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Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung

[I]
FF COMMUNICATIONS No. 13

LEITFADEN
DER

VERGLEICHENDEN MÄRCHENFORSCHUNG
VON
ANTTI AARNE

H A M I N A 1913,
SUOMALAISEN TIEDEAKATEMIAN KUSTANTAMA

[III]
Vorwort.
Das vorliegende Werk beabsichtigt die Märchenforscher mit der geographisch-historischen Untersuchungsmethode bekannt zu
machen. Im ersten Abschnitt werde ich einige Gesichtspunkte allgemeiner Art über die Märchen darstellen, besonders über deren
Ursprung, soweit die gegenwärtige Forschung diese Dinge zu erkennen vermag. Im zweiten Abschnitt werde ich die in den
Märchen geschehenden Veränderungen beschreiben, von deren Kenntnis die Ermittelung der Schicksale der Märchen zunächst
abhängt. Nachdem wir dann im dritten Abschnitt mit der Untersuchungsmethodeselbst bekannt geworden sind, folgen im vierten
praktische Winke für die Ausführung der Forschungsarbeit. Schliesslich referiere ich den Hauptinhalt der Märchen, die als
Beispiele zur Beleuchtung verschiedener Umstände gewöhnlich herbeigezogen sind. Als Ergänzung zu dem Werke wird in der
folgenden Nummer von FFC eine Übersicht der bei der Untersuchung nötigen Märchenliteratur erscheinen.

Man kann verschiedener Ansicht darüber sein, ob das von mir angewandte Verfahren, einige wenige Märchen als Beispiele zu
benutzen, der Aufklärung der Dinge zum Vorteil gereicht hat. Es ist zuzugeben, dass eine grössere Märchenmenge eine mehr
variierende Beispielwahl möglich gemacht hätte. Meine Behandlungsweise hat sich zunächst von dem Wunsche hergeleitet, das
Werk so zu gestalten, dass auch die mit den Märchen weniger Vertrauten es anwenden können. Und unzweifelhaft ist es für jeden
leichter, die [IV] Beispiele aufzufassen, wenn sie aus Märchen genommen sind, die er genau kennt und die man bei Bedarf in
demselben Werke wieder lesen kann. Dass die von mir benutzten Märchen hingereicht haben, Beispiele für die verschiedenen
Fälle zu bieten, das wird, hoffe ich, aus dem Werke deutlich werden.

Den herzlichsten Dank drücke ich hiermit den Herren Prof. Kaarle Krohn und Axel Olrik aus für die von ihnen erhaltene
Unterstützung. Der erstere hat ausser dem, was er durch seine grundlegenden Untersuchungen für die Sache getan hat, mir im
Laufe meiner Arbeit durch seine Ratschläge geholfen, und der letztere hat mir Manuskripte eines unter Arbeit befindlichen, die
Grundfragen der Volksdichtung behandelnden grösseren Werkes zur Einsicht überlassen.

Berlin, den 15. November 1913.

Antti Aarne.
[87]
Inhalt.
Seite
Vorwort III–IV
I. Ursprung der Märchen 1–22
23–
II. Die Veränderungen in den Märchen
39
Die geographisch-historische 39–
III.
Forschungsmethode 56
57–
IV. Die Technik der Märchenforschung
78
79–
V. Die als Beispiele benutzten Märchen
86

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Märchenforschung/Ursprung der Märchen
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Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung(1913) Die Veränderungen
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von Antti Aarne in den Märchen →
[1]
I. Ursprung der Mär chen.
Die Frage nach dem Ursprung der Märchen hat den Märchenforschern viel Anlass zum Nachdenken gegeben. Was sind
die Märchen, wo und wann sind sie entstanden, woher rührt das Vorkommen ähnlicher Märchen in verschiedenen
Ländern?

Die Beantwortung dieser Fragen erschien denen besonders schwierig, die als die ersten die Märchen wissenschaftlich zu
erforschen begannen, den deutschen Brüdern Grimm. Ihre ausführliche Kenntnis der Literatur und ihr tief- und
weitgehender Blick erzeugten bei ihnen ganz andere Gedanken über die Märchen als diejenigen, die zu damaliger Zeit
gang und gäbe waren und heute noch in dem Publikum vorherrschen, das der Entwicklung der wissenschaftlichen
Forschungsarbeit nicht folgt, den von ihr gewonnenen Ergebnissen fernsteht. Man hielt die Märchen „für wunderliche
Erzählungen, wie sie sich Mütter und Wärterinnen erdenken, um damit die Kinder zu unterhalten. Es sind leichte,
regellose Machwerke einer spielenden Einbildungskraft. Ein jeder kann dergleichen machen, welcher diese Kraft besitzt.
Wenn sie aber gut erzählt werden, so können wohl auch Erwachsene daran Gefallen finden“. Mit diesen Worten hat im
Jahre 1864 der ÖsterreicherJ. G. von Hahn[1] die populäre Auffassung geschildert.

Den Grund zur Märchenforschung legten die Brüder Grimm durch ihre bekannte Märchensammlung „Kinder- und [2]
Hausmärchen“, die im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erschien. Ihre Gedanken über den Ursprung der Märchen
haben sie teils in den an die Sammlung anknüpfenden „Anmerkungen“, teils anderswo dar
gestellt.

Die grimmsche Märchensammlung unterscheidet sich von den früheren ähnlichen Sammlungen dadurch, dass darin die
Volkserzählungen in der Form, wie sie aus dem Munde des Volkes gekommen waren, ohne absichtliche Veränderungen
beibehalten werden sollten. Das Bestreben der Brüder Grimm, die Märchen in der volkstümlichen Form zu erhalten,
fliesst aus der Auffassung her, die sie von den Märchen hatten. Sie setzten nämlich die Märchen in Zusammenhang mit
den alten Mythen. Sie sind, sagten sie, das letzte Echo der alten arischen Mythen und leiten auf diese Weise ihren ersten
Anfang aus dem gemeinsamen Urheim der arischen Völker her. Als die Mythen sich bei den verschiedenen Völkern mit
der Zeit veränderten und umformten und zuletzt ganz verfielen, entstanden aus den Überresten derselben die
Volksmärchen. Die Brüder Grimm schreiben also die Märchen zunächst den arischen Völkern als Eigentum zu, weshalb
man die von ihnen vertretene Gedankenrichtung die a r i s c h e T h e o r i e nennen kann. Über die gemeinsamen
äusseren Grenzen der Märchen und ihre Verwandtschaft äussert Wilhelm Grimm u. a.:[2] „Die Grenze wird bezeichnet
durch den grossen Volksstamm, den man den indogermanischen zu benennen pflegt und die Verwandtschaft zieht sich in
immer engern Ringen um die Wohnsitze der Deutschen, etwa in demselben Verhältnis, in welchem wir in den Sprachen
der einzelnen, dazu gehörigen Völker Gemeinsames und Besonderes entdecken.“ Die Wanderung der Märchen von
einem Lande zum anderen leugnen die Brüder Grimm jedoch nicht gänzlich, sie halten es sogar in einzelnen Fällen für
wahrscheinlich, dass [3] ein Märchen von einem Volke zum andern übergegangen und dann auf dem fremden Boden fest
gewurzelt sei.[3]

Um den Wert der Volksmärchen in den Augen derjenigen zu erhöhen, die ihnen wissenschaftliche Bedeutung nicht
zuerkennen wollten, findet es Jacob Grimm angezeigt, die wissenschaftliche Behandlung der Märchen zu verteidigen. In
der Einleitung zu Felix Liebrecht’s deutscher Übersetzung des Pentamerone äussert er nämlich:[4] „Gegenwärtig bedarf
es keiner Entschuldigung dafür, dass diesen merkwürdigen Überlieferungen aller Ernst und alle Genauigkeit des
Forschens und Untersuchens zugewandt werde, die wir der Sprache und den Liedern des Volks endlich überhaupt wieder
angedeihen lassen. Sie mögen fortfahren, wie sie es lange Zeit hindurch unvermerkt im stillen getan haben, zu erheitern
und zu unterhalten; allein sie dürfen jetzt zugleich wissenschaftlichen Wert in Anspruch nehmen, der ihnen viel weitere
und allgemeinere Anerkennung sichert.“

Die grimmschen Ansichten über den Ursprung der Märchen gewannen allgemeine Anerkennung. Einer ihrer Anhänger
war der schon erwähnte Österreicher J. G. v. Hahn, der nach grimmscher Auffassung das erste Märchentypensystem
bildete[5], ferner der bekannte OrientalistMax Müller, der Italiener Angelo de Gubernatis und mit ihnen viele andere, die
von dem Standpunkt der Naturerscheinungen das Entstehen der Mythen und der Märchen zu erklären versuchten. Von
der Beschaffenheit der letzterwähnten Gedankenrichtung gibt die folgende Deutung André Lefèvre’s über das
Rotkäppchenmärchen eine Vorstellung:[6] [4] „Die rote Kappe ist das Rot der Morgenröte, und Rotkäppchen selbst ist
die Morgenröte. Der Kuchen und der Topf Butter, die sie bringt, weisen vielleicht auf die Opferbrote und die als Opfer
dargebrachte Butter. Die Grossmutter ist eine Personifikation der alten Morgenröte, dem sich jede neue anschliesst. Der
Wolf ist entweder die verzehrende Sonne oder die Wolke und die Nacht.“ In solchem Phantasiespiel ging man so weit,
dass der wissenschaftliche Ernst gänzlich zu verschwinden begann.

Es verging eine lange Zeit, ehe die grimmschen Ansichten auf ernsteren Widerstand stiessen. Im Jahre 1859 stellte der
göttinger Sanskritforscher Theodor Benfey in der Einleitung zu der deutschen Übersetzung des Pantschatantra über den
Ursprung der Märchen eine neue Auffassung auf, die die Märchen von der ihnen von den Brüdern Grimm gegebenen
geheimnisvollen mythischen Hülle befreite und sie mit der Literatur verband. Nach Benfey stammen beinahe alle
Märchen aus Indien, wo der Buddhismus sie geschaffen hat – davon der Name i n d i s c h e T h e o r i e – und von dort
sind sie hauptsächlich durch die Vermittlung der Literatur über die ganze Welt gewandert. Nur die Tiermärchen, die in
den äsopischen Fabeln ältere Vertreter haben als in den indischen, haben sich in entgegengesetzter Richtung bewegt, von
Griechenland nach Indien. In ihrer Art waren die indischen Märchen so vorzüglich, dass sie bald die bei den
verschiedenen Völkern möglicherweise bekannten ähnlichen Erzählungen verdrängten und leicht nationalisiert wurden.
Benfey meint, die Verbreitung der Märchen sei vom 10. Jahrhundert an geschehen, als die islamitischen Völker sich
immer mehr mit Indien bekannt zu machen begannen und die indischen Erzählungssammlungen sich durch
Übersetzungen in den islamitischen Reichen in Asien, Afrika und Europa und durch sie in dem christlichen Okzident
verbreiteten. Nach den Gebieten im Osten und Norden hatten die indischen Märchen schon früher mit der [5]
buddhistischen Literatur zu wandern begonnen. Die literarische Verbreitung vermittelten in erster Linie das persische
[7]
Tuti-Nameh und die arabischen und höchst wahrscheinlich die jüdischen Schriften.

Ähnliche Ansichten scheinen schon früher unter den Forschern bekannt gewesen zu sein. Das beweisen folgende von
Jacob Grimm in der Einleitung zu Felix Liebrecht’s Übersetzung des Pentamerone 1846 geäusserte Worte:[8] „Man lasse
fahren den Wahn, die Märchen seien an irgendeiner begünstigten Stelle aufgewachsen, und von da auf äusserlich
nachweisbarem Weg oder Pfad in die Ferne getragen worden. Das ist jetzt schon durch sorgfältige Sammlungen
widerlegt.“

Benfey’s Auffassung gewann leicht an Boden, besonders unter den eigentlichen Märchenforschern, die schon
aufzutauchen begannen. Die bemerkenswertesten seiner Anhänger sind Reinhold Köhler und Em. Cosquin. Der erstere
betonte die Wichtigkeit der Behandlungsweise, die die einzelnen Märchen in der Zeit so weit als möglich
zurückverfolgen wollte, und dachte, dass man auf diese Weise immer nach Indien komme. Der letztere ging so weit, dass
er schon die Existenz der modernen indischen Parallellen für genügend hielt, den indischen Ursprung zu beweisen.

Gegen die benfeysche Auffassung vom Entstehen der Märchen in historischer Zeit erhob sich unter den Anthropologen
eine andere, die ihren Ursprung in die frühesten Zeiten der Völker verlegte. Die Hauptvertreter dieser sog.
a n t h r o p o l o g i s c h e n T h e o r i e sind die englischen GelehrtenE. B. Tylor und besonders Andrew Lang. Tylor war
in seinen Forschungen auf dem Gebiete der menschlichen Sitte und des menschlichen Glaubens zu der Erfahrung
gelangt, dass die ältesten religiösen Grundsätze, z. B. die Auffassungen von dem gegenseitigen Verhältnis des Körpers
und [6] der Seele, von den Geistern u. a. bei allen Völkern die gleichen waren, ohne dass man von dem Einfluss eines
Volkes auf das andere sprechen konnte. Nach diesen Gründen schliessen die Anthropologen: da die ursprüngliche
Denkart, der Glaube und die Phantasie bei allen Völkern sehr ähnlich sind, folgt daraus, dass in verschiedenen Gegenden
selbständig ähnliche Märchen entstanden sind. Die gleichen seelischen Voraussetzungen erzeugen ja gleiche Produkte.
Die Übereinstimmung der Märchen bei den verschiedenen Völkern braucht also nicht auf eine gegenseitige Abhängigkeit
oder Entlehnung hinzudeuten, sondern sie ist ein Er
gebnis des mehrmaligen Entstehens der Märchen.

Es zeugt von dem Fernblick der Brüder Grimm, dass sie schon in ihrer Zeit die Möglichkeit auch derartiger Ansichten
bemerkten. Wir wollen mit dem Vorangehenden folgende aus dem dritten Bande der „Kinder- und Hausmärchen“
entnommene Worte vergleichen:[9] „Es giebt aber Zustände, die so einfach und natürlich sind, dass sie überall
wiederkehren, wie es Gedanken giebt, die sich wie von selbst einfinden, es konnten sich daher in den verschiedensten
Ländern dieselben oder doch sehr ähnliche Märchen unabhängig von einander erzeugen: sie sind den einzelnen Wörtern
vergleichbar, welche auch nicht verwandte Sprachen durch Nachahmung der Naturlaute mit geringer Abweichung oder
auch ganz übereinstimmend hervorbringen.“ Neben der Hauptauffassung der Brüder Grimm wurden diese ihre Gedanken
jedoch weniger beachtet.

Von diesen drei für die Erklärung des Ursprungs der Märchen eingetretenen Hauptrichtungen hat die grimmsche heute
nur wenig Bedeutung mehr, zu der benfeyschen bekennen sich noch einzelne Forscher, obgleich die Einseitigkeit der
Ansichten Benfeys stark gemildert werden[7] musste, die neueste, englische dagegen hat noch viele Anhänger
.

Gegen alle diese Theorien sind Einwände erhoben worden.

Was zuerst die grimmschen Ansichten betrifft, reicht die von ihnen dargestellte Herleitung der Märchen von ihrem ersten
Ursprung aus der Urheimat der arischen Völker keineswegs hin, die Übereinstimmung zu erklären, die zwischen den
Märchen der verschiedenen Länder besteht. Wenn diese Übereinstimmung in dieser Weise entstanden wäre, würde sie
sich in keinem Falle weiter als auf den Grundgedanken oder die Hauptzüge der Erzählung erstrecken. Jetzt bemerkt man
jedoch oft auch in den unbedeutendsten Nebenumständen Ähnlichkeiten, und die Zusammenstellung langer,
komplizierter Erzählungen ist in verschiedenen Ländern dieselbe.

Die grimmsche Ansicht, dass die Märchen besonders den indogermanischen Völkern zugehören, kann in unserer Zeit
keinen Glauben mehr finden. Die enorm angewachsenen volkstümlichen Märchenvorräte und die vorgeschrittene
Forschung haben unwiderleglich bewiesen, dass die Märchen nicht nur den indogermanischen Völkern zugehören,
sondern dass man dieselben Märchen bei den verschiedensten Völkern antreffen kann. Wenn die Brüder Grimm die
Forschungsmittel unserer Zeit zur Verfügung gehabt hätten, wäre ihr Gedanke von dem Indogermanismus der Märchen
nie entstanden. Sie bezweifelten auch selbst teilweise die Dauerhaftigkeit dieser Ansicht, wie wir aus folgenden Worten
Wilhelm Grimm’s entnehmen können:[10] „So gewiss für jetzt die angegebene Grenze gilt, so ergiebt sich vielleicht,
wenn noch andere Quellen sich aufthun, die Notwendigkeit einer Erweiterung, denn mit Erstaunen erblickt man in den
Märchen, die von den Negern in Bornu und den Betschuanen, [8] einem Wandervolk in Südafrika, bekannt geworden
sind, einen nicht wegzuleugnenden Zusammenhang mit deutschen, während ihre eigentümliche Auf
fassung sie wiederum
von ihnen trennt.“

Die benfeysche Theorie zeigt einen grossen Fortschritt darin, dass sie die Übereinstimmung der Märchen in den
verschiedenen Ländern auf gegenseitige Entlehnung zurückführt. Nach ihr haben die Märchen einen bestimmten
Geburtsort, von dem sie sich anderswohin verbreitet haben. Ein offenbarer Irrtum aber ist es, die Heimat beinahe aller
Märchen nach Indien zu verlegen. Der Umstand, dass in Indien in alten Zeiten viele Märchen bekannt und beliebt waren,
berechtigt nicht zu dieser Annahme. Warum sollten wir bei anderen Völkern die Fähigkeit der Märchenschöpfung
leugnen? Die Sache wurde umso bedenklicher, als Benfey den Tiermärchen eine Ausnahmestellung zuwies, indem er sie
aus Griechenland herleitete. Hiergegen hat man mit Recht bemerkt, dass es widersinnig sei, den Griechen die Schöpfung
der einen Märchenart zuzuerkennen, sie ihnen aber auf anderen Gebieten abzusprechen. Die benfeysche Ansicht über den
indischen Ursprung der Märchen hat alle ihre Bedeutung verloren, nachdem die Forschung erwiesen hat, dass viele
Märchen anderswo als in Indien entstanden sind.
Unrichtig ist bei Benfey auch die zu grosse Bewertung der Literatur bei der Verbreitung der Märchen. Dazu verleitete ihn
wahrscheinlich die Reichlichkeit der alten indischen Märchenliteratur, als deren Gegengewicht man das volkstümliche
Märchenmaterial zu seiner Zeit noch ziemlich wenig kannte. Es ist eine sehr natürliche Bemerkung, dass die ältere
literarische Existenz der indischen Märchen noch nicht bedeutet, dass diese schriftlichen Bearbeitungen die Urquelle der
Märchen wären, welche in anderen Ländern als volkstümliche Erzählungen bekannt sind. Die letzteren haben, wer weiss
wie lange, in dem Munde des Volkes [9] gelebt. Und ausserdem hat die Forschung über die einzelnen Märchen
festgestellt, dass das volkstümliche Märchen gewöhnlich eine ältere Märchenform repräsentiert als die indischen oder
beliebige andere literarische Bearbeitungen und dass der Forscher darum sein besonderes Augenmerk auf das
volkstümliche Märchen zu richten hat.

Was wiederum die anthropologische Theorie anbelangt, enthält sie unbestreitbar viel Anregendes und theoretisch wohl
Durchdachtes, und auf bestimmten Forschungsgebieten hat sie ohne Zweifel eine grosse Bedeutung, aber die Frage nach
dem Ursprung der Märchen ist sie nur in sehr geringem Masse imstande zu beleuchten. Es ist zwar möglich, dass bei den
Völkern, die im Naturzustande leben, ähnliche Gedanken und Phantasiebilder entstehen. Das Gefühl von dem
Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tiere ist z. B. so unbestimmt, dass man den Menschen selbständig in
verschiedenen Gegenden in einen näheren Zusammenhang mit dem Tiere, ja sogar mit einem leblosen Gegenstand setzen
kann, er wählt ein Tier zu seiner Gemahlin, man denkt sich den Übergang der Seele aus dem Menschen irgendwohin
usw., aber von hier ist es noch ein weiter Weg zu den Märchen. Die Märchen sind keine primitiven Vorstellungen und
Phantasiebilder, und die Übereinstimmungen zwischen den Märchen der verschiedenen Länder beschränken sich nicht
auf einen solchen Zug allgemeiner Art, sondern erstrecken sich, wie in der Besprechung der grimmschen Ansichten
schon erwähnt wurde, einerseits auf Einzelheiten der Erzählung, bisweilen sogar auf den Ausdruck und andererseits auf
das Ganze der Erzählung. Eine derartige Übereinstimmung kann nicht so entstanden sein, wie sie die anthropologische
Ansicht erklärt. Nehmen wir einige Beispiele. Wie wäre es möglich, dass aus der ähnlichen primitiven Denkart und
Phantasie der Naturvölker folgte, dass z. B. in dem Zauberringmärchen sowohl in Indien als in Finland die zu tötenden
Tiere, Katze und Hund, [10] mit Geld freigekauft werden, die gerettete Schlange ihren Retter zu ihrem Vater geleitet,
damit er die Belohnung, den Stein (Ring), bekomme, dass die Maus (Ratte) als Mithelferin der Katze und des Hundes
ihren Schwanz in den Mund des Entwenders des Rings steckt, um ihn den Ring auf den Boden ausspucken zu lassen,
dass die Katze bei dem Überschwimmen des Wassers auf dem Hunde sitzt usw. Und wie könnte die Zusammenstellung
einer so komplizierten Erzählung sich mehrmals in gleicher Weise bilden. Und ebenso schwer lässt es sich denken, dass
auch kürzere Geschichten wie das Fischen des Bären mit dem Schwanze oder das Erbeuten der Fische durch den Fuchs
mit allen ihren übereinstimmenden Einzelheiten mehr als ein Mal entstanden wären.

Neben diesen Hauptrichtungen erwähne ich besonders die Ansichten Kaarle Krohn’s, zu denen er durch seine
Tiermärchenforschungen[11] gelangt ist. Krohn stellt sich auf den benfeyschen Standpunkt darin, dass die Märchen erst
Ergebnisse der historischen Zeit sind, aber er widersetzt sich ihrer Verbreitung hauptsächlich durch die Vermittlung der
Literatur und betont dagegen die grosse Bedeutung der volkstümlichen Märchen und deren ältere Existenz neben den
literarischen Bearbeitungen. Was das Schaffen der Märchen anbelangt, räumt er den verschiededen Völkern ihren Anteil
daran ein. „Ebenso wenig wie unsere Kultur“, äussert er darüber in der Vorrede zu dem Werke „Mann und Fuchs“[12],
„ausschliesslich einer Nation und einer Rasse zu verdanken ist, sind die Volksmärchen aus der genialen Tätigkeit eines
einzigen Volkes entstanden. Sie sind vielmehr das durch vereinte Arbeit erworbene gemeinsame Eigentum der ganzen
mehr oder weniger civilisirten[11] Welt und somit ein Gegenstand der internationalen W
issenschaft.“

Die auf ein reiches Material gegründeten Forschungen Krohns und die von ihm entwickelte Forschungsmethode haben
das richtige Verständnis der Märchen wesentlich geklärt.

Noch manche anderen Gedanken sind vorgebracht worden über den Ursprung der Märchen und über die unlöslich damit
verbundene Frage, wie die Übereinstimmung zwischen den Märchen der verschiedenen Länder zu begreifen ist.
Insbesondere in den späteren Zeiten, als der Märchenforschung eine grössere Aufmerksamheit zuteil wurde, sind diese
Fragen oft berührt worden. Meines Erachtens haben die Forscher jedoch selten etwas Neues vorgebracht, zumeist haben
sie nur verschiedene Seiten der schon erwähnten Hauptauffassungen entwickelt und vervollständigt. Auf eine eingehende
Wiedergabe der Ansichten verzichte ich deswegen hier und werde meine Aufmerksamkeit nur einigen, öfters
hervorgetretenen Gedanken zuwenden.

Bei der Ermittlung des Ursprungs der Märchen geht man mitunter von der Auffassung aus, dass die Märchen nicht
immer so gewesen sind, wie sie heutzutage vorkommen, sondern dass ursprünglich im fernen Altertum nur einzelne
Märchenzüge, sog. Märchenmotive existiert haben, die sich dann durch ziemlich willkürliche Mischung und Verbindung
zu Ganzen, zu Märchen geformt haben. Diese Ansicht spiegelt sich in der von A. Rittershaus in ihrer als Einleitung zu
der Sammlung „Die neuisländischen V
olksmärchen“ gegebenen Untersuchung wieder
.

Dergleichen Ansichten leiten sich von mangelhaftem Vertrautsein mit den Märchen her. Wenn man von der
Voraussetzung ausginge, dass anfangs nur Erzählungsmotive existiert hätten, die dann willkürlich miteinander verbunden
wurden, welche Verwirrung wäre die Folge davon? Zu den Märchen, wie wir sie jetzt kennen, gelangten wir auf diese
Weise nicht. Oberflächlich gesehen können [12] die Märchen wie eine Strähne verwirrten Garnes erscheinen, durch
welche zu dringen unmöglich ist, aber der ernste Forscher erkennt sie bald als stehende Erzählungen, die in dem Munde
des Volkes nebeneinander leben. Sie beeinflussen sich zwar gegenseitig, vermischen und verwickeln sich, bald verengern
sie die vollständige Form, bald erweitern sie sich wieder usw., aber eine Eigentümlichkeit der Märchen ist es, dass sie in
ihren einzelnen Zügen und Teilen Schwankungen zeigen, während der Stamm der Erzählung derselbe bleibt. Dies kommt
daher, dass sie von Anfang an in ihrer Komposition bestimmte Erzählungen gewesen sind, deren ursprüngliche Form
man ausfindig machen kann. Und dass die Sache sich so verhält, hat die auf zahlreiche volkstümliche und ältere
literarische Varianten gegründete vergleichende Forschung unwiderleglich festgestellt.

Beispiele davon, wie in den Märchen, von den in ihren einzelnen eilen
T geschehenen Formveränderungen abgesehen, der
Stamm der Erzählung sich doch erhält, ergibt uns jedwede vergleichende Märchenforschung. Das Märchen lebt ein
Jahrhundert nach dem anderen in seinen Hauptzügen unverändert. Es kommt z. B. niemand in den Sinn zu bezweifeln,
dass das im persischen Tuti-Nameh von Nachschebi befindliche, aus der volkstümlichen Überlieferung sich herleitende
Zaubervogelmärchen dasselbe ist wie das in den verschiedenen Teilen von Europa und Asien gegenwärtig im Munde des
Volkes lebende gleiche Märchen. Nachschebi’s Tuti-Nameh stammt aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts n. Chr. Also
hat das 600-jährige Leben im Munde des V
olkes das Märchen in seinen Grundteilen nicht verändert.

Jedes Märchen ist also ursprünglich eine feste Erzählung, die nur einmal an bestimmter Stelle und zu bestimmter Zeit
entstanden ist. Dieser Gedanke ist einer der Grundgedanken der Märchenforschung. Unter denjenigen, die ihn leugnen,
ist man bisweilen dahin gekommen, die Möglichkeit [13] aller Märchenforschung zu bezweifeln, wenigstens wo sie sich
bestrebt, die Ursprungsschicksale des Märchens zu bestimmen. Zu diesem Standpunkt ist u. a. A. Rittershaus gelangt. In
der erwähnten Untersuchung über den Ursprung der Märchen äussert sie u. a.:[13] „Wann und wo diese Märchen
entstanden, ist dann eine Frage, die wir wohl nie werden beantworten können, da ihre Entstehungszeit oft in eine Zeit
zurückreichen mag, in die der Menschengeist nicht vordringen kann. Speziell die Märchen mit all ihren wunderbaren
Geschehnissen reichen vielleicht noch in die Zeit, da die junge Menschheit sich noch im ersten Kindheitszustande befand
und von ihr alle Naturobjekte als beseelte und belebte Wesen aufgefasst wurden und wo die Märchen, wie heute noch für
unsere Kinder, die erste Form der Erzählungen waren.“

Was die Zurückführung der Märchen in die primitivsten Zeiten der Völker betrifft, ist sie offenbar falsch. Der ganze Bau
der Märchen beweist, dass sie sich nicht in allerprimitivsten Verhältnissen gebildet haben, sondern Erzeugnisse der
geschichtlichen Zeit sind. Es seien z. B. viele in ihnen vorkommende spätere Begriffe, kulturelle Tiere u. a. bemerkt. Ich
meine natürlich die der Erzählung ursprünglich angehörenden Züge und nicht die später hinzugekommenen oder durch
Modernisierung eines alten Begriffes oder Gegenstandes entstandenen Bildungen, die hier keine Bedeutung haben
können. Den späteren Ursprung der Märchen beweist auch der Umstand, dass man sie nicht bei den auf einem
niedrigeren Standpunkt stehenden Völkern als autochthon antrifft, sondern als anderswoher gekommen. Die finnisch-
ugrischen Völker in Russland z. B. haben ihre Märchen von den Russen. Die Märchen unterscheiden sich in dieser
Beziehung von den Sagen. Die Sagen sind älter [14] als die Märchen und alle, auch die niedrigsten Völker, haben sie
geschaffen. „Die Sagen sind alles in allem viel altertümlicher als die Märchen; die Sagen sind nämlich kunstlos und
einfach“, sagt Friedrich v. d. Leyen.[14]

Wenn sich die Märchen aber ursprünglich aus der geschichtlichen Zeit herleiten, wie sind dann die in die Urzeiten der
Völker hindeutenden Denkweisen zu verstehen, deren V
orkommen in den Märchen niemand leugnen kann?

Friedrich v. d. Leyen äussert folgende, zutreffende Worte:[15] „Wir müssen in unserer Untersuchung streng unterscheiden
zwischen Märchenmotiv und Märchen. So seltsam das klingt, so vergassen und vergessen noch die Forscher nichts öfter,
als gerade diese einfachste der Tatsachen. Hätte man sich immer an sie erinnert, so wäre eine ganze Reihe von Theorien
und wissenschaftlichen Fehden gar nicht entstanden; denn diese beruhten zum grössten Teil auf der Verwechslung von
Märchenmotiv und Märchen.“

Es ist unleugbar, dass jene uralten „Märchenmotive“ das richtige Verständnis der Märchen ganz wesentlich erschwert
haben. Daraus, dass sie Reste aus sehr alten Zeiten sind, folgt nicht, dass es so auch mit den Märchen sei. Zu diesen
uralten Motiven gehören nämlich nur einige Einzelzüge der Märchen, viele andere und zwar der grösste Teil von ihnen
weisen auf spätere Zeiten hin. Die Sache verhält sich einfach so, dass die Märchen selbst aus der geschichtlichen Zeit
stammen, aber bei ihrer Zusammensetzung wurden auch aus alten Zeiten ererbte Begriffe und Sitten in Anwendung
gebracht. Es ist kaum glaublich, dass der Verfasser des Märchens diese altertümlichen Vorstellungen auch nur für wahr
gehalten oder es mit seiner Erzählung immer ernst gemeint habe. Die Märchen sind wahrscheinlich schon von Anfang an
zum [15] grössten Teil mit der Absicht Vergnügen zu bereiten abgefasst worden, und die Auffassung ist falsch, dass man
sie in den alten Zeiten anfangs ernst genommen habe, wie es heutzutage unter den Kindern der Fall ist, und sie erst später
Vergnügens halber zu erzählen begonnen hätte.

Einige von den Freunden der anthropologischen Auf


fassung, die zwar der Wanderung der Märchen von einem Volke zum
anderen eine grössere Bedeutung zuerkennen als die Gründer der Schule, versuchen den Wert der Entlehnung durch die
Behauptung zu vermindern, dass viele Ähnlichkeiten, in welchen die Forscher Entlehnungen vorausgesetzt haben, ihr
Entstehen dem Zufall verdanken. In diesem Sinn äussert sich u. a. A. Forke in seinem Werke „Die indischen Märchen“
(1911). Im Leben kommen viele Übereinstimmungen vor, erklärt er, die auf Zufall beruhen. Es gibt Fälle, wo die Denker,
ohne von einander zu wissen, gleiche Konzeptionen gehabt haben, ein chinesischer Philosoph und ein indischer Weiser
haben z. B. über das menschliche Leben solche Anschauungen ausgesprochen, dass der grösste Teil des Lebens von der
Kindheit, dem Alter und dem Schlafe ausgefüllt wird und den Rest noch Schmerz, Krankheit und Sorge stören. Ebenso
sind in den Märchen viele Ähnlichkeiten entstanden; so z. B. die Übereinstimmung in der äsopischen Fabel vom Fuchs,
der, nachdem er das Herz des getöteten Hirsches gefressen, zum Löwen sagt, der Hirsch habe gar kein Herz gehabt, und
in dem Märchen vom Drachentöter, wo der als Retter der Königstochter auftretende Marschall behauptet, die Drachen
hätten überhaupt keine Zunge – er hat die Zungen herausgeschnitten und mitgenommen – entstammt dem Zufall. Es ist
wahr, dass man in den Märchen bisweilen auch zufällige Ähnlichkeiten trifft, und Forke’s Folgerungen können
theoretisch betrachtet zutreffend erscheinen, aber in Wirklichkeit verschwindet ihre Bedeutung fast gänzlich. Es ist
nämlich zu bemerken, dass der erfahrene Forscher ziemlich leicht [16] die zufälligen Ähnlichkeiten von den aus
Entlehnungen herfliessenden unterscheidet. Einzelne Fälle, in denen dem Forscher die Beschaffenheit der Ähnlichkeit
nicht bewusst wird, beeinflussen die Hauptsache sehr wenig. Und ausserdem ist immer zu bedenken, was schon
klargelegt wurde, dass die Märchen ganze Erzählungen sind, und wenn von Ähnlichkeiten die Rede ist, sind sie als
Erzählungen zu behandeln und nicht als einzelne Züge oder Episoden. Jeder Zug und jede Episode hat ursprünglich ihren
Platz in einem bestimmten Märchen, aus dem sie sich bisweilen gelöst haben können, und in diesem Sinn ist von ihnen
zu sprechen. Und von der in den ganzen Erzählungen sich bemerkbar machenden Ähnlichkeit sagt auch Forke: „Dann ist
an einem Zusammenhang kaum zu zweifeln“.

Wo und wann die Märchen entstanden[WS 1] sind, hat in jedem einzelnen Falle die Spezialuntersuchung zu ermitteln.
Bei der Kritik der benfeyschen Ansichten sahen wir, dass Indien nicht die Heimat aller Märchen sein kann, und ebenso
wenig ist es ein anderes einzelnes Land. Märchen sind offenbar in verschiedenen Gegenden entstanden. Dass einige von
ihnen aus Indien stammen, möchten auch die eifrigsten Gegner der indischen Theorie nicht leugnen. Eine bewiesene
Sache ist auch, dass Märchen in Europa entstanden sind. Der Entstehungsort von Märchen, die ausschliesslich in Europa
angetroffen werden, z. B. der Märchen „die Tiere im Nachtquartier“, „die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren
Früchte“, „Titeliture“ (Mt. 500) u. a. ist gewiss in unserem Erdteile zu suchen. Die einzelnen ausserhalb Europas, z. B. in
Amerika, begegnenden Varianten, sind deutlich in späterer Zeit von Europa herübergekommen. Einige Abenteuer des
dummen Bären und des schlauen Fuchses, z. B. das Fischen mit dem Schwanze, sind ihrem Ursprung nach als
nordeuropäisch erwiesen worden.

Obgleich aber Märchen in verschiedenen Gegenden [17] verfasst worden sind, ist es doch nicht wahrscheinlich, dass sie
überall entstanden seien. Ich glaube, dass sie zum grössten Teil an bestimmten Orten zustandegekommen sind. Einige
Völker und Gegenden haben besondere Voraussetzungen für das Schaffen von Märchen gehabt. Einen solchen für die
Entstehung der Märchen günstigen Erdboden hat der Orient und vor allem das vielbesprochene Indien gehabt. Meine
Auffassung ist, dass Indien, dem einige für die Entstehung der Märchen beinahe alle Bedeutung haben absprechen
wollen, doch einen bemerkenswerten Anteil an ihrer Schöpfung hat. Die Reichhaltigkeit der alten indischen
Märchenliteratur zeigt, dass die Märchen in Indien sehr beliebt waren. Im Hinblick darauf scheint es sehr natürlich, dass
die Indier Märchen auch verfasst haben. Es ist falsch, sie in Benfey’s Art aus der buddhistischen Literatur herzuleiten,
aber die volkstümlichen Vorbilder, auf welche sich die schriftlichen Bearbeitungen gründen, können die ursprünglichen
Formen der Erzählungen vertreten. Es sei jedoch hervorgehoben, dass eine solche Frage nicht auf einmal definitiv
entschieden werden kann. Der Anteil der verschiedenen Völker an der Märchenschöpfung wird sich erst dann aufklären,
wenn zuerst die Schicksale und der Entstehungsort jedes einzelnen Märchens durch Spezialuntersuchungen bestimmt
worden sind. Reinhold Köhler und andere, die mit ihm die einzelne Märchen betreffende Behandlungsart betonten, haben
die künftige Forschung auf den richtigen W
eg hingewiesen.

Die Vorzüglichkeit der morgenländischen Märchen wird auch daraus ersichtlich, dass nach ihnen und durch Stof
fanleihen
bei denselben in Europa, wie es scheint, neue Märchen zusammengesetzt worden sind, die den hiesigen Verhältnissen
besser entsprechen. Ein solches ist das Märchen „die Tiere im Nachtquartier“, dessen Vorbild das morgenländische
Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten gewesen ist, und ebenso das europäische [18]
Fortunatusmärchen. Sowohl die Haupthandlung als einige einzelne Züge des letztgenannten kommen in den alten
morgenländischen Märchen vor.[16]

Ebenso wie einige Völker grössere Voraussetzungen für das Schaffen von Märchen gehabt haben, so hat es sich
augenscheinlich mit einigen Zeitepochen verhalten. In Indien hat es wahrscheinlich in älteren Zeiten besondere
märchenerzeugende Epochen gegeben. In Europa scheint das Mittelalter eine solche gewesen zu sein. Die künftige
Forschung wird wahrscheinlich viele von den in Europa entstandenen Märchen als mittelalterlich erweisen. Der
abergläubische Geist des Mittelalters, das Geheimnisvolle und der Mystizismus desselben sind geeignet gewesen, das
Entstehen der an die Wirklichkeit sich wenig kehrenden Märchen zu begünstigen.

Die einzelnen Märchen können also ihrem Alter nach sehr verschieden sein. Ein ägyptischer Papyrusfund beweist, dass
das Märchen von 2 Brüdern und deren Abenteuern (Mt. 303) in Ägypten schon um 1300 v. Chr. bekannt war, und der
Grieche Herodotos erzählt das bekannte Rampsinitmärchen (Mt. 950) schon im fünften Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung. Andere Märchen wieder stammen aus verhältnismässig späteren Zeiten. Die meisten neuen Märchen sind
Schwänke.

Die weitere Verbreitung eines Märchens von seinem Entstehungsorte aus konnte durch die mündliche Erzählung und
durch die Vermittlung der Literatur stattfinden. Dass die Märchen sich mündlich verbreiten, beweist unleugbar die
Tatsache, dass die Märchenvorräte zweier Nachbarvölker einander mehr gleichen als diejenigen solcher Völker, die
weiter voneinander wohnen. Die mündliche Verbreitung der Märchen leugnet kaum jemand mehr. Leicht bemerkt man
auch in ihrer Verbreitung den Einfluss der Literatur. [19] So haben solche in vielen Sprachen veröffentlichte, allgemein
benutzte Bücher wie „Tausend und eine Nacht“ und die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm die Verbreitung
und Verallgemeinerung einiger Märchen augenscheinlich befördert. Eine grössere Bedeutung aber hat die Literatur für
die Verbreitung der Märchen nicht gehabt. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst muss deren Einfluss sehr
unbedeutend gewesen sein. Man erinnere sich, dass die Bücher in den älteren Zeiten sehr selten waren, und dass auch
lange nach der Erfindung des Buchdrucks die Kunst des Lesens wenig verbreitet war. Inbezug auf einzelne Märchen hat
die Forschung nachgewiesen, dass man in dem volkstümlichen Märchen nichts oder sehr wenig von einem Einfluss der
älteren literarischen Varianten merkt. In der neuesten Zeit sind die Voraussetzungen für die literarische Verbreitung der
Märchen viel grösser gewesen, und eine solche ist auch in grösserem Masse erfolgt als früher, obgleich nicht in dem
Grad wie manche erwarten möchten. Der Schwede A. Ahlström ist durch seine Forschungen zu der Überzeugung
gekommen, dass in den schwedischen Märchen bis in das letzte Jahrhundert kaum der geringste literarische Einfluss zu
bemerken ist. Als Hyltén-Cavallius und Stephens um 1840 ihre grosse Märchensammelarbeit ausführten, war von der
schwedischen Volksbücher-Literatur fast keine Spur in dem volkstümlichen Märchenschatz zu finden. Aus den
allerletzten Zeiten hat er öfters Aufzeichnungen bemerkt, die sich unmittelbar oder mittelbar aus Büchern herleiten.[17]
Hauptsächlich zu demselben Ergebnis, glaube ich, kommt die Forschung auch anderswo.

Die Verbreitung der Märchen hat durch Jahrhunderte hindurch stattgefunden und geschieht noch jetzt in erster Linie auf
mündlichem Wege. Die Märchen wandern im [20] Volke so leicht, und sie hängen nicht von der Verschiedenheit der
Sprachen ab. Die Sprachgrenze bringt das Wandern der metrischen Erzeugnisse des Volksgeistes zum Stehen oder
erschwert es wenigstens sehr, aber das Wandern des ungebundenen Märchens hindert sie kaum. Für die Verbreitung der
Märchen bedarf es nur des gegenseitigen Verkehrs der Individuen und der Völker. Ebenso wie sie in einunddemselben
Volke von einer Persönlichkeit zur anderen übergehen, ebenso bringt der nähere Verkehr zwischen den Völkern sie von
einem Volke zum anderen. Was das verschieden häufige Vorkommen einzelner Märchen und ihr weiteres oder engeres
Verbreitungsgebiet betrifft, hängt dies teils von dem Alter des Märchens, von seiner Wanderungszeit, aber auch viel von
seiner eigenen Beschaffenheit ab. Weil die Märchen als Mittel zur Erheiterung gebraucht werden, ist es natürlich, dass
die unterhaltenden Märchen, von denen die Hörer mehr angezogen werden, sich schneller als die trockenen verbreiten.
Das Märchen „die Tiere im Nachtquartier“ ist offenbar durch seinen fröhlichen Ton in den verschiedenen Ländern
Europas so allgemein geworden, während das verwandte Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten sich
mit einer viel unbedeutenderen Verbreitung zufrieden geben musste. Die Anziehungskraft des Inhalts hat auch die
Märchen von dem Manne, der sagte, er komme aus dem Paradies (Paris) (Mt. 1540), von den drei Zaubergegenständen
und den wunderbaren Früchten u. a. zu den häufigsten Märchen Europas gemacht.

Gegen die mündliche Verbreitung der Märchen ist mitunter die Behauptung aufgestellt worden, dass dasselbe Märchen
bei zwei weiter voneinander lebenden Völkern vorkommen, hingegen bei dem zwischen ihnen wohnenden Volke fehlen
kann. Diese Erscheinung beweist jedoch nichts in Bezug auf die eVrbreitung der Märchen, denn sie beruht fast immer auf
dem Mangel an Sammlungen und ist [21] mit dem Fortschritt der Sammelarbeit immer seltener geworden. Möglich ist in
einzelnen Fällen auch, dass das Märchen bei dem zwischenwohnenden olke
V in Vergessenheit geraten ist.

Wenn man von der Verbreitung der Märchen spricht, werden oft die geschichtlichen Völkerwanderungen als Zeugnisse
genommen. Eine grosse Bedeutung pflegt man z. B. dem bekannten Einfall der Mongolen in Russland zuzuschreiben, wo
sie für längere Zeit wohnen blieben. Es ist natürlich, dass derartige Ereignisse die Übertragung der Märchen von Volk zu
Volk vermitteln konnten. Wenn man aber andererseits die grosse Leichtigkeit in der Wanderung der Märchen in Betracht
zieht, sind die Wanderungen der Völker meines Erachtens mit Vorsicht als Zeugnisse anzuwenden. So verhält es sich
besonders, wenn sie in den älteren Zeiten vor sich gegangen sind, denn die Märchen haben Zeit gehabt, im Laufe der
Jahrhunderte weite Wege von Mund zu Mund selbst zu wandern, und ausserdem fällt es dem Forscher gewöhnlich
schwer zu ermitteln, was für Märchen das in jedem Fall in Frage kommende olk
V beim Antritt seiner Wanderung gekannt
hat, was doch notwendig ist, ehe die Übersiedlung Beweiskraft haben kann. Mehr Bedeutung haben die späteren
ähnlichen Erscheinungen. So hat man inbezug auf die finnischen Märchen Zeitbestimmungen gewonnen durch die um
1600 geschehene Übersiedlung von Savolaxern nach Schweden, vor allem nach der Landschaft Wermland, wo sie
sesshaft blieben.

Die Märchen bilden eine Schicht von Erzählungen, die von einem Orte zum anderen wandernd, in der Erinnerung des
Volkes fortlebt. Sie wird von den an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten entstandenen einzelnen
Erzählungen gebildet, die in ihrer Art mit der Literatur vergleichbare Erzeugnisse sind. Ursprünglich gehören die
Märchen augenscheinlich alle dem alten Kontinent an, [22] obgleich sie durch Übertragung teils auch ausserhalb
desselben bekannt werden konnten. Ihre leichte Wanderung leitet sich aus ihrer von Ort und Zeit unabhängigen
Beschaffenheit her, die sie überall anpassungsfähig und willkommen macht. Neue Märchen können auch noch entstehen,
obgleich die Phantasie des Volkes im allgemeinen beschränkt ist, sie schafft in unserer Zeit sehr selten etwas vollständig
Neues.

Die Märchen haben ihren eigenen Inhalt, der von dem der anderen Volkspoesie durchaus verschieden ist. Selten haben
sie und die anderen Erzeugnisse der Volkspoesie sich miteinander vermischt. Es gibt einzelne Fälle, in denen ein
Märchenmotiv als eine örtlich und zeitlich gebundene Sage oder als Lied in gebundener Form erscheint. Ein
Märchenerzähler kann bisweilen seine Erzählung mit einem Spruche verschönern. Es ist auch nicht unmöglich, einem
Rätsel mit dem Märchen verbunden zu begegnen. In einigen Märchen bildet das Erraten des Rätsels einen wesentlichen
Teil der Erzählung. Alles dies sind jedoch Ausnahmefälle. Mehr Aufmerksamkeit verdient in der Erforschung der
Märchen nur das Vorkommen der Märchenmotive in den alten V
olksepen.

Man hat oft die Märchenforschung als Nebensache mit irgendeinem anderen Forschungsgebiet vereinigen wollen. Das
hat man von der ersten Zeit der Forschung an getan und tut es noch heute. Die Freunde der grimmschen Schule sind
meistens Mythologen und Linguisten, die der benfeyschen Schule Literaturhistoriker und die der englischen Schule
Anthropologen gewesen. Daher haben sich viele von den Einseitigkeiten und Irrtümern hergeleitet, welche in der
Forschung der Märchen vorgekommen sind. Die Märchen bilden ein besonderes Forschungsgebiet mit eigenem Inhalt
und eigenen Forschungsmethoden, und sie müssen selbständig untersucht werden, wobei natürlich die Beziehungen des
Forschungsgebiets zu einigen anderen nahestehenden W
issenschaftszweigen in Betracht zu ziehenist.

1. Hahn v., J. G., Griechische und albanesischeMärchen I (1864), Einleitung S. 1.


2. Grimm, KHM (Reclam) III S. 435.
3. Grimm, KHM (Reklam) III S. 428.
4. Liebrecht, Pent. (1846) I S. VIII; in H. Floerkes neuer Bearbeitung (1909) S. IX.
5. Hahn v., J. G., Griechische und albanesischeMärchen I (1864), Einleitung.
6. Martens, Charles, L’origine des contes populaires (1894) S. 27 u. Forke, A., Die indischen Märchen
(1911) S. 24.
7. Benfey, Th., Pantschatantra I (1859), Vorrede XXI ff.
8. Liebrecht, Pent. (1846) I S. IX; in H. Floerkes neuer Bearbeitung (1909) S. X.
9. Grimm, KHM (Reclam) III S. 427.
10. Grimm, KHM (Reclam) III S. 435.
11. Krohn, K., Bär (Wolf) und Fuchs, eine nordische Tiermärchenkette (Journal de la Société Finno-ougrienne
VI 1889), und Mann und Fuchs (1891).
12. Krohn, K., Mann und Fuchs S. 10.
13. Rittershaus, A., Die neuisländischen Volksmärchen (1902) S. XLIII.
14. Leyen, F. v. d., Das Märchen (1911) S. 75.
15. Ders. S. 27.
16. Mémoires de la Société Finno-ougrienne XXV S. 140–142 .
17. Ahlström, A., Om folksagorna (1895) S. 32, 33.

Anmerkungen (Wikisource)
1. Vorlage: enstanden

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Leitfaden der vergleichenden
Märchenforschung/Die Veränderungen in den
Märchen
< Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung
Die geographisch-
← Ursprung der Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung(1913) historische
Märchen von Antti Aarne Forschungsmethode

[23]
II. Die Veränderungen in den Mär chen.
Das innere Leben der Märchen ist sehr anziehend. Aus der Art ihrer Erhaltung folgt, dass sie im Laufe der Zeit
Veränderungen unterworfen gewesen sind und noch fortwährend sind. Wir können ein und dasselbe Märchen mehrere
hundert Male aus dem Volksmunde aufzeichnen, aber zwei auch in ihrer Wortform ganz gleiche Varianten sind
unmöglich zu finden. Dies ist eine Folge des beschränkten Erinnerungsvermögens. Die Verfasser der literarischen
Bearbeitungen der Märchen sind mit den volkstümlichen Erzählern zu vergleichen. Auch in ihren Händen hat sich die
Erzählung verändert, obgleich die Ursachen der Veränderungen teilweise anderer Art sein können. Der Schreiber hat
seine Veränderungen öfter als der volkstümliche Erzähler absichtlich gemacht. Seine Arbeit wurde von einem
bestimmten, z. B. schönliterarischen oder didaktischen Ziel geleitet.

Es ist dem Forscher möglich über die Verhältnisse des inneren Lebens der Märchen Klarheit zu gewinnen. Die
Veränderungen folgen nämlich bestimmten Gesetzen des Denkens und der Phantasie, die mit den in den sprachlichen
Erscheinungen herrschenden Gesetzen der Sprache zu vergleichen sind. Die Veränderungen sind durch bestimmte
Ursachen hervorgerufen. Es geschehen zwar auch vom Zufall abhängige Veränderungen, aber sie sind selten und dem
erfahrenen Forscher leicht erkennbar.

Ich werde im Folgenden die bemerkenswertesten dieser Gesetze darstellen.

We n i g e U m s t ä n d e v e r u r s a c h e n i n d e n M ä r c h e n s o v i e l e Ve r ä n d e r u n g e n w i e d a s
Ve r g e s s e n e i n e s Z u g e s (einer Person, eines Gegenstandes, eines Ereignisses u. a.). Das Vergessen betrifft
seltener die für die Ganzheit der Erzählung wichtigen Grundzüge. Gewöhnlich gerät ein Umstand in Vergessenheit, der
mit der übrigen [24] Erzählung nicht in festerem Zusammenhang steht und dessen Wegbleiben deswegen keine anderen
bemerkenswerteren Veränderungen zur Folge hat. In dem Märchen von den Tieren im Nachtquartier ist oft die die Tiere
betreffende Todesdrohung vergessen, derentwegen die Tiere das Haus verlassen. In der Märchenform, wo der Mensch in
Gemeinschaft mit den Tieren als Teilnehmer an der Reise vorkommt, ist oft die ganze Darstellung des Aufbruches zur
Reise weggeblieben und ohne nähere Aufklärung wird nur gesagt, dass der Mensch die Tiere bei sich hat. In dem
Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten, durch deren Hilfe die Entwenderin der
Gegenstände gezwungen wird, dieselben zurückzugeben, ist zuweilen die Dreizahl der Empfänger der
Zaubergegenstände vergessen worden. Im Zaubervogelmärchen ist die Erzählung von dem Reichwerden des
Vogelempfängers durch das Verkaufen der Eier vergessen, und das Verschwinden des Reichwerdens hat seinerseits das
Vergessen der ursprünglichen Armut des Mannes erleichtert. Die Armut ist nämlich ursprünglich als Gegensatz zum
Reichwerden vorgekommen, und nachdem das Reichwerden weggeblieben ist, ist es nicht mehr notwendig gewesen, die
Armut des Mannes hervorzuheben.
Das Vergessen hat in den inneren Schicksalen des Märchens einen grösseren Einfluss als irgendein anderer Umstand. Ja
man kann sagen, es hat einen grösseren oder kleineren Anteil an den meisten in den Märchen vorsichgehenden
Veränderungen.

Der Gegensatz des Ve r g e s s e n s ist die Erweiterung der Erzählung durch


u r s p r ü n g l i c h n i c h t z u i h r g e h ö r i g e S t o f f e . Auch die Erweiterung ist eine der allgemeinsten
Erscheinungen in den Märchen. Das was hinzugefügt wird, entnimmt man meistens dem schon vorhandenen Stoffvorrat,
gewöhnlich anderen Märchen. Mitunter erfindet der Erzähler selbst eine Ergänzung an [25] einer Stelle, die ihm in
irgendeiner Beziehung mangelhaft erscheint. Mit der Erzählung werden ganze Episoden oder Stücke einer solchen
verbunden. In den sich vereinigenden Teilen muss ein zusammenfassender gemeinsamer Zug oder etwas
Übereinstimmendes sein. Erweiterungen können in jedem Märchen auftreten. Mit dem Abenteuer von den im
Nachtquartier befindlichen Tieren hat sich die Geschichte vom Bärenführer, der mit Hilfe seines Bären den Teufel
verjagt, verbunden. Die Vereinigung rührt davon her, dass es sich in beiden Geschichten um die Vertreibung des Gegners
handelt und der Vertreiber in beiden ein Tier ist. In dem Zaubervogelmärchen ist ein anderswoher gekommener Zusatz
der Diener, der den Jungen zur Flucht verhilft, die der Liebhaber der Mutter getötet haben will. Der Diener schlachtet die
Jungen nicht, wie ihm aufgetragen ist, sondern er bereitet für den Liebhaber ein Essen aus zwei jungen Hunden zu. In der
ursprünglichen Episode wird gewöhnlich von dem Bringen des Tierherzens anstatt des Herzens des zu tötenden
Menschen gesprochen. Ein solcher Zusatz, den ein späterer Erzähler selbst erdichtet hat, ist das Kaufen der Häuser durch
den Besitzer des Beutels für seine Brüder in einer Gruppe finnischer Varianten des Märchens „Die drei
Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“. Den Umstand, dass die anderen Empfänger der Zaubergegenstände
diese dem Besitzer des Beutels zur Verfügung stellen, hat man eines näheren Motivs bedürftig erachtet. Ein solches
Motiv hat man durch den Kauf der Häuser bekommen, indem die Hergabe der Zaubergegenstände als Belohnung für
diese Wohltat erscheint. Eine später gebildete Episode desselben Märchens ist augenscheinlich auch das Schönmachen
als Eigenschaft der wunderbaren Früchte, wodurch die Aufmerksamkeit der Königstochter auf die Früchte gelenkt wird,
und ebenso das Durchprügeln der Königstochter wodurch man die Grösse der ihr auferlegten Strafe verschärfen wollte.

[26] Die Erweiterung kann an jedem beliebigen Punkte des Märchens einsetzen, aber besonders sind der A n f a n g und
das E n d e der Erzählung dazu geeignet. Die Erzähler haben eine besondere Vorliebe, die Einleitung der Erzählung
auszudehnen und ebenso die Erzählung mit Endzusätzen fortzuspinnen. Der Zusatz am Schluss gestaltet sich bisweilen
zu einem schnurrigen Epilog. Der Anfang und das Ende des Märchens zeigen auch sonst eine grössere Neigung sich zu
verändern als seine übrigen Teile. Wenn wir z. B. die Art und Weise des Empfangs der Zaubergegenstände in den
Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ und „Die Zaubergaben“ betrachten, treffen wir in
beiden eine Anzahl mehr oder weniger verbreitete verschiedenartige Bildungen an. Einige von ihnen sind deutlich aus
anderen Märchen gekommen, z. B. in dem erstgenannten Falle die Erlösung der verzauberten Jungfrauen, die
Entwendung der Zaubergegenstände aus den Händen der wegen der Teilung sich streitenden Teufel, der Besuch des
väterlichen Grabes, die Segnung des unbestatteten Leichnams usw., und in dem letzteren das Emporklettern an einer
grossen Pflanze ins Paradies, das Erhalten der Zaubergegenstände von dem Glück, von dem die Saat des Mannes
beschädigenden Vogels u. a.

Z u r E r w e i t e r u n g g e h ö r t a u c h d i e Ve r e i n i g u n g v e r s c h i e d e n e r M ä r c h e n z u e i n e m
G a n z e n . Die Erzähler verbinden Märchen miteinander, in denen sich irgendein gemeinsamer, zusammenhaltender Zug
befindet. Zusammenrückung kann man in einzelnen Fällen in allen beliebigen Märchen finden, aber einige
Märchengruppen zeigen besondere Neigung dazu. Solche sind zunächst die Tiermärchen. Ebenso wie die
Zusammensteller der mittelalterischen Tierepen verschiedene Tiergeschichten in einem gemeinsamen Rahmen
miteinander verbanden, ebenso vereinigt auch das Volk z. B. die Abenteuer des schlauen Fuchses und des dummen
Bären. Zusammenrückung bemerkt [27] man auch in den Märchen von dem dummen Teufel, den der kluge Mensch
betrügt, und in den Schwänken, besonders in den Schildbürgerschwänken. Es sei jedoch bemerkt, dass die
Zusammengehörigkeit verschiedener Geschichten nicht immer Zusammenrückung bedeutet, denn sie kann teilweise auch
ursprünglich sein.
E i n e A r t E r w e i t e r u n g i s t n o c h d i e Ve r v i e l f ä l t i g u n g . Auch darin vermehrt sich der ursprünglich
in die Erzählung gehörende Stoff. Die Persönlichkeiten, Gegenstände, Eigenschaften, Tätigkeiten u. a. vervielfältigen
sich. Es ist Vervielfältigung, wenn sich in dem Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“ die Zahl der Tiere vermehrt: neben
dem Hahne erscheint ein Huhn, neben dem Ochsen eine Kuh, neben den Haustieren Tiere des Waldes. In der einfachen
Vervielfältigung multipliziert sich der Gegenstand oder der Begriff mit einem oder mehreren gleichen. In dem erwähnten
Märchen sind bisweilen anstelle eines Hahnes viele Hähne, anstelle einer Gans viele Gänse gekommen usw. Gewöhnlich
berührt die Vervielfältigung nur einzelne von den auf der Reise befindlichen Tieren, aber zuweilen ist die Zahl aller Tiere
vervielfältigt. In dem Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten hat sich in einigen europäischen
Varianten die zur Reisegesellschaft gehörende Nadel verdoppelt, ja bisweilen sogar verdreifacht. In einer olonetzischen
Variante des Aladdin-Märchens sind statt einer Lampe viele Lampen, aber die Zauberkraft gehört nur einer von ihnen,
die sich von den anderen durch ihre Schmutzigkeit unterscheidet. Die Vervielfältigung ist also in diesem Falle nicht
vollständig.

Oft werden bei der Vervielfältigung bestimmte Zahlen befolgt. Die D r e i z a h l ist in den Märchen sehr gewöhnlich.
Brüder sind oft drei vorhanden, von denen der jüngste als dümmster gilt, während er in Wirklichkeit der klügste ist,
Zaubergegenstände gibt es drei, die Zahl der Richter im [28] Märchen „Undank ist der Welt Lohn“ ist drei usw.[1] Bei
der Allgemeinheit der Dreizahl in den Märchen ist es kein Wunder, dass sie auch in der Vervielfältigung oft angewendet
wird. In der Geschichte von dem Fischen des Bären mit dem Schwanze ist der Bär mitunter drei Nächte an das Eisloch
gesetzt, in dem Märchen „Bärenfrass“ wo der Mann dem Fuchse statt der ihm versprochenen zwei Gänse (Hühner) zwei
Hunde bringt, kommt zuweilen anstelle von drei, aber auch fünf oder zehn Gänsen dieselbe Anzahl Hunde vor
.

D a s E r g e b n i s d e r Ve r v i e l f ä l t i g u n g i s t o f t e i n e D u p l e t t e n f o r m , d. h. in der Erzählung bildet


sich nach einem vorhandenen Zuge ein neuer ihm gleichender Zug. So ist es z. B. in der Fortunatus-Variante der Gesta
Romanorum geschehen, wenn neben den aussätzig machenden Früchten ein Zauberwasser erschienen ist, das das Fleisch
von den Füssen löst. Das Wasser hat eigentlich dieselbe Wirkung wie die Früchte. Dasselbe Verhältnis herrscht zwischen
den gesundmachenden Früchten und dem entsprechenden Wasser. Eine Duplettenform ist auch die Wiederholung des
Durchprügelns in einigen Varianten des Märchens „Die Zaubergaben“. Im Märchen zwingt der von selbst schlagende
Knüppel (oder der Sack, aus dessen Innerem Jungen mit Stöcken in den Händen erscheinen) durch das Prügeln den
Entwender der Zaubergegenstände dieselben ihrem Besitzer zurückzugeben. Nach diesem ist das am Ende des Märchens
bisweilen vorkommende Durchprügeln des Weibes des Besitzers der Zaubergegenstände und ebenso in den Varianten mit
zwei Zauberdingen das Durchprügeln der Gäste des reichen Bruders gebildet. Die Entstehung der Duplettenformen hat in
diesem Falle wahrscheinlich der amüsante Charakter des Zuges [29] verursacht. In der Räuberfassung des Märchens
„Die Tiere im Nachtquartier“ ist eine Duplettenform die Verjagung der Besitzer des Nachtquartiers von ihrem Schmaus
bei der Ankunft der Tiere in dem Haus. Die Verjagung ist hier eine Kopie der ursprünglich zu dem Märchen gehörenden
Verjagung des in das Nachtquartier Eindringenden.In der Urform des Märchens sind nämlich die Besitzer des Hauses bei
der Ankunft der Tiere abwesend. Das Verkaufen des Vogels in einigen Varianten des Zaubervogelmärchens ist eine
Duplettenform des Verkaufens der zu der Urformdes Märchens gehörenden kostbaren Eier.

Die Duplettenform fügt der Erzählung in den erwähnten Fällen einen neuen Zug bei. Es gibt auch Duplettenformen, die
die Erzählung nicht erweitern, sondern einen in der Erzählung schon vorhandenen Zug einem anderen Zug angleichen.
Diese sog. A n a l o g i e f o r m e n , die den sprachlichen Analogieformen entsprechen, sind in den Märchen sehr
gewöhnlich. Sie sind zweierlei Art, jenachdem ob das Vorbild der Form in demselben oder in einem anderen Märchen
vorkommt.

Eine zu der ersteren Art gehörende Analogieform ist der Dienst, den die Katze und der Hund in einigen finnischen
Varianten des Märchens vom Zauberring erweisen durch die Rettung des Gebers des Gegenstandes aus dem Feuer. Es ist
dies eine Kopie von dem Zurückbringen des entwendeten Zauberringes. Ja die Katze ist sogar oft auch beim
Durchdringen des Feuers, ebenso wie es beim Überschwimmen des Wassers dargestellt ist, auf den Rücken des Hundes
gesetzt. Die gleiche Analogieform entsteht in dem Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren
Früchten, wenn die Entwendung des Zaubergegenstandes „bringt einen, wohin man will“ nach der Art der Entwendung
der anderen Zaubergegenstände von der fernen Insel in das Haus der Königstochter übergeht, und ebenso in dem
Zaubervogelmärchen, wenn anstatt der [30] Abenteuer des Verzehrers des Herzens der eine Bruder zu einem vornehmen
Beamten bei seinem König gewordenen Bruder gemacht wird.

Wenn im Märchen mehrere in derselben Stellung befindliche Züge vorkommen, können diese alle sich ex analogia dem
einen Zuge gleich verändern. So geht es z. B. im Märchen von den Tieren im Nachtquartier, wenn die Aufgabe oder der
Beruf des einen Wanderers allen Mitgliedern der Reisegesellschaft zugeeignet wird. So stellt sich der Erzähler mitunter
nach dem Widder, der in der Urform des Märchens ein Schuhmacher gewesen ist, alle Tiere als Schuhmacher vor, nach
der Gans alle als Schneider usw.

Als Beispiel von Analogieformen, wo das eine Märchen das andere beeinflusst, erwähne ich die Verwechslung der Plätze
des Bären und des Fuchses in der nordischen Umformung des Märchens „Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des
Pferdes hängend“. In dieser lockt der Bär den Fuchs an den Schwanz des Pferdes, aber nach anderen Abenteuern des
Bären und des Fuchses, in denen der Bär immer als Betrogener und der Fuchs als Betrüger erscheint, ist auch hier
zuweilen der Bär an die Stelle des Fuchses als Fahrender
, der Fuchs an die Stelle des Bären als Ratgeber gestellt worden.

Selten ist in den Märchen auch nicht die Spezialisierung einer allgemeinen oder
d i e Ve r a l l g e m e i n e r u n g e i n e r s p e z i e l l e n B e z e i c h n u n g . Die Erzähler bestimmen gern näher,
beschränken einen Begriff allgemeinerer Art und erweitern umgekehrt einen engeren Begriff in seiner Bedeutung. Die
letztere Veränderung kann bisweilen eine Folge des Vergessens sein. In dem Märchen vom Zauberring ist mitunter der
Fisch, welcher den Zaubergegenstand verschluckt, seiner Art nach als Hecht, Felchen u. a. bestimmt, und ebenso hat man
in dem Zaubervogelmärchen den Vogel stellenweise [31] Huhn, Gans, Ente u. a. zu nennen begonnen. Eine
entgegengesetzte Erscheinung kommt in dem Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten
vor, wenn die bestimmte Fruchtart, die Äpfel, hie und da gemeinhin in Früchte verändert worden sind, und im Märchen
von den Tieren im Nachtquartier, wenn statt eines bestimmten Handwerks für verschiedene Tiere Benennungen wie
„einer“, „jemand“ angewendet worden sind.

Mit den Erzählungen können sich fremde Stoffe auch durch Ve r t a u s c h u n g


v e r b i n d e n , d. h. anstelle eines weggebliebenen Zuges erscheint ein anderswoher gekommener anderer Zug, der mit
jenem irgendwie verwandt ist. Für den Schlussteil des Zaubervogelmärchens ist bisweilen derjenige des Märchens „Die
drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ eingetreten. Die Verbindung ist eine Folge der Übereinstimmung
in den Haupthandlungen der Erzählungen. Im Zaubervogelmärchen wird das betrügerische Weib mit einem
zauberkräftigen Grase für die Entwendung der unentleerbaren Geldquelle, des Vogelherzens, bestraft. Im Märchen „Die
drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ wird das betrügerische Weib mit Hilfe der Früchte gezwungen,
die ihnen entwendeten Zaubergegenstände zurückzugeben, unter einen unentleerbaren Geldbeutel. Das Gras hat in einen
Esel verwandelnde, die Früchte haben Hörner erzeugende Kraft. In demselben Märchen wählt ein Steigen gelassener
Vogel den Verzehrer des Kopfes zum König, indem er sich auf dessen Kopf niederlässt. Zur Erklärung der Königswahl
ist mit dem Zaubervogelmärchen bisweilen das Märchen von dem Drachentöter verbunden, in dem das Königwerden
auch enthalten ist: der Junge erlöst die Königstochter aus der Gewalt des Drachens, zur Belohnung das Mädchen und das
Reich erhaltend. An die Stelle des unentleerbaren Beutels im Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die
wunderbaren Früchte“ ist aus dem Zauberringmärchen [32] mitunter der Ring gekommen, der entweder seine
ursprüngliche Eigenschaft „bekommt was man wünscht“ erhalten oder sich in einen golderzeugenden Gegenstand
verwandelt hat, ebenso aus dem Märchen „Die Zauber
gaben“ ein Ranzen.

Vertauschung erfolgt auch in ein und demselben Märchen. Die Persönlichkeiten, Eigenschaften, Tätigkeiten u. a. lösen
sich aus ihrer ursprünglichen Verbindung und fügen sich zu neuen Verbindungen zusammen. Das was ursprünglich von
der einen Person oder dem einen Tier erzählt worden ist, hat man dann von anderen erzählt. Im Märchen „Die Tiere im
Nachtquartier“ werden die Berufe und die Aufenthaltsorte der Tiere vertauscht. Das Schmiedehandwerk, das
ursprünglich dem Schweine gehört, wird bisweilen einem anderen Mitglied der Reisegesellschaft zugeeignet, der
Aufenthaltsort der Katze, der Herd, wird von der Gans eingenommen usw. Für das ursprüngliche Tier wird dann ein
anderes Handwerk oder ein anderer Aufenthaltsort erfunden.
D i e Ve r t a u s c h u n g d e r l e t z t e r w ä h n t e n A r t e r f o l g t m i t u n t e r n a c h d e m G e s e t z e d e s
G e g e n s a t z e s , wobei sich das Verhältnis zweier Züge entgegengesetzt verändert. Das geschieht z. B. dann, wenn in
der nordischen Umformung des Märchens „Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des Pferdes hängend“, wie O.
Dähnhardt gezeigt hat[2], der Bär anstelle des Fuchses zum Ratgeber und der Fuchs anstelle des Bären zum Fahrenden
geworden ist oder wenn sich im Zauberringmärchen das Hinüberschwimmen des Hundes und der Katze bisweilen so
verwandelt hat, dass der Hund auf den Rücken der Katze gesetzt wird.

E i n e g e w ö h n l i c h e E r s c h e i n u n g i s t i n d e n M ä r c h e n d i e Ve r m e n s c h l i c h u n g d e r
T i e r a b e n t e u e r [33] (Anthropomorphismus). Im Hinblick darauf, dass die Tiere in den Märchen meistens den
Menschen gleichwertig, als sprechende und denkende Wesen dargestellt werden, ist die Vermenschlichung eine sehr
natürliche Veränderung. Sie ist verschiedenartig. Zuweilen wird der Mensch zu den in der Erzählung vorkommenden
Tieren hinzugefügt. So z. B. im Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“. Das Märchen hebt dann gewöhnlich so an, dass
der Mann sich mit Tieren auf der Reise befindet und in einem Haus einkehrt, um dort zu übernachten. Eine andere Art
Anthropomorphismus ist die Verwandlung des Tieres in einen Menschen. In dem eben erwähnten Märchen ist an die
Stelle des aus dem Nachtquartier vertriebenen Wolfes ein Räuber gekommen, und diese neue Bildung hat dann weite
Verbreitung gefunden. In dem Märchen von der Suche nach einer Kinderwärterin oder einem Klageweib erscheint anstatt
des Bären bisweilen ein Mann, der das Klageweib für seine Frau sucht. Während der Sucher ein Mensch geworden ist,
sind die sich Anbietenden noch Tiere geblieben.

Seltener, obgleich nicht unbekannt, ist die Ve r w a n d l u n g eines


Menschenabenteuers in ein T i e r a b e n t e u e r (Zoomorphismus). In einer syrischen Variante des
Zauberringmärchens finden wir anstelle der Hauptperson der Erzählung einen Bär und anstelle des Entwenders des
Zauberrings, der Königstochter, einen Wolf, so dass das Märchen ganz zum Tiermärchen geworden ist. Ebenso ist in
einer syrischen Aufzeichnung des Zaubergabenmärchens Empfänger der Zaubergegenstände ein Fuchs und Entwender
der Fürst der Füchse. Es sei jedoch erwähnt, dass die Verwandlung der Menschen in Tiere in diesen Fällen vom Erzähler
beabsichtigt ist, als Folge des Wunsches des Aufzeichners Tiermärchen, zu sammeln.

Nahe verwandt mit den zwei letzterwähnten Erscheinungen ist die


Dämonisierung der Tierabenteuer oder umgekehrt der Übergang der
T e u f e l a b e n t e u e r [34] u n t e r d i e T i e r e . Wenn von einem Tiermärchen vermenschlichte Varianten existieren,
trifft man gewöhnlich auch dämonisierte an. Ebenso wie im Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“ der in das Haus
Eindringende zum Räuber vermenschlicht ist, ebenso ist er oft auch zum Teufel oder Gespenst geworden. Anstelle des
Gebers des Zauberrings, der Schlange, erscheint in Finland und Ingermanland zuweilen der Teufel. Die Abenteuer von
der Ernteteilung und vom Baumtragen u. a. kommen bald zwischen dem Teufel und dem Manne, bald zwischen dem
Bären und dem Fuchse vor. Nach ihrem Ursprung dürften sie Teufelsgeschichten sein, in denen später Tiere als
handelnde Gestalten eingetreten sind.

D e r A n t h r o p o m o r p h i s m u s i s t b i s w e i l e n E g o m o r p h i s m u s , wenn sich der Erzähler der Handlung,


gewöhnlich als Hauptperson der Erzählung hervortretend, hinzugesellt. Dadurch versucht er gewissermassen die
Ereignisse sich und dem Hörer näher zu bringen. Der Egomorphismus, der durch die von dem Erzähler benutzte erste
Person bekannt ist, hat in den Märchen jedoch keine grössere Bedeutung. Ich habe niemals bemerkt, dass durch den
Egomorphismus entstandene Fassungen weitere Verbreitung gefunden hätten. Einzelne Fälle des Egomorphismus kann
man dagegen in allen beliebigen Märchen antreffen. Das Märchen von den Tieren im Nachtquartier z. B. beginnt
zuweilen etwa folgendermassen: Als ich einmal mit einigen iTeren auf der Reise war usw.

Die letzterwähnten Erscheinungen zeigen, dass auch ganze Märchengruppen (Menschen-, Tier-, Teufelmärchen) sich
miteinander vermischen und beeinflussen können.

Abgesehen von den schon früher erwähnten Fällen vollziehen sich in den
M ä r c h e n a u c h s o n s t v i e l e Ve r ä n d e r u n g e n d u r c h d e n E i n f l u s s d e s e i n e n Z u g e s a u f
d e n a n d e r e n . Die Veränderung eines Zuges zwingt die mit ihmin Zusammenhang stehenden[35] anderen Züge sich
zu verändern, damit die Harmonie zwischen den Teilen der Erzählung erhalten bleibe. Wenn sich der Erzählung
anderswoher gekommene Stoffe hinzufügen, verlangt deren Verschmelzung mit ihrem neuen Zusammenhang, dass sich
die nächsten Teile der Erzählung aneinander anpassen. Der Einfluss greift auf diese Weise mitunter auch tiefer in die
Erzählung ein. Es gibt Fälle, wo eine einen einzelnen Zug betreffende, ursprünglich geringfügige Veränderung die ganze
Erzählung verdirbt. Die folgenden Beispiele beleuchten diese in der Märchenforschung sehr bemerkenswerte
Erscheinung.

Wenn im Zauberringmärchen zum Geber des Zaubergegenstandes statt des Vaters der von dem Tode geretteten Schlange
die Gerettete selbst geworden ist, so ist die Folge davon gewesen, dass der Ort der Abtretung des Gegenstandes vom
Hause der Geretteten nach dem Ort der Rettung verlegt wird. Der Gang nach dem Hause der Schlange hat nämlich nach
der vorhergehenden Veränderung seine Bedeutung verloren, denn der Zauberring kann gut bei der Geretteten sein. Wenn
im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten die Entwendung des Zaubergegenstandes
„bringt einen, wohin man will“ ex analogia in das Haus der Königstochter übertragen wird, wodurch der Flug nach der
Insel in Wegfall kommt, so haben anstelle der Insel als Standort der Früchte Orte zu erscheinen begonnen, welche leicht
zu erreichen sind (der Wald) oder man hat zu der Erzählung eine Nebengeschichte hinzugefügt, um die Überschreitung
des Wassers zu erklären. Das letztere Verfahren findet in einer Gruppe finnischer Varianten Anwendung, es wird erzählt,
wie der Junge, nach dem Verlieren der Zaubergegenstände in Verzweiflung geraten, sich in einen am Meeresstrande
liegenden verfallenen Kahn wirft und der Wind ihn zu der Insel bringt. Am Ende des Aladdinmärchens erscheint der
Bruder des vergifteten Zauberers als heilige Frau, um ihn [36] zu rächen. Wenn bisweilen in die volkstümlichen
Varianten statt des Gifttranks der in den Märchen gewöhnlichere Schlaftrank gekommen ist, hat dies das
Wiedererscheinen des Zauberers im Palaste möglich gemacht. In einer finnischen, volkstümlichen Aufzeichnung
desselben Märchens hat das Vergessen des Zauberrings einen umwälzenden Einfluss ausgeübt. Im Anfang des Märchens
ist der Ring nicht notwendig gewesen, denn die Lampe konnte statt des Ringes den Jungen aus der Erde heraufbringen,
da aber der Ring später in der Erzählung nicht vorhanden ist, um die verlorene Lampe zurückzuschaffen, ist es eine
Notwendigkeit gewesen, die Entwendung der Lampe wegzulassen und den Schluss der Erzählung ganz umzuformen.

Beim Übergang des Märchens aus einer Gegend in eine andere erfolgt darin oft
A k k l i m a t i s i e r u n g e i n e s f r e m d e n G e g e n s t a n d e s . An die Stelle des fremden Gegenstandes wird ein
in der Gegend bekannter oder wenigstens bekannterer Gegenstand gesetzt, nämlich ein solcher, der seiner Art nach dem
ursprünglichen nahesteht. So vertauschen sich z. B. das Pferd und der Esel. Was in Süd- und teilweise auch in
Mitteleuropa von dem Esel, das wird in Nordeuropa vom Pferde erzählt. So verhält es sich im Märchen von den Tieren
im Nachquartier, wo einer der Wanderer ein Pferd (Esel) ist, und im Zaubervogelmärchen, wo es sich um die
Verwandlung in einen Esel handelt. Dem schlauen Fuchse der europäischen Tiergeschichten entspricht in Asien ein
Schakal, in Afrika eine Schildkröte oder ein Hase, und bei den amerikanischen Negern ist das schlaue Tier das
Kaninchen. Im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten haben sich die Äpfel in
Südeuropa und Ägypten in die Fruchtarten der warmen Länder verwandelt: in Feigen,rauben
T und Datteln.

Diese Erscheinung hat in der Märchenforschung eine grosse Bedeutung. Die Verwandlung des Fremden in Bekanntes
[37] beschränkt sich nicht auf die Gegenstände, sondern sie reicht viel tiefer in die Erzählung hinein. Obwohl die
Erzählung, wenn sie von einem Volke zum anderen übergeht, in der Hauptsache ihren Inhalt beibehält, können die
einzelnen Züge sich den Verhältnissen, Sitten, Auffassungen, der Religion usw. anpassen. Jedes Volk drückt sozusagen
dem Märchen in irgendeiner Weise seinen Stempel auf. Die verschiedenen Bildungsgrade der Völker z. B. hinterlassen
ihre Spuren in der Erzählung. In dem Meisterdiebe legen einige Völker das Schwergewicht darauf, dass der Held des
Märchens ein geschickter Dieb ist, andere wieder auf seine Klugheit und Findigkeit.

Eine ähnliche Anpassung bemerkt man auch in den Personen- und Ortsnamen, wenn solche in den Märchen vorkommen.
Wenn der Deutsche den Helden des Märchens Hans nennt (z. B. der starke Hans) und der Russe entsprechend Iwan,
benutzt der Finne den Namen Matz (väkevä Matti = der starke Matz). In dem Märchen vom Manne, der sagt, er komme
von Paris – Paradies, haben in einigen Ländern die Ortsnamen derselben durchzudringen versucht, soweit diese zu einer
derartigen Missdeutung Anlass geben konnten. So treffen wir in den skandinavischen Ländern solche
Namenvermischungen wie Ringerike – himmelrike, Ringerig – himmerland und in Finland ganz allgemein Taivassalo –
taivaansali (taivas = der Himmel, salo > sali = der Saal). aTivassalo ist der Name eines südwestfinnischen Kirchspieles.
Ve r ä n d e r u n g des Fremden in Bekanntes ist auch die Modernisierung eines
v e r a l t e t e n G e g e n s t a n d e s o d e r B e g r i f f e s . Ein Gegenstand, den unsere Zeit nicht mehr kennt oder der
wenigstens nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie früher, wird mit einem neueren vertauscht. In dieser Weise sind im
Bärenfrassmärchen statt der von dem Manne gebrauchten Zugtiere, der Ochsen, an einigen Stellen Pferde erschienen.
Ebenso [38] findet sich im Märchen von der Ernteteilung zwischen dem Teufel und dem Manne (dem Bären und dem
Fuchse), wo der eine das Oberirdische, der andere das Unterirdische erhält, an der Stelle der ursprünglichen Rübe
zuweilen deren neuzeitlicherer Stellvertreter,die Kartoffel.

Die Ve r ä n d e r u n g e n in den Märchen sind bisweilen so natürlich, dass ihr


N i c h t e i n t r e t e n m e h r b e f r e m d e n w ü r d e a l s i h r E i n t r e t e n . Die Beschaffenheit einiger Züge
verführt direkt dazu gewisse Änderungen vorzunehmen. Wenn z. B. im Märchen von den drei Zaubergegenständen und
den wunderbaren Früchten die Empfänger der Zaubergegenstände drei sind, aber als Verlierer derselben nur einer von
ihnen vorkommt, ist es ganz natürlich, dass der Erzähler bisweilen entweder auch die Anzahl der Empfänger auf einen
zusammengezogen hat oder umgekehrt jeden Empfänger seinen Gegenstand hat verlieren lassen. Ebenso sind in das
Zaubergabenmärchen statt eines Empfängers der Zaubergegenstände zuweilen drei gekommen, weil von drei
Gegenständen die Rede ist. Die Empfänger sind dann gewöhnlich Brüder, und die Veränderung ist augenscheinlich durch
das allgemeine Vorkommen der drei Brüder in den Märchen gefördert worden. Im Zaubervogelmärchen bezieht sich die
Zauberkraft ursprünglich auf den Kopf und das Herz des Vogels, sodass der Verzehrer des Kopfes König wird und der
des Herzens das Vermögen Gold zu erzeugen gewinnt. Eine natürliche Folge der europäischen Zauberschriftbildung,
gemäss deren die Zaubereigenschaft des Vogels durch eine auf den Flügeln befindliche Schrift bekannt wird, ist die
bisweilen auftretende Verbindung der Zauberkraft mit den Flügeln gewesen. Die Bildung hätte wahrscheinlich eine
weitere Verbreitung gefunden, wenn die Ungeniessbarkeit der Flügel sie nicht daran gehindert hätte.

Hinsichtlich einiger Veränderungen ist es möglich, dass sie neben der gewöhnlichen durch Entlehnung erfolgten [39]
Verbreitung mitunter auch selbständig mehrere Male vor sich gehen konnten. So wahrscheinlich in dem Märchen „Die
Tiere im Nachtquartier“, wenn anstatt der ursprünglichen Auslegung des Hahnschreies solche allgemeine Ausrufe wie
„Nehmt ihn fest“ und „Schlagt ihn tot“ Eingang gefunden haben. Dieser Art sind zunächst die im vorhergehenden Absatz
angeführten, durch ihre Natürlichkeit gekennzeichneten V
eränderungen.

1. Vgl. Olrik, A., Episke love i folkedigtningen (Danske Studier 1908 S. 81).
2. Dähnhardt, O., Natursagen IV (1912) S. 235.

Die geographisch-
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Märchen Forschungsmethode

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Leitfaden der vergleichenden
Märchenforschung/Die Technik der
Märchenforschung
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Die als Beispiele
geographisch- Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung(1913)
benutzten Märchen
historische von Antti Aarne

Forschungsmethode
[57]
IV. Die Technik der Mär chenforschung.
Um sich auf irgendeinem Arbeitsgebiet erfolgreich betätigen zu können, muss der Mensch das Arbeitsgebiet kennen;
wenn er die Arbeit zum erstenmal in Angriff nimmt, ist seine erste Aufgabe, sich mit dem Arbeitsgebiet bekannt zu
machen. D e r Märchenforscher muss sich auch zuerst vorbereitend in das
F o r s c h u n g s g e b i e t e i n a r b e i t e n . Dazu gehört zunächst das Lesen guter Märchensammlungen, wobei die
Aufmerksamkeit besonders auf die Systematik der Märchen zu richten ist. Aber die aufgezeichneten und veröffentlichten
Märchen sind schon von ihren eigentlichen Lebensverhältnissen getrennt. Wer mit den Märchen intimer vertraut werden
will, der muss ausziehen und sie aus dem Munde des Volkes sammeln. Für den Märchenforscher ist es sehr
wünschenswert, dass er selbst Märchen gesammelt hat. Und abgesehen von den Materialien muss er danach streben, sich
mit der Forschung selbst bekannt zu machen, sich schon im voraus einen Begriff davon bilden, worum es sich in
derselben handelt. Dazu ist die Lektüre tüchtiger Spezialforschungen nötig.

D i e a u s f ü h r l i c h e K e n n t n i s d e r M ä r c h e n i s t e i n e s d e r a l l e r w i c h t i g s t e n We r k z e u g e
i n d e n H ä n d e n d e s F o r s c h e r s . Dies ergibt sich teils daraus, dass die Veränderungen so oft durch den
Einfluss anderer Märchen verursacht werden. Je ausführlichere Kenntnisse der Forscher vom Inhalt der Märchen hat,
desto leichter wird es ihm, den Ursprung der Veränderungen zu ermitteln, mit anderen Worten: desto mehr Aussichten
hat er für das Gelingen seiner Arbeit. Die Kenntnis der Märchen und besonders der Märchentypen bewahrt auch den
Forscher davor, Märchen mit einander zu verbinden, zwischen denen kein wirklicher Zusammenhang besteht.
Dergleichen [58] Fehler haben die mit den Märchen weniger vertrauten Forscher oft begangen.

We n n d i e n ö t i g e n v o r b e r e i t e n d e n A r b e i t e n a u s g e f ü h r t s i n d , s o l l d e r F o r s c h e r d a s
T h e m a s e i n e r F o r s c h u n g w ä h l e n . Er muss das Märchen oder die Märchengruppe bestimmen, deren
Schicksale er zu erklären beginnt. Hier ist hervorzuheben, dass das genaue Bestimmen des Themas im voraus oft schwer
ist. Beim Fortschreiten der Arbeit kann die geplante Aufgabe sich erstens als zu beschränkt erweisen. Der Forscher kann
sich irren, indem er Variationen einunddesselben Märchens für selbständige Märchen hält, oder das von ihm zur
Untersuchung herausgegriffene Märchen ist mit irgendeinem anderen Märchen so nahe verwandt oder mit ihm so
vermischt und verflochten, dass es schwer ist, die Untersuchung desselben einzeln, von dem letzteren gesondert
auszuführen. Derjenige fehlt in der Wahl des Themas, der z. B. beginnt die Form mit drei Zauberdingen vom
Zaubergabenmärchen zu behandeln, aber die Form mit zwei Zauberdingen unberücksichtigt lässt. Wer das
Titelituremärchen (Mt. 500) untersuchen will, der muss auch das Märchen „Drei alte Weiber als Helferinnen“ (Mt. 501)
mituntersuchen. Ebenso sind die Märchen „Das Mädchen ohne Hände“ (Mt. 706) und „Die drei goldenen Söhne“
(Mt. 707) gleichzeitig zu erforschen. Bisweilen ist wieder das gewählte Thema in Wirklichkeit umfassender, als der
Forscher sich vorgestellt hat. Von diesen zwei bei der Wahl des Themas drohenden Irrtümern hat der erste verwirklicht
schädlichere Folgen als der letzte. Wenn wir Material auf einem zu weiten Gebiete gesammelt haben, ist es möglich, zu
beliebiger Zeit das Thema zu beschränken, und der Schade liegt nur darin, dass wir etwas mehr Arbeit darangewendet
haben, als wir diesmal gedacht hatten. Aber nicht ebenso leicht ist es, das zu knappe Thema zu erweitern. Die für die
Forschung nötige Literatur ist von verschiedenen Seiten herbeizuschaffen, [59] und einige Werke sind schwer in die
Hände zu bekommen. Noch mühsamer ist das Sammeln des handschriftlichen Materials. Kein Forscher hat immer alle
Quellen in der Hand. Wenn er im Laufe der Sammelarbeit oder, was noch schlimmer ist, erst nach derselben bemerkt,
dass er sich in zu engem Rahmen bewegt hat, verursacht es ihm Schwierigkeiten den Irrtum gutzumachen und es ist zum
Teil vielleicht unmöglich. B e i d e r Wa h l d e s T h e m a s f ü r e i n e U n t e r s u c h u n g m u s s m a n
d a h e r v o r a l l e m e i n e z u e n g e B e s c h r ä n k u n g v e r m e i d e n . Praktisch und klug handelt, wer das
Sammeln des Materials etwas weiter ausdehnt, als es seine Untersuchung eigentlich erfordern würde. Die schliessliche
Beschränkung des Themas wird ihm später von selbst klar werden.

Das Ziel des Sammelns der Materialien ist eine möglichst grosse Anzahl
Va r i a n t e n von dem oder den zur Untersuchung gewählten Märchen
z u s a m m e n z u b r i n g e n . Solche können wir in der älteren Literatur, aber insbesondere in den aus dem Volksmunde
aufgezeichneten Märchensamlungen antreffen, die teils im Druck veröffentlicht sind, teils nur handschriftlich existieren.
Die volkstümliche Märchenliteratur ist im Laufe von hundert Jahren ungemein stark angewachsen und besonders hat sie
sich während der letzten Jahrzehnte, wo die Märchen die Aufmerksamkeit mehr auf sich gelenkt haben, bedeutend
vermehrt. Und noch viel grösser ist die Anzahl der handschriftlich aufbewahrten Aufzeichnungen.

Wegen der Reichlichkeit der Märchenvorräte ist das Sammeln des Materials eine sehr arbeitsreiche Aufgabe. Die
Schwierigkeiten werden noch durch die Vielsprachigkeit der Aufzeichnungen und deren Zerstreutheit in verschiedenen
Ländern erhöht.

Zur Erleichterung der Schwierigkeiten, welche sich dem Forscher der Volkspoesie beim Sammeln des Materials bieten,
gründeten einige für die Sache interessierte Folkloristen –[60] Joh. Bolte, Kaarle Krohn, Axel Olrik und C. W. v. Sydow –
vor einigen Jahren einen internationalen Bund mit dem Namen „Folklore Fellows“ („Folkloristischer Forscherbund“,
„Fédération des Folkloristes“). Die Statuten des Bundes bestimmen als Zweck desselben:[1] a) den Forschern
volkskundliches (folkloristisches) Material aus den verschiedenen Ländern zugänglich zu machen und Kataloge
derartiger Sammlungen herauszugeben, und b) die Herausgabe wissenschaftlich befriedigender Publikationen
volkskundlicher Materialien in einer leicht zugänglichen Sprache oder mit Referaten in einer solchen zu fördern. Seine
Tätigkeit hat der Bund so geordnet, dass für jede landschaftliche oder nationale Arbeitsgruppe, die im Bunde durch
Mitglieder vertreten ist, eine Auskunftstelle oder ein Vertreter eingesetzt ist; durch Vermittlung der Auskunftstellen
können Abschriften, Auszüge und Übersetzungen von Handschriften und schwer zugänglichen Druckwerken aus
öffentlichen und, so weit wie möglich, auch aus privaten Sammlungen beschafft werden. Solche Auskunftstellen gibt es
schon eine Anzahl[2], und neue werden gebildet. Der Forscher braucht sich also, um Materialien zu bekommen, nur an
die Auskunftstellen zu wenden, diese sorgen für die Beschaffung von Kopien und auch nötigen Übersetzungen, alles
natürlich gegen eine mässige Entschädigung.

Grösser als anderswo sind die Schwierigkeiten beim Sammeln des Materials auf dem Gebiete der Märchen. Der Bund hat
deshalb seine Aufmerksamheit zu allererst auf die Märchen gerichtet. Um Einheitlichkeit in den
Märchenveröffentlichungen und den Katalogen zu erzielen, ist von dem Unterzeichneten ein zusammenhängendes
Märchenverzeichnis „Verzeichnis der Märchentypen“ (FFC 3) ausgearbeitet [61] worden, wie sie schon früher von J. G.
v. Hahn[3], Sv. Grundtvig[4] und einigen anderen herausgegeben worden sind. Diesem Verzeichnis gemäss sind die
finnischen und die finländisch-schwedischen Märchen schon geordnet und deren Kataloge zur Verfügung der Forscher
veröffentlicht worden (FFC 5 u. 6), und in manchen anderen Ländern hat man es unternommen, Kataloge auszuarbeiten.
Das Typenverzeichnis ist in seiner gegenwärtigen Form noch nicht vollständig. Nach einiger Zeit, wenn mehrere
spezielle Verzeichnisse fertig sein werden, besteht die Absicht, von demselben eine vervollständigte Ausgabe
herauszugeben.

Der Bund Folklore Fellows ist noch in der Organisation begriffen. Aber sein Zweck ist sehr wichtig. Die Fortschritte der
Erforschung der Volkspoesie beruhen in hohem Masse darauf, wie es ihm gelingen wird, sein orhaben
V zu verwirklichen.
Jeder Märchenforscher sollte daher die Tätigkeit des Vereins unterstützen, sich als Mitglied einer Auskunftstelle
anschliessen oder mangels einer solchen eine neue Auskunftstelle bilden usw
.
Der neue Bund wird wahrscheinlich lange Zeit seine Aufmerksamkeit vor allem auf die handschriftlichen
Materialvorräte gerichtet halten und versuchen sie der Wissenschaft nutzbringend zu machen, aber daneben bestrebt er
sich gewiss auch, dem Forscher beim Sammeln des gedruckten Materials behülflich zu sein.

Obwohl das Zusammenbringen des Materials an sich eine mühsame Aufgabe ist, geht sie in Wirklichkeit erheblich
leichter vonstatten, wenn die Arbeit in rechter W
eise begonnen und in rechter Ordnung ausgeführt wird.

[62] D a s S a m m e l n d e s M a t e r i a l s i s t v o n d e m H e i m a t s l a n d e d e s F o r s c h e r s a u s
v o r z u n e h m e n . Jeder hat die beste Gelegenheit, sich mit den Märchen seines eigenen Landes bekannt zu machen,
weswegen er von ihnen gewöhnlich eine grössere Anzahl von Varianten zusammenbekommt. Mit Hilfe dieser bildet sich
ihm von dem zu untersuchenden Märchen eine V
orstellung, auf der sich das spätere Sammeln gut aufbauen kann.

Darauf hat man sich mit irgendeiner mit guten Anmerkungen versehenen
M ä r c h e n s a m m l u n g b e k a n n t z u m a c h e n . Die Herausgeber der Sammlungen oder andere mit der
vergleichenden Märchenliteratur mehr vertraute Personen haben nämlich oft mit den Märchen ein Verzeichnis ihrer
anderswo angetroffenen Varianten verknüpft oder andere in der Forschung nützliche Mitteilungen darüber gegeben.
Solche Verzeichnisse kann man auch zuweilen ausserhalb der Sammlung selbst finden, in irgendeiner Zeitschrift usw.
Der Wert der Anmerkungen ist sehr verschieden, von der Menge der ihnen zu Grunde liegenden Märchenliteratur
abhängend. Bisweilen werden in ihnen nur die Märchen des eigenen Landes oder dazu diejenigen des Nachbarlandes in
Betracht gezogen, aber mitunter wird auf die neuere und ältere Märchenliteratur in ihrer ganzen Ausdehnung
ausgegriffen. Auch ihrer Form nach sind die Anmerkungen verschieden. Die einen Autoren beschränken sich darauf, nur
zu erwähnen, wo sich die Variante befindet, andere referieren auch deren Inhalt ganz oder teilweise. Wenn das
Originalwerk schwer aufzutreiben ist, kann ein solches Referat den Mangel desselben ersetzen. Schon die Anmerkungen
der ersten Sammlung können auf diese Weise den Forscher zu vielen Varianten leiten, und die Arbeit bekommt einen
guten Anfang. An die neuen Varianten knüpfen sich wieder Hinweise, und so setzt man die Arbeit von einem Werke zum
andern fort, soweit die Literatur reicht. Im Falle es unmöglich ist, ein Werk in [63] die Hände zu bekommen, muss man
versuchen, sich durch Briefwechsel mit dem Inhalt der darin befindlichen Variante bekannt zu machen. Wenn es sich
trotz aller Mühe unmöglich erweist die gewünschte Auskunft zu erhalten, muss der Forscher auch einen kurzen Hinweis
als solchen in Betracht ziehen, denn derselbe beweist in jedem Falle, dass das Märchen in der betreffenden Gegend
bekannt ist.

Die Bedeutung der verschiedenen Märchensammlungen in dieser Hinsicht geht aus meiner Darstellung der neueren
Märchenliteratur hervor.

Beim Sammeln der Varianten sind folgende Umstände im Auge zu behalten:

a) D a s M a t e r i a l i s t e i n e r K r i t i k z u u n t e r z i e h e n , denn nur die zuverlässigen Stoffe haben


wissenschaftlichen Wert. Die Kritik muss erstens klarlegen, ob das Märchen seine reine volkstümliche Form behalten
oder ob der Herausgeber es bearbeitet hat. Es ist zu bemerken, dass viele Sammlungen entweder ausschliesslich oder
teilweise zur Unterhaltung der Kinder und der Jugend bestimmt sind, und die in ihnen befindlichen Märchen sind diesem
Zweck möglichst angepasst worden. Besonders hinsichtlich der älteren Sammlungen hat der Forscher Anlass vorsichtig
zu sein. Bisweilen erklären die Herausgeber in der Einleitung oder in den Anmerkungen, in welchem Grade sie die Form
der Erzählungen beeinflusst haben. Zweitens ist das Verhältnis der volkstümlichen Aufzeichnung zu der neueren
Märchenliteratur ins Auge zu fassen. Der Erzähler hat vielleicht das Märchen in einem Buche gelesen oder dies hat
derjenige getan, der es ihm erzählt hat. Wenn der Forscher hier nicht auf der Hut ist, wird er verleitet, falsche Schlüsse zu
ziehen. Drittens ist darauf zu achten, dass der Aufzeichnungsort richtig mitgeteilt ist. Auch hierbei wäre es wichtig, dass
man sich beim Sammeln der Märchen stets erkundigt, woher der Erzähler das Märchen bekommen hat. In den
gegenwärtigen Sammlungen wird es selten[64] erwähnt. Es ist möglich, dass das Märchen in einer ganz anderen Gegend
gehört worden ist. In einzelnen Fällen kann die Variante sehr lange Strecken überfliegen. Kaarle Krohn erzählt von
seinen Sammelreisen folgendes derartiges Vorkommnis: In Südfinland wurde ihm ein Märchen erzählt, in dem ein Zug in
auffallender Weise an eine früher von ihm am nördlichen Ladogaufer aufgezeichnete ostfinnische Variante erinnerte. Er
erkundigte sich bei dem Erzähler genauer danach und erhielt die Mitteilung, dass der Erzähler das Märchen wirklich in
Ostfinland in derselben Gegend gehört hatte.

b) D a s S a m m e l n m u s s e r s c h ö p f e n d s e i n . Es soll möglichst genau alle, sowohl die älteren literarischen


als die volkstümlichen Varianten des zu untersuchenden Märchens ausfindig machen. Was die letztgenannten betrifft, ist
besonders zu beachten, dass das Sammeln sich auf das ganze Verbreitungsgebiet des volkstümlichen Märchens erstreckt.
Je vollständiger das Material zusammengebracht ist, desto sichrer werden die darauf gegründeten gebnisse
Er sein.

c) D e r F o r s c h e r m u s s v o n i r g e n d e i n e r G e g e n d d i e R e s u l t a t e e i n e r i n t e n s i v e r e n
S a m m e l a r b e i t z u r Ve r f ü g u n g b e k o m m e n . Dies ist bei dem jetzigen Stand der Forschung nötig. Man
muss sich nämlich erinnern, dass das Sammeln in einigen Ländern, besonders ausserhalb Europas, noch sehr mangelhaft
gewesen ist. Wenn der Forscher Gelegenheit hat, in einem beschränkten Gebiet die Entwicklung und Wanderung des
Märchens eingehender zu verfolgen, kommt ihm das bei der Entscheidung weiterreichender Fragen zu Hilfe.

Die Varianten sind für die Untersuchung aufzuzeichnen. Das vollständige Abschreiben derselben kann jedoch nicht in
Frage kommen, ausser wenn das zu untersuchende Märchen ganz kurz ist. Das Abschreiben längerer Erzählungen
erfordert zu viel Zeit und Mühe, und es ist ausserdem [65] unbequem, sie bei der Ausführung der Untersuchung
anzuwenden, wobei die Varianten unzählige Male durchzulesen sind. W i r s o l l e n deshalb n u r d i e H a u p t z ü g e
d e r E r z ä h l u n g a u f z e i c h n e n . Hier muss man sich jedoch davor hüten, dass die Aufzeichnung eine zu kurze
Fassung erhält. Auch für den erfahreneren Forscher ist es unmöglich, im Voraus genau zu sagen, welche Umstände in der
Forschung Bedeutung haben werden. Deshalb ist es am klügsten, in die Aufzeichnung auch solches aufzunehmen, was
sich später möglicherweise als unbedeutend erweist. Also lieber zu viel als zu wenig.

J e d e A u f z e i c h u n g , so kurz sie auch sei, m u s s f ü r s i c h a u f e i n B l a t t P a p i e r g e s c h r i e b e n


w e r d e n . Dieses Verfahren hat den Vorzug, dass es dem Forscher die Möglichkeit bietet, die gesammelten Varianten in
die Ordnung zu bringen, in der sie in der Forschung zu behandeln sind.

A u f d a s S a m m e l n d e s M a t e r i a l s f o l g t d e s s e n E i n o r d n u n g . Alle Varianten einunddesselben


Volkes werden zusammengebracht, und die Völker werden nach ihrer Verwandtschaft und geographischen Lage
geordnet. Da in der Untersuchung stets auf einzelne Varianten und Variantengruppen hingewiesen wird, ist es wichtig,
dass man für jede Variante ein kurzes, aber verständliches Zeichen erfindet. Die Frage ist allerdings absolut praktischer
Art, und jeder Forscher kann darin handeln, wie es ihm am besten scheint. Die Varianten sind bisweilen jede mit ihrer
eigenen Ordnungsnummer bezeichnet worden, aber darin liegt der Nachteil, dass das Zeichen der Variante gar nicht die
Nationalität und den Aufzeichnungsort derselben angibt. Ich führe im Folgenden das von Kaarle Krohn aufgestellte
Bezeichnungssystem vor, das er als Anhang zu dem ersten Bande von FFC veröffentlicht hat und das teilweise in den
Untersuchungen benutzt worden ist. Darin werden die grossen Sprachgruppen mit dem Anfangsbuchstaben [66] ihrer
Namen bezeichnet, und neben diesem wird der Anfangsbuchstabe des einzelnen Volkes gesetzt. Wenn z. B. die
romanischen Völker mit dem Buchstaben R signiert werden, wird das Zeichen der Franzosen RF, der Italiener RI, der
Portugiesen RP sein usw. Die einzelnen Varianten der verschiedenen Völker werden mit den auf die Buchstaben
folgenden Ordnungsnummern bezeichnet. Wenn französische Varianten z. B. 10 vorhanden sind, bilden sich Zeichen wie
RF 1, RF 5, RF 9 usw. Den Ordnungsnummern liegt der Ort der Aufzeichnung in dem betreffenden Land zu Grunde.
K r o h n s S y s t e m sieht so aus:

Erster grosser Buchstabe:

C = Celten, F = Finnougrier, G = Germanen, R = Romanen, S = Slaven, T = Türken.

Erster und zweiter grosser Buchstabe:

CB = Bretonen, CI = Irländer, CS = Schottländer, CW = Waleser.


FE = Esten, FF = Finnen, FL = Lappen, FM = Magyaren, FP = Permische Völker (Syrjänen, Wotjaken), FU = Ugrische
Völker am Ural (Ostjaken, Wogulen), FW = Wolga-Völker (Mordwinen, Tscheremissen).

GD = Dänen, GE = Engländer, GG = Germanen im engeren Sinn, Deutsche, GH = Holländer, GI = Isländer, GN =


Norweger, GS = Schweden, GSF oder bloss GF = Schweden in Finland, germanische Finländer
, GV = Vlämen.

RE = Spanier, RF = Franzosen, RI = Italiener, RL = Ladiner, Friauler und Rhätoromanen, RP = Portugiesen, RR =


Rumänen.

SB = Bulgaren, SČ = Čechen und Slovaken, SP = Polen, SR = (Gross-)Russen, SRW = Weissrussen, SS = Serben,


Kroaten und Slovenen, SU = Ukrainier (Kleinrussen) und Ruthenen, SW = W
enden.

TČ = Čuwassen, TK = Kirgisen, TO = Osmanen, TT = Tataren.

[67] Einzelstehende Völker Europas werden nur mit drei Initialbuchstaben, einem grossen und zwei kleinen, bezeichnet:

Alb = Albanesen, Bas = Basken, Gre = Griechen, Let = Letten, Lit = Litauer
, Sam = Samojeden.

Wie wir sehen, werden hier nur die europäischen Völker in Betracht gezogen. Ein umfassenderes System ist auch
vorläufig nicht notwendig. Varianten sammeln sich heutzutage noch ausserhalb Europas gewöhnlich in so beschränkter
Zahl an, dass sich der Forscher mit der Bezeichnung derselben leicht zurecht findet. Für die verschiedenen Erdteile
schlägt Krohn die Signaturen Eu, As, Af, Am, Au vor
.

Gering an Zahl werden auch die älteren literarischen Varianten sein. Man kann sie durch eine Abkürzung des Namens
des Werkes oder des Verfassers bezeichnen, z. B. Kath. (Kathâsaritsâgara), T-N. (Tuti-Nameh), Strap. (Straparolas’
Dreizehn ergötzliche Nächte).

Für einige einzelne Länder sind noch eigene Signatursysteme gebildet worden, um deren einzelne Teile zu bezeichnen.
So z. B. in Finland und Dänemark.

Nachdem wir das Material geordnet haben, sind wir soweit, dass wir an die Untersuchung selbst gehen können. Z u
d i e s e m Z w e c k i s t d i e E r z ä h l u n g i n i h r e H a u p t t e i l e z u z e r l e g e n , d i e Te i l e i n i h r e
H a u p t z ü g e . Hier ist hervorzuheben, dass das genaue V
orausbestimmen der Hauptzüge bisweilen mit Schwierigkeiten
verbunden ist. Wenn Unklarheiten auftauchen, ist es unnötig, sich für deren Aufklärung anzustrengen, sondern man gehe
direkt zu den sicheren Zügen über. Beim Fortschreiten der Untersuchung nämlich und beim allmählichen Aufdecken der
Beziehungen zwischen den Teilen der Erzählung wird die wirkliche Bedeutung jedes Umstandes eutlich.
d

Beim Aufsuchen der Urform des Märchens kann man zwei Verfahren anwenden: man kann entweder zuerst nur die
volkstümlichen Varianten zur Untersuchung vornehmen, [68] d. h. die ursprüngliche Form des volkstümlichen Märchens
aufsuchen und dann mit den erreichten Resultaten die älteren literarischen Varianten vereinigen oder auf einmal alles
Material erforschen. Es ist schwer, das eine Verfahren vor dem anderen zu empfehlen. Doch wenn die älteren
literarischen Varianten grössere Bedeutung haben, ist es für die Aufklärung der Urform von Vorteil, wenn diese mit den
volkstümlichen Varianten zusammen behandelt werden. In jedem Falle ist das gegenseitige Verhältnis des
volkstümlichen Märchens und der älteren literarischen Varianten später für sich zu erklären, damit ermittelt werde,
welche von den zweien die ältere Form der Erzählung darstellt.

Hiernach folgt das Aufsuchen der Urform der Züge. Jeder einzelne Zug ist für
s i c h z u u n t e r s u c h e n , wobei immer sein Verhältnis zu den ihm nahestehenden anderen Zügen im Auge zu
behalten ist. Der Erfolg der Forschung macht es erforderlich, an ein und derselben Stelle alle verschiedenen Fassungen
des Zuges übersichtlich zu sammeln. Auf diese Weise können wir sie am besten mit einander vergleichen. Um die
Behandlungsart zu erklären, führe ich hier einige Beispiele an:
Wir wollen zuerst zur Illustration die A r t d e r F r ü c h t e im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den
wunderbaren Früchten nehmen. Wenn wir den Zug in jeder einzelnen Variante für sich betrachten und die ein und
dieselbe Fassung vertretenden Varianten zusammenstellen, bekommen wir unter Anwendung von Krohns
Buchstabensystem das folgende Verzeichnis:[5]

Die Früchte sind:

Äpfel: CB 1, CS 1, 2, 4, FE, Fa 1–3[6], Fb 1–3, 6, [69] Fd 3, 4, Ff 2–5, Fj 4, 5, Fk 1, 3, Fq 2, GG 2–4, 12, 13, CSF 2, RF
2, 4, 5, SČ 1, 2, SR 1, 3, 5, 7–9, SRW 1, 2, 4–6, SU 2, 3, Let. 2, Zig;

Äpfel, aber die gesundmachenden Dinge sind:

Birnen: GG 2, 3, 13, RF 4, SČ 2, SU 2;

Nüsse: FE;

Salbe: GG 12;

Wasser: RF 5;

Beeren: Fb 4, Fd 2, Fe 1, Ff 1, 6, Fi 1–5, 7, 8, Fj, 1, 2, Fk 4–6, Fm 1, 3, 4, Fn, Fp 2, 4, Fq 1, S 1, 5, SR 4, 10, SRW 3, SU


1;

Früchte (Sorte nicht bestimmt): CI, Fe 2, Fk 2, Fp 1, RI 5, Let. 1;

Birnen: GG 11, RF 1, RR 1, SČ 3;

Kirschen: CB 2, GD;

Nüsse: Fd 1;

Pflaumen: GG 1;

Feigen: RE 1, 2, RI 2, 3, 6, 8, 11, 12, 15, SB 3, Gre 2;

Trauben: Alb;

Datteln: Af Arab.;

Gras: Fb 5, Fc 1, 2, RF 3, RI 13, SČ 5;

Salat: GG 9, 10, RI 4, 12, SS 1.

Welche von diesen vielen Fruchtsorten ist im Märchen ursprünglich gewesen? Die Äpfel haben sowohl die Mehrzahl der
Varianten als auch das weiteste Verbreitungsgebiet für sich. Sie sind im ganzen Gebiete des Märchens bekannt. Obwohl
aber zwei so wichtige Umstände für die Ursprünglichkeit der Äpfel sprechen, erheischt es die schliessliche Entscheidung
der Frage, dass auch die anderen Fruchtsorten durchgeprüft werden, vor allem ihr Verhältnis zu den Äpfeln. Nach den
Äpfeln haben die Beeren die grösste Variantenzahl, aber ihr Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf Russland und
Finland. Die „Beeren“ sind augenscheinlich eine lokale Bildung, die eine gewisse Verbreitung gewonnen hat. [70] Sie ist
auch als eine abgeschwächte Bildung zu betrachten, weil sie eine ganze Fruchtgruppe und nicht eine bestimmte
Fruchtsorte darstellt. Noch stärker sind in dieser Hinsicht die unbestimmten „Früchte“ entstellt, die ausserdem sehr selten
sind. Die Varianten mit den „Früchten“ sind zufällige Erscheinungen. Sie beruhen teils darauf, dass der Erzähler
vergessen hat, die Sorte der Früchte zu erwähnen, teils dürften sie sich aus der Mangelhaftigkeit der benutzten
Aufzeichnungen erklären.
Dass die Erzähler sich bestrebt haben, die Fruchtsorte in eine andere zu verwandeln, besonders in eine in der
betreffenden Gegend mehr bekannte, kann niemand wundern. Von der Verwandlung sind bisweilen nur die einen, die
gesundmachenden Früchte betroffen: anstatt der gesundmachenden Äpfel finden sich Birnen, Nüsse oder irgendein ganz
fremder Stoff: Salbe, Wasser. Der Erzähler hat dadurch offenbar den doppelten Einfluss der Früchte auch äusserlich
sichtbar machen wollen. Mitunter haben die Äpfel ihren Platz vollständig anderen Fruchtsorten überlassen: Birnen,
Kirschen, Nüssen, Pflaumen und in den warmen Ländern den für diese charakteristischen Feigen, Trauben, Datteln. Alle
diese kommen so selten vor, dass keine von ihnen ursprünglich sein kann. Einige tragen deutlich lokalen, andere
zufälligen Charakter.

Noch nicht betrachtet sind das Gras und der Salat, welche zwar auch selten sind, aber deren Verbreitungsgebiet
ausgedehnter ist. Das Gras und der Salat mit ihren in Esel verwandelnden Zauberkräften gehören jedoch in das
Zaubervogelmärchen, das sich in allen diesen Varianten mit dem Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die
wunderbaren Früchte“ verbunden hat, und ihre Ursprünglichkeit in dem letztgenannten kann gar nicht in Frage kommen.

Alle Umstände beweisen also die Ursprünglichkeit der Äpfel, und dasselbe zeigt das Vorkommen derselben in dem [71]
im 15. Jahrhundert verfassten Volksbuche von Fortunatus und seinen Zaubergegenständen.

Als zweites Beispiel wähle ich aus dem Zaubervogelmärchen den Zug d i e S t e l l e d e r Z a u b e r k r a f t i n d e m
Vo g e l . Die mit dem Vogel verbundene Zauberkraft bezieht sich auf einen bestimmten Körperteil. Gehen wir wieder
den ganzen Materialvorrat durch und zeichnen wir die verschiedenen Formen des Zuges auf. Die Zauberkraft vereinigt
sich

mit dem Kopf des Vogels: Fi 7, Fm 1, 2, Fp 8, Fs, FL, FM, FP


, GG 6, RE, RF, RI 1, 4, 5, RR 1, S 1, 6, SČ 1, 2, 4, 7, SR 1,
3–6, SS 1–3, 6, SU 2, 6, Let. 1, Gre, Zig.,Af Ber. 3, As Türk. 1, Arab. 1, Ind. 2, 5;

mit dem Herzen: CB, Fb 1, Fc 1, 2, Ff 1, 2, Fi 1, Fj 1–3, Fl, Fm 1, Fp 4, Fq 1, Fs, FM, FP, GG 1–5, 7, RE, RF, RI 1–3, 5,
RR 1, 2, S 6, SČ 1, 2, 4, 5, 7, SR 1, 6, SS 1, 3–7, SU 5, 6, Gre, Zig.,Af Ber. 1, 3, As Türk. 1, Syr., Arab. 1;

mit der Leber: Fb 3, GG 1, 2, 4, 7, RI 2–4, S 10, SS 2, SU 5, Let. 2, Gre,As Ind. 5;

mit den Eingeweiden (dem Magen): Fi 7, Fq 9, RR 1, 2, S 1, 9, SČ 5, SR 4,


Af Ber. 1, As Türk. 1;

mit den Flügeln: FE, Fd 2, Fi 4, Fm 2, Fp 1, 2, 8, FL, S 3, 5, SR 2, 3, SR


W, SS 5, SU 1, 3, 4;

mit dem Kropf: Af Ber. 4, Arab. 2;

mit den Nieren: SS 2, 4;

mit der Lunge: Let. 2;

mit der Brust: As Ind. 2;

mit dem Nabel: SR 2;

mit dem Hals: SR 5;

mit dem Knochen: Fm 2;

mit dem Fuss: SRW, Zig.;

der Vogel verdoppelt und mit jedem ein eigener Zauber verbunden: Let. 1,Af Ber. 1, As Ind. 1, 3, Hinterind. 2.

[72] Von den verschiedenen Formen des Zuges können wir als später entstanden gleich die letzterwähnte weglassen, in
welcher von zwei Vögeln die Rede ist, die beide ihre eigene Zauberkraft besitzen. Die Zweizahl der Vögel hat sich aus
der ursprünglich zu dem Märchen gehörenden Zweizahl der Zauber (das Königwerden und das Vermögen Gold zu
erzeugen) ergeben, eine in den Märchen sehr natürliche Veränderung. In einigen finnischen Varianten (Fb 1, Fc 1, 2, Fe,
Ff 1) wird von 2 Eiern gesprochen, aus denen je ein Zaubervogel hervorgeht, wenn sie genügend bebrütet werden. Als
einzelne gelegentliche Fälle können wir auch Kropf, Nieren, Lunge, Brust, Nabel, Hals, Knochen und Fuss ausscheiden.
Sie dürften sich teils aus der Schwäche der Erinnerung des Erzählers herleiten, teils absichtliche Veränderungen sein. Die
Flügel wiederum sind nur in einem Teile von Europa (in Finland, Russland und einmal in Bulgarien) bekannt, also in
einem sehr beschränkten Gebiet. Das Erscheinen der Flügel habe ich früher als Beispiel von solchen Veränderungen in
den Märchen erwähnt, deren Geschehen beinahe unabwendbar ist. W
eil sich die Zauberschrift auf den Flügeln des V
ogels
befindet, ist es natürlich, dass die Erzähler zuweilen darauf verfallen sind, die Zauberkraft auch mit den Flügeln zu
verbinden, so wenig passend diese auch als Speise sind.

Übrig sind noch Kopf, Herz, Leber und Eingeweide. Von diesen gehören das Essen des Kopfes und das Königwerden so
ständig zusammen, dass sie gewiss schon in dem ursprünglichen Märchen vereinigt gewesen sind. So ist es schon in den
alten Varianten des Tuti-Nameh und des Kandschur. Aber welcher Körperteil hat in der ursprünglichen Form des
Märchens das Golderzeugen verursacht? Das Herz ist bedeutend häufiger als die Leber und die Eingeweide und hat sich
weit verbreitet, obwohl allerdings auch die letztgenannten in verschiedenen Gegenden vorkommen. Die Sache wird
entschieden, wenn wir wahrnehmen,[73] dass das Herz das einzige ist, das allgemeiner neben dem ursprünglichen Kopfe
erscheint. Die Leber findet sich in 14 Varianten nur zweimal zusammen mit dem Kopfe, ausserdem wird einmal von dem
Kopfe, dem Herzen und der Leber gesprochen, die jedes für sich einen Zauber haben. Gewöhnlicher ist neben der Leber
das Herz als Stellvertreter des Kopfes. Die Ursprünglichkeit der Eingeweide kann noch weniger in Frage kommen. Die
Anzahl der Varianten ist dafür eine zu geringe, und die Stellung der Eingeweide ist auch sonst nicht feststehend. Ihre
Eigenschaften sind bald das Golderzeugen, bald das Verschaffen eines hohen Amtes – also die Analogieform des
Königwerdens usw. –. Bisweilen repräsentieren sie neben dem Kopfe und dem Herzen einen dritten Zauber. Das
Erscheinen der Eingeweide (des Magens) geht wahrscheinlich darauf zurück, dass, als der zauberkräftige Teil des Vogels
verzehrt wird, derselbe in die Eingeweide übergeht. Als die Jungen des Besitzers des Zaubervogels durch das Verzehren
des Vogels die Bestrebungen des dem Vogel Nachstellenden zunichte gemacht haben, versucht dieser die Stücke des
Vogels aus dem Magen der Jungen wieder herauszubekommen, zuweilen wird sogar erzählt, dass er bestimmt, aus den
Eingeweiden der Jungen eine Speise zu bereiten. Es verdient auch in Betracht gezogen zu werden, dass das Verzehren
des Herzens im allgemeinen ein wichtiger Zauber ist. Das Vermögen Gold zu erzeugen ist in der Urform des Märchens
offenbar mit dem Herzen verbunden gewesen.

Beim Aufsuchen der Urform des Zuges dürfte es auch nicht ohne Bedeutung sein, dass der Kopf und das Herz (= die
Seele) die wertvollsten Teile des Körpers sind. Da es sich um so bedeutungsvolle Vorteile wie das Königwerden und das
Vermögen Gold zu erzeugen handelt, scheint es natürlich, dass der Verfasser der Erzählung sie gerade mit den
wichtigsten Körperteilen verbunden hat.

[74] Hiernach betrachten wir den Zug d e r i n d a s N a c h t q u a r t i e r E i n d r i n g e n d e in dem Märchen „Die


Tiere im Nachtquartier“.

In der Form A, in der die wandernden Tiere sich in einem von ihnen selbst gebauten Haus befinden, erscheint der Zug in
folgender Gestalt:

Wolf: FE 12 (+ Fuchs), Fb 1, Fi 2, 3, Fj 4, 5, (+ Bär), 6, 9, 10, Fm 12, Fb 111, Fj 112, 114, 115, Fs 116, Fj 155, FW 1 (+
[7], 5–7, SRW 1, 2 (+ Bär), 6, SU 3, 5, 7, 10 (+ Hase);
Hase), 2, GN 1, SB 3, SR 2 (+ Fuchs u. Bär), 3 (+ Bär)

Bär: Fm 13, Fq 15, SR 4;

Räuber: GSF 3, SR 1;

Teufel: Fj 19, 113.

Räuber und Teufel gehören sehr allgemein zu der Märchenform B und haben sich daraus in die erwähnten Varianten
verirrt. Zwischen dem Wolfe und dem Bären wiederum entscheidet die Anzahl der Varianten und das Verbreitungsgebiet
die Sache unstreitig zugunsten des erstgenannten. Der Wolf und der Bär kommen in den Tiermärchen oft einer anstelle
des andern vor. Das Erscheinen des Bären, Fuchses oder Hasen in einigen Varianten neben dem Wolfe als in das
Nachtquartier Eindringender ist ein von solchen Tiermärchen verursachter späterer Zusatz, in denen die erwähnten Tiere
zusammen sind. Der in das Nachtquartier Eindringende ist also in der Form A ursprünglich der olf
W gewesen.

Auch in diesem Beispiele, wie in den beiden vorhergehenden, ist die ursprüngliche Form des Zuges zugleich die am
häufigsten vorkommende Form. In der Form B des Märchens „Die Tiere im Nachtquartier“, in der die Tiere in einem
fremden Hause übernachten, ist der Sachverhalt [75] ein anderer. Die Durchmusterung des Zuges gibt uns darin folgende
Variantengruppen:

Wolf: Alb., CB 1, 2, Fb 110, GD 20, GG 11, 14, 16, 24, GSF 7, GV 4, RE 3, RF 1, 3, 5, 6, 10, 16, RP 1, RW 1[8], SB 1–
3, SP 6, SS 1[8], 6, SU 2;

Bär: Fj 153, GN 2;

Räuber: CI, CS, FE 2–11, 13–16, Fb 31, 118–120, Fc 128, 130, 131, 133, 134, Fd 137, Fh 152, Fj 158, Fk 160, 162, 163,
Fj 198, FM, GD 6, 8, 9, 14, 18, 22, 26–29, 31, GE 1–3, GG 1, 4, 6–9, 12, 13, 18, GS 2, 5, GSF 2, 5, 6, 10, 12, 15, GV 1,
2, 5, 8–10, RE 2, RF 7–9, 11, RI 4, RR 1, 2, RW 2, 3, SČ 1–5, SP 1, 2, 4, SS 3, 4, SU 4, 9, 1, 12, SW;

Teufel (Kobold, Gespenst u. a.): FE 1, Fq 16, 17, Fj 18, 20–26, Fl 27, 28, Fa 29, 30, Fb 32–34, Fd 35, Fe 36–38, 40, 41,
Ff 42, Fg 43, Fx 46, Fk 47, Fl 49, 52, 53, 55–57, 61, Fm 63, 65–67, Fn 68, Fo 69, Fs 72, Fx 73, 74, Fa 75, 76, Fb 77–82,
Fc 83, Fd 84, Ff 85, Fd 87, Fe 89, 90, Fg 91–93, Fh 94, Fj 95–98, Fk 99, Fl 100–106, Fa 108, Fd 109, Fb 117, 121–124,
126, 127, Fc 129, 132, 135, Fd 136, 138, 141 143, Fe 144–146, Ff 147–150, Fj 154, 156, 157, Fk 159, 161, Fl 164, Fb
166–179, Fd 181–187, Fe 188–190, Ff 191–196, Fj 197, Fk 199–201, Fx 202, GD 1–4, 7, 10–13, 15, 16, 21, 24, 32, 33,
GG 2, GS, 1, 3, 4, 6, GSF 1, 4, 9, 13, 14, 16, SP 3, 5, 7–12, SU 1;

Herr oder Bewohner des Hauses: Fb 180, GD 17, 19, 23, 25, RF 4, RI 1, SS 2, 5;

Tiger: Am Ind.

Unter diesen verschiedenen Fassungen des Zuges erkennen wir leicht die seltensten, die zweite, fünfte und sechste als
später entstanden. Der Tiger ist ein einzelnstehender Fall und der Herr oder Bewohner des Hauses eine verallgemeinerte
[76] Bildung. Die Beschaffenheit des in die Stube Eindringenden, die sonst in den verschiedenen Fassungen erwähnt
wird, bleibt da unbestimmt. Besitzer des Nachtquartiers ist er überall in der Form B. Was wiederum den Bär betrifft, hat
er, ebenso wie in einigen A-Varianten, hier zweimal den Platz des Wolfes eingenommen.

Um die Ursprünglichkeit rivalisieren also Wolf, Räuber und Teufel. Wenn die Zahl der Varianten die Frage entschiede,
repräsentierte der Teufel die ursprüngliche Form, aber bei der Durchsicht des Verzeichnisses ist leicht zu bemerken, dass
die grosse Menge der Teufel-Varianten auf der Häufigkeit der finnischen Aufzeichnungen beruht. Die Teufel-Fassung
erscheint nur an bestimmten Orten: in den skandinavischen Ländern, in Finland und Polen (SU 1 stammt aus Galizien
nahe der polnischen Grenze), wozu sie einmal in Estland aufgezeichnet worden ist. Der Riese in der deutschen Variante
GG 2 dürfte ein in seinem Ursprung von den Teufel-Varianten unabhängiger Fall sein. Die Teufel-Fassung ist also
unbekannt im grössten Teil von Mitteleuropa, in Südeuropa, auf den Brittischen Inseln und, weil sie nicht zu der in
Russland verbreiteten Form A gehört, auch in Osteuropa. Was die Wolf- und Räuber-Fassungen anbelangt, kann man
dagegen von beiden sagen, dass sie das ganze Gebiet des Märchens beherrschen, obgleich die letztere häufiger ist. Um zu
ermitteln, welche von diesen Fassungen in der Form B ursprünglich ist, muss die Aufmerksamkeit auf folgende
Umstände gelenkt werden: a) Das Märchen ist ursprünglich offenbar ein Abenteuer zwischen den Haustieren und den
Tieren des Waldes gewesen. b) So verhält es sich in allen älteren literarischen aVrianten, von denen zwei aus dem 12. und
zwei aus dem 16. Jahrhundert stammen, und in ihnen allen erscheint ausserdem als der in das Haus Eindringende ein und
dasselbe Tier, nämlich der Wolf. Nach den literarischen Varianten kann man auch schliessen, dass die Räuber-Fassung zu
dieser Zeit [77] noch nicht bekannt war. Es könnte jemand behaupten, dass die Wolf-Varianten sich möglicherweise von
jenen literarischen Fassungen herleiten, wenn es aber so wäre, würde man eine nähere Übereinstimmung zwischen den
erwähnten B-Varianten und den älteren literarischen Varianten erwarten. Eine solche ist jedoch nicht zu bemerken. Mit
dieser Annahme stände auch der Umstand nicht in Einklang, dass der Wolf auch in der Form A der in die Stube
Eindringende ist. Ebenso wenig kann man annehmen, dass der Wolf ursprünglich nur zu der Form A des Märchens
gehört hätte und von da in eine Gruppe von B-Varianten übergegangen wäre, denn die erwähnten B-Varianten sind
meistens an solchen Orten aufgezeichnet worden, wo die Form A nicht bekannt ist.

Der Räuber ist also nach allem eine spätere anthropomorphisierte und der Teufel eine dämonisierte Bildung. Die erstere
hat die grimmsche Variante „Bremer Stadtmusikanten“ so allgemein gemacht, die aus dem Buche in den Volksmund
übergegangen ist. Einige der Räuber-Varianten sind augenscheinlich unmittelbar aus dem Buche gekommen. Die Teufel-
Fassung wiederum hat ihren Ursprung in der Verbindung einiger Teufelsgeschichten mit dem Märchen, z. B. der
Geschichte von dem Spukhause, wo keiner Nachtruhe findet (Mt. 326 u. 1160), „Der Bärenführer und sein Bär“
(Mt. 1161), der dem Teufel versprochene Junge u. a.

Wir werden vollkommen davon überzeugt, dass der in das Nachtquartier der Haustiere Eindringende auch in der Form B
ursprünglich der Wolf gewesen ist, dessen Platz die anthropomorphisierte Räuber-Fassung und die dämonisierte Fassung
später allgemein eingenommen haben.

Beim Suchen nach der Urform der Züge hat man Anlass, besonders noch das folgende Verfahren zu betonen: We n n
i r g e n d e i n e F o r m d e s Z u g e s d u r c h i h r e H ä u f i g k e i t , i h r w e i t e s Ve r b r e i t u n g s g e b i e t ,
i h r e N a t ü r l i c h k e i t o d e r a u s a n d e r e n G r ü n d e n u r s p r ü n g l i c h [78] s c h e i n t , ist zu
u n t e r s u c h e n , o b s i c h a n d e r e F a s s u n g e n l e i c h t d a r a u s h a b e n e r g e b e n k ö n n e n . Nur in
dem Falle, dass es sich so verhält, kann man sie als ursprünglich betrachten.

We n n d i e u r s p r ü n g l i c h e F o r m j e d e s Z u g e s g e f u n d e n i s t , b i l d e t m a n s i c h d u r c h
Ve r b i n d u n g d e r s e l b e n d i e U r f o r m d e s g a n z e n M ä r c h e n s , m i t H i l f e d e r e n d e r
Heimatsort, die Entstehungszeit und die Ve r b r e i t u n g s w e g e des Märchens
u n t e r s u c h t w e r d e n in der Weise, wie es im vorigen Abschnitte des Werkes auseinandergesetzt worden ist.

Erst nachdem die Untersuchung zu Ende geführt ist, kann das benutzte Material
a u f d i e s c h l i e s s l i c h e F o r m v e r k ü r z t w e r d e n . Die Verkürzung ist eine durchaus formelle Sache, die
auf verschiedene Art behandelt werden kann. Ich will jedoch darauf aufmerksam machen, dass man beim Veröffentlichen
des Materials oft unnötig viel Worte macht. Es ist überflüssig, mehr zu veröffentlichen als die Züge, die in der
Untersuchung vorkommen, und da immer von derselben Erzählung die Rede ist, ist äusserste Kürze möglich. In wenigen
Zeilen kann man auf diese Weise eine ganze Variante vorführen, so dass alle ihre speziellen Eigenschaften ersichtlich
werden. Die immer wachsende Menge des Materials zwingt den Forscher direkt zu einer kurzen Wiedergabe. Bei der
Verkürzung kann man sogar so weit gehen, dass nur einige bemerkenswertere Varianten eingehend referiert und die
anderen nur aufgezählt werden. Die Deutlichkeit erfordert jedoch in diesem Falle an einigen Stellen in der Untersuchung
selbst die Dinge ein wenig ausführlicher darzustellen.

1. Anhang zum ersten Bande der Serie „Folklore Fellows Communications“ .


2. Siehe „Berichte über die Tätigkeit des folkloristischen Forscherbundes „FF“FFC
( 4, 7 u. 12).
3. Siehe S. 3.
4. Grundtvigs Verzeichnis (Registrant) ist beim Ordnen der Märchenvorräte von „Dansk Folkemindesamling“
befolgt (Siehe FFC 2), doch so, dass neben G:s Nummern später die Nummern des neuen
Typenverzeichnisses gestellt sind.
5. Da ich mich hier ebenso wie in den folgenden Beispielen auf meine eigenen Forschungen stütze, werden
nur in denselben vorkommende Varianten in Betracht gezogen.
6. Nach F stehende kleine Buchstaben bezeichnen die verschiedenen Provinzen Finlands.
7. Bär erzählt dem Wolfe.
8. Wolf und Fuchs haben den Platz gewechselt.

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geographisch- benutzten Märchen

historische
Forschungsmethode
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dem Originaltext.

Von „https://de.wikisource.org/w/index.php?
title=Leitfaden_der_vergleichenden_Märchenforschung/Die_T
echnik_der_Märchenforschung&oldid=1676885

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Oktober 2011 um 13:53 Uhr bearbeitet.

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Leitfaden der vergleichenden
Märchenforschung/Die geographisch-historische
Forschungsmethode
< Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung
← Die Die Technik der
Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung(1913)
Veränderungen in Märchenforschung
von Antti Aarne
den Märchen →
[39]
III. Die geographisch-historische Forschungsmethode.
Der Urheber der geographisch-historischen Forschungsmethode war der finnische Gelehrte Julius Krohn, der sie zur
Erforschung der Kalevalalieder anwendete. Zu seinem Verfahren gelangte er auf folgende Weise. A. A. Borenius hatte in
seinem Aufsatz „Wo ist das Kalevala entstanden[WS 1]?“ (Suomen Kuvalehti 1873) mit sprachlichen und sachlichen
Gründen gezeigt, dass die Kalevalalieder, die östlich der finnischen Grenze bei den in Nordrussland wohnenden
Kareliern aufgezeichnet worden waren, nicht aus diesen Gegenden stammen könnten, sondern dorthin von Westen her
aus Finland eingewandert seien. J. Krohn machte ausserdem die Wahrnehmung, dass sich in den Liedern auch südliche,
aus Ingermanland und Estland gekommene Elemente befanden. Um sich klar zu machen, was in den Kalevalaliedern aus
dem Westen stammte, was aus dem Süden gekommen und was wiederum karelischen Ursprungs war, begann er die
einzelnen Lieder eingehend zu durchforschen. Und er erkannte, dass sich die Lieder bei ihrer Wanderung von Westen
nach Osten und von Süden nach Norden in der Weise verändert hatten, dass sich die eine Fassung aus der anderen in
geographischer Reihenfolge entwickelte. Auf diesem Wege rückwärts gehend, versuchte [40] er für jedes Lied die
Urform und zugleich die Heimat zu ermitteln.[1]

Es war kein reiner Zufall, dass die geographisch-historische Methode zum ersten Mal in Finland angewendet wurde. Dies
leitete sich zunächst aus der Reichlichkeit des finnischen aus dem Munde des Volkes aufgezeichneten
Forschungsmateriales her. Aber die Methode selbst ist vollständig international und so natürlich, dass man zu ihr
selbständig in jedem anderen beliebigen Lande hatte kommen können, und es sind auch Fälle vorgekommen, wo die
Erforscher der Volkspoesie unabhängig voneinander das gleiche Verfahren anzuwenden begannen. „Auch ohne die
finnische Forschung wäre sie zum Hauptwerkzeug des Forschers geworden“, hat der dänische Gelehrte Axel Olrik
geäussert.

Auf das Gebiet der Märchen wandte die geographisch-historische Methode meines Wissens zum ersten Mal Kaarle
Krohn in seinen Tiermärchenforschungen an, von denen im ersten T
eile meines Werkes gesprochen wurde.

Der die geographisch-historische Forschungsmethode benutzende Forscher stellt sich als erstes Ziel die Aufsuchung der
ursprünglichen Form des Märchens. Weil die Veränderungen nach bestimmten Gesetzen des Denkens und der Phantasie
geschehen, ist er bestrebt, darauf fussend, durch die Vergleichung der Märchenvarianten die Schicksale des Märchens
rückwärts zu verfolgen, die Erzählung von allem zu reinigen, was später hinzugekommen ist, und auf diese Weise zu
ermitteln, wie das Märchen beim Antritt seiner Reise ausgesehen hat.

Aber das gesammelte Material ist in bestimmter örtlicher und zeitlicher Ordnung zu vergleichen. Die Veränderungen in
den Märchen vollziehen sich gewöhnlich allmählich beim Übergang des Märchens von einem Orte zu einem anderen
[41] und von einer Zeit zu der anderen, und darum gleichen sich zwei geographisch und zeitlich einander nahestehende
Märchenvarianten gewöhnlich mehr als die Varianten, deren Aufzeichnungsorte weiter voneinander entfernt liegen. Die
erste Aufgabe des Forschers ist es daher die Stoffe nach den Aufzeichnungsorten in geographische Ordnung und, soweit
ältere literarische Quellen existieren, in historische Ordnung zu bringen.
Der in der vergleichenden Märchenforschung sehr bedeutungsvolle Umstand, dass der Grad der Entstellung des
volkstümlichen Märchens auf der Länge des zurückgelegten Weges beruht, ist teilweise eine Folge davon, dass für einen
längeren Weg eine längere Wanderungszeit nötig ist, aber in bemerkenswertem Masse leitet er sich auch von deratsache
T
her, dass als Ursachen der Veränderungen zum grossen Teil die von aussen kommenden Einflüsse erscheinen. Einen je
längeren Weg das Märchen wandert, in desto mehr variierende Verhältnisse gerät es, d. h.: desto mehr bekommt es
Anlass zu Veränderungen. Ausserdem muss mansich natürlich erinnern, dass das Märchen sich im Laufe der Zeit auch in
derselben Gegend verändert und zwar in besonderen Fällen sogar sehr stark.

Das Märchen ist gewöhnlich aus verschiedenen Abenteuern zusammengesetzt. Da es aus diesem Grunde schwer wird,
die Erzählung auf einmal in ihrer Gesamtheit durchzumustern, ist sie zuerst in ihre Hauptteile zu zerlegen und jeder Teil
einzeln zu erforschen. Aber auch ein einzelnes Abenteuer ist zu kompliziert, darum werden wir es wieder der
Reihenfolge nach in seine Hauptstoffe, in Züge: die Persönlichkeiten, Gegenstände, Mittel, Tätigkeiten usw. teilen und
deren ursprüngliche Formen aufsuchen. Für jeden einzelnen Zug gehen wir den ganzen Stoffvorrat durch. Die
Aufsuchung der ursprünglichen Form des Märchens wird auf diese Weise zum Aufsuchen der Urform der Bestandteile
der Erzählung. Nur durch diese Behandlung [42] ist es uns möglich in das bunte innere Leben des Märchens
einzudringen.

Bei der Feststellung der Urform der Züge werden folgende Umstände in Betracht gezogen.

Die allgemeiner vorkommende Form ist häufiger ursprünglich als die seltener
v o r k o m m e n d e . Die einzelnen oder sehr seltenen Fälle sind gewöhnlich zufällige Erscheinungen. Die Mehrzahl der
Varianten kann jedoch nicht allein die Frage entscheiden, sie kann auch trügen. Die Anzahl der Varianten beruht z. B. auf
der Intensität der Sammelarbeit in verschiedenen Gegenden. Eine in genauer abgesuchten Gegenden vorkommende
spätere Form kann auf diese Weise durch eine grössere Anzahl Varianten vertreten sein als die ursprüngliche Form, die
meistens den weniger durchsuchten Lokalitäten angehört. Hie und da ist eine spätere Bildung durch Vermittlung der
Literatur sehr allgemein geworden. Im Märchen von den Tieren im Nachtquartier z. B. hat die grimmsche Variante
verursacht, dass die Räuberform heutzutage im V
olksmunde viel allgemeiner ist als die ursprüngliche W
olfform.

Neben der Anzahl der Varianten muss man daher beim Aufsuchen der Urform sein Augenmerk noch auf andere
Umstände richten.

Ein solcher Umstand ist der Umfang der Verbreitungsgebiete der verschiedenen Formen des Zuges. D i e i n e i n e m
w e i t e r e n G e b i e t e v o r k o m m e n d e F o r m h a t i m a l l g e m e i n e n d e n Vo r z u g v o r e i n e r i n
e n g e r e m G e b i e t e a n g e t r o f f e n e n F o r m . Wenn die ursprüngliche Form aus irgendeinem Grund selten
geworden ist, während die späteren Bildungen an Raum gewonnen haben, zeigt das grössere Verbreitungsgebiet der
ersteren gewöhnlich ihr höheres Alter an. Es gibt sogar Fälle, wo die späteren Bildungen in einem beschränkten Gebiete
die ursprüngliche Form spurlos verschwinden [43] lassen. Dies ist der Fall, wenn im Märchen von den drei
Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten der ursprüngliche Ort, wo die Früchte wachsen, die „Insel“, bei den
Deutschen verschwunden ist. Dass die „Insel“ früher auch bei den Deutschen bekannt gewesen ist, folgt aus deren
Vorkommen einerseits in Westeuropa, andererseits in Finland und Russland, wohin das Märchen durch Vermittlung der
Deutschen gekommen sein muss. Es sei jedoch bemerkt, dass ein einzelner Fall mitunter weit ausserhalb des Gebietes
erscheinen kann, auf welchem der in Frage stehende Umstand sonst angetroffen wird, ohne dass man ihm bei der
Feststellung des Ursprungs des Zuges besondere Bedeutung beimisst. Er hat sich durch einen einzelnen Reisenden oder
auf andere zufällige Weise so weit verirrt. So ist die europäische Fassung des Zaubervogelmärchens, welche durch die
Zauberschrift gekennzeichnet ist, einmal auf der Insel Mauritius an der Ostküste Afrikas aufgezeichnet worden. Den
europäischen Ursprung der Variante beweist neben der Zauberschrift das Versprechen des dem Vogel Nachstellenden, die
Tochter des Empfängers des Vogels unter der Bedingung zu heiraten, dass der Vogel zur Hochzeit zubereitet wird, was
ein rein europäischer Zusatz ist. Ebenso sind die europäischen Märchen bisweilen in Amerika angetrof
fen worden.

F e r n e r s i n d d i e Ve r b r e i t u n g s w e g e d e s M ä r c h e n s i n B e t r a c h t z u z i e h e n . Das kommt
dann in Frage, wenn die allgemeine Verbreitungsrichtung des Märchens aus irgendeinem Grund vollständig sicher zutage
tritt, obgleich die näheren Umstände erst durch eine eingehendere Untersuchung festgestellt werden. Wir können z. B. in
der Geschichte von dem Fischen mit dem Schwanze beim Untersuchen anderer Züge nicht unterlassen in Betracht zu
ziehen, dass das Eis als Ursache des Abbrechens vom Bärenschwanze das Märchen seinem Ursprung nach als nordisch
erweist und zugleich seine Verbreitungsrichtung von Norden nach Süden bestimmt.

[44] Eine Handhabe liefert bei der Beurteilung noch die allgemeine Beschaffenheit der Variante. E i n e i n e i n e r
g u t e r h a l t e n e n Va r i a n t e v o r k o m m e n d e F o r m d e s Z u g e s h a t g r ö s s e r e n We r t , a l s
d i e i n e i n e r v e r d o r b e n e n v o r k o m m e n d e . Dieser Umstand erklärt sich aus der allgemeinen Regel, dass
die Teile der Erzählung unter nahem gegenseitigen Einfluss stehen. Die Entstellung eines Zuges verursacht Entstellung
anderer, ihm nahestehender Züge. Wenn die schlechtere Beschaffenheit der Variante auf schwacher Erinnerung des
Erzählers beruht, steht auch in diesem Falle die Beschaffenheit des einzelnen Zuges in Einklang mit der Beschaffenheit
der ganzen Variante.

Auch ist die verschiedene Verbreitungsfähigkeit des Zuges, des ursprünglichen oder später entstandenen, zu beachten.
Solche Umstände, die durch ihren treffenden oder unterhaltenden Charakter oder
aus irgendeinem anderen Grund besonderer Art den Sinn des Zuhörers fesseln,
e r h a l t e n s i c h b e s s e r u n d v e r a l l g e m e i n e r n s i c h l e i c h t e r . Von einzelnen Zügen gilt dies ebenso
wie von ganzen Märchen. Wegen ihres Humors ist im Zauberringmärchen so häufig die Geschichte von der Maus
erhalten, die durch das mit ihrem Schwanze auf den Lippen des Entwenders des Zauberrings verursachte Kitzeln diesen
zwingt, den Ring auf den Boden auszuspeien. Im Märchen von den Tieren im Nachtquartier hat der Hahn häufiger als
irgendein anderes Tier seinen Platz unter den Teilnehmern an der Reise behalten, weil er beim V
ertreiben des in die Stube
Eindringenden eine so besondere Aufgabe hat. Von seinem hohen Aufenthaltsort auf dem Balken verkündet er dem
Entfliehenden seine strenge Drohung. Das mit anderen zu den Wanderern hinzugefügten Waldtieren verglichen häufige
Vorkommen des Hasen ist durch das dem unruhigen Hüpfen desselben angepasste treffende Motiv von dem Suchen der
Waffe verursacht worden.

[45] Eines der wichtigsten Beweismittel für die Feststellung der Ursprünglickeit des Zuges ist dessen Natürlichkeit.
Das
N a t ü r l i c h e i s t n e b e n d e m U n n a t ü r l i c h e n a l s u r s p r ü n g l i c h z u b e t r a c h t e n . Dieses
Argument scheint vielleicht auf den ersten Blick zweifelhaft, denn man muss zugeben, dass es an sich etwas Subjektives
enthält. Der eine kann das eine natürlicher finden als der andere. In unsicheren Fällen, wenn nicht andere in dieselbe
Richtung deutende Umstände erscheinen, ist es auch am besten die Entscheidung zu unterlassen. Dennoch entwickeln die
Erfahrung und das gründliche Bekanntwerden mit dem inneren Leben der Volkspoesie in grossem Masse das
Urteilsvermögen des Forschers in dieser Beziehung und beschränken die eventuelle Subjektivität.

Wenn z. B. im Märchen von den Tieren im Nachtquartier die Katze ganz allgemein auf die Feuerstelle (den Herd) gesetzt
wird, von wo aus sie dem in die Stube Eindringenden das Gesicht zerkratzt, und der Hahn auf den Balken, um zu krähen,
ist es unzweifelhaft, dass die Tiere schon in der Urform des Märchens gerade diese für sie so natürlichen Aufenthaltsorte
gehabt haben. Die Natürlichkeit entscheidet auch die Frage, ob der in den nordischen Varianten vorkommende Bär oder
der hauptsächlich in den südlicheren Gegenden anzutreffende Wolf in der Geschichte vom Fischen mit dem Schwanze
ursprünglich ist. Der Zweck der Geschichte ist ursprünglich offenbar die Erklärung der Kurzschwänzigkeit irgendeines
Tieres gewesen, und der langgeschwänzte Wolf erscheint in diesem Falle nicht passend. Die Ursprünglichkeit des Bären
bekräftigen einige andere Umstände. So hat die Unnatürlichkeit des Wolfes zuweilen verleitet zu erklären, dass man für
ihn aus Eisen oder Hanf einen neuen Schwanz beschafft hat, oder dass der Schwanz nicht ganz abbricht, sondern
abgenagt wird.

Neben der Natürlichkeit des ursprünglichen Zuges kommt dem Forscher bei der
[46] A u f f i n d u n g d e r U r f o r m m i t u n t e r d i e F o l g e r i c h t i g k e i t z u H i l f e . Man hat auch Zweifel
darüber geäussert, ob die Märchen ihrem Ursprung nach folgerichtig seien. Dazu sei bemerkt, dass jede Forschung von
der Voraussetzung ausgeht, dass das von ihr benutzte Material aus vernünftigen Konzeptionen hervorgeht, ohne diese
existiert keine Wissenschaft. Und dass es mit den Märchen so ist, das ist im oVrhergehenden schon gezeigt worden. Es ist
gelungen, die Schicksale langer komplizierter Märchen zu erklären, und als Resultat hat sich eine einheitliche,
harmonische Urform ergeben. Irrtümer sind natürlich auch auf diesem Gebiete möglich, aber mit dem Fortschreiten der
Forschung werden sie allmählich richtiggestellt werden. Ich werde dies durch folgende Beispiele beleuchten. In dem
Zaubervogelmärchen ist neben der Märchenform mit zwei Zauberkräften auch die Form mit einer Zauberkraft ziemlich
verbreitet, wozu nur das Königwerden gehört. Wenn zu entscheiden ist, welche von diesen Fassungen ursprünglich ist,
muss man in Betracht ziehen, dass die Anzahl der Verzehrer des Zaubervogels auch in der Märchenform mit einer
Zauberkraft gewöhnlich zwei ist (Brüder). Zauber sind augenscheinlich ebenso viele wie Verzehrer vorhanden gewesen.
Wenn einmal zwei Personen genannt werden, ist es folgerichtig, dass man von jedem der beiden auch etwas Besonderes
zu erzählen hat. Und ein anderes Beispiel aus demselben Märchen. Wenn der Liebhaber der Frau verlangt, dass die
Jungen, die Verzehrer des Vogels, geschlachtet und aus ihnen ein Braten zubereitet werden soll, heisst es bisweilen in
verschiedenen Gegenden, dass die Mutter dieser grausamen Forderung ihren Beifall gibt. Dies geschieht nicht so oft,
dass man den Zug wegen seiner Häufigkeit als ursprünglich auffassen könnte, aber in die Wagschale fällt noch der
Umstand, dass die Jungen verhältnismässig oft am Schluss des Märchens auch die Mutter bestrafen und zwar auch in
solchen Fällen, wo die Zustimmung [47] der Mutter nicht erwähnt wird. Wenn auch die Mutter bestraft wird, ist sie
gewiss ursprünglich auch schuldig gewesen. Wenn im Märchen von den Tieren im Nachtquartier der auf den Wipfel des
Baumes geflogene Hahn in einem fernen Hause Licht erblickt, wohin sich die Tiere dann begeben, so ist dies ein späterer
Zug, denn er setzt das Zuhausesein der Bewohner und die zweite Verjagung voraus, die als Duplettenform später
entstanden ist. Es ist nicht anzunehmen, dass aus dem Hause ein Licht schiene, wenn die Bewohner abwesend wären.

Es ist auch in Betracht zu ziehen, ob der durchzumusternde Zug sich nur in dem zur Untersuchung vorliegenden Märchen
vorfindet oder ob man in einem oder anderen Märchen einen gleichen oder einen nahe an ihn erinnernden Zug antrifft.
Der nur in einem Märchen befindliche Zug kann eher ursprünglich sein als der
Z u g , w e l c h e r s i c h a u c h a n d e r s w o f i n d e t . Dies folgt daraus, dass jeder Zug ursprünglich zu einem
einzigen Märchen gehört. Wenn der Zug in mehreren Märchen angetroffen wird, kommt also der Einfluss des einen
Märchens auf das andere in Frage. Dies kommt in der Forschung so oft vor, dass es unnötig erscheint hier Beispiele dafür
anzuführen.

Und zum Schluss ein Umstand, dessen der Forscher sich bei seiner Arbeit auch zu erinnern hat. D i e Ä h n l i c h k e i t
d e s Z u g e s k a n n i n e i n z e l n e n F ä l l e n a u c h z u f ä l l i g s e i n . Zufälligkeit kann man weniger
voraussetzen, wenn dieselben Variationen in einem einheitlichen, beschränkten Gebiete vorkommen. Die Frage der
Zufälligkeit wird durch die Beschaffenheit der Varianten in anderen Beziehungen entschieden. Wenn man in ihnen keine
andere nähere Übereinstimmung bemerkt, handelt es sich wahrscheinlich um Zufälligkeit. So verhält es sich z. B. dann,
wenn im Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten die zu quälende Person einerseits in [48] Japan und
Indien, andererseits in einer europäischen Variante ein Tier ist. Die Varianten sind sonst so verschiedenartig, wie es in so
weit auseinanderliegenden Gegenden aufgezeichnete Varianten überhaupt im allgemeinen sind. So ist das Tier schon
seiner Art nach in den verschiedenen V
arianten verschieden.

Wenn wir durch die zugweise vergleichende Untersuchung ermittelt haben, wie jeder Teil der Erzählung beim Entstehen
des Märchens ausgesehen hat, so gelangen wir von hier durch Verbindung der einzelnen Züge zu der Urform des ganzen
Märchens. Das Ergebnis beschränkt sich natürlich auf den Inhalt des Märchens, über seine Wortform können wir keine
Klarheit gewinnen.

So interessant aber auch die Erkenntnis der Urform des Märchens als solches ist, ist es doch nicht das schliessliche Ziel
der Forschung, sondern nur ein Mittel zur genaueren Feststellung der Schicksale des Märchens. Mit Hilfe der Urform des
Märchens können wir die Heimat, die Nationalität und die Verbreitungswege des Märchens näher erforschen, und sie
leitet uns auch bei der Bestimmung der Entstehungszeit des Märchens.

Was zuerst den E n t s t e h u n g s o r t und die Verbreitungswege der Märchen anbelangt, liefert uns die vergleichende
Forschung darüber seltener genaue, eingehende Ergebnisse. Aber Ortsbestimmungen allgemeiner Art, z. B. ob das
Märchen morgen- oder abendländisch ist, ob es aus dem kalten Norden oder dem warmen Süden stammt, was für
allgemeinere Richtungen es gewandert ist u. a., sind leicht zu ermitteln. Oft kann man auch mehr oder weniger sicher den
Teil Asiens oder Europas bestimmen, wo das Märchen seine Wanderung begonnen hat, ja bisweilen auch seine
Nationalität. Und die Forschung erklärt auf diese Weise die Ortsverhältnisse nicht nur der selbständigen Märchen,
sondern auch ihrer Variationen, der in ihnen erfolgten späteren Veränderungen.

[49] Die Schwierigkeiten bei der genaueren Bestimmung des Heimatsortes des Märchens stehen in Zusammenhang mit
der allgemeinen Beschaffenheit der Märchen. Die Märchen kümmern sich sehr wenig um die Örtlichkeit. Sie verknüpfen
sich nicht in der Weise der Sagen mit einzelnen Orten oder Persönlichkeiten. Von der Art der Märchen gibt in dieser
Beziehung am besten der sie oft einleitende Ausdruck „es war einmal“ eine Vorstellung, aber auf das „Wo“ wird keine
Rücksicht genommen.

Den Heimatsort des Märchens endgültig zu bestimmen genügt bisweilen ein einzelner Umstand, aber oft beschränkt sich
das Ergebnis auf die Wahrscheinlichkeit, und die Gewissheit verlangt, dass mehrere Beweismittel in eine und dieselbe
Richtung deuten.

Beim Bestimmen des Entstehungsortes des Märchens ist es am praktischsten


z u e r s t d i e ä l t e r e n l i t e r a r i s c h e n Va r i a n t e n d u r c h z u m u s t e r n , s o v i e l d e r e n b e k a n n t
s i n d . Wenn diese alle in dieselbe Richtung weisen, gewinnt der Forscher damit einen guten Leitfaden für seine
Bestrebungen. So verhält es sich mit dem Zaubervogelmärchen, dessen ältere literarische Varianten alle morgenländisch
sind. Der Forscher darf aber nicht vergessen, dass die literarischen Varianten Beweismittel zweiter Ordnung sind. Erstens
sind sie gewöhnlich, wie schon erwähnt, spätere Bearbeitungen der Erzählungen, und zweitens sind die Sammlungen
selbst oft durch Übersetzungen weit von ihren ursprünglichen Heimatsorten übertragen worden, in ihrem Inhalt und ihrer
Zusammensetzung mehr oder weniger verändert. Um sichere Ergebnisse zu erzielen, sind wir daher neben den älteren
literarischen Varianten auf die von dem volkstümlichen Märchen gebotenen Mittel angewiesen.

Eines der wichtigsten Beweismittel bei der Bestimmung des Heimatsortes ist das
Ve r b r e i t u n g s g e b i e t d e s M ä r c h e n s . Wenn das Märchen nur [50] in einem beschränkteren Gebiet bekannt
ist, ist sein eventuelles Entstehungsgebiet in demselben Masse beschränkt. Dass die Märchen von den Tieren im
Nachtquartier und von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten, die häufig in Europa vorkommen,
aber ausserhalb desselben nur als einzelne aus Europa eingewanderte Varianten, ursprünglich europäisch sind, ist eine
natürliche Sache. Die Umformung des Märchens „Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des Pferdes hängend“, wo der
Bär den Fuchs an den Schwanz des Pferdes lockt, ist in Nordeuropa entstanden, denn sie wird nur in Skandinavien,
Finland und Estland angetroffen. Das zu dem Zaubervogelmärchen gehörende Entzünden der Kerze in der Kirche bei der
Königswahl kommt nur in Finland und Russland vor und hat sich natürlich auf diesem Gebiete gebildet, augenscheinlich
in Russland, wo die Kerzen im griechisch-katholischen Gottesdienst einen so bemerkenswerten Platz einnehmen.

Wenn wir in solchen Fällen den Entstehungsort des Märchens genauer bestimmen wollen oder wenn der
Verbreitungsbezirk des Märchens nicht so beschränkt ist, m u s s man seine Schlüsse auf die
Häufigkeit und Beschaffenheit des Märchens in verschiedenen Gegenden
g r ü n d e n . Wenn das Zauberringmärchen in den verschiedenen Teilen von Asien verhältnismässig oft angetroffen wird
und weiter im Osten Europas merklich häufiger ist als im Westen – in Frankreich, Deutschland und England ist es gar
nicht anzutreffen –, weist dies deutlich auf die Herkunft des Märchens aus Osten, aus Asien hin. Zu demselben Resultat
kommen wir, wenn wir das Verhältnis der asiatischen und der europäischen Varianten mit der Urform des Märchens
vergleichen. Die asiatischen stehen nämlich im allgemeinen der Urform näher, und die im östlichen Europa gemachten
Aufzeichnungen sind besser als die weiter im Westen niedergeschriebenen. Das europäische Märchen von den drei
Zaubergegenständen und den wunderbaren[51] Früchten wird von Westen nach Osten zu entstellt, woraus wir schliessen
können, dass das Märchen in dieser Richtung gewandert ist und also aus dem westlichen Europa stammt.

Zur Auffindung des Heimatsortes bietet bisweilen auch der Inhalt des Märchens
e i n e H a n d h a b e . Es können in der Erzählung sogar Umstände vorkommen, die die Frage allein entscheiden. Wenn
z. B. in der Geschichte vom Fischen mit dem Schwanze, deren Grundidee in der Erklärung der Kurzschwänzigkeit des
Bären besteht, das Abfallen des Schwanzes Eis voraussetzt, so zeigt dies, dass das Märchen in den nordischen Ländern
entstanden ist, wo die Gewässer zufrieren. Und wenn jemand doch die Ursprünglichkeit des Eises bezweifeln sollte,
muss der Zweifel schwinden, wenn eine allmähliche Entstellung des Zuges von Norden nach Süden beobachtet wird. Auf
die kalten Gegenden weist auch die Hausbauform des Märchens „Die Tiere im Nachtquartier“. Das Haus wird nämlich
zum Schutz gegen die Kälte des Winters gebaut. Der Entstehungsort des Märchens drückt auch sonst dem Inhalt der
Erzählung bisweilen seinen Stempel auf, woran er kenntlich ist. So sind Kolorit und Stimmung des Zauberringmärchens
morgenländisch. Wenn man diesem Umstande auch keine entscheidende Bedeutung beimessen kann, stützt er doch
andere Argumente, die gleichfalls nach Osten weisen.

Die Ve r b r e i t u n g s w e g e der Märchen beruhen in jedem einzelnen Falle auf dem Entstehungsort des Märchens. Sie
ergeben sich in ihren Hauptzügen gewöhnlich schon beim Suchen nach der Urform des Märchens und besonders dann,
wenn der Heimatsort desselben bestimmt worden ist. Eingehendere Aufschlüsse lassen sich durch eine besondere
Behandlung dieser Frage gewinnen.

Hinsichtlich der Wanderungswege der Märchen verdient d i e F r a g e d e s Z u s a m m e n h a n g s z w i s c h e n


d e m M o r g e n - u n d A b e n d l a n d eine besondere Aufmerksamkeit, [52] denn sie hat der Forscher so oft zu
entscheiden.

Wenn die Märchen auf mündlichem Weg vom Morgenland nach dem Abendland oder umgekehrt über
gingen, konnten sie
zwei Hauptwege einschlagen: den südlichen durch Südwestasien und die Balkan-Halbinsel oder den nördlichen, der das
Morgenland und Russland entweder durch Sibirien oder Kaukasien verbindet. Im Süden konnte eine Verbindung auch
zwischen Asien und Nordafrika und zwischen dem letztgenannten und Südeuropa entstehen.

Da die örtlich einander näherstehenden Varianten sich im allgemeinen mehr gleichen, ist das natürlichste Mittel beim
Untersuchen der Wanderungswege des Märchens, die Beschaffenheit desselben in zwei einander am nächsten liegenden
Ländern durchzumustern. Wenn das Märchen in aneinandergrenzenden Teilen Asiens und Europas bekannt ist und dazu
auf beiden Seiten eine nähere Übereinstimmung bemerkbar ist, so ist es unzweifelhaft, dass es von der einen Seite nach
der anderen gewandert ist. Wenn z. B. das morgenländische Zauberringmärchen sowohl in Südwestasien als auch auf der
Balkan-Halbinsel bekannt ist und auf beiden Seiten solche besonderen Züge vorkommen wie das Siegel oder der Stein
des Ringes als Zaubergegenstand, kann man sich nur vorstellen, dass das Märchen auf diesem Wege nach Europa
gekommen ist. Die Übereinstimmungen in dem ebenso morgenländischen Zaubervogelmärchen zeigen, dass das
Märchen von Südwestasien nach Nordafrika und dem Balkan übergegangen ist, und es wird sogar deutlich, dass es vom
Balkan und Österreich-Ungarn nach Russland gewandert ist. Das Zaubervogelmärchen ist einmal auch bei den
sibirischen Tartaren aufgezeichnet worden, aber diese Variante bezeugt nicht, dass sich das Märchen auch auf dem
nördlicheren Weg nach Europa bewegt hätte, nämlich direkt nach Russland, denn da kommt die europäische
Zauberschrift vor und ist der Vogel seiner Art [53] nach, wie oft in Russland, eine Gans, woraus zu schliessen die
Variante aus Russland stammt.

Wenn man dem Übergang des Märchens vom Morgenland nach dem Abendland oder umgekehrt nachforscht, bildet oft
das Fehlen asiatischer Aufzeichnungen eine Schwierigkeit. Der Forscher kann z. B. durchaus die Überzeugung
gewinnen, dass das morgenländische Märchen mündlich nach Europa gewandert ist, aber beim Fehlen von
Aufzeichnungen weiter westlich in Asien kann er die Wanderungswege nicht feststellen. Dies ist einer von den der
Forschung noch anhaftenden Nachteilen, die bei der Entwicklung der Sammelarbeit von selbst verschwinden werden.

Einige Länder bilden infolge ihrer geographischen Lage Treffpunkte aus zwei Richtungen kommender Märchenströme
und erhalten dadurch für die Erforschung der Märchen besondere Bedeutung. Als Beispiel hierfür nehme ich Finland,
wohin Märchen von Westen, aus Skandinavien, und von Osten, aus Russland, geströmt sind. Bisweilen bemerkt man von
ein und demselben Märchen deutlich zwei verschiedene Fassungen, die auf dem Standpunkt der skandinavischen
Varianten stehende westfinnische und die den russischen gleichende ostfinnische. Dies ist der Fall in dem dreiteiligen die
Verhältnisse des Mannes, des Bären und des Fuchses behandelnden Bärenfrassmärchen. In Westfinland und
Skandinavien fehlt der dritte Teil der Serie, das Gespräch des Fuchses mit seinen Gliedern, der dagegen zuweilen in
Ostfinland, ebenso wie gewöhnlich in Russland, vorkommt. Im Märchen vom Fischen mit dem Schwanze reisst in
Westfinland und Skandinavien der Schwanz des Bären beim Heben der vermeintlichen Fischlast oder beim Erschrecken
vor einem vom Fuchse herbeigerufenen Angreifer ab, in Ostfinland und Russland erscheint als Tier ein Wolf, und die
Angreifer kommen zufällig herbei.

Die Richtung der Einwanderung des Märchens in Finland kann man gewöhnlich wegen der Reichhaltigkeit der [54]
volkstümlichen Märchensammlungen entscheiden. Das Zaubervogelmärchen, dessen morgenländischer Ursprung schon
die Ankunft des Märchens von Osten her voraussetzt, ist in einigen Fällen besser in Ost- als in Westfinland erhalten, und
zwischen den finnischen und russischen Varianten besteht augenfällige Übereinstimmung. Die Königswahl wird auch in
Finland durch das russische Kerzenentzünden in der Kirche entschieden; in Ostfinland ist ebenso wie in Russland der
Zaubervogel ein Wasservogel, und statt der zum Schlachten bestimmten Jungen werden junge Hunde getötet. Die
erwähnten im Märchen später erschienenen Züge sind in diesem vielleicht zum Teil schon bei seiner Einwanderung von
Russland nach Finland vorhanden gewesen, zum Teil erst nachher entstanden und in derselben Richtung verbreitet
worden. Als Beispiel der von Westen gekommenen Märchen seien „Die Tiere im Nachtquartier“ erwähnt. Ausser dem
Märchen selbst sind auch hier einige von den in der Erzählung später geschehenen Veränderungen in derselben Richtung
weitergewandert. Es verdient noch bemerkt zu werden, dass sich das Märchen dem Anschein nach nicht von Finland
nach Russland verbreitet hat. Die russische Hausbaufassung dagegen ist nach Finland gekommen.

Auch beim Suchen nach der E n t s t e h u n g s z e i t des Märchens und der später darin erfolgten Veränderungen sind
genauere Bestimmungen seltener möglich.

Wenn die älteren literarischen Varianten die ursprünglichen Formen der Märchen repräsentierten und die
Zusammensetzung und das Alter der Sammlungen genau bekannt wären, würde die Ermittlung des Alters der Märchen
eine leichtere Aufgabe sein. A b e r a l s s p ä t e r e B e a r b e i t u n g e n d e r v o l k s t ü m l i c h e n M ä r c h e n
k ö n n e n d i e l i t e r a r i s c h e n Va r i a n t e n n u r d i e s p ä t e s t e G r e n z e f ü r d i e E n t s t e h u n g
d e r M ä r c h e n m i t t e i l e n . Um wieviel das Märchen älter ist als die Sammlung, das können wir nicht erfahren.
Und auch jene späteste Grenze wird dadurch oft unsicher, dass wir von dem Ursprung und [55] den Schicksalen der alten
Erzählungssammlungen oft so unklare Kenntnis besitzen. Wir können nicht bestimmen, wann jedes einzelne Märchen in
der Sammlung seinen Platz erhalten hat. Das Erscheinen des Zauberringmärchens in der mongolischen Siddhi-Kür
Sammlung z. B. beleuchtet sehr wenig die Frage nach der Entstehungszeit dieses Märchens, denn der erdegang
W und das
Alter des Siddhi-Kür sind sehr mangelhaft bekannt. Wenn wir dagegen das Zaubervogelmärchen in Nachschebi’s Tuti-
Nameh antreffen, können wir schliessen, dass das Märchen gewiss schon im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts in
Persien bekannt gewesen ist, aber wenn zugleich klar wird, dass das volkstümliche Märchen älter als die literarische
Bearbeitung ist, bleibt die Entstehungszeit des ursprünglichen Märchens doch unbekannt.

G e w i s s e Z e i t b e s t i m m u n g e n b i e t e t b i s w e i l e n a u c h d e r I n h a l t d e s M ä r c h e n s . Ebenso
wie wir bemerken, dass der Entstehungsort des Märchens mitunter Spuren in dessen Inhalt hinterlassen hat, so ist es auch
mit der Entstehungszeit desselben. Hierher gehört eigentlich die schon früher behandelte umfassendere Frage nach der
Entstehungszeit der Märchen im allgemeinen. Viele in ihnen vorkommende Kulturbegriffe erweisen sie als Ergebnisse
der kulturellen Zeit. Es seien z. B. im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten die
Begriffe Soldat, Arzt, Geld, Apfel u. a. hervorgehoben. Im Zaubervogelmärchen finden sich als ähnliche Anhaltspunkte
für die Zeitbestimmung das Gold und der zahme Esel oder das Pferd. Die später in Europa erschienene Zauberschrift zur
Angabe der Eigenschaft des Vogels leitet sich aus der Zeit her, wo die Lese- und Schreibkunst schon bekannt waren. Die
Entzündung der Kerze in der Kirche beim Entscheiden der Königswahl ist ein Erzeugnis der christlichen Zeit usw
.

Der Mangel in der jetzigen Märchenforschung, dass sie nicht in allen Punkten vollständig sichere und bestimmte [56]
Ergebnisse gewinnen kann, sondern sich bisweilen mit der Wahrscheinlichkeit und mit allgemeinen Schlussfolgerungen
begnügen muss, ist zum grossen Teil eine Folge der Neuheit des Forschungsgebiets und wird beim Fortschreiten der
Forschung und beim Anwachsen des Materials immer geringer werden. Die inneren Schicksale des Märchens bergen
unzweifelhaft Umstände, welche man bis jetzt noch nicht bemerkt und voll erfasst hat. Die Untersuchung muss sich auch
zugleich mit dem Bestreben, die Urform, die Verhältnisse des Enstehungsortes, der Zeit und der Verbreitung zu ermitteln,
das Ziel vor Augen halten, sich immer tiefer mit den Erscheinungen des inneren Lebens der Märchen bekannt zu
machen.

Die Märchenforschung ist mit der Auffindung der Urform, des Entstehungsortes, der Entstehungszeit und der
Wanderungswege der Märchen keineswegs erschöpft. „Erst danach“, hat Kaarle Krohn einmal scherzhaft geäussert,
„beginnt eigentlich die Märchenforschung“. Mit Hilfe der gewonnenen Resultate können wir nun die Elemente
untersuchen, aus welchen die Märchen ursprünglich zusammengesetzt sind: was in ihnen dem Volksglauben, den Sitten
u. a. angehört. Die Märchen werden zu wertvollen Hilfsmitteln im Dienste einiger anderen Wissenschaften: der
Ethnographie, der Archäologie usw. Auch können wir daran gehen die in den Märchen vorkommenden
volkspsychologischen Erscheinungen näher aufzuklären, auf die schon in der vergleichenden Forschung soweit wie
möglich eingegangen worden ist. Fragen wie die, in welcher Weise jedes Volk die zu ihm gekommenen Märchen
beeinflusst hat, sind jetzt an der Reihe gründlicher und erfolgreicher untersucht zu werden. Der gegenseitige kulturelle
Einfluss der Völker wird beleuchtet durch die Wanderungswege der Märchen. Alles dies sind Fragen, deren nähere
Erörterung zu den Aufgaben der zukünftigen Forschung gehört und auf welche hier nur hingewiesen werden kann.

1. Krohn, K., Über die finn. folkloristische Methode(Finn.-Ugr. Forsch. 1910 S. 36).

Anmerkungen (Wikisource)
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Leitfaden der vergleichenden
Märchenforschung/Die als Beispiele benutzten
Märchen
< Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung
← Die Technik der Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung(1913)
Märchenforschung von Antti Aarne
[79]
V. Die als Beispiele benutzten Mär chen.
(Mt. = Märchentypus in FFC No. 3.)
Die Märchen führe ich in der Form vor, die die vergleichende Untersuchung als ihre Urform nachgewiesen hat, doch
bestrebe ich mich in meiner Darstellung mich möglichst kurz zu fassen. Siehe: Krohn, K., Bär (Wolf) und Fuchs, eine
nordische Tiermärchenkette (= Journal de la Société Finno-ougrienne VI 1889) und Mann und Fuchs, drei vergleichende
Märchenstudien (1891) und Aarne, Antti, Vergleichende Märchenforschungen (1907)[1], Die Zaubergaben (1909) (=
Journal de la Société Finno-ougrienne XXVII 1) und Die Tiere auf der Wanderschaft (1913) (= Folklore Fellows
Communications 11).

Mt. 1. Das Erbeuten der Fische. Der Fuchs sieht den Mann mit dem Pferd die Fischlast fahren und wirft sich wie tot auf
den Weg. Der Mann hebt in seiner Freude über den schönen Fuchspelz das Tier auf und schleudert es hinter sich auf den
Wagen. Selbst vorn auf dem Wagen sitzend fährt er weiter, ohne zurückzuschauen. Der Fuchs wirft einen Fisch nach dem
anderen auf den Weg. Schliesslich springt er selbst hinunter.

Mt. 2. Das Fischen mit dem Schwanze. Als der Fuchs im Winter Fische verzehrt, kommt der Bär zu ihm und bittet um
einen Teil davon. Der Fuchs rät dem Bären, in einer kalten Nacht in einem Eisloch mit seinem Schwanz zu angeln, wie
auch er es getan habe. Der Bär geht, um das Mittel zu versuchen. Der Fuchs rät, den Schwanz so lange unbeweglich zu
halten, bis die Fische anbeissen. Als er denkt, der Schwanz sei eingefroren, fordert er den Bären auf denselben
zurückzuziehen. Im Glauben, dass er eine[80] grosse Fischlast hebe, reisst der Bär, sodass der Schwanz abgeht.

Mt. 37. Die Suche nach einer Kinderwärterin (einem Klageweib). Der Bär geht nach dem Tode der Bärin, um eine
Wärterin für seine Jungen zu suchen. Den ihm begegnenden Hasen findet er nach Prüfung seiner Gesangstimme
untauglich, den Fuchs hingegen tauglich und bringt ihn in seine Höhle. Als der Bär ausgeht, um Essen zu suchen,
verzehrt der Fuchs die Jungen eins nach dem anderen. Bei der Rückkehr des Bären kommt der Fuchs aus der Höhle, ehe
er ihn hineinlässt, und den Sachverhalt spöttisch verkündend rennt er davon.

Mt. 47. Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des Pferdes hängend. Der Fuchs frisst ein totes Pferd. Der Bär kommt und
fragt ihn, wie er es gefangen habe. Der Fuchs sagt, er habe sich am Schwanze des in der Sonne liegenden Pferdes
festgebissen und so gerissen, dass das Pferd zu laufen anfing und lief, bis es tot umfiel. Der Bär geht, um dasselbe Mittel
zu versuchen, und das Pferd läuft mit dem Bären am Schwanze.

Mt. 130. Die Tiere im Nachtquartier.

F o r m B : Einige Haustiere: ein Ochse, ein Pferd, ein Widder, eine Katze, eine Gans und ein Hahn entfliehen, da sie für
ein Gelage oder aus einem anderen Grunde geschlachtet werden sollen, und schliessen sich zu einer Reisegesellschaft
zusammen. Sie kommen zufällig zu einem Wolfshaus, dessen Bewohner abwesend sind, und lassen sich für die Nacht in
dem Hause nieder. Das Pferd stellt sich draussen auf, der Ochse irgendwo in der Nähe der Tür, der Widder auf dem
Fussboden der Stube, die Katze nimmt im Herd Platz, die Gans auf dem Tisch, und der Hahn fliegt auf den Balken
hinauf. Als die Wölfe in der Nacht heimkommen, schicken sie einen aus ihrer Mitte hinein, um zuerst nachzusehen, wer
in der Stube ist. Die Tiere aber stürzen hier auf ihn los und verjagen ihn. Als [81] er am Herd Feuer anzünden will,
zerkratzt ihm die Katze das Gesicht und die Hände, die Gans zwickt ihn mit dem Schnabel usw., während der Hahn vom
Balken herab kräht. Zu seinen Genossen gelangt, erzählt der erschrockene Wolf, wie ihn ein altes Weib am Ofen mit
Wollkämmen zerkratzt habe, ein Schneider habe ihn mit einer Schere geschnitten usw., und von oben habe einer hinter
ihm her gerufen: „Gebt ihn auch mir her!“ Die Wölfe ziehen entsetzt von ihrem Haus weg und lassen dieses in den
Händen der Haustiere.

F o r m A : Die Tiere: ein Ochse, ein Widder, ein Schwein, eine Gans und ein Hahn übernachten in einem von ihnen
selbst gebauten Hause, wohin die Wölfe einen aus ihrer Mitte hineinschicken.

Mt. 154. „Bärenfrass“. Der Mann pflügt mit einem Paar Ochsen am Waldessaum. Zornig schilt er die faulen Tiere: „Ihr
Bärenfutter!“ Als der Bär das im Walde hört, kommt er und fordert die Ochsen. In seiner Not bittet der Mann, mit ihnen
seine Arbeit beendigen zu dürfen und erhält die Erlaubnis dazu. Vom Bären nicht bemerkt, schleicht der Fuchs zu dem
verzweifelten Mann und verspricht, ihn aus der Not zu helfen, ja ihm sogar den Bären in die Hände zu liefern, wenn er
als Belohnung ein Paar Gänse bekomme. Nachdem er dies V
ersprechen erhalten, verschwindet er wieder in den W
ald, wo
er anfängt das Hetzen der Hunde nachzuahmen. Erschrocken fragt der Bär: „Was ist das für ein Geräusch?“ Der Mann
antwortet: „Die Jäger des Königs sind auf der Bärenjagd“. Der Bär bittet den Mann, ihn nicht zu verraten. Der Fuchs ruft
aus dem Walde dem Manne zu: „Was hast du für Schwarzes neben Dir?“ Der Mann, auf Befehl des Bären: „Einen
Baumstumpf“. Der Fuchs: „Hebe ihn auf dein Fuhrwerk! – binde ihn fest! – schneide die Äste ab! – haue die Axt in den
Baumstumpf!“ Der Bär: „Tue, als höbest du – als bändest du – als ob du abschnittest – als ob du hiebest!“ [82] Der Mann
hebt ihn auf sein Fuhrwerk, bindet ihn wirklich fest, schlägt die Beine ab, haut mit der Axt an den Kopf, so dass der Bär
stirbt. Dann geht der Mann nachhause, um das im voraus von ihm versprochene Gänsepaar zu holen. Vom Hause bringt
er einen zugebundenen Sack mit sich. Wie er ihn aber öffnet, springt daraus ein Hundepaar auf den Fuchs los, und der
Fuchs entflieht in seine Höhle. Das Märchen fährt mit dem Gespräch des Fuchses und seiner Glieder fort und endet mit
dem Tode des Fuchses.

Mt. 155. Undank ist der Welt Lohn. Ein Mann rettet eine Schlange aus der Kluft unter einem Stein. Die Schlange sagt,
Undank sei der Welt Lohn, und droht den Mann[WS 1] zu verzehren. Auf den Vorschlag des Mannes aber gehen sie, bei
drei ihnen entgegenkommenden Richtern Recht zu suchen. Die ersten Richter: das Pferd und der Hund sind mit der
Schlange einig, aber der dritte, der listige Fuchs lockt die Schlange wieder in die Kluft, und der Mann tötet sie.

Mt. 210. Die Hausgeräte u. a. auf der Reise. Ein Ei, ein Skorpion (?), eine Nadel, ein Stück Kot und ein Mörser befinden
sich zusammen auf der Reise. In dem Hause eines alten Weibes angelangt, verstecken sie sich an verschiedenen Stellen.
Als die Alte am Abend nachhause kommt, geht sie zum Herd, um Feuer anzuzünden, aber das Ei zerspringt und
beschmutzt ihr das Gesicht, der Skorpion sticht sie usw
., bis der Mörser sie erschlägt.

Mt. 560. Das Märchen vom Zauberring. Ein armer Junge kauft für sein weniges Geld einen Hund und danach eine Katze
los, die beide getötet werden sollen. Nach einiger Zeit rettet er eine in Todesgefahr schwebende Schlange. Dankbar führt
ihn dieselbe zu sich nachhause, wo ihm ihr Vater einen Stein gibt, mit Hilfe dessen er alles verwirklichen kann, was er
sich wünscht. Der Junge schafft sich als Wohnung ein prächtiges Schloss und heiratet die [83] Königstochter. Der Stein
wird ihm aber gestohlen, das Schloss und die Frau werden durch Zaubermacht weitweg zu einer anderen Person entrückt,
und der Junge wird vom König ins Gefängnis geworfen. Nun machen sich die dankbaren Tiere, die Katze und der Hund,
auf, den Zaubergegenstand zu suchen. Die Katze sitzt auf dem Rücken des Hundes, als sie über einen Fluss schwimmen.
Am Ziele angekommen, bemerken sie, dass der Dieb den Stein im Munde trägt. Die Katze fängt eine Maus und zwingt
sie, ihr den Stein zu verschaffen. Die Maus kitzelt in der Nacht mit ihrem Schwanze die Lippen des schlafenden Diebes,
der den Stein auf den Boden ausspeit. Auf dem Heimweg fällt der Stein ins Wasser, und ein Fisch verschluckt[WS 2] ihn,
aber sie finden den Fisch und gewinnen den Stein zurück. Schliesslich bekommt der Junge den Stein wieder. Er zaubert
sich sofort sein Schloss und seine Frau wieder herbei.

Mt. 561. Aladdin. In der in Tausend und eine Nacht vorkommenden Bearbeitung des Zauberringmärchens, in dem
sogenannten Aladdin-Märchen, erhält der Held des Märchens, ein ungeratener Junge (Aladdin), den Zaubergegenstand,
eine Lampe aus der Erde, wohin ein afrikanischer Zauberer ihn geschickt hat, die Lampe zu holen. Da aber der Zauberer
den Gegenstand nicht schon zur Öffnung heraus bekommt, verschliesst er diese durch Zauberworte und lässt Aladdin
unter der Erde. Dieser reibt zufällig an dem Ring, den ihm der Zauberer gegeben hatte: der Geist des Ringes erscheint
und führt ihn ans Tageslicht. Dann wird erzählt, wie er die Tochter des Sultans heiratet, sich einen mächtigen Palast
hervorzaubert und wie der Zauberer sich durch Betrug der Lampe bemächtigt. Der Geist des Ringes bringt Aladdin zum
verschwundenen Palast. Der Zauberer wird durch einen Gifttrank getötet, und der Palast an seinen früheren Platz
zurückgebracht. Schliesslich kommt der Bruder des Zauberers, um als heilige Frau seinen Bruder zu rächen, Aladdin
aber tötet ihn mit einem Dolch.

[84] Mt. 563 u. 564. Die Zaubergaben.

D i e M ä r c h e n f o r m m i t d r e i Z a u b e r g e g e n s t ä n d e n ; Ein armer Mann bekommt (vom Winde, der


seinen Acker beschädigt hat, als Vergütung) ein Zaubertischtuch, das sich auf Befehl mit den besten Speisen bedeckt.
Auf dem Heimweg vom Geber des Zaubergegenstandes kehrt er für die Nacht in einem Gasthaus ein. Während der Mann
schläft, vertauscht der Wirt, welcher ihn am Abend das Tischtuch hat anwenden sehen, dasselbe mit einem anderen
äusserlich gleichen, seiner Beschaffenheit nach jedoch gewöhnlichen Tischtuch, mit dem der Mann am Morgen seine
Reise fortsetzt. Zuhause angelangt, wendet er das Tischtuch, um sich Essen zu verschaffen, an, aber vergebens, der
Gegenstand hat gar keine Wirkung. Da der Mann vermutet, er sei bei dem Geber des Zaubergegenstandes betrogen
worden, eilt er mit seinem Tischtuch dorthin zurück und bekommt einen Zauberesel, der auf Befehl so viel Geld fallen
lässt, als man nur zu haben wünscht. Aber der Esel wird ebenfalls in dem Gasthaus mit einem anderen, gewöhnlichen
Esel vertauscht. Der Mann unternimmt noch zum dritten Mal dieselbe Reise und erhält nun einen Zauberknüppel, der
jeden unbarmherzig durchprügelt, den der Besitzer zu schlagen befiehlt. Der Mann kehrt wieder in dem Gasthaus ein;
von dem Betrug des Wirtes dieses Gasthauses hat er bereits vernommen, und indem er dem Knüppel befiehlt, den Wirt
durchzuprügeln, zwingt er ihn das entwendete T
ischtuch und den Esel zurückzugeben.

In der Märchenform mit zwei Z a u b e r g e g e n s t ä n d e n wird von einem Gegenstand zum


Aufbewahren von Essen erzählt, der die wunderbare Eigenschaft besitzt, dass auf Befehl die besten Speisen aus ihm
kommen, und von einem anderen Gegenstand von gleichem Aussehen, woraus Geister mit Stöcken in den Händen
erscheinen und Prügel austeilen. Der wohlhabende Nachbar des armen [85] Mannes kauft den essenspendenden
Gegenstand für teueren Preis, aber mit Hilfe des neuen Gegenstandes, der den mit seiner Beschaffenheit unbekannten
Nachbar auf dessen Befehl durchzuprügeln beginnt, bekommt der Held des Märchens den ersterwähnten Gegenstand
zurück.

Mt. 566. Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte. Es sind drei Brüder, Soldaten. Jeder von ihnen wird
Besitzer eines eigentümlichen Zaubergegenstandes. Der eine bekommt einen unentleerbaren Geldbeutel, der zweite ein
Horn, das ein Heer herbeizaubert, und der dritte einen Mantel, der seinen Besitzer hinbringt, wohin er befiehlt. Die
Königstochter entwendet dem Besitzer des Beutels seinen Zaubergegenstand und ebenso den von seinem Bruder ihm
gegebenen zweiten Zaubergegenstand. Auch der dritte der Brüder tritt dem Helden des Märchens seinen
Zaubergegenstand, den Mantel, ab. Es gelingt ihm mit Hilfe des Gegenstandes das Mädchen zur Strafe auf eine ferne
Insel zu schaffen. Aber das Mädchen betrügt ihn wieder, kehrt auf dem Zaubermantel nachhause zurück und lässt den
Jungen auf der Insel sitzen. Dieser stösst auf einen Apfelbaum, isst von dessen Früchten, bemerkt aber zugleich, dass ihm
Hörner am Kopf gewachsen sind. Er verzehrt andere Äpfel, und die Hörner verschwinden. Unerkannt verkauft der Junge
von den ersten Äpfeln der Königstochter, die Hörner an den Kopf bekommt. Nach einiger Zeit kom
mt er als fremder Arzt
an den Hof des Königs, zwingt das Mädchen, die entwendeten Gegenstände zurückzugeben, und schliesslich beseitigt er
die Hörner.

Varianten dieses Märchens finden sich auch in der Geschichtensammlung G e s t a R o m a n o r u m und in dem
Volksbuch von F o r t u n a t u s , s e i n e m S ä c k e l u n d s e i n e m W u n s c h h ü t l e i n .

Mt. 567. Der Zaubervogel. Das Schicksal macht einen armen Mann zum Besitzer eines Goldeier legenden
Wundervogels. Der Mann verkauft die kostbaren Eier und wird [86] reich. Einmal geht er auf Reisen und lässt den Vogel
seiner Frau zur Pflege zurück. Unterdessen kommt der Käufer der Eier zu der Frau und verlockt sie durch ein
Liebesverhältnis, ihm den wunderbaren Vogel zur Mahlzeit zuzubereiten. Der Vogel birgt eine Wunderkraft derart, dass,
wer seinen Kopf isst, König wird, und dass der, der das Herz verzehrt, das Vermögen Gold zu erzeugen bekommt. Der
Vogel wird zugerichtet, fällt aber durch Zufall den beiden Söhnen des verreisten Hausherrn in die Hände, und die Jungen
essen, ohne von der wunderbaren Eigenschaft des Vogels zu wissen, den Kopf und das Herz. Der Liebhaber aber weiss,
dass ein Braten, der aus den Verzehrern des Vogels zubereitet wird, dieselbe Wirkung hat wie der gebratene Vogel selbst,
und verlangt, dass die Jungen geschlachtet werden, worein auch die Mutter einwilligt. Die Jungen entrinnen durch Flucht
dem Mordanschlag. Der den Kopf gegessen hatte, gelangt in ein Reich, wo nach dem Ableben des alten Herrschers
gerade ein neuer gewählt wird. Ein steigen gelassener Vogel lässt sich auf seinen Kopf nieder, und er wird als Herrscher
anerkannt. Der andere Bruder wird von einer Königstochter auf den Rat eines Zauberweibes veranlasst, das gegessene
Herz zu erbrechen. Er verwandelt die Betrügerin durch ein Zaubergras in eine Eselin, die durch schwere Arbeit geplagt
wird. Schliesslich treffen die Brüder einander, die Eselin bekommt wieder menschliche Gestalt, und die Mutter wird
bestraft.

Mt. 1030. Ernteteilung. Mensch (Fuchs) und Teufel (Bär) betreiben einen gemeinsamen Ackerbau. Der dümmere, der
Teufel, wählt von den Wurzelfrüchten (Rübe) den oberen und von den Halm- oder Hülsenfrüchten (Gerste) den unteren
Teil.

Mt. 1052. Baumtragen. Mensch (Fuchs) und Teufel (Bär) tragen einen Baum. Der Teufel trägt am Wipfel, ohne sich
umzusehen, der Mensch sitzt auf dem dicken Stammende.

1. Vgl. die Besprechung K. Krohns in denFinnisch-ugrischen Forschungen IX Anz. S. 5.

Anmerkungen (Wikisource)
1. Vorlage: Maun
2. Vorlage: verschuckt

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Diese Seite wurde zuletzt am 22. April 2011 um 22:20 Uhr bearbeitet.

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