Está en la página 1de 3

Schwerpunkt Drinnen oder Draußen?

Vom Antifaschistischen AutorInnenkollektiv NRW

Drinnen oder Draußen?


Programme und Hilfen für ‚Aussteiger’ aus der Neonazi-Szene

Seitdem im Sommer 2000 das Thema ‚Rechtsextremis- Aber was ist ein Ausstieg?
mus’ kurzzeitig in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt
wurde, nehmen so genannte Aussteiger-Programme in den Ein Ausstieg bedeutet, eine ideologische Entwicklung
Diskussionen um Gegenstrategien einen immer größeren durchzumachen, die von tatsächlichen Aussteigern immer
Stellenwert ein. Doch es gibt sowohl an den dahinter ste- wieder als ein langer und schwieriger Prozess beschrieben
henden Konzepten, als auch an der Praxis einiges zu hin- wird. Daraus folgt zwingend auch eine Veränderung des
terfragen und zu kritisieren. Zwischenzeitlich existieren sozialen Umfelds. Wirklich und endgültig raus zu sein
bereits viele Angebote für ‚Aussteiger’. Hinter diesen ste- heißt, Brücken hinter sich abzubrechen und eine Rückkehr
hen mal der Verfassungsschutz, mal unabhängige Initiati- in die neonazistische Szene unmöglich zu machen. Letzte-
ven, zum Teil mischen sogar antifaschistische Gruppen res kann u.a. dadurch geschehen, dass öffentlich Position
mit. Das Problem beginnt häufig schon damit, dass gegen die extreme Rechte bezogen und indem Wissen
zumeist recht unklar ist, was ein ‚Ausstieg’ eigentlich ist, über die Szene für die Arbeit gegen Rechts zur Verfügung
wie ein solcher vonstatten gehen soll und wer hierzu über- gestellt, der Neonazi-Szene also geschadet wird. Und dazu
haupt motiviert werden kann und soll. gehört, dass sich komplett von den Strukturen der extre-
men Rechten gelöst wird, auch auf ‚privater’ Ebene.
Von Aussteigern, Austretern und Umsteigern
“Exit”
In der militanten Neonazi-Szene - und nur um diese geht
es eigentlich bei allen Aussteigerprogrammen - ist eine Bundesweit wohl am bekanntesten ist das “Exit”-Pro-
hohe personelle Fluktuation festzustellen. Nur die wenig- gramm. Dieses orientiert sich an der gleichnamigen
sten der zumeist sehr jungen ‚Mitglieder’ sind fünf Jahre schwedischen Initiative, die von dem Ex-Neonazi Kent
oder gar länger aktiv. Einige finden andere Szenen attrak- Lindahl gegründet wurde. „Exit Schweden“ wendet sich
tiver und schließen sich diesen an, wieder andere ziehen an ausstiegswillige Personen, sowohl an organisierte Neo-
sich ins Privatleben zurück, heiraten und begnügen sich nazis, als auch an deren Umfeld. Auch bei den meisten
damit, bei Wahlen ihr Kreuz bei der NPD zu machen, eini- Mitarbeitern handelt es sich um ehemalige Neonazis.
ge wenige erkennen den mörderischen Inhalt ihrer Ideolo- Primäres Ziel ist die Loslösung von der Szene, nicht eine
gie etc.. Oder es wird die neonazistische Skinhead-Szene ideologische Umorientierung. Geboten wird eine prakti-
verlassen, um der rassistischen Ideologie “artgerechter” in sche Hilfe bei der Suche nach Arbeit, Wohnung, Ausbil-
neuheidnischen Gruppen zu frönen. Statt mit Glatze und dung und vor Gericht. Außerdem Informationen und Bera-
Bomberjacke jetzt mit Seitenscheitel und Trachtenjacke. tung für Multiplikatoren. Es wird zwar mit staatlichen
Sie alle sind nicht mehr in der Szene zu finden, aber aus- Behörden zusammengearbeitet und das Projekt größten-
gestiegen sind die allermeisten mitnichten. Der größte Teil teils auch staatlich finanziert, dennoch aber Wert auf
könnte als “Umsteiger” bezeichnet werden, die bei Beibe- Unabhängigkeit, z.B. von der Polizei, gelegt.
haltung ihrer ideologischen Grundeinstellung nur die Akti- “Exit Deutschland“ wurde im Herbst 2000 von Bernd
onsform und das Auftreten geändert haben. Wagner und dem Aussteiger Ingo Hasselbach gegründet.
Wagner ist Leiter des “Zentrum für Demokratische Kul-
tur” (ZDK), an das „Exit“ heute angegliedert ist. Hinter
dem ZDK stehen die “Initiative der Regionalen Arbeits-

6  Lotta Nr.13 | Sommer 2003 


Drinnen oder Draußen? Schwerpunkt

Programme von Verfassungsschutz-


und Landeskriminalämtern

Nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in fast allen


Bundesländern existieren zwischenzeitlich eigene Pro-
gramme. Diese haben ganz unterschiedliche Konzepte.
Fast alle richten sich jedoch an die organisierte Szene und
haben aufsuchenden Charakter. Das heißt, dass Neonazis
angesprochen und zum Ausstieg motiviert werden sollen,
im Gegensatz zum „Exit“-Programm, bei dem sich aus-
stiegswillige Neonazis von sich aus melden müssen. Bis
auf das rheinland-pfälzische “®auswege”-Programm, das
beim Landesjugendamt angesiedelt ist, werden diese mehr
stelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule” oder weniger vom VS abgewickelt. Das baden-württem-
(RAA) und die “Amadeu Antonio Stiftung”, beides priva- bergische Programm beispielsweise wird durch die ”Bera-
te Initiativen. Ziel ist nicht nur ein Rückzug der Ausstei- tungs- und Interventionsgruppe gegen Rechts” des VS
ger, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der extrem durchgeführt, welches aus Polizeipsychologen, Pädago-
rechten Ideologie und den begangenen Taten. “Exit” prä- gen und Verfassungsschützern besteht. Gut vorstellbar
sentiert ein aus vier Phasen bestehendes Programm, das sind hier ‚Angebote’ wie “Aussteigen oder Anklage”. Auf
mit dem Aussteiger abgearbeitet werden soll. Die erste eine ideologische Veränderung wird hier wohl kaum hin-
Phase ist die “Motivationsphase”; in welcher in Gesprä- gearbeitet werden. Zwar bieten viele der Programme Tele-
chen der Ausstiegswille bekräftigt und Zweifel am Rechts- fon-Hotlines als Hilfe an, aber Zielpersonen der Program-
extremismus gestärkt werden. Es folgt die “Ausstiegspha- me sind zumeist Führungskader. Dass gerade die ideolo-
se”, in der Kontakte zur Szene beendet werden, gegebe- gisch Gefestigten zu einem Ausstieg animiert werden sol-
nenfalls auch ein Sicherheitskonzept mit Wohnortwechsel len, wo sie doch ansonsten gerne angeworben werden,
etc. erarbeitet wird. Die dritte Phase ist die “Etablierungs- lässt ebenfalls misstrauisch werden.
phase”, in der der Ausgestiegene ein soziales Umfeld und
eine wirtschaftliche Basis bekommt. Und am Ende steht Linke (subkulturelle) Szene
die Reflexionsphase; in der eine Auseinandersetzung mit
Ideologie und den begangenen Taten erfolgen soll. “Der ist ganz in Ordnung, der ist kein Nazi mehr...” Die-
Bis Dezember 2002 sollen 32 Personen mit Unterstüt- ses oder ähnliches ist auch immer mal wieder aus der Lin-
zung von “Exit” den Ausstieg vollzogen haben. 89 Fälle ken, insbesondere aus dem linken subkulturellen Umfeld
sollen zu diesem Zeitpunkt in Bearbeitung gewesen sein. zu hören. Auch hier suchen ehemalige Neonazis gelegent-
Allerdings werden in letzter Zeit Vorwürfe gegen “Exit” lich neue Freunde, Schutz oder gar eine neue politische
erhoben. Einzelne von “Exit” betreute Fälle wurden bun- Heimat. Viel zu häufig läuft der Umgang mit ihnen nach
desweit über die Presse bekannt, wie z.B. der von Sascha dem Motto: “Wer mit mir Bier trinkt, kann so schlimm
Stange, der als ehemaliger Top-Kader der JN/NPD präsen- nicht sein.”
tiert wurde. Dabei wurde sowohl deutlich, dass “Exit” Beim Umgang mit ‚Aussteigern’ sollten bestimmte
Schwierigkeiten damit hat, die Bedeutung einzelner Aus- Grundsätze immer klar sein, z.B. die Transparenz und
stiegswilligen zu beurteilen, als auch, dass die zugesagte Glaubwürdigkeit der Ausstiegsgründe, die Notwendigkeit
Betreuung teilweise nicht gewährleistet werden kann. der Aufarbeitung der vormals vertretenen Ideologie und
das Verbauen des Rückweges, z.B. durch das Offenlegen
Das norwegische Modell neonazistischer Strukturen. Ein Ausstieg ist immer ein lan-
ger Prozess, auch wenn er von AntifaschistInnen begleitet
Aufgrund gehäufter rechter Gewalttaten entwickelten wird. Und zu überzeugten AntifaschistInnen werden
WissenschaftlerInnen von 1995 bis 1997 in Norwegen ein 99,9% aller ehemaligen Neonazis auch niemals werden.
Maßnahmenpaket, um Jugendlichen zu helfen, sich von Es sollte also immer klar sein, mit wem hier umgegangen
der rechten Szene zu lösen. Dabei setzt das Modell nicht wird. Selbst wenn ein Ausstieg nach antifaschistischen
direkt bei den Jugendlichen an, sondern bei denjenigen, Grundsätzen zufrieden stellend verläuft, sollte Aussteigern
die mit ihnen zu tun haben. Diese lokalen Akteure sollen ein Zugang zu linken Strukturen bzw. zur antifaschisti-
in die Lage versetzt werden, den rechten Szenen vor Ort schen Szene - wenn überhaupt - erst nach einer langen
entgegenzutreten. Besonderes Augenmerk wurde dabei Zeitspanne und nach klar definierten Kriterien ermöglicht
auf die Elternarbeit gelegt, für die eigene Netzwerke und werden. Und eine Begleitung eines Ausstiegsprozesses
Selbsthilfegruppen gegründet wurden. Ähnliche Modelle durch AntifaschistInnen sollte kein Alleingang von Ein-
werden heute von regionalen Projekten wie “MOBIT” zelpersonen sein, sondern gemeinsam mit anderen - ggf.
(Thüringen) oder “Miteinander” (Sachsen-Anhalt) vertre- unter Einbeziehung mit der Thematik vertrauten außen
ten. Im Allgemeinen werden die deutschen Projekte stehenden Gruppen - ständig reflektiert, notfalls auch wie-
jedoch der Aufklärung- und Präventionsarbeit und nicht der abgebrochen werden. Nur so kann zum Beispiel aus-
den Aussteigerprogrammen zugerechnet. geschlossen werden, dass bei geringer werdender persön-

 Lotta Nr.13 | Sommer 2003


 7
Schwerpunkt Drinnen oder Draußen?

licher Distanz Einzelner zum ‚Aussteiger’ die Analyse- befindlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen die
fähigkeit verloren geht, gar persönliche Sympathien oder Möglichkeit (...) eröffnen, sich von ihrer Perspektivlosig-
sozialarbeiterische Helferkomplexe die Sinne trüben. keit zu verabschieden und sich von alten `Freunden´ zu
Oder dass besonders pfiffige ‚Aussteiger’ unbemerkt das lösen”. Die behauptete “Perspektivlosigkeit” trifft aber nur
Blaue vom Himmel herunter lügen, weil ihre Angaben auf die wenigsten Mitglieder der extremen Rechten zu.
nicht überprüft werden. Vertrauensvorschüsse sind hier Sich von seinem “Kameradenkreis” zu lösen, ist ein wich-
ebenso völlig fehl am Platze, wie instrumentell motivierte tiger Schritt, wird jedoch erst möglich, wenn eine gewisse
und nicht einlösbare Versprechungen gegenüber ausstiegs- inhaltliche Distanz hergestellt worden ist. Das Aussteiger-
willigen Neonazis, gegen entsprechende Gegenleistungen programm NRW will zu diesem Zweck folgende Aktivitä-
für ihre Sicherheit zu sorgen oder gar ihre Rachegelüste ten starten: “Gespräche mit Familienangehörigen, Arbeit-
gegen alte „Kameraden“ zu befriedigen. gebern, Staatsanwaltschaften und Bewährungshelfern,
Vermittlung von Alkohol- und Drogentherapien, Hilfe bei
Der Fisch stinkt vom Kopf an... der Arbeitsbeschaffung, Erstellung von Ent-
schuldungsprogrammen und Erledigung von Behörden-
Wenn Aussteiger-Programme das Problem Rechtsextre- gängen”. Nicht ein einziger Punkt, der eine Arbeit an der
mismus lösen würden, dann wäre es ein individuelles Pro- politischen Einstellung einschließt. Es bleibt eine her-
blem einiger Menschen. Sind diese erst ausgestiegen, kömmliche Sozialarbeit, wie sie auch die Caritas anbietet.
trocknet demnach der braune Sumpf aus. Eine solche Ana- Das Amt scheint davon überzeugt zu sein, dass “führenden
lyse verkennt, dass extrem rechtes Denken und Handeln Aktivisten durch Ansprache die Möglichkeit eingeräumt
ihre Ursachen in der Mitte der Gesellschaft haben und ihre werden (kann), sich von der menschenfeindlichen Ideolo-
Entwicklung eng mit den gesellschaftlichen Strukturen in gie des Rechtsextremismus zu trennen”. Schön, dass wir
der BRD verknüpft ist. Das heißt, dass wirkungsvolle darüber geredet haben... Wer glaubt, dass hiermit ein
Lösungsansätze sowohl die kapitalistischen Verhältnisse, Kampf gegen die extreme Rechte auch nur kleine Erfolge
als auch die Tradition des völkischen und vor allem des haben kann, ist auf dem Holzweg. Überprüft wird dieses
rassistischen Denkens berücksichtigen müssten. In einem scheinbar auf die für Ämter übliche Art, nämlich durch
solchen Fall müssten wohl Leuten wie Stoiber oder besser Bescheinigung. So verkündete das Innenministerium, dass
noch dem herrschenden System Ausstiegsangebote schon einige Personen “eine entsprechende Ausstiegser-
gemacht werden. Sollen die Aussteigerprogramme mehr klärung unterschrieben” haben. Unterschrift = Ausstieg.
als eine ergänzende Hilfe oder gar der Königsweg zur
Lösung des Problems Rechtsextremismus sein, verfehlen Resümee
sie den Kern des Problems und verharmlosen nur, indem
sie von den Ursachen ablenken und das Problem individu- Sicherlich ist es richtig, tatsächlich ausstiegswilligen
alisieren. Neonazis zu helfen, Aussteigerprogramme sind jedoch
Gerade staatliche Programme fordern zudem weder zum keine gesellschaftliche Lösung des Problems, sondern
Eingreifen auf, noch fördern sie Eigenaktivitäten, sondern allenfalls Beiwerk. Auszusteigen heißt zudem eine ideolo-
bieten eine Scheinlösung auf administrativer Ebene an. gische Wandlung und ein Begreifen darum, wer Täter und
Motto. “Vater Staat wird’s schon richten, ihr könnt die wer Opfer ist, ein Verständnis, das bei staatlichen Organen
Füße unter dem Tisch lassen.” eher untergeordnet, wenn überhaupt vorhanden ist. Diese
Die Kritik an den Programmen konzentriert sich häufig Behörden haben oftmals eher andere Interessen, so z.B.
in erster Linie darauf, wie diese angepriesen oder “ver- Statistiken zu glätten und Aussteiger als Informanten
kauft” werden. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, abzuschöpfen, sie zu diesem Zwecke zum Teil sogar in der
Menschen beim Ausstieg zu helfen und sie dazu zu moti- Szene zu halten. Für AntifaschistInnen ist es wichtig, die
vieren, es muss jedoch verdeutlicht werden, wobei konkret genaue Unterscheidung zwischen Aussteigern, Rückzie-
geholfen wird und was unter einem “Ausstieg” zu verste- hern und Umsteigern zu treffen. Zum einen hat es nicht
hen ist. Das Aussteigerprogramm “C@ll NRW” der Lan- selten (vereinzelt auch erfolgreiche) Versuche von extre-
desregierung will “in der rechtsextremistischen Szene men Rechten gegeben, sich antifaschistischen Druck
durch Aussteigerlegenden zu entziehen. Zum anderen
‘Polizeiliche Ausstiegshilfe’ müssen antifaschistische Strukturen geschützt werden,
denn nicht selten finden sich “Ausgestiegene” in oder
zumindest am Rande der linken Szene wieder. Dieses stellt
natürlich eine Gefahr dar, da hier Informationskanäle
offen stehen und ein Einblick in antifaschistische Struktu-
ren gewonnen werden kann. Gerade hier ist darauf zu ach-
ten, dass ein eindeutiger und bedingungsloser Ausstieg
vorliegt. Vorsicht ist also überall dort geboten, wo auch
immer “Aussteiger” oder als Problemlösung gepriesene
Programme gesichtet werden.

 Lotta Nr.13 | Sommer 2003