
Elternhaus, an meine Familie gebunden, — er blieb mehr für sich. Ich glaube, ich hatte
eine stärkere Heim-Basis. Meine Familie ist sehr wichtig für mich. Sie kann mich nicht
gesund erhalten, aber sie hat einen starken Einfluß.

Mukoviszidose ist ein Problem mit der Lunge und mit der Bauchspeicheldrüse, eine an-
geborene Sekretionsstörung. Die Lunge sondert ein verdicktes Sekret ab. Bei Gesunden
ist dieses Sekret dünn und dient dazu, Schmutz und Fremdkörper auszuscheiden. Im
Fall der Mukoviszidose ist es sehr viel dicker und schwerer. Es löst sich nicht, also bleibt
es da stecken und wird zu einer Brutstätte für Infektionen. Ich war immer wieder im
Krankenhaus, bestimmt fünfzehn bis sechzehn, wenn nicht zwanzig Mal. Sie bringen
mich ins Krankenhaus, für zehn Tage oder zwei Wochen, und pumpen mich mit Anti-
biotika voll, intravenös, weil das die effektivste Art ist, den Infektionen beizukommen.
Wenn man sie in Tablettenform nimmt, neigt der Magen dazu, die Wirkung der Antibi-
otika abzuschwächen.

Aber durch die ständigen Infektionen vernarbt die Lunge. Die Lungenbläschen, die ei-
gentlich winzige Luftbehälter sind, vernarben und verwachsen miteinander. Dadurch
verringert sich die Oberfläche, und die Lungenkapazität wird reduziert. Ich kann in
einem tiefen Atemzug etwa 1,8 Liter Luft aufnehmen, während die Atemkapazität bei

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Gesunden etwa bei 3,7 bis 4 Liter liegt. Meine Krankheit ist also ziemlich schwerwie-
gend. Schließlich kann die Lunge ihre Funktion nicht mehr erfüllen, und der Patient
stirbt.

Und die Probleme beschränken sich nicht auf die Lunge. Die Bauchspeicheldrüse gibt
nicht genügend Enzyme ab, um die Nahrung zu verdauen. Alles geht direkt durch, und
der Körper nimmt die Nährstoffe nicht auf. MV-Patienten erreichen nie ihr volles Wachs-
tum, weil sie chronisch unterernährt sind. Ich bin sicher, ohne die Krankheit wäre ich
größer. Ich nehme Enzyme ein, um die Verdauung zu fördern.

Manche Leute haben nur die Verdauungsprobleme, andere nur die Lungenprobleme.
Manche haben Verdauungsstörungen und Lungenprobleme, aber beides in milder Form.
Bei mir tritt leider beides in schwerer Form auf. Trotzdem glaube ich, daß ich von allen
MV-Patienten, die ich gesehen habe, körperlich am besten in Form bin. Ich denke, mein
Körper hat durch das Training gelernt, alles, was ihm zur Verfügung steht, mit maxi-
maler Effizienz zu nutzen.

Ich habe mich entschlossen, die Dinge, die mich interessieren, zu tun, solange ich es
noch kann. Zum Beispiel ging ich vor vielen Jahren mit einer kirchlichen Jugendgruppe
den Mount Washington besteigen. Wir waren halb oben, als das Wetter schlecht wurde.
Ich sagte mir, es wäre besser, es nicht weiter zu versuchen. Also machte ich mich mit
einem anderen Teilnehmer zusammen auf den Rückweg.

Vor ein paar Jahren sagte ich mir: >Ich habe es einmal versucht und es nicht geschafft.
Ich will es schaffen!< Diesmal ging ich mit dem Pfarrer. Er ist ein guter Freund, obwohl
ich nicht oft zur Kirche gehe. Wir fingen an einem Samstagmorgen mit der Besteigung
an. Ich mußte oft Pausen machen. Als wir die Tuckerman-Schlucht erreicht hatten,
ballten sich am Himmel schwarze Wolken zusammen; es sah wirklich schlecht aus. Die
letzten tausend Meter mußten wir über große Felsblöcke klettern. Es war stürmisch,
eine Windgeschwindigkeit von siebzig Meilen pro Stunde, und sehr kalt, knapp über null
Grad, obwohl es Mitte Juli war. Ich litt unter Sauerstoffmangel und bekam Krämpfe in
den Beinen, - die ganze Palette. Ich war völlig erschöpft. Schließlich schafften wir es bis
zum Gipfel. Ich glaube nicht, daß ich es noch einmal machen könnte. Ich war am Ende
meiner Kräfte, aber ich bin froh, daß ich es gemacht habe.

Als wir da oben waren, passierte eine komische Sache. Da steigt eine Frau aus ihrem
Auto - es gibt auch eine Autostraße, die bis zum Gipfel hochführt —; ich sitze da in mei-
nen Wandershorts, meinen Bergstiefeln, mit Regenjacke und Stock, vornübergebeugt
und versuche, wieder zu Atem zu kommen. Sie kommt zu mir herüber und sagt: >Sind
Sie wirklich den ganzen Weg hier herauf gestiegen?< Ich dachte: >Mach‘s nach, blöde
Kuh!<

Im letzten Winter sagte ich zu meinem Freund, dem Pfarrer: >Laß uns doch nochmal
rauf gehen bis zur Tuckerman-Schlucht, und dann fahren wir mit Skiern runter.< Das
bedeutet, daß man beim Aufstieg die Skier auf den Schultern trägt. Wir hatten schon
alles vorbereitet, aber an dem Tag, als wir losfahren wollten, regnete es; also mußten
wir es abblasen. Wer weiß? Vielleicht mache ich es doch noch.

Mein Ziel ist, das Fortschreiten der Krankheit so lange wie möglich hinauszuzö-
gern. Mehr kann ich nicht tun. Es wird schlimmer werden. Es ist schon schlimmer

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geworden. Ich fühle mich jetzt anders als noch vor zwei oder drei Jahren. In den medi-
zinischen Tests zeigen sich keine dramatischen Unterschiede, aber ich kann es körper-
lich spüren.

Vor zehn Jahren merkte ich beim Lauftraining wirklich, wie der Körper Adrenalin aus-
schüttete. Wenn ich aufhörte, fühlte ich es viel stärker, wie eine Art Rausch. Ich fühle
es auch jetzt noch, aber bei weitem nicht so intensiv. Also steht es mit der Lunge etwas
schlechter.

Ich mache immer noch Jogging; ich zwinge mich dazu. Aber wenn ich jetzt laufe, habe
ich ein Taubheitsgefühl in den Fingern und manchmal ein allgemeines Schwächegefühl.
Ich merke, wenn ich mich dem Punkt nähere, an dem ich nicht genug Sauerstoff be-
komme, an dem die Blutsauerstoffwerte abfallen. Ich kann diese subtilen Unterschiede
spüren. Wenn die Sauerstoffversorgung des Blutes unzureichend ist, wird das Herz
stärker belastet. Ich muß darauf achten, mein Herz nicht so stark zu belasten, daß es
geschädigt wird.

Ich habe mich in einem medizinischen Zentrum einem Test unterzogen. Sie stellten
mich auf ein Laufband und nahmen die Werte ab, um festzustellen, wie weit das Blut
mit Sauerstoff angereichert war. Nach acht Minuten Jogging sanken die Blutsauerstoff-
werte auf sechzig Prozent. Alles, was darunter liegt, wird gefährlich, wenn ich dann
nicht wieder Sauerstoff zuführe. Durch diesen Test weiß ich, wie ich mich körperlich
fühle, wie sich mein Herz anfühlt, unmittelbar bevor ich den kritischen Punkt erreiche.
Ich taxiere meine Kräfte. Ich treibe mich bis zu diesem Punkt an, aber nicht weiter.

Bevor ich mit dem Fallschirmspringen anfing, wollte ich wissen, ob der Sauerstoffman-
gel in großen Höhen mich gefährden könnte. Ich fragte meinen Arzt. Er sagte: >Aus
welcher Höhe wollen Sie abspringen?<
Ich sagte: >Etwa zweitausenfünfhundert Meter.<
>Das könnte die kritische Grenze für Sie sein.<
>Gut<, sagte ich. >Ich werde es machen.<

Ich glaube, der Arzt meinte, es wäre riskant, äußerst riskant. Aber ich war bereit, das
Risiko einzugehen; die Sache war es mir wert.

Meine Mutter sagte, sie würde nicht auf den Flugplatz kommen, aber sie kam dann
doch, um meinen Sprung zu sehen. Sie bemerkte, daß ich durch die große Höhe blaue
Lippen bekommen hatte, also mußte ich aufpassen.

Ich bin ständig dabei, mich selbst zu überwachen, zu testen, welche Folgen es für mich
hat, wenn ich dies oder jenes tue. Bei meinem ersten Absprung hatte ich große Angst.
Also nahm ich ein paar Leute mit auf den Flugplatz, für den Fall, daß irgend etwas pas-
sierte.

Beim ersten Mal springt man im Tandem, weil es sicherer ist. Man trägt einen Gurt,
der mit zwei Karabinerhaken am Gurt des Ausbilders befestigt ist, unter seinem Bauch.
Man geht runter wie ein Sandwich, einer auf dem anderen. Ich hatte nicht wirklich
Angst, bis sie die Seitentüren im Flugzeug öffneten. Du guckst raus, und da ist nichts!
Du sagst dir: >O nein!< Es ist kalt da oben, und es bläst ein starker Wind. Die ersten
springen ab, und man sieht sie im Nichts verschwinden. Puh; also jetzt bist du dran.

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Du springst von der Seite des Flugzeugs ab: Du setzt dich auf den Rand, und die Beine
hängen raus, und du hältst die Hand auf der Brust. Der Ausbilder hält dich fest und
sagt: >Also los, fertig, ab geht‘s.< Du läßt dich einfach nach vorn fallen, und das ist es,
du bist draußen.

Man kann beim Absprung einen Salto machen, und in der Drehung sieht man das
Flugzeug davonfliegen. Die Sonne geht unter, man kann den gesamten Horizont
überblicken. Es ist ein ungeheurer Ansturm von Eindrücken und Empfindungen. Man
kann es tatsächlich selbst sehr stark steuern, Links- und Rechtsdrehungen machen und
Saltos. Man hat wirklich das Gefühl, daß man fliegen kann.

Da der Luftwiderstand da oben geringer ist, kann ich tatsächlich freier atmen. Ich fühlte
mich so gut, daß ich überhaupt nicht daran dachte, die Reißleine zu ziehen. Zum Glück
hat der Ausbilder es dann gemacht. Der Fallschirm öffnet sich, und man schwebt nach
unten. Beim nächsten Mal springe ich solo.

Ich habe eines Abends einen Fernsehbericht darüber gesehen, und ich sagte mir: >Das
mache ich!< Etwa eine Woche später sprang ich zum ersten Mal ab. Ich dachte: >Was
soll‘s - warum soll ich es nicht machen, solange ich es noch kann?< Ich hatte schon
lange den Wunsch, es zu versuchen.

Ich bin sicher, meine Geburt war sehr schwierig für meine Eltern, aber sie sprechen
nie darüber. Als ich drei Stunden alt war, wurde eine achtstündige Operation an mir
vorgenommen. Mein Darm war perforiert, und es gab eine Verwachsung.

Ein paar Wochen später, als meine Mutter mich mit nach Haus nahm, schrie ich viel
und nahm nicht zu. MV-Babys haben einen übelriechenden Stuhlgang. Es ist ekelhaft,
aber es ist ein Zeichen. Meine Mutter wußte, daß etwas nicht stimmte. Ich kam zu
Dr. Howell in Greenfield. Er vermutete, daß ich Mukoviszidose hatte, und machte einen
Schweißtest. Sie legten meine Hand in einen luftundurchlässigen Behälter; der Behälter
beschlug, und die Schweißabsonderung wurde getestet. MV-Patienten haben einen sehr
hohen Salzgehalt in ihrem Schweiß. Das war es, was sie feststellten.

Als ich geboren wurde, wog ich achteinhalb Pfund. Ich nahm fast vier Pfund ab, bevor
mein Gewicht sich durch die Enzyme und die fettarme Diät stabilisierte. Als Kleinkind
mußte ich unter einem Plastikzelt schlafen, in dem hohe Luftfeuchtigkeit herrschte, und
ich haßte es. Sobald ich krabbeln konnte, versuchte ich, aus dem Zelt herauszukrie-
chen. Es war klatschnaß unter der Plastikplane, und wer will in einem klatschnassen
Bett schlafen? Ich kämpfte mit meinen Eltern. Ich schlich mich heimlich raus aus dem
Zelt, ging die Treppen hinunter und legte mich unten im Haus schlafen. Ich kämpfte die
ganze Zeit gegen sie an.

Die Physiotherapie war das Schlimmste. Dagegen leistete ich ständig Widerstand. Aber
sie bestanden darauf, daß ich weitermachte. Ich mußte Tabletten nehmen, aber manch-
mal versteckte ich sie. Als ich fünf Jahre alt war, fing mein Vater an, mich zu bestechen.
>Wenn du deine Tabletten nimmst, gebe ich dir fünfzig Cent, ok?< Als die Zehn-Dol-
lar-Marke erreicht war, sagte er: >So, das war‘s. Von jetzt an gibt‘s kein Geld mehr
dafür.< Von diesem Zeitpunkt an konnte ich händeweise Tabletten schlucken.

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Meine Selbstdisziplin verdanke ich meinen Eltern; sie gaben mir den Anstoß. Sie impf-
ten mir ein, Sport zu treiben, rauszugehen zum Spielen, Lauftraining zu machen. Ich
weiß, damals haßte ich es. Ich wollte mich in der Sofaecke zusammenrollen, aber mei-
ne Mutter sagte: >Nein, du mußt jetzt raus an die Luft. Du mußt raus und spielen.«
Ich stritt mich deswegen ständig mit ihr. Aber zusammen waren sie unnachgiebig und
zwangen mich, weiterzumachen. In der Rückschau wird mir klar, daß sie wußten, was
sie taten.

Sie pflanzten mir den Keim ein, und er schlug Wurzeln. Nach der High School übernahm
ich selbst die Verantwortung, mit meiner Krankheit zu leben. Jetzt habe ich die Moti-
vation, die Geistesgegenwart, den Willen, zu trainieren, meine Therapie zu machen,
richtig zu essen. Das ist gut so, denn ich kann von meiner Krankheit nicht Urlaub neh-
men.

Als Kind glaubte ich, ich hätte etwas Unrechtes getan und wäre deshalb so gewor-
den. Mein Bruder und meine Schwester mußten meinetwegen ständig auf dies und das
verzichten, besonders auf Familienfeiern. Ich wurde krank und konnte nicht hingehen,
also konnten sie auch nicht hingehen. Das war sehr belastend für mich, denn ich hatte
das Gefühl, daran schuld zu sein - und war es ja in gewisser Weise auch. Also hatte ich
ständig das Gefühl, etwas Schlechtes zu tun.

Es hat etwas Absurdes, aber meine Schwester und mein Bruder waren eifersüchtig und
neidisch auf mich, neidisch auf all die Aufmerksamkeit, die ich bekam. Meine Schwes-
ter gab später zu, daß sie mich zeitweilig glühend haßte, weil meine Mutter soviel Zeit
darauf verwendete, sich um mich zu kümmern. Damals kochte sie vor Wut auf mich,
aber jetzt stehen wir uns sehr nahe, sie und ich.

Ich wurde viel gehänselt, in der Grundschule, in der Junior High School und dann in der
High School. Ich war kleiner als die anderen Kinder. Als ich die High School abschloß,
war ich nur einen Meter vierzig groß und wog fünfundsiebzig Pfund.

Ein stark gewölbter Brustkorb ist eine der Folgen der Krankheit. Mein Brustkorb war
etwas breiter als der anderer Kinder, und ich wurde deswegen gehänselt. Meine Zähne
waren fleckig - die Nebenwirkung eines Antibiotikums, Terramycin. Damals war nicht
bekannt, daß die Tetracycline eine permanente Verfärbung der Zähne verursachen kön-
nen, wenn sie während der Zahnentwicklung genommen werden. Also hatte ich in mei-
ner gesamten Schulzeit braune Zähne. Auch damit wurde ich ganz schön aufgezogen.

Inzwischen habe ich die Zähne behandeln und die Verfärbung entfernen lassen. Aber
damals hatte ich das noch nicht.

In der Schule war es mir auch furchtbar peinlich, meine Tabletten einzunehmen. Ich
versuchte, all die Pillen heimlich in eine Hand zu nehmen, zehn oder elf Stück, und sie
auf einen Hieb runterzuschlucken, so daß die anderen Kinder nichts davon merkten. Ich
wurde sehr routiniert darin, aber es war schwer, es geheimzuhalten.

Ich dachte immer, die Krankheit sei meine Schuld. Ich machte meine Eltern nie dafür
verantwortlich. Aber ich glaube, sie hatten Schuldgefühle. Meine Mutter deutete an,
daß mein Vater sich dafür verantwortlich fühlte. Mukoviszidose ist genetisch; sie wird
weitergegeben, wenn zwei Leute das rezessive Gen haben, Träger der Krankheit sind.

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Die Träger haben keine Symptome. Heute kann man feststellen, ob jemand Träger ist,
aber damals war das noch nicht möglich.

Als Kind wußte ich immer, daß ich zu Haus sicher war. Unsere Familie hatte einen engen
Zusammenhalt. Es war ein sehr stabiles Umfeld, auf das ich zählen konnte. Ich wurde
geliebt.

Viele Kinder mit geringfügigeren gesundheitlichen Problemen hatten ärztliche Atteste,


durch die sie vom Sportunterricht befreit waren. Ich dachte auch daran, entschloß mich
dann aber doch, am Sportunterricht teilzunehmen. Ich ging hin und machte alles mit,
was die anderen Kinder machten. Probleme hatte ich nur beim Basketball. Das Hin- und
Herrennen auf dem Feld fiel mir schwer. Ich bekam Schwächeanfälle. Aber davon abge-
sehen war ich gut im Sport.

Auf der High School war ich ein ziemlicher Einzelgänger. Ich konnte problemlos von
einer Gruppe zur anderen gehen, fühlte mich aber nirgendwo wirklich zugehörig. Ich
machte dauernd Witze und wurde zum Klassenclown. In dieser Rolle wurde ich mehr
akzeptiert. Ich glaube, meine Unsicherheit und mein Schmerz waren die Motivation.
Aber es war auch natürlich für mich, den Clown zu spielen, weil ich immer viel gelacht
und Witze gemacht habe. Wir führten in der Schule ein Theaterstück auf, >Arsen und
Spitzenhäubchen<. In dem Stück gibt es ein Polizistenteam, Mutt und Jeff, und ich
spielte den Mutt. Mein Partner >Jeff< war 1,92 Meter groß und wog zweihundertfünfzig
Pfund, und daneben war ich mit meinen 1,40 Metern und meinen fünfundsiebzig Pfund.
Es war ein Riesenspaß.

Einmal kriegte ich im Physikunterricht das große Kichern und konnte nicht mehr auf-
hören. Mein Partner am Labortisch zeichnete einen Cartoon, eine Katze, die in einem
Wäschetrockner sitzt und sich an den Seitenwänden festklammert, während die Trom-
mel sich dreht. Ich fing an zu kichern und lachte und lachte. Ich konnte nicht aufhören.
Alle starrten mich an. Der Lehrer sah mich an und sagte: >Bist du jetzt fertig?< Fünf
Minuten später fing ich wieder an zu lachen, aber diesmal lachte auch der Lehrer. Bald
brüllte die ganze Klasse vor Lachen. Ich finde, es macht Spaß, wenn man das große
Kichern kriegt; man versucht, aufzuhören, kann es aber nicht. Lachen hinterläßt ein
gutes Gefühl.

Interessanterweise hat Weinen für mich beinahe dieselben Nachwirkungen wie Lachen.
Aber ich glaube, aus dem Weinen bin ich ganz heraus. Ich habe in meinem Leben auch
viel mehr gelacht. Lachen ist einfacher ... Na ja, ich weiß nicht, ob es wirklich einfacher
ist, aber man kann ebensogut lachen. Ich meine, warum nicht?

Die seelischen Probleme kochten so richtig hoch, als ich mit dem College anfing. Phy-
sisch ging es mir schlecht. Mit meinen Leistungen ging es bergab. Ich fragte mich:
>Was soll aus mir werden? Was kann ich mit meinem Leben anfangen? Lohnt es sich
überhaupt, irgend etwas anzufangen? In ein paar Jahren bin ich ohnehin tot.< Es ging
mir oft so, daß ich am liebsten sterben wollte.

Ich suchte einen Psychotherapeuten auf. Ich ging mit der Erwartung hin, nach einer
Sitzung alle Probleme gelöst zu haben, mich auf einen Schlag besser zu fühlen. Aber es
dauerte zwei bis drei Jahre, bis etwas in Bewegung kam.

142
Durch die Therapie habe ich gelernt, mich mit einigen Dingen zu konfrontieren, - mit
dem Tod zum Beispiel. Ich hatte große Probleme damit.

Wenn man gesund ist, scheint der Tod weit weg zu sein. Alles ist in bester Ordnung.
Jedesmal, wenn ich krank wurde, als ich klein war, stand der Tod mir vor Augen, immer
wieder. Aber ich sprach nie darüber.

Vor vielen Jahren riet mir ein Arzt, nicht mehr als zwei Jahre vorauszuplanen. Als er mir
das sagte, antwortete ich: >In Ordnung.< Aber jetzt bin ich wütend darüber. Da ich
immer noch lebe, denke ich mir: >Verdammt nochmal, ich hätte doch Pläne machen
sollen.< Tatsächlich haben mir die Ärzte mein ganzes Leben lang gesagt: >Ein paar
Jahre noch, und dann ist Schluß.< Aber dann passiert es doch nicht. Manchmal weiß ich
nicht, wie ich mich drehen und wenden soll. Alle meine Freunde sind verheiratet, haben
Kinder und planen ihre Zukunft. Ich bin mit ihnen zusammen und sage: >Ja, ja, das ist
schön.< Aber tief innen fühle ich mich ausgeschlossen und allein zurückgelassen.

Die Therapie hat geholfen, aber es ist nicht einfach, sich mit dem Tod auseinanderzu-
setzen. Ich war ein bißchen großspurig geworden und hatte das Gefühl, nach all diesen
Jahren die Dinge schließlich im Griff zu haben. Aber ich habe die Krankheit nicht im
Griff. Das erfuhr ich in diesem Sommer, als plötzlich von Transplantation die Rede war.
Mit meiner Lunge ging es nicht besonders gut, und ich fragte mich: >Ist es das jetzt?
Ich will wirklich nicht sterben. Es läuft doch eigentlich alles ganz gut.< Wahrscheinlich
werde ich stinksauer sein, wenn es passiert. Daß Transplantation in Betracht gezogen
wurde, war schon ein Schock für mich.

Heute gibt es unglücklicherweise nur die Möglichkeit, Herz und Lunge zusammen zu
transplantieren. Im Lauf der nächsten Jahre werden sie reine Lungentransplantationen
machen. Das Risiko, daß der Körper das Transplantat abstößt, ist wesentlich geringer,
wenn es sich nur um ein Organ handelt und nicht um mehrere Organe.

Natürlich sind Herztransplantationen jetzt schon an der Tagesordnung. Und sie machen
Herz-Lungen-Transplantationen. Es hat auch schon reine Lungentransplantationen gege-
ben, aber nur wenige. Es ist technisch viel schwieriger, nur die Lunge zu ersetzen, weil
sie wieder mit dem Herzen verbunden werden muß. Darum ist es einfacher, Herz und
Lunge zusammen zu transplantieren. Der Arzt sagt, da ich jung bin und physisch in gu-
ter Verfassung, - so gesund, wie ich eben sein kann -, wäre ich der ideale Kandidat für
eine Transplantation. Dafür versuche ich jetzt Zeit zu gewinnen. Ich will die Schädigung
durch die Krankheit so gering wie möglich halten und abwarten, bis die medizinische
Technologie sich weit genug entwickelt hat. Je länger ich warte, desto besser werden
die Chancen.

Wenn die transplantierte Lunge einmal drin ist, gibt es keine Mukoviszidose mehr. Ein
faszinierender Gedanke. Keine Therapie mehr, kein ständiges Training. Ich glaube, ich
würde es trotzdem machen, aber es müßte nicht sein. Normal zu atmen - das muß das
Paradies sein. Ich kann es mir kaum vorstellen.

Aber mit der Transplantation würden sich eine Menge neuer Probleme ergeben. Die Me-
dikamente, die man nehmen muß, um zu verhindern, daß der Körper das neue Organ
abstößt, vernichten die weißen Blutkörperchen, also riskiert man Infektionen und Er-
kältungen, Nierenprobleme und so fort. Aber ich denke, der Handel würde sich lohnen.

143
Ich hätte sehr viel mehr Energie und könnte Dinge tun, die ich jetzt nicht tun kann.
Ich muß mir gut überlegen, wann ich die Operation machen lassen will. Soll ich sie ris-
kieren, während ich noch relativ gesund bin? Es könnte sein, daß ich dadurch ein paar
Lebensjahre wegwerfe. Oder soll ich warten, bis ich ohnehin die ganze Zeit im Sau-
erstoffzelt verbringen muß? Aber dann wäre ich in einem geschwächten Zustand, und
meine Chancen wären nicht so gut. Ich werde es mit meinen Eltern besprechen. Ich
werde es mit den Ärzten besprechen. Aber letztlich ist es meine Entscheidung.

Der richtige Zeitpunkt ist ein entscheidendes Kriterium, aber selbst wenn ich den bes-
ten Zeitpunkt für eine Operation wähle, gibt es keine Garantie, daß Spenderorgane
verfügbar sind. Das Dumme ist, daß ich mich anmelden und dann Schlange stehen und
abwarten muß, bis meine neuen Organe zur Verfügung stehen. Wann sollte ich das
tun? Ich will nicht, daß sie plötzlich mit einer neuen Lunge ankommen, wenn ich noch
zu gesund bin, aber andererseits will ich auch nicht warten, bis es zu spät ist. Es könnte
Monate, aber auch Jahre dauern, bis ich ein Spenderorgan bekommen.

Ich versuche, so lange durchzuhalten wie ich kann, bis sie in diesem Bereich mehr Er-
fahrung haben. Diese Art von Chirurgie ist noch im Experimentierstadium, die Techniken
werden noch entwickelt. Jetzt möchte ich mich dem eigentlich noch nicht aussetzen.
Ich bin froh, daß es nicht sein muß. Lieber warte ich noch fünf oder zehn Jahre ab.

Ich habe Angst vor Erkältungen, vor der Grippe, und nehme mich da sehr in acht. Ich
weiß, daß eine kleine Sache bei mir sehr leicht einen Lawineneffekt auslösen könnte.
Man kann nie wissen. Im Augenblick geht es sehr gut. Wenn es so bleibt, könnte ich
noch zehn, zwölf, zwanzig Jahre so weiterleben. Aber ich bin sicher, daß es nicht so sein
wird. Die Krankheit hört nicht auf.

Ich muß zugeben, daß ich manchmal sehr deprimiert bin. Wenn das passiert, sage ich
mir: >Kurt, laß dich nicht hängen, tu was, geh‘ mit dem Hund spazieren, geh‘ raus und
mach‘ Jogging.< Es bringt mich auf andere Gedanken. Wenn ich mich körperlich gut
fühle, komme ich schneller aus dem depressiven Zustand raus, in einer Viertelstunde
oder einer Stunde, weil ich etwas tun kann. Es ist sehr viel schwerer, wenn ich mich
schlecht fühle. Mir ist klar, daß ich etwas tun muß, um meine Stimmung zu verändern.
Der Entschluß, etwas zu unternehmen, ist einfach, aber es dann auch in die Tat umzu-
setzen, das ist ein Problem!

Ich versuche, mir zu sagen: >Sei glücklich mit dem, was du hast. Vergeude die Zeit
nicht mit nutzlosen Gedanken. Ach, wenn ich nur eine Beziehung hätte, oder wenn ich
dies oder das hätte ...<; Es lohnt sich nicht. Man verschwendet nur seine Zeit.

Ich bin oft deprimiert, wenn ich an die Zukunft denke. Aber ich halte an diesen Ge-
danken nicht fest. Körpertraining ist ein gutes Mittel gegen die Depression. Bewegung
scheint die Depression zu beseitigen. Ich mache die unterschiedlichsten Sachen. Ich
hatte eine Honda 440, und letztes Jahr fuhr ich damit durch Kanada, mit einem Freund.
Eine Honda 440 in Kanada, - das war eine Schnapsidee. Man steigt vom Motorrad ab,
und die Hände vibrieren immer noch. Es ist nicht wie Autofahren. Alle Muskeln werden
steif; es ist sehr anstrengend. Als ich zurückkam, sagte ich mir, zur Hölle damit, und
kaufte mir eine Kawasaki 650.

144
Im Sommer gehe ich jetzt fast jedes Wochenende Wasserski fahren. Auf dem
Connecticut River muß man aufpassen wegen der toten Fische und der Blechdosen. Ich
bin an dem Punkt, wo ich Slalom fahren kann, auf einem Ski aus dem Wasser kommen,
Strandstart machen und so weiter. Ich spiele auch Softball, im Betriebsteam. Im Winter
gehe ich Rollschuh laufen und Skilaufen. Abfahrtslauf ist wahrscheinlich das, was ich
am besten kann.

Ich weiß, es hört sich arrogant an, aber ich bin jetzt wirklich ein guter Sportler. Ich
frage mich oft, wieviel besser ich sein könnte, wenn ich die Kraft und die Vitalität eines
gesunden Menschen hätte. Wie gut könnte ich sein? Aufgrund der physischen Begren-
zungen kann ich nicht mehr erreichen. Manchmal macht mich das wütend.

Mäßigung ist das Schlüsselwort. Früher habe ich alles aus mir herausgeholt, mich ka-
puttgemacht bis zum physischen Zusammenbruch. Aber das mache ich nicht mehr.

Ich glaube, ich weiß genau, was mein Körper verkraften kann, aber manchmal über-
schreite ich das Maß, wie beim Karate. Es fällt mir schwer, nicht bis an die Grenzen mei-
ner Kraft zu gehen, speziell bei einer Gürtelprüfung. Prüfungen sind sehr viel anstren-
gender als ein normales Training. Im letzten Dezember wurde ich für den Violettgurt
geprüft. Zum Schluß war ich so erschöpft, daß ich nur noch dalag, und wir hatten den
Freikampf noch vor uns. Ich konnte deutlich spüren, wie ausgelaugt ich war, daß ich
dabei war, mir eine Erkältung zu holen. Ich stand auf. Ich dachte, ich kämpfe jetzt und
verliere. Ich kämpfte und gewann. Das bedeutete, ich mußte nochmal kämpfen. Ich
sagte mir: >Diesmal werde ich unterliegen.< Nein, ich gewann wieder. Na ja, so ging
es weiter. Schließlich hörte ich auf, aber nur, weil sechs Stunden vergangen waren und
die Prüfung beendet war. Ich hätte sonst weitergemacht. Wenn ich in solchen Situatio-
nen einfach aufhören könnte und mir sagen: >Kurt, was machst du da? Laß es sein!<
Aber das tue ich dann nicht. Die meisten Leute, die Kampfkünste unterrichten, haben
etwas Militaristisches. Aber ich habe einen Karatelehrer gefunden, Richard Roy, der sich
individuell auf jeden Teilnehmer einstellt. Er hat eine sehr gute Intuition für Dinge, die
Heilwirkung haben. Ich mache zweimal am Tag die chinesischen Atemübungen, die er
mir gezeigt hat. Eine ist dabei, die >brüllender Tiger< genannt wird. Beim Einatmen
stellt man sich vor, daß man kühlen weißen Nebel in sich aufnimmt. Beim Ausatmen
läßt man die ganze Luft herausströmen und imaginiert dabei, daß schwarzer, heißer,
dreckiger Dampf herauskommt, uuaaah ... Dann atmet man wieder ein und füllt die
Lunge mit kühlem, reinem Nebel. Abgesehen von diesen chinesischen Atemübungen
mache ich keine andere Art von Meditation.

Es fällt mir sehr schwer, stillzusitzen. Ich kann zum Beispiel nicht lesen. Das heißt, na-
türlich kann ich lesen, aber ich bringe es nicht fertig, mich hinzusetzen und mich stun-
denlang in ein Buch zu vertiefen, obwohl ich mir vorstellen kann, daß es Spaß macht.
Die Leute scheinen eine Menge Freude an Büchern zu haben. Aber wenn ich stillsitze,
habe ich einfach das Gefühl, daß sich alles im Körper staut. Ich werde innerlich unruhig
und kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich mache auch keinen Modellbau oder Holz-
arbeiten oder irgendeine andere sitzende Beschäftigung. Vor Gesprächen wie diesem
hier weiß ich, daß ich länger sitzen werde als gewöhnlich, also habe ich heute zum Bei-
spiel schon mein Lauftraining gemacht, das Auto gewaschen, den Hund ausgeführt.« Es
ist zehn Uhr früh an einem Sonntagmorgen.

145
»Ich habe öfter daran gedacht, ob die Ärzte mich je fragen würden, wie ich es geschafft
habe, so gesund zu bleiben. Aber offensichtlich kommen sie nicht auf die Idee. Ich
glaube, die meisten sind in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. Die meisten drücken
das in der einen oder anderen Weise aus: >Ich bin der Arzt; ich weiß, was das Beste
ist.< Sie haben gelernt, die Dinge aus medizinischer Sicht zu betrachten, und schenken
den psychologischen Aspekten wenig Beachtung. Aber allmählich kommen sie darauf,
daß der Geist doch sehr viel Macht über den Körper hat.

Ich stehe Ärzten nicht mit einer Ehrfurchtshaltung gegenüber. Ich bin derjenige, der die
Krankheit bewältigt. Sie können helfen, aber mir scheint es sehr wichtig, die Selbsthei-
lungskräfte des Körpers nicht zu unterschätzen. Die Ärzte sind für Zeiten da, in de-
nen die Krankheit mich überwältigt. Zum Beispiel, wenn ich eine Lungenentzündung
bekomme, weiß ich, daß es nur schlimmer wird, wenn der Prozeß nicht durch starke
Antibiotika gestoppt wird. Keiner der Ärzte hat je die Bedeutung des Körpertrainings
hervorgehoben, was ich schon etwas seltsam finde, denn ich glaube, das ist der Haupt-
grund, warum ich noch am Leben bin. Es ist das Herzstück meines Selbstheilungspro-
gramms. Mädchen, die MV haben, geht es viel schlechter als Jungen. Ich glaube nicht,
daß man wissenschaftliche Erklärungen dafür suchen muß; vermutlich liegt es daran,
daß Jungen im allgemeinen physisch aktiver sind.

Ich hatte fünf oder sechs Mal einen Lungenkollaps; es fing an, als ich fünfzehn war.
Nach dem ersten Mal rief ich im Krankenhaus an, wenn es passierte, und sagte dem
Arzt: >Meine Lunge ist kollabiert.< Die Ärzte sagten dann: >Ach, tatsächlich?< Sie
waren sehr skeptisch, daß ein Patient wissen konnte, was in seinem eigenen Körper
vorging. Sie machten Röntgenaufnahmen und stellten dann natürlich fest, daß es wirk-
lich ein Lungenkollaps war. Die Ärzte, bei denen ich jetzt in Behandlung bin, scheinen
zu begreifen, daß ich mehr über meinen Körper weiß als sie. Schließlich lebe ich schon
mehr als dreißig Jahre damit.

Ich mag meine Ärzte; sie fragen mich nach meiner Meinung. Als ich Blut spuckte - ich
hatte oft Lungenblutungen -, rief ich den Arzt an und schlug ihm vor, mir Vitamin K zu
geben. Er sagte: >Machen wir einen Test, aber wir fangen in jedem Fall mit dem Vita-
min K an, noch bevor wir die Ergebnisse haben.< Er ging davon aus, daß ich vielleicht
wußte, was die Blutung verursachte. Sie respektieren mein Wissen. Ich habe das Ge-
fühl, die Ärzte, die mich jetzt behandeln, interessieren sich wirklich für mich.

Acht Stunden am Tag bin ich in der besten Umgebung, die ein Mensch mit MV haben
kann. Ich bin Computer-Fachmann, und der Computerraum in der Firma ist klimakontrol-
liert, sechzig Prozent Luftfeuchtigkeit, gleichmäßige Temperatur, Nichtraucherzone. Es
geht dabei gar nicht um die Gesundheit der Angestellten, aber glücklicherweise sind die
Maschinen sehr empfindlich und brauchen eine stabile Atmosphäre.

Wir haben Spaß bei der Arbeit. Wir sind im Computerbereich, und der ist vom Rest des
Firmengebäudes getrennt. Wir drehen die Musik auf, wir tanzen herum, wir haben viel
Spaß miteinander. Ich bin ständig in Bewegung; also glaube ich, es ist der beste Job,
den ich haben kann.

In der Schule war ich immer derjenige, der Witze machte, der ständig lachte. Jetzt, bei
der Arbeit, lache ich auch dauernd. Ich kann mich am Boden rollen vor Lachen. Lachen,
viel Lachen, ist ein wichtiger Bestandteil des Gesundbleibens.

146
Meine Kolleginnen und Kollegen ziehen mich oft mit meinen Eßgewohnheiten auf. Als
Lunchpaket bringe ich mir Kartoffeln und alle Arten von Gemüse mit, Broccoli, Karotten,
Spargel, - und Fleisch, Kalbfleisch, Hühnchen, und manchmal auch Fisch. Da mein Kör-
per die Nahrung nicht so gut verdaut, muß mein Essen sehr reich an Nährstoffen sein.
Also esse ich kein wertloses Zeug wie Hamburger oder Kartoffelchips.

Ich esse wahnsinnig gern. Ich glaube, das muß ich auch. Manchmal habe ich es satt,
aber dann gehe ich aus und gönne mir etwas Besonderes, Hummer zum Beispiel. Was
ich täglich esse, enthält vier- bis fünftausend Kalorien. Ich nehme nicht zu. Im Gegen-
teil, ich muß aufpassen, daß ich nicht abnehme, das ist mein Problem. Wenn ich krank
werde, bin ich in wenigen Tagen auf fünfzig bis einundfünfzig Kilo herunter. Ich will
nicht so dünn werden, weil ich ohnehin nicht viel zuzusetzen habe.

Ich bin nicht gerade ein Gesellschaftstier. Discos und Kneipen kann ich nicht ausstehen.
Meiner Körpergröße wegen habe ich das Gefühl, daß die Leute mich anstarren. Ich kann
den Zigarettenrauch nicht ertragen. Früher habe ich es toleriert, aber jetzt nicht mehr.
Ich bitte die Leute, in meiner Gegenwart nicht zu rauchen, sonst treffe ich mich nicht
mehr mit ihnen.

Meine Freunde sind alle Nichtraucher. Das schließt natürlich eine Menge Leute aus, mit
denen ich vielleicht befreundet sein möchte, aber wenn sie rauchen, rede ich lieber gar
nicht erst mit ihnen. Bevor die Leute anfangen zu rauchen, wünschte ich, sie könnten
mal einen Tag in meinem Körper verbringen, mit meiner Lunge, und erleben, wie ich
mich jeden Tag fühle. Es macht mich fertig, Leute zu sehen, die rauchen. Sie husten,
sie haben Lungenemphyseme oder Lungenkrebs. Ich kann es einfach nicht glauben. Da
gibt es Leute, die einen normalen, gesunden Körper haben, und sie tun sich so etwas
an! Und ich habe ein Problem, das ich nicht selbst verursacht habe. Ich habe um die
Mukoviszidose nicht gebeten. Ich krieg‘s einfach nicht auf die Reihe!

Ich habe Schwierigkeiten damit, zu begreifen, daß es Leute gibt, die nicht mit dem
Rauchen oder Trinken aufhören können, denn ich halte mich jeden Tag an ein Routine-
programm, von dem ich nicht abrücken kann; ich muß zweimal am Tag meine Physi-
otherapie machen. Ich muß jeden Abend rausgehen und joggen. Ich habe überhaupt
keine Lust dazu, ich hasse es. Aber wenn ich leben will, muß ich es machen. Es ist eine
permanente Instandhaltung.

Mit meinem Beruf hatte ich nie Probleme. Beziehungen stehen auf einem anderen
Blatt; — manchmal denke ich, es ist leichter, es gar nicht erst zu versuchen. Ich sehe
eine hübsche Frau und denke: >Hey, ich sollte wirklich hingehen und sie ansprechen.<
Aber dann frage ich mich: >Ist es fair, mit jemandem eine Beziehung anzufangen,
wenn ich über kurz oder lang nicht mehr da bin?< Ich kämpfe ständig mit mir. Ich fra-
ge mich auch: >Bringe ich die Energie auf?< Eine Beziehung beansprucht viel Energie.
Ich denke jetzt an meine erste Liebe zurück. Ich hielt verzweifelt daran fest, ich konn-
te nicht loslassen, obwohl die Beziehung schiefging. Ich wußte nicht, was ich machen
sollte. Ich hatte einige Male versucht, mich zurückzuziehen, aber schließlich traf sie die
Entscheidung und trennte sich von mir. Das war‘s dann.

Sie konnte es nicht ertragen, über meine Krankheit zu sprechen. Sie steckte den Kopf in
den Sand. Ich versuchte es, aber sie wich ständig aus, ging hinter der nächstliegenden
Ausflucht in Deckung. Wie kann man mit jemandem sprechen, der sich total verwei-
gert?
147
Ich war sehr verliebt in sie, und es machte mich verrückt. Ich kam mit meiner Familie
in Konflikt wegen dieser Beziehung. Ich ging aus, ich trank, ich kam spät nach Haus. Es
ging mir oft schlecht. Für meine Eltern war es die Hölle ein paar Jahre lang. Sie konnten
es nicht mehr ertragen. Fast hätten sie mich rausgeworfen.

Während dieser Zeit fuhren meine Eltern einmal für zwei Wochen in Urlaub, auf die
Bermudas. Ich amüsierte mich. Ich trank, ich blieb nachts lange auf. Ich vernachläs-
sigte mein Körpertraining und meine Therapie. Als meine Eltern zurückkamen, sagten
sie, ich sähe aus wie der letzte Dreck. Ich hatte schwarze Ringe unter den Augen und
war stark abgemagert. Ich habe gelernt, daß es sich nicht lohnt, für das >Amüsieren<
solche Risiken in Kauf zu nehmen.

Ich bin gesünder, wenn ich keine Beziehung habe. Wenn ich mit jemandem zusammen
bin, neige ich dazu, mich zu vernachlässigen. Ich widme der anderen Person mehr Zeit,
als mir guttut. Es zehrt an mir. Ich werde krank. Aber vielleicht sind das keine guten
Beziehungen. Eine gute Beziehung sollte einen eigentlich gesünder machen, oder?

Ich glaube, was mich aufrechterhält, ist die Vorstellung, daß irgendwo noch jemand
oder etwas auf mich wartet, etwas, das gut für mich ist. Es geht nicht um Geld, ich habe
genug, oder um den Beruf, denn ich bin zufrieden mit meiner Arbeit. Ich glaube, es ist
die Hoffnung, irgendwo anzukommen, wo ich glücklich sein werde.«

Beobachtungen

Kurts Kraft, seine physische und seelische Kraft, hat ihren Ursprung in seiner unbe-
irrbaren Konzentration auf seine Lebensaufgabe. Das Überleben ist die Aufgabe und
nahezu vollkommene Disziplin das Vehikel, mit dem er sein Ziel zu erreichen versucht.
Er ordnet dieser Aufgabe alles andere unter und findet Kraft, Sinnerfüllung und zeitwei-
lig Zufriedenheit darin. Für Kurt gibt es keine Ferien. Mit hartnäckiger Entschlossenheit
kämpft er darum, zu erkennen, was lebenserhaltend ist, und orientiert sein Verhalten
dann mit großer Umsicht an diesen Kriterien. Seine Ernährung, seine Freizeitaktivitä-
ten, sein Schlafrhythmus und letzten Endes sogar seine Beziehung zu seinen Freunden
und Liebespartnerinnen werden daraufhin überprüft, wie weit sie der Erhaltung seines
Körpers zuträglich sind. Der Wunsch zu überleben dominiert alle anderen Bedürfnisse.

Für Kurt kann Leben nie etwas Passives beinhalten. Der bloße Akt des Atmens erfordert
Anstrengung. Jeden Tag muß er entscheiden, ob das Leben den ständigen Kampf wert
ist. Wenn er einfach nur passiv oder nachlässig würde, müßte er bald sterben.

Paradoxerweise erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß Dinge sich ändern, wenn man
sie so annimmt, wie sie sind. Der Behaviorist Skinner drückte das mit den Worten aus:
»Um die Natur zu beherrschen, muß man ihr gehorchen.« Kurt lebt nach diesem Prin-
zip, ohne die mindesten Illusionen über die Grenzen seiner Herrschaft.

Um den Gesetzen der Natur entsprechend zu leben, mit den Bedürfnissen seines Kör-
pers, bemüht er sich um intellektuelles und intuitives Verständnis der Prozesse, denen
er unterliegt. Er hat eine intime Vertrautheit mit der Funktionsweise seines Herzens
und seiner Lunge erworben und arbeitet an ihren Funktionen, soweit es ihm möglich
ist, fügt sich aber letztlich ihrer absoluten Autorität. Zum Beispiel veränderte er seine

148
Laufgewohnheiten, als er feststellte, daß längere Strecken ihn zu sehr ermüdeten. »Mei-
ne Lunge mochte das nicht.« Seine Sprache — die Art, wie er über sein Herz und seine
Lunge spricht - vermittelt sein ausgeprägtes Wissen und den Respekt, den er diesen
Teilen seines Körpers entgegenbringt. Er nimmt ihr unabhängiges Funktionieren wahr,
ohne ihr Zusammenspiel und ihre Wechselwirkung aus den Augen zu verlieren.

Kurts medizinischer »Erfolg« beruht auf einem partnerschaftlichen Ansatz. Er versteht,


was die konventionelle Medizin zu bieten hat, und nimmt ihre Hilfsmittel in Anspruch,
wann immer es ihm angemessen erscheint. Wenn er Antibiotika braucht, um eine In-
fektion zu bekämpfen, oder wenn ein Lungenkollaps einen Krankenhausaufenthalt not-
wendig macht, zögert er nicht, seine Ärzte zu Hilfe zu rufen.

Seine Abhängigkeit von der konventionellen Medizin ist jedoch begrenzt. Sie bedeutet
nicht, daß er die eigene Kontrolle über seine Behandlung aufgibt, und er glaubt auch
nicht, daß die Medizin ohne sein eigenes Engagement Wunder wirken kann. Als er zum
Beispiel den Blutsauerstofftest auf dem Laufband machte, wartete er nicht passiv ab,
was man ihm aufgrund der Ergebnisse anraten würde. Er arbeitete mit den Daten und
integrierte sie in sein eigenes hochentwickeltes Wissen über seinen Körper. Objektive
quantitative Messungen vermittelten Kurt Zugang zu Informationen über seinen Kör-
per, die intuitiv schwer zu erfassen sind. Er ist entschlossen, sich bis an die Grenzen des
Möglichen anzutreiben. Den Erkenntnissen der Medizin entnimmt er die Information,
wo diese Grenzen liegen.

Die unerschütterliche Beständigkeit, mit der Kurt sich zu physischen Höchstleistungen


anhält, ist bemerkenswert. Tagein, tagaus treibt er seinen Körper bis zu dem Punkt der
Anstrengung voran, der den besten Wirkungsgrad hervorbringt. Auch in emotionaler
Hinsicht treibt er sich bis an die Grenzen. Er gibt seinen Gefühlen durch pure Willens-
kraft bewußt Gestalt. Über seine innere Einstellung zum Leben bestimmt er selbst: Er
entscheidet, ob er lacht oder weint. Und wenn er seine seelische Verfassung nicht un-
mittelbar verändern kann, wendet er sich Aktivitäten zu (seinem Körpertraining zum
Beispiel, das er als gutes Mittel gegen Depressionen erkannt hat), um seine Stimmung
aufzuhellen.

Kurt kann es sich nicht leisten, irgendeinen Aspekt seiner Situation zu verdrängen,
denn Verdrängung würde die Rückmeldungen verzerren, die er von seinem Körper
erhält, - Rückmeldungen, die er benutzt, um grundlegende Entscheidungen über seine
Behandlung zu treffen. Couragiert stellt er sich der ungeschminkten physischen Reali-
tät: »Mit der Lunge geht es schlechter.« »Die Krankheit hört nicht auf.« »Eine Grippe
könnte einen Lawineneffekt auslösen.« Denselben Mut zeigt er, wenn er sein tiefstes
Leid und seine größten Ängste eingesteht: Er möchte mehr Kontakt zu Menschen ha-
ben und mit seinen Kolleginnen und Kollegen nach der Arbeit ausgehen; er wünscht, er
könnte wie die anderen seine Zukunft planen. Der nahende Tod ist eine furchterregende
Realität.

Der Mut, mit dem er sich seine Ängste eingesteht, nützt ihm sehr. Diese Art der Auf-
richtigkeit sich selbst gegenüber ist die beste und vielleicht die einzig sinnvolle Vor-
bereitung auf die Unsicherheiten des Lebens. Wenn schwere Probleme auftreten, was
schließlich auch bei den Gesündesten vorkommt, richtet die Angst Verwüstungen an,
solange wir nicht wagen, uns ihr zu stellen. Michael Spinks, der einzige Boxer, der Mei-
ster im Mittelgewicht war und dann die Meisterschaft im Schwergewicht gewann, weiß,

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wie die Angst Körper und Geist zerrütten kann. Bevor er 1988 mit Mike Tyson, einem
der wildesten Kämpfer des Jahrhunderts, in den Ring stieg, sprach Spinks mit seiner
siebenjährigen Tochter Michelle. Er sagte ihr:

»Ich habe auch Angst, gegen ihn anzutreten; ich sehe den Mann nur an und bekomme
Alpträume, genau wie du. Der einzige Unterschied zwischen mir und anderen Leuten,
die mit ihm kämpfen, ist, daß ich meine Angst zugebe. Los, Junge, sage ich mir, riech
und schmeck und fühl die Angst, wirf dich auf den Boden und roll dich darin! Du soll-
test nie so tun, als hättest du keine Angst, wenn du sie hast, Michelle; fang mit einer
so großen Lüge an der Basis an, und du mußt sie mit mehr und mehr kleineren Lügen
abstützen, um sie aufrechtzuerhalten. Ein ordentlicher Schubs, ein kräftiger Windstoß,
ein harter Schlag im Leben, und schon bricht das ganze Lügengebäude zusammen, und
die ganze Angst, die du angeblich nicht gefühlt hast, ballt sich zusammen und hetzt
dich wie ein Rudel wilder Hunde.«

Humor kann ein machtvolles Mittel sein, die Angst im Zaum zu halten. Wie viele andere
Menschen, die erfolgreich gegen schwere Krankheiten ankämpfen, nimmt Kurt seinen
Humor zu Hilfe, um die existentielle Angst zu mindern. Wenn wir den Tod durch einen
Witz verharmlosen und gemeinsam darüber lachen, wissen wir, daß wir nicht allein sind
in unserem Bemühen, die Absurdität des Lebens zu ertragen und unserem Dasein einen
Sinn zu entnehmen.

Leute, die zum ersten Mal in eine Selbsthilfegruppe AIDS- oder Krebskranker kommen,
sind oft überrascht, daß dort soviel gelacht wird. Der folgende Witz wurde in einer
Gruppe, an der ich teilnahm, mit herzhaftem Gelächter quittiert:

Ein schwerkranker Mann erfährt von seinem Arzt, daß er den nächsten Sonnenaufgang
nicht mehr erleben wird. Als er nach Haus kommt, teilt er seiner Frau mit, was der Arzt
gesagt hat, und bittet sie: »Um der alten Zeiten willen, - laß uns noch einmal miteinan-
der schlafen.« Seine Frau antwortet, es täte ihr leid, aber sie sei einfach zu müde. Der
Mann will sich nicht abweisen lassen: »Komm, sei nicht so, es ist mir wirklich wichtig.«
Aber die Frau läßt sich nicht beeindrucken. Sie sei viel zu müde, wiederholt sie. Er ver-
sucht sie zu überreden: »Glaub mir, es wird wundervoll sein.« Aber auch das überzeugt
sie nicht. »Du hast gut reden«, sagt sie. »Du mußt morgen früh nicht aufstehen!«

Kurt liebt das Leben, aber seine Situation macht ihn für die tragikomischen Aspekte
besonders empfänglich. George Bernhard Shaw drückte diesen Antagonismus treffend
aus, als er schrieb: »Das Leben hört ebensowenig auf, komisch zu sein, wenn jemand
stirbt, wie es aufhört, ernst zu sein, wenn jemand lacht.«

Die Intuition sagt uns, daß Lachen eine gute Medizin ist, aber die positiven psychischen
und psychosomatischen Wirkungen des Lachens sind sogar wissenschaftlich belegt.
Wenn wir herzhaft lachen, wird die Atmung tiefer und heftiger, der Herzschlag wird
schneller, und der Blutdruck steigt. Marvin Herring erklärt, daß »der Brustkorb, das
Zwerchfell, der Bauch, das Herz, die Lunge und sogar die Leber kräftig durchmassiert
werden, wenn wir schallend lachen«. Danach löst sich die Spannung, und Blutdruck und
Herzschlag, die erhöht waren, fallen für etwa fünfundvierzig Minuten auf Werte unter
normal.

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Wenn wir hundert bis zweihundert Mal am Tag lachen, entspricht das etwa der physi-
schen Beanspruchung von zehn Minuten Rudern, meint William Fry, ein Psychiater der
Sanford Medical School. Lachen wurde auch mit der Endorphin-Produktion des Körpers
in Zusammenhang gebracht. Endorphine werden manchmal als »körpereigene Opia-
te« bezeichnet wegen der euphorisierenden Wirkung, die mit ihrer Freisetzung einher-
geht.

Kurts Lebenswunsch ist so beherrschend, seine Wahrnehmung der Bedürfnisse seines


Körpers so tief verinnerlicht, daß sein Unbewußtes ihm bei der Erfüllung seiner Aufga-
be hilft. Ich fand bei jedem meiner Gespräche mit ihm ein ähnliches Muster: Anfangs
war er völlig präsent und auf den Interviewprozeß konzentriert. Nach etwa eineinhalb
Stunden wurde er ruhelos und zappelig, und seine Konzentration ließ nach. Als ich ihm
meine Beobachtung mitteilte und ihn nach der Ursache seiner Unruhe fragte, lachte er.
Immer wenn er längere Zeit stillsitze, erklärte er, unabhängig davon, wie interessiert er
sei, sage ihm eine innere Stimme, er müsse aufstehen und sich bewegen.

Kurt mag durch seine körperliche Verfassung gefesselt sein, aber die Konstanz seiner
physischen Bedürfnisse enthält auch den Keim seiner Befreiung. Überleben ist die Sinn-
quelle seiner Existenz, und Überleben bedeutet, daß er sich völlig auf seine Aufgabe
konzentriert und völlig bewußt lebt. Jeder Disziplinverlust hat schwerwiegende Folgen.
Kurt hat nicht die Wahl, wie ein Schlafwandler durchs Leben zu gehen - eine Option,
zu der viele von uns regelmäßig greifen —, der Preis dafür wäre einfach unvertretbar
hoch. Folglich ist praktisch sein gesamtes Handeln willensbestimmt und zielgerichtet.
Sein Dasein ist offensichtlich mit viel Leid erfüllt, aber er hat sich die Freiheit erworben,
ein bewußtes und sinnerfülltes Leben zu führen.

Wenn er über eine Organtransplantation nachdenkt, eine Operation, die seinem Leben
ein Ende setzen könnte, ist das nicht nur ein Abstieg in die Hölle; er verschiebt die
Verantwortung für diesen Schritt nicht auf andere, sondern bleibt völlig engagiert und
vital, indem er den Entscheidungsprozeß selbst in die Hand nimmt. In einer Situation,
in der alles auf dem Spiel steht, sogar das eigene Leben, eine klare, bewußte Entschei-
dung zu treffen ist der höchste Akt der Selbstbestimmung. Richard Leider, der Autor
des Buches The Power of Purpose (»Die Macht des Willens«) erklärt, welche Auswir-
kungen es hat, wenn wir uns einer riskanten Situation aussetzen:

»Unsere Sinneswahrnehmung ist gesteigert, und wir sind in starker Gefühlsbewegung,


aber nicht nur das; unsere gesamte Energie ist auf die erfolgreiche Erfüllung der Auf-
gabe konzentriert. Wir können unser ganzes Selbst in die Erfahrung hineingeben. Wir
steigern unser Lebensgefühl, indem wir uns bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten
selbst erproben. Das ist ein Weg, ein gesundes und befriedigendes Leben zu führen, die
Herausforderungen auszukosten, die unser Potenzial erweitern.«

Anders als bei den meisten Menschen sind Kurts Risiken jedoch nicht auf Ausnahmeer-
lebnisse wie Bergsteigen oder Fallschirmspringen beschränkt. Sein gesamtes Leben ist
eine Gratwanderung, und er erkennt sowohl die Begrenzungen als auch die lohnenden
Möglichkeiten einer so gefährdeten Existenz.

Wir können nur darüber spekulieren, auf welche Weise Kurts innere Kraft eigentlich
entstanden ist. Er sagt, seine Eltern legten den Grundstein dafür. Tatsächlich bestanden
sie mit liebevoller Strenge darauf, daß er sich an die Routine hielt, die später zu seiner

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zweiten Natur wurde. Ihre bemerkenswerte Konsequenz war zweifellos in dem Wunsch
begründet, ihm einen Orientierungsrahmen für die kommenden Jahre zu schaffen,
denn es ist eine sehr schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, ein chronisch krankes
Kind aufzuziehen. Der natürliche Drang geht dahin, dem Kind das Leben so einfach wie
möglich zu machen. Oftmals müssen die Eltern zwischen den Möglichkeiten wählen,
die augenblicklichen Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen oder für sein langfristiges
Wohl Vorsorge zu treffen. Die Bereitschaft der Metzlers, das, was sie für richtig hielten,
konsequent durchzusetzen, diente als gutes Modell zur Entwicklung echter Disziplin.
Die innere Botschaft ihrer Handlungsweise war an Kurt nicht verschwendet. Durch die
Ansprüche, die sie an ihn stellten, vermittelten sie ihm auf völlig unambivalente Weise:
»Wir lieben dich, und wir wollen, daß du so lange wie möglich überlebst.«

In Kurts Kindheit war sein Zuhause ein sicherer Hafen, aber die Außenwelt war nicht
so freundlich. Er war anders als die anderen Kinder, klein, mit gewölbter Brust und fle-
ckigen Zähnen. Ungewollt zum Außenseiter werden ist eine mißliche Lage, und für ein
Kind ist es erst recht kein leichter Weg. Dennoch ging Kurt mit unverletztem Selbst-
wertgefühl aus diesen frühen Jahren hervor, denn seine Eltern vermittelten ihm, daß
er wertvoll war, daß er geliebt wurde. Als er heranwuchs, internalisierte er diese Qua-
litäten. Er hatte das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein, und somit einen Grund, am
Leben zu bleiben. Als Kurt die Adoleszenzjahre erreichte, trat der Einfluß seiner Eltern
zurück, und die Gruppe der Gleichaltrigen wirkte stärker auf ihn ein. Es war jedoch kein
Zufall, daß Kurt in Rossberg einen jungen Mentor fand, der die Werte der elterlichen
Erziehung verstärkte. Auf diese Weise blieb ihm ein schwerer und potentiell tödlicher
Wertekonflikt erspart; andere, »normale« Jugendliche hätten ihn unbeabsichtigt von
der Physiotherapie, dem Körpertraining und der ausgewogenen Diät abbringen und
in die Faszination der jugendlichen Sex-Drogen-Rockmusik-Welt hineinziehen können.
Schließlich wuchs Kurt über die Lehren seines jungen Mentors noch hinaus. Rossbergs
Tod, wie der Tod all seiner gleichaltrigen Leidensgefährten, stürzte ihn nicht in Verzweif-
lung. Kurt nahm Rossbergs Tod vielmehr als Zeichen, daß er sein Ziel mit noch größerer
Entschlossenheit verfolgen müsse.

Als Kind wurde Kurt gesagt, er müsse hinausgehen und spielen. Diese Botschaft ver-
innerlichte er in einem tieferen als dem wörtlichen Sinn. Er wuchs in dem Bewußtsein
auf, daß er auf der Welt sei, um am Spiel des Lebens teilzunehmen. Heute gibt er sich in
jeder Hinsicht mit vollem Einsatz in dieses Spiel hinein. Er strengt sich bis zum Äußers-
ten an, mit voller Präsenz im Leben zu stehen. Paradoxerweise stellt dieses Bedürfnis
ihn vor eine weitere Herausforderung, denn er kann seiner grenzenlosen Begeisterung
nicht einfach freien Lauf lassen. Seine Neigung, sich zu verausgaben, ob im Sport oder
in zwischenmenschlichen Beziehungen, ist potentiell zerstörerisch. Für viele Menschen,
die krank sind, besteht die größte Herausforderung darin, ihre Lebenslust zu entdecken
oder wiederzufinden. Kurt muß daran arbeiten, sie am Überströmen zu hindern.

Wissenschaftliche Anmerkungen

Kurt versteht, daß er sich an allen Phasen der Behandlung mit vollem Engagement
beteiligen muß, um seine Überlebenschancen zu erhöhen. Obwohl das Ausmaß sei-
ner medizinischen Informiertheit als höchst ungewöhnlich betrachtet wird, erkennt die
westliche Medizin allmählich an, wie wertvoll es ist, den Patienten selbst in das Be-
handlungsteam einzubeziehen. In dieser Entwicklung des medizinischen Denkens liegt

152
eine gewisse Ironie, denn Heiler aller Zeiten und Kulturen kannten das Genesungs-
potential des voll beteiligten, engagierten Patienten. Jerome Frank, der studierte, wie
Menschen in Stammesgesellschaften mit Krankheit umgehen, fand heraus, daß die
»Patienten« häufig an der Planung und Vorbereitung der Heilrituale beteiligt sind. Oft
tun sie etwas für andere, indem sie zum Beispiel für alle an dem Ritus Beteiligten ein
zeremonielles Mahl zubereiten. Auf diese Weise werden Patienten zu aktiven Teilneh-
mern des Genesungsprozesses, und ihre Aktivität kann, wie Frank sagt, »der morbiden
Selbstversunkenheit entgegenwirken«.

Neuere Studien zeigen eine Reihe von Gründen auf, warum Patienten sich engagiert an
ihrem Behandlungsprozeß beteiligen sollten:

1. Engagierte Patienten halten sich eher an die medizinischen Notwendigkeiten, ins-


besondere wenn es sich um schmerzhafte oder schwierige Behandlungsformen han-
delt. Industriesoziologische Untersuchungen ergaben, daß autoritäre Führungskräfte
ihre Untergebenen zwar dazu bringen können, zu tun, was sie anordnen, aber die Will-
fährigkeit ist nicht von langer Dauer. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Gefühl
haben, daß ihre Eigeninitiative unerwünscht ist, fehlen häufiger bei der Arbeit und nei-
gen mehr dazu, die Bemühungen der Leitung zu sabotieren. In Studien wurde nachge-
wiesen, daß das bloße Vorhandensein von Wahlmöglichkeiten leistungssteigernd wirken
kann. Zum Beispiel erzielen Versuchspersonen, denen verschiedene Tests vorgelegt
werden, bessere Leistungen, wenn sie die Reihenfolge der Tests selbst bestimmen kön-
nen, und schneiden schlechter ab, wenn sie in bezug auf die Abfolge keine Wahl haben.
Im medizinischen Feld gibt es viele Bereiche, auf die diese Erkenntnisse angewandt
werden könnten, ohne Mehrkosten und ohne Abstriche an der Effizienz der medizini-
schen Prozeduren.

2. Das Gefühl der Selbstbestimmung kann Patienten helfen, mit dem Trauma der Krank-
heit fertig zu werden. Die Psychologinnen Ronnie Janoff-Bulman und Camille Wortman
von der University of Massachusetts fanden heraus, daß Menschen, die als Folge schwe-
rer Unfälle gelähmt waren, ihre Lage psychisch tatsächlich besser bewältigten, wenn sie
selbst ein gewisses Maß an Verantwortung für den Unfall übernahmen. Diese Einstellung
gab ihnen das Gefühl, auf mögliche künftige Unglücksfälle mehr Einfluß zu haben.

3. Das Gefühl der Machtlosigkeit ist ein Nährboden für Krankheiten. Umgekehrt kann
der Entschluß, auf den Verlauf der Dinge selbst Einfluß zu nehmen, die Heilung fördern.
In einem Experiment wurden zwei Gruppen von Ratten Elektroschocks ausgesetzt. Nur
eine Gruppe konnte die Schocks beenden (indem die Tiere ein Laufrad in Bewegung
setzten); die andere Gruppe hatte keinen Einfluß darauf. Eine glaubwürdige Hypothese
hätte lauten können, daß die Ratten mit der höheren Verantwortung größerem Streß
ausgesetzt waren und daher physisch mehr leiden würden. Die Ergebnisse des Experi-
ments legen jedoch den gegenteiligen Schluß nahe. Die Ratten, die keinen Einfluß auf
die Elektroschocks hatten, entwickelten Magengeschwüre, die doppelt so groß waren
wie die der Versuchstiere in der anderen Gruppe.

Die Wissenschaftler Lawrence Sklar und Hymie Anisman pflanzten Mäusen Krebszellen
ein und teilten die Versuchstiere in drei Gruppen auf. Die erste Gruppe wurde Elek-
troschocks ausgesetzt, denen sie jedoch durch Flucht in einen anderen Teil des Käfigs
ausweichen konnten. Die zweite Gruppe wurde ebenfalls Schocks ausgesetzt, ohne
die Möglichkeit, auszuweichen oder Einfluß zu nehmen. Die dritte Gruppe erhielt keine

153
Elektroschocks. Bei den Mäusen, die auf ihre Lage keinen Einfluß nehmen konnten,
zeigte sich das stärkste Tumorwachstum, und sie starben am schnellsten, obwohl sie
nicht mehr Elektroschocks erhielten als die Gruppe der Versuchstiere, die aktiv werden
und die Schockwirkung beenden konnte. Sehr bemerkenswert ist außerdem, daß die
Raten des Tumorwachstums in der Gruppe, die ihre Lage beeinflussen konnte, nicht
höher lagen als in der Gruppe, die keine Schocks erhielt.

4. Die Aktivität, die der Patient entfaltet, kann Symptome lindern, das Fortschreiten der
Krankheit verlangsamen und, in manchen Fällen, zur Heilung führen.

154
LEO PERRAS

Gott heilt, und der Arzt schickt die Rechnung

MARK TWAIN

Bei meinem ersten Interview mit Leo Perras, vor mehr als sechs Jahren, war mir sehr
unbehaglich zumute. Er trug ein großes hölzernes Kreuz um den Hals; Kruzifixe, re-
ligiöse Bilder und Christusfiguren waren über sein gesamtes Haus verteilt. Noch be-
unruhigender als diese offen zur Schau getragene Religiosität wirkte auf mich jedoch
die Erkenntnis, daß Leos Geschichte in keines der medizinischen oder psychologischen
Erklärungsmodelle für außergewöhnliche Heilungen, die ich gerade entwickelte, hinein-
passen wollte, ja ihnen nicht einmal annähernd entsprach.

Die Fakten waren eindeutig. Als junger Mann wurde Leo von einem Lastwagen angefah-
ren. Nach einer Serie von Rückenoperationen blieb eine Querlähmung zurück. Zwanzig
Jahre lang war Leo an den Rollstuhl gefesselt; sein Gesundheitszustand verschlechterte
sich zunehmend, bis er an einem Gottesdienst katholischer Charismatiker teilnahm.
Pater Di Orio, ein landesweit bekannter Glaubensheiler, sagte Leo während des Got-
tesdienstes die Worte: »Steh auf und geh‘.« Leo stand auf und kann seither wieder
gehen.

Da ich Leos Geschichte nicht als gegenstandslos oder irrelevant zu den Akten legen
konnte, selbst nach sechs Jahren, hatte ich das Bedürfnis, mich noch einmal mit ihm zu
treffen. Zuerst mußte ich mir aber Gewißheit verschaffen, daß sein Bericht der Wahrheit
entsprach.

In den ersten Tagen nach dem spektakulären Ereignis zitierten verschiedene Zeitungen
und Illustrierte Leos Arzt, der sagte, daß seine Heilung »wahrhaftig ein Wunder« sei.
Seine wiedererlangte Fähigkeit zu gehen war, wie die Zeitungen berichteten, vom neu-
rologischen Standpunkt aus unerklärlich. Die Reportagen bekräftigten auch, daß Leo
weder Reflexe noch Empfindungen in den Beinen habe.

Um mir die Richtigkeit dieser Aussagen von medizinisch kompetenter Seite bestätigen
zu lassen, versuchte ich, Leos Arzt zu erreichen. Nach drei eingeschriebenen Briefen
und zahlreichen Anrufen wurde der Kontakt schließlich hergestellt. Der Grund für die
Zurückhaltung des Arztes wurde rasch deutlich. Er begann das Gespräch mit den Wor-
ten: »Ich hab‘s aufgegeben mit dem Kerl. Er hat sich von seiner Frau scheiden lassen
und glaubt, daß er eine heilige Mission zu erfüllen hat. Er trägt ein fünfzehn Zentimeter
langes Kreuz um den Hals.«

Trotz seiner Enttäuschung über Leos Verhalten bestätigte der Arzt das absolut Außer-
gewöhnliche seiner Heilung:

»Nach einundzwanzig Jahren im Rollstuhl waren seine Beine nutzlos. Seine Muskeln
waren verkümmert. Die Beine waren in einem sehr schlechten Zustand, wie die Tat-
sache beweist, daß er einmal eine Infektion am Fuß bekam, ohne es zu bemerken. Er
hatte sich neue Schuhe gekauft, nur um sie im Rollstuhl zu tragen, und durch die innere

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Sohle hatte sich ein Nagel gebohrt. Er merkte nichts davon, bis seiner Frau der furcht-
bare Abszeß am Fußballen auffiel. Erst als der Fuß schon schlimm angeschwollen war,
wurde der Nagel entdeckt. Er hatte also absolut kein Gefühl in Füßen und Beinen.

Ein anderes Mal hatte er einen großen perirektalen Abszeß, den er ebenfalls nicht be-
merkte, bis er sehr weit fortgeschritten war. Ich konnte den Abszeß drainieren, die
Drainage legen, ohne Lokalanästhesie, und ohne daß er den mindesten Schmerz emp-
fand.

Aus den verschiedensten und merkwürdigsten Gründen verlangte er Analgetika von


mir; über Jahre und Jahre nahm er alle möglichen Medikamente in sehr hohen Dosen.
Eine weitere verblüffende Sache bei diesem Mann ist, daß er nach seiner Heilung plötz-
lich alles radikal absetzte. Er nahm nicht einmal mehr ein Aspirin. Das allein ist ein
Wunder.«

Leo, siebenundsechzig Jahre alt, wohnte in einer belebten Straße in einem Arbeiter-
viertel. Genau wie bei meinem ersten Besuch vor Jahren erwartete Leo mich an der
Seitentür. Auf dem Weg ins Wohnzimmer staunte ich über die kunstvoll gearbeiteten
Holzgegenstände überall im Haus. Die subtilen Details und die extreme Sorgfalt, mit der
seine letzte Arbeit gestaltet war, ein Mahagonitisch mit einem geschnitzten Relief des
Abendmahls, zeigten, daß Leo ein versierter Kunsttischler und begabter Holzschnitzer
war. Ich lobte die schöne Arbeit, und Leo erzählte mir, daß der Tisch, wie die meisten
anderen Stücke, als Geschenk gedacht war. Ein Nachbar hatte einen ähnlichen Tisch in
Leos Werkstatt bewundert. Da der Mann bald Geburtstag hatte, wollte Leo (der von der
Sozialhilfe lebte) ihn mit dem Geschenk überraschen.

Leo war ein kleiner, dünner Mann. Er trug eine Brille, die für sein Gesicht viel zu groß
erschien. Aber seine Stimme war tief und voll, seine Redeweise herrisch und zuweilen
bombastisch. Sein Auftreten war rauhbeinig und sein Benehmen so ungehobelt, daß
ich erst im nachhinein, als ich unsere aufgezeichneten Gespräche wiederholt abgehört
hatte, begriff, was für ein mitfühlender und integerer Mensch Leo war.

Während meines zweiten Besuchs stellten die Devotionalien und Kunstgegenstände,


die über den Raum verteilt waren, und Leos religiöse Zentrierung keine Barriere mehr
für mich dar. Tatsächlich fand ich es nun ziemlich natürlich, daß er sich mit den Symbo-
len seines Glaubens umgab. Da Leo von einer außerordentlichen Kraft berührt worden
war - sei es die Macht Gottes oder die Kraft seines Glaubens —, erschien es nur allzu
verständlich, daß er seine Dankbarkeit ausdrücken und sein religiöses Engagement in
jeder erdenklichen Weise demonstrieren wollte.

Leo erzählte über sein Leben:

»Meine Tochter und mein Schwiegersohn suchten ein Haus, aber sie fanden keins, das
ihnen gefiel. Also sagte ich: besorgt mir eine gute Zeichnung, und ich baue euch eins.<
Mein Vater sitzt da, schüttelt den Kopf und sagt: >Hör mal, hast du immer noch nicht
gemerkt, daß du gelähmt bist?< Ich sage: >Augenblick mal! So unmöglich, wie du
denkst, ist es nun auch wieder nicht. Erstens denke ich nicht mit den Beinen, ok?<
Also sage ich: >Gott hat mich zu einem guten Tischler und Zimmermann gemacht. Ich
habe zwei Hände, mit denen ich arbeiten kann. Wenn ich nahe genug herankomme,
kann ich die Arbeit machen. Was soll also das ganze Gerede?<

156
Er sagt:>Du hast es dir in den Kopf gesetzt, und du machst es, was?<
Ich sage: >Klar!<
>Also in dem Fall<, sagt er, >gebe ich ihnen das Land für das Haus.<
Und das tat er auch.

Drei Wochen später fingen wir an, das Haus hochzuziehen. Ich baute mir selbst — wie
soll ich es nennen — eine Art Hochsitz. Wenn die Arbeit nicht mehr in meiner Reichweite
war, setzten sie mich hinein, und ich konnte die Decke erreichen und die Arbeit machen.
Als es ans Dach ging, trugen sie mich die Leiter hinauf, und ich baute den Dachstuhl.
Abends trugen sie mich wieder runter.

Der einzige Fehler, den ich machte: Ich fing Ende September an; ich hätte im April an-
fangen sollen, denn es war ein kalter Winter. Einmal, am Sonntag, waren wir dabei, das
Dach zu decken, und es fing an zu schneien, und plötzlich wird der ganze Schnee rot.
Ich sage zu meinem Schwiegersohn: >Was ist denn das, zum Donnerwetter?< Und er
sagt: >Das bist du!< Ich hatte mir die ganze Hüfte aufgerissen, als ich mich über die
Dachschindeln zog, und es blutete wie verrückt. Natürlich fühlte ich es nicht. Na ja, sie
holten mich vom Dach runter, und das war es dann für ein paar Tage.

Ich kriegte das Haus in sieben Monaten fertig; eine stramme Leistung! Es war der Be-
weis, daß ich kein nutzloser Mensch war, daß ich mein Talent immer noch gebrauchen
konnte. Die Leute sagten: >Was, du willst ein Haus bauen? Du bist wohl verrückt! Das
kannst du nicht.< Aber ich konnte alles tun, was ich wollte, nur nicht gehen.

Meine Probleme fingen an, als ich achtzehn Jahre alt war. Ich wurde von einem Lastwa-
gen angefahren und konnte ein Jahr lang nicht arbeiten. Natürlich konnten sie vor dem
Zweiten Weltkrieg keine Rückenoperationen machen, wie wir sie jetzt kennen. Fusion
der Lendenwirbel war damals die Lösung. Sie packten mich mehrere Monate lang in ein
Gipsbett, erhöhten meinen linken Schuh, um den Längenunterschied der Beine auszu-
gleichen, und ich mußte ein Stützkorsett tragen. Ich hatte furchtbare Schmerzen.

Ob Sie es glauben oder nicht, - bald danach wurde ich zum Militär eingezogen. Ich war
sieben Wochen in der Armee, in Illinois, als sie feststellten, was mit mir los war, und
mich entließen. Der Colonel sagte mir: >Den Arzt möchte ich zu fassen kriegen, der Sie
für tauglich erklärt hat. Den würde ich in die Zange nehmen. Aber wir haben Sie einge-
zogen, und jetzt kümmern wir uns auch um Sie< Und sie schickten mich nach Haus.

1945 habe ich geheiratet. Ich arbeitete als Zimmermann auf dem Bau, schwere Ar-
beit, und wahrscheinlich hätte ich das nicht tun sollen, aber es ist mein Beruf. Wirklich
schlimm wurde es 1950.

Ich ging ins VA-Krankenhaus in Farmington; sie operierten mich am Kreuzbein, und die
Operation schien gelungen. Drei Wochen später, es war Sonntagabend, kam ein Pfle-
ger herein. Es war ein Militärkrankenhaus, ohne Klimaanlage oder Ventilatoren, und es
war Juli. Ich trug ein schweres Stützkorsett, das innen etwa zwei Zentimeter mit Filz
gepolstert war. Heißer als ein Backofen. Also kommt er rein und sagt: >Leo, wie war‘s,
soll ich dir den Rücken abreiben?«
Ich sagte: >Ja, das wäre toll!<
Also ging er rüber, holte seine Utensilien, kam zurück und öffnete das Stützkorsett, und
in dem Augenblick, wo er das tat, fing mein Körper an, sich nach hinten zu krümmen.

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Mit anderen Worten: Mein Kopf und meine Hacken versuchten, zusammenzukommen,
und der Schmerz war unerträglich. Er rannte hinaus, holte die Krankenschwester; die
Krankenschwester kam, sah mich, rannte wieder ins Schwesternzimmer und rief den
Arzt.

Da es Wochenende war, hatten sie nur einen Bereitschaftsarzt, der sich um mehrere
Stationen kümmern mußte. Der Mann war Internist; er wußte nichts über Orthopädie.
Er kam rein und sah sich an, was mit mir los war. Ich bete nur noch, daß ich endlich
sterbe, ich kann es nicht mehr ertragen. Also gibt er mir eine Spritze und wartet. Nichts
passiert. Also gibt er mir noch eine Spritze, und die nützt auch nichts. Schließlich sagt
er etwas zu der Krankenschwester, und sie kommt zurück, mit einem randvollen Glas,
mit irgendeinem Medikament. Sie hielten meinen Kopf fest und gossen es in mich hin-
ein, bis ich bewußtlos wurde.

Am nächsten Morgen machte ich etwa um sechs die Augen auf, und die Krankenschwes-
ter stand an meinem Bett. >Sind Sie wach?< fragte sie. Ich nickte. Sie gab mir noch
eine Spritze, und ich sackte sofort wieder weg.

Um die Mittagszeit wachte ich wieder auf. Zwei Pfleger kamen rein, schnallten mich auf
einer Trage fest und brachten mich in einen riesigen Raum. Etwa fünfundzwanzig Ärzte,
Assistenten und OP-Schwestern waren da, meine ganze Krankengeschichte stand an
der Wandtafel. Sie diskutierten hin und her; die Orthopäden und die Neurochirurgen
stritten sich. Die Orthopäden wollten zehn Wirbel in meinem Rücken versteifen; die
Neurochirurgen wollten davon nichts wissen, weil sie glaubten, sie müßten dann alles
noch mal machen. Über eins waren sie sich einig: Sie befürchteten, die Muskelkrämpfe
im Rücken und der Krümmungsgrad, den sie verursachten, könnten so schlimm wer-
den, daß die Wirbelsäule geschädigt würde.

Sie machten sich Sorgen darum. Ich machte mir Sorgen wegen der Schmerzen.
Ich konnte den Schmerz nicht mehr ertragen. Also, sie entschieden sich für eine
nicht-chirurgische Vorgehensweise.

In dieser Nacht brachten sie mich in den Operationssaal, und der Neurochirurg legte
mir einen Venentropf. Er gab einen halben Liter Procainlösung in die Vene, damit das
alles aufhören sollte, um die Muskelkrämpfe zu lösen.

Nach ein paar Minuten sehe ich den Arzt immer weiter entfernt; ich versuche zu spre-
chen, und meine Zunge fühlt sich so groß an wie eine Gurke. Er lacht: >Na ja, es funk-
tioniert wenigstens, aber leider hält es nur vierundzwanzig Stunden vor.<

Sie setzten die Prozedur zehn Tage lang fort, bevor die Muskelkrämpfe nachließen. Ein
paar Wochen später schickten sie mich nach Haus, aber ich konnte nicht zur Arbeit ge-
hen. Erst ein Jahr später ließen sie mich wieder arbeiten. Und ich ging in meinen Tisch-
lerberuf zurück.

Nach zwei Jahren war ich wieder im Krankenhaus. Sie machten eine weitere Rückeno-
peration mit einer Fusion der Lendenwirbel. Mein rechtes Bein war teilweise gelähmt.
Einunddreißig Tage später kam der Arzt in mein Zimmer und sagte: >Sie werden heute
nach Hause entlassen. Aber bevor Sie gehen, möchte ich mit Ihnen sprechend Also
ging ich gegen zehn in sein Büro, und er sagte mir, er hätte bei der Operation assistiert

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und wäre mit der Art, wie sie gemacht wurde, nicht einverstanden. Er sagte, ich wür-
de eine Menge Probleme bekommen, schlimmere als ich schon hatte. Er sagte: >Ich
will Ihnen nichts vormachen. Offengesagt: Sie werden im Rollstuhl enden.< Na ja, ich
nahm das nicht allzu ernst.

Aber plötzlich fingen die Schmerzen wieder an. Beim geringsten Anlaß wurde ich ohn-
mächtig und fiel um. Es wurde immer schlimmer. Schließlich kam ich an den Punkt,
wo ich nicht mehr in die Werkstatt gehen konnte. Ich hatte Angst, in die Maschinen zu
fallen. Ich wurde schwer depressiv und sprach einen Monat lang mit keinem Menschen,
nicht einmal mit meiner Frau.

Also rief meine Frau einen Arzt an, der rüberkam, um nach mir zu sehen. Sehr vorsich-
tig - er ist sehr nett in solchen Dingen - schlug er mir vor, ich sollte einen Psychiater
aufsuchen.

Ich sagte: >Wenn es das ist, was Sie meinen, warum kommen Sie nicht offen damit
heraus? Sie müssen mir nicht sagen, daß ich verrückt bin. Ich weiß es, ok? Ich habe
Probleme. Ich werde nicht damit fertig.<

In den ersten beiden Sitzungen beim Psychiater sagte ich kein Wort. In der dritten
sagte der Psychiater zu mir: >Ich habe bemerkt, daß Sie im Sitzen oft Ihre Haltung
verändern. Haben Sie Rückenprobleme oder sowas?< Ich dachte: >O mein Gott, end-
lich kommt er an den richtigen Punkt.< Ich fing an, ihm davon zu erzählen. Er sagte:
>Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?« Er griff zum Telefon, rief einen Neuro-
chirurgen in Springfield an und sagte: >Ich möchte, daß Sie diesen Mann untersuchen.
Er braucht Hilfe, und zwar sofort.<

Ich glaube vier Tage später, da fuhr ich hin, und der Arzt untersuchte mich und sag-
te: >Sie sind in einem katastrophalen Zustand!< Also schrieb er ans VA-Krankenhaus
und forderte die Unterlagen an, aber er bekam nicht, was er wollte. Er nahm nochmal
Kontakt mit ihnen auf. Schließlich fragte er mich: >Wer hat Sie operiert? Aus diesen
Unterlagen geht das nicht hervor.<
Ich sagte: >Ich habe keine Ahnung.<
Er sagt: >Das kann doch nicht wahr sein!<
Ich sage: >Es war ein Chirurg aus Boston. Ich weiß nicht, wer er ist. Ich habe nie mit
ihm gesprochen.<
>Das sind ja unglaubliche Zustände!<
>Das sind die Zustände im VA<, sage ich.

Er beschloß, daß eine Myelographie (Kontrastdarstellung der Rückenmarkskonturen)


gemacht werden sollte. Montag morgen stehen vierzig Tragen im Korridor, einer nach
dem anderen wird reingeschoben, und das war‘s dann. Er machte die Myelographie,
und am unteren Teil des Rückens konnte er überhaupt nichts erkennen. Es ging nicht
durch, irgendwas war blockiert. Er sagt zu mir, das einzige, was man tun kann, ist ein
chirurgischer Eingriff, um zu sondieren, wo das Problem liegt.

Einen Monat später wurde ich operiert. Ich wachte auf und war von den Rippen abwärts
gelähmt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es für mich das Ende der Welt war. Ich
liege da, meine jüngste Tochter ist eineinhalb Jahre alt, die älteste zwölf, ich habe fünf
Kinder. Man liegt da und grübelt und hat Angst und fragt sich, was jetzt werden soll.

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Der Arzt kam nicht in meine Nähe. Er dachte, wir würden ihm die Schuld geben. Meine
Frau und ich hatten vorher über die Operation gesprochen. Wir wußten, daß es riskant
war, daß es schiefgehen konnte. Ich gab ihm nicht die Schuld dafür. Aber ich hatte Fra-
gen. Was war passiert? Niemand gab mir eine Erklärung. Fünf Tage lang kam er nicht
in meine Nähe, bis meine Frau ihn anrief und ihm die Leviten las.

Sie sagten alle, daß ich nie wieder gehen könnte, und sie dachten, je schneller ich mich
daran gewöhnte, desto besser.

Die ersten zwei, drei Wochen im Krankenhaus grübelte ich dauernd: >Was habe ich
getan, daß mir das passieren mußte? Womit habe ich das verdient? Wie soll ich damit
leben?< Selbstmitleid, - Sie wissen schon.

Einen Monat später kam ich nach Haus. Ich wollte nirgendwo hin. Ich wollte nicht, daß
mich jemand sieht. Zwei Monate lang verließ ich das Haus überhaupt nicht. Nach dem
anfänglichen Schock stehen die meisten Leute wirklich vor der Entscheidung: Kann ich
damit leben? Das ist die Frage.

Ich lag da, und mir gingen tausend Dinge durch den Kopf. Ich wußte, daß ich früher
oder später zu einer Entscheidung kommen mußte. Ich konnte mich entweder meinem
Selbstmitleid überlassen oder mich aufraffen und etwas mit meinem Leben anfangen.
Allmählich kam ich zu der Erkenntnis, daß ich lernen mußte, damit zu leben.

Ich entwickelte die Einstellung, daß ich noch schlimmer dran sein könnte. Jeder Mensch
hat Probleme, in der einen oder anderen Weise. Niemand hat ein Leidensmonopol.
Manche Probleme sind offensichtlicher als andere, aber, wie ich auch anderen Querge-
lähmten sage: >Der Mann, den du beneidest, weil er vor dir die Straße entlanggeht,
hat vielleicht Krebs und ist möglicherweise in einem Jahr nicht mehr da. Also, worüber
beschwerst du dich?<

Es brachte nichts, alle anderen zu beneiden, denn mit dieser Einstellung zerstört man
sich nur selbst. Ich habe das bei vielen Quergelähmten erlebt. Sie können nicht damit
fertigwerden, und es endet damit, daß sie Selbstmord begehen.

Vor zwanzig Jahren war das Leben für Behinderte noch ganz anders als heute. Man
mußte sich durchkämpfen; — keine abgeflachten Bordsteine, keine Rampe an den Ein-
gängen, keine für Behinderte reservierten Parkplätze. Alle alltäglichen Dinge wurden
zu einer großen Anstrengung. Ich nahm die Dinge nicht mehr als selbstverständlich
hin. Früher war ich zwanzigmal am Tag über eine Bordsteinkante gegangen und hatte
keinen Gedanken drauf verschwendet, aber plötzlich kam sie mir wie eine drei Meter
hohe Mauer vor. Ich sagte nie viel darüber, weil ich mir vorstellte, daß Gelähmte wie
ich einen sehr kleinen Prozentsatz der Bevölkerung dieser Stadt ausmachten. Warum
sollten sie für mich die ganze Stadt auf den Kopf stellen? Ich wollte nie, daß die Leute
die Straßenseite wechselten, weil sie mich kommen sahen. Ich wollte niemandem auf
die Nerven gehen.

Meiner Mutter machte es sehr viel aus, daß ich gelähmt war. Ich sagte ihr: >Gott sei
Dank habe ich den Rollstuhl, daß ich mich umherbewegen kann, und das Auto ist auf
Handbedienung umgestellt, so daß ich fahren kann. Stell dir vor, ich müßte vierund-
zwanzig Stunden am Tag im Bett liegen, und das gibt es auch. Für mich zählt das,

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was mir möglich ist. Ich kann noch ein bißchen mit Holz arbeiten. Ich kümmere mich
nicht drum, ob ich dies nicht kann und das nicht kann.<

Ich wurde aufgefordert, ein Restaurant zu verlassen, weil ich mit dem Rollstuhl den
Weg versperrte. Der Besitzer kam an den Tisch und sagte: >Wieso kommen Sie hier
herein und bringen alles durcheinander?< Es war sehr verletzend.

Das passierte mir zweimal. Heute würden sie es nicht wagen. Aber ich sage, so sind
die Menschen nun mal. Sie machen sich um die Gefühle anderer keine Gedanken. Und
wenn es einmal gesagt wurde ... da helfen alle Entschuldigungen der Welt nichts. Es
steht im Raum. Man kann es nicht ungeschehen machen.

Leute, die ich für gute Freunde hielt, ließen sich nie mehr sehen, sobald ich im Rollstuhl
saß. Das traf mich tief. Viele benutzen das Wort Freundschaft sehr leichtfertig. Jetzt
ist mir klar, wenn man im Lauf eines Lebens ein, zwei gute Freunde hat, wirklich gute
Freunde, ist man Millionär. Mit der Scheidung hat sich das alles nochmal wiederholt.
Leute, von denen ich dachte, daß sie gute Kumpel wären, habe ich seit drei oder vier
Jahren nicht gesehen.

Gut, ich stellte mich darauf ein. Ein Jahr vergeht, und ich bekomme wieder diese
Schmerzen.Ich ging zu einem Neurochirurgen, der sagte: >Bei Quergelähmten gibt es
einen ziemlichen Prozentsatz, der unter hartnäckigen Schmerzen leidet. Sie gehen von
den Nervenwurzeln aus; leider kann man da gar nicht viel machen.« Er schlug vor, daß
ich nach Boston gehen sollte, und das tat ich auch.

Ich ging zurück ins VA, und sie versuchten, den Schmerzen mit allen möglichen Neu-
ronenblockern beizukommen. Dann entschlossen sie sich, eine Neurotomie zu machen,
wobei sie durch den Hals in die Wirbelsäule hineingehen und Nerven durchtrennen, um
den Schmerz zu beseitigen. Ich kam da heraus, aber ich konnte meine linke Hand nicht
mehr gebrauchen, mein linkes Auge nicht öffnen und nicht urinieren, weil die Nieren
und die Blase etwas abgekriegt hatten, und jeden Nachmittag bekam ich wahnsinnig
hohes Fieber. Und ich sagte zu dem Stationsarzt: >Was soll denn jetzt geschehen?<
Er sagt: >Wir können nichts mehr für Sie tun.<
Na, besten Dank auch!

Sie schickten mich nach Haus, und ich war zehn Monate lang bettlägerig. An dem Punkt
war ich verdammt nahe daran, aufzugeben. Aber dann betete ich: Wenn ich nur in den
Rollstuhl zurückkönnte. So ändert sich die Einstellung, wissen Sie?

Ich hatte zwei Wahlmöglichkeiten: Mich weinend in eine Ecke zu verkriechen oder mich
aufzuraffen und zu leben. Wieder sagte ich mir, daß es so nun einmal war und daß ich
damit leben mußte.

Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Rollstuhl, weil ich meine linke Hand nicht gebrau-
chen konnte. Man kann mit nur einer brauchbaren Hand keine Rampe hinauffahren.
Schließlich fing ich an, mich ein bißchen umherzubewegen.

Man kommt leicht dahin, sich völlig nutzlos zu fühlen. Ich hatte eine Familie und soll-
te sie eigentlich versorgen. Aber wer würde mir Arbeit geben? Also fing ich mit ei-
ner ehrenamtlichen Beschäftigung im Cooley-Dickinson-Krankenhaus an. Ich machte

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Botendienste, Fotokopien und alles mögliche andere. Die Frau, die diese Abteilung lei-
tete, beobachtete mich die ganze Zeit. Ich war etwa sechs Wochen da, als sie mir eines
Nachmittags ein Einstellungsformular in die Hand drückte. Ich sagte: >Machen Sie kei-
ne Witze. Niemand stellt einen Quergelähmten ein.<
Sie sagt: >Füllen Sie es aus, ja?<
Ich sage: >Na gut.«

Um drei Uhr wollte ich los und meine letzte Runde machen. Sie sagte: >Heute machen
Sie Ihre Runde nicht. Der Verwaltungsleiter möchte Sie sprechen.«
Also ging ich zu ihm hinein. Ich sagte: >Ich habe noch nie in einem Büro gearbeitet.
Ich bin Tischler.«
Er sagt: >Das weiß ich. Tischler sind bekannt dafür, daß sie auf Details achten. Sie sind
der Mann, den ich brauche. Können Sie morgen anfangen?«
Auf dem Weg zur Tür sage ich: >Was soll ich überhaupt machen?<
>Sie sollen eine Abteilung überwachen.«
>Sie machen wohl Witze«, sage ich.
Und er: >Sie schaffen das schon.«
>Ich war nicht auf der High School«, erkläre ich ihm.
>Ich bin von gebildeten Idioten umgeben«, sagt er. >Hier klappt nichts. Das ist die
Wahrheit. Ich will jemanden haben, der sich um alles kümmert und dafür sorgt, daß es
klappt. In Ordnung?<
>In Ordnung.«

Also, im ersten Monat war ich vierzigmal nahe dran, alles hinzuwerfen. Ich war es ge-
wohnt, allein zu arbeiten, als Tischler oder als Zimmermann auf dem Bau. Jetzt mußte
ich die Arbeit von sechzehn Frauen überwachen. Sie machten mich verrückt. Männer
sagen einem, wenn ihnen etwas nicht paßt. Aber mit Frauen ... das war eine andere
Geschichte.

Schließlich hatte ich den Dreh raus. Wir organisierten die drei Abteilungen, um die ich
mich kümmern sollte, und es lief ganz gut. Mein Chef gab mir immer mehr Arbeit. Er
sagte immer: >Wir gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Ich weiß, wenn ich
Ihnen die Sache überlasse, dann klappt es auch.« Manchmal kam er mit, wenn ich mei-
ne Runden machte. Er sagte: >Das ist unglaublich! Die Leute sehen zur Decke hoch,
wenn Sie mit ihnen reden; sie sehen Sie nicht an.«
Ich sagte:>Ich habe genug Beobachtunsgabe. Das ist mir auch nicht entgangen.«

Ich wollte nie bemitleidet werden. Ich wollte akzeptiert werden wie alle anderen
auch. Sie fühlen sich unbehaglich, also muß man selbst die Initiative ergreifen und
sagen: >Hey, zwischen diesen Rädern sitzt ein Mensch. Ich denke wie andere Men-
schen. Ich habe dieselben Sehnsüchte. Ich habe nur eine andere Methode, mich
fortzubewegen.< Man kriegt sehr schnell mit, welche Leute sich unbehaglich fühlen,
wenn man da ist. Sogar bei einigen Krankenschwestern war das so. Man muß selbst die
Initiative ergreifen und ihnen die Unsicherheit nehmen.

Sie bürdeten mir immer mehr Arbeit auf. Aber da ich behindert war, wurde mehr von
mir erwartet als von anderen, ich mußte mich beweisen. Der Druck war da. Nach einem
Jahr hatte ich ein offenes Magengeschwür, eine ziemlich schlimme Sache.

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Mein Chef fühlte sich schlecht. Er dachte, er hätte mir zuviel zugemutet, und sagte:
>Ich habe Ihnen zuviel Arbeit aufgeladen.< Er versprach mir, die Last zu erleichtern.

In Arbeitspausen sprach ich mit Patienten, die Probleme hatten, und versuchte, ihnen
zu helfen. Zu mir konnten sie ja nicht sagen: >Ich sitze im Rollstuhl! Was zum Teufel
wissen Sie davon?<

Eines Morgens war ich im Ostflügel, um eine Maschine zu überprüfen, die nicht funkti-
onierte. Die Oberschwester kommt und sagt zu mir: >Kennen sie Herrn Chapin?<
Ich sage: >Nicht persönlich.<
>Er ist im letzten Privatzimmer auf der rechten Seite. Ich möchte, daß Sie hingehen
und mit ihm reden. Abgesehen vom direkten Rausschmiß haben Sie meine Erlaubnis,
alles zu sagen oder zu tun, was Sie für richtig halten. Er ist ein widerwärtiges altes
Ekel.<

Also gehe ich hin und fange an, mit ihm zu reden. Ich sage: >Wieso liegen Sie hier im
Bett rum?<
Er fletscht nur die Zähne und knurrt: >Kann nicht laufen.<
Ich sage:>Ich auch nicht.< Also fange ich an: >Sie sind also der Mann, dem ich letzte
Woche den neuen Rollstuhl hochgeschickt habe. Ich habe gehört, Sie sind ein Erfolgs-
mensch, haben sich von der Pike hochgearbeitet bis zum Bankdirektor. Wo haben Sie
diesen Mann eigentlich gelassen - zu Haus irgendwo im Schrank eingeschlossen? Brin-
gen Sie wirklich nicht den Mumm auf, sich aus dem Bett zu hieven, den Rollstuhl da zu
benutzen und Ihr Leben in die Hand zu nehmen?<
Er sagt zu mir: >Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie reden?<
>Wieso ?< sage ich. >Sind Sie was Besonderes?<
Er sagt:>Zufällig bin ich der Vorsitzende der Treuhandgesellschaft, der dieses Kranken-
haus gehört.<
>Oh, soll das bedeuten, daß mein Job in Gefahr ist? Ich will Ihnen mal was sagen,
es ist mir völlig wurst, ob ich morgen noch hier arbeite oder nicht! Na, was sagen Sie
jetzt?<
>Sie gottverdammter ... <, fängt er an, aber ich unterbreche ihn. >Herr Chapin, ich
sitze seit Jahren in diesem Rollstuhl. Erzählen Sie mir nicht, was es bedeutet. Ich weiß
es!< Und verlasse sein Zimmer.

Am nächsten Morgen komme ich herunter aus der medizinischen Verwaltung, und da
ist er draußen in der Halle mit seinem Rollstuhl. Ich sage zu ihm: >Weiß die Schwes-
ter, daß Sie hier sind?< Er sagt mir, immer noch mit gefletschten Zähnen: >Ich frage
niemanden um Erlaubnis, ich bin gewohnt, Anordnungen zu erteilen. Ich mache, was
ich will. Sie haben gestern eine Menge geredet. Heute habe ich ein paar Fragen an Sie.
Kommen Sie rein?< Also unterhielten wir uns.

Am Tag danach kommt er mit einem karierten Sportjacket und Rennmütze aus seinem
Zimmer, ganz flott zurechtgemacht, und ich frage ihn, wo er hinwill. Er sagt: >Wir ha-
ben mehrere hunderttausend Dollar ausgegeben, um die Parkanlagen hier zu verschö-
nern, und jetzt will ich rausgehen und den Duft der Rosen riechen.<

Sie nannten es >ehrenamtliche christliche Sozialarbeit<, aber es ging einfach darum,


sich um andere und ihre Probleme zu kümmern. Im folgenden Jahr war ich mehrere
Wochen im Krankenhaus. Magengeschwüre. Ich lasse mir die ganze Sache durch den

163
Kopf gehen und sage zu meinem Arzt: >Das ist es!<
>Was meinen Sie?<
Ich sage: >Ich gehe zu meiner Tischlerei zurück. Ich hatte nie Magengeschwüre, als
ich tischlerte.<

Also sprach ich mit meinem Chef. Ich sagte: >Ich habe genug von diesem Job. Erstens
zahlt man mir hier nicht das, was ich bekommen sollte. Ich habe festgestellt, daß ei-
nige Leute, die ich überwache, mehr verdienen als ich.< Ich hatte in diesem Jahr im
Verwaltungsbüro die Budgets errechnet, also wußte ich sehr gut, wie die Dinge lagen.
Sie glaubten, sie brauchten mir nicht mehr zu bezahlen, weil ich im Rollstuhl saß. Und
ich sage: >Das sehe ich nicht ein!< Mein Chef wollte, daß ich mehr Geld bekäme, aber
die oberen Chargen waren nicht damit einverstanden.

Nachdem ich das Haus für meine Tochter gebaut hatte, ging ich in meine Werkstatt und
brach den Betonfußboden auf. Ich baute Formen und goß den Betonboden neu, mit Ver-
tiefungen, in die ich meine Maschinen versenkte. Sie standen so hoch, daß sie mir bis
unters Kinn reichten. Ich erweiterte den Raum und baute einen Fahrstuhl ein, daß ich
die Treppen rauf und runter kommen konnte. Ich erfand alle möglichen Dinge, hydrau-
lische Vorrichtungen und was nicht alles, damit ich so arbeiten konnte, wie ich wollte.

Ich sagte mir, da ich nun mal im Rollstuhl leben muß, sollte ich mir das Leben so einfach
wie möglich machen. Es war eine Herausforderung. Ich nahm die Herausforderung an.
Meine Kinder sagten immer, das Wort >unmöglich< käme in meinem Wortschatz nicht
vor. Und das stimmt auch. Nichts ist unmöglich, wenn man sich in Ruhe hinsetzt und
darüber nachdenkt. Es gibt immer irgendeinen Weg.

Als sich alles ein bißchen beruhigt hatte, organisierte ich ein kleines Unternehmen,
>Tasks Unlimited<. Eine Zeitlang hatten wir zehn Leute als Mitarbeiter. Das einzige
Kriterium: Es mußten Behinderte sein. Es war ein mühseliger Kampf. Man geht in die
Industriebetriebe, und bevor man noch den Mund aufmachen kann, sagen sie einem:
>Wir haben nichts für Sie<, weil sie annehmen, daß man Spenden sammeln will. Aber
was wir machten, war strikt professionell.

Ich hatte vier Partner. Sie nahmen an, man würde Arbeit bekommen, weil man im Roll-
stuhl saß. So läuft es aber nicht. Also zog ich mich aus der Sache zurück und überließ
es ihnen, sie weiterzuführen.

Während dieser Zeit hatte ich aufgrund der Neurotomie große Probleme mit meinem lin-
ken Arm und meiner linken Brustseite. Die Muskeln verkümmerten, weil sie die Nerven
durchtrennt hatten. Im Frühjahr 1978 bekam ich unerträgliche Schmerzen. Ich hatte
ein Meniere-Syndrom, Innenohrprobleme auf beiden Seiten. Ich nahm wieder Demerol
und Percodan und was nicht alles gegen die Schmerzen. Dann bekam ich Arthritis; ich
konnte morgens nicht aus dem Bett kommen. Schließlich kamen noch Probleme mit der
Gallenblase dazu.

Mein Arzt sagte zu mir: >Leo, ich weiß nicht mehr, was ich mit Ihnen machen soll. Me-
dizinisch haben wir alles ausgeschöpft, was möglich ist. Jede Woche kommt irgendwas
Neues dazu.< Und ich sagte zu meiner jüngsten Tochter: >Weihnachten erlebe ich die-
ses Jahr nicht mehr, wie es jetzt aussieht. Nichts zu machen!<

164
Na ja, im April kam Pater Di Orio nach Holyoke, zehn Minuten von hier, aber ich weiger-
te mich, hinzugehen. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Ich wußte nichts über ihn,
hatte nie etwas von ihm gehört. Mein Arzt versuchte mich dazu zu bewegen, daß ich da
hinging. Er hatte seine Frau hingeschickt, um Karten zu besorgen. Meine Frau sagte:
>Weißt du, sie werden gekränkt sein, wenn du dich weigerst.< Ich sagte: >Das ist mir
egal. Wenn Gott mich heilen will, kann er es auch hier tun.<

Ich hatte so furchtbare Schmerzen, ich wollte nirgendwo hingehen. Ich nahm zweihun-
dert Milligramm Demerol und acht oder neun Percodan am Tag, und abends nahm ich
Schlafmittel. Ich konnte nächtelang nicht schlafen. Ich konnte mich einfach nicht ent-
spannen, weil der Schmerz nie aufhörte.

Den ganzen Sommer lang ließen meine Frau und meine Freunde immer wieder den
Namen Pater Di Orio fallen. Ich hörte Geschichten, aber ich glaube nicht alles, was ich
höre, weil manche Leute übertreiben; das liegt an der menschlichen Natur. Ich mache
niemanden einen Vorwurf daraus, aber ich bin Tischler, und ich hatte immer mit greif-
baren Dingen zu tun. Für mich zählte das, was man sehen kann.

Niemand drängte mich, hinzugehen. Meine Frau kannte mich. Es hätte nichts genützt,
denn ich kann sehr dickköpfig sein. >Laßt mich damit in Ruhe<, war meine Einstel-
lung.

An einem Samstagabend nahm sie sich meinen besten Freund vor. Am 26. August rief
er an und sagte: >Pater Di Orio hält morgen in Worcester einen Gottesdienst ab. Wir
gehen hin.<
Ich sage: >Na fein. Ich hoffe, ihr habt was davon.<
Er sagt: >Wir gehen, und du kommst mit!<
>Ich gehe nirgendwohin<, sage ich ihm. Wir stritten uns nicht wirklich, aber wir spra-
chen uns mehr oder weniger darüber aus am Telefon. Er gab nicht nach, er war sehr
hartnäckig. Schließlich sagte ich: >In Ordnung. Wenn es dich glücklich macht, komme
ich mit.<

Wissen Sie, ich war kein Märtyrer. Wenn es einen Ausweg gab, war ich bereit, ihn an-
zunehmen. Manche Leute genießen ihre Probleme, aber ich nicht. Ich dachte nur, daß
es nichts nützen würde.

Am nächsten Morgen stand ich auf und hatte entsetzlich schlechte Laune. Ich mach-
te den Kleinlaster sauber und warf hinten ein paar Kissen hinein, weil ich dachte, ich
würde müde werden und auf dem Rückweg schlafen. Wir fuhren gegen elf Uhr los und
holten ein paar Freunde ab. Schließlich waren wir sieben Leute. Meine Frau betete
für mich, daß ich meine Schmerzen loswürde. Ich fuhr mit der Absicht hin, für meine
jüngste Tochter zu beten. Sie hatte Eheprobleme, und das machte mir Sorgen. Ich hat-
te die Absicht, eine gemütliche kleine Ecke in der Kirche zu finden, wo ich niemanden
stören würde.

Ich konnte es kaum fassen als wir da ankamen. Eine riesige Menschenmenge verstopfte
die Straße. Zehn, zwölf Polizisten waren da und versuchten, für Ordnung zu sorgen. Ich
sage zu meinem Kumpel: >Das ist ungewöhnlich. Hast du je gesehen, daß die Leute
sich darum schlagen, in die Kirche zu kommen?< Er sagt: >Nein. Das hier muß was
anderes sein.< Ich konnte es kaum glauben.

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Schließlich machten sie einen Weg frei, daß ich durchkommen konnte. Sie trugen mich
die acht oder neun Stufen hinauf bis zum Eingang der Kirche, und die Platzanweiser
sagten uns gleich, daß alle Rollstuhlfahrer ganz nach vorn kommen sollen. Meine Frau
saß in der ersten Bank, direkt neben mir. Ich sah sie an und sagte: >Mein Gott, hier
kann man nicht verlorengehen. Sie setzen einen direkt auf den Präsentierteller!< Ich
wollte mich lieber in der Menge verstecken und die Sache hinter mich bringen.

Die Kirche war gerammelt voll, bis an die Eingangstüren. Um drei Uhr kommt dieser
Pater Di Orio heraus und fängt an, den Gottesdienst zu halten. Er fing immer damit
an, Mitglieder des inneren Kreises mit Öl zu salben. Das sind Leute, die im Chor sin-
gen oder in der Kirche die Plätze anweisen. Als er diese Leute mit Öl salbt, stürzen sie
alle zu Boden. Ich sehe mir das an und sage mir: >Wo zum Teufel bist du denn hier
hineingeraten?< Ich hatte meine Bedenken, als ich den Gottesdienst beobachtete. Ich
bin katholisch erzogen worden, aber das war etwas anderes.

Gegen sechs Uhr sah ich meine Frau an, und sie wußte, daß ich gehen wollte. Die
Schmerzen waren so schlimm, daß ich sie nicht mehr ertragen konnte. Plötzlich tritt
Pater Di Orio vor den Altar: >Wir haben an diesem Nachmittag viele Heilungen erlebt.
Wir beten und danken Gott dafür. Was wir jetzt brauchen, ist ein sichtbares Zeichen.
Ich möchte, daß ihr alle betet, aus tiefsten Herzen.< Er sagte: >Schweift jetzt nicht ab
mit euren Gedanken, konzentriert euch!<

Was ich nicht wußte, war, daß der Mann, der die Gottesdienste auf Band aufzeichnete,
am Donnerstag zu Pater Di Orio sagte: >Pater, was ist Ihr Problem? Mir ist aufgefallen,
daß Sie sich nie den Rollstühlen nähern. Sie bewirken die Heilungen nicht; Gott bewirkt
sie. Wovor haben Sie Angst?<

Ich fand auch heraus, daß ich der erste war, der ihm an diesem Tag auffiel, und er konn-
te sich nicht von mir abwenden.*

Man konnte in der Kirche eine Stecknadel fallen hören. Er hebt den Kopf und sagt:
>Etwas Wunderbares wird geschehen, wie wir es noch nie zuvor erlebt haben.< Ich
richte mich auf den Ellenbogen auf und sage zu meiner Frau: >Das muß ich sehen.<
Als er ausgeredet hat, dreht er sich um, nimmt das Weihwasser vom Altar und kommt
direkt auf mich zu. Er segnet mich mit dem Weihwasser, spricht ein Gebet und streckt
die Hand aus: >Im Namen Jesu Christi, steh auf und geh!< Und bevor ich begreife, was
geschieht, stehe ich zum erstenmal seit zwanzig Jahren auf den Beinen. Es reißt mich
regelrecht aus dem Stuhl. Mir wurde erst bewußt, daß ich nicht mehr im Rollstuhl saß,
als ich ihm Auge in Auge gegenüberstand. Ich hatte das in den letzten zwanzig Jahren
vierzig Millionen Mal versucht.

Er sagt zu mir: >Ich möchte, daß Sie sich herunterbeugen und Ihre Zehen
berühren.< Mein erster Gedanke ist: >Du wirst flach aufs Gesicht fallen.< Ich hat-
te keine Muskeln mehr; meine Beine waren völlig verkümmert. Trotzdem beuge ich
mich vornüber, berühre meine Zehen und richte mich wieder auf, ohne Probleme. Der
Schmerz ist weg, völlig verschwunden, im Bruchteil einer Sekunde.

____________________________________________________________________
*In dem Buch The Man Beneath the Gift (»Der Mann hinter der Gabe«) sagt Pater Di Orio: »Ich hatte ihn
vor diesem Tag nie gesehen. Aber sobald mein Blick auf ihn fiel, hatte ich das Gefühl, wie durch magneti-
sche Kräfte zu ihm hingezogen zu werden. Das nächste, was ich wußte, war, daß ich neben dem Rollstuhl
stand und auf ihn hinunterblickte.
166
Er sagt: >Wie lange waren Sie an den Rollstuhl gefesselt?<
>Zwanzig Jahre, zwei Monate.<
>Wir werden jetzt zusammen durch den Mittelgang gehen, bis zur Eingangstür und
zurück.<

Er geht rückwärts, und ich folge ihm. Meine Frau ist wie vom Donner gerührt. Sie faßt
es nicht. Der Mann hinter ihr sagt: >Er steht immer noch auf den Beinen.< Sie sagt,
sie kann sich nicht bewegen. Also nimmt er sie bei den Schultern und dreht sie herum.
Ich gehe durch den Mittelgang, bis zur Vordertür der Kirche, drehe mich um und gehe
zurück.

Mein Kumpel sitzt irgendwo in der Mitte. Er steigt auf die Bank, um zu sehen, wer es
ist. Als er sieht, daß ich es bin, fängt er an, aus vollem Hals zu schreien und zu weinen
und alles andere. Seine Frau versucht ihn zu beruhigen und sagt immer wieder, daß
wir in einer Kirche sind. Aber niemand kann den Kerl zum Schweigen bringen; er ist so
glücklich.

Ich gehe nach vorn und knie vor dem Altar nieder. Ich wette, ich kniete da zwanzig
Minuten lang und versuchte, mich wieder zu fassen. Meine Frau fragt sich: >Wird er
wieder aufstehen können?< Aber dann richte ich mich noch im Knien gerade auf, er-
hebe mich und gehe an meinen Platz zurück. Meine Frau sagt: >Wie fühlst du dich?<
Ich sagte: >Der Schmerz ist weg, - alles ist weg.< Sie sagt: >Du mußt erschöpft sein,
warum setzt du dich nicht?< >Ich habe zwanzig Jahre gesessen; ich denke nicht daran,
mich zu setzen!<

Die restliche Zeit, die der Gottesdienst dauerte, blieb ich stehen. Ich hatte das Gefühl,
ich könnte fliegen. Ich kam aus der Kirche und schob meinen eigenen Rollstuhl. Es ist
wunderbar, wieder gehen zu können, aber das Größte war für mich, daß ich zum ersten
Mal seit rund dreißig Jahren ohne Schmerzen war. Sie sind nie zurückgekommen.

Als wir in dieser Nacht in die Stadt zurückkamen, fuhren wir direkt bei meinem Arzt vor.
Siebzehn oder achtzehn Leute begleiteten mich. Wir stellten uns vor die Haustür, und
meine Frau drückt auf die Klingel. Das Licht geht an, und der gute Doktor öffnet die Tür.
Er war barfuß und hatte einen Hausmantel an; er wollte gerade schlafen gehen. Er sieht
mich an und faßt sich an den Kopf. Er sagt: >Oh, mein Gott.<

Wir gehen hinein, und er fängt an, mich zu untersuchen. Als er fertig ist, sagt er: >Wis-
sen Sie, medizinisch gesehen haben Sie nichts, womit Sie gehen können. Sie haben
keine Reflexe. Sie haben keine Muskeln. Sie haben gar nichts. Ich habe Sie auf Ihren
eigenen Beinen hier hereinkommen sehen, aber vom medizinischen Standpunkt aus ist
es unmöglich. Trotzdem muß ich glauben, was ich sehe.<

Er sagte: >Um Ihnen allen verständlich zu machen, was sich hier ereignet hat: Stellen
Sie sich einen normalen Menschen vor, der gestürzt ist und sich das Bein gebrochen
hat. Man bringt ihn ins Krankenhaus, das Bein wird geschient und je nachdem, wie
schwer die Verletzung ist, sechs oder sieben Wochen lang in einen Gipsverband gelegt.
Dann nimmt man den Gips ab, gibt ihm zwei Krücken, und er muß allmählich wieder
laufen lernen. Dieser Mann konnte zwanzig Jahre lang nicht gehen, hatte alle mögli-
chen neurologischen Probleme, und dennoch steht er auf und geht. Medizinisch ist das
unmöglich!<

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Als ich zu Haus ankam, läutete das Telefon. Es war der Doktor. Er sagte: >Ich kann
nicht schlafen, und Sie werden wahrscheinlich auch nicht schlafen können. < Also kam
er zehn Minuten später mit seiner Frau herüber.

Einer rief den anderen an: >Habt ihr schon gehört, was mit Leo Perras passiert ist?<
Die meisten fragten als erstes: >Woran ist er denn gestorben?<

Am nächsten Morgen wachte ich auf und lag da und fragte mich: >Ist das alles wirklich
geschehen, oder habe ich es nur geträumt?<

Ich stand auf ohne Probleme. Dann kamen die Reporter und die Fotografen. Um acht
Uhr früh war das Haus schon voller Leute. Tagelang war kaum Zeit zum Essen oder zum
Nachdenken.

Ich fragte mich: >Warum ich? Ein Einfaltspinsel wie ich, wer bin ich denn? Ein einfacher
Tischler, - ich habe nie etwas Weltbewegendes getan.< Andere Kranke, mit denen ich
spreche, sagen mir manchmal: >Ich bin es nicht wert, geheilt zu werden.< Na ja, ich
war es auch nicht wert, wenn man‘s genau betrachtet.

Natürlich konnte ich mich nur schwer daran gewöhnen, wieder zu gehen, weil ich den
Boden nicht unter den Füßen spürte. Ich hatte keine Empfindung in Füßen und Beinen.
Es war, als hinge ich in der Luft. Ich sah immer wieder nach unten, und die Füße beweg-
ten sich, aber zwischen meinem Verstand und dem Boden schien es keine Verbindung
zu geben. Wenn ich die Treppen hinaufging, mußte ich auf meine Füße schauen, um zu
sehen, ob sie auf der richtigen Stufe waren. Trotzdem funktionierte es. Es fiel mir sehr
schwer, mich daran zu gewöhnen. Der Schmerz kam nie wieder. Die Arthritis war weg.
Ich hatte keine Gallenprobleme mehr.

Der Apotheker sagte, ich würde sechs Monate lang Entzugserscheinungen haben we-
gen der schweren Medikamente, an die ich gewöhnt war. Neun Jahre lang hatte ich
acht oder neun Percodan am Tag genommen, und das macht abhängig. Demerol ist
auch suchterzeugend, und ich hatte Seconal genommen, um schlafen zu können. Der
Apotheker sagte: >Ich weiß nicht, was das alles bedeutet, aber daß Sie gar keine Ent-
zugserscheinungen haben, das fasse ich nicht, das bringt mich um den Verstand!< Der
Ohrenspezialist sagt: >Eigentlich können Sie gar nicht gehen, weil Ihr Gleichgewichts-
sinn völlig ausgefallen ist.< Ich sage: >Na ja, zumindest kriege ich eine ziemlich glaub-
würdige Imitation hin.< Der Neurochirurg hatte wieder etwas anderes, was er nicht
fassen konnte.

Die Leute fragten mich immer: >Machen Sie sich gar keine Sorgen? Vielleicht wachen
Sie morgen früh auf und können nicht mehr gehen.< Ich fragte dann zurück: >Und
Sie? Machen Sie sich keine Sorgen? Sie wissen doch auch nicht, was in der nächsten
Minute geschieht.< Eine meiner Tanten rief mich an, ganz aufgeregt. Leider würde mein
neuer Zustand nur sieben Tage dauern. Ich fragte: >Wo hast du denn das her?< Sie
sagte, in dem Haus, in dem sie wohnte, wären sich alle darüber einig. Ich sagte ihr:
>Willst du Gott vorschreiben, was er zu tun hat?< Ein Bekannter von mir war da groß-
zügiger. Er gab mir dreißig Tage. Ich sagte ihm: >Paß auf! Halt lieber nicht so lange
die Luft an, ok?< Jetzt zählen sie nicht mehr. Im August waren es neun Jahre.

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Im Lauf der Zeit wurde es allmählich immer besser. Dann, als die Empfindung zurück-
kam, wurde es mir verständlicher, und die Dinge ergaben einen Sinn. Es war wunder-
voll, als ich das Straßenpflaster unter meinen Füßen spüren konnte. Innerhalb von drei
Monaten kamen die körperlichen Empfindungen alle zurück, die Muskeln entwickelten
sich wieder, und es wurde langsam besser. Aber der bloße Versuch, es gedanklich zu
erfassen und zu analysieren, ist schwindelerregend. Wissen Sie, einige Geistliche sagen
mir, es war ein Fall von Selbsthypnose. Ich sage: >Nennen Sie es, wie Sie wollen.<
Andere Leute sagen mir, es war ein plötzlicher starker Adrenalinschub.

Ich habe zwanzig Jahre im Rollstuhl verbracht. Ich war derjenige, der all die Schmer-
zen hatte, nicht die anderen. Ich sage: >Sie haben ein Recht auf Ihre Meinung, aber
erzählen Sie mir nicht, was es mit meiner Heilung auf sich hat. Ich weiß, wo ich war
und wo ich heute bin. Meine Heilung verdanke ich nur einem, das ist Gott, und damit
basta. Alles, was die Ärzte versuchten, hat meine Krankheit noch schlimmer gemacht.
Drei Operationen, glauben Sie mir, es war nutzlose Quälerei. Was die Medizin angeht,
da kann ich nur dankend ablehnen.< Ein Arzt sagte zu mir: >Ich wundere mich, daß
Sie überhaupt noch mit uns sprechen.< Na ja, was soll man machen?

Die Leute fragen mich: >Glauben Sie, daß die durchtrennten Nerven wieder zusam-
mengewachsen sind?< Ich sage: >Mir persönlich ist es egal, ich fühle mich gut.< Aber
eines Tages arbeitete ich draußen im Freien. Meine Frau kam zu mir herüber, sah mich
an und fing an zu lachen. Sie sagte: >Im Grunde hat sich nichts wirklich verändert.<
>Was meinst du damit?<, frage ich. Sie sagt: >Sieh dich doch mal an!<

Ich sah an mir herunter. Die eine Körperhälfte war ganz naß von Schweiß, die andere
völlig trocken. Nach der Neurotomie schwitzte ich nie auf der linken Körperseite. Also
ist der Zustand noch so, wie er war. Wie soll man das also erklären? Ich versuche es
nicht einmal.

Manche werden geheilt und andere nicht. Pater Di Orio sagt: >Ich bewirke die Hei-
lungen nicht. Ich habe keine Erklärung.< Ich habe Leute gekannt, die acht mal nach
Worcester gegangen sind, seit das mit mir passierte. Bei ihnen geschah gar nichts.
Ich denke, in manchen Fällen ist es vielleicht der Glaube, aber das trifft auch nicht
immer zu. Ich ging mit großen Vorbehalten hin. Gott erwählt bestimmte Menschen, un-
abhängig von ihrem Glauben. Wie erklären Sie es sich, wenn ein kleines Kind plötzlich
geheilt wird? Der Glaube hat damit nichts zu tun.

Sicher sind einige der Krankheiten, die auf diese Weise geheilt werden, psychosoma-
tisch. Aber nehmen wir an, ein Mensch ist ein Hypochonder, und dann, plötzlich, hat er
keine Beschwerden mehr. Das ist doch auch eine Heilung!

Mein Kumpel aus Springfield macht natürlich seine Witze mit mir. Er sagt, ich wurde
geheilt, weil ich ein Großmaul bin und weil Gott wußte, daß ich es in der ganzen Welt
verbreiten würde.

Unglücklicherweise - oder vielleicht auch nicht - haben die Leute mich auf ein Podest
gestellt und meinen, daß ich kein Mensch wie alle anderen bin, daß ich nicht fühle und
denke wie andere Menschen. >Oh, mein Gott. Sie sind es wirklich? Sie kommen wirklich
in mein Haus?< Hey, Moment mal, das ist doch lächerlich. Ich bin immer noch Tischler.
Ich mache dieselben Sachen wie vorher.

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Manche Leute haben eine Vorstellung von mir, die nichts mit mir zu tun hat. Ich habe
nie geglaubt, ich wäre besser als andere. Im Gegenteil; als ich im Rollstuhl saß, fühlte
ich mich allen anderen unterlegen.

Als ich mich scheiden ließ, wurden die Leute nicht damit fertig. Sie sagten, ich, als
Katholik, hätte das nicht tun dürfen. Ein Jahr nach der Heilung war ich ganz und gar
mit ehrenamtlichen Tätigkeiten ausgefüllt. Ich stand im Rampenlicht, nicht weil ich es
gewollt hätte, sondern weil die Umstände so waren. Ich versuchte meine Frau auch zur
Mitarbeit zu bewegen, aber sie wollte nicht. Nachdem ich das ruhige Leben eines Tisch-
lers geführt und zwanzig Jahre im Rollstuhl gesessen hatte, fühlte ich mich nicht wohl
damit, plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen. Aber ich sagte mir auch, die Menschen
müssen es erfahren, daß solche Dinge immer noch geschehen. Wie Pater Di Orio sagte:
>Ruft es von den Dächern.< Wenn man das tut, hat man plötzlich mit Fernsehsendern
zu tun und muß viel reisen. Ich war zweimal für jeweils eine Woche in Kentucky, ich war
unten in Florida, ich war überall. Damit fingen die Probleme an.

Meine Frau warf mir vor, ich hätte Abenteuer mit anderen Frauen, was absolut nicht den
Tatsachen entsprach. Ich sagte: >Wie kannst du die Arbeit, die ich tue, nur so interpre-
tieren, daß ich mich mit anderen Frauen amüsiere?<

Ich sprach mit einem Priester darüber. >Das Problem ist<, sagte er, >daß Ihre Frau seit
zwanzig Jahren daran gewöhnt ist, in Ihrem Zusammenleben das Steuer in der Hand
zu halten, während Sie an den Rollstuhl gebunden waren. Sie sitzt gern am Steuer. Sie
will nicht auf den Beifahrersitz verbannt werden. Das wird Schwierigkeiten geben.<
Und so war es dann auch. Es wurde immer schlimmer und endete schließlich mit der
Scheidung, was mir sehr leid tat. Aber es war nicht mehr zu ertragen.

Ich nahm es nicht auf die leichte Schulter. Wie dieser Priester mir sagte: >Zwischen
Liebe und Haß verläuft eine sehr feine Grenzlinie.< Und er sagte zu mir: >Wenn es bis
zum Haß gekommen ist, dann reden wir über Ihr Seelenheil, mein Freund. Also, wenn
Sie es nicht lösen können, gehen Sie aus der Situation heraus. Sehen wir die Sache
doch realistisch<, sagt er. >Nachdem ich Ihrer Frau zugehört habe, meine ich, daß es
nur noch schlimmer werden kann. Mein Vorschlag ist: Unternehmen Sie was!< Und das
tat ich schließlich auch. Aber es war keine gute Situation.

Das Im-Rampenlicht-Stehen brachte auch noch andere Komplikationen mit sich. Vor
einigen Monaten frühstückte ich in einem Cafe. Ein junger Mann setzte sich an einen
Tisch in meiner Nähe. Er sah dauernd zu mir herüber und sagte dann: >Ich kenne Sie.
Ich habe Sie im Fernsehen gesehen.<
>Gut<, sage ich. >Mit diesem Wissen und fünfzig Cent kriegen Sie eine Tasse
Kaffee.<
Er sagt: >Auch der Teufel bedient sich der Gabe von Pater Di Orio, wissen Sie?<
Ich dachte: >Ach du lieber Himmel, ein Zeuge Jehovas!< Ich sagte: >Junger Mann, ich
fürchte, da sind Sie auf der falschen Spur.<
>Warum?<
Die Apostel vollbrachten auch keine Wunder. Gott ist derjenige, der die Wunder voll-
bringt, so sieht es aus.<
Er sagt: >Ihre Theorie ist völlig daneben.<
>Sie haben das Thema angeschnitten<, sage ich, >also hören Sie sich an, was ich
dazu zu sagen habe! Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Informationen beziehen, aber Sie

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liegen falsch. Der Teufel wird nie im Namen Jesu Christi heilen. Lassen Sie sich das ge-
sagt sein, das wird nie geschehen. Der Teufel tut nichts zur Ehre Gottes.<
Und er sagte: >Ja, vielleicht.<
>Sie sagen vielleicht, aber ich habe keine Zweifel. Ich weiß, woher es kommt<, sage
ich. >Es ist Ihre Theorie, die nicht wasserdicht ist. Sie haben es angesprochen, nicht
ich!< Damit war das Gespräch beendet. Ich hatte die Nase voll von ihm.

Sehen Sie, Pater Di Orio ist nur das Instrument, durch das Gott seine Macht zeigt. Gott
kann uns alle dazu erwählen. Pater Di Orio allein könnte nicht einmal einen Frosch von
seinen Warzen heilen. Und er selbst sieht es auch so.

Ich wurde von einigen Leuten zu einem Gespräch eingeladen. Es war auch ein Priester
dabei, und ich dachte, sie wollten, daß er mit mir spricht. Aber in Wahrheit wollten sie
die ganze Zeit, daß ich ihm etwas sage. Also, dieser Priester wich der Frage den ganzen
Abend über aus. Er redet und redet, über Shakespeare und dies und das. Schließlich
unterbricht ihn eine Frau und sagt: >Hochwürden, ich frage Sie jetzt ganz direkt. Was
denken Sie über Leos Heilung?< Er antwortet: >Ich will es Ihnen ganz offen sagen:
Was Di Orio in Worcester macht, ist ein großer Zirkus, und die Leute, die da hinrennen,
sind alle Spinner.<
Ich sehe ihn an und sage: >Sie nennen mich einen Spinner?<
>Ja.<
>Da das von Ihnen kommt, überrascht es mich überhaupt nicht<, sage ich. >Wir sitzen
hier seit mehr als zwei Stunden zusammen, und Sie haben kilometerweise Shakespeare
und Milton zitiert. Haben Sie je von der Bibel gehört? Wie verstehen Sie Ihr Priester-
amt? Würden Sie mir das mal erklären? Sie glauben nicht, daß Gott heute noch Wunder
vollbringen und Menschen heilen kann? Wenn Sie es nicht glauben, haben Sie wirklich
Probleme. Dann sind Sie mit Ihrem Beruf nämlich total auf dem falschen Dampfer.<
Zum Schluß sagte ich ihm: >Ich will Ihnen sagen, was ich tun werde, wenn ich heute
abend nach Haus komme. Ich werde für Sie beten.<

Wenn man es genau betrachtet, kann man niemanden für seinen Mangel an Glauben
kritisieren. Denn Glaube ist etwas von Gott Gegebenes. Manche haben ihn, andere
nicht. Wie ich ihm sagte, >Ich bete für Sie<, — das ist ungefähr alles, was man tun
kann.«

Beobachtungen

Nachdem ich Leos Haus verlassen hatte, holte ich meinen sechsjährigen Sohn aus dem
Kindergarten ab und machte mich mit ihm auf den Heimweg. Ich fragte ihn nach sei-
nem Tag, und er fragte mich nach meinem Tag. Während ich die Straße entlangfuhr,
erzählte ich ihm Leos Geschichte in groben Zügen und sagte ihm zum Schluß, daß ich
nicht verstände, was da geschehen sei. Mein Sohn war jedoch nicht im mindesten er-
staunt. Bevor er losrannte, um mit seinen Freunden zu spielen, erklärte er mir: »Dad,
es war ein Wunder!«

Vielleicht war das wirklich die Antwort. Vielleicht hatte Gott durch Pater Di Orio einge-
griffen und Leo von seiner Lähmung geheilt, ihm die Schmerzen genommen und ihn
von jeder physischen und psychischen Abhängigkeit von Narkotika befreit.

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Je nachdem, wie man die Welt auffaßt, ist Heilung ein äußerst komplexes oder ein über-
aus simples Phänomen. Die folgende Erklärung beansprucht nicht mehr Gültigkeit als
die, die Leo gibt. Sie basiert nur auf einer anderen Art, den Erscheinungen dieser Welt
Sinn zu entnehmen.

Die Prämisse ist, daß der Glaube immense Kräfte freisetzen kann. Auf irgendeine un-
erklärliche Weise versetzt der Glaube einen Menschen in die Lage, unvorstellbare En-
ergien zu mobilisieren, und macht dadurch phänomenale physische Heilungen möglich.
Die Macht des Glaubens - die immense Kraft der Überzeugung, daß Genesung möglich
ist und erreicht werden kann - ist seit den Anfängen der Medizin bekannt. Tatsächlich
wissen wir nicht, wie Leo geheilt wurde, aber das Zusammenwirken gewisser Ereignisse
könnte seinen Glauben zu voller Kraft erweckt haben.

Leo berichtet, daß er den charismatischen Gottesdienst ohne große Erwartungen auf-
suchte und daß er wenig über Pater Di Orio wußte. Er war skeptisch, aber er verschloß
sich der Erfahrung nicht völlig. Obwohl die Fahrt weit und anstrengend war, fühlte er
genug Kraft in sich, sie zu unternehmen. Außerdem ging er mit der Absicht hin, für den
ehelichen Frieden seiner Tochter zu beten — ein Vorsatz, der nicht so spektakulär ist wie
der Wunsch nach einer physischen Heilung, aber anspruchsvoll genug, um zu zeigen,
daß er zumindest einen Funken Hoffnung in die Kraft des Glaubens setzte. Vielleicht
empfand er ähnlich wie manche Menschen, bevor sie die Kerzen auf ihrem Geburtstags-
kuchen ausblasen oder wenn sie eine Sternschnuppe sehen. Sie glauben nicht wirklich,
daß ihr Wunsch in Erfüllung geht, aber sie sprechen den Wunsch innerlich aus, für
alle Fälle, anstatt die Chance, sei sie auch noch so vage, vorübergehen zu lassen. Leo
besuchte den Gottesdienst mit einem winzigen Körnchen Glauben, wie im biblischen
Gleichnis vom Senfkorn. Ein Senfkorn an Glauben, das kleinste aller Samenkörner, ist
alles, was ein Mensch braucht.

Die Menschen, die Leo am nächsten standen, taten alles, um das wenige, was er an
Glaubenshoffnung in sich trug, zu nähren. Ihre Worte und ihr Handeln vermittelten ihm,
daß aus der Teilnahme an Pater Di Orios Gottesdienst etwas Positives erwachsen würde.
Sein Arzt besorgte ihm Karten, sein bester Freund bestand darauf, daß er hinfuhr, und
seine Frau warb die ganze Zeit für die potentiell heilsamen Wirkungen der Gebetsver-
sammlung. Wenige Monate bevor Leo nach Worcester fuhr, hatte Pater Di Orio in der
Nähe seines Wohnortes einen Gottesdienst abgehalten. Vielleicht war es ein Zufall, daß
Leo diese Gelegenheit nicht ergriff, aber vielleicht stand auch etwas anderes dahinter,
denn gewöhnlich schreiben wir dem schwer zu Erreichenden die größte Wirkungskraft
zu. Die Reise, die Leo schließlich unternahm, war nicht allzu weit und schwierig, aber
sie löste ihn aus seiner Alltagsumgebung, versetzte ihn in ein neues, unbekanntes
Umfeld und schuf so die Voraussetzungen für ein Sich-Öffnen. Das Unbekannte enthält
ein Versprechen, daß alles möglich ist; es stimuliert Erwartungen von ungeheurer Grö-
ßenordnung. Bernie Siegel berichtet, daß er die größten medizinischen Erfolge bei Men-
schen erzielte, die am weitesten reisen mußten, um zu ihm zu gelangen. Interessant
ist in diesem Zusammenhang, daß Jesus, wie wir aus dem Neuen Testament erfahren,
in seiner eigenen Heimatstadt niemanden heilen konnte.

Betrachten wir auch Lourdes, den Ort der Wunderheilungen in Frankreich. Seit 1858
hat die katholische Kirche sechzig Fälle von Heilungen offiziell zu »Wundern« erklärt.
Seit 1954 ereigneten sich dort dreizehn Wunderheilungen. Das internationale wis-
senschaftliche Komitee von Lourdes, das diese Fälle überprüfte, bezeichnete sie als

172
»vom medizinischen Standpunkt aus unerklärlich«. Jedes Jahr pilgern mehr als 500000
Menschen nach Lourdes, und oft verbessert sich ihr Zustand trotz der Anstrengungen
der Reise. Dennoch hat es unter den Menschen, die in der Nähe von Lourdes leben, nie
Wunderheilungen gegeben. Das Bad in der Quelle, das Gebet in der Wallfahrtskirche,
die Anstrengungen der Reise - das alles sind notwendige Bestandteile der »Behand-
lung«.

Als Leo an der Kirche von Worcester ankam, trugen viele Umstände dazu bei, seine
Glaubensbereitschaft zu steigern. Alles war ungewöhnlich und andersartig. Nachdem
er zwanzig Jahre im Rollstuhl verbracht hatte, war Leo es gewohnt, als Mensch zwei-
ter Klasse behandelt zu werden. Es war ein ständiger Kampf für ihn, sich bei anderen
Respekt zu verschaffen. Hier jedoch wurde er plötzlich als Ehrengast empfangen. Man
machte den Weg für ihn frei und geleitete ihn ganz nach vorn, in die erste Reihe.

Die Szenerie auf dem Vorplatz der Kirche, das Gedränge der Menschen, die darum
kämpften, eingelassen zu werden, war Leos Erfahrungswelt völlig fremd. Leo gibt sei-
ner Verblüffung Ausdruck, und sein Freund bestätigt, daß hier offenbar etwas ganz an-
deres geschieht als das, was sie von normalen Kirchenbesuchen kennen. Jerome Frank,
der Wunderheilungen und Heilrituale in Stammesgesellschaften studierte, schreibt den
Heilungserwartungen, die sich an Plätzen wie Lourdes konzentrieren, erstaunliche Wir-
kungen zu. Wunder werden glaubwürdig in einer Umgebung, wo permanent darüber
diskutiert und daran gedacht wird. Die Atmosphäre ist voller Hoffnung.

Um Heilungen zu bewirken, setzt Pater Di Orio alle Mittel ein, die ihm zu Gebote stehen,
die Macht der Suggestion eingeschlossen. Er eröffnet den Gottesdienst mit den Wor-
ten: »Wenn ich unter euch umhergehe, werden einige vielleicht Elektrizität spüren, die
direkt von meinem Körper ausgeht, Hitze, einen Blitzschlag sozusagen. Ich weiß nicht,
wie Gott das macht. Schiefe Wirbelsäulen werden sich aufrichten. Verkrümmte Glieder
werden sich strecken. Wir werden vermutlich erleben, wie verkürzte Beine zu wachsen
beginnen. Wie es scheint, werden solche Gebrechen in jeder Gebetsversammlung ge-
heilt. Bei anderen Gebrechen - Krebs, Blindheit und Lähmungen zum Beispiel — scheint
die Heilung dann und wann in Häufungen stattzufinden.«

Während des Gottesdienstes erklärt Pater Di Orio, was »vom Geist ergriffen werden«
bedeutet. Seine Beschreibung hat nicht nur informativen Charakter, sondern sie erhöht
auch die Bereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich tatsächlich »vom Geist
ergreifen« zu lassen. Er teilt der Versammlung mit: »Einige von euch werden zu Boden
fallen oder in einen Zustand göttlicher Ekstase eintreten. Was geschieht, wenn jemand
zu Boden fällt oder stehend in Ekstase gerät, ist ein ... Überwältigtwerden durch den
Geist. Gott liebt es, mit seiner Kraft durch Menschen hindurchzugehen ... Die Heiligen
kannten diese Art des Gebets. Sie nannten es >ekstatische Vereinigung<. Sie verloren
sich in Gott. Ihre äußeren Sinne wurden zeitweilig außer Kraft gesetzt. Sie verließen
ihre Körper, tauchten in das Meer des Geistes ein und gingen in Gott auf. Wenn es ge-
schieht, habt ihr keine Kontrolle darüber...«

Die Art, wie Pater Di Orio seine Zuhörer anspricht, ähnelt der Technik eines Therapeu-
ten, der einen Patienten in hypnotische Trance versetzt. Pater Di Orio bedient sich einer
anderen Sprache, aber ähnlich wie ein Hypnotherapeut ermutigt er seine Zuhörer, los-
zulassen und ihre Bewußtseinsschwelle zu senken. Er erklärt, in der Ekstase könne der
Körper sich sehr leicht anfühlen und die gewohnten Sinneswahrnehmungen könnten

173
eine Zeitlang außer Kraft gesetzt werden. Wie ein kompetenter Therapeut übt er mit
seinem Vorgehen keinen Druck oder Zwang aus. Er überläßt es seinen Zuhörern, ob
sie die bewußte Kontrolle über sich selbst aufgeben wollen oder nicht. Er vermittelt
seiner Gemeinde jedoch, daß wenig Grund besteht, dem Ergriffenwerden zu widerste-
hen, da die »ekstatische Vereinigung« mit Gott ein wundervolles, höchst angenehmes
Erlebnis ist. Pater Di Orio ermutigt die Menschen, ihren bewußten Willen loszulassen,
um Zugang zu einer außerordentlichen, wunderbaren Kraftquelle zu erlangen. Für den
Priester ist Gott diese Kraftquelle, während Therapeuten oft von der Kraft im eigenen
Inneren, dem unermeßlichen Potential des Unbewußten sprechen.

Pater Di Orio war darauf vorbereitet, jemandem, der in einem Rollstuhl saß, seine Auf-
merksamkeit zuzuwenden. Er bestätigte, daß einer seiner geistlichen Mitarbeiter ihm
an dem Tag, als er den Gottesdienst abhielt, sagte, er solle keine Angst haben, sich den
Gelähmten zu nähern, und ihn daran erinnerte, daß Gott, und nicht er, Pater Di Orio,
die Heilung bewirke.

Die Versammlung erreichte ihren Höhepunkt, als Pater Di Orio die Anwesenden auffor-
derte, sich ins Gebet zu vertiefen, und als sein Blick auf Leo fiel, den gelähmten Tisch-
ler, einen unter den Hunderten, die sich in der Kirche drängten. Der Pater ging auf Leo
zu und befahl ihm, aufzustehen und zu gehen.

Zweifellos war Leo in all den Jahren seiner Lähmung niemals aufgefordert worden, sich
aus dem Rollstuhl zu erheben und zu gehen. Niemand hatte je geglaubt, daß es mög-
lich sei. Zum ersten Mal in zwanzig Jahren vermittelte ihm jemand - und nicht irgend
jemand, sondern das Sprachrohr der göttlichen Weisheit und Autorität -, daß er gehen
könne, gehen werde.

Nach Leos erstem Gang durch das Mittelschiff der Kirche trat eine Reihe von Ereig-
nissen ein, die einen Rücksturz in das Leben des Gelähmtseins und des Schmerzes
unwahrscheinlich machten. Sobald er sich aus dem Rollstuhl erhoben hatte, war sein
Leben unwiderruflich verändert. Was er unzählige Male erfolglos versucht hatte, war
nun tatsächlich möglich geworden. Auf einer bestimmten Ebene sorgen vertraute, als
unveränderlich erlebte Zusammenhänge für die Kontinuität von Rollen. Der Kontext, in
dem Leo gelebt hatte, die Rolle eines Gelähmten, dessen Gesundheitszustand sich stän-
dig verschlechterte, war plötzlich verschwunden. Er wurde zum Mittelpunkt intensiver
Neugier und für manche Menschen zu einer Person, der man mit großer Ehrerbietung
begegnete. Die Aufmerksamkeit der Medien, sein neues Engagement für die Kirche und
natürlich die offensichtliche Verbesserung seines Gesundheitszustands - all das wirkte
positiv verstärkend.

Selbst wenn wir davon ausgehen, daß ein Zusammentreffen bestimmter Faktoren die
volle Kraft des Glaubens in Leo freisetzte, erhebt sich die Frage: Kann der Glaube den
Körper wirklich mit außergewöhnlichen Kräften ausstatten?

Leonard Feinberg dokumentierte auf Sri Lanka eine Feuerläufer-Zeremonie; der Fo-
tobericht erschien 1959 in der Zeitschrift Atlantic Monthly. Da Feinberg in den Jahren
1956 und 1957 als Fulbright-Professor an der Universität von Ceylon (Sri Lanka) lehrte,
hatte er genügend Gelegenheit, dieses Ritual zu erforschen. Der Feuerlauf bildete den
Abschluß und Höhepunkt rigoroser religiöser Übungen und Vorbereitungen, die drei Mo-
nate lang andauerten. Das Ziel der religiösen Übungen, des strengen Fastens, Betens

174
und Meditierens, dem die Feuerläufer sich unterzogen, war die mystische Vereinigung
mit der Gottheit Katagarama. Wenn die Teilnehmer des Rituals unerschütterlichen Glau-
ben erreichten, konnte das Feuer ihnen nichts anhaben.

Am Abend der Zeremonie wurde eine flache Grube von rund acht Meter Länge und
zwei Meter Breite mit Hartholzkloben angefüllt, die in Brand gesetzt wurden. Wenn das
Holz zu einem Bett glühender Holzkohle heruntergebrannt war, konnte das Ritual be-
ginnen. Aber der präzise Moment war erst dann erreicht, wenn die Gläubigen sich mit
Katagarama vereint fühlten. Priester und Gläubige strömten dann aus dem nahege-
legenen Tempel hervor, gingen direkt auf die Grube zu und betraten das Feuerbett.
Feinberg berichtete, daß er sich der intensiven Hitze wegen der Feuergrube nicht weiter
als auf zwei bis drei Meter nähern konnte. In der Grube selbst wurden Temperaturen
von siebenhundert bis achthundert Grad Celsius gemessen.

Für die weitaus meisten der achtzig Frauen und Männer, die an dem Ritual teilnahmen,
war die Erfahrung eine euphorische Bestätigung ihres Glaubens. Zwölf Teilnehmer schei-
terten jedoch, und einige davon erlitten schwere Verbrennungen. Ein Mann starb. Eine
Beobachtung, die bei diesen Feuerläufer-Zeremonien häufig gemacht wird, stellt für
unser westliches Realitätsverständnis eine besonders krasse Herausforderung dar: Die
fließenden knöchellangen Gewänder, mit denen die Feuerläufer bekleidet sind, fangen
kein Feuer, es sei denn, der Träger wird schwach in seinem Glauben. In diesem Augen-
blick flammen sie spontan auf.

Joseph Chilton Pearce berichtet, wie Mitglieder der English Society for Psychical
Researchers (etwa: »Englische Gesellschaft für parapsychologische Forschung«) im
Jahr 1935 die Fähigkeiten zweier indischer Yogis untersuchten. Wochenlang gingen
die beiden Inder über glühende Kohlen, während die Oxford-Wissenschaftler ihre Mes-
sungen und Untersuchungen durchführten. Die Forscher kamen zu dem Schluß, daß
trotz der scheinbaren Unmöglichkeit des Feuerlaufens weder Vorspiegelung falscher
Tatsachen noch Sinnestäuschungen im Spiel waren. Der spannendste Augenblick des
Experiments kam, als einer der Yogis dem Wissenschaftler, der die stärkste Faszination
zeigte, erklärte, auch er könne über das Feuer gehen; er müsse nur die Hand des Yogis
ergreifen. Pearce schreibt: »Der gute Mann wurde von dem Glauben ergriffen, daß er es
könne; er warf seine Schuhe ab, und Hand in Hand überschritten sie das Bett glühender
Kohlen, mit ekstatischen Gesichtern und völlig unverletzt.«

Menschen, die sonst wenig Interesse für wissenschaftliche Untersuchungen zeigen,


haben manchmal ein gewisses Vergnügen an Placebo-Studien. Der Reiz liegt in der
Unwiderlegbarkeit der Botschaft, die sie vermitteln: Menschen verfügen über weit-
aus größere Kräfte, als ihnen selbst bewußt ist. Placebo-Studien zeigen, daß positive
Erwartungen ihre eigene Realität erzeugen können. In diesen Studien wird den Ver-
suchspersonen gewöhnlich gesagt, daß sie ein hochwirksames Medikament gegen be-
stimmte Störungen, etwa Migräne oder Depressionen, erhalten. Die Patienten wissen
nicht, daß die Pillen in Wahrheit nur harmlosen Traubenzucker enthalten. Anschließend
werden die Versuchspersonen befragt, ob die »Behandlung« irgendwelche Wirkungen
gezeigt habe. Dazu einige Beispiele:

David Aymann verabreichte Patienten, die an Hypertonie (zu hohem Blutdruck) lit-
ten, Placebos. Bei zweiundachtzig Prozent der Versuchspersonen sank nicht nur der
Blutdruck, - viele zeigten sogar die Symptome der angeblichen Nebenwirkungen des

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»Medikaments«. Bei Placebos ist der Behandlungstypus nicht das Ausschlaggebende;
was wirkt, ist der Glaube an die Behandlung. In anderen Experimenten erhielten Hyper-
tonie-Patienten Mistel- und Wassermelonenextrakt. Eine signifikante Anzahl berichtete,
daß der Blutdruck gesunken sei.

Die Fachzeitschrift World Journal of Surgery berichtete über eine Studie mit Krebspati-
enten, denen gesagt wurde, sie erhielten eine neue, hochwirksame Form der Chemo-
therapie. Obwohl nur Placebos verabreicht wurden, verloren einunddreißig Prozent der
Versuchspersonen ihr gesamtes Kopfhaar.

Marianne Frankenhauser verabreichte Frauen Placebos, die sie als Schlafmittel ausgab.
Die Frauen berichteten, sie hätten sich nach der Einnahme des Mittels müde gefühlt
und depressiver als zuvor. Es traten auch entsprechende physiologische Reaktionen
auf: Der systolische und diastolische Blutdruck sank, und die Reaktionen verlangsam-
ten sich. Später wurden diesen Frauen identische Pillen gegeben, aber diesmal wurde
ihnen gesagt, es handle sich um ein Stimulans. Nun berichteten sie, daß sie sich mun-
terer und glücklicher fühlten. Auch die meßbaren physiologischen Werte veränderten
sich, dem Glauben an das »Stimulans« entsprechend: Der Blutdruck war höher, und die
Reaktionszeiten waren kürzer.

Der Einfluß irrationaler Methoden auf Warzen ist seit langem bekannt. In ihrem Buch
The Healer Within (»Der innere Heiler«) erzählen Steven Locke und Douglas Colligan
von der einzigartigen Methode eines Zürcher Arztes, die Selbstheilungskräfte seiner
Patienten zu mobilisieren:

»In den zwanziger Jahren war Dr. Bruno Bloch in Zürich ein weltberühmter Warzen-
spezialist. Das Geheimnis seines Erfolgs war eine >Warzenvernichtungsmaschine<, ein
wundervoller Apparat mit blinkenden Lichtern, der eindrucksvolle Geräusche von sich
gab und, wie Dr. Bloch seinen Patienten erzählte, Strahlen aussandte, die dem wider-
wärtigen Warzenbefall den Garaus machten. Die Patienten wurden zu Dutzenden von
ihren Warzen geheilt. Tatsächlich war der Apparat ein völlig nutzloses Spielzeug, das
von einem summenden und ratternden Elektromotor angetrieben wurde. Im Glauben
an Dr. Blochs Wunderapparat lag die wahre Medizin.«

Der Placebo-Effekt wurde bei einem weiteren Spektrum von Störungen nachgewiesen,
unter anderem bei Magengeschwüren, Akne und Schmerzen aller Art. Er tritt sogar bei
Krebserkrankungen, Herzkrankheiten, Multipler Sklerose und Diabetes auf.

Placebos haben per definitionem keinen Heileffekt. Sie sind das Medium, durch das wir
unsere eigenen inneren Kräfte kanalisieren. Sie werden wirksam, wo direkte Versuche,
diese Kräfte zu Hilfe zu nehmen, versagen, weil es den meisten Menschen leichter fällt,
an jemanden oder etwas anderes zu glauben als an sich selbst.

Eine Frau, der es trotz ihrer fortgeschrittenen Brustkrebserkrankung erstaunlich gut-


ging, weiß einiges über die Heilkraft zu berichten, die sie ihren verschiedenen The-
rapieformen zuschrieb. In ihrem Bemühen, sich gegen die Diagnose »Krebs im
Endstadium« zur Wehr zu setzen, wandte sie sich gleichzeitig fünf verschiedenen alter-
nativen Behandlungsansätzen zu. Sie erklärt, warum sie das tat:

176
»Ich glaube, ich brauchte diese Therapien. Ich hielt mich daran fest und schrieb ihnen
eine gewisse Heilkraft zu, die im Grunde meine eigene Kraft war, aber ich hatte nicht
genügend Zuversicht, um mich hinzustellen und mich dazu zu bekennen.«

Ob Pater Di Orio die Macht Gottes direkt zu Hilfe rief, um die Heilung zu bewirken, oder
ob er auf irgendeine Weise als Katalysator fungierte, um den »inneren Heiler« (oder,
wenn man so will, »Gott in uns«) zu mobilisieren, ist vielleicht nicht wirklich von Bedeu-
tung. In jedem Fall demonstrierte er die grundlegenden menschlichen Qualitäten aller
begnadeten Heiler, und die wichtigste darunter ist die Sorge um die Heilung des ganzen
Menschen. Die »Heilung des inneren Selbst« ist eigentlich seine vorrangige Mission.

Pater Di Orio etabliert eine intensive empathische Beziehung - wie kurz sie auch sein
mag - zu jeder Person, die er zu heilen versucht. Während der Gebetsversammlung
fühlt er nach seinen eigenen Worten selbst Schmerzen in verschieden Körperteilen. Er
konzentriert sich auf diese Schmerzen und weiß dadurch, an welchen Krankheiten be-
stimmte Teilnehmer der Versammlung leiden. Wie andere begabte Heiler vermittelte er
Zuversicht, daß Genesung für jeden Menschen möglich ist, nimmt jedoch das Verdienst
für erfolgreiche Heilungen nie für sich selbst in Anspruch. Er versichert immer wieder,
daß nicht er die Quelle der Heilung ist, sondern nur das Instrument, dessen Gott sich
bedient, um die Heilkräfte in Bewegung zu bringen. Pater Di Orio glaubt, daß seine
Fähigkeit, den anderen Menschen ganz anzunehmen und sich ihm oder ihr in vollkom-
mener Aufmerksamkeit zuzuwenden, das Wesentliche ist. Er sagt: »Wenn ich vollkom-
menes Mitgefühl habe, den inneren Wesenskern eines Menschen wirklich fühle, strömt
die gesamte Kraft, die Gott mir gegeben hat, aus mir hervor und in die andere Person
hinein. In diesem Augenblick ereignet sich die Heilung.«

Letzten Endes ist sein Bemühen, die heilenden Kräfte in Menschen zu wecken, also ein
Akt der Liebe.

177
BARBARA DAWSON

Die fünf Farben machen des Menschen Augen blind,


Die fünf Töne machen des Menschen Ohren taub,
Die fünf Geschmäcker machen des Menschen Mund stumpf,
Pferderennen und Feldjagd machen des Menschen Herz dumpf,
Schätze, schwer erreichbar, machen des Menschen Wandel krumm,
Deshalb: »Des Heiligen Tun ist seine Brust,
Nicht Augenlust.«
Darum läßt er jenes und ergreift dieses.

LAO-TSE

Vor mehr als acht Jahren fühlte Barbara Dawson zum ersten Mal einen kleinen harten
Knoten in ihrer Brust. Sie nahm an, daß er nichts zu bedeuten habe, und leider war
auch ihr Gynäkologe dieser Meinung, als sie ihm davon erzählte. Als der Brustkrebs
zwei Jahre später diagnostiziert wurde, hatte er sich bereits mit verhängnisvoller Ge-
schwindigkeit ausgebreitet. Man rechnete damit, daß sie bald sterben werde.

Barbara hat seither viele Ärzte aufgesucht. Für diesen Bericht wurden ihr erster On-
kologe und der Spezialist, der sie zum Zeitpunkt des Interviews behandelte, um me-
dizinische Informationen gebeten. Obwohl Barbaras Fall im medizinischen Sinn immer
noch als ungeklärt betrachtet wird, bestätigten beide Onkologen, daß sie die Krankheit
außergewöhnlich gut bewältigt habe. Die Meinungen beider Ärzte wichen jedoch er-
heblich voneinander ab, als es um den Versuch ging, einzuschätzen, wie ungewöhn-
lich ihr Krankheitsverlauf war. Barbaras erster Onkologe sagte, ihre Chance, bis zum
gegenwärtigen Zeitpunkt zu überleben, habe bei 1:1000 gelegen; ihr letzter Onkologe
schätzte diese Chance auf 1:3. Ihr letzter behandelnder Arzt wurde auch gefragt, was
seiner Meinung nach der Grund sei, daß sie im Vergleich zu anderen Patientinnen so
ungewöhnlich lange durchgehalten habe. Statt den möglichen Wert ihrer eigenen An-
strengungen anzuerkennen, antwortete er nur: »Die Biologie der Krankheit.«

Im Unterschied zu allen anderen Frauen und Männern, die ich für dieses Buch inter-
viewte, war Barbara sehr zurückhaltend, was ihre Krankheit anging, und nicht ohne
weiteres bereit, darüber zu sprechen. In unserem ersten Telefongespräch erklärte ich
ihr, welche Ziele ich mit dem Projekt verfolgte. Obwohl wir sofort guten Kontakt zu-
einander fanden und ein freundliches, offenes Gespräch führten, das über eine Stunde
dauerte, erklärte sie sich nicht zur Teilnahme bereit. Sie wollte sich Zeit nehmen, um
darüber nachzudenken. Was sie als Grund für ihre Zurückhaltung angab, machte mir
erst recht deutlich, wie wertvoll ihr Beitrag sein würde. Sie erklärte: »Um Antworten
auf die Fragen zu finden, die Sie stellen, muß ich wahnsinnig tief gehen, meine inneren
Abgründe berühren und aus dem Grund meiner Seele heraus sprechen. Und das ist
manchmal ein furchterregender Ort.«

Sie überlegte auch, ob es gut für sie sei, soviel Zeit in der Konzentration auf ihr Leben
mit der Krebserkrankung zu verbringen: »Ich möchte mich nicht als die Frau darstellen,
die Krebs hatte. Ich will mich von meiner Identität als Krebskranke befreien und meine
Gesundheit für mich zurückfordern.«

178
In unserem nächsten Gespräch sagte sie mir, sie habe lange über die Frage nachgedacht
und sie sei bereit, mit mir in einen Prozeß »wechselseitiger Selbstenthüllung« einzu-
treten. Sie habe das Gefühl, der Prozeß könne sie weiterbringen, was das Verständnis
ihrer eigenen inneren Dynamik anging, und wenn ihre Geschichte anderen Menschen
nützen könne, wolle sie sich gern zur Verfügung stellen.

Barbara war offen und freundlich, und gleichzeitig ein stiller, nachdenklicher Typ. Den-
noch konnte sie in herzhaftes Gelächter ausbrechen, ein rauhes, beinahe heiseres La-
chen, wenn sie etwas komisch fand, was sehr oft der Fall war. Als ich ihr einmal sagte,
wie wundervoll ansteckend ihr Lachen sei, lachte sie wieder laut auf und sagte, sie habe
es von ihrem Vater geerbt.

Sie wollte auch wissen, wer ich bin, und stellte mir Fragen. Sie war eine ausgezeichnete
Zuhörerin, und ich erzählte ihr einige persönliche Erfahrungen und verschiedene Dinge
aus meinem Leben. Da wir nur durch Briefe und Telefongespräche kommunizierten,
weiß ich nicht, wie sie aussah, abgesehen davon, daß ein Kollege mir erzählte, sie sei
um die Vierzig, hochgewachsen und sehr schön.

Nach etwa drei Monaten, als das erste Interview beendet war, planten wir, uns zu tref-
fen. Eine Woche vor dem vereinbarten Termin rief Barbara jedoch an, um mir abzusa-
gen. Sie trat an diesem Tag eine neue Stelle an. Ich fragte sie, ob sie wieder mit Kin-
dern arbeiten werde. Sie verneinte und erzählte mir, sie habe sich entschlossen, etwas
völlig Neues anzufangen. Sie hatte bei einer lokalen Gesundheitsfürsorgeorganisation
die Funktion einer Schiedsperson oder »Ombudsfrau« übernommen. Obwohl Barbara
für diese neue Tätigkeit keine formale Qualifikation hat, zeigt ihre nun folgende Ge-
schichte, wie gut sie durch ihre Erfahrungen darauf vorbereitet ist, bei der Schlichtung
von Konflikten zwischen Patienten und ihren Ärzten zu helfen. Barbara begann:

»Meine Kindheit war gar nicht so schlecht. Ich kenne Leute, denen es viel schlimmer
erging. Aber die meisten hatten jemanden, die Mutter, den Vater, irgendwelche Ver-
wandten, an die sie sich mit ihren Problemen wenden konnte. Ich hatte niemanden, an
den ich mich hätte wenden können. Also scheint es, daß in meinem Leben nie etwas
geklärt oder in Ordnung gebracht wurde.

Meine ältere Schwester bekam Kinderlähmung, als ich noch klein war, lange bevor ich
zur Schule ging. Es war eine furchtbare Krankheit. Sie wurde schließlich gesund, aber
wir waren alle in Quarantäne, und das bedeutet, wir waren von der Außenwelt isoliert.
In meiner Familie wurde erwartet, daß man Haltung zeigte. Aber mein älterer Bruder
erfüllte diese Ansprüche nicht. Er war ein weinerliches Kind, das ständig irgendwelche
Wehwehchen hatte. Er war dauernd krank und fürsorgebedürftig. Ich sagte mir: >So
wie er will ich nie werden.< Also zeigte ich nach außen Haltung, auch wenn ich wirklich
Schmerz empfand, und entwickelte ein falsches Selbstbild. Ich wollte nie, daß irgend
jemand erfuhr, wie sehr ich litt. Ich nahm mich eisern zusammen und fürchtete, wenn
ich losließe, wenn ich auch nur einen Funken Schwäche oder Leiden zugäbe, wäre ich
vernichtet und hätte nichts mehr, worauf ich zurückgreifen könnte.

Ich sagte meinen Eltern, daß ich einen Mann liebte, einen Amerikaner, und daß ich
England verlassen würde. Sie waren total dagegen, daß ich in die USA ging, aber schließ-
lich fand ich mich doch hier wieder. Als ich hier ankam, verlor ich meine Identität. Ich
war keine Amerikanerin, aber auch nicht mehr Engländerin. Ich kam aus der Großstadt

179
und lebte nun in einer Kleinstadt. Ich war nicht mehr die Tochter meines Vaters. Ich
wußte nicht, wer ich war.

Ich kam mit der Phantasie in die Vereinigten Staaten, daß diese Veränderung mich
befreien würde. Meine Familie hatte sich immer überfürsorglich verhalten. Meine Erzie-
hung war konservativ und sehr rigide.

Ich versuchte, mit einem Schlag aus all dem Gewohnten und all den Zwängen auszu-
brechen. Ich hatte mich einfach übernommen. Die neue Freiheit war so überwältigend,
daß ich irgendwie Angst hatte, meiner Familie in England Schande zu machen. Meine
instinktive Reaktion war, mich abzukapseln und zu verschließen.

Ich hatte großen Respekt vor der Emanzipiertheit, die ich an den amerikanischen Frau-
en wahrnahm. Im Vergleich erschienen die Engländerinnen mir längst nicht so auto-
nom. Ich wollte an dieser Emanzipation auch teilhaben, aber gleichzeitig wollte ich das
Vertraute beibehalten. Ich hing in der Luft, war weder Fisch noch Fleisch.

Als keines Mädchen glaubte ich, ich sei dazu bestimmt, große Leiden zu erdulden. Das
hört sich jetzt wirklich merkwürdig an, aber ein Teil in mir freute sich beinahe darauf. Es
war die große Herausforderung des Lebens für mich. Natürlich hatte ein anderer Teil in
mir furchtbare Angst davor, weil ich nicht wußte, welche Form dieses Leiden annehmen
würde.

Mein Alltagsleben war mit viel Leiden erfüllt. In meiner religiösen Erziehung spielte
Leiden eine große Rolle; ich hielt mich gewissermaßen selbst in einem permanenten
Leidenszustand. So war das Leben gedacht. Leiden gab dem Leben einen Sinn. Es klingt
verrückt und abstrus, und ich wünschte, es wäre anders gewesen, aber wenn ich wirk-
lich mit mir zufrieden sein wollte, war Leiden ein Mittel, diesen Zustand zu erreichen.

Eine Hälfte in mir wußte, daß dieser religiöse Kram einfach dummes Zeug war, und
ich wollte nichts damit zu tun haben. Aber die andere Hälfte in mir fühlte sich so sehr
davon angezogen. Es schien so gut, so würdig, so rechtschaffen. Da waren diese bei-
den unterschiedlichen Hälften und wahrscheinlich noch mehr Facetten; diese Wider-
sprüche zerrten an mir, erzeugten Ambivalenz und Schuldgefühle. Ich hatte ständig
widerstreitende Gefühle und kam einfach nicht damit zurecht. Die Schuldgefühle waren
so überwältigend, daß ich nicht wußte, wie ich weiterleben sollte, es sei denn, ich fände
einen Weg, intensiv zu leiden. Wenn ich nicht litt, mußte ich einen anderen Weg finden,
der Welt mitzuteilen, daß ich ein schlechter Mensch war. Ich mußte bereuen. Ich war
so schlecht, daß ich es nicht verdiente, weiterzuleben, ohne in irgendeiner Weise zu
leiden. Für mich gab es keine Vergebung.

All diese Gefühle, diese Ambivalenz, erzeugten ein ungeheures Maß an Streß. Schließ-
lich griff es mich physisch an. Als ich dann Krebs hatte, war ich beinahe erleichtert. >Es
ist in Ordnung; du hast genug gelitten. Jetzt kannst du etwas Positives für dich tun.<
Es war, als hätte ich selbst dafür gesorgt, daß ich Krebs bekam, und ich war die einzige,
die es rückgängig machen konnte. Aber ich hatte mir nie vorgestellt, daß ich mir etwas
so Schwerwiegendes antun könnte. Ich dachte: >Ach du lieber Gott, wie kann ich das
je wieder in Ordnung bringen?<

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Ich wußte schon lange von dem Knoten in meiner Brust. Ich erwähnte ihn meinem Gy-
näkologen gegenüber, aber er fand es offenbar nicht besonders besorgniserregend. Er
glaubte, ich sei zu jung, um so etwas wie Krebs zu haben.

Ich war sicher, daß es nichts bedeutete, bis ich in regelmäßigen Abständen starke
Schmerzen in der Brust bekam. Ich entschloß mich, einen Chirurgen aufzusuchen. Er
sagte, es sei ein Knoten, der entfernt werden müsse, und es ließe sich durch die Ab-
saugmethode machen. Ich wußte, daß er unrecht hatte, denn der Knoten war einfach
zu hart, um ihn durch Absaugen zu entfernen. Er versuchte es trotzdem.

Ich fühlte mich so gesund. Es war schwer zu glauben, was mir gesagt wurde. Ich hatte
mich nie krank gefühlt. Als der erste Arzt >Krebs< sagte, als er das Wort gebrauch-
te, fühlte ich mich plötzlich wertlos. Krebs war ein schlechtes Wort. Es war anders als
>Infarkt< oder >Parkinsonsche Krankheit< oder >Diabetes<. Ich hatte das Gefühl,
daß die Leute mich meiden würden.

Mein Mann reagierte unglaublich gut an diesem Nachmittag. Wir saßen zusammen im
Sprechzimmer meines Arztes. Der Arzt sagte: >Wissen Sie, es gibt keine Möglichkeit
der Heilung, aber wir können das und das tun, um den Prozeß aufzuhalten.<
Mein Mann sagte: >Haben Sie je erlebt, daß jemand diese Krankheit überwand?<
Der Arzt sagte: >Nein, nie.<
Mein Mann wandte sich mir spontan zu und sagte: >Also, Barbara, du wirst die erste
sein.<

Ich saß da und war total im Schock. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte.
Aber er sagte es, und ich werde diesen Augenblick nie vergessen.

Wenn er das nicht gesagt hätte, weiß ich nicht, was passiert wäre. Ich brauchte seine
Zuversicht. Ich brauchte jemanden, der stärker an mich glaubte, als ich selbst dazu
imstande war.

In diesem Augenblick begriff ich zum ersten Mal, wieviel Vertrauen er zu mir hatte. Das
gab mir Kraft, unglaublich viel Kraft. Ich wußte, daß ich es selbst herausfinden mußte,
was zu tun war.

Ich wollte noch einige andere Meinungen hören, aber die Ärzte, die ich aufsuchte,
sagten alle dasselbe: >Ja, Sie haben Krebs.< Ohne Umschweife sagten sie mir: >Sie
haben wahrscheinlich nur noch ein Jahr zu leben.<

Der erste Chirurg wollte sofort eine Brustamputation vornehmen. Ich ging zu einem
zweiten Chirurgen, der den Onkologen hinzuzog. Der Onkologe sagte: >Nein, wir müs-
sen zuerst noch mehr Tests machen.< Sie machten Tomographien und stellten fest, daß
der Krebs Metastasen in meinen Knochen, meiner Wirbelsäule gebildet hatte. Damit
war die Brustamputation überflüssig geworden.

Als sie übereinstimmend zu dem Schluß kamen, daß meine Eierstöcke entfernt werden
müßten, empfand ich das als einen Angriff auf meinen Körper. Ich fühlte mich sehr be-
droht, und dennoch schien es keine Alternativen zu geben. Ich wurde von allen Seiten
unter Druck gesetzt, schnell zu handeln. Die Ärzte waren der Meinung, daß ich den

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Ernst meiner Lage verleugnete und die Dinge hinauszögerte und daß ich sofort etwas
unternehmen müßte.

Ich ging nach Rochester und konsultierte zwei oder drei weitere Ärzte. Sie bestätigten,
was die anderen gesagt hatten. Dann kam ich zurück und ging zu meinem Hausarzt.
Wenn ich wollte, war er bereit, mir die Namen anderer Ärzte in New York oder Boston
oder wo auch immer zu geben, aber er sah keinen Sinn darin.

Ich hatte Angst, noch anderswo hinzugehen. Meine Krankheit wurde ohnehin schon auf
so unpersönliche Weise abgehandelt. Ich wollte nicht noch größere, noch unpersönli-
chere Kliniken oder Praxen aufsuchen, denn ich stellte mir lange Wartezeiten vor und
wieder einen anderen Arzt, den ich nie gesehen hatte und mit dem ich die intimsten
Dinge, die meinen Körper und mein Leben betrafen, diskutieren mußte.

Außerdem schien es so, als reichten die Ärzte sich untereinander einfach nur die In-
formationen weiter. Ich hatte nicht den Eindruck, daß diese Ärzte wirklich ihre eigene
Meinung sagten. Sobald ein Arzt meine Unterlagen vor sich hatte, war er nicht mehr
bereit, die Diagnose eines Kollegen in Frage zu stellen. Ich habe keine Beweise dafür,
aber das war immer mein Gefühl.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen langfristigen Vertrag als Vertretungslehrerin. Ich
sprach mit dem Rektor der Schule und sagte ihm, was los war. Ich wollte mir vor den
Weihnachtsferien eine Woche freinehmen, weil ich mich einer Ovarektomie unterziehen
mußte. Er sagte: >Machen Sie sich nicht die Mühe, zurückzukommen.<

Für mich hörte sich das an wie: >Meinetwegen können Sie sich gleich begraben lassen.<
Es war furchtbar. Ich wollte ihm sagen: >Begreifen Sie denn nicht, daß ich meine Arbeit
brauche, um wieder gesund zu werden? Ich muß mit den Kindern zusammensein.<

Ich fühlte mich wie eine Aussätzige. Es schien, als könnte niemand diese Gefühle ver-
stehen. Ich wurde aus der Gesellschaft ausgestoßen, mit dem Etikett >Krebs< abge-
stempelt und in die kleine Randgruppe der Krebskranken abgeschoben. Als ich wirklich
jemanden brauchte, der an mich glaubte, ganz gleich, wie schlecht die Chancen stan-
den, war niemand da. Mein Mann konnte seine ursprüngliche Überzeugung ohne jede
Unterstützung durch die Umwelt nicht aufrechterhalten. Ich war von der Menschheit
verlassen; alle hatten mich aufgegeben.

Ich sagte dem Rektor: >Ich habe einen Vertrag. Ich werde bis zum Ende des Jahres
bleiben.<

Ich suchte nach irgendeinem Menschen, der mir Hoffnung geben konnte, weil es für
mich allein so schwer war. Ich brauchte die Bestätigung von außen, daß es zumindest
die allergeringste, allerentfernteste Möglichkeit der Heilung gäbe. Einer der Ärzte, die
ich konsultierte, war Radiologe. Er war auf die Deutung von Röntgenaufnahmen spezia-
lisiert. Er sagte: >Es ist zu neunzig Prozent sicher, daß sich Metastasen in den Knochen
gebildet haben.<

Als ich fragte: >Können Sie es mit hundertprozentiger Sicherheit sagen?<, sagte er:
>Nein; es gibt zwar sichtbare Herde, aber ich bin mir wirklich nicht hundertprozentig
sicher.< Ich denke, er hatte genug Zutrauen zu seiner eigenen Kompetenz, um etwas

182
zu sagen, das von der Meinung der anderen ein wenig abwich. Er sagte, um Knochen-
metastasen mit hundertprozentiger Sicherheit festzustellen, müsse man eine Knochen-
biopsie machen. Er sagte, die Prozedur sei sehr schmerzhaft, und bei der Entnahme
von Knochenmark sei das Infektionsrisiko sehr hoch. Er riet mir davon ab, mich diesen
Schwierigkeiten auszusetzen.

Seine Meinung war die einzige, die ich wirklich ernst nahm, weil sie mir am meisten
Hoffnung vermittelte. Für alle anderen war mein Schicksal besiegelt.

Ich stimmte der Ovarektomie (Entfernung der Eierstöcke) schließlich zu. Aber da ich
mich nie krank fühlte, war ich mir innerlich nie ganz sicher, ob die Diagnose stimmte.
Ich meine, an dem Morgen vor der Operation machte ich noch mein Lauftraining. In ge-
wisser Weise hatte ich das Gefühl: >Ok, das lasse ich mir jetzt von euch antun, aber ich
werde es euch zeigen! Ich komme wieder auf die Beine. Ich werde meine Selbstachtung
und mein Selbstwertgefühl wiedererlangen!< Ich hatte den Eindruck, sie versuchten,
mir meine Selbstachtung zu nehmen.

In der Woche, die ich im Krankenhaus verbrachte, hatte mein Mann mit einem Klien-
ten zu tun, dessen Schwester gerade an Krebs gestorben war. Er gab meinem Mann
ein Bernie-Siegel-Tonband für mich. Es sprach mich unmittelbar an; ich fühlte mich in
meinen Erfahrungen gerechtfertigt und verstanden. In ihm fand ich einen der wenigen
Ärzte, die ihren Patienten nicht das Gefühl der Selbstbestimmung nehmen wollen.

Ich habe einen Freund, der Arzt ist. Er besuchte mich im Krankenhaus und fragte mich
oft, wie es mir ginge. Im Lauf der Zeit wurde mir klar, daß er große Angst vor meiner
Krankheit hatte, Angst, daß ich sterben würde. Ich hattet es nicht erwartet, und es
scheint erstaunlich, aber Ärzte haben genausoviel Angst vor dem Tod wie alle anderen
Menschen.

Ich weiß jetzt, wenn ich den Rat von Ärzten einhole und wenn sie Druck auf mich
ausüben, schnell zu handeln, daß ich herausfinden muß, wieviel davon auf legitimen
Befürchtungen beruht und wieviel einfach Ausdruck ihrer eigenen Ängste ist.

Nach der Operation sagte ich meinem Freund, daß seine Ängste oder die Ängste mei-
nes Arztes mich nichts angingen. Niemand würde mich je wieder dazu bringen, so un-
überlegt zu reagieren. Ich hätte vermutlich eine andere Entscheidung getroffen, wenn
ich mir genug Zeit genommen hätte, aber ich glaube, ich konnte nicht warten, weil ich
zuviel Angst hatte.

Unmittelbar nach der Operation nahm ich meine Arbeit wieder auf. Ich wußte, daß ich
den Kontakt mit den Kindern brauchte. Sie waren die einzigen Menschen in meinem
Leben, in deren Gesellschaft ich das Gefühl hatte, ich selbst sein zu können. Sie sind
so unverklemmt, und wenn ich mit ihnen zusammen war, konnte ich auch loslassen. In
Gesellschaft von Erwachsenen mußte ich immer diese andere Person sein, die ich nicht
wirklich war.

Die Kinder gaben mir, was ich wirklich brauchte. Ich mußte es annehmen, und sie ga-
ben es ohne Zögern. Im Zusammensein mit ihnen wurde ich von etwas Zauberhaftem
und Schönem berührt. Sie waren wundervoll, und ich glaube, sie selbst profitierten
auch von dieser Erfahrung.

183
Es gab Zeiten, da schrieb ich etwas an die Tafel oder hörte einem Kind zu, und plöt-
züch ging mir durch den Kopf: >O mein Gott, ich muß furchtbar krank sein. Was tue
ich eigentlich hier?< Ich fühlte mich oft so furchtbar angestrengt, hatte entsetzliche
Schmerzen im unteren Rückenbereich, und es schien, als könnte ich mich nicht mehr
auf den Beinen halten. Man hatte mir gesagt, der Krebs habe Metastasen in meiner
Wirbelsäule gebildet.

Um solche Zeiten durchzuhalten, mußte ich mich in einen anderen Bewußtseinszustand


versetzen, mich auf das Positive konzentrieren, an die Möglichkeit glauben, daß ich
keine unheilbar Kranke war. Immer und immer wieder sagte ich mir: >Ich bin ok. Sieh
doch, was ich tue. Ich stehe hier und mache meinen Unterricht. So krank kann ich nicht
sein!<

Es war nicht immer leicht, vor mir selbst diese Einstellung aufrechtzuerhalten. Aber der
Versuch, anderen ein gutes Gefühl zu vermitteln, war eine viel größere Belastung. Ich
sah schwächer aus, ich hatte abgenommen, und natürlich waren die Leute durch die
Diagnose erschüttert. Irgendwie mußte ich mich anderen so präsentieren, als ob ich
mich gut fühlte. >Nein, wirklich, es geht mir gut<, - immer und immer wieder.

Die Leute schienen Angst zu haben, daß ich vor ihren Augen sterben würde.

Am Ende des Schuljahres versuchte ich, für dieselbe Stelle eine Vertragsverlängerung
zu bekommen, aber ich bekam sie nicht. Mein ganzes Leben lang hatte ich das Gefühl,
mich selbst beweisen zu müssen. Ich dachte: >Hier stehe ich nun, man sagt mir, daß
ich bald sterben muß, und ich muß immer noch meine Fähigkeiten unter Beweis stel-
len.< Mir schien, als müßte ich den Leuten beweisen, daß ich fähig war, weiterzuleben.
Es machte mich wahnsinnig wütend.

In diesem Sommer wußte ich, daß ich weggehen mußte. Ich hielt es nicht mehr aus.
Mein Mann und ich waren einfach zu sehr ineinander verklammert. Alles war fragwürdig
geworden, die Beziehung eingeschlossen. Ich fragte mich, ob ich mich von ihm tren-
nen müsse. Es war also eine unruhige Zeit voller Ängste. Glücklicherweise konnte mein
Mann mir den Freiraum lassen, den ich brauchte. Ich bin sicher, er brauchte auch Zeit
für sich. Er unterstützte jede Entscheidung, die ich für mich als notwendig erkannte.
Für mich war es Zeit, auf meinen eigenen Füßen zu stehen. Ich wußte Rat und Unter-
stützung zu schätzen, aber ich mußte selbst die Initiative ergreifen.

Ich hatte mein Leben lang ein Ratespiel gespielt: >Was muß ich jetzt tun? Was erwartet
dieser oder jener von mir?< Ich versuchte ständig, irgend jemandem zu gefallen. Ich
war sehr gut darin geworden, herauszufinden, was anderen gefiel, aber ich wußte nicht
wirklich, was ich selbst wollte.

Plötzlich mußte ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich dies oder jenes
leisten oder erfüllen könnte. Ich stand vor dem Tod. Durch die zeitliche Begrenztheit
meines Lebens hatte ich ein viel besseres Gefühl dabei, genau das zu tun, was ich woll-
te. Ich war entschlossen, selbst zu entscheiden, was ich brauchte, und es dann einfach
zu tun. Ich wußte, was ich zu tun hatte. Ich zögerte und zauderte nicht. Ich fragte mich
nicht, ob ich genug Geld hätte. Ich machte mir keine Gedanken, wer mit mir kommen
würde.

184
Zum ersten Mal war mir das alles nicht wichtig. Ich wußte, das würde sich alles von
selbst regeln, sobald ich die Initiative ergriff und die Entscheidung fällte.

Ich fühlte mich wie eine Aussätzige, als ich von zu Haus wegging, um den Sommer im
Options Institute* zu verbringen. Die Leute hatten Angst vor mir, und ich hatte Angst,
unter Leuten zu sein. Sie wollten nicht über Krebs sprechen; das Thema war allzu be-
drohlich. Es schien, als hätten sie Angst, sich bei mir anzustecken. Ich fühlte mich sehr
einsam.

Am ersten Abend saßen wir im Kreis, und jeder erzählte etwas über sich selbst. Ich
sagte, der Grund, warum ich in dieser Runde säße, sei, daß ich Krebs hätte und nicht
wüßte, ob ich weiterleben oder sterben würde. Barry Neil Kaufman, der Co-Direktor des
Institutes, sagte mir: >Wissen Sie, es ist nicht wirklich wichtig, ob Sie weiterleben oder
sterben.<

Es war eine solche Erleichterung, ihn das sagen zu hören. Mit einem Satz hatte er mir
die Erlaubnis gegeben, nicht weiterzuleben. Ich mußte mich nicht mehr selbst bewei-
sen, mußte niemandem etwas beweisen, indem ich weiterlebte.

Aber sie glaubten dort auch an Wunder. Ich brauchte wirklich Menschen, die diese Art
von Botschaft aussprechen konnten. Sie glaubten, daß Liebe Menschen gesund machen
könnte.

Die Umgebung des Instituts war wunderschön. Meine Stimmung war so friedlich. Ich
war an einem paradiesischen Ort. Hin und wieder versuchten sie, mich auf den Boden
zurückzuholen, aber ich schwebte in den Wolken. Ich meine, ich ging zu Bernie Siegel,
während ich dort war, und das war das stärkste Erdungserlebnis, das ich je hatte.«
Barbara lacht.

»Im Lauf der Zeit entwickelte sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl, ein Gefühl der Zu-
gehörigkeit. Ich glaube, für mich war es das erste Mal, daß ich mich in einer Gruppe von
Menschen wirklich akzeptiert fühlte. Es war ungeheuer befreiend.

Als der Sommerworkshop des Options Institute endete, plante ich, an ihrem Ausbil-
dungsprogramm teilzunehmen. Dazu mußte ich alle drei Wochen einmal hinfahren.
Beim ersten Mal fuhr ich um sechs Uhr morgens von zu Haus los, um rechtzeitig da zu
sein. Es war sehr neblig. Durch das stundenlange Fahren im Nebel, das angestrengte
Starren auf die Straße, geriet ich eine Art Trancezustand. Als ich von der Straße abkam,
war ich so erschrocken, daß ich aufs Gas trat statt auf die Bremse. Ich wurde immer
schneller. Glücklicherweise war ein Feld vor mir; unglücklicherweise stand ein Baum auf
dem Feld. Ich fuhr meinen Wagen zu Schrott.

Die Erfahrungen im Options Institute halfen mir, mehr auf mich selbst zu hören. Ich sah
manche Dinge als Zeichen. Ich interpretierte den Unfall als Hinweis, daß ich die falsche
Richtung eingeschlagen hatte. Also fuhr ich nicht mehr hin.

____________________________________________________________________
*Das Options Institute in Sheffield, Massachusetts, bietet Therapieworkshops an, die auf die Freisetzung
des eigenen Persönlichkeitspotentials ausgerichtet sind.

185
Ich entwickelte großes Interesse an Zauberkunststücken. Ich ging zu einem Workshop
>Die heilende Kraft von Lachen und Spiel< von Joel Goodman. Er arbeitet mit Humor
und Lachen und Zaubertricks. Ich fing an, meinen Nichten Zaubertricks vorzuführen,
und sie fanden es herrlich. Leute kamen zu Besuch, und ich zeigte Zauberkunststücke,
und alle waren so wundervoll, sie ließen es mich einfach machen. Es war wichtig für
mich, zaubern zu lernen. Es gehörte nicht zu den Dingen, die einfach passierten, über
die man keine Kontrolle hatte. Man kann es tatsächlich kontrollieren, und was dabei
herauskommt, ist Zauberei. Man erzählt lediglich nicht jedem, wie man es macht.«
Barbara lacht wieder.

»Bis zu diesem Zeitpunkt ging ich regelmäßig zu meinem Onkologen. Ich wollte, daß er
sich das Tonband anhörte, das ich von Bernie Siegel bekommen hatte. Er wich immer
wieder aus und sagte, er habe in der Praxis keinen Kassettenrecorder. Je mehr ich über
diese Dinge sprach, desto mehr fühlte er sich gestört. Er dachte, ich sei nicht mehr
ganz bei Trost. Er schien mich mit Argwohn zu betrachten, obwohl der Krebs sich längst
nicht so schnell ausbreitete, wie er gedacht hatte. Aber statt sich für mich zu freuen,
schien er darüber verstimmt zu sein.

Es war sehr unangenehm für mich, die Ärzte aufzusuchen. Ich wollte mit jemandem
reden, der in bezug auf meine Gesundheit in einer Autoritätsposition war, der sich für
alles engagierte, was vielleicht helfen könnte. Ich wollte über die Dinge sprechen, die
ich ausprobierte. Statt dessen hatte ich das Gefühl, gegen die medizinischen Autoritä-
ten ankämpfen zu müssen. Ich hatte nie das Gefühl, daß sie wirklich auf meiner Seite
waren oder mit mir arbeiten wollten. Ich war diese Frau, mit der sie sich herumschlagen
mußten. Ich glaube, an diesem Punkt wurde mir klar, daß ich alternative Wege suchen
mußte.

Ich fing an, ins Kripalu-Center* zu gehen. Ich konsultierte den homöopathischen Arzt
dort und nahm an verschiedenen Seminaren teil. Ich ging auch zu einem Chiroprakti-
ker. Meine regulären Ärzte waren der Meinung, ich sollte dieses Medikament nehmen,
Tamoxifen. Ich lehnte das ab, hatte aber Angst, weil ich nicht sicher war, ob ich das
Richtige tat. Dann sagte der homöopathische Arzt, ich sollte das Medikament vielleicht
doch nehmen. Das warf mich wirklich um; gerade von ihm hätte ich das nicht erwar-
tet.

Eines Nachmittags saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete an einem Referat. Ich
hatte nebenbei eine Ausbildung als Beraterin angefangen. Als ich da saß und meinen
Hals berührte, fühlte ich einige Knoten. Die Ärzte hatten mir gesagt, wenn der Krebs
sich weiter ausbreitete, würde er wahrscheinlich nach oben wandern, in den Hals. Die
Lymphdrüsen waren geschwollen. Ich war in Gefahr. Ich bekam panische Angst vor der
Möglichkeit, daß die Krankheit sich weiter ausbreiten könnte.

Ich rief meinen Chiropraktiker an. Er hatte mir einmal gesagt, wenn ich je etwas an-
deres brauchte, als er mir geben konnte, würde er versuchen, Leute zu finden, die mir
helfen könnten. Ich hatte Vertrauen zu ihm. Ich wußte, er wollte etwas tun, um mir zu
helfen, und das gab mir ein Gefühl der Geborgenheit.

____________________________________________________________________
*Das Kripalu-Center in Lenox, Massachusetts, ist ein spirituelles Zentrum mit einem breitgefächerten
Gesundheitsprogramm, zu dem unter anderem Yoga, Körperarbeit, Fitneßtraining und alternative Ernäh-
rung gehören.
186
Es ist nicht legal, aber ich hatte keine Bedenken, als er mir den Namen und die Telefon-
nummer der Manner‘s Klinik in Mexico gab. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, weil ich
wußte, mein Chiropraktiker würde mir nur etwas empfehlen, was mir nützen konnte.
Ich sprach mit einigen Ärzten der Klinik, um möglichst viele Informationen zu bekom-
men. Ich rief Dr. Harold Manner direkt in seiner Wohnung in Tijuana an. Ich plante, am
9. November zu fahren, und erzählte ihm, daß der 10. November mein Geburtstag sei.
>Das ist wunderbar<, sagte er. >Wir werden Ihren Geburtstag feiern.<

Alles, was ich dort an Therapie machte, drehte sich um das Wiedererleben des Ge-
burtsprozesses (Rebirthing). Während dieser Zeit und während des gesamten darauf
folgenden Jahres regredierte ich immer wieder in einen frühkindlichen Zustand. Ich
mußte meine Kindheitsentwicklung noch einmal wiederholen, aber diesmal so, wie ich
es wollte.

Ich mußte in die ganz frühen Jahre des magischen Erlebens und der Phantasie zurück-
kehren. Ich glaube wirklich, daß eins der Schlüsselgeheimnisse bei der Überwindung
schwerer Krankheiten darin liegt, zu dem kindlichen Glauben zurückzukehren, daß
nichts unmöglich ist. Aber für die meisten Erwachsenen ist das sehr schwer.

In psychologischer Hinsicht hatte die Behandlung in Mexico für mein Gefühl etwas un-
geheuer Lebensbejahendes. Im Unterschied zur Chemotherapie wurde die Behandlung
als etwas dargeboten, das mein Immunsystem stärkte. Im wesentlichen ging es darum,
das gesamte Körpersystem zu entgiften und zu reinigen und es dann mit den Nährsub-
stanzen neu aufzubauen. Achtzehn Tage lang erhielt ich eine intravenöse Infusion. Die
Theorie war, daß die Substanz den Tumor auflösen und gleichzeitig alle Giftstoffe aus
dem Körper herausschwemmen würde.

Im Jahr vor dieser Behandlung hatte ich intensiv Meditation und Selbsthypnose prak-
tiziert. Ich konnte mich in einen tiefen Entspannungszustand versetzen. Während die
Infusion gemacht wurde, war ich in einer Art hypnotischer Trance, oder vielleicht war
es eine psychotische Trance.« Barbara lacht. »Sie leiteten ein Zaubermittel in meine
Venen, das mich heilen würde.

Im letzten Jahr unterzog ich mich einer Strahlenbehandlung. Ich erwartete von meinem
Arzt, daß er mich nach der Beendigung der Behandlung ins Krankenhaus schicken und
mir Vitamin C oder andere Nährsubstanzen geben würde, um mein Immunsystem zu
stärken. Ich glaube, ich hatte Angst, es ausdrücklich zu verlangen, weil ich weiß, wie
wenig Bedeutung solchen Dingen beigemessen wird. Aber ich war sehr enttäuscht und
wütend, daß er nie auf den Gedanken kam, es zu tun.

Dieser letzte Onkologe war sehr aggressiv, als ich zuerst zu ihm kam. Er hielt mich für
eine Irre. Er erzählt mir dauernd, daß ich irgendwie anders bin. Bei mir verläuft die
Krebserkrankung völlig anders als in allen anderen Fällen, die er kennengelernt hat. Es
ist eine sehr langsam wachsende Art von Krebs - bis jetzt. Er kann es nicht lassen, mir
das immer wieder zu sagen. Ich mag das überhaupt nicht.

Er sagt: >Sie müssen das und das nehmen. Es ist das einzige Mittel, das hilft. Sie ha-
ben sich einfach auf Ihre Verweigerungshaltung versteift.< Ich habe das Gefühl, er ist
wütend auf mich. Er macht mir ganz schön angst. Jedesmal, wenn ich zu ihm gehe,
sagt er: >Sind Sie jetzt bereit, das Tamoxifen zu nehmen?< Und ich sage: >Nein.<

187
Ich weiß, wenn ich sein Sprechzimmer verlassen habe, fühlt er sich nicht allzu toll. Er
will mir etwas geben. Wenn er mir nichts geben kann, macht ihn das hilflos, glaube ich.
Es ist beinahe so, als täte ich ihm etwas Schlimmes an; — ein furchtbares Gefühl.

Hin und wieder sage ich mir: >Ich werde ganz gewiß nie wieder zu ihm gehen.< Aber
dann lache ich und denke: >Na ja, vielleicht wird dieser Mann schließlich noch etwas
daraus lernen.<«

Das Interview mit Barbara erstreckte sich über drei Monate. Während dieser Zeit hatte
sie einen Termin bei ihrem Onkologen. Sie schilderte, wie die Begegnung verlief:

»Unsere Diskussionen lösten einiges aus. Mir wurde klar, wie wütend ich auf ihn
war. Bei diesem letzten Termin sagte ich ihm: >Ich möchte mit Ihnen reden. Kön-
nen wir uns setzen?< Ich sagte: >Mir gefällt Ihre Einstellung nicht. Wenn Sie das
alles so negativ darstellen, ist es sehr schwierig für mich, mein gutes Lebensge-
fühl aufrechtzuerhalten.< Ohne jede wirkliche Diskussion sagte er sofort: >Ich
weiß, ich weiß; Sie wollen den Arzt wechseln, stimmt‘s? Zu wem wollen Sie?<

Aber ich wollte gar nicht unbedingt den Arzt wechseln. Ich wollte herausfinden, ob wir
unsere Beziehung anders gestalten könnten, ob wir einen Weg finden könnten, der es
uns beiden leichter machte. Für ihn war ich jemand, der sich ständig beschwerte. Ich
war eine Patientin, die aus dem Rahmen fiel. Er war sehr froh, mich loszuwerden.

Er verstand meine Art zu reden nicht. Wenn ich etwas zu sagen habe, werde ich sehr
emotional. Es steckt eine Menge Energie dahinter. Ich glaube, mein Gegenüber fühlt
im allgemeinen etwas, selbst eine Person, die sonst nicht gewohnt ist, etwas zu fühlen.
Was ich eigentlich ausdrücken wollte, war: >Es tut mir leid, aber ich ertrage es nicht
mehr, daß Sie mich nur wie eine Krankheit behandeln. Sie müssen mich als Person
wahrnehmen, sonst muß ich gehen.< Ich denke, seine Antwort bedeutete, daß er nicht
bereit war, mich als Person zu akzeptieren. Ich war entweder eine Krankheit oder gar
nichts.

Ich bin jetzt wieder bei einem anderen Arzt angemeldet, aber ich habe meine Beden-
ken. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das ganze nochmal durchstehen kann. Ich habe kei-
ne Lust mehr, mich mit Ärzten herumzuschlagen. Ich bin frustriert; ich habe das Gefühl,
ich muß sehr viel mehr in die Beziehung investieren, als sie zu geben bereit sind.

Strahlenbehandlung und Chemotherapie waren für mich immer etwas, was mir auf-
genötigt und mit Gewalt eingetrichtert wurde. Wenn etwas so präsentiert wird, leis-
te ich automatisch Widerstand. Mein Körper sagt einfach: >Moment mal, immer
langsam!<

Ich fand es hilfreich, Jill Irelands Geschichte zu lesen. Sie hatte einen kleineren Auto-
unfall, als sie schwanger war. Sie wurde gegen das Armaturenbrett geschleudert, und
ihre Knie schlugen heftig gegen ihren Bauch. Da sie Blutungen bekam, ging sie zu ei-
nem Arzt. Der Arzt sagte, es sei alles in Ordnung. Aber bald darauf setzten die Wehen
ein. Ihr Mann, Charles Bronson, verließ das Zimmer, um einen Arzt zu rufen. Sie fing
an zu bluten. Ihre Mutter ging hinaus, um ein Handtuch zu holen. Sie blieb allein in
ihrem Zimmer zurück, hockte sich auf den Boden und brachte ein Kind zur Welt, das
bereits tot war. Sie beschreibt mit erschütternder Intensität, was in ihr vorging, als sie

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sich mit dem toten Neugeborenen in einer Blutlache vorfand. Sie schilderte auch ihre
Erfahrungen mit der Brustamputation. Sie hatte Krebs, und ihr wurde eine Brust abge-
nommen. Sie fragte sich, was mit der Brust geschah. Wurde sie einfach weggeworfen?
Sie fragte sich, was mit dem toten Kind geschah, das sie nie wiedersah. Warfen sie es
einfach auf den Müll?

Sie verliert einen Teil ihres Körpers, und es nimmt praktisch niemand Notiz davon. Was
machten sie damit? Wurde er einfach in einen Müllbeutel geworfen, und dann ab in
die Verbrennungsanlage? Ich meine, alle unsere Körperteile gehören zu uns, sie sind
wichtig, und da wird einfach etwas weggeschnitten und verschwindet. Das vermittelt
einem ein Bild davon, wie brutal die ganze Prozedur sein kann. Menschen, die einen
Teil ihres Körpers, einen Teil ihrer selbst verlieren, haben ungeheure Schwierigkeiten
zu bewältigen.

Ärzte und Krankenhauspersonal kümmern sich nicht darum. Medizinstudenten lernen


in ihrer Ausbildung, mit menschlichen Körperteilen in einer so kühl objektiven, manch-
mal zynischen Weise umzugehen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Arzt
im Options Institute. Er erzählte mir, wie er während seines Studiums im Seziersaal
ausgebildet wurde. Da standen riesige Bottiche mit menschlichen Körperteilen, die in
Formaldehyd schwammen. Die Assistenten mußten in die Bottiche hineingreifen und die
Körperteile herausholen, die sie sezieren sollten. Sie nahmen den Studenten die Sen-
sibilität dafür, daß sie es mit menschlichen Körpern zu tun hatten. Es ist kein Wunder,
daß Ärzte die Leute so behandeln, wie sie sie behandeln.

Wenn man erfährt, daß man eine schwere Krankheit hat, ist es meiner Meinung nach
wichtig, Leute zu finden, die das selbst schon durchgemacht haben, die durch einige
der kritischen Phasen gegangen sind und wissen, wie einem dabei zumute ist. Oder
man braucht jemanden, der mit Schwerkranken gearbeitet hat und auf diese Art mit
den Erfahrungen in Berührung gekommen ist.

Man kann sich einer Selbsthilfegruppe anschließen, auch wenn man nicht selbst aktiv
werden will. Es kann schon hilfreich sein, einfach nur zu hören, was andere zu erzählen
haben. Wenn man Krebs hat, ist da immer die Tendenz, sich zurückzuziehen, sich ab-
zukapseln. Zuerst klammert man sich vielleicht an irgend etwas, aus der Panik heraus,
aber dann ziehen die meisten sich auf sich selbst zurück. Es kann so scheinen, als ob
die Umwelt das Gefühl der Hoffnungslosigkeit verstärkt. Die Menschen, die einem am
nächsten stehen, kämpfen verzweifelt mit ihren eigenen Ängsten.

Im Idealfall findet man jemanden, einen Berater, eine Freundin, einen Therapeuten, der
einem helfen kann, auf die eigene innere Stimme zu hören. Denn wenn man auf sich
selbst hört, wirklich tief in sich hineinhorcht, bekommt man vielleicht ein Gefühl dafür,
was man tun kann, um sich wieder gesund zu machen. Aber wenn man voller Angst ist,
kann man die innere Stimme nicht hören. Wenn man Angst hat, kann man sich nicht
entspannen, nicht allein sein, nicht ruhig werden, nicht loslassen. Meditation kann ei-
nem helfen, sich zu entspannen und sich sicherer zu fühlen, daß man mit dem eigenen
inneren Selbst in Kontakt ist.

Für manche Menschen, die sehr krank sind, gibt es nichts mehr, was sie tun könnten.
Vielleicht sagen ihre Körper ihnen, daß sie wirklich das Endstadium erreicht haben, daß
sie an einem Punkt sind, an dem sie ihre physischen Kräfte nicht wiederbeleben kön-
nen.
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Ich glaube, Meditation und Imagination sind die Schlüssel zu diesem inneren Wissen.
Wie bei allen anderen Dingen, die ich ausprobiere, las ich auch über verschiedene For-
men der Imagination und wählte für mich etwas aus, das mir passend erschien. Ich fand
diese Tonbandkassette, auf der man einen Wasserfall rauschen hört. Jeden Tag, wenn
ich aus der Schule nach Haus kam, setzte ich mich hin und stellte mir vor, in einem ge-
sunden Körper zu sein. Ich saß sehr still, hörte mir die Tonbandaufnahme an und stellte
mir vor, daß dieser Wasserfall durch mich hindurchströmte und meinen Körper reinigte.
Ich benutzte die Informationen, die ich von meinen Ärzten hatte, als Anfangsbild. Dann
imaginierte ich die Heilung. Die Krebszellen wurden aus meinem Körper herausgespült,
ich heilte mich selbst.

Je öfter ich diese Visualisierungstechnik übte, desto intensiver wurden die Bilder und
Gefühle. Es ist nichts, was man einmal machen kann und was sofort funktioniert. Man
muß es üben, um besser darin zu werden. Es erfordert Ausdauer, Beharrlichkeit und die
wirkliche Überzeugung, daß es möglicherweise helfen könnte. Es ist nicht, wie wenn
man eine Pille schluckt - >Hier, nehmen Sie das, Sie werden sich besser fühlen<. Man
muß viel eigene Motivation mitbringen.

Ich wußte nicht, ob oder wie es helfen würde. Ich wollte nicht mit anderen Leuten darü-
ber sprechen, weil ich wußte, daß sie es merkwürdig finden und für Hokus-Pokus halten
würden. Ich hatte nicht das Bedürfnis, irgend jemanden zu überzeugen. Und ich wollte
es auch anderen Krebskranken nie aufdrängen. Denn wenn jemand, der Krebs hat,
noch nicht soweit ist, wenn es der falsche Zeitpunkt ist, wenn er oder sie nicht bereit
ist, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, ist es nur eine Belastung.

Ich hatte bei den Imaginationsübungen, wie bei meinen anderen eigenen Entscheidun-
gen, ein gutes Gefühl, so seltsam anderen diese Dinge auch erscheinen mögen. Ich
wußte auch nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Es erschien mir als der richtige Weg.
Natürlich hatte ich manchmal auch Zweifel.«

Beobachtungen

Barbara Dawson hatte ihr halbes Leben lang darauf gewartet, mit Krebs oder etwas
ähnlich Furchtbarem konfrontiert zu werden. Sie sagt uns tatsächlich selbst, daß die
Diagnose »Krebs« ihr fast ein Gefühl der Erleichterung gab. Sie mußte nicht mehr
mit der permanenten Angst leben, daß etwas Schreckliches geschehen würde; - das
Schlimmste war schon passiert.

Ihr Gefühl, daß sie es verdiente, schwere Leiden zu erdulden, und ihre objektive
Realität waren schließlich zur Deckung gelangt. Bernie Siegel, der Heiler, der nach
Barbaras eigenen Worten oft ausdrückte, was auch sie empfand, erklärt, das Leiden,
das mit schweren Krankheiten verbunden ist, könne wie eine Kreuzigung wirken, die
den Keim der Erlösung in sich trägt. Siegel sagt: »So viele Menschen fühlen sich un-
geliebt, benutzt und schuldbeladen, und die Krankheit kann wie ein Erwachen sein.
Schwere Krankheit erlöst Menschen von der Schuld, durch die sie sich all ihrer Sünden
wegen gestraft fühlen. Dann können sie ihren Weg gehen und sein, was sie wirklich
sein wollen.«

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Für Barbara bedeutete der Krebs tabula rasa - sie hatte für ihre »Sünden« bezahlt und
war frei, sie selbst zu sein. Ihr Kampf um das Überleben hätte zu einer Wiederholung
des alten Musters werden können, zu einem Zwang, das Leben in Gang zu halten, am
Leben zu bleiben, weil das in ihrer Sicht von ihr erwartet wurde. Aber nach der Dia-
gnose bemühte Barbara sich nicht mehr so angestrengt darum, anderen zu gefallen.
Schließlich gab sie sich sogar selbst die Erlaubnis, zu sterben, ohne Scham und ohne
das Gefühl, in den Augen anderer versagt zu haben. Als sie frei war, zu sterben, erkann-
te sie, daß es ihr wahres Bedürfnis war, zu leben, und nun konnte sie ohne Ambivalenz
all ihre beträchtlichen Energien auf das Lebenwollen konzentrieren.

Barbaras Persönlichkeit wuchs und reifte durch ihren Kampf mit dem Krebs. In ihrer
Kindheit und Jugend kämpfte sie ständig gegen sich selbst. Da diese inneren Kämpfe
soviel von ihrer Energie aufzehrten, hatte sie wenig Kraft übrig, um sich ihre eigene
Welt zu schaffen. Die Sprache, die sie wählte, um ihr Leben als junge Erwachsene zu
beschreiben, spiegelt ihr Gefühl der Machtlosigkeit. Ihre Übersiedlung in die Vereinigten
Staaten zum Beispiel war eine tiefgreifende Veränderung ihres Lebens, aber sie be-
schreibt sich dennoch als passiv: » ... schließlich fand ich mich doch hier wieder.« Das
klingt, als habe sie ihr eigenes Handeln nicht unter Kontrolle gehabt.

Das Bild, das ich jetzt von Barbara habe - eine couragierte, willensstarke Frau, die auf
eine stille Weise Kraft ausstrahlt -, steht in scharfem Kontrast zu diesem früheren Bild,
denn jetzt kann kein Zweifel mehr bestehen, daß sie sich in der Hand hat und für sich
selbst sprechen kann. Sie schilderte die Art, wie sie ihre Entscheidungen trifft, mit den
Worten: »Ich wußte, was ich zu tun hatte. Ich zögerte und zauderte nicht.« Oder neh-
men wir den letzten Termin bei ihrem Onkologen: Sie schlug ihm eine Unterredung vor
und sagte ihm offen: »Mir gefällt Ihre Einstellung nicht.«

In seinem Buch The Crack in the Cosmic Egg (»Der Sprung im kosmischen Ei«) be-
schreibt Joseph Chilton Pearce, wie kräftezehrend innere Konflikte sein können:

»Ein durch Unentschiedenheit zerrissenes, durch Alternativen verwirrtes Bewußtsein ist


ein Bewußtsein, das seiner Kraft beraubt ist. Der Körper spiegelt diesen Geisteszustand
wider. Die ambivalente Persönlichkeit ist wie ein schlecht synchronisierter Mechanis-
mus, der gegen sich selbst arbeitet. Sie ist wie eine Maschine mit Sand im Getriebe,
mit Kolbenfraß und Wasser in der Kraftstoffzufuhr. Der Energieaufwand ist enorm, und
es gibt gewaltigen Lärm, aber sonst passiert nicht viel.«

Barbara war selbst davon überzeugt, daß ihr innerer Konflikt zumindest einer der Aus-
löser der Krebserkrankung war. Krebszellen haben eine Struktur, die von der Ordnung,
die man in normalen Zellen findet, abweicht und die so desorganisiert sein kann, daß
es unmöglich wird, ihre Entstehungsquelle zu identifizieren. Barbara reflektierte in
metaphorischen Begriffen über ihre Krankheit und sah, daß diese auf der zellulären
Ebene so etwas wie eine mikrokosmische Spiegelung ihres Lebens darstellte. Sie be-
schrieb ihr Handeln vor ihrer Erkrankung durchgängig als ziellos und desorganisiert:
»Ich wußte nicht, wer ich war«; »Ich war weder Fisch noch Fleisch«; »Ich war keine
Amerikanerin, aber auch nicht mehr Engländerin«. Als sie krank geworden war, nahm
sie ihr Leben jedoch mit größerer Entschiedenheit in die Hand. Ob sie eine Reise nach
Mexico plante oder mit dem Rektor der Schule über ihren Arbeitsvertrag sprach, - sie
handelte entschlossener und vertraute darauf, daß sie die richtigen Entscheidungen
traf. Ihre Entschlossenheit wurde in der Art, wie sie nach ihrer Erkrankung mit

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Konflikten umging, besonders deutlich. In einem unserer Gespräche berichtete sie über
die offene Auseinandersetzung mit ihren Ärzten: »Früher war ich immer in inneren
Konflikten befangen, also war ich eine passiv-aggressive Kämpferin. Ich denke, die ge-
genwärtigen Auseinandersetzungen tun mir gut, denn ich kämpfe offener, als ich es je
getan habe.«

Sie ging davon aus, daß ihr seelischer Zustand sich in ihrem körperlichen Zustand wi-
derspiegelte, und nahm an, daß es sich sogar auf der zellularen Ebene auswirkte, wenn
sie Frieden mit sich selbst fand.

Wie die meisten Menschen, die außergewöhnliche Heilungserfahrungen machten, mein-


te auch Barbara, daß der Glaube an die Genesung von ausschlaggebender Bedeu-
tung sei. Um glauben zu können, mußte sie in den kindlichen Zustand zurückkehren,
in dem nichts unmöglich ist, Wunder eingeschlossen. Sie ging fürsorglich mit ihrem
inneren Kind um und gab ihm genug Freiraum zum Spielen. Da Barbaras erwachse-
ne Umwelt offenbar nicht glauben konnte, daß eine positive Entwicklung möglich sei,
konzentrierte sie sich auf die Welt der Kinder, die sie unterrichtete, eine Welt, in der die
Grenzen zwischen Realität und Phantasie fließend sind. Da kleine Kinder noch nicht so
sehr vom Bewußtsein der Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten durchtränkt sind,
wird das Wunderbare zum alltäglichen Ereignis, und das Unerwartete kann jederzeit
eintreten. Das Buch Why me? (»Warum ich?«) erzählt die Geschichte des neunjährigen
Garrett Porter, der erfolgreich gegen einen inoperablen Hirntumor ankämpfte. Garret
meinte, daß seine Perspektive, die Sichtweise des Kindes, ein wesentlicher Faktor sei-
ner erstaunlichen Heilung war: »Ich ging ganz offen an die Sache heran. Ich war neu-
gierig. Ich glaube, das ist das Gute daran, Kind zu sein, weil Erwachsene diese falsche
Auffassung von der Wirklichkeit haben - daß es vielleicht unmöglich ist.«

Barbara hatte außerordentliche Mühe, einen Arzt zu finden, der nicht alle Hoffnungen
zunichte machte. Sie wollte keine falschen Versprechungen hören, sondern lediglich die
Meinung eines Experten, der zumindest einzugestehen bereit war, daß die medizinische
Wissenschaft nicht genug über das Geheimnis des Lebens weiß, um unwiderrufliche
Todesurteile auszusprechen. Vor weniger als einer Generation teilten Ärzte ihren Pati-
enten in aller Regel nicht mit, daß sie Krebs hatten. Der heutige Trend, Patienten mit
der Wahrheit zu konfrontieren, ist zwar positiv, bedeutet aber nicht notwendigerweise,
daß ein vollständiges Bild vermittelt wird. Denn unabhängig davon, wie gering die sta-
tistische Wahrscheinlichkeit einer Heilung sein mag, gibt es immer Grund zur Hoffnung,
und die Form, in der ein Arzt die Diagnose mitteilt, ist eine medizinische Intervention
von großer Bedeutung. Ärzte, die ihren Krebspatienten - Menschen, die aufgrund der
schweren Krise, die sie gerade durchmachen, besonders verletzlich sind - sagen, wie-
viel Zeit ihnen noch bleibt, erzeugen vielleicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Wie Bernie Siegel in einem Interview sagte: »In manchen Fällen töten Ärzte Patienten
buchstäblich mit Worten. Ich spreche nicht von Fahrlässigkeit oder Kunstfehlern, son-
dern vom Zerstören der Hoffnung, wenn man den Leuten voraussagt, wann sie sterben
werden. Die meisten haben nicht die Kraft, das Todesurteil abzuschütteln, also gehen
sie nach Haus und sterben schneller.«

Barbara war nicht dafür prädestiniert, sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden,


aber da sie sich vom medizinischen Establishment so schlecht behandelt fühlte, begann
sie anderswo nach Erklärungen zu suchen. Sie traute den Aussagen ihres Arztes nicht,
weil sie keine Fürsorglichkeit spürte, und fand es daher notwendig, eine zweite, dritte,

192
vierte Meinung einzuholen. Sie fragte sich, ob die Ärzte, die ihre Diagnose überprüfen
sollten, für sich selbst sprachen oder die Meinung des Kollegen einfach unbesehen über-
nahmen. Ihre Zweifel sind durchaus nicht paranoid. Wie bei anderen Berufsgruppen
kommt es auch bei Ärzten vor, daß sie die Meinungen von Kollegen routinemäßig gut-
heißen, statt einen Konflikt zu riskieren. In dem Buch »Wie kann ich helfen?« gesteht
ein Arzt diese Schwierigkeit offen ein:

»Selbst jetzt, nach Jahren der Praxiserfahrung, habe ich große Widerstände, mich we-
gen einer schwierigen Diagnose mit einem Kollegen anzulegen. Es ist eine Art schmut-
ziges kleines Geheimnis unter Medizinern. Für jeden steht eine Menge auf dem Spiel.
Wir alle hängen an unserer Autorität und unserer Persona. Es ist wie ein ungeschrie-
benes Gesetz unter Ärzten: Man bringt Kollegen nicht in die Gefahr, ihr Gesicht zu
verlieren - eine sehr heikle Angelegenheit. Ach ja, und wer bezahlt dafür?«

Barbara wollte nicht - und konnte vielleicht auch nicht - mit Ärzten kooperieren, die sie
als Person nicht respektierten. Viele von uns erinnern sich zweifellos, wie es ist, wenn
man von einem fachlich kompetenten, aber menschlich unangenehmen oder unfähigen
Lehrer zu lernen versucht. In dieser Situation kann man nur langsam und mühevoll
Wissen erwerben. In ähnlicher Weise leisten Angestellte nicht das, wozu sie eigentlich
fähig sind, wenn sie mit einem Vorgesetzten arbeiten müssen, der sie respektlos und
herabsetzend behandelt. Heilen ist ohne Zweifel ein genauso intimer Prozeß; ein Arzt
ist nicht einfach ein Verteiler und Vermittler medizinischer Kenntnisse und eine Patientin
oder ein Patient nicht einfach ein passiver Empfänger. Norman Cousins sagt: »Letztlich
ist es die Achtung des Arztes vor der menschlichen Seele, die den Wert seiner Kunst
ausmacht.«

In Barbaras Leben gab es keine Hoffnung auf tiefe Intimität, bevor sie enthüllen konn-
te, wer sie wirklich ist. Aber wie die meisten von uns hatte sie das Gefühl, daß manche
ihrer Persönlichkeitsanteile zu verabscheuungswürdig seien, um sie anderen zu zeigen.
Barbara wollte vor allem ihren Schmerz und ihr Leiden verbergen: » ... wenn ich auch
nur einen Funken Schwäche oder Leiden zugäbe, wäre ich vernichtet und hätte nichts
mehr, worauf ich zurückgreifen könnte.« Da das Leiden, das man fühlt, jedoch ein im-
mens bedeutsamer Aspekt des eigenen Wesens ist, blieb Barbara, indem sie es abspal-
tete, sich selbst und anderen immer fremd. Sie wagte nicht, ihr Leiden einzugestehen,
nicht einmal vor sich selbst. Bis zu ihrer Krebserkrankung war sie von ihrem eigenen
Selbst getrennt und konnte ihre innersten Gefühle nicht zulassen, denn die Konfronta-
tion mit diesen Gefühlen war für sie das Äquivalent der Selbstvernichtung.

Lawrence LeShan meint, daß diese Gefühle hoffnungsloser Isolation unter Menschen,
die an Krebs erkranken, allgemein verbreitet sind. Wie LeShan berichtet, »drücken vie-
le Krebspatienten explizit die Vorstellung aus, sie hätten sich jahrelang emotional wie
in einem Gefängnis gefühlt und keinen Weg gesehen, daraus auszubrechen, es sei denn
durch den Tod ... Sie haben das Gefühl, entweder sie selbst sein zu können, aber um
den Preis des Ungeliebtseins und Alleinseins, oder geliebt zu werden, aber um den Preis
der Selbstaufgabe und der Selbstverleugnung.«

Diese Menschen fühlen sich machtlos, in irgendeiner positiven Weise aktiv zu werden,
weil jede Form der Aktivität gleichermaßen sinnlos erscheint. Barbara gelang es jedoch,
aus dieser Isolation auszubrechen. Im Kripalu-Center und im Options Institute fand
sie Menschen, bei denen sie sich sicher genug fühlte, das Wagnis einzugehen und zu

193
enthüllen, wer sie war. Als sie selbst die unterschiedlichen Facetten ihrer Persönlichkeit
kennengelernt und akzeptiert hatte, bestand sie darauf, auch von wichtigen anderen,
zum Beispiel von ihren Ärzten, in ihrer Ganzheit anerkannt zu werden.

Nach der Diagnose war Barbara seelisch darauf vorbereitet, in ihren Beziehungen mehr
Nähe zuzulassen als vorher, aber gleichzeitig wurde diese Entwicklung durch die Um-
stände erschwert. Die Menschen in ihrer Umgebung reagierten anders auf sie, weil sie
Krebs hatte. Unglücklicherweise machen die meisten Krebspatienten diese Erfahrung.
Als Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren, in einer Studie nach der sozialen Unter-
stützung befragt wurden, die ihnen zur Verfügung stand, gaben zweiundsiebzig Prozent
an, daß sie von ihrer Umwelt anders behandelt wurden, sobald bekannt geworden war,
daß sie Krebs hatten. Die Hälfte der Befragten berichtete, daß sie gemieden wurden
oder daß andere Angst vor dem Kontakt mit ihnen hatten.

Der folgende Ausschnitt aus »Nebenwirkungen«, einer Sammlung von Kurzgeschichten


von Woody Allen, bringt diese tiefen Ängste treffend zum Ausdruck. Meyer Iskowitz, der
an Krebs erkrankt ist, liegt im Krankenhaus, und Lenny Mendel, ein Kumpel aus seiner
Pokerrunde, hat sich endlich dazu durchgerungen, ihn zu besuchen.

»>Na, wie geht‘s, Meyer?< fragte Mendel mit dünner Stimme, während er versuchte,
einen vertretbaren Abstand zum Krankenbett aufrechtzuerhalten.
>Wer ist das? Mendel? Bist du das, Lenny?<
>Ich hatte viel zu tun, sonst wäre ich früher gekommen.<
>Oh, es ist wirklich nett, daß du dir die Mühe machst. Ich freue mich so, dich zu se-
hen.<
>Wie geht‘s dir, Meyer?<
>Wie‘s mir geht? Ich werde mit dieser Sache fertig, Lenny. Denk an meine Worte. Ich
kriege das wieder hin!<
>Aber klar, Meyer<, sagte Lenny Mendel gepreßt, mit vor Anspannung zugeschnürter
Kehle. >In einem halben Jahr bist du wieder da und haust uns beim Poker übers Ohr.
Ha, ha, nein, im Ernst, du hast nie geschummelt.<

Immer locker, dachte Mendel, immer locker weiterreden. Tu so, als ob er nicht im Ster-
ben läge, dachte Mendel und erinnerte sich an Ratschläge für solche Situationen, die er
irgendwo gelesen hatte. In dem stickigen kleinen Raum stellte Mendel sich vor, daß er
Schwaden von bösartigen Krebskeimen einatmete, die von Iskowitz ausgingen und sich
in der warmen Luft vermehrten.

>Ich habe dir eine Zeitung mitgebracht<, sagte Lenny und legte sein Geschenk auf
dem Tisch ab.
>Setz dich doch. Hast du es eilig? Du bist doch gerade gekommen<, sagte Meyer mit
Wärme.
>Ich habe es nicht eilig. Es ist nur so, daß die Vorschriften besagen, man soll die Besu-
che kurz halten, um die Patienten nicht anzustrengen.<
>Also, was gibt‘s Neues<, fragte Meyer.

Resignierend erkannte Mendel, daß er die volle Zeit bis acht Uhr zu verplaudern hatte
(zehn Minuten), zog sich einen Stuhl heran (nicht zu nahe) und versuchte, Konver-
sation zu machen, über Poker, Sport, Neuigkeiten und Finanzen, und war sich dabei
ständig auf unangenehme Weise der unumstößlichen, schrecklichen Tatsache bewußt,

194
daß Iskowitz trotz seines Optimismus dieses Krankenhaus nicht mehr lebend verlas-
sen würde. Mendel schwitzte und fühlte sich benommen. Der Druck, die gezwungene
Fröhlichkeit, die von Krankheit beherrschte Atmosphäre und das Bewußtsein seiner ei-
genen dünnhäutigen Sterblichkeit ließen seinen Nacken steif und seinen Mund trocken
werden. Er wollte weg. Es war schon fünf nach acht, und niemand hatte ihn aufgefor-
dert, zu gehen. Mit den Besuchszeiten ging man hier offenbar lax um. Er wand sich auf
seinem Stuhl, während Iskowitz mit leiser Stimme über die alten Zeiten sprach, und
nach fünf weiteren deprimierenden Minuten glaubte Mendel, daß er ohnmächtig werden
würde.<«

Wie viele Krebskranke erlebte Barbara intensive Isolationsgefühle; sie fühlte sich »von
der Menschheit verlassen«. Verlassenheitsgefühle dieser Größenordnung sind äußerst
bedrohlich, denn sie lassen den eigenen Lebenswillen verdorren. Die Befreiung aus die-
sem Gefängnis beginnt, wenn entweder die kranke Person oder ihr jeweiliges Gegenü-
ber offen ausdrückt, was sie oder er fühlt.

Wenn wir unsere Angst, Wut oder Traurigkeit zum Ausdruck bringen, beginnen die Mau-
ern, die unseren Liebesgefühlen den Weg versperren, zu fallen.

Die Meditation half Barbara, sich auf sich selbst zu konzentrieren und intuitiv zu er-
kennen, welche Lebensweise ihr guttun würde. Dadurch, daß sie ihren Geist zur Ruhe
brachte, kam sie mit der Macht des Unbewußten in Berührung und konnte ihrer inneren
Stimme lauschen, die Weisheit ihrer eigenen inneren Heilerin aufnehmen. In unserem
Inneren herrscht ein permanentes Geplapper und Geschnatter von Gedanken, wie eine
Affenherde, die durch die Baumwipfel turnt. Durch Meditation kann man dieses Ge-
schnatter zum Schweigen bringen, die Wildnis des Geistes zähmen. Je besser wir ler-
nen, innerlich still zu werden, desto mehr Kontrolle haben wir über die weitreichenden
Kräfte des Geistes. Menschen, die nicht damit vertraut sind, halten Meditation oft für
etwas allzu Exotisches und Fremdartiges. Wenn Meditationstechniken beschrieben wer-
den, erscheinen sie jedoch paradoxerweise zu simpel, um von irgendwelchem Nutzen
zu sein.

Ich bin davon überzeugt, daß die Hinwendung zur Meditation der wichtigste Schritt ist,
den ein Mensch - ob krank oder gesund - tun kann, um die Qualität des eigenen Lebens
zu steigern. Obwohl manche Menschen gleich zu Beginn erstaunliche Erlebnisse ha-
ben, ist geduldiges Üben notwendig. Es gibt ein weites Spektrum von Meditationsstilen
und -techniken, unter denen man wählen kann. Ram Dass gibt Menschen, die Medi-
tation praktizieren wollen, in seinem Buch The Journey ot Awakening (»Die Reise des
Erwachens«) wertvolle Anregungen, und der Harvard-Kardiologe Herbert Benson stellt
in The Relaxation Response (»Die Entspannungsreaktion«) einen eher wissenschaftli-
chen Ansatz vor.

Barbara hatte ihre eigene Theorie über die Ursachen ihrer Krebserkrankung. Sie glaub-
te, daß ihr permanenter Ambivalenzzustand und ihr Leidensbedürfnis wesentlich an der
Entstehung der Krankheit beteiligt waren. Sie hielt nicht am Vergangenen fest, indem
sie sich selbst beschuldigte oder verurteilte, sondern benutzte diese Einsichten als Weg-
weiser, die ihr zeigten, welche Veränderungen sie in ihrem Leben vornehmen mußte.
Barbara fand es offensichtlich hilfreich, zwischen ihrem Verhalten in der Vergangenheit
und ihrer Erkrankung Verbindungen herzustellen. Das bedeutet jedoch nicht, daß es
für sie auch von Nutzen gewesen wäre, wenn irgend jemand aus ihrer Umgebung ihr

195
diese Interpretation aufgedrängt hätte. Menschen, die an schweren Krankheiten lei-
den, lehnen es ab und können auch nichts damit anfangen, wenn andere ihnen vermit-
teln, daß sie ihre Krankheit selbst geschaffen haben und daß sie ihr Leben in die Hand
nehmen könnten, wenn sie nur wollten. Einen kranken Menschen zu fragen, warum
er - oder sie - sich krank gemacht habe, ist eine dümmliche Vereinfachung. Und meis-
tens ist damit auch das Gefühl verbunden, daß der Fragende den Kranken verurteilt.
Solche Äußerungen können Gesunden vielleicht einen nützlichen Hinweis geben, aber
sie drücken kaum das Mitgefühl aus, das ein kranker Mensch braucht.

Da sich mittlerweile mehr und mehr Menschen für ihre eigene Krankheit verantwortlich
fühlen, werden einige vermutlich den Bogen überspannen. Obwohl es zweifellos richtig
ist, Menschen zur Erkenntnis und zur Verwirklichung ihres vollen Kräftepotentials zu er-
mutigen, müssen einige vielleicht ihre menschlichen Begrenzungen akzeptieren lernen
und brauchen Hilfe dabei.

Für einen kranken Menschen sind greifbare Dinge und gute Ratschläge selten die wert-
vollste Hilfe, die wir ihm oder ihr bieten können, ganz gleich, wie gut unsere Absichten
sind. Treya Killiam Wilber, eine Beraterin, die selbst Brustkrebs hatte, veröffentlichte
im Journal of Transpersonal Psychology einen Artikel mit dem Titel What Kind of Help
Really Helps (»Welche Art von Hilfe ist wirklich hilfreich?«). Sie erklärt, um welche Hal-
tung sie sich bemüht, wenn sie mit Kranken zusammen ist.

»Zuhören bedeutet Helfen. Zuhören bedeutet Geben. Ich versuche, emotional offen
und zugewandt zu sein, meine eigenen Ängste zu überwinden und den anderen inner-
lich zu erreichen, den menschlichen Kontakt aufrechtzuerhalten. Ich stelle fest, daß wir
über viele furchterregende Dinge gemeinsam lachen können, sobald wir uns gestattet
haben, die Angst wirklich zu fühlen. Ich gebe mir Mühe, der Versuchung zu widerste-
hen, für andere Imperative zu formulieren, nicht einmal Imperative zu gebrauchen wie
>Kämpfe um dein Leben!<, >Verändere dich!< oder >Stirb bewußt!<. Ich gebe mir
Mühe, Menschen nicht in eine Richtung zu drängen, die ich für gut halte oder die ich
vielleicht für mich selbst wählen würde. Ich versuche, mit meiner eigenen Angst in Kon-
takt zu bleiben, daß ich mich vielleicht eines Tages in derselben Situation wiederfinden
könnte, in der sie jetzt sind.«

Zuhören, wenn andere über ihre Schmerzen und ihre Verwirrung sprechen, in dem vol-
len Bewußtsein, daß wir vielleicht nichts tun können, um ihr Leiden zu mindern, ist ein
Geschenk des Herzens.

Wissenschaftliche Anmerkungen

Als Barbara Dawson England verließ, um in die Vereinigten Staaten zu gehen, fand sie
sich plötzlich von allem isoliert, was ihr vertraut war. Obwohl allgemeine Forschungsergeb-
nisse für das Individuum nicht notwendigerweise relevant sind, gibt es einige Hinweise
darauf, daß soziale Isolation für Frauen mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist.
1965 gaben zwei Epidemiologen, Peggy Reynolds und George Kaplan, an 6928 Erwach-
sene, die keine Vorgeschichte von Krebserkrankungen hatten, Fragebögen aus. Sieb-
zehn Jahre später hatten fünfhundert Personen aus dieser Gruppe Krebserkrankungen
entwickelt. Die Resultate wurden der Society of Behavioral Medicine (etwa: »Gesell-
schaft für Sozialmedizin«) vorgelegt. Bei Frauen, die durch die anfängliche Befragung

196
als sozial isoliert identifiziert worden waren (die wenig Kontakt zu anderen Menschen
hatten oder sich auch in der Gesellschaft anderer einsam fühlten), traten Krebserkrankun-
gen doppelt so häufig auf wie bei Frauen, die viele soziale Kontakte hatten und sich
nicht isoliert fühlten. Sozial isolierte Frauen waren im Vergleich zu anderen, sozial
eingebundenen dreimal so häufig an Krebs gestorben.

Barbara holte die Meinungen vieler verschiedener medizinischer Experten ein, ehe sie
sich für eine bestimmte Vorgehensweise entschied, und hatte selbst dann noch das
Gefühl, voreilig zu handeln. Obwohl Vertrauen in die Behandlung des Arztes, sobald die
Entscheidung gefällt wurde, in aller Regel als die ideale Geisteshaltung erscheint, gibt
es genügend Hinweise, daß ein gewisses Maß an Wachsamkeit angeraten ist. Wissen-
schaftler der Rand Corporation und der University of California in Los Angeles überprüf-
ten die medizinischen Unterlagen von 386 Patienten, die sich Herz-Bypass-Operatio-
nen unterzogen hatten. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal of the American
Medical Association veröffentlicht, Sie besagten, daß vierzehn Prozent der Operationen
unangemessen und weitere dreißig Prozent von fraglichem Wert waren. In einem der
untersuchten Krankenhäuser waren es nur siebenunddreißig Prozent der koronaren By-
pass-Operationen, die überhaupt als notwendig betrachtet wurden. Einer konservativen
Einschätzung nach, die von dieser Studie extrapoliert, riskieren jedes Jahr 40000 Men-
schen ihr Leben, indem sie sich einer Operation unterziehen, die gefährlich, kostspielig
und unnötig ist.

Noch deprimierender sind die Ergebnisse einer Studie, die im Oktober 1988 in der Zeit-
schrift Annals of Internal Medicine veröffentlicht wurde. Ein Team von drei Ärzten über-
prüfte die medizinischen Unterlagen von 182 Patienten aus zwölf Krankenhäusern, die
während der Behandlung von Lungenentzündungen, Herzerkrankungen und Infarkten
gestorben waren. Die Resultate: Alle drei Ärzte stimmten darin überein, daß vierzehn
Prozent der Todesfälle vermutlich vermeidbar gewesen wären; zwei der drei Ärzte setz-
ten diese Zahl sogar mit siebenundzwanzig Prozent an. Zu den Fehlern der Ärzte, die
zum Tod der Patienten führten, gehörten unter anderem die Verabreichung der falschen
Medikamente bei Lungenentzündung, die Fehldiagnose von Infarkten, weil Blut- und
Rückenmarksuntersuchungen versäumt wurden, und die falsche Behandlung von Pati-
enten mit Brustschmerzen.

Der Versuch des wissenschaftlichen Leiters, die Ängste potentieller Patienten durch den
Hinweis zu beschwichtigen, daß die meisten Menschen, die ein Krankenhaus aufsu-
chen, es auch lebend wieder verlassen, klang nicht sehr überzeugend. Er sagte: »Die
weitaus größte Zahl der Menschen, die in ein Krankenhaus eingewiesen werden, über
fünfundneunzig Prozent, sterben nicht. Für diese große Gruppe ist das gar keine Frage.
Man muß das also im Verhältnis sehen. Es ist ein Viertel oder ein Sechstel der fünf Pro-
zent, die im Krankenhaus sterben, bei denen der Tod vermutlich vermeidbar gewesen
wäre.«

197
CAROLE MATTHEWS UND BETTY PRESTON

Die Furcht vor dem Tod ist die Grundangst, die alle anderen Ängste beeinflußt; niemand
ist gegen diese Angst immun, ganz gleich, wie tief verdrängt sie sein mag.

ERNEST BECKER

Die zwei Frauen, die in diesem Kapitel ihre Geschichten erzählen, sind sehr unter-
schiedlich. Betty Preston ist eine alte Dame, die überströmende Warme und Herzlich-
keit ausstrahlt. Carole Matthews, nur halb so alt wie Betty, ist viel zurückhaltender im
Kontakt. Betty ist blond und rundlich; sie erinnert mich an die Großmutter, die ich mir
als Kind immer wünschte. Carole ist schlank und dunkel und auf eine exotische Weise
attraktiv.

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben beide Frauen etwas gemeinsam: ein Erlebnis,
das sie in ihrem tiefsten Wesenskern berührte. Beide machten die Erfahrung, auf dem
schmalen Grat zwischen Leben und Tod zu wandern, und eine überschritt vielleicht so-
gar die Grenze und stattete der anderen Welt einen kurzen Besuch ab. Die Begegnung
mit dem Tod hat das Leben beider Frauen grundlegend verändert.

Carole Matthews

Als wir uns zum ersten Mal trafen, kämpfte Carole Matthews seit vier Jahren mit einer
letalen Krebserkrankung. Und obwohl sie in Anbetracht der Schwere ihrer Erkrankung
in ungewöhnlich guter Verfassung war, hatte sie keine großen Hoffnungen, was ihre
Überlebenschancen anging. Sie machte vorsichtige Andeutungen, manchmal glaube
sie, daß ein Wunder möglich sei, aber generell drückte sie weitaus weniger Optimismus
aus als alle meine anderen Gesprächspartnerinnen und -partner.

Als wir uns dem Ende des Interviews näherten, sagte Carole, da sei noch etwas, was sie
mir mitteilen müsse. Ihre Verlegenheit war offensichtlich, und sie äußerte Bedenken,
ihre Enthüllung könne sich vielleicht merkwürdig anhören. Aber die Überzeugung, daß
ihre Erfahrung vielleicht auch anderen helfen könnte, gab ihr den Mut, über die Einzel-
heiten ihres täglichen Rituals zu sprechen.

Der Visualisierungsprozeß, von dem sie mir dann erzählte, war den Imaginationstech-
niken, die heute von vielen Menschen verwendet werden, tatsächlich ziemlich ähnlich.
Man muß Caroles Visualisierungserfahrungen jedoch ins Verhältnis setzen, um ihre Be-
deutung zu verstehen. Sie fing vor zehn Jahren an, ihre Imaginationsübungen zu prak-
tizieren. Zu diesem Zeitpunkt war nicht mehr als eine Handvoll interessierter »Insider«
damit vertraut. Carole verfügt über ein gewisses Maß an Bildung, aber sie hat keine for-
male Ausbildung genossen und ist zweifellos keine versierte Kennerin der »New-Age«-
Philosophie. Sie hatte nie von Imagination oder Visualisierung gehört. Die Vorstellung,
daß innere Bilder heilend wirken könnten, und der Entschluß, sie zu einem regulären
Bestandteil ihrer Behandlung zu machen, entsprangen ihrer eigenen Intuition.

198
Das Gespräch mit Carole fand vor etwa fünf Jahren statt. Sie war achtunddreißig Jahre
alt, verheiratet, und hatte zwei Söhne. Wir unterhielten uns im Arbeitszimmer ihres
Arztes in der radiologischen Abteilung eines städtischen Krankenhauses. Während des
Gesprächs rauchte sie hin und wieder eine Zigarette.

Caroles ursprüngliche Diagnose lautete auf inoperablen Lungenkrebs mit einem beson-
ders aggressiven Zelltypus. Ihr Onkologe berichtete, als die Krebserkrankung entdeckt
wurde, seien die Chancen, daß sie die nächsten fünf Jahre überleben werde, seiner
Einschätzung nach 1:100 gewesen. Um Caroles Krankheitsverlauf weiterzuverfolgen,
nahm ich ein zweites Mal Kontakt zu diesem Onkologen auf, neun Jahre nach der ur-
sprünglichen Diagnose. Als ich mich erkundigte, was aus ihr geworden sei, antwortete
er: »Ob Sie es glauben oder nicht - sie lebt, und es geht ihr gut.« Dann erzählte er
mir, daß er vor einigen Monaten gebeten worden war, einige Sozialversicherungsfor-
mulare auszufüllen, um ihren Status der Erwerbsunfähigkeit aufgrund von Krebs im
Endstadium zu bestätigen. Er wußte, daß sie die beantragte Sozialhilfe brauchte, aber
er konnte der Bitte nicht guten Gewissens entsprechen. Er erklärte, es gäbe einfach
keinerlei Rechtfertigung dafür, in ihrem Fall weiterhin von einer tödlichen Krankheit zu
sprechen.

In unserem Interview erzählte Carole, wie sie reagierte, als sie erfuhr, daß sie Krebs
hatte:

»Damals, im Juli 1980, wurde bei mir Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert. Die
Ärzte, fünf waren es, sagten, ich hätte noch sechs Monate oder vielleicht ein Jahr zu
leben. Sie sagten, ich brauchte Strahlenbehandlung und Chemotherapie. Ich ging nur
sechs mal zur Strahlentherapie. Dann weigerte ich mich, mit der Behandlung weiterzu-
machen, und sagte mir, daß ich einen Weg finden müßte, mir selbst zu helfen.

Ich ging für eine Woche in ein Gesundheitszentrum in Boston und fing mit einer
Rohkost-Diät an. Danach fuhr ich zu meiner Zwillingsschwester nach Connecticut. Sie
steht auf Gesundheitskost. Sie machte Extrakte und Säfte aus allen möglichen Pflanzen
und rohen Gemüsen: Karotten, Sellerie, Petersilie, Kohl. Ich trank frischen Orangen-
saft. Sie benutzte auch Körner, Linsen zum Beispiel, ließ sie keimen und preßte sie aus.
Ich nahm auch Pflanzenpräparate zur besseren Verdauung. Das hat mit der Reinigung
des Dickdarms zu tun; der Dickdarm soll eine Brutstätte für Krankheiten sein. Zwei Mo-
nate später fand ich mich im Krankenhaus wieder.

Der Krebs breitete sich aus, und ich bekam Atemnot. Ich konnte kaum noch atmen, was
ganz furchtbar war, aber innerlich fühlte ich mich gut. Ich war bereit. Ich erinnere mich,
daß ich sterben wollte. Ich dachte immer: >Gott, ich bin bereit, komm und nimm mich
zu dir.< Zwei Tage lang lag ich im Krankenhaus und konnte nicht atmen; ich wußte, daß
ich im Sterben lag. Ich weiß nicht, was dann passierte, denn ganz plötzlich - Wumm! -
kam der Atem wieder, einfach so. Für mich war es Gottes Entscheidung. Er wollte mich
einfach noch nicht.

Aber ich hatte den Tod gespürt, und deshalb habe ich keine Angst mehr. Jeden Mor-
gen aufzustehen und diesem Leben entgegenzutreten ist schwerer als Sterben. Früher
hatte ich vor allem Angst: daß Gott mich strafen würde, weil ich Unrecht getan hatte,
daß ich überfallen oder vergewaltigt würde. Es gibt so viele Ängste im Leben. Ich hatte
immer Angst, kein Geld mehr zu haben.

199
Als der Krebs sich ausbreitete, war ich in einem halbbewußten Zustand, aber in meinem
Inneren hatte ich ein gutes Gefühl. Ich habe den Tod gespürt, und darum habe ich keine
Angst mehr. Ich bin froh über diese Erfahrung; jetzt fürchte ich nichts mehr.

Ich glaube, dort, auf der anderen Seite, wartet ein besseres Leben auf uns, obwohl das
Leben hier manchmal auch sehr schön ist. Ich habe meine beiden Söhne, und ich liebe
sie, und natürlich ist da mein Mann. Aber er ist erwachsen. Er kommt mit seinem Leben
zurecht. Meine Kinder brauchen mich. Ich glaube, das ist das einzige, was mir wirklich
sehr wehtut, wenn ich an den Tod denke.

Ich glaube, das Leben hat es in vieler Hinsicht sehr gut mit mir gemeint. Ich habe ei-
nen guten Mann. Ich habe zwei wundervolle Kinder. Mir wurde alles geschenkt, was die
meisten Leute nicht haben. Ich meine, ich bin nicht reich, aber für mich ist das nicht
wichtig.

Mein Mann und ich leben jetzt viel bewußter, in größerer Klarheit über die Dinge, die
wirklich wichtig sind. Wir sind uns bewußt, daß das Leben in dieser Minute so glücklich
sein kann, und im nächsten Augenblick kann es enden.

Ich bin sicher, mein Rauchen hat es verursacht. Ich war einundzwanzig Jahre lang eine
starke Raucherin. Zwei Jahre vor der Diagnose gewöhnte ich es mir ab. Mein Körper rea-
gierte so heftig auf den Entzug, es war unglaublich. Als ich aufhörte zu rauchen, stopfte
ich alles mögliche in mich hinein, Süßigkeiten, Chips, Fritten, Würstchen und anderes
fettiges Zeug, Mengen von Fleisch. Jetzt versuche ich, vernünftig zu essen. Ich esse viel
Gemüse und Obst.

Ich habe wieder angefangen zu rauchen und rauche immer noch. Ich glaube nicht,
daß ich wieder gesund werde. Ich denke, früher oder später bringt es mich um. Aber
ich glaube trotzdem an Wunder. Ich versuche, meine gute Einstellung zum Leben zu
behalten. Wenn ich an meine Krankheit denke, lenke ich mich ab und schlage mir die
Gedanken aus dem Kopf. Nein, ich fange nie an zu grübeln. Selbst wenn ich Schmerzen
habe, mache ich mir einfach die Rechnung auf und sage mir: >Wir haben alle unser
Leiden zu tragen.<

Ich war immer eine willensstarke Person. Ich war immer jemand, der die Sachen in die
Hand nimmt und bewältigt. Ich habe mich nie fallenlassen und hängen lassen, ob ich
krank war oder nicht.

Ich versuche immer, fröhlich zu sein, nie traurig. Wenn ich traurig bin oder wirklich
depressiv - ich werde selten depressiv —, dann rauche ich einen Joint und bin wieder
fröhlich. Ich höre Musik und denke an schöne Dinge.

Ich war oft ganz unten, aber ich mag es nicht, depressiv zu sein. Ich will kein negativer
Mensch sein. Ich will nicht einmal mit negativen Menschen in Berührung kommen, und
das habe ich selbst in der Hand. Ich habe alles in meinem Leben selbst in der Hand,
abgesehen vom Rauchen. Ich habe versucht, wieder aufzuhören, aber ich weiß nicht,
ich schaffe es einfach nicht.

Ich glaube, daß der Geist den Körper beherrscht. Das möchte ich unbedingt noch sa-
gen; es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber von einer Sache bin ich besessen. Ich

200
nehme jeden Tag eine sehr heiße Dusche. Wenn ich in die Dusche steige, richte ich den
heißen Wasserstrahl direkt auf diese Stelle in meinem Brustkorb. Es ist wie eine Art
Meditation; ich stehe unter der heißen Dusche und sage: >Laß all die schlechten Zel-
len absterben, töte all die schlechten Zellen.< Die Hitze geht durch meinen Körper. Ich
sage den Krebszellen: >Geht weg, geht weg, geht weg!< Ich konzentriere mich darauf.
Für ein paar Minuten wünsche ich die schlechten Zellen weg. Es ist eine fixe Idee, und
ich glaube, es hat geholfen. Ich fühle mich viel besser, wenn ich aus der Dusche kom-
me. Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber für mich ist es ganz normal.«

Kürzlich sprach ich noch einmal mit Carole, fast neun Jahre nach der ursprünglichen
Diagnose. Carole hat keinen Krebs mehr und ist physisch aktiver denn je. Vor vier
Jahren wurde sie von ihrem Mann geschieden, was ihr furchtbar zu schaffen machte.
»Es brach mir das Herz«, sagte sie. Danach schrieb sie sich an einem örtlichen Colle-
ge ein und fing an, zu studieren, aber der finanzielle Druck machte es ihr unmöglich,
das Studium fortzusetzen. Jetzt steht sie jeden Morgen um fünf Uhr auf und bereitet
sich auf ihre Arbeit als Kellnerin vor. Zusätzlich zu dieser Arbeit, die sie vierzig Stun-
den pro Woche macht, erzieht sie ihre beiden halbwüchsigen Söhne und verwaltet das
Drei-Familien-Haus, das sie kürzlich von ihrem Ex-Mann erwarb.

Tiefe Entspannung und zielgerichtete Konzentration waren die hervorstechenden Merk-


male der Imaginationsübung, die Carole für sich selbst erfand. Viele alternative Hei-
ler und einige Ärzte lehren ihre Patienten mittlerweile Visualisierungstechniken, deren
Kernelemente dieselben sind wie die von Carole intuitiv entdeckten. Der Prozeß der
Visualisierung oder aktiven Imagination besteht im wesentlichen darin, die bestehende
Situation in der Vorstellung zu wandeln und durch den erwünschten Zustand zu erset-
zen. Viele Menschen bedienen sich dieser Übungen in der Hoffnung, daß der Prozeß ihr
Immunsystem beeinflussen und somit heilsam wirken wird. Wie bei anderen Übungen,
die einen veränderten Bewußtseinszustand voraussetzen, ist das Ziel auch hier, den
Körper durch die Kräfte des Unbewußten positiv zu beeinflussen. Vielleicht ist die aktive
Imagination ein besonders direkter Weg, mit dem Unbewußten zu kommunizieren, da
das Denken in Bildern der »primitiven« Struktur tiefer seelischer Schichten eher ge-
recht wird als das Denken in verbalen Begriffen. Jeder willentlichen Aktivität geht, wie
man annimmt, die innere Vorstellung in Gestalt eines Bildes voraus (man sieht sich zum
Beispiel in der Vorstellung ein Buch öffnen, bevor man es aufschlägt), während man
den Vorgang nicht notwendigerweise innerlich verbalisiert (indem man sich sagt: »Ich
werde das Buch öffnen«, bevor man es tatsächlich aufschlägt).

Heute sind es nicht nur Psychotherapeuten, sondern auch Unternehmens- und Be-
rufsberater, die ihren Klienten Visualisierungstechniken vermitteln. Am weitesten hat
sich ihr Gebrauch aber vermutlich im Bereich der alternativen Heilmethoden und unter
Sportlern durchgesetzt. Bob Hooper, ein international bekannter Schwimmer, glaubt,
daß der Faktor, der ihn seinen Konkurrenten überlegen machte, keine angeborene Fä-
higkeit oder überlegene Trainingsmethode war. Er erklärt, woher er seinen Schwung
nahm:

»Jeden Tag vor dem Wettkampf ließ ich im Geist folgenden Film vor mir ablaufen:
Ich sehe mich das Schwimmstadion betreten; dreitausend jubelnde Fans füllen die
Zuschauertribünen. Ich sehe mich auf den Startblock steigen; neben mir, zu beiden
Seiten, sind meine Wettkampfgegner. Ich höre den Startschuß, sehe mich ins Wasser
eintauchen und den ersten Schwimmstoß im Butterfly-Stil machen. Ich fühle, wie ich

201
durchs Wasser gleite, mache noch einen Schwimmstoß und noch einen. Ich sehe die
Beckenwand vor mir, schlage an, wende und gehe mit einem kleinen Vorsprung wieder
in die Bahn. Mein Unterwasserstoß macht den Vorsprung größer. Dann ziehe ich kräftig
an, in der Brustlage. Das ist meine beste Technik, darin kann ich wirklich meine ganze
Energie entfalten. Und schließlich kommt der Endspurt im Freistil. Ich sehe mich das
Rennen machen.

Ich lasse diesen inneren Film vor jedem Wettkampf fünfunddreißig bis vierzig mal vor
mir ablaufen. Wenn es dann schließlich losgeht, springe ich einfach hinein und gewin-
ne.«

Die Simontons, die Pionierarbeit leisteten, was die Einführung von Visuahsierungstech-
niken unter Krebspatienten angeht, achten sorgfältig darauf, niemandem vorzuschrei-
ben, wie seine - oder ihre - inneren Bilder aussehen sollen. Sie weisen allerdings darauf
hin, daß bestimmte Arten der Symbolik vielleicht besser wirken als andere. Sie emp-
fehlen zum Beispiel, die Krebszellen als schwach und verwirrt zu imaginieren und die
gewählte Behandlung beziehungsweise die körpereigenen Abwehrkräfte als stark und
entschlossen. Eine ihrer Empfehlungen lautet:

»Stellen Sie sich Ihre weißen Blutkörperchen als starke Armee vor, die in den Bereich
ausschwärmt, wo der Krebs sich ausgebreitet hat. Stellen Sie sich vor, daß die weißen
Blutkörperchen die Krebszellen erkennen und zerstören. Die Armee der weißen Blutkör-
perchen ist stark und aggressiv und außerdem sehr klug. Die Krebszellen haben keine
Chance. Die weißen Blutkörperchen werden die Schlacht gewinnen.

Stellen Sie sich vor, daß der Krebs schrumpft. Die toten Krebszellen werden von den
weißen Blutkörperchen abtransportiert und durch Leber und Nieren hinausgespült; sie
verlassen den Körper auf dem natürlichen Weg durch Urin und Stuhl. Stellen Sie sich
vor, wie der Krebs weiter und weiter schrumpft, bis er vollständig beseitigt ist.«

Manchmal berichten Patienten, daß sie ihr Körperinneres während des Visualisierungs-
prozesses in realistischer Klarheit vor sich sehen. In dem Buch Why Me?, das der
neunjährige Garrett Porter, der an einem bösartigen Hirntumor litt, und seine Psy-
chologin Patricia Norris gemeinsam verfaßten, wird ein sehr lebendiger, individueller
Visualisierungsprozeß geschildert. Zu Garretts Arsenal von inneren Bildern gehörten
Raumschiffe und Raketen, vertraute Symbole für einen Jungen in seinem Alter. Nach
monatelangen Raketenangriffen auf den Tumor berichtete Garrett plötzlich, daß er sich
die Geschwulst innerlich nicht mehr vor Augen rufen könne. Als wieder einige Monate
später eine Computertomographie vorgenommen wurde, wollte der Arzt wissen, ob der
Tumor operativ entfernt worden sei, weil er auf dem Filmbild nichts mehr finden konnte,
außer einer winzigen Kalkablagerung, einem »komischen weißen Fleckchen«.

Betty Preston

Betty Preston, die letzte, die in diesem Buch zu Wort kommt, ist gleichzeitig die Person,
die am schwierigsten darzustellen ist. Die Aura, die von ihr ausgeht, ist kaum in Wor-
te zu fassen; in ihrer Gegenwart hat man das Gefühl, bedingungslos angenommen zu
werden. Sie ist schön mit ihren siebzig Jahren, und voller Liebe. Diese Liebe auszudrü-
cken ist zu ihrem Lebensziel geworden.

202
Vor etwa fünfzehn Jahren mußte Betty sich einer Herzoperation unterziehen; die
geschädigte Mitralklappe ihres Herzens sollte durch eine künstliche ersetzt wer-
den. Was während der Operation geschah, ist der Alptraum aller Herzpatienten. Die
Herz-Lungen-Maschine hatte eine Fehlfunktion. Versehentlich wurde Luft in die großen
Blutgefäße und in den Kopf gepumpt. Nach den Aussagen ihres Kardiologen führte die-
ser Fehler zu einer schweren Gehirnschädigung. Der Kardiologe fand es auch erstaun-
lich, daß sie überhaupt das Bewußtsein wiedererlangte, und gab ihre Überlebenschan-
cen in dieser Situation mit 1: 100 an. Während sie bewußtlos dalag, machte sie die
tiefe Erfahrung der Todesnähe. Früher wurden Todesnäheerfahrungen als Erfindungen,
Halluzinationen, ja sogar als das Werk des Teufels betrachtet. Aber in den letzten Jah-
ren ließen die Arbeiten von Kenneth Ring, Raymond Moody und anderen wenig Zweifel
daran, wie häufig dieses Phänomen vorkommt. Eine sorgfältig durchgeführte Gallup-
Meinungsumfrage kam zu der Schätzung, daß mehr als acht Millionen Amerikanerinnen
und Amerikaner Todesnäheerfahrungen hatten.

In aller Regel berichten diese Menschen, daß sie sich auf dem Höhepunkt einer schweren
Krankheit oder nach einem schweren Unfall plötzlich in einem Schwebezustand befan-
den und auf ihren eigenen Körper hinabschauten wie unparteiische Beobachter. Jede
Todesnäheerfahrung ist einzigartig, aber es gibt offenbar einige gemeinsame Grundzü-
ge, einen Ablauf von Ereignissen, der immer wieder in ähnlicher Weise geschildert wird:
Zuerst erlebt die Person die Trennung vom eigenen Körper, dann den Eintritt in eine Art
Tunnel; das eigene Leben zieht noch einmal vorüber, dann erscheint ein Licht, das im-
mer heller und leuchtender wird und die Person schließlich ganz einhüllt. Betty schildert
all diese Ereignisse, mit Ausnahme der Trennung vom eigenen Körper. Die Erfahrung
wird als beispiellos ekstatisch beschrieben.

Menschen, die zwischen Leben und Tod schwebten und solche Erfahrungen machten,
sagen, daß sie die Ereignisse mit einer Klarheit wahrnahmen, die normalerweise unmög-
lich erscheinen würde, selbst wenn sie bei Bewußtsein gewesen wären. Die Erfahrungen
der Loslösung vom eigenen Körper, die Michael Sabon in seinem Buch »Erinnerungen
an den Tod« zusammentrug, sind für Skeptiker von besonderem Interesse. Sabon, ein
Kardiologe, zeichnete Berichte über Todesnäheerfahrungen von 116 Menschen auf. Er
verglich ihre Schilderungen der Ereignisse, die sich in der unmittelbaren Umgebung
(zum Beispiel im Nebenzimmer) abspielten, mit den Berichten von Familienmitgliedern
und Pflegepersonal. Er kam zu dem Schluß, daß bei Todesnäheerfahrungen eine Form
der Wahrnehmung im Spiel ist, die die normale menschliche Sinneswahrnehmung tran-
szendiert.

An dieser Stelle lassen wir die weitreichenden metaphysischen Implikationen solcher


Vorgänge jedoch außer acht und konzentrieren uns auf die Veränderungen, die sie im
Leben der Menschen, die diese Erfahrungen machten, bewirken. Kenneth Ring, ein
Professor der Universität von Connecticut, hat die Auswirkungen von Todesnäheer-
fahrungen auf das Leben von Individuen systematisch untersucht. In seinem Buch
»Den Tod erfahren« sagt Ring, daß solche Erfahrungen das Leben eines Menschen nicht
nur verändern, sondern oft auf einen ganz anderen Weg bringen. Er schließt daraus,
daß die Todesnähe der Katalysator für ein spirituelles Erwachen sein kann. Nach ihrer
»Rückkehr« hatten die meisten Menschen keine Angst mehr vor dem Tod, und diese
Veränderung scheint permanent zu sein. Betty Preston weiß, was es bedeutet, ein Le-
ben ohne Angst zu führen:

203
»Ich war bei der Telefongesellschaft beschäftigt; 1975 ging ich in den Ruhestand. Ich
mußte mich einer Herzoperation unterziehen, also nahm ich mir ein Jahr Zeit, um mich
darauf vorzubereiten, weil sie sagten, daß es nicht sofort sein müßte.

Ich betete jeden Tag. Mein Mann erzählte mir, wenn er morgens aufstand, um zur Arbeit
zu gehen, ließ er mich einfach in Ruhe, weil ich meditierte. Es war so schön; ich machte
mir über die Operation nicht die mindesten Sorgen.

Ich sollte eine künstiiche Herzklappe bekommen. Während der Operation versagte die
Herz-Lungen-Maschine. Die Luft staute sich, strömte zurück und zerstörte einen Teil
meines Gehirns, den Teil, der das Erinnerungsvermögen enthält.

Ich stelle mir vor, daß es während der Operation passierte, was ich natürlich nicht mit
Sicherheit weiß. Plötzlich war ich hellwach. Ich drehte und drehte mich in einem Tunnel.
Ich hatte keine Angst. Dann sah ich ein wunderschönes Licht durch den Tunnel auf mich
zukommen. Ich war so fasziniert davon, es war so schön. Als es mich erreicht hatte,
umhüllte es mich, und dann füllte es mich ganz aus, so daß ich zu diesem Licht wurde.
Es nahm alles weg, was mit mir nicht in Ordnung war, und ich fühlte mich besser als je
zuvor in meinem Leben.

Dann sah ich mein ganzes Leben vor mir ablaufen, so als wäre es auf einem Computer
aufgezeichnet. Alles in meinem Leben wurde mir gezeigt, die guten Dinge und auch
das, was nicht so gut war. Damit war keine Verdammung und kein Urteil verbunden.
Ich schaute einfach zu, wie eine Außenstehende. Vielleicht ist das Gottes Weg, die Men-
schen zu kennen, oder mein Weg, mir über mein Leben klarzuwerden.

Nachdem mein Leben vorübergezogen war, kam ein unvorstellbar schönes, liebeerfüll-
tes Licht durch den Tunnel auf mich zu. Es war Wärme und wundervolle Liebe - reine
Liebe. Ich war voller Freude und Leichtigkeit. Die Zeit hatte keine Bedeutung. Wer das
nicht erlebt hat, kann sich diese Liebe nicht vorstellen. Manche Leute sagen, es ist
Jesus; ich sage einfach, das Licht war Gott. Der Name, den man ihm gibt, hängt von
den religiösen Vorstellungen ab, die man hat.

Unmittelbar danach sah ich zwei Menschen auf mich zukommen, und ich erkannte sie.
Es waren Dr. Rudolph Dyer, er war drei Jahre vorher gestorben, und Holly McKilroy, mei-
ne beste Freundin, die acht Jahre zuvor gestorben war. Wir waren glücklich, einander
wiederzusehen; es war ein wundervolles Geschenk, wieder zusammenzukommen.

Als ich zurückkam, weinte ich zuerst, weil ich dachte, ich hätte sie wieder verloren.
Aber die Erfahrung öffnete mir ganz neue Wege. Jetzt weiß ich, daß ich ihre Gegenwart
spüren kann, wenn ich über sie spreche oder an sie denke. Jetzt, in diesem Augenblick,
kann ich fühlen, daß sie bei mir sind und ihre Arme um mich legen. Sie sagen, daß es
richtig ist, was ich hier tue. Sie sind meine Schutzengel.

Während ich zwischen Leben und Tod war, gaben sie mir alles Wissen und zeigten mir
die Zukunft. Aber ich hätte damit nicht umgehen können, und daher konnte ich mich
nach meiner Rückkehr nicht mehr daran erinnern. Aber wenn jetzt etwas geschieht,
sage ich mir: >Ach ja, das wußtest du doch.<

204
Ich bin ganz sicher, daß die Erfahrung etwas anderes war als ein Traum. Andere, die To-
desnäheerfahrungen hatten, empfinden genau dasselbe. Die Leute sagen: >Ach, wahr-
scheinlich hast du es geträumt.< Aber es ist etwas ganz anderes als ein Traum. Man
weiß, daß es real ist.

Direkt nach der Operation kam der Arzt heraus und sagte meiner Familie, falls ich über-
lebte, würde ich ohne Bewußtsein dahinvegetieren wie eine Pflanze, und mein Sohn,
Bob Junior, sagte: >Nein, das nehme ich nicht so hin!< Er sagte das zu einem großen
Herzspezialisten und einigen anderen Ärzten, die alle meinten: >Es ist unmöglich, daß
sie sich wieder erholt.< Später sagte der Herzspezialist, es war sehr gut, daß Bob
Junior das sagte, weil es Zweifel in ihm aufkommen ließ. Ich mochte meine Ärzte, sogar
nachdem das passiert war. Dr. Rothstein war ein wirklich lieber Mensch.

Dann teilte der Arzt ihnen mit, wenn sie mir noch etwas zu sagen hätten, sollten sie
es jetzt tun. Mein Mann wurde ohnmächtig, und die Frau meines anderen Sohnes fiel
beinahe in Ohnmacht, also kam Bob Junior erstmal allein herein.

Während ich im Koma lag, sagte mein anderer Sohn zu mir: >Ma, ich liebe dich mehr
als alles andere auf dieser Welt.< Ich brauchte zwei Jahre, bis ich ihn in Kalifornien an-
rufen und ihm sagen konnte, daß ich ihn gehört hatte. Er weinte am Telefon und sagte:
>Genau diese Worte habe ich gesagt, und ich bin so erschüttert, daß es etwas bewirkt
hat.<

Und es bewirkte tatsächlich etwas, denn wenn ich ihn nicht gehört hätte, wäre ich an
diesem wunderschönen Ort geblieben. Nicht jeder hat die Wahl, aber ich war schon
sehr weit weg, und ich hätte dort bleiben können. Natürlich wäre ich gern geblieben,
weil es so wunderschön ist, voller Wärme und Liebe.

Ich lag acht Tage lang im Koma. Als ich aufwachte, wußte ich, daß ich im Krankenhaus
war, aber ich wußte nicht warum. Ich hatte zehn oder zwanzig Jahre aus meinem Ge-
dächtnis verloren, und das meiste ist immer noch weg. Meine Angehörigen und meine
Freunde sahen für mich alle zehn Jahre älter aus. Die Ärzte sagten, es hätte mich ver-
nichten können, weil ich weder gehen noch sprechen konnte. Ich mußte alles noch ein-
mal neu lernen. Aber ich fühlte mich nie vernichtet. Ich hatte das Erlebnis und wußte,
was es mit dem Leben auf sich hat. Da war überhaupt keine Angst.

Ich spreche mit den Leuten auf der Straße. Ich sage fast jedem einen Gruß. Wenn ich
mit meinem Mann in ein Restaurant ging oder an einen anderen Ort in der Öffentlich-
keit, nickte ich den Leuten zu, lächelte und sagte >hallo<, und er sagte: >Mußt du mit
jedem reden?< Ich sagte: >Ja. Das ist meine Aufgabe, weißt du?<

Er starb vor einigen Jahren. Er war Diabetiker, und außerdem trank er. In einem Jahr
wurde ihm ein Bein abgenommen, und im Jahr darauf wurde das andere amputiert, di-
rekt unter dem Knie. Es war eine furchtbare Zeit für mich und für Bob selbst und unsere
Kinder. Ich weiß nicht, warum das notwendig war. Als er sich entschloß, zu sterben,
hörte er auf zu essen und hungerte sich im Krankenhaus zu Tode.

Aber vorher sprach er im Krankenhaus oft mit Leuten, die sehr krank wa-
ren und bald sterben mußten und sagte ihnen: Meine Frau hat eine wundervol-
le Erfahrung gemacht.< Zu mir sagte er dann: >Liebling, erzähl es ihnen doch!<

205
Also fing ich an zu erzählen, und er fuhr mit seinem Rollstuhl weg, weil er es nicht noch
einmal hören wollte. Er winkte mir zu und machte seine Sache weiter, und ich sprach
mit den Leuten dort. Es ist so wundervoll, Menschen, die leiden und starke Schmerzen
haben, sagen zu können, daß es keinen Grund gibt, Angst zu haben und sich Sorgen
zu machen.

Ich habe absolut keine Angst mehr. Ich mache mir nie Sorgen um den nächsten Tag
oder um irgend etwas anderes, weil ich weiß, daß alles in Ordnung kommt. Tatsächlich
hatte ich einen Herzanfall, als ich zum Jahreswechsel in Kalifornien war; ich sagte dem
Arzt: >Diesmal sollten Sie mich gehen lassen, falls ich aufhören sollte zu atmen.<

Ich kam zurück, um bedingungslose Liebe zu leben und weiterzugeben. Das ist meine
Aufgabe, aber ich brauchte lange, bis ich sie gut ausfüllen konnte. Zuerst versuchte ich,
den Leuten zu erzählen, was ich erlebt hatte, aber ich kam ins Stottern, und sehr oft
drehten die Leute sich um und gingen weg, um mich nicht in Verlegenheit zu bringen.
Aber ich weiß, daß es meine Aufgabe ist, bedingungslose Liebe zu sein und zu lehren;
nur deshalb kam ich zurück.

Überall, wo ich hinkomme, versuche ich, Menschen zu helfen. Wenn ich feststelle, daß
jemand an meiner Geschichte nicht interessiert ist, dränge ich mich nicht auf. Ich spre-
che nur mit Leuten, die unbedingt hören wollen, was ich zu sagen habe.

Ich gehe in die Krankenhäuser. Manche Leute haben nichts, was ihnen Halt gibt, außer
ihrem eigenen Selbst, und ihr Selbst ist geschwächt, also haben sie Angst. Ich denke,
es macht einen großen Unterschied, wenn man an etwas glauben kann; — Gott, oder
wie immer man es nennen will.

Jeder Mensch hat eine innere Heilkraft. Jeder hat sie. Alles, was man tun muß, ist, die-
se Kraft erkennen, in sie hineingehen und sagen: »Komm; ich muß von dieser Krank-
heit geheilt werden. Ich akzeptiere dich. Ich verlasse mich auf dich und ich bin dir
dankbar.<

Ich gehe auch an Schulen und spreche mit Schülern und College-Studenten. Ich sage
ihnen, daß sie keine Angst zu haben brauchen. Ich sage den Kindern, daß sie versuchen
sollen, niemanden zu verletzen, daß sie versuchen sollen, das Beste aus ihrem Leben
zu machen und für andere da zu sein, denn nur darum geht es im Leben. Es geht nicht
darum, eine Menge Geld zu machen und vor den anderen damit zu protzen. Ich sage:
>Denkt niemals daran, euch das Leben zu nehmen, denn nur Gott hat das Recht dazu.
Sonst müßt ihr vielleicht alles noch einmal durchmachen.<

Sie scheinen immer sehr daran interessiert zu sein, was ich zu sagen habe, und be-
vor ich gehe, stehen sie alle Schlange, um mich zu umarmen. Mein eigener Arzt, mein
Hausarzt, zu dem ich regelmäßig gehe, kommt immer und umarmt mich jedesmal,
wenn ich ihn sehe. Das hört sich jetzt so an, als wäre ich drauf aus, ständig umarmt zu
werden, aber es passiert einfach. Ich weiß, daß Liebe von mir ausstrahlt, und sie kön-
nen nicht anders, als mich zu lieben. Denn ich liebe sie bedingungslos; es ist Gott in
meinem Inneren, der alle Wesen liebt.«

206
Beobachtungen

Die meisten Menschen in unserer Kultur brauchen ein ganzes Leben, um sich mit dem
Gedanken an den Tod zu konfrontieren. Manchmal ist die Angst so übermächtig und die
Aussicht auf Frieden so fern, daß viele Menschen jede Berührung mit dem Thema mei-
den, bis sie von der unvermeidlichen Erkenntnis ihrer eigenen Sterblichkeit überwältigt
werden. Und selbst wenn der Tod schon sehr nah erscheint, können die Ängste es im-
mer noch unmöglich machen, sich der Bedeutung des eigenen Sterbens zu stellen.

Wir gehen bei dieser Diskussion von der Prämisse aus, daß die Auseinandersetzung
mit dem Tod tiefgreifende Auswirkungen auf die seelische, geistige und vielleicht sogar
körperliche Befindlichkeit von Menschen hat. Es mag widersprüchlich erscheinen, aber
außer in medizinischen Notfällen steht das Vorbereitetsein auf den Tod mit dem Ziel
des Lebendigbleibens nicht in Konflikt. Sid Baker, der medizinische Direktor des Gesell
Institute of Human Development erklärt in einem persönlichen Interview:

»Wenn Menschen wirklich in Todesgefahr schweben, kommt die Frage auf, was eigent-
lich Vorrang hat - Sterben oder Leben. In der Krankenhaussituation ist da immer der
Konflikt, in welche Richtung die ärztliche Hilfe gehen soll. Es gibt den Punkt, an dem
man einen Endotrachealtubus einführt, hineinbläst und jemanden damit sehr quält,
und es gibt den anderen Punkt, wo man einfach die Hand des Patienten nimmt und ihm
einfach eine friedliche Reise wünscht. Und man kann nicht beides zur gleichen Zeit tun.
Die ganze Szenerie, in der ein Wiederbelebungsversuch stattfindet, ist so grauenhaft im
Vergleich zu unseren Vorstellungen von einem menschenwürdigen Sterben. ...

Zumindest für die nicht-akute Situation habe ich diese Frage für mich geklärt. Ich den-
ke, um menschenwürdig zu sterben, sollte man Gelegenheit haben, in bezug auf das
eigene Leben Klarheit zu schaffen, Dinge zu sagen, die man nie gesagt hat, Gefühle
auszudrücken, die man immer zurückgehalten hat, unerledigte Probleme mit ande-
ren Menschen zu Ende zu bringen. Wie sich herausstellt, ist das auch ein gutes Le-
bensrezept; das Lebensrezept überhaupt.

Manchmal sage ich einem Menschen, der in Todesgefahr schwebt: >Sehen wir den
Dingen ins Auge; es steht schlecht um Sie. Sie haben Metastasen, und das ist keine
gute Nachricht. Ich bin hier Arzt, und ich möchte, daß Sie leben; aber für den Fall, daß
Sie sterben, möchte ich Ihnen gern einige Dinge sagen. Vielleicht haben Sie das Ge-
fühl, daß Sie aufgeben, wenn Sie sich auf den Tod vorbereiten, daß Sie dem Leben den
Rücken kehren. Aber das ist nicht so, die Aufgabe ist dieselbe. Wenn es sein soll, daß
Sie überleben, müssen Sie sich wandeln, und zwar in dem Sinn, daß Sie aufrichtiger
und wahrhaftiger mit sich selbst umgehen. Und wenn es sein soll, daß Sie sterben,
müssen Sie auch eine Kehrtwendung vollziehen und mit einigen Menschen in einer Wei-
se sprechen, die mit Ihrer inneren Wahrheit übereinstimmt. Beide Pfade führen also in
dieselbe Richtung.<

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen zurückkommen und sagen: >Wissen Sie, diese
Krankheit ist das Beste, was mir passieren konnte.<«

Westliche und östliche Denker, Existentialpsychologen und indische Gurus äußern die
Auffassung, daß die Furcht vor dem Tod die Wurzel aller anderen Ängste, aller menschli-
chen Ängste überhaupt ist. Wenn man fähig ist, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu

207
konfrontieren und sich von der Furcht vor dem Tod zu befreien, können alle anderen
Ängste sich lösen. Manche Menschen halten an ihrer Furcht vor dem Tod fest in dem
Glauben, daß sie Gefahr laufen, zu sterben, wenn sie loslassen. Die Furcht vor dem Tod
bewahrt uns jedoch nicht vor dem Sterben, sondern hindert uns am Leben.

Ob wir krank sind oder gesund, - jeder wache Moment unseres Lebens ist durch unsere
Beziehung zum Tod beeinflußt. Vor vielen Jahren machte ein Arzt, der sowohl Kranke
als auch Gesunde berät, mir das durch eine treffende Analogie klar. Wir saßen in sei-
nem Arbeitszimmer, und er sagte: »Stellen Sie sich vor, daß draußen vor der Tür dieses
Zimmers ein gräßliches Ungeheuer auf Sie lauert. Wie würden Sie sich dann in diesem
Raum fühlen?«

Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Und nun stellen Sie sich vor, daß draußen vor
dieser Tür das Paradies ist, schön, friedlich und über Ihre größten Erwartungen hinaus
mit Liebe erfüllt. Wie würden Sie sich dann in diesem Raum fühlen?«

Die phantasierten Situationen genügten, um meine Gefühle in starke Bewegung zu ver-


setzen. Obwohl der Raum derselbe blieb, nahm ich ihn anders wahr, je nachdem, wel-
che Szenerie ich mir draußen vor der Tür vorstellte. Das Beispiel hatte seine Wirkung
nicht verfehlt: Mir war deutlich geworden, daß unsere Vorstellungen vom Tod unmittel-
baren Einfluß auf unser Leben haben.

Es gibt gute Gründe, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Wenn wir glauben,
daß sich hinter dem Vorhang ein schreckliches Schicksal verbirgt, das auf uns lauert,
wie können wir dann unser Leben wirklich genießen? Aber wenn wir so leben, als sei der
Tod der Aufbruch in ein großes, unbekanntes Abenteuer, sind wir frei, die Befriedigung
des Lebens im Hier und Jetzt zu erfahren. Plötzlich gibt es keinen Grund mehr für un-
sere unablässigen, aber vergeblichen Versuche, die Zukunft vorwegzunehmen und zu
kontrollieren und so viel Lebensenergie in diesem sinnlosen Versuch zu verausgaben.

Der Prozeß des Sterbens kann uns mit der denkbar intensivsten Erfahrung von Nähe
und Liebe in Berührung bringen. Aber die Angst entfremdet uns unseren eigenen Ge-
fühlen. Um uns zu >schützen<, halten wir uns von den Schwerkranken fern und erken-
nen den Sinn dieser schwierigen menschlichen Prüfung nicht. Dieses verlorene Potential
wird zur Enttäuschung und Einsamkeit führen, und das Leben selbst erscheint uns viel-
leicht als so karg und dürftig, daß nur der Tod uns davon befreien kann. Wenn wir das
Risiko eingehen und Schmerz, Wut, Angst und Liebe zeigen und mitteilen, erfahren wir
den Trost und den Sinn menschlicher Verbundenheit.

Um uns den Tod so fern wie möglich zu halten, in klinischer Distanz, sorgen wir manchmal
für die Hospitalisierung der Sterbenden, obwohl medizinische Betreuung und Behand-
lung überflüssig oder nicht mehr möglich ist. Wir handeln in heimlichem Einverständnis
mit der Apparatemedizin, wenn wir hoffen, daß jemand uns die Konfrontation mit dem
Tod abnimmt, und wenn wir vorgeben, Ärzte und Pflegepersonal wüßten am besten,
was zu tun sei. In The Mechanic and the Gardener (»Der Mechaniker und der Gärtner«)
schreibt Lawrence Le Shan: »Wir glauben nicht einmal mehr an unsere Fähigkeit, allein
sterben zu können, oder in der tröstlichen Nähe eines geliebten Menschen. Wir meinen,
wir müßten einen Hofstaat weißbekittelter antiseptischer Figuren um uns haben, um
den letzten Übergang zu vollziehen. Der Einzelne ist so hilflos geworden, daß er nicht
einmal mehr mit seinem eigenen Tod ringen oder seinen eigenen Weg des Sterbens
finden kann finden kann.«
208
Schwerkranke Patienten, die unter starken Schmerzen leiden, sind zwar selbst oft
ambivalent, was Schmerzmittel betrifft, aber sie finden sich häufig damit konfrontiert,
daß Angehörige, Freunde und Ärzte ihnen zuraten, Narkotika zur Schmerzlinderung zu
nehmen. Dem Patienten Erleichterung zu verschaffen mag das bewußte Motiv dieses
Drängens sein: aber das unbewußte Motiv ist häufig, allen anderen bei der Vermeidung
der Auseinandersetzung mit dem Tod zu helfen.

Wenn Patienten durch die Wirkung der Medikamente euphorisch oder nur halb bei Be-
wußtsein sind oder wenn sie ständig schlafen, ist es unwahrscheinlich, daß sie über
ihren bevorstehenden Tod sprechen. Wenige Ärzte geben zu, daß sie Narkotika nicht
nur zur Schmerzlinderung, sondern auch aus anderen Gründen verabreichen. In
Death, Dying and Euthanasia (»Tod, Sterben und Euthanasie«) sagt Richard Lamerton,
daß Medikamente zu gewissen Zeiten ausschließlich mit dem Ziel eingesetzt werden,
die Angst vor dem Tod abzuschwächen. Es sind jedoch nicht nur die Ängste des Pati-
enten, die beschwichtigt werden müssen. Ein Artikel, der in der Zeitschrift Annals ot
Internal Medicine veröffentlicht wurde, zeigt, daß Ärzte oft mehr Angst vor dem Tod
haben als ihre Patienten.

Wenn starke Schmerzmittel wie die Narkotika einfach den Schmerz milderte, wäre das
kein Thema, aber jedes Milligramm Morphin, jede Methadontablette fordert ihren Preis.
Starke Mittel wie diese verzerren die Art, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen,
da sie einen veränderten Bewußtseinszustand hervorrufen. Die allgemein verbreite-
te Vorstellung, daß der oder die Sterbende vor allem von Schmerzen befreit werden
müsse, entspricht nicht notwendigerweise den Wertvorstellungen und Wünschen jedes
sterbenden Menschen. Wenn man ihnen die Wahl läßt, entscheiden manche Menschen
sich für weniger Medikamente, selbst wenn das stärkere Schmerzen bedeutet. Freud,
der unter sehr starken Schmerzen litt, als er im Sterben lag, traf eine solche Entschei-
dung. Er sagte: »Lieber denke ich unter Qualen, als nicht mehr zum Denken fähig zu
sein.«

Apathie ist eine bekannte Nebenwirkung von Narkotika. Tatsächlich wird die Wirkungs-
weise narkotischer Mittel manchmal mit einer frontalen Lobotomie verglichen. Was
könnte für einen Menschen, der noch um sein Leben ringt, nachteiliger sein als eine
Droge, die Apathie auslöst? Im Idealfall würden Patienten das Für und Wider von Nar-
kotika und ihrer Dosierung selbst abwägen und darüber entscheiden. Dies wäre ein
fortgesetzter Prozeß, der jederzeit den Veränderungswünschen der Patientin oder des
Patienten unterliegt. In dieser Situation wie in allen anderen die Pflege und Behandlung
betreffenden Angelegenheiten würden die Patienten selbst die Entscheidungen treffen,
soweit es irgend möglich ist, und das schließt das Recht ein, zu entscheiden, daß sie
einem anderen Menschen die Entscheidungsvollmacht übergeben wollen. Im Idealfall
würden die Patienten selbst über alles bestimmen, was ihre physischen und emotiona-
len Bedürfnisse betrifft, und sich selbst das Recht vorbehalten, ob sie über ihren bevor-
stehenden Tod sprechen wollen.

Obwohl es für die meisten Menschen eine Lebensaufgabe ist, ihren Frieden mit dem
Tod zu machen, scheint die Todesnäheerfahrung von einer solchen Intensität zu sein,
daß sie spontan zu Erkenntnissen führen kann, die sonst im Lauf eines ganzen Lebens
gewonnen werden. Elisabeth Kübler-Ross, eine Autorität in diesen Fragen, wenn es in
der Frage des Sterbens und des Todes überhaupt so etwas wie eine Autorität geben
kann, kennt die Intensität der Todesnäheerfahrung. Kübler-Ross schreibt aus ihrem

209
eigenen Erleben heraus: »Jeder, der die Gnade erfahren hat, dieses Licht zu sehen, wird
nie wieder Angst vor dem Tod haben. Die bedingungslose Liebe, das Verständnis und
das Mitgefühl, das man in der Gegenwart dieses Lichtes erfährt, liegen jenseits jeder
menschlichen Beschreibung.«

Für die fünfundneunzig Prozent von uns, denen die Todesnäheerfahrung weder ge-
schenkt noch aufgezwungen wurde, bleibt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod
ein Akt persönlicher Willensentscheidung und erfordert den bewußten Vorsatz. Letzt-
lich ist diese Auseinandersetzung unser größtes Bemühen wert, denn dieser Prozeß
kann uns mit dem tiefsten Lebenssinn in Berührung bringen. Als der chassidische Rabbi
Buram im Sterben lag, sagte er seiner Frau, sie solle nicht weinen: »Mein ganzes Leben
hatte nur das Ziel, daß ich zu sterben lernte.«

Die Kraft des inneren Friedens können wir nur realisieren, wenn wir alle Facetten des
Lebens annehmen, den Tod eingeschlossen. Eine buddhistische Legende gibt eine
phantasierte Begegnung zwischen Buddha und Attila, dem Hunnenfürsten, wieder.
Attila und seine Kriegerhorde haben das Kloster gestürmt und entweihen den heiligen
Ort durch Mord und Plünderung. Die Mönche laufen kopflos umher, bis auf Buddha, der
heiter in seiner Meditation verharrt. Mit erhobenem Schwert baut Attila sich vor Buddha
auf und schreit ihn an: »Weißt du nicht, wer ich bin? Ich könnte dir mein Schwert in den
Leib stoßen, ohne mit der Wimper zu zucken!«

Ohne zu zögern antwortet Buddha: »Weißt du nicht, wer ich bin? Ich könnte dein
Schwert in meinem Leib empfangen, ohne mit der Wimper zu zucken!«

Da ich versuchen wollte, die Beziehung zwischen dem Annehmen der eigenen Sterb-
lichkeit und dem Geheiltwerden besser zu verstehen, nahm ich an einem Treffen von
Menschen teil, die Todesnäheerfahrungen gemacht hatten. (Für viele Menschen hat
diese Erfahrung sich als so machtvoll und folgenreich erwiesen, daß überall im Land
Gesprächsgruppen entstanden sind.) Die zwanzig Menschen, die an der Veranstaltung
teilnahmen, waren übereinstimmend der Meinung, daß physische Heilungsprozesse
nach der Todesnäheerfahrung bei ihnen schneller verliefen. Ich sagte, ich verstünde
nicht, wie das der Fall sein könnte. Eine Frau im mittleren Alter, die nach ihrer Todes-
näheerfahrung begonnen hatte, an Motorradrennen teilzunehmen, antwortete mir. Sie
schilderte, wie schnell ihre Verletzungen nach einem schweren Motorradunfall geheilt
waren, und stellte Vermutungen über die Gründe an. Sie fühlte sich nun im Einklang
mit der ihrem Körper innewohnenden Fähigkeit, sich selbst zu heilen. Sie blockierte die
natürliche Neigung ihres Körpers, seine gesunden Funktionen wiederherzustellen, nicht
mehr.

Ähnlich wie die Menschen, die Todesnäheerfahrungen machten, scheinen auch die
meisten Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen, die ich interviewte,
keine Angst vor dem Tod zu haben. Folglich wurden die Kräfte ihres Immunsystems
nicht durch Ängste, Panik oder Depression dezimiert, während sie ihrer Genesung ent-
gegenstrebten. Auf der pragmatischen Ebene machten diese Überlebenden schwerer
Krankheiten sich keine Sorgen um mögliche Rückschläge, was ihren Zustand anging.
Sie wollten gesund sein und taten alles dafür, was in ihren Kräften stand, aber sie wuß-
ten, daß sie letztlich auch ihren physischen Tod annehmen konnten.

210
Die Auseinandersetzung mit diesem Thema konnte an dieser Stelle nicht anders
als übermäßig vereinfachend sein. Tod und Sterben sind - ebenso wie Leben und
Lebendigsein - so komplexe Phänomene, daß man unmöglich sagen kann, man
habe sie verstanden. Jene, die sich mit dem Gedanken an Sterben und Tod
auseinandersetzen, wissen, daß sie an einem Tag inneren Frieden empfinden und viel-
leicht schon am nächsten Tag das Gefühl haben, gar nichts zu begreifen. Das bewußte
Bemühen, in den Sinn dieser Dinge einzudringen, ist alles, was wir tun können. Wenn
es um das Sterben geht, muß jeder einzelne Mensch seinen - oder ihren - eigenen Weg
finden. Woody Allen sagte: »Es ist nicht so, daß ich Angst vor dem Sterben hätte. Ich
möchte lediglich nicht dabei sein, wenn es passiert.«

Gegen den Wunsch, am liebsten nicht dabei zu sein, wenn es passiert, ist gar nichts
einzuwenden, aber gerade dieses Ereignis wird höchstwahrscheinlich nicht abgesagt,
wenn Sie nicht erscheinen, und wenn Sie nicht präsent sind, könnte es sein, daß Sie
selbst und die Menschen, die Ihnen nahestehen, eine eminent bedeutsame Erfahrung
versäumen.

211
SCHLUSSBETRACHTUNGEN

Als ich im vorletzten Sommer mit einigen Freunden in Cape Cod Urlaub machte, wäre
ich beinahe ertrunken. Es war mein letzter Ferientag, und ich wollte das Beste daraus
machen. Sobald wir an den Strand kamen, warf ich meine Decke hin und lief zum Was-
ser hinunter.

Ein Sturm weit draußen auf dem Atlantik peitschte hohe Wellen auf, die an den Strän-
den von Cape Cod selten waren. Ich war überzeugt, der Tag würde wundervoll, denn die
Sonne strahlte, es war heiß, und die Wellen waren herrlich. Body-Surfen war seit jeher
eine meiner Lieblingsaktivitäten. Ich fühlte mich eins mit der Natur, wenn ich eine hohe
Welle erwischte und mich von ihr davontragen ließ.

Ich rannte zurück zu der Stelle, an der meine Decke lag, und versuchte die anderen zu
animieren, auch ins Wasser zu kommen. Einer der Freunde sagte, er brauche ein paar
Minuten, um sich innerlich auf den eiskalten Atlantik einzustellen, aber er werde gleich
nachkommen.

Als ich wieder zum Wasser hinunterlief, entging mir zum zweiten Mal, daß an der
unbemannten Rettungsstation eine rote Flagge aufgezogen war. Wegen der unruhi-
gen Wasserverhältnisse wurde an diesem Tag an allen Cape-Cod-Stränden vor dem
Schwimmen gewarnt.

Die höchsten Wellenkämme waren weit draußen, aber da ich kein starker Schwimmer
bin, wagte ich mich nicht weit genug hinaus, um die großen Wellen zu reiten. Aber das
Meer war in so turbulenter Bewegung, daß es immer noch ein Hochgenuß war, sich von
der Gischt der auslaufenden Wellen mitreißen zu lassen.

Nach einer halben Stunde war ich durchgefroren und signalisierte meinem Freund, daß
ich herauskommen würde. Auf dem Weg zum Strand wurde ich unversehens von einer
anrollenden Welle gepackt und umgeworfen. Ich kämpfte nicht gegen den Sog an, son-
dern ließ mich mitziehen. Nach kurzer Zeit versuchte ich, mich auf die Füße zu stellen,
um die letzte Strecke zum Strand zu waten, aber ich fand keinen Grund unter meinen
Füßen.

Ich war nicht sonderlich beunruhigt, obwohl mir der Gedanke, im tiefen Wasser zu
sein, nicht angenehm war. Ich schwamm einige Minuten lang in Richtung Ufer, in der
Überzeugung, daß ich auf festen Grund stoßen würde, wenn ich aufstand. Aber das war
nicht der Fall. Ich schwamm weiter, wieder einige Minuten lang, und als ich immer noch
keinen Grund unter den Füßen spürte, wurde ich unsicher.

Ich schwamm weiter, längere Zeit, in der Hoffnung, daß es nun reichen würde. Aber
wieder war da nichts als Wasser. Ich verstand nicht, was vorging; der Strand schien
immer noch gleich weit entfernt. Nach drei weiteren Anläufen des Schwimmens und
Nach-Grund-Tastens fühlte ich mein Herz pochen. Ich bemühte mich, mit einigem
Erfolg, Ruhe zu bewahren, und versuchte es weiter.

Nach weiteren fünf Minuten Schwimmen, ohne daß ich Grund unter mir fühlte, bekam
ich panische Angst. Ich mußte mich beruhigen. Ich drehte mich auf den Rücken, ließ

212
mich treiben und versuchte, mich zu entspannen. In der Vergangenheit war die
Meditation immer etwas, auf das ich zählen konnte, wenn ich innere Ruhe und Entspan-
nung brauchte. Ich hatte seit dreizehn Jahren regelmäßig Meditation praktiziert, also
erschien es mir sinnvoll, trotz der heftigen Wellen einige Minuten loszulassen und mich
in den Meditationszustand zu versetzen, um meine Fassung wiederzugewinnen. Aber
zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich innerlich nicht zur Ruhe kommen, nicht
einmal eine Sekunde lang.

Ich tauchte, um festzustellen, wie tief das Wasser war. Ich konnte den Grund nicht se-
hen. Ich hatte furchtbare Angst.

Ich war erschöpft. Ich wußte, daß ich ertrinken würde, wenn mir nicht bald jemand zu
Hilfe käme. Beinahe automatisch hob ich die Hände, legte sie wie ein Trichter um den
Mund und schrie, so laut ich konnte: »Hilfe, Hilfe, Hilfe!« Ich legte meine letzten Ener-
giereserven in diesen Hilfeschrei.

Aber ich war sehr weit vom Ufer entfernt. Ich konnte die Menschen am Strand kaum
erkennen. Niemand kam mir zu Hilfe. Ich wußte nicht, ob sie mich hören oder sehen
konnten; sie schienen dazustehen und die Dinge unbeteiligt mitanzusehen.

Vage Gedanken gingen mir durch den Kopf; mein kleiner Sohn, er brauchte mich, ich
mußte ihn wiedersehen, ich durfte nicht sterben. Ich schrie weiter um Hilfe, aber es
schien mich immer noch niemand zu bemerken. Ich weiß nicht, ob die Kälte des Was-
sers oder die Panik mich lähmte, aber ich konnte mich kaum noch bewegen. Ich hatte
nicht einmal mehr die Kraft, zu schreien. Ich war sicher, daß ich sterben würde. Sohn
oder nicht - ich konnte nichts mehr tun.

In einem flüchtigen Moment der Klarheit wurde mir bewußt, daß ich höchstens noch
fünfzehn Sekunden hatte, bevor ich unterging. Es war niemand in Sicht. Ich dachte
an Gott. Das waren keine friedvollen oder tröstlichen Gedanken, nur eine vage Erin-
nerung: Sollte man nicht an Gott denken, bevor man starb? Ich konnte nicht loslas-
sen, obwohl es scheinbar keinen Ausweg gab. Ich hatte solche Angst vor dem ersten
Schwall Wasser, der in meine Lunge eindringen würde. Ich wollte nicht sterben. Jede
Sekunde war schrecklich; es war das Schlimmste, was mir je geschehen war. Es konnte
nicht schlimmer kommen. Und doch war jede vergehende Sekunde schrecklicher als die
vorangegangene.

Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir: »Bleib ganz ruhig!« Rick Gildea, der Freund,
den ich aufgefordert hatte, mit mir schwimmen zu gehen, hielt meinen Kopf über Wasser.
Innerhalb weniger Minuten tauchten zwei Rettungsschwimmer mit ihren Surfbrettern
auf. Sie hatten keinen Dienst und waren nur zufällig am Strand spazierengegangen, als
sie die Schreie hörten. Sie rannten zu ihrem Unterstand und holten ihre Surfbretter. Sie
sagten mir, ich solle mich daran festhalten, aber ich hatte keine Kraft mehr und rutschte
auf dem Weg zum Ufer mehrmals ab.

Schließlich wurde ich an Land gebracht und auf den trockenen Sand gezogen. Es war
seltsam, all die Aktivität und Besorgnis zu erleben, denn für mich war das Drama vor-
bei. Ich wußte, daß ich leben würde. Man wickelte mich in eine Decke, und jemand
kam mit einem Sauerstoffgerät angerannt. Sie schienen aber nicht zu wissen, wie sie
es bedienen sollten, und ich dachte: »Wie paradox - sollte ich dem Tod durch Ertrinken

213
knapp entgangen sein, damit jemand mir mit einem Sauerstoff stoß das Gehirn heraus-
bläst?« Einen Augenblick später betrat eine offizielle Rettungsmannschaft die Szene.
Eine Ambulanz fuhr vor, aber ich sah keinen Grund, ins Krankenhaus zu gehen. Einer
der Sanitäter fuhr mich zu unserem Ferienhaus zurück.

Ich war außer Lebensgefahr, aber meine Höllenqualen waren noch nicht vorüber. Ich
hatte immer Schwierigkeiten gehabt, in irgendeiner Form um Hilfe oder Unterstützung
zu bitten, selbst wenn es nur um kleine Gefälligkeiten ging. Plötzlich war ich mit der
Tatsache konfrontiert, daß ich mitten im Atlantik gewesen war und verzweifelt um
Hilfe geschrien hatte, egal von wem. Ich schämte mich. Ich hätte mich nie in diese
Situation bringen dürfen. Ich hätte ein besserer Schwimmer sein sollen, ich hätte wis-
sen müssen, daß es gefährlich war. Darüber hinaus mußte ich mir von anderen eine
Menge ähnlicher unwillkommener Vorwürfe und Ratschläge anhören.

Ich erfuhr, daß ich von einer Meeresströmung erfaßt worden war. Man sagte mir,
in einem solchen Fall müsse man sich vom Ufer forttragen lassen und dann, wenn
man konnte, parallel zur Strömung schwimmen, um sich aus ihrem tödlichen Sog zu
befreien. Ich war wütend auf mich selbst und konnte mir nicht verzeihen. Hätte ich
nicht intuitiv wissen müssen, daß »mit der Energie gehen«, dem Lauf des Wassers zu
folgen, das Richtige war? Was hätte natürlicher sein können?

Ich war auch wütend auf die anderen und konnte ihnen nicht verzeihen. Ich erfuhr, daß
die Leute am Strand mich tatsächlich im Wasser gesehen und meine Schreie gehört
hatten. Ich fragte, warum niemand mir zu Hilfe gekommen war. Diejenigen, die mir
überhaupt antworteten, sagten, sie hätten zu viel Angst gehabt. Am Strand hatte sich in
Windeseile herumgesprochen, daß ich in eine Meeresströmung geraten war. Die Einhei-
mischen wußten es; ihnen waren diese Gewässer als besonders gefährlich bekannt.

Ich schämte mich. Und ich brauchte immer noch Hilfe. Die Freunde, die mit mir dort
waren, liebevolle und reizende Menschen, waren durch das Erlebnis offenbar selbst
traumatisiert. Zweifellos war ihre eigene Hilflosigkeit ihnen deutlich vor Augen ge-
führt worden, als sie dastanden und warteten, ob ich ertrinken würde. Vielleicht waren
es meine Phantasien, aber ich hatte den Eindruck, daß sie mir auswichen und nicht
lange mit mir Zusammensein konnten. Ich wollte sie dauernd um mich haben, aber ich
schämte mich, sie darum zu bitten.

Ich rief die Frau in Boston an, mit der ich seit fast einem Jahr zusammen war, und
erzählte ihr, was passiert war. Ich wollte, daß sie sich ins Auto setzen und zu mir
herauskommen sollte. Ich brauchte sie. Aber sie bot mir nicht an, zu mir zu kommen.
Ich rief sie später noch einmal an und sagte ihr direkt, daß ich sie brauchte und daß
es mir ungemein wichtig sei, sie in meiner Nähe zu haben. Es war mir egal, daß sie in
ihrer eigenen Krise steckte. Ich schrie um Hilfe, und sie war auch eine von denen, die
am Ufer standen und zu ängstlich waren, ins Wasser zu springen und mir beizustehen.
Ich hatte wenig Sinn für seelische Fairness; die Beziehung war beendet.

Ich war aufgebracht, wütend auf alles und auf alle. Am wütendsten war ich auf jene,
die mir am nächsten standen. Ein Freund schlug mir taktlos aber liebevoll vor, ich
solle Schwimmunterricht nehmen. Fluchend wünschte ich ihm eine Erfahrung wie die
meine.

214
Wenn ich wirklich geliebt wurde - wie konnte mir dann so etwas geschehen? Ein Anruf
bei meiner Mutter, das Gespräch mit ihr über mein Erlebnis, kam mir beinahe surreal
vor. Ich verstand nicht, wie es möglich war, daß sie nicht geahnt hatte, nicht schon
wußte, was ich durchgemacht hatte. Wenn es zwischen Menschen, die sich liebten, tiefe
Verbindungen gab, warum hatte sie dann gar nichts gespürt, als ich im Wasser war und
Todesängste durchmachte?

Die Tatsache, daß ich überlebt hatte, schien mir nicht von Belang. Meine Qualen und
mein Überleben waren nur ein Spiel des Zufalls. Ich hatte nichts damit zu tun. Und, was
noch schlimmer war: Gott hatte nichts damit zu tun. Rein zufällig war in letzter Minute
jemand gekommen.

Die Menschen, die mir nahestanden, versuchten mir zu sagen, daß die Ereignisse viel-
leicht doch nicht nur blinder Zufall waren. Sie erinnerten mich daran, daß ich in der
Tat noch am Leben und physisch gesund war. Aber ich war voller Wut, daß so etwas
geschehen konnte, daß unsere Existenz etwas so Lächerliches und Dürftiges war. Gott
war nicht Liebe, nicht Rache, sondern pure Indifferenz. Nichts hatte Sinn und Verstand.
Alles war leere Willkür. Ich wußte nicht, wie ich in einer solchen Welt weiterleben sollte.
Ich wußte nicht, ob ich weiterleben wollte.

Vor diesem Unfall hatte ich ein Buch mit dem Titel The Art of Dying (»Die Kunst des
Sterbens«) gelesen. Seit ich erwachsen geworden war, hatte ich mich immer wieder
intensiv mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigt. Ich glaubte, durch meine jah-
relange Berufspraxis und meine Lebenserfahrung erreicht zu haben, daß ich meine
Sterblichkeit akzeptierte. Jetzt hatte ich mehr Angst vor dem Sterben als je zuvor.
Wenn ich duschte, wenn es regnete, wenn ich mich körperlich anstrengte und außer
Atem geriet, fühlte ich Wellen von Panik in mir aufsteigen, daß der Tod jeden Augenblick
zuschlagen konnte. Ich warf das Buch weg und wollte nur noch alle Gedanken an den
Tod loswerden.

Ich hatte das Bedürfnis, meine Geschichte zu erzählen. Aber jedesmal, wenn ich es tat,
war ich erneut voller Scham, zugelassen zu haben, daß dieser Unfall geschah. Wenn ich
die Geschichte oft genug erzählte, konnte ich vielleicht aus dem Alptraum erwachen.
Wochenlang hatte ich das Gefühl, als schriee ich um Hilfe, und niemand käme hinaus
ins Wasser, um mir beizustehen. Schlimmer noch: Ich wußte nicht, ob mich über-
haupt jemand hören konnte. Es gab Tage, an denen ich mich so einsam fühlte und so
voller Angst war, daß ich nicht wußte, ob ich meinen Rettern danken oder sie verfluchen
sollte.

Wenn ich jetzt mit Schwerkranken arbeite, staune ich, wie simpel mein Trauma war
im Vergleich zu dem, was sie durchmachen. Meine Hölle dauerte dreißig Minuten,
höchstens eine Stunde. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand es schafft, sich Tag
für Tag mit einer lebensbedrohenden Krankheit zu konfrontieren. Das Gefühl der physi-
schen Bedrohung ist keine Illusion. Es ist kein Traum, aus dem man erwachen könnte.

Mein Erlebnis im Atlantik und meine Arbeit an diesem Buch haben mich zu der Über-
zeugung gebracht, daß wir nie im voraus wissen können, wie wir selbst auf eine
lebensbedrohende Krankheit oder Situation reagieren würden. Und wir wissen mit Si-
cherheit nicht, wie andere Menschen reagieren sollten. Dennoch ist unsere Präsenz für
kranke Menschen von vitaler Bedeutung. Die kranke Person braucht es, daß man ihr zuhört,

215
für sie sorgt, sie liebt. Zuhören ist keine einfache Aufgabe, wenn wir eigentlich etwas
etwas anderes wollen, nämlich Menschen, die wir lieben, von ihrer Krankheit und ihren
Schmerzen befreien. Wenn wir jedoch weder das eine noch das andere tun können,
wird uns das Unbehagen an der Begrenztheit unserer menschlichen Möglichkeiten viel-
leicht unerträglich. Oft reagieren wir darauf, indem wir der kranken Person sagen, was
sie tun sollte, oder indem wir vor der Situation fliehen.

Die Menschen, die in diesem Buch ihre Geschichte erzählen, haben gute Gründe, sich
selbst als Experten für das Überleben in nahezu aussichtslosen Situationen zu betrach-
ten. Und obwohl sie von der Wirksamkeit ihrer eigenen Methoden felsenfest überzeugt
sind, meinen sie nicht, daß ihre Wege auch bei anderen notwendigerweise zum Er-
folg führen müßten. Wenn sie gefragt wurden, was sie anderen, einem Freund oder
Verwandten, im Fall einer ähnlichen Erkrankung raten würden, lehnten sie alle es ab,
konkrete, spezifische Ratschläge zu geben. Sie würden zweifellos nie versuchen, einem
anderen schwerkranken Patienten einen Behandlungsplan vorzuschreiben. Die Entschei-
dungen, die sie in ihrem eigenen Fall trafen, kamen aus ihrem Inneren. Sie wissen, daß
die wertvollste Hilfe, die sie anbieten können, darin liegt, die kranke Person in ihrem
Selbstfindungsprozeß zu unterstützen. Ihre Erfahrung hat ihnen gezeigt, daß jedes In-
dividuum für sich selbst herausfinden muß, was lebenserneuernd wirkt.

Es gibt immer einen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Die hier wieder-
gegebenen Geschichten sollen keine Wege vorgeben, die man einschlagen sollte; sie
demonstrieren vielmehr, daß Frieden mit sich selbst und Freiheit erreichbare Möglich-
keiten sind. Das Problem, die Leidenserfahrung und die Herausforderung liegen darin,
den eigenen Weg zu finden.

Die Schlußfolgerungen anderer Wissenschaftler

Die Schlüsse, zu denen die Menschen kamen, die in diesem Buch von ihren Erfah-
rungen berichten, werden durch die Ergebnisse anderer Studien bestätigt. Aber die
Forschung auf dem Gebiet der außergewöhnlichen Heilungsprozesse ist sehr dürftig,
insbesondere, wenn man ihre potentielle Bedeutung bedenkt, und die meisten
Studien beschäftigen sich mit der Heilung von Krebserkrankungen. Die Tatsa-
che, daß mehr Studien über Krebserkrankungen vorliegen, bedeutet nicht, daß
außergewöhnliche Heilungsprozesse in diesem Bereich häufiger vorkommen als bei
anderen schweren Krankheiten. Das Ungleichgewicht hat mit der wissenschaftlichen
Methodologie zu tun. Im Lauf der Jahre sind die Methoden, Krebserkrankungen zu
klassifizieren, differenziert genug geworden, um mit einiger Sicherheit vorauszusagen,
wie der »typische« Fall sich entwickeln wird. Im Vergleich mit anderen schweren Er-
krankungen ist es also im allgemeinen leichter, Aussagen darüber zu machen, wenn ein
Krebspatient außergewöhnlich gute Genesungsfortschritte macht.

Ich meine, daß die Merkmale, die den außergewöhnlichen Krebspatienten auszeichnen,
in ähnlicher Weise für alle außergewöhnlichen Patienten charakteristisch sind. Wenn
bei geheilten Krebspatienten gewisse Unterschiede auftreten, zeigen diese sich am
deutlichsten in der Fähigkeit der Patienten, Eigenschaften und Verhaltensweisen zu
entwickeln, die den Gegenpol zu den typischen Merkmalen der »Krebspersönlichkeit«
bilden. Wenn zum Beispiel das Unterdrücken von Gefühlen bei Menschen, die an Krebs
erkranken, häufiger ist als bei anderen Patienten, ist es besonders charakteristisch für

216
für geheilte Krebspatienten, daß sie lernten, ihre Gefühle offen auszudrücken. Japa-
nische Ärzte der medizinischen Fakultät der Universität von Kyushu dokumentierten
fünf Fälle von Krebserkrankungen, die ohne erkennbare medizinische Gründe zurück-
gingen. Ähnlich, wie es die Menschen in diesem Buch schildern, hatten die Patienten
die Verantwortung für ihre Krankheit und die Qualität ihres Lebens übernommen. Alle
fünf Menschen vollzogen drastische Veränderungen in ihrer Lebenseinstellung, indem
sie sich offenbar aus der Fixierung auf Äußerlichkeiten und Statusprobleme lösten und
ihrer »wahren Natur« näherkamen. Das Team von vier Wissenschaftlern kam zu dem
Schluß, daß »bloßer Zufall« für die Genesung dieser Menschen keine ausreichende Er-
klärung sei.

Auch der Wissenschaftler Kenneth Pelletier fand heraus, daß Menschen mit außerge-
wöhnlichen Heilungserfahrungen sich in ihrem tiefsten Wesenskern wandelten. Medita-
tion, Gebet oder religiöse Offenbarungserlebnisse schienen diese Veränderungen voran-
zutreiben. In aller Regel sorgten die Patienten besser für ihr körperliches Wohlbefinden,
insbesondere stellten sie alle ihre Ernährung um.

Judith Glassman, eine Wissenschaftsjournalistin, führte mit Krebspatienten ausführli-


che Interviews durch. Sie kam zu dem Schluß, daß bei jenen, die entschlossen waren,
die Ausnahmen zu sein, außergewöhnliche Heilungsprozesse am häufigsten auftraten.
Patientinnen und Patienten, die geheilt wurden, beteiligten sich aktiv an den Entschei-
dungen über ihre Behandlung und benutzten ihre Ärzte als Berater. Die Überlebenden
»waren fähig, ihre Krankheit zu bekämpfen, wenn nötig auch gegen den Widerstand
ihrer Ärzte, Freunde und Verwandten ... Es ist nicht der friedfertige, stille, angenehm
>brave< Patient, der die Krankheit überwindet, sondern der halsstarrige, eigensinnige
und streitsüchtige.«

Diese Patienten unterdrücken ihre Gefühle nicht. Eine der von Glassman interviewten
Personen sagte: »Auf die eigenen Gefühle kann man sich immer verlassen ... Ich glau-
be, das war einer der wesentlichen Faktoren meiner Heilung: Ich fühlte genau das, was
wirklich da war, und machte mir nichts vor. Als bei mir Krebs festgestellt wurde, bekam
ich von allen Seiten zu hören: >Du mußt eine positive Haltung einnehmen<, und ich
fragte mich immer wieder: >Wo soll ich die bloß herbekommen?< Wenn man nicht zu
seinen eigenen Gefühlen steht, schafft man es nicht. Sei negativ, wenn es das ist, was
du empfindest! Wenn man das, was da ist, nicht akzeptiert, kann man sich nicht ver-
ändern.«

Charles Weinstock untersuchte zwölf verschiedene Fälle von »Spontanheilung«. Bei


allen Patienten, die er befragte, gab es einen gemeinsamen Nenner: Sie hatten die
Hoffnung nie aufgegeben.

An der Medical School der Universität von Minnesota studierten B. J. Kennedy und Mit-
arbeiter zweiundzwanzig Patientinnen und Patienten, die Krebserkrankungen in fortge-
schrittenem Stadium überstanden hatten und geheilt waren. Vom Beginn ihrer Erkran-
kung an drückten diese Menschen Zuversicht aus, daß sie geheilt werden könnten, und
hatten in aller Regel Vertrauen in ihre Ärzte und ihre Behandlung. Die Geheilten hatten
ein stabileres Selbstwertgefühl und eine positivere Einstellung zum Leben und zu ande-
ren Menschen als die Personen in drei Kontrollgruppen.

217
Die Simontons kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Sie fanden heraus, daß Patienten, die
sich an ihrer Behandlung aktiv beteiligen, die ihrer Fähigkeit, die Krankheit zu beein-
flussen, vertrauen und die ein positiveres Selbstbild entwickeln, die größten Chancen
haben, zu genesen.

In einer gerade fertiggestellten Studie untersuchten Mitglieder der medizinischen Fa-


kultät der Erasmus-Universität in den Niederlanden Fälle von »spontaner Remission«
bei sechs Krebspatienten. Daan van Baalen und Marco de Vries gingen von der Hypo-
these aus, daß persönliche Veränderungsprozesse der Heilung der Patienten vorausgin-
gen und nicht die Folge der außergewöhnlichen Genesungsfortschritte waren. Um ihre
These zu belegen, interviewten sie, wo es möglich war, Familienmitglieder der Geheil-
ten. Die Wissenschaftler fanden heraus, daß Menschen, die außergewöhnliche Heilun-
gen erfuhren - anders als jene mit progressiv fortschreitenden Krebserkrankungen -,
spezifische Veränderungen in ihrem Leben vornahmen, insbesondere in bezug auf ihre
Ernährung.

Darüber hinaus veränderten sie ihre innere Einstellung; sie fühlten sich weniger hilflos,
wurden autonomer und verhielten sich im Umgang mit Ärzten und medizinischem Per-
sonal, mit Ehepartnern und Familienmitgliedern weniger passiv. Wie die Menschen, die
in diesem Buch zu Wort kommen, vollzogen auch diese Patienten radikale existentielle
Wandlungen.

Die Ergebnisse dieser Studien zeigen alle auffällige Ähnlichkeiten; wenn es Unterschie-
de gibt, so spiegeln diese im wesentlichen die besonderen Interessenschwerpunkte
der Forscher. Bernie Siegels Aussagen stimmen mit diesen Ergebnissen vollkommen
überein. Er bedient sich jedoch einer anderen Sprache, die den spirituellen Dimensio-
nen der Heilung stärker Rechnung trägt: »Akzeptanz, Glaube, Vergebung, Frieden und
Liebe sind die Merkmale, die für mich Spiritualität bedeuten. Diese charakteristischen
Eigenschaften sind immer bei Menschen zu finden, die eine unerwartete Heilung von
einer schweren Krankheit erfahren.«

Menschen, die von tödlichen Krankheiten geheilt wurden, und Menschen, die inmitten
von Todesgefahren und vernichtenden Umständen überlebten, haben einige grundle-
gende Qualitäten gemeinsam. Die wenigen Menschen zum Beispiel, die das Grauen der
Nazi-Konzentrationslager überlebten, erhielten trotz der hoffnungslosen Situation ihre
Hoffnung aufrecht. In ihrem Buch None of Us Will Return (»Keiner von uns wird zurück-
kehren«) gibt Charlotte Delbo eine eindringliche Schilderung der Unterschiede in den
Einstellungen der Ich-Erzählerin und einer Mitgefangenen:

>»Für uns gibt es keine Hoffnung.< Ihre Hand hebt sich in einer Geste, und die Geste
drückt aufsteigenden Rauch aus.
>Wir müssen kämpfen, mit all unserer Kraft.<
>Warum? Warum kämpfen, da wir doch alle...<; die Geste der Hand beendet den Satz.
Aufsteigender Rauch.
>Nein, wir müssen kämpfen.<
>Wie können wir hoffen, je hier herauszukommen? Niemand kann entkommen. Am
besten, wir werfen uns gleich in den Stacheldraht!< Was kann man ihr sagen? Sie ist
klein, kränklich. Und ich bin nicht einmal fähig, mich selbst zu überzeugen. Alle Ar-
gumente sind sinnlos. Ich bin mit meiner Logik am Ende. Man ist mit jeder Logik am
Ende.«

218
Im Widerspruch zur rationalen Logik bewältigen jene, die am meisten von sich selbst
gaben, die Schrecken der Konzentrationslager am besten. Anderen zu helfen half ih-
nen, zu überleben. In The Survivor (»Der Überlebende«) zitiert Terence Des Pres einen
Überlebenden des Konzentrationslagers Treblinka:

»In unserer Gruppe teilten wir alles, und in dem Augenblick, in dem einer in der Grup-
pe etwas aß, ohne es zu teilen, wußten wir, daß es für ihn der Anfang vom Ende war.«
Jene, die weiterlebten, kümmerten sich ständig um andere. Wie Stephen Levine sagt,
waren es »die Ärzte, die Nonnen, die Priester, die Rabbis, die fürsorglichen Mutter- und
Vatertypen, die überlebten, weil sie einen Grund zum Leben hatten: Liebe um der Liebe
willen, Heilung um der Heilung willen. Sie wußten, daß Liebe die einzige Gabe ist, die
ihren Wert in sich selbst hat, daß unsere Fürsorge für andere Fürsorge für uns selbst
ist, eine tiefe Reverenz an den innersten göttlichen Kern, den wir alle in uns tragen.«
Liebe gab den Überlebenden der Konzentrationslager und den Überlebenden tödlicher
Krankheiten Lebenssinn.

Die Notwendigkeit von Veränderungen

Wenn wir mit Gefahren konfrontiert sind, ist unsere natürliche menschliche Tendenz,
uns mehr denn je an alte Gewohnheiten zu klammern, selbst wenn diese Gewohn-
heiten das Problem mitverursachen. Um Frieden zu finden, ist es jedoch notwendig,
loszulassen und neue Wege der Realitätswahrnehmung zu entdecken. Menschen mit
außergewöhnlichen Heilungserfahrungen erzählen uns übereinstimmend, daß sie eine
existentielle Wandlung vollzogen, eine fundamentale Veränderung in der Art, wie sie ihr
Dasein betrachteten. Sie akzeptierten Sterben und Tod als notwendigen und natürlichen
Bestandteil des Lebens. Wenn der Tod nicht mehr als Feind, als Tragödie oder Versagen
betrachtet wird, erkennt man bald, daß alles genau so geschieht, wie es geschehen
sollte. Das bedeutet nicht, daß wir aufhören, uns zu bemühen, oder daß die Ergebnisse
unserer Bemühungen uns gleichgültig sind. Der Zenmeister Suzuki Roshi drückte es so
aus: »Alles ist vollkommen, aber es gibt immer Raum für Verbesserungen.«

Wenn Menschen um das blanke Überleben kämpfen, erscheint es unvorstellbar, daß


manche mehr Kraft aufbringen, als notwendig ist, um den nächsten Augenblick zu
überstehen. Und doch nutzten Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen
ihre Notlage, um elementare Wandlungen zu vollziehen. Tatsächlich gelangen viele an-
dere Kranke zu seelischer und spiritueller Vollendung, ohne je physische Heilung zu
erreichen.

Viele Menschen, die außergewöhnliche Heilungen erlebten, beschrieben ihr Leben vor
der Krankheit als düster und sinnentleert. Manche hatten sich in ihrem tiefen seelischen
Schmerz verloren, und einige sahen die Krankheit als physische Manifestation dieses
Schmerzes. Oft war es der erste Schritt zur Heilung, einen neuen Lebenssinn zu finden.
Dieser Lebenssinn kam aus unterschiedlichen Quellen: Phina Dacri und Leo Perras fan-
den Lebenssinn in ihrem Glauben an Gott, Joe Godinski fand in der Musik einen Grund,
weiterzuleben, und für Kurt Metzler wurde das Überleben selbst zu einer bedeutenden
Sinnquelle.

Eine liebeerfüllte Beziehung trägt bei den meisten außergewöhnlichen Patienten, de-
nen ich begegnete, dazu bei, daß sie den Kampf um das Überleben nicht aufgeben. In

219
vielen Fällen haben Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen liebende
Partner, die ihr intensives Engagement für das Überleben und ihr Bemühen um Heilung
teilen. Die zweiundsiebzigjährige Ehefrau eines Patienten nahm aktiv an einigen Formen
der Behandlung ihres Mannes teil. Nachdem er die Diagnose »Krebs im Endstadium«
erhalten hatte, suchte das Paar verzweifelt nach Heilmitteln. Diese Frau beschreibt, wie
sie und ihr Mann mit einem Aufguß unbekannter Pflanzen experimentierten:

»Wir hörten von diesem Tee, der Krebs heilen sollte. Aber wie sollten wir wissen, ob
er giftige Substanzen enthielt oder nicht? Die Gesundheitsbehörde fahndete nach dem
Mann, der ihn verkaufte. Also sagte ich zu Carl: >Wenn du ihn trinkst, trinke ich ihn
auch. Wenn du vergiftet wirst, werde ich auch vergiftet.< Also bestellten wir einen
Vorrat, der für uns beide für einige Wochen reichte.«

Die Menschen, die in diesem Buch ihre Geschichten erzählten, nahmen ihre Krankheit
zum Anlaß, um ihre persönlichen Beziehungen grundlegend zu verändern. Sie drück-
ten ihre Gefühle - insbesondere ihre Wut- und ihre Liebesgefühle - offener aus als
zuvor, was ihnen ermöglichte, in ihren Beziehungen mehr Intimität zu etablieren. Auf
diese Weise gaben sie mehr von sich selbst, erwarteten aber auch mehr als in der
Vergangenheit. In manchen Fällen fanden sie es notwendig, Beziehungen, die wenig
Erfüllung versprachen, zu beenden.

Ärzte spielten oft eine bedeutsame Rolle in ihren Heilungsprozessen. Die Genesung
wurde jedoch nicht dem fachlichen Können der medizinischen Erfahrung der Ärzte
zugeschrieben. Ein Patient nach dem anderen versicherte, daß es die liebevolle Zuwen-
dung des Arztes war, die zur Heilung beitrug. Bei manchen wurden die Beziehungen, die
sie zu ihren Ärzten hatten, tatsächlich zu einem Grund, am Leben zu bleiben. Lindsey
Reynolds sagte zum Beispiel, daß der Gedanke an die Liebe, die ihr Psychiater ihr ent-
gegenbrachte, sie in Augenblicken größter Verzweiflung davon abhielt, sich das Leben
zu nehmen.

Nachdem sie krank geworden waren, entschlossen sich die Menschen, mit denen ich
sprach, den innersten Sehnsüchten ihres Herzens zu folgen. Auf diese Art zu leben war
so befriedigend, daß sie nicht in ihre alten Muster zurückfielen, nachdem sie geheilt
waren. Joe Godinski gab die unbefriedigenden Jobs auf, mit denen er vorher seinen
Lebensunterhalt verdient hatte, und wurde Jazzmusiker. Raymond Berté erfüllte sich
den Wunsch, auf dem Land zu leben. Walter Purington gab eine Arbeit auf, die er seit
mehr als dreißig Jahren verabscheut hatte, und wandte sich den Dingen zu, die ihm
Spaß machten. Sie waren mit einer Ungewissen Zukunft konfrontiert und entschlossen
sich, im Hier und Jetzt zu leben. Wie Phina Dacri sagte: »Mein Leben ist jetzt schön.
Früher wachte ich auf und sagte: >Ach je, schon wieder ein Tag.< Jetzt wache ich auf
und sage: >Danke, Gott.<« Das Leben dieser Menschen - das ganze Leben - war plötz-
lich von einer Kostbarkeit erfüllt, die sie vorher nie gekannt hatten.

Sie warfen die belastende Vorstellung ab, gewissen Standards gemäß, die von außen
vorgegeben waren, leben zu müssen. Sie fühlten sich weniger verpflichtet, anderen zu
gefallen oder so zu handeln, wie ihre Umwelt es von ihnen erwartete. Als ein älterer
Mann, ein Quäker, gefragt wurde, ob seine Krankheit ihm vielleicht eine neue Art von
Freiheit vermittelt habe, antwortete er: »O ja, in jedem Fall! Ich hatte mein ganzes
Leben lang versucht, ein spirituell zentrierter Mensch zu sein. Aber ich habe es so ange-
spannt und so selbstbezogen versucht, daß es vermutlich ebensoviel Problematisches

220
wie Gutes hervorgebracht hat.« Generell ist es diesen Menschen, nachdem sie von ihrer
Krankheit erfuhren, in bemerkenswerter Weise gelungen, früher gelernte Einstellungen
und Verhaltensweisen, die sie im Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit hemmten,
von sich zu werfen.

Wie bei Menschen, die Konzentrationslager überlebten, stand ihre Zuversicht im


Widerspruch zur rationalen Logik. Manche legten einen unerschütterlichen Optimis-
mus an den Tag, obwohl hinter ihrer tristen Prognose das volle Gewicht medizinisch-
wissenschaftlicher Autorität stand. Walter Purington erklärte: »Ich habe nie ge-
glaubt, daß ich nicht wieder gesund würde«, und Joe Godinski konnte sagen »Das
ist völlig absurd, das mache ich nicht mit«, obwohl der statistischen Wahrscheinlich-
keit nach ein Wunder nötig war, um ihn zu heilen, nachdem der Krebs im Gehirn und
hinter dem Auge Metastasen gebildet hatte. Manche sahen in ihrer Krankheit eine
Herausforderung, die sie mit der Gewißheit annahmen, den Kampf zu gewinnen.
Norman Cousins erklärte: »Der Begriff >irreversibel< brachte mich innerlich zum Glü-
hen. Ich kann diese unglaubliche Energieaufwallung immer noch spüren. Es war ein ge-
wisses Maß an Freude damit verbunden, die aus dem Wissen kommt, daß du gewinnen
wirst, ganz gleich, was dir dafür abverlangt wird.«

Natürlich erlebten alle Zeiten quälender Selbstzweifel, in denen sie sich fragten, ob
Heilung oder Weiterleben wirklich möglich sei. Am verletzlichsten waren sie in der Zeit
nach der Diagnose, und Rückfälle im Krankheitsverlauf lösten Zweifel aus, ob der ge-
wählte Weg wirklich der richtige sei. Gelegentliche Depressionszustände waren nichts
Ungewöhnliches, aber generell waren sie optimistisch und vertrauten ihrer Fähigkeit,
Einfluß auf die Krankheit zu nehmen.

Hoffnung war für die Menschen in diesem Buch nicht einfach eine unverhoffte Segnung;
sie schufen sich bewußt ein Umfeld, das die Geisteshaltung, die sie zu erreichen such-
ten, unterstützen würde. Barbara Dawson zum Beispiel suchte zahllose Ärzte auf, bis
sie einen fand, der ihr zumindest einen Funken Hoffnung ließ; Leo Perras umgab sich
mit Menschen, die glaubten, daß alles, auch das Wunderbare, möglich sei, während
Carole Matthews sich bewußt von Menschen fernhielt, die eine negative Einstellung hat-
ten. Walter Purington begab sich auf eine innere Reise, die ihn weit über seine vertraute
Yankee-Welt hinausführte, bis zur Begegnung mit einem tibetischen Priester-Arzt, der
ihm sagte, daß Heilung möglich sei.

Das Individuelle des Heilungsprozesses

Die vorangegangene Diskussion könnte uns veranlassen, aus den Ähnlichkeiten in den
Heilungserfahrungen dieser Menschen interessante Schlüsse zu ziehen, aber darin liegt
auch eine Gefahr. Solche Generalisierungen könnten die charakteristischen Eigenarten
im Heilungsprozeß jeder einzelnen Person und die individuellen Unterschiede verdun-
keln oder sogar verzerren. Tatsächlich entwickelten alle Interviewten gewisse unver-
wechselbare und von anderen verschiedene Verhaltensweisen und Einstellungen, die
sie ihrer Intuition, dem Lauschen auf ihr Unbewußtes und auf die Bedürfnisse ihres
Körpers entnahmen, und entschieden danach, welche Richtung sie jeweils einschlagen
würden.

221
Mein Interview mit Lloyd Schmidt, einem Rentner, der früher in einer Asbestfabrik
gearbeitet hatte, demonstriert das ausgesprochen Unverwechselbare und Individu-
elle des Heilungsgeschehens. Bald nachdem Lloyd an inoperablem Lungenkrebs er-
krankt war, der auch die Luftröhre in Mitleidenschaft zog, entwickelten sich bei ihm
Hirnmetastasen. (Die durchschnittliche Lebenserwartung wird in solchen Fällen auf
etwa vier Monate geschätzt.) Ich führte mein Interview mit ihm fünf Jahre nach der
Diagnose. Sein Onkologe schrieb mir: »Er erhielt eine palhative (das heißt der Milde-
rung eines unheilbaren Krankheitsgeschehens dienende) Strahlendosis, und seitdem
sind bei ihm keine Anzeichen der Krankheit mehr festzustellen, was überaus unge-
wöhnlich ist. Seine Chancen, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu überleben, standen
1:1000.« Obwohl Lloyd im vergangenen Jahr als Dreiundsechzigjähriger starb, etwa
acht Jahre nachdem seine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, kann sein langes
Überleben nach allen Maßstäben als herausragend bezeichnet werden.

Lloyd Schmidt stellte sich seine Krankheit als etwas vor, das ihn von innen zu zernagen
versuchte, wie gefräßige Schädlinge. Sein Handeln entsprach dieser Vorstellungswelt:

»Sie sagten mir, ich hätte noch etwa sieben Monate zu leben, aber ich beschloß für
mich, daß sie alle unrecht hatten. ... Ich war entschlossen, viel zu essen, so daß
der Krebs etwas außer mir hatte, an dem er fressen konnte. Im Krankenhaus be-
stellte ich mir bei jeder Mahlzeit drei Portionen, während ich diese vierundzwanzig
Kobalt-Behandlungen bekam. Ich aß eine Menge Obst und Gemüse, Eiercreme und
Pudding. Es gab Grapefruit zum Frühstück, und ich aß drei Stück, und nach dem
Mittagessen gab es Cremepudding, und ich nahm fünfmal davon. Abends bestellte ich
mir Extra-Portionen, so daß ich vor dem Schlafengehen noch etwas hatte. Auf dem
Fensterbrett über der Heizung hatte ich eine ganze Batterie Milchflaschen aufgestellt.
Sie konnten gar nicht fassen, wie viel ich aß. Die Diätberaterin im Krankenhaus — sie
konnte nicht glauben, daß jemand soviel wegputzte. Sie kam bei einigen Mahlzeiten
und sah zu, wie ich aß. Ich sagte einfach: >Ich lasse den Krebs eine Menge Fett essen,
bevor er mich auffrißt.<«

Während einer Behandlung, bei der andere Patienten den Appetit verlieren und an Aus-
zehrung und Unterernährung leiden, nahm dieser Mann über zwanzig Kilo zu und schien
sich zu kräftigen und zu gedeihen.

Die Unterschiede im Denken und im Handeln sind so vielfältig, daß es kaum möglich
ist, allgemeine Charakteristika zu finden, die auf alle Menschen mit außergewöhnlichen
Heilungserfahrungen zutreffen. Wenn man sie als Gruppe betrachtet, kann man zum
Beispiel sagen, daß sie ihr Bedürfnis, die Behandlung aktiv mitzubestimmen und unter
eigener Kontrolle zu halten, unnachgiebig durchsetzten. Aber Phina Dacri sagte, sie
habe ihr ganzes Vertrauen in ihre Ärzte gesetzt und ihnen nie Fragen gestellt. In ähn-
licher Weise gab es einen allgemeinen Konsensus, daß die Umstellung der Ernährung
bei der Heilung eine wesentliche Rolle spielte. Und dennoch demonstrierte Joe Godinski
während unseres Interviews durch sein Frühstück - Kaffee, heller Toast, Eier mit Schin-
ken und zum Nachtisch eine Zigarette - seine Überzeugung, daß seine Ernährungsge-
wohnheiten bei seiner Heilung keine Rolle spielten.

222
Der Wille, zu leben und zu lieben

Ärzte und medizinische Laien sind übereinstimmend der Meinung, daß der Lebens-
wille eines Menschen den Verlauf schwerer Erkrankungen beeinflussen kann. Dennoch
bleiben die Wirkungen dieser Kraft unerforscht und in der medizinischen Ausbildung
unberücksichtigt. Weder Ärzte noch Patienten nehmen dieses immense Reservoir von
Heilungspotential bewußt in Anspruch, um gefährliche und zerstörerische Krankheiten
zu bekämpfen. Wie können wir uns dieses Paradox erklären?

Ärzte und medizinisches Personal neigen - wie wir anderen alle auch - dazu, die
menschlichen Fähigkeiten zur Veränderung und zum Wachstum der Persönlichkeit zu
unterschätzen. Unsere eigentliche Seinsquelle, der Lebenswille, wird oft als etwas be-
trachtet, das sich der individuellen Einflußnahme entzieht. Von diesem Standpunkt aus
gesehen besteht also für den Arzt oder den Patienten kein Grund, den Lebenswillen zu
mobilisieren, da er in der inneren Ausstattung eines Individuums entweder existent
oder eben nicht vorhanden ist. Menschen, die lebensbedrohliche Krankheiten oder
katastrophale Unfälle überlebten, wissen, daß es sich anders verhält.

»Ich war nicht wirklich am Leben interessiert, bis sie mir sagten, daß ich sterben müß-
te«, bekannte ein Mann im mittleren Alter, der eine tödliche Krankheit überstand, und
diese Äußerung spiegelt die Gefühle vieler außergewöhnlicher Überlebender. Die Men-
schen in diesem Buch erzählen uns, daß sich der Wunsch, zu leben, im Lauf der Zeit
immer stärker herausbildete. Sie vollzogen äußere und innere Veränderungen, die ihr
Leben transformierten. Sie lernten, sich selbst zu vergeben und sich in ihrem So-Sein
zu akzeptieren, was ihnen ermöglichte, sich zu lieben und andere zu lieben. In Liebe
leben hieß, das Lebendig-Sein ohne Ambivalenzgefühle erfahren. Das Weiterleben war
alle Anstrengungen wert. Sie hatten Grund, sich ganz für den Heilungsprozeß einzu-
setzen, und je mehr sie daran arbeiteten, desto stärker wurde ihr Wunsch, am Leben
zu bleiben.

Die Folgerungen, die man aus diesen Erfahrungen ziehen kann, sind für uns alle be-
deutsam, nicht nur für die schwer Erkrankten. Die Menschen in diesem Buch erkannten
nicht nur, was sie am Leben erhalten würde; sie gewannen Einsichten, die weit darüber
hinausgingen, und lernten zu leben. Ihre Geheimnisse sind keine esoterischen Formeln
für die physische Heilung. Sie lernten, jeden Augenblick ihrer Existenz zu schätzen.
Sie hatten zweifellos eine starke Motivation, sich zu wandeln. Aber sie vermitteln die
Botschaft, daß wir nicht warten müssen, bis eine Katastrophe uns heimsucht, um mit
unserem innersten Wesenskern in Berührung zu kommen und Sinn in unserem Leben
zu finden. Wir alle tragen die Kraft in uns, unser Dasein grundlegend zu verändern.

Diese Menschen öffneten sich der Liebe. Sie wurden Zeugen, wie ihre eigene
innere Schönheit hervortrat, und erkannten, daß sie es wert sind, geliebt zu werden.
Sie fühlten sich von Gott geliebt, von Menschen geliebt, die ihnen wichtig waren, und
sie lernten, sich selbst zu lieben — und so kamen sie mit der absoluten Wahrheit in
Berührung. Inmitten furchtbarer Kämpfe und Qualen, die auch als sinnlose Angriffe ei-
nes blinden Schicksals interpretierbar gewesen wären, erfuhren sie die Vollkommenheit
des Universums.

Augenblicke der vollkommenen inneren Klarheit, des Friedens mit sich selbst und der
Liebe führen zu seelischer und geistiger Heilung, die physische Heilung möglich macht.

223
Liebe transzendiert den Tod. Eltern, die sich tödlichen Gefahren aussetzen würden, um
ihre Kinder zu retten, und alle Menschen, die je daran gedacht haben, ihr Leben für
einen anderen Menschen hinzugeben, wissen, daß Liebe stärker ist als unser angeblich
alles übersteigender Selbsterhaltungstrieb. Nichts ist stärker als die Liebe. Vielleicht ist
ihre Macht sogar grenzenlos. Pierre Teilhard de Chardin sagte: »Eines Tages, wenn wir
die Winde, die Wellen, die Gezeiten und die Schwerkraft gemeistert haben, werden wir
für Gott die Energien der Liebe nutzbar machen. Dann wird der Mensch zum zweiten
Mal in der Weltgeschichte das Feuer entdeckt haben.«

Liebe überwindet den Tod. Das heißt nicht notwendigerweise, daß die Liebe unsere
physischen Körper wiederherstellt, aber es kann geschehen. Wenn aber die Liebe den
Körper nicht heilen kann und wir in Liebe sterben, haben wir dennoch das höchste
Lebensziel erreicht.

224
ANHANG I

Muster des Fragebogens, den die Ärzte der Befragten ausfüllten.

1. Wie hoch war nach allgemeiner medizinischer Auffassung die Lebenserwartung


der Patientin/des Patienten, als die Diagnose über das gravierendste Stadium der
Erkrankung feststand?

(Bitte kreuzen Sie auf der Skala an:)

a) Die Chancen, zwölf Monate zu überleben, lagen etwa bei

1:1000 - nahezu aussichtslos


1:100 - sehr unwahrscheinlich
5:100 - unwahrscheinlich
10:100 - selten
25 :100 - unerwartet, aber nicht sehr ungewöhnlich
50 :100 - etwa in der Waage
50 :100 - etwa in der Waage, mit Besserungsaussichten

a) Die Chancen, drei Jahre zu überleben, lagen etwa bei

(Skala wie bei a)

b) Die Chancen, fünf Jahre zu überleben, lagen etwa bei

(Skala wie bei a und b)

2. Wenn Ihre eigene Einschätzung der Lebenserwartung der Patientin/des Patienten


von der allgemeinen medizinischen Auffassung signifikant abwich, geben Sie bitte eine
Zusammenfassung der Prognose und Ihre Begründung.

3. Bitte beschreiben Sie zusammenfassend den Krankheitsverlauf, die Behandlung und


eventuelle Komplikationen.

4. (Antwort freigestellt) Woran lag es Ihrer persönlichen Meinung nach, daß die
Patientin/der Patient die Krankheit so viel besser bewältigte als erwartet?

225
ANHANG II

Die Antworten der Ärzte

Durch die folgenden Informationen soll dokumentiert werden, daß in jedem der dar-
gestellten Fälle mindestens eine medizinische Autorität den Krankheitsverlauf bezie-
hungsweise den Genesungsprozeß der Patientin oder des Patienten als außergewöhnlich
betrachtete. In den meisten Fällen wurde diese Bestätigung dem Fragebogen entnom-
men, den der Arzt der Interviewpartnerin oder des Interviewpartners ausfüllte. Wenn
möglich, wurden die Ärzte gebeten, eine Einschätzung der Lebenserwartung abzugeben.
Vom Standpunkt der statistischen Wahrscheinlichkeit aus gibt es, was die Überlebens-
chancen angeht, unter den Personen, die in diesem Buch zu Wort kommen, gewisse
Abstufungen. In dem (statistisch gesehen) am wenigsten ungewöhnlichen Fall schätzte
der Arzt die Überlebenschancen auf 25 Prozent, während die Ärzte die Genesung in
anderen Fällen als »Wunder« bezeichneten. Schätzungen haben keinen absoluten Wert.
Andere Ärzte hätten vielleicht höhere oder niedrigere Werte angegeben.

Die medizinische Situation (das heißt die Art der Erkrankung und das Stadium, bis zu
dem sie fortgeschritten war, der Allgemeinzustand der Patientin oder des Patienten
zum Zeitpunkt der Diagnose, das Alter der Person und andere Faktoren) war in jedem
dokumentierten Fall eine andere. Zwar wurden dieselben Fragebögen verwendet, aber
da es darum ging, die relevantesten Informationen zu vermitteln, fielen die Ergebnis-
se nicht notwendigerweise ähnlich aus. In Fällen, in denen der Arzt keine spezifische
Einschätzung der Lebenserwartung abgab, wurden andere medizinische Daten
hinzugezogen, um den außergewöhnlichen Verlauf der Krankheit beziehungsweise des
Genesungsprozesses zu verdeutlichen.

Raymond Berté

1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des Arztes standen die Chancen, die nächsten fünf Jahre zu
überleben, zum Zeitpunkt der gravierendsten Diagnose etwa 25:100. (Anmerkung:
Raymond hat seit dieser Diagnose mehr als elf Jahre überlebt.)

2. Wich der Krankheitsverlauf bei Raymond Berté signifikant von allgemeinen medizi-
nischen Erfahrungen ab?

»Eine eindeutige Prognose war kaum möglich wegen der Probleme, das Lymphom zu
klassifizieren. In Anbetracht des Krankheitsstadiums bei der Diagnose, einschließlich
der Veränderungen im Knochenmark und im Blutbild, erwartete ich nicht, daß der
Patient so lange überleben würde.«

3. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Die Diagnose wurde am 22.9. 77 gestellt aufgrund einer Lymphknoten- und Kno-
chenmarksbiopsie. Die Meinungen der Pathologen über die genaue Histologie waren
geteilt. Manche beschrieben Lymphoma diffus, verhältnismäßig gut differenziert. Die
Präsentation ähnelte der Lymphonodulusform, und das klinische Erscheinungsbild stimmte

226
am meisten mit dem Lymphom des verhältnismäßig gut differenzierten Typus überein
(mittlere Lebenserwartung: 5—7 Jahre). Beim wenig differenzierten Typus liegt die
mittlere Lebenserwartung bei 1-2 Jahren.«

4. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet?

»Der Pathologe, der die günstigste Form der Histologie beschrieb, hatte recht. Eine
weitere, zusätzliche Lymphknotenbiopsie hätte vielleicht eine weniger bösartige Hi-
stologie ergeben - vielleicht vom nodularen Typus mit der günstigsten Prognose. Bei
Patienten mit Lymphomen kann die Einschätzung der Lebenserwartung in Anbetracht
des weiten Spektrums von Zelltypen und der Variationsbreite der Erscheinungsformen
der Krankheit sehr schwierig sein.« (Anmerkung: Der Onkologe füllte den Fragebogen
etwa fünf Jahre nach Raymond Bertés Diagnose aus.)

Kommentar des Autors:

Der behandelnde Onkologe deutete an, daß es Meinungsunterschiede gab, was die
exakte Diagnose anging. Obwohl er jetzt glaubt, daß die günstigste Prognose korrekt
war, gab er die Überlebenschancen für fünf Jahre immer noch mit 25 Prozent an. Trotz
der späteren Annahme des Arztes, daß die günstigste Prognose richtig war, ist es
interessant, anzumerken, daß die Spezialisten zum Zeitpunkt der Diagnose offenbar
anderer Meinung waren, da sie Raymond sagten, er habe nur noch sechs bis achtzehn
Monate zu leben.

Phina Dacri

1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des Arztes standen die Chancen, länger als drei Jahre zu über-
leben, zum Zeitpunkt der gravierendsten Diagnose etwa 5:100. (Anmerkung: Phi-
na hat seit dieser Diagnose mehr als elf Jahre überlebt. Krebs ist bei ihr nicht mehr
nachzuweisen.)

2. Wich der Krankheitsverlauf signifikant von allgemeinen medizinischen Erfahrungen


ab?

»Nein. Gute Einstellung der Patientin zur Behandlung und starker Lebenswille trotz
generell schlechter Aussichten. «

3. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Erste Diagnose im August 1978: inoperables Adenokarzinom der Lunge. Symptome:


Brustschmerzen (Diagnose lautete zunächst auf Myokardinfarkt, aber das war eine
Fehldiagnose).

Behandlung: Kurative Radiotherapie (6000 rad) vom 5.9.78 bis zum 31.10. 78. Gering-
fügige Strahlensymptome, Husten ohne Auswurf, keine Komplikationen. Die Patientin
hatte außerdem Anfälle von Arthritis der Halswirbelsäule und Gallenblasenprobleme.«

227
4. Warum bewältigte die Patientin die Krankheit besser als erwartet?

»Die Patientin akzeptierte die Diagnose - ihr wurde gesagt, daß die Krankheit unheilbar
sei. Der Ernst ihrer Prognose wurde nie vor ihr verborgen, aber die Dinge wurden ins
Verhältnis gerückt. Die Patientin wurde ermutigt, sich auf die Zukunft auszurichten,
nicht auf die Vergangenheit. Sie hielt durch, bemühte sich während ihrer gesamten Be-
handlung um eine positive Einstellung und ist nun gesund.«

Norman Cousins

Aussagen von Ärzten in »The Healing Heart« verdeutlichen, wie gravierend Cousins
Zustand war und wie außergewöhnlich seine Genesung verlief.

Dr. William Hitzig, Cousins‘ langjähriger Hausarzt, sagte, er habe im Dezember 1980
einen Anruf von Dr. Kenneth Shine erhalten, der ihm mitteilte, Cousins sei von einer
Ambulanz ins UCLA-Krankenhaus gebracht worden, in einem »aussichtslosen« Zu-
stand:

»Der Enzym-Test, der das Ausmaß der Zerstörung von Herzmuskelgewebe mißt, zeigte
extrem hohe Werte; ebenso alarmierend waren die HBDH-Werte, ein weiterer wichtiger
Indikator. In seiner Lunge hatte sich Flüssigkeit angesammelt; er hustete Blut. Ich ver-
stand, warum man mir gesagt hatte, sein Zustand sei >auf Messers Schneide<.«

Hitzig berichtete weiter, daß Cousins‘ Krankenzimmer eine Woche später mit Büchern,
Papieren und einer Schreibmaschine angefüllt war und eher einem Redaktionsbüro
ähnelte als einem Krankenhausraum. Hitzig sagte: »Ich war erstaunt, daß jemand, der
einen so schweren Herzinfarkt erlitten hatte wie er, solche Kraft und Zuversicht an den
Tag legen konnte. Und wieder dachte ich an meine eigene langjährige Erfahrung als
Kardiologe und Internist zurück, und ich fand keine Parallele.«

Hitzig weiß, daß ungewöhnliche Heilungsprozesse wie in Norman Cousins‘ Fall Ärzte
dazu bringen kann, die Genauigkeit der ursprünglichen Diagnose anzuzweifeln:

»Ich bin sicher, daß einige meiner Kollegen angesichts seines mittlerweile ausgezeich-
neten Zustands Zweifel anmelden werden, ob der Myokardinfarkt und das kongestive
Herzversagen wirklich stattfanden. Ich muß gestehen, daß ich selbst Schwierigkeiten
habe, zu glauben, daß jemand, der von einem schweren Herzinfarkt mit kongestivem
Herzversagen betroffen war, die Erfahrung so unbeschadet überstehen kann, wie es
bei ihm der Fall war.« (Hitzig schrieb diese Notiz etwa zwei Jahre nach Cousins‘ Herz-
infarkt.)

Dr. Kenneth Shine vom UCLA-Krankenhaus bestätigte, wie gravierend Cousins‘ Zustand
war:

»Das EKG und die Enzymveränderungen wiesen auf einen sehr schweren Herzinfarkt
hin. Bevor er das Krankenhaus verließ, machten wir einen Belastungstest auf dem
Laufband mit ihm, der uns mit großer Sorge erfüllte, denn der Blutdruck stieg nicht,
wie man es nach einem solchen Test erwartet, sondern er sank ab. Das war ein sehr
gravierendes Symptom, und ich setzte ihn davon in Kenntnis.«

228
Dr. Davis Cannom schrieb: »Die Blockierung der Arterien war eine unumstößliche Tat-
sache. Nach der vorherrschenden Auffassung unter Kardiologen ist dieser Zustand in
aller Regel irreversibel; Ausnahmen sind außerordentlich selten.«

Nachdem Cousins sechs Monate lang seinem selbsterfundenen Genesungsprogramm


gefolgt war, unterzog er sich einem zweiten Belastungstest auf dem Laufband.
Dr. Cannom erklärte, daß dieser Test völlig andere Ergebnisse hervorbrachte als der
erste. Von den verhängnisvollen Veränderungen war auf dem Kardiographen nichts
mehr zu sehen. Der Blutdruck fiel nicht ab. Nach den sechs Monaten Rehabilitations-
programm war eine unbestreitbare Veränderung eingetreten.

Joe Godinski

1. Einschätzungen der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des Arztes standen die Chancen, die nächsten zwölf Monate zu
überleben, zum Zeitpunkt der gravierendsten Diagnose etwa 1:1000. (Anmerkung: Joe
hat seit dieser Diagnose mehr als vierzehn Jahre überlebt. Er ist vollständig geheilt.)

2. Wich der Krankheitsverlauf signifikant von allgemeinen medizinischen Erfahrungen


ab?

»Meiner Auffassung nach sind Menschen keine statistischen Ziffern. Joes Überleben
überraschte mich nicht, denn >angesichts der Ungewißheit bleibt uns nur die Hoff-
nung<.«

3. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Vor acht Jahren wurde bei Joe Godinski Lungenkrebs diagnostiziert (Haferzellkarzi-
nom).« (Der Arzt füllte den Fragebogen vor sechs Jahren aus.) »Der obere linke Lobus
seiner Lunge wurde operativ entfernt; er erhielt Radiotherapie, lehnte Chemothera-
pie ab. Etwa ein Jahr später entwickelte sich eine Hirnmetastase, die durch Radio-
therapie behandelt wurde. Dann bildete sich ein Tumor hinter seinem rechten Auge;
Radiotherapie. Er ging zu den Simontons, leistete eine bemerkenswerte Arbeit an sich
selbst und wurde vollkommen gesund. Welche Maßstäbe man auch anlegt, man kann
seine Heilung nur als ein Wunder bezeichnen.«

4. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet?

»Ich glaube, daß Joe eine psycho-spirituelle Transformation durchlief, die seine Heilung
bewirkte. Sagen wir es so: Sein Lebenswille wurde sehr stark, und gewisse psycho-
neuroimmunologische Vorgänge mobilisierten seine Abwehrkräfte in so hohem Maß,
daß er fähig wurde, die Krebserkrankung vollständig zu überwinden.«

Lindsey Reynolds

Die Ungewöhnlichkeit eines Genesungsprozesses im Bereich der psychischen Störun-


gen zu beurteilen ist sehr schwierig; präzise Einschätzungen sind kaum möglich. In
Lindseys Fall gab es keine unter dem Mikroskop analysierbaren Gewebeproben, keine
pathologischen Befunde, die man mit anderen, ähnlichen Befunden hätte vergleichen

229
können. Um Diagnosen zu stellen, sind Psychiater auf die Beobachtung des Verhaltens
ihrer Patienten angewiesen. Sie müssen in hohem Maß auf ihre Intuition zurückgreifen,
um den psychischen Zustand einer Person einzuschätzen und über notwendige Inter-
ventionen zu entscheiden. In Anbetracht dieser Tatsachen und der langen Zeit, die seit
Lindseys Erkrankung vergangen ist (fünfundzwanzig Jahre, vom Beginn der Krankheit
an gerechnet), würden statistische Angaben auf einem Fragebogen kaum brauchbare
Daten ergeben. Wie in der Einleitung zu Lindseys Geschichte berichtet wurde, werteten
beratende Psychiater und Psychotherapeuten ihren Genesungsprozeß tatsächlich als
sehr ungewöhnlich, obwohl die Daten, die ihnen vorlagen, nach einem so langen Zeit-
raum zwangsläufig nur begrenzte Einschätzungsmöglichkeiten boten.

Es war möglich, die wesentlichen Ereignisse, die Lindsey in ihrer Erzählung schildert,
anhand ihrer medizinischen Unterlagen und durch Gespräche mit ihrem Psychiater
zu belegen. Die folgenden Exzerpte sind den Krankenberichten der Riverview-Klinik
(Pseudonym) entnommen. Jede Eintragung war datiert und von einem Arzt signiert.
Die Exzerpte sind nicht in der Absicht beigefügt, eine Chronologie ihrer Krankheit zu
erstellen (viele der Eintragungen über ihre Einweisungen und Entlassungen wurden
nicht aufgenommen), sondern es ging darum, einige charakteristische Beispiele ihres
Krankheitsverlaufs anhand der medizinischen Unterlagen zu dokumentieren.

»20.3.61 - Erste Einweisung in die Riverview-Klinik. Es handelt sich um eine zwanzig-


jährige College-Studentin mit einer langen Vorgeschichte (4-6 Jahre) von episodisch
auftretenden Depressionen und sprunghaften Stimmungswechseln. ... Heute sprach
sie von extremer depressiver Verstimmung und starken Ängsten, Grübeln über den
Tod ihres Vaters vor fünf Jahren, Besuch am Grab. Sie fügte sich mit Flaschenscherben
Schnittwunden an Handgelenken und Oberschenkeln zu ... Definitive Suizidgefähr-
dung.

2.5.62 - Zweite psychiatrische Einweisung der Patientin nach Selbstverletzung am


linken Handgelenk ... Nach einer Verabredung und mäßigem Alkoholgenuß wurde sie
depressiv und wollte sich umbringen.

Ergebnis der Anamnese:

Eindruck: Das allmähliche Einsetzen der Krankheit, die extreme Symptomatik und ihre
wiederholte Verschlimmerung (obwohl Wahnvorstellungen und Halluzinationen offen-
bar nicht auftraten) stimmen mit dem Erscheinungsbild der akuten undifferenzierten
Schizophrenie überein.

Diagnose: Schizophrene Reaktion, akuter undifferenzierter Typus


Prognose: Wenig Besserungsaussichten

16.5. 62 - zerschnitt sich die Handgelenke mit einer Rasierklinge, die sie unter Boden-
fliesen versteckt hatte.

20.5.62 - Patientin und ihr Zimmer sorgfältig überprüft und überwacht, Badezimmer
verschlossen. Patientin erhielt nur eine Matratze auf dem Boden. Setzte die Ärmel ihres
Pyjamas in Brand.

230
25.5. 62 - Die vier Elektroschockbehandlungen, denen die Patientin unterzogen wur-
de, erbrachten keine erkennbaren Veränderungen im affektiven Bereich oder im Ver-
halten. Heute gab sie vielmehr erneut ihrer zwanghaften Neigung zur Selbstverletzung
nach, zum zweiten Mal in 48 Stunden. Sie wird an drei aufeinanderfolgenden Tagen
weitere Schockbehandlungen erhalten.

9. 6. 62 - Nach einem Anruf bei ihrer Mutter zerbrach die Patientin eine Glühbirne und
zerschnitt sich die Handgelenke. Sie sagt, daß sie sterben will.

11.6. 62 - Es wurde festgestellt, daß Elektroschocks für die Patientin von keinem oder
geringem Nutzen sind und daß in Anbetracht ihrer anhaltenden depressiven Verstim-
mung, ihrer Selbstverstümmelungsversuche und ihrer fortdauernden suizidalen Verfas-
sung nur langfristige stationäre Behandlung sinnvoll erscheint.

14.8.63 - Patientin heute aus der Notaufnahme mit einer Schnittwunde an der Stirn
eingewiesen, verursacht durch einen Unfall in ihrer Wohnung. Der Sturz ereignete sich
im Badezimmer, während die Patientin ein Glas in der Hand hielt (vermutlich Ursache
der Verletzung). Die Schnittwunde wurde genäht.

8. 9. 63 - Zweiundzwanzigjährige Frau mit langer psychiatrischer Vorgeschichte (acht


Einweisungen in den letzten drei Jahren) heute im Koma in die Notaufnahme einge-
liefert, nach Einnahme einer Überdosis von Barbituraten in eindeutiger Selbstmordab-
sicht.

2.10. 65 - Chronisch schizophrene Patientin wurde nach einer Überdosis Tuinol und
Aspirin eingeliefert. Solche Vorfälle hat es in der Vergangenheit häufig gegeben.

13.4.66 - Chirurgischer Bericht:

Fünfundzwanzigjährige Frau eingeliefert, die heute nachmittag nach Klinikurlaub >Glas


schluckte<, offenbar Scherben eines zerbrochenen Marmeladenglases. Klagt über leich-
te Schluckbeschwerden und unklare Bauchschmerzen ... Röntgenaufnahme zeigt mög-
liche Fremdkörper in der Magenregion. Wir werden konservativ vorgehen und weiterhin
sorgfältig beobachten.

19.10.66 - Entlassung - zusammenfassende Begründung: Fünfundzwanzigjähri-


ge Frau mit Vorgeschichte zahlreicher Hospitalisierungen, Diagnose: undifferenzierte
Schizophrenie, Wiedereinweisung aufgrund von Kontrollverlust und suizidalen Neigun-
gen. Der Zustand der Patientin verbesserte sich nur langsam, in den letzten Tagen
jedoch generelle Zunahme der Reaktionsbereitschaft. Sie hat Klinikurlaub und Aufent-
halt außerhalb der Klinik über Nacht gut bewältigt, empfindet Angstgefühle, suizidale
Impulse sind jedoch verschwunden. Entlassung ist gerechtfertigt, da Klinikaufenthalt
regressive Gefühle und Verhaltensweisen verstärkt.«

Walter Purington

1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des Arztes standen die Chancen, die nächsten zwölf Monate zu über-
leben, zum Zeitpunkt der gravierendsten Diagnose etwa 1:1000. (Anmerkung: Walter

231
hat seit dieser Diagnose mehr als acht Jahre überlebt. Krebs ist bei ihm nicht mehr
nachzuweisen.)

2. Wich der Krankheitsverlauf signifikant von den allgemeinen medizinischen Erfahrun-


gen ab?

»Zur Zeit der Diagnose war der Patient nicht bei mir in Behandlung, aber nach allgemei-
nem Konsensus war seine Prognose sehr schlecht.« (Anmerkung: Walter konsultierte
diesen Arzt nach der Diagnose.)

3. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Erste Einweisung im August 1981, aufgrund starker Schmerzen in Arm und Rücken.
Zu diesem Zeitpunkt zeigte die Rückenmarksflüssigkeit undifferenzierte neoplasti-
sche Zellen in hoher Proliferation. Ultraschallabtastung zeigte erhöhte Aufnahme im
spheroidalen Sinus. Der Patient erhielt Radiotherapie am Schädel und im Bereich der
Brustwirbelsäule. Wurde nach Abschluß der Radiotherapie mit schlechter Prognose
nach Haus entlassen. Verlegung in eine Klinik zur terminalen Pflege; erhielt Akupunktur-
behandlung zur Schmerzlinderung.«

4. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet?

»Nach der Akupunkturbehandlung schien sein Zustand sich stetig zu verbessern, als er
schließlich aus der Pflegeklinik entlassen wurde.«

Zweiter Arzt: 1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des zweiten Arztes standen die Chancen, weitere drei Jahre zu über-
leben, zum Zeitpunkt der gravierendsten Diagnose etwa 1:1000.

2. Wich der Krankheitsverlauf signifikant von der allgemeinen medizinischen Erfahrung


ab?

»Meine Einschätzung stimmte mit dem allgemeinen Konsensus überein.«

3. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Bei Herrn Purington zeigten sich Abnormitäten der neurologischen Funktionen


(Parese des Cranialnerven) als Sekundärsymptom einer als >meningeale Karzinose<
diagnostizierten Erkrankung. Er erhielt einmal Chemotherapie und dann Radiotherapie
am Schädel und im Bereich der Brustwirbelsäule. Sein Zustand verbesserte sich all-
mählich, obwohl er keine weitere Therapie erhielt. Zur Zeit ist bei ihm kein Krebs mehr
nachzuweisen.« (Dieser Fragebogen wurde etwa zwei Jahre nach der ursprünglichen
Diagnose ausgefüllt).

4. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet ?

»Die Pathologie seiner Rückenmarksflüssigkeit wurde von einem lokalen und ei-
nem landesweit bekannten Spezialisten überprüft; beide bestätigten die Diagnose
>meningeale Karzinose<. Meine Vermutung: Obwohl Zellen unter dem Mikroskop als

232
Krebszellen erscheinen können, stellen sie vielleicht eine atypische Reaktion auf
irgendeinen merkwürdigen Infektionsprozeß dar.« (Anmerkung: Trotz dieser Annah-
me setzte der zweite Arzt Walters Überlebenschancen für drei Jahre mit 1:1000 an.
Ein beratender Arzt, der sich diesen Fragebogen ansah, äußerte die Vermutung, daß
die Zweifel des Onkologen, ob es sich bei Walters Erkrankung um Krebs oder um eine
»merkwürdige Infektion« handelte, erst nach seiner Heilung auftraten. Der beratende
Arzt erklärte: »Wenn es nicht so wäre, müßte man sich fragen: Warum versuchte er
nicht, die Infektion zu behandeln, da eine Behandlung der diagnostizierten Krebser-
krankung ohnehin als aussichtslos erschien?«)

Kurt Metzler

Erster Arzt: 1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nachdem bei Kurt Mukoviszidose diagnostiziert worden war, standen die Chancen,
daß er sein dreißigstes Lebensjahr erreichen würde, 1:1000. (Anmerkung: Kurt ist ein-
unddreißig Jahre alt.)

2. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Bei Kurt zeigte sich im Lauf der Jahre ein langsamer, aber progressiver Verlust der
Lungenfunktion. Von Zeit zu Zeit hatte er Anfälle von Bronchitis, die intravenöse
Antibiotikagaben und/oder stationäre Krankenhausaufenthalte erforderten. Kurt ist im
Lauf der Jahre sehr aktiv geblieben und versuchte, sich durch Körpertraining fit zu hal-
ten. Er ist durch seine Krankheit immer noch nicht erheblich behindert.«

3. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet?

»Glück? Gute physische Konstitution?«

Zweiter Arzt: 1. Einschätzung der Lebenserwartung:

Nach den Angaben des zweiten Arztes standen die Chancen, daß Kurt sein dreißigstes
Lebensjahr erreichen würde, nach der Diagnose etwa 1:100.

2. Aussagen des Arztes über die Krankheit und die Behandlung:

»Mukoviszidose in der Kindheit diagnostiziert, Störung der GPI-Hormone, Wachs-


tumshemmung. Während der letzten fünfzehn Jahre chronische progressive Lungenin-
suffizienz mit Bronchiektasie; Hämoptysis und Pneumothorax waren die gravierendsten
Probleme. Tägliche Physiotherapie mit dem Ziel der Pulmonaldrainage und Vermeidung
von Unterernährung. Verschlimmerungen des Lungenleidens wurden mit Antibiotika
behandelt und können Krankenhausaufenthalte erfordern. Seine Krankheit ist langsam
progressiv und vermutlich lebensverkürzend; begrenzt durch progressive Lungenschä-
digung.«

3. Warum bewältigte der Patient die Krankheit besser als erwartet?

»Viel Unterstützung innerhalb der Familie, gute Einstellung des Patienten zur Er-
haltung seiner Gesundheit und regelmäßiges Körpertraining haben zweifellos dazu

233
beigetragen; es gibt jedoch in bezug auf die Schwere der Erkrankung ein weites Spek-
trum individueller Gradabstufungen.« (Anmerkung: Kurts Krankheit wird als sehr
schwerwiegend betrachtet.)

Leo Perras

Aus dem Gespräch mit Leos früherem Hausarzt ging hervor, daß seine Heilung in
der Tat als außergewöhnlich betrachtet werden muß. Andere Quellen bestätigen die
medizinische Einschätzung des Arztes.

Ein Artikel in der medizinischen Zeitschrift »The Hampshire Hippokrat« vom Februar
1979 befaßt sich mit Leos außergewöhnlicher Heilung. Nach einer kurzen Beschreibung
der Ereignisse, die seinen ersten Schritten nach zwanzig Jahren im Rollstuhl voraus-
gingen, berichtet der Artikel:

»Seit diesen Ereignissen kann er wieder gehen, und nach den Angaben seines Arztes
hat der Umfang seiner Beinmuskeln sich mittlerweile verdreifacht. Das Erstaunlichste
ist jedoch das vollständige Verschwinden der starken Schmerzen in Armen, Rücken
und Hals, die er durch Einnahme von Percodan, Seconal und gelegentliche Demerol-
Injektionen zu bekämpfen versuchte. Seine Krankheit begann vor zwanzig Jahren mit
Problemen im unteren Rückenbereich, die zwei Operationen erforderlich machten. Nach
der zweiten Operation war er querschnittgelähmt. Hartnäckige Schmerzen in Rücken,
Hals und Armen gehörten während der letzten Jahre zu den Hauptproblemen. Ein
lokaler Neurochirurg implantierte ihm einen Stimulator der Dorsalsegmente, wodurch
jedoch keine Erleichterung der Schmerzen erreicht wurde. Der Patient nimmt nach
eigenen Angaben jetzt kein Percodan mehr, höchstens gelegentlich ein Aspirin.«

Am 29. August 1978 zitierte »The Hampshire Gazette«, eine Regionalzeitung, Leo
Perras‘ Arzt: »Es ist wirklich ein Wunder ... neurologisch hat sich nichts verändert.« In
dem Artikel heißt es weiter: »Der Arzt erinnert sich, daß er >es kaum fassen< konn-
te, als er Leo Perras auf seinen eigenen Beinen die Stufen zu seiner Tür hinaufsteigen
sah ... Obwohl Perras zweifellos nicht zu sportlichen Leistungen fähig sein wird, mit
Beinmuskeln, die durch lange Jahre im Rollstuhl atrophiert sind, ging er heute ohne
fremde Hilfe umher, langsam, wie ein Kind, das die ersten Gehversuche macht. >Seine
Beine haben jetzt den Umfang Ihrer Handgelenke<, sagte der Arzt einem Reporter.«

Am 23. Mai 1979 hieß es in einem weiteren Artikel in »The Hampshire Gazette«: »Perras‘
langjähriger Hausarzt sagt, er habe seinen Patienten vor zwei Monaten untersucht und
eine siebzigprozentige Wiederherstellung der Beinmuskulatur festgestellt. >Vorher war
es Null<, sagte er. Der Arzt, der auch Katholik ist, bezeichnete die Heilung als ein Wun-
der. Neurologisch hat sich nichts verändert. Es ist sehr schwer zu begreifen.«

Im Februar 1979 veröffentlichte die Zeitschrift »Yankee« einen kurzen Bericht über
Leos Heilung. Darin heißt es:

»Der Hausarzt bestätigte, daß Perras aufgrund einer chirurgischen Nervendurch-


trennung, die vor Jahren vorgenommen wurde, um ihn von seinen Schmerzen zu be-
freien, weder Reflexe noch Empfindung in den Beinen hat. Über Leo Perras‘ wiederher-
gestellte Fähigkeit zu stehen und zu gehen sagt der Arzt: >Neurologisch ist es unmög-
lich. Seine Beine sind durch die vielen Jahre im Rollstuhl so abgemagert, daß sie ihn