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Verlauf

1) 2006 beendeten die Immobilienpreise in den USA einen jahrelangen Höhenflug – 2007
begannen sie zu sinken, es hatte ein deutliches Überangebot an Häusern und Wohnungen
gegeben. Bei steigenden Zinsen und sinkenden Hauspreisen gerieten massenhaft
überschuldete Hausbesitzer mit der Rückzahlung ihrer Hypotheken in Verzug. Das löste
unmittelbar die subprime-Krise aus und griff sofort auf die Investmentbanken [1] über; im
März 2007 kam es zu plötzlichen, starken Kursverlusten an den Börsen von New York und
Shanghai. Inzwischen befinden wir uns in der größten Finanz- und Bankenkrise seit
mindestens 77 Jahren – vielleicht aber auch am Beginn der bisher schwersten Krise in der
Geschichte des Kapitalismus.

Wie konnte ein ganz normaler Schweinezyklus [2] (Überangebot an Häusern) eine solche
gewaltige Wirkung haben? Die erste Erklärung liefert die US-amerikanische Arbeiterklasse,
die bei sinkenden Reallöhnen ihren Lebensstandard nur noch mit Schuldenmachen
aufrechterhalten konnte. Noch 1995 waren weniger als zwei Prozent aller
Hypothekendarlehen [3] in den USA »subprime«[4], 2005 waren es bereits 25 Prozent. Die
Verschuldung des US-Proletariats ist in den letzten Jahren stark angestiegen, 2007 gaben US-
Amerikaner durchschnittlich 14 Prozent ihres Einkommens für die Rückzahlung von Schulden
aus.

2) Die zweite Erklärung liegt in der Ausweitung des Kredits insgesamt. Die Geschichte des
Kapitalismus seit dem Ende von Bretton Woods Anfang der 70er Jahre lässt sich begreifen als
eine von Kapital, das nach profitablen Anlagemöglichkeiten sucht. Weil es sich in
produktiven Investitionen in Fabriken und dergleichen nicht mehr ausreichend verwerten
kann, sucht das Kapital andere »Anlageformen«: Währungsspekulation, Derivatehandel[5],
Immobilienspekulation (in der bürgerlichen Terminologie wird das »Anlagenotstand«
genannt). Eine der »Finanzinnovationen« des letzten Jahrzehnts war das Handeln mit
Wertpapieren, die auf Schuldverschreibungen und Hypotheken basieren und zudem vielfach
»gebündelt« sind. Solche CDOs[6] ermöglichten es, auch »faule« Kredite als absolut sicher zu
raten, so dass institutionelle Anleger wie Pensionskassen, die gesetzlich gehalten sind, ihre
Gelder sicher anzulegen, solche Papiere kaufen konnten. Durch hohe Kreditanteile ließ sich
dabei die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital vervielfachen; diese »Hebelwirkung« wird
beim Zusammenbruch der Kreditpyramide zum Bumerang. Zudem stellte sich in der
subprime-Krise heraus, dass durch die Bündelung niemand mehr erkennen konnte, wo
überall »faule« Kredite versteckt waren (»Kontaminierung«), welche Bank also vom
Zusammenbruch bedroht war. Vertrauen in den geregelten Gang der Geschäfte gehört zu
den materiellen Voraussetzungen der Kapitalverwertung. Misstrauen zwischen den Banken
machte aus der »Finanz-« eine Bankenkrise.

3) Seit Ausbruch der Krise wird darüber gestritten, ob und wie und wie stark »die Finanzkrise
die Realwirtschaft erreicht«. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: ein Abschwung der
Weltkonjunktur (ab 2007) wird durch Finanzmechanismen vielfach verstärkt. Dieselben
Finanzmechanismen, die »Wachstum« ermöglicht haben, forcieren nun den
Zusammenbruch. Deshalb erscheint die Krise als Finanzkrise. Aber der Kern der Krise steckt
nicht in der Zahlungsunfähigkeit der Banken, also in ihren »Passiva«, das eigentliche Problem
sind die »Aktiva« der Banken: die hohe Verschuldung der sogenannten »Realwirtschaft«.

4) Denn die Finanzblase war keine vermeidbare Fehlentwicklung, sondern die Grundlage der
sogenannten »Realwirtschaft«. Diese ist seit Mitte der 90er Jahre nur noch gewachsen
aufgrund der Ausweitung des Kredits. Das Welt-Bruttosozialprodukt wächst seit den 1970er
Jahren nur noch zwischen 2 und 4 Prozent (in den 50er und 60er Jahren des letzten
Jahrhunderts war es zwischen 4 und 7 Prozent gewachsen).

Nach der Dot.com-Krise[7] wurden alle Schleusen geöffnet. In den folgenden vier Jahren hat
die Fed mehr Dollars in Umlauf gebracht als in der gesamten 200-jährigen US-Geschichte
zuvor. Es kam zur größten Ausweitung von Konsumentenkrediten und Hypotheken in der
Geschichte des Kapitalismus. Die Banken gaben z.T. Kredite mit weniger als 3 Prozent
Zinsen – das ist unterhalb der eigenen Kosten und Ausdruck der Überakkumulationskrise
(s.o. »Anlagenotstand«; die Investitionen in Anlagen und Fabriken blieben in diesen Jahren
weiterhin sehr niedrig). Zur Vertuschung dessen wird seit 2005 in den USA die Geldmenge
M3[8] nicht mehr statistisch erfasst. Trotz all dieser Maßnahmen das Bruttosozialprodukt
der USA seither nur noch aufgrund der Immobilienblase gewachsen. Auch weltweit der
Boom von 2002 bis 2006 merkwürdig: die Arbeitslosenzahlen sind nicht gesunken.

5) Dritte Erklärung, warum die subprime-Krise wie ein Zünder wirkte: Die schuldenfinanzierte
und konsumgeleitete US-Wirtschaft war mit einem Bilanzdefizit von 800 Mrd. $ jährlich auf
gewaltige Kapitalzuflüsse, v.a. aus China angewiesen, das gleichzeitig zum Industriezentrum
der Welt für Konsumwaren geworden war; die Hauptkapitalgeber China, Japan, Taiwan und
Südkorea halten inzwischen zusammen 4 Billionen Dollar als Währungsreserven. Dieser
Mechanismus lässt sich so zusammenfassen: In China produzierte Waren werden in den USA
konsumiert und mit Dollars bezahlt, die sich folglich in China anhäufen. Diese Dollars leiht
China dann der US-Regierung, damit der Kreislauf fortgesetzt werden kann. Eine solche
Konstruktion kann nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Und in der Tat ist seit 2007
Europa der größte Absatzmarkt für chinesische Waren, nicht mehr die USA. Die Grenzen des
Modells wurden sichtbar – und verschärfen sich in der Krise: Der Zufluss ausländischen
Kapitals in die USA nahm im Sommer 2008 dramatisch ab, statt den erforderlichen etwa 40
Mrd. Dollar monatlich, die in Form von Staatsfonds ausländische Käufer finden müssen,
waren es im August 14, im Juli sogar nur 8,6 Milliarden. Fannie Mae und Freddie Mac
wurden im September vor allem deswegen »gerettet«, sprich nationalisiert, um China bei
Laune zu halten, das dort insgesamt 500 Mrd. Dollar investiert hatte.

6) In der Autoindustrie kommen Konjunkturzyklus, Überkapazitäten, mangelnde


Investitionen, hohe Verschuldung (sowohl der Firmen wie der Kunden) und Produktzyklus
(reifer Markt, verstopfte Straßen, »Ende des Erdölzeitalters«) zusammen. Deshalb schlägt
die Krise in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern im Moment am stärksten ein.
7) Wir erleben gerade einen gewaltigen Monopolisierungsprozess von Banken und
Konzernen auf globaler Ebene. In diesem Prozess setzt sich auch die herrschende Klasse neu
zusammen und erklärt den Ausnahmezustand (z.B. ist das
»Finanzmarktstabilisierungsgesetz« ein »Ermächtigungsgesetz«). Die Rettungsmaßnahmen
zeigen von ihrer Struktur wie auch von den Personen, die per Blankovollmacht »ermächtigt«
werden, dass sich die Regierungen diesen Entwicklungen nicht in den Weg stellen, sondern
sie flankieren bzw. sogar verschärfen (Robert Scheer sprach in bezug auf das bail out[9] der
US-Regierung von »Finanzfaschismus«).

8) Im Gefolge der Krise und in Folge der Krisenmaßnahmen sind die Arbeitslosen- und
Rentenversicherungen sowie die Kommunen die nächsten Bankrotteure. Einerseits haben
diese Institute ihre Gelder spekulativ (die Deutsche Rentenversicherung hatte Lehman-
Papiere) bis hochspekulativ angelegt (amerikanische Rentenfonds haben nach dem
Immobilien- und Rohstoff-Crash ihre Anlagen teilweise in »Geierfonds«[10] umgeschichtet),
auch Lebensversicherungen und Betriebsrenten hängen voll im Risiko bei möglichen
Bankenpleiten.

Andererseits bedienen sich die Regierungen aus diesen Fonds (in Russland wurden mit
Rentengeldern Banken gerettet; die argentinische Regierung zapft die privaten Rentenfonds
an; usw.)

Wie der Kriseneinbruch Mitte der 70er Jahre (New York!) schlägt auch die aktuelle Krise auf
die kommunalen Haushalte durch. Viele Städte im Ruhrgebiet, aber auch z.B. Freiburg
stehen vor massiven Zahlungsproblemen.

9) Nach der Finanzbranche werden nun ganze Staaten zum Ziel von bail outs: Island, Ungarn,
Pakistan, Türkei, Argentinien, Weißrussland, die baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien,
Serbien, Kasachstan… Man fürchtet einen Dominoeffekt, denn der IWF bräuchte bis zu einer
halben Billion Dollar für die Rettungspakete – und hat nicht einmal halb so viel Geld zur
Verfügung. Politisch bedeutsam ist, dass Island zunächst bei Russland Hilfe suchte, Pakistan
bei China, Argentinien bei Venezuela. Aber auch den um Unterstützung angegangenen
Ländern geht das Geld aus. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Finanzgipfel Mitte
November sich auf so etwas wie ein neues Bretton Woods [11]einigen kann.

Der Mythos der »Volkswirtschaft« bröckelt. Er wird dann zusammenbrechen, wenn es ein
Land wie die Schweiz erwischt! National regulierte Arbeitsmärkte, mit denen die
Weltarbeiterklasse in einzelne Segmente eingeteilt wurde, brechen zusammen.

Die Krise ist eine des kapitalistischen Weltsystems

10) no »decoupling« - weder für die EU, noch für die BRIC-Staaten!
Die BRIC-Staaten mit ihren großen Binnenmärkten sollten das erschöpfte Modell des
kreditfinanzierten Konsums in den Metropolen verlängern. Aber die Nachfrage der neuen
Mittelschichten in diesen Ländern kann auf absehbare Sicht den Konsum der US-
Arbeiterklasse usw. nicht ersetzen. Die übersteigerten Hoffnungen in die BRIC-Staaten waren
selber bereits Ausdruck der Krise. Seit einem Jahr rutschen aber auch diese ab. In Russland
sind z.B. die ausländischen Direktinvestitionen 2008 im Vergleich zu 2007 fast um die Hälfte
gesunken; das extrem schwache Banksystem und die Immobilienblase sind bereits am
Platzen. Es drohen gewaltige Refinanzierungsprobleme. Massenentlassungen haben
angefangen.

Der Staatsbankrott Islands war nur ein Vorgeschmack, die Schwellenländer markieren den
Ring der nächsten Explosionswelle der Weltkrise. Hier geht es dann um sehr viel höhere
Summen als bei der subprime-Krise. Gleichzeitig kann sich China dem Betteln der USA und
der BRD um Finanzhilfe nicht verweigern! Ein Abzug der chinesischen Gelder aus den USA
wäre der reine Selbstmord – das Überleben aller Regimes hängt daran, dass das US-
Finanzsystem in der Krise nicht implodiert.

11) Die desaströse wirtschaftliche Situation der USA wurde nach dem 11.9. oft als die »twin
towers of deficit« beschrieben: die höchste Staatsverschuldung und die höchsten
Auslandsschulden in der Geschichte. In wenigen Jahren ist ein dritter Turm gewachsen und
zusammengebrochen: Die Privathaushalte sind mit weit über 100 Prozent des
Bruttosozialproduktes verschuldet. Die zur Aufrechterhaltung dieser fragilen Situation
notwendigen Kapitalzuflüsse (siehe 5)) hängen an zwei Voraussetzungen: dem US-Dollar als
»Weltgeld« und der militärischen Dominanz der US-Armee. Durch die beiden nicht mehr zu
gewinnenden Kriege im Irak und in Afghanistan ist diese Situation zusätzlich prekär
geworden. Der Hegemon ist am Arsch. Aber entgegen Beverly Silver und Giovanni Arrighi
sind wir weder der Ansicht, dass uns der neue Hegemon gut tut, noch denken wir, dass es
überhaupt schon ausgemacht ist, ob es nochmal einen geben wird – falls ja, wäre das
weniger gut für uns als die Revolution. Zudem ist auch noch nicht ausgemacht, wer‘s wird
und wie lange das dauert; Immanuel Wallerstein schrieb vor kurzem, normalerweise dauere
ein solcher Übergang 50 Jahre, sicher sei nur, dass 2008 »das Jahr des Abtretens des
Neoliberalismus« ist. Und ein solches Abtreten wirft alle Fragen auf.

12) Leider ist die Debatte in der Linken nicht auf der Höhe dieser Fragen. Viele machen sich
Hoffnungen auf einen neuen Keynesianismus, setzen also auf einen starken Staat. Einer
Neuauflage des Keynesianismus sind aber die Grundlagen entzogen: Es gibt keine
Volkswirtschaft mehr, die dem Druck der Weltkrise widerstehen könnte; nationale
Nachfrageankurbelung funktioniert nicht mehr – im Gegenteil: ein Staat, der in den letzten
Wochen Garantien für »seine« Banken ausgesprochen hat, hat alle anderen Staaten unter
short selling-Druck [12] gesetzt; das bail out des einen führt zur Entwertung des anderen
Bankhauses/ Betriebes/ Staates. Und wie soll »Nachfrage« angekurbelt werden, wenn
sowohl die Proleten wie die Banken das Geld horten? Zudem gibt es auch keinen Hegemon,
der ein solches Programm durchsetzen könnte, wie in den 30er Jahren die USA – in Reaktion
auf die dortigen Klassenkämpfe!

Krise der Krise

13) Der Kern der »neoliberalen Wirtschaftspolitik« bestand darin - in Reaktion auf die
Klassenkämpfe Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts -, Kosten (v.a.
Löhne!) zu drücken. Durch eine Politik der niedrigen Zinsen (oftmals unter der Inflationsrate,
also negativ) wurde die Kreditmenge stark ausgeweitet, um den Konsum zu finanzieren
(sowohl den Konsum der Arbeiterklasse, als auch den »Konsum« von Maschinen, also die
»unternehmerische Investition«). Damit wurden die Unternehmerprofite gesteigert, die
Einkommensverteilung drastisch verändert und große Teile der Klasse verarmt. Aber trotz
der Verwüstungen, die diese Strategie weltweit anrichtete
(»Strukturanpassungsprogramme«) war sie im Kern nicht erfolgreich: die Real-Investitionen
blieben niedrig.

14) »Entwicklung« war in diesem Rahmen nur möglich durch aggressive Ausdehnung des
Kapitals: Eindringen in bisher unerschlossene Winkel, Rekrutierung migrantischer
Arbeitskraft, Industrialisierung der »Peripherie«. In den letzten 40 Jahren gab es eine
weltweite Proletarisierung in einer Geschwindigkeit und einem Ausmaß wie noch nie in der
Geschichte des Kapitalismus (siehe Wildcat 82). Dieser Ausweg ist somit heute versperrt, die
Peripherie ist industrialisiert.

15) Der Neoliberalismus war kein neues »Modell« (wie es das Gerede vom »Postfordismus«
glauben machen wollte), sondern eine langgezogene Krise seit 1973. Das deregulierte, aber
politisch verwaltete Finanzwesen war die Antwort auf den Rückgang der effektiven
Nachfrage, was ein anderes Wort für die Prekarisierung der Arbeit ist. Im globalen
systemischen »Finanzrisiko« spiegelt sich der Angriff auf die Arbeiterklasse in den letzten
Jahrzehnten. Seit den 80er Jahren wurde diese Strategie immer schneller von »Finanzkrisen«
erschüttert: Schuldenkrise in der ersten Hälfte der 80er Jahre; Sparkassenkrise in den USA in
der zweiten Hälfte der 80er Jahre; Pesokrise in Mexiko 1994/5; Asienkrise 1997/8; Rubelkrise
1998/9; Dot.com-Krise 2000/1. Während aber alle diese Krisen regional oder sektoral
begrenzt werden konnten (um den Preis der weiteren Ausweitung des Kredits) stößt die
langgezogene Krise im aktuellen Einbruch an ihre Grenze. In dieser »Krise der Krise« steht
der globale Kapitalismus vor dem Abgrund.

Den Herrschenden gehen die Optionen aus

16) Auftakt wozu?

»1929« war nicht die Krise, sondern deren Ankündigung. Auch die aktuelle Krise wird sehr
lange dauern und ihren Höhepunkt eher Ende als Mitte 2009 haben; danach wird es eine
langgezogene Depression geben (auch die Krise 1873-1878 ging fünf Jahre). Die
»Frühindikatoren« sehen rabenschwarz aus: Die Industrieproduktion geht zweistellig zurück,
der Erdölpreis hat sich in drei Monaten halbiert, überhaupt stürzen Rohstoffpreise weltweit
ab, der Welthandel schrumpft. All das sind Anzeichen für die Tiefe der Rezession. Auch
bürgerliche Kommentare vergleichen die aktuelle Krise mit dem Erdbeben von Lissabon (1.
November 1755), um die Epochenwende kenntlich zu machen. Man sieht das Erdbeben von
Lissabon gemeinhin als Auftakt zur Französischen Revolution…

17) Deflation

Die ILO geht von einer Erhöhung der weltweiten Arbeitslosigkeit um 11 Prozent auf 210
Millionen im Jahr 2009 aus. Das gilt für den unwahrscheinlich Fall, dass die Krise nun »im
Griff« ist. Die weltweiten Massenentlassungen sprechen eine andere Sprache (allein im
Perlflussdelta könnten bis Ende des Jahres 2,5 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz
verlieren)! Das heißt auf der anderen Seite, der Konsum wird massiv zurückgehen und eine
deflationäre Entwicklung wird wahrscheinlich. Eine Deflation hat selbstverstärkende
Wirkung: Fallende Preise drücken die Gewinnmargen. Dann werden noch mehr Leute
entlassen, die Ausgaben für den Konsum gehen weiter zurück, die Gewinne der
Unternehmer sinken weiter… Geldpolitisch lässt sich gegen Deflation wenig ausrichten –
noch dazu, wo der Leitzins in den USA bereits bei 1 Prozent, in Japan bei 0,3 Prozent steht!

18) Der Reformismus ist unmöglich

Die Forderungen von Attac u.a., die Realwirtschaft zu retten und die Banken kaputt gehen zu
lassen, ist nicht einlösbar, denn die Banken sind unverzichtbar für das Funktionieren des
Kapitalismus. Dass die Banken die »Rettungsgelder« aber entweder horten oder zum
Aufkauf kleinerer Banken verwenden - oder gar als Dividenden oder Bonuszahlungen
ausschütten! –, zeigt das Dilemma: Wie kann man den Konsum ankurbeln und gleichzeitig
das Einkommen neu an die Produktivität binden? Auch der Bush-Plan [13]Anfang des Jahres
hat nicht funktioniert: die Leute haben das geschenkte Geld genommen, um ihre Schulden
zurückzuzahlen oder um für die kommenden schlimmen Zeiten zu sparen – als
Konjunkturprogramm hätte es nur gewirkt, wenn die Schecks gleich ausgegeben worden
wären.

Viele Maßnahmen gegen die Krise (die massiven Zinssenkungen, das Zurverfügungstellen
von billigen Krediten, Garantien jeder Art…) haben die Finanzkrise erst recht angeheizt – weil
die Banken das Geld für hochriskante Spekulationen benutzt haben, mit denen sie aus ihren
Verlusten rauskommen wollten. der Injektion von weiterem Geld werden die Probleme nicht
behoben, sondern weiter angeheizt, solange das System nicht zugleich reguliert wird.
Regulierungen, wie sie etwa Lafontaine in seiner Zeit als Finanzminister vorgeschlagen hat,
funktionieren aber nur, wenn gleichzeitig die Arbeiterklasse verschärft ans Arbeiten gebracht
würde (die andere Seite der Medaille: Lafontaine hatte als erster die Abschaffung der
Arbeitslosenhilfe vorgeschlagen, wie sie dann mit Hartz IV umgesetzt wurde). Ohne einen
Kantersieg über die Arbeiterklasse verschärfen einzelne Rettungsversuche und
Regulierungen lediglich die Spannungen zwischen konkurrierenden Einzelkapitalen und
Fraktionen.

Was tun?

19) Kampf um die Köpfe

Dass von »Finanzkrise« geredet wird, dient als Legitimation, die Banken und Banker mit den
Ersparnissen und Steuerzahlungen der ProletarierInnen zu retten. Dass »Spekulation« und
»Gier« für die Krise verantwortlich gemacht werden, soll davon ablenken, dass es eine Krise
des ganzen Systems ist. Bellofiore/Halevi [..] sprechen von der »Dreieinigkeit traumatisierten
Arbeitern, verschuldeten Konsumenten und manisch-depressiven Sparern« und dass die
Leute dazu gezwungen worden sind, »Akteure an den Finanzmärkten« zu werden. In der
propagandistischen Bewältigung der Krise wird stattdessen drauf rumgehackt, dass die
»kleinen Leute« auch »gierig« waren und ihr Geld z.B. bei isländischen Banken usw. angelegt
haben (was zweifellos auch stimmt). Aber den meisten blieb durch den Abbau staatlicher
Systeme (z.B. Renten) und angesichts von Zinsen unterhalb der Inflationsrate (typisch und
substanziell für den »Neoliberalismus«) gar nichts anderes übrig.

Die »Gier der kleinen Leute« soll Sündenbock und gleichzeitig Legitimationsgrundlage für
einen verschärften Arbeitszwang sein: Horst Köhler sagte in einem Spiegel-Interview: »Im
Prinzip will jeder reich werden, und im Prinzip will jeder mit einem Minimum an
persönlichem Aufwand reich werden. Man dachte, das geht am schnellsten mit
Geldhandelsgeschäften, da muss man sich ja nicht die Griffel wund arbeiten. Diese
Mentalität hat sich leider viel zu breit gemacht. Wenn wir ein neues Bewusstsein für den
Wert des Geldes haben wollen, dann sollten wir ein neues Bewusstsein für den Wert der
Arbeit entwickeln.«

Das ist die einsetzende Begleitmusik für die brutalen Sparprogramme, die auf uns
zukommen. Im selben Interview sagte Köhler aber auch: »Gut möglich, dass nun ein
Generalverdacht entsteht, dass alle, die ’da oben« sind, nicht an die ’da unten« oder ans
Ganze denken.« - Das zeigt die Chancen! Die Krise ist eine Systemkrise, sie erfordert und
ermöglicht fundamentale Klärungen. Die Antwort auf die Krise muss die Dinge beim Namen
nennen: es gibt keinen Spielraum mehr für reformistische Projekte. Sobald sich die
ArbeiterInnen – notgedrungen – mit den grundlegenden Funktionsweisen des Kapitalismus
auseinandersetzen, den Dingen auf den Grund gehen, werden all diese Fragen wieder an
Aktualität gewinnen.

20) Technisch gibt es bereits eine weltweite Arbeiterklasse.

Wir arbeiten in Produktionsketten zusammen, sind durch Computer und Internet vernetzt,
elektronisches Geld rast um den Erdball (und macht z.B. die Milliarden von Überweisungen
der ArbeitsmigrantInnen an ihre zurückgebliebenen Familien möglich…). Bisher waren die
krassen Lohnunterschiede zwischen dem »globalen Süden« und den alten Metropolen ein
wichtiges Spaltungsinstrument. Aber während die soziale Ungleichheit in den Ländern in den
letzten Jahren zugenommen hat und sich in der Krise weiter verschärfen wird, haben die
Unterschiede zwischen den Arbeitern im globalen Süden und denen im Norden
abgenommen und werden zunehmend geringer.

21) Spaltungen…

Spalten die Krisenangriffe die Leute weiter auf oder wird eine politische
Neuzusammensetzung in der Krise real? Die Form der Krise (»Finanzkrise«) verstärkt
zunächst Klassenspaltungen (Leute mit Finanzanlagen gegen Leute ohne; Festangestellte
gegen Leiharbeiter; Junge gegen Alte [z.B. in der Frage der Renten!]). Anderseits hat die Krise
ihrer Wucht sicher auch das Zeug dazu, materiellen Spaltungen die Basis zu entziehen.
Politisch liegen eigentlich alle Themen offen. Jeder/m dürfte klar sein, dass epochale
Umbrüche anstehen.

22) Die Linke

Ein wenig Erleuchtung hat die Krise auch hier gebracht. Joachim Hirsch, der Vater der
deutschen Postfordismus-Linken sagt jetzt: Der Begriff »Postfordismus« sei eine
»Hilfsbezeichnung« gewesen. Das sei in der Krise nun deutlich geworden. Super, vorher hat
diese »Hilfsbezeichnung« fast 30 Jahre lang den Linken die Hirne verseucht: keine
Arbeiterklasse mehr, industrielle Produktion als Auslaufmodell usw. usf. - Aber insgesamt
wirkt die Krise bisher auf die Linken leider eher verdummend: man macht sich Hoffnungen
auf Keynesianismus und Staat; man eilt ans Krankenbett des Kapitalismus, nicht mit dem
Dolch in der Hand, sondern um ihm Medizin zu bringen.

23) … oder politische Neuzusammensetzung der weltweiten Arbeiterklasse?

Für die jetzt lebenden Generationen war die Notwendigkeit und die Möglichkeit nie größer,
Geschichte zu gestalten. Wir sollten nicht auf »Verelendungstheorien« setzen, es gibt wenig
Belege in der Geschichte, dass die ArbeiterInnen besser kämpfen können, wenn sie im Elend
stecken. Es gibt andererseits keinen Anlass zu denken, dass nichts passieren würde – die
weltweiten Aufstandsbewegungen im Frühjahr 2008 waren nur ein Anfang. In China kam es
in den letzten Wochen sehr schnell zu spontanen Kämpfen gegen die Entlassungswelle, usw.
Die Frage ist eher: was entsteht da? und sind die Kämpfe der Dramatik der Weltkrise
angemessen?

Die Kämpfe im globalen Süden haben die Kreuzzüge des Kapitals blockiert (Irak, Afghanistan,
Lateinamerika, Asien – MigrantInnenkämpfe). Die aktuelle Krise bricht hingegen in den
Metropolen aus und ist wirklich »Krise des Kapitals«, die Arbeiterklasse hat damit politisch
nichts zu schaffen – nur als überschuldete Konsumenten, als tausend Mikrostrategien, wo
jede/r sich geduckt und verschanzt hat, individuelle Auswege, wo der Opportunismus keine
Grenzen kannte. Und wenn wir speziell die BRD betrachten, so sind auch die Kämpfe im
Frühjahr kaum übergesprungen (in Spanien und Großbritannien z.B. gab es zumindest einige
Lkw-Fahrerstreiks). Aber auch in der BRD gibt es seit etwa vier Jahren Kämpfe, Lernprozesse,
Streiks gegen Betriebsschließungen, Mobilisierungen an Schulen und Unis. Allerdings liefen
diese Bewegungen bisher alle getrennt – und stehen nun seit dem Sommer einem
gewaltigen Bedrohungsszenario durch die Krise gegenüber. Einzelne Branchen trifft es
besonders hart (Autoindustrie; Versicherung- und Bankangestellte; die »Lehmschichten«,
denen bei Siemens der Kampf angesagt wurde…), aber wenn es tendenziell jeden treffen
könnte, kriegt Solidarisierung eine materielle Grundlage. Die Krise schafft die Möglichkeit,
dass bisher getrennte Entwicklungen zusammen kommen und den gegenseitigen Bezug der
Kämpfe fördern.

Globale Krise – globaler Klassenkampf. Ist eine Neuzusammensetzung denkbar zwischen


riots in den banlieues, gegen ihre Abwicklung streikenden Belegschaften, Schüler- und
StudentInnenbewegungen, den Streiks im Meer der Proletarisierung (GDL), den Kämpfen in
vordem »garantierten« Sektoren (Finanz- und Versicherungswesen), Initiativen gegen
steigende Wasser- und Energiepreise, und – warum nicht? siehe Argentinien! - wütenden
SparerInnen? Eine Neuzusammensetzung, die sich auch auf die Kämpfe der chinesischen
ArbeiterInnen bezieht?

Was wir auf jeden Fall tun sollten, ist: Informationen über Kämpfe und Bewegungen auf der
ganzen Welt sammeln und rumgehen lassen; herstellen; mitdiskutieren.

Militante Untersuchung statt »Übergangsprogramm«!

Kritik der Politik des Ausnahmezustands (Recht auf proletarische Gewalt) und Zentralität der
Arbeit!

In der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Krise und in den Kämpfen die Potenziale
freilegen, die auf die Überwindung der Ausbeutung zielen!

[1] Investmentbanken betreiben Vermögensverwaltung ihrer (reichen) Kunden, Handel mit Wertpapieren
sowie Unterstützung von Unternehmen bei Kapitalaufnahmen (etwa Börsengänge). Das Geschäftsmodell
»Investmentbank« ist durch die aktuelle Krise am Ende.

[2]Schweinezyklus ist ein Begriff aus der Agrarwissenschaft und bezeichnet eine periodische Schwankung auf
der Angebotsseite. Bei hohen Preisen kommt es zu verstärkten Investitionen, die sich allerdings wegen der
Aufzuchtzeit erst verzögert auf das Angebot auswirken und dann zu einem Überangebot und Preisverfall
führen. Infolgedessen kommt es zur Reduzierung der Produktion, die sich ebenfalls erst zeitverzögert auswirkt
und dann …

[3] Bei einem Hypothekendarlehen handelt es sich um ein durch ein Grundpfandrecht auf eine (oder mehrere)
Immobilie(n) besichertes Darlehen. Als Grundpfandrechte kommen hierbei heutzutage weitgehend
Buchgrundschulden zum Einsatz (über 90% aller neu vergebenen Darlehen).
Buchgrundschuld (im Grundbuch eingetragene Grundschuld) ist das dingliche Recht, aus einem Grundstück
oder einem grundstücksgleichen Recht (beispielsweise einem Wohnungseigentum oder einem Erbbaurecht) die
Zahlung eines bestimmten Geldbetrages zu fordern. Die Grundschuld ist eine der wichtigsten
Kreditsicherheiten.

[4] Als Subprime-Markt wird ein Teil des privaten (also nicht gewerblichen Zwecken dienenden)
Hypothekendarlehenmarkts bezeichnet, der überwiegend aus Kreditnehmern mit geringer Bonität
(»Kreditwürdigkeit«) besteht

[5]Derivate sind gegenseitige Verträge, deren Preisbildung auf einer marktabhängigen Bezugsgröße (Basiswert
oder Underlying) basiert. Basiswerte können Wertpapiere (z.B. Aktien, Anleihen), marktbezogene
Referenzgrößen (Zinssätze, Indices) oder andere Handelsgegenstände (Rohstoffe, Devisen) sein. Derivate
können auch Basiswert von anderen Derivaten (2. Grades) sein. Grundsätzlich kommen als Basiswert oder
Underlying Asset auch nicht-ökonomische Größen, wie etwa das Wetter in Frage.

[6]CDO - Collateralized Debt Obligation – »besichertes Darlehn auf Schuldscheine« (siehe ausführlicher in
Bellofiore/Halevi)

[7]Dot.Com-Krise , der im März 2000 einsetzende Kurseinbruch von börsennotierten Unternehmen, deren
Geschäftsmodelle primär auf Internet-Technologien beruhten (sog. Dot.Coms), von denen die Mehrzahl jedoch
in der Praxis keine Gewinne machte. In der Folge entstand eine Finanzierungskrise auch bei nicht
börsennotierten IT-Unternehmen, die in vielen Insolvenzen mündete. Die Dot.Com-Krise brachte die sog.
Dot.Com-Blase zum »Platzen« und beendete neben den überzogenen Erwartungen an die »New Economy«
auch den Aktienhype, von dem viele Kleinanleger gegen Ende des letzten Jahrtausends erfasst worden waren.

[8]Geldmenge M3

Die US-Zentralbank Fed definiert M3 als: alle US-Dollar-Bar-Bestände in Banknoten und Münzen, plus die
laufenden $-Girokontenbestände plus alle $-Einlagenzertifikate (z. B. $-Staatsanleihen) und alle $-Geldmarkt-
Kontenbestände unter $100.000, plus alle größeren Guthaben über $100.000 (u. a. die Eurodollar-Reserven,
größere übertragbare $-Wertpapierbestände, und die Dollar-Devisenbestände der meisten nichteuropäischen
Länder.

[9]bail out - Schuldenübernahme und Tilgung durch Dritte

[10]»Geierfonds« (vulture fund) - geschlossener Investmentfonds (Hedge-Fonds), der auf den Kauf von
Wertpapieren anderer, bspw. zahlungsunfähiger oder fast bankrotter, Unternehmen spezialisiert ist, um aus
dessen Überresten Einnahmen zu erzielen.

[11]Bretton Woods - »goldhinterlegte Leitwährung der Dollar« - nach Aufkündigung der Bindung des Dollars an
die Goldreserven und der Goldeinlösepflicht durch die USA 1971 brach das Bretton-Woods-System 1973 durch
die Aufkündigung der festen Wechselkurse endgültig zusammen.

[12] Beim Leerverkauf (auch »short selling«) werden Wertpapiere über die Börse verkauft, obwohl der
Verkäufer zum Zeitpunkt des Verkaufs die Wertpapiere noch nicht besitzt. Mit dieser Strategie kann der
Verkäufer mit überdurchschnittlichen Renditen von fallenden Börsenkursen profitieren. Im Gegensatz zu
Optionsgeschäften mit festen Optionsterminen handelt es sich bei Leerverkäufen um sehr kurzfristige
Geschäfte, da die Wertpapiere nach sehr relativ kurzen Fristen nachgeliefert werden müssen. Beispiel: Ein
Leerverkäufer (»Shortseller«) verkauft über die Börse 1.000 Aktien der »Mustermann AG« zu einem Kurs von
100,- Euro. Liefern muss er die Wertpapiere aber erst drei Tage später. Sinkt der Kurs der Wertpapiere
zwischen Verkauf und Liefertermin auf 90,- Euro, kann der Leerverkäufer 10.000,- Euro (vor Transaktionskosten
und »Finanzierungskosten«) Gewinn erzielen.

[13]Bush-plan - …zwischen 140 und 150 Milliarden Dollar (zwischen 96 und 103 Milliarden Euro) wurden als
»Steuercheks« an die amerikanischen Haushalte ausgegeben.