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Geisterfahrer der Einheit

Retrospektiv erweist sich die chronische


Krise der alten Bundesrepublik vor der
Übernahme der DDR als ein fast idyllischer
Zustand, verglichen mit den gesellschaftli-
chen Auflösungstendenzen, die sich seit
1989 beobachten lassen.

Klaus Bittermann

Klaus Bittermann
Geisterfahrer
der Einheit
Kommentare zur Wiedervereinigungskrise
ISBN: 3-89408-047-7

Edition ID-Archiv
Edition ID-Archiv
Geisterfahrer der Einheit

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Klaus Bittermann
Geisterfahrer der Einheit
Kommentare zur Wiedervereinigungskrise

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Klaus Bittermann, geboren 1952, lebt in Berlin und ist freier Autor und Inhalt
Verleger der Edition Tiamat. Die zum Teil schon in verschiedenen
Zeitschriften veröffentlichten Beiträge wurden für die Buchausgabe
überarbeitet und erweitert. Buchveröffentlichung u.a.: Das Sterben der
Phantome. Verbrechen und Öffentlichkeit, Berlin 1988.

Die Gespensterwelt der Ossis


Über Geisterfahrer und Duckmäuser 7
Auf jeden Topf paßt ein Deckelchen 8
»Detlev hatte immer Zeit für mich« 13
Der Freiheitskämpfer bei Aldi 19
Von Scheinasylanten und Wirtschaftsflüchtlingen 25
Klaus Bittermann Im Osten nichts Neues 29
Geisterfahrer der Einheit
Ein Vorschlag zur Güte 33
Kommentare zur Wiedervereinigungskrise
Nachrichten aus dem Ossi-Land 36

Edition ID-Archiv Der Intellektuelle als Kriegshetzer


Postfach 360205 Humanität als Euthanasieprogramm 42
10972 Berlin Die Wiederbelebung nationaler Gefühle 45
ISBN: 3-89408-047-7 Bernard-Henry Lévys Landserromantik 48
Blut und Tränen 52
1. Auflage April 1995
Die Inflation des Völkermords 57
Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben 60
Titel
Eva Meier unter Verwendung eines
Fotos von Christoph Keller Die Fortsetzung des Krieges mit kulturellen Mitteln
Über künstlerisches Engagement in Zeiten
Layout des Krieges 63
seb, Hamburg Susan Sontag und das Kulturereignis der Saison 64
Die kulturelle Propagandaschlacht in Sarajevo 67
Druck »Bosna!« und die pathische Schlichtheit eines Weltbildes 71
Winddruck, Siegen Das Kulturunternehmen BHL 74
Kulturoffensive an der Heimatfront 78
Buchhandelsauslieferungen
BRD: Rotation Vertrieb
Freunde fürs Leben
Schweiz: Pinkus Genossenschaft
Österreich: Herder Auslieferung
Wie Henryk M. Broder einmal einen »linken
Niederlande: Papieren Tijger Nazi« entdeckt und endlich Anschluß gefunden hat 81
Wie die Identität unter die Deutschen kam Die Gespensterwelt der Ossis
Die Linke als Geburtshelfer nationaler Gefühle 94 Über Geisterfahrer und Duckmäuser
Die Robert-Lembke-Sparschweinfrage 96
Wahn und patriotische Gesinnung 99
Kultur und Beschwörung 102
Geständnisdrang und Bekenntniszwang 104
Patriotismus als Frage geistiger Hygiene 106
Identität im Sonderangebot 110
Der Kampf um die Meinungsführerschaft 114
Die Gefahr aus dem Osten 116

Begegnungen der vierten Art Seitdem sie in Leipzig »Wir sind ein Volk« skandierten, ist
oder: Sieger sehen anders aus die neutrale Rede von den Ossis als der Bevölkerung eines
»Überall Stimmen der Menschlichkeit« 121 Landes obsolet geworden. Ein in Deutschland seit der LTI
Über die »erste erfolgreiche deutsche Revolution« 126 von Victor Klemperer nicht mehr harmloses Wort (»›Volk‹
Geliebtes Vaterland 129 wird jetzt beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie
»Ausländer sind Ausländer« 133 Salz beim Essen.«) erlebte eine Renaissance, »Volk« wurde
»Mein Freund ist Ausländer« oder auch nicht 134 zum Kampfbegriff, zur Drohung. Die negative Konnotation
Menschlichkeit 136 der Selbstbezichtigung zum Völkischen, zur Rasse, war
Gerade wir als Deutsche 139 nicht bloß die vorübergehende Begleiterscheinung eines hi-
Opfer der Opfer 143 storischen Prozesses, sondern drückte bereits die Absicht
Grosny, Bosnien und die Intellektuellen 145 der Ossis aus, damit ernst zu machen, und wie immer in sol-
Über die Fortsetzung eines Skandals 148 chen Fällen, ging es als erstes gegen die Ausländer.
Der Verdacht, daß sich in den Massenaufmärschen eine
Die Verdienste der Stasi geheime Traditionslinie zur Devise Hitlers »Eine Rasse sind
auf dem Weg zur inneren Einheit 157 wir nicht, eine Rasse müssen wir erst werden« finden lassen
müsse, wurde zur Gewißheit. Zwar nicht als Wiedergeburt
des Ariers, aber auch die damals wie heute degenerierte
»nordische Rasse«, die dem blond und blauäugigen Ideal
nur in Ausnahmefällen entsprach, definierte sich ja
hauptsächlich durch die Ausgrenzung des »Andersartigen«,
welches für »die Zersetzung des gesunden Volkskörpers«
verantwortlich gemacht wurde. In der Zusammenrottung
der Ossis kam die Phobie, von Fremden im eigenen Land
bedroht zu sein, zum Vorschein. Hinter dem Schlachtruf

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von Leipzig verbarg sich nur notdürftig seine logische Kon- ein faules Pack waren, wußten die Ossis schon immer, durch
sequenz: »Ausländer raus!« die Streiks war der für ihr Vorurteil gar nicht nötige Beweis
Die Gunst der Stunde war auf der Seite der Ossis, und endgültig erbracht. Statt Solidarität mit den Danziger
vielen wurde schon beim Zugucken ganz vaterländisch zu- Werftarbeitern zu üben, achteten sie darauf, daß sich der
mute. Die Nationalhymne hatte kurzfristig Hochkonjunk- über die DDR führende Revolutionstourismus aus dem We-
tur. Aber hinter dem völkisch geäußerten Wunsch nach so- sten in Grenzen hielt. Schließlich durfte man ja selbst auch
fortigem Anschluß an die BRD steckten nicht nur die Heim- nicht mehr nach Polen. Nicht, daß sich die Ossis darüber
ins-Reich- und Ausländer-raus-Gefühle, sondern auch die sonderlich aufgeregt hätten, aber in diesem Fall schien ih-
blanke Habsucht auf westlichen Ramsch. Diese ekelhafte nen der Gleichheitsgrundsatz schon sinnvoll zu sein. Ihre
Mischung aus Raffgier und Volksgegröle machte die Ossis Aversionen gegen die-noch-weiter-drüben rühren vermut-
zu einer unverwechselbaren Spezies, weshalb sie in der BRD lich aus einer Zeit, in der die Polen als Untermenschen gal-
genauso wie in den Neckermann-Urlaubsländern sofort als ten. Die Politik der DDR-Regierung kam den Ressenti-
Ossis identifiziert wurden. Das war bitter für sie, die sich ments der Ossis entgegen, und dafür waren sie ihrer
durch die schöne neue Welt des Wirtschaftswunderlandes Führung, dafür waren sie Honecker und Ulbricht dankbar.
hindurchfressen wollten. Auch sonst hatten die Ossis für die Freiheitsbestrebun-
Daraus wurde nichts. Statt in einer großen Volksgemein- gen der sozialistischen Bruderländer kein Verständnis: Auch
schaft aufzugehen, wurden die Ossis als das erkannt, was sie wenn sie 1968 nicht direkt beim Einmarsch der SU in Prag
schon immer waren: äußerst unangenehme Zeitgenossen, durch den Warschauer Pakt in die Pflicht genommen wur-
die auf bisher unbekannte Weise Selbstmitleid und Barbarei den, hätten sich die Ossis auch ohne Militärbündnis nicht
als wirksame und erpresserische Waffe einsetzten. Ein Volk zweimal bitten lassen, dem als Sozialismus mit menschli-
wollten die Ossis werden, und es kann nicht ausgeschlossen chem Antlitz getarnten Virus aus dem Westen den Garaus
werden, daß daraus noch etwas wird. Die besten Vorausset- zu machen. Jedenfalls ist nicht bekannt, daß sich die Ossis zu
zungen bringen sie jedenfalls mit: Als Mob auf der Straße Solidaritätsaktionen mit den aufmüpfigen Brudervölkern
haben sie sich bereits qualifiziert. und den gemäßigten Reformpolitikern hinreißen ließen, ja
nicht einmal zu einer der damals so beliebten und infla-
tionären »Grußbotschaft an das Volk/die Arbeiter/die Strei-
Auf jeden Topf paßt ein Deckelchen
kenden« (Zutreffendes bitte ankreuzen) reichte es. Solange
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft
die internationale Solidarität mit irgendwelchen unter-
Vierzig Jahre lang waren die Ossis die Vorzeigekommuni- drückten Völkern irgendwo weit weg auf einem anderen
sten im östlichen Staatenbündnis. Anders als bei den Tsche- Kontinent gepflegt wurde und nicht im eigenen Land, so-
chen und Polen waren Klagen über ihre sozialistische Ar- lange war man auch bereit, die endlosen Solidaritätser-
beitsmoral nicht zu vernehmen, und selbst den Luxus des klärungen im Neuen Deutschland oder auf Parteiversammlun-
vom Westen spöttisch belächelten Schlendrians leisteten sie gen auf sich niedertröpfeln zu lassen. Kamen dennoch
sich nicht. Streiks wie in Polen waren undenkbar und riefen Fremdarbeiter ins Land, waren sie den Ossis kaserniert am
bei den Ossis heftige Ressentiments hervor. Daß die Polen liebsten, auch wenn sie damals schon darüber murrten, daß

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die »Fidschis« und »Mossis«, wie die Ossis die Gastarbeiter Wohnzimmer ihr eigen nennen: den Farbfernseher. Damit
aus Vietnam und Mosambik nannten, nur zum »Abgreifen« haben sie die westliche Quote um 5 Prozent überflügelt,
gekommen wären, plötzlich ihre innige Liebe zu den Ost- oder, wie es in der Ostsprache korrekt heißen würde, »das
produkten entdeckend, über deren Qualität sie sonst nur Plansoll übererfüllt«. Auch in allen anderen unverzichtbaren
maulten. Dingen des alltäglichen Schonbezuglebens haben die Ossis
Infolgedessen bleibt der Ossi aus dieser Zeit als zuverläs- nachgerüstet. Aber allein die Vorstellung, es könnte ihnen
siger Volksgenosse in Erinnerung, in einer immer etwas zu schlechter gehen, bereitet den Ossis argen Kummer. Nir-
engen, über den Schwabbelbauch spannenden und auf gendwo sonst ist das Denken im Konjunktiv so sensibel, da-
Hochwasser stehenden Uniform in dezentem Mausgrau, die bei schmalzt und schleimt doch jetzt auch da drüben das Zu-
ebenso zur verklemmten Geisteshaltung paßte wie zu den kunftsangstbewältigungsduo Peter Alexander und Heintje
zahlreichen Staats- und Betriebsfeiern. Unvergeßlich auch aus der Flimmerkiste. Wozu haben die Ossis sonst eine Re-
der vom nagenden Neid säuerliche und miesepetrige Be- volution aufs Parkett gelegt, wenn nicht für diese kulturelle
fehlston an der ehemaligen deutschdeutschen Grenze, dieses Bereicherung im rechteckigen Format der Geselligkeit?
unnachahmliche in der SED-Eintopfsprache geblaffte Immer wieder wird der Vergleich zwischen dem Natio-
»Gännse fleisch den Goffäraum aufmachn« oder »Fahnse nalsozialismus und der DDR bemüht, um deutlich zu ma-
ma rächts ran«, mit dem sie die Westreisenden mit Vorliebe chen, unter welcher unmenschlichen Diktatur die Ossis ge-
drangsalierten. litten hatten. Vergeblich wird man jedoch nach den sechs
Aber obwohl sich die Direktiven der Staatsführung und Millionen Ermordeten fahnden, die man dem SED-Regime
die Mißgunst der Ossis nahtlos zur Deckung bringen ließen, gerne unterschieben würde. Nicht mal ein paar richtige sta-
kann man nicht behaupten, daß sich die Parteiführung un- linistische Schauprozesse hatte es gegeben, an denen man
beschränkter Beliebtheit bei den Ossis erfreute. Und wer die sich heute delektieren könnte, obwohl die SED-Genossen
Jubelparaden bei den Aufmärschen zum Ersten Mai dahin- immer als die Müsterschüler Stalins galten. Selbst in diesem
gehend interpretiert, hat keine Ahnung von deren Psycholo- Heimspiel hatte die DDR nur eine Posse zustandegebracht,
gie. Was die Ossis ihrer Führung wirklich ankreideten, war, die zwischen Harich und Janka dann noch einmal aufge-
daß sie im Leistungsvergleich der Systeme hoffnungslos un- wärmt wurde und außer einem überflüssigen Buch nichts
terlegen waren. Was waren schon billige Mieten, kostenlose hinterließ. Oder waren es zwei? Statt Terror, Krieg und Ver-
Krankenversorgung und Arbeitsplatzgarantie gegen ein wüstung mit sich zu bringen, war die DDR für ihre Bewoh-
schnelles Westauto? Später, als die Ossis es dann endlich ner vielmehr eine Insel des Friedens, auch wenn es hinter
hatten, setzten sie es an den nächsten Baum und jammerten den Kulissen etwas muffelte. Dennoch haben der National-
über steigende Mieten, eine teure Krankenversicherung und sozialismus und die DDR etwas gemeinsam. Aber diese Ge-
Arbeitslosigkeit. meinsamkeit ist für die Ossis alles andere als schmeichelhaft,
Dabei geht es ihnen gar nicht so schlecht, wie neuere denn für sie trifft zu, was Hannah Arendt über die Deut-
Untersuchungen ergeben haben. 94 Prozent der ostdeut- schen zwischen ’33 und ’45 schrieb: »Es gab im Dritten
schen Haushalte können inzwischen den wichtigsten Fern- Reich nur wenige Menschen, die die späteren Verbrechen
bedienungs-Gebrauchsgegenstand im nußbaumfurnierten des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine

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große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszu- ten wie die »Jugendweihe«, von der man auf Anhieb nicht
führen.« weiß, ob sie der Epoche vor oder nach ’45 entstammt, die
Nur der Tatsache, daß die staatliche Repressionsmaschi- man in jedem Fall für einen heidnischen Kult halten könnte,
ne der DDR mit internationalen Standards nicht Schritt hal- erfreuen sich bei den Ossis nach wie vor großer Beliebtheit.
ten konnte und der damit zu verzeichnende Erfolg geradezu
harmlos war im Vergleich zur Einführung des Kapitalismus
»Detlev hatte immer Zeit für mich«
in den ehemaligen Ostblockländern, haben es die Ossis zu
Die friedliche Koexistenz von Stasis und Ossis
verdanken, daß sie gar nicht die Möglichkeit hatten, sich so
aufzuführen, wie es die Deutschen unter Idealbedingungen Der mit Abstand beliebteste Verein jedoch mit dem größten
offensichtlich gerne tun. Auch wenn die Ossis mit ihrer Re- Zulauf aus allen Altersschichten ohne Ansehen von Rang
gierung nie so recht zufrieden waren, behielten sie ihre Mei- und Beruf war die Stasi. Folgt man den täglich neuen Ent-
nung lieber für sich. Dennoch waren sie bereit, »Pionier- hüllungen über IMs, den auszugsweise veröffentlichten tele-
und Spitzenleistungen im ökonomisch-kulturellen Lei- phonbuchlangen Listen von Spitzeln, wird man den Ver-
stungsvergleich« zu erbringen. Was immer diese »Pispilei dacht nicht los, daß die Objekte der Ausspähung in der hoff-
im Ökulei« (so die korrekte Abkürzung im DDR-Sprachge- nungslosen Minderzahl waren. Da blieb es natürlich nicht
brauch) gewesen sein mögen (vielleicht sowas wie ein in den aus, daß sich die Ossis gegenseitig bespitzelten, woraus sich
realsozialistischen Jargon übersetzter Voodoo-Zauber?), die schließen läßt, daß es sich dabei um eine Art Volkssport ge-
Ossis taten auf Geheiß der Partei anscheinend sehr myste- handelt haben muß, der als Dienst an der Allgemeinheit und
riöse und obskure Dinge, die offensichtlich nur dazu da wa- nicht als ehrenrührige Tätigkeit verstanden wurde. Immer
ren, um die Gefolgschaftstreue zu testen. Man könnte diese mehr stellt sich jedenfalls heraus, daß es kaum jemanden ge-
zwischen dezentem Murren und vorbehaltloser Pfadfinder- geben hat, der nicht ein bißchen mit der Stasi gekungelt und
bereitschaft schwankende Haltung als eine Art kritischen geschunkelt hatte.
Opportunismus bezeichnen, nur daß sich das Kritische qua- Weil aber die massenhafte Erhebung von absolut un-
si ins innere Exil verflüchtigte und somit nur der Opportu- wichtigen Informationen genauso sinnlos ist wie jeder ande-
nismus übrigblieb, davon aber üppige Portionen. re beliebige Volkssport, kann man dem mangelnden Un-
Unter der Partei, die sich in den Alltag, in die Arbeit und rechtsbewußtsein der Ossis sogar eine gewisse Plausibilität
die Familie einmischte und deshalb durchaus enervierend abgewinnen. Nichts Langweiligeres und so völlig ohne Be-
hätte sein können, haben die Ossis mitnichten gelitten. lang als die in den Feuilletons breitgetretenen Verdächti-
Wurden sie etwa dazu gezwungen, ihre Kinder in die FDJ zu gungen und aufgeblasenen Entlarvungen oder die als
schicken? Nicht mal mit Bananen brauchte man sie dazu zu schwerverkäuflicher Ramsch auf den Buchmarkt geworfe-
ködern. Mußte man sie etwa in irgendwelche Betriebszellen nen Spitzelberichte und Aktenvermerke. Die haben bei der
prügeln? Keine Extraration Schokolade wurde ihnen dafür Lektüre die gleiche Wirkung wie Valium, und wie beim ähn-
in Aussicht gestellt. Waren sie auf ihre jungen Pionierpimp- lich ermüdenden Büttenredner müßte man schon durch ein
fe nicht mindestens so stolz wie die Deutschen auf ihre Hit- Tusch aufgeweckt werden, um an der richtigen Stelle gäh-
lerjugend? Aber sicher! Und so merkwürdige Gepflogenhei- nen zu können. Daß mit diesen Einschläferungsmittelchen

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in der Öffentlichkeit nun herumgewedelt wird, ist höchstens Erich Honecker, den abgeschobenen Stefan Krawczyk doch
peinlich, hat aber weder mit Schuld etwas zu tun, noch tau- wieder zurückzunehmen. Vergebens. Die Rache des alten
gen sie als Beweis für ein verbrecherisches Regime. Wenn es Politbürokaders ist fürchterlich; der durch die DDR-Blind-
den Ossis Spaß machte, sich gegenseitig in ihrer Intimsphä- gänger angerichtete Flurschaden in der Medienlandschaft
re zu beschnüffeln, dann mag das zwar in anderen Kultur- nicht mehr gutzumachen. Heute setzt Krawczyk seine sub-
kreisen etwas befremdlich erscheinen, nicht weniger be- versive Tätigkeit bei der PDS fort und tut sein Bestes, um
fremdlich ist jedoch auch das voyeristische Interesse an die- die potentiellen Wähler der Partei zu vergraulen.
sem eher unappetitlichen Detail in der Psychologie der Os- Die Stasi war also in einer gewissen Weise ziemlich
sis, von dem bezeichnenderweise die sich als DDR-Opposi- durchtrieben und clever, was dem Bild vom stalinistischen
tion mißverstehenden Ost-Dichter und Ost-Pastoren gar Instrument ganz und gar nicht entspricht. Außerdem erfüll-
nicht genug kriegen können, jedenfalls solange keine Akte te sie für die Ossis einfach auch eine therapeutische Funk-
über sie selbst gefunden wird. tion. Drogentote, Rauschgiftsüchtige, Penner und Bettler
Über die Nachstellungen der Stasi beklagt sich am mei- verunzierten im Osten nicht das Straßenbild. Da mußte nie-
sten die Opposition, die diesen Namen deshalb kaum ver- mand im gesellschaftlichen Abseits stehen, da mußte nie-
dient, weil sie sich hinter den Rockschößen der Kirche ver- mand einsam und auf sich selbst zurückgeworfen sein, dafür
schanzte und ihre Kritik ungefähr den Koffeingehalt vom gab es mitfühlende und aufmerksam zuhörende Führungsof-
»Wort zum Sonntag« hatte. Mitleid mit dieser Sanso- fiziere, die als Seelenklempner mit der westlichen Kummer-
Schmuseopposition, die es schon für einen Widerstandsakt kastenrubrik »Fragen Sie Frau Irene« aufs heftigste konkur-
hielt, wenn sie einen Liederabend veranstaltete oder über die rierten. »Die Stasi hat mir Wurzeln gegeben, hat mir Ge-
Methoden des sanften Gebärens plauderte, mußte man borgenheit vermittelt. Ich konnte Tag und Nacht anrufen,
höchstens deswegen haben, weil ihre selbstgestrickte Lyrik, Detlev hatte immer für mich Zeit.« Wer wollte der hilfsbe-
ihre zusammengeschusterten Klampfenstücke und ihr krypti- dürftigen Seele von Monika, von der diese rührseligen Zei-
sches Öko- und Friedensgefasel mit subversivem Gedanken- len stammen, oder der herzensguten von Detlev, dem Ost-
gut verwechselt wurde. Weil sie aber nicht bloß einfältig war, modell einer Avonberaterin, ernsthaft böse sein? Sie etwa,
sondern vor allem ein Verein von Nervensägen, muß man zu- der Sie gerade so beleidigt aus der Wäsche gucken?
geben, daß die Maßnahme Mielkes, einige von ihnen in den Im Gegensatz zu dem von Hast, Konkurrenz und Zeit-
Westen abzuschieben, eine Wohltat für die geplagten Stasis ist-Geld getriebenen Wessi, so hieß die frohe Botschaft hin-
gewesen sein dürfte, eine Tat außerdem, zu der man ihn nur ter Monikas zerknirschtem Wurzelbekenntnis, nahmen sich
beglückwünschen konnte. Denn Mielke durfte sich sogar die die Ossis Zeit füreinander, standen sich mit Rat und Tat zur
berechtigte Hoffnung machen, sich ihrer als Geheimwaffe Seite, spendeten sich Trost und Hoffnung, lauschten, horch-
gegen den westlichen Kulturbetrieb bedienen zu können, der ten, brabbelten und salbaderten. Noch heute glauben die
durch die unerträglichen Laienprediger mit dem Verfolgten- Ossis daran, daß ihre Welt »rein zwischenmenschlich gese-
bonus noch unerträglicher wurde als er vorher schon war. hen« eine Art verlorenes Paradies gegenseitiger Hilfe und
Damals, als es noch nicht ganz zu spät war, wandte sich Kommunikationsfreude gewesen sei. Bei vorurteilsloser Be-
Wiglaf Droste mit der »Bitte um humanitäre Hilfe« an trachtung muß man jedoch feststellen, daß ihr Alltag schon

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immer von blankem Neid und spießigem Ressentiment ge- Adresse in der DDR gewesen war, mit der man reden konn-
prägt war. Nichtsdestoweniger glauben die Ossis tatsächlich, te. Die Stasi also als intellektueller Debattierklub oder als
an sich eine humane Eigenschaft entdeckt zu haben, dessen soziales Unternehmen, das die Ossis erfolgreich an der Ver-
Verlust bei ihnen heute Sehnsüchte nach der guten alten wirklichung ihrer geheimen Wünsche gehindert hat? Will
Zeit weckt, aber in der sentimentalen Verklärung der Ver- das jemand? Nein? Dann muß er auch anerkennen, daß der
gangenheit leugnen sie die Voraussetzung, die zum Bespit- Verdacht von der friedlichen Koexistenz von Stasis und Os-
zeln als Volkssport führte, nämlich daß man den anderen sis nicht mehr von der Hand zu weisen ist.
nicht leiden konnte, weil man in ihm die eigene Schäbigkeit »Millionen Deutsche litten unter der Stasi, diesem or-
wiedererkannte. Nun würden die Ossis gegen solche Unter- wellhaften System der Überwachung und Einschüchterung
stellungen aufs heftigste protestieren, und zur Widerlegung – und leiden noch immer unter den Folgen«, heißt es, und
der These von der symbiotischen Beziehung zwischen Stasis man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen, daß die
und Ossis würden sie sogar die Statistik aus dem Hause Ossis dieses überall herumposaunte Märchen von den bösen
Gauck auf ihrer Seite haben, derzufolge »nur« 150 000 Räubern mit den Deutschen in der Rolle von Hänsel und
DDR-Bürger »als IMs bei der Staatssicherheit gewirkt« hät- Gretel für die lautere Wahrheit halten und sofort mit einem
ten. Aber selbst die Richtigkeit einer solchen Zahl vorausge- Meineid bezeugen würden. Dabei weiß man doch spätestens
setzt, denn die Dunkelziffer ist bekanntlich immer um eini- nach der Veröffentlichung der Memoiren Vera Wollenber-
ges höher, ganz zu schweigen von den ganz normalen Ange- gers, daß sich die Ossis auch für eine Blumenkohlsuppe von
stellten der wahrscheinlich größten Behörde auf deutschem der Stasi anwerben ließen. Und was heißt schon »orwellhaf-
Boden, schneiden die Ossis deshalb noch lange nicht besser tes System der Überwachung«, wenn jeder weiß, daß die
ab. DDR dafür weder das technologische Know-how noch die
Spätestens nach Hoyerswerda und Rostock müßte sich High-Tech hatte, um die Ossis flächendeckend zu kontrol-
jeder Mensch mit einem halbwegs intakten moralischen lieren? Mit dem primitiven, aus dem letzten Jahrhundert
Empfinden fragen, ob die Stasi nicht vielleicht doch eine stammenden Spitzelbericht in fünffacher Ausfertigung läßt
nützliche Einrichtung war, denn immerhin sind unter ihrem sich jedenfalls kein Orwellstaat machen, der inzwischen ja
wachsamen Auge 40 Jahre lang derartige Pogrome nicht auch schon etwas antiquiert und angestaubt ist, und jeder Si-
vorgekommen. Und wirklich beschleicht den fassungslosen cherheitsexperte im Westen würde über die rührenden Me-
Beobachter angesichts der dosenbierausdünstenden, aufge- thoden der Stasi nur milde lächeln. Und überhaupt: Haben
schwemmten, von Jogginganzügen unzulänglich verhüllten, die Millionen leidenden Deutschen denn nicht sowieso alles
deformierten Fettmassen mit den signalroten Alkoholbirnen getan, um der Regierung keinen Grund für Beanstandungen
das Gefühl, daß die Stasi gar nicht so übel war. Schon aus an ihrem Verhalten zu geben? Fragen über Fragen und kei-
rein ästhetischen Gründen hat sie sich zweifelsfrei Verdien- ne vernünftige Antwort.
ste erworben, als sie diese Ossis unter Verschluß hielt. Und Als »Leibeigene einer internationalen kriminellen Verei-
auch Heiner Müllers Antwort auf die Stasivorwürfe hätte nigung« sehen sich die Ossis, um aller Welt drastisch vor
dann durchaus etwas für sich, jedenfalls wäre nicht auszu- Augen zu führen, wie gemein, niederträchtig und hinterhäl-
schließen, daß die Staatssicherheit die einzige intelligente tig die Stasi war, die sie sogar zu »Erfüllungsgehilfen dieser

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Bande« herabgewürdigt hat. Wenn diesen Worten einer ge- lassen sich Ossis bereits für den nächsten Verein von Hilfs-
wissen Irene Böhme schon kein Gedanke zu entnehmen ist, sheriffs anwerben, der dem Bundesgrenzschutz bei der »Ab-
so doch zumindest ein Hintergedanke. Die Milchmädchen- wehr der Asylantenflut« an der Ostgrenze behilflich sein
rechnung in Ostwährung lautet, daß man als Sklave für seine soll, d.h. für eine paramilitärische Organisation, die dem
Taten nicht verantwortlich ist. Daß eine kriminelle Vereini- Ossi aus vergangenen Zeiten eigentlich ziemlich bekannt
gung Sklaven produziert, also Wesen, denen angesichts der vorkommen müßte. Und diesmal müssen sie keinen Staats-
unmittelbar drohenden Todesstrafe nichts anderes übrig- feind, der aus irgendwelchen Schwertern Pflugscharen ba-
bleibt, als zu tun, was man von ihnen verlangt, ist einmalig in steln wollte, beim Entleeren der Mülltonne zugucken, son-
der bisherigen Geschichte und auch ein bißchen lächerlich, dern dürfen mit Radargeräten und Infrarot spielen, Men-
weiß man doch spätestens seit der RAF, daß eine solche Or- schen im Nahkampf ganz legal die Knochen brechen,
ganisation geradezu auf selbständig handelnde Individuen, zurück in die Oder schmeißen oder ein bißchen an ihnen
auf flexible, entscheidungsfreudige und starke Persönlich- herumkokeln, wofür sie in Hoyerswerda und Rostock schon
keiten angewiesen ist. Die Ossis waren nicht einmal insofern mal üben durften.
Leibeigene, als sie sich deren Mentalität zu eigen gemacht
hätten, denn aus einem stolzen »Morituri te salutant« mach-
Der Freiheitskämpfer bei Aldi
ten sie ein verdruckstes »Hoch auf unseren Genossen
Die Bananen-Revolution und ihre peinlichen Folgen
Staatsratsvorsitzenden«.
Unterstellt man dem Argument vom Ossi als »Leibeige- Mit der beschaulichen und durchaus friedfertigen Stim-
nem« und erniedrigten »Erfüllungsgehilfen«, d.h. als Opfer, mung, die eine Regierung und ein Volk, die perfekt zueinan-
eine Logik (was gar nicht so einfach ist, aber was tut man der passen, eben erzeugen, war es 1989 vorbei. Wie der Esel,
nicht alles, um auf die Ossis – schreckliche Vorstellung – der aufs Eis geht, wenn es ihm zu gut geht, waren die Ossis
»zuzugehen«), dann sollte man meinen, daß mit dem »Sturz von einem unstillbaren Heißhunger nach Westware getrie-
des Honecker-Regimes« und seit der Wiedervereinigung ben. Schuld daran war ihre Raffgier, die sich schon zu DDR-
aus Knechten Citoyens geworden sind, denen ihr Erfül- Zeiten im unentwegten Organisieren von Gegenständen
lungsgehilfendasein wie Schuppen von den Augen gefallen herausgebildet hatte. Dabei drehte es sich bei diesem Spiel
ist. Ein bißchen plötzlich vielleicht, aber seien wir großzügig weniger darum, daß die Ossis etwas brauchen konnten, son-
gegenüber den »lebendig eingemauerten« Brüdern und dern darum, daß sie es besaßen. Im Vergleich der Systeme
Schwestern aus dem ehemaligen »DDR-Volksgefängnis«. stellten sie fest, daß es im Westen noch viel mehr zu holen
Die abgepreßten Schnüffeldienste als Stasibüttel müßten gab, die BRD mithin das Land war, das ihre unersättliche
dem neugebackenen Bürger aus dem Osten inzwischen so Sucht nach Plunder befriedigen konnte.
widerwärtig sein, daß es gar keine Frage ist: Für die nächsten Deshalb flüchteten die Ossis massenhaft in die BRD-
drei Generationen sind die Ossis für derartiges nicht mehr Botschaften von Budapest, Prag und Warschau und stellten
zu gebrauchen. Aber während gerade mit heißer Nadel an die örtlichen Behörden vor erhebliche sanitäre und huma-
der neuesten Stasigreueltat gestrickt wird, die Druckfarbe nitäre Probleme. Ohne Not und Gefahr fürs eigene Leben
der Zeugnisse von, aus und über IMs noch nicht trocken ist, führten die Ossis rücksichtslos gegen sich und andere un-

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haltbare und chaotische Zustände herbei. Im Gegensatz aber litik kapitulierte und freiwillig das Feld räumte, hielten sich
zur Toleranz, mit der man den Wirtschaftsflüchtlingen in die Ossis ernsthaft für Freiheitskämpfer, die eine Regierung
Prag begegnete, haben die Ossis für Flüchtlinge, die aus gestürzt hatten. Gegenüber diesem Aberglauben kann sogar
wirklichen Krisengebieten kommen und deren Leben eine gewagte These wie die, daß die Regierung von den
tatsächlich auf dem Spiel steht, nichts übrig. duckmäuserischen und opportunistischen Ossis die Nase
Das Kleinliche, Stickige, Miefige der DDR-Zeit hatte voll hatte und deshalb kampflos das Feld räumte, mehr Plau-
sich Luft verschafft. Zunächst in einer Flucht, die der von ei- sibilität für sich in Anspruch nehmen.
nem sinkendem Schiff glich, nach dem Motto »Rette sich Sich selbst zum Befreiungshelden zu stilisieren, hieß, die
wer kann«, ganz gleich, wer dabei auf der Strecke bleibt, den Verhältnisse in der DDR als Willkürregime zu denunzieren,
letzten beißen eben die Hunde. Für die Stabilität der Psyche das die Menschen massenweise hinter Gitter sperrte und zu
schien es nicht mehr auszureichen, sich gegenseitig und Dutzenden vor die Erschießungskommandos stellte,
außerdem noch folgenlos bei der Stasi zu verpetzen, weil El- während die Ossis an dieser Diktatur doch selbst fleißig mit-
friede mal wieder über das Waschpulver gemeckert hatte. gewirkt hatten, unter der man Karriere gemacht oder zu-
17 000 Familienväter suchten das Weite und überließen die mindest ein erträgliches Auskommen gefunden hatte.
verlassenen Frauen und Kinder ihrem Schicksal. Man hätte Daß sie sich mit den Verhältnissen arrangierten, ist ein
als unbeteiligter Beobachter den Eindruck gewinnen kön- menschlicher Zug und ihnen nicht vorzuwerfen. Weil die
nen, in der DDR wäre der Bürgerkrieg ausgebrochen, maro- Ossis aber den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat
dierende Banden und Killerkommandos auf ständiger Suche nicht etwa durch passiven Widerstand mürbe machten, son-
nach dem nächsten unschuldigen Zivilopfer, welches unter dern sich nach Kräften bemühten, das Staatssicherheits- und
Hunger und Seuchen schon genug zu leiden hat, weshalb andere Plansolls zu erfüllen, wird im nachhinein auch klar,
sich alle zivilisatorischen Mechanismen und familiären Ban- warum der Sturm auf das MfS-Gebäude so harmlos verlief.
de in Auflösung befanden. Nichts dergleichen ließ sich be- Die Wut auf die »Zentrale des Terrors« hielt sich in Gren-
obachten, und wenn von Krieg überhaupt die Rede sein zen, weil diese für die Ossis viel mehr eine Arbeitsbeschaf-
konnte, dann von dem Krieg in den Familien, der den west- fungsmaßnahme bedeutete als ein Instrument der Unter-
lichen Verwandten während ihrer Besuche als zutiefst drückung. Daß die ostdeutsche Variante vom Sturm auf die
quälend und deprimierend in Erinnerung ist. Bastille überhaupt stattfand, läßt sich aus dem Ärger darüber
Weil die DDR-Regierung, bekannt aus Film, Funk und erklären, daß die einst so übermächtigen staatlichen Organe
Fernsehen für massenhaft begangene Greueltaten, die hu- von selbst ihren Geist aufgegeben hatten, mithin die Ein-
mane Größe besaß, die verantwortungslosen Ossis mit der sicht, daß man Jahrzehnte lang auf einen Pappkameraden
Schlußverkaufsmentalität und dem Bananenhunger gehen hereingefallen war, nicht gerade erhebende Gefühle hervor-
zu lassen, durften sich die Zurückgebliebenen ermutigt rief.
fühlen, die »erste friedliche Revolution auf deutschem Bo- Sich als einen die SED-Diktatur furchtlos beiseitefegen-
den« zu begehen, von der heute kaum jemand mehr etwas den Revolutionär feiern zu lassen, aber bloß gegen Wind-
wissen will und die so peinlich ist wie früher die ganze DDR. mühlen gefochten zu haben, als politisch verfolgtes Opfer
Obwohl die Staats- und Parteiführung vor ihrer eigenen Po- bedauert zu werden, aber nur den neuen Mittelklassewagen

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von Opel im Kopf zu haben, konnte nicht lange gut gehen. westdeutschen Sieger«. Das im Chor vorgetragene Lamento
Selbst dem gutwilligsten Trottel im Westen wurde der ist dabei so einfach gar nicht zu verstehen. Hinter der be-
Kaufrausch der Ossis schnell zuviel, und durch das massen- drohlichen Forderung nach Anschluß mit der Parole
hafte Einfallen in Westberlin und den grenznahen Bezirken »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, dann ...«
waren sie obendrein zu einer schwer zu ertragenden Belästi- kroch unterwürfig die völlige Selbstpreisgabe hervor. Der so
gung geworden. Die sogenannte Wiedersehensfreude nach unter Druck stehenden BRD-Regierung blieb da gar nichts
vierzig Jahren Trennung hatte wenig mit der Liebe zum anderes übrig, als ihre Skrupel abzulegen und der Einladung
Nächsten zu tun, sondern mit der Liebe der Ossis zu Beate der Ossis nachzukommen. Einer Regierung, der man solche
Uhse, Bananen und Aldi. Die Ossis zeigten sich ohne Scheu Avancen macht, kann man später nicht vorwerfen, sie hätte
von ihrer ungemütlichen Seite. Es gab also keinen Grund, sich unrechtmäßig an der Unschuld einer Bevölkerung ver-
die Ossis zu mögen, weshalb dann auch die offiziellen Wie- griffen, selbst dann nicht, wenn sie in der DDR wie in einem
dervereinigungsfeiern ziemlich trostlos verliefen. Der Lack Selbstbedienungsladen zugegriffen hätte. Aber in den Rega-
vom Freiheitskämpfer war ab, die Verwicklungen mit der len herrschte bis auf ein paar Dosen mit radioaktivem Müll
Stasi wurden immer offensichtlicher. Der Ossi hatte sich als gähnende Leere, und in der einen oder anderen verstaubten
ziemlich jämmerliche Gestalt entpuppt. Ecke stehen immer noch die vergammelten Betriebe, die die
Und er litt zunehmend an Realitätsverlust. Konnte er die Treuhand lange Zeit auf dem internationalen Kapitalmarkt
Einheit zuerst nicht schnell genug bekommen, fühlt er sich wie Sauerbier anbot und wenn überhaupt, dann nur mit rie-
jetzt von den Wessis überfahren und betrogen. Als bemitlei- sigen Verlusten losschlagen konnte, mit Zugeständnissen
denswerte und arme Kreatur halten es die Ossis für selbst- und Gepflogenheiten obendrein, die man bislang nur aus
verständlich, daß die Wessis ihnen unter die Arme greifen. der Planwirtschaft kannte.
»Nicht über die Kosten aufregen, wir haben mit vielen Jah- Waren es früher nur Bohnenkaffee und Schokolade, for-
ren verlorenen Lebens bezahlt«, sagen sie und glauben allen dern die Ossis jetzt quengelnd und gebieterisch zugleich
Ernstes daran, daß ihnen der Westen eine Art Wiedergut- Milliardenzuschüsse für eine Investitionsruine. Dabei hätten
machung schulde. »Nicht immer ans Geld denken«, halten die rudimentärsten Kenntnisse im Pflichtfach Politische
sie den Wessis vor und denken selbst immer nur an das eine. Ökonomie auch etwas Minderbemittelten zur Einsicht ver-
Jede Mark, die nicht in den »Aufschwung Ost« fließt, halten helfen können, daß eine Wirtschaft, ganz gleich wie potent
sie für Verschwendung und eine ihnen unrechtmäßig vor- sie sein mag, nicht 16 Millionen trübe Tassen verkraften, ge-
enthaltene Unterhaltszahlung. Bitter beschweren sie sich nausowenig wie sie aus einer abbruchreifen eine internatio-
darüber bei den Wessis: »Sie tun, als ob wir ihnen was weg- nal konkurrenzfähige Volkswirtschaft machen kann. Als der
nehmen, könnte ja eine Mark in der Lohntüte fehlen.« Wirtschaft dann auch im Westen langsam die Luft ausging,
Selbst auf eine Mark in der Lohntüte zu verzichten zugun- konnten nur 21 Prozent der Ossis einen Zusammenhang
sten von Leuten, die noch weniger haben als sie, käme einem herstellen zwischen den Milliardenzuschüssen für den Osten
Ossi jedoch zu allerletzt in den Sinn. und einer Gefährdung von Wirtschaft und Wohlstand im
Seitdem steckt ganz tief in ihm eine Verletzung, eine Westen. Kein Wunder auch, denn 80 Prozent der Schreihäl-
»Wut über die grobe Vereinnahmung des Ostens durch die se wissen nicht, wie hoch die jährlichen Transferzahlungen

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von Westdeutschland in den Osten sind, wenn sie überhaupt aufmerksamkeit zuteil wurde, der nichts weiter tat als eine
wissen, daß es sie gibt, und nur ganze acht Prozent von ih- dringend nötige Abmagerungskur.
nen tippen auf über hundert Milliarden, immerhin nur um
lumpige fünfzig Milliarden verschätzt.
Von Scheinasylanten und Wirtschaftsflüchtlingen
Dennoch glaubten die Ossis nur zu gerne an die vom
Die Angst der Ossis vor den Ausländern
Kanzler versprochenen »blühenden Landschaften« im
Osten Deutschlands. Diesem Schlaraffenlandglauben, der Ergebnis der Wiedervereinigung war eine gespenstische Si-
die gegen ihre Führung angeblich so skeptischen Ossis tuation. Die selbstverschuldete Enttäuschung verschaffte
ziemlich dumm aussehen ließ, denn selbst Honeker hatte sich im klassischen Mobverhalten Luft, denn statt den nur
nicht so dick aufgetragen, folgte nun ein Lehrstück in marxi- aus dem Geschichtsunterricht bekannten Klassenkampf mal
stischer Krisenökonomie. Jahrelang wurde den Ossis in den auszuprobieren, was seit Einzug kapitalistischer Verhältnisse
DDR-Schulen eingetrichtert, wie verheerend sich der Kapi- die erste sinnvolle Betätigung gewesen wäre, haben die Ossis
talismus auswirkt; im beliebten Westfernsehen wurden sie nach einem Sündenbock gesucht und ihn schließlich auch
über die steigenden Arbeitslosenzahlen informiert, und nun gefunden. Am 7. April 1991 forderte der im Osten tobende
können sie es nicht fassen, daß sie nicht etwa einer plumpen Haß auf Ausländer sein erstes bekanntgewordenes Todesop-
Propagandalüge aufgesessen waren, sondern die Marktwirt- fer, als der Mosambikaner Jorge Gomondai in Dresden zu-
schaft tatsächlich so funktioniert, wie »Sudel-Ede« immer sammengeschlagen und aus der Straßenbahn geworfen wur-
behauptet hatte. Aber statt, wie angekündigt, der Regierung de. Hoyerswerda und Rostock waren seither nur die po-
wegen der auslaufenden Beschäftigungsgarantie oder der gromartigen Höhepunkte, die Highlights einer nur schwer
Schließung ganzer Wirtschaftszweige einen heißen Som- auseinanderzuhaltenden Einheitsfront von Ossis und
mer, Herbst oder Winter zu bereiten, gingen sie auf die Aus- Rechtsradikalen, von übriggebliebenen Nazis, Partei-
länder und Asylanten los. Nur wenn keine zur Verfügung spießern und jugendlichen Schlägern, eines Mobs auf Bünd-
standen, versuchte man es zur Abwechslung mal mit einem nissuche nach der Elite, die ihn nicht bloß vor der Öffent-
Arbeitskampf, aber selbst den verwechselten sie mit einem lichkeit in Schutz nimmt, nicht bloß entschuldigt, bedauert
Hungerstreik. In einer ostdeutschen Kleinstadt mit einem so und als unschuldiges Opfer präsentiert, was die zu Posten
häßlichen Namen, daß man ihn nicht in den Mund nehmen und Ämtern gekommenen ehemaligen Pflugscharenopposi-
möchte, wurde ein Kalibergwerk geschlossen, welches nicht tionellen seitdem ja auch tun, sondern die endlich seine
nur ökologisch unverträglich, sondern auch ökonomisch un- Führung übernimmt, um seine ungezügelte Mordlust in ge-
rentabel war. Und obwohl den Kali-Kumpeln Beschäfti- ordnete Bahnen zu lenken.
gungsgarantien in anderen Bereichen angeboten wurden, Obwohl der Osten Deutschlands mal gerade soviel Aus-
machten die Ossis auf diese widerliche Mitleidstour, die im länder hat wie Frankfurt am Main und »Fremde« mit einer
Westen gut ankam, weshalb man den Fernseher nicht an- statistischen Wahrscheinlichkeit von nur einem Prozent auf-
schalten konnte, ohne daß sie ständig den Bildschirm okku- tauchen, glauben die Ossis ernsthaft daran, daß dieses eine
pierten. Wenn man sie dann auf Pritschen liegend sah, muß- Prozent den restlichen 99 Prozent Ossis Arbeitsplätze und
te man feststellen, daß noch nie jemandem, soviel Medien- Wohnungen wegnimmt. Auf die Idee, daß der Mangel an

24 25
Arbeitsplätzen mit den Segnungen des westlichen Wohl- Asyl gewähren, hielten sich aber selbst einmal für Verfolgte
fahrtsstaats zusammenhängt, kommen sie nicht, und ihre und nahmen als tatsächliche Scheinasylanten das ihnen
vergleichsweise komfortablen Plattenbauwohnungen wür- überhaupt nicht zustehende Recht wie selbstverständlich in
den sie auch nicht mit den abbruchreifen und überfüllten Anspruch. Als Wirtschaftsflüchtlinge beschimpfen sie die
Unterkünften oder Wohncontainern der Asylsuchenden Opfer von Regimen, über deren repressive Qualität die Os-
tauschen. sis doch am besten Bescheid wissen müßten, und gaben
Geheimnisvolle, gar überirdische Kräfte dichten sie da- selbst das beste Beispiel für einen Wirtschaftsflüchtling ab.
bei den Ausländern an, einen gigantischen Wohnungsver- Ein Vorzeigeossi mit Filzwolle im Gesicht, wie Thierse,
schleiß und eine sagenhafte Arbeitswut, werden aber nie behauptet, daß sich seine Stammesgenossen nur langsam
müde, über die Faulheit der Ausländer zu schimpfen. Sagt und vorsichtig an die Fremden gewöhnen könnten, ohne auf
der TV-gewordene Westspießer Motzki das gleiche von den die Idee zu kommen, daß man umgekehrt nur vorsätzlich
Ossis, fühlen sie sich verunglimpft und sind schwer beleidigt. und mit böswilliger Absicht jemandem die Ossis an den Hals
Dabei muß man ziemlich bescheuert sein, um die pädagogi- wünschen kann.
sche Absicht der ARD-Serie nicht zu merken, die jede noch Es gebe keine »rechtlichen, politischen oder huma-
so spärlich gesäte Wahrheit in ein Vorurteil verbiegt, das den nitären Gründe«, sagte der ehemalige Innenminister Meck-
Ossi in Gestalt der pfiffig dargestellten Ost-Schwägerin lenburg-Vorpommerns Lothar Kupfer, den als Vertragsar-
Edith zum Sieger über das arme Würstchen aus dem Westen beitern angeworbenen Vietnamesen ein generelles Bleibe-
macht. Immerhin wurde man Zeuge einer der seltenen Gele- recht einzuräumen. Bedauerlich auch, daß man »die nicht
genheiten, wo die aus dem Osten glaubten, sich wehren zu alle einsperren könne, leider«. Nicht deswegen mußte Kup-
müssen, aber die Serie für Dumpfbacken und Hohlköpfe war fer zurücktreten, nicht einmal eine Anzeige wegen Volksver-
ungefähr so berauschend wie die Doppeldeutigkeit, die im hetzung bekam er, sondern den Beifall der Ossis, denen er
Namen der Sendung »Trotzki« anklingen sollte. In Sachen ruhig noch etwas radikaler hätte sein können.
Vorurteil wollte man sich vom Westen nichts vormachen las- Als »Störfaktor in den zwischenmenschlichen Beziehun-
sen, und das ist denen da drüben auch gelungen. gen« gelten dem Ossi die Ausländer, während er nichts da-
Verunreinigte Grünflächen gehen den Ossis schwer an bei fand, Familie und Freunde bei der nächsten Stasidienst-
die Nieren, und die unerträglichen sanitären Zustände stei- stelle zu verpfeifen.
gern ihr Herzinfarktrisiko, als ob sie wegen hygienischer Als »Umweltverschmutzer« werden Ausländer in einem
Probleme mit ihren eigenen Toiletten besonders dazu ver- Land bezeichnet, in dem es gar nichts mehr zu verschmut-
pflichtet seien, die Klos anderer zu inspizieren. Statt den zen gibt und durch das man am besten mit Vollgas und ge-
Ausländern menschenwürdige Wohnmöglichkeiten zu ge- schlossenen Fenstern fährt.
währen, wie sie den Ossis nach ihrer Flucht aus der DDR Weil Asylbewerber in den Augen der Ossis unberechtig-
zugebilligt wurden, vertreiben sie die Ausländer erfolgreich terweise Sozialhilfe beziehen, halten sie es für legitim, diese
aus ihren Städten und Gemeinden. zu malträtieren. Betrug schreien sie, während sie beim Be-
Verfolgten aus den ehemals sozialistischen Bruderlän- grüßungsgeld ihre Kinder mehrere Male losschickten, um
dern, wie den Sinti und Roma aus Rumänien, wollen sie kein abzukassieren, und ihnen bei der Währungsunion das Zehn-

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fache ihres Spielgeldes in den Rachen gestopft wurde. Wäre den Schlägertruppen hat nichts mit der Sorge zu tun, sie
die Höhe des der Volkswirtschaft dadurch entstandenen selbst könnten ein Opfer rechtsradikaler Gewalt werden.
Schadens ein Freibrief für die Jagd auf die Betrüger, würde Die Sorge der Ossis ist ganz anderer Natur: Ausländer, so
sich wahrscheinlich jede weitere Beschäftigung mit den Os- sagen sie, würden die Rechtsextremisten anlocken und das
sis erübrigen. gute Verhältnis belasten, das die Ossis zu den Neonazis ha-
Schließlich würden sie die Ausländer nicht verstehen, ben. Wer also gedacht hat, die Angst der Ossis vor den
weil die aus einem anderen Kulturkreis kommen, und gehen Rechten ließe auf einen Gesinnungswandel schließen, sieht
dabei wie selbstverständlich davon aus, daß man ihr genu- sich getäuscht. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß
scheltes Sächsisch nicht als Ergebnis einer »verwachsenen die Ossis die Rechten nicht mehr bloß anfeuern, sondern
Kinnlade« (Michael Kröher) ansieht, sondern für Hoch- selbst zur Tat schreiten und mit »Mitteln friedlichen Pro-
deutsch hält, mit der sich normal kommunizieren ließe. tests« verhindern wollen, daß Asylbewerber Aufnahme in
Ein anderer Vorzeigeossi wie Harald Ewert, der Mann trostlosen Käffern wie Goldbach finden, um die man auch
mit dem Deutschlandhemd und der vollgepinkelten Jog- ohne die netten Bewohner mit dem gesunden Volksempfin-
ginghose, dem der Arm zum Hitler-Gruß »ganz automa- den einen weiten Bogen macht. In vorauseilendem Gehor-
tisch« hochgeht, aber der deshalb noch lange »kein Nazi« sam haben sich die devoten und bücklingsgeübten Helfer-
ist, verlangt, »die Ausländer sollen sich anständig beneh- lein der Neonazis als freiwillige Feuerwehr gemeldet, um
men«. Das sagt er, während ihm das Photo aus Lichtenha- beim freudig erwarteten Einmarsch der Glatzen eine von
gen unter die Nase gehalten wird, das ihn auch im Ausland Ausländern gesäuberte Stadt präsentieren zu können.
berühmt gemacht hat und das seitdem keinen Zweifel mehr Was der alten Staats- und Parteiführung also tatsächlich
darüber aufkommen läßt, was die Ossis unter »anständigem vorzuwerfen ist, daß unter ihrer Regierungsverantwortung
Benehmen« verstehen. nichts Besseres herauskam als diese widerwärtigen Ossis.
Für Opfer halten sie sich, die glauben zur Notwehr grei-
fen zu müssen, und sind doch nur Täter von der schlimm-
Im Osten nichts Neues
sten Sorte, die vorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen
Über die Normalisierung eines Ressentiments
handeln.
Im Schein brennender Asylbewerberunterkünfte klat- Inzwischen ist das Jahr 5 der deutschen Einheit begangen
schen sie Beifall und bekunden anschließend ihre Angst vor worden, und in den staatstragenden Blättern wurde bei die-
den Ausländern und den Rechtsradikalen. Bisher wurde al- ser Gelegenheit, wie auch bei jeder anderen, darauf hinge-
lerdings kein Fall bekannt, wo Ausländer Wohnungen der wiesen, daß der Prozeß der Einheit sich zunehmend norma-
Ossis angegriffen und in Brand gesteckt hätten, weshalb ihre lisiere. Rostock und Hoyerswerda seien nicht wieder vorge-
Angst nur einer Phobie entspringen kann, die vergleichbar kommen, der »Aufschwung Ost« schreite zügig voran und
mit der Angst der Deutschen vor den Juden ist. die Wirtschaft habe sich fast erholt. Wenn sich auch größere
Ist die Angst der Ossis vor den Ausländern schon merk- Ausschreitungen gegen Ausländer unter Beteiligung des
würdig, so ist ihre Angst vor den Neonazis auch nicht gera- Mobs nicht wiederholt haben, so genügt ein Blick auf die
de leicht nachzuvollziehen, denn ihre bekundete Furcht vor vom Frankfurter Archiv für Sozialpolitik zusammengestell-

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ten Anschläge, um sich davon zu überzeugen, daß die Akti- macht hätten, und immer noch quengeln und nörgeln die
vitäten der Rechtsradikalen eine andere Qualität bekommen Ossis, weil die D-Mark nicht reichlich und schnell genug in
haben. Weniger Großveranstaltungen, dafür mehr Abenteu- ihre Taschen fließt, um die schon fünf Jahre alte Polsterses-
er an der nächsten Ecke. Jeder kann sich an dem Spiel betei- selgarnitur erneuern und einen Fernseher mit größerem
ligen, Ausländern aufzulauern, sie zusammenzuschlagen und Bildschirm anzuschaffen zu können.
zu verschwinden, und wenn man seinen Nächsten zur Hölle Wenn einer mit dieser psychischen Disposition Politiker
wünscht, dann gibt man ihm den Rat, des Nachts mit der wird, dann heißt er beispielsweise Wolfgang Templin, der
Berliner S-Bahn in den Osten zu fahren. ähnlich wie seine Volksgenossen von einem Extrem zum an-
Daß der Mob bei diesem Spiel nicht in seiner eigentli- deren schwankt. Anfang der siebziger Jahre war Templin
chen Erscheinungsform, nämlich als Masse, zum Zuge Stasimitarbeiter, dann Trotzkist und schließlich Friedensex-
kommt, heißt nicht, daß ein Bewußtseinswandel in ihm vor- perte, als der er dann zum Bundessprecher von Bündnis
gegangen wäre. Zwei Jahre nach dem Pogrom in Lichtenha- 90/Grüne aufstieg. Heute schreibt er für die »Junge Frei-
gen im August 1992 sind es die damals beinahe massakrier- heit« und unterzeichnete den »Berliner Appell«, um arme
ten Vietnamesen, die das Leben danach wieder einiger- und zerbrechliche Konservative zu schützen, auf die die ver-
maßen erträglich gestalten wollen, aber sich an den hart- einigte Linke zur Hexenjagd geblasen hat. Stimmungs-
näckigen und dumpfen Nachbarn die Zähne ausbeißen. schwankungen garantieren jedoch noch keinen Erfolg, wenn
»Schön war das nicht«, meinen die Ossis, »aber irgendwie nicht die richtige Resonanz vorhanden ist, wie sie Regine
trotzdem in Ordnung, denn jetzt ist Lichtenhagen fast aus- Hildebrandt hervorzurufen weiß, wenn sie entgegen Bun-
länderfrei.« Und warum sollten sie auch ihre Meinung än- desrichtlinien darauf besteht, Flüchtlingen die Sozialhilfe
dern, haben sie doch auf der ganze Linie gesiegt? nicht in bar, sondern nur in Form von sogenannten »Sach-
Die Zähigkeit des kleinen Mannes, an seiner Auffassung leistungen« auszuzahlen. Als »Volkes Stimmgabel« (Ger-
festzuhalten, ist ein fester Garant dafür, daß ein Pogrom je- hard Henschel) hat sie das Vorurteil vom »kriminellen Wirt-
derzeit wieder möglich ist, wenn die entsprechenden Vor- schaftsasylanten« zum Schwingen gebracht. Die Ossis wis-
aussetzungen vorhanden sind, und auch wenn sie nicht vor- sen es ihr zu danken, ihre Popularität steigt.
handen sind, würde es nicht von Weitblick zeugen, sich dar- Aber gibt es nicht auch im Westen eklige Politiker zu-
auf zu verlassen, daß nichts passiert. hauf? Es gibt. Aber Regine Hildebrandt verkörpert den ver-
Diese Zähigkeit der Ossis bürgt außerdem dafür, daß kniffenen, verbissenen, verbiesterten und verbitterten Ty-
sich auch sonst kaum etwas verändert hat im Land der »ost- pus, der im Westen seit den vierziger Jahren ausgestorben
deutschen Mitläufer« (Mathias Wedel). Die DDR-Nostalgie ist. Sie repräsentiert auf ideale Weise die Trümmerfrau und
hat zugenommen, wehmütig erinnert man sich an die vielen das nicht nur metaphorisch, denn für sie liegt die DDR
schönen Errungenschaften des alten Systems, die Mei- tatsächlich in Trümmern, weshalb Regine Hildebrandt stän-
nungsfreiheit in Form der früher nicht erhältlichen West- dig anpacken, aufräumen und putzen muß. Die Sekundärtu-
presse interessiert den Ossi nicht mehr, seit sie an jedem Ki- genden Ausdauer, Zähigkeit, bedingungs- und besinnungs-
osk zu haben ist, immer noch ist die Rede von den West-Ko- lose Arbeitswut, die Kohl an den Trümmerfrauen so lobte,
lonisatoren, die wie eine Dampfwalze das Land plattge- haben sich in ihr Gesicht gegraben, spiegeln sich in ihrer fa-

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natischen Gestik, in ihrem puritanischen Habitus. Sofort den sollte. Aber wahrscheinlich hört wieder mal kein
und widerspruchslos glaubt man ihr, daß Kartoffelsuppe-Es- Schwein zu.
sen eine Tugend und jegliches Vergnügen des Teufels ist.
»In Bonn«, sagt sie, »bin ich plötzlich das Lieschen vom
Ein Vorschlag zur Güte
Lande«, in Brandenburg jedoch ist sie die heilige Johanna
Warum der antifaschistische Schutzwall gar keine so
der Schlachthöfe, die im Westen keine Chance hätte, jeden-
schlechte Idee war
falls nicht im öffentlichen Leben. Dort heißen die Kotz-
brocken Markwort, und der Name sagt bereits alles. Um die Jagd auf Ausländer zu beenden, aber auch aus ästhe-
Was seit den Wiedervereinigungswirren nun stattfindet, tischen Gründen, muß man dem Ossi seinen sehnlichsten
läßt sich vielleicht als Verpuppung des Ossis bezeichnen, als Wunsch erfüllen, der sich logisch aus einem Vorurteil er-
eine Art Abkapselung, in der er seine Konsequenzen daraus gibt, das er sich über sich selbst macht. Da die Ossis nämlich
zieht, nicht verstanden, nicht genügend beachtet und sowie- überzeugt sind, daß sie schon immer über den Tisch gezo-
so nur betrogen und belogen worden zu sein. Das heißt, er gen, übervorteilt und ausgenutzt worden sind, sollte man ih-
konserviert und kultiviert sein Ressentiment gegen den We- nen endlich die Gelegenheit geben, ein freies und selbstbe-
sten, sein Protest ist stumm und anklagend: »Seht her, was stimmtes Leben in staatlicher Eigenregie in den Grenzen
ihr aus uns gemacht habt. Durch euer unmenschliches Sy- der ehemaligen DDR zu führen.
stem habt ihr uns unserer Identität und unserer Biographien »Laßt uns auch mal allein entscheiden«, fordern sie, und
beraubt.« Von der Parole »Wir sind ein Volk« mag keiner diese Bitte sollte man ihnen erfüllen. Ein Vorschlag, der die
mehr etwas wissen, und gerade diese Tatsache, daß sie nicht in West & Ost gleichmaßen beliebten »verkrusteten Denk-
an den Beginn ihrer Niederlage erinnert werden wollen, strukturen« aufbricht und insofern eine wirklich unvorein-
weist darauf hin, daß sie es inzwischen geworden sind. Die genommene Begutachtung verdient.
Ossis legen Wert darauf, nicht als »Deutsche«, sondern als Die staatliche Teilung abzulehnen, macht vernünftiger-
»Ostdeutsche« verstanden zu werden, die Abneigung ge- weise nur Sinn, wenn den Westdeutschen dadurch Nachteile
genüber den Wessis hat in den letzten Jahren zugenommen, entstehen würden, seien es wirtschaftliche, politische oder
und selbst die freie Marktwirtschaft hat sich alle Sympathien kulturelle. Man würde sich lächerlich machen, wollte man
bei den Ossis verscherzt, die sich nach fünf Jahren Einheit behaupten, Lutz Rathenow, Gabriele Kachold, Konrad
ausgerechnet aus Gründen der Menschlichkeit wieder eine Weiß, Bärbel Bohley, Wolf Biermann, Friedrich Schorlem-
Planwirtschaft wünschen. mer oder wie sie alle heißen, hätten zur »kulturellen Berei-
Diese von Allensbach monatlich erforschte psychische cherung« beigetragen. Vielmehr haben sie das Niveau west-
Befindlichkeit des Ossis wird als Anzeichen der »Normali- licher Qualität noch unter das Maß des Erträglichen ge-
sierung« gewertet, einer Normalisierung jedoch, die darin drückt. Nicht viel besser steht es um die wenigen gaucktaug-
besteht, daß Rassismus und Ressentiment gesellschaftlicher lichen Politiker aus dem Osten, die sich den pastoralen Ton
Konsens werden und niemand mehr daran Anstoß nimmt. nicht abgewöhnen können und die jedes Rednerpult mit mit
Einiges spricht also dafür, daß unter diesen Voraussetzungen der Kanzel verwechseln, von der sie herabmenscheln. Und
der folgende »Vorschlag zur Güte« ernsthaft erwogen wer- auch wirtschaftliche Vorteile entfallen, vielmehr haben Poli-

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tiker und Wirtschaftsbosse wie Schamanen den Regen er- nicht mehr mit der großzügigen strafrechtlichen Behand-
fleht, der ihre verzweifelte Hoffnung auf Überwindung der lung rechnen könnten.
Flaute begießen könnte. Die zarte konjunkturelle Besserung, In jedem Fall hätte der Wiederaufbau der Mauer als an-
von der seit Ende 1994 berichtet wird, ist nicht nur das, was tifaschistischer Schutzwall heute tatsächlich eine Funktion.
man erwarten kann, wenn Billionen dafür verschleudert wer- In einem ausländerfreien Ostdeutschland könnten die Ossis
den, sie ist vor allem nichts angesichts des Schuldenbergs, dann nach Herzenlust übereinander herfallen und sich ge-
den das Abenteuer mit den fünf demnächst ausländerfreien genseitig massakrieren. Niemand hätte dann etwas dagegen,
Bundesländern eingebracht hat. Alles gute Gründe, die Alt- wenn Kinkel für einen Blauhelmeinsatz in der neuen Krisen-
last DDR möglichst schnell wieder abzustoßen. region votieren würde. Daß sich dadurch der Konflikt erst
Die Alternative wäre, der Verwahrlosung der Ossis ta- ausweiten würde wie in Jugoslawien, steht jedenfalls nicht zu
tenlos zuzusehen. Deshalb sollte man sich aus humanitären befürchten, denn wenn die Ossis etwas zu schätzen wissen,
Gründen dem Wunsch eines großen Teils der westdeut- dann eine staatliche Autorität, wie sie ihnen entgegen aller
schen Bevölkerung nach dem Wiederaufbau der Mauer Gerüchte aus vierzig Jahren SED-Herrschaft ans Herz ge-
nicht einfach verschließen. Solange sich die fünf braunen wachsen ist. Was ihnen an ihr nicht gepaßt hat, war die Sa-
Gauländer als schwarzes Loch erweisen, in das Geld hinein- che mit den Bananen, aber das Problem sollte sich eigentlich
gepumpt wird, aus dem aber nur Rassismus herauskommt, lösen lassen. Die Versorgung der DDR mit dieser Frucht
wird jedes krampfhafte Festhalten an der staatlichen Einheit würde der Bundesrepublik jedenfalls billiger kommen als die
zu einem unkalkulierbaren Risiko, einem gesellschaftlichen gigantischen Hilfsprogramme Aufschwung Ost, die sich als
Amoklauf, einem volkswirtschaftlichen Suizidversuch, des- Abschwung West erweisen.
sen Gelingen mit jedem Tag wahrscheinlicher wird. Wer die staatliche Zweiteilung trotz aller Vorzüge den-
Stattdessen könnte man die ostdeutschen Gebietsaltla- noch nicht mag und in den Ossis bloß bemitleidenswerte
sten beispielsweise den Polen als Entschädigung für die im Opfer sieht, denen nur ein bißchen Aufklärung und Zuwen-
Zweiten Weltkrieg an ihnen begangenen Verbrechen übe- dung fehlt, dessen missionarischer Eifer sollte nicht ge-
reignen, und der 50. Jahrestag der Niederlage wäre ein ge- bremst werden. Der kann dann ja nach drüben gehen und
eignetes Datum. Zwar müßte man damit rechnen, daß Polen versuchen, sie von ihrer Meinung über sich selbst »Wir sind
das Manöver durchschaut und dankend ablehnt, aber im Ge- hier die Scheiße an der Wand« abzubringen. Nicht ganz
gensatz zur hochtechnologisierten Bundesrepublik, für die leicht, wieder ganz von vorn anzufangen und sie mit den Er-
die DDR ein großer Schrotthaufen ist, der nur Entsor- rungenschaften der Zivilisation vertraut zu machen, z.B. daß
gungsprobleme bereitet, würde in Polen die wirtschaftliche es sich bei Exkrementen keinesfalls um Wandschmuck han-
Sanierung sicherlich sanfter verlaufen. Die Ossis könnten delt, sondern um eine Absonderung, für deren Entsorgung
außerdem Völkerverständigung üben. Bei den dann vorhan- es ganz bestimmte mit Wasserspülung versehene Vorrich-
denen Mehrheitsverhältnissen im neuen polnischen Staat tungen gibt.
wäre jedenfalls nicht zu befürchten, daß die Ostdeutschen
morden und brandschatzen, nicht nur weil sie sich diesmal
nicht an den Schwächeren schadlos halten, sondern weil sie

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Nachrichten aus dem Ossi-Land Beunruhigung. Zu einer Rennstreke habe sich die Magazin-
Aus der Folge »Terror 2000« straße entwickelt, ›besonders an den Wochenenden und all-
tags ab 20 Uhr‹. Dann brettern die Asylsuchenden mit ihren
Ende 1992 berichtete der Tagesspiegel von einer »repräsenta-
größtenteils schrottreifen Fahrzeugen über den Asphalt und
tiven Umfrage« unter Ossis zwischen 14 und 18 Jahren:
störten die Ruhe der Bevölkerung. Woher sie die Autos ha-
58% sind der Überzeugung: »Die Wessis bescheißen die
ben, ›wo die Asylanten doch alle zu den Ärmsten zählen sol-
Ossis, wo sie nur können.« 54% haben Angst vor einer
len‹, hat Heinze noch nicht ermitteln können. Dafür ist er
»Überschwemmung des Landes mit Ausländern«. 41% be-
der Polizei gern behilflich, die Kisten aus dem Verkehr zu
kennen sich zur Parole »Deutschland den Deutschen. Aus-
ziehen: ›Ich habe bereits zwölf Wagen nummernmäßig er-
länder raus!«, unwesentlich weniger finden, daß man die
faßt.‹ Heinze ist der Star bei der Bürgersprechstunde im Be-
Ausländer »aufklatschen und raushauen« müßte. 75% der
zirksamt Mitte, wo die Anwohner ihre Erfahrungen mit den
Befragten sind für den Frieden zwischen allen Völkern.
Asylsuchenden aus 28 Nationen austauschen sollen. Keiner
*** der bestimmt fünfzig anderen Diskutanten hat sich so inten-
Götz Aly in der taz vom 15.1.93: »Während sich Politiker siv wie er auf die Diskussion mit Bürgermeister Gerhard
bemühen, die gewalttätigen Übergriffe und Mordanschläge Keil, der Ausländerbeauftragten Christine Bartels und Ver-
gegen Ausländer als ›gesamt-deutsches Phänomen‹ einzu- tretern vom Landesamt für soziale Aufgaben und der Polizei
planieren, zeigt die Statistik deutliche und bedenkenswerte vorbereitet. Als Sprecher der ganzen Region fühlt sich
Differenzen. Nach den für die Bundesländer spezifizierten Heinze, wenn er sagt, ›daß keiner von uns was gegen Aus-
Zahlen der Kölner Verfassungsschützer ist festzuhalten: In länder hat. Aber wir haben Probleme mit der ungeordneten
Ostdeutschland geschehen – pro 100 000 Einwohner ge- Situation.‹ Einige berichten ausführlich über diese Proble-
rechnet – weit mehr als doppelt so viele rassistische Verbre- me. Eine Frau aus der Schillerstraße hat beobachtet, ›daß
chen als im Westen der Republik (5,7 : 2,4). Da der Auslän- bei den Asylanten bei Regen, Sturm und Schnee die Fenster
deranteil dort 14 mal höher liegt als im Osten, ist die Ge- offenstehen. Und wir sollen sparen.‹ Ihr Nebenmann, ein
fährdung für den einzelnen Fremden in Leipzig mindestens Rentner, hat für vieles Verständnis, ›schließlich bin ich sel-
30 mal größer als in Hannover, in Rostock mindestens 100 ber aus Schlesien rausgeworfen worden‹. Aber nachts mit
mal größer als in München.« Musik und Gesang die ganze Straße beschallen, ›das ist bei
uns nicht drin‹. Herr Heinze nutzt die Gelegenheit, noch
***
mal auf sein bevorzugtes Problem mit den Autos einzuge-
Über den Ossi als Blockwart berichtete Holger Gertz in der
hen: Auf einer Wiese fand er neulich eine ausgebaute Auto-
taz vom 11.2.93: »Wenn Herr Heinze ... seinen täglichen
batterie, ob ›die Säure schon ausgelaufen war, konnte ich
Rundgang durch den Bezirk unternimmt, muß er regel-
nicht feststellen‹.«
mäßig Dinge registrieren, ›die es früher bei uns nicht gege-
ben hat‹. Seitdem vor zehn Wochen in der benachbarten ***
Magazinstraße eine Unterkunft für 400 Asylbewerber eröff- Im Tagesspiegel vom 15.11.92 berichtet Martin Gehlen unter
net worden ist, hat Heinze nicht nur ›an jeder Ecke dem Titel »Eine schleichende Vergiftung der Gesellschaft«:
Schmutzberge‹ entdeckt, auch der Verkehr gebe Anlaß zur »Seit zwölf Jahren lebt Sara L. in Deutschland. Was sie jetzt
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erleben muß, läßt sie verzweifeln. ›Wir sind in ständiger müssen, fahren wir schnell mit dem Auto hin und sofort wie-
Angst‹, bekennt die zierliche Frau aus Mosambik. ›Wenn es der zurück, aber nie mit der Straßenbahn.‹ Keinesfalls dürfe
dunkel wird, bin ich froh, wenn ich in meiner Wohnung bin. man sich abends auf der Straße sehen lassen, meint sie: ›Wir
Fast alle von uns fragen sich, ob sie noch weiter hier leben versuchen, so gut wie möglich den Leuten auszuweichen.‹
können. Wenn ich den Haß gegen die Ausländer sehe, sehe Insgesamt sei das Leben noch isolierter geworden als vor der
ich für uns hier keine Zukunft mehr.‹ Einkaufen geht sie nur Wende. In der DDR-Zeit verhinderten Wohnghettos und
noch sonnabends, denn an den kurzen Wintertagen traut sie Aufpasser Kontakte zur Bevölkerung. Das gebe es zwar jetzt
sich nicht mehr, ihre Besorgungen nach Feierabend zu ma- zum Glück nicht mehr, doch nun könnten sie das Haus we-
chen. Neulich haben sie sogar zwei Jugendliche an der Hal- gen der Schlägertrupps nicht mehr verlassen.
testelle angespuckt; die verbalen Beschimpfungen, die sie Wird ein Ausländer in der Stadt angegriffen, so die Er-
ständig über sich ergehen lassen muß, kann sie schon nicht fahrung von Vu Ha, gehen die Leute meist wie unbeteiligt
mehr zählen. ›Es passiert mindestens jeden zweiten Tag, daß weiter, schauen weg oder weigern sich aus Angst vor den Ju-
in der Straßenbahn Leute zu mir sagen, Ausländer sollte gendlichen, bei der Polizei als Zeugen auszusagen. ›Wir wis-
man alle vergasen.‹ Jeden Morgen, bekennt sie, wenn sie sen genau, wenn uns was passiert, mischt sich niemand ein.
daran denke, daß sie heute wieder mit der Straßenbahn zur Deshalb versuchen wir immer, so höflich wie möglich zu den
Arbeit fahren müsse, beschleiche sie von neuem Furcht. Leuten zu sein, um mit ihnen in Frieden zu bleiben.‹
Sara L. war, wie Tausende anderer Mosambikaner, Viet- Im Theater, Kino oder Konzert, ja selbst in einem Re-
namesen und Angolaner mit ihr, von der Ost-Berliner staurant sind beide schon lange nicht mehr gewesen. Selbst
Führung im Rahmen von sogenannten Regierungsabkom- eine einfache Eisenbahnfahrt wird angesichts der chroni-
men als Arbeitskräfte ins Land geholt worden ... schen Bedrohung zu einem komplizierten Unterfangen.
›Ich bin inzwischen daran gewöhnt, beschimpft zu wer- ›Wenn ich auf Dienstreise fahre, suche ich immer Züge zwi-
den‹, bekennt die Vietnamesin Phan Thi Thanh Son. Das schen 6 Uhr früh und 18 Uhr abends heraus‹, erläutert Vu
geschehe jetzt fast jede Woche. Als sie kürzlich abends einen Ha. ›Kommt der Zug erst später in Magdeburg an, verzich-
kranken vietnamesischen Asylbewerber in die nahegelegene te ich lieber und übernachte auswärts.‹
Klinik begleiten mußte, seien sie vor dem Eingang von drei Ibrahim R. ist seit Monaten nicht mehr abends auf der
Jugendlichen angepöbelt worden. ›Deutschland den Deut- Straße gewesen. Seit anderthalb Jahren lebt er in Magde-
schen. Ausländer raus‹, skandierten die drei und ›Deutsche burg. In München, erzählt er, sei es kein Problem gewesen,
Klinik nur für Deutsche‹. Im Juni 1982 kam Frau Son in die nachts auszugehen. In Ostdeutschland jedoch sei das anders.
DDR, seit 1988 lebt sie in Magdeburg. Zur Arbeit fährt sie In Halberstadt hätten ihn drei Skins am hellichten Tag ange-
nur noch mit dem Auto, das sie für 3 000 DM erstanden hat. griffen und so erheblich verletzt, daß er ins Krankenhaus
Den Einkauf macht tagsüber ihr Mann. Weil er arbeitslos mußte. In Magdeburg sprühten ihm Jugendliche in der
ist, kann er alle Besorgungen erledigen, solange es hell ist. Straßenbahn Tränengas ins Gesicht. ›Ich habe mich daran
Alle Ausländer bleiben jetzt abends in ihren Wohnun- gewöhnt‹, sagt er verlegen. ›Morgens fahre ich mit der
gen, ergänzt ihre Freundin Vu Ha, die seit 1978 im Lande Straßenbahn zur Arbeit, und abends komme ich mit dem
lebt. ›Wenn wir etwas ganz Dringendes am Abend erledigen Taxi zurück.‹ Ein Drittel seines kargen Lohns geht dafür

38 39
drauf. Den restlichen Abend sitzt er in seinem Zimmer. ›Ich nen Allensbach-Umfrage haben nur noch 35 Prozent der
möchte so gerne mal in eine Disco gehen, aber ich weiß, das Befragten dort eine gute Meinung vom marktwirtschaftli-
ist nicht möglich, weil wir dort zusammengeschlagen wer- chen System. Im Februar 1990 waren es noch 77 Prozent
den‹, sagt er und fügt hinzu: ›Ich habe nur zwei Orte, wo ich gewesen. Es werde nicht die Effizienz der Marktwirtschaft
hingehen kann – mein Zimmer und die Küche in dem Re- bezweifelt, wohl aber ihre Menschlichkeit. Der Ruf nach ei-
staurant, wo ich arbeite.‹« nem dritten Weg, der Effizienz mit Menschlichkeit verbin-
de, nehme zu. 90 Prozent der Ossis forderten zudem, der
***
Staat müsse stärker in die Wirtschaft eingreifen.«
Die taz vom 29. August 1994 berichtet über »Zwei Jahre
nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen«. Dabei ver- ***
öffentlichte sie ein Interview mit drei Jugendlichen über ihre Warum wohl fallen mir die Ossis ein, wenn ich folgende
Ansichten zu den Pogromen und den Ausländern. Daraus Stelle aus Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft von Han-
wurden folgende Zitate entnommen, wobei auf die Namen nah Arendt lese, in der sie den Prozeß der Barbarisierung bei
der Jugendlichen verzichtet wurde: den Buren beschreibt: »Entscheidend ist, daß diese neuen
»Schön war das nicht, aber dadurch hat sich auch viel Abenteurer und Glücksritter nicht von ihrer Natur, sondern
zum Positiven verändert. Die zentrale Aufnahmestelle ist von den Ereignissen getrieben waren; leibhaftige Symbole
weg ... Die Ausländer sind doch jetzt in Hinrichshagen viel für die menschliche Absurdität sozialer Institutionen und
besser aufgehoben. Da sind sie wenigstens unter sich ... Ne, gleich flüchtigen Schatten, welche ein sehr realer Prozeß ge-
das war nicht toll. Ausländer sind ja auch Menschen ... Aber worfen hatte, waren sie keine abenteuernden, ungewöhnli-
sie müssen sich anpassen. Das war doch unmöglich hier, mit chen Individuen. Gerade dies machte sie besonders ab-
dem Dreck und dem Krach von den Zigeunern und so. Wie stoßend. Wie Herr Kurtz in Conrads Herz der Finsternis wa-
sonst hätte man gegen die vorgehen sollen? Ich war damals ren sie ›durch und durch leer und hohl, leichtsinnig und
nicht zu Hause; aber meine Eltern waren auf der Straße da- weichlich, grausam und feige, voller Gier, aber ohne jede
bei und auch froh, daß endlich was passiert ist ... Kennt ihr die Kühnheit‹. Sie glaubten an nichts und waren so leichtgläu-
vietnamesischdeutsche Begegnungsstätte? ... Stören tut die mich big, daß jeder sie dazu bringen konnte, ganz gleich was zu
nicht. So kann man die Mentalität kennenlernen. Es sollte glauben. ... die einzigen Begabungen, die unter diesen Um-
damals ja nicht gegen die Vietnamesen gehen. Die sind ei- ständen gedeihen konnten, waren die des Demagogen, des
gentlich immer sehr höflich. Nur lästig, daß sie einem die ›Führers extremistischer Parteien‹, Ressentimentsbegabun-
Parkplätze wegnehmen. Ansonsten hat man nichts gegen gen im weitesten Sinne ... so wie sie selbst nur flüchtigen
die.« Schatten der Ereignisse glichen, mit denen sie nichts zu tun
gehabt hatten, so galt ihnen das Leben ihrer Mitmenschen
***
›nicht mehr als das einer Fliege‹. In ihnen war bereits jener
Anfang 1995 erschien in der taz folgender Kurzbericht:
moderne Sittenkodex für Mörder angelegt und ausgebildet,
»Ossis wollen Kapitalismus nicht. Die Zustimmung der Os-
demzufolge es nur eine Sünde gibt: die Selbstbeherrschung
sis zur Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik hat drama-
zu verlieren.«
tisch nachgelassen. Nach einer im Dezember vorgenomme-

40 41
Der Intellektuelle als Kriegshetzer russischen Invasion, die bevorstehe. Trotzki sei dabei, auf ei-
Humanität als Euthanasieprogramm nem Rappen eine Million Bolschewiken nach Deutschland
zu führen, es niederzubrennen und mit seinen moskowiti-
schen Horden nach Frankreich hineinzustürmen. In
Deutschland gab es keine Armee, um den siegreichen Trotz-
ki aufzuhalten, und die Alliierten, die in Versailles versam-
melt waren, um Deutschland die Friedensbedingungen zu
diktieren, waren dabei, sich durch die Entwaffnung
Deutschlands selbst zu ruinieren. Deutschland war das ein-
zige Bollwerk gegen die östliche Unterjochung Europas.
Zwei Punkte an dieser Geschichte erstaunten mich. Ein-
»Ein Wiener: Die Sache ... ist eine gerechte, da mal die Tatsache, daß die Deutschen, die sie mir erzählten,
gibt’s keine Würschteln, und darum sage ich selbst nicht daran glaubten. Sie erzählten mir die Geschich-
auch, Serbien – muß sterbien! te ausgelassen und unsinnig wie so viele durchsichtige
Stimmen aus der Menge: Bravo! So ist es! – Ser- Schwindler, die einen hochnehmen. Sie gaben nicht einmal
bien muß sterbien! – Ob’s da wüll oder net! – vor, sie zu glauben. Sie wiederholten sie fröhlich, hoffnungs-
A jeder muß sterbien! voll und mit zynischer Gewitztheit. Es war ihre letzte Waffe
Der Intellektuelle: Wer hätte das für möglich gegen die siegreichen Alliierten.
gehalten, wie sich die Zeiten geändert haben Die andere Tatsache, die mich verwunderte, war die, daß
und wir mit ihnen.« außerhalb Deutschlands es jeder zu glauben schien. Meine
Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit Chefs vom Daily News Auslandsnachrichten-Syndikat –
Charles Dennis in Chicago und Edgar Price Bell in London
– glaubten es. Sie verlangten Berichte über die deutsche
Angst vor der kommenden russischen Invasion von mir. Die
Daß Medien dazu neigen, im Gegensatz zu ihrem eigenen
alliierten Staatsmänner in Paris schienen es zu glauben. Und
Anspruch der »objektiven Berichterstattung«, parteiisch zu
die amerikanischen Spione in Berlin, die Daten für den Ar-
sein und politisch opportune Vorurteile aufzugreifen, ist
mee-Nachrichtendienst sammelten, schickten Berichte über
nichts Neues. Bereits 1918 beschreibt der amerikanische
Trotzki und seine Bolschewiken, die bereit seien, über den
Journalist Ben Hecht, der drei Tage vor der Novemberrevo-
Kontinent herzufallen.
lution als Auslandskorrespondent Berlin aufsuchte, dieses
Ich telegraphierte keinen derartigen Bericht, wie man
Phänomen, das sich aus Gerüchten, Ressentiments und Lü-
forderte. Ich schickte private Nachrichten an Dennis und
gen zusammensetzt und abweichende Meinungen nicht
Smith und versuchte sie zu überzeugen, daß die bolschewiki-
mehr zuläßt.
sche Invasion deutsche Propaganda sei. Mein Wissen war
»Einen Bericht gab es, den ich aus allen drei Quellen er-
unzureichend, mein politisches Verständnis war fast gleich
hielt, dem Gehrock, dem Kellner und dem herumtändeln-
Null, und meine Informationsquellen beschränkten sich zur
den weibischen Lustknaben. Dies war der Bericht von einer
42 43
Zeit auf Rauschgiftsüchtige, Nymphomaninnen und einen Etwas anderes ist es beispielsweise, auf staatliche Fehlin-
Kellner. Aber die Lügen über Rußland waren so offensicht- formationen oder Ehrenerklärungen hereinzufallen, was sich
lich auszumachen wie ein Scheißhaus im Nebel. wieder gutmachen läßt, wenn man der Regierung auf die
Ich schrieb keine derartigen Berichte, aber andere taten Schliche kommt. Das bringt der Zeitung Ruhm und Ehre
es, und die Lüge wuchs und wurde zur fixen Idee der alliier- ein, weshalb ihre Qualität nach der Anzahl der Regierungs-
ten Welt, teilweise injiziert von einer deutschen Spritze und beamten bemessen wird, die sie zu Fall brachte. Hier jedoch
teilweise durch die dem Kapitalismus eigene Furcht vor den handelt es sich um ein vorgefaßtes Urteil. Die Motive der
marxistischen Buhmännern, die über seinen Profiten Medien, Ressentiments statt Nachrichten zu verbreiten, sind
schwebten. Es war diese Lüge, die ausgelassen und zynisch unterschiedlich und hängen davon ab, aus welchem Blick-
in Berlin lanciert wurde, die die deutsche Infanterie, den winkel sie den Konflikt betrachten, welche »Weltanschau-
deutschen Panzer, die deutsche Luftwaffe und schließlich ung« sie vertreten oder welche Ideologie dahintersteckt. Bei
den ursprünglichen Krieg unter einem neuen Namen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind es historische Moti-
zurückbringen sollte – als Zweiten Weltkrieg.« ve, man verzeiht den Serben nicht ihren Widerstand gegen
Es geht hier gar nicht darum, die Konflikte in Jugoslawi- die Nationalsozialisten, bei der als links geltenden tageszei-
en und dem damaligen Deutschland gleichzusetzen, aber die tung glaubt man, sich auf die Seite der Unterdrückten und
psychologischen und propagandistischen Mechanismen, die Opfer schlagen zu müssen. In beiden Fällen ist das Ergebnis
im nachhinein primitiv und lächerlich wirken, weisen trotz das gleiche, weshalb sich Journalisten wie Reißmüller und
Aufklärung doch erstaunliche Ähnlichkeiten auf. War es Rathfelder auch nicht mehr auseinanderhalten lassen. Die
früher die Furcht vor »Trotzkis bolschewistischen Horden«, »Zeitung für Deutschland« und ihre in Berlin erscheinende
die noch kurz vor dem Zusammenbruch nur auf ein Zeichen Schülerausgabe sind in der Balkanfrage zu Kampfblättern für
warteten, um über Deutschland herzufallen, sind es heute die die nationale und völkische Sache geworden.
serbischen Kommunisten, wahlweise Nationalisten, denen so
ziemlich alles unterstellt wird, was die Phantasie westlicher
Die Wiederbelebung nationaler Gefühle
Journalisten hergibt. Damals gab es die PR-Firmen Ruder
Finn und Hill & Knowlton noch nicht, die die Sache der Dummheit konnte man ihnen nicht vorwerfen, vielmehr
Deutschen vor der Welt hätten vertreten können, wie sie es vorsätzliche Absicht, denn von ehemals linken Intellektuel-
für die amerikanische Regierung im Golfkrieg und Ižetbego- len sollte man erwarten können, daß sie in der Lage sind,
vić in Bosnien getan haben, aber die »Quellen« sind die glei- Propaganda und Nachricht auseinanderzuhalten. Der ein-
chen geblieben, und wie Ben Hecht beschrieben hat, sind es seitigen Medienberichterstattung waren sie also nicht ein-
in der Regel sehr unzuverlässige Zeitgenossen, die heute viel- fach aus Unfähigkeit auf den Leim gegangen, sondern sie
leicht ein größeres schauspielerisches Talent an den Tag le- betrieben selbst das Geschäft der Medien. Von Journalisten
gen, aber nicht gerade als glaubhaft bezeichnet werden kön- wie Roy Gutman, Maria von Welser und Alexandra Stigl-
nen. Entscheidend jedoch ist – und da hat sich im Abstand mayer, die den Jugoslawienkonflikt auf ein rührseliges Stück
von einem dreiviertel Jahrhundert nichts geändert – die Be- reduziert hatten, in dem die Muslime als unschuldige Opfer
reitschaft der Medien, diese Quellen zu kolportieren. und die Serben als massenmordende Täter die Hauptrollen

44 45
spielten, unterschieden sie sich nicht. Um diesen Unter- halten« (Spiegel 1/94) wird. Was will uns der Autor damit sa-
schied, der einmal bestanden hat, vergessen zu machen, gen? »Für mich zum Beispiel ist jeder, der gegen eine Mi-
mußten sie bestimmte Einsichten und schlichte Wahrheiten, litärintervention in Bosnien ist, rechts«, und man würde ihm
die ihnen einmal geläufig waren, ignorieren. um des lieben Friedens willen recht geben, wenn es tatsäch-
Früher waren Intellektuelle links und ganz selbstver- lich nur eine Frage der sich an Bosnien entscheidenden De-
ständlich Internationalisten, die Nation war Gegenstand ih- finition wäre, denn mit Cohn-Bendit und dem zum Linken
rer Kritik. Im Namen der Nation waren Völker ausgerottet gekürten ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan
worden, wurden Kriege geführt und Menschen gefoltert. Schwarz möchte man nicht im gleichen Verein sitzen.
Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind ihr Wesen, wel- Seine Philosophie des Nationalen bastelt Finkielkraut
ches nur deshalb nicht immer zur Entfaltung kommt, weil aus den unappetitlichsten ideologischen Versatzstücken zu-
weder staatliche noch gesellschaftliche Interessen grund- sammen, die die kommunistische Lehre zu bieten hat. Als
sätzlich mit dem Nationalismus identisch sind. Der Zusam- das Konzept »Klassenkampf« nämlich vor sich hin kränkel-
menhang zwischen Nation und Nationalismus mußte nie- te, weil die Arbeiter nicht daran dachten, sich an etwas ande-
mandem erklärt werden, und selbstverständlich war es, die rem als an Tarifauseinandersetzungen zu beteiligen, setzte
nationalistisch gesinnte Rechte zu bekämpfen. Grob verein- man seine Hoffnungen in die Befreiungsbewegungen der
facht sei das, außerdem nicht mehr auf dem neuesten Stand, »3. Welt«. Man wurde Anhänger der maoistischen Kultur-
heißt es, mittlerweile habe sich viel verändert. »Nationale revolution und des Vietcong, und die Parolen hießen »natio-
Gefühle« seien schließlich nichts Verwerfliches, Internatio- naler Befreiungskampf« und »Sieg im Volkskrieg«. Auf die-
nalismus und Universalismus haben in die Sackgasse ge- se nationale Rhetorik greift Finkielkraut wieder zurück, und
führt, und der Nationalismus könne auf keinen Fall den wie ein Kaderkommunist alter Schule plappert er die Phra-
Rechten überlassen werden. sen der Komintern nach, als ob er den FAZ- und taz-Kom-
»Ein großer Teil der französischen Intellektuellen«, so mentatoren nachträglich recht geben wollte, für die zwi-
behauptet Alain Finkielkraut, »macht heute den Fehler, die schen Kommunisten und Nationalisten kein Unterschied
Neubelebung der nationalen Gefühle als Nationalismus ab- besteht. (In einem taz-Kommentar am 27.1.94 schwafelt
zulehnen. So entstand die negative Beziehung zu den Kroa- Rathfelder über einen »neuen Totalitarismus rot-brauner
ten bei einem Teil der Intellektuellen. Im Namen des Uni- Provenienz« in Jugoslawien.) Früher standen die Intellektu-
versalen wird das Nationale negiert. Das ist keine Vorliebe ellen damit immerhin in Opposition zur größten imperiali-
für Serben, sondern Verachtung für die Nation, fürs Natio- stischen Macht, und während sie damals die USA aus Grün-
nale« (taz vom 13.1.92). Genau darin aber besteht die den der »nationalen Selbstbestimmung« aus den Ländern
Wandlung vom Intellektuellen, der Verstand besitzen muß der 3. Welt hinausbefördern wollten, fordern sie heute aus
statt »nationaler Gefühle«, zum Demagogen, dessen Wahn den gleichen Gründen deren Engagement. Aber die Staaten
Methode hat. Mit dieser Methode liebäugelt auch Daniel sind aus ihrem Schaden in Vietnam und Algerien klüger ge-
Cohn-Bendit, der seine »nationalen Gefühle« »heimatliche worden, klüger jedenfalls als die Intellektuellen, wenn sie
Identifikation« nennt und dafür plädiert, daß »Deutschland dem früheren Gegner ungefragt zu einem Zeitpunkt ihre
nicht permanent in antifaschistischer Zwangsquarantäne ge- Unterstützung anbieten, als der vorsichtig und zurückhal-

46 47
tend geworden ist und zumindest vorläufig ein militärisches Henri Lévy auf, der im Auftrag der spanischen Tageszeitung
Abenteuer in Jugoslawien meidet. El Mundo aus Sarajevo berichtete. Der Artikel wurde im
Im staatstragenden Ton eines Oberlehrers der Nation, Rahmen eines internationalen Handelsabkommens auch in
der jedem oppositionellen Gedanken abhold ist und den nur der taz vom 30.12.93 abgedruckt, die ihrer Leserschaft wis-
die Sorge um nationale Werte umtreibt, verkündet Finkiel- sen läßt, daß dreizehn europäische Zeitungen im wöchentli-
kraut: »Frankreich vergißt eigene Traditionen, es vergißt, chen Turnus Reporter nach Sarajevo schicken, deren Be-
daß im Jahre 1848 Paris die Hauptstadt der freien Völker richte dann von allen beteiligten Blättern abgedruckt wer-
war. Alle Patrioten hatten in ihr ihre Heimat.« Diese »Pa- den. »Organisiert und finanziert haben die Aktion die fran-
trioten« ließen im Juni 1848 diejenigen Arbeiter abschlach- zösische Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen und der
ten, die ihnen im Februar den Weg zur Macht geebnet hat- Fernsehkanal arte«. Lévy sitzt im Vorstand von arte.
ten, als sie den »Bürgerkönig« Louis-Philippe stürzten. Weil »Hebt das Waffenembargo auf!« fordert Lévy bereits in
Finkielkraut von »Frankreich« spricht und nicht von herr- der Überschrift, und: »Die bosnische Armee ist noch lange
schenden Cliquen, von Bourgeoisie, Kapital und Staat, nicht geschlagen.« Das nun folgende Kleingedruckte ist rei-
rechtfertigt er auch jene Verbrechen, die jeder Gründung ei- ne Kriegspropaganda, wie sie in jedem Krisengebiet der
ner Nation vorausgehen. Genausogut hätte er sich auf 1793 Welt noch vom unbedeutendsten einheimischen Rundfunk-
berufen können, als der Aufstand in der Vendée niederge- reporter geleistet werden muß, wenn er seinen Job behalten
metzelt wurde und in Nantes Massenhinrichtungen stattfan- will. Lévy tut freiwillig, was sonst nur Opportunisten und
den. Kriegsgewinnler tun. Mit Durchhalteparolen appelliert
Finkielkraut, der seinem Kollegen Lévy vorwirft, zum Lévy an die Moral der Einwohner Sarajevos. »Nicht nach-
Aggressor in Belgrad gegangen zu sein, läßt sich stattdessen zugeben und auf keinen Fall zu kapitulieren«, heißt das Ge-
lieber von Tudjman einladen. Es bleibt Finkielkrauts Ge- bot der Stunde, das Lévy vox populi abgelauscht haben will.
heimnis, warum es ausgerechnet die kroatische Nation ist, Aus Verzweifelten, die nicht wissen, wohin sie flüchten sol-
zu deren Verteidigung er sich berufen fühlt, und weshalb er len, macht Lévy ein »neues Märtyrervolk« und legt »Zeug-
in Frankreich inzwischen Finkielkroat genannt wird. Viel- nis« ab vom »Heldenmut dieser Menschen«, von ihrem
leicht, weil Tudjman, ein glühender Bewunderer des Usta- »Widerstandsgeist und ihrer unglaublichen Willensstärke.«
sche-Führers Ante Pavelić, im Wahlkampf 1990 verkündete: Die Gründe für diese Kriegshetze verpackt Lévy in Zita-
»Ich bin stolz und glücklich, daß meine Frau keine Jüdin te, die er »einfachen Soldaten« oder auch General Divjak
und keine Serbin ist.«? zuschreibt. Demnach muß der »Triumph der ethnischen
Säuberungen« verhindert und das »Modell der Zivilisation«
gerettet werden. Nun behauptet das jede Kriegspartei, wenn
Bernard-Henri Lévys Landserromantik
ihr ein »Reporter ohne Grenzen« dumme Fragen stellt, und
Wie die Welt aussehen würde, wenn an den Schalthebeln die Argumente werden nicht dadurch glaubwürdiger, wenn
der Macht Intellektuelle säßen, die sich aus moralischer Ver- sie einem General in den Mund gelegt werden. Wenn der
pflichtung berufen fühlen, sie menschlicher und gerechter sich z.B. in der Tradition der Résistance oder der spanischen
zu gestalten, darüber klärt ein Kommentar von Bernard- Republikaner sieht, dann mag das seine private Marotte sein,

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glauben tut das nur ein ehemaliger Linksintellektueller, der gewinnen.« Widerwärtig, wie sich Lévy an General Divjak
von einem General in Kampfanzug schwer beeindruckt ist. heranschmeißt: »Seine Professionalität, sein physischer Mut,
Die Belagerung Sarajevos hat jedoch weder mit der Rési- seine Popularität bei den Truppen, seine Intelligenz in stra-
stance noch mit den spanischen Republikanern etwas zu tun. tegischen, aber auch in politischen Fragen nötigen allen Be-
Die historische Alternative zum Faschismus lautete damals obachtern Respekt ab.« Dagegen die feigen Serben: »Die
weder Bandenkrieg noch nationaler Befreiungskampf, letz- Serben sind schlechte Infanteristen, sie sind nur stark, wenn
teren hatten sowohl Frankreich als auch Spanien schon lan- es darum geht, aus großer Distanz Granaten abzufeuern.
ge hinter sich. Doch die direkte physische Auseinandersetzung scheuen
Lévy behauptet, daß die »rivalisierenden Mafiabanden«, sie.« Der Kampf Mann gegen Mann, das waren noch Zeiten,
deren Anführer er liebevoll »Hitzköpfe« nennt, als ob es kommt da Lévy ins Schwärmen, so »wie einst unsere Solda-
sich um ein paar übermütige Halbstarke handelte, die über ten in Verdun, buchstäblich eingegraben«, oder 1944 die
die Stränge schlagen, inzwischen »eliminiert« seien. »Re- Einwohner von Le Havre und Caen, wie sie den »alliierten
guläre Offiziere haben nun die Armee in die Hände genom- Bombardements« standhielten. Gegenüber solchen gefährli-
men«, sagt Lévy. Seitdem wird streng nach Vorschrift »eli- chen Idioten, die sich »Reporter ohne Grenzen« nennen, se-
miniert« und liquidiert. Der unter den Kämpfen leidenden hen sich plötzlich die Militärs in die Rolle derjenigen ge-
Bevölkerung dürfte es jedoch egal sein, ob sie Opfer regulä- drängt, die Vernunft und Klarsicht vertreten. »Es macht
rer Einheiten oder einer zusammengewürfelten Truppe ist. mich verrückt, wenn einer daherkommt und behauptet, ein
Die Leute jedenfalls wollen diesen Krieg nicht, das muß so- paar Flugzeuge würden genügen, um Bosnien zu retten«,
gar Lévy einräumen. Statt sie in dieser hoffnungslosen Si- sagte der ehemalige UN-Kommandeur in Bosnien-Herze-
tuation aber zur Flucht und die »einfachen Soldaten« mit gowina, General Françis Briquemont.
der »beachtlichen politischen Klarsicht« zur Desertion auf- Nicht nur Lévy begrüßte den Zerfall Jugoslawiens als
zurufen und in Frankreich dafür einzutreten, daß die Flücht- Befreiung aus einem »Vielvölkergefängnis«, immerhin ein
linge aufgenommen werden, macht er aus einer leidenden Gefängnis, in dem es vergleichsweise freundlich zuging und
Bevölkerung ein »neues Märtyrervolk«. Wenn Intellektuelle die Insassen als »Gastarbeiter« ins Ausland gehen konnten.
aber anfangen, in weihevollem Ton von »Volk« zu reden, Das Resultat des »Selbstbestimmungsrechts der Völker«,
dann wird es nur noch ekelhaft. wie die nationalen Sezessionen von den westlichen Intellek-
Selbst die traurige Mitteilung für die hungernde Bevöl- tuellen genannt werden, war logischerweise Krieg um die
kerung, daß in einer Keksfabrik jetzt Uniformen hergestellt Neuaufteilung des Landes. Man würde den Intellektuellen
werden, begeistert Lévy, weil die Uniform als emblematische Unrecht tun, wollte man behaupten, das alles sei ihnen un-
Sichtbarmachung des Nationalen dem Krieg erst das richtige bekannt, aber statt nachzudenken und den Mund zu halten,
Outfit gibt. Wie die letzte schleimerische Hofschranze hält treten Lévy und Co. für eine weitere Splitternation ein, eine
Lévy es noch für eine »vertrauliche« Mitteilung, wenn Ižet- Garantie für neues Blutvergießen und Verelendung, wie die
begović sagt, was er auf jeder Pressekonferenz zum Besten Sezessionskriege in fast allen Kontinenten zeigen.
gibt: »Wenn ihr das Waffenembargo nicht aufhebt, werden Die Gründung einer Nation, und das hat die Geschichte
wir es letztlich selbst aufheben, und wir werden diesen Krieg bewiesen, ist immer mit Vertreibung und der blutigen Un-

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terdrückung von Minderheiten verbunden. Gebietsan- Schneider und Daniel Cohn-Bendit. Unermüdlich schrieben
sprüche lassen sich weder historisch noch moralisch begrün- sie die »Todes- und Vernichtungslager«-Artikel Roy Gut-
den. Wer auf welchem Gebiet lebt, das wurde schon immer mans um und schmückten sie mit beachtlichen Details aus.
durch das Recht des Stärkeren entschieden, und die Stärke- Als Abgeordnete für die Grünen im Europaparlament
ren sind es, die die Geschichte auf ihrer Seite haben. zeichnete Eva Quistorp für ein Heft mit dem Titel »Die bos-
Laut Lévy, dem selbstlosen Sprachrohr des »einfachen nische Tragödie« verantwortlich, in der die Herausgeberin
Soldaten«, »kämpfen wir gegen den Faschismus«. Die Fa- die Vertreibung der europäischen Juden mit der Vertreibung
schisten sind die Serben, wahlweise auch die Kroaten, die der europäischen Muslime gleichsetzt. Auch sie tritt für eine
gestern noch den antifaschistischen Kampf gegen die Serben Aufhebung des »einseitig die bosnische Republik benachtei-
ausgefochten haben. Aber Lévy ist resistent gegen die am ligenden Waffenembargos« ein und beschwört die UNO,
Beispiel Kroatiens deutlich werdende Einsicht, daß Bosnien »Menschenrechte und eine europäische Zivilisation zu ret-
morgen möglicherweise selbst dem Faschismus zugeschla- ten«. Ganz im Sinne Alexandra Stiglmayers, die damit Kar-
gen wird, dann nämlich, wenn die umkämpften Gebiete riere machte, gehören die bis heute nicht nachweisbaren
»befreit« sind und man sich den Konflikten mit den ethni- Massenvergewaltigungen natürlich zur strategischen Kriegs-
schen Minderheiten in den eigenen Landesgrenzen zuwen- führung der Serben (siehe dazu den äußerst aufschlußreichen
den kann. Oppositionelle der Regierung Ižetbegovićs haben Artikel von Martin Lettmayer in Serbien muß sterbien, Berlin
die entsprechenden Erfahrungen bereits zu spüren bekom- 1994).
men. Freimut Duve schreibt in der taz vom 28.4.94: »Wenn
All diese Äußerungen haben Lévy nicht geschadet, sie aber je rechtsradikale Burenköpfe auch nur verbal gefordert
wurden mit Zurückhaltung und Verständnis aufgenommen, hätten, was die serbische selbstmitleidige Soldateska seit zwei
weil es hierzulande schon einen Glaubwürdigkeitsbonus Jahren in jedem Dorf, in jeder Stadt, in jedem Flüchtlingsla-
gibt, wenn einer seine Empörung nur laut genug heraus- ger betreibt: den tagtäglichen tödlichen Trennungsterror –
schreit. »In der bosnischen Frage hatte ich nie Distanz. Ich der Aufschrei wäre weltweit gewesen. Soviel Apartheid, wie
bin angewidert seit dem ersten Tag dieses Krieges und will Mladić und Karadžić herbeischießen und herbeiquälen, hat
meine Empörung über dieses Desaster hinausschreien«, for- es in den 30 Jahren der südafrikanischen Variante nicht gege-
mulierte Lévy laut Zeit vom 20.5.94 sein »ehrliches Anlie- ben. Die bosnischen Serben haben seit zwei Jahren mit je-
gen«, welches in diesem Fall auch »intellektueller Offenba- dem Wort und jedem Schuß erkennen lassen, daß Menschen
rungseid« heißen könnte. anderer Religion in ihrem Herrschaftsbereich keine Überle-
benschance haben. Nicht einmal als Arbeitssklaven.« Und
weil ihm das alles noch zu harmlos ist, weil Duve unbedingt
Blut und Tränen
Klassenbester sein will in »Empörung und Engagement«,
Anhänger nationalistischer O-Töne, früher das Privileg dem Pflichtfach für Gutmenschen, unterstellt er den Serben
Rechtsradikaler, finden sich nicht nur in Frankreich unter die Vernichtungsphantasien, die er bei sich selbst kaum zü-
den neuen Philosophen. In Deutschland heißen die Serben- geln kann: »Das Terrorziel ist eindeutig: das völlige Ver-
hasser u.a. Eva Quistorp, Freimut Duve, Herta Müller, Peter schwinden der Menschen muslimischer Herkunft.«

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In einer Replik auf einen Bericht in der Süddeutschen Zei- Serben in Goražde wie vorher in Sarajevo dem »Blutrausch«
tung vom 9. Mai ’94, in dem der Propagandakrieg der Medi- verfallen. Weil Herta Müller überraschenderweise mit
en am Beispiel der Kämpfe um Goražde aufgezeigt wurde, ihrem »eigenen Kopf« denkt und nicht etwa mit einem an-
als Tausende von Leichen angeblich die Straßen bedeckten, deren, kann man es sich fast denken, worauf ihre Geistesan-
die Opferzahlen sich dann jedoch auf wundersame Weise strengung hinausläuft. »Was kann man da noch denken mit
immer mehr reduzierten, als die taz vom 22.4.94 ganzseitig seinem eigenen Kopf? Immer das gleiche wie eine Mühle
mit dem Appell des Bürgermeisters der Stadt aufmachte, der hin und her drehen: Es muß sofort gewaltsam gestoppt wer-
die UNO aufforderte, Goražde zu bombardieren, bevor die den, was da geschieht.«
Serben die Stadt erobern würden, in einer Replik also auf Das denkt auch Daniel Cohn-Bendit, weshalb er die Ge-
den kritische und aufklärende Information anmahnenden schichte bemüht, um eine Intervention zu begründen. Am
Artikel erhebt Freimut Duve eine Forderung, die eine ge- 24.6.93 richtet er in der taz einen flammenden Appell an die
wisse Tradition in Deutschland hat, Abschwören oder Sip- Öffentlichkeit, der es verdient, ausführlich zitiert zu werden:
penhaftung für die Serben: »Bei allem Mitgefühl mit der »Ich schäme mich. Wir, eine Generation, die im Namen ei-
Trauer vieler Serben in Belgrad oder in München, sich nun ner solidarischen Utopie die Generation unserer Eltern für
an den Pranger gestellt zu sehen: Mit diesen Verbrechen in ihr politisches Versagen so verachtet hat, schauen hilflos,
den besetzten Gebieten werden sie solange identifiziert, wie machtlos und scheinheilig zu, wie die bosnischen Muslime
sie nicht radikal und erkennbar ihre Stimme dagegen erhe- vertrieben werden. Nun stehen wir genauso nackt vor dem
ben« (SZ vom 25.5.94). ›Urteil der Geschichte‹. Erinnern wir uns: 1936 schauen
Herta Müller stellt in der FAZ vom 27.4.94 Vermutun- französische und englische Demokraten zu, wie der spani-
gen darüber an, daß die Serben einer »Gehirnwäsche« un- sche Faschismus, unterstützt von Hitlers Wehrmacht, die
terzogen worden sein müssen: »Ein grausig nationalistisches spanische Republik in Blut ertränkt. 1938 ›retten‹ diese glei-
Selbstverständnis wurde zugeschnitten, das so aussieht wie chen Demokraten ›den Frieden‹, indem sie Hitlers ethni-
die Landkarte von Großserbien, die Milošević eine Weile in schen Feldzug zur Unterstützung der Sudetendeutschen in
der Schublade hatte und seit drei Jahren über Friedhöfe legt. der Tschechoslowakei gewähren lassen. 1943 schaut die
Milošević, Karadžić – zwei Gesichter, die uns jeden Tag von Welt immer noch zu, als der jüdische Widerstand im Ghetto
neuem das Fürchten lehren. Zwei Massenmörder, die nur von Warschau ohne Unterstützung untergehen muß. 1944
durch die Position des Kriegsherrn zu ›Ansehen‹ gelangen lehnen es die Alliierten ab, die Bahnlinien nach Auschwitz
konnten vor dem ausgelöschten Verstand einer Bevölke- und Treblinka zu bombardieren, weil es sich nicht um ›sinn-
rung, die für sich die Definition der Rasse braucht, um sich volle Kriegsziele‹ handelt. Wir reihen uns in diese glorrei-
als Volk zu spüren.« Der Sinn dieser kruden und gestelzten che Tradition ein.«
Prosa läßt sich ungefähr dahingehend entschlüsseln: »Ge- Im Ausdruck »politisches Versagen« steckt bereits ein
hirnwäsche« und »ausgelöschter Verstand« müßten eigent- Nolte. Die Deutschen wollten Auschwitz verhindern, aber
lich zur Folge haben, daß die Serben hilflos umherirren auf sie haben versagt. Dann haben es die Alliierten probiert,
der Suche nach einer Antwort auf Fragen wie »Wer bin aber aus irgendwelchen Gründen hatten sie keine rechte
ich?«, »Woher komme ich?«. Stattdessen ist die »Rasse« der Lust dazu.

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Welches Grundmuster solchen inflationären histori- saker auf das Konto der bosnischen Serben ging, und weil
schen Parallelen zugrunde liegt, drückte Peter Schneider, sich alle einig waren, wurden die ersten Luftangriffe der
ebenfalls als »Reporter ohne Grenzen« unterwegs, im Spie- NATO gegen serbische Stellungen geflogen. Die innerhalb
gel 7/94 so aus: »Was dort vonstatten geht, ist ein faschi- von Minuten gefilmten Bilder, die rund um die Welt ausge-
stisch inspirierter Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug ge- strahlt wurden, markierten einen Wendepunkt im Kampf um
gen ethnisch gemischte Gemeinschaften.« Damit sind die Bosnien. Bis heute ist es jedoch fraglich geblieben, von wem
Serben gemeint. »Die einzige ›Bürgerkriegspartei‹, die die Granate abgefeuert wurde, denn keine der insgesamt
nicht für ethnische Ziele und territoriale Erweiterung, son- zehn von Unprofor angestellten Untersuchungen konnte
dern für den Erhalt des gewachsenen multiethnischen, mul- den Urheber zweifelsfrei feststellen (siehe dazu den sehr auf-
tikulturellen, multireligiösen Gemeinwesens kämpft, sind schlußreichen Artikel von David Binder, Auslandsredakteur
die Bosnier.« (Gern wüßte man natürlich, wie Schneider das der New York Times, in der Weltwoche vom 16. Juni 1994).
beispielsweise mit einer Rede Ižetbegovićs zusammenbringt, Von einem Beispiel über die Funktionsweise der Medien,
wonach der bosnische Präsident das »multinationale Zu- über die sich Intellektuelle eigentlich keine Illusionen ma-
sammenleben« als Lüge bezeichnet, oder auch mit der Be- chen dürften, berichtet der Leiter des außenpolitischen Res-
hauptung Vladimir Pistalos, Germanist und Sohn des Bi- sorts der BBC John Simpson in der Zeit vom 20.1.95: »Im
bliotheksdirektors in Sarajevo, daß in der Stadt unter dem Zweifel hat Bildmaterial, das keine dramatischen Szenen
Namen der Regierung die »nationale Mafia« an der Macht enthält, gegen Gewaltträchtiges keine Chance. Ein schla-
ist, siehe Freitag vom 29.4.94.) Darauf kommen kann man gendes Beispiel dafür lieferte unlängst die Erfahrung eines
jedenfalls nur, wenn man wie Cohn-Bendit »mit Tränen in freien Kameramanns. Ihm war es gelungen, sich in die En-
den Augen« alles glaubt, was in den Tagesthemen, der FAZ klave von Bihać in Westbosnien durchzuschlagen. Entgegen
und der taz behauptet wird, weil nur wahr sein kann, was be- den Schreckensmeldungen der Weltpresse geht es dort of-
richtet wird, und berichtet wurde fast ausschließlich über die fenbar recht friedlich zu. Über Eurovision wurde der exklu-
Kriegsverbrechen der Serben. Kriegsverbrechen der Bosnier sive Bihać-Bericht der Welt angeboten; die meisten Fern-
gab es in dieser mediengläubigen Sichtweise schon deshalb sehgesellschaften aber winkten ab. Die Bilder aus Bihać paß-
nicht, weil es keine Meldungen darüber gab und weil es of- ten nicht in die vorgefaßte Meinung, vor allem aber ent-
fensichtlich keinen der Intellektuellen interessierte, daß die behrten sie der Schreckensszenarien.« Im Westen griff man
bosnische Armee auch mal ihre eigenen Leute unter Be- lieber auf die Greuelberichte zurück, die aus der Küche von
schuß nahm, um das Ergebnis anschließend den Serben in Ruder Finn stammten, der von Ižetbegović angestellten
die Schuhe schieben zu können, wie es sich beispielsweise Werbeagentur.
nach späteren Untersuchungen der UNO beim »Brot-
schlangenwartemassaker« herausstellte.
Die Inflation des Völkermords
Typisch war auch der Fall, als am 5. Februar 1994 eine
Granate auf dem Marktplatz von Sarajevo das größte einzel- So einfach wie das in Gut und Böse unterteilte moralische
ne Gemetzel anrichtete. Alle Welt und die Intellektuellen Weltbild der Intellektuellen ist der jugoslawische Konflikt
waren sich noch am gleichen Tag darüber einig, daß das Mas- jedoch nicht gestrickt. Vergessen und mit keinem Wort er-

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wähnt wird, daß vor allem die BRD durch die vehemente Bendit und Lévy, es sei denn, sie wollen behaupten, in Spa-
Anerkennungspolitik Genschers für den Bürgerkrieg verant- nien hätten »Völkermord und ethnische Säuberungen«
wortlich war, obwohl es keiner großen Voraussicht bedurfte, stattgefunden. Nun ist es kein Völkermord, wenn Spanier
daß damit die Voraussetzung für einen Bürgerkrieg geschaf- Spanier ermorden. Oder wollten sie behaupten, daß die bos-
fen wurde. Kein Staat der Welt akzeptiert freiwillig die Se- nische Republik den gleichen heroischen Freiheitskampf
zession einer Provinz, die ideale Ausgangsbedingung für ei- führt wie 1936 bis 1939 die republikanischen Spanier es ta-
nen territorialen Krieg. In einem von Kroaten, Muslimen ten? In diesem Fall muß man jedoch die spanischen Anarchi-
und Serben besiedelten Gebiet kann dieser Krieg für die Be- sten in Schutz nehmen, die von Freiheit etwas andere Vor-
völkerung nur Vertreibung und Massaker heißen. Für die stellungen hatten als Ižetbegović, der seine fundamentalisti-
neuen Staaten heißt Krieg Sieg oder Niederlage, Eroberung schen, nicht sehr demokratischen Ideen in der »Islamischen
oder Verlust von Gebieten. Deklaration« dargelegt hat, derzufolge »der Islam eine inte-
Was aber hat das alles mit dem spanischen Bürgerkrieg grale Lebensform sei und sich mit keiner anderen politi-
und dem Faschismus zu tun, mit dem Aufstand im War- schen und sozialen Ordnung vertrage« (Die Woche vom
schauer Ghetto, mit Auschwitz und Treblinka? Roy Gut- 26.5.94). Solche bzw. ähnliche Vorstellungen ließen sich
mans Berichte über »Völkermord« und »Todeslager« (»Wie wiederum bei den spanischen Kommunisten finden, von de-
Auschwitz« ist ein Artikel seines Buches betitelt) sind einsei- nen man wissen sollte, welche Rolle sie bei der Verteidigung
tig, und sie als tendenziös zu bezeichnen, wäre noch ein Un- der spanischen Republik gespielt haben, als sie die Opposi-
derstatement. Kein Wort verliert er über bosnische Gefan- tion der Linkskommunisten und Anarchisten über die Klin-
genenlager, die es nachweislich gegeben hat. Aus den ge springen ließen. Daß sie nun ausgerechnet von jenen als
Kriegsgefangenenlager der Serben macht Gutman »Todes- Vorbild gepriesen werden, die sich die Bekämpfung des
lager«. So grausam es jedoch in solchen Lagern zugegangen Kommunismus zur Lebensaufgabe gemacht haben, darin
sein mag, so sind sie nur die logische Folge eines Bürger- besteht eben manchmal der Witz der Geschichte.
kriegs, und »Todeslager« sind sie in Anspielung auf Au- Nicht weniger unsinnig ist der Vergleich der Verteidi-
schwitz nur dann, wenn sie systematisch und ausschließlich gung Sarajevos durch muslimische Truppen mit dem Auf-
dem Zweck der Menschenvernichtung dienen. Eine solche stand im Warschauer Ghetto. Weder haben sich die Nazis
Todesfabrik, die nur eine entfernte Ähnlichkeit mit Ausch- darauf beschränkt, das Ghetto aus kilometerweiter Distanz
witz oder Treblinka gehabt hätte, gab es nicht, und Journali- mit Granaten zu beschießen, noch ließen sie sich auf Waf-
sten hätten wohl kaum Zugang zu solchen »Todeslagern« fenstillstandsverhandlungen ein, noch akzeptierten sie es,
erhalten. Kriegsgefangenenlager hingegen sind keine Erfin- daß die Bevölkerung über den Luftweg, zum Teil sogar über
dung der Nazis, und daß es dort wie in Auschwitz zugegan- den Landweg versorgt wurde. Wäre die Geschichte des Na-
gen wäre, kann nur jemand behaupten, der keine Ahnung tionalsozialismus so glimpflich verlaufen, niemand wüßte
von Auschwitz hat oder der mit der Konnotation solcher Be- heute mehr, daß es in Warschau einen Aufstand gegeben hat.
griffe ein bestimmtes Kriegsziel verfolgt. Überhaupt geht man mit dem Begriff Völkermord heute
Auch was der jugoslawische Bürgerkrieg mit dem spani- sehr großzügig um. Und vielleicht deshalb, weil man weiß,
schen von 1936 zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Cohn- daß ein Massaker noch kein Völkermord ist, und weil es die

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bosnischen Muslime immer noch gibt, obwohl schon unzäh- nicht wieder in Erinnerung zu rufen. Pierre Bourdieu bei-
lige Völkermorde an ihnen begangen wurden, werden die spielsweise plädiert für eine »Internationale der Intellektuel-
Maßstäbe immer weiter heruntergeschraubt. Als Völker- len«, »um in Jugoslawien, Haiti und Algerien, im Iran und in
mord gilt bereits »der gezielte Versuch, den Lebenswillen der Türkei eingreifen zu können« (taz vom 20.11.1993).
des bosnischen Volkes zu vernichten«, schreibt etwas einfäl- Nicht bloß militant, sondern regelrecht durchgeknallt
tig der Tagesspiegel (vom 29.5.94). Und niemand der protest- gebärdet sich Cohn-Bendit, wenn er in einem Kommentar
bereiten Mahnwachenapostel fand es »zynisch und men- der taz vom 20.4.94 schreibt: »Als erstes wird dann von der
schenverachtend«, als es weiter hieß, Völkermord »zeigt Nato Pale bombardiert. ... Die Bombardierung von Pale
sich nicht nur an dem Ausmaß des Mordens auf dem Balkan, würde sicherlich schreckliche Folgen haben. Aber ich glaube
sondern auch an der Zielgerichtetheit, mit der die jahrhun- nicht, daß die Verblendung in der serbischen Bevölkerung
dertealte Kultur des bosnischen Volkes – und vor allem die und in der serbischen Armee einer solchen Entschlossenheit
Religion und ihre Repräsentanten – vernichtet werden soll«. standhalten würde.«
Nun sind der Dehnbarkeit eines Begriffs jedoch Grenzen Wolfgang Pohrts Artikel über den jugoslawischen Bür-
gesetzt. Wenn der Verlust von Menschen bloß unter ande- gerkrieg wurden im Berliner Tagesspiegel als »Irrsinn« be-
rem beklagt wird, das Verschwinden einer »jahrhunderteal- zeichnet, weil Pohrt etwas analysierte, »was keiner sieht –
ten Kultur« hingegen als besonders abscheulich und ver- eine internationale Hetzkampagne gegen Serbien«. Als der
werflich empfunden wird, dann haben diejenigen nichts zu Tagesspiegel-Autor seine maßlose Erregung zu Papier brach-
lachen, die nur ihr nacktes Leben besitzen und keine unter te, gab es bereits eine seit Monaten sich hinziehende öffent-
Denkmalschutz stehenden Kulturgüter vorzuweisen haben, liche Debatte über die einseitige Medienberichterstattung,
diejenigen armen Teufel also, die in den derzeit 43 Kriegen und nur sechs Wochen vorher war in der taz und anderen
auf der Welt ihr Leben lassen, während die Medien erschüt- Tageszeitungen, wie dem Zürcher Tages-Anzeiger, ein »Auf-
tert darüber sind, daß Europa, die Zivilisation und die Kul- ruf an die Regierungen Europas und die UN« erschienen, in
tur in Sarajevo stirbt. dem das Ultimatum für Sarajevo als Erfolg gewertet wurde:
»Wir verlangen, daß im gesamten Krisengebiet des früheren
Jugoslawien die Sanktionen dahin verschärft werden, daß
Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
alle Angriffsmittel vernichtet bzw. der UN übergeben wer-
Die Frage ist, wen die Intellektuellen mit der Beschwörung den müssen. Wird diese Forderung innerhalb eines auf we-
der Geschichte überzeugen wollen, können sie doch nicht nige Tage befristeten Ultimatums nicht erfüllt, müssen
ernsthaft davon ausgehen, daß ihnen irgendjemand glaubt, durch Luftangriffe die Angriffsmittel – unter möglichster
der noch einigermaßen bei Verstand ist. Fast sieht es so aus, Schonung von Menschenleben – zerstört werden.« Die Un-
als ob es sich um die Selbstversicherung der eigenen Bedeu- terzeichner dieses Aufrufs verzichteten zwar darauf, die
tung handelt, der man sich nur durch heftiges Klappern und Schuldigen beim Namen zu nennen, dennoch ließen sie kei-
Rasseln versichern zu können glaubt, um die Aufmerksam- nen Zweifel daran, wer mit »den Aggressoren« gemeint war.
keit des Publikums auf sich zu ziehen. Kein Konfliktlösungs- Spätestens seit diesem Aufruf wurde der gelegentlich er-
vorschlag scheint hirnverbrannt genug zu sein, um sich damit hobene Einwand hinfällig, nur wenige Intellektuelle würden

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doch für eine Intervention in Jugoslawien eintreten. Nicht größten Massaker und von Kriegen, die besonders heftig
mehr nur Cohn-Bendit, Peter Schneider, Finkielkraut, Lévy und verbissen geführt wurden, wenn sie von ideologischem
und Freimut Duve verhalten sich wie Dr. Seltsam. Unter- Fanatismus beherrscht waren. Ideologie aber geht immer
zeichnet haben den Aufruf u.a. diejenigen, für die sich Fin- aufs Ganze. Auch die Verwirklichung der Rassenideologie
kielkraut den schönen Begriff »humanitäre Elite« hat einfal- sollte dem Dritten Reich zu tausendjährigem Glück verhel-
len lassen: Wolf Biermann, Pascal Bruckner, Ignaz Bubis, fen.
Jürgen Fuchs, André Glucksmann, Juan Goytisolo, Günter Weder in ihrem Eifer noch in ihrer Wortwahl unter-
Grass, Klaus Hartung, Claus Leggewie, Adam Michnik, scheiden sich die westlichen Intellektuellen von Fanatikern.
Heiner Müller, Octavio Paz, Karl Popper, Salman Rushdie, Und sonst? Gut sei es, »die Werte, die ja unsere sind, zu ver-
Stefan Schwarz, Jorge Semprún, Susan Sontag, Simon Wie- teidigen«, sagte Lévy, und Cohn-Bendit teilte dem Spiegel
senthal, Peter Zadek, Tilman Zülch. 1/94 mit: »Ich bin davon überzeugt, daß der europäische
Auch Henryk Broder gehört seit einiger Zeit zu dieser Gedanke eine der letzten Utopien ist, wofür sich zu kämpfen
erlesenen Schar, die aus humanitären Erwägungen ein lohnt.« Diese Werte der abendländischen Zivilisation und
bißchen morden lassen möchte, und man fragt sich, warum der »europäischen Idee«, für die sich die Intellektuellen
er eigentlich nicht mitunterzeichnet hat. Vielleicht, weil er schlagen wollen, heißen Humanität und Menschenrechte.
schon vorher seinen eigenen Aufruf verfaßt hatte, in dem er Menschenrechte lassen sich nicht dadurch verwirklichen, in-
zur Bereitschaft aufforderte, den »Menschen in Sarajevo ... dem man in einem Bürgerkrieg eine nationalistisch orien-
wirklich zu helfen«, was sehr ehrenwert ist, aber nicht gera- tierte Kriegspartei unterstützt und sei es auch die unterlege-
de von großer Kompetenz zeugt. Wenn jemand mit so we- ne. Sie zu unterstützen heißt im besten Falle, daß sie überle-
nig Ahnung, was in Jugoslawien eigentlich passiert, nach ei- gen wird, wodurch eine Umkehrung der Verhältnisse er-
ner militärischen Intervention ruft, dann kann nur vorsätzli- reicht wird und das Spiel von neuem beginnen kann. Die
che Dummheit im Spiel sein. Und wenn jemand sich so von den Intellektuellen herbeigesehnte Einmischung bedeu-
blind und vertrauensselig auf das verläßt, was im Fernsehen tet die Fortsetzung der »Schlachtbank« (Hegel), die Europa
gezeigt wird, dann weiß man, wie wenig man in der Bundes- sowohl geographisch als auch historisch immer gewesen ist,
republik benötigt, um als kritischer Geist zu gelten. also das Gegenteil der Menschenrechte, für die sie eintreten
Bombardiert Pale, bombardiert die Serben, aber »Irr- und die immer mehr einem Euthanasieprogramm ähneln.
sinn« ist es, die Interventionsforderungen und Vernich-
tungsphantasien, früher Eigenschaften rechter Militärs, zu
kritisieren. Humanismus, Menschenrechte, Zivilisation und
die »europäische Idee« müssen zur Rechtfertigung der Bar-
barei herhalten, die auch dann eine ist, wenn die Intellektu-
ellen Bomben nur »unter möglichster Schonung von Men-
schenleben« werfen wollen. Diese Glücksversprechen einer
»humanitären Epoche« (Finkielkraut) sind aus der Ge-
schichte bekannt, sie waren in der Regel die Vorboten der

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Die Fortsetzung des Krieges deutlich. Hier hatte sich die Gewalt keineswegs beschämt
mit kulturellen Mitteln verdrückt, als die Kultur mit Susan Sontag, Juan Goytisolo,
André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy Einzug hielt,
Über künstlerisches Engagement in hier lautete die Formel vielmehr »Kommt die Kultur,
Zeiten des Krieges kommt auch die Gewalt«. Die Künstler und Schriftsteller
waren vor allem deshalb nach Sarajevo gereist, um die Be-
wohner der Stadt mit Durchhalteparolen aufzumuntern. Sie
stimmten Heldengesänge auf die großartige Moral der Be-
völkerung an und jauchzten ein Hohelied auf Sarajevo, der
einzigartigen und lebendigsten Stadt in Europa.

Susan Sontag und das Kulturereignis der Saison


Susan Sontag war die erste prominente Künstlerin, die Sara-
»Geht die Kultur, kommt die Gewalt«, orakelte Gerhard
jevo mit ihrer Anwesenheit beehrte und die Waffen der Kul-
Zwerenz in Halle zum Auftakt des dreitägigen »Kongresses
tur im Kampf gegen die Serben einsetzte. Der Liebhaber des
zur Verteidigung der Kultur« Mitte Juni 1994. Schon die als
Vulkans, ihr zuletzt erschienenes Buch, war in der deutschen
Reprise angelegte Veranstaltung selbst verriet, daß der Er-
Presse durchgefallen und vom »Literarischen Quartett«
folg ein ähnlicher sein würde wie der des historischen Vor-
verrissen worden, und ihr letzter öffentliche Auftritt in Ber-
läufers 1935 in Paris. Daß die Volksfrontpolitik betreiben-
lin, als sie Syberberg vor seinem völkischen Gebrabbel in
den Kommunisten für die »Verteidigung der Kultur« eintra-
Schutz nahm, wurde vom Spiegel nicht zu Unrecht hämisch
ten, haben die Surrealisten kritisiert, weshalb ihnen eine Be-
kommentiert. Vor so wenig Kultur kapitulierend flüchtete
teiligung an diesem Kongreß verwehrt wurde. André Breton
Susan Sontag nach Sarajevo ins Exil, inszenierte Becketts
warf den Veranstaltern vor, daß es nicht genügt, lediglich
Warten auf Godot, und alles war ganz anders. »Ich war er-
Abscheu vor dem Faschismus zu bekunden, und insofern ist
staunt über die große Aufmerksamkeit, die Godot in der in-
sein Einwand auch heute noch aktuell. Angesichts nämlich
ternationalen Presse erregte ... Am Tag nach meiner An-
des in Halle einen Monat zuvor von zehn »Sieg Heil«
kunft bekam ich im Foyer und Speiseraum des Holiday Inn
grölenden Männern krankenhausreif geschlagenen Asylbe-
ein Dutzend Anfragen hinsichtlich Interviews, am nächsten
werbers aus dem Tschad mutete es gespenstisch an, ausge-
wieder, am übernächsten ebenfalls.« Nirgends sonst als in
rechnet Kultur als besonders schützenswertes Gut zu be-
Sarajevo, einem fast schon mythologischen Ort, weil dort
trachten. Was immer sich das PEN-Mitglied Zwerenz ge-
nach Meinung der Kulturschaffenden Europa a. »stirbt«, b.
dacht haben mag, Kultur ist kein die Gewalt ausschließendes
»beginnt« und c. »lebt«, hätte Sontag mit einer Theaterins-
Prinzip, und oft sind es die Künstler, die eine erstaunliche
zenierung soviel PR-Rummel verursachen können, oder an-
Blutrünstigkeit an den Tag legen. Gerade im vielgepriesenen
ders ausgedrückt, nirgendwo sonst als im Holiday Inn, dort
multikulturellen, multiethnischen und multinationalen Sa-
also, wo ganze Reporterteams gelangweilt herumhängen,
rajevo wurde der tiefere Sinn der kulturellen Friedenmission
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um auf den Einschlag der nächsten Granate zu warten, hätte derungen unterbrochen wird und deshalb in der europäi-
Godot eine nettere Abwechslung sein können. schen Kulturzeitschrift Lettre erschien, wurde eines nie er-
Susan Sontags Godot-Inszenierung wurde nicht nur als wähnt, nämlich daß schon vor dem Krieg in Sarajevo genau-
Beispiel selbstlosen Engagements gewürdigt, es wurde auch so wie in Berlin oder Bielefeld Theaterflaute herrschte und
der Eindruck erweckt, die Einwohner Sarajevos könnten »daß sich das anwesende Publikum aus der politischen und
nun ein kulturelles Bedürfnis befriedigen, das mindestens militärischen Elite zusammensetzte, von denen man diejeni-
ebenso wichtig ist wie das nach Nahrung, Kleidung und gen an den Fingern einer Hand abzählen kann, die vor dem
Wohnung. Sontag förderte diesen Irrglauben, wenn sie von Krieg wenigstens einmal das Theater betreten haben. Oder
der »äußerst lebendigen und reizvollen Provinzhauptstadt« die Tatsache, daß auch Schauspieler an die Front gezwungen
und »deren Kulturszene« schwärmte, die keinen Vergleich werden, es sei denn die Kriegsregierung erkennt ihr künstle-
mit mitteleuropäischen Maßstäben scheuen müßte. »Kultur, risches Engagement als einen Teil ihres gemeinsamen
ernsthafte Kultur ist ein Ausdruck menschlicher Würde; Kampfes für die gleichen politischen Ziele an«. Das schrieb
eine Würde, die die Menschen in Sarajevo glauben verloren Željko Vuković, von 1986 bis 1992 Vorsitzender des bos-
zu haben«, der sie nun jedoch nicht länger nachtrauern müs- nisch-herzegowinischen Journalistenverbandes, der Sarajevo
sen, denn in Godot wird ihnen diese »ernsthafte Kultur« ge- verlassen mußte, weil sein Leben von allen drei Kriegspar-
boten, von der Sontag selbst am meisten beeindruckt ist: teien bedroht wurde.
»Ich glaube, es war am Schluß dieser Aufführung ..., daß in
meinen Augen Tränen zu brennen begannen.«
Die kulturelle Propagandaschlacht in Sarajevo
Wer zu diesen erhabenen Gefühlen nicht fähig ist, der
wird mit einer propagandistischen Interpretation des Im April ’93 besuchte André Glucksmann für 24 Stunden Sa-
Stückes bedient. Demnach wollte Sontag Warten auf Godot rajevo und hielt dort eine Pressekonferenz ab. Der Jet-Set-
als »Illustration der Gefühle der Menschen in der Stadt« Philosoph erklärte dem anwesenden Publikum, daß »Kriege
verstanden wissen: »ausgeplündert, hungrig, verzagt, war- im Fernsehen gewonnen oder verloren werden«, womit er
tend auf eine launische fremde Macht, die sie erretten oder vermutlich zu verstehen geben wollte, daß es keinen besse-
unter ihre Fittiche nehmen würde«. Ihre Mission war in je- ren als ihn gebe, um diesen Krieg zu gewinnen. Auch wenn
der Beziehung ein voller Erfolg: »Die Menschen in Sarajevo sich Ižetbegović über die Verstärkung aus der Pariser Haute-
führen ein herzzerreißendes Leben; dies war ein herzzer- volee gefreut haben dürfte, die Botschaft war kalter Kaffee;
reißender Godot. Ines war als Pozzo besonders theatralisch er hatte schon lange vorher die PR-Agentur Ruder Finn da-
und Atko der ergreifendste Lucky, den ich je gesehen habe.« mit beauftragt, seine Interessen in den Medien wahrzuneh-
Ob dieses Eigenlobes wurde ihr dann auch im New Yorker men. Die von Glucksmann übernommene »individuelle Ver-
Lincoln Center der »Montblanc de la Culture« verliehen, antwortung« nicht nur in diesem Konflikt richtet sich seit
und Catherine Deneuve und Vanessa Redgrave gratulierten neuestem gegen »moralisches Aids«, das er für eine der
ihr. Hauptkrankheiten der westlichen Zivilisation hält.
In Susan Sontags langen Bericht über die Theaterauf- »Saurierhafte, reptilienähnliche Gleichgültigkeit« heißt
führung, der immer wieder von militanten Interventionsfor- die Krankheit bei Juan Goytisolo, der im Schützenpanzer

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därme aber vor allem zeigen, ist Lévys heimliche Faszinati- Künste. Nach dem zweistündigen Film verkauft Lévy dem
on, die hinter dem manischen Sammeln solcher Dokumente geräderten Publikum die gleichen Weisheiten noch einmal,
steckt. Bilder von Menschen in Gefangenenlagern sind ge- die so schwülstig sind, daß sie sich für einen Abdruck in der
gengeschnitten mit Dokumentaraufnahmen aus KZs. Na- Zeit qualifizieren: »Die Seele der Bosnier ist lebendig.« »Ich
türlich beweisen sie nichts als die Tatsache, daß hungernde erfuhr das große Glück, zum Ehrenbürger Sarajevos ernannt
Menschen eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen. Aber sie sol- zu werden.« »Ich habe mich den Verantwortlichen zur Ver-
len auch nichts beweisen, sie sollen die Rückkehr des Fa- fügung gestellt. Das ist die Pflicht und die Ehre eines Intel-
schismus suggerieren und damit den Krieg in Bosnien zu ei- lektuellen.« Man hört es und faßt es nicht, daß Lévy Make-
ner heiligen und gerechten Sache machen. up mit dem Butterbrotmesser aufträgt. Selbst solche Platitü-
»Bosna!« ist ein erbärmliches Sammelsurium sämtlicher den, der Fußball und das Fernsehen seien an allem schuld,
Klischees, die sich die Guten vom »Befreiungskampf« der präsentiert Lévy noch als tiefe und empfindsame Einsicht.
Muslime gegen die serbische »faschistische Aggression« Wo Lévy konkret wird, gerät er leicht ins Schlingern.
machen. Lévy zieht den Propagandakarren Ižetbegovićs und 70% des bosnischen Territoriums seien von den serbischen
bezeichnet das als sein besonderes Vertrauensverhältnis zum Faschisten besetzt. Wer aber sind die Bosnier, von denen
bosnischen Führer. Durch nichts läßt sich Lévy beirren, alles Lévy redet? Daß sie aus Serben, Kroaten und Muslimen be-
liegt für ihn auf der Hand, einen Beweis glaubt er nicht an- stehen, darauf muß ihn erst jemand aus dem Publikum auf-
treten zu müssen. Nach wie vor haben die Serben die Gra- merksam machen. Den bosnischen Serben jedenfalls
nate auf dem Marktplatz Sarajevos geworfen, obwohl laut gehören laut Grundbucheintragung 60% des Landes. Lévy
Untersuchungsberichten der UNO nicht festzustellen war, will alles für die Bosnier, die eine Fiktion sind, solange Lévy
wer der Schuldige war. Nachrichten, die die Reinheit der nicht verrät, wie er einen bosnischen Serben dazu zwingen
bosnischen Sache anzweifeln, existieren für Lévy nicht. will, Angehöriger dieses Mythos zu werden, wenn der nicht
Stattdessen heroische Gesänge und triefender Kitsch, will. Soll er auswandern, soll er zwangsbosnisiert oder viel-
wie man das nur von stalinistischen Hofschranzen kennt, leicht ausgerottet werden?
über die man heute so entsetzt ist, während man Lévy Auf- Lévy ist jedoch nicht einfach dumm. Die pathetische
richtigkeit und Engagement bescheinigt. »Bosna, wie eine Schlichtheit seines Weltbilds ist diejenige eines Demagogen,
Hommage an Bosnien-Herzegowina, das seit zwei Jahren eines Agitators, wie ihn Leo Löwenthal in seiner Studie
von den großserbischen Mördern zerstückelt wird und Op- »Falsche Propheten« beschrieben hat. Heute sind die »fa-
fer aller Nationen ist. Bosna, wie die heroischen Menschen, schisierten und rassistischen Serben« das Böse, das die Welt
die, fast alleine, lieber sterben als sich unterzuordnen. Und und die Bosnier bedroht. Das Böse jedoch verkleidet sich als
Bosna, wie ein Film, der kämpft, Seite an Seite mit diesen das Gute, der Faschismus benutzt eine Maske und ist des-
Männern und Frauen, die ihr Land verteidigen und damit halb nicht immer eindeutig zu identifizieren. Aber Lévy ist
gleichzeitig unsere Werte.« Fachmann in Fragen der Teufelsaustreibung, und niemand
Die vom Krieg in Jugoslawien persönlich betroffenen hat es sich bisher leichter gemacht, den Faschismus als serbi-
guten Menschen in der Bundesrepublik holten den Film schen zu entlarven. An Lévy läßt sich studieren, wie der Agi-
Lévys nach Berlin und zeigten ihn in der Akademie der tator neuen Typs aussieht, für den jedes Mittel recht ist, um

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»Menschenrechte« und die »Zivilisation« zu verteidigen. Schnellfilms nach Hause und mußte dabei nicht einmal sein
Was aber bleibt dann noch von den Menschenrechten und Leben riskieren – die französische Presse hat diesbezüglich
der Zivilisation? kompromittierende Bilder veröffentlicht. Lévy hat sich stets
so aufdringlich inszeniert ... Mit den Malraux-Lévy-Verglei-
chen ist der Lernprozeß der Vergangenheitsbewältigung,
Das Kulturunternehmen BHL
der sich lange auf die Vichy-Phase konzentriert hatte, nun
Selbst der FAZ (vom 18.5.94) war das Ganze zu dick aufge- bei der Vorkriegszeit angekommen. Auf diesem kurvenrei-
tragen, und vorsichtig ging sie auf Distanz, wenn auch nur chen Weg haben seine Protagonisten etwas von ihrer per-
aus dem Grund, daß ihr der PR-Rummel der Sache nicht sönlichen Glaubwürdigkeit verloren.«
angemessen schien: »Bernhard-Henri Lévy an allen Fron- Auch die Zeit meldete ihre Zweifel am Unternehmen
ten: von Sarajevo direkt nach Cannes, wo der Film, den er BHL an, und sie zeigt, mit welcher Beliebigkeit die Guten
im ehemaligen Jugoslawien gedreht hat und hat drehen las- für eine Sache eintreten: »Früher hatte er sich für Bangla-
sen, zwar außer Programm gezeigt wurde, aber bisher mit desch engagiert, gegen die argentinischen Generäle und die
Abstand die größte Aufmerksamkeit beanspruchte. Mehrere französischen Kommunisten, für Salman Rushdie.« Nicht
Seiten im Nouvel Observateur, Interviews in allen Gazetten, zu vergessen die afghanischen Freunde Lévys. In Lan-
Magazinen und Kanälen. Und am Montag im öffentlich- destracht, mit Turban und Burnus, hatte er sich mit Mud-
rechtlichen Rundfunk France-Inter BHL total: Von morgens schaheddin-Kämpfern zusammen photographieren lassen,
bis abends war er live im Äther. Der Rummel um seinen als diese Unterstützung im Kampf gegen den Kommunis-
Film ›Bosna!‹ ist so gigantisch, daß man dazu am liebsten mus brauchten. »Und jetzt kämpft er eben für seine bosni-
›basta!‹ sagen würde. ... Lévy will zusammen mit ein paar In- schen Freunde, die ihm den Ehrendoktortitel der Univer-
tellektuellen (André Glucksmann, Edgar Morin) bei der Eu- sität Sarajevo verliehen. Immer wieder hat er sie eingeladen
ropawahl vom 12. Juni mit seiner eigenen Bosna!-Liste an- nach Paris, wo Präsident Ižetbegović, zu Gast in Lévys luxu-
treten. riöser Wohnung, erstaunt ausrief: ›Wieso engagiert sich ei-
Dieses Projekt wurde am Tag der Vorführung bei den ner wie Sie so sehr für uns?‹ Viele Male hat er auch sie be-
Fimfestspielen in Cannes publik und als PR-Aktion für den sucht, das weiße Hemd unter einem Winterparka gerade
Lévy-Film lanciert. Unwidersprochen läßt sich sein Regis- noch zu erkennen, mit gepflegtem Dreitagebart; fast immer
seur als neuer Malraux feiern. ... Man wird bei BHL den war ein Photograph dabei. Mit wachem Sinn für Effekte ließ
Eindruck nicht los, daß es ihm vor allem um den Werbeef- er sich einmal mit vorgehaltenem Mikrophon befragen, ge-
fekt in eigener Person geht. Neben seinem feinen Instinkt duckt vor einer Mauer, über die, wie der Zuschauer anneh-
für die intellektuelle Macht verfügt BHL auch über einen men mußte, die Gewehrkugeln pfiffen. Das nicht vorgesehe-
Riecher für die politische Konjunktur. Verzweifelt sucht er ne Folgebild offenbart dann, daß hinter der Mauer gelassen
nach einer historischen Legitimierung seines Tuns, und es zwei Soldaten vorbeigingen – also kein Kugelhagel, sondern
wäre ihm zuzutrauen, den Vergleich mit André Malraux eine Inszenierung zum Zwecke der Dramatik.« Lévy hätte
selbst suggeriert zu haben. Nach Jugoslawien pilgerte er auf besser im seichten Gewässer seiner Gespräche mit Françoise
der Suche nach seiner Legende. Er brachte sie in Form eines Giroud über die Liebe, Männer und Frauen weiterplät-

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schern sollen. Die waren wenigstens nur harmlos und ver- erst am Freitag zuvor angemeldete »Sarajevo«-Liste wieder
trottelt, während »Bosna!« gemeingefährlich war. zurückgezogen. Die von der taz rapportierte offizielle Versi-
Zwar löste der »Bosna!«-Film und die anschließend ins on Lévys lautete, daß das Ziel der Liste, den Bosnienkonflikt
Leben gerufene »Sarajevo«-Liste für die anstehenden Euro- während des Wahlkampfes zur Sprache zu bringen, erreicht
paparlamentswahlen eine Debatte aus, aber wie bei jedem worden sei. Die Version der FAZ vom gleichen Tag hörte
PR-Rummel wollte auch in diesem Fall jeder möglichst sich etwas anders an: »Die Gründe sind viel banaler. Am
selbst im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Also Sonntag vermeldeten die Meinungsumfragen nach einem
wetteiferte die »Säbelrasselbande« (FAZ) um Einschaltquo- relativ sonnigen Wochenende, an dem unvermittelt auch
ten, Publicity und öffentliche Auftritte. Die Aufmerksamkeit wieder andere Themen existierten, Wahlprognosen von
der Medien wird einem jedoch nur zuteil, wenn man selber deutlich unter fünf Prozent. Das ließ nicht nur keine Abge-
etwas zur Debatte beisteuern kann, und das hatte jeder ordneten erwarten, sondern vor allem kein Geld. Doch ein
reichlich: »Während manche Listenmitglieder wie André Wahlkampf verschlingt im Minimum ein paar Millionen
Glucksmann, von der gereizten Reaktion Mitterands [der Francs. Nur wer die Fünf-Prozent-Hürde erreicht, kommt
die Initiative seines Freundes Lévy negativ bewertete, K.B.] in den Genuß einer Rückerstattung.«
angespornt, sich mit aller Kraft in die Schlacht werfen Und soviel waren den Pariser Intellektuellen die bosni-
möchten, hält Bernard-Henri Lévy sich eher zurück. ... Der schen Freunde nun auch wieder nicht wert. Scharf kritisiert
Politologe Alain Joxe greift kritisch Mitterands Wort auf, hat die windelweiche Position einiger Sozialisten Régis De-
wonach nicht ›dem Krieg noch ein Krieg hinzugefügt‹ und bray. Die Politiker würden »vor den moralischen Augen-
aus diesem Grund das Waffenembargo aufrechterhalten blicksgefühlen der Bildschirmhelden« kapitulieren und den
werden solle ... Auch Alain Finkielkraut zweifelt an der »Demagogen der hehren Gefühle und kantigen Worte« das
Glaubwürdigkeit des Lévy-Kreises und kritisiert dessen ein- Feld überlassen, berichtete die FAZ, die die Zeichen der Zeit
seitiges Vertrauen in den bosnischen Präsidenten Ižetbego- offensichtlich verstand, denn sie referierte Débray nicht
vić, einen ›Mann von gestern‹, der heute dem muslimisch- ohne eine gewisse Sympathie: »Lautstark ›bis zum letzten
kroatischen Schulterschluß alle erdenklichen Hindernisse in Bosnier in Paris zu kämpfen‹, hält Debray nicht für ein Mo-
den Weg lege, als politisch naiv, ja verantwortungslos« (FAZ dell der Ehrenhaftigkeit. Jedem sei es freigestellt, mit dem
vom 27.5.94). Gewehr auf dem Balkan für die gerechte Sache zu kämpfen.
In der Aufgeregtheit der Debatte kündigte sich bereits Wem der Bosnienkonflikt ein moralisches Problem stelle,
das Ende der Initiative für Bosnien an. Zwar lag die »Saraje- der solle es auch moralisch angehen – in der ersten Person
vo«-Liste laut Meinungsumfragen bei sieben bis zwölf Pro- Singular.«
zent in der Wählergunst, aber die Tatsache, daß nun auch Als der »Bosna!«-Film in Cannes gezeigt wurde, lief un-
die französische Sozialdemokratie in Gestalt ihres Parteivor- ter weniger spektakulären Umständen ein Film von Želimir
sitzenden Rocard auf den abfahrenden Zug aufspringen Žilnik in Belgrad. Nach einer Idee von Ernst Lubitsch in
wollte, war ein sicheres Indiz dafür, daß dieses Thema keine »Sein oder Nichtsein« hatte Žilnik einen Schauspieler als
Zukunft hatte und die Öffentlichkeit bald langweilen würde. Tito in Marschallsuniform in der Öffentlichkeit auftreten
Und tatsächlich. Am Montag, den 30. Mai ’94, wurde die lassen und vorübergehende Passanten bei ihrer Begegnung

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mit der Vergangenheit interviewt. Keine Dramatik, kein Vielleicht weil die ständige Rede vom »Völkermord an
Heroismus, keine Propaganda wie im »Bosna!«-Film von den Bosniern« irgendwann einmal jedem verdächtig vor-
Lévy, sondern Ironie und Spott mitten in der »Zentrale des kommen muß, weil beim zehnten oder elften Mal niemand
Faschismus«. »Der Film wurde produziert von Radio B92, mehr so recht daran glauben mag, verlegten sich die Kultur-
einer kleinen Station, die nur in Belgrad zu hören, aber schaffenden auf eine andere und, wie sie dachten weit,
quicklebendig ist und bislang hartnäckig in ihrer Kritik am schlimmere Art von »Völkermord«, den Völkermord an der
Milošević-Regime. Wie lange sie durchhält, weiß niemand, »jahrhundertealten Kultur des bosnischen Volkes«. Das war
und viele fragen sich, warum Milošević die zwar im wesentli- die Quintessenz dessen, was das Starensemble in Sarajevo
chen auf Belgrad begrenzte, aber doch bemerkenswerte schon seit längerem predigte. Dieser Gedanke wurde in ei-
Freiheit duldet«, schrieb die Zeit vom 20.5.94, der man kei- nem »Offenen Brief zur Gründung einer Bosnischen Biblio-
ne Sympathien für die serbischen Kommunisten nachsagen thek« historisch zurückverfolgt: »In diesem Jahrhundert hat
kann. Europa schon einmal die massenhafte und folgenschwere
Vernichtung seiner Kultur erlebt ... In Europa wird heute
wiederum eine einzigartige Kulturlandschaft vernichtet.«
Kulturoffensive an der Heimatfront
Dieser »geistige Kahlschlag« müsse »verhindert«, »den
Im Herbst ’93 beklagte Iris Radisch in der Zeit, daß nur we- Vertriebenen« dürfe nicht »die unmittelbare Verbindung zu
nige namhafte Schriftsteller, Theaterleute und Künstler ihren Kulturen und dadurch zu ihrer Erinnerung und Iden-
»sich selber ein Bild von dieser Stadt gemacht und über sie tität gekappt werden«.
geschrieben haben«. Susan Sontag machte die »Shopping- Aus Sorge um die Vernichtung der »einzigartigen Kul-
Ära« dafür verantwortlich, daß nicht mehr Intellektuelle turlandschaft« rief man zahlreiche Initiativen ins Leben. Im
nach Sarajevo pilgerten. Auch wenn der Aufruf Sontags und Theater am Halleschen Ufer wurde ein Erlebnisbericht mit
Goytisolos nicht den gewünschten Erfolg hatte, so blieb er dem Titel »Mirad – ein Junge aus Bosnien« aufgeführt. Die
doch an der kulturellen Heimatfront nicht ungehört. »Welt- Schaubühne in Berlin veranstaltete unter dem Titel »Me-
Moral« lautete der bezeichnende Titel einer Ausstellung, mozid Sarajevo« einen Leseabend, auf dem u.a. Goytisolos
die 1994 in Basel gezeigt wurde und deutlich machte, daß »Notizen« vorgetragen wurden. »Eine fast zeremonielle
die Künstler wieder Betroffenheit und Weltschmerz auf die Veranstaltung«, schrieb die taz, »bei der eine Komposition
Tagesordnung gesetzt haben, wie z.B. Jenny Holzer, deren von Giacinto Seelsi eine hinduistisch-meditative Grund-
mit Blut bedrucktes Insert im Magazin der Süddeutschen Zei- stimmung vermittelte.« Das Scharoun Ensemble beteiligte
tung als Exponat zu bewundern war. Jenny Holzer hatte sich sich an einem »Benefiz-Konzert für Sarajevo«. Das Grips-
von Berichten über die Massenvergewaltigungen an musli- theater brachte Ende April ’93 das Stück »Bosana« auf die
mischen Frauen inspirieren lassen: »Da, wo Frauen sterben, Bühne, von dem die taz berichtet: »Hier erzählen Betroffe-
bin ich hellwach« stand auf der Titelseite des Magazins. ne tatsächlich selbst.« Im Januar ’94 ließ sich das Gripsthea-
Hellwach wurden daraufhin vor allem Holzers Kollegen, ter von Erich Rathfelder die »richtigen Kontakte« knüpfen,
denn ihr Happening auf Hochglanzpapier hatte für viel Fu- um »mit einem aktuellen Stück eine eigene Position zu die-
rore gesorgt. sem Balkan-Massaker zu beziehen«. »Bosana« war Pflicht-

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veranstaltung für Schulklassen mit Schülern ab 13 Jahren. Freunde fürs Leben
Großes Echo fand vor allem eine »Kunstauktion für Künst- Wie Henryk M. Broder einmal einen »linken Nazi«
ler in Sarajevo«, die von 149 in- und ausländischen Künst-
entdeckt und endlich Anschluß gefunden hat
lern und Galerien unterstützt wurde und einen Erlös von
557 600,– DM erbrachte. Auch der Berliner Senat für kultu-
relle Angelegenheiten wollte etwas für die Künstler in Sara-
jevo tun. 94 000,– DM wurden gesammelt dank eines etwas
kryptischen Aufrufs: »Mit dem Leiden Sarajevos leidet ein
Stück unserer europäischen Kultur. Kultur darf nicht ster-
ben, nicht in Sarajevo.«
Der diesen Vorstellungen zugrunde liegende Begriff
Kultur wird als eine Art Rezept für Völkerverständigung ge-
dacht. Mit ein bißchen mehr Kultur auf der Welt würde tie- Seitdem die Ostblockstaaten zusammengebrochen sind und
fer Friede eintreten, und wenn nur genügend Theaterinsze- damit auch die Gefahr verschwunden ist, die von ihnen aus-
nierungen, Konzerte, Ausstellungen und Dichterlesungen ging, haben sie vor allem in der ehemaligen Linken und de-
stattfinden würden, dann hätte der Krieg keine Chance ren Sympathisanten ihre erbittertsten Feinde gefunden.
mehr. Als Beleg für diese These prangern die Künstler den Während die früheren Renegaten ihr Leben riskierten,
»Völkermord« an der Kultur an, den sie offensichtlich mehr wenn sie öffentlich auf die Verbrechen des Stalinismus hin-
verabscheuen als alles andere. Wenn Kultur aber schon zur wiesen, wird heute niemand mehr verfolgt, wenn er unter
Person erklärt wird, um einen Mord an ihr begehen zu kön- den Fittichen der freien Marktwirtschaft den Kommunis-
nen, was muß sie dann erst sein, wenn sie einem »Völker- mus verteufelt. Und während die früheren Renegaten noch
mord« zum Opfer fällt? Eine sich in karnickelartiger Ge- allen Grund dazu hatten, verzeihen die heutigen dem Kom-
schwindigkeit vermehrende Volkskultur? Hätte dann der munismus nicht, daß es ihn nicht mehr gibt, weshalb sie fast
»Völkermord« nicht eine gewisse Berechtigung, wenn er pathisch auf jeden reagieren, der damit einmal in Berührung
uns von Schuhplattlern und den Wildecker Herzbuben be- stand und nicht inzwischen abgeschworen hat. Die Altlinken
freien würde? versichern dem Sieger im Wettstreit der Systeme ihre unbe-
dingte Loyalität, jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem die
westliche Demokratie kein Interesse mehr daran hat, weil
der Kommunismus nur noch als Schreckgespenst taugt, aber
kein Gegner mehr ist, dessen Bekämpfung Ehre und Aner-
kennung einbringen würde.
So lächerlich also das Spreizen und Balzen auf den Seiten
des Feuilletons sein mag, wenn Biermann und Broder zu-
sammen mit Hrdlicka als trio infernale auftreten, so ist ihr
Gebaren als moralische Saubermänner auch ziemlich depri-
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mierend. Biermann hat Gysi einen »Verbrecher« und Heym fen.« Und die Salzburger Nachrichten setzte noch eins drauf:
einen »Feigling« genannt, und zwar nicht deshalb, weil Gysi »Dieser Mann [Hrdlicka] muß aus dem öffentlichen Leben
ein gemäßigter Sozialdemokrat und Heym ein besonders verschwinden.« Schwer entrüstet ist die Rechtspresse über
eitler Schriftsteller ist, sondern weil er in ihnen die kommu- die »Nürnberger Rassengesetze«, aber ganz entschieden
nistische Gefahr wittert, denn unter Gesetzen, die Gysi mit- tritt sie für deren Anwendung ein. Und man möchte dem
bestimmt hat, möchte Biermann nicht leben. Wären Gysi Fachmann in dieser Frage zurufen: Broder, übernehmen Sie!
und Heym nur das, was sie tatsächlich sind, und nicht das, Was es mit Broders Empörung über Hrdlickas inkrimi-
was ohne ihr Verschulden in sie hineinprojiziert wird, könn- nierten Fluch auf sich hat, hat der Wiener Philosoph Rudolf
te man sich beruhigt zurücklehnen, weil man weiß, Pack Burger als eine Methode kommentiert, die man ansonsten
schlägt sich, Pack verträgt sich. Weil dem aber nicht so ist, gerne Stalinisten zur moralischen Herabsetzung des politi-
hat Hrdlicka einen »Offenen Brief« im Neuen Deutschland schen Gegners unterstellt. »Wie man einen Nazi konstru-
veröffentlicht, in dem er die von Biermann eröffnete Rum- iert« heißt der Artikel und erschien zuerst am 12.12.94 im
pelstilzchen-Debatte fortführt. Hrdlickas Invektiven jedoch Wiener Standard. Burger zeigt, daß der besorgte Kommen-
sind nicht nur deshalb treffend und genau, weil er auch Bier- tar Broders eine merkwürdige Allianz von Empörten her-
mann meint, wenn er Biermann sagt, sondern auch weil sie vorrief, von denen man bisher lediglich wußte, daß sie nicht
gegenüber den »DDR-Dissidenten« sehr plausibel klingen, denken können, die jetzt aber bewiesen haben, daß sie auch
wenn man weiß, daß deren einzige Existenzberechtigung nicht lesen können. Um lesen zu können, muß man kein
darin liegt, die Öffentlichkeit mit ihren Stasiakten zu belästi- Verständnis für Hrdlicka aufbringen, man muß seinen Text
gen und die Bedeutung ihrer Person mit einem »Auschwitz auch nicht interpretieren, man muß auch nicht besonders
in den Seelen« aufzublasen, wie es der Führungsoffizier unvoreingenommen sein, und auch sonst benötigt man kei-
Biermanns, Jürgen Fuchs, gerne tut. ne besondere Qualifikation, um zu wissen, was da steht: Un-
Hrdlicka hat Biermann aber auch »die Nürnberger Ras- sinn. Ein Unsinn jedoch, der im Unterschied zu Broders In-
sengesetze an den Hals« gewünscht. Henryk M. Broder hat terpretation keinen Wunsch enthält, sondern eine Verwün-
dies wiederum zum Anlaß genommen, Hrdlicka im Tages- schung, und »insofern bewahrt Hrlickas Pamphlet einen
spiegel und im Wiener Profil als »linken Nazi« zu denunzie- Kern von Solidarität mit seinem Gegner: Er erinnert ihn an
ren, dessen »Mahnmal für die verfolgten Wiener Juden so- ihren gemeinsamen Feind, den Nazi« (Rudolf Burger).
fort abgerissen werden« sollte, worauf sich Sigrid Löffler in Hrdlickas ordinäres Gestammel ist dumm und unzurech-
der Süddeutschen Zeitung fragte, was Broder wohl gefordert nungsfähig, eine Retourkutsche auf Biermanns Geschrei,
hätte, wenn Hrdlicka Schriftsteller wäre: eine neue Bücher- aber antisemitisch ist es nicht. »Das Pamphlet ist eine Kra-
verbrennung? Aber auch die Bezeichnung als »linker Nazi« keelerei zwischen verfeindeten Freunden, wie in einer
hat der Wiener Rechtspresse gut gefallen, die wie die Kro- schlechten, unauflöslichen Ehe.«
nenzeitung schon bei der Aufstellung des Denkmals Amok In Wien würde man sagen, Hrdlicka ist ein bißchen
lief und deshalb Beifall von allen Altnazis erhielt. »Doch be- »deppert«, ein ernstzunehmender Gegner ist er jedoch
vor dies geschieht«, schrieb Die Presse, »sollte man es ver- nicht. Vielleicht, um den Verdacht der bürgerlichen Presse
hüllen, um so ein Mahnmal gegen die Heuchelei zu schaf- in der BRD zu entgehen – die nicht versäumte, auf Hrdli-

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ckas Neigung zum Alkohol hinzuweisen –, Broder hätte sich de für sich reklamieren konnte, und sie begehen den Verrat,
ein leichtes und unzurechnungsfähiges Opfer ausgesucht, weil sie es nicht ertragen, wenn auch bloß mit ihren Wün-
schreibt er: »Die Frage wäre müßig und keiner Erörterung schen und Hoffnungen, einmal außerhalb der bürgerlichen
wert, stünde Hrdlicka nur für Hrdlicka und nicht für ein Gesellschaft gestanden zu haben. Leute also, deren Beitrag
ganzes Milieu, das mit seiner eigenen Lebenslüge konfron- zur Kritik der Verhältnisse rein ideeller Natur war, werfen
tiert wird und damit nicht fertig wird.« Weil es aber die Sa- sich heute von Schuldgefühlen geplagt ihre Vergangenheit
lonkommunisten, die Broder meint, nicht mehr gibt, weil sie in einer Weise vor, als hätten sie früher mit der Waffe in der
a.) entweder Broder schon längst gefolgt und ins andere La- Hand auf die Abschaffung der Gesellschaft gedrängt. Ist es
ger gewechselt sind und b.) keine gesellschaftliche Rolle schon nicht gerade schön, wenn Leute unter Zwang oder für
mehr spielen, weshalb von »Milieu« zu reden unsinnig ist, ein Butterbrot sich von der Stasi anwerben ließen, so ist es
deutet vielmehr alles darauf hin, daß sich Broder einen Geg- auch nicht gerade appetitlich, wenn sich gutverdienende
ner erst basteln muß, um ihn als Attrappe erlegen zu kön- Herren mittleren Alters freiwillig dafür hergeben, eine Hal-
nen. Aus diesem Grund nennt Broder das Neue Deutschland tung zu denunzieren, der angesichts des überall grassieren-
auch eine »totalitäre Zeitung« und hat sogleich mit Konrad den Opportunismus geradezu Größe und Würde zukommt.
Weiß einen Freund gewonnen, der es Broder nachplappert Wenn Broder Hrdlicka vorwirft, er würde sich gern den
und die »totalitäre Geisteshaltung dieser Zeitung« anpran- Herrschenden anbiedern, »wenn es nur die richtigen Herr-
gert. Nun kann man das Neue Deutschland als alles mögliche schenden wären«, so kommt er nicht umhin, im Konjunktiv
bezeichnen, z.B. als Vereinsblatt der »Partei des demokrati- zu schreiben, während Broder und Biermann nichts anderes
schen Selbstmitleids« oder als etwas schrullige Postille, die tun, als ihre Anbiederung faktisch unter Beweis zu stellen.
krampfhaft Anschluß an das schöne und gute Deutschland Hätten Jörg Haider oder Franz Schönhuber irgendjemand
sucht, aber eine »totalitäre Zeitung« ist das ND nicht mal zu die Nürnberger Rassegesetze an den Hals gewünscht, »gäbe
Zeiten Ulbrichts oder Honeckers gewesen, denn als offiziel- es einen Aufschrei der Empörung im ganzen Land«,
les Mitteilungsorgan war es nur langweilig, während es heu- schreibt Broder in nur wenig unterschiedlichen Varianten
te außerdem noch den Befindlichkeitskitsch für den Osten im Tagesspiegel, im Profil, in der Süddeutschen und in der Wo-
liefert. che, und er findet das ungerecht, als müßten Rechtsradikale
Broder lobt Biermann dafür, daß er sich von »seiner Le- und Altnazis, d.h. rechte Nazis im Unterschied zu »linken
benslüge verabschiedet« hat, die darin bestand, »an den So- Nazis«, vor öffentlicher Kritik ausgerechnet von Broder in
zialismus geglaubt« zu haben, und mit diesem Lob dürfte Schutz genommen werden. Als ob Broder nicht wüßte, daß
sich Broder auch auf die eigene Schulter geklopft haben. der beste Schutz solcher Leute darin besteht, daß die mei-
Nun ist gerade von Biermann bekannt, daß seine Liebe nicht sten Politiker nicht anders denken oder reden als Schönhu-
dem DDR-Sozialismus galt, und auch Broder hat einmal be- ber und Haider, aber im Unterschied zu diesen das richtige
schrieben, wie kurzlebig seine Affäre mit dem Staatssozialis- Parteibuch haben. Offensichtlich eingedenk dieses in der
mus war. Gemeint ist deshalb der Verrat an den eigenen Ju- Behandlung des politischen Gegners angemahnten Gleich-
gendidealen, an einer Haltung, die gegen die herrschenden heitsgrundsatzes, auf dem Broder herumreitet, hat er mit
Verhältnisse opponierte und dafür jede Menge guter Grün- ungeheuer viel Einfühlungsvermögen im Mai 1992 Schön-

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huber für die taz interviewt und für ihn viel Verständnis auf- und er schreibt es deshalb, weil er wie seine Freunde von Re-
gebracht mit Fragen wie »Wird Schönhuber gelegentlich port, Focus, den DDR-Bürgerrechtlern plus Gauck die De-
von seinen Anhängern mißverstanden? Das ist auch Marx nunziation von allem, was nach Opposition riecht oder was
passiert.« Oder: »Marx war ein Visionär, Hitler ebenso. Vi- Broder dafür hält, für politisch korrekt und opportun hält.
sionär heißt, daß einer weit nach vorne blickt ...« Auch nicht In Österreich schlug diese reichlich dünne Kontroverse
schlecht. Und dann gibt Broder Schönhuber Gelegenheit, hohe Wellen, während in der BRD die Berichterstattung
sich von den Überfällen Rechtsradikaler auf Asylbewerber- eher flau war. Zwar wurde Broder in der Sache recht gege-
heime zu distanzieren mit der Frage: »Was haben Sie dabei ben, aber man roch den Braten, den inszenierten Skandal,
empfunden?« »Ganz schrecklich« hat es Schönhuber natür- mit Broder als Retter des christlichen Abendlandes. Nur Ig-
lich empfunden. Kein Nachhaken, kein Insistieren, im Ge- natz Bubis, der Hrdlicka in der Allgemeinen Jüdischen Wo-
genteil, Broder gibt sich viel Mühe, Schönhuber nicht mit chenzeitung als »rotlackierten Nazi« titulierte, und Konrad
seinen eigenen Anhängern in einen Topf zu werfen, die zu- Weiß eilten dem »Biermann ohne Klampfe« (Wiglaf Dro-
gegebenermaßen nicht immer die höflichen Umgangsfor- ste) zu Hilfe. In der FAZ spuckte Weiß Gift und Galle gegen
men des ehemaligen SSlers pflegen. So wie Broder jedenfalls das Neue Deutschland. Im heiligen Eifer erstattete er gegen
hat noch kein Journalist Schönhuber die Möglichkeit gege- das ND sogar Strafanzeige beim Generalbundesanwalt we-
ben, sich raus- und schönzureden. Und als das Geplauder gen »Volksverhetzung, Aufruf zum Völkermord und mögli-
schließlich auf die Stasi kommt, wird klar, daß sich da zwei cherweise Unterstützung der Ziele einer verbotenen und
Brüder im Geiste getroffen haben, die im Duett das Lied verfassungsfeindlichen Organisation der NSDAP«. Ge-
von den »zwei Diktaturen« singen können. spreizt, tantenhaft und stark weizsäckerverdächtig war die
Dieses Verständnis kann Broder für Hrdlicka nicht auf- Replik des Kulturredakteurs Peter Berger: Das »kann uns
bringen, weil Hrdlicka ein »linker Nazi« ist und gerade weder einschüchtern noch davon abhalten, auch diesmal von
»linke Nazis« Broders besondere Verachtung auf sich zie- unserem Recht auf Pressefreiheit Gebrauch zu machen ...«
hen. »Die verfolgten Wiener Juden«, schreibt Broder, »sind Wenn einer das schreibt, dann meint er, daß sie, die Redak-
genug verhöhnt worden und brauchen sich nicht von einem tion, allen Grund hätte, eingeschüchtert zu sein, weshalb er
linken Nazi post mortem weiter verhöhnen zu lassen.« Ein hiermit betont, daß sie es nicht ist, denn anderenfalls ergibt
interessanter Satz, weil Broder versucht, daß von ihm erfun- der Satz keinen Sinn. Insofern muß man es schon fast wieder
dene Feindbild des »linken Nazis« mit den historischen Na- bedauern, daß die von Weiß eingereichte Klage genauso
zis auf die gleiche Ebene zu zerren, demzufolge die Nazis blödsinnig wie chancenlos ist. Schön an dieser Schmie-
die Wiener Juden nicht etwa verfolgt, vertrieben und in die renkömodie ist immerhin, daß sich die Chefredaktion jahre-
Gaskammern deportiert, sondern lediglich »verhöhnt« hät- lang bei Konrad Weiß eingeschleimt hat, um ihn zur Mitar-
ten, genauso wie es der »linke Nazi« Hrdlicka tut. Man kann beit in ihrem Vereinsblättchen zu bewegen.
Broder nicht unterstellen, daß ihm dieser kleine Unter- »Es gibt genügend ostdeutsche Künstler zu entdecken«,
schied unbekannt ist, denn schließlich müssen die Juden ir- nörgelte Konrad Weiß in eigener Sache, »um die es still sein
gendwie umgekommen sein, um sie »post mortem weiter mußte in der DDR und die auch im wiedervereinigten
verhöhnen« zu können. Aber Broder schreibt es trotzdem, Deutschland fast unbekannt geblieben sind.« Dieses La-

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mento war sogar der FAZ zuviel, die ihm einen Tag später abgewürdigt‹ werden. Staatstragend und kirchentagsmäßig
antwortete: »Die östlichen Moralisten nerven und erpressen betroffen sinnierte Oliver Tolmein über die Gefahr der
nun schon seit Jahren unser ästhetisches Gewissen mit Mär- ›sprachlichen Einebnung der NS-Verbrechen‹. Und seine
tyrern, Ausnahmefiguren, Winkelpoeten oder gar mit Patri- Abmahnung schloß: ›Der Streit zwischen ihm (Hrdlicka)
archen, die angeblich die eigentliche Kunst der DDR ge- und Broder ist ... eben doch einer zwischen einem, der im
schaffen haben.« Nationalsozialismus aufwachsen ... konnte, und einem, der
Überhaupt war die FAZ die einzige Zeitung, die sich vom NS-Regime ermordet worden wäre.‹ Eine berühmte
über den »Konflikt« angemessen lustig machte, als sie ihn Publizistin, die im Unterschied zu Tolmein etwas von der
als einen »pubertären Streit unter Rauschebärten« (Erhard jüngeren deutschen Geschichte verstand, reagierte auf derlei
Busek in der FAZ) beschrieb. Daß nicht alle Konservativen dämliche Konstruktionen immer mit derselben Auskunft:
die Anbiederei Broders mit Beifall honorierten und »um der ›Wenn meine Großmutter Räder hätte‹, pflegte Hannah
Freiheit der Kunst willen ... ihre Anarchie, ihre Immoralität Arendt zu sagen, ›dann wäre sie ein Autobus‹. Man könnte
und ihre traumtänzerische Inkorrektheit« in Gestalt des nämlich ähnlich zurückfragen, was aus dem nach dem deut-
»rabiaten ›Antifaschisten‹« Hrdlicka verteidigten, ist der schen Reinheitsgebot gezeugten Oliver Tolmein geworden
einzige Lichtblick in dieser »Affäre«, sieht man von Wiglaf wäre. Wahrscheinlich Chefredakteur der Jungen Welt.«
Drostes konstruktivem und vorbehaltlos zuzustimmendem Nichts kann Broder selbstverständlich dafür, was Kriti-
Vorschlag zur Güte ab, ein »Zwergenwerfen« mit den Pro- ker über seine Bücher schreiben, aber verdient hat er es alle-
tagonisten des Streits zu veranstalten. Nein, es gab noch ei- mal, daß ihm von einem in die Konsistenz des Schleimigen
nen Lichtblick, nämlich daß Broder in seiner Kampagne ge- übergehenden guten Menschen wie Friedbert Pflüger Scho-
gen Hrdlicka sogar Bundesgenossen von links bekam, wie nungslosigkeit und Sarkasmus bescheinigt wird und daß er
den Chefredakteur vom Irmgard Möller-Solidaritätsblatt dafür gelobt wird, »scharf mit der Linken ins Gericht« zu
Junge Welt Oliver Tolmein, der im Leitartikel der Allgemei- gehen. Und verdient hat er es auch, wenn Günter Scha-
nen Jüdischen Wochenzeitung über »das Herabzerren der bowski ihn als »Querulant« und »Querdenker« bezeichnet,
Scham- und Hemmschwellen« durch Hrdlicka schwadro- der nicht nur am Fließband »Denkanstöße liefert«, sondern
nierte. Doch, daß Broder nun in der gleichen Empörungs- seine »Feder« »gnadenlos ... in den Speck der Selbstgefällig-
front wie Tolmein steht, das ist eine gute Nachricht. keit« rammt. Fast schon möchte man Erbarmen mit Henryk
Bereits vorher hatte sich Tolmein in seinem eigenen Broder haben, wenn man nicht wüßte, daß er sich in diesen
Blatt ähnlich geäußert. Auf diese »geheuchelte Empörung« Kreisen wohl fühlt. Es war ein langer Weg, aber Broder ist
schrieb Eike Geisel u.a. eine Erwiderung, die jedoch nicht endlich angekommen in seiner neuen Heimat, und aus die-
abgedruckt wurde, weshalb sie hier in Auszügen zitiert sein ser Ecke der ranzigen alten Herren wird man noch öfter von
soll: »Vor einer Woche erschien ein Text (›Bruder Broder‹), ihm hören. Nun hat sich Broder mit seinen Publikationen,
der den deutsch-jüdischen Pas de deux als Lachnummer vor- die in der Regel schon ein bißchen zurückliegen, auch unbe-
führte. Und neben diesem Text, sozusagen als Abmahnung, streitbar Verdienste erworben, die ihm das Recht geben,
erklärte der Chefredakteur der ›Jungen Welt‹, die Zeitung auch mal etwas Bescheuertes zu veröffentlichen. Seitdem er
verteidige das Ansehen von Auschwitz, es dürfe nicht ›her- jedoch das Thema von den »zwei Diktaturen« entdeckt hat,

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ist er auf dem besten Weg dazu, als Fachmann in Sachen gen, warum das seiner Meinung nach nicht stimmt«, und sie
»linke Lebenslügen« Klaus Rainer Röhl Konkurrenz zu ma- empfiehlt, »darüber nachzudenken, wie es möglich ist, daß
chen. Fachmann auf diesem Gebiet wird man jedoch nur, einer wie Hrdlicka sich so verhält, wie er sich verhält«.
wenn man, als Schwein beschimpft, dies nicht als Beleidi- Warum wohl tut er das? Vielleicht, weil er sich für einen
gung versteht, »sondern als Aufforderung zu grunzen« Querdenker hält? Vielleicht, weil er sich gerade mal wieder
(Wolfgang Pohrt). langweilt? Oder aus Gründen der Publizität? Je schwachsin-
In einem Interview mit Broder in Focus scheint es soweit niger nämlich die Statements, desto eifriger werden sie vom
zu sein. Genüßlich läßt ihn Focus apportieren, daß das »Vier- Feuilleton aufgegriffen. Zuletzt war es Castorf, der sich ein
te Reich ... die Wichsvorlage der Linken« und in Deutsch- »Stahlgewitter« wünschte. Wieder ein Fall für Strobl, die
land »anormal nur der Ladenschluß« ist. Zeugt dieser dop- auch in diesem Fall »wichtige Denkanstöße zu einem be-
pelte Hrdlicka auf Small-talk-Niveau nicht gerade von der drohlichen und beunruhigenden Thema« (Betroffenheits-
feinen Ironie, für die Broder immer gelobt wird, so scheint O-Ton Strobl) liefern könnte.
er über Stefan Heym nur noch mit Schaum vor dem Mund Ganz gleich aber, was das Motiv Hrdlickas gewesen sein
reden zu können: »Heym würde nur hungern, wenn er dafür mag, bei einem, der dumm ist, wird auch langes Nachden-
bezahlt würde ... Einen derart charakterlosen, geldgeilen ken nicht viel mehr an den Tag bringen als seine Dummheit.
Opportunisten wie Heym hat es vorher nicht gegeben. Für Hrdlicka hat keine Gelegenheit ausgelassen, das sowohl im
so kleine Summen auch noch! ... Heym ist ja schon für 1000 Neuen Deutschland als auch in einem Interview in der Frank-
Mark käuflich. Der Mann hat überhaupt nichts zu sagen, furter Rundschau (»daß es Rassen gibt, ist doch evident«) un-
aber er möchte gern anderen vorschreiben, was für sie gut ter Beweis zu stellen, und auch in der Dresdener Semper-
ist.« Ist es schon pikant, jemandem Geldgeilheit vorzuwer- oper gab er in freier Rede Kostproben davon, als er »das
fen, wenn es kein Geheimnis ist, daß Broder seine Artikel Bild vom gefräßigen Westen, der den Osten schluckte« wie-
nicht aus Nächstenliebe verfaßt, und schon gar nicht aus derkäute (FAZ vom 31.1.95). Leichte Beute also für Broder
Überzeugung, so hat es sich Broder selbst zuzuschreiben, und Strobl, die in ihm einen »linken Nazi« bzw. einen lin-
wenn sich der Leser die Haßtirade aus dem Neid gegenüber ken Antisemiten entdeckt haben.
dem Besserverdienenden erklärt. Nur unzureichend läßt Hrdlicka behauptet, er wäre Kommunist. Das ist eine
sich deshalb Broders ordinäre Häme mit seinem eigenen glatte Lüge, für die die Kommunisten, sollte es noch welche
Verdikt über den »deutschen Humor« beschreiben, für den geben, nichts können, aber es ist gerade diese Sippenhaf-
er selbst das beste Beispiel geliefert hat: »Einfallslos. Grau- tung, weshalb Broder das von »Kommunisten« wie Hrdlicka
sam. Uncharmant. Unsexy. Dumm.« bedrohte Vaterland verteidigt: »Die Frage wäre müßig und
keiner Erörterung wert, stünde Hrdlicka nur für Hrdlicka
Dieser in Konkret 2/95 gekürzt zum Abdruck gekommene und nicht für ein ganzes Milieu, das mit seiner eigenen Le-
Text veranlaßte Ingrid Strobl zu einer Antwort, in der sie mir benslüge konfrontiert wird und damit nicht fertig wird.«
vorwirft, daß ich über all diejenigen herfallen würde, »die Weil Broder sich aber mit einem harmlosen Trottel an-
Hrdlicka als ›linken Nazi‹ oder einfach ›nur‹ als Antisemiten gelegt hat, blieb die Debatte letztlich eine Feuilletondebatte,
verdächtigen«, könnte »dann aber auch nicht so genau sa- und wichtig an ihr war nicht der hirnlose Quatsch, den

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Hrdlicka daherredete, sondern das Anschleimen ans schöne gegenseitig zu versichern, daß uns das, was passiert ist,
neue Deutschland von Broder, der es einmal besser wußte. schmerzt.« Daraufhin Strobl: »Das ist eine unfaire Pole-
Beispielsweise in Der ewige Antisemit, und aus diesem Buch mik.« Wird wohl so sein.
hätte Strobl lernen können, was es mit dem Antisemitismus
der Linken wirklich auf sich hat. Aber das kommt eben raus,
wenn man Selbstbewältigungsprosa schreibt und Strobl sich
auf die »Suche nach den Ursprüngen ihrer politischen Iden-
tität« begibt (Verlagsankündigung zu Strobls neuem Buch).
Rudolf Burger hat darauf aufmerksam gemacht, wie nahe
sich eigentlich Broder, Biermann und Hrdlicka stehen. Zu
diesem Freundeskreis gesellt sich nun auch Strobl mit ihrem
garantiert argumentfreien Text, in dem sie darüber entsetzt
ist, daß ein »prominenter Linker sich antisemitisch äußert«.
Vermutlich, weil sie früher selber einmal dieses antisemiti-
sche Geblöke mitgemacht hat, ist sie auf Hrdlicka besonders
schlecht zu sprechen, denn in seinen Äußerungen guckt sie
ihre eigene Vergangenheit an. Inzwischen ist sie unheilbar
gesund, und deshalb ruft Hrdlicka bei ihr keinen Gedanken,
sondern nur einen Reflex hervor. Sie vergißt, daß im Unter-
schied zu ihrer aktiven Zeit bei Emma, als sie zusammen mit
Alice Schwarzer im Geiste der Nürnberger Gesetze einer
Kollegin Kontaktsperre mit dem »militanten Juden« H.M.
Broder erteilte, Hrdlicka nur für sich selbst spricht.
Im Profil vom 20.2.95 wurden einige Intellektuelle zur
Diskussion über die Morde an den Roma in Oberwart gela-
den. Unter anderem auch Ingrid Strobl und Rudolf Burger,
dem sie in ihrer Erwiderung in Konkret vorwirft, Hrdlicka in
Schutz genommen zu haben. In einigen knappen Sätzen er-
läutert Burger, was das Problem bei Strobl ist: »Sie haben
Gesten der Betroffenheit gefordert. Dazu möchte ich fol-
gendes sagen: Ich bin nicht betroffen, das ist eine Heuchelei.
Betroffen sind jetzt Roma. Betroffen sind, fürchte ich, im-
mer wieder Juden. In diesem Sinne bin ich nicht betroffen.
Ich bin beunruhigt, und mir ekelt vor solchen Dingen. Aber
wir sind hier, um über Mechanismen zu reden, nicht, um uns

92 93
Wie die Identität »Die Trostlosigkeit der Quellen gerade, aus denen sich die
unter die Deutschen kam nationale Identität oder das Nationalgefühl der Deutschen
speist, gewährleistet dessen Dauerhaftigkeit, dessen Steh-
Die Linke als Geburtshelfer nationaler Gefühle vermögen. Es kann weder altern noch in Vergessenheit gera-
ten oder verderben, denn jeder Tag, den Gott werden läßt,
ist wie ein Jungbrunnen, fast wie ein Geburtstag für dassel-
be. Die großen Augenblicke der Menschheitsgeschichte –
der Sturm auf die Bastille, die Magna Carta, die Erklärung
der Menschenrechte, der 8. Mai 1945 – sind demgegenüber
bloß ephemer, Zeiterscheinungen, Eintagsfliegen, einmalig,
flüchtig und vergänglich, Dinge also, die nicht dauern, und
von denen am Ende nur die Erinnerung übrigbleibt. Sie und
ihr Ruhm können mit der Zeit verblassen und mit ihnen die
nationale Begeisterung, die sie zu wecken verstanden. Der
deutsche Nationalismus hingegen zehrt nicht von der Erin-
nerung ans herausspringende historische Datum, sondern er
nährt sich, er ist gesättigt vom Alltagserlebnis, von der Le-
benserfahrung, er regeneriert sich in jedem Familienkrach,
in jedem Zank zwischen Nachbarn, er profitiert von zahllo-
sen kleinen Bürointrigen wie von der einen großen Arbeits-
losigkeit. Weil sich der Bürger ums Eigentliche, Wesentli-
che im Leben letzten Endes doch stets betrogen fühlt, denn
entweder war man glücklich oder erfolgreich, nie beides und
meist weder noch; weil es zum Schicksal des Bürgers gehört,
»Das ist ein sehr interessantes Foto: der falsche Hitler vor der nicht von den großen, sondern von den unzähligen kleinen
Reichskanzlei. Viele Deutsche waren einfach dumm, anders kann Niederlagen zur Strecke gebracht zu werden; und weil sich
man das nicht nennen. Der Krieg war zu Ende, Hitler war ›ka- schließlich in dies trübe Lebensgefühl hier keine störende
putt‹, und dennoch trugen einige noch diesen Schnauzbart und Erinnerung an heroische Augenblicke, Bruchstellen in der
den Scheitel wie Hitler. Unsere Soldaten, die solch einem Men- Geschichte und im Alltag gewissermaßen mischt, deshalb
schen begegneten, sagten: ›Oh, seht mal, das ist Hitler.‹ Der wird es eine nationale Identität oder ein Nationalgefühl der
falsche Hitler flüchtete, und die Soldaten schossen auf ihn. In die Deutschen geben, solange die bürgerliche Gesellschaft dau-
Kommandatur wurden täglich zwölf bis fünfzehn ›Hitler‹ ge- ert. Basierend auf ihren Mißhelligkeiten, dem Einzigen,
bracht, alle mit Schnauzbart und dem schrägen Scheitel. Dumm- worauf im Leben wirklich Verlaß ist, was täglich wiederkehrt
köpfe, was soll man sonst dazu sagen.« und ewig dauert, ist dieser Nationalismus gleichsam auf
Jewgenij Chaldej Granit gebaut. Das Unspezifische, Ahistorische ist gerade

94 95
seine Besonderheit, seine Eigenart, und sie erklärt, wieso er Gefängnisverwaltung mit dem Ansinnen heran, im Anstalts-
unter wechselnden Bedingungen immer derselbe bleiben vollzug doch bitte die Voraussetzungen revolutionärer Pra-
konnte und dabei so zeitlos wie modern, von gleichbleiben- xis zu erfüllen und den Gefangenen freie Persönlichkeitsent-
der Antiquiertheit und Aktualität in einem.« faltung zuzugestehen. Dieses Mißverständnis führte schließ-
Wolfgang Pohrt, 1984 lich dazu, daß aus dem beabsichtigten Umsturz der Verhält-
nisse ein Kampf um politische Identität wurde, der so erbit-
tert geführt wurde, weil Identität als Selbstverwirklichung
Die Robert-Lembke-Sparschweinfrage
bekanntlich keine Konzessionen zuläßt und jedes Zuge-
Wer weiß, vielleicht fing ja alles schon 1971 an, als Ulrike ständnis bereits als Verrat an der Sache gedeutet wurde.
Meinhof als Voraussetzung revolutionärer Praxis »politische Kein Wunder also, daß der bewaffnete Kampf länger dauer-
Identität« einklagte, und zwar als »permanente Integration te als etwa das Dritte Reich.
von individuellem Charakter und politischer Motivation«. Aber auch die sich undogmatisch nennende Linke in
Bekanntlich wollte man damals das »Konzept Stadtguerilla« Frankfurt sorgte sich um ihre einzige und unverwechselbare
in der Praxis auf seine Tauglichkeit hin überprüfen. Nach- Identität. Damals gab es noch die normale, d.h. die defor-
dem alle RAF-Mitglieder der ersten Stunde hinter Gittern mierte und fremdbestimmte Identität, weshalb es die eigene
saßen, hätte die Einsicht nahegelegen, daß die »permanente erst noch zu finden oder, wie man damals auch gerne sagte,
Integration von individuellem Charakter und politischer zu erfinden galt. Mitte der siebziger Jahre grübelte der da-
Motivation« nicht ausreicht, um den Sturz der Verhältnisse malige Spontichef Cohn-Bendit ausführlich darüber nach,
zu bewerkstelligen. Aber wie es eben mit der Identität so ist, wer oder was er eigentlich sei: »Unsere Identität ist das Er-
man mochte nicht von ihr lassen, weswegen der bewaffnete gebnis vielfältiger Erfahrungen, ganz besonders aber der
Kampf weitergeführt wurde. Lebensumstände unserer Kindheit. In der Zelle der Familie
Immer häufiger geisterte im Jargon der RAF die »politi- sind keimhaft alle sozialen Ungerechtigkeiten bereits vor-
sche Identität« herum, und in den Kampagnen zu den Haft- handen, außerdem wird die Bildung unserer Identität durch
bedingungen der Gefangenen wurde sie zum tragenden viele äußere Einflüsse mitbestimmt: die Gesellschaft zwingt
Leitmotiv. In diesen Kampagnen wurde die »Zerstörung der mir eine männliche Rolle auf – ich bin ein Junge, später ein
politischen Identität« der Gefangenen angeprangert und Mann [da hilft nur Geschlechtsumwandlung, A.d.V.] –, die
daraus ein Argument für ihren Sonderstatus als »Kombat- Rolle des deutschen Juden, die eines mehr oder weniger
tanten« gemäß der Genfer Kriegskonvention gebastelt. Weil hübschen Rotschopfes. Solchen Bedingungen kann ich mich
aber niemand im Ernst davon ausgehen konnte, daß die nicht entziehen, sie beeinflussen ständig meine Beziehungen
BRD freiwillig eingestehen würde, der Unrechtsstaat zu zu anderen Menschen. Um meinen Platz im gesellschaftli-
sein, für den die RAF ihn hielt, kam hinter der Anklage et- chen Leben zu bestimmen, muß ich lernen, meine Identität
was ganz anderes zum Vorschein: die Forderung nach Erhalt zu entziffern, denn die widersprüchlichen Erscheinungen
der »politischen Identität«. Man verlangte also vom Staat, der modernen Gesellschaft haben sich in der Widersprüch-
daß er sich zum Sozialarbeiter wandle und die Bemühungen lichkeit vieler Züge meiner Persönlichkeitsstruktur nieder-
der RAF, ihn abzuschaffen, honoriere, d.h. man trat an die geschlagen« (Der große Basar).

96 97
Die Identität war also vom Kapitalismus ganz schön be- Wahn und patriotische Gesinnung
droht und wurde auch noch verfälscht, weshalb es die Pflicht
Die Medien waren begeistert und die Öffentlichkeit schwer
des Revolutionärs war, seine »Wer bin ich«-Probleme auf
beeindruckt. In der Ornamentalisierung der Massen, wie sie
den Wohngemeinschaftstisch zu legen und um die Authenti-
die Friedensbewegung zustande gebracht hatte, kam ein
zität seiner Identität zu ringen, aber niemand fand das da-
neues patriotisches Wir-Gefühl zum Ausdruck, an das sich
mals komisch.
anknüpfen ließ, wenn später auch die Regierung mal der An-
Hingegen schien es jeder normal zu finden, daß man sich
sicht sein würde, Nation und Vaterland wären bedroht und
das Ding aus dem »großen Bazar«, also aus einem Selbstbe-
müßten verteidigt werden. Damals aber stand die Regierung
dienungsladen im Baukastenset, holen wollte. Heute, wo
unter schwerem Beschuß. Theologieprofessor Gollwitzer
man weiß, was aus der linksradikalen Geschichte geworden
warf ihr vor, »die Interessen unseres Volkes« verraten zu ha-
ist, liest sich das autobiographische Brüten Cohn-Bendits
ben, weil sie den Nachrüstungsbeschluß gebilligt hatte.
wie ein zwar verquastes aber freimütiges Bekenntnis, wie
»Kein Deutscher«, schrieb Gollwitzer im Sommer 1981
eine Bestätigung dessen, was die Linke schon immer wollte,
dem Spiegel, »kann diese bedingungslose Unterwerfung der
einen »Platz im gesellschaftlichen Leben«, auch bekannt
Interessen unseres Volkes unter fremde Interessen, diese
unter dem späteren Motto »Wie schaffe ich mir meinen ei-
Auslieferung der Verfügung über die Existenz unseres
genen Arbeitsplatz«.
Volkes an eine fremde Regierung hinnehmen.« Die Deut-
Wie jede Therapie, die zum Ziel hat, dem Patienten be-
schen, unser Volk, Spielball fremder Mächte, der Ausverkauf
stimmte unerwünschte Verhaltensweisen und Vorstellungen
staatlicher Souveränität, die Selbstkolonialisierung unseres
abzugewöhnen, lassen sich auch die oppositionellen Bestre-
Staates, das waren die Stichworte, die nationalistische Rhe-
bungen der Linken als großangelegte selbsttherapeutische
torik, mit der die Führer der Friedensbewegung die Ver-
Maßnahmen begreifen.
nichtungsängste ihrer Anhänger befeuerten und die daran
Während aber in der Inkubationszeit unter Identität
erinnerte, daß die Friedensbewegung in der Tradition pa-
Charakter, mitunter auch Charakterlosigkeit, oder selbst-
triotischer Bewegungen steht und daß sie sich auch für einen
quälerische Ungewißheit verstanden werden konnte, diente
Krieg begeistern kann, wenn das nationale Interesse es ver-
Identität in der Folgezeit zur Therapierung der Sinnkrise
langt.
des linksliberalen Mittelstandes. Anfang der achtziger Jahre
Ein guter Freund von Gollwitzer, Rudi Dutschke, hatte
machte die Friedensbewegung aus der Identität als individu-
sich schon 1977/78 überlegt, wie »Die Deutschen und der
elles Problem eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung
Sozialismus« zusammenpassen könnten, und konstatierte in
und übersetzte Robert Lembkes Sparschweinfrage in die Be-
der »nationalen« bzw. der »deutschen Frage« eine allseitige
drohung des deutschen Kollektivs. Die von den atomaren
»Vernebelung«. »Ohne Annäherung der beiden deutschen
Supermächten ausgehende fiktive Gefahr reichte aus, um
Staaten«, so schrieb der frühe Wiedervereinigungstheoreti-
aus ratlosen Individuen einen neuen Volksgemeinschaftsver-
ker, »wird die Zurückgewinnung der Identität und Ge-
band zusammenzuschweißen.
schichte schier unmöglich werden«. Die »kapitalistische
Amerikanisierung« hatte schon vorher dafür gesorgt, daß
der »Auflösungsprozeß der geschichtlichen und nationalen
98 99
Identität bruchlos vor sich« gegangen war. Diese in der lin- Gefangenenlager handeln muß, womit Mechtersheimer
ken Debatte virulent gewordene nationale Identität als Fra- wiederum gar nicht so unrecht hätte.
ge der Souveränität des deutschen Staates stieß auf heftiges In dieser Schar nationaler Denker und Grübler fehlte
Liebeswerben bei den Rechten, wie z.B. bei Henning Eich- 1981 natürlich einer mit Sicherheit nicht: Martin Walser.
berg, dem besonders der Antiamerikanismus und die Sou- Mit obsessiver Zermürbungstaktik quälte er seine Leser mit
veränitätsforderung Dutschkes gefiel, weshalb er mit ihm seinem gescheiterten »Identifikationsprozeß« und seinen
diese Probleme gemeinsam erforschte. »Zugehörigkeitsempfindungen« gegenüber dem geteilten
Zum gern gesehenen Gastautor bei linken Zeitschriften Deutschland. Walser konnte sich zwischen DDR und BRD
wurde Eichberg mit Erkenntnissen wie der, daß das Jahr nicht so recht entscheiden, dabei wollte er doch nur »mein
1945 nichts anderes als »die Fremdherrschaft gebracht« Deutschsein auch ein bißchen positiv werden lassen«. Bitte
habe. »Nationale Identität gegen Entfremdung« hieß der schön, könnte man sagen, und seine national angehauchten
neue Konsens, auf dem Linke und Rechte zusammenfanden. Tagträumereien als individuelle Marotte abtun. Diese indi-
»Die Linke und die nationale Frage« lautete 1981 der Titel viduelle Marotte hatte jedoch Methode. Der ehemalige
einer Publikation von Peter Brandt und Herbert Ammon, Frankfurter Sponti und Theoretiker der Zeitschrift Autono-
die sich um »die Bewahrung der kulturellen Einheit der Na- mie Thomas Schmid tat zur gleichen Zeit trotzig kund:
tion« bemühten und bei der »kulturellen Identität der Deut- »aber ich will auch mein Deutschsein nicht länger verges-
schen« glänzende Augen bekamen. Mit der Wiedervereini- sen, überspielen ... Ich bin diesem Deutschland nicht nur
gung und der wiedererlangten Souveränität, so spekulierten verhaftet, ich liebe es auch. Und ich will hier eine Linke, die
die Autoren im Gleichklang mit einer Grünen-Initiative ... deutsch ist.« Bundespräsident Heinemann erwiderte noch
»Linke Deutschlanddiskussion«, würde schließlich auch die auf die Frage »Lieben Sie Deutschland?«: »Ich liebe meine
Ausländerfeindlichkeit gebannt. Dummerweise kriegte von Frau« und bewies damit, daß Common sense als schlichte
diesem Argument niemand was mit, denn als es soweit war, Vernunft und politische Zurechnungsfähigkeit kein Privileg
scherte sich keiner um den frommen Wunsch, der sowieso der Linken mehr ist. Denn auch Iring Fetscher kommentiert
nur dazu da war, um den Wiedervereinigungsgedanken Schmids Liebeserklärung an das Vaterland als »ein legitimes
schmackhaft zu machen. Aber schon damals und ohne die Bedürfnis nach ›nationaler Identität‹. Wenn dieses Bedürf-
neun Jahre später erfolgte geschichtliche Widerlegung nis nicht befriedigt wird, kann es, wie jeder verdrängte
bemühen zu müssen, war das Argument ausgesprochen Wunsch, zu irrationaler Gewalt anwachsen und Schaden
blödsinnig, aber nicht blödsinnig genug, um nicht bis in die stiften ... Vor allem darf die Suche nach der nationalen Iden-
Gegenwart Nachahmer zu finden, die wie Alfred Mechters- tität nicht den Nationalisten der äußersten Rechten überlas-
heimer wahrscheinlich noch im Rentenalter verbissen nach sen bleiben.« Diese nationalen Sirenenklänge ertönten in
den Identitäten in der »Friedensmacht Deutschland« fahn- dem von Habermas herausgegebenen Stichworte zur »Geisti-
den und die Nation für ein »Grundbedürfnis« halten, so wie gen Situation der Zeit«, aus dem sich über alle politischen
Wasser und Brot, was nicht umsonst darauf hindeutet, daß Fraktionen hinweg ganze Generationen von Schriftstellern
sich Nation nur unter Androhung von Strafe genießen läßt und Intellektuellen bedienen konnten, wenn ihnen vaterlän-
und daß es sich bei ihr um sowas ähnliches wie Knast oder disch zumute wurde.

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Kultur und Beschwörung Seitdem vergeht kein feierlicher Anlaß, auf dem es nicht
mindestens einen Beitrag gibt, der »Kultur stiftet Identität
Lange hatte man also im linksalternativen Spektrum die
über Grenzen hinweg« heißt.
Identität begutachtet, zergliedert, erforscht und untersucht.
Weil jenseits der schwammigen und schwabbelnden
Herausgekommen war eine patriotische Wiedererweckungs-
Rede Identität nur negativ einen Sinn ergibt und deshalb al-
bewegung, die nur noch Deutsche kannte und das arme be-
les beinhaltet, was sich als das Fremde oder das Andere aus-
drohte Deutschland vor der Vernichtung durch die Super-
schließen läßt, Abgrenzung also die einzige konkrete begrif-
mächte retten wollte. Die von den Großveranstaltungen der
fliche Bestimmung von Identität ist, wurde Weizsäckers Bil-
Friedensbewegung ausstrahlende vaterländische Gesinnung
dungsbürgerprosa keinesfalls etwa mißverstanden, als Bernd
breitete sich unter dem Namen »Mutter Erde« gleichzeitig
Gockel von Musikexpress, der seinem Namen alle Ehre
im alternativen Milieu der Grünen und der Ökologiebewe-
machte, in der taz (vom 27.10.94) über das US-Musikmaga-
gung aus.
zin Rolling Stone seinen antiamerikanischen Ressentiments
Nicht nur, weil seit Gründung der Grünen alles nur eine
freien Auslauf gab: »Wir haben uns vorgenommen, eine
Frage der richtigen Identität war und viele Linke damit
deutsche Identität zu bekommen, denn wir wollten nicht wie
große Fortschritte und gute Ergebnisse erzielt hatten, son-
der verlängerte kulturimperialistische Arm der Amerikaner
dern auch, weil sich mit dem Gerede von der Identität Na-
wirken.« Gockel sagte dies nicht etwa als neidischer Kon-
tionalbewußtsein herauskitzeln ließ, gelangte sie als erfolg-
kurrent, sondern als Lizenznehmer von Rolling Stone, an
verheißendes Konzept schließlich auch in den Verlautba-
dem niemand in der Branche vorbeikommt und der deshalb
rungswortschatz der Politiker und in die Spalten des Feuille-
nun auch auf deutsch erscheint. Was aber könnte gockelhaf-
tons. Die Protagonisten der inzwischen zerfallenen ML-
ter sein, als ein US-Produkt zu imitieren und es gleichzeitig
Linken profitierten von dieser Entwicklung, mit nationaler
als »kulturimperialistischen Arm der Amerikaner« zu ver-
Identität Karriere zu machen, sie mußten sich nicht einmal
teufeln?
neu orientieren, denn Volk, Vaterland und Patriotismus wa-
Auch der Deutsche Musikverlegerverband (DMV) sah
ren ihnen seit jeher geläufige Begriffe aus den Traditionsbe-
»die kulturelle Identität der Europäer gefährdet. Der DMV
ständen der kommunistischen Partei.
wirbt mit einem Deutschen Tag in Cannes um Unterstüt-
Als Beschwörungsformel erhielt die nationale und deut-
zung im Kampf gegen die US-Dominanz«, berichtete das
sche Identität, die in keiner Sonntagsrede Weizsäckers fehl-
Berliner Volksblatt im Januar 1988. Als »Geheimwaffen ge-
te, nun Schützenhilfe von links und war deshalb ein idealer
gen den US-Rock« wurden Grönemeyer, Falko und Nena
Ersatz für den anrüchigen Begriff Nationalismus, der seine
gehandelt, und an diesen ebenso rührenden wie vergebli-
zweifelhafte Herkunft nicht leugnen konnte. Ein Terminus,
chen Bestrebungen kann man ablesen, daß die nun auch in
der harmlos und dennoch bedeutend klingt, vor allem wenn
der Kultur entdeckte Identität manchmal zur eigenen Kari-
er mit Kultur verrührt wird, und der es – ohne unangeneh-
katur wird. Als Erretter der »kulturellen Identität« auf dem
me Assoziationen zu wecken – Weizsäcker ermöglichte, von
»Deutschen Tag« in Cannes oder anderswo nämlich sind die
Kultur als »prägende Rolle für Selbstbewußtsein und Iden-
Aushängeschilder deutschen Kulturguts hervorragend ge-
tität der Deutschen« zu schwafeln, von der »geachteten
eignet, die Befürchtung, daß aus Deutschland noch was wer-
Kulturnation« Deutschland, »die unsere Identität stärkt«.
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den könnte, aus dem Weg zu räumen, und dafür muß man Berufsgruppe, die nicht auf ihre Verstrickung mit der natio-
den zwar nervtötenden, aber höchstens für sensible Nerven- nalsozialistischen Ideologie hin untersucht worden wäre.
kostüme gefährlichen »Geheimwaffen« dankbar sein, denn Das mit der Frage der Identität auftauchende Interesse an
solange sie singen und tanzen, wird die »geachtete Kultur- historischer Ursachenforschung, die »lokale Renitenzfor-
nation« immer eine Lachnummer sein. schung« (Michael Brumlik) nicht ausgeschlossen, ebenso
wie die Wühlarbeit in der Geschichte deutscher Ständeor-
ganisationen und des Beamtentums, läßt jedoch auf mehr
Geständnisdrang und Bekenntniszwang
schließen als auf ein berechtigtes Interesse an der deutschen
Ungeachtet dieses Problems, daß sich die von Weizsäcker Geschichte in den Jahren 1933 bis 1945. Daß man es auf
mit Weihrauch eingenebelte Identität als Treppenwitz her- einmal ganz genau wissen wollte, lag nicht nur in der Di-
ausstellen könnte, wurde in allen gesellschaftlichen Kreisen, stanz zum Geschehenen und in der biologischen Lösung des
die Bedeutung und Tiefe ausschwitzten, unverdrossen nach- Täterproblems, sondern hatte mit der Suche nach Identität
geplappert, was bei der RAF zum ABC ihres Identitätskate- zu tun, also mit der Frage, ob man außer Täter nicht viel-
chismus gehörte, die Frankfurter Spontis an sich selbst leicht auch Opfer gewesen ist bzw. Nachkomme dieses
mißtrauisch beäugten und worauf die Volksgemeinschafts- merkwürdigen Zwitters. Hinter den umfangreichen und de-
bewegung für Frieden und Abrüstung ihren Erfolg gründe- taillierten Wälzern, die popularisierte Versionen im Ge-
te. Wenn also der Begriff zum Sahnehäubchen der Feier- ständnisdrang und Bekenntniszwang ehemaliger Opfer und
tagsrhetorik auf Staatsbanketten, Geflügelzüchterversamm- Täter und ihrer Kinder, die sich wieder gerne an Vati (Peter
lungen oder Kassenärztekongressen werden konnte, so Schneider) erinnerten, zur Folge hatten, verbarg sich ein
kommt dieses Verdienst einer Linken zu, die die Identität heimlicher Stolz auf die zu Tage geförderten ungeheuren
erst gesellschaftsfähig gemacht hat. Es war ein langer und Verbrechen, ein Stolz, der noch hinter der maßlosesten Be-
beschwerlicher Weg, aber schließlich konnten die unermüd- troffenheit zum Vorschein kam. Dieses Interesse steht übri-
lichen Identitätsforscher von links wie rechts, die die »Zer- gens nicht im Widerspruch zu der Tatsache, daß die Deut-
störung der politischen Identität« bejammerten oder sich schen nie gewußt haben wollen, was in Auschwitz geschehen
den Kopf über die »deutsche Identitätsfrage« zerbrachen, ist. Gerade weil sie es nicht gewußt haben wollen, wurden
doch noch einen breitenwirksamen und konsensstiftenden genaue Untersuchungen geführt, die der Frage nachgingen,
Achtungserfolg verbuchen und die Identität zu der Beliebt- inwieweit die Deutschen in den Ablauf des Vernichtungs-
heit verhelfen, die sie heute in der Medienwelt genießt. prozesses verwickelt waren. Die Auschwitz-Lüge ist nur die
Seither hat das neue Selbstbewußtsein der Deutschen andere Seite, die negative Konsequenz der Leugnung. Die
mit Bildung und Abitur, also der ideelle Gesamt-Spiegel-Le- Frage nach dem Wissen darum ist aufgehoben in dem wis-
ser, und die Besinnung darauf, daß er deutscher Nationalität senschaftlich geführten Nachweis, daß es gar keine Gaskam-
ist und deshalb auch unbedingt eine nationale Identität mern gab, und wenn, daß sie nicht funktionieren konnten.
bräuchte, zu einer gründlichen Aufarbeitung der Geschichte Die Juden sind in Wirklichkeit also lebendig.
geführt. Lehrer, Journalisten, Architekten, Richter und »Die Künder dieser Wissenschaft [Auschwitz-Lüge]
Staatsanwälte, keine etablierte und keine noch so abseitige benötigen keine Diskussion, auch keinen Strafrichter, son-

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dern einen Arzt. Anderenfalls entstehen Bücher wie das von Zeit (vom 30.3.90) unter der Überschrift: »Was wird aus der
Pressac [›Die Krematorien von Auschwitz‹], die sich zu dem Identität der Deutschen?« Ja, was wird daraus? fragt er for-
Blödsinn seltsam spiegelbildlich verhalten. Pressac liefert schend im Fortbildungsseminar für Oberstudienräte und hat
zum Beweis den Gegenbeweis. Die Öfen haben funktio- auch gleich eine Antwort zur Hand: »Die Frage ist offen.«
niert, infolgedessen sind die Juden zweifelsfrei tot« (Jörg Dann untersucht Habermas die Bundesbürger auf ihre poli-
Friedrich). Daß das Buch von Pressac nicht als der gleiche tischen Systemmerkmale. »Fehlender Nationalstolz« wird
Humbug abgetan wurde wie die Auschwitz-Lüge, sondern ihnen attestiert, helfen würde vielleicht ein bißchen mehr
in den Medien (wie dem Spiegel) als letztgültiger Nachweis »Verfassungspatriotismus«, aber alles in allem ist Habermas
für die Existenz der Gaskammern ernstgenommen wurde, mit dem Gesundheitszustand des Patienten zufrieden: »In-
zeigt nicht nur, daß einige offensichtlich doch so ihre heim- zwischen haben sich auch Bundesbürger dem westlichen
lichen Zweifel an der Judenvernichtung hatten, sondern Normaltypus nationaler Identität angenähert.« Alles eben
auch, daß die industrielle Leistung nicht länger im Halb- nur »eine Frage der geistigen Hygiene«, meint Habermas.
schatten vor sich hindämmern mußte, daß ein freimütiges Daß Habermas nationale Identität als Surrogat für die
Bekenntnis und Selbstbewußtsein nicht länger der Tat im von der Massengesellschaft nivellierten individuellen Eigen-
Wege stand, sondern sich mit ihr problemlos in Überein- schaften zu Winterschlußpreisen verhökert, weil die Leute,
stimmung bringen ließen. wenn sie schon keinen Charakter besitzen und weder mit
Darum ging es letztlich auch im Historikerstreit, als »die sich noch mit ihren »Mitbürgern« viel anzufangen wissen,
Identität der westdeutschen Gesellschaft an ihrem neural- sich dann wenigstens als Deutsche verstehen sollen, läßt die
gischsten Punkt berührt [wurde]. War Auschwitz einzigar- Bedeutung von Habermas’ Verfassungspatriotismus in ei-
tig? Standen die Deutschen, indem sie es verursacht hatten, nem etwas anderen Licht erscheinen. Beginnen die Deut-
ohne Parallele da?« lauteten die Fragen, und weil diese Fra- schen mit nationaler Identität aufzurüsten, d.h. nicht nur
gen gestellt wurden, sind weniger die offensichtlich entla- qua Geburt Deutsche zu sein, sondern sich auch als Deut-
stenden Antworten und deshalb schon fast rührend durch- sche zu fühlen, weil sie sonst den Unterschied zum Auslän-
schaubaren Absichten von Nolte und Co. aufschlußreich als der nicht mehr erkennen können, dann verlagert sich die
vielmehr die von Habermas. Als Habermas nämlich emp- Bedeutung des Habermaskonstrukts auf den Patriotismus.
fahl, »nationales Selbstbewußtsein« aus der »kritisch ange- Der Wahn, unbedingt eine nationale Identität haben zu wol-
eigneten Geschichte [zu] schöpfen«, gab er seinen rechten len, paart sich mit der fixen Idee, sich zusammenrotten zu
Gegenspielern zu verstehen, daß nur die Linken wirkliche müssen, um sich gegen die Unzahl von Feinden zu wehren,
Patrioten sein können. die Augstein während der Wiedervereinigung in seinen
Kommentaren erfand.
Ins Günter-Grass-Deutsch übersetzt lautete der »natio-
Patriotismus als Frage der geistigen Hygiene
nales Selbstbewußtsein« einklagende Habermas folgender-
Weil aber den Linken oder denen, die sich dafür halten, hi- maßen: »Wir kommen an Auschwitz nicht vorbei. Wir soll-
storisch das Stigma des »Vaterlandsverräters« anhaftet, prä- ten, so sehr es uns drängt, einen solchen Gewaltakt auch
zisierte Habermas seine Idee vom wahren Patriotimus in der nicht versuchen, weil Auschwitz zu uns gehört, bleibendes

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Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! – eine darauf herumreiten, weniger die Tatsache, daß Auschwitz
Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte: Jetzt end- ein System zur Vernichtung von Menschen war, die weder
lich kennen wir uns.« Daß die Deutschen Auschwitz zur ei- mit dem Krieg noch mit den Tätern irgendetwas zu tun hat-
genen Seelenerforschung nötig haben und heute als Gewinn ten, als vielmehr eine Aura des Schreckens, eine Sakralisie-
verbuchen können, ist die Botschaft, die Grass seinen gedul- rung des Unbegreiflichen. Diese Aura schließt jedes Verste-
digen Lesern vermittelt. In der Pose des Verkünders von hen aus, sie macht aus dem Unbegreiflichen ein Prinzip und
ewigen Wahrheiten und Glaubenssätzen hat ihn sein hero- reduziert jede Reaktion auf Betroffenheit, darauf, daß Au-
isches Engagement überlistet, und vielleicht aus diesem schwitz ganz schrecklich gewesen wäre, so wie eben die
Grund läßt es ihm keine Ruhe: Noch sei kein Ende mit dem Nahkampfbedingungen im Sommerschlußverkauf auch
Schreiben nach Auschwitz abzusehen, droht er niemand ge- ganz schrecklich sind.
ringerem als dem »Menschengeschlecht«. Die Menschheit Die Folge davon ist, daß man hinter allen möglichen
ist gewarnt, Grass hat es ihr ins Poesiealbum der Deutschen, Bürgerkriegen und Massakern ein neues Auschwitz herauf-
der Zeit, geschrieben, weshalb sich niemand beschweren ziehen sieht wie im jugoslawischen Bürgerkrieg, oder wie
könnte, wenn Jugendliche, würden sie Grass lesen, wegen seit 1989 auch wieder in Deutschland, als Jürgen Fuchs in
seiner dröhnende Leere und hohle Moral ausstrahlenden den Stasi-Akten ein »Auschwitz in den Seelen« entdeckte,
Rhetorik nichts mehr von Auschwitz wissen wollen. und Konrad Weiß in Dresden »Über ein Land auf dem Weg
Vor dem Massiv dieser ebenso gewichtigen Argumente zu einer neuen Identität« zu Protokoll gab: »Auch die SED
wie Personen entschied sich der Hobbyhistoriker Kohl für war eine Partei des menschenverachtenden Terrors. Der
die von Grass gesponserte Habermassche Version, weil er weiße Strich auf dem Bahnsteig war nicht minder zynisch als
begriffen hatte, daß sich die von Habermas verteidigte »Ein- der Spruch ›Arbeit macht frei‹ an den Toren der Konzentra-
zigartigkeit von Auschwitz« und das von Grass behauptete tionslager.« Hat sich die Transformation der Einzigartigkeit
»Auschwitz als Gewinn« besser zur unverwechselbaren von Auschwitz in »nationales Selbstbewußtsein« erst einmal
Identitätsausstattung der Deutschen eignet als ein bloß ver- vollzogen, wird es Habermas möglich, die Vergangenheit
gleichbares und damit austauschbares Ereignis, das keinen mit versöhnlichen Augen zu sehen, wenn er schreibt, daß
Anspruch auf Originalität erheben kann und die Deutschen man sich als »Nachgeborene« »in der moralischen Bewer-
zu bloßen Nachahmungstätern der laut Nolte von den tung von Handlungen und Unterlassungen während der
»Asiaten« erfundenen Massenvernichtung stempeln würde. Nazi-Zeit« zurückhalten sollte, ein Argument, dem jeder
Damit wäre Auschwitz bewältigt und man könnte sich wie- Nazi, aber auch alle, die niemals welche gewesen sein wol-
der nationalen Aufgaben zuwenden, dürfte sich Kohl ge- len, nur beipflichten kann.
dacht haben. Und hatte das nicht schon lange vorher auch Und als selbst Manfred Stolpe seiner Freunde vom 20.
der Nationaldichter Martin Walser in Worte gefaßt? Er hat- Juli gedachte, die ähnlich wie er mit dem weißen Strich auf
te: »Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir dem Bahnsteig zu kämpfen hatten, und in Potsdam eine
uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden.« Rede mit dem Titel hielt: »Die Bedeutung des antifaschisti-
Hinter der Betonung der Einzigartigkeit von Auschwitz schen Widerstands für die nationale Identität der Deut-
verbirgt sich aber gerade bei jenen, die bei jeder Gelegenheit schen«, da konnte sich der Verfassungspatriot Habermas

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entspannt in seinen Sessel zurücklehnen und zufrieden auf die Gefahr hätte darstellen können, die notwendig ist, um aus
sein Werk blicken. der in Einzelinteressen zerfallenden Bevölkerung eine nach
Die deutsche Identität war also historisch und politisch nationaler Identität grabende Volksgemeinschaft zu machen.
schon mit einem 1A-Gütesiegel versehen worden, als die Als die Mauer fiel, hatte man sich plötzlich um fast ein
Wiedervereinigung mit dem Ruf »Wir sind ein Volk!« die Drittel der Fläche und der Einwohner vergrößert, ein
im Westen eher in Intellektuellenblättern und Zeitschriften Grund für Bild, in Schwarz-Rot-Gold zu erscheinen. Über
des gehobenen Mittelstandes geführte Diskussion auf einen Nacht, so glaubte man, war man reich geworden und durfte
simplen Nenner brachte. Als die vergreiste und zahnlose den Traum vom neuen und unberührten Land träumen, das
DDR-Nomenklatura, dessen »gutgeölter Apparat« laut FAZ einem ohne Zutun in die Hände gefallen war. Aber die pa-
übrigens deshalb nutzlos war, weil ihn kein »Identitätsge- triotischen Gefühle hatten nur kurzfristig Konjunktur, und
fühl« durchdrang, in einem Akt falsch verstandener schon die Feiern zum offiziellen Zusammenschluß der deut-
Menschlichkeit gegenüber dem grölenden Mob in Leipzig schen Staaten zeichneten sich mehr durch Überdruß als
den Löffel abgab, hielt die Zeit, angesteckt vom Über- durch Überschwang aus. Der Traum von Macht, Reichtum
schwang nationaler Größe, eine Ansprache, bei der man das und Einfluß hatte sich als Illusion herausgestellt, und die
Gefühl bekam, Goebbels sei wieder auferstanden, dabei war kurze Euphorie war teuer erkauft, als, statt Rendite und Pro-
es nur Roland Phleps: »Hier und jetzt aber sollten wir, die fite zu kassieren, Solidarzuschläge und Sanierungsabgaben
wir uns Deutsche nennen, darüber nachdenken, was uns be- gezahlt werden mußten, um den »Aufschwung Ost« zu fi-
rechtigt, uns als Deutsche zu bezeichnen und wozu uns die- nanzieren.
ses Deutschsein verpflichtet. Wir können und wollen aus der Mit dem Zugewinn aus dem Osten sind die Deutschen
Geschichte nicht aussteigen, die einen Teil auch der indivi- auf Jahre hin unschlagbar, sagte Beckenbauer nach dem Ge-
duellen Identität ausmacht ... Wir sollten unserer Zu- winn der Fußballweltmeisterschaft 1990. Aber bereits zwei
gehörigkeit zu einem Volk dankbar und zugleich hilfsbereit Jahre später verlor man das Europameisterschaftsendspiel
bejahen. Die Deutschen, die jetzt aus dem Osten zu uns ausgerechnet gegen die Provinzfußballer des kleinen Däne-
kommen, haben die wirklichen Opfer gebracht.« mark, das sich nur durch einen Zufall für die Teilnahme qua-
lifiziert hatte. Wir können uns nur selber schlagen, hieß es
dann Böses ahnend bereits vor dem Ausscheiden 1994 (wel-
Identität im Sonderangebot
ches umso bitterer war, als man gegen das unterentwickelte
Erst mit der Wiedervereinigung aber begann der Siegeszug Bulgarien verlor und die Vorbereitung der bulgarischen
der Identität, erst jetzt nämlich hatte der Letzte begriffen, Spieler hauptsächlich im Verspeisen von Pommes Frites be-
was es mit dem etwas wolkigen Begriff auf sich hatte. Daß es stand, also gleich zwei Gründe für die deutschen Moderato-
mit Volk, Vaterland und Nation zu tun hatte, wußte man ren, am Star der Bulgaren Stoitschkow kein gutes Haar zu
zwar schon vorher, aber gerade deshalb konnte man im We- lassen), und das hörte sich nicht nur wie eine präventive Ent-
sten so wenig damit anfangen, weil seit Gorbatschow die Be- schuldigung an, sondern entsprach auch in der von Zwangs-
drohung aus dem Osten fehlte und nicht einmal die Bundes- optimismus überspielten Depression dem zerrütteten Zu-
wehr einen gleichwertigen Gegner ausmachen konnte, der stand der Nation, wo ja auch angesichts unübersehbarer

110 111
ökologischer Schäden und Kombinatsruinen »blühende Identität«. Der Film »Erdbeer und Schokolade« wurde von
Landschaften« beschworen wurden. Eifersucht, Neid und der Jury der Evangelischen Filmarbeit zum Film des Monats
Mißgunst vermiesten also schon vorher die Stimmung des Oktober ’94 ernannt, weil darin die gelungene Verknüpfung
»glücklichsten Volks auf Erden«, weshalb von der gemein- der »Suche nach politischer und sexueller Identität« gezeigt
schaftsstiftenden Identität nur Bruchstücke übrigblieben, worden sei. Und selbst die in der Politik nicht gut angesehe-
nicht zu verwechseln mit »gebrochener Identität« oder mit nen Nichtwähler werden aus ihrem identitätslosen Dasein
»Identitätsbrüchen«. errettet und bekommen »eine ernst zu nehmende Identität«
Die Verarbeitung dieser Enttäuschungen, die viele an verpaßt. Und wem das alles noch nicht reicht, der wird in ei-
der großen und einzigen Identität zweifeln ließ, nahm nun ner beliebigen Ausgabe der Zeit fündig, wo eine »späte Iden-
unterschiedliche Formen an. Vor allem im Westen hat man tität« immer noch besser als keine ist und man mit Vorliebe
nach dem Wiedervereinigungsflop damit begonnen, sein über eine »Identität im Wandel« grübelt.
Heil in der ganz perönlichen Identität zu suchen, d.h. seine Als »identitätslos« wird einer bezeichnet, der schüchtern
Neurosen zu pflegen, weshalb die Identität in allen mögli- und farblos wirkt. Um eine rein private Identitätsmarotte
chen Kombiangeboten eine unglaubliche Konjunktur zu handelt es sich hier jedoch deshalb nicht, weil jeder damit
verzeichnen hat. Sie wurde zu einem Modeartikel, in den hausieren geht und auch danach beurteilt wird. Aus der
man geradezu vernarrt ist. War man früher bloß schwul, les- Identität als Begriff einer Bildungselite, die in ihr höhere
bisch oder heterosexuell, so trägt man heute »schwule« oder Werte und erhebende Gefühle ausfindig machen wollte,
irgendeine andere »Identität« wie eine Auszeichnung für wurde eine Weltanschauung für viele einzelne, die ihr
besondere Verdienste. Wenn es darum geht, »die kommer- Selbstwertgefühl aus ihrem Beruf, einem persönlichen De-
zielle Vermarktung typischer Oktoberfestsouvenirs in recht- fekt, Wahn oder sonst irgendeiner Eigenschaft, die sie von
licher Hinsicht abzusichern«, dann steht gleich die »Iden- anderen unterscheidet, ziehen. Als Demokratisierung des
tität des Oktoberfestes in allen Kontinenten« auf dem Spiel. Elends läßt sich deshalb bezeichnen, was die Persönlichkeit
Identität ist in die Werbung eingesickert, spukt als »Iden- des einzelnen hervorheben sollte. Kein Wunder also, daß
titätskrise der Neutrinos« auch in den »Natur und Wissen- der Begriff »Identität« vor allem auch in Randgruppen Kon-
schaft«-Spalten der FAZ umher, und der Spiegel fragt den junktur hat. Unter dem Titel »Filme gegen Identitätsver-
Trainer von Borussia Dortmund, ob der Klub bei der ver- weigerung« berichtete die taz (vom 21.10.94) über das Ber-
fehlten Einkaufspolitik von Stars »nicht seine Identität aufs liner Lesben-Filmfestival: »Identität steht neben Sex ganz
Spiel« setzt. Das Tempolimit ist nicht bloß ein Streit in der oben, und unter Identität ist nicht nur Gender und sexuelle
Bundestagsdebatte, sondern ein »wichtiger Identitätspunkt Beziehungen zu verstehen, Identität splittet sich in alle mög-
der SPD«, und wenn im Tagesspiegel irgendein öder Riemen lichen Unds ... Michal Goralski setzt sich mit ihrer jüdischen
über die Geschichte einer Stadt zu lesen ist, dann kann man Identität auseinander ... Anne Pratten zeigt ähnliche Kate-
sicher sein, daß einer oder etwas »auf der Suche nach der ei- gorien von erzwungenen Identitätskorsetten ... Katholizis-
genen Identität« ist. Als der Piper-Verlag an den schwedi- mus scheint in der Identitätenreihe zum Thema Nummer
schen Medienkonzern Bonnier verkauft wurde, bestand eins geworden zu sein.« Wird wohl so sein.
natürlich die größte Befürchtung in der »Wahrung seiner

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Der Kampf um die Meinungsführerschaft fragt Hartung und bringt das Kunststück fertig, die Linke
dahin zu drängen, wo sie doch schon längst steht: an die Sei-
Unbeirrt von diesem Trend und ungeachtet der Tatsache,
te der »nationalen Identität«, gegen die Daimler-Benz noch
daß von nationaler Identität, wenn sie zur Erscheinung
nie etwas einzuwenden hatte.
kommt, zu allerletzt die Linke profitiert, versuchen die gu-
Schon 1990 machte Karasek im Spiegel der »intellektuel-
ten und fortschrittlichen Kräfte im Lande, die im Vereini-
len Linken« den Vorwurf, sie würde die Fragen der »Ein-
gungsgetümmel verlorene Meinungsführerschaft wieder
heit, der Nation, der Wiedervereinigung« den Rechten und
zurückzugewinnen. Tilman Fichter, der »für die Freiheit der
Konservativen überlassen. Anläßlich des 75jährigen Ju-
Andersdenkenden« eintritt, wenn sich an Rainer Zitelmann
biläums des Schauspielhauses in Bochum im April ’94 kau-
selbst konservative Freunde nicht mehr die Hände schmut-
ten Claus Peymann und seine Mitdiskutanten auf einer Vor-
zig machen wollen, pocht unverdrossen darauf, die »Frage
tragsveranstaltung immer noch auf diesem Vorwurf herum
der nationalen Identität offensiv« anzugehen. Weil das an-
und waren sich mit Hartung schließlich darin einig, »daß die
dere schon lange vor ihm gesagt haben und ranziges Gerede
Frage der nationalen Identität nicht verdrängt und nicht den
nicht dadurch genießbarer wird, indem man es ständig neu
Rechten überlassen werden dürfe« (taz vom 20.4.94), und
auftischt, erinnert sich Fichter wehmütig an die guten alten
man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem Pey-
revanchistischen Zeiten unter Schumacher und Ollenhauer,
mann, Fichter und Hartung (Leggewie läßt sich bestimmt
als deren rüde nationalistische Phrasen Adenauer noch
auch dazu überreden) bei einem Aufmarsch von Skinheads
gemäßigt erscheinen ließen.
am Straßenrand stehen mit einem Transparent, auf dem
Die Grübeleien in Form von Colloquien, Symposien,
steht: »Hände weg von unserer nationalen Identität«. Das
Aufrufen, Mahnungen, Podiumsdiskussionen und Denk-
wäre zu schön, um wahr zu sein, aber wenn es noch eine Ge-
schriften nehmen kein Ende, und wenn dies ein Anzeichen
rechtigkeit gibt, müßten sie dazu eigentlich zwangsver-
dafür wäre, daß von Identität bald niemand mehr hören
pflichtet werden.
mag, würde man Tilmann Fichter und seinen Freunden das
In einem »Plädoyer für eine Besinnung auf die Kulturna-
Spielzeug gerne lassen. Klaus Hartung hatte in der Zeit eine
tion« dringt Wolfgang Thierse auf einen »für den Zusam-
»Vision«, und die hieß: »Die Nation gehört nicht den Rech-
menhalt einer zivilen Gesellschaft notwendigen Raum von
ten«. Darin nähert er sich der »nationalen Identität« in ei-
Identitätswahrung und Identitätsfindung«, und vorsichtig
ner Weise, die man nur als lüstern und zudringlich bezeich-
tastet sich auch Hildegard Hamm-Brücher an das heikle
nen kann. Noch ist das Objekt seiner Begierde herrenlos
Thema »Neue Identitäten braucht das Land« heran: »Wir
und jungfräulich, aber wie lange noch? Die Rechten, denen
müssen unsere Identität schon ernsthaft versuchen neu zu
Hartung die nationale Identität nicht gönnt, stehen bereits
beschreiben« als »ein Gefühl für unsere geistigen und kultu-
Schlange und warten offensichtlich nur darauf, von ihr Be-
rellen Leistungen«. Ohne Gefühl, d.h. unter vorsätzlichem
sitz zu ergreifen. »Auch die Lichterketten gegen Fremden-
Ausschalten jeglichen Denkens, wäre die »geistige Lei-
feindlichkeit mit ihrer noch nie dagewesenen Allianz zwi-
stung« beispielsweise eines »der Zukunft zugewandten«
schen Daimler-Benz und linkem Protest beweisen die Defi-
Schäubles auch gar nicht zu ertragen, der laut eines mir be-
nitionsmacht der Linken: Warum darf das nicht als Aus-
kannten Gewährsmannes in seinem 254 Seiten umfassenden
druck einer neuen nationalen Identität verstanden werden?«
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Buch ungefähr hundert Mal »Rückbesinnung auf nationale wicklung weit zurückliegt, hatte ihre Sternstunde in Rostock
Identität« fordert, d.h. zweimal alle fünf Seiten. Da hilft es und Hoyerswerda, als die Ossis der rechtsradikalen Avant-
auch nicht, daß sich Schäuble auf S. 189 mit einem Zitat des garde hilfreich zur Hand ging. Seither haben sie sich jedoch
Autors schmückt, weil der Leser anschließend wieder in schmollend zurückgezogen. Der ehemalige Bürgerrechtler
Tiefschlaf verfällt und selbst starke GeisterInnen mürbe und spätere Umweltminister von Sachsen Arnold Vaatz ver-
werden, wie Alice Schwarzer, die immer wieder mal »stolz« mutet hinter diesem störrischen Verhalten, daß »unsere
darauf ist, »Deutsche zu sein«, was deutlich macht, daß sich Identität derzeit nicht geklärt [ist]. Identität eines Volkes
selbst in etwas abseitigen gesellschaftlichen Parzellen wie umfaßt das Wissen darum, woher man kommt und wohin
dem »Emma«-Feminismus die politisch korrekte Wortwahl man geht. Da wir Deutschen unserer Identität nicht mehr
herumgesprochen hat. sicher sind, sind wir in wichtigen Fragen ohne Orientie-
rung.«
Zuhause strafen die Ostdeutschen die Westparteien mit
Die Gefahr aus dem Osten
Verachtung, d.h. sie wählen die PDS, deren Vorläufer im-
Im Osten macht sich indessen jeder seinen eigenen Reim merhin der angebliche Grund war, weshalb sie den Anschluß
darauf, was es mit der deutschen Identität auf sich hat, nur an die BRD drohend forderten. Die unvorstellbare Summe
ein bißchen anders, ein bißchen schnörkelloser und mit Sinn von 600 Milliarden wurde nach Angaben von Finanzmini-
für das Praktische. Für die Rechtsradikalen ergibt Identität ster Waigel für die deutsche Einheit verpulvert (laut Robert
nur dann einen Sinn, wenn sie Ausländer jagen und totschla- Kurz liegt die Zahl noch weit höher). Das psychologische
gen, was sie bis auf Ausnahmen auch dürfen, denn in der Re- Befinden hat sich dadurch nicht verbessert. Noch immer ge-
gel verhalten sich die Strafverfolgungsbehörden im Osten hen die Ostdeutschen davon aus, daß die Lasten der Einheit
merkwürdig passiv, wenn sie rechtsradikale Übergriffe auf- allein von ihnen getragen werden, und statt dankbar zu sein,
klären sollen, und oft muß die Polizei erst durch übergeord- fühlen sie sich als Bürger 2. Klasse, die von den Westdeut-
nete Instanzen dazu gezwungen werden. Nicht unbegründet schen kolonisiert und unterdrückt werden, weshalb – wie das
war schon der Verdacht, daß von staatlicher Seite die Ein- ZDF-HeuteJournal am 15.7.94 mitteilte – »die Minderheits-
wände gegen die rechtsradikale Interpretation von Identität regierung in Sachsen-Anhalt mit SPD und Grünen die Iden-
gar nicht so groß waren, wurde er später mit der Asylgesetz- tität der Ostdeutschen besonders berücksichtigen will«. Je
gebung der Regierung endgültig bestätigt. Mit viel Ver- mehr sich der Westen jedoch um die Ostdeutschen sorgt, je
ständnis können daher die rechtsradikalen Schlägerbanden größer die Zugeständnisse und Streicheleinheiten, desto
rechnen, weil ihre Vorstellungen von Identität als Absonde- bockiger werden sie, weshalb ihre Identität der eines
rung und Ausrottung des Anderen, für sie Fremden, nach Zurückgebliebenen ähnelt, der soziale oder moralische Ka-
Überzeugung von Politikern und Sozialarbeitern doch nur tegorien nicht kennt oder aus Dummheit (vielleicht auch
die Sorgen und Ängste vor Überfremdung und Arbeitslosig- Kalkül, das läßt sich so einfach nicht sagen) durcheinander-
keit zum Ausdruck bringen, tatsächlich aber nur die Konse- bringt. So gab Elfriede Brüning, Mitglied des proletarischen
quenz ihres endlosen Geredes darüber sind. DDR-Schriftstellerverbandes, in einem Vortrag zu verste-
Die ostdeutsche Identität, die hinter der westlichen Ent- hen, daß die Nazis nur die Bücher der Juden verbrannt hät-

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ten, nach der Wiedervereinigung aber das Kulturgut einer kleinen alltäglichen Niederlagen speist, sich als kollektives
ganzen Schriftstellergeneration vernichtet worden sei. Ressentiment aktivieren läßt und welche Faktoren dazu not-
Wenn es denn so gewesen wäre, man hätte dem Lauf der wendig sind. Fest steht nur, daß bei dem gegenwärtigen
Welt endlich einmal zujubeln können. Stand der Dinge nichts Gutes von den Ostdeutschen zu er-
Die im Sommer ’94 von ostdeutschen Intellektuellen ge- warten ist, die die besten Voraussetzungen mitbringen, daß
führte Diskussion in der Jungen Welt über ostdeutsche Iden- aus ihrer Überzeugung, betrogen worden zu sein, mehr als
tität blieb auf merkwürdige Weise blaß und farblos. Man war nur nostalgische Gefühle entstehen. Immer weniger aus
sich nicht schlüssig, wer man als Ostdeutscher eigentlich sei, dem Osten fühlen sich als Deutsche, sondern besinnen sich
in Abgrenzung zu den westdeutschen Unholden hingegen wieder auf ihre spezifisch ostdeutsche Identität. 35% fühlten
wurden alle Vorurteile, die man sich über die Ossis so ma- im Januar 1993 ostdeutsch, 60% waren es bereits im Juli
chen kann, folgsam rapportiert. Die in der sogenannten 1994. Weil sich die Ressentiments bisher noch gegen die aus
friedlichen Revolution sehnlichst herbeigewünschte Markt- dem Westen richten, bleibt die gesamtdeutsche Identität als
wirtschaft heißt im Ostjargon Kolonialisierung, und die kollektiver Wahn blockiert, und weil man sich die Hand
Wünsche und Bedürfnisse der Ostdeutschen werden von nicht zu beißen traut, die einen füttert, veranstaltet man Po-
den westlichen Kolonialherren mit Füßen getreten. »Dafür, grome gegen jene, die man für noch schwächer als sich selbst
daß unsere besondere Identität aufrechterhalten bleibt, hält, und testet im kleinen, was im großen noch nicht mög-
sorgt jetzt die Siegerjustiz, sorgen Alteigentümer mit ihren lich ist.
Ansprüchen, auch Westimport-Nieten, die sich hier gesund- Die Frage ist, ob die depressive Stimmung aus dem
stoßen ... War Honeckers Fristenregelung etwa nichts? War Osten nicht auch mal auf die Westdeutschen übergreift. Die
es nichts, daß in keinem Familienetat die Miete eine nen- Asylbewerber, die inzwischen kaum mehr über die deutsche
nenswerte Rolle spielte? Daß es keine Obdachlosen gab, Grenze kommen, reichen als innerer Feind auf die Dauer
auch keine Zuhälter, keine Rauschgifthändler und derglei- für eine gemeinsame Identitätsbildung nicht aus, und ein
chen?« lamentiert Wolfgang Harich, der sich als bevorzug- äußerer Feind ist noch nicht in Sicht, der die Deutschen in
tes Opfer von Rauschgifthändlern und Zuhältern imaginiert. die Depression stürzen könnte, nicht von allen auf der Welt
Aber Harich hat ein großes Herz. Nach der »nationalen« geliebt zu werden. Der wirtschaftliche Niedergang ist in je-
Aussöhnung der Ostdeutschen (zwischen den 17 Millionen dem Fall ein bewährter Vorgang, der die nationale Identität
Spitzeln mit den 17 Millionen Bespitzelten) »verzeihen [wir] belebt, und auch der Fall der D-Mark ist ein verläßliches
den Westdeutschen, was sie uns wieder und wieder angetan Identitätsbarometer. Vielleicht erleidet sie auch, wie nach
haben«. Zu Tränen gerührt, die Westdeutschen, die sich fra- der Wiedervereinigung, einen erneuten Rückschlag, bevor
gen werden, womit sie das verdient haben. sie zu sich selbst finden und stabilisieren kann. Eine Kon-
Wie sich die Identität zukünftig entwickeln wird, läßt stante, mit der zu rechnen ist, bleibt sie immer, und es ist nur
sich noch nicht bestimmt sagen, weil unklar ist, ob die un- die Frage, wann sie virulent wird. Zur Gefahr für andere
terschiedlichen Vorstellungen von Identität wieder zusam- wird die deutsche Identität mit Sicherheit dann, wenn alle
menfinden werden oder ob sie sich gegenseitig neutralisie- von der Übellaunigkeit befallen werden, unter der bislang
ren, ob die »auf Granit gebaute« Identität, die sich aus den hauptsächlich die Ostdeutschen leiden. Die häufige Hunde-

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haltung in Berlin ist ein kleines Indiz für diese chronisch Begegnungen der vierten Art
schlechte Laune, denn kaum jemand wird hemmungsloser, oder: Sieger sehen anders aus
lauter und aggressiver angebrüllt, zugerichtet und verdro-
schen wie der eigene Köter. Wenn dann jemand die Bereit-
schaft der unzufriedenen Massen auszunutzen versteht, in-
dem er ihnen statt eines Köters, auf dem herumzuhacken auf
Dauer keine erhebenden Gefühle verschafft, einen Verant-
wortlichen präsentiert, auf den sich aller Haß und alle Vor-
urteile projizieren lassen, dann jedenfalls werden die Folgen
der Identität ebenso unberechenbar und unerklärlich sein
wie schon einmal, als die Deutschen halb Europa in Schutt
und Asche legten.

»Überall Stimmen der Menschlichkeit«


Über gute Absichten und edle Gesinnung
Jeder Protest gegen Ausländerverfolgung ist richtig, weshalb
auch niemand seine Motive rechtfertigen muß. Wenn je-
mand die Taten der Rechtsextremisten in irgendeiner Weise
stört, verurteilt, öffentlich macht, dann spielen die Gründe,
warum er das tut, keine Rolle, jedenfalls solange er sie nicht
an die große Glocke hängt. Ganz gleich also, ob er Schrift-
steller, Arbeitgeberpräsident oder Chefredakteur ist, seine
Hintergedanken müssen weder ehrenwert noch lauter sein.
Wenn sich der Protest jedoch zur Motivforschung wandelt
und Schriftsteller, Arbeitgeberpräsident und Chefredakteur
sich unbedingt gegenseitig mitteilen müssen, warum sie ge-
gen Ausländerverfolgung sind, dann wird es meistens pein-
lich.
Wenn die guten Deutschen empört sind, dann tun sie
sich zusammen und machen ein Buch. Aber muß es unbe-
dingt ein Buch sein? Müssen sie sich unbedingt ihre gute
Absicht und edle Gesinnung bestätigen? Sie müssen. Stoppt
die Gewalt – Stimmen gegen den Ausländerhaß, herausgegeben
von Michael Jürgs und Freimut Duve im Luchterhandver-
lag. Die Herausgeber haben unter ihresgleichen »viele

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Stimmen der Menschlichkeit« gesammelt, die von »vielen heit, ihrer Scham und sie sind geplagt von der Angst, ihre
prominenten und nicht so prominenten Zeitgenossen« Enkel könnten sie fragen, was sie denn eigentlich damals ge-
stammen. gen Ausländerhaß und die »ruchlose Schreckensherrschaft«
Beschlichen von der heimlichen Ahnung der Vergeblich- der Rechtsradikalen getan hätten. Und geplagt sind sie auch
keit ihres Tuns, schreiben die Herausgeber: »Natürlich, viel von der »Angst, daß die Frage an unsere Eltern ›Wie konn-
wird auch dieses Buch nicht ändern am alltäglichen Rassis- te es damals bloß soweit kommen?‹ gerade beantwortet
mus in Deutschland« und: »Nein, dieses Buch wird nicht wird: Genauso wie jetzt.« Keinem Ausländer wird man gu-
viel ändern an der Seelenlage der Nation«. Man könnte so- ten Gewissens empfehlen können, auf solche um sich selbst
gar noch weiter gehen und fragen: »Wird dieses Buch über- am meisten besorgten und vor betulicher Eitelkeit zer-
haupt etwas ändern?« Doch, es wird etwas ändern, nicht bei fließenden Wesen zu setzen, wenn es mal hart auf hart
den Neonazis, aber immerhin bei dem einen oder anderen kommt, wenn Ausländer also Schutz benötigen und nicht
Ausländer, der sich von den in diesem Buch versammelten nur ein paar schöne Worte.
Prominenten und Weisen in diesem Land was auch immer Aus dem breit getretenen Betroffenheitsquark formen
versprochen hat und nun einsehen muß: Gott beschütze sich dann einige merkwürdige Ideen, warum die vielen net-
mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich ten und gebildeten Leute auf die »ausländischen Mitbürger
selber fertig. und Gäste« auf keinen Fall verzichten mögen. Ohne sie
Während nämlich Asylbewerberheime abgefackelt wer- wäre es nämlich viel »langweiliger«, »wenn sich an einem
den und Neonazis auf den Straßen randalieren, fangen be- Sommersonntagmorgen nicht von irgendwoher arabische
sonders sensible Seelen in diesem Sammelbändchen »an zu Musik unter das Glockenläuten der katholischen Kirche
erzählen, ... um über meine Scham hinwegzukommen«. Bei mischte. Wenn zum Straßenbild nicht Frauen mit Kopftuch
dieser Gelegenheit erinnern sie sich lieber daran, wie es ih- oder im Sari und Männer mit Turban oder in afrikanischer
nen selbst einstmals ergangen ist. Wie sie »als Flüchtling in Tracht gehörten«. Und nicht zu vergessen: »Vom italieni-
dieses Land gekommen« sind, wie schrecklich es war, als schen Essen bis zur schwarzen Musik haben Ausländer den
»niemand glaubte«, »daß wir mal was besessen, mal eine Deutschen geholfen, etwas lockerer zu werden.« Der Aus-
Heimat hatten, obwohl wir sogar Deutsche waren«. Man länder als kulturelle »Bereicherung«. Man kann es nicht
ahnt es bereits, wer sich da durch Nacht und Nebel sülzt. mehr hören, das Pizza-, Kebab- und Sirtaki-Gefasel, aber
Das kann nur Peter Härtling sein, der egal bei welchem die Begeisterung über die exotischen Volksstämme mit ihren
Thema mit der Regelmäßigkeit der Elektrizitätsrechnung fremden Sitten und Gebräuchen, Trachten und Folklore
sein Vertriebenentrauma ausbreitet, um sich auf Kosten an- hält sich hartnäckig. So möchten sie den guten Ausländer
derer zu therapieren und damit zu beweisen, daß in Wirk- haben, und man begreift, daß es den Fans fremder Kulturen
lichkeit er das arme Würstchen ist. Wer wollte ihm da wi- nicht um die Sicherheit normaler Lebensbedingungen geht,
dersprechen. sondern um Artenschutz.
Nun könnte man einwenden, daß ein Sülzkopf noch kei- Nicht auszudenken, wenn »die kulturelle Blutzufuhr«
nen Sommer macht, aber auch die anderen »Stimmen der ausbliebe, und wie schmerzlich, wenn man »den Glauben an
Menschlichkeit« sprechen am liebsten von ihrer Betroffen- eine deutsche Kulturnation« aufgeben müßte, weil eine

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»Welle von Ausländerfeindlichkeit« über Deutschland sem Bändchen schreibt, so denkt wie der schäbigste Klein-
schwappt, die natürlich aufs schärfste als »Angriffe ... gegen bürger.
die Grundpfeiler abendländischer Kultur« verurteilt werden. Wenn einer es besonders gut meint, versetzt er sich »in
Womit wir uns »im Kern des ältesten Kulturproblems« befin- die Lage der Menschen, die hier leben«. Oder er behauptet,
den, welches die »Fremden« sind. Da hilft nur, »eine »auch ich bin ein Ausländer«. Diese Anbiederei mag man
Schutzkultur um die Bedrohten« zu bauen. Bei soviel Kultur ärgerlich finden, vielleicht sogar peinlich, aber was ließe sich
kann es keine schlechten Menschen geben. Aber interessie- sonst so schön und so völlig sinnlos daherreden, ohne ein
ren tut es einen schon, was es mit der »kulturellen Blutzu- blaues Auge zu riskieren. Solidarität von der Stange, oder –
fuhr« auf sich hat? Eine Art Vampirismus? Und wenn Men- noch besser – aus dem Bauch. Aber auch andere Vorschläge,
schen in Asylbewerberheimen überfallen werden, dann den »häßlichen Erscheinungen der vergangenen Monate«
möchte man gerne wissen, warum die »Stimmen der mutig in den Weg zu treten, hören sich nicht vielverspre-
Menschlichkeit« statt Menschenleben die »abendländische chend an. »Auf jeden Fall muß vermittelt werden.« Viel-
Kultur« gefährdet sehen? leicht so:
Ausländer braucht man jedoch nicht nur, weil man sei- »Zum Beispiel wird der Neger an sich akzeptiert, wenn
nen Glauben an die »deutsche Kulturnation« nicht verlieren er Tore schießt, am besten allerdings im eigenen Verein,
will, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. »In denn wenn er beim Gegner spielt, dann wirft der echte
vielen Bereichen, besonders auf dem Dienstleistungssektor, Sportfan mit Bananen oder übt sich im Affengebrüll. Auch
sind nichtdeutsche Mitbürger im Laufe der Jahrzehnte gera- da allerdings gilt die Regel, daß nur der ein guter Bimbo ist,
dezu unentbehrlich geworden.« Und: »Jeder Politiker, jeder der mit einem Zimmer im Sportlerheim zufrieden ist, also
Wirtschaftler kann bestätigen, daß die Bundesrepublik öko- nicht zu uns in die Stadt in die besseren Gegenden ziehen
nomisch zusammenbrechen würde, wenn uns alle Ausländer will, was er sich ja leisten könnte, und daß er seine braunen
auf einen Schlag verließen.« Vielleicht doch besser nachein- Finger von deutschen Frauen läßt.« Das sollte uns »viel-
ander? leicht doch Anlaß zum Nachdenken geben«. Die ehrenwer-
Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, als ob ein von te Absicht jedenfalls, durch die Wiedergabe von Stamm-
Existenzängsten gebeutelter Mittelständler verzweifelt zu tischgeschwätz zur Aufklärung beizutragen, geht in diesem
begründen sucht, warum er es für keine gute Idee hält, wenn Fall daneben, weil nach der Lektüre des Buches nicht mehr
Deutschland demnächst wieder ausländerfrei ist. Das heißt, ausgeschlossen werden kann, daß dem Autor die Anklage
er anerkennt einen noch gar nicht existierenden Zustand, in- zum Bekenntnis geraten ist.
dem er unermüdlich darauf hinweist, daß das »unserer poli- Aber das kommt eben davon, wenn Journalisten glauben,
tischen Kultur« schade, »unserer Wirtschaft« oder dem wieder »in Ausübung ihrer Pflicht« schreiben zu müssen. In
»Ansehen unseres Landes, das in 40 Jahren aufgebaut wur- diesem Fall ein Delikt, das sich adäquat nur als Vereini-
de«. In diesem Denken ist nicht etwa der Ausländer der an gungskriminalität beschreiben läßt.
Leib und Leben Geschädigte, sondern der Deutsche.
Schlimm genug, schlimmer noch, daß die politisch herr- Zitiert wurden: Michael Jürgs, Freimut Duve, Marion Grä-
schende Klasse, die als »prominente Zeitgenossen« in die- fin Dönhoff, Emanuel Eckardt, Eberhard Fechner, Barbara

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Franck, Peter Härtling, Hamburger Museumsdirektoren, schreibt: »Sollte sie ihren bisherigen Crashkurs fortsetzen,
Hellmuth Karasek, Hardy Krüger, Jobst Plog, Gregor von riskiert sie, schon beim nächsten gesamtdeutschen Wahl-
Rezzori, Michael Schirner, Franz Steinkühler, womit die Li- kampf die Macht zu verlieren«, dann teilt dieser Satz das
ste der Autoren allerdings noch lange nicht zu Ende ist. Schicksal der Tageskommentare aus taz, FR oder SZ, in de-
nen er am Tag darauf glücklicherweise beerdigt und verges-
sen ist.
Über die »erste erfolgreiche deutsche Revolution«
Zunächst einmal läßt Schneider dem Leser noch einmal
Der Renegat als Hampelmann
wissen, was man von Politikern wie Journalisten schon so oft
Jahrzehntelang haben die Altachtundsechziger die 11. Feu- hörte, daß einem langsam der Verdacht kommt, die Leute
erbachthese diskutiert und analysiert. Sie haben so lange müßten nachträglich noch von der historischen Dimension
darauf herumgekaut, bis ihnen schließlich die Zähne ausfie- des Ereignisses überzeugt werden, weil sie die »Revolution
len und radikale Gesellschaftskritiker zu teigigen und blas- 1989« wie jedes andere Medienereignis auch ihrem Kurz-
sen Sozialdemokraten regredierten. Aus der Welt, die man zeitgedächtnis überantwortet haben. Sei es für diejenigen,
nicht bloß verschieden interpretieren wollte, wurde »eine die nicht so recht dran glauben, sei es für die, die den Ever-
Tatsache«, »die nicht mehr zu ändern ist. Es kommt jetzt green immer wieder gerne hören, bekennt Michael Schnei-
darauf an, wie man sie bewertet«. der: »Die erste erfolgreiche deutsche Revolution dieses
Michael Schneider, ehemaliger SDSler, Freund Dutsch- Jahrhunderts« hat stattgefunden. Das muß gefeiert werden,
kes und Bruder des Meisterschwätzers Peter Schneiders, hat und Schneider zündet ein Feuerwerk der metaphorischen
es sich wie viele seine Kollegen nicht nehmen lassen, als Superlative: »kopernikanische Wende«, »Dammbruch«,
Fachmann in Sachen Revolution und wie man sie totsicher »Springflut«, »gigantisches Schauspiel«, das »wie ein Orkan
vermurkst, seine Bewertung der deutschen Ereignissen losbrach« und »mit der Gewalt eines Naturereignisses«
1989/ 1990 abzuliefern. Schneider hat ein Jahr lang fleißig über die Menschen kam, so daß es selbst Schneider »irritier-
Zeitungsausschnitte gesammelt und sie durch eine Textver- te und verunsicherte«, »mehr als ich es selbst für möglich
arbeitungsmaschine laufen lassen. Aber obwohl er wie ein gehalten hätte«. Man hört ihn schon »So ein Tag, so wun-
verhinderter Chefredakteur den journalistischen Jahresout- derschön wie heute« vor sich hin summen, aber schließlich
put mit kritischen Augen begutachtet hat, kommt nichts gilt es noch das, was danach alles schief lief, aufzuarbeiten
Neues dabei heraus. und zu »bewerten«.
Sein Buch Die abgetriebene Revolution. Von der Staatsfirma Mit einer Selbstverständlichkeit, die die Identifikation
in die DM-Kolonie wurde zum typischen Evolutionsprodukt mit jedermanns Meinung voraussetzt, kaut Schneider sämt-
der Meinungsbranche, d.h. ein endlos langer Zeitungsarti- lichen Quatsch des bürgerlichen Feuilletons noch einmal
kel, der in Buchform die Sottise bestätigt, daß es nichts Älte- durch: Unter »dem Trauma Auschwitz« leiden »bekanntlich
res gibt als die Zeitung von gestern. Das Verfallsdatum sei- (!) nicht nur die Opfer und ihre Nachkommen, sondern
ner »kritischen Bestandsaufnahme« war schon überschrit- auch die Nachkommen der Täter«. Abgesehen davon, daß
ten, bevor das Buch auf den Markt kam. Wenn er nämlich die Opfer von Auschwitz unter einem Trauma nicht mehr
der konservativen Regierungskoalition ins Beschwerdebuch leiden müssen, weil sie das Leben bereits hinter sich haben,

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läßt das Leiden der Nachkommen von Opfern und Tätern chen Organisation der deutschen Einheit«, um »die drän-
darauf schließen, daß wir in einer bemitleidenswerten Ge- genden Probleme der Menschheit anzupacken«. Bei diesem
sellschaft leben. So sehr sich Opfer und Täter in ihrer Rolle Formulierungsbrei aus dem Standardrepertoire des offiziel-
unterscheiden, als deren Nachkommen sind sie im Leiden len Verlautbarungsjargons wird man den Verdacht nicht los,
eins geworden und können sich auf paritätisch besetzten daß Schneider ein in der Küche der Zeit geklontes Produkt
Diskussionsveranstaltungen auf dem Podium gegenseitig von Dönhoff, Sommer und Schmidt ist.
ihre Wunden zeigen. Daß Leute wie Schneider, die im Alter Als jemand, für den jede abgedroschene Redewendung
zwischen vierzig und fünfzig in der Regel bereits eine ver- und abgestandene Metapher noch gut genug ist, um einen
krachte Ehe hinter sich und erwachsene Kinder haben, die spärlichen Gedanken zu umranken, strapaziert Schneider
ihnen auf die Nerven gehen, ihr geheimnisvolles Leiden als auch die Metapher vom aufrechten Gang, der schon bei En-
Nachkommen der Täter entdecken, von dem sie als Jugend- zensberger den Verdacht keimen ließ, daß wir in einer Ge-
liche noch keine Ahnung hatten, weil ihnen die Einsicht bes- sellschaft von Vierbeinern leben. Wie auch immer; wenn
sere Argumente in die Hand gab als die bloße Leidensmie- nichts draus wird, wird immer noch ein Essay draus, sagte
ne, ist nur ein weiteres Indiz dafür, daß der protestbewegten Tucholsky einmal.
Generation nichts weiter mehr einfällt als der verliebte Blick
auf sich selbst, der sich im häufigen Gebrauch des Wortes
Geliebtes Vaterland
»Ich« widerspiegelt.
Wie das Feuilleton einmal einen verleumderischen
Hat Schneiders Ich seine gute Gesinnung als Staatsbür-
Angriff aus England abwehrte
ger erst einmal bußfertig unter Beweis gestellt (»Auch ich
habe die Parole ›Kapitalismus führt zum Faschismus. Kapi- Empört wie lange nicht mehr war man in der Zeit und im
talismus muß weg‹ anno 1968 mitskandiert«), dann kann Spiegel. Als ob Deutschen im Ausland passiert, was zur Zeit
man sicher sein, daß das »Drohnenleben der Wandlitz-Re- Ausländern hier zugefügt wird, werfen sie dem englischen
publik« aufs heftigste verdammt wird. Im bräsigsten und Historiker Robert Harris, Autor des »außergewöhnlichsten
schäbigsten Kommentatorenstil eines rasenden Mitläufers Politkrimis der Saison«, Deutschenfeindlichkeit, Ressenti-
befindet Michael Schneider: »Selbstverständlich kann und ments und Frivolität vor. Den Autor »treibt offensichtlich
darf es für diejenigen, die für den Stasi-Terror ... verantwort- der Ehrgeiz, auf Kosten der Deutschen ein berühmter
lich waren, keine Amnestie geben. Diese Leute, allen voran Schriftsteller zu werden«, empört sich Karl-Heinz Janßen in
Herr Mielke, gehören vor ein unabhängiges Gericht ge- der Zeit und entwirft mit diesem Vorwurf einen völlig neuen
stellt.« In der Rolle des zornigen Richters findet der kleine Verhaltenskodex für Schriftsteller. Schlimmer noch, der Au-
Renegat wieder zu sich selbst und empfiehlt sich durch ran- tor sei sich offenbar nicht bewußt, »daß er mit seinem Thril-
ziges und altkluges Dahergerede als moralische Erneue- ler auch den jungen Generationen in Deutschland das Stig-
rungsinstanz. ma des Massenmords aufdrückt.« Und der Spiegel sekun-
Auf über 200 Seiten schwadroniert er über die Probleme diert, Harris greife »skrupellos zum ultimativen Kitzel: Er
der Deutschen, die »in der Tat zu ernsthaften Besorgnissen montiert die Realität in seinen Roman«, eine in den Augen
Anlaß« geben, von einer »gerechten und sozial verträgli- des Redakteurs offensichtlich besonders perfide Masche und

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eine Anschuldigung, aus der sich so leicht kein Schriftsteller längst ihre Souveränität verloren, und was heute als europäi-
wird herauswinden können. Auch eine kleine Träumerei ge- sche Idee in langwierigen Verhandlungen nur zäh voran-
stattet sich der Redakteur, für die er tief in die Geschichtski- kommt, hat Deutschland unter seiner Vormachtstellung
ste greift: Hätten 1866 die Bayern und Österreicher die schon längst verwirklicht. Im gesamten Reich ist Deutsch
Schlacht von Königgrätz gewonnen und nicht die Preußen, Unterrichtssprache, die Reichsmark ist die Einheitswährung
wären uns »manche Schrecken ... erspart geblieben – auch und der Volkswagen das Auto für den kleinen Mann. Das
Harris’ Vaterland.« Noch drei Jahre nach Erscheinen des Europaparlament hat seinen Sitz in Berlin, wo Albert Speer
Buches hat sich der Spiegel immer noch nicht beruhigt. seine gigantischen Pläne verwirklicht hat und sich das Empi-
»Schamlos« hätte Robert Harris, schreibt ein Redakteur in re State Building wie Spielzeug ausnimmt. Der St. Peters-
der Ausgabe 8/95, »das NS-Regime als Thriller-Kulisse Dom, wird dem staunenden Touristen erzählt, paßt sech-
mißbraucht«, und angewiedert empfiehlt er die »geschichts- zehn Mal in den Dom von Speers Großer Halle.
klitternde Mixtur aus Fakten und Flachsinn« den Neonazis. Harris läßt seinen Thriller 1964 spielen, eine Woche vor
Daß ein Politthriller in den führenden Meinungsblättern Hitlers 75. Geburtstag. Die Reichshauptstadt schmückt sich
derart heftige Reaktionen hervorruft, ist erstaunlich, nicht für seinen Führer. Sogar der Präsident der Vereinigten Staa-
nur, weil das Genre des Krimis in Deutschland nicht gerade ten Kennedy, der Vater John F. Kennedys, Antisemit und
zu der literarischen Gattung zählt, der man besondere Auf- Appeaser, wird Hitler seine Aufwartung machen. Vor diesem
merksamkeit widmet, sondern weil man sich bisher der Illu- Hintergrund recherchiert Kriminalkommissar Xaver März
sion hingeben durfte, daß das Feuilleton auch der staatstra- in einem scheinbar ganz gewöhnlichen Mordfall, der jedoch
genden Blätter nicht unbedingt verpflichtet war, die politi- auf undurchsichtige Weise die Belange der Staatssicherheit
schen Leitartikel auf den vorderen Seiten wiederzukäuen. berührt und die SS auf den Plan ruft. Im Laufe dieser unge-
Mittlerweile scheint man sich von dieser liebgewordenen heuer spannenden und packend erzählten Geschichte
Vorstellung verabschieden zu müssen. Wie in der Außenpo- kommt das von den Nationalsozialisten begangene und
litik rüstet man nun auch auf dem kulturellen Sektor nach, anschließend vertuschte Verbrechen, die Judenvernichtung,
denn wie anders will man es sich erklären, daß der Protest langsam zum Vorschein. Die letzten lebenden Teilnehmer
des deutschen Botschafters in London, der auch noch Her- an der Wannseekonferenz fallen merkwürdigen Umständen
mann Freiherr von Richthofen heißt, mit diesem Buch wür- zum Opfer oder begehen Selbstmord, Zeugen werden um-
den die deutsch-englischen Beziehungen unnötig belastet, gebracht, Dokumente verschwinden.
vom Spiegel als Beleg und nicht als Bloßstellung zitiert wird. »Die Handlung ist bis ins kleinste Detail überzeugend,
Um was geht es: Harris hatte die geniale Idee, die Ge- die Charaktere gänzlich glaubwürdig«, schreibt Martha
schichte 1942 anzuhalten und ihr eine andere Wendung zu Gelhorn in The Daily Telegraph, und sie muß es wissen, hat
geben, derzufolge die deutsche Wehrmacht nicht in Stalin- sie sich doch als Korrespondentin im Nachkriegsdeutsch-
grad steckenblieb, sondern bis in den Kaukasus und den land selbst ein genaues Bild von den Menschen und Verhält-
Ural weitermarschierte. Dort allerdings wird sie in einen nissen machen können. Ganz gleich, ob Harris seine Figu-
aufreibenden, von den Amerikanern unterstützten Partisa- ren als korrupte Beamte, graue Eminenzen, opportunisti-
nenkampf verwickelt. Die europäischen Länder haben sche Karrieristen, Amtsschimmel oder bornierte Ideologen

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schildert, es sind Menschen, deren sich ein totalitäres Sy- verhalf vielmehr der Spiegel, als er die Goebbels-Tagebücher
stem genauso bedienen kann wie eine Demokratie. Und dar- vorabdruckte.
in liegt auch der Grund für die Empörung, denn daß Harris
sein Personal nicht als widerliche, mordlüsterne Monster
»Ausländer sind Ausländer«
auftreten läßt, die den Abstand zur Geschichte deutlich ge-
Neues von der Multikultur
nug demonstrieren, sondern als mitunter ziemlich normale
Menschen, finden bezeichnenderweise vor allem seine deut- Daß über einen einzigen dürftigen Gedanken dickleibige
schen Kritiker geschmacklos. Was jedoch am Nationalsozia- Wälzer geschrieben werden, ist nichts Neues. Selten jedoch
lismus so schrecklich war, war seine Banalität, die sich am wurde der Leser für dümmer gehalten als in Heimat Babylon
besten an der Person Eichmanns veranschaulichen läßt, der vom Frankfurter Kulturdezernenten und der 68er-Ikone
genauso gut »Judenpfleger« hätte sein können und diesen Daniel Cohn-Bendit und seinem Mitstreiter Thomas
Job mit der gleichen Zuverlässigkeit und Beflissenheit aus- Schmid, die selbst Horst-Eberhard Richter und Luise Rin-
geübt hätte wie er Fahrpläne ausarbeitete, um die Juden rei- ser, bisher unumstrittene Koryphäen auf dem Gebiet, alles
bungslos an den Ort ihrer Vernichtung zu transportieren. zu Quark breitzutreten, was es zu einem Thema zu sagen
Was die Kritiker auf die Palme bringt, ist die Tatsache, daß gäbe, alt aussehen lassen.
dieser Mensch nicht zu unterscheiden ist vom Nachkriegs- »Deutschland ist ein Einwanderungsland«, stellen
deutschen, der sich in ihren Augen inzwischen genügend für Cohn-Bendit/Schmid fest. Jetzt könnte ein Gedanke kom-
die Demokratie qualifiziert hat. men. Stattdessen: »Wir werden zeigen, daß es keinen Sinn
Harris hat mit seinem Buch in England einen Bestseller hat, diese Wirklichkeit zu leugnen«, oder: »Wir plädieren
gelandet, der in zehn Sprachen übersetzt wurde und von für die Anerkennung dieser Realität.« Und für den, der es
dem in Amerika mittlerweile mehr als 110 000 Hardcover immer noch nicht begriffen hat: »Wir werden zeigen, daß
über den Ladentisch gingen. Auch darin könnte ein Motiv dies Land ein Einwanderungsland ist.« Auf der nächsten
für den Ärger liegen, den das Buch hervorgerufen hat. Näm- Seite: »Deutschland ist ein Einwanderungsland, und auch
lich als Enttäuschung darüber, daß deutsche Literatur alles dadurch multikulturell.« Vielleicht jetzt? »Wir feiern das
andere als ein Exportschlager ist und im Ausland als lang- nicht, wir stellen es nur fest ... Das ist das Anliegen dieses
weilig, fad und deshalb unverkäuflich gilt. Die Beschäfti- Buches.« Entnervt blättert man weiter. »Die multikulturelle
gung mit ihr könnte aufgrund des offensichtlichen Desinter- Gesellschaft ist also ein verwirrendes Phänomen.« Etwas
esses der europäischen Nachbarn zur Marotte werden, wo es später: »Ausländer sind Ausländer, aber nun einmal da.«
doch Zeiten gab, als die deutsche Kultur überall großes An- Nicht nur physiognomisch, auch stilistisch haben sich
sehen genoß. Vielleicht also aus Enttäuschung darüber, daß die ehemaligen Wortführer der Studentenbewegung Hel-
die hiesige Literatur an Renommee verliert, mit Sicherheit mut Kohl anverwandelt. Gedankenlos flechten sie Be-
aber aus gekränktem Nationalstolz, erklärt sich der Haß auf schwörungsformeln unfreiwilliger Komik zu redundanten
Harris, dem sogar vorgeworfen wird, daß in seinem Buch Girlanden: »Ausländer sind Ausländer, also keine Deut-
nichts steht, was »zu neuen Erkenntnissen über die Nazi- schen«, oder »Eine Gesellschaft ist kein Eimer«.
Vergangenheit verhelfen könnte«. Zu neuen Erkenntissen Im Bemühen, alles zu relativieren und möglichst nir-

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gends anzuecken, sind sie bis zur Schmerzgrenze harmlos 40 Jahren Knechtschaft darbenden Leidensgenossen aus
und bräsig. Die ausländerfeindliche Stimmung ist für sie dem Osten wissen, daß Menschenanzünden verboten ist.
nicht mehr als eine beklagenswerte Angelegenheit und die Die Ausländerbeauftragte Marita Schieferdecker-Adolph
Schlägerbanden sind bloß irregeleitete und eigentlich be- weiß, welches besorgniserregende Problem Wolfgang Thier-
dauernswerte Menschen. Weil man dasselbe aber auch aus se da angeschnitten hat. Mitte Dezember ’93 besuchte sie ei-
den Tagesthemen und dem Bericht aus Bonn erfahren kann, ist nen Jugendclub in Dresden und wurde dort von Skinheads
das Buch ungefähr so überflüssig wie ein Kropf oder, um mit als »Judensau« und »Türkenweib« beschimpft, und schließ-
Cohn-Bendit/Schmid zu sprechen: »Das mag ein etwas küh- lich sogar mit einer glühenden Zigarette traktiert. Offen-
ner und ... allzu leichtfertiger Schluß sein«, aber wenigstens sichtlich hatte sich »Mein Freund ist Ausländer« noch nicht
kein endloses Geschwafel. herumgesprochen, aber von einer Strafanzeige sah Frau
Schieferdecker-Adolph ab, »um Projekte mit rechtsorientier-
ten Jugendlichen nicht zu behindern«, weshalb sie korrekter-
»Mein Freund ist Ausländer« oder auch nicht
weise eigentlich eine Skinheadbeauftragte sein müßte.
Vom Verständnis zum anonymen Rassisten
Verständnis für die »irregeleiteten Jugendlichen«, die
Es dauerte ziemlich lange, bis sich die Guten aus Deutsch- keine »Perspektive«, dafür aber »Angst vor dem Verlust des
land dazu aufrafften, den Rechtsradikalen ein zaghaftes Arbeitsplatz« hätten und überhaupt in »menschenunwürdi-
»Nein« entgegenzuhalten, als diese ein Asylbewerberheim gen Plattenbausiedlungen« hausen müßten, war der Zucker-
nach dem anderen anzündeten und in Rostock und Hoyers- guß auf der Argumentation der Ausländerfreunde, an der
werda Pogrome veranstalteten. Aber dann kamen sie doch sich zeigte, daß man bei Konflikten innerhalb der eigenen
noch gewaltig. Im Wettstreit der Städte zündete man, nein, Landesgrenzen eine Abgeklärtheit und Besonnenheit an den
keine Asylbewerberunterkünfte sondern Kerzen an, was sich Tag legte, die angesichts der ermordeten Ausländer ziemlich
auch als Ersatzhandlung, als Ausdruck eines Gemeinschafts- abgebrüht wirkten. So abgebrüht wie beispielsweise Bodo
gefühls verstehen ließ. Wie zur Bestätigung der Unterstel- Morshäuser, dem es »ums Deutsche« geht und dessen Buch-
lung, die als üble Verleumdung abgetan worden wäre, die titel Hauptsache Deutsch und Warten auf den Führer deshalb
Kerzenhalter würden sich symbolisch mit den Brandstiftern als Bekenntnis zu verstehen sind und der sich aus dem Pro-
solidarisch zeigen, hielt man sich mit der Verurteilung der gramm der anonymen Rassisten bedient hat: »Raus mit dem
Rechtsradikalen merkwürdig zurück. »Mein Freund ist Aus- Scheiß. Laß uns mal fünf Minuten Rassist sein und mal rich-
länder« hieß die Parole, aus der nicht hervorging, daß man tig erzählen, was hier los ist und was uns nicht gefällt. Das
gegen die Schläger etwas hatte. Und tatsächlich: Aus den finde ich besser, als nur intelligent oder intellektuell diese
Rechtsradikalen waren noch lange keine Feinde geworden, Dinge zu sehen.«
stattdessen brachte man ihnen ungeheuer viel Verständnis Vor solchen Leuten muß man sogar noch diejenigen in
entgegen. Schutz nehmen, die zwar bei jeder Gelegenheit »betroffen«
»Wo lernt man denn heute noch, daß man Menschen sein mögen, aber nicht verhindern wollten, wie Bodo Mors-
nicht anzündet?« fragte besorgt (= H.E. Richter-geschädigt) häuser, »daß sich die Zahl der Asylbewerber von Jahr zu Jahr
Wolfgang Thierse. Woher sollen denn seine aus dem unter verdoppelte«.

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Dank Morshäuser wurden die letzten Zweifel aus- Als bloßer, nichtssagender Appell hat sie selbst die Nie-
geräumt, die man gegen den Verdacht haben konnte, die rentischatmosphäre überstanden, denn sie hatte den Vorzug,
Lichterketten und Fackelzüge wären nur eine symbolische sich mit Argumenten nicht herumschlagen zu müssen.
Ersatzhandlung für das Anzünden von Flüchtlingsunter- »Menschlichkeit« wurde zum Zauberwort auf evangelischen
künften. Kirchentagen, auf Friedensbewegungskundgebungen, für
die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers, für Niemöller
und Albertz, für Nachbarschafts- und Schrebergärtnerverei-
Menschlichkeit
ne, für den Blauen Bock, Walter Jens und Petra Kelly, also
Als man bei den Nürnberger Prozessen in Ermangelung ei- für Hinz und Kunz. Im Gegensatz zu jeder anderen Karrie-
ner Kategorie, mit der sich der Völkermord der Deutschen re war es für die Karriere von »Menschlichkeit« nicht ab-
juristisch fassen ließ, den Begriff »crime against humanity« träglich, daß man tief hinabsteigen mußte, dorthin, wo es
einführte, wurde er offiziell als »Verbrechen gegen die vor Verpflichtung zur Wahrheit, wahlweise Gerechtigkeit,
Menschlichkeit« übersetzt. »Wahrhaftig das Understate- Freiheit und Nächstenliebe wabert und dampft, wo es
ment dieses Jahrhunderts«, schrieb Hannah Arendt, »als schwül und nur in narkotisiertem Zustand auszuhalten ist,
hätten es die Nazis lediglich an ›Menschlichkeit‹ fehlen las- dorthin also, wo schriftstellernde Pastoren und pastorale
sen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten.« SchriftstellerInnen ihre verbalen Zeitschleifen drehen.
Mit dieser euphemistischen Sprachregelung haben die »Menschlichkeit« ist immer gut, wer will schon ein Un-
Deutschen die Alliierten in ähnlicher Weise hereingelegt mensch sein? Uta Ranke-Heinemann empfiehlt: »Was wir
wie später bei der Entnazifizierung. Carl Schmitt höhnte: brauchen, ist ein Mut zur Menschlichkeit, der alle Men-
»Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden von schen einschließt«, und Rainer Eppelmann beteuert in Wen-
Deutschen begangen. Die Verbrechen für die Menschlich- dewege, einem »subtilen Zeugnis menschlicher Auseinander-
keit an Deutschen. Das ist der ganze Unterschied.« Weil es setzung«, aufrichtig und menschlich waschecht: »Wir haben
sich aber in Wirklichkeit um einen Unterschied aufs Ganze uns immer für mehr Nähe und Menschlichkeit, für eine of-
handelte, hätte »Menschlichkeit« eigentlich abdanken müs- fenere und menschlichere DDR stark gemacht.« Offen und
sen. Aber statt der pejorativen Bedeutung inne zu werden, menschlich war die DDR, daß sie aber nicht noch offener
hatte »Menschlichkeit« auch im Nachkriegsdeutschland und menschlicher war, hat ihr den Todesstoß versetzt. »Weil
Konjunktur. In der Rede von »Menschlichkeit« war im hi- das Land sich ändern muß«, glauben Dönhoff und Helmut
storischen Kontinuum die Fortschreibung der Barbarei ent- Schmidt in der »Menschlichkeit« ein geeignetes Rezept ge-
halten. »Menschlichkeit« haftete immer noch der Geruch gen die »Raffsucht« gefunden zu haben.
an, den die Nazis verbreitet hatten, als sie »unwertes Leben« Auch in preisgekrönten Schüleraufsätzen über das The-
ausrotteten und damit einen Akt der Gnade und Nächsten- ma: »Welche Bedeutung hat Martin Luther Kings Botschaft
liebe meinten. Die »Menschlichkeit« in den 50er Jahren war für mich«, die anschließend in der Zeit veröffentlicht wer-
immer noch ihr genaues Gegenteil, sie war hohles Pathos, den, ist Menschlichkeit Trumpf. »Die Menschlichkeit wurde
klebrige Idylle, ranziger Eintopf, sie war stickig und roch wach, als Demütigung und Gewalt öffentlich wurden«,
nach Bohnerwachs. durfte da eine Henrike Wenzel für Theo Sommer in die

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Bresche springen und einen Begriff aufblasen, der so Seit neuestem soll die »Mitmenschlichkeit« sogar ins
schwammig und schwiemelig ist wie das Wort zum Sonntag. Grundgesetz eingeführt werden. Der Zusatzartikel 2a lautet
Der Begriff, der einmal zur Entlastung der Täter diente dann: »Jeder ist zu Mitmenschlichkeit ... aufgerufen.« Das
und dem deshalb etwas Zwielichtiges anhaftete, was heute konnte sich nur ein aus Ostdeutschland stammender SPD-
noch in der drohenden Redewendung »rein menschlich ge- Abgeordneter ausgedacht haben, der früher ein oppositio-
sehen« enthalten ist, war niveaulos geworden, d.h. ohne Wi- neller Studentenpfarrer gewesen war. Und tatsächlich: »Ini-
derspruch oder Gegensatz. Man war ihm für die schlichte tiator des Vorschlags ist der aus Ostdeutschland stammende
Tatsache dankbar, daß es ihn gab. Aber Menschlichkeit ist SPD-Abgeordnete Elmer ... früher oppositioneller Studen-
auch altbacken und tantenhaft geworden, weshalb sie auch tenpfarrer aus der DDR« (FAZ). Lange hat der Hinterbänk-
gern zum Adjektiv abgespeckt wird und als »menschlicher ler gebrütet, bei der Pfründevergabe wurde er vergessen, als
Umgang« mit den »Sorgen und Nöten der Menschen Kassenwart seines Ortsvereins fiel er durch, aber einen Bei-
draußen im Lande« (Stolpe, PDS u.a.) ringen darf. Großer trag zur »inneren Einheit« in Deutschland wollte er leisten,
Beliebtheit erfreuen sich folgende Kombinationen: ein »Korrektiv zum ausufernden Individualismus unserer
»Menschliche Nähe« (Stolpe u.a.), »Mitmenschlichkeit«, Zivilisation«, wie die FAZ berichtet.
»menschlich miteinander leben« (Ranke-Heinemann), Während beim nackten Interesse aber wenigstens nach-
»menschliches Solidaritätsgefühl« (Schorlemmer), »mensch- vollziehbar ist, welche Motive den Einzelnen bewegen, muß
liche Aufarbeitung der Stasi- und SED-Vergangenheit« man beim Gutmenschen darauf gefaßt sein, daß seine
(Thierse). »Unmenschlich« und »menschenverachtend« ste- Empörung auch mal in eine andere Richtung ausschlägt.
hen jedoch als universelle Alleskleber auf der Beliebtheitsska- Dann geht es vielleicht wieder gegen die Amerikaner oder
la ganz oben, dort, wo Klaus Bednarz, Antje Vollmer und auch gegen die Juden. Dann muß im Namen der Mensch-
Ralph Giordano mit dem besonderen Betroffenheitsschmelz lichkeit eingegriffen werden, so wie man es gegen die Ser-
in der Stimme das Gewissen der Nation spielen. ben schon längst hätte tun sollen. Carl Schmitt würde gar
Während »menschlich« im ideologiefreien Gebrauch nicht mehr so schief liegen: Verbrechen für oder gegen die
auf Schwächen und Laster des Menschen hinweist, also eine Menschlichkeit, was ist das schon für ein Unterschied.
Eigenschaft beschreibt, die den Einzelnen liebenswert oder P.S. Das Schlußwort zu »menschlich« hat nun Philip
auch hassenswert und abstoßend macht, benutzen es die Roth: »Besonders ihre Verwendung der Wörter ›Fotze‹
Schaumsprachler als Aufforderung, als moralischen Impera- (modifiziert durch ›heiß‹) und ›Schwanz‹ (modifiziert durch
tiv, dem sich zu entziehen mindestens »menschenverach- ›groß‹ oder ›herrlich‹ oder beides) konnte so maniriert und
tend«, wenn nicht sogar »zynisch« ist. Der Appell ans Ge- aufdringlich, in einem Wort, so sentimental sein wie der Ge-
wissen soll die Menschen anrühren und betroffen machen, brauch respektive Mißbrauch des Adjektivs ›menschlich‹.«
sie zum spendenwilligen und hörigen Publikum erziehen,
das den bösen Mächten mit Kerzen heimleuchtet. Kein von
Gerade wir als Deutsche
Interesse und Vernunft geleitetes Wesen soll der Mensch
sein, sondern empörungskompatibel mit einer moralisch Ein widerlicher, schleimig herankriechender Euphemismus
einwandfreien Gesinnung. für nationale Gesinnung, für nationalhymnische Gefühle,

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für kollektiven Wahn. Die nationalsozialistische Vergangen- über eine Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Yad Va-
heit wird in dieser Formel zum kuriosen Argument dafür, shem mit dem Titel: »Herzog hebt besondere Verantwor-
daß die Deutschen gegenüber den Juden und gegenüber den tung gegenüber Israel hervor.«
Rest der Welt eine besondere Verantwortung hätten. Die Weil zwei angezettelte Weltkriege nicht gut in die Bio-
Verantwortung besteht darin, die Juden und den Rest der graphie des selbsternannten Weltfriedensrichters passen,
Welt davon abzuhalten, das gleiche zu tun wie die Deut- nahm man am Bild des Täters eine Retusche vor, die ihn in
schen im Zweiten Weltkrieg, nämlich die Juden auszurotten ein argloses Opfer verwandelte: »Gerade unser besonderes
und den Rest der Welt zu erobern. Weil das aber niemand Verhältnis zum Volk der Juden sollte uns veranlassen, hart
tut und auch niemand in Sicht ist, der die Mittel und Mög- mit dieser Politik ins Gericht zu gehen. Denn unser Volk hat
lichkeiten dazu hätte, gehen die Deutschen mit ihrer Ver- die Folgen rassistischer Gewaltpolitik am eigenen Leib er-
antwortung hausieren, d.h. sie müssen zunächst sich und an- fahren«, schallte es aus ethisch besonders engagierten Kir-
dere davon überzeugen, daß alle möglichen Konflikte auf chenkreisen.
der Welt, ob Bürgerkrieg, Pogrome oder Stammesfehden, Wilhelm Reich schrieb in Massenpsychologie des Faschis-
schon so schlimm sind wie das, was sie selbst angerichtet ha- mus, daß Hitler der Ausbruch einer Geisteskrankheit erspart
ben. geblieben wäre, weil seine Wahnvorstellungen auf massen-
Dies war der Fall, als 1982 die israelische Armee im Li- hafte Resonanz stießen. Individuelle und kollektive pathi-
banon einmarschierte. Sofort meldete sich die Mahn- und sche Projektion gingen auch während des Golfkriegs kon-
Warngesellschaft aus »historischer Verantwortung der form. »Dabei ist nichts so verständlich wie die Friedens-
Deutschen gegenüber den Juden« zu Wort, um gegen die sehnsucht gerade der Deutschen, ist sie doch das logische
Vernichtung des palästinensischen Volkes zu protestieren. Ergebnis eines schweren nationalen Traumas«, welches dar-
Und auch die Grünen kannten plötzlich keine Parteien in besteht, daß die Verbrechen »von den Nazis im Namen
mehr, sondern nur noch Deutsche, und waren der »Mei- der Deutschen begangen wurden«, schrieb Oskar Lafontai-
nung, daß wir Deutschen eine besondere Verantwortung ha- ne, ohne daß ihn jemand deshalb schräg angeguckt hätte.
ben, wenn es darum geht, Praktiken einer Ausrottungspoli- Was daraus folgt, machte Lafontaine deutlich, als sich Mar-
tik verhindern zu helfen.« cel Ophüls darüber beschwerte, daß auf dem nach seinem
Als ehemalige Täter fühlten sie sich verpflichtet, »Israel Vater benannten Fimfestival in Saarbrücken der Film »Beruf
mit Lob und Tadel als Bewährungshelfer moralisch beizu- Neonazi« von dem etwas dämlichen Winfried Bonengel ge-
stehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde« (Wolfgang zeigt werden sollte. Es wäre »höchste Zeit«, meinte Lafon-
Pohrt). Wolfgang Pohrt schrieb auch, daß die Deutschen taine, »daß die alten Opfer des Nazismus und ihre Familien
mit ihrem Verantwortungsfimmel einem strafrechtlich ver- aufhörten, sich ständig zu beklagen.«
urteilten Kinderschänder glichen, der sich besonders qualifi- Besondere Verantwortung verspürten einige besonders
ziert für einen Job im Kindergarten fühlt. Noch heute ver- gute Deutsche wieder anläßlich des Kriegs in Bosnien. Dies-
geht keine Reise eines deutschen Staatsmannes nach Israel, mal war die Friedenssehnsucht bereits so stark, daß sie am
ohne daß diese Qualifikation als guter Wille dokumentiert liebsten gleich mitgeballert hätten. »Auschwitz verpflichtet
werden würde. Die FAZ (vom 7.12.94) versah einen Artikel uns auch, Handlungen ernst zu nehmen, die Angehörige von

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Volksgruppen ermorden, um den Rest durch Terror in die Aus den Verbrechen der Nazis läßt sich jedoch keine be-
Flucht zu schlagen«, schraubt Freimut Duve das Verantwor- sondere Verantwortung herausdestillieren. Das auftrump-
tungsniveau hoch und das Neutralitätsgebot herunter. Man fende »Gerade wir als Deutsche« ist eine handfeste Dro-
weiß zwar nicht so genau, warum Auschitz notwendig ist, um hung, egal ob es Frieden ohne Waffen oder mit Waffen
»Handlungen ernst zu nehmen«, aber man ahnt, dahinter schaffen will. Wenn sich aus der Vergangenheit etwas ablei-
steckt ein großer Moralist, und der sagt uns: Gerade wir als ten ließe, dann höchstens: Gerade wir als Deutsche sind be-
Deutsche, die wir Fachmann in Fragen des Genozids sind, sonders verpflichtet, die Klappe zu halten.
müssen es schließlich genau wissen: Hier muß sofort und
hart durchgegriffen werden. Wehret den Anfängen! Denn:
Opfer der Opfer
»Wer der Ausrottung eines anderen Volkes tatenlos zusieht,
verwirkt seine Rechte« (Peter Glotz). Eva Quistorp fällt Eine verschworene Gemeinschaft zeichnet sich u.a. dadurch
gleich das passende Beispiel ein: »Warum wurde Auschwitz aus, daß sie bestimmten Worten und Begriffen eine Bedeu-
nicht rechtzeitig befreit?« Horkheimer hatte also doch nicht tung zuschreibt, die für Außenstehende ohne Erklärung
übertrieben, als er über die Wandlungen des Schuldbekennt- nicht nachvollziehbar ist. Wie weit sich Deutschlands gute
nisses der Deutschen schrieb, die Nazis, das waren in Wirk- Menschen auf dem Weg dieser augenzwinkernden Kumpa-
lichkeit die Amerikaner. nei befinden, läßt sich daran ablesen, daß jeder weiß, wer mit
Aber das alles reicht noch nicht, wenn Christian Semler den »Opfern der Opfer« gemeint ist: die Palästinenser. Ob-
in der taz (vom 17.9.94) sich selbst die rein rhetorische Fra- wohl der Begriff aus Empörung geboren wurde, kann man
ge stellt, »ob Deutschland nicht gerade wegen seiner mör- nicht behaupten, daß diejenigen, die die Wendung gerne und
derischen Vergangenheit eine besondere Verantwortung für häufig gebrauchen, nicht wissen würden, wovon sie reden.
die Verteidigung der Menschenrechte weltweit (und daher Ausgerechnet die Juden, so lautet die Botschaft, die doch
auch in Jugoslawien) zu übernehmen hat«. Wie Václav Ha- aus ihrem »Schicksal« gelernt haben und doch wissen müß-
vel würde Semler gerne die »Verantwortung für das Weltge- ten, was es heißt, Opfer zu sein, machen mit den Palästinen-
schehen« übernehmen und an den Hebeln der Macht sitzen, sern das gleiche wie die Nazis mit ihnen. Obwohl die Lekti-
weil er dem Irrglauben anhängt, Schriftsteller und Intellek- on der Deutschen nicht eindeutiger hätte ausfallen können,
tuelle wären die besseren Menschen. scheint sie aus ihnen keine besseren Menschen gemacht zu
Von der »unverschämten Lüge« des »Wir haben nichts haben. Die mit großem Interesse die Ereignisse in Palästina
gewußt« der Nachkriegszeit hat sich das »Wir« in das Kol- verfolgenden ehemaligen Täter verstehen die nationalsozia-
lektiv gerettet, das über den Massenmord bestens Bescheid listische Behandlung der Juden als Läuterungsprozeß. Da
weiß. Was die Deutschen daraus gelernt haben: So glimpf- haben sich die Nazis so viel Mühe gegeben, und jetzt werden
lich wie sie selbst wollen die Deutschen die neuen Kriegs- ihre Erziehungsmethoden von den Juden einfach kopiert.
verbrecher, vorzugsweise die Amerikaner, seit einigen Jah- Man weiß nicht so recht, ob es sich um eine Verwechs-
ren auch die Serben, nicht davonkommen lassen. Das natio- lungskomödie handelt oder um einen verunglückten Ko-
nale Identität stiftende »Wir« lechzt bereits wieder nach der stümschinken: die Palästinenser in der Rolle der von den
Macht, um der Kriegshetze Taten folgen zu lassen. Nazis verfolgten Juden, die Juden in der Rolle der Nazis.

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Warum sich die Deutschen als ehemalige Täter besonders Konkurrenz. Redakteur Reinhard Hesse warf »Millionen
verpflichtet fühlen, in diesem Stück Regie zu führen, hat von Israelis« vor, den mit »rassistische[r] Perfektion« verüb-
eine Vorgeschichte, in der die Linke alten antisemitischen ten »Völkermord an den Palästinensern« zu billigen. Und
Klischees im neuen Gewand zum Durchbruch verhalf, die der alternative Grüne Kalender forderte seine Leser auf:
heute zum guten Ton der Betroffenheit gehören. »Kauft nicht bei Juden.«
Nicht daß es nach 1945 keinen Antisemitismus mehr ge- Jürgen Reents von den Grünen brachte das raunende
geben hätte, aber antisemitische Äußerungen waren in der Vorurteil schließlich auf die griffige Formel von den »Op-
Öffentlichkeit dank Springer verpönt. Die Deutschen hiel- fern der Opfer«, die dann zum Gegenstand einer ergreifen-
ten den Mund, und das war gut so. Erst als die radikale Lin- den Rede Dieter Kunzelmanns im Berliner Abgeordneten-
ke ihr Herz für die Befreiungsbewegungen in der Dritten haus wurden, zu der ihm parteiübergreifend Landowski von
Welt entdeckt hatte und damit auch für das kämpfende palä- der CDU gratulierte. Der Begriff gehörte zum Allgemein-
stinensische Volk und erst als Dieter Kunzelmann in den in wissen des pathologisch reinen Gewissens, und die Intifada
Schöneberg geschriebenen »Briefen aus Amman« seine Ge- sorgte in Zeiten der Flaute für Konjunktur. Wenn nach dem
nossen aufforderte, endlich den »Judenknax« zu überwinden Abkommen zwischen israelischer Regierung und Arafats
und »eindeutige Solidarität mit AL FATAH« zu zeigen, »die PLO der Begriff der Geschichte angehört, dann nicht des-
im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich aufge- halb, weil er sich historisch erledigt hätte, sondern weil er
nommen hat«, kam langsam Bewegung in das Nachkriegsar- seine Funktion erfüllt hat.
rangement, die Frage nach der Schuld am besten gar nicht »Opfer der Opfer« diente der Entlastung der Deut-
erst zu stellen. Jetzt wurde sie neu gestellt. schen. Niemand braucht sich mehr Vorwürfe wegen der Ju-
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1969 legten denvernichtung zu machen, denn schließlich sind die Juden
die »Schwarzen Ratten Tupamaros Westberlin« eine Brand- auch nicht besser. Aus den Opfern wurden Verfolger, und
bombe in das jüdische Gemeindehaus und verkündeten in niemand weiß das besser als die Verfolger, die in Wirklich-
einem Bekennerschreiben: »Aus den vom Faschismus ver- keit Opfer sind. In Abwandlung einer Zeitdiagnose Hork-
triebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die ... das heimers von 1960 könnte man sagen, daß sich die Deutschen
palästinensische Volk ausradieren wollen.« Und Ulrike vom »kleinlaut[en] und formell gewordene[n] Schuldbe-
Meinhof und Horst Mahler begrüßten das Attentat auf die kenntnis« verabschiedet haben, um sich »zum rechten Pa-
israelische Olympiamannschaft durch den »Schwarzen Sep- triotismus wieder das gute Gewissen zu machen«.
tember« als »mutiges Kommando ... gegen zionistische Sol-
daten, die in München als Sportler auftraten.«
Grosny, Bosnien und die Intellektuellen
Vor allem aber der israelische Feldzug gegen die PLO im
Sommer 1982 machte aus der minoritären Position linksra- Hat sich eigentlich jemand schon darüber gewundert, daß
dikaler Gruppen eine populäre Meinung. War es bisher der sich über die Verletzung der Menschenrechte in Grosny bis-
Deutschen National- und Soldatenzeitung vorbehalten, von lang noch keiner der Intellektuellen in dem Maße erregt hat
»Völkermord« und »Holocaust an den Palästinensern« zu wie über die in Bosnien, obwohl im Vergleich zur tsche-
schreiben, machte ihr die taz an der Beiruter Front nun tschenischen Hauptstadt Sarajevo eine Insel des Friedens ist

144 145
und die Belagerung der Städte in Bosnien-Herzegowina »schwere Verletzung der Prinzipien der OSZE« zeigte (FAZ
eine Lappalie angesichts der Bombardierung Grosnys aus vom 21.1.95). Und als sich Kinkel, der vor ein paar Jahren
der Luft? Warum zählen die Luftangriffe auf die Zivilbevöl- noch »die Serben in die Knie zwingen« wollte, zur gleichen
kerung in Grosny nicht zu den Ereignissen, die die Mahn- & Zeit mit dem russischen Außenminister Kosyrew traf, be-
Warngesellschaft in der Bundesrepublik ansonsten regel- dankte sich dieser bei ihm für die »Partnerschaft, die ange-
mäßig anprangert? Zählt die Bevölkerung Grosnys nicht zur sichts der ›Tragödie‹ im Kaukasus ihre Reife unter Beweis
Zivilisation, für die man in Bosnien über Leichen zu gehen gestellt habe« (FAZ vom 23. Januar ’95). Nur habe es leider
bereit ist, wenn man wegen Menschenrechtsverletzungen keinen anderen Ausweg gegeben, mit den »Banditen« fer-
sogar Luftangriffe »unter möglichster Schonung von Men- tigzuwerden. Wenn man dann noch in der FAZ vom glei-
schenleben« fordert? Gibt es nicht viel bessere Gründe, ge- chen Tag liest, daß Kosyrew mit Kinkel einig darüber ist,
gen Jelzin zu protestieren als gegen Milošević? »daß es jetzt vor allem darum gehe, von den bosnischen Ser-
Während in Jugoslawien die Zentralregierung die Auflö- ben eine baldige Zustimmung zum Friedensplan der Bosni-
sung der staatlichen Einheit dank des internationalen en-Kontaktgruppe zu erlangen«, dann fällt es schwer, nicht
Drucks von außen nicht mehr aufhalten konnte und sich aus an einen Deal zu glauben, in dem die großmachtpolitischen
dem daraus folgenden Zerfallsprozeß ein Bürgerkrieg ent- Einflußsphären so absteckt worden sind, daß die Sowjet-
wickelte, in dem es um Gebietsstreitigkeiten geht und jede union Jugoslawien dem Westen überläßt, wenn sich der aus
Kriegspartei ihre nationalistischen Ziele verfolgt, handelt es dem Tschetschenienkonflikt heraushält.
sich in Grosny um einen tatsächlichen Vernichtungsfeldzug, Die Volksarmee in Jugoslawien hat keine Stadt flächen-
d.h. um die Auslöschung einer Stadt und seiner Bewohner deckend bombardiert und die zum Einsatz gekommenen
durch den Einsatz aller militärischen Mittel einer Groß- Kriegsgeräte dürften sich im Vergleich zum russischen Mi-
macht, die durch keine Blauhelmverbände der UNO in ir- litäreinsatz wie Spielzeug ausnehmen, und dennoch wurde
gendeiner Weise beobachtet, eingeschränkt oder behindert Milošević in der hiesigen Presse als faschistischer Serben-
wird. So unterschiedlich die Situation, so unterschiedlich führer tituliert, der ein großserbisches Reich installieren
auch die Reaktion der Presse und der Öffentlichkeit. Nie- wolle. Obwohl sich die Ambitionen von Milošević lächerlich
mand nämlich regte sich über das abgekartete Spiel auf, als ausnehmen gegenüber der von Jelzin betriebenen Groß-
die westlichen Regierungen Jelzin grünes Licht für den An- machtpolitik, ist es bisher niemandem eingefallen, Jelzin ei-
griff gaben, indem sie den Konflikt zur inneren Angelegen- nen faschistischen Russenführer zu nennen. Stattdessen übt
heit der Sowjetunion erklärten, in die man sich nicht einzu- man sich in vorsichtiger Zurückhaltung und schiebt die Ver-
mischen gedenke. Und erst als die Operation nicht so rei- antwortung auf die falschen Berater, mit denen sich Jelzin
bungslos verlief wie geplant, als Grosny bereits über einen umgeben hätte. Man müsse Geduld haben und die schwieri-
Monat unter Artilleriebeschuß lag und mit einem Bomben- ge Lage der Sowjetunion berücksichtigen, heißt es, wenn
teppich überzogen wurde, als es einfach nicht mehr zu über- Jelzin eine ganze Stadt einäschern läßt. Jelzin, der nach dem
sehen war, daß Grosny dem Erdboden gleichgemacht wur- auf so merkwürdige Weise dilettantischen Putsch der alten
de, rang sich der Bundestag zu einer windigen Protestnote Nomenklatura als Demokrat in die Familie der Völkerge-
durch, in der man sich »tief besorgt und bestürzt« über die meinschaft aufgenommen wurde, handelte genauso wie je-

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der seiner westlichen Kollegen handeln würde. Was man liefert wird. »Offensichtlich ist es so, daß dieses Buch zu dem
ihm ankreidet, ist die Tatsache, daß er das Problem nicht Mißverständnis Anlaß geben könnte, als ließe sich der Holo-
diskreter gelöst hat. caust mit anderen Verbrechen aus dieser Zeit vergleichen
Wo aber sind bis heute die Aufrufe, Erklärungen und oder gar aufrechnen.« Daß es sich keineswegs um ein
ganzseitigen Anzeigen in den Tageszeitungen, die im Bosni- »Mißverständnis« handelte, sondern vom Autor des Buches
enkonflikt auf eine Intervention der UNO gedrängt haben? beabsichtigt war, das hatte Eike Geisel zuerst in Konkret 2/95
Die Tatsache, daß die UNO keine Friedenstruppen nach und später in der Frankfurter Rundschau nachgewiesen.
Grosny schicken kann, ist allein keine hinreichende Er- Bereits einen Tag später, am 10.2., machte der rechtskon-
klärung für die Neutralität der Intellektuellen. Und bezeich- servative Tagesspiegel deutlich, daß John Sacks Botschaft, »die
nend ist es, wenn Freimut Duve, dessen hysterisches und Juden waren wie die Nazis«, verstanden worden war, auch
überschnappendes Geschrei zu Bosnien noch gut in Erinne- ohne daß das Buch erschien. Daß die Juden nicht bloß Opfer
rung ist, in einem Kommentar in der taz zu Grosny plötzlich gewesen waren, sondern in der Nachkriegszeit als Kapos in
Kreide gefressen zu haben scheint. Die breitangelegte Nie- Konzentrationslagern für »unschuldige« Deutsche ein
dermetzelung einer ganzen Stadtbevölkerung wäre tatsäch- Schreckensregime führten, was ihrer Verfolgung zumindest
lich einmal Anlaß gewesen, in welcher Form und aus wel- nachträglich eine gewisse Plausibilität verlieh, die Aussicht
chen Gründen auch immer gegen den rabiaten Militärein- also, von einem kompetenten, d.h. jüdischen Autor zu erfah-
satz zu protestieren. Um dagegen zu sein, daß eine ganze ren, die Juden seien auch nicht besser, ja teilweise sogar
Stadt in Schutt und Asche gelegt wird, muß man den Tschet- schlimmer als die Deutschen gewesen, hatte den Tagesspiegel-
schenen nicht zu Füßen zu liegen und aus ihnen auch keinen Redakteur Thomas Lackmann derart in Erregung versetzt,
neuen Mythos von einem tapferen und nach Unabhängig- daß er seine Enttäuschung über den Rückzug des Piper-Ver-
keit strebenden Volk basteln. Um dagegen zu sein, genügt lags nicht zurückhalten mochte: »Die richtige Richtung im
es, die imperialistische Politik einer Großmacht zu verurtei- bundesdeutschen Verdrängungskonsens lautet: Opfer sind
len, die mit den Einwohnern des Landes nicht nach Belie- Opfer, sonst nichts. Allerdings lassen die Märtyrer auf dem
ben umspringen darf. Aber wie es aussieht, haben die Unter- Sockel das Volk der Nachgeborenen ebenso gleichgültig wie
schriftsteller an der Schonbezugpolitik und der vornehmen seine Täter-Väter im Schlund der Dämonisierung.«
Zurückhaltung ihrer Regierung gegenüber dem Vernich- Leute, die sich nie getraut hätten, einen Naziverbrecher,
tungsfeldzug Jelzins in Tschetschenien nichts auszusetzen. der noch nicht rechtskräftig verurteilt wurde, einen Verbre-
cher zu nennen, weil sie keine einstweilige Verfügung riskie-
ren wollten, nehmen kein Blatt vor dem Mund, wenn es um
Über die Fortsetzung eines Skandals
einen in Israel lebenden Juden geht: »Solomon Morel ... ist
Auf welche Ideen Feuilletonisten so kommen, wenn sie
offensichtlich ein Verbrecher«, behauptet Lackmann im for-
sich einmal »unverkrampft« einem »Tabuthema« nähern
schen Kasinoton, obwohl es zwar einige Zeugenaussagen,
Am 9. Februar 1995 verschickte der Piper-Verlag eine Pres- aber kein Gerichtsverfahren gegen den Beschuldigten gege-
seerklärung, in der mitgeteilt wurde, daß das Buch Auge um ben hat. Und inspiriert von diesem Einzelfall spekuliert
Auge. Opfer des Holocaust als Täter von John Sack nicht ausge- Lackmann: »Den industriellen Völkermord haben Juden

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weder erfunden noch betrieben. Aber wären sie dazu in der Soweit man aus Rücksichtnahme auf den Anzeigenkun-
Lage? Eine widerliche Frage; die hypothetische Antwort den Piper überhaupt berichtete, war man sich in der linksal-
muß lauten: Ja.« ternativen und bürgerlichen Presse zwar darüber einig, daß
Lackmann wurde weder entlassen, noch wurde – trotz es sich um ein schlampig recherchiertes und sensationslü-
Zusage – eine Erwiderung von Eike Geisel auf Lackmanns sternes Buch handelte, aber die Absicht von John Sack war
Traktat abgedruckt. Stattdessen erhielt Lackmann Unter- durchaus ehrenwert. Stefan Reinecke warf Eike Geisel im
stützung von der Welt (vom 2.3.95), die John Sack zu einem Freitag (vom 17.2.95) »bemerkenswerte Herzlosigkeit« vor
verfolgten Schriftsteller hochstilisierte. Einfühlsam schil- bei der Behandlung der delikaten Frage, was den 1945/46 in
derte das Blatt die Erschütterung Sacks, nachdem er erfah- Polen zurückgebliebenen »Volksdeutschen« an Unrecht zu-
ren hatte, daß den Deutschen sein Werk vorenthalten wird. gefügt wurde. Und die taz? Die taz hatte den Artikel Geisels
»›Ich bin schockiert, und ich kann das alles noch nicht fas- mit der Begründung abgelehnt, er enthielte zuviele Unter-
sen‹, stammelt der 65jährige.« Dabei habe er doch nur sei- stellungen. Am 23.2.95 meldete sich dann der Polenkorre-
ner Pflicht als Reporter gehorchend »ausführlich recher- spondent Klaus Bachmann zu Wort, und nun wurde deut-
chiert und hautnah aus der Perspektive der Betroffenen« ge- lich, warum die taz den Artikel von Geisel tatsächlich nicht
schrieben. »Ein in den USA allseits geachteter Schreiber«, haben wollte. Denn offensichtlich ist es seit neuestem
ein »hochangesehener Journalist«, »der letzte echte Vertre- Pflicht, sich dem »Tabuthema Vertreibung« »unver-
ter des sogenannten new journalism« sei er, tönt die Welt, krampft« zu nähern. Was Bachmann an John Sack bemän-
nur in den USA weiß niemand vom Ruf John Sacks, dessen gelte, war vor allem seine »grenzenlose Naivität«, denn zu
Name allenfalls als Ghostwriter der Memoiren Leutnant diesem Thema könne man sich »entweder überhaupt nicht,
Calleys, dem Verantwortlichen des Massakers von My-Lai, oder wenn, dann (nur) unter permanenter Hinzufügung, daß
in Verbindung gebracht wird. die Vertreibung letztendlich eine Folge des von Deutschen
Eike Geisel, verteidigt die Welt John Sack, habe ihn zu begangenen Weltkrieges, von Auschwitz und den deutschen
Unrecht »des Antisemitismus und der Verniedlichung des Verbrechen sei«, äußern.
Holocaust« verdächtigt. Schließlich sei John Sack Jude und Die »Opfer der Opfer« waren früher die Palästinenser,
müsse deshalb wissen, wovon er rede; außerdem hat er »al- und sie waren es aus Gründen der Entschuldung der Deut-
leine über Auschwitz 30 Bücher gelesen«. Und in der Tat schen. Nicht nur, weil sich die Palästinenser inzwischen mit
betont John Sack, daß er keineswegs die Ermordung von den Israelis auf ein Friedensabkommen eingelassen und sich
sechs Millionen Juden verharmlosen wolle. Diese State- deshalb des Vertrauens der Deutschen als unwürdig erwie-
ments aber sind nichts als Bekenntnisfloskeln, da Sack in sei- sen haben, sondern weil es »endlich ein Ende haben [muß]
nem Buch gezielt den Eindruck vermittelt, als wäre das ge- mit dem gekrümmten Gang« (Peter Schneider), benötigt
naue Gegenteil der Fall. Einen »bösen Juden« wolle Geisel man in Deutschland den Umweg über den Nahen Osten
aus ihm machen, so schreibt John Sack in einem unveröf- nicht mehr. Seit John Sack die »Opfer des Holocaust als Tä-
fentlichten Leserbrief an die Frankfurter Rundschau, dabei ter« namhaft gemacht hat, weiß man, daß die »Opfer der
sei Geisel doch selber einer, »er braucht nicht weiter als in Opfer« eben die Deutschen sind. Dieser Gedanke war so be-
seinen eigenen Spiegel zu schauen«. stechend, daß ihn Helga Hirsch in einem umfangreichen

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Dossiers in der Zeit (vom 2.12.94), in dem sie John Sacks der Verlag wegen Geisels Rezension das Buch zurückgezo-
Buch ausführlich referierte, gleich als Resümee nieder- gen habe.
schrieb. Nicht nur der Tagesspiegel und die taz waren voll des Darauf hatten auch die New York Times und die Herald
Lobes für Helga Hirsch, sondern auch die Zeit (vom Tribune hingewiesen. Außer der Feuilleton-Redaktion der
17.2.95) fühlte sich in einem gegenüber John Sack äußerst Jungen Welt, die durch Textvergleich verdienstvollerweise
lauen Artikel bemüßigt, sich selbst auf die Schulter zu klop- nachgewiesen hat, daß der Vorwurf John Sacks, Geisel hätte
fen. Statt darauf zu hoffen, daß die Peinlichkeit bald verges- Passagen aus seinem Buch falsch übersetzt bzw. Zitate frei
sen sein würde, druckte die Zeit zwei Wochen später (2.3.95) erfunden, aus der Luft gegriffen war, hat keine Zeitung in
im redaktionellen Teil einen Leserbrief John Sacks ab, und Deutschland diese Tatsache auch nur erwähnt. Damit hat
so machte der Zeit-Leser die verwirrende Erfahrung, daß man ganz den Bemühungen John Sacks entsprochen, der
man denselben Standpunkt einnehmen und dennoch unter- Eike Geisel als »linken Journalisten« zu denunzieren ver-
schiedlicher Meinung sein kann oder umgekehrt, denn auch suchte. Bloß links zu sein gilt jedoch noch nicht als ehren-
John Sack zitierte den Artikel von Helga Hirsch als Beleg, rührig, und wenn John Sack etwas besser über die deutsche
daß alles, was »das Buch erzählt, wirklich geschehen ist«, Situation Bescheid gewußt hätte, hätte er Geisel als »Kom-
und er beklagte zu Recht den Umstand, daß sein Buch trotz munisten« beschimpft. Was man von denen zu halten hat,
dieser großartigen Referenz nicht erscheint. Helga Hirsch erzählte der Tagesspiegel (vom 4.3.95) und lieferte dadurch
jedenfalls ist dafür, daß John Sacks Buch publiziert wird. den Beweis, daß es sich bei dem Artikel von Thomas Lack-
Nur einer hatte dummerweise von dem ganzen Rummel mann keineswegs um einen Ausrutscher gehandelt hatte.
nichts mitgekriegt. Man fragte sich schon verwundert, wie »Haben sich die Kommunisten«, so fragt ganz unschul-
es möglich war, daß dem Spezialisten in Sachen Antisemitis- dig und rein rhetorisch der Redakteur Malte Lehming, »die
mus dieser Skandal durch die Lappen gehen konnte, als er nationalsozialistische Rassenideologie zu eigen gemacht?
sich doch noch zu Wort meldete. Beleidigt nörgelte Henryk Kann man das, was sie taten, überhaupt als Widerstand be-
M. Broder in der Woche darüber, daß ihm niemand Bescheid zeichnen?« Daß in Buchenwald die Kommunisten »die mit
gesagt hatte. »Und so erfahren die verhinderten Leser nur Abstand größte Überlebensgruppe« waren, wertet Lehming
aus zweiter Hand, von privilegierten Rezensenten, worum es als eindeutiges Indiz dafür, daß »die etwa 300 ›roten Kapos‹
in diesem Skandalbuch geht.« Der »privilegierte Rezen- das von der SS bestimmte Auswahlverfahren« und deren
sent« ist Eike Geisel, der sich die amerikanische Ausgabe be- »sozialrassistische Vorurteile« teilten. Wodurch sich die
sorgt hatte. Kommunisten von den Nazis unterschieden, war lediglich
Auch wenn die Pressestelle des Piper-Verlages immer die Wortwahl: »Was die Nazis ›minderrassig‹ nannten, hieß
bestritten hat, daß ihre Entscheidung mit den Artikeln Gei- für die Kommunisten ›völlig undisziplinierbar‹. Das Ergeb-
sels irgendetwas zu tun hätte, so gibt es jetzt doch ein Einge- nis war dasselbe: Zigeuner, Ostjuden, Russen.« Auf die Hil-
ständnis vom Piper-Verlagschef Viktor Niemann selbst. In fe eines Juden wie John Sack, von dem man sich aus berufe-
der Wochenendbeilage der wichtigsten israelischen Tages- nem Munde erzählen lassen kann, was den Deutschen von
zeitung Ha’aretz war nämlich Geisels Artikel übersetzt wor- Juden angetan wurde, kann man mittlerweile verzichten.
den, woraufhin Niemann in einem Leserbrief mitteilte, daß Die Zuneigung zu überlebenden Opfer gilt nun den »Volks-

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deutschen«, sind Juden oder Kommunisten davongekom- se 300 Stunden angehört? Alle Achtung, denn man kann in
men, dann kann das nur heißen, daß sie das KZ-System der Sacks Buch schon kaum zwei Seiten lesen, ohne daß es ei-
Nazis entweder imitierten oder davon profitierten. nem schlecht wird, weil es dem Autor – selbstverständlich
Freiwillig verhält sich der Tagesspiegel so schäbig, wie er abgesichert durch 300 Stunden Tonband – offensichtlich
Kommunisten vorwirft, daß sie unter Zwang so gehandelt Spaß macht, ausgiebig in der Fäkaliensprache zu wühlen.
hätten, was nichts anderes heißt, als daß die Insassen selbst Die Frage, worin der Gewinn eines Protokolls besteht, in
schuld waren an der durch das KZ-System erzeugten Barba- dem sich die selbstverständlich »authentischen« Dialoge im
risierung der Gefangenen. wesentlichen aus so erkenntnisträchtigen Worten wie »Du
Schwein«, »Nazischweine« und »Hurensöhne« zusammen-
Das Thema war schon ziemlich gut abgehangen, als der setzen, verrät Dorothea Hauser dem Leser nicht. Sicher, sti-
Spiegel (11/95) eine fünfseitige Story über das Buch von John listisch ließe sich einiges bemängeln, aber »hier hätte das Pi-
Sack brachte und das Schlußwort sprach. Lang und breit per-Lektorat zur Glaubwürdigkeit des Buches beitragen
walzte die dafür eigens engagierte Zeithistorikerin Dorothea können«. Wie das, wenn alle Zitate authentisch sind? Scha-
Hauser noch einmal aus, was in den bereits erschienenen de, Dorothea Hauser hätte Sacks Buch lektorieren sollen.
Zeitungen an verdruckstem Herumgerede und lebhafter Das wäre einen Versuch wert gewesen, Dorothea Hauser da-
Phantasie zu lesen war. Beispielsweise wurde die Mitteilung bei zu beobachten, wie sie dem Buch »Glaubwürdigkeit«
aus der Welt kolportiert, John Sack sei ein anerkannter und verliehen hätte.
berühmter Vertreter des new journalism, und weil die Auto- Im Vorwort seines Buches schreibt John Sack: »Ja, der
rin offensichtlich keine Ahnung hatte, was das ist, behalf sie Holocaust hatte stattgefunden, die Deutschen hatten Juden
sich mit einer Formulierung aus der gleichen Zeitung, die umgebracht, aber wie ich jetzt erfuhr, war eine zweite Unge-
dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat. Zu den New Journa- heuerlichkeit geschehen, und die Juden, die dafür verant-
lists gehört man aber nicht deshalb, weil man »hautnah aus wortlich waren, vertuschten sie: Juden hatten Deutsche um-
der Sicht der Betroffenen schreibt«. Tom Wolfe hat den Be- gebracht.« In einem Satz ist der ganze Inhalt des Buches zu-
griff »new journalism« in den sechziger Jahren geprägt und sammengefaßt und verrät die umfassende Begriffslosigkeit
ihm gehören Autoren wie Jane Kramer, Joan Didion und des Autors und seiner Rezensentin, für die Auschwitz ein et-
Hunter S. Thompson an, die nicht besonders glücklich dar- was größeres Massaker gewesen ist, eine »Ungeheuerlich-
über sein dürften, daß ihnen in Deutschland John Sack zu- keit«, an der es wohl kaum noch etwas zu lektorieren gege-
gerechnet wurde. ben hätte.
Aber das ist eine Petitesse gegenüber Hausers Versuch, Nichts wäre verständlicher und einleuchtender gewesen,
John Sack in Schutz zu nehmen. Der »Wahrheitsgehalt« des wenn die davongekommenen Juden tatsächlich gemacht
Buches sei nicht zu bezweifeln, und die »Quellenbelege« hätten, was John Sack ihnen andichtet, nämlich sich an den
hätten »jeder Überprüfung standgehalten«. Wirklich jeder? Deutschen zu rächen, ohne darauf zu achten, ob es sich um
Und von wievielen? Die Dialoge seien »nicht erfunden«, einen SS-Mann handelt oder bloß um einen »Volksdeut-
sondern sind auf »über 300 Stunden Tonband festgehaltene schen«. Stattdessen haben die wenigen Juden, die sich be-
wörtliche Rede«. Hat sich Dorothea Hauser tatsächlich die- waffnet zur Wehr gesetzt haben, wie Yitzhak Zuckermann in

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A Surplus of Memory beschreibt, vergeblich versucht, die Die Verdienste der Stasi
übriggebliebenen Juden vor den Pogromen im Nachkriegs- auf dem Weg zur inneren Einheit
polen zu retten und ihre Ausreise nach Palästina zu organi-
sieren. Stattdessen konstruiert John Sack eine krude Ge-
schichte, die sich auf nichts berufen kann als auf Einzelfälle.
Die inzwischen verstorbene Lola Potok, eine dieser Einzel-
fälle, gab John Sack ziemlich eindeutig zu verstehen, daß sie
mit seiner Art zu schreiben nichts anfangen konnte und daß
sie ihn daran hindern würde, das Buch zu veröffentlichen.
Was aber zieht Dorothea Hauser für eine Lehre aus
Sacks Buch? »Schließlich gehört zur deutschen Verarbei-
tungskultur«, schreibt sie, »die ebenso unmenschliche wie
mystifizierende Forderung, alle Juden müßten makellose Hätte es die Stasi nicht gegeben, wären viele Geisteswissen-
Heilige sein.« Nicht nur, daß dieser Gedanke selbst mystifi- schaftler im Westen arbeitlos, Journalisten und Schriftsteller
zierend ist, unterschlägt sie doch die weitverbreitete Mei- wüßten nicht mehr, über was sie schreiben sollen, den soge-
nung, daß sich die Juden wie Lämmer zur Schlachtbank ha- nannten »DDR-Dissidenten« würde ihr Lebenssinn verlo-
ben treiben lassen und daß in der Formel »Opfer der Opfer« ren gehen, den Ossis ein wesentlicher Bestandteil ihrer Ost-
die Juden zu Tätern avancierten, die an den Palästinensern identität abhanden kommen und selbst das Nürnberger Ar-
Völkermord begingen, sie begreift auch schlichtweg nicht beitsamt hätte Schwierigkeiten, seine Angestellten sinnvoll
den Zusammenhang, in dem ihre Aussage die von John Sack zu beschäftigen, die sich seit Dezember 1994 damit ab-
intendierte Richtung bekommt, nämlich daß »die« Juden mühen dürfen, Aktenschnipsel wieder zusammenzufügen
»ebenso grausam wie ihre Vorbilder in Auschwitz« waren. und zusammenzukleben. Auf diese Weise hat die Wieder-
Ȇber die Opfer dieser Zwangsumsiedlung (der Deut- vereinigung doch noch einen Sinn bekommen und die Stasi
schen) wird wenig geredet«, schreibt Dorothea Hauser und einen Beitrag zur Überwindung der Schwierigkeiten beim
redet doch selbst im Duett mit Klaus Bachmann von der taz Zusammenwachsen der zwei deutschen Staaten geleistet.
von nichts anderem. Und sie fährt fort: »- vor allem in der Heute läßt sich kaum mehr vorstellen, womit die Zeitun-
Furcht, unbelehrbare Rechte könnten sie zur Relativierung gen ihre Seiten gefüllt und die Fernsehsender ihre Program-
der Nazi-Verbrechen mißbrauchen.« Unbelehrbare Rechte me gestaltet hätten, wäre da nicht der Mauerfall und seine
braucht man für dieses Geschäft nicht mehr. Das besorgt Folgen gewesen. Journalisten, die sich immer etwas Neues
viel besser Dorothea Hauser im Spiegel. ausdenken mußten, um im Geschäft zu bleiben, öffnete sich
die Büchse der Stasihinterlassenschaft. Die Jahre des Grü-
belns waren vorbei, die Stasi hatte für den Stoff gesorgt, an
dem sich ganze Generationen von Autoren nähren können,
die Stasi ist der Ideenlieferant für Talk-Shows, Kabarett,
Theaterinszenierungen, Podiumsdiskussionen und dem
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anschließenden Abdruck des Protokolls, für Features, Feuil- buchs vom Studium der Dokumente erholen, die kleinbür-
leton und Tagesthemen. Sie ist ein Quell der Inspiration für gerliche Ressentiments, eifriges Denunziantentum und de-
Verlage, Drehbuchautoren und Krimischreiber. Wieviel das vote Beflissenheit ausdünsten. Nicht so der in den SED-Ar-
öffentliche Leben der Bundesrepublik der Stasi verdankt, chiven untergekommene Altachtundsechziger, der sich wun-
das wissen diejenigen am besten, die am meisten vom dert, daß es stinkt, wenn er an der Mülltonne schnuppert,
schlechten Ruf dieses Vereins profitiert haben. Noch im Jah- und dem es ein Erfolgserlebnis ist, wenn er eine kleine Ver-
re 5 der neudeutschen Zeitrechnung vergeht kaum ein Tag, ästelung im Stasigewebe aufgedeckt hat. Und ob es nun die
an dem die Stasi nicht für eine Schlagzeile sorgt und nicht Gespräche zwischen Honecker und Kohl, irgendwelche Er-
mit einer neuen Geschichte präsent ist. gebensheitsadressen und Hymnen auf die DDR sind oder
Jahrzehntelang hingen ehemalige 68er am Tropf der IM-Berichte an die Stasi, man erfährt es von ihm.
Bundesanstalt für Arbeit, weil es für den Abschluß des da- Journalisten, die sich früher auf das Verhältnis von Deut-
mals so beliebten Studiums der Geisteswissenschaften keine schen und Juden spezialisiert hatten, haben umgesattelt und
Verwendung mehr gab, nachdem die C4-Professuren an der dank der Stasi ein neues Tätigkeitsfeld entdeckt, das so in-
Universität unter ihnen aufgeteilt, die Redaktionen der Zei- spirierend auf sie zu wirken scheint, daß sie von sich nur
tungen und der Rundfunkanstalten besetzt waren und auch noch in der Mehrzahl sprechen. Und auf die gleichen Jour-
die Programmkommission der SPD niemand mehr benötig- nalisten, die sich früher gerne über den Gegenstand ihrer
te. Das änderte sich erst mit der Wiedervereinigung und der Kritik lustig gemacht haben, wirkt die Stasi wie ein morali-
Übernahme der riesigen Aktenberge, die die Stasi der Nach- scher Weichspüler, denn sie bekommen eine getragene und
welt vermacht hatte. Wer jetzt keinen Job bekam, war selber belegte Stimme, wenn sie vom »Unrechtsstaat und Terror-
schuld, und so geschah es, daß die arbeitslosen Geisteswis- regime« DDR reden. Von Broder und seinem alter ego
senschaftler doch noch einer gemeinnützigen Arbeit zuge- Henryk M. erfährt man dann, daß Herr T. seinen Nachbarn
führt werden konnten, einer Arbeit übrigens, die maßge- Herrn S. bespitzelt hat. Herr T. wurde in den Akten als IM
schneidert auf die Altlinken paßte, denn niemandem konnte Schneemann geführt und berichtete der Stasi darüber, daß
eine größere Freude mit der Aufarbeitung der DDR-Ge- Herr S. mit seiner Familie nach Ungarn reist und »trotz sei-
schichte gemacht werden als jenen, die nach langen Jahren ner Invalidität viel mit dem PKW unterwegs ist«. Als nor-
des Studiums der Schriften von Mao, Enver Hodscha, males nachbarschaftliches Verhältnis ließe sich das bezeich-
Trotzki und Lenin mit der gesellschaftlichen Bedeutungslo- nen und niemand fände das auch nur erwähnenswert, wäre
sigkeit ihres Wissens konfrontiert wurden und deshalb auch da nicht die Institution Staatssicherheit, durch die erst ein
einmal ein nützliches Rädchen im Getriebe von Staat und alltägliches Ereignis zum belanglosen Aktenvorgang wird
Gesellschaft sein wollten. Sie legten einen Eifer und krimi- und sich als Artikel für den Abdruck im Spiegel qualifiziert.
nalistischen Spürsinn an den Tag, weil sie sich dafür rächen Aber durch solche Vorgänge beweist sich nicht gerade
wollten, daß die Ideologie, der einst ihre Jugendliebe galt, ihre Gefährlichkeit oder Heimtücke. Stattdessen hat die Sta-
ihnen nicht den Erfolg und Ruhm eingebracht hatte, den sie si vielmehr als eine Art Seelsorger gewirkt, der man alles an-
sich insgeheim immer versprochen hatten. Jeder normale vertrauen konnte und die Mitteilungen ihrer Bürger Bedeu-
Mensch würde sich noch mit der Lektüre eines Telephon- tung dadurch verlieh, indem sie sie archivierte. Die Stasi war

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eine soziale Einrichtung, die den Kümmernissen der DDR- nern, wenn sie nicht mit dem Stasi-Mann »Donald« verhei-
Bevölkerung eine fast liebenswürdige Aufmerksamkeit ge- ratet gewesen wäre, und wer wollte bezweifeln, daß erst
schenkt hat. Für die Zeit nach ihrem Ableben hat sie Vorsor- durch seine Beschäftigung mit Stasis und IMs sich auf Wolf
ge getroffen, als sie das ethnologische und statistische Inter- Biermann wieder die Kameras zu richten begannen, nach-
esse an ihrer gemeinnützigen Tätigkeit berücksichtigte. Als dem es um ihn nach seiner Ausbürgerung still geworden
vielleicht etwas primitiver Vorläufer von Infas standen ihr war? Hat die Stasi durch diese fürsorgliche Tätigkeit etwa
ein Apparat, siebzehn Millionen auskunftwillige Bürger und keinen Dank verdient, indem sie sich selbst um die bedürfti-
staatlich garantierte Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung, gen Mitglieder der Gesellschaft kümmerte, die sich von der
die Elisabeth Noelle-Neumann vor Neid erblassen lassen Medienöffentlichkeit so sträflich ignoriert fühlen?
dürften. Diese in vierzig Jahren zusammengetragenen Um- Aber nicht nur auf eine gesellschaftliche Randgruppe hat
frageergebnisse hat sie nun freundlicherweise dem Westen die Stasi sozialtherapeutisch gewirkt. Sie hat auch den vom
zur Auswertung überlassen. Wiedervereinigungsprozeß arg gebeutelten Ossi wieder zu
Und was wäre mit den Opponenten des ehemaligen Selbstvertrauen und Identität verholfen. Nicht irgendeiner
DDR-Regimes, wenn sie sich nicht an der Stasi abarbeiten Identität, sondern der spezifisch ostdeutschen Identität. Da-
dürften, wenn sie die Stasi nicht zumindest als Schimäre hät- von zeugte das mutige Auftreten von zwei beliebten ostdeut-
ten, um über sie zu debattieren, sie zu analysieren und zu schen Rundfunkredakteuren, die der Mitarbeit bei der Stasi
verurteilen? Gerade die heute im Wiedervereinigungspro- bezichtigt wurden bzw. sich selbst geoutet hatten. Etwa
zeß so sang- und klanglos untergegangenen ehemaligen Dis- zweitausend Menschen zogen daraufhin in die Berliner
sidenten haben es verdient, daß es da noch etwas gibt, aus Volksbühne, doppelt so viele wie diese aufnehmen konnte,
dem sie auch heute noch Selbstwertgefühl schöpfen können, um ihren gefallenen Helden aus dem Äther zuzujubeln. Der
eine in ihrer Bedeutung allgemein anerkannte Institution, Applaus galt ihnen als Symbol für den ostdeutschen Wider-
von der sie behaupten können, daß diese einmal ihr Gegner standsakt, bis zuletzt geschwiegen und sich geweigert zu ha-
war. Und weil, wie alle zutiefst bedauern, es so erbitternd ist, ben, die eigene Biographie wegzuwerfen, für Ausdauer und
daß ausgerechnet von den ehemaligen Bürgerrechtlern nie- Beharrungsvermögen, alles Tugenden, die sich ohne die Sta-
mand mehr spricht, die doch schließlich die »erste friedliche si überhaupt nicht hätten bilden können. Selbst Sascha An-
Revolution auf deutschem Boden« gemacht haben, muß derson, der dank seiner Stasikontakte vor einigen Jahren
man es der Stasi hoch anrechnen, daß wenigstens sie sich einmal kurzfristig im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand
auch nach 1989 um die Verlierer der Einheit kümmert. Wer und seitdem gründlich vergessen wurde, wurde von einer
würde denn heute noch mit dem Namen Jürgen Fuchs etwas warmen Woge der Sympathie umspült. Die Stasi als iden-
anzufangen wissen, wenn er sich nicht mit dem auf die Stasi titätsbildendes Mittel wurde bislang nie richtig gewürdigt,
gemünzten »Auschwitz in den Seelen« unsterblich gemacht obwohl es doch leicht einsichtig ist, daß der Vereinigungs-
hätte, wem würde der Name Bärbel Bohley noch etwas sa- prozeß nur dann von Erfolg gekrönt sein wird, wenn auch
gen, wenn nicht ein bißchen vom Glanz der bekannten IMs die Ostdeutschen Grund haben dürfen, stolz auf ihre Ver-
mit den Decknamen »Notar« und »Sekretär« auch auf sie gangenheit zu sein. Da sollte ihnen niemand hineinreden,
fallen würde, wer würde sich gar an Vera Wollenberger erin- denn schließlich mischen sich die Ostdeutschen auch nicht

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ein, wenn man im Westen nach nationaler Identität schürft
und sich dafür aus der unrühmlichen Geschichte bedient.
Alles triftige Argumente, die die Unverzichtbarkeit der
Stasi unter Beweis stellen. Hat sie sich nicht schon in Zeiten,
als die DDR noch existierte, vor allem auch als Arbeitsbe-
schaffungsmaßnahme bewährt? Und hat sie diese sehr lo-
benswerte arbeitsmarktpolitische Maßnahme nicht auch
nach ihrer Auflösung erfüllt, als ihr Erbe von der Gauck-
Behörde übernommen wurde? Statt sie also zu stigmatisie-
ren, sollte man den hohen Grad an Kompatibilität und die
vielseitige Verwendung berücksichtigen, die sie bei allen
möglichen Gruppen und Individuen der Gesellschaft gefun-
den hat. Als Medizin täglich verabreicht, verleiht sie die
Kraft der sieben Herzen, und in ihrer always ultra-Funktion
ist sie sowohl moralisch reinigend als auch sozial verträglich.
Sie paßt auf jeden Kirchentag, denn sie gibt Leuten Hoff-
nung, die ihre Zukunft bereits hinter sich hatten. Sie ist die
Chance der großen Versöhnung, von der alle reden. Sie ist
die Würze am Einheitsbrei, den alle auslöffeln müssen.
Kurz, der Stasi sollte das Bundesverdienstkreuz verliehen
werden. Schließlich hat Martin Walser auch den Dolf-
Sternberger-Preis bekommen, ohne daß es irgendeinen Zu-
sammenhang zwischen Autor und Preis gibt, was von den
vaterländischen Verdiensten der Stasi nicht behauptet wer-
den kann, denn sie hat den größten Nervensägen im Land
zu ihrem Ausdruck verholfen. Und aus diesen Gründen muß
den Befürwortern der Stasi-Schlußstrichdebatte klar ge-
macht werden: Keine Schließung der Stasiakten, niemals!

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