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Kompliziert
Wie funktioniert unser Steuersystem?
Steuern ändern, Steuern senken, neue Steuern – die Parteien propagieren im Wahlkampf Entlastung,
sozialen Ausgleich oder gerechte Umverteilung. Aber eine wirkliche Reform? Fehlanzeige.
Die deutsche Steuergesetzgebung gehört mit all ihren
Gesetzen, Verordnungen und
Durchführungsbestimmungen zu den größeren
Textsammlungen der Menschheitsgeschichte.
Umfassender als die Bibel, aber vermutlich weniger
segensreich. Zwei Drittel der weltweit verkauften
Steuerliteratur haben ihren Ursprung in Deutschland. Es
gibt mehrere hundert Bundes- und Landesgesetze, dazu
Erstrebenswert: Eine einfache Tausende von Ausnahmetatbeständen und knapp 100
Steuererklärung, die auf einen 000 Verwaltungsvorschriften. Allein das
Bierdeckel passt. Foto: dpa
Von Lutz Haverkamp Einkommensteuergesetz ist in seiner aktuellen Fassung
3.5.2009 0:00 Uhr auf 254 Din-A-4-Seiten niedergeschrieben. Zum
Einkommensteuergesetz gehört die Einkommensteuer-Durchführungsverordnung, die
Verordnung zur Änderung der Einkommensteuer-Durchführungsverordnung und
andere Verordnungen und Erlasse mehr.

Warum ist das deutsche Steuersystem so kompliziert?

Der Staat braucht Steuereinnahmen, um seine Aufgaben finanzieren zu können. Sein


Einfallsreichtum scheint bei der Erfindung neuer Steuerquellen schier unerschöpflich.
Die große Zahl der Steuerarten sowie die stetig wachsende Zahl der Ausnahmen und
Durchführungsbestimmungen machen das Steuersystem so undurchschaubar.

Denn längst geht es nicht mehr nur darum, die Menschen nach ihrer wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit zu belasten. Steuern durch Steuern: Die Politik hat das Steuersystem
entdeckt, um auch ganz andere Ziele zu verfolgen. Hoch im Kurs stehen
Steuererhöhungen, -begünstigungen oder -subventionen, um politisch gewollte Ziele zu
erreichen, die mit den Staatsfinanzen nichts zu tun haben. Beispiel Alkopopsteuer. Die
zahlreichen Meldungen über Flatratepartys und Komasaufen von Jugendlichen
veranlassten den Gesetzgeber im Juli 2004, die zuckerreichen Mixgetränke mit einer
staatlichen Abgabe zu belegen. 2,7 Millionen Euro flossen dem Bundesfinanzminister
im vergangenen Jahr darüber zu. Ob aber das Steuersystem überhaupt das richtige
gesetzgeberische Instrument ist, um Jugendliche vom übermäßigen Alkoholgenuss
abzuhalten, spielte in der Diskussion keine große Rolle. Und: Glaubt der
Steuerpflichtige, dass der Staat auf die rund 13,5 Milliarden Euro Tabaksteuer im Jahr
2008 ersatzlos verzichten würde, wenn der Bürger das Rauchen doch endlich komplett
einstellte?

Ein Wust an Ausnahmetatbeständen gilt für die Mehrwertsteuer. Die Liste der Produkte
und Dienstleistungen, für die nur der ermäßigte Satz von sieben Prozent – statt 19
Prozent – gezahlt werden muss, ist lang: 140 Din-A-4-Seiten. Dort ist unter anderem

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geregelt, dass „Oliven, die durch besondere Behandlung mit verdünnter Sodalösung
oder durch längeres Mazerieren in Salzlake unmittelbar genussfähig gemacht sind“,
dem halben Mehrwertsteuersatz unterliegen. „Oliven, die in Salzlake lediglich vorläufig
haltbar gemacht sind“, werden dagegen mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt.

Ob das alles mehreren Urteilen des Bundesverfassungsgerichts, wonach Steuern


transparent, nachvollziehbar und vor allem gerecht sein müssen, Folge leistet, kann
bezweifelt werden.

Über welche Steuern nimmt der Staat am meisten ein?

Die Lohn- und Einkommensteuer sowie die Mehrwertsteuer, auch Umsatzsteuer


genannt, machen den Löwenanteil bei den staatlichen Einnahmen aus. Im vergangenen
Jahr flossen rund 515 Milliarden Euro Steuern in die Kassen von Bund und Ländern.
174 Milliarden entfielen auf Lohn- und Einkommensteuer, 176 Milliarden auf die
Umsatzsteuer. Manche Steuern bringen dem Fiskus nur ein paar Millionen Euro. Dazu
zählen zum Beispiel die Totalisator- und Rennwettsteuer, die Zweitwohnungssteuer
oder die Jagd- und Fischereisteuer. Auf die Idee, selbst uralte Steuern wieder
abzuschaffen, verfallen die Finanzminister aber nicht. So zahlen die Deutschen seit 1902
eine Sektsteuer, die damals zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte erfunden
wurde. Im Jahr 2008 waren das immerhin 430 Millionen Euro. Noch älter ist die
Kaffeesteuer.

Wer bezahlt die meisten Steuern?

Holzschnittartig betrachtet funktioniert die


Systematik. Etwa die Hälfte der gesamten
Einkommensteuer wird von zehn Prozent der
Steuerpflichtigen bezahlt. Die unteren 20 Prozent
der Steuerpflichtigen zahlen 0,1 Prozent des
gesamten Einkommensteueraufkommens. Der
Reiche zahlt mehr als der Arme, der Starke mehr
als der Schwache. Im Finanzdeutsch heißt das
Progression. Dennoch bleibt ein
Akzeptanzproblem. Für den einfachen Steuerzahler
besteht die Gefahr, dass er zu viel bezahlt. Weil er
über seine Steuersparmöglichkeiten nicht Bescheid
weiß und ohne – oftmals kostspielige –
professionelle Beratung das System auch nicht
durchschaut. Dieses Ungleichgewicht – die Reichen
verdienen mehr Geld und können auch noch was
von der Steuer absetzen – führt bei der Masse der
Steuerpflichtigen zur Ablehnung, zu einem Gefühl
der Benachteiligung. Es ist schlicht
demokratiefeindlich. Und es führt, unterstützt durch hohe Abgaben für die
Sozialversicherungen, zu milliardenschweren Steuerbetrug. Die Schwarzarbeit macht
inzwischen rund drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus – rund 75 Milliarden
Euro. Gäbe es diesen massenhaften Betrug nicht, wäre also die Akzeptanz gegenüber
dem deutschen Steuersystem größer, könnten Steuern und Sozialabgaben auf breiter
Front sinken.

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Was wollen die Parteien ändern?

Grundlegend gar nichts, im Detail einiges. In Wahlkampfzeiten setzen alle mehr oder
weniger auf das Prinzip „Mehr Netto vom Brutto“. An das System selbst traut sich
niemand heran. Den bisher letzten Versuch unternahm Paul Kirchhof für die CDU im
Bundestagswahlkampf 2005, der für alle Einkommensarten eine Einheitssteuer (flat
tax) mit nur drei Steuerstufen entwarf. Ein wahrhaftige Debatte über die Vorzüge der
Vorschläge fand nicht statt. Die Wahlkampfmaschinen der Parteien walzten alles
nieder, so dass sich später sogar die damalige Spitzenkandidatin der CDU und jetzige
Kanzlerin Angela Merkel von Kirchhof abwendete. Der Heidelberger Professor zog sich
frustriert zurück. Und die Vision von Friedrich Merz (CDU), der das Steuersystem so
radikal vereinfachen wollte, dass jeder Steuerzaler seine Erklärung fürs Finanzamt auf
einem Bierdeckel machen könnte, ist in die sauerländischen Weiten entschwebt.

Aktuell wollen alle Parteien irgendwie für Entlastung sorgen, am liebsten für die
Leistungsträger, für den Mittelstand, für die unteren Einkommensschichten. Repariert
wird im System. Eingangssteuersätze sollen erhöht, die kalte Progression bekämpft,
Freibeträge ausgeweitet werden. Neue Steuern für besonders Reiche und
Börsenspekulanten stehen angesichts der Wirtschaftskrise auch hoch im Kurs. Bei einer
Realisierung der zahlreichen Vorschläge gäbe es wieder neue
Durchführungsverordnungen, Ausnahmen und Erlasse. Hundertfach, tausendfach.
Mehr Transparenz? Fehlanzeige. Mehr Gerechtigkeit? Wohl kaum. Bessere
Nachvollziehbarkeit? Sicher nicht.

Ein Beispiel für die Kapitulation der Politik vor der Steuerverwaltung ist der Vorschlag
der SPD, Steuerpflichtige mit einem Bonus von 300 Euro zu belohnen, wenn sie auf eine
Steuererklärung verzichten. Nach Schätzung der Deutschen Steuergewerkschaft
bekommen bisher fünf Millionen Steuerzahler von den Finanzämtern weniger als 300
Euro zurück und kommen damit für die Prämie infrage. Dabei zeigt das Prämienmodell
nur eines: Offensichtlich ist ihnen die Undurchschaubarkeit und der enorme
bürokratische Aufwand des deutschen Steuersystems bewusst. Anstatt aber für ein
einfacheres und nachvollziehbareres System zu werben, wollen sie am bestehenden
festhalten und sich mit dem 300-Euro-Bonus freikaufen.

Vorschläge für die Gegenfinanzierung ihrer steuerpolitischen Konzepte – oder besser:


Einzelvorschläge – bleiben die Parteien weitgehend schuldig. Die CSU hat schon mal
eine Zahl in die Diskussion eingebracht. Etwa 30 Milliarden Euro soll die Entlastung für
den Wähler betragen. Und das bei einer Staatsverschuldung, die sich aktuell auf mehr
als 1,5 Billionen Euro beläuft und bei einer Wirtschaftskrise, die allein im laufenden
Jahr nach Mitteilung des Bundesfinanzministers Peer Steinbrück (SPD) ein
Haushaltsloch von mehr als 80 Milliarden Euro verursachen wird. Außerdem sei mit
staatlichen Mindereinnahmen in Höhe von 20 bis 30 Milliarden Euro zu rechnen.

Die FDP will ihr Steuerkonzept Mitte Mai vorlegen, die CDU erst Ende Juni. Dass die
Kanzlerin noch mal mit dem ausdrücklichen Plan einer Steuererhöhung in den
Wahlkampf zieht, kann ausgeschlossen werden. Erst Ende April kündigte sie
Steuersenkungen an, aber auch sie blieb bisher Details zur Gegenfinanzierung schuldig.
Gemeinsam ist den Vorschlägen nur eins: Der politische Gegner hält sie jeweils für
unfinanzierbar oder sozial ungerecht oder leistungsfeindlich – oder alles gleichzeitig.

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(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.05.2009)

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