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Interview

«Das ist ein normales religiöses Verhalten»

Von Andrea Köhler, am 01.07.2017

Die Redefreiheit auf dem amerikanischen Campus ist in Gefahr. Der amerikanische Sozialpsychologe
Jonathan Haidt im Gespräch über die Ursachen.

Die Redefreiheit an amerikanischen Universitäten ist in Gefahr. Im Jahr 2016 gab es eine Rekordzahl
von Versuchen, umstrittene Redner, meist aus dem konservativen bis rechtspopulistischen Lager, vom
Auftritt abzuhalten. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Es ist eine interessante und komplizierte soziologische Frage, wie sich auf dem amerikanischen Campus ein
ganz neues Set an Verhaltensweisen verbreiten konnte, die noch vor fünf Jahren als schockierend empfunden
worden wären. Ein wichtiger Grund ist sicher das massive Anwachsen der Animositäten zwischen den
Parteien, das wir seit den 1990er Jahren beobachten.
Sozialdemokraten, die in den USA Liberals genannt werden, und Konservative hassen einander so stark wie
noch nie. In der gleichen Zeit sind die Universitäten, die immer schon linksliberal orientiert waren, so weit
nach links gerückt, dass es so gut wie überhaupt keine Diversität mehr gibt. Auf diese Weise ist ein
widerspruchsfreier Raum entstanden, in dem jede anderslautende Meinung intolerabel geworden ist.

Wie wir in Berkeley oder am Middlebury College gesehen haben, schlägt diese Intoleranz mitunter
sogar in Gewalt um. Was hat zu dieser Radikalisierung der Studierenden geführt?
Ein Grund dafür sind sicherlich die ausserordentlichen Ereignisse, die zwischen 2013 und 2016
stattgefunden und eine Bewegung der sozialen Gerechtigkeit heraufbeschworen haben – namentlich durch
die im Netz verbreiteten Videos, in denen Schwarze von Polizisten getötet wurden. Das hat
verständlicherweise viele Studenten radikalisiert und besonders die Black-Lives-Matter-Bewegung in Gang
gesetzt, an die sich seither diverse andere Interessengruppen angehängt haben. Im Zuge dessen haben sich
auf dem Campus zwischen 2014 und 2016 auch ganz neue Normen bezüglich der freien Rede etabliert.

Die Regeln dessen, was gesagt werden darf, grenzen nicht selten ans Groteske. Wer definiert diese
Normen, und wer setzt sie durch?
Das sind grösstenteils informelle Normen.

Ich habe aber von Fällen gehört, in denen die Universitätsleitung genaue Vorschriften ausgibt,
beispielsweise, welche Faschingskostüme – nehmen wir die berühmte «Sombrero-Party» – nicht
getragen werden dürfen, weil sie eine Minorität beleidigen könnten – in diesem Fall die Mexikaner.
Ja, aber das betrifft allein Verhaltensweisen. Die freie Rede ist durch den Ersten Verfassungszusatz geschützt.
«Hate speech» darf in den USA, anders als in Deutschland, nicht verboten werden. Die Leute über 30, die
meisten Professoren eingeschlossen, sind in der Mehrheit auch pro «free speech». Von neueren
Untersuchungen aus Yale wissen wir überdies, dass selbst die grosse Mehrheit der Studierenden für die
Redefreiheit ist. Doch sie sind eingeschüchtert durch eine Atmosphäre der Zensur, in der der kleinste verbale
Ausrutscher katastrophale Folgen zeitigen kann.

Das heisst, dieser Trend kommt in erster Linie von einer kleinen Gruppe von Studenten, die die
Mehrheit im Griff hat?
Es ist eine kleine, aber wachsende Gruppe, hauptsächlich aus den Geisteswissenschaften und den Gender-
Studies, die die in den achtziger Jahren aufgekommene Idee vertreten, dass die integralen Bestandteile der
Gesellschaft ein umfassendes Unterdrückungssystem bilden. Diese Studenten sind so voller Wut und
Selbstgerechtigkeit, dass sie meinen, allen anderen vorschreiben zu können, was sie sagen dürfen und was nicht.

Und warum lassen diese anderen sich das gefallen?


Es ist auch eine Frage der Feigheit seitens der Professoren und der Studenten. Jeder hat Angst, als Rassist
oder Sexist, als homophob oder islamophob beschimpft zu werden. Es herrscht eine Verabsolutierung der
Opferperspektive. Wer eine der Opfergruppen gegen sich aufbringt, hat sich automatisch auch gegen alle
anderen versündigt, weil alles in diesem gigantischen Unterdrückungs-Zusammenhang verbunden ist.

Eine entscheidende Rolle dabei spielen vermutlich auch die Social Media.
Ja, jeder hat heute die Möglichkeit einen Mob zu organisieren, was wiederum heisst, dass auch jeder Angst
hat, von diesem Mob angegriffen zu werden.

Es handelt sich bei den Protestierenden im Wesentlichen um die jüngste Studentengeneration, die als
«Snowflakes» bezeichnet werden, was so viel heisst wie «zarte Seelchen». Wie kam es zu diesem
Empfindsamkeits-Kult, und was sagt er über die Mentalität der Eltern der «Schneeflocken»-
Generation aus?
Die Eltern der jüngsten Studentengeneration sind Baby-Boomer, die ihren Kindern – meist mit den besten
Absichten – jede Frustration zu ersparen suchten. Kinder brauchen aber die Erfahrung, Widrigkeiten
einzustecken, ausgeschlossen oder gehänselt zu werden. Die heutigen College-Studenten haben nie die
Erfahrung gemacht, von einem Spielkameraden angerempelt zu werden, ohne dass sogleich ein Erwachsener
herbeieilt und das glattbügelt. Daher erwarten Studenten heutzutage auch auf dem Campus, dass bei einem
Konflikt sofort eine offizielle Autorität eingreift.

Die Political Correctness stammt aus den 1990er Jahren, als neue Denkformen und Kurse wie Gender-
Studies an den Universitäten etabliert wurden. Was ist der Unterschied zwischen damals und heute?
Die ältere Version der Political Correctness beruht auf der Annahme, dass es eine Menge Ungerechtigkeit in
der Welt gibt. Diese Idee gehört zu den liberalen Grundannahmen auf dem Campus, und es gibt gute Gründe,
ihr zuzustimmen. Neu ist das Gefühl der Verletzbarkeit. Neu ist, dass in dem Moment, wo jemand dem
Opfer-Konsens widerspricht, er bereits einen Gewaltakt begeht. Es heisst dann gemeinhin, derjenige spreche
den Angehörigen einer der Opfergruppen die Menschlichkeit, ja, das Recht zu existieren, ab.
Der Psychologe Nick Haslam nennt diesen Steigerungs-Mechanismus «concept creep» . . .
. . . was so viel meint wie: Wenn jemand etwas sagt, das mir gegen den Strich geht, dann ist das verletzend,
und wenn es verletzt, dann ist das Gewalt, und wenn es Gewalt ist, dann will es mich töten, und wenn es
mich töten will, dann spricht es mir das Recht ab, zu existieren – und das können wir auf dem Campus nicht
zulassen.

Das klingt einigermassen absurd. Dann müsste ja jeder Blick in die Zeitung tödlich sein.
Von aussen sieht das absurd aus. Das Entscheidende ist zu begreifen, dass es sich dabei um ein ganz
normales menschliches Verhalten handelt. Das ist der Grund, weshalb ich in dieser Sache so engagiert bin.
Mein Forschungsgebiet ist die Psychologie der Moral, und was wir hier sehen, ist ein ganz gewöhnliches
religiöses Verhalten.
Die Menschheit hat sich als eine religiöse Spezies entwickelt. Wir wählen etwas aus, wir kreisen darum, wir
verehren es. Von aussen sieht es aus, als ob wir verrückt geworden wären, aber wir sind nicht verrückt, wir
haben eine Glaubensgemeinde gebildet. Das hat uns Emile Durkheim gelehrt. Wenn wir um die Kaaba in
Mekka kreisen, bringt uns das als Muslime zusammen. Wenn man um eine Opfergruppe kreist, dann ist man
vereint in einer Glaubensgemeinschaft, die dasselbe noble Ziel verfolgt. Dann hat das Leben einen Sinn.

Es handelt sich also um eine Art Religionskrieg, in dem notfalls auch zu gewaltsamen Mitteln gegriffen wird?

Einer der alarmierendsten Trends ist in der Tat der Hang, reale Gewalt zu rechtfertigen. Die Argumentation
geht gemeinhin so: Wir haben es mit friedlichen Mitteln versucht, das hat nichts genutzt, also müssen wir
Gewalt anwenden. Die Ansicht, die einem nicht in den Kram passt, ist Gewalt, aber die reale gewaltsame
Reaktion darauf ist Notwehr.

Wenn ein Präsidentschaftskandidat, der bei seinen Wahlkampfveranstaltungen Sprechchöre wie «Kill
the bitch!» anfeuert und die Leute zu realer Gewalt aufruft, ins Weisse Haus einzieht, kann man sich
über solche Entwicklungen eigentlich nicht weiter wundern.
Dieser Extremismus existiert natürlich an den beiden Rändern des Spektrums, das ist klar. Auch kommen die
meisten der gewaltbereiten Akteure auf dem Campus aus der Antifa-Bewegung, d. h. von aussen. Das rasante
Tempo aber, mit dem sich der linke Illiberalismus ausbreitet, ist wirklich unheimlich. Es handelt sich dabei
nicht mehr um blosse Anekdoten wie noch vor kurzem. Dieses vormals amerikanische Phänomen geht
neuerdings auch in den anderen angelsächsischen Ländern um wie ein Lauffeuer. Ich weiss nicht, wie es in
Deutschland ist oder in der Schweiz . . .

Es gibt dieses Phänomen dort auch, aber lange nicht so extrem.


Das wäre ein guter Grund, eine hohe Mauer um Europa zu errichten. Gebt den angelsächsischen Ideen von
«safe spaces» und «vulnerability» keine Chance!

Im Jahr 2013 hat das Department of Justice and Education die Anti-Diskriminierungs-Statuten
erheblich erweitert. Das ist nicht zuletzt auch eine Konsequenz des Umstands, dass die Universitäten
im Zuge der epidemischen Vergewaltigungen auf dem Campus viel zu lange die Täter gedeckt und die
Opfer alleine gelassen haben.
Das ist richtig. Das Problem ist nur, dass an den Universitäten ein überproportionales Netzwerk entstanden
ist, das praktisch gezwungen ist, völlig überzogen zu reagieren. Ein guter Teil der Administration besteht
mittlerweile aus Aufsichtsbehörden und Beschwerde-Komitees, die ihrerseits Transparenz vermissen lassen.
Hinzu kommt, dass sich die Normen dessen, was gesagt werden darf, so verschärft haben, dass heute schon
eine harmlose Bemerkung als «sexual harassment» eingestuft wird.

Die Sache wird noch verschärft durch das sogenannte «reporting bias»-System, d. h. den institutionell
verankerten Umstand, dass jeder, der eine reale oder vermeintliche Transgression melden will, diese
anonym an die Autoritäten weitergeben kann. Jede Beschwerde, die eingeht, wird mit einem
Riesenaufwand untersucht und kann für die «Angeklagten» empfindliche Konsequenzen haben. Wer
hat denn eigentlich diese Einrichtung in die Welt gesetzt?
Lassen Sie mich nachdenken. Die Stasi?

***

köh. · Jonathan Haidt ist Professor für Psychologie an der Stern School of Business an der New York University und Spezialist für
die Psychologie des Moralempfindens. Er ist Mitbegründer der Heterodox Academy, die sich für die Diversität der Lehre und die
Redefreiheit auf dem Campus engagiert. Sein Buch «The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion»
(2012) stand auf der Bestseller-Liste der «New York Times». In der Zeitschrift «Atlantic» publizierte Haidt unlängst gemeinsam mit
Greg Lukianoff einen Artikel mit dem Titel «The Coddling of the American Mind»; darin kamen die Autoren unter anderem zum
Schluss, dass der übertrieben fürsorgliche Erziehungsstil der sogenannten «helicopter parents» bei den Studenten eine pathologische
Denkweise, Depressionen und Angststörungen fördert.