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Nr. 3 11.

November 2002 Eine Kampagne von AVANTI - Projekt undogmatische Linke

Und die Geschichte wiederholt sich doch, denn spätestens mit dem
Einsetzen der „Gesundheitsreform“ ist klar, dass für uns alle wieder eine
Zeit anbricht, in der wir ohne soziale Sicherungssysteme auskommen
sollen. Unter dem Vorwand, den Sozialstaat „reformieren“ zu wollen,
damit Deutschland auch in Zukunft „handlungsfähig“ bleibt und die
Arbeitsmarktreformen auch so richtig „greifen“ können, wird das Ende
des Sozialstaates vorbereitet.

Weg mit der


Agenda 2010 ! Seien wir realistisch:
Dass die Regierungsclique mit ihren
„Reformbestrebungen“ nicht die Inter-
Oben endgültig zur sachlichen Notwen-
digkeit festgeschrieben, der Mensch nur
als legitime Ansprüche der ohnehin Aus-
gebeuteten, sondern schlicht als „Lohn-
Ohne Revolution
- läuft nix!
essen von Erwerbstätigen, Erwerbslo- noch als „Kostenfaktor“ begriffen. nebenkosten“ gelten, sollen sich alle
sen, RentnerInnen oder gar chronisch Spätestens jetzt müssen auch Ge- dankbar für jeden durch die gebeutelte
Erkrankten und Behinderten vertritt, wird werkschafterInnen ihr jahrzehntelanges Wirtschaft selbstlos dargebotenen Job
allen klar, die sich die Maßnahmen anse- Bündnis mit der SPD kritisch hinterfra- erweisen. Verständnis sei aufzubringen,
hen, mit denen es wieder bergauf ge- gen und aufkündigen, wollen sie in Zu- dass die „Kosten“ für Erwerbsarbeit auf Ausbeutung und Unterdrückung gibt es nicht nur im globalen
hen soll. Vielmehr lesen sich die ange- kunft noch als Interessensvertretung der ein Minimum gesenkt und die Arbeits- Maßstab zwischen dem reichen Norden und dem armen
strebten Veränderungen wie eine Lohnabhängigen mit politischem An- kraft so flexibel wie möglich ausgebeu- Süden, sondern sie sind auch innerhalb der entwickelten
Wunschliste des Kapitals und der herr- spruch ernst genommen werden. tet werden müsse. Es sei schließlich nur kapitalistischen Staaten alltäglich. Dauerhafte Massen-
schenden Elite: Ob de facto sinkende zu unserem Besten, genau wie die an- arbeitslosigkeit, Löhne, von denen Menschen kaum noch
Renten, Kürzungen für Sozialhilfeemp- 2004: Sozialen Unfrieden gestrebten „Reformen“. leben können, und massiver Sozialabbau sind die logische
fängerInnen oder Einführung der Pra- gegen ein Klima der Angst Damit wird der wahre Charakter die- Folge eines ungebremsten Neoliberalismus, der sich als
xisgebühr, alle müssen sparen oder Ein- organisieren ser Maßnahmen zur „Rettung des Sozi- Ideologie in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens
bußen hinnehmen, um auch weiterhin alstaates“ klar: Die bedingungslose Un- durchgesetzt hat.
Steuergeschenke für das Kapital zu er- Zahllose Demonstrationen, die Pro- terordnung aller gesellschaftlichen Teil-
möglichen. Unverhohlen werden die teste von Studierenden, die Gründung bereiche unter die brutale neoliberale Ob nun soziale Sicherungssysteme, werkschaften – das neoliberale Projekt
letzten Elemente des Klassenkompro- von Sozialforen und das stärkere Zu- Verwertungslogik. Bildung, Strom- oder Wasserversor- massiver vorangetrieben, als es CDU
misses beseitigt und uns der soziale sammenrücken von gesellschaftlichen Während sich die herrschende Klas- gung, nahezu alles, was bisher dem Staat und FDP je gekonnt hätten. Wenn auch
Krieg von oben erklärt. Randgruppen wie Behinderten in soge- se in Anbetracht der angedachten Maß- in seiner sozialen Verantwortung oblag, die Möglichkeiten jeglicher Regierungs-
Und ob damit angesichts der mo- nannten „Beiräten“ oder „Parlamenten“ nahmen die Hände reibt, verschlechtern wird nun privatisiert und dem Marktdik- partei ohnehin gering sind, gegen die
mentanen Diskussion um die Flächen- zeigen, dass nach und nach immer mehr sich für die meisten Menschen die Le- tat unterworfen. Löhne werden gesenkt wirtschaftliche und damit verbunden
tarifverträge, die Einsparungen im Bil- Menschen realisieren, was die Agenda bens- und Erwerbsbedingungen weiter. und jahrelang erkämpfte Rechte der Ar- auch politische Macht der großen Kon-
dungs- und Kultursektor und die flächen- 2010 und die Gesundheitsreform für Wer sich die Vorhaben der Bundesre- beitnehmerInnen gnadenlos beseitigt, zerne zu regieren, kann hier nicht ein-
deckende Einführung von Studiengebüh- sie und uns alle wirklich bedeuten: So- gierung und der Opposition ansieht, immer unter dem Vorwand, die Wett- mal von einem ernsthaften Versuch ge-
ren das Ende der Fahnenstange erreicht zialen Kahlschlag und nachhaltige Zer- weiß, dass mit den Angekündigten bewerbsfähigkeit im weltweiten Konkur- sprochen werden.
ist, darf bezweifelt werden. störung des Sozial-, Gesundheits- und „schmerzhaften Einschnitten für alle“ renzkampf sichern zu wollen. Die Fol- Die Diskussion um die sog. „neue
Die Überreste der sozialen Siche- Bildungssystems. eben längst nicht „alle“ gemeint sind, ge ist eine zunehmende Verelendung Linkspartei“ ist vor diesem Hintergrund
rungssysteme werden damit – netter- In einem Klima der Existenzangst, in sondern dass hier eine weitere Umver- größerer Bevölkerungsteile und die Ver- zwar begrüßenswert, weil sie hoffen
weise von der Sozialdemokratie – be- dem alle um ihre Jobs bangen und etwa festigung der Spaltung der Gesellschaft: lässt, dass noch mehr Menschen ihre
seitigt, die Umverteilung von Unten nach Sozialversicherungsbeiträge nicht mehr weiter auf Seite 2
Eine besitzende Minderheit kontrolliert Illusionen über die SPD (und die Grü-
den Produktionsprozess und trifft über nen) verlieren. Es ist natürlich auch po-
die Märkte die wesentlichen gesellschaft- sitiv, wenn sich diese Menschen nicht in

3.4.2004:
lichen Entscheidungen, während die die Resignation flüchten, sondern nach
Mehrheit der Bevölkerung froh sein politischen Alternativen suchen. Es ist
kann, wenn sie ihre Arbeitskraft verkau- aber zu befürchten, dass diese neue
fen darf und nicht auf dem gesellschaft- Partei, statt den Kampf um soziale Er-
lichen Abstellgleis der Arbeitslosigkeit für rungenschaften offensiv aufzunehmen,

Europäischer
immer geparkt wird. nur ein Wiederaufleben der „alten Sozi-
aldemokratie“ der Siebzigerjahre versu-
Die bürgerlichen Parteien chen und ihr Heil im „gerechteren Ge-
Aktionstag bieten keine Alternativen! stalten“ des Kapitalismus suchen wird –
ein Versuch, der angesichts der verän-
gegen Sozialabbau Die neoliberale Ideologie und die da-
mit verbundenen politischen Entschei-
derten Bedingungen zum Scheitern ver-
urteilt ist.
dungen haben sich nach dem Zusam-
„Wir wollen alles: Das heißt für uns, dass wir nicht länger hinnehmen wollen, dass menbruch des „Real Existierenden So- Sozialreform vs. Revolution
Menschen an ihrer Verwertbarkeit gemessen werden. Das heißt für uns, dass wir nicht zialismus“ fest in der bürgerlichen Par-
länger hinnehmen wollen, dass Frauen wieder zurück in die Familie gedrängt werden, dass teienlandschaft etabliert. Das Diktat des Jedenfalls aber muss der Erhaltung und
sie diejenigen sind, die den Großteil der am schlechtesten entlohnten Arbeit verrichten. Das Marktes wird als unveränderliches Dog- dem Ausbau sozialer und demokrati-
ma zum Ende der wirtschaftspolitischen scher Errungenschaften in der Phase der
heißt für uns, das wir auf der Seite derjenigen stehen, denen noch nicht mal die Weisheit erhoben. Dass etwa die CDU strategischen Defensive der Linken ein
minimalsten Rechte, zum Beispiel ein legaler Aufenthaltsstaus gewährt wird, und auf Seite den Kapitalismus nicht in Frage stellt oder besonderes Augenmerk geschenkt wer-
derer, die so in die Illegalität gedrängt werden. Das heißt für uns die kollektive soziale versucht, gegen die Unternehmerinter- den. Soziale (Abwehr-) Kämpfe müs-
Aneignung, das Beharren darauf, dass alle (weltweit und egal welche Leistung sie bringen) essen zu handeln, ist eh klar. Aber auch sen durch Druck auf der Straße außer-
das Recht auf ein schönes Leben haben und dass wir nicht vorhaben, darauf zu warten, dass die Sozialdemokratie versucht dies nicht parlamentarisch geführt werden, um
einmal mehr im Ansatz, im Gegenteil: trotz der sozialen Misere nicht jeglichen
es jemand anderes für uns richten wird.“ (den ganzen Text findet Ihr hier: http://act.so36.net) Sie reicht den Konzernen die Hand und politischen Handlungsraum zu verlieren.
Aus dem Aufruf für den Wir-wollen-Alles-Block von ACT! März 2004 [Antifaschistische Linke Berlin | Autopool | FelS | ¡Subversion
vertritt immer offener deren Interessen. Gerade nach der Aufkündigung des
International!]. Unterstützt von ak - analyse + kritik, Antifa Aktion Lüneburg / Uelzen, antifa aktion hannover [aah], Antifaschistisches Bündnis
Marzahn/Hellersdorf, Archiv der sozialen Bewegungen Bremen, Autonome Antifa - J - Frankfurt a. d. O, AVANTI - Projekt undogmatische Linke, Mit der weitgehenden Abschaffung des „Klassenkompromisses“ durch die Ka-
Fantômas, Funk The System Berlin, Initiative Storch-Jena, Libertäre Harburg, Linkeseite.de - Webportal, Potsdamer Mobilisierungstreffen „Wir Kündigungsschutzes, dem Abbau der pitalisten müssen alle Lohnabhängigen
wollen alles“, Organisierte Autonomie Nürnberg, [`solid] Bremen, [`solid]36 - socialist youth kreuzberg sozialen Sicherungssysteme und weite- und Arbeitslosen soziale Errungenschaf-
ren Steuerentlastungen für Unterneh- ten zukünftig noch härter und entschlos-
Kommt zum Wir-Wollen-Alles-Block ! 10 Uhr, Alexanderplatz men hat die rot-grüne Regierung – auch sener verteidigen. Wir müssen den von
Dank ihres guten Drahts zu den Ge- weiter auf Seite 2
Seite 2 Positionen gegen den Kapitalismus • 3.4.2004

Weg mit der Agenda 2010! bühren andererseits für die Studieren-
den, Zentralabitur und Schulzeitverkür-
sitäten zugute kommen sollen, sondern
zur Stopfung von Finanzlöchern in den
aufzubauen, welche die Herrschenden
unter Druck setzten kann. Nur auf der
Fortsetzung von Seite 1 zung für SchülerInnen. Das einzig Inno- Länderhaushalten dienen, ist einfach Basis einer lokal verankerten sozialen
teilung des gesellschaftlichen Reichtums senen „Reform“ sind schon jetzt für alle vative an den angedachten Maßnahmen nicht nachvollziehbar, wie hier der An- Gegenmacht, die sich u.a. aus Gewerk-
von Unten nach Oben forciert wird. spürbar: Praxisgebühren, höhere Selbst- ist, dass Bildungsstätten mehr denn je spruch einer nachhaltigen Bildungspoli- schaften und Teilen der „globalen au-
kostenbeiträge etc. sorgen dafür, dass als „Durchlauferhitzer“ für die Wirtschaft tik und die Realität zusammenpassen ßerparlamentarischen Opposition“ zu-
„Soziale Gerechtigkeit“: Klassenunterschiede auch wieder kör- begriffen werden, Schulen und Univer- sollen. sammensetzt, kann es uns gelingen, der
„Reformen“ gegen Erwerbs- perlich sichtbar werden. Wie sich Ange- sitäten noch kreativer bei der Verwal- herrschenden Ideologie und der neoli-
lose und Erwerbstätige hörige einer Familie mit Kindern dann tung ihrer spärlichen Mittel sein müs- „Was uns übrig bleibt…“ beralen Globalisierung erfolgreich zu be-
noch den Zahnersatz leisten sollen, steht sen. In der Konsequenz bedeutet die- gegnen. Die Antworten auf Sozialabbau,
Spätestens jetzt dürfte allen klar wer- vorerst in den Sternen, und auch mit ses: Reduzierung des Studienangebots ist, den Klassenkampf, den uns so- stetig schlechter werdende Arbeitsbe-
den, wie der von der SPD proklamierte dem Beschluss, Ärzte sollen sich um und Selektion der Fachbereiche nach wohl Regierung als auch Unterneh- dingungen, kapitalistische Globalisierung
schwammige Begriff der „sozialen Ge- die Eintreibung der Praxisgebühren ihrer Rentabilität bei der Beschaffung von mensverbände offensiv führen, anzu- und zunehmende Militarisierung im na-
rechtigkeit“ zu verstehen ist: kümmern, sehen schon viele im Geiste „Drittmitteln“, sprich Sponsoring durch nehmen. tionalen und internationalen Rahmen
„Soziale Gerechtigkeit“ Marke SPD den Gerichtsvollzieher den Fernseher die Wirtschaft. In welche Richtung sich Die Pläne von Schröder, Hartz, Rü- können nur von einer Bewegung kom-
bedeutet eine zunehmende Verschlech- mitnehmen, um die Kosten der letzten die Lehrinhalte an der „Daimler/Chrys- rup usw. zeigen, dass weder Regierung men, die transnational für soziale Ge-
terung und Verarmung für alle. Das Ein- Impfung zu begleichen. Die sogenann- ler-Uni“ oder der „Siemens-FH“ dann noch Unternehmensverbände dazu be- rechtigkeit und Demokratie eintritt. Es
zige „gerechte“ an den anstehenden te Gesundheitsreform stellt sich damit wohl entwickeln, ließe sich spekulieren. reit sind, den Menschen in diesem Land ist an uns, sich an dem Aufbau einer
Veränderung ist also, dass nicht nur eine genauso in einen neoliberalen Kontext Wie diese Maßnahmen zur Zukunfts- weiter irgendwelche Zugeständnisse zu Bewegung zu beteiligen, die sich in ei-
einzelne gesellschaftliche Gruppe von wie die „Agenda 2010“: Wer krank wird, sicherung der Bildungseinrichtungen machen. Es liegt also an uns, nicht nur ner langfristigen Perspektive für einen
dem massiven sozialen Kahlschlag be- hat halt selber schuld, „individuelle Vor- beitragen sollen, bleibt schleierhaft. Nicht die bestehenden sozialen Errungen- demokratischen Sozialismus einsetzt
troffen ist, sondern alle von den solida- sorge“ heißt das Zauberwort – doch zuletzt aufgrund der Tatsache, dass z.B. schaften zu verteidigen, sondern auch und damit die Perspektive einer grund-
rischen Sicherungssystemen Abhängi- was machen Menschen, für die das die Studiengebühren nicht den Univer- längerfristig eine soziale Gegenmacht legenden Umwälzung eröffnet.
gen, egal ob Erwerbslose oder Erwerbs- Gesundheitswesen lebensnotwendig
tätige. So werden die eh schon benach- ist, chronisch Erkrankte, körperlich oder
teiligten Menschen in unserer Gesell- geistig Behinderte? In der alles beherr-
schaft weiter ausgegrenzt und andere schenden brutalen Verwertungslogik
zunehmend in die Armut getrieben, das werden sie zunehmend als „Kostenfak-
Phänomen der „working poor“ kann nun toren“ betrachtet und zur Belastung für
auch bei uns bestaunt werden. die Allgemeinheit stilisiert, die Schritt für
Getreu dem Ausspruch, dass sich Schritt reduziert werden muss.
„Geschichte wiederholt“, wird es in In der Realität bedeutet dieses eine
Zukunft für Unternehmen die Möglich- Reduzierung der Lebensqualität durch
keit geben, Stammbelegschaften gegen Beschränkung therapeutischer oder an-
LeiharbeiterInnen mit minimaler Absi- derer Maßnahmen in unmenschlichem
cherung auszutauschen, was de facto Ausmaß.
sichere Arbeitsplätze in miese Ausbeu-
tungsverhältnisse umwandeln und die Gegen Bildungsklau
Tagelöhnerei wieder salonfähig machen
wird. Weder diese „Flexibilisierung“ Die herrschende Auslegung der so-
noch ein Vorziehen der Steuerreform genannten PISA-Studie kennen alle:
wird neue Arbeitsplätze schaffen, bei- Schlechte und faule SchülerInnen, un-
des wird nur zu einem verstärktem indi- motivierte LehrerInnen und Lehrinhal-
viduellen Druck auf Lohnabhängige füh- te, die den Ansprüchen der „freien Wirt-
ren: So sind im Zweifelsfall nicht die schaft“ nicht gerecht würden. Dass auch
Unternehmen oder die Regierung das als leistungsfördernd verbrämte,
schuld an der prekären Arbeitsmarktsi- selektiv wie nirgends sonst wirkende
tuation, sondern die Menschen einfach dreigliedrige deutsche Schulsystem dies
zu „unwillig“, „unflexibel“ oder gar „faul“. nicht ändert, wird dabei meist geflissent-
Anstatt aktiver Arbeitsmarktpolitik setzen lich ignoriert.
sowohl Bundesregierung als auch Op- Neben eventuell zu ändernden Un-
position auf Repression gegen Erwerbs-
tätige und Erwerbslose. Nicht einmal ein
terrichtsformen ist dieses Schulsystem
jedoch der eigentliche Skandal: Kinder Ohne Revolution läuft nix ! en für die kommenden Auseinander-
setzungen zu entwickeln.
Fortsetzung von Seite 1
eigentlich sozialdemokratisches Modell werden in der Regel meist bereits nach Eine solche Gegenmacht wird einem
wie die Schaffung eines steuerfinanzier- vier Schuljahren gemäß ihrer vermeintli- Kapitalverbänden und Regierungen of- verantwortlich gemacht. Dies ist jedoch Gesellschaftssystem, das grenzenloses
ten öffentlichen Beschäftigungssektors chen Leistungsstärke kategorisiert, mit fen geführten Klassenkampf wieder ent- verkürzt gedacht. Weder die vermeintli- Profitstreben und Konkurrenzdenken zu
der sozialen, kulturellen und ökologi- geringen Aufstiegschancen. Kinder, die schlossen aufnehmen. che Regellosigkeit des Kapitalismus noch erstrebenswerten Grundprinzipien des
schen Arbeit wird diskutiert, was wie- es aufgrund von Lernschwächen oder Wir müssen offensive Forderungen, die modernen Kommunikationstechni- Wirtschaftens erklärt und ständig Krisen,
der einmal zeigt, dass die Regierung nicht Behinderungen eh schon schwerer ha- wie z.B. die nach einer radikalen Arbeits- ken oder gar das Zusammenwachsen Konflikte und Kriege produziert, eine kla-
an der Lösung des Beschäftigungspro- ben, werden so radikal ausgegrenzt und zeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich der Welt verursachen die Spaltung in re Absage erteilen müssen! Die herr-
blems interessiert ist – stattdessen ver- in gesonderte Einrichtungen abgescho- oder nach der Abschaffung des Arbeits- Gewinner und Verlierer, in arm und reich schende Klasse wird die Kontrolle über
steckt sie sich hinter selbstgeschaffenen ben. zwangs (s. Artikel) erheben, die bei ih- – es ist der weltweite Kapitalismus an die Produktionsmittel, die Gesellschaft
Sachzwängen wie z.B. den EU-Konver- Augenfällig ist dabei der Zusammen- rer Realisierung die Situation der Lohn- sich. und letztlich über unser aller Leben nicht
genzkriterien, mit denen der rigide Spar- hang zwischen dem sozialen bzw. finan- abhängigen real verbessern könnten, Dieser kann indes nicht mit Protek- freiwillig aufgeben. Die Überwindung der
kurs gerechtfertigt wird. ziellen Hintergrund der Herkunftsfami- gleichzeitig aber auch bereits über den tionismus, nationalistischer Kleinstaate- Klassengesellschaft und des Systems der
Als Folge dieser Entwicklung wird die lie und der Schullaufbahn. So kann grob Kapitalismus hinausweisen. Eine Wie- rei und rassistischer Abgrenzung be- Lohnarbeit lässt sich – genauso wie auch
Arbeit von Gewerkschaften in Betrieben festgehalten werden: Je vermögender derauflage des sog. „Klassenkompromis- kämpft werden. Vielmehr muss ihm die Überwindung von Patriarchat und
zunehmend erschwert und der Spiel- die Eltern, desto höher die Chance aufs ses“ der Sechziger- und Siebzigerjahre eine internationalistische, basisorientierte Rassismus – letztlich nur durch eine
raum, auf dem Erwerbstätige sich soli- Abi. ist weder erstrebenswert noch – nach außerparlamentarische Bewegung ent- Revolution erreichen.
darisieren, um gemeinsam den sozia- Für die Hochschullandschaft konstru- dem Ende der Systemkonkurrenz – gegen gestellt werden. Dem konse- Wir wissen, dass dies ein weitge-
len Kampf aufzunehmen, stark einge- ieren die Herrschenden ein den Schu- überhaupt nur denkbar, da es keine ver- quenten und zielstrebigen Aufbau einer stecktes Ziel in geradezu unerreichba-
engt. len analoges Bild: Die Universitäten sei- gleichbare Kompromissbereitschaft des solchen lokal verankerten und global rer Ferne zu sein scheint. Doch wenn
en hoffnungslos unterfinanziert und von Kapitals mehr geben wird. vernetzten sozialen Gegenmacht kommt uns von Politik und Kapital ständig erklärt
„Gesundheitsreform“: Schon Studierenden bevölkert, die eh lieber große Bedeutung zu, da nur sie der neo- wird, dass es in ihrem System keine Al-
mal ohne Zähne gelacht? ausschlafen, faulenzen und mit ihrem Kapitalistische Globalisierung liberalen Offensive effektiv Paroli bieten ternative zum politischen Programm des
BAföG-Anspruch dem Staat auf der Ta- von oben durch kann. Eine gleichberechtigte, kritische Neoliberalismus gibt, dann müssen wir
Seit dem 1.1.2004 ist es endlich so sche liegen, anstatt ihr Studium schnell Globalisierung von unten und fruchtbare Zusammenarbeit zwi- die Perspektive für ein menschenwür-
weit, die sogenannte „Gesundheitsre- durchzuziehen und so die Zukunft bekämpfen schen sozialen Bewegungen, der Ge- diges Leben außerhalb des Kapitalismus
form“, angeschoben, um das „marode“ Deutschlands aktiv zu gestalten. Auch werkschaftslinken, der Anti-Kriegs-Be- suchen.
Gesundheitswesen zu „modernisieren“, hier haben vor allem die Länder schnell Oft wird die „ungebremste Globali- wegung, der Erwerbslosenbewegung
ist in Kraft getreten. Die konkreten Aus- eine Lösung parat: Sparmaßnahmen ei- sierung“ für die elenden sozialen Zu- usw. ist dabei notwendig, um gemein- Machen wir uns auf den Weg:
wirkungen dieser noch nicht abgeschlos- nerseits und Einführung von Studienge- stände hier und anderswo in der Welt sam Aktionsformen, Utopien und Ide- Für die Revolution!
Positionen gegen den Kapitalismus • 3.4.2004 Seite 3

Die Massenarbeitslosigkeit ist seit über 20 Jahren soziale Realität. In dieser Zeit sind immer wieder zulehnen und sich andere, für sie bes-
sere auszusuchen, wird diese Wahlfrei-
neue politische Programme und Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit präsentiert worden. Alle diese heit jetzt durch den Druck ersetzt, fast
Maßnahmen hatten zwei Dinge gemeinsam: Erstens verschlechterten sie Stück für Stück die jede angebotene Arbeit annehmen zu
müssen.
sozialen Rechte und die finanziellen Leistungen für die Arbeitslosen. Zweitens konnten oder sollten Und viele der Arbeitenden, die auf die
angeblichen Faulenzer schimpfen, die es
sie zum Abbau der Arbeitslosigkeit nichts beitragen, im Gegenteil, diese stieg immer weiter. sich von ihren Beiträgen in der sozialen
Hängematte bequem machen können,

Radikale Verkürzung der Arbeitszeit -


merken gar nicht, dass sie sich mit die-
ser Argumentation ins eigene Fleisch
schneiden. Sie helfen mit, den Druck

Weg mit dem


auf sich selbst zu verstärken, härter und
schneller zu arbeiten, keine Forderun-
gen zu stellen, auch unbezahlte Über-
stunden zu machen usw. Bis es sie dann
selbst erwischt und sie als Langzeitar-
beitslose von Deklassierung bedroht
sind oder demnächst von einem Job-

Arbeitszwang !
center in einen Billigjob „quick“-vermit-
telt werden sollen.
Die behauptete gesellschaftliche Spal-
tung zwischen „Arbeitsplatzbesitzenden“
und Arbeitslosen entspringt nur der
neoliberalen Propaganda. Der Kampf
gegen den Arbeitszwang und für das ei-
gentlich selbstverständliche Recht, einen
In wenigen Jahren hat Rot-Grün eine lich unwillige und unflexible Arbeitslose sofern diese Meinungsführerschaft nicht die Massenarbeitslosigkeit durch Wirt- Arbeitsplatz annehmen, aber auch ab-
massive Verschlechterung der Situation bekämpfen zu wollen, während doch durch eine soziale Gegenmacht offen- schaftswachstum tatsächlich nennens- lehnen zu können, sollte daher Beschäf-
Arbeitsloser in die Wege geleitet. Am tatsächlich einfach Millionen von Arbeits- siv in Frage gestellt wird. wert abzubauen, wären Wachstumsra- tigte und Arbeitslose einen.
Anfang standen die von der Hartz-Kom- plätzen fehlen, liegt in der verqueren ten von mehr als 3% notwendig – und
mission verordneten Wunderpillen. Mit Logik neoliberaler Wirtschaftstheorie. Radikale Forderungen dies nicht in einem Boomjahr, sondern Der Doppelcharakter der
den modern anmutenden Begriffen „Ich- In der schönen Welt der reinen Markt- aufstellen! im langjährigen Durchschnitt. Arbeit
AG“, „Quick-Vermittlung“, „PersonalSer- wirtschaft, wie sie vom Neoliberalismus Ein solches Wachstumsszenario ist
viceAgentur“ oder „Bridgesystem“ soll- versprochen wird, gibt es nämlich gar Die Logik des Kapitalismus ist die nicht nur unrealistisch, sondern auch aus Obwohl Arbeit für viele unter kapitali-
te verschleiert werden, worum es tat- keine Arbeitslosigkeit. Angebot und Logik der Konkurrenz, des Rechts des ökologischen Gründen schlicht unver- stischen Bedingungen eine entfremde-
sächlich geht: Langzeitarbeitslose sol- Nachfrage führen auf allen Märkten – Stärkeren und der Maximierung des pri- antwortlich. Ressourcen- und Energie- te Tretmühle bedeutet, eine Situation des
len mit Gewalt entweder aus dem Ar- eben auch auf dem Arbeitsmarkt – zu vaten Profits. Eine andere Logik, die etwa verbrauch müssten massiv ansteigen, alle Drucks und der Fremdbestimmung, so
beitsmarkt heraus gedrängt werden (wie einem Gleichgewicht, das über den Preis die soziale Gerechtigkeit oder die Scho- halbherzigen Bemühungen um die Re- bedeutet Arbeit doch gleichzeitig auch
vor allem Ältere oder Frauen), in die hergestellt wird. Stimmt der Preis, ent- nung der natürlichen Ressourcen in den duzierung des CO²-Ausstoßes wären gesellschaftliche Teilhabe. Wenn in ei-
(Schein-)Selbstständigkeit getrieben spricht er dem sog. „Gleichgewichts- Mittelpunkt stellt, muss dem Kapitalis- ad absurdum geführt. ner Gesellschaft Millionen dauerhaft von
oder aber in ungesicherte Billigjobs ge- lohn“, dann finden auch alle Arbeit. Wird mus aufgezwungen werden. Die inne- Armut und Elend haben – ob global, der Teilnahme am Produktionsprozess
drängt werden. Mit der Zusammenle- der Preis „künstlich“ (z.B. durch Tarif- ren Widersprüche zeigen sich jetzt, da europäisch oder national betrachtet – ausgeschlossen werden, so ist dies nicht
gung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe verträge, Arbeitslosengeld usw.) hoch der Kapitalismus (scheinbar) unange- nichts mit einem tatsächlichen Mangel ausschließlich ein Problem ihrer materi-
und den verschärften Zumutbarkeitsre- gehalten, ist die Folge Arbeitslosigkeit. fochten die Welt regiert, umso deutli- an Lebensmitteln oder Konsumgütern ellen Versorgung. Ihnen wird vielmehr
geln werden Millionen von Menschen Diese simple Theorie erlaubt es dann, cher. Eine Perspektive für die Entwick- zu tun. Das Problem besteht nicht in signalisiert, dass die Gesellschaft sie nicht
in die Armut gedrängt. Die vollmundi- die Arbeitslosen für ihre Lage selbst ver- lung der Menschheit, für die Überwin- der Menge, sondern in der Verteilung. braucht, dass sie überflüssig sind, aufs
gen Ankündigungen, dass diese Maß- antwortlich zu machen. Sie verlangen dung von Hunger und Armut, für eine Unter kapitalistischen Bedingungen ste- Abstellgleis geschoben werden können.
nahmen in nur 3 Jahren die Arbeitslo- eben einen zu hohen Preis für ihre Ar- friedliche und gerechte Welt, kann der hen sich der obszöne Reichtum weni- Der dauerhafte Ausschluss von Mil-
senzahlen halbieren sollten, haben sich beitskraft, haben überzogene Vorstellun- Kapitalismus nicht bieten. ger, die enorme Verschwendung etwa lionen Menschen aus der Produktion
längst als reine Wahlkampf-Propaganda gen von Arbeitsbedingungen, Anfahrts- Es kann daher auch nicht unsere Auf- für die Rüstung einerseits und das Elend beschneidet im übrigen auch deren po-
entlarvt. weg, Arbeitszeiten usw. Wie hoch der gabe sein, den sprichwörtlichen „Arzt am und die Deklassierung von Milliarden litische Möglichkeiten. Schon die Ent-
Einen wirklichen Unterschied zwi- „Gleichgewichtslohn“ ist, ob er über- Krankenbett des Kapitalismus“ spielen: Menschen andererseits direkt gegen- wicklung von Forderungen nach verän-
schen den Parteien gibt es in dieser Fra- haupt ausreicht, ein halbwegs men- Wenn wir etwas vom Kapital lernen über. derten Produktionsweisen, anderen
ge nicht. Die zusätzlichen Grausamkei- schenwürdiges Leben zu führen, dar- können, dann ist es die unbeirrte, kon- Produkten oder gar der Abschaffung der
ten, wie z.B. die Verlängerung der Ar- über sagt der Neoliberalismus nichts. sequente und international gut organi- Weg mit dem Arbeitszwang ! Lohnarbeit selbst wird von ihnen kaum
beitszeit oder die weitere Aushöhlung Auf der anderen Seite wird durch die sierte Vertretung der eigenen Interes- entwickelt werden. Sicher ist aber, dass
der Tarifautonomie, die die CDU jetzt gleiche Theorie das Kapital aus seiner sen. Es ist hohe Zeit, dass sich die Lohn- Die Ideologie und Praxis des Arbeits- die Durchsetzungsmöglichkeiten der
fordert, dienen vor allem der Aufrecht- Verantwortung entlassen. Wenn nicht abhängigen, die Arbeitslosen und Aus- zwangs erfüllt eine wichtige Funktion bei Ausgegrenzten für solche Forderungen
erhaltung der Illusion, es gäbe bei Wah- mehr Jobs geschaffen werden, verhal- gegrenzten von der neoliberalen Gehirn- der Absenkung sozialer Standards, dem minimal sind.
len eine tatsächliche Auswahl. Tatsäch- ten sich die Unternehmen schließlich nur wäsche freimachen und offensiv für ihre Angriff auf Löhne, Tarifverträge und ge- Daher kann sich nach unserer Über-
lich sind Schröder und Merkel im glei- marktkonform. Rechte kämpfen. regelte Arbeitszeiten. Dabei ist das Fa- zeugung die Linke nicht mit der Mas-
chem Maße dem Neoliberalismus und Egal wie viele Wirtschaftsprofessoren Auf das Problem der Arbeitslosigkeit tale an dieser Ideologie, dass ihr wahr- senarbeitslosigkeit abfinden oder sie gar
damit dem politischen und ökonomi- und Forschungsinstitute diese men- angewendet bedeutet dies, zwei zen- scheinlich die Mehrzahl der abhängig Be- für den Vorboten einer neuen, vom Ar-
schen Programm des Kapitals verpflich- schenverachtende Lehre mit wissen- trale Forderungen zu erheben: Erstens schäftigten und sogar der Arbeitslosen beitszwang befreiten Welt halten.
tet. Die jeweiligen JuniorpartnerInnen schaftlichen Weihen ausstatten: Der die Forderung nach einer radikalen Ar- selbst anhängen. Auf den ersten Blick Letztlich kann aber der Widerspruch
von FDP und Grünen versuchen sich Neoliberalismus kann seinen Charak- beitszeitverkürzung bei vollem Lohnaus- erscheint es ja auch einleuchtend, dass zwischen der Arbeit, wie sie ist, und der
gar darin, die großen Parteien an Markt- ter als Ideologie, die allein den Interes- gleich, also nach der Aufteilung der vor- wer Leistungen aus Beitrags- oder Steu- Arbeit, wie sie sein könnte, nur durch
radikalität noch zu übertreffen. sen des Kapitals dient, nicht verbergen. handenen Arbeit unter allen, die arbei- ermitteln erhält, sich auch um „Arbeit die Aufhebung des Systems der Lohn-
Heute hat sich diese Klassenideologie ten wollen. Und zweitens die Forde- bemühen“ soll, um wieder aus der Ab- arbeit und die Abschaffung des Privatei-
Die verquere Logik des so weit durchgesetzt, dass sie von fast rung nach der Abschaffung des Arbeits- hängigkeit von Arbeitslosengeld oder So- gentums an Produktionsmitteln gelöst
Neoliberalismus allen politischen Parteien vertreten wird zwangs, der durch die Drohung mit zialhilfe heraus zu kommen. werden. Diese revolutionäre Perspek-
und von den meisten Medien kritiklos Leistungsentzug, das Absinken auf Sozi- Doch bei genauerem Hinsehen sieht tive darf über den Tageskämpfen um
Der offensichtliche Widersinn, die wiedergegeben wird. Die herrschende alhilfeniveau nach nur 12 Monaten, die Sache ganz anders aus: Das kapitali- soziale Rechte nicht vergessen werden.
Arbeitslosigkeit durch effektivere Ver- Meinung ist eben die Meinung der Herr- durch unzumutbare „Zumutbarkeitskri- stische Wirtschafts- und Gesellschafts- Für diese Perspektive suchen wir Mit-
mittlung und stärkeren Druck auf angeb- schenden – zumindest solange und in- terien“ und durch soziale Stigmatisierung system ist offenkundig nicht in der Lage, streiterInnen, damit der Kapitalismus
aufgebaut wird. Beide Forderungen be- für Millionen von Menschen adäquate nicht das letzte Wort der Geschichte
dingen und ergänzen einander. Arbeitsplätze bereit zu stellen. Welches bleibt.
Recht nimmt sich die Gesellschaft dann
Für eine radikale heraus, an diejenigen, die sie als nutzlos
Arbeitszeitverkürzung ! an den Rand gestellt hat, Forderungen
zu stellen? Die Arbeitslosen können sich
Eine radikale Verkürzung der wöchent- noch so sehr um Arbeit bemühen, dies
lichen Arbeitszeit auf 30, 25 oder gar wird die Anzahl freier Stellen nicht er-
20 Stunden, ergänzt durch eine Verlän- höhen.
gerung des Jahresurlaubs, bezahlte Frei- Der Effekt des verstärkten
stellungen für Kinderbetreuung usw. ist Drucks auf die Arbeitslosen, je-
tatsächlich die einzige theoretisch denk- den Job anzunehmen, weite
bare Methode, um die Massenarbeits- Wege in Kauf zu nehmen, auch
losigkeit mittelfristig zu beseitigen. Im unterhalb der eigenen Qualifika-
Durchschnitt der letzten Jahrzehnte tion zu arbeiten usw. nützt al-
wuchs die Produktivität um jährlich etwa lein den Interessen des Kapi-
2%. Daraus folgt, dass das jährliche tals. Hatte früher die Arbeits-
Wirtschaftswachstum ebenfalls minde- losenversicherung noch eine
stens 2% erreichen muss, um die Ar- gewisse Wahlfreiheit ermög-
beitslosigkeit bei gleichbleibender Ar- licht, also Menschen die Chan-
beitszeit nicht weiter zu steigern. Um ce gegeben, Arbeitsstellen ab-
Seite 4 Positionen gegen den Kapitalismus • 3.4.2004

Ende letzten Jahres scheiterte die Verabschiedung einer Verfassung der Europäischen Union. Grund waren mit dem Verfassungsprojekt) die Kon-
ventsmethode etabliert – ganz nach dem
Machtkämpfe um künftige Entscheidungsstrukturen, Abstimmungsverfahren, Stimm- und Postenvergaben in der Motto „Wenn du nicht mehr weiter
erweiterten EU. Während der Verfassungsprozess gerade zu Beginn des Irakkriegs als Symbol für ein weißt, gründe einen Arbeitskreis“.
angebliches „ziviles Europa“ und dessen „demokratische Werte“ (in Abgrenzung zur Kriegspolitik der USA) Problematisch daran ist nicht nur, dass
der Rat der Staats- und Regierungschefs
gepuscht wurde, ließen sich schließlich auch hier, genau wie bei der Haltung zum Krieg, die Unstimmigkeiten weiterhin das letzte Wort im Verfas-
im europäischen Lager nicht mehr verdecken. Doch das Scheitern ist nur ein vorläufiges – nach dem sungsprozess hat und damit das De-
Regierungswechsel in Spanien läuft die Suche nach einem Kompromiss auf vollen Touren weiter und soll noch mokratiedefizit der Regierungskonferen-
zen keineswegs überwunden ist. Auch
unter der irischen Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2004 zum Abschluss gebracht werden. der Konvent selbst wird nicht einmal
den mit einer Verfassung assoziierten

EU-Verfassung:
bürgerlichen Demokratievorstellungen
gerecht. Denn weder wurden seine Mit-
glieder von den Menschen in der EU
direkt gewählt, noch war vorgesehen,
dass die Bevölkerung in Referenden di-
rekt über den Entwurf abstimmen kann.

Grundrecht auf Profit?


Dieses Europa ist
nicht unser Europa!
Der Verfassungsentwurf reprodu-
ziert, trotz der einen oder anderen fort-
schrittlichen Formulierung beispielswei-
se bei der Gleichstellungspolitik, das
Design der Verträge von Maastricht und
Der zunächst gescheiterte Verfas- recht), die Durchsetzung offener Märk- sein“. Demgegenüber soll die „unter- führung von „Missionen“ einschließlich Amsterdam, welche durch Mängel der
sungsentwurf wurde seit dem te (Binnenmarktrecht) und schließlich die nehmerische Freiheit“ in den Verfas- von „Kampfeinsätzen im Rahmen der demokratischen Legitimation und ein-
28.2.2002 über 16 Monate hinweg an Geldwertstabilität orientierte Wirt- sungsrang erhoben werden. Deutlicher Krisenbewältigung“ zur Verfügung ge- seitige ökonomische Ausrichtung ge-
vom Konvent ausgearbeitet und sollte schaftspolitik (Stabilitätspakt). Sogar die lässt sich der Vorrang der Grundsätze stellt werden (Art. III-205) – so wird kennzeichnet sind. Er erhebt den Markt
den Regierungschefs in Rom zur ab- Europäische Zentralbank wurde weit- des Binnenmarktes und des freien Wett- eine EU-Armee aufgebaut, die europäi- zum Dogma und schreibt damit den
schließenden Debatte und Abstimmung gehend nach dem Muster der Deut- bewerbs vor allen anderen Politikfeldern sche Interessen überall auf der Welt mi- Neoliberalismus als einen ideologischen
vorgelegt werden. Neben einer Grund- schen Bundesbank konstruiert. nicht herausstellen. litärisch durchsetzen soll. Pfeiler der Europäischen Union fest.
rechte-Charta besteht er vor allem aus Mit dem Verfassungsentwurf wird die- Daran ändert auch ein soziales Feigen-
zwei Teilen, die die institutionellen Struk- ser Kurs zementiert und gleichzeitig ra- ... gewalttätig ... ... und undemokratisch blatt nichts. Wohlgemerkt, nicht wegen
turen und Verfahren der erweiterten EU dikalisiert. Deutlich wird das daran, dass dieser grundsätzlichen politisch-ideolo-
sowie ihre politische Orientierung fest- aus dem Entwurfstext sprachliche An- Gleichzeitig wurde und wird im Kon- Hinzu kommt, dass das Prozedere gischen Ausrichtung gerieten die Regie-
legen. spielungen auf eine „soziale Marktwirt- text des Verfassungsprozesses und der des Verfassungsprozesses wieder ein- rungschefs der aktuellen und werden-
Bei einigen Menschen herrschte und schaft“, die sonst noch hier und da als weiteren Integration statt an einer ge- mal das grundsätzliche Demokratiede- den Mitgliedsstaaten aneinander, son-
herrscht die Hoffnung, dieser Entwurf legitimatorisches Deckmäntelchen her- meinsamen Sozialpolitik an einem an- fizit der EU offenbart. Die scheinbare dern „nur“ wegen Fragen der künftigen
könnte als Ausgangspunkt für die Schaf- halten mussten, weitgehend getilgt wur- deren Akzent in dem Entwurf gefeilt: Die Beteiligung der so genannten Zivilgesell- Machtverteilung.
fung eines „sozialen Europas“ dienen. den. Stattdessen ist jetzt an mehreren
Doch die EU-Verfassung als Bezugsrah- Stellen (z. B. in Art. III-69, Art. III-70
men für ein solidarisches und offenes und Art. III-77) ganz direkt von einer
Europa zu wählen, ist höchst fragwür- „offenen Marktwirtschaft mit freiem und
dig. In der Hoffnung, Versatzstücke na- unverfälschtem Wettbewerb“ als Ziel-
tionaler Sozialstandards zu retten und setzung und oberste Handlungsmaxime
die rasante, scheinbar unaufhaltsame der EU-Politik die Rede. Auch damit wird
ökonomische Integration der EU-Staa- letztlich nur auf EU-Ebene umgesetzt,
ten zu beeinflussen, wird die Zielset- was in der Mehrheit der Mitgliedstaaten
zung eben dieses ökonomisch motivier- in den letzten Jahren bereits Regierungs-
ten Prozesses völlig vernachlässigt. Eine praxis ist.
Verfassung in der angedachten Form Obwohl der Vertragsentwurf an vor-
kann jedoch, auch bei noch so großen derer Stelle auch eine Grundrechte-
Kraftanstrengungen, niemals eine soziale Charta enthält, sind die darin enthalte-
Handschrift tragen. Zu offensichtlich ist nen Zugeständnisse doch kaum mehr
die Intention, neoliberale Wirtschafts- als leere Versprechungen. Denn im drit-
maximen des freien Wettbewerbs und ten Teil der Verfassung, der die konkre-
der absoluten Kapitalfreiheit sogar als te Politik der EU festlegt, werden sie
Verfassungsgrundsätze zu legitimieren durch die Dominanz neoliberaler Wirt-
und auf Dauer festzuschreiben. schaftsweisheiten allesamt gleich wieder
ausgehebelt. Bei genauerer Betrachtung
Die EU -Verfassung – zeigt sich, dass die in der Charta enthal-
unsozial ... tenen sozialen Rechte ohnehin äußerst
dürftig angelegt sind: So fehlt beispiels-
Demonstration gegen den EU-Gipfel in Kopenhagen, Dezember 2002
Die Bestrebungen, der EU eine Ver- weise jede Garantie einer Mindestabsi-
fassung zu geben, sind ein weiterer logi- cherung im Fall von Erwerbslosigkeit
scher Schritt im seit 1957 laufenden oder Rente. Sämtliche sozialen Errun- ohnehin schon weit vorangeschrittene schaft gehört seit geraumer Zeit zum Angesichts dieser Einigkeit ist der Ver-
Annäherungsprozesses. Mit der Grün- genschaften sind außerdem nicht als Militarisierung der EU soll in Form der Programm der EU-Strategen. Dies ist such, weitergehende soziale Standards
dung der Europäischen Wirtschaftsge- verbindlich vorgesehen, sondern unter sog. „Sicherheitspolitik“ fest- und fort- vor allem als legitimatorische, weitge- auf EU-Ebene mittels der Verfassung zu
meinschaft (EWG), später EG/EU, wur- Finanzierungsvorbehalt gestellt – sie geschrieben werden. hend kosmetische Reaktion auf die etablieren, zum Scheitern verurteilt. Ein
de der zuallererst ökonomische Rah- dürfen die „Wettbewerbsfähigkeit der Die Mitgliedsstaaten werden in der wachsende Kritik an der undemokrati- Europa, das den Interessen des Profit-
men der europäischen Integration ge- Wirtschaft der Union“ nicht untergraben, Verfassung zur „schrittweisen Verbes- schen politischen Praxis der EU-Institu- strebens und des Kosten-Nutzen-Kal-
setzt. Im wesentlichen folgte sie deut- „das finanzielle Gleichgewicht nicht be- serung ihrer militärischen Fähigkeiten“, tionen zu verstehen, die eine neue Ar- küls diametral entgegensteht, kann nur
schen ökonomischen Ordnungsvorstel- schädigen“, und die „Leistungen der d.h. zur Aufrüstung verpflichtet (Art. I- beitsform notwendig machte. Dement- gemeinsam erkämpft werden.
lungen. Dies betrifft insbesondere die Daseinsvorsorge sollen mit den Vor- 40). Die so erzielten „militärischen Fä- sprechend wurde zum Zweck neuer Die EU-Verfassung als Ansatzpunkt für
Wettbewerbspolitik (Wettbewerbs- schriften des Binnenmarktes vereinbar higkeiten“ sollen dann der EU zur Durch- Konsensstiftung (im Zusammenhang soziale Kämpfe zu wählen, würde nicht
nur zu einem Scheitern dieser Kämpfe
auf europäischer Ebene führen. Es wür-
de außerdem bedeuten, die herrschen-
den globalen Ordnungsvorstellungen zu
„Unsere Überzeugung war und ist, dass diese Gesellschaft akzeptieren, die auch in dieser Verfas-
revolutionär verändert werden muss und dass die hierfür sung reproduziert werden und die Vor-
notwendige gesellschaftliche Gegenmacht nicht allein aus machtsvorstellung der EU auch verfas-
spontanen Bewegungen bestehen kann, sondern die Beteiligung sungsmäßig legitimieren sollen – mit al-
len ihren kriegerischen Auseinanderset-
revolutionärer Organisationen braucht.“ zungen, mit Unterdrückung und Ausbeu-
(aus dem AVANTI-Grundsatzpapier, 11.12.1999) tung großer Teile der Welt.
Lasst uns gemeinsam den Wider-
stand auf die Strasse tragen und auf allen
KIEL: c/o Ini-Zentrum, Schweffelstr. 6, 24118 Kiel, kiel@avanti-projekt.de Ebenen für eine solidarische und herr-
www.avanti-projekt.de HAMBURG: c/o Schwarzmarkt, Kleiner Schäferkamp 46, 20357 Hamburg, hamburg@avanti-projekt.de schaftsfreie Welt ohne Grenzen kämp-
info@avanti-projekt.de NORDERSTEDT: c/o SZ, Ulzburger Str. 6, 22850 Norderstedt, norderstedt@avanti-projekt.de fen. Für eine kraftvolle Gegenbewegung,
LÜBECK: c/o ALZ, Schwartauer Allee 39/41, 23554 Lübeck, luebeck@avanti-projekt.de die den herrschenden Verhältnissen den
V.i.S.d.P.: S. Schneider, Schweffelstr. 6, 24118 Kiel FLENSBURG: c/o Schlachterei, Norderstr. 135, 24939 Flensburg, flensburg@avanti-projekt.de Boden unter den Füßen wegreißt – in
Europa und überall auf der Welt.