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Lehrstunde in Basisdemokratie

18.4.2018, Simon Halm, Berlin

Was ist nur mit den Katalanen los? Sich so plötzlich in Spanien nicht mehr wohlzufühlen? Gar eine Unabhängigkeit zu fordern, die schon seit Jahrhunderten Geschichte ist? Und das mitten in Europa, wo doch alles zusammenwächst, statt sich zu trennen? Ist das nicht anachronistisch, nationalistisch, uneuropäisch? Wie konnten sie sich dazu nur hinreißen lassen?

Nun ja, Spanien hat zweifelsohne gerade eine schwere wirtschaftliche Zeit durchgestanden. Da liegt es doch nahe, dass die von autonomem Schulsystem und Lokalfernsehen indoktrinierten Katalanen den Sirenen separatistischer Politiker lauschen? Politiker, welche versuchen, ihre argen finanziellen Probleme und eigenen Fehler hinter nationalistisch, populistischen Parolen zu verstecken? Die zum eigenen Machterhalt nicht davor zurückschrecken, Katalonien und sogar ganz Spanien an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abgrund zu treiben?

Wie diesem Handeln Einhalt gebieten? Es bleibt da keine andere Wahl als zu intervenieren, zum Wohle der Katalanen, zur Verteidigung der Demokratie! Die Selbstverwaltung ist aufzuheben und die separatistisch-populistische Regierung abzusetzen und unschädlich zu machen. Das autonome Schul- und Mediensystem ist enger zu überwachen und vielleicht auch etwas anzupassen. Und dann, man wird schon sehen, wird alles sich wieder beruhigen. Und alles wird gut! Mit Sicherheit!

Ganz sicher? Sind Anamnese und Medizin korrekt? Oder wäre es denkbar oh Gott bewahre , dass sich ein kleiner Irrtum eingeschlichen hat? Wäre es denkbar, nur rein hypothetisch, dass nicht separatistische Politiker die Wähler ver führt, sondern umgekehrt die Wähler selbst ihre Politiker ge führt haben sollte? Ist das unvorstellbar?

Was, wenn der Unabhängigkeitswunsch nicht durch Propaganda und Verblendung in übler Absicht eingeimpft wurde, sondern stattdessen von allein erwachsen ist aus Franco-Diktatur und unterbundener Aufarbeitung, aus zentralistischer Ignoranz und Arroganz in einem seit Jahrhunderten andauernden Konflikt zwischen spanischem Staat und katalanischer Minderheit? Wenn schließlich die katalanische Zivilgesellschaft, jung und alt, arm und reich, alteingesessen und zugewandert, in Ermangelung von Perspektiven sich ohne Parteien und Staat aus eigener Überzeugung mithilfe sozialer Medien selbst organisiert hat? Wenn vormals autonomistische Politiker aller Couleur, von antikapitalistisch bis großbürgerlich, überwältigt von den sich Jahr um Jahr wiederholenden, massivsten friedlichen Demonstrationen im jüngeren Europa, ihren Kurs korrigiert haben? Wenn die aus den freien und erzwungenen Regionalwahlen von 2015 und 2017 hervorgegangenen Parlamentsmehrheiten tatsächlich den Willen des souveränen katalanischen Volkes widerspiegeln? Wenn diese Menschen es nicht hinnehmen werden, dass ihre rechtmäßig gewählten Repräsentanten verfolgt und verhaftet werden? Wenn sie sich neue Repräsentanten ihrer politischen Überzeugung suchen? Wenn auch ein „Spanisieren“ von Schule und Medien nicht helfen wird? Was tut man dann? Wird dann wohl doch nicht wieder alles gut?

Wird man dann etwa beginnen müssen, den rund 2 Millionen europäischer Bürger politisch Respekt zu zollen? Statt sie zu verlachen, zu schlagen und zu kriminalisieren? Wird man ihnen zuhören müssen, mit ihnen verhandeln und Kompromisse suchen, wie schon so lange gefordert?

Sollten diese so störrischen und unverbesserlichen Katalanen uns übrigen wohlfeilen, vielleicht etwas selbstgerechten und auf jeden Fall politikgesättigten Europäern am Ende gar eine Lehrstunde in wahrer Basisdemokratie erteilen? Sollte es wider allen Erwartens und ausgiebigen Kommentierens tatsächlich so kommen? Wenn ja, so sollten wir ganz aufrichtig die Reste des Ehrgefühls zusammennehmen, still und beschämt die Köpfe senken und ihnen dafür herzlichst danken!