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Essay

Relative Armut, relative Menschenwürde –


relatives Desinteresse?
Andreas Vohns

Andreas Vohns

„Wir leben in einer Gesellschaft, die von Regeln bestimmt ist, Regeln der
Wirtschaft, der Bürokratie, zunehmend auch Regeln, die von Technologien
ausgehen: Kommunikationstechnologien, Produktionstechnologien usw. Steue-
rung von Organisationen, von ganzen Staaten oder gar von weltweiten Ver-
bünden wird zunehmend an Regelsysteme delegiert. Quantitative Erfassung
von Zuständen und Zielen ist das Gebot der Stunde“ (Fischer 2009, S. 68) und
dazu ist die immer weitergehende Mathematisierung von Phänomenen immer
breiterer Teile unseres politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systems nö-
tig. Immer mehr Menschen vertrauen dabei immer mächtigeren technischen
und mathematischen Hilfsmitteln, ohne sich dabei zwingend klar darüber zu
sein, was die Anwendung solcher Hilfsmittel eigentlich mit sich bringt. Ein
Problem, das sich dabei stellt: Keine mathematisch gewonnene Beurteilungs-
und Entscheidungsgrundlage ist bereits aufgrund ihrer Mathematikhaltigkeit
sakrosankt, kein „Regelsystem ist für alle Situationen, für alle Zeiten ein gutes.
Verschärft: Regelsysteme produzieren Situationen, für die sie nicht ausrei-
chen“ (ebd.).
Zu den Zielsetzungen politischer und ökonomischer Bildung werden für
gewöhnlich politische und ökonomische Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfähig-
keit und Handlungsfähigkeit gerechnet. Seitens der OECD wird – angesichts
obiger Ausführungen nur konsequent – auch an den Mathematikunterricht das
Ansinnen herangetragen, bei den Schüler(innen) die Fähigkeit anzubahnen, „die
Rolle zu erkennen und zu verstehen, die Mathematik in der Welt spielt, fun-
dierte mathematische Urteile abzugeben und sich auf eine Weise mit der Ma-
thematik zu befassen“ die dem Ideal eines „konstruktivem, engagiertem und re-
flektierendem Bürger entspricht“ (OECD & PISA 1999, S. 2).
Der folgende Aufsatz ist zwei aktuellen Beispielen gewidmet, in denen ma-
thematisch basierte Beurteilungs- und Entscheidungsgrundlagen Gegenstand der
öffentlichen und medialen Auseinandersetzung waren. In beiden Fällen zeigt
sich, dass mit Mathematisierungen einerseits Hoffnungen verbunden werden
und andererseits z.T. harsche Kritik geübt wird, die jeweils auf grundsätzliche

Gesellschaft • Wirtschaft • Politik (GWP) Heft 3/2010, S. xxx-xxx