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Georges Bataille

Georges ~ataille
Das theoretische Werk
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Das theoretIsche Werk
Band I
Herausgegeben von Gerd Bergfleth
unter Mitwirkung von Axel Matthes

Die Aufhebung
der Ökonomie

Der Begriff der Verausgabung

Der verfemte Teil

Kommunismus und Stalinismus

Mit einer Studie


von Gerd Bergfleth

Rogner & Bernhard


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Aus dem Französischen von Traugott König


und Heinz Abosch Inhaltsübersicht

Der Begriff der Verausgabung

(Deutsch von Traugott König)

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Der verfemte Teil

(Deutsch von Traugott König)

33

Kommunismus und Stalinismus

(Deutsch von Heinz Abosch)

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Unrvers!t~tsblbllothek Gerd Bergfleth:

ZW&lD!; i" " - • . 0J..; Theorie der Versdtwendung

3. JUNI 1994 ~ 28 9

Bibliographisdter Hinweis

407

Bataille: Lebensdaten

408

Alle Rechte vorbehalten


© 1967 Les Editions de Minuit, Paris
© 1975 Rogner & Bernhard GmbH & Co.
Verlags KG, München
Gesetzt aus der J anson-Antiqua
Ausstattung: Claus J. Seitz
Gesamtherstellung:
Graphische Werkstätten Kösel, Kempten
Printed in Germany
ISBN 3-8077-0016-1

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I. DIE UNZULÄNGLICHKEIT DES KLASSISCHEN

NÜTZLICHKEITSPRINZIPS

Jedesmal, wenn der Sinn einer Diskussion von dem


grundlegenden Wert des Begriffs nützlich abhängt, das
heißt jedesmal, wenn wichtige Probleme der mensch­
lichen Gesellschaft behandelt werden, kann man sagen,
daß eine solche Diskussion grundsätzlich verfehlt ist und
die entscheidende Frage umgangen wird, ganz gleich,
wer sich dazu zu Wort meldet und welche Meinungen
dabei vertreten werden. Angesichts der mehr oder weni­
ger divergierenden Auffassungen darüber ist es nämlich
unmöglich, exakt zu definieren, was für den Menschen
nützlich ist. Diese Verlegenheit äußert sich darin, daß
man ständig in unzulässiger Weise auf Grundsätze zu­
rückgreifen muß, die jenseits von Nutzen und Lust lie­
gen~ bei pekuniären Interessenkombinationen werden
heuchlerisch Ehre und Pflicht angerufen, und, ganz zu
schweigen von Gott, muß der Geist dazu herhalten, die
intellektuelle Verwirrung derjenigen zu kaschieren, die
sich weigern, ein geschlossenes System anzunehmen.
Im alltäglichen Verhalten stört man sich jedoch nicht
an solchen elementaren Schwierigkeiten, und im all­
gemeinen Bewußtsein scheint man dem klassischen
Nützlichkeitsprinzip, das heißt dem Prinzip angeblich
materiellen Nutzens, zunächst nur mit rein verbalen
Vorbehalten begegnen zu können. Dieser materielle Nut­
zen hat theoretisch die Lust zum Ziel - allerdings nur in
gemäßigter Form, da heftige Lust als pathologisch gilt -,
und er läßt sich reduzieren einerseits auf die Erwerbung
(d. h. Produktion) und Erhaltung von Gütern, andrer­
seits auf die Fortpflanzung und Erhaltung von Men­
schenleben (dazu kommt allerdings noch der Kampf ge­
gen den Schmerz, dessen Bedeutung allein schon den
negativen Charakter des theoretisch zugrunde gelegten
Lustprinzips markiert). Unter den rein quantitativen
Vorstellungen, die mit einer so platten und unhaltbaren
10 Der Begriff der Verausgabung I. Die Unzulänglichkeit des Nützlichkeitsprinzips I I

Auffassung der Existenz verbunden sind, bietet nur die in den Kopf treibt: er ist gezwungen, so zu tun, als wenn
Frage der Fortpflanzung zu einer ernsten Kontroverse nichts Schreckenerregendes für ihn in Betracht käme. Es
Anlaß, weil eine übertriebene Vermehrung der Lebewe­ ist traurig, festzustellen, daß in dieser Hinsicht die be­
sen den individuellen Anteil zu schmälern droht. Aber wußte Menschheit minderjährig geblieben ist: sie erkennt
im allgemeinen geht jedes Urteil über eine soziale Tätig­ sich das Recht zu, rational etwas zu erwerben, zu erhal­
keit stillschweigend davon aus, daß der Einsatz nur ten oder zu konsumieren, aber was sie prinzipiell aus­
dann einen Wert hat, wenn er auf die grundlegenden schließt, ist die unproduktive Verausgabung.
Erfordernisse von Produktion und Erhaltung zurück­ Dieser Ausschluß bleibt allerdings oberflächlich und
führbar ist. Die Lust, ob es sich nun um Kunst, zugelas­ berührt die Praxis ebensowenig wie die Verbote den Sohn
sene Ausschweifung oder Spiel handelt, wird in den ge­ berühren, der sich, sobald der Vater abwesend ist, un­
läufigen Vorstellungen als bloßes Zugeständnis betrach­ eingestandenen Vergnügungen hingibt. Die Menschheit
tet, das heißt als Entspannung, die unterstützend hinzu­ kann noch so viele Auffassungen über sie selbst zulassen,
tritt. Der kostbarste Teil des Lebens gilt lediglich als die von der pla tten Selbstgefälligkeit und Verblendung
Vorbedingung - manchmal sogar als bedauerliche Vor­ eines Vaters geprägt sind, im wirklichen Leben ist sie
bedingung - der produktiven sozialen Tätigkeit. dennoch immer darauf aus, Bedürfnisse von entwaffnen­
Zwar widerlegt die persönliche Erfahrung, etwa die der Roheit zu befriedigen, ja, sie scheint überhaupt nicht
eines Jugendlichen, der grundlos vergeudet und zerstört, anders existieren zu können als am Rande des Schrek­
jedesmal diese erbärmliche Auffassung. Aber auch der kens. Sofern ein Mensch auch nur im geringsten unfähig
Bewußteste, wenn er sich rücksichtslos verschwendet und ist, sich offiziellen oder ähnlichen Erwägungen zu fü­
zerstört, weiß nicht, warum er das tut, und hält sich gen, sofern er auch nur im geringsten geneigt ist, die
womöglich für krank. Er ist unfähig, sein Verhalten als Anziehungskraft eines Menschen zu empfinden, der sein
nützlich zu rechtfertigen, und kommt gar nicht auf die Leben der Zerstörung der etablierten Autorität widmet,
Idee, daß die menschliche Gesellschaft ebenso wie er selbst dürfte die Vorstellung von einer friedlichen und seinen
ein Interesse an erheblichen Verlusten und Katastrophen Erwartungen entsprechenden Welt für ihn schließlich
haben könnte, die, bestimmten Bedürfnissen gemäß, lei­ kaum etwas anderes sein als eine bequeme Illusion.
denschaftliche Depressionen, Angstkrisen und letztlich Die Schwierigkeiten, auf die eine Auffassung stößt,
einen gewissen orgiastischen Zustand hervorrufen. die nicht dem servilen Vater-Sohn-Verhältnis entspricht,
In bedrückendster Weise erinnert der Widerspruch sind also nicht unüberwindlich. Man kann die histori­
zwischen den geläufigen Auffassungen und den wirkli­ sche Notwendigkeit von verschwommenen und enttäu­
chen Bedürfnissen der Gesellschaft an die Engstirnigkeit, schenden Vorstellungen zum Nutzen der Mehrheit an­
mit der ein Vater sich der Befriedigung der Bedürfnisse nehmen, die nicht ohne ein Minimum an Irrtum handelt
seines Sohnes widersetzt. Diese Engstirnigkeit macht es (dessen sie sich wie einer Droge bedient) und die sich
dem Sohn unmöglich, seinen Willen zu bekunden. Die im übrigen unter allen Umständen weigert, sich im La­
halb mißgünstige Sorge, die der Vater für ihn trägt, be­ byrinth der menschlichen Inkonsequenzen wiederzuer­
schränkt sich auf Unterbringung, Kleidung, Nahrung kennen. Extreme Vereinfachung ist für die ungebildeten
und allenfalls auf einige harmlose Vergnügungen. Aber er oder wenig gebildeten Teile der Bevölkerung die einzige
darf nicht einmal von dem sprechen, was ihm das Fieber Möglichkeit. eine Verminderung der aggressiven Kräfte
12 Der Begriff der Verausgabung
1.. Das Prinzip des Verlusts 13
zu vermeiden. Aber es wäre schändlich, armselige und
Dieses Prinzip des Verlusts, d. h. der bedingungslosen
elende Verhältnisse, unter denen solche vereinfachten
Verausgabung, widerspricht zwar dem ökonomischen
Vorstellungen entstehen, als Grenze der Erkenntnis hin­
Prinzip der ausgeglichenen Zahlungsbilanz (bei dem jede
zunehmen. Und wenn eine weniger willkürliche Auffas­
Ausgabe durch eine Einnahme kompensiert wird), dem
sung dazu verurteilt ist, esoterisch zu bleiben, wenn sie
einzig rationalen Prinzip im engen Sinn des Wortes, aber
als solche unter den gegenwärtigen Umständen auf eine
seine Bedeutung kann anhand einiger weniger Beispiele
krankhafte Ablehnung stößt, dann bezeichnet das gen au­
aus der täglichen Erfahrung einsichtig gemacht werden.
genommen nur die Schmach einer Generation, in der die
1) Juwelen müssen nicht nur schön und glänzend sein
Revoltierenden Angst vor dem Lärm ihrer eigenen Wor­
- 'dann könnte man sie durch falsche ersetzen -, sondern
te haben. Darauf ist also keine Rücksicht zu nehmen.
erst das Opfer eines Vermögens, dem man ein Diaman­
tenkollier vorzieht, macht das Faszinierende dieses Kol­
liers aus. Das muß in Zusammenhang gebracht werden
2. DAS PRINZIP DES VERLUSTS
mit dem der Psychoanalyse geläufigen symbolischen
Wert von Juwelen. Wenn ein Diamant in einem Traum
Die menschliche Tätigkeit ist nicht vollständig zu redu­
eine exkrementelle Bedeutung hat, so handelt es sich
zieren auf Prozesse der Produktion und Reproduktion,
hierbei nicht nur um eine Kontrastassoziation: im Unbe­
und die Konsumtion muß in zwei verschiedene Bereiche
wußten sind Juwelen ebenso wie Exkremente verfluchte
aufgeteilt werden. Der erste, der reduzierbar ist, umfaßt
Stoffe, die aus einer Wunde fließen, Teile von einem
den für die Individuen einer Gesellschaft notwendigen
selbst, die zu einem ostentativen Opfer bestimmt sind
Minimalverbrauch Zur Erhaltung des Lebens und Zur
(sie dienen ja luxuriösen Geschenken, die mit geschlecht­
Fortsetzung der produktiven Tätigkeit: es handelt sich
licher Liebe besetzt sind). Der funktionale Charakter der
also einfach um die Grundvoraussetzung dieser letzteren.
Juwelen verlangt, daß sie einen enormen materiellen
Der zweite Bereich umfaßt die sogenann'ten unprodukti­
Wert haben, und das erklärt zugleich den geringen Wert
ven Ausgaben: Luxus, Trauerzeremonien, Kriege, Kulte,
der schönsten Imitationen, die deshalb so gut wie un­
die Errichtung von Prachtbauten, Spiele, Theater, Kün­

brauchbar sind.
ste, die perverse (d. h. von der Genitalität losgelöste)

2) Die Kulte verlangen eine blutige Vergeudung von


Sexualität stellen ebenso viele Tätigkeiten dar, die, zu­

Menschen und Tieren als Opfer. Das »Sakrifizium« ist


mindest ursprünglich, ihren Zweck in sich selbst haben.

jedoch etymologisch nichts anderes als die Erzeugung


Also ist es notwendig, den Namen der Verausgabung

heiliger Dinge.
diesen unproduktiven Formen vorzubehalten, unter Aus­

Damit ist klar, daß heilige Dinge durch eine Verlust­


schluß aller Arten der Konsumtion, die der Produktion
handlung entstehen. Besonders der Erfolg des Christen­
als Mittel dienen. Obwohl es immer möglich ist, die
tums muß durch den Wert der schimpflichen Kreuzigung
diversen aufgezählten Formen einander entgegenzuset_
des Gottessohns erklärt werden, die die menschliche
zen, so bilden sie doch eine Einheit durch die Tatsache,
Angst zu einer Vorstellung grenzenloser Verlorenheit
daß in jedem Fall der Akzent auf dem Verlust liegt, der ~
i und Erniedrigung erweitert.
so groß wie möglich sein muß, wenn die Tätigkeit ihren
wahren Sinn erhalten soll. l 3) In recht komplizierter Weise vollzieht sich der
Verlust zumeist bei den verschiedenen Wettspielen. Zur
14 Der Begriff der Verausgabung
z. Das Prinzip des Verlusts 15
Unterhaltung von Lokalitäten, Tieren, Maschinen oder
der Verwendung der Örtlichkeiten für Zeremonien oder
Menschen werden beträchtliche Summen ausgegeben.
Schauspiele, auch in die Architektur selbst das Prinzip
Es wird möglichst viel Energie aufgewendet, so daß
der zweiten Kategorie ein, das der symbolischen Veraus­
ein Gefühl der Verblüffung entsteht, und das geschieht
gabung. Musik und Tanz ihrerseits können leicht mit
in jedem Fall mit einer Intensität, die unendlich viel grö­
zusätzlichen Bedeutungen versehen werden.
ßer ist als bei produktiven Unternehmen. Die Todesge­
In ihrer höheren Form rufen Literatur und Theater,
fahr wird nicht vermieden, sondern ist vielmehr Gegen­
die die zweite Kategorie bilden, durch symbolische Dar­
stand einer starken unbewußten Anziehung. Außerdem
stellungen tragischen Ruins (Erniedrigung oder Tod)
sind Wettkämpfe manchmal Anlaß für ostentativ ver­
Angst und Schrecken hervor; in ihrer niedrigeren Form
teilte Prämien. Ungeheure Menschenmengen schauen zu:
erregen sie durch analoge Darstellungen, die jedoch eini­
ihre Leidenschaften toben sich meist ohne jede Hemmung
ge Verführungselemente ausschließen, Gelächter. Der
aus, und in Form von Wetten werden irrsinnige Summen
Begriff Poesie, der die am wenigsten verdorbenen, am
eingesetzt. Diese Geldzirkulation kommt zwar nur einer
wenigsten intellektualisierten Ausdrucksformen eines
kleinen Zahl von professionellen Wettern zugute, aber
Verlorenseins bezeichnet, kann als Synonym von Ver­
sie kann dennoch als tatsächlicher Einsatz für die vom
schwendung angesehen werden; Poesie heißt nämlich
Wettkampf entfesselten Leidenschaften angesehen wer­
nichts anderes als Schöpfung durch Verlust. Ihr Sinn ist
den, und bei vielen Wettern hat sie, gemessen an ihren
also nicht weit entfernt von dem des Opfers. Poesie kann
Mitteln, unverhältnismäßig große Verluste zur Folge;
zwar im strengen Sinne nur ein äußerst seltener Restbe­
diese Verluste sind oft so wahnWitzig, daß sie die Spieler
stand dessen genannt werden, was gemeinhin so be­
ins Gefängnis bringen oder in den Tod treiben. Außer­
zeichnet wird, und mangels einer vorherigen Reduktion
dem können große öffentliche Wettkämpfe je nach den
kommt es zu den ärgsten Verwirrungen; es ist jedoch un­
Umständen mit weiteren Arten unproduktiver Veraus­
möglich, in einem ersten Expose von den unendlich va­
gabung verbunden werden, so wie Teile einer Eigen­
riablen Grenzen zwischen Ersatzformen und dem eigent­
bewegung von einem noch größeren Wirbel angezogen
lichen Element der Poesie zu sprechen. Leichter ist es,
werden können. So sind mit Pferderennen kostspielige
darauf zu verweisen, daß für die wenigen Menschen, die
Manifestationen des sozialen Rangs verbunden (man
über dieses Element verfügen, die poetische Verschwen­
denke nur an die Jockey Clubs), sowie die ostentative
dung in ihren Folgen aufhört, symbolisch zu sein: die
Produktion luxuriöser Modeneuheiten. übrigens ist der
Aufgabe der Darstellung bedeutet für den, der sie über­
Ausgabenkomplex heutiger Pferderennen unbedeutend
nimmt, sozusagen den Einsatz seines Lebens. Sie verur­
im Vergleich mit den Extravaganzen der Byzantiner, bei
teilt ihn zu den trügerischsten Aktivitäten, zu Elend,
denen die gesamte öffentliche Tätigkeit bei den Pferde­
wettkämpfen mit im Spiel war. Verzweiflung, zur Jagd nach flüchtigen Schatten, die nur
Taumel oder Wut hervorrufen können. Oft verfügt man
4) Unter dem Aspekt der Verausgabung muß die
über Worte nur zu seinem eigenen Verderben, und man
Kunstproduktion in zwei große Kategorien eingeteilt
ist gezwungen, zwischen einem Los zu wählen, das einen
werden, deren erste Architektur, Musik und Tanz um­
zum Ausgestoßenen macht, der von der Gesellschaft ab­
faßt. Diese Kategorie erfordert tatsächliche Ausgaben.
gesondert ist wie die Exkremente vom sichtbaren Leben,
Dennoch führen Bildhauerei und Malerei, abgesehen von
und einem Verzicht um den Preis einer mittelmäßigen
16 Der Begriff der Verausgabung 3. Produktion, Tausch und Verausgabung 17
Tätigkeit, die vulgären und oberflächlichen Bedürfnissen nur als Tauschhandel vorstellen können, denn sie hatte
gehorcht.
keinen Grund zu der Annahme, ein Erwerbsmittel wie
der Tausch hätte seinen Ursprung nicht im Erwerbs­
bedürfnis haben können, das er heute befriedigt, sondern
3· PRODUKTION, TAUSCH UND UNPRODUKTIVE in dem entgegengesetzten Bedürfnis nach Zerstörung
VERAUSGABUNG und Verlust. Die herkömmliche Auffassung von den
Ursprüngen der Ökonomie wurde erst unlängst wider­
Nachdem die soziale Funktion der Verausgabung er­ legt, und zwar vor so kurzer Zeit, daß viele Wirtschafts­
kartnt ist, ist ihr Verhältnis zu Produktion und Erwerb wissenschaftler den Tauschhandel ungerechtfertigter­
zu untersuchen, die ihr entgegenstehen. Es leuchtet so­ weise weiter als Vorläufer des Handels hinstellen.
fort ein, daß dieses Verhältnis das der Nützlichkeit und Im Gegensatz zu der künstlichen Tauschhandelstheo­
ihres Zwecks ist. Wenn Produktion und Erwerb auch rie sieht Marcel Mauss 1 die archaische Form des Tau­
durch ihre Umwandlung im Laufe ihrer Entwicklung sches in dem bei den Indianern des amerikanischen
eine Variable ins Spiel bringen, die für das Verständnis Nordwestens beobachteten Potlatsch. Auf ähnliche Ein­
der historischen Prozesse grundlegend ist, so sind sie richtungen oder Spuren davon stieß man seitdem überall
doch immer nur Mittel, die der Verausgabung unterge­ auf der Welt.
ordnet sind. So erschreckend das menschliche Elend Der Potlatsch der Tlingit, Haida, Tsimshian und
auch ist, niemals hat es die Gesellschaft soweit beherr­ Kwakiutl von der amerikanischen Nordwestküste ist
schen können, daß das Streben nach Selbsterhaltung, das schon Ende des 19. Jahrhunderts eingehend untersucht
der Produktion den Anschein eines Zwecks gibt, das worden, aber er wurde damals nicht mit den archaischen
Streben nach unproduktiver Verausgabung überwogen Tauschformen der anderen Länder verglichen. Die rück­
hätte. Da die Macht von den verschwendenden Klassen ständigsten dieser nordamerikanischen Stämme prakti­
ausgeübt wird, ist, damit diese Vorrangigkeit erhalten zieren den Potlatsch bei Gelegenheit einer Veränderung
bleibt, das Elend von jeder gesellschaftlichen Tätigkeit in der persönlichen Situation - Initiation, Heirat, Be­
ausgeschlossen worden, und die Elenden haben keine stattung -, und selbst in entwickelterer Form ist er nie­
andere Möglichkeit, in den Kreis der Macht zurückzu­ mals von einem Fest abzulösen, dessen Anlaß er entweder
kehren, als die revolutionäre Vernichtung der Klassen, ist oder aus dessen Anlaß er stattfindet. Er schließt jedes
die sie besitzen, das heißt eine blutige und grenzenlose Feilschen aus und besteht im allgemeinen in einem be­
soziale Verausgabung.
trächtlichen Geschenk von Reichtümern, das ostentativ
Daß Produktion und Erwerb sekundär sind gegenüber . gemacht wird mit dem Ziel, einen Rivalen zu demütigen,
der Verausgabung, tritt am klarsten bei den ökonomi­ herauszufordern und zu verpflichten. Der Tauschwert
schen Einrichtungen der Primitiven zutage, weil der des Geschenks ergibt sich daraus, daß der Beschenkte,
Tausch hier noch als kostspieliger Verlust der abgetrete­ um die Demütigung aufzuheben und die Herausforde­
nen Gegenstände empfunden wird: er hat seine Grund­ rung zu erwidern, der mit der Annahme des Geschenks
lage in einem Verschwendungsprozeß, aus dem sich dann
ein Erwerbsprozeß entwickelt hat. Die klassische Na­ 1 Marcel Mauss, Essai sur le Don, in: Annee Sociologique I
tionalökonomie hat sich den primitiven Tausch immer (19131:z4)j deutsch: Die Gabe, Frankfurt 1968.
3. Produktion, Tausch und Verausgabung 19
18 Der Begriff der Verausgabung
schenkten eingegangenen Verpflichtungen gleichzeitig
eingegangenen Verpflichtung nachkommen muß, sich
alle von der Gesamtheit der Schenker besessenen Reich­
durch ein noch größeres Geschenk zu revanchieren, das
tümer zu realisieren. Aber diese Ähnlichkeit betrifft nur
heißt, es mit Zinsen zurückzahlen.
Aber das Geschenk ist nicht die einzige Form des ein sekundäres Merkmal des Potlatsch.
Es ist die Konstitution eines positiven Vermögens zum
Potlatsch. Man kann Rivalen auch durch aufsehenerre­
Verlust - von der Adel, Ehre und Rang in der Hierarchie
gende Zerstörung von Reichtümern herausfordern. In
herrühren -, die dieser Einrichtung ihren bezeichnenden
dieser Form ähnelt der Potlatsch dem religiösen Opfer,
Wert verleiht. Das Geschenk muß als Verlust, und damit
da die zerstörten Güter theoretisch den mythischen Ah­
als partielle Zerstörung angesehen werden, wobei die
nen der Beschenkten dargebracht werden. Vor relativ
Zerstörungslust zum Teil auf den Beschenkten über­
kurzer Zeit kam es noch vor, daß ein Häuptling der
tragen wird. In den unbewußten Formen, wie die Psy­
Tlingit seinem Rivalen gegenübertrat, um vor seinen
choanalyse sie beschreibt, symbolisiert es das Ausschei­
Augen einige seiner Sklaven zu töten. Diese Vernichtung
den der Exkremente, das seinerseits wieder an den Tod
wurde zu gegebener Zeit durch die Tötung einer größe­
gebunden ist gemäß der grundlegenden Entsprechung
ren Anzahl von Sklaven erwidert. Die Tschuktschen
von Analerotik und Sadismus. Der exkrementelle Sym­
vom äußersten Nordosten Sibiriens, die dem Potlatsch
bolismus der bemalten Kupferbarren, die ari der Nord­
verwandte Einrichtungen kennen, töten ganze Hunde­
westküste Amerikas die bevorzugten Geschenkobjekte
meuten von beträchtlichem Wert, um eine andere Grup­
bilden, fußt auf einer reichen Mythologie. In Melanesien
pe einzuschüchtern und zu demütigen. Im Nordwesten
bezeichnet der Schenker die prächtigen Geschenke, die
Amerikas geht die Zerstörung bis zum Niederbrennen
er dem rivalisierenden Häuptling zu Füßen legt, als sei­
von Dörfern und bis zum Zertrümmern von Bootsflot­
tillen. Bemalte Kupferbarren - eine Art von Münzen, nen Abfall.
Die Folgen für den Erwerb sind - zumindest da, wo
denen man manchmal einen fiktiven Wert beimißt, so
die Motive der Handlung primitiv geblieben sind - nur
daß sie ein riesiges Vermögen bilden - werden zerbro­
das ungewollte Ergebnis eines Vorgangs, der in der ent­
chen oder ins Meer geworfen. Der einem Fest eigen­
gegengesetzten Richtung verläuft. Das Ideal wäre nach
tümliche Rausch verbindet sich ebenso mit den Heka­
Marcel Mauss ein Potlatsch, der nicht erwidert wird.
tomben von Eigentum wie mit den Geschenken, die an­
Dieses Ideal wird mit bestimmten Zerstörungen erreicht,
gehäuft werden in der Absicht, Staunen zu erregen und
für die die Bräuche keine mögliche Erwiderung kennen.
einzuschüchtern.
Da aber die Früchte des Potlatsch sozusagen schon im
Der Wucher~ der sich in der Form des obligatorischen
voraus für einen neuen Potlatsch vorgesehen sind, ist das
überbietens regelmäßig bei den Operationen des Re­
archaische Prinzip des Reichtums frei von jenen Ab­
vanche-Potlatsch einstellt, hat zu der Annahme geführt,
schwächungen, die von der später entstandenen Habgier
zu Beginn des Tauschhandels sei das Leihen auf Zinsen
herrühren: Reichtum ist ein Erwerb, insofern der Reiche
an die Stelle des einfachen Tausches getreten. Tat­
Macht erwirbt, aber er ist vollständig für den Verlust
sächlich vermehrt sich der Reichtum in den Potlatsch­
bestimmt, insofern diese Macht eine Macht des Verlustes
Gesellschaften in einer Weise, die an die Kreditinflation
ist. Nur durch den Verlust sind Ruhm und Ehre mit ihm
der Bankzivilisation erinnert: so nämlich, daß es unmög­
lich wäre, auf Grund der von der Gesamtheit der Be­ verbunden.
20 Der Begriff der Verausgabung
4. Die funktionelle Verausgabung der Klassen 2I
In seiner Eigenschaft als Spiel ist der Potlatsch das
Gegenteil eines Prinzips der Bewahrung: er setzt der Sta­ In der merkantilen Ökonomie haben die Tauschpro­
zesse Erwerbscharakter. Die Vermögen sind nicht mehr
bilität der Vennögen, wie sie innerhalb der Totemwirt­
schaft herrschte, wo der Besitz erblich war, ein Ende. An auf einem Spieltisch ausgebreitet, und sie haben sich
die Stelle der Erbschaft ist durch eine exzessive Tausch­ rela tiv stabilisiert. Dem Prinzip der unproduktiven Ver­
tätigkeit eine Art rituellen Pokerns mit rauschhaften ausgabung werden sie nur noch soweit unterworfen, wie
Zügen als Quelle des Besitzes getreten. Aber die Spieler die Stabilität gesichert ist und selbst durch erhebliche
können sich nie zurückziehen, wenn sie ein Vermögen Verluste nicht mehr gefährdet werden kann. Die Grund­
komponenten des Potlatsch finden sich unter diesen ver­
gewonnen haben: sie bleiben der Herausforderung aus­
geliefert. Das Vermögen hat also in gar keinem Fall die änderten Umständen in Formen wieder, die nicht mehr
Funktion, den, der es besitzt, frei von Bedürfnissen zu direkt agonal 2 sind: die Verausgabung ist zwar immer
machen. Es bleibt vielmehr als solches, ebenso wie sein noch dazu bestimmt, einen Rang zu erwerben und zu
Besitzer, dem Bedürfnis nach einem maßlosen Verlust erhalten, aber sie hat nicht mehr grundsätzlich zum Ziel,
ausgesetzt, das in endemischem Zustand die soziale einem anderen seinen Rang zu nehmen.
Gruppe beherrscht. Trotz dieser Abschwächungen bleibt der ostentative
Die Produktion und die nicht kostspielige Konsum­ Verlust überall mit dem Reichtum verbunden als seine
tion, die den Reichtum bedingen, treten so in ihrer rela­ eigentliche Funktion.
. tiven Nützlichkeit hervor. Mehr oder weniger stark hängt auch der soziale Rang
vom Besitz eines Vermögens ab, aber wiederum unter
der Bedingung, daß das Vermögen teilweise für unpro­
4· DIE FUNKTIONELLE VERAUSGABUNG DER REICHEN
duktive soziale Ausgaben geopfert wird wie Feste, Schau­
KLASSEN
spiele und Spiele. In den primitiven Gesellschaften, wo
die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen noch
Der Begriff des eigentlichen Potlatsch muß den Veraus­ schwach ist, fließen die Produkte der menschlichen Tä­
gabungsformen vorbehalten bleiben, die Wettkampfcha­ tigkeit den Reichen nicht nur für die ihnen zugeschrie­
rakter haben, die auf eine Herausforderung hin gemacht benen sozialen Schutz- und Führungsfunktionen zu, son­
werden und Gegenleistungen hervorrufen, und genauer dern auch für die spektakulären Ausgaben der Gemein­
noch: den Formen, die sich nicht vom Tausch der ar­ schaft, deren Kosten sie tragen müssen. In den sogenann­
chaischen Gesellschaften unterscheiden. ten zivilisierten Gesellschaften ist die funktionelle Ver­
Wichtig ist, daß der Tausch anfangs unmittelbar einem pflichtung des Reichtums erst vor relativ kurzer Zeit
menschlichen Zweck untergeordnet war. Aber es ist klar, verschwunden. Der Niedergang des Heidentums hat den
daß seine mit dem Fortschritt der Produktionsweisen der Spiele und Kulte nach sich gezogen, für die die rei­
verbundene Entfaltung erst in einem Stadium einsetzt, chen Römer obligatorisch die Kosten übernahmen; daher
wo diese Unterordnung keine unmittelbare mehr ist. Die hat man sagen können, daß das Christentum den Besitz
Funktion der Produktion verlangt schon ihrem Prinzip individualisiert hat, indem es dem Besitzenden das ganze
nach, daß die Produkte, zumindest vorübergehend, dem Verfügungsrecht darüber ·einräumte und seine soziale
Verlust entzogen werden.
! Im Sinn von Rivalität oder Kampf.
22 Der Begriff der Verausgabung 4. Die funktionelle Verausgabung der Klassen 23

Funktion abschaffte. Zumindest hat es das Verpflich­ pfählen der Kwakiutl bei den Individuen der Wunsch,
tende dieser Funktion abgeschafft, denn an die Stelle der Eindruck zu machen, was sie nach einem System kleiner
vom Brauch her vorgeschriebenen heidnischen Veraus­ Paraden auftreten läßt, mit denen sie einander blenden
gabung setzt das Christentum das freiwillige Almosen, wie mit einem Licht, das zu grell ist. Wenige Schritte
entweder in Form einer Austeilung durch die Reichen an von der Bank entfernt warten Juwelen, IGeider und
die Armen oder in Form ungeheurer Schenkungen an Autos hinter den Schaufenstern auf den Tag, wo sie
I{jrchen und später an Klöster; und Kirchen und Klöster dazu dienen werden, den wachsenden Glanz eines sini­
haben im Mittelalter den größten Teil der spektakulären stren Industriellen und seiner noch sinistreren alten Gat­
Funktion übernommen. tin darzustellen. Eine Stufe tiefer erfüllen vergoldete
Heute sind die großen freiwilligen sozialen Formen Wanduhren, Vertikos und künstliche Blumen die glei­
der unproduktiven Verausgabung verschwunden. Daraus chen uneingestehbaren Zwecke für Spießerpaare. Der
darf man jedoch nicht schließen, daß das Prinzip der Neid zwischen den Menschen macht sich mit der glei­
Verausgabung selbst aufgehört hat, Ziel der ökonomi­ chen Brutalität Luft wie bei den Wilden: nur Generosität
schen Tätigkeit zu sein. und Noblesse sind verschwunden und mit ihnen die
Eine bestimmte Entwicklung des Reichtums, deren spektakuläre Gegenleistung, die die Reichen den Armen
Symptome Krankheit und Erschöpfung sind, führt zur boten.
Scham vor sich selbst und gleichzeitig zu bösartiger Als Klasse, die den Reichtum besitzt, die mit dem
Heuchelei. Alles Generöse, Orgiastische, Maßlose ist ver­ Reichtum die Verpflichtung zur funktionellen Veraus­
schwunden: Rivalitäten, die weiterhin das individuelle gabung erhalten hat, zeichnet sich die moderne Bour­
Handeln bestimmen, finden nur noch im verborgenen geoisie durch die prinzipielle Weigerung aus, die sie
statt und gleichen einem schamhaften Aufstoßen. Die dieser Verpflichtung entgegenstellt. Sie hat sich von der
Vertreter der Bourgeoisie befleißigen sich eines unschein­ Aristokratie dadurch abgesetzt, daß sie beschlossen hat,
baren Auftretens: das Zurschaustellen von Reichtümern nur tür sich zu verschwenden, innerhalb der eigenen
geschieht jetzt hinter den Wänden nach langweiligen Klasse, d. h. indem sie ihre eigenen Ausgaben vor den
und bedrückenden Konventionen. Die Angestellten und Augen der anderen Klassen soweit wie möglich verbirgt.
kleinen Kaufleute des Mittelstands, die es zu einem be­ Diese besondere Form hat ihren Ursprung darin, daß sie
scheidenen oder winzigen Vermögen brachten, haben ihren Reichtum im Schatten einer Adelsklasse entwickel­
schließlich die ostentative Verausgabung, die eine Art te, die mächtiger war als sie. Diesen kleinlichen Auffas­
Parzellierung erfährt, erst recht verkommen lassen, so sungen einer beschränkten Verausgabung haben rationa­
daß von ihr nur noch eine Menge eitler, mit lähmend.er listische Konzepte entsprochen, die sie seit dem 17. Jahr­
Unlust verbundener Bemühungen übriggeblieben sind. hundert formulierte und die nichts anderes sind als eine
Bis auf wenige Ausnahmen sind indessen solche Er­ Darstellung der strikt ökonomischen Welt, im vulgären,
satzhandlungen für alle zum wichtigsten Daseinszweck im bürgerlichen Sinn des Wortes. Der Haß auf die Ver­
und Lohn für Arbeit und Leid geworden, die nicht den schwendung ist der Daseinsgrund und die Rechtferti­
Mut haben, ihre muffige Gesellschaft einer revolutionä­ gung der Bourgeoisie; er ist zugleich der Grund für ihre
ren Zerstörung zu überantworten. In der Umgebung der abscheuliche Heuchelei. Die Bürger haben die Ver­
modernen Banken herrscht ebenso wie vor den Totem­ schwendungssucht der Feudalgesellschaft als Hauptan­
24 Der Begriff der Verausgabung 5. Der Klassenkampf 25
klagepunkt benutzt, und nachdem sie selbst an die Macht noch mehr von der Natur der im Elend Lebenden weg­
gekommen sind, haben sie geglaubt, weil sie gewohnt zurücken. So läuft die Verausgabung, obwohl sie eine
waren, ihre Reichtümer zu verbergen, könnten sie ein soziale Funktion ist, unmittelbar auf einen agonalen Akt
für die armen Klassen akzeptables Regiment führen. der Trennung hinaus, der offenkundig antisozial ist. Der
Und man muß gerechterweise zugeben, daß das Volk sie Reiche konsumiert, was der Arme verliert, indem er für
nicht ebenso hassen kann wie seine früheren Herren, ihn die Kategorie einer Erniedrigung und Schändlichkeit
genauso, wie es sie auch nicht lieben kann, denn sie sind schafft, die den Weg zur Sklaverei öffnet. Es ist offen­
zumindest unfähig, ein Gesicht zu verbergen, das so sichtlich, daß von dem undeutlich überlieferten Erbe der
schäbig, so habgierig, so ohne jede Noblesse, so absto­ luxuriösen Welt der Vergangenheit die moderne Welt
ßend kleinlich aussieht, daß bei ihrem Anblick alles eben jene, gegenwärtig den Proletariern vorbehaltene Ka­
menschliche Leben verkommen zu sein scheint. tegorie übernommen hat. Die bürgerliche Gesellschaft,
Gegen sie kann das Bewußtsein des Volkes das Prinzip die sich nach rationalen Grundsätzen zu regieren vorgibt,
der Verausgabung nur dadurch aufrechterhalten, daß es und übrigens durch ihre eigene Entwickltmg danach
die bürgerliche Existenz als Schande und finstere Annu­ strebt, eine gewisse menschliche Homogenität zu ver­
lierung des Menschen darstellt. wirklichen, nimmt zwar nicht ohne Protest eine Teilung
hin, die den Menschen selbst zu vernichten scheint, aber
sie ist unfähig, in ihrem Widerstand weiter als bis zur
5. DER KLASSENKAMPF theoretischen Ablehnung zu gehen. Sie gewährt den Ar­
beitern gleiche Rechtewie den Herren, und sie verkündet
Indem sich die bürgerliche Gesellschaft in bezug auf die diese Gleichheit, indem sie dieses Wort sichtbar an die
Verausgabung zur Sterilität zwang, ihrer buchführenden Mauern schreibt. Dennoch liegt den Herren, die so tun,
Vernunft gemäß, ist es ihr schließlich gelungen, nichts als wären sie der Ausdruck der Gesellschaft schlechthin,
als die universelle Schäbigkeit zu entwickeln. Das sehr daran - und mehr als an allem anderen -, zu demon­
menschliche Leben findet seine Erregung nach dem Maß strieren, daß sie ganz und gar nichts mit der Schändlich­
unreduzierbarer Bedürfnisse nur in dem Bemühen jener keit der von ihnen Beschäftigten zu tun haben. Es ist das
wieder, die die Konsequenzen der geläufigen rationali­ Ziel der Arbeiter, zu produzieren, um zu leben, das der
stischen Auffassungen auf die Spitze treiben. Was von Unternehmer aber, zu produzieren, um die arbeitenden
den traditionellen Verausgabungsformen übriggeblieben Produzenten einer abscheulichen Erniedrigung auszulie­
ist, ist verkümmert, und der prächtige lebendige Tumult fern; denn es besteht eine unauflösliche Beziehung zwi­
hat sich in die beispiellose Entfesselung des Klassen­ schen der Qualifizierung der Verausgabungsformen, die
kampfs aufgelöst. dem Unternehmer eigen sind und dazu tendieren, ihn
Die Komponenten des Klassenkampfs sind im Prozeß weit über die menschliche Niedrigkeit zu erheben, und
der Verausgabung von der archaischen Periode an gege­ der Niedrigkeit selbst, die diese Qualifizierung bedingt.
ben. Im Potlatsch verteilt der Reiche Produkte, die ihm Wer dieser Auffassung der agonalen sozialen Ver­
die Armen liefern. Er versucht, sich über einen ebenso schwendung die zahlreichen bürgerlichen Bemühungen
reichen Rivalen zu erheben, aber der letzte Grad der an­ zur Verbesserung des Arbeiterschicksals entgegenhält,
gestrebten Erhebung hat nichts weiter zum Ziel, als ihn bringt damit nur die Feigheit der modernen Oberklassen
26 Der Begriff der Verausgabung
6. Christentum und Revolution 27
zum Ausdruck, die nicht mehr die Kraft haben, ihre
Zerstörungen zuzugeben. Die Ausgaben der Kapitalisten, Zerstörungstendenzen bezieht - der allgemeinen Atro­
die den Arbeitern helfen und ihnen die Möglichkeit ge­ phie der früheren Luxusprozesse entspricht, die die mo­
ben sollen, sich auf eine menschliche Ebene zu erheben, deme Epoche kennzeichnet.
beweisen nur die Ohnmacht - aus Erschöpfung -, einen Dagegen wird der Klassenkampf vielmehr zur gran­
luxuriösen Prozeß bis Zum Ende zu treiben. Ist erst ein­ diosesten Form sozialer Verausgabung, wenn er, und
mal das Verderben der Armen besiegelt, wird das Ver­ zwar diesmal von den Arbeitern, mit einer Radikalität
gnügen der Reichen allmählich seines Sinnes entleert und weitergeführt und entfaltet wird, die die Existenz der
neutralisiert: es macht einer Art apathischer Gleichgül­ Herren selbst bedroht.
tigkeit Platz. Damit in dieser Situation, trotz der Ten­
denzen, die diese Gleichgültigkeit stören (Sadismus, Mit­
leid), ein neutraler Zustand aufrechterhalten werden 6. CHRISTENTUM UND REVOLUTION

kann, den die Apathie sogar relativ angenehm macht,


kann es nützlich sein, einen Teil der Verausgabung, die Außer der Revolte gab es für die aufgereizten Armen
die Schändlichkeit hervorbringt, durch eine neue Ver­ noch die Möglichkeit, jede moralische Beteiligung an
ausgabung zu kompensieren, die die Ergebnisse der er­ einem System der Unterdrückung des Menschen durch
sten abschwächen soll. Der politische Sinn der Unterneh­ den Menschen zu verweigern. In bestimmten histori­
mer hat im Verein mit der partiellen Entwicklung eines schen Situationen gelang es ihnen, besonders mit Hilfe
gewissen Wohlstands dieser Kompensation manchmal von Symbolen, die noch eindrucksvoller waren als die
einen beträchtlichen Umfang geben können. So vollzieht Realität, die ))menschliche Natur« auf die Stufe einer so
sich in den angelsächsischen Ländern und besonders in abstoßenden Schändlichkeit niederzudrücken, daß das
den USA der erste Prozeß nur noch auf Kosten eines Vergnügen der Reichen am Ermessen des Elends der an­
relativ kleinen Teils der Bevölkerung, und in einem ge­ deren plötzlich zu ungeheuerlich wurde, als daß sie es
wissen Maße hat auch die Arbeiterklasse schließlich dar­ ohne Schwindelgefühl hätten ertragen können. Unabhän­
an teil (vor allem, wenn das dadurch erleichtert wird, gig von rituellen Formen kam es so zu einem Austausch
daß schon eine andere, allgemein als niedrig angesehene äußerster Herausforderungen, vor allem seitens der Ar­
Klasse vorhanden ist wie die der Neger). Aber solche men, zu einem Potlatsch, bei dem der tatsächliche Ab­
Ausflüchte, deren Bedeutung im übrigen strikt begrenzt schaum und die unverhüllte moralische Verworfenheit
ist, ändern nichts an der grundlegenden Klassenspaltung in schrecklicher Größe mit all dem rivalisiert haben, was
in edle und unedle Menschen. Das grausame Spiel des' die Welt an Reichtum, Reinheit oder Glanz enthält;
sozialen Lebens ist in den verschiedenen zivilisierten und dieser Art spasmischer Krämpfe wurde ein außer­
Ländern gleich, wo der beleidigende Glanz der Reichen gewöhnlicher Ausweg geboten in der religiösen Ver­
die Menschennatur der Unterklasse ruiniert und verkom­ zweiflung, die deren hemmungslose Ausbeutung war.
men läßt. Im Christentum konnte der Wechsel von überschwang
Dazu kommt noch, daß die AbschWächung in der und Angst, von Martern und Orgien, der religiöses Le­
Brutalität der Herren - die sich übrigens nicht so sehr ben ausmacht, sich mit einem noch tragischeren Thema,
auf die Zerstörung selbst wie auf die psychologischen mit einer krankhaften Sozialstruktur verbinden, die mit
der widerlichsten Grausamkeit sich selbst zerfleischte.
28 Der Begriff der Verausgabung 6. Christentum und Revolution 29
Der Triumphgesang der Christen preist Gott, weil er in Grenze abgesehen werden. In der Ruhelosigkeit der Ge­
das blutige Spiel des sozialen Krieges eingetreten ist, schichte beherrscht nur das Wort Revolution die ge­
denn »er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die wohnte Verwirrung und trägt Verheißungen, die den
Niedrigen«. Ihre Mythen verbinden soziale Schmach grenzenlosen Forderungen der Massen entsprechen: Her­
und die Verwesung des zu Tode Gemarterten mit gött­ ren und Ausbeuter, deren Funktion es ist, in verächt­
lichem Glanz. So übernimmt der Kult die gesamte Funk­ licher Weise die menschliche Natur auszuschließen, so
tion einer Konfrontation der einander entgegengesetzten daß diese Natur an den Grenzen der Erde, d. h. des ·
Kräfte, die bisher zwischen Reichen und Armen aufge­ Schmutzes existiert - ein einfaches Gesetz der Umkeh­
teilt waren, wobei jene diese dem Verderben überliefer­ rung fordert, daß man sie dem Schrecken überliefert, an
ten. Er verbündet und verknüpft sich mit dem irdischen dem langen Abend, an dem ihre schönen Phrasen von den
Jammer, und ist doch selbst nur eine Nebenerscheinung Todesschreien der Aufstände übertönt werden. Das ist
des maßlosen Hasses, der die Menschen trennt, aber eine die blutige Hoffnung, die sich täglich mit dem Dasein
Nebenerscheinung, die nach und nach alle divergieren­ des Volkes verbindet und den widersetzlichen Charakter
den Prozesse verdrängt und einschließt. Entsprechend des Klassenkampfs resümiert.
dem Wort Christi, er sei nicht gekommen, den Frieden Der Klassenkampf hat nur ein mögliches Ziel: das Ver­
zu bringen, sondern das Schwert, ist die Religion keines­ derben jener, die daran gearbeitet haben, die »mensch­
wegs bestrebt, aus der Welt zu schaffen, was andere als liche Natur « zu verderben.
die Wunde der Menschheit ansehen: in ihrer unmittel­ Welche Form die entsprechende Entwicklung aber
baren Form, d. h. insoweit ihre Bewegung frei geblieben auch annehmen mag, eine revolutionäre oder servile, die
ist, wälzt sie sich vielmehr in einem Unrat, der für ihre allgemeinen Konvulsionen, die vor achtzehn Jahrhunder­
ekstatischen Martern unentbehrlich ist. ten durch die religiöse Ekstase der Christen geprägt wur­
Die Bedeutung des Christentums liegt in der Entwick­ den und heute durch die Arbeiterbewegung, müssen
lung der rauschhaften Folgen der Verausgabung von gleichermaßen als ein entscheidender Impuls angesehen
Klassen, im orgiastischen Charakter eines geistigen Wett­ werden, der die Gesellschaft zwingen wird, mit Hilfe
kampfs, der auf Kosten des wirklichen Kampfs betrieben der gegenseitigen Ausschließung der Klassen eine Form
wird. der Verausgabung zu schaffen, die so tragisch und frei
Welchen Wert die christliche Demütigung indes in wie möglich ist, und zugleich Formen des Heiligen ein­
der menschlichen Tätigkeit immer erhalten haben mag, so zuführen, die so menschlich sind, daß die traditionellen
ist sie doch nur eine Episode im historischen Kampf der , Formen daneben vergleichsweise verächtlich erscheinen.
Unedlen gegen die Edlen, der Unreinen gegen die Rei­ Der Tropismus solcher Bewegungen gibt Aufschluß über
nen. Als wenn die sich ihrer unerträglichen Zerrissenheit den totalen menschlichen Wert der Arbeiterrevolution,
bewußte Gesellschaft eine Zeitlang todestrunken gewor­ die eine ebenso zwingende Anziehungskraft haben kann
den wäre, um sie sadistisch zu genießen: die schwerste wie die, die einfache Organismen sich nach der Sonne
Trunkenheit hat jedoch die Folgen des menschlichen wenden läßt.
Elends nicht beseitigt, und da die ausgebeuteten Klassen
sich den herrschenden Klassen mit wachsender Erkennt­
nis ihrer Lage entgegenstellen, kann für den Haß keine
3° Der Begriff der Verausgabung
7· Die Insubordination der Tatsachen 3I
7· DIE INSUBORDINATION DER MATERIELLEN TATSACHEN
Formen, immer die soziale Existenz beherrscht, und ohne
ihn kann auch heute nichts unternommen werden, ob­
Das menschliche Leben, nicht der juridischen Existenz
wohl er von der blinden Praxis persönlicher oder sozialer
nach, sondern so, wie es sich tatsächlich auf einem im
Verluste bedingt ist.
Weltraum isolierten Erdball Tag und Nacht und von
So zieht der riesige Abfall, den die Tätigkeit erzeugt,
einem Landstrich zum anderen abspielt, das menschliche
die menschlichen Absichten - einschließlich derer, die
Leben kann in keinem Fall auf die geschlossenen Systeme
ökonomische Operationen betreffen - in das qualitative
reduziert werden, auf die es nach rationalen Auffassun­
Spiel der universellen Materie hinein: die Materie kann
gen gebracht wird. Die ungeheuren Anstrengungen der
in der Tat nur definiert werden als die nicht-logische
Selbstaufgabe, des Sichverströmens und Rasens, die es
Differenz, die für die Ökonomie des Universums das
ausmachen, legen vielmehr nahe, daß es erst mit dem
ist, was das Verbrechen für das Gesetz ist. Der Ruhm,
Bankrott dieser Systeme beginnt. Jedenfalls hat das, was
der den Gegenstand der freien Verausgabung umgibt
es an Ordnung und Zügelung zuläßt, nur von dem Mo­
oder symbolisiert (ohne ihn zu erschöpfen), kann, ebenso
ment an einen Sinn, wo die geordneten und gezügelten
wie er das Verbrechen nie auszuschließen vermag, von
Kräfte sich befreien und für Zwecke verlieren, die kei­
der Qualifikation nicht unterschieden werden, zumindest
ner Rechenschaft mehr unterworfen sind. Nur durch
nicht von der einzigen Qualifikation, deren Wert dem
eine solche Insubordination, und sei sie noch so elend,
der Materie vergleichbar ist: der insubordinierten Quali­
kann die Menschheit ihre Isolierung im unverfügbaren
fikation, die jeder Bedingung entzogen ist.
Glanz der materiellen Dinge durchbrechen.
Macht man sich andererseits das Interesse klar, das
Ganz allgemein sind die Menschen, einzeln oder grup­
die menschliche Gemeinschaft zwangsläufig mit der
penweise, ständig in Verausgabungsprozesse verwickelt.
ständig durch die geschichtliche Bewegung bewirkten
Der Wechsel in den Formen bedingt keinerlei Änderung
qualitativen Veränderung verbindet - ein Interesse, das
in den Grundmerkmalen dieser Prozesse, deren Prinzip
mit dem des Ruhmes (wie mit dem der Erniedrigung)
der Verlust ist. Eine gewisse Erregung, deren Grad bei
zusammenfällt -, macht man sich weiter klar, daß diese
allen Unterschieden auf einem spürbar gleichen Stand
Bewegung unmöglich einzudämmen oder auf ein be­
gehalten wird, beherrscht die Gruppen wie die Einzel­
grenztes Ziel hinzulenken ist, so kann man schließlich
nen. In ihrer extremen Form können die Erregungszu­
ohne jeden Vorbehalt dem Nutzen einen relativen Wert
stände, die toxischen Zuständen verwandt sind, als un­
zuerkennen. Die Menschen sichern ihren Lebensunter­
widerstehliche alogische Antriebe Zur Verwerfung der
halt oder vermeiden den Schmerz, nicht weil diese Tä­
rational (entsprechend dem Prinzip des Zahlungsaus- '
tigkeiten für sich ein zureichendes Resultat erbringen,
gleichs) verwendbaren materiellen und geistigen Güter
sondern um zu der insubordinierten Tätigkeit der freien
definiert werden. Mit den so praktizierten Verlusten
Verausgabung zu gelangen.
verbindet sich - im Fall des »verlorenen Mädchens"
ebenso wie in dem der Militärausgaben - die Schaffung
unproduktiver Werte, deren absurdester und zugleich
begehrtester der Ruhm ist. Zusammen mit der Erniedri­
gung hat der Ruhm, in bald finsteren, bald glänzenden