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Jan Eric Arvastson

Der Junge, der Regenwürmer rettete


oder
Die königliche Geschichte über Oskar und Ulla

Erstes Kapitel
Über Oskar selbst

In wahnsinniger Fahrt sauste Oskar Falk auf seinem Motorrad direkt durch die Stadtmitte. Die
blanken Teile der Maschine blinkten in der Sonne. Der Motor donnerte wie ein Düsenjet.
Oskars weißblonder Pony flatterte unter dem Sturzhelm.
Der Bürgersteig war voller Leute. Oskar umrundete elegant ein paar Pfützen, um nicht zu
spritzen. Vor dem großen Kaufhaus entdeckte er zwei Mädchen aus seiner Klasse. Anna, die
gerade erst 9 war, und Betty mit den Zöpfen. Oskar erhob die Hand in Stulpenhandschuhen
zum Gruß. Die Maschine brummte vorbei. Er sah im Rückspiegel, wie die Mädchen
bewundernd zurück winkten. Oskar dachte: Vielleicht sollte man mal mit einem Mädchen
reden...
Oskar erhöhte das Tempo, weiter über eine Brücke. Nun war er raus aus der Stadt. Er fuhr
über ein Feld und auf einen schmalen Schleichweg. Um ihn herum war dichtes Gebüsch. Wie
im Amazonasdschungel in Südamerika. Die Steinchen spritzten unter den Rädern.
Oskar hatte den Auftrag, seinen Kameraden Benny zu finden und aus der Gefahr zu retten.
Eine Wasserfläche breitete sich vor ihm aus. War das der Amazonas? Irgendwo hier war
Benny. Vielleicht gefesselt und geknebelt.
Oskar stoppte und versteckte das Motorrad in einem Gebüsch. Er bog ein paar Zweige
auseinander und guckte durch.
Da war Benny!
Er saß auf der Kante eines Bootstegs, zusammen mit einem anderen Jungen. Walter. Die
Jungen angelten.
Nun zog Benny einen Fisch raus.
Oskar wusste, was man hier fing. Kleine Rotaugen. Einen Fisch, den man zu nichts
gebrauchen konnte. Nicht mal, um ihn in einem Glas zu halten.
„Hej, Oskar“, sagte Benny. „Mann, wie sie beißen! Walter hat eine Super-Stelle gefunden!“
Oskar hatte ja die ganze Zeit gewusst, dass Benny nicht in irgendeinem Feindeslager
gefangen war. Der Klassenkamerad hatte es ihm ja schon auf dem Schulhof gesagt. Dass er
runter zum See gehen wolle, wenn er mit den Hausaufgaben fertig sei.
Oskar wünschte Benny wäre allein. Dann hätten sie schon etwas Spaßiges gefunden.
„Du hast keine Angel dabei, was?“ Benny warf einen Blick in Oskars Richtung.
Walter fädelte einen Wurm auf den Haken. Oskar sah, wie der Wurm verzweifelt dagegen
kämpfte. Walter sagte:
„Ich habe gehört, Oskar, dass du deine Eisenbahn mit Regenwürmern belädst!“
Wahr! Oskar hatte einmal zwei Würmer mit nach Hause genommen, die auf der Straße
gelegen hatten und leblos aussahen. Damit sie es noch mal etwas lustig haben sollten, ließ er
die Würmer ein paar Runden in einem Waggon fahren. Sie erholten sich tatsächlich wieder.
„Ja, klar“ sagte Oskar.
Das war nicht zu leugnen. Aber Oskar hatte es nur Benny berichtet. Und nicht gedacht, dass
der es weitererzählen würde.

Oskar ging den Weg entlang zurück. Nun war das Abenteuer zu Ende. Um ihn herum gab es
keinen Dschungel mehr. Einfach nur schwedisches Grünzeug. Kein Motorrad wartete im
Gebüsch auf ihn. Nur Oskars rotes Jungenfahrrad.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 1


Aber er liebte das Fahrrad. Er konnte wirklich so ein Tempo drauf bekommen, dass die
Steinchen am Hinterreifen nur so spritzten. Und die großen, geriffelten Griffe am Lenker und
der Rückspiegel waren toll.
Das Fahrrad war gewissermaßen Oskars bester Freund. Er hatte sogar einen Namen dafür.
Matanzas. Das war eine alte Zigarrenmarke. Sein Großvater hatte Matanzas mal geraucht.
Oskar fand, das war ein guter Name für ein eine schnelle und tolle Maschine.

Als Oskar in die Wohnung kam, war niemand zu Hause. Das wusste er natürlich. Es war erst 4
Uhr. Seine Mama, Kerstin, arbeitete jeden Tag bis halb 6 in einem Zeichenbüro.
Einen Papa, der nach Hause kommen würde, hatte Oskar nicht. Mama und Papa waren
geschieden. Papa hatte wieder geheiratet und lebte in einer Stadt, weit weg. Oskar flog
manchmal dort hin.
Oskar war nachmittags oft allein. Aber er kam gut zurecht, bis Mama kam und Essen kochte.
Manchmal machte er sich eine Kleinigkeit, wenn er hungrig war.
Er fand immer etwas, was er tun konnte. Manche habe ja keine Fantasie. Aber er hatte keinen
Mangel daran.
Oskar hatte ein eigenes Zimmer mit einer ganzen Menge Spielsachen. Unter anderem der
elektrischen Eisenbahn.
Auf der Fensterbank stand in einem Topf Oskars eigener Zwergapfelsinenbaum. Er goss ihn
jeden Tag. Manchmal trug er weiße Blüten, die sich nach und nach in kleine, gelbe Früchte
verwandelten. Die waren sauer und nicht essbar. Aber das machte nichts. Es war lustig, sie zu
sehen. Man konnte sich weit, weit weg träumen, in ein Apfelsinenland.

Schon als er das Fahrrad abgestellte, hatte Oskar den Regen gespürt. Nun liefen die Tropfen
bereits die Fensterscheiben herunter. Aber es war immer noch ziemlich hell.
Oskar hatte nichts gegen ein wenig Regen. Er beschloss, noch einmal raus zu gehen. Er hatte
eine gute Regenjacke und Stiefel.
Als er nach draußen kam, schlugen ihm die Tropfen ins Gesicht. Das war schön. Und das
beste mit der Nässe war, dass er sich mit einem seiner Lieblingshobbys beschäftigen konnte....

Zweites Kapitel
Oskar spielt Held im Regen

Weit draußen auf dem Asphalt, mitten vor dem Eingang zur Waschküche, wand sich einer.
Der hatte den schmalen, roten Körper zu einem dünnen Band ausgestreckt. In einem
verzweifelten Versuche, von der kalten, undurchdringlichen Unterlage wegzukommen.
Oskar fasste den Wurm am Rücken. Dieser zog sich zusammen, schlängelte sich und
versuchte loszukommen.
„Ruhig. Gleich bist du in Sicherheit, Wurm.“ Oskar hielt ihn sanft, so dass er nicht verletzt
wurde. Er trug ihn vom Asphalt weg und setzte ihn ins Gras. Der Regenwurm zappelte die
ganze Zeit und schien quietschvergnügt zu sein.
Oskar erinnerte sich an einen Morgen nach einer regnerischen Nacht, als seine Mama mal mit
nach draußen kam. Es war kalt geworden und dünnes Eis lag auf den Pfützen. Einige Würmer
lagen auf dem Asphalt und rührten sich nicht.
„Sind die tot?“ fragte er Kerstin.
Sie bückte sich und schaute genauer hin. Berührte einen Wurm. Nickte.
„Ja, sie sind tot.“
„Menschen sterben auch, oder, Mama? Warum macht man das?“
„Der Tod kommt, wenn der Körper schwer verletzt ist. Oder wenn man alt geworden ist und
das Herz es nicht mehr schafft,“ sagte Kerstin. „Die Würmer da sind wohl wegen der Kälte
gestorben..“
Oskar schaute zu ihr auf.

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„Sterben alle?“
„Ja,“ antwortete Kerstin.
„Wie traurig und ungerecht!“ rief der Junge.
Kerstin sah verwundert aus.
„Findest du?“
„Ja, ich meine“, sagte Oskar, „wenn man nicht mehr lebt und nicht mehr dabei sein darf, das
ist so schade!“
Kerstin legte den Arm um Oskars Schulter.
„So lange man lebt, genießt man das, was gut und schön ist. Wenn man tot ist, macht man sich
keine Sorgen mehr.“
„Ich will immer leben“, sagte Oskar. „Mit dir. Und es lustig haben.“ Er schaute zu ihr hoch.
„Ich glaube, ein Professor wird irgendetwas erfinden. Was bewirkt, dass du und ich das tun
können.“

Ein Stück weiter auf der Fahrbahn lag noch ein Wurm, und noch einer. Oskar nahm sie
vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger am Rücken. Manchmal waren sie so glatt, dass man
sie fast nicht greifen konnte. Den ein oder anderen verlor er. Aber Oskar gab nicht auf. Er
packte noch einmal zu. Trug die Würmer einen nach dem anderen vom harten Asphalt fort. Er
suchte weiter. Ging und ging und vergaß Zeit und Raum.
Als sich der Junge einem großen, fetten Regenwurm näherte, bekam er einen Mitstreiter. Eine
Elster in ihrem schwarz-weißen Federkleid landete wie ein Hubschrauber genau neben dem
Wurm. Sie stieß den Schnabel wie einen Wurfspeer auf die Beute. Aber Oskar war schneller.
„Flieg, du hässlicher Vogel, flieg – gsch!“ schrie er. Die Elster flog erschreckt auf. Oskar
konnte ganz in Ruhe den Regenwurm retten. Ihn unter einen Busch legen, vor raubgierigen
Vogelschnäbeln geschützt. Er hoffte, dass er schnell einen Platz zum Reinkriechen finden
würde.
Ein dicker Wurm, dachte Oskar, musste es schwieriger als ein kleiner haben. Also, runter zu
kommen. Andererseits war er natürlich stärker. Wer wäre schneller, wenn ein großer und ein
kleiner in der Erde um die Wette kriechen würden?
Oskar wünschte sich, er wäre mit einem Wurm näher bekannt. So dass er ein wenig mehr über
deren Alltagsleben herausbekommen würde. Der Junge dachte daran, die Lehrerin zu fragen.
Aber die meisten Lehrer schienen sich nicht für Würmer zu interessieren.
Ob er einen Bauern fragen sollte? In Oskars Nähe gab es nur wenige Bauern. Die da waren,
gingen gar nicht aufs Feld und buddelten. Die meisten fuhren Trecker....
Irgendwie wollte Oskar mehr über Würmer erfahren.

Nun war es so dunkel, dass der Junge Würmer und kleine Äste nicht mehr unterscheiden
konnte. Der Regen nahm zu. Es trommelte auf seinem Südwester auf seinem Kopf.
Plötzlich musste Oskar zur Seite in die Büsche springen. Weil er nicht von einer Dampfwalze
überfahren werden wollte. Die donnerte den Weg entlang, mit Scheinwerfern wie große
Raubtieraugen.
Es war Zeit umzukehren. Mama war sicher schon dabei, das Abendessen zu machen.
Da hörte Oskar eine schwache aber deutliche Stimme. Sie klang wie die eines Mädchens.
Oskar war in der Nähe eines verkrauteten und mit Wasser gefüllten Grabens. Keine andere
Person war zu sehen. Ein Stück entfernt brummte der Autoverkehr. Das einzige Licht kam
von einer Leuchte, die an einem Draht hoch oben über der Straße hin und her schwang.
„Ich sitze fest, verdammt! Mach mich los!“ sagte die Stimme.
Die Wassertropfen glitzerten unheimlich im Licht. Etwas gruselig war es. Aber Oskar war
nicht bange. Ein Held kann sich nicht erlauben, im Dunkeln Angst zu haben.
„Wer bist du? Wo bist du?“ fragte er.
„Ich bin hier. Fast auf dem Boden des Grabens.“ piepte es irgendwoher.

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Der Junge tastete sich runter, fühlte mit den Händen. Er wünschte, er hätte eine
Taschenlampe. Er wusste ja nicht einmal, wonach er suchen sollte.
„Das Wasser steigt“, sagte die zarte Stimme ungeduldig. „Beeil dich. Sonst ertrinke ich
noch...!“
Nun sah Oskar, wem die Stimme gehörte. Ein schlanker, roter Wurm mit goldenem Band um
die Taille. Der saß in einer Astgabel fest, von strömendem Wasser umspült.
Oskar war so eifrig, dort hinzukommen, dass er in die tiefste Stelle des Grabens trat. Sein
linker Stiefel füllte sich mit Matschwasser. Er kümmerte sich nicht darum. Vorsichtig befreite
er den Wurm von der Astgabel. Er hob ihn hoch in den unruhigen Schein der Leuchte.
„Nicht einen Moment zu früh“, sagte die kleine Gelbrote spitz. „Du arbeitest ein wenig
langsam, ne?“
Oskar versuchte, ruhig zu bleiben. Er hatte keine Ahnung vom Streit mit Würmern. Aber seine
Stimme klang ein wenig scharf, als er antwortete:
„Warum müsst ihr Würmer immer gerade dann lange Spaziergänge machen, wenn es regnet?
Warum könnt ihr nicht zu Hause im Boden bleiben?“
„Warst du schon mal draußen und bist verreist?“, antwortete der Wurm mit seiner zarten,
hellen Stimme.
„Klar war ich das.“
Sogar schon über mehr als halb Schweden geflogen, wollte der Junge hinzufügen.
Aber der Wurm, der ein Mädchen-Modell zu sein schien, unterbrach ihn:
„Warum sollten wir Würmer nicht auch raus kommen und uns umsehen?“
Oskar schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, ihr wisst gar nicht, wie gefährlich das ist.“, antwortete er knapp. „Ich verstehe
nicht, warum du so dumm bist an einen Sturzbach zu kriechen. Oder ihr schlängelt euch hoch
auf den Asphalt. Das ist der reine Wahnsinn!“
Ganz kurz blitzte es vorn an dem kleinen Wurm auf. In etwas, das wie ein paar Augen aussah.
„Wer ist hier dumm, wenn ich mal fragen darf?“, sagte sie beißend. „Wer legt den Asphalt
denn? Ja, darüber will ich mit dir reden. Das sind die Menschen, das!“
„Und wer bist du denn?“ antwortete Oskar entrüstet. „Die so schlau ist?“
Er blinzelte, um besser sehen zu können, aber es war dunkel und schwer, etwas zu
unterscheiden.
„Das sieht man ja wohl!“
„Nicht wirklich,“ sagte der Junge. „Wie heißt du übrigens?“
„Wenn du es wissen willst, mein ganzer und vollständiger Namen ist UllaCron von Sipprot
2.“
„Das ist kein schlechter Name!“ lachte Oskar. „Und ... hübsch“, fügte er schnell hinzu. Damit
seine neue Bekanntschaft nicht wieder wütend würde.
„Der Name zeigt, dass ich von königlicher Geburt bin.“ sagte das Wurmmädchen. „Meine
Mutter ist Margot von Sipprot 1. Die regierende Königin im Regenwurmreich. Und du – wie
heißt du?“
„Oskar“, sagte Oskar.
„Du studierst?“, wunderte sich UllaCron.
„Ja ... ja klar.“ Oskar wollte nicht unbedingt mehr darüber reden. Schule eben.
„Wo kann ich ... eure königliche Hoheit absetzen?“
„Du kannst UllaCron sagen oder einfach Ulla.“ Sie gab einen gurgelnden Laut von sich: „Hab
... ein wenig Wasser .. geschluckt. Tatsache ist, dass ich ein ganzes Stück mit dem Wasser im
Graben getrieben bin. Ich wohne mehr in die andere Richtung. Der Eingang ist eine Rabatte
am Anemonenweg.“
„Anemonenweg? Da sind ja Mama und ich zu Hause!“ Oskar zog eine seiner
Lieblingsgrimassen aus Verwunderung. „Wohnst du auch ... im Viertel?“
„Aber sozusagen in der Kellerwohnung“, sagte die Wurmprinzessin. „So – wenn du mich
trägst, können wir zusammen hingehen. Du verstehst, Oskar. Eine Person von königlicher
Wurmgeburt ... wenn auch einfach und ziemlich abenteuerlich wie ich ...“

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UllaCron plapperte eine Menge über sich selbst. Etwas selbstbewusst und ein wenig
angeberisch, gewiss. Aber Oskar fand, dass die Wurmprinzessin eine ganz nette Gesellschaft
abgab. Vor allem wenn sie keine schlechte Laune hatte.
UllaCron hatte eine besondere Art, mit dem oberen Teil ihres schmalen Körpers zu rollen,
wenn sie sprach. Ungefähr wie ein lebhafter Mensch Handbewegungen macht, gestikuliert.
Das sah ziemlich lustig aus.

Oskar überlegte, ob er das Wurmmädchen wieder erkennen würde. Unter anderen Würmern.
Ja, das glaubte er. Diese UllaCron von Sipprot 2 musste etwas ganz Besonderes sein.
Wenn sie nur den Mund öffnete und etwas sagte, würde er sofort erkennen, dass es gerade sie
war.
Oskar fragte sich auch, ob er sie wiedertreffen würde. Das Wurmmädchen bewegte sich
natürlich hin und her in Erd- und Laubhaufen. Sicher schwierig zu finden.
Als sie an die Rabatte kamen, hatte Oskar vor, die Sache anzusprechen. Aber stattdessen war
es UllaCron, die überraschte.
„Könntest du dir vorstellen, ein bisschen mit zu uns runter zu kommen, Oskar?“ fragte sie.
„Meine Mama würde sicher gerne denjenigen treffen, der ihrer Tochter das Leben gerettet
hat.“
„Ja... aber“, stammelte Oskar. „ Ich ... und du ... Wir...“
„Du denkst, wir sind zu verschieden. Du hältst dich für viel zu groß und lang für eine wie
ich“, fügte die Wurmprinzessin hinzu. „Das kann schneller als schnell gehen, Bursche. Habe
ich schon gesagt, dass wir Würmer recht gut im Zaubern sind?“
Oskar dachte nach und hörte nicht richtig, was das Wurmmädchen sagte.
„Aber Mama...und das Abendessen...?“ sagte er laut vor sich hin.
„Meinst du, dass deine Mama darauf wartet, dass du zu einer bestimmten Zeit nach Hause
kommst?“ UllaCron schüttelte sich vor Verwunderung. „Bei uns ist es genau umgekehrt. Je
länger wir draußen sind, um so vergnügter sind die Eltern. Wenn wir die ganze Nacht nicht
nach Hause kommen, sind sie sehr zufrieden. Anderen Eltern erzählen sie, wie froh sie sind,
dass ihnen die Kinder nicht dauernd am Rockzipfel hängen....“
Oskar kümmerte sich nicht darum, was UllaCron sagte. Vermutlich machte sie nur Spaß.
Kerstin ist vielleicht noch gar nicht nach Hause gekommen, dachte er. Manchmal musste sie
etwas länger arbeiten.
Nun bekam er eine unerwartete Chance ein wenig über Würmer zu lernen. Der Junge war
ziemlich neugierig.
„Also los“, sagte Oskar. „Ein Weilchen nur!“

Drittes Kapitel
Im Regenwurmland

Man hörte einige kurze, helle Knalle. Ungefähr so, als wenn man eine Knallpistole abschießt.
Eine Nebelwolke mit grünem Rand schwebte um den Jungen über dem Boden. Er kniff
erschreckt die Augen zusammen.
Nun befand er sich ganz woanders. In einem dunklen Erdgang. Das entdeckte Oskar, als er die
Augen wieder öffnete. Eine kleine Hand hielt seine und zog ihn mit sich. Ziemlich komisch
alles.
„UllaCron!“ rief er. „UllaCron, wo bist du?“
„Hier! Ich halte dich an der Hand. Wir sind in einem Tunnel des Schlosses. Bleib bei mir,
Oskar. Sonst verirrst du dich!“
Keine Lampen erleuchteten die Tunnel. Trotzdem konnte der Junge ein wenig sehen. Die
Feuchtigkeit tropfte an den Wänden herunter. Man spürte deutlich den Duft von Gras und
Erde in der Nase.

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„Pass auf!“, rief UllaCron. Eine Woge Wasser spülte heran. Oskar hörte erschreckte Rufe. Ein
weicher Körper schlug gegen ihn. Im nächsten Augenblick war dieser zusammen mit der
Woge verschwunden.
„Was war das denn?“
„Es ist ein Elend, wenn es sich hier unten mit Regenwasser füllt.“, hörte man die Stimme der
Wurmprinzessin. „Ja, wirklich ein Elend“, wiederholte sie düster. „Ein Teil von uns hält es
hier unten im Boden nicht aus. Hasst Überschwemmungen. Die müssen dann rauf und raus,
zu jedem Preis. Ich hoffe, dass die Würmer, die an uns vorbeigerutscht sind, sich nicht verletzt
haben.“
Oskar verstand plötzlich. Hier hatte er die Antwort darauf, warum eine Menge Würmer raus
mussten und ins Freie kriechen, wenn es regnete.
„Warst du auch vor einer Überschwemmung auf der Flucht, Ulla, als ich dich fand?“
„Eigentlich nicht.“, antwortete die Prinzessin. „Ich flüchte selten. Ich fürchte mich nicht
besonders. Dagegen bin ich häufig draußen auf Entdeckungsfahrt. Es war nur so, dass ich
dieses Mal ... ausgerutscht bin.“
Der Junge hatte gerade etwas höchst Verwunderliches entdeckt. Nur wenige Lichtstrahlen
drangen hier und da ins Dunkel. Er hatte trotzdem sehen können, dass etwas mit seinem
Körper passiert war. Er war klitzeklein geworden! Nur einige Zentimeter lang! Nun verstand
der Junge auch, dass Ulla nicht länger ein kleiner, roter Wurm war. Auch sie hatte sich
verwandelt. Wer oder was war sie denn nun? Die Hand, die er in seiner hielt, gehörte ihr. Die
fühlte sich gut an.
Aber er konnte nur einen Schatten von dem sehen, was sich neben ihm befand.
Oskar öffnete den Mund, um sie zu fragen, wie sie aussähe. Aber er beschloss zu warten. Bald
würde sicher eine Stelle mit etwas mehr Licht kommen. Dann könnte er mit eigenen Augen
sehen...

Oskar blieb stehen.


„Können wir nicht ein wenig verschnaufen, bevor wir weiter gehen?“
Er strich sich über die Stirn. Die war nass. Entweder vom Schweiß oder vom Regenwasser. Er
setzte sich, obwohl er mitten in einem Lehmhaufen stand. Die Prinzessin ließ sich mit einem
Platschen neben ihn fallen.
„Bist du schon müde?“, sagte UllaCron. „Obwohl es so leicht ist?“
„Was meinst du mit leicht?“
„Dieses hier ist ein fertiger Tunnel. Aber draußen im normalen Boden, was glaubst du, wie
wir Regenwürmer da vorankommen? Wir müssen uns durchbohren.“ erklärte das
Wurmmädchen.
„Zentimeter für Zentimeter. Da kann man von schwer reden!“ Sie seufzte. „Manchmal ist der
Boden so hart, dass man nur ein paar Millimeter am ganzen Tag schafft....“
Oskar verstand, dass das Wurmleben so seine Seiten hatte.
Im gleichen Moment fiel ein Stück Erde runter vom Dach, zusammen mit einem Schwall
Wasser. Durch das Loch fiel ein Lichtstrahl.
„Ich glaube, es hat aufgehört zu regnen.“, sagte die Prinzessin.
Nun sah der Junge, dass es ein dünnes Mädchen war, das da neben ihm auf dem
Lehmklumpen saß. Sie hatte ein schmales Gesicht voller Sommersprossen. Rotes Haar.
Gekleidet in eine grüne Bluse und karierten Rock. Um die Taille hatte sie einen gelben
Ledergürtel. Die roten, langen Strümpfe an den Beinen verschwanden in schwarzen, hohen
Stiefeln. Die waren lehmig, genau wie Oskars eigene.

UllaCron hatte sich total verändert. Das hätte Oskar schon gemerkt und verstehen können, als
er ihre Hand in seine bekam.
„Du bist ja gar kein Wurm mehr! Komisch, dass du dich in ein Mädchen verwandeln kannst
und reden. Wie süß du bist!“, sagte Oskar scheu.
Das Wurmmädchen zog eine Grimasse.

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„So auszusehen wie ein Mensch, das ist ja wohl nichts. Mein richtiger Körper ist genauso
schön.“, sagte sie, genauso spitz wie gewöhnlich.
Oskar antwortete ohne nachzudenken:
„Aber dein normaler hat wohl kein Blut und keine Muskeln!“
Das Gesicht des Mädchens verzog sich vor Wut. Sie erhob den Zeigefinger und wedelte damit
vor Oskars Nase herum.
„Du glaubst wohl, du bist ein richtiger Muskelprotz! Da kann ich dir aber erzählen, dass der
ganze Wurmkörper von Muskelringen umgeben ist! Sogar doppelte Muskelringe, den ganzen
Körper entlang. Was glaubst du, wie wir uns sonst so gut fortbewegen könnten?“
Sie zog Oskar an der Schulter. Sie drehte ihn zu sich um und schaute ihn ganz genau an.
„Du siehst selbst nicht so besonders stark aus! Eher ein wenig fett. Du isst natürlich etwas zu
viel. Und bewegst dich zu wenig!“
Der Junge schluckte. UllaCron hatte Recht. Er fuhr ja meistens mit Matanzas herum. Er
wurde rot. Aber es war so dunkel, dass das Wurmmädchen es nicht sah.
„Es ist nur so... dass ich so gerne Pommes esse.“, sagte Oskar. Um vom Thema abzulenken,
fragte er: „Habt ihr noch mehr in euren Körpern als diese Muskelringe da?“
„Massenweise.“, antwortete UllaCron. „Blut und Nerven zum Beispiel. Ihr Menschen glaubt,
ihr seid so etwas Besonderes. Aber manche Tiere haben Körper, die viel besser funktionieren
als eure. Kannst du zum Beispiel wittern wie ein Hund? Laufen wie eine Antilope? Fliegen
wie ein Vogel, schwimmen wie ein Fisch? Oder in einen Erdhaufen kriechen und ihn
auflockern? Wie wir Regenwürmer?“
Der Junge gab zu, dass er das nicht konnte. Das Gesicht der Prinzessin wurde freundlicher.
„Du bist trotzdem in Ordnung, Oskar.“, sagte sie. „Du hast schließlich mein Leben gerettet!“

Viertes Kapitel
Oskar trifft die Königin

Oskar fand, dass UllaCron ein ungewöhnlich intelligentes Mädchen war. Und mindestens
genauso hübsch wie die aus seiner Klasse.
Die Prinzessin merkte seinen bewundernden Blick und kicherte.
„Da staunst du, wie? Ich sagte doch, dass ich zaubern kann! Komm jetzt! Wir können hier
nicht den ganzen Tag auf unseren Ärschen sitzen.“
Aber, dachte Oskar, UllaCron hatte wirklich eine schreckliche Wortwahl!
Dieses Mal war es Oskar, der UllaCrons Hand nahm. Er zog sie hoch. Zusammen gingen sie
weiter den Tunnel entlang. Nun ging es bergauf, es wurde trockener und größer.
Ein großer Vorhang in gelbrotem Stoff versperrte den Weg. Auf jeder Seite des Vorhangs lag
ein riesiger Wurm zusammengerollt, mit dem Kopf in ihre Richtung weisend.
Als Oskar und UllaCron näher kamen, erhoben die Riesenwürmer ihre Köpfe genau wie
Schlangen und bewegten sie vor und zurück.
Oskar stoppte. UllaCron blieb ebenfalls stehen.
„Die haben nicht so gute Augen. Aber hören gut.“, sagte sie. „Das sind zwei von Mamas
Wächtern. Erschreck dich nicht!“
Oskar hätte nie gedacht, dass er mal Angst vor Würmern haben könnte. Das waren doch die
ungefährlichsten Wesen der Welt. Aber diese beiden hier sahen stark und drohend aus. Er
dachte, dass man das wohl musste. Als Leibwächter für eine Königin.
Nun gab UllaCron einen eigenartigen, kurzen Pfiff von sich. Die Würmer lauschten.
Vorsichtig sanken ihre Köpfe wieder runter.
„Sie haben mich nun wiedererkannt.“, meinte UllaCron. „Wir können in Ruhe vorbei gehen.“
Sie hob eine Ecke des Vorhangs. Mit offenem Mund stand Oskar da. Er staunte über das, was
er nun zu sehen bekam.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 7


Vor ihm lag ein großer Saal. Längs der Wände standen mit Blumen und Grün gefüllte Vasen.
Durch die Fenster und das Dach fielen Lichtstrahlen in bunten Farben. Der Raum ähnelte der
Bühne eines Theaters.
„Wie schön, UllaCron!“ rief Oskar.
Hier und da sah man Badewannen, aus glänzendem, gelben Stein gehauen. Sie waren mit
Wasser gefüllt. Neben jeder Badewanne war ein Hocker aus schwarzem Holz. An jedem
Hocker gab es einen Korb in verschiedenen Farben, aus Wurzeln geflochten. In kleinen,
grünen Schalen lagen lange, dicke und runde Seifenstücke.
In einer Wanne lag jemand und badete. Schnaufte und platschte. Auf dem Kopf saß eine
kleine Krone aus Gold.
„Meine Mama, Königin Margot von Sipprot 1.“, sagte das Regenwurmmädchen einfach.
Im selben Augenblick erblickte die Herrscherin die beiden. Sie sank sofort unter die
Wasseroberfläche und verschwand.
„Hilfe!“, rief Oskar. „Sie wird ertrinken!“
„Keine Angst,“ sagte UllaCron ruhig. „Mama liebt es zu baden. Deshalb gibt es hier so viele
Wannen im Thronsaal. Die sind mit Wasser mit ganz verschiedenen Geschmäckern gefüllt.“
„Aber warum ist sie untergetaucht?“
UllaCron klimperte mit ihren hellroten Augenlidern.
„Mama ist gerade dabei sich zu verwandeln, um höflich zu sein. Ihr Menschen seid ja so
empfindlich, was das Äußere angeht. Ihr meint, dass man um jeden Preis gut aussehen muss.“
Das Wurmmädchen setzte hinzu: „Mama ist nicht genauso schnell im Zaubern wie ich. Aber
sie ist viel schlauer. Gebildet. Sie hat sich durch ein 36bändiges Konversationslexikon
gefressen, von Band zu Band.“

Aus der Badewanne erhob sich eine Frau. Sie war in einen Morgenmantel gekleidet, der mit
Goldschleifen und Barschen bestickt war. Sie war ungefähr in dem gleichen Alter wie Oskars
Mama Kerstin.
Genau wie die Tochter hatte die Regenwurmkönigin flammendes, rotes Haar. Und eine gelbe
Schärpe um die Taille. Das Band war mit Smaragden und Perlen geschmückt.
„Also – hier haben Wir Oskar, den Helden.“, sagte die Königin. Es hörte sich so an, als
spräche sie das Wort Wir mit großem W. Wie Könige und Königinnen und andere Herrscher
zu tun pflegen. Sie reichte ihm die Hand. „Das Gerücht war vor dir da. Willkommen bei den
Vermes!“
„Was ist ‚Vermes’?“, flüsterte Oskar.
„So heißt die Wurmfamilie auf Latein.“, antwortete UllaCron mit leiser Stimme.
Die Wurmkönigin schloss Oskar in ihre Arme. Ihr Körper war groß, weich und duftete nach
Heu.
Sie ließ den Jungen los und schaute ihre Tochter ganz genau an.
„Du scheinst das Ganze ja ohne eine Schramme überstanden zu haben, kleine Ulla. Sehr gut.
Und du, Oskar, - willst sicherlich eine Belohnung?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Das ist g...gar nicht nötig. Wirklich nicht, Ihre M.. Majestät....“, stammelte er. „Es ist genug,
dass ich herkommen durfte. Warum stehen hier so viele Vasen?“
„Damit niemand vergisst, dass Blumen Unsere besten Freunde sind.“ erklärte die Königin.
Sie unterbrach, als ein Diener kam. Dieser verbeugte sich und fragte, ob etwas zu trinken oder
zu essen gewünscht werde.
„Ich bin ausgehungert.“ sagte UllaCron.
Sie setzten sich an einem Tisch, der aus einem Seerosenblatt gemacht war. Alle zusammen
bestellten sie Wasser und etwas gutes Gemüse dazu. Um genau zu sein ... Oskar, der
mindestens genau so hungrig wie UllaCron war, träumte von Limonade und einem Teller
Pommes frites. Aber ihm war klar, dass es so etwas hier absolut nicht gab.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 8


Das Essen wurde hereingetragen. Das Wasser wurde in langgestreckten, tiefen Schalen
serviert. Daraus konnte man wohl am leichtesten von der kurzen Seite aus trinken. Die
Gemüse lagen auf viereckigen Goldtellern mit einem kleinen Loch in der Mitte.
„Wir Würmer sind Experten darin, die Erde aufzulockern.“, setzte die Königin fort, mit einem
Stück Artischocke im Mund. „Damit die Blumenwurzelnd wachsen können. Nach und nach
werden Blumen und Blätter ihrerseits zu Erde. Darin – und davon leben wir Würmer.“
„Davon und .. da - rin.“ murmelte Oskar. Es brummte in seinem Schädel.
„Erde ist sehr nützlich.“, sagte Königin Margot. „Und gut. Besonders mit kleinen Zusätzen
von Pflanzensäften. Wenn du eine Weile bei uns bleibst, kannst du selbst mal probieren...“
Oskar fühlte sich plötzlich sehr schläfrig. Er war davon überzeugt, dass es nun später Abend
sein müsste. Weit nach seiner normalen Zubettgehzeit.
Er zeigte auf das Wurmmädchen.
„Kneif mich, sonst fallen mir die Augen zu!“
Das Wurmmädchen ging zu ihrer Mutter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Königin warf
einen prüfenden Blick auf Oskar.
„Ja natürlich, Menschen haben gewisse Schlafperioden.“ Sie schnipste mit den Fingern.
Danach erinnerte sich Oskar nur noch daran, dass ihn jemand auf einem langgestreckten,
schwankenden Rücken trug und auf etwas Weichem ablegte. Er schlief bereits.

Fünftes Kapitel
Oskar redet mit Mack und Mas Klärd

Oskar wachte von einem Bums auf. Jemand, den er nicht sah, stellte ein kleines Tablett mit
Gemüse und Wasser an sein Bett.
Oskar machte sich über das Essen her. Das war eigentlich richtig gut. Sogar im Vergleich mit
Pommes frites und Limonade. Es sättigte auch gut. Der gleiche Jemand zog die Gardinen auf.
Oskar fand sich zwischen ein paar Kissen, die mit irgendetwas Weichem und Duftendem
gefüllt waren, vielleicht mit Blumenflaum. Was es auch war, er hatte gut geschlafen.
Nun sah der Junge, wer ihn bedient hatte. Einen sehr mageren und trockenen Wurm. Der
bewegte sich flink im Raum und stieß ab und zu Laute aus wie „Oh!“ und „Ah!“ oder „Ih!“.
Das kam ganz darauf an, womit er gerade zu tun hatte. Plötzlich öffnete er den Mund und
redete. Konnten alle Vermes das?
Der Wurm erzählte Oskar, dass er der Kammerherr im westlichen Flügel sei. Dort lag Oskars
Zimmer. Sein Name war Mack, falls er gerufen werden musste.
„Sehr leckeres Gemüse.“ Oskar mampfte. „Was für Sorten können das sein?“
Mack servierte ihm mehr.
„Es handelt sich um verschiedene. Zum Beispiel um die Wurzel eines Zwiebelgewächses, das
Herbstzeitlose heißt.“ Mack rührte energisch mit einem Silberlöffel in der großen
Servierschüssel aus durchscheinendem Glas. „Das können die Blätter der blauen
Glockenblume sein.“, setzte er fort. „Das Dressing ist aus Öl gemacht, das aus dem gelben
Mauerpfeffer gepresst wurde. Und gewürzt ist es mit...“ Mack runzelte konzentriert die Stirn.
„...Thymian, Moosflox und Purpurglut. Als Nachspeise bekommst du gleich wilde
Stachelbeerhälften, gefüllt mit Walderdbeerwasser und Lavendelsaft.“
Oskar schmatzte.
„Das Essen ist so lecker. Mit diesen schönen Namen wird es noch besser. Zu Hause bekomme
ich so was wie Pfannkuchen und Hafergrütze.“
Mack berichtete, dass alle Gemüsesorten auf dem alten Schrebergartengelände wuchsen, das
die Würmer besaßen. Dort gab es einmal kleine Häuschen, Gärten und geharkte Wege. Nun
war es verlassen und zugewachsen. ‚Gute Wiese’ wurde es genannt und es war die wertvollste
Gegend des Wurmreiches. Es versorgte das Schloss und das halbe Wurmreich mit Gemüse.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 9


Bei dem Gespräch über Pfannkuchen und Hafergrütze musste Oskar wieder an seine Mama
denken. Er bekam ein schlechtes Gewissen ihretwegen. Er sah sich um, ob er irgendwo ein
Telefon entdecken konnte, um sie anzurufen. Aber er fand keins.
Daran war nichts zu ändern. Vielleicht schimpft Kerstin mit ihm, wenn er nach Hause kommt.
Vielleicht aber auch nicht, wenn sie erst einmal hört, was er alles erlebt hat.
Oskar fand seine Stiefel. Mack hatte sie vorsorglich umgedreht und aufgehängt, damit sie
innen drin trocknen konnten.

„Hej, Menschenjunge. Wie geht es dir heute? Hast du gut geschlafen? Wie war das
Frühstück?“
UllaCron saß gemütlich auf Oskars Bettkante. Sie kaute an einem Stück Gurke. Heute trug
das Mädchen ein Kleid, enganliegend wie ein Strumpf, Karotten farbig. Auf dem Kopf hatte
sie einen kleinen, gelben Hut, der einer Pillendose ähnelte. Frech sah sie aus! Und hübsch,
fand Oskar.
Er räusperte sich. „Wo kommst du denn her, UllaCron?“
„Aus meinem Zimmer.“, sagte das Wurmmädchen. „Ich habe Hausaufgaben in Weisheitslaub
gemacht.“
„Weisheits... was für ein Laub?“
Das Wurmmädchen überhörte seine Frage und setzte schnippisch fort:
„Ich habe nicht im Bett gelegen wie du. Es ist ein Glück für euch Menschen, dass ihr fast 100
Jahre lebt. Sonst hättet ihr nicht die Zeit, überhaupt etwas mitzubekommen.“
„Äh du...“ Oskar wollte mit etwas Gemeinem antworten, über Würmer, die den ganzen Winter
über schliefen. Aber er bremste sich. Vielleicht kam ja am Ende heraus, dass sie gar nicht
schliefen. Vielleicht waren sie ja schwer beschäftigt – obwohl man sie nicht sah?
Er sagte:
„Ich möchte mehr über das Weisheitslaub erfahren, von dem du geredet hast. Ist das für euch
wichtig? Weißt du, UllaCron...“ Oskar lief eine Runde durch den Raum. Das machte er oft zu
Hause, wenn er Kerstin etwas erklären sollte. „Ich denke viel über euch Regenwürmer nach.
Wie könnt ihr nur so gut klarkommen?“
„Du fragst so viel, dass ich ganz wirr im Kopf werde.“ Das Wurmmädchen nahm eine kleine
Silberglocke vom Tisch und läutete fünf Mal. „Dann kannst du auch gleich mit Professor Mas
Klärd sprechen!“
Ein älterer, leicht buckliger Wurm in staubigem, schwarzem Anzug erschien. Er verbeugte
sich vor der Prinzessin. Sie nickte zurück.
„Habt ihr mein Vergrößerungsglas gesehen?“, fragte der Professor. „Ich habe es irgendwo
hingelegt und kann es nicht finden....“
Das Wurmmädchen zeigte in Oskars Richtung.
„Das hier ist Oskar, Herr Professor. Ein Mensch. Er fragt mehr als sieben Weise beantworten
können.....“
UllaCron blinzelte Oskar hinter Mas Klärds Rücken zu und fragte den Professor:
„Übrigens, wissen Sie zufällig, wie spät es ist?“
Der Professor blinzelte.
„Ich habe keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber was die Weisheit angeht, da
kann ich das ein oder andere berichten. Noch etwas Wichtiges: Mein Vergrößerungsglas...“
Oskar blinzelte zu UllaCron zurück. Offensichtlich war es in der Welt der Würmer genauso
wie bei den Menschen. Professoren waren sehr zerstreut!
Mas Klärd unterbrach. Er sagte zu Oskar:
„Folge mir. Geh vorsichtig!“
UllaCron flüsterte:
„Bis später!“

Der Professor führte Oskar eine Menge Treppenstufen runter, die in den Berg gehauen waren.
„Welche Fragen waren es noch einmal, die du beantwortet haben wolltest, junger Mann?“

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 10


„Eigentlich ist es nur eine, Herr Professor.“
Der Junge hatte große Mühe, Mas Klärd zu folgen. Obwohl dieser alt und grau war, eilte er
mit Tempo die Treppen runter.
„Wie kann es kommen,“ sagte Oskar, „dass ihr ohne all diese Sachen leben könnt, die wir
Menschen brauchen? Ihr scheint ja gut klar zu kommen. Es gibt doch schrecklich viele rote,
fette und muntere Würmer.“
Der Professor runzelte die Stirn.
„Ich möchte nicht, dass du über unsere Familie auf diese respektlose Art redest. Man denkt ja,
wir wären irgendwelche Clowns. Aber da du großen Wissensdurst zu haben scheinst...“
Das sollte die Lehrerin hören, dachte Oskar.
„... gehen wir noch ein Stückchen tiefer.“, setzte Mas Klärd hinzu.
„Hier ist es gar nicht nass und nebelig.“, fand Oskar.
„Wir befinden uns im Urgestein.“ Der Professor machte ein paar schnelle Doppelschritte.
„Hier ist es trocken und kühl. Selbstverständlich damit das Weisheitslaub sich so lange wie
möglich aufbewahren lässt.“
Da war das geheimnisvolle Laub wieder!
Der Professor blieb vor einer Kupfer beschlagenen Tür stehen und klopfte an. Sie wurde von
einem alten Mann geöffnet, noch älter und grauer als der Professor. Der Alte in der Tür hatte
dünnen, weißen Flaum auf dem Kopf und eine Brille mit dicken Gläsern. Er warf einen Blick
auf Oskar und schüttelte bedauernd den Kopf.
„Rappelvoll heute, Professor Klärd. Da gibt’s keinen einzigen Platz mehr.“

Sechstes Kapitel
Im Saal des Weisheitslaubes

Mas Klärd nickte.


„Das ist sehr schön, Herr Palster. Der Junge soll auch gar nicht hier bleiben. Ich will dem ...
wie heißt du noch einmal? .. nur ein paar Sachen zeigen.“
Drinnen lag ein großer Saal, mehrere Stockwerke hoch, mit einer Kuppel als Dach. Die
Wände waren bis oben hin mit Regalen bedeckt. An kleinen Tischen lagen überall junge
Würmer. Andere hingen oben auf den Balkonen und waren gerade damit beschäftigt, etwas
aus den Regalen zu nehmen.
In Ringen an den Wänden hingen kleine Fackeln, die den Saal beleuchteten. Keiner redete,
schrie oder hustete. Das einzige, was man hörte, war das Knistern, wenn die Studenten ab und
zu die Blätter wendeten.
Aber das waren keine Bücher, was die Würmer da lasen oder auf irgendeine Weise studierten.
Als Oskar ein paar Schritte zum ersten Tisch machte, entdeckte er, was sie da vor sich hatten.
„Trockenes, braunes Laub!“ rief der Junge verwundert aus.
„Schh!“ Der Professor legte den Finger auf die Lippen. „Bitte beachte die Ruhe im Lesesaal!
In euren Menschen-Bibliotheken habt ihr Bücher. Hier füllt welkes Laub die Regale. Blatt für
Blatt hochkant nebeneinander. Tausende Regalmeter Espenlaub, Lindenlaub, Birkenlaub,
Eichenlaub, alle Sorten. Ein Teil“, setzte Mas Klärd fort. „ist sehr alt, mehrere tausend Jahre.
Während andere Blätter vom letzten Jahr oder aus dem Vorjahr stammen. Die sind immer
noch gelb. Oder sogar grün.“
„Die aus diesem Jahr sitzen noch an den Bäumen?“, fragte sich der Junge.
„So bald sie runter flattern, sind wir da und kümmern uns um sie.“, antwortete der Professor.
„Sie werden zusammengeharkt und hier in den Weisheitslaubsaal gebracht. Wir markieren sie
und setzen sie an die richtige Stelle im Regal.“
Der Gelehrte dachte eine Weile mit abgewandtem Blick nach. Er strich sich über das Kinn.
Um sie herum war es weiterhin ruhig und still. Man hörte nur den ein oder anderen Knacks,
wenn einer der Studenten sein Blatt umdrehte.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 11


„Hör nun genau zu!“, sagte der Professor. „Der Wald ist sehr alt.“ Er sank auf einen leeren
Stuhl. Oskar beugte sich vor, um ihn verstehen zu können.
„Die Bäume sind hoch und sie sehen und hören alles, was um sie herum geschieht. Durch ihre
Wurzeln fangen sie auch auf, was sich unter dem Boden abspielt. Wenn sie mehr wissen
müssen, können sie Samenkapseln zur Beobachtung ausschicken.“
„Und... das Laub...?“ wunderte sich der Junge.
„In die feinen Linien der Blätter prägen die Bäume ihr gesamtes Wissen über die Natur.“
„Dann sind die Blätter die Notizbücher der Bäume? Oder sogar .... Datenspeicher?“
„Was?“ Mas Klärd blinzelte hinter den Brillengläsern. „Die Linien der Blätter können sowohl
von Blinden als auch von Sehenden gelesen werden.“
Oskar klatschte vor Begeisterung in die Hände. Der Professor stoppte ihn, indem er ihm an
den Haaren zog.
„´tschuldigung“, sagte der Junge.
Mas Klärd hob den Zeigefinger. „Blättern und Büchern geht es am besten, wenn es leise ist!
Oskar – so heißt du doch? Ich glaube, du hast nun verstanden, warum wir Würmer so eifrig
das Laub studieren. Sie sind Schlüssel zu allem, was wir wissen müssen. Was da nicht drin
steht, ist unnötig für uns Würmer.“
Oskar dachte: Wenn ich groß bin, werde ich Laubforscher.
Ein Student kam zu ihnen und klopfte dem Professor auf die Schulter. Der Professor zuckte
zusammen. Der Student reichte ihm ein Vergrößerungsglas.
„Das hier wurde in einem Buch im obersten Regal gefunden, Herr Professor!“
„Ja, genau! Da habe ich gesessen und in einem Zwergbirkenblatt gelesen!“, sagte Mas Klärd.
Er drehte sich zu Oskar um. „Nun habe ich keine Zeit mehr.“ Er wedelte mit seinem
Vergrößerungsglas. „Denk dran, Junge. Die wichtigsten Wissenschaften in der Welt sind die
über die Gesetze der Natur. Alles andere ist unnütz. Wozu braucht ihr Menschen so etwas wie
Schaukeln? – oder Flugzeuge?“

Oskar hatte verstanden, was der Professor meinte. Er hatte etwas vom Professor gelernt. Aber
Oskar konnte ihm nicht in allem Recht geben. Würmer und Menschen unterschieden sich in
vielerlei Hinsicht. Viele Dinge, um die sich Würmer nicht im geringsten kümmerten oder die
sie nicht verstanden, waren für Menschen sehr wichtig. Und vielleicht auch umgekehrt.
Schaukeln ist zum Beispiel ziemlich lustig, dachte Oskar. Zumindest wenn man noch klein ist.
Und fliegen war auch schön. Da kam man schnell irgendwohin.
Nun sehnte sich Oskar nach der Prinzessin. Und danach, etwas mit ihr zusammen zu
unternehmen.
Falls sie nicht zu patzig war.
Wenn man sich vorstellt, man könnte alles über die Natur erfahren, indem man alte Blätter
studiert. Eine tolle Idee! Davon konnten die Menschen noch etwas lernen. Oskar beschloss
ernsthaft, ein Wurm- und Laubforscher zu werden. Er beeilte sich, UllaCron diese frohe
Nachricht mitzuteilen.

Er fand sie in einem Gang in der Nähe des Thronsaales. Sie kämmte sich vor einem
Wandspiegel und lächelte zufrieden ihr Spiegelbild an.
Oskar erzählte von seinem Besuch in der Laubbibliothek und von seinen Zukunftsplänen.
„Laub ist ein gutes Fach.“, sagte UllaCron. Und setzte so stichelig hinzu, wie nur sie es
konnte: „Wir werden ja sehen, ob deine Zeugnisse zum Forscher reichen, Oskar!“
Oskar wusste nicht, wie er sie ein wenig zurückärgern konnte. Irgendetwas musste er sagen,
dachte er. Damit UllaCron nicht immer das letzte Wort hatte.
Nun kam er drauf.
„Warum stehst du hier und kämmst dich, UllaCron? Davon wirst du auch nicht hübscher...!“
Oskar hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Denn UllaCrons Gesicht verzog sich. Es
sah aus, als ob sie weinen wollte.
„Du hast sicher eine Menge Mädchen im Laubsaal gesehen, Oskar.“

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 12


Oskar bereute, dass er so etwas überhaupt gesagt hatte. Er wäre froh, wenn UllaCron das
Ganze vergessen könnte und sie jetzt zusammen etwas Lustiges machen könnten, spielen zum
Beispiel. Aber er sollte bald etwas anderes zu sehen bekommen.

Die Prinzessin legte den Kamm weg und schaute ärgerlich auf ihn.
„Du durftest offensichtlich viel zu viel allein herumlaufen, Oskar. Damit ist jetzt Schluss. Du
fängst sofort an, als Forscher zu trainieren, zusammen mit mir.“

Siebtes Kapitel
Praktische Übungen

Nun führte sie das Wurmmädchen runter in das Netz von Tunneln unter dem Schloss. Sie bog
so oft nach rechts und links ab, dass der Junge ganz durcheinander im Kopf wurde. Nach
einer langen Wanderung blieb sie an einem runden Tor in der Tunnelwand stehen.
„Hier hinter,“ sagte UllaCron, „ liegt ein ganz großer Wurm-Arbeitsplatz. Den werden wir
besuchen.“
Sie öffnete das Tor einen Spalt. Aber zuerst machte sie einige schnelle Bewegungen mit den
Fingern zu Oskar hin. Und er hörte wieder das kräftige, knallende Geräusch.
Im nächsten Augenblick kämpfte er mit dem Gesicht voran gegen etwas, das sich überall um
ihn herum befand. Eine dicke Masse oben drüber, unten drunter und neben ihm. Oskar öffnete
den Mund, um nach Hilfe zu rufen. Er dachte, er müsse ersticken.
Aber nach einer Weile merkte der Junge, dass die Masse zur Seite floss, wenn er den Körper
bewegte. Er konnte dadurch vorwärts gleiten. Irgendwie bekam er auch Luft. Er begriff, dass
UllaCron ihn wieder verwandelt hatte. Diesmal zu einem richtigen Wurm. Und dass die
Masse, durch die er vorwärts schwamm, Erde war. Stolz stellte Oskar fest, dass es gut ging. Er
kam vorsichtig aber sicher voran. Dadurch dass er irgendwie die Schultern drehte. Die
Bewegung setzte sich durch den ganzen, langen, neuen Körper fort und brachte ihn vorwärts.
Aber plötzlich ging es nicht mehr weiter. Es schlug Funken, als Oskar mit dem Mund oder
Kopf – oder was es war, was er ganz vorn hatte – auf etwas Hartes stieß.
„UllaCron!“ rief er verschreckt. „Bist du da? Ich habe mich festgefahren!“
„Mach Platz!“ hörte er die wohl bekannte, dünne Stimme hinter sich. Oskar machte sich so
klein er konnte. In der nächsten Sekunde glitt UllaCron an seine Seite.
„Da ist gesperrt. Keine Chance weiter zu kommen,“ keuchte Oskar.
„Quatsch“, antwortete die Prinzessin. „Bis hier hin hast du dich ganz gut angestellt. Nun
überleg doch mal! Was kann wohl passiert sein?“
Der Junge dachte scharf nach.
„Liegt da irgendetwas im Weg?“
„Genau! Ein Bummelstein! Was kann man da machen?“
„Drum herum kriechen vielleicht,“ murmelte Oskar.
„Bravo!“ zwitscherte das Wurmmädchen. Sie krochen um den Stein. Das war keine Kunst.
Nun hörten sie einen grummelnden Laut vor ihnen. UllaCron stoppte und lauschte. Sie gab
einen neuen, seltsamen Pfiff von sich. Sofort verschwand das Grummeln.
„Ein Erdkäfer war auf dem Weg direkt auf uns zu.“ erklärte UllaCron. „Gefährlich für uns
Würmer. Es ist am besten, man legt sich nicht mit ihnen an. Also habe ich mein besonders
Signal gepfiffen. Und da dachte der Käfer, ich sei ein Dachs. Und verschwand schnell in die
andere Richtung.“
„Dieser Pfiff ist praktisch.“, sagte Oskar.
„Ich vermute,“ sagte das Wurmmädchen, „dass du ganz gerne meine Zauberkünste lernen
würdest.“
Oskar wiegte den Kopf hin und her. Dachte ein wenig nach und antwortete:
„Genau genommen, eigentlich nicht, UllaCron.“
Die Prinzessin schaute ihn ein wenig verwundert an.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 13


„Ich habe es lustig, wenn ich spiele.“, sagte Oskar. „Ich muss nicht zaubern. Wenn sich
Matanzas – mein Fahrrad – in ein Motorrad verwandeln soll, dann reicht meine Fantasie.“
UllaCron sah ein wenig geknickt aus. Aber sie bewahrte die Fassung und sagte:
„Dann lass es eben! Ich werde jedenfalls weiter zaubern...!“
Oskar bereute es sofort. Wenn UllaCron nun noch etwas anderes konnte. Wie Haselnüsse in
Goldstücke verwandeln oder so?
Nun zog UllaCron mit hohem Tempo davon. Im nächsten Moment war sie weg. Stattdessen
bemerkte Oskar Blumenduft. Und nun brach er durch die Erde. Das Licht blendete ihn. Der
Junge fiel und rollte runter in eine Grube. Dort blieb er liegen. Hoch über ihm rauschte es in
den Baumkronen. Das war ein schönes Geräusch. Neben ihm lag UllaCron.
Das Wurmmädchen drehte sich hin und her..
„Oh! Ich glaube ich habe ein paar blaue Flecken bekommen...!“
Oskar schaute an seinem eigenen Körper herunter. Er war natürlich ein Wurm. Ihm fehlten
Hände und Füße. Dagegen hatte sich kein Schmutz an seiner blanken, roten Haut festgesetzt.
Der Junge fand heraus, dass er mit seinem neuen Hinterteil wedeln konnte wie mit einem
langen Schwanz. Aus Versehen traf er damit UllaCron. Sie antwortete, indem sie sich über ihn
warf und ihn überall kitzelte. Nach einer Weile krümmten sich die beiden vor Lachen, bis sie
kaum noch Luft bekamen.

Nun hörte man eine zornige Stimme irgendwo in der Nähe. Oskar schaute überall, konnte
aber niemanden entdecken.

Achtes Kapitel
Oskars weitere Heldentaten

Ein Stück von Oskar und UllaCron entfernt lag ein buschiger Tannenzweig. Das Geräusch
kam von seiner Rückseite. Sie sahen eine graue Schnecke mit schwarzen Augen. Die
Schnecke war umgestürzt und mit seinem schweren Haus unglücklich gefallen. Sie konnte
sich nicht wieder aufrichten. Die Fühler waren vor Aufregung ganz weit ausgefahren.
„Ich bekam einen Stoß von einer naseweisen Kröte. Ich werde ohnmächtig, wenn ich noch
länger so liegen muss.“, zischte die Schnecke. „Tut etwas!“
„Wie denn?“, sagte die Prinzessin hilflos. „Mit meinen Zauberkünsten kann ich keine
Schnecke wieder hochkant stellen. Und ... warum müsst ihr Schnecken ein hartes, schweres
Haus mit euch herumschleppen? Könnt ihr nicht ein Zelt oder einen Schlafsack stattdessen
nehmen?“
„Warte!“, Oskar rupfte einen trockenen Zweig vom Ast. Der war wie ein V geformt und hart
und stark. Er steckte die Spitze des Vs unter das Schneckenhaus und winkte UllaCron.
„Nimm das eine Bein des Zweiges. Dann nehme ich das andere. Wir müssen es hochhieven,
und zwar gleichzeitig.“
Die Prinzessin zog ein Gesicht. Aber sie gehorchte und fasste an.
„Soooo...!“ Oskar hob an. “Ohe! Noch einmal, anheben, halt fest – oho..!” Mit einem
Schwung kippte das Haus rüber und stellte sich aufrecht. Die Schnecke selbst flog durch die
Luft, mit verdrehten Augen.
„Von einem Wurm gerettet!“, rief sie. „Merkwürdig!“
Die Prinzessin warf Oskar einen bewundernden Blick zu.
„Mama hat Recht. Du bist tatsächlich ein richtiger Held! Zumindest wenn du keine Angst
hast!“
Oskar lächelte. Nun war UllaCron sicher nicht mehr länger sauer.
Die Schnecke machte sich bereit den Abhang rauf zu klettern.
„Warte mal!“, sagte Oskar. „Ist es nicht schwierig, diesen Weg zu nehmen?“
„Eine Kleinigkeit!“, antwortete die Schnecke. „Hast du uns Schnecken noch nie oben auf
einem Campingwagen sitzen sehen? Oder auf dem äußersten Zweig eines Himbeerbusches?“

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 14


Sie begab sich schnaufend auf den Weg, ohne auf Antwort zu warten.
Eine Spinne mit einem Kreuzzeichen auf dem Hinterteil stand da und schaute zu. Sie fragte,
ob Oskar und UllaCron nicht eine kleine Pause brauchten. Sie bot ihnen an, ihr neues Netz zu
besichtigen. Und mit ihr Mittag zu essen.
UllaCron lehnte höflich aber bestimmt ab. Sie waren ja mitten in einem Studientag und hatten
es etwas eilig.
Ich frage mich, was es bei der Spinne zu Mittag gegeben hätte, dachte Oskar. Und folgte
UllaCron, als diese wieder in die Erdwand kroch.
Sie trafen einige Würmer, die in verschiedene Richtungen unterwegs waren. UllaCron
erklärte, dass unter dieser Wiese ungefähr eine Million der Untertanen ihrer Mutter ihre feste
Arbeit hatten.
„Jetzt im Sommer ist die Erde weich und warm. Aber“, fragte Oskar. „wie ertragt ihr es, wenn
es friert und hart wird?“
„Dann müssen wir tiefer in die Erde kriechen, das kapierst du wohl.“
„Bis zu den Chinesen auf der anderen Seite?“
„Nicht ganz so weit.“, antwortete die Prinzessin. Sie wich einer Fliege aus, die surrend aus der
anderen Richtung kam, so dass die Erde spritzte.

So viele verschiedene Arten von Lebewesen zogen es vor, hier unten zu leben statt oben auf
dem Boden, überlegte der Junge. Er konnte sie sogar verstehen. Da oben war es manchmal
regnerisch und stürmisch. Außerdem trampelten dort die ganze Zeit Leute mit ihren großen
Füßen herum. Oder fuhren mit lebensgefährlichen Rädern.
Im gleichen Moment begann der Boden über ihnen zu schwanken und zu donnern. Neugierig
arbeitete er sich zwischen den Graswurzeln hoch, bis er den Kopf ins Freie stecken konnte.
Direkt über ihm rannte eine Horde Jungen hinter einem Ball her. Andere standen am Rand
und schrieen Anfeuerungsrufe.
Nun kam der Ball genau auf ihn zu. Geschwind zog Oskar den Kopf ein und kroch zurück.
„Nun weiß ich, was das für eine Wiese ist.“
„Was denn?“ sagte die Prinzessin. „ Warum rennen und springen die so viel herum?“
„Die spielen Fußball“, sagte Oskar.

Neuntes Kapitel
Libellenbrief

Oskar sah auf seiner Digitaluhr, dass es Freitag war. Sie waren nach der Studienreise zum
Schloss zurückgekehrt.
Er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wie lange er nun von zu Hause weg war. Ob es
mehrere Tage und Nächte oder nur einige – sehr lange – Stunden waren. Er wusste nicht
einmal, wie lange er geschlafen hatte.
Kerstin vermisste ihn sicherlich. Hatte sie sein Verschwinden schon der Polizei gemeldet?
Waren bereits Suchtrupps draußen im Wald und suchten in langen Reihen nach ihm, mit
langen Stäben in den Händen?
Nun kam UllaCron in Oskars Zimmer, wo er gerade frühstückte. Wasser und Gemüse. Oft gab
es neue Geschmäcker, noch besser als die alten. Oskar hatte fast vergessen, wie Pommes frites
und Limonade schmeckten.
Wenn es auf seinem Teller eine Stachelbeerhälfte gab, stibitzte UllaCron diese.
Die Prinzessin sah genauso munter und frisch aus wie gewöhnlich. Obwohl sie behauptete,
dass sie niemals schlief, sondern die ganze Zeit über Hausaufgaben machte.
Oskar hatte sie ‚Streber’ genannt, um sie zu ärgern. Aber sie verstand überhaupt nicht, was er
damit meinte.
Und er hatte damit aufgehört. Eigentlich war er sogar ein wenig neidisch auf ihren Fleiß.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 15


„Bist du endlich fertig mit Essen, Oskar?“, sagte sie vorwurfsvoll. „Beeil dich jetzt, weil
meine Mama uns empfängt. Sie will mit dir reden...“
Oskar sah bekümmert aus.
„Ich sitze hier und denke an meine eigene Mama. Sollte ich nicht jetzt nach Hause gehen,
UllaCron? Ich war doch lange weg. Kerstin ist sicher schrecklich unruhig.“
„Eltern sollten sich um ihre Kinder keine Sorgen machen. Weil Kinder meisten besser zurecht
kommen, als die Eltern glauben.“, meinte die Regenwurmprinzessin altklug. „Meine Mama...“
„Ja, ich weiß. Deine Mama ist nie besorgt, wenn du weg bist.“, unterbrach Oskar.
„Wahrscheinlich weil sie es nicht schafft vor lauter Regieren. Aber meine ist es, das kannst du
glauben. Ich muss los jetzt!“
„Das geht nicht!“, sagte UllaCron bestimmt. „Die Königin hat etwas Wichtiges zu
diskutieren.“
„Was kann das denn sein?“ Oskar schaute niedergeschlagen aus dem offenen Fenster. Eine
Libelle schwirrte mit Leichtigkeit hin und her. „Wenn ich wenigstens einen Gruß schicken
könnte...“
„Warum sagst du das nicht gleich? Wir Würmer haben Kurier- und Postabkommen mit einer
Reihe anderer Tiere.“, sagte UllaCron. „Wann?“
„So schnell wie möglich!“ rief Oskar.
Die Prinzessin gab noch mal einen ihrer eigenartigen, leisen Pfiffe ab. Jemand kam mit
flatternden Flügeln aus der Luft.

Kerstin Falk, Oskars Mama, schaute aus dem Küchenfenster. Wo in aller Welt steckte der
Junge?
Zuerst hatte sie gedacht, dass er sich bei dem heftigen Regen irgendwo untergestellt hätte.
Und dass er danach wieder auftauchen würde. Aber es waren inzwischen ein paar Stunden
vergangen, seit der Regen aufgehört hatte.
Manchmal blieb Oskar länger bei irgendeinem Freund. Und vergaß die Zeit.
Nun hatte Oskars Mutter schon bei einigen Freunden angerufen. Aber keiner von denen hatte
Oskar gesehen.
Kerstin wurde immer unruhiger. Einmal, als er noch klein war, war Oskar ganz allein in einen
Zug geklettert, um seinen Papa zu besuchen. Weil er kein Geld für die Fahrkarte hatte, hatte
ihn der Schaffner der Polizei übergeben. Die hatte dafür gesorgt, dass Oskar wieder nach
Hause kam. Das hatte einen ganzen Tag gedauert. Eine sehr unruhige Zeit für Kerstin.
Die Polizei. Sollte sie bei der Polizei anrufen und Oskar als vermisst melden?
Kerstin ging zum Telefon und legte die Hand auf den Hörer. Genau in diesem Moment
schwebte eine blau schimmernde Libelle durch das offene Fenster in den Raum. Sie setzte
sich ungeniert auf ihre Hand.
Kerstin wollte die Libelle gerade verscheuchen. Da fiel ihr auf, dass deren Verhalten sehr
ungewöhnlich war. Sie schaute näher hin und entdeckte etwas Weißes, das unter dem linken
Flügelpaar steckte.
Ein kleines Stück Papier!
Gespannt machte sie den Zettel ab. Kerstin erkannte das Papier. Es war rot liniert. Das kam
bestimmt von Oskars Notizblock. Sie wickelte das Papierstück ab und las.
Hej Mama.
Ich bin auf Besuch im Wurmland. Keine Angst.
Komme bald wieder nach Hause.
Oskar

Zehntes Kapitel
Gerede über Worte

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 16


Es war leer im Thronsaal. Abgesehen von der Königin Margot Sipprot selbst, Oskar und
UllaCron. Die Kinder saßen vor ihr, jedes auf einem kleinen Stuhl.
Die Vasen waren wie gewöhnlich mit frischen Blumen gefüllt. Von den bernsteingelben
Badewannen duftete es.
Die Königin erfuhr, dass eine Spinne sie zum Mittagessen eingeladen hatte. Sie warnte die
beiden, zu unbekannten Personen nach Hause zu gehen. Das könnte leicht Ärger geben.
Die Königin saß eine Weile in Gedanken. Sie wendete sich Oskar zu.
„Nun will ich mit dir über einige Menschen-Worte sprechen. Die Wir nicht leiden können.“
Oskar leckte sich unruhig die Lippen. Die ganze Zeit über war es nett und lustig im
Regenwurmland gewesen. War nun Schluss damit? Das sah nach einer Art Schelte aus. Das
merkte er.
„Hast du schon mal den Ausdruck ‚sich wie ein Wurm winden’ gehört?“, fragte die Königin.
„Ja, doch. Aber...“, antwortete Oskar.
„Und vielleicht schon einmal ‚Unglückswurm’? ‚Wurmstichig’ oder ‚wurmig’?“
Oskar nickte unglücklich. Er ahnte, was kommen würde.
„Wie lange sollen wir Würmer es noch mit solchen beleidigenden Ausdrücken aushalten?“
fragte die Königin Sipprot. „’Sich wie ein Wurm winden’, das kommt vom Angeln. Da
benutzen Menschen Mitglieder unserer Familie als Köder für ihre Haken. Aber“, setzte sie
fort, „wie würden sich Menschen verhalten, wenn sie da hingen?“
Die Königin sagte:
„’Tapfer kämpfen wie ein Wurm, sogar tief im Fischmaul’ sollte es heißen. Das ist es, was
meine Leute machen!“
„Das ist natürlich wahr..“, sagte Oskar leise. Er nahm sich vor, in Zukunft niemals mehr
Barsche oder Rotaugen zu angeln. Wenn er es doch einmal täte, würde er Brotkugeln als
Köder nehmen.
„’Sich winden’ sagen Menschen heutzutage, wenn jemand nicht die ganze Wahrheit sagen
will. Und dann denken alle an Würmer. Ungerechterweise. Wir im Wurmvolk sind ehrbare
und ehrliche Wesen!“
„Ich weiß...“, sagte der Junge.
„Wir wollen, dass du das Menschenvolk über ihren Irrtum aufklärst. Erzähle ihnen, dass wir
Würmer den größten Respekt verdienen. Grüße die Menschen von uns,“ sagte sie und
blinzelte heftig mit ihren leicht rötlichen Augen, „und erzähle ihnen, dass sie ohne uns nicht
einen einzigen Bissen Brot auf dem Tisch hätten. Nicht eine Frucht und auch nichts anderes
zu essen!“
„Ich hoffe, die Menschen kapieren das!“, setzte UllaCron schnippisch hinzu.
„Würmer. Vielleicht ist der Name schlecht gewählt?“ Die Königin biss versonnen auf einen
Grashalm. „Vielleicht wäre es besser, wenn die Menschen die Art nach Uns benennen würde.
Margots! Was sagt ihr dazu?“
UllaCron klatschte in die Hände.
„Das ist gut! Margot hört sich wie eine Bonbonsorte an...! Außerdem heißt Wurm auf
Englisch ‚maggot’. Das gefällt mir. Wenn Oskar und ich ins Menschenreich umziehen...“
„Was sollen wir machen, sagst du?“ Oskar schaute sie verwundert an. „Du und ich..?“
Weiter kam er nicht. Die Tore zum Thronsaal wurden mit Kraft aufgestoßen und eine große
Gruppe Würmer kam herein. Sie waren in vornehme Kleider und Uniformen mit Goldknöpfen
gekleidet. Die Gesichter waren hochrot vor Wut.
„Nieder mit der Asphalt-Maschine auf der Guten Wiese!“ riefen sie. „Die Menschen lassen
uns im Stich! Es muss was geschehen! Sofort!“

Elftes Kapitel
Der Kampf gegen die schreckliche Dampfwalze

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 17


Eine große Dampfwalze und eine Teermaschine waren auf der Guten Wiese aufgestellt
worden, berichteten die aufgeregten Würmer. Sie hatten gehört, dass die Menschen am
Montag damit beginnen wollten, die gesamte Wiese zu asphaltieren. Da sollte kein wildes
Fußballfeld mehr sein sondern ein Parkplatz. Sie bebten vor Empörung.
„Das darf nicht geschehen!“ rief Königin Margot.
„Das darf nicht geschehen! Das darf nicht geschehen!“ schallte es aus der Menge im
Thronsaal zurück. Sie hoben die Fäuste und schüttelten sie. Oskar hörte sich selbst rufen: Das
darf nicht geschehen!

In großen Mengen beeilten sich die Würmer durch die Tunnel rauf zur Guten Wiese. Sie
wurden immer mehr. In dem schwachen Licht sah man die entschlossenen Gesichter der
Würmer. Hier und da schallte der Ruf wieder durch die Gänge und wurde hundertfach
aufgenommen: Das darf nicht geschehen!

„Aber wie soll das Asphaltieren gestoppt werden?“ rief Oskar durch den Lärm UllaCron zu.
„Wie könnt ihr solche Riesenmaschinen besiegen? Die wiegen viele, viele Tausend Kilo. Und
sind aus Stahl!“
„Mama findet schon eine Lösung.“, rief UllaCron zurück. „Sie hat immer eine Idee!“
Nun hörte man ein starkes Prasseln und Platschen durch die Gänge. Die
Regenwurmprinzessin blieb stehen und schnüffelte nach oben.
„Ein richtiger Sturzregen!“

Sie waren da. Die Würmer krabbelten raus auf die Wiese. Dorthin wo so viele von ihnen
gewöhnlich arbeiteten, indem sie sich um Wurzeln, Früchte, Beeren, Blumen und grüne
Blätter kümmerten.
Über allem ging nun der Regen nieder. Ein Stück zurück stand die Teermaschine, noch ein
Stück weiter schwarz und drohend in der Dämmerung die große Dampfwalze.
Kein Mensch war zu sehen. Sie waren zum Wochenende nach Hause gegangen.
Die Regenwürmer versammelten sich mit ihren glänzenden Körpern vor der Dampfwalze.
Königin Margot war gerade aus den Gängen nach oben gekommen. Gefolgt von Wachen,
Hofleuten und hohen Beamten. UllaCron und Oskar gingen zur Seite, um nicht im Wege zu
stehen.
Oskar sah, dass UllaCron stolz auf ihre Mama sah. Der Junge fühlte ein Ziehen im Magen vor
Sehnsucht nach seiner eigenen. Aber gerade jetzt war keine Zeit an Kerstin zu denken.

„Wir müssen versuchen, die Maschinen zu verbrennen!“ rief ein kräftiger, schwarzer Wurm
mit Silberstreifen am Kragen.
„Wer ist das da?“ flüsterte Oskar.
UllaCron sagte leise: „Der Chef der Armee, General Vapor.“
„Wenn die Dampfwalze und der Teerwagen brennen, ist es eine Warnung an die Menschen,
von hier zu verschwinden.“, erklärte der General.
Ein kleiner, fast weißer Wurm rief verzweifelt:
„Gebt auf! Wir müssen fort von hier, bevor wir überfahren und platt gemacht werden. Wir
müssen uns eine andere Gute Wiese suchen!“
„Es gibt keine.“, hörte man eine bittere Stimme. „Die Menschen haben alles zerstört!“
Es war ein Schock für Oskar zu hören, wie enttäuscht sich die Würmer anhörten. Aber er
meinte auch, dass nicht alle Recht hatten. Noch gab es schönes und herrliches Grün an vielen
Stellen.
Ein anderer Wurm rief stolz als Antwort:
„Wir müssen nicht aufgeben! Wir sind stark. Die Menschen wissen sehr wohl, dass sie uns
Würmer brauchen. Sonst kann nichts wachsen. Lasst uns verhandeln. Und verlangen, dass nur
das halbe Feld mit dem schrecklichen, schwarzen Teer bestrichen wird.“

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 18


Es ging ein Brausen durch die Wurmreihen.. Sie wichen zur Seite, als eine wilde, lange
Gestalt mit brennenden Augen vorstürzte. Sie zeigte auf den Bach, der gleich neben ihnen
floss.
„Wenn wir alle in das Wasser kriechen, verändert der Bach seinen Lauf. Dann wird die ganze
Gute Wiese unter Wasser gesetzt!“
„Aber dann können wir sie auch nicht mehr gebrauchen! Und Zehntausende Unseres Volkes
werden ertrinken!“ Das war die Königin, die da ihre Stimme erhob. Oskar sah im Halbdunkel,
dass ihre Stirn in tiefen Falten lag.
Die Lage war ernst. Wie konnte man verhindern, dass die Menschen aus der Wiese einen
Parkplatz machten? Und die Würmer sie stattdessen als Küchengarten behalten konnten?

Nun schritt Königin Margot vor in den Kreis von Hundertausenden von Würmern, die dort im
Regen lagen und glänzten. Sie rief:
„Nein! Wir müssen eine List anwenden, keine Gewalt. Seht auf Uns. Und schaut euch ganz
genau den Kreis an, den Wir jetzt ziehen!“
Die Königin ringelte schnell in die Runde und markierte ein Gebiet von 4 bis 5
Quadratmetern vor der Dampfwalze.
„Geht hier unter diesem Kreis runter in den Boden, alle Meine Untertanen! Macht das!“ ,
mahnte sie. „Durchbohrt den Boden – so dass er löcherig wie ein Schweizer Käse wird!“
Die großen Wacht-Würmer übernahmen die Führung...
Dann folgten alle anderen. Da unten kauten sie, bauten Tunnel, wühlten und unterhöhlten. Der
Boden vor der Dampfwalze bestand später nur noch aus einer dünnen Lage aus Lehm und
Gras, wie ein Deckel über einem tiefen Loch.

Es war ganz leer und ruhig oben auf dem Boden. Alles, was man hören konnte, war das
Platschen des Regens und das dumpfe, schabende Grollen von unten.
Königin Margot drehte sich zu Oskar um. Sie lächelte verschmitzt. Was hatte UllaCons listige
Mama nun im Sinn?
„Hast du noch ein Stückchen Papier, Oskar?“
Das hatte er. Oskar zog den Notizblock aus der Hosentasche.
„Reiß ein Stück raus und schreib:
FAHR RÜCKWÄRTS – AUF KEINEN FALL NACH VORN!
Hast du gehört? Und dann,“ setzte die Königin fort, „befestigst du den Zettel am
Scheibenwischer der Dampfwalze!“
Der Junge sagte:
„Ich klemme noch ein Stück Plastik über den Zettel. Damit der Text nicht wegregnet.“
Er nahm seinen Bleistift. Er winkte UllaCron zu sich und drehte sie um. Er brauchte ihren
Rücken als Schreibunterlage.

Zwölftes Kapitel
Das meiste ordnet sich am Ende

Alle Regenwürmer waren in langen Kolonnen auf dem Weg nach Hause von der Guten
Wiese. Sie hatten den Boden vor der Dampfwalze fertig gegraben.
Oskar kroch näher an die Prinzessin.
„UllaCron, nun muss ich wirklich nach Hause gehen. Mama ist sicherlich schon krank vor
Angst.“
Das Wurmmädchen nickte: „Okej.“
„A... Aber“, setzte der Junge fort, und stammelte wieder ein wenig. „Du ...du verstehst ...
weißt du … das ist ja so, dass ich dich jetzt habe. Wen hast du?“
„Was denn?“ wunderte sich UllaCron. „Hast mich? Was meinst du? Und wen soll ich haben?
Kannst du dich nicht klar ausdrücken?“

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 19


Oskar wurde rot. „Ich will, dass wir zusammen gehen, Ulla“, sagte er.
Endlich schien dem Wurmmädchen ein Licht aufzugehen. Sie drehte ihr Gesicht Oskar zu und
gab ihm einen großen, nassen Kuss. Oskar wurde wieder rot, sagte aber nichts, kniff sie nur
ein bisschen.
„Kannst du mich zurückverwandeln?“, bat er. „Ich muss dir noch mehr sagen.“

Zusammen tauchten sie nach einer Weile in dem Erdhaufen am Anemonenweg auf. Der liegt
nur so ungefähr hundert Meter von Oskars Wohnung entfernt. Und dann...
Es blitzte und surrte in der Luft und vips! war Oskar wieder der alte Junge. Mit Regenmantel,
Südwester und allem. Das war ganz passend bei dem Sturzregen, der immer noch fiel.
Oskar bückte sich und hob das Wurmmädchen hoch.
„Ja, ich frage mich...“, sagte er. „Du verstehst ... ich würde eigentlich ... ganz gerne mit dir
zusammen wohnen, Ulla.“ Oskars Stimme klang belegt. Er war natürlich nervös.
„Du spinnst“, antwortete UllaCron. ”Ein Regenwurm und ein Junge. Und wo sollen wir
wohnen?“
Oskar schaute in seine Hand. Da saß das Wurmmädchen. Sie sah eigentlich schrecklich aus.
Schmutzig im Gesicht und an den Händen. Die Haare waren strubbelig. Sie brauchte wirklich
ein Bad...

Als Oskars Mama die Tür öffnete, stand der Junge da. Nass und lehmig natürlich. Kerstin
stieß einen Freudenschrei aus und schloss ihn in ihre Arme. Oskar umarmte sie ebenfalls. Die
rechte Hand hielt er geschlossen zur Seite.
Kerstin ließ ihn los, schaute ihn ärgerlich an und sagte:
„Eigentlich verdienst du eine gehörige Tracht Prügel. Wo bist du gewesen?“
„Draußen“, antwortete Oskar.
Während Mama ihm ein heißes Bad einließ und ihm gleichzeitig etwas zum Essen machte,
ging Oskar in sein Zimmer.
Als er sicher war, dass Kerstin nicht guckte, öffnete er die Hand und ließ etwas in den Topf
des Apfelsinenbaumes auf dem Fensterbrett gleiten.
Das war natürlich UllaCron, die Prinzessin des Regenwurmlandes. Als Kerstin rief, dass das
Badewasser klar war, nahm er sie mit.

Am Montagmorgen kamen die Arbeiter zur Guten Wiese. Um den Asphalt zu legen. Der
Fahrer der Dampfwalze setzte sich auf seinen Platz. Da entdeckte er den Zettel an der
Windschutzscheibe.
Er las:
FAHR ZURÜCK –
AUF KEINEN FALL NACH VORN

„Um so einen Quatsch kümmere ich mich nicht!“, sagte der Fahrer. Er setzte sich zurecht und
fuhr mit Vollgas vorwärts.

Den Tag danach kam eine Hummel in die Wohnung am Anemonenweg gebrummt. Sie landete
auf dem Apfelsinenbaum. Schien damit beschäftigt zu sein, Honig aus einer Blüte zu saugen.
Aber eigentlich warf die Hummel einen kleinen, weißen Zettel in den Topf. Der Zettel war
mit einem Birkenkätzchen zugebunden.
UllaCron und Oskar falteten den Zettel auf und lasen:

Hier kommt ein Gruß aus dem Regenwurmland.


Die Dampfwalze sank natürlich bis zum Dach in den Boden.
Der Fahrer war sehr verwundert!
Die Menschen sind vorsichtiger geworden. Sie haben
beschlossen, die Gute Wiese nicht zu asphaltieren.

Der Junge, der die Regenwürmer rettete Seite 20


Die soll weiterhin ein Platz für Blumen und Würmer sein.
Ulla, lass es dir gut gehen bei Oskar. Ich vermisse dich kein bisschen!
Deine Mama, Königin Margot von Sipprot 1.

Oskar und UllaCron wohnen in dem Zimmer mit dem Apfelsinenbäumchen. Sie streiten sich
und lachen jeden Abend, bis sie einschlafen. Mama Kerstin versteht nicht, was da drinnen
vor sich geht. Redet Oskar mit sich selbst?
An den Tagen, an denen es regnet, gehen sie nach draußen und retten Regenwürmer.
UllaCron schimpft mit den Würmern. Sie sagt streng zu ihnen, sie sollten aufpassen, wohin
sie kriechen und nicht so dumm sein. Oskar nimmt sie dann zwischen Daumen und
Zeigefinger. Weg von der Straße und ab ins Gras.
Oskar geht in die Schule. Manchmal trifft er Benny. Wenn es UllaCron langweilig wird,
schlängelt sie sich eine Weile davon. Um mit ihren Freunden und ihrer Mama zu reden. Und
Stachelbeerhälften mit Himbeersaft und Lavendel zu essen.
Ihr Lieblingsgericht.
Oskar versucht jeden Tag, eine Nuss in einen Goldklumpen zu verzaubern. UllaCron hat
gesagt, dass das wohl gehen kann. Aber er schafft es nicht.
Zumindest jetzt noch nicht.

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