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FRAGEN ZUR KRISE

Fragen
zur Krise
Helmut Creutz
beantwortet aktuelle Leserfragen

Seit Ausbruch der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise beschäftigen sich


die Medien sehr ausführlich mit wirtschaftlichen Zusammenhängen.
Vieles bleibt dabei an der Oberfläche und wirft bei den verunsicherten
Menschen eher mehr Fragen auf, als beantwortet werden.
Helmut Creutz nimmt sich einiger dieser Fragen an und versucht, etwas
mehr Licht ins Dunkel der jetzigen Entwicklungen zu bringen.

1. Frage: 2. Frage:
Warum sind die Kreditzinsen immer noch so hoch, obwohl Ich habe gelesen, dass die Banken seit einem halben Jahr
die Banken doch für das Geld der Bundesbank, das sie wei- soviel Geld von der EZB bekommen können wie sie wollen.
ter verleihen können, nur noch 1% Leitzinsen zu bezahlen Damit müssten ihnen doch auch zusätzliche Kreditverga-
brauchen? ben möglich sein?
Antwort: Hier ist einmal zu beachten, dass die Banken Antwort: Dass den Banken seit Oktober 2007, über die
nur jene Geldmittel verleihen können, die sie von den Spa- bisher üblichen Zentralbankgeld-Haltungen hinaus, Geld
rerkunden erhalten. Denn das von der Bundesbank so zins- ausgeliehen wird, ist eine zusätzliche Maßnahme, die zum
billig vergebene Zentralbankgeld dient den Banken nur zur Abbau der Unsicherheiten der Banken und zur Belebung
Auffüllung ihrer Zentralbankgeld-Bestände, mit denen sie des Interbankenverkehrs beitragen soll. Mit den Kreditver-
vor allem den Banknotenumlauf und die vorgeschriebenen gaben an die Kunden haben aber diese Liquiditäts-Auswei-
Mindestreserven abdecken, die sie in Höhe von 2% der Kun- tungen nichts zu tun. Das zeigt sich u. a. daran, dass diese
deneinlagen bei der Zentralbank halten müssen. Gleichzei- Ausweitungen nur bei etwa 2% jener Kundeneinlagen lie-
tig dienen diese Zentralbankgeldbestände für den bank- gen, die die Banken als Kredit vergeben haben. Außer-
internen Liquiditätsausgleich, jedoch niemals – da immer auf dem wurden diese Liquiditäts-Ausweitungen von den Ban-
den Konten bei der EZB verbleibend – für Kundenkredite. ken inzwischen bereits wieder auf rund ein Drittel abgebaut
Zum zweiten ist zu beachten, dass die Zinshöhe bei den und im übrigen, zur Zinsersparnis, überwiegend über Nacht
Kundenkrediten nicht von den Leitzinsen abhängt, sondern immer bei der EZB geparkt. Auch von daher war eine Nut-
von der Höhe jener Guthabenzinsen, welche die Sparer für zung für Kundenkredite gar nicht möglich.
ihre Einlagen erhalten bzw. durchsetzen können. Durch Auf-
schlag der Bankmarge auf diese Guthabenzinsen ergeben 3. Frage:
sich dann die Kreditzinsen. Da jedoch die Kundeneinlagen Verschiedentlich wurde in der Presse darüber berichtet,
und Zinskonditionen überwiegend mit bestimmten Lauf- dass die amerikanische wie auch die britische Notenbank,
zeiten festgelegt sind, kann es nur nach und nach zu einer durch den Ankauf von Wertpapieren, direkt zusätzliches
Anpassung der Bank-Zinssätze an die Leitzinsen kommen. Geld in die Wirtschaft geben. Auch die EZB soll ähnliche

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Schritte erwägen. Muss eine solche Ausweitung der Geld- Antwort: Wie aus den Statistiken der Bundesbank her-
menge nicht zwangsläufig zu Inflationen führen? vorgeht, ist die in den Umlauf gegebene Bargeldmenge seit
Antwort: Zweifellos ist eine solche Ausweitung der Geld- 1950, schwankend um 7% des BIP, praktisch im Gleich-
menge mit Inflationsgefahren verbunden. Die Notenbanken schritt mit der nominellen Wirtschaftsleistung ausgewei-
haben aber auch jederzeit die Möglichkeit, das herausgege- tet worden, ebenso die gesamte Zentralbank-Geldmenge
bene Mehrgeld durch den Verkauf der erworbenen Wertpa- schwankend um 10%. Sieht man von der darin bereits ein-
piere wieder aus dem Umlauf zurückzuziehen, auch wenn gerechneten Inflation von durchschnittlich etwa drei Pro-
das mit Verlusten verbunden sein kann. Mit dieser vorü- zent in den vergangenen Jahrzehnten ab, war diese Steu-
bergehenden Vermehrung der Geldmenge wollen die Zen- erung also halbwegs erfolgreich. Die Kreditvergaben der
tralbanken auch die derzeit dem Kreislauf entzogenen Bar- deutschen Banken sind dagegen von 1950 bis 2008 von
geldbestände ausgleichen. Zu diesen Geldzurückhaltungen rund 30% auf 200% des BIP angestiegen, also fast sieben
bzw. -hortungen kommt es einmal aufgrund der allgemei- Mal rascher als die nominelle Wirtschaftsleistung. Wäre mit
nen Furcht vor den Krisenfolgen (Angstsparen!), aber auch diesen Kreditvergaben tatsächlich eine Vermehrung der
aufgrund der derzeit niedrigen Bankzinsen, die eine Anlage Geldmenge verbunden gewesen, dann wäre es tatsächlich
und damit Freigabe des Geldes unattraktiv machen. zu einer „galoppierenden Inflation“ gekommen.
Bei dieser Annahme der Geldvermehrung durch die
4. Frage: Geschäftsbanken, werden die sich akkumulierenden Spar-
In der Presse ist immer wieder von drohender Inflation und vorgänge mit Geld mit der dabei benutzten Geldmenge ver-
sogar Deflation die Rede. Aber so etwas kann doch nur wechselt. Diese Geldmenge wird jedoch bei diesen ständig
bei zu großen bzw. zu geringen Ausweitungen der Geld- wiederholbaren Sparvorgängen genau so wenig vermehrt,
menge vorkommen. Warum wird die Geldmenge denn nicht wie das bei den ständig wiederholbaren Kaufvorgängen mit
genauer von den Notenbanken kontrolliert? Geld der Fall ist.
Antwort: Das Problem der Notenbanken ist, dass sie
eine Sache steuern müssen, deren wirksame Größe sie 6. Frage:
nicht kennen. Zwar wissen sie ganz genau, wie viel Geld sie Im Zusammenhang mit der Banken- und Finanzkrise wird
in den Umlauf gegeben haben, aber nicht, wie viel davon immer wieder von vernichteten Geldbeträgen in Milliarden-
tatsächlich nachfragend in der Wirtschaft kursiert, also höhen berichtet. Wie kann man sich das eigentlich vorstel-
nachfragewirksam ist. len? Haben da tatsächlich Leute ihr Geld verbrannt?
Um dieses Dilemma zu beheben und den Geldkreislauf Antwort: Nach Auskunft der Bundesbank hat zwar jeder
zu verstetigen, wird von der Geldreformbewegung bekannt- das Recht, in seinen Besitz befindliche Geldscheine zu ver-
lich die Einführung einer Gebühr auf die Geldhaltung als brennen oder auf andere Weise zu vernichten, aber in Wirk-
Umlaufsicherung gefordert. lichkeit dürfte das wohl kaum jemand tun, schon gar nicht
in Milliardenhöhen. Mit diesen Dramatisierungen will man
5. Frage: wohl umschreiben, dass es für viele Banken, Spekulanten
Häufig ist zu lesen, dass auch die Geschäftsbanken die und damit Geldvermögensbesitzer große Forderungs-Aus-
Geldmenge durch Kreditvergaben vermehren können. fälle und Verluste gegeben hat. Doch wo es Verluste gibt,
Wenn das tatsächlich der Fall ist, müssten wir dann nicht hat es in gleicher Höhe auch immer Gewinner gegeben! Das
längst eine galoppierende Inflation haben? gilt nicht nur für Geldeinsätze bei Wetten oder im Spielca-

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sino, sondern ebenso bei allen Geschäften über Banken Während jedoch ein solcher Minuszins bei der Geld-
und Börsen, auch wenn hier das Zurückverfolgen über die ausgabe der Zentralbank noch halbwegs denkbar wäre,
Vielzahl der Stufen, Verschachtelungen und Zeitverschie- da sie ja laufend ihre Konditionen korrigieren kann, ist er
bungen nur schwer möglich ist. bezogen auf den normalen Kreditmarkt in der Wirtschaft
Zu diesen Gewinnern gehören z.B. die Millionen Ange- völlig irreal. Hier müsste man vielmehr genau umgekehrt
stellten bei Banken und Börsen, die in den letzten zehn Jah- ansetzen! Aber nicht etwa durch höhere Kreditzinsen, son-
ren nicht nur sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze hat- dern durch die Einführung von Gebühren auf die Geld-
ten, sondern in vielen Fällen mit umsatzbezogenen Provi- bzw. Geldzurückhaltung! Denn solche Geld-Zurückhal-
sionen zusätzlich honoriert wurden. Das gilt ebenfalls für tungen können sich leicht zu einem „Geldstreik“ und
die Verkäufer der Schrott-Kredite in den USA, aber auch damit einer Deflationen auswachsen. Die FAZ am 29. April
für Millionen Häuslebauer, die mit extrem verbilligten Kre- schrieb deshalb in ihrem Artikel, „Federal Reserve hält
diten Eigentum erworben oder von den Preisanstiegen ihrer Leitzins von minus 5% für angemessen – Amerikas Geld-
Immobilien profitiert haben. Und das gilt selbstverständ- politik stößt an ihre Grenzen“, völlig zu Recht: „Solange…
lich ebenfalls für alle diejenigen, die sich mit Spekulati- das Horten von Geld nicht bestraft wird, zum Beispiel
onen und Wetten mit geliehenem Geld goldene Nasen ver- durch eine Steuer, sind negative nominale Notenbankzin-
dienten, bis hin zu jenen Milliardären, deren Zahlen sich in sen ausgeschlossen.“
den letzten 20 Jahren mehrfach verdoppelten. Selbst die-
jenigen, deren Verluste nachweislich aus Kurseinbrüchen 8. Frage:
an den Börsen resultieren, können davon ausgehen, dass Was ist von den Auffassungen der Professoren zu halten,
in gleicher Höhe andere Gewinne machten, nämlich dieje- die gegen die in der Politik beschlossene Abbremsung der
nigen, die bei den Börsengeschäften im richtigen Moment Staatsverschuldung protestiert haben?
ein- und ausgestiegen sind! Antwort: Vordergründig sind die geäußerten Bedenken
Die Steuerzahler – und damit letztlich in der Mehrzahl richtig, denn jede Volkswirtschaft ist gezwungen, im glei-
die Arbeitleistenden – und an allen Gewinnen völlig unbe- chen Umfang ihre Schulden auszuweiten, wie die Erspar-
teiligten Bürger, sind diejenigen, die jetzt die Zeche bezah- nisse zunehmen. Denn alle Ersparnisse müssen auf diese
len müssen. Weise wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wer-
den, wenn die Wirtschaft nicht unter Geldmangel leiden soll.
7. Frage: Wie schon 1987 das langjährige Mitglied des Sachverstän-
Im Internet las ich von einem Wirtschaftswissenschaftler digenrates, Professor Rüdiger Pohl, in der „Zeit“ geschrie-
namens Buiter, der einen Minuszins beim Ausleihen von ben hat, „Wenn die Kapitalnachfrage der Unternehmen
Geld vorgeschlagen hat. Das ist natürlich toll, wenn ein wegen der schwachen Investitionsneigung gering bleibt,
Kreditnehmer, der sich 100 Euro oder Dollar leiht, nach dann muss der Staat das am Markt entstehende Kapitalü-
einem Jahr nur 95 zurückzugeben braucht. Aber wer würde berangebot aufnehmen, weil anderenfalls eine deflationäre
dann noch Geld verleihen? Wirtschaftsentwicklung einsetzen würde.“
Antwort: Dieser Vorschlag Buiters bezog sich nicht auf Das heißt, angesichts der uns heute drohenden defla-
die normalen Bankkredite, sondern auf die Ausleihung von tionären Entwicklungstendenzen, ist der Staat tatsäch-
Zentralbankgeld an die Banken, die ja bekanntlich sogar lich zum Schuldenmachen gezwungen! Auf die Hinter-
bei den heutigen niedrigen Zinsen immer noch zögern, gründe dieses Verschuldungszwanges, das Überwachstum
im Interbankengeschäft verstärkt aktiv zu werden. Wahr- der Geldvermögen, gehen die heute gegen die Schulden-
scheinlich will Buiter mit dem Vorschlag der Minuszinsen bremse protestierenden Professoren jedoch mit keinem
vermeiden, dass die Zentralbanken ihre Steuerungsmög- Wort ein. Noch weniger auf die Ursache dieses Dilemmas,
lichkeiten ganz verlieren, mit denen sie, über den Geld- nämlich die dauernd positiven und über den Wachstumsra-
und Interbankenmarkt, die Vorgänge in der Wirtschaft zu ten liegenden Zinsen. Dabei haben wir diesen Fehlentwick-
beeinflussen versuchen, wie das in Japan seit fast 15 Jah- lungen im monetären Bereich die ganzen Miseren unserer
ren der Fall ist. Tage zu verdanken!

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