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Weltliteratur im SPIEGEL - Band 1: Schriftstellerporträts der Nachkriegsjahre: Ein SPIEGEL E-Book

Weltliteratur im SPIEGEL - Band 1: Schriftstellerporträts der Nachkriegsjahre: Ein SPIEGEL E-Book

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Weltliteratur im SPIEGEL - Band 1: Schriftstellerporträts der Nachkriegsjahre: Ein SPIEGEL E-Book

valoraciones:
5/5 (1 clasificación)
Longitud:
524 página
8 horas
Editorial:
Publicado:
Sep 26, 2014
ISBN:
9783877631287
Formato:
Libro

Descripción

Weltliteratur im SPIEGEL
Band I: Schriftstellerporträts aus dem SPIEGEL der Jahre 1949 bis 1959, ausgewählt und eingeleitet von Martin Doerry. Mit Beiträgen über Ernest Hemingway, Ernst Jünger, Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Arthur Koestler, Max Frisch, William Faulkner, Ingeborg Bachmann, Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Rainer Maria Rilke, Agatha Christie, Jean-Paul Sartre, Ezra Pound, Hermann Hesse, Boris Pasternak, Arno Schmidt und Friedrich Dürrenmatt.
Editorial:
Publicado:
Sep 26, 2014
ISBN:
9783877631287
Formato:
Libro

Sobre el autor


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Weltliteratur im SPIEGEL - Band 1 - Martin Doerry

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ernest Hemingway

Dichter im weißen Wachtturm

Ernst Jünger

Der Traum von der Technik

Bertolt Brecht

Glotzt nicht so romantisch

Erich Maria Remarque

Weltbürger wider Willen

Arthur Koestler

Die große Illusion

Max Frisch

Ohne Urlaub von der Zeit

William Faulkner

Griff in den Staub

Ingeborg Bachmann

Stenogramm der Zeit

Thomas Mann

Der Zauberer

Carl Zuckmayer

Der fröhliche Wanderer

Rainer Maria Rilke

Weisen von Liebe und Tod

Agatha Christie

Das Mord-Vergnügen

Jean-Paul Sartre

Der arme Mitläufer Jean-Paul

Ezra Pound

Verse im Käfig

Hermann Hesse

Im Gemüsegarten

Boris Pasternak

Der Ehren-Doktor

Arno Schmidt

„ ,;.-:!-:!! "

Friedrich Dürrenmatt

Zum Henker

Impressum

Vorwort

Weltliteratur im SPIEGEL

Von Bertolt Brecht bis Thomas Mann: Schriftstellerporträts der Nachkriegsjahre

Der SPIEGEL der 40er und 50er Jahre war ein Magazin der Köpfe: Woche für Woche landete das Foto einer prominenten Person auf dem Cover, meist waren es Politiker, aber schon bald mischten sich auch Künstler und vor allem Schriftsteller unter die Titelhelden. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein (1923 - 2002) hatte selber literarische Ambitionen, er schrieb nicht nur Kommentare und Titelgeschichten, sondern Gedichte und ein Theaterstück - das allerdings 1947 mit nur mäßigem Erfolg aufgeführt wurde. Seiner Begeisterung für die Literatur tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Mindestens zwei oder drei namhafte Autoren schmückten Jahr für Jahr den SPIEGEL. Und wer die hier versammelte Auswahl von Schriftsteller-Porträts betrachtet, wird einräumen müssen, dass der Autodidakt Augstein - er hatte nie studiert - ziemlich treffsicher jene Dichter auf den Titel hob, deren Bedeutung bis in die Gegenwart hinein unumstritten ist. Ob es Geschichten waren über Ernest Hemingway, Ernst Jünger oder Agatha Christie: Sie alle waren schon damals moderne Klassiker - und sind es noch heute. 

Ein SPIEGEL-Heft kostete 1954, vor 60 Jahren, genau eine Mark. Und dafür wurde eine Menge geboten: nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch das Neueste aus dem Feuilleton. Augsteins junge Mannschaft - Redakteurinnen spielten damals noch keine Rolle - verfolgte dabei einen durchaus enzyklopädischen Anspruch. Eine Titelgeschichte über Friedrich Dürrenmatt oder Erich Maria Remarque füllte gerne mal zehn dichtbedruckte Seiten. Selbst Literaturwissenschaftler dürften hier noch manches gelernt haben. Der Stil im übrigen war eher sachlich, manchmal sogar wissenschaftlich, also nicht so kalauernd und frotzelnd wie manch andere SPIEGEL-Geschichte. Die SPIEGEL-Dramaturgie wurde freilich stets befolgt: ein möglichst szenischer Einstieg, dann These und Rückblende, und schließlich die gründliche Ausarbeitung bis in die Gegenwart hinein. Die verantwortlichen Redakteure blieben stets anonym, der SPIEGEL selbst war der Absender, seine ganze Autorität sollte hier wirken. Man spürt Augsteins Bemühen, den großen Autoren auf Augenhöhe zu begegnen. Und man liest diese Geschichten noch heute gern, sie klingen erstaunlich frisch und lebendig wie am Tag ihres Erscheinens.

Die SPIEGEL-Leserschaft war allerdings deutlich kleiner als heute. Erst 1959 erreichte der SPIEGEL eine Verkaufsauflage von über  300 000 Exemplaren (heute sind es etwa 900 000), man produzierte ein Magazin für eine eher intellektuelle Kundschaft. Und die durfte nicht enttäuscht werden. 

Dieses Milieu war innovativer als die übrige deutsche Gesellschaft der 50er Jahre, man wollte Modernität und Fortschritt. Und viele Autoren entsprachen mit ihren literarischen Werken genau diesem Anspruch: Die Texte von Max Frisch etwa oder die Sprachschöpfungen des genialen Arno Schmidt zeugten von dem verbreiteten Wunsch, die bestehenden Autoritäten in Frage zu stellen. 

Die Dichter-Titel waren entsprechend politisch angelegt. Hermann Hesse etwa wurde wegen seiner Weltflucht mit sanftem Spott bedacht, Thomas Mann hingegen, der große Intellektuelle und - zumindest in der zweiten Hälfte seines Lebens - politische Kopf erfuhr großen Respekt. Die SPIEGEL-Redakteure analysierten Bertolt Brechts Rolle in der frühen DDR ebenso wie Arthur Koestlers Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. 

Wie im politischen Teil des Heftes so wurde auch im Feuilleton der Kommunismus als Gegenwelt des amerikanischen Imperiums zum zentralen Thema der Berichterstattung. 1958, nach der Verleihung des Nobelpreises an den in Moskau in Ungnade gefallenen Schriftsteller Boris Pasternak, würdigte das Magazin ausführlich die „demonstrative Geste des Stockholmer Komitees gegen totalitäre Staaten", mit scharfer Kritik an den Hardlinern in der Sowjetunion. Und doch verzichteten die Autoren der Pasternak-Titelgeschichte klug auf jeden blinden Antikommunismus; sie erinnerten ihre deutschen Leser vielmehr daran, dass es kaum 20 Jahre her sei, dass das Nobelpreiskomitee auch einen deutschen Oppositionellen, den Kritiker des NS-Regimes Carl von Ossietzky, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet hatte. 

Mit ihren literarischen Titelgeschichten waren die SPIEGEL-Redakteure auf der Höhe der Zeit, ihr kritisches Urteil hat noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, Bestand.

Viel Spaß bei der Lektüre!    

Martin Doerry

SPIEGEL 34/1949

ERNEST HEMINGWAY

Dichter im weißen Wachtturm

Zuerst leben, dann schreiben

Ein lebendiger Mensch wird verfilmt. Ein Mann, mit sehr muskulösen Beinen auf der Erde wandelnd, wird Hauptgestalt eines Spielfilms, sein Leben zum Drehbuch. Der Mann ist Ernest Hemingway, Amerikas Schriftsteller, über den in der Welt nicht viel weniger geschrieben wird, als er selbst geschrieben hat.

Charles Bickford, der Pfarrer Peyramale im Film „Das Lied von Bernadette", ist dabei, Hemingways Lebensgeschichte ins Drehbuch zu schreiben. In dem Film will Mr. Bickford selbst Ernest Hemingway spielen.

Filmleute stellen Ansprüche an ihre Themen. Hemingways Leben bietet einiges, um sie zufriedenzustellen.

Es begann 1898, am 21. Juli, in Oak Park, Illinois, in der Nähe von Chicago. Clarence Edmond Hemingway, der Vater, war Arzt. Grace Hall Hemingway, die Mutter, war Sängerin gewesen. Die Eltern hatten entsprechende Pläne mit dem Sohn.

Die Mutter wollte einen Musiker aus ihm machen. Ernie mußte Cello lernen und vorspielen, wenn bei Hemingways im großen Musikzimmer Hauskonzert war. In einer solchen Situation entschloß er sich, aus dem mit Stuckornamenten verzierten Elternhause wegzulaufen, und tat es. Er lief noch einige Male weg, zuletzt, als er 15 war.

Der Vater hätte aus dem Sohn, dem zweitältesten seiner sechs Kinder, gern einen Arzt gemacht, den Nachfolger in seiner guten Praxis. Er nahm Ernest Miller - Hemingway gab den Mittelnamen erst 1930 auf - zu Krankenbesuchen mit. Doch Ernie hatte auch zur Medizin keine Lust.

Der Vater hatte mehr Glück, als er den Sohn mit seinen Liebhabereien vertraut machte. Clarence E. Hemingway war ein enragierter Jäger und Angler.

Mit drei Jahren bekam Ernest die erste Angelausrüstung, mit zehn die erste Jagdflinte, und die Leidenschaft fürs Angeln und Jagen hat ihn nie losgelassen. Als er es literarisch und auch finanziell zu etwas gebracht hatte, griff er zur Erholung vom Schreiben immer wieder und manchmal für lange Zeit zu Angel und Gewehr. Er brachte es zu Ansehen auch als Angler und - in Afrika - als Großwildjäger.

Fischart à la Hemingway. Mit seiner Jacht „Pilar" kreuzte er in den westindischen Gewässern, und die Fische hatten keine leichte Zeit. Er hat, Rekorde brechend, zentnerschwere Marlinge und Thunfische gelandet, nach stundenlangem Kampf mit den Schwergewichtern. Er ist stolz, daß eine Fischart nach ihm benannt ist, und darauf, daß Museen ihm Dankesbriefe schrieben für die seltenen Fische, die er ihnen von seinen karibischen Fahrten schickte.

1935 gewann er in Bimini das Fischfangturnier, was die Einheimischen nicht ohne Mißgunst sahen. Hemingway arrangierte zum Ausgleich Boxkämpfe mit Prämien: er versprach 200 Dollar dem, der es vier Runden lang im Ring mit ihm aushielt. Keiner schaffte es.

Denn Hemingway, 1,83 groß, mit einem Bizeps von 40 cm Umfang, auch sonst mit Muskeln bepackt und mit einer Brust, von der ein Reporter anerkennend schrieb, ihr Anblick lasse die Augen jedes Pelzhändlers übergehen - Hemingway ist auch ein mächtiger Boxer, ein Allround-Sportsmann überhaupt. Als weitere Liebhabereien nennt er selbst noch Schneeschuhlaufen und Trinken.

Hemingway hatte schon während der Schulzeit eine Neigung zur Publizistik: er gab die Schülerzeitung heraus und widmete seine Feder besonders der „News and Gossip-Rubrik, der Spalte „Neuigkeiten und Klatsch. Als er die Schule hinter sich gebracht hatte, kam er zu einem Job als Reporter am „Star" in Kansas City. Er war es nicht lange, da begann der erste Weltkrieg.

Hemingway wollte dabei sein. Aber die Armee nahm ihn nicht. Mit einem seiner Augen war etwas nicht in Ordnung, eine Folge des Boxens. Hemingway meldete sich als Fahrer bei einer vom amerikanischen Roten Kreuz gestifteten Ambulanz und kam an die italienische Front.

Hemingway wollte richtig dabei sein. Er ging im Juli 1918 mit Italienern nach vorn auf Horchposten.

Die Österreicher donnerten schwere Mörsergranaten herüber, ein Volltreffer schlug ein. Hemingway hatte die Beine voller Splitter, und als er einen Kameraden zurückschleppte, fuhren ihm noch Steckschüsse in das Knie und das Fußgelenk.

Das war bei Fossalta di Piave. Hemingway bekam eine künstliche Kniescheibe aus Platin, seinen Abschied und hohe italienische Auszeichnungen. Darunter war die zweithöchste des Hauses Savoyen, mit einer lebenslänglichen Rente.

Zu Hause mußte Hemingway sich erst nach einer Beschäftigung umsehen. Er fand sie in Chicago, als Redakteur bei einer Zeitschrift für das Genossenschaftswesen. In dieser Zeit lernte er Hadley Richardson kennen. Sie wurde 1921 die erste von den nach und nach vier Mistresses Hemingway, die es mittlerweile gibt oder gegeben hat.

Ein Koffer wurde gestohlen. Hemingway wandte sich nach Kanada, wurde Reporter am „Toronto-Star". Er hatte Erfolge mit seinen Berichten, und so durfte er als Sonderkorrespondent nach dem Nahen Osten, um über den griechischtürkischen Konflikt, und dann nach Lausanne, um über die Schlichtung des Konflikts zu berichten.

Dem Schriftsteller Hemingway widerfuhr damals ein Mißgeschick: seiner Frau wurde der Koffer gestohlen, der Ernests Manuskripte enthielt, seinen ersten Roman, Kurzgeschichten, Gedichte. Möglicherweise war der Dieb enttäuscht, Hemingway jedenfalls mußte literarisch von vorn anfangen.

In den Jahren, die Hemingway dann in Paris lebte, gehörte er zu der Expatriate Group, der amerikanischen Literatenkolonie um die Schriftstellerin Gertrude Stein, die seit 1904 in Paris lebte und 1946 dort gestorben ist. Sie und auch der mit autoritärer Gewalt über die Worte herrschende Lyriker Ezra Pound gaben ihm bedeutende Anregungen.

Er hatte ein kleines Zimmer am Montparnasse, nicht viel mehr als Tisch, Bett und Stuhl darin und nicht immer so viel Geld, um regelmäßig zu essen. Er hätte es besser haben können, Verleger machten ihm freundliche Angebote, aber er wollte unabhängig bleiben.

Mit seinen Erzählungen „In Our Time (In unserer Zeit) und dem Roman „The Torrents of Spring bereicherte er die literarischen Gespräche so wenig wie sich selbst. Aber dann kam „Fiesta heraus, im Original „The Sun Also Rises genannt.

Verlorene Generation. Ein paar hundert Leute hatten 1924 „In Our Time gekauft, von „The Sun Also Rises waren in anderthalb Jahren 25000 Exemplare abgesetzt. Mit diesem Buch, dessen Hauptpersonen vier junge Amerikaner und die Engländerin Brett, dessen Schauplätze Paris und eine Fiesta, eine spanische Stierkampfwoche, sind, wurde Hemingway zum „Sprecher der verlorenen Generation".

Der Ausdruck „verlorene Generation stammte aus dem Kreise um Gertrude Stein. Er meinte die „hervorragenden, jungen und traurigen Männer, die aus dem Krieg mit zerstörten Illusionen zurückgekommen waren in eine Welt, die stehengeblieben zu sein schien. Diese Generation um 1918 sah in Hemingway ihren Wortführer, und er wurde es noch mehr mit „A Farewell to Arms"*)

Dieser Roman von der italienischen Front 1917, die Hemingway so schmerzhaft genau kennengelernt hat, die Geschichte der Liebe Henrys, des Amerikaners beim Roten Kreuz, und Cathrines, der Krankenschwester aus Schottland, machte Hemingway berühmt. Es wurde auch ein permanenter finanzieller Erfolg.

Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, wird heute noch überall immer wieder neu gedruckt, wurde verfilmt, von Carl Zuckmayer deutsch dramatisiert und von Max Reinhardt gespielt, mit Käthe Dorsch und Hans Albers.

„Ausdrücke wie geheiligt, glorreich, Opfer und das Wort vergebens haben mich immer in Verlegenheit gebracht, heißt es in „A Farewell to Arms. Und: „Abstrakte Ausdrücke wie Ruhm, Ehre, Tapferkeit, heilig, klangen unanständig neben den Namen der Dörfer, den Nummern der Landstraßen, den Flußnamen."

Es war ein Buch ohne Pathos, ohne sentimentale oder tragische Töne, ohne die optimistischen Farben verschwommener Illusionen. Die Art, Charaktere und Situationen ungeschminkt, Gewalt und Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Chaos literarisch unfiltriert und ohne ideologische Schönfärberei darzustellen, hat es mit sich gebracht, daß Hemingway ein Zyniker, ein Sadist, ein Exhibitionist genannt wurde.

Man geht immer in die Falle. Zweifellos ist ein Mann ein Pessimist, von dem leitmotivische Sätze stammen wie: „Man geht immer in die Falle oder: „Wenn zwei Menscher sich lieben, kann das niemals gut ausgehen. Und in dessen Büchern es entsprechend zugeht.

Aber Hemingways Gestalten erschöpfen sich bei allem Pessimismus nicht in Exzessen irgendwelcher Art. Sie suchen den verlorenen Lebenssinn durch ein um so zuchtvolleres Verhalten in einer ganz aussichtslosen konkreten Situation wiederzugewinnen.

Es erweist sich bei Hemingway allerdings immer als ein unmögliches, zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. „Dramen jammervollen Strebens und stoischer Ausdauer" hat man seine Romane genannt.

Der typische Held Hemingways ist der Mensch, der, dem Zufall hilf- und hoffnungslos überantwortet, vor dem Nichts steht und das Risiko dieses Nichts, durch alle Mißerfolge ungebeugt, auf sich nimmt, entschlossen und ohne Augenzwinkern. Er ist Einzelgänger, der stark genug ist, ohne Illusionen zu leben.

In dieser Hinsicht steht Hemingway außerhalb der geistigen Hauptströmungen der Zeit, außerhalb ihrer sozialen und wirtschaftlichen Problematik. Diese Problematik ist für ihn nur Oberfläche, hinter der sich die eigentliche Lebensnot des heutigen, vom Nichts, von der Sinnlosigkeit des Daseins besessenen Menschen verbirgt.

Nicht wie ein Baby. Aber, sagt einer von denen, die Hemingway lieben, der Franzose Edouard Lavergne: Hemingway „jammert nicht wie ein Baby, das sein Bett naß gemacht hat, oder wie ein Philosoph, der unsicher am Rand des Nihilismus schwankt: er lebt."

„Jeder seiner Romane ist gleichzeitig eine Reportage mit erstaunlich flüssigem und lebendigem Dialog. Hemingway ist eine Naturkraft. Er kann geistreich und erschütternd sein ..."

„Er besitzt die Bewegtheit des Lebens und zugleich göttliche Einfachheit. Seine Kunst ist gleichbedeutend mit seinem Leben, ein Spiegelbild seines Lebens ... Er gehört zu denen, die zuerst leben, dann schreiben."

Das ist eine europäische Stimme, eine amerikanische ist anders, die Max Eastmans. Allerdings die Stimme eines Mannes, mit dem Hemingway jene erbitterte Feindschaft verbindet, die sich bisweilen einstellt, wenn es mit der Freundschaft vorher nicht geklappt hat.

Eastman nennt Hemingways Hang zur Darstellung kraftvollen, kaltblütigen Mannestums „einen Haufen innerlicher Aufgeblasenheit, die eine große Leere übertönen soll. Der Romancier-Kollege Sinclair Lewis spricht von „adoleszenter Bewunderung des Abschlachtens, in die Hemingway immer wieder verfalle. Aber er fügt schnell hinzu: „Wo er mit Themen ringt, die ihm wirklich am Herzen liegen, erreicht er wirkliche Größe."

„Fast sechzig Prozent aller Kritiker und Literatur-Professoren zählen die Bücher von Ernest zu den besten unserer Zeit", sagte Grace Hemingway, Ernests Mutter, kürzlich. Sie selbst allerdings hält, wie sie hinzufügte, die Aufsätze, die ihr Ernest als Schüler schrieb, für besser.

Die zweite Mrs. Hemingway. Hemingway schrieb „A Farewell to Arms zu Ende, als er 1927 nach Amerika zurückgekehrt war. Er hatte sich von seiner ersten Frau scheiden lassen und Pauline Pfeiffer geheiratet. Er hatte sie in Paris kennengelernt, wo sie Mitarbeiterin der Frauenzeitschrift „Vogue war.

Hemingway hatte sein Haus in Key West, Florida, sein erster Sohn wurde geboren, sein Buch von Spanien und Stierkämpfen (Hemingway liebt das eine wie die anderen) erschien: „Death in the Afternoon (Tod am Nachmittag), und danach kamen ein Band Kurzgeschichten, ein Buch des Großwildjägers Hemingway (Green Hills of Africa) und der gesellschaftskritische Roman „To Have and Have Not heraus.

Dann war wieder vernehmliches Waffengeklirr in der Welt: Bürgerkrieg in Spanien. Hemingway stellte für 40000 Dollar Wechsel aus, kaufte Sanitätswagen für die Republikaner und ging als Korrespondent für die Nort American Newspaper Alliance nach Madrid. Er stand sich mit den militärischen Führern der Republikaner bald gut genug, um sich allenthalben an der Front bewegen zu dürfen.

Die dritte Mrs. Hemingway. Die Ergebnisse waren: Das dreiaktige Schauspiel The Fifth Column (Fünfte Kolonne). Die Bekanntschaft mit der Korrespondentin Martha Gellhorn, die die dritte Mrs. Hemingway wurde. Ein Gentleman Agreement mit André Malraux, dem französischen Schriftsteller, der als Flieger für Rotspanien flog.

Man teilte sich in den Stoff des Bürgerkriegs: Malraux stand die Zeit bis 1937, Hemingway die Zeit danach zur Verfügung. Malraux schrieb „Espoir (Hoffnung), Hemingway „For Whom The Bell Tolls**).

„Espoir wurde sehr umfangreich, und Edouard Lavergne findet es schwierig, „sich manchmal in der Trockenheit der einzelnen Abschnitte nicht gelangweilt zu fühlen. Wenn man danach irgendein Kapitel von Hemingway aufschlägt, glaubt man, die Gesellschaft eines Intellektuellen zu verlassen und sich einem lebendigen Menschen zuzugesellen.

In Amerika wurden über eine Million Exemplare von „For Whom The Bell Tolls, einem „der bewegendsten Bücher der modernen Weltliteratur, verkauft. Das nationalsozialistische Deutschland lernte das Buch nicht kennen und das sowjetische Rußland auch nicht. Es war in jedem Fall zu wahrhaftig.

Der junge Amerikaner Robert Jordan, Freiwilliger auf republikanischer Seite, der hinter den feindlichen Linien eine Brücke sprengen soll, den Auftrag ausführt und mit dem Leben bezahlt, ist wieder ein Hemingway-Held: der Einzelgänger, der sich des Nichts, der totalen Aussichtslosigkeit einer Situation bewußt ist, aber das Nichts auf sich nimmt. Das ist der innere Vorgang, der sich in langen, äußerlich unpathetischen, inwendig bebenden Gesprächen ausspinnt.

Robert, Maria und Pilar. Es ist eine bei Hemingway häufig wiederkehrende Konstellation: zwei Menschen, Robert und Maria, seine Geliebte, zusammenstehend gegen eine feindliche Welt, unterstützt von einer verständnisvollen Vertrauten, Pilar. Maria, das junge Mädchen, zart, scheu und still, und Pilar, die alternde Frau, breit, beherzt und klug, sind zwei der schönsten Frauengestalten Hemingways.

Er verzichtet darauf, aus den Charakteren, wie üblich, eine breite Skala psychologischer Farbtöne zu entwickeln. Die Gefühle werden unterbetont, Hemingway gibt ihnen eine antiromantische Hülle. Die Darstellung bleibt in asketischer Strenge auf das eine große Thema konzentriert, das Hemingway bewegt: auf das Problem ehrenvoller Bewährung vor dem Nichts.

Darüber hinaus sehen Rezensenten in diesem Roman die „ersten Frühlingsblumen einer Sinngebung, ja, eines Glaubens an das Leben sprossen".

Sie zitieren Robert Jordans „Gefühl der Hingabe an eine heilige Pflicht gegenüber all den Unterdrückten der Welt, ein Gefühl, über das man ebenso ungern redet wie über ein religiöses Erlebnis, und das doch genau so echt ist wie das Gefühl, das einen überkommt, wenn man Bach hört oder in der Kathedrale von Chartres oder von Léon steht und das Licht durch die großen Fenster hereinfallen sieht."

Hier erhebe Hemingway sich aus dem „starren Trotz des Individualisten, der dem Chaos nur noch die Form seiner Selbstdisziplin entgegenzusetzen hat", und finde, was den religiösen Menschen kennzeichnet: die Liebe.

Der so diesseitige Mensch dieser Zeit, sagt Bruno E. Werner, finde sich hier in die ganze große Verlorenheit zwischen Gott und Welt gestellt, in den unendlichen Raum, aus dem die Sehnsucht erwächst und der Notruf, das heißt das ursprünglich Religiöse.

„Ich bin pleite". An „For Whom The Bell Tolls habe er mehr Zeit und Anstrengung gewandt als an irgendeine seiner bisherigen Arbeiten, gestand Hemingway, als er 1940 in New York mit seinem Verleger Charles Scribner die letzten Besprechungen hatte. „Siebenzehn Monate habe ich an nichts anderem gearbeitet, habe keine Kurzgeschichten und keine Artikel geschrieben und keinen Pfennig verdient. Ich bin pleite.

Dies hinderte ihn nicht, die Gesellschaft seiner Freunde zu einer Feier im großen Stil einzuladen. Scribner sei nicht pleite, meinte er, er werde sich bei ihm einen kräftigen Vorschuß holen.

Außerdem hat Hemingway Hollywood als finanziellen Rückhalt, einen sehr stabilen Rückhalt. Nachdem „A Farewell To Arms und die Kurzgeschichte „Mörder***) erfolgreich verfilmt worden waren, entstanden nach Hemingway-Stoffen die Filme „To Have and Have Not und „The Macomber Affair.

150000 Dollar zahlte die Paramount für das mit Ingrid Bergman und Gary Cooper

verfilmte „For Whom The Bell Tolls. Die Filmrechte von „Schnee vom Kilimandscharo erwarb die Fox für 125000 Dollar, die höchste Summe, die je für eine Kurzgeschichte gezahlt wurde.

Viele sind der Ansicht, daß Hemingways eigentliches Instrument die Kurzgeschichte sei. Hier finde sich am deutlichsten, was für den Schriftsteller Hemingway charakteristisch ist: Knappheit des Ausdrucks, natürlicher Dialog, keine Ausschmückung, Konzentration auf das Wesentliche, die Fähigkeit, sinnliche Eindrücke frisch und unverfälscht wiederzugeben.

Das sind stilistische Eigenheiten aus der Praxis des Reporters, und sie erklären, daß Hemingway Hollywood sympathisch ist. Es kommt der Technik des idealen Films entgegen, wenn Hemingway nicht Gefühle wiedergeben will, sondern „die wirklichen Dinge, die die Gefühle erzeugen".

Und wenn er, wie in einer Großaufnahme, genau eingepaßt in die rhythmische Aufeinanderfolge des Zusammenhangs, die kleinen Dinge, das Beiläufige für eine Stimmung bedeutungsvoll, für einen Augenblick bezeichnend macht: den Duft zerdrückten Heidekrauts, einen Schluck Absinth, mit Wasser vermischt.

Spring' und schwimm'. Oder wenn er, wie in einer Totale, mit den unauffäligen Worten seines beinahe kargen Stils eine Landschaft vor den Leser stellt: die Wiesen, Wälder, Seen und Flüsse Amerikas, die Bergketten Kastiliens, einen Forellenbach im Schwarzwald.

Auch das ist in Hemingways Kurzgeschichten „filmisch": seine Art, in seinen Stoff unverzüglich einzudringen, sein Thema ohne Umschweife anzugehen, die Spring-ins-Wasser-und-schwimm-Methode, wie William Saroyan es genannt hat.

Und auch die Gespräche sind es, die Hemingway seine Menschen führen läßt, Quintessenzen von Dialogen. Es wird mehr gesagt, als ausgesprochen, wird. Es ist hinter den alltäglichen Worten verborgen. Diese kunstreiche Dialogtechnik, überhaupt Hemingways Stil, der die Hauptsätze, ihr rhythmisches, unverknüpftes Nebeneinander bevorzugt, hat die Imitation eifrig bemühter Kopisten hervorgerufen.

Es ist wieder ein Roman, an dem Hemingway jetzt arbeitet. Über 1000 Seiten Manuskript sind fertig, aber er will darüber nicht mehr sagen, als daß der zweite Weltkrieg den Hintergrund bildet. Der Autor hat auch hier Kenntnisse und Erfahrungen aus eigener Anschauung, auf dem Meere, in der Luft und zu Lande.

Zuerst fuhr er im Dienst der Naval Intelligence mit seiner getarnten Jacht „Pilar" Patrouille in den westindischen Gewässern. Danach war er in England, wo er als Kriegskorrespondent bei der RAF mitflog. Als der Durchbruch in der Normandie in Gang gekommen war, war Hemingway rechtzeitig dort.

Er trug damals einen beträchtlichen Vollbart, wie er denn überhaupt liebt, seine Barttracht von Zeit zu Zeit zu wechseln. Er stand sich gut mit den Soldaten, sie hatten viele Spitznamen für ihn, nannten ihn aber am liebsten Papa oder Pop. Ernest Hemingway unterschreibt seine Briefe noch heute gelegentlich mit Mister Papa.

„Life" berichtete, er habe an einem deutschen Koppel zwei Feldflaschen getragen, eine mit Gin, die andere mit Wermut gefüllt. Aus beidem habe er sich ein kräftiges Getränk zusammengegossen.

Der Kommandeur der Infanteriedivision, der er sich angeschlossen hatte, pflegte mit besonderer Nadel auf der Karte vermerken zu lassen, wo Hemingway sich gerade aufhielt. Die Nadel und damit Hemingway steckte meistens dort, wo „etwas los" war. Einmal forderte Kriegsberichter Hemingway Tanks an, falls er an seinem exponierten Platz ausharren solle.

Quartier im Hotel Ritz. Beim Vormarsch auf Paris war er so weit voraus, daß er in der Lage war, wichtige Erkundungen zu machen. Das führte zu einer Untersuchung, ob nicht die Bestimmungen, die laut Genfer Konvention für Kriegsberichterstatter bestehen, übertreten waren. Es wurde festgestellt, daß nichts dergleichen vorlag.

Auf alle Fälle war Hemingway der erste alliierte Kriegsberichter, der in Paris war. Als die Kollegen kamen, hatte er längst im Hotel Ritz Quartier genommen und sich erfolgreich auch im Weinkeller umgesehen.

Mit der 1. Armee war Hemingway später im mörderischen Hürtgenwald. Im Dezember 1946 schrieb er seinem deutschen Verleger Rowohlt, seinem „lieben Ernst", er sei froh, daß sie sich weder dort noch sonst jemals gegenseitig getötet hätten.

Er hasse den Krieg, schrieb Hemingway 1942 in der Einleitung seiner Sammlung von Kriegsgeschichten. Wenn es dauernden Frieden in Europa geben solle, schrieb er weiter in diesem Jahre des Hasses, müßten die Wurzeln und die Saat beseitigt werden: Wenn der Krieg gewonnen sei, sollte Deutschland wirksam zerstört, sollten alle Mitglieder aller nationalen Organisationen sterilisiert werden.

Die vierte Mrs. Hemingway. Es war noch Krieg, 1944, als Hemingway Miß Mary Welsh kennenlernte, im Londoner Büro der „Time. Mary Welsh, Tochter eines wohlhabenden Holzfällers aus Minnesota, hatte nach ihrem Studium an den Chikagoer „Daily News mitgearbeitet und war dann zum „London Expreß" gegangen. Sie wurde nach dem Kriege Mrs. Hemingway Nr. 4.

Wenn Hemingway nicht auf Reisen ist, lebt er auf dem Landsitz Vinca Figia in Kuba. In dem in spanischem Stil gehaltenen Haus gehen viele ein und aus, es ist ein gastfreies Haus. Der Hausherr ist nah und fern sehr beliebt, und das nicht nur als Gastgeber und nicht nur, weil er alle Anwesenden freihält, wenn er in der Dorfkneipe ist.

Er ist heute ein Mann mit angegrauten Haaren an den Schläfen des mächtigen, hochstirnigen Kopfes. Seine braunen Augen sind immer noch so „leidenschaftlich interessiert" wie Gertrude Stein sie vor Jahren beschrieben hat.

Im Wohnraum des Hauses hängen an den Wänden glasäugige Trophäen, die Köpfe von Tieren, die der Großwildjäger Hemingway in Afrika schoß. Ein Garten von 6 Hektar, ein Tennisplatz, ein Schwimmbassin und ein Extrahaus für die drei Söhne, die 26, 21 und 18 Jahre alt sind gehören zur Farm. Und nicht zu wenig Hunde und Katzen

Und ein weißer Wachtturm steht in Vinca Figia. Hier arbeitet der Dichter Ernest Hemingway.

*) Unter dem Titel „In einem anderen Land erschien die deutsche Übersetzung im Rowohlt Verlag, Stuttgart, Hamburg, Baden-Baden. Bei Rowohlt kamen ferner „In unserer Zeit, „Fiesta, „Männer (Erzählungen) heraus.

**) Deutscher Titel „Wem die Stunde schlägt". Erschienen, in der Übersetzung von Paul Baudisch, in der S. Fischer-Bibliothek des Verlages Peter Suhrkamp, Berlin, in Gemeinschaft mit dem Verlage G. Bermann-Fischer, Amsterdam. 424 S., 4, - DM.

***) „Mörder ist eine der vier Kurzgeschichten, die der Rowohlt-Verlag jetzt in dem Band „Der Schnee vom Kilimandscharo (145 S., 7,50 DM) herausgebracht hat, in der Übertragung von Annemarie Horschitz-Horst, die auch die übrigen bei Rowohlt erschienenen Hemingway-Bücher übersetzt hat.

SPIEGEL 4/1950

ERNST JÜNGER

Der Traum von der Technik

Auf dem Briefkopf des vormaligen „Furche-Verlags in Tübingen steht jetzt „Heliopolis-Verlag. Verleger Katzmann nahm Ernst Jüngers ersten Roman zum Anlaß, sein Unternehmen umzutaufen.

Ewald Katzmann hält die Feuilleton-Redakteure aller Zonen ganz ordentlich in Atem. Sein Verlag brachte kurz hintereinander zwei seitenreiche Bände heraus, beide mit demselben goldgeprägten, in einem Zuge durchgezogenen Handzeichen. „EJ" läßt sich leicht daraus entziffern, wenn man es erst weiß.

Kaum hatten „Strahlungen, Ernst Jüngers 648 Tagebuchseiten aus den Jahren 1941-1945, in moosgrünem Leinen, viel Tinte aufgerührt, da lag schon „Heliopolis in den Buchläden, 440 Seiten „Rückblick auf eine Stadt", in gedecktem Blau.

Zwei Jahre hat Jünger an dem romanhaften Opus gearbeitet. Es schildert Gestalten und Geschehnisse in einer utopischen Stadt, zwischen dem Zusammenbruch des ersten und dem Beginn des zweiten Weltimperiums.

Der Übermensch soll durch den Menschen überwunden, die perfekte Technik in eine neue Theologie einbezogen werden. Jünger-Jünger wissen, daß diese Konzeption ihrem Meister seit den „Marmor-Klippen" keine Ruhe mehr läßt.

Held in „Heliopolis ist der Kommandant Lucius de Geer, Soldat mit metaphysischen Neigungen, der zwischen den Fronten lebt und sich dann in Goldmaske und Asbestpanzer den irdischen Machtkämpfen durch eine Raketenfahrt ins Weltall entzieht. Lucius sagt, das Christentum sei „noch flüssig, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so drängt es auf ein drittes Testament, auf eine letzte Vergeistigung.

Des Kommandanten Wahlspruch „De ger trift und sein Wappen zieren das Buch mehrfach. Der fortgeschrittene Jünger-Leser erkennt in ihm unschwer den Autor des „Arbeiter. Aber zweifellos war der Autor des „Arbeiter" aufregender.

Was 1932 im „Arbeiter" noch grandiose Vision war, die neue Religion der Technik, hat sich inzwischen als grandiose Fata Morgana erwiesen, und es macht allmählich niemandem mehr Spaß, jeweils das heroisiert, mythisiert und theologisiert zu sehen, was nun einmal nicht zu ändern ist.

Auf der Innenseite des „Heliopolis"-Umschlags findet sich ein Plan der geträumten Sonnenstadt. Meister Werner Höll hat ihn gezeichnet, ein guter Bekannter Jüngers aus der Pariser Zeit. In Ravensburg, nahe dem Bodensee, haben sich die Duzfreunde wiedergefunden. Der Heliopolis-Plan entstand aus Freundschaft nebenbei, Höll, vielgewandt, malt hauptamtlich abstrakt oder interessante Damen.

Er bewährte sich auch als Quartiermacher, als Ernst Jünger vor einigen Monaten vom hannoverschen Kirchhorst nach dem mild-sanften Ravensburg umsiedelte. Jünger hat das halbverfallene Pastorat an der Straße Hannover-Celle gern mit dem freundlichen, modernen Siedlungshaus vertauscht, am Rande der mauerbewehrten schwäbischen Kleinstadt.

Hier ist er wieder in der Nähe Friedrich Georg Jüngers, der in Uebingen wohnt, der alle Manuskripte des Bruders vor der Drucklegung liest und dessen Person und Werk Ernst in „Strahlungen" oft in brüderlicher Verbundenheit erwähnt. In Ravensburgs Wilhelm-Hauff-Straße 18 bewohnt Ernst Jünger mit Frau Gretha und Sohn Alexander den ersten Stock. Die zu kleine Bleibe ist nicht auf Dauer berechnet.

Das schmale Arbeitszimmer wirkt wie eine Gelehrten-Klause. Der monumentale Schreibtisch, hinter dem der Schriftsteller wie eine Spinne anmutet, ist mit Geschriebenem und Gedrucktem aller Art bestapelt und allen dienstbaren Geistern tabu. Außer Jünger kennt sich niemand in seiner vertrackten Topographie aus.

Mit einer Ausnahme: Armin Mohler, Doktor der Philosophie aus Basel, Ernst Jüngers Privatsekretär.

„Arminius" führt die Korrespondenz, empfängt Besucher und Adoranten, sammelt Zeitungsausschnitte und tut alles, was sonst noch seines Amtes*). Außerdem arbeitet er für den Heliopolis-Verlag.

Im Labyrinth des Pro und Contra um Ernst Jünger findet Mohler sich besser zurecht als Jünger selbst. Arminius weiß genau, was im Pamphlet eines Skribenten steht, und erinnert sich lächelnd an das überspannte Aperçu im Brief eines adeligen Fräuleins. Ernst Jünger ist nahezu die einzige Persönlichkeit im deutschen Geistesleben, die nach Kriegsende wirklich in einem Wirbel von Zustimmung und Ablehnung stand. An der Diskussion seines „Falles" erscheint besonders bemerkenswert, daß Stimmen maßvoller, sachlicher Kritik seltener sind als radikale Aeußerungen, Lobeshymnen und Schmähtiraden aller Schattierungen. Parodien aller Qualitäten fehlen nicht Die Hymnen pflegt Jünger nur zu überfliegen, negativen Stimmen hört er sehr genau zu, nicht nur aus Eitelkeit.

„Seit dreißig Jahren schwenken die Feuilletonredakteure meinen Skalp. Das bekommt mir ganz gut."

Wie es in einem Feuilletonredakteur aussieht, weiß Ernst Jünger ziemlich genau. In den zwanziger Jahren war er selbst einmal für kurze Zeit Theaterkritiker und verriß in Berlin Ku-Damm-Premieren. Damals brauchte Jünger Geld. Seine Mitarbeit an Zeitschriften mit politisch eindeutigen Titeln wie „Standarte, „Arminius, „Vormarsch hatte andere Motive. Schon damals wurde vom Autor des erfolgreichsten Kriegsbuchs mit anerkennend oder mißbilligend emporgezogener Brauen gesprochen. Die „Stahlgewitter, erste Auflage 1920, hatte der vierzehnmal verwundete Stoßtruppführer aus zerfledderten, blut- und schlammbespritzten Notizbüchern niedergeschrieben.

E. S. Mittlers Militärverlag verzeichnete in wenigen Jahren zackige Auflageziffern. Die Kritiker der Rechten feierten der „Metaphysiker der Materialschlacht".

1914 hatte Jünger sich am ersten Tag freiwillig gemeldet. In der satten Bürgerlichkeit des Wilhelminischen Deutschland gehörte er zu den „jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden, weil in ihnen der grüne Eiter des Ekels frißt, den Seelen von Grandezza, deren Träger wir gleich Kranken zwischen der Ordnung der Futtertröge einherschleichen sehen".

Der 16jährige war durchgebrannt, zur Fremdenlegion. Nach drei Wochen hatten die Eltern ihn wiedergefunden. Nur das Versprechen, nach dem Abitur an einer Kilimandscharo-Expedition teilnehmen zu dürfen, tröstete Ernst über die Blamage hinweg.

Sein erstes großes Abenteuer hat Jünger in den „Afrikanischen Spielen" 1926 geschildert, nicht ohne Humor, den man seinen Büchern oft abspricht. Sein zweites, entscheidenderes Erlebnis wurde der Weltkrieg.

Dezember 1914 stand er schon im Feld, beim 73. hannoverschen Füsilierregiment. Vier Jahre kämpfte er an der Westfront. Wilhelm II. verlieh dem 23jährigen Leutnant d. Res. den Pour le Mérite. Hindenburg knurrte. Eine so hohe Auszeichnung sei gefährlich bei so jungen Leuten.

Bei den Vorgesetzten war Jünger dafür bekannt, daß er sein Bestes in scheinbar ausweglosen Situationen gab. Ein solches Ausharren ist der Untergrund seiner Bücher. Auch der Beter Jünger (mit und ohne Asbesthelm) scheint noch eine verlorene Bastion zu verteidigen.

Den „Stahlgewittern folgte 1922 „Der Kampf als inneres Erlebnis, Ernst Jüngers Tribut an den literarischen Expressionismus. Zwei mikroskopische Vergrößerungen aus den Kriegstagebüchern folgten: „Feuer und Blut. „Das Wäldchen 125.

Jünger tat damals noch Dienst bei der Reichswehr. Seeckt hatte ihn nach Berlin gerufen, ins Ministerium, zur Mitarbeit an den neuen Heeresdienstvorschriften. Das Kasernenleben behagte Jünger nicht. 1923 zog er, nach Differenzen mit Vorgesetzten, den grauen Rock aus. Er ließ sich in Leipzig immatrikulieren.

Die Zeitschriften, für die er in den folgenden Jahren Beiträge vorwiegend kritischer Art schrieb, bemühten sich, meist in scharfer Opposition zur Weimarer Republik, um eine höhere Synthese von Nationalismus und Sozialismus. Ebenso deutlich setzte man sich von den Massenbewegungen des Kommunismus und Nationalsozialismus ab. Die Theoreme spann man aus, aber auf höherer Ebene, der vulgären Praxis ging man aus dem Wege.

Aehnlich operierten die Leute des „Widerstands um Ernst Niekisch, die im bürgerlichen Lager als Nationalbolschewisten verschrien waren. Ihnen hat Jünger mit seiner „Totalen Mobilmachung das Stichwort und mit seinem Buch „Der Arbeiter" 1932 eine Art Manifest geliefert, einen Ueber-Zarathustra.

Im „Arbeiter wird die Abkehr von den Wertungen des Individualismus zu den neuen Wertungen des „Typus verklärt. Der neue Mensch, der Mensch nicht der Individualität, sondern des Typus, der „Arbeiter ist ersetzbar, er ist auf Ordnung und Unterordnung angewiesen. „Der Typus kennt keine Diktatur, weil Freiheit und Gehorsam für ihn identisch sind.

Der kultische Rang dieser „Arbeit und dieser „Arbeiter kommt nach Jünger im namenlosen Soldaten zum Ausdruck. „Der Weltkrieg ist als ein Werkvorgang zu betrachten, bei dem die Nation in der Rolle der Arbeitsgröße erscheint."

„Eine zynische Vision des totalen Staates, sagte die damalige Kritik, „ein schreckliches Buch, eine „Verwechslung von Soziologie und Metaphysik. Die „Züricher Weltwoche schrieb, man habe bei der Lektüre „das Gefühl, das einen Mann beim Anblick in die Flamme befallen mag, die sein Haus verzehrt".

Die Brandstifter, die Kommunisten wie die Nationalsozialisten, bemächtigten sich des Buches denn auch mit Leidenschaft. Karl Radek versuchte, seine KPD-Freunde zu überzeugen, daß die Gewinnung des Ernst Jünger mehr wert sei als alle neuen Wählerstimmen zusammen. Der „Arbeiter wurde als das „Hohelied der Sowjetunion reklamiert. Wenige Jahre später stand der nachtschwarze Leinenband auf den Bücherregalen der Ordensburgen Sonthofen und Vogelsang.

Daß Ideologen zweifelhaftester Ueberzeugungen sich auf ihn berufen ist Ernst Jünger gewohnt. Er selbst hat seine Bücher mit jenen Kristallen verglichen, die nur von einer Seite durchsichtig sind.

Daß seine Texte die gegensätzlichsten Auslegungen gestatten, weil unter dem geschliffenen Eis seiner Diktion verschwommene Bilder treiben, rechnet er sich nicht zur Sünde an. Nachdem das, was er als Seher verkündet und verklärt hat, in Otto Ohlendorf, in Stachanow, in Adolf Hennecke Gestalt angenommen hat, sagt Jünger (in „Strahlungen): „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch das Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, wenn man nicht zu den Primitiven zählen will.

Hier wird klar, was „Ruf-Gründer Alfred Andersch meint, wenn er den Autor des „Arbeiter jenen Leuten zurechnet, die Jünger selbst als den „sehr gefährlichen Schlag der konkreten Träumer" abgestempelt hat.

Am 15. Juli 1946 stellte Ernst Jünger in einem „Brief an meine Freunde fest, daß er nicht zu den Leuten gehöre, die nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden wollen. Dieser Brief ging geschrieben, getippt, hektografiert, gedruckt in den ersten Nachkriegsmonaten durch viele Hände, zusammen mit dem Traktat „Der Friede.

„Wir haben die Opfer dieses Krieges angeschaut. Zu ihrem dunklen Zuge stellten alle Völker ihr Kontingent. Sie alle nahmen an den Leiden teil und daher muß auch ihnen allen der Friede Frucht bringen."

Dies der Grundgedanke der Jüngerschen Friedensschrift. Es war eigentlich kaum ein Gedanke, sondern ein frommer Wunsch. „Möglich, daß ich den Blick an einen jener Sterne knüpfte, die man im Leben nicht erreicht, gibt Jünger im Vorwort der „Strahlungen zu.

„Der Friede, „gewissermaßen als 'Übung in der Gerechtigkeit' geschrieben, löste Ende 1945 eine Pressekampagne um den „Fall Jünger" aus. Gegner warfen ihm vor,

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Lo que piensa la gente sobre Weltliteratur im SPIEGEL - Band 1

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