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T B B I N G E RB E I T R Ä G E

Z U R BLTERTUMSW1SSfi:NSCHAFT
PLATONS APOLOGIE

herausgegeben von

WalFgang Scbadewaldt - Joseph Vogt - Otto Weinreich

HeFt 4 2

T H O M A S XIEY ER

PLATONS A P O L O G I E von

'i'homas Meyer

W. KOHLHARIMER VEIlLAG W. K O H L H A M M E R VERLAG


Dieser Band wurde ebenso wie die vorangegangenen Bände 40 und 41 gedruckt mit
Unterstützung des Kultusministeri~msBaden-Württemberg.

VORBEMERKUNG

Seit Schleiermacher im Jahre 1804 die These aufstellte, die',Apolo-


gie' sei ein wirkliches Referat der von Sokrates vor Gericht gehaltenen
Rede', war es allgemeine und als ganz selbstverständlich hingenom-
mene Auffassung der Forschung, die Beschäftigung mit der ,Apologie6
müsse in allererster Linie der Frage gelten, was an dem dort dar-
gestellten Sokrates historisch, was als platonische Zutat abzuziehen
sei. Zahllose Erklärer mühten sich ab, aus der ,Apologie6 wie auch-
aus anderen Schriften Platons oder sonstiger Sokratiker - den wah-
ren, den historischen Sokrates herauszuschälen, der denn je nach
Geistesart und Geschmack des Betrachters ausfiel - ein Bemühen, das
sich bis in die Gegenwart hinein fortsetzt2.
Eine gewisse Wendung brachte die kommentierte Ausgabe der
,Apologie6von Martin S c h a n z (1893). Auch sie ging aus von der
Frage nach dem historischen Sokrates, auch sie präparierte einen
solchen aus der ,Apologie6 heraus. Neu a n ihr ist jedoch die Hin-
wendung zu der Frage, was man nun eigentlich mit dem ,,platonischen
Beiwerk", das bisher kurz abgetan worden war, anzufangen habe.
Sclianz sah die ,Apologie6so durchdrungen von derartigem ,,Beiwerka,
daS er den naheliegenden Schluß zog: die ,Apologie6ist gar nicht, auch
nicht anniiherungsweise, die wirkliche Verteidigungsrede des Sokra-
tes, sondern fiktiv, ein W e r k P 1 a t o n s. - Erst dreieinhalb Jahr-
zehnte später wurde der Versuch unternommen, diese These streng
methodisch zu begründen. Erwin W o l f f hat in seiner Dissertation
(1929)' attische Gerichtsreden sowie verschiedene platonische Schrif-
ten zum Vergleich herangezogen und auf dieser Grundlage die ,Apo-
logie' als philosophische Schrift Plzitons charakterisiert und gewür-
digt '.

F. Schleiermacher, Platons Werke, Berlin 1804 I 2 p. 185.


Alle Rechte vorbehalten
2 Zuletzt Gallo Galli, L'apologia di Socrate, ,PaideiaC1947 p. 273-292.
@ 1962 W. Kohlhammer GmbH., Stuttgart J Erwin Wolff, Platons Apologie, NPhU Heft 6, Berlin 1929.
Druck: Verlagsanstalt Manz, Dillingen-Donau, 1962
4 Vgl. die Forderung Gadamers in seiner Rezension der Dissertation von Wolff,
GGA 1931 p. 194.
6 Vorbemerkung

Die vorliegende Aheit geht von der Tatsache aus. daß es . mit
gutem Grund . bis jetzt noch nicht gelungen ist. den historischen
Sokrates objektiv zu ermitteln und dadurch die Frage. ob hier Sokra-
tes oder Platon rede. zu entscheiden . Doch ist etwas anderes möglich .
Wir können iinter Hintanstellung der Suche nach dem geschichtlichen
Sokrates zunächst einmal die Frage verfolgen. in welcher Absicht die INHALT
.Apologiec konzipiert ist. ob sie in erster Linie biographische Skizze.
Wiedergabe eines bedeutsamen Ereignisses aus dem Jahr 399 V Chr . . Vorbemerkung ............................ 5
oder ob sie zuallererst ein philosophisches Werk sein will. dem jenes
Ereignis als Hintergrund dient . I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede . . . . . . . .
Die hier geübte Methode wurde bereits von E . Wolff angewandt. 1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede . . . .
a) Die Auseinandersetzung mit der emotionalen Psychagogie . . . .
aber iiichi voll durchgefülirt . Von zwei verschiedenen Standpunkten
.
aus soll die Apol~gie'betrachtet werden . Sie gibt sich als Gerichts-
rede - also wird sie von der attischen Gerichtsrede aus als eine Ge-
b) Die Auseinandersetzung mit der gerichtsmäßigen Dialektik . . . .
Die Auseinandersetzung mit der Ethopoiie . . . . . . . . . . .
C)

2. Die Intention auf Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


richtsrede neben andern betrachtet werden miissen . Bleibt sie in die- a ) im Verhältnis zur Sache . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

-
.
sem Kreise oder setzt sie sich auch wieder von ihnen ab? Die Apologie'
ist aber auch ein Werk Platons also wird sie auf dem Hintergrund
b) im Verhältnis zu den Richtern . . . . . . . . . . . . . . . . .
c) im Verhältnis zu den Gegnern.................
des platonisclien Gesamtwerks zu betrachten sein. Ist sie ganz von
.
3 Die Funktion der Zeit in der Apologie ..............
4 . Die Annäherung der Apologie a n das Gerichtsübliche
Platon her zu verstehen oder sollte sich zeigen. daß sie doch etwas .........
a ) durch sprachliche Anklänge a n die Gerichtsrede
Andersartiges - dies wäre dann etwa das .SokratischeLim Sinn der b) durch den Gebrauch von Topoi der Gerichtsrede ........
früheren Erklärer - enthält? .
5 Die Aufhebung einzelner Gedanken der Gerichtsrede ins Philosophische
.
I1 Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk ......
.
1 Der göttliche Auftrag.......................
2. Sokrates' Betätigung......................
.
3 Sokrates in der Auseinandersetzung
........
a) mit der Gerichtsrede als einer Form der Rhetorik
b) mit dem Gehalt der Anklage .................
.................
Ist Sokrates Naturphilosoph?
.....................
Ist Sokrates Sophist?
C) mit den Hintermännern der Anklage..............
Die Dichter .........................
Die Staatsmänner .......................
.
4 Person und Paradeigma .....................
Schlußbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
.
I. DAS VERHÄLTNIS D E R APOLOGIE
ZUR ATTISCHEN G E R I C H T S R E D E

Es ist Ziel jeder Gerichtsrede, dem Hörer Dinge glaubhaft erschei-


nen zu lassen, die er von sich aus nicht ohne weiteres zu glauben ge-
neigt ist. Der Redner bedarf daher der aiute~g,der Mittel, etwas glaub-
haft zu machen. Nach Aristoteles gibt es drei Arten rhetorischer xiotey:
solche, die auf dem Charakter des Sprechers beruhen (Ev T@ q8ei ZOG
hE~ovtos),solche, die darauf ausgehen, den Hörer in irgendwelche
Stimmung zu versetzen (Ev %@tOv &qoatfivb~a6eivaiWS), und schließlich
solche, deren Wirkung in dem Aussagegehalt selbst liegt, der in die Form
eines Beweises oder doch eines Scheinbeweises gekleidet ist (6%' aGt@T@
h6yq !,L& toG b e i x v . 6 ~ ~cpaivsafia~
~ bew4vac). Im ersten Falle handelt es
sich um Ethopoiie, im zweiten um emotionale Psychagogie, im dritten
um Dialektik1. Gemeinsam ist diesen drei aiateis die agonistische Ten-
denz, die Bemühung um das ibiov ouycpß~ov.
Aristoteles hält es nicht nur für geraten, sondern geradezu für zwin-
gend notwendig (OIY8yxq.. .), sich dieser sämtlichen drei ~ ~ U T E LinS der
Gerichtsrede zu bedienen (rh. 1377 b 21). Für die ,Apologie6ergibt sich
daraus die Frage, wie sich der platonische Sokrates mit diesen für un-
erläßlich geltenden Bedingungen gerichtswirksamen Auftretens aus-
einandersetzt. Dabei geht es weniger darum, Abhängigkeiten und An-
klänge zu ermitteln, als um die Frage, inwieweit in der ,ApologieG
Dinge gesagt werden, die so in keiner eigentlichen Gerichtsrede stehen
könnten, die der inneren Struktur der Gerichtsrede widersprechen.
Es soll nun des näheren gezeigt werden, wie in der ,Apologie6die
emotionale Psychagogie, die gerichtsmäßige Dialektik und die Etho-
poiie befolgt und behandelt ist.

Sachliche Entsprechung in Ciceros De oratore: I1 C. 44-53 Abhandlung des per-


mouere, C.27-41 des docere und C.42-43 des conciliare.
10 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede 11
1. D i e A u f h e b u n g d e s a g o n i s t i s c h e n E l e m e n t s Modell diene Demosthenes 40,4 f.. Der Sprecher fordert die Hörer auf,
der Gerichtsrede ihm, dem unrecht getan wurde, zu helfen, über die Gegner jedoch, die,
kurz gesagt, Schurken sind, empört zu sein (xo6tois 6' ~ i x 6 t w6cv~ Beyi-
a ) Die Auseinandersetzung mit der emotionalen Psgchagogie .
~ O L & EO, ~ W E S ..).
Vergleicht man nun zu diesem Verfahren, etivota,und c ) g d hervor-
Das Vorhaben der Gerichtsrede, den Hörer in eine geeignete Stim- zurufen, die ,ApologieL,so ergibt sich dies: Die ,ApologieLbenützt zwar
mung zu versetzen (GiaVsivai m ~ ) ist , gleichbedeutend mit einem An- die Topoi der Gerichtsrede - Hinweis auf die Schwierigkeit der Lage,
griff auf sein Gemüt. Im Grunde sind es nur zweierlei Affektee, die der die Macht und die moralische Fragwürdigkeit der Gegner -, aber zu
Redner beim Hörer auszulösen bemüht ist: Sympathie (~Gvota) für die einem anderen Zweck: nämlich zu einer rein sachlichen Aussage oder
eigene Sache, Empörung ( 6 ~ ~ '6gegen
) den Widersacher. Diesem dop- zum Hinweis auf eine Norm.
pelten Bemühen wird je ein Verfahren gerecht. Eine s a C h 1i C h e A u s s a g e liegt in folgenden Fällen vor: 18 b-d
Die Sympathie geht aus einer seelischen Erschütterung hervor. werden die Gründe angegeben für die Gefährlichkeit der „ersten An-
Diese wird hervorgebracht durch Darlegung der Not5 - vielfach einer kläger": ihrer sind viele; sie klagen schon lange Zeit8; ihr psycholo-
äußersten Not - des Sprechers; der Hörer, von jener Not erschüttert, gisches Vorgehen - Beeinflussung der Jugend - ist klug und wirksam;
empfindet einen spontanen Impuls, dem Gefährdeten zu helfen, und sie erwecken den Verdacht der Asebie gegen Sokrates, was eine
eben in diesen1 Impuls besteht die ~Gvota,um die es sich hier handelt. äußerste Gefährdung bedeuteti0; und schließlich: sie bleiben größten-
Betrachten wir als Modell für dieses Verfahren Demosthenes 27,2. teils anonym, sodaß eine Verteidigung gegen sie nahezu unmöglich ist.
Der Sprecher weist auf die xaeauxevai der Gegner hin sowie auf ihre Nach dieser Aufzählung müßte nun ein Aufruf zu ~Zlvoiaund 6 ~ er- ~ 4
Redegewnndtheit (liEyetv ixavoi) , um ihre Gefährlichkeit darzutun ', und folgen. Doch nichts dergleichen geschieht. Die einzige Folgerung, die
stellt dem kontrastierend seine eigene Jugend, Unerfahrenheit und das Sokrates aus der Tatsache der besonderen Gefährlichkeit der ersten
Ausmaß seiner Bedrohung (Prozefi n s ~ TGV i 6vtov &n&vtov) gegenüber. Gegner zieht, ist die, daß er der Behandlung der früheren Ankläger
Damit ist seine Not drastisch zum Ausdruck gebracht, der Hörer beein- den ersten Platz in seiner Verteidigungsrede einräumt; er zieht ledig-
druckt. der Inlpuls gegeben. Nun kann er die Situation für sich nützen: lich aus einer sachlichen Darlegung eine Folgerung für die Disposition,
er spricht die Hoffnung aus, sein Recht zu erlangen - wer wollte es und der für die Gerichtsrede charakteristische Appell an die Emotion
dem Bedrohten vorenthalten? - und bittet die Richter um ~ G v o ~ a ~ . fehlt. Letzteres ist auch 17 b 3 der Fall, wo Sokrates eine Behauptung
Die 6eu6 andererseits wird geweckt durch die Darlegung der mora- der Gegner als Gipfel der Unverschämtheit bezeichnet ", ohne etwa die
lischen Vcnwrfiiclikeit der Gegners, und auch hier ist die Rontrastie- Hörer zur dey6 aufzurufen. - Die Schwierigkeit der Lage für den Spre-
rung ein hcliehtes Mittel, Eindruck zu inachen, die Gegeniiberstellung cher wird betont durch den Hinweis auf die Kürze der zur Verfügung
von eigener Schuldlosigkeit und gegnerischer Skrupellosigkeit. Als stehenden Zeit (18 e 5 ff.) ". Ihre Aussichtslosigkeit kommt 28 a zur
Sprache. In der Gerichtsrede wird von einem eventuellen schlimmen
P Vgl. Arist. rh. 1415 a 34: t d 6E npbq eiw &xpoari)v Ex TE toü e.livotav noriioar xal Ausgang des Prozesses nur emotional gesprochen, z. B. Ant. 3 Y 4:
Ex toü Oeyioar. 6 ~ e o 6 6 ,P%.. . &xoute~q8G,nicht lediglich feststellend, wie in der ,Apo-
Vgl. Lys. 16.9. Isae. 7,4. Dem. 18, I; 27,2; 34, 1; 38,2; 43,2; 47,3. Vgl. auch logie'. Ferner können dort frühere Justizirrtümer nur in der Absicht
Anax. 54, 1 Sp.. erwähnt werden, die Hörer zu erregen und zu tatkriiftiger Abwendung
Vgl. Lys. 10.28; 12,20; l 5 , 9 ; 28,2 13; 2 9 , l l ; 32, 19. Isocr. 18.4; 20,6 9. Dem.
19,312; 21,46 123; 24,218; 54,42. Aesch. 1, 166. Hyp. 1 fr. 6 col. 22. Lyc. 16 58
eines neuen Unrechts anzufeuern (vgl. Anax. 68, 13 Sp.) ", nicht aber,
138. Din. 1, 77; 3 , s . P Vgl. And. 1, 6. Lys. 19, 3.
Vgl. Lys. 10,31; 18,27; 20,35. Isocr. 17, 1. Isae. 6 , 2 . Dem. 18,2 f.; 27,67 f.; 10 Zur Weckung von Ressentiments vgl. Isae. 11,38. Hyp. 3,32.
28, 18 ff.; 40, 18; 5 4 2; 57, 1 f.; 58, 3. 11 Vgl. Ant. 3 y 5; 4 y 6. Lys. 3 , l 25; 6,9 33; 12,22; 29,7. Isae. 1,2; 7,21. Dem.
Vgl.Ant.261.Dern. 1 9 , 1 ; 2 1 , 7 f . ; 5 2 , 1 . 22,92; 37,5; 45,44; 46,5. Besonders bezeichnend Dem. 51,19.
Vgl. And. 1, G. Lys. 19, 1 f. 3. Isae. 8 , 5 . Dem. 21,5 f.; 28, 18 ff.; 40,55; 43,81; 45, 1. 12 Isokrates imitiert diese Stelle in der an absichtlichen ,Apologie1-Anklängen
Aesch. 2, 1. Hyp. 2, 19 f.. reichen Rede neei toü te2iyous (16, l l ) , wendet sie jedoch agonistisch.
Nach Arist. rh. 1378 b 13 wird die 6 p d durch drei Arten der 6hryopia erregt: &Ei 6E xatqyopsiv ~ ~ Graßohijq,
f i xai hßysrv (35 O E L V ~ Vxal xorvbv xai noAhOv xaxOv
xatacp@6vqarg,dnq!?EaCTp6~ und Ü(3etq. Dies gilt nicht nur vom persönlich Be- aitrov. Epipavrodov 8' TL xal nohloi ij6q 6rscp6&~qaavdbixw~6~aßhq88vrs~. Vgi.
troffenen, sondern auch vom Richter. auch Lys. 19,53.
12 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede 13
wie in der ,Apologie', lediglich um zu konstatieren, daß es schon immer (17 d 4; vgl. z. B. Ant. 5,5) für seine unpassende Redeweise zu erlan-
Justizmorde gegeben habe und wohl auch weiterhin solche geben gen'', also diese zu entschuldigen. Doch es scheint nur so. Er wieder-
werde. Nur die sachlichen Gründe der zu erwartenden Verurteilung - holt die Bitte, an seiner Redeweise keinen Anstoß zu nehmen (18 a 2)
Mißgunst und Verleumdung von seiten der xobhoi (28 a 7) - interessie- und fügt die bezeichnenden Worte hinzu: „Mag sein, daß diese Rede-
ren die ,Apologiet; eine Kontrastiemng eigener Preisgegebenheit mit weise schlechter, mag sein, daß sie b e s s e r ist" (SC. als die gerichts-
der Macht der Gegner, das gewöhnliche Mittel, Emotion hervorzubrin- übliche Ai&). Hier geht es in Wahrheit nicht darum, Sokrates' Rede-
gen, liegt dagegen nirgends vor. weise zu entschuldigen, sondern zu rechtfertigen, und zwar durch die
Zum H i n w e i s a U f e i n e N o r nl sind die fraglichen Topoi in fol- Norm; vor ihr erscheint sie als die bessere. - In noch h ö h e r ~ mGrade
genden Fällen gemodelt: 17 C 4 ist die Rede vom Alter des Sprechenden, läßt die 19 a 2 gebrauchte Wendung aufhorchen. Sokrates wünscht
doch nicht wie in der Gerichtsrede, wo das Alter nur zum Zweck, Mit- sich Erfolg für seine Verteidigung. Dieser Wunsch wird in der Ge-
leid und Sympathie zu gewinnen. erwähnt wirdi4, sondern zur Legi- richtsrede mit der größten Selbstverständlichkeit und ohne Einschrän-
timation der Redeweise des Sprechers: sie niiiß dem Alter angemessen kungen geäußert, denn er hat vitale Notwendigkeit und schließt die
sein ( n e E n ~ w15.)- Wie in der Gerichtsrede wird 19 a 4 ff. einem Hin- Bemühungen um Erregung der Hörer wirksam ab m. Anders die ,Apo-
weis auf die Schwierigkeit der Lage die Absicht gegeniibergestellt, logie'. Hier wird der Wunsch nach Erfolg von der Bedingung abhän-
trotzdem ( Ö ~ o svgl. ; Ant. 5, 19. Lys. 1 2 , 3 ) die Verteidigung zu wagen, gig gemacht e'i T L 2ip~ivovxai Bpiv xai &poi. Nicht der vitale Wunsch, son-
doch nicht, uni den Hörer für dieses Wrignis zu gewinnen, sondern mit dern die Norm des Bya96v ist maßgebend. Dies wird mit voller Deut-
Rücksiclit aufs Gesetz: t @ 66 v6pq1 xewtEov xai BnoboyqtEov 19 a 6. - Die lichkeit in der Schlußrede klar, wo die Verurteilung letztlich als Bya.66~
Gegner haben vor Sokrates als einem Redegewaltigen (OEGVOS AEYELV erscheint (40 b 7 ) .
17 b 1) gewarnt, offenbar um 6 e y i gegen ihn hervorzurufen: gilt doch Wir fassen zusammen. Die Topoi, deren sich die emotionale Psycha-
allenthalben in der Gerichtsrede die Redegewandtheit als identisch mit gogie bedient, werden in der ,Apologieceinem andern Zweck dienstbar
der Kunst, zu lügen'! Wendet sich in der Gerichtsrede jedoch der gemacht als dem der Erregung des Hörers: sie dienen entweder zu
Sprecher wie hier gegen den Vorwurf der OeivOtq~AEYELV,SO erscheint einer rein sachlichen Aussage oder zum Aufweis einer bestimmenden
diese in einem etwas anderen Licht. Demosthenes gibt 18,277 zwar zu, Norm.
Redegewalt zu besitzen, führt jedoch aus, er benütze sie zum Besten
Athens und nicht im Privatinteresse", während sein Gegner, dem sie b ) Die Auseinandersetzung mit der gerichtsmäßigen Dialektik
gleichfalls zukomme, sie zum Schaden der Stadt und zu privaten Im Unterschied zur emotionalen Psychagogie, die das Gemüt des
Machenschaften gebrauche. Der Redegewaltige erscheint als ein Mann, Hörers zu erfassen sucht, wendet sich die in Gerichtsreden übliche
dem Wahrheit und Lüge gleichermaßen disponibel sind. Nach Sokra- Dialektik an den Intellekt des Hörers. Ihr Ziel ist nach Aristoteles
tes dagegen ist der 6~1vd$AEyeiv ein Mann, der s e i n e r s e i t s der Walir- (s. p. 9), Beweise oder doch Scheinbeweise zu liefern. Aus dieser For-
heit disponibel ist (17 b 5), dessen Funktion darin besteht, da5 er der mulierung erhellt, daß es sich um eine tendenziöse Wiedergabe des
Norm der Wahrheit dient und sich an ihr orientiert. Dies bedeutet eine Sachverhalts handelt. - Zur gerichtsmäßigen Dialektik sollen jedoch
fundamentale Wendung: Nicht verfügt der Redner über die Norm, im folgenden nicht nur Beweise und Scheinbeweise gerechnet werden,
sondern die Norm verfügt über ihn, ja er wird geradezu von ihr her sondern alles, was potentiell Beweis ist, also die tendenziöse Darstel-
definiert: wer die Wahrheit sagt, ist ein Redner. lung überhaupt.
Und weiter: 17 C 6 ff. führt Sokrates seine ~erichtsfremdheit'~ an, Das Verfahren, die Gegebenheiten in eine der Tendenz entspre-
scheinbar um, wie es dem Brauch der Gerichtsrede entspricht, ~ v y ~ v h p q chende Form zu bringen, ist ein zwiefaches. Erstens bedient man sich
der Auswahl. So rät Anaximenes (83, 1 Sp.), bei einer Gegenüberstel-
Vgl. Isae. fr. 5 , 2 . Dem. 27, 1; 58,41; 59, 14.
l5 Vgl. Wolff 1. C. p. 4, ferner unten p. 157.
lung der Taten des Klienten und der des Gegners von letzterem nur die
Vgl. Ant. 3 ß 2. Lys. 12,86. Isocr. 21,5. Isae. 9,35; 1 0 , l . Dem. 23,5; 27,2; 29,32; unbedeutendsten, von ersterem aber die imposantesten anzuführenP1.
35,41; 58,61. Aesch. 1, 170; 3,200. Lyc. 31. l8 Vgl. ferner Ant. 3 ß 2. And. 1,9. Dem. 19,217.
l7 Vg1. Dem. 29,2, wo Redegewandtheit als die Kunst erscheint, komplizierte Walir- Vgl. Ant. 6, 14. Dem. 24,8; 27,2; 29, 1; 57,2.
heiten zur Geltung zu bringen. 21 Vgl. Anax. 29,9; über Auslese und Hervorkehrung geeigneter Züge bei naea-
Vgl. Ant. 1, 1; 5, I ff. Lys. 12,3; 19, 2. Isae. 1, 1. Dem. 27,2; 41,2. Seiypara s. Anax. 42, 19 Sp.; vgl. auch Cic. de or. I1 8 102; 292-294.
14 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede 15

Ohne daß die Wahrheit verletzt würde, wird so ein falscher, jedoch eine alte und eingewurzelte G~aßohfi gegen den Sprecher vorliege
tendenzgemäßer Eindruck erzeugt. - Zweitens wird die Sachlage in (19 a 1). - Erwägt ein Angeklagter die Möglichkeit des Freispruchs,
einer Weise umgefärbt oder verdreht, die der Lüge nahekoinii~t.So so pflegt er den Richtern Versprechungen für die Zukunft zu machene6.
rät Aristoteles (rh. 1367 b 22), alles, auch das rein Zufällige, auf eine Auch Sokrates denkt an die Möglichkeit eines Freispruchs, unter der
bewußte Absicht zurückzuführen, wofern dies im Interesse des Spre- Bedingung, daß er seine elenktische Tätigkeit künftig unterlasse (29 C).
chers liege2'. Aber weit davon entfernt, einen so glimpflichen Ausgang des Prozes-
Wie sich von selbst versteht, taugt nicht fiir tendenziöse Darstellung ses den Richtern durch Versprechungen nahezubringen, fiihrt Sokra-
alles, was für den Sprecher ungünstig sein m U ß ". Auf der anderen tes vielmehr gelassen aus, er denke gar nicht daran, sich an eine solche
Seite entspricht es jedoch auch nicht dem Geist der Gerichtsrede, die .
Bedingung zu halten (29 d 3 ff .) Dies bedeutet eine Brüskierung der
eigene Person und Sache in dem Maße günstig darzustellen, daß die Richter und eine vom Standpunkt der Gerichtsrede aus höchst un-
geforderte Unterordnung unter die richterliche Superiorität dadurch zweckmäßige Schädigung der eigenen Position 27. - 18 a 7 ff. bemerkt
Sokrates, er müsse sich erst gegen eine frühere Anklage verteidigen,
aufgehoben wirdz4.Iinnier miiß die iibharigigkeit des Sprechers von
ehe er sich der aktuellen zuwenden könne; während aber die Gerichts-
der richterlichen Gewalt anerkannt werden, muf3 der Sprecher in
rede die Aufforderung an die Richter, sich über verschiedene Punkte
Furcht und Bescheidenheit dem richterlichen Urteil entgegensehen.
Aufklärung geben zu lassen, nur im Hinblick auf den Gegner ge-
Der Anwendungsbereich der Tendenz liegt mithin in der Mitte zwi-
schen Selbstbezichtigung und Anmaßung.
..
braucht (Dem. 40,54: Exaazog dphv. &E,~ofizo zoihov &noGe~xv6va~)
richtet Sokrates diese Aufforderung gegen sich selbst (18 d 7 ) : die
Betrachten wir daraufhin die ,ApologieL,so zeigt sich, daß dort jene Hörer sollen wünschen, daß Sokrates auf jene erste Anklage eingehe,
Mittellage in Richtung auf die beiden Extreme hin verlassen wird. mithin: Sokrates strebt von sich aus eine Erweiterung der Anklage an.
Die Gerichtsrede ist der Auffassung, es sei in höchstem Grade be- Eine Erweiterung der Anklage durch den Beklagten in dieser Form
Iaslend. wenn sich viele in der Ablehnung oder gar Bekämpfung eines ist in der Gerichtsrede beispiellos2'. Grundsätzlich ist eine Erweiterung
Mannes einig sind =. Daher wird in Verteidigungsreden fast nie auf die der Anklage zu agonistischen Zwecken nicht unmöglich; sie kommt vor
Vielzahl der Gegner hingewiesen, und wo ein solcher Hinweis iinerläß- in folgenden beiden Fällen: Hat der Beklagte Grund, sich auf die An-
lich ist, ist der Sprecher bemüht, den daraus folgenden üblen Eindruck klage nicht näher einzulassen, verfügt er jedoch über ein Gebiet, auf
zu verwischen, indem er bittet, sich doch nicht durch diese Tatsache dem er sich erfolgreich verteidigen kann, so wendet er sich diesem
irreführen zu lassen (Isae. fr. 5,2), oder indem er an das Wohlwollen zuS". So vermutet Demosthenes (19,95), der Gegner werde sich ver-
der Richter appelliert (And. 4, 2 ) . Es aber gelassen zu erwähnen, daß teidigen, als ob er wegen des Friedensschlusses überhaupt angeklagt
niari bei vielen verhaßt sei - und dies tut Sokrates (18b 1 C 4; 28 a 5) -, ~ nhet6vwv 3 xazqyoeei ZLS a6zoü 6Q h6yov. pavia yde zoürb ye'.
werde, 0 6 'iva
bedeutet fiir die Gerichtsrede entweder Schuldbekenntnis oder An- sondern weil das Wort ,,FriedeGso schön klinge. In der ,Apologie6liegt
maßung. Das gleiche gilt für die Hervorhebung des Umstands, daß jedoch keineswegs ein solches Ausweichen auf eine günstigere Position
vor. - Der andere Fall ist der, daß der Beklagte ironisch seine eigene
22 Das Verfahren der Auslese und Umfärbung ist wegen der Vergleichsmoglich-
keiten am brsten bei historischen Exkursen in Gericlitsreden zu beobachten, z. B. Vgl. And. 1, 136 144 f. 149; 2, 1 16. Dem. 28,24.
Lgs. 12. G2-78, wo die Schuld des Theramenes isoliert und vergrößert wird, oder Vgl. Dem. 19, 118, wo derselbe Standpunkt, den Sokrates einnimmt, dem Gegner
gar Lys. 13. 41-48. wo Agoratos als derjenige erscheint, der an der Iiatastroplie unterschoben wird zum Zweck, ihn zu belasten.
von 401 schuldig ist. Vgl. auch die Fälle, wo geschiclitliche Exkurse den Beweis Vgl. Isae. 6, 62. Dem. 41, 17; 56,31. Aesch. 1, 176; 3,202 206. Hyp. 2, 11; 4,6.
für eine These liefern sollen: And. 1, 10G--109. Dem. 19,269 ff.. Aesch. 2, 164 B. 'P Andokides' Mysterienrede kann hier nicht angeführt werden (entgegen Wolff
171-178; 3, 194 fY.. Din. 1, 74 8..Vgl. ferner Cic. de or. I1 C. 25; zur Kunst, 1. C. p. 81, da dort die aktuelle Anklage sich juristisch auf die frühere Verurteilung
mendaciuncula lierziistellen, I1 240 f.. gründet und mit dem Nachweis, daß diese Verurteilung ungerecht war und außer-
U Ubi plus mali quam boni reperio, id totum abdico atque eicio Cic. de or. I1 3 102. dem der Amnestie unterliegt, hinfällt. Anders die ,Apologie1,wo der Zusammen-
24 Vgl. die aristotelische Lehre von der Oh~yweiaals Erregerin der 6 ~ ~ rli.4 ,1378 hang zwischen erster und zweiter Anklage nicht juristischer, sondern genetischer
h 13; vgl. auch rh. 1380a 24. Videndumque Aoc loro est, ne, quos ob benefacta Natur ist und daher mit der ersten nicht auch die zweite Anklage hinfällt.
diligi uolemas, eorum laudem atque gloriam, cui maxime invideri solet, n i m i s In Verteidigung und Anklage derselbe Mechanismus; vgl. Lys. 25,5; 26,3. Isocr.
efferre vidramur Cic. de or. I1 8 208; vgl. auch I 8 221 I1 8 304. 16,2; 18, 40. Dem. 18,5; 19,100 105 269; 22,56; 37,66; 40,73; 45,50; 58,23.
L6 Vgl. Dem. 19,244 f.; 21, 132; 24,6. Hyp. 2,14. Aescii. 1,48. Aesch. 1, 170; 2, 7.
.!
16 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gefichtsrede
1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede 17
Schuld vergrößert, um dadurch das ganze Gebäude der Anklage zum
waren gereizt, erbittert, durch eingewurzelte GiaßoAfivoreingenommen
Einsturz zu hingen. Diesen Fall, der in der attischen Gerichtsrede
nicht zu belegen ist, hat Aristoteles rh. 1401 b 3 ff. im AugeS1;er findet (19 a I ) , kurz: sie waren von Oey4 bestimmt.
sich in virtuoser Durchführung bei Lukian pisc. C. 29. Aber auch eine Welche Mittel stehen der Gerichtsrede zur Verfügung, einer solchen
solche zweckhafte tlbersteigerung liegt in der ,Apologiec nicht vor, Stimmung Herr zu werden? Es sind ihrer im wesentlichen drei: die
denn weder wird die erste Anklage dort ironisch behandelt, sie wird Zeit, die Emotion und die Tendenz.
vielmehr sehr ernst genommen (- sie ist es, nicht die zweite, die Sokra- Die Z e i t wird als wichtigstes Mittel angesehen, die 8eyfi zum Ab-
tes besorgt macht, 18 b 3, sie bewirkt auch Sokrates' Verurteilung, klingen zu bringen. Die 6wfi bewirkt, daß vernünftige Argumentation
28 a 7 ) , noch auch tritt der genannte Effekt ein, daß mit ihrer Erwei- nichts mehr ausrichtet, daß der Hörer, ,,durch die momentane Empö-
terung die Anklagr nd absurdum geführt wird. rung verwirrt, sich überhaupt nicht mehr die Zeit nimmt, den wahren
Bleibt noch eine dritte Möglichkeit, die zwar außergewöhnlich wäre, Sachverhalt zu ermitteln" (Luc. calumn. 15) =. Der Zeit aber weicht
sich jedoch mit drm agonistischen Geist der Gerichtsrede vereinigen die Oeyfi. „Sehr wohl vermag es das Verrinnen der Tage, den Sinn von
ließe. Demnach wlrde Sokrates eine untendenziöse Darstellungsweise der 6wfi abzubringen und ihn den wahren Sachverhalt finden zu las-
anwenden, um sehe Hörer durch Objektivität zu gewinnen. Es wäre sen" (Ant. 5,72) se. Auch Sokrates ist dieser Auffassung, wenn er for-
zu fragen: ist es ein sinnvolles Unternehmen, in Sokrates' Lage zu dert, man müsse über Kapitalverbrechen mehrere Tage zu Gericht
agonistischen Zwecken Objektivität walten zu lassen? Die Beantwor- sitzen (37 a 8). Aber diese Zeit steht ihm nicht zur Verfügung, so
tung dieser Frage erfordert einen kleinen Exkurs. wenig wie sonst einem Gerichtsredner. Die Zeit, die er auf den Ver-
Zunächst: Was wissen wir von der Anklagerede, die Sokrates in eine such, die 6 ~ zu~ eliminieren,
4 verwenden kann, steht in gar keinem
so schwierige Lage gebracht hat? Der Ankliiger Meletos hatte sich Verhältnis zu deren Stärke, wie er selbst verschiedentlich ausführt
selbst als vorzüglichen Menschen (Dryai)?~~ xai cp~h6noAi~
24b5)'* be- (18 e 5 24 a 2 37 b 1). Mithin scheidet die Zeit als Mittel, die 6eyfi zu
zeichnet, Sokrates dagegen als Rede- und damit als Lügenkünstler bekämpfen, aus.
(EEanatäv 17 a 6) Das bedeutet Aufreizung der Hörer gegen ihn. Fer-
Das zweite Mittel, die e m o t i o n a 1e Beeinflussung der Richter, ist
ner übt Anytos Druck auf die Hörer aus, indem er darlegt, weitere das beliebtestes7; wirksam pflegt auch eine emotionale Umrahmung
Wirksamkeit des Sokrates sei gleichbedeutend mit dem Verderb der kühlerer, sachlicherer Partien zu sein. Darauf verzichtet Sokrates
jedoch, wie auch auf die t e n d e n z i ö s e D i a l e k t i k .
gesamten Jugend .Ithens (29 C 4) '*. Und schließlich bezeugt Sokrates
Die im Sinn der Gerichtsrede opportunen Mittel, die 8~yfizu be-
selbst die Stärke uxd Wirksamkeit der gegnerischen n~ii)h(17 a 3).
Ferner: in welcher Verfassung die Hörer waren, geht schon allein kämpfen, bleiben also ungenutzt. Statt dessen gibt Sokrates eine Dar-
aus dem Umstand hervor, daß Sokrates sich gleich zu Beginn seiner stellung, die auf Objektivität abhebt. Er kann nicht hoffen, damit auf
Rede gegen Unterbrechung durch Lärmszenen verwahren muß (17 d seine emotional gestimmte Hörerschaft günstig zu wirken, denn sie
I ) , daß er auch in- Verlauf der Rede mit Lärm (20 e 4 30 C 2), Ärger wird eine so unbekümmerte Sachlichkeit nur als Anmaßung empfin-
(&~i)os,31 e 1) und ErnpBrung (d~yfi, 34 d 1) rechnen muß. Die Hörer denS8;nicht umsonst muß Sokrates sich gerade da, wo seine Objek-
tivität am meisten in die Augen springt, gegen den Vorwurf der An-
~ c w ) k a v , pi) 6eiSaq OTL Cnoiqmv, ai)t.ficra zb neäypa-
toüro 6' (sc. h v i r u x ~ ~ ~ & Emir maßung verwahren (34 d 9). Sokrates weiß, daß sachliche Argumen-
no~eiyolp cpaiwaf)ar.. . (55 06 nenoiqxev, 6tav 6 tfiv altiav E~wva u t v . . . tation nicht gleichbedeutend ist mit einer Umstimmung der Hörer3';
S' Vgl. Aeseh. 3,91: picodpavvoq, i u aiitbg ~ neoustoieita~. stellt er doch nach der Meletos-Elenxis fest, seine Verteidigung sei zwar
.
Vgl. Dem. 18,275: ~u?.rlttew Bpt.. 6nwq p$. .. Etanarfiow. Ferner Lys. 30,34.
Isae. 4,21; 5 , s k m . 11,24; 23,92 191; 24, 190; 29,36 54; 36,60; 40,21; 45,44; 3 V g l . Lys. 19,543; 29,6. Dem. 37,47. Vgl. auch den Parallelfall Ar. rh. 1380 b 7 8..
Aesch. 1. 117; Hyp. :fr. 3. Din. 1, 12. 36 Vgl. Ar. rh. 1380 b 5: nahc y&e6~yi)v6 ~ ~ 6 ~ 0 5 .
.U Vgl. Aesch. 1,187: oUy Epa Tipae~ovhxohikra~ 6poAoy~oete,xai tfiv xo~v?'p 37 Plura enim multo homines iudicant odio aut arnore auf cupiditate auf iracundia
nasseiav h v a q i ~ n r - ; Die Unmöglichkeit, anders als im Sinn des Sprechers zu aut dolore aut laetitia auf spe auf timore auf errore aut aliqua permotione mentis
entscheiden, wxd in ~erschiedensterWeise begründet: weil die Sachlage ein- quam veritate auf praescripto auf iuris norma aliqua auf iudicii formula aut
deutig ist (Dem. 39.39; 41,19; 58,39), weil es das Decorum der Richter erfor- legibus Cic. de or. I1 5 178.
dert (Isocr. 18,26. Isae. 5.34. Dem. 45,70), weil vorliegende Präzedenzfälle es 88 Vgl. Ernst Horneffer, Der junge Platon I: Sokrates und die Apologie, 1922, p. 27.
erfordern (Aesh. E, 1&5), %-egender sonst eintretenden Folgen (Lyc. 67; vgl. 39 Quare qui auf breuiter aut summisse dicunt, docere iudicem possunt, commo-
Ar. rh. 1383 a S I . uere non possunt; in quo sunt omnia Cic. de or. I1 Ij 215.
18 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede

ausreichend, trotzdem werde er voraussichtlich ein Opfer der G~aßohfi ner in der Gerichtsrede üblich, die Richter vor einer Verfehlung gegen
werden (28 a ). die Götter zu warnena. In der ,ApologieLwird auch dieser Topos im
Die Tendenz zur Erweiterung der Anklage ist auch bei der Behand- Sinn einer uneigennützigen Besorgtlieit um die Richter gebraucht. Be-
lung der akluellen Anklage zu beobachten. Wie Schanz richtig fest- gründet wird diese Besorgtheit damit, daß Sokrates nahezu unersetz-
stellt (1. C. F... 7 1 ff. I , besteht diese urapriinglich nur aus e i n e m An- lich sei (30 e 1ff.) " und die Richter bzw. der Staat ihn dringend nötig
klagepunkt: Sokrates glaubt nicht an die Staatsgötter (- und verdirbt hätten (31 a 5) - eine für Gerichtsverhältnisse beispiellose Dreistig-
durch diesen seinen Unglauben die Jugend). Mit Widerlegung des keit 44. Der durch eventuellen Justizmord entstehende Schaden, der sich
ersten Punktes würde auch der letztere entfallen. Nicht so die Dar- in der Gerichtsrede auf den Betroffenen und die Richter verteilta, trifft
stellung in der ,Apologie', wo Jugendverderb und Asebie zwei ge- -
hier im Grunde nur die Richter (30 c 7). In der Partie 31b 1 -C 2 wird
trennte Anklagepunkte sind, die auch in der Verteidigung gesondert noch einmal die Uneigennützigkeit von Sokrates' Dienst am Staat her-
behandelt werden. Vorn Standpunkt der gerichtsmäßigen Agonistik vorgehoben, unter Vermeidung des Anspruchs auf Dank, der sich in
aus ist dies unerkliirlich. ja geradezu unsinnig. der Gerichtsrede .explizit oder implizit mit einer Darlegung der Ver-
Sokrates' Belastung seiner selbst erscheint dagegen als sinnvoll, dienste verbindet ".
wenn man folgendes envägt: Der Betonung der eigenen moralischen uberlegenheit entspricht es,
Sokrates ignoriert die Tatspclie, da13 er einer emotional gestimmten wenn Sokrates sich souverän dem Gegner, dem xeiewv Olvte, als dryeivwv
Hörerschaft gegeniibemteht, und behandelt die Hörer so, als ob sie gegenüberstellt (30 d 1). Die Gerichtsrede ist in der Form solcher Ge-
bereit wareil zu sachlicher Prüfung, als ob ihre Weise, die Dinge zu genüberstellungen vorsichtiger: sie sucht zu mildern (Dem. 45,82:
iintersiiclierr, der winen entspräche. Für solclie Hörer ist seine Dar- y&e,EI JI&YTWY TWY 6hhmv U ~ W YEhattov neouglte~y o ~rpeoveiv, zoinov y~ yeii;ov
stellungswe-se, die airclh vor Ungünstigem nicht haltmacht, von liöch- 01l.m). Die bloß kontrastierende Gegenüberstellung mußte vor Gericht
ster Uberzeugungskraft. E r erweitert die Anklage deswegen, weil er als anmaßend erscheinen.
will, daß sie in ihrer ganzen Breite aufgerollt, daß sie jedem möglichen Aber auch auf Kosten der Richter rückt sich Sokrates ins Licht.
Angriff ausgesetzt wird- Er ergänzt und erschwert daher seinerseits die In dem Abschnitt 24 a 4 ff. schließt er aus der Tatsache, daß er sich
Vonvürfe der Gegner, auf daß alles gesagt sei, was sich irgend gegen durch seine Aussagen Haß zuzieht, auf die Wahrheit dieser Aus-
seine Sache einwenden Iäßt; verbürgt doch dieses scheinbar so be- sagen. Da diese sich zum großen Teil auf die Athener beziehen, wird
fremdliche Vorgehen, daß sein geistiger Sieg über die gegnerische damit den Hörern das Zeugnis ausgestellt, sie seien nicht fähig, die
Sache echt, iollständig und überzeugend ist 40. Wahrheit über sich selbst hinzunehmen4'. - „Verlangt nun nicht von
Nun zu dem anderen Extrem: einer allzu günstigen Darstellung der mir, meine Mitbürger, daß ich euch gegenüber Dinge tue, die ich weder
eigenen Sache. CO d G weist Sokrates die Verniutung ab, er verteidige für ehrenhaft noch für gerecht noch für fromm halte", sagt Sokrates
sich um der Rettung seiner Person willen; vielmehr tue er dies aus- 35 C 7. Hier erscheinen die Richter als Leute, die ein unbilliges An-
schließlich irn Staatsinteresse. Der Gerichtsrede ist dieser Topos fremd,
weil sie selbstverstiindlich mit dem vitalen Willen zur Abwehr rechnet. 42 Vgl. Ant. 2 a 9; 2 ß 11; 3 6 9; 4 a 3; 4 8 10; 5,88. Lys. 6,13. Dem. 19,220; 21,148;
Der Angeklagte gibt jeweils sein Eigeninteresse zu und betont nur, die 59, 109.
Nur im Hinblick auf das Weiterbestehen seiner Familie spricht einmal ein An-
Richter bzw. der Staat hätten a LI C h Interesse arn günstigen Ausgang geklagter von seiner Unersetzlichkeit (And. 1, 146).
des Prozesses 41. Die Xegieriing eigenen Interesses, zumal bei großer 44 Vgl. auch J. Morr, Die Entstehung der platonischen Apologie, Reichenberg 1929,
Geiälirdimg, er~chienevor Gericht als lächerliche Lüge. Es ist fer- - P. 11.
46 Vgl. Gorg. Pal. 36. Lys. 21,25.
S. p. 129 f. 46 Vgl. And. 1, 143; 2, 12 20 25; 4,41. Lys. 3,47; 4, 19; 12,20; 25,4. Isae. 6,60; 7,37.
41 ,,Bei den genröhr.li&en Prozessen geht es nur um die Interessen der Prozessieren- Dem. 18,25 88 94 197; 45,78; 58.68. Vgl. auch Ant. 3 ß 3. And. 1,56; 2,8. Lys.
den, bei diesem steht Ca' Gemeininteresse m i t auf dem Spiel" Isocr. 18,34. Vgl. 5 , 2 f.; bezeichnend auch Lys. 12,38. Lyc. 139.
Dem. 18, 124 f. 237; S1,45 104 127; 35,54; 39,5; 42, 10; 5 0 , l 64 ff.; 56,44. Anders '' Vgl. auch 32 a 8: keW 6E 6yiv c p o p x h y l v xal 6txawx&, &h$q 66. In der Gerichts-
liegen die Verhältnisse hci der Anklage, wo ein Vorgehen lediglich im Interesse rede vermeidet man es entweder, eine Wahrheit auszusprechen, die Haß erregen
des Staates möglich ist und demgemäß auch behauptet werden kann: Lys. 26,15; könnte (And. 4, 10. Aesch. 3, 1741, oder man spricht sie aus, entschuldigt sich
27, 14. D e m 21, 8 40. aber dafür (Dem. 19,227. Aesch. 3, 127. Gorg. Pal. 28).
20 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 1. Die Aufhebung des agonistischen Elements der Gerichtsrede 21
sinnen an ihn richten, demgegenüber er sich als charakterfest er- der Menschen anpassen kannst" (Anax. 59, 18 Sp.) 49. Ziel dieser Etho-
weist @. - 32 a 9 will Sokrates dartun, daß er sich im politischen Leben poiie ist es, den Sprecher als Menschen mit individuellen Zügen Gestalt
nur in gerechter Weise betätigt und sich dadurch den größten Gefahren annehmen zu lassen und den Hörer durch deren Lebenswärme zu ge-
ausgesetzt habe. E r demonstriert dies ausgerechnet an einem Fall, wo winnen. - Zweitens kann die Ethopoiie darauf abzielen, daß der sitt-
er selbst einer ungerechten Gesamtbürgerschaft als der einzige Ge- liche Charakter des Sprechers in seinen Worten erkannt wird6'. ,,Den
rechte gegeniibersteht. „Ich glaubte, eher auf seiten von Gesetz und Rechtschaffenen glauben wir nämlich leichter und rascher, in allen
Recht Gefahren bestehen als mit euch gemeinsame Sache machen zu Dingen überhaupt, auch wo nichts Schlagendes vorliegt, sondern man
sollen, die ihr rechtswidrige Beschlüsse faßtet" (32 b 8). verschiedener Meinung sein kann, und zwar vollständig" (Ar. rh. 1356
Mit einer solchen über die Maßen günstigen Darstellung wird die a 5ff.).
Lage nur vexchlechtert. Das Motiv der Sprengung des agonistischen Eine i n d i v i d u e l l e C h a r a k t e r i s i e r u n g wird, wie Wolff
Rahmens kann somit nicht im Agonistischen selbst liegen; es ergibt 1. C. p. 83 richtig darlegt, in der ,Apologie' nicht gegeben. Anzufechten
sich vielmehr airs der Beobachtung, daß Sokrates nur da sich selbst ist Wolff lediglich, wenn er meint, Platon sei aus Gründen seiner inne-
erhebt, wo er im Dienst einer Norm steht. Bei seinem Wirken für die ren Entwicklung zur Zeit der Abfassung der ,Apologie6 zu einer sol-
Polis steht er im Dienste der Wahrheit; also handelt er uneigennützig. chen Darstellung noch nicht in der Lage gewesen, und wenn er daraus
Vor dem Gegner hat er voraus, daß er sich im Gegensatz zu diesem auf eine frühe Abfassungszeit der ,Apologieb schließen möchte. Die
(30 d 5) an die Form der Gerechtigkeit bindet (32 c 1); also ist er der Sache liegt anders: eine individuelle Darstellung des Sokrates wäre
bp~ivwvbvip. Den Richtern gegenüber steht er als einer da, der sich gleichbedeutend gewesen mit ethopoietischer Agonistik; die Hervor-
nach dem x u l . 6 ~iiixatov 6 u ~ o vrichtet (35 c 7 ff.), während sie nur vom kehrung der - gleichwohl gegenwärtigen und fühlbaren - Einmalig-
466 bestimmt sind (38 d 8) ; also steht er auch über ihnen. keit der Sokrates-Gestalt hätte nicht verfehlt, einen Eindruck auf die
Wir fassen zusammen. Die sokratische Rede weicht von der gerichts- Hörer zu machen - jedoch auf außersachlichem Gebiet. Und eben dies
mäßigen Dialektik ab sowohl nach der Seite einer ungünstigen Dar- ist es, was Sokrates ablehnt. „Auch ich, mein Bester, habe wohl einige
stellung der eiger-en Sache, in der Absicht, diese der schwerstmöglichen Verwandte, und das Homer-Wort gilt auch von mir, auch ich stamme
Belastung auszusetzen, als auch nach der Seite einer allzu günstigen ,nicht vom Baume oder vom Felsen6, sondern von Menschen, und so
Darstellung, zum Zweck, den Blick von den Fakten auf die Norm zu habe ich Verwandte und Söhne, meine Mitbürger, und zwar drei, einer
lenken, nach der die Fakten beurteilt werden. Diese Sprengung der schon ein Jüngling, zwei noch Kinder. Doch gleichwohl habe ich kei-
gerichtsmäßigen Dialektik ist gleichbedeutend mit einer Aufhebung nes von ihnen hierher bringen lassen, um euch unter Hinweis auf sie
des agoiiistisdien Prinzips. Die Orientierung erfolgt nicht mehr am um Freispruch zu bitten" (34 d 3). Die persönliche Sphäre soll zurück-
&ov avp<pCeov,sondern an der Norm. treten, wo es um das xah6v Gba~ovÖmov geht.
Wie gezeigt wurde, macht das Bestreben, die agonistische Tendenz
zu brechen, einen strukturellen Grundzug der ,Apologieb aus. Im
C) Di'e Auseinandersetzufig mit der Ethopoiie 'Dienste der Agonistik steht auch die Ethopoiie: also war es unmöglich,
in der ,Apologie6einen individuell charakterisierten Sokrates auftreten
Charakter kann als Summe der charakteristischen Eigenschaften zu lassen.
oder speziell als Ethos. als sittlicher Charakter verstanden werden. Ein Abschnitt der ,Apologieb (32 a 4 - e 1) erweckt jedoch zunächst
Dieser doppelten Bedeutung von Charakter entspricht die Differenzie- den Eindruck, als ob hier dem Hörer ein Begriff vom s i t t 1i C h e n
rung der Ethopoiie. Sie kann versuchen, das individuell Charakteri- C 11a r a k t e r des Sokrates gegeben werden sollte und mithin Etho-
stische am Sprecher zur Entfaltung kommen zu lassen. ,,Wenn du eine poiie im agonistischen Sinn vorläge. Es handelt sich um die Zurück-
urbane Rede (ciursios h6yoc;) schreiben willst, so richte deine Aufmerk- weisung des 31 C 4 genannten Einwands gegen Sokrates' Wirksam-
samkeit ganz besonders darauf, wie du den Charakter der Worte dem keit: warum er sich denn nicht öffentlich im Staatsleben betätige, da
4a In der Gerichtsrede sind es nicht die Richter, sondern die Gegner, die sich eines Vgl. Ar. rh. 11 12-17.
unbilligen Ansinnens sdiuldig machen und denen gegenüber sich die eigene 60 Conciliantur autem animi d i g n i t a t e hominis, rebus gestis, existimatione
Handlungsweise bewährt; knd. 1,58. Lys. 27,15. Dem. 18,240; 19,172; 21,120 f.. vitae Cic. de or. I1 § 182.
22 I Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 1. Die ~ufhebungdes agonistischen Elements der Gerichtsrede 23

er doch als Privatmann eine so große Betriebsamkeit im Staatsinteresse tionK3,nur in drei Fällen zugunsten der eigenen Person, und zwar Iso-
entfalte? Die Rechtfertigung liegt zunächst in einer eigentümlichen krates 18,19-60; 18,61; 19,17 ff.
Gnome (31 e 2ff.). 18,61 lautet: „Als schließlich Lysander bekanntgeben ließ, wenn
Auch die Gerichtsrede pflegt dieses Verfahren -Rechtfertigung oder jemand euch Getreide zuführe, so solle er mit dem Tode bestraft wer-
Begründung durch eine Gnome - anzuwenden. In den Gnomen der den, war unser Eifer für die Stadt so groß, daß wir Schiffe, die zu
Gerichtsrede handelt es sich durchweg um Gemeinplätze wie: „Es ist jenen fuhren, kaperten und in den Piräus einbrachten, während die
ja doch gemeinsames Los aller Menschen, sich zu verfehlen und so ins andern nicht einmal ihr eigenes Getreide einzufü~hrenwagten." Der
Unglück zu geraten" (And. 2, G), „Denn dadurch wird das Wohl des Inhalt, Bewährung eines Ethos in äußerster Gefahir, ist hier und in der
Staates erhalten, daß jeder auf gerechte Weise zu seinem Amt komint" platonischen ,Apologie' derselbe; verschieden ist dagegen die Funktion
(Lys. 26,9) ". Wenn dagegen die Gnome in der ,Apologiecbesagt, es der Geschichte. Isocr. 18,67 führt der Sprecher aus: Wir haben diesen
sei für den Gerechten unmöglich, sich im staatlichen Leben zu betäti- Eifer für Athen dazu an den Tag gelegt, „damit nach Rettung der
gen, ohne daß er dtirdi seine Gerechtigkeit iti Lebensgefahr geriete, ..
Stadt . die Menge der Mitbürger uns D a n k s C h, U 1d e , den wir nun
so handelt es sich ofTenbar in ihr nicht tim einen Gemeinplatz, sondern einfordern". Mit aller Deutlichkeit zeigt sich die agonistische Tendenz.
um eine These. - Die Funktion der Gnome ist in der Gerichtsrede ein- Nicht so in der ,Apologie6.Sokrates spricht nicht von Dank. E r will
deutig agonistisch. So liegt in den angeführten Beispielen die Auf- nachweisen, daß er niemandem wider das Recht nachgibt (32 a 7 ) ;
forderung :in die Richter, die Verfehlungen des Sprechers milde zu dazu erzählt er diese Begebenheiten.
beurteilen, das durch den Sprecher angestrengte Verfahren für staats- Ihre Deutung durch Sokrates bringt eine bedeutungsvolle Wendung.
wichtig zu halten. Der agonistischen Tendenz entspricht das Verhält- Der dramatische Ablauf, der zunächst nur zum Thema der Bewährung
nis der Gnome zu dem, was sie begründen soll. Letzteres dominiert, des Sokrates beizutragen schien, wird selbst zuin Thema (32 e 2):
die Gnome hat lediglich dienende Funktion. Der Sprecher ist nicht an „Glaubt ihr nun, ich hätte so viele Jahre unbehelligt hinter mich g s
ihrem Wahrheitsgehalt interessiert, nur an ihrer Wirkung. In der bracht, wenn ich mich am Staatsleben beteiligt hätte und durch Hand-
,Apologiec ist das Verhältnis umgekehrt. Akzentuiert wird nicht eine lungen, die eines redlichen Mannes würdig sind, dem Recht beigestan-
etwaige Aufforderung an die Richter, Sokrates' mangelnde politische den wäre und dies, wie es sich gehört, f ü r das VVichtigste angesehen
Betätigung z u entschuldigen, sondern die These. Sie wird sorgfältig hätte? Weit gefehlt, meine Mitbürger! Aber auch keinem Menschen
vorbereitet (31e 1) ; in ihr liegt das Problematische, sie steht im Mittel- sonst wäre dies gelungen." War zunächst das Individuum zur Norm,
punkt des Interesses. zur Welt der ewigen Werte in Beziehung gesetzt worden, so zeigt es
Hier schließt sich der fragliche Abschnitt an. E r enthält zwei Be- sich nun unter neuem Aspekt: als Mensch, der den Gesetzen des histo-
gebenheiten aus dem Leben des Sokrates, von denen jede zweierlei rischen Geschehens u n t e n v o r f e ~ist.
~ Was von Sokrates berichtet
zeigt: da8 Scikrates sich als Gerechter b e W ä h r t e und daß er durch wurde, erhält den Charakter der geschichtlichen Notwendigkeit: es
seine Gerechtigkeit im Staatsleben in äußerste Gefahr geriet. Zu be- mußte ihm so ergehen. Und gleich erfolgt der nächste Schritt: was für
achten ist an der Wiedergabe der beiden Geschehnisse, daß hier nicht ihn gilt, gilt für alle Menschen.
bloß ein Faktum konstatiert52, sondern ein Ablauf geschildert wird: Damit vollendet sich die angebahnte gedankliche Entwicklung. SO-
denn nur innerhalb eines dramatischen Ablaufs ist Bewährung mög- krates hat eine These ausgesprochen und Beweise: angekündigt (32 a 4:
lich; nur in dramatischem Zusammenhang kann ein sittlicher Cliarak- „Schlagende Beweise werde ich euch dafür liefeirn, nicht Worte, son-
ter glaubhafz dargestellt werden. - Die Gerichtsrede bedient sich der dern, worauf ihr Wert legt, Tatsachen") ; sodann hat er zwei Begeben-
Bewährungsgescliichte erstaunlich selten; in der Regel in negativem heiten aus seinem Leben erzählt und eine Gesetzllichkeit in ihnen kon-
Sinn: Erweis der Schlechtigkeit des Gegners in einer kritischen Situa- statiert; diese Gesetzlichkeit wird schließlich verallgemeinert, und man
sieht: sie entspricht dem, was die These enthielt, das heißt: die These ist
Vgl. Ant. 2 4; 5, 7 1 ; 6,26. And. 2, 18. Lys. 26,9. Dem. 19,296; 20,39; 24,49; bewiesen. Der Blick wird also von dem ethisch gezeichneten Sokrates
25, 20 ff.. Lyc. 10. hin zur Norm als der Grundlage des Ethos gelenkt; der in seiner Be-
So meistens in der Gerichtsrede, z. B, Ant. 2 ß 12. Lys. 10, 17 28; 18, 1; 19,55;
20,22; 25,E-13, 15-17. Isae. 4,27-29; 5,41 f.; 7,34 36 41; 10,25. Dem. 18, " Lys. 3,45; G, 21-32; 14,23 29. Isocr. 18,48 52. Dem. 1 8 , 1 3 2 4 5 . Vgl. auch Din.
268-69; 54, W . Aesch. 2. 116. Hyp. 2,17-18. 1,37.
24 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 25
Ziehung zur Norm erfaßte Sokrates hinwiederum wird unter histo- Fassen wir zusammen: An die Stelle der agonistischen Ethopoiie
rischem Aspekt gesehen und erhält den Rang eines P a r a d e i g m a s tritt in der ,Apologie6die Paradigmatik. Sokrates erscheint nicht als
für eine bestimmte Gesetzmäßigkeit im historischeil Geschehen, für individueller Charakter, sondern als Paradeigma, an dem sich eine
eine überindividuelle Wahrheit. Die Ethopoiie ist in1 Sinn der Para- geschichtliche Notwendigkeit oder eine philosophische These demon-
digmatik54umgestaltet und damit überwunden. strieren läßt; er wird nur in die Betrachtung einbezogen, soweit dies
Die Person des Sokrates wird ausdrücklich als Paradeigma bezeich- zur Verdeutlichung einer Wahrheit nötig ist. Mithin ist die ,Apologie6
net (23 a 5 ff.) : „Offenbar meint der Gott nicht den Sokrates, sondern nicht biographisch, sondern sachlich - wir können dafür auch sagen,
gebraucht nur meinen Namen, indem er mich zum Beispielfall macht
( W naec%wya ~coio6~evo;j,als ob er sagen würde: ,derjenige von euch,
philosophisch -
an Sokrates interessiert; das Biographische ist dem
Sachlichen dienstbar gemacht.
ihr Menschen, ist der weiseste, der wie Sokrates erkannt hat, daß
seine Weisheit in Wahrheit überhaupt nichts wert ist'." Ein Miß-
verständnis war aufgetreten: ,,Es kam das Gerede auf, ich sei selbst 2. D i e I n t e n t i o n a u f W a h r h e i t
auf dem Gebiet weise, auf dem ich einen nndern seiner Unwissenheit
überführe" i23 a 3):Darin steckt der Irrtum, Sokrates wolle durch
a) Im Verhältnis zur Sache
Erweis der Unwissenheit der andern clen Blick auf seine eigene Person
(taUta aUt6v ~ i v a luo&v) als die des Wissenden lenken, sich dadurch
Aristoteles beklagt rh. 1354 a 12 ff., daß seine Vorgänger in der Ab-
selbst erheben. Dieses hlißverständnis wird durch die Erklärung be- fassung rhetorischer Technai sich mit dem, was eine sachliche Beweis-
seitigt, Sokrates sei nur das Paradeigma. an dem der Gott eine gewisse führung ausmache, überhaupt nicht befaßt hätten, nämlich mit den
gedankliche Aussnge exemplifiziere. Sinn dieser Unterscheidung ist, Enthymemen, dnfiir desto mehr mit Außersachlichem. „Verleumdung
die Person dez; Sokrates zurücktreten zu lassen gegenüber der Walir- und Mitleid und Empörung und derartige Affekte der Seele betreffen
heit, um die es geht. Diese Wahrheit ist eine philosophische These nämlich nicht die Sache selbst, sondern nur die Beeinflussung der Rich-
gleich jener, in der Sokrates den Staat angriff, und wie dort dient auch ter." Gleichwohl ist ein Eingehen auf die Sache selbst nicht zu ver-
hier Sokrates nur zum Exempel für sie, ohne Eigenbedeutung zu be- meiden. Wie oben p. 13 ff. gezeigt wurde, wird die Sache nach den
anspruchen. Grundsätzen der gericlitsmäßigen Dialektik zurechtgebogen, d. h.
Daß Sokrates nicht in erster Linie als Individuum, sondern als Wahrheit und der Anschein der Wahrheit gelten gleich; wesentlich
Paradeigma dargestellt wird, ist ein Umstand von höchster Bedeutung. ist nur die agonistische Wirkung.
Wäre er lediglich ein einzelner, der im eigenen Namen spricht, so be- In der ,Apologiecdagegen versichert der Sprecher gleich zu Beginn,
deutete seine moralische Selbsterhebung (s. o. p. 18-20) eine unerträg- er werde die volle Wahrheit sagen ( C p ~ i s66 pov & ~ O I ~ E Unäuav
~ E z4v
liche Anmaßung. Da er jedoch nur ein Paradeigma im Dienste des &h~$3e~av, 17 b 7 ) . Diese Formulierung hat etwas Ungewöhnliches. Wird
Gottes, oder, was dasselbe sagt, im Dienste der Norm ist, kann ihm all in der Gerichtsrede die „volle Wahrheit" angekündigt, dann nur mit
das zuerkannt werden, was der einzelne sich nicht beilegen kann, ohne Bezug auf eine konkrete Aussage5', nicht im allgemeinen und in so
anmaßend zu wirken; durch den paradigmatischen Charakter des So- feierlicher Weise wie hier. Ferner ist auch nirgends eine Kontrastie-
krates wird jene direkte Berufung auf die Norm erst sagbar. Wolff rung von gegnerischer Lüge und eigener voller Wahrheit so wie hier
irrt also, wenn er meint, Sokrates stelle „die eigene Persönlichkeit als zu finden (oikoi pEv o h , &anoe Byh hEyw, 4 TL 4 0661% &hq6E~eiefixau~v,
autoritativ-verbindliches Sein vor die Hörer hin" (1. C. p. 6). Autori- .
.Liyei< 6E y o u . . , 17 b 6) ; wo in der Gerichtsrede Wahrheit und Lüge
tativ ist lediglich die Norm, verbindlich lediglich die Wahrheit, als einander gegenübergestellt werden, geschieht dies mit vorsichtigeren
deren Paradeigma Sokrates erscheint. Wendungen5'. Gewiß, Platons Formulierung weicht nur um eine
'C" Gewiß können auch in der Gerichtsrede Personen und Handlungen in lobendem Vgl. Lys. 3,lO: haßOv Sfi th I.CELQ&XLOY( h a v ~ Y&@
a SE^ ~hhq%jhiyaw) Q~6pqv6%
oder auch tadelndem Sinn als paradigmatisch dargestellt werden (z. B. Lys. tijq nblao<. Dem. 42,8: neci>~ovyBv o6v ZWV eieqpkvov T&< paetueiaq 6pir naek-
16, 14: h a na&Secyya miiao teig a h h o ~yivqtae,
~ Lys. fr. 143,3: na@&Sacyyatois Sopur, Ene~taxal n s ~ tio v iikhmv hxo6usut3s dass ~ O i qhhq6Eiag. Ferner Lys. fr.
-
eihhoe~,vgl. auch Lys. 18,23. Dem. 20, 641 sber die Funktion der Paradeigmata 232, 1. Isocr. 18, 10. Dem. 23, 187; 25, 13; 32,26; 37,55; 39,3; 40, 10; 45,4.
ist eindeutig agonistisch Stärkung der eigenen bzw. Schwächung der gegnerischen 66 Vgl. Dem. !i7,1: nohh$ xai ~)eui%jnatqyo~qx6tosIjp6v EUßouhi8ovt xal ßhaurpqyias
Position. Vgl. Lys. 14,44-45; 22,20; 27,6; 30,24. Dem. 19,101 232 343; 21, 76. ofite n e o q x o 6 u a ~ oike Srxaiag nenoyp~vou, n e L Q & a o p a L rdrhqw nal tu
26 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 27
Nuance vom Chlichen ab, aber diese Nuance bringt zum Ausdruck, 4) der Haß gegen Sokrates (21 d 1 22 e 7 ) , der noch gesteigert wird
daß in der nun folgenden Verteidigungsrede die Intention kompromiß- durch die Tätigkeit seiner Begleiter (Enaxohov9oihtes, 23 C 2 ) , die ihn
los, ohne agonistische Iiücksichten und Verzerrungen, auf die Wahr- aus Freude am Geschäft der Elenktik (23 C 4: ~aieovow&xoi1ovte5E&za-
heit gerichtet sein solle. Dies bedeutet etwas völlig Neues und Un- I;opEvmv tOjv &v6~hnmv,33 C 4: Eazt y &06% ~ BqGE5) kopieren und ihm da-
erhörtes. mit noch mehr Feinde machen (23 C 8 ) . Dieser Haß ist zunächst stumm,
Die Gerichtsrede bedient sich der Dialektik, um die Sache in ihrem denn die von der Elenktik Betroffenen wollen die Wahrheit - daß sie
Sinn umzüformen; sie modelt die Sache durch Auswahl und Ver- ihrer Unwissenheit überführt wurden - nicht eingestehen (23 d 7 ) .
fälschung (s. o. p. 13 f.). Der Sprecher macht sich zum Herrn über die Doch irgendwie muß sich ihr Haß einen Ausdruck verschaffen, muß er
Sache, indem er sie nach seinen Absichten umformt und vergewaltigt. auch motiviert werden (23 d 3 ) . Sie greifen daher zu Vorwänden, und
Im Gegensatz dazu ist die ,Apologie' bemüht, die Sache selbst zur der Haß konkretisiert sich in der
Geltung kommen zu lassen und sie in ihrer Eigengesetzlichkeit zu 5) „ersten Anklage" (23 d 5) ; zu den neOjza xatqyoeqp6va vgl. 18 a 7 ff .).
zeigen. I h r Sprecher ist hier nidit der Herr iiber die Sache, niir ilir Die Verbreiter dieser Klagen sind ehrgeizige und energische Leute
Interpret. (qi~hOttpoti j v t ~ sxai aqioGeoi 23 d 9) und bedienen sich wirksamer Metho-
Die I.:igengeseizlichkeit der Sache tritt innerhalb der ,Apologie6ins- den: sie hämmern ihren Mitbürgern die Beschuldigungen gegen So-
besondere in der „Erzählung" zutage. die das Entstehen der Gtaßohfi krates ein (23 e l ) ,sie bemühen sich um die Jugend, weil ihre Meinung
aus dem n?äypa berichtet (20 C 4 - 24 b 2 ) , und zwar in dreifacher noch leicht zu beeinflussen ist (18 C 5), sie klagen anonym, sodaß So-
Weise: das Berichtete erscheint als in sich geschlossener Ablauf; die krates sie nicht stellen kann. So wird aus der ersten Anklage, die nur
den Ablauf bedingenden Mächte werden offenbar; die Abfolge der von einer Anzahl einzelner getragen war, die
Ereignisse hat den Charakter der Notwendigkeit. 6) Giaßohfi (19 a B), die ganz Athen erfüllt. Auf sie stützen sich
1 ) Der Beginn der Kausalreihe, die schließlich zur Verurteilung des Meletos und Konsorten, wenn sie gegen Sokrates die
Sokrates fi'hrte, liegt in einer oocpia TLS (20 d 7 ) , im Wissen des Nicht- 7 ) „zweite Anklage" richten (19 b 2 23 e 3 ff.). Diese ist zwar schon
wissens. bedrohlich genug (18 b 3 f .) , am nachhaltigsten wirkt jedoch die bnbx-
2) Auf dieses Wissen bezog sich der Spruch des delphischen Orakels, h a , der Haß als Impuls der Gegner des Sokrates, und die Gtaßohfi, die
das die Frzge, oh es einen weiseren Menschen gebe als Sokrates, ver- sich durch die Umtriebe der letzteren in den Athenern festgesetzt hat.
neinte (20 e 8 ff.) Sokrates empfand diesen Spruch nicht als autorita- Auf Grund der Stärke von & n 6 ~ 8und ~ ~ aGtaßoAil ist
tive Wahrheit, smdern als Rätsel, das der Lösung harrte (21 b 3 ) . 8) die Verurteilung Sokrates' zu erwarten (28 a 4 ff. 36 a 2 ) . Es ist
Ganz gegen seinen Willen (poyt; &vv 21 b 8) sah er sich genötigt, die nur folgerichtig, wenn sie eintritt. Mit ihr schließt die mit der ooqiia zts
Meinung jenes Spruches zu ergründen. An anderer Stelle wird die Prü- beginnende Kausalreihe.
fung des Spruches nicht aus perscinlichem Aufklärungsbedürfnis, son- Diese Abfolge stellt einen in sich g e s C h 1o s s e n e n Ablauf dar;
dern aus göttlichem AuFtrag abgeleitet (28 e 4 ) , erscheint also desto offenkundig besteht die Absicht, das einzelne Faktum der Anklage in
mehr als notwendig. So wendet sich denn Sokrates seiner Lagerung innerhalb eines größeren Zusammenhangs zu zeigen,
3) der Elenktik zu (21 c 1: 6hEy&ov t b pavteiov). Er prüft einzelne den Blick von dem einzelnen Geschehen auf den Geschehens-Komplex
Athener auf ihre oqia, erkennt ihre Unwissenheit und sucht ihnen be- zu lenken. Um der Geschlossenheit der Darstellung willen werden
greiflich zu machen, daß sie sich nur einbildeten, etwas zu wissen, in Dinge erwähnt, die im Interesse der agonistischen Wirkung besser ver-
Wahrheit aber nichts vüßten. Dadurch verletzt er ihr Selbstgefühl, schwiegen worden wären, wie die Vielzahl der Anklänger, die All-
ihre Reaktion ist gemeinheit der Gtaßohfi,ja die erste Anklage überhaupt (s. 0. P. 15 ff.).
Dieses Bestreben, das einzelne in weiterem Zusammenhang zu zeigen,
Gixa~aAEy~uv... Iieitac X. T. L.. Ferner Dem. 20, 113; 41,29; 44,3. Auffallend ist steht in genauem Gegensatz zur Gerichtsrede, die nicht auf Weiterung,
auch, wie häufig in der ,Apologie' die Wahrheit einer Aussage hervorgehoben sondern auf Verengung abhebt, der nichts an geschlossener Wieder-
. .
wird; 21 a 4: taü~'ZUTLV itltiv. . ~Uhq8ij28 a 6: ÖTL . . , EU (ium ÖTL dAqt%gEutiv gabe eines Geschehenszusammenhangs, alles dagegen an der Auslese
28 d 6: o i t w y&- ixel.. tfj 6Aqftdq. Ferner 31 e 1 33 e 1 33 e 7 38 a 7 41 C 9.
An vergleichbarer Stellen - vom Topos des verschämten Wahrheit-Sagens (s. U.
von Günstigem liegt. Charakteristisch für dieses Bestreben ist Lys. 8 , 4 :
-
p. 52) ist hier abzusehen finden sich z.B. bei Lysias nicht mehr als insgesamt „Was er (SC. einer der Gegner) sagte, möchte ich nicht alles aus-
vier ( 1 , 5; 13, 12; E9,53 f.; 29, 1 ) . sprechen (denn schon beim Hören empfand ich Ärger genug), noch
28 I. Das Verhaltnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 29
auch möchte ich dasselbe wie ihr sagen, während ich euch doch gerade schehensablauf wirksam sind, werden weniger durch Analyse als
das zum Vorwurf mache, was ihr gegen mich sagtet (denn wenn ich durch Darlegung ihrer Wirkung verdeutlicht. Die Anonymität er-
dasselbe wie ihr über mich sagte, würde ich euch von eurer Schuld scheint als geheimnisvoll wirkender Faktor bei der Verbreitung der
freisprechen) ; nur das will ich erwähnen, womit ihr in der Meinung, ersten Anklage, die AnExha zeigt sich als blinde und doch zielstrebige
mich zu verletzen, euch selbst lächerlich gemacht habt." Hier wird ge- Gewalt, ja es gelingt dem Redner, „das dämonische Walten der cpfipq
flissentlich nur das aus der Menge der gegnerischen Anschuldigungen geradezu als eine elementare Naturgewalt zu schildern" (Wolff 1. C.
ausgelesen, was leicht zu widerlegen ist. Wenn dagegen die ,Apologiec, P. 16).
weit davon entfernt. nur das im agonistischen Sinne Günstige aus- Der Gerichtsrede ist eine solche Differenzierung der Motive und wir-
zulesen, auch ausgesprochen Ungünstiges berichtet, wofern es zu dem kenden Mächte fremd. Sie ist an einer Motivierung nur interessiert,
Geschehenskomplex gehört, dann deshalb, weil sie die Sache selbst in sofern diese etwas zur Agonistik beiträgt. Wenn dagegen in der ,Apolo-
ihrer Eigengesetzlichkeit erfassen will. gie' bei keiner Motivierung auch nur ein agonistischer Unterton mit-
Außer der Geschlossenheit im Sinn einer lückenlosen Nennung aller schwingt, wenn aIles darauf abgestellt ist, die einzelnen Faktoren des
Teile des Geschehenskomplexes ist an Sokrates' Erzählung eine Ver. Geschehens in ihrer spezifischen Qualität deutlich werden zu lassen,
tiefung der n ~ o t i v i s c h e nV e r k n ü p f u n g zu beobachten, eine dann deshalb, weil nicht eine Tendenz des Sprechers, sondern die
Erfassung der den Ablauf bedingenden Mächte. Um die Gefährlich- Eigenart der Sache zur Geltung kommen soll.
keit der ersten Anklage darzutun, umreißt Sokrates in der Prothesis Die tiefere Motivierung der einzelnen Teile des Gesamtgeschehens
den äußeren Mechanismus ihrer Verbreitung: die hohe Zahl derer, die bedeutet, daß ihrem Eintreten der Charakter der N o t W e n d i g k e i t
sie verbreiten, die Größe der Zeitspanne, über die sich ihr Einfluß zukommt; durchgehende Motivierung eines Geschehens - und eine
scliori erstreckt, die Einseitigkeit ihres Verfahrens. Aber niit diesen solche liegt vor - bedeutet, daß der gesamte Ablauf, der aus der oocpia
Daten ist noch nicht erklärt, wie die cpfipq zu solcher Macht kam; 71s folgt, als notwendig erscheint. Diese Notwendigkeit wird zunächst
Sokrates fügt daher noch etwas hinzu. Nach der Feststellung, die als eine Art allgemeiner Gesetzmäßigkeit dargestellt. Sokrates äußert
Klagen über ihn würden schon Kindern und Jugendlichen vermittelt, bezüglich der 8taßo)Lfi28 a 8: „Was schon viele rechtschaffene Männer
fährt er fort, diese seien auf Grund ihres Alters (- wir würden sagen, zu Fall gebracht hat, wird dies auch in Zukunft tun, denke ich; es be-
ihrer psychischen Entwicklungsstufe) zu Leichtgläubigkeit geneigt steht keine Gefahr, daß es bei mir haltmacht." Eine Erfahrungs-
(18 C 6). Darin also liegt die Erklärung für die Wirkung der ersten tatsache wird somit zum Rang einer Gesetzmäßigkeit erhoben. In der
Anklage. - Auch der Charakter ist ein erklärendes Moment. Daß Rückschau gibt Sokrates jedoch eine vertiefte Charakterisierung der
Chairephon es wagte, das Apoll-Orakel anzurufen, ist aus seiner un- obwaltenden Notwendigkeit: sie erscheint als göttliche Fügung; 41 d:
gestümen Art zu verstehen (xai %TE64 oto? fiv Xaiperp6v, 05 ucpo8~6~ tcp' „Für einen rechtschaffenen Mann gibt es kein Ubel, weder im Leben
E Ea V3) ; Ehrgeiz und Energie der ersten Ankläger (23 d 9)
6 t b ~ Q P ~ ~ ~ 21 noch im Tod, noch auch wird seine Sache von den Göttern vernach-
erklären die Intensitoit ihrer Bemühungen. Ebenso kann menschliche lässigt. So ist auch mein Schicksal nicht einem bloßen Zufall zu-
Schwäche eineHandlungsweise verständlich machen. Die von Sokrates zuschreiben, sondern es ist mir unzweifelhaft, daß es für mich besser
Uberfiihrteri, ohnehin in ihren1 Selbstgefühl gekränkt, gewinnen es war, jetzt zu sterben und meiner Mühen ledig zu werden." Die Not-
nicht iiber sich, den wahren Grund ihrer Verstimmung zu nennen, da wendigkeit, die zunächst als kalte, blinde Gesetzlichkeit erschienen
sie sich dadurch blol3stellen würden; also greifen sie zu Vorwänden war, zeigt sich hier als göttliche Vorsehung, die sinnvoll und gut ist,
(23 d). - Auch im Bereich philosophischer Uberzeugung kann das er- auch wenn sie über Sokrates' physische Existenz hinweggeht.
klärende Motiv liegen. Wenn Sokrates auf das Orakel mit Elenktik Wir fassen zusammen. Die Absicht der ,Apologiec, die Sache nach
antwortet, dann deswegen. weil er überzeugt ist, man dürfe nichts un- Maßgabe der Wahrheit darzustellen, macht sich bemerkbar in der
geprüft hinnehmen und fremde Autorität nicht über das eigene Urteil Darstellungsweise, die das einzelne Faktum aus seiner Isolierung löst
stellen; wenn er die Zlenktik auf göttliches Geheiß zuriickführt, so ist und in seiner Lagerung innerhalb eines geschlossenen Geschehens-
dies nur eine andere, nämlich religiöse Akzentuiening derselben philo- komplexes zeigt, die Abfolge der Fakten motivisch durchleuchtet, auf
sophischen itberzeugiing. Weniger gewichtig ist das Motiv, das die Grund durchgängiger Motivierung den Geschehensablauf als folge-
„Schüler" des Sokrates dessen Elenktik nachahmen läßt: sie tun dies richtig und notwendig erweist. Unter Verzicht auf persönliche Wünsche
aus spielerischer Freude (23C 4 33 C 4 ) . - Die Mächte, die in dem Ge- ist alles darauf abgestellt, die Eigengesetzlichkeit der Sache selbst zum
30 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 31

Ausdruck kommen zu lassen. - Damit steht die ,Apologiecim Gegen- men: „Dies sind nun die Bitten; wir haben ihre Unterschiede erörtert,
satz zur Gerichtsrede, die die persönlichen Interessen über die Sache damit wir wissend um das Gerechte und um das Ungerechte je nach
stellt, diese überhaupt nur in agonistischer Form zur Sprache bringt den Umständen Gebrauch davon machen können." Unterordnung der
und ein Abheben auf die Eigengesetzlichkeit der Sache unter Verzicht Norm unter die Agonistik bedeutet mithin Amoralität. - Auf Grund
auf agonistische Wirkungen nicht kennt. dieser Einstellung verweist die Gerichtsrede nicht auf eine übergeord-
nete Norm, kennt sie doch die Norm nur als Vorstellung, die der all-
b ) I m Verhältnis zri den Richtern gemeinen Billigung sicher ist; vielmehr usurpiert sie die allgemeine
Vorslellung von der Norm und benützt sie zu agonistischen Zwecken.
Jede Gerichtsrede hat das Ziel, die Richter zu dem Urteil zu be- Der Sprecher fordert die Richter im Namen der Norm, meistens der
wegen, das im Sinn des Sprechers liegt; die Anklage hebt ab auf Ver- Gerechtigkeit, auf, in seinem Sinn zu stimmen. E r kann im Tone sach-
urteilung, die Verteidigung auf Freispruch. Dies gilt auch für die licher Erklärung feststellen, wenn es mit rechten Dingen zuginge,
,Apologie': Sokrates wünscht, es möge ihm gelingen, der G~aßoh4Herr müßte in seinem Sinne entschieden werden (z. B. Ant. 2 ß 10: cjutoh.iieo.8.a~
zu werden ( I 9 a 2): er bezweckt mit seiner Rede den Freispruch (31 a 3). 6E Gcp' GpWv, ei xai eix6zwg pEv Ovzws 66 pq dlnExze~vatOv i i v S ~ a ,nohd poihhov
Ferner halt jeder Gerichtsredner seine Sache für gerecht. Auch Sokra- 6ixal6s e i p ~ ) er~ ~kann
; es geradezu als Pflicht der Richter darstellen, in
tes glaubt, auf seiten des Rechts zu stehen (31 e 2 ff. 32 a 6 32 b 8) und seinem Sinn zu entscheiden (z. B. Ant. 1,23: 66, Önwg 616iSa1 Gixqv o'l
sich auf gerechte Weise zu verteidigen (17 C 2 18 a 1 34 d 2 35 C 7). &6~xoGvteg,zouzov YE Evexa xai Glxaazai kybvea.8.~xai ExA@+qte. xai Eyh p6v
Diese Auffassung ist ein Sinnelement der Gerichtsrede schlechthiil; l , 641 Ginqv &V fi6ixqx~xai zspoefiaw TC$ natei 24I 4pezE~cpxai
E n ~ @ g ~ o p aIva
würde sie aufgehoben, so verlöre diese ihren Sinn. Für das Verhältnis zoig vOpo~gaois G~ETEQOLS-z a V q xai &6v pol ßoqfiijoac Spas änavzacjKs;am
zum Richter ist jedoch weder das Streben nach Erfolg noch die gün- häufigsten findet sich die schlichte Aufforderung, den Prozeß im Sinne
stige Beurteilung der eigenen Sache das Entscheidende - beides gehört des Sprechers zu entscheiden, da es so rechtens seisB;in ihrer prägnan-
noch in den Bereich subjektiver Bemühung und Aussage -, sondern testen Fassung lautet sie Gwaiwg &nohfi~tEpe (Ant. 2 6 12). Gemeinsam
das Verhältnis zur Norm. ist allen Fällen, daß dem Richter die Mühe abgenommen wird, selbst
Die Norm ist ihrem Wesen nach überindividuell. Ihr untersteht der auf die Norm zu reflektieren, und daß ihm die Auffassung des Spre-
Redner wie der Richter; sie ist dem Zugriff des Redners entzogen. chers, durch eine anerkannte Norm beglaubigt, suggeriert wird. Eine
Wird die Norm ernstgenommen, so bedeutet dies, daß der Sprecher andere Einstellung zur Norm findet sich in der attischen Gerichtsrede
sich ihr auch unter Opfern unterwirft und daß er von den Richtern nicht.
nicliis anderes verlangt als ein Urteil, das der Forderung der Norni Ganz anders verhält sich Sokrates. E r fügt sich der Norm, auch WO
entspricht. Wenn die Norm, nicht die Meinung des Sprechers, maß- sie Opfer von ihm fordert. E r wünscht seinen Freispruch nur, falls
geblich ist, hat der Richter volle Freiheit; es steht ihm offen, in seinem dieser im Sinn der Norm besser für ihn ist (19 a 2) ; er verspricht, die
Urteil von dem des Sprechers abzuweichen. Betrachtet der Sprecher Wahrheit zu sagen, hält dieses Versprechen jedoch im Gegensatz zur
die Norm lediglich als Werkzeug im Dienste der Agonistik, so erhebt Gerichtsrede auch in Fällen, wo es nicht opportun ist, aufrichtig ZU
er seine si11)jektiveAuffassung zum Rang einer gemeinverbindliclieri. sein (31 e 1 32 a 8 ) , ja er kann aus der Tatsache, daß er das Gesagte
Er stellt seine Forderungen nicht im eigenen Namen, sondern im ausgesprochen hat trotz genauen Wissens darum, daß er sich Haß
Namen einer gültigen Norm. Dies bedeutet einen Vorgriff auf das Ur- dadurch zuzieht, auf die Wahrheit seiner Aussage schließen (24 a 6 ff .) ;
teil des Richters; er soll genötigt werden, ohne Kontrolle zu überneh- die Norm der Wahrheit gilt ihm mehr als die Besorgnis, Maß zu er-
men, was allenfalls das Ergebnis seiner Priifung sein könnte. Im ersten regen. Er kennt die Mittel, die ihm Rettung bringen würden: Dreistig-
Fall geht die Bemühung auf Sachlichkeit, im zweiten auf Suggestion. keit und Schamlosigkeit (38 d 7), Klagen und Jammern (38 d 9 ) , aber
Die Gerichtsrede ordnet die Norm der Agonistik unter. Die Norm
gilt dem Sprecher gleichviel wie das, was sie negiert; Gerechtigkeit und 67 Vgl. Lys. 9,21; 1 3 , l ; 21.13; 22,22. Isae. 6 , 2 . Dem. 19,212; 22,39; 51,2; 53,29;
55,33; 57, 69. Aesch. 1, 196. Hyp. 4, 10. Din. 2,21. Lyc. 98. Gorg. Pal. 36.
Ungerechtigkeit sind gleichermaßen Vehikel, die eigene Sache zu be-
Vgl. Ant. 1, 22 25. Dem. 21,27.
fördern. Aiiaximenes bemerkt offenherzig: ,,In den Reden kommen SB Vgl. Ant. 2 a 9; 2 ß 13; 3 ß 12; 5, 73 80; 6,33. And. 1 , 2 . Lys. 3,47; 19,54; 24,7.
Bitten vor, die die Sprecher an die Hörer richten. Von diesen sind die Isocr. 17,58; 18,68; Isae. 2,47; 4,30; 9,37. Dem. 1 9 , l 311; 21,70; 23,19; 38,28;
einen gerecht, die andern ungerecht" (55.13 ff. Sp.) ; er fal3t zusam- 39,41; 40,61; 42, 15; 43,84; 46,28; 52,33; 59,126; Hyp. 3,38.
32 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 33
er lehnt es ab, sie zu gebrauchen, mit Rücksicht auf die Norm des xaMv, sächlichkeiten wie der LEE5 des Sprechers aufhalten, sondern seine Aus-
des Gixaiov, des Buiov (35 C 8) ; er fügt sich ohne weiteres in sein Schick- sagen nur auf ihre Gerechtigkeit hin prüfen: denn in der gewissen-
sal, da er den Tod als ßEht~overkennt (41 d 5 ) . Im Gegensatz zur Ge- haften Prüfung der Aussage an der Norm der Gerechtigkeit bestehe
richtsrede betrachtet Sokrates also die Norm als eigenständige Realität; die aeetfi des Richters (18 a). Entsprechend heißt es im Epilog 35 C 2:
sie bedeutet ihm so viel, daß er ihr sogar seine physische Existenz auf- „Nicht dazu ist der Richter eingesetzt, da5 er das Recht verschenke,
zuopfern bereit ist. Von dieser grundsätzlich anderen Einstellung zur sondern daß er danach richte." Wenn Sokrates die Richter daraufhin
Norm aus ist das in der ,ApologieLvorliegendeVerhältnis des Sprechers an ihren Schwur erinnert, dann nicht, um im Namen des Schwurs eine
zum Richter zu verstehen. günstige Entscheidung zu fordern, wie es die Gerichtsrede tute', son-
Sokrates macht von der Norm den Richtern gegenüber zweierlei Ge- dern um auf die Norm der E ~ O @ E Lhinzuweisen,
~ die über dem Schwur
brauch: er beurteilt sie nach der Norm, und er weist sie für ihr eigenes steht, und die Richter wie Sprecher verpflichtet, den Schwur heilig zu
Verhalten hin auf die Norm. halten: oBxovv X Q oBte
~ $@~SELV dpäq Entoexeiv OBV6päg k @ i S e a 6 aoC6E-
~
Eine B eil r t e i l u n g der R i c h t e r auf Grund der Norm liegt TeeoL yde 8v fipWv efiffeßoi~v35 C 5. Weit entfernt davon, die Norm für
vor, wenn Sokrates die Richter auf ihr bzw. des gesamten Volkes sich zu usurpieren und mit seiner Sache zu verquicken, weist Sokrates
früheres Unrecht hinweist (32 b 8), ferner, wenn er das gesamte Staats- lediglich auf sie hin; wenn, wie er sagt, die aeetfi des Sprechers ledig-
wesen, dem ja auch die Richter dienen, als gerechtigkeitsfeindlich be- lich im Sagen der Wahrheit besteht, die der Richter in der Orientierung
zeichnet (31 e), schließlich, wenn er nur diejenigen Richter als av6eeg an der Gerechtigkeit, so ist damit festgestellt, daß dem Sprecher kein
G~xaotai,als hlänner des Rechts anzuerkennen bereit ist, die für ihn Vorgriff auf das Urteil der Richter erlaubt ist, daß die Richter Freiheit
gestimmt haben (40 a 2). Gewiß kennt auch die Gerichtsrede eine un- haben müssen, sich nach Maßgabe der Norm ein Urteil zu bilden. Den
günstige I3eurteiliing der Richter, aber sie bringt eine solche nur in ganzen Abstand von dem G~xaiog& n o A i ~ ~der w Gerichtsrede zeigt der
agoriistisclier Absicht vor: der Richter soll sich der Verwerflichkeit Schlußsatz von Sokrates' Verteidigungsrede: „Euch und dem Gott
seines früheren, angefangenen oder geplanten Handelns bewußt und überlasse ich es, über mich zu richten, wie es für mich und für euch
dementsprechend zu einem Handeln im Sinn des Klägers angereizt am besten sein wird" (35 d 7 ) .
werden, z. B. Lys. 27,4: „Was ich euch vorzuwerfen habe, ist dies, daß Indessen darf nicht verschwiegen werden, daß an einer Stelle der
ihr wegen des niimlichen Unrechts den Onomakritos verurteilt, diesen ,Apologie6Sokrates sich nicht damit begnügt, die Richter auf die Norm
aber freigesprochen habt, obwohl doch der gleiche Mann gegen alle hinzuweisen, sondern einen Schritt weiter geht und eine für ihn selbst
klagte und die gleichen Zeugen gegen sie auftrhten." Die Absicht, zu günstige Beurteilung namens der Norm fordert. Liegt hier denn also
stimulieren, erhellt nctch deutlicher aus der folgenden Aufforderung (6): doch jene Koppelung von Forderung der Norm und eigener Forderung
vüv t o i w v , 6 EivGeeq G~xaatai,nae6Ge~ypanodpatc: t o i ~tihho~qG~xaioiqE ~ L , vor, die die Gerichtsrede vornimmt?
x a e & t o h v 8ixqv haßOvteq. Während die Beurteilung der Richter in der 34 b 6 ff. lehnt Sokrates es ab, seine Richter durch einen olxtoc zu
Geriditsrede nicht der Norm dient, sondern der Agonistik, ist sie in günstigem Urteil aufzufordern, wie es gerichtsüblich ist. Zur Begrün-
der ,Apologie6 ohne jede agonistische Note, ja eher der Sache des dung seines außergewöhnlichen Verhaltens beruft er sich auf drei
Sprrcliers :il)triiglich; sie erfolgt lediglich auf Grund konipromißloscr Normen: das xahbv, das Gixaiov, das Öotov, und gibt dazu jeweils Erläu-
Orientierung an der Norm. terungen. Bei der Erörterung des xahOv legt er dar, das xahbv hinsicht-
An gcwiditiger Stelle V e r W e i s t Soltratcs a U f d i e N o r m : im lidi der W a , die Norm, derzufolge man z. B. seinen guten Ruf nicht
Prooimion und im Epilog seiner Verteidigungsrede. Am Ende des verletzen darf, gebiete, daß er seine Würde und seinen Ruf als Athener
Prooimions fordert er die Richter auf, sie sollten sich nicht mit Neben- und außergewöhnlicher Mensch nicht durch ein so klägliches Ge-
baren, wie es der Oiktos mit sich bringe, kompromittieren dürfe. Das
" Tadel der Richter dient in der Gerichtsrede nur agonistischen Zwecken: dem gleiche gelte auch für die Richter: auch sie sollten den Oiktos grund-
Richter werden Verfehlungen vorgehalten, damit er beim gegenwärtigen Prozeß
Gelegenheit nehme, sie wieder gutzumachen (vgl. Lys. 10,30. Dem. 18, 138 159; sätzlich ablehnen und sich weder selbst im Fall gerichtlicher Be-
19,224 B. 284; 21,91; 22, 78; 23,204 ff.; 25, 13 f.; 51, 15 21; 58,38 B. 63. Aesch. drohung zu einem solchen bereitfinden noch es zulassen, daß An-
1, 177 B.; 3.2-7 191-96 232-35. Lyc. 12). - Anax. 53, 22. Sp. wird gelehrt, man
solle die Richter nur tadeln, sofern es opportun sei; andernfalls sei es besser, 81 Vgl. Ant. 5,85 96. And. 1 , 9 30 f.; Lys. 15,8. Isae. 8,46. Dem. 21,34 E.; 36,61;
sich selbst zu tadeln. 39,40; 45,50.
34 T. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 2. Die Intention nuf Wahrheit 35
geklagte sich in solcher Weise erniedrigten. Schließlich erfolgt die kon- jedoch nicht aus der Konvention, sondern aus der Norm ab. Die Norm
krete Fordenmg an die Richter: ,.Ihr sollt (xefi . . .) gerade dies zeigen, des xahbv gilt ebenso für den einzelnen als Individuum wie als Staats-
daA ihr viel eher einen verurteilt, der solche jämmerlichen Szenen auf- bürger: er muß nach Maßgabe des xaA6v seinem guten Ruf gerecht
führt und die Siadt lächerlich macht, als einen, der Ruhe hält" ( 3 5 b 6). werden. Steht einer im Ruf hervorragender Weisheit, Tapferkeit oder
Diese Forderung unterscheidet sich von den in Gerichtsreden üb- sonstiger Tugend, so ist er verpflichtet, sich im Sinn dieser Tugend zu
lichen durch folgendes:
verhalten und seinen Ruf zu wahren (35 a 2). Sokrates steht im Rufe,
Zum ersten beruft sich die Gerichtsrede auf normative Vorstellun- er zeichne sich durch etwas vor den andern Menschen aus: also kann
gen nur dann, wenn diese selbst und ihr Anwendungsbereich jeden- er seine Mitbürger nicht durch einen Oiktos desavouieren; er würde
falls grundsätz3ch mit der allgemeinen Auffassung übereinstimmen, sonst verstoßen gegen das xah0v. Dieser Gedanke wird dann ins Po-
während die ,Apologiecsich an dieser Stelle überhaupt erst bemüht, litische gezogen: wenn ein Athener sichvor Gericht unwürdig benimmt,
die fragliche Norm plausibel zu machen. - Die 60Ea, der gute Ruf, sei
stellt er damit die ganze Stadt vor den Fremden bloß (35 a 7), schädigt
es des einzdnen oder der Stadt, wird in der Gerichtsrede nicht im Zu- den Ruf der Stadt, den zu wahren das xah6v gebietet. Sokrates sucht
sammenhang mit dem x a h h , mit einer verpflichtenden Norm gesehen,
also den Richtern begreiflich zu machen, daß die Doxa ein sittliches
sondern mit der Konvention; nicht „was gebietet das xah6vCL?wird ge-
Moment enthalte, das nicht von der Meinung der Leute ausgeht, son-
fragt, sondern ,was werden die Leute dazu sagen?" So warnt Demo-
dern von einer Norm, die absolute Gültigkeit besitzt. Den Richtern
sthenes die 'ithener. sie sollten doch nicht ihre anerkanntermaßen vor-
freilich mußte diese Vorstellung befremdlich sein, waren sie doch ge-
züglichen Geselze durch die Verdrehungskünste seiner Gegner zu-
wohnt, daß die Redner nur von den populären Norm-Vorstellungen
grunderirhtt2ri lassen: „Wenn ihr dies leichtsinnig geschehen laßt,
Gebrauch machten, nicht aber, daß sie neue propagierten.
geht ihr der Ehre dieses Vorzuges verlustig und macht der Stadt einen
Zweitens betreffen die Normen, auf die die Gerichtsrede sich beruft,
iiblen Ruf" : 6 G a v 06 xpqatfiv xo~.ijaete, 24 210 f.)". Die Berücksichti-
nur den Richter, während sie den Sprecher in keiner Weise beeinträch-
gung der Dma erfolgt also nur im Hinblick auf die Konvention, ge-
tigen; die Normen, auf die Sokrates sich beruft, treffen dagegen
nauer: im Hilbliek auf die drohende Diff amierung, die die Konvention
gleichermaßen die Richter wie ihn selbst; ihre Beachtung bedeutet
für diejenigen bereithält, die ihren guten Ruf vernachlässigen. Nun
jedoch für Sokrates das größtmögliche Opfer, nämlich Preisgabe der
ist der Oiktem in der Gerichtsrede durchaus Konventionss; es ist also
wirksamsten Verteidigungswaff en (38d 7) und Verstimmung der Rich-
undenkbar, daß im Namen der konventionellen Moral gegen ihn Front
ter (34 C ) .
gemacht wird. auf der doch guter Ruf wie Oiktos gleichermaßen be-
Aus beiden Abweichungen von der Gerichtsrede erhellt, daß Sokrates
ruhen. Die I>osn kann nicht gegen die I-Convention mobilisiert wer-
nicht von personlichen Interessen bestimmt ist, wenn er auf die Norm
den. - Dir ,hyo?rigie' iibernimint aus der Gerichtsrede die Vorstellung,
hinweist. Und so kann er hier, wo jeder Gedanke an Eigennützigkeit
daß die Doxa eine verpflichtende Kraft habe, leitet diese Verpflichtung
- ausgeschlossen ist, zugunsten seiner Sache eine Forderung aussprechen,
6Z Vgl. And. 1, 140. Lys. G,5 18; 19,Gl; 26. 14; 27,2; 30, 33. Isae. 2,43. Isocr. 18,65.
die sich den Richtern ohne sein Zutun aus der Anerkennung der dar-
Dem. 18, 1; 13,229 313; 20, 10; 22,64; 23, 109; 24, 137; 25,G; 51,9; 58,55; 59, 111 gelegten Norm hätte ergeben müssen. I-Iier, wo er in glaubhafter Weise
126. Aesch. 2,347. Lyc. 15. Din. 2, 19; 3,22. Vgl. auch Gorg. Pal. 35. Nicht nur die im Namen der Norm spricht, kann Sokrates die Schranke durch-
eigene lloxa, au& die der Vorfahren verpnichtet: $&V pEv 06v adrbv & n o x t ~ i ~ r s , brechen, die er zwischen den Richtern und sich aufgerichtet hat. Es
~ O & T E näocv t o i j "Eh?.qut xai dpeiq t&rocaüra Beya ~ L U E W ~l' OE pfi, xai zoug
ngoy6vov; T%; stoha~äq6 6 5 ~ 5d n o u t e ~ j o e r eLyc. 110. Vgl. auch Dem. 18,183;
wird klar, daß er die Richter nicht in eine schrankenlose Freiheit ent-
20, 141 f.. läßt, wenn er den Druck agonistischer Beeinflussung von ihnen nimmt,
"J Nirgends w-ndel sich die Gerichtsrede gegen den Oiktos als solchen; sie sucht sondern lediglich in die Freiheit, auf die Norm zu reflektieren und sich
nur darzutun, d a 3 der Gegner alles andere verdient hat als die Gewährung seiner ihr zu unterwerfen.
im Oiktos ausgespochenen Bitten, z. B. Dem. 19,310; 21,99; 25,81; 38,27; 45,88; Es wäre denkbar, daß die Zuhörerschaft entsprechend der neuarti-
54,43. Din. 2.4. Fgl. auch Ar. rh. 1386 b 34 ff.. Daß der Oiktos grundsätzlich des
gen Weise, in der sie angegangen wird, ihr Verhältnis zum Sprecher
Edlen unwürdig ist, wird zuerst ausgesprochen Gorg. Pal. 33: o b t o s pEv 03v xai
hctai xai qihov xrzgaitqotg Ev Ö~hcp$V oGoqq tTj5 x&eoq ~ ~ f i a t pna@& a ' 6' Bpiv wandelt. Doch Sokrates ist Realist genug, mit einer solchen Wendung
zoiq ne&roic -cOv 'Ehhfivov xai Goxoüo~v,od cpihwv ßoq@sia~q 0666 hiraiq o W nicht zu rechnen; er weiß, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Rich-
oixror; 6&imi@&ri .. ter bei ihrer feindseligen, von der Gbaßoh6 bestimmten Haltung bleiben
2. Die Intention auf Wahrheit 37
36 I. Das Verhiiltnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede

werden (19 a E i ) , daß sie die Wahrheit nicht ertragen können (31 e 1 sie" (17 a 2)Os. Sie versuchten, durch Suggestion vom eigenen Denken
32 a B), daß es sie erzürnt, wenn sich einer der eklen Selbsterniedrigung abzuhalten. Die ,Apologie6dagegen rechnet mit wacher Ronzentriert-
entzieht, der sie selbst sich willig anbequemten (34 C d), und daß sie in heit des Hörers. In der ,ApologieLallein erfolgen ebensoviel Rück-
solchem Falle mit Verdächtigungen rasch bei der Hand sind (34 d 9) - verweisungen auf schon Gesagtes wie in sämtlichen attischen Gerichts-
kurz, er macht sich hinsichtlich der E-Ialiung der Richter keine Illusio- reden6! Richtige Anwendung der Norm ist nur möglich bei gründ-
nen. Und doch setzt seine Weise, den Richter zu behandeln, eine ent- licher Kenntnis der Fakten.
sprechende Haltung des Richters voraus. Da er die faktische Haltung Wir fassen zusammen. Die Gerichtsrede sucht den Richter zu ver-
der Richter nicht ändern kann, wendet er einen Kunstgriff an: er fin- anlassen, unbedenklich ihre Vorstellungen zu übernehmen. Sie bedient
giert, die Haltung der Richter wäre so, wie sie sein müßte, wenn ihre sich dazu der Agonistik in ihrer dreifachen Gestalt: als Psychagogie,
Bemühung auf Ermittlung der vollen Wahrheit und deren Beurteilung Dialektik und Ethopoiie. Damit will sie selbständige Reflexion des
gerichtet wäre6-. Mit den Worten .Um?.&ßo~ Bv o5v ty 6phv 'iuwg (20 C 4) Richters auf die Norm verhindern. Die ,Apologie6 dagegen versucht,
stellt Sokrates sich einen Richter gegenüber, dessen Fragen und Ein- eine solche Reflexion zu ermöglichen. Sie ist der Meinung, die Norm
wände, dessen Haltqng er für richtig hält (tavti POL 6oxei: Gixaia hEyew sei für Sprecher und Richter gleichermaßen verbindlich. Die Freiheit,
6 AEywv 20 d 1). die sie dem Richter einräumt, ist die Freiheit zum Finden und Anwen-
Dieser Richter stellt zwei Fragen: ,,Was, mein Sokrates, ist denn den der Nonn. Dem Sprecher ist als Gegenbild die Fiktion eines Rich-
eigentlich deine Beschäftigung? Woraus sind dir jene Verleumduiigen ters zugeordnet, der dem Angeklagten frei von Voreingenommenheit
erwachsen?" (20 C 4). „Wenn deine Beschäftigung in keiner Weise von gegenübersteht und lediglich Ermittlung der Wahrheit und gerechtes
der der andern Menschen abweichen würde, so wäre doch nicht darauf Urteil zum Ziel hat.
ein solches Gerücht und Gerede entstanden - es muß schon so sein, daß
dein Treiben von dem der Menge abweicht." Der Richter unterstellt C) Im Verhältnis zu den Gegnern
den für den AngekIagten günstigsten Fall: daß die Verleumdungen
wirklich, wie es der Angeklagte in der „Widerlegung" (19 a 8 - 20 C 3) Wie das Verhältnis zum Richter durch die Auffassung von der Norm
dargetan hat, nicht sachlich stichhaltig sind. Es bleibt ein ungekliirter bestimmt wird, so das Verhältnis zum Gegner durch die Auffassung
Rest: worauf ist die Tatsache, daß Sokrates in üblem Ruf steht, zu- von dessen Motiven.
rückzuführen? Dieser Frage liegt die ~berzeugungzugrunde, daß ein Die Gerichtsrede begründet die Handlung des Gegners mit einem
Irrtum - und im günstigsten Fall ist ja die G~aßoAfiein solcher - nicht moralischen Defekt. Der Gegner ist habgierig ", rachsüchtig ", undank-
ohne jeden sachlichen Grund entstehen kann, daß auch in1 Irrtum ein barßs,m i ß g ü n ~ t i g selbstsüchtig7';
~~, daraus erklärt sich sein Handeln.
I<örnchen Wahrheit enthalten sein müsse. Erst, wenn geklärt wäre, Die Gerichtsrede bleibt jedoch nicht dabei stehen, dem Gegner partielle
wodurch aus einem unverfänglichen Tatbestand der Irrtum der O~aßohfi Defekte nachzusagen, und noch viel weniger ist sie etwa bereit, mo-
entstanden sei, könnte diese als widerlegt gelten. ralische Schwächen und Vorzüge des Widersachers gegeneinander ab-
Während für die Gerichtsrede 8taßo)ifi schlechthin Lüge, Unwahr- Auch die Gerichtsrede kennt den Topos des fiktiven Einwands von seiten der
heit, Entstellung ist. die auf ihren Wahrheitskern zu untersuchen sinn- Richter ( E ~ O LTLS tiv Dem. 18, 223; 23,64. Gorg. Pal. 15. qx'lue~TLS Dem. 41,27.
los wiire, sucht der Aktive Richter der ,Apologie' die Wahrheit im Irr- Ferner Isae. 10,18. Dem. 22,69; 23,187; 24, 129. Aesch. 1,113; 3,168), doch
turn rtcr Aiikhge zu ermitteln. Er steht dem Angeklagten ohne llessen- gehrniichl sie ihn nur in ngonistischem Sinn, wahrend die ,Apologie' damit zeigen
will, wie die Haltung des Richters in Wahrheit sein müßte. Für einen solchen
timents gegenüber und beurteilt seinen Fall so günstig, als es angeht. wahren Richter ist die nicht-agonistische, objektive Abhandlung der .ersten An-
E r dringt aiif die Sache selbst und beurteilt sie nach den ihr angemes- klage" (s. p. 15 ff.) bestimmt.
senen Regeln. ,,So sag uns denn, was es ist (das dir deinen üblen Ruf Be In der ,Apologie' 1 7 b 6 1 8 e l 2 0 d 9 2 1 a 5 2 7 a 9 2 8 a 4 3 0 c 2 3 3 c l 3 3 ~ 4
eingebracht hat), damit wir über dich nicht bloß aus dem Stegreif ur- 37 a 2. In der Gerichtsrede Isocr. 3,77. Isae. 6,57. Dem. 24,108; 3 6 5 4 ; 36,42;
teilen'' (20 C 8). Dieser Richter dient nur dem Recht. Ferner: Sokrates 37,23; 58,57 68. Aesch. 1,37; 2,147.
67 Vgl. Ant. 2 ß 13; 5, 79. And. 1, 117 ff.. Isae. 8,2; 11,31 36; fr. 3 , 2 , 1. Dem. 24,195;
sagt ironisch von seinen Gegnern: ,,I& für mein Teil hätte unter ihrer 32, 10 ff.; 47,31; 48,46; 49,67. Din. 1,21.
Einwirkung beinahe mich selbst vergessen, so überzeugend sprachen 68 Vgl. Dem. 57,8. 70 Vgl. Dem. 20,154; 25,52.

es Vgl. Lys. 30,6. Anax. 85,24 ff. Sp.. 7' Vgl. Aesch. 3,81.
S. U. p. 129 f..
38 I. Das VerhäItnis der Apologie zur attischen Gericlitsrede 2. Die Intention auf Wahrheit 39
zuwägen; vielmehr wird die partielle Schlechtigkeit immer auf dem des Sprechers bestehe: v o p i % (SC.
~ 6~0i1 E~ h 1 ) h~ 0b8ds tOv EpOv xatq-
Hintergrund totaler moralischer Verwerflichkeit gesehen. Daher sind ybewv (35 d 7 ) .
die Worte, die Umerschämtheit ", Hybris ", Gottlosigkeit '<, Schlechtig- Die „ErzählungG gibt Aufschluß über Sokrates' Auffassung vom
keit' bezeichnen, so beliebt als moralische Prädikate des Gegners; Motiv der Gegner (23 C 7 fF.). Er und seine ,,Schüler" führen, so be-
treffen sie ihn doch in seiner Ganzheit. Charakteristisch hierfür ist richtet er, durch ihre Prüfung athenische Männer in die Aporie. Die
Lysias' Rede für den Gebrechlichen (24). Der Sprecher kann seinem Reaktion der in Aporie Geratenen: epoi Oeyi<ovta~,OUX aBtois. Sie wen-
-
Gegner auch nicht einen sachlich begründeten ~ o & u r fmachen. Dafür den die der4 nicht, wie sie sollten, gegen sich selbst, sondern gegen
wird
-
schon im dritten Satz der cpBhoc, als das Motiv bezeichnet. das den Sokrates: sie diiyamieren ihn. Ihr Motiv: lva 61 ~4 GoxWarv h o e e i v
Gegner zu seiner Klage gegen den Sprecher bewogen habe7', hierauf (23 d 4). Sie suchen den Ausweg aus der Aporie an der falschen Stelle.
wird der Gegner der novqeia (2), der rV1pq (10) iind bvato~vvtia(13) ge- Daraus folgt ihre Feindschaft gegen Sokrates, nicht aus etwaigen
ziehen. Defekte Moralität ist für die Gerichtsrede letztes Motiv des moralischen Mängeln. Der letzte Grund für ihr falsches Verhalten liegt
Gegners. Sie inalt schwarz-weiß: der Gegner ist ein Bösewiclit, der in dem Irrtum, sie selbst seien weise. Von diesem verblendet sind sie
Sprecher ein guter Mensch, selbst wenn vereinzelte Positiva des Geg- außerstande, die Aporie als Anstoß zur Wahrheitssuche zu begreifen.
ners und Negativa der eigenen Person zugegeben werden müssen. Erst in der letzten Rede des Sokrates werden die Gegner der i ~ o x 6 r e i a
Zur Erörterung der gegnerischen Motive in der ,Apologieczwei Vor- und xaxia geziehen. Aus der falschen Haltung in der Aporie kam der
bemerkungen. Erstens: Die Gegner des Sokrates werden des ~ J E ~ ~ O S Haß gegen Sokrates und das Bemühen, Rache an ihm zu nehmen, also
bezichtigt (17 a 51, der bvaruxuv~ia (17 b 3 31 b 8), des cp8bvog (18 d 2), cpBbvos, ~ X ~ OGlaßohfi,
S, &vato~uvtia,8Srxia. Der Irrtum hatte schlechtes
der Grußohil (Vrrleumdungssiicht, 18 d 21, der d 6 ~ x i a(30 d 5 ) . Kein Zwei- Handeln zur Folge. Deshalb können die Gegner, zumal nachdem sie
fel, die C1i:ir:ikterisierung des Gegncm und seiner Motive entspricht ihr Ziel erreicht haben, der xaxia und ~ o x 8 q e i aschuldig befunden wer-
zunächst der in Gerichtsreden üblichen. Offen bleiben muß nur die den. Aber dies ist nur sekundär; ihr falsches Verhalten, ihr Irrtum, ihr
Frage, ob die negativen moralischen Prädikate gleichfalls auf einem Versagen vor der Wahrheit bleibt das Primäre. Daher heißt es 39 b 5:
Bild vom GeLgner als einem von Grund auf schlechten Menschen be- o6tor 6' Bxd tqs b h q 6 E i a s Ocphqxbt~sp o ~ 6 q e i a vxai 0 1 6 t ~ i a v ~Sokrates'
~.
ruhen. - Zweitens: Wird in der Verteidigungsrede Sokrates dem Geg- Verhältnis zum Gegner ist demnach durch eine ethische Theorie be-
ner angesichts der Norm gegenübergestellt, so geschieht dies, was den stimmt, die in den Bereich der Philosophie gehört i@.
Gehalt der Aussage betrifft, in einer bemerkenswert zurückhaltenden Am Schluß seiner letzten Hede erklärt Sokrates, er sei Richtern und
Weisey7.Nach 30 c 9 erscheint vor der Norm des UyaBbv Sokrates als Klägern nicht weiter böse deshalb, weil sie seine Verurteilung durch-
der ltidvrdv bfie, sein Gegner als ~ ~ i e u Dadiircli
v. wird lediglich ein gesetzt hätten; was er ihnen vorwerfe, sei vielmehr die irrige Meinung,
Gradiinterschied in der ethischen Qualifizierung bezeichnet, keines- sie würden ihn dadurch schädigen (41 d 8 O ~ ~ ~ E Vßhhxt~rv). O L Für einen
wegs eine grundsiitzliche Verschiedenheit im Sinn der Gerichtsrede. b v f i ~bya6bs gebe es in Wahrheit weder im Leben noch im Tod ein ubel
Ähnlich ist es mit der Gegenüberstellung vor der Norm des Öotov: den (41 d 1).Wiederum eine Auffassung, hinsichtlich der die Gegner irren.
Gegnern wird die Frömmigkeit nicht einfach abgesprochen, es wird - Wenn die Gegner jedoch nicht aus Schlechtigkeit handeln, die einen
nur bedeutet, da8 ein qualitativer Unterschied zwischen ihr iind der unveränderlichen Charakter ausmacht, sondern aus einem Irrtum, der
korrigierbar ist, so kann auch die von ihnen ins Werk gesetzte Ver-
i V ~Lys.
l . 3, 45: 10 14; I#, 42. Isae. 2,27; 3, 72; 4, 29; 11.6. Dem. 19, 199; 21, 19 urteilung nicht ein irreversibles Unrecht sein - die Gerichtsrede hält
95 f.; 22,47; 43,56. Aesdi. 1. 105. jedes ungerechte Todesurteil für ein solches -, sondern es muß mög-
Vgl. Isae. 2, 33. Dem. 21, 19. lich sein, dieses auf Irrtum beruhende Unrecht durch Bereinigung des
" irgl. LYS.6, 11; l4,12. Dem. 18, 119; 21, 150; 24, 6; 25.52 63. Lvc. 77. Din. 1. 21 95. Irrtums wieder gutzumachen. So legt denn Sokrates am Schluß seiner
75 Vgl. Lys. 3, 45. Dem. 18, 119; 19,340; 20, 157; 21, 19; 24,6; 25,32; 26, 16; 35,
2 5 46. Aesch. 2,159. Din. 1,21; 3, 1. Vgl. auzh Ar. rh. 1368 b 13; 1398 a 11; 1416 i8 Demgegenüber sind die Motive, die Gorgias' Palamedes und der xenophontische
b 9; 1419 b 16. Sokrates ihren Gegnern zuschreiben, ganz im Sinn der Gerichtsrede: Odysseus
'13 Euthyphron zi; Sokrates (Euth. 5 b 9 ) : .Wenn Meletos eine Klage gegen mich handelt aus (p66vo~,xaxorepda, xavoueyia (Gorg. Pal. 3), Anytos klagt aus klein-
unternehmen sollte, so würde ich schon herausfinden, wo es bei ihm faul ist, licher Rachsucht (Xen. apol. 29), seine Komplicen aus drakße~aund drS~xia(24).
denke ich, und viel eher wäre vor Gericht die Rede von ihm als von mir." S. U. P. 90.
"' Anders verhält e s s-ch mif der Form der Aussage; vgl. p. 19. Vgl. Ant. 2 6 12; 5,91; 6,3. Dem. 25,74.
40 3. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 3. Die Funktion der Zeit in der Apologie 41

Worte den Riclitmi nahe, sie sollten die falsche Haltung, die sie seiner- Der Gerichtsredner muß wissen, wie der Anfang einer Rede aussehen
zeit in der Aporie eingenommen hätten, aufgeben: sie sollten Nach- soll, welche Argumente an den Schluß gehören und was tunlichst wäh-
folger Sokrates' werden und zunial dessen Söhne der Elenxis unter- rend der Zeit der geringsten Aufmerksamkeit, also in der Mitte der
ziehen; xai 2dv t d s a not+, Gixa~anenovV8~Eyh Euopclt 6cp' 6 ~ 6 vaUz& ze Rede, verhandelt wirdss. Psychologische Kalkulation bestimmt den
xai oi U E ~ S(4 e 7) Aufbau der Gerichtsrede; ihr Ablauf soll psychisches Geschehen zei-
Die Gerichtsrede glaubt, der Gegner handle aus Schlechtigkeit. Ein tigen.
solcher Mensch ist in seiner Totalität abzulehnen; man steht ihm daher Während in der Gerichtsrede die zeitliche Bewegung nur den H ö r e r
mit Verachtung gegenübers1. Sokrates dagegen vermag sich dem Zau- zu erfassen sucht, ohne an der vorgegebenen Situation des Sprechers
ber der Recirn seiner Gegner mit Ruhe hinzugeben: Eyh 6' ozv xai a.VtO5 etwas zu ändern, fällt an der ,Apologie6 auf, daß der S p r e c h e r
Un' aGt6v bliyov kpnutoii fn~ha66pqv,o h w n~@avGc; Ehoyov 17 a 2. Weit da- s e 1b s t von dieser Bewegung erfaßt wird.
von entfernt, sich über etwaige Unmoral seiner Gegner zu ereifern, Platon vermittelt nicht eine, sondern drei Reden, deren jede in
achtet er nix auf den Wahrheitsgehalt ihrer Worte; er fährt daher besonderer Situation innerhalb eines zeitlich fortschreitenden Ge-
fort: xnitoi ohq6E; WS 2x05 ~ i n s i v0 6 6 8 ~~ E ~ r j x a o Nicht
~ v . eifernd, sondern schehensablaufs vorgetragen wird; die erste nach der Anklage, die
urteilend und belehkend steht er seinen irrenden Anklägern gegen- zweite nach der Schuldigsprechung, die dritte nach der Verurteilung.
über. Schuldigsprechung und Verurteilung bedeuten je ein in der Zeit liegen-
Zusammmfassend ergibt sich: Während der Gerichtsredner um des, neu eintretendes Ereignis, das Situation schafft und dem Sprecher
jeden Preis 3iegen will, stellt Sokrates seine Ausführungen unter das Gelegenheit gibt, sich in der neuen Situation neu zu orientieren. Die
Gebot der Wahrheit. Sie bestimmt auch das Verhältnis zum Gegner. ,Apologiebist in ihrem Ablauf, obzwar Rede, nicht stationär wie die
Die Gegner haben versagt in dem entscheidenden Stadium der Wahr- Gerichtsrede, sondern dramatisch, ereignishaft.
Iieitssuche: von Sakrates in die Aporie geführt haben sie sich nicht, 1. Wie gezeigt wurde, vermeidet Sokrates in seiner Verteidigungs-
wie es recht gewesen wäre, der Erkenntnis und Uberwindung ihrer rede alles, was in unsachlicher, suggestiver Weise die richterliche Ur-
Unwissenheit zugewandt, sondern durch feindselige Maßnahmen teilsbildung beeinflussen könnte. Ein suggestiver Topos ist etwa der
gegen Sokrates ihre Aporie zu verdecken gesucht. Nicht in sittlicher Anspruch auf Dank oder die Drohung für den Fall ungünstigen Ur-
Verwerflichkeit besteht ihr Fehler, sondern in dem Irrtum, sie selbst teils. Da Sokrates jedoch aus sachlichen Gründen genötigt ist, diese
seien weise. Aus diesem Irrtum kommt ihre falsche Haltung in der Topoi zu verwenden, gebraucht er sie erst in einer Situation, die es ver-
Aporie, aus dieser wiederum ist ihre Verfehlung gegen die sittlichen bietet, sie als Werkzeuge der Agonistik aufzufassen und die den Hörer
Normen abzuleiten. Da sie Irrende sind, nicht Verworfene, geht So- nötigt, sie auf ihren sachlichen Gehalt hin zu betrachten.
krates nicht auf Diflamierung, sondern auf Belehrung aus: seine Geg- So erscheint der Anspruch auf Dank, der in der Gerichtsrede den
ner sollen ihren Irrtum revidieren und selbst zu Elenktikern werden, Richter zu einem günstigen Urteil bewegen solls4,in der ,Apologie6erst
also sich selbst und rindere auf den Weg zur Wahrheit bringen. zu einem Zeitpunkt, wo es im Sinn der Agonistik zu spät ist: nach der
Schuldigsprechung. Lediglich um einer richtigen Einschätzung seiner
Sache willen bringt Sokrates die Rede auf die geschuldete Dankbar-
3. D i e F u n k t i o n d e r Z e i t i n d e r A p o l o g i e keit; diese sachliche Wendung des Topos wird nur durch das Fort-
schreiten der Zeit, durch das Vorliegen einer veränderten Situation er-
Sofern eineIiede systematisch konzipiert ist, ist sie frei vom Moment möglicht.
der Zeit. Sohnld sie aber Rücksicht nimmt auf den Zuhörer, beginnt Ähnliches gilt für die Bedrohung der Richter. Sokrates kann zwar
die Zeit eine Rolle zu spielen. nicht umhin, in seiner Verteidigungsrede den Richtern die nachteiligen
Die Gerichfsrede ist ganz auf die Psyche des Hörers hin orientierts2.
SJ .
In oratione firmissimum quodque sit primum; dum illud tarnen.. teneatur, ut
6Z Vgl. Lys. 8 . 6 : ä G'lih~yg,m i v t a pEv OCX tlv E ~ O (xai
L ~ y&e &xoiiwv t ~ 6 6 p q v ) . ea, quae excellent, serventur etiam ad perorandum; si qua erunt mediocria -
.
Aesch. 2 , 4 f.: E@atqv 6' EpnuroC xai r4v a:.ciav ß a e E w ~tjveyxa, h ~ . x. a q y 6 e ~ r . -
nam vitiosis nusquam esse oportet locum in mediam turbam atque in gregem
Res enim hoc postu4at, ut eorem exspectationi, qui audiunt, quam celerrime coniciantur Cic. de or. I1 5 314.
occurratur; rui si initio satisfactum non sit, multo plus sit in reliqua Causa labo- a4 Vgl. And. 2,22. Lys. 3, 48; 16, 14; 18, 26f.; 19, 59; 20,30; 21, 11 22. Isocr. 18,67.
randum Cic. de or. I1 5 313. Dem. 36,57; 50,64.
42 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 3. Die Funktion der Zeit in der Apologie 43
Folgen seiner Verurteilung vor Augen zu stellen (31 a 5) ; er vermei- kennzeichnet, allein durch die Situation, in der er gebraucht wird, den
det aber jeden Anklang an die drohenden und fordernden Topoi der richtigen Akzent.
Gerichtsrede. Erst in der letzten Rede spricht er von der Strafe, die die
2. Ferner wird durch das Fortschreiten der Zeit spontanes Handeln
Richter für ihren ungerechten Spruch treffen müsse. Der Topos der
ermöglicht. In seiner zweiten Rede, der Antitimesis, legt Sokrates dar,
Rache des Schicksals an den ungerechten Kichtern, in der Gerichtsrede
die Athener müßten ihm für seinen Dienst an der Stadt dankbar sein,
zur Einschüchteruiig verwandt ", erhält hier (39 C 4 ff.) den Rang einer
und beantragt statt einer Strafe die höchste Ehrung. Anschließend er-
Prophezeiung, da er zu einem Zeitpunkt gebracht wird, wo schon alles
örtert er eine Reihe möglicher Strafen und lehnt sie, wie zu erwarten,
entschieden ist; die Richter, so heißt es, würden nach der Hinrichtung
ab. Da geschieht etwas Befremdliches: Sokrates beantragt nun doch
des Sokrates noch viel mehr durch Elenktiker belästigt werden als seit-
eine Strafe.
her, wo diese diirch Sokrates zurückgehalten wurden. - Ein Versuch
In seiner Verteidigungsrede hatte er gesagt, er verteidige sich 'nicht
der Einschüchterung ist auch der in der Gerichtsrede übliche Hinweis
in eigenem Interesse, sondern in dem der Athener, suche er doch zu
auf das ahsprecliende Urteil der Leute über ungerechte Richterg6.Auch
verhindern, dnß sie sich an ihm als einer Gottesgabe versündigten
Sokr:ilcs bcdicnl sidi dieses Topos, $xiocli ersl nach der Verurleiiuiig
(30 d 6 ) . lin Strafansatz trug er auf das an, was ihm von Rechts wegen
(38 C 1 ff.) ; an dieser Stelle kann er keine agonistische Funktion mehr
zustehen würde. E r weiß jedoch, daß er damit die Einsicht der Richter
haben und wirkt rein sachlich. - Schließlich ist die Gerichtsrede der
überfordert.
Auffassung, Richteramt, Rechtsprechung und ein Urteil im Sinn der
Würde er bei seinem Anspruch auf Dank bleiben, so müßte für die
eigenen Forderung sei eine unlösbare Einheit; sie droht dem Richter
Richter unabsehbarer Schaden entstehen. Da bewährt sich sein Wort,
f ü r den Fall ungünstigen Urteils mit dem Vorwurf, er sei kein Diener
des Rechts. Sokrates ist ähnlicher Auffassung, hält sie jedoch zurück, er verteidige sich nur im Interesse der Athener. E r kommt ihrer
weil er die Freiheit der richterlichen Meinungsbildung nicht beein- Schwäche so weit als irgend möglich entgegen und scheut auch nicht
trächtigen will. Einstweilen redet er die Richter nur mit den neulralen vor dem Schein eines Schuldbekenntnisses zurück8', nur um den Rich-
Worten 6v6ees 'A7hpaLo~an. Erst nachdem alles entschieden ist, ge- tern die Möglichkeit zu geben, ihn zu retten. Seine Handlung beglau-
braucht er die Anrede 6 v 6 p q 6mautais7, reserviert sie jedoch für die- bigt seine Aussage.
jenigen Richter, die für Freispruch gestimmt haben (& &v6g&cGmautai - Irn Anschluß an Sokrates' Strafansatz tritt wiederum ein spontanes
6 l ~ y(cp
ä ~ Glzucrtci~x a 1 . 6 ~6 ~ 6 6 5ä v xahoiqv 40 a 2) und spricht damit aus, Ereignis ein: Freunde und „Schüler" des Sokrates heißen ihn den
daß nur die Richter, die auf seiner Seite stehen, in Wahrheit Diener Strafansatz erhöhen; sie selbst wollen sich für die Summe verbürgen
des Rechts sind. Er gebraucht also einen Topos, der in der Gerichts- (38 b 6 ) . I n dieser Handlung bestätigt sichs8, was Sokrates in seiner
rede der Einschiichterung der Richter dient, dazu, seinerseits die Rich- Verteidigungsrede von seinen „Schülernu und deren Verwandten ge-
ter zu richten; dies ist nur auf Grund der durch den Fortschritt der Zeit sagt hat: daß sie dem angeblichen Jugendverderber keineswegs zür-
veränderten Situation möglich. - In diesen Zusammenhang gehört nen, sondern ihm beizustehen bereit sind (34 a 6). Auch hier ist die
Handlung eine Beglaubigung des Worts.
auch die Tatsache, daß Sokrates erst in seinem Schlußwort den Geg-
nern xaxia ~ i n dp o ~ B q g i avorwirft (39 b; s. p. 39). Hier bedeutet dieser 3. Drittens ist die Zeit das Medium, von dem umschlossen und affi-
Vorwurf lediglich eine sachliche Feststellung. Auch hat sich erst hier ziert der Gedanke sich verlieren, sich bewähren oder gar weiter-
das Angebahnte erfüllt; erst hier hat der Irrweg der Gegner sein Ziel entwickeln kann. - Sokrates hat in seiner Verteidigungsrede auf die
gefunden. So erhält der Topos, der die Schlechtigkeit des Gegners Mittel verzichtet, mit denen der Gerichtsredner zu wirken pflegt; er
hielt sie für unvereinbar mit der Norm. Damals bestand noch die ent-
Vgl. Ant. 2 a 9 ff.; 2 3 11; 2 y 10; 3 6 9; 4 a 3; 4 6 10. Lys. 6,13. Dem. 19, 220; fernte Möglichkeit eines Freispruchs; man konnte jedoch zweifeln, ob
57, 70; 59, 109.
Vgl. Lys. 6 , 5 18; 12, 35; 26,14; 27,2; 28,17. Isocr. 18,65. Dem. 19,133 229 343; Sokrates nicht im Falle des Mißerfolgs sein im Sinn der Gerichtsrede
20, 10 157; 23, 109; 24,210f.; 25, 6; 51,9; 58,55; 59,111. Lyc. 15. Din. 2, 19. Vgl.
auch Gorg. Pal. 35. ,,Um das Ärgernis dieser selbstbewußten Ginq-Forderung abzuschwächenu Erik
In der Gerichtsrede werden beide Wendungen, 3 äv6@ss'ABqvaior und 3 äv8ees Wolf, Griechisches Rechtsdenken 111 1, 51. Womit freilich ebensowenig das
Grxaorai, gebraucht, jedoch mit dem Unterschied, daß in Staatsprozessen, wo der Wesentliche getroffen ist wie mit den drei anderen Gründen, die nach Wolf
Richter als Staatsbürger angesprochen wird, 15 divSesq 'ABqvaio~bevorzugt wird, Sokrates' Strafantrag motivieren.
in Privatprozessen dagegen 3 äv8eeq G~xaorai. ß0 Richtig Erik Wolf 1.c.p. 52.
44 I . Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede
4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 45
falsches Vorgehen bedauern werde. Nachdem die Katastrophe erfolgt
ist, stellt e r fest: „Au& jetzt bereue ich es nicht, mich so verteidigt zu der Sprecher, der in der Gerichtsrede lediglich Referent einer vor-
haben" (38 e 3 ) . E r erklärt, es sei wichtiger, sich vor der Norm un- gefaßten Meinung ist, in der ,Apologie' als handelnder und denkender
sträflich zu bewahren, als seine physische Existenz zu retten. Dieser Mensch auftritt, jeden Augenblick bereit zur Aufnahme neuer, bes-
Gedanke. der von Anfang an seinem Verhalten zugrunde lag, ist nun serer Einsicht.
durch Ereignisse hindurchgegangen und hat sich in diesen bewährt. Auch Sokrates weiß, was er am Anfang, in der Mitte und am Schluß
Seine Wiederholung durch den zum Tode Verurteilten ist ein Zeichen seiner Rede oder vielmehr Reden bringen kann und muß. Aber seine
dafür, daß er diesem von letzter - wir würden sagen, existentieller - Gründe für diese Verteilung sind andere als die der Gerichtsrede. Sie
Bedeutung ist. - In seiner Verteidipngsrede und der Antitimesis be- liegen in der S a C h e s e 1b s t , genauer: in der Notwendigkeit, die
tont Sokrates, man könne vom Tode nichts wissen, weder ob er ein Sache in a n g e in e s s e n e r Weise in Worte zu fassen, handle es sich
Gut, noch 05 er ein Ubel sei (29 a 7 37 b G ) . Beide Möglichkeiten stehen nun um den wahren Sinn von Sokrates' Gedanken oder um die Wahr-
gleichwertig nebeneinander. In seiner letzten Rede kommt er noch heit selbst - und nicht in der P s y C h e d e r R i C h t e r. Sokrates' Vor-
einmal auf dieses Problem zu sprechen. Es sei ihm, so führt er aus, gehen ist nicht unpsychologisch, nur ist seine Behandlung der Psyche
während seines Sprechens etwas Merkwürdiges widerfahren: die ini der Hörer anders als die der Gerichtsrede. Durch Erweiterung der Aus-
nere Stimme, die sich ihm sonst so häufig bei Handlungen und Wor- sagemöglichkeiten, die bewerkstelligt ist durch das Medium der Zeit,
ten widersetzte, habe heute, am Tage, wo er sich um seinen Kopf ge- sucht er größtmögliche Klarheit über seine Sache zu vermitteln und
redet, geschwiegen; so beim Verlassen seines Hauses, beim Betreten dadurch den Hörer, g 1e i C h f a 11s im Medium der Zeit, auf eine neue
des Gerichtssaales und während des Sprechens selbst (40 b 2 ) . Und nun Stufe der Betrachtung emporzuheben (s. o. p. 36 f.). Seine Psychologie
die Deiitiing (40 b 7): „Was mir widerfuhr, ist allem Anschein nach hebt nicht ab auf Umstimmung der Richter, so wie sie sind, sondern
ein Gliick. und unmöglich können wir recht haben, wenn wir glauben, auf Heranbildung eines Richters, wie er sein sollte.
der Tod sei ein Unglück. Ich habe den schlagenden Beweis für diese
Behauptung: keinesfalls hätte es das gewohnte Zeichen unterlassen,
sich mir zu widersetzen, wenn ich mich nicht zu etwas Gutem auf- 4. D i e A n n ä h e r u n g d e r A p o l o g i e
gemacht hä-te." Dann führt Sokrates mit allgemeinen Gründen aus, a n das Gerichtsübliche
inwiefern viele Aussicht (nohhq Ehni; 40 C 4) bestehe, daß der Tod ein
Glück sei. Im Unterschied zu der in den ersten beiden Reden geäußer- U )Durch sprachliche Anklange an die Gerichtsrede
ten Ansicht schlieflt hier Sokrates die Möglichkeit, daß der Tod auch
ein IIbt.1 sein könnte, ixachdrücklich aus; die Waage neigt sich zu- In ihrem Aufbau setzt sich die Verteidigungsrede des Sokrates aus
gunsten der Ansicht, der Tod sei ein a y a % ~ .Die Zeit des Vortrags der formalen Bestandteilen der Gerichtsrede zusammen: Prooimion, Pro-
.Apologiet ist also zugleich Ereigniszeit - und dies schon vom ersten tlicsis, Widerlegung, Erzählung, E~Otqcrc~, Ihey& ZOG ßiow, oiltzos (- viel-
Wort an -, Ereigniszeit, während derer sich das Schweigen des Dai- mehr tritt an seine Stelle die Ablehnung eines solchen). Auch in den
monions manifestiee und der Sprecher in die Lage versetzt wird, einen sprachlichen Wendungen und im Gebrauch gewisser Topoi ist eine
einmal ai~spesprochenenGedanken revidieren und weiterführen zu Angleichung an die Gerichtsrede festzustellen; was damit beabsichtigt
können. ist, muß zunächst offenbleiben.
Wir fassen zusammen. Die Zeit hat in der ,Apologie' eine dreifache Das Wort 6 a v p ~ i t ~ bezeichnet
cv in der Gerichtsrede das unwillige Er-
Funktion. Erstens ermöglicht sie Veränderiing der Situation. Es macht stauntsein über ein Wort oder eine Handlung des Gegners: 6awpkGw
einen Unterschied, in welcher Lage ein Gedanke ausgesprochen wird; E ~ U Sz6 qvixa pkv . . . 6 ~ ~ 6~
F,& &vSees 6waazai, z r s ~ V U ~ ~ aGzoG, .
6 . .6 Dem.
1
mehrere Gedanken werden für Sokrates nur durch das Eintreten einer 24, 111) Ebenso gebraucht es Sokrates, um sein Befremden aus-
spezifischen Situation sagbar. Zweitens macht die Zeit spontane Hand- zudrücken: pkh~azct66 aGz6v Ev E8aVpaua ~ G nohhWv v &V Eqdcravto 17 a 4. -
lung möglich. Das Tx70rt kann so d x c h entsprechende Handlung be- Die Gerichtsrede läßt keine Gelegenheit, die gegnerische Unverschämt-
glaubigt werden. Drittens macht die Zeit eine Prüfung des Gedankens heit anzuprangern, ungenutzt; in ihrem Bemühen um kräftige Akzen-
möglidi. In1 Ablauf der Zeit kann 24n Gedanke sich bewähren, aber
auch Veränderungen erfahren. Das Moment der Zeit ermöglicht, daß so Vgl. Ant. 4 a 1 (Gegenüberstellung von 06 6aup&faw und ai?c6i;o~&yavaxtaiv);
4 y 1. Lys. 25, 1 . Dem. 51,2.
,-__-_- _3_

rin
46 I. Das V ~ ~ h ä l t nder
i s Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsiibliche 47
tuiening pflegt sie aus der Menge des Dreisten ein Allerunverschämte- 18, 17 ". - Die Gerichtsrede markiert die Ausschließlichkeit einer Be-
stes herauszuheben, z. B. Isae. 1,27: h toivvv roUrwv ~ h v r w vdvat8Ea-
Taros r o v h 6 ~ w vPorh, Örav rohy6ot htyetv 8 5 . . .". Entsprechend sagt So-
..
gründung durch die Formel 61' 02iOEv dAA' +) 616. , z. B. Lys. 24, l: Otd
y&e oUOEv 6hAo pot €JOXE~ na@aoxevhaat rbvOe y o ~zbv xivOvvov o 6 r o ~4 8th
krates 17 b l: T& y u j yq aioxuvf3ijva~ÖTL . . . , t o k 6 pot EOOEEV aUtWv &vatuxvv- (p66vovQ7.iihnlich die ,ApologieL:Eyo Y&@. . . 6 t YoU6Ev &Ah' 4j 6121 aocpiav ztv&
t6ratov hat. Ähnlichem Zweck dienen auch Wendungen wie nhvtwv zoijro rb Övoya Euxqxa. - Dem Gerichtsredner stehen eine Reihe formel-
O'hronhrar6v Eort (Der~i.18,5)@,6 66 nhvrwv O ~ ~ v b r a r o(Isocr. v 17, 14)93, hafter Wendungen zur Verfügung, die geeignet sind, das richterliche
rb Ob nhvtwv iinre(puiiirarov, Öri .. . (Lys. 27,12), denen in der ,ApologieL Denken in die gewünschten Bahnen zu lenken, so die Feststellung
S 86 nhvrwv dhoyhrorov, Ört . . . (18 C 8) entspricht. - Zur Einleitu~igder oder Aufforderung EG LOTE, Z. B. Dem. 50,66: EG 6' "lte ÖTL 06 XE& .tGv
Bitte, seine Kedeweise nicht übel aufzunehmen, gebraucht Sokrates EpWv i6iwv y6AAov t t y w ~ j a e o 6IloAvxhEa,
~ 4j oUx Unk@ByOv aUrWv8*. Sie findet
zwei Ausdrücke des Bittens: xai ykvrot xai nhvu, 136v6ees 'A6qvaiot, t o k o sich auch in der ,Apologie6in der Form EG ~ E v t o%TE, ~ näaav $viv T ~ V
6y6v 6Eopai xai napirpar 17 C 6. Er lehnt sich damit an die Gepflogenheit dhfi6Etav EQW 20 d 5, ferner 28 a 6, 31 d 6 und 33 b 7. Sehr beliebt ist in
der Gericlitsrede an, zur Verstärkung einer Ritte zwei oder drei Verben der Gerichtsrede die Wendung 'iva 6' EiOrjt~,821, durch die eingeleitet
des Bit tens zu verwendeii, z. 13. Dem. 58 3: 66oya~o6v bp6v &xhvrwv3 6vOges und vorweggenommen wird, was eigentlich der Hörer selbst aus einem
'Aftqvaio~ xai ixets6o: ILET' ~UvoiasdxoGoai pov oder Isae. 2, 2: 6Eoyal OYUy6v folgenden Bericht entnehmen sollte, z.B. Dem. 40,5: Iva 6' d x e t ß o ~
~ ~ V Txai
W &vt$ohG xci i n e t s h pet' efivoias &no6kx~u6atyov r o 6 ~h6yovqQ4. ~iGijte,8 5 06% Ey& roinov a"lzl65 ~ i p &hh> t 06~01,@, d l ~ x f i ~ . . Otqyfioopa~
Mit den N'orten ßo~Aoipqv6v wird in der Gerichtsrede der Wunsch nach T& n ~ a ~ 6 E v r aIn @der
~ . ,ApologieLwird sie 32 a 5 gebraucht: Otxo6oaze 6fi pol
Erfolg eingeleitet, z. B. Ant. 6, 14: PO-~hoipyv&V ~ O X E ~afit6q V TE ~Üoexos T& ovpßeßqx6ra, lvu ~ i G ÖTL ~ L z6 Gixa~ov.Sugge-
p o6S' üv Evi + ~ E L X & ~ O Lnae&
;hat xai iyiGg tirAq6T3 Arywv neiuak &no+lcpioaa6ai yov, oder Deni. 24, 11: stive Vorwegnahme wird auch durch Y V W U E U ~ E eingeleitet, z. B. Isae.
fJouAoipqv 8' iiv F$ TE r q ~ i v&V ~ o U L O Q ~ .L.. Ähi~lich Sokrates 19 a 2: 11, 7: 6% t o ~ ~ r wY&@ v Y V ~ U E U ~tfiv
E TE E P ~ V ~LYXLUZE~UV XUL ÖZL Z O ~ T O L SoGSEV

Sov>.oipp o b 6v t 3 Ü t 0 OUTWS y~vEo6ai.- Häufig findet sich in der Ge- ngocrfixat rij; x h q e o v o y i a ~ ' ~ Ähnlich
~. die ,Apologied 19 d 5: 6% t 0 6 z 0 ~
richtsrede die Versicherung, man werde EE &@X% alles berichten, z. B. yvhueoi?~Ört totaGz' Eori xai t&hha neei Eyoij & oi nohhoi hkyouubv. Zuweilen
.4nd. 1,8: x ~ 6 t i o t o vo h ~ O EL ~ V 8ox~B
~ L EE dexijs Upäs 6t8haxelv nhvta t& wird im Anschluß an die Wendung n ~ i e h o o ~EniGEiSat at das Thema oder
- ~ 6 p ~ v aSO @ will
~ . E U C ~Sokrates seinen ,,Fallu von den Anfängen a n Beweisziel der folgenden Ausführungen angekündigt: ÖpwS ~i.EvtotYE
aufrollen: &vahckßwp~*rG$VEli, & ~ x i j ziq q 4 ~ a t q y o e i aßoriv EE ijSL] Eyfi Gtaßohfi xai Ex rolizov nelehooyai Eyautdv &vairtov EniGeiEal Ant. 5, 19'", in der
,ApologieL20 d 2: x&y& bpiv nelghaoyai drxoOeiEat t i noz' Q U ~ VTO%OÖ &yoi
~Cyovev.h d o k i d e s 3äßi noch die negative Ergänzung folgen xai naea-
nenoiqxe r 6 aE Övopa xai t+v 6~aßohi)v.Öfters tritt dieser Satz auch in um-
1 . ~ h r i vp q 6 b (vgl. 1,~s.1, 5), eine Versicherung, die auch ohne Koppe-
lung niit der ersten erfolgen kann, z. B. Lys. 3 , 3 : o66iv d n o x e u l h ~ & v o s gekehrter Form auf: erst wird in einem Nebensatz, der mit der Kon-
Qnavta G~qyfiooya~ X& 4pä5 T& neneaypwa (vgl. Dem. 18,56). Ahnlich junktion 0s oder Ö n beginnt, das Beweisziel des folgenden angegeben,
dann mit n e t ~ h a o p aEntO~iEat
~ oder einer ähnlichen Wendung eine ent-
versichert Sokrates 24a 5 bpäs oFre y E ~ aoÜra ytx& ~ O X Q ~ ~ ~ ~Eyo E V O S
Z y w 066' i m o o ~ ~ i h h y ~ 1Sokrates'
'0~. Wort, er werde die Anklage in allen sprechende Darlegung angekündigt, z. B. Dem. 59,16: 3 5 6' Eati
NEalea xai n a ~ & rod5 v 6 p o y ovvotxei Zts(p&vc~>, roGro byiv ßouhoyat ~a(pWs
Eitizellieiten herücksi&tigeii (to6tou & roij Eyxhfiparo5 Ev Exao~ovEEE-
E n t 8 ~ i E a t ' ~Ähnlich
~. heißt es in der ,Apologiec: <5$ 6E ro6m o Ü t o ~EXEL,
dowpav 24 C 21, ist gleichfalls im Sprachgebrauch der Gerichtsrede be-
xetehooya~xai byiv Enl6~i&t. Der Ankündigung des Themas dient auch
gründet: neei fik r 6 v xa-cyyoeqpEvwv dnoi.o~fiuo~at xa6' Exaozov Ant. 5, 7;
ßoVhopal 6E xai (SC. T& xn~tlyoeqpEva)xa8'Ev Exaurov aUrWv E c ~ t h o a iDem. g"gl. Dem. 18,56; 37,21. Vgl. auch Lys. 14,3. Dem. 21, 12; 41, 11; 47,19. Hyp.
3, 14.
Vgl. Deni. 35, 28; 54,3%. Hyp. 3,32. O7 Vgi. Dem. 24,81 195.

Be Vgl. Aesch. 3,232. Lyc. 56. Vgl. Ant. 5,93. Isae. 4, 121. Aesch. 3,246. Lyc. 10 15 146.
Vgl. Isocr. 18, 18. Isae. 5, 11; G, 35. Dem. 55, 20; 57,59. Aesch. 1, 104; 3, 161; Vgl. And. 1, 106. Lys.13.4. Isae. 3,15; 11,38. Dem. 18,118 153 156 218 305; 38,17;
46,9; 4 7 , 3 11 18; 50,3 21 45; 55, 8 34; 59, 44 74. Aesch. 1, 11 37. Din. 1, 82.
IIyp. 3, 32.
loOVgl. Lys. 1,39; 17,9; 19,19; 25,7. Dem. 20,88; 22.44 63; 23,159; 29,29 50; 43,
Vgl. Dem. 18, 6; 23, 14; 45, 1; 54, 2; 56, 4; 57, 1. Hyp. 2, 19.
62; 45,2; 53,21; 58, 10 36. Aesch. 3, 195.
Vgl. And. 1, 10 31. Lys. 7. 3: 13,4; 17, 1; 32.3. isae. 2 , 2 ; 5, 2; 7,4; 11, 7. Dem. 18, lo1 Vgl. Lys. 23, 1; 24, 1. Dem. 20, 11.
256; 21,12 77; 24,lO; 34,5; 36,3; 37,3; 40,5; 42,4; 4 3 , l ; 45,2; 49,4; 50,2; 52.2; 'Oe Vgl. Isae. 8, 30. Dem. 22, 12; 33,4; 46,9 12; 53, 19. Vgl. auch Isae. 2,13 19; 9,27;
51, 2. Dem. 18,229; 23, 138; 24,32 91 204; 30,19; 37,39; 55,23. Aesch. 3,32 181.
48 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 49
die Wendung 6 r i ye W i r l E a ~ ,z. B. Lgs. 1,4: fiyoiiyal 6.4, JI äv6pe~,zoUtO diese mit einer andern, irgendwie anzuerkennenden kontrastierend in
pe O E ~ V~ A L I S F I ~ W
~,; L , und ähnliche Wendungen mit 6ei103. Dem entspricht inneren Zusamnienhang zu bringen, um an dem inneren Widerspruch
in der ,Apologiec22 a 6: 6Ei 6fi Uyiv afiv EpGv nhcivqv Eni8ei$ub. Mit dem - der beiden die Verwerflichkeit jener darzutun. Er stellt beide mit pEv -
Imperativ mEqaa6o will der Gerichtsredner die kritische Aufmerksam-
keit der Richter auf einen besonderen Punkt seiner Ausführungen len-
66 einander gegenüber und bezeichnet das - eventuelle oder reale -
Nebeneinander beider als BELYOV,Z. B. Dem. 56,44: x a i y&e äv ~ E L V O V eiq,
ken, z. B. Lys. 1,39: d q a u @ e 6E ö n x a i zaiiza ~e66ovzac. & ~ 8 i o 56E Ex a 6 t o G ~pkv z06zov5 Gcnhaoiav na6' a3zWv 'tfiv t q p i a v ygci$au6a~, Eolv TL naea-
ZGVBE y n j o a u @ ~oder , Den:. 23, 152: uxEqau6e 6E OS G l x a i q Exauza E@- ß a i v o a i zWv EV t i uuyy~acpij,Byäq 6' +nlozEewc EXEW x ~ a bbz o~6 ~ " ~ So
. stellt
t & b l " . Entsprechend sagt Sokrates 21 b 1: u x k $ a u 6 ~64 &V Evwa zaiiza Sokrates seinem richtigen Verhalten unter den athenischen Feldherrn
hkyo. pEhhw y&@bpäg 816&e,v, Ö ~ E VPOL j] 6~aßoAt~EYOVEV. - Zuweilen sieht das von ihm bekämpfte, aber von den Klägern und vielleicht auch den
sich der Gerichtsredner veranfaßt, den Namen einer Persönlichkeit, Richtern gewünschte Verhalten unter dem göttlichen Feldherrn gegen-
auf die er hinweisen will, zu verschweigen; er bedient sich dann etwa über, um an dem inneren Widerspruch der beiden Verhaltensweisen
der Wendung r b Ovopa oiEEv GEopal AEyriv, z. B. Lys. 12,42: Eqsuyev ~ E T & die Verwerflichkeit der letzteren darzutun, 28 d 10: Eyh o3v OELV&äv
Eriewv, &I' d 6v6pata oUSEv 6Eopa~hEyew'OJ. Ähnlich Sokra-
" I a t ~ o x l k xo a~i ~ eiqv eieyaupEvo~,(;> UvSerq 'A6qvaio1, EI ÖZE pEv PE o i 8exovzeg Ezattov . ..
zote
tes 21 C 3: G~auxonWvoitv toCzov - Ovbyaz~y&e oUSEv GEoya~hEyeiv, $V 6.4 t l s .. .
pEv 03 EXE~VOLEzattov Epevov . , ZOG6E @EOUt&zzovzo~.. cpoßq6ei~Ti 66vatov
tWv noh~t~xWv. - Zum Abschluß eines Teils seiner Ausführungen pflegt . ..
ähh' 6z~oUvneäypa h i n o l y ~zfiv t h E ~ v .O E L V ~ Vzäv eiq, Dieselbe Funktion
der Gerichtsredner einen formelhaft gebauten Satz zu gebrauchen, in . -
hat auch die Formel äzonov äv e'iq ei.. yEv 66, z. B. Isae. 6,2: Cizonov
dem kurz das Thema oder Beweisziel des betreffenden Abschnitts zu- .
64 ei dxoiva @V.. bnEp~vov,VUV 8E 04 n e t ~ & q v U U V E L ~ E ~ V ' In ~ ~ . der ,Apo-
sanimeiiqef:~ßt,das Gesag:e als ixavbv bezeichnet tmd ein rieues Thema logie' wird 27 d 8 die Unmöglichkeit dargetan, an Kinder von Göttern
angekiindigt wird. Die dem Satz zugrundeliegende Formel kann neei zu glauben, nicht aber an Götter selbst, und hinzugefügt: 6poiw5
p f v - 66 l:iuten, oder audz 6 s j d v - bFt. Ersteres ist der Fall etwa Lys. äv &onov e'iq tjonee Bv EX Z L l~n n o v pEv nai6ac 4yoizo x a i Ovwv, zoU5 j]ptOvou~,
21, 1: xeei yEv t 6 v xazqyo~qyEvov, &I &v6ge5 G~xaatai, ixavW5 i y i v &no6E- 'innou5 6E x a i O V O U ~y 4 fiyoizo d v a ~ Dieselbe
. Funktion hat schließlich auch
Ge~xtal.&xoUoal 6& x a i n e ~ zi 6 v G h h w imä; &&h'06. So schließt Sokrates die Formel aiuxebv äv eiq, oi . . . v i v - OE 'I0. Sie tritt zuweilen jedoch auch
seine Verteidigung gegen die erste Anklage mit den Worten ab: neei in vereinfachter Form auf, ohne jene Gegenüberstellung: e t t a ~ 0 4 56 ~ '
pEv O ~ &VV o i n e 6 r o i you x a z ~ y o e oxt a t q y b ~ o u va i h q ~ o z o
ixavt hohoyia q b ~ Gpä5 qe6yovsa~x a i G~xaiwgTL nae' bpGv ~ ~ Q o y E v o wEhuoyev ~ dqa~edi?pa~
. .
6 ~ i . ä ~ngo; ISE hlihqzov . . pot& taUzu neu&opa~ &nohoyfiuau8a~24 b 3. Die taiiza yq6Ev Exovzeq EyxahEua~;&Al' a i u ~ e b vi l v e'iq Dem. 20,60 "'. Ähnlich
Wendung mit 615 beschliedt in der ,Apologiec die Verteidigung gegen die ,Apologieg35 a 1: EI ..
o8v bpGv o i GoxoUvza~G ~ a q k e e ~ v . z o ~ o i i z oh~o v z a ~ ,
.
die aktuelle Anklage: 6 5 pEv Eyrj 06% & 6 ~ x G .. , 06 nohhiic; POL 6oxei e i v a ~ -
a i u ~ e b v2 v eiq. Befürchtet der Gerichtsredner, durch eine Äußerung
hohoyia;. &hh& ixavci x a i m i h a Ö 6 ; .. .. Eheyov, ÖTL nohhfi POL b n . 4 ~ 6 ~ ~ ~ den Unwillen der Richter zu erregen, so mahnt er vorbeugend: x a i ~ f i
ykyovev.. ., EU i u t e Özl Uhq6Eq EUTEV 28 a 2. In der Gerichtsrede findet sie POL ä~6~(76&, Z. B. Ant. 5,46: x a i pfi y o ~
& X ~ E Uäv~ E6yCg nohhhxy z a b t d
sicli etwa Isocr. 18, 19: &; pEv o4v 06%aincis e i y ~K a h h i y h x ~ ~ G xeqph- v 6~6&Eo''~.So mahnt auch Sokrates seine Richter: x a i p o l pfi ä ~ 6 ~ ~ 6 e
z o v Gqpo6oeo5, ~ x a v o &xo6~6&ix@ai
j~ p o l v o y i t w 6 5 6' 04% E E ~ vat,tij 6 ~ x h - h.4yovt~zahqbij 31 e 1. - y&ezueas xaeEx~u6alist der terminus technicus
.
t,eoBal. . , Ex t 6 v u v v V ~ x G vyvhueo6~:". - Der Gerichtsredner pflegt zur f ü r „Zeugen stellen". Er wird häufig in formelhafter Weise mit der
Perhorreszierung einer von ihm bekämpften Handlungsweise, mag sie Wendung dhq6ij hbyo verbunden, z. B. Dem. 40,7: W5 6' &hq6ij hkyo,
nun in der Vergnrigenlieit liegen oder noch der Ziikunft angehören, neei to6twv 6piv neGtov zoUs y&ezueas xaeEEoya~"'. Entsprechend heißt es
in der ,Apologie131 C 2: bavbv y & ~ olpac,
, Eyh naekxopa~zbv p&ezvea W5
'0% Vgl. Ant. 5, GO 74; 6,34. L y . 1,9; ; 3 , 3 4S 83; 21,18. Dem. 18,126; 24,210; 27,7;
35,2 8; 44,5; 59,14. '08 Vgl. And. 4,38. Isocr. 18,18 24 68. Isae. 1,28 38 51; 5,34; 6 6 8 ; 10,23. Dem. 20,
'04 Vgl. Lys. 1,37 39 43; 6,21: 'i,34; 1 0 , l l ; 12,92; 14,6. Isocr. 19,50. Dem. 19,247; 12; 23, 143; 24,31 f.; 26,7 15; 27,64; 32,23; 34,43; 38,18; 39,21 31 33; 40,46;
22, 72; 81,5; 49,37. Aesch. 2,7. Hyp. 3,14. Lyc. 98. 41,9; 44,51; 55,22; 57,47; 5 6 4 6 107.
Vgl. auch Aesch. 1, 165; 3, 112. 'Oe Vgl. Dem. 20, 147; 26,s; 40,31; 43,56. Aesch. 1,85. Ar. rh. 1376 b 17.

'W Vgl. Ami. 1, 70. Isocr. 19, 16. Isae. 10, 15. Dem. 27,40. Aesch. 1, 116. Lyc. 36. VgI. 'I0 Vgl. Dem. 18,160; 19,132; 20,9 62 71; 23,140.
auch And. 1, 29. Lys. 16,9. "1 Vgl. Lys. 21,25. Dem. 35,47.
107 Vgl. Isocr. 17, 33. Isae. 12, 12. Dem. 32, 24; 40,24. Vgl. auch Ant. 4 ß 7; 4 6 9; Vgl. Lys. 21, 16. Dem. 23, 144; 57, 50. Lyc. I 1ß 128.
5,64. Isae. 6, 10; 11, 15. Dem. 24, 66: 33,35; 44, 60. Aesch. 3,24. Vgl. Lys. 3,20; 13,42 68 81; 17,s; 19,24; 2 3 , s 14. Dem. 39,24; 49,18.
50 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 51
&h@i ~CYW, tfiv n a i a v . Genie betont der Gerichtsredner auch, daß er ein ,,glaubwürdiger" Zeugeleo,Bn' aUtocpGetz, xatahapßbvetv (22 b 1) für
viele Zeugen für sich habe, z. B. Dem. 29, 16: zo6twv toiwv eioi yEv nohhoi „auf frischer Tat ertappenL',pEya texyfieiov (32 a 4) für „ein schlagen-
puetvee~"*. So auch Sokrates: xai to6twv 6piv Boovtat nohhoi yhetuees der Beweis" ''.
32 e 1. - 35 c 4 hält Sokrates den Richtern ihre Pflichten vor; er sagt
vom Richter: Qpti~mxev06 x a e i e i ~ 6 a l015 Üv 60x8 a h @ , Mh& Gtxotaetv x a t &
b ) Durch den Gebrauch von Topoi der Gerichtsrede
roUq vOpovq. Die dnriii steckende I'orniel findet sich verschiedentlich in
der Gerichtsrede, 7;. B. Dem. 20, 118: 8popoxOteq x a t & t 0 6 vOpouq
~ S~xotu~tv Ohne sie in nennenswerter Weise zu verändern übernimmt S0kl-a-
fixete oder Ant. 5,S.S: xat& Y&@ t04g. voyovc; hp6oate ~ ~ x & a ~ i Wie
v " ~ .in der tes folgende Topoi der Gerichtsrede:
,Apologiecist diese Formel mit einem kontrastierenden Negativiim ver- Der Gerichtsredner wünscht, die Hörer möchten seinen Worten nicht
bunden (06%.. . &k&:a) Dein. 45,50: ~ L X ~ U E Ly&e V 6pwpOxaiY 6pei5 021 neei etwa durch Proteste und Lärmszenen Abbruch tun, sondern aufmerk-
&oi, &Ai.' 6 s E ~a21tGv & V Civ 4 Oi&S fi. - Häufig erscheint
(3v Üv d c~~6ycuv sam und schweigend zuhören, z. B. Lys. fr. 270: neocripe~8) 6piv naei
in der Gerichtsredr auch die Formel ei pkv yde S v . . . .vVv SE.. . Im ersten Vwxij~~ L X & ~ O p4
V ~ naeavoyeiv
L &hh' E ~ U E ~pq6E
E ~ ViEo~Gßtz,
, T& ne&yyata xeivetv
Satz wird eiiie Bedingung genannt, aus der etwas Bestimmtes folgen &hh&otonn T& Oixam y~yvhoxeiv,Dem. 57,50: xai pot ngbq Aids xai 6eOv
müßte; in1 zweiten wird dargetan, daß diese Bedingung nicht erfüllt pqS& 60evß.Clon'". So bittet Sokrates zu Beginn seiner Rede die Richter,
und die Folgerung deswegen abzulehnen ist; im Ausschluß jener Fol- von Protestkundgebungen abzusehen (pqte 6 a u p h \ ~ i v pipe @opußeiv
gerung liegt der ngoriistische Sinn des Satzes, z. B. Dem. 43,71: E; pEv 17 d I ) , wiederholt diese Bitte 20 e 4 (pfi ' I f o e v ß ~ a q r ~ferner
), 27 a 9 und
toivw, W UvOp~qS ~ x a m a itOv
, t e t ~ h ~ u t q x 6pt ha o v Z ß ~ t t o vtaUta S~meaE&pevo~, 30 C 2, an den beiden letzteren Stellen mit Beziehung auf seine Bitte
.
6eiv& pEv (Sv) knoiauv, f i ~ t o vSk v6v SE xa1 eiq Ohqv T ~ JIOALV Y ravti 6ßeixaa~ zu Beginn der Rede. - Sucht der Sprecher den Richtern einen in sei-
xai na~avevopfixantt"'. Diese Forniel wird in der ,Apologiecdreimal ge- nem Fall anzuwendenden Rechtsgrundsatz nahezubringen, so pfiegt
braiicht: ei 1tLv Y&? qv POL xeqpata, Et~pqoi5pqvCiv xeqphtov Öoa Epehhov er diese Auffassung durch Hinweis auf die notorische Einstellung des
.
Ext~iaetv. :vÜv SE W? Y&@ E a t ~ v .. . 35 b 1. ei 4v 6piv vbp05.. ., n ~ e 6avhtow i Gerichts vergleichbaren Rechtsfällen gegenüber zu stützen, z. B. Isocr.
pfi piav fipkerv pOwv xpiv~tvBhhd xohh&q, Eneio6qze Gv. v5v 8) 021 @$LOV 20,6: deG G' .irpä~,Özav zou xatayv66' ieeoouhiav 4 xhonfiv, 06 R ~ O St d pEys-Boc
hv ~qitvcp6A.i.q psy&huq 8iaßoMq &nohfi~uiEat37 a 7. ei pkv TL &so zo6zwv &V GY h&ßwol r4v tipqow no~ovpkvovq bhh' dpoiwq 6n&vtov @&vazovxaza-

&cvrEAauov xai p~u66v hapß&vov raüra naeexehsvOpqv, &ov GY ttva AOyov. ytyvhaxovtaq, xai vopitovtaq Sixa~ovd v a t t o 6 ~zoiq a6toiq Eeyots Ent~~t@o.iivzaq
vGv 6L d ~ ä OI) e autoi O t i . . . 31 b 5. - Rücksicht auf @ouh6p~voi
~ xai ßhaorpq- miq actaiq tqpiatq xoh&t&o6a1.xer) ~ o t v v vxai negi t h v iIßQtt$vzov (und sein
yeiv ist fiir Richter wie Sprecher geboten; Demosthenes gibt 20,37 für Gegner ist ein solcher) tfiv a6zfiv yvhpqv Exetv.. .'". SO weist Sokrates
den I'all, &iL1die 12icliter nicht in seinem Sinn entsclieidrri, zu bedeii- 17 d 4 auf die Duldsamkeil der allienischen Richier auswärtigen Pro-
ken: a h t i (sc. a i o:ijha~, Ehrensätilen) o6tooi toi5 ßouhopkvoi~x a t & tri? zessierenden gegenüber hin, die fremde Dialekte sprechen, um seiner
n6heoj ßhanqrlpeiv t c x p ~ ~ t o615v &h.i@ij hkyovoiv buz.JlEovotv"'. An solche eigenen, dem Gericht ungewohnten Sprechweise - gewissermaßen
Lästerzungen denkt auch Sokrates 38 c 1: 6voyu E ~ E T Exai aitiav 6nO t h v gleichfalls ein fremder Dialekt - eine entsprechende Aufnahme zu
ßoirhoykvwv t t v nOj,Lv hotSoeeiv W; Z o x e 6 t q BnextOvate, GvSea aocp6v. - sichern. - toiho 6p6v Skopa~Sixa~ovsagt Sokrates an der eben angeführ-
Scliliel3licli s-iid nocli iii der ,Apologie' vorkoiiiinende termirii teclinici ten Stelle, der Gepflogenheit der Gerichtsrede folgend, die Meinung
der Gerichtssyrncl~ezu erwähnen wie B e q ~ ~ qxatryoeeiv v (18 c 7) 'I8 f ü r über den rechtlichen Charakter einer Bitte schon vorwegzunehmen;
etwa And. 1, 1: ~ ~ + J o y a6phv
t Sixaca oder Dem. 43, 16: GEopat 6' 4 p O ~
„einen in «lmntici ariklagen", bvaßiß&oau6a~(15d 5 34 c 4) für „vor-
Stxaiav Okqutv, d ilvOeeq S t x a a ~ a i ' ~Da
~ . diese Vorwegnahme jedoch als
"@

laden, ~ c Gericht
r auftreten lassen", &SL6xeeos (SC. p&etvs 20 eG) für
Vgl. Dem. 40,Gl: pdretuea~&&~X@EWS xae&ao.Bar, ferner 8,49; 10.24.
I'* V@. Lys. 7, 35; 10, 1; 11,l. Dem. 27, 14: 43,39; 50,29.
12' Vgl. Ant. 5, 61 63; 6,43; Lys. 7,33; 13,73; 1 6 , l l ; 19,24; 2 2 , l l ; 25,5. Dem. 27,
Vgl. Lys. 22, 7. Dem 19, l i 9 : 21,42; 23. 101; 24, 188; 31,45; 36,26; 46,27; 58,25. 27; 49,45 48.
Vgl. Lys. 12,39. Isocr. 18,21; 20,5. Isae. 4,30; 11,5. Dem. 18,14 153 206; 29,58; iez Vgl. Isocr. 15,20 272. Dem. 5 , 3 15; 13,4 14; 19,113 122; 50,3; 5 7 , l ; prooem. 4;
34, 36; 41, 1: 15, 12; 51, 1; 53,3; 56,47; 57, 6. Ilyp. 1 fr. 5; 3,39. 21,4; 2 6 , l . Vgl. auch Anax. C. 18.
Vgl. auch Isae. 2, 43. Dem. 58,58. le3 Vgl. Dem. 27, 65; 37,58 f.. Aesch. 1, 77 ff.; 3, 17 ff.. Vgl. auch Ant. 5,67-70.
ns Vgl. Deni. 21,81; 33,20 33: 39,18 37; 40, 17; 55, 6 31. Vgl. Ant. 5, 7. Isae. 9,34. Dem. 18,9; 29,4; 34, 1; 37,3; 38,2; 47,46; 50, 2. Aesch.
'I9 V@. Lys. 12, 21; 18,54; 20,34. Isae. 11.4. Dem. 19,310. 3,61. Din. 3.21.
52 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 53

Ausdruck der Anmaßung aufgefaßt werden kr>nnte, fügt er, wie es die Gegner gebrauche nur Vorwände, der wahre Sachverhalt sei ganz
Gerichtsrede zuweilen tut, eine Floskel der Bescheidenheit hinzu: 6 5 anders, z. B. Dem. 31, 13: t4v Y&@ &hTj6~tavoxendov, 0 6 ä~ TLS Eauzia>aap-
yE pol Gon61 (ähnlich 36 a 7: 6)s Eyoi 80x6). Dazu sind in der Gerichtsrede eox&6aoeviEenitq8~5~ i tg6 hEyeiv TL ~ O X E W &an&@
, 6y~ig'". SOstellt Sokrates
Fornieln wie 6)s Eycb voyito (And. 1,56;, EI t t x&yh ruyx&vo ytyvhuxov den Vorwänden der Gegner ihr eigentliches Motiv gegenüber (23 d 4) :
(Aesch. 3,5), 6)s Eyh o!oyat (Dem. 52,23) zu verglei~heri'~~; der Topos b a 6E pfi OoxOotv Bnoe~iv,T& xatot n&vtov aOv cp~houocpoi~vtov ne6xetea z a ü t a
der gerechten Bitte wird mit einer solchen Formel verbunden Dem. hEyouutv .. . tot yote Bhq6ij o'ioyat 06%&J ii3Ehot~vAEy~tv,Ött xat&8$0i y i y v o v ~ a ~
23, 19: ä 6fi GEopai TE xai 6EtW naeot ncivtov tpOv ZUXE~V, 6 i x a ~ a 6s
, Y' Eyautbv ~ Q O U ~ O ~ O ~yEv ~ O L E ~ ~ ~ ZOEE oS W v . - Zuweilen beruft sich der
~ EEi6hvat,
n e i h - Will der Verteidiger darauf hinweisen, daß es in der Klage Gerichtsredner auf die communis opinio, die sich in allgemein an-
nicht etwa Punkte gebe, deren Behandlung er scheuen müßte, so kün- erkannten Grundsät~en'~", Dichterzitaten'", Äußerungen von Autori-
digt er an, er werde im Aufbau seiner Rede der des Gegners folgen'26. tätenL3'manifestiert. So hat es nichts Außergewöhnliches, wenn So-
Daran klingen die Worte des Sokrates an, er müsse sich, da zwei An- krates sich 28 c d ff. auf ein Paradeigma aus der Ilias, die Haltung des
klagen gegen ihn vorliigen, auch gegen zwei verteidigen, und er wolle Achilles den1 Tod gegenüber (18,95 ff.)'33,beruft. Der Gerichtsredner
mit der früheren beginnen, um ihrer zeitlichen Priorität und ihrer weist darauf hin, daß der Gegner sich bloßstelle, wenn er den Sprecher
gröBereri V'irkiirig auf die Richter willen (18 d 7 ff.). - Nach den Er- und mit ihm jene Gemeinauffassung angreife. Demosthenes führt
eignissen des Jahres 40413 wird die Beteiligung an der Flucht der 18,206 aus, der Grundsatz seiner von Aischines befehdeten Politik sei
Volkspartei aus Athen zum empfehlenden Topos in der Gerichtsrede, schon immer der Grundsatz Athens gewesen; indem Aischines diesen
z. B. Lys. 2 4 , 2 5 : PET& toü Upetkgou nATji30ug Prpuyov eig XahxiSa, xai EEOv yot angreife, wende er sich gegen die Allgemeinheit: tri? yEv E ~ Gt b naeOv
PET' EXE~VWV & ~ E W Snohlt~i!~ut?at,pew Gy& ~ikbpqv~ ~ V ~ U V E ~&E ~L & Y v t o v ' SO
~~. , 6' E ~ Sä n a v t a tOv hotnOv xe6vov EyxWyt' UyOv
ztpijs &P' &nouteqijoat y h i x ~ t a lT&
empfiehlt Sokrates seinen Freund Chairephon mit den Worten: o h s 8 c p a t ~ ~ i t a(vgl.
t Dem. 26,4). Sokrates identifiziert seine Haltung dem
E y k TE E t a i ~ o s6v Ex viou xai UpWv T@ nhfiitet Etaie6s TE xai uuvkcpuye tfiv Tod gegenüber mit der des Achill und stellt den fiktiven Gegner bloI3:
cpuyfiv t a h q v xai ps6' UyWv xatijh@e 20 e 8 iT,- Sieht sich der Gerichts- cpaVhot y&e ?hT@ ye CI@h6yq E ~ E Vt6Iv ijyt@Eov Öuot Ev Teoiq ~ E Z E ~ E V Z ~ X ~ U L ~
redner genötigt, auf einen für die Hörer, den Gegner oder ihn selbst o'i TE 6 h h o ~xai B tijs OEttGos ui6s. - Wenn Sokrates 28 d 10 ff. vom mensch-
peinlichen Sachverhalt einzugehen, so pflegt er darauf hinzuweisen, lichen und göttlichen Feldherrn spricht und sich gegen eine Fahnen-
daB es nun einmal seine Pflicht sei, die volle Wahrheit zu sagen, um flucht aus dem göttlichen Aufgebot (toü 66 6 ~ o üz h t z o v t o ~Xmo~yitfiv z h b v
damit einer Verstimmung der Richter vorzubeugen, z. B. Lys. 3,lO: 28 C 4) wendet, so gebraucht er einen Topos, der sich auch in der Ge-
haßhv 6fi t 6 y ~ ~ ~ & x(änavta
tov y&g 6Ei t&hq6ij ~ E ~ E L
&&qv
Y) Ex tijs n6hews lY8. richtsrede findet: den Topos vom Aufgebot der Gerechtigkeit; Dem.
Entsprechend sagt Sokrates, aIs er auf das Versagen der athenischen 21, 210: x23v yEv 6@ zoütov, . . . o66Ev, dq Eotx', B8txW. &J 8' En~Eiw,AEhowla
Politiker zii sprechen konimt: xai vfi tbv :iiwa, 6vGeeq 'A6qvaiot - 6Ei tfiv t&Eiv, ( P ~ Y O U XOLYWVO, 8ei y' &vqenhui3at. Eyo 6' a6t6 zoiwavziov otpai, ei
y&g neos r&l.qOij hEy~tv- 6 yfiv Eyh Exa66v TL to~oütov22 a 1. Auch toVtov &cpijxa, hehotnEvat yEv, (5 &v81)~g 'A@qvaiot, tfiv toü Gtxaiou t&Etv, ( P ~ Y O U
noch vom Versagen der Dichter sprechen zu niüssen ist ihm peinlich: 6' äv E ~ X ~ T W6pautY)
S hax~iv,Aesch. 3,7 : MI' &unee äv UyOv Exautog aioxuv6eiq
aiax6vopat o6v iipiv ein~iv,W tivSees, zbhqitii. &pws bE Gqtkov 22 b 5. Dem ent- tfiv t&Ew h~neiv,qv av ~ ~ x z fEivj T+ nohEpq, o ü t o xai vüv aiux6v.Bq~eExh~ne'iv
spricht in der Gerichtsrede Isae. 5, 13: ne:-?et MevEtevov T ~ V4nke 4yov t e t?v t & t i v qv T . ~ ~ x @6x6
E t o v v6pov cp6haxes tqg 6qyoxgatiag zTjv6~~ f i W
v eav.
xai UnEp a i ~ t o ünehtrovta, ä l y h aia~uv6yewi; &vayx&toyat 61d t$v i x ~ i v o u - Der Gerichtsredner spricht seine Zuhörerschaft nicht immer als das
novqeiav hiye~v.- Der Gerichtsredner müchte glaubhaft machen, sein an, was sie ist: eine Versammlung der Richter, sondern zuweilen auch
als Gesamtbürgerschaft. So sagt Lysias 12,69: Uy~ig66 En~zekqazea6z3
IC" Vgl. ~ i i r l iIkm. 58, 7. Aesrh. 3,5.
ei yiv o h neei &V Ebiwxs povov xatqy6eqarr A i ~ i v v s ,x&yh negi a h o ü teil
(SC. dem 'Theramenes) n a q i 6 a xai nai8ag xai yuvaixag xai 6 ~ aGt06g
6 ~ -
wobei er unter 6yEi5 die Gesamtbürgerschaft versteht, während er an
neoßovleiryaro; eUB+s 6v &r~~hoyoiJpqv ErcetGfi 6' 06%Ehcitrw hoyov ztihha 6ieEiWv
hvfihwxe xai T& d ~ i o t xa~etpeiraatb
a you, &va-paiov eivai vopitw xai 6ixa~ovtipa
Vgl. Ant. 2 6 2; 6, 7. Lys. 12,6; 13, 12. Dem. 18, 156; 46,9.
ß g a ~ E '.. . neei .coGrwv ~btaivneotov, h a pT$~i; 6yGv tois E&~6evh 6 y o ~fiypkvos
~
2. B. Dem. 18,99 113; 34,50 f.
c i h h o ~ ~ ~ ~TWV t a ~VnBe
o v tijq yearpflg Gixaiwv rlxoiJn pov Dem. 18, 9. VgI. Isae.
8,G. Isocr. 15,43; 16,3. Z. B. Aesch. 1,141 ff.: 6ewefiaate dnoßl&avta~, & biv6ess 'Aeqvaio~,EEC TOUS
Vgl. Lys. 28, 12; 30, 15; 31,s. Dem. 19,277. 6pohoyoupEv~~ Bya6oh~xai ~eqarodqnoiqtci~.
Vgl. Lys. 6, 42; fr. 232, 1. Isocr. 18, 10. Isae. 6.17. Dem. 23, 187; 25, 13; 32,26; lS2Z. B. Solon: Dem. 24,212 f..
37,55; 39, 3; 40, 10; 45, 4; 58,4 ff.. Aesch. 2, 70. Hyp. 5,2. lS3 Aischines beruft sich 1, 150 auf dieselbe Stelle, freilich mit anderem Beweisziel.
54 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 55
anderen Stellen (z. B. 12, 100) mit derselben Anrede nur die Richter wendig hätte gekoppelt sein müssen, sei nicht eingetreten, womit denn
meint I"". Entsprechend behandelt auch Sokrates seine Hörer zuweilen die Behauptung widerlegt ist. Isae 3,80 stellt der Sprecher fesE Hätte
als Gesamtbürgerschaft, z. B. 28 e 1: &E yEv PE oi 6gxovteg Etattov, oüg der Gegner die fragliche Person wirklich geheiratet, so hätte er an den
Uyfis E ~ L F ~ OGer;~lov
E yov, oder 32 b 7 : xcti ilw6v xeheu6vtov xai ßo6vtwv. wnh- Thesmophorien die Frauen bewirten müssen. Da jedoch letzteres nach-
, .. -*.
rend an anderen Stellen mit 6 p i s nur die Richter angesprochen sind weislich nicht eintrat, kann auch ersteres nicht stattgehabt haben1''.
(z. B. 35 d 7 ) . - in der Gerichtswelt gilt der Grundsatz, Autopsie sei die Sokrates argumentiert 33 C 8 ff.: Hätte ich die Jugend verderbt, so
sicherste Bürgschaft für die Richtigkeit einer Ansicht oder Aussage; müßten sich meine einstigen ,,Schüler", inzwischen älter und reifer
Ant. or. Fr. 35 Th.: oi y & tivffgwno~
~ k a ilv b e 6 m tnO ~ E nL~ u t 6 t e g afiyoüvta~ geworden, gegen mich wenden, oder deren Eltern und Anverwandte.
q 015 E ~ &qmvh~
S 5 z i t 6 E~EYXOS rijs & h q f f ~ h(vgl.
c Lys. 24, 14). Im Gedanken Wenn jedoch nichts dergleichen geschieht, so ist dies der Beweis, daß
an diesen GrunCsatz leitet Sokrates mit den Worten vih OE 60äte fih x d mir der Vorwurf des Jugendverderbs zu Unrecht gemacht wird (vgl.
a h o i Ört (31 b 7 1 die Feststellung e i q auf Grund seiner offenkundigen
I --
auch 40 C 1).- Am Ende eines Teils seiner Ausführungen deutet der
Armut kiinritepi nicht eiiimal seine Gegner hchaupten, er bereichere Gerichtsredner zuweilen an, er könnte noch sehr viel mehr zugunsten
sich :in seinem eleriktisdien Geschäft. Auch liebt es die Gerichtsrede, seiner Sache anführen, doch das Gesagte genüge; z. B. Lys. 12,95: xai
Tatsachen gegen hlo8e Worte auszirspielen, z. B. Lys. 12,33: VGV 66 uov n& d y ä ~pEv ETL nohh6v Ovtwv E W ~ E ~touaGta
V hkyw, oder Dem. 22, 46: nohhd
tt3 Egya rpavet$ ysyivqrat OUX h g &v~wykvov&hh7OS fi6oykvov toig y~yvoykvot~, hkye~vExov Erb, xai zaG6' inav& e h a vopiI;ov,
~ E & U W ' ~ ~ .So beendet Sokrates
Wate to6abe dn rGv g ~ y o ~v g fpähhov i q &X t 6 v h6yov tqv q~ijcpovqkpe~v135. Ahn- seine Verteidigung mit den Worten: ä pEv EYW E X O L ~ 'ilv &nohoyeiu8a~,
lich sagt S4tkrate~32 a 4: peyUha 6' Eywye Uyiv zexyfig~anagEEop,a~ao6twv, v taütor xai Ghha b o g t o ~ a ü t a34 b 6. - Zuweilen muß der Ge-
u ~ ~ 6 6Eozt
OB h6yov:, 6.9.' Ö i.~si;~ L P ~ T E , - Der Gerichtsrede eigen ist aiich der
Egya. richtsredner den Hörern etwas unterstellen, das diese beleidigen
Topos der Grenze möglicher Unversdiämtheit, der z. B. Dem. 22,65 könnte, worauf er denn geflissentlich versucht, den unangenehmen
vorliegt: o h fiv €15 zoüto r 6 h y q ~Sfinov xaineg &V &va~6'11~ &hffot, Gate (P+ Eindruck beim Hörer zu neutralisieren. So will Demosthenes 25,86
a a l . . .IS6. Sokrates gebraucht ihn 31 b 7: vüv 8E Ogäte 671 xai aVtoi Ö t t oi eigentlich sagen: Soweit ihr Staatsschuldner seid, müßt ihr den Aristo-
xatfiyoeoi. t6hl.a m h r a & v a t o ~ 6 v t wo ~ü t o xazqyoe06vteg toütb ye o f i ~oIoi TE geiton ganz besonders hassen; statt dessen sagt er jedoch: xai pfi PE
Eyivovto jracrvaw~tutijon~ xaeaa~6pevotphetvga, 6.15 Eyh nozk n v a q EnQaE&yqv <noA&ßqte,6 6v6eeg 'Affqvaio~,(35 n& dcpeihovtas Byäg z$ Gqpoaicp 6tahEyea@at-
j~~a8Ov 11 fitqua. - Soll jemand vor Gericht in günstigem Licht gezeigt ~ pfite Y ~ V O L Z Otoüto, 03t' EyO vopiI;o. &hh>E i z 4 TLS Ce' qihog 4
o h y & EUTL
werden, so wird darauf hingewiesen, daß er sich in kritischer Lage für yvOgtp5~EUZW Ev TO~I~OLS, &g 6nhe toinov zoütov neoafixei, pmsiv, roüto ßo6ho-
die richtige S a c k entschieden habe, z. B. Dein. 20,53: yähhov ~ i h o v t o yat 616ACa~(vgl. auch 25,43). So will Sokrates 34 C 7 ff. eigentlich sagen:
ve6' UPGV t o v t 5 t ~at~atevoapkvov,e1 U GEoL,~ U U X E I V4 xogiq dp6v &x~v66vog -
Ihr sollt auf mein Verhalten Ablehnung des Oiktos - nicht mit klein-
aea65o6a~'". Entsprechend sagt Sokrates von sich 32 b 8: pet& toü v6yov licher Erbosung reagieren, sagt aber statt dessen 34 d 1: ~i 64 Z L <@V ~
4 PE#' 6yOv y ~ v E 0 8 ap~4
xai roü 61xahv c$qv pahk6v pe 6eiv 6tait~vbuv~fiew oÜtos (SC. O~y~affeiq) -
EXEL 06%&CL&viv y d Eywye,
~ E; 6' 05v - .ht&bxij &V POL
Gixata ßoiAmoyivcw. - Der von Sokrates 32 C 7 ausgesprochene Gedanke, 60x65 q O g zoütov hEye~vhkyov &L.. . .
die Dreißig seien darauf ausgegangen, möglichst viele athenische Bür- Unter den bis jetzt genannten Wendungen und Topoi fanden sich
ger an ihrer Schdd zu beteiligen, findet sich auch in der Gerichtsrede; gelegentlich solche, denen ein agonistischer Unterton nicht abzuspre-
Lys. 12,93: aiwug~J,&i&atpEv y & Upäq ~ OUZ qtiovv, uvv6taßUhhsoffa~6' {voiy- chen war. Daß sie in die ,Apologie6aufgenommen wurden, muß nach
xutov, ei; T O ~ O U T W ? n ~ ~ c + ~E Ap Ri ~a V~ T Eii~ore
~ 06 aüw &ya.i3Wvxotvo6y~vo~ naazoiq den bisherigen Feststellungen befremden. Es wird jedoch ZU zeigen
61kaS PXTQ~TO, &U6 16%' 6 ~ ~ 1 ~8 E6 T~~ ~ L ~ ~EUVOVS W T E @OVTO
S E ~ Y U L " ~ .- Eine sein, daß darüber hinaus in der ,Apologie6sogar unzweideutig agoni-
gegnerisclie Behauptung kann dadurch erschüttert werden, daß der stische Topoi gebraucht werden.
Gerichtsredner zeigt, ein zweites Faktum, das mit dem behaupteten not- Bezieht sich der Gerichtsredner auf ein Ereignis, bei dem einige der
Richter zugegen waren, so kann er die Richter selbst als Zeugen an-
'" Vgl. Lys. 19,8, 22 14. Isae 7, 5. Dem. 40,32. rufeni4', er kann sie sogar auffordern, einander über die Richtigkeit
1% Vgl. Ant. 2 6 8; 3:r 1 3; 5 . 3 47 84; 6,47. And. 4,27. Isae. 2,38. Dem. 18, 132;
25,42; 55, 14. 139 Vgl. Isocr. 17,37. Isae. 2, 19; 3,24 55. Dem. 18, 76 293; 47, 11; 48,45; 52,23 f.
lSBVgl. Isae. 6, .54 &m. 24. 172. 27; 55, 7.
'" Vgl. Ant. 5.50. Dem. 21,96. Vgl. Dem. 18,50 264; 23,63; 24,187; 27,58; 29,50.
Vgl. L y s 25, 13. Ismr. 18,17, 141 Vgl. Ant. 6, 14. Lys. 12, 74 84. Isae. 5,20. Dem. 21, 18; 23,168; 37,56.
56 I. Das Verhältnis der Apolcigie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 57
seiner Aussage zu belehren, z. B. And. 1, 46: neOtov pEv o3v t a ü t a , einen augenfälligen Sieg. Dieser Topos ist in der Gerichtsrede beliebt;
& 6 ~ 6 ~On6uc~i
~ 5 , 6pGv napijoav, & v a p ~ ~ v ~ o n e xai
u 9 etoVc 6hhouq 6 i i j & ~ x e t e ~ ~ ~ . er findet sich z. B. Dem. 57, 61: xai e1 cpaui zoüto 1pe6ijeo9a~,Eni ZOG
Ebenso geht Sokrates vor, wo er sich gegen die Behauptung wendet, 6p0Ü G6atoq Öanq ßoi~hstait o h w v d v a v t i a paerueqa&tw, oder Dem. 18,150:
er treihe naturphilosc-phische Studien. Er stellt kurz fest, er verstehe t i s OUV EX?L~GEUUEV fi~1.ä~; Eni noias Orexijg; eine d v ei66ta, Oeitov. &hA' 06%äv
nichts von einer derartigen Eatat.ilpq, und fügt hinzu (19 d 1): p&etueas EXOLS, &hh&xsvn n@o<p&a&~ t a 6 t n xazexe6 xai I ~ E u ~InEder~ ~,Apologiec
~ . nun
6E aG 6pGv t o k xohhoV; naekxcpat, xni @LW 6pä5 &hhfihous 6i6&ox&ivTE xai werden diese beiden Topoi miteinander kombiniert. Sokrates gibt zu-
cpe&Seiv, Öon~EboÜ nhnore &xqx6rte 8 ~ ~ h ~ y o p E v-o unohhoi 6E 6pOv oi tot05toi nächst (33C 7 ff .) im Sinn des erstgenannten Topos die Leute an, die,
eioav - ~ & < F T E oUv &hi.i$o~gei xhnox? i j ptxpov pEya fixouoE ttg 6pWv Epoü nach den Worten der Kläger zu urteilen, gegen ihn zeugen müßten. Die
XEQ~ t o ~ o 6 t wGca~ewpkvou.Nun kennt die Gerichtsrede einen Topos, Namensnennung wird zur Szene: Sokrates blickt ins Publikum und
der den Erweis e i n e r Tatsache zur Stützung anderer, minder leicht nennt von den potentiellen Zeugen gegen ihn nur solche, die zugegen
zu erweisender Behacptungen ausnützt. Demosthenes erklärt 18,10, o ~ v xohhoi Evtau6oi 08s Eyh 8 ~ 6 neGtov
sind (ncilvtos 6E x c i l ~ ~ ~aUtWv , pEv.. .
falls das zutreffe,was sein Gegner Aischines über ihn und seine Familie 33 d B), ja er deutet sogar auf sie: K Q ~ oinooi V . . . K~rtoßo6houtoG6e
aussage, solle man ihn, Demosthenes, gar nicht erst anhören, sondern n m j p x.z.h.. Die schon in sich eindrucksvolle Aufzählung schließt mit
gleich verurteilen: ei 6~ nohh@ fkhtici T O ~ T O Uxai Ex ß~hzi6vov... xai EpE xai den Worten: xai 6hhouc nohhoVs r3yW Exo 6piv eine'iv, 6 v n v a Ex~ijvphhtota
roGs Epo-jc Usle~hrjrpatexa: y~yvhoxete,roVty pEv pq6' 6nEe tGv 6hhwv xtote6ete pEv r3v T+ EautoG h6ycy n a e a o ~ E o @MEhqtov
a~ pbgtuea 34 a 2. Noch fällt kein
(6fjhov $3 6;i i y o i q ärmvt' U r h a ~ z e t c ) ' ~Eine
. solche Aufforderung, aus Wort über die tatsächliche Haltung dieser Männer, da schiebt Sokrates
den1 Emeis der Unrichtigkeit e i n e r Behauptung auf die Unrichtig- den zweitgenannten Topos ein, die höhnische Aufforderung: oi 6k t 6 t e
keit aller gegnerischen Rehaiiptungeii zu schließen, findet sich auch in kneh&9ezo,v5v na~aaxko6cu- Eyh naeaxwe@ - xai heyktw E ~ EXEL L ZOLOÜ~OV~~~.
der ,Apologie', und zwar in1 Anschlnß an die eben zitierte Stelle (19d 5): Und nun erst, da Meletos schweigt, erfolgt die triumphierende Fest-
. . .xai 6x rrh~cuv~VGUEUBE
Ött iotaik. Euti xai d h h a xoei Epo6 B oi xohhoi stellung: &hh&zo6tou näv to6vavtiov d~.iloeze,& 5v6~eq,n & v t a ~Epoi ßoqihiv
hß~ouaiv-Sachlich berechtigt ist dieser Topos weder hier noch ander- Ezoipou; T+ O ~ a r p t + ~ i ~ oT@v t ~xaxd
, EeyaSopEvy zocg oixoioug abtWv, 8s cpaot
wärts: wenn Sokrates sich nicht mit Naturphilosophie abgibt, ist damit S a 6. Um des Sieges ganz sicher zu sein, entkräftet
M k h q t o ~xai Y A v u t ~34
noch lange nicht gesagt, daß auch der Vorwurf des tbv q t t w A6yov Sokrates noch den der Welt der Gerichtsrede naheliegenden Einwand,
xpeirtw xoieiv oder gar der Gottlosigkeit unberechtigt ist. Vielmehr ist die von ihm Genannten könnten unlautere Ursache haben, ihm zu
dieser Topos durchaus agonistischer Natur. helfen147.Was die ,Apologiet hier durch Verbindung zweier Topoi der
Stehen Zeugen, von denen nach den Darlegungen des Gegners zu Gerichtsrede an agonistischer Wirkung erreicht, hat kein Seitenstück
erwarten wäre, daß sie sich diesem zur Verfügung stellen, auf seiten in der Gerichtsredei4'.
des Spreders, so wird er nicht versäumen, diese Tatsache agonistisch Agonistische Züge finden sich auch zu Beginn der zweiten Rede.
auszumiinzen. Demostbenes wirft Aischines vor, er habe die Phoker Sokrates ist schuldig gesprochen, doch bedrückt ihn dies keines-
und ßöntier ins Unglück gestürzt; Aischines antwortet darauf: oi wegs; vielmehr stellt er fest, er habe mit diesem Ausgang gerechnet
t i ~oVtwv&h76h5 4v Wv U; AEyet~,xatqy6eouv Uv pou BotwtWv xai Qwxiwv oi (36 a 2 ) , und überdies sei die Mehrheit, die bei seiner Verurteilung den .
cpe6yovtey V& 6E. . . ouhhqEvte5 oi ~ ~ E ~ ~ I JBoicutWv
V Z E ~ qpqvzai pol 6vvqy6~oug, Ausschlag gab - dreißig Stimmen von insgesamt fünfhundert - er-
fjxouot 6' ho to4v Ev <Dwxeüol x 6 1 . e ~;pEaßotc,
~ 035 Eyh tfiv teizqv xe~ußeiav staunlich gering1'$. Nun erfolgt die unstreitig agonistische Wendung,
Eni toiq 'Apcp~xtiinva~neeoße6wv EawoaM4(2,142).Kann ferner der Gerichts- die Sache des Meletos müsse trotz des Erfolgs als gescheitert angesehen
redner sicher sein, daß für eine strittige Behauptung des Gegners kein
Zeuge beizubringen ist, so gibt er ir; theatralischer Weise dem Gegner 145 Vgl. And. 1,26 35 55. Lys. 2 0 , l l . Isocr. 15,100. Dem. 18,76 112; 19,32 57; 43,
41; 50,2. Aesch. 2,59; 3,165.
oder auch den Richtern Gelegenheit, einen solchen auftreten zu lassen,
,,Plato.. . presents the most notable example of effective interrogation of an
und erklärt sich bereit. für diesen Fall seine Rede zu unterbrechen; ist oDDonent in court" Robert J. Bonner, The legal Setting of Plato's Apology, Class.
der Gegner dazu jedoch, wie erwartet, nicht in der Lage, so bedeutet dies phil. 1908, 175.
Vgl. Ant. 5,30. Isae. 12,4 8..Dem. 54, 32; 57, 24 f.. Anax. 48, 24 Sp.,
142 Vgl. Ard. 1.37 69. Dem. 50,3. Din. 1,42. 148 Vgl. demgegenüber die schwächliche Nachahmung durch Isokrates 15,33. - Der
'U Vgl. Ant 5 , 8 . Isocr. 18-52. Dem. 27,5C; 41,24; 49,57. Aesch. 2,92. Ar. rh. 1417 sachliche, nichtagonistische Hintersinn der Stelle kann sich erst bei einem Ver-
b 37. gleich mit den übrigen platonischen Schriften erhellen (s. U. p. 154).
144 Vgl. And. 1, 18. Din. 1,51. 148 Zur Argumentation mit größerer oder geringerer Mehrheit vgl. Isae. 3.37; 7,13.
58 I. Das Verfräitnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsiibliche 59
werden, denn das Abstimmungsverhältnis lehre, daß Meletos ohne die Sokrates rechnet mit dieser Mißdeutung; es scheint ihm notwendig,
Mithilfe von Anytos ond Lykon nicht zum Ziel gekommen wäre (36a 7 ) . ihr entgegenzutretent6'. Nachdem sein Todesurteil ausgesprochen ist,
Diese ÄuAerung muß befremden, da Sokrates 28 a 6 gesagt hatte: ,,Und sagt er rückblickend (38 d 3) : „Vielleicht glaubt ihr, Männer von Athen,
das ist's, was mich zu Fall bringt. wenn anders es mich wirklich zu ich sei durch einen Mangel an Worten zu Fall gekommen, mit denen
Fall bringen wird, nicht Meletos oder Anytos, sondern der üble Ruf bei ich euch hätte überzeugen können, vorausgesetzt, es wäre meine Mei-
der Menge lind deren Gehässigkeit"; hier dagegen wird der Erfolg der nung gewesen, man müsse alle Mittel der Tat und des Worts aufbieten,
Anklage aiif die Persönlichkeit des Anytos und Lykon zurückgeführt. um den Freispruch zu erreichen. Weit gefehlt. Indessen, durch einen
Die Unstimmigkeit l5Bt sich nur daraus erklären, daß Sokrates dort Mangel bin ich zu Fall gekommen, nicht jedoch einen Mangel an Wor-
sachlich urteiit, während er hier eine Invektive agonistischen Charak- ten, sondern an Dreistigkeit und Schamlosigkeit und an Bereitschaft,
ters unternimmt. Sokrates geht so weit, zu behaupten, ohne jene bei- das zu euch zu sagen, was ihr am liebsten hört." Sokrates unterschei-
den Mitklsger hätte Meletos nicht einmal ein Fünftel der Stimmen für det zwischen einer technischen Fertigkeit und einer sittlichen Einstel-
sich bekonimen und wäre, hierfür gesetzlich bestraft, in Verachtung lung, zwischen der Beherrschung gerichtsmäßiger Redekunst und der
und Schande gefallen lS0. Bereitschaft, Gebrauch von ihr zu machen; er hätte wohl anders reden
Also ist es cichts mit der Meinung, Sokrates habe nur die Sache im k ö n n e n , aber er habe nicht gewollt. Der Beweis dafür, daß er in der
Auge und verzichte grundsätzlicli auf Agonistik? Tat die Mittel der Gerichtsrede beherrschte und auch in ihrem Geist zu
Sokrates' Schliiß, wenn e i n e Behauptung seiner ,,ersten Ankläger" reden verstand, liegt in der häufigen Verwendung von Worten und
unrichtig sei, niiißten auch die andern falsch sein, steht etwa in der Gemeinplätzen der Gerichtsrede und insbesondere in jenen agonisti-
Mitte der von r.. 3 4 sich erstreckenden „Widerlegiin~"nnd beschließt schen Partien. Daß Sokrates keinen Gebrauch von der gerichtsmäßigen
wirksam die Ntlharidhing der I b g e , ob Sokrates Naturphilosoph sei. Agonistik macht, sondern sich auf die Andeutung beschränkt, er be-
Es folgt in C. 4 die Abweisung des \iormiirfs, Sokrates betätige sich als herrsche sie, dies verleiht seiner Verteidigungsweise den Rang einer
Lehrer. Die grol3en Sophisten Gorgias, Prodikos, Hippias werden er- sittlichen Tat, und darin ist auch ein Teil jener geheimnisvollen Span-
wähnt. Fraglos wäre eine möglichst scharfe Zurückweisung der Identi- nung begründet, die von dem Sokrates der ,ApologieLausgeht.
fizierung mit diesen „Lehrern6' ein agonistisch wirksamer Abschluß Da Sokrates die gerichtsmäßige Agonistik beherrscht, kann er mit
der „Widerlegung" gewesen. Statt dessen preist Sokrates mit einer ihr spielen und sie zu Zwecken gebrauchen, die von dem, was die Ge-
der Menge iirii.erständlichen Ironie jene Sophisten und bedauert nur, richtsrede intendiert, weit entfernt sind. Dies geht aus den drei elenk-
es selbst nicht so weit gebracht zu haben. Mit welcher Entrüstung tischen Gesprächen mit Meletos hervor (24 C 4-28 a 1).
Leiite vom Sdilnge eines Anytos darauf reagieren mußten, zeigt der 24 b 8 wird die aktuelle Anklage kurz referiert; ihre Widerlegung
.Menon' ( 9 1 C ff.). - Auf die agonistisch so wirksame Angabe von Zeu- in Form von drei Gespriichen mit Meletos schließt sich an. Sokrates
gen folgt die Ablehnung des Oiktos, die den Athener gleichfalls nur leitet diese Partie ein mit den Worten: @qoiyCle S: 706s vEov5 6Sweiv PE
verstiinineri kannte. - Und unmittelbar aiif die Invektive gegen Mele- 6 y 6 SE y ~ &, GVSQES'A6qvaio~,& S w i v cpqp M h q z o Y ÖzL.. .
fi~acp6~i~ov~a.
tos zu Beginn der zweiten Rede folgt der Antrag auf Lohn statt auf 24 C 4. Eine solche Beantwortung der Klage mit Gegenklagen ist ein
Strafe, ein Vorgehen, durch das nach glaubwürdiger Uberlieferung die beliebter agonistischer Topos; Ant. 4 ß 7 : (5s yEv o h OB G~xaiw~xazqyoeoü-
Zahl der verurkeilenden Richter noch erheblich vermehrt wurde. Val &n;~6ES~~xzai POL. k8khw SE zoljs xazqyogoüvz&s pov x6ow 01s Eynalioüaw
Sokrates bringt Wendungen, die, obzwar für sich genommen Evi~xovsa B d 5 &ras 6noSsiEa~'~~. Sokrates wirft Meletos vor: ,,Er treibt
agonistiscl~wirlts:ini, auf Grund des Fortgangs der Rede doch nicht init ernsten Dingen Scherz, indem er leichtfertig Menschen vor Gericht
zur Wirkung konimer, können. Für diese Tatsache gab es eine volks- stellt und sich um Dinge zu bemühen und zu sorgen behauptet, um die
tümliche Erkl5riing: Sokrates V e r s t e h e eben nichts vom Reden, er sich nie auch nur einen Deut gekümmert hat" (24 d 5). Dies nach-
deshalb bleibe seine gerichtliche Redekunst in den Anläufen stecken 15'. zuweisen ist der Zweck der drei Gespräche: & SE zoko ozzws EXEL, IEEL-

'50 Vg1. And. 1,33. Dem. 1 E , 222 250; 22, 3; 26,9. Hyp. 3,34. 162 Daß die ,Apologie' auf einen so naiven Einwand überhaupt eingeht, rührt daher,
161 Der Redner Artonius bei Cicero, de or. I 3 233: Quonam modo istos philosophos daß sie sich nicht nur an die wenigen zur Philosophie Berufenen wendet, son-
ferre possimus, qui nunc, quum ille (SC. Socrates) damnatus est, nullam aliam dern zugleich auch an die Menge (s. U. p. 156).
ob culpam nisi propfrr d i C e n d i i n s c i e n t i a m , tanzen a Se oportere las Vgl. And. 1,30. Lys. 21,20; 24, 15. Dem. 19, 246; 20, 125; 21,110; 55,22. Anax.
dicunt peti prnecepta dkendi? 88,22 Sp..
60 1. Das Verhältnis der Apolagie zur attischen Gerichtsrede
4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 61
gh00ltat xai 6piv i.;1,6&iEal 24 C 8 ls4. Mit den Worten xai pol ~EUQO,
(I> MEhqte,
ELITE' 24 C 9 (vgl. Dem. l9,20: &6xetvai y&p Geiie'irvaotol~POL,Lys. 13,32: Topos von den Grenzen möglicher Beschränktheit; mit ihm pflegt die
xai pot &nO5t?iva~,& 'Ay6eaw) leitet Sokrates die Erotesis ein. Ein solches Gerichtsrede darzutun, daß eine vom Gegner behauptete Handlung
Verhör des Gegners durch den Sprecher war möglich, der Befragte war ein Maß von Torheit auf seiten des Handelnden voraussetze, das jen-
sogar gesetzlich verpflichtet, zu antworten. Aristoteles rät, man solle in seits der Grenze des Wahrscheinlichen liege; 25 e 1 sagt er: lyW 6E 6.11
der Erotesis des großen Risikos halber nur Fragen stellen, die gar eis ~ouoiitov&pa@iaqqxo 6 u t e xai toüt' &yvoG.. . ; vg1. ~ y p 2,6: . &h7 gyh
nicht anders als jm Sinn des Fragers beantwortet werden könnten; E ~ toüto
S &novoia~ .
qh@ov,wute .. ;und Isocr. 17,47: xai t i 6v ~ 6yOv & ~ L ~ U E L E
auch empfehle es sich im Hinblick auf die schwache Auffassungskraft xatayvGvai you t o o a h q v paviav xai h ~ a @ i a v ' ~ -
O ;25 e 6 gebraucht Sokrates
der Hörer, nur wenige Fragen zu stellen (rh. 1419 a 17). Tatsächlicli den Topos des Dilemmas, mit dem der Gegner belastet zu werden
erscheint die Ero-esis in der Gerichtsrede relativ selten155,und mehr pflegt: 06 Gtacp@eiew,fi E: 6ta<p@~i@w, Eixwv, Gaze U& ye xat' &ycpbtega qei16n
als vier 17ragen werden nirgends gestellt. Auch in der ,Apologieckann (vgl. auch 37 d 7 ) . Dem entspricht z. B. Dem. 24, 122ls7:x a i t o ~ei pEv
der Befragte nur knappe Antworten gehen iind erhält keine Gelegen- Ehhttw ~ o G t o u&6lxeiv
~ Exeivwv voyiua~c p i p ~ t hvhyxq
~, yaiveaBa~U' Bpoiioyeiv,
heit zii (;rgcii:iiigi.ifreri. 1):igcgeii ~ r l i i i l tdas Verhör eine ungcwöliri- ei 6E miI;w vopi~wv,~ U X E QEutiv, . . . t 0 3 pkv
~ &q)iqg, 2035 6E p4, 06% )ri6q 6iiI.o~
liche Dauer. EIneneaxhg t 6 neäyya tofitot5; - Auch den Vorwiirf ungesetzlichen Han-
T1iem:i des rrikri Gespräclis ist die Frage nach dein Erzieliiings- delns erspart Sokrates seincn Gegnern nicht: zWv zotohwv &yaetqy&zwv
Fachmann. Meletcis wird zu dem Eingeständnis gebracht, alle Athener 06 6eÜeo v 6 p 0 ~e i u h y ~ ~Eutiv,
v &hhd ibiq haß6vta 6 ~ 6 h a x e ~xai v vouBetsiv ' . . .
außer Sokrates trogen zur Besserung der Jugend bei, worauf die Un- 06 6E auyyevEaeal yEv 11.01 xai 6iBhEat Ecpuyq xai 06% fi6Ehqua5, 6 ~ 5 68 ~ 0
haltbarkeit dieser Ansicht erwiesen wird. - Das agonistische Verfah- eiuhyet~,of, v6poc Eutiv EIU&YELY toVS X O ~ & U E W S 6 ~ 0 y E v o u&hh9
~ 06 p a 6 + ~ e w ~
ren, eine ßehaiiptung des Gegners bis zum Absurden weiterzuführen (26 a 2) ; vgl. Ant. 5,8: neGtov yEv O ~ VOS , naeavophtata xai ßtai6zaza eis
iind dndiirch zu iiberwiriden, findet sich auch in der Gerichtsrede (Isae. ZOVBE tch &yGva xa@ßutqxa, toiizo b p ä ~6 t 6 & @ ~ ' - ~ . Innerhalb dieser Aus-
2,23. Dem. 20,3j.. ebenso die Ausmünzung mangelhafter Antworten einandersetzung wird Meletos ironisch als uocp6~(25 d 8), Sokrates als
des Befragten. Meletos' Schweigen interpretiert Sokrates: Be&, 6 6ya6fi5 bezeichnet; der Sinn dieser Worte ist derselbe wie der des ersten
MEhqre, Ö t t niyijg x a i o6x & ~ e t eimiv;
g xaitol 06x a i u x ~ 6 v001 ~ O X E&~h a t xai Gesprächs.
ixavov t e x p i p o v o i 84 lycb Myw, Ö t l uoi o66Ev p~pEiiqxsv(24 d 7), wozu Isae. Das dritte elenktische Gespräch wird eingeleitet durch die Feststel-
11,6 zu verglei&im ist: aiu6&v&a6&Ö t i 06% Exei t t v u u y y 6 v ~ ~ a~ixelv, v &hh' lung: „Dies, Männer von Athen, ist nun wohl klar, daß, wie ich sagte,
&noxgivetat x a v t a ~iähhovTi Ö 6ei pa6eiv dyäg. Nicht im Sinn der Gerichts- Meletos sich um diese Dinge keinen Deut gekümmert hat" (26 a 8).
rede dagegeri ist das Ergebnis: dhhd yhg, (I> MEhqte, ixavWs FntG~ixvuuatÖzl Wenn Sokrates fortfährt: „Gleichwohl sag uns doch" (ÖPWS6E 64 hiye
o f i 6 ~ n h n o rEcp~6vttuaq
~ r 6 v viwv, xai 6atpWg &no<paiveiqT ~ Vuautoii &pEhelav, fipiv), so heißt dies, iin dritten Gespräch werde das Beweisziel dasselbe
8tl o W v not p~pE?iq:<~v i EpE E ~ C & Y E L25
z ~ e &V ~ C 1. Die Gerichtsredc sieht sein wie in den beiden vorhergehenden: die Unwissenheit des Klägers.
im Gegner einen Bösewicht, Sokrates einen Unwissenden (s. p. 39). Thema ist der Vorwurf der Gottlosigkeit; daß der Kläger ungenügend
Im zweiten Gespräch wird die Frage aufgeworfen, ob man mit Wis- über diesen Vorwurf nachgedacht hat, wird im ersten Teil des Ge-
sen und \Villen auf den Verderb seiner Mitbürger ausgehen könne. -
sprächs (26 a 8 27 a 7) von der formalen Seite, im zweiten vom Ge-
Meletos miiß zugestehen, daß sittlich verderbte Menschen ihrem Näch- genstand her erwiesen (27 a 8 - 28 a l ) .
sten nur Schlechtes zufügen können. Hätte Sokrates die Jugend ab- Der Kläger wird im ersten Teil zum Eingeständnis gebracht, seiner
sichtlich verderbt, so hätte er absicl~tlichsich selbst geschädigt; das ist Auffassung nach glaube Sokrates Überhaupt nicht an Götter. Nun
jedoch absurd. - ?Vieder benützt Snkrates Mittel der Gerichtsrede. Da heißt es aber in der Anklageschrift, Sokrates glaube an neue göttliche
Meletos schweigt, weist Sokrates darauf hin, er sei gesetzlich verpflich- Wesen (6a~poYlaxatv&), nur eben nicht an die staatlich sanktionierten
tet, zu antworten (25 d 2). Ferner verwendet Sokrates den beliebten Götter. In dieser Behauptung von Glauben und Nichtglauben zugleich

1 5 9 i eAuffassung Wolffs, Zweck des Meletos-Verhörs sei es, zu erweisen, die offi- 'Js Vgl. Lys. 3, 29; 13, 18; 21,22; 29,7. Isocr. 21, 14. Dem. 18,51; 19,173; 34,16;
zielle Anklage sei ein ,in sich nichtiger Reflex der cixE~iha"(1. C. p. 93), ist un- 39,6; 46, 17; 57,64.
scharf und trifft nicht das wesentliche. .7 Vgi. Gorg. Pai. 26: ei pEv 05v +C
15 a o q d ~ OGX
, fpaetov. EE 8' fipaerov, 05 a o q k ~ i p .
'65 Lys. 12, 25-26; 13.30; 22, 5. Isae. 11,4. Dem. 19, 120; 39,21. Din. 1,83. Fiktive odxoüv 61' ciprpbzeea äv E I ~ ~S E U S ~Ferner
S . Dem. 21,134; 22,4; 24,188; 26,14;
C ~ < u t q And.
a ~ ~ 1, 101. Isae. fr. 3 , 2 , 2 . 27,55; 58,46. Hyp. 1,9; 3, 17 31. Lyc. 34 76. Vgl. auch Ant. 1 , l ; 5,16.
las Vgl. Ant. 6 , 2 l f.. Dem. 33,3. Hyp. 2, 12; 3,48.
62 I. Das VerbäE:nis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 4. Die Annäherung der Apologie an das Gerichtsübliche 63
liegt ein logischer Widerspruch, der a n Meletos' Aussagen zweifeln Mit dieser Motivierung kommt Sokrates der Welt der Gerichtsrede
-
1aßt. Sokrates bringt seinen Gegner dazu, ihm eine Auffassung zu- sehr nahe, und doch zeigt sich nirgends deutlicher als hier, wie groß
zuschreiben, die in Wahrheit von Anaxagoras vertreten worden war, der Abstand ist, der ihn davon trennt. Die Gerichtsrede schreibt dem
um dann festzustellen, Meletos behandle ihn so, als wäre er jener ver- Gegner allen Ernstes üble Motive zu; greift sie zum Mittel der Ironie,
ruchte Philosoph, und zähle dabei auf die Unbildung der Richter. so wird der Gegner als ysvvaior;, x e q a z k xahbs xdrya.B.6; bezeichnet, womit
Darin liegen agonistische Momente: einmal der Vorwurf, der Anklüger das geiiaue Gegenteil gesagt sein soll'". In der ,Apologiec wird er
bediene sich der - in Gerichtsreden häufig praktizierten - Methode, dagegen ironisch als Schurke bezeichnet, wird mit jenen belastenden
die Sache des Beklagten mit einen1 Gegenstand der allgemeinen Eixipö- Prädikaten nur gespielt. Was gemeint ist, geht aus Sokrates' Begrün-
mng zu verquicken. Gegen dieses Verfahren wendet sich z. B. Lysias dung für jene ironischen Verdächtigungen hervor (27 a 1): Eotxev y&@
25, 5: ~ i n e eEGilvavto oi xatfiyopot iGiq PE &GtxoUvta EAE~EuL,06% iXv T& tiuv 6axsp a h t y p a U I J V ~ L @ E V ~ L~ L C I J I E L Q O'Apa
~ E Vyv&oetac
~~, Loxp&tq8
~ aocp6~6fi
rprhxovta Uyapmjbtam 6poii xa~qy6povv,066' a v Qovro xpijva~6nEp tiuv Ex~ivot; EyoU ~aptsv-ct~opEvov vai Evavti' EpavtQ hEyovto~,fi E~anatfiawa6t6v lcai TOS^
nexpayyEvwv bti~oii; &infiTX)Lh~tv,&hh> a6toUg toVq &GtxoUvtaq r t p w p e L a 6 a ~ ~ ~ ~ . a h h o v ~toJ5 &xo6ovta<; Sokrates geht so weit, seinen Gegner ironisch als
Zweitens wird der Geprier durch den Vorwurf belastet, er rechne mit Wissenden darzustellen, der sich seines Wissens so sicher ist, daß er
der Unwissenheit der Richter: xai o h i xatacppovei5
~ t i u v 8 ~xai O>~ELafizo21q es uniernimmt, seine Mitmenschen in maliziös-scherzhafterls6 Weise
dln~ipovqypa~tpinwv&U$. GOTE06% E ~ ~ ~ VÖSL U LT& 'Ava~ay6pov ßtßhia TOS
aufs Glatteis zu führen. Der Sinn ist eindeutig: Der Kläger soll am
E L rrjv A6ywv; dazu ist zu vergleichen Lys. 12,87 :&hh&
KhaSoy~viouY ~ . ~tobrllrv ironischen Gegenbild des Wissenden, seine Uberlegenheit boshaft Aus-
toiy p & p t v ~ a g@tov ibiv: oi rohotg papzvpoihtes aUtiuv xaqyopoiio~,orp68pa spielenden in seiner ganzen Beschränktheit und Unwissenheit gezeigt
Ezrhjapovag xai ~ i ' r f i i ' ~v~o;y i L o v t ~6päq
~ hat.'^, und Dem. 59, 72: o5tw nohii werden.
t 6 v v6i~wvxai $GY x ~ T P ~ @ O V ~ [ I E- V ~Sehr
~ ~ . beliebt ist in der Gerichtsrede Der zweite Gesprächsteil beschäftigt sich mit der Frage, worin der
auch der Nachweis eines JViderspruclis in den Worten oder IIand- Glaube an die St:ialsgötter sich von dem an Gatw6vta unterscheide. Mele-
lungen des Gegners: .,Die meisten der Hörer schließen nämlich aus tos wird zu dem Eingeständnis genötigt, wer an 6atpbvta (SC. n ~ h ~ p a t a )
den Widersprüchen, die in der Rede oder im Handeln auftreten, daß glaube, müsse auch an Dämonen und damit auch an die Staatsgötter
nichts Wahres :in Worten und Handlungen sei" (Anax. 4 3 , 3 Sp.) I'. glauben; die Anklage wegen Asebie hebt also sich selbst auf. Aristo-
So stellt Sokrates fest: o%o; ydp Eyoi rpaivstal T& Evavtia AEy~tva 6 d 5 Eavt@ teles führt in seiner Rhetorik (1419 a 6) diese Argumentation als Bei-
tu ~ f ypacpi~
i (27 a 4) iind schließt hieraus: 6ncatos y' EI, & MEhqte, xai taUta spiel einer gelungenen Erotesis an; er empfand sie offenbar als gericht-
wßym, 6.15 Buoi G o x ~ ko, u u ~ gi26 e 6). - Die Motive des gegnerischen Han-
delns endlich, auf die Sokrates aus diesem Widerspruch schließen
lich wirksam1", und es besteht kein Anlaß, ihm zu widersprechen. -
Ini einzelnen sind folgende agonistische Züge zu erwähnen: Zunächst
möchte, entsprechen vol1st;nndig dem Bild, das die Gerichtsrede vom will Meletos nicht antworten; da er schließlich doch eine Antwort gibt,
Gegner entwirf:: 6poi $SQ 8oxei o$tooi, 63 8 ~ 8 'A.B.qvaiot,~ ~ 5 nhvv ~ h a i
lobt ihn Sokrates ironisch, führt aber seinen Entschluß, zu antworten,
Ußpiar+< xai &x6haatos, xai ixz~xviu~ z+v ypcpfiv t a i q v Üßpe~ttvi xai clxohaoiq
auf die Autorität der Richter zurück: 'Qs Ovqoas Özt &ts drn~xpivwUnd
t e 7. So heißt es z. B. Ant. 4 a 6, der Gegner habe
xai ve6tqtr ~ o i r q a n 6 a L6 zovtwvi &vayxa@pevoq 27 c 4, was eine Schmeichelei für diese bedeutet;
aus Frevelsinn iind Ziigellosigkeit gehandelt ( G ~ ~GEE Lxai Stxohaaiq) '". vgl. Anax. 86,2: 8&x a i T O ; ~ S ~ x a u t & Cxaivcy
s O~gansUaal, G ~ x a a d
-

Vgl. Lys. 12.62; 14,3&-40. Isocr. 18,40. Dem, 18,59. Aesch. 2.7. Zur Taktik des Gixalot xai G E L V o i E ~ ( J L V ' ~ ~-
. Dem. 19, 283 werden Worte des Gegners

Ausweichens auf andere Gebiete vgl. auch Lys. 9, 1; 2G,3; 30, 1. Isocr. 16,2. Dem. zitiert, die vom Sprecher nun gegen diesen selbst gekehrt werden: 05%
18, 15; 19,88 99 213 I. 2848.; 20, 113; 22,46; 37,51; 40,61; 45,50; 58,23. Aesch.
1, 170. i64 Vgl. Dem. 19,126 175; 21,174; 22,32 47; 23,162 169; 24.106 181; 25,55 62; 36,
IBO Vgl. Lys. 26, I f.. Aesch. 3. 221. Din. 3,3. 52; 58,35. Aesch. 1, 73; 2, 24; 3, 212. Din. 1, 44. Vgl. Anax. 57, 24 Sp..
Vgl. Lys. 9, 17; 14,9; 31, 31. Dem. 30,8; 34,3G: 43, 72; 50, 65: 59,44. Iffi Zum Vorwurf, der Gegner treibe nur Scherz (27 a 2 ~ a @ t ~ v d ~ ~27&aa7lnait~cv)
,
X'gl. Ant. 2 ß 3. Isocr. 1 7 , a ff., Isae. 3,33; 6, 43 f. 58. Dem. 24,72; 2 8 , l l ; 31,6; vgl. Lys. 24,19: &ate yoi. ooxsi b x a ~ f i y o e oslxsiv
~ n s ~ zfjs
i Epqs sßesos 06
41,27; 44,51: 4.542; 48, G ; 51, 17. Aesch. 1,94. Hyp. 3, 15. Vgl. auch Gorg. Pal. WS &$LiTOLOBTOS,
crnod&&w, &hhd naii;wv, 066' d p 6 ~~ t e i a aßouhOp~vo~
~ hhii) EpE
25. Ar. rh. 1400 a 14 1119 a 13. xoyqdeiv ßovhOy~vo~,Wcrzsp TL ~a)i.OvnotOv.
I" Vgl. Ant. 3 6 3 ; fr. 67 Th.. Lys. 1 , 2 4 16 25; 3 , 5 7 26 34 40; 8,5; 10,26; 11,9; 16' Vgl. auch Robert J. Bonner, Lawyers and Litigants in Ancient Athens, 1927,
14,26 29; 23,5; 32,lO. Dem. 18,3; 21,18; 59.50. - Znr Neigung der Jugend zu p.-257.
Kriminellem vgl. Lys. 24, 16. Ar. rh. 1378 b 27. Ie7 Vgl. Isae. 1,39. Dem. 18,249; 34, 19; 40, 13; 56,2; 57,56. Aesch. 1,50. Din. 1,107.
5. Die Aufiiebung einzelner Gedanken der Gerichtsrede ins Philosophische 65
64 I. Das Verhkitnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede
&vapvqnßjmoih &T xarlyopuiv Dheyr Tipbpxou, h 5 o66iv Eot' 6cpehos n6hewq Eypbqaro. Epoi 6E zoüt' Eottv Ex nadAg d ~ ~ b p o v o cpwvfi
v, ry ytyvopEvq, ij Ötav
yivqtai, drei dnoreknet pe aoGzo 3 äv pEhhw .TCQ&TTEW,neotpEneb 6E oijnore. Hätte
( i r t ~p i vrilca Enl 6 b n o i h a s Pxii (vgl. auch 19,243 f.). So zitiert hier
Sokntes Worte seines Gegners, uni ihm mit ihrer Hilfe eiiie Nieder- Sokrates den Vorwurf, er glaube an Galp6vLa xatvb, ernsthaft behandeln
lage zu bereiten: ojxoW 6 a t u b t a d v qqjq PE xai vopiIeiv xai Bdhuxr~v,rit' wollen, so hätte er Meletos' Irrtum aufklären und darlegen müssen,
o i v xarvh E ~ nahxt.,
E &M<oiv 6atpOra ye vopitw xarh d v oAv hbyov, xai r a ü r a inwieweit seine cpwvq tis ytyvopEvq etwas mit dem Götterglauben der
xai Slwli6uw Ev TU hawaimi 27 C 5 - Kann sich der Gegner der an ihn Stadt zu tun habe. Statt dessen zerpflücktter die Worte des Klägers,
gerichteten Fragen nicht in überreugender Weise entledigen, so wird um sie in sich als unhaltbar zu erweisen; er gebraucht sie zu einer
dies agonistisch ausgewertet, z. E. Isae. 11.4: Ei 66 rot pq6Ev rourwv P ~ E L lediglich hypothetischen, zu nichts verpflichtenden Argumentation:
rineiv, 1x65 ciix f h r y x ~ j n r acpaweGq
i EpE pEv ovxocpavtc5v, 61"s 6' Egamrijoat 6atpbv~bye vopitw x a z 6 z 6 v o 6 v h 6 y o v 27 C 6; e i 6E Galpovia vopitw,
naph T O ~ Sd p o u q tqil"s. Ahnlich schließt Sokrates 27 e 3 aus Meletos' xai Gaiyovas 6+xov nohhj dvhyxq vopitetv pE Eoriv 27 c 8; E i: n E Q Gaipovas
kläglichem Versagen: AM', 6 M t l q i r , o h L r i v 6nwg oU oii$ dnoneteu>pevos ?jyoüpat, 61s o 6 cp fi 5 . . . 27 d 4; E i 6' a i oi 6aipoveg 8ehv n a i 6 E ~E ~ U vL 6~8 0 ~
i p o v i y p b ~ pr j v y ~ u c p i vraUzqv 4 6nopGv 6 n Eyxahoi ipoi dhq8Eq d6ixqpa. zwES 4 Ex vvp(~Gv4 Ex ztvwv UAhwv 6 v O j xai h6yovzai 27 d 8. Es muß also
bestritten werden, daß Sokrates auch diesem Gespräch eine ernst- 7
Meletos ist demnach ein Wissender oder - so uiiwissend. daß er nicht
einmal weiß, was er seinem Gegner eigentlich vorwerfen könnte. - zunehmende These zugrundelege; vielmehr hat er nur die Absicht, mit
allen Mitteln, denen der gerichtlichen Agonistik wie der philosophi-
Beliebt ist in der Geriditsrede der Topos der Unglaubwürdigkeit (z. B.
Dem. 52,2i: rG, r a k a nior&. 61 hvbp~qSinaarai; Eyh pEv yhp o66~vioiowi, schen Dialektik, die Unwissenheit des Meletos und die daraus ent-
Lys. 13,75: 066E&ote yhp miost; c466Eva drvbecitnwv 615.. .) 'Ybeliebt auch springende Konfusion seiner Anklage zu verdeutlichen.
der Topos des gesunden Menschenverstandes (z. B. Dem. 19,115: Eoztv Zusammenfassend ist zu sagen: An zahlreichen Stellen der ,Apolo-
o6v oürw rti 6 u ß p h m v "6qtq xaxo8aipwv. Boriq.. . ; Eyh p8v oi8iva gie' ist die Ubernahme von sprachlichen Wendungen und Topoi der
o!~lai)'~'. Zur Vervollständigung seines Siegs kombiniert Sokrates diese Gerichtsrede zu beobachten. Deren zum Teil durchaus agonistischer
beiden Topoi; er erweist abschlieGend die gänzliche Unhaltbarkeit von Charakter kommt jedoch nicht zur Wirkung; eine solche wird jeweils
Meletos' Klage: Onwc 62 06 rtva neiht; &V xai a p ~ x ~ Avoüv
v E ~ o v t a&viIeu>xwv, durch den Fortgang der Rede ausgeschlossen. Diese Aufhebung des
6s 06 ro6 a k o ü i o n v xai 6 a i p h a M ;8eia + ( & i ~ 8 ~ 1xai
, aa T O abzoü
~ ~(TE
Agonistischen ist nicht auf rednerische Ungeschicklichkeit, sondern
Gaipova; pjze OEOUSp+e 7jpwag. oiiGep,ia p q ~ a v f Euriv.
i auf Absicht zurückzuführen. Die Einflechtung agonistischer Wendun-
Noch bleibt die Frage, ob die letztere Feststellung als ernsthafte gen, die Durchsetzung der Rede mit Ausdrücken der Gerichtssprache
These aufzufassen sei, wie im ersten Gespräch der Gedanke, nur der kann nur den Sinn haben, zu vergegenwärtigen, daß Sokrates wohl
Kenner der Tugend könne bessern, im zweiten die Behauptung, nie- die Mittel der Gerichtsrede beherrscht, daß er, wofern er nur wollte,
mand tue wissentlich Böses. Wolff ist geneigt, dies zu tun: „Der sehr wohl in der Lage wäre, sich in wirksamer Weise zu verteidigen;
Schluß: wer an G13ttiichesglaubt, glaubt auch an Götter, hat zwingende zeigt doch zumal die Meletos-Elenxis, in der Sokrates mit den Formen
Gültigkeit, wenn man ihn nur ernst nimmt" (I. C.p. 95)"". Dagegen ist der Gerichtsrede sein ironisches Spiel treibt, mit welch überlegener
zweierlei eiiizuwenderl. Erstens ist die Beweisführung ausgemacht Kennerschaft er Geist und Form der Gerichtsrede meistert. Seine Ver-
spielerisch; so, wenn Sokrates erklärt, der Dämonenglaube sei eo ipso teidigungsweise ist also vielmehr durch sein Ethos bedingt und als
mit dem Gliuben an Götter verbunden, wenn anders die Dämonen sittliche Tat ernstzunehmen.
Kinder von Göttern seien, uneheliche, oder von Nymphen oder von
andern Fraiien, wie es eben gerade der Mythos berichte (27 d 8). Zwei-
tens ist zu fragen: Glaubt denn Sokrates wirklich an 6atp6via - von 5. D i e A u f h e b u n g e i n z e l n e r G e d a n k e n d e r G e r i c h t s -
rede ins Philosophische
einem Glauben an sctlche geht ja das Gespräch aus. Davon kann keine
Rede sein. Vielmehr gibt er zu verstehen, Meletos' Rede von den
8 a i p h a berihe auf einem Irrtum; er berichtigt ihn 31 C 8: (Epoi)
Nachdem in1 vorhergehenden Abschnitt die Annäherung der ,Apo-
8 ~ i O vt t xai 6 a i p O v ~ 0yiyvetat,
~ 6 64 xai Ev zfi yeacpfi Emxwpq66v MEhqto< logie' an Form und Ton der Gerichtsrede untersucht wurde, soll hier
ihr Verfahren, das Gerichtsmäßige als Ausgangspunkt zu philosophi-
$68 Vgl. Isae. 3. 23. Dem. 20. 75; 54, 15. scher Aussage zu benutzen und damit den Hörer abzuziehen von der
169 Vgl. Ant. 2 9. Isae. 1, 11. Dem. 19, 138; 24, 58; 38, 12; 46, 17. Welt der Gerichtsrede, im Mittelpunkt stehen.
"0 Vgl. auch E. Horneffs, I-c.p.26 f..
66 I. Das Verhältnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede 5. Die Aufhebung einzelner Gedanken der Gerichtsrede ins Philosophische 67
Die philosophische Auswertung von Gedanken der Gerichtsrede '
erfolgt in zweierlei Formen: entweder wird der betreffende Gedanke niiherung an die Wahrheit zu suchen. Will er von dem Rechenschaft
geben, was im Augenblick der Aussage seine Uberzeugung ist, so kann
bejaht, aber nicht einfach übernommen, sondern anders nuanciert,
er nicht umhin, sich der Stegreifrede zu bedienen; nur sie ermöglicht
oder er wird rundweg verneint und als Gegenbild zu einem neuen,
es, ganz nahe am Gegenstand zu bleiben. - Der Vorwurf rednerischer
richtigeren Gedanken benufzt.
Raffinesse bezieht sich in der Gerichtsrede nicht so sehr auf den Stil
Die erstere Form liegt in folgenden I~ällenvor:
wie auf die spitzfindige, wortgewandte, unübersichtliche Darstellung
Die allzu eingehende Vorbereitung einer Gerichtsrede gilt als suspekt
eines Sachverhalts. Die ,Apologie6zielt jedoch ausschließlich auf den
(vgl. Dem. 21, 191 f.), da man als Motiv das Bewußtsein, eine faule
Stil der Rede ab: dem geschmückten, figurenreichen Stil der Kläger
Sache zu vertreten sowie die Absicht, durch ausgeklügelte Manöver wird die alltägliche, unbekümmerte Redeweise des Sokrates gegen-
zu wirken, anziinelimen geneigt ist. Die Gerichtsredner tun deswegen übergestellt; der Angriff der ,Apologie6auf die Darsiellungsweise der
ein übriges und bemühen sich gelegentlich um den Anschein des Steg- Gegner entspringt nicht einem agonistischen Bedürfnis, sondern einem
reifredens. I h n . 23. 19 etwa zählt der Redner die Themen seiner Rede rhetorischen Programm 175.
auf und wciidet sicli d:iriii ans Publikiirii: 8 TL 8fi ßofiheo@E,bgäte, Iva Zuweilen benützt die Gerichtsrede bei der Motivierung einer Hand-
t o k o ?.Eyw x ~ o t o v6ph. neei toij nagav6pov po6heo8~xg6tov; toüto toivvv
lung das indirekte Beweisverfahren. Demosthenes wirft 23,181 die
E~oUpav.Dem. 23.87 hrißt es: ?&/Erbv wet& taüta v6yov. q O ~ Z O L~ O L Y T E S
Frage auf, aus welchem Motiv Kersobleptes wohl die Stadt Kardia für
~ i o i v ' ~ 'man
; glaubt ferner, Einfachheit der Darstellung spreche für sich behalten habe, und kommt zum Schluß, er müsse dies in anti-
eine Sache, während allzu großes Raffinement sie verdächtig mache;
athenischer Absicht getan haben, da er es aus Athenerfreundlichkeit
vgl. Dem. 22, 5: vüv oi6a oacp6q ÖTL 06toc 6nhoUv pEv 0682 Oixatov 068Ev Gv unmöglich getan haben könne'76.So stellt Sokrates 31 a 7 ff. die Frage,
eineiv EXOL, EEaxariiv 8' 6pä; Z E L ~ ! ~ G E nlOLttwv
~~L xai naghywv n ~ b sExaota
aus welchem Motiv die Tatsache zu erklären sei, daß er den Geld-
to6twv xaxoi~@yov;h6yov;. Entt yhg, & 6 v s ~ e 5'Afiqvaiot, texvitqq toü ~EYELV,
erwerb zugunsien des elenktischen Dienstes vernachlässige, und stellt
oder Deni. 19,201: 068' EE,EL Eiixaiav 068' 6nlijv ~ixaivdnoloyiav o68eyiavi7*. fest, vernunftmäßige Motive ließen sich hierfür nicht beibringen (31
Beide Gedanken, Ablehnung intensiver Vorbereitung und allzu gro- b 7 ) . An dieser Stelle nun verläßt er die geistige Welt der Gerichtsrede
f3en Raffinenients, finden sich auch in der ,Apologie6: O&OL $V o h , und durchbricht ihr Denkschema zugunsten einer philosophischen
&onee Ey& hiyw, 71 TL ofi8Er ahy8Es ~ i p j x a o ~ vGyeis
, 86 pov ~ X O ~ U E nämv
U ~ E
Aussage: er behauptet, da seine Handlungsweise sich nicht auf ver-
t t v dh+#e~av- oij pßvto~CL& Aia, & Civ6ges 'Afiqvaiot, x E x a h l L E n q y E v o V s
nünftige Weise erklären lasse, müsse sie ein übervernünftiges Motiv
ye l6yov;, Gone@oi tofitov, o f i ~ a o irs xai Ov6pauiv o68E xexoopqw6vovs, 8hh'
haben; da er nicht aus menschlichem Antrieb handle, müsse ein gött-
8xo6aeoOe ~ir.3li3 ley6yeva tois E x L t V X o ü rr L v Ov6paolv - niote6w y&g
licher Antrieb vorliegen. Dieser Argumentation liegt die Ansicht zu-
6 i x a t a ~ h a Ui hEyw - xai prbeii; 6p6v xpoo6oxqohtw 3 J . q 17 b 6. Beide
grunde, selbstloser, aufopfernder Dienst an der Aufgabe, die Mit-
Gedanken werden von Sokrates weitergeführt. Für die Gerichtsrede ist menschen auf den Weg zur d e ~ t fzu i bringen (31 b 5), lasse sich nur aus
der Hinweis auf die Ve~dächtigkeitgründlicher Vorhereiliing ein reh- göttlicher Einwirkung erklären.
tiv i~rierheblicliesngoiiistisclies Motiv, dem die zu seiner Eliminiening Wie die ,Apologie6 den Gedanken einer verpflichtenden Kraft der
hestininitt.ri Versiiche, den Anschein des Stegrc4frcdet-i~Iicrvorzubriii- 86ta weiterfülirl, wurde schon dargelegt (s. o. p. 33 ff.). Hinter der 66ta
gen, diircliaiis geiiiäß sind. Wenn diigegen in der ,Apologie6das Steg- steht in der Gerichtsrede nur die Konvention mit ihren Drohungen, in
reifreden konsequent durckgeführt wird, wie aus den zahlreichen der ,Apologie' dagegen die Norm.
Anakoluthen zii ersehen ist. die den Stil der Rede be~limmen"~, so Die Gerichtsrede ist der Uberzeugung, volles Unrecht liege nur da
geschieht dies aiif Griind einer philosophischen Haltung: der Sokrates vor, wo ein Verstoß gegen die Gesetze wissentlich unternommen werde:
der ,Apologie6ist ein hlensch, der nie aufhört, durch denkerische Be- Eotw 84 t b ~SLXEGV Ex6vta na& zbv v6pov Ar. rh. 1368 b 7. Der
TA ßh(rnt~~v
mühung, durch Prüfung seiner selbst und anderer (38 a 5) eine An- Ankläger pflegt darzutun, der Beklagte habe mit voller Absicht ge-
handelt177,der Verteidiger dagegen, die Tat sei unvorsätzlich ge-
17' Vgl. And. 1,s. Dem. 23,83 111; 24, 122; 42, 19. Aesch. 3, 177.
Vgl. Dem. 18,275; 19,201 203; E8,41. S. U. p. 117.
Das E)LxG ist nicht mit Morr, Die Entstehung der platonischen Apologie, Reichen- 1713 Vgl. Ant. 5, 24 37. Ant. or. fr. 1 a col. 1,24; col. 3, 12. And. 2,2. Lys. 20,3; 25, 10.
berg 1929, p. 7, lediglich auf die dialogischen Teile der ,Apologie1zu beziehen. Dem. 19,51.
174 Belege bei Morr 1.c.p.3 5 3 7 . 177 Vgl. Ant. 3 ß 3; 3 ß 6; 4 6 4; 5,92. Lys. 3,42. Anax. C.4.
68 I. Das Verhältnis dsr Apologie zur attischen Gerichtsrede
5. Die Aufhebung einzelner Gedanken der Gerichtsrede ins Philosophische 69

schehen"'. Auch Sokrates betont, wenn er überhaupt gefehlt habe, Bei Abschluß der Bvztzipqa~s beantragt Sokrates eine Geldstrafe
dann wider Wissen und Willen (~XUV,26 a 1; 37 a 5 ) . Aber er deutet gegen sich in Höhe seines gesamten Vermögens. Materielle Einbuße
an, daß es unniöglia'i sel, wissentlich Böses zu tun (25 C 5 ff.), geht ist für die Gerichtsrede der Inbegriff der Schädigung. Sokrates weiß
also von einer gerichtsüblichen Feststellung weiter zu einer philoso- dies und betont, er beantrage diese Strafe deswegen, weil sie in Wahr-
phischen These, zu einem Prinzip seiner Ethik. heit keine Schädigung bedeute (38 a 8). 30 C 6 ff. legt er dar, seine Ver-
Zuweilen stellt de: Gerichtsredner bedauernd fest, die zur Ver- urteilung würde ihn selbst weniger schädigen - in Wahrheit k n n e
fügung stehende Zeit reiche nicht aus, den Sachverhalt erschöpfend er gar nicht geschädigt werden - als die Stadt. Droht der Gerichts-
zii beliand~ln"~. Zeitin:iiigel ist auch insofern zu bedauerii, als das redner mit Schädigung, so denkt er an finanzielle Einbuße, an gött-
Verfließen längerer Zeit eine Abkühlung der Leidenschaften nach sich lichen Fluch und seine verheerenden Folgen, a n Auflösung der Staats-
ziehen und so die lJilduri,c eines richtigeren, sachlichen Urteils erniög- ordnung; Sokrates dagegen nennt eine ganz andere Art der Schädigung:
lichen würde; Ant. 5.86: o: ybe noh?.oi UyWvs~ (wiederholte Verhand- . . . &$iio~ Sv &conzaivatte, d t a zbv AomOv ßiov x a 8 E 6 €oi v z E 5 S~atehoize
lungen) ti ~ikv &h$~ip aihpaxoi E ~ U L ,tf) 6k S~aßohfin o h ~ p ~ & c a t(s.
o ~ 0. 6v 31 a 5 . Durch den Tod des Erweckers würden die Athener aufs neue
p. 17). Ähnlich äußert sich auch Sokrates 37 a 7. Doch geht die ,Apo- in Trägheit verfallen; dies würde in Wahrheit Schiidigung bedeuten.
logie' über die Geriditsrede hinaus: die Zeit, an die sie denkt, ist nicht Hieraus ergibt sich das positive Gegenstück: Evza58a pEv 05%(a 01 EABhv
&E dpiv p j t ~EpavtQ Ep~hhovpq6Ev 6 <P E A o s E I Y ~ LE, d GE ZO i6ig Enauzov
einfach die des rednerischen Vortrags, die Zeit der Besinnung für die
%V EUEQYETE~Vzfiv ~ E Y ~ U TYEGEQYEO~~Y, ? ~ OS kyh (pqp~,Bvta56a a a 36 C 2. Der
Richter, sondern sie ist die Zeit des G~ahCy~a6a~: nEns~apatEyW EnWv E I V ~ L
pqGCva d8lxEiv BvOeWnwv, Bhhd 8pä5 a05t0 06 x ~ i 6 wOhiyov y?ie XQOVOV tihhfi- Nutzen von Sokrates' Wirksamkeit besteht, wie er ausführt, darin,
AOLS S L E L h C Y IL E 9 a (37 a 5 ) . Die ,Apologie' ist ein Versuch des 61a- daß er seine Mitbürger beredet, sich nicht eher um ihre Angelegen-
heiten als um sich selbst, nicht eher uni die Angelegenheiten des
AEyeda~;von weiterer Unrerredung verspricht sich Sokrates eine Ab-
Staates als um diesen selbst zu bekümmern. Sokrates' Sorge für Staat
kehr der Richter von ihren Vorurteilen und eine Hinwendung zur
und Seele erscheint als Inbegriff des Nutzens. Auch seine Verteidigungs-
Wahrheit.
rede ist unter diesem Gesichtspunkt anzuhören: EpyeivazE pot 015 &O~fiBqv
Daß ein Gegenangriff die beste Weise der Verteidigung sei, gehört BpWv, vfi ~ O Q Z I ~ E LE$~ 015 &V hh"yw &hh" & K O ~ E L V xai yke, hS Eyh olpac,
zu den Grundregeln der Gerichtsrede (vgl. Anax. 8 8 , l ff. Sp.; s. o. 13 v 4 a E U B E O L K O ~ O V ~ E S (30 C 2). Sokrates vermittelt also unter Ablehnung
p. 17; 57 f.). Auch Sokrates bedient sich dieser Methode, indem er sei- der in der Gerichtsrede üblichen Vorstellung von Nutzen und Schaden
nerseits den Kläger Jfeletos angreift (24 C 4). E r tut dies jedoch nicht eine neue Wertung, eine neue, philosophische Erfüllung dieser Be-
so sehr in agonistischer Absicht, als vielmehr mit dem Ziel, an seinem griffe.
Gepier seine pliilost>phische Uberzeugung zu verifizieren, daß Uii- Eng mit der Vorstellung vom Nulzen verbunden ist die vom
rechttun auf mangelnder Einsicht beruhe. Im Anschluß an die Meletos- Guten, wahrhaft zu Schätzenden. Auch hier fordert die Auffassung
Elerixis geht er außerdem zum Angriff auf die Richter über, auf die der Gerichtsrede zum Widerspruch heraus. Sokrates nennt 30 d 1
Stadt Athen, auf die bestehenden Staaten überhaupt, und zwar in sei- Dinge, die nach Ansicht der Gericlitsrede als Ubel anzusehen sind
ner philosophischen Mission als Erwecker (30 e 5) ; dieser Angriff - Hinrichtung, Verbannung, Atimie -, um ihnen berichtigend gegen-
findet sein Ziel in der Aufforderung an die Richter, sie selbst sollten überzustellen, was seiner Auffassung nach wirklich ein ubel ist: zu
Elenktiker werden (41 e 1). Eine Umkehrung liegt auch vor, wenn der handeln, w i e der Gegner handelt. Im Hintergrund steht der Ge-
zum Tod verurteilte Sokrztes, anstatt selbst des Trostes zu bedürfen, danke, es sei besser, unrecht zu leiden als unrecht zu tun. 37 b 2 ff. -
seinerseits die Richter ermutigt: &hh&nai dpäq X Q ~d, &v6ess G~xautai, wird noch einmal eine Auseinandersetzung mit der üblichen Ein-
~UEhni6a~ ~ h ~ a ~ rdv ~ 6 8tivatot
s 41 C 8. schätzung gerichtlicher Strafen vorgenommen. Sokrates erwägt im
Im Zusammenhang mit Cer V e r n e i n U n g einer Auffassung der Zuge seiner Antitimesis den Antrag auf Gefängnisstrafe, Geldstrafe,
Gerichtsrede erfolgt eine Umwertung und Neuorientierung in folgen- Verbannung, jeweils mit demselben Ergebnis: jede dieser Strafen
den Fällen: würde eine Beeinträchtigung seiner elenktischen Tätigkeit, mithin ein
x a x h bedeuten, wäre also entgegen der üblichen Auffassung eine viel
V@. Ant. 1.3; 5,26 f.; 2 y 1. Vgl. auch Dem. 21, 42; 23,97.
härtere Strafe als der Tod, von dem er nicht weiß, ob er ein Gut oder
Vgl. Isocr. 16, 11; 18,5L; Dem. 27, 12; 40,38; 41,30; 45, 47; 47,82; 48,86; 53,3;
54,44. Din. 1.31. ein Obel ist (37 b 5 ff .). Auf diese Negation der gerichtsüblichen Auf-
70 I. Das Verhaltnis der Apologie zur attischen Gerichtsrede

fassung folgt die positive Formulierung: zvyx6ve~pEyiatov rlya86v öv


M p h q roiiro, hkirn; Ilpßpas nepi dpezqq rod5 hbyoug noieiufiab (38 a 2 ) .
Nicht die Rettung der physischen Existenz, sondern die Beschiiftigung
mit der Arele erscheint als (i~aß6v.In diesem Zusamn~enhanggebraucht
Sokrates acch den Topos vom nicht mehr lebenswerten Leben. Für
die Vorstellung der Gerichtsrede hört das Leben etwa beim Verlust 11. D A S V E R I - I Ä L T N I S D E R A P O L O G I E
eines nahestehenden Menscheii (Eni re y-ip z i rolrov Glarpfiog@ &ßhw Z U M PLATONISCHEN GESAMTWERK
h c 6 ~ e v o vroii ßiov 8~6EwAnt. 3 ß 10) oder des Ansehens bei den Men-
schen (ßios 66 06 ß~ods n i o r ~ w sE u r ~ ~ q p E vGorg.
y Pal. 21)18'auf, lebens-
wert zu sein. Demgegenüber erklärt Sokrates 38 a 5: 6 62 &ve&taaros 1. D e r g ö t t l i c h e A u f t r a g
ßios 04 ß w b ; avfiehnv. Nicht auf äußerlicZien Gütern, sondern auf der
sittlichen Exetasis bendit der Wert des Lebens. Der platonische Sokrates schätzt Berufung auf Autoritäten nicht,
Nachdem gezeigt wnrde, wie die .Apologie' von volkstün~lich- nicht in1 Gespräch1, schon gar nicht vor Gericht. „Denn auch dort", so
gerichtsiiblichen Vorstelliingen zur Entwickliing philosophischer Ge- sagt er im ,Gorgias6 (47 1e 2 ) , ,,glauben die einen die andern zu wider-
danken gelangt, miiß noch ein Fall erwihnt werden, wo umgekehrt legen, wenn sie für die Worte, die sie sagen, viele angesehene Zeugen
eine philosophische Aussage in gerichtsmäßige Formen gekleidet wird. bieten . . . Dieses Beweisverfahren ist jedoch hinsichtlich der Wahrheit
33 a b beschäftigt sich Sokrates mit der Frage, ob man ihn für die sitt- überhaupt nichts wert."
liche Entwicklung der avv6vtes, seiner „Schüleru, verantwortlich In der ,Apologiec nun geschieht das Merkwürdige: Sokrates beruft
machen kiinli~;er verneint dies: xai TOVL(IV hy& ELTE tiq ~ ~ q u t by qi y v ~ ~ a ~ sich auf einen Gott als einen verläßlichen und den Athenern annehm-
"TE pil. o l x äv R i x a i q r l v airiav U n i ~ o i p ~
&V, pjrr Uncox6pqv pq6~vJpq6iv baren Zeugen fiir seine angeblich so götterfeindliche ,,Weisheitu, auf
n h w ~ ep6091irxwjre iliiOiEa (33 b 3 ) . Juristisch will diese Argumentation Apollon, also einen Gott, den der staatliche Kult sanktionierte; er
nicht recht einleuchten. Wenn Sokrates in keinem Vertragsverhältnis sollte erklärt haben, niemand sei weiser als Sokrates.
zu seinen Schülern steht, ist damit sein Freisein von Verantwortung „Gänzlich ohne Falsch ist also das Daimonische und Göttliche", sagt
noch längst nicht erwiesen; es gibt außerhalb des Lehrer-Schüler-Ver- Sokrates im ,Staatb (382 e 6), und in der ,Apologieb selbst, von Apoll:
häitnisses hlüglichkeiten genug, auf Gcs~rächspartnereinzuwirken. „Er lügt ja doch wohl nicht, denn das ist ihm nicht erlaubt" (BLplg
Geht man dqgegen von der philosophisch begründeten Vorstellung 21 b 6). Ein göttliches Zeugnis müßte also das Sicherste sein, was sich
aus, Sokrates sei lediglich der potentielle Erwecker seiner Gesprächs- denken läßt '. Demgegenüber überrascht es, da8 Sokrates selbst seiner
partner (30 e 5 ) , so leuchtet ein, daß er ni~chtdafür verantwortlich zu eigenen Darstellung zufolge zunächst keineswegs geneigt war, das
machen ist, wie sich die Erweckten und die ob des sokratischen Sporns göttliche Zeugnis als gültig anzuerkennen, daß er, freilich vergeblich,
Haßerfiillten weiterhin entwickelnls'. Die juristische Argumentation sich abmühte, dem Gott nachzuweisen, er irre, also eben den autori-
ist also nur a l Ausdruck
~ einer philosophischen Anschauung zu ver- tativen Charakter der göttlichen Aussage anfocht. Weiterhin muß zu
stehen. denken geben, daß bei sonstiger Berufung auf göttliche Potenzen im
Zusaninicnfasserid ist festzustellen: Die ,Apologie' setzt der Gericlits- platonischen Werk etwas eigentümlich Ironisches abwaltet'. Im ,Char-
rede eine gedankliche Neiiorientierii~igentgegen. Ausgehend 170mge-
richtsübliclien Denken gelangt sie zu necen, wesenhaft philosophi- Vgl. Theaet. 171 d 3; Phaedr. 270 C 6; Phil. 28 e 7; legg. 638 d 3; P. Friedländer
schen Anscliauiingeii, indem sie entweder Gedanken der Gerichtsrede Platon Pi954 p. 96; Eduard Spranger, Sokrates, ,Die Antike' 1931 p. 278: ,Dies
ist im Grunde das Neue: Nicht Autorität und Tradition, nicht Lehrer und Er-
übernimmt und umbiegt oder sie ablehnt und ihnen kontrastierend zieher machen dem Menschen eine Gewißheit. Sondern er muß sie selbst auf-
ihre Auffassung entgegenstellt. Hierin liegt der Kern ,des Verhältnisses bringen."
der ,ApologieLzur gerichtlichen Beredsamkeit: Platon unternimmt in 2 Vgl. legg. 641 d 6: .Zu bekräftigen, daß sich dies in Wahrheit so verhalte, wäh-
der .Apologiez eine pliilosophische Auseinandersetzung mit dem Geist rend viele anderer Meinung sind, ist Sache Gottes."
der Gerichtsrede. 3 Zahlreiche Belege für Berufung auf Autoritäten bei Friedrich Pfister, Die Auto-
-- rität der göttlichen Oflenbarung, Glauben und Wissen bei Platon, Würzburger
Jahrbücher 1947 176-188. Jedoch ist die Grundtendenz des Aufsatzes verfehlt.
'so Vgl. Gorg. P d . 20. Lys. 6: 28. Dem. 21, 120; 23, 136. '81 Vgl. U. P. 105. .
,Die Orphik.. hat in die Philosophie Platons eine außerwissenschaftliche
72 11. Dss Terhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 1. Der göttliche Auftrag 73

mides' beruft sich der .,Arztu Sokrates für seine ,,BesprechungK des ,TheaitetL,wonach der Gott Sokrates zur Mäeutik, zum Leisten geisti-
jungen Chxniides auf den thrakischen Gottkönig Zalmoxis (156 d 4). ger Geburtshilfe nötigt, ja zwingt (Theaet. 150 C 7). Damit wird auch
Iin selben Dialog erklärt der junge Rritias, der spätere Tyrann, der Sokrates' Dienst lebenumspannend und total. E r m U ß philosophieren
delphische Colt wolle mit dem Gruß ,erkenne dich selbst" soviel saaen
. .
wie „sei besonnen" - eine platonische Grundforderung (164 d 3 ff .,.) . und prüfen, sich und andere, wenn sein Leben einen Sinn haben soll
(28 e 5). Aber das gilt nicht nur von ihm, sondern von allen: ein Leben
Und iin ,Phaidrcisi stiitzt Sokrates seine die scliriftliche Mitteilungs- ohne Prüfung ist nicht lebenswert (38 a 5).
form entwertenden Ausführungen acf das Urteil des ägyptischen Gott- Dies also ist aus dem schlichten Orakel geworden, es sei niemand
königs Amman; er erklärt, nur auf den Inhalt von dessen Urteil weiser als Sokrates; aus dem einfachen Pflänzchen ist ein mächtiger
komme es an, kgt jedoch gerade damit die Frage nahe, warum dieses Baum emporgewachsen. Eine eigentümliche göttliche Ironie scheint in
Urteil dann ni&l ohne Berufung auf diese höhere Instanz mitgeleilt diesem Vorgang zu liegen. Wollen wir versuchen, ihrem Geheimnis
wird (275 b 7 f f . ) . So müssen denn Zweifel an dem Sinn der Berufung näherzukommen, so müssen wir zunächst die „g ö t t 1i C h e n" Z ü g e
auf Apoll warb werden. Entliält diese 13einiiliung einer Autorität in Sokrates' Gestalt betrachten, seine A u f f a s s U n g V o m G ö t t e r -
ironische Ziige? Oder ist sie g?r ,,nur" ironisch4? g l a u b e n und von der g ö t t l i c h e n V o r s e h u n g .
Es ist ferner 211 l)eachten, wie dieses Orakel wirkt und wozu es sicli 1. Als markantester ,,g ö t t 1i c h e r" Z U g tritt uns in Sokrates das
entfaltet. Am Anfang steht jener Spruch des Gottes, niemand sei weiser Daimonion5, das „Dämonischec', entgegen. Die Unbestimmtheit der
als Sokrates; ihm antwortet Sokrates mit selbständigem Forschen, das Bezeichnung weist auf die der Sache hin; man weiß nicht, „von Wannen
den Zweck hat, die Unrichtigkeit der Aussage des Gottes zu erweiseil es kommt und wohin es fährt" ', es kommt aus geheimnisvoller Ferne.
"21C 1 22 a 7 ) . Nun erhält beides, der göttliche Spruch und die ihm Darin liegt schon das Zweite: es kommt von außen, es „wird zuteil",
antwortende Tätigkeit des Sokrates. einen 13edeutungszuwachs. Es es ,,geschieht" an einem (cpovfi zt.5 y~yvopEvq31 d 3 ) . Mithin steht es in
zeigt sicli iiäm:icli, ddaS der Gott mit seinem Orakel sich nicht nur an genauem logischem Gegensatz zum sokratischen Selbstfinden, zum
Sokrates wandte, sondern an alle Menschen: er will ihre Auffassung Rechenschaft-Geben und -Empfangen7. Und schließlich: es wird in
über ihr Wissen richt;gstellen (23b!. Dem entspricht auf Sokrates' direkte Beziehung zum Gott gesetzt. Das „Dämonische" ist zugleich
Seite das Bemlihen, die eigene Erkenntnis über den Charakter des ein „Göttliches" (31 c 8), ist „das Zeichen des Gottes" (40 b i).
Wissens der Gepr-jften auch diesen selbst zu vermitteln; zugleich wird Fragen wir, was die Leistung dieser göttlichen Stimme sei, so erhal-
seine Tätigkeit, bisher ein Forschen auf eigene Hand, anders akzen- ten wir Antwort von der ,Apologie6selbst. Zweimal kommt Sokrates
tuiert: da sie einer Absicht des Gottes dient, erscheint sie als Gottes- auf die Folgen der Warnung durchs Daimonion zu sprechen. Das eine
eienst (BFoU iateeia 23 c 1). Schließlich erfährt der Sinn des Orakels Mal stellt er fest, es habe ihm und andern „NutzenL'gebracht (31 d 8) ;
cocli eine weitere Vertiefung: nicht nur Prüfung und Richtigstellung das andere Mal fällt das entscheidende Wort: Olya66v. Durch ihr Aus-
tezweckt der Gotc, sondern Erweckung; Athen soll aufgerüttelt, der bleiben will ihm die göttliche Stimme bedeuten: seine Handlungsweise
ganze Mensch erfnßt werden; so will und befiehlt es der Gott; Sokrates vor Gericht war eine gute, der Tod selbst ist ein Gut (40 b 7 C 3).
ist sein Werkzeug (28 e 5 30 e), entsprechend der Darstellung im t Dieses allgemeine Gute ist es auch, worauf jener ,,Nutzen" beruht.
I Wofern es nun angeht, von der Wirkung auf die Ursache zu schließen,
P--

Autoritiit einqe2iih-t. auf die der Philosoph sich in entscheidenden Fragen be-
ruft, um d11rc.hden Hinweis auf ein autoritatives Buch, auf eine göttliche Offen-
dürfen wir in vorläufiger Hypothese sagen: der Gott der ,ApologieGist
barung, eine Lösung und Entscheidung herbeizuführen, die eigentlich der auto- ', ein guter Gott, oder gar: Gott ist das Gute.
nomen Verninft nikommt" (178). Pfister verkennt das Spezifische an diesen
autoritativen Ex-scheidungen, sei es nun Ironie, oder, wie in den ,Gesetzenc, die -
Die Characteristica des Daimonions es mahnt immer nur ab, es ist das EEW%
bewußte Einste'lling auf Vertreter der .volkstümlichen Tugend". crqpe"~ - finden sich gerade so in den späteren platonischen Schriften. Belege
4 Heinrich hfaier Sokrates 1913. p. 113: „Der große Spötter hat sich schwerlich bei H. Maier 1.c.p. 455. .Es sagt ihm nie, was er tun, nur was er meiden soll"
den Spaß entgehen lassen. seinen lieben Landsleuten vorzuhalten: seht, euer ver- H. Gundert, Platon und das Daimonion des Sokrates, ,Das Gymnasium' LXI
ruchter Religionsfrevler e-freut sich des besonderen Wohlwollens des delphischen 1954, 517.
Gottes." Erik Wolff, Griechisches Rechtsdenken 111 1, 28: „Diese ,göttliche Wahr- Zitiert nach Ev. Joh. 3 , 8 bei Friedländer 12 35; dort auch der folgende Gedanke.
heit' des r@c.uoqeiv bedurfte a3er für Sokrates selbst keiner Bestätigung durch .Diese Stimme ist durchaus verschieden von seinem Logos: sie kommt aus kei-
ein Orakel, weil sie durch den (dem voijg des Denkers innewohnenden) göttlichen ner Frage und sie ist keine Vorahnung einer Erkenntnis oder Entscheidung, zu
Abyo; genügend leg-timiert war." der er von sich aus bereit wäre" H. Gundert 1.c.p. 528.
54 11. Das Vertäitnis der Apologie zam platonischen Gesamtwerk 1. Der göttliche Auftrag

Es ist vorhin gesagt worden, selbstandiges Untersuchen und Emp- ziellem Gewinn. ,,Und wenn ich Gewinn davon hätte und um Lohn
fangen einer Weisung durchs Daimo~ionbilde einen Gegensatz. Nach- dieses Mahnen betriebe, hätte ich doch wenigstens einen verilünftigen
dem nun das Gute ins Blickfeld getreten ist, erscheint dieser Gegensatz Grund" (&ov Gv ziva %ov" 31 b 5). Nun hat Sokrates, wie allgemein
nicht mehr als unüberbrückbar. Hören auf den Logos und Hören aufs zugestanden wird, nie von einem seiner ,,Schüler" Geld genommen
Daimonion führt gLeichermaßen zum Tun des Guten, Richtigen. Also (31b 7) ; also ist klar, daß er eine Gabe des Gottes an die Stadt ist
ist es das Gute, was in beiden Fällen wirksam wird. „Das Daimonion t a 8),da ja sein Verhalten nicht dem mensch-
z0.U 6eo.U 7% x b h a 6 ~ 6 b a 6 u31
ist der Ausdruck der Macht des Guten Uber den Willen im besonderen lichen entspricht (06 Y&@ ttv@eonivcl>Eocxe 31 b 1). Nicht vernünftiges,
Falle" (Stenzel)'; gleichermaßen wirkt das Gute auch im Logos. „Laß nicht menschliches Verhalten - sollte dahinter nicht am Ende der Ge-
uns demgemäß handeln", sagt Sokrltes mit 13ezug auf den „besten danke des „giittlichen Wahnsinns" stehen, der im ,Phaidrosb aus-
Logos" (Crito 4 6 b 5 ) , .,da uns der Gott so leitet" '. geführt wird? Dort heißt es vom Philosophen: „Wenn er dann aus
Damit wird klar, warum Sokrates die Stimme des Daimonions an den menschlichen Beschäftigungen" heraustritt und beim Göttlichen
beiden Stellen, wo er von einer solche^ berichtet, nicht als gegeben hin- weilt, wird er von den Leuten getadelt, als wäre er verrückt; denn daß
nimmt, sonderii, m:t Hilfe des Logos, auf die rational iaßbaren Ur- er gotlbegeistert ist, entgeht den Leuten" (249 C 8). Gewiß, im ,,Phai-
sachen der Sti~niiiereflektiert (31 d 40 b 6 ft'.). Und klar wird vor dros" ist von enthusiastischer Schau, in der ,ApologieLvon ,enthu-
allem, warum Sokrates sich nicht bei dem Orakel Apolls beruhigen siastischer' Tätigkeit die Redei3, aber beiden Stellen ist gemeinsam,
kann, sondern, scheinbar den Gott iii Frage stellend, die Richtigkeit daß die Vernachlässigung irdisch-vernünftiger Beschäftigung als Folge
oder Unrichtigkeit des Spruchs selbstrindig zu ermitteln sucht. Orakel der Gotterfülltheit erscheint, der Hingabe an den Gott 14. Und nun das
und Logos gehen aus von derselber Instanz; also schöpft Sokrates Entscheidende: „Die größten Güter (T&ykyiota r o v Uya8Gv) werden uns
seine Möglichkeiten, sich ihr zu nähern, nur dann vollständig aus, zuteil durch Mania, soweit sie gottgegeben ist'' ( k i q pEvtoi 6bmt 6~6opEvq
wenn er sich nicht mit den1 Orakel begnügt, sondern den mühseligen Pliaedr. 2 4 4 a 6). Die größten Güter - dies ist es, was der ,ApologieL
Weg selbständiger Untersuchung einschlägt; was als Beleidigung der zufolge in Sokrates' enthusiastischer Tätigkeit beschlossen liegt, für
Gottheit erschien, erweist sich als Akt der Frömmigkeit - wenn anders ihn und andere. „Ich glaube, es ist euch nie ein größeres Gut zuteil ge-
jene Instanz Gott, Gott aber in irgendwelcher Weise mit dem Guten worden in der Stadt als mein Dienst am Gott" (30 a 5). „Das größte
identisch ist, das der Logos sucht. Gut für den Menschen ist dies, jeden Tag über die ,Tugendb zu
Auf einen weiteren „göttlichenu Zug in Sokrates führt die Bewer- sprechen und das andere, worüber ihr mich Unterredungen führen
tung der Armut durch die ,Apologiec.Sokrates ist durch seine Aufgabe und mich und andere prüfen hört" ( 3 8 a 2). Der göttliche Wahnsinn,
der hfenschenprüfung so ausgefüllt, daß er für sein Hauswesen (oixeiu) also letztlich der Gott, vermittelt die höchsten Güter, das wahre Gut.
keine Zeit hat und in tausendfacher Pcrniut lebt ( 2 3 b 9). Dies ist dem 2. Licht auf das göttliche Geheimnis wirft nicht minder die A u f -
,Sophistes6 zufolge bezeichnend für den Philosophen überhaupt, für f a s s u n g v o m G ö t t e r g l a u b e n , die Sokrates in der ,Apologie4
den „SchwätzerK,wie es ironisch heifat: denn „aus Freude an der Be- entwickelt. Zunächst läßt er es so scheinen, als stünde er durchaus auf
schäftigiing mit der:: rtigem vernachlsssigt er das eigene Hauswesen" dem Boden der volkstümlichen Religiosität. „Niemand, der nach den
(oimia, 2 2 5 d T)"'. In der .Apologie1 wird aus der Tatsache, daß Sokra- Gesetzen an das Dasein der Götter glaubt, hat je mit Wissen und Wil-
ies uni seines Tuns willen bittere Armut auf sich nehme, auf die Gött-
lichkeit seiner Mission geschlossen. Das Neue und Besondere liegt 11 ..
Formale Parallele legg. 927 d 5: EE phv. , EI& w a MYOV..:VOV 8e. ..
12 Vgl. Friedländer 11' 493.
weniger im Ergebnis als in den Grundlagen des Schlusses. Voraus- 13 J. Stenzel, Literarische Form und philosophischer Gehalt des platonischen Dia-
setzung ist: wer sich menschlich-vernünftig betätigt, strebt nach finan- loges, 1916, p. 14, sieht in der Mania des ,PhaidrosCetwas der ,ApologieGgegen-
über gänzlich Neues: ,Platon tritt damit (SC. mit der ,Lehre6 von der guten
Studien zur Entwickl~n; der platonischen D~alektikvon Sokrates zu Aristoteles Mania) in den stärksten Gegensatz zur eigentlichen Sokratik, wie er sie selbst in
1931e, 147 f.. .
der Apologie und im Ion dargestellt hatte.. Sokratisch ist die stärkste Bewußt-
* ,Daß ihm jedoch dies? Stimme zuteil wird und daß sie jedesmal mit dem über- heit, ist die Fähigkeit des Rechenschaftgebens, ?&OV 6~66vat,die in der Apo-
einstimmt, was der Auftrag seines Philoso3hierens ist, das weist freilich darauf, logie ausdrücklich auch von den Dichtern gefordert wird." Aber eben die ,Apo-
da6 auch sein menschlicher Logos aus einem Ursprung kommt, der sonst ver- logie' zeigt, daß beides, pavia und koyov 6t66va~,nicht unvereinbar ist.
borgen bleibt" EI. Gunderf 1.c.p. 527, 14 Vgl. auch symp. 218 b 3, wo Alkibiades sagt: "Alle (zumal Sokrates) habt ihr
l0 Vgl. Friedländer 1111930 p. 514. teilgehabt a n der philosophischen Begeisterung und Raserei."
76 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 1. Der göttliche Auftrag

fen ein gottloses Werk getar noch auch ein ungesetzliches Wort von
sich gegeben", sagt Platon in den ,Gesetzen6 (885 b 4 ) . So versichert stimmung. Im Anfang der Verteidigungsrede - „mit den Göttern muß
der Sokrates der ,Apalqie6. sein Tun sei fromm und er glaube an man ja jeweils sein Reden und Denken anfangen" (ep. V111 353 a) -
Götter. Indessen hat diese Versicherung einen ironischen Untertonis. sagt Sokrates im Hinblick auf den Verlauf des Prozesses: ,,Dies mag
„Ich glaube an Gütter, meine Mitbürger, wie keiner meiner Anklager" seinen Gang nehmen, wie es dem Gott lieb ist" (19 a 6). Aber auch tätig
(35 d 6)16- was soll das heißen, da man doch unterstellen darf, die verteidigt er seine höhere Bestimmung gegen den Versuch, ihn ins
Ankläger glariben an Giitter im Sinne des Staatskultes? Ferner: Was Menschliche herabzuziehen: „Ich werde dem Gott mehr als euch ge-
hat der eigerLtümlichschillernde Wechsel zwischen der Bezeichnung horchen" (29 d 3 ) , ein Gedanke, den der ,Phaidros6 in allgemeinerer
„(der) Gott" und „die Gatter" zu bedeuten"? Zum offenen Spott wird und um eine Nuance bereicherter Wendung wiederholt: ,,Nicht danach
die Ironie schließlich, wo Sokrates am Ende der Meletos-Elenxis aus soll trachten, wer Verstand ( ~ 0 % )hat, daß er seinen Mitknechten ge-
seinem - noch dazuhin niißverstandenen - Daimonion auf seinen falle, sondern den I-Ierrn, die g U t s i n d und von Guten abstammenu
(273 e 8).
Glauben an die StaatsgFtfer schließt. Von einen1 Glauben an die Götter
Atheiis kann also doch wohl nur in sehr bedingtem Sinn die Rede Freisein von Todesfurcht als Konsequenz des Gottes g 1a U b e n s -
das ist ein Novum. Nicht minder neuartig ist die damit verbundene
sein1'. Aber was hat es dann auf sich mit ,,den Göttern", mit „dem
Forderung, auch dem Drohen einer ganzen Welt zu widerstehen und
Gott"?
den Tod auf sich zu nehmen, wenn die göttliche Bestimmung es er-
Nirgends wird bei Platon so eindringlich wie in der ,Apologie6
fordert ". Wie muß ein Gott sein, der denen, die an ihn „glauben", ver-
26 e 1 ff. und 35 c 5 ff.) betont, Frömmigkeit sei unlöslich verbunden
bürgt, daß der Tod kein Ubel ist?
mit dem Tun des Rerhtm, Guten.
Daß Unwissenheit in den bedeutendsten Dingen und fälschliche An-
28 e 1 [I'. Eiilirt Sokrnies aus, er sei vom Gott auf einen Posten ge-
maßung eines Wissens zum Verhängnisvollsten gehöre, was es gibt,
stellt; wie kiirinte er diesen verlassen! „Das wäre furchtbar, und in
wird Platon nicht müde, zu betonen4'. Bezeichnend ist, daß auch diese
Wahrheit wiirde man mich dann mit Recht vor Gericht stellen, weil
Anmaßung den Charakter eines Frevels gegen den Gott annimmt.
ich nicht an das Dasein von Göttern glaube, da ich dem Orakel un-
„Ich glaubte aus nächster Nähe eine Stimme zu hören, die mir ver-
gehorsnrn hin und den Tod fiirchte und mich zueise dünke, ohne es zu
bietet, wegzugehen, ehe ich mich entsühnt hätte, als ein Frevler gegen
sein." Positiv gewandt: an GGtter gIauben bedeutete G e h o r s a m den
die Gottheit" %, sagt Sokrates im ,Phaidroscnach seiner ersten, so „un-
g ö t t l i c h e n B e f e h l e n gegenüber, F r e i s e i n v o n T o d e s - wahren" Rede (242 C 1). Und im ,Philebosc: „In welches der genann-
f u r c h t und U n t e r l a s s e n v o n O b e r g r i f f e n a u f f r e m d e ten Geschlechter aber, Protarchos und Philebos, müssen wir Einsicht,
Wissensgebiete. Wissen und Vernunft stellen, wenn wir uns nicht gegen Gott versün-
Gehorsrrrti gegenüber dem Orakel - daliinler steht der allgemeine digen wollen" (06%Bv droeßoiyev 28 a 4 ) ? Nur richtige Reden sind gott-
Gedanke, der Mensch sei in eine zir&S gestellt, habe eine persönliche
gefällig. „Wir müssen Götter und Göttinnen anrufen und sie darum
Bestimmung'" S ~ k r a t e sunterwirft sich tätig und leidend dieser Re- bitten, daß alles, was wir sagen, vor allem nach ihrem Sinn, sodann
'6 V@. die ironisrh-respcktroUe Auslassung über die Volks-Götter Tim. 40 d G so-
auch, daß es in Ubereinstimmung mit sich selbst sei" (Tim. 27 C 6).
wie I'linedr. 23G r G. Und was ist nach dem Sinn der Götter (xazdr voih kxsivo~g)?
l5 ,Deutlich scliitnmert dnrch die platonisclie Darstellung der überempirische Cha- Nun zu 35 C 5. Sokrates hat ausgeführt, das Verhalten, das die Kich-
rakter des Siltlichen durch Und darin liegt endlich der Zusammenhang der sokra- ter von ihm erwarteten, entspreche weder dem xahh noch dem Gixa~ov
tischen Ethik mit einer hnchst gereinigten, ausschließlich auf sittlichen Grund noch der E ~ < J @und E L fährt
~, fort: ,,Verlangt also nicht von mir, meine
gestellten Religion. ,Ich glaube s n Götter wie keiner meiner Ankläger', darf So-
krates erklären. Nämlich er glaubt an die Gottheit als den Ausdruck für die
Mitbürger, daß ich Dinge an euch tue, die ich weder für gut noch für
Realität des S ttlichen.' P. Nato-, Platos Ideenlehre 1922e, p. 9. gerecht noch f ü r fromm halte, zumal ich ja doch, beim Zeus, der Gott-
l i ' . ~ e r Gott": 19 a 6; 20 e 7 ; 21 b 3 ; 23 a 5; 23 b 5; 26 e 3; 2 8 c 5 ; 2 8 e 4 ; 2 9 b 6 ;
29 d 3; 30 d 7; 31 a 6; 33 C 5; 35 d 7. ,Die Götter": 18 C 3; 23 d 6; 24 b 9; 26 b 20 ,,Einen Gott, der so dem Einzelnen gebietet, dem Drängen und Drohen einer gan-
4~2d2;29a3;35d3dj;Pld2. zen Welt zu widerstehen, hat die griechische Religion vor Sokrates nicht auf-
zuweisen" W. Jaeger, Paideia I1 1944, 129.
l V ' g I . 11. hIaier 1.c.p 443; J. hforr 1.c.p. 10; F. Solmsen, Plato's Theology, 1942,
p. 70. z1 S. U. p. 106.
Fälscl~licheAnmaßung eines Wissens führt zu unrichtiger Auffassung über die
Vgl. Friedländer IP 19.
Götter, ja zu den schrecklichsten Religionsfreveln, legg. 880 e 6 886 b 7.
f8 11 Das Verhältnis der Apologie z u m platonischen Gesanltwerk 1. Der göttliche Auftrag 79

losigkeit angeklagt werde von diesem hleletos. Mit aller Deutliclikeit schwer, euch und die hiesigen Herrn zu verlassen, da ich glaube, ich
würde ich, x ~ f e r nich euch beredete und durch Bitten nötigte, obgleich werde dort nicht weniger gute Herrn (0;ya6oi 6 ~ a x 6 t a 6 und ) ~ ~ Gefährten
ihr doch geschworen habt, euch lehren, nicht an das Dasein von Göt- finden als hier (69 d 7), und fährt fort: „Den Leuten scheint das frei-
tern zu @ i t n ~ b eund
~ i recht eigentlich durch meine Verleidigong iiiidi lich u ~ z g l « u b l i c l i Sokr:ites
.~~~ hat also diirch die Auslese geeigneter
anklagerl, da13 ich nicht an Götter glaube." Ari die Götter glaul,en und Momente der volkstümlichen Hadesvorstellungen und durch die
das Fromme, Gerechte, Gute tun ist also eins. Das Gute zu tu11 ist aber Pointierung auf das Gute hin diese Vorstellungen soweit verwandelt,
nur der inictande, der s e h t gut ist. Gutsein wird somit zur Vorbedin- daß er sagen kann, für den Guten gebe es auch im Tode kein Obel
gung richtigen Gottesdienstes irn Sinn der ,Gesetze6: „Für den Guten (apol. 41 d 1 ) . Eine tiefe Kluft trennt ihn von der volkstümlichen Vor-
ist Opfern sowie immerwährender Verkehr mit den Göttern durch stellung des klagenden Achill im Schattenreich (resp. 386 c 5)'".
Gebete und Weihgeschenke und jeglichen Gottesdienst das Schönste 3. Schließlich: Wie erscheint Gott in Sokrates' V o r s e h U n g s -
und Beste und Förderlicfiste zum glückseligen Leben, wie es denn auch g 1 a U b e n ? Zunächst ist festzustellen, daß Gott intensiv Sokrates'
ihm ganz besmders angemessen ist, wogegen für die Röseii von alle- Willen zu bestimmen versucht. Er gibt seine Absicht kund durch
dem d:is Gc<cnlCil ziitrill't" (7 1 0 d 6)". Wircieriiiii: wie iiiiiW eiri Gott Or¿ilrelso- darunter ist außer dem Spruch der Pythia auch das Dai-
sein, dem nur drr Gute dienen kann und dem zu dienen gleichbedeu- monion (4 oiw6via POL p a m x f i 40 a 4) zu verstehen - sowie durch
tend ist mit Gerechtigkeit, Fröniniigkeit, Gut-Sein2*,kurz: mit dem Träume (Ex kavtoiov x a i Bvvxviwv 33 C 5). Ein Trauni sagt Sokrates im
Haben und Ausüben der Arete? ,Il;ritonGden Zeitpunkt seines Todes an (44 a ) , Träume sind es auch,
Sokrat~s''Ibrstellung vom Götterglauben berührt auch die volks- deni ,PhaidonCzufolge (G0 e), durch die der Gott Sokrates immer wie-
tiunlicheri Arisicliten über den Hadess; sie erfdiren, von ihm wieder- der befiehlt, „Musik6' zu treiben. Der Gott wendet sich außerdem an
gegeben, ijii4:i_rnierkteine bedeutsame Veränderung. Sokrates wird, Sokrates „auf jegliche Weise, auf die überhaupt eine göttliche Zu-
wenn der Volksglaube recht hat, in1 Wades die wahrhaft gerechten teilung ( 6 ~ i poiea)
a dem Menschen etwas zu tun befiehlt" (apol. 33 C 6)".
Richter finden - schon das bedeutet nach den Erfahrungen, die er hier 6oia voiea - mit dieser geheimnisvoll unbestimmten Wendung be-
mit den vrrrgeblichen Richtern gemacht hat, ein Labsalz6.Außerdem zeichnet Platon das göttliche Wirken, die ,,Fügung" 32. ~ E O Vp o i ~ a ,6 ~ i a
wird er, da aiie Toten dart versammelt sind, auch die größten unter %fix71ist es, was dem einzelnen und den Staaten ,,Rettung" bringt (resp.
den Heroen mid hleiischen, diese auf ihr Wissen und Nicht-Wissen 492 e 6; ep. V111 353 b 4) ; sie bringt auch Imponderabilien wie den
pmfen k h n e n - ein unausdenkliches Glück (40 e ff .) . Bezeichnend x a ~ 6 5(ep. V11 327 e 3 ) . In alledem erscheint die 6oia poiea als ,,der Aus-
ist die Ausm~f71der Züge, die der Hades hier trägt. Alles, was sittlich druck einer religiösen Deutung von Erfahrungen, deren Paradoxie
anfechtbar wRre. fehlt, wie es der „Stnat" fordert (111 R86:1 ff.) irii nnd hiiherer Sinn glcidi s ~ n r krinpfiiridrn wird" (,Jneger)8a.So hnt
IIiril)li& tf:ir:ri~l', dir0 die Giiller - und :rucli über deni liades walten
Götter - nie in ungünstigem Lichte dastehen sollen, sondern vielmehr, ,,Damit ist gesagt, daß der feindliche Gegensatz zwischen hier und dort, wie die
selbst gut, als Verursacher ausschließlich des Guten (resp. 379 b C). Im gewöhnliche Meinung ihn setzt, aufgehoben wird in der Herrschaft der ,guten
,Phnidnn6srt# Sokrates g,mz in1 Sinne der ,Apologiec: „Dies also ist es, Götter' über beide Bereiche" Friedländer 11' 322.
28 Die von Ast herrührende, von Burnet aufgenommene Streichung der Stelle ist zu
mein Siniiiiiris und Iiebes. was ich zu ~iieinerVerteidigung zu sagen tilgen.
h3he hi~isiclitliclimeiner Ä~~ßeruiig, es falle mir billigerweise nicht 28 Zum Kontrast volkstümlicher und platonischer Göttervorstellung vgl. Solmsen
..
1.c.p. 70 ff
" Vgl. Fried h d e r 111 665. Zum Orakel als Äußerung eines Gottes vgl. Phaedo 111 b 8, zum Orakel als
Verbindung ces 6amv niit Gixaiov und &yai)6v in1 ,Kriton" 54 b 5. Vgl. auch innerer Stimme vgl. legg. 792 d 1.
Friedländer IIL 163; Horneffer 1.c.p. 74; Stenze1 Studien p. 163; p. 166: ,,Platon hat Zur göttlichen Eingebung vgl. resp. 499 b 7; legg. 804 a 4 834 e 7.
stets den Ton a a d ~der spitzigsten Erörterung so zu halten gewußt, daß ein inner- S"Vie im deutschen Wort Fügung liegt in 9sia poiea sowohl ein aktives wie ein
iicai begründelri Ubergang zu dem ethisch-religiösen Pathos sich ergab, ja viel- passives Moment; 6 ~ i yoiea
a bezeichnet die fügende Macht wie das, was sie her-
leicht wirkt dieses nie stärker, als wo es wie in den letzten Zeilen der Apologie vorbringt und was der einzelne als ,,Schicksalsanteill' hat (z. B. Phaedr. 230 a 3).
aus den so ganz andern Gedankengängen der Gerichtssprache, ja merkwürdiger- Diese Unbestimmtheit und Doppeldeutigkeit des Ausdrucks beruht offenkundig
weise aus ciner unverhohlenen Skepsis der Volksreligion seiner Zeit gegenüber auf Absicht; vgl. die unten zitierte Stelle Phaedo 58 e 5. - Zum Problem der
als innerstrs Wesen des Sokrates leise, doch mit voller Deutlichkeit durchklingt.'' 6 ~ i apoiga vgl. Hellmut Flashar, Der Dialog Ion als Zeugnis platonischer Philo-
Zum Ausblick auf den Hades als traditionellem Motiv vgl. Wolff 1.c.p. 65. sophie, Berlin 1958, p. 54-66.
F'@. Friedlinder 11' 341. 88 Paideia I1 349.
80 11. Das i'erb8llnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 1. Der göttliche Auftrag 81
Phaidon bei dem merkwürdig wohlgeniuteri Sterben des Sokrates das
Gefühl, daß dieser ,auch nicht bei seinem Gang in den Hades ohne Im ,StaatLstehen auch die Worte: „So muß man also bezüglich des ge-
fkia p o i ~ agehe" (Phaedo 58 e 5). In der Bezeichniing 6eia p o I ~ aliegt, rechten Mannes der Meinung sein, daß, mag er nun in Armut geraten
oder in Krankheit oder in ein anderes der gemeinhin für ubel gelten-
da8 das Göttliche eile Macht ist, ihre Anwendung auf ein- den Widerfahrnisse, ihm dies zum Guten ausschlagen wird im Leben
zelne wie auf ganze Völker weist hin auf das Umfassende der gött-
oder nach dem Tod. Denn der wird nicht von den Göttern vernachläs-
lichen Wirksanikeit. Die Ausführiirige~iin1 zehnten Buch der ,Gesetzec
sigt, der sich bemühen will, gerecht zu werden" (613 a 4). Der Anklang
(902 b ff.) iiber Got:es das Kleinste wie das Größte umspannendes
an die ,ApologieList unverkennbar. Beide Gedanken sind hier ver-
M7alten sind letzter, gewaltigster Ausdruck dieses Gedankens.
einigt: daß die göttliche Vorsehung das Gute zum Ziele hat und daß
Worauf das Absehen der göttlichen Leitung geht, ist in der ,Apolo-
die Liebe und Sorge der Götter zumal d e m Guten gilt. Und wieder liegt
gie' deutlich genug gesagt. ,,Euch überlasse ich es und dem Gott, iiber
die Hypothese nahe, der ,,Gottu der ,Apologie6sei ein guter Gott, oder
mich zu richten, wie es für mich und für euch am besten sein wird",
gar: er sei das Gute.
sagt Sokrates am Schluß seiner Verteidigungsrede (35 d 7 ) ; später Ist diese Hypothese richtig, so kann das Prädikat ,,gut6' Gott und
kann er riick1)lirbr:itt fcstslelleii: „So I~eriilitaiicli 111 e i 11 Scliicltsal Mensch gleichermaßeii beigelegt werden. Das würde bedeuten, daß der
nicht auf Lufrill, sondern es ist mir klar. d:iß es nun besser für mich Mensch Gott nahesteht oder doch nahekommen kann.
war, zu sterben und der Geschäfte ledig zu werden" (41 d 3). Gott lenkt Daß dem nach platonischer Auffassung so ist, zeigt die zuletzt an-
alles zum Besten ". Es ist nur eine folgerichtige Fortführung dieses Ge- gezogene Stelle aus dem ,Staat6.Sokrates sagt dort, ähnlich wie in der
dankens, wenn im ,?haidonC eine Welterklärung aufs Gute hin gefor- ,Ap~logie"~,der Gerechte werde nicht von den Göttern vernachlässigt.
dert wird (99 e 5)36,wenn im ,TimaiosLnach dem Vorgang des ,Phai- Glaukon bestätigt dies: ,,Es leuchtet ein, daß ein solcher nicht v o m
don' zwischen den e+-entlicheii Ursachen, dem jeweiligen Endzweck3', G 1e i C h e n vernachlässigt wird" (613b 2 ) . Der gute Mensch ist dem-
und den bloßen Hilfs~usachen,den kamalen Gründen, derer sich jene nach gottgleich oder doch gottähnlich. Die Gottähnlichkeit ist auch der
bedienen, i~iit~rschieden wird (Pliaedo 99 b; 'l'iin. 46 d 7) und wenn Grund, warum Gott Menschen und ihre Handlungen liebt. „Welche
dort festgestellt wird, die Welt sei das Schönste von allen1 Geworde- Handlungsweise ist nun Gott lieb und folgt ihm?" fragt Platon in den
nenS, der Demiurg das Beste von allem Ursächlichen (Tim. 29 a 5). ,Gesetzen6 (716 C 1 ) . „Nur e i n e , wie sie sich auch in einem einzigen
„lst ein gerechter und frommer und durchaus guter Mann nicht gott- alten Wort ausspricht: das Gleiche ist dem Gleichen, sofern es Maß hat,
geliebt?" fragt Sokmtes im ,Philebos6 (39 e 10). Die Antwort steht befreundet, das Maßlose dagegen ist weder miteinander noch auch mit
schon in der ,Apolo3ie': Für den guten Mann gibt es kein Ubel, dem Maßvollen befreundet." „Wer nun dem so beschdenen Gott lieb
nicht im Leben und nicht nach dem Tode, noch auch wird seine Sache werden will, der muß nach Kräften selbst so werden, und nach diesem
von den Giitterri verriachlässigt" (apoi. 41 d 1). Ähnlich äußert sich Satz ist der von uns, der b e s o n n e n ist, mit Gott befreundet, denn
Platon in1 ,Syniposion': ,Dem, der wahre 'l'iigeiid gezeugt und auf- er ist ihm ähnlich." Aber nicht nur auf der Besonnenheit beruht die
gezogen hat, kxnmt es zu, gottgeliebt zu werden" (212 a 5)" und in1 Gottähnlichkeit, sondern auf den gesamten „göttlichen Gütern", wie
,StaatL:„Wir wollen immer den Weg nach oben verfolgen und Gerech- sie legg. 631 b 6 ff. dargelegt werden. Dieser Kernstelle zufolge gibt es
tigkeit ini Bunde mit Einsicht auf jegliche Weise iiben, auf daß wir -
menschliche Güter Gesundheit, Schönheit, Stärke, Reichtum - und
mit uns sel1)st befremdet seien und m i t d e n G ö t t e r n" (621 C 4). göttliche: Einsicht ( C P Q ~ V ~ U L Sdie
), schon erwähnte Besonnenheit, ferner
-
Gerechtigkeit und Tapferkeit. Ober den menschlichen Gütern stehen
54 Vgl. Solmsrn 1.c.p. 149 R.. ,For Plato the Good is by nature creative and dyna- die göttlichen, f ü r die göttlichen ist der Nüs maßgebend (631 d 4).
mic" (1521.
ss Vgl. H. Maier 1.c.p. 438.
Blicken wir von hier auf die ,ApologieLzunick, so zeigt sich, daB in
as Vgl. Friedländer 111 6143. diesen Gedanken die latenten Voraussetzungen der ,Apologie6liegen.
" Zum teleologischen Slcment in der Idee vgl. Stenze1 Studien 9. Sokrates glaubt an die Götter wie keiner seiner Ankläger (35 d 6). In-
,Plato would not thir-b that he understood the Universe unless he could show wiefern? „Was deinen Glauben an Götter betrifft", sagt Platon in den
to what extent and in what fashion the Good was realized in it" Solmsen 1.c.p. ,Gesetzenc (899 d 6), ,,so treibt dich vielleicht eine gewisse Verwandt-
108. schaft mit dem Göttlichen dazu, das Verwandte zu ehren und an sein
$9 Umgekehrt: Den Sch1c:hten hassen die Götter; tgl. Menex. 246 d 6; Gorg. 507 e 3;
resp. 352 L 1 382 e 3; PtiI. 39 e 13. " Vgl. Friedländer 11' 406.
82 11. Das Verhältnis der A2ologie zum platonischen Gesamtwerk
1. Der göttliche Auftrag 83
Dasein zu glauben" ". - Sokrates weiß sich im Dienste des Gottes
(23 C 1 30 a 6). Damit, daß er den einzelnen ihre Unwissenheit nach- liche Sophia erfährt also angesichts der göttlichen Weisheit eine radi-
weist, kommt er dem Gott zu Hilfe (T@ *E@ POT@% 23 b 7)". Warum ist kale Abwertung. Eine ungeheure Distanz tut sich auf zwischen Mensch
der Gottheit am Naehweis dieser Unwissenheit gelegen? Weil sie „die und Gott; die I<ümmerlichkeit des Menschen wird offenbar im Blick
größten Dinge" y i y ~ a t a22 d 7) betrifft, nämlich die „Einsichta auf das göttliche Absolute.
(22 a 6 29 e 1 36 c 7 ) und die Aret6 der Seele überhaupt (20 b 4 Nur einmal hat Platon noch in seinen Werken eine ähnliche Gegen-
29 e 2), also die ,,gkittlichen Güter" der ,Gesetze6; dadurch wird klar, überstellung von Mensch und Gott vorgenommen: in den „Gesetzenu.
daß Sokrates bei seiner „Hilfe für den Gott" das eigene Anliegen der Mitten in einer Erörterung über die Erziehung des Menschen, die doch
Gottheit betreibt. - Schließlich: Sokrates beruhigt sich nicht bei dem wahrhaft als wichtig erscheinen sollte, tut der Athener die erstaunliche
göttlichen Spruch, sondern sicht dessen Richtigkeit oder Falschheit Äußerung: ,,Es sind nun die menschlichen Angelegenheiten ernsten
mit Hilfe des Logos in selbständigem rationalem Bemühen zu erwei- Eifers nicht wert, indessen ist es notwendig, sich um sie zu bemühen;
sen. Den ,Gesetzer:' sufolge gehört der Logos den1 Bereich des Nüs an. dies ist jedoch bedauerlich genug" (legg. 803 b 3). Wie er zu dieser
Inden1 Sokrates durch Mittel des Geistes dem göttlichen Geheimnis, Auffassung kommt, sagt er kurz darauf: ,,Ich behaupte, man müsse
dem pythischen Spruch. nahezukommen sucht 48,bedient er sich eines das Ernsthafte mit Ernst betreiben, was nicht ernsthaft ist, nicht, von
,.göttlichen Gutes" 44, noch mehr: eines Gutes, das noch über den gött- Natur aber sei Gott alles seligen Eifers wert, der Mensch dagegen, wie
lichen Giiterri steht nnd sie in ihrer Giittliclikeit mit bedingt. wir vorhin sagten, nur ein künstliches Spielzeug des Gottes, und dies sei
Bis hierher haben wir versucht, dem Geheimnis des „GottesG der in Wahrheit noch das Beste an ihm." Wie in der ,Apologie6erscheint
,Apologie' niiherziikomrnen durch Untersudiiirig der Reflexe des Gött- der Mensch als nichtig vor Gott. Das bedeutet, daß alles Sinnen und
lichen i n der Pers~nlichkeitdes Sokrates, in seiner Auffassung vom Trachten des Menschen sich auf den Gott konzentrieren müsse. Dies ist
Götterglniiben iinB seiner Beurteilung der göttlichen Vorsehung. Wir es nun eben, was die ,Apologie' im folgenden an Sokrates demonstriert:
er geht ganz auf im Dienste des Gottes, wendet sich an Bürger und
gewannen den Eindruck. ,,GottGsei irgendwie mit dem Guten identisch,
Fremde, forscht und fragt, „hilft dem Gott". ,,Und infolge dieser Be-
und der gute Mensch rückte aahe an die Gottheit heran. Dies wäre
schäftigung habe ich keine Zeit, irgend etwas Bemerkenswertes im
jedoch einseitig, wollten wir nicht auch umgekehrt fragen: wie nimmt
Staatsleben zu leisten oder auch in meinem Hauswesen, sondern ich
sich Sokrates aus im Spiegel Gnttes?
lebe in tausendfältiger Armut wegen des Dienstes am Gott" (23 b 7).
„Jedesmal glauben die Anwesenden", sagt Sokrates (apol. 23 a 3), Der Mensch sei, vom Wissen des Nicht-Wissens abgesehen, gänzlich
„ich sei auf dem Gebiet weise. wo ich einen anderen widerlege. Doch unwissend, die menschlichen Angelegenheiten und mit ihnen die Er-
scheint darin, ihr hfiinner, in Wirklichkeit der Gott weise zu sein, und ziehung unwert des Eifers, den man an sie rücke - können wir uns
mit cterii bewiißteii Orakel dies zu sagen, die inenschliclie Weisheit sei dabei beruhigen? Die Wichtigkeit, die Sokrates in der ,Apologie6der
recht wenig wert, ja gnr nichts. Und allem Anschein nach meint er mit Sorge um die Seele beimißt, die Sorgfalt, die Platon dem Problem der
diesem Spruch nicht den Sokrates", sondern gebraucht nur meinen Erziehung in den ,GesetzenLwidmet, scheinen gegen eine solche Ge-
Nanien iind macht mich zum Beispiel, wie wenn er sagen würde: „Der ringschätzung zu sprechen. Und auch das Nicht-Wissen ist in der
von eiidi, ihr Menschen, ist der weiseste, der w i e Solcrntes erkannt hat, ,Apologie6durcliaus nicht so radikal. Mit einiger Bestimmtheit äußert
da8 er in Wahrheit gar nichts wert ist vor der Weisheit." Die mensch- Sokrates z. B. 21 b 6: „Gott lügt doch wohl nicht; denn das ist ihm
nicht erlaubt", 30 b 2: „Nicht kommt aus Geld Tugend, sondern aus
" Zum selhen Gedanken s. Prot. 322 a: vgl. Friedländer IZ 346, 7. Tugend Geld und alles andere, was für die Menschen ein Gut ist,
*'- Zum Vergleich mit dem Euthyphnm' s. Morr 1.c.p. 40 Anm. 34.
privatim wie öffentlich", und 29 b 6 versichert er gar: „Da8 Unrecht-
" Zur Vereinig~ingvon Wissen und Glauben durch vOqais vgl. Stenzel, Literarische
tun und Ungehorsam gegenüber dem Besseren, ob Gott oder Mensch,
Form nnd philosophischer Gehalt des platonischen Dialoges p. 10. Legg. 644 e 5
1äBt der Logos die vernünftige Uberlegung (hoyiayOq) als maßgeblich und .hei- schlecht und schändlich ist, w e i ß i C h." Wie relativ das Nicht-Wissen
lig" erscheinen. des Sokrates ist, zeigt eine Stelle des ,Gorgiasb (509 a 4). „I C h bleibe
44 ,,Es ist zuzugehen. Caß an der wahren Meinung jederman teil hat, am Nüs die immer bei derselben Rede, daß ich nicht weiß, wie es sich damit ver-
Götter, das Rlensche~grschIechtdagegen nur ein klein wenig" Tim. 51 e 5.
hält, daß jedoch, so wie jetzt, keiner von denen, die ich getroffen habe,
45 Ich folge der Ronjektctcir von F. X. Wolf: roGt' 013 statt des toütov der Hand-
schriften 123 a 8); das folgende 66 bliebe sonst bezieliungslos. in der Lage ist, eine andere Ansicht zu äufiern, ohne sich lächerlich ZU
machen. Ich halte also meine Ansicht für die richtige."
1. Der göttliche Auftrag 85
84 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonische11Gesamtwerk
schön und gut als irgend möglich" (resp. 381 C 7). ,,Gott ist in keiner
Nun wieder zu unserem Passus aus den ,Gesetzenc. Der Athener
Hinsicht irgendwie ungerecht, sondern so gerecht als nur irgend mög-
führt aus, nur die kultischen „SpieleGbseien mit Ernst zu betreiben;
lich" (Theaet. 176 b 8). Die Güte Gottes ist der Maßstab, an dem die
seine Worte gipfeln in der Feststelfurig, die Menschen seien weithiii
des Menschen gemessen wird. „Wenn er's geworden ist in diesem Zu-
bloBe Drahtpuppen, die an der Wahrheit nur wenig teil hätten. Hier
stand zu verharren und ein guter Mann zu s e i 11, wie du sagst, mein
wird es dem Unterredner Megillos zu viel. „Du machst uns das Men-
Pittakos, ist unmöglich und nicht Menschensache, vielmehr dürfte
schengeschlecht durch und durch schlecht, mein Freund" (804 b 3 ) .
G o t t a 11e i n diese Würde zukommen" (Prot. 344 b 8)47. Einen un-
Die Antwort des Atheners bringt die entscheidende Wendung. ,,Wun-
tadligen Menschen gibt es nicht; ,,es genügt mir, wenn er mittelmäßig
dere dich nicht, mein Megillos, sondern sieh mir's nach: ich sprach i m
ist und nichts Böses tut" (Prot. 346 d 7 ) .
H i n b 1i C k a u f G o t t und unter dem dargelegten Eindruck. So sei Ferner: Gott allein ist weise. „Kein Gott philosophiert und begehrt
denn, wenn dir's lieb ist, unser Geschlecht nicht verächtlich, sondern
weise zu werden: denn er ist es schon" (symp. 204 a 1). ,,Das Göttliche
einigen ernsten Eifers wert."
ist schön, weise, gut" (Phaedr. 246 d 8 ) . Die göttliche Weisheit gibt
Eine Äiißcriing iiber Wert oder T-nwcrt des Menschen ist demnach das Maß für die menschliche. Im ,Phaidrost heißt es von dem, der um
eine Sadie des Aspektes. Sieht man den Menschen auf der Folie Gottes, die Wahrheit weiß (278 d 3) : „Die Bezeichnung ,weiseLscheint mir für
so verschwindet er beinahe, wird ein Nichts, ist bedeutungslos; sieht
ihn zu hoch gegriffen und a 11e i n dem G o t t angemessen zu sein,
man den Menschen dagegen auf dem Hintergrund des Außer- und
dagegen dürfte die Bezeichnung ,ein Freund der Weisheit' oder etwas
Untennenschlichen, so scheint er ein:ger Beachtung wert. derartiges eher zu ihm passen und besser zu ihm stimmen." In der
Kehren wir mit dieser Einsicht zur ,Apologie6zurück, so ergibt sich ,Apologie6wird vom Gott her Sokrates, dem „Philosophen" (28 e 5),
Entsprechendes. Neben der Fülle der göttlichen Weisheit erscheint der Platz angewiesen zwischen göttlicher Weisheit und gänzlicher Un-
Sokrates' Wissen als wenig mehr denn nichts. Steht Sokrates jedoch wissenheit@'; im ,Lysis6heißt es: „Die bereits weise sind, philosophie-
Menschen gegenüber, die auch jenes lächerlich geringe Wissen nicht ren nicht mehr, mag es sich nun um Götter oder Menschen handeln;
besitzen, so wirkt er auf der Folie ihres Nicht-Wissens als Wissender. noch auch philosophieren die, deren Unwissenheit so weit geht, daß
Sokrcrtes ist also wissend und nicht-missend zzzgleich. sie schlecht sind: denn kein Schlechter und Unwissender philosophiert.
Noch ein Letztes zeigen die ,Gesetzet. Der Mensch sei denn doch Es bleiben also übrig solche, die wohl dies Ubel an sich haben, die Un-
einiger Mühe wert, hieß es. Und zwar sei das, was man am meisten wissenheit, die jedoch noch nicht unter seiner Einwirkung unfähig ge-
mit Ernst betreiben müsse, die Erziehung (803 d 6), sie sei nämlich worden sind, zu erkennen und zu lernen 40, sondern auch vermeinen,
nicht wie das Kriegswesen beziehungslos oder doch wenig sinnvoll nicht zu wissen, was sie nicht wissen (218 a 2). Die reine Wahrheit hat
( d 4 f . ) . sondern a u f d i e G ö t t e r g e r i c h t e t , zumal in ihrer nur Gott; ,,solange wir den Körper haben und unsere Seele vermengt
wesentlichsten Form, in den kultischen „Spielena (e 2). So sehr also ist mit einem solchen Ubel, werden wir nicht in zureichendem Maße
die „menschlichen Angelegenheiten" vor Gott gering erscheinen, von erwerben, wonach wir streben; es ist dies aber, wie wir behaupten, die
i h m h e r erhalten sie ihren Sinn, von ihm her die Bedeutung, die Wahrheit" (Phaedo 66 b 5).
ihnen denn doch ziikommt4'. So kann Sokrates den Athenern die Ist es Ironie, so hatten wir zu Beginn gefragt, wenn Sokrates in der
Wichtigkeit der Sorge für die Seele im Gegensatz zu Erwerb von Geld ,Apologieb seine Tätigkeit auf einen Orakelspruch des delphischen
und Ansehen vorhalten: denn der Gott hat ihm durch sein Orakel Apo11 zurückführt. Inzwischen hat sich gezeigt, wie sehr die Berufung
selbst kuiidgetan, daß ihm an der Seele des Menschen gelegen sei, daß auf den Gott ernst zu nehmen ist. Und doch steckt eine Ironie darin.
sie, mit den ,Gesetzen6zu reden, ernsten Eifers wert sei. Vom Gott her
bestimmt sich die Ordnung des menschlichen Bereichs, die Hierarchie 47 Vgl. Phaedr. 246 a 7; Tim. 29 d 7; Solmsen 1.c.p. 111; 149: .But that the Deity
is good had always been one of Plato's fundamental convictions." ,Vgl. auch die
der Werte; Gott ist das Maß aller Dinge (legg. 7 16 C 4 ) . scharf formulierte Alternative Euth. 10 a: Wird das Fromme von den Göttern
Das bedeutet: Gott ist das Gute. er allein ist gzzt. „Ein Gott kann un- geliebt, weil es fromm ist, oder ist es fromm (nur) deshalb, weil es von den
möglich sich selbst verändern wollen, sondern wie es scheint bleibt Göttern
-. V
geliebt wird? Die Frage zielt auf die Gleichsetzung des Göttlichen mit
jeder von ihnen immer durchaus in seiner Gestalt, denn er ist ja so dem Guten" Jaeger 111 38OS2.
48 Zwischen beidem gibt es natürlich viele Stufen; vgl. Friedländer 11' 316 zu den
fünf ersten Reden des ,Symposions'.
46 Vgl. Friedländer 12 130. Davon, daß ,der Wert des Menschen in den Augen des 4B Vgl. Jaeger I1 262.
Greises gesunken" sei (Friedländer 111 6:3), kann jedoch keine Rede sein.
11. Das Verhältnis der Apologie zum pLatonischen Gesamtwerk
2. Sokrates' Betätigung 87
„ApollonUist hier nicht der Gott der Volksreligion, sondern ein unend-
lich Gutes, Reines, Weises", gleichwie die „Aphrodite4' des ,Pliilebos' gemaßten Wissen65.Wissen und Scheinwissen ist das zentrale Thema
sich als „Ursachec' von Maß, Schonheit und Ordnung enthüllt - die der ,Apologie6;nicht von ungefähr: denn die Entlarvung des Schein-
wahre Aphrodite nämlich6'. Doch das Letzte läßt sich nicht aus- wissens ergibt sich zwangsläufig aus dem göttlichen Auftrag, der das
sprechen. Die Sonne selbst kann man nicht anschauen, man kann nur ganze Geschehen bestimmt.
versuchen, in ihren Reflexen ihr Bild zu erfassen (Phaedo 99 d 5 ) . So Sokrates prüft, ob jemand weiser sei als er. Diese Tätigkeit hat zwei
liegt denn in Sokrates' Beziehung auf den delphischen Gott - bezeich- Komponenten, eine s a C 111i C 11 e und eine p e r s ö n 1i C h e. Sokrates
nendenveise nennt er ihn nie bei seinem Namen Apollon - eine
..---
untersucht die „Weisheit6' des andern. Bei negativem Ergebnis - dies
Ironie6', die aufs Absolute hinweist. tritt regelmäßig ein - läßt er es nicht bei seiner Feststellung bewen-
Wir sind ausgegangen von dem Auftrag Apolls an Sokrates und den, sondern sucht dem andern begreiflich zu machen, daß er das
fragten, was für eine Bewandtnis es mit dem Gott habe. Zunächst be- Wissen, das er sich zuspricht, nicht besitzt. Dementsprechend ergeben
trachteten wir Gestalt und Denken des Sokrates und fanden in ihm sich für uns zwei Fragen. Was ist es für ein „W i s s e n", das Sokrates
Reflexe des Giiftlichen, ja er schien sich, giif wie Gott gut ist, den1 Gött- beim andern sucht? Und was bezweckt Sokrates, wenn er den andern
lichen anz~irinlierri.Sodann wandten wir den Blick und versuchten, zur E r k e n n t n i s seines Nichtwissens zu führen sich bemüht? -
den Gott selbst und im Spiegel des Göttlichen die Reflexe der Sokrates- Zunächst zur ersten Frage.
Gestalt zu erfassen. Dabei tat sich eine ungeheure Kluft auf, die Kluft Dreimal wird in der ,Apologie' etwas ausgesagt über den Charakter
zwischen dem Absoluten, Vollkommenen und dem Bedingten, Mangel- des gesuchten Wissens: erst in der ,,Erzählung", die sich mit dem Zu-
haften. Doch ob gottnahe oder gottfern, Sokrates - und mit ihm der standekommen der „ersten Anklage" befaßt, dann in der E~EYSLS zoG
Mensch iiberhaupt - schien in dem, was sein Leben sinnvoll macht, ßiou, die der aktuellen Anklage antwortet, und zuletzt in der Anti-
was ihm Maß gibt und ihn in eine Ordnung hineinstellt, ausschließlich timesis. Die drei Aussage-Komplexe bilden eine aufsteigende Stufen-
auf den Gott angewiesen zu sein. Nur vom Gott herK3,vom göttlichen reihe; die folgende Stufe bringt jeweils eine weitere Enthüllung des
Auftrag, kann Sokrates verstanden werden. gesuchten Wissens.
Auf der e r s t e n S t U f e wird exponiert, in welcher Form sich
Sokrates' Tätigkeit vollzieht. E r geht hin zu dem einzelnen und unter-
2. S o k r a t e s ' B e t ä t i g u n g redet sich mit ihm (G~ahey6p~vos a641 21 C 5 ) . Bei diesen Unterredungen
geschieht es, daß der andere als nichtwissend erscheint, daß das ha-
„Dieser Mann schien mir vielen andern Menschen weise vor- hEyea8a~zur E 1e n k t i k wird - und dies ist nun schon ein Stück SO-
zukommen lind ganz besonders sich selbst, es aber nicht zu sein" kratischer „Methodea.
(21 C 5). „lJnd dann, clnchte ich, finden sich mehr als genug Menschen, Vermag Sokrates so das Nichtwissen der anderen zu erweisen, so
die g l R U b e n , etwas zu wissen, tatsächlich jedoch wenig oder gar müßte er selbst - diese Annahme liegt nahe - das Wissen kennen, das
nichts wiswri" (23 C 6). „Denn den Tod fürchten, ihr Männer, ist nichts jenen fehlt; und zwar, seiner eigenen Auffassung zufolge, nach der er
anderes als sich weise d ü n k e n ohne es doch zii sein" (29 a 4). Gleich von Meletos, dem Kenner des Jugendverderbers, verlangt, er müsse
einem L e i t r n o t i ~wiederholt
~~ sich in der .Apologiec die Rede vom an- auch den nennen können, der die Jugend besser machtbs,gleichwie es
nach ,Ionb 531 d 12 Sache desselben ist, den, der gut und den, der
Vgl. Jaeger 111 321 zu den ,Gesetzens: ,An die Stelle der individuellen Polisgötter
ist das ,Maß aller Dinge' getreten, das platonische Agathon, die Urgestalt aller
schlecht über einen Gegenstand spricht, zu erkennen, auf Grund ein
Arete." und derselben Episteme, gleichwie der ,Phaidonb statuiert, notwen-
K1 Vgl. Friedländer 11' 574; 576. digenveise müsse derselbe über Besser und Schlechter Bescheid wissen:
Vgl. Friedländer Ie 156 f..
M ,,Plato ist der Theologe der klassischen Welt. Ohne ihn würde die Theologie des
56 Außer den angegebenen Stellen apol. 21 d 4 22 C 5 22 d 6 24 C 7 24 d 7 25 C 2
Abendlandes weder der Sache noch dem Namen nach existieren" Jaeger 111 8. 29 e 5 41 e 5. Vgl. auch ,Simonides" über ,,Pittakos" Prot. 346 e 4: ,Nun aber
6"eitmotivische Wiederholung ist ,eine Eigentümlichkeit des jungen Platon, die bist du über die größten Dinge im Irrtum und glaubst doch, die Wahrheit zu
sich überall da findet, wo es ihm darauf ankommt, eine wichtige Vorstellung sagen; dies ist's, weshalb ich dich tadle." Ferner Grat. 406 C 5; symp. 173 C 5;
besonders hervorzuheben" Wolf Steidle, Der Laches und das Verhältnis Platons Theaet. 173 b 1; soph. 243 C 2; Phil. 49 a 1; zum ,Laches' Steidle 1.c.p. 131.
zu Athen MH 1950 p. 141. Dort Hinweise auf ,LadiesC,,Ion', ,KritonS.
Dasselbe Ansinnen wird Meno 92 C 8 an Anytos gerichtet.
88 I[. Cas Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 89
denn e i n Wissen umfasse beides (97 d Aber Sokrates weist diese Daß auch ihr Wissen versagt, ist ein Hinweis auf die Höhenlage des
Annahme von sich: nur dem Gott komme jenes Wissen zu (23a). In gesuchten Wissens. Und nun erfolgt eine erste Andeutung darüber,
diesem Widerspruch liegt eine eigentümliche Ironie, zumal Sokrates, was der Gegenstand des gesuchten Wissens sein müßte: ,die größten
wie sich neigen wird, doch Angaben über das gesuchte Wissen zu Dinge" (zu pEy~uza22 d 7 ) .
machen vermag. „Dem Nichtwissenden wohnen also wahre Meinun- Dieser lakonische Hinweis enthält in nuce das Bedeutsamste der
gen inne bber das. was er nidit weiß", heißt es im ,MenonC(85 c 6 ) . platonischen Philosophie. zu pEYL<Jza- das ist gleichbedeutend mit dem
Mindestens wahre Meinungen über das gesuchte Wissen muß Sokrates Gut-Werden (Menex. 247 d 4), das ist das Körperlose (politic. 285 a 5),
besitzen - wenn nicht mehr. das Schöne und Gerechte (legg. 890 b 7) ", darin liegt auch die Frage
Im Bericht über die Ergebnisse von Sokrates' elenktischem Wirken der Eudämonie beschlossen (resp. 392 a 13). „Die größten Dinge" kön-
fallen Andeutiiiigen iiher jenes Wissen. Sokrates prüft die Staatsiiiäri- nen auch unter politischem oder religiösem Aspekt erscheinen. ,,Viele
ner, die Dichter, die Handwerker. Die Staatsmänner, so ergibt sich, Städte werden zugrunde gehen durch die Schlechtigkeit der Steuer-
sind jeglichen Wissens bar, die Dichter haben im Enthusiasmus immer- leute und Matrosen, die hinsichtlich der größten Dinge in der größten
hin eine Art Erkerintnisquelle, die freilich kein eigentliches Wissen zu Unwissenheit befangen sind" (politic. 302 a 7)". „Das Größte aber ist,
vermitteln vermag, die Handwerker dagegen besitzen ein Wissen, ein was du nun für nichts achtest: in richtiger Ansicht über die Götter gut
,,Sich-auf-etwas-Verstehen" (Eniuraa.Ba~ 22 d 3 ) , das Sokrates' Anerken- zu leben oder nicht" (legg.888 b 2). Indessen brauchen wir nicht so weit
nung findet, offenbar, weil sie, über ihre Werke befragt, über diese zu gehen; schon auf dieser Stufe der ,Apologie6erfolgt eine Andeutung
Auskunft gehen konnten, weshalb er auch ihrem Tun den Ehren- darüber, was unter den &LUTU zu verstehen sei. Beim Vergleich seines
namen einer 'Techne zukommen läßt (22 d 6) ; ,,ich,aberbezeichne eine „Wissens" mit dem der Politiker sagt Sokrates: ,,Keiner von uns bei-
Sache nicht nls Techne, die sich nicht über ihre Gründe ausweisen den weiß e t w a s S c h ö n e s u n d G u t e s , wie es scheint" (21d4).
kann" (ein t3.oyov x ~ ä y v aGorg. 465 a2)". Auch dürfte es schwerlich Zwei Wissensbegriffe werden den ~ E Y L U Z Ugegenübergestellt: aocpia
auf Zufall beruhen, wenn hier die Handwerker neben den Politikern und rpehqay. Die S o p h i a erscheint in drei Stufen: als Wissen der
stehen als Inhaber einer Sachverständigkeit, die jenen abgeht; hat Handwerker (22 d 7) - dies steht noch u n t e r Sokrates -, als ,,Men-
doch Platan immer wieder gezeigt, daß die Politiker zu der Sachkunde
schenweisheit", die Sokrates sich zuspricht - sie konstituiert sich im
erst enipoqehoben werden müßten, die sich für das Handwerk von Hinblick auf den Gott -, und als göttliche Weisheit. Die P h r o n e s i s
selbst versteht '@.SO vertauschen sich die Rollen des angesehenen und
ist gleichfalls vom Gott her bestimmt; Sokrates sucht sie „im Sinne des
des geringwel Standes vor dem, der „im Sinne des Gottes sucht"
Gottes" (22 a 4 ff .). Späterhin wird dieser theologische Bezug bei Pla-
(22 a 4).
ton etwa so formuliert: die Phronesis nehme eine Führerstellung ein
Und doch, so sehr das Wissen der Handwerker anzuerkennen ist,
unter den göttlichen Gütern (legg. 631 C 5) ; nur mit ihrer Hilfe sei eine
vor der ,,tadelnswerten Unwissenheit" (29 1> 1) vermag es nicht zu
Annäherung an die Gottheit möglich (Theaet. 176 a 8). Wie die Sophia
schützen, vor dem anmaßenden Ubergriff auf den gesuchten Wissens-
ist die ,,Einsicht" ein höchstes W i s s e n "; als solches wird sie später
bereich, dei v m dem der Handwerker foto genere verschieden ist '.
neben den VOVS gestellt (Phil. 59 d 1; legg. 688 b 1 963 e 5). Sie rückt
67 Vgf. C,harm. 166 d 7; IIipp. I1 365 d 6 (dazu Friedländer 11' 139); ep. V11 344 b 1; also nahe an die Sophia herano4;im ,Euthydemos6 erscheinen q e b v q u ~
legg. 816 d 9;P.pctt, Platonische Anfsätze, 1912, p. 204, 1. und aorpia gemeinsam als der Gegensatz zur @a*ia (281 d 6).
.In der 'Fleline, der ,Methode1, liegt fiir ihn das I<riterium jeglicher uocpia"
Wolff 1.c.p 24. V@. auch Jaeger 111 192; 39W0. Staate PhS 25, 1 1932 p. 96. Vgl. au& Menex. 246 e 7; resp. 428 b 12 (dazu Fried-
" -
Vgl. Friedfinder 11' 10; Jaeger 111 3. Zur Rolle, die das handwerkliche Wissen länder 11' 10).
fernerhin twi Platon spielt, vgl. Viktor Goldschmidt, Le paradigme dans la theorie 6' Vgl. Prot. 358 C 4; Gorg. 487 b 5 527 d 5 (dazu Jaeger I1 221). Zum ~ B ~ L U T O V
platonicienne de l'action REG 1915, 135 ff.; Friedländer Ie 28; IIi 201. p&@r(~a vgl. resp. 505 a 2.
Darin liegt auch, daß das xahh des Handwerks (nohhd xai nah& &m<rzapEvoug 6P Vgl. politic. 307 d 7; legg. 688 c 6. ,,Wenn Sokrates von den yEytuta spricht, an
22 d 2) nicht identisch ist mit dem Gegenstand des gesuchten Wissens. ,Es denen die Dichter und Handwerker ihr Scheinwissen offenbaren, so handelt es
..
ist also Plafons ureigenstes Verdienst, daß er . die ethische Reflexion auf sich dabei um die ethisch-politischen Normen" Wolff 1.c.p. 24.
die allgemeine Unklarheit um Wert und Wissen lenkte und die Frage aufwarf „Der Inbegriff ethischen Wissens" Wolff 1. C. p. 24. Vgl. auch Jaeger 11 379 174;
nach einer prinzipiellen Unterscheidung des sittlich Guten und des teclinisch I11 342. Hirschberger 1.c.p. 197.
Guten" J. Hirschberger, Die Phronesis in der Philosophie Platons vor dem Vgl. H. Maier 1. C.p. 348, 2.
90 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 91

o q i a und <pp6vqmsist also das Wissen um den höchsten Gegenstand, -


feld müssen irgendwie mit dem Guten identisch sein; will doch jeder
die pkywra. Was es leistet, erhellt aus dem folgenden. den ,,Nutzenu. Unrechttun beruht also auf Unwissenheit ums wahre
Sokrates steht unter der Anklage, er tue unrecht, indem er die Gute; daher heißt es im ,MenonCim selben Zusammenhang: ,,Es ist
Jugend verderbe. Darauf erwidert er in der Meletos-Elenxis: ,,Ent- also klar, daß die nicht das Ubel begehren, die es nicht kennen, son-
weder verderbe ich überhaupt nicht oder, wenn ich verderbe, dann dern das, was sie für ein Gut halten, während es ein Ubel ist; also in
wider Willen" (hxwv, 25 e 6) ; Ihnlich spiiter: „Ich bin überzeugt, nie- Unkenntnis darüber und wähnend, es sei ein Gut, begehren sie offen-
mandem mit Wissen und Willen Unrecht zu tun" (37 a 5 ) " . Hinter bar das Gute." Umgekehrt: Wissen ums wahre Gute müßte richtiges
dieser persönlichen Iioriniilieruiig steht die sllgeineiile Uberzeugung: IIandeln nach sich ziehen. ,,Der das Gerechte gelernt hat ( p ~ p a l l q x h ~ )
,,Kein Mensch verfehlt sich willentlich" (Prot. 345 e 1 ) ; ,,wer ungerecht ist gerecht? " „Allerdings. " „Und der Gerechte handelt gerecht" (Gorg.
ist, ist wohl schlecht, wer schlecht ist, ist wider Willen so" (legg. 460 b 6).
860 d 5)*. Das Schlechtsein dürfte demnach so wenig eigentlicher Ist Wissen die Gewähr für richtiges Handeln, so wird verkehrtes
Grund schlechten Handelns sein wie äußere Nötigung - davon kann Handeln durch Beseitigung der Unwissenheit ausgeschlossen. ,,Ver-
bei Sokrates ohnehin keine Rede sein -, sondern der Grund müßte in suche nun auch du mich so zu belehren", sagt Sokrates zu Euthyphron,
einer Art U n w i s s e n li e i t liegen. Dies ist in der Tat nach platonischer „welcher Teil des Gerechten das Fromme ist, auf daß wir dem Meletos
Auffassung der Fall. Im .Euthyphron6 heißt es ironisch von Meletos: sagen können, er solle uns nicht mehr unrecht tun und wegen Gott-
,Er scheint ein weiser Mann zu sein (oocp6; z y ) , und da er meine Un- losigkeit verklagen, da wir von dir das Gottesfürchtige und Fromme
wissenheit (C~ioßia) als eines Verderbers seiner Altersgenossen sieht, und sein Gegenteil bereits hinlänglich gelernt hätten" ( 1 2 e 1)". Be-
geht er hin. midi bei der Stadt wie bei einer Mutter zu verklagen" lehren müßte man den Unwissenden, nicht beschimpfen6". Meletos
( 2 C 4 ) . Die Schlechtigkeit ist eine Funktion der Unwissenheit. „Auch hat den falschen Weg eingeschlagen, wenn er Sokrates vor Gericht zog.
jene philosophieren nicht", heil3t es ini .Lysis6, ,,deren Unwisseiiheit „Wenn ich aber wider Willen verderbe, so fordert das Gesetz bei der-
( h v o t a ) derart ist, daß sie schlecht sind" ( 2 1 8 a 2 ) . Und der ,TheaitetC artigen Verfehlungen nicht gerichtliche Verfolgung, sondern man soll
sagt über die Ungerechten: „Obschon im Seienden Vorbilder stehen den Betreffenden beiseite nehmen, ihn belehren und ermahnen: denn
für das Göttliche als das Glückseligste sowie für das Gottlose als das es ist klar, daß ich, wenn ich zu Wissen gelangt bin (Ehv @ 3 ~ ) auf- ,
Unseligste, so sehen sie doch nicht, daß es so ist, und infolge von Tor- hören werde mit dem, was ich wider Willen tue" (apol. 2 6 a 1).
heit (i11.18~6rq;) und äußerstem Unverstand ( i i v o ~ a ) ~merken ' sie es Dasselbe sollte auch vsn den Anklägern und Verurteilern gelten. Es
nicht, daß sie durch ihr ungerechtes Handeln sich dem einen ähnlich, muß daher befremden, wenn Sokrates von einer Strafe für ihr ver-
dem andern unähnlich machen (176 e 3 ) . - Unrecht tun bedeutet also fehltes Tun spricht (39 C 3). Indessen handelt es sich um eine eigen-
Sch.idigung seiner sclbsl; es gesdiiclit in Unkenntnis der Folgen. In tümliche Strafe. ,,Größer wird die Zahl derer sein, die euch über-
Sokrates' 12ali wären die Folgen die, daß die durch ihn Verderbten .
führen.. , und sie werden desto lästiger sein, je jünger sie sind, und
durch Oblestun Vergeltung an ihn1 üben würden ( 2 5 e 2 ) . „Gibt es ihr werdet noch mehr in Unwillen geraten." Damit soll bewirkt wer-
nun jeniand", fragt Sokrates, „der von seinen Gefährten lieber Scha- den, daß jeder „sich zurüste, so gut als irgend möglich zu sein", daß
den als Nutzen haben will" (25 d l ) ? Ganz ähnlich heißt es iin ,Menon6: er „richtig lebe" (39 d 5). Die ,,Strafeb' entpuppt sich als BesserungTo.
,,Gibt es nun jeiii:ind, der ungliicklidi sein oder das Ubel begehren und „Die richtige Strafe ist es, den Irenden auf den rechten Weg zu brin-
enverbm will? ..Du scheinst recht zu haben. mein Sokrates, und iiie- gen (rdv nhqpp~ho%fra kpp~h?n o ~ ~ Critia
iv 106 b 2 ) .
mand w i 11 das Ubel" (77 e 5 ) . Die Schädigung rührt also von Un- „Ich zürne meinen Verurteilern und Anklägern durchaus nicht",
rechttun, dies liinwiederuiii von Unwissenheit um die Ziele des Han- versichert Sokrates ( 4 1 d 6 ) . Und doch sind der Nachsicht Grenzen ge-
delns her; diese aber - und damit treten wieder die pEycma ins Blick- setzt. „Bemitleidenswert ist auf jeden Fall, wer ungerecht ist und das
Ubel an sich hat. Mitleid üben darf man indessen nur an dem, dessen
G Ahnlich persönliche Fassung resp. I 336 e 2 und Gorg. 488 a 2: ,,Wenn ich in
etwas nicht rirhtig handle in meinem Leben, so wisse, daß ich mich darin nicht 68 Vgl. auch Euth. 15 e 5. 69 Vgl. Lach. 195 a 7; legg. 934 e 3.

willentlich verfehle, sondern auf Grund meiner Unwissenheit." 70 Auch die Strafe im juristischen Sinne dient nach Platon der Besserung des Be-
M Vgl. Gorg. 509 e 5; resp. 589 C 6; Tim. 86 d 7 87 a 7; legg. 731 C 1 734 b 4 860 d 1. straften, evtl. auch der Abschreckung anderer, keineswegs aber der Vergeltung,
Vgl. auch Prot. 345 b 5; Theaet. 176 C 4; soph. 227 d f.; Phil. 48 C 2; Tim. 44 b 8 dem objektiven Ausgleich. Vgl. Gorg. 472 e ff.; resp. 380 b 1; legg. 718 b 2 933 e
92 b 6; ep. V11 336 b 4; legg. 700 e 1. 1 ff. 944 d 2. Apelt, Platonische Aufsätze 194; 204, 1.
11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk
2. Sokrates' Betätigung 93
Ubel heilbar sind; dabei soll man seine Erregung dampfen und nicht,
nach Weiberart erbittert, im Zorn verharren". Wer aber ungerecht Lüge zu haben und zu besitzen, finden alle am wenigsten wünschens-
und schlecht ist, und dies ohne Beimischung und ohne Möglichkeit wert, und sie hassen es in solchem Falle sehr" (resp. 382 b I ) . Daher
guten Zuredens. dem muß man seinen Zorn zuwenden" (legg. 731 C 7). bemüht sich die Seele um die W a h r h e i t. Andererseits ist sie aber
Von letzterem ist bei Sokrates nichts zu bemerken. Er hält Gegner und auch des G u t e n bedürftig. ,,Der Mensch besitzt nichts, was mehr als
Richter nicht fiir unheilbar. E r rUgt ihre Gesiniiung, ihre falsclie Mei- die Seele darauf angelegt wäre, das Schlechte zu meiden und das auf-
nung i41 d 7) - aber er gibt ihnen eine Chance: ihr Unrecht dadurch zuspüren, was das Beste von allem ist" (legg. 728 C 9). Wenn also an
aufzuheben, da6 sie ihr Wähnen aufgeben und, wissend was Sokrates unserer Stelle der ,Apologie6 der Begriff des besten Zustandes der
weiß, selbst zu Elenktikern werden (41 e). Seele, der Aret6, erscheint (29 e 5 ) , so liegt die Vermutung nahe, der
Auf der ersten Stufe wurde angedeutet, Sophia und Phronesis sei gegenständliche Bereich, von dessen Erfassung das Bestmöglichwerden
das Wissen des Erkennenden, die ~ E y l a t a- genauer: etwas Schönes der Seele abhängt, sei die Wahrheit des Guten. Welcher Art ist dann
und Gutes - seien der Gegenstand der Erkenntnis. Auf der z W e i t e n diese Aretk?
erfiihrl lleides eine Bereiclierurig: einerseits kommt der Begriff der Platon unterscheidet zwischen einer Tugend, die auf richtiger Ge-
Seele und ihrer Vollkommenlieit, andererseits der der Wahrheit wöhnung beruht, und einer, die durch den Logos gesichert ist (resp.
hinzu. „Um Einsicht aber und \V a h r h e i t und um die S e e 1e , daß 401 d e ; legg. 653b), zwischen einer bloß volkstümlichen (6qpot~xfi
sie s o g U t w i e ni ü g 1i C h werde, kümmerst und sorgst du dich (Xe~tfiresp. 500 d 8) und einer Tugend, die nicht bloß auf richtiger Mei-
nicht?" (XI e I ) . nung (Meno 97 b 9), sondern auf Einsicht beruht. ,,Nur d a m i t gibt
Die Wichtigkeit der „Sorge um die S e e 1 e" wird Platon nicht müde es in Wirklichkeit Tapferkeit und Besonnenheit und Gerechtigkeit
zu hrtoric-n72.Die Seele ist „das, was du höher schätzest als den Körper und W a h r e Tugend überhaupt, mit Einsicht" (Phaedo 69 b 1).
und wovon, sofern es gut oder schlecht geworden ist, Wohl und Wehe Nun wird an unserer Stelle neben Wahrheit und bestem Zustand
all des Deinen ~bhiingt" (Prot. 313 aG). „Alles 'CTble und alles Gute der Seele die Phronesis genannt. Damit ist gesagt, daß es sich in der
für den Iiorper und den ganzen Menschen nimmt seinen Ausgang von ,Apologie6nicht etwa um die volkstümliche, sondern um die wahre
der Seele", nleict der thrakische Arzt des ,CharmidesC(156 e 6). Die Tugend handelt. Ferner wird klar, was Seele und Wahrheit zusam-
Seele riicki durch ihre Bedeutung sogar den Göttern nahe. „Wenn ich menführt, die Kluft zwischen beiden überbrückt. Die Einsicht ist die
also sage, man müsse nächst den Göttern als den Herrn und allen Führerin der Seele. „Für den Menschen hängt das andere alles von der
Wesen. die zu ihnen gehören, seine Seele gleich an zweiter Stelle ehren, Seele ab, das Seelische aber von der Einsicht, wenn es gut sein soll"
so mahne ich richtig" (legg. 726 a 6). (Meno 88 e 4). Damit ist sie aber auch Führerin der ,,Tugendu. ,,Man
Uni die W a Ii r 11 e i t geht es im Gespriich - ,,nicht darauf geht doch inuß auf die Gesamttugend hinblicken, zumeist aber auf die oberste
unser Ehrgeiz aus, daß das, was idi setze, siegreich sei, oder was du, Führerin der Gesamttugend; dies aber ist E i n s i C h t und Vernunft
vielmehr müssen wir beide Mitkämpfer sein des Wahrhaftigsten" (VOUS) und richtiges Urteil" (S%a, legg. 688 b 1). Die Phronesis er-
(Pliil. 14 b 5) -, um die Wahrheit geht es überhaupt im Leben, sie ist kennt also die Wahrheit und vermittelt sie der Seele; Aretk bedeutet
schlechthin „das, wonach wir begehren" (Phaedo 66 b 7 ) . „Man muß mithin Erkenntnis der Wahrheit, Einsicht in das Gute, Tugend-
angespannt und auf jegliche Weise das Wahre suchen um des Erken- W i s s e n 73; nicht umsonst erscheint sie in unserem Zusammenhang
nens willtm" (resp. 499 a 4). Es handelt sich dabei um eine sittliche als Gegenstand der W i s s e n s prüfung (apol. 29 e 5). Es hat also sei-
Wahrheit: „wir sollen uns durchaus nicht darum kümmern, was die nen guten Grund, wenn Sokrates mahnt zu Sorge um ,,Einsicht und
Menge iiber uns sagen wird, sondern nur darum, was der sagt, der Wahrheit und um die Seele, daß sie so gut wie möglich werde". -
sich versteht auf gerecht und ungerecht, der eine und die W a h r h e i t Auf der ersten Stufe war die Verblendung der Seele über ihr tat-
selbst" (Crito 48 a 5). sächliches W i s s e n in den Mittelpunkt gerückt worden; Sokrates
„Sich mit der Seele über das Seiende zu täuschen und in dieser Täu- stand diesem Scheinwissen als Elenktiker gegenüber. Nun, da die
schung zu verha~renund unwissend zu sein und an dieser Stelle die Seele als eine in Erkenntnis und Selbstvervollkommnung t ä t i g e
Vgl. z. B. Belehrung eines Gottlosen legg. 905 c. Seele offenbar geworden ist, enthüllt sich ein weiterer Zug der sokra-
Vgl. Lack. 185 a 3: Phaedo 107 C 1; resp. 608 b 4; Phaedr. 241 C 3.
11. Das V~rhältrisder Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 95

tischen „Methodeu: die P a r ä n e 3 e ". Sokrates gibt in einer Schelt- Nikias ganz im Sinne des Sokrates vorwurfsvoll zu Laches, ,,wenn du
rede an, was es ist. worum man „ti& kümmern und sorgen muß", er gemeinsam mit mir nichts weißt von Dingen, über die ein Mann, der
,.beredet jiing und alt" jnciitwv 30 a 8), er ,,erweckt und beredet und etwas von sich hält, ein Wissen besitzen müßte" (Lach. 200 a 7). So-
tadelt jeden einzelnen" (30 e 7), er „redet zu, sich um die Aret6 zu krates zu Thrasymachos: „Aber es ist wirklich angebrachter, wenn
kümmern" (31 b 5 ) . Bei beiden Verfahrensweisen wird aufs Ziel hin- d u redest; du behauptest ja doch, du wüßtest und hättest etwas zu
gewiesen. In der Elenktik erscheint es jedoch nur implizit, sofern näni- sagen" (resp. I 337 C 7). Und der greise Platon schreibt an Dion:
lich im Thema - Tapferkeit, Bescanenheit, Gerechtigkeit - zugleidi „Durch Tapferkeit, Schnelligkeit und Kraft sich hervorzutun, könnte,
auch der Gegenstand des gesuchten Wissens liegt; in der Paränese wie es scheint, auch Sache anderer sein; doch man wird zugeben, daß
wird, soweit sie nicht nur stim~~lierend wirkt, ausdrücklich das Ziel sich durch Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Hochherzigkeit und edle
angegeben: etwa Aretk sittliches Leben, E i i d ä n ~ o n i e ~
Elenlrtik
~. und Haltung in alledem billigerweise die auszeichnen, die b e h a U p t e n ,
Pariinese sind dadurch verbunden, daß beide ihren Ausgangspunkt in derlei zu schätzen" (ep. 1V 320 b 4 )77. Um den andern dazu zu bringen,
dem eingebildeten Wissen des andern haben, der iipa8ia (soph. 229 C 9 ) , daß er sich mit Nachdruck auf AretC und Wissen festlege, gebraucht
die sie Bek:iiripfen: niitliin dadurch, daR beide Teile der Paideia sind Sokrates der ,ApologieLzufolge die List, daß er ihm beides abspricht.
(229 d 2), der Einwirkung auf die Seelei6. So sagt er im ,MenonC:„Aber für was, bei den Göttern, Menon, erklärst
Sokrates liißt nichts iiiwersucht, den andern dazu zu bringen, daß denn du die Tugend? Sag es und enthalte es mir nicht vor, auf daß ich
er das richtige Ziel verfolge. Den typischen Verlauf einer solchen Unter- eine seligste Lüge getan habe, wenn es sich zeigt, daß du wissend bist
haltung schildert er folgendermaßen (29 d 6) : Jch gehe hin zu den1 und Gorgias, während ich gesagt habe, ich sei noch nie einem Wissen-
von euch, dcn ich ehen gerade treBe. nialiiie und lege dar (naeaxehevbpe- den begegnet" (71 d 4). Mit alledem zielt Sokrates ab auf Scham, dem
v6; rc w d h 6 ~ l ~ ~ i ~ und
p ~ osage
s ) etwa, wie gewohnt: mein Bester, als eigenen Anspruch gegenüber zu versagen - und auf desto größeren
Athener, 13iirger der grö8ten und angesehensten Stadt hinsichtlich Eifer. Der gleiche Vorgang ist noch im ,Siebten Brief' zu beobachten,
Weisheit und Stärke, schämst du eich nicht, dich ums Geld zu küm- wo Platon, der doch vermeint, Philosoph in Wort und Tat zu sein,
mern, auf daß du so viel als möglich besitzest, und um Ansehen und seine zweite sizilische Reise folgendermaßen motiviert: „Ich schämte
Ehre, aber uni Einsicht und Wahrh?it und um die Seele, daß sie so gut mich vor mir selbst gewaltig, ich würde von mir eines Tags den Ein-
wie nzöffliclr sei, kümmerst und sorgst du dich niclit? Und wenn einer druck haben, ich sei bloßes Wort, sonst nichts, während ich niemals
von eudi dies bestreitet und behnz;pfet, er kümmere sich darum, so aus freiem Entschluß eine Tat anfasse" (328 C 3). So beschämt denn
werde ich ihn nicht gleich loslassen noch auch weggehen, sondern ihn Sokrates seinen Gesprächspartner, indem er ihn auf die Diskrepanz
fragen, priif en und iiberführen." von Wähnen und Wirklichkeit hinweist: ,,Und wenn ich den Eindruck
Sokrates legt den andern fest auf die AretC oder das Wissen, das habe, daß er Tugend nicht besitzt, während er dies doch behauptet, so
er sich mspricht. ;,Es wird dir anscheinend nichts ausmachencL,sagt tadle ich ihn, weil er das Wertvollste am geringsten einschätzt, das Un-
bedeutende höher" (apol. 29 e 5 ) . Hier erscheint also das Wähnen,
" Vgl. Kcnratl Gaiser. Protreptik und ParZnese bei Platon, Tüb. Beitr. 40, 1959. etwas zu sein, das sonst nur in ungünstigem Lichte dasteht, auf einmal
Vgl. Ct-arm. 175 d 5; Euthyd. 278 e ff.; Gorg. 526 e ff.; Phaedo 114 C 6; resp. in positiver Beleuchtung und wird zu Mahnung und Verpflichtung.
621 i>8 . Thcact. 1 4 8 r- 9..
.Plator fül-rt hier die ei~er-tümlichsokratische Weise auf zwei Hauptformen Iihnlicli ist es mit der Doxa, der Meinung der Leute. Auch sie stellt
zurück: Mahnung jProtreptikos) und Prüfung (Elenchos)" Jaeger I1 85. Vgl. Sokrates in seinen Dienst. Für den jungen Charmides soll das Ansehen
auch Steidle 1.c.p. 133. Me~kwürdigerweisetritt Wolff in Schanz' Fußtapfen und seines Hauses zur Verpflichtung werden: „Und es ist nur recht und
meint, die Paränese Sokrates abspredien zu müssen. .Der frühere Bericht ( = un- billig, mein Charmides, sagte ich, wenn du dich in alledem vor den
sere .erste Stufe"1 kennt ein: der Elennis voraufgehende Protreptik nicht. Eine
Besinnung auf den von Sokrates vertretenen Aretebegriff lehrt, daß allein der
anden1 auszeichnest. Denn keiner hierzulande könnte, wie ich glaube,
frühere in diesem Punkte beansprucht, ein treues Bild des sokratischen Wirkens so leicht angeben, welche beiden athenischen Familien durch ihre Ver-
zu geben. Caas Wissen, als welches Sokrates die Are16 begriff, konnte er nicht bindung schönere und bessere Nachkommen erwarten ließen als die,
durch eine Mahnrede zu vermitteln meinen. In jenem Aufruf zur Aret6 dürfen aus denen du stammst" (Charm. 157 d 6). Im ,Menexenoscwerden die
wir daher nichts aaderes se-ien als ein künstlerisches Mittel zur Offenbarung
des bisher rerschwie~encnZ,eles der EIenktik" 1. C. p. 26. Aber weder war das
Väter ermahnt, sie sollten sich vor ihren Mitbürgern durch ihre Hal-
Ziel der Elenktik verschwiegen worden noch auch wird irgendwo behauptet, die
Mahnrede h h n e , was selbst die Elenktik nicht kann: Wissen vermitteln. 77 Vgl. Prot. 335 b 7 347 e l ; Charm. 154 e6; Euthyd. 285 b 3.
96 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 97
tung als wirkliche Väter ihrer gefallenen Söhne erweisen (247 d 7)78. die Seele schlecht macht, ist vornehmlich die Ungerechtigkeit. ,,Die
In der ,Apologie' wird das Ansehen Athens als Stimulans benützt
Ungerechtigkeit ist für den, der unrecht tut, das größte Ubel" (Gorg.
(29 d 7) ; ,hinsichtlich des Ansehens scheint es mir nun für mich und
509 b l)'*.Sokrates hat also allen Grund, die Athener davor zu war-
für euch und für die ganze Stadt nicht schön (xahh) zu sein, wenn ich nen, daß sie sich an ihm als einer Gottesgabe versündigen (30 d 7), und
etwas derartiges tue"' (34 e 2). Nicht weniger beachtenswert ist die
er tut recht daran, festzustellen: „Ihr werdet mich nicht m e h r schä-
Doxa angesichts des Benehmens vieler Athener vor Gericht: ,,Sie hef- digen als euch selbst" (30 C 7). Umgekehrt bedeutet Zunahme an „Wis-
ten der Stadt Schande an, wie mir scheint, sodaß ein Fremder glauben sen" 85 und Areteasfür die Seele den wahren Nutzen, das wahre Guts7.
könnte. die an Tugend hervorragenden Athener, die sie selbst bei Ver- ,,Zögere nicht, zu anlworten, mein Polos", sagt Sokrates im ,GorgiasG,
teilung der Ämter und anderen Auszeichnungen bevorzugen, unter- „denn es wird dein Schaden nicht sein" (475d 5). In der ,ApologieGfor-
schieden sich nicht von Weibern" (35 a 7)70.Wenn Platon hier der dert er die Richter auf, nicht zu lärmen, sondern zuzuhören, ,,denn ihr
Doxa Gewicht beimißt, während er sie sonst als Motiv des Handelns werdet, wie ich glaube, Nutzen davon haben, wenn ihr zuhört" (30C 4).
ablehnta0,dann deshalb, weil im Ansehen Athens der Hinweis auf die Aber auch er selbst hat Nutzen von seiner Tätigkeit, offenbar, weil er
oocpia, in der Forderung der Doxa der Hinweis auf das xahh, in der „Einsichtc' und ,,Tugendu daraus gewinnt. ,,Wenn ich mich schon
Auszeichnung niancher Athener die l~estlegungauf aeetfi als verpflich- lange mit Politik befaßt hätte, wäre ich schon lange zugrunde gegan-
tendes Moment liegt; nur von ihm her empfängt die Doxa ihr Ge- gen und hätte weder euch etwas genützt noch auch mir selbst" (31d 7).
wicht. - Neu erscheint hier das x a h 6 V als etwas, das das H a n d e l n „Für den Menschen ist dies das größte Gut, jeden Tag über die Tugend
bestimmt - schon auf der ersten Stufe war klar geworden, daß es ein zu reden und das andere, worüber ihr mich Gespräche führen und
Wissen zil suchen gelle, das richtiges Handeln verbürge - und neben -
mich und andere priifen hört" (38 a 2 ) . Ist Unrechttun allein das,
das xah6v tritt noch das 6 i x a L o V und das Ö U L o V (34 e 3 f.). So erfolgt was der Seele wahres Ubel, wahren Schaden zufügt, so fäll! demgegen-
denn mit diesen drei Begriffen neben Uhiiha ein weiterer Hinweis auf über Unrechtleiden wenig ins Gewicht. ,,Wir behaupten, Unrechttun
den Gegensbnd des gesuchten Wissens. sei ein größeres Ubel, Unrechtleiden ein geringeres" (Gorg. 509 C 6)".
Ist die Ar&! der beste Zustand der S e e 1e , so ist die Schlechtigkeit Sokrates wendet diese Auffassung auch auf sich an. ,,Ich behaupte,
das größte Cbel für sie. ,,Da sie also durch übermäßig großen Schaden mein Ihllikles, nicht dies sei das Schimpflichste; ungerechterweise auf
und erstaunliches Übel alles andere überragt, ist die Schlechtigkeit der die Wange geschlagen zu werden noch auch einem Halsabschneider
Seele das Näßlichste von allem" (Gorg. 477 d6)". Wer schlecht ist, oder Beutelschneider in die Hände zu fallen, sondern mich und was zu
kann auch nicht anders als schlecht handeln, Schlechtes zufügen. Es ist mir gehört ungerechterweise zu schlagen und zu verwunden, das ist
daher keineswegs Taschenspielerei, wenn Sokrates sagt: „Die Schlech- schimpflicher und schlimmer" (Gorg. 508 d 6). Die Beziehung auf die
ter~tun ihren jeweiligen Xächsten Ubles an, die Guten Gutes" (apol. Situation der ,ApologieList deutlich; dort heißt es: ,,Gewiß, er kann
25 c 7). Gewiß, im konventionellen Sinne können die Schlechten auch mich unter Umständen töten oder verbannen oder der bürgerlichen
Gutes tun, konnen .,helfen" (34 a 7)", nicht aber in W a h r l ~ e i t-Was
~~. Ehrenrechte berauben. Er und mancher andere halten das wohl für
-
7R Vgl. auch Lach. 179 d 2 Prot. 337 d 3; Meneu. 247 b 5; zu Mcnex. 237 a 6 Fried- ein großes Ubel, ich nicht, vielmehr dies: zu handeln wie dieser nun
15nder 11' 224: Crito 53 b 7; Euthyd. 279 c 9; ep. IV 320 a 1; legg. 663 a 1 814 a 8 handelt, es zu unternehmen, einen Menschen ungerechterweise zu
950 b 4 töten" (30 d 1). - Ungerechtigkeit kann nicht unbestraft bleiben. Nach
79 Zur Geringsrhälzung der Frau vgl. Crat. 392 c 6; symp. 179 d 7; Phaedo 60 a 4; den Ausführungen der ,Gesetzeb (728b 2 ff .) ist zu unterscheiden zwi-
resp. 387 e R 431 b 9 169 d 6 549 d 7 557 c 7; Tim. 42 b 5 90 e 6; ep. V111 355 C 3;
legg. 658 d B 6% d 1 731 d 1 781 a 2 790 a 5 934 e 6 944 d 8. .Weibische" Kla-
schen Giq und ztpoeia, zwischen Strafe im juristischen Sinne und
gen vor Gericht legg. 945 a 8.
Vgi. Crito 44 C 6; Phaedci 82 b 10; Theaet. 176 b 3. 84 Vgl. Crito 49 b 4; Gorg. 472 e 4 477 e 4 480 a 6 521 b 4 524 e 1 (dazu Jaeger 11
Vgl. Gorg. 478 d 7 505 a 2 511 a 1. 220) ; resp. 366 e f. 609 b 9; ep. V11 335 b 5; ep. VIII 352 d 3.
BZ Vgl. Gorg. 510 c 7. 85 Vgl. Hipp. I 304 e 5; Hipp. I1 373 a 4; Euthyd. 281 b 4; Meno 88 e 4; symp. 173
" Friedländer 11' 59 zu resp. 335 C 1: ,,Der Begriff des ,Schadens6 muß in einer bis- C 2; resp. 527 e 6; Theaet. 169 c 2; Phaedr. 248 C 2.

her unerhörten, nämlich sokratis&en Tiefe gesehen werden, damit das, was 86 Vgl. Gorg. 477 a 5 513 e 5 520 b 6 525 b 2; resp. 467 d 2; iegg. 656 a 7.
scheinbar ein Sophisma ist, vollkommen einsichtig werde. Schaden nämlich kann Vgl. Charm. 166 d 2; Gorg. 458 a 2 470 C 6 505 e 3; Phaedr. 246 d 8.
ich im echtm Sinne nur dann jemandem, wenn ich seiner Seele den ihr eigen- '8 Vgl. Friedländer 11' 158.
tümlichen Vorzug [oixsin & p t S ) raube." 89 Vgl. Gorg. 469 c 1 508 b 7 527 b 2; ep. V11 335 a 5 351 C 6.
98 I i . Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 99
natürlicher Scti~ldwirkung~~. Erstere kann erfolgen oder nicht, letz- Sokrates' ständige Rede ist die: „Nicht kommt aus dem Besitz
tere wird cuf jeden Fall eintreten. Von ihr ist die Rede, wenn Sokrates Tugend, sondern aus der T u g e n d B e s i t z und alles andere, was
die Befiirchtung äußert, die Athener könnten nach seinem Tode f ü r ein Gut ist f ü r d i e M e n s C h e n , im privaten wie im öffentlichen
ihr restliches Leben vollends dem Schlafe verfallen, und wenn er in Leben" (30 b 2).
seiner Ietzten Rede feststellt, seine Gegner seien Beute der Schlechtig- Daß „Tugend" reich mache, ist gewiß eine um der Antithese willen
keit ixuxrai geworden, da sie sich der U8~xiaund yoxftqeia schuldig ge- -
zugespitzte Behauptung; trotzdem muß sie zunächst einmal ganz -
macht hätten (39b 2). - Schlechtsein heißt, von den Göttern verlassen wörtlich genommen werden. Aret6 ist die Grundlage auch für äußeren
sein {lezg. 901 e 4). Dagegen gilt: „I%r einen guten Mann gibt es kein Erfolg. „Die wirklichen Meister im Laufen gelangen ans Ziel, erhal-
Obel, wed-r in1 Leben noch nach dem Tode, noch auch wird seine ten die Preise und werden bekränzt. Geht es so nicht auch meistens
Sache wri den Göttern vernachlässigt" (apol. 41 d 1).Das Gutsein der mit den Gerechten? Am Ende jeglichen Ilandelns und Umgangs und
Seele macht ihn unangreifbar, schließt jede Schädigung ausG1. Im des Lebens stehen sie in gutem Ansehen und tragen die Preise von
,Staat6wird das bekräftigt: „So muß man also bezüglich des gerechten seiten der Menschen davon", heißt es im ,Staat6 (613b 12) ; wer keine
R4aniies Cer Iilrerzeugung sein, da13, mag er nun in Armut geraten oder oocpia hat, ist oixocpB6~os(legg. 689 d ö), und der ,Iiritias6sagt von den
in Iirarikli-it oder in ein anderes der gemeinhin für Ubel geltenden alten Atlantinern: ,,Sie kamen nicht, berauscht vom Schwelgen, infolge
Widerf~l~r-iicsi, ihm dies zum Giiten aiissclilagen wird iin Leben oder ihres Reichtums ihrer selbst nicht mächtig, zu Fall, sondern blieben
nach dem Tode" (613 a 4). In dieser Bewahrung der Seele des Guten nüchtern und sahen mit voller Schärfe, daß all diese äußeren Güter
manifestiert sich göttliches Walten. ,,Mir wird weder Meletos noch durch allgemeine Freundschaft in Verbindung mit Tugend gefördert
Ariylos Srlratkii zufiigen, denn das steht nicht in seiner Macht; ver- werden, während durch Ueniühung um diese Güter und ihre Hoch-
trägt es sich doch, wie ich glaube, nicht mit der göttlichen Weltordnung schätzung eben diese dahinschwinden und die Tugend mit ihnen zu-
(ofi ~ ~ E c L L T Od~ ~d) , dem besseren Manne von den1 schlechteren Schaden grunde geht" (121 a 2)94.
widerfahre" (npol. 30 c 8). Mit diesen außerseelischen Gütern hat es jedoch, wie der Fortgang
Die Folge des Arete-Begriffs für das A U ß e r s e e 1i s C h e ist eine des Satzes zeigt, eine eigentümliche Bewandtnis. Es ist nicht die Rede
völlige rlmeocrrmg. Was sich atlgemeiner Wertschätzung erfreut, ver- von Gütern schlechthin, sondern von den Olyafta zois &v8ehno~s.Die
dient d k i e keineswegs; das wahrhaft Wertvolle spielt eine geringe Güter werden in einen Bezug zum Menschen gebracht - das bedeutet
IZolle (SO 7 1).Sokrates sucht dem abzuhelfen. ,,Nichts anderes tue ich doch wohl: zum Bestinöglichsein des Menschen. Demnach sind die
bei meinerr- Unhergehen, als euch alle, jung und alt, zu bereden, für außerseelischen Güter als solche nur dann anzuerkennen, wenn sie
Iiörper tind Iksitz nicht eher und nicht so eifrig zu sorgen wie für die etwas zur menschlichen Aret6 beitragen. ,,Weder bringt Reichtum
Seele, daG sie so gut wie möglich sei" (30 a 7 ) . Hier wird nur betont, Schönheit dem, der, mit Feigheit belastet, ihn besitzt - für einen an-
da13 Kiirp~rund Besitz an Wert und ßedeutiing unter der Seele stehen, dern ist ja ein solcher reich, nicht für sich selbst - noch auch erscheint
wiilirenci q ~ ä t ebei i Platon weiter differenziert wird: der Iiörper steh1 körperliche Schönheit und Kraft, wenn sie bei einem Feigen und
über den ätißeren Gütern, woraus sich die Abfolge Seele, Körper, Be- Schlechten wohnt, als angemessen, sondern als ungemäß, ja sie macht
sitz ergibt". Von Bedeutung ist, daß Körper und ßesitz nicht als ihren Besitzer nur desto auffallender und läßt seine Feigheit offen-
schlechthiri wertIos dargestellt werdenss - das wäre kynisch -, son- kundig werden" (Menex. 246 e 2)05. Erst dadurch, daß sie Höherem
dern als FITrrte- in welchem hlaße, das wird sich noch zeigen - an- dienen, werden Körper und Besitz werthaft: man muß ,,an dritter und
erkannt tind eingestuft werden. letzter Stelle den Geldeswert setzen, welcher dem Körper und der Seele
dient" (ep. VIII 355 b 5). „Der Körper ist um der Seele willen da"
Etwa in Form von Vereinsamung (legg. 730 C 6 ) , von notwendiger Angleichung (legg. 870 b 4). Besitz und Körper werden werthaft erst durch den Ge-
an die SrWechfrn (Crito 53 c 3, dazu Friedländer 111 176) und an das Schlechte brauch, den die Aret6 von ihnen macht. Vom Reichtum und den an-
(Theaet. 176 e 3). dern volkstümlichen Gütern wird in den ,Gesetzen4gesagt: ,,All dies
g1 Vgl. Gorg. 522 c 4; Phaedr. 248 C 2; ep. V11 334 d 6; legg. 959 b 3; Friedländer
11' 170. 94 Vgl. auch legg. 641 b 8 688 C 3 803 e 1.
Oe Vgl. Euttryd. 273 a 7; Menex. 246 d 8: Pliaedr. 241 c 3; Phil. 48 e 1; ep. V111 355 95 Isoliert, ohne Bezug auf Aret6, ist Körper und Besitz verächtlich. ,Das gesamte
a 8; legg. 691 C f 697 a 10 726 a 2 870 b 2. Z. St. Jaeger I1 88. Gold auf der Erde und unter der Erde wiegt Tugend nicht auf" legg. 727 e 3.
Vgl. Rokr 1 c.p. 25 f.. Vgl. symp. 216 d 6; ep. I11 317 C 8; legg. 831 C 4.
100 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 101

ist für gerechte und fromme Männer bester Besitz, für ungerechte als „WahrheitG,als ,,Schön, Gerecht, Fromm" näher bezeichnet wor-
schlechtester" (G41 b 4). Und vom Körper heißt es im ,Staat6: ,,Es hat den. Die d r i t t e S t U f e bringt eine letzte Vertiefung. Sokrates zieht
mir tien Anscheili, als ob nicht ein tiichliger I<öryer durch seine Aret6 die Summe seiner Tätigkeit: „Einem jeden von euch persönlich die
die Seele gut mache, sondern im GegenteiI eine gute Seele durch ihre größte Wohltat zu erweisen, das war der Weg, den ich einschlug. Ich
Aret6 den Körper so gut wie möglich mache" (403 d 2). Damit enthüllt versuchte nämlich, jeden einzelnen von euch zu bereden, er solle sich
sich die Hintergriindigkeit des scheinbar utilitaristischen Worts, aus nicht eher um etwas ihm Gehöriges kümmern, als er sich um s i c h
der „Tugendu komme „Besitz und alles andere, was ein Gut ist für die s e 1b s t bekümmert hätte, daß er so gut und einsichtig wie möglich
Menschen". Erst die Arete macht Außerseelisches werthaft - dies ist werde, und nicht eher um die Angelegenheiten des Staats als um den
der Sinn ". S t a a t s e 1b s t , und solle sich um die andern Dinge in derselben
Nun wird auch klar, wie es möglich ist, daß der Mahner zur Weise bekümmern" (36 C 3).
„Tugend", obzwar selbst Träger der Aret6, in tausendfacher Armut Schon der ,Laches6führt vom pEy~otovZWV ~ ~ ~ E Z ~ hin Q O Vzur Unter-
lebt. Gewiß, dir .,'Ti~gcritl" zeitigt matcric~llcnErfolg. Doch zugleicli siicliiing n ~ fipWv ~ i a6zoJv (187 d 3 ff.), von der Frage, wie die beiden
gibt sie :iuch das Maß dessen, was ihr förderlich ist und was sie nöiig Jünglinge zu erziehen seien zur Untersuchung derer, die darüber be-
hat. „In1 B l i c k a u f d e n S t a a t i n s i c h und acht gebend, daß nicht r a t ~ c h l a g e n Um
~ ~ . für sich selbst sorgen zu können, wie es die ,Apolo-
etwas an dieser Stelle seiner selbst aus der Bahn gerate infolge der gie' fordert, ist es unerläßlich, sich selbst zu erkennen. „Es ist also
Fülle oder Geringlieit des Besitzes, so steuernd wird er seinen Besitz das Besonnensein und die Besonnenheit und die E r k e n n t n i s s e i -
vermehren oder ausgeben, wie er es eben vermag" (resp. 591 e 1). Auch n e r s e l b s t dies, zu wissen, w a s m a n w e i ß u n d w a s m a n
große kijrperliche Stärke, Schönheit, Gesundheit ist nicht begehrens-
n i C h t W e i ß" (167 a 1)". Die Bemühung um dieses Wissen ist, wie
wert, ,,vielnielir ist das weitaus Besonnenste und Sicherste, sich an das
wir sahen, das zentrale Anliegen der ,ApologieLwie der Tätigkeit des
Mittlere zwischen all diesen Eigenschaften zu halten: denn das eine
Sokrates überhaupt 'O0.
macht die Seelen aufgeblasen und dreist, das andere kriecherisch und
Wie von der Person, so gilt auch vom S t a a t , daß er nicht in sei-
unedel" (legg. 729 d G ) . Nur in bezug auf die Arete der Seele ist also
nen Äußerlichkeiten, sondern - später wird noch die Rede davon
gut, was gilt ist, nützlich, was nützliche7.Von hier aus, nicht aus grund-
sein - in seinem „An-sich-Sein" erfaßt werden muß durch den, der
sätzlicher Verachtung des Geldes, erklärt es sich also, wenn Sokrates
sich in sinnvoller Weise den Staatsangelegenheiten widmen will.
feststellt, Bestrafung in Höhe seines Vermögens bedeute keinen Scha-
Hochbedeutsam ist die abschließende Wendung, man ,,solle sich um
den fiir ihn (38 b). Seine Seele leidet keine Einbuße an Aret6 durch
diesen Verliist, so wenig wie durch seine Armut. d i e a n d e r n D i n g e in derselben Weise bekümmern". Das heißt,
Was es jedoch ist, das hinter dem Giitsein der Seele wie des Außer- daß es hier wie in den Definitionsdialogen darum geht, anstelle des
seelischen steht, enthüllt erst der ,Staat6:„Daß die I d e e d e s G u t e n Vielfältigen das a h h , das dv X ~ U zL a U ~ h v ,das E ~ o vpiav ihEav, das ~ 1 6 0 sZU
das höchste Lernstück ist, hast du oft gehört, sie, durch deren Ge- suchenL0'.Sokrates hat hier d i e d e f i n i t o r i s c h e n F r a g e n s e i n e r
brauch das G e r e C h t e und alles andere erst brauchbar und nützlich elenktischen Gespräche im AugeLoZ. Inhalt dieser Fragen ist beispiels-
wird. Aiidi jetzt weißt du wohl, daß ich davon zu reden mich anschicke
Be Allcibiades im ,Gastmahl': .Er zwingt mich, einzugestehen, daß ich, obzwar
und aiißrrdem, daß wir sie nicht geniigend kennen. Kennen wir sie selbst noch sehr mangelhaft, mich nicht um mich selbst kümmere, sondern die
aber nicht, so bedeutete es für uns, wie du weißt, keinen Gewinn, wenn Angelegenheiten der Athener betreibe" (216 a 4 ) . Sokrates im ,Phaidros': .Ich
mir uns auch noch so sehr auf alles andere verstünden ohne sie, wie kann noch nicht nach der delphischen Inschrift mich selbst erkennen; da er-
uns auch I3 e s i t z nichts nützt ohne das G u t e'' (resp. 505 a 2). scheint es mir denn als lächerliche Sache, noch unwissend über das Selbst nach
Auf der ersten Stufe war der Gegenstand des gesuchten Wissens als Fremdem zu schauen" (229 e 4 ) . Vgl. auch Friedländer 11' 79; Jaeger 11 403, 109.
e8 Vgl. Tim. 72 a 4. -Andere Deutung bei Natorp 1. C. p. 9.
t u p E y ~ o ~und
a ,,etwas Schönes und Gutes" angedeutet, auf der zweiten
Lw Daß die Sorge um das Selbst nicht als bloß formale Angelegenheit, als bloßes
Wissen des Wissens und Nichtwissens aufzufassen ist, wird bei Betrachtung der
Vgl. Euthyd. 281 d 6. Auch das Seelische selbst erhält erst von der Arett? her
in der ,Apologie' angedeuteten Stufen der Durchdringung der Persönlichkeit klar
seinen Wert: Meno 88 a 4.
O7 ,Reich möge mir dünken der Weise; an Goldes Fülle möge mir so viel zuteil werden.
IoL Hipp. I 286 d 8; Lach. 191 e 10; Euth. 5 d 3; Meno 72 C 7.
werden, als niemand anders zu tragen und zu schleppen vermöchte denn der Be-
sonnene" Phaedr. 279 b 8. Vgl. auch ,Kritias' 120 e 6. Ioe Vgl. Wolff 1. C. p. 28.
102 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 103
halber das Schöne selbst lo3,die Tapferkeit, die Frömmigkeit, die Aret6. persönlich gegenüber, wie die ,Apologie6unablässig betont. E r beredet
All dies schließt jene Wendung ein; in alledem wird das ,,Selbst", das „jeden einzelnen", „wen er gerade trifft", er „ist zusammen" mit ihm,
dem ,Phaidon6zufolge „eingestalt:gU ( P O ~ O - E List,
~ ~ Sgesucht
) lo4. Dies
er ,,unterredet sich", er „geht persönlich hin" zu jedemlo7. Dieser Zug
aber ist nichts anderes als die I d e e. „Wir behaupten", sagt Sokrates findet sich allenthalben bei Platon bis hin zu den ,Gesetzen6,wo die
im ,Staatc (507 b 2). ,,es gebe eine Vielheit von schönen Dingen und Spartaner getadelt werden, weil sie Herdenerziehung, nicht Erziehung
guten Dingen und so von allen Arten von Dingen, und unterschieden des einzelnen betreiben (666 e 3 ) .
demgemäß in der Rede. Und auch, daß es ein Schönes selbst und ein Sokrates sucht Politikern, Dichtern und Handwerkern klarzu-
Gutes selbst gebe, und so bei allem. was wir eben als Vielheit setzten; machen, daß sie das Wissen nicht besitzen, das sie sich zusprechen.
und indem wir nun umgekehrt das viele einzelne je einer Idee als der Die ,Apologiei äußert sich nicht darüber, wie er dabei vorgeht. Der
Einheit, die es umfaßt, unterordnen, benennen wir es als das, was es ,SophistesLschildert das Verfahren der Elenktiker folgendermaßen:
wirklich ist." Stenzel hat recht, wenn er zu unserer Stelle meint: „Das „Sie stellen Fragen auf einem Gebiet, wo der betreffende glaubt, er
ist natürlich in niice die gesamte Ideenlehre" 1°' - wenn man davon ab- habe etwas zu sagen, während er doch nichts sagt, und da es sich um
sieht, daß Platon weder hier noch anderwärts Ideen „lehrtu. die Meinungen solcher handelt, die in die Irre gehen, prüfen sie diese
Zu Beginn dieses Kapitels hatten wir zwei Komponenten der sokra- ohne Mühe, rücken sie vermöge ihrer dialektischen Kunst nahe an-
tischen Tätigkeit festgestellt: die Suche eines Wissens und die Einwir- einander und stellen sie unmittelbar nebeneinander. Sodann zeigen
kung auf den Gesprächspartner. Innerhalb der ersteren sind nachein- sie, daß sie, vom gleichen Gegenstand handelnd, in gleicher Weise aufs
ander Einsicht, Tugendwissen, Ideenrissen ins Blickfeld gerückt, an nämliche bezogen, miteinander in Widerspruch stehen" (230 b 4). Dies
ihnen wurden wesentliche Züge der sokratischen ,,Methode" exponiert: entspricht genau dem Verfahren des Sokrates in der Meletos-Elenxis.
Elenktik, Paränese, Definitiori. Die zweite Komponente entfaltet sich „Sokrates verdirbt wissentlich -
Verderb anderer schadet dem Ver-
non gleichfalls in drei Stufen, deren jede mit einer der ersten gekop-
pelt ist und diese in neue Beleuchtung rückt.
-
derber"; ,,Sokrates glaubt an keine Götter er glaubt doch an Göt-
ter" -, so verwickelt Sokrates den Meletos in Widersprüche und führt
„Soll ich im Kampf mit den Alhenern darauf hinwirken, daß sie so ihn damit in Aporie. Nicht anders dürfte es Politikern, Dichtem und
gut wie möglich werden, wie ein Arzt, oder soll ich ihnen dienen und Handwerkern ergangen sein.
meinen Umgang mit ihnen auf Erregung von U70hlgefallen abstellen?" Entscheidend ist nun, wie sich die Oberführten in der Aporie ver-
(Gorg. 521 a3)lo8.Sokrates will etwas von den Menschen, will, daß halten, ob sie diese an sich herankommen lassen oder von sich ab-
sie anders, besser werden. Also muß er einen Kampf auf sich nehmen, schütteln, ob sie „existentiell" berührt sind oder nicht, mit den Worten
der ihm möglicherweise Haß einträgt, muß „bittere Worte" ge- der ,ApologieL:ob sie Sokrates zürnen oder sich selbst (23 C 8).
brauchet~ (Gorg. 522 b B ) , muß indinen und schelten (apol. 30 e 7 Die jene „erste Anklage" gegen Sokrates richteten, sind solche, die
39 d 4 ) . Ferner niuß er, soll sich diese Auseinandersetzung intensiv in ihrem Wissensdünkel verharrten. „Sie zürnen mir, nicht sich selbst,
gestalten, intiglichst nahe an den einzelnen heranzukommen suchen. und sie sagen, es gebe ein abscheuliches Subjekt namens Sokrates, und
Er bedient sich nicht der Ansprache an eine Menge, sondern tritt jedem dieser verderbe die Jugend. Und wenn sie jemand fragt, durch welches
-- -- -- - ---
'05 Vgl. auch Crat. 439 C 7; symp. 211 C 6; Phaedo 100 b 5; resp. 507 b 2; Parm.
Tun und welche Lehre, haben sie nichts zu sagen, sondern wissen's
130 b 7. nicht; um aber nicht den Anschein der Ratlosigkeit zu erwecken, sagen
'04 „Die ,Dinge srlhst', ,selbst für sich selbsf, das ist die ursprünglid1c Bezeichnung sie, was gegen alle Philosophierenden zur Hand ist, und reden von
der Idee und in liöliercm Sinne als Eidos und Idee Terminus" Stenzel Studien ,Dingen am Himmel und unter der Erde' und ,nicht an Götter glau-
195. - Hinsichtlicli der Frage „noch Begriff oder schon Idee" vgl. Friedllnders ben' und ,die schwächere Sache zur stärkeren machen' " (23d 1).Wenn
Bemerkung zum ,Euthyphronl: .Das ist in den Unterscheidungen einer philo-
sophiegeschichtlichen Konstruktion gedacht, und vor Aristoteles konnte so gar
es von Nikias heißt, ,,er windet sich hinauf und hinab, nur um seine
nicht gefragt werden. Wer jene Worte gebrauchte - die ganz ähnlich im Menon Apo& zu verbergen" (Lach. 196 b 1), von Laches, „er blickt nicht auf
wiederkehren (72 C) -, der hatte längst die .Gestalt" der Tugend zu Gesicht be- sich selbst, nur auf die andern" (die genau so unwissend sind wie er
kommen und das Gegenüber von seiendem Urbild und nach dessen Muster ge- selbst, Lach. 200 a 7), von Kritias, ,,da er gewohnt war, Beifall zu ern-
formtem Einzeldasein erfaßt" 111 84.
Studien p. 195. lo7 Vgl. 3 0 e 7 3 1 b 4 3 6 c 3 ; 2 0 a 4 2 9 d 6 3 0 a 3 (vgl. Menex. 2 4 6 b 5 ) ; 1 9 e 5 2 5 b 4
lnB Vgl. Gorg. 502 b 2 521 d 8 522 b 3. d 1 2 ß a 5 3 3 b 9 4 1 a 6 c 3 ; 1 9 d 2 3 3 a 8 3 7 a 6 3 8 a 3 3 9 e 1 41c2; 3 1 b 4 3 6 ~ 3 .
104 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 105

ten, schämte er sich vor den Anwesenden und wollte mir nicht zu- „lm Schlafe ist niemand etwas wert, ist nicht mehr als ein Toter.
geben, daß er zu einer meiner Aufforderung entsprechenden Darlegung Wer dagegen um Leben und Einsicht (rpeoveiv) bemüht ist, wacht so
nicht imstande war, und dabei brachte er doch nur Unklares vor, LI^ lange wie möglich" (legg. 808 b 5). Aus dieser Äußerung des greisen
seine Aporie zu verbergen" (Charm. 169 e G), so ist mit alledem die- Platon über das physische Wachen und Schlafen geht hervor, was ihm
selbe Haltung gemeint los. Im Spätwerk kommt Platon noch einmal auf beides im tieferen Sinne bedeutete. „Schlafenu heißt dessen verlustig
die Vorwürfe gegen Sokrates zurück und sieht sie in einen1 weitereil gehen, was das Beste am Menschen ausmacht: der Erkenntni~"~; im
Zusammenhang: in ihnen drückt sich die Rache der Konvention aus ,I<ratylosL(421 b) wird gar na9eUbew mit qeG8os in Zusammenhang ge-
dafür, daß sie in Frage gestellt wird von einem einzelneil. ,,Man soll bracht. „Weckena heißt daher zunächst, die geistige Tiitigkeit in Gang
ihn ernstlich weder einen Heilkundigen noch einen Steuermann nen- bringen. „Den Schlummernden und von Natur Unwissenden weckt
nen", so fordert sie (politic. 299 b 6 ) , ,sondern einen Wetterprophe- sie", heißt es in den ,Gesetzen6von der Mathematik (747 b 3), ,,macht
ten und sophistischen Schwätzer; sodann soll jeder beliebige unter den ihn leicht lernend, gedächtnisstark und geistig flink" "I. Erweckung
dazu Befugten ihn vor Gericht bringen als einen, der jüngere Leute bedeutet jedoch mehr als bloße Anregung der geistigen Funktionen,
'
vcrdirhi iiiid bcrrtlrl, sie solltcii die Stcticriiiaiiiiskiiiist und die IIcil- nämlich 1Iinwenduiig auf einen ganz bestimmten gegenständlichen
kunst nicht nach den Gesetzen betreiben, sondern selbstherrlich über Bereich. Wer erweckt ist, müßte die Wahrheit sagen können (Tim.
das Schiff und die Kranken verfügen". 52 b 6). Von dem, der zu höchster Erkenntnis nicht fähig ist, heißt es
„Viele waren schon in einer solchen Stimmung mir gegenüber, daß im ,Staati: ,,Ein solcher weiß, so wirst du sagen, weder das Gute selbst
sie geradezu bereit waren, zu beißen" (Theaet. 151 C 5). Ganz anders noch irgend etwas anderes Gutes, sondern sofern er das Schattenbild
verhalten sich die, die von der Aporie e r f a ß t sind. „Ich ärgere mich eines solchen berührt, geschieht dies auf Grund einer Meinung und
wirklich, wenn ich so wenig imstande bin, auszusprechen, was ich nicht eines Wissens, und sein jetziges &eben verbringt er träumend
denke", sagt 1,aclies (194 a 7) ; Sokrates selbst bekennt im ,größeren und schlafend, und bevor er hier erwacht, kommt er in den Hades, um
Hippias': „Reim Weggehen von dem Zusammensein" - dort war er in dort e~dgültigin Schlaf zu versinken" (534b 8)"'. Erweckung bedeu-
Aporie versetzt worden - „zürnte ich mir und tadelte mich" (286 d 3), tet also dasselbe wie die Umwendung, von der im ,Staatbim Anschluß
und im ,SophistesLwird im Anschluß an die Schilderung des elenk- an das Höhlengleichnis die Rede ist (518 d 3) : Hinwendung zum
tischen Verfahrens gesagt: ,,Da jene dies sehen, zürnen sie sich selbst, Höchsten.
werden jedoch zahm den andern gegeniiber" (230b 8). Bei ihnen hat Eins ist bei diesem Vorgang der Erweckung höchst eigentümlich
Sokrates erreicht, was er wollte. „Nun fühlt er sich in Aporie, und wie und unterscheidet ihn von aller Lehre. Sokrates nimmt für sich nur
er nicht weiß, so vermeint er auch nicht zu wissen" (Meno 84 a 7). die Kunst des Erweckens in Anspruch, des Hervorrufens von Geburts-
Diese Stufe handelt von der Aporie; sie hatte aber auch das Wissen, wehen (06iva Eyeipv), wie es im ,TheaitetLheißt. Das Wesentliche,
die Sophia und Phronesis, ins Blickfeld gerückt (s. o. p. 89). Diese nämlich jenes Höchste zu begreifen und zu erfassen, auf das sein Blick
Gegeriiiberstelliing ist von tieferer Bedeutung; sie besagt, nur vorn gelenkt wurde, bleibt dem Betreffenden selbst überlassen; Sokrates
Wissen des Nichtwissens aus, nur im Bewußtsein der aporetischen lehrt nichts. „Die mit mir zusammen sind, scheinen zum Teil anfangs
Situation kann man überhaupt nach Wissen ganz unwissend zu sein. Alle aber machen, sofern es der Gott ihnen
Auf der n ä c h s t e n S t u f e tritt die Tätigkeit Sokrates' als die verstattet, beim Fortgang des Zusammenseins wundersame Fort-
eines Envcclcers in Erscheinung. „Ich bin vom Gott der Stadt bei- schritte, wie ihnen selbst dünkt und den anderen; dabei ist offenkundig,
gegeben wie einem großen, edlen Pferd, das jedoch infolge seiner daß sie nie etwas von mir gelernt, sondern selbst aus sich selbst vieles
Größe etwas träge ist und der W e C k u n g vermittelst eines Sporns Schöne gefunden und gezeugt haben" (Theaet. 150 d 2)"'.
bedarf. So hat mich denn der Gott der Stadt beigegeben, wie es scheint, Die Erweckung kommt dadurch zustande, daß bei dem in Aporie
als einen, der nicht aufhört, jeden einzelnen von euch zu e r w e c k e n Geführten die von Sokrates gewünschte Reaktion eintritt. Sie ist die
und zu bereden und zu schelten und euch so überall den ganzen Tag
110 Vgl. auch resp. 411 d 2.
im Nacken sitzt" (30 e 3). "'V&. auch leg& 818 c 5.
Vgl. Clitoplio 408 b 5; Meno 86 a 6; resp. 476 C d 523 d 8 533 b 6; politic. 278 e 8.
1°8 VgI. auch Gorg. 522 b 7; symp. 216 b 3. Friedländer 11' 382. Zur Bezeichnung ,,Wächter" vgl. Jaeger 11138.
1°9 Vgl. U. p. 106 R.. Vgl. Jaeger 111 19.
106 11. Dai Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betitigung 107
-
sinnvolle Fortführung des auf der ersten Stufe Aporie Angebahn- - bleiben mußte, ist das Werk der Elenxis. „Glaubst du nun", sagt
ten. In der ,ApologieLwird dreimal die Wirkung der Aporie gezeigt: an
Sokrates vom Sklaven im ,MenonL, ,,er hätte sich ans Suchen oder
S o k r a t e s s e l b s t , an den v o n i h m G e p r ü f t e n , und schließ-
Lernen dessen gemacht, was er zu wissen glaubte, ohne es doch zu
lich aktualisiert, nicht bloß referiert. in der A u s e i n a n d e r s e t -
wissen, ehe er sein Nichtwissen einsehend in Aporie stürzte und nach
z u n g m i t Meletos. dem Wissen verlangte" (84 ~ 4 ) " ~Nur ? für den, der von der durch
1. Das delphische Orakel hat einen Spruch getan, der Sokrates ein Elenxis bewirkten Aporie ausgeht, ist gegenständliches Wissen förder-
Rätsel ist (aivizzetu~).Er nimmt seine Aporie ernsti1*und läßt daher
lich. „Die Seele wird n i c h t e h e r Nutzen haben von den Wissen-
den Spruch nicht auf sich beruhen, sondern versucht, den wahren schaften, die an sie herangetragen werden, als ein Widerlegender den
Sachverhalt zu ermitteln, auch wenn es Mühe kostet. Er macht sich Widerlegten in Scham versetzt, ihm die den Wissenschaften hinder-
auf die Suche (Sfitrla~s), er möchte das Orakel widerlegen ( & ~ ~ x E L v ) . lichen Meinungen benommen, ihn gereinigt und dazu gebracht hat,
Dies ist die IInltiing dessen, dem jede Behauptung und jede Frage daß er nur das zu wissen vermeint, was er wirklich weiß, mehr aber
Aporie bedeutet, aus der es mit eigenen Mitteln sich zu lösen gilt. Iin nicht" (soph. 230 C 7). Von ihrem G e g e n s t a n d her erhält die
,Thc:iifci' s:i~,'ISoltr:il(~s:„Wir, wciiii l'l~rodorosdir Scc.1~des ci~ieii IClcnxis ilircn Sinn. Der Mäeiitikcr Sokrales prüfl, 01) der Geist des
von uiis lobtc in1 Hinblick auf Tugend und Weisheit? MüBte, der dies Jungen Lüge oder Wahrheit zutage gefördert habe (Theaet. 150 b 9)
hört, sich nicht getrieben fühlen, den Gelobten zu prüfen" (1haox6- Auf den Vorwurf, er treibe Elenxis nicht um der Sache willen, sondern
$acr6ut, 21 b 7) ? als Selbstzweck, erwidert Sokrates im ,Charmides4,ihr Zweck sei viel.
Auf der zweiten Stufe steht dem p e r s ö n 1i C h e n Bereich der mehr, zu ermitteln, was man wirklich weiß: „Glaubst du nicht, es be-
Erweckung der s a c h l i c h e Bereich des Tugendwissens (s. p. 93) deute ein gemeinsames Gut für fast alle Menschen, wenn sichtbar wird,
gegenüber. An Sokrates wird sichtbar, was diese Zuordnung zu be- wie sich jedes seiende Ding wirklich verhält" (166 d 5) ?
deuten hat. Das Suchen nach den pEy~otaist für ihn nicht nur eine Wenn nun gerade auf der Stufe der Erweckung von der Tugend als
Tätigkeit neben anderen, sondern erfaßt ihn ganz, wird zu einer Le- einem W i s s e n - neben Wahrheit "' und Einsicht liB - gesprochen
benshaltung - er hört nicht auf zu philo-sophieren; auch im Hades ist wird, so bedeutet diese Zuordnung, daß der g e g e n s t ä n d 1i C h e
er nichts anderes als der Elenktiker -, wird zu dem, was sein Leben Charakter der Aret6 nur im Zusammenhang mit der p e r s ö n 1i c h e n
überhaupt lebenswert macht (38 a 5 ) . So wird bei Sokrates die Er- Erweckung zu begreifen ist.
weckung zum Tiigendwissen „existentiell". Am Beginn des Wegs zur Tugend wie zu Wahrheit und Einsicht
2. Einsicht, \Wahrheit, Aret6 fordert Sokrates auf der zweiten Stufe steht das Sich-selbst-Zürnen (apol. 23 C 8). Im ,Theaitetl läßt Platon
von allen Athenern (29 e 1).Mit gutem Grund spricht er erst hier und ironisch den fingierten Protagoras Sokrates zu dem ermahnen, was
nicht schon :iuf der Stufe der Aporie vom Tiigendwissen. So1;inge die gerade dessen Werk ausmacht: er soll in ernstem, nicht eristischem
Seele nicht durch die Aporie hindurchgegangen ist, riickt die Aret6 Gespräch auf Selbsttäuschungen aufmerksam machen. ,,Wenn du
iiberhaupt nicht in ihren Gesichtskreis. ist sie doch noch befangen in nämlich so handelst, werden sich deine Mitunterredner selbst für
ihrem falschen Wissensdünkel. Dieser hat die größten Irrtümer zur schuldig erklären an ihrer Verwirrung und Ratlosigkeit und nicht dich,
Folge. „Ohne etwas zu wissen sich wissend dünken, daraus fließt für und sie werden dir folgen und dich lieben, sich selbst aber h a s s e n
alle aller gedankliche Irrtum, wie es scheint" (soph. 229 C 5). Der sich und von sich selbst zur Philosophie hinflüchten, auf daß sie a n d e r e
wissend dünkt, schließt sich ab gegen das, was not tut. „Wer glaubt, w ü r d e n und sich befreiten von denen, die sie früher waren"
weise zu sein, will V o n V o r ri 11e r e i n nichts lernen auf dem Gebiet, (168 a 2). Sich selbst hassen, sich selbst zürnen - das heißt: ,,Du
wo er stark zu sein glaubt" (soph. 230 a 6) "'; mit dieser Haltung schä- kannst nicht bleiben, der du bist, du mußt dein Leben ändern""".
digt er seine Seele (legg. 727 a 7).
Anders die durch die Aporie e r W e c k t e Seele. Daß sie überhaupt ll6 Vgl. resp. 524 e 5 Dlno~sivxai STJTE~V.
Aporie bedeutet Zerstörung des Wissens-
nach dem gegenständlichen Bereich strebt, der ihr seither verborgen dünkels und Anregung zu gemeinsamem Suchen. .Diese einfache Fügung breitet
sich in die platonische Welt hinein und legt sich dort auseinander. Erst muß das
l l q g l . Wolff 1. C. p. 70 E.;p. 73: .Es entspricht Sokrates' Erweckerberufe, wenn Falsche ausgerottet, die Gegenkraft vernichtet sein, bevor das Wahre gezeigt,
sich auch seine Berufung in derselben Erkenntnisform vollzieht, die er selbst als das neue Reich gegründet werden kann." Friedländer Ie 179.
die allein gültige anerkennt: der Erweckung." 117 Vgl. resp. 534 b 8; Theaet. 151 c 7.
" W g l . Phaedr. 275 a 6; ep. V11 341 b 7; legg. 701 a 5. li8 Vgl. Maier 1. C. p. 350; 352; 353. "9 Rilke, Archaischer Torso Apollos. '
108 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 109
,Wenn ich Perikles hörte oder andere gute Redner", sagt Alkibiades
Scherz treibe und mir selbst widerspreche, oder werde ich ihn täuschen
im ,Gastmahl', ,,glaubte ich wohl, er spräche gut, hatte jedoch nie
und die andern, die zuhören?' " (27 a 1).Meletos' Klage wäre also eine
einen Eindruck von der genannten Art noch auch geriet meine Seele
Probe auf Weisheit und Geisteskraft wie das sokratische Gespräch; ist
in U n r LI h e oder Z o r n ob meiner sklavischen Verfassung. Aber
es doch Sache der wahrhaft Gebildeten, ,,in ihren Gesprächen einander
unter der Einwirkung dieses Marsyas kam ich vielfach dahin, daß mir
auf die Probe zu stellen und sich auf die Probe stellen zu lassen" (Prot.
das Leben nicht mehr lebenswert schien, sofern ich bleibe wie ich bin"
348 a ) . „Doch auch ich glaube, mein Protagoras, daß Simonides dies
(215 e 4)'''. Nur der von der Elenxis ,,existentiell" Betroffene, der „Er-
meint und Prodikos hier es weiß, jedoch scherzt und anscheinend dich
weckte", vermag sich der AretE, die ein ,,existentielles" Wissen ist, zu-
versucht, ob du imstande sein wirst, deiner Sache zu IIilfe zu kom-
zuwenden, und mit ihr der Wahrheit, Weisheit, Einsicht. ,,So treibt
men", meint Sokrates Prot. 341 d 6, und er selbst stellt seine Fragen
das raisonnement zur schöpferischen Geburt des Irrationalen, positiv:
an den jungen Hippokrates, ,,um dessen Kraft zu erproben" (311 a 8)I**.
der im persönlichen Sein gelegenen Vorbedingungen für die Ergreifung
Die Mittel einer solchen Probe sind das ,,Rätsel", der ,,ScherzL',die
des Wahren, Guten, Rechten. ,Ehe du nicht bist, was du denkst, kannst
„Täuschung"; wer sie zu handhaben vermag, müßte wahrhaft über-
du gar nicht denken, was du sein solltest' " (Spranger)I*'.
legen sein. Im ,CharmidesLwird die Behauptung, das Seine tun be-
3. In der ilfeletos-klenxis wird zunächst die Frage aiifgeworfen, wer deute so viel wie besonnen sein, für das Rätselwort eines keineswegs
die Jugend erziehe. „Es ist klar, daß du es weißt 12'; ist dir doch daran Einfälfigen erklärt (162a 10), und dem großen Sophisten Hippias
gelegen", meint Sokrates zu Meletos (24 d 4) mit derselben Ironie, wie gegenüber erklärt Sokrates: ,,Ich erwäge, mein Freund, ob du viel-
er sie Euthyphron gegenüber gebraucht: „Wenn du nicht genau das leicht Scherz mit mir treibst ''' und mich absichtlich täuschst" (Hipp. I
Fromme und das Unfromme kennen würdest, hattest du es niemals 300 d 2) "f Nun wird im ,Kleineren Hippias' festgestellt, es sei Sache
unternoriirnen, tim eines Tagelöhners willrn deinen alten Vater wegen desselben, zu lügen und die Wahrheit zu sagen, nämlich des Einsich-
Mordes zu verklagen" (Euth. 15 d4)lES.Schon vorweg gibt Sokrates tigen, Wissenden, Weisen (366 a ff.) , und Sokrates erklärt im ,Phai-
das Beweisziel des Gesprächs an: ,,Er gibt vor, sich um Dinge ernst-
dros': „Der die Wahrheit weiß, kann mit den Zuhörern sein Spiel trei-
haft zu heniühen. um die er sich nie auch nur einen Deut gekümmert
ben und sie irreführen" (262 d 1). Sokrates hüllt also den Meletos in
hat" (2-1C 6). Bald aber wird klar, was das eigentliche Ziel des Ge-
die Larve des Uberlegenen, Wissenden, verleiht ihm einen Schimmer
sprächs ist: ,,Siehst du, mein Meletos, daß du schweigst und nichts zu
dessen, der er sein sollte, aber nur, um ihn desto drastischer demaskie-
sagen hast? Scheint dir dies denn nicht eine S C h a n d e (aioxeb) und
ren zu können. „Unmöglich hast du diese Klage gegen mich anders als
ein hinlänglicher Beweis für das, was ich sage, daß du dich nicht
in der Absicht abgefaßt, mich auf die Probe zu stellen - oder aber aus
darum gekümmert hast?" (24 d 7). Sokrates will ihn zur Beschämung
führen. die das Zürnen auf sich selbst zur Folge hat. R a t 1o s i g k e i t , welche wirkliche Ubeltat du mir vorwerfen könn-
test" (27 e 3). Die Widersprüche, in die Meletos sich verwickelte, zei-
Weiter wird hleletos vorgehalten, er sei ein Übermütiger Frevler, der
gen deullicli: er ist in Aporie.
mit ernsten Dingen Scherz treibe (26 e), gleichwie Menon als ~ ~ Q L U T ~ ~ S
Nur so weit vermag Sokrates ihn zu führen. Ob er nun sich schämen
und rcavoüpyog bezeichnet wird (Meno 76 a 9 81 e 6). Die Mutmaßungen
und sich selbst zürnen wird, muB dahingestellt bleiben. Sokrates ver-
über Motive und Absichten seines IIandelns erinnern jedoch - an
säumt jedenfalls nicht, ihm anzudeuten, was er zu tun habe. Zu den
Sokrates selbst. I m Hinblick auf die Anklageschrift sagt Sokrates von
Richtern gewandt, die ihn verurteilten, sagt er in seiner letzten Rede:
Meletos: „Er scheint gleichsam ein Rätsel abgefaßt zu haben, um die
„Wenn ihr durch das Töten von Menschen jemand davon abzuhalten
Probe zu machen: ,wird es Sokrates der Weise bemerken, daß ich
glaubt, euch zu tadeln, daß ihr nicht richtig lebt, so denkt ihr unrecht.
lm Vgl. ep. V11 327 a B. 330 C 9 346 d 1. Jaeger 111 19. Denn diese Art von Befreiung ist weder so leicht möglich noch auch
lel 1. C. p. 275. sehön, vielmehr ist jene die schönste und leichteste, nicht den andern
hleletos ,weiß, auf welche Weise die Jugend verderbt wird und welches ihre Eintrag zu tun, sondern sich selbst dahin zu bringen, da8 man s o
Verderber sind, und er scheint ein weiser hlann zu sein" Euth. 2 C 3. g u t W i e m ö g 1i C h s e i" (39 d 3). Daß diese Worte zugleich auch
Vgl. Lach. 186 C 8; Prot. 348 d 7; Charm. 162 d 7; Euth. 4 a 11 e 3 5 C 7 9 a 1 b 2
1 1 a 6 12 a 4 13 e 7 14 b 8 d 4; Euthyd. 285 b 3; Menex. 234 a 4; Gorg. 487 a 2; lZ4 Vgl. Theaet. 157 c 4.
Meno 70 a 5. - Das Kallias-Gespräch der .Apologiei zur Erziehungsfrage: .Ich lea Vgl. Eutliyd. 278 b 2; Meno 79 a 7; Theaet. 162 a 1; Phaedr. 277 e 5.
denke, du hast die Sache geprüft, da du im Besitz von Söhnen bist" (20 b 5). 126 Vgl. 10 541 e 4; Gorg. 499 b 9; Meno 80 b 8; Phaedr. 271 c 1.
110 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 2. Sokrates' Betätigung 111
den Klägern, auch Meletos, gelten, zeigt am Ende der ,ApologieLSokra-
daß alles dem e i g e n e n W i 11e n (ßo4hqacs) folge, sondern vielmehr
tes' Aufforderung an die, die ihn verklagten und verurteilten, sie soll-
der Wille der e i g e n e n E i n s i C h t" ((peOvqo~s,687 e 5). Eben dies
ten sein Werk fortsetzen, sollten seine Söhne mahnen, gleichwie er sie
wird in der ,Apologie' gefordert: der einzelne solle „für sich selbst
gemahnt hatte (41 e). Eine solche Ubernahnie des Erweckerberufs ist
sorgen, da13 er so gut und e i n s i C h t i g wie möglich sei" (36 C 6).
nur möglich, wenn sie ihr Leben radikal ändern. So leuchtet am
Nicht das Individuelle, schon gar nicht der vitale Egoismus ist also das
SchluQ der ,ApologieLnoch einmal das Bild jener „Tugenda des Er-
eigentliche „Selbstu, sondern die beste Verfassung desjenigen Teils der
weckten auf, das uns die zweite Stufe mit ihrer Vereinigung von g e -
Person, der zu einer Ermittlung des wahrhaft Objektiven allein in der
W ii ß t e r u n d g e 1e b t e r Aret6 nahebrachte.
Lage ist.
Bei der stufenweisen Enthüllung des g e s U C h t e n W i s s e n s trat
Diese Wahrnehmung des objektiven ,,Selbsta erfolgt jedoch - und
uns auf der d r i t t e n Stufe die Idee entgegen, das ,,S e 1b s t". Wollen das ist das Entscheidende - nicht durch einen Blick nach außen, ein
wir verstehen, was Platon als dritte Stufe der D U r C h d r i n g U n g Lernen im üblichen Sinn, sondern kann n u r v o n d e r S e e l e
d e r P e r s ö n 1 i C h k e i t ansieht, so miissm wir erst zii erfassen s e 1b s t i n s i C h s e 1b s t vollbracht werden. ,,OiTenkundig ist, daß
des e i n -
siiclieii, wns er iiiiler driii so auffiillig akzentuierten ,,SelbstcL sie von mir nie etwas gelernt, sondern selbst aus sich selbst viel Schönes
z e 1n e n - es wird noch vor dem ,,Selbstu des Staates und der andem gefunden und gezeugt haben" (Theaet. 150 d 7). Nun ist klar, warum
Dinge genannt - versteht. Sokrates in der ,ApologieLso betont, man dürfe ,,nicht eher für seine
„Große Liebe zu meiner e i g e n e n S e e 1 e müßte mich erfüllen, Angelegenheiten sorgen, als man für sich selbst gesorgt habe", was
wenn ich so unvernünftig (fih6y~oto~) sein sollte, daß ich nicht b e - später der ,PhaidonLso ausdrückt: die Philosophie spreche der Seele
d e n li e r i (hoyit~o6al)könnte", wie wenig vorleilliaft für mich Ret- zu, „sie solle sich auf sich selbst versammeln und konzentrieren"
tung des Lebens auf Kosten des Verbleibs in Athen wäre (37 ~ 5 ) " ~ . (83 a 7). „In der sokratischen Elenktik, der Widerlegungs- und Prü-
Liebe zum 11 i c d e r e n Selbst, zur vilalen Seele erscheint Sokrates fungsltunst, lag stets das doppelte Motiv: nur vom einzelnen Ich und
hier als Hinderung des E i g e n t 1i C h e n , des hoyiLeo8a~.Die ,Gesetzec seinen Gedanken auszugehen, aber in ihm und gerade durch sein
bestätigen diese Auffassung und zeigen zugleich, was der Gegenstand Selbstbewußtsein hindurch zu einem andern Selbst und zu einer an-
des hoyitea6ac sein müßte. Das größte Ubel für die Menschen, so äußert dern Gegenständlichkeit durchzudringen" (Stenzel z. St.)'". Nicht auf
sich dort der Athener, „ist dies, was man gemeinhin sagt, daß jeder ein bloß formales Wissen des Nichtwissens kommt es also an, sondern
Mensch von Natur s i C h s e 1b s t liebe und daß es seine Richtigkeit auf die Erweckung des einzelnen, die das ,,SelbstcLder Dinge suchen
habe damit, daß man so sein müsse. In Wahrheit aber ist die allzu heißt, an dem sich hinwiederum das ,,Selbst6' der Persönlichkeit, die
groRe Selb~tliel~e fiir jeden jeweils die Ursache aller Verfehlungen; ist AretC der Seele, konstituiertt2" ,,Die Kunst, die Sokrates gemeint hat,
doch der Liebende blind gegenüber dem geliebten Gegenstand, sodaß ist ein Werk von der tiefsten Verantwortung; denn er fordert: den
er das G e r e C 11 t e und G U t e und S C h 6 11e schlecht beurteilt, da er Werdenden so tief in sich hinein- und so weit in sich hinabzuführen,
glaubt, er niiisse das Seine über das Wahre stellen" (731 e 1). Das da0 er dort selbst die ewigen Leitsterne findet, die das Dasein erleuch-
wahre Selbst richtet sich auf die p&otrl, das Ewige, Unveränderliche. ten und deren Glanz auch in der Todesstunde nicht verbleicht" (Spran-
„Was sich immer gleich verhält, kann man nicht anders erfassen als ger)I". Er kann diese Leitsterne dort finden, weil die Seele, wie Platon
mit des Verstandes U b e r 1e g U n g" (8~avoiachoyiap@,Phaedo 79 a 2). bei seiner eingehendsten Betrachtung über „das Selbst und was des
Diese Ilirisicht ins objektive ,,SelbstcList P 11 r o n e s i S. Dem immer Selbst istcLausführt (legg. 726ff.), als das Zentrum des ,,Selbsta zu-
gleichen gegenüber „beendet die Seele ihre Irrfahrt und verhält sich gleich auch das G ö t t 1i C h s t e ist, was der Mensch besitzt (728 b 1).
jenem gegenüber immer in der gleichen Weise, da sie es mit Dingen Aporie - Erweckung; als dritte Stufe der Durchdringung der Per-
von solcher Beschaffenheit zu tun hat. Und dieser Vorgang in ihr heißt sönlichkeit erscheint, was der erreicht hat, bei dem das gesuchte Wis-
Phronesis" (Phaedo 79 d 4). Demnach muß sich das niedere Selbst
der P h r o n e s i s unterordnen, der Einsicht in das Gerechte, Gute, Studien 196.
12@,,Der objektive Wesenskern, das sinngebende Zentrum der Person, wandert hin-
Schöne. Auch dies bestätigen die ,GesetzeL: „Deine Meinung scheint
über in das Sein der wahren, objektiven Dinge, und umgekehrt: in dem wahren
mir dahin zu gehen, man solle nicht darum beten und darauf drängen, Sein der Wirklichkeit findet sich die Person wieder, in der Erfassung des Seins
konstituiert sie sich im Prozes des geistigen Lebens" Stenzel, Studien 196.
IL7 Vgl. Gorg. 512 d 8. iJO 1. C. P. 278.
112 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesaintwerl< 2. Sokrates' Betätigung 113

sen organisch, ,,existentiell" geworden ist: die E u d ä ni o n i e. „Jener nen sich g 1ü c k 1i c h preist ob dieser Veränderung, mit jenen aber
macht", sagt Sokrates im Hinblick auf den vielgepriesenen olym- Mitleid empfindet?" (resp. 5 16 C 4).
pischen Sieger, „da8 ihr glücklich zu sein scheint, ich, daß ihr es Auf der dritten Stufe wurde das Ziel des Wissensstrebens angedeu-
s e i d" (30 d 9 ) . tcl: die Idee. Wenn zugleich die Eudämonie ins Blickfeld trat, dann
Damit ist olfenbar geworden, woraufhin die beiden miteinander ge- wohl deshalb, weil hier an eine letzte Durchdringung der Persönlich-
koppelten Stufenreihen orientiert sind. Auf der ersten SLufe traten keit gedacht wird, ein Erfülltsein von der Idee, zumal der höchsten:
zwei Wissensbegriffe auf: Sophia und Phronesis. Beide, so zeigt sich der Idee des Guten. Sie ist, wie der ,Staat1sagt, das Seligste vom Seien-
nun, fiihren zur Eudämonie. Gliicklich sein, heifit cs irn ,Eulliydern6, den (526 e 3)'''. Wer ihrer teilhaftig wäre, müßte wahrhaft glücklich
müßte der, der ein Wissen (kn~ot(wq)hätte vom richtigen Gebrauch der sein; mit den Worten des ,Theaitet6 zu reden, man sollte sich an-
Dinge; dieses Wissen ist jedoch nichts anderes als oo<pia (282 a 1). Und gleichen an das göttliche Paradeigma, denn es ist das s e l i g s t e
zur Phronesis meint der ,Menon6: „Endet nicht überhaupt alles Han- (176 e 3)ls4.
deln iind Dulden der Seele in EudRmnnie, sofern Einsicht leitet, irr1 Das Glück, das hier in Frage steht, gründet sich auf einen Bereich,
Gegenteil, soweit Unverstand?" (88C l)13'. Dies Wisseri wurde deili der allen1 Störenden entrückt ist. Diesen Standort zu gewinnen ist
einzelnen persönlich dadurch nahegebracht, daß er vermittels der dem Bemühen des Menschen anheimgegeben. Die Lebenslänge, meint
Elenxis in Aporie geführt ward. Auch hier dasselbe Motiv: „Den nicht Sokrates im ,Gorgiasl, ist Sache Gottes; was der Mensch selbst bewir-
elenktisch Behandelten ( d v BvEh~yxtov!miiß man, auch wenn er Groß- ken kann, ist, daß das ihm zugemessene Leben so gut wie möglich sei
könig sein sollte, weil unrein in den wichtigsten Dingen (tri yEyma), (512 d 8). Hinsichtlich guten Lebens ist der Mensch autark (resp.
für unerzogen und liäßlich ansehen in dem, worin an1 reinsten und 387 d 11). „Der Mann, der alles oder doch beinahe alles, was zur
schönsten sein sollte, wer wirklich ein G 1ü C k 1i C li e r werden will" Eudämonie führt, von sich selbst abhängig macht und darin nicht auf
(soph. 230 d 8). andere angewiesen ist, durch deren Glück oder Unglück notwendiger-
Wahrheit und Aret6 der Seele als höchstes unter den Gütern Geld, weise auch seine Sache ins Wanken geraten müßte, der hat sich das
Körper, Seele trat uns auf der zweiten Stufe entgegen. „Die Wahrheit", beste Leben bereitet, dies ist der Besonnene, dies der Tapfere und Ein-
so äußert sich Platon in den ,Gesetzenc. „nimmt für Götter und Men- sichtige" (Menex. 247 e 6). Die ,Apologiebkennzeichnet den character
schen die Führerstellung über alle Güter ein. Ihrer müßte gleich von indelebilis der Eudämonie mit den Worten: „Für einen guten Mann
Anfang an teilhaftig sein, wer s e 1 i g und g 1 ü C k l i C h werden will" gibt es kein Ubel, weder im Leben noch nach dem Tode" (41 d I).
(730 C 1)'"'. Die „TugendLc,so sahen wir, ist ein „Wissen" sui generis. Wir sahen: die Durchdringung der Person vollzog sich in Stufen, als
Am deutlichsten wird sein „existentieller" Charakter wiederiim in den deren höchste die Eudämonie erschien. Aporie - Erweckung - Eudä-
,Gesetzen6.Dort heißt es, die größte Unwissenheit (0Ipa6ia) sei, ,,wenn monie: diese Stufenfolge verbirgt sich hinter den äußeren Formen der
jemand etwas schön und gut zu sein scheint und er es trotzdem nicht Gerichtsrede und bestimmt in Wahrheit die Struktur der ,Apologie1;
licht, soridrrn hnßl, wiilirelid er liebt und gcrii hat, was ~clilccl-itiind sie bestimmt darüber hinaus das philosophische Leben selbst. Wie in
ungerecht zu sein scheint" (689 a 1). Die „Tugend" wissen heißt also, der ,ApologieGalles auf die Eudämonie zugeordnet ist, so muß auch
nach ihr leben; „Gutwerden aber und G 1ü C k 1i C 11 w e r d e n tritt das philosophische Leben ein Aufstieg zu diesem Höchsten sein; wie
zligleich ein" (legg. 742 e 4). ober die wahre Stufung der drei Güter, die Erweckung in jedem Sinne die Mitte der ,Apologie6ausmacht, so
meint der „achte Brief", müßte ein Gesetz die Menschen aufklären; muß das Erwecktsein die Mitte des philosophischen Lebens bilden, das
„es würde die, die danach handeln, wahrhaft glücklich machen" in ständiger Wachheit das Höchste im Auge haben und ihm zustreben
(355 b 6). Bestimmend für diese Stufe war, daß es sich um Wahrheit soll1S5.Ist der Mensch jedoch im Zustand der Eudämonie, so hat er das
und Aret6 des E r w e C k t e n handelte, dessen, der die Wendung ge- Ziel aller Ziele erreicht. ,,Durch den Besitz des Guten sind die Glück-
nommen und den Weg aus der „Höhle" zu den Dingen selbst gefun-
den hat. „Glaubst du nicht, daß er bei der Erinnerung an seine erste 's Vgl. Jaeger I11 10.
Behausung und die dortige Weisheit und die damaligen Mitgefange- 134 ,The task of human thought is to approach ever closer to an adequate under-
standing of the Ideas, that of human action to transform earthly actualities into
ever closer resemblance to them" Solmsen 1. C.p. 75.
Vgl. Phil. 11 d 4; ep. V11 335 d 4; legg. 653 a 7.
IaE Vgl. Phaedo 111 C 1; Phaedr. 250 b 5; Tim. 68 e G. Vgl. Jaeger 11 121; Friedländer Ie 65 f.
114 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 115
lichen glücklich, und man muß nicht mehr weiter fragen, wozu jemand
glücklich sein will, vielmehr schließt unsere Antwort das Ziel in sichu freilich nicht ohne anzudeuten, wie weiterzukommen sei. Hierin er-
(symp. 205 a 1). füllt sich, was in der ,Apologiecbloß berichtet und dargestellt ist: die
Sokrates führt zur Eudämonie - und hat doch in der ,Apologie6 sokratische Tätigkeit.
nichts eigentlich Konkretes vermittelt. Man müßte ein Wissen haben
von den ~Eyiata,von Wahrheit und Arete, von der Idee - aber hat er
gesagt, was Wahrheit ist, was wir unter Aret6 zu verstehen haben? 3. S o k r a t e s i n d e r A u s e i n a n d e r s e t z u n g
Man müßte so handeln, daß man immer das Unrecht vermeidet und
dem Besseren folgt (29b 6) - gewiß, aber was ist gut, was unrecht? U) mit der Gerichtsrede als einer Form der Rhetorik
Dreimal wurde in der ,Apologiecdie Aporie und ihre Wirkung ge-
zeigt: an Sokrates selbst, an Staatsmännern, Dichtern, Handwerkern „Wie es euch, meine sthenischen Mitbürger, mit meinen Anklägern
sowie dem gesamten Athenervolk, schließlich an Meletos. Nun läßt ergangen ist, weiß ich nicht; ich selbst jedenfalls vergaß unter ihrer
sich erkennen, d:iß die ,Apologie' die Tiitigkeit des Sokrates nicht ledig- Einwirkung beinahe mich selbst, so überzeugend sprachen sie." Schon
lich darstellt, sondern dem Leser gegenüber fortführt. Sie versetzt ihn das Prooimion der ,Apologie4 führt uns mitten hinein in die Aus-
in Aporie, sie veranlaßt ihn, Fragen zu stellen; sie macht darüber hin- einandersetzung des Philosophen mit der Rhetorik. Was ergibt sich
aus Andeutungen über die Art der Blickwendung, die vorzunehmen, hierbei für A u s s a g e , S t i 1 und P e r s o n des Redners?
über den Ort, an dem zu suchen sei. „Haben wir nicht eine Art Weg 1. ,,Sich selbst vergessen" 13', dieser Ausdruck gehört zu den Wen-
aufs Gute hin gefunden?" fragt Sokrates im ,Pliilebos4. ,,Welchen?" dungen, mit denen Platon die Wirkung der Rhetorik charakterisiert.
„Es ist, wie wenn je~nandauf der Suche nach einem Menschen erst das Nach der Rede des Protagoras fühlt sich Sokrates ,,behextu (xoxqlqpE-
Haus richtig in Erfahrung bringen würde, wo er wohnt; er hätte damit WS, Prot. 328 d 4)'", Protagoras' Dichterinterpretation trifft ihn gar
ein beträchtliches zur Auffindung des Gesuchten geleistet" (61 a 7 ) . gleichwie der Schlag eines guten Boxers, so daß es ihm schwindlig
Sokrates' Tiitigkeit hat sich uns dargestellt als ein stufenweises wird (339 d 10); vom letzten Syllogismus des Euthydem ist Sokrates
Emporführen: erst zur Aporie, dann zum Erwecktsein, schließlich zur wie geschlagen (Euthyd. 303 a 4), die Weisheit der beiden Eristiker
Eudämonie. Auf der Stufe der Aporie war uns Sophia und Phronesis hat ihn zu ihrem Sklaven gemacht (303b 7), und die Rede des Agathon
als das gesuchte Wissen entgegengetreten, tu ~Ey~ota und, wie es un- läßt ihn befürchten, er werde unter der Einwirkung ihrer dem Gor-
bestimmt hieß, etwas Schönes und Gutes als sein Gegenstand. Auf der gonenhaupt vergleichbaren gorgianischen Rhetorik zu Stein (symp.
Stufe der Erweckung wurde das Tugendwissen ins Blickfeld gerückt, 198 C 1). „Ich war jeweils außer mir (EE;E~tqxa)'~~, wenn ich zuhörte und
als sein Gegenstand die Wahrheit, in1 einzelnen ,,Schön, Gerecht, mich behexen ließ, und glaubte, mit einem Ruck größer und edler und
Fromm". Anf der Stufe der Eudämonie war die Rede vom „Selbst" schöner geworden zu sein", bekennt Sokrates im ,MenexenosG(235 a 7).
der Person, des Staats, der anderen Dinge, also vom Ideenwissen; hier All diesen freilich ironischen Wendungeni4' ist gemeinsam, daß sie ein
handelt es sich nicht mehr bloß um „etwas Schönes" oder um „Schön", Abrücken des Menschen von sich selbst und seiner Fähigkeit, sich zu
sondern um das Schöne und Gute selbst, um die Idee des Guten. Es orientieren, bezeichnen, ein Abhängigwerden von einem andern. Am
ergaben sich also hinsichtlich der Enthüllung des gesuchten Wissens deutlichsten wird dies im ,Menexenosb,wo Sokrates die rückläufige
sowie der Durchdringung der Persönlichkeit je drei Stufen, wobei Bewegung auf das ,,Sich-selbst-Vergessen" hin folgendermaßen schil-
jeweils die zum letzteren Vorgang gehörige die parallele Stufe des dert: „Mit Mühe erinnere ich mich nach drei oder vier Tagen meiner
ersteren bestimmte. Dabei wurde auch die sokratische ,,Methode" ex- selbst und merke, wo auf Erden ich bin; bis dahin aber glaube ich bei-
poniert: Auf der Stufe der Phronesis, der Aret6, der Idee erschien nahe auf den Inseln der Seligen zu wohnen: so geschickt sind unsere
Elenktik, Pargriese, 1)efinition. In diesen1 Bericht über seine Tätigkeit Redner!" (235C 2).
enthüllt Sokrates jedoch nicht etwa, was er im Gespräch verbirgt, viel-
187Zu diesem Ausdruck vgl. Phaedr. 228 a 5.
mehr 1äßt er auch hier Hörer wie Leser in aporetischer Situation1",
188Vgl. x a ~ a f p a ~ y u x e uPhaedr.
6 ~ i ~ 242 e 1.
186 Sokrates spricht zu Publikum und Richtern, .um sie alle in Frage zu stellen". u9 Von ähnlicher Bedeutung ist auch das Emhayiiva~Phaedr. 234 d 1wie auch apol.
Gadamer, GGA 1931 p. 199. 32 d 4; vgl. p. 158 f..
1" Vgl. Friedländer 11' 159.
116 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 117

Wenn Sokrates voii seinen Anklägern sagt, sie hätten überzeugend an Bereitschaft, Dinge von der Art zu euch zu sagen, wie ihr sie am
gesprochen, so bezieht er sich damit auf die eigentliche Kraft der Rhe- liebsten hören würdet" (o? &V .ii~iv~ E +'$~L(JT~
V ?p ~ X O ~ E L38
V d a ) . „Ich
torik. auf ihre nei#1i. Gorgias definiert sie im gleichnamigen Dialog rede nicht im Hinblick aufs A n g e n e h m s t e , sondern aufs B e s t e",
geradezu als die Kunst, zu überzeugen (452 e l)14'. Bei diesem Ober- bekennt er im „GorgiasU (521 d 9). So erscheint in der ,Apologiecsein
zeugen Iiandelt es sich freilich nicht um Vermittlung von s a C h 1i C h Reden, mag es auch lästig sein, als nützlich für die Zuhörer (30 C 4),
Zutreffendem. „Fiir einen, der Rhetor werden will, ist es nicht nötig, dazu bestimmt, sie vor einem Frevel und einer verhängnisvollen Tor-
das wahrhaft Gerechte zu lernen, sondern nur das, was der Menge, die heit zu bewahren (30 e f.) ; es dient also zu ihrem Besten.
richtet, so scheinen wird; daraus fließt nän~lich das Uberzeugen 2. „Von mir aber werdet ihr die volle Wahrheit hören - gewiß nicht,
fneifterv), nicht aus der Wahrheit" (Phaedr. 259 e 7)14'. Da es sich bei beim Zeus, meine athenischen Mitbürger, schönrednerische Worte, wie
der Rhetorik mehr um Suggestion als um Uberzeugen handelt, wird von diesen, die mit Wendungen und Worten geschmückt wären"
sie in drastischer Weise neben magische Praktiken gestellt: „Die Be- (17 b 7). Damit wendet sich Sokrates dem S t i 1 seiner Gegner zu, die,
sprechiingskurist bcstrht in ßezauberung von Schlangeri, Spinnen, wie bei Rhetoren üblich, ,,ihre Rede aufs schönste mit bunten Worten
Skorpionen und anderen Tieren und Krankheiten, die Kunst der ausschinücken" (Menex. 235 a 1).Wer eine solche stilistisch blendende
Redenverfertiger in Bezauberung und Besprechung von Richtern, Rede halten will, muß sich lange und gründlich vorbereiten. Sokrates
Ekklesiasten und anderen Menschenansammlungen" (Euthyd. 290 e 1). lehnt den rednerischen Flitter ab, also auch die Vorbereitungen, die
Uberzeugend haben sie wohl gesprochen - das gesteht Sokrates seinen er erfordert. Schlichtheit und Stegreifreden setzt er dagegen. E r fährt
Anklägern durchaus zu -; er rückt diese Feststellung jedoch gleich ins daher fort: „Vielmehr ist, was ihr hören werdet, aufs Geratewohl ge-
rechte Licht, wenn er fortfährt: „Und doch - an Wahrem haben sie so sagt und mit den Worten, die sich eben einstellen." Warum Sokrates
gut wie nichts gesagt." Schönrednerei und Vorbereitung ablehnt, ist leicht einzusehen: beides
Das Geheimnis dieser faszinierenden Wirkung der Rhetorik ist dient dazu, Lüge eingängig zu machen. ,,Sie reden Zutreffendes und
einfach: sie bietet, was die Leute gerne hören. „Sie zielt aufs A n - Unzutreffendes über jeden und schmücken ihre Rede aus mit bunten
g e n e h m e (7166) ohne Berücksichtigung des Besten" (Gorg. 464 e 2). Worten; dadurch bezaubern sie unsere Seelen" I", sagt er im ,Mene-
-
„Sich selbst vergessen" dem setzt Sokrates entgegen, man müsse xenos' von den Leichenrednern (234 C 6), ferner auch: ,,Der Gefallene
sich vor allem um sich selbst kümmern (CautoG E x i ~ e A ~ i a 636
a ~C 6), setzt kommt zu einem Lob, auch wenn er ein Nichtsnutz ist, von seiten von
er die Haltung dessen entgegen, der sich selbständig zu orientieren ver- Männern, die weise sind und nicht aufs Geratewohl ihr Lob aus-
mag, der „bei sich ist", der ,,EinsichtL'besitzt. sprechen, sondern ihre Reden seit langer Zeit V o r b e r e i t e t haben"
Der unlauteren Uberredungskraft einer gerichtlichen Rhetorik tritt (234 C 4)"4. Demgegenüber ist Sokrates' Redeweise das Gefäß, das der
er entgegen mit den Worten: „Von mir aber werdet ihr die volle Wahr- Vermittlung der ,,vollen Wahrheit" dienen ~ 0 1 1 ' Das
~ ~ . in der ,ApologieL
heit hören" (17 b 7). Den Worten entspricht seine unbekümmerte Sach- angeschlagene Motiv der Kluft zwischen Wahrheit und rhetorischer
lichkeit. „Das, worum die beiden Parteien sich streiten, muß jeweils Stilkunst wird Platon noch öfters beschäftigen. ,,Sieh nun zu, mein
klargestellt werden", fordert Platon in den ,GesetzenL(766 d 8). Dem- Phaidros, ob du auch eine solche Rede brauchen kannst, aus der die
gemäß begnügt sich Sokrates nicht damit, die gegnerischen Behaup- Wahrheit über Eros zu vernehmen ist, mit der Wortwahl und Stel-
tungen einfach für nichtig zu erklären, vielmehr sucht er klarzulegen, lung der Ausdrücke, wie sie sich eben ergibt", läßt er den Sokrates im
welche sachlichen Griinde - der Bericht ist, wie wir sahen, frei von ,GastmahlLsagen (199b 2), und im ,Phaidros4, bei der Besprechung
den Üblichen Verdächtigungen - die Gegner zu ihren Behauptungen der Rede des Lysias: ,,Soll die Rede von dir und mir auch in'dem Sinn
kommen lassen. gelobt werden, als ob der Verfasser das Nötige gesagt hätte, und nicht
Vollkommen abgelehnt wird von Sokrates das $66 als Mittel der bloß in dem Sinn, daß er klar und rund gesprochen hat und jede Wen-
uberredung. ,,Durch einen Mangel bin ich zu Fall gekommen", stellt dung exakt abgedrechselt war?" (234 e 5). - Besteht das Ziel im Glaub-
er beim Rückblick auf seine Verteidigung fest, „nicht jedoch einen '@
'Vgl. auch symp. 187 d 7.
Mangel an Worten, sondern an Dreistigkeit und Schamlosigkeit und 144 Vgl. Phaedr. 236 d 4, wo Sokrates als Stegreifredner dem sich gründlich vor-
bereitenden Redenschreiber Lysias gegenübergestellt wird; dazu Friedländer I'
141 Vgl. auch soph. 222 c 9. 117.
142 Vgl. Theaet. 201 a 7. '4s Vgl. Friedländer 111 159.
118 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 119
iiaftmachen von Lügen oder in Massensuggestion, so ist der rednerische
Stil von höchster Bedeutung, da auf ihm alle Wirkung beruht. Nicht ,PhaidrosL,die Schrift Platons, die anhand konkreter Beispiele seine
so dort, wo es lediglich um die Wahrheit geht. Dort hat der Stil nicht Auffassung von der ,,neuen Rhetorik" theoretisch erläutert. „Wer sich
die Fcinktion des Führers und Verführers, sondern des Dieners; Stil mit der Kunst des Redners befassen will", so heißt es dort, ,,muß
und Terminus ist von zweitrangiger Bedeutung, und sein Wert be- zuerst methodisch diese Unterscheidung durchgeführt (06+ 6rn@q<r@a~)
stimmt sich lediglich nach dem Wahrheitsgehalt, den er vermittelt. und ein gewisses eigentümliches Gepräge jeder der beiden Gattungen
„Ich überlasse es dir, jedes Wort zu brauchen, wie dir's beliebt, nur gefunden haben: wo die Menge notwendig in die Irre geht und wo
mußt du klar machen. worauf du jeweils das Wort, das du gebrauchst, nichtc' (2G3b 6). Wo ersteres der Fall ist, muß man ,,zu Beginn der
beziehst", sagt Sokrates im ,CharmidesC(163 d 5), und im ,PolitikosG Rede d e f i n i e r e n" (6eit~o@ar), wie denn auch Sokrates in seiner
mahnt der Fremdling, die Frage der sprachlichen Bezeichnung nicht ersten Eros-Rede mit einer Definition des Eros - die Enc6upia zerfällt
allzu wichtig zu nehmen (261 e 5)14'. Niclll anders ist auch Sokrates' in zwei Arten - beginnt (6~ovO E ~ E V O 237 S C 8). ZU dem, was die Menge
Mahnung in der ,Apologiec zu verstehen: „I& bitte euch, gerechter- irreführt, gehört auch der Begriff des Redegewaltigen, wie sein Miß-
weise, wie mir scheint, meine Redeweise auf sich beruhen zu lassen - brauch durch Sokrates' gerichtliche Gegner zeigt. Wenn also Sokrates
vielleicht ist sie schlechter, vielleicht auch besser - und nur darauf zu seine Verteidigung mit einer dichotomischen ,,Definitionu des Redners
achten und den Sinn zu richten, ob ich Gerechtes sage oder nicht" einleitet, so erfüllt er damit jene Forderung des ,PhaidrosL.
(18a 1). Erst das W e s e n , dann die W e r k e - dieses Schema liegt der Dis-
3. Aus der Stellung zur Wahrheit ergibt sich die Auffassung von der position der Sokrates-Reden in ,Menexenos6,,Gastmahlcund ,Phaidros6
P e r s o r i des Iledriers. Für den Rhetor ist es bezeichnend, daß er zugrunde. Auch die ,Apologie' beginnt mit dem Thema ,,Wesenu: mit
souveriin iiber die Sachverhalte schaltet und die Fähigkeit des Zu- dem Hinweis auf das Wesen des Redners. Es ist zu vermuten, daß
hörers. se1l)sliindig zu urteilen, lähmt (17 a). Sokrafes dagegen weist auch sie dem Schema ,Wesen-Werke' folgt und auf die Rlarstellung
die Behauptung der Gegner, er sei redegewaltig ( 6 ~ ~hiy~iu),
~ 6 s als Lüge seines Wesens die W e r k e des Redners folgen liißt.
$47., ,.es müßte denn sein, daß sie den einen Redegewaltigen nen- Die ,ApologieL,das „Werk6' des Redners Sokrates, ist also auf Züge
nen, der die Wahrheit sagt. Wenn sie es so meinen. gebe ich zu, ein einer neuen Rhetorik hin zu untersuchen. Ein Vergleich mit den For-
Redner zu sein, freilich nicht von ihrer Art" (17 b 4). Die Rhetoren ver- derungen des ,Phaidrosc wird zeigen, ob wir recht daran tun, diese
gewaltigen die Wahrheit, Sokrates dagegen begibt sich seinerseits in Züge als den Ausdruck der neuen Rhetorik Platons zu betrachten.
die Gewalt der Wahrheit, leiht ihr seinen Mund. ,,Die Tugend des Red- 1. Es muß an der ,Apologiec auffallen, wie genau der Sprecher über
ners ist es, die Wahrheit zu sagen" (18 a 5). - Mit dieser schon im die s e e 1i s C h e 11 V o r g ä n g e bei seinen Hörern Bescheid weiß. Er
Prooimion vollzogenen Stellungnahme zu Aussage, Stil und Person errät geradezu ihre Gedanken. Gewiß, Wendungen wie „es könnte nun
des Redners wird Sokrates der Verkünder eines n e u e n r h e - vielleicht einer von euch erwidern" (20 c 4), „es möchte nun als un-
torischen ProgrammsM8. . ."
gereimt erscheinen, daß ich . (31 C 4), ,,vielleicht scheint euch, das
Ein formaler Zug des Prooimions führt weiter. Zu Beginn der ,Apo- eben von mir Gesagte sei ähnlich gesprochen wie das über Jammern
logie' wird der Begriff des Redners geklärt dadurch, daß der Gattungs- und Bitten Vorgebrachte, nämlich anmaßend" (37 a 2)", finden sich,
begriff des S ~ i v b sAEYELV iii zwei Arten zerlegt wird. Die eine wird an wennschon weit spärlicher, auch in der Gerichtsrede. Die ,Apologie'
den Gegnern demonstriert: der Redegewaltige, der den Hörer der geht jedoch in ihren Motivationen beträchtlich über die Geriditsrede
Orientierurigsfähigkeit beraubt und dadurch lügnerischen Behauptun- hinaus (vgl. 281.). Die ,,erste Anklage" ist deshalb so gefährlich,
gen zugänglich macht; die andere repräsentiert Sokrates selbst, den weil sie den Menschen schon in ihrer Jugend eingehammert wurde.
Redner nämlich, der die Wahrheit sagt, wie mit einer - sie wurde ,,Was einer im jugendlichen Alter unter seine Meinungen aufnimmt,
i
soeben angeführt - geradezu d e f i n i t o r i s C h e n Wendung aus- das pflegt unauslöschbar und unwandelbar zu werden", erklärt der
gesprochen wird. Was es mit dieser Klarstellung auf sich hat, lehrt der ,Staat6 (378d 8) Bei seinen Anklägern unterscheidet Sokrates ver-

Vgl. resp. 533 d 7; Theaet. 177 e 1; ep. V11 343 a 9; legg. 627 d 1. lrs Vgl. 20 d 4 28 b 3 34 d 9 37 C 5 37 e 3 38 a 1 38 d 3. Zum Vorwurf der An-
Vgl. das ironische Spiel Menex. 235 e 9; dazu Morr 1. C. p. 21. maf3ung und des Hochmuts vgl. Theaet. 175 b 4.
$48 Vgl. Wolff I. C. P. 7. Vgl. legg. 642 b 3. Zur leichten Beeinflußbarkeit der Jugend vgl. Euthyd. 275 b 2;
resp. 377 a 12; Theaet. 162 d 2 173 a 5; legg. 664 b 3 671 b 9 765 e 3 933 e 10.
120 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 121
schiedene Motive. Die meisten sind lediglich irregeleitet, eine Art be-
(EEYLXOY anEwa), der in anderes Land gesät ist" (resp. 497 b 3)"'. Und
trogener Betrüger (18 d 3) ; wohl im Hinblick auf sie spricht der ,StaatL
Gerichtskreaturen steht der Philosoph gegenüber wie der Freie dem
vom Volk, das ohne sein Zutun ( O ~EXx c h ) , von Verleumdern getäuscht,
Sklaven (Theaet. 172 C 8 ) . Daß Sokrates ein ,,Fremderu ist, macht die
sich ungerechten Handlungen zuwendet (565 b 9). Als Motiv zumal
Hauptschwierigkeit bei seiner Rede aus. „Jedermann freut sich über
der drei Kläger wird Ehrgeiz angegeben (23 d 9)15'. In den ,Gesetzen4
wird als ein Motiv quasi-freiwilliger Cngerechtigkeiten genannt „die Reden, die seiner eigenen Sinnesart (660s) entsprechen, und ä r g e r t
sich über solche, die ihm fremd sind" (Gorg. 513 b 8).
Verfassung der ehrgeizigen Seele, die vielfache Mißgunst (e6vos) ein-
pflanzt, einen gefährlichen Beiwohner ganz besonders für den selbst, Die Aufgabe des Sokrates besteht darin, den Bann dieser Fremdheit
dem sie innewohnt, gefährlich aber airch für die Besten im Staate" zu brechen durch den Versuch, die Zuhörerschaft zu seiner Betrach-
(870 C 5) - wobei der Gedanke an Sokrates mitschwingen dürfte. Die tungsweise emporzuheben, also zu ruhiger Sachlichkeit. Einmal dient
Motive von Sokrates' „SchülernLLerscheinen in eigenartigem Lichte. hierzu seine Darstellung selbst, die vom Emotionalen grundsätzlich
„Sie haben Freude daran, zuzuhören, wie die Menschen gepriift wer- Abstand nimmt. Zum andern aber versucht er, das Eintreten von
den" (- „es ist ja xiicht ohne Reiz" 33 C &), ,,und sie selbst ahmen mich Affekten dadurch zu verhindern, daß er besonders anstößige Äußerun-
vielfach nach, wobei sie es denn unternehmen, andere zu prüfen" gen schon vorweg ankündigt, diesen dadurch das Uberraschende
(23 C 4). Deiitlicher, wenn auch zum Teil mit denselben Worten, drückt nimmt und somit die Spontaneität des Affekts - ein sehr wesentliches
sich der ,Staat' aus. ,,Wenn die jungen Burschen zum ersten Mal von Moment - einschränktlW. „Wenn ihr mich mit denselben Worten
den dialektischen Reden kosten, so gehen sie mit ihnen um wie mit meine Verteidigung führen hört, mit denen ich auch auf dem Markt
einer Spielerei, brauchen sie immer zum Widerspruch und ahmen die bei den Tischen zu sprechen pflege, wo viele von euch zugehört haben,
Widerlegcr n:icli, indem sie selbst andere widerlegen; dabei freuen sie und anderwärts, so wundert euch deswegen nicht und macht keinen
sich wie junge Hunde daran, alle, die ihnen nahekommen, mit ihren Lärm" (17 C 7 ) . ,,Macht mir keinen Lärm1", auch wenn ich euch etwas
Reden zu zerren und zu rupfen" (539 b 2)15'. Kein Wunder also, wenn großsprecherisch zu reden scheine" (20 e 3). ,,Erbost euch nicht, wenn
die Uberführten mit Haßgefühlen reagieren (23 C 8). ich die Wahrheit sage!" (31 e 1)IG7. All diese Versuche, auf die Seele der
Soweit die Psychologie in der B e U r t e i 1U n g von Handlungen. Hörer einzuwirken, setzen K e n n t n i s i h r e r P s y C h e voraus. Als
Doch Sokrates ist selbst ein Handelnder, bedarf also der Psychologie Seelenkenner von hohen Graden zeigt sich Sokrates bei der Ablehnung
auch für seine des Oiktos. ,,Es könnte vielleicht jemand von euch in Unwillen ge-
2. B e 11 n n d 1 U n g d e r H ö r e r. Der Redner Sokrates sieht sich raten, wenn er daran denkt, daß er selbst, in einen harmloseren Pro-
einer ungewöhnlichen Schwierigkeit gegenüber. „Die hierorts übliche zeß als diesen hier verwickelt, die Richter unter vielen Tränen bat und
Redeweise ist mir gänzlich fremd", sagt er in der Prothesis (17 d 3). anflehte und dazu seine Kinder auftreten ließ, um desto sicherer Mit-
Dnß dies nicht iin Sinne eines iiußeren Nichtbekanntseins mit der Ge- leid zu erregen, und viele andere Verwandte und Freunde, während
richtssprache zu verstehen ist, zeigt 35 a 4, wonach Sokrates häufig ich nichts Derartiges tue, und zwar, wie es den Anschein hat, bei
gerichtlichen Verhandlungen beiwohntem. Sokrates bittet, ihm gegen- äußerster Gefahr" (34 b 7). Sokrates kennt die Schwäche der Seele,
iiber Nachsicht zu üben, wie man es einem Fremden (EEvos) gegenüber aber er weiß, daß der sich den Weg zu ihr verbaut, der sie unnötiger-
tut, der einen nndern Dialekt spricht. E r ist hier fremd in einem tiefe- weise auf dieser Schwäche behaftet und reizt. Daher fährt er fort:
ren Sinne. Irn heutigen Staat ist der Philosoph „wie ein fremder Same „S o 11t e einer von euch so gesinnt sein - ich glaube es zwar nicht,
sollte es aber der Fall sein -, so dürfte es, wie ich meine, nicht unbillig
lS1 Ferner werden sie (wie auch Chairephon 21 a 3) als acpohpoi bezeichnet, was
ihre Handlungsweise niit erklären soll (23 e 5 ) . Vgl. dazu Charm. 153 b 2 über
."
sein, wenn ich folgendes zu ihm sage: . . (34 d 1 ) .
Chairephon (er ist p a v ~ x i i ~Phaedo
), 59 a 9 üfer Apollodoros (oiaZta y & xou
~ tbv
ävhpa xai tbv tg6xov aUtoü) . lb4 Vgl. resp. 491 d 7 604 e 1. Umgekehrt ist im guten Staat der Unsittliche ein
lbe Vgl. Phil. 15 d 8; Jaeger I11 43. Fremder: legg. 841 e 2.
lSa Ahnlich erklärt Sokrates im ,KritonG,er habe keine fremden Gesetze wissen 155 36 a 1 demonstriert Sokrates diesen Mechanismus an sich selbst: er hat seine
( ~ & v a i ) wollen (52 b 7 ) . Doch kurz darauf zeigt es sich, daß er über sie urteilt, Verurteilung erwartet, ist also über ihr Eintreten nicht entrüstet.
sie also kennt 52 e 5 ) . Der Sinn ist, daß er es mit dem ,ursprünglichenu Athen 'Gs Grundsätzliches über Lärm vor Gericht legg. 876 a 9.
-
hält und nichts von Fremdem wissen will eine hintergründige Vertiefung des 167 Vgl. ferner 17 c 3 21 a 5 27 a 9 30 C 2 32 a 8. Dazu Euthyd. 286 e 10; Theaet.
,Wissensu wie in der ,Apologie6des .Fremdseins". 143 e 7; Critia 107 a 2.
122 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 123

3. Zum Schluß wendet sich Sokrates an die unter den Richtern, die (268b) zu bedienen. Daß aus den Formen Form werde dazu ist -
sich auf seine Ebene der Betrachtung heben ließen. Ihnen steht er nicht Kenntnis der Seele und der Wahrheit nötig.
mehr als Fremder, sondern als Freund gegenüber, ihnen kann er auch Die Erklärer der ,Apologie' haben vielfach festgestellt, Sokrates'
sagen, was er den in Feindschaft gegen ihn Verharrenden vorenthal- Verteidigung gestalte sich in der xenophontischen ,Apologieb wirk-
ten muß. „Euch als Freunden will ich zeigen, was das mir soeben samer, weil dort der Vorwurf, er glaube nicht an die Staatsgötter,
Widerfahrene zu bedeuten hat" (39 e 5)15'. Nur sie sind fähig, seinen direkt W i d e r 1e g t werde. Dem Sokrates der ,Apologie6liegt jedoch
Andeutungen über das Geheimnis seines Sterbens zu folgen. nichts an einer solchen Verteidigung; er unterläßt eine direkte Wider-
Im ,Phaidros6nun wird eben das gefordert, was in der ,Apologiecer- legung der „zweiten Dafür verteilt er - sokratische
füllt ist. Sokrates erwies sich als S e e 1e n k e n n e r. ,,Wenn einer Seelenführung! - auf die ganze ,Apologie6die Zeugnisse dafür, wie es
jemand die Redekunst vermittelt, so zeigt er genau das Wesen dessen, mit seinem Götterglauben in Wahrheit steht, eine hinreichende
dem er die Worte zuführen wird: dies aber ist die S e e 1e" (270 e 2). - ,,Widerlegung" für den, der sie zu verstehen vermag.
Sokrntes kennt die Reaktionen der Seele und weiß sich auf sie ein- Die „Rechenschaft über das Leben" dagegen, die in der Gerichtsrede
zurichten. So heißt. es im ,PhaidrosLvon1 wahren Rhetor: ,.Er wird die an peripherer Stelle stehti6', nimmt in der ,Apologie' einen außer-
Arten der Reden und der Seele sowie deren Widerfahrnisse einteilen gewöhnlichen Umfang an; enthält sie doch den Hinweis auf das tiefste
und alle Gründe durchgehen, wobei er das einzelne dem einzelnen an- Geheimnis der sokratischen Psychagogie: die Erweckung.
paßt und lehrt, bei welcher Beschaffenheit auf welche Reden hin aus Zu Beginn der aufs Prooimion folgenden Prothesis gibt Sokrates
welcher Ursache die eine Seele notwendigerweise sich überzeugen läßt, eine Disposition seiner Rede: ,,Zuerst, meine sthenischen Mitbürger,
die andere nicht" (271 b 1).- Sokrates weiß schließlich, daß man nicht muß ich mich gegen die ersten lügnerischen Anklagen und die ersten
jedem alles sagen kann. „Das lebendige und beseelte Wort des Wis- Ankläger verteidigen, sodann gegen die späteren Anklagen und An-
senden, von dem das geschriebene eine Abbild ist", muß sich klar sein kläger" (18 a 7)16'. Auch anderwärts gibt Sokrates zunächst die Glie-
darüber. ,,wem gegenüber es reden oder auch schweigen soll" (276 a). derung seiner Rede an: irn ,Menexenosgverheißt er, nacheinander edle
All dies Wissen soll dazu dienen, die Seele der Hörer durch das Mittel Geburt, Erziehung und Taten der Gefallenen zu preisen (237 a 7), in
der Rede herauszuführen aus den Niederungen, in denen sie sich auf- seiner Rede im ,Gastmahl6,er werde erst das Wesen des Eros, dann
hielt. Von einem Wissenden gehandhabt erfüllt die Rede ihren Sinn, seine Werke umreißen (201 d a ) , und zu Beginn seiner ersten Eros-
wird ein Erzeugnis der neuen, wahren Rhetorik, denn „die Funktion Rede im ,PhaidrosCstellt er in Aussicht, er werde zuerst das Wesen des
der Rede ist Seelenleitung" (iiivxayoyia, 27 1 C 10).
(Ij6va~i.t~) Eros, dann, im Hinblick darauf, seine Nützlichkeit oder Schädlichkeit
Weiter fordert der ,Phaidros' neben der I<enntnis der Seele vom behandeln (237 C 8 ) . Wieder gibt der ,PhaidrosLAufschluß über das
wahren Rhetor, er müRte „die W a h r h e i t all dessen wissen, worüber Wesentliche. Bei der kritischen Erörterung von Lysias' Rede wird dort
er redet und schreibt'' (277 b 5). Sollte nicht Sokrates die „volle Wahr- bemerkt: „Scheint dir, das an zweiter Stelle Gesagte hatte auf Grund
heit" über seinen ,,Fallc' nur deswegen zu sagen vermögen, weil er - irgendeiner Notwendigkeit an die zweite Stelle gerückt werden m üs -
die Wahrheit kennt 15'? s e n , oder sonst etwas von dem Gesagten?" (264 b 4). Darin liegt die
Wenn allein die Kenntnis der S e e l e und der W a h r h e i t die Forderung, die Abfolge der Themen müsse auf sachlicher Notwendig-
Rhetorik zum Rang einer „I<iinst" erhebt (Phaedr. 271 b 7), so rückt keit beruhen. Daß dies in der ,Apologie' der Fall ist, leuchtet ein; die
damit das Wissen, das die rhetorischen Handbücher füllt, von selbst Abfolge der Themen wird eigens begründet: ,,Obernehmt auch ihr die
an den ihm gebührenden Platz. Die formalen Bestandteile der Rede - Auffassung, ich müsse mich zuerst gegen die ersten Ankläger verteidi-
Prooimion, Erziihlung, Zeugnis, Beweis usw. - sind lediglich die gen: d e n n ihr habt sie früher und nachdrücklicher klagen gehört als
„noch vor der Kunst liegenden notwendigen Lernstücke" (Phaedr. jene späteren" (18 e 1).
269 b 7). Alles kommt darauf an, sich ihrer der Seele gegenüber im
rechten Augenblick (~Cxa~eia 272 a 6) und in der richtigen Dosierung leo Vgl. Schanz 1. C. p. 94.
'6' S. Wolff. 1. C. P. 35.
'58 Vgl. legg. 688d 5: "Euch als Freunden will ich es klarzumachen versuchen." 10' Ganz ähnlich ist der ,Dritte Brief' aufgebaut: Platon gibt eine Verteidigung
Dazu Rohr 1. C. p. 28. mit Anm. 2. (hohoyia) gegen eine zwiefache GtaßoI.4 (316 a 6 ) ; auch dort wird zunächst auf
15@ Vgl. Friedländer 11' 145 zu Hipp. 11. die &ex$der erstgenannten Verleumdung zurückgegangen (316 C 1).
124 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 125
Die ,ApologieLfolgt in ihrem Aufbau, wie das letzte Kapitel zeigte,
(Gorg. 455 a 5)Ie7.Die Rhetorik hilft sich dagegen auf ihre Weise: „Der
einem sinnvollen Fortschritt vom Anfang zum Ziel, vom Berührtsein
Redner b e 1e h r t nicht Gerichte und andere Menschenansammlungen
zum Durchdrungensein, bei wohlüberlegter Beziehung der Teile zu-
über Recht und Unrecht, sondern wirkt lediglich Glaubenc' ( n e ~ u z ~ x d ~
einander. Ihre äußere Mitte - 28 d bis 31 C - ist die Mitte des WerksiBS:
~OYOY, Gorg. 455 a 2). Für Sokrates kommt dies nicht in Frage. ,,Ich
zeigt sie doch die für Sokrates' Tätigkeit zentrale Bedeutung der Er-
muß versuchen, innerhalb so kurzer Zeit euch die Verleumdung zu
weckung. Ähnlich steht in der Mitte des ,StaatsGder Anstieg zur Idee'",
in der Mitte des ,TheaitetCder Exkurs über Philosoph und Weltmensch,
benehmen, die ihr in langer Zeit in euch aufgenommen habt. . Ich .
weiß, daß dies schwierig ist, und es ist mir durchaus nicht verborgen,
in der htitte des ,Phaidrosl Sokrates' Palinodie"'. Auch hier erfüllt die
wie es damit steht" (18e 5). Da er unmöglich mit einer kurzen Rede
,Apologiec eine Forderung, die erst der ,PhaidrosCformuliert: ,,Jede
zum Ziel gelangen kann, sieht er sich veranlaßt, auf das hinzuweisen,
Rede muß wie ein Lebewesen zusammengesetzt sein und gewisser-
was ihm Rettung bringen könnte, jedoch jenseits der gegebenen Mög-
maßen ihren eigenen Körper haben, sodaß sie Mittleres und Äußeres
lichkeiten liegt: das G L a A 6 y e U -8 a L.
hat, jeweils passend zueinander und zum Ganzen niedergeschrieben"
„Wenn ihr mich mit denselben Worten meine Verteidigung führen
(2G4 C 2).
hört, mit denen ich auch auf dem Markt bei den Tischen zu sprechen
Daniit gibt die ,Apologie6 noch vor der ironischen Erklärung des pflege (~'io-8~ AEYELY) . .., SO wundert euch deswegen nicht und macht
,GorgiasC,es fehle bislang eine „wahre Rhetorik" (517 a4), die „dar-
keinen Lärm", warnt Sokrates im Prooimion seiner Rede (17 C 7). Er
auf hiiiwirke, dir Seelen der Bürger so gut wie möglich zu machen"
stellt seinen schlichten Stil den X E X U A ~ L E ~ ~ ~ E MYOL
V O L der andern gegen-
(503 a 7 ) , das Beispiel einer Sie soll die Hörer von emotio- über, meint also zunächst dessen der dialogischen Umgangssprache
naler IZef:ingeriheit zu wirklicher Erkenntnis fiihren. Solche Rhetorik angenäherten Charakter, der in der ,Apologiecschon vielfach beobach-
ist hier wie anderwärts notwendig; sie ist sinnvoll, da sie etwas nicht tet wurde Bald wird jedoch dies „Sprechenc' des Sokrates deutlicher
Unmögliches anstrebt. Die Masse wird nach der uberzeugung Platons
gekennzeichnet: er berichtet ein Gespräch mit dem reichen Kallias
zu anderer Ansicht kommen, wenn man ihr in sachlicher Weise, frei (20 a ff.), er erwähnt - und hierbei fällt zum ersten Mal der Terminus
von &ovlr.ia, zuredet (resp. 499 e 1). ,,Oder glaubst du, daß jemand, G~ahQyea6a~ - seine allseits bekannten Unterredungen (19 d 3), seine
der frei von hlißgunst und gemäßigt ist, über den Nichtergrimmten Gespräche mit arm und reich (33 a 8), seine elenktischen Gespräche
ergrimmt, oder dem, der ohne Mißgunst ist, Mißgunst entgegenbringt? über die Aret6 (38 a 3), ja er denkt sogar an ein GlaAEyeu8al im Hades
.
. . Meiner Meinung nach gibt es das nur bei einigen wenigen, n i C h t (41 C 2 ) . Er schildert ferner seine Selbstgespräche: wie er auf das
b e i d e r iil e n g e , daß die Natur so schlecht ist" (500 a 4). Orakel hin mit sich selbst uneins ist (21 b ) , wie er nach der ersten
Die ,Apologie' steht somit als Erzeugnis der neuen, wahren Rhelorik Unterredung mit einem Politiker zu einer Einsicht gelangt (21 d)la9;
neben dem ,RIenexenos', der Palinodie des ,Phaidrosc und den Pro- er schildert auch ein durchschnittliches Gespräch mit einem Athener
oimien der ,Gesetzec;Sokrates erscheint als der wahre Rhetor. Zugleich
(29 d 8.).Schließlich läuft in der Meletos-Elenxis gleich eine Dreiheit
aber wird sichtbar, was die ,Apologie6 von den genannten Werken
von Gesprächen ab, die höchste Konkretisierung des Gesprächs. Damit
unterscheidet: der Hinweis darauf, daß diese Art der Rhetorik nicht
wird klar, worauf Sokrates zielt, wenn er im Prooimion sein gewohn-
das Letzte ist, sondern iiber sich selbst hinausweist als Stufe zu einem
tes Reden in Aussicht stellt. „Denkt mir daran, daß ihr keinen Lärm
Höheren.
machen sollt, wenn ich in der g e W o h n t e n Weise spreche" (27 b 1),
Sokrates und der Rhetor gewöhnlichen Schlags stehen derselben
mahnt Sokrates hieri7'. ,,So untersucht denn gemeinsam mit mir
Schwierigkeit gegenüber: „Unmöglich kann der Redner eine so große
( u v v s n t d ~ a u b e ) ,ihr Männer, inwiefern er sich meiner Auffassung
Menschenmenge i n s o k U r z e r Z e i t über so große Dinge belehren"
1st Vgl. Friedländer 111 160. - Zur Forderung genügender Zeit für Verhandlung
IrnS. 0. p. 113. wichtiger Dinge vgl. Crat. 427 e 5; Meno 76 e 6; resp. 532 d 4; politic. 286 e 3;
'" Vgl. auch die Stellung der Sokrates-Rede im ,Gastmahl1: .Nicht unähnlich wie ep. I1 314 a ff. V11 341 C 6 344 b 1; legg. 812 e 7.
im ,Staat' steht auch hier das Eidos ,in der Mitte'.'' Friedländer 11' 316. 168 Zuletzt bei Gallo Galli 1. C. p. 273: .Sempre si volge a chi 10 ascolta come ad un
Vgl. auch die positive Würdigung des Dichters in der Mitte des ,Ion6 (533 d ff.: -
interlocutore . . . Tutto il tono dell' Apologia come ha notato il Valgimigli -
dazu Friedländer 111 130) sowie die Elementenlehre in der Mitte des ,TimaiosS. B al modo del solito dialogare socratico."
16@Das Prooimion der ,Apologie' ist ,die Selbstdarstellung des idealen Redners und Zum Selbstgespräch der Seele vgl. Theaet. 189 e 7; soph. 264 a 8; Phil. 38 C 9 d 5.
damit das erste rhetorische Programm Platos" Wolff 1. C. p. 5. Vgl. auch Wolff 1. C.p. 83.
126 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 127

nach in Widersprüchen bewegt* (27 a 8) - mit dieser Auffordening (Prot. 359 a 2) ; die Dichtkunst wird so lange aus dem Staat ausgeschie-
führt Sokrates seine Richter mitten hinein in das elenktische Gespräch, den, als sie sich nicht gegen das zu V e r t e i d i g e n vermag, dessen
das, wie Platon nicht müde wird zu betonen, ein g e n~e i n s a m e s sie beschuldigt wurde (resp. 608 a 1); die Einwände des Adeimantos
Suchen, Forschen, Betrachten bedeutet 171. ergänzt Sokrates und schließt: ,,Dies und vieles andere dieser Art läßt
Mittlerweile tritt die Katastrophe ein, Sokrates wird verurteilt. Er du aus bei deiner A n k 1a g e." „Nun, so sei denn auch dies in die An-
zieht das Fazit aus seiner Verteidigung: ,,Ich für mein Teil bin über- klage aufgenommen." ,,Womit sollen wir uns nun deiner Meinung
zeugt, wissentlich niemandem unrecht zu tun, aber davon überzeuge nach V e r t e i d i g e n ? (resp. 420 a 6)17'. Verteidigung ist notwendig
ich euch nicht, haben wir doch nur kurze Zeit miteinander gesprochen bei Behauptungen, die als ungerechtfertigt erscheinen. Die ,ApologieL
(61~diyp~8a)"~. Hättet ihr indessen, wie ich meine, ein Gesetz, wie auch enthält eine Fülle solcher Paradoxien, etwa: ein Rhetor 1st der, der
andere Menschen, des Inhalts, man solle über Leben und Tod nicht die Wahrheit sagt; Verlust des Vermögens ist kein wirklicher Schaden;
nur einen Tag lang richten, sondern viele, so hättet ihr euch überzeu- es ist besser, zu sterben als die Menschenprüfung aufzugeben. All dies
gen lassen; nun aber ist es nicht leicht, sich innerhalb kurzer Zeit von ist jedoch nur der Ausdruck der umstürzenden Paradoxie, die in So-
großen Verleumdungen zu befreien" (37 a 5). ,,Zeit, Langsamkeit und Irrates' Vorstellung vom richtigen Leben liegt. Ihr zufolge ist es nicht
vielfaches NacIifragen tragen bei zum Sichtbarwerden des eigentlichen Sokrates, der ,Wunderliches tutL, sondern die Gesamtheit der Mit-
Streitpunkles", meinen die ,GesetzeL(7G0 e 1). Worum es vor Gericht, menschen, die so vernünftig und richtig zu leben glauben. „Wenn du
ziininl bei Sokrntes, geht, das kann riiclit in tagelang sich hinziehenden es errisl meinst und wirklich wahr ist, was du sagst", sagt Kallikles zu
Reden, sondern nur im Gespräch geklärt werden"'. ,,Wenn wir öfter Sokrates, ,,dann wäre das Leben der Menschen durchaus auf den Kopf
und besser eben diese Fragen betrachten, wirst du dich überzeugen gestellt (~vatsteayyEvos) und würden wir, wie es scheint, in allem das Ge-
lassen", sagt Sokrates zu Kallikles (Gorg. 513 C 8). ,,Wenn dies immer genteil von dem tun, was wir tun sollten" (Gorg. 481 C l).Was Sokrates
und immer wieder verhandelt wird, bringt es vielleicht den Fragenden unternimmt, ist die Richtigstellung des von den Menschen umgestülp-
und den Gefragten zu hinlänglicher ubcreinstimmung" (Phil. 24 d 8). ten Lebens 176. Dazu kann nicht eine Vermischung der Gegensätze hel-
Die ,Apologiecweist also hin auf einen Bereich, in dem nicht wie bei fen, sondern nur ein Ilinstoßen auf das dem Treiben der Menschen
der Rede das Gesagte starr und fern bleibt, der Deutung durch den diametral Entgegengesetzte, auch mit den Mitteln der Provokation.
.VaterK bedürftig, sondern wo sich erweisen muß, ob lebendige und Provozierend wirkt es, wenn Sokrates sich in die Nachfolge Achills
beseelte Rede, der Logos, der in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen stellt (28b ff.)"?, wenn er sich als den besseren Mann, den Ankläger
(Phaedr. 276 a ) , in dem Sprechenden wohnt: auf das sokratische Ge- als schlechteren bezeichnet (30 d 1), wenn er Speisung im Prytaneion
spräch. Es steht noch über der ,,wahren Rhetorik", vielmehr: es ist für sich fordert (36 d) - aber es ist eine Provokation, die zumindest
ihre höchste Form 17'. ein überraschtes Fragen nach sich ziehen soll, Fragen und Infrage-
Ein Letztes zur ,ApologieLals Verteidigungsrede. Verteidigung gibt stellen des Philosophen. Hier wird klar, daß die Verteidigung f o r -
es, wie vor Gericht, so auch im philosophischen Gespräch. Von Pro- maler Ausdruck einer philosophischen Situation
tagoras verlangt Sokrates, er solle seine Äußerung V e r t e i d i g e n ist, deren Zustandekommen aus der sokratischen Sache selbst folgt,
und daß die Form der ,Apologie6,ihr Charakter als Verteidigungsrede,
"' Vgl. Lach. 187 d 1 189 C 1 197 e 6 200 e 1; Prat. 343 C 6 347 C 2 361 d 5; Charm. das angemessene Gewand des Abyov 6 ~ 6 b v a darstellt.
~'~~ SOtut Sokrates
158 d 8 162 e 4; Hipp. I 295 b 2 296 b 3; Crito 46 d 5 48 d 8; Crat. 384 C 1 422 C 1;
Gorg. 498 e 10 506 a 3; Meno 80 d 3 86 C 5 90 e 10; Theaet. 181 C 4; soph. 218 b G;
etwa im ,Staati paradoxe Äußerungen über den Philosophen und muß
politic. 270 b 3 277 a 3; Phil. 26 e 1. auf Einwände gefaßt sein. ,,Steht nicht schon dies Eine als ein starkes
17"uch seine Ansprache an die Richter, die ihn freisprachen, bezeichnet er, gleich- Paradoxon den gewöhnlichen Anschauungen über den Philosophen
falls ironisch, als thak6y~dal(39 e 1). gegenüber?" ,,Aber sicherl" „Werden wir uns nun nicht in angemes-
lrn Auch im ,hlenexenosGwird über Zeitmangel geklagt (239 b G 246 b I ) , doch geht
dort das Absehen auf Zeit rhetorischen Vortrags, hier auf Zeit persönlichen Ge- 175 Vgl. auch resp. 420 C 4 488 a 4 605 C 6 607 b.
sprächs. - Scharfe Unterscheidung von 6~lp".1)0p&h und gesprächsweisem uuvsiva~ 176 Beispiele solcher Richtigstellung sind etwa: resp. 421 C 5 473 a 1 (dazu Fried-
Prot. 336 b 1. länder 111412) 497 e 5; soph. 234 d 2; ep. V11 330 C 9; legg. 714 b ff. (dazu Rohr
,Die höchste Art philosophischer Rhetorik ist dem Platon nicht die ekstatische 1. C. p. 66) 716 C 4 891 e 5 966 e 4.
Rede, sondern, um es mit einer Paradoxie zuszudrücken, das erziehende Ge- 17? Vgl. Gadamer 1. C. p. 199.
spräch" Friedländer 111 491, 1. Vgl. dazu auch Phaedr. 276 e 5. 178 Vgl. auch Steidle 1. C. p. 144.
128 11. Das Verhältnis der Apologie zu;n platonischen Gesamtwerk
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 129
sener Weise V e r t e i d i g e n (d..zoIo~qo6p~Ba),wenn wir folgendes
Sokrates in der Auseinandersetzung
sagen: . . ." (490 a 5). Und im ,Phaidon6 wird - dies ist keineswegs
„bloßer" Scherz - die gerichtliche Apologie neben die dortige ,,Ver-
b ) mit dem Gehalt der Anklage
teidigung" gestellt: „Dies ist es also, mein Simmias und Kebes, was ich
zu meiner Verteidigung zu sagen habe hinsichtlich meiner Außerung, Die durch wirksame Rhetorik der Gegner erhitzten Richter betra&-
es sei nur billig, wenn ich es nicht schwer nehme noch auch Unwillen ien in ihrer Mehrzahl den Fall Sokrates unsachlich. Die einzige im
darüber empfinde, daß ich euch und meine hiesigen Herrn verlassen Sinne der Rhetorik erfolgversprechende Gegenwehr, die Diffamierung
muß. Sollte ich nun mit meiner Verteidigung bei eiich mehr ausridi- der Gegner, lehnt Sokrates ab. ,,Niemand soll einen andern schmjihen",
ten als bei den athenischen Richtern, so wäre dies schön" (69 d 7 ) . fordern die ,Gesetze6. „Ist jemand bei irgendwelcher Unterredung
So erscheint die in Auseinandersetzung mit der üblichen Rhetorik uneins mit einem andern, so soll er seinen Gegner und die Anwesen-
ausgesprochene Forderung der ,ApologieLnach einer wahren Rhetorik den belehren und sich belehren lassen und sich jeglicher Schmähung
implicite in diesem Werk schon erfüllt. Daß diese Redekunst auf um- enthalten" (934 e 3). Gegner und Richter belehren will auch Sokrates.
fassender Beherrschung der üblichen Rhetorik beruht, die soweit geht, Ein Gesprächspartner, der sich nicht zu sachlicher Auseinander-
daß der Redner sie5sogarnoch zu überbieten und auf ihrem eigenen setzung bereitfindet, ist für Sokrates ohne Interesse. Im ,SophistesL
Feld zu schlagen vermag"', wurde schon im ersten Teil gezeigt wird über eine Gruppe von Gegnern, die sich nicht zu geordnetem Ge-
(P. 59ff.); hier dagegen wurde deutlich, daß die Formen und Formeln spräch herbeilassen wollen, bemerkt: „Am besten wäre es, sie, wenn
der Rhetorik nur den Rang einer Vorbedingung für die neue Rhetorik irgend möglich, in der Tat besser zu machen. Wenn dies aber nicht
einnehmen'''. Diese beruht auf Kenntnis der Seele und der Wahrheit; geht, wollen wir sie in Gedanken besser machen und unterstellen, sie
nur der Kenner der Seele und der Wahrheit kann die Rede zu einem wären bereit, geordneter zu antworten als sie es jetzt tun. Denn ein
organischen Ganzen gestalten. Damit erweist sich die ,ApologieLals Zugeständnis von Besseren wiegt doch wohl mehr als ein solches von
Ausdruck einer .,Rhetorik zum Guten", die im Dienste der Philosophie Schlechteren; uns aber geht es nicht um die Leute, sondern um die Er-
steht 18', und Sokrates, der Kenner der Seele und der Wahrheit, im Be- mittlung der Wahrheitu (246 d 4). Das nämliche gilt auch von Sokra-
sitz der rhetorischen Vorbedingungen, erscheint als der wahre Rhetor. tes' Richtern. Sofern sie infolge ihres Affekts zu sachlicher Prüfung
Nun ist Sokrates' Verteidigungsrede, wie wir sahen, ein Teil seiner nicht imstande sind, lohnt es nicht, auf sie einzugehen. Daher fingiert
Tätigkeit; diese jedoch beruht auf gtittlichem Befehl und steht im Sokrates einen Richter, wie er sein soll, der sachlich, wohlwollend und
Dienste des Gottes. Mithin wird auch seine Rhetorik zum Gottesdienst. vorurteilslos seinem ,,Fallu auf den Grund zu kommen sucht (20 C 4 ff .) .
,,Die Redekunst", so sagt Sokrates im ,phaidrosL,,,wird keiner enver- Wohlwollen und Sachlichkeit aber wird immer wieder im dialektischen
ben ohne vielfache Mühen, welche der Besonnene nicht um des Redens Gespräch gefordert. ,,Wenn du mir folgst, so wirst du nicht in feind-
und Handelns vor Menschen willen durchstehen soll, sondern dazu, seliger und streitsüchtiger Weise, sondern zu freundlicher Gesinnung
den Göttern Wohlgefälliges reden zu können und in allem nach Mög- dich herabla~send'~' in Wahrheit prüfen'83, was wir sagen" (Theaet.
lichkeit ihnen wohlgefällig zu handeln" ( 2 7 3 d 7 ) . 168b 2). So fingiert Sokrates einen Richter, der seine Untersuchung
nach Art eines Dialektikers führt.
Wer will, daß der eigenen Sache Gerechtigkeit widerfahre, muß das-
selbe auch der Sache des Gegners wünschen. Unehrliches Ifbers~ielen
des Gegners fördert die Wahrheitssuche nicht. Nun aber ist es Grund-
bedingung einer sachlichen Auseinandersetzung, daß der Gegner auch
Dazu ist etwa der ,MenexenosC,der ,Kleinere Hippias', die Dichter-Interpretation voll zu Wort kommt. Deshalb muß alles ausgesprochen werden, was
im ,Protagoras' und die erste Sokrates-Rede im ,PhaidrosGzu vergleichen. S.
Friedländer 11' 137 486.
der Gegner an Einwänden und Vorwürfen vorbringt oder auch seine -
Ia0 .Es ist zu folgern, daß diese ,Andersartigkeit im Ähnlichen' überall dort zu be- 182 Vgl. Gorg. 486 e 6; Meno 75 d 2; Phaedo 89 a 1; resp. 589 C 6 607 d 9; ep. V11
obachten sein wird, wo der Philosoph sich fremder sophistischer Mittel bedient" 344 b 3; legg. 629 a I. Ferner Goldschmidt, La religion de Platon p. 130; Steidle
Ifse V. Loewenclau, Der platonische Menexenos, Tübinger Beiträge zur Alter- 1. C. P. 134. '
tumswissenschaft 41, 1961, p. 40. las Der Dialektiker Iäßt sich jederzeit gerne belehren; vgl. soph. 244 a G 259 a 2;
Isi Vgl. Jaeger 111 258. Tim. 54 a 4; ep, V111 353 e 6.
130 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 131
Position soll vollständig klar werden - vorbringen k ö n n t e. ,,Mir
sollte"'88, läßt keinen Zweifel an seiner Meinung: er glaubt nicht
scheint", sagt Glaukon, wie Thrasymachos am Ende ist, „Thrasy-
daran. Dieser Uberzeugung, daß es kein exaktes Wissen von der Natur
machos hat sich früher als nötig von dir wie eine Schlange behexe11
gebe und geben könnte, bleibt Platon treuXe7. ,,ESgibt in diesen Dingen
lassen" (resp. 358 b 2), und iiberiiiniint das Amt des advocatus diaboli.
weder vernünftige Einsicht noch auch Wissenschaft, die im Besitz der
Die Einwände des Adeimantos ergänzt Sokrates: ,,Dies und vieles
vollen Wahrheit wäre", laßt er den Sokrates im ,PhilebosL sagen
andere dieser Art läßt du aus bei deiner Anklage" (resp. 420 a G). Ini
(59 b 7), und im ,Timaios6 heißt es: ,,Wenn unsere Darstellung nicht
,TheailelCnimmt sich Sokrates der Sache des verstorbenen Protagoras
weniger wahrscheinlich ist als die eines andern, so müssen wir damit
an (162 d 4 ff .), und irn ,PhaidrosLtritt er als ndvocrrtus lupi für die
zufrieden sein und daran denken, daß wir alle, ich der Vortragende
Rhetorik auf (272 C 10)'84.Nun gibt die Anklage des Meletos offenbar
wie ihr die Richter, nur von menschlicher Natur sind; wir sollten also
nur einen Teil der Vorwürfe wieder. die gemeinhin gegen Sokrates
nach Aufnahme einer wahrscheinlichen Hede (~ixWs~ U ~ O Snichts ) wei-
erhoben werden. Daher ergänzt Sokrates seinerseits die gegnerische teres mehr suchen" (29 C 7).
Klage durch eine „erste Anklage", die in ihn? einen N a t u r p h i 1 o - Sokrates lehnt die Naturforschung nicht grundsätzlich ab; indessen,
s o p 11e n lind einen S o p 11i s t e 11 sieht. so wird vielfach interpretiert, er will sich selbst nicht mit ihr befas-
sen"'. Ist dies richtig? E r sagt, er führe keine Unterredungen über
Ist Sokrates Naturphilosoph? derlei (19 d) - aber muß denn alles, womit er sich beschäftigt oder
Die „erste Anklage" lautet in der Fassung, die Sokrates ihr gibt beschäftigt hat, Gegenstand von Gesprächen werden? E r sagt ferner,
(19 b 4) : Sokrates tut Unrecht und treibt Unfug, indem er sucht, was er verstehe nichts davon (068Ev Enah 19 C 5). Aber er sagt auch von der
unter der Erde und am Himmel istL'- hier schwebt das Bild des Techne der Erziehung, er besitze hiervon kein Wissen (06% Eniotapat
hleteorosophisten, des Naturphilosophen vor - „und die schwächere 20 C 3), ohne daß wir aus dieser Wendung schließen dürften, er wisse
schlechterdings nichts davon oder lehne es gar ab, sich überhaupt mit
Sache ziir stärkeren inacht ~ i n dandere eben dies lehrt" - dies sind
Erziehungsfragen zu befassen. Es geht also nicht an, Sokrates (bzw.
Züge des Sophisten. Die Beziehung auf die ,Wolken6,ohnedies deut-
den jungen Ylaton) im Hinblick auf seine Einstellung zur Natur-
lich, wird von Sokrates noch eigens betont, wobei seine ,,Natur-
forschung vom späteren Platon zu s ~ n d e r n " ~ .
erforschung" gleich ins richtige Licht gerückt wird. „Dies habt ihr
Die Vertreter der „ersten Anklage" halten Sokrates für einen Men-
selbst in Aristophanes' Komödie gesehen, einen Sokrates, der dort
schen, „der über die Himmelserscheinungen nachgrübelt und alles
hin- und herschwebt, behauptet, er könne in der Luft wandeln und
Unterirdische erforscht hat" (18 b 7). Das ist ein sehr schwerwiegen-
noch viel anderes Geschwätz daherredet über Dinge, von denen ich
der Vorwurf. „Die Leute, meine athenischen Mitbürger, die dieses Ge-
weder iiii Kleinen noch in1 Großen etwas verstehe." Sodann nimmt So-
rücht ausstreuen, sind meine wahrhaft gefährlichen Ankläger, denn
krates Stellung zur Natiirforschung überhaupt: „Ich sage dies aber
die es hören, sind der Meinung, wer diese Dinge erforsche, g l a u b e
nicht. iirn die diesbeziigliche Wisserzscl~nftherabzusetzen, falls jemand a u C h n i C h t a n G ö t t e r " (18 C 1)'". Daß damit der eigentliche Ge-
in derlei Dingen wissend (oocp15~)sein sollte -. . ., aber ich, meine halt der gegenwärtigen, der „zweiten Anklage" bloßgelegt ist, zeigt
athenischen Mitbürger, habe kein Teil daran." Sokrates lehnt also die sich in der Meletos-Elenxis (26 C f.)'". Meletos behauptet, Sokrates
Beschäftigung mit der Natur durchaus nicht von vornherein ab"' - glaube schlechterdings nicht an Götter. „Weder die Sonne noch den
seine Verheiigiing vor ihr ist keineswegs „bloß" ironisch -; doch Mond halte ich also für GGtter, wie die anderen Menschen?" ,,Nein,
scheint es i h i i i f'raglich, ob es eine W i s s e r i s C h a f t von der Natur beim Zeus, ihr Richter, da er doch behauptet, die Sonne sei ein Stein,
gebe. Dic Wendung, „falls jemand in derlei Dingen wissend sein der Mond eine Erde." Dies also steht hinter der Behauptung, Sokrates
glaube nicht an die Staatsgötter. Im Fortgang des Gesprächs klärt sich
''4 Vgl. ferner resp. 453 a 7; Phaedr. 260 d 3; ep. V11 328 d 2; legg. 885 C 2 906 d 5;
Friedländer 11' 190; Jaeger I1 202. Vgl. Stenze1 Studien 55: .Es wird kaum ein dann seine Stellung zu den Ergebnissen der Naturforschung, insbeson-
zweiter Denker alles, was man gegen mindestens mögliche Konsequenzen der
eigenen Lehre sagen könnte, mit solcher Schärfe ausgesprochen haben wie lse Vgl. zu dieser Form des Infragestellens Euthyd. 273 e 5; Phaedr. 261 rl10.
Platon im Parmenides und Sophistes." ls7 Vd. Friedländer I2 142 211.
~ g l Jaeger
. I1 80.
So richtig hlaier 1. C. p. 169; freilich tut er im Annähern des Sokrates an die
lso Vgl. den Hinweis auf Schriften der Naturforscher Lys. 214 b 2.
,Xfänner dcr wissens&aftlichen Forschung" des Guten etwas zuviel.
'" Derlei Dinge sind ~ i ) 8 ~ & ß o A Euth
a: 3 b 7. Ial Vgl. Wolff 1. C. P. 95.
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 133
132 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk

dere des Anaxagoras, mit dem Meletos ihn offenbar gleichsetzt. ,,Glaubst sternsphäre als ,,das Göttliche" bezeichnet. (40 a 7), in den ,Gesetzenc
du", so erwidert Sokrates, „du hättest bei deiner Anklage den Anaxa- wird die Sonne „der Gott" genannt (683 e 4), und Sonne und Mond
goras vor dir? . . . Die Jungen sollen das vcin mir lernen, was maii zu- erscheinen als „große Götter" (821b 5). Zwischen Beseeltheit und Gött-
weilen, wenn ganz teuer, um eine Drachme in der Orchestra kaufen lichkeit der Gestirne besteht ein enger Zusammenhang. ,,Da die Seelen,
kann und den Sokrates auslachen, wenn er behauptet, es stamnie von seien es viele oder auch nur eine, sich als Urheberinnen all dieser Er-
ihm, zumal es sich um so ungereimtes Zeug (6zojra) handelt?" Sokrates scheinungen erwiesen haben, gut in jeglicher Tugend, werden wir sie
lehnt also die E r g e b n i s s e der seitherigen Naturbetrachtung ab. als Götter bezeichnen, mögen sie nun in Körpern wohnend als Lebe-
Im ,Phaidon6kommt er wieder auf die Lehre des Anaxagoras zu spre- wesen den ganzen Himmel regieren oder wie und auf welche Weise
chen; dabei zeigt sich, daß die Voraussetzung der anaxagoreischen sonst. Könnte jemand, der dies zugibt, kühnlich in Abrede stellen, daß
Wissenschaft, daß nämlich der voYs alles regiere, durchaus seine Billi- alles von Göttern voll sei?" (legg. 899 b 5 ) . Es ist also nichts mit der
gung findet; lediglich die praktische Durchfthrung dieser Natur- Meinung der Athener, die Beschäftigung mit der Natur führe zu Gott-
betrachtung iniiß er als ,,ungereirnl" ablehnm: „Er gibt Luft und losigkeit. „Wir Athener behaupten, man dürfe den größten Gott und
Äther und Wasser als Ursache an und viele andere ungereimte Dinge" das Weltall nicht erforschen noch auch vorwitzigerweise die Gründe
(iXtona, 98 c 1 ) . Worin der I+'ehlcr des Aii:ix:rgoras und seiner Aiiliiin- aufspüren, denn dies sei ein Verstoß gegen die Religion. Tatsächlich
ger liegt, zeigen die ,GesetzeLin ihren Betrachtungen über die Gestirn- scheint die genau entgegengesetzte Handhabung dieser Dinge die rich-
seelen, in denen wieder wie in der ,ApologieLder Vorrang des Seelischen tige zu sein" (821 a 2). ,,Niemand, der frei von Unzulänglichkeit und
vor dem Körperlichen eingeschärft wird: ,,Dieselben Männer aber Laienhaftigkeit diese Dinge betrachtet, ist von Natur so gottlos, daß er
täuschten sich wieder über die Natur der Seele hinsichtlich ihres Vor- nicht das Gegenteil von dem erfahren würde, was die Menge erwartet"
rangs vor den1 ICörper an Alter und Würde, hielten sie vielmehr für (966 e 4). Diese richtige Beschäftigung mit der Natur vermag zwar
jünger und brachten damit wieder alles durcheinander, viel mehr noch kein W i s s e n zu vermitteln, denn es gibt keine Wissenschaft von
sich selbst. Denn was vor Augen liegt, alles, was sich am Himmel be- der Natur, wie schon die ,Apologiecandeutete, wohl aber führt sie mit
wegt, das schien ihnen voll zu sein von S t e i n e n und E r d e und unfehlbarer Sicherheit ,,zum G 1a U b e n (niaty) an Götter" (966d 6).
vielen anderen seelenlosen Körpern, die für die ganze Welt die Ur- Ist Sokrates Sophist?
sachen austeilen. Dies war's, was damals so viel Gottlosigkeit hervor-
brachte und Abneigung, sich mit derlei zu befassen; dazu kommen Sokrates' erste Ankläger glauben, er sei einer von denen, die ,,die
Schmähungen von seiten der Dichter, die die Philosophen mit nutzlos schwächere Sache zur stärkeren machen und andere eben dies lehren"
kläffenden Hunden vergleichen und noch anderes Unsinnige daher- (19 b 5). Sokrates sieht darin den Vorwurf, er sei Sophist, und er-
reden" (967 b 6 ) . Diese Worte wirken wie ein Kommentar zur ,Apo- widert: „Wenn ihr von jemand gehört habt, ich unternehme es, Men-
logie', klaren sie doch völlig, warum dort die Ezgebnisse des Anaxa- schen zu erziehen, und streiche Geld dafür ein, so ist dies nicht wahr.
goras abgelehnt werden mußten. Indessen scheint mir auch dies etwas Schönes zu sein, wenn jemand
Wenn es indessen nach Auffassung der ,Apologie' nicht a limine imstande ist, Menschen zu erziehen, wie Gorgias aus Leontinoi und
unsinnig ist, sich mit der Natur zu befassen. d=n muß es auch eine Prodikos von Keos und Ilippias von Elis. Jeder von diesen, ihr Män-
r i C h t i g e Naturbetrachtung geben. Welcher Art diese sein müßte, ner, ist in der Lage, bei seiner Wanderung von Stadt zu Stadt die jun-
deutet dort Sokrates selbst an, wenn er die GiittlicJIkeit von Sonne und gen Leute - denen es doch freisteht, mit welchem von ihren Mitbür-
Mond ausdrücklich anerkennt (26 d 1) lo4. Irn ,TimaiosLwird die Fix- gern sie wollen unentgeltlich zusammenzusein - die bereden sie, die
Zusammenkünfte ihrer Mitbürger zu verlassen, mit ihnen zusammen-
Galli konstatiert hier ein Schillern zwischen monotheistisch-spiritualistischer zusein, Geld dafür zu bezahlen und ihnen oberdrein noch Dank zu
und traditioneller polytheistisch-naturalistischer Konzeption und erklärt es für wissen" (19 d8)lSS.Abgesehen von der allgemeinen Ablehnung, für
eine .manchevolezza di pensiero di cui non rare che Platone possa essere . einen Sophisten angesehen zu werden, setzt sich Sokrates mit drei
risponsabile, e di cui non sarebbe difficile mostrare l'accordo con gli altri dati
intorno alla religiosita di Socrate" (I. C . p. 276). Aber sollte das Mangelhafte für die Sophisten charakteristischen Zügen auseinander: mit der Tat-
dieser Konzeption nicht eher aus der fehlenden Heranziehung der anderwärts sache, daß sie Geld für ihren Unterricht nehmen, mit ihrem unsteten
entwickelten platonischen Auffassung als aus der Konzeption eines fiktiven
historischen Sokrates zu erklären sein? Ganz ähnlich, mit wörtlichen Anklängen, Prot. 316 C 5.
134 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen besamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 135
Wandern von Stadt zu Stadt, mit ihrer Behauptung, sie verfügten über
(dn~axveia.Ba~)'~',die Männer zu guten Bürgern zu machen'! (Prot.
eine Techne der Erziehung.
319 a 3). Sokrates dagegen verspricht gar nichts. „Ich habe noch nie
1. Die Sophisten verlangen G e 1d für ihren Unterricht. Das bedeu- jemandem eine Lehre in Aussicht gestellt (dneox6pqv) noch auch ge-
tet: sie sind e X k 1U s i V. Den Armen bleibt ihre Weisheit verschlos- lehrt" (apol. 33 b 5).
sen. Sokrates lehnt solche Exklusivität ab. „Ich unterrede mich nicht Eine Ware anbieten, sie gegen Geld verhandeln, das heißt, für ihre
nur dann, wenn ich Geld dafür bekomme, andernfalls nicht, sondern Güte V e r a n t W o r t 1i c h sein. Im ,Gorgias6 spottet Sokrates über
arm und reich stehe ich zur Verfügung, wenn sie mich fragen wollen das Schauspiel, das Sophisten, Lehrer der Tugend, bieten, wenn sie
und wenn einer antworten und hüren will, was ich sage" (33a 8). zetern, ihre Schüler benähmen sich schurkisch und betrögen sie ums
„Wenn aber jemand behauptet, er habe jemals als einzelner von mir .
Honorar (519C ff.) „Sie verklagen mit denselben Worten sich selbst,
etwas gelernt oder gehört, was nicht auch a 11e a n d e r n hören konn- daß sie keineswegs gefördert haben, die sie zu fördern behaupten"
ten, so seid überzeugt, daß er nicht die Wahrheit sagt" (33b 6). Ferner (520 b 6). Sokrates dagegen kann für Gut- und Schlechtwerden seiner
wenden sich die Sophisten nur an die J U n g e n unter den Reichen lS4. „SchülerG nicht haftbar gemacht werden, hat er doch im Gegensatz
Sokraies 1)ctonidcnigcgeiiiiber, daß er auf jcdcii eingelit. ob jung oder zu den Sophisten nichts versprochen. ,,Ob einer von diesen tüchtig
alt. „Wenn jemand Verlangen trug, mich zu hi;ren, wie ich rede und wird oder nicht, dafür bin nicht ich als Ursache anzusehen, da ich noch
meine Tiitigkeit verfolge, so habe ich's nie jcinündem versagt, modite nie jemand eine Lehre in Aussicht gestellt noch auch gelehrt habe" (apol.
er nun jünger oder älter sein" (33 a 6)'05. 33 b 3). Sokrates ist lediglich der Uvev zivos o h , er gibt den Anstoß, er
Wer so zu Geld kommen will, nluß verlockende A n g e b o t e erweckt, er leistet ,,Geburtshilfe" - aber der Erfolg steht nicht bei ihm.
machen und den1 Käufer etwas Bestimmtes in Aussicht stellen kön- Bei positivem Ergebnis kann er nur feststellen: ,,Von mir haben sie
nen. Bildung und „Tugendu nun ist es, was die Sophisten zu bieten nie etwas gelernt, sondern selbst aus sich selbst haben sie viel Schönes
haben; von Sokraies befragt, wer sich denn auf menschliche und bür- gefunden und geboren" (Theaet. 150 d 6 ) . Mag der spätere Platon
gerliche „TugendN verstehe, weist Kallias auf den Sophisten Euenos noch so viel in seinen Unterricht aufnehmen, diesen sokratischen
von Paros hin (apol. 20 a ff.). „Du nanntest dich einen Sophisten, er- Grundzug hält er fest: Der „Unterricht" muß so gestaltet werden, da8
klärtest dich für einen Lehrer der Bildung und Tugend und fordertest ein Mißerfolg überhaupt nur vom Schüler herrühren k a n n , nicht
als erster Geld dafür", sagt Sokrates zu Pmtagoras (Prot. 349 a 2). vom Lehrer. Der „Siebte Brief" rät, eine Probe (neiea) anzustellen mit
„Ich habe kein Geld, den Sophisten Honorar zu bezahlen, die als ein- dem Schüler, aus der folgt, „daß nie einer die Schuld auf seinen Leh-
zige erklärten (EnqyyiMov~o),imstande zu sein. mich schön und gut rer (OELXV~S) werfen kann, sondern nur auf sich selbst" (341a 3).
zu machen" (Lach. 186 c 2)lS6.Wiederum zu Protagoras: ,,Wie mir 2. Auffällig an den Sophisten ist ferner ihre U n s t e t h e i t , ihr
scheint, meinst du die bürgerliche Kunst und stellst in Aussicht Wandern von Stadt zu Stadt. Sie führen die jungen Leute aus der Polis
--- heraus, lösen sie vom Zusammensein mit den andern Bürgern, wenn sie
'''Vgl. H i p ~ .I 282 b 8 c 5; soph. 223 b 5 über die Sophistik: vbwv dovoiwv xal ihnen ihre Lehren vermitteln. Anders Sokrates: ,,(ich unterhalte mich)
Ev6b&ov ytyvopbwl @;leanpoogqt6ov. mit Fremden und Einheimischen, aber mehr mit den Einheimischen,
IRjDiese Äußerung ist allerdings zu zugespitzt, als daß sie sich nicht eine Einschrän-
da ihr mir der Abkunft nach so viel näher steht" (30 a 3). Und doch
kung gefallen lassen inüßte. Sokrates verkehrt nicht schlechterdings mit jedem; besteht eine sonderbare Gemeinsamkeit zwischen Sokrates und SO-
es gibt Fälle, wo er sich versagen muß. In1 ,TheaitetGspricht er von jungen Leu-
ten, die den IJmgang niit ihm aufgegeben haben, wie etwa Aristides, des Lysi- phisten: beide sind auf einer lrrfahrt (shhvq). Das Geschlecht der So-
machos Sohn, den wir vom ,Lache$ her kennen. .Wenn diese wieder zurück- phisten ,,irrt herum (rrhavqzbv i v ) von Stadt zu Stadt und hat noch nie
kehren und mich bitten, den Umgang mit ihnen wieder aufzunehmen, und sich eigene Häuser bewohnt" (Tim. 19 e 4) ; dabei lehrt und verheißt es die
gar wunderlich gebärden, so verbietet bei einigen das Daimonion, die Stimme, menschliche und bürgerliche Aret6. Sokrates befindet sich gleichfalls
die mir zuteil wird, den Umgang, bei anderen Iäßt es ihn zu, und diese machen
wieder Fortschritte" (151 a 2). - Vgl. dazu Friedländer Ie 151 über ,,repulsive
auf einer Irrfahrt (nAbvq, apol. 22 a 6), jedoch nicht etwa infolge eines
Ironie", die dort eintritt, ,wo es unmittelbar keine Erziehung geben kann, weil Wissens, das ihn zum Lehren befähigte, sondern seines Nicht-Wis-
der andere in seiner Art schon starr geworden ist". Ferner I2 64 f., 111 49. Zur Sens lW. ,,Immer irre ich (nlavopa~)und bin in Aporie" (Hipp. I 304 C 2).
Auslese der Schüler in der Akademie vgl. Friedländer Ie 91.
lo7 Vgl. soph. 232 d 1; auch Gorg. 449 b 1.
IgVngebot und Geldforderung: vgl. dazu Pfot. 310 d 6; Hipp. I 281 b 6 300 d 1;
i9s Vgl. Hipp. I1 372 d 7: .Ich gehe in die Irre in diesen Dingen, offenbar wegen
Hipp. I1 304 d 3; Crat. 391 b 9; Meno 91 d 1; Theaet. 161 d 7 167 C 7 178 e 9. meines Nichtwissens".
136 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinanderseizung 137
Doch zeigt sich im Verlaufe der ,Apologiec, daß Sokrates bei allem Sokrates wendet sich radikal gegen diese Auffassung. ,,Glaubst du",
aporetischen Herumirren sehr wohl um den festen Punkt weiß, den es
hält er dem Meletos entgegen, ,,auch mit den Pferden verhalte es sich
zu gewinnen gilt, im Unterschied zu den Sophisten. Am Schluß des
so? Alle Menschen machten sie besser, und nur einer wäre der Ver-
,,Kleinen Hippias" stellt er ironisch fest: „Und wenn ich oder ein an-
derber? Oder ist es ganz im Gegenteil e i n e r , der imstande ist, sie
derer Laie in die Irre geht, so ist dies nicht weiter verwunderlich; wenn
besser zu machen, oder ganz wenige, die Pferdekundigen ''I, während
aber sogar ihr, die Weisen, euch als irrend erweist (dav~aauik), so ist
die Vielen, wenn sie mit Pferden umgehen und diese gebrauchen, sie
das auch für uns verhängnisvoll, wenn wir sogar bei euch unser Irren zugrunde richten? Verhält es sich nicht so, mein Meletos, mit den Pfer-
nicht beenden können" (376 C 3). den und auch mit allen anderen Lebewesen?" (25 a 13). Nicht die Vie-
3. „Wer versteht sich auf diese Tugend, auf die menschliche und len vermögen zu erziehen, sondern nur der eine Fachmann '02.
bürgerliche?", fragt Sokrates den Kallias gelegentlich eines GesprSchs Soeben war noch die Annahme, Sokrates besitze eine erzieherische
Üuer die Wahl des richtigen Erziehers, das er 20 a ff. wiedergibt. Techne, brüsk abgewiesen worden; hier dagegen wird ein erziehe-
,,,Wer ist es', sagte ich, ,und von wo, und um welchen Preis lehrt er?' risches Fachwissen gefordert, wird gesprochen von dem e i n e n , der
,Eiienos von l'nros, inein Sokrates', ervviderle er, ,fiir fünf Minen.' es besitze, und es kann kein Zweifel sein, wer damit gemeint ist: So-
Und ich pries den Euenos glücklich (Epaxaeloa), wenn er in Wahr- krates selbst ms.
heit diese Kunst besitzt und so preiswert lehrt. Ich selbst jedenfalls Die Techne der Sophisten ist souverän, sie wirkt angeblich in allen
würde mich brüsten und mir etwas zugute tun, wenn ich mich darauf Fällen, wo die Physis des einzelnen nicht unüberwindliche Hinder-
verstehen wiirde; aber ich verstehe es nicht, meine athenischen Mit- nisse bereitet. Sokrates glaubt nicht a n eine solche Techne. ,,Die, von
bürger. " denen ich soeben gesprochen habe, sind vielleicht weise in einer über
„Ich preise euch glücklich ob dieses Besitzes, noch viel mehr als den das menschliche Maß hinausgehenden Weisheit, oder ich weiß nicht,
Großkönig ot) seines Reichs", sagt Sokrates zu den beiden Eristikern was ich sagen soll; ich verstehe sie jedenfalls nicht" (20 d 9)m< ,,In der
Euthydern und Dionysodor, ehe er ihren ,,Besitzu als einen Wust Zeit vorher glaubte ich", äußert er sich ironisch nach der Epideixis des
alberner Nichtigkeiten erweist (Euthyd. 274 a 6). E r preist auch den Protagoras, „es sei n i c h t m e n s c h l i c h e B e m ü h u n g , wodurch
Sophisten Hippias an derselben Stelle, wo er dessen Weisheit zuschan- die Guten gut werden; nun aber bin ich überzeugt" (Prot. 328 e 1)'05.
den macht: ,,Mein lieber Hippias, du bist glücklich (pax&eco~), denn du Während vorhin Sokrates' Wirksamkeit als unerläßliche Vorbedin-
weitit, was der Mensch treiben muß, und hast es selbst hinlänglich be- gung der Erziehung erschien, zeigt sich nun, daß sie nicht einmal die
trieben, wie du sagst" (Hipp. I 304 b 7) ; ,,Glücklich, mein Hippias, ist einzige ist, daß es vielmehr in gleichem Maße auf die Hilfe des Gottes
es dir ergangen, wenn du jede Olympiade so zuversichtlich in der Seele ankommt 'OE: ,,Die Geburtshilfe ist des Gottes und mein Werk" (Theaet.
hinsichtlich deiner Weisheit zu dem Heiligtum konlmst'' (Hipp. I1 150 b 8) ; nur, „wem es der Gott verstattet", der macht Fortschritte
364 a 1). In der ,Apologiegliegt, wie bei der Frage, ob die Natur-
(d 4). In diesem sehr eingeschränkten Sinne ist Sokrates allerdings im
forschung als Wissenschaft anzusehen sei, die entscheidende Nuance Besitz einer erzieherischen Techne.
in dem „wenn": W e n n Euenos diese Techne besitzt, dann ist er Die Sophisten b e 1e h r e n ihre Schüler auf Grund ihrer Techne.
glücklich zu preisen. Der Sinn ist klar: er hat sie nicht; dabei steht er
Wie anders Sokrates seine ,,Kunst" betätigt, ist aus der ,Apologie6zu
stellvertretend für alle Sophisten. „Soviel ich auch nachforsche, ob es ersehen. E r hebt ab auf eine grundsätzliche Wendung, auf Erwek-
Lehrer der Tugend gibt, kann ich doch trotz aller Bemühungen keine
finden" (Meno 89 e 6)'". Und Sokrates selbst hat die Techne der Er- 201 Zum Vergleich des Erziehers mit dem Pferdeknecht s. Gorg. 516 a 5; leg$. 666 e 3
ziehung, die Kunst, schön und gut zu machen, bis jetzt noch nicht ge- 694 e 6 (dazu Rohr 1. C. p. 42).
funden (Lach. 186 C 2). em Vg1. Lach. 184 e 8; Hipp. I 284 e 8; Crito 47 b ff.; Euthyd. 307 a 3; Gorg. 500 a 4;
o b 7 ff..
~ e n 90
Was die P e r s o n des Erziehers betrifft, so ist Meletos der Auffas-
Vgl. Wolff. 1. C. p. 29.
sung, alle Athener erzögen zur Aret6, und die Sophisten denken im m4 Vgl. Grat. 392 b 1 438 c 1 439 b 4; Gorg. 456 a 4.
Grunde nicht anderseo0,betonen nur, das Erziehungsvermögen sei 105 Vgl. Friedländer 11' 33.
graduell verschieden (Prot. 327 e 1 ff.) . Anders Jaeger I1 110: Sokrates ,,fühlt, daß er selbst seinem Ideal nicht ent-
spricht". Aber ist das Nichterreichen des ,Idealsa der Erziehung wirklich bloß
Vgl. Prot. 320 b 4. Anders Friedländer 11' 8. in persönlicher Unzulänglichkeit begründet?
138 11. Das Verhältnis der Apologie zum ?latonischen besamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 139
kungm7.Was er dem „Schüler" vermitteln möchte, lehrt er nicht, er In dieser Charakterisierung steckt schon die Kritik. Sie dichten nur
deutet es nur an (s. p. 114). Der ,,Siebte Brief" erklärt, schriftliche auf Grund natürlicher Veranlagung, denn sie haben keine Veredelung
Äußerungen seien nur für die wenigen bestimmt, „die fähig sind, auf durch wahre Erziehung erfahren. Sie dichten im Ev%lovu~a(~p6~: damit
einen kleinen Fingerzeig hin selbstiindig zu finden" (341 e 2 ) . In dieser ist freilich zunächst nur der durchaus legitime Vorgang der dichte-
Befähigung, nicht in der finanziellen Leistungskraft oder dem Alter, rischen Inspiration bezeichnet. ,,Wer ohne den Wahnsinn der Musen
liegt Platons Ausleseprinzip. Wer aus seinen Andeutungen ,,lerneri" vor die Tore der Dichlkunst kommt, überzeugt, er werde auf Grund
kann, der mag zu jenem Ziel aller Ziele emporsteigen, das ,,in keiner bloßer Technik ein tüchtiger Dichter werden, der bleibt ein Stümper,
Weise sagbar ist, wie andere Lehrgegenstände" (ep. V11 341 C 5 ) . und seine verstandesmäßige Kunst wird völlig verdunkelt durch die
des vom Wahnsinn ErgriiTenen" (Phnedr. 245 a 5 ) . Uoch bald zeigt
sich auch hier das Bedenkliche. Der Dichter ist n U r zum Enthusias-
Sokrates in der Auseinandersetzung mus fähig, ist bei seiner Tätigkeit von Sinnen (06% Epcpewv), ist ohne
~085,entbehrt der zkxvy, dx~uzfipq,a o q ~ i a ~ Das
~ ~ .notorische Nicht-bei-
C) mit den Hinternzcinnern der Ankltrge sichSein rückt ihn in eine zweifelhafte Nachbarschaft. Am Eingang
Durch seine IVisse~isprüfunghat Sokrates sich den Zorn der Politi- der ,ApologieLwird das Sich-selbst-Vergessen als n&#oq des von der
ker, Dichter und Handwerker zugezogen. Jeder der drei Ankläger ver- Rhetorik Faszinierten bezeichnet. So bewirkt auch die ausschließliche
tritt Sokrates' Deutung zufolge einen oder mehrere dieser Stände, die Hingabe an dichterische Verzückung eine Abkehr vom eigentlichen
seinen Angriffen ein Ende setzen wollen. Er seinerseits muß in seiner „Selbstu"O, den Verzicht auf selbständige Urteilsfiihigkeit. ,,Wenn der
Verteidigung klarmadien, warum er sich auf eine Herausforderung Dichter auf dem Dreifuß der Muse sitzt, dann ist er nicht bei Sinnen,
dieser Stände eingelassen hat. läßt wie eine Quelle das Herankommende bereitwillig fließen, und da
Am kürzesten werden die Handwerker abgetan; nicht ohne Grund, seine Kunst in Nachahmung besteht, ist er gezwungen, bei der Dar-
denn „hinter dem Handwerker als solchem breitete sich keine geistige stellung von Menschen entgegengesetzter Sinnesart sich selbst oft zu
Welt, die es abzuwehren, keine erblühende Kraft, die es zu erziehen widersprechen. Dabei weiß er weder, ob dies noch ob jenes von dem
galt" (Friedländer I' 173). Anders steht es mit den Politikern und Gesagten richtig ist" (legg. 719 c 3). Der Dichter vermag also nicht
Dichtern. Ihre Staats- bzw. Weltauffassung mußte bekämpft werden, R e c h e n s c h a f t z u g e b e n , er versagt der sokratischen Forde-
wenn Raum geschaffen werden sollte für sokratische Erkenntnis. Zu- rung gegenüber. „Notwendig muß der gute Dichter als ein Wissender
mal die Dichter waren Sokrates im Wege, galten sie doch als Autori- dichten, wenn er die Gegenstände seiner Dichtung richtig behandeln
täten auf allen Gebieten. „Die Menge führt die Dichter in ihren Reden soll, oder er ist nicht imstande, zu dichten" (resp. 598 e 3 ) .
an, und dabei behaupten die einen, dies meine der Dichter, die ande- Der Dichter wird also nur dann Richtiges von sich geben, wenn es
ren, jenes, und so unterreden sie sich über Dinge, die sie nicht metho- ihm durch göttliche Einwirkung zuteil wirdP"; er selbst vermag nicht
disch zu untersuchen vermögen" (Prot. 347 e 4 ) . zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. So kann die ,ApologieL
gewisse dichterische Erzeugnisse anerkennen, andern jedoch muß sie
jeden Wahrheitsgehalt absprechen.
Die Dichter
Letzteres ist in besonderem Maße der Fall bei der Beurteilung von
„Ich erkannte nun auch bei den Dichternzosin Kürze dies, daß sie, Aristophanes' ,Wollten6.An ihnen ist nicht weniger als alles unrichtig
was sie dichten, nicht aus einem Wissen (aocpia) heraus dichten, son- und irreführend (18d ff .). Noch der greise Platon wendet sich gegen
dern auf Grund nntürlicher Veranlagung (cphs) und göttlicher Be- einen solchen Mißbrauch der Dichtkunst. „Einem Dichter von Ko-
geisterring, wie die Wahrsager und Orakelsänger; auch diese sagen ja mödien oder Jamben oder Liedern soll es keinesfalls erlaubt sein, in
viel Schönes, wissen aber nichts von d e n , was sie sagen. Ein solches Wort oder Bild, sei es mit, sei es ohne Zorn, irgendeinen Mitbürger zu
Widerfahrnis (x660i) schien mir auch die Dichter getroffen zu haben" verspotten" (legg. 935 e 3).
(22 b 8).
W9 Vgl. legg. 719 C 4; 10 534 b 4 C 5; resp. G02 a 11.
Vgl. Maier 1. C. p. 123. m Vgl. o. p. 115 E..
Platon und die Dichter; vgl. dazu Flashar 1. C. p. 106-112. eil Vgl. 10 512 a 3; legg. G82 a 1.
140 11. Das \'erhiiltnis der Apologie zum platonischen besamtwerk
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 141
Sehr subtil ist demgegenüber die Spitze, die Sokrates gegen die Göt-
tergenealogien der Dichter richtet. Mdetos hatte behauptet, Sokrates Auf der Folie der genannten Fehlleistungen der Dichtkunst ist der
glaube an Daimonia, worauf Sokrate ,,beweistu, daß er dann not- Anwalt der Dichter zu sehen, Meletos. Er hält sich für einen Kenner in
wendigerweise auch an Götter, also axeh an die Staatsgötter glauben Sachen Jugenderziehung und weiß doch nicht anzugeben, wer es
müsse (27 b ff.). Nun ist dieser Nachweis weder von Sokrates ernsthaft eigentlich ist, der die Jugend besser macht (24 d 7). Hätte er einmal
beabsichtigt noch ist er sachlich überhaupt mögliche'" In dem Fechter- etwas Richtiges zu sagen, so bringt er es an der falschen Stelle
stückchen, das Sokrates Meletos, dem Exponenten der Dichtkunst, (24 d ll)'17. E r mißversteht gröblich Sokrates' Daimonion, auf dem
liefert, bedient er sich kurzerhand der durch die Dichter verbreiteten seine Anklage aufgebaut ist (27 C 5)'". Und er setzt sich fortwährend
mythischen Genealogien, weist darauf hin, daß die Gaipovq, an die er mit sich selbst in Widerspruch, wie es seine Klienten tun, die Dichter
angeblich glaube, bekanntlich Kinder von Göttern seien, eventuell un- (24 C ff .) .
eheliche von Nymphen oder anderen Frauen, und wenn er an die Kin- Neben diesen Fehlleistungen gibt es jedoch auch Fälle, wo die Dich-
der glaube, glaube er doch auch an d:e Eltern. Etwas Absurdes wird tung etwas Richtiges getroffen hat. Sokrates beruft sich für seine Hal-
also durcli dic Vorstcllimgen der 1)icMrr ,,ltewicscn"; damit riicken tung auf das Vorbild des homerischen A~hiIl"~, dessen Ethos für ihn
diese in die ihnen zukommende Beleuchtung 'lS. verbindlich ist (28 b 9). Auch bei seiner Wiedergabe der geläufigen
Es sei hier angemerkt, daß in der ,Apologie6 eine ausdrückliche Auffassungen über den Hades klingt Homerisches an: er hofft, Minos
Auseinandersetzung mit dem Mythos, wie ihn die Dichter verbreiten, und Rhadamanthys zu Richtern zu haben, Aias, Odysseus und Aga-
ausgespart ist, offenbar mit Absicht. Sie erfolgt eingehend im ,Euthy- memnon zu treffen und sich mit Männern wie Homer und Hesiod
phron"l4; dort wird die Beziehung auf den Prozeß geflissentlich be- unterreden zu können. Achill gibt ein Beispiel, wie man die Todes-
tont: durch freimiitige Kritik des Mythos habe sich Sokrates jene An- drohung einschätzen soll; die Hades-Vorstellungen lehren, dem Tod
klage zugezogeii (G a 6). Mag dies auch halb scherzhaft gemeint in froher Hoffnung entgegenzugehen. Der Wert der beiden dichte-
sein'15, jedenfalls bringt der ,Euthyphron6 eine sachliche Ergänzung rischen Äußerungen besteht also darin, daß sie eine richtige ethische
zu den Vorwürfen, die in der ,Apologie1behandelt werden. Sofern nun Haltung vermitteln.
%
,Apologie' und ,Euthyphron6 aufeinander abgestimmt sind, liegt die Diese Äußerung des Dichters für richtig, jene für verfehlt erklären
Annahme nahe, beide Werke seien gleichzeitig konzipiert und in der- kann allein der Wissende, der Mann, der Rechenschaft abzulegen ver-
selben Periode platonischen Schaffens ausgeführt ''. mag. Der Dichter sollte in der Lage sein, über seine Aussage Rechen-
schaft zu geben - aber gibt nicht Sokrates in der ,Apologie6 eine
S. O. P. 64 f..
Friedliinder meint: .In der Tiefe versteckt sich dann wie immer eine echte solche? Der Dichter soll frei von kalter Verstandesenvägung sich der
Wahrheit, die erst das Symposion ausdrücklich machen wird: daß der eigent- göttlichen Inspiration hingeben - aber ist nicht eben Sokrates der
liche Sinn des Dämonischen ist, zum wahren Sein, zum Göttlichen emporzufüh-
ren" 11' 163. Wo in dem fraglichen Passus dieser Gedanke versteckt sein soll, zulänglichkeit kann nur reden, wer hier sucht, was Sokrates a n dieser Stelle
dürfte indessen schwer zu sagen sein. Aitdi die Frage Gunderts (I. C. p. 516): eben nicht aussprechen W o 11 t e ,was er a n anderen Stellen der ,Apologie' aber
,Kündigt sich nicht schon in den ,unehelichen Kindern der Götter' das Mittler- klar genug angedeutet hat (s. o. p. 123).
geschlectit der Dämonen des Symposion (202 e f.) an?" darf m. E. nicht an un- -
Die Gesetze erziehen, das ist auch die Auffassung der ,Nomoi' (858 d 6) aber
seren bewiißt in den Bahnen der dichter-~ch-volkstümlichen Götterauffassung -
Meletos ist ja gefragt, wer erziehe, nicht, wodurch der Erzieher erziehe. Vgl.
sich bewegender1 Passus gestellt werden. - Gleichfalls unrichtig Wilamowitz: auch Lach. 190 e 7; Prot. 359 C G ; Euthyd. 297 a 1; resp. 353 C 5.
.So deckt ein Witz, den die Richter b e l a ~ h n ,einen schwachen Punkt" (Platon 21s Vgl. Euth. 3 b 5.
I1 51). Er verkennt die keineswegs defens-ve, vielmehr aggressive Tendenz der 239 Gadamer betont, wohl etwas zu sehr, das Provokatorische und Paradoxe dieser
Stelle. Berufung auf Achill (1. C. p. 199). Auch Friedländer gibt nur einen Teil-Aspekt:
414 ,Platon gibt eine deutliche Ergänzung zu? Apologie: Sokrates entwickelt, was ,Ist nicht auch hier in den Worten über Achill ein Stück Eusebeia: Ehrfurcht vor
vor und mit dem Richterpublikum nicht un:ersucht werden kann" Rudolf Stark, den Göttern und Heroen unseres Landes, Anerkennung der mythischen 'Uber-
Platons Dialog ,EuthyphronL, Annales Uxiversitatis Saraviensis Philosophie- -
lieferung als verbindliches Muster?" 11' 164. Morr 1. C. p. 23 stellt unsere Stelle
Lettres 1, 1932 p. 146. neben das Achill-Exemplum symp. 179 e 1 und will daraus, daß das Motiv der
a6 Vgl. Maier 1. C. p. 440. ,Apologie' im ,SymposionL.einerseits gekürzt, andererseits um die Ehrung durch
Anders nuanciert Stark I. C. p. 146: .PIaton, den Iiorno religiosus, mußte jene die Götter erweitert wieder auftaucht", auf das zeitliche Verhältnis beider Werke
verdeckende Unzulänglichkeit in der Apologie (SC. C. 14-15) brennen; hier liegt zueinander schließen. E r übersieht, daß die Tendenz des Motivs im ,Symposion1
der unverkennbare Anstoß zur Konzeptioti des ,Euthyphron'. Doch von Un- eine ganz andere ist als in der ,Apologie4,woraus sich alle Verschiedenheit ge-
nügend erklärt.
142 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 143

Mann, der ohne Rücksicht auf menschliche Vernunftgründe (heyos, beruht lediglich auf Dünkel; in Wahrheit sind sie nicht nur unwissend,
31 b 7) sich dem göttlichen Ruf hingibt? Indessen handelt es sich bei sondern, was weit schlimmer ist, infolge ihres Dünkels unbelehrbar
dieser Rechenschaft und dieser Sokratesgestalt um ein Werk Platons, (21 c d ) . Anytos, der Anwalt der Politiker, ist ein würdiger Vertreter
gewisserrnaßeii um mimetische Dichturig. So steht dem Meletos und dieses Standes. Im ,MenonLwendet er sich mit großer Schärfe gegen
seinen Schützlingen zuletzt der wahre Dichter gegenüber, der gleicher- die Sophisten. ,,Wie könntest du, mein Göttlicher", wirft Sokrates
maßen der 6 ~ i ~a a v i awie strenger Rechenschaftsablegung fiihig ist, der erstaunt ein, ,,von dieser Sache wissen, ob sie etwas Gutes oder Schlech-
eine ,Phaidros'-Palinodie ebenso zu schreiben vermag wie eine ,Apo- tes an sich hat, wenn du dich überhaupt nicht mit ihr befaßt hast?"
logie des Sokrates', der in einer Person Dichter und Denker ist. (92 C 1 ) . Einem Staat, der von solchen Männern geleitet wird, kann
nur die düsterste Prognose gestellt werden. „Viele Staaten gehen wie
Die Staatsmänner Schiffe versinkend zugrunde, sind zugmndegegangen und werden zu-
,,Wertvoller und ehrwürdiger und heiliger als Vater und Mutter und grundegehen wegen der Schlechtigkeit der Steuerleute und Matrosen,
alle sonstigen Vorfahren ist das Vaterland, und es stellt in liöhereiii denen in den größten Dingen größteUnwissenheit eigen ist und die, ob-
Ansehen bei den Göttern und bei den Menschen, sofern sie Verstand zwar ohne jegliche Kenntnis in Staatsdingen, glauben, in allen Stücken
haben", so läßt Sokrates im ,Kriton6 die Gesetze sprechen (51 a 7)"O. und von allen Wissenschaften am sichersten sich diese angeeignet zu
Wenn überhaupt jemand, so ist Sokrates zu diesen „Verständigen" zu haben" (politic. 302 a 5)ze4.
rechnen. Er hat nicht nur in einer Reihe von Feldzügen seine Bürger- Diesen Feststellungen entsprechen Sokrates' Erfahrungen mit dem
pflicht erfüllt, auch als Privatmann macht er Ernst mit jenem Wort politischen Leben seiner Vaterstadt. Im Arginusenprozeß stellt er sich
der Ge~etzc,indem er Fmnilie. IIaiisweseii, Geldenverl> zurücksiellt auf die Seite von Recht und Gesetz und wird dafür von einer wütenden
zuguristen seines Dienstes am Staat. Nicht kyrenaischer oder sonstiger Menge und den Stimmführern mit Gefängnis und Tod bedroht. Unter
Jugend gilt seine Liebe und sein Wirken, sondern der athenischen der Herrschaft der Dreißig weigert er sich, einen verbrecherischen Auf-
(Tlieaet. 143 d 1). E r unterredet sich „mit Fremden und Einheimischen, trag auszuführen, und entgeht nur durch den kurz darauf erfolgten
mehr aber mit euch Einheimischen, die ihr mir der Abkunft nach Sturz dieser Regierung dem Tod. Die Verfassung des Staats war jeweils
näher steht" (apol. 30 a 3)='. Wenn es von den Bürgern des Idealstaats verschieden, das Bild, das der Staat bot, blieb das nämliche.
im Mythos von den Erdgeborenen heißt: „Sie müssen gegen die Mit- Beide Geschehnisse werden nicht um der Person des Sokrates willen
bürger so gesinnt sein, als wären sie Briider und gleichfalls Erd- berichtet (s. p. 20 ff .) , so wenig wie die Erwähnung historischer Ein-
geborene" (resp. 414 e 2), so drängt sieh der Gedanke an Sokrates zelheiten in den ,Briefen6oder ,Gesetzenc chronistische Absichten ver-
auf "'. ,,Ich glaiil)e, noch nie wurde eurer Stadt ein größeres Gut zuteil folgtzP5.Immer dringt Platon auf ein Umfassendes, Allgemeines, auf
ein Geschehensprinzip der GeschichteP". Dabei macht er zwei Voraus-
als mein Dienst ani Gott" (30 a 5). %

setzungen. Einmal: die Geschichte 1 e h r t. ,,Aus einem vorliegenden


In erster Linie verkörpern die fiihrenden Politiker den Staat. Der
Eindruck, den Sokrates von ihnen gewinnt, ist jedoch alles andere als geschichtlichen Beispiel etwas zu erkennen ist nicht schwer" (legg.
692 b 7). Zum andern: zur Erkenntnis historischer Gesetzmäßigkeiten
gut. Kümmerlich wirken sie, wenn man ihnen von ferne zusieht; in
ist T e i 1h a b e a m L o g o s nötig, am Logos, der auch in der Ge-
eine i\rikl:ige verwickelt bciieliitien sie sich derart, da13 es eine Schande
schichte waltet %".
für Athen ist (35 a 1)"'. Noch kümmerlicher ist, was sich bei näherer
Prüfung ergibt. Ihre hohe Meinung vom eigenen Wissen und Können zz4 Vgl. auch legg. 701 a 5 720 C 3 863 C 1.
z25 ,Klar ist, daß es Platon seiner ganzen weltanschaulichen Haltung nach auf das
zm Vgl. auch ep.IX 358 a 2; legg. 923 a 6. Nur-Individuelle nie ausdrücklich ankam, daß auch für ihn das historische Ein-
Zum Sich-Kümmern um den Mitbürger als einer Forderung der traditionellen zelfaktum nur als exemplarischer Fall Bedeutung hat" Rohr 1. C. p. 122. ZU legg.
Polis-Ethik sowie des platonischen Staats s. Steidle 1. C.p. 142 f.. 683 e 3 vgl. Rohr 22.
,,Oberhaupt gehört Bodengebundenheit zum Wesen des Philosophen, wie Los- Vgl. Rohr 1. C.p. 60 80.
gelöstheit von der Heimaterde dem Sophisten eigen ist" Loewenclau 1. C . p. 56. z27 ,Was das historische Paradigma so wichtig, ja überhaupt als solches ,möglich'
Vgl. an& hfaier 1. c. p. 485. (im Kantischen Sinne) macht, ist sein-hoyog-Bezug, inhaltlich bestimmter aus-
Eine völlig andere Haltung wird im Idealstaat vom E n ~ e ~ x {&q V ~ Qverlangt: Keine gedrückt: seine &e~fi-haftigkeit."Rohr 1. C. p. 72; p. 71: ,Die Geschichte lehrt
Klagen. weder im Angesicht des eigenen noch auch fremden Todes (resp.
387 d E.).
-
also. aber - und das ist entscheidend doch nur den, der Augen hat zu sehen,
besser: aas Organ, den hoyoq, ihren Sinn richtig zu deuten.
144 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 145

Platons Darstellungsweise ist gewöhnlich die, daß sich Geschichte (ubel-Ausweg) wie in der Gewichtigkeit seines Gehalts entspricht die-
und Reflexion „in einer schwer zu scheidenden Weise verschlingen, sen Sätzen das große Fazit, das Sokrates aus seinen Erfahrungen mit
daß ein Stückchen historischer Schilderung gleich von einer grund- dem athenischen Staat zieht: „ K e i n Mensch kann sich retten, der
sätzlichen Betrachtung abgelöst wird" ( R o l ~ r ) ' ~ES . kann aber auch euch oder einem anderen Volk aufrecht entgegentritt und zu verhin-
eine andere Form gewählt werden: erst wird eine These exponiert und dern sucht, daß viel Ungerechtes und Widergesetzliches im Staate ge-
dann ihre Richtigkeit im historischen Geschehen transparent gemacht; schieht, V i e 1m e h r muß notwendig, wer tatsächlich für das Ge-
so etwa im ,Achten Brief': „Es ist nicht leicht, den anderen viel Böses rechte kämpfen will, wenn er auch nur für kurze Zeit gerettet werden
zuzufügen, ohne selbst dafür viel Böses zu erfahren. Man braucht möchte, ein Privatleben führen unter Verzicht auf öffentliche Wirk-
nicht weit zu gehen, wenn man so etwas deutlich wahrnehmen will, samkeit'' (31 e 2).
sondern sieht es an dem, was jetzt eben hier mit Sizilien geschehen ist, Daß tatsächlich in Athen bedenkliche Rechtsunsicherheit herrschte,
W O . . ." (352 d 3)"'. Diese Darstellungsform liegt auch in der ,Apologie6 lehrten die beiden Ereignisse aus Sokrates' Leben zur Genüge. ,,I&
vor: den beiden historischen Fällen wird als These vorangestellt, was müßte ohne Verstand sein", sagt Sokrates im ,Gorgias6, ,,wüßte ich
sie „lehren". nicht, daß in dieser Stadt jeden jedes nur erdenkliche Schicksal treffen
Schon die Form dieser These ist bedeutungsvoll. An Höhepunkten kann" (521 C 7). Aber nicht nur für Athen gilt seine Feststellung, in
seiner Werke, wo Platon etwas mit höchster Eindringlichkeit aus- der Politik herrsche statt des Rechtes Willkür und Widergesetzlich-
sprechen möchte, bedient er sich einer zweiteiligen Satzform, die auf keit, sie gilt für a 11e D e m o k r a t i e n. Im Hinblick darauf, daß
der einen Seite eine bestürzende Feststellung, andererseits eine Er- einer der beiden Zusammenstöße mit dem Staat zu einer Zeit erfolgte,
öffnung dariiber enthält, wie das Ubel zu vermeiden oder gar zu über- als Athen Oligarchie war, darf auch die zeitgenössische 0 1i g a r C h i e
winden sei. So im ,Siebenten Brief': ,.Ni m m e r m e h r kann glück- zu den entarteten Staatsformen gerechnet werden. Und es wäre naiv,
lich werden weder ein Staat noch ein einzelner, W e n n e r n i C h t annehmen zu wollen, Platon halte eine sonstige kontemporäre Regie-
unter der Herrschaft der Gerechtigkeit mit Einsicht sein Leben führt" rungsform, etwa die Monarchie, für besser als Demokratie und Olig-
(335 d 3). Nicht zu verkennen ist ein gewisses feierliches Pathos, das archie'''. Was hier ausgesprochen wird, ist identisch mit der Feststel-
dieser Form anhaftet. „ N i C h t e h e r wird die Seele Nutzen haben lung des „Könige-Philosophen-Satzes" im ,Staat6, daß es in den be-
von den ihr zugeführten Wissensschätzen, a 1s b i s der Widerleger stehenden Staaten kein Ende des Ubels gebe, sofern sie bleiben wie sie
den Widerlegten in Scham versetzt, die den Wissenschaften hinder- sind, identisch mit dem, was der ,Siebte Brief' als den Endpunkt von
lichen Meinungen hinweggeräumt, ihn gereinigt und dazu gebracht Platons politischer Meinungsbildung bezeichnet: ,,Schließlich erkannte
hat, daß er nur das zu wissen glaubt, was er wirklich weiß, mehr aber ich, daß alle gegenwärtigen Staaten schlecht regiert sind; ist doch ihr
nicht", Iieil3t es iin ,Sophistes6 (230 C 7). ,,I3 e V o r jein:indL6,sagt So- Gesetzeswesen (T& TWV V O ~ O V ) in
~ ~einem
~ Zustand, der ohne wunder-
krates im ,Phaidros6,,,die Wahrheit eines jeden einzelnen Dings kennt,
.
Über das er redet und schreibt . ., eher wird er n i C h t in der Lage ZJ'
Steidle 1. C . macht diese Annahme.
Steidle 1. C . ist anderer Auffassung. .An zwei Stellen der Apologie heißt es aus-
sein, kunstmäßig, soweit es ihm gegeben ist, das Gebiet der Reden zu drücklich, das überlieferte Gesetz sei durchaus in Ordnung, nur die Athener han-
erfassen, weder um zu lehren noch um zu überreden" (277b 5). Schließ- deln gesetzwidrig. Dieselbe positive Einstellung zu den bestehenden Gesetzen
lich noch der Kernsatz der ,,PoliteiaC': ,,W e n n n i C h t entweder die findet sich im Kriton. Er ist noch weit entfernt von der Einsicht des 7. Briefes.
Philosophen Könige werden in den Staaten oder die jetzt sogenannten daß die Nomoi aller Staaten unheilbar verderbt sind" (137 f.). Im Zusammen-
hang damit entwickelte er die These, der junge Platon stehe dem zeitgenös-
Könige und Machthaber aufrichtig und gründlich philosophieren und sischen Athen noch positiv gegenüber, hoffe, es reformieren zu können, erst seit
dies beides in eins zusammenfällt, politische Macht und Philosophie. . , . -
dem ,Gorgias4resigniere er. Sowohl der Ausgangspunkt wie der Endpunkt der
so gibt es k e i 11 Ende der Ubel für die Staaten und, wie ich glaube, für Steidleschen Entwicklung ist anzufechten. Der Ausgangspunkt: v6yos ist schon
das Menschengeschlecht überhaupt" (473 C 11) 'So. I n seiner Form beim frühen Platon etwas Doppelschichtiges. Sofern es sich um das positive Ge-
setz handelt, ist der Nomos der Kritik ausgesetzt, etwa apol. 37 a 7 (vgl. dazu
*281. C. P. 74. legg. 855 e 7); Crito 52 e 5; Hipp. I 283 e f . (Schon hier ist Platons eklektizistische
Haltung den Gesetzen der Völker gegenüber zu beobachten, die später in den
no Vgl. auch legg. 683 e 9 688 C 6 (dazu Rohr 1. C. p. 72) 690 a-691 a (dazu Rohr 33)
,GesetzenGausdrücklich empfohlen wird, legg. 702 C 5 951 a 7 957 a 3.) Anderer-
693 b 3 ff. (dazu Rohr 51) 695 d 6 ff..
"P Vgl. ep. V11 326 a 7 336 e 2; syntaktische Verselbständigung der beiden Teile
seits ist aber der Nomos in seiner Wurzel heilig, göttlich, unverletzlich. Sokrates
-
legg. 711 e 8 713 e 3 714 a 8. beugt sich daher im ,Kriton' dem Gesetz, auch wenn seine Anwendung auf ihn
146 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonisc$en Gesamtwerk
3. Sokrates in der Auseinandersetzung 147
bare Zurüstung im Bunde mit Schicksalsfügung nicht zu heilen ist"
den, wenn er sein irdisches Leben rein von Ungerechtigkeit und frevel-
(326 a 2).
haften Taten zubringen und sich endlich mit guter Hoffnung heiter
Angesichts dieser Sachlage bleibt für den Philosophen nur der Rück-
und wohlgemut von dannen machen kann." Im ,Fünften Briefb stellt
zug übrig auf das, was er in keinem Fa11 aufgeben kann, auch bei Ge-
sich Platon demselben Vorwurf wie der Sokrates der ,Apologie6:,,Pla-
fahr nicht: auf seine philosophische Betätigunge3', auf das Leben als
ton glaubt, wie es scheint, er wisse, was der Demokratie nützt, doch
philosophierender Privatmann (i6ioreGe~v32 a 2). Im ,StaatGwerden
obgleich es ihm freistand, vor dem Volk zu reden und ihm das Beste
die Argumente der ,Apologie' wiederholt (496 c 5) : die Menge ist in
zu raten, hat er sich doch nie erhoben und gesprochen" (322 a 4).
blindwütiger pctvia begriffen, nirgends im Staatsleben geschieht etwas
P1:iton rechtfertigt sein Verhalten - und damit das des Sokrates der
Rechtes (C&) ; der Philosoph kann sich nicht auf Politik einlassen,
,Apologie4-, indem er auf die geschichtlichen Perspektiven hinweist,
denn er versteht sich nicht zum uwva8weiv und würde „zugrundegehen,
die es bestimmten: „Platon ist zu spät in seinem Vaterland geboren
ehe er den Staat oder die Freunde gefördert hätte, unnütz sich selbst und hat ein Volk angetroffen, das schon zu alt ist und von den Frühe-
und den andrrii" (d 4; vgl. apol. 31 d 6 ) . Daraus zieht er seine Kon- ren gewohnt, vieles zu tun, was seinem Rat nicht entspricht. Denn am
sequenzen. „1Sr Iiiilt Iliiliee"', tut das Seine, trilt g1eichs:ini unter ein allerliebsten würde er ihm wie einem Vater raten, wenn er nicht
hläuerchen in einem 'Sturm von windgepeitschtem Staub und Regen glaubte, sich dabei nutzlos der Gefahr auszusetzen, ohne etwas aus-
und sieht zu, wie die andern erfüllt sind von Ungesetzlichkeit, zufrie- zurichten" 235.
ungerecht ist. (Es ist zu beachten, daß Platon mit dem Asebiegesetz als solchem Der Philosoph muß als Privatmann leben, ,,wenn er auch nur f ü r
durdiaui einverstanden ist, wie das zehnte Buch der ,Gesetze1zeigt.) - Der End- k u r z e Z e i t gerettet werden möchte" (apol. 32 a 2). Der Grund seiner
punkt: Plalon sagt im ,Siebten Brief' nicht, die vbyo~seien verderbt, sondern Gefährdung liegt in der Verderbnis des Staats. Unter diesem Aspekt
allgemeiner .C& ~ o i vvbywv, womit nicht zum letzten dcr Geist gemeint ist, in dem
die Gesetze geliaiidliaht werden. Daß der spätere Platon nicht, wie Steidle nicint,
ist- der ,Siebte Brief' weist ausdrücklich darauf hin (325 bc)"' -
alle Gesetze für verderbt hält, ist einfach genug zu beweisen: Warum sollte
auch Sakrales' dritter und letzter Zusammenstoß mit dem Staat zu be-
Platon denn die Gesetze vieler Staaten und Völker ausgiebig studiert und zum trachten.
Teil als rorhildlich in seine ,Gesetze6 aufgenommen haben (vgl. Friedländer 1" Ein Philosoph, der im gegenwärtigen Athen angeklagt wird, müßte .
107; Jaeger 111 328; 451, 251; 340), wenn ?r sie samt und sonders für unheilbar sein wie ein Arzt, der sich vor Knaben wegen seiner Eingriffe recht-
hielt? Steidles Entwicklung beruht also teils auf unzulässiger Isolierung von fertigen soll, sagt Sokrates im ,Gorgias6 (521 e 2), und die ,Apologie6
Teilen komplexer Zusammenhänge, teils auf Fehlinterpretation.
Ganz ähnlich ist es mit der angeblichen Wandlung des Verhältnisses zum zeigt das knabenhafte Verhalten der Richter in praxi: sie lärmen, sie
zeitgenössischen Athen. Die Schärfe der Ablehnung in der ,Apologie6sagt genug. schreien auf, wenn er ihnen Wahrheit vermitteln will, heilsame Wahr-
Und doch ist auch noch dieses Athen in seiner Wurzel heilig, auch in ihm lebt heit (vgl. Gorg. 522 a 6) ; er muß ihnen erst einmal die Grundbegriffe
noch etwas von dem göttlichen .Ur-Athen". .(Die Aret6) steht hinter dem ,reinen des Richtertums einschärfen (18 a 4 35 C 2)237.Um das Bild des ,Staa-
Sellsl' Athens, für das iin Epitaphios (SC. Im .MenexenosL)die mythische Mutter
Erde eingetreten ist, die ihre Arett? den Vorfahren schenkt. Wenn Sokrates die
tes' zu gebrauchen: sie verhalten sich wie ein Kranker, dem am aller-
Athener zur Arett? ruft, so kann er das tun, weil sie als Athener irgendwie selbst verhaßtesten ein Arzt ist, der ihm die Wahrheit sagt, daß nur eine
Arett? in sich tragen. Damit wird vom ,MenexenosG her das Athen-Motiv der Radikalkur Hilfe bringen kann (426 a 6 ) . Am Schluß des Höhlen-
,Apologie' erhellt und überhaupt das ,Athenisehe' am Anliegen des platonischen gleichnisses heißt es mit deutlicher Beziehung auf Sokrates: „Wenn
Sokrates aufgezeigt" V. Loewenclau I. C. p. 109. Und daß zu diesem "eigent- sie den, der versucht, sie zu lösen und nach oben zu führen, in ihre
lichen" Athen auch noch der greise Platon cicli positiv stellt, zeigt ep. V11 336 d I>
und besonders 333 d 1 334 b 1, wo Pfaton sich mit Stolz als einen 'A+qvaio~drvfi~ IIand bekommen und töten könnten, so würden sie ihn töten" (resp.
Iwzeirlinet. 5 1 7 a 4 ) . Sokrates' Tod erfolgt mit i n n e r e r N o t w e n d i g k e i t .
m3 Vgl. resp. 494 a 11. ,,Dies ist's, was mich zu Fall bringen wird, wenn anders ich falle, nicht
Steidle 1. C. p. 141 interpretiert im Sinn seiner These: Hier empfiehlt Platon das
f i m ~ i a vÜYELV, das er in der ,Apologie6 noch ausdrücklich verworfen hatte Markt, also in der Öffentlichkeit vollzieht, während der Platon des ,Staatsc sich
(38 a 1). E r übersieht, daß sich das f i a u ~ i a vUyebv in beiden Fällen auf Verschie- in die Akademie zurückgezogen hat, also ein Philosophieren in der Zurück-
denes bezieht. In der ,Apologiec wird mit dem G. (r. der Verzicht auf p 11 i 1 0 - gezogenheit kennt.
s o p h i s C h e Tätigkeit abgelehnt, im .Staatc' mit der Empfehlung des 4. Ü. der 235 Vgl. ep. V11 331 C 6.
Verzicht anf p o 1 i t i s C h e Betätigung anempfohlen, was auf dasselbe hinaus, me Wolff 1. C. p. 32 f. schließt daraus, erst Platon habe dem Sokrates-ProzeR diese
läuft wie das >LBLWTEUELVapol. 32 a 2. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß Deutung gegeben.
für den Sokrates der ,Apologie' sich das Philosophieren notwendig auf Straße und W Vgl. dazu poiitic. 305 b 1.
148 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 149
Meletos und nicht Anytos. sondern die VerleumdungPb9 bei der Menge Die ,ApologieLäußert sich nicht ausdrücklich über den ,,Staat selbst".
und deren Gehässigkeit. Was schon viele andere gute Männer zu Fall Sie gehört zu den aporetischen Frühdialogen und Iäßt wie diese Hörer
gebracht hat, wird dies auch in Zukunft tun, denke ich, und es hat und Leser in der Suche verharren, gibt jedoch unter der Hand Anspie-
keine Gefahr, daß es bei mir haltmache" (28 a 6). ,,So geschah es da- lungen und Hinweise aufs Gesuchte.
mals, so geschieht es, wenn überhaupt, auch jetzt, und in Zukunft wird „Ich bin vom Gott der Stadt beigegeben, als wäre sie ein großes,
es nicht anders geschehen", diese Formulierung einer unerbittlichen edlesM4Pferd, das jedoch infolge seiner Größe recht träge geworden
historischen Gesetzmäßigkeit beim späten Platon (legg. 688 d 1) zeich- ist und der E r W e C k U n g vermittels eines Sporns bedarf" (30 e 3).
net sich schon hier ab "'. Wach soll der Staat sein, bei sich, aufgerüttelt aus seiner Trägheit. Es
Die innere Triebfeder dieses Ablaufs ist der Haß der Menge gegen hat gleichnishafte Bedeutung, wenn Platon sich in den ,GesetzenLgegen
den ihr unverständlichen, ihrem Einfluß sich entziehenden Philo- eine Ummauerung der Stadt wendet; sie verleite die Stadt dazu, daß sie
sophen. ,,Eine philosophische Volksmenge ist ein Ding der Unmög- ,.nicht darin ihre Sicherheit sucht, daß in ihr bei Tag und Nacht einige
lichkeit. Und notwendig müssen die Philosophierenden von ihr ge- auf Wache sind, sondern daß sie glaubt, indem sie durch Mauern und
tadelt werden" (resp. 494 a 4 ) . „Wer der Menge nicht folgt, den be- Tore verwahrt sei und s C h 1a f e , habe sie für alle Zukunft die Mittel
straft sie mit Atimie 'und Geldbußen und Tod" (492 d 6). E.inen an- in der Hand, die ihr Sicherheit verleihen, als ob wir dazu dawären,
deren Aspekt desselben Tatbestandes gibt der ,PolitikosL:wer sich über Mühe und Arbeit zu meiden" (779 a 1).Schon den Knaben werden im
die Konvention, die beim Volk gilt, hinwegsetzt und selbständig zu Staat der ,Gesetzec Kenntnisse vermittelt, die richtigen Ablauf der so
neuen, richtigeren Ergebnissen vorzudringen versucht, den verfolgt es wichtigen religiösen Feste gewährleisten, dadurch „die Stadt lebendig
mit seirieni Haß, uni so mehr, wenn er versucht, auch andere zum Be- und wtrcli (Eyeqyoeuiav) machen und bewirken, daß die Götter ihre
gehen neuer Wege zu veranlassen. ,,Wenn es den Anschein hat, daß Ehrungen erhalten, die Menschen aber in diesen Dingen einsichtiger
einer gegen Gesetze und Buchstaben Junge und Alte überredet, so wird werden" (809 d 1). Und im ,StaatGwerden die herrschenden Stände,
er mit dem dußersten bestraft" (299 ~ 4 ) ' ~ Sokrates'
'. Tod ist, so will Krieger und Philosophen, gemeinsam „Wächtera genannt. I h r Werk
es die ,Apologiec, das große Ecce!, das hinweist auf die umfassende, ist es, wenn der wahre Staat als ,,wach6 bezeichnet werden kann.
fast unheilbare Verderbtheit des Staates. Nicht stehe Geld und Körper über der Arete, sondern die Arete über
,ApologieGund ,StaatL kommen, von derselben Auffassung aus-
gehend, zu verschiedener Fragestellung. Der ,StaatLfragt: was muß
Körper und Geld, so mahnt Sokrates seine Mitbürger (apol. 30 b) .
Diese Wertordnung ist, wie sich später bei Platon zeigt, die tragende
geschehen, wenn dieser Zustand sich ändern soll?, die ,ApologieL:was Säule, auf der der „wachea Staat ruht. ,,Wir behaupten also", heißt es
muß ich tun, wenn dieser Zustand andauert? Das klänge nach Resi- in den ,Gesetzen6,„daß ein Staat, der sich erhalten und nach Maßgabe
gnation, wäre es das einzige, was sie zur Politik zu sagen hätte. Doch des Menschenmöglichen glücklich sein will, notwendig und zwangs-
in diese Düsternis der zeitgenössischen Staatenwelt dringt nun gleich- läufig Ehren und Ehrenentziehungen richtig verteilen muß. Das Rich-
sam Licht aus einer anderen Sphäre. „Ihr sollt euch nicht eher um tige nun ist, wenn als wertvollstes und erstes die Güter der Seele gelten,
eure Angelegenheiten kümmern, als bis ihr euch um euch selbst ge- sofern sie über Besonnenheit verfügt, als zweites die körperlichen Vor-
kümmert habt, und nicht eher um die Angelegenheiten des Staates als züge und Güter und als drittes die sogenannten Glücksgüter, die sich
uni den S t a a t s e 1b s t" (apol. 36 C 8)'". auf Vermögen und Geldeswert beziehen. Weicht jedoch ein Gesetz-
geber oder Staat davon ab, indem er den Geldeswert zu Ehren bringt
Der Philosoph als Gegenstand der Verleumdung: vgl. resp. 500 C 9.
'39,Es ist bei Platon nicht davon die Rede, daß Sokrates irgend etwas hätte anders P4* S. 0. p. 145, 232.
machen sollen oder daß die Richter hätten einsiditsvoller und besser sein kön- 2" Anders Friedländer 11' 165,l. ,,piSwil, heißt ,Bremse4, nicht ,Spornd (Aischylos
nen. Sie waren beide so, wie sie sein mußlen, und so mußte das Schicksal seinen nennt
.. in der 10-Geschichte ~iSo@, was sonst oloteoq heißt: Prom. 675. Hiket. 305).
Lauf nehmen" Jaeger I1 126. Nun versteht der Grieche 'unter ,Bremse4 auch einen Sporn, so daß der Leser
Den hier skizzierten Tatbestand hat wohl E. Wolff im Auge (1. C p. 16), wenn er bei O~opEvcpt y e i e ~ o 8 a6nb
~ pGwz65 mvos auch die übertragene Bedeutung mit-
von einer verhängnisvollen Antinomie zwischen Elenktik und Scheinwissen der hören könnte. Treffender aber und ursprünglicher ist das lebendige Tier.. als .
nohhoi spricht. das tote Gerät." Mißlich für diese Interpretation ist jedoch, daß der pboil, im
Lu ',Das Ziel steht für Platon fest, und das Ganze schwebt ihm in seinem Umriß Falle der 10 - und an sie m U ß t e der Grieche denken bei der Bedeutung
bereits vor Augen, da er den Griffel zum ersten seiner ,sokratischen' Dialoge .Bremse" - Wahnsinn, Außersichsein, Nicht-zu-sich-selbst-Kommen bedeutet,
ansetzt" Jaeger I1 383, 14. also eben das Gegenteil von dem, was Sokrates' Stacheln bewirken soll.
150 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk

oder sonst etwas wertmäßig tiefer Stehendes höher erhebt, so ist sein
es von dem idealen Athen des ,MenexenosL (238 d 8). Die Besten
Handeln weder fromm noch staatsklug" 1'697 a 10). Im ,Achten Brief'
riit deshalb der fingierte Dion den Syrakusaiieni, diese Wertordnung (8pwro~)müssen herrschen, fordert der ,Staat4 (412 C 1).Der Geringere
gesetzlich zu verankern (355 a 8). Auf die Güter der Seele - sie werden soll untertan sein „dem Besten, der das Göttliche als herrschende Kraft
auch als göttlich bezeichnet - kommt alles an für den Staat. „Von den in sich trägt" (590 C 8) ; „die größte Strafe ist es, von einem Schiech-
teren beherrscht zu werden, wenn man sich selbst nicht zum Herrschen
göttlichen Gütern hängen die anderen ab. und wenn ein Staat die grö-
entschließt" (347 C 1).Wer aber der Bessere sei, sagt Sokrates mit aller
ßeren aufninimt, gewinnt er auch die geringeren, wenn nicht, geht er
Deutlichkeit, wenn er sich selbst als hyiivov dem Meletos - und damit
beider verlustig (legg. 631 b 6). Ein Staat, der sein Glück auf den „ge-
allen, denen es gleich ihm an Einsicht fehlt - gegenüberstellt (30 d 1).
ringeren" Gütern aufbaut, wird notwendig Schiffbruch erleiden (716
Sokrates ist der, der gar nicht anders kann als philosophieren (28 e 5),
b3)'". Diese politische Akzentiiierung der richtigen Wertordnung
er ist d e r Philosoph. Im wahren Staat müssen die P h i 1o s o p h e n
wirft ein neues Licht auf den Umstand, daK Sokrates sich mit jener
Könige werden oder die Könige Philosophen, fordert die ,PoliteiaL
Mahnung aiisdriicklicii an seine St:in:iiiesgenossen wendet, an die Bür-
(473 C 11). Die ,Gesetzecnennen sieben Voraussetzungen, auf die sich
ger Athens, der großten iind ob ihrer Weisheit und Macht liochange-
legitimer Herrschaftsanspruch gründet: ,,die wichtigste Voraussetzung
selienen St«dt (29 ti 5 30 a 4). Die Mahnung zum richtigen Wertwissen
dürfte, wie es scheint, die sechste sein, die den Unverständigen folgen
richtet sich nicht nur an die Einzelpersönlidikeit, sie ist zugleich ein
heißt, den Einsichtigeii führen und herrschenc' (690b 8).Und im ,Sieb-
Politikum ersten 12angese45.
In dem eben erwiihnten Rat an die Syrakiisaner wird ihnen emp- ten Brief' zieht Platon die Sumine zum ,,Fall Sokrates": ,,I& sah mich
fohlen. ..die 7 11 g e n d d e r S e e 1e zum wertvollsten zu machen" (ep. rum Lob der wahren Philosophie zu dem Eingeständnis genötigt, nur
V111 455 1) 3). I>as?elbe Ziel haben SoBratesYßemiiliiingen in der ,Apo- von ihr aus werde sichtbar, was recht ist für den Staat wie für den ein-
logie'. Es handelt sich dabei jedodi keineswegs um eine apolitische, zelnen" (326 a 5).
bloß indi~iduelleTugend. „Wer versteht sich auf diese Art Tugend, Bei der Prüfung der Staatsmänner und Dichter muß Sokrates er-
auf die nieiischliche und b Ü r g e r 1i C h e { n o h ~ ~ i?",~ f ifragt
) Sokrates kennen, daß sie von ihrem Fach überhaupt nichts verstehen. Sie ver-
im Kallias-Gesprtch, das er zu Beginn der ,Apologie6 wiedergibt sündigen sich damit gegen das Gebot des wahren Staats, jeder müsse
(20b4), und stellt damit die ganze folgende Exposition seiner Be- „d a s S e i n e t U n" '@',
durch Beherrschung seines Fachs dem Staate
mühung um die Aretee" unter ein pditisches Vorzeichen. Nicht um- dienen (resp. 370 a ff.). Noch schlimmer: soweit ein Stand wirklich
sonst sind auch die Politiker die ersten, an die sich Sokrates auf seiner etwas versteht, wie der der Handwerker, macht er seine Leistung wie-
Suche nach Wissenden wendetP47.Der wirkliche Staat miißte ein Staat der zunichte, indem er auf fremde Wissensgebiete übergreift und sich
der Arrli. sein. Auf die Gewinniiiig der ,,Tugend" zielt die Erzieliuiig auch in diesen für zuständig hält. „Die Vielgeschäftigkeit der drei
in der .Poliieia' ab, ziinial die der künftigen Wächter iind Philosophen; Stände und ihr Obergreifen ineinander ist der größte Schaden für den
nicht niinder erstreben die ,Gesetze' eine „Erziehung zur Tugend von Staat und dürfte mit vollstem Recht als Hauptfrevel bezeichnet wer-
Kindheit an, die danach verlangen und begehren macht, ein vollkom- den" (resp. 434 b 9). Der beste Staat ist ein Staat der AretB; jeder soll
mener Stnatsbürger zu werden, der es versteht, mit Gerechtigkeit zu mit seiner Bestleistung, mit dem, worin seine s p e z i f i s C h e V o 11-
herrschen und sich beherrschen zu lassen" (643 e 3). k o m m e n h e i t besteht, zum Ganzen beitragen; eine Bestleistung
„Dies weiß ich", sagt Sokrates in der ,ApoLogie', „unrecht tun und aber kann jeder nur auf e i n e m Gebiet aufzuweisen haben2". Daher
ungehorsam sein dem B e s s e r e 11 gegeniiber, sei es Gott oder erklärt Platon: „Wir haben die These aufgestellt und sie oft wieder-
M e n s C 11, ist schlecht und schändlidl" (29 b 6). Am besseren Mann holt, daB jeder einzelne nur e i n e der auf den Staat bezüglichen Be-
ist es, zu befehlen und zii herrschen. ,Nur eine Bestimmung gilt: wer schäftigungen ausüben dürfe, nämlich die, zu der er seiner natürlichen
als weise iind g U t erscheint, der hat die Macht und herrscht", so heißt Anlage nach am geeignetsten ist. Und daß das Seinige tun und sich
nicht in alles mögliche einmischen (noAvnpaypoveiv) Gerechtigkeit ist,
ea Vgl. ep. 111 317 C 8; legg. 689 d 6 831 C 4. W o Geld in Ansehen steht, kann nicht auch dies haben wir von vielen anderen gehört und selbst oft gesagt"
auch zugleich Tugend etwas gelten: resp. 551 a 1 536 C 7. (resp. 433 a 4 ) . Der Philosoph, dessen Leben auf den ,,Staat selbst"
e45 Zur Gültigkeit dieser Wertordnung in Staat und Kosmos vgl. Solmsen 1. C. p. 167.
246 S. 0. P. 92 ff.. i4B Vgl. Friedländer IIi 72.
e40 Vgl. Jaeger 11 281; Maier 1. C.p. 422 f. 427.
152 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 153
zugeordnet ist, genügt dieser Forderung; er ,,tut das Seine und ist nicht
,,Dies nun, denke ich, wird jeder uns zugeben, daß eine solche Natur,
vielgeschaftig" (Gorg. 526 C 3). Sokrates lehnt es ab, sein Heil in dem
die all das besitzt, was wir ihr soeben als Bedingungen auferlegt haben
viele11 zu suchen, das die Vielen beschäftigt: Geldgeschäfte, Hausver-
für den Fall, daß sie vollkommen philosophisch werden solle, s e 1 t e n
waltiing. Feldherrnamter, Volksrednerposten, Verschwörungen, Par- unter den Menschen vorkommt und in geringer Zahl" (resp. 491 a 8)'64.
teiungen; für ihn gibt es nur eines: die Sorge für die Seele, die Philo- Die Philosophie ist nur Sache ganz weniger (ep. V11 341 e 1). Sokrates
sophie (apol. 36 b C ) . Wenn er davon spricht, da@ es e i n e n Fach- hält daher den Athenern vor: ,,Ihr werdet nicht so leicht einen anderen
mann in Sachen Erziehung gebe11 niüßie (25 b), so kann nicht zweifel- finden, der wäre wie ich" (30 e 2). ,,Ein anderer von meiner Art wird
haft sein, wer dieser Fachmann sei. Als Sucher der p E y ~ a t a als
, t.& Eavtoij euch kaum erstehen" (31 a 2). Die Tätigkeit eines so seltenen Mannes
n ~ 6 t t w v ' ~als
~ , einer, der sich nie eines Ubergriffs auf fremde Fach- sollte nicht durch kleinliche Abhaltungen eingeschränkt werden. So-
bereiche schuldig macht, erweist er dem Staat den größten Dienst krates begründet seinen Antrag auf Speisung im Prytaneion mit den
(30 a 5). Worten: „Was ist nun angemessen für einen armen Mann, der zu-
Es sind insbesondere zwei Forderungen, denen geniigen miifi, wer gleich Wohltäter ist und der Muße bedarf, euch zu mahnen und auf-
für das Iiiidiste Wlichteramt in1 Staat in Frage ltoiiiiiien soll: sein zurütteln? Es gibt nichts, meine athenischen Mitbürger, das angemes-
Ethos niiiß bewährt sein; sein ganzes Trachten muß dein Wohl des sener wäre, als daß ein solcher Mann im Prytaneion gespeist werde.
Stnnts gelten. - Der wahre „Wächteru muß befreundet und verwandt Ihm kommt dies weit eher zu, als wenn einer von euch mit einem
sein mit der V17ahrheit, Gerechtigkeit. Tapferkeit, Besonnenheit (resp. Pferd oder einem Zweigespann oder gar einem Viergespann in Olym-
487 a 4)"'. Er kann wie Sokrates von sich sagen: „Mein ganzes Leben pia gesiegt hat". Denn jener macht, daß ihr glücklich zu sein
lang - diesen Eindruck wird man von mir gewinnen - blieb ich der- s C h e i n E , ich dagegen, daß ihr es seid, und jener bedarf nicht der
selbe, sowohl wenn ich mich im Staatsleben betätigte wie in meinem Versorgung, ich aber bedarf ihrer" (36 d 4). Diesem Antrag liegt der
Privatleben: nie habe ich jemand wider das K e C h t ein Zugeständnis Gedanke der ,Politeia6 zugrunde, die Wächter und Beschützer des
gemacht" (apol. 33 a I)%'. Sokrates hat auch in der Taxis standgehal- Staats, Krieger und Philosophen, seien auf S t a a t s k o s t e n zu ver-
ten, an den Schlachten von Potidaia, Amphipolis und Delion teil- pflegen (416 e ), weil sie imstande sein sollen, sich ganz ihrem Amt
genommen (28 e) und genügt somit der Forderung der ,Politeia6auf widmen zu könnenz5".Sie haben sich nicht mehr mit Geld- und Nah-
Bewährung der künftigen Staatslenker in Krieg, Strapazen und rungssorgen abzugeben; „all dieser Dinge werden sie enthoben sein
Schrecknissen (467 b 8 413d4). - Weiter fordert der ,Staatc: ,,Wir und ein weit seligeres Leben führen, als es das gepriesene Dasein der
müssen aus der Zahl der Wächter solche Männer auswählen, von Olympioniken ist. Diese werden glücklich gepriesen und haben doch
denen wir bei unserer Prüfung den Eindruck gewinnen, daIj sie ihr nur einen kleinen Teil dessen, was jene haben. Denn der letzteren Sieg
g a n z e s I. e h e n 1a 11g mit höchstem Eifer tun, was ihnen als nütz- ist schöner, ihr Unterhalt aus öffentlichen Mitteln vollkommener"
lich für den Stntrf erscheint, was aber nicht als nützlich, unter keiner (465 d 2). Zugleich bedeutet die von Sokrates beantragte Speisung im
Bedingung tiiri wollen" (412 d 9). Sokrates kann von sich sagen: ,,All Prytaneion aber auch eine E h r U n g. Nur der Wohltäter des Staats
meine persönlichen Angelegenheiten habe ich vernachlässigt und dulde hat nach platonischer Auffassung Anspruch auf eine solche. ,,Dions
es, daß mein Hauswesen schon seit vielen Jahren verkümmert, da- Absehen", sagt Platon im ,Siebten Brief', ,,war dasselbe, das, wie ich
meine, ich und jeder andere haben muB, der Maß zu halten weiß: was
gegen bin ich u n a b l ä s s i g für euer Wohl tätig" (76 6E VpEzeeov
seine eigene Macht und die seiner Freunde anlangt sowie seine Vater-
n&ztwv Olsi 3 1 1) 2) e5s. „Wer jeweils als I<nabe und Jüngling und Mann
stadt, so ist er willens, nur durch Wohltaten zu Macht und Ehren zu
geprüft und makellos aus dieser Prüfung hervorgegangen ist, den soll
gelangen, durch die größten zu den größten" (351 a 1). Sokrates der
man zum Beherrscher und Wächter der Stadt machen" (resp. 413 e 5). Philosoph ist der größte Wohltäter des Staats (36 C 4), also muß er,
ZJO Die Wendung tu Eautoü n p i t ~ o v t o s33 a 6 hat allerdings andere Bedeutung. Sie 2tj4 Vgl. resp. 503 d 7 428 e 9; Jaeger I1 349.
steht wie auch resp. 496 d 6 und ep. IX 357 e 6 im Gegensatz zu öffentlicher Be- Vgl. legg. 729 d 4: Sieg in Gesetzestreue weit wertvoller als olympischer Sieg;
tätigung und bedeutet „der Privatbeschäftigung nachgehen". Phaedr. 256 b 3: die drei wahrhaften olympischen Ringersiege.
S. U. P. 159 ff.. *68 Im Staat der ,GesetzeGsind die Bürger frei von Erwerbsgeschäften; sie widmen
tS2 Vgl. Crito 45 d 6 46 b 4. sich ausschließlich, vergleichbar den pythischen und olympischen Kämpfern,
Vgl. Gorg. 522 b 9. Steidle 1. C. p. 144. der Bemühung um körperliche und seelische Arete (807 C 1 ff,).
154 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 3. Sokrates in der Auseinandersetzung 155
wenn der Staat ein wahrer Staat iste5', auch am höchsten geehrt wer- ben" (521 d 6)". Damit aber führt Sokrates den Staat zur E U d ä m o -
den. n i e. „Nimmermehr kann glücklich (~fiGaipwv)werden weder ein Staat
Der U in s C h W u n g zu diesem Staat der Wahrheit, der richtigen noch ein einzelner, wenn er nicht unter der Herrschaft der Gerechtig-
Wertordnung, der Arete, kann offenbar nur über die Einzelpersönlich- keit mit Einsicht sein Leben führt" (ep. V11 335 d4)e6'. SO darf So-
keit, die erweckt, zur Aret6 geführt und dadurch zu staatsmännischer krates in der ,Apologie6stolz von sich bekennen: „Der olympische Sie-
Tätigkeit befnhigt wird, erfolgeneSS.,.Ist nicht dies die Art, wie wir's ger macht, daß ihr glücklich zu sein scheint, ich dagegen, daß ihr es
angreifen müssen, wenn wir dem Staat und den Mitbürgern dienen s e i d" (36 d 9). Er ist es, der den Staat dem Ziel aller Ziele zuführt.
wollen, daß wir die niirger so gut wie niGglich machen?" (Gorg. 513 e 5 ) . Wenn die Wendting zum wahren Staat eintreten sollte, war es aber
Wiihrend scheinbar die Tätigkeit des Sokrates der ,ApologieGganz un- auch notwendig - das wird im ,StaatG499 e ausgeführt -, das V o 1k
politisch, lediglich ein i8iwteU~t.vist, während er einmal versichert, er zur Einsicht in das wahre Wesen des Philosophen zu bringen. Die
könne sich nidit mit Politik befassen, weil er sich damit dem Ver- ,Apologie', ein Werk Platons, wendet sich an breite Kreise. In den ,Ge-
derben preisgäbe (31d 7), ein andermal, er habe keine Zeit für Politik setzen' (710 cff.) ist von den Möglichkeiten die Rede, die einzelne
(23 b8). ist er in Wahrheit als größter Wohltäter Athens auch der haben, den Staat im platonischen Sinne zu revolutionieren, seien es
wahre Staatsmann. In der Elenxis des Meletos wird dieser Gegner des Monarchen, Oligarchen oder Aristokraten. Neben diesen dreien wird
Sokrates ironisch mit Sokrates' Zügen ausgestattet (s. p. 108f.); im noch ein vierter genannt, durch den es gleichfalls geschehen könnte,
,Euthyphron6 wiederfährt ihm dasselbe. Sokrates sagt dort von ihm: daß „Einsicht und Besonnenheit mit der größten Macht in eins zusam-
„Ich habe den Eindruck, daß er als einziger mit der Politik in der rech- menfällt" (711 e 8 ) . Es ist der, in dem sich ,,die Natur des Nestor wie-
ten Weise beginnt. Das Richtige ist nämlich, sich zuerst um die jungen derverkörpert, welcher sich, wie sie sagen, durch die Kraft seiner Rede
Leute zu kiiinrnern, da13 sie so gut wie möglich werden . . . Hierauf vor allen ausgezeichnet habe, sich noch mehr jedoch durch seine Be-
wird er sich offenbar um die Älteren kümmern und so für den Staat sonnenheit auszeichne. Dies gab's, wie sie sagen, in der Troerzeit, in
Urheber von sehr vielem hervorragendem Gutem werden, wie es bei unseren Tagen jedoch keineswegs. Wenn es aber einen solchen ge-
einem, der in solcher Weise beginnt, gar nicht anders zu erwarten ist" geben hat oder geben wird oder j e t z t unter uns gibt, so führt er
(2 C 8). Ein solcher Beginn würde dazu führen, daß sich - das ist recht selbst ein seliges Dasein, selig sind aber auch, die auf die Reden hören,
eigentlich das Problem für den, der die Politik in richtiger Weise an- welche aus seinem besonnenen Munde gehen" (711 e 1). Als Erzeugnis
greift (ep. V11 325 d 1) - ein I< r e i s von Gleichgesinnten bildet, der einer solchen nestorischen Beredsamkeit ist die ,ApologieGdazu be-
die neiie Politik auch durchführen kann. Unter diesem Aspekt erhellt stimmt, der Menge das Bild des wahren Philosophen nahezubringen,
sich der tiefere Sinn der dikanisch so wirksamen Aufzählung von Zeu- den Weg zu bahnen zum „Staat selbst" 2E2.
gen für Sokrates' Sache (apol. 33 C - 34 b; s. p. 56f.)2". Sokrates hat Wir fassen zusammen. Sokrates fühlt sich in umfassendem Sinn
einen Kreis teils jüngerer teils älterer Leute zusammengeführt, die zu dem Staat verpflichtet und tut alles, ihm zu dienen. Anstatt Dank
ihm halten und seine Sache vertreten. Sie sind die potentiellen Politi- dafür zu ernten, muß er es jedoch erleben, daß die Politiker ihn mit
ker der Zukunft; nicht umsonst wird Platon unter ihnen genannt. Was ihrem Haß verfolgen, daß ihn die Menge bedroht, daß er nur mit
in der ,ApologirLund irn ,EiithyphronGangedeutet wird, spricht Sokra- knapper Not dem Tod als Lohn seiner Gerechtigkeit entgeht. Aus alle-
tes im ,GorgiasLofl'en aus: „Ich glaube, mit wenigen Athenern, um nicht dem zieht die ,Apologie6den Schluß: der gegenwärtige Staat ist radikal
zu sagen :i11e i t i , mich mit der walirliaf!en politischen Kunst zu be- verderbt, mit ihm die ganze zeitgenössische Staateiiwelt. Unter diesem
fassen und als einziger unter den Lebenden wirklich Politik zu trei- Aspekt ist der Prozeß des Sokrates zu sehen; sein Tod hat zeichenhafte
Bedeutung.
Da8 Athen zu dieser Ehrung nicht bereit ist. zeigt, wie es mit ihm bestellt ist. Indessen gibt es e i n e n Ausweg: die Minwendung zum ,,ganz an-
Gadamer hat also recht, wenn er 1. C. p. 195 sagt, die Antitimesis sei eine Provo- dem" Staat, zum ,,Staat selbst". Die ,Apologie' deutet an, wie dieser
kation und Infragestellung Athens. - Welcher Wert im wahren Staat auf richtige Staat beschaffen sein müßte: es ist ein Staat der Wachheit, der Ein-
Verteilung der Ehren gelegt wird, zeigen die subtilen Erörterungen des ,Staatsc
und der ,Gesetze1. Vgl. Wolff 1. C. P. 29.
Herrschen und Rat halten ist die spezifische Leistung der Seele (resp. 353 d 3 ) , 261 Zur Eudämonie des Staates vgl. ep. V11 327 c 3; legg. 636 d 5 683 b 1 710 c 7
und ihr, d. h. ihrer Arete, gilt Sokrates' Wirksamkeit. 816 c 6 858 d 6.
Frdl. Hinweis von Herrn Dr. Konrad Gaiser. PEP Vgl. auch Wolff 1. C. p. 97.
156 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 4. Person und Paradeigma

sicht in Wert und Abfolge der Güter, ein Staat der Arett5; Herrscher ist Es ist nun zu untersuchen, inwiefern das persönliche Auftreten des
der Beste, also der Philosoph. Keiner darf sich Ubergriffe erlauben auf Sokrates unter diesem Doppelaspekt zu sehen ist, und zwar an seinem
Gebiete, die ihm nicht zukommen, jeder muß „das Seine tun". Eine Verhältnis zum L o g o s , zu den „T U g e n d e n" und zum T o d e.
Holle spielt in diesem Staat nur, wer sich bewährt hat und das Wohl 1. Im Prooimion der ,ApologieGrechtfertigt Sokrates seine schlichte
des Staates über alles stellt. Solche Menschen gibt es nicht in großer Redeweise mit den Worten: „Es würde sich für mein A 1 t e r doch
Zahl. Sie müssen also ganz ihrer Tätigkeit obliegen konnen und auf nicht passen (ZQE~ELV), ihr Männer, wenn ich vor euch auftreten wollte
Staatskosten erhalten werden; als größte Wohltäter des Staats sind wie ein Jüngelchen, das Worte drechselt" (17 C 4). Daß das Verhalten
sie auch am höchsten zu ehren. dem Lebensalter gemäß sein müsse, daß dem Alter gesetztes Verhalten
Soll dieser Staat Wirklichkeit werden, so müssen erst Einzelpersön- zukomme, dies entsprach volkstümlichem Empfinden, und Sokrates
lichkeiten, die ihn verstehen und tragen konnen, herangebildet wer- konnte hierin der allgemeinen Billigung sicher sein"" Auch daß man
den; als wahrer Erzieher ist Sokrates der einzige wahre Staatsmann. im Alter klüger werde, mochte einleuchten. „Um so viel weiser bist du
Zugleich ist es nötig, die breiten Schichten zu einer Revision ihres Bil- junger Mann", sagt Sokrates ironisch zu Meletos (25 d 8 ) , „als ich in
des vom Philosophen zu bewegen. Auf beides ist das Absehen der meinem Alter, daß du erkannt hast: die Schlechten tun ihren jeweili-
,Apologie' gerichtet: auf die Gewinnung von einzelnen wie auf Be- gen Nächsten Böses an, die Guten Gutes, während meine Unwissenheit
einflussung weiterer Kreise. Sie soll den Weg bahnen zum ,,Staat so weit geht, da8 . . .""". Wer tiefer sah, mochte bemerken: Ältersein
selbst ". bedeutet hier nicht bloß gesetzt, klug sein, sondern fortgeschritten sein
auf dem Wege zur Einsicht. Dies ist das wahre neEnov des Alterwerdens.
4. P e r s o n u n d P n r a d e i g m a „Die Sehkraft des Denkens (6~6voca)beginnt sich zu schärfen, wenn
die Augen in ihrer Leistung nachzulassen beginnen" (symp. 219 a 2) '67.
Die .Apologieczeigt Sokrates in einer Situation äußerster Bedrohung. - Der Weg des L o g o s , der Weg zur Erkenntnis ist jedoch mühsam
Sie steigert den Eindruck von seiner Person durch einen Rückgriff auf Der Menge konnte die Schwierigkeit dialektischer Arbeit kaum be-
friihere Situationen in seinem Leben: auf die Zeit vor fünf bis sieben greiflich gemacht werden, am wenigsten in einer Rede. Deshalb stellt
Jahren, wo die Herrschaft der Dreißig und der Arginusenprozeß ihn Sokrates die Mühseligkeit seines Weges zur Erkenntnis ganz dinglich
in kritische Lage brachten, ja mit einer Bemerkung über das Dai- dar: wie er von einem zum andern geht, einen Berufsstand nach dem
monion bis auf seine Kindheit (31 d 2). ,4pologie des Sokrnfes' - dies anderen sich vornimmt, wie er so eine Irrfahrt zu bestehen hat und
ist das einzige Mal, da8 Sokrates' Name im Titel eines platonischen ,,Strapazenu (n6vowq) erträgt, ,,auf daß das Orakel nicht unwiderlegt
Werkes erschrint. bleibe" (22 a 7 ) . Philosophie ist eine harte Sache - so konnten's auch
Paul Friedlhders Platon-Interpretation weist nach, daß die „Sze- die Vielen verstehen.
nerie" in1 plntonisclien Werk stets in enger Beziehung zur Aussage Wer den Logos als verbindlich ansieht, muß sich von allem B l o ß -
steht und daß diese erst mit jener zusammengenommen den Inhalt I n d i v i d u e l l e n , Willkürlichen f r e i m a c h e n . „Ihr aber sollt
eines Werkes ausniacht. Die ,Apologiecnun zeigt Sokrates als Redner; euch, wofern ihr mir folgt, wenig um Sokrates kümmern, viel mehr
seine Ziihiirerschaft ist die Menge der Richter. Das bedeutet: Sokrates' dagegen um die Wahrheit" (Phaedo 91 b 8)'"'. Sokrates hätte seine
Auftreten hat d e n V i e l e n etwas zu sagen. Dazu stimmt, was soeben Ablehnung des Oiktos damit begründen können, daß ihm der Tod
zu bemerken war: daß die ,ApologieGder Menge das Bild des wahren gleichgültig sei. Damit würde jedoch ein persönliches Motiv an die
Philosophen nahebringen will '". Andererseits aber ist unter den Zu-
e65 Lebensalter und nehnov: vgl. Charm. 158 C 5; Crito 43 b; Menex. 236 C 8; Parm.
hörern auch ein Aischines, Apollodoros, Adeimantos, ja ein Platon 136 d 7; legg. 625 b 4 634 d 1 657 d 1 666 d 3 670 d 5 892 d 2. Immer liegt die
133 e f). Demnach hat Sokrates' Auftreten auch den W e n i g e n etwas Beziehung zum volkstümlichen Denken nahe. - Zum n&ov allgemein vgl.
zu sagen, die philosophisch befähigt sind. Dazu stimmt, daß Sokrates' Friedländer 11' 110 112.
Rechenschaft von seinem Tun zur wahren, zur philosophischen, nicht 266 Ähnliche Ironisierung des Meletos Euth. 12 a 4, sonst entsprechend Menex.
234 a 6; Gorg. 461 C 5; Phaedr. 275 b 7; soph. 232 e 6.
bloß bürgerlichen ,,Tugendu und zur höchsten Einsicht erwecken und
z67 Vgl. soph. 234 d 2; legg. 715 d 7; ferner Charm. 162 d 7; ep. I11 316 C 3; legg.
anleiten will 284. -- .
Vgl. Friedländer Ie 71 f..
eaa S. o. p. 155 f., ferner auch p. 124 f.. PB* S. 0. P. 93. ma Vgl. Gorg. 453 c 1 457 e 3; symp. 201 C 8; resp. 595 C 2; soph. 246 d 8; Phil. 59 b 10.
158 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 4. Person und Paradeigma

Stelle eines sachlichen treten, und dies i l es eben, was der Philosoph
müßte meine Liebe zu mir selbst sein, wenn ich so unvernünftig (8116- +

ablehnt. „Ob ich dem Tod zuversichtlich entgegensehe oder nicht, das
yiazo~)sein sollte, das Folgende nicht b e d e n k e n (hoyiS~a8a~) zu kön-
ist eine andere Frage" (34 e 1) - ausschlaggebend ist, was im Logos
nen" (37 C 5). Dies beißt: im Moment, wo man den Affekt die Ober-
begründet liegt: das wahrhaft Objektive, das Schöne, Gerechte,
hand in sich gewinnen läßt, wo man ,,sich selbst unterlegen" ist, hat
Fromme. Das nämliche ist beim Dainioriion zu beobachten. In beiden
man die Einsicht, das bessere Wissen schon verlorenP7'. „Das Sich-
Fällen, wo Sokrates das Daimonion zur Motivierung anführt, unter-
selbst-unterlegen-Sein ist nichts anderes als Unwissenheit, das Sich-
sucht er, waruni es sich gemeldet oder auch geschwiegen habe, reflek- selbst-überlegen-Sein nichts anderes als Wissen" (aocpia, Prot. 358
tiert auf das airiov (31 d 40 b)270.Erst dadurch, daß sich seine Ent- C 1). Der Philosoph, der ßEßalos, ist der, der sich durch nichts ,,bezau-
sprechung im Logos findet, wird die Stimme des Daimonions voll- bern" und von dem für recht Erkannten abbringen Iäßt; „als Bezau-
gültig. - Wem es um Einsicht geht, der darf nicht an einmal gewon- berte aber wirst auch du, denke ich, Leute betrachten, die von einer
nenen persönlichen Auffassungen hängen bleiben, sondern muß bereit Lust berückt oder aus F u r c h t vor etwas ihre Meinung ändern"
sein, U m z U 1e r n e n. Sokrates bekerint sich zu dieser Haltung. (resp. 413 C 1). Sokrates läßt sich durch nichts einschüchlern. Er hat
,.Wenn es sich irgendwie anders verhält, so bin ich bereit, zu hören damals beim Arginusenprozeß auf dem Recht beharrt; er beharrt in
und zu lernen, nicht riur von Kratylos, sondern auch von jedem an- der ,Apologiecauf der Verteidigungsweise, die, mag sie auch ungünstig
deren" (Crat. 381 d 8)"'. Auch Meletos hätte ihn nur beiseite zu nehmen sein, ihm als die richtige erscheint (38 d ff .) ; er harrt aus in seinem Be-
und aufzuklären brauchen, dann wäre alles in Ordnung gewesen, ruf trotz tausendfältiger Armut (23 C l); und eventuellen Freispruch
,.denn sobald icli zur Einsicht komme - das ist klar - werde ich auf- unter der Bedingung, daß er diesen Beruf aufgebe, lehnt er ab mit den
hören mit dem. was ich unnbsichtlich tiieu (26 a 4 ) . Diese 1I:iliiiiig he- Worten: „Solange ich noch atme273und dazu in der Lage bin, werde
wRlirt sieh nodi weiter. In der ,Apologiecals einer Rede gibt es keine ich nicht aul'lioren zu philosophieren und euch zu mahnen" (29 d 4).
Gesprächspartner, durch die der Logos grfiirdert werden könnte. Und Am meisten beeindrucken mochte das Volk die in der ,Apologiecbe-
doch ist auch in der Rede eine Instanz gegenwiirtig, die bereit ist zum sonders betonte Tatsache, daß Sokrates mit seiner Tätigkeit nicht auf
Eingreifen. Das zeigt die erste Sokrates-I:ede in1 .Phaidrosc,nach der Geldgewinn ausging (31 b C) ; es konnte in ihm einen Mann sehen, der
Sokrates bekennen muß: „Mich beunruhigte schon lange etwas, schon frei war von Selbstsucht und dem es nur um die Sache - eine schwer
während ich meine Rede hielt" (242 cG). Dies Etwas ist das Dai- begreifliche Sache freilich - ging. Wer tiefer schaute, erblickte in ihm
monion. Das Gegenstück zur Rede im ,Phaidroscist die ,Apologiec.Hier den Philosophen, den Mann, dessen Leben die Feststellung erlaubt:
schweigt das Daimonion; Sokrates Iäßt sicli dadurch zu einer neuen „Nicht erst jetzt bin ich so, sondern schon immer habe ich es so gehal-
Erkenntnis führen (40 b 71. ten, daß ich von allem, was mein ist, keinem anderen Folge geleistet
Es geniigt jcdoch'nicht.'knft des Logos das Richtige zu erkennen, habe als dem Logos, der meinem Nachdenken als der beste erscheint"
man muB :iucli am für richtig Erkannten f e s t h a 1t e n. Die ,Politeiac (Crito 46 b 4 ) .
zählt die ß~ßni6rriszu den wesentlichsten Anforderuilgen an den Philo- 2. Die ,Apologiec kann als Rede nicht Sokrates' dialektische Be-
sophen (503 CS). ,.Mich konnte jene Herrschaft der DreiBig, so stark iniihung um das Wesen der „T U g e n d e n" zeigen, aber sie kann sicht-
sie war, nicht aus der 1;lssuiig bringen (oUr 2$nhlS~v),sodaß icli etwas bar machen, daß Sokrates diese „Tugendenu besitzt. - Die Tugend
Ungerechtes getan hitte", kann Sokrates von sicli sagen (apol. 32 d 4). der W e i s h e i t spricht Sokrates sich selbst zu, wenn auch nur mit
Dem volkstiiriiliclieii Denken mochte imponieren, daß bei ihm nicht Einschriinkung: eine aotpia TL< (20 d 7). Sie besteht im Wissen um sein
wie bei den meisten Menschen ,,zuweilen Zorn, zuweilen Lust, zu- Nichtwissen. Neben ihr ist auch von der E i n s i C h t die Hede, der cpe6-
weilen Unlust, ninncliiiial Liebe, oft aber F U r C h t" (Prot. 352 b 5 ) vqm~,die gleich der ~ocpia'~~ ein Wissen um die Werte ist. DaB Sokrates
die Oberhand über besseres Wissen gewinnen konnte. Die eigentliche nur in bedingtem Sinne nichtwissend ist und in Wahrheit auch dieses
sokratische Nuance war aus den Worten zu ersehen, mit denen Sokra-
272 Vgl. resp. 402 e 3; zum Bxraqrt~o.Ba~EuUiyd. 276 d 3; resp. 336 b 7 618 e 4;
tes seine Ablehnung eines Antrags auf Verbannung einleitet: „Groß Phaedr. 234 d 1.
273 Vgl. dazu resp. 368 b 7; als &TL kprcv6wv muß man der Gerechtigkeit Beistand
Vgl. Wolff 1. C. P. 83. leisten.
Vgl. Hipp. I1 372 C 2; Crat. 428 a 6; Gorg. 458 a 2 470 C 6 488 a 2 506 a 3; resp. 274 Zur Wendung 06 p4 na6awpa~vgi. legg. 665 C 2.
337 d 3; ep. VIII 353 e 6; legg. 635 a 6. 276 V@. resp. 442 C 5.
160 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen hesamtwerk 4. Person und Paradeigma 161
Wertwissen besitzt, zeigte etwa die Abwägung von Scheinübeln gegen
wahre Ubel in der Antitimesis (37 b ff.!, und mit Recht wird Sokrates n i s besteht (164 e 4), ist Sokrates ahcpeov: er erforscht sich selbst, das
Ergebnis ist die oocpicr TLS. Sofern, gleichfalls nach dein ,Charmide~'*~,
am Ende des ,PhaidonLals rpeovcphsam5 bezeichnet (118 a 17). Daß er
die ~ b v q u i 5besitzt, ist wichtig für seine andern <jieetai, werden sie Sophrosyne besitzen d a s S e i n e t u n bedeutet, gilt auch dieser
damit doch von vornherein als W i s s e n d e „Tugendenu qualifiziert Aspekt der „Tugenda für Sokrates: er weiß, daß Ubergriffe auf fremde
- Sokrates stellt sich in die Nachfolge dchills, des Urbildes der T a p - Bereiche verderblich sind und tut das Seine, indem er die e i n e ihm
aufgegebene Tätigkeit verfolgt. Und sofern Sophrosyne m a ß h a 1t e n
f e r k e i t (28 C d) ; damit bleibt er auf dem Boden volkstün~licherVor-
heißt, bewährt sich Sokrates auch hierin: er läßt sich nicht zu Dreistig-
stellung und Uberlieferung. Wer tiefer sah, dem konnte jedoch nicht
keit und Schamlosigkeit hinreißen (38 d 7), nimmt vielmehr die Schul-
die eigentiiniliche sokratische Nuance entgehen. ,,Das Wissen (uoqia)
digsprechung gelassen zu Kenntnis (35 e 1) und zürnt seinen Gegnern
um das, was zu fürchten und was nicht zu fürchten ist, ist Tapfer-
nicht einmal (41 d 6). - Schon im Prooimion weist Sokrates auf die
keit" 277,heißt es im ,Protagoras6 (360 d 4). Sokrates besitzt die oorpia;
G e r e c h t i g k e i t seiner Sache hin ( 1 7 ~ 3 )Immer
. hat er sich als
auch seine Tapferkeit ruht auf ihr. Er weiß: Bedrohung durch Krieg
Gerechter bewährt, dem Drängen der Massen wie dem Ansinnen der
und Prozeß ist riichts wahrhaft Schliinmes; fürchten muß man sich
Machthaber gegenüber (32 a fY.) ; er hat nie jemand wider das Recht
vielmehr davor, von der xovreia übermannt zu werden (38 e 6 ff.) . Der
nachgegeben (33 a 3). Daß auch jetzt die Gerechtigkeit Richtschnur
Mann des Volks, so heißt es im ,PhaidonL,nimmt den Tod nur des-
seines Handelns ist, zeigt die Begründung der Ablehnung eines Oiktos
wegen auf sich, weil er n o C h größere cbel - Schande, Ehrlosigkeit -
mit Hinweis auf die Norm des Gixa~ov.Er erweist sich damit als W i s -
fürchtet. Der Philosoph dagegen betrachtet den Tod gar nicht als Ubel
s e n d Gerechter. Nicht umsonst wird er im ,PhaidonLund im ,Siebten
(68d 5). Ein solches tapferes Wissen um das, was nicht zu fürchten ist, Brief' als Gixacbtato~bezeichnet "'. - Das Apoll-Orakeles2wird in der
zeigt Sokrates besonders eindrücklich dort, wo er die Drohung mit Ver- ,ApologieLkeineswegs ironisch behandelt, sondern sehr ernst genom-
bannung, Atimie und Tod als nichtig zurückweist (30 d). Auch zu einem
men; ein Zeichen dafür, daß in Sokrates' F r ö m m i g k e i t auch der
Oiktos kann er sich trotz der Gefahr nicht bereitfinden (34 C 5), und Götterglaube des Volkes aufgehoben warz8'. Doch gilt von diesem
den Haß seiner Mitbürger nimmt er gefaßt auf sich, wo es die gute
Orakel, was im ,Timaios6allgemein von der Mantik gesagt wird: die
Sache erfordert (21 e 4 ) , ja er bleibt dieser treu, auch wenn er viele Sprüche und Gesichte bedürfen der Deutung durch den EPWPY (71e 6),
Tode dafür sterben müßte (30 C 1). Das Schwimmen gegen den Strom es sei nötig, alles gedanklich zu überprüfen (hoyiopo G L E A & I ~72 ~ ~a 1).
der Ungerechtigkeit wird im ,Kratylosc als Quintessenz der Tapferkeit Das Orakel wird in die Sphäre gehoben, der auch Sokrates' Frömmig-
bezeichnet (4 13 e 5). Sokrates ist Träger dieser ,,Tugendu, kann er keit zugehört, sofern sie eine wissende Frömmigkeit ist. Sokrates kann
doch von sich sagen, er sei nicht der Mann, irgendeinem aus Furcht vor sich nur deshalb nach dem Öo~ovrichten, weil er es w e i ß (35 C d).
dem Tod wider das Recht nachzugehen t32 a 7)"" Tapferkeit bewährt Damit glaubt er freilich an die Götter „wie keiner seiner Ankläger"
sich jedoch wie dem Bedrohlichen, so auch dem Lustvollen, Verlocken- (35 d 7) und kann darauf verzichten, sich ausdrücklich gegen deren
der1 gegrriüberPi8.Das Angebot des Frcispriiclis unter der Bedingung Vorwurf zu verteidigen, er glaube nicht an die Stsatsgötter. Sein gan-
des Verzichts auf eleriktische Tätigkeit mochte verlockend sein So- - zes Leben war ja unter dem Aspekt der Frömmigkeit zu sehena< Seine
krates lehnt es ab. Und zumal in seiner meisterhaften Beherrschung Tätigkeit war Gottesdienst (23c L), vom Gott war er der Stadt bei-
der gerichtlichen Rhetorik mochte eine Versuchung liegen - er ver- gegeben, vom Gott war er in die Taxis gestellt (28 e 4), und Gott hatte
zichtet darauf, von dieser Könnerschaft Gebrauch zu machen (38 d 3; er mehr zu gehorchen als den Menschen (29 d 3). So bege,dnet er auch
s. p. 59). - Die Tugend der B e s o n n e n h e i t wird in der ,Apologie6
nicht ausdrücklich genannt, ist aber in Sokrates gegenwärtig. Sofern 280 Charm. 161 b 6; vgl. dazu Friedländer 11' 72 sowie Tim. 7 1 e 6.
Sophrosyne nach den Worten des ,Charmides6in S e 1b s t e r k e n n t - Phaedo 118 a 17; ep. V11 324 e 2.
Zur Rolle des Apoll im ,Phaidon4vgl. Friedländer 11' 341.
rn8 ,Aus dem centralen Ethos der c p e 6 y o ~entfalten
~ sich bei Sokrates die einzelnen esJ Zur Bedeutung der Religion bei Platon vgl. Solmsen 1. C. p. 72.
Tugenden der avbp~iao o r p ~ o o h q~ d o E ß ~ ~i a~ Z U L O ~ Juo~pia"
Y ~ ) Wolff 1. C. P. 76. 2s4 Anders Maier 1.c. p . 4 4 2 , l : ,Der letzte Grund für das völlige Ignorieren des
"7 Vgl. Jaeger I1 183, ferner Lach. 194 e 11; resp. 430 b 2 430 C 7 442 b 11.
eigentlichen Anklagepunktes, der ja doch sicher auch jetzt noch wiederholt
278 .Da ist die ,GerechtigkeitG des Handelns verknüpft mit der ,Tapferkeit1, die sich wurde, liegt aber wohl darin, daß Piato nicht ohne Vorbehalt sagen wollte und
in dem Widerstand gegen die Todesdrohung bewährt" Friedländer 11' 164.
-
konnte: Sokrates glaubte durchaus an die Götter des Staats.'' Vgl. übrigens
auch die Hinweise auf Sokrates' Loyalität dem Kultus gegenüber Euthyd. 302
"9 Vgl. resp. 429 d 1 442 b 11; legg. 633 d.
C 4; Phaedo 115 e 6.
162 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 4. Person und Paradeigma

seinem Schicksal niit wahrhaft frommer Haltung. Sein Leben als


beweis" 292,und wir könnten sagen, durch Sokrates werde Dasein und
Nichtwissender hält er für Gewinn (22 e 5 ) , den Ausgang des Prozesses
Wirksamkeit der ykyiuza geradezu bewiesen38s,stünde nicht für Platon
stellt er dem Gott anheim (19a 6 35 d 7 ) , und in seiner Verurteilung
deren Realität außer allem Zweifel, so daß es nur e i n e Aufgabe geben
sieht er eine höhere Fügung, die er willig annimmt (39 b 7 41 d 3)285.
kann: sie aufzufinden und sich zu eigen zu machen. Der, dem es ge-
Sokrates' Leben, sein „BiosU,ist nichts anderes als eine Betätigung
geben war, die „größten Dinge" in ihrer Herrlichkeit zu schauen, saß
dieser U w a i . Sie machen sein eigentliches „SelbstcLaus (vgl. 36 C 6).
unter den Zuhörern des Sokrates. „In Sokrates und durch ihn hin-
Sein Leben in Prüfung der Mitmenschen und in Erörterungen über
durch hat Platon die ewigen Formen geschaut" (Friedlä~~der)~".
die Aret6 aufzugeben hieße für ihn sich selbst aufgeben. ,,Das Leben 3. Sokrates' Verhältnis zum T o d e wird zunächst vom Wissen des
(ßios) ohne Prüfung ist für den Menschen nicht lebenswert" (38 a 5)286.
Nichtwissens bestimmt: er weiß nicht, ob der Tod ein Gut oder ein
Zugleich zeigt die ,Apologie6,was dann im ,Gor@' Gegenstand ein- Ubel ist. Im ,PhaidonLlaßt Platon den Simmias dazu bemerken: ,,Ich
gehender lriirterungen wirdes7:Sokrates' I3ios stellt dem der Tages- denke über solche Dinge wohl ebenso wie du, irieiii Sokrates, daß es
politiker als der des wahren, des pliilosophisclien Staatsnianris gegen- iiiimlich in dem jelzigen Leben entweder unmöglich oder doch s e h r
über "'. s C h W i e r i g ist, ihren genauen Sachverhalt zu wissen, daß es jedoch
Sokrates führt die Teilnehmer an seinen elenktisclien Gesprächen andererseits feige wäre, das, was hierüber gesagt wird, nicht auf jede
ebenso in Aporie wie Hörer und Leser der ,Apologieg.Er fordert, man Weise zu prüfen ohne abzulassen, ehe man sich in allseitiger Prüfung
solle sich iim Aret6 bemühen, und sagt doch nicht, was ,,TugendGL seiz8'. erschöpft hat" (85 C 1). Ein solches Fortschreiten bis an die Grenzen
Hier, in seiner Persönlichkeit, liegt die Lösung der Aporie. Nicht des- des dem Logos Faßbaren ist jedoch nur im Gespräch möglich, kommt
wegen stellt die ,Apologiec den Sokrates dar, weil sie das Bild dieses also für die ,ApologieLnicht in Frage, zumal sie sich der Fiktion wie
einmaligen hl:innes festhalten wollte - das tut sie nebenbei auch -"O, der Sache nach an die Menge wendet, die ohnehin der Schwierigkeit
sondern weil sie Gelegenheit geben will, i n i h m u n d d u r C h i h n einer dialektischen Erörterung nicht gewachsen ist. Wenn trotzdem
d a s W e s e n d e r T u g e n d z u s c h a u e n . In seiner Persönlichkeit ein Fortschritt über jenes Nichtwissen hinaus erfolgen sollte, mußte er
wird dem. der zu sehen vermag, die VieLheit der ,,Tugendenu sichtbar von einem außerhalb des Logos liegenden Bereich kommen. Das
und ihr gleichzeitiges Zusammenfallen in der einen Aret6'''. Seine Be- Schweigen des Daimonions, der geheimnisvollen Warnerstimme,
wälining in Leben und Sterben ist ein „letzter metaphysischer Tat- bringt jenen Fortschritt: es erlaubt Sokrates den Schluß, der Tod sei
ein Gut (40 b 7).
% Zum Gedanken der Fügung vgl. Euthyd. 272 e 1; Gorg. 512 d 8; Meno 99 a 1; ep.
V11 326 d 6; Critia 120 e 3; legg. 709 b 7 859 b 2. Zum Vorseliungsglauben des
Um auch seinen Zuhörern diese Uberzeugung nahezubringen, be-
Sokrates hfaier I. C. p. 430 434. gibt sich Sokrates auf die Ebene des Logos. E r nennt im Sinn des ter-
ZS6 Zum Xlotiv des nicht mehr lebenswerten Lebens vgl. ffipp. I 304 d 8; Menex. tium non datur die beiden Möglichkeiten, von denen eine zutreffen
246 d 5; resp. 445 a 5; politic. 299 e 5; ep. V11 340 C 1; legg. 873 c G 92G b 4. Vgl. muß. Entweder ist der Tod gleich Nichtsein, ein traumloser Schlaf -
auch resp. 407 a 4.
dann ist er ein Gewinn (40 d e). Sokrates liißt sich hier auf die populär-
Vgl. Gorg. 488 a 500 C 1 526 d 5; weitere Auffallring dieser Bioi iin ,Staal' (344 c 1
365 d 2 549 e 2 578 C 5) und ,Theaitet6 (173 e ff.). Vgl. auch Pliaedr. 249 C 8. hedonistische Gedankenwelt ein: er kalkuliert die Lust-Quanten im
e8s Vgl. Wolff 1. C. p. 53 57; Friedländer 111 168; ansprechend der Gebrauch der Be- Leben und Tod und zieht seinen Schluß als Meister der ~ E ~ Q ~ ZT ~L XX V~ ~
zeichnung ,Lebenswalil" bei Wolff l. C. p. 48 im Sinne des ,Protagoras' (356 d 4)'". Hierbei kündigt sich die Ab-
Vgl. Natorp 1. C. p. 8. wertung einer zu weit gehenden Hochschätzung des Lebens an, die vor
Wollf entwickelt 1. C. p. 83 if. die Auffassung, der Sokrates der ,Apologie' sei eine
t p i s r ti e Gestalt, eklen der (PPOVG~OS. Später (ab ,,MenonU)werde Platon sich
allem im ,Phaidon4vorgenommen wird und auch weiter anklingt, etwa
seines Abstandes zu Sokrates bewußt, die Gestalt des Sokrates trete jetzt selb- in der ,PoliteiaG,wo gesagt wird, der Philosoph dürfe nicht das mensch-
-
ständig neben die Lehre und könne daher - aus der Distanz i n d i V i d U e 1 1 liche Leben für etwas so gar Großes, den Tod für etwas Furchtbares
gezeichnet werden. Daran ist soviel richtig, daß zunial ,Symposion6 und ,Phai- halten (486 a 8), im ,Siebten Brief', wo Platon ausführt, irdische Un-
don' ungleich mehr persönliclie Züge des Sokrates wiedergeben als die ,Apolo-
gie'. Die Ursache dieser Verschiedenheit ist jedoch nicht in einer Änderung des Spranger I. c. p. 277. Vgl. dazu das Bewährungs-Moment im ,Laches', ,KritonS,
Verhältnisses zu Sokrates zu suchen, sondern darin, daß Platon dort das Phäno- ,PlraidonL,ferner Friedländer 111 158 168 321; Hornener 1. C. p. 64.
men ,SokratesCvon anderer Seite und in anderer Situation zeigt (s. 0. p. 21); der 293 Vgl. Stenze1 1. C. p. 145; Friedländer XI1 16.
Sinn der Gegenwart von Sokrates' Person ist jedoch hier wie dort der nämliche. 294 I 2 32, ferner 1G 136.
401 Vgl. Friedländer 11' 163 f.. Vgl. auch Morr 1. C. p. 28, der auf den hpfixavo~h o y ~ a ~
resp.
6 ~ 587 e verweist.
164 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk
4. Person und Paradeigma 165

sterblichkeit wäre in1 Gegensatz zur Meinung der nohhoi nutzlos für und Staatsmänner wie Agamemnon, Dichter wie Homer und'Hesiod
den Menschen (334 e 3), und in den ,Gesetzenc: „Die Gemeinschaft von elenktisch untersuchen kann, ja auch einen Sisyphos, der es in Ver-
Körper und Seele ist nicht besser als ihre Trennung voneinaiider" schlagenheit und Ungerechtigkeit zur Meisterschaft bringt und sich
(828 d 4). - Als zweite Möglichkeit wird das Fortleben der Seele im dabei wunder wie weise dünkt. Mag auch das mutmaßliche Ergebnis
Hades genannt. Damit begibt sich die ,ApologieGin den Bereich der dieser Prüfung bedenklich seinSw- f ü r Sokrates hat es keine Gefahr:
eschatologischen Mythen. denn dort wird man wegen Wahrheitsermittlung nicht bestraft oder
Paul Friedländer unterscheidet drei Stufen platonischer Mytho- gar getötet; dort ist man seligm4und unsterblich. - Wesentlich a n die-
p~iie'~". Nach ihm umfaßt die zweite, eben die des eschatologischen sem Mythos ist, daß sich hier unter Sokrates' Händen aus Zügen volks-
Mythos, ,GorgiasC,,PhaidonLund ,StaatL,wozu noch ,MenonL,,Sym- tümlicher Anschauung ein Bild vom Jenseits gestaltet, das durchaus
posion' und .Apologiecliinzuzunehiilen sind. Fiir diese Stufe ist vierer- erfreulich wirkt J05.
lei charakteristisch: der Mythos setzt da ein, wo der Logos am Ende C) Damit wird eine Forderung der ,PoliteiaGerfüllt: man müsse, so
ist; für die Ilichtigkeit des Mythos steht Sokrates nicht ein, vieliiielir heißt es dort, die Mythen über den Hades so gestalten, daß sie ein Lob,
beruft er sich aiif Geyährsleute; der Mythos mündet in eine Paränese; nicht eine Lästerung der dortigen Zustände darstellen; anders wären
om Ende wird das Erzählte wieder unsicher gemacht. sie weder wahr noch n ü t z 1i C h (386 b 8). Auf diesen ,,Nutzena
a) Das Einsetzen des Mythos in der ,Apologiecstellt auf dieser Stufe kommt es an, wie der ,Phaidon6ausführt; die Seele bedarf der Mythen,
ein Unikum dares7. Die geheimnisvolle „Aussage" des Daimonions bedarf solcher „bezaubernder Vorstellungen" zur Stärkung auf ihrem
sollte durch den Logos aufgehellt werden; dieser „Logos" jedoch - er Wege (114 d 6). ,,Als directio voluntatis, mit Dante zu reden, hat der
verdient diesen Namen nicht im eigentlichen Sinne - bezieht sich Mythos eigentlichsten Wert" (Friedländer)'OB. So münden die großen
seinerseits auf einen Mythos, eine Stütze, die selbst der Stützung be- Mythen des ,GorgiasL,,PhaidonLund ,Staat6in eine Paränese, und die
dürfte. ,Apologie' fordert im Anschluß an den Mythos die Richter auf: ,,auch
b) Dieser Unsicherheitsfaktor wird noch verstärkt durch eine un- ihr sollt guter Hoffnung sein zum Tode" (41 c 8 ) . Dabei macht sie
gewöhnlich starke Betonung des relccta refero: „Nach dem, was man allerdings die Einschränkung, nur der Gute könne dem Tod freudig
so sagt" (40 c 7 ) , ,,wenn wahr ist, was man sagt" (40 e 5), „wenn dies entgegensehen. Mit diesem Mythos, mit der ganzen Partie wendet sich
wahr ist" (41 n 8 ) , „wenn anders wirklich wahr ist, was man sagt" ja Sokrates nicht an Gute und Schlechte zugleich, sondern nur an die
(41 C 6)'@'.- „Was man so sagt" ist, daß die Seele nach dem Tode eine Richter, die ihn freigesprochen haben, an sie „als seine Freunde"
Reise macht, eine Umsiedlung vornimmtpQ9; sie trifft im Hades die ge- (39 e 5). Als seine, des Guten Freunde sind sie in der Lage, seinen Dar-
rechten Richterm wie auch die Toten. Daraus ergibt sich für Sokrates, legungen zu folgenm7,sind sie selbst gut, denn „der Gute ist einzig und
daß er seine Menschenprüfung - diese ist nun einmal Teil seines allein dem Guten Freund" (Lys. 214 d 5)508. Mit jener Einschränkung
Wesens, wie es zum Herakles gehört, daß er den Bogen führt, zum aber wird angedeutet: wer nicht für seine Seele sorgt, wer sein Leben
Orion, daß er jagt, zu Minos, daß er Recht sprichtJ0' - weiterführen zubringt in Unwissenheit und ferne von der Aret6, der kann sich am
Ort, wo er die wahrhaft gerechten Richter findet, keines Guten ver-
I' 186 ff.. sehenm9.Weh dem, der sich von der naxia einholen Iäßt, der ungerech-
2-37 Vergleichbares findet sich erst wieder im Spätwerk. Rohr 1. C.p. 56,2 spricht von tenveise einen Mann zum Tode bringt!
einer ,hei dem späten Platon nicht mehr gegensätzlichen Stellung, sondern
engen Beziehungszugeliörigkeit von h 6 y o ~und pü6og - der y ü 8 o ~fördert den SOp Vgl. Gadamer 1. C.p. 198.
A6yog in gerader Linie, vertritt ihn stellenweise". Vgi. dazu I. V. Loewenclau bei „Das bedeutet, daß sich sein prüfendes Widerlegen nicht schlechthin gegen die
H. Hommel, Studium Generale 1955 p. 312 f.. hergebrachte griechische Sittlichkeit stellt, sondern gerade für sie einstellt"
2-38 Sonit: Meno 81 a 5; Gorg. 524 a 8; Phaedo 107 d 5; resp. 614 b 3. Gadamer 1. C. p. 199.
304 Vgl. Phaedo 81 a 6. S. o. p. 78 f.. Ip 201.
"9 Ähnlich spricht Sokrates im ,PhaidonLvon &xo8qpia (61 e 2 67 C 1) und pezoixq-
arS (117 c 2 ) . $07 Friedländers Meinung trifft also nicht zu, Sokrates äußere sich deswegen nur
Im ,PhaidonCäußert Sokrates die Gewißheit, zu Göttern als guten Herrn zu kom- hypothetisch, „weil sich vor der unbestimmten Zuhörerschaft solche Zurück-
men (63 b 9; vgl. auch die orphische Färbung desselben Gedankens 69 C 6). haltung gebührt" Ip 191.
SO8 Ähnlich legg. 837 a 6.
*Ol Vgl. Wolff 1. C. p. 66. - Vergleichbares Phaedo 108 a; ,Da setzt sich das auf die 309 Dieser Gedanke wird stärker betont im ,Kriton6 (54 b 7 C 5 ) , womit die AUS-
reinen Wesenlieiten und damit auf den Tod gerichtete Dasein des Philosoplien
malung des Jenseits-Gerichts, zumal im Mythos des ,Gorgias4, präludiert wird.
und das Irren seines Gegenteils fort in die Jenseitsfahrt" Friedländer IP 196.
166 11. Das Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk 4. Person und Paradeigma 167
d ) Wie die Mythen des ,Menon6und ,Phaid~ii'~lO, so wird auch diese
Der „Mythos" der ,Apologiecwurde zu der zweiten Stufe der pla-
ohnehin schwach fundierte Partie am Schlusse noch ausdrücklich un-
tonischen Mythopoiie in Beziehung gesetzt; dabei zeigte sich, daß von
sicher gemacht. „Doch es ist jetzt Zeit wegzqehen, fiir mich zuin Tode,
deren vier Charncteristica drei auch auf ihn zutreffen, das erst-
fiir euch znm Leben. Welche von uns aber zum Besseren gellen, ist
genannte, das Einsetzen, nachdem der Logos an sein Ziel gekommen
a 11 e n U n g e w i ß außer dem Gott" (42 a 2 ) . Sokrates endet mit der
ist, dagegen nicht. Vielmehr war das Fehlen eines eigentlichen Logos
Einsicht, die er bei seiner elenktischen Tätiqkeit gewonnen hat: daß
festzustellen und damit eine betont starke Unsicherheit des ganzen
ein unermeßlicher Abstand die menscliliclie Sopliia von der Fülle gött-
Passus, in den der Mythos eingebaut ist. Nun ist es für den Jenseits-
licher Weisheit trennt 311,und er zeigt, daß schon das Wissen des Nicht-
mythos der ersten Stufe, soweit sie durch den ,Thrasymachos6 ver-
wissens hinreicht, eine sittliche, wahrhaft fromme Haltung zu begriin-
treten wird (resp. 330 d ff .), bezeichnend, daß dort einfach das volks-
den. Es ist bezeichnend, daß Sokrates nicht etwa wie in1 ,Gorgiasboder
tümliche Denken über den Hades seinen Ausdruck findet. Danach be-
,Phaidoi~'~'' weitere I3emühung um die verhandelten Gegenstände for-
stimmt sich die Einordnung des Mythos der ,Apologie': er lehnt sich
dert. Die .Apologiecwendet sich ans Vo 1k ; ihm mußten „bericlitigteU
gemäß der ersten Stufe an das volkstümliche Denken an, formt es
Mythen in Verbindung mit dein auch ihm einsichtigen Wissen des jedoch durch Auslese und Akzentuierung im platonischen Sinne um;
Nichtwissens genügen. Auch der ,Staatc und die ,Gesetzec sind dieser andererseits zeigt er nach Form und Funktion schon die Züge der
Meinung. Der .Staatc gibt Anweisungen, wie zii Nutz und Frommen zweiten Stufe. Es handelt sich hier um die beginnende Durchdringung
des Volks dir Mythen zu gestalten seien (316eff.),und die ,Gesetzec, volkstümlich mythischen Denkens mit Platonischem, um den Uber-
die sich weithin mit der Erziehung des Volkes zu der ihm angemesse- gang von der ersten zur zweiten Stufe3''.
nen Arete befassen, äußern sich zur Frage des Totles ganz ähnlich wie In alledem, im Verhältnis zum Logos, zur Aret6 und zum Tode er-
Sokrates in der erstrn und zweitenRede der ,Apologie6:„Wenn jrinand scheint die Person des Sokrates als transparent c~ufein Uberindiuiduel-
glaubt. das IJelwii sei unbedingt ein Gut, so ehrt er seine Seele nicht, les hin, und auch wenn es die ,Apologiebnicht ausdrücklich sagte, wäre
entehrt sie vielinehr dadurch. Denn da seine Seele wähnt, im Hades in Sokrates ein P a r a d e i g m a für Allgemeines zu sehen.
gebe es nichts als Ubel, gibt er nach und stemmt sich dem nicht ent- Das Wort xa~ot6eiypa bedeutet bei Platon erstlich Muster, Probe,
gegen durch Belehrung und den Nachweis, daß sie ja gar nicht weiß, Modell, Exempel: ein ,,Beispielbb,das zur Erkenntnis führen soll.
ob nicht in1 Gegenteil das größte aller Güter für uns ist, was sie bei den
Der ,ProtagorasL etwa gibt zwei naea6eiypa~cc,die geeignet sind, die
dortigen Giittern findet" (727 C 7 ) .
mögliche Form der Einheit der Tugenden zu demonstrieren (330 b 1).
Dem tiefer Blickenden mußte die Heiterkeit auffallen, mit der So-
,,ES ist schwierig, etwas von den gewichtigeren Dingen hinlänglich
krates jene mythischen Vorstellungen vom Weilen im Hades, von
klarzumachen ohne den Gebrauch von Beispielen" (politic. 277 d 1)'15.
einem tröstlichen Meinungsaustausch mit Schicksalsgefährten wie
Zum andern bezeichnet ncaeot6a~ypa eine Vorbildlichkeit, die Nach-
Pdamedes und Aias, von Unsterblichkeit und Eudämonie vorträgt.
ahmung ermöglicht. Der Idealstaat etwa ist ein Paradeigma im Him-
War nicht in Sokrates die Aret6 selbst sichtbar geworden, hatte sich
mel, nach dem, wer will, seine Seele einrichten kann (resp. 592 b 2) ;
nicht gezeigt. d:iß Sokrates' ,,Selbst6' eins ist niit der „Tugendc'? Kann
der Blick aufs Gute selbst als Paradeigma befähigt zur Realisiemng
aber etwas, das hestniöglich, ja vollkommen i s t , überhaupt zugrunde-
gehrri? I h r ,Sf:i:ii' :irgiiiiiei~iiert,was zugrriiidegehe, gehe an seiner des Guten (resp. 540 u 4)8'c.- Der Sokrates der ,Apologie6beschließt
als Paradeigma des oocpos beide Momente in sich: das Bloß-Exem-
spezifischen xuxia ziigriinde; nun gehe die Seele offenkundig nicht ein-
mal an ihrer spezifischen xaxia zugrunde, also sei sie unsterblich (608 plarische wie das Vorbildhafte, und zwar in doppelter Hinsicht: in
seinem E t h o s wie in seinem E r k e n n e n.
d ff.). Und da sollte sich eine Seele in nichts auflösen, die ganz und gar
im spezifischen Guten der Seele besteht? Wie sollte der Mann, der an- Friedländer 1 2 186 glaubt ferner, in dem Gegenüber von vorgeblichen und wah-
dere zur Eudämonie führte, der makellos seinen1 göttlichen Auftrag ren Richtern „den Punkt, an welchem Platon den orphischen Jenseitsmythos zu
treu blieb, nicht am Ziel seiner Mühsale höchster Seligkeit sicher sich heranzieht", zu erkennen.
sein 'IS? Vgl. Euth. 6 e 4; Euthyd. 282 d 4; resp. 529 a 8 618 a; Theaet. 202 e 3; Phaedr.
262 C 10.
J10 hleno 86 b 7; Phaedo 114 d 1; dazu Friedländer 1" 201. "6 Vgl. resp. 409 a 7 484 c 6; Parm. 132 d 1 ; Tim. 28 a 6; legg. 718 b 5 739 e 1 746 b 5
8" Vgl. auch Friedländer 111 48 zu den letzten Worten des ,Laches'. -
81 1 b 8 c 6 d 5 876 e 1. Vgl. auch Goldschmidt, Le paradigme dans la theorie
X* Gorg. 527 a 7; Phaedo 107 b 4. SIS Vgl. Phaedo 67 b 7, dazu Friedländer I2 72. platonicienne de I'action p. 119.
110 I I I h . ; \'ertiiiltnis der Apologie min platoiischen Gesanitwerlc 4. Person und Paradeigma

\'orhild aller, die zur Philosophie befähigt sind, er zeigt, mit der dern mir ist klar, daß es besser f ü r mich war, jetzt zu sterben und der
~~eiido-dioiiysisc1ie11 'I'echiie zu reden, ,.n7ie der Pliilosopli sei11 soll" Mühseligkeiten ledig zu werden" (&nqhh&x@a~ zguyprizov 41 d 3). E r ist
(\'111. 8) 3 2 ' : ztigleich ist er aber auch der rxrn~plrrriscl~e Fall, aii dem „schon weit fortgeschrif ten iin I,eben, dein Tode nahe" (38 C G ) , hätte
d a \ \'olk r r l , ( ~ n i w I<:IIIII. ~t w:~s(T \icl~in \\';il~rliri' i i ~ i l t ~ (~r i ~ ~ (I>liilo-
~iii :ilso nicht niclir lange seinein 'ihn nncligelien lioniien. „Ist sein Kör-
\opIi(w t o r ~ i ~ \ t d I he ~t i'%. per den Anstrengungen niclil mehr gewachsen", heißt es iin ,Staat6von
13(7i.~/)i(~l!/(~l)(7~~ I I I I~ L ~ r r w(frn n 1ki.spi~l l ~ 1111r l(~t7tlicli:iitf r i ~ i ( >Vpr-
r drni Gc~~rcclilicli~~ii, „so slirl)t cr iriid ist aller Miihsale ledig" (x~aypa-
~ I I ~ ~ I ~ I I(;olles. I I I I ~ 1111 l l i ~ i l ~ l i caiif k ein g~~scliicl~l~iclies k:reigilis 1ieifJI z w Unqhhayq 400 e 2). Das ist gut so nach platonischer Auffassung; „ein
W in drn .Gcwt~cii':,.Nun :ilwr h:tt d P r (7 o t l grzcigt, welclier Art JJe1)cii mit elcndein Kiirper niitzl drin Menschcn nichts, meine ich:
t~iiwIl~rrwli:iilsviri iiiiif1, wrnii sie so tl:iiiri i:\ft wie iiiiiglicli sciii soll. cienii notwendig mull er so aiicli elend le1,eii" (Gor$ 505 :I 2) "'.
I)aß dies j~t71v o ~ iI I I ~ \~ r k : ~ n iwird, it ist kein Zeiclieri besoriderer \Ireis- 2. „Was aber naclilier geichielit, das will ich euch weissagen, ihr
Iieit. denn aus einem vorliegenden 13 e i s p i e 1 (nore&~y~cx)etwas zii Männer, die ihr mich verurteilt habt; bin ich doch an dem Punkte an-
c~rseIi(wi f l nichl d i w i ( ~ r i g ' '(legg. 692 1) ($1. A~icliei11e I'er~~i~iliclil;ei~ gelaiigl, tvo dic Menschen vorriehmlich wciss:~gen:kiirz vor dem Tode.
k:iii~ig~llgc~s;iiitltc~~ 1';ir:idt~igiii:i\(.in. \\'cr ;uidcrcs diircli stliri Ijeispicl Ich behaupte also, ilir Mäniier, die ihr mich getötet habt, eine Strafe
ziirn ..J.eriicii" iiii Iiiiclisten Sinn anregt, wer als wahrer Erzielier an-
werde über euch kommen bald nach meinem Tode, eine weit schwerere
dere zitr (;ottgrliel~lIic4tfiilirt (resp. 501 b !)), der iiit damit eiri w:ilir-
beim Zeus als die Todesslrafe, die ihr über mich verhiingt habt. Denn
Ii:ift gottgefiilligc~\\\'crk iiiitl 1i:iiidelt im Dienste des Gottes. „ E r ni:iclit
jetzt habt i h r dies getan in der Meinung, ihr würdet dadurch frei wer-
iiiich ~ i i r i ilieispirl". wgt Sokratecl (23 h 1 ) . I>cr Gott erzieht die Men-
dcri vom Reclieiischaflgeheri über euer I.eben, :iher das wird euch ganz
~ ~ I I Pi iIi Ii I.( w vr ~ I I I I P I I (>inI'ar:id(~igiii;iL I I ~ P I I ( I ( ~ I , \-(trl)i/(lund l < . r ( ~ r ~ ~ p ( ~ l , ziiiii Gegeiiteil :~iisschlagcii,wie ich behai~ple.Mehr werden ihrer sein,
d;is \ic% mit dr$r gitllliclit~iiSphiirc in Ikzicliiiiig sclzf, d:is sie :riif dcti die eiicli prüfcii - l ~ i sjetzt habe ich sie zurüc1c~~c~l~«lten (xrcxteixov),ihr
\\*cg hriiigt - init driii ,'l'lic:iiirt' i r i rcdcit - ziir ,Vcriiliiilicliiii~g i i i i t :her 11:11tt's iiicht benterkt -, iincl sie werden de\to iiiibeqi~emersein,
(;oll".
je jünger sie sind, und ihr werdet noch größeren Ärger haben" (39 C 1).
Nodi ein 1,etstrs. Sokrates der Gerechte, der Diener des Gotts, stellt
Das klingt, als hätte Soltrates bislang Schüler, die geeignet waren, die
tim Arry:iiig des Prozesses ganz dem Gott aiiheim - und sieht, als Athener zur Wut zu reizen, zurückgehalten; nun werden sie frei, und
(;otteilciigii~r vrrurteilt, einem schmählicheil Tod entgegen. Doch die Athener erhalten damit ihre gerechte „StrafeK.Gab es indessen
nt:idit ihn di(>\lirities~vegs:m dem giittlichr-I \Val ten irre; er erkliirt wirklich Schüler, die Sokrates zurückhielt?
icdriit~lir: ..l)ic\ ~nrr/Itt.vielleicht so koiiiinen, iind ich meine, es sei Ziinäclist ist dreierlei festzustellen. Die Jüngelchen, die sich ein Ver-
rrcht so" IR!) li '71 : die :\riii:iIinit. hier h : i h ciii Irliildrs Schicksal grwil- gniigen daraus iiiachteii, den prlifenden Solrrates zu kopieren und die
Irl. I t ~ l i r i lcr : i l , . 1-r i i i i i i i i i l ciciisrll)cii SI:iiidptiitl<l ein, wic r r in1 .,Soplii- dadurch die Allieiier ganz -i)esonders gegen ihn :riifbr:ichlen, Iiat So-
v r r t r ~ ~ wird. t ~ i ~ wo dcr ele:itisclie I~iciii<llingdie volkstiiinliche krates seiner Darstellung ziifolge keineswegs nn ihrem Treiben ge-
\'or\fcllitiig ciiicy- n i ~ i n nit~olioitqziiriiclrweisl ziigiiii~lciidcrAiiff:issiing, hindert. Auch ist kauin daran zu derikeii, dafi sie iiach seinem Tode,
in Gott liege dic ivcilirc Irrstrche (265 C 7) 32G. als derlei gefährlich war, ilir vergnügliches Geschäft wieder aufgeno~n-
In der .Apologie' licgrri drei Antworien aiif dir T'rage, wie das gött- meii hütten. Mit der Weissagung müssen vielmehr e r n s t h a f t e
liclic \\':ilicii i i i i 1::illr c l t ~Sokr;ites zii recht 'crligcn sei, bcsclilosscn: Prüfer gemeint sein, die hart niit den Athenern ins Gericht gehen.
eir!e. die Scikr:itcs 1) e r s ö n 1 i C 11 betrifft. e ne weitere, die das Ge- Zweilens: Die Prophezeiung stünde nicht in der ,Apologie', wäre sie
schehen 711 .\ t h r n in Rezieliiiiig setzt, iind eine dritte W e l t - nicht zumindest im Begriff, zur W i r k 1i C h k e it zu werden 328. Eine
ii in s p a ii ii P 11 d e.
nicht erfüllte Weissagung des historischen Sokrates wiederzugeben
1. „Auch mein personliches Schicksal", sagt Sokfates nach der Ver- hätte Platon keinen Grund gehabt. Wer aber soll mit i h r gemeint sein?
iirteilurig, ,.ist riicht von ungefähr (&nbzoG a<tolkhro*~) eingetreten, son-
--P----
Wer sind die jüngeren, unbequemen Leute? Es ist daran zu denken,
"' Zitiert hri TVolff I. c. p. 87, bei Friedländer 11'
158, E daß P 1a t o n unter den Zuhörern sitzt; kein Zweifel: e r ist in aller-
.,Plato hat in der .4pologie Sokrates nur als den gottbegnadeten Träger des
politi~dicnPragnia. den vorbildlichen Vertrrter des q~ihi>oorpo~
Bio5 darstellen Sz7 V@. Lach. 195 C 11; Crito 47 d 7; Entliyd. 285 C 2; Gor,0. 512 a 2 .
wollen" Wolff I. r. p. 81. 328 Vg1. Solcrates' sehcrisclie (paw~xo;) Äußerungeri über den jungen Theaitet
I'gl Pliil. 28 d 5, ferner Prot. 323 c 5. (Theaet. 142 C 3) sowie auch Phaedo 85 b 4.
172 II.1)as Verhältnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk
4. Person und Paradeigma 173
erster Linie gemeint, genauer: seine vernichtende Abrechnung mit den
t'itheriern. die er iin ,GorgiasLvorninimt, und im Gefolge Platons alle, 3. Sokrates ist vom Gott in eine T a x i s gestellt. „Als mir die Be-
die den Tod des Sokrates Athen ziim Vorwurf machen. Dritteils: Niiii fehlshaber, die i h r gewählt habt, über mich zu gebieten, meinen Posten
IrilTt : h c r :iuS I'htoii diircI~:~us niclit zu. (1:ilJ e r nur ( l i ~ r c lSolrr:~tc>s
~ anwiesen, bei Polidaia, bei Amphipolis und bei Delion, da hielt ich
7iiriickgeli:ilten die Atherier einstweileii noch schonte. Vielrnelir ging gleich den andern aus, wo jene mich liinslelltcn, und trolzle der Gefahr
er. ohgleich ihn Sokrates' Tod stark l~eeiridriiclrte,noch jahreliirig mit des Todes; wie sollte ich da nicht Furchtbares tun, wenn ich, wo der
Gott mich meiner Meinung und Annahme nach angewiesen hat, ich
dem Gedanken eines aktiven Eintretens in die sthenische Politik um,
solle philosophierend leben und mich und andere prüfen, wenn ich da
wie der ,Siebte Brief' bezeugt (325 C ff.), und erst nach Erken~itiiisder
aus Furcht vor dem Tod oder etwas anderem Keih und Glied (~1551;)
heillosen Zerrüttung Athens wie der gesamten Staatenwelt wird die
verließe!" (28 d 10). Das Bild vom I< a m p f im Bereich von E r -
Schärfe möglich. die den ,Gorgias6kennzeichnet. Dann aber ist Platon
k e n n t n i s und S i t t l i ~ h l r e i t vom
~ ~ ,Aushalten und Sieg in die-
nicht von S o k r a t e ~a n seiner „Prüfungu der Atliener gehindert wor-
sem Kampf, durchzieht das ganze platonische Werk. „Sich selbst zu
den, iiiid ti:iq m r t - i ~ o vniiißic anders zii deiitcii sein. besiegen ist von allen Siegen der erste und besle, sich selbst unterlegen
In welch soiiwräner Weise der plntoriisclie Solrrntes mit Sachverhal- zii sein das Allerliäßlichste und Allerschlimmsle. Das will sagen, daß
ten schaltet, wie irrefiihrend seine ironische Unistilisieriing von F:ik- in jeden1 von uns ein Kampf gegen ihn selbst tobt" (legg. 626 e 2)331.
teri sein kann. zeigt folgendes Beispiel: Aus der ,Apologie6 erfahren ,.Groß ist der Kampf, groß, nicht wie es den Anschein hat, u m das
wir, niis wc.ldirri (iriiiitlrii sich Solrr:itrs iii-i Argiiiiiseiiprozcß iiiclit G u t - oder S C h 1e C h t W e r d e n" (resp. GO8 b 4 ) . „Jeder soll bei uns
clazii verst:iiitl, die Abstiniiiiiing einziileiteii, obgleich die Menge tobte um den Sieg in der Tugend eifern" (legg. 731 a 2). Ini ,Gorgias6 wird
iind drohte. Ini .Gorgias' dagegen sagt er vom selben Ereignis: ,.Icli er- zum „Kampf aller Kämpfe" aufgefordert (526 e 4). Der ,Menexenos6
regte ITeitcrlirit. d : ~ich richt einnial rvzrpfe, wie man eine Abstiiii- wendet sich wie die ,ApologieLgegen Lipotaxie: „Ihr sollt nach Kriegs-
miing eiri7iileitcn habe" (174 a 1 ) . Der Tod des Sokrates nötigte zum brauch Reih und Glied (zutts) nicht verlassen und nicht, der Schlech-
N:~rhclrnIrcn iiher die politischen Zustände in Athen und wurde tigkeit nachgebend, nach hinten zurückweichen" (246 b 4) ; die einzige
ziini erregenden Sinnbild f ü r jeden, der zu einem so vernichtenden Flucht, die Billigung findet, ist, „sich gut und mannhaft vom Schlech-
I*:rgrbnis kam wie Platon. Diese Empörung über Athen hat Sokrates ten ziim Guten hinzuflüchten" (legg. 855 a 4). Wenn schon die Athleten
noch ..7iiriickjieli:ilteii", solange die Tatsache, daß er noch lebte und uni des Siegs willen Entbehrungen auf sich nehmen, wieviel mehr
wirkte. eine giinstigere Meinung erlaubte: nun bricht sie sich Bahn, da müssen zii solchen bereit sein, die einem weit herrlicheren Sieg ZU-
diircli seinen Tod ein iiniillersehbares Zeichen niifgerichtet ist. streben (legg. 840 b 5) ! Auch der Dialektiker muß sich „wie in einer
Fiir clic. (;liioiiologic~cltlr pl:iionisclicii Sc4iiifirii ( q i b t sich d:ir:iiis: Sch1;icht diirch alle Untersiichiingen (EAEYXOL) lii~idurchschlageii"(resp.
I)ic .:\pologiv'. dich i i i i l dciii ,Iirito~i'- er crgiiiizt ihre Stel1uii~n:ihine 534 b 8 ) . Und nacli bestandeiieni IG~iiipS,so schließt die ,1'oliteiaL,wer-
zum Nomos - iind dem .Eiithyphrori6 - er behandelt Sokrates' In- den wir die Preise davontragen gleich denen, die als Sieger im Wett-
vektive gcgcri die Mythen, die in der .Apologied ausgespart wird kampf ihren Lohn einsammeln (G21 C 3 ) .
(3. 1'. 140) - zusarrimelizitnehnren ist, steht :im Schluß der aporetischen I n den ,Gesetzen' weitet sich dies Bild zum I< a m p f z w e i e r
Defi~iitio~isdi;ilogc'~~ und bringt zusammen mit jenen beideii Schriften \V e 1t p r i n z i p i e n , in dem es Stellung zu beziehen gilt. ,,Da, wie
eine Wcndiiiig :iiiS Sokr:ites' Tod itnd damit auf die Politik, eine Wen- wir übereingekommen sind, die Welt voll ist von vielem Guten, voll
dung, die ihr Ziel ini ,Gorgi:is' findet. der zur Zeit ihrer Abfassung zu- auch vom Gegenteil, mehr aber vom Gegenteil, so lobt, wie wir he-
mindest gcplaiit. weiiii nicht sclion in Angriff geriommen war. haupten, eine Schlacht zwischen diesen beiden, die einer ans Wunder-
bare grenzenden Wachsamkeit bedarf. Unsere Bundesgenossen sind
VgI. Flasliars Aiisfiiliriiiigt~iiiilter dic Ahfaisurigsecit dei .Ion', 1. C. p. 101: „Wenri die Götter und Dämonen, wir hinwiederuin sind Besitz der Götter und
aber, wie es 711 sein sclieint. der Sokrates der Platonischen Apologie als Bild des Dämonen. Was uns zugrunderichtet, ist Ungerechtigkeit und Frevel
Philosophen schlrctitliiri das Sokratesbild der ersten Dialoge Platons zusammen- im Bunde mit Unverstand, was uns rettet, ist Gerechtigkeit und Beson-
fassend widerspiegelt, kann es sich weniger nin eine Illnstration der Apologie-
stelle durch den Ion handeln. als vielmehr um ein stark abstrahierendes Resumee nenheit im Bunde mit EinsichtLL(906 a 2). Die ,GesetzeLwissen auch ZU
der Stellung Platons zii den Dichtern, soweit sie in den frül~estcnDialogen -
und dabei haiiptsiichlich in1 Ion - zum Ausdruck gekornnien war." 330 Zur Herkunft dieses Bildes aus der alten Kriegerethik vgl. Jaeger I11 41.
331 Vgl. legg. 645 a 5 671 C 8.
174 11. Das Verhältnis der Apologie zun: platonischen Gesamtwerk 4. Person und Paradeigrna 175

erklären, wie es niöglich ist, daß Sokrates dem Bösen zum Opfer fällt, Ausschlusses von der Politik sowie seiner Verurteilung zum Tod radi-
daß m x i a und ~loxOqeia siegen über die Sache des Gerechten. „Du kal zu beseitigen; Sokrates mußte fallen im Zuge der göttlichen Stra-
glaubst, aus den Taten der Bösen wie aus Spiegeln zu ersehen, daß die tegie.
Götter sicli um nichts kümmern, und weißt doch nicht, in welcher Schlußbemerkung
Weise auch sie ihren B e i t r a g z u m W e l t g a n z e n l e i s t e n "
(905 b 6). Es gibt einen ,,König" (904 a 6) - wir können auch sagen: Ist die ,Apologie6in philosophischer oder in biogruphischer Absicht
Weltlenker, Gott -, dessen Strategie unfehlbar ist und der keinen --- konzipiert, so lautete die Frage, mit der wir an dieses Werk Platons
--
Kämpfer opfert. wenn es nicht zur Erringung des Sieges notwendig herantraten. Die Untersuchung hat gezeigt, daß die ganze ,Apologie'
istgR. ,,Der ,König' entwarf einen Plan darüber, an welchem Platz Zeugnis ist nicht eines b i o g r a p h i s C h e n , sondern eines s a c h -
jeder der Teile am wirksamsten, leichtesten und besten zum Sieg der 1i C h e n , eines philosophischen Interesses. Damit gehört sie in die
Tugend und zur Niederlage der Schleditigkeit im Weltganzeii bei- Reihe der Werke des P h i 1o s o p 11 e n Platon. Diese Auffassung wird
trägt" (904 h 2). Sokr:ifes' Veriirteiliiiig, nicht sein Freispruch, erweist bestätigt durch den Umstand, daß nichts als unplatonisch, als nur-
sicli als das Bessere (:ipol. 19 a 3 35 d 7 ) . sokratisch herausfällt, vielmehr die Gedanken der ,Apologie6tief im
Wir fassen zusanirii~n.Die ,Apologie. stellt Sokrates in den Vorder- platonischen Denken verwurzelt sind, in späteren Werken weiter zur
grund und zeigt seine persönliche Stellung zum Logos, zur ,4ret6 und Entfaltung kommen 333 und vielfach erst vom späteren Platon her voll
zum Tode. Sie wendet sich damit zunächst an die breiten Schichten des verständlich werden.
Volks, sodann aber auch an die wenigen zu tieferer Einsicht Befähig- Hätte Olof Gigon S4 recht, wenn er meint, wir hätten Platon mit den
ten. An Solii-:it~wird deiitlicl~,wie m:\n sicli der vernüriftigeii Ober- übrigen Sokratikern auf dieselbe Stufe zu stellen, so gäbe es freilich
legiing gegcriiiI)txreiiiziistelleri habe; in ihm und durcli ilin wird die keine Möglichkeit, in der Frage des h i s t o r i s c h e n Sokrates zu
Tugend sell>stsichtbar; sein Verhalten den1 Tod gegenüber erklürt sich einer begründeten Entscheidung zu kommen. Wer Platon in solcher
aus konseqiienteni Wissen des Nichtwissens, aus der Verwirklicliung Weise nivelliert, verkennt jedoch die Tiefe und Universalität plato-
der Are& nischen Weltverständnisses und rechnet nicht mit Platons h i s t o -
In alledeni ist Sokrates Paradeigma, das bedeutet: Vorbild und r i s C h e m I n t e r e s s e. Freilich ist dieses Interesse besonderer Art.
Exempel ziigleich. E r exemplifiziert in seiner Person das ethisch ge- Geschichte ist für Platon nicht eine Summe von Einzelgeschehnissen,
wandte Wissen des Nichtwissens, zugleich aber ist er erzieherisches es gibt für ihn auch keine für sich bestehende historische Welt, die
Vorbild - was er nur sein kann, wenn er nicht n u r Paradeigma. ohne Zusammenhang bliebe mit der Welt des Philosophen; sie ist viel-
Typus. sondern zirgleicli auch Person ist, eiiin~aliger, lebendiger mehr ein Bereich, in dem paradigmatisch etwas aufleuchten kann, das
hiensch. Er ist außerdem vorbildlicher Philosoph und zugleich ein auf „die größten Dinge" hinweist. W e n n Platon in Sokrates und
eseniplarischer Fall für die Menge, an dein sie erke~iiieiikann, wie sie durcli ihn hindurch das W a h r li a f t Seiende schaute, m u ß t e er auf
sich eirieii wahren Philosopheri vorzustellen habe. den historischen Sokrates zu,rückgeheii; daß er überhaupt nicht die
Schließlich: Sokrates, der Gerechte, der Diener des Gottes, fällt A b s i C h tS5 gehabt haben sollte, dem historischen Sokrates gerecht
äiißcrlicli den IJrntric1)eii der xaxiu uii<l xovqeia zum Opfer. Die ,Apo- zii werden, ihn vielmehr irn Rereich des F i k t i ~ e r angesiedelt
i~~ hätte,
logie' gibt zur Rechtfertigung des göttliehen Weltregiinents dreierlei
ES ging uns darum, zu zeigen, daß nichts von den Gedanken der ,Apologie' zu-
zu verstelien: Sokrates fällt zu einem Zeitpunkt, wo es für ilin in An- rückgenommen wird oder verlorengeht; damit soll aber keineswegs bestritten
betracht des fortschreitenden Alters besser ist, abziischeiden; sein Ster- werden, daß in Platons Werdegang vieles erst a 1 l m ä h 1 i C h zur vollen Ent-
ben läßt die Kräfte frei werden, die geergnet sind, die Ursache seines faltung kam, gewisse Elemente auch neu aufgenommen wurden.
334 Olof Gigon, Sokrates, Bern 1947.

,Der Sinn seines Schicksals ist ihm (Sokrates) der, daß es den Menschen zeige, 535 SO Olof Gigon I. C. p. 68: „Sokrates als handelndes Subjekt der griechischen

was die empirischen Verhältnisse aus dem Leben gemacht haben. Dies zu zeigen Philosophiegeschichte bleibt uns unfaßbar, weil wir keinen Text besitzen, der
ist notwendig, damit die Philosophie sich ihrer Aufgabe bewußt wird" Ernst uns über Leben und Lehre des geschichtlichen Sokrates hat berichten W o 1 1 e n."
Hoffmann. Platon, p. 124. - Vgl. auch ep. VII 325 b 5, wo der Prozeß des Sokra- JJs Erik Wolf 1. C. I11 1 p. 48: .Auch als nohizq~
habe er sich kein ~ ~ L X zuschulden
E ~ V
tcs auf eine z 6 ~ qt ~ gzuriickgeführt wird: Tyche natürlich als g ö t t 1 i C h e kommen lassen, vielmehr mit der echten Gtxa~ou6vqauch das wahre J C O ~ C ~ L X ~ V
Fügung im Sinne von legg. 709 b 7. verwirklicht. Von diesen Einzelheiten seiner ,politischen Tätigkeit' mag die
176 11. Das Vcrliiiltnis der Apologie zum platonischen Gesamtwerk

ist unmöglich bei diesem Erfassen des Sokrates. Und W e n n Sokrates


als Erwecker weiterhin wirken sollte, m U ß t e die literarische Sokra-
tes-Gestalt der historischen folgen. Daß Sokrates erweckend wirkt, be-
ruht letztlich auf einer Spannung in seiner Persönlichkeit. E r hat ein
Wissen ums Gesuchte, bemüht sich, diesem auf dialektische Weise
näherzukommen, betont aber ständig sein Nichtwissen; andererseits REGISTER
ist er im Handeln vollkommen sicher gleich einem Wissenden, be-
währt sich in der Stunde der Gefahr. Wäre einer der genannten Züge
I. Apologie (apol.)
unhistorisch, bloß von Platon fingiert, so löste sich diese S t r u k t U r
auf. Sokrates wäre nicht mehr der Erwecker, und Platon, in tieferem Titel (Hhhzwvo~dxohoyia S o x ~ & ~ o v: g156.
)
Sinn der Irreführung von Mit- und Nachwelt schuldig, dürfte nicht er- 17 a 1 (6&vQes 'A3qvaio~): 42.
warten, da8 seine Sokrates-Gestalt die von ihm beabsichtigte philo- 17 a 1 - 3 (Sich-selbst-Vergessen als Wirkung der Rhetorik) : 115 f.; 118; 130.
17 a 1 - 18 a 6 (Prooimion als formaler Bestandteil der Gerichlsrede) : 45; 124 n. 1G6.
sophische \Virkung Iiiitte. Wenn also der platonische Sokrates nls Er- 17 a 2 f. (Wirkung der gegnerischen neiBh) : 16;36 f.; 40.
wecker seine Funktim erfüllen soll, muß er in allem, was seine zen- 17 a 3 f. (Die Gegner lügen) : 40; 116.
-. --
trale Spannung ausmacht, historisch sein. 17 a 5 (E&v&w) 38 f..
Die Frage ~ i a c hden1 historischen Sokrates ist also iin platonischen 17 a 6 - 7 ( O E L V ~ T ~ SE Y E L Vals agonistisches Motiv) : 16.
Sinne legitim, wofern sie nicht einer beliebigen Gestalt der Geistes- 17 b 1 - 4 (dvaaa~vvz6tazov) : 11 ; 38 f .; 46.
17 b 1 - 6 (Versachlichung der Vorstellung vom ~ E L V hiye~v) ~ S : 12; 118 f..
geschichte gilt, sondern dem Mann, in dem die piytuta in Erscheinung 17 1> 4 - 6 (S.O E L V ~ Cim Wahrheit-Sagen) : 118.
getreten sind. 17 b 6 ( ~ ü & v e r w e & u n:~37 ) n. 66.
Der Annalirne, daß Platon in der ,Apologiec eine getreue Wieder- 17 b 6- 8 ("Volle Wahrheit") : 25 f.; 116.
17 b 6 - C 4 (Ablehnung intensiver Vorbereitung und rednerischen Raffinements) :
gabe von Sokrates' Worten beabsichtigt und erreicht habe, steht nichts 66 f.; llj.
entgegen, ziirrial er selbst seine Anwesenheit bei der Gerichtsverhand- C 1 f. ( ~ i x f~j E Y ~ ~ E V U66) n.
: 173; 117.
C 2 f. (S. verteidigt sich gerecht) : 30; 161.
lung bezeugt. Dennoch muß der historische Sokrates nicht genau so C 3 f. (Vorbeugung gegen falsche Erwartung) : 121 n. 157.
gesprochen haben, wie er es hier und in anderen Werken Platons tut. C 4 f. (06 neknoi T$& tfj ilh~xiq) : 12; 157.
C 6 - 7 (GEopac xai naeiepat) : 46.
Das rein Faktische ist noch lange nicht das Historische. Platon k o 11 n t e C6- 18 a 6 (Versachlichung des Motivs der Gerichtsfremdheit) : 12 f.. Worte") :
ja erst - das müßten wir auch ohne das Zeugnis des ,Siebten Briefs' C 7 - d 1 (Vorbeugung gegen Affekt) : 121.(Ankündigung der "gewohnten
annehmen - niit fortsdireitender Zeit, daniit, daß ein historischer Ab- 125.
stand zu Sokrates eintrat, sich voll über die Bedeutung von Sokrates'
-
17 C 9 d 1 (pfi 60Qvß~iv) : 16;51; 147.
17 d 3 ( @ v o k~ ~ w zfis EYB&SE hE&x~q): 120.
Leben und Sterben klar werden und die Hintergründe und Koiisequen- 17d4-18a5~(&ane~o~v&v...,xa~6~xa~vUv):51.
zeri der sokratischen Fragestellung iiberblicken, k o n n t e also erst 18 a 1 f. (zoüto Vp6v bEopai Gixaiov) : 30;51.
18 a 1 - 5 (X& nebensächlich) : 33; 118.
mit Hilfe des faktisch nicht mehr Sokratischen dessen 11i s t o r i s C h e s 18 a 2 (bixaiov, &S yb POL 80x6) : 52.
Wesen erfassen ''. 18 a 5 (Norm der Gerechtigkeit für Richter verbindlich): 33; 147.
S Redners: Wahrheit sagen) : 118; (- ein Paradoxon): 127.
18 a 5 f. ( & ~ e zdes
-
18 a 7 b 1 (Angabe der Disposition) : 123.
-
18 a 7 - e 4 (,,Erste Anklage") : 15 18;27.
18 a 7 - 19 a 7 (Prothesis als formaler Bestandteil der Gerichtsrede) : 45:
18 1) 1 (rrohhoi xatfiyoeot): 14;27 f..
18 1) 1 - d 7 (Motiv der Gefährdung) : 11.
18 11 3 f. (Gefiihrlichkeit der „zweiten Anklage") : 27; (der "ersten Anklage") : 27.
18 1) 7 - C 1 (Sokratesbild der „Wolken") : 131.
eine mehr, die andere minder ,historisch4 sein: Platon mag hier mehr oder
-
18 C 1 3 (Sinn der ersten Anklage: S. ist Gottesleugner) : 131.
18 C 3 (6~065) : 76 n. 17.
minder den Grundriß seines e i g e n e n Verhaltens als Philosoph zur x6hi5 17 C 4 (nohhoi xatfiyoeo~) : 14. ( n o h h X Q ~ V O V ): 28.
n a C h t r ä g 1 i c h (und apologetisch) eingezeichnet haben." 18 C 5 - 7 (Leichtgläubigkeit der Jugend) : 27 f.; 119.
55' So ist auf Grund des ,Siebten Briefs' anzunehmen, die Verallgemeinerung, k e i n 18 C 7 (E~4pqvxatqyoeoüvzeg) : 27 f.; 50.
Staat lasse einen gerechten Politiker unangetastet, entspringe einer solchen ver- 18 C 8 (nhvtwv dhoyhzatov) : 46.
tieften Erfassung des .Fallesu Sokrates.
18 d 1 - 19 C 5 (Ablehnung von Aristophanes' Sokrates-Bild): 139.
18 d 2 ((p66vcpxai G~aßohfi) : 38 f..
I. Apologie
178 Register

18 d 3 ( a h o i xexeroykvor dihhoug ~ E ~ ~ O V T :E 120.


S) 21 b 3 (6 @E&) : 76 n. 17.
18 d 5 (bvaßtß&oaaBar): 50. 21 b 3 f. ( t i aivittscar;) : 26.
-
18 d 7 e 4 (Ankündigung der Themenabfolge) : 52; 123. 21 b 6 f. (Apollon lügt nicht): 71; 83.
21 b 8 (ybyrg n&vu): 26.
18 e 1 (Rückverweisung) : 37 n. 66.
-
18 e 5 19 a 5 (Zeitniangel) : 11; 17; 125. 21 C 1 f. (&hiy&~v zb pavzeiov) : 26; 28; 72.
21 C 3 f. (6v6yan y&e oG%v 6Eop.a~hby~tv): 48.
19 a 1 f. (eingewurzelte Sraßoh$: 14 f.; 17.
19 a 2 f. (Wunsch nach Erfolg) : 13; 30; 46. 21 C 3 - 22 a 6 (Prüfung der Politiker) : 142 f.; 151.
19 a 3 (E; TL & ~ E L V O V ): 31; 174. 21 C 5 (Srah~y6p~vog adtQ) : 87.
19 a 4 f. (6taßoI.4 übermächtig) : 35 f.. 21 C 5 f. (Wissensdünkel) : 86.
-
19 a 4 7 (Motiv der Gefährdung) : 12. 21 d 1 (dnq~ftbpqv) : 27.
21 d 2 - 7 (S. gelangt zu einer Einsicht) : 125.
19 a 6 ( ö q t<T, *E@ cplhov) : 76 n. 17; 77; 162.
-
19 a 8 20 C 3 (.Widerlegungu) : 36. (- als formaler Bestandteil der Gerichtsrede) :45. 21 d 4 (xahbv x&ya@bv~i6bvaL): 89.
21 d 4 f. (Wissensdünkel) : 87 n. 55.
19 a 8 f. (Entstehung der o ~ a ß o h i:)27. (ES d e f i ~ ) 46.
:
19 b 2 (Entstehung der "zweiten Anklage") : 27. 21 d 7 (Wissen des Nichtwissens als Begründung sittlicher Haltung) : 166.
-
19 b 4 C 1 ("Erste Anklage") : 130. 21 e 4 f. (S. beharrt trotz aller Anfeindungen auf seinem Dienst) : 160.
22 a 1 - 3 SE^ y&e neds Upäs t&hqVqhbysrv) : 52.
19 b 5 f. (S. als Sophist angesehen) : 133.
-
19 C 2 5 (Sokrates-Bild der .WolkcnU) : 130. 22 a 4 ( ~ y o ü v zxasa
22 a 4 -G (<pe(>vqoe~g
r tbv B E ~ v: 88.
)
iin Sinne des Gottes gesucht) : 89.
19 C 5 (oiXi8v Enaito) : 131.
--
19 C 5 8 (Sokratrs' Stellung zur Naturforschung) : 130 f..
19 d 1 5 (&&i~ i i y ä ~6ri5aoxarv &hh$.oug) : 56.
22 a G (cpeoviyws EXELV) : 82; 159.
22 a 6 f. (6ei ~ T C L ~ E ~ & X:L48.
)

19 d 3 (brah~yophou) : 103 n. 107; 125. 22 a 6 - 8 (nhhvq um der Erkenntnis willen) : 135 f.; 157.
19 d 4 f. (Keine Unterredungen über Fragen der Naturwissenschaft) : 131. 22 a 6 - C 8 (Prüfung der Dichter) : 151.
-
19 d 5 7 (yvhoeo8e iitr rotaüt' EUTL xal tMha) :47; 56; 58. 22 a 7 f. (Lva yfi POL &vEheyn~og4 yavzeia yivowo) : 72.
-
19 d 8 20 a 8 (S. nicht Sophist) : 133. 22 b 1 (En' ~Utocphecp): 51.
..
22 b 5 ( a i o ~ u v o p a~ineiv.
~ Öpws .): 52.
19 e 5 f. (015 EEeorr uuveivar) : 103 n. 107.
20 a 2 - C 3 (Kallias-Gespräch) : 125. (Euenos als Tugendlehrer) : 134. 22 b 8 - C 4 (Die Dichter haben kein Wissen) : 138 f..
20 a 4 ( ~ @ o G E ~W & e~iv) : 103 n. 107. 22 C 5 f . (Wissensdünkel) : 87 n. 55.
20 b 4 (&PET$X O ~ L T L: 82; X ~ )150.
) 22 C 9 - e 5 (Prüfung der Handwerker) : 138.
20 b 4 - C 3 (Person des Erziehers) : 136. 22 d 2 (nohhd xai nah& En~otayEvoug): 88 n. 60.
20 b 5 (Esxbcp8at): 108 n. 123. 22 d 3 ( ~ n i u t a v z oB Eytu oUx fin~ut6pqv): 88.
20 b 9 (Epax&~wa) : 136.
22 d 4 - e 1 (Ubergriffe auf fremde Wissensgebiete) : 151.
20 C 3 ( o h Eniurapa~): 131. 22 d 6 (tE~vqv) : 88.
20 C 4 (iinoMßot Bv oliv TL$UpWv ioog) : 119. 22 d 6 - e 1 (Wissensdünkel) : 87 n. 55.
-
20 C 4 d 1 (Erklärung für das Entstehen der gegnerischen Behauptungen gesucht) : 22 d 7 (tri ybyrcrza) : 82; 89; 89 n. 62; 90 f.; 152; 175 f.. (oocphtatog): 89.
22 e 5 (Als Nichtwissender zu leben ist Gewinn) : 162.
116.
-
20 C 4 d 2 (Einwande eines [fiktiven] sachlichen Richters) : 36; 129. 22 e 6 f. ( & n 6 ~ 8 ~ L a27; ~ ) 29.
:
-
23 a 3 - b 4 (S. als naQ&6Ebypaf ü r .menschliche Weisheit"): 82 85; 168. (Keine
-
20 C 4 24 b 2 (1)ie .Erziihlung") : 26- 29. (- als formaler Bestandteil der Geridlts- 13lliopoiie): 24.
rrdcl : 45. . (Nur Gott ist weise) : 76 n. 17; 88.
23 .a. 5
20 d 2 f. ( n ~ r ~ & o o yhno6aiSa~)
at : 47.
23 a 8 (toüt' 06) : 82 n. 45:
20 d 4 (xai iow; pEv 66Sw sroiv) : 119 n. 149.
20 d 5 (E& LOTE) : 47.
23 b 1 (@E ~%a@&6Elypa -
xoro6ysvog): 167 170.
23 h 1 - 6 (Der Gott will durch S. allen Menschen Einsicht vermitteln) : 72.
20 d 6 f. ( 8 ~ofi6Bv
' Bhh' q) : 47. 23 i> 4 (oo&a) : 89.
20 d 7 - 9 (S. besitzt oocpia T L ~:) 26; 28; 159; 161. 23 b 4 - C 1 (S. opfert sich auf im Dienst des Gottes) : 83.
20 d 8 (bvffeonivq oocpia) : 89
20 d 9 f. (Rückverweisung): 37 n. 66. 23 b 5 (rbv Vebv) : 76 n. 17.
23 b 6 - C 1 ( ~ E o Ühutesia) : 72; 82; 161.
-
20 d 9 e 2 (Es gibt keine erzieherische T e d ~ n enach Art der Sophisten) : 137.
-
20 e 3 5 (Vorhengiing gegen Affekt) : 121.
23 b 7 (T@ @E@ ß0qQk') : 82.
23 b 7 - C 1 (S. lebt infolge seiner Aufgabe in Armut) : 74 f.; (harrt trotzdem in sei-
20 e 3 - 21 a 8 (Apollon als Zeuge für Sokrates' aocpia) : 26; 71; 85. nem Dienst aus) : 159.
20 e 4 (P$B o ~ u ß f i q t e:)16; 51. 23 b 8 f. (S. hatte keine Zeit für Politik) : 154.
20 e 6 (h&6xe~w;p b ~ t v g:) 50. 23 b 9 f. (tv pu& neviq) : 100.
20 e 7 f. (tbv VEOV) : 76 11. 17. 23 C 2 - 8 (Tätigkeit der ~xaxohovVoüvt~g) : 27.
-
20 e 8 2l a 2 ((ovvEq~yetqv cpvy$v rautqv) : 52. 23 C 4 f. (ihre Freude an der Elenktik) : 28. (sie kopieren S.) : 120.
21 a 3 (Charakter Chairephons): 28. (ocpoSe65): 120 n. 151. 23 C 6 f. (Wissensdünkel) : 86.
21 a 4 - 7 (Apoll-Orakel) : 161. 23 C 7 - L 3 (Motive der Gegner) : 39.
21 a 5 (Rückverweisung) : 37 n. 66. (p$ %oeuß&i?~) : 121 n. 157.
23 C 8 (Byol 6eyitovta~,o.ir~a6zoig) : 103; 107; 120.
21 b 1 f. (oxb~aofte) : 48. 23 d
-- . 1 - 7 (Oberführte reagieren mit unbegründeten Vorwürfen) : 103 f..
.
21 b 1 - 24 b 2 (Selbständige Suche) : 82.
-

23 d 3 f. ( ~ i 6aE y4 6 o x W o ~&noeeiv)
~ : 27 f..
21 b 2 - 9 (S. in Aporie): 125. (wendet sich der <4tqors zu) : 106. 23 d 4 - 9 (Vorwände - wahrer Sachverhalt) : 53.
- -
21 b 2 24 b 2 (S. prüft den Spruch Apollons auf seine Richtigkeit hin) : 71 73.
180 Register

23 d 5 ("Erste Anklage" als Erzeugnis der &&6Eha) : 27.


23 d 6 ( 6 ~ 0 6 j:)76 n. 17.
-
23 d 7 9 (Die Oberführten wollen ihre Unwissenheit nicht eingestehen) : 27. " , .
23 d 9 f. ( ( P L ~ ~U ~mL j~xaio LacpoOeoi): 27 f.; 120; 120 n. 151. 26 e 3 (VEOV)': 76 n. 17.
23 e 1 f. (EpnenhSxaoni daiv T& d t a ) : 27. 26 e 6 (Meletos unglaubwürdig) : 62.
-
23 e 3 24 a 1 (Entstehung der "zweiten Anklage") : 27. 26 e 7 - 9 (Meletos Vße~otAqxai drx6hao~oj) : 62 f.; 108.
24 a 2 - 4 (Zeitmangel; : 17. -
27 a 1 4 (Meletos als a h ~ y p aauv~hfieij): 63. (Motiv der n ~ i e a:) 108 f..
24 a 4 f. (Versicherung. die Wahrheit zu sagen) : 26 n. 56. -
27 a 1 7 (Meletos ironisch mit Zügen Sokrates' ausgestattet) : 154.
24 a 5 f. ( O ~ pEya
E O ~ T E{llxebv &oxQUly&pEvoj): 46. 27 a 3 (X~QLEVTL(O~EYOU): G3 n. 165.
24 a 6 - b 2 ( & ~ E x V E Lals~ Wahrheitsbeweis) : 31. (S. auf Kosten der Richter gelobt) : 27 a 4 f. (Geener widers~richtsich selbst) : 62.
19 f.. 27 a 7 (n~i(&oj) : 63 11: 165.
.
24 b 3 - 6 (neel pEv . :neOj OE . . .) : 48. 27 a 8 - 28 a 1 (Zweiter Teil des Gesprächs: sein Gehalt) : 61 65.
27 a 8 f. (uuvsxroxElyaaVe): 125 f..
-
24 b 5 (Meletos' Selbsicharakterisierung) : 16.
24 b 8 - C 1 (Aktuelle Anklage) : 59. 27 a 9 f. (Rückverweisung): 37 n. 66. (p4 V o p ß ~ i v:)51.
-
24 b 8 28 a 1 (Asebic und iugendverderb getrennt behandelt) : 18. 27 a 9 - b 2 (Vorbeugung gegen Affekt) : 121 n. 157.
24 b 9 ( V E O U ~:) 76 n. 17. 27 b 1 f. (S. spricht &V T@ E ~ o V O ~te6nq)
L : 125.
24 C 2 f. (Ev &xautovE ~ E ~ & o w ~ E v :) 46. 27 b 3 - 28 a 1 (Schluß von Daimonia auf Götterglauben) : 76. (Gegen die Götter-
24 C 4 - 28 a 1 (Bleletc~s-Eleitxis) : 103; 125. {M. fortwährend in Widersprüdie ver- genealogien der Dichter) : 140.
wickelt) : 141. ( E ~ ' ~ w pals ~~formaler
q Bestandteil der Gerichtsrede) : 45. 27 C 4 f. (8nexpivw find toutovl &vayxa<Op~vo~) : 63.
24 C 4 f. (Bcantworturig der Klage mit einer Gegenklage) : 59. (deren philosophischer 27 C 5 - 8 (Meletos-Zitat: S. glaubt a n Daimonia): 64; 141.
Sinn) : 68. 27 C G f. (xa& zdv obv h6yov) : 65.
24 C 4 - 25 C 4 (Erstes Gespräch mit Meletos) : 59 f.. 27 C 8 ( E i v0pif;w) : 65.
24 C 6 - 8 (Meletos stellt sich wissend in Dingen, von denen er nichts versteht) : 108. 27 d 4 ( E ~ E Q6 a i p o v a ~Ayoüpa~,Wq d cpfij) : 65.
24 C 7 (Wissensdiinkel\. --. -
27 d 4 e 3 (Art der Beweisführung) : 64.
, 8- 7- 11
--.55
.
x ~ h e & a o p a ~. .kntO~iEab): 47; 59 f.. .
27 d 8 f. (Ei 6' a6 E ~ U L V . .) : 65.
24 C 8 f. ( 6 5 66 roüto &wj EXEL,
24 C 9 (xai pol ~ E ~ Q & hfEhqta,
O, ~ i n E:)60. 27 d 8 - e 3 (6poioj äv ätonov E L &UZE@ ~ .. ..
+E! ZLS fiyoito. , . 8 & pfi Lrjyoi~o): 49.
24 d 3 - 10 (Drr I i e n x r des Jugendverderbers muW audi den wahren Erzieher 27 e 3 - 5 (Meletos hat aus Aporie geklagt) : 109.
-
27 e 3 28 a 1 (Widersprüche erweisen Meletos' Unwissenheit) : 64.
kennen) : 87.
24 d 4 (8.rii.o~y d 6th ~ ckVa, pEhov yE UOL) : 108.
-
28 a 2 34 b 5 (EhsyS~gtoü ßiov als formaler Bestandteil der Gerichtsrede) : 45. (Un-
gewöhnlicher Umfang) : 123.
24 d 5 - 8 (Meletos versteht nichts von Jugenderziehung) : 59. ..
28 a 2 - 6 (W5 pEv . . :ö 6E .) : 48.
.
24 d 7 f. ( 6 ~ 1 5W, ME)ili~,6th o ~ y ä j . .) : 60. 28 a 2 - 8 (S. als Opfer der G~aßohfi): 17 f..
24 d 7 - 9 (M. unwissend in Jugenderziehung) : 87 n. 55; 141. ( a i o ~ ~ 6 v108. ): 28 a 2 - b 2 (Aussichtslosigkeit der Lage) : 11.
24 d 11 (hIeletos: Die Gesetze erziehen) : 141. 28 a 4 f. (Rückverweisung) : 37 n. 66.
25 a 13 - C 1 (Nicht dir Vielen erziehen, sondern der eine Fachmann) : 137; 152; 168. 28 a 4 - 8 (Verurteilung eine Folge der &nC~Vaha) : 27.
25 b 4 (Euvneg avvci>o~) : 103 n. 107. 28 a G (Versicherung, die Wahrheit zu sagen) :26 n. 56. (ESi a z ~:)47.
25 C 1 - 4 (izavoj EnlG-,ixvuoa~ t(v aautoü hpEhetav) : 60; 87 n. 55. 28 a 6 - b 2 (Voraussichtliche Wirkung der Oiaßohfi als Ausdruck einer GesetzmBßig-
-
25 C 5 26 a 7 (Zweites hleletos-Gespräch) : 60 f.; (Niemand tut wissentlich Böses) : keit) : 29; 147 f..
68. 28 a 7 f . (Verurteilung als Wirkung der .ersten Anklage") : 12; 16.
25 C 7 - 9 (Gute tun ihren Nächsten Gutes, Böse Böses) : 96. 28 b 3 (Lowj äv o6v E ~ O TL$) L : 119 n. 149.
25 d 1 (bnd t 6 v ouv6vtwv) : 103 n. 107. .
28 b 9 - C 2 (rpaühot y&q Bv T@ U@ h6yq E ~ E V . .) : 53.
25 d 1 f. (Niemand will von seinen i t a i e o ~lieber Schaden als Nutzen) : 90. -
28 b 9 d 5 (Der homerische Achill als Vorbild): 127; 141; 160; 168. (Paradeigma
25 d 2 f. (6 v6po; x ~ h e &noxeiveoi+at)
h : 60. aus der Dichtung) : 53.
25 d 8 - e 3 ( ~ o ( P h t E eEI0 ~tqhhxo6~0v6vroj T ~ ~ L X ~ U&OV .E. .): 61; 157. 28 C 5 ( V E B ~obaa) : 76 n. 17.
25 e 1 - 6 (ei; t o a o ü r o ~r*paViaj ijxw;) : 61. 28 d 6 (Versicherung, die Wahrheit zu sagen) : 26 n. 56.
25 e 2 f. (Verderbte scbädigen den Verderber) : 90. 28 d 6 - 31 C 3 (,Mittec' der Apologie) : 124.
25 e G f. (i) 04 8~ncpi)~ipoUxwv) : 61; 68; 90. 28 d 10 - e 4 (Sokrates' Beteiligung an Feldzügen) : 142.
26 a 1 - 4 (Den Felilen'len belehren, nicht verfolgenl) : 91. -
28 d 10 29 a 1 ( ~ E L V & Bv ~ i q v~LeyaayCvog,~t özi: pEv
~ E L gestellt)
C
. .. TOÜ 66.. .) : 49. (S. in
26 a 2 - 7 (Vorwurf ungesetzlichen Handelns): 61. : 53: 173.
26 a 4 (S. bereit, sich a if Belehrung hin umzustellen) : 158. 28 e 1 (&~ij) : 54.'
26 a 5 (uuyy~vEaVa~ ~ O I :) 103 n. 107. 28 e 1 - 4 (S. hat in der T&& standgehalten) : 152.
-
26 a 8 - 28 a 1 (Drittes hleletos-Gespräch) : 61 65; 140 n. 216. 28 e 1- 29 b 9 (Frömmigkeit bedeutet Tun des Rechten) : 76 f..
26 a 8 - 27 a 7 (Erstcr Teil des Gesprächs; sein Gehalt) : 61. 28 e 4 IVEOÜ t&ttovto<): 26; 28; 76 n. 17; 161.
26 a 8 - b 3 (Beweisziel des Gesprächs) : 61. 28 e 4 6 (S. prüft alle im Auftrag des Gottes) : 72.
26 b 4 ( 8 ~ 0j) 6 : 76 n. 17. 28 e 5 (S. nluß philosophieren) : 73; 85; 151; 169.
26 C 2 (8~06;): 76 n. 17 29 a 3 (6~065) : 76 n. 17.
26 C 7 - d 5 (S. als Gottesleugner): 131. 29 a 4 - 6 (Wissensdünkel gegenüber dem Tod) : 86.
26 d 1 - 3 (S. erkennt ~ ~ t t l i c h k evon i t Sonne und Mond an) : 132. -
29 a 7 b 2 (Niemand weiß. ob der Tod ein Ubel ist) : 44.
26 d 2 (V~oijj) : 76 n. 17.
182 Register I. Apologie 183
29 b 6 f. (Was ein a i o ~ e 6 vist, weiß S.) : 83. 31 d 2 - 32 a 3 (ainov für Eintreten des Daimonions) : 158.
29 b 9 - d G (Verhalten in1 Fall des Freispruchs) : 15; 160. 31 d 3 I<novhzic- YLYYOWEVTI)
. . . .,: 73.
29 C 3 - 5 (S. als Jugendverderber) : 16. 31 d G (&i : 47.
29 d 3 f. (S. gehorcht Gott mehr als den Menschen) : 76 n. 17; 77; 161. 31 d 6 - e 1 (Politische Betätigung hätte S. längst vernichtet) : 146; 154. (S. hat durch
29 d 4 f. (06 { i q na6nci)ya~qxhoaotpWv) : 106; 159. sein Weiterleben genützq : 73; 97.
29 d 5 - 8 (n6Aeoq tri; peyiazqs) : 150. 31 C 1 (Vorbeugung gegen AEekt) : 16; 121. (hkyovz~z & h q q ): 26 n. 56. (Wahrheit
29 d G ( Ö t q Üv hei Evzvy~&vw) : 103 n. 107. bewirkt &nEx@&~u): 36. (S. sagt die Wahrheit auch wenn es nicht opportun
29 d G - 30 n 2 (~t~rclisclinittsges~~riich mit eirixn Athener) : 94; 125. ist): 31.
29 d 7 ('ADqvaio; &V): 96. -
31 C 2 32 a 3 (AngrifT auf Athen) : 68. (Athenischer Staat an der Norm des Gixalov
-
29 e 1 - 30 a 2 (Sorge um q&vqa~g, &hfigeLa,WXG, &@E?$ : 82; 92 100; 106. gemessen) : 32. (S. als Gerechter): 30. (Im derzeitigen Staat keine politische Be-
29 e 2 (rq; Vvxqs Öntus 615 ß ~ h r i o r qEaza~): 82. tätigung möglich. - Funktion der These) : 22. (Form der These) : 144 f..
29 e 5 f. (Wissensdünkel) : 87 n. 55. 32 a 2 (iS~wtefie~v) : 146; 146 n. 234; 154. (bhiyov ~ e b v o v:)147.
29 e 5 - 30 a 2 (Angriff auf falsche Wertordnung) : 95; 98. 32 a 4 (uev&hacexuhora) : 23: 51.
30 a 3 ( Ö q Bv Evzvyx&vw): 103 n. 107. 32 a 4 f: (?hyor - $&G) :'54. '
30 a 3 f. (S. beschäftigt sich vorzugsweise mit Einheimischen) : 135; 142; 150. 32 a 4 - e 1 (S. als Gerechter): 30. (Bewährung - Sokrates': Funktion der Selbst-
30 a 5 - 7 (Sokrates' Dienst an der Stadt als gröfites Gut) : 75; 142; 152. darstell~ng) -
: 21 24; 161:
30 a 6 f. (S. in] Dienst des Gottes) : 82. 32 a 5 f. ( h a E ~ G ~ ö t ~E:)47.
~T
30 a 7 - 1) 2 (Seclr geht vor Körper und Besitz) : 98. 32 a G f. (S. gibt nicht widerrechtlich nach) : 160.
30 a 8 (neibtov): 94. 32 a 8 (Vorbeugung gegen Affekt): 121 n. 157. (O~?tavtx&,&hqfJ~ 66) : 19 n. 47; 31; 36.
30 b 2 - 4 (Aus 'hgend Geld usw., nicht umgekehrt) : 83; 99 f.. (Wertordnung) : 149. 32 a 8 - C 3 (Sokrates' Erfahrungen mit der attischen Demokratie): 143; 156; 159.
30 C 1 (S. beharrt, auch wenn er viele Tode steiben müßte) : 160. 32 a 9 - C 3 (S. auf Kosten der Gesamtbürgerschaft gelobt) : 20.
30 C 2 (pfi h e i i ß ~ i t &: 16;
) 51. 32 b 4 (naeav6pws) : 172.
30 C 2 f. (Vor1)eiigring gegen Affekt) : 121 n. 157. (Rückverweisung): 37 n. 66. 32 b 7 f. (bpojv xehau6v~ov): 54.
30 C 4 (6v4oeoO~&xofiovzeg):97; 117. ..
32 b 8 - C 2 (&qv pUhhOv pe Oeiv .) : 54.
-
30 c G d 1 (Verurtcilung schädigt die Polis, n cht Sokrates) : 19; 69; 97. -
32 b 8 c 3 (S. als Gerechter) : 30. (Richter nach Norm des Gixatov beurteilt) : 32.
30 c 7 - 32 a 3 (uir~ov fiir gelegentlidies Eintre-en des Daimonions) : 74. 32 C 3 - e 1 (Sokrates' Erfahrungen mit der attischen Oligarchie) : 143; 156.
30 c 8 - d 1 (ob O E ~ C T O V: )98. 32 C 7 f. (ßovh6pevo~Os nheiacoug dvanhrjaa~atz&v) : 54.
30 C 9 f. (Gegenüberstellung Upeivwv - ~ e i p w vevfie) : 38; 151. (S. als bpivwv bvne) : 32 d 4 (ofix E&hhq@v) : 115 n. 139; 158.
19 f.; 127. 32 e 1 (nohhoi p&ptuees): 50.
30 d 1 - 5 (Berichtigung der dikanischen Auffassung vom xaxOv) : 69; 97. (Tapfer- 32 e 2 - 33 a 1 {Sokrates' Erfahrungen mit der Politik von einer Gesetzlichkeit be-
keit angesichts von Drohungen) : 160. stimmt) : 23.
30 d 4 f. (&Sixwc&noxasiv.tiva~) : 20; 38 f.; 165. 33 a 1 - 3 (S. sein ganzes Leben lang gerecht) : 152.
30 d 6 - e 1 (Verteidigung irn Staatsinteresse) : 18; 43. 33 a 1 - b 8 (S. für Entwicklung der ouvbvcsg nicht verantwortlich) : 135. (Dikanische
30 d 7 f. (Tötung Sokrates' als Verfehlung gegen die Gottheit): 19; 76 n. 17; 97. Einkleidung eines philosophischen Gedankengangs) : 70.
30 e 1 - 31 a 7 (S. nahezu unersetzlich) : 19; 15.3; 169. (S. will die Richter vor Frevel 33 a 3 f. (S. hat nie gegen das Recht nachgegeben) : 161.
und Torheit bewahren) : 117. 33 a 6 f. (zd Eavzoü ne&zzovtog): 152 n. 250.
-
30 e 3 31 a 1 (S. als Erwecker der Polis) : 68; 72; 104; 149. 33 a 6 - 8 (S. wendet sich a n jung und alt) : 134.
30 r 5 (Py~igenitnc) : 137 f.. 33 n 8 f. (S~ahkyeu6a~ mil arm und reich) : 103 n. 107; 125.
30 e 7 ( l y e i p w xni n~iitwvxai Av~iSi<wv) : 94; 102. (Eva Exaa~ov): 103 n. 107. -
33 a 8 1) 3 (S. ninimt kein Geld für seine Tätigkeit) : 134.
31 a 3 (S. wiinwht Frcisprudi): 30. 33 b 5 f. IS. :lehrt" nicht) : 135.
-
31 a 5 7 (xa8~fi60vresS~atehoite&V): 41 f.; 69; 98. 33 b 6 f. (s. nicht exklusid) : 134.
31 a 6 f. ( h D~bc): 76 n. 17. 33 b 7 (SV iaze) : 47.
c
31 a 7 - 3 (s.'"erzichtet auf Gelderwerb) : 141; 159. (Denkweise der Gerichtsrede 33 b 9 f. (PET' Epoü B ~ a t ~ i ß o v z:e103
~ ) n. 107.
durchbroclien) : 67. 33 C 1f. (Versicherung, die Wahrheit gesagt zu haben) : 26 n. 56. (Rückverweisung) :
31 b 1 - C 2 (Sokrates' Dienst uneigennützig, nicht .verniinftigU): 19; 75. 37 n. 66.
31 b 2 f . (td 66 ilpit~eovne&trwv &ei): 152. 33 C 2 - 4 (04%&q6kg):28; 120.
31 b 4 (i6iq Ex&utcpngoos6vta) : 103 n. 107. 33 C 4 (Rückverweisung) : 37 n. 66.
31 b 5 (kncpeh~iabal&getq;) : 94; 162. 33 C 5 (tofi ~ E o Ü ): 76 n. 17. (Ex pavzeiwv xai ES Evunviwv) : 79.
.
31 b 5 - C 2 ( ~@i V .. .' VÜV SE . .) : 50. 33 C 6 ( M a poiea wendet sich auf jede Weise an S.) : 79.
31 b 7 (h6yov): 142. 33 C 7 f. (Versicherung, die Wahrheit zu sagen) : 26 n. 56.
31 b 7 f. (vüv SE O ~ ä r e671 xai abtoi ö t ~:)54. 33 C 7 - 34 a 4 (Angabe potentieller Zeugen gegen S.): 57.
31 b 7 - C 2 (Grenze m6glicfier Unverschämtheif 1 : 54. -
33 C 8 34 b 1 (Das im Sinn der Anklage zu Erwartende tritt nicht ein) : 55.
31 b 8 (&va~q&tw;): 38 f.. 33 C 8 - 34 b 5 (S. hat Anhängerkreis: potentielle Politiker der Zukunft) : 154.
31 C 2 f. ( n a e ß ~ o p atbv~ p&ervea): 49. 33 e 2 - 34 a 2 (Unter den Anwesenden: Aischines, Apollodoros, Adeimantos, Pla.
31 C 4 (bwg Uv oVv bO@iev fiaonov e b a i ) : 119. ton): 156.
-
31 C 4 7 (Vorwurf mangelnder politischer Betltigung) : 21. 34 a 4 f. (vüv xaeaa~Ecs9w): 57.
34 a 6 - b 1 (näv ~othavzioveS@S<reze) : 57.
31 C 8 f. (611 uoi 6ei6v TL xai O U L ~ ~ V L Oyiyveta~)
V : 73.
-
31 C 8 d 4 (Daimonion von Meletos mißverstanden) : 64 f.. 34 a 7 (ßoq6Eiv): 96.
34 b 1- 5 (Entkräftung eines Einwands) : 57 f..
31 d 2 f. (Ex naiSbg U&&psvov) : 156.
Register

34 h 6 f. (xai 6hha io(o; ~ o c a ü t a:)55.


31 h 6 - 35 tf 8 (o!xto: als fornialer Bestandteil der Gerichtsrede) : 45. (Ablehnung 37a7-b2 (ei4v ... .vOv8E ...):5O.
des oir.to:i : 33 - 35. 37 b 2 - 38 a 6 (Berichtigung der dikanischen Auffassung vom xax6v) : 69 f..
34 I) 7 - d 1 (Verstimmung der Richter wegen Ableliriung des oixzog) : 35 f.. 37 b 5 - e 2 (Abwägung von ScheinÜbeln gegen wahre Ubel) : 160.
34 b 7 - d 3 (Vorl~engunggegen Affekt): 121. 37 13 6 f . [Der Tod - ein ?tax6v?) : 44.
34 C 4 (&vnß~ßanrhevoc) : 50. 37 5 ?ichSyh@a v POL) : 119 n.'149.
34 C 5 - 7 (S.'trotz Gefzir nicht zu olxroc. bereit) : 160. 37 c 5 - 7 (Selbstliebe als Behinderung des hoyi\ea8ac) : 110; 158 f..
34 r 7 - d 3 (Fi 81j TL; f i t t 6 ~OÜTCUS EXEL . . .) : 55. 2 7 d 7 - e.2-1 x 8 & .
~ n ~ h a h f w . .. &&V fik .WI). & ~ ~ h d v w.) .: .61.
-
3 1 C 8 d 1 (6gy~dOeic) : 16. 37 e 3 ( i o o s o5v äv trg einer) : 119 n. 149.
38 a 1 (4uuxiav äyetv) : 146 n. 234. (06 neicreabl yor (5s ~ i ~ w v e v o y C:v119 ~ ) n. 149.
31 d 2 (Sokratcs' Verteidigiingsweise ist gerecht): 30.
31 d 3 - 8 ( A l ~ l c l i n ~ ndes g otxroq: die pcrsöriliclie SpliRre soll zurücktreten): 21. 38 a 2 - 6 (Größtes Gnt: Über &@stfizu sprechen) : 76; 97.
34 d 9 f. (06%u<ltuhiti~~evo; oi18' i y ä g & T L ~ & ~ I O V )17;
: 36; 119 n. 149. 38 a 3 (Gespräche ne@i&@etqg) : 125. (toug hbyovg noreicr8ut) 103 n. 107.
34 r 1 f ( A i i s ~ d i l i teiner
l~ in(li\ iduell-persö~ilidierihlotivierurig) : 157 F.. 38 a 5 f. (6 6' &vsEEtaotoc: ßiog 06 ßrwtbg ~ ~ ~ V Q ~ I J C Q 66;I ) : 73; 106; 127; 162.
34 e 2 - 35 a 1 (8iiCu alq Verpflichtung): 33; 96. 38 a 7 (~krsicher&g, die Wahrheit zu sagen) : 26 11.56.
34 e 2 - 35 (1 5 (Ilandelri durch xahbv fiixaiov Öo~ovbestimmt) : 96. 38 a 8 - b 5 (Strafantrag Sokrates') : 43. (Geldbuße kein S d ~ a d e r i:) 69; 100. Para-
34 e 5 f. ( 8 ~ n ~ i g eriovv nohh6v &v6@<onwv) : 169. doxie dieser ~ e s t s t & u n g ): 127.
35 a 1 - 1) 8 (.\iich tlit, Athrner sollen sicli durch ihre 6bEa vcrpfliditet fühlen): . . .
38 b 1 - 4 (ei piv $V . . YÜV 66 . .) : 50.
33 - 35: 67. 38 b 6 (,Schüler" und Freunde treten für S. ein) : 43.
35 a 4 (xohAilx~;6 i ) ~ a r . htrvag Otav xgivtovtat) : 120. 38 C 1 - 3 (ßovhOpevo~hot60Qeiv): 50.
35 b 3 - 8 (Aiiff»rdernrig. f u r S. zu stimmen) : 34. 38 c 1 - d 2 (Vorwürfe f ü r die Richter, die S. verurteilten) : 42.
35 b 9 (bixuiov) : 161. 38 C 6 f. (nb&o TOU ßiou) : 171.
35 r 2 - 5 (Norrii (Irr (~rrreliligkeitf ü r Richter verhindlidi) : 33; 147. 38 d 3 (icrwg PE O ~ E O ~ :E 119 ) n. 149.
35 r 4 f. (6itti)ttoxev 81zira~tvXUT& t o 6 V~~ L L O U ; ) : 50. 38 d 3 - 39 b 6 (Verzicht auf Wirkiiiig durch dikaiiiscl~eHlielorik) : 35; 160.
35 r 5 - d 2 (S. auf Koiteri der Richter gelobl) : lq f.. 38 d 3 - 39 b 8 (Sokrates' Verteidigungsweise war richtig) : 159. (Grund des Unter-
3 r 5 - d 8 (Frtininiigkcit zieht Ttin des Rechten nach sich): 76 - 78; (S. richtet sicli l i e g e n ~:)31; 59; 161.
nach ~Irrii6n1ovl 161. 38 d 8 (VBrota Uxo6srv) : 20; 116 f..
3,; ii - tl 2 (Sorili 11c.s x n 1 . h ~ fiixaiov fio~ov): 20; 32 - 36. (Sokrates' Vcrtcidigiings- 38 d 9 f. (U~qvoüvzbgt E pou xai OGupopCvou): 31.
weise ist g r r c d i t ) : 30. 38 e 3 - 39 b 8 (oüte vüv yor yezapEher) : 4 4
35 d 3 (Oeoiici : 76 11. 17. 38 e 5 - 39 b 6 (Wahrhaft zu fürchten: novqpla) : 160.
35 d 5 (OEOB:) : 76 n. 17. 39 a 6 - b 1 (Gegner von xaxia eingeliolt) : 165.
35 d 6 f. (voiiitm rbc ordei; rGv EIL& x a t q y 6 ~ w v l 38; : 76; 76 n. 16; 81. 39 b 2 - 6 (Gegner der p o ~ 6 q ~und i a UGrxia schuldig) : 42; 98.
35 (1 7 (iwiv) . .*) 4 . ( T @ ihc:)) : 76 11. 17. 39 1) 5 f. (imb t q 5 ixhq6eia;) : 39.
35 (1 7 f (I'rlvil 111.nI l i i l i t ( ~r i nnd Gott anliei~ngcslelli): 33; 80; 1172. (Epoi TE äpruza 39 1) 7 (oütwg Ebet U X E ~ V :) 170.
zni h i v ) : 174. 39 b 7 f. (otyar a 6 t d yezeiws EXELV) : 162.
35 n 1 - 3 ( ~. .i. , uiop$v 2 v eiq) : 49. 39 C 1 - d 3 (Weissagung Sokrates') : 171 f..
35 a 1 - h 3 (Rrrch:inic~ndesVerhalten Athenischer Biirger vor Grridit): 96; 142. 39 c 3 - 6 ( t ~ y w ~ i 6piv a v @,ELV) : 42; 91.
3.5 r 1 - 36 a t (Gclasscritieit 11ei Schnldigsprrchung): 161. 39 C 8 - d 3 (,,Strafea: nichr Elenkliker): 91.
36 a 2 (oI"x &\df.niotov): 27: 57 f.: 121 ri. 155. 39 d 3 - 8 (xahhiutq h a h h a y f i : Besserung seiner selbst) : 91; 109.
39 d 4 ( ~ Y E L ~ ~ ~ :E 102.
L Y )
39 e 1 (&V 6rahe~beiqv): 103 11. 107; 126 n. 172.
a 7 - 11 2 (Invektive gegen Rleletos) : 58. 30 e 5 - 40 a 2 (byiv (5s cpiho~gouorv) : 122; 165.
1) 3 - 37 a 1 (Arisprndi anf I h n k ) : 41; 43. 40 a 2 f. (Richter nach Norm des fibarov beurteilt) : 32; 42.
1, 5 - c 1 ($. \cwirhlel auf Geldgeschiifte usw.) : 152. 40 a 4 (4 ~iofhia pavzrxfi) : 79.
i2 - 4 (Soltrates' \Virkwnikeit als Öcpehoi fiir die Polis): 69. 40 a 4 - 41 b 6 (Schweigen des Daimonions) : 44.
1. 3 (i8iq i+rintov [(:)V F ~ ' T ( ) Y F T F ~ V :) 103 il. 107. 40 11 1 (26 zoü ~ E O Üaqyeiov) : 73.
36 r 1 ( t t ~ y i n r q vF ~ ~ F ~ Y F :~153
I ~ f..
V )
40 11 6 - 41 C 7 (u'i-c~ovf ü r Schweigexi des Dairnoiiioris) : 74; 158.
3 6 c 5 - t l 1 (Sorge fiir sich srll)st, den Staat selI,st, dir andcrn Dinge selbst): 69; 40 h 7 f. (Tod als &yabbv): 163. (Ebenso Sokrntes' Sdiicksal) : 73.
--.
101 f . -1 -1 -1 -
36 r 6 (tnvroi, tnyieh~inßat): 116: 162.
40 b 7 - C 1 (S. gelangt zu einer neuen Erkenntnis) : 158.
40 c 1 - 3 (pEya -cexyq@iov): 55.
36 r 6 f. XI, (b; ß6>.~1~70g c p @ ~ v t p d ) t . ~Eoo~zo) -- c- 3- (&vaVi>v)
40 - : 73.
t ~ ; : 82; 111 ; 116. , - 0 -

40 C 7 (xazd z& heybpeva) : 164.


36 C 8 (rr6F.1g uFrfi) : 148; 155.
36 (1 1 - 37 a 1 (hvri~i!iq<~~:: Speisung ini Prytnneioiit : 127; 153. 40 C 9 - e 4 (Tod als trauinloser Schlaf) : 163.
36 (1 9 f. ( O l p i ~ p i s c l i ~Sieger
r macht scheinbar gliiiklich, S. wirklich) : 112; 155; 166. 40 e 4 - 41 c 7 (Fortleben der Seele im Hades) : 78 f.; 164 - 167. (Die Hades-Vor-
stellungen d e r Dichter) : 141.
37 a 2 (iow; ofiv il~tivnaganLqoitog Gox6 hEye~v): 119.
40 e 5 f. ( E i i h q ~ lEcmv
j 'C& hey6peva) : 164.
37 a 2 f. (Rücliverweisunji!: 37 n. 66.
37 a 5 f. (nEne~o!iuLh b v eivat pqsEva UGrxeiv) : 68; 90. 41 a 6 (ovyyevEoOar) : 103 n. 107.
37 a 5 - 7 (Es fehlt Zeit zum 8iahEyeoBai) : 68; 103 n. 107. 41 a 6 - c 7 (S. im Hades als Elenktiker) : 106.
37 a 5 - b 2 (Die Zeit war fiir wirksnrne Verteidigiing zu kurz) : 126. 41 a 8 ( ~zaüt' i Eotrv Uhq6q) : 164.
3 i a 7 - 112 (Kritik aiii brstrlieiideii Gesetz): 17; 145 n. 232. 41 c 2 f. (6ruh8yso6at) : 103 ri. 107; 125.
41 c 3 (ovveiva~) : 103 11. 107.
Rcgisttr 11. Sonstige Schriften 193

31,6: 62 n. 162. 13: 53.


. ~
32: 10 E.:37 n. 67. 23: 49 n. 108. 24: 48 n. 107. 26: 52 n. 128; 25 n. 55.
18, 1: 10 n. 3; 3 1 11. 62. 2 f.: 10 n. 5. 3 : 62 n. 163. 5: 15 n. 30; 46. 9: 51 n . 124; 52 n. 33,3: 61 n. 158. 4: 47 n. 102. 20: 50 n . 118.33: 50 n. 118. 35: 48 n. 107.
126. 10: 56. 14: 50 n. 116. 15: 62 n. 159. 17: 46 f.. 24: 15 11. 26. 25: 19 11. 46. 50: 34, 1: 10 n. 3; 51 11. 124. 5: 48 n. 104. 16: G1 11. 156. 19: 63 n. 167. 36: 50 n. 116;
56 11. 110. 51: 61 n. lT>G.56: 46; 46 n. 915. 51): 02 11. 159. 76: 55 n. 139; 57 11. 145. 62 11. 161. 43: 49 n. 108. 45: 50 n. 115. 50 f.: 53 n. 130.
SR: I!) 11. Ifi. 94: 19 n. 46. 99: 53 n. 130. 112: 57 n. 145. 113: 53 n. 130. 118: 47 3 5 , 2 : 38 n . 75; 48 n. 103. 5: 38 n. 75. 8: 48 n. 103. 28: 46 n. 91. 41: 12 n. 16. 46:
n . 99. 119: 38 n. 74 f.. 124 f.: 18 n. 4 1. 126: 48 ri. 103. 132: 54 n. 135. 132 - 135: 3811. 75. 47: 4 9 n . 111. 54: 1811.41; 37n.66.
23 rl. 53. 138: 32 11.60. 150: 57. 353: 47 11.99; 50 11. 116. 156: 47 n. 99; 53 11. 129. 36,2G: 50 11. 115. 42: 37 n. 66. 52: 63 n. 164. 57: 41 n. 84. 60: 1611.33. 61: 33 n. 61.
159: 32 11. 60. 160: 40 11. 110. 183: 34 11. 62. 197: 19 11. 46. 206: 50 n . 1J(;; 53. 37,3: 51 n . 124. 5: 11 n. 11. 21: 47 n. OG. 23: 37 n. 66. 39: 47 n. 102. 47: 17 n. 35.
207: 18 n. 41. 218: 47 n. 99. 222: 58 11. 150. 223: 37 n. 65. 229: 47 n. 102. 240: 51: 62 n. 159. 55: 25 n. 55; 52 n. 128. 56: 55 n. 141. 58 f.: 51 n. 123. 66: 15 n. 30.
20 11. 48. 249: 63 11. 167. 250: 58 11. 150. 264: 55 11. 140. 268 f.: 22 11. 52. 275: 16 38.2: 10 n. 3: 51 n. 124. 12: 64 11.169. 17: 47 n. 99. 18: 49 n. 108. 27: 34 n. 63. 28:
n. 33; 66 11. 172. 277: 12. 293: 55 n. 139. 305: 47 11. 99.
1 9 , l : I o n . 1;: 31 n. 59. 20: GO. 32: 57 n. 145. 51: 67 11.176. 57: 5 7 n . 145. 88: 6211.
159. 92: 62 11. 159. 95: 15. 100: I 5 11. 30 101: 24 11. 54. 105: 15 11. 113: 51 11.
122. 11.;: 04. 118: 1511.27. 120: 6011. 1115. 122: 51 11. 122. 126: 6311. If54. 132:
49 11. 110. 133: ,12 11.86. 138: 64 n. 169. 172: 20 11. 48. S 73: 61 11. 156. 175: G:< 11.
161. 179: 5011. 115. 199: 3811. 72. 201: 66; 6611. 172. 203: 6611. 172. 212: 31 n.
5 7 . 21Rf.: 62ri. 159. 217: 1311. 19. 220: 1911.42; 4211.85. 224ff.: 3 2 n . 6 0 .
22i: 19 11. 47. 229: 34 n. 62; 42 11. 86. 232: 24 n. 51. 243: 34 n. 62. 243 f.: 64.
244 f . : 14 11. 25. 346: 59 n. 153. 247: 48 n. 104. 248 ff.: 62 n. 159. 269: 15 11.30.
26!1 ff.: 14 11. 22. 277: .52 n. 127. 283: 63. 284: 32 11. 60. 296: 22 11. 51. 310: 34 11.
63: 50 11. 110. 31 1 : 31 11. 59. 312: 10 11. 4. 340: 38 11. 75. 343: 24 11. 54; 42 n. 86.
20.3: GO. 9: 4911. 110. 10: 3 4 n . 6 2 ; 4211.86. 11: 4711. 101. 12: 4911. 108. 37: 50. 100.71:50.72:62n.161.81:10n.7.84:31n.59.
39: 22 ri. 51. 53: .54. 62: 49 11. 110. 64: 2 11.54. 71: 49 n. 110. 75: 64 n. 168. 88: 44,3: 2611.56. 5: 48 n. 103. 51: 49 n. 108; 62 n. 162. GO: 48 n. 107.
47 11. 100. 113: 20 11. 56; 62 11. 159. 118: 50. 125: 59 11. 153. 141: 34 11. 62. 147: 45, 1: 10 n. 7. 2: 47 n. 100. 4: 25 n. 55; 52 n. 128. 12: 50 n. 116. 42: 62 n. 162. 44:
-49 11. 109. 154: 3 i n. 70. 157: 38 n. 75; 42 n. 86. 1 1 n 1 1 . I 6 n. 33. 47: 68 11. 179. 50: 15 n. 30; 33 n. 61; 50; 62 n. 159. 70: 16 n.
21. -1: 51 11. 122. 5 f.: 10 n. 7. 7 f.: 10 11.G. 8 : 18 11. 41. 12: 47 n . 96. 18: 55 n. 141;
6211. 163. 19: 3811. 72, 73 U. 75. 24: IGn. 33. 27: 3111. 58. 34ff.: 3311.
GI. 40: 18 11. 41. -12: 50 n. 115; 68 n. 178. 4.5: 18 n. 41. 46: 10 n. 4. 70: 31 n. 59.
70: 24 11.5-4. 81: 50 11. 118. 91: 32 11.60. 95 f.: 38 11.72. 96: 54 n. 137. 99: 34 11.
63. 104: 18 11.41. 110: 59 n. 153. 120: 7,311. 180. 120f.: 2 0 n . 48. 123: 10 11. 4.
127: 18 11.41. 132: 14 11.25. 134: G1 n. 137. 148: 19 11.42. 150: 38 n. 74. 174:
63 11. I 6 i . I91 f . : 66. 210: 53.
22, 3 : 5S 11. 150. 4: 61 11. 167. 5: 66. 12: 47 I?. 102. 32: 63 11. 16.1. 39: 31 11.57. 44: n. 67.
47 n. 100. I(;: 55; 62 11. 159. 47: 38 n. 72; 63 11. 1li4. 56: I 5 11. 30. 6:i: 47 11. 100. 50, 1: 18 n. 41. 2: 51 n. 124; 57 11. 145. 3: 51 n. 122; 47 n. 99; 56 n. 142. 21: 47 n. 99.
GI-: 31 11. (;I. 6.5: 51. 69: 37 11. 65. 72: 48 11. 104. 78: 32 11. 60. 92: 11 11. 11. 29: 50 n. 114. 45: 47 n. 99. 64: 41 n. 84. 64 E.: 18 n. 41. 65: 62 n. 161. GG: 47.
23, 5: 12 11. 16. 19: 31 11.59; 52; 66. 63: 55 11. 140. 64: 37 11. 65. 82: 66 11. 171. 87: 5 1 , l : 50 n. 116; 51 n. 122. 2: 31 n , 57; 45 n. 90. 9: 34 n. 62; 42 n. 86. 15: 32 n . 60.
66. 92: 16 n. 33. 97: 68 n . 178. 101: 5011. I l 5 . 109: 9.411. fi2; 42 11. 86. 11 1: 66 11. 17: 62 n. 162. 19: 11 n. 11. 21: 32 n. GO.
171. 1.31;: 7 0 11. 1SO. 13s: 47 11. 102. 140: 454 11. 110. 143: 49 11. 108. 144: 49 11. 112. 5 2 , l : 10 n. 6. 23: 52.23 f.: 55 n. 139. 27: 55 n. 139; 64. 33: 31 n. 59.
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187: 25 rl. 55; 37 11.65; 52 11. 128. 191: 16 11. 33. 204 E.:32 n. 60.
- 2: 10 n. 5. 15: 64 n. 168. 32: 57 n. 147. 38: 46 n. 91. 42: 10 n. 4. 43: 34 n. 63. 44:
54-7
24. 6: 14 11. 35: 38 11. 74 f . . 8 : 13 11.20. 11: 41>. 31 f.: 49 11. 108. 32: 47 n. 102. 49: 22 n. 52; 68 n. 179.
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31 11. (i?. 172: 54 n. 1Bfi. 181: 63 11. 164. 18;: 55 n. 140. 188: 50 ii. 115; 61 11. 157. 56,2: 63 n. 167. 31: 15 n. 28. 44: 1 8 n . 41; 49. 47: 50 n. 116.
1 % ~ : 1t; I1 33. 19:): 3 7 11. G7; 47 11. 97. 20i: .47 11. 102. 210: 48 11. 103. 210 f.: 34;
57, 1 f.: 10 11.5; 25 11.56. 2: 13 n. 20. 6: 50 n. 116. 8: 37 n . 68. 24 f.: 57 11. 147. 47:
I? 11.Nfi. 212 f . : 53 n. 132. 218: 10 11. 4 . 49 11. 108. 50: 49 n. 112; 51. 56: 63 n. 167. 59: 46 11.93. 61: 57. 64: 61 n. 156.
25, 6: 34 11. 62. 13: 25 11. 55. 52 11. 128. 13 f.: 32 11.GO. 20 ff.: 22 n. 51. 32: 38 11. 75. 69: 31 n. 57. 70: 42 n. 85.
42: 54 ii. 13;). $3: 55. :>2: 3 i 11. 70; 38 11. 74. 55: 63 11. lG4. 62: G3 11. 164. ($3:
58,3: 10 n. 6; 46. 4 ff.: 52 n. 128. 7: 52 n. 125. 10: 47 n. 100. 23: 15 n. 30; 62 n. 159.
38 n. 74. 7 l : 39 t i . 80. 81: 34 11. 63. 86: 55. 25: 50 11. 115. 35: G3 n. 164. 36: 47 n. 100. 38 E.:32 11. GO. 39: 16 n. 34. 41: 12
n. 14; G6 n. 172. 46: 49 n. 108; 61 n. 157. 55: 34 n. 62; 42 n. 86. 57: 37 n. 66. 58:
27, 1: 12 ri. 14. 2: 1 0 n. 3: 12 11. 16 U. 18; 13 13. 20. 7: 48 11. 103. 12: 68 11. 179. 14: 50 n. 117. 61: 12 n . 16. 63: 32. n. GO. 66: 19 n. 46. 68: 37 n. 66. 107: 49 n. 10s.
50 11. 114. 27: 51 11. 121. 40: 48 ri. 10G. 55: 61 n. 157. 58: 55 n. 140. 59: 56 n. 143. 59,14: 12 n. 14; 48 n. 103. 16: 47. 44: 47 11.99; 62 n. 161. 50: 62 n. 163. 72: 62.
Cl. 49 11. 108 6.5: 51 11 123. 67 f: 10 ii F; 74: 47 n. 99. 109: 19 n. 42; 42 n. 85. 111: 34 n. 62; 42 n. 86. 126: 31 n. 59; 34
Register
11. Sonstige Schriften 195
proorni. 4: 51 n. 122.
(I'wiido-) D~onysios
I'wtiiir 1.111 8: 170.
G O ~ C I : (Gor!!
I$ ) Lysias (Lys.)
1,2: 62 n. 163. 4: 48; 62 n. 163. 5: 26 n. 56; 46. 9: 48 n. 103. 16: 62 n. 163. 25: 62
11. 163. 37: 48 n. 104. 39: 47 11. 100; 48; 48 n. 104. 43: 48 11. 104.
3 , l : 11 n. 11. 3: 46. 5: 62 n. 163. 7: 62 n. 163: 10: 25 n. 55; 52. 20: 49 n. 113. 25:
.. , .. ,
11 n. 11. 26: 62 n. 163. 29: 61 n. 156. 34: 62 n. 163. 40: 62 n. 163. 42: 67 n. 177.
I . Sr. 3: 16 11.32. fr. 5: 50 11. 116. Cr. 6 ~ 1 22:. I0 11. ,I. Sr. 9: 61 11. 157.
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3, 14: 47 n. 01;; 48 11. 104. 15: 62 11. 1G2. 17: 61 11. 157. 31: 61 11. 157. 32: 11 n. 10;
5, 2 f.: 19 n. 46.
$1; 11. !)I 11.93. 3 1 : 58 11. 150. 3s: 31 11. X). 3:): 50 11. 116. ,48: 61 11. 158.
4, Ci: I5 11.28. 10: :I1 11. 57. 6.5: 34 n. 62; 42 n. 86. 9: 11 n. 11. 11: 38 n. 74. 13: I9 n. 42; 42 n. 85. 18: 34 n. 62;
42 n. 86. 21: 48 n. 104. 21 -32: 23 n. 53. 28: 70 n. 180. 33: 11 n. 11. 42: 52n.128.
:i,2: 52 11. 128.
7,33: 51 n. 121. 34: 48 n. 104. 38: 50 n. 114.
Ilornt~ros 8,4: 27; 40 n. 81. 5: 62 n. 163.
11. 18. 95 U.: 53. 9 , l : 62 n. 159. 17: 62 n. 161. 21: 31 n. 57.
Isnios (Isnr.) 1 0 , l : 50 n. 114. 11: 48 n. 104. 14: 3811. 72. 17: 22 n. 52. 20: 62n. 163. 28: 10 11.4;
22 n. 52. 30: 32 n. 60. 31: 10 n. 5.
11, I : 50n.114.9:62n. 163.
2, 2. 4ii 13. 47 11. 102. 19: 47 ri. 102; 55 ri. 139. 23: 60. 27: 38 11. 72. 33: 38 11. 73. 12,3: 12 n. 18. 6: 53 n. 129. 20: 1911.46. 22: 11 n. 11. 24: 50 n. 119. 25 f.: 60n. 155.
38. 54 ri. 13.5. 43: 34 ri 62; 50 11. 117. 17: 31 11. 59. 33: 54. 35: 42 n. 86. 38: 19 n. 46. 39: 50 n. 116. 42: 48. 62: 62 n. 159. 62- 78:
3, 1.5: 47 11. 99. 23: 64 11. 168. 24: 55 n. 139. 33: 62 11. 162. 37: 57 n. 149. 55: 55 n. 14 n. 22. 69: 53. 74: 55 n. 141. 84: 55 n. 141. 86: 12 n. 16. 87: 62. 92: 48 n. 104.
1:W. 72: 38 11. 72. HO: 55.
4.21: I(iii.:l:i. 27-29: 2211 52. 29: 3 8 2 . 72 30: 31 11.59; 5 0 n . 116. 121: 47n.98.
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22 11 .-,L 73: 51 n. 121. 75: 64. 81: 49 n. 113.83: 48 n. 103.
G. 2: I 0 11.5; 31 11.57; 49. 10: 48 11. 107. 17: 52 11. 128. 26: 15 11. 28. 35: 4 6 11. 93. 14,3: 47 n. 96. 6: 48 11. 104. 9: 62 n. 161. 20: 10 n. 4. 23: 23 n. 53. 26: 62 n. 163.
43 f . : 62 11. 162. 54: 54 n. 136. 57: 3 i 11. 66. 58: 62 n. 162. 60: 19 n. 46. 68: 49 29: 23 n. 53: 62 n. 163. 30 - 40: 62 n. 159. 42: 38 n. 72 U. 74. 44 f.: 24 n. 54.
11. 10s.
7. 1: 10 11. 3. 5: 54 11. 134. 13: 57 11. 14:). 21: 11 11. 11. 34: 22 11. 52. 36: 22 11. 52.
37: I!) 11. 46. 41: 22 n. 52. 8:
17: 49 n. l i 3 . 9: 47 n. 100.
8, 2: 3 i 11. 67. 5: 10 n. 7. 30: 47 11. 102. 46: 33 n. 61. 18, 1: 22 n. 52. 23: 24 n. 54. 24: 50 n. 119. 26 f.: 41 n. 84. 27: 10 n. 5.
9. 27: 47 11. 102. 34: 51 n. 124. 35: 12 n. 16. 37: 31 n. 59. 10, 1 f.: 10 n. 7. 2: 12 n. 18. 3: 10 n. 7; 11 n. 9. 5 f.: 17 n. 35. 8: 54 n. 134. 19: 47 n.
10. 1: 1211. 16. 13: 4811. 106. 1 8 : 3 7 1 1 . 6 . 23: 4911. 108. 25: 22n.52. 100. 24: 49 n. 113: 51 n. 121. 53: 11 n. 13. 53 f.: 26 n. 56. 54: 31 n. 59. 55: 22
11.4: 50 11. 119; 60 n. 155; 64. 5: 50 n. 116. 6: 38 11. 72; 60. 7: 47. 15: 48 n. 107. 31:
37 11. 67. 36: 3 i 11. 67. 38: 11 n. 10; 47 n. 99.
12. k lf.: $7 11. 147. 12: 48 11. 107.
Fr. 3. 7. 1: 37 11. 67. 3,2, 2: 60 11. 155. 5, 2: 12 11. 14; 14. 41 n. 84; 61 n. 156. 25: 19 n. 45; 49 n. 111.
Isokrnlcs (Isoir.) 22.5: 60 n. 156. 7: 50 n. 115. 11: 51 n. 121. 14: 54 n. 134. 20: 24 n. 51. 22: 31 n. 57.
3. 77: 3 7 11, i%. 23. 1: 47n.101. 5: 62 n. 163. 8: 4911. 113. 14: 49n. 113.
8. 6: :)2 11. 126. 24, 1: 47; 47 n. 101. 2: 38. 7: 31 n. 59. 10: 38. 13: 38. 14: 51. 15: 59 n. 153. 16: 62 n.
15. 20: 51 11. 122. 33: 57 11. 148. 43: 52 11. 120. 100: 57 11. 145. 272: 51 11. 122. 163. 19: 63 n. 165. 25: 52.
16. 2: 15 11. 30; (2n. 159. 3: 5211. 126. 11: 11 11. 12; 6811. 179. 25, 1: 45 n. 90. 4: 19 n. 46. 5: 15 n. 30; 51 n. 121; 62. 7: 47 n. 100. 10: 67 n. 176.
l i , 1: 1011.5. 14: 46. 33: 4 8 n . 107. 37: 5 5 n . 139. 47: 61. 48ff.: 6211. 162. 58: 31 12 f.: 22 n. 52. 13: 54 n. 138. 15 - 17: 22 n. 52.
11. .;Y). 26. 1 f.: 62 n. 160. 3: 15 n. 30; 62 n. 159. 9: 22 n. 51. 14: 34 n. 62; 42 n. 86. 15:
18, I: I0 1 1 . t . 10: 25 n. 55; 52 11. 128. 17: 5 I n . 138. 18: .I0 11. W ; ,I!) 11. 108. I!): .48. 18 n. 41.
2 7 . 2 : 34 n. 02; 42 n. 80. 4: 32. 6: 24 n. 54. 12: 46. 14: 18 n. 41. 15: 2011.48.
19 - (10: 23. 21: 50 11. ll(i. 24: 40 11. 1118. 26: 18 11. 34. 34: 18 n. 41. 40: 15 11. 30;
62 11. 159. 18: '23 11.53. 51: 68 11. 179. 52: 23 11. 53; 56 n. 143. 61: 23. 65: 34 11. 62; 28,2: 10 n. 4. 12: 52 n. 127. 13: 10 n. 4. 17: 42 n. 86.
2!), 1: 2611.56. 6: 17n.35. 7: 11 n. 11;Gln. 156. 11: 10n.4.
42 11. 86. 67: 23; 41 11. 84. 138: 31 11. 59; 49 11. 108. 30, 1: 62 n. 159. 6: 37 11.69. 15: 52 n. 127. 24: 24 n. 54. 33: 34 n. 62. 34: 16 11.33.
19, 16: 48 n. 106. 17 ff.: 23. 50: 48 11. 104.
31.8: 52 n. 127. 31: G2 n. 161.
20.5:5On.116.6: 1 0 n . 4 ; 5 1 . 9 : 1 0 n . 4 . 32,10: 02 n. 163. 19: 10 n. 4.
21, 5: 12 n. 16. 14: 61 n. 156.
fr. 143,3: 24 n. 54. 232, 1: 25 11. 55; 52 n. 128. 270: 51.
Liikiarios
Xerionlion (XCII.)
rnliirnniae non temere credendum 15: 17.
piscalor 29: 16.
Lykiirgos (Lyc.)
1: -19 ri. 112. 10: 22 n. 51; 4711.98. 12: 32n.60. 15: 34 n.62; 42n. 86; 47n.98.
16: 10 11. 1; 49 11. 112. 31: 12 n. 16. 34: 61 n. 157. 36: 48 11.106. 56: 46 11.92. 58: