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Warum Ausländer für Parfum-
diebstahl in den Bau gehen.

Was blieb vom Bombenterror


des Franz Fuchs?

Gastkommentar:
Raiffeisenboss Herbert Stepic

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Gazette für Menschenrechte 2/2007, 2 Euro Spende für KolporteurInnen mit Ausweis
2€
Herausgeberin: SOS Mitmensch, Postfach 220, 1070 Wien, http://moment.sosmitmensch.at
Oe1_INS_SOSMitmensch_201x261 23.07.2007 16:21 Uhr Seite 1
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Probedruck
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MOMENT Redaktion
c/o SOS Mitmensch
Zollergasse 15, 1070 Wien
T +43.1.524 99 00, F +43.1.524 99 00-9
redaktion@sosmitmensch.at
http://moment.sosmitmensch.at

Redaktion
Leitung: Gunnar Landsgesell (gun)
Magdalena Blaszczuk (Foto),
Petja Dimitrova (Foto, Illustrationen),
Monika Morawetz (Foto), Melanie Ossberger,
Philipp Sonderegger (phs),
Sabine Zhang.

AutorInnen dieser Ausgabe


Andreas Görg, Hannah Grabher,
Günther Hopfgartner, Christoph Kotanko,
Daniela Koweindl, Elvier Kühlraum,
Ernst Pohn, Herbert Stepic, Beat Weber,
Michael Weiß.

Projektleitung
Sabine Zhang

Graphic Design
Markus Oswald
http://allesnormal.com

Coverbild
Magdalena Blaszczuk

Lektorat >glg2H]lbY<aealjgnY
Thomas Just

Druck
Luigard GmbH
LIEBE LESERIN,
Anzeigen
Leitung: Bianca Wawra LIEBER LESER
Herwig Bauer, Baruch Wolski
anzeigen@sosmitmensch.at
T +43.1.524 99 00-17 Sie hören richtig: Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer stehen hinter SOS Mit-
mensch. Verwundert? Aber nein, das ist keine Enthüllung über geheime Finanzierungska-
Abos
Sabine Zhang näle einer NGO. Falls Sie das kleine Inserat der IV in dieser Ausgabe lesen sollten, verste-
T +43.1.524 99 00-66, hen Sie wahrscheinlich besser. Da sprechen sich die Industrievertreter für einen stärkeren
abos@sosmitmensch.at
Zuzug ausländischer Arbeitskräfte aus. Wie bei einem Doppelpass untermauerte die Wirt-
Vertrieb schaftskammer Wien jüngst diese Forderung per Studie: Migrantische UnternehmerInnen
Die Presse, 50.000 Stück
Die Bunte Zeitung, 20.000 Stück sind eine treibende Kraft der Wiener Wirtschaft geworden. Schon ist die Politik hellhörig. Ein
freie Verteilung, 30.000 Stück Drittel aller Selbstständigen haben Migrationshintergrund. Wie das kommt, erfahren Sie im
Herausgeberin Dossier der vorliegenden Ausgabe. Was die Forderungen von Industrie, Wirtschaft und einer
SOS Mitmensch Menschenrechts-NGO zum Thema Migration aber tatsächlich gemein haben, wird Ihnen in
Postfach 220, 1070 Wien
T +43.1.524 99 00, F +43.1.524 99 00-9 der Anfangsstory „Integrationsleitbild: Unternehmer“ verständlich werden. Nur soviel: Men-
office@sosmitmensch.at schenrechte sind weder saisonbedingt, noch enden sie mit den Nützlichkeitsdiskursen
http://www.sosmitmensch.at
bestimmter Brancheninteressen. Welche Hürden ehemalige GastarbeiterInnen auf dem Weg
Auflage zu UnternehmerInnen überhaupt nehmen müssen, das verrät Akan Keskin, Gastronom des
100.000 Stück
„Orient Occident“ am Wiener Naschmarkt und Wirtschaftskämmerer.
Spenden Was erfahren Sie noch in dieser Ausgabe? In einem Interview erklärt die Kriminalsoziolo-
PSK 60000 Kto 91.000.590
gin Veronika Hofinger, wieso die Zahlen ausländischer Häftlinge deutlich gestiegen sind und
Offenlegung warum das oberösterreichische Dorf Suben sich glücklich über seine afrikanischen Häftlinge
MOMENT versteht sich als Medium von
SOS Mitmensch gegen Rassismus und schätzt. Und, kaum zu glauben: Bereits zum zehnten Mal jährt sich am 1. Oktober die Ver-
Diskriminierung, für Menschenrechte, haftung Franz Fuchs’. Wir haben Helmut Zilk, Maria Loley, Michael Sika und Pfarrer August
Demokratie und Migration. Der Nachdruck
der Beiträge ist bei Nennung der Quelle und Janisch nach den Bombenjahren gefragt – was davon blieb und ob sie das Klima dieses
Übersendung von Belegexemplaren Landes nachhaltig verändert haben.
ausdrücklich erwünscht, wenn das
Copyright nicht ausgewiesen ist. Die Rechte
der Fotografien liegen bei den UrheberInnen. Gunnar Landsgesell
APPELL AN DIE BUNDESREGIERUNG:

FREMDENRECHT JETZT ÄNDERN !


Fremdenrecht JETZT ändern! Vera Albert, Juliane Alton, Sonja Ammann, Jürg Andiel, Markus Arnold, Ruth Bachmayer, Rainer Bauböck, Eva Bau-
er, Ruth Beckermann, Ernst Berger, Josef Berghold, Isabell Bickel, Jytte Boerge, Ulli Böhm, Ronaldo Böhmer, Elisa-

Wir fordern die Änderung des Fremdenrechtspaketes. beth Brainin, Tilman Brandl, Lidia Brandstätter, Angelika Brechelmacher, Thomas Pfeffer, Susanna Buchacher-Cha-
jry , John Bunzl, Hannelore und Hans Bürstmayr, Eva Cil, Swantje Cooper, Moritz Csáky, Gerda Daniel, Rudolf de
Es ist menschenrechtswidrig, bürokratisch und inhuman. Cillia, Erna Deutscher, Gundi Dick, Georg Dimitz, Erna Dittelbach, Karin Draxler, Primavera Gruber, Sabine Echsel,

Familien werden auseinander gerissen, gut integrierte Werner Eder, Josef Ehmer, Doris Eisenriegler, Robert Eiter, Andrea Eraslan-Weninger, Regina Erben-Hartig, Annelie-
se Erdemgil-Brandstätter, Sigrid Exenberger-Bernthaler, Renate Faistauer, Klaus Federmair, Susanne Feigl, Marina
Menschen werden zu AbschiebekandidatInnen. Trau- Fischer-Kowalski, Robert Fitzthum, Gabriele Foissner-Weinländer, Clemens Foschi, Elisabeth Fraberger, Ute Frag-

matisierte und Jugendliche sitzen in Schubhaft. Und die ner, Bernhard Friedl, Edith Friedl, Friedhelm Frischenschlager, Elisabeth Fritsch, Peter J. Fuchs, Leo Gabriel, Gerald
Antal Gamauf, Ernst Gehmacher, Moritz Gieselmann, Manuela Glaboniat, Iris Goerner, Leo Graf, Hilde Grammel, Pe-
Asylverfahren dauern immer noch viel zu lange. ter Gründler, Paul Gulda, Birgit Habermann, Wolfgang Hackl , Karin Hamann, Josef Haslinger, Hildegard Hefel, Helga
Hein, Hilde Heindl, Andreas Heller, Monika Heller, Barbara Herzog-Punzenberger, Bernhard Hetzenauer, Cora Hie-
binger, Peter Hirsch, Christoph Hitzenberger, Susanne Hochreiter, Helene Hodor, Konrad Hofer, Peter Höflechner,
Keine Sündenböcke mehr! Susanne Höhne, Otmar Höll, Sonja Hollerweger, Peter Holubar, Eva Holzmann, Christine Huber, Friedrun Huemer,
Peter Huemer, Theo Hug, E. Ingram, Elfriede Jarmai, Helmut Michael Jedliczka, Elfriede Jelinek, Roswitha Jussel-
Wir wollen einen anderen Weg: Fremde und Asylwer- Begle, Franz Kern, Lisa Kernegger, Margarete Kernegger, Fritz Peter Kirsch, Elisabeth Klatzer, Ulla Kleihs, Stefanie

berInnen dürfen nicht länger als Sündenböcke für par- Knauder, Lydia Kniefacz, Robert Kniefacz, Wolfgang Knopf, Jasna Kodemo, Birgitta Kogler, Walter Kohl, Elisabeth
Kohlweiß, Michael Kollmer, Elisabeth Konecny-Knell, Karin König, Matthias K., Lore Korbei, Volker Korbei, Barbara
teipolitische Profilierung missbraucht werden. Zu lange Krammer, Kurt Kratena, Katerina Kratzmann, Wolfgang J. Kraus, Florence Kraus-Irsigler, Alda Kraus-Klein, Thomas

schon lässt sich die politische Mitte treiben. Kreiml, Victoria Kremer, Andreas Krier, Stephanie Krisper, Gordana Krobath-Rothstein, Susanne Krucsay, Hans-
Jürgen Krumm, Ursula Kubes-Hofmann, Elvier Kühlraum, Nikolaus Kunrath, Anita Kux, Julia Kux, Bernd Labugger,
Diese Spirale muss durchbrochen werden. Denn es geht Eva Lachkovics, Erwin Landrichter, Gunnar Landsgesell, Reingard Rosa Lange, Herbert Langthaler, Gabriel Lansky,

nicht um Verschärfung oder Aufweichung - es geht um Dietmar Larcher, Naomi Lassar, Wolfgang Lauber, Peter Ulrich Lehner, Karin Liebhart, Gregor Lingl , Karoline Lingl ,
Doris Linser, Elisabeth List, Veronika Litschel , Oliver Löhlein, Werner Loibl, Nadja Lorenz, Heinz Lunzer und Victoria
Qualität: Darum, ob Gesetze tauglich sind, unser Lunzer-Talos, Doris Lutz, Heinz und Auguste Magenheimer, Erich Makomaski, Ulrike Makomaski, Brigitte Marcher,

Zusammenleben wirksam und ohne unerwünschte Monika Marzoch, Burkhard Mayr, Ute Mayrhofer, Hermann Mehl, Beate Mesner, Christian Mokricky, Monika Mora-
wetz, Eva Mückstein, Ulrike Mueckstein, Helmut Musil, Martin Naegele, Utta Nehonsky, Thomas Neugschwendtner,
Nebenwirkungen zu regulieren. Brita Neuhold, Katarina Noever, Silvia Nossek, Eva Obemeata-Gimoh, Andrea Oberkofler, Heinz Ofenschüßel, Eli-
sabeth Orth, Margit Ötting, Kurt Pant, Ursula Pasterk, Ulli Pastner, Evelyn Patzak, Peter Patzak, Irmi Paulick, Helga
Penz, Christine Pertele, Christine Petioky, Heinrich Pfandl, Arno Pilgram, Verena Plutzar, Ronald J. Pohoryles, Lisl

Für verantwortungsvolle Politik Ponger, Herbert Posch, Max Preglau, Barbara Preitler, Thomas Prorok, Andreas Raab, Doron Rabinovici, Kurt Rau-
bal, Christine Reder, Willi und Irmgard Reichmann, Wolfgang L. Reiter, Uta Ribarits, Sonja Richter, Ilse Rollett, Lena
und qualitätvolle Gesetze! Rothstein-Scholl, Gerhard Ruiss, Peter Samec, Eva Sarközi Pusztai, Renate Saßmann, Walter Sauer, Werner Schaf-
fenrath, Stefan Schandl, Martin Scheriau, René Schindler, Kurt Schneider, Martina Schöberl, Angela Schoibl, Tony
Eine verantwortungsvolle Fremdenrechtspolitik zielt auf Scholl, Christine Scholten, Dieter und Margit Schrage, Irmgard Schrems, Christoph Schreuer, Heidi Schrodt, Heinz

die langfristige und vorausschauende Gestaltung des Schurawitzki, Reinhard Schurawitzki, Elfriede Schüsseleder , Ernst Schwager, Ernst Schwarcz, Walter A.H. Schwarz,
Christina Seidl, Heide Schmidt, Heimo Sernetz, Michael Sertl, Ingrid Shukri Farag, Max Siller, Stefan Slupetzky,
Zusammenlebens. Im Interesse Zugewanderter und hier Elisabeth Smejkal, Barbara Smetschka, Katharina Sonderegger, Philipp Sonderegger, Ursula und Renate Sova, Her-

Geborener. Eine verantwortungsvolle Fremdenrechts- mann Spielhofer, Thomas Stangl, Hannelore Steinacher, Wolf Steinhuber, Christian Steininger, Gerhard Stemberger,
Thomas Stern, Lisa Sterzinger, Cornelia Stocker-Waldhuber, Gerhard Stumm, Sibylle Summer, Walter Suntinger,
politik versucht Andersdenkende von vernünftigen Karina Suske, Elisabeth Suttner, Erika Svoma, Hilda Swiczinsky, Maria Szepesi, Samy Teicher, Beatrix Teichmann-

Maßnahmen zu überzeugen. Auf symbolische Klientel- Wirth, Maria und Bertram Thaler, Susanne Trauneck, Gerhild Trübswasser, Tamas Ujlaki, Peter K. Unterrainer, Josef
Unterweger, Diana Voigt, Gerhard Wannenmacher, C. Weinberger, Kitty Weinberger, Markus J. Wenninger, Klaus
befriedigung wird verzichtet. Werner Lobo de Rezende, Anna Wernhart, Gottfried Wetzel, Leo Wiebogen, Regine Wieser, Johannes Wiltschko,
Franz Martin Wimmer, Donald Winkler, Marietta Winkler, Moritz Winkler, Kurt Winterstein, Werner Wintersteiner, Bru-
no Wittels, Siegfried Wöber, Martin und Paula Wurzenrainer, Barbara Zangl, Atiye Zauner, Gerhard Zechner, Sabine

Wir fordern eine Fremdenrechts-


Zhang, Martin Zimper, Klens Zicille, Ulrike Zomorrodian-Santner, Hanns Zykan, Maria Zykan-Zilberszac.

[sic!] Forum f. feministische GangArten, 4JahreSindGenug.at, Apotheke “Am Schöpfwerk”, Arbeitsgemeinschaft


änderung JETZT gegen den Missbrauch Christentum und Sozialdemokratie ACUS, Arge für Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit, Asyl in Not, asylko-
ordination österreich, AUF – Eine Frauenzeitschrift & AUF Kultur, BDFA – Bunte Demokratie für Alle, Buchhandlung
von Fremden und Flüchtlingen als a.punkt, Deserteurs- und Flüchtlingsberatung, Ehe ohne Grenzen, emotion – Kaslatter, Europäisch - tschetschenische
Gesellschaft, Europäisches BürgerInnenforum - Österreich, Evangelische Akademie Wien, Forscher/innen ohne

Sündenböcke. Für verantwortungsvolle Grenzen, Frauenhetz - feministische Bildung, Kultur & Politik, Frauensolidarität – Entwicklungspolitische Initiative für
Frauen, Gesellschaft für bedrohte Völker - Österreich, HochschülerInnenschaft an der Universität für Musik und dar-

Politik und qualitätvolle Gesetze! stellende Kunst Wien, Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien – 1. Lesben- und Schwulenverband Österreichs, juridikum
– zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft, Katholische Frauenbewegung Wien, LehrerInnen des Vorstudienlehrgang
der Wiener Universitäten, Liberales Institut, Longo maï, NCBI - Österreich , Netzwerk SprachenRechte, NIPE – Netz-
werk für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung, ÖH Bundesvertretung, OÖ. Netzwerk gegen
Rassismus und Rechtsextremismus, Österreichische HochschülerInnenschaft an der Kunstuni Linz, Österreichische
Liga für Menschenrechte, Österreichischer Verband für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Plattform für Kulturen,
Integration und Gesellschaft, Projektgruppe, Republikanischer Club – Neues Österreich, Rosa-Mayreder-College,
Samariterbund Wien, tdu - Wien, Team ÖH – Beratungszentrum Salzburg, transform!at, Tschetscheniengruppe im
Friedensbüro Salzburg, Übersetzergemeinschaft, Verein Gedenkdienst, Verein Projekt Integrationshaus, Vereinigung
Nähere Infos unter www.sosmitmensch.at demokratischer Tschetschenen in Österrreich, Welser Initiative gegen Faschismus, WIK – Vernetzungsbüro, xlate.at.
fruehling

EINE INITIATIVE VON SOS MITMENSCH FINANZIERT DURCH KOSTENBEITRÄGE DER UNTERSTÜTZERiNNEN.
AF@9DLEGE=FL1È.

INHALT MOMENT#8

3 Editorial, Impressum
5 Inhaltsverzeichnis
7 Reaktionen
8 Handlungsbedarf: Drogenmarkt fest in Hand von Weißeuropäern
9 Handlungsbedarf: Moment enthüllt Bau von neuem Schubhaftzentrum

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** O=JAK K!LAL9DA=FAK;@7PZllm^\dmabgm^k]^f:f[b^gm^]^kIbss^kb^g8Ea[`Y]dO]až
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27 Neues von Frau Bock. Episoden aus der Mitte unserer Gesellschaft
28 Interview mit Veronika Hofinger: Die Kriminalsoziologin erklärt, warum afrikanische Häftlinge beliebt sind =dna]jC–`djYme
30 Hier geblieben! Die Diskussion über das Bleiberecht ist voll entbrannt
Was bietet Österreich Flüchtlingen im internationalen Vergleich? @YffY`?jYZ`]j
33 Stay as You Wish! Das Wirtschaftsministerium hat ihn preisgekrönt
Doch das Innenministerium will den Besitzer des Wiener Lokals „Deewan“ aus dem Land schicken
34 Bombenjahre. Vor zehn Jahren wurde Franz Fuchs verhaftet. Was hat er erreicht? Helmut Zilk, Maria Loley und andere Opfer erinnern sich
38 Freiheit der Kunst. Ein Gesetz sorgt für den Exodus von KünstlerInnen. Wer darf hier noch bleiben?
39 Kommentar: Christoph Kotanko meint: Die „Ausländerpolitik“ braucht Prioritäten statt vaterländischer Parolen
40 Kurznews. Kommt die Integrationsplattform?
42 Medienseite. Neuerscheinungen am Buchsektor
44 Die Familienseite. SOS Mitmensch im Verkaufsrausch
46 Andere über SOS Mitmensch. Raiffeisen-International-Boss Herbert Stepic ruft den NGOs zu: Seid berechenbar!

Cover: Akan
Keskin fotografiert
von Magdalena
Blaszczuk

1
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MOMENT AUFLAGEORTE
ALLE AKTUELLEN AUFLAGEORTE VON MOMENT IM ÜBERBLICK

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STÄDTISCHE BÜCHEREIEN: 1100, Hasengasse 38 1160, Rosa-Luxemburg-Gasse 4 1220, Schüttaustraße 39


1020, Zirkusgasse 3 1100, Ada-Christen-Gasse 2 1160, Schuhmeierplatz 17 1220, Erzherzog-Karl-Straße 169
1020, Engerthstraße 197 1100, Laxenburger Straße 90a 1170, Hormayrgasse 2 1220, Bernoullistraße 1
1030, Erdbergstraße 5-7 1110, Dommesgasse 6 1180, Weimarer Straße 8 1230, Breitenfurter Straße 358
1030, Rabengasse 6 1110, Rosa-Jochmann-Ring 5 1190, Heiligenstädter Straße 155 1230, Anton-Baumgartner-Straße 44
1030, Fasangasse 35-37 1120, Am Schöpfwerk 29 1190, Billrothstraße 32
1040, Favoritenstraße 8 1120, Meidlinger Hauptstraße 73 1200, Leystraße 53 SÜDWIND:
1050, Pannaschgasse 6 1130, Hofwiesengasse 48 1200, Pappenheimgasse 10-16 1090, Schwarzspanierstraße 15
1060, Gumpendorfer Straße 59-61 1140, Linzer Straße 309 1210, Brünner Straße 36 1070, Mariahilfer Straße 8
1070, Urban-Loritz-Platz 2a 1140, Hütteldorfer Straße 130d 1210, Brünner Straße 138
1070, Bücherbus 1150, Hütteldorfer Straße 81a 1210, Kürschnergasse 9
1090, Simon-Denk-Gasse 4-6 1150, Schwendergasse 39-43 1220, Siegesplatz 7
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REAKTIONEN ZU NOMENT#7
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LIEBE NOMENT-REDAKTION, tig“ waren und – vertreten von Frau


durch Zufall bin ich bei meinem letz- Mag. Lorenz – bis zum OGH gegen
ten Wienbesuch auf Noment gesto- die bisherige Diskriminierung vorge-
ßen und habe die Lektüre des aktu- gangen sind. Dass diese Gesetzes-
ellen Heftes sehr genossen! Span- novelle kaum an die Öffentlichkeit
nende, informative Beiträge gepaart gedrungen ist, zeigt wiederum, wie
mit höheren Zielen – einfach läs- wenig „die Maden im Speck“ (Copy-
sig! Mein Falter-Abo habe ich schon right Andreas Görg) an einer Verbes-
vor ein paar Jahren aus Langeweile serung der Lage von MigrantInnen
gekündigt (der Auslandstarif nach interessiert sind. Erst wenn sie sel-
München war ohnehin zu teuer). ber einmal Arbeit im Ausland suchen
Ich freue mich daher besonders werden müssen, wird ihnen die
über diese attraktive Alternative aus Bedeutung des Gleichheitsgrund-
Österreich. satzes klar werden.
Viel Erfolg weiterhin wünscht Erwin Landrichter,
Gerald S., München Schriftführer der BDFA

„WER TUT ETWAS SEHR GEEHRTE REDAKTION,


DAGEGEN?“ mir ist Ihre Gazette mit Schwer-
Artikel von Eva Maria Bachinger/ punkt “Rassismus” zufällig in die
Melanie Ossberger in Noment #7 Hände gefallen. Ich habe den Ver-
Vielen Dank für die Veröffentlichung dacht, dass in Österreich des
des Artikels. Hier eine kleine Ergän- öfteren Ausländer auf der Verpa-
zung: Im Sinne des Grundgedan- ckung steht, aber Rassismus drin-
kens, dass Zuwanderer am besten nen ist. Oder denkt jemand, wenn
selber für ihre Rechte eintreten sol- über den “Ausländeranteil” politisiert
len, hat sich schon vor etwa 15 Jah- wird, etwa an Südtiroler, an Schwe-
ren eine Gruppe mit dem fordernden den oder Schweizer? Die österrei-
Slogan „Demokratie für Alle“ gebil- chische Habsburger-Monarchie war
det, später als „Bunte Demokratie ein Vielvölkerstaat von mehrheitlich
für Alle“ (BDFA) zweimal erfolgreich nicht-deutscher Muttersprache. Die
bei den Wiener AK-Wahlen (siehe ehemals beherrschten Völker des
www.bdfa.at). So war es mög- Ostens – Wien liegt übrigens östli-
lich, dass die ersten schwarzafrika- cher als Prag – sollen es nach der
nischen Zuwanderer als Kammerrä- Logik der “Ausländer-Debatte” auch
tInnen selber Anträge in der AK-Voll- heute noch sein. In der universitären
versammlung einbringen konnten. Lehre wird das heute als kultureller
Der Schwerpunkt unserer Arbeit Rassismus bezeichnet.
liegt im Kampf gegen Rechtlosig- Peter W., Graz
keit bzw. gegen die Ungleichbe-
handlung von Zugewanderten. Dass LIEBE REDAKTION,
in der letzten Legislaturperiode in ich finde eure zeitung eine echte
einer Gesetzesnovelle allen Arbeit- inhaltliche bereicherung der
medienlandschaft! leider geht sie
Ogomj\]\a]k]>jYmeal]af]j
nehmern, unabhängig ihrer Natio-
nalität nicht nur das aktive, sondern mir in einigen lokalen in wien, wo 9mk_YZ]ngfFge]fl_]k]`]f7
auch das passive Wahlrecht bei sie aufgelegen ist, ab. absicht?
falls nein, bitte wieder verfügbar
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Betriebsrats- und AK-Wahlen zuge-
standen wurde, ist nicht zuletzt dar- machen!! Rm_]oaff]f_aZlk]afEGE=FL%9:G
auf zurückzuführen, dass wir „läs- alles gute, nina f., email
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ETHNISCHE ÖKONOMIEN

DROGENMARKT
FEST IN HAND
VON WEISSEUROPÄERN
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WER DEN SUCHTMITTELBERICHT DES


INNENMINISTERIUMS LIEST, KOMMT
ZU ERSTAUNLICH ANDEREN ALS DEN
BEHAUPTETEN ERGEBNISSEN.

 Der österreichische Drogenmarkt ist


fest in Händen von Schwarzafrika-
nern. So lautet der Befund des aktu-
ellen Suchtmittelberichts, der im Frühling vom
Innenministerium präsentiert wurde. Wer nach-
rechnet, wird allerdings zu einem ganz anderen
Schluss kommen: Zählt man die 30 häufigsten
Herkunftsländer* zusammen, ist die größte Täter-
gruppe – mit über 50 Prozent – ganz klar jene
der Europäer. Angehörige afrikanischer Staaten
sind mit 25 Prozent weit abgeschlagen, der Rest
entfällt auf Asien. Ja, und die von Österreichern
begangenen Delikte sind dabei noch gar nicht
mitgezählt. Rechnet man die Österreicher kor-
rekterweise auch dazu, dann ergibt die Hitliste der
Suchtmittelvergehen beeindruckende 75 Prozent
für die – nennen wir sie – Weißeuropäer. Dage-
gen erscheinen die 15 Prozent Schwarzafrika- Df\]j^Ydk[`Y\\a]jlÇ9^jacYf]j%HjgZd]ecgfkljma]jl
ner chancenlos. Der Rest von 10 Prozent ist wie-
derum Asien (die Türkei wurde Asien zugeschla- Einsatztaktiken ab, die die verminderte Sichtbar- peröffnung“ verwahrt werden. Bei dieser Passage
gen). Diese Überschlagsrechnung zeigt, dass die keit von Afrikanern bei Nacht berücksichtigt? gleitet die Studie gänzlich ins Reich der schlüpf-
Behauptung von der afrikanischen Vorherrschaft Führen wir uns die scharfsinnigen Analysen über rigen Phantasien ab: dass die skrupellosen Täter
nicht haltbar ist. Was als ein verfälschtes Ergeb- die Drogenszene weiter zu Gemüte: So heisst auch noch unsere Frauen, ja Mädchen verführen
nis soll denn schon herauskommen, wenn die es im Bericht weiter: Die „gewinnsüchtigen und ausnutzen. Ein Stereotyp, das Frauen zu wil-
Täter eines ganzen Kontinents mit nationalen tür- Absichten afrikanischer Täter“ seien getragen lenlosen Wesen degradiert.
kischen, albanischen oder einheimischen Täter- von einer „hochgradigen Gleichgültigkeit gegen- Soweit der Wortlaut des Suchtmittelberichts.
gruppen statistisch verglichen werden? über Gesundheit und Leben“ anderer Menschen. Dieses offizielles Dokument der Republik strotzt
Sie wundern sich über die Kategorie Weißeu- – Eigenschaften, die offenbar einzig auf afrika- vor rassistischen Stereotypien. Wir empfehlen:
ropäer? Sie macht deutlich: Solche Klassifizie- nische Verkäufer harter Drogen zutreffen, wes- Falls sich das Innenministerium diese Blöße wei-
rungen ergeben sich nicht aus der Natur der halb sie nur bei dieser Gruppe Erwähnung finden terhin geben will, sollte es auch fortan auf kei-
Sache, sondern durch Annahmen der Exekutive. können. Ebenso wie „vermehrt festgestellt wird“, nen Fall sozialwissenschaftliche Hilfe in Anspruch
Einfach sämtliche afrikanische Staaten für die dass von „nordafrikanischen Asylanten Bezie- nehmen. Falls das Innenministerium aber Wert
Statistik zusammenzuzählen, dürfte jedenfalls hungen mit einheimischen Mädchen gesucht“ und darauf legt, die Suchtmittel-Bekämpfung nicht
weniger aus strafrechtlichen Notwendigkeiten sogar „eingegangen“ werden. Ganz im Gegen- weiter auf rassistischen Deutungsmustern basie-
hervorgehen, als aus ziemlich unreflektiertem All- satz zu weiblichen Angehörigen anderer Täter- ren zu lassen, sondern diese in gesellschaftlichen
tagswissen. Welche kriminaltaktischen Überle- gruppen würden von diesen „inländischen Mäd- Leitbildern und der Polizeiarbeit bekämpfen will,
gungen hinter der Bildung einer Tätergruppe mit chen“ Kurierdienste durchgeführt. „Dabei kann“, dann sollte sie ihre Arbeit dringend einer wissen-
dunkler Hautfarbe (eben: der Schwarzafrikaner) so der Bericht weiter, „mit Sicherheit davon aus- schaftlichen Begleitung öffnen.
stehen sollen, ist nicht wirklich nachvollziehbar. gegangen werden“, dass die Suchtmittel „in der * Der Suchtmittelbericht weist nur 30 Länder aus.
Vielleicht leiten die Kriminalisten daraus ja eine Unterwäsche – Büstenhalter – oder in einer Kör- red
@9F<DMF?K:=<9J>EGE=FL1È2

SCHÖNER WOHNEN

NEUES
SCHUBHAFTZENTRUM
IN LEOBEN

 ;N
Offiziell ist es noch nicht: Die Bunde-
simmobilien-Gesellschaft wird einen
Gefängnisse. Man kann die Lobgesänge auf die
neuen Familien-Zellen schon förmlich hören: Fern-

9B
Architektur- Wettbewerb ausschreiben. sehräume, eigene Küchen, vielleicht sogar eigene
Für ein neues Schubhaftzentrum im Grünen. Weit Waschmöglichkeiten in den Zellen; die Häftlinge
weg von den lästigen NGOs sollen die Flüchtlinge werden schon vor Freude Luftsprünge machen.

KI
in Leoben in einem modernen, offenen Vollzug auf Wir denken: Erleichterungen für Eingesperrte sind
den Ausgang ihres Verfahrens warten. Diese Infor- dringend notwendig. Doch sie dürfen nicht zum
mationen liegen Moment exklusiv vor. Das Ver- Ersatz für die Überwindung der Schubhaft werden.

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gabeverfahren wird öffentlich sein, derzeit wer- Wem die Würde des Menschen ein Anliegen ist, der
den die Ausschreibungskriterien zusammenge- wird sich mit baulichen Maßnahmen nicht zufrie-
stellt. Fix ist: Rundherum soll eine Mauer stehen, den geben. Ist das eigentliche Übel an der Schub-
niemand soll raus können. Anstatt Maßnahmen haft nicht der Umstand, dass wir uns die Freiheit
zur Einschränkung der Haft – wie dies jüngst auch nehmen, anderen Menschen die Freiheit zu entzie-
Aff]feafakl]jHdYll]j2F]m]jK[`mZ`Y^lZYm
der Verfassungsgerichtshof für notwendig erklärt hen, weil wir nicht wollen, dass sie auch hier sind? ljglrEY`fmf_ngfN]j^Ykkmf_k_]ja[`l&
hat – greift man lieber zur Schaufel und baut neue red >glgIm]dd]2|NH$EYjcmk@Yee]j

INTEGRATION

DEMOKRATIE LERNEN
MIT STAATSSEKRETÄRIN
MAREK

 Christine Marek, Wirtschafts-Staats-


sekretärin ist zur Integrationsbeauf-
tragten der Bundes-ÖVP ernannt wor-
den. Bis Herbst soll sie ein ÖVP-Integrationskon-
so genannten Integrationsvereinbarung einen har-
ten Kurs einschlug, wollte auch die Wiener Lan-
despartei nicht abseits stehen, also präsentierte
Integrationsbeauftragte Marek Überlegungen für
gerne besser verstehen möchten: Zum Beispiel
mit welchem „der ethischen Grundwerte“ die Ein-
schränkung des Rechts auf Familienleben für Mig-
rantInnen begründet wird. DIeses wäre eigent-
zept erstellen. Keine leichte Aufgabe, soll dieses ein besseres Zusammenleben von In- und Aus- lich in der europäischen Menschenrechtskon-
doch die Integrationspolitik nicht „nur mehr unter ländern. An der einen oder anderen Position von vention verbrieft. Oder wie es um die demokra-
dem Sicherheitsaspekt, sondern in ihrer Gesamt- damals sollte sie aber vielleicht noch feilen: Die tischen Rechte von MigrantInnen in Österreich im
heit“ betrachten. Gleichzeitig aber auch Hardliner vier Säulen der Integration bilden neben dem früh- Vergleich zu anderen Ländern steht. Das kultura-
wie Generalsekretär Hannes Missethon und Innen- zeitigen Erlernen der deutschen Sprache, „das listische Konzept von MigrantInnen, die von „uns“
minister Günther Platter befriedigen. Kennenlernen unserer Kultur“, „das Verstehen die Demokratie lernen müssen, mag zwar gut zum
Vielleicht ist Christine Marek aber genau die rich- der ethischen Grundwerte“ sowie „das Verstehen so genannten Integrationsvertrag passen. Für ein
tige dafür. Immerhin hatte sie diese Funktion der Demokratie“. Damit löste sie bei einigen Wie- gesamtheitliches Integrationskonzept wird es aber
bereits für die ÖVP Wien inne. Im Jahr 2003, als ner Zugewanderten Kopfschütteln aus. In einem nicht ganz reichen.
der damalige Innenminister Ernst Strasser mit der offenen Brief teilten sie ihr mit, dass sie einiges red
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ohgfb`kZgmbl\a^gNgm^kg^af^g_—k]b^  „Ethnische Ökonomien sichern Wirtschaftsstandort Wien“, posaunte
die Wiener Rathauskorrespondenz Mitte Mai diesen Jahres in einer
Aussendung. Ein etwas sperriger Begriff für das bunte und mun-

a^bfbl\a^Pbkml\aZ_m'C^msmlhee]b^l^k tere multikulturelle Standlerwesen zwischen Naschmarkt und Brunnenmarkt,


das damit beschworen werden soll. Neben dem kulinarischen und kulturellen
L^dmhko^kf^akm`^_’k]^kmp^k]^g' Vergnügen dieser Flaggschiffe soll nun das wirtschaftliche Potenzial der mig-

>k_Zak^g]b^;^mkh__^g^ggng]b^eZg` rantischen Bevölkerung ins Bewusstsein treten, so der Plan „Für den Wirt-
schaftsstandort Wien stellen die ethnischen Ökonomien und die damit ver-
ohk^gmaZem^g^:g^kd^ggng`8H]^k bundenen sprachlichen sowie kulturellen Kompetenzen eine wertvolle Berei-

^gmlm^am^bgg^n^l:g_hk]^kng`likhÖe cherung dar. UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund schaffen neue


Arbeitsplätze, beschleunigen den notwendigen Strukturwandel, haben hohe
_—kSn`^pZg]^km^8 Innovationskraft, festigen Wiens Drehscheibenfunktion zwischen Ost und
West und sind damit für den Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit des Stand-
L]pl2:]YlO]Z]jEalYjZ]al2Ea[`Y]dO]akk ortes Wien unverzichtbar. Dementsprechend wichtig ist es, die vorhandenen
>glgk2H]lbY<aealjgnYEY_\Yd]fY:dYkr[rmc unternehmerischen Potenziale noch besser auszuschöpfen“, so die Stadträ-
tinnen Brauner und Frauenberger bei einer Pressekonferenz im Mai.

ZUSAMMENHALT STATT GELD. Die Basis liefert eine neue Studie, die die
Stadt in Auftrag gegeben hat. Demnach werden 16.000 Einzelunternehmen
– also ein Drittel des Gesamtbestandes in Wien – von MigrantInnen geführt.
Gerade im Einzelhandel ist das im Alltag durchaus sichtbar: In der Nahver-
sorgung spielen von MigrantInnen geführte Läden eine wachsende Rolle. „Die
Einkaufszentren am Stadtrand ziehen immer mehr Kaufkraft an, deshalb sper-
ren kleine Geschäfte im städtischen Bereich zu. In diese Nische stößt jetzt
migrantisches Unternehmertum vor“, skizziert Gemeinde-Wien-Stadtplaner
Wolfgang Förster den Trend der letzten Jahre. „Viele der Wiener Märkte wür-
den ohne MigrantInnen nicht mehr funktionieren“, sagt Omar Al Rawi, SP-
Gemeinderat und Mitinitiator der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen mit
Verweis auf hot spots wie den Naschmarkt und den Brunnenmarkt. Al Rawi
sieht so wie manche andere in der Stadtverwaltung in migrantischem Unter-
nehmertum eine Chance, vorbildhafte Beispiele für gelungene Integration zu
gewinnen.
Das Klischee von Kebapständen und Call-Centern als Inbegriff migran-
tisch geprägter Kleinunternehmen wird der Vielfalt der Geschäftszweige,
in denen MigrantInnen tätig sind, bei weitem nicht gerecht. Die Studie zeigt
aber durchaus eine Konzentration bestimmter Nationalitäten auf einzelne
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Branchen. Ein-Personen-Unternehmen aus Polen schäfts. Auch Bäckereibesitzer Hüseyin K. kennt standen werden, ist ein drastisches Beispiel für
sind zum Beispiel vorwiegend in Bauhilfsgewerbe diese Mechanismen: „Erstens gibt es diese Com- eine solche Dynamik.
und Reinigung tätig, TürkInnen fast zur Hälfte im munity, in Österreich leben schließlich eine Vier-
Handel. Während das rassistische Bewusstsein telmillion Türken. Da kann man schon mit eini- WAS IST „ETHNISCH“? In den Sozialwissen-
in diesen Mustern einen Anlass für biologistische gen Stammkunden rechnen. Zweitens gibt es bei schaften erfreuen sich Studien zur „ethnischen
Zuschreibungen („Die Polen sind halt soundso…“) der Finanzierung Unterstützung von der Familie, Ökonomie“ wachsender Beliebtheit. Jetzt wird
wittert, hat die Forschung andere Erklärungen: von Bekannten, vom Freundeskreis. Das habe ich auch in Österreich die Forschung intensiviert: Die
Für MigrantInnen ist der Zusammenhalt mit Men- selbst erlebt. Ich habe von meinen Eltern so viel erwähnte Erhebung der Stadt Wien folgt unmit-
schen gleicher Herkunft oft das einzige verblie- Geld bekommen, das glaubt mir niemand. Fami- telbar auf eine gesamtösterreichische Studie, die
bene Mittel, weil Geld und soziale Kontakte in die lienbetriebe sind natürlich auch ein Vorteil. Die vom AMS in Auftrag gegeben wurde. Die Eth-
Mehrheitsgesellschaft fehlen. Die herkunftsba- Familie hält zusammen, man arbeitet sehr hart nologin Elisabeth Timm ist von der Debatte ge-
sierten Netzwerke werden genutzt, um Kredite zu und lange. Am Anfang habe ich drei Monate lang nervt. „Als ‚ethnic entrepreneurs’ gelten nicht
beschaffen, Angestellte zu finden und besondere täglich 20 Stunden gearbeitet.“ Seit 21 Jahren lebt etwa einheimische Informatikstudierende mit
Beziehungen zu Kundschaft und Lieferanten auf- der 44jährige K. in Österreich, seit vier Jahren führt Softwarefirmen, noch französische Ökobauern.
zubauen, die oft branchenspezifisch sind und des- er seine erfolgreiche Bäckerei. Dieser notgedrun- Ethnisch sind „Koreaner in Los Angeles“, „Chi-
halb zu einer Konzentration bestimmter Nationa- gene Zusammenhalt hilft den Beteiligten, führt nesen in New York“, „Türken in Westberlin“. Eth-
litäten in wenigen Geschäftszweigen führen. „Wir aber auch häufig zu Feindseligkeit missliebiger nisch sind immer die anderen, das heißt diejeni-
helfen uns immer gegenseitig. Das ist aber nichts Mehrheitsangehöriger. Die Aufregung um „nigeria- gen, die schon seit Jahrhunderten für eine Verkör-
Ungewöhnliches. Ich spende ja auch für die Poli- nische Drogendealer“, in der regelmäßig die Häss- perung dessen herhalten müssen, was die okzi-
zei oder für das Kinderspital. Business as usual“, lichkeiten des illegalen Drogengeschäfts als eth- dental-kapitalistische Gesellschaft an sich selbst
meint Viktor J., Inhaber eines kleinen Textilge- nische Eigenschaften beteiligter Dealer missver- nicht in der Lage ist zu identifizieren und analy-
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sieren“, schreibt sie in einem Beitrag für die Zeit- FAMILIENBETRIEBE Gleichzeitig wird der digkeit: Keine Arbeitsbewilligung, Einheimischen-
schrift „Prokla“. In der Debatte um „ethnische Öko- Zusammenhalt ethnischer Bande gern verklärt. Bevorzugung bei Stellenangeboten, mangelnde
nomie“ wird immer nach kulturellen und sozialen In Wirklichkeit sind die wirtschaftlichen Realitäten Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikati-
Besonderheiten migrantischer UnternehmerInnen oft so hart, dass auch die engste Community- onen, Sprach-schwierigkeiten:„ …dann ist oft die
gesucht, die vom rationalen Wirtschaften abwei- Bindung da häufig nicht kitten kann. „Die kleinen einzige Möglichkeit, in einem fremdsprachigen
chen, das in der Mehrheitsgesellschaft vermeint- Friseure hassen sich gegenseitig, das ist bein- Betrieb zu arbeiten. Aber dort sind oft die Arbeits-
lich üblich ist. Dabei wird übersehen, dass Netz- harte Konkurrenz“, bekommt man zum Beispiel bedingungen so schlecht, dass es viele bald mit
werke und Bekanntschaften, alle anderen angeb- von N., einer Angestellten in einem Friseurladen der Selbstständigkeit versuchen“, sagt die Fri-
lichen kulturellen Besonderheiten migrantischen im Ottakringer Brunnenviertel auf die Frage nach seurangestellte N. Auch einschlägige Vorkennt-
Unternehmertums für alle Unternehmensformen dem Zusammenhalt unter kleinen Geschäftsleu- nisse aus Herkunftsländern, in denen Kleinge-
wichtig sind, auch wenn das nicht oft thematisiert ten zu hören. werbe noch stärker verbreitet ist, spielen eine
wird, so Timm. Warum sind Unternehmensgründungen unter Mig- Rolle. „Mein Vater hat das Geschäft gegründet,
Das reicht von der Bedeutung von Manieren, Takt rantInnen so verbreitet? Die Studie der Stadt Wien weil es nicht anders ging. Er war auch in Russ-
und bürgerlichen Umgangsformen für beruflichen hat eine Umfrage nach den Motiven gemacht. Die land schon Unternehmer, er konnte nichts ande-
Aufstieg bis zum Trend, Angestellte zur Identifi- Mehrheit gab „Selbstverwirklichung“ als Begrün- res“, sagt Viktor J., der sein kleines Textilgeschäft
kation mit einer „Unternehmenskultur“ und damit dung an, viele jedoch auch Mangel an Alterna- in Gürtel-nähe vor sechs Jahren von seinem Vater
zu besonderer Leistung anzuspornen. Auch hier tiven. Das weist auf die weniger funkelnde Schat- übernommen hat.
stützt eine (eingebildete) Verwandtschaft das tenseite des Unternehmerbooms hin. Bäckereibesitzer K. über die Gründe und Wid-
Funktionieren des Betriebes. „Kultureller Zusam- Viele Gründungen sind schlicht aus der Not rigkeiten des migrantischen Gründungseifers:
menhalt“ als Wirtschaftsfaktor ist also kein Min- geboren. Die Diskriminierung in der österrei- „Erstens liegt das an der Arbeitsmarktlage. Für
derheitenphänomen. chischen Arbeitswelt treibt sie in die Selbstän- Ausländer ist es am Arbeitsmarkt sehr schwer.
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Zweitens sind Immigranten meist aus finanziel- Viele Familien gehen kaputt, manche bleiben als bar ändern, zumindest in Wien. Mit maßgeschnei-
len Gründen hier in Österreich. Sie wollen Geld Arbeitslose im Markt.“ derten Informationskampagnen, Beratungs- und
verdienen und sie sehen bei Freunden, Verwand- Unterstützungsleistungen, und Aufbereitung in
ten, dass sie als Selbständige Erfolg haben und POLITIK ENTDECKT MIGRANTISCHE UNTER- mehreren Sprachen soll der stadteigene Wie-
versuchen es genauso. Erfolg heißt aber hier NEHMEN Im Jahr 2000 kam die Sozialforsche- ner Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) migran-
nicht, dass sie Millionen verdienen, sondern dass rin Regina Haberfellner in einer Untersuchung tische UnternehmerInnen gezielt fördern. Warum
sie einfach mehr verdienen als ein Arbeiter oder migrantischer Unternehmensgründungen zu dem plötzlich dieses Interesse?
Angestellter. Die Leute haben oft keine andere Schluss, dass diese dabei vor allem auf gegensei- Für die einen sind die MigrantInnen Hoffnungsträ-
Möglichkeit und stecken ihre gesamten Erspar- tige Hilfe zurückgreifen konnten: mithelfende Fami- gerInnen für die schwächelnde heimische Unter-
nisse in Unternehmensgründungen. Aber viele lienangehörige, Unterstützung durch die nationale nehmensgründungslandschaft. Weil Großbe-
scheitern. Das merkt man auch daran, dass die Community. Aber auch, dass dieses weitgehende triebe in den letzten Jahren eher MitarbeiterInnen
Banken langsam den Kredithahn zudrehen. Es Stützen auf Ressourcen der eigenen Herkunfts- abbauen, setzen viele Wirtschaftsstrategien auf
ist mittlerweile fast unmöglich, ohne Sicherheit gruppe in der Regel keine frei gewählte Strate- Neugründungen, die neue Arbeitsplätze schaffen.
einen Kredit zu bekommen. Und deshalb werden gie ist. Ihr Resümee: „Rechtliche Barrieren, unge- Die von der Stadt Wien initiierte Studie ergibt, dass
die Neugründungen und Firmenübernahmen jetzt nügende Weiterbildungs- und Informationsange- die migrantischen Unternehmen im Schnitt etwas
auch wieder weniger. Viele scheitern und müs- bote für diese Gruppe und geringe Anerkennung weniger Angestellte haben als der Rest der Unter-
sen dann Konkurs oder Privatkonkurs anmel- ihrer Beiträge zum (lokalen) Wirtschaftsgeschehen nehmen. Darin sehen die Stadtgranden ein Poten-
den. Meistens steckt da die ganze Familie mit befördern die Entwicklung einer marginalisierten, zial, das es zu nutzen gilt. Insbesondere zur Lehr-
drin. Falls sie dann Arbeit finden, geht der Groß- unterschichteten ethnischen Unternehmerland- lingsausbildung sollen die migrantischen Unter-
teil des Verdienstes an die ehemaligen Gläubiger. schaft.“ Sieben Jahre später soll sich das offen- nehmen ermutigt werden. Die Stadt Wien will nun
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den Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds den sollen. In der heimischen Wirtschaft liegt die keit legalisiert, könnte zu einem Anwachsen von
(waff) in dieses Segment zum Lehrstellen-Kei- Lehrlingsausbildung insgesamt im Argen, weil es „Neugründungen“ führen, die wenig mit einem
len ausschicken. „Innerhalb von drei Jahren sol- die hohe Arbeitslosigkeit für Unternehmen mög- Gründerboom im Sinne wirtschaftlicher Expansion
len in Wien dadurch 150 neue Lehrstellen in Eth- lich macht, jederzeit günstig bereits Ausgebildete mit Arbeitsplatzschaffungspotenzial zu tun hat.
nischen Ökonomien geschaffen werden“, kündig- anzuwerben (und wenn das einmal nicht klappt, Die mehrsprachigen Informationsangebote, die
ten Stadträtinnen Brauner und Frauenberger bei wird nach bereits ausgebildeten Arbeitskräften aus die Stadt Wien einrichten will, dürften nur zum
der Vorstellung der Studie an. dem Ausland gerufen). Im eigenen Betrieb selbst Teil hilfreich sein. Die Unternehmensförderungen
Leute auszubilden scheint zum Luxus geworden, und Beratungsangebote sind den meisten mig-
DIE LEHRLINGSOFFENSIVE Die Befragungen in den sich kaum noch jemand zu leisten braucht. rantischen Unternehmen laut eigenen Angaben
der Wiener Studie haben ergeben, dass migran- Gerade migrantische Unternehmen sind zu einem nicht geläufig, es herrscht also ein Informations-
tische Unternehmen hauptsächlich aus Geldman- Großteil in Sektoren tätig, in denen Hilfsarbeiten defizit. Aber an mangelnden Deutschkenntnissen
gel und schlechter Auftragslage darauf verzichten, dominieren. Dass ein überdurchschnittlich hoher liegt das nicht, die sind nämlich mehrheitlich gut,
Angestellte und Lehrlinge einzustellen. „Ohne die Anteil von ihnen im Bauhilfsgewerbe zu finden ist, so die Studie.
Familie wäre es sehr schwer. Angestellte kann ich ist ein Indiz für die zweifelhafte Aussagekraft des
mir nicht leisten“, seufzt etwa Textilhändler Vik- Unternehmerbegriffs für die gesamte Gruppe. Die SPEERSPITZEN DER DEREGULIERUNG? Die
tor J. Ob die Überredungskünste der stadteigenen von den österreichischen Bauunternehmen in die Wirtschaftskammer schließlich, die die Studie mit
Lehrstellen-Aquisiteure daran etwas ändern kön- Scheinselbständigkeit gezwungenen Billigarbeits- in Auftrag gegeben hat, betont die Gemeinsam-
nen, ist fraglich. Außerdem stellt sich die Frage, kräfte werden wohl kaum Angestellte einstellen keiten zwischen migrantischen und einheimischen
wieso gerade migrantische Unternehmen beson- können. Auch die Neuregelung der Pflege in Öster- Unternehmen. Und hebt die Schwierigkeiten der
ders zur Lehrlingsausbildung drangsaliert wer- reich, die bestehende prekäre Scheinselbständig- migrantischen Unternehmen mit Behörden und
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Ea_jYflak[`]Mfl]jf]`e]f2Oa]f]jOajlk[`Y^l^]klae?ja^^&

Gesetzesauflagen hervor, die die Studie erhoben Beitrag der Zugewanderten für die lokale Wirt- gene Integration, eine Unternehmerpersönlichkeit
hat. Denn die Reduktion staatlicher Auflagen für schaft hervorgestrichen werden. Schließlich gilt zu sein und auch noch Arbeits- und Ausbildungs-
Unternehmen ist selbstverständlich ein langge- wirtschaftliche Selbständigkeit als Inbegriff von plätze für Einheimische zur Verfügung zu stellen?
hegtes Interesse des Unternehmensverbands. Erfolg und Anerkennung. Dass diese Argumenta- Dann würde die Akzeptanzhürde für die Mehrheit
Eine „Vereinfachung“ zugunsten einer förderwür- tion provokantes Potenzial birgt, zeigt sich an der der MigrantInnen weiter erhöht: „Wer bleiben will,
digen neuen Zielgruppe würde dann allen zugute reflexartigen Reaktion des FP-Landessekretärs muss Arbeitsplätze schaffen“
kommen, so wohl die Hoffnung der Kämmerer. Jenewein auf die Initiative der Stadtregierung. Das
Manch einem mögen die oft unorthodoxen Über- liberale Modell wirtschaftlicher Integration prallt ZWEI AKTUELLE STUDIEN SIND ZUM
lebensstrategien in wenig lukrativen Geschäftsni- hier auf ein konservatives Leitkultur-Modell. Inte- THEMA MIGRANTISCHES UNTER-
schen, in denen die migrantischen Unternehmen gration definiert Jenewein als Erlernen der Staats- NEHMERTUM ERSCHIENEN:
verbreitet sind, auch als willkommene Speerspitze sprache, weshalb er etwa mehrsprachigen Infor-
für eine Deregulierungsoffensive erscheinen. mationsangeboten nichts abgewinnen kann. „Entrepreneurship von Personen mit
„Mein Chef hält sich nicht an die gesetzlich vorge- Selbst wenn es damit gelingt, reaktionäre Positi- Migrationshintergrund“, Studie vom
schriebenen Öffnungszeiten, er kennt sie nicht ein- onen herauszufordern, hat der Versuch, Akzep- Institut für Bildungsforschung der Wirt-
mal. Wir Mitarbeiter müssen immer bleiben, solang tanz für MigrantInnen durch Hinweis auf ihre wirt- schaft (ibw), KMU Forschung Austria und
Kundschaft da ist. Manchmal ist das bis 21 Uhr. schaftliche Nützlichkeit für die Mehrheitsbevölke- Soll&Haberfellner, im Auftrag des AMS
Wir haben auch sonntags geöffnet. Das machen rung herzustellen, doch seine Tücken. Denn was Österreich, Dezember 2006. Verfügbar unter
alle so“, so die Friseurin N. Was Gewerkschaften passiert mit jenen, die diesen Nützlichkeitskrite- http://www.kmuforschung.ac.at
den Schlaf raubt, wird die Augen so mancher Wirt- rien nicht entsprechen? Wenn migrantische Unter-
schaftsliberaler zum Leuchten bringen. nehmerInnen gehypt werden, werden migrantische „Ethnische Ökonomien – Bestand und
SozialhilfeempfängerInnen dann umso stärker ver- Chancen für Wien“, Studie von L und R
ROLE MODELS FÜR VERÄNDERTE INTEGRA- dammt? In der Debatte um eine Green Card für Social Research im Auftrag der Stadt Wien
TIONSANFORDERUNGEN Für die Auftraggebe- „Schlüsselkräfte“ aus dem Ausland vor einigen und Wirtschaftskammer Wien, Februar 2007.
rInnen der Studie aus der Stadtverwaltung war ein Jahren wurde bereits der Beitrag zur heimischen Verfügbar unter
wichtiges Motiv, MigrantInnen vom Image der Pro- Wirtschaft als Zugangskriterium hervorgestrichen. http://www.lrsocialresearch.at
blemgruppe zu befreien. Stattdessen sollte der Wird es jetzt zur neuen Anforderung an gelun-
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Herr Keskin, dürfen wir Sie Ali nennen? drückt in einem Betrieb. Ich selbst habe für
Wie? Ach so, Sie spielen auf meine erste Lehr- die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn wie
stelle an. Ich hab 1972 eine Lehre als Autoschlos- die Kollegen erhalten. Es wurde mir auch nicht
ser begonnen. Damals anscheinend als einer der gezeigt, dass man meine Leistung honoriert. Das
ersten mit Migrationshintergrund. Ich hab gesagt, sind Kleinigkeiten, dass man nie als erster – oder
Akan heiß ich. Sie haben geantwortet: Bei uns hei- auch weniger freundlich – begrüßt wird. Der Chef
ßen alle Türken Ali, du heißt jetzt auch Ali. Da hab sagt: Grias di, Seavas Franzl! aber Grüss Sie,
ich gesagt, OK, sagts zu mir auch Ali. Als 15-jäh- Herr Keskin. Drum hab ich mich zuerst am Han-
riger Bursche wehrst dich halt nicht so. novermarkt, dann am Naschmarkt selbstständig
gemacht. Und eben das Lokal Orient-Occident
Ist diese Ignoranz nicht typisch für Österreich? hier am Naschmarkt eröffnet.
Diesen Eindruck hatte ich damals auch. Ich
möchte aber betonen, dass ich auch viel aus die- Was sagt uns der Name?
ser Zeit gelernt habe. Ich wäre nicht da , wo ich Ich komme vom Orient, hier ist der Okzident, wir
jetzt bin. wollten beides verbinden. Orient sind die Betrei-
ber, Okzident seids Ihr.
Trotzdem haben Sie sich selbständig gemacht.
Im nächsten Betrieb hab ich von 6 bis 22.00 Uhr In Ihrem Lokal gibt’s Frühstück bis 17 Uhr. Wie
gearbeitet, sieben Tage die Woche. Und weniger kommt man als Frühaufsteher auf die Idee, für
verdient, als die anderen. Trotzdem hab ich mir Langschläfer ein Lokal zu machen?
etwas gespart und gedacht: Soviel arbeiten kann Das kann ich aus meinem Leben beantworten.
ich auch für mich. Wenn man um drei oder vier Uhr das Gemüse am
Großmarkt einkauft, bleibt keine Zeit fürs Früh-
Ist das ein Grund für viele MigrantInnen, sich selbst- stück. Bis alles fertig eingeräumt und hergerich-
ständig zu machen? tet ist, wird’s schon zwölf oder eins. Eigentlich
Ja. Viele fühlen sich schon ein bisschen unter- ungesund.
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Als Obmann der Marktstandler in der Wiener Wirt- bern schon zehn Lehrlinge untergebracht. Ich per-
schaftskammer treten Sie dafür ein, die deutsche sönlich. Die meisten wissen über die Förderungen
Sprache zu erlernen. ja gar nicht Bescheid. Außerdem gibt’s bei den
Sprache ist sehr wichtig. Ich steh immer noch zwei Unternehmern eine gewisse Angst vor Lehrlingen.
Tage die Woche hinterm Stand und spreche ein Ich weiß nicht warum. Das war früher anders. Man
bisschen Persisch, Jugoslawisch und Ungarisch. hat viel leichter einen Platz gekriegt.
In ein Geschäft kommen aber auch Einheimische
und wenn einer dann nicht Deutsch kann, dann Weil die Unternehmensstruktur anders war?
hat er ein bisserl ein Problem. Ich glaube, wer hier Vielleicht hat sich das Verhalten der Lehrlinge
lebt, muss auch die Sprache können. So ist man geändert? Ich weiß es nicht. Naja, ich war als Lehr-
erfolgreich. ling auch nicht gerade einfach. Ich hatte Tage, wo
ich nicht zur Arbeit gegangen bin. Vereinzelt. Aber
Der Anteil migrantischer Unternehmer in Wien ist sehr das hat der Chef mir nicht übel genommen. Hab
hoch. Sollte das auch am Arbeitseinsatz liegen? ich den Tag halt eingearbeitet. Vielleicht ist heute
Migranten können auf den Märkten tatsächlich ja auch die Konkurrenz zu stark.
nur überleben, weil sie ausbeuten: sich selbst, 9dk=d^b`ja_]jdYf\]l]9cYfC]kcafYe>dm_`Y^]f
die Familie und die wenigen Angestellten. Meine Finden Sie es komisch, dass man migrantische K[`o][`Ylealro]aE]dgf]fmfl]je9je&@]ml]akl]j
zwei Kinder gehen ihrer eigenen Arbeit nach, UnternehmerInnen jetzt so speziell hervorhebt? ]j^gd_j]a[`]jMfl]jf]`e]jmf\Oajlk[`Y^lkn]jlj]l]j&
aber am Wochenende kommen sie auf den Markt, Ich finde das nicht komisch, ich freue mich darü-
um mitzuhelfen. Unsere Arbeitswoche endet am ber. Ich mach ja deshalb diesen Job, weil ich will,
Sonntag um zwölf und die nächste hat schon um dass das in der Öffentlichkeit vorkommt. In der EU
elf begonnen. So wars zumindest zwanzig Jahre gibt’s schon ganz andere Förderungen und Mög-
lang. Das heisst wenig Lebensqualität. lichkeiten. In Belgien und Holland ist die Stellung
der Migranten auch eine ganz andere.
Dafür aber Chancen auf sozialen Aufstieg?
Als Kleinunternehmer gibt’s das glaub ich nicht. Geht’s um das bessere Image?
Egal wie gut du Deutsch sprichst, du kannst dir Sicherlich. Aber auch um gesetzliche Fragen wie
nicht leisten, jemanden anzustellen. Du musst das passive Wahlrecht. Das ist eines meiner Ziele.
immer selbst im Geschäft stehen. Bei Einheimi- Bis zur Kammerreform 2010 spielt‘s das aber
schen funktioniert das manchmal, aber bei den nicht. Der ÖVP-Wirschaftsbund und die Fachliste
Migranten spür ich die Angst sehr stark, dass es Freiheitliche Unternehmer haben abgelehnt.
nicht gut genug laufen könnte, wenn man nicht
selbst vor Ort ist. Braucht Wien mehr ausländische Unternehmens-
gründungen?
Die Stadt Wien jedenfalls freut sich: Sie will 150 Lehr- Das weiß ich nicht. Aber wenn jemand Unterneh-
linge bei migrantischen Unternehmen unterbringen. mer werden will, dem stehe ich zur Seite.
Wie soll das bei Einzelunternehmen gehen?
Das Problem sind die Ausbildner. Als Ausbildner Zu einem anderen Thema: Fallen ihnen rassisti-
muss man eine Meisterbrief haben, den besitzen sche Beschmierungen an Wiens Hauswänden auf?
viele Migranten nicht. Ich hab das auch nicht. Aber Besonders vor den Wahlen.
die Staträtinnen Renate Brauner und Sandra Frau-
nberger haben die Absichtserklärung gegeben, Hauseigentümer sagen meist, wie komme ich dazu,
dass sie den 150 Lehrlingen 150 Ausbildner bei- ständig meine Fassade zu renovieren?
stellen. Da haben sie Recht. Da müsste man den Haus- Zur Person:
eigentümern etwas zuschießen. Dafür müssten Akan Keskin wurde 1957 in Istanbul gebo-
Und dann...? sie aber auch gesetzlich verpflichtet werden, die ren. Mit elf Jahren holten ihn seine Eltern
Geht das so: Wenn ich einen Lehrling aufnehme, Beschmierungen zu entfernen. nach Österreich. Nach einer KFZ-Lehre
stellt die Stadt Wien mir unentgeltlich einen Ausbil- und der Arbeit als Schlosser machte er
dner zur Verfügung. Der kommt hierher, überprüft Bürgermeister Häupl bezeichnet das als Unsinn. sich als Marktstandler selbständig. Schon
die Arbeitssituation und erzählt dem Lehrling, was Nach dem Motto: Ein öffentlicher Fonds bedeutet bald kürten ihn die Standler des Nasch-
er zu wissen hat. Wie er kellnern soll und so weiter. eine Benachteiligung der sozial Schwachen. marktes zu ihrem Sprecher. Später wurde
Was ein Ausbildner eben so macht. Ich kommentiere das jetzt nicht. Ich bin nicht dieser er Obmann der Markstandler in der Wirt-
Meinung. Steuern sind dazu da, um das Zusam- schaftskammer Wien und Vizepräsident
Wieviele Lehrlinge werden Sie aufnehmen? menleben zu verbessern. Wie man den Mist in der des Sozialdemokratischen Wirschafts-
Ich könnte zwei aufnehmen. Aber ich bin ja nicht Stadt wunderbar wegräumt, sollte man auch ras- verbandes. Keskin ist verheiratet und hat
nur Unternehmer, sondern auch Funktionär in der sistische Beschmierungen wegräumen. Und das zwei erwachsene Töchter.
Wirtschaftskammer. Ich habe bei anderen Betrei- sollte man aus dem Steuertopf finanzieren.
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KOMMENTAR VON ANDREAS GÖRG:

DES KAISERS
NEUE
KLEIDER

>b`^gmeb\a[k‚n\am^
]b^l^lEZg]^bg^  Alle wissen es, dachte der Minister, als
er seinen Blick über die KollegInnen im
Ministerrat schweifen ließ. Aber niemand
matInnen mit dunklerer Hautfarbe sicher. Wie sol-
len wir unseren eifrigen Polizeikräften Offenheit
beibringen?! Sie tun doch genau das, was der Sou-

>bgpZg]^kng`lp^ee^%nf sagt etwas. Niemand von uns würde das poli-


tisch durchstehen. Es ist wie im Märchen. Nie-
verän verlangt. Dabei wissen alle: Die Fremdenge-
setze sind kompletter Schwachsinn. Nicht mal Wis-
]^g;^o’ed^kng`l^bg[kn\a mand möchte dumm dastehen. Daher halten alle senschaftlerInnen lassen wir mehr ungehindert ins

+)*.Z[sn_Zg`^g':ee^ den Mund. Niemand sagt dem Souverän, dass


alles eine Luftblase ist. Stattdessen ziehen wir den
Land. Totale Paranoia, ja, das liebt Ihr. Das Fremde
ist Eure härteste Vergewaltigungsphantasie. Da
pbll^g]Zl':[^k Souverän langsam aus. Immer weniger Wohlstand, kriegt ihr es mit der Angst zu tun. Da lauft ihr dann

gb^fZg][^bAh_^lZ`m immer weniger Rechte. Das Volk ist ein masochis-


tischer Souverän. Alle Macht geht vom Volk aus,
zu Daddy und macht alles, was ich will, weil sonst
lass ich den bösen Mann in den Käfig, harhar.
^leZnm':glb\am^g^bg^l aber sie kehrt nicht zu ihm zurück. Das Volk ruft

Fbgblm^kl—[^k]Zlpha& nach einem starken Mann. Es bekommt, was es


sich wünscht: einen Knebel und ein paar Klapse
DEKADENTES SPIEL Es ist nichts als ein deka-
dentes Spiel mit Kollateralschäden. Ein paar Tote,
eb`^@^_Zg`^gl^bgbg^bg^f auf den Hintern. Ja, die Zeiten werden härter für ein bisschen Folter. Wir leben in einem Märchen.

FZ\amo^ka‚emgblgZf^gl Euch, meine Schäfchen. In ein paar Jahren wird


das Pensionssystem zusammenbrechen. Und alle
Ich hoffe nur, dass mich dieses Spiel niemals anö-
det. Irgendwann einmal wollte ich Politiker sein,
GZmbhgZelmZZm' wissen es. wollte etwas bewegen, wollte die Zukunft gestal-
Puh, in der Regierung, die dieses Erdbeben zu ten. Größenwahnsinnig war ich. Heute weiss ich,
AddmkljYlagf2H]lbY<aealjgnY verwalten hat, möchte ich nicht sein. Tja, Pech dass ich nicht viel mehr als die kollektive Dumm-
gehabt, meine Schäfchen! Einen starken Mann, heit verwalten kann. Machtspiele sind geil, gei-
der Euch einen Krieg anzettelt und Euch so rich- ler als Ideale. Warum sollte gerade ich den Kopf
tig schmerzhaft in den Arsch fickt, das wird es in hinausstrecken?! Ihr würdet mich sofort enthaup-
der EU nicht so leicht spielen. Stattdessen wer- ten. Oder bin ich einfach nur feig? Ja, wahrschein-
den Leute wie ich an der Macht bleiben. Es wird lich bin ich das, aber nicht feiger als alle anderen.
sich nichts ändern. Wir verwalten Euch, wir fesseln Ach was soll´s. Irgendwann wird es ohnehin enden.
Euch und schlagen Euch immer nur ein bisschen, Irgendwann, wenn der Souverän ganz nackt ist und
damit Ihr Euch an das Schmerzniveau gewöhnt. sich selber dumm fühlt, dann wird ein unschuldiger
Das mögt Ihr doch auch. Wir machen keine Poli- Mund die Wahrheit in einem Moment aussprechen,
tik, wir können nicht an die Zukunft denken, weil wo sie niemand überhören kann. Dann werde ich
Ihr das gar nicht wollt. Wir spielen für Euch “Reich schon über alle Berge sein. Also lasst uns weiter
und schön”, wie es sich für einen Hofstaat geziemt, Machtspiele spielen und die Feinheit der Luftbla-
und Ihr liebt es. Eigentlich bräuchte dieses Land sen bewundern.
eine Einwanderungswelle, um den Bevölkerungs- Jetzt denkt Ihr vielleicht: Platter geht´s nicht! Aber
einbruch ab 2015 abzufangen. Alle wissen das. es geht mir gar nicht so sehr um einen Angriff auf
Aber niemand bei Hofe sagt es laut. die Regierung. Es geht mir um unser masochisti-
Die Wissenschaft ist sich längst einig: Wirtschaft- sches Verhältnis zum Nationalstaat. Wenn wir uns
liches Wachstum entsteht besonders dort, wo befreien wollen, braucht es mehr als verhaltenes
Flexibilität und technische Innovation mit einem Raunzen.
gesellschaftlichen Klima der Offenheit gegenü- Bitte um Vor/Schläge an andreas@no-racism.net.
ber Vielfalt zusammentreffen. Klima der Offenheit, Andreas Görg,
dass ich nicht lache. Bei uns sind nicht mal Diplo- Minister für ungewöhnliches Raunzen.
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 Autonome Vorboten einer kosmopoli-


tischen WeltbürgerInnengesellschaft für
die einen, fleischgewordenes Bedro-
hungsszenario für die anderen – zumindest an pau-
zu definieren, wer da aus den migrantischen Com-
munities mit welchen Zielen kämpfen sollte. Und,
Streik sollte als Kampfmittel auch in der poli-
tischen und nicht nur in der sozialen und ökono-
leicht sogar branchenübergreifend realistisch ist,
sei erstmal dahingestellt. Ebenso die Frage, ob in
diesen Bereichen migrantische Arbeitskraft nicht
relativ einfach zu ersetzen wäre.
schalisierenden Fremdzuschreibungen ermangelt mischen Auseinandersetzung gedacht werden. Ein MigrantInnenstreik im Gesundheits- und Pfle-
es MigrantInnen nicht. Jede/r hat da offenbar eine gewesen brächte hingegen tatsächlich weite Teile
eigene Idee über die gesellschaftliche Funktion PFLEGESTREIK: ÖSTERREICH LIEGT LAHM Österreichs zum Stillstand. Man könnte meinen,
von Menschen, die sich aus den unterschiedlichs- Mit etwas gutem Willen wären hierzulande wohl die Pflegedebatte der letzten Monate würde gera-
ten Motiven über den Erdball bewegen. Während problemlos die gesellschaftlichen und ökono- dezu nach Kampfmaßnahmen von illegalisierten
aber die “Grenzen-Dicht”-Fantasien der Stamm- mischen Felder für entsprechende migrantions- wie auch legal in Österreich lebenden Migran-
tische unter aufgeklärten BürgerInnen rasch als politische Aktivitäten zu benennen. Dass etwa die tInnen schreien – im übrigen auch nach der Unter-
rassistisches Ressentiment enttarnt sind, stehen Baubranche ohne migrantische Arbeitskraft den stützung durch die zuständigen Gewerkschaften.
andere – zweifellos weltoffenere – Funktionszu- nächsten Boom selbst in Österreich, geschweige Würde doch das österreichische Gesundheits-
schreibungen an “die” MigrantInnen bedeutend denn in europäischer Perspek tive, nur sehr und mehr noch das Pflegewesen ohne migran-
seltener in der Kritik. Was also wäre von der “Uto-
pie” eines MigrantInnenstreiks zu halten?
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GEMEINSAME ZIELE Streik ist immer dann ng]I×^`^p^l^g[k‚\am^abg`^`^gmZml‚\aeb\a
erfolgreich, wenn hinter der Ankündigung, die
Arbeit nieder zu legen, auch ein veritables Bedro-
p^bm^M^be^}lm^kk^b\alsnfLmbeelmZg]'
hungsszenario steht. Wenn die Streikenden also
den ArbeitgeberInnen halbwegs glaubhaft größe- schwer in klingende Münze verwandeln kann, ist tische Arbeitskraft von heute auf morgen zusam-
ren ökonomischen Schaden durch den Ausstand kein Geheimnis. Ökonomisch noch fatalere Folgen menbrechen. Entsprechende Verhandlungsmacht
anzudrohen wissen. hätte wohl eine Arbeitsverweigerung durch Mig- wäre also durchaus vorhanden, ein für einen
Ein er folgreicher Streik setzt demnach eine rantInnen in diversen Dienstleistungsbranchen – erfolgreichen Streik notwendiges Drohszenario
bestimmte Machtposition sowie ein gemeinsames im Land der Berge, Ströme und Seen zuallererst problemlos aufzubauen.
Ziel der Streikenden voraus. Welche gemein- zweifellos im Fremdenverkehr, in der Gastronomie Freilich müssten entsprechende Kampfmaßnah-
samen sozialen Interessen haben aber der nie- und Hotellerie. men auf diesem Feld auch eine politische Dimen-
dergelassene praktische Arzt und die illegalisierte Wie weit eine Mobilisierung von MigrantInnen für sion entfalten: Beträfen sie doch neben klas-
Reinigungskraft? Es ist also notwendig, genauer einen Generalstreik in diesen Bereichen und viel- sischen gewerkschaftlichen Forderungen, Tarife
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Ea_jYflAff]fklj]ac]f2N]joYakl]:]`Yf\dmf_kjme]
mf\L–je]ngf\j][ca_]e?]k[`ajj&

und Arbeitsbedingungen betreffend, auch jene ten die Beschäftigungszahlen aufgrund von Out- sah, einzulenken und mit der Gewerkschaft einen
nach der Legalisierung des Aufenthaltsstatus bzw. sourcing-Maßnahmen und im Gefolge des dama- Kollektivvertrag abzuschließen. Die Kampagne
Bleiberechts, aber auch nach zusätzlichen öffent- ligen Baubooms in die Höhe, andererseits konn- insgesamt wurde zur erfolgreichsten Gewerk-
lichen Mitteln für den Pflegebereich. ten die Gewerkschaften davon aber nicht profitie- schaftsaktion in der Latino-Community der 80er
Damit wären aber letztlich auch die Knotenpunkte ren. Der Organisationsgrad unter den Reinigungs- und 90er Jahre und fand auch in anderen Städten
für politische Allianzen zwischen migrantischen kräften sank vielmehr rapide. Das lag im wesent- Nachahmung. Wesentliche Eckpfeiler der entspre-
Communities, sozialen Bewegungen und Gewerk- lichen daran, dass der Anteil von Frauen und chenden Kampagnen waren jeweils die Selbst-
schaften markiert. Allianzen, die selbst im arbeits- Immigranten an den Beschäftigten in der L.A.- organisation der betroffenen MigrantInnen und
kampfscheuen Österreich einer entsprechenden Reinigungsbranche in die Höhe schnellte. In die- die Unterstützung ihrer Kämpfe durch die Com-
Streikinitiative zu einem veritablen Erfolg verhel- ser Community war aber für die SEIU mit einer munity.
fen könnten. traditionellen, bürokratisch von oben gelenkten
und an den Interessen von “weißen” Stammbe- SELBSTORGANISATION Für Traditionalisten
USA: STREIK DER PUTZKOLONNEN Wie sich legschaften orientierten Kampagne kein Blumen- überraschend, waren es also scheinbare „Rand-
eine derartige Initiative erfolgreich entwickeln topf zu gewinnen. gruppen“, zumal solche, die keineswegs in strate-
lässt und wo deren Grenzen liegen, zeigen die Also setzten die SEIU-AktivistInnen Ende der 80er gisch bedeutenden Positionen tätig sind, die eine
Er fahrungen der US-Dienstleistungsgewerk- Jahre stattdessen sowohl thematisch als auch wichtige Gewerkschaftskampagne zu einem über-
schaft SEIU. Mit ihrer “Justice for Janitors”-Kam- organisatorisch auf Öffnung der Gewerkschaften zeugenden Erfolg führten.
pagne versuchte die SEIU Ende der 80er Jahre sowie Entfaltung öffentlichen Drucks gegenüber Tatsächlich war es wohl die Verbindung aus poli-
der schwindenden gewerkschaftlichen Vertretung den Reinigungsfirmen. Entsprechend konzipierten tischer Community-Arbeit und gewerkschaft-
von HausmeisterInnen und GebäudereinigerInnen sie die “Justice for Janitors”-Kampagne bewusst licher Kampfmaßnahmen, die wiederum auf eine
(eben: Janitors) im Großraum Los Angeles gegen- auf Aktivierung der Beschäftigten und Unterstüt- Mischung aus Selbstorganisation/Empowerment
zusteuern. Sie verdichtete damit ihre Orientierung zung durch deren Communities hin. und Unterstützung durch einen professionellen
auf eine verstärkte “Organisierung der Unorgani- Den Durchbruch erlebte die Kampagne in Los Apparat setzten, die im Kontext einer öffentlichen
sierten” zu einer stringenten Strategie, die erst- Angeles, als DemonstrantInnen während einer Debatte über grundsätzliche gesellschaftliche
mals die Neuzusammensetzung der US-Arbei- medienwirksamen Aktion im Sommer 1990 brutal Entwicklungen den Nerv der Zeit traf und dabei
terklasse ernst nahm. Darüber hinaus leitete sie von der Polizei angegriffen wurden. Die öffentliche MigrantInnen als wesentliche Subjekte der immer
so eine grundlegende Demokratisierung gewerk- Empörung sowie die massive Mobilisierung der noch andauernden Kämpfe um die konkrete Aus-
schaftlicher Kampagnenpolitik ein. L.A.-Latino-Community für die Rechte der Jani- gestaltung prekarisierter Arbeits- und Lebensver-
Damals unterlag der Gebäudereinigungs-Sektor tors führte schließlich dazu, dass sich die größte hältnisse ins Zentrum gesellschaftlicher Kämpfe
einem tiefgreifenden Wandel: Einerseits schnell- Gebäudereinigungsfirma der Stadt gezwungen rücken ließ.
++&EGE=FL1=HLLB>K3EA?J9FLAK;@=?9KLJGFGEA=

O=JAK K!L  Aus dem österreichischen Alltag ausbrechen, ein


wenig südländisches Flair genießen und dazu original
italienische Küche. Diesen Luxus gönnen sich Herr und
Frau Österreicher regelmäßig in den unzähligen italienischen
Restaurants, die die heimische Gastronomielandschaft berei-

AL9DA=FAK;@7
chern. Mit der üppig belegten, dampfenden Pizza vor der Nase,
dezenter italienischer Musik im Hintergrund und in einem som-
merlich-gemütlichen Garten, womöglich sogar noch im Schat-
ten wilder Weinreben, ist „bella Italia“ spürbar nahe. Doch der
Schein trügt. Der vermeintliche Italiener ist in den meisten Fäl-

BmZeb^gbl\a^K^lmZnkZgml`b[m^lpb^ len schon seit jeher Ägypter oder Türke und gehört damit jenem
Feindbild an, das so mancher Bürger dieses Landes sehr eifrig
LZg]ZfF^^k';^bg‚a^k^k;^mkZ\amng` pflegt. Beim Genuss des vermeintlich italienischen Essens ist

e’lmlb\a]Zll—]e‚g]bl\a^:f[b^gm^ von dieser Feindseligkeit freilich wenig zu spüren.

Zee^k]bg`ll\ag^eebgEn_mZn_' PIZZA AUS LEIDENSCHAFT Usama ist Anfang 40 und kam vor
20 Jahren von Ägypten nach Österreich, seit drei Jahren gehört
L]pl2Ea[`Y]dO]až>glg2H]lbY<aealjgnY ihm die „Pizzeria Mamanoso“ im 19. Wiener Gemeindebezirk.
Er sieht den Grund für die Dominanz der MigrantInnen in sei-
ner Branche vor allem in den schlechten Arbeitsbedingungen.
„Als Pizzakoch arbeitet man normalerweise zwölf Stunden am
Tag. Wenn man Familie hat, hat man dafür nicht genug Zeit. Als
Zuwanderer, der allein nach Österreich kommt, ist man aber
dankbar für jede Arbeit“. Mittlerweile ist Usama verheiratet und
hat drei Kinder, mit ein Grund für die Entscheidung, sich selb-
ständig zu machen. Auf die Frage, warum er italienisches Essen
verkauft und nicht mit einem ägyptischen Restaurant etwas
Neues versucht, antwortet er schlicht: „Weil ich nicht ägyptisch
kochen kann. Ich habe immer schon Pizza gemacht.“

SOZIALE AUFSTEIGER Wenn die Pizzeria schon nicht von Ita-


lienerInnen betrieben wird, so möchte man meinen, wurde sie
doch wenigstens irgendwann von welchen gegründet. Weit
gefehlt. Diese Gastroszene wurde gar nicht von Ägyptern und
Türken übernommen, sondern vielmehr von ihnen geschaffen.
„Die italienischen Immigranten haben immer nur Eis verkauft,
die Fast-Food-Marktlücke, in die die Pizzerias gestoßen sind,
wurde von anderen entdeckt“, meint der Sozialforscher und
Migrationsexperte August Gächter. Auch den typischen sozi-
alen Aufstieg vom Zeitungskolporteur zum Pizzakoch und wei-
ter zum Pizzeriabetreiber bestätigt Gächter. Ob und wie die-
ser seine Fortsetzung finden wird, kann allerdings auch er nicht
abschätzen. „Ich halte es aber für möglich, dass viele dieser
Restaurants, zumindest an den guten Standorten, von der zwei-
ten Generation übernommen werden. So öffnet sich der Weg in
die Mittelschicht.“
Original italienisch ist also kaum etwas an der eingangs
geschilderten Szenerie. Einzig die Pizza selbst hält einem prü-
fenden Blick zunächst stand. Doch auch diese kommt nur in
ihrer einfachsten Form wirklich aus Italien. Die üppig belegten
Fast-Food-Pizzas, die man heute serviert bekommt, wurden
zwar von italienischen MigrantInnen erfunden, allerdings in
den USA. Erst von dort verbreiteten sie sich über die ganze
Welt. In Österreich interessiert das kaum jemanden. Vermut-
lich ist es aber auch besser so. Die Ägypter und Türken hät-
ten sonst vielleicht weniger Erfolg, wenn sie nicht als Italiener
Ngfo]eoaj\\YkljY\alagf]ddalYda]fak[`]?]ja[`l_]ZY[c]f7
erkannt würden.
Di, 16.10.07 | Szene Wien
GNAWA HALWA – Derwische aus Marokko
Do, 18.10. – Sa, 20.10.07 | Sargfabrik
AYNUR –– Die
Die junge
junge Stimme
Stimme der
der Kurden
Kurden *
Mo, 22.10.07 | Konzerthaus KHALED –– Der Der König
König des
des Raï
Raï +
Mi, 24. 10.07 | Konzerthaus
AMJAD ALI KHAN –– Der Der Meister
Meister auf
auf der
der Sarod
Sarod +
Do, 25.10.07 | Klub Ost
BARBARA FRISCHMUTH/MANSUR BILDIK/
HUBYAR SEMA RITUAL –– Literatur,
Literatur, Musik
Musik und
und Tanz
Tanz
Di, 30.10.07 | Szene Wien LES
LES BOUKAKES
BOUKAKES –– Rock’n
Rock’n Raï
Raï
Mi, 31.10.07 | Szene Wien
MERCAN DEDE & SECRET TRIBE: SUFI TRANCE
Fr, 2.11.07 | Konzerthaus
MUNADJAT YULCHIEVA & MIRZAEV ENSEMBLE ––
Gesänge
Gesänge von
von der
der Seidenstraße
Seidenstraße +
Sa, 3.11.07 | Porgy & Bess ALP BORA
Mo, 5.11.07 | Konzerthaus
CULTURE MUSICAL CLUB OF ZANZIBAR –
Taraab Orchestra +
Mi, 7.11.07 | Porgy & Bess

Programmänderungen vorbehalten!
LENA CHAMAMYAN –– Ethno-Jazz
Ethno-Jazz aus
aus Damaskus
Damaskus
Fr, 9.11.07 | Sargfabrik
OMER IHSAS & THE PEACE MESSENGERS ––
Afro-Pop
Afro-Pop aus
aus dem
dem Sudan
Sudan *
Sa, 10.11.07 | Restaurant Nayeb
HAFLA –– Ein
Ein arabisches
arabisches Fest
Fest mit
mit Tanz
Tanz &
& Musik
Musik
INFO UNTER: www.szenewien.com | +43 (0)1 749 33 41
* in Kooperation mit der Sargfabrik
+ in Kooperation mit dem Wiener Konzerthaus im Rahmen von world - Musik der Welt
Mein Julius hat keine Lust mehr auf ein dienstbotenartig gesenktes Haupt. Er geht, wann er will. Und wohin er will. Wenn
er nicht will, bleibt er. Sein Leben ist kein Schicksal, aber er nimmt es selbst in die Hand. Wie die Bilder, die in der
Öffentlichkeit von ihm existieren. Rassistische Klischees haben im öffentlichen Raum nichts verloren, egal ob es dabei um
verhetzende Beschmierungen auf Hauswänden oder um das “traditionsreiche” Logo einer Kolonialwarenhandlung geht.

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Ins_allg_Wie ichs schaff ... 11.07.2007 10:07 Uhr Seite 1

Ich dreh ständig


ein Ding.
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BlackAustria_News.indd 2 09.01.2007 17:04:08 Uhr

Ich leg euch gleich


ein paar auf.
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EZA – NATÜRLICH FAIR

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BlackAustria_News.indd 3 09.01.2007 17:09:52 Uhr


F=M=KNGF>J9M:G;CEGE=FL1È+0

NEUES
VON
FRAU BOCK
>iblh]^gZnl]^kFbmm^ngl^k^k@^l^eel\aZ_m'

>d–[`ldaf_k`]d^]jafMl]:g[c& DAS BEGABTE MÄDCHEN DER ISLAM UND DAS KREUZ EIN ROM MIT HERZINFARKT
>glg2EY_\Yd]fY:dYk[r[mc Eine Frau aus Indien flüchtet aus Frau Bock quartiert zwei Familien Ein Rom aus Rumänien: „Er war seit
dem Flüchtlingslager Traiskirchen, in einem Haus in einem kleinen fünf bis sechs Jahren hier, ist der
weil sie sich dort um ihre vier Kinder Ort in der Steiermark ein: eine Öffentlichkeit nie zur Last gefallen,
Spenden an:
und deren Zukunft Sorgen macht. armenische – also christliche hat schwarz gearbeitet. Bis zum
Verein Ute Bock, Spendenkonto
Sie schafft es, im 3. Bezirk eine – und eine tschetschenische Umfallen – Herzinfarkt. Der war so
Hypo Bank Tirol, BLZ 57 000,
Existenz aufzubauen, arbeitet als – also muslimische. „Die Frau aus schwer, dass er fast nicht überlebt
Konto Nr. 520 110 174 99
Putzkraft. „Die Inder“, sagt Frau Armenien“, erinnert sich Frau Bock, hat. Im Hanuschkrankenhaus
www.fraubock.at
Bock, „helfen sich gegenseitig gut.“ „hat ausgesehen wie ihre eigene wurde er operiert, der Arzt hat
Indem die Frau das Bundesland Großmutter: grau, eingefallen, eine ihn dann am Kafreitag entlassen.
wechselt, riskiert sie ihre Grund- schlecht behandelte Schußver- Der Mann kommt zu mir mit einer
versorgung. Ihre 16-jährige Tochter letzung, asthmatisch, die Kinder elendslangen Liste der Medika-
wird als hochbegabt eingestuft, krank. Die Familie hat 14 Tage am mente, die er braucht. Die kosten
ihre Lehrerin vermittelt einen Westbahnhof gehaust, im November. gesamt 279 Euro.“ Frau Bock ruft
Eignungstest auf der Rudolf Steiner Der Vater nervlich zerrüttet, zwei den behandelnden Arzt im Hanusch
Schule. Selbstmordversuche in Schubhaft.“ an: „Können Sie dem Mann nicht
Das Mädchen besteht und Auch die tschetschenische Familie wenigstens über die Feiertage die
erhält einen Freiplatz. Doch ihre stand auf der Straße. „Ich dachte Medikamente geben?“ Der Arzt:
Mutter hat nicht das Geld für die mir, wenn ich beide gleichzeitig in „Der hat soviel Besuch gehabt,
Schulkleidung, Schulbücher, ein dem Haus einquartiere, das mir die helfen ihm schon.“ Frau Bock:
Notebook. Nicht verzagt, schnorrt eine Frau zur Verfügung gestellt hat, „Haben Sie nicht gesehen, dass
der Elternverein alles zusammen. dann wird das schon funktionieren. die Leute kein Geld haben?“ Er: „Ja
Los geht’s – noch nicht ganz. Frau Im Ort selbst haben sich die Leute dann hätte der Mann nicht gehen
Bock: „Die Direktorin ruft mich an gleich aufgebäumt, wie sie die sollen nach so einer schweren
und fragt, wie das Mädchen vom kleinen Kinder gesehen haben, die Operation.“ Frau Bock: „Ja und da
3. in den 23. Bezirk kommen soll. der Pfarrer in den Kindergarten riskieren Sie sein Leben?“ Er: „Der
Ich frage daraufhin bei den Wiener gebracht hat, war die Aufregung Mann ist ja freiwillig gegangen.“
Linien wegen einer Schulfreifahrt aber vorbei.“ Nur in der Landesleit- Frau Bock: „Eine Schwester des
nach. Die sagen mir wortwörtlich: stelle nicht, „was mir denn einfällt, Mannes hat Sie gefragt, ob er schon
‚Wir sind keine Sozialeinrichtung.’ in den Ort eine christliche und eine gehen könne.“ Daraufhin habe der
Dann ruf ich den Fonds Soziales muslimische Familien zu verlegen... Arzt einfach „Ja“ gesagt.
Wien an. Die lehnen ab, weil die Daraufhin hat der Pfarrer dort gleich Für Frau Bock ein ganz gewöhn-
Frau ja nicht in ihrer Grundver- einen Wirbel gemacht, mit Erfolg: licher Fall von Rassismus. Jetzt
sorgung ist. Und überhaupt: Dann seither sind die zwei Familien in der versucht sie ihm zur Grundver-
würden ja alle kommen.“ Sollte das Grundversorgung. Die muslimische sorgung zu verhelfen. Dort könnte
begabte Mädchen wirklich an einer Frau hat dann zum Beispiel Advent- der einfache Mann schon lange
Freifahrt scheitern? Also zahlt Frau kränze geflochten, auch ihr Mann ist sein, hätte er sich getraut, seine
Bock den Ausweis – sie tut es bis gut im Ort aufgenommen worden.“ Asylgründe geltend zu machen.
heute, weil’s die Stadt Wien nicht Und die zwei Familien unterein- P.S.: Die Medikamente hatte Frau
„kann“. ander? „Die haben sich bestens Bock noch am Karfreitag vom
verstanden, gemeinsam die Küche Krankenhaus der Barmherzigen
und das Wohnzimmer benutzt. An Brüder bekommen.
der Wand ist der Herrgott aus Holz gun
g’hängt und dem wars auch wurscht,
dass die einen Muslime war’n.
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H9J>ME<A=:=
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ng]pZknfbag^g]Zlh[^k’lm^kk^b\abl\a^=hk_
Ln[^gk^`^ek^\am]Zgd[Zkblm'
L]pl2=dna]jC–`djYme>glg2EY_\Yd]fY:dYkr[rmc

Frau Hofinger, Sie haben die Situation von Auslän- sich schwieriger. Ein Anstaltsleiter sagte mir ein- reguläres Einkommen nachweisen können oder
dern in österreichischen Gefängnissen untersucht. mal, wenn er 100 Arbeitsplätze hat und 200 Insas- immer wieder erwischt werden, nimmt die Justiz
Werden ausländische Häftlinge dort diskriminiert? sen, dann sei „der Russe“ oder „der Georgier“ der Gewerbsmäßigkeit an – dadurch verzehnfacht sich
Ausländer, das versicherten mir Justizbeamte im letzte, der drankommt. Ein modernes Verständnis der Strafrahmen. Das Risiko inhaftiert zu werden,
Rahmen der Studie, würden völlig gleich wie Inlän- von Resozialisierung wäre aber: berufliche Ausbil- steigt also enorm.
der behandelt. Das Paradoxe daran ist: Genau das dung in Haft und vielleicht sogar eine Arbeitsstelle
kann auch diskriminierend wirken. Fremde haben für die Zeit danach. Durch den Kontakt nach drau- Im Gefängnis im oberösterreichischen Dorf Suben
eine andere Ausgangsituation, sprechen häufig ßen sollten zudem soziale Bindungen gestärkt wer- gibt’s einen besonders hohen Ausländeranteil.
nicht gut Deutsch, erhalten weniger Besuch. Sie den, damit der Häftling nach der Entlassung einen Wieso?
verfügen oft über keine feste Wohnadresse und sozialen Empfangsraum vorfindet, wie Experten Österreichweit liegt der Ausländeranteil bei rund
wandern daher schneller in Untersuchungshaft. das nennen. 45 Prozent, in Suben sind es knapp 70 Prozent –
fast die Hälfte der Insassen dort kommt aus Afrika.
Was bedeutet das für den Strafvollzug? Wie könnte man hier entgegenwirken? Suben ist ein interessanter Ort: Die Anstalt liegt
Gefängnisse werden gesetzlich dadurch legitimiert, Die grundsätzliche Frage ist, wieso wir Menschen mitten in einem kleinen Dorf in Oberösterreich,
dass Menschen dort resozialisiert werden. Die monatelang einsperren. Ist es wirklich notwen- direkt neben der Kirche. Aus fast jeder Familie
Bestrafung ist auch ein Aspekt, der Hauptzweck dig, ausländische Ladendiebe hinter Gittern zu arbeitet jemand im Gefängnis. Die Anstalt hätte
soll aber die Wiedereingliederung in die Gesell- sehen? Ist das Gefängnis wirklich für jene da, die vor einigen Jahren zugesperrt werden sollen, weil
schaft sein. Nun stellt sich die Frage: Wie soll man der gewerbsmäßigen Kleinkriminalität verfallen? sie als unmodern galt und als zu weit fernab städ-
jemanden in die österreichische Gesellschaft reso- Statistiken zeigen ja, dass immer mehr Ausländer tischer Zentren. Man erzählte mir, dass man sich
zialisieren, der nach der Entlassung nicht legal in wegen kleinerer Delikte sitzen, für die Österreicher damals informell auf Ausländer spezialisiert hat
Österreich leben darf? meist nicht eingesperrt werden. unter dem Motto: „Dann nehmen wir halt alles“ –
so konnte das Gefängnis samt den damit verbun-
Heißt das, Ausländer kommen gar nicht in den Was sind denn die häufigsten Delikte, für die Haft ver- denen Arbeitsplätzen erhalten werden.
Genuss von Resozialisierungsprogrammen? hängt wird?
Es ist nicht so, dass man Ausländer von Resozi- Vorweg: Die Mehrheit der Insassen in Österreichs Die inhaftierten Ausländer haben den Subenern also
alisierungsmaßnahmen und Vollzugslockerungen Gefängnissen ist nicht gefährlich und muss nicht die Jobs garantiert?
ausschließt, weil sie Ausländer sind. Aber bei ihnen zu unserem Schutz weggesperrt werden. Die Genau. Das kann man dem Dorf freilich nicht vor-
wird öfter Fluchtgefahr angenommen, sie erhalten Hälfte der Gefangenen sitzt wegen Drogen- und werfen. Aber das erklärt auch ein wenig, warum die
deshalb viel seltener Aus- und Freigang. Auch die Diebstahlsdelikten, bei den Ausländern ist die- Situation in den Interviews, die wir geführt haben,
Beschäftigung in Gefängnisbetrieben gestaltet ser Anteil noch viel höher. Weil diese Leute kein nicht als änderungsbedürftig erlebt wurde.
AFL=JNA=OEGE=FL1È+2

Sie haben auch in anderen Justizanstalten Interviews dass sie in Zellen hinein gehen müssen, in denen Wieso sind manche Gruppen von Ausländern bei den
geführt. Welche Probleme sehen Justizbedienstete es 45 Grad hat, und wo zehn Mann drin sitzen. Anzeigen überrepräsentiert?
mit ausländischen Insassen? Ein Grund ist sicher die Arbeitssituation. Asylwer-
Sie klagen insgesamt weniger über den hohen Aus- Sprechen wir über den hohen Ausländeranteil in Haft. ber aus Afrika beispielsweise haben oft enorme
länderanteil als über den Überbelag – die Gefäng- Sind Ausländer denn krimineller? Schulden und stehen unter dem Druck ihrer
nisse sind voll wie seit Jahrzehnten nicht. Auslän- Bestimmte Nationalitäten sind in der Anzeigensta- Schlepper. Auch ihre Verwandten erwarten Geld.
der werden nicht als prinzipiell schwierige Insassen tistik überrepräsentiert, besonders bei den genann- Doch in Europa ist ihnen der legale Arbeitsmarkt
gesehen, außer jene aus den Ex-Sowjetrepubliken. ten Delikten Diebstahl und Drogenhandel. Aus- versperrt. Nun treffen sie auf Communities, die
Mit ihnen gibt es zum Teil große Verständigungs- länder wandern aber auch schneller ins Gefäng- ihnen illegale und scheinbar lukrative Jobangebote
schwierigkeiten; ein Personalvertreter beklagt im nis. Zum einen profitieren sie weniger von der so machen – etwa Drogenhandel oder Prostitution.
Interview, man habe die Kommunikation verloren. genannten Diversion also Geldbußen, gemein- Sie sind bereit ein enormes Risiko einzugehen. Ziel
Die Beamten fürchten vor allem auch eine ausge- nützigen Leistungen oder dem außergerichtlichen muss es sein, diese Communities besser verstehen
prägte Gefängnis-Subkultur. Manche dieser Insas- Tatausgleich. Ein anderer Nachteil ist die häufiger zu lernen. Dazu gibt es leider kaum wissenschaft-
sen bringen Bürgerkriegserfahrung mit, oft sind sie verhängte Untersuchungshaft – ist jemand ein- liche Forschungen.
traumatisiert, und viele sind drogensüchtig. mal inhaftiert, werden meist teilbedingte Haftstra-
fen verhängt und keine reinen Geldstrafen. Wegen N]jgfacY@gÕf_]jakloakk]fk[`Y^lda[`]
In ihrer Studie schreiben Sie, dass Afrikaner beson- Diebstahl kommt man als Österreicher nicht in Haft. EalYjZ]al]jafYeAfklalml^–jJ][`lk%mf\
ders beliebte Insassen sind. Zumindest nicht wegen ein paar Parfumflaschen. CjaeafYdkgragdg_a]afOa]f&
Das wichtigste im Gefängnis ist die Anpassung
der Insassen an den Gefängnisalltag. Afrikaner, so
erzählen es die Beamten, würden sich besonders
gut anpassen. Ich habe ungewöhnliche Szenen
beobachtet: In Suben sitzen Afrikaner in Werkstät-
ten und basteln Mausefallen, so genannte Hausar-
beiter wünschen Besuchern höflich „Mahlzeit“. Ich
dachte: Hier also finden sie Arbeit! Das Paradoxe

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ist ja, dass Ausländer, die in Freiheit nicht arbeiten
dürfen, plötzlich in Strafhaft zur Arbeit verpflichtet
sind. Dieses kleine Dorf ist schon ein Panoptikum
weltpolitischer Phänomene. Menschen, die es aus
Subsahara-Afrika bis nach Österreich schafften
und irgendwann in Wien Drogen verkauften, töp-
fern dann in Suben Vasen, die am örtlichen Weih-
nachtsmarkt alle irrsinnig kreativ finden.

Nicht alle sind gegenüber Inhaftierten positiv einge-


stellt. Wie stehts um die Haltung der Beamten?
Da gibt’s sehr reflektierte Beamte und dann gibt’s
solche, die als Hardliner auftreten – letztere vor
allem in der Personalvertretung. Es wäre zu ein-
fach, Beamten pauschal Ausländerfeindlichkeit
vorzuwerfen. Dennoch behaupten manche, dass
das Gefängnis in Österreich für Ausländer über-
haupt nichts Schlimmes ist, sondern ein Fünf-Stern
Hotel. Unangenehm wird es dann, wenn Beamte
nur noch die eigenen Belastungen sehen, etwa
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Khan Waheed humpelt. Das Gebrechen ist ein Land geblieben sind? Und was passiert mit jenen einige Länder Europas geschickt. Welche Per-
Souvenir aus seiner Heimat. Der Mann war einmal Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die sonengruppen profitieren von welchem Modell?
Generalsekretär der Pakistanischen Volkspartei aber nicht in ihr Heimatland abgeschoben werden Welche Interessen stecken hinter den jeweiligen
in Kahuta. Dort, 40 Kilometer östlich von Islama- können, weil dort Krieg herrscht? Modellen? Und welche politischen Akteure und
bad, zerschossen ihm Schergen des politischen Während Österreich um ein Bleiberechtsmo- gesellschaftlichen Kräfte haben diesen Model-
Gegners 1998 die Beine. Waheed konnte bis nach dell ringt, lässt Karl Korinek, Präsident des len zum Durchbruch verholfen?
Österreich fliehen. Aber Waheed schlug sich bis Verfassungsgerichtshofs, aufhorchen. Er
Österreich durch. Die heimischen Behörden lehn- verwies im Juni auf ein Urteil des Europä- ÖSTERREICH – GERICHTE
ten seinen Antrag auf Asyl ab. Der Pakistani ging in ischen Gerichtshofs für Menschenrechte STATT POLITIK
Berufung und legte neue Beweismittel vor. Derzeit (EuGH), wonach Drittstaatsangehörige, Ehepaare werden auseinander geris-
prüft der Unabhängige Bundesasylsenat Waheeds die sich seit fünf Jahren im Land aufhal- sen, Familien im Morgengrauen abge-
Glaubwürdigkeit. Ein Papier fehlt im noch, er soll ten und integriert sind, nicht abgescho- holt, Kinder von der Schulbank weg
seine Haftzeit in Pakistan offiziell bestätigen las- ben werden dürfen. Dieses Bleiberecht, so abgeschoben. Immer öfter treffen die
sen. Das lange Warten auf einen endgültigen Korinek, sei eine Tatsache. Hält sich Öster- Härten des Fremdenrechts integrierte
Bescheid verbringt der Mann in diversen Notquar- reich nicht daran, riskiert es mit jedem Fall Ausländer; doch immer öfter stellen
tieren. Das bedeutet: fünf Jahre ohne Arbeit, ohne eine neuerliche Verurteilung durch den sich Einheimische schützend vor jene,
Perspektive. EuGH. Denn, die europäische Menschen- die sich in Österreich eingelebt haben,
In Österreich ist die Diskussion um das Bleibe- rechtskonvention steht über nationalem die arbeiten und Steuern zahlen. Kürz-
recht voll entbrannt. Wer soll überhaupt in den Gesetz. Die Bleiberechtsmodelle euro- lich drohte einer 80-jährigen, pflege-
Genuss des Bleiberechts kommen? Menschen, päischer Staaten lassen sich nur schwer bedürftigen Türkin die Abschiebung
die hier um Asyl angesucht haben und seit Jah- vergleichen. Um für die heimische Dis- in die Türkei, wo sie kaum jemanden
ren auf einen Bescheid warten? Ehemalige Sai- kussion dennoch etwas Licht in die kennt. Ihre Verwandten leben seit
sonarbeiterInnen, die sich bis heute in Österreich Sache zu bringen, hat Moment Khan langem in Vorarlberg. Lauter Einzel-
aufhalten? TouristInnen, die seit vielen Jahren im Waheed auf eine virtuelle Reise durch fälle. Das Innenministerium hatte die
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Parole ausgegeben: Darüber könne man lichen Dispens zu erneuern. Im


reden, am heimischen Fremdenrecht aber vergangenen Herbst einigten sich
sei nicht zu rütteln. die Innenminister auf ein Bleiberecht. In
Kürzlich warf SPÖ-Bundeskanzler Alfred Frage kommen dafür aber nur Familien,
Gusenbauer eine sehr eingeschränkte Bleibe- die mindestens sechs Jahre in Deutsch-
rechtsvariante in die Debatte: Nach zehn Jah- land gelebt haben und hier ohne staat-
ren Aufenthalt sollten Drittstaatsangehörige liche Hilfe über die Runden gekommen
ein Bleiberecht erhalten. Doch wenig spä- sind, sowie Alleinstehende, die das-
ter ruderte der Regierungschef schon wie- selbe acht Jahre lang geschafft haben.
der zurück. An ein automatisches Bleibe- Das Eintrittsticket für Deutschland ist
recht habe er nicht gedacht, bloß an huma- also ein regulärer Job. Laut ExpertInnen
nitäre Lösungen. Auf eine ähnliche Linie hatte hat dies nur jeder Zehnte. Mitte Juni
sich Innenminister Günther Platter (ÖVP) ein- beschloss der deutsche Bundestag
geschworen. Ein „generelles Bleiberecht“ daher eine weitere Bleiberechtsrege-
komme nicht in Frage, lautet die stereotype lung, von der nochmals einige Tausend
Antwort. Daran denken auch die Grünen nicht. profitieren könnten: Nämlich all jene, die
Sie haben ein umfassendes Bleiberechtsmodell es bis Ende 2009 geschafft haben, ihre Fami-
ins Parlament gebracht. lie ohne staatliche Hilfe über Wasser zu hal-
Mit einer Einmal-Aktion soll der Rucksack bei den ten. Kinder, Kranke und alle, die nicht arbeiten
Asylverfahren abgebaut werden: Flüchtlinge wie können, bleiben ausgeschlossen. Auch für Khan
der Pakistani Khan Waheed, der bereits länger als Waheed stünden die Chancen dort schlecht. Mit
drei Jahre auf seinen Bescheid warten muss, wür- seinen zerschossenen Beinen hat der Flüchtling
den zur Entlastung der Behörden einen Aufent- kaum eine Chance auf Arbeit.
haltsstatus erlangen.
Auch das De-Facto-Bleiberecht, auf das Höchs- FRANKREICH – REPUBLIKANISCHE PATEN-
richter Korinek hingewiesen hat, wollen die Grünen SCHAFTEN FÜR „ILLEGALE SCHULKINDER“
gesetzlich verankern. Derzeit muss dieses Recht Als Nicolas Sarkozy, damals Innenminister von
von den Betroffenen erstritten werden, wenn die Frankreich, im Vorjahr drohte, „illegale Schul-
C`YfOY`]]\Ög`ngjk]af]fH]afa_]jf Fremdenpolizei bereits ein Ausweisungsverfahren kinder“ abzuschieben, brachte er das halbe Land
YmkHYcaklYfmf\oYjl]lk]al^–f^BY`j]f eingeleitet hat. Meist bis vor den Höchstgerichten. gegen sich auf. Wütend protestierten Eltern, Leh-
Ym^\]f9kqdZ]k[`]a\& Eine Hürde, die für viele nicht zu nehmen ist. rerInnen, PolitikerInnen, KünstlerInnen, Journa-
 Die 80-jährige Frau aus der Türkei etwa ihr Bleibe- listInneen und VertreterInnen gegen die Auswei-
recht in einem gewöhnlichen Verwaltungsverfah- sung junger Papierloser („sans papiers“). Und in
ren beantragen. Und die pflegebedürftige Frau den Medien wurde Sarkozy als feiger „Kinderjä-
hätte beste Chancen. Neben der Dauer des Auf- ger“ verunglimpft. Unter großem medialem Getöse
enthalts muss laut Menschenrechtskonvention unterzeichneten prominente FranzosInnen „repub-
auch die familiäre und wirtschaftliche Veranke- likanische Patenschaften“, sogar
rung des Antragstellers in Gast- und Herkunfts- die Tageszeitung „Libe ration“
land berücksichtigt werden. Im Gegensatz zum nahm einen jungen
jüngst beschlossenen Modell unserer deutschen Abschiebekandi-
NachbarInnen haben die Grünen nicht detail- daten unter ihre
liert festschrieben, wer als integriert anzusehen Fittiche. Unter dem Druck die-
ist. Diese Entscheidung überlassen die gelernten ser landesweiten Solidaritätswelle
ÖsterreicherInnen lieber unabhängigen Gerichten erließ der Innenminister schließlich
als der parlamentarischen Mehrheit. großzügige Ausnahmeregelungen.
Ein generelles Bleiberecht will
DEUTSCHLAND – DEUTSCHE der inzwischen zum Präsidenten
GRÜNDLICHKEIT FÜR GESUNDE gewählte Sarkozy illegal im Land
LEISTUNGSTRÄGERINNEN lebenden AusländerInnen aber
Ein 23-jähriger Somalier flieht als Kind nach nicht gewähren. Im Gegenteil. Für
Deutschland. Ohne seine Eltern, ganz auf sich MigrantInnen, die am Arbeitsmarkt
gestellt. Bald schon spricht er wie ein Einheimi- nicht gebraucht werden, wird
scher. Sein Asylbescheid wird abgelehnt. Weil er die Latte immer höher gelegt.
nicht in sein Land – ein Kriegsland – zurück kann, So wurde etwa die Frist für die
„duldet“ die Fremdenpolizei seinen Aufenthalt. Familienzusammenführung ver-
Alle drei Monate muss sich der Geduldete bei den längert. In der Praxis müs-
Behörden melden, um seinen aufenthaltsrecht- sen EhepartnerInnen und
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Kinder vier Jahre lang warten, bevor sie nach- nister Jesús Caldera, der das Paket mit Gewerk-
ziehen dürfen. Selbst ein Ehering ist kein Garant schaften und Arbeitgeberverbänden ausgehan-
mehr, im Land bleiben zu dürfen. Wer nach der delt hatte. Andere EU-Länder, allen voran Öster-
Heirat mit einem/einer französischen Staatsange- reich, die Niederlande und Deutschland, fühlten
hörigen eingebürgert werden möchte, muss den sich übergangen und kritisierten den Alleingang:
Behörden nachweisen, dass er mit dem oder der Schließlich könne jeder, der legal in Spanien lebe,
Angetrauten mindestens vier Jahre in einem Haus- sich im gesamten EU-Raum niederlassen. Madrid
halt zusammen gelebt hat. spricht hingegen von einer “intelligenten Legalisie-
rung”. Die Begünstigten seien schließlich wegen
SPANIEN – LEGALISIERUNG GEGEN ihrer Arbeitsplätze an Spanien gebunden und dort
SCHATTENWIRTSCHAFT integriert.
Ein Armutsflüchtling aus einem afrikanischen
Land. Einmal am spanischen Festland, erwar- SCHWEIZ – AUFENTHALT FÜR OPFER
tet die Flüchtlinge das anstrengende Leben eines HÄUSLICHER GEWALT
„Clandestinos“. Doch die Chancen stehen gut, In der Schweiz wird das Bleiberecht als
dass eine Amnestiewelle sie irgendwann daraus Mittel gegen häusliche Gewalt eingesetzt.
erlöst. Seit 1985 gab es in Spanien davon sieben, Opfer prügelnder Ehegatt-Innen ebenso wie
die meisten noch unter der früheren konservativen Zwangsverheiratete, deren Aufent-
Regierung von José María Aznar. 2005 gewährte haltsbewilligung nach einer Schei-
die Regierung rund 600.000 Papierlosen einen dung erlischt, sollen nicht ausgewie-
gesicherten Aufenthalt. Illegal aufhältige Einwan- sen werden. Im Kanton St. Gallen
dererInnen hatten drei Monate lang Zeit, in einem wirft die Polizei seit 2003 Gewalttäter
der landesweit knapp 200 Büros der Sozialver- aus der Wohnung. Die Hälfte der Täte-
sicherung eine Arbeits- und Aufenthaltsgenemi- rInnen stammt aus dem Ausland, ähn-
gung zu beantragen. Sie mussten lich hoch ist der Anteil bei den Opfern.
bloß ihren Pass vorlegen, ein poli- Oft sind es Frauen, die im Rahmen
zeiliches Leumundszeugnis und des Familiennachzugs in die Schweiz
einen Meldezettel, der zeigte, kamen und die ihr Aufenthaltsrecht
dass sie vor dem August 2004 verlieren, wenn sie sich vom Mann
ins L and gekommen waren. trennen. Viele nahmen bisher lieber
Zu d e m m u s s te n s i e s e c h s Demütigungen und Prügel in Kauf,
Monate lang gearbeitet haben. als ins Herkunftsland zurückzukeh-
Aus der Sicht der SpanierInnen ren, wo sie oft sogar von der eige-
waren damit brennende sozial- nen Familie geschmäht würden.
politische Probleme gelöst. Ein Allerdings erhalten vermeintliche
Teil der Bevölkerung, der vor- Opfer häuslicher Gewalt nicht auto-
her offiziell nicht einmal exis- matisch einen Aufenthaltstitel. Es muss
tiert hatte – unter ihnen viele glaubhaft gemacht werden, dass ein
StaatsbürgerInnen aus Ecua- Opfer wirklich Opfer ist. Dabei hält sich
dor, Rumänien, Marokko, Ko- die Ausländerbehörde auch an die Aus-
lumbien und Bolivien –, zahlt sagen von Frauenhäusern, Opferhilfe, Migranten-
nun brav Steuern und Sozi- vereinen und natürlich Polizei und Staatsanwalt-
alabgaben. 1,4 Milliarden schaft. Khan Waheed würde laut Statistiken über
Euro jährlich bringe die ein- die Geschlechterverteilung bei häuslicher Gewalt
malige Aktion, triumphierte leer ausgehen. Statistiken zufolge sind Gewalttä-
der spanische Arbeitsmi- terInnen fast ausnahmslos Männer.
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ein Jahr nach Afzaal Deewans Ankunft war es so


weit, im April 2005 eröffneten sie das Lokal. Mitt-
lerweile beschäftigen die Deewans elf Mitarbeite-
rInnen. Im Vorjahr heimsten sie – unter viel medi-
aler Beachtung – den vom Wirtschaftsministerium
geförderten Jungunternehmerpreis ein.
Die Erfolgsgeschichte droht allerdings zu enden,
seit mit 1. Jänner 2006 rückwirkend das Fremden-
rechtsgesetz in Kraft ist. Zwar bringt Deewan das
seither geforderte Mindesteinkommen mit einem
jährlichen Umsatz des Lokals von 250.000 Euro
locker ein. Dass er jetzt aber plötzlich in die pakis-
tanische Hauptstadt Islamabad reisen müsste, um
von dort aus einen Niederlassungsantrag zu stel-
len und auch abzuwarten, würde heissen, min-
destens sechs, eher aber zehn bis zwölf Monate
dort zu warten. Das wäre wohl das Ende des „Wie-
ner Deewan“. „Ich habe zwei Jahre lang 16 Stun-
den täglich am Aufbau des Geschäfts gearbeitet,
ich kann jetzt nicht für ein halbes Jahr zusperren“,
sagt der Unternehmer. Nicht nur, dass er wieder
von vorne anfangen müsste, hätte er auch mindes-
tens ein halbes Jahr kein Einkommen.
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Seit Ende 2005 (!) wartet er nun vergeblich auf
einen Bescheid der zuständigen Magistratsab-

 Es ist wahrscheinlich das einzige Res-


taurant dieser Art in Österreich, jenes
pakistanische Lokal im 9. Wiener Bezirk,
in dem die Gäste selbst entscheiden, wie viel sie
Wahl, entweder Monate oder Jahre lang Daumen
zu drehen oder zu versuchen, sich selbstständig zu
machen – er versuchte letzteres. Den Plan für ein
Restaurant hatte Deewan, in Pakistan Mitbetreiber
teilung MA 35. „Ständig hat es geheißen, in ein
oder zwei Wochen bekommen wir den Bescheid.
Waren diese zwei Wochen verstrichen, hörten
wir das Gleiche wieder ohne dass etwas passiert
fürs Essen bezahlen wollen. „Pay as you wish“ lau- eines Kabel-TV-Netzwerks, schon im Kopf. „Ich wäre. Anfangs hab ich noch angerufen oder Briefe
tet das Prinzip im „Wiener Deewan“, wo pakista- habe in meiner Familie viel gekocht und von Freun- geschrieben, doch immer ohne Ergebnis“, ist Nata-
nische Curry-Gerichte zur Auswahl stehen und nur den in England gewusst, dass mir das in Europa lie Deewan schon etwas ratlos. Sie engagiert sich
für die Getränke ein Fixpreis gilt. Die Geschäfts- helfen kann.“ In Österreich konnte er auf die Unter- seit einem Jahr in der Initiative „Ehe ohne Gren-
idee funktioniert hervorragend, die Gäste haben stützung seiner heutigen Ehefrau Natalie zählen, zen“ und legt in ihrem Restaurant Informations-
die Idee positiv angenommen und „mögen das die er wenige Wochen nach seiner Ankunft kennen und Unterschriftslisten für die Gäste auf. Ihrem
Essen und die freundliche Bedienung“, freuen sich lernte. Natalie Deewan, Übersetzerin und Philoso- Mann raubt die ständige Unsicherheit viel Kraft, die
die BetreiberInnen Afzaal (42) und Natalie Deewan phin aus Wien, kümmerte sich um alles Organisa- er fürs Geschäft brauchen würde. Was er fordert?
(28). Im April 2004 kam Afzaal Deewan als poli- torische und um die Behördengänge. Als Mitgesell- Dass seine Anstrengungen vom Staat Österreich
tischer Flüchtling aus Pakistan nach Österreich. Als schafterin betrat sie selbst beruflich völliges Neu- auch honoriert werden. Und dass die angekündig-
Asylwerber ohne Arbeitsgenehmigung hatte er die land, für sie „ein einziges großes Abenteuer“. Nur ten „zwei Wochen“ endlich zu Ende gehen.
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 Oktober 1995, Poysdorf im Weinviertel: Der Brief mit dem Absender


„Reinhold Elstner, Liga fuer Menschenrechte“ explodiert noch am
Postamt in den Händen von Maria Loley. Nichtsahnend hatte die
Flüchtlingshelferin das Kuvert mit einem Kugelschreiber zu öffnen versucht.
Innenminister Franz Löschnak bereits damals, xenophobe bis rassistische
Forderungen vor allem durch deren gesetzliche Verankerung zu egalisieren.
Die große Koalition beschloss die schärfsten Ausländergesetze Europas,
verlorene Stimmen brachte das aber nicht zurück. Im Gegenteil: Haiders
„Ich war kurz zuvor mit dem Bruno Kreisky Preis für Menschenrechte Mannen forderten den Systemwechsel. Bei den Nationalratswahlen 1995
ausgezeichnet worden“, erinnert sich die heute 83-Jährige, „und hatte den – während der Terrorjahre – erhielten sie bereits 22 Prozent der Stimmen.
Absender damit in Verbindung gebracht. Das war mein Irrtum.“ Die Ladung
– Sprengstoff mit Glassplittern und Spänen versetzt – verletzte Loley schwer. KRANKENHAUS SPRENGEN Wie erfolgreich die Stimmung im Land gegen
Narben sind ihr bis heute geblieben, die Bilder auch: „An der linken Hand ist MigrantInnen verschärft wurde, zeigt sich auch an folgender Episode. Dr.
ein weißer Spieß herausgestanden, das war der Knochen.“ Als die Rettung Roumie, seit Jahrzehnten in Stronsdorf praktizierender Arzt, war ein Ziel der
kam, hatte ihr eine Frau geistesgegenwärtig bereits Verbände angelegt. Kurz ersten Briefbombenserie. Die Detonation riss ihm den Teil eines Fingers ab.
darauf, als Loley mit Hilfe der Sanitäter das Chaos verlässt, steht am Ausgang Als er in Mistelbach im Krankenhaus auf dem OP-Tisch lag, „fragte mich der
ein Mann. Seine Worte hat sie noch deutlich im Ohr: „Selber schuld, sie hat behandelnde Arzt: Können Sie sich das vorstellen – es ist eben ein Anruf
sich ja nicht an die Ordnung gehalten.“ Loley heute: „Wissen Sie, was diese eingegangen, dass das Spital gesprengt wird, wenn wir Sie operieren.“ Was
Ordnung gewesen wäre? Den Flüchtlingen nicht zu helfen.“ Roumie bis heute irritiert: „Zu diesem Zeitpunkt ist noch gar keine Meldung
im Radio gesendet worden.“ Während der Verletzte sich damals fragte, ob
REINER ZUFALL Es ist schon seltsam. Zehn Jahre nach der Verhaftung der Täter ihn beobachte, liegt ein anderer Verdacht nahe. Wie bei Frau Loley
von Franz Fuchs – dem „genialen“ Bombenhirn, wehrhaften Deutschöster- könnte auch hier ein Nachbar sich unmittelbar zum Geschehen geäußert
reicher und wahrscheinlich einzigen Exponenten der Bajuwarischen Befrei- haben. Dass der damals seit über 30 Jahren in Österreich lebende Arzt
ungsarmee (BBA) – scheint ein einhelliges Urteil gefällt zu sein. Spricht man die „Ordnung“ gestört hätte. Maria Loley hat am Ende die Konsequenzen
Wiens ehemaligen Bürgermeister Helmut Zilk, den steirischen Pfarrer und gezogen und ist aus Poysdorf weggezogen. Ausgerechnet sie, der es mit
Flüchtlingshelfer August Janisch oder den Weinviertler Arzt Dr. Mahmoud ihrem Verein „Bewegung Mitmensch“ viele Jahre lang gelungen war, Flücht-
Abou-Roumie – alle Briefbomben-Opfer – auf Franz Fuchs an, reagieren sie linge und die BewohnerInnen vieler Weinviertler Orte zusammenzuführen.
verblüffend gleichförmig: Der Mann sei ein Verbrecher, ein Psychopath, ein
armer Irrer gewesen – keinesfalls aber ein politischer Täter. „Sein Rassenhass
war nur ein Vorwand für verletzte Liebe“, glaubt Zilk, „er hätte sich aber
auch ein ganz anderes Thema aussuchen können.“ Diese Meinung teilen
auch die anderen Genannten. Freilich ist die Vorstellung, die BBA hätte ihre
sechs Briefbombenserien plus Rohrbomben nicht gegen die „Tschuschen-
häuptlinge“ und „Ausländerfreunde“ dieses Landes, sondern gegen eine
männerdominierte Ministerriege oder die exzessive Ausweitung des Indivi-
dualverkehrs ausgeschickt, doch eher skurril. Den Wahn, dem der damals
48-jährige Wassertechniker verfallen war, hatte er schließlich nicht aus den
Geschichtsbüchern, von Herzog Oadilo und anderen völkisch erhöhten
Recken des antislawischen Abwehrkampfes, sondern aus dem realen Leben
dieses Landes geschöpft. Bei aller Paranoia.

VOLKSBEGEHREN ALS VORSPIEL Kurz nach der Verhaftung von Fuchs


protokollierte der Schriftsteller Josef Haslinger in der deutschen Wochen-
zeitung „Die Zeit“: „Eine gewisse Sympathie, nicht für die Mittel, aber für die
allgemeinen ausländerfeindlichen Ziele der BBA kann man einem Teil der
Bevölkerung nicht absprechen.“ Als sichtbares Zeichen dieser „Sympathie“
unterschrieben 417.000 ÖsterreicherInnen im Jänner 1993 das „Anti-Aus-
ländervolksbegehren“ der FPÖ, noch viel mehr Menschen bewiesen dafür
zumindest Verständnis. Doch auch die „Zivilgesellschaft“ formierte ihre
Kräfte, SOS Mitmensch mobilisierte in der größten Demonstration der
Zweiten Republik 300.000 Menschen für ein „Lichtermeer“ am Heldenplatz.
Haslinger: „Das Volksbegehren war aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt weil
ihm in der Initiative SOS-Mitmensch eine starke, überparteiliche Plattform
entgegentrat, nicht so erfolgreich, wie es ursprünglich zu erwarten stand.“
Aus heutiger Sicht wirkt die FPÖ-Initiative, just ein dreiviertel Jahr vor der
ersten Bombenserie der BBA im Dezember 1993, wie dessen makaberes
Vorspiel. Während die Freiheitlichen das bis in die 80er Jahre noch neutral
bis positiv besetzte Migrationsthema ordentlich aufheizten, zeigte sich die
Große Koalition ratlos. Sie reagierte dennoch rasch. Aus Angst vor massiven
Stimmverlusten ließ die SPÖ im ganzen Land die Parole „Gesetze statt Oa]fo]`jlka[`2Afk]jYl\]jKlY\lOa]faf\]jF=OK%Kgf\]jYmk_YZ]
Hetze“ affichieren. Damit versuchten Bundeskanzler Franz Vranitzky und rme9ll]flYlYm^@]demlRadcnge<]r]eZ]j)11+&
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„Zu Beginn meiner Tätigkeit“, erinnert sich Loley, nern vermittelte: „Die Leute fahren ja gerne in Leute gibt, die an die Existenz eines rechts-
„überwog das Mitleid, Ortsbevölkerungen organi- exotische Länder auf Urlaub, aber als plötzlich extremen Netzwerks hinter Fuchs glauben.“
sierten selbst Nachbarschaftshilfe für Flüchtlinge. Afrikaner auf dem Stadtplatz saßen, war ihnen „Offenbar“, so der damalige Generaldirektor für
Nach dem Bombenanschlag aber hat meine das suspekt.“ Viel seiner mühsam geleisteten öffentliche Sicherheit, „darf es in diesem Land
Ausgrenzung begonnen. Ich wurde als „Volks- Vertrauensarbeit ging in den Folgejahren verloren, keine andere Erklärung geben.“ Eigentlich war
schädling“ und gezielte Lügen diffamiert, zum die Toleranz sei gesunken. Zu seiner Arbeit steht Fuchs jener unauffällige Bürger, wie ihn schon
Sündenbock gestempelt.“ Mit dem Glauben aber, Janisch wie auch Helmut Zilk, dem mehrfach, der Profiler Thomas Müller in einem seiner
ersucht Frau Loley auszurichten, könne man aber nicht nur in einem BBA-Schreiben, während der Täterprofile – das freilich millionenfach zutrifft –
selbst aus solchen Situationen gestärkt hervor- Jugoslawien-Kriege die „Balkanisierung Wiens“ beschrieben hatte: katholisch, wohnhaft in einem
gehen. Der Grund für die Anfeindungen war banal: vorgeworfen wurde. Zilk: „Das ist nicht mein Einfamilienhaus, Hobbybastler. Dazu will Sika sich
Das Gerücht, dass für die Flüchtlingshilfe Loleys Begriff, war aber eine notwendige Maßnahme. aber wie erwartet nicht äußern, sondern verweist
der Steuerzahler aufkommen müsse. Das kommt Was sollten wir mit den schulpflichtigen Kindern auf sein – vergriffenes – Buch. Dabei beweist er
Ihnen bekannt vor? denn tun? Ich hab später einmal eine Klasse im Humor, wenn er meint: „Ich möchte Ihnen das
2. Bezirk besucht, mit zwei Drittel Nicht-Österrei- nicht zumuten, aber in der Häftlingsbücherei der
SCHÖNSTES DEUTSCH Wie sehr sich die chern. Dort haben die ‚balkanischen’ Kinder ein Justizanstalt Josefstadt finden Sie ein Exemplar.“
Stimmung im Land gegenüber MigrantInnen schöneres Deutsch gesprochen als die einheimi- Bleibt die Frage, was die BBA erreicht hat, außer
geändert hat, davon weiß auch der Hartberger schen. Was gibt es schöneres?“ dem Mord an vier Roma in Oberwart (Interview
Pater August Janisch zu berichten. Als das Innen- mit Stefan Horvath in Noment Nr. 7) sowie zahl-
ministerium „ohne viel Einfühlungsvermögen“, MILLIONENFACHES PROFIL Um Franz Fuchs’ reiche weitere Menschen lebensgefährlich zu
wie er sagt, „etwa 1.000 Flüchtlinge in Hartberg Themenwahl zu verstehen, muss er also nicht verletzen? Außer polizeiliche Methoden wie die
unterbrachte, gab es dafür keinerlei Infrastruktur. zum Neonazi stilisiert werden. Seine Forderungen Rasterfahndung zu forcieren; die Durchleuchtung
Die Leute besaßen nichts, ich organisierte Kugel- finden sich auch heute noch im tagespolitischen der rechtsextremen Szene auszulösen; Grenzen
schreiber, Babykleider, Dolmetscher, eine Rechts- Geschäft. Etwa „Ausländer“ abzuschieben, auch infamer Diskurse auszuweiten. „Nichts“, sagen
beratung, einfach alles. Schon dass ihnen jemand wenn sich die Idee eines der BBA-Schreiben die Betroffenen trotzig. „Einfach vergessen“, rät
zuhörte, hat den Leuten gut getan.“ Janisch übte bisher nicht durchgesetzt hat, das auf Kosten Zilk. Und Sika: „Vielleicht hat er etwas bewirkt
sanften Druck auf die Behörden aus, während er des Erstarbeitgebers abzuwickeln. Michael Sika gegen Fremdenfeindlichkeit, zumindest vorüber-
zwischen den Flüchtlingen und Hartbergs Bewoh- jedenfalls wundert sich, „dass es immer noch gehend. Aber das bezweifle ich.“
PR_11_98x261_LaLaLa_HS_IC.qxp 13.07.2007 9:23 Uhr Seite 1

Europa macht Urlaub.


Wien macht Kultur.
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30 JUN 30 06 THE STAGGERS
BIS AUG 14 30 06 ELECTRIC INDIGO 8148'4-#7(
04 07 MOTHER TONGUE 1PNKPGYYY+O2WNU6CP\EQO
MUSIK UND 05 07 MASCHEK XKC-TGFKVMCTVG
 
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KULTUR VON 06 07 THE BLOOD ARM
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11 07 THE PIPETTES
NISCHEN 12 07 VIRGINIA JETZT! 8QNMUVJGCVGT0GWUVKHVICUUG9KGP
BIS POP 12 07 ANAJO 6GN
 VIN±7JT
13 07 LAMBCHOP 5VCCVUQRGT7PVGT FGP#TMCFGP
14 07 KOSHEEN (LIVE) *X-CTCLCP2NCV\9KGP
ALTES
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14 07 FINAL FANTASY 6GN


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HALLENBAD IM 20 07 TOCOTRONIC
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REICHENFELD 21 07 COLDCUT PRESENT
JOURNEYS BY VJ +0(1
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FELDKIRCH 22 07 THE HIDDEN CAMERAS
26 07 BOUNDZOUND
26 07 JOYCE MUNIZ
07 27 MAMBO KURT
27 07 MARDI GRAS BB
28 07 2RAUMWOHNUNG
01 08 SLUT
03 08 RUSSKAJA
10 08 IAMX
IM NAMEN 10 08 GUS GUS (LIVE)
DER TIERE 11 08 THE JAI-ALAI-SAVANT
11 08 FRISKA VILJOR
TÄGLICH EINTRITT 11 08 GARISH
FREI ZUR BAR 14 08 SHOUT OUT LOUDS
GRATISMAGAZIN:
T +43 5522 73467 ODER VORVERKAUF: POOLBAR-FESTIVAL,
AHOI@POOLBAR.AT BANK AUSTRIA CREDIT-ANSTALT
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ERMÄSSIGUNG FÜR MEGACARD-
MEMBERS), MUSIKLADEN
FELDKIRCH/BREGENZ/RANKWEIL
(T 05522 41000, MUSIKLADEN.COM) 9KGPGT5QOOGTNQEJ±
FELDKIRCH TOURISMUS
(KARTEN@FELDKIRCH.AT, FCUXQNNG2TQITCOO8QP6CP\
T 05522 73467), DORNBIRN TOURISMUS, DKU/WUKMXQP1RGP#KTDKU-KPQ
TICKETONLINE.AT (T 01 88088), XQP-WNVWTDKU5RQTV
WIEN-TICKET.AT, TRAFIKEN
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POOLBAR.AT

sommerloch 07
In Wien müsste man sein!
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NUR FÜR INLÄNDERINNEN:

FREIHEIT DER
KUNST UND
WISSENSCHAFT
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 Alle KünstlerInnen und Wissenschafte-


rInnen ohne EU/EWR-Pass sollen Ös-
terreich wieder verlassen. So will es das
berühmt-berüchtigte NAG, mit dem über Nacht
kam das NAG und man teilte ihr mit: Knapp vor-
bei ist eben auch daneben. Als die Musikerin ihre
Niederlassung verlängern wollte, erhielt sie statt
dem endgültigen Recht zu bleiben gerade noch
RASCHER EINSPRUCH Die Möglichkeiten, sich
juristisch zu wehren, sind zeitlich eng begrenzt. Es
bleiben 14 Tage, um gegen die Aufenthaltsbewil-
ligung Berufung einzulegen. Davon ist zwar nicht
deren Niederlassungsbewilligung ungültig wur- einen kurzen Aufenthalt bewilligt. Bis heute befin- viel zu erwarten, aber die Berufung ist Vorausset-
de. Das hat selbst für jene Folgen, die schon seit det sich die Frau auf einem Schleudersitz, wäh- zung für eine Beschwerde beim VfGH. Finanzielle
Jahren hier leben und arbeiten. Selbst eine noch rend ihr kleiner Sohn (der Vater hat die österrei- Unterstützung für Anwaltskosten bietet die Inter-
nicht abgelaufene Niederlassungsbewilligung im chische Staatsbürgerschaft) weiterhin als nieder- essenvertretung IG Bildende Kunst nach Abspra-
Pass bietet keinen Schutz. Wer vor dem 1. Jän- gelassen gilt und sich zum fünften Geburtstag auf che an. Der erfolgreiche Kampf einer KünstlerIn,
ner 2006 noch in Österreich völlig legal nieder- eine Daueraufenthaltskarte freuen darf. Er kann hätte schließlich positive Veränderungen für alle
gelassen war, konnte sich – praktisch über Nacht bleiben, sie muss gehen. Nicht sofort, aber in ab- zur Folge. Überhaupt kommt zunehmend Bewe-
– gerade noch über einen befristeten Aufenthalt sehbarer Zeit. Das, so der VfGH, sei grundsätz- gung in die Organisierung von Kunstschaffenden
glücklich schätzen. Oder anders ausgedrückt: Die lich keine Verletzung von Grundrechten, eben nur gegen das Fremdenrechtspaket. Zuletzt haben
Rückstufung war die Vorstufe zum Rausschmiss ein Härtefall. MusikerInnen die Plattform Weltmusik gegründet,
nach sechs bis maximal zwölf Monaten. Eine um aktiv Vernetzungsarbeit und zu betreiben. Die
Verlängerung ist zwar möglich, doch wie so oft Doris Einwallner sieht in einer Zurückstufung des Plattform betreibt zum Beispiel die Mailingliste
ungewiss. Drängt sich der „Verdacht“ auf, dass Aufenthaltsstatus aber noch weitere Grundrechte „sosfremdenrecht“, um Wissen und Erfahrungen
eine KünstlerIn nicht nur vorübergehend bleiben verletzt: „Eine Person, die um ihre aufenthalts- auszutauschen. Für den Herbst sind Veranstal-
möchte, kann bzw. muss die Behörde die Verlän- rechtliche Position fürchten muss, ist in ihrer tungen geplant.
gerung verweigern. Je länger die AntragstellerIn Freiheit, und auch in der Freiheit des künstleri-
bereits in Österreich lebt, desto naheliegender ist schen Schaffens eingeschränkt.“ Das wirft auch Informationen zu Aufenthalt und Beschäf-
ein solcher Verdacht. die Frage auf, wie kritisch eine KünstlerIn noch tigung für KünstlerInnen ohne EU/EWR-
sein darf, wenn sie Angst vor dem Aufenthaltsver- Pass siehe www.igbildendekunst.at/ser-
FREIHEITSVERLUST Dass diese Rechtslage lust haben muss. Die Fremdenrechtsexpertin ver- vice/aufenthalt.
auch das Recht auf Privat- und Familienleben be- weist zudem auf mögliche Kettenreaktionen beim
schneidet, liegt nahe. Das hat eine Musikerin vor Verlust von öffentlichen Fördergeldern: „Bekom- Kontakt IG Bildende Kunst:
dem Verfassungsgerichtshof (VfGH) exem-pla- me ich keine Förderungen, schaffe ich vielleicht office@igbildendekunst.at
risch aufgezeigt. Fünf Jahre hatte sie in Öster- auch nicht, das notwendige Einkommen für die Kontakt Plattform Weltmusik:
reich gelebt und im April 2006 eine unbefristete Verlängerung nachzuweisen. Bin ich die Förde- info@globalista.info
Niederlassungsbewilligung erhalten. Doch dann rungen los, bin ich den Aufenthalt los.“
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KOMMENTAR VON CHRISTOPH KOTANKO:

DAS LAND SOLLTE


 Es war eine dieser inszenierten Freund-Feind-Auseinan-
dersetzungen, die flugs ins Groteske driften: Bei einem
Grillfest forderte Kanzler Gusenbauer am vergangenen
Dienstag ein „Bleiberecht für gut integrierte Ausländer“. Vom Re-
gierungspartner kam Widerspruch. Die blau-orange Opposition

SICH SEINER verfasste vaterländische Aufrufe. Die Grünen höhnten, Gusen-


bauer sei spät dran. Der Bundespräsident mengte sich im Sinne

STÄRKEN ERINNERN Gusenbauers ein. Wenig später – andere SPler hatten Bedenken
geäußert – wollte es der Kanzler so nicht gemeint haben. Am Don-
nerstag stellte der Sprecher des Verfassungsgerichtshofs fest,
geltendes Recht gestatte es unbescholtenen Asylwerbern, nach
einer gewissen Zeit zu bleiben.

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Das sei gar keine politische Frage, sondern die Vorgabe der Men-
schenrechtskonvention. Wozu also der Gesinnungsmüll der Ta-
gespolitik? Mit dem Thema „Ausländer“ lässt sich leicht punkten.
In einem Teil der Wählerschaft gibt es unterschwellige Aggres-
sionen, die „bedient“ werden. Doch diese negative Darstellung
hat mit der Lebenswirklichkeit nicht mehr viel zu tun. Österreich
könnte „das Erfolgsmodell für Europa“ sein, berichtete unlängst
der Korrespondent der großen deutschen Rundfunkanstalt ARD
aus Wien. Schon zu Zeiten der Donaumonarchie habe das Land
=b^Û:nle‚g]^kihebmbdÊ[kZn\amIkbhkbm‚m^g eine Vorreiterrolle bei der Integration gehabt. Die vergleichsweise

lmZmmoZm^ke‚g]bl\a^kIZkhe^g' gute Atmosphäre habe das Entstehen ausländischer Parallelge-


sellschaften weitgehend verhindert.
Migranten müssen mitreden, Österreich ist seit langem ein Inte-
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grationsland. Der im wesentlichen erfolgreiche Kurs ist fortzuset-
zen. Es gibt keine Wahl. Die Bevölkerungsentwicklung, die Alters-
pyramide und der Arbeitsmarkt erzwingen mehr Zuwanderung.
Steuerung des Zuzugs, Förderung der Integration, so dass sie
dem Land nützt – das sind die Prioritäten. Der Schlüssel ist die
Bildung, besonders die Kenntnis der Landessprache. Notwendig
ist der Ausbau der Kindergärten zu Stätten frühkindlicher Bildung.
Auch die schulische Integration muss verbessert werden. Derzeit
verlassen zu viele Migrantenkinder die Schule ohne positiven Ab-
schluss. Sie haben Schwierigkeiten, einenArbeitsplatz zu finden.
Wenige schaffen dieMatura. Die aus der Türkei stammende Auto-
rin Necla Kelek („Die verlorenen Söhne“) hat auf die Folgen hin-
gewiesen: „Die schlechte Ausbildung erzeugt eine fatale Ketten-
reaktion – schlechte Berufschancen, daraus resultierend beein-
trächtigte Lebenschancen, persönliche Frustration, Aggression.“
Bei der Integration kann manches staatlich verordnet und geför-
dert werden. Eines darf bei alledem aber nicht vergessen wer-
den: Es gibt auch eine Holschuld. Derzeit fehlt die Beteiligung der
Ausländer an der Diskussion, die sie betrifft. Die Migranten sollen
mitreden, wenn es um ihre Rechte und Pflichten geht. Falsch ist
der Rückzug auf kulturelle Traditionen, um die Integration zu be-
hindern. Es gibt Werte, etwa die Menschenrechte, die von allen
zu respektieren sind.

Christoph Kotanko ist Chefredakteur der Tageszeitung KURIER.


Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
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RUCKSACK DER KOMMT DIE MENSCHENRECHTSBEIRAT ORF: MIGRATIONS-SCHWER-


MENSCHENRECHTE INTEGRATIONSPLATTFORM? BEI VOLKSANWALTSCHAFT PUNKT VERSCHOBEN?
Am letzten Juniwochenende ging Innenminister Günther Platter Der österreichische Menschen- Für September 2007 plante der ORF
das Donauinselfest über die Büh- möchte das Fremdenrechtspaket im rechtsbeirat wird künftig bei der einen Schwerpunkt zum Thema
ne. SOS Mitmensch zeichnete auch Gegensatz zum Koalitionspartner Volksanwaltschaft angesiedelt sein. Integration. Zuvor hatte es bereits
heuer wieder für das Programm frühestens im Jahr 2008 evaluieren Damit wird der Beirat auch die Un- Schwerpunkte zu Gesundheit und
der Insel der Menschenrechte ver- lassen. Ein weiteres Projekt des Re- abhängigkeitskriterien erfüllen, wie Klimaschutz gegeben. Die ORF-
antwortlich. Neben einem neuen gierungsabkommens könnte hinge- sie im Zusatzprotokoll der Anti-Fol- Führung dürfte unbestätigten Mel-
Schwerpunkt östlicher Musik be- gen schon früher kommen: die Inte- terkonvention (OPCAT) der Vereinten dungen zufolge von diesem Vorha-
geisterten ein wilder Poetryslam und grationsplattform. Ähnlich der deut- Nationen vorgesehen sind. Öster- ben wieder Abstand genommen ha-
Lesungen das Publikum. Eastpack, schen Migrationskommission soll reich hat diese Konvention bereits ben. Grund: die Zuschauerschlappe
Hauptsponsor des Programms, hat sie ein Integrationskonzept erstellen. ratifiziert. Demnach muss neben der Programmreform. Vor allem die
drei Rucksäcke zur Verlosung Derweil ist aber Hektik ausgebro- der verfassungsmäßigen Unabhän- Unterhaltungsabteilung musste her-
übermittelt. Sie werden unter den chen, weil der Minister angeblich gigkeit auch die organisatorische be Kritik einstecken. Doch auch die
Einsendungen an bereits an einer Kommission nach und finanzielle Unabhängigkeit ge- Information blieb nicht verschont.
redaktion@sosmitmensch.at mit eigenen Vorstellungen arbeiten lässt sichert sein. Weiters sieht die Ei- Die ÖVP schoss aus allen Rohren,
dem Betreff „Rucksack“ verlost. – um sie schon im September zu nigung auch eine Ausweitung des hatte sie durch die neue Führung
präsentieren. Die Grünen hat das in Mandats auf alle Einrichtungen vor, doch an Einfluss eingebüßt. Für den
Alarmstimmung versetzt, fühlen sie in denen die Freiheit von Insassen Herbst ist die zweite Reformetappe
sich doch an die berüchtigte „Islam- eingeschränkt wird, etwa auf psych- geplant. Da soll offenbar eine zu-
studie“ erinnert. Für diese weitete iatrische Anstalten und Altersheime. sätzliche Angriffsfläche mit kontro-
die verstorbene Innenministerin Lie- versen Themen vermieden werden.
se Prokop das Headhunting auf das Kolportierter Ersatzschwerpunkt:
benachbarte Ausland aus, um einen Kinder.
„passenden“ Wissenschafter zu fin-
den. In der SPÖ wiederum will man
die Integrationsplattform nicht im
Innenministerium angesiedelt wis-
sen. Integration sei schließlich keine
Sicherheitsmaterie.
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ANTIRASSISMUS-WERBE- SCHWARZSEIN IN FIELDS OF TRANSFER – TRANSFER den Abschluss des


SPOT AUSGEZEICHNET WIEN MIGRANTINNEN IN DER zweijährigen EQUAL-Projekts zur
Einer der drei von Jochen Graf (FH Derzeit entsteht ein Dokumentarfilm KULTURARBEIT Vernetzung von MigrantInnen in der
Salzburg) für den Verein ZARA pro- über die afrikanischen Community in Sylvia Köchl, Radostina Patulova, Kulturarbeit bildet.
duzierten Werbespots gegen Ra- Wien. Wie ist es, in der Hauptstadt ina Yun (Hg.) Anliegen war es u.a., so die Heraus-
sissmus wurde zu den zehn besten Österreichs und der Welthauptstadt Bisher, schreibt Mark Terkessidis geberinnen, „den autonomen Kultur-
Spots beim Young Director Award des „Hauswandrassismus“ zu le- in einem Beitrag des eben erschie- bereich mit seinen selbstorganisier-
2007 im Rahmen des „Internationa- ben? Wo es von tausenden Fassa- nenen Readers, wurden Migran- ten Strukturen als mögliches Hand-
len Cannes Lions Werbefilm-Festi- den es “N... raus” oder “Kill all N... “ tInnen in der Kulturpolitik nicht als lungsfeld für Selbstorganisierung,
vals“ in Frankreich gekürt. Die Spots schreit. Regisseur Markus Wailand Subjekte, als Teile der Gesellschaft Selbstrepräsentation und (diskursi-
finden Sie auf macht sich mit seinem Film auf die verstanden, sondern als Objekte, ve) Interventionen von MigrantInnen
www.filmproduktion.org/zaraspots. Suche nach den Hetzern und will die „als eine zusätzliche ‚fremde’ Bevöl- zu untersuchen.“
WienerInnen beim kollektiven Weg- kerungsgruppe.“ So findet die Ein- Antirassismus und Antidiskriminie-
schauen stören. Er zeigt die Kämpfe beziehung von MigrantInnen in der rung sollte als integraler Bestand-
der Black Community gegen ras- Kulturarbeit auch in eigens geschaf- teil allgemeiner emanzipatorischer
sistische Klischees und ihr Engage- fenen Referaten für „Interkulturelles“ Kulturarbeit erklärt und die Selbst-
ment für positive Gegenentwürfe. statt. Die Perspektive bleibt stets vertretung von MigrantInnen als ein
Denn auch sie sind Wien und HERE die der Mehrheitsgesellschaft, dem- zentrales Moment antirassisistischer
TO STAY! Der Film soll im Jänner entsprechend ist von MigrantInnen (Kultur-)Arbeit im Diskurs der auto-
2008 in die Kinos kommen. entweder als „Parallelgesellschaft“ nomen Kulturlandschaft verankert
oder als „Bereicherung“ die Rede. werden.
Terkessidis’ Befund über deutsche Download der Publikation auf:
Verhältnisse gilt auch für Österreich, www.igkultur.at
wo die Publikation fields of
sos mitmensch 12.07.2007 8:59 Uhr Seite 1

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SPEKTAKULÄRE SPEKULATIONEN DIE ISRAELIS FLIEHKRAFT


Urs Stäheli Donna Rosenthal Mark Terkessidis, Tom Holert
Was haben MigrantInnen und SpekulantInnen Israel, einmal nicht als Handlungsort des Nahost- Die Menschheit ist grenzüberschreitend in Be-
gemeinsam? Zum Beispiel das Massengesche- konflikts beschrieben, sondern als heterogenes wegung. Der Druck der Migration, notiert die
hen und die Frage nach der Zukunft, behauptet soziales Artefakt. An Alltagsszenarien entlang Süddeutsche Zeitung, wird das Thema dieses
Urs Stäheli, der einen weiten historischen und beschreibt Donna Rosenthal detailreich und le- Jahrhunderts werden. Zur gleichen Zeit steigt
gesellschaftlichen Bogen für seine zentrale Frage bendig die tiefen Spaltungen des Landes: zwi- der Tourismus zum größten Wirtschaftszweig der
zieht: Wie wird die Finanzspekulation eigentlich in schen Gläubigen und Ungläubigen, Ashkenasim Welt auf. Das ist kein Zufall, wie die Autoren Tom
Alltagsdiskursen beschrieben? Stäheli entdeckt und Mizrahim, Arabern und Juden, „weltfremden“ Holert und Mark Terkessidis zeigen. Sie stellen
dabei einen verblüffenden Hang zum Populären, Äthiopiern und „abgeschotteten“ Russen als die Frage: Wie verändert sich die Gesellschaft
durch den die spröde Börsenökonomie mit Be- jüngste Einwanderergruppen. Wüsste man es unter dem Einfluss dieser neuen Mobilität? Für
griffen wie Risiko, Spiel oder Fiktion eine neue nicht, drängte sich die Frage auf, was diese zu- ihr Buch waren die Autoren entlang der Grenzen
semantische Dimension erhält. Auch das Buch tiefst widersprüchliche Gesellschaft eigentlich Europas unterwegs und besuchten Orte, wo sich
spiegelt mit der gewählten Sprache das Verhält- verbindet. Nur an wenigen Stellen färbt sich das die Routen von Flüchtlingen und Strandurlaube-
nis zum Untersuchungsgegenstand: Trotz seiner Buch persönlich: Wenn Rosenthal die Armee als rInnen, von ArbeitsmigrantInnen und Individual-
immensen Rechercheleistung neigt es durchwegs gesellschaftlichen Kitt lobpreist oder fordert, ei- touristInnen kreuzen. Sie konnten beobachten,
zu populären Bildern und kurzweiligen Beschrei- nen verdächtig dem Bus nachlaufenden Araber wie auf den Pfaden der MigrantInnen überall pro-
bungen. am besten niederzuschießen. Trotz profunder Re- visorische Unterkünfte und Lager entstehen. Sie
Ein insbesonders für historisch Interessierte le- cherche wird Rosenthal beim Thema Muslime oft erfuhren, wie Landschaften durch die Baupro-
senswerter Versuch, „Das Populäre in der Ökono- unreflektiert: Belegt sie ultraorthodoxe Juden mit jekte der Tourismusindustrie neu erfunden wer-
mie“ aufzufächern, ohne sich allerdings zu einer Attributen wie „skurril“, oder „stur“, sind Musli- den. Und sie sahen das Wachsen neuer Städte
politischen Bewertung des Projekts hinreissen zu me „militant“ oder „gefährlich“. Peinlich fehlerhaft – angetrieben von den Investitionen der Auswan-
lassen. Wie heisst es in dem Buch: „Diese Selbst- hingegen die Übersetzung: Die bedeutendste pa- derer in ihren Herkunftsländern.
beobachtungsposition kann nur dann erfolgreich lästinensische Ministerin Hanan Ashrawi mutiert Als Kerngedanke entwickeln Holert und Terkessi-
sein, wenn der Spekulant als Leser... sich selbst zum Mann und zudem „Sprecher“, während die dis die Vorstellung einer Bewegung im Stillstand:
mit einem kalten und neutralen Blick beobachtet.“ Altstadt Jerusalems auf 0,25 km2 geschrumpft TouristInnen und MigrantInnen leben gleicherma-
wird. Insgesamt jedoch ein spannender Überblick ßen ohne Kontakt zu den Menschen der Umwelt.
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1810, 2007
über das vielleicht aufregendste gesellschaftliche Dabei ergeben sich erstaunliche Parallelen zwi-
ISBN 978-3-518-29410-9
Experiment der Welt. schen Flüchtlingslager und Feriensiedlung, Ein-
401 Seiten, broschiert, 14,40 EUR
wanderungspolitik und Tourismusplanung. Eine
C. H. Beck Verlag, München 2007
neue Klassengesellschaft bildet sich heraus, in
ISBN 3406555012
der nur gewinnt, wer sich den Zugang zu Mobili-
gebunden, 409 Seiten, 25 EUR
tät sichert.

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2006


ISBN 3462037439,
kartoniert, 285 Seiten, 8,95 EUR
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DIE MORALISIERUNG DER MÄRKTE DIE ANDERE ZEITUNG RE/VISIONEN


Nico Stehr Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai,
Früher arbeiteten Menschen, um zu überleben. Mit DAZ, die andere Zeitung, hat vor nun schon Sheila Mysorekar (Hg.)
Heute sind sie durch die ungeheure Vermehrung einigen Monaten eine alternative, nichtkommerzi- Im vorliegenden Band werden erstmals kritische
des Reichtums der westlichen Welt zu Konsu- elle Internet-Zeitung ihren Betrieb aufgenommen. Stimmen ausnahmslos von People of Color zu-
mentInnen gewachsen, die sich „souverän“ in der Thematisch breiter als no-racism.net und vom sammen gebracht – Schwarze Deutsche, Roma
Volkswirtschaft bewegen. Sie haben Werte wie Ansatz her kritischer als der Glocalist finden sich und Menschen mit außereuropäischen Flucht-
Fairness oder Solidarität entwickelt. Die von Nico auf dem „linken Online-Medienportal“ (Selbst- und Migrationshintergründen. Ihre widerständi-
Stehr proklamierte „Moralisierung der Märkte“ beschreibung) nicht nur aktuelle Nachrichten, ge Wissensproduktion und ihr politischer Erfah-
leitet er aber nicht aus dieser Haltung ab, son- sondern auch Kommentare, Rezensionen und rungsaustausch bringen alternative Diskussionen
dern verortet mit dem Soziologen Georg Simmel Termine. Dabei baut das Projekt offensichtlich hervor. Sie setzen sich mit Rassismus, Islamo-
Normen und Werte in den Dienstleistungen und auf der Struktur der papierenen Wochenzeitung phobie und ausgrenzenden Migrations- und In-
Waren selbst. Ob bei einer BSE-Krise oder einem akin von Bernhard Redl auf. Dieser ist neben den tegrationsregimes auseinander und diskutieren
Atomzwischenfall, der Warencharakter löst einen Journalisten Leo Gabriel und Ralf Leonhard auch Fragen von individuellem und kollektivem Wider-
sozialen Wandel aus und führt gesellschaftliche einer der Betreiber. Für ein Online-Medien ohne stand, antirassistischer Kulturpolitik und postko-
Gruppen zu einer Neubewertung ihres Verhaltens. Ressourcen im Rücken ist das Portal gut gefüllt lonialen Denkansätzen. Selbstbestimmte Räume
Das Primat der Ökonomie wäre damit zu Grabe und ausgezeichnet lesbar. Dabei hebt es sich und solidarische Visionen werden sichtbar, wel-
getragen. Ein streitbares Buch, das einen Gegen- wohltuend von Open-Posting-Plattformen ab, die che die Logik des Teilens und Herrschens her-
entwurf zur Zerstörung ethischer Maximen durch in Österreich mangels unorganisierter Kompetenz ausfordern und auf grenzüberschreitende Identi-
den Konsumismus versucht. nicht für Publikum angelegt und vor allem für Insi- täten und Bündnisse zielen. Durch den People of
der von Interesse sind. Color-Ansatz wird ein Paradigmenwechsel mög-
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1831, 2007
lich, der die weiße Norm hinterfragt und nachhal-
ISBN 978-3-518-29431-4 http://dieanderezeitung.at
tig untergräbt. Ein Ziel dieses Buches ist es, an-
379 Seiten, broschiert, 14,40 EUR
dere Sensibilitäten und Artikulationen zugänglich
zu machen und mit befreienden Impulsen in ak-
tuelle politische Debatten einzugreifen, die bisher
von weißen Perspektiven geprägt sind.

Unrast Verlag, 2007


ISBN-13: 978-3-89771-458-8
488 Seiten, broschiert, 24 EUR
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NOMENT ABO
Ja, ich will 4x jährlich Noment lesen

o StudentInnen/Selbstkostenabo 8,80 Euro


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per E-Mail: bestellung@sosmitmensch.at
per Fax +43 1 524 99 00-9
per Telefon +43 1 524 99 00
per Internet http://www.sosmitmensch.at
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KOMMENTAR ÜBER SOS MITMENSCH: HERBERT STEPIC

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G@Hlf—ll^gZn_:dmbhgblfnlo^ksb\am^gng]
o^ke‚lleb\a^Pbkml\aZ_mliZkmg^kp^k]^g'
AddmkljYlagf2H]lbY<aealjgnY

 Menschenrechte als Produktions- oder


Konsumgut? Diese Gleichstellung kann
ich nicht akzeptieren. Die Menschen-
rechte sind fixer Bestandteil unserer Wertvorstel-
Menschenrechte spielen NGOs wie SOS Mit-
mensch eine unschätzbar wichtige Rolle. Was
aber kann nun eine Menschenrechts-NGO „ver-
kaufen”, um sich zu finanzieren? Gefragt sind zu-
Conduct ein. Unternehmer und Manager schaffen
gemeinnützige Stiftungen für Menschen. Auch ich
habe einen solchen Fonds eingerichtet – nicht um
damit Eindruck zu schinden, sondern weil ich bei
lungen, sie können daher nicht als einfache Waren kunftsfähige Lösungen für soziale, ökologische, meinen Reisen zu oft Not und Elend gesehen habe.
betrachtet werden. Die Menschenrechte müssen wirtschaftliche und politische Fragen. Unterneh- Mir geht es dabei um das Recht jedes Menschen
verbreitet und geschützt und dürfen niemals ver- men und Regierungen dabei zu beraten, wie sie auf Bildung, Arbeit, Nahrung, Kleidung, Wohnung,
kauft werden. Sie sind integraler und unveräußer- nachhaltige Strategien und wirksame Lösungen ärztliche Versorgung und notwendige soziale Lei-
licher Bestandteil jeder demokratischen Verfas- entwickeln können, ist jedoch eine Stärke, die viele stungen und um den besonderen Anspruch von
sung, Basis eines jeden vernünftigen Code of Con- NGOs erst entwickeln müssen. Jede Kooperation Jugendlichen auf Fürsorge, Unterstützung und
duct und Fundament jeder humanistischen Wirt- setzt einen tragfähigen Dialog voraus. Ausbildung – nachzulesen im Artikel 25 der Allge-
schaftsordnung. meinen Erklärung der Menschenrechte. Es wird oft
Die unteilbaren und unveräußerlichen Rechte je- die vermeintliche Unvereinbarkeit zwischen Geld-
des Menschen in Geld oder Gut aufrechnen? Ein =^k=bZeh`spbl\a^gG@Hl mensch und Gutmensch betont – ich sehe darin
Widerspruch in sich. Aber wenn man eine Milch- keinen Widerspruch.
mädchenrechnung machen will – jeder Wert lässt ng]Ngm^kg^af^ge‚llm NGOs sind dann wirtschaftlich erfolgreich, wenn
sich abstrakt quantifizieren. Als Grundkosten und e^b]^kh_msnp—gl\a^g—[kb` sie ihren Wirtschaftspartnern – ganz unabhängig
Maßzahl für die gewaltfreie Etablierung von Men- von Inhalten und Zielen – eine grundlegende Bere-
schenrechten würde ich zunächst bei den Kosten chenbarkeit und Verlässlichkeit anbieten. Gefragt
der Umwandlung von totalitären Staaten in Demo- Der Dialog zwischen NGOs und Unternehmen ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, und
kratien ansetzen. Das lässt sich anhand der Ent- lässt leider oft zu wünschen übrig – hier gibt es De- diese setzt beiderseitiges Vertrauen und Glaub-
wicklung der zentral-, ost- und südosteuropä- fizite, Kompetenz- und Kapazitätsengpässe auf würdigkeit voraus. Viele NGOs werfen ihre Glaub-
ischen Länder ermessen. So gesehen sind die beiden Seiten. würdigkeit allzu leicht durch kurzfristigen Aktionis-
Menschenrechte “pro Staat” rasch einige Milliar- Eine NGO, die heute nicht weiß, wo sie morgen ste- mus über Bord, weil sie meinen, die Menschen wä-
den Euro wert. Auch in Österreich, wo Menschen- hen soll, wird sich schwer tun, einen Unternehmen- ren dann eher bereit, ihre Geldbörse zu öffnen. An
rechte als Selbstverständlichkeit angenommen spartner zu finden. Es sei denn, es handelt sich um diesem Dilemma müssen NGOs verstärkt arbei-
werden, können wir erkennen, dass ihre Umset- ein Unternehmen, das selbst kein Konzept hat oder ten, wenn sie Unternehmen als Finanzierungspart-
zung immer wieder erneut mit Kosten verbunden nur rasch auf den CSR-Trend aufspringen will. ner gewinnen wollen. SOS Mitmensch ist diesbe-
ist. Menschenrechte setzen grundsätzlich die ge- Global tätige Wirtschaftsunternehmen sind heute züglich auf einem guten Weg.
waltfreie Schaffung und in weiterer Folge die kon- teilweise schon viel weiter, als NGOs es wahrneh- *Global Compact: UN-Initiative zur Förderung von
sequente Aufrechterhaltung einer funktionie- men. Immer mehr Unternehmen bekennen sich Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz
renden Demokratie und Wirtschaftsordnung vor- ganz bewusst zu den zehn Prinzipien des Global und Korruptionsbekämpfung in der Wirtschaft,
aus. Bei der Verbreitung und beim Schutz der Compact* und beziehen diese in ihre Codes of siehe www.globalcompact.org
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