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12. Jahrgang, Nr.

137 Juni 2009

RotFuchs
Tribüne für K om m u n i s t e n und S oz i a l i s t e n in Deutschland

In der BRD angekommen?


W enn die selbsternannten Eliten der BRD
von früheren DDR-Bürgern verlangen, sie
müßten endlich im Staat der Hundts und Acker-
besitzt. Ein dadurch blinder und tauber Pro-
letarier aber wird zum Spielball sozialer und
politischer Korrumpierbarkeit.
manns „ankommen“, dann ist das blanker Hohn. Auch ein anderer Faktor trägt zur Nichtentwick-
In Wirklichkeit meinen sie ja etwas ganz anderes: lung oder Verkümmerung von Bewußtheit bei:
Die „Ostler“ sollten sich – ideologisch nackt und Trotz aller Verelendungs- und Krisenzeichen lebt
entwaffnet – zum als „freiheitlich-demokratische die Mehrheit der deutschen Lohnabhängigen
Grundordnung“ mit „sozialer Marktwirtschaft“ noch immer auf dem Niveau der internationa-
verklärten kapitalistischen System bekennen. Das len Arbeiteraristokratie. So werden zwar öko- I n h a lt
fordert man übrigens seit Jahr und Tag auch von nomische Konflikte ausgetragen, ein politischer
all jenen im Westen, welche ebenfalls niemals Generalangriff auf die Festen des Kapitals aber  Seite
in dieser Gesellschaft brutalster Ausbeutung erscheint vorerst wenig wahrscheinlich. Es fehlt Kostenfreie Beratung von unten 2
Wie polnische Kommunisten den
der meisten und schamlosester Bereicherung eine massengestützte revolutionäre Partei.
„RotFuchs“ sehen 3
Weniger angekommen sind. Es wäre grotesk Wie verhält es sich nun mit dem „Ankommen“ der
Sozialismus als „Tagesaufgabe“ 4
gewesen, Max Reimann oder Herbert Mies so Ostdeutschen in der BRD? Auch in dieser Hinsicht Heinz Scheuer und die SPD 4
etwas anzutragen! darf man keine Illusionen haben: Es mangelt Harry Nick redet Tacheles 5
Worum geht es? Ohne Zweifel handelt es sich um nicht an Angepaßten und Mantelwendern. In Zynische Spiegelfechterei 6
den Kern der Dinge: die Klassenfrage. Sie ein- der aufgeschwemmten, inhaltlich immer mehr Die Dollarkrise in australischer Sicht  7
deutig beantworten zu können, erfordert mehr verwässerten Massenpartei der 2,3 Millionen Bestseller zum „Mauerfall“ 8
als gesunden Menschenverstand. Der Kompaß, SED-Mitglieder gab es dafür zunehmend einen Das Geheimnis des Franz Masanetz 9
der aus dem Labyrinth herausführt, heißt Klas- Nährboden. Die glitzernde BRD-Scheinwelt mit Mitgestalter im Zeugenstand: Erich
senbewußtsein. ihrem Überangebot an Waren trug dazu bei, breite Buchholz zum Strafrecht der DDR 10
Natürlich stellen wir uns der Realität, wider Bevölkerungsschichten der bürgerlichen Sicht- Das entscheidende Kettenglied 11
Willen Bürger der BRD geworden zu sein. Deren weise zuzuführen. Die Wahlergebnisse seit dem Wie Hermann von Berg
Staatsmacht aber haben wir aus gutem Grund März 1990 widerspiegeln das. Menschen ohne den „Spiegel“ bediente 12
stets als die politische Herrschaft unserer tiefere Wurzeln im Sozialismus, vor allem Jüngere, Walter Ruge: Bringeschuld 13
Klassenfeinde betrachtet. Wir halten uns indes haben sich als manipulierbar erwiesen. Max Zimmering über den 17. Juni 14
an das geltende Recht, wobei wir wissen, daß Dennoch blieben bei vielen wichtige Erkennt- In der Höhle des Löwen 15
Gehlens und Globkes „Rechtsstaat“ 15
auch dieses nur der zum Gesetz erhobene Wille nisse bewahrt. So schrieb Jens Müller aus Nord-
Böhmer: Mehr Verständnis
der herrschenden Klasse der BRD ist. Da wir hausen in „Neuland“: „Hätte ich die DDR nicht
für Westinteressen! 16
nicht zu den Träumern gehören, ziehen wir das bewußt erlebt, dann hätte ich mich besser mit Besorgter Brief aus Thüringen 16
Geflecht seiner oftmals gegen uns gerichteten dem Kapitalismus arrangieren können. Aber
n Darf es ein bißchen
Normen nüchtern ins Kalkül. Denn Staat und meine sozialen und politischen Sinne waren
DDR sein? RF-Extra I
Recht der DDR, die objektiv auch den Interessen geschärft. Was wir in der DDR in Staatsbürger-
n Das grüne Ungeheuer RF-Extra III
der Arbeitenden im Westen entsprachen, sind kunde und ML über dieses wunderschöne kapi-
mit der Konterrevolution von 1989/90 unterge- talistische System gelesen und gelernt haben, Etikettenschwindel: „Fair Trade“ 17
„Schweinegrippe“ –
gangen. Die nicht zuletzt durch eigene Schuld war völlig richtig.“
Epidemie des Profits 18
erlittene schwere Niederlage der sozialistisch- Besonders Ältere haben inzwischen etliche
Die NATO im Brennglas 19
kommunistischen Kräfte Europas, vor allem aber Anfangsillusionen über Bord geworfen. Und Wie repräsentativ ist die EL? 19
die dabei verspielte historische Chance werden viele von jenen, welche ideologisch fast schon Colombos Krieg gegen Tamilen 20
uns noch lange zu schaffen machen. in der BRD gestrandet waren, durchschauen Irak: Historischer Schuhwurf 20
Wir wenden uns gegen alle Versuche, das niemals unterdessen die hohlen Versprechungen. Sie Afghanistan: Schlafmohn über alles 21
zu einer wirklichen Verfassung gewordene Pro- zweifeln an früheren Überlegungen und man- Linksruck in El Salvador 22
visorium Grundgesetz noch weiter auszuhöhlen. chen voreiligen Schlüssen. China zu
Das Paradoxe der Situation besteht darin, daß Für uns Kommunisten, Sozialisten und andere USA-Menschenrechtsdefiziten 22
jene, welche im bundesdeutschen Kapitalismus Linksgesinnte aber gilt: Wir werden den Macht- Seele eines Migrantenkindes 23
gar nicht politisch „ankommen“ wollen, ange- habern der BRD nicht ins Netz gehen, bleiben Verzerrte Fernsicht 24
sichts der wachsenden Bedrohung der bürger- wir doch nach gewissenhafter Bilanzierung von Omis Denkanstöße 24
lichen Demokratie zu deren entschiedensten Plus und Minus der Erfahrungen mit Sozialis- Der „Fall Strittmatter“ 25
Verteidigern geworden sind. mus und Kapitalismus unverrückbar bei den Im Blätterwald der U-Bahn 26
Wir wären unredlich, würden wir behaupten, fundamentalen Erkenntnissen von Marx, Engels Walter Meyer: Epilog  26
die Mehrheit der früheren DDR-Bürger und der und Lenin. Wie könnten wir da ausgerechnet bei Apropos FKK 27
überwältigende Teil der Alt-BRDler identifi- Merkel, Westerwelle, Steinmeier oder Seehofer Elfriede Brüning: Korrespondenz
eines Dreivierteljahrhunderts 27
ziere sich nicht mit dem bestehenden System. unser Heil suchen?
Archie und das Kaiserschloß 28
Wir sehen uns vielmehr mit der Tatsache kon- In der BRD angekommen? Die Frage beantwortet
Leserbriefe 29
frontiert, daß eine Überzahl Ausgebeuteter in sich für uns wohl von selbst. Grafik des Monats 32
diesem Land derzeit kein Klassenbewußtsein Klaus Steiniger
Seite 2 RotFuchs / Juni 2009

Kostenfreie Beratung von unten


Brief eines nordfriesischen Lohnsteuerzahlers an die Regierenden

I ch möchte mit Ihnen einen Beratungs-


versuch starten, auch wenn ich vermute,
daß Sie sich wie in der Vergangenheit als
auch etwas vornehmer formulieren: „Ban-
ken in Insolvenz gehen lassen – Manager
rausschmeißen.“ So ähnlich hat es James
parlamentarische. Es empört mich, wie
die politisch Verantwortlichen faktisch am
Tod vieler tausend armer Menschen – vor
beratungsresistent erweisen werden. Sei’s Galbraith im Februar d. J. formuliert. allem durch unterlassene Hilfeleistung –
drum. Hören Sie mir erst einmal zu. Ich ver- Es reicht völlig aus, wenn nur die Spar- ständig das Scheinargument bemühen: Es
sichere Ihnen, daß meine Erwartungshal- einlagen der kleinen Leute abgesichert ist kein Geld da. Damit haben sie uns ange-
tung Ihnen gegenüber so gering ist, daß Sie werden. Und wer so verblendet war, sich logen und tun es immer noch. Kein Geld
mich kaum enttäuschen können. Ich werde Traumrenditen einreden zu lassen und für die Beseitigung von Hunger und Not.
auch gar nicht weiter auf die überführten sogar noch an den sicheren Erfolg dieses Kein Geld für die Versorgung der Kranken.
Steuerhinterzieher (Zumwinkel & Co.), Puff- Vabanquespiels geglaubt hat, soll ruhig Kein Geld für die Überwindung der Kin-
reisen vermittelnde Gewerkschaftsdiskredi- einmal in die Röhre gucken. Damit ein für derarmut. All dies Eingesparte geht nun
tierer (Hartz I bis IV) und andere Delinquen- allemal klar ist: Kohle, Moneten, Zaster etc. an die Banker.
ten eingehen, die bei früheren Regierungen vermehren sich nicht durch Zellteilung. Es ist bestätigend, aber nicht tröstend, daß
Ihrer Couleur nicht nur ein offenes Ohr Geld(vermögen) wächst entweder durch das Luxemburg-Wort „Sozialismus oder
gefunden, sondern deren praktische Rat- Arbeit oder durch Raub. Auch wenn die bit- Barbarei“ sich so qualvoll manifestiert.
schläge Sie uns bedingungslos zugemutet tere Realität einer kapitalistischen Gesell- Denn dieses System vernichtet nicht nur
haben. Da muß es doch erfrischend sein, von schaft diesen legitimiert und den Räuber Geld und materielle Ressourcen. Es tötet
einem ehrlichen Lohnsteuerzahler beraten sogar noch fördert, bleibt der Akt schamlos auch Menschen und zerstört deren Chancen.
zu werden. Zumal wir kleinen Leute ja mit und unmoralisch. Auch dann, wenn man Durch die Umverteilung des gesellschaftli-
einem Drittel des gesamten Steueraufkom- nur ein Stück vom Raub abhaben möchte. chen Reichtums von unten nach oben wird
mens die Stütze des Staatswesens sind. Ich Ausnahmen gelten für die Beraubten, die den Bedürftigen, den Kranken, den Alten
bin zutiefst bestürzt, daß Sie mit den über selbstverständlich berechtigt sind, sich sowie den Kindern eine menschenwürdige
100 Mrd. Euro für die „Hypo-Real“ bereits das Geraubte zurückzuholen. Den Räu- Existenz verwehrt.
80 % des gesamten Lohnsteueraufkommens bern aber muß man auf die Finger schla- Auf der anderen Seite sehen wir, wie asozi-
eines Jahres den Bankrotteuren zugeschanzt gen, statt dieses kriminelle Verhalten auch alen Kreaturen, die diese Krise herbeigeführt
haben. Wenn das so weitergeht, müssen wir noch zu dulden oder gar zu fördern. Den haben, weiterhin ein Leben in Saus und Braus
Insolvenz anmelden und Sie samt Hofstaat großen Gangstern sollte man überdies die zugebilligt wird. Nein, wir vergessen nicht,
vorzeitig entlassen. Jedenfalls möchte ich Hände fesseln, damit die durch das kapita- wer die Freizügigkeit für die Geschäftsprak-
meine Pro-Kopf-Verschuldung nicht noch listische System ausgelösten Pawlowschen tiken der Banken und Investmentklitschen
weiter in die Höhe getrieben sehen, nur Reflexe geldgierigen Speichelflusses nicht erst ermöglicht hat. Wir sehen auch, daß die
um HRE und Ihnen die Fortsetzung einer abermals angeregt werden. Täter als Berater der Regierung nicht nur
Party zu gewährleisten, die längst schon Ich würde gerne jeden verantwortlichen weiterhin gefragt sind, sondern die Pakete
zu Ende sein müßte. Akteur, der meine/unsere Steuergelder so selbst mitschnüren. Langfristig eingefä-
Zur Sache: Beratungsanlaß ist das harmlos maßlos verschleudert und die Verschuldung delt von der früheren Regierung aus SPD
klingende „Bankenrettungspaket“. Ober- jedes einzelnen in schwindelerregende und Grünen, nun forciert von der jetzigen
flächlich vermittelt es durch die geschickte Höhen treibt (allein die für die „Hypo-Real“ CDU/CSU-SPD-Koalition, teils unter dem
Wortwahl zunächst den Eindruck von etwas reservierten Gelder machen bei unserer Beifall der FDP, die noch dazu so tut, als
Positivem. Doch betrachten wir es näher. vierköpfigen Familie ein Verschuldungs- sei sie oppositionell. Welch übles Spiel wird
Bildlich gesprochen ist das Verfahren mit potential von 4950 Euro) gehörig züchti- da mit uns getrieben? Nicht die Schaffung
dem Hütchen-Spiel vergleichbar. Unter gen. Da ich das aber nicht darf, muß ich von „bad banks“ (faulen Banken), sondern
einem Hütchen befindet sich ein Tender, mich leider im Zaum halten. Es wäre auch die schnellste Entsorgung von „bad govern-
vollbeladen mit Kohle – unseren Steuer- nur eine trügerische Befriedigung. Doch ment“ (einer schlechten Regierung) ist das
geldern. Sie liegt auf Abruf zum Verfeuern ich kenne wirklich erfolgversprechende Gebot der Stunde.
bereit, ein Teil davon ist schon im Heizkessel. Mittel. Auch, aber bei weitem nicht nur Niki Müller, Friedrichstadt
Bestimmungsbahnhöfe sind verschiedene
Großbanken und deren Manager. Unter
einem zweiten Hütchen steckt ein zusätz-
liches Geschenkpaket für die Reichen und
Wessen sollten wir uns rühmen, wenn nicht der DDR?
Superreichen. Der Rest sind Leerverkäufe, (Peter Hacks)
also leere Hütchen. Der regierenden Spiel-
leitung stehen verschiedene hochdotierte Verein und Redaktion laden Mitglieder, Leser und Freunde des RF für den
Assis (Berater und andere Lobbyisten) zur 26. September um 10 Uhr in den Münzenberg-Saal des ND-Gebäudes, Berlin,
Seite. Wir Bürger werden zum Mitspielen Franz-Mehring-Platz 1, zu einer
angeregt. Wir sollen unsere schrumpfenden
Löhne und Sozialabgaben einsetzen. Einige Zentralen Veranstaltung
machen, wie alkoholisiert, freiwillig mit, aus Anlaß des 60. Gründungstages
die meisten werden durch verführerische
Animation dazu genötigt, der Rest besteht der Deutschen Demokratischen Republik
aus Zwangsrekrutierten. herzlich ein.
Bei diesem verbotenen Glücksspiel ist
selbst mit viel Glück auf Dauer nichts zu Es spricht der Vorsitzende des RF-Fördervereins Rolf Berthold. Ein Auftritt des
gewinnen. Aber es gibt Alternativen, die Singeclubs Ernesto Che Guevara (Dresden) und Ausschnitte aus DDR-Dokumen-
sozial ausgewogen und realisierbar sind. tarfilmen geben der Veranstaltung ihr Gepräge.
Überdies erfolgversprechend. Die Regie-
Unterstützer sind die DKP Berlin, die Kommunistische Plattform der Partei Die
rung könnte z. B. ein Fax in die Chefetagen
mit der Aufschrift senden: „Die Party ist Linke, Berlin, die DKP Brandenburg, die KPD und andere linke Organisationen.
vorüber!“ Das hätte etwas! Man kann das
RotFuchs / Juni 2009 Seite 3

Intelligent und listig wie ein Rotfuchs


Aus „Brzask“ (Morgenröte), Organ der Kommunistischen Partei Polens (KPP)

S eit dem 1. Februar 1998 erscheint in


Berlin die Monatszeitschrift „RotFuchs“,
„Tribüne für Kommunisten und Soziali-
sionen sowie die bisherige publizistische
Tätigkeit stellen den „RotFuchs“ ganz auf
die Seite der konsequenten Linken, wo er
auch immer mehr junge Leute zu sammeln.
Der RF wurde für sie alle zu einer eigenen
politisch-ideologischen Heimat.
sten in Deutschland“, wie es im Untertitel bedeutende Resultate erzielt. Es ist zu betonen, daß die Initiative des
heißt. Die Zeitschrift schart nicht nur auf- Die Zeitschrift steht auf einem hohen theo- „RotFuchs“ nicht nur in den ostdeutschen
opferungsvolle Mitarbeiter der Redaktion retischen Niveau, greift zahlreiche Themen Bundesländern – auf dem Gebiet der frü-
und eine Vielzahl berühmter Federn um der gegenwärtigen Entwicklung des Mar- heren DDR – Fuß faßt. In immer stärke-
sich, sondern auch erfahrene Layouter, xismus-Leninismus und seiner Geschichte rem Maße wird er auch zur Plattform für
Korrektoren, Techniker und Drucker. Eine sowie brennende Probleme der deutschen Kommunisten und Sozialisten in West-
vieltausendköpfige Leserschaft ist heran- und internationalen Arbeiterbewegung auf. deutschland.
gewachsen. Dr. Klaus Steiniger arbeitet seit Einen wichtigen Teil der Aktivitäten des Am Rande dieser Information sind die inter-
Anbeginn als Chefredakteur. Zu DDR-Zeiten RF nimmt die Bewertung der Errungen- nationalen Aktivitäten der Zeitschrift eine
war er anfangs Jurist, später Redakteur schaften der Deutschen Demokratischen Notiz wert. Sie finden ihren Ausdruck u. a.
und Auslandskorrespondent der Zeitung Republik sowie die organisatorische und in ständigen Kontakten mit vielen auslän-
„Neues Deutschland“, der u. a. aus den USA, ideologische Situation in den kommu- dischen Mitarbeitern und Korrespondenten,
Portugal und Lateinamerika berichtete. nistischen und sozialistischen Parteien z. B. in der früheren UdSSR, China, Grie-
Bei dieser Gelegenheit sei angemerkt, daß Deutschlands ein. Es gibt auch eine Viel- chenland, Australien, auch in Polen sowie
Klaus als Junge unmittelbar nach dem Krieg zahl von Informationen und Analysen zu in anderen europäischen Ländern. In den
in Karpacz (Krumm- Spalten der Zeitschrift
hübel) lebte, wo sein erscheinen tiefgründige
Vater, ein Kommunist Analysen zu brennen-
und Antifaschist, bis den internationalen
zur Aussiedlung der Problemen wie Berichte
Deutschen aus diesen über Konferenzen, Par-
Gebieten Bürgermei- teitage usw.
ster war. Es ist zu unterstrei-
Die Zeitschrift errang chen, daß die Regio-
eine bedeutende Position nalgruppen zu ihren
im Feld linker Publika- Veranstaltungen auch
tionen Deutschlands. ausländische Gäste
Sie präsentiert sich als nicht parteigebunden, China, Kuba und anderen Ländern. Artikel einladen. So hielt Prof. Zbigniew Wiktor
ist jedoch parteilich. Mit anderen Worten: über den zeitgenössischen Imperialismus (Wrocław) Ende Januar bei zwei Gelegen-
Sie identifiziert sich nicht mit den verschie- und dessen Widersprüche wie auch über heiten Vorträge in deutscher Sprache zum
denen kommunistischen und sozialistischen die Situation in den Staaten der früheren Thema „Die organisatorische Situation und
Parteien in Deutschland, schafft jedoch UdSSR, in Polen usw. die aktuellen Aufgaben der polnischen Kom-
eine organisatorisch-ideologische Platt- Seit über elf Jahren entwickelt und per- munisten“. Das Treffen in Chemnitz (früher
form, um die sich Kommunisten, Sozialisten fektioniert die Zeitschrift ihren journali- Karl-Marx-Stadt), an dem auch Genossen
aber auch andere Vertreter gegenwärtiger stischen Schliff. Es ist ihr gelungen, viele aus Plauen und Zwickau (insgesamt 60 Per-
revolutionär-progressiver Strömungen in bedeutende Journalisten, Wissenschaftler sonen) teilnahmen, fand im traditionellen
Deutschland, Europa und selbst anderer und Künstler nicht nur aus der einstigen „Rothaus“, das linken Organisationen zur
Kontinente sammeln. Ihre Grunddevise DDR zu sammeln, die nach 1989 durch Verfügung steht, statt. Die zweite Begeg-
besteht darin, alles wiederzuentdecken, die Herrschenden der BRD zumeist auf nung war in der „Drogenmühle“ Heidenau
was jene Menschen eint, statt trennt. Wir die Straße gesetzt worden waren. In die- bei Dresden anberaumt. Hier hatten sich
haben einen gemeinsamen Feind, zahlrei- ser Hinsicht erwies und erweist sich die über 40 Genossen eingefunden. Mehr als 20
che Gegner, eben den Imperialismus, Kapi- Situation in Deutschland schlechter als in Fragen wurden gestellt, deren Beantwor-
talismus, Faschismus, Chauvinismus und Polen. Für die machtausübenden Kräfte der tung, einschließlich der Diskussion, den
Nationalismus, Intoleranz und Verfolgung. Bundesrepublik waren nicht nur Kommuni- vorgesehenen Zeitraum von zwei Stunden
In dieser Situation geht es darum, sich über sten und Sozialisten Feinde, sondern auch erheblich überschritt. Die Zusammenkünfte
Meinungsunterschiede hinweg in einer andere Aktivisten beim Aufbau der DDR. wurden vom stellvertretenden Vorsitzenden
einheitlichen Front gegenüber all diesen Zum Feind wurde faktisch die gesamte im der Regionalgruppe Wolfgang Naundorf
inneren und internationalen Bedrohungen Osten Deutschlands ausgebildete sozialisti- (Chemnitz) und vom Vorsitzenden Günther
zu vereinigen. Erinnert wird hierbei auch sche Intelligenz, die mit deutscher Gründ- Strobel (Dresden) geleitet.
an die Gefahr eines Krieges. lichkeit durch die „demokratische“ BRD bis Vorträge und Diskussionen über die Situa-
Um die gesellschaftliche Aktivität der zu den tiefsten Wurzeln zerschlagen und tion der KPP und deren aktuelle Aufgaben
Zeitschrift zu verbreitern, organisierte sie ausgelöscht wurde. zeugten davon, daß sich diese Problematik
einen Verein mit dem Recht zur Schaffung In dieser Situation verhielten sich die Zeit- eines großen Interesses in Kreisen deut-
territorialer Strukturen, die eine umfang- schrift „RotFuchs“ und ihr Förderverein scher Linker erfreut. Zugleich zeigen die
reiche kulturelle und Bildungstätigkeit sehr klug. Nicht ohne Grund ist das Logo Erfahrungen der deutschen Kommunisten
entwickeln. Der „RotFuchs“ läßt in seinen der Zeitschrift ein skizzierter Rotfuchs, und Sozialisten, daß man den Gegnern der
Spalten bekannte politische Karikaturisten der für List und Intelligenz steht. Die sozialistischen Ideologie durchaus wirksam
zu Wort kommen – darunter Klaus Parche. deutschen Kommunisten und Sozialisten begegnen kann. Die Tätigkeit der Monats-
Sie prangern mit ihren Mitteln die Barbarei vom „RotFuchs“ haben es verstanden, das zeitschrift „RotFuchs“ beweist das. Wir
der kapitalistischen Gesellschaft an. Der Regime zu überlisten. Es ist ihnen gelungen, wünschen ihr weiteren Erfolg.
Verein ist keine Partei, doch die politische eine große organisatorische und publizi- Zbigniew Wiktor
und ideologische Linie der Monatszeitschrift, stische Arbeit in Gang zu setzen und zu
die ständig durchgeführten Versammlun- entwickeln, in ihren Reihen viele Tausende Übersetzung aus dem Polnischen: Stefan
gen, die interessanten Vorträge und Diskus- nicht nur der älteren Generation, sondern Waryński
Seite 4 RotFuchs / Juni 2009

Hannover 1946: Sozialismus als „Tagesaufgabe“


A ngesichts des Einstürzens so vieler Karten-
häuser des Kapitalismus und der sich immer
mehr vertiefenden Krise seines Systems ist es
rakters, Unternehmungen, die eine bestimmte
Größe überschreiten müssen, verleihen eine
wirtschaftliche und damit eine politische Macht,
Wirtschaftspolitik. Entscheidend für Umfang,
Richtung und Verteilung der Produktion darf
nur das Interesse der Allgemeinheit sein ...
sicher nicht uninteressant zu erfahren, wie die die Freiheit im Staate gefährden kann ...“ – Im Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
CDU und SPD sich die deutsche Gesellschaft Strategiedokument der SPD, angenommen auf erfolgt auf die verschiedenste Weise und in den
nach 1945 vorstellten, welche Richtung sie deren westdeutschem Parteitag in Hannover (9. verschiedensten Formen ...
vorgaben. Auf zwei Dokumente soll hier ver- bis 11. Mai 1946) wurde u. a. festgestellt: „Die Es gibt keine sozialistische Gesellschaft ohne
wiesen werden: Im Ahlener Wirtschaftspro- Sozialdemokratische Partei sieht ... ihre Aufgabe die mannigfaltigsten Betriebsarten und Formen
gramm der CDU vom 3. Februar 1947 hieß es z. darin, alle demokratischen Kräfte Deutschlands der Produktion. Der Sozialismus will soviel
B.: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist im Zeichen des Sozialismus zu sammeln. Nicht wirtschaftliche Selbstverwaltung wie möglich
den staatlichen und sozialen Lebensinteressen nur die politischen Machtverhältnisse, sondern unter stärkster Beteiligung der Arbeiter und
des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. auch ihre ökonomischen Grundlagen müssen Verbraucher ...
Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaft- geändert werden. Sozialismus ist nicht mehr ein fernes Ziel. Er
lichen und sozialen Zusammenbruch als Folge Das heutige Deutschland ist nicht mehr in der ist die Aufgabe des Tages. Die deutsche Sozial-
einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur Lage, eine privatkapitalistische Unternehmer- demokratie ruft zur sofortigen sozialistischen
eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt wirtschaft zu ertragen und Unternehmerprofite, Initiative gegenüber allen praktischen Proble-
und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Kapitaldividenden und Grundrenten zu zahlen. men in Staat und Wirtschaft auf allen Stufen
Neuordnung kann nicht mehr das kapitalisti- Die jetzt noch herrschenden Eigentumsverhält- des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens
sche Gewinn- und Machtstreben, sondern nur nisse entsprechen nicht mehr den sonstigen auf.“ Der heutige Leser mag selbst beurteilen,
das Wohlergehen unseres Volkes sein ... gesellschaftlichen Zuständen und Bedürfnissen. was aus den offenbar auf Massentäuschung zie-
Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muß Sie sind zu dem schwersten Hemmnis der Erho- lenden Programmen beider Parteien geworden
davon ausgehen, daß die Zeit der unumschränk- lung und des Fortschritts geworden ... ist, wie „konsequent“ sie sich an ihre eigenen
ten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei Die von der Sozialdemokratie angestrebte sozia- Versprechungen gehalten haben.
ist ... Unternehmungen monopolartigen Cha- listische Wirtschaft beruht auf einer gelenkten  Dr. Rudolf Dix

Heinz
 
Scheuer und die SPD
Heinz Scheuer, Dreher, aufgeschlossen, die Herren Wels und ihre Leute: Wo blieben jene Konsequenzen,
er kontaktierte den Genossen, „Wo steht die SPD denn heute?“ aus dem Verlust von deutschen Grenzen?
der ihm vertraut seit seiner Lehrzeit, Sie stand als „Arzt am Krankenlager
nun hat der Meister für ihn mehr Zeit. vom Kapital“ – als der Versager. Die SPD hob ihre Hände
Ein Mann, gealtert und in Jahren, Anstatt zusammen mit den Linken im Bundestag für neue Brände.
als Arbeiter parteierfahren. beherzt zur Einheitsfront zu winken, Da müssen Deutsche auswärts sterben,
Er hatte selbst einst als Berater, gefiel man sich im Streit mit diesen, damit die Multis Erze erben.
den SPDler, seinen Vater. was Opfer beiderseits bewiesen. Sich zu vereinen mit den Linken,
Und der war schon zu Kaisers Zeiten Ein Brief der SPD an alle im Kampf nicht nebenherzuhinken,
vertraut mit den Gegebenheiten. verbot Kontakt in jedem Falle gemeinsam notfalls Volksbegehren
mit jedem KPD-Genossen. die Stimmenmehrheit zu bescheren?
Im Reichstag stimmten die Genossen „Zusammenarbeit ausgeschlossen!“ Statt anzutreten als der Kläger,
trotz Warnung Liebknechts unverdrossen Der Meister spricht nun ernst zum Scheuer: da bleibt sie Arzt, kein Totengräber.
für Kriegskredite und zum Morden! „Bezahlen mußten wir das teuer! Heinz Scheuer fragt sich nun bedenklich:
Und was ist endlich draus geworden? Fünf Jahre Krieg! Und Konsequenzen? „Die SPD, tatsächlich kränklich?“
Vier Jahre Krieg! Und Konsequenzen? Millionen Tote! Verkürzte Grenzen!
Millionen Tote! Verkürzte Grenzen! Und Deutschland hungert, ist zerschunden; Wie war das neulich mit der Tante,
Und Deutschland hungert, ist zerschunden; Die SPD – noch volksverbunden?“ die Insolvenzen noch nicht kannte?
Die SPD – noch volksverbunden?   Erst kam der Chef und bat Kollegen,
Von wegen! Denn schon Wochen später Und kaum, der Krieg war grad zu Ende, doch unbedingt noch seinetwegen
ward SPD-Mann Noske Täter. die SPD zeigt keine Wende. dem Unternehmen beizustehen
Er brach, was keimte da im stillen, Ein Ollenhauer hetzt entschlossen, und nur nicht gleich so schwarz zu sehen.
im Volk den hoffnungsvollen Willen: erneut auf KPD-Genossen. „Gemeinsam können wir‘s gestalten,
„Nie wieder Krieg! Gebt uns zu essen!“ Der Antikommunismus tobte. den Pleitegeier fernzuhalten!“
Doch Noske mordete. Vergessen? Ach ja, der Kalte Krieg erprobte, Vergeblich! Alles Hoffen flöten –
  wie könnte man die „roten“ Sichten und selbst die letztverdienten Kröten.
Der Jüngling Scheuer, umgekleidet, im Osten Deutschlands schnell vernichten. Der smarte Insolvenzverwalter,
der Diskussionen selbst nicht meidet, Man sah nur Haß in der Visage. der hat als Kostenumgestalter
sitzt mit dem Meister jetzt zum Zwecke Das Ostbüro macht Sabotage! den Zugriff auf gezahlte Löhne.
in seiner Kneipe „Scharfe Ecke“, Sie schlugen uns so manche Wunden. Für Tantchen ungewohnte Töne.
um nun von einem Zeitgenossen Die SPD – noch volksverbunden? Denn nun soll sie, was sehr verwundert,
zu hören, wie die Zeit verflossen. genau zwölftausendsiebenhundert
„Ach ja!“, spricht der, „dann kam die Krise, Der Meister schweigt, beim Gegenüber den Gläubigern zurückbezahlen.
auch große Banken machten Miese! sind die Gedanken etwas trüber. Die Tante – Opfer von Kabalen!?
Das Kabinett beschloß wie heute, Heinz Scheuer wägt, was er da hörte. Nun arbeitslos, Hartz IV und sauer,
kaum einen Schutz für kleine Leute. Natürlich, Manches von dem störte und ungewiß für welche Dauer.
Die SPD versagte eben die Überlegung des Proleten,
in ihrem angedachten Streben, die Absicht, dennoch beizutreten. Die SPD schlägt solche Wunden
die Notverordnung aufzuweichen, „Die SPD und dies Jahrhundert?“ und nennt sich dennoch volksverbunden?!
den Druck der Massen auszugleichen. Der Meister schaut ihn an – verwundert. Heinz Scheuer kann das nicht verstehen,
Im Sommer, Juni einunddreißig, „Ach Junge, sag, wo siehst du Zeichen, er will nun zu den Linken gehen.
Parteitag, Leipzig, stritten fleißig die eine Änderung erreichen? Hans Horn
RotFuchs / Juni 2009 Seite 5

Harry Nick redet Tacheles


Offener Brief an den SPD-Bezirksvorstand Berlin-Lichtenberg

Herrn Andreas Geisel, Vorsitzender, Ihre aggressiven und verleumderischen müßte, namentlich die Lichtenberger SPD
Herrn Manfred Becker, Fraktionsvor- Medienkampagnen gebrauchen, gelesen? in diesem Jahr der vielen Gedenktage.
sitzender in der BVV Lichtenberg Frage 2: Woher nehmen Sie das Recht, den Frage 6: Die Mitschuld der SPD an der
öffentlichen Auftritt von Autoren verbieten Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl
Zum wiederholten Mal muß ich mich als zu wollen? Sie maßen sich hier die Befug- Liebknecht stand immer außer Zweifel
Moderator der „Lichtenberger Sonntags- nisse von Zensoren an. Sie sollten unserer (siehe z. B. Sebastian Haffners Buch „Der
gespräche“ Ihrer Versuche, diese Gesprä- wiederholten Versicherung vertrauen, daß Verrat“). Nun aber sind kürzlich eindeutige
che zu verhindern, Ihrer unwahren Aus- es in Lichtenberg keine Zensur geben wird. Beweise dieser Mitschuld, der direkten
lassungen über deren Inhalte und Ihrer Wie kommen Sie dazu, den Teilnehmern Mitverantwortung des SPD-„Bluthunds“
ehrenrührigen Äußerungen über die hier der „Lichtenberger Sonntagsgespräche“ Gustav Noske – den Titel gab er sich sel-
Vortragenden erwehren. vorzuschreiben, mit welchen Themen sie ber – an diesem Mord bekannt geworden:
Über unser letztes Sonntagsgespräch sich befassen dürfen und mit welchen (siehe Klaus Gietinger „Der Konterrevolu-
am 22. März war in der Berliner Zeitung nicht? Ich wiederhole, daß wir das nicht tionär. Waldemar Pabst – eine deutsche
vom 24. 3. in einem durch Claudia Fuchs akzeptieren. Karriere“)
gezeichneten Beitrag unter der Überschrift Frage 3: War es, wie ich vermute, Ihre Sollte auch angesichts dessen, daß sich
„SPD kritisiert Linke wegen Vortrag von Anregung, daß Kita und Begegnungsstätte die Gedenkstätte der Sozialisten in Lich-
Heinrich Fink“ folgendes zu lesen: „Die „Sonnenschein“ anläßlich des Kiezfestes im tenberg befindet, die Lichtenberger SPD
SPD Lichtenberg hat der Linkspartei Lichtenberger Fennpfuhl auf großen selbst- im 90. Jahr nach diesem Mord nicht dafür
Geschichtsklitterung vorgeworfen. Anlaß gefertigten Plakaten verlautbarten: „An eintreten, daß die SPD-Mitschuld endlich
ist ein Vortrag des früheren Humboldt-Uni- einem Platz, an dem der DDR-Spionagechef aufgearbeitet und öffentlich eingestan-
Rektors Heinrich Fink, der am Sonntag vor Werner Großmann Platz für gemütliche den wird?
der Lichtenberger Linkspartei über die‚ Sprechstunden hat, können wir leider keine Frage 7: Vor 80 Jahren, am 1. Mai 1929,
,kirchliche Friedensbewegung in der DDR‘ Glücksräder rollen lassen, unbeschwert wurden auf Befehl des Berliner Polizei-
sprach. Fink soll als IM Heiner oppositio- basteln und Kinder schminken.“ präsidenten Zörgiebel (SPD) 31 Teilneh-
nelle Kirchengruppen ausspioniert haben. Meinen Sie nicht auch, daß solche politi- mer an der Maidemonstration erschos-
SPD-Kreischef Andreas Geisel kritisierte, sche Geiselnahme von Kindern eine Unge- sen. Sollte dieser Toten nicht öffentlich
die Linke betreibe Geschichtsaufarbeitung heuerlichkeit ist? gedacht werden? Sollten Sie sich nicht
offenbar gezielt mit Ex-Stasi-Mitarbeitern. Frage 4: Meines Erachtens sind Sie politisch endlich für ein Mahnmal der Erinnerung
Linke-Kreischefin Gesine Lötzsch sah mitverantwortlich dafür, daß am 28. April an sie einsetzen?
,nichts Anstößiges in der Veranstaltung‘. 2008 der Bundeszentrale der Gesellschaft Frage 8: Am 19. Juni 1933 wurden sämtli-
Heinrich Fink hatte die IM-Vorwürfe stets für Bürgerrecht und Menschenwürde in che jüdischen Mitglieder des SPD-Partei-
zurückgewiesen.” der Lichtenberger Weitlingstraße meh- vorstandes „abgewählt“. Ausgeschlossen
Hierzu erkläre ich: rere große Fensterscheiben eingeworfen wurden auch zwei Vorstandsmitglieder,
Herr Professor Fink, Vorsitzender der Ver- wurden. Sehen Sie das auch so? Haben Sie die die Einheitsfrontpolitik mit der KPD
einigung der Verfolgten des Naziregimes dazu öffentlich Stellung genommen, sich gegen den Faschismus befürworteten. Soll-
und des Bundes der Antifaschisten (VVN/ bei der GBM entschuldigt, wenigstens ten Sie nicht über Ihre Politik „Der Feind
BDA), sprach nicht in einer Parteiver- informiert? Es geschah vier Tage, nach- steht links!“ mal nachdenken? Wollen Sie
sammlung der Linkspartei, sondern im dem der BVV der gemeinsame Antrag der diese fortsetzen?
seit 1991 regelmäßig monatlich stattfin- SPD- und CDU-Fraktionen, „stasi-nahen Sollten Sie sich nicht besser den heute
denden „Lichtenberger Sonntagsgespräch“, Vereinen“ jegliche bezirkliche Unterstüt- brennenden aktuellen Problemen zuwen-
einer öffentlichen Veranstaltung. Themen, zung (Stellung von Räumen, Werbung auf den, statt durch Stasi-Hysterie von ihnen
Termine und Vortragende werden von Internetseiten, Auslegung von Faltblättern abzulenken? Empfinden Sie nicht auch,
den Teilnehmern für das jeweils folgende etc.) zu entziehen, mit 25 gegen 25 Stimmen daß die Agenda-2010-Politik und Hartz IV
Sonntagsgespräch bestimmt. Ich gehöre abgelehnt worden war. Es handelte sich um aufs äußerste unsozial sind? Was sagen
wie Heinrich Fink zu den ständigen Mode- eine seit 1992 stattfindende Rentenbera- Sie zu ihrem Bundesarbeitsminister, der
ratoren und habe auch das Gespräch am tung der GBM in einer öffentlichen Biblio- den Ausschluß der Hartz-IV-Bezieher
23. 9. moderiert. Ich lege energischen Pro- thek in Berlin-Lichtenberg. Ob Kinder oder sowohl von den Verschrottungsprämien
test gegen die verleumderischen Äußerun- Rentner, ihre Interessen sind in der Lich- als auch von den Kindergelderhöhungen
gen über Prof. Fink ein. tenberger SPD-Politik offenbar Spielmate- befürwortet?
Zweitens halte ich es für unzulässig über rial eines miserablen politischen Kalküls. Da dieser Brief Sachverhalte betrifft, die
eine Veranstaltung zu berichten, an der man Frage 5: Wie kommen Sie sich denn poli- Sie öffentlich gemacht haben, sehe ich Sie
nicht teilgenommen hat. Weder Frau Fuchs tisch-moralisch vor, wenn sich der SPD- verpflichtet, auf meine Fragen auch öffent-
noch Herr Geisel waren anwesend. Fraktionsvorsitzende der Lichtenberger lich einzugehen.
Jeder, der diesen Vortrag von Prof. BVV damit rühmt, „wir“ hätten fast gewon- Prof. Dr. Harry Nick
Fink gehört hat, wird den Vorwurf der nen, es fehlte nur noch eine Stimme – bezo-
Geschichtsklitterung entschieden zurück- gen auf die Zählgemeinschaft von SPD
weisen. Es war ein sehr interessanter Exkurs bis NPD? Ein bemerkenswertes Bündnis, Am 20. Juni um 10 Uhr spricht Monty
in biblische, kirchengeschichtliche und dieses „Wir“! Schädel, stellvertretender Vorsitzen-
christlich bewegte Friedensbemühungen In den seit 18 Jahren stattfindenden „Lich- der der VVN/BdA in Mecklenburg-Vor-
in Deutschland, in der Bundesrepublik tenberger Sonntagsgesprächen“ wurde
pommern, auf einer Veranstaltung der
wie in der DDR. viel gegen die von Ihnen so beklagte
Unzweifelhaft sind all Ihre Attacken vor- „Geschichtsklitterei“ geleistet, auch gegen RF-Regionalgruppe Neubrandenburg
dergründig gegen ehemalige Mitarbeiter des eine nostalgische Verklärung der DDR. Da in der „REMA-Klause“, Speicherstr. 3.
MfS, in Wahrheit aber gegen die Linkspartei Ihnen solche Klitterei so wichtig und ahn- Sein Thema:
gerichtet, eine Art Wahlkampf für Sie. denswert ist, erlaube ich mir ein paar Fra-
Frage 1: Haben Sie überhaupt Bücher, deren gen, in denen Ihre Partei zur Aufhellung NPD-Verbot – jetzt!
Autoren Sie als ausreichenden Grund für wichtiger historischer Vorgänge beitragen
Seite 6 RotFuchs / Juni 2009

Zynische Spiegelfechterei
Die Lüge von der Rückkehr zur „sozialen Marktwirtschaft“

D ie kapitalistische Welt ist seit gerau-


mer Zeit nachhaltig aus den Fugen
geraten. Da greift nicht nur eine anhal-
den Vollmachten ihres eigenen Staates
zur üppigen Sanierung von Banken und
Konzernen, in welche die Regierung pro
neswegs. Sie bewerten seine Stellung und
Funktion im Reproduktionsprozeß sach-
lich und objektiv, ist er doch die Sphäre
tende Finanzkrise um sich. Es gibt dar- forma einsteigt. Wirkliche soziale Refor- der Warenzirkulation und des Zusam-
über hinaus eine netzartige Verflechtung men stehen überhaupt nicht zur Debatte. mentreffens von Angebot und zahlungs-
zwischen dieser, einer sich anbahnenden Die Konzentration und Zentralisation des fähiger Nachfrage. Der Markt ist jedoch
erheblichen Wirtschaftsrezession, Ener- Kapitals geht weiter. nur ein Teil der Reproduktionssphäre.
gie-, Rohstoff- und Lebensmittelkrisen. Aber warum wird bewußt Aufregung Ob Waren oder Kapitalmarkt – immer
Besonders die US-Wirtschaft ist ins Wan- geschürt? Was haben die „schwarzen wird deren soziale Wirksamkeit von den
ken geraten und deformiert ganze welt- Schafe“ aus den eigenen Reihen eigent- Eigentumsverhältnissen geprägt. Selbst
wirtschaftliche Prozesse. Das wirkt sich lich ausgefressen? Sie haben lediglich ihr ernstzunehmende bürgerliche Ökonomen
nachhaltig auf die meisten Länder aus. System in Gänze begriffen und entspre- betrachten die Produktionsverhältnisse
Darüber hinaus verschlingen Rüstung, chend gehandelt. Um die Treffsicherheit mit ihrem Kern, den Eigentumsverhält-
Militarisierung und Staatsterrorismus des von Marx zitierten Mr. Dunning zu nissen, als das Ausschlaggebende.
enorme produktive Werte. Eine annä- erwähnen: Kapital hat einen Horror vor Jeder Markt büßt seine Effektivität ein,
hernde Transparenz dieser Abläufe ist Abwesenheit von Profit. Bei zehn Prozent wenn nicht Forschung, Wissenschaft und
nicht gegeben. Ganze Schuldengebirge ist es noch ein scheues Reh, bei 20 wird es Technik zu höher entwickelten Produkten
werden durch die Aufdeckung immer neuer lebhaft, bei 50 waghalsig. Für 100 Prozent und Dienstleistungen führen, die neuen
fauler Kredite in nahezu astronomischen zerstampft es alle menschlichen Werte Bedarf wecken. Er wird durch einen Man-
Größenordnungen entstehen. unter seinem Fuß, für 300 zeigt es sich gel an Kaufkraft beeinträchtigt, wenn
Die Regierungsbeauftragten der Konzerne zu jedem Verbrechen bereit. die Binnennachfrage durch Niedriglöhne,
und Banken versuchen den Eindruck zu Nicht menschliche Gier ist, wie die Medien sinkende Realeinkommen, Hartz IV und
erwecken, sie hätten mit „Rettungsschir- verkünden, die Ursache allen Übels, son- fehlende Bildungschancen negativ beein-
men“ für angeschlagene Unternehmen und dern das Grundgesetz des Kapitalismus, die flußt wird.
sogenannten Konjunkturprogrammen ins Maßlose gesteigerte Jagd nach Profit. Das Attribut sozial bei der Kennzeichnung
alles fest im Griff. Zugleich werden über Exakter: die Hatz nach Maximalprofit. der kapitalistischen Marktwirtschaft zu
die Medien am laufenden Band Horrorsze- Aus Ablenkungsgründen wird behauptet, verwenden, zeugt von Zynismus. Einge-
narien verbreitet. Das Motto: Allgemeine es gäbe ja durchaus verschiedene Kapi- fleischte Vertreter des Kapitalismus soll-
Verunsicherung ist ein günstiger Nährbo- talismen. Vom Casino- oder vom Raub- ten zu ihrem System stehen und dessen
den für unredliches Handeln. tierkapitalismus ist abfällig die Rede. antisoziale Aggressivität nicht durch die
Ein Blick hinter die Kulissen des geschäf- Alles leeres Geschwätz: Selbst im Casino Realität verdeckende Schöpfungen wie die
tigen Krisenmanagements enthüllt: Unter gelten Regeln, und auch Raubtiere sind Initiative „Neue Soziale Marktwirtschaft“
allen Umständen soll von der System- weniger unersättlich als kapitalistische zu kaschieren suchen.
krise abgelenkt werden, um die es sich Profitjäger. Damit die Arbeitenden nicht wiederum
in Wahrheit handelt. Zugleich wird alles Zweifellos hängt der Grad der Rücksichts- die gesamte Zeche der Staatsverschul-
dafür getan, daß die Arbeitenden mit losigkeit des Kapitals maßgeblich vom dung zu berappen haben, ist linke und
einer künftigen Agenda 2020 die enorme Widerstandswillen der Ausgebeuteten gewerkschaftliche Politik als Gegenkraft
Wucher- und Spekulationsblase zu bezah- ab. Man erinnere sich an die Feststellung herausgefordert. Neben Abwehrkämpfen
len haben. westdeutscher Gewerkschafter über sei- und Besitzstandbehauptung geht es auch
Wird nur die Oberfläche der Politik- und nerzeitige Tarifverhandlungen, bei denen darum, weiterreichende gesellschaftliche
Medienmanipulation betrachtet, scheint – Zeit ihrer Existenz – die DDR stets als Alternativen zum kapitalistischen System
es sogar eine ernsthafte Kritik an gewis- unsichtbarer dritter Beteiligter mit am wirksam darzustellen. Das Ringen um
sen „Leistungsträgern“ in Banken und Tisch gesessen habe. Ihr Fehlen hat für die alltägliche Daseinsvorsorge und die
Konzernen zu geben. Plötzlich werden die Werktätigen im Westen und jetzt in Propagierung einer sozialistischen Alter-
selbst von präsidialer Seite renommierte der ganzen BRD auch in dieser Hinsicht native zum Kapitalismus sind zwei eng
Geldinstitute als Monster bezeichnet. zu Buch geschlagen. In den frühen 50er miteinander verbundene Seiten linker
Etliche Bankiers sollen im Renditewahn Jahren sah sich Ludwig Erhard dazu Politik. Prof. Dr. Harry Milke
Intrigen angezettelt und auf Teufel komm gezwungen, „Wohlstand für alle“ zu pro-
raus spekuliert haben. Viele faule Anla- pagieren. In der Phase des Wiederaufbaus
geprodukte seien angeblich von Finanz- und der Überwindung der Kriegsfolgen
hasardeuren unter einfachen Sparern in wurde jede Hand gebraucht. So entwic-
Umlauf gebracht worden. Verbriefte Wet- kelten sich die Reallöhne durchaus posi- Solidarische Grüße gehen nach Thessa-
ten und andere Abzockprodukte wurden tiv, während zugleich die Kluft zwischen loniki, wo Genosse
ohne Erwähnung von Risiken angeprie- arm und reich wuchs und der Grundwi- Sokrates Papadopoulos
sen. Üppige Bonuszahlungen für kunden- derspruch zwischen Kapital und Arbeit
feindliche Machenschaften waren die fortbestand. am 15. Juni seinen 70. Geburtstag
Regel. In Beratungsagenturen wurden Schröders Agenda 2010 beschleunigte feiert. Er hat den RF jahrelang durch
gezielt falsche Empfehlungen gegeben. den Sozialabbau, und in den Jahren des seine Korrespondenzen unterstützt.
Immer neue Spekulationsballons stiegen sogenannten Aufschwungs stand der
auf. Als diese unreale Wirtschaftsweise Abschwung bereits in den Startlöchern.
in Konkurs ging, prägte man den Begriff Der Markt ist also keineswegs, wie die
Realwirtschaft. Nieten in Nadelstreifen, Kapitalisten behaupten, die Quelle von Genosse Karl Schaller,
die jahrelang die Freiheit der Märkte pro- Selbstheilungskräften. Dort, wo Anarchie Berlin, war für den frühen „RotFuchs“
pagiert und praktiziert hatten, gaben sich und Konkurrenz die Produktion bestimmen, gewissermaßen eine Institution. Er hat
plötzlich als Anhänger regulierter Verhält- ähnelt er eher einem Haifischbecken. Großes geleistet. Am 28. Juni wird er 85.
nisse aus. Etliche von ihnen widersetzen Marxistisch-leninistische Ökonomen unter- Eine herzliche Umarmung, lieber Karl.
sich allerdings inzwischen bereits wieder schätzen indes die Rolle des Marktes kei-
RotFuchs / Juni 2009 Seite 7

Die Dollarkrise in australischer Sicht


„Plötzliches“ Debakel oder logische Folge des Vabanquespiels?

W ie konnte es zu der „plötzlichen“ Wirt-


schaftskrise kommen? Wieso der
Kreditstau, der mit dem Zusammenbruch
14. des Monats auf 145 Dollar. Der Preis pro
Unze Feingold, der im April, Mai und Juni
zwischen 925 und 860 Dollar schwankte,
in Ungarn um -5 % abgesunken sind. Von
der BRD ganz zu schweigen.
Die Dollar-Deflation stürzte ein kredit-
eines Systems droht, das auf Pump lebte? stand am 16. Juli bei 980,6 Dollar. Solche abhängiges Wirtschaftssystem in die
Wo sind die Mega-Profite der Banken, der fieberhaften Preissteigerungen bedeuteten Depression. Doch auch diese ist durch-
Investoren, der Versicherungsanstalten? einen ernstlichen Kaufkraftverfall. Das aus profitabel. Denn die Wechselrate des
„Wachstum auf Kredit“ war die Mantra Juni-Treffen der G-8 in Osaka forderte Dollars steigt mit der Nachfrage; Preise
des Finanzgenies Dr. Alan Greenspan, des deshalb, daß der Dollarinflation ein Ende für Immobilien und Rohstoffe befinden
jahrelangen Chefs des amerikanischen gesetzt werde. sich im freien Fall. Mitte Februar wurde
Federal Reserve Systems (Fed), der immer Die führenden Köpfe der amerikanischen Öl unter 40 Dollar pro Barrel gehandelt.
flott die Massen ungedeckter Dollarnoten Währungspolitik begaben sich in Konklave Hypotheken, Autokauf ... sie alle zappeln im
drucken ließ und zu niedrigem Zinsfuß in und beschlossen Gegenmaßnahmen. Da Kreditnetz. Viele Fliegen werden mit einer
den Weltumlauf schleuste. Die lose Geld- das gesamte westliche Wirtschaftssystem Klappe geschlagen! Nur der Goldpreis ist
politik überbrückte defizitäre amerika- durch Dollarkredite angetrieben wird, unaufhaltsam im Anstieg – am 18. Februar
nische Zahlungsbilanzen, ermöglichte es mußte die USA-Währung wieder zur Man- betrug er wieder 978 Dollar pro Feinun-
aber gleichzeitig der Privatwirtschaft, in gelware werden. Denn eine Dollarver- ze –, ein untrügliches Indiz für die Infla-
globalem Maßstab reale Werte für eine knappung (Deflation) trüge zwar zur Ver- tion der USA-Währung.
inflationäre Währung zu ergattern. schlimmerung der Rezession bei, bringe Doch die Depression hat eine Änderung der
Bereits im März 2008 sprach Chinas Pre- andererseits aber gewisse Vorteile wie Währungspolitik notwendig gemacht, um
mierminister Wen Jiabao in einem Inter- eine Senkung der Ölpreise mit sich, um den den kompletten Stillstand der schulden-
view mit der „Financial Times“ von der Arabern, Rußland, Iran und Venezuela die belasteten amerikanischen Wirtschaft zu
anhaltenden Schwäche des Dollars. China, Flügel zu stutzen. Die Finanzwelt dürfte verhüten. In den Vereinigten Staaten läuft
eine Handelsnation mit Valutareserven von dabei aber nicht zu kurz kommen. daher die Notenpresse auf Hochtouren,
nahezu zwei Billionen Dollar, hatte Grund Staatliche Dollarreserven, Steuergelder um Präsident Obamas enorme Defizitlö-
zur Besorgnis. wurden jetzt lockergemacht, um Finan- cher pro forma zu stopfen und Amerikas
Die fortschreitende Dollarinflation trieb ziers, die sich verspekuliert hatten, aus schrumpfende Wirtschaft wieder in Gang
die Weltmarktpreise in die Höhe. Am dem Wasser zu ziehen. In Europa kreiste zu bringen.
9. Juni 2008 stieg Öl auf 138 und am ebenfalls der Pleitegeier um die stolzen Die Verschuldung des Bank- und Finanzwe-
Festungen des Kapitalismus, deren Bosse sens hat solche Ausmaße erreicht, daß der
in ihrer Gier nach schnellen Profiten auf Staat mit neuen Finanzspritzen oder gar
Wall Streets Ramschaktien hereingefallen vorübergehenden Pseudo-Nationalisierungen
waren. Die „Opfer“ mußten eiligst auf Kosten einspringen muß. Keynes steht Pate.
der Steuerzahler saniert werden. Präsident Obamas neuer Finanzminister
In Panik geratene ratlose Regierungen, Timothy Geithner ist ein langjähriger
von Bush bis Obama, von Englands George Wall-Street-Intimus. Noch unlängst war
Brown bis zu Frankreichs Nicolas Sarkozy, er Direktor der New York Federal Reserve
Angela Merkel und Berlusconi sowieso – ja, Bank mit ständigem Sitz im Federal Open
auch Japan – parierten. Man war sich einig: Market Committee (FOMC) der Zentralbank,
Das System muß gerettet werden, koste es, das über Geldmengen und Prozentsätze
was es wolle! Einfach gestrickte Politiker entscheidet. Obamas Hauptberater für
wie die Kanzlerin der BRD sprachen von Wirtschaftsfragen, Lawrence Summers,
einer „Vertrauenskrise“, die an allem schuld früher bei der Weltbank, war seit jeher
sei ... Offenbar hatte man einem Finanz- ein Propagandist der „Liberalisierung
system vertraut, das mit unproduktiven des Finanzwesens“ – mit katastrophalen
Spekulationen Profit machen wollte und Folgen für die Weltwirtschaft, wie man
jetzt zusammenbrach. heute sieht.
Das internationale Zahlungs- und Reser- Der Kapitalismus ist angeschlagen, aber
vesystem, das sich 1944 mit dem Bretton- keineswegs bereits am Ende. Die Depression
Woods-Abkommen dem Dollar und der bietet ihm Gelegenheit, den sogenannten
„freien Marktwirtschaft“ verschrieben hatte, Sozialstaat einzudämmen, die Konkur-
besitzt keine Skrupel, sich notfalls bis zur renten auf dem Weltmarkt – China, Japan,
äußersten Schmerzgrenze aus Staatsgel- Europa – in die Schranken zu weisen und
dern zu bedienen. den weltgrößten Ölhändlern deren Mega-
Solange die Dollars flossen, vergaben pri- Verdienste zu beschneiden.
vate Investitionsbanken, der Internationale Der Kapitalismus gibt nicht so leicht auf
Währungsfonds und die Weltbank billige wie einstmals die Sowjetunion oder die
Anleihen – von Island bis nach Osteuropa, DDR, deren Bürger mit Konsumgütern und
von Pakistan bis Argentinien. Mit dem Versprechungen geködert wurden. Sollte
Versiegen des Valutastroms müssen die ihm ein Zusammenbruch drohen, ist Krieg
Industrieländer nun ihre eigenen Dollar- der Schurken letzter Ausweg. Dabei würde
reserven anzapfen, um die Kaufkraft ihrer es sich nicht um solche „Scharmützel“ wie
Kundschaft anzukurbeln und Absatzmärkte Irak oder Afghanistan handeln, sondern
zu retten, damit die Arbeitslosigkeit nicht um eine gigantische Materialschlacht, die
alle Dimensionen sprengt. den militärisch-industriellen Komplex noch
Immerhin stehen die Wachstumsraten in mehr zum Zuge kommen läßt.
Polen und der Slowakei bereits auf Null, Dr. Vera Butler, Melbourne
während sie in Tschechien um -2 % und
Seite 8 RotFuchs / Juni 2009

Bestseller zum „Mauerfall“


Pfarrer, Literaten und Historiker ziehen in die Erinnerungsschlacht

W er bestreitet, daß es die DDR seit fast und Christian Führer in den Mittelpunkt ser der NVA, Joachim Gauck als moderner
20 Jahren nicht mehr gibt? der Aufmerksamkeit rückten. Loest wählt Großinquisitor, „Pfarrer Gnadenlos“ alias
Sie wurde völkerrechtswidrig stranguliert, für seine Geschichtslektion die Form des Heinz Eggert als sächsischer Innenmini-
wobei die Mächtigen in Washington, Mos- Romans. Der Titel: „Löwenstadt“. Hauptheld ster, Steffen Heitmann als Justizminister
kau und Bonn den Strick drehten. Andere ist – wie schon in dem früheren Roman in Dresden, Markus Meckel als Außenmi-
sorgten dafür, daß er stark genug wurde, „Völkerschlachtdenkmal“ – die Gestalt nister unter de Maizière.
um Millionen daran aufzuknüpfen. Viele des Fredi Linden. Die Fabel schlägt den Was folgt daraus? Wohl doch zuerst: Kir-
zogen die Schlinge mit zu, manche jubel- Bogen von der Völkerschlacht 1813 bis zur chenleute organisierten das Fußvolk, das
ten gar – auffallend viele Pfarrer dabei. Es Gegenwart. Handelnde in den 80er Jahren Kohl ständig als Jubelkulisse brauchte.
gab willige Helfer, zweifelnd- Schließlich sollte die Besei-
schweigsame Zuschauer und tigung des Sozialismus
entsetzte Wissende. das Werk „der Menschen“
20 Jahre später ist die DDR für sein, nicht Ergebnis lang-
Leichenfledderer zum lukrati- fristiger imperialistischer
ven Geschäft geworden. An der Strategie.
Ausschlachtung ihrer Einge- Kirchen haben unter dem
weide beteiligen sich Dichter, Deckmantel von Pazifismus
Publizisten, Dokumentaristen, und Umweltschutz denjeni-
Politiker und Pfarrer. gen Raum gegeben, welche
Ich erlaube mir einen Blick die DDR unterminierten.
auf jene „Werke“, welche im Bürgerliche Medien haben
März 2009 auf der Leipziger ihren Part hervorragend
Buchmesse in den Mittelpunkt gespielt. Zwei Historiker
gerückt wurden. Deutlich im Solde des Kapitals sind
wird dabei: Die „Erinnerungs- immer zur Stelle, wenn es
schlacht“ um das Geschichts- um die Verleumdung der DDR
bild der DDR verschärft sich. geht: Hubertus Knabe aus
Wenn die Medien Erich Loest, Gaucks Stall und Ilko-Sascha
Monika Maron und Pfarrer Kowalczuk von der Birthler-
Christian Führer ins Zentrum Behörde. Knabe beschäftigt
stellten, folgten sie zweifellos „Als Ihr Psychiater werde ich mit Ihnen ganz offen reden: Sie sind, mein sich mit „Honeckers Erben“,
einer zentralen Regie. Freund, vollkommen blöd. Wie geschaffen für diese Welt …“ während Kowalczuk die
Die drei Genannten erhielten Ereignisse 1989 als „Endspiel“
den mit 60 000 Euro dotierten National- sind bei Loest der damalige Leipziger SED- betrachtet. Die bereits erwähnte Rezen-
preis des deutschen Buchhandels. Bezirkssekretär, der Rektor der Universi- sion in „Das Parlament“ erhebt Kowalczuks
Sehen wir uns einige „Bestseller“ an. Es tät, der Polizeichef. Der Autor läßt sogar Buch in den Rang eines „Standardwerks
wäre erstaunlich, wenn zwei Jahrzehnte den „ehemaligen Stasi-Zuträger Kaltow“, über den Untergang der DDR“. Wer diesem
nach dem „Mauerfall“ dieses Thema nicht jetzt Spitzenkandidat der Linkspartei, Urteil folgt, weiß damit, daß „Endspiel“ ein
erneut vermarktet würde. So liegen gleich auftreten. Warum das Ganze? Der Rezen- „Klassiker der deutschen Historiographie“
zwei neue Bücher vor, die beide „Die Mauer“ sent des Blattes „Das Parlament“ fand: „In ist. Gauck und Birthler sprechen also das
heißen und sich nur in den Untertiteln ,Löwenstadt‘ spürt man hautnah, welche letzte Wort bei der „Adjustierung“ des
voneinander abheben. Frederick Taylor, politisch restaurative Spannung sich im Geschichtsbildes der DDR.
der schon 2005 mit seinem voluminösen Osten aufbaut.“ Beachtenswert ist, daß Kowalczuk nicht
Band über die Zerstörung Dresdens für Loest drückt also die Furcht jener aus, die „Helden von Leipzig“ als wichtigste
Furore sorgte, bietet auf 576 Seiten einen die den Sieg der „friedlichen Revolution“ Triebkraft der „Revolution“ lobt, sondern
geschichtlichen Abriß zu Vorgeschichte, von 1989 gefährdet sehen – aus welchen den (weitgehend geheimen) Deal zwischen
Ablauf und Folgen des Ereignisses. Gründen auch immer. Gorbatschow und Kohl. Als Erfahrung
Edgar Wolfrum versuchte mit seinem Pfarrer Christian Führer, der 27 Jahre an könnte gelten: Je schneller und umfang-
„Mauerbau“ die Geschichte der Teilung zu der Leipziger Nikolaikirche wirkte, schrieb reicher die Kredite nach Moskau flossen,
erfassen. Beide Autoren verzichten darauf, 2009 über sein „Revolutionserlebnis“: „Wir um so mehr beschleunigte sich die Preis-
das Geschehen am 13. August 1963 mora- sind dabeigewesen. Die Revolution, die gabe der DDR. Die Demonstrationen und
lisch zu verurteilen, sondern werten es als aus der Kirche kam.“ Kundgebungen zur „Wiedervereinigung“
Historiker. Ihre Thesen lauten: Das erste ist eine Anleihe bei Goethe, der dienten als Kulisse des wirklichen Gesche-
Der Bau habe den vitalen Interessen sowohl als Beobachter der Schlacht von Valmy die hens: der Ostexpansion des Kapitals. Das
der Sowjetunion als auch der USA entspro- Wirkung und den Triumph der Französi- „Volk“ erlag den Verlockungen des Konsums
chen. Beide Großmächte seien bestrebt schen Revolution erahnte. Das zweite läßt und den Versprechungen des Kanzlers. Es
gewesen, einen atomaren Schlagabtausch kaum einen anderen Schluß als den zu: In klatschte ihm sogar Beifall.
im Zusammenhang mit Berlin zu verhin- den 80er Jahren haben evangelische Pfar- Inzwischen hat sich die Lage völlig verän-
dern. Erst durch die Mauer habe die Ent- rer die „Revolution“ gegen die DDR organi- dert. Man denkt an Brecht: „Furchtbar die
spannungspolitik an Boden gewinnen siert. Mit anderen Worten: die Konterre- Enttäuschung, wenn die Menschen erken-
können. volution. Bedenkenswert ist: Seit Luthers nen oder zu erkennen glauben, daß sie einer
Während die genannten Bücher zu keinen Zeiten galt, daß der Christenmensch der Illusion zum Opfer gefallen sind ...
neuen Erkenntnissen führen, ist das bei Obrigkeit zu dienen habe, war sie doch Kein Reaktionär ist unerbittlicher als der
Memoiren, Romanen und Dokumentatio- gottgegeben. Doch im letzten Jahrzehnt gescheiterte Neuerer, kein Elefant ein
nen differenzierter zu betrachten. Es fällt der DDR änderte sich das Verhältnis vie- grausamerer Feind der wilden Elefanten
auf, daß Funk, Fernsehen und Printme- ler Geistlicher zum Staat. Wer war nicht als der gezähmte Elefant.“
dien die jüngsten Bücher von Erich Loest alles dabei: Rainer Eppelmann als Auflö- Prof. Dr. Horst Schneider
RotFuchs / Juni 2009 Seite 9

Der freundliche Mann am Fenster


Das Geheimnis des Zwickauer illegalen Kämpfers Franz Masanetz

D er 22. Februar 1891 war ein bitterkalter


Tag. Da gebar die Mutter den kleinen
Franz, wie damals in armen Arbeiterfa-
zottigen Pferden davor und einem jungen
Rotarmisten am Zügel. Das waren die
„Russen“. Wir Kinder schauten verwun-
sprach, fragte ich ihn frei heraus, ob er
sich erklären könne, warum Franz abge-
sagt habe. Max erwiderte nur, Genosse
milien üblich, auf einem Strohsack. dert. Die Amerikaner hatten große Autos Masanetz dürfe als Offizier der Sowjetar-
Franz Masanetz, nicht gerade von kräf- und schicke Uniformen. mee nicht öffentlich auftreten. Ich sollte
tiger Statur, mußte nach der Schule als Auf einmal erschien Herr Masanetz mit meinen Freunden aber von seiner Bio-
Kohlenjunge im Bergwerk unter Tage mit- einer roten Fahne. Er begrüßte den jun- graphie berichten. Franz sei bereits beim
helfen, die Familie zu ernähren. Auch die gen Soldaten in einer uns unbekann- ersten Fronteinsatz von den Kaiserlichen
Ausbeutung der Arbeiterkinder gehörte ten Sprache, und beide umarmten sich. zu den Russen übergelaufen und habe
dazu. Später verdiente sich Franz sein Dann gerieten sie kurz in Streit, und Herr sich wie Tausende deutsche Soldaten mit
spärlich Brot als Bergmann. Dann rief Masanetz sagte etwas, das wie ein Befehl ihnen in den Schützengräben verbrüdert.
ihn der Kaiser in seine Armee, damit er klang. Der Soldat winkte uns heran und In Budjonnys 1. Roter Reiterarmee habe
für das Vaterland gegen die Russen zu gab jedem Kind widerwillig eines von den er am Kampf gegen die Konterrevolution
Felde ziehen sollte. Beim ersten Fron- Broten, mit denen der Wagen beladen war. teilgenommen. Mehrere Verwundungen
teinsatz meldete er sich zum Spähtrupp So verlief unsere erste Begegnung mit der zeugten davon.
und kehrte nicht mehr zurück. Erst lange Sowjetmacht. Um sich für den Schutz der jungen So-
nach dem Ende des 1. Weltkrieges soll er Verstehen konnte ich das alles nicht. Herr wjetunion einzusetzen, ließ sich Franz
wieder aufgetaucht sein. Masanetz wirkte auf einmal verändert. Uns als Geheimdienstmitarbeiter ausbilden,
Etwa 1941 nahm ich Franz bewußt wahr. verabschiedete er von dem Pferdegespann damit er seine Genossen künftig aus
Er lebte wie wir auf dem Zwickauer Tril- mit den Worten: „Na, jetzt könnt Ihr wieder Deutschland informieren konnte. Nach
lerberg. Seine Wohnung war ein Stück in Guten Tag oder Glück auf sagen, vergeßt dem Machtantritt Hitlers nahm er seine
das Gestein hineingebaut worden. So lag den Hitlergruß ganz schnell.“ Abends, als Tätigkeit als Funker auf. Er übermittelte
eines der Fenster nur gut einen Meter die Mutter das Brot mit den Großeltern Berichte zu militärischen Erkenntnissen
über dem Erdboden. Der Kriegsinvalide teilte, sagte mein Opa, von dem ich nicht und zur Stimmungslage unter der deut-
Franz Masanetz hatte dort seinen Platz. gewußt hatte, daß er Kommunist war, so schen Bevölkerung. Dafür wurde er mit
In Augenhöhe konnte er mit den Leuten nebenbei: „Franz ist mein Genosse. Er ist hohen Auszeichnungen geehrt.
reden. Das tat er täglich. Für die jungen Offizier der Roten Armee.“ Der deutsche Kommunist und sowjeti-
Witwen der gefallenen Soldaten hatte er Für die mit der Naziideologie getränkte sche Kundschafter gehörte nach 1945 zu
stets ein tröstendes Wort. Auch die ein- Kinderseele war das zu viel. Bislang hatte den Aktivisten der ersten Stunde, die den
stigen Arbeitskollegen und die zusam- man zu Hause nie über Politik, Krieg und Grundstein für ein neues antifaschisti-
mengeschmolzene Schar der noch im die gefangenen Russen gesprochen. Die sches Deutschland legten. Ich sah in ihm
Schacht Tätigen schwatzten mit Franz Familie trauerte allein um den vermiß- ein großes Vorbild.
an seinem Ausguck. Gesprächen ging er ten Vater. Das unabdingbare Erfordernis, Franz Masanetz starb am 21. Januar 1967.
nicht aus dem Wege. So ließ er sich vom Kinder von illegaler antifaschistischer Die Partei ließ ihn an der Seite seiner
NSDAP-Ortsgruppenleiter erklären, was Widerstandsarbeit der Erwachsenen Mitkämpfer in einem Ehrengrab auf dem
der „Führer“ nach einer weiteren Nieder- nichts wissen zu lassen, bestand nun Zwickauer Hauptfriedhof bestatten.
lage seiner Truppen zu tun gedenke. Auch nicht länger. Zu den ersten Amtshandlungen der 1990
in die Büchse der Sammler des Winter- Herr Masanetz aber war ab sofort auch für in die Hände des Klassenfeindes gefal-
hilfswerks steckte er etwas Kleingeld. Die uns einfach „Franz“. Er blickte nur noch lenen Stadtverwaltung gehörte es, den
Damen der NS-Frauenschaft entledigten selten aus dem Fenster. Seinen Arbeits- Stein seiner Inschrift zu entledigen. Die
sich bei ihm ihres Unmuts darüber, daß platz hatte er nun in der sowjetischen Gedenkstätte selbst scheint dem Verfall
von Jahr zu Jahr immer weniger gespen- Kommandantur, die ihn als Dolmetscher preisgegeben zu sein. Weder die Abge-
det werde. benötigte. Doch freundlich wirkte er ordneten der Linkspartei noch der SPD
Wir Kinder hatten stets einen Gruß für immer noch. Nur befragte er die Leute sehen sich in der Pflicht, das Andenken
den allen gegenüber freundlichen Herrn nicht mehr, sondern erklärte ihnen jetzt der Kämpfer gegen den Faschismus zu
Masanetz auf den Lippen. Er antwortete mit die neue Zeit. bewahren. Angesichts der Tatsache, daß
Glück auf oder einem lustigen Spruch. Als ich 18 war, erkundigte er sich jedes Nazis wieder hetzend und prügelnd durch
Am Abend, wenn frontuntaugliche Hit- Mal, wenn wir uns sahen, ob ich schon die Lande ziehen, wäre das doch so drin-
lersoldaten einen großen Trupp sowje- um Aufnahme in die Partei gebeten hätte. gend notwendig.
tischer Kriegsgefangener vorbeitrieben, Als es dann soweit war und ich Kandidat Lothar Hunger, Brand-Erbisdorf
zog Franz die Gardine zu. Nur wenige wurde, wünschte er mir viel Glück. Ich
hundert Meter entfernt, im Saal des Gast- solle die Tradition der Familie hochhal-
hauses Park Eckersbach, waren sie unter ten, fügte er hinzu.
unsäglichen Bedingungen die Nacht über In den FDJ-Gruppen galten die älte-
eingepfercht. Am Tage mußten sie in der ren Genossen als die interessantesten Von Herzen kommende Glückwün-
Autofabrik Horch, die für Hitlers Krieg Gesprächspartner. Wir ließen keinen aus, sche übermitteln wir unseren treuen
produzierte, Zwangsarbeit leisten. der im Zuchthaus gesessen hatte oder im
Wenn Franz nicht aus dem Fenster schaute, KZ gewesen war. So fragte ich auch Franz, RF-Lesern und bewährten Genossen
nahm er ein Luftbad. Seine Wege führten ob er nicht einmal zu uns kommen wolle.
ihn auch zu den Basser Flugzeugwerken Doch dieser verwies auf sein Alter und die
Walter Kleen
und zu Horch. Bei Schichtwechsel fand er angegriffene Gesundheit, die das angeb- aus Bleicherode und
stets ausreichend Gesprächspartner. lich nicht mehr zuließen.
Dann kam der Mai 1945. Zunächst hatten Als Max Nauendorf, ein früherer KZ-Häft- Horst Zimmermann
die Amerikaner Zwickau besetzt, doch die ling, 1945 Mitbegründer der Volkspolizei
aus Cottbus, die am 24. bzw. 10. Juni
Älteren erzählten, bald würden sie von und schließlich Offizier des Ministeriums
den Russen abgelöst. Tatsächlich näherte für Staatssicherheit, in unserer Gruppe 93 bzw. 90 Jahre alt werden.
sich eines Tages ein Panjewagen mit zwei über Sabotageversuche aus Richtung BRD
Seite 10 RotFuchs / Juni 2009

Ein Mitgestalter im Zeugenstand


Prof. Dr. Erich Buchholz skizziert die Strafrechtsentwicklung in der DDR

U nlängst erschien ein wichtiges neues machen deutlich, wie notwendig es war,
Buch aus der Feder von Prof. Dr. Erich kriminellen Machenschaften entgegenzu-
Buchholz. Sein Titel: „Strafrecht im Osten“. treten, die auf die Existenz der DDR, deren
wicklung angepaßt werden. Die fünf Straf-
rechtsänderungsgesetze bis 1988 werden
erörtert. In einem kleinen Exkurs geht Erich
Niemand wäre wohl besser geeignet gewe- Wirtschaft und Institutionen abzielten. Die Buchholz auf das bundesdeutsche Straf-
sen, sich als Autor zur Verfügung zu stellen, Verfolgung von Nazigewaltverbrechen in recht ein. Die Kriminalitätsentwicklung in
als dieser Jurist, der den Entwicklungsweg beiden deutschen Staaten ist Gegenstand beiden deutschen Staaten spielt dabei keine
des DDR-Strafrechts von dessen Anfängen einer Analyse. Dabei klammert Buchholz unwesentliche Rolle. Dazu werden Zahlen,
bis zur Schlußphase selbst miterlebt und die Waldheim-Prozesse nicht aus. Er zeigt, Daten und Fakten präsentiert.
-gestaltet hat. Wer das Buchholz-Werk gelesen
Erich Buchholz studierte zwi- hat, wird die Strafrechtsentwick-
schen 1948 und 1952 an der lung in der DDR besser verstehen
Berliner Humboldt-Universität, und erkennen können, in welchem
erlebte in dieser Zeit die Staats- Spannungsfeld der Systeme sich
gründung und den Beginn einer der sozialistische deutsche Staat
neuen demokratischen Rechtset- bewegen mußte. Deutlich wird, in
zung. Der Alma mater blieb er welchem Maße vor gesetzlichen
bis 1990 erhalten, zunächst als Veränderungen freimütige und
wissenschaftlicher Assistent und umfassende Erörterungen der
nach erfolgter Promotion (1957) neuen Entwürfe – keineswegs
als Dozent. Zwei Jahre nach sei- nur in Fachkreisen – stattfanden.
ner Habilitation (1963) wurde Die Bevölkerung wurde unmit-
er Professor mit Lehrauftrag telbar einbezogen.
und später als Ordinarius Lei- Es steht außer Zweifel, daß Erich
ter des Instituts für Strafrecht. Buchholz eine Arbeit vorgelegt hat,
Erich Buchholz gilt als Nestor wie sie durch einen Strafrechtler
der Strafrechtswissenschaftler der alten BRD wohl kaum hätte
der DDR. bewältigt werden können. Nur ein
Der von ihm vorgelegte Abriß Zeitzeuge und Mitgestalter, der
wurde mit Spannung erwartet. Karikatur: Heinrich Ruynat von den moralischen Maximen
Er kommt zur rechten Zeit auf den Markt. wie kompliziert die Jahre zwischen 1945 der DDR-Rechtsordnung ausgeht, dürfte
Die Maschinerie der Geschichtsfälscher und 1952 auf justizpolitischem Gebiet waren dazu in der Lage sein.
und -klitterer läuft auf Hochtouren. Im und welche wichtigen Weichenstellungen in Erich Buchholz legt Wert darauf, daß es
„Jahr der Jubiläen“ ist mit allem zu rechnen, dieser Zeit erfolgten (Kapitel I und II). s e i n Buch ist und mithin auch s e i n
was der Diffamierung und Diskreditierung Die Kapitel III und IV beinhalten die Straf- Blickwinkel. Dennoch besitzt die Arbeit
der DDR dienlich ist. Ihr Strafrecht bleibt rechtsentwicklung in der frühen DDR durchaus Verallgemeinerungswert. Sie
nicht ausgespart. Die DDR-Hasser wollen bis zum Inkrafttreten eines neuen StGB ist keineswegs nur für Juristen geschrie-
den Eindruck erwecken, bei den Normen (1968). Der Autor schildert den Weg dorthin. ben, sondern für jeden zeitgeschichtlich
des sozialistischen Rechts habe es sich Zunächst waren Kompromißlösungen wie Interessierten, der mit Blick auf die Straf-
nicht um Gesetze gehandelt, die auf demo- das Strafrechtsergänzungsgesetz notwen- rechtsentwicklung in der DDR nach Fair-
kratische Weise zustande gekommen seien. dig. Die Bedeutung der gesellschaftlichen neß strebt. Vor allem jungen Menschen,
Sie behaupten, in der Rechtsprechung habe Gerichte wird ebenso hervorgehoben wie die diese Entwicklungsperiode deutscher
politische Willkür vorgeherrscht. der Staatsratserlaß zur Rechtspflege in der Geschichte nicht miterlebt haben, sei das
Solchen Verunglimpfungen tritt Buchholz DDR. Er trug wesentlich zur Verbesserung Buch ans Herz gelegt.
entgegen. Sein Werk ist sachlich, solide, der Tätigkeit aller auf diesem Gebiet wir- RA Ralph Dobrawa
exakt und quellengestützt. Ein zusätzlicher kenden Organe bei.
Dokumentenband ist inzwischen ebenfalls Das StGB von 1968 war eine völlige Neuko- Erich Buchholz: Strafrecht im Osten. Ein
erschienen. Mancher, der sich heute ein Urteil difizierung. Es ging darum, das Strafrecht Abriß über die Geschichte des Strafrechts
über das DDR-Strafrecht anmaßt, hat die von bürgerlichen Überlagerungen und unver- der DDR. Kai-Homilius-Verlag 2008, Edition
Gesetzestexte nie im Original gesehen. ständlicher Juristensprache alten Typs zu Zeitgeschichte, Band 37, 662 Seiten, 58 €
Erich Buchholz, der nach 1990 bis vor kur- befreien. Zugleich entsprachen die erfaßten
zem auch als Rechtsanwalt in Berlin tätig Tatbestände der Entwicklung in der DDR.
war, analysiert zunächst die Strafrechts- Es entstand ein modernes Sanktionssystem, Unser langjähriger kritisch-
situation zum Zeitpunkt der Zerschlagung die Schuldfrage wurde neu geregelt. Erich
solidarischer Leser, der geach-
des Hitlerfaschismus, wobei er sich mit der Buchholz weist zugleich auf Zwiespältigkei-
Notwendigkeit der Aufhebung von Nazi- ten im Charakter des neuen Gesetzbuches tete saarländische Kommunist
gesetzen und Urteilen faschistischer Son- hin, das noch kein „rein sozialistisches“ war, Dr. Luitwin Bies
dergerichtsbarkeit auseinandersetzt. Ein da sich die DDR mit dem gegen sie gerich-
wichtiges Thema ist neben der Entfernung teten Kalten Krieg konfrontiert sah, so daß aus Völklingen, ist am 4. Mai im
von NS-Juristen die Volksrichterausbildung der Schutz der Errungenschaften der neuen Alter von 79 Jahren gestorben.
in Ostdeutschland. Verwiesen wird auf die Gesellschaft im Vordergrund stand. Als Historiker hat er sich einen
Maßnahmen der Alliierten, um Nazi- und In den Kapiteln V und VI widmet sich der Namen gemacht, als leitender
Kriegsverbrechen zu ahnden. Autor Strafrechtsveränderungen zwischen Bezirksfunktionär der DKP Saar-
Buchholz geht auf die separate Währungs- 1969 und 1989. Er weist nach, daß das land große Verdienste erworben.
reform, die unterschiedliche Rechtslage in Strafrecht in der DDR nie als etwas Starres
Ost- und Westberlin und die Spaltung der betrachtet wurde. Sowohl die Kodifizierun- Wir drücken seinen Angehörigen
Justiz dieser Stadt ein. Ausgewählte Straf- gen als auch die Rechtsprechung mußten unser Mitgefühl aus.
prozesse vor dem Obersten Gericht der DDR der fortschreitenden gesellschaftlichen Ent-
RotFuchs / Juni 2009 Seite 11

Das entscheidende Kettenglied


Was sind die Kriterien einer revolutionären Situation?

N ach Niederlagen steht die Arbeiterbe-


wegung stets vor großen theoretischen
Herausforderungen, deren Bewältigung
wurde, haben wir – unter den Bedingungen
des Wettrüstens und der fortdauernden
Dominanz des Imperialismus auf dem
Das sind die objektiven Kriterien der revo-
lutionären Situation. Sie sind „unabhängig
… vom Willen nicht nur einzelner Gruppen
unabdingbar ist für ihren Wiederaufstieg Weltmarkt – die Schlacht verloren. Es gibt und Parteien, sondern auch einzelner Klas-
und die Vereinigung aller klassenbewußten also Argumente dafür, den Widerspruch sen“. Das ist wichtig, weil nicht jede revo-
Kräfte. Das war so nach 1849 und erst recht zwischen Produktivkräften und Produkti- lutionäre Situation die Lokomotiven der
nach dem schmählichen Zusammenbruch onsverhältnissen im Kapitalismus erneut Geschichte in Gang setzt. Dazu bedarf es
der II. Internationale zu Beginn des Ersten zu durchleuchten. nun tatsächlich der Fähigkeit der revolu-
Weltkrieges. Es ist heute nicht anders. Wie aber verhält es sich mit der revolutio- tionären Klasse, durch Massenaktionen das
Alles gerät auf den Prüfstand. Im Kern geht nären Situation? Hier ist Genosse Meißner bisherige Regime zu Fall zu bringen. Mehr
es stets um exaktes Erfassen des kompli- bezüglich der Faktoren, die sie auslösen, noch: Es gibt auch reaktionäre Ausgänge
zierten Wechselverhältnisses von Ökono- theoretisch im Irrtum. Lenin hat 1915 (LW, solcher Krisen. Gerade hierzulande darf
mie, Politik und Ideologie unter veränderten 21/206 f.), nicht zufällig in schärfster Aus- niemals übersehen werden, daß die deut-
gesellschaftlichen Bedingungen. Denn nur einandersetzung mit dem Opportunismus, sche Geschichte mehr konterrevolutionäre
auf dieser Basis können Einheit wachsen und diese Kriterien definiert. Mit Absicht stellte „Lösungen“ von Krisen aufzuweisen hat als
eine korrekte Strategie und Taktik erarbeitet er dabei nicht den subjektiven Faktor in den Revolutionen von Dauer. Es wäre zudem vor-
werden. Damals haben in erster Linie Marx Vordergrund. Die revolutionäre Situation eilig, davon auszugehen, daß die diversen
und Lenin die brennenden Fragen schlüs- erwächst aus folgenden Elementen: „Rettungsprogramme“ völlig wirkungslos
sig beantwortet; unsere Theorie trägt des- „1. Für die herrschenden Klassen ist es bleiben müßten. Marx und Lenin wußten,
halb zu Recht ihre Namen. In Ermangelung unmöglich, ihre Herrschaft unverändert daß es für den Kapitalismus keine absolut
ebenbürtiger Genies benötigen wir heute aufrechtzuerhalten … . Damit es zur Revo- ausweglosen Lagen aus rein ökonomischen
ein fruchtbares Zusammenwirken marxisti- lution kommt, genügt es in der Regel nicht, Gründen gibt. In einigen Monaten werden
scher Politökonomen, Wirtschaftshistoriker, daß die ‚unteren Schichten’ in der alten wir auch diesbezüglich mehr wissen.
Praktiker auf dem Felde der Politik und nicht Weise ‚nicht leben wollen’, es ist noch erfor- Um noch einmal auf den Widerspruch von
zuletzt Philosophen, weil es in hohem Maße derlich, daß die ‚oberen Schichten’ in der Produktivkräften und Produktionsverhält-
um Dialektik geht. Jeder von uns, mag er auf alten Weise ‚nicht leben können’.“ In der nissen zurückzukommen: Es ist möglich, daß
seinen Spezialgebieten auch über sehr gedie- gegenwärtigen verheerenden Weltwirt- ich irre, aber diese Frage erfordert meines
genes Wissen verfügen, sollte sich der Gefahr schaftskrise, einer Verschärfung der all- Erachtens vor allem eine allseitige Betrach-
bewußt sein, die lauert, wenn er benachbarte gemeinen Krise des Kapitalismus, ist das tung des Gesetzes des tendenziellen Falls
Strecken durchmißt, auf denen er weniger offenkundig der Fall. der Profitrate im Kapitalismus. Was deckt
firm ist, so daß er vielleicht auf dünnes Eis Erst danach folgt bei Lenin: „2. Die Not und da die jetzige Krise auf; was vermittelt sie
gerät. Ohne kameradschaftlichen Streit und das Elend der unterdrückten Klassen ver- bezüglich der Profitrate, die Marx (MEW,
gelegentliche polemische Zuspitzung wird schärfen sich über das gewöhnliche Maß 25/269) den „Stachel der kapitalistischen
es nicht abgehen. Davor soll man sich im hinaus.“ Das ist, bei nüchterner Betrachtung, Produktion und Bedingung wie Treiber der
Interesse von Wahrheit und Klarheit nicht bisher in Deutschland nicht der Fall. Hinzu Akkumulation“ genannt hat?
fürchten. Im Leninschen Sinne gilt es, jenes kommt, daß hier vorläufig offenkundig „die An einem solchen ergebnisoffenen Diskurs
entscheidende Kettenglied zu ergreifen, das Stimmung besser ist als die Lage“. Die Pro- würde ich mich gern beteiligen und das
den Besitz der ganzen Kette verbürgt. paganda einer buntscheckigen Kohorte von Meinige einbringen.
Genosse Herbert Meißner hat in zwei Arti- „Ärzten am Krankenbett des Kapitalismus“, Prof. Dr. Götz Dieckmann
keln im „RotFuchs“ (Juli 2008 und März von den erzkonservativen bis zu den sozial-
2009) zu Grundfragen Stellung bezogen. reformistischen Quacksalbern, überbietet
Seine Kernthesen lauten: „Es dürfte … in sich im Wettlauf um das wirkungsvollste Die Nachricht vom Tode des Mei-
den hoch entwickelten Ländern auf längere Rettungskonzept keynesianischen Geblüts. sters der baugebundenen Kunst
Sicht vermutlich keine revolutionäre Situa- Allesamt verbreiten sie die Illusion, der Regen und profilierten Grafikers
tion entstehen. Die Eigentumsverhältnisse werde bald von unten nach oben strömen.
hemmen nicht die Entwicklung von Wis- Doch wie wird die Stimmung sein, wenn Prof. Dr. Rudolf Sitte
senschaft, Technik und Produktion, es gibt die Konsequenzen der Krise unübersehbar aus Königsbrück hat uns erschüt-
infolgedessen keine ständige Verschärfung zutage treten? Die Leute werden schließlich tert. Wir trauern um einen treuen
des Widerspruchs zwischen PK und PV.“ Und realisieren, daß nur sie, ihre Kinder und
Leser, dessen Arbeiten in unserer
schließlich: „Vor allem fehlt es an der Potenz Enkel die Kosten der milliardenschweren
des subjektiven Faktors, der entscheidenden „Schutzschirme“ und „Stützungen“ zu tragen Zeitschrift reproduziert wurden.
gesellschaftsverändernden Kraft.“ haben. Wie werden sie reagieren, wenn sie Der Familie unser Mitgefühl.
Es ist zu würdigen, daß Herbert Meißner so – bildlich gesprochen – begreifen, daß sie
den Blickpunkt auf die sozialökonomischen einen Bankautomaten bedienen, in den sie
Ursachen der Niederlage des Sozialismus in erst zweihundert Euro einzahlen müssen,
Europa richtet, denn die bisherige Debatte um anschließend maximal einhundertfünf- Am 9. Juni um 14 Uhr spricht General-
war eine vorwiegend politische. Unleugbar zig wieder abheben zu dürfen? oberst a. D. Werner Großmann auf
gab es jedoch die entscheidenden Defizite auf Weiter bei Lenin: „3. Infolge der erwähnten einer Veranstaltung der RF-Regional-
dem Felde der Ökonomie. Der Sozialismus Ursachen steigert sich erheblich die Aktivi-
vermochte es eindrucksvoll über Jahrzehnte, tät der Massen, die sich in der ‚friedlichen gruppe MV Nordwest im Technologie-
solange es um Elektrifizierung, um Kohle, Epoche’ ruhig ausplündern lassen, in stür- und Forschungszentrum Wismar, Alter
Stahl und Chemie ging, dem Imperialis- mischen Zeiten dagegen sowohl durch die Hafen 19, über das Thema
mus Paroli zu bieten und stetig bedeutende ganze Krisensituation als auch durch die
Zuwächse der Arbeitsproduktivität zu erzie- ‚oberen Schichten’ selbst zu selbständigem Bonn im Blick und mehr!
len. In der dann folgenden „langen Welle“, historischem Handeln gedrängt werden.“ Geschichte und Erkenntnisse der
als die Mikroelektronik zum bestimmen- Auch letzteres ist im Gange.
Hauptverwaltung Aufklärung
den Faktor der Produktivkraftentwicklung
Seite 12 RotFuchs / Juni 2009

Wer zog damals die Strippen?


Wie „Der Spiegel“ mit dem „Manifest“ des
Hermann von Berg Diversion betrieb

I m 20. Jahr nach der Annexion der DDR


durch die BRD hat die Krise der bür-
gerlichen Gesellschaft bisher unbekannte
dern, die zunehmende Militarisierung des
gesamten öffentlichen Lebens im Ostblock
gefährden den Weltfrieden ...“ Das Ende
von der Diktatur des Proletariats aus seiner
Lehre gestrichen.
Anstatt den Sozialismus in den Staaten des
Dimensionen erreicht. Mit der zunehmenden des Kolonialsystems, so die Verfasser des Warschauer Vertrages in das Weltgeschehen
politischen Instabilität erscheint Medien- „Manifests“, müsse auch gegenüber dem eingebettet zu analysieren, betrachteten
machern der Antikommunismus erneut „roten Imperialismus“ durchgesetzt wer- die „demokratischen Kommunisten“ diesen
als das probate Mittel zur Festigung der den. Ihre Ergänzung fand die Auflistung weder in seinen komplexen Entstehungsbe-
Macht der herrschenden Klasse. Welche vermeintlicher Sünden der Sowjetunion dingungen noch als in seiner Entwicklung
Inhalte dabei im Mittelpunkt stehen, zeigte in der Unwahrheit, sie setze „kubanische vom Imperialismus beeinträchtigt. Sie ent-
„Phoenix“ vor einiger Zeit mit einem Bericht Hiwis in Entwicklungsländern ein“. hielten sich jeglicher Kritik an diesem, an
über die „Spiegel-Affäre Ost“. Die Stellungnahme zu Krieg und Frieden der NATO, den USA, der BRD, der kapitali-
Anfang 1978 provozierte „Der Spiegel“ die offenbart bereits, daß dieser „Bund“ die stischen Gesellschaftsformation oder deren
Schließung seines Büros in der Haupt- sozialistischen Länder nicht als sozialistisch Einwirkung auf den Sozialismus.
stadt der DDR, indem er ein „Manifest betrachtete. Er bevorzugte Begriffe wie In der „Phoenix“-Sendung kam als ein Mit-
des Bundes Demokratischer Kommuni- „bürokratischer Staatskapitalismus“, „roter streiter des Hermann von Berg der Leipziger
sten Deutschlands“ publizierte. Dieses Imperialismus“, „asiatische Produktions- Historiker Professor Niemann mehrfach zu
Dokument hatte sein Redakteur Ulrich weise“ und „Feudalismus“. Die Entspannung Wort. Heinz Niemann war jahrelang Direktor
Schwarz von Professor Hermann von Berg zwischen der NATO und dem Warschauer der Sektion Marxismus-Leninismus an der
(Humboldt-Universität) erhalten. Vertrag war für die „demokratischen Kom- Karl-Marx-Universität. Im „Manifest“ des
Der Vorgang, von bürgerlichen Blättern als munisten“ ein Vehikel zur Expansion der „Bundes“ wurde jedoch die Abschaffung
„Spiegel-Affäre Ost“ bezeichnet, sorgte für „Demokratie“ in Deutschland und Europa. der „Staatsreligion Marxismus-Leninismus“
Aufregung im Bundestag, die sich jedoch Von der Entspannungspolitik sagte man: sowie der „ML-Päpste“ an den Hochschulen
bald legte, da außer den „Gründern“ nie- „Nur diese schafft die Möglichkeit einer und Universitäten der DDR verlangt!
mand einen solchen „Bund“ kannte, der von friedlichen grundsätzlichen Reformation Der Rat der „Zentralen Koordinierungs-
einer Opposition gegen die SED zeugte. im Innern des sowjetischen Machtberei- gruppe“ jenes dubiosen Bundes wandte
Mit der Bezeichnung ihrer Organisation ches, einen Übergang von der asiatischen sich mit dem Anliegen an seine Mitglieder,
als „Bund Demokratischer Kommunisten ...“ Produktionsweise des bürokratischen die Regeln der Konspiration zu beachten
erhoben seine Initiatoren den Anspruch, in Staatskapitalismus zur sozialistischen und zu verfeinern. Ihre Aufgabe bestand
der Tradition des „Manifests der Kommu- Volkswirtschaft und Gesellschaft.“ schließlich darin, im Untergrund gegen die
nistischen Partei“ zu stehen. Aber wenn der Die DDR war für die Initiatoren dieses DDR zu agieren: „Die Partei- und Staatsar-
„Bund“ 1977/78 die Losung der deutschen „Bundes“ lediglich der „Abklatsch einer beit, das Partei- und FDJ-Studienjahr, die
Kommunisten von 1848 „Ganz Deutschland 16. Unionsrepublik der UdSSR“ und ihre Zivilverteidigung und die Kampfgruppen
wird zu einer einigen, unteilbaren Republik Führung bestand aus „Quislingen“. – alle bieten die Möglichkeit, sich über die
erklärt“ verkündete, dann bedeutete das Die Verfasser des „Manifests“ warfen der Thesen der ,Revisionisten‘ zu verständi-
unter den Bedingungen des restaurierten, Sowjetunion nicht nur vor, dem Faschismus gen und sie – auch unter dem Vorwand der
militarisierten und in die NATO integrier- den Weg geebnet zu haben, sondern auch, Bekämpfung – zu verbreiten.“
ten westdeutschen Imperialismus, die DDR daß sie eine dem Faschismus gleiche Gesell- Der „Phoenix“-Streifen zeigte, daß 30 Jahre
der deutschen Bourgeoisie auszuliefern. schaft geschaffen habe. Dazu nutzten sie später keiner der damaligen Hauptakteure
Die Autoren jenes „Manifests“ ergriffen Begriffe der bürgerlichen Totalitarismus- etwas Wesentliches hinzugelernt hat. „Spiegel“-
für den Eurokommunismus Partei – das Doktrin. Sie konstatierten: „Stalinismus Korrespondent Ulrich Schwarz rechnete die
„trojanische Pferd“ in der kommunisti- und Faschismus sind, unter staatsmono- Publikation jenes Pseudomanifests zu sei-
schen Bewegung. Sie wandten sich gegen polistischen Verhältnissen und geprägt nen Verdiensten. Hermann von Berg – bis
den Sozialismus und gegen die Führung vom Kampf um die Ausweitung der Macht, 1986 Professor in der DDR – stellte sich als
der sozialistischen Gesellschaften durch Zwillinge. Wir erinnern an das Wort des Opfer der „SED-Diktatur“ dar. Kommentare
die kommunistischen und Arbeiterpar- KZ-Häftlings Kurt Schumacher von den dazu, daß die BRD inzwischen eine ständige
teien. Die „demokratischen Kommuni- Stalinisten als rotlackierten Nazis. Stalin Bedrohung für den Weltfrieden ist und der
sten“ beriefen sich auf Marx und Engels, hat Hitler zur Macht verholfen, indem er Krieg wieder offiziell als Mittel deutscher
bedienten sich aber eines boshaften und die KPD auf die ,Sozialfaschisten‘ der SPD Regierungspolitik dient, fehlten völlig.
verleumderischen Antimarxismus. Ihr hetzte. Damit hat er sich Hitlers Aufstieg Dr. Ehrenfried Pößneck
„Manifest“ war ein einziger antikommu- und dessen Angriff auf die Sowjetunion
nistischer Haßgesang. selbst mitorganisiert. Er hat die SED 1947/48
So hieß es zur Gefährdung des Friedens: wiederum auf den ,Sozialdemokratismus‘
„Die ungleichmäßige Entwicklung des gehetzt und auch damit die Kalten Krieger,
Staatskapitalismus hat dazu geführt, daß die Neonazis und Revanchisten in der BRD Am 7. Juni begeht der Nestor unserer
heute zwei imperialistische Supermächte, einflußreich gemacht.“
die USA und die UdSSR, existieren ... Die Die Väter des „Bundes“ erklärten, daß sie Autoren, der trotz bitterster Erlebnisse
Kriegsgefahr geht von beiden imperia- nicht an „Gottvater Marx“, „Jesus Engels“ allzeit standhaft gebliebene Kommu-
listischen Zentren aus.“ Doch der Leser oder an den „Heiligen Geist Lenin“ glaub-
erfuhr bald Genaueres darüber, von wem ten. Ihre neue Partei sollte auf einer plu- nist und liebenswerte Mensch
die Gefahr des Krieges wirklich drohte; ralistischen Grundlage entstehen, die
nämlich von Moskau: „Die sowjetische Arbeiter-und-Bauern-Macht in der DDR Walter Ruge
Aufrüstung zu Lande, zu Wasser und in zugunsten einer „pluralistischen Demo-
aus Potsdam seinen 94. Geburtstag.
der Luft, das Schüren von Kriegsherden kratie“ beseitigt werden. Sie behaupteten
im afrikanisch-arabischen Raum durch gar, der schöpferische Marx hätte heute Wir sind stolz auf Dich, lieber Walter!
Lieferung von Waffen, Personal und Ausbil- längst die Thesen vom Klassenkampf und
RotFuchs / Juni 2009 Seite 13

Bringeschuld
Bewegende Mahnung eines kommunistischen Veteranen

Z um Zeitpunkt der Leningrader Blockade


1942 bis 1944 war ich gut verwahrt in
Omsk – hatte also mit diesen barbarischen,
erklärten. Auch die zweite Reihe dieser
„Größen“ hat sich nie bekannt. Als Muster
könnte ein unlängst uraufgeführter öster-
Verbrechensregister nicht in Vergessenheit
geraten zu lassen.
Weder Auschwitz noch Oradour-sur-Glane
tragischen Ereignissen überhaupt nichts zu reichischer Dokumentarfilm über den ehe- noch Lidice verjähren jemals. Da gibt es nichts
tun. Dennoch blieb ein unüberwindliches maligen SS-Hauptsturmführer Paul Maria zu verzeihen, keinen Schlußstrich zu ziehen.
Gefühl der Scham für meine fernen Lands- Hafner („Hafners Paradies“) gelten, der seit Eine kollektive Scham muß den Nachgebo-
leute, so etwas wie eine Bringeschuld, immer Kriegsende unbehelligt in Spanien lebt, dabei renen unbedingt bewahrt bleiben.
an diese grausamen 900 Tage zu erinnern. unverfroren kundtut, daß er ein militanter Für mein neues Buch „Wider das Vergessen“
In meinem Buch „Wider das Vergessen“ bot Anhänger Hitlers geblieben ist. Bei so wenig habe ich mich entschlossen, die einzigarti-
sich Gelegenheit, die Ereignisse zu doku- Reue fällt es schwer, unter diese kollektive gen Briefe meiner verstorbenen Frau Irina
mentieren. Der Erinnerungsbericht ist aus Unschuld nun auch noch den „Schlußstrich“ Andrejewna aus dem Lager am Jenissei an
Gesprächen mit Überlebenden der Lenin- zu ziehen. Leicht getarnt kommen diese ihre Mutter in einem Lager bei Riga aus den
grader Blockade entstanden. Er spricht für braunen Ressentiments auch auf anderen Jahren 1949 bis 1951 und erhalten gebliebene
sich, für diese Menschen, denn das Grauen Wegen in die deutsche Wirklichkeit zurück eigene Briefe vom Jenissei an meine Mut-
verfolgt sie bis heute. Tatjana Milowanowa – als „Menschenrechte“. Als „Menschenrecht ter Charlotte Baumgarten in Potsdam aus
sagte zu mir: „Weißt Du, Walter, ich habe auf Heimat“, als „Menschenrecht auf Besitz- den Jahren 1953 bis 1954 der Öffentlichkeit
in den vergangenen 50 Jahren noch nie mit erwerb“, als „Menschenrecht auf freie Wahl vorzustellen. Hier erfährt man mehr über
jemandem über diese Zeit gesprochen.“ So des Wohnsitzes“, wie wir das seit Jahren von das Lagerleben als in allen akademischen
tief kann das sitzen. den Heimatverbänden hören. Neuerdings Abhandlungen zusammengenommen; ein
Die Demut, die Ehrfurcht, die Scham, die etabliert sich so eine Art „Menschenrecht“ Kapitel Menschheitsgeschichte, das nicht
Reue, zu der Deutschland, zu der dieses auf Raketenstationierung. vergessen werden sollte.
Volk verpflichtet wäre, erbringen diejenigen, So ganz als Erben des braunen Terrors möch- Neuerdings erzählen uns ja die Zimmermäd-
die mit den Verbrechen von einst nicht das ten unsere „Eliten“ natürlich nicht erschei- chen von Magda Goebbels, wie es damals
geringste zu tun haben, ja, die zum Teil selbst nen. So wurde (nach langem Zögern und in war, und so etwas nennt sich dann „Auf-
Opfer sind. Es gibt ein anderes Deutschland, Alibifunktion) „der deutsche Widerstand“ arbeitung“.
das die Toten, den Widerstand ehrt – im kreiert. Er besteht aus den „Männern des Im Zenit meines Lebens waren mir zwei
Namen Deutschlands. Mehr noch: Das offi- 20. Juli 1944“, denen zunächst vorgehalten späte Reisen nach Sibirien vergönnt. 2006
zielle Deutschland kennt diese Reue, diese wurde, den „Eid auf den Führer“ gebrochen flog ich mit einem Team liebenswerter
Demut nicht. Es verketzert im nachhinein zu haben. Sie hatten sich besonnen, als der Filmstudenten an den Vater der Flüsse, den
Tausende Widerstandskämpfer, allen voran Krieg eindeutig verloren war, als deutsche Jenissej, nach Jermakowo und lgarka über
Kommunisten. Die spanischen Interbriga- Antifaschisten schon einen hohen Blutzoll dem Polarkreis. Es handelte sich um Orte
disten, die Illegalen, die Rote Kapelle. Hier erbracht hatten. All das ist nichts Neues – meiner Vergangenheit. 2007 ging ein alter
in Potsdam wurde zwischen 1978 und 1982 Straßennamen wird es nicht mehr ändern; Wunsch in Erfüllung: Ich begab mich an den
ein völlig neuer Stadtteil aus dem Boden wir sollten es aber niemals vergessen. legendären, als „heilig“ besungenen Baikalsee.
gestampft: die Waldstadt II. Die Straßen Etwas schwieriger wird es bei dem mit viel Beide Reisen gehören zum Unvergeßlichen
wurden durchweg nach gestandenen Anti- Öffentlichkeit errichteten Monumentalbau und haben deshalb in diesem Band ihren
faschisten, ehemaligen KZ-Häftlingen und – den in den letzten Jahren installierten Platz gefunden.  Walter Ruge
Spanienkämpfern benannt. Mit den neuen Zementblöcken zum Gedenken an die Opfer
Herrschaften wurden pauschal alle diese des Holocaust im Zentrum Berlins. Es geht Aus einer Rede am 24. September 2008 – dem
Namen getilgt. Sie haben es gewagt, den um ein fürchterliches Verbrechen an den Tag der Präsentation seines Buches „Wider
Namen Georgi Dimitroffs auszulöschen, eines österreichischen, polnischen, ungarischen, das Vergessen“ im Potsdamer Kulturhaus
Mannes, an dessen Lippen einmal die Welt russischen und deutschen Juden – an den „Altes Rathaus“
hing, der vom Tode bedroht seinen Henkern Juden auch vieler anderer Länder Europas.
die Stirn bot; keine Straßen, keine Plätze, Dennoch verschieben diese Blöcke die Rela-
kein Dimitroff-Museum in Leipzig. tionen im deutschen Faschismus. Wenn
In der „abendländischen Kultur“ kennen wir es denn ehrlich gemeint war, bliebe die Das „RotFuchs“-Kollektiv ist von
einen besonderen Umgang mit Sünden, mit würdigste Ehrung der ermordeten euro- einem schweren Verlust betroffen
Verbrechen. Da ist es möglich, vor Gott began- päischen Juden immer noch ein nazifreies worden. Am 9. Mai starb der auf-
gene Taten ungeschehen zu machen; durch Deutschland. Wir wissen: Eben das wurde rechte und mutige Kommunist
Beichte, durch Gebet, durch Absolution, im vermieden.
Mittelalter sogar durch Geld (den Ablaß). Im Spätestens die Stoßrichtungen der faschi- Egon Schansker
Weltlichen will das gut überlegt sein, denn stischen Wehrmacht im II. Weltkrieg – ins
wo sich die „Sünden“ – in unserem Fall die Donezbecken und nach Baku – zeigen uns langjähriger Layouter des RF, im
Naziverbrechen – zu hoch türmten, da hat den ungeschminkten deutschen Imperialis- Alter von 75 Jahren nach schwerer
der Heilige Stuhl nachgeholfen und für Tau- mus, lassen keinen Zweifel daran aufkom- Krankheit.
sende die Flucht ins sichere Franco-Spanien men, worum es diesen „Eliten“ eigentlich Infolge eines Sturzes seit dem
oder nach Südamerika ermöglicht. ging und bis heute geht. Die Ausrottung der Vorjahr querschnittsgelähmt
Gerade im „Abendland“ hat es in den letz- Juden war Bestandteil der unvorstellbaren und ans Bett gefesselt, blieb er
ten Jahren so manche prominente Stimme Verbrechen des deutschen Faschismus. Neben uns und der Sache bis zuletzt fest
gegeben, die verlangte, endlich einen Schluß- 5 Millionen Juden sind 6 Millionen Polen verbunden.
strich unter die braune Vergangenheit zu vernichtet worden, in derselben Größenord- Egon war das Beispiel eines
ziehen. Das fällt allein deswegen schwer, nung verhungerten sowjetische Kriegsgefan- klassenbewußten, marxistisch
weil vor der Vergebung (auch bei Gläubigen) gene. Jeder vierte Bewohner Belorußlands gebildeten Arbeiters.
das Schuldbekenntnis steht. Dieses blieb wurde ermordet, der Blutzoll aller Völker
durchweg aus. Das begann im Nürnberger der Sowjetunion übersteigt bei weitem Mit seinen vielen Freunden trau-
Hauptkriegsverbrecherprozeß, wo sich alle 20 Millionen Menschen. Es ist an uns, über ern wir um ihn.
Angeklagten lautstark für „nicht schuldig“ den Holocaust hinaus dieses gigantische
Seite 14 RotFuchs / Juni 2009

Volksaufstand oder Gangsterpogrom?


Max Zimmering über das, was er am 17. Juni 1953 erlebte

N ur ungern berichte ich davon, aber


darf man die Wahrheit verschwei-
gen, wo viele Menschen der Lüge zum
lerverband befindet. Überall standen
Menschengruppen herum. Wir bogen lang-
sam in die Friedrichstraße ein – und da
Berlin zerstörte und der in Auschwitz
Millionen Angehörige vieler Nationen,
darunter mehr als vier Millionen Juden,
Opfer fielen? geschah es: Eine randalierende Horde von zum Opfer fielen, anfangs auch nur eine
Laßt mich einfach erzählen, was ich am gedungenen Provokateuren, Jünglingen Flamme wie diese war. Und geschämt habe
17. Juni erlebte. Darüber urteilen mögt ihr mit karierten Hemden und dem anderen ich mich, als ich die Menge klatschen hörte,
selbst. Ich jedenfalls habe mich geschämt dazugehörigen Aufputz und faschisti- als der Lautsprecher mitteilte, man habe
– nicht etwa, weil ich mit einem zerschla- sche Elemente, deren SS-Visagen unver- Krankenwagen überfallen und nach West-
genen Gesicht von Berlin heimgefahren kennbar waren, umringten den Wagen, Berlin entführt. Als die Hooligan-Banden
bin, geschämt habe ich mich für jene, die – in dem ich mich allein befand, da die durch die Friedrichstraße zogen und eine
irregeleitet – sich an den Ausschreitungen anderen Mitfahrenden vorher schon bei Wohnung stürmten, um eine rote Fahne
beteiligten. Ich war von meiner Organi- ihrer Dienststelle ausgestiegen waren. herunterzuholen, habe ich mich wieder
sation, dem Deutschen Schriftstellerver- Ein Hagel wüster Beschimpfungen und geschämt – nicht für das faschistische
band, zu einer Besprechung nach Berlin Drohungen setzte ein. „Komm raus, du Gesindel, das sich mit dieser Handlung
gerufen worden. Die Eisenbahnfahrkarte Hund!“, „Gib dein Abzeichen her!“ und nur als das entlarvte, was es war, son-
für den Frühzug hatte ich zurückgegeben, ähnliches wurde gerufen. dern für die Arbeiter, die ich früh in den
da Freunde, die mit ihrem Wagen eben- Ich versuchte die Gemüter mit einigen Berliner Vorstadtstraßen demonstrieren
falls nach Berlin mußten, mir einen Platz vernünftigen Worten zu beruhigen. Aber sah und die nicht weitsichtig genug waren,
anboten. Gegen 10 Uhr früh passierten wir auf eine sachliche Diskussion kam es die- zu erkennen, welchen dunklen, arbeiter-
die Kontrollstelle an der Stadtgrenze. Wir ser Rotte nicht an. Da ich keine Anstalten feindlichen, verbrecherischen Kräften sie
sahen keine Ursache, uns auf besondere machte, auszusteigen oder der Aufforde- in die Hände gespielt hatten – denn ich
Ereignisse gefaßt zu machen. Während der rung nachzukommen, mein Abzeichen, weiß, daß die rote Fahne der Arbeiter-
Fahrt unterhielten wir uns noch eifrig über auf dem die beiden brüderlich vereinten klasse niemals von ehrlichen Arbeitern
die letzten Maßnahmen unserer Regierung Hände der Arbeiterparteien zu sehen sind, besudelt worden wäre.
– gerade hatten wir in der Morgenzeitung auszuhändigen, warfen sie sich gegen Die Lehre daraus mögen unsere Werktä-
von der Erfüllung der Arbeiterforderun- den Wagen – der Fahrer war inzwischen tigen selber ziehen. Es sage keiner später
gen in bezug auf die ungerechtfertigten ausgestiegen – und stürzten ihn auf die einmal, er sei nicht gewarnt worden!
bürokratischen Erhöhungen der Normen Seite. Ich hörte Drohrufe: „Komm raus,
gelesen, und wir kamen zum Schluß, daß sonst brennen wir die Karre an!“ Dann
es wohl kein Beispiel aus der Geschichte wurde der Wagen wieder auf die Räder
kapitalistischer Regierungen gäbe, die so gekippt und die Tür aufgerissen. Während
offen von eigenen fehlerhaften Maßnah- ich mir mit einem Taschentuch das Blut Effi lebt nicht mehr.
men gesprochen und so mutig die Konse- vom verletzten Gesicht tupfte, versuchte
quenzen daraus gezogen hatten, wie es mir einer das Abzeichen abzureißen – er Am 3. Mai ist der namhafte Grafi-
unsere Regierung getan hat. hat es nicht bekommen! –, und ich wurde ker und Maler
Und dann, irgendwo in der Gegend von aus dem Wagen gezerrt.
Grünau, begegneten wir einer Gruppe Ich war schon auf einen ungleichen Kampf Karlheinz Effenberger
Menschen, etwa vierzig Männern und vorbereitet, als mich auf jeder Seite hel- verstorben. Er war Vorsitzender
Frauen, die in einem geschlossenen Zug fende Arme ergriffen: Zwei junge Genos- des Verbandes Bildender Künstler
die Straße entlangmarschierten. Es schien sinnen und ein Mann, den ich bald als den
uns seltsam, daß keine Fahnen und Losun- englischen Journalisten John Peet (der vor und Bezirkstagsabgeordneter in
gen mitgetragen wurden. Auch gesungen einigen Jahren die „Freiheit“ des Westens Schwerin. Viele Jahre hat er den
wurde nicht. Weder Polizei noch sonst gegen unsere eingetauscht hatte) erkannte, „RotFuchs“ durch seine Beiträge
jemand kümmerte sich um die Vorüber- zogen mich aus dem Mob heraus.
bereichert. Effi war ein liebens-
ziehenden. Ich fragte meine Nachbarin, Und das war der Augenblick, in dem mich
ob eine Kundgebung zugunsten der vom die Scham überfiel, denn es waren deut- werter Mensch, ein Könner seines
Tode bedrohten Rosenbergs angekündigt sche Menschen, die da auf einer Straße Metiers und ein treuer Kommu-
sei. Vielleicht gingen diese Menschen zum Berlins ihr niederträchtiges Gangsterpo- nist.
Stellplatz. Auf dem Wege ins Stadtinnere grom aufführten, Passanten blutig schlu-
begegneten wir noch mehreren ähnlichen gen, Wagen umstürzten, ausraubten, in Wir kondolieren seiner Familie.
Zügen, und es wurde uns klar, daß irgend Brand steckten und zum Mord hetzten.
etwas ,,im Gange“ war. An der Stalinallee Geschämt habe ich mich auch, weil sich
stießen wir auf eine Absperrung durch all das unter der stummen Zeugenschaft
Volkspolizei. Aus vielen Fenstern dieser vieler Berliner ereignete, die solches Row-
Straße, die durch den Fleiß der Berliner dytum nicht billigten, aber nicht mutig Die RF-Regionalgruppe Bautzen/
Bauarbeiter so schnell aus dem vom Kriege genug waren, dem Lumpengesindel und
Oberlausitz lädt für den 17. Juni um
geschändeten Boden gewachsen ist, hin- den verhetzten Jugendlichen entgegen-
gen rote Fahnen. In einer Seitenstraße zutreten. Und geschämt habe ich mich 17 Uhr in die Begegnungsstätte Große
rechts „demonstrierte“ ein ungeregelter auch, als ich eine halbe Stunde später Brüdergasse 1 in Bautzen herzlich ein.
Zug, meist junge Burschen, die wesent- mit einigen Kollegen und Angestellten
lich abstachen von den Demonstranten, des Schriftstellerverbandes zur Kreu- Der Vorsitzende des RF-Fördervereins,
denen wir vorher begegnet waren. Aber zung Unter den Linden/Friedrichstraße Botschafter a. D. Rolf Berthold,
auch diese wenig vertrauenerweckenden ging und den brennenden Pavillon sah.
Gestalten wurden in keiner Weise von der Eine brüllende Horde junger Burschen spricht über das Thema
Volkspolizei beachtet. stand gaffend umher, und hysterische
Wir kamen bis Ecke Unter den Linden/ Weiber lachten. Sie begriffen nicht, daß 60 Jahre Volksrepublik China
Friedrichstraße, wo sich der Schriftstel- die Flamme, die Dresden und Ulm und
RotFuchs / Juni 2009 Seite 15

In der Höhle des Löwen


Wie DDR-Militäraufklärer den Krieg verhindern halfen

M illionen Bürger der DDR leisteten einen


aktiven Beitrag zur Friedensbewah-
rung inmitten Europas. Dabei handelte es
gische und operativ-taktische Aufklärung
sowie den Informationsdienst, der für die
Verarbeitung der Einzeldaten zuständig war.
nant a. D. Kurt Lewinski (1908–1998), der mit
seinen Kenntnissen und Erfahrungen zehn
Jahre in der Aufklärung diente: Gelernter
sich um eine wahrhaft historische Leistung Der Leser erfährt manches Detail. Fragen Buchdrucker/Buchbinder, illegale Partei-
des ersten sozialistischen Staates auf deut- werden beantwortet: Wie kamen sie zur Auf- arbeit, von 1934 bis 1945 Zuchthaus, Häft-
schem Boden. Zu den Kämpfern gegen den klärung? Wie wurden „Illegale“ geschleust? ling im KZ Dachau. Im KZ Sachsenhausen
Krieg gehörte eine kleine Gruppe – 1989 Was waren „Legalisten“? Wie waren die wurde er in das berüchtigte „Unternehmen
bestand sie aus etwa 2200 Personen –, die Militärattachés eingebunden? Wie wurden Bernhard“ befohlen, in dem britische Pfund-
lange Zeit weitgehend unbekannt war. Es geheime Informationen und Dokumente Noten gefälscht wurden. „Jeder gefälschte
handelte sich um die Militäraufklärer der beschafft? Wie Quellen angezapft? Wie Schein (hieß) ein Tag Leben“, schreibt er in
NVA. Ihr Zentrum befand sich auf einem arbeitete die Funkaufklärung? Aufgetretene seinen Erinnerungen, die erstmals veröf-
nahezu 10 Hektar großen Areal an der Ber- Probleme werden nicht verschwiegen. Auch fentlicht werden.
liner Oberspreestraße. Am Haupteingang jene nicht, die sich aus dem Nebeneinander In einem gemeinsamen Beitrag sprechen
war zu lesen „Mathematisch-Physikalisches von Militäraufklärung der NVA und des MfS Armeegeneral Heinz Keßler und General-
Institut der NVA“. Die Hauptaufgabe dieser ergaben. Werner Großmann nennt es ein oberst Fritz Streletz den Militäraufklärern
Genossen bestand in der allseitigen Ein- „gewisses Konkurrenzverhalten“. Dank und Anerkennung aus: „Sie haben
schätzung der NATO-Streitkräfte auf dem Viele Beiträge haben selbst für ehemalige ihren Auftrag als Angehörige einer Armee
Territorium der BRD. Es galt, die starken und Berufssoldaten der NVA einen Neuigkeits- des Volkes und Bürger eines Staates, der
schwachen Seiten des Gegners der Armeen wert. Es gab über 1700 festgelegte Aufklä- sich zur Aufgabe gestellt hatte, von deut-
des Warschauer Vertrages aufdecken zu hel- rungsobjekte. Die militärische Aufklärung schem Boden nie wieder Krieg ausgehen
fen, seine wahrscheinlichen Absichten und war in über 100 Einrichtungen und Räumen zu lassen, ehrenhaft erfüllt“. Es ist unver-
Möglichkeiten real einzuschätzen. An der präsent. Die Funk- und Funktechnische ständlich, daß beider Aufsatz nicht mehr
sensiblen Trennlinie zwischen Sozialismus Aufklärung hielt 357 Objekte unter perma- in dem Sammelband aufgenommen werden
und Imperialismus, zwischen Warschauer nenter Kontrolle. Die dezentralen Kräfte konnte und deshalb auf der Homepage des
Vertrag und NATO mußte jegliche militäri- verteilten sich auf fast 100 Verbände und Verlages Dr. Köster gelesen werden muß. Mit
sche Überraschung durch den potentiellen Truppenteile, auf mehr als 40 Kernwaffen- einer möglichen zweiten Auflage wäre dieser
Gegner ausgeschlossen werden. Was das einsatzkräfte und -lager sowie auf ebenso Mangel zu beheben. Dem Buch ist eine weite
konkret hieß, erfahren wir jetzt durch „Insi- viele militärische Führungsstellen. Den Verbreitung zu wünschen. Es ist eine Berei-
der“ mit dem Buch: „Die Militäraufklärung Aufklärern gelang es u. a., die NATO-Kom- cherung der sachlichen Berichterstattung
der NVA – ehemalige Aufklärer berichten. mandostabsübung „Wintex/Cimex 89“ voll- über die NVA und eine Handreichung für
Im Zentrum und im Einsatz“, herausgegeben ständig aufzudecken, zu deren Szenario der die mittlerweile voll entfaltete ideologische
von Bernd Biedermann, Harry Schreyer und Kernwaffeneinsatz gegen Dresden gehörte! Auseinandersetzung um die Geschichte der
Bodo Wegmann. Der Sammelband enthält Für die Beteiligten gab es wahrlich keinen DDR und ihrer Landesverteidigung.
erstmals Berichte von 16 Beteiligten. Einlei- Anlaß für abwegige Betrachtungen über eine P. S. Interessierte Leser werden darauf
tend ist eine kritische Anmerkung zu einem angebliche Friedensfähigkeit des Imperialis- verwiesen, daß diesem Sammelband eine
Buch über Militäraufklärung zu lesen, des- mus. Der Sammelband informiert über zwei Monographie vorausgeht: Bodo Wegmann,
sen Verfasser (Jg. 1949) im diplomatischen Kommunisten, die diesen Bereich der NVA Die Militäraufklärung der NVA. Die zentrale
Dienst der DDR, u. a. als Kulturattaché, tätig maßgeblich prägten. Generalleutnant a. D. Organisation der militärischen Aufklärung
war und 1990 als Journalist zu Springer ging. Arthur Franke (1909–1992) stand von 1959 bis der Streitkräfte der Deutschen Demokra-
Den Sammelband beschließt ein Beitrag von 1975 an der Spitze der Aufklärer: Gelernter tischen Republik. Sie ist 2007 bereits in
Werner Großmann, dem letzten Chef der Möbeltischler, Mitglied der KPD seit 1930, zweiter Auflage erschienen und gilt als
Auslandsaufklärung des MfS. Illegalität, Spanienkämpfer im Thälmann- Standardwerk.
Die Autoren geben Einblicke in die agentu- Bataillon, Häftling im KZ Sachsenhausen, Dr. Dieter Hillebrenner, Oberst a. D.
rische (nachrichtendienstliche), die strate- Aktivist der ersten Stunde. Und Oberstleut-

Gehlens und Globkes „Rechtsstaat“


D as von erprobten deutschen Antifaschi-
sten begründete und geführte MfS der
DDR liegt seit 20 Jahren im Trommelfeuer
tendienstes in Deutschland zu übernehmen
und seine „Arbeit“ fortzusetzen. Das war die
Geburtsstunde der „Organisation Gehlen“.
Die andere Seite der Medaille: Am 17. August
1956 wurde – zu Gehlens und Globkes Zeiten
– die Partei der antifaschistischen Märtyrer,
derer, die voller Scham auf die Entstehungs- Da die Entwicklung der dann entstehenden die KPD, wie bereits am 28. Februar 1933 ver-
geschichte ihres Auslandsnachrichtendien- beiden deutschen Staaten von der Weltöf- boten. Die Entscheidung traf das Bundesver-
stes BND zurückblicken müßten. Dessen fentlichkeit aufmerksam beobachtet wurde, fassungsgericht in Karlsruhe auf Antrag des
Väter und Paten waren fanatische Nazis taufte man 1956 die Organisation Gehlen ein- Innenministeriums der BRD. Das Verbot ist
und überführte Kriegsverbrecher. fach um. Sie hieß fortan Bundesnachrichten- bis heute nicht aufgehoben worden.
Nehmen wir nur den Wegbereiter Nr. 1. Er dienst (BND). Sein Präsident Reinhard Gehlen Und noch ein Detail: Die legale Existenz
hieß Reinhard Gehlen und wurde am 3. April unterstand direkt Adenauer, dessen Staats- einer offen faschistischen Partei wie der
1902 in Erfurt geboren. Im Oktober 1944 sekretär im Bundeskanzleramt ein anderer NPD harmoniert mit den Auffassungen der
ernannten ihn die braunen Banditen zum Naziverbrecher namens Hans Globke – der Regierenden vom „demokratischen Rechts-
Chef ihrer Auslandsspionage. Hitler per- berüchtigte Kommentator der Nürnberger staat BRD“. Zu dessen Wegbereitern gehörten
sönlich beförderte ihn zum Generalmajor. Rassegesetze – war. Gehlen blieb bis 1968 Gehlen und Globke.
Bereits im Februar 1946 wurde Gehlen vom im Amt. Er verstarb am 8. Juni 1979 nach RF,
US-Geheimdienst OSS – dem Vorläufer der CIA einem „friedvollen Lebensabend“ in seinem gestützt auf eine Leserzuschrift
– gebeten, die Leitung des Auslandsnachrich- Haus am Starnberger See.
Seite 16 RotFuchs / Juni 2009

Sachsen-Anhalts Landes-Chef Böhmer:


Mehr Verständnis für Westinteressen!
V or geraumer Zeit veröffentlichte Mag-
deburgs „Volksstimme“ ein Interview
mit Landeschef Böhmer. Eine Aussage
skrupellos ausgeplündert wurde. Erinnert
sei nur an jene Heerscharen von „Beratern“
und Abgesandten der BRD-Konzerne, die
Die noch in DDR-Regie geschaffene Treu-
hand ging ab Oktober in den Besitz der BRD
über. Sie verschleuderte die DDR-Betriebe
muß man sich auf der Zunge zergehen kurz nach der Öffnung der Grenze bei uns für „einen Appel und ein Ei“. Das Augen-
lassen. Auf die Frage des Journalisten, einfielen und den DDR-Bürgern das Blaue merk galt nicht vorrangig der Ausrüstung,
wie das „Miteinander bei den Minister- vom Himmel versprachen. Tatsächlich obwohl einige über modernste Technik ver-
präsidenten-Treffen“ funktioniere, und interessierte man sich für Kader, Kunden- fügten, sondern den Immobilien. Zugleich
ob dabei die Interessenlinien streng zwi- listen und Auftragsbücher. Wo es zu einer ging es um gut ausgebildete Fachkräfte und
schen West und Ost verliefen, erwiderte Übernahme von DDR-Firmen – die meisten Absatzmärkte im früheren RGW-Bereich. All
Böhmer: „Meistens nicht. Aber bei Son- wurden plattgemacht – kam, erfolgte eine das bedeutete für die BRD eine beispiellose
derregelungen, die den Osten bevorteilen radikale Änderung des Produktionsprofils. Transfusion. Wohlgemerkt: von Ost nach
würden, sind sich die West-Kollegen alle Fast alles Lukrative verlagerte man nach West. Dort boomte die Wirtschaft für einige
einig, daß das nicht geht. Das nehme ich dem Westen. Jahre. Die aus dem Arbeitsprozeß verdräng-
ihnen aber auch nicht übel. Wenn man Der entscheidende Schlag erfolgte im Juli ten „Ostler“ wurden mit „sozialverträgli-
18 Jahre lang einen großen Teil der eigenen 1990 mit der Einführung der D-Mark. Die chen Maßnahmen“ zunächst ruhiggestellt.
Einnahmen an den Osten überwiesen hat, Hauptkunden der DDR befanden sich im Das BRD-Industriekapital bereicherte sich
dann ist es verständlich, wenn man sagt: nichtkapitalistischen Wirtschaftsgebiet. schamlos, das Finanzkapital mästete sich
Nun muß auch mal Schluß sein.“ Sie verfügten über keine „harte“ Wäh- an den Zinsen. Nachdem die DDR total aus-
Diese Äußerung verdeutlicht, daß eine wirk- rung, waren also außerstande, schon par- geblutet war, hängte man sie an den Tropf
liche Wiedervereinigung nicht stattgefun- tiell vereinbarte Lieferungen zu bezahlen. des sogenannten Solidarpaktes, für den
den hat. Unstrittig ist, daß die Industrie im Andererseits mußten die DDR-Betriebe ihre auch die Bürger im Osten gleichermaßen
Osten vom Potential her der des Westens Löhne nun in D-Mark begleichen, ohne ent- aufkommen müssen. Sie haben also keinen
nicht gewachsen ist. Doch woran liegt das? sprechende Einnahmen zu erzielen. Die Grund zu Dankbarkeit oder zu dem Gefühl,
Vor allem wohl daran, daß die DDR vom Folge: rigoroser Stellenabbau und rasanter Almosenempfänger zu sein.
westdeutschen Kapital vereinnahmt und Zusammenbruch der Wirtschaft. Dieter Hainke, Magdeburg

Besorgter Brief aus Gera


Thüringen: PDL-Schattenkabinett mit Ex-CDU-Politikern?

H ört man sich in Ostthüringen um und


befragt Bekannte zu den in Bälde statt-
findenden Landtagswahlen, so wird man
Vorliebe ehemalige CDU-Politiker oder
parteilose Persönlichkeiten. Es scheint in
seinem persönlichen PDL-Um- und Sicht-
2. Als Mitglied und Funktionär der „Ver-
brecherorganisation SED“ habe ich aus
tiefster Überzeugung an der Verwirkli-
selbst bei Sympathisanten der Partei Die feld irgendwie keine geeigneten Fachkräfte chung der Ziele mitgearbeitet, wie sie in
Linke (PDL) keine ausufernde Begeiste- für höhere Aufgaben zu geben. Ramelow der Verfassung der DDR begründet sind.
rung spüren, die Partei zu wählen, deren ist zutiefst ein PDL-Realo in bester grü- Ich erachte sie besonders heute als ein
„Vorgängerin“ und der selbst ich seit über ner Tradition. durch nichts zu ersetzendes Lebensziel.
38 Jahren angehöre. Der Landesvorstand Man muß sich nur überwinden, dann kann 3. Der Landesvorstand favorisiert in Ver-
der PDL verspürt natürlich auch seit län- man die Landespolitik in Thüringen auch leugnung historischer Ereignisse die These
gerem, daß sich die Begeisterung für den mit der Vorstellung verwirklichen wollen, einer friedlichen Revolution, als ob der
Spitzenkandidaten Bodo Ramelow in Gren- daß der Weg schon das Ziel sei. Damit Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution,
zen hält. Der Politquereinsteiger aus den stellt man als PDL-Kandidat für das Amt die Beseitigung der Allende-Regierung in
Altbundesländern, als Gewerkschafts- des Ministerpräsidenten nachhaltig unter Chile und die Ermordung zahlloser Revo-
funktionär in die gerade liquidierte DDR Beweis, daß man „mit allen kann ...“. Ande- lutionäre bis heute nur eine Fata Morgana
entsandt, wurde vom ehemaligen Lan- rerseits hat Genosse Ramelow noch nie gewesen wären. Sollte es darum gehen,
desvorsitzenden der PDS, Dieter Hausold, erklärt, daß er auch nur Sympathien für das kapitalistische System zu beseitigen,
umfassend gefördert und zunächst mit marxistische Thesen hegt. dann stellt das eine Fehlorientierung und
einem sicheren Listenplatz bei der Wahl Unter dieser Konstellation – es ließe sich Fehleinschätzung ohnegleichen dar!
zum Thüringer Landtag belohnt. Dieser wahrlich noch mehr hinzufügen – tagte am 4. Es gab in dieser Bundesrepublik nie „...
versüßte ihm etwas den Abschied von 6. März der Thüringer Landesvorstand und einen unbestreitbaren Zugewinn staatli-
der hauptamtlichen Gewerkschaftsarbeit. beschloß, bei nur einer Enthaltung, eine cher, kommunaler ... Investitionskraft“,
Später wurde er MdB, Bundeswahlleiter, „Erklärung zum 20 Jahrestag der fried- sondern nur einen kaum noch zu defi-
usw. – ein kometenhafter Aufstieg. Der sehr lichen Revolution in der DDR“. Nun mag nierenden Zugewinn an staatlicher und
redegewandte Mann läßt immer wieder von dieses Gremium formal das Recht besit- privatkapitalistischer Verschuldung, die
sich hören. So verlangte er vom Gericht zen, für die PDL im Freistaat zu sprechen. so lange geheimgehalten wurde, wie es
Akteneinsicht, weil er als Abgeordneter Die geistige Vormundschaft kann dieser sich verschweigen ließ.
bespitzelt wurde, und bekämpft medien- Landesvorstand glücklicherweise nicht Das sollte mittlerweile auch ein Lan-
wirksam den Verfassungsschutz. Übrigens über alle Genossen ausüben! desvorstand erkennen, der immer noch
auch Genossen Diether Dehm, dem er ganz Deshalb erlaube ich mir, zu diesem Beschluß glaubt, der SPD Avancen machen zu müs-
vornehm „das Maul verbietet“. Für seine meines Landesvorstandes zu erklären: sen, um im Freistaat Thüringen endlich
Wahlkampfmannschaft – das sogenannte 1. Es gab vor 20 Jahren keine friedliche mitregieren zu dürfen.
Kompetenzteam, quasi das Schattenka- Revolution in der DDR, wie der LV feststellt,
binett für Thüringen – rekrutierte er mit sondern eine Konterrevolution! Karl Fröhlich, Gera
RotFuchs / Juni 2009 Seite 17

Etikettenschwindel
Warum sich die Aufkäufer der Konzerne als „faire Händler“ verkleiden

I n Deutschland ist derzeit der „faire


Handel“ in Mode. Doch Umweltschützer
und Globalisierungsgegner attackieren
aus höher zu bewerten als die traditionel-
len Handelspraktiken. Ein Kommuniqué
des Konzerns verkündet: „Wir stellen die
Konzern habe auch wegen des Fehlens von
Klassifizierungskriterien für einige seiner
Waren und der Verschleierung der Herkunft
die Konzerne, die sich mit diesem Etikett Menschen vor den Gewinn.“ Abzulehnende von Produkten die Kritik auf sich gelenkt.
schmücken und dank des neuen Modells traditionelle Praktiken seien jene, welche Transfair-Sprecherin Claudia Brück betonte
flotte Profite machen, ohne die ursprünglich allein auf Gewinnmaximierung zugunsten gegenüber IPS, die Kooperation mit Lidl sei
damit verbundenen Prinzipien in Betracht Weniger abzielten, ohne dabei Arbeitsbedin- „Teil der allgemeinen Unternehmensstra-
zu ziehen. gungen, Menschen- und Umweltrechte zu tegie, den Verkauf von Erzeugnissen des
„Comercio justo“ (gerechter Handel) nennen berücksichtigen. Das Unternehmen verkündet, gerechten Handels in deutschen Geschäften
sich Geschäftspraktiken, die vor allem den es biete seinen „Partnern“ im Süden „einen auszuweiten“. „Wir sind eine Organisation,
Völkern der Länder des Südens Nutzen zu gerechten Preis, langfristige Kooperation, die Produkte bescheinigt, aber wir kontrol-
bringen vorgaukeln. demokratische Arbeitsprozesse und -bedin- lieren nicht das Verhalten der Firmen“ fügte
Am 18. September 2008 ver- sie hinzu. Frau Brück gestand
zehrten fast alle deutschen ein, daß die Zusammenarbeit
Kinder im schulpflichtigen mit Multis wie Nestlé als rei-
Alter „Bananen des gerech- ner Fassadenwechsel „mit
ten Handels“. Die Kampagne grünem Anstrich“ betrachtet
lief unter dem Slogan: „Bana- werden könne. „Vor zehn Jah-
nen essen für eine bessere ren war der gerechte Handel
Welt“. An diesem einen Tag die Idee Weniger“, meinte sie,
verkaufte man eine Million „aber inzwischen wurde er zu
Bananen. Die Initiative wurde einem riesigen Markt.“ Die
von Transfair ausgerich- Konzerne hätten bemerkt,
tet – einer Organisation, zu daß viele Konsumenten aus
der verschiedene deutsche dem Norden inzwischen über
Unternehmen gehören, die die Situation der Länder des
ihre Gewinne dem „gerech- Südens Bescheid wüßten und
ten Handel“ zu verdanken deshalb keine Waren mehr
haben. Auch zahlreiche mit wollten, die durch Kinder-
Kindern arbeitende Orga- ausbeutung oder unter dubi-
nisationen, unter ihnen osen Bedingungen hergestellt
UNICEF, beteiligten sich worden seien.
an der Aktion. Da haben wir des Pudels Kern.
Der Direktor von Transfair, Unternehmen wie Transfair
Dieter Overath, erklärte gegenüber der gungen“. Für Transfair sei gerechter Handel änderten ihr Vorgehen allein aus taktischen
Nachrichtenagentur IPS: „2007 stieg der eine „kommerzielle Assoziation, basierend Erwägungen, nicht aber wegen einer neuen
Absatz von Produkten aus dem Süden, die auf Dialog, Transparenz und Achtung mit Strategie. An den fundamentalen Verhält-
unser Etikett tragen, um 30 %.“ dem Ziel, eine größere Gleichberechtigung nissen hat sich nichts geändert. So verkauft
Seit 2003 hat sich das Verkaufsvolumen der in den internationalen Handelsbeziehun- Transfair z. B. Kaffee mexikanischer Lieferan-
vor 17 Jahren gegründeten „Unabhängigen gen zu erreichen“. Man trage zur umwelt- ten, die kleine Bauern in südlichen Regionen
Siegelinitiative“ in Deutschland verdreifacht. freundlichen Entwicklung bei, indem man wie dem Bundesstaat Chiapas unter Druck
2008 erreichte sie 213 Millionen Euro. bessere Bedingungen für die Produzenten setzen. Das versicherte Jan Braunholz, ein
Der Erfolg liegt in der Vorstellung von und marginalisierten Arbeiter biete. Über- deutscher Kenner des „gerechten Handels“,
Menschen industrialisierter Länder, daß dies respektiere man deren Rechte, was der darüber einen umfassenden Bericht
die kleinen Bauern und Firmen des sich besonders im Süden wichtig sei. schrieb. „In Chiapas nimmt die Opposition
vermeintlich entwickelnden Südens unmit- All das seien wohltönende Sirenenklänge, gegen die Klassifizierung als gerechter Han-
telbar an den Gewinnen ihrer Produktion bemerken Skeptiker. Das einzige, um was es del zu“, stellte er fest.
beteiligt sein würden. „Mit dem Etikett gehe, sei die Erzielung von Maximalprofit. Wie Braunholz mitteilte, berechnet eine
‚gerechter Handel’ verkaufen wir vor allem Transfair habe z. B. einen Kooperations- Organisation, die sich Fairtrade Labelling
Nahrungsmittel“, sagte Overath. Es handle vertrag mit der deutschen Supermarktkette Organisation International (FLO) nennt, den
sich um Bananen, Ananas, Kakao, Kaffee, Lidl abgeschlossen, der vorgeworfen werde, kleinen mexikanischen Kaffeeproduzenten
Tee, Zucker, Honig, Reis, Wein, Fruchtsäfte Produkte zu Niedrigpreisen zu verkaufen und enorme Tarife für die Zuerkennung ihres
u. a. Aber Transfair setze auch Baumwoll- gleichzeitig die Rechte der eigenen Beschäf- Zertifikats. FLO nähere sich jetzt den gro-
erzeugnisse, Musikinstrumente, Juwelen tigten mit Füßen zu treten. Es handelt sich ßen einheimischen Unternehmen und den
und andere Artikel ab. 750 entsprechend oft um Verkaufspreise, die unter den Pro- multinationalen Konzernen, um sie für diese
gekennzeichnete Produkte würden in mehr duktionskosten der Erzeuger liegen. Art des „gerechten Handels“ zu gewinnen.
als 800 speziellen Geschäften überall in der Überdies ist Transfair mit internationalen Solche Annäherung und der hohe Preis, der
BRD verkauft. Konzernen wie Nestlé im Geschäft, denen man für Qualifizierungsdokumente zu entrich-
Am „Tag der Banane“ habe Transfair zusätz- anlastet, die Wasserreserven weiter Regio- ten ist, treibt die Kaffeebauern direkt in die
lich einen Dollar pro Kiste bezahlt, bemerkte nen der Welt ohne Respekt vor Bevölkerung Arme der „Kojoten“, wie man in Mexiko die
Overath. Die Summe sei „natürlich für Erzie- und Umwelt auszubeuten. Attac bezeichnete Zutreiber der großen Würger nennt.
hungs- und Gesundheitsprogramme der den Vertrag zwischen Transfair und Lidl  Julio Godoy
Erzeugergemeinden gespendet“ worden. als „eine kosmetische Angelegenheit“. Da
Das Konzept „gerechter Handel“ stößt bei diese Billigkette weiterhin mehr als 1200 Übersetzung Isolda Bohler,
dessen Gegnern auf heftige Kritik und Ableh- Niedrigpreiserzeugnisse verkaufe, müsse Bearbeitung RF
nung. Demgegenüber behauptet Transfair, man daraus schließen, daß ihre Koopera-
sein System sei vom ethischen Gesichtspunkt tion mit Transfair nur Verkleidung sei. Der
Seite 18 RotFuchs / Juni 2009

Epidemie des Profits


Wem die „Schweinegrippe“ gerade recht kommt

D ie neue Epidemie der „Schweinegrippe“,


die tagtäglich damit droht, sich auf
weitere Regionen der Welt auszudehnen,
auch die Gefahr der Neuverbindung von
Vogel- und Schweinegrippeverursachern
und wie sich diese Kombination schließlich
zieren zu können. Baxter, global auf dem
22. Rang unter den Pharmaunternehmen,
registrierte im Februar dieses Jahres einen
ist kein isoliertes Phänomen. Sie ist Teil zu einem Virus zu entwickeln vermag, das Unfall in seiner Fabrik in Österreich. Es
der allgemeinen Krise und hat ihre Wur- Menschen angreift und unter ihnen über- schickte ein Produkt gegen Grippe nach
zeln im System der von großen transna- tragen werden kann. Die Pew-Kommission Deutschland, Slowenien und Tschechien,
tionalen Unternehmen dominierten indu- erwähnte ebenso, daß es über viele Wege, das selbst mit dem Virus der Vogelgrippe
striellen Tierzucht. einschließlich der Verschmutzung von verseucht war. Nach Mitteilung des Unter-
In Mexiko vermehrten sich die Geflügel- Gewässern, in entfernte Ortschaften ohne nehmens lag es an menschlichem Versa-
und Schweinefleischunternehmen weit- scheinbar direkten Kontakt gelangt. gen und Problemen bei der Verarbeitung,
gehend in den (schmutzigen) Gewässern Ein Beispiel, aus dem wir lernen soll- über die es mit der Begründung keine
ten, ist das Auftreten Details verlauten ließ, man müsse sonst
der Vogelgrippe. Dem patentierte Vorgänge aufdecken.
Bericht von GRAIN Es geht darum, nicht nur der Grippeepi-
ist zu entnehmen, wie demie die Stirn zu bieten, sondern auch
die Geflügelindustrie den Profitmachern.
die Vogelgrippe schuf. Silvia Ribeiro
(www.grain.org)
Aber die offiziellen Unsere Autorin ist Forscherin der Gruppe ETC.
Antworten auf diese Ihr Artikel erschien in „La Jornada“.
aktuelle Krise, außer
verspätet gewesen Übersetzt von Isolda Bohler
zu sein (man wartete
darauf, daß zuerst die
USA das Auftreten des
neuen Virus bekannt-
Am 6. Juni um 10 Uhr spricht
geben würden, wobei
wertvolle Tage zur Rosemarie Keller, bis 1990 Bezirks-
Bekämpfung der Epi- vorsitzende der IG Textil-Bekleidung-
demie verlorengingen), Leder auf einer Veranstaltung der
des Freihandelsabkommens von Nord- scheinen die wirklichen und ausschlag- RF-Regionalgruppe Chemnitz-
amerika (Tratado de Libre Comercio de gebenden Ursachen zu ignorieren. Zwickau-Plauen im Chemnitzer
América del Norte). Ein Beispiel ist Granjas Denn auch bei der Epidemie sind es die Rothaus, Lohstraße 2 (Getreidemarkt),
Carroll in Veracruz, Eigentum von Smith- transnationalen Konzerne, die sich am
über das Thema
field Foods, dem größten Unternehmen meisten bereichern: die biotechnologi-
für Schweinezucht und Verarbeitung von schen und pharmazeutischen Unterneh- Warum waren unsere volks-
Schweinefleischprodukten auf der Welt men, die den Impfstoff und die Antiviren
mit Filialen in Nordamerika, Europa und monopolisieren. Die Regierung kündigte eigenen Betriebe mehr als nur
China. An ihrem Sitz in Perote begann vor an, daß sie eine Million Dosen mit Anti- Stätten der Arbeit?
einigen Wochen eine virulente Epidemie genen hätte, um den neuen Ursprung der
von Atmungserkrankungen, die 60 % der „Schweinegrippe“ zu bekämpfen, aber nie-
Bevölkerung von La Gloria betrafen, wie mals sagte sie, zu welchem Preis.
von La Jornada bei verschiedener Gelegen- Die einzigen Antiviren, die noch Wir- Am 18. Juni um 15 Uhr spricht
heit aufgrund der Klagen der Bewohner kung gegen den neuen Virus haben, sind Helmut Timm, ehemals 1. Sekretär
des Ortes berichtet wurde. Seit Jahren zum Großteil auf der Welt patentiert und der SED-Kreisleitung Neubranden-
führen sie einen harten Kampf gegen die Eigentum der großen pharmazeutischen
Verschmutzung durch das Unternehmen Unternehmen: zanamivir, mit dem kom- burg, auf einer Veranstaltung der
und erlitten wegen ihrer Klagen sogar merziellen Namen Relenza, vertrieben von RF-Regionalgruppe Nördliches
repressive Maßnahmen seitens der Behör- GlaxoSmithKline und oseltamivir, dessen
Vorpommern in Stralsund, Prohner-
den. Granjas Carroll erklärte, es gäbe kommerzielle Marke Tamiflu ist, paten-
weder einen Bezug zu ihm, noch sei der tiert durch Gilead Sciences, lizensiert in straße 41. Sein Thema
Konzern der Ursprung der heutigen Epide- Exklusivform von Roche. Glaxo und Roche
mie. Man führte an, daß die Bevölkerung sind auf der Weltskala das zweite und Objektive und subjektive
eine gewöhnliche Grippe gehabt habe. Es das vierte Unternehmen. Wie bei ihren Ursachen unserer Niederlage
wurden keine Analysen angefertigt, um übrigen Arzneimitteln sind die Epidemien
wegen der Zweifel genau zu wissen, um ihre beste Gelegenheit für das Geschäft.
welchen Virus es sich handelte. Schon bei der Vogelgrippe erzielten sie
Im Gegensatz dazu bestätigen die 2008 Hunderte Millionen oder sogar Milliar- Am 25. Juni um 16 Uhr findet in
veröffentlichten Schlußfolgerungen der den Dollar Gewinn. Mit der Ankündigung Güstrow (Hansabad), Hansenstraße 4,
Pew-Kommission über die industrielle Tier- der neuen Epidemie in Mexiko stiegen die eine Podiumsdiskussion zum Thema
produktion (Pew Commission on Industrial Aktienwerte von Gilead um 3 %, die von Die Ära Ulbricht
Animal Production), daß die Bedingungen Roche um 4% und die von Glaxo um 6 %,
für die Aufzucht und Zwangsunterbringung und dies ist nur der Beginn. mit dessen langjährigem persönlichem
vor allem von Schweinen industrieller Pro- Ein anderes saftige Geschäfte verfolgendes Mitarbeiter Prof. Dr. Herbert Graf
duktion eine perfekte Umgebung für die Unternehmen ist Baxter, das Muster des statt. Veranstalter ist die RF-Regional-
Neuverbindung von Viren unterschiedli- neuen Virus verlangte und ankündigte, gruppe.
chen Ursprungs schaffen. Erwähnt wird den Impfstoff in dreizehn Wochen produ-
RotFuchs / Juni 2009 Seite 19

Die NATO im Brennglas

V on Kennern gemacht und als Aufklä-


rungsbuch inhaltsreich und anschau-
lich gestaltet, ist ein wichtiger Sammelband
Qualität militarisierter bundesdeutscher
Außenpolitik. Die BRD und andere europä-
ische NATO-Staaten verfolgen indes auch
allen Gebieten ein verläßlicher Bündnis-
partner. Angesichts ihrer in diesem Jahr
besonders gesteigerten Schmähung soll
genau zu jenem Zeitpunkt erschienen, an immer stärker eigene Ziele und machen auf die hartnäckig verschwiegene Tatsa-
welchem der 60. Jahrestag der NATO-Grün- ihre Machtansprüche geltend. che verwiesen werden, daß die DDR der
dung lautstark gefeiert wurde. 21 prominen- Karl Rehbaum verdeutlicht, weshalb der einzige Staat in der deutschen Geschichte
te Autoren – stellvertretend seien Rainer bundesdeutsche Imperialismus für die gewesen ist, der nie einen Krieg führte.
Rupp, Ralph Hartmann, Elmar Schmähling, NATO besonderes Gewicht hat. Wo immer es nach 1949 Kriege gab, betei-
Karl Rehbaum, Horst Liebig, Klaus Eich- Die Darlegungen von Horst Liebig beschäf- ligten sich NATO-Mitglieder daran. Diese
ner und Fritz Streletz genannt –, zeichnen tigen sich mit den langjährig verübten Tatsache betont Egon Krenz in seinem ein-
sachkundig ein facettenreiches Bild von Provokationen der NATO an der Grenze zur leitenden Beitrag.
Entwicklung und Strategie der NATO. DDR, die von deren Grenztruppen besonnen, Dem interessierten Leser liegt ein Buch
Die USA als treibende und beherrschende mutig und entschlossen abgewehrt wurden, vor, das tiefe Einsichten in die politischen
Kraft des Pakts machten diesen zu einem was einen wichtigen Beitrag zur Sicherung Auseinandersetzungen seit der Mitte des
Instrument ihrer Strategie des Kampfes des Friedens in Europa darstellte. letzten Jahrhunderts ermöglicht. Dank
gegen die UdSSR und die sozialistischen Andere Abschnitte des Buches informie- gebührt den Herausgebern Konstantin
Staaten Europas. Besonders plastisch wird ren anhand exakter Fakten darüber, daß Brandt, Karl Rehbaum und Rainer Rupp
die Rolle der BRD in diesem militärischen ranghohes Personal der Nazi-Wehrmacht sowie der GRH e. V. und dem Verlag für
System dargestellt. Die Gründung der NATO in die Bundeswehr übernommen wurde diese Publikation. Rolf Berthold
wurde mit dem Abschluß des Warschauer und so Eingang in die NATO einschließlich
Vertrages beantwortet. Nach Einbeziehung ihrer Kommandostrukturen fand. Stopp NATO!
der BRD in den Nordatlantikpakt war die Klaus Eichner nennt aufschlußreiche De- 60 Jahre NATO – 60 Jahre Bedrohung des
Aufnahme der DDR in die Staatengruppe tails zur Rolle der NATO-Geheimarmee Friedens,
des Warschauer Vertrages unerläßlich. GLADIO und zur Strategie des USA-Impe- Verlag Wiljo Heinen, 2009, 318 Seiten,
Nach dessen Auflösung und dem Ende rialismus, die auf die Zerschlagung des 14 Euro, ISBN 978-3-939828-38-9
der UdSSR hat die NATO ihre Tätigkeit Sozialismus in Europa gerichtet war. Diese
keinesfalls eingestellt, sondern ihr Opera- „Grand-Strategy“ der Administration George
tionsfeld sogar noch ausgeweitet und ihr W. Bushs zielte auf die Veränderung des
aggressives Vorgehen verschärft. Status quo. Sie „sollte ein ständiges Ent-
Mit dem Überfall auf Jugoslawien am gegenkommen der Sowjetführung gemäß
24. März 1999 begann der Pakt seinen
ersten Angriffskrieg. Ralph Hartmann
den Interessen und dem Diktat der USA
erzwingen, letzten Endes bis zur Auf-
Wie repräsentativ
hat die maßgebliche Rolle der BRD hierbei gabe ihrer eigenen Gesellschaftsordnung“. ist die EL?
anschaulich dargestellt. Erstmals nahm Eichner verweist darauf, daß dann die
die Bundeswehr an einem Krieg teil. Diese innere Entwicklung in den europäischen Leo Mayer, stellvertretender Vorsit-
Tatsache darf nicht aus dem Gedächtnis sozialistischen Staaten dazu führte, auf zender der DKP und Vertreter seiner
der Völker verdrängt werden. Forderungen nach einem „besseren Sozia- Partei in deren Vorstand, bezeichnete
Rainer Rupp demonstriert die Zeitnähe zwi- lismus“ und einer „friedlichen Revolution“ die Europäische Linke (EL) als „Zusam-
schen der Aggression gegen Jugoslawien einzugehen. Nur wenige sahen damals die menschluß von 31 Parteien, darunter
und der beginnenden Osterweiterung der Konsequenzen dieser Abläufe, die in einem viele kommunistische, für ein alter-
NATO durch die Aufnahme Polens, Ungarns Zusammenspiel äußerer und innerer Kräfte natives Europa“. Mit anderen Worten:
und Tschechiens sowie zu den Schritten zur schließlich zur Konterrevolution und damit nicht für ein sozialistisches. Für diese
Aufhebung der geostrategischen Begren- zur Restauration des Kapitalismus führ- Klarstellung ist zu danken.
zung des Einsatzgebiets der Paktorganisa- ten. „In der Tat stellte diese Entwicklung Die 31 Parteien der EL sind nur in 22
tion bzw. militärischen Handlungen ohne das Ende des Kalten Krieges dar, aber in der 46 europäischen Länder angesiedelt.
UN-Mandat. einem anderen Sinne. De facto bedeutete 11 von ihnen, darunter die DKP, besit-
In mehreren Beiträgen wird die seitdem es einen Wiedereinstieg in die Phase der zen Beobachterstatus. Die Hälfte der
erfolgte monsterhafte Aufblähung des heißen Kriege“, schreibt Eichner. EL-Formationen steht in offener Geg-
imperialistischen Militärbündnisses ver- Anhand des vielseitigen Materials wird nerschaft zu den Kommunisten ihrer
deutlicht. Immer mehr Staaten werden deutlich, daß die in einem der Beiträge Länder. Zwei Drittel der kommunisti-
einbezogen oder vertraglich an die NATO vorgetragene These von einem „...Ende der schen Parteien des Kontinents – darun-
gebunden. Damit stellen sie, wie Elmar Systemauseinandersetzung ...“ nicht zutrifft. ter Portugals PCP und Griechenlands
Schmähling schreibt, ihre Territorien, Es entspricht keineswegs der Realität, daß KKE als die einflußreichsten – legen
finanziellen Mittel und Menschen in den es „heute die unversöhnliche Gegnerschaft keinerlei Wert auf eine EL-Anbindung.
Dienst der Weltherrschaftsambitionen der zweier unterschiedlicher Gesellschafts-  RF
USA. Die Vereinigten Staaten und deren systeme im Weltmaßstab nicht mehr gibt“
„Kampfbund“ NATO sickern zunehmend (Seite 27). Die Auseinandersetzung fin- Ausgetreten
in globalstrategische Positionen ein, von det unterdessen zwar in anderer Art und
denen aus künftig auch China „besser Weise statt, ist aber mit der Auflösung der Ende April hat die
bedroht“ werden kann. Gemeinschaft der Staaten des Warschauer Ungarische Kom-
Das Buch zeigt die besonders robuste Ag- Vertrages und der Zerstörung der UdSSR munistische Arbei-
gressivität der NATO nach dem Ende der nicht aufgehoben. terpartei (UKAP),
Bipolarität der Welt. Nicht zuletzt belegt In einem abschließenden Beitrag stellt Fritz die zu deren Grün-
dies der Krieg in Afghanistan. Er ist aber Streletz die Militärdoktrin der DDR dar. dern gehörte, die EL
zugleich auch Beweis für die Möglichkeit, mit Der sozialistische deutsche Staat hat als mit einem klaren
einer solchen Strategie das angestrebte Ziel Mitglied der Organisation des Warschauer Bekenntnis zum Mar-
zu erreichen. Die Bereitschaft der BRD, die Vertrages in seiner 40jährigen Geschichte UKAP-Vorsitz- xismus-Leninismus
Afghanistan-Aggression mit Kampftruppen einen aktiven Beitrag zur Friedenssiche- ender Dr. Gyula verlassen.
zu unterstützen, ist ein Indiz für die neue rung in Europa geleistet. Die DDR war auf Thürmer
Seite 20 RotFuchs / Juni 2009

Sri Lanka: Rassistischer Krieg gegen Tamilen

D er sich in Sri Lanka ausbreitende Schrec-


ken ermöglicht das ihn umgebende
Schweigen. In den beherrschenden Kom-
Wenn ihr erklärtes Ziel, die Befreiungs-
tiger von Eelam Tamil zu „eliminieren“,
in Betracht gezogen wird, scheint dieses
lassen und Morden zu benutzen, um den
Verband zum Schweigen zu bringen.
Es gibt beunruhigende, aber unbestätigte
munikationsmedien Indiens gibt es fast böswillige Vorgehen gegen Zivilisten und Informationen, die behaupten, daß Indien
keine Informationen über die Geschehnisse. „Terroristen“ darauf hinzudeuten, daß die der Regierung von Sri Lanka materielle und
Ebenso verhält es sich in der internationa- Regierung Sri Lankas im Begriff ist, ein logistische Unterstützung bei diesen Ver-
len Presse. Warum? Verbrechen zu begehen, das in einem Geno- brechen gegen die Menschlichkeit gewährt.
Auf der Grundlage der wenigen durchdrin- zid enden könnte. Gemäß einer Schätzung Falls diese Berichte stimmen, ist es ein
genden Nachrichten urteilend scheint es, daß der UNO starben bereits mehrere Tausend Skandal. Und die Regierungen anderer
die Regierung Sri Lankas die Propaganda Menschen. Unzählige Verletzte befinden Länder? Was tun sie, um die Situation zu
des „Krieges gegen den Terrorismus“ als sich in kritischem Zustand. Die wenigen verbessern oder zu verschlechtern?
Feigenblatt benutzt, hinter dem sie sich ver- Augenzeugenberichte, die an die Öffent- Im indischen Bundesstaat Tamil Nadu
steckt, um alles der Demokratie des Landes lichkeit drangen, sind Beschreibungen nährte der Krieg in Sri Lanka Leidenschaften,
Ähnelnde zu zerschlagen und unbeschreib- eines höllischen Alptraums. die Dutzende Menschen dazu veranlaßten,
liche Verbrechen gegen das tamilische Wessen wir beiwohnen oder besser gesagt, sich zu opfern. Die allgemeine Angst und
Volk zu begehen. Nach dem Prinzip: Jeder was in Sri Lanka geschieht – und was Wut, zum Großteil echt, zum Teil Ergebnis
Tamile ist ein Terrorist, bis das Gegenteil auf so wirkungsvolle Weise hinter einer zynischer politischer Manipulation, wur-
bewiesen ist, werden zivile Einrichtungen öffentlichen Erhebung versteckt wird – den zu einem Wahlthema.
wie Hospitäler und Zufluchtsorte bombar- ist ein unverschämter und offen rassisti- Es ist außergewöhnlich, daß diese Unruhe
diert und zu Kriegsgebieten. Vertrauliche scher Krieg. Die Straflosigkeit, mit der die nicht in den Rest Indiens gelangte. Warum
Schätzungen sprechen von 200 000 einge- Regierung von Sri Lanka diese Verbrechen dieses Schweigen? Hier gibt es keine „Ent-
schlossenen Zivilisten. Die srilankische begeht, enthüllt in Wirklichkeit die tief führungen von weißen Karawanen“ – zumin-
Armee rückt mit Panzern und Einheiten verwurzelten rassistischen Vorurteile, die dest keine, die etwas damit zu tun haben.
der Luftwaffe vor. gerade anfänglich die Marginalisierung Das Schweigen ist angesichts des Grades
In der Zwischenzeit halten offizielle Berichte und Entfremdung der Tamilen in Sri Lanka der Ereignisse in Sri Lanka unentschuld-
aufrecht, man habe verschiedene „Dörfer des verursachten. Dieser Rassismus hat eine bar. Mehr noch, weil die indische Regie-
Wohlbefindens“ errichtet, um die flüchtenden lange Geschichte von gesellschaftlichem rung während der Konflikte eine lange
Tamilen in den Distrikten Vavuniya und Scherbengericht, wirtschaftlichen Blocka- Geschichte von unverantwortlichem Hin
Mannar zu beherbergen. Nach einem Bericht den, Pogromen und Folter. Der brutale Cha- und Her hat, zuerst für die einen Partei
des Daily Telegraph sind diese Dörfer „ver- rakter des jahrzehntelangen Bürgerkriegs, ergreifend und danach für die anderen.
bindliche Zentren für alle Zivilisten, die vor der als ein friedlicher Protest begann, hat Mehrere von uns – ich selbst rechne mich
der Auseinandersetzung flüchten“. Handelt seine Wurzeln darin. dazu – hätten viel früher reden müssen,
es sich um einen Euphemismus für Konzen- Warum dieses Schweigen? In einem anderen und wir taten es nicht, einfach wegen feh-
trationslager? Mangala Samaraveera, der Interview sagt Samaraveera, daß „heut- lender Information über den Krieg.
frühere Außenminister, erklärte der Zeitung: zutage freie Massenmedien in Sri Lanka Während das Abschlachten weitergeht
„Vor einigen Monaten begann die Regierung praktisch nicht existieren“. Er spricht über und Tausende von Menschen sich in Kon-
die Tamilen von Colombo zahlenmäßig zu die Todesbrigaden und „die Entführungen zentrationslagern verschanzen, während
erfassen, in dem sie vorbrachte, daß sie zu der weißen Karawane“, welche bewirkten, mehr als 200 000 dem Hunger ausgeliefert
einer Bedrohung für die Sicherheit werden daß die Gesellschaft „aus Angst erlahmt“. sind und ein Völkermord lauert, herrscht
könnten, aber dies kann für andere Vorha- Abweichende Stimmen, einschließlich derer in diesem großen Land Grabesstille.
ben benutzt werden, wie es die Nazis in den verschiedener Journalisten, wurden zum Es ist eine kolossale menschliche Tragödie.
30er Jahren machten. Grundlegend ist, daß Verstummen gebracht. Der internationale Die Welt sollte eingreifen. Jetzt. Bevor es
sie der ganzen tamilischen Bevölkerung das Journalistenverband klagt die Regierung zu spät ist. Arundhati Roy
Etikett von möglichen Terroristen werden Sri Lankas an, eine Kombination von anti-
anhängen können.“ terroristischen Gesetzen, Verschwinden- Übersetzt von Isolda Bohler

Schuhe, die in die


Geschichte eingingen
D er irakische TV-Journalist Muntadar
al-Saidi wird in der arabischen Welt
als Held betrachtet. Auf einer Pressekon-
wegen Angriffs auf ein ausländisches
Staatsoberhaupt und eine dreijährige
Gefängnisstrafe ein, die inzwischen
ferenz mit Kriegsverbrecher George W. halbiert werden mußte.
Bush und dem Chef der einheimischen Unser Foto zeigt die „Schuhstatue“ in
Marionettenregierung, die im Dezember der irakischen Stadt Tikrit. Sie wurde
2008 in Bagdad stattfand, warf er seine nach eintägiger Zurschaustellung durch
Schuhe als „Abschiedskuß“ auf den bereits die Polizei des USA-hörigen Regimes
abgewählten USA-Präsidenten. Dieser abgerissen.
konnte dem Wurf nur knapp auswei-
chen. Die in Irak als höchster Ausdruck RF,
von Verachtung geltende Geste brachte gestützt auf „The New Worker“, London
dem mutigen Medienmann eine Anklage
RotFuchs / Juni 2009 Seite 21

Schlafmohn über alles


Bekämpft die ISAF den Drogenhandel am Hindukusch?

I n Afghanistan will die NATO jetzt aktiv


gegen den Drogenhandel vorgehen – bis
zur Todesstrafe für Anbauende und Händ-
Karsai ausgewechselt oder versetzt, die
Probleme aber bestehen weiter.
Schon vor drei Jahren wurde über die diplo-
ler“, schreibt Dr. Hans Watzek in seinem RF- matische Vertretung Großbritanniens in
Beitrag (April-Ausgabe). So oder so ähnlich Kabul bekannt, daß Ahmad Wali Karsai, ein
hat die bürgerliche Presse der BRD auch Bruder des Präsidenten, in Drogengeschäfte
darüber berichtet, um den Anschein zu verwickelt sei. Inzwischen ist er Vorsitzen-
erwecken, als ob die Besatzer tatsächlich der des Rates der Provinz Kandahar und
in Afghanistan Drogen bekämpfen würden. kassiert jährlich 20 Millionen US-Dollar
Wäre dies der Fall, dann müßte die NATO Schutzgelder von den Heroinhändlern. Ein
ganz oben anfangen, nämlich bei ihren weiterer Bruder Karsais, nämlich Abdul
Marionetten. Der ehemalige CIA-Direktor Qaium Karsai, gehört ebenfalls zu den mäch-
und derzeitige Verteidigungsminister der tigsten Politikern im Süden Afghanistans.
USA, Robert Gates, den Obama von Bush Es ist ein offenes Geheimnis, daß dort ohne
übernahm, hat angekündigt, daß die Verei- die Brüder Karsai keine Entscheidung fällt.
nigten Staaten und die NATO nur diejenigen Dementsprechend sieht auch ihr Einkom-
Drogenhändler bekämpfen werden, die den men aus: Es setzt sich aus dem Erlös von
Widerstand unterstützen. Die eigenen Hun- Drogengeschäften sowie Schutz- und Erpres-
desöhne werde man nicht antasten. sungsgeldern zusammen. Die US-Admini-
Afghanistan ist längst zu einem „Drogen- stration macht den Präsidenten persönlich
mafia-Staat” geworden, wie der US-Bürger für die ins Stocken geratene Zerstörung
und erste Finanzminister des Protektorats afghanischer Mohnplantagen verantwort-
Mohammad Ashraf Ghani bereits 2003 fest- lich. Kein Wunder, denn die Drogenbauern
stellte. Kabir Mersban, Senator aus der nord- werden vorab von den Einsätzen informiert
afghanischen Provinz Tachar und deren – auch von ganz weit oben. Und dort sitzt
ehemaliger Gouverneur, beschuldigt heute bekanntlich Präsident Karsai.
öffentlich den früheren Kommandanten „Jeder Bewohner Kabuls kann Ihnen zeigen,
der Garnison Tachar-Kundus und jetzigen wo Drogenbarone leben – sie haben die größ-
Staatssekretär für Rauschgiftbekämpfung ten und schönsten Häuser der Stadt“, schrieb dem Weltmarkt gehandelten Heroins aus
im Kabuler Innenministerium, General Richard Holbrooke in der „Süddeutschen Afghanistan. Die Erlöse machen mehr als
Mohammad Daud, der Beihilfe zum Dro- Zeitung“ vom 16./17. Februar 2008. die Hälfte des Bruttoinlandprodukts aus.
genhandel. Mersban berichtete, daß ein Erst seit der Besetzung des Landes im Jahre Unterdessen wurde bekannt, daß die „inter-
Bruder des Staatssekretärs unter seinem 2001 wird in allen 32 Provinzen Drogen- nationale Gemeinschaft“ Ölkonzernen
Schutz Mohnanbau und Drogenhandel rohstoff erzeugt, zuvor war das nur in den gestattet, sich mit dem Ziel in Afghanistan
betreibt. Einer der Großgrundbesitzer mit an Pakistan angrenzenden der Fall. Nach niederzulassen, die Heroinproduktion durch
allein 1000 Hektar Schlafmohn unter dem Angaben der Vereinten Nationen ist die moderne Labors zu steigern. Drogen und
Pflug ist Abdul Rahman Jam. Vor kurzem Mohnanbaufläche zwischen 2006 und 2007 Korruption durchdringen den gesamten
war er noch Polizeichef von Helmand, also von 165 000 auf 193 000 Hektar gestiegen. Der Staatsapparat, so daß sie zum entscheiden-
jener Provinz, in welcher der islamische Ertrag ist ebenfalls gewachsen – von 6100 den Hindernis beim „Nation building“ à la
Widerstand am stärksten ist. Gouverneure, auf 8200 Tonnen – ein wahrlich trauriger NATO geworden sind.
Polizeichefs und Kommandeure werden von Rekord. Somit stammen 93 Prozent des auf Dr. Matin Baraki, Kabul

Herzlichen Glückwunsch allen Jubilaren des Monats Juni!


Am 12. 6. wird Margarete Haupt aus Waren 85 Jahre alt.
Zu den 80ern schließen auf: Wilhelm Möller (7. 6.) aus Leipzig, Ingo Fenner (9. 6.) aus Lubmin und Johannes Koch (18. 6.)
aus Berlin.
Wir gratulieren den neuen 75jährigen: Hans Grimmer (4. 6.) aus Schlema, Lothar Krüger (7. 6.) aus Bergholz-Rehbrücke,
dem kommunistischen Aktivisten Adolf Hoffmann (14. 6.) aus Schwedt, unserem Autor Gernot Bandur (15. 6.) aus Berlin
und Horst Bodenthal (25. 6.) aus Stolzenhagen.
Die Reihen der 70jährigen verstärken Bärbel Mazander (2. 6.) aus Cottbus, unser Autor Wolfgang Herrmann (15. 6.) aus
Grünow, Günter Heidrich (8. 6.) aus Bernau, Dr. Werner Lisowski (8. 6.) aus Schöneiche, Edgar Braun (9. 6.) aus Berlin,
Helmar Kolbe (16. 6.) aus Berlin, Rolf Möller (22. 6.) aus Strasburg und Peter Pöschmann (28. 6.) aus Weimar.
Ihren 65. Geburtstag begehen Ralf Kubitza (1. 6.) aus Bestensee und Heinrich Minuth (9. 6.) aus Hoyerswerda.
Zu den Jungveteranen dürfen sich folgende 60jährige rechnen: Norbert Mochan (3. 6.) aus Berlin, Hans-Jürgen Loeffler
(21. 6.) aus Strausberg, Helmut Ische (28. 6.) aus Göttingen und Robert Medernach (28. 6.) aus Luxemburg.

Ihnen und allen anderen Geburtstagskindern dieses Monats wünschen wir


maximale Gesundheit und Optimismus.
Seite 22 RotFuchs / Juni 2009

Linksruck nach 20 Jahren ARENA-Diktatur


FMLN übernimmt im Juni die Präsidentschaft El Salvadors

B ei den Präsidentschaftswahlen, die am Perla, Professor für Lateinamerikastudien Bei den Parlamentswahlen im Januar er-
16. März in der mittelamerikanischen an der kalifornischen Universität Santa rang die FMLN erstmals die meisten Sitze
Republik El Salvador stattfanden, hat sich Cruz, befanden sich allein etwa 80 000 Ver- – 35 von 84 –, während die ARENA nur auf
die Nationale Befreiungsfront Farabundo storbene in den Wählerlisten. 32 Mandate kam. Gemeinsam mit anderen
Marti (FMLN) als Siegerin erwiesen. Ihr Bei den Märzwahlen hatte die ARENA mit Rechtsparteien verfügt sie indes über eine
Kandidat, der bekannte Fernsehjour- Mehrheit.
nalist Mauricio Funes – er hatte sich Bittere Armut und galoppierende Kri-
erst vor einem Jahr der Befreiungsfront minalität sind die Hauptbelastungen
angeschlossen und gilt als „gemäßig- für das salvadorianische Volk, dessen
ter Linker“ – siegte mit einem knappen überwiegender Teil in tiefstem Elend
Vorsprung von 62 000 Stimmen (bei 4,2 vegetiert. Etwa 300 bis 400 Menschen
Millionen Wählern). Das prozentuale werden Monat für Monat ermordet.
Verhältnis der beiden Bewerber betrug „Maras“ genannte Banden terrorisieren
51:49 Prozent. Es bleibt abzuwarten, vor allem die Stadtbewohner.
welche Entscheidungen Funes im Ein- Die Situation El Salvadors wird auch
zelfall treffen wird. Noch aufschluß- durch die Tatsache charakterisiert,
reicher als das Votum für den neuen daß etwa zwei Millionen Landesbür-
Staatschef ist die zugleich erfolgte Wahl Die Sieger: Mauricio Funes (links) und Ex-Comandante ger – fast jeder vierte – emigrieren
des Vizepräsidenten, zieht doch bei der Sanchez Ceren nach Bekanntwerden der Wahlresultate mußten. Ihre finanziellen Überwei-
Amtsübergabe im Juni mit Salvador sungen an daheimgebliebene Angehö-
Sanchez Ceren ein ehemaliger Comandante Rodrigo Avila den bisherigen Polizeichef rige – besonders aus den USA – machen rund
der FMLN ein, die sich erst 1992 in der Folge ins Rennen geschickt. Dieser gab gegenüber 18 % des salvadorianischen Bruttoinlands-
des Abkommens von Chapultepec in eine der spanischen Zeitung El Pais unverblümt produkts aus.
legale politische Partei umwandelte. Im zu, er habe seinerzeit „im Interesse der Noch ist in der kleinen Republik nicht aller
Verlauf des zwölfjährigen Bürgerkrie-ges Verteidigung des Vaterlandes“ den Todes- Tage Abend. Die mit dem Imperialismus
(1980–1992), der durch die salvadoriani- schwadronen angehört. Auf deren schier liierten Parteien der Landbesitzeroligarchie
sche Rechte mit ihrer aus den berüchtig- endloses Blutkonto ging u. a. die Ermordung und des einheimischen Kapitals werden
ten Todesschwadronen hervorgegangenen des linksgerichteten Erzbischofs von San alles tun, um der FMLN-Regierung Knüp-
Hauptpartei ARENA provoziert, vor allem Salvador, Msgr. Romero. pel zwischen die Beine zu werfen. Doch
aber aufgrund der gravierenden sozialen Da nahezu alle Medien des Landes von erprobte Revolutionäre wie Vizepräsident
Konflikte im Lande ausgelöst wurde, waren Gewährsleuten der ARENA kontrolliert Sanchez dürften die Augen offenhalten,
75 000 Menschen ums Leben gekommen. Man werden, richtete sich gegen die FMLN eine das Bündnis mit den linken Regierungen
zählte außerdem 7000 Vermißte. Damals konzertierte Hetzkampagne. „Die Kommu- der Region suchen und Schritt für Schritt
repräsentierte die FMLN den bewaffneten nisten werden das Land an Chávez ver- strukturelle Reformen im Lande einleiten.
Arm der linken Volkskräfte. kaufen, wenn sie gewinnen sollten“, hieß Schon eine friedliche Amtsübertragung
In den letzten zwei Jahrzehnten ist El Sal- es unter Anspielung auf die Tatsache, daß an die FMLN wäre unter den Verhält-
vador von der durch Washington politisch auch die Salvadorianische KP von Beginn nissen El Salvadors fast eine Sensation.
ausgehaltenen und finanziell gestützten an zu den Unterstützern der FMLN gehört
ARENA „regiert“ worden. Auch diesmal hat. Obwohl der Antikommunismus an Wir- RF, gestützt auf „Solidaire“, Brüssel,
spielte Wahlfälschung zu ihren Gunsten kung einbüßte, führt er noch immer breite „People’s Weekly World“, New York und
eine große Rolle. Nach Angaben von Hector Bevölkerungsschichten irre. „The New Worker“, London

Peking: Die USA trampeln auf


Menschenrechten herum
W ie in jedem Jahr hat das USA-Außen-
ministerium am 25. Februar seine
sogenannten Länderberichte zu Menschen-
Der Bericht benennt konkrete Tatsachen:
2008 wurden in den USA 1,4 Millionen
Gewaltverbrechen, darunter 17 000 Morde
die Arbeitslosenquote im dritten Quartal
2008 bei 5,8 % lag, betrug der Anteil bei
Schwarzen sogar 10,6 %. Die Vereinigten
rechtspraktiken veröffentlicht. Echte oder begangen. Im Jahr zuvor waren nach offi- Staaten sind das einzige Land der Welt, wo
vermeintliche Defizite in mehr als 190 ziellen Angaben 1,35 Millionen amerika- selbst Kinder zu lebenslanger Freiheits-
Staaten und Regionen wurden benannt, nische Oberschüler auf dem Gelände ihrer strafe verurteilt werden können. Jugend-
ohne ein einziges Wort zu den gravieren- Anstalten mit Waffen bedroht oder durch liche unterliegen dem gleichen Strafrecht
den Mißständen im eigenen Land zu ver- diese verletzt worden. Gravierend ist die wie Erwachsene. 2007 verkauften die USA,
lieren. Natürlich wird auch diesmal die VR Lage der 2,3 Millionen Insassen von USA- die in Irak und Afghanistan Krieg führen
China massiv attackiert. Doch sie zahlte Gefängnissen, die ständiger audiovisuel- und die Menschenrechte anderer Völker
mit gleicher Münze zurück. Schon zum ler Überwachung unterliegen. Im Vorjahr brutal mißachten, Waffen im Wert von
zehnten Mal veröffentlichte das Informa- lebten 37,3 Millionen US-Bürger (12,5 % der 32 Mrd. Dollar an 174 Staaten.
tionsamt des Staatsrates einen Report zu Gesamtbevölkerung) unterhalb der Armuts-
Menschenrechtsverletzungen in den Ver- grenze. Fast ein Viertel aller Haushalte von RF,
einigten Staaten. Afroamerikanern ist betroffen. Während gestützt auf „The Guardian“, Sydney
RotFuchs / Juni 2009 Seite 23

Seele eines Migrantenkindes


Etwas lasisch, etwas türkisch, etwas deutsch ...

I ch hatte sie seit sechs Wochen nicht


gesehen – sie, die aufsteigende Sonne
in meinem Leben: meine Tochter Arsima.
wegen nach Deutschland, war unterge-
bracht bei meinem Onkel, der im Ruhrge-
biet als Bergmann arbeitete.
che dritte Generation der Migranten. Ob
sie sich als Migrantin fühlt, ist eine ganz
andere Frage. Denn ihre Denkweise scheint
Seit dem Frühjahr 2007 lebt sie mit ihrem Am Kindergarten meiner Tochter blieben mir typisch deutsch zu sein. So sagte ich
Vater zusammen, der sie jahrelang vermißt wir stehen. Ich erinnerte sie: „Du wolltest ihr, als wir den Kindergarten verlassen
hatte. Sie scheint zufrieden zu sein. mit vier unbedingt Anna heißen, habe ich hatten: „Du bist doch ein bißchen deutsch
Jetzt, nach eineinhalb Monaten, sitzt sie dir das schon mal erzählt?“ Sie wußte es geworden, mein Kind.“
mir gegenüber. Auf einmal sehe ich in ihr nicht mehr. Dann berichtete ich ihr weiter. Sie lächelte. Es gefiel mir am meisten, wenn
fast mich selbst. Wie ich vor 28 Jahren „Die Kinder wollten alle gleich sein, glaube sie fragend lächelte, das erinnerte mich wie-
nach Dortmund gekommen bin: neugierig, ich. Du hast eines Tages eine seltsame der an ihren Vater. An ihn, der drei Genera-
lebendig, offen für die Welt. tionen von Migranten in der Familie
Sie berichtet aus ihrem Alltag, daß hat. Die sogenannten Muacirlar, die
ihr Fernseher defekt sei. Vater und „Gastarbeiter vom Balkan“. Sein Opa
Oma langweilten sich zu Tode. Sie war in fünf verschiedenen Armeen
lernt jetzt die Familie ihres Vaters Soldat. Zum Schluß siedelte sich die
kennen, wie er fast alles aufgegeben Familie in die Westtürkei an.
und sein Lebensgefühl verloren hat. Wir gingen weiter in der Nordstadt
Sie vergleicht uns, mich und meinen umher. Vor der Nordmarkt-Grund-
Exmann. schule blieben wir erneut stehen.
Ich habe sie an diesem Tag wie eine Diese Schule hat sie besucht. „In den
gute Freundin empfangen. Das hatte ersten Wochen wolltest Du unbedingt
ich mir schon lange gewünscht. Ich portugiesisch lernen“, erinnerte ich
bin keine typische Mutter gewesen, sie. Sie war sprachlich begabt, dann
worüber sie sich immer beklagt hat. überwog jedoch das Deutsche, die
Sie sagte mir oft: „Sei wie die ande- Sprache des Landes, dann erst kam
ren Mütter, Mama!“ Diesen Wunsch Türkisch, und danach lernte sie schließ-
konnte ich ihr nicht erfüllen. Ich hatte lich ein paar Brocken meiner raren
ihr wiederholt vorgeschlagen: „Laß Muttersprache Lasisch. Sie konnte
uns gute Freundinnen werden!“ natürlich die Sprachen der Kinder
Es war soweit. Sie kam zu mir, zum aus anderen Kulturkreisen nicht in
Kaffeetrinken, zum Plaudern. Ich sich aufnehmen. Die von uns erwar-
brachte ihre Lieblingskaffeesorte tete „Integration“ ist aber zum Teil
Capuccino auf den Tisch. erfolgt. Deutsch wurde zur einzigen
Nach einer Weile schlug ich ihr einen Sprache, in der sie sich schriftlich
kurzen Spaziergang in unserem ausdrücken kann.
Stadtteil vor. Sie stimmte fröhlich Zum Schluß unseres Bummels
zu. Wir liefen die Uhlandstraße hin- gelangten wir zum Nordmarkt, wo
unter. Bei der Albrecht-Brinkmann- das Antifa-Denkmal steht. In der
Grundschule blieben wir stehen. Mitte des Platzes suchten wir die
Da ist der Spielplatz, zu dem ich sie Bäume, die wir vor Jahren nach
immer gebracht habe. Ich sagte zu uns benannt hatten. „Ein Baum für
ihr: „Hier haben wir zusammen viel Mama, ein Baum für Papa, ein Baum
Zeit verlebt.“ Ich war die einzige Mutter, die Frage gestellt. ,Mama, ich bin ein bißchen für mich“, hieß es damals. Unsere Bäume
dabei ein Buch in der Hand hielt. lasisch, ein bißchen türkisch, darf ich auch standen noch da. Am Nordmarkt, auf dem
Sie schaute mit ernsten Blicken zurück. ein bißchen deutsch sein?‘“ wir gerne Zeit verbracht haben, unter dem
Sah mir – wie meine Lieblingsoma – tief Sie lachte aus ihren Augenwinkeln her- grauen Himmel.
und fragend in die Augen. Ach, meine Oma, aus. Jetzt fühle sie sich als Türkin, sagte Sie schaute sich fröhlich um. Wie sie es als
Didinana! Wenn sie erfahren könnte, wie sie. Die türkische Seite in ihr überwiegt. Kind immer getan hatte. Die neugierigen
ähnlich ihr die Tochter ist, die ich zur Vielleicht ist sie dazu gezwungen, diese Blicke gaben mir wie früher Licht fürs Leben.
Welt gebracht habe. Als sie starb, war ich Identität anzunehmen. Sie erlebte wie jedes Ich habe mich an sie geklammert.
im vierten Monat schwanger. „Cur şuroni“. ausländische Kind Vorurteile gegenüber Wir gingen Richtung Fredenbaum-Park.
Das heißt „mit zwei Seelen“, in meiner „Gastarbeitern“, sah, wie auch sie ausge- Irgendwann standen wir vor einem Gebäu-
hierzulande unbekannten Mutterspra- schlossen wurde. Deswegen brauchte sie de, in dem wir fast 20 Jahre gewohnt
che Lasisch. eine konkrete Identität. hatten. Eine Weile habe ich meine Worte
Wir gingen, wie gewohnt, die Münsterstraße Wie sie neben mir steht, sehe ich eine junge zurückgehalten. Ich schaute sie bewun-
entlang, am Helmholtz-Gymnasium vorbei, Frau mit einer lasischen Seele, einem tür- dernd an. Meine „Prinzessin“, das Kind
bis zur Leopoldstraße. Dort, wohin ich sie kischen Herzen und einem deutschen Kopf. meiner Träume. Ich brauchte keine Ängste
zum Kindergarten gefahren habe. Damals Eine innerlich reiche Person, die hier im mehr zu haben. Sie weiß, was sie will. Ihr
war sie erst zwei Jahre alt. Die spanische Norden wie die Blumen auf meinen Wei- Leben wird bestimmt sorgloser sein als das
Erzieherin Fahra mochte sie am liebsten. den aufgewachsen ist. Ihre Blicke, die an meine. Die innerlichen „Kleinkriege“ wird
Sie konnte zuerst kein Deutsch. Die Toch- meine lasische Oma erinnern, passen nicht sie wohl nicht kennenlernen. Sie wollte ja
ter meiner Nachbarin half ihr bei der Ver- gerade zu den Integrationserwartungen des ein bißchen deutsch sein. Das Leben hat
ständigung. In kürzester Zeit lernte sie die Landes, in dem ich mich befinde. Sie sind ihr gestattet, noch einheimischer in dieser
Sprache des Landes, in dem sie zur Welt eigenartig geblieben. Wie die der Kinder in Stadt zu werden als ich.
gekommen war. Damit erfüllte sich der meiner hier unbekannten Heimatregion. Ich bin recht beruhigt nach Hause gegan-
Traum der Gastarbeiter, der Generation Aber wie sie sich kleidet und durch die gen, an diesem Tag voller Eindrücke.
ihres Opas. Ich selbst kam des Studiums Nordstadt geht, da ist sie die gewöhnli- Selma Kociva, Dortmund
Seite 24 RotFuchs / Juni 2009

Verzerrte Fernsicht

G ern gehen sie ins Theater und richten


ihr Opernglas klargeputzt und geschlif-
fen sogleich auf das Bühnenbild, um zu
machten sie sich eben ihr eigenes Bild. Und
da saßen sie nun im ersten Rang, die kri-
tischen Geister vom Dienst, und rätselten,
wie man Raubtiere in einem freiheitlichen
Staat behandelt.
So einfach wie im Märchen – Steine in den
erfahren, was denn in der Inszenierung, wie es gewesen sein könnte. Dabei entdeck- Bauch und ab in den Brunnen – geht das
die längst schon gelaufen ist, von Bedeu- ten sie, daß die einstigen Helden auf der freilich nicht,
tung gewesen sei. Aber weil sie, statt das Bühne mit wenigen Ausnahmen allesamt Da muß der Staat schon mal ein paar hun-
Geschehene näher heranzuholen, ihr Glas schiefe Nasen und riesige Ohren hatten, dert Milliarden Euro aus der Steuerkasse
falsch rum gehalten hatten, wurden alle Glubschaugen sowieso und natürlich ein lockermachen und ihnen in den Rachen
Dinge, die Auskunft geben könnten, was riesengroßes Maul, wie es von alters her werfen. Damit sie, die Wölfe und Haie und
einst gewesen war, sehr klein. aus dem Fragespiel zwischen Rotkäppchen die Finanz-Hyänen, bei Kräften bleiben.
Da machten sie aus der Not eine Tugend und dem bösen Wolf bekannt ist. Notfalls, aber wirklich nur in der aller-
und ließen ihrer Phantasie beim Rekon- Dennoch, man wollte ihnen helfen und größten Not, droht man damit, das Aller-
struieren freien Lauf, zumal die Darsteller bewußtmachen, worin ihre Fehler bestan- heiligste anzutasten: Enteignung!
des seinerzeit inszenierten Stückes not- den. Man kratzt ein bißchen am Eigentum, ein
gedrungen und selbstverständlich ohne Aber wenn die Sünder nach 20 Jahren noch ganzes halbes Jahr, daß es alsdann, bitt-
Applaus die Bühne schon vor langem ver- immer nicht begriffen hatten, daß sie im schön, unbefleckt weiterhecken kann.
lassen hatten. falschen Stück oder, um es deutlicher zu Nachsatz:
Weil aber die eifrigen Betrachter persön- sagen, im Unrechtsstaat mitgespielt hat- Was mit den Ameisen werden soll, den klei-
lich niemals dabeigewesen waren und so ten, mußte man ihnen täglich Geschich- nen fleißigen Geschöpfen? Ist doch ganz
auch nicht erfahren hatten, wie sich die ten präsentieren, die abscheulich genug einfach: Kurzarbeit!
Handlung des Stückes damals entwickelte, waren, den Rest ihres Selbstbewußtseins Ausgleich? Man muß nicht übertreiben,
so daß daraus eine lebendige Aufführung zu beerdigen. schließlich sind Hügel von Natur aus immer
entstanden war – mit allen Höhen und Tie- Wenn aber selbst das nicht hilft, könnten schon niedriger und nie so ansehenswert
fen, spannend und voller Konflikte, komisch sich einstige Bewohner eines Panopti- gewesen wie Schlösser in den Bergen.
und tragisch, manchmal auch schön –, kums anteilnehmend davon überzeugen, Dr. Käthe Seelig

Wie mir Omis Weltbild Denkanstöße vermittelte


R otFuchs“-Autor Dr. Ernst Heinz hat
in seinem Artikel mit der Unterzeile
„Wenn Kinder und Enkel uns Ältere fra-
Die sind dagegen, daß ein paar Menschen
sehr reich sind und es andererseits so viele
Arme gibt. Das wollen die ändern.“
ich denn nicht das andere genommen
hätte, das sei doch viel lustiger. Da habe
ich gesagt, daß mein Kinderarzt ein Jude
gen“ (RF 134) dankenswerterweise an das Aha. sei – der würde aber überhaupt nicht so
Buch von Prof. Jürgen Kuczynski „Dialog „Omi, warum hängen meine Eltern eigent- aussehen wie der Mann auf der Titelseite.
mit meinem Urenkel“ erinnert. Nun haben lich nie eine Fahne über unsere Ladentür?“ Auch meine Freundin Steffi wäre eine Jüdin.
sicher nicht viele Kinder einen politisch fragte ich angesichts des roten Fahnenmeeres Die würde es bestimmt kränken, wenn ich
so hochgebildeten Großvater. Meine Omi in meinem Kiez, also in der Gegend um die ein solches Buch besäße.“ „So so“, hatte der
Alwine – Jahrgang 1867, gelernte Näherin Ebeling-, Weißbach-, Eberty-, Kochan- und Fähnleinführer gesagt und hinzugefügt:
und mit einem Buchdrucker verheiratet – Petersburger Straße, wenn wieder Wahlen „Da müssen wir uns wohl mal mit Deinen
führte mich in ganz anderer Weise und bevorstanden. Omis Erklärung: „Bei Deinen Eltern unterhalten.“
sicher unbewußt an das Verständnis poli- Eltern kaufen Sozialdemokraten, Nazis und Die Omi machte ein Gesicht, wie ich es bei
tischen Geschehens heran. Kommunisten ihre Taschenlampenbatte- ihr noch nie gesehen hatte – gewisserma-
„Omi, was bedeuten denn die großen Buch- rien, Glühbirnen und Heizkissen. Würde der ßen eine Mischung aus Belustigung und
staben?“ Papi eine Fahne raushängen, sagen wir mal Verstörtheit. Nach einer Weile sagte sie:
Ich hatte 1928/29 in der Schule das Abc ‘ne rote, dann würde er viele Kunden von „Du hast richtig gehandelt. Ich bin stolz
beigebracht bekommen und fand alles, was den anderen Parteien verlieren – und das auf meinen Enkel!“
ich nun entziffern konnte, hochinteressant. macht sich an der Abendkasse bemerkbar.“ Aha.
Aber vom Lesen zum Verstehen war es noch Das leuchtete mir ein, und ich verstand nun „Omi, Hindenburg ist gestorben.“
ein großer Schritt. Meine Frage an die Omi auch, warum bei allen Geschäftsleuten, Beim Spielen mit den Kindern im Nach-
bezog sich auf die seltsamen Buchstaben- die ich kannte – also Bäcker Siebeneicher, barhaus hatte ich die Radiomeldung auf-
kombinationen, die damals an Häuser- Fleischer Schubert, Kaufmann Villwock, geschnappt. Aus der Schule wußte ich, daß
wänden, Litfaßsäulen und anderswo im Gemüsehändler Engelke, Farbenhand- dieser Mann eine „wichtige Persönlichkeit“
Stadtbild Berlins zu entdecken waren. Ich lung Tanculski nie eine Fahne über der war: der „Held von Tannenberg“ nannte
buchstabierte schon ohne Mühe: WÄHLT Ladentür wehte. sich jetzt Reichspräsident.
NSDAP, WÄHLT SPD, WÄHLT KPD ... Aber Aha. Omi, die beim Unkrautjäten in unserem
was steckte dahinter? Die Omi erklärte mir „Omi, warum sind die Juden unser Unglück?“ Garten war, richtete sich gar nicht erst
das so: „NSDAP heißt Nationalsozialistische erkundigte ich mich einige Jahre später. auf. Ich hörte sie nur murmeln: „Wieder
Deutsche Arbeiterpartei. Die wollen durch „Wer hat Dir denn solchen Quatsch eingeredet?“ ein unnützer Fresser weniger.“
einen neuen Krieg das zurückholen, was „Na, neulich zu unserem Jungvolk-Heimabend Aha.
Deutschland beim letzten verloren hat. Das machten wir einen Tischtenniswettkampf, Die gute Omi Alwine konnte Jürgen Kuc-
will ich aber nicht. Ich will keinen Krieg und da war ich der Sieger. Als Gewinn durfte zynski in puncto politischer Bildung sicher
mehr! SPD heißt Sozialdemokratische Par- ich mir eines von zwei Büchern aussuchen. nicht das Wasser reichen, hatte aber durch-
tei Deutschlands. Die wollen auch keinen Das eine war ein Geschichtsbuch für die aus ihr eigenes Weltbild. So gab sie ihrem
Krieg, sind für mehr Gerechtigkeit. Aber 8. Klasse, auf dem anderen stand ‚Der ewige Enkel wichtige Denkanstöße, an die er sich
das verstehst Du noch nicht. Na, und KPD Jude’. Ich nahm das erste. Der Fähnlein- gern erinnert. Helmuth Hellge, Berlin
heißt Kommunistische Partei Deutschlands. führer wunderte sich und fragte, warum
RotFuchs / Juni 2009 Seite 25

Der „Fall Strittmatter“


Kein Grund, das Bücherregal auszuräumen

D ie Vorbereitung des uns bevorstehen-


den Jahrestages „Mauerfall“ nimmt
Fahrt auf. Die „Bearbeitung“ der Geschichte
Günter-Grass-Retourkutsche fahren? Oder
was ist mit dem Büchern und Schriften
des klugen Moralisten Walter Jens? Auch
und über sein schriftstellerisches Leben
haben Generationen von Lesern schon ent-
schieden. Auflagenzahlen und die Zahl der
der DDR wird immer schärfer und umfas- er verschwieg sich und uns ein dunkles Übersetzungen seiner Bücher beweisen das.
sender geführt. Aber auch: unbedarfter, Lebensgeheimnis. Schlimme Lücken ent- Uns, die wir sie lasen, wird er mit seinen
gröber und unverfrorener. Alle Lebensbe- stünden in den Bücherregalen! Schlimmer Geschichten in der Erinnerung bleiben.
reiche jenes vergangenen deutschen Lan- noch: Lese-Lücken entstünden. Erkennt- Wir werden ihn erneut lesen, und er wird
des zwischen Oder und Elbe geraten ins nismöglichkeiten gingen verloren. weitere Leser finden!
Visier von Geschichts- und Moraldeutern. Ach, ja: Müßte ich da nicht auch die Gedicht- Auch wenn nicht sein soll, was Tatsache
Was wert war, soll aus dem Gedächtnis bände der Eva Strittmatter ins dauernde ist: Die vierzigjährige Geschichte der DDR-
verschwinden! Was noch Wirkung haben Exil schicken? Deshalb, weil sie als Ehefrau Literatur stellt ein wichtiges Kapitel deut-
könnte, soll eliminiert werden. Strittmatters vielleicht doch etwas von scher Nationalliteratur nach dem zweiten
Nun also der „Fall Strittmatter“. Seit einem möglichen Lebens-Geheimnis ihres Weltkrieg dar. Mit gewichtigen und leicht-
Monaten auf- und abschwellend wird er Erwin wußte? Etwas, was da im Keller vom gewichtigeren Werken, wie das in der Lite-
mit Getöse, sensationsgierig und pseu- Schulzenhof unruhig schläft? Übrigens, raturgeschichte eben normal ist.
dowissenschaftlich in Medien sowie auf wäre das nicht ein trefflicher Gegenstand Was mein Grübelproblem betrifft: Darf
Veranstaltungen rauf und runter disku- für den nächsten literarischen Streit, wenn mir ein Schriftsteller aus seinem Leben
tiert. Unzweifelhaft ist, daß es sich dabei der jetzt diskutierte „Fall“ ausgefochten zu etwas verschweigen oder nicht? Da bin ich
nicht mehr nur um einen biographischen sein scheint? Nicht zuletzt: Schicke ich nun durch die Diskussion über den „Fall Stritt-
Fakt aus dem Leben des Schriftstellers gleich in einem Aufräumen (soll ich sagen: matter“ in folgender Erkenntnis bestätigt
dreht. Hier geht es um die Nichtanerken- Abwasch?) auch die Strittmatter-Biographie worden: Jeder Schriftsteller holt den Stoff
nung seines gesamten Werkes. Noch mehr: von Günther Drommer vor die Tür unseres für seine Werke aus seiner Biographie und
Es werden Wertigkeit und Wirkung der kleinen Bibliothekszimmerchens? seiner Erlebniswelt. Was er davon für die
gesamten DDR-Literatur zur Disposition Meine Frau und ich, wir haben uns folgen- Geschichte, die er aufschreibt, auswählt, ist
gestellt. Aber was nun? Da sitz ich armer dermaßen entschieden – bekräftigt auch allein seine Entscheidung. Für die Bewer-
Leser nach der monatelangen Diskutiere- durch die bisherige Diskussion: Wir wer- tung seines Werkes zählt nur, ob die Fabel
rei über den „Fall Strittmatter“ in meinem den auf unserer weiteren Lesewanderung wahrhaftig aufgeschrieben wurde, ob sie
Büchersessel und grübele: Hat er mir nun durch das Leben nicht auf die Geschich- der Wirklichkeit gerecht wird. Der Schurke
in seinen Büchern etwas aus seinem Leben ten des Erwin Strittmatter verzichten. oder der strahlende Held in einem Roman
verschwiegen oder nicht? Meldete er sich Und auch nicht auf die Gedichte seiner oder Bühnenstück sind nicht mit ihrem
freiwillig zur SS, oder wurde er „gezogen“? Frau Eva. Sie machten und machen unser Schöpfer, dem Schriftsteller oder Autor,
Wußte er als Kompanieschreiber in einem Leben reicher, auch an Erkenntnissen. identisch! Deshalb können ihr eigenes
SS-Polizeiregiment von Verbrechen oder Auf dem Nachttisch meiner Frau liegt zur Bestehen oder Versagen durchaus Thema
nicht? War er gar daran beteiligt? Zeit gerade der „Tinko“. Sie liest ihn noch einer moralischen oder politischen Debatte
Ich, heute ein älterer Mann, bin lange durch einmal, so wie wir ihn vor vielen Jahren sein. Aber ihr Leben kann nicht Gegenstand
ein Leseland gewandert, geographisch ein gemeinsam mit unseren Kindern gelesen einer Diskussion über den literarischen
kleines, literarisch ganz sicher nicht. Ein und erlebt haben. Auf meinem Nachttisch Wert ihres Werkes werden. Auch nicht bei
treuer Wegbegleiter war mir in all den zum Zugreifen u. a. bereit: der kleine rote Erwin Strittmatter.  Dr. Malte Kerber
Jahren neben vielen anderen, nun ja: auch Band vom Aufbau-Verlag mit sämtlichen
ER – der Erwin Strittmatter. War mir ein Gedichten von Eva Strittmatter. Jeden Abend
unterhaltsamer Freund. Was für spannende vor dem Einschlafen lese ich weiterhin Am 13. Juni um 10 Uhr spricht
Geschichten erzählte er mir! Merkwürdige zwei oder drei ihrer kleinen Kunstwerke.
Oberstleutnant a. D. Dieter Skiba
und viele merkenswürdige, auf jeden Fall Das tut meiner Seele gut und macht mich
auf einer Veranstaltung der RF-
immer erkenntnisreiche. In einer wunder- ein wenig freier. Auch wenn ich nicht alle
Regionalgruppe Dresden im Saal des
samen poetischen Sprache schrieb er mir ihre Gedichte mag.
sie auf. Nun ja, nicht nur mir! Und was die Drommer-Biographie betrifft: Kabaretts „Breschke & Schuch“ am
In unseren häuslichen Bücherregalen stehen Auch die bleibt im Bücherregal stehen! Eine Wettiner Platz, Eingang Jahnstraße 2.
die meisten seiner gedruckten Geschichten: Biographie, die uns den Strittmatter näher Sein Thema
vom ersten Roman, dem „Ochsenkutscher“, gebracht hat. Vor zehn Jahren geschrieben Haltung und Aktivitäten der DDR
bis zum traurigen Abschiedsbuch „Vor der – wahrhaftig, dem damaligen Kenntnis- und der BRD bei der Verfolgung
Verwandlung“. Dazwischen all die anderen. stand entsprechend, sprachlich ausgefeilt,
von Nazi-Verbrechern
Seine Bühnenhelden aus dem „Katzgraben“ der Literatur und dem Leser dienend. Was
und der „Holländerbraut“ sind mir in der man in der bisherigen Diskussion um die-
Erinnerung geblieben. ses Thema durchaus nicht von allen sagen
Ja, was mache ich nun mit seinen Büchern? kann, die sich da zu Wort meldeten. Am 20. Juni um 10 Uhr findet eine Vor-
Etwa raus aus unseren Regalen? Raus Und da sitz ich nun, ich kleiner Leser, in trags- und Diskussionsveranstaltung
damit, weil er mir vielleicht etwas nicht meinem Bücherzimmer und fühle mich so der RF-Regionalgruppe Erfurt in der
erzählt hat, wohin ihn „des Lebens Spiel“ gar nicht arm. Da wollen mich so viele über Museumsgaststätte, Juri-Gagarin-Ring
trieb. Wirklich raus? Erwin Strittmatter belehren. Unter ihnen 140 A, statt. Es sprechen Diplomphilo-
Geriete ich da nicht in große Schwierigkei- aufgeregte Aufklärer, im Glashaus Sitzende, soph Horst Loost und weitere Kenner
ten, weil ich so manchen Autor ebenfalls große Verallgemeinerer, des Dichters Werk der Materie über das Thema
aus ihnen verbannen müßte? Solche, die mir Unkundige und schließlich diejenigen, die
aus ihrem Leben etwas nicht aufschrieben? mit Strittmatter eigentlich die gesamte Die Verfolgung von Nazi- und
Auszusortieren hätte ich da wohl Klassi- DDR-Literatur begraben wollen. Kriegsverbrechern auf dem
ker, etliche aus der großen bürgerlichen Allen sei ins Merkbüchlein geschrieben, so Gebiet des heutigen Landes
Literatur, manchen Modernen oder aus sie denn eines besitzen: Über das Werk des Thüringen
dem Regal „BRD-Literatur“. Soll ich die Erwin Strittmatter, über dessen Wirkung
Seite 26 RotFuchs / Juni 2009

Im Blätterwald der U-Bahn

U m es vorwegzunehmen: Ich fahre


ungern mit der U-Bahn. Das dunkle,
langweilige Tunnelerlebnis ist nichts für
ihre Herrschaft zu sichern. Das war rich-
tig. Vor allem sollen die gesellschaftli-
chen Zustände nicht erfaßt und verändert
die staatlich verordnete Verblödung bis
in den letzten Winkel des Gehirns vor-
gedrungen ist? Der Gedanke daran läßt
mich. Lieber benutze ich das Fahrrad und werden. Es geht darum, daß die Leser der mich schaudern.
genieße die frische Luft. Manchmal aber bunten Blätter nicht die richtigen Fragen Hoffnung macht mir indes meine auch
läßt sich der Einstieg in die ungeliebte stellen, erst recht aber keine Antworten aus dem Geschichtsunterricht in der
Metro nicht vermeiden. Wenn ich schon darauf finden. „Bild“, „BZ“ und „Kurier“ DDR abgeleitete Überzeugung, daß sich
in den sauren Apfel beißen muß, nehme sorgen dafür wohl am wirkungsvollsten, Menschen nie auf Dauer täuschen lassen.
ich ein Buch zur Hand oder beobachte aber nicht als einzige. Da gibt es ja noch Der Wille nach Wahrheit und Erkenntnis
die Menschen. die Sender. gewinnt am Ende doch die Oberhand, weil
Eine Entscheidung dafür hellt meine Stim- Kürzlich hat der Göttinger Professor die Suche nach beiden nun einmal zum
mung allerdings nicht auf. Das liegt vor für Didaktik des Geschichtsunterrichts Menschsein gehört.
allem daran, daß ich ständig irgendwel- Michael Sauer an dreizehn Gymnasien Ulrich Guhl, Berlin
che mörderischen Schlagzeilen vor mir in Niedersachsen eine Befragung zu
sehe, deren bloßer Anblick gehörig nervt. Geschichtsdaten durchgeführt, die den
Um mich herum knistert ein undurch- Schülern geläufig sein sollten. Den 93
dringlicher Blätterwald aus „Berliner Lehrern, die dabei mitmachten, wur-
Kurier“, „BZ“ und „Bild“. Warum gibt es den anfangs 248 historische Jahres-
hier eigentlich kein Waldsterben? Warum zahlen vorgelegt, die man dann auf 104
nehmen Menschen solche unerträglichen reduzierte. Das Ergebnis spricht Bände:
Verdummungsrituale in Kauf? Wurden Um die Abdankung Wilhelm II. weiß
denn alle Bibliotheken geschlossen? man Bescheid, die Novemberrevolution
Früher sprach man vom „Leseland DDR“. aber ist unbekannt. Die erste Hälfte des
Ich bin dort aufgewachsen und weiß, daß 20. Jahrhunderts bestückt man mit Namen
an diesem Wort etwas dran war. Studien, wie Hitler, Hindenburg, Woodrow Wil-
die das Leseverhalten von Ost- und West- son oder Friedrich Ebert. Geschichte der
deutschen verglichen, führten den Nach- Arbeiterbewegung? Fehlanzeige!
weis, daß DDR-Bürger tatsächlich mehr Noch grotesker verhält es sich mit der
als BRD-Bürger gelesen haben. Das lag mit Personenliste der zweiten Hälfte des
Sicherheit auch am soliden Schulsystem 20. Jahrhunderts. Hier genügen Adenauer
der DDR, dessen Architekten auf Bildung und Kohl!
setzten. Leider hat sich inzwischen der Ganz übersichtlich ist die Situation, wirft
Osten hier dem Westen angeglichen. Tat- man einen Blick auf das internationale
sächlich ist die „Einheit“ in dieser Hin- Geschehen. Weder die Gründung der
sicht bereits vollzogen worden. Volksrepublik China noch die afrikanische
Wahrscheinlich haben wir noch nie in Befreiungsbewegung verdienen Erwäh-
einer Periode gelebt, in der einerseits nung. Es muß wohl nicht darauf verwie-
so viel Wissen verfügbar war und ande- sen werden, wie es mit den Geschichts-
rerseits so viel Dummheit konsumiert kenntnissen zur DDR aussieht. Diesen „RotFuchs“-Leser entdeckte
wurde wie heute. Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Jens-Torsten Bohlke am 1. Mai in der
In der DDR-Schule brachte man mir bei, Welche Eindrücke werde ich wohl beim belgischen Stadt Leuven.
daß die Ausbeuterklassen Menschen U-Bahn-Fahren gewinnen, wenn noch
absichtlich in Unwissenheit halten, um mehr Jahre ins Land gegangen sind und

Epilog und während, wie in Wirtschaftswundertagen,


die großen Haie sich den Bauch vollschlagen,
gehst du beim kleinen Manne abkassiern.
Ich widme diese allerletzten Zeilen
der allerersten deutschen Kanzlerin, Du kannst in unserm Lande nichts mehr ändern;
um ihr, gereimt, persönlich mitzuteilen, selbst wenn du wolltest, niemand hielte still.
wie tief enttäuscht ich „Ossi“ von ihr bin. Das Vaterland besteht aus sechzehn Ländern
mit eignen Fahnen, Schärpen, Ordensbändern,
Ach, „ÄNJELA“, du Engel aus dem Osten, und jedes Ländle macht da, was es will.
wie hast du es so herrlich weit gebracht;
vom Thälmann-Pionier zum höchsten Posten Genug geklagt. Du bist nicht zu beneiden.
des Staats, und noch dazu auf Volkes Kosten, Dein „Job“ ist alles andre als bequem.
das heißt, der Arbeiter-und-Bauern-Macht. Wo Geld regiert, läßt es sich nicht vermeiden,
daß einer praßt und andre Hunger leiden.
An Höhenluft muß man sich sacht gewöhnen, Nicht DU bist schuld, die Schuld liegt im System.
zu schneller Aufwärtstrieb macht taub und blind;
man lauscht berauscht den eignen Harfentönen Walter Meyer (2007)
und überhört das Murren und das Stöhnen
der vielen, die da unzufrieden sind.
Aus dem Bändchen Gereimtes über Ungereimtes, Sprü-
Du redest klug, doch hast du nichts zu sagen. che und Gedichte zur Geschichte 1987 bis 2008, 112 Seiten,
Die Bosse sind es, die das Land regiern; viademica-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-937494-46-3
RotFuchs / Juni 2009 Seite 27

Apropos FKK

G erne lesen wir im „RotFuchs“ Erin-


nerungen, ernste wie auch fröhlich-
anekdotische ... Mein Stichwort heute ist
stent. So ergab sich die oben erwähnte Der „RotFuchs“ sollte noch mehr als bis-
Begegnung. Zwei Erinnerungen sind an sie her daran erinnern, daß es jenseits aller
geknüpft. Als Kauls Plädoyer vor Gericht Anstrengung auch fröhlichen Alltag in
FKK; nein, nicht Jan Koplowitzens ziem- aufgenommen werden sollte, ließ Gott- der DDR gab!
lich verbissene Ostsee-Nacktbaderei (wie fried Herrmann alle jungen Kollegen in Werner Wüste
die Fama behauptete), sondern Friedrich den Hörspielkomplex kommen, um einer
Karl Kaul. FKK eben. Bei unserer ersten außerordentlichen schauspielerischen Lei-
und einzigen Begegnung war er Justitiar stung beizuwohnen: Wolfgang Langhoff
des Berliner Rundfunks, damals noch hielt das Plädoyer. Das war in höchstem
im Westen Berlins in der Masurenallee Maße beeindruckend: Kein zweites Mal in
angesiedelt. Die Stumm-Polizei hatte in meiner Rundfunkzeit wurde mir Sprache
einer angrenzenden Straße drei Kolle- so konzentriert, klar, klug, in intellektu-
gen – man kann es nicht anders nennen – eller Schärfe, geistiger Überlegenheit und
gekidnapt. Von der Justiz war gegen das Souveränität zum Erlebnis. Friedrich Karl
Trio eine Anklage wegen Menschenraubs Kaul plus Wolfgang Langhoff eben.
konstruiert worden. Es kam zum Pro- Die zweite Erinnerung. Nicht immer hatten
zeß. FKK plädierte auf Freispruch und alle an der Produktion Beteiligten ange-
erreichte ihn auch. Der Fall machte ihn spannt zu arbeiten. Pause also und FKK
schlagartig bekannt. Mit diesem Erfolg, erzählte: Ein GI in einem sehr vornehmen
glaube ich, wurde seine enorme Popula- britischen Klub, laut, ungeniert, Beine auf
rität begründet. dem Tisch, winkt dem Ober. Wo denn hier Alle lesen den RotFuchs
Was lag näher, als aus den Vorgängen wie eine Toilette sei. Der Befrackte beschreibt
Diese Abbildung entnahmen wir
aus den Hintergründen des Geschehens den Weg: „... und da finden Sie eine Tür, auf der Einladung des Genossen
ein Hörspiel zu machen. Natürlich hat er der steht Gentlemen. Aber gehen Sie ruhig Günter Rohloff, Dierhagen, zu
es getan. Gottfried Herrmann, Regisseur rein!“ Die Story habe er dem amerikani- seinem 80. Geburtstag.
und Produktionschef beim Berliner Rund- schen Kommandanten erzählt, berichtete
funk, inszenierte es, ich war sein Assi- FKK hintergründig grinsend.

Elfriede Brüning: Korrespondenz


eines Dreivierteljahrhunderts
B riefwechsel dokumentieren besonders
authentisch das Leben und Schaffen
eines Menschen, aber auch dessen Stel-
der Arbeitswelt sammelt und erschließt.
Die Autorin äußerte den Wunsch, ihre
Korrespondenzen herauszugeben. Für die
fest. Auf diese Weise gerät die Briefedition
einerseits zur Ergänzung eines Lebenswer-
kes und andererseits zu einer Fundgrube
lung zu Zeitgenossen, und offenbaren aufwendige Aufgabe konnte Eleonore Sent an hautnahen Zeitzeugen-Bekundungen.
deren Anerkennung und damit auch die gewonnen werden. Sie stellte den Brief- Politische und künstlerische Gemeinsam-
Resonanz auf ein Lebenswerk. Die Korre- wechsel aus einem Dreivierteljahrhundert keiten und Unterschiede, Erkenntnisse und
spondenz ist ursprünglich meist Verstän- zusammen und kommentierte ihn akribisch. Sichten auf die bewegten Epochen bilden
digungsmittel, beinhaltet oft Dialoge zu Die Herausgeberin versah die Edition mit geradezu ein Kaleidoskop, unter dem mosa-
den unterschiedlichsten Problemkreisen einem detaillierten achtteiligen Anhang ikartig ein vielfarbiges Bild entsteht. Auf
und ist nicht selten ein authentisches auf 60 Seiten, unter anderem einem fast diese Weise wird der Leser mit dem Lite-
Zeitdokument. neunseitigen Namensregister. raturbetrieb der DDR vertraut gemacht.
Der literarische Weg der heute hochbetag- Einerseits vermittelt die Korrespondenz Dieses kleine Land hat ein bedeutendes
ten Schriftstellerin Elfriede Brüning (geb. der Elfriede Brüning Auskünfte der Auto- Stück Literatur- und Verlagsgeschichte des
1910) verläuft von der Weimarer Republik rin über ihren Alltag, ihr literarisches 20. Jahrhunderts gestaltet. Der Briefband
und dem Bund proletarisch-revolutionä- Werk, individuelle Schaffensprobleme, erhellt authentisch und überzeugend das,
rer Schriftsteller (1932) über die finstere die Entstehungsgeschichte ihrer Bücher, was Elfriede Brüning als Lebensleistung
Schreckensherrschaft des Faschismus, ihre Stellung zu zahlreichen Zeitgenos- präsentiert.
die 40jährige Geschichte der DDR bis in sen. Unter den Briefen der Schriftsteller- Erste zustimmende und anerkennende Bot-
die Zeit der kapitalistischen Restauration. kollegen, Verleger und Lektoren finden schaften erhielt die Schriftstellerin u. a.
Die Autorin erreichte mit ihren Büchern sich solche von Berta Waterstradt, Anna von Prof. Hans-Wolfgang Lesch (Universität
in der DDR hohe Auflagen und eine breite Seghers, Hedda Zinner, Eva Strittmatter Würzburg), Klaus-Rainer Goll (Leiter der
gesellschaftliche Resonanz. Auch nach u. v. a. Etliche Leserbriefe reflektieren Lübecker Literaturgruppe) und H. A. ten
1989 bemühte sie sich energisch darum, politische, menschliche, geistige, künstle- Dam-Kiesselbach aus Amsterdam.
ihren Leserkreis zu erweitern. Neben man- rische Verbundenheit, gegenseitige Wert- Dieter Fechner
chen Nachauflagen („Regine Haberkorn“ schätzung und Anteilnahme.
u. a.) erschienen neun neue Bücher („Und Der Briefband porträtiert den schriftstel- Brüning, Elfriede: Ich mußte einfach schrei-
außerdem war es mein Leben“, „Gedan- lerischen Lebensweg der Elfriede Brüning, ben, unbedingt ..., Briefwechsel mit Zeit-
kensplitter“ u. a.). die Einflüsse gesellschaftlicher Strukturen genossen 1930–2007, herausgegeben von
Die in Berlin lebende Schriftstellerin ent- auf ihr Schaffen und lebensgeschichtliche Eleonore Sent, Schriften des Fritz-Hüser-
schloß sich 2005, ihr literarisches Erbe (Vor- Zäsuren. Ein Teil der Korrespondenzen Instituts 17, Klartext-Verlag, Essen 2008,
laß) dem Fritz-Hüser-Institut in Dortmund hält werkgeschichtliche Phasen in den 462 S., 34,95 Euro, ISBN 978-3-89861-846-5
zu übergeben, das Literatur und Kultur unterschiedlichen politischen Zeitläuften
Seite 28 RotFuchs / Juni 2009

Archie und das Kaiserschloß

A ls am 3. März im RBB-Fernsehen wie- gesprächsweise, die DDR betreibe inzwi-


der eine Sendung über den Palast der schen etliche Gaststätten mit gediegener
Republik gebracht wurde und schon in der Atmosphäre. Archie dachte über das Wort
finanzieren können. Außerdem besaß die
Überwindung der ärgsten Wohnungsnot
damals absoluten Vorrang.
Ankündigung die Absicht deutlich formu- „gediegen“ nach. Wurden vom Theater im Was ist eigentlich historisch? Das wäre
liert war –Triumph über seine mutwillige Palast nicht auch gediegene Inszenierun- auch hier zu fragen. Am 19. August 2008
Zerstörung –, kam Archie der Kaffee hoch. gen gezeigt, z. B. Heiner Müllers Adaption schrieb die „Berliner Zeitung“: „Ist ein
Er schaltete kurz nach Beginn ab. Auch des französischen Romans „Gefährliche neues Schloß historischer als der Alex-
der Text in der Programmzeitung „HÖRZU“ Liebschaften“ von Choderlos de Laclos? anderplatz aus den 20er Jahren des
verursachte ihm Übelkeit. Es herrschte Warum distanzieren sich heutzutage 20. Jahrhunderts? Und zeigt nicht gerade
im Programm ein so rüder Propaganda- einige ehemalige Theater-Macher davon die Spandauer Vorstadt, daß sich gute,
Stil gegen die DDR, daß er phantasievolle neue Archi-
geradezu lächerlich wirkte. tektur mit Altbauten glän-
Da beschränkte man sich zend verträgt? Was ist Mitte,
auf Vokabeln wie „pompö- was soll historisch sein in
ser Palast“, genannt „Palaz- einer Stadt, die sich gerade
zo Prozzo“ und „Erichs Lam- durch historische Vielfalt
penladen“. Beide Bezeich- auszeichnet – das muß
nungen machten seiner-zeit geklärt werden vor jeder
zwar hier und dort die Gestaltungssatzung.“
Runde, waren aber ver- Übrigens, warum gibt
mutlich Wortschöpfungen es keine Dokumentation
westlicher Herkunft. Nie- über asbestverseuchte
mand begab sich in den öffentliche Gebäude in der
„Palazzo Prozzo“, wenn er Alt-BRD und in Westber-
zum Konzert oder in den lin sowie über dort nach
„Kessel Buntes“ wollte. 1945 voreilig abgerissene
Kein Mensch sagte: Wir historische Bauten?
gehen in „Erichs Lampen- Die Beseitigung des Pa-
laden“ essen, wenn eines lasts der Republik läßt
der Restaurants gemeint selbst ehemals DDR-
war. Weiter aber liest man kritisch eingestellte Intel-
im Text: „Rund 60 Millio- lektuelle den Kopf schüt-
nen Menschen sahen im „Sie wurden doch angeblich aus diesem Stück gestrichen!“ teln. Vielleicht erlebt
1976 eröffneten Palast der Aus „The New Worker“, London Archie ja noch die Mogel-
Republik Shows, feierten packung des Schloßneu-
Feste, speisten feudal.“ baus als „Humboldt-Fo-
Eigentlich müßte es heißen: speisten nor- und treten den Palast in den Schmutz? Um rum“. Aber sicherlich wird es in der globa-
mal wie in anderen Restaurants auch, zu sich anzubiedern, wie sie es stets getan len Krise schwer sein, Geld für solcherlei
ganz normalen Preisen, als ganz normale haben? Um im Geschäft zu bleiben, mit Unsinn aufzutreiben. Doch gemach: Wenn
Werktätige. Einzige Bedingung: Man wem auch immer? es um Prestigebauten geht, muß man mit
mußte Platz finden. Was jetzt die fast Archie sah damals eine Aufführung des allem rechnen.
leeren Gaststätten in der Umgebung des „Canto General“ von Pablo Neruda unter Keiner will dem Berliner Schloß Unrecht
plattgemachten Palastes bieten, wäre viel- der Stabführung von Mikis Theodora- tun, und so nimmt Archie das 2008 er-
leicht feudal zu nennen, besonders was kis im Großen Saal des Palasts und war schienene Buch Hartmut Ellrichs über
die Preise betrifft. Da sollte man ruhig die beeindruckt! dieses Bauwerk noch einmal zur Hand. Es
Palast-Speisekarten, die es in Archiven Als er 1952 mit einem Pappkoffer nach dokumentiert akribisch, was nach 1945
ja noch gibt, zum Vergleich heranziehen. Berlin kam, um sein Studium an der Hum- von ihm noch übrig war: sehr wenig im
Viele Journalisten schreiben einfach dif- boldt-Universität aufzunehmen, ging er Verhältnis zum Gesamtgebäude. Immer
famierendes Zeug auf, weil das Verteufeln oft über den großen freien Platz in Rich- wieder werden die Nord-West-Ecke mit
der DDR erwünscht ist. tung Alex, wo er zeitweilig in einer inzwi- dem Weißen Saal erwähnt, das Schlüter-
Was war pompös am Palast der Republik, schen abgerissenen Seitenstraße wohnte. Portal und die Schlüter-Figuren, die als
sollte man fragen. Ist der Potsdamer Platz Das Schloß, das früher dort stand, hatte Rudimente existierten ... Im Vorwort wird
nicht viel pompöser? Geschmacksfrage, man zu seiner Zeit schon abgetragen. Er die Borniertheit des Autors deutlich: „Der
Stilfrage, Klassenfrage. versuchte in Bibliotheken und Filmarchi- 1973 bis 1976 auf dem Baugrund des älte-
Es war zu Beginn der 80er Jahre. Archie ven, sich eine Vorstellung von diesem Bau sten Teils des einstigen Berliner Schlosses
hatte Besuch von zwei seriösen älteren zu machen. Nach den letzten Umbauten erbaute ,Palast der Republik‘ konnte auf
Westberliner Intellektuellen aus dem war der Komplex 192 m lang und hatte Dauer nicht befriedigen. Zudem hatte das
Bildungsbürgertum – einem pensionier- 1210 Räume. Der mächtige dunkle Klotz DDR-Parteiforum aus Volkskammer und
ten Studienrat für Kunstgeschichte und glich, nach zeitgenössischen Darstellun- Staatsrat nach 1989 seinen Sinn verloren
einem gutsituierten Architekturdozenten gen, eher einer Festung gegen das Volk. ... war dem Ort doch ... mit der Sprengung
im Ruhestand. Sie blickten von den Stufen Als Wilhelm II. durch die Novemberre- des Schloßgebäudes 1950 sprichwörtlich
des Alten Museums hinüber zum Palast der volution zur Emigration nach Holland die Seele abhanden gekommen.“
Republik, der von der Nachmittagssonne gezwungen wurde, zogen 1921 mehrere Welche Seele, fragt Archie. Etwa die zweier
überstrahlt wurde. Die beiden waren sich wissenschaftliche Institutionen und das Weltkriege? Darauf kann man getrost ver-
spontan darin einig, daß dieses Bauwerk Kunstgewerbemuseum dort ein. Im Zwei- zichten. Um so angenehmer aber ist die
dorthin paßte und sich als postmoderne ten Weltkrieg weitgehend zerstört, wurde Erinnerung an den Palast – das „Haus des
Architektur durchaus sehen lassen konnte. das Schloß 1950/51 gesprengt. Einen – Volkes“ –, wie er von vielen seiner Besu-
Sie gingen durch den Lustgarten in ein politisch auch nicht gewollten – Wieder- cher genannt wurde.
Speiserestaurant des Palasts und betonten aufbau hätte die junge DDR wohl kaum  Manfred Hocke
RotFuchs / Juni 2009 Seite 29

glieder) die wahren Bürgerrechtler, als sie nicht die sich nach 1990 eingerichtet, was ist aus den poli-
Leserbriefe an Abschaffung ihres Staates, sondern einen besse- tischen Standpunkten geworden?
ren Sozialismus forderten? Dabei stößt man manchmal, selbst bei Personen
RotFuchs Am Zentralen Runden Tisch wurde eine Arbeits-
gruppe „Neue Verfassung der DDR“ gebildet, die
in ehemals exponierter Führungsverantwortung,
auf Verhaltensweisen, die mir unverständlich sind
in dessen Auftrag einen entsprechenden Entwurf und mich ratlos machen. Das betrifft u. a. die Mit-
vorlegte. Nach 20 Jahren wird es doch endlich Zeit, gliedschaft von Generalen und Offizieren der NVA
aus den Verfassungen der DDR von 1949/1968/1974, und der Grenztruppen der DDR im Bundeswehr-
dem Verfassungsentwurf des Runden Tisches und verband, der weder von seiner Verfaßtheit noch
Seit gut drei Jahren lebe ich, eine DDR-Rentnerin, dem Grundgesetz für die alte BRD eine Gesamt- von seiner Aufgabenstellung her die geistige und
auf der zu Frankreich gehörenden und im Indischen deutsche Verfassung (Entwurf) zu erarbeiten. Diese politische Heimat ehemaliger Berufssoldaten der
Ozean liegenden Insel La Réunion. Durch eine tritt in Kraft, wenn sie „von dem deutschen Volke DDR sein kann. In den Jahren 1989/90 und in
freundliche Geste habe ich aus Deutschland den in freier Entscheidung beschlossen worden ist“ der Folgezeit war dieser Verband das effektivste
„RotFuchs“ Nr. 130/08 bekommen und mit Inter- (Art. 146, Geltungsdauer des Grundgesetzes für Instrument, um sie ruhigzustellen und problem-
esse gelesen. Eine Wohltat! die BRD, letzter Halbsatz des GG). los in die BRD einzugliedern. Diesem Anliegen
Wenn Sie mir die Höhe der Versandkosten des Übrigens war ich vor 20 Jahren Sekretär der AG dienten sowohl monetäre Hilfen in den Strafpro-
Heftes von Berlin aus mitteilen würden und diese Neue Verfassung der DDR des Zentralen Runden zessen als auch das Wecken von Hoffnungen auf
erschwinglich sind, würde ich der Zeitschrift eine Tisches.  Dr. Klaus Emmerich, Kassel eine gerechte Behandlung, die nie ernsthaft zu
Spende zukommen lassen. erwarten war. Wer das vorab nicht gesehen hat
Ich habe auf Réunion mit etwa 20 Deutschen und Die „Väter“ des Grundgesetzes waren der Meinung, bzw. nicht sehen wollte, hatte offensichtlich sei-
zahlreichen deutschsprechenden Franzosen Kontakt, daß nach der Vereinigung beider durch die UNO nen politischen Instinkt verloren oder handelte aus
die alle politisch interessiert sind. Der „RotFuchs“ anerkannter Staaten BRD und DDR eine neue Ver- opportunistischen Gründen.
wäre eine Bereicherung für unsere Gespräche. fassung notwendig sei. Diese Empfehlung wurde Doch begangene Fehler können korrigiert werden.
Marianne Hoffmann, Piton Saint-Leu, Réunion später von den bundesdeutschen Machthabern Besser spät als nie.
verworfen. Statt dessen stützt man sich auf einen Oberstleutnant a. D. Roland Potstawa,
Rasch ein Gruß aus dem Nordwesten – und ein Passus über den „Beitritt zum Bundesgebiet“. Der Königs Wusterhausen
Dank für beschlagene Recherche, klare Fundierung Vereinigung mit der „Zoffjett-Zone“, wie Adenauer
und deutliche Kommentierung! Dank auch für Eure die verhaßte DDR nannte, war somit ein Riegel vor- Meine Achtung und Anerkennung gelten dem Mini-
„Bleiwüsten“-Artikel: Denn nur mit bunten Bildchen geschoben. Der sogenannten Wende folgte also sterpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern,
und „News“-Häppchen macht man keine anständige konsequent der „Beitritt“. Die Vokabel Wiederver- Herrn Sellering. Er hatte den Mut, sich als Sozial-
Zeitung. Dazu bedarf es der Argumentation und des einigung war von Anfang an eine Lüge. demokrat objektiv in Sachen DDR zu äußern. Er
Sachverstandes. Den habt Ihr. Joachim Loeb, Berlin besaß sogar die Courage, gegen andere Wort-
Alles Gute weiterhin, viel Kraft und „holtje munter“. führer seiner Partei und „Systemopfer“ wie Frau
Lübbertus Rehwinkel, Die Rote Spindel, Zu dem Artikel von Bernd Graupner „Nichts Genaues Lengsfeld aufzutreten.
Nordhorn weiß man nicht“ (RF 135) folgende Anmerkungen: Die Tatsachen sind ja auch eindeutig. Weltweit
Herr Graupner schreibt, daß das Grundgesetz für anerkannt, gab der kleine Staat DDR enorme Mittel
Ich war zur Hüft-OP im Krankenhaus und anschlie- die Bundesrepublik Deutschland zu einer Zeit in zum Wohle der Gesellschaft und jedes einzelnen
ßend in einer Reha. In beiden Einrichtungen beschäf- Kraft getreten sei (24. Mai 1949), zu der es diese aus. Die große Mehrheit der Bürger nutzte das
tigte man auch „Zivis“. Ich beglückwünschte sie zu noch gar nicht gegeben habe. Hier irrt Herr Graup- und akzeptierte z. B. die besondere Förderung
ihrer Entscheidung. Zu den Beschäftigten mit befri- ner. Das Bestehen der Bundesrepublik, also ihre der Arbeiter- und Bauernkinder, unabhängig vom
steten Arbeitsverhältnissen, die als Hilfsschwestern Existenz als Rechtsordnungssubjekt, datiert mit Geldbeutel der Eltern. Natürlich kam es auch zu
galten, sagte ich, daß wir ständig für ihre Interessen dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, also mit dem Härtefällen oder Fehlentscheidungen. Doch es ist
auf die Straße gingen. Sie glaubten allerdings nicht, 24. Mai 1949 (s. Art. 145 Abs. 2 GG). längst an der Zeit, daß die sogenannten Opfer nicht
daß ihnen noch jemand helfen könne, ihre Situation Weiter schreibt Herr Graupner, daß das GG gem. länger in der öffentlichen Meinung den Ton ange-
zu verbessern. Als ich zu dem „Zivi“ in der Reha Art. 144 (1) „dem deutschen Volke zur Ratifizierung ben. Man sollte lieber die Biographien engagierter
sagte, seine Haltung trage dazu bei, daß Frauen unterbreitet werde“. Art. 144 aber besagt in Abs. 1: DDR-Bürger lesen. Sie vermitteln ein anschauli-
keine Kriegerwitwen und Kinder keine Kriegswai- „Dieses Grundgesetz bedarf der Annahme durch ches Bild vom Leben in ihrer Republik.
sen würden, verstand er mich sehr gut. die Volksvertretungen in zwei Dritteln der deutschen Ilse Konrad, Damerow
Deshalb: Wir dürfen nicht still sein, müssen – wo Länder, in denen es zunächst gelten soll.“
immer möglich – das Gespräch suchen und andere Ich möchte Herrn Graupner für seinen Beitrag dan- Die Bemerkung über „Mord, Terror und Repres-
zum Nachdenken anregen. ken. Die Verfassungsdiskussion muß weitergeführt sion“ in der DDR war schlimmer, als bei Peter Lorf
Elisabeth Monsig, Friedrichsthal werden.  Günter Finke, Bramsche (Lichtgestalt, RF 135) angeführt. Helmut Holter
bezeichnete dem „Stern“ (5. 9. 2008) gegenüber
Schon eine recht lange Zeit lese ich den „RotFuchs“ Carl Friedrich von Weizsäcker hat sich, in der DDR „Terror, Mord, Repression“ als „das, was das SED-
– oder darf ich sagen, unsere Zeitschrift? Er stellt an Tagungen teilnehmend, als angenehmer, sach- Regime a u s g e m a c h t hat“. Das heißt doch,
genau das Forum dar, das mir in meinem Leben kundiger Diskussionspartner erwiesen. Wenn wir nichts anderes habe die DDR ausgemacht. Holter
Kraft gibt und hilft, auf viele Fragen richtige Ant- – was selten geschah – über Politik debattierten, hätte es beim Interview nicht entgehen können, daß
worten zu finden oder sie mit meinen Gedanken ging es um Fragen des Friedens, der Abrüstung, im 20. Jahr nach dem Ende der DDR ein beispiel-
abzugleichen. der Raketenrüstung und dergl. Da gab es keinen loser Verleumdungsfeldzug stattfinden würde. Ob
Ein Vorschlag: Ist es nicht an der Zeit, eine „einheit- Dissens, und auch in den reinen Fachfragen ging gewollt oder nicht – mit seinen Äußerungen hat er
liche“ Geschichte der beiden deutschen Staaten man respektvoll miteinander um. Es überraschte die gegenwärtige Anti-DDR-Propaganda bedient.
nach der Zerschlagung des Faschismus zu erar- uns, daß er den Kapitalismus völlig verstand und Daran ändert die spätere Relativierung durch das
beiten? Es liegen ja bereits ausgezeichnete Werke durchschaute, ohne auf eine SED-Parteischule Wörtchen „auch“ nichts.
vor. Könnte man nicht ein Buch „Deutschland im gegangen zu sein. Man vergleiche das mit dem Wir- Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD, meinte
Kalten Krieg“ herausbringen? Es geht mir nicht um ken einstiger SED-Zöglinge – schaue ich in deren dazu gönnerhaft: „Irgendwie kam mir der Name
den Titel. Man sollte unsere bisherigen Erkenntnisse auch heute noch lesbare Bücher (etwa jene Dieter bekannt vor, aber nur ganz dunkel. Daß es dunkelrot
zusammen mit neuen Einsichten der letzten Jahre Kleins) –, die sich unterdessen als demokratisch- ist, was da tief verborgen im Gedächtnis schlum-
verbinden. Eine Geschichte der DDR oder einzelne sozialistische Ärzte am Krankenbett des Kapita- merte, war mir nicht präsent. Aber so dunkelrot ist
Abhandlungen zur Geschichte Westdeutschlands lismus üben. er gar nicht, wie ich gerade lese. ... Hoffentlich ist
gibt es ja schon. Mir geht es um die grundsätzliche Im Darwin-Jahr darf man vermuten: Lebte Weiz- seine politische Karriere damit nicht beendet.“
Zusammenfassung dieser Ereignisse, ihre wechsel- säcker noch, würde er der Entdeckung der Abstam- Der Feldzug gegen die DDR erfolgt bundesweit und
seitigen Abhängigkeiten und Einflüsse. Wir sollten mung der Menschen vom Affen hinzufügen, daß es wird wohl seinen Höhepunkt noch nicht erreicht
dieses Feld nicht dem Gegner überlassen. Ich selbst auch eine Umkehr der Evolution gibt. haben. Mit Genugtuung wird jede entsprechende
habe keine Ausbildung als Historiker und noch kein Dr. Robert Steigerwald, Eschborn Äußerung aus der Partei Die Linke aufgenommen.
Buch geschrieben, bin also schlicht und einfach ein Ein besonders krasses Beispiel des Einschwenkens
Laie. Peter Fritsch, Lviv 2007 bot mir ein Freund den „RotFuchs“ zur Lektüre auf die andere Seite bot Ende März eine Arbeits-
an. Die mir bis dahin unbekannte Zeitschrift wurde gruppe „Herbst 89“ beim Landesvorstand der
Ulrich Guhl fragt im RF 135, wo die Bürgerrechtler von Anfang an zu meiner geistig-politischen Heimat. sächsischen Linken. Es wurden 20 Thesen „zum
vom Herbst 1989 geblieben seien. Er nennt den Inzwischen bin ich Mitglied des Fördervereins. Zusammenbruch der DDR“ vorgestellt und auf
Kreis um Bohley und Eppelmann. Waren das aber Ich verfolge alle Beiträge, insbesondere jene zu einer Konferenz in Dresden behandelt, dann aber
die wahren Bürgerrechtler jener Zeit, oder sind sie unserer Geschichte, zu unserem Tun und Lassen, glücklicherweise nicht so, wie von den Autoren
nicht jene, welche erst durch die Westmedien zu zu unseren Erfolgen und Niederlagen mit großem gewünscht, beschlossen.
Helden gemacht wurden? Waren nicht die Millionen Interesse. Dazu gehören auch diese Fragen: Wie Botschafter a. D. Günther Scharfenberg,
Staatsbürger der DDR (einschließlich der SED-Mit- steht man zu seiner Vergangenheit, wie hat man Kühlungsborn
Seite 30 RotFuchs / Juni 2009

Man glaubt, einige der 20 sächsischen Thesen abgewrackten Günter Schabowski in dieser Hinsicht Gesine Birgitt Unger, Düsseldorf
zum Herbst 1989 könnten direkt aus der Feder von nachstehen, warum sollten sich nicht Offiziere der Es gibt kaum eine linke Zeitschrift, die wie der
Hubertus Knabe geflossen sein. Das „Dokument“ NVA mit dem ehemaligen Feind im Bundeswehr- „RotFuchs“ kommunistische Ideale hochhält. Die
sollte offensichtlich ein Beitrag zur 20. Wieder- verband vereinen? Doch solche Tendenzen auch Frage, warum die DDR scheiterte, wird offen und
kehr jenes Tages sein, an dem uns Ostdeutschen und gerade bei Gregor Gysi, dem ich in der Rück- ehrlich diskutiert. Bei aller Kritik habe ich mich nie-
das BRD-Grundgesetz übergestülpt wurde. Viele wendezeit mein politisch nichtgesenktes Haupt mals als Feind der DDR gezeigt.
Formulierungen entsprechen völlig dem Sprach- wie viele meiner Gleichgesinnten zu verdanken Trotz der Erstarrung, besonders in der Honecker-
gebrauch der jetzt bei uns Herrschenden. Die 20 habe, zu finden, hat mich tief getroffen und ver- Zeit, war die DDR kein Unrechtsstaat. Der Sieger-
Thesen enthalten dieselben Verunglimpfungen der ständnislos gemacht. staat BRD läßt nichts unversucht, immer wieder
DDR, die wir nun schon seit zwei Jahrzehnten zur Hans Jürgen Grebin, Rostock die DDR als unmenschlich hinzustellen, ja, scheut
Genüge kennen. sich nicht, sie mit Nazi-Deutschland zu verglei-
Natürlich darf die Gleichsetzung von „Nationalso- Bei der gegenwärtigen Auseinandersetzung in chen. Historische Wahrheiten werden weggelogen,
zialismus“ und „Stalinismus“ nicht fehlen. Wider unserer Partei geht es im Prinzip um einen internen und die BRD wird als demokratischer Musterstaat
besseres Wissen wird empörenderweise behauptet, Richtungsstreit, dessen Ausgang total offen ist. Der gepriesen. Doch die „Mauer“ wurde von Bonn mit-
der Antifaschismus sei zur Legitimierung der DDR Erstentwurf des Bundeswahlprogramms von Bartsch gebaut, die westdeutsche Regierung tat alles, um
mißbraucht worden. Diese aber wird als Diktatur und Gysi machte deutlich, wohin der „rechte Flü- die DDR auszubluten und in ein Land von Rentnern
mit „Zwang, Angst, Hilflosigkeit und Unterdrüc- gel“ die Partei treiben will. Er war ein Rückschritt umzuwandeln.
kung“ charakterisiert. Andererseits bescheinigt gegenüber dem Europa-Wahlprogramm. Allein die Der „RotFuchs“ vereint ehrliche Sozialisten und
man der BRD bis zu Schröders Amtszeit, „sozi- Reaktion von Bartsch auf die im ND wiedergegebene Kommunisten mit und ohne Parteibuch. „Der Funke“,
alstaatlich verfaßt“ gewesen zu sein. Überdies ist Kritik Sahra Wagenknechts und anderer Genossen dessen Herausgeber ich bin, will die DDR weder
in dem Papier von einem „neuen demokratischen bestätigt meine Aussage sehr deutlich. verherrlichen noch verdammen und wirft der Links-
System“ die Rede, das nun im östlichen Deutsch- Carsten Hanke, Lambrechtshagen partei vor, nicht genügend deren positive Seiten
land Einzug gehalten habe. Was für ein seltsames hervorzuheben.
Verständnis von Demokratie! Der aussagekräftige Beitrag zur „Geschichtsauf- Der Kapitalismus gebiert den Sozialismus, und es
Übrigens findet man nicht einen einzigen Satz in den arbeitung“ in Bernau von Oberst a. D. Karl Reh- wird die Zeit kommen, wo die schwarz-rot-goldene
20 Thesen, deren Verfasser dann auf der Dresdner baum veranlaßt mich, Aussagen des ehemaligen Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz wieder
Konferenz der Linkspartei auf Widerstand stießen, Lehrers für Psychologie an der MfS-Hochschule auf den Straßen zu sehen ist.
zur grundgesetzwidrigen Kriegspolitik der „großen in Potsdam-Eiche, Dr. Gierke, zu kommentieren. Dieter Schütt, Hamburg
Koalition“ aus CDU/CSU und SPD. So scheinen die Er behauptet, die Nutzung von Erkenntnissen der
Verbrechen der NATO unter aktiver bundesdeut- Psychologie durch Mitarbeiter des MfS seien dem Herr Westerwelle attackierte in einem Interview mit
scher Beteiligung im früheren Jugoslawien (1999) Wesen nach „psychologische Folter“ und „Miß- der „Super-Illu“ (15/09) jene, welche die DDR nicht als
den Verfassern ebenso unbekannt zu sein wie die brauch der Psychologie“ gewesen. Diese böswillige Unrechtsstaat zu charakterisieren bereit seien. Gnä-
wachsende Zahl für eine schlechte Sache gefallener Denunziation ist auch wissenschaftlich unhaltbar. digerweise bemerkte er in diesem Zusammenhang,
Bundeswehrangehöriger, die Merkels Kriegsmini- Herrn Dr. Gierke ist offensichtlich wesentliches nicht alle seine Bürger seien Täter gewesen.
ster nach Afghanistan geschickt hatte. entgangen. So scheint er nicht zu wissen, daß es Das Ziel ist einzig und allein die Ablenkung von
Heinz Behrendt, Plauen/V. in der BRD wie in der DDR eine forensische Psy- massenhaftem Unrecht der BRD.
chologie gab bzw. noch gibt. Dazu gehört – in der Nehmen wir ein einziges Beispiel: den Jugoslawi-
Die RF-Beiträge zu Holters „Stern“-Interview habe bürgerlichen Fachliteratur nachlesbar – die Aus- enkrieg. Das Grundgesetz gestattet bekanntlich
ich mit Freude gelesen, zumal Schweriner Führungs- sage-Psychologie. Wissen auf diesem Fachgebiet nur den Einsatz der Bundeswehr im Verteidigungs-
kräfte der Partei Die Linke versuchen, die öffentliche und die Fähigkeit, es bei der Klärung von Problem- fall. Damals – vor zehn Jahren – erfolgte der erste
Äußerung kritischer Meinungen dazu durch Tricks stellungen in den Bereichen Rechtspflege, Krimino- Tabubruch: Bundesdeutsche Truppen beteiligten
und Festlegungen auszuschalten. Holters inzwischen logie, Gerichtswesen, Strafvollzug etc. nutzbar zu sich an Kampfhandlungen gegen den von der NATO
erfolgreiche Kandidatur für das Amt des Fraktions- machen, ist unter Fachleuten unbestritten. Das gilt angegriffenen Balkanstaat. Fatalerweise richtete
vorsitzenden im Landtag (4 Gegenstimmen) spielte ohne Vorbehalte auch für die Geheimdienste in Ost sich der Angriff gegen ein Land, dessen Volk im
dabei keine unerhebliche Rolle. und West. Darauf haben z. B. der damalige Leiter Zweiten Weltkrieg durch den Terror der deutschen
Dennoch gehen die Diskussionen um seine ideo- der Verfassungsschutz-Schule, G. Semmt, und der Faschisten Hunderttausende Tote zu beklagen hatte.
logischen Auffassungen an der Parteibasis weiter. Pressesprecher des BfV, Hans-Peter Lange, schon Die Folgen: Serbien wurde gedemütigt. In Kosovo
Damit meine ich das ganze „Stern“-Interview, und vor über 20 Jahren in der „Frankfurter Rundschau“ gab es massenhaft Opfer, obwohl man vorgab,
nicht nur das, was ihm zufolge das „SED-Regime“ verwiesen. Beide betonten, daß den Studenten mit dem Eingreifen imperialistischer Armeen die
ausgemacht haben soll. Aus der Führung des während ihrer Ausbildung u. a. speziell geschulte Albaner vor den Serben schützen zu wollen. Nach
Gesprächs und den Fragestellungen des Interview- „Gesprächsführungslehrer“ und einschlägige Tech- dem Sieg (?) kam es zu Massenvertreibungen von
ers kann man leicht ersehen, wie genau diese Leute nik zur Verfügung stünden. Serben. Die UCK, auf die man sich stützte, wurde
Holters ideologische Bereitschaft kannten, unsere Am Rande sei erwähnt, daß die für den Verfas- der Begehung von Kriegsverbrechen überführt.
Partei in eine ihr wesensfremde Richtung zu drän- sungsschutz verantwortlichen Innenminister der Serben, die geblieben sind, können oft nur unter
gen. Was der „Stern“ mit dem Interview bezweckte, BRD wegen der nachrichtendienstlichen Bedeu- ausländischer Bewachung ihre Kirchen besuchen.
ist klar – was Helmut Holter ...? Er wußte, mit wem tung dieses Faches schon vor mehr als 20 Jahren Kosovo ist wirtschaftlich nicht lebensfähig und hat
er sich einließ. Er wird sich vorher beraten haben, „Hauspsychologen“ zur Betreuung ihrer Beamten die höchste Arbeitslosenquote Europas.
aber mit wem? eingestellt haben. Die Angehörigen der im jugoslawischen Städtchen
Zumindest objektiv hat er sich instrumentalisieren Prof. Dr. Manfred Naundorf, Rangsdorf Varvarin bei einem NATO-Luftangriff Hingemorde-
lassen. Dabei erzielt konservatives Gedankengut, ten prozessieren bis heute vergeblich gegen die
das von rechten Politikern vorgetragen wird, natürlich Ich arbeite jetzt bei einem Musiker, wo ich sehr BRD wegen Verletzung der Haager Landkriegs-
längst nicht die Wirkung bei Linken und Schwan- freundlich behandelt werde. Es ist wiederum nur ordnung.
kenden wie Äußerungen eines Mannes, der einen ein 1-Euro-Job. Ich gebe Daten in den Computer Die Frage, ob Bundesdeutschland ein Rechts- oder
gewissen Vertrauensvorschuß besitzt, weil er der ein, verpacke die CDs des Künstlers, putze sein ein Unrechtsstaat ist, möge sich bei dieser Fakten-
eigenen Partei angehört. Dessen waren sich beide Silber, kaufe für ihn ein. Dort sind mehrere 1-Euro- lage jeder selbst beantworten.
bewußt – „Stern“ und Holter. Kräfte tätig, auch mein „Platz“ war vorher bereits Johanna Jawinsky, Roggentin
Auch wenn Holter „die reine Lehre“ nicht mag und besetzt. Die Übernahme in ein festes Arbeitsver-
damit Marxisten verächtlich machen will, sage ich es hältnis ist nicht vorgesehen. Seit dem Verschwinden der DDR kenne ich keinen
ihm mit den Klassikern: „Wie die Individuen ihr Leben Ich würde ja gerne zum Boykott all jener aufrufen, Sozialstaat auf deutschem Boden mehr, nur noch
äußern, so sind sie.“ (Die deutsche Ideologie) die 1-Euro-Kräfte einstellen. Das tun vor allem einen militaristischen Überwachungsstaat, der seine
Karl Scheffsky, Die Linke, Schwerin die christlichen Kirchen. Sie besitzen auf diesem Soldaten in möglichst viele Regionen der Welt ent-
Gebiet bereits Erfahrung: Nach dem Zweiten Welt- sendet, um dort Einfluß zu gewinnen, während die
„Die Großgrundbesitzer sind zurück ...“ Das sagte krieg wurden die Kinder und Jugendlichen in man- eigenen Bürger immer neuen Durchleuchtungs-
mir kein Gleichaltriger, auch kein Linker, kein Bür- chen christlichen Heimen nicht nur gedemütigt und methoden ausgesetzt werden. Ich sah bisher kein
gerbewegter vergangener Tage – nein, eine enga- gequält, sondern mußten auch Zwangsarbeit ver- Foto, auf dem bundesdeutsche Soldaten in frem-
gierte „verrückte“ junge Unternehmerin auf dem richten, ohne Lohn und Rentenversicherung. Die den Ländern mit Beifall oder Blumen begrüßt wor-
Lande, in einem kleinen Ort des Klützer Winkels, Opfer klagen jetzt auf Entschädigung. den wären. Statt dessen stehen mir die Bilder mit
als ich sie nach der Entwicklung des Tourismus an Mein Sohn hat mir erklärt, in der Betriebswirtschaft den Särgen Gefallener vor Augen, die in die Heimat
der Ostseeküste im Mecklenburgischen Nordwe- gelte es als Unsinn, wenn ein Bäcker auf eine Metz- zurückgebracht wurden. Ich kann die tiefe Trauer
sten fragte. Die klaren Worte der jungen Frau kon- gerstelle gesetzt wird und umgekehrt. Jeder soll der Angehörigen mitempfinden.
trastierten zu dem, was ich in letzter Zeit erlebt das machen, was er kann und gelernt hat. Aber Rudolf Janert, Berlin
hatte. Die „drei bösen Worte“ Helmut Holters sind bei den 1-Euro-Jobs ist das anders: Da mußt du
für mich abgehakt, denn Andiener gibt es genug. alles können und wirst niedergemacht, wenn das Der politisch verfälschte Begriff „Vertriebene“ ist
Warum sollte ein Parteihochschüler wie er einem nicht sofort klappt. eine Form des vorsätzlichen Revanchismus. Die
RotFuchs / Juni 2009 Seite 31

Deutschen, die 1945 die Rache des „Iwan“, der Vorerst gibt es nicht wenig Sympathie für Barack sozialistischen Ideale zu verbreiten und unsere
Polen und Tschechoslowaken für von ihnen oder Obama. Nach Bush ist das verständlich. Aber wie DDR objektiv-kritisch zu verteidigen. Über für die
in ihrem Namen begangene bestialische Verbre- lange wird sie bestehen bleiben? Mehrheit der Menschen im Osten Nachteiliges
chen berechtigterweise zu fürchten hatten, waren Egon Eismann, Wernigerode und Entwürdigendes schreibe ich z. B. regelmä-
gut beraten, dieser durch die eigene Flucht zuvor- ßig Protestbriefe an den Bundespräsidenten, die
zukommen. Die Bilder endloser Flüchtlingszüge Als die DDR noch existierte – waren wir da auch Kanzlerin und die Gesundheitsministerin. Verschie-
sind bekannt. Sie strömten schon gen Westen, schon ein „Unrechtsstaat“? dentlich vorgetragene Bedenken, das habe doch
obwohl noch kein „Russe“ die alte Reichsgrenze Damals salutierte der Kommandeur der Ehrenfor- sowieso keinen Zweck, beantworte ich stets mit
überschritten hatte. Nach der Sprachregelung mation der Bundeswehr, Major Schäfer, vor Erich den Worten: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!
von Frau Steinbach fallen auch sie in die Kate- Honecker, der sich als offizieller Staatsgast in  Günter Löschner, Zwickau
gorie „Vertriebene“. der BRD befand. „Exzellenz, ich melde Ihnen, die
Zwar sind die Umarmungen der Präsidentin des Ehrenformation der Bundeswehr ist angetreten.“ Wissen ist nicht gleichzusetzen mit Bewußtsein.
Bundesverbandes der Vertriebenen durch Frau Dann erklang die Hymne der DDR. Gemeinsam Das Bewußtsein ist jedoch die Voraussetzung
Merkel von Frau zu Frau tolerierbar, als Bundes- mit Helmut Kohl begab man sich zur Villa Ham- für jede soziale Veränderung. Es fehlt nicht an
kanzlerin gegenüber einer Revanchistenführerin merschmidt ... Und das alles für den obersten Menschen, die das Gefühl haben, es gehe ihnen
aber unerträglich. Im Falle Polens und der Tsche- Repräsentanten eines „Unrechtsstaates“? schlecht. Das erfahre ich in Gesprächen mit vie-
choslowakei gab es 1945 die besiegten Okku- Die „Leipziger“, besser gesagt deren Führungsschicht, len Leuten, denen ich begegne. So ist ihr sub-
panten. Für das niedergeworfene faschistische beschäftigt derzeit nur noch der Gedanke, wie die jektives Empfinden. Sie sind sich dessen jedoch
Deutschland fanden die Siegermächte damals nur knapp fünf Millionen Euro für ein „Heldenstadt“- nicht wirklich bewußt und verharren in Lethargie,
eine Lösung. Die Aussiedlung war die Antwort auf Denkmal, von dem man noch nicht weiß, wo es haben sich wohl nicht selten selbst aufgegeben.
die Verbrechen, die Deutschland über ganz Euro- hinkommt, verwandt werden sollen. Im Kulturra- Das Erkennen der eigenen Situation ist aber eine
pa gebracht hatte. Wenn sich im 21. Jahrhundert dio des MDR „Figaro“ bemerkte ein Kommenta- der beiden Voraussetzungen einer Revolution.
Steinbachs Stiftung einzig und allein der Vertrei- tor, viele Leipziger hätten ganz andere Sorgen. Diese ist – nach Lenin – „unmöglich ohne eine
bung des 20. Jahrhunderts annimmt, bedeutet Mir fehlen z. B. 1300 Euro für Zahnersatz. Doch gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter
das nichts anderes als die Proklamierung einer anderen geht es da besser: Der Vorstandsvorsit- erfassende) Krise“. Zwei Vorbedingungen müs-
Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. zende der BARMER Ersatzkasse bezieht monat- sen erfüllt sein: „Die Mehrheit der Arbeiter (oder
Das aber ist 60 Jahre nach Kriegsende bewußt lich rund 18 000 Euro. Klaus Pinkau, Leipzig jedenfalls die Mehrheit der klassenbewußten,
provozierter Völkerrechtsbruch. Daraus leitet sich denkenden, politisch aktiven Arbeiter)“ muß die
die Zielstellung aller Landsmannschafts- und Als eifriger Leser des RF, Genosse, der bereits Notwendigkeit der Umwälzung völlig begreifen
Vertriebenenverbände ab, die in Frau Steinbach 1945 der KPD beitrat, und Geschichtsinteressier- und sich rückhaltlos für sie einsetzen. Anderer-
die aggressivste und reaktionärste Vertreterin ter ist mir manches nicht neu. Dennoch muß ich seits müssen die herrschenden Klassen eine tiefe
revanchistischer Pläne in der Gegenwart gefun- dem „RotFuchs“ ein großes Dankeschön sagen. Systemkrise durchmachen, die sogar die rückstän-
den haben. Die CDU-Politikerin will die verlorenen Warum? Viele Ereignisse und Fakten aus der digsten Massen in die Politik hineinzieht.
Ostgebiete, die einst Friedrich II. den Polen entriß, Geschichte der deutschen und internationalen Ich bin der Meinung, daß es dazu einer proleta-
mit offizieller Staatsabsegnung heimholen. Arbeiterbewegung, von denen man vorher nie rischen Partei bedarf, die zu führen in der Lage
Peter Skrabania, Strausberg oder kaum etwas gehört hat, werden behandelt
ist. Camillo Menzel, Strausberg
und erläutert. Diese Veröffentlichungen machen
BRD-Innenminister Schäuble äußerte sich unlängst immer wieder Mut. Denn man erkennt, daß auch in
Jetzt, da wieder Wahlen vor der Tür stehen, müs-
zu sich häufenden Meldungen über das Schicksal anderen Ländern für die Arbeiterrechte gekämpft
sen wir RF-Leser und Mitglieder des Fördervereins
von Schwarzafrikanern und Arabern, die auf dem wird. Manche Parteien tun das unter unsagbar
die Menschen dafür gewinnen, eine Entscheidung
Seeweg nach Europa zu gelangen suchten. Derar- schweren Bedingungen. Dabei freut es mich
zugunsten geradliniger und prinzipienfester linker
tige Verzweiflungsschritte armer Menschen enden besonders, daß in etlichen Ländern Lateiname-
Kandidaten zu treffen. Wer nicht zur Wahl geht,
oft mit dem Tod. Schäuble ließ dazu vermelden, rikas nach und nach Linkskräfte an die Macht
hilft damit den Reaktionären Deutschlands und
man müsse den kriminellen Schleuserbanden kommen. Hier strahlt besonders Kuba aus, das
der EU.  Günter Bauch, Fraureuth
das Handwerk legen. trotz Blockade nicht kleinzukriegen ist.
Zu DDR-Zeiten hatte Herr Schäuble eine ganz Wolfgang Ritter, Bautzen
Bei den bevorstehenden Wahlen sollten folgende
konträre Meinung zur Existenz jener kriminellen
Antworten auf Petitionen bedacht werden:
Schleuserbanden, die von der BRD und West- Nach der Ankündigung durch Yorck Maecke,
1. „Der Petitionsausschuß des Bundestages ist
berlin aus operierten. Sie trieben bekanntlich Fotograf der „Super-Illu“, die „Gefängnisnotizen“
einen schwunghaften und einträglichen Men- von Egon Krenz, welche dieser im ND-Gebäude der Auffassung, daß das politische Urteilsvermö-
schenhandel zum Nachteil der DDR. Nicht sel- vorstellte, seien „das überflüssigste Buch der gen der Wähler nicht unterschätzt werden darf.
ten kassierten sie für eine einzige Fluchthilfe Welt“, wollte ich wissen, warum. Ich las – ent- Die meisten Bürger wissen die Wahlaussagen der
30 000–40 000 Mark. Seinerzeit war von Herrn gegen meinen sonstigen Gewohnheiten – den Parteien bzw. einzelnen Politikrichtungen richtig
Schäuble nichts davon zu hören, daß man diesen entsprechenden Artikel. Allerdings ohne Ergeb- einzuschätzen und sind sich dessen bewußt, daß
Kriminellen den Boden entziehen müsse, handelte nis. Es ist wohl einmalig, daß das genannte Buch nicht jede Wahlaussage wörtlich genommen wer-
es sich doch um Retter der vom Unrechtsstaat außer im Titel mit keiner Silbe mehr erwähnt wird. den kann.“ (Pet 1-14-06-112-044788)
DDR unterdrückten Freiheitshungrigen. Dagegen schreibt Maecke über seine eigenen Lügen ist damit von hoher Stelle sanktioniert!
Bekanntlich wurden auch die von DDR-Gerichten Befindlichkeiten. 2. „... die Bundeskanzlerin (hat) die politische
verurteilten Schleuser nach dem Anschluß vom In der Veranstaltung rief er Egon Krenz zu: „... Garantieerklärung über die Einlagensicherung
3. Oktober 1990 durch die BRD-Justiz rehabi- wenn Sie hier jammern, was glauben Sie eigent- aller privaten Sparer in Deutschland ... für die
litiert. Sie bezogen Haftentschädigungen oder lich, wie ich im DDR-Knast gesessen habe!“ Nun Bundesregierung abgegeben. Diese politische
erhalten eine sogenannte Opferrente. war ich nicht unter den rund 600 Zuhörern der Erklärung bindet die derzeitige (!!!) Bundesre-
Mit anderen Worten: Wenn zwei das Gleiche tun, Krenz-Lesung und verlasse mich nur auf die Aus- gierung sowie die Politiker, die diese Erklärung
ist es nicht dasselbe. sagen der Illustrierten, aber ich würde Maecke abgeben ...“ (Pet 2-16-08-7601-045603)
Generalmajor a. D. Dr. Dieter Lehmann, geantwortet haben: „... sicher etwas hart“. Ganz Mit anderen Worten: Nach den Wahlen ist alles
Dresden bestimmt hätte ich mich nicht für das Urteil vor 29 Schall und Rauch. Hans Schneider, Erfurt
Jahren bei ihm entschuldigt. Er hatte für versuchte
Wer da glaubte, mit seiner Wahl zum US-Präsi- Republikflucht zweieinhalb Jahre erhalten. Als unsere DDR gegründet wurde, war ich 15.
denten würde die Welt friedlicher und weniger Egon Krenz war an diesem Abend sicher mit Wich- Unter der Fahne der FDJ nutzten wir jede freie
imperialistisch werden, hat sich gewaltig geirrt. tigerem beschäftigt, als nachzufragen, welchem Stunde, um auf dem Leipziger Augustusplatz –
Am Führungsanspruch der USA läßt auch Obama Umstand es Maecke zu verdanken hatte, von der dem späteren Karl-Marx-Platz – die Feldbahnlo-
nicht rütteln. Die kapitalistische Krise ist für ihn BRD nach 18 Monaten freigekauft zu werden. ren mit Trümmerschutt zu füllen und Steine abzu-
Anlaß, den Oberbefehl über die Krisenbewältiger Hier verlasse ich meine Bemerkungen zu den putzen. Im Unterschied zu den heute 15jährigen
zu übernehmen, um das System zu retten. Seine Artikeln der „Super-Illu“. Mich interessiert weit hatten wir ein klares Ziel vor Augen.
Auftritte in London, Baden-Baden und Prag zeig- mehr, warum unsere verantwortlichen Genossen Nachdem die Trümmerberge vom Augustusplatz
ten seine Linie: Er will Washingtons Strategie damals lieber das Geld des Feindes angenommen und aus der Innenstadt verschwunden waren,
modernisieren und flexibler gestalten, die NATO haben, als sich konsequent hinter die im Namen entstanden die Oper, das Gewandhaus, der Uni-
schneller und beweglicher machen, damit sie des Volkes gefällten Urteile zu stellen. Riese, Wohnblocks und Hotels.
überall in der Welt unter Umgehung der UNO Horst Birkholz, Berlin Viele Menschen werden sicher wie ich den 7. Okto-
jederzeit eingreifen kann. ber d. J. im Gedenken an unseren Arbeiter-und-
Zunächst stehen Afghanistan und Pakistan im Für Eure Mühe möchte ich Euch nicht nur Dank Bauern-Staat begehen. Und nicht wenige von uns
Vordergrund. Dazu schickt Obama Tausende sagen, sondern Euch auch wissen lassen, daß sind der Meinung, wir sollten zum Jubiläumstag –
weitere GIs an den Hindukusch, die Verbündeten wir „RotFuchs“-Leser, die der Partei Die Linke im durchaus wörtlichen Sinne – Flagge zeigen.
mögen bitte folgen. angehören, im uns möglichen Rahmen helfen, die Wolfgang Müller, Bad Düben
RotFuchs / Juni 2009 Seite 32

Am 7. Juni um 10 Uhr spricht RF-


Chefredakteur Dr. Klaus Steiniger auf
einer Veranstaltung der Regionalgruppe
Frankfurt/Oder in den Räumen der
Volkssolidarität, Fürstenwalder Straße 24.
Sein Thema

Barack Obama – neuer Wein


in alten Schläuchen?

Am 12. Juni ist Prof. Dr. Günter Wilms,


ehemaliger Direktor des Zentral-instituts
für Pädagogik, bei der RF-Regional-
gruppe Berlin in der Torstraße 203–205
(Volkssolidarität) zu Gast. Er spricht
über das Thema

Bildung für alle in der DDR –


PISA-Schock in der BRD

Prof. Dr. Edeltraud Felfe spricht am


24. Juni um 15 Uhr auf Einladung
der RF-Regionalgruppe Rostock im
„Mehrgenerationenhaus“, Maxim-Gorki-
Straße 52 (Evershagen). Ihr Thema

„Dritter Weg“ in Europa –


was taugt das schwedische Modell?

Rainer Rupp, DDR-Kundschafter im


NATO-Hauptquartier, und Oberst a. D.
Karl Rehbaum von der HVA sprechen
am 27. Juni um 9.30 Uhr in der Tonhalle
der Musikschule Hegermühlenstraße 8 c,
in Strausberg, zum Thema

60 Jahre NATO – es reicht!

Veranstalter ist die RF-Regionalgruppe.


Seelenfänger  Grafik von Klaus Parche

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