Está en la página 1de 1

12

ÖSTERREICH

10. JANUAR 2013

DIE ZEIT

N o 3

Fotos: action press; privat (u.)
Fotos: action press; privat (u.)

Emigrieren statt protestieren: Die Jugenddemos von Madrid sind der Resignation gewichen

Neue Bürger aus dem Süden

Die Krise zwingt Abertausende Spanier zum Auswandern. Österreich wird als Ziel immer beliebter VON RICARDO DOMÍNGUEZ

Madrid

S herezade Moñino zögert. »Ich aß

Schnitzel mit

Pommes«, sagt sie

dann, und ihre Deutschlehrerin Ute

Krogmann lächelt. Jeden Samstagmor-

gen kommt die 22-Jährige zum Deutsch-

unterricht an das Madrider Goethe Institut. Dieses Mal erzählt sie von einem Besuch in Wien und ihrem Vorstellungsgespräch am Vienna Biocenter. Die Biologin will Spanien verlassen. Ihr Freund Alberto, ein studierter Sportlehrer, unterstützt sie dabei: Seine monotone Arbeit in einem Callcenter hat er gründlich satt. Sie wollen zusammenziehen und einen Arbeitsplatz finden, der ihrer Qualifika- tion entspricht. Gemeinsam wollen sie wie aber- tausend andere Spanier ihr Glück im Ausland su- chen. Österreich wird in der Migrationswelle, welche die Wirtschaftskrise ausgelöst hat, immer mehr zu einem attraktiven Ziel. Seit Januar 2011 hat fast eine Million Menschen Spanien verlassen. Zwar ist die Mehrheit davon Aus- länder, die während der Zeit des großen Wirtschafts- booms zum Arbeiten auf die iberische Halbinsel gekommen waren, doch es sind auch immer mehr Spanier darunter; laut Statistik 117 523 Personen, und viele von ihnen sind jung. Die Arbeitslosenrate in Spanien liegt bei 25 Prozent: Fast jeder zweite Ju- gendliche hat keine Arbeit. Mittlerweile hat sich die Empörung, die sich im Sommer bei den Massen- protesten an der Puerta del Sol entlud, in Resignation verwandelt – und in die Sehnsucht, ein Land zu ver- lassen, das den neuen Generationen immer weniger Möglichkeiten bieten kann. Fast alle haben wir Freunde oder Familienmitglieder, welche sich in diesen Tagen davongemacht haben. Und fast allen geht uns zumindest der Gedanke durch den Kopf, Spanien zu verlassen. Wohin? »Österreich ist die große Unbekannte in Europa, die im Schatten Deutschlands steht«, findet Shereza- de, die gerade ihre Diplomarbeit in Molekularbiolo- gie schreibt. »Aber Wien soll ja weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität sein«, fügt Alberto hin-

zu. Beide wussten so gut wie nichts über Österreich, bis Sherezade ihr Stipendium für eine Doktorats- stelle in Wien bekam. Zuvor hatte die Spanierin ei- nige Österreicher während ihres Erasmus-Studien- jahres in Manchester kennengelernt: »Die Österrei- cher sind freundliche und respektvolle Menschen, mediterraner als die Deutschen, und ihr soziales Bewusstsein kann sich mit dem der nordischen Län- dern messen.« Eine Dissertation in Spanien kommt für sie nicht infrage: »Dann müsste ich an Projekten meiner Vorgesetzten arbeiten und mich für ein pre- käres Gehalt ausbeuten lassen. In Österreich kriegt man einen anständigen Vertrag.« Eine Kollegin von ihr müsse sich noch dafür bedanken, dass sie magere 400 Euro im Monat für mehr als 40 Wochenstunden Arbeit in einem re- nommierten Zentrum für Molekularbiologie er- hält. Resignation und Empörung spiegeln sich in Sherezades Gesicht. »Wie viele Biologen hier der- zeit wohl Pizza ausliefern?«, ätzt Alberto. Die horrenden Arbeitslosenzahlen haben aber auch mit Fehlern im Bildungssystem zu tun. Eine neue Reform soll dabei helfen, die starken Bildungsunter- schiede auszugleichen: zwischen jenen, die einen höheren Abschluss haben, und denen, die ihre Aus- bildung frühzeitig abbrechen. Letztere wurden die Generation »ni-ni« (»weder noch«) getauft, weil sie weder studieren noch arbeiten. Genau diese Genera- tion hat Spanien an die Spitze der europäischen Län- der mit den meisten Schulabbrechern katapultiert. Jeder dritte Spanier zwischen 15 und 24 Jahren bricht laut einer Unesco-Studie seine sekundäre Ausbildung ab. Dem gegenüber stehen die Studenten: Sie inves- tieren in lange Karrieren, ohne genau zu wissen, wozu das dienen könnte und ob es überhaupt zu etwas taugt. Im Oktober lag die Quote der arbeitslosen Akademi- ker bei 12,4 Prozent – im Vergleich zu rund 5,2 Pro- zent im EU-Durchschnitt. Theoretisch gewinnt man beim Studieren die Fähigkeit, mehr aus sich zu ma- chen, doch in der Praxis ist es ein Tappen im Dunklen. Ich selbst schreibe diese Zeilen als Dienstleister – ohne großes Vertrauen in die Zukunft, den Blick längst auf

Tätigkeitsbereiche mit mehr Sicherheit gerichtet. Ich bin sogar überzeugt, dass mein Uni-Abschluss in Journalismus mit jedem Tag, der verstreicht, an Wert verliert: Deshalb habe ich vor ein paar Monaten damit begonnen, nebenbei als Reiseführer für Touristen zu arbeiten. Ich habe Frau und Kind. Nun hat auch Österreich sein Interesse an den spanischen Auswanderern entdeckt. In Schlüssel- bereichen der Wirtschaft werden Fachkräfte und Ingenieure benötigt. Im Fremdenverkehr und Tourismus sind jedes Jahr zahlreiche Stellen zu be- setzen. Laut Michael Spalek, dem Wirtschafts- delegierten an der österreichischen Botschaft in Madrid, sind spanische Fachkräfte im Ausland gefragt. Vergangenen Herbst hatte das Außenhandelsbüro in Madrid im Rahmen der Aktion »Technology Wizards« 13 österrei- chische Unternehmen mit spanischen Ingenieuren zusammengebracht. Ex- trem positiv sei das Resultat gewesen, erzählt Spalek. Mehr als 2000 Bewer- ber hätten ihren Lebenslauf einge- sandt.

Mitte Oktober lancierte die Öster- reichische Hoteliervereinigung eine Kampagne, um Arbeitskräfte für

5000 offene Stellen zu finden – vor- wiegend Kellner, Küchengehilfen und Reinigungskräfte. Aufgrund der vielen Bewerbun- gen stürzte die Homepage ab, und die Telefonlei- tungen der Botschaft waren über mehrere Tage blockiert. Auch für die 90 Mitarbeiter des Madrider Goe- the-Institutes war es ein anstrengendes Jahr: 7000 Madrilenen haben sich 2012 für einen Deutsch- kurs eingeschrieben; vor sieben Jahren waren es gerade einmal 3000. María Teresa Rocha, die Lei- terin des Österreichischen Kulturforums Madrid,

bekommt immer mehr Anfragen nach Stipendien in Österreich, nach Hochschulen, Lehrgängen und Doktoratsstellen. Die Kürzungen im Kulturbereich

haben auch die Zahl von Künstlern ansteigen las- sen, die anrufen, um ihre Projekte vorzustellen, in der Hoffnung, sie irgendwie finanzieren zu kön- nen. »In vielen Fällen gibt es einen Österreich- Bezug«, sagt Rocha. »In anderen Fällen biegen die Künstler ihre Arbeit einfach in diese Richtung.«

Die besten Chancen im Ausland haben natürlich jene Spanier, die gut ausgebildet sind und Sprach- kenntnisse besitzen. Menschen wie der 37-jährige Architekt Roberto Rodríguez. Er ist einer von jenen 4120 Spaniern, die bereits in Österreich leben. Ein Drittel von ihnen ist nach Auskunft der spanischen Botschaft in Wien erst in den letzten beiden Jahren zugewandert. Roberto kam 2009 mit seiner Frau und drei Kindern nach Salzburg; das vierte Kind wurde bereits in Österreich geboren. In den Jahren vor dem Crash in Spanien hatte er sich vor Arbeit kaum retten können. Der Bausektor brummte, von 2002 bis 2008 sprudelten die Aufträge geradezu – bis die Immobilienblase mit lautem Getö- se zerplatzte. »Die Bauträger ließen uns wissen, dass sie erst einmal alle leer

stehenden Wohnungen verkaufen müssten, bevor sie neue Aufträge an-

gehen könnten. Einige bereits einge- reichte Projekte wurden nie bezahlt.« Seine Situation in Österreich ist jetzt eine ganz andere. Hier sei der Markt stabil. Mit einem österreichischen Kollegen gründete er das Architekturbüro Haro Architects. Die Umsatz- zahlen reichten nicht an die »goldenen Zeiten« der spanischen Blase heran, doch die Geschäfte liefen zufriedenstellend. »Wir können sehr gut leben, das ist eine prägende Erfahrung für mich. Und wir ha- ben einen großartigen Ort gefunden, um unsere Kinder großzuziehen.« Während der Sozialstaat in Spanien im Zuge der Krise abgebaut wird, gibt es in Österreich Kindergeld, Familienbeihilfe, keine Schulgebühren, keinen Numerus clausus. Auch das ist für junge Familien ein schlagendes Argument.

Auch das ist für junge Familien ein schlagendes Argument. Ricardo Domínguez, 28, Journalist und Fremdenführer in

Ricardo Domínguez, 28, Journalist und Fremdenführer

in Madrid

Doch die Zahl jener Spanier, die unter wesent- lich schlechteren Voraussetzungen ins Ausland ge- hen, hat sich ebenfalls erhöht. Niemand weiß das besser als Francisco Gutiérrez aus Valencia. Er hat als Fahrer bei einer Buslinie für Fernreisen gearbei- tet, bis er seinen Job verlor. »In den letzten Jahren habe ich viele Leute mit Koffer und nicht mehr als 3000 Euro im Gepäck mitgenommen. Nach einem Monat waren sie schon wieder auf der Rückreise.« Mit seinen 38 Jahren bekommt der Familienvater eine Mindestbeihilfe für Langzeitarbeitslose von 400 Euro pro Monat. Auch er hat seinen Lebens- lauf an das österreichische Kulturforum geschickt, wohl wissend, dass sein Profil nicht zu den An- geboten passt. Doch er will um jeden Preis weg, jede Arbeit annehmen. Österreich müsse es aber nicht unbedingt sein. Genauso gut würde er nach Deutschland, Frankreich oder Belgien gehen. Francisco und Roberto, der Arbeitslose und der Architekt, sind zwei konträre Beispiele für dasselbe Phänomen. Sherezade und Alberto, die Molekular- biologin und der Sportlehrer, sind als Nächstes an der Reihe, ihr Glück im Ausland zu probieren. Mit ihrer Deutschlehrerin bereiten sie sich auf das Un- bekannte vor. Gemeinsam versuchen sie sich aus- zumalen, wie es in Zukunft sein wird. In Österreich. Wenn dort ihr erstes Kind zur Welt kommt. Wir, die zurückbleiben, machen schon keine langfristigen Pläne mehr. Gerade ich als Journalist bin mehr als andere an meine Muttersprache gebunden. Wenn sich die wirtschaftliche Situation nicht bald ändert, werden aber auch wir an der Reihe sein. Die Zeit, die Spanien braucht, um aus der Krise zu kommen, wird darüber entscheiden, ob der Aderlass nur ein vorüber- gehender Verlust ist oder ob ein Exodus daraus wird – vergleichbar mit jenem in den sechziger Jahren, als Spanier massenweise vor allem nach Deutschland gingen. Nach den Prognosen der Regierung wird die Rezession 2013 weiter andauern. Oder anders aus- gedrückt: Es wird erneut ein Jahr der Auswanderer.

Aus dem Spanischen von ANGELA E. MÜLLER

A

5× DIE ZEIT für nur € 13,– testen. Exklusiv für Leser in Österreich Ich teste
5× DIE ZEIT für nur € 13,– testen.
Exklusiv für Leser in Österreich
Ich teste DIE ZEIT 5 Wochen lang für nur € 13,– statt € 21,50 im Einzelkauf und erhalte mein
Geschenk. Zudem erhalte ich den kostenlosen Newsletter ZEIT-Brief. Wenn ich mich nach der
4. Ausgabe nicht melde, beziehe ich DIE ZEIT 52× im Jahr für zzt. nur € 3,85 pro Ausgabe frei
Haus statt € 4,30 im Einzelkauf. Ansonsten reicht eine formlose Mitteilung an den Leser-Service.
Mein Geschenk darf ich in jedem Fall behalten. Der Versand erfolgt nach Eingang der 1. Zahlung.
Angebot nur in Österreich gültig. Auslandspreise auf Anfrage.
Mein Wunschgeschenk: ZEIT-Uhr »Elegant«
(Bitte nur ein Kreuz machen)
Damenuhr
Herrenuhr
Name / Vorname
Jetzt 5× DIE ZEIT
für nur € 13,– testen!
Straße / Nr.
Stiege
Stock
Tür
PLZ / Ort
Telefon
Ihr
E-Mail
Geschenk
Ich zahle per Bankeinzug und erhalte zusätzlich 2 weitere Ausgaben der ZEIT kostenlos!
Erleben Sie die Welt mit der ZEIT
aus einem anderen Blickwinkel.
Freuen Sie sich jede Woche auf die
große Vielfalt an internationalen
Kontonummer
Bankleitzahl
Themen und Meinungen sowie
auf drei exklusive Österreich-Seiten!
Geldinstitut
Ich zahle per Rechnung
Ich bin Student und spare nach dem Test sogar über 31 % (zzt. nur sFr 5.– pro Ausgabe).
Meine gültige Immatrikulationsbescheinigung liegt bei. Zusätzlich erhalte ich als Student
6× pro Jahr ZEIT CAMPUS, das Studentenmagazin der ZEIT.
Ja, ich möchte von weiteren Vorteilen profitieren. Ich bin daher einverstanden, dass
mich DIE ZEIT per Post, Telefon oder E-Mail über interessante Medienangebote
und kostenlose Veranstaltungen informiert.
ZEIT-Uhr »Elegant«
Exklusive Uhr aus der ZEIT-Kollektion im
eleganten Design. Mit präzisem Qualitäts-
quarzwerk, schwarzen Indizes auf weißem
Zifferblatt und stilvollem PU-Lederarmband.
Als Damen- oder Herrenmodell.
Datum
Unterschrift
DIE ZEIT, Leser-Service, D–20080 Hamburg
www.zeit.de/probeabo
+49180 / 58 61 00 09* +49180 / 52 52 908*
abo@zeit.de www.zeit.de/probeabo
* Bitte jeweilige Bestellnummer angeben
939578 H5/H7 · 939585 Stud.H5/H7