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Fortune, Dion - Ein dämonischer Liebhaber

Fortune, Dion - Ein dämonischer Liebhaber

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05/12/2014

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Am nächsten Morgen wartete Veronica schon um neun Uhr auf die Stimme ihres Herrn.
Es wurde zehn, aber er kam nicht. Um elf Uhr erschien er endlich, angenehm nach Seife
duftend und in bester Laune. Das Tagewerk begann. Veronica sah sich der Sisyphos-
Arbeit gegenüber, umfangreiche, chiffrierte Dokumente abschreiben und dann
vergleichen zu müssen. Lucas selbst arbeitete unermüdlich, schien jedoch für sie weiter
nichts zu tun zu haben.
Die Hände gefaltet, saß sie vor ihrem Schreibtisch und betrachtete ihn. Stunde um
Stunde verstrich, er arbeitete immer noch, und sie wartete immer noch. Um ein Uhr
legte er eine Mittagspause ein und bat sie, um zwei Uhr wiederzukommen. Als sie zur
angegebenen Zeit wieder erschien und ihn fragte, was sie jetzt tun sollte, wurde er
etwas verlegen, als ob er diese Frage nicht erwartet hätte. Suchend schaute er sich im
Zimmer um, sein Blick blieb an den Möbeln hängen, als benötigten diese Veronicas
Dienste. Schließlich kehrte sein Blick zu dem Mädchen zurück, und es sah so aus, als
bemühte er sich, ein Lächeln zu unterdrücken.
„Ich habe im Moment wirklich nichts für Sie zu tun", sagte er. "Aber Sie können das da
anschauen." Er deutete auf einen Haufen Morgenzeitungen, die auf einem Stuhl lagen.
Veronica las, wie die Tories über die Liberalen schimpften, die Liberalen über die Tories,
und die Sozialdemokraten über beide. Den ganzen Nachmittag. Schließlich, um fünf
Uhr, streckte sich Lucas, der die ganze Zeit unermüdlich gearbeitet hatte, und kündigte
ihr an, daß er jetzt ausgehen werde.
„Brauchen Sie mich heute abend noch?" fragte Veronica.
Er schüttelte den Kopf. „Ich werde spät zurückkommen."
„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einen kurzen Besuch im Mädchenheim machte?
Es ist ganz in der Nähe, und die Leiterin bat mich, sie zu besuchen."
Während Veronica sprach, schaute sie auf und bemerkte mit Verwunderung, daß die
Pupillen in Lucas' Augen völlig verschwunden waren. Zwei grünlich braune Scheiben
schauten sie an, ohne jegliche Spur eines Ausdrucks, unmenschlich, feindselig,
furchterregend. Sie konnte sich nichts Schrecklicheres vorstellen als dieses Gesicht, aus
dem jegliche Menschlichkeit verschwunden war. Wie angewurzelt stand sie da und
starrte auf das grauenvolle Bild, bis Lucas' Stimme den Bann brach.
„Wie ich Ihnen schon sagte, möchte ich, daß Sie jetzt nicht ausgehen", antwortete er,
und fügte beinahe entschuldigend hinzu: „Es könnte jemand anrufen." Langsam nahmen
die Pupillen in seinen Augen wieder die normale Größe an. Er warf ihr einen
durchdringenden Blick zu und fragte, als er ihre Bestürzung bemerkte: „Was ist los?"
„Nichts", erwiderte Veronica, denn sie konnte ihm wohl kaum erklären, daß es sein
Gesicht gewesen war, das sie so in Schrecken versetzt hatte. Er starrte sie weiter an,
aber nicht mit jener männlichen Neugierde, die schon oft beleidigend wirkt, sondern
völlig unpersönlich. Offenbar schien das Ergebnis seiner Prüfung nicht zufriedenstellend
ausgefallen zu sein, denn er ging einen Schritt auf sie zu. Instinktiv zog sich Veronica
zurück, aber Lucas machte einen weiteren Schritt auf sie zu, woraufhin Veronica erneut
einen Schritt zurücktrat. Damit war sie am Schreibtisch angelangt, der sie an jedem
weiteren Zurückweichen hinderte. Lucas trat nun direkt auf sie zu und sah ihr fest in die
Augen. Sie war nicht in der Lage, den Blick abzuwenden, und starrte ihn hilflos und
fasziniert an. Er war kein großer Mann, und sein Gesicht war daher fast auf derselben
Höhe mit dem ihrigen, aber von ihm ging eine zwingende Kraft aus, die sie in Bann hielt.

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Sie starrte ihm weiter in die Augen und verspürte nicht einmal den Wunsch, den Blick
abzuwenden. Eine ungeheure Lebenskraft strahlte aus diesen Augen, bezwingend und
magnetisch. Immer noch schaute Veronica ihn an.
Vielleicht wäre sie so stehengeblieben und schließlich zur Salzsäule erstarrt, hätte der
Mann nicht selbst den Bann gebrochen. Der Ausdruck seiner Augen änderte sich, der
Kraftstrom wurde unterbrochen, und sie sah wieder ein gewöhnliches, menschliches
Gesicht mit olivfarbenem Teint, klar geschnitten und in keiner Weise besitzergreifend.
Ihr Grauen vor ihm war verschwunden und hatte einer seltsamen Faszination Platz
gemacht. Was würde er als nächstes tun? Ihre Augen folgten jeder seiner Bewegungen.
Sie wußte, daß er ihren forschenden Blick bemerkte, ja, ihn sogar erwartete. Jetzt tat es
ihr leid, daß er ausgehen wollte; ohne ihn würde alles leer und leblos erscheinen. Er sah
hoch, fing ihren Blick auf und lächelte. Sie machte keinen Versuch, sich abzuwenden.
„Gehen Sie nach oben", sagte er. „Mrs. Ashlott wird Ihnen das Abendbrot bringen. Sie
werden den Anforderungen entsprechen."
Gehorsam ging sie zur Tür, die er für sie öffnete. Sie hörte das Klick des Schlosses und
stieg die Treppe hinauf. Als sie sich auf halber Höhe umschaute, bemerkte sie, daß er
ihr nachschaute, und daß aus seinen Augen eine geheime Befriedigung leuchtete. Sie
wunderte sich ein wenig darüber, aber im Augenblick schien ihr Kopf leer zu sein und
seinen Dienst zu versagen. Sie ging in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und fiel in einen
tiefen Schlaf, aus dem sie erst zwei Stunden später erwachte, als Mrs. Ashlott das
Abendessen servierte.
Sie war nicht hungrig, tat aber so, als ob sie äße, um Mrs. Ashlott einen Gefallen zu tun.
Als der Tisch abgeräumt war, setzte sie sich auf den Platz am Fenster und beobachtete
den Sonnenuntergang. Ihre Unruhe war verschwunden und hatte einem tiefen Frieden
Platz gemacht. Selbst ihr Geist ruhte. Sie starrte auf den großen roten Ball, dessen
Strahlungskraft durch die dicke Londoner Luft an Glanz eingebüßt hatte, und das
Gesicht der Sonne war genauso ausdruckslos wie ihr eigenes. Langsam verschwand
der rote Ball hinter dem Horizont. Plötzlich wurde es im Zimmer trotz der Augustnacht
kühl. Veronica richtete sich zitternd auf. Was war das? Was war los? Plötzlich fiel ihr das
Grauen wieder ein, das Lucas' Augen in ihr hervorgerufen hatte. Sie sprang auf. Wo war
sie? Die Ashlotts, wer waren sie? Und Lucas, wer war er? Und wer waren die
geheimnisvollen ,Herren'? Und sie - war sie in eine Falle gelaufen? Würde Lucas sie
nicht mehr weglassen ? Und wenn ja, was würde er mit ihr tun? Was waren seine
Motive? War es Wirklichkeit oder nur ein böser Traum? Eines jedoch war ihr klar, nicht
einen Moment länger würde sie an diesem schrecklichen Ort bleiben. Sie mußte fort, um
jeden Preis.
Sie setzte den Hut auf und griff hastig nach ihrer Geldbörse. Ihre restlichen
Habseligkeiten konnte sie später abholen lassen. Auf Zehenspitzen schlich sie den
Gang hinunter, der dicke, dunkle Teppich schluckte jedes Geräusch. Aber in einer
Nische stand eine Bank, und auf der Bank saß ein Mann und las. Es war Lucas.
„Ich dachte mir, daß Sie es versuchen würden", sagte er, ohne aufzublicken. Veronica
war verzweifelt. Einen Augenblick blieb sie, wie vom Donner gerührt, unsicher stehen,
dann lief sie weiter. Weil der schwere Teppich ihren Schritt dämpfte, hörte Lucas sie
nicht, und sie war bereits ein ganzes Stück an ihm vorüber, als er ihr Manöver bemerkte.
Sie stürzte buchstäblich die Treppen hinunter, beinahe ohne die Stufen mit den Füßen
zu berühren, schwang sich um die Biegung des Treppengeländers und war schon über
den nächsten Absatz hinausgeeilt. Plötzlich ließ sich ein dumpfes Dröhnen hinter ihr
vernehmen; mit einem Satz war Lucas die ganze Treppe hinuntergesprungen und auf

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dem Korridor gelandet und packte sie von hinten. Sie schrie laut auf, und eine Hand
schloß sich über ihrem Mund. Verzweifelt wehrte sie sich, doch der Arm, der sie
umfangen hielt, verstärkte seinen Griff und zwang sie zu atemloser Unbeweglichkeit.
Schließlich blieben beide bewegungslos stehen.
Es war das erste Mal, daß Veronica mit einem Mann in engere Berührung kam, als es
der übliche Händedruck mit sich bringt, und ihre erste Empfindung war höchstes
Erstaunen. Seine Kraft war so viel stärker, als sie erwartet hatte. Er war so
überraschend grob: sein sehniger Arm drückte sie unbarmherzig gegen seine Brust. Er
roch nach starkem Pfeifentabak und nach Rasierseife, ungewohnte Düfte. Veronica war
mit ihren Beobachtungen so beschäftigt, daß sie vergaß, sich zu fürchten, und plötzlich
fühlte sie, wie Lucas seinen Arm löste, ihre Taille umschlang und sie auf den Armen
hinuntertrug. Sein Atem streifte über ihren Körper. Im Wohnzimmer angekommen, ließ
er sie auf das Sofa fallen.
Er trat ein Stück zurück und sah sie, während er seine durcheinandergeratenen Haare in
Ordnung brachte, atemlos und lachend an. Veronica ordnete ihre Röcke und nahm den
letzten Rest ihrer Würde zusammen.
„Ich möchte gehen", sagte sie.
„Ach wirklich?" sagte Lucas und steckte die Enden seiner Krawatte wieder unter die
Weste. „Ich kann Sie aber nicht entbehren."
„Warum nicht?"
„Zufälligerweise brauche ich Sie."
„Sie können sich ja eine andere Sekretärin nehmen".
„Ich brauche keine Sekretärin."
„Ja, aber, warum haben Sie mich dann engagiert?"
„Mein liebes Kind, das verstehen Sie doch nicht. Es hat daher keinen Sinn, daß ich
meine Zeit mit Erklärungen vergeude."
Er zog seine Weste herunter, schüttelte mit einer Armbewegung die Manschetten hervor
und richtete den Kragen seines Jackets. Dann widmete er Veronica seine ungeteilte
Aufmerksamkeit. Ihre Blicke senkten sich mehrere Sekunden ineinander, dann berührte
Lucas den weichen, zarten Hals des jungen Mädchen mit seinem dünnen braunen
Zeigefinger.
„Sie haben etwas um Ihren Hals", sagte er.
Unwillkürlich griff Veronica hin.
„Fühlen Sie, es ist ein Halsband aus Stahl!"
Seine Worte riefen in ihr eine bildhafte Vorstellung hervor, und in diesem Augenblick
fühlte sie unter ihrer Hand kaltes hartes Metall.
„Eine stählerne Kette ist daran befestigt", fuhr die eintönige Stimme des Mannes fort.
„Eine dünne Stahlkette. Fahren Sie mit der Hand daran entlang."
Er nahm ihre Hand in die seine und zog sie an sich, und sie fühlte die Glieder einer
Kette durch ihre Finger gleiten.
„Und ich halte das Ende fest", fügte er bedeutungsvoll hinzu.
„Wenn Sie versuchen sollten zu schreien oder anderen etwas zu erzählen, was ich nicht
wünsche, wird sich diese Kette zusammenziehen und Sie würgen. Fühlen Sie nur, wie
sie sich zusammenzieht."
Veronica spürte, wie etwas Starres ihren Hals umklammerte. Der Druck nahm ständig
zu. Sie keuchte und begann, als ihre Luftröhre immer mehr zusammengepreßt wurde,
nach Luft zu schnappen. Da berührte Lucas ihre Stirn.

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„Die Spannung hat nachgelassen," sagte er, „aber denken Sie daran, wenn Sie mich
verraten wollen, wird dasselbe wieder geschehen."
Veronica holte tief Luft und erhob sich. Sie war viel zu verblüfft, um Angst zu empfinden.
Lucas lächelte sie freundlich an.
„Gehen Sie jetzt zu Bett", sagte er. „Schlafen Sie gut, und träumen Sie süß. Wir sehen
uns morgen früh um zehn Uhr wieder."

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